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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/20937-0.txt b/20937-0.txt new file mode 100644 index 0000000..33c3160 --- /dev/null +++ b/20937-0.txt @@ -0,0 +1,2998 @@ +The Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Cannes und Genua + Vier Reden zum Reparationsproblem + +Author: Walther Rathenau + +Release Date: March 29, 2007 [EBook #20937] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA *** + + +Produced by Irma Spehar, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + + + + Walther Rathenau + + + CANNES UND GENUA + + VIER REDEN ZUM + REPARATIONSPROBLEM + + MIT EINEM ANHANG + + + 1922 + + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + + Erste bis fünfte Auflage + + + + Das letzte schriftliche Wort des Ministers + Rathenau an mich, das ich in der Aktenmappe im + Auto des Ermordeten fand und das als Stichwort + für eine Anweisung an mich dienen sollte, + lautete: »Der Weg der Vernunft«. + + +Eine wunderbare Fügung ließ meinen hochverehrten Minister und +unvergeßlichen lieben Freund am Tage vor seiner schändlichen Ermordung +die letzte Hand an die Herausgabe der vorliegenden vier großen Reden +legen. Sie werden in dieser Zusammenstellung als eine Erinnerung und +Mahnung der Mit- und Nachwelt noch einmal deutlich vor Augen führen, wie +der Verewigte mit der ganzen Kraft und Tiefe seines ungewöhnlichen +Intellekts bemüht gewesen ist, die Welt auf den »Weg der Vernunft« +zurückzuführen. Sie werden insbesondere für alle Zeit unvergessen +machen, wie tief er die Not seines über alles geliebten deutschen Volkes +empfunden hat und wie rückhaltlos er – unbeschadet aller ehrlichen +Ausgleichsabsichten für das zermürbte Europa – seinen Empfindungen über +die in der Weltgeschichte bisher unerhörte Knechtung eines so großen +Volkes Ausdruck verliehen hat. + +Um gerade unter diesem Gesichtspunkt wohl verstandenen nationalen +Empfindens das Wirken Rathenaus erneut zu kennzeichnen und festzuhalten +und in der Absicht, die von ihm als Außenminister öffentlich gehaltenen +großen Ansprachen bei dieser Gelegenheit vollzählig zu bringen, sind +nachträglich in einem besonderen Anhang seine drei letzten Reden +angefügt, die nach Genua eine weitere Periode seiner Tätigkeit +einleiteten. + +DR. H. F. SIMON + +Vortragender Legationsrat +im Auswärtigen Amt und +Oberstleutnant a. D. + + + + +INHALT + +Rede vor dem Obersten Rat der Alliierten in Cannes vom + 12. Januar 1922 9 + +Rede vor dem Hauptausschuß des Reichstages vom + 7. März 1922 19 + +Reichstagsrede vom 29. März 1922 31 + +Rede vor der Vollversammlung der Genueser Konferenz + vom 19. Mai 1922 48 + +Anhang 53 + +Rede, gehalten am 9. Juni 1922 in Stuttgart, vor einem + geladenen Kreis aller Parteien 55 + +Rede, gehalten am 13. Juni 1922 in Berlin, in der + Deutschen Gesellschaft von 1914 66 + +Rede vor dem Reichstage am 21. Juni 1922 69 + + + + +REDE VOR DEM +OBERSTEN RAT DER ALLIIERTEN +IN CANNES VOM 12. JANUAR 1922 + + +Namens der Deutschen Regierung danke ich Ihnen, daß Sie uns Gelegenheit +gegeben haben, vor Ihnen zu erscheinen. Wir erkennen an, dass diese +Konferenz neben ihren allgemeinen weltgeschichtlichen Aufgaben es sich +zur Aufgabe gestellt hat, zu prüfen, wie die deutschen Leistungen mit +der deutschen Leistungsfähigkeit in Einklang zu bringen sind. Die +Deutsche Delegation wird ernsthaft bemüht sein, alle gewünschten +Auskünfte rückhaltlos und wahrheitsgetreu zu geben. Sie ist darüber +hinaus bereit, in dem von ihr geforderten Mass an den Aufgaben, die sich +diese Konferenz gestellt hat, mitzuarbeiten. Auch der Französischen +Regierung danke ich für die freundliche Aufnahme in dieser Stadt, in der +wir ihre Gäste sind. Ich nehme an, dass es nützlich sein wird, wenn ich, +um zeitraubende Verdolmetschung zu ersparen, mich in den weiteren +Ausführungen anderer Sprachen als der deutschen bediene, ohne dass damit +für uns ein Präjudiz für den Gebrauch irgendeiner Sprache geschaffen +werden darf. + +Es sind uns eine Reihe von Fragen gestellt worden. Die Fragen beziehen +sich einmal auf den Umfang der von Deutschland zu bewirkenden Sach- und +Geldleistungen, die möglich wären, ohne Deutschland zu »verkrüppeln«. +Sie beziehen sich weiter auf Massnahmen hinsichtlich der deutschen +Finanzen, sie beziehen sich ausserdem auf die Sicherheiten, die von +Deutschland für die Erfüllung dieser Massnahmen gegeben werden können, +und endlich auf die Teilnahme Deutschlands an dem Wiederaufbau Europas. + +Deutschland ist entschlossen, mit seinen Leistungen bis zu den Grenzen +seiner Leistungsfähigkeit zu gehen. Deutschland ist immer ein Land der +Ordnung gewesen. Deutschland ist aber durch einen verlorenen Krieg, +durch schwere Verluste und durch eine Revolution hindurchgegangen. Die +anormalen Zustände seiner Lebensbedingungen und seiner Finanzen, die die +Folge dieser Ereignisse sind, empfindet Deutschland selbst am schwersten +und wünscht sie zu beseitigen. Es wünscht nicht, den Weltmarkt durch +Unterbietungen zu zerrütten. + +Die beiden Aufgaben, äussere Leistung und innere finanzielle Sanierung, +vor die Deutschland dadurch gestellt ist, widersprechen einander. Um ein +Beispiel zu gebrauchen, möchte ich an die Lage eines Schiffskonstrukteurs +erinnern, der gleichzeitig für höchste Kraftleistung und geringsten +Kohlenverbrauch seines Schiffes sorgen soll. + +Es ist daher schwer zu sagen, die und die Zahlung stellt eine +ausreichende und erträgliche Leistung dar. Es muss aber eine Summe +gefunden werden, deren Schwere erträglich ist und die zugleich der +wirtschaftlichen Lage der empfangsberechtigten Nationen entgegenkommt. + +Wir wissen, dass in Ihrem Kreise Ziffern für 1922 genannt worden sind: +500 Millionen für die Leistungen in bar und 1450 Millionen für die +Sachleistungen einschliesslich der äusseren Besatzungskosten. Ich will +diese Ziffern als Basis meiner Berechnungen wählen. Sollte eine um 220 +Millionen höhere Summe genannt werden, so wird das Problem noch weiter +erschwert und gefährdet. + +Ich komme nun zur Lage der deutschen Zahlungen. Deutschland ist ein Land +der Lohnarbeit. Es empfängt Rohstoffe, verarbeitet sie und verkauft die +verarbeiteten Erzeugnisse. Die Deutschland nach dem Kriege verbleibenden +eigenen Rohstoffe sind mit Ausnahme der Kohle unerheblich. Das Kali, von +dem so viel die Rede ist, ist nicht so sehr bedeutend. Dazu kommen sehr +kleine Mengen von Kupfer und Zink. Von allem anderen, was Deutschland +braucht zur Behausung, zur Kleidung, zur Nahrung, muss es das meiste im +Auslande kaufen. + +Deutschland hat daher für alles, was es kauft, in bar zu bezahlen. Es +kann nur zahlen durch seine Handarbeit. Es ist deshalb notwendig, dass +Deutschland eine aktive Handels- und Zahlungsbilanz hat. Unsere +Zahlungsbilanz aber ist vorbelastet mit einem Einfuhrbedarf von 2½ +Milliarden Lebensmitteln und 2½ Milliarden Rohstoffen, und zwar ohne +verarbeitete Fabrikate und ohne Luxusartikel, die nicht sehr erheblich +sind und die es zum grossen Teil nicht aus freiem Entschluss, sondern +zur Aufrechterhaltung nachbarlicher Handelsbeziehungen erwirbt. + +Ausserdem sind im Gegensatz gegen die frühere Lage, in der uns aus +Auslandsinvestitionen 1½ Milliarden jährliche Erträgnisse zuflossen, +jetzt ¾ Milliarden Goldmark jährlich an das in Deutschland Kapital +besitzende Ausland zu zahlen. + +Die Passivseite der Zahlungsbilanz beträgt also etwa 5¾ Milliarden +Goldmark, denen eine Ausfuhr von nur 3½ bis 4 Milliarden gegenübersteht. +Es besteht somit eine Passivität der Zahlungsbilanz im Saldo 2 +Milliarden schon vor Zahlung irgendwelcher Reparation. + +(Auf Befragen Lloyd Georges:) Es ist ganz richtig, dass infolge des +Standes des Weltindexes auf 1,5 die deutsche Ausfuhr jetzt 14 bis 15 +Milliarden Goldmark betragen müsste, wenn sie dem Vorkriegsstande +entspräche. Sie hat sich also auf etwa ein Viertel vermindert. + +Um das Defizit der Zahlungsbilanz zu decken, bestehen nur drei +Möglichkeiten: + + Verkauf der Substanz des Landes, + grosse auswärtige Anleihen oder + Verkauf der Landeswährung. + +Den Ausverkauf von Landessubstanz konnten wir leider nicht hindern. Er +ist in grossem Umfange vor sich gegangen. Grundstücke, Unternehmungen, +Aktien, Obligationen, selbst Hausrat sind vom Auslande unter dem Werte +erworben worden. + +Die Durchführung einer auswärtigen Anleihe haben wir versucht. Sie war +unmöglich, da nach Meinung der City die Deutschland auferlegten Lasten +zu schwer waren. + +Unter diesen Umständen war es unmöglich, den Verkauf von Umlaufsmitteln +zu vermeiden, obwohl unser Geld hierdurch ein Gegenstand der +internationalen Spekulation wurde. + +Der Prozess des Ausverkaufs des deutschen Geldes hat sich zunächst ohne +panikartige Folgen bis Mitte 1921 fortgesetzt. Er wurde nicht durch +Deutschland ermutigt, sondern durch das Ausland eingeleitet, das mit +Recht den inneren Wert der Mark höher einschätzte als den Auslandskurs. +Aber Mitte 1921 ereignete sich etwas, was vorauszusehen war: der Streik +der Käufer der Mark. In dem Augenblick, wo man sah, dass wir gezwungen +waren, in kurzer Frist eine Goldmilliarde zu beschaffen, mithin 30 +Papiermilliarden zu verkaufen, steckten die Markkäufer die Hände in die +Tasche und warteten. So trat der Marksturz ein, und der Dollarkurs stieg +von 55 bis zeitweise auf 300. + +Man hat bei uns und im Auslande gesagt, dieser Marksturz sei nur die +Folge der Inflation und des Gebrauchs der Notenpresse in Deutschland. +Das ist ein Irrtum. Sonst hätte dieser Sturz nicht so plötzlich und in +ganz kurzer Zeit eintreten können. Auch hat der Kurs sich sobald sich +wieder etwas Blau am Himmel zeigte, erheblich gebessert. Das Blau am +Himmel waren die Nachrichten über die ersten Besprechungen zwischen der +britischen und französischen Regierung über eine Regelung unserer +Verbindlichkeiten für 1922. + +Jetzt komme ich zu einem äusserst wichtigen Punkt. Solange die Währung +eines Staates auf dem internationalen Markt aus dem Gleichgewicht +gekommen ist, ist es unmöglich, irgend ein Budget auf bestimmte Zeit mit +Sicherheit in Ordnung zu bringen. Denn jeder neue Sturz des Kurses hat +eine Erhöhung der Ausgaben für Gehälter, Löhne und Rohstoffe zur Folge. +Ein Staatsbudget aber setzt sich nur aus diesen drei Posten zusammen. + +In diesem Augenblick ist unser Budget für 1922 in Ordnung. Es enthält +sogar gewisse Ueberschüsse, dabei ist aber von den Reparationen +abgesehen. Jeder neue Marksturz, jede neue innere Preiserhöhung aber +wird dieses Budget gefährden. + +Wird damit gerechnet, dass die Reparationslasten erträglich werden, dann +kann die Mark steigen und das Mass der Staatsausgaben in Papiermark +sinken. Auf der anderen Seite wird die Konkurrenz der deutschen Ware +umso gefährlicher, je mehr die Mark sinkt. + +Was gibt es nun für Mittel der Gesundung? Wie kann man je zu einer +Wiederherstellung der deutschen Valuta gelangen? + +Als Abhilfsmittel könnte man zunächst an eine Reduktion des Verbrauchs +denken. Diese ist aber kaum erreichbar, da die Mittelklassen und die +Arbeiter weit unter dem Stande der Vorkriegszeit leben. Es kann sich +also nur um die Hebung der Produktion und um die Vermehrung der Ausfuhr +handeln. Eine derartige Vermehrung ist aber schwer, weil sich andere +Völker gegen die Vermehrung der deutschen Einfuhr wehren. Es bleibt das +Mittel, die landwirtschaftliche Produktion zu heben, aber das erfordert +Zeit bei den infolge des Krieges verschlechterten Bedingungen. + +Ich will jetzt im einzelnen von den Lasten sprechen, die auf Deutschland +ruhen. Für 1922 beträgt das Budget 85 Milliarden ausschliesslich +Reparationen und sonstigen Friedensvertragsleistungen. Um diese Last zu +balanzieren, war es nötig, die Steuerlasten zu verdoppeln. + +Ich will hier nicht über die sehr wichtige Frage der vergleichenden +Steuerbelastung sprechen. Wir haben Unterlagen vorbereitet und stellen +sie zur Verfügung. Ich stelle unter Beweis, dass der Deutsche fernerhin +eine schwerere Bürde trägt als der Bewohner irgend eines anderen Landes, +insbesondere der Engländer oder der Franzose. Um den Staatshaushalt zu +konsolidieren, wird es sich zunächst darum handeln, die Reichsbetriebe +zu balanzieren, Eisenbahnen, Post, Telegraphen. Die Massnahmen sind +ergriffen, um im Jahre 1922 diese Reichsbetriebe ins Gleichgewicht zu +bringen. Ferner handelt es sich um die Beseitigung der Subsidien, die +bisher zur Verbilligung der Lebensmittel und aus sozialen Gründen +gegeben werden mussten. Ich trete in die Einzelheiten nicht ein. +Massnahmen sind ergriffen, die dazu führen sollen, diese Subsidien +allmählich abzubauen. + +Eine dritte Frage wegen des deutschen Budgets betrifft die Frage des +Kohlenpreises. Der Kohlenpreis nähert sich sehr rasch dem +Weltmarktpreis. Sobald der Preis des Dollars sich weiter ermässigt, +überschreiten die deutschen Kohlenpreise den Weltmarktpreis und zwar zu +verschiedenen Zeitpunkten, da die Preisverhältnisse der einzelnen Sorten +verschieden sind. + +Bisher habe ich stets nur von einem Budget ohne Reparationen und ohne +die inneren Kosten des Friedensvertrages gesprochen. Wenn ich von den +bereits erwähnten 500 Millionen für 1922 ausgehe, wenn ich ferner +ausgehe von Sachleistungen von 1450 Millionen Goldmark und dann noch die +inneren Kosten des Friedensvertrages nehme, so komme ich zu folgenden +Ziffern: + + 500 Millionen Gmk. zum Kurse von 50 = 25 Milld. Ppmk. +1450 " " = 72,5 " " +Friedensvertragsausgaben = 38 " " + ------------------- + 135,5 " " + +Diese Summen kämen also zusätzlich zu dem Budget von 1922 mit seinen 83 +Milliarden Papiermark. Das Budget würde also etwa 150 Prozent neue +Belastung erfahren und sich damit auf 218,5 Milliarden Papiermark +belaufen. Um die Bilanz herzustellen, gibt es nur zwei Mittel: + + eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Steuern + oder eine Riesenanleihe. + +Es wäre unmöglich, da das Land schwerer als seine Nachbarn belastet ist, +die Steuern nochmals zu verdoppeln. Es bleibt also die Frage einer sehr +grossen Anleihe. Ich glaube, dass man eine derartige Anleihe nicht im +Auslande wird machen können. Die City von London hat sich schon +geweigert, einen sehr viel kleineren Betrag für die Januar- und +Februarzahlungen durch eine Anleihe zu finanzieren. Die Frage einer +inneren Anleihe wird sehr ernsthaft erörtert werden. Aber in der +gegenwärtigen Situation wird es kaum möglich sein, die notwendigen +Reizmittel zu finden, um eine Anleihe auch nur annähernd des +erforderlichen Umfanges unterzubringen. + +Ich lege Wert darauf, einen Vorwurf zu entkräften, der immer wieder +auftaucht und der dahin geht, Deutschland sei doch dasselbe Land, es +habe jetzt noch 60 Millionen Einwohner, darunter eine grosse +landwirtschaftliche und industrielle Bevölkerung und reichliche +Arbeitsmittel. Es habe keine Arbeitslosigkeit. Weshalb könne dieses +tätige und angeblich reiche Land keinerlei Zahlungen leisten? +Demgegenüber sage ich, wir haben keine Ersparnisse. Lassen Sie mich +einen Augenblick die Frage der Ersparnisse, der national savings, +prüfen. + +Wenn ich das Deutschland von jetzt und früher vergleiche, so fehlen uns +zunächst die Reserven, die wir aus den Anlagen im Ausland hatten. Vor +dem Kriege waren wir aus diesen Quellen mit 1,5 Milliarden aktiv, jetzt +sind wir mit ¾ Milliarden passiv. Der zweite Faktor ist der Verlust an +Gebiet und Bevölkerung. Gegenüber der Zeit vor dem Kriege haben wir +daran mehr als 10 Prozent verloren. + +Der dritte Faktor ist der bereits erläuterte Rückgang der Ausfuhr. Die +Ausfuhr hat sich von 10 Milliarden Goldmark auf 3,5 oder unter +Berücksichtigung des Weltindexes auf 2,5 Milliarden vermindert. Die +Gewinne daraus sind deshalb ebenfalls entsprechend zurückgegangen. Ein +vierter Faktor: Wir verloren einen grossen Teil unserer Rohstoffe, die +wir jetzt einführen und mit Goldmark oder Ausfuhr bezahlen müssen. + +Der fünfte Faktor ist der, dass sich die landwirtschaftliche Bevölkerung +mehr vermindert hat als die Gesamtbevölkerung, und dass gerade +landwirtschaftliche Ueberschussgebiete verloren sind. + +Auch der sechste Faktor ist sehr beträchtlich. Es handelt sich um die +Ermässigung der Dienste und ihres Ertrages, die Deutschland durch +Schiffahrt, Aussenhandel und Bankverkehr im Ausland leistete. + +Auf Grund dieser Faktoren, wenn sie sich auch z. T. überdecken, besteht +meiner Schätzung nach anstelle eines Ueberschusses, einer nationalen +Ersparnis von 6 Milliarden Goldmark vor dem Kriege jetzt ein Defizit von +1 bis 2 Milliarden Goldmark jährlich. So zehrt das Land sich allmählich +auf; es lebt von seiner eigenen Substanz. Es hat weder die Mittel für +Erneuerungen noch für die wirtschaftliche Ausstattung seines +Bevölkerungszuwachses. + +Es wird auch die Frage Deutschland gegenüber aufgeworfen, und der Herr +Vorsitzende hat sie mit Recht in Erörterung gestellt: Was tut Ihr mit +Euren Waren? Wenn Ihr sie nicht ausführt, so speichert Ihr sie auf und +investiert sie und schafft grosse neue innere Reichtümer. Es erscheint +sehr paradox, dass ein Land trotz Fehlens von Ersparnissen Waren +aufstapeln, bauen und investieren sollte. Ich bitte daher, von der Lage +der Arbeitsstundenzahl und ihrer Verwendung in Deutschland sprechen zu +dürfen. Ich komme damit auch auf die Frage, was Deutschland mit seinen +Arbeitslosen macht, und auf den Verlust an Arbeitsstunden unter der +gegenwärtigen Situation. + +1. Die Einkünfte aus Kapitalanlagen im Auslande wurden früher bezahlt in +Waren, die somit einen fortlaufenden Tribut an Gütern bedeuteten, der in +breitem Strom uns zufloss. Schon um diese Güter, vor allem Rohstoffe, zu +erhalten, die wir früher als laufenden Ertrag erhielten, müssen wir jetzt +arbeiten und Arbeitsstunden aufwenden. Dieser Arbeitsstundenaufwand +lässt sich auf 3,75 Milliarden jährlich schätzen. + +2. Aus dem Verlust an Gebieten ergibt sich ein Verlust an Ersparnissen, +der sich in einem Mehraufwand von einer Milliarde Arbeitsstunden +ausdrückt. + +3. Man schätzt die Tatsache, dass für die Rohstoffe, die wir einst in +unseren Grenzen hatten und die wir jetzt mit der Ausfuhr oder mit +Arbeitsstunden bezahlen müssen, und den dadurch herbeigeführten Aufwand +von Arbeitsstunden auf 0,83 Milliarden. + +4. Aus der ungünstigeren landwirtschaftlichen Flächengestaltung und der +Verschlechterung des Düngemittelbezuges ergibt sich ein weiterer +Mehraufwand von 1,82 Milliarden Arbeitsstunden. + +5. Der Gegenwert der verlorenen Dienstleistungen (Schiffahrt, +Aussenhandel und Auslandsbankverkehr) dürfte 1,66 Milliarden +Arbeitsstunden betragen. + +Der gesamte Mehraufwand an Arbeitsstunden, wie er durch die gegebenen +Verhältnisse erfordert wird, beträgt danach 9 bis 9,28 Milliarden. + +Wenn ich von einer arbeitenden Bevölkerung von 21 Millionen ausgehe und +pro Kopf 2400 Arbeitsstunden im Jahre rechne, so beträgt der Gesamtwert +der von Deutschland aufgewandten Arbeitsstunden nicht mehr als 50 +Milliarden. Hiervon sind mehr als 9 also für Arbeit aufgewandt, die wir +vor dem Kriege nicht aufzuwenden brauchten, d. h. fast 1/5 der gesamten +Arbeitsstunden. Wenn ich diese Summen mit der Zahl der männlichen +arbeitenden Bevölkerung in Beziehung setze, so ergibt sich bei uns eine +versteckte Arbeitslosigkeit von nahezu 4 Millionen Menschen, d. h. 4 +Millionen Menschen müssen Arbeit leisten, die früher nicht notwendig +war. Wenn also bei anderen Nationen eine Arbeitslosigkeit erscheint, die +bei uns nicht sichtbar ist, so möchte ich im Gegensatz dazu von einer +unsichtbaren Arbeitslosigkeit sprechen, die darin besteht, dass 4 +Millionen Menschen Arbeit leisten müssen, die früher nicht nötig war und +die das Arbeitsergebnis gegen früher nicht verbessert. Und zwar alles +dies vor irgendeiner Zahlung von Reparationen. Von einer Aufspeicherung +von Reichtümern kann mithin nicht die Rede sein. + +Ich bitte nunmehr etwas sagen zu dürfen über die von Deutschland +erwarteten reinen Goldleistungen. Es mag sein, dass meine bisherigen +Ausführungen negativ klangen. Wo der Optimismus der Berechnung versagt, +wird Energie und Entschlossenheit zu Hilfe kommen müssen, aber auch hier +sind Grenzen gegeben. + +Ich knüpfe wieder an die 500 Millionen an, von denen ich schon +gesprochen habe. Die reinen Goldlasten für Deutschland werden aber in +jedem Falle viel höher sein als dieser Betrag. Es handelt sich zunächst +daneben um den Gegenwert des clearing mit 360-400 Millionen Goldmark. +Dann aber handelt es sich um die in Gold zu beschaffende Bezahlung für +die Rohstoffe, deren wir zur Herstellung unserer Sachleistungen +bedürfen. Denn mit Ausnahme der Kohlenlieferungen, für die fremder Bezug +von Hilfsmaterialien nicht allzu schwer ins Gewicht fällt und die ich +daher ausser Ansatz lasse, müssen wir für alle anderen Sachlieferungen +etwa 25 Prozent des Wertes an Rohstoffen aus dem Auslande beziehen. So +komme ich zu weiteren 250 Millionen Goldmark. Wir würden also für 1922 +auf eine Goldleistung von mehr als 1 Milliarde Goldmark kommen, wenn es +sich scheinbar nur um eine Goldzahlung von 500 Millionen handelt. Wenn +es notwendig erscheint, eine so gewaltige Summe von Deutschland zu +verlangen, so sollte man die Frage der Ermässigung des clearing und der +inneren Besatzungskosten eingehend prüfen. + +In jedem Falle aber ist Deutschland durchaus bereit, auf den Weg der +Stabilisierung des Budgets zu treten, der ihm vorgeschlagen ist. + +Die Erhebung der Zölle auf Goldbasis soll erfolgen. + +Die Frage der Verkehrstarife wird 1922 geregelt werden, um das Defizit +dieser Wirtschaftszweige auszugleichen. + +Der Abbau der Subsidien ist in die Wege geleitet. + +Die Kohlenfrage ist schwieriger, weil die Preise sich dem +Weltmarktpreise immer mehr nähern. + +Was die innere Anleihe anbelangt, so wird sie in ernsteste Erwägung +gezogen werden. + +Die Frage der Kapitalflucht würde hier viel Zeit wegnehmen. Ich bitte +deshalb, sie heute zurückstellen zu dürfen, zumal ihre Regelung nur +unter Mitwirkung aller Auslandsbanken möglich sein würde. + +Was die Garantien anlangt, so gibt es meines Erachtens Mittel, um der +Reichsbank eine grössere Autonomie zu geben. Die Reichsbank ist jetzt +dem Reichskanzler unterstellt, der aber im Laufe von 50 Jahren nur +einmal von seinem Eingriffsrecht Gebrauch gemacht hat. Eine +weitergehende Verständigung ist möglich. Es wäre aber sehr gefährlich, +wenn man anstelle der Verantwortung die Ueberwachung setzte. Das würde +das freie Verantwortungsgefühl erschüttern und als Präzedenzfall die +Zentralnotenbanken aller Staaten schädigen. + +Man hat uns endlich gefragt, ob wir mitarbeiten wollen am Wiederaufbau +Europas. Deutschland würdigt die hohe Wichtigkeit dieser Aufgabe und +ihren Zusammenhang mit der Lage der Weltwirtschaft. Es ist zwar nicht +in der Lage, dem Kapitalmarkt der Welt Mittel im Ausmasse reicherer +Staaten zur Verfügung zu stellen, immerhin unter den beabsichtigten +Bedingungen ist Deutschland in der Lage, den ihm zugedachten Teil zu +übernehmen. Deutschland ist um so mehr geeignet, am Wiederaufbau +teilzunehmen, als es mit den technischen und wirtschaftlichen +Bedingungen und Gepflogenheiten des Ostens vertraut ist. Der Weg, auf +den man sich begeben will, erscheint mir richtig. Ein internationales +Syndikat, und zwar ein Privatsyndikat. Deutschland glaubt, dass man die +Frage des Wiederaufbaus beginnen sollte mit der Wiederherstellung des +Verkehrs und der Verkehrsmittel. Man muss sodann an die Quellen der +Produktion vordringen und vor allem die bestehenden Unternehmungen +wieder neu beleben. Deutschland glaubt, dass es an der Entwicklung des +Ostens und der Mitte Europas um so mehr Anteil zu nehmen berechtigt ist +wegen seiner Haltung der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung +gerade dieses östlichen Europas gegenüber. In dem Augenblick, als +Deutschland fast am Ende seiner Kräfte war nach Krieg, Niederbruch, +Revolution hat Deutschland doch der staatlichen und sozialen +Desorganisation widerstanden. Hätte diese Desorganisation in Deutschland +triumphiert, so wäre sie eine entscheidende Gefahr für die ganze Welt +geworden. Deshalb glaubt Deutschland, sich nicht nur nach Kräften der +Wiederherstellung zerstörter Gebiete des Westens, sondern auch mit +Rücksicht auf seine geographische Lage und Kenntnis nachbarlicher +Verhältnisse der Wiederherstellung von Ost- und Zentral-Europa widmen zu +sollen, und somit an der Aufgabe teilzunehmen, die die Grossmächte sich +im Einvernehmen mit diesen Gebieten gestellt haben. + + + + +REDE VOR DEM +HAUPTAUSSCHUSS DES REICHSTAGES +VOM 7. MÄRZ 1922 + + +Im Mittelpunkt unserer gesamten Aussenpolitik steht nach wie vor das +Problem der Reparationen. In dem Augenblick, als im Frühjahr letzten +Jahres das Ultimatum von Deutschland unterzeichnet wurde und dadurch das +Reparationsproblem in sein gegenwärtig aktuelles Stadium trat, waren +drei Auffassungen in Deutschland gegenüber diesem Problem erkennbar. + +Die eine Auffassung ging dahin, es müsse Festigkeit gezeigt und +Widerstand geleistet, es müsse, komme, was da wolle, die Leistung der +Reparationen überhaupt abgelehnt werden. Ich glaube nicht, dass diese +Anschauung eine verbreitete war, sie ist aber in der Oeffentlichkeit zum +Ausdruck gekommen. Niemand hat den Versuch gemacht, darzulegen, mit +welchen Mitteln eine solche Politik geführt werden könne, und zu welchen +Ergebnissen sie führen würde. Dieses Ergebnis wäre lediglich die +Katastrophe gewesen, die Versenkung Deutschlands in ein Chaos +auswärtiger Verwirrungen. + +Die zweite Auffassung, die uns entgegentrat, fand Widerklang in diesem +hohen Hause. Es war die Auffassung, dass man zwar bis zu einem +bestimmten Masse sich dem Reparationsproblem nähern dürfe, dass aber die +erste Aufgabe der Reichsregierung darin bestehen müsse, wie man sich +ausdrückte, mit aller Offenheit zu erklären, die Leistungen seien +vollkommen unerfüllbar und es habe überhaupt keinen Zweck, sie in +irgendwelchem bedeutenderen Ausmasse in Erwägung zu ziehen. Diese +Politik wurde bezeichnet als die Politik der Offenheit, und es wurde der +Regierung der schwere Vorwurf gemacht, dass sie angeblich diese +Offenheit nicht aufbrächte. Diese Auffassung war unpsychologisch, denn +der andere hörte aus dem »Wir können nicht« nur das »Wir wollen nicht« +heraus. + +Die dritte Auffassung des Versuches der Erfüllung war die Auffassung der +Reichsregierung, und sie ist im Laufe dieses Jahres in erheblichem Masse +gefördert worden. Die Reichsregierung ging davon aus, dass eine +Verpflichtung für das Reich geschaffen sei durch die Unterschrift seiner +massgebenden Stellen. Sie ging davon aus, dass unter allen Umständen der +Versuch gemacht werden müsse, den ehemaligen Gegnern zu zeigen, dass +Deutschland bereit sei, bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu +gehen. Ich glaube, dass diese Auffassung die psychologisch richtige war. +Sie rechnete mit der Mentalität der ehemals gegnerischen Länder und ging +davon aus, dass über kurz oder lang eine Erkenntnis des wirklichen +Sachverhalts eintreten würde durch eigene Einsicht der übrigen Nationen. + +Ich bedaure, dass ein Wort, das ich bei Einleitung dieser sogenannten +Erfüllungspolitik gesprochen habe, erheblichen Missverständnissen +begegnet ist. Man hat aus Ausführungen, die ich im Reichstag tat, +geschlossen, ich wäre der Meinung, Deutschland könne bis zu jedem +beliebigen Masse seine Erfüllung treiben; es wäre lediglich eine Frage, +wie weit man es für wünschenswert hielte, das Volk in Not geraten zu +lassen. Ich würde eine solche Auffassung, wenn sie in meinen Worten +erkennbar wäre, auf das tiefste bedauern. Was ich gesagt habe, war aber +so ziemlich das Entgegengesetzte. Ich habe für die Möglichkeit der +Erfüllung die stärkste Grenze gezogen, die man überhaupt ziehen kann, +nämlich die sittliche. Ich habe erklärt, dass das Mass der Erfüllung +gegeben sei durch die Frage, wie weit man ein Volk in Not geraten lassen +dürfe. Dieses »dürfe« unterstreiche ich, denn darin war die sittliche +Verpflichtung enthalten, nur bis zu dem Punkte zu gehen, den der +Staatsmann verantworten kann. Diesem Grundsatz ist die Regierung treu +geblieben. Es hat sich im Laufe des Jahres dann auch gezeigt, dass die +Fragestellung »Möglichkeit oder Unmöglichkeit« der Erfüllung überhaupt +nicht diejenige geworden ist, die die Mentalität der übrigen Länder +ausschliesslich beschäftigt hat. In kurzer Zeit hat sich ergeben, dass +eine weitere Frage hervortrat, nämlich die: wie weit eine +Reparationsleistung Deutschlands überhaupt für die übrigen Völker +erträglich sei, denn die volkswirtschaftliche Verknüpfung der Länder +führte dazu, zu erkennen, dass die Zwangsarbeit eines Landes, auf den +Weltmarkt gebracht, nur dazu führen kann, den gesamten Markt der Erde +zu zerrütten, und damit, wenn auch auf einer Seite Zahlungen erlangt +werden, Nachteile für andere Länder zu schaffen, die so erheblich sind, +dass sie z. B. in England allein zu einer Arbeitslosigkeit von 2 +Millionen Menschen führten. Psychologisch also hat sich das Vorgehen der +Regierung als richtig erwiesen. Es war vermieden worden, eine fruchtlose +Diskussion auf den Grad einer theoretischen Möglichkeit zu beschränken. +Es war die Möglichkeit dadurch geschaffen, lediglich die Tatsachen +sprechen zu lassen; und die Sprache der Tatsachen ist so stark gewesen, +dass heute fast in allen Ländern übereinstimmend die Auffassung +herrscht, dass das Reparationsproblem von neuem studiert werden muss. Es +ist kein Tag vergangen, an dem das Studium des Reparationsproblems in +der Welt geruht hätte. In energischer Weise ist die englische Auffassung +für erneute Prüfung eingetreten, die Reparationskommission hat sich der +Frage angenommen, und gerade in diesem Momente schweben die +Verhandlungen darüber, auf welches Mass die Reparationen für das Jahr +1922 begrenzt werden sollen. + +Mit dieser allgemeinen Auffassung der Regierung im Zusammenhang stand +die praktische Politik, die sie im Laufe des Jahres verfolgt, und deren +erste Etappe nach Wiesbaden führte. + +Die Aufgabe von Wiesbaden war eine doppelte. Es handelte sich zunächst +darum, überhaupt die Möglichkeit zu finden, wie erhebliche Zahlungen von +einem Lande an ein anderes geleistet werden könnten; denn es war +evident, dass es nicht möglich war, Goldleistungen von Deutschland ins +Ausland zu führen, soweit nicht eine erhebliche Aktivität der +Handelsbilanz vorhanden gewesen wäre, und diese war nicht vorhanden. Es +handelte sich also darum, Modalitäten zu finden, um überhaupt dem +Reparationsproblem eine Unterlage der Durchführbarkeit zu geben. Der +Begriff der Sachleistungen trat in den Vordergrund. Es wurde versucht, +zunächst mit Frankreich ein Abkommen der Sachleistungen zu schliessen +und dieses Abkommen so einzurichten, dass der Strom an Gütern, der zu +erwarten stand, in erster Linie dem Wiederaufbaugebiet zugeführt würde. + +Daneben aber lag die zweite politische Aufgabe mit grösserer +Wichtigkeit. Die Anknüpfung der Reparationsbeziehungen zur übrigen Welt +war überhaupt nur denkbar, wenn zunächst diejenigen Gebiete +berücksichtigt wurden, die am schwersten unter den Zerstörungen des +Krieges gelitten hatten. Es ist eine europäische Notwendigkeit, dass die +zerstörten Gebiete Frankreichs wieder aufgebaut werden. Solange sie als +Wüsteneien zwischen Deutschland und Frankreich liegen, bleiben sie ein +Symbol der Spaltung zwischen den Völkern. Immer wieder wird den +Bewohnern dieser Gebiete Bitterkeit ins Gemüt geführt, und die Länder +der Erde sehen in den zerstörten Gebieten das Wahrzeichen eines noch +nicht wiederhergestellten Friedens. Ich halte es für dringend nötig, +dass der Wiederaufbau der zerstörten französischen Gebiete sobald als +möglich erfolgt, und ich glaube, dass das Zentralproblem der ganzen +Reparationen darin liegt, dass Deutschland sein möglichstes tut, um +diese Gebiete wiederherzustellen. + +Die beiden Aufgaben wurden in Wiesbaden gestellt und gelöst. Es wurde +ein Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich hergestellt, das auch +auf andere Staaten seine Anwendung finden konnte. Leider ist das +Ergebnis von Wiesbaden zwar nicht, wie es wünschenswert gewesen wäre, +ein Friedenswerk nach aussen und innen gewesen. Nach aussen mehr als +nach innen. Im Innern entfaltete sich eine heftige Agitation und +Kontroverse gerade gegen die Sachleistungen. Mit wechselnden Argumenten +ging man vor. Man behauptete, dass das Wiesbadener Abkommen das deutsche +Volk zugrunde richtete, man behauptete, wir hätten damit Frankreich eine +Option auf unsere Konjunktur gegeben. Man behauptete, wir wären weit +über unsere Verpflichtungen von Versailles hinausgegangen. Jede dieser +Behauptungen wurde widerlegt, aber sie wuchsen nach wie die Köpfe der +Hydra, und es wurde offenkundig, dass es weniger die wirtschaftlichen +als die politischen Bestrebungen waren, die die grosse Agitation gegen +Wiesbaden hervorriefen. Das wurde deutlich in dem Augenblick, als man +behauptete, das Wiesbadener Abkommen hätte eine so schwere Spaltung +zwischen Deutschland und England hervorgerufen, dass nunmehr England +endgültig sich von jedem Interesse Deutschland gegenüber losgesagt habe. +Dass dies nicht der Fall war, wurde mir von englischer Seite bestätigt; +Engländer hoher Stellung erklärten mir, dass sie in dem Wiesbadener +Abkommen unseren ersten politischen Schritt zur Verwirklichung des +Reparationsproblems erblickten. Sie gingen so weit, zu sagen, dass ohne +das Abkommen von Wiesbaden diejenigen weiteren Entwicklungen nicht +möglich gewesen wären, die uns im Verlauf der Zeit nach Cannes führten. + +Die Konferenz in Cannes ist, meine Herren, wie Sie wissen, nicht bis zu +ihrem letzten Ende geführt worden. Sie wurde vorzeitig abgebrochen, +durch innerpolitische französische Verhältnisse, durch die +Amtsniederlegung des französischen Ministerpräsidenten. Wir können nicht +sagen, dass Cannes eine endgültige Regelung im Sinne einer gesamten +Ordnung der Zukunft uns gegeben hätte. Wir können aber auch nicht sagen, +dass das Ergebnis von Cannes ein negatives gewesen sei. Es ist möglich +geworden, durch die Verhandlungen, die dort und zuvor in London +stattgefunden haben, ein Abkommen zu präliminieren, wenigstens für das +Jahr 1922, das heute noch nicht ganz geregelt ist, aber das vermutlich +in den nächsten Wochen seine Regelung finden wird. Es ist möglich +geworden, in Cannes, den Vertretern der früher uns gegnerischen Nationen +die gesamte deutsche Situation darzulegen, und zwar in grösserer +Ausführlichkeit und Klarheit, als wir es vermocht hätten, wenn wir +lediglich uns auf den negativen Standpunkt der Ablehnung jedes +Erfüllungsversuches gestellt hätten. Es ist ferner in Cannes dazu +gekommen, dass eine Konferenz aller Nationen für Genua in Aussicht +genommen wurde, die nach wechselnden Schicksalen nun doch wahrscheinlich +im April stattfinden soll. Auf der einen Seite ist der Reflex in der +deutschen Oeffentlichkeit der gewesen, als Cannes beendet war, dass von +Genua sehr wenig zu erwarten sei, dass die Ergebnisse völlig +unbefriedigende seien, dass die Regierung dort nicht nur keinen Erfolg, +sondern eigentlich, genau betrachtet, eine schwere Niederlage erlitten +habe. Im merkwürdigen Kontrast dazu stand es, dass gerade von denselben +Stellen, die in Genua eine vollkommene Gleichgültigkeit erblickten, in +dem Augenblick, als die Boulogner Beschlüsse stattfanden, erklärt wurde, +dass nun die letzte Hoffnung geschwunden sei, die wir in Deutschland +hätten aufleuchten sehen. In einem der beiden Fälle müssen die Kritiker +sich geirrt haben, entweder war in Cannes doch etwas erreicht worden +oder der Verlust, der angeblich in Boulogne erlitten worden sein soll, +konnte kein so überaus schwerer sein. + +Ich glaube, dass tatsächlich ein doppelter Irrtum vorlag. Auf der einen +Seite wurde die Genueser Konferenz unterschätzt in dem Augenblick, als +sie auftrat, auf der anderen Seite wurden die Boulogner Beschlüsse +überschätzt in dem Augenblick, als sie zur Wirklichkeit wurden. +Diejenigen, die der Entwicklung näher standen, haben niemals daran +gezweifelt, dass Genua nicht die Stelle sein konnte, an der von einem +Gremium aus mehr als 40 Nationen, von denen ein grosser Teil weder +Unterzeichner von Versailles noch Kriegsbeteiligte waren, dass von +diesen Nationen Beschlüsse nicht gefasst werden konnten über die +Versailler Grundlagen oder über die Grundlagen der Reparationen. +Boulogne hat die Bestätigung dafür erbracht, dass das Reparationsproblem +und der Versailler Vertrag diesem Gremium zur Beschlussfassung nicht +unterliegen kann. Eine Ueberschätzung von Genua kann indessen darin +liegen, dass man erwartet, es könne von dort aus sofort eine neue +Regelung der europäischen Verhältnisse ausgehen. Ich halte es für +bedenklich, zu glauben, dass eine Gemeinschaft von 40 Nationen mit +Vertretern, deren Zahl in die Hunderte geht, eine aktive Politik führen +kann, die mit einem Schlage uns in eine neue politische +Weltkonstellation führt, den Vertrag abändert und die Reparationen auf +ein normales Mass zurückführt. Wohl aber wird die Möglichkeit vorhanden +sein, dass in Genua die allgemeinen Ursachen der Welterkrankung erörtert +werden, und dass die Nationen gemeinschaftlich nach solchen Wegen +suchen, die zu einer Gesundung des ganzen Kontinents führten. Genua wird +voraussichtlich das erste Glied einer Serie von Konferenzen sein, die +vermutlich dieses und das nächste Jahr in Anspruch nehmen werden. Einen +anderen Weg als den Weg der Konferenzen gibt es unter den heutigen +Verhältnissen leider nicht. Begegnung der Staatsmänner findet statt auf +Seiten der Entente; dort ist die Möglichkeit der Aussprache +kontinuierlich gegeben. Für uns aber, die wir nicht in gleichem Masse in +Verbindung stehen mit unseren Nachbarvölkern, ist eine Konferenz schon +deswegen von Wichtigkeit, weil sie uns die Möglichkeit mündlicher +Aussprache, persönlichen Kontaktes gibt, der unter allen Umständen +vorzuziehen ist dem Wege der Noten und der diplomatischen Verhandlungen. + +Wer also der Auffassung ist, dass von Genua eine neue Aera des +Geschehens ausgehen wird, der, fürchte ich, wird eine Enttäuschung +erleben. Ich habe den Eindruck, dass in wirtschaftlichen Kreisen trotz +aller Enttäuschung über Boulogne ein solcher Optimismus besteht, und ich +würde nicht wünschen, dass er sich befestigt. Wer aber der Meinung ist, +dass von dem gegenwärtigen schwerkranken Zustand des gesamten +europäischen und Weltwirtschaftskörpers ein Weg gefunden werden muss zu +einer Gesundung, und wer der Meinung ist, dass dieser Weg nur durch +gemeinschaftliche Aussprachen erreicht werden kann, dass dieser Weg zwar +lang, aber unter allen Umständen beschreitbar ist, der wird, glaube ich, +in Genua dasjenige finden, was er sucht. + +Was die Entwicklung der Reparationen selbst betrifft, so wird ihr +Gremium voraussichtlich bis auf weiteres die Reparationskommission +bleiben, und hinter der Reparationskommission diejenigen Mächte, die in +erster Linie die Empfangsberechtigten sind. Ich glaube, dass die +Entwicklung des Reparationsproblems folgenden Gang nehmen wird: man wird +für das Jahr 1922, auch wohl für das Jahr 1923 zu Lösungen zu kommen +suchen, die zunächst nur provisorische Lösungen sein werden. Sie können +nur provisorisch sein, denn auf der einen Seite ist ein gewaltiges +Geldbedürfnis bei den empfangsberechtigten Staaten, auf der anderen +Seite ist die Zahlungskraft Deutschlands, insbesondere in Barmitteln, +eine begrenzte. Die Erkenntnis ist wohl heute so ziemlich in der ganzen +Welt verbreitet, dass ein Volk dem andern nur dauernd zahlen kann aus +dem Ueberschuss seiner Zahlungs- und Handelsbilanz. Unsere +Zahlungsbilanz ist schwer passiv, unsere Handelsbilanz ist in den +letzten Monaten um eine Kleinigkeit aktiv geworden. Zahlungsmittel in +bar sind somit nur in beschränktem Masse aufzubringen. Es kann daher für +1922 und 1923 wahrscheinlich nur ein Provisorium gefunden werden, das +auch nicht entfernt den Wünschen extremistischer Gegenseiter entspricht, +die im Anfang des vorigen Jahres noch die öffentliche Meinung +beherrschten. Wir sehen heute einen erkennbaren Massstab für +Barleistungen in der Tatsache, dass, sobald diese Leistungen eine +bestimmte Menge überschreiten, die Wechselkurse gegenüber Deutschland +ins Schwanken, in lebhafte Bewegung kommen. Die Dekadenzahlung von 31 +Millionen, die als Vorprovisorium für die ersten Monate dieses Jahres +uns zugemutet worden ist, von der ich in Cannes den Beteiligten gesagt +habe, dass sie nur auf wenige Wochen beschränkt sein dürfe, hat bereits +den Wechselkurs gegen Deutschland in starkem Masse zu unseren Ungunsten +beeinflusst. Man darf sagen, dass die deutsche Leistungsfähigkeit in +Barzahlung direkt ihr Mass findet in der Bewertung des Dollars an der +Berliner Börse. Ich habe die Mitglieder der Reparationskommission, die +sich vor einiger Zeit in Berlin aufhielten, darauf aufmerksam gemacht, +wie unbedingt nötig es sei, schon jetzt, gleichviel ob die Regelung für +das Jahr 1922 sich noch etwas hinzieht, die Dekadenzahlungen zu +verringern, um den Dollarkurs nicht weiter in Bewegung zu setzen. Denn +was es bedeutet, wenn die deutsche Währung ihren scharfen Rückgang +fortsetzt, das wissen wir alle. Wir wissen, dass damit das Budget ins +Wanken kommt, dass alle Lasten sich erhöhen, dass alle Lohn- und +Gehaltsbemessungen von neuem in Frage gestellt werden, dass die ganze +Kette der Bewertungen im Lande sich in Bewegung setzt. Es ist möglich, +dass an den letzten Dollarbewegungen bis zu einem gewissen Grade +Spekulation beteiligt war. Wir dürfen nicht vergessen, dass grosse +Mengen deutschen Geldes im Besitz des Auslandes sind, und die Gefahr ist +gross, dass, wenn eine starke Bewegung in unseren Valuten stattfindet, +das Ausland erhebliche Beträge seiner Markbestände auf den Markt bringt. +Ich hoffe nicht, dass gleiches spekulativ von deutscher Seite geschieht. +Denn wenn man sich vorstellt, dass von deutscher Seite spekulative Käufe +in fremden Devisen stattfänden, so wäre es das traurigste Phänomen, das +man sich denken kann. Wir müssen im Auge behalten, dass jeder Deutsche, +der spekulativ fremde Valuten kauft, auf nichts anderes als das Unglück +unseres Landes spekuliert. Diese Kenntnis sollte sich soweit nur +irgendmöglich verbreiten. Ich hoffe, dass Deutsche an der spekulativen +Bewegung unserer Währung nicht beteiligt sind. + +Wenn wir also für das Jahr 1922 und vielleicht auch für das Jahr 1923 +nur zu provisorischen Regelungen kommen, so muss dafür gesorgt werden, +dass einmal die endgültige Regelung eintritt. Und sie kann nur dann +eintreten, wenn der grosse Kreis der wechselseitigen Verschuldung in +Europa sich lockert. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass das +Reparationsproblem nur ein Teilproblem innerhalb des allgemeinen +Weltverschuldungskreises bedeutet. Die Weltverschuldung umfasst Europa +und Amerika gemeinschaftlich. Die europäischen Staaten fast sämtlich +schulden direkt oder indirekt an Amerika, sie schulden ausserdem +untereinander. Die meisten sind Gläubiger und Schuldner zugleich; +diejenigen, die ausschliesslich Schuldner sind, sind wir. Schwerlich wird +sich das Reparationsproblem aus dem allgemeinen Weltverschuldungsproblem +herauslösen lassen. Dieses Weltverschuldungsproblem wird aber Gegenstand +der Erörterungen in der Politik aller Länder während der nächsten Jahre +sein müssen. Gelingt es, dieses Problem – und es wird nur gelingen unter +dem Hinzutritt von Amerika – einer erträglichen Lösung zuzuführen, so +ist damit auch die Lösung der deutschen Reparation ermöglicht. + +In diesem Falle muss nämlich der Versuch gemacht werden, mit Hilfe aller +europäischen und aussereuropäischen Kapitalstaaten eine grosse Anleihe +zu Lasten Deutschlands aufzunehmen, sie den Empfangsberechtigten zu +übergeben und damit das Reparationsproblem endgültig zu beseitigen. Ob +unter den heutigen Verhältnissen Kapitalaufnahmen seitens Deutschlands +in erheblichem Masse möglich sind, ist zu bezweifeln, denn der +Versailler Vertrag steht der Kreditgewährung an Deutschland entgegen. +Darüber hat sich niemand deutlicher ausgesprochen als der Leiter der +Bank von England. In dem gleichen Masse, wie die Erkenntnis des +Gesamtverschuldungsproblems in den Mittelpunkt des öffentlichen und des +Weltinteresses tritt, wird man den Versuch machen müssen, der +Kreditwürdigkeit Deutschlands zu helfen und dadurch eine Finanzoperation +zu ermöglichen, die von ausserordentlich grossem Umfange sein kann und +sein muss, um das grosse Problem zu lösen. Schon aus dem Grunde möchte +ich wünschen, dass das Reparationsproblem seine Beendigung durch eine +grosse Weltanleihe fände, weil ich der Meinung bin, dass der Zustand auf +die Dauer schwer aufrechtzuerhalten ist, dass ein Volk Zahlungen direkt +an einen oder mehrere seiner Nachbarn leistet. Die Anonymisierung der +Schuld wird die Schuld erleichtern und wird sie dauernd tragbarer +machen. Die Schuld an Nachbarn nimmt die Form eines Tributes an, und ein +solcher Tribut ist nicht diejenige Form, unter der sich der Weltfrieden +am besten konsolidiert. + +Ich habe von den Aussichten Genuas gesprochen und darauf hingewiesen, +dass auf der einen Seite vielleicht eine Enttäuschung für diejenigen +entsteht, die von Genua die endgültige Regelung der Reparationsfrage +erhoffen, dass aber auf der anderen Seite doch für uns die Erwartung +besteht, dass Genua einen Markstein in der allgemeinen Entwicklung zum +Weltfrieden darstellen wird. In hohem Masse wird das Ergebnis von Genua +davon abhängen, welche Stellung Amerika entschlossen ist, zu dem +Reparationsproblem, zum Friedensproblem überhaupt einzunehmen. + +Amerikas Macht ist durch den Krieg gewaltiger gewachsen als die +irgendeines anderen Landes. Der Eingriff Amerikas in das Schicksal der +Welt ist keinem anderen Eingriff zu vergleichen, der seit Jahrhunderten +in das Leben der Völker stattgefunden hat. Durch sein Eintreten in den +Krieg hat Amerika den Krieg entschieden, durch sein Eintreten in den +Friedenskongress hat Amerika den Frieden entschieden und durch seinen +Eintritt in die Weltprobleme der Verschuldung und der Sanierung wird +Amerika in der Lage sein, die Weltentwicklung in wirtschaftlicher und +friedenbringender Richtung zu entscheiden. + +Vielfach hat man bei uns die Vorstellung, Amerika sei ein Land, das +lediglich seinen grossen materiellen Aufgaben lebt, von der Natur +begünstigt und in grossartiger Isolation. Ich glaube, dass wenig Länder +so entschieden durch Erwägungen ideeller Art zu bewegen sind wie +Amerika. Ich glaube, dass die Motive, die Amerika zum Krieg und zur +Friedensschliessung getrieben haben, nicht so sehr auf materiellen +Wünschen beruhten, wie auf der Ueberzeugung einer Verantwortung, und ich +glaube deshalb, dass Amerika sich nicht derjenigen Verantwortung +entziehen wird, die ihm durch sein entscheidendes Eingreifen in die +europäischen Schicksale erwachsen ist. Ich weiss, dass in Amerika eine +starke Tendenz besteht, die dahin gerichtet ist, zu sagen, Europa ist +weit entfernt, mit den Händeln dieses alten Kontinents wollen wir nichts +zu tun haben. Es ist durchaus verständlich, wenn eine solche Auffassung +gehegt wird. Aber ich glaube, in Amerika werden Gegenkräfte wach und +stark sein, die die Auffassung vertreten, Europa darf nicht zugrunde +gehen, die Quellen der ältesten und stärksten Zivilisation dürfen nicht +erschüttert werden. Es darf nicht vergessen werden, dass derjenige, der +den Krieg bestimmt hat und den Frieden bestimmt hat, nun auch für das +Wohlergehen derjenigen Völker, deren Schicksal bestimmt wurde, eine +Verantwortung trägt. Ich glaube auch, dass diejenige Auffassung in +Amerika, die sagt, wir sind materiell am Geschick Europas so gut wie +uninteressiert, nicht das Richtige trifft. + +Ich habe von Amerika her Stimmen vernommen, die behaupteten, der ganze +Aussenhandel Amerikas nach Europa bedeute ausserordentlich wenig, er +bedeute, sagten die einen 4 Prozent, die anderen 7 Prozent der +amerikanischen Produktion. Ich glaube, dass diese Zahl in Amerika sehr +ernstlich der Nachprüfung bedarf und dass sie auch eine Nachprüfung +finden wird. Wäre tatsächlich die Produktion Amerikas 15 mal grösser +gewesen als seine Weltausfuhr, so wäre diese Produktion so gewaltig, +dass sie sich mit der Arbeiterzahl, über die Amerika verfügt, nicht +entfernt hätte leisten lassen. Der Anteil der Ausfuhr an amerikanischer +Produktion ist tatsächlich erheblich grösser, und Amerika wird auch in +materiellem Sinne erkennen, dass es wünschenswert ist, einen so starken +Konsumenten, wie es Europa ist, gesund zu erhalten. Es besteht somit die +Hoffnung, dass auf amerikanischer Seite ideelle und materielle Momente +zusammenwirken werden, um die gewaltige Kraft dieses Landes den +europäischen Schicksalen wieder zuzuwenden, die von ihr abhängen. +Gleichviel, ob Amerika sich entschliesst, sich an Genua zu beteiligen +oder nicht, glaube und hoffe ich, dass Europa nicht ganz allein auf sich +selbst in der Regelung seiner überaus schwierigen Verschuldungsverhältnisse +und in der Ordnung, in der Wiederherstellung seiner tief erkrankten +wirtschaftlichen Gliederung angewiesen sein wird. + +Wenn wir in einigen Wochen nach Genua gehen werden, so werden wir es +nach eingehender Vorbereitung aller derjenigen Probleme tun, die +Deutschland beherrschen, und vor allem derjenigen, die auf das Schicksal +Europas einen wirtschaftlichen Einfluss ausüben. Ich glaube, dass es uns +möglich sein wird, dort einen Boden zu finden, der für die Erörterung +wirtschaftlicher Grundfragen vorbereitet ist, und hoffe, dass die +Anbahnung eines künftigen wirklichen Friedenszustandes gelingt. Wir +leben freilich nicht mehr im Kriege, aber wir leben noch immer weit +entfernt vom wirklichen Frieden. Noch immer leben die Völker in +dauernder, sich verstärkender wirtschaftlicher Abschliessung, noch immer +leidet Deutschland unter einseitiger Behandlung, noch immer leben wir +unter der Regie von Noten, die unser politisches Leben erschweren und +beunruhigen, noch immer ist im Osten schlesisches Land besetzt und im +Westen die Städte, die unter dem Namen von Sanktionen okkupiert worden +sind. Das ist noch nicht der wahre Friede der Welt, das ist noch nicht +der wahre Friede Deutschlands! Ich habe die Hoffnung und den Glauben, +dass dieser wahre Frieden der Welt herannaht. Die Aufgabe unserer +Politik ist, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, dem Frieden näher zu +kommen, Vertrauen im Kreise der Völker zu erwerben und zu erhalten, aber +auch gleichzeitig unsere Rechte zu wahren. In diesem Sinne gedenken wir +die Fahrt nach Genua anzutreten, in diesem Sinne hoffen wir, dass Genua +einen Markstein auf dem Wege zu wirklicher Befriedung der Erde bilden +wird! + + + + +REICHSTAGSREDE +VOM +29. MÄRZ 1922 + + +Als ich vor nunmehr zwei Monaten im Auswärtigen Ausschuss des +Reichstages über Cannes berichtete, habe ich ausgesprochen, es könnten +Nachtfröste kommen und die junge Saat des Friedens schädigen. Das Klima +Europas schien mir damals noch nicht genügend erwärmt, um hoffen zu +dürfen, dass ein Vorfrühling des Friedens eintreten werde. + +In Cannes war manches erreicht. Die Goldzahlung von fünf Milliarden, die +das Ultimatum uns auferlegte und die zum Teil bestanden in festen +Leistungen, zum andern Teil in den Abgaben des Index, zum dritten Teil +in den Goldleistungen für Besatzungskosten, war auf 720 Millionen +verringert worden. Es war den deutschen Vertretern Gelegenheit gegeben +worden, unsere wirtschaftliche Lage unumwunden der Entente darzulegen, +und es ist seitdem noch nicht eine autoritative Stimme aufgetreten, die +unsere Ausführungen widerlegt. + +Des ferneren war zum ersten Male eine Weltkonferenz in Aussicht +genommen, an der Deutschland als gleichberechtigter Faktor teilnehmen +sollte. + +Die Konferenz in Cannes fand kein natürliches Ende. Durch den Sturz des +französischen Ministerpräsidenten Briand war die Situation von Grund aus +geändert. Die endgültige Entscheidung, die von der Konferenz erwartet +wurde, ging auf die Reparationskommission über. + +Uns wurde anheimgestellt, der Reparationskommission ein Anerbieten zu +machen. Für diese Offerte waren die Grundlinien vorgezeichnet; sie waren +vereinbart zwischen England und Frankreich, und es war uns davon +Kenntnis gegeben, dass das Moratorium, das wir verlangten, uns gewährt +werden würde, wenn wir die Bedingungen annähmen, die man uns vorschlug. +Das Moratorium mussten wir haben; denn die Goldzahlungen des Januar und +Februar waren nicht zu leisten. So wurde die Offerte so eingereicht, wie +sie vereinbart war. + +Bis zur endgültigen Entscheidung aber wurde von der +Reparationskommission uns eine Dekadenzahlung im Betrage von 31 +Millionen für alle zehn Tage auferlegt. Schon in Cannes habe ich die +Reparationskommission darauf aufmerksam gemacht, dass eine solche +Dekadenzahlung von Deutschland nur für ganz kurze Zeit geleistet werden +könne, wenn nicht die Gefahr entstehen sollte, dass die deutsche Valuta +aufs schwerste zerrüttet würde. Ich bin auf diese Aeusserungen der +Reparationskommission gegenüber zurückgekommen; ich habe mehrmals +mündlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass die Zeit sich allzu +sehr verlängerte, dass die Zahlungen der Dekaden dieselbe Wirkung haben +müssten, die ich in Cannes vorausgesagt hätte. Tatsächlich ist auch die +Zerrüttung unserer Valuta eingetreten: der Aufstieg des Dollars von 160 +bis auf über 300. + +Die Verhandlungen mit der Reparationskommission zogen sich in die Länge, +nicht Verhandlungen zwischen uns und ihr, sondern Verhandlungen, die sie +selbst mit dem französischen Ministerpräsidenten zu führen hatte, dem +sie ihr Mandat zunächst in die Hände gelegt hatte und von dem sie es +zurückerhielt. + +Während dieser Zeit haben wir, dem Wunsche der Reparationskommission +entsprechend, mit denjenigen Delegierten verhandelt, die uns gesandt +wurden, nämlich in erster Linie mit Herrn Bemelmans, in der Absicht, die +Sachleistungen für uns und auch für diejenigen Länder, die +anspruchsberechtigt waren, durchführbar zu machen, nämlich für England, +Belgien, Italien und Serbien. Ein Abkommen wurde präliminiert. Kurze +Zeit darauf erschien unangemeldet der französische Delegierte Herr +Gillet, abermals mit Zustimmung der Reparationskommission, um den +Versuch zu machen, auch hinsichtlich der französischen Sachleistungen +neue Modalitäten mit uns zu verabreden, die dann gleichfalls in +Vorbesprechungen geklärt wurden. Von unserer Seite also wurde nichts +versäumt während der langen Periode, innerhalb deren die +Reparationskommission mit ihrer Entscheidung zögerte. Wie Sie wissen, +ist diese Entscheidung erfolgt am 21. März und sie hat Deutschland auf +das schwerste enttäuscht. Sie hat nicht nur uns enttäuscht, sondern +einen jeden in der Welt, der eine Hoffnung auf wirklichen Frieden und +eine mögliche Regelung des Reparationsverhältnisses hegte. + +Um die Entwicklung dieser Wochen zu verstehen – zwei Monate vergingen +während dieser Verhandlungen – müssen wir uns klar machen, welche +bedeutende Wandlung im politischen Weltgeschehen eingetreten war. In +Frankreich hatte ein Staatsmann die Zügel ergriffen von grosser +Erfahrung in internationalen Verhältnissen und von rückhaltsloser +Willenskraft. Poincaré nahm den Kampf gegen England auf, und Boulogne +hat uns gezeigt, dass dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen ist. +Wenn auch in Boulogne neue Beschlüsse nicht gefasst wurden, wenn auch +nur das bestätigt wurde, was ursprünglich schon auf der Einladungskarte +für Genua gestanden hatte, so war doch diese Wiederholung eine +Bekräftigung desjenigen Willens, der uns verhindern sollte, die Frage +der Reparationen in Genua zur Sprache zu bringen, diejenige Beschränkung +der Konferenz aufzuerlegen, die ihr eigentlich das Herz ausbrach. Von +einer starken parlamentarischen Mehrheit getragen, begann Poincaré seine +Politik, und sie hat sich in kurzer Zeit auf allen Schauplätzen der Politik +ausgewirkt, nicht nur England gegenüber, sondern auch im näheren Osten, wo +die Zahl der Bündnisse, Verständigungen und Militärkonventionen fast von +Tag zu Tag wuchs, nicht nur in Kleinasien, wo die französisch-türkische +Politik vordrang gegenüber der englisch-griechischen. Die Auswirkung +erstreckte sich auch auf uns, und zwar zeigte sie sich zunächst in einem +Hagel von Noten, die seitens der interalliierten Militärkommissionen auf +uns herniederprasselten. Ich habe zählen lassen, dass wir etwa im Laufe +von zwei Monaten 100 Noten von diesen Kommissionen zur Beantwortung +bekamen. Sie können sich denken, dass es nahezu einer Lahmlegung der +Behörden gleichkommt, wenn sie gezwungen sind, täglich und nächtlich an +der Beantwortung dieser Schriftstücke zu arbeiten. Von dem letzten Herrn +Redner ist auf die sehr unerfreulichen Entwicklungen hingewiesen worden, +die die Abgrenzung am Weichselgebiet in der letzten Zeit erfahren hat. +Wir haben nicht unterlassen, nicht nur die Botschafterkonferenz, sondern +alle Mächte einzeln darauf hinzuweisen, dass hier ein schweres Unrecht +im Zuge ist, und es ist wenigstens erreicht worden, dass die +Botschafterkonferenz zunächst ihre Entscheidung zurückgestellt hat. + +Etwas Tragisches liegt darin, dass die gegenwärtig stärkste +Militärmacht der Welt, dass Frankreich in seinem ganzen Tun und Handeln +bestimmt wird durch die Besorgnis vor einem deutschen Angriff, vor einem +Angriff eines vollkommen entwaffneten Landes, das kaum so viel Soldaten +aufbringt, um seine innere Ruhe zu erhalten. Es ist in hohem Masse +bedauerlich, dass durch diesen Gedanken Frankreichs jede Behandlung +europäischer Probleme eine politische Seite erhält. + +Gerade auf einem derjenigen Gebiete, mit denen sich die Noten der +letzten Zeit besonders intensiv beschäftigen, trat diese politische +Tendenz in bedauerlicher Weise hervor. Ich spreche von denjenigen Noten, +die sich auf unsere Schutzpolizei beziehen. Es ist durchaus +verständlich, wenn in einem geordneten, mit starker Militärmacht +versehenen Lande, wenn in einem Lande mit ungeschwächter Staatsautorität +ein Gendarmeriesystem vertreten wird, das auf rein munizipaler, +örtlicher Organisation beruht. Für Deutschland ist eine solche Regelung +nicht tunlich. Wir leben in einer Zeit des Uebergangs, der schwersten +Zerrüttung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse. Wir leben in einer +Zeit, in der schwer gebändigt unter der Oberfläche die Mächte der Unruhe +sich bewegen. Wir leben in einem Lande mit geschwächter Staatsgewalt, +und wir sind deshalb darauf angewiesen, für Ruhe im Lande zu sorgen. Das +ist nur dann möglich, wenn eine wirksame Polizeigewalt im Lande +existiert. + +Unter solchen Auspizien der äusseren und der Gesamtpolitik ist die Note +der Reparationskommission erwachsen. Die Kritik an der Note hat gestern +der Herr Reichskanzler geübt, und ich habe dieser Kritik nicht ein Wort +hinzuzufügen. Um aber die Voraussetzungen und Tendenzen klarer zu +verstehen, auf die sich die Note gründet, ist es erforderlich, dass wir +uns in einen fremden Vorstellungskreis zu versetzen suchen und einige +Irrtümer dieses Vorstellungskreises beleuchten. + +Der erste Irrtum, mit dem wir uns befassen müssen, ist die übertriebene +Vorstellung des Auslandes von dem Begriff der Inflation und ihren +Wirkungen. Immer wieder tritt uns die Vorstellung entgegen, dass, wenn +unser Geldwert zerrüttet ist, das nur auf den Notendruck zurückgeführt +werden kann. Das Rezept dagegen, das uns gegeben wird, ist: Stoppt eure +Notenpresse, bringt euer Budget in Einklang, und das Unglück ist +behoben! Ein schwerwiegender volkswirtschaftlicher Irrtum! Für ein Land +mit aktiver Zahlungsbilanz ist die Gesundung des Geldes dadurch möglich, +dass man deflationistische Politik betreibt, die Balance des Haushalts +herstellt und die Notenpresse stoppt. Anders liegt es aber für ein Land +mit passiver Zahlungsbilanz. Ich fordere jeden Kenner des +Wirtschaftslebens auf, mir einen Weg zu nennen, auf dem einem Land mit +passiver Zahlungsbilanz ermöglicht wird, dauernd Goldzahlungen zu +leisten ohne Hilfe fremder Anleihen und dabei seine Valuta intakt zu +halten. Niemals ist der Versuch gemacht worden, ein solches Rezept zu +geben, und es kann nicht gegeben werden. Denn ein Land, das Gold nicht +produziert, kann Gold nicht zahlen, es sei denn, dass es dieses Gold +durch Ausfuhrüberschüsse kauft oder dass ihm das Gold geliehen wird. + +Der Kreislauf unserer Valutazerrüttung ist der folgende: passive +Zahlungsbilanz, infolgedessen die Notwendigkeit, unsere Zahlungsmittel +im Auslande zu verkaufen oder auszubieten; dadurch Entwertung der +ausgebotenen Ware, der verkauften Zahlungsmittel; dadurch Schädigung des +Geldwertes im Auslande, Schädigung der Valuta. Weitere Folge: Ansteigen +aller Preise im Inlande, Ansteigen aller Materialkosten und aller +Personalkosten. Weitere Folge: das Klaffen des Budgets; denn ein Budget +besteht aus keinen anderen Ausgaben als aus sachlichen und persönlichen, +und wenn diese beiden ohne Gegenwert steigen, so ist jedes Budget, und +mag es vorher noch so sehr im Einklang gewesen sein, zerrüttet. + +Wer den Beweis für die Richtigkeit dieser Anschauung noch braucht, der +sei darauf hingewiesen, wie sich tatsächlich unser Geldwert im Ausland +während einer Zeit vollkommen stabilen Weiterganges der Inflation bewegt +hat. Wir haben bei diesem stabilen Gang im Herbst letzten Jahres einen +Dollarkurs von 300 erlebt, er hatte sich im Dezember auf etwa 160 +ermässigt, er ist abermals gestiegen auf 350, und alles das stand nicht +im Zusammenhange weder mit dem Druck der Notenpresse noch mit dem +Fortgang der Inflation. + +Einen zweiten Irrtum der ausländischen Auffassung von unserer +Zahlungsfähigkeit habe ich zu erwähnen. Er betrifft die Frage unserer +Steuerbelastung. Wir haben der Reparationskommission und der Konferenz +in Cannes das Material übergeben, das den Nachweis erbrachte, dass +Deutschland heute schwerer mit Steuern belastet ist als andere Länder. +Von keiner Seite ist der Versuch gemacht worden, unsere Rechnungen zu +entkräften. Anerkannt wurde, dass die Kalkulationen überaus schwierige +sind, dass es ernster theoretischer Auseinandersetzungen bedarf und +nicht mechanischer Vergleiche von Zahlen, die auf Dollars übersetzt +werden. Aber der Versuch einer Widerlegung ist nicht gemacht worden. Das +einfachste Beispiel kann ja nicht widerlegt werden. Wenn in Deutschland +das Einkommen der höchsten Staatsbeamten 300 oder 500 Dollars beträgt, +so kann dieser Staatsbeamte keinesfalls mehr als 300 oder 500 Dollars +Steuern zahlen. Das schliesst aber keineswegs aus, dass ein +Staatsbeamter eines anderen Landes, der 3000 oder 5000 Dollars verdient, +sehr wohl mehr Steuern zahlen kann, als die ganzen Einnahmen des +deutschen Staatsbeamten betragen. + +Ein dritter Irrtum, der bereits von Herrn Abgeordneten Stresemann +erwähnt wurde, ist der, dass man uns vorhält: eure Wirtschaft ist voll +beschäftigt, ihr habt keine Arbeitslosen, bei euch raucht jeder +Schornstein, bei euch laufen alle Maschinen mit Volldampf; wo bleibt nun +das Produkt dieser Arbeit? Dieses Produkt muss doch vorhanden sein, es +muss dazu dienen, die deutsche Vermögenssubstanz anzureichern, und +dieses Produkt muss für Reparationen fassbar sein. Die Antwort auf diese +Frage habe ich in Cannes gegeben, und ich werde es hier noch einmal mit +grösserer Deutlichkeit tun. + +Die Reparationen, die wir im letzten Jahre gezahlt haben, beliefen sich +auf anderthalb Milliarden Goldmark. Diese anderthalb Milliarden Goldmark +bedeuten nicht mehr und nicht weniger als die Jahresarbeit von einer +Million deutschen Arbeitern. Wir haben, wie Sie wissen, durch den +Niedergang unserer Landwirtschaft eine erhebliche Einfuhr von +Lebensmitteln nötig. Diese Einfuhr belief sich im letzten Jahre auf 2 +Milliarden Goldmark, und sie bedeutet abermals die Arbeitskraft eines +ganzen Jahres von einer Million Deutschen. Unseren Auslandsbesitz haben +wir verloren, die Guthaben und Investitionen, den Ueberseebesitz. Die +Einnahmen aus diesen Besitztümern betragen weit über eine Milliarde +Gold, und diese Einnahmen verwandelten sich in einen Zustrom von +Rohstoffen und von Waren, für die wir Gegenwerte nicht zu leisten +brauchten. Wenn wir heute diese Rohstoffe und Güter uns durch Kauf +beschaffen müssen, so haben wir dafür Arbeit zu leisten, und es ist +abermals die Arbeit von einer Million Deutschen erforderlich, um den +Gegenwert zu bezahlen. Wir kommen also zu der Rechnung, dass drei +Millionen Deutsche gegenwärtig Jahr für Jahr zu arbeiten haben, um +denjenigen Stand einigermassen wiederherzustellen, der uns vor dem +Kriege ohne diese Arbeit beschieden war. Es wird also gleichsam von drei +Millionen Menschen die Arbeit kompensationslos verzehrt; das bedeutet +freilich einen Zustand von starker Beschäftigung des Landes, aber nicht +von produktiver Beschäftigung. + +Einen vierten Irrtum hat Herr Stresemann erwähnt, auf den ich mit +wenigen Worten ergänzend eingehen möchte. Es wird uns vom Auslande +entgegengehalten: eure Industrie ist blühend; eure Gesellschaften zahlen +hohe Dividenden; sie emittieren neues Kapital; sie schaffen also grosse +neue innere Werte. Auch dieser Schluss ist falsch. Denn wenn wir das +Beispiel einer Gesellschaft von 100 Millionen Aktienkapital nehmen und +annehmen, dass diese Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so +hat sie auf die Goldwerte ihres Aktienkapitals nicht mehr als ¼ Prozent +gezahlt. Es bleibt dabei aber unberücksichtigt, dass sie mindestens, um +ihren Stand an Maschinen und Einrichtungen aufrechtzuerhalten, eine +jährliche Rücklage in Gold machen müsste, die, auf Papier umgerechnet, +ein Vielfaches des Aktienkapitals ausmacht. Wenn also eine solche +Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so fehlen ihr jedes Jahr +vielleicht 200, vielleicht 300, vielleicht 500 Prozent ihres +Aktienkapitals an den notwendigsten Rückstellungen. + +Ich habe die volkswirtschaftlichen Trugschlüsse erwähnt, die eine +Erklärung für die Atmosphäre bilden, innerhalb deren die Reparationsnote +entstanden ist. Ich darf aber nicht an den erheblichen gefährlichen +Irrtümern vorübergehen, die sich in der politischen Mentalität des +Auslandes abspielen. Ich nenne von diesen Irrtümern nur zwei. Der eine +lautet: Deutschland hat nichts gezahlt und will nichts zahlen. Der +andere lautet: Deutschland hat nicht entwaffnet und will nicht +entwaffnen. + +Meine Herren! Ich möchte Ihnen zwei Aufstellungen verlesen, die ich +gemacht habe, um diese Fragen zu beantworten. Zunächst: Deutschland hat +nichts gezahlt und will nichts zahlen. Es ist schwer, genaue +Schätzungen aufzustellen für alle diejenigen Leistungen, die Deutschland +in der Vergangenheit seit Beendigung des Krieges hingegeben hat. Aber +wenn auch die Schätzungen vielleicht nicht auf die letzten Dezimalen +genau zu sein brauchen, so geben sie doch ein deutliches und +unwiderlegliches globales Bild von der Gesamtheit der deutschen +Leistung. + +Ich erwähne folgende Posten: Das deutsche liquidierte Eigentum im Auslande +hat einen Wert von 11,7 Milliarden, die übergebene Flotte hat einen Wert +von 5,7 Milliarden, das Reichseigentum in den abgetretenen Gebieten +beläuft sich auf 6,5 Milliarden Mark, übergebenes Eisenbahn- und +Verkehrsmaterial beläuft sich auf 2 Milliarden Goldmark (Zuruf rechts: +alles Goldmark?) – alles Goldmark! – Rücklassgüter nicht militärischen +Charakters 5,8 Milliarden Goldmark, der Verlust der deutschen Ansprüche +an seine Kriegsverbündeten beläuft sich auf 7 Milliarden Goldmark. Der +Wert der Saargruben wird von uns auf 1,1 Milliarden Goldmark beziffert. +Die Kohlenlieferungen, die wir getätigt haben, zum Weltmarktpreis +gerechnet, belaufen sich auf 1,3 Milliarden Goldmark. Barzahlungen für +Reparationen sind bekanntlich 1,3 Milliarden Goldmark gewesen. Eine +Reihe von kleineren Posten – kleiner, obwohl sie in die Milliarden +laufen – übergehe ich, sie betragen im ganzen 3,2 Milliarden Mark. Wir +kommen somit zu einer Gesamtsumme der deutschen Leistungen seit +Kriegsende von 45,6 Milliarden Goldmark. – Hierbei ist der Wert der +Kolonien und der reine Wirtschaftswert der abgetretenen oberschlesischen +und westpreussischen Gebiete nicht in Ansatz gebracht. Fügt man den nach +mittleren Schätzungen hinzu, so erhöht sich diese Summe auf weit über +100 Milliarden Goldmark. + +Das habe ich dem Auslande zu sagen, das durch eine starke Propaganda +heute noch immer die Meinung zu hören bekommt, Deutschland habe nichts +gezahlt und Deutschland wolle nichts zahlen. Es ist die stärkste +Zahlungsleistung von Deutschland ausgegangen, die jemals von einem Volke +der Erde an andere Völker geleistet worden ist. + +Die andere Behauptung lautet: Deutschland habe nicht entwaffnet und +wolle nicht entwaffnen. Auch hier werde ich Ihnen eine Reihe von Zahlen +geben und bitte dabei zu bedenken, dass sich in diesen Zahlen nicht die +ganze Entwaffnung Deutschlands ausdrückt, dass sie nicht die gewaltige +Heeresreduktion umfassen und dass sie den Verlust unserer Festungen +nicht enthalten. Es sind unter anderem abgeliefert worden an Gewehren +und Karabinern 5,8 Millionen, an Maschinengewehren 102 000, an +Minenwerfern und Granatwerfern 28 000, an Geschützen und Rohren 53 000, +an scharfen Artilleriegeschossen und Minen 31 Millionen, an scharfen +Hand-, Gewehr- und Wurfgranaten 14 Millionen, an Zündern 56 Millionen, +an Handwaffenmunition 390 Millionen und an Pulver 31 900 000 Kilo. +Demgegenüber ist die Behauptung eine vermessene, dass Deutschland zur +Abrüstung nichts getan habe. Die deutsche Abrüstung ist eine Leistung +von unerhörter Grösse, und es ist nicht wahr, wenn man behauptet, dass +einige Waffenfunde, die in Deutschland gemacht worden sind, an diesem +Bilde irgend etwas Wesentliches ändern. Noch in 100 Jahren wird man +vermutlich irgendwo in deutschem Boden vergrabene Waffen finden, gerade +so gut wie man heute noch römische Münzen oder longobardische Schwerter +im Boden findet. Eine 100 prozentige Leistung auf dem Gebiet einer +grossen Aktion gibt es nicht, und wenn hier Bruchteile eines Prozentes +zurückgeblieben sein mögen, so ist kein Grund dafür, diese Tatsachen in +Form von Entdeckungen aufzubauschen. Kein denkender Mensch in der Welt +kann annehmen, dass Deutschland mit dem, was ihm an Waffen oder an +Kriegern verblieben ist, einen Krieg führen kann. Jeder Mensch, der +heute vertraut ist mit dem technischen Wesen eines Krieges, weiss, dass +ein neuzeitlicher Krieg nicht zu führen ist mit Resten von Waffen, dass +er überhaupt nicht zu führen ist mit vorhandenem Material, sondern dass +er nur geführt werden kann durch Umstellungen der gesamten +Industrialität eines Landes. Diese Umstellung aber ist in Deutschland +nicht möglich, und somit sind alle Bemühungen vergeblich, die darauf +hinauslaufen, etwa den Beweis deutscher Wehrkraft dadurch zu bringen, +dass noch ein halbes oder ein viertel Prozent der deutschen Waffen nicht +abgeliefert sein möge. + +Damit will ich den verborgenen Waffen aber nicht das Wort reden. Ich +halte es für tief bedauerlich, dass das Reich in Gefahr gebracht worden +ist durch solche Personen, die Waffen versteckt haben mit irgendwelchen +unklaren und verworrenen Absichten, ohne sich deutlich zu machen, dass +wir dadurch von neuem den Beschwerden von Kommissionen und schweren +politischen Verwirrungen ausgesetzt werden. Die Reichsregierung wird und +muss alles tun, um diejenigen Verpflichtungen, die sie übernommen hat, +durchzuführen, und es soll ihr dabei niemand in den Arm fallen. + +Die Abrüstung Deutschlands bezeichne ich als eine vollkommene, und ich +bezeichne sie um so mehr als eine vollkommene, als sie stattgefunden hat +in einem Europa, das von Waffen starrt. Die beabsichtigte Abrüstung der +Welt, wozu hat sie geführt? Sie hat dazu geführt, dass gegenwärtig in +Europa nicht 3,7 Millionen Soldaten unter Waffen stehen, wie vor dem +Kriege, sondern 4,7 Millionen. In dieser waffenstarrenden Welt kann man +von einem bewaffneten und kriegsbereiten Deutschland nicht sprechen, +wenn man ehrlich die Verhältnisse betrachtet. + +Aber, meine Damen und Herren, es ist doch einmal nötig auszusprechen: +wenn Deutschland diese gewaltigen Leistungen getätigt hat, die +Leistungen seiner Zahlungen auf der einen Seite, die Leistungen seiner +Entwaffnung auf der anderen Seite, unter welchen physischen und +moralischen Verhältnissen Deutschland diese beiden grossen Taten +vollbracht hat. Halb verhungert ging das Land aus dem schwersten aller +Kriege hervor; aber nicht nur aus dem Kriege, sondern aus einer +Blockade, die sich noch nahezu ein Jahr über Kriegsende hinaus +verlängert hatte. In diesem Zustande durchschritt das Volk eine +Revolution und eine Reihe von wirtschaftlichen Krisen, die heute noch +nicht beendet ist. Eine Geldentwertung trat ein, die, wie es Herr +Stresemann mit beweglichen Worten ausgeführt hat, den Mittelstand +zerbrach, die eine Umschichtung der Stände herbeigeführt hat, wie sie +bedauerlicher nicht gedacht werden kann, die Elend und Entbehrungen in +alle Schichten des Volkes und fast in jede Familie gebracht hat. Die +Intelligenz des Landes, unsere kulturellen Werte sind in schwerster +Gefahr und Bedrängnis. Der Kanzler hat geschildert, wie es kaum mehr +möglich ist, die notwendigsten Institute der gesundheitlichen Pflege zu +erhalten. Die Wissenschaft ist in Gefahr. Tausende haben ihre Studien +unterbrechen müssen, haben sich anderen Berufen zugewandt. Der +Berufswechsel in Deutschland, die Verarmung der geistigen Schichten hat +die kulturelle Kraft unserer Bevölkerung um Jahre zurückgeworfen. + +Gleichzeitig aber hat auf dem Lande, das die Leistungen vollbrachte, von +denen ich sprach, die Leistungen der Zahlung und der Abrüstung, ein +Druck gelastet, der bis zum heutigen Tage nicht behoben ist, der schwere +Druck des Gemütempfindens, der Schmerz um verlorene Heimat, der Druck +der Okkupationsheere im Osten und Westen, der Druck der Sanktionen, die +uns drei Städte im Frieden entrissen haben, der Druck der Kommissionen, +die im Lande herumreisen und in alle unsere Verhältnisse eingreifen. +Dieser schwere Druck hat auf dem Volke gelastet neben dem +wirtschaftlichen und neben dem sozialen, während es diejenigen +Leistungen vollbrachte, die ich erwähnt habe. Ich glaube nicht, dass es +ungerecht ist, zu fragen, ob je ein Volk in geschichtlichen Zeiten im +Frieden einer härteren Probe unterworfen worden ist. Wie aber hat sich +Deutschland den Verhältnissen gegenüber selbst verhalten? In dieser Zeit +der schwersten Not, der schwersten Sorge, der stärksten moralischen und +physischen Anspannung ist Deutschland dasjenige Land gewesen, das +Europas Zivilisation erhalten hat; denn hätte Deutschland in dieser Zeit +den Willen zur Ordnung und Disziplin sinken lassen, hätte sich +Deutschland in dieser Zeit in Umsturz gleiten lassen, so wäre für die +europäische Zivilisation eine Rettung nicht mehr erwachsen. Wir +verlangen für das, was wir geleistet haben, von aussen keine Anerkennung +und keinen Dank; aber wir dürfen erwarten und verlangen, dass sich die +Welt endlich entschliesst, die deutschen Verhältnisse so zu sehen, wie +sie sind. Es ist nötig, dass in die fremden Länder diejenigen Stimmen +hineindringen – und deshalb darf ich auch die meine erheben –, die +behaupten und beweisen, dass die Leistungen Deutschlands die Achtung der +Welt verdienen. + +Da, wo unser schwerstes Unglück liegt, entspringen aber, wie ich glaube, +auch die Quellen unserer Hoffnung, die leider heute noch spärlich +fliessen. Denn, sind diese Dinge wahr, die ich ausgesprochen habe, und +sie sind es, so haben sie die Unaufhaltsamkeit der Wahrheit. Die +Wahrheit ist ein Strom, der sich nicht in Flaschen versiegeln lässt. Es +ist zweifellos, dass man die Wahrheit lange Zeit unterdrücken kann; aber +schliesslich macht sie ihren Weg um die Erde, und wenn die Wahrheit den +Weg um die Erde antritt, dann ist auch für uns der Augenblick des +Friedens gekommen, den wir ersehnen. + +Ich kehre zur Reparationsnote zurück. Ihre Beantwortung hat der Kanzler +gestern deutlich umschrieben. Er hat ausgesprochen, dass die Tür der +Verhandlungen nicht geschlossen ist; denn dieser Verhandlungen bedürfen +wir schon deswegen, um zurückzukommen auf diejenigen Goldleistungen, die +von der Reparationskommission in Aussicht genommen worden sind. Wir +haben die Absicht, der Reparationskommission zu sagen, dass unter den +heutigen Verhältnissen der Geldentwertung wir einen anderen Zahlungsplan +für 1922 erwarten. Richtlinien für die Verhandlungen mit der +Reparationskommission aber bleiben die beiden vom Kanzler +ausgesprochenen: ein Neubau unseres Steuerkompromisses ist nicht möglich +und ebensowenig möglich ist ein Eingriff in unsere Staats- und +Finanzhoheit. + +Herr Stresemann hat die Mahnung ausgesprochen, an die ich mich zu halten +beabsichtige, nicht auf diejenigen Punkte zurückzugreifen, die in der +Vergangenheit die Auffassungen innerhalb dieses Hauses getrennt haben. +Es sind gestern schwere Vorwürfe gegen die vergangene Politik des +Kabinetts erhoben worden. Ich gehe darauf nicht ein, weil auch ich den +Wunsch habe, dass wir gemeinschaftlich an der Zukunft und nicht getrennt +an der Vergangenheit arbeiten. Aber eins möchte ich nicht ungesagt +lassen: Ich glaube, dass das Kabinett es für sich beanspruchen darf, +dass es ihm möglich gewesen ist, im Jahre der stärksten Gefahr die +Einheit und Unversehrtheit des Reichs zu erhalten, und ich behaupte, +dass mit keiner anderen Politik die Unversehrtheit und Einheit des +Reiches gewahrt worden wäre. + +Die Politik, die wir zu führen beabsichtigen, ist die Politik des +Friedens. Wir führen sie in der freien Ueberzeugung und in dem Glauben +an unsere gute und gerechte Sache. + +Wir wollen die Erfüllung, soweit sie im Rahmen der Möglichkeit liegt, +nicht als Selbstzweck, sondern als Weg zum Frieden. Wir wollen den +Wiederaufbau der zerstörten Gebiete als Weg zum Frieden, und wir wollen +nach Kräften beitragen zur Entbürdung und zum Wiederaufbau der Welt. + +Freilich, vom wahren Frieden sind wir noch weit entfernt. Noch immer +herrscht ein tiefes Misstrauen zwischen den Völkern, gesteigert oftmals +bis zur Feindseligkeit des Wortes und der Handlung. An Stelle +gemeinschaftlicher Arbeit verkettet den Erdkreis ein Ring +gemeinschaftlicher Verschuldung. Europa starrt von Waffen, und es findet +sich nicht der Staatsmann und nicht die Nation, die sich zum befreienden +Gedanken und zur befreienden Tat aufrafft. Nach dreijährigem Frieden ist +unser eigenes Land noch immer friedlos, zum Teil militärisch besetzt, +zum Teil militärisch kontrolliert. + +Kann nun Genua dieser friedlosen Welt den ersehnten Frieden bringen? – +Amerika hat die Beteiligung an Genua abgelehnt mit der Begründung, Genua +sei eine politische Konferenz; Hauptfragen der wirtschaftlichen Probleme +werden in Genua nicht behandelt, und somit bleiben wir fern. In Boulogne +ist nochmals bekräftigt worden, dass die Probleme der Reparation, der +Grundlagen des Versailler Friedens, nicht der Beschlussfassung +unterliegen sollen. Dennoch hat der Kanzler gestern in seiner Rede die +hoffnungsvollere Seite von Genua erwähnt. Ich stimme seinen Ausführungen +bei und will das von ihm selbst beschränkte Mass von Hoffnungen nicht +herunterstimmen. Dennoch werden wir unsere Stellung zu Genua erneut zu +prüfen haben. Wir müssen erwägen, mit welchen Gedanken, aber auch mit +welchen Gefühlen wir uns einer Konferenz nähern, auf der das Schicksal +und der Aufbau einer Welt behandelt werden soll, aber nicht der unseren, +nicht unser Aufbau und nicht unser Schicksal. Lässt sich eine Brücke +finden, – gut! Lässt sie sich nicht finden, so wird Genua das Schicksal +von vielen anderen Konferenzen teilen. + +In diesem Zusammenhang ein Wort in Anknüpfung an die Ausführungen des +Herrn Stresemann über Russland. Zweifellos wird Genua für Russland +manches Wesentliche bringen, und ich will nicht einen Augenblick die +Auffassung der Kabinettsregierung unausgesprochen lassen, die dahin +geht, dass wir nach Ausmass unserer Kräfte uns aufrichtig bemühen +werden, am Wiederaufbau Russlands mitzuwirken. Dabei ist der Weg von +Syndikaten nicht der entscheidende, Syndikate können nützlich sein, und +von solchen Syndikaten sollten wir uns nicht ausschliessen. Dagegen wird +das Wesentliche unserer Aufbauarbeit zwischen uns und Russland selbst zu +besprechen sein. Solche Besprechungen haben stattgefunden und finden +weiter statt, und ich werde sie mit allen Mitteln fördern. Es ist kein +Gedanke daran, dass Deutschland etwa die Absicht hätte, Russland +gegenüber die Rolle des kapitallüsternen Kolonisten zu spielen. Ich +freue mich ganz besonders, dass von seiten des Herrn Stresemann und +seiner Freunde heute eine solche Stellung Russland gegenüber gewünscht +wird, denn ich erinnere mich an eine Periode, in der ich mit meiner +Auffassung über die Notwendigkeit, Russland zu Hilfe zu kommen, bei +dieser Seite keine Gegenliebe gefunden habe. + +Soll, meine Herren, aus dem Chaos der Welt ein Ausweg gefunden werden, +so ist es nötig, den Rahmen weiter zu spannen, als es durch die Note der +Reparationskommission geschehen ist. Es ist schlechterdings nicht +möglich, dass eine niedergebrochene Welt aufgerichtet werde lediglich +durch die Arbeit eines einzigen Landes, auch wenn dieses Land noch so +gutwillig an diesem Aufbau mitzuwirken gewillt ist. Alle Nationen der +Erde, nicht nur die ehemaligen Kämpfer, müssen erkennen, dass sie +sämtlich am Aufbau der Welt in gleichem Masse interessiert sind. Sie +müssen erkennen, dass sie einander wechselseitig bedürfen als +Produzenten und als Käufer, sie müssen erkennen, dass sie alle die +gleichen Rohstoffe dieser Erde nötig haben. Sie müssen sich vereinigen +zu einer Sanierungsaktion der Welt, von der sich niemand ausschliessen +darf, der aus den Vorräten der Welt schöpft. Deutschland aber bedarf, um +im Kreise der Völker die ihm gestellte Aufgabe des Aufbaus zu erfüllen, +einer Atempause, die nur durch äussere Anleihen beschafft werden kann. +Um aber sein Verhältnis zu seinen Gläubigern zu regeln, und zwar zu +regeln in loyaler und ehrlicher Weise, muss Deutschland das Recht haben, +sich mit seinen Gläubigern an einen Tisch zu setzen. Das bedeutet keine +Uebergehung der Reparationskommission, die immer noch genügend Aufgaben +zu erfüllen haben wird. Es kann aber dem Schuldner nicht verwehrt werden +und ist ihm zu keiner Zeit verwehrt worden, sich mit seinen Gläubigern +zusammenzusetzen und mit ihnen diejenigen Mittel zu beraten, wie +wechselseitig das Verhältnis geregelt werden kann, nicht nur auf dem +Gebiet des Geldes, sondern auf allen Gebieten, die Gläubiger und +Schuldner gemeinschaftlich berühren. + +Ich kann es verstehen, dass man sich formal auf den Standpunkt gestellt +hat, das deutsche Reparationsverhältnis kann in Genua nicht verhandelt +werden, weil dort 40 Nationen vertreten sind, die, nur zum Teil an +Reparationsfragen beteiligt, nicht beschliessen können, wie +Deutschlands Verhältnis zu seinen Gläubigern sich gestalten soll. Ich +sage, ich kann es formal verstehen; sachlich hätte ich eine andere +Lösung gewünscht. Aber wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, dass +Genua für diese Kernfrage der gesamten Weltwirtschaft unzuständig ist, +so ist es umsomehr notwendig, dass eine Regelung zwischen Deutschland +und seinen Gläubigern durch gemeinschaftliche Verhandlungen gefunden +wird. Es ist gestern in der Debatte Erwähnung Amerikas geschehen. Ich +halte es für falsch, auf ein einzelnes Land, sei es das stärkste und +edelste der Welt, alle Hoffnung zu setzen. Es entspricht der Gewohnheit +verzweifelter Schuldner, alle Hoffnung an einen einzigen Anker zu +hängen. In der Regel werden solche Hoffnungen getäuscht. Ich kenne sehr +wohl die Abneigung Amerikas, sich auf die wirtschaftlichen Verhältnisse +Europas einzulassen. In erster Linie ist es eine schwere +Europamüdigkeit, die Amerika befallen hat nach den Erfahrungen des +Krieges und nach den Erfahrungen des beginnenden Friedens. Wer das Tun +und Treiben in Europa mit unbeteiligten Augen überblickt, dem liegt es +freilich nahe – und man kann es ihm nicht verdenken –, wenn er die Augen +abwendet. + +Ein anderes Motiv Amerikas, sich nicht einzumischen, besteht darin, dass +die Auffassung in volkswirtschaftlichen amerikanischen Kreisen herrscht, +die amerikanische Ausfuhr bedeute nur einen kleinen Bruchteil, man +spricht von 7 Prozent, der amerikanischen Produktion. Diese Zahl hält +der Nachprüfung nicht stand, und ich glaube, dass man in kurzer Zeit in +Amerika erkennen wird, dass der Prozentsatz der Ausfuhr im Verhältnis +zur Produktion ein ganz bedeutend grösserer ist. Ich schätze das +Verhältnis der Ausfuhr zur amerikanischen Fertigproduktion auf +mindestens 20 bis 25 Prozent. Auf eine solche Ausfuhr aber wird Amerika +auf die Dauer nicht leicht verzichten. + +Plausibel für die amerikanische Nichteinmischung ist aber noch ein +dritter Grund. Amerika sagt: warum sollen wir unser Geld Europa zur +Verfügung stellen, einem Kontinent, der es nur für seine Rüstungszwecke +verbraucht? Das ist ein Einwand, den man verstehen kann. Aber ich +glaube, Amerika wird empfinden, dass man einem Ertrinkenden keine +Bedingungen stellt. Es ist nicht möglich, zu warten, bis der Geist des +Friedens in Europa durchgedrungen ist, um Europa zu helfen. + +Am 1. April wird der künftige amerikanische Botschafter Houghton sich zu +Schiff begeben, um nach Deutschland zu kommen und hier seinen Posten zu +übernehmen. Ich rufe ihm ein Willkommen entgegen und hoffe, dass seine +Mission in Deutschland für beide Länder fruchtbringend sein wird. Wir +selbst haben einen der stärksten Leiter unseres Wirtschaftslebens, +Geheimrat Wiedfeldt, bestimmt, uns in Washington zu vertreten. Ich +glaube, dass diese Wahl von Amerika gut aufgenommen werden wird. Denn +Amerika wünschte sich einen starken Mann der Wirtschaft, und ich hoffe, +dass Herr Wiedfeldt drüben ein gesegnetes Feld seiner Tätigkeit finden +wird. Noch nie hat eine Nation so unentrinnbar das Schicksal eines +Kontinents in der Hand gehalten wie Amerika im gegenwärtigen Augenblick. +Eine gewaltige Verantwortung ist mit dieser Machtstellung verbunden, zu +der diejenige des Krieges hinzutritt, den Amerika entschieden hat, und +des Friedens, den es gleichfalls bestimmte. Wir dürfen hoffen, dass +Amerika, das wir nicht lediglich als ein Land materieller Interessen +ansehen dürfen, sondern von dem wir anerkennen müssen, dass es ein Land +mit starken moralischen Impulsen ist, sich einer Beratung, die sich mit +der endgültigen Regelung der deutschen Schuldverhältnisse befasst, nicht +entziehen wird. + +Der Osten Europas ist niedergebrochen; das unglücklichste aller Länder, +Oesterreich, dem wir heute die herzlichste brüderliche Teilnahme +entgegenbringen, ist diesem Niederbruch leider gefolgt. Deutschland +ringt mit allen seinen Kräften um seine Existenz, es ringt mit den +Kräften seines Willens und seiner Arbeit und kämpft gegen seinen +Niederbruch an. Der Niederbruch Deutschlands aber ist der Niederbruch +Europas. Deutschland verlangt von niemand in der Welt Mitleid, aber +Deutschland verlangt die Einsicht der Nationen in die Einheit und in die +Verflochtenheit der Weltinteressen. Deutschland verlangt von den +Nationen der Welt die Möglichkeit der Aufstellung eines Arbeitsplanes +und die Möglichkeit einer Mitwirkung zu gemeinsamem Wiederaufbau. Eine +solche Mitwirkung aber lässt sich nicht durch Diktate erzwingen, sie +lässt sich nur durch ein freiwilliges, ehrliches, gutgewolltes +Zusammenarbeiten der Nationen erreichen, von denen es keine gibt, die +heute nicht der Hilfe bedürfte. + +Wir aber, die wir gemeinsam mit Ihnen und in Ihrem Auftrag die +Verantwortung für die Politik des Reichs tragen, wir kämpfen für +dreierlei. Wir kämpfen für die Existenz des Volkes, wir kämpfen für die +Unversehrtheit und Einheit des Reichs, wir kämpfen für den Frieden und +für den Aufbau. Dieses Ziel ist uns allen gemeinsam. Es gibt nicht eine +Seele in diesem Hause, die sich davon ausschliesst. Deshalb lassen Sie +uns auch dieses Ziel in Einigkeit verfolgen! + + + + +REDE +VOR DER VOLLVERSAMMLUNG +DER GENUESER KONFERENZ +VOM 19. MAI 1922 + + +Der Abschluss der provisorischen Arbeiten der Konferenz gestattet uns +einen Ueberblick über die welthistorischen Leistungen der Konferenz, die +erst in den kommenden Jahren mehr und mehr hervortreten werden und für +die Europa der Genueser Konferenz Dank schuldet. Es wäre ein +unberechtigter Optimismus, zu hoffen, dass durch den Abschluss dieser +Arbeiten die Weltkrise sofort eine merkliche Linderung erfährt. Eine +solche Besserung der allgemeinen Weltlage wird erst dann eintreten, wenn +eine Reihe von Prinzipien erfüllt sind, die in den Beratungen der +Kommission mit immer wachsender Deutlichkeit hervortraten, wenn sie +vielleicht auch nicht ihren vollen Ausdruck in den niedergelegten +Leitsätzen gefunden haben. + +Indem ich mich an die der Konferenz gezogenen Grenzen auf das strikteste +halten werde, will ich versuchen, die vier grossen und unausgesprochenen +Wahrheiten darzulegen, die mir aus den Beratungen hervorzugehen scheinen +und die, wie ich glaube, unbedingte Voraussetzungen für eine Gesundung +der Weltwirtschaft bilden. Die erste dieser Wahrheiten lautet: Die +gesamte Verschuldung der Länder ist zu gross im Verhältnis zu ihrer +Produktionskraft. + +Alle hauptsächlichen Wirtschaftsländer sind in einen Verschuldungskreis +hineingezogen, der die meisten gleichzeitig zu Gläubigern und Schuldnern +macht. Durch ihre Eigenschaft als Gläubiger wissen die Staaten nicht, +wieviel sie von ihrem Guthaben erhalten werden, in ihrer Eigenschaft als +Schuldner wissen sie nicht, wieviel sie zahlen können und müssen. + +Ueberhaupt kann kein Staat einen wirklichen Haushalt aufstellen, kein +Staat kann es wagen, sich in grosse umfangreiche Neueinrichtungen +einzulassen, die seine Wirtschaft verbessern und die dem Geldmarkt neue +Nahrung geben. Kein Staat kann auf eine gesicherte Stabilisierung seiner +Zahlungsbilanz und damit auf seine Wechselkurse vertrauen, mit Ausnahme +jenes einen grossen Reiches, das niemandem schuldet und Gläubiger aller +ist, nämlich Amerika, ohne dessen Beteiligung der Wiederaufbau Europas +unmöglich wird. Vor allem aber können den überschuldeten Ländern neue +Mittel, deren sie bedürfen, nicht zugeführt werden, denn die +Ueberschuldung liegt vor aller Augen zutage, und so wenig ein freier +Gläubiger bereit sein kann, Devisen zur Verfügung zu stellen, so wenig +darf ein überlasteter Schuldner es wagen, sie anzunehmen. + +Auch in früheren Zeiten waren die Staaten untereinander verschuldet, +aber diese Schuld stand in einem Verhältnis zur Produktionskraft und +entsprach überdies werbenden Anlagen. Die heutige Verschuldung beläuft +sich auf mehr, als die Staaten in Jahrzehnten ersparen und abzahlen +können. Sie ist somit eine finanzielle Realität. Eine wirtschaftliche +Realität aber ist ihnen so fern, als sie den Produktionsprozess der Welt +hemmt. + +Es bleibt somit nur derjenige Weg übrig, der von einzelnen +Wirtschaftsobjekten stets beschritten wurde, wenn ihre Verschuldung die +Produktionskraft überstieg, nämlich der Weg der Sanierung und des +Schuldabbaues. + +Die zweite der ausgesprochenen Genueser Wahrheiten scheint mir zu liegen +in dem Satz, dass kein Gläubiger seine Schuldner am Bezahlen der +Schulden hindern sollte. Wenn ein einzelnes Individuum einem anderen +Geld schuldet, so kann verlangt werden, daß zur Auszahlung eine +vereinbarte Münze verwendet wird, und es ist Sache des Schuldners, +solche Münzen sich zu verschaffen, wie sie am Markte in jeglichem +Umfange stets erhältlich sind. Ein Land kann einem anderen auf die Dauer +seine Schulden nur in Gold bezahlen und, wenn es Gold nicht produziert +oder nicht in grösserem Umfange besitzt, in Gütern. + +Eine Zahlung in Gütern aber ist dann nur möglich, wenn der Gläubiger sie +gestattet. Verbietet er sie, so tritt Zahlungsunfähigkeit ein, und +erschwert er sie durch Zölle oder durch andere hindernde Massnahmen, so +wird der Betrag der Schuld willkürlich vermehrt; denn wenn um so viel +mehr Waren geliefert werden, als erforderlich ist, um die auferlegten +Lasten zu bezahlen, dann wird das Zahlungsmittel entwertet und somit die +Schuldsumme erhöht. + +Es sollte somit jedes Land, das Zahlungen zu empfangen wünscht, seinen +Schuldnern solche Erleichterungen der Einfuhr gewähren, die es ihm +ermöglichen, den verschuldeten Betrag ohne unwillkürliche Erhöhung zu +leisten. + +Die dritte der Wahrheiten ist vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck +gekommen und ausgesprochen in dem Satz, dass die Weltwirtschaft erst +dann wieder hergestellt werden kann, wenn ein imponderabiler Wert wieder +gewonnen ist, nämlich das wechselseitige Vertrauen. Dieses Vertrauen +kann aber nur wiederkehren, wenn die Welt im wahren Frieden lebt. + +Der heutige Zustand der Welt ist nicht Frieden, sondern ein Zustand, der +dem Kriege ähnlich ist, jedenfalls ist es kein vollkommener Friede. +Leider ist in den einzelnen Ländern die öffentliche Meinung noch nicht +demobilisiert. Die Ueberreste der Kriegspropaganda zirkulieren noch +immer und belasten die Atmosphäre. Jeder, der seine Mittel und seine +Arbeit einem Lande anvertraut, hat daher mit der Gefahr zu rechnen, dass +dieses Land binnen kurzem durch Verhältnisse höherer Gewalt, die nicht +in Naturereignissen, sondern in politischen Ereignissen liegen, +gefährdet und verwandelt werden kann. Vor allem ist die Erkenntnis nicht +gesichert, dass ein Schuldner, zumal wenn er verarmt ist, der Schonung +bedarf, und dass er unfähig wird, zu leisten, wenn ihn die Mächte seiner +Möglichkeiten, namentlich seines Kredits, berauben. Dass dies +tatsächlich die Imponderabilien sind, die den ehemals so grossen +Austausch des Produktions- und Konsumptionsverkehrs hemmen, geht aus der +Tatsache hervor, dass die Produktionsmittel der Welt nahezu vollkommen +erhalten sind. Selbst wenn man alle tief bedauerlichen Zerstörungen des +Krieges und vor allem der Nachkriegszeit in Rechnung zieht, darf man +annehmen, dass im gesamten Produktions- und Verkehrsapparat selbst mehr +als 90 Prozent erhalten sind. Die gewaltigen und tief beklagenswerten +Zerstörungen innerhalb des russischen Reiches greifen in den Welthandel +nur mit etwa 3 Prozent ein. + +Trotz der grossen Menschenverluste des Krieges sind aber die +menschlichen Produktionskräfte fast vollständig erhalten, denn sie +haben sich in starkem Umfange ergänzt. Wenn somit die Geldmaschinerie +nicht arbeitet, obgleich sowohl ihre Substanz wie ihre Triebkräfte fast +vollständig erhalten sind, wenn auf der einen Seite Millionen von Händen +feiern, auf der anderen Seite Millionen von Menschen hungern, wenn auf +der einen Seite unzählige Gütermengen unverkäuflich sich aufstapeln, auf +der anderen Seite an den gleichen Gütern der schwerste Mangel besteht, +so liegt das daran, dass die wechselseitige Verschuldung als +psychologisches Moment wirkt. Als weitere psychologische Momente sind +der mangelnde Friedenszustand und das mangelnde Weltvertrauen +bestimmend. + +Wenn man sich nun fragt, ob es denn wirklich kein Mittel gibt, die +erschlafften Kräfte des Weltaustausches neu zu beleben, die Maschinerie +der Weltproduktion von neuem in Bewegung zu setzen, so ergibt sich die +vierte der unausgesprochenen Thesen, nämlich die, dass nicht durch +irgend einen oder zwei Käufer, sondern durch das Zusammenwirken aller in +den ökonomischen und Weltproblemen neue Bewegung zugeführt werden kann. + +Wie sollte auch nach einem Zerstörungswerk sondergleichen die Welt +geheilt werden, wenn nicht sämtliche Länder der Erde sich dazu +entschliessen, gemeinschaftlich Abhilfe zu bringen. Durch ein +universelles Opfer der Welt und der leidenden Menschheit kann nur eine +leidende Welt geheilt werden. Niemals ist ein Wiederaufbau anders +gelungen als durch Aufwendung gewaltsamer neuer Mittel. Solche Mittel +werden nicht aufgebracht werden, solange ein jedes Glied der +Weltwirtschaft mit wenigen Ausnahmen überschuldet ist. Das erste Opfer +wird somit in dem allgemeinen Abbau des Verschuldungskreises zu suchen +sein. Das weitere Opfer besteht in der gemeinsamen Aufbringung grosser +neuer Mittel für den Wiederaufbau, sei es auf dem Wege allgemeiner und +wechselseitiger Kredite, sei es auf anderen Wegen, deren Erörterung zu +weit führen würde. Dass die Genueser Konferenz zur Erörterung dieser +Fragen geführt hat, ist eine Tatsache, die in der Geschichte Europas +unvergessen bleiben wird. + +Ein weiteres historisches Ergebnis der Konferenz erblickt die deutsche +Delegation in der Annäherung des grossen, schwerbedrängten russischen +Volkes an den Kreis der besten Nationen. Durch manche Aussprachen hat +Deutschland sich bemüht, zu einer Annäherung der beiderseitigen +Gesichtspunkte beizutragen. Deutschland hofft, durch die Fortsetzung der +beiderseitigen Besprechungen das Werk des Friedens zwischen Ost und West +zu fördern. + +Für den Schutz, den Italien diesem Werk des allgemeinen Friedens gewährt +hat, schuldet die Welt dieser hochherzigen Nation und ihren Führern den +tiefsten Dank. Die Geschichte Italiens ist älter als die der meisten +europäischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr als einmal grosse +Weltbewegungen entstanden. Abermals und hoffentlich nicht vergebens +haben die Völker der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in +der tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck verliehen +hat: Io vò gridando Pace, Pace, Pace! + + + + +ANHANG + + + + +REDE, GEHALTEN AM 9. JUNI 1922 +IN STUTTGART, VOR EINEM +GELADENEN KREIS +ALLER PARTEIEN + + +Der Herr Reichskanzler hat mit seinen beredten Worten den Kreis eines +Jahres vor Ihnen entrollt. Er hat seine Ausführungen begonnen mit der +Schilderung der Lage, in der sich unser Volk an den Tagen der Ultimaten +des letzten Jahres befand. Uns allen ist in Erinnerung die Härte der +Worte, die damals gesprochen wurden, der unbelehrbare wirtschaftliche +Aberglaube, der aus diesen Worten sprach. Wir alle haben uns damals +gefragt, wie ist es möglich, von einem Volk zu verlangen, dass es 132 +Milliarden als Kriegsentschädigung hingibt, mehr als die Hälfte seines +ganzen Vermögens, eine Zahlungsleistung in Gold, das dieses Land nicht +besitzt? Ist es möglich, dass jemals Vernunft über den Erdball kommt und +den Irrsinn dieser Gedanken zerstört? Wie lange wird es dauern, werden +Jahre oder Jahrzehnte vergehen bis zu dem Augenblick, wo die Erde +einsieht, dass es unmöglich ist, diese Forderungen zu erfüllen, auch +wenn Deutschland noch so gutwillig sich der Konvention der Historie +fügt, die besagt, dass der Besiegte zahlt. Nur schrittweise konnte die +Vernunft ihren Weg nehmen; kein Weg ist so lang, als der Weg der +Vernunft und der Weg der Wahrheit. Diesen Weg eines Jahres – denn ein +Jahr hat es gedauert, bis die Welt vor einer veränderten Einsicht +stand –, diesen Weg eines Jahres lassen Sie uns in kurzen Abschnitten in +Eile noch einmal durchlaufen. Der erste abergläubische Gedanke im +Augenblick der Unterzeichnung jenes unglücklichen Ultimatums, der +Gedanke der ehemaligen Gegner war: Zahlungen können in beliebiger Höhe +von einem Land in Gold geleistet werden, das kein Gold erzeugt, und das +kein Gold besitzt. Es bedurfte der Arbeit von Monaten, die von +Verhandlung zu Verhandlung geschritten ist, – der Name der Stadt +Wiesbaden ist mit diesen Verhandlungen verknüpft, – um zu erkennen, +dass, wenn Leistungen erheblichen Umfanges von einem Land an ein anderes +bewirkt werden sollen, nicht Gold das Zahlungsmittel sein kann, sondern +nur das Gut, die Ware. Der belehrende Charakter dieser Verhandlungen war +von Bedeutung. Noch heute sind die Verträge, die damals unterzeichnet +wurden, nicht ratifiziert. Bis heute haben sie keine Wirkung gehabt auf +wirtschaftlichem Gebiet, aber ihre Wirkung auf dem Gebiet +wirtschaftlicher Einsicht war von hohem Wert. Ein Volk kann, wenn es +sein muss, für ein anderes, für einen Kontinent arbeiten, aber es kann +nicht mit dem alchimistischen Zaubermittel des Steins der Weisen Gold +aus Nichts schaffen. + +Die Erkenntnis ging weiter. Im Herbst, als ich aus dem +Wiederaufbauministerium ausgeschieden war, benutzte ich die Zeit der +Freiheit, um nach England zu gehen, dort die Stimmung zu erkunden und, +soweit es dem einzelnen möglich ist, dieser Stimmung Aufklärungen +zuzuführen, die wünschenswert erschienen. Damals war in England eine +Auffassung im Aufdämmern, die einen Fortschritt wirtschaftlicher +Erkenntnis bedeutete. Man hatte begriffen, dass, wenn ein Land im +Uebermass unter Zwang, unter erschwerten Bedingungen Arbeit leistet für +einen Kontinent, eine Arbeit, die man kaum zu hart mit dem Ausdruck der +Gefängnisarbeit bezeichnen könnte, dass dadurch nicht allein dieses Volk +geschädigt wird, sondern mit ihm die Gemeinschaft der wirtschaftenden +Völker der Erde. Diese Erkenntnis stieg auf in demjenigen Lande, das +zuerst und zumeist vom Schaden betroffen war, nämlich in England. Man +bemerkte, dass die Zerrüttung der Märkte dasjenige Land am schwersten +schädigen musste, das als Kaufmann, als Handwerker, als Fabrikant dieser +Märkte bedurfte, um seinen Beitrag zum Wirtschaftsleben der Welt zu +leisten. So entstand die Einsicht, dass nicht ein einziges Land imstande +sein würde, die Krankheit eines geschlagenen Kontinents zu heilen, +sondern dass eine wirtschaftliche Verflochtenheit bestand, eine +unlösbare Einheit, und dass jedes Glied, das aus dieser Einheit +ausfällt, sei es Rußland als Konsument, sei es Deutschland als +Produzent, dass jedes fehlende Glied die Weltgemeinschaft schädigt. Bei +den Führern der englischen Politik befestigte sich der Gedanke, eine +wirtschaftliche Weltkonferenz zusammenzuberufen. + +Die Beschlussfassung über die Berufung war Sache des Obersten Rats der +Alliierten. Er versammelte sich in Cannes, und dort war es zum ersten +Male den deutschen Vertretern möglich, unsere Gesamtlage vor dem +Areopag der Welt zu entwickeln. In Cannes wurde es deutlich, dass das +deutsche Problem die europäische Wirtschaftslage beherrschte, und neben +diesem deutschen Problem, in fernere Zukunft weisend, trat das russische +Problem hervor. Kaum hatte man endgültig beschlossen, die +Wirtschaftskonferenz einzuberufen, da brach die Konferenz von Cannes ab, +denn ein Regierungswechsel hatte sich in Frankreich vollzogen, die +Regierung Briands wurde durch die Regierung Poincaré abgelöst. +Monatelang zweifelte man, ob es der auftretenden Opposition gelingen +würde, den Gedanken der Weltkonferenz zu zerstören oder zur +Unkenntlichkeit umzugestalten. Schliesslich kam sie zustande, doch unter +Erschwernissen. Denn es hatten Besprechungen stattgefunden in Boulogne, +und in diesen Besprechungen war von England dem französischen Wunsch +stattgegeben worden, dass die Konferenz, die einberufen war zur Heilung +des Leidens des Kontinents, dass diese Konferenz über eins nicht +sprechen durfte: nämlich über das Wesen und die Ursache dieses Leidens. +Es durfte nicht gesprochen werden über die Kernfrage, die deutsche +Frage, die Reparationsfrage. Der Herr Reichskanzler hat es Ihnen +dargelegt: strassauf, strassab in Genua war dennoch alles erfüllt von +dieser Frage. So kam es denn, dass neben der ungelösten russischen +Frage, die einer Sachverständigenkonferenz vorbehalten werden musste, +doch eine Reihe von Erkenntnissen sich klärte, die freilich in den +Kommissionssitzungen nur andeutungsweise besprochen werden durften. Doch +gab es eine Schlußsitzung, und in dieser konnte es den deutschen +Delegierten nicht verwehrt werden, die Kernprobleme ans Licht zu stellen +und die Nationen zu fragen: ja oder nein. Soweit eine Konferenz, ein +überfüllter Saal, ein Welttheater, eine Antwort auf solche Fragen geben +darf, wurde sie gegeben. So lauteten etwa unsere Fragen: Kann ein +Kontinent gesunden, wenn jede Nation der andern tief verschuldet ist? +Kann eine Nation sich regen, wenn sie gleichzeitig überlasteter +Gläubiger und hoffnungsloser Schuldner ist? Kann eine Kette von +Gläubigern und Schuldnern ein wirtschaftliches Dasein führen, wenn am +einen Ende der Kette ein grosses Reich, Amerika, steht, das niemandem +schuldet, und am anderen Ende unser armes Land, das von niemandem etwas +zu fordern hat? Die Antwort ist: Ein solcher Kreis der Weltverschuldung +muss zerschnitten werden. Und in diesem Kreis der Weltverschuldung ist +das deutsche Reparationsproblem nur ein Spezialfall der Verschuldung von +Volk zu Volk. Des weiteren konnte nicht geleugnet werden, dass dem +Schuldner, der zahlen soll, die Zahlung nicht unmöglich gemacht werden +darf. Da Zahlung nur in Waren geleistet werden kann, so ist diejenige +Politik widersinnig, die der Ware des Schuldnerlandes den Eingang ins +Gläubigerland verschliesst, es ist widersinnig, gleichzeitig die Mauer +des Antidumping, des Prohibitivzolls, zu erhöhen, und gleichzeitig zu +verlangen, dass die zu entrichtende Ware diese Dämme überschwemmen soll. +Auch diese Erkenntnisse tauchten in Genua auf: dass ein Wiederaufbau der +Welt, wenn man ihn ernst ins Auge fasst, wenn der Begriff nicht zum +Gemeinplatz zerfliessen soll, dass ein solcher Wiederaufbau nur möglich +ist durch Opfer. Dass er nicht möglich ist durch das Opfer des einen +oder des anderen Volkes, sondern dass sämtliche Völker beitragen müssen. +So wie sämtliche Völker sich durch diesen furchtbaren Krieg in Schuld +begeben haben, so müssen sämtliche Völker der Erde gemeinsam Opfer +bringen, um die Folgen dieses Krieges zu mildern. Deshalb war es nötig, +auszusprechen: nicht ein einzelnes Volk kann Europa heilen, sondern die +Völker müssen zusammentreten und gemeinschaftlich wirken, sie müssen +sich nicht damit begnügen, die Abbürdung dieser Weltschuld vorzunehmen, +sie müssen dafür sorgen, dass neue Mittel beschafft werden. Denn zu +jedem Aufbau gehören Mittel. Man kann nicht bauen aus Luft und Wolken. +Wer baut, braucht Materialien und muss diese Materialien in Werten +beschaffen. Werte aber freiwillig darbieten, heisst Opfer bringen. + +Neben diesen wirtschaftlichen Problemen war die Atmosphäre Genuas +erfüllt von den Problemen Russlands. Die Wiederverbindung des Ostens und +Westens ist eine der grossen Aufgaben der künftigen europäischen +Politik. Es ist nötig, dass ein Kontinent wie Russland, ein Land von +solchem Umfang, solcher Menschenzahl, solchen ungehobenen Schätzen +wieder erschlossen wird. Es ist nötig, dass es dem wirtschaftlichen +Komplex des Westens wieder angegliedert wird. Den Mächten der Entente +ist das bisher nicht gelungen. Die Arbeit ist verschoben auf den Haag, +und wir werden im Haag nicht teilnehmen. Wir drängen uns nicht dazu, an +einer Arbeit teilzunehmen, die andere für sich leisten und in anderer +Art. Wir haben unserseits einen eigenen Weg beschritten, den Weg des +reinen, freien, vergebenden Friedens. Wir haben diesen Weg beschritten +zum Zwecke des Aufbaues einer neuen Zukunft mit einem Lande, das ebenso +schwere Schicksalsschläge erlitten hat, wie wir. Ob mit oder ohne eigene +Schuld, lasse ich dahingestellt. Mit einem solchen Land kann man nicht +abrechnen, wie mit einem schlechten Schuldner. Man kann und soll mit ihm +zusammenwirken in dem Augenblick, wo seine Not am grössten ist. Man hat +uns den Vorwurf gemacht, wir hätten Rapallo im unrichtigen Moment +abgeschlossen. Ja gewiss, wenn an einer Tatsache nicht zu mäkeln ist, so +bleibt wenigstens die Kritik: An sich gut, aber es hätte nicht am +Montag, sondern es hätte am Dienstag oder Mittwoch sein sollen. Wir +mussten den Vertrag abschliessen in dem Augenblick, wo wir erkannten, +dass die Westmächte unseren berechtigten Wünschen nicht gerecht wurden, +wo anderseits die vertraglichen Bestimmungen für uns sich fügten und +anderseits der Wunsch der Gegenpartei nach Verständigung lebendig wurde. +Wir rechnen nicht in der Politik mit Dankbarkeit. Frühere Politik, die +sich vielfach auf Dankbarkeit gegründet hat, ist stets enttäuscht +worden. Aber mit Realitäten und Tatsachen der Vergangenheit zu rechnen, +ist kein Fehler, und es ist eine Realität, wenn eine Verbindung +abgeschlossen wird von Völkern, die sich die Hände reichen, um in +Frieden und Freundschaft zu leben. + +Im Haag werden wir nicht beteiligt sein. Denn wir haben unsere +Verhältnisse zum Osten geregelt. Wir werden die Arbeit der übrigen mit +aufrichtigem Wohlwollen verfolgen. Wir werden die Tätigkeit, die wir +schon in Genua ausgeübt haben, weiterhin ausüben, die Tätigkeit der +Vermittlung, aber nur dann, wenn es gewünscht wird. Denn wir drängen uns +niemand auf. In Genua hat man es gewünscht, und wir sind diesem Wunsch +gefolgt. Wird es im Haag nicht gewünscht, so bleiben wir abseits. Wir +wünschen von Herzen, dass die Staaten mit gutem Erfolg vom Haag +heimkehren. Wir neiden niemand eine Verbindung. Wir wollen keine +Monopole, kein Alleinrecht. Wir wollen nichts weiter, als dass die +Verbindung zwischen Osten und Westen wiederhergestellt wird. Wir wollen, +dass die Verbindung so hergestellt wird, dass auch wir dem östlichen +Volk die Hand reichen. Wenn ich von diesem Handreichen spreche, so +meine ich freilich nicht, dass wir uns einem Gedankenkreis verschreiben, +der nicht der unsere ist. Russland lebt unter einem Wirtschaftssystem, +das sich von dem unseren unterscheidet. Wir haben dieses +Wirtschaftssystem nicht zu kritisieren. Vielleicht wird Russland es +allmählich umgestalten. Wir glauben, dass es heute in voller +Umgestaltung begriffen ist. Wir haben unseren Frieden geschlossen nicht +mit einem System, sondern mit einem Volk, und wir haben ihn geschlossen +durch die Menschen, die in diesem Augenblick dieses Volk vertreten. +Welche Wirtschaft sie betreiben, bekümmert uns nicht. Wir werden ihnen, +soweit wir können, und soweit sie es wünschen, wirtschaftlich zur Seite +stehen, mit wirtschaftlicher Initiative, mit Erfahrung und Kenntnis des +Landes, mit den organisatorischen Fähigkeiten des deutschen +Wirtschaftsmanns, mit den Einsichten des deutschen Gelehrten. Wir werden +uns ihnen weder verschliessen, noch aufdrängen, sondern wir werden sie +nach ihrer Fasson selig werden lassen. Wir hoffen aufrichtig, dass sie +sich zu einem Wirtschaftssystem fügen, das sich mit dem europäischen +Wirtschaftssystem ergänzt. Wir selbst nehmen darauf einen Einfluss +nicht. + +Das ist die Etappe von Genua. Die Etappe vom Haag liegt in der Zukunft. +Nun noch ein Wort von derjenigen Etappe, die sich in diesem Augenblick +abspielt: Die Etappe Paris. Die reifende Einsicht des Jahres 1921 haben +wir überblickt. Es ist die Einsicht, die unter Politikern entstand. Zum +erstenmal treten nunmehr in Paris Wirtschaftsmänner zusammen, Bankiers +aus den europäischen und amerikanischen Staaten, und beraten über Dinge +materieller Ordnung. Diese Dinge sind auf der einen Seite die +Kreditwürdigkeit unseres Landes, auf der anderen Seite die +Durchführbarkeit von Verträgen, auf der dritten Seite die Möglichkeit +der Unterbringung von Anleihen. Eine Spannung hält die Welt in Atem: +Welche Entscheidung wird getroffen werden? Ich glaube nicht, dass diese +Entscheidung das Wesentliche ist. Mag es eine grosse oder eine kleine, +oder mag es gar keine Anleihe sein. Gleichviel! Der Schritt, den dieses +Komitee getan hat, kann nicht rückgängig gemacht werden. Dieser Schritt +aber ist der bedeutendste in der wirtschaftlichen Einsicht der Welt seit +1½ Jahren, denn er führt zu der Tatsache: Dasjenige, was im Londoner +Ultimatum festgesetzt ist, ist undurchführbar, und damit ist der Kreis +der Erkenntnis geschlossen. Damit hat das Experiment dieser +schwierigsten aller europäischen Fragen, dieses gefahrvollste und +tragischste Experiment seinen intellektuellen Abschluss gefunden. Auf +die Frage des Ultimatums von 1921 erfolgt die Antwort der Kommission von +1922. Die Frage lautet: Sind 132 Milliarden von Deutschland erhältlich? +und die Antwort lautet: Nein. Ob nun diese Antwort sich besiegelt durch +das praktische Mittel der oder jener Massnahme, der oder jener Anleihe +scheint mir nicht entscheidend. In wenigen Tagen werden wir wissen, ob +nun das praktische Resultat sich anschliesst dem Resultat der +Erkenntnis. Das Resultat der Erkenntnis aber ist das entscheidende. + +Ueberblicken wir den Lauf dieses Jahres, vergegenwärtigen wir uns, wie +auf die grosse Frage des Ultimatums immer klarer und deutlicher die +negative Antwort emporwächst, so dürfen wir auf der anderen Seite die +Kritik unseres Landes nicht unberücksichtigt lassen. Man ist nicht milde +umgegangen mit unserer Politik dieses Jahres; der Herr Reichskanzler +kann manches davon erzählen, und jeder einzelne von uns. Wir sind einer +jeden Kritik zugänglich, die uns sagt, nicht so müsst ihr es machen, +sondern anders. Aber niemand wird dem Staatsmann helfen und dem Lande +nützen durch eine Kritik, die lediglich sagt, ganz anders hättet ihr es +machen müssen, aber wie, das bleibt unser Geheimnis. Häufig ist uns +gesagt worden: Politik des Widerstandes! Der bedeutendste und +erfolgreichste Staatsmann Europas hat uns auf unsere Frage eine Antwort +gegeben, als wir ihm sagten: Wir haben es in diesem Jahr erleben müssen, +dass eine furchtbare Teuerungswelle über unser Land hereingebrochen ist, +wir haben es erleben müssen, dass der Mittelstand die schwersten Leiden +zu erdulden hat, wir haben es erleben müssen, dass die fremden +Zahlungsmittel auf das Vielfache ihres Werts gestiegen sind. Es ist uns +manchmal der Zweifel gekommen, ob wir unter diesen Umständen nicht +hätten sagen sollen: Widerstand, es koste, was es wolle. Ich will die +Worte nicht zitieren, die wir gehört haben, aber aufs Tiefste ist unsere +Ueberzeugung besiegelt worden, dass die Politik, die wir trieben, die +einzige gewesen ist, die es ermöglicht hat, während dieses schwersten +Jahres des neuen Friedens die Einheit des Reiches zu erhalten. Keine +andere Politik kann uns genannt werden, die das Gleiche ermöglicht +hätte: Erhaltung der Einheit und des Bestandes. Die Bestrebungen, die +uns bedrohten und bedrohen, beziehen sich nicht nur auf die Zerreissung +des Landes, sie beziehen sich auch auf seine weitere Schmälerung, +nachdem dieses Land durch den unglücklichsten aller Verträge schon so +viel von seinem Boden und seinen Menschen verloren hat. Unser Land +ungeschmälert zu erhalten, unser Land und Volk als Einheit zu erhalten, +ist das Ziel, das wir erkämpfen. Wenn gesagt worden ist, das kleinere +Uebel gegenüber gewissen Wirtschaftsgefährdungen sei die Neubesetzung +von rheinischem Land durch fremde Truppen, so sagen wir: Nein, der +Meinung sind wir nicht. Deutsches Land soll nicht hergegeben werden, die +deutsche Einheit soll nicht gefährdet werden. Der Kanzler hat es Ihnen +gesagt und ich möchte es wiederholen: Wehe uns, wenn wir die +Vergangenheit unseres Volkes vergessen, wehe uns, wenn wir seine grosse +Geschichte vergessen und das, was seine grosse Geschichte uns +hinterlassen hat. Das bedeutet nicht, dass wir jedes einzelne billigen, +was im Laufe der Generationen geschehen und geworden ist, aber es +bedeutet, dass wir an dem grossen Vermächtnis festhalten, das das +Endergebnis der modernen deutschen Geschichte bildet: die Vereinigung +Deutschlands in seinen Stämmen. Dieser Einheit werden wir nachleben und +ihr haben wir zu dienen. Vergessen wir nicht, was von vielen einzelnen +und manchmal von Parteien vergessen wird, die zu glauben meinen, wir +hätten den Krieg gewonnen. Nein, leider nicht. Diesen Krieg, den +grössten aller Kriege, haben wir verloren. Vergessen wir nicht, was das +bedeutet, und vergessen wir nicht aus unserer grossen Geschichte, was es +bedeutet hat, wenn in früheren Zeiten Kriege verloren wurden, die nicht +den zehnten Teil so schwer, so hart und gefahrvoll waren, als dieser +Weltkrieg. Vergessen wir nicht, vor welchen Gefahren wir gestanden haben +und vor welchen Gefahren wir stehen. Und wenn einmal in hundert Jahren +die Geschichte dieser Epoche geschrieben werden wird, dann wird man mit +Sorgfalt fragen: Wo wurden die ersten Fäden angeknüpft, wie war es +möglich in einer Welt, die vergiftet war von Hass, auf einem Planeten, +der zum Himmel flammte in gegenseitiger Rachsucht, wie war es möglich in +dieser Welt der Zerstörung und der Zwietracht, die ersten Fäden zu +fügen? Die Antwort wird sein: Das deutsche Volk hat sie gefügt durch +seine Geduld, durch seine Tatkraft, durch seinen positiven Willen, durch +seinen Idealismus, durch seinen Opfersinn. Das wird das Urteil der +Weltgeschichte über diese Epoche sein, die wir durchleben. Mag die +Kritik des Tages uns verlästern: wir glauben aus tiefster Ueberzeugung, +dass es keinen anderen Weg gibt, als den, den wir beschritten haben, um +die deutsche Einheit in die Zukunft zu retten und für alle Zeit zu +stabilisieren. Dass wir daneben nicht passiv gewesen sind während der +ganzen Dauer dieses Jahres, haben wir Ihnen dargelegt. Zweifellos ist +es, dass, wenn ein Volk leben soll, es nicht leben kann lediglich in +einer einzigen Eigenschaft, in der Eigenschaft als Schuldner. Es muss +sich wieder bewegen, es muss neue Kräfte sammeln, es muss seiner +Wirtschaft neue Anknüpfungen bieten, es muss den Geist auf neue Probleme +lenken. Deswegen glaube ich, dass unsere Politik darin nicht versagt +hat, wenn sie den Versuch gemacht hat, wieder zu einer Aktivität zu +kommen. + +Hiermit verlasse ich das Gebiet der praktischen Politik. Die praktische +Politik dieses Jahres haben wir durchlaufen. Sie war nicht verloren. Der +Krieg war zu schwer und die Zeit von drei Jahren ist sub specie +saeculorum zu kurz, um ein neues Reich an die Stelle des verlorenen +alten zu setzen. Aber wenn wir einheitlich bleiben, wenn wir die +Gegensätze, die uns trennen, zurückstellen in dem Augenblick, wo die +grossen Idealfragen unseres Landes zur Sprache kommen, – denn was trennt +uns? Interessen und Konventionen trennen uns, und über Interessen kann +man hinweg und über Konventionen soll man hinweg, soweit man nicht +Kräfte und Ideale aus ihnen schöpfen kann – wenn wir über den großen +Fragen, die uns einen, die Fragen vergessen, die uns trennen, so werden +wir imstande zu einer einheitlichen Aussenpolitik sein. Gestatten Sie es +einem rein praktischen Politiker, gestatten Sie es demjenigen, dem die +Aufgabe obliegt, gerade in diesem Augenblick das Werk der Verträge, das +Werk der Beziehungen zu pflegen, gestatten Sie in diesem Augenblick das +Wort auszusprechen: Nicht Verhandlungen machen uns gesund und nicht +Verträge, sondern die Gesundheit eines Volkes kommt nur aus seinem +inneren Leben, aus dem Leben seiner Seele und seines Geistes. Dieses +Leben ist gefährdet, aber es ist nicht zu Tode getroffen. Es gibt +vieles, was unser seelisch-geistiges Leben schädigt – ich brauche nur +an das zu erinnern, was wir in unseren grossen Städten und an anderen +Stellen im Lande sehen –, aber unser seelisch-geistiges Leben ist in +seinen Tiefen gesund. Noch immer lebt dieser Wille zur Arbeit, zur +Disziplin, zur Organisation, zur Forschung, noch immer lebt der Wille +zur Hingebung und zum Opfer, zur Betrachtung der Erscheinung im grossen +Bogen der Synthese und Zusammenfassung; noch immer sind die grossen +Kräfte des Geistes und Herzens ungebrochen und unberührt. Unserer Jugend +haben wir diese Kräfte zu übergeben, sie ist die Trägerin und Pflegerin +dieser Kräfte, und wir wollen hoffen, dass sie diese grösste und +schwerste Verantwortung der Gegenwart erfüllt. Manches wird sie in +diesem Fall abzustreifen haben, denn nicht aus dem Kampfe des Tages +erwachsen diese Kräfte; diese Kräfte erwachsen aus der Versenkung und +Vertiefung. Deswegen lassen wir unsere Jugend nicht untergehen in den +Kämpfen des Tages, weisen wir sie hin auf die grossen Ideale der +Vergangenheit und führen wir sie zu den Idealen der Zukunft. + +Ich glaube, daß ein solcher Hinweis auf das Gebiet des Geistes in Ihrem +Lande verstanden werden muss. Wenn wir aus dem Norden zu Ihnen kommen, +wenn wir diese bekränzte Stadt erblicken, so geht uns das Herz auf. Der +grösste aller grossen schwäbischen Sänger hat das unsterbliche Wort +gedichtet: O heilig Herz der Völker, o Vaterland! Dieses heilige Herz +fühlt man nirgends stärker pochen als in Ihrem beseeligenden und schönen +süddeutschen Gau. Als ich heute nachmittag auf der Suche nach dem, was +ich einer erlauchten Versammlung würde sagen dürfen, durch die Wälder +fuhr, die grüngolden Ihre Stadt umsäumen, da habe ich es in der Tiefe +des Herzens empfunden: diese ehrwürdigen Buchen werden von ihren Hügeln +noch einmal herniederblicken auf eine freie glückliche Stadt. Und als +ich dann zu jenem Gipfel kam, der von einem kleinen Schlösschen gekrönt +ist, das Solitude heisst, wo ein unendlicher Fernblick über das Land +nach Norden sich auftut und das Auge versinkt in der blauen Ferne, da +habe ich, wie lange nicht, das Gefühl erlebt: von dieser Stelle aus wird +man nicht nur in eins der schönsten, nein, auch in eins der +glücklichsten Länder blicken, in einer Zukunft, die unsere Nachfahren +erleben werden. Wir aber, die wir vom Norden kommen, aus Staub und +Nebel, von harter Arbeit und schwerer Verantwortung, uns ist es ein +Dank und eine Freude, wenn wir an diesem heissen Busen Ihres Landes für +Tage oder für Stunden Gesundheit, Freude und Hoffnung trinken können. +Deswegen gewähren Sie uns diese Gastfreundschaft, so oft wir zu Ihnen +kommen, und kommen Sie zu uns, um das Band zwischen Nord und Süd zu +flechten, zu unauflöslicher und ewiger Dauer. + + + + +REDE, GEHALTEN AM 13. JUNI 1922 +IN BERLIN, IN DER +DEUTSCHEN GESELLSCHAFT VON 1914 + + +Der Anlaß, der uns heute zusammenführt, ist das unmittelbar +bevorstehende Erscheinen der ersten sechs Bände aus den diplomatischen +Akten des Auswärtigen Amtes. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses liegt +für jedermann klar zutage. + +Ueber den wissenschaftlichen Wert der ganzen Publikation werden berufene +Gelehrte zu urteilen haben. Es handelt sich jedoch bei dem Werke, dessen +erster Abschnitt jetzt abgeschlossen vorliegt, nicht nur um eine Arbeit +im Dienste der Wissenschaft, nicht nur um einen unschätzbar wertvollen +Beitrag zur Kenntnis der europäischen Geschichte der letzten Jahrzehnte, +sondern es handelt sich zugleich um eine ethische Tat des deutschen +Volkes, über deren Inhalt ich einiges sagen möchte. + +Wie kam die Aktensammlung zustande? Die Vorgeschichte lässt sich mit +wenigen Worten berichten: Vor ungefähr zwei Jahren fasste die deutsche +Regierung den Beschluss, das gesamte Material über die deutsche Politik +vor dem Weltkriege der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Sie wurde dabei +von dem Gedanken geleitet, dass von unserer Seite alles bekannt gegeben +werden sollte, was zur Aufklärung über die Entstehung der grossen +Katastrophe von 1914 dienen kann. Die ängstlich überwachten Schranken +des diplomatischen Geheimnisses sollten umgestossen, die verschwiegenen +Siegel sorgfältig verborgengehaltener Dokumente gebrochen, und +rückhaltlos sollten die in den Archiven des Auswärtigen Amtes ruhenden +Akten ans Licht des Tages gezogen werden. Der Entschluss wurde zur +Wirklichkeit. Drei Gelehrte, deren einwandfreie Sachlichkeit als +zweifellos dasteht, wurden mit der Lösung der grossen Aufgabe betraut, +und heute legen sie uns den verheissungsvollen Anfang ihrer mühevollen +Tätigkeit vor, für die Deutschland ihnen tiefen Dank schuldet. + +Die kurze Vorgeschichte, die ich hier skizziert habe, zeigt, dass über +dem ganzen Werke eigentlich als Motto die Worte stehen sollten: Im +Dienste der Wahrheit. Denn das ist in der Tat das Leitmotiv, das ihm +zugrunde liegt. Das deutsche Volk will an seinem Teile die ganze +Wahrheit über die Genesis des Weltkrieges enthüllen. Es erscheint ihm +dies nicht nur für das eigene Gewissen und aus einem wohlverstandenen +Nationalgefühl heraus notwendig, sondern auch für die ganze Menschheit. +Wir wissen alle, dass seit dem Weltkrieg die dunklen Mächte des Hasses, +der Verdächtigung, des Misstrauens, der Anklage und der Beschuldigung +die internationale Atmosphäre vergiften. Wir Deutsche haben es ganz +besonders stark erfahren müssen, dass diese dunklen Mächte in das +Getriebe der Politik bestimmend eingegriffen haben und ihre bösen +Wirkungen, die uns im Weltkrieg in furchtbarer Deutlichkeit vor Augen +traten, auf diese Weise zu verewigen drohen. Das gerade ist es, was im +Namen der Menschheit verhütet werden muss. + +Man spricht heute – und mit vollem Recht – überall von der grundlegenden +Bedeutung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus von Europa. Hand in Hand +damit muss aber eine vielleicht noch schwerere und sicher nicht minder +wichtige Aufgabe gelöst werden, die ich den geistigen Wiederaufbau +Europas nennen möchte. Und sie besteht in der allmählichen Ueberwindung +eben jener Mächte des Hasses, der Verdächtigung, des Misstrauens, der +Anklage und der Beschuldigung, die ich oben erwähnt habe. Das Bestreben +der Besten muss darin bestehen, dass wir in Europa wieder reine Luft +atmen können, eine Luft, die befreit ist von jener dumpfen Schwüle, die +seit dem Kriege und auch mehrere Jahre vorher schon geherrscht hat. + +Es ist klar, daß dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn jeder +rücksichtslos mit sich selbst ins Gericht geht, um dadurch einen Beitrag +zu der gewaltigen Aufgabe des geistigen Wiederaufbaus zu leisten. + +Das deutsche Volk, das durch das Diktat von Versailles auf die +Anklagebank gezwungen wurde, hat mit dem Werke, das nun zu erscheinen +beginnt, den Anfang gemacht. Es hat es verschmäht, seine Geheimnisse zu +verstecken und hat seinen restlosen Willen zur Wahrheit bekundet. + +Die ersten sechs Bände bilden ein Ganzes für sich. Sie behandeln die +Zeit von 1870 bis 1890, also jene Epoche, während deren die Leitung der +politischen Geschicke des deutschen Volkes in der Hand des ersten +Reichskanzlers, Fürst Otto von Bismarck, lag. Damals stand Deutschland +auf der Höhe der Macht, und wir sehen aus den veröffentlichten Akten, +dass es diese Macht niemals missbraucht hat, um den Frieden in Europa zu +gefährden, sondern dass es sie im Gegenteil dazu verwandte, um ihn +überall, wo es möglich erschien, zu erhalten. Das ganze Bündnissystem +Bismarcks war auf diesem Grundgedanken aufgebaut und bietet, unter +diesem Gesichtspunkt betrachtet, das Bild eines einheitlichen +Kunstwerkes. Das ist eine Feststellung, die jeder objektive Leser machen +wird, und wir können uns im Hinblick auf sie nur wünschen, dass die +Wahrheit, der wir als Tribut entrichten, was uns zur Verfügung steht, +sich unaufhaltsam Bahn bricht und allmählich alle Hindernisse beseitigt, +die sich ihr heute noch in den Weg stellen. + +Der Weg der Wahrheit ist lang. Er ist um so länger, als ein Mangel an +europäischem Interesse die Fragen, die uns Lebensfragen sind, als +gelöst, das Urteil der Geschichte als gesprochen anzusehen sich gewöhnt +hat. Ein Urteil kann nur gesprochen werden von einem vollgültigen +Tribunal. Unser Suchen und Werben um Wahrheit aber wird nicht ruhen, bis +im Namen der Geschichte ein befugtes Tribunal seinen Spruch gefällt hat. + + + + + +REDE +VOR DEM REICHSTAGE +AM 21. JUNI 1922 + + +Die Interpellation Stresemann[1] habe ich die Ehre wie folgt zu +beantworten: + +Unter dem Ausdruck »Neutralisierung« kann man zwei rechtlich völlig +verschiedene Begriffe verstehen. Soweit darunter zu verstehen ist das +Verbot für Deutschland, innerhalb der Rheinlande ständig oder zeitweise +militärische Streitkräfte zu unterhalten oder zu sammeln oder daselbst +Befestigungen beizubehalten oder anzulegen, so hat die dahingehende +Forderung bereits in den Art. 42 und 43 des Vertrages von Versailles +ihre Verwirklichung gefunden. + +Sollte unter der Neutralisierung der Rheinlande die Schaffung eines +neutralen Pufferstaates verstanden werden, so ist dem entgegenzuhalten, +dass die Rheinlande auch nach dem Vertrage von Versailles ein +integrierender Bestandteil des Deutschen Reiches und des preussischen +Staates geblieben sind. Der Vertrag von Versailles enthält in der langen +Reihe seiner Artikel nicht eine Bestimmung, auf die sich irgendeine +Signatarmacht dieses Vertrags bei Erhebung einer dahingehenden Forderung +stützen könnte. Eine solche Forderung könnte also nur unter +Vertragsbruch verwirklicht werden. Bisher ist noch von keiner Seite ein +Ansinnen dieser Art an die deutsche Regierung herangetreten. Auch sonst +liegen der deutschen Regierung, abgesehen von unbeglaubigten +Zeitungsmitteilungen, keine Nachrichten vor, die auf eine derartige +Absicht schliessen lassen könnten. + +Namens der Reichsregierung habe ich die Erklärung abzugeben, dass sie +niemals für irgendwelche Zugeständnisse, und mögen sie noch so gross +sein, dafür zu haben ist, das Rheinland, das während der Besatzungszeit +so oft seinen unerschütterlichen Willen zum Festhalten am angestammten +Vaterland bewiesen hat, preiszugeben oder seinen Bestand schädigen zu +lassen. + + +Die Interpellation Lauscher[2] bezüglich der Eisenbahnen habe ich die +Ehre, wie folgt zu beantworten: + +Am 25. Mai hat die Botschafterkonferenz eine von dem französischen +Ministerpräsidenten unterzeichnete Note an die deutsche Regierung +gerichtet, in der sie die sofortige Einstellung einer Reihe im Gang +befindlicher Bahnbauten sowie die allmähliche Beseitigung gewisser +Eisenbahnanlagen im linksrheinischen Gebiet verlangt. Sie stützt diese +Forderungen auf Art. 43 des Vertrages von Versailles, der die +Beibehaltung aller materiellen Vorkehrungen für eine Mobilmachung in +jenen Gebieten untersagt. Die Botschafterkonferenz vertritt den +Standpunkt, dass die Bahnlinien, deren Einstellung sie fordert, +strategische Linien und die Anlagen, deren Zerstörung sie verlangt, +militärische Anlagen seien. Sie hat es für nötig gehalten, mit +besonderem Nachdruck zu betonen, dass alle in ihr enthaltenen +Entscheidungen auf Grund eingehender Untersuchungen so getroffen seien, +dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des rheinischen +Eisenbahnnetzes durch sie in keiner Weise vermindert wird. Die +Botschafterkonferenz stellt ferner »mit Genugtuung« fest, dass die +Einstellung der im Gang befindlichen Arbeiten es Deutschland erlauben +werde, die dafür ausgeworfenen bedeutenden Ausgaben zu ersparen und +damit seine finanzielle Lage zu verbessern. + +So lebhaft die deutsche Regierung jede Gelegenheit begrüsst, die +Finanzen Deutschlands zu heben, so vermag sie doch die Genugtuung der +Botschafterkonferenz über die ihr gebotene Möglichkeit nicht zu teilen. + +Denn einmal übergeht die Botschafterkonferenz mit Stillschweigen, dass +über den Ersparnissen, die sich aus der Einstellung der im Gang +befindlichen Arbeiten ergeben, Hunderte von Millionen an Ausgaben +stehen, die für die geforderten Zerstörungsmassnahmen völlig unproduktiv +aufgewendet werden müssen. + +Zweitens trifft die Annahme der Note, dass es sich bei den +einzustellenden Arbeiten und den zu beseitigenden Anlagen +ausschliesslich um militärische, für die deutsche Wirtschaft +gleichgültige Einrichtungen handele, in keiner Weise zu. + +Die deutsche Regierung weiss, dass der Vertrag von Versailles ihr +verbietet, im besetzten Gebiet irgendwelche ständigen Vorkehrungen zu +unterhalten, die dem Zweck der Mobilmachung zu dienen bestimmt sind. Sie +beabsichtigt nicht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen und sie wird +die vorhandenen Anlagen, soweit sie wirklich militärischer Natur sind, +pflichtgemäss zerstören lassen, soweit dieses Verlangen allen +ökonomischen Erwägungen zum Trotz aufrechterhalten werden sollte. Dass +sie nicht daran denkt, neue Anlagen dieser Art zu schaffen oder +begonnene fortzuführen, ist angesichts der deutschen Finanzlage und der +ganzen politischen Situation eine einfache Selbstverständlichkeit. + +Dagegen ist die deutsche Regierung weder nach dem Buchstaben noch nach +dem Sinne des Versailler Vertrages verpflichtet, Einrichtungen, die für +die gesunde wirtschaftliche Entwicklung des Rheinlandes zweckmässig und +notwendig sind, nur deshalb zu zerstören oder unausgeführt zu lassen, +weil die Botschafterkonferenz glaubt, dass sie eine etwaige Mobilmachung +erleichtern. + +Der Art. 43 richtet sich gegen die Vorbereitung eines Krieges. Er gibt +den alliierten Regierungen kein Recht, störend und zerstörend in eine +auf verständigen Grundsätzen aufgebaute Verkehrspolitik einzugreifen. +Soweit das durch die Forderungen der Botschafterkonferenz geschieht, +wird die deutsche Regierung diese Forderungen mit allem Nachdruck +bekämpfen. Sie wird den alliierten Regierungen den Beweis liefern, dass +die verlangten Massnahmen den betroffenen Gebieten schwere +wirtschaftliche Nachteile zufügen, dass sie die Entwicklung nicht nur +des Verkehrs, sondern zahlreicher für Deutschland lebenswichtiger +Wirtschaftszweige hindern und so die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit +Deutschlands keineswegs erhöhen, sondern stark beeinträchtigen würden. +Von ganz besonderem Einfluss auf die Entschliessung der aliierten +Regierungen sollte es sein, dass einzelne der beanstandeten Anlagen +gerade dazu dienen sollen, die schnelle und pünktliche Ablieferung der +Reparationskohle zu erleichtern. + +Die Prüfung der einzelnen Forderungen der Note, die von den deutschen +Behörden mit der grössten Sorgfalt vorgenommen wird, ist noch nicht +abgeschlossen. Schon jetzt lässt sich aber mit Gewissheit sagen, dass +die Entschliessung der Botschafterkonferenz, soweit sie sich mit den +Linien Mörs–Geldern, Osterath–Dernau und Ehrang–Koblenz befasst, +überwiegend von unrichtigen Voraussetzungen ausgeht. + +Das gleiche gilt für eine grosse Anzahl der übrigen Punkte der Note, was +sich zum Teil vielleicht daraus erklärt, dass den Verfassern die +Entwicklung, die die Wirtschaft des Rheinlandes seit Beendigung des +Krieges genommen hat, noch nicht bekannt geworden ist. + +Die deutsche Regierung zweifelt nicht daran, dass die Aufklärung, die +sie den alliierten Regierungen in aller Offenheit und Ehrlichkeit bieten +wird, zu einer Aufgabe der jetzt erhobenen unberechtigten Forderungen +führen wird. Die ohnehin so schwer unter dem Drucke der Besatzung +leidende rheinische Bevölkerung mag gewiss sein, dass kein Mittel +unversucht bleiben wird, um ihr neue grundlose Schädigungen zu ersparen. + + +Die dritte Interpellation[3] erlaube ich mir wie folgt zu beantworten: + +Ueberblickt man die Versailler Regelung für das Saarbecken, so drängt +sich am stärksten ihre Kompliziertheit auf. Man vergegenwärtige sich nur +folgendes: Das Land ist deutsch, die Bewohner sind Deutsche, die +Verwaltung liegt in der Hand des Völkerbundes, die Gruben sind Eigentum +des französischen Staates und das Zollsystem ist das französische. Das +ergibt ein so vielfaches Durchschneiden und Ueberschneiden der +Kompetenzen, dass es in der Praxis zu kaum mehr lösbaren Schwierigkeiten +führt. + +Auf die Frage, was das Saargebiet seiner juristischen Natur nach ist, +dürften die Juristen die Antwort schuldig bleiben. Die Geschichte hat +ein so seltsames Gebilde noch nicht gesehen. Dies hat begreiflicherweise +eine grosse Belastung der beteiligten Behörden – und zwar nicht nur +unserer – zur Folge, und im letzten Grunde ist der Leidtragende dabei +immer die Bevölkerung. + +Politisch springt vor allem die Entrechtung der Bevölkerung in die +Augen. Gewisse, nicht immer genügend klar gefasste Bestimmungen +gewährleisten ihr zwar einige selbstverständliche Grundrechte, von denen +bezeichnenderweise das Recht des freien Abzuges am deutlichsten +ausgestaltet ist. + +Von der Mitbestimmung an ihrem Geschick ist sie aber so gut wie +ausgeschlossen. In dem Fünfmännerkollegium, das sie regiert, befindet +sich nur einer aus ihrer Mitte, und auch auf die Ernennung dieses einen +hat sie keinen Einfluss. + +Die Regierungskommission hat Befugnisse, die weit über das hinausgehen, +was im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus die Regel war. Gewiss ist +sie dem Völkerbund verantwortlich. Ob aber diese Verantwortlichkeit +denselben praktischen Wert hat wie eine Verantwortlichkeit gegenüber +einer Volksvertretung, müsste erst noch bewiesen werden. Die Betrauung +des Völkerbundes mit dieser absolutistischen Mission ist überhaupt für +jeden, der einen wahren Völkerbund errichtet zu sehen wünscht, tief +bedauerlich. Die Idee des Völkerbundes wird dadurch entwürdigt. + +Es ist kein Trost, dass dieses Regime auf 15 Jahre beschränkt sein soll. +Denn 15 Jahre sind eine lange Zeit, und an ihrem Ende steht die +Volksabstimmung. Nichts ist selbstverständlicher, als dass diese +Abstimmung während der 15 Jahre die Interessen der Bevölkerung +überragend beherrscht. Wir alle wissen ferner aus den Beispielen anderer +deutscher Grenzgebiete, besonders Oberschlesiens, was eine +Abstimmungszeit für die Bevölkerung bedeutet. Im Saargebiet soll diese +Zeit 15 Jahre dauern, und wenn auch dort die Verhältnisse insofern +günstig liegen, als der Bevölkerung fremdsprachige Elemente fehlen, so +bedeutet es doch für sie ein überaus hartes Los und eine schwere Probe, +15 Jahre lang unter der Ungewissheit ihres endgültigen nationalen +Geschickes leben zu müssen. + +Ich wende mich zu der Frage, wie sich das geschilderte System bisher +bewährt hat. + +Das Wirtschaftsleben des Landes bietet kein erfreuliches Bild. Hier +wirken verschiedene Umstände zusammen: die künstliche Trennung der +Kohlenwirtschaft von dem übrigen Wirtschaftsleben, die neue Zollinie und +endlich die Einführung des Franken. Das Mass, in dem der Frank im +Saarbecken umläuft, ist nach Ansicht der Regierung vertragswidrig, denn +der Vertrag räumt der französischen Münze nur die Stellung eines +zugelassenen Umlaufgeldes neben der Mark ein. Die Regierungskommission +hat ihr aber bei Post und Eisenbahn die Eigenschaft als Währungsgeld +unter Ausschaltung der Mark verliehen und später trotz dringenden +Abratens aller Sachverständigen ihren Umlauf noch erweitert. +Wirtschaftlich widerspricht diese Abänderung der Währungsverhältnisse +der Grundstruktur des Wirtschaftslebens. Das Land hat nun einmal seinen +natürlichen Absatzmarkt in Deutschland und kann dafür anderswo, +namentlich in Frankreich, um so weniger ausreichenden Ersatz finden, als +seine Hauptindustrie, die Eisenindustrie, im Westen als unliebsamer +Konkurrent empfunden und bekämpft wird. Wenn also die Industrie des +Saarbeckens auf den deutschen Markt angewiesen ist und daher vorwiegend +Markeinnahmen hat, so muss sie notwendigerweise in schwere Bedrängnis +geraten, sobald sie bei sinkendem Markkurse ihre Hauptausgaben – nämlich +Löhne, Kohlen, Erze, Frachten – in Franken leisten muss. Die Tatsachen +haben dies reichlich bewiesen. Das Land hat schon verschiedene schwere +Krisen durchgemacht, die noch schärfer verlaufen wären, wenn nicht +grosse industrielle Werke von ihren Niederlassungen im übrigen +Deutschland einen Ausgleich hätten schaffen können. Erfreulicherweise +haben auch verschiedene deutsche Wirtschaftsorganisationen der +schwierigen Lage des Saarbeckens volles Verständnis entgegengebracht. In +diesem Zusammenhang kann ich auch erwähnen, dass die Reichsregierung im +Einverständnis mit Preussen und Bayern die Belieferung des Saargebiets +mit Waren zu deutschen Inlandspreisen und mit deutschen Lebensmitteln +sich angelegen sein lässt. Es sind hierbei allerdings beträchtliche +Schwierigkeiten zu überwinden, und es könnte ein Zeitpunkt kommen, in +dem wir gegen unseren Willen diese Massnahmen aufheben müssten. Doch +hoffen wir, dass wir nicht vor diese Zwangslage gestellt sein werden. +Alles in allem trägt das Wirtschaftsleben des Saarbeckens eine +spezifische Unstabilität als hervorstechendstes Merkmal an sich. + +Wenn ich endlich zu der politischen Entwicklung übergehen darf, so muss +ich zu meinem Bedauern hier feststellen, dass die Regierung des +Saarbeckens von der den Völkerbund vertretenden Kommission nicht in der +Weise geführt wird, wie es erwartet werden dürfte. Bekanntlich soll der +Völkerbund die Regierung des Saarbeckens als Treuhänder führen. Eine +solche treuhänderische Verwaltung darf nicht einen der beiden an dem +endgültigen Besitz des Landes interessierten Staaten bevorzugen. Leider +ist dies aber der Fall. Dass heute noch französische Truppen in +beträchtlicher Zahl sich im Lande befinden, ist eine nicht +abzustreitende Vertragswidrigkeit; denn nach dem Vertrag soll nicht +Frankreich, sondern die Regierungskommission für Aufrechterhaltung von +Ruhe und Ordnung sorgen, und nur durch eine örtliche Gendarmerie. Diese +Gendarmerie ist zwar errichtet worden, jedoch nur in bescheidenem +Umfange, angeblich wegen Geldmangels. Neben ihr steht aber noch eine +französische Gendarmerie. Wie deren Existenz gerechtfertigt werden kann, +ist mir unerfindlich. Denn der Vertrag sagt mit der denkbar grössten +Klarheit, dass »nur eine örtliche Gendarmerie« eingerichtet werden soll. +Uebrigens liegen Nachrichten vor, dass die französische Gendarmerie die +Aufgabe hat, unter anderem über die Notabeln und gewisse andere +Persönlichkeiten Listen zu führen, vertrauliche Beobachtungen in +politischen Angelegenheiten anzustellen, die politische Gesinnung der +Beamten zu überwachen und die Berichte der Zivilbehörden unauffällig zu +kontrollieren. + +Auch die Errichtung der französischen Kriegsgerichte, die sogar durch +eine besondere Verordnung erfolgt ist, widerspricht dem Vertrag, da +dieser keine anderen Gerichte beibehalten wissen will als die früher +bestehenden und ein neu zu errichtendes Obergericht. + +Mit Recht hebt ferner die Interpellation die Vertragswidrigkeit der im +Herbst 1920 anlässlich der Arbeitseinstellung der Beamtenschaft +erfolgten Massenausweisungen hervor. Diese entbehrten jeder +Rechtsgrundlage und warfen die Bevölkerung zurück in die trübsten Zeiten +der Herrschaft des Waffenstillstandsabkommens. Nach längerer Zeit sind +allerdings diese Ausweisungen rückgängig gemacht worden. + +Die Regierungskommission hat ferner die Wahrnehmung der +Auslandsinteressen der Bewohner der französischen Regierung übertragen. +In formaler Hinsicht kann hiergegen kaum etwas eingewendet werden, da +eine besondere Bestimmung des Vertrages der Regierungskommission freie +Hand gibt. Es liegt jedoch auf der Hand, wie widersinnig es ist, dass +deutsche Staatsangehörige im Auslande von Frankreich vertreten werden. +Ausserdem ergeben sich hieraus allerlei praktische Schwierigkeiten. Die +Regierungskommission hat uns sogar zugemutet, die Wahrnehmung der +Interessen der deutschen Saarbewohner in Deutschland selbst durch +Frankreich anzuerkennen. In diesem Punkt hat jedoch die Reichsregierung +mit aller Entschiedenheit widersprochen, da das Saargebiet dem übrigen +Deutschland gegenüber nicht Ausland ist. Wenn übrigens die Bewohner des +Saargebiets ein Anliegen an deutsche Behörden haben, so wissen sie schon +selbst den Weg zu ihnen zu finden und denken am allerwenigsten an eine +Vermittlung durch französische Vertreter. + +Eine Frage von besonderer Wichtigkeit ist die Schaffung des seltsamen +Begriffes »Saareinwohner«. Während der Versailler Vertrag den Bewohnern +des Saargebiets ihre bisherige Staatsangehörigkeit belassen hat, was +nicht anders als dahin verstanden werden kann, dass auch die mit der +Staatsangehörigkeit verbundenen Rechte ihnen gewahrt bleiben sollen, hat +die Regierungskommission durch Schaffung des Begriffes »Saareinwohner« +und durch Uebertragung aller politischen Rechte auf diesen Begriff der +Staatsangehörigkeit der Bewohner tatsächlich so gut wie jeden Inhalt +genommen und mit dem neuen Begriff zwar nicht dem Worte nach, wohl aber +der Sache nach eine Art besonderer saarländischer Staatsangehörigkeit +geschaffen. Nach Ansicht der Reichsregierung ist hiermit eine der +Grundlagen der vertraglichen Regelung über das Saargebiet umgestossen. + +In ähnlicher Richtung liegt eine Anzahl von Massnahmen der +Regierungskommission, die das Ziel verfolgen, das Saargebiet dem +übrigen Deutschland gegenüber als Ausland erscheinen zu lassen, obwohl +doch unmöglich bestritten werden kann, dass das Saargebiet nach wie vor +einen Teil des Reiches bildet. Es mag zwar im einzelnen schwierig sein, +bei der besonderen Verwaltungsorganisation für das Saarbecken aus diesem +Grundsatz heraus immer zu praktisch brauchbaren Ergebnissen zu gelangen. +Wenn aber die Regierungskommission dieser Schwierigkeiten dadurch Herr +zu werden sucht, dass sie kurzerhand erklärt, alles Gebiet ausserhalb +des Saargebiets sei als Ausland zu betrachten, so ändert sie den Vertrag +wiederum in einer seiner Grundlagen ab. + +Auch auf dem Gebiete des Schulwesens sind Vertragswidrigkeiten +festzustellen. Dem französischen Staat hat die Regierungskommission auf +diesem Gebiet Rechte eingeräumt, die weit über das vertraglich +vorgesehene Mass hinausgehen. Auch die Einführung des französischen +Sprachunterrichts in den Volksschulen und allerlei, zum Teil als +Experimentieren zu bezeichnende recht wesentliche Reformen auf dem +Gebiet des Schulwesens stehen nicht im Einklang mit dem Vertrage; denn +dieser sieht in absoluter Form die Beibehaltung des bisherigen +Schulsystems vor, und ich glaube, dass dies eine der wenigen +Bestimmungen ist, die innere Berechtigung hat, da gerade auf dem Gebiete +des Schulwesens einer landesfremden Regierung schwerlich die Fähigkeit +zugesprochen werden kann, das Schulwesen eines Landes auf eine seiner +Eigenart gerecht werdende neue Grundlage zu setzen. + +Die Reichsregierung hat wegen all dieser und ähnlicher Massnahmen der +Regierungskommission wiederholt beim Völkerbund Einspruch eingelegt. +Bisher ist keinem Einspruch Folge gegeben worden. Der Völkerbund begnügt +sich in der Regel damit, den Standpunkt der Regierungskommission für +gerechtfertigt zu erklären. Zu ihrem Bedauern kann sich die +Reichsregierung dem Eindruck nicht verschliessen, dass ihre +Einspruchnoten beim Völkerbund nicht die gebührende Beachtung finden. +Die gemachten Erfahrungen werden die Reichsregierung natürlich nicht +hindern, sich mit ihren Beschwerden weiterhin an den Völkerbund zu +wenden. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass der Völkerbund +schliesslich doch die Ueberzeugung gewinnt, dass die Verwaltung des +Saargebiets nicht in einem Geiste geführt wird, wie es gerade von einer +Völkerbundskommission erwartet werden kann. + +Zu dieser Erwartung berechtigen die Reichsregierung namentlich auch die +Schritte, die die Bevölkerung des Saargebiets selbst unternommen hat. +Wiederholt hat sie in ausserordentlich eindrucksvollen Denkschriften und +durch die Entsendung von Delegationen an den Völkerbund versucht, dessen +Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die Mißstände im Saarbecken zu +lenken, und ich glaube sagen zu können, dass die Schritte nicht ganz +erfolglos geblieben sind. + +Inzwischen hat auch die Oeffentlichkeit ausserhalb Deutschlands dem +Saarbecken mehr und mehr Interesse entgegengebracht, und in einer ganzen +Anzahl von ausländischen Zeitungen hat sich eine ziemlich scharfe Kritik +der Methoden der Völkerbundsregierung erhoben. + +Das Verhältnis der Bevölkerung des Saarbeckens zu der +Regierungskommission hat sich überraschend schnell festgelegt. Es ist +das typische Bild einer Fremdherrschaft! Die Bevölkerung sah der +Regierungskommission zwar nicht mit grossen Hoffnungen, aber doch +unvoreingenommen entgegen und musste sehr bald Enttäuschung über +Enttäuschung erleben. Mit verschwindenden Ausnahmen wurden die leitenden +Posten der Verwaltung mit Franzosen besetzt. Die französischen Truppen +blieben, desgleichen die französische Gendarmerie und die französischen +Kriegsgerichte. Französische Einrichtungen wurden da und dort +eingeführt. Eine Anzahl alteingesessener Bewohner wurde ausgewiesen. Der +Franken brachte wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten. Der +französische Unterricht für die Volksschulen wurde dekretiert. Den +Beamten wurde die Frankenbesoldung wider ihren Willen aufgezwungen. +Endlich wurden beinahe in allen wichtigen Fragen die Gutachten der +Kreis- und Bezirkstage bei der Abänderung von Gesetzen nicht +berücksichtigt. All dies schuf begreiflicherweise eine Atmosphäre der +Mißstimmung, die schliesslich die Kreis- und Bezirkstage veranlasste, +die Begutachtung von Verordnungsentwürfen vollkommen abzulehnen. + +So stehen sich jetzt Regierung und Bevölkerung des Saargebiets ohne +Vertrauen gegenüber, ein Zustand, der unzweifelhaft als äusserst +ungesund anzusprechen ist. Dieser Zustand ist aber die leicht +erklärliche Folge der Regierung eines Landes durch eine landfremde +Kommission. + +Am 16. Juni 1919 haben unsere einstigen Gegner uns erklärt, sie hätten +volles Vertrauen, dass die Einwohner des Saargebietes keinen Grund haben +würden, die neue Verwaltung als eine ihnen ferner stehende zu +betrachten, als es die von Berlin und München gewesen seien. Wenn irgend +etwas durch die Tatsachen widerlegt worden ist, dann ist es dieser Satz! +Gewiss: die Regierungskommission sitzt im Saargebiet selbst; in +Wirklichkeit aber steht sie der Bevölkerung ferner, als wenn sie in +einem anderen Erdteil ihren Sitz aufgeschlagen hätte. Allein die +Verschiedenheit der Sprache bildet eine unüberbrückbare Kluft. + +Das Bild, das ich Ihnen in Vorstehendem vom Saarbecken entrollen durfte, +ist kein erfreuliches. Als Deutsche aber können wir mit Stolz auf die +Tatsache hinweisen, dass die Bevölkerung des Saargebietes in den +schweren Jahren der Fremdherrschaft, von denen erst wenige +vorübergegangen sind, sich um so fester zusammengeschlossen hat, um das +zu wahren, was sie als ihr höchstes Gut betrachtet: ihr Deutschtum! +Immer und immer wieder erhält die Reichsregierung und die +Oeffentlichkeit aus dem Saarbecken Beweise bester deutscher Gesinnung. +Ich stehe daher nicht an, zu erklären, dass die Deutschen an der Saar +dem ganzen deutschen Volk Vorbild und Muster sind! Das deutsche Volk und +die Reichsregierung wissen schon heute, was sie an der Bevölkerung des +Saargebiets haben. Ihr muss ihr bestes Wollen und Können gelten in der +Hoffnung auf den Tag, an dem auch äusserlich die Wiedervereinigung +vollzogen wird. + + +Fußnoten: + +[Fußnote 1: Die _Interpellation #STRESEMANN# und Genossen_ ersuchte die +Reichsregierung um Aufklärung über Gerüchte, die besagen, daß auf Grund +einer Verständigung zwischen England und Frankreich die Besatzung in den +Rheinlanden zurückgezogen, dafür aber als Sicherheit gegen einen Angriff +des vollkommen wehrlosen Deutschlands die Rheinlande neutralisiert +werden sollen, das heißt den Rheinlanden soll die Autonomie, angeblich +im Rahmen des Deutschen Reichs, aber unter französischer Oberaufsicht +und französischem militärischen »Schutz« verliehen werden. Es sollte +also dem besetzten Gebiet das Schicksal des unglücklichen Saargebiets +bereitet werden.] + +[Fußnote 2: Die _Interpellation #LAUSCHER# und Genossen_ fordert von +der Reichsregierung Erklärungen über die am 30. Mai übergebene Note der +Botschafterkonferenz der alliierten Staaten, die unter Berufung auf +Artikel 43 des Vertrags von Versailles die Einstellung bzw. Zerstörung +einer ganzen Reihe wirtschaftlich bedeutsamer Eisenbahnbauten innerhalb +des zurzeit von den Alliierten besetzten rheinischen Gebiets verlangt.] + +[Fußnote 3: Die _Interpellation #MARX# und Genossen_ wünscht Aufklärung +über die Stellung der Reichsregierung zu der Tätigkeit der vom +Völkerbundsrat eingesetzten Regierungskommission im Saargebiet, die dem +Versailler Vertrage, den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der +Demokratie – und dem Wesen des Völkerbunds widerspreche.] + + + + +DIE WERKE VON WALTHER RATHENAU + + +Zur Kritik der Zeit +20. Auflage + +Zur Mechanik des Geistes +11. Auflage + +Deutschlands Rohstoffversorgung +39. Auflage + +Probleme der Friedenswirtschaft +25. Auflage + +Von kommenden Dingen +69. Auflage + +Streitschrift vom Glauben +14. Auflage + +Vom Aktienwesen +23. Auflage + +Die neue Wirtschaft +54. Auflage + +Zeitliches +25. Auflage + +An Deutschlands Jugend +20. Auflage + +Nach der Flut +15. Auflage + +Der Kaiser +54. Auflage + +Der neue Staat +18. Auflage + +Kritik der dreifachen Revolution – Apologie +14. Auflage + +Die neue Gesellschaft +16. Auflage + +Was wird werden? +14. Auflage + +Demokratische Entwicklung +8. Auflage + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die +Inhaltsübersicht des Anhangs wurde in das Hauptinhaltsverzeichnis am +Anfang des Buches integriert. Kleinere Inkonsistenzen in der +Schreibweise wurden prinzipiell beibehalten.] + + +[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1922 by S. Fischer. The additional table of content +of the appendix has been integrated into the main contents section at +the beginning of the book. Minor inconsistencies in the original +spelling have been maintained.] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA *** + +***** This file should be named 20937-0.txt or 20937-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/9/3/20937/ + +Produced by Irma + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Cannes und Genua + Vier Reden zum Reparationsproblem + +Author: Walther Rathenau + +Release Date: March 29, 2007 [EBook #20937] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA *** + + + + +Produced by Irma Spehar, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + + + + + + Walther Rathenau + + + CANNES UND GENUA + + VIER REDEN ZUM + REPARATIONSPROBLEM + + MIT EINEM ANHANG + + + 1922 + + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + + Erste bis fünfte Auflage + + + + Das letzte schriftliche Wort des Ministers + Rathenau an mich, das ich in der Aktenmappe im + Auto des Ermordeten fand und das als Stichwort + für eine Anweisung an mich dienen sollte, + lautete: »Der Weg der Vernunft«. + + +Eine wunderbare Fügung ließ meinen hochverehrten Minister und +unvergeßlichen lieben Freund am Tage vor seiner schändlichen Ermordung +die letzte Hand an die Herausgabe der vorliegenden vier großen Reden +legen. Sie werden in dieser Zusammenstellung als eine Erinnerung und +Mahnung der Mit- und Nachwelt noch einmal deutlich vor Augen führen, wie +der Verewigte mit der ganzen Kraft und Tiefe seines ungewöhnlichen +Intellekts bemüht gewesen ist, die Welt auf den »Weg der Vernunft« +zurückzuführen. Sie werden insbesondere für alle Zeit unvergessen +machen, wie tief er die Not seines über alles geliebten deutschen Volkes +empfunden hat und wie rückhaltlos er -- unbeschadet aller ehrlichen +Ausgleichsabsichten für das zermürbte Europa -- seinen Empfindungen über +die in der Weltgeschichte bisher unerhörte Knechtung eines so großen +Volkes Ausdruck verliehen hat. + +Um gerade unter diesem Gesichtspunkt wohl verstandenen nationalen +Empfindens das Wirken Rathenaus erneut zu kennzeichnen und festzuhalten +und in der Absicht, die von ihm als Außenminister öffentlich gehaltenen +großen Ansprachen bei dieser Gelegenheit vollzählig zu bringen, sind +nachträglich in einem besonderen Anhang seine drei letzten Reden +angefügt, die nach Genua eine weitere Periode seiner Tätigkeit +einleiteten. + +DR. H. F. SIMON + +Vortragender Legationsrat +im Auswärtigen Amt und +Oberstleutnant a. D. + + + + +INHALT + +Rede vor dem Obersten Rat der Alliierten in Cannes vom + 12. Januar 1922 9 + +Rede vor dem Hauptausschuß des Reichstages vom + 7. März 1922 19 + +Reichstagsrede vom 29. März 1922 31 + +Rede vor der Vollversammlung der Genueser Konferenz + vom 19. Mai 1922 48 + +Anhang 53 + +Rede, gehalten am 9. Juni 1922 in Stuttgart, vor einem + geladenen Kreis aller Parteien 55 + +Rede, gehalten am 13. Juni 1922 in Berlin, in der + Deutschen Gesellschaft von 1914 66 + +Rede vor dem Reichstage am 21. Juni 1922 69 + + + + +REDE VOR DEM +OBERSTEN RAT DER ALLIIERTEN +IN CANNES VOM 12. JANUAR 1922 + + +Namens der Deutschen Regierung danke ich Ihnen, daß Sie uns Gelegenheit +gegeben haben, vor Ihnen zu erscheinen. Wir erkennen an, dass diese +Konferenz neben ihren allgemeinen weltgeschichtlichen Aufgaben es sich +zur Aufgabe gestellt hat, zu prüfen, wie die deutschen Leistungen mit +der deutschen Leistungsfähigkeit in Einklang zu bringen sind. Die +Deutsche Delegation wird ernsthaft bemüht sein, alle gewünschten +Auskünfte rückhaltlos und wahrheitsgetreu zu geben. Sie ist darüber +hinaus bereit, in dem von ihr geforderten Mass an den Aufgaben, die sich +diese Konferenz gestellt hat, mitzuarbeiten. Auch der Französischen +Regierung danke ich für die freundliche Aufnahme in dieser Stadt, in der +wir ihre Gäste sind. Ich nehme an, dass es nützlich sein wird, wenn ich, +um zeitraubende Verdolmetschung zu ersparen, mich in den weiteren +Ausführungen anderer Sprachen als der deutschen bediene, ohne dass damit +für uns ein Präjudiz für den Gebrauch irgendeiner Sprache geschaffen +werden darf. + +Es sind uns eine Reihe von Fragen gestellt worden. Die Fragen beziehen +sich einmal auf den Umfang der von Deutschland zu bewirkenden Sach- und +Geldleistungen, die möglich wären, ohne Deutschland zu »verkrüppeln«. +Sie beziehen sich weiter auf Massnahmen hinsichtlich der deutschen +Finanzen, sie beziehen sich ausserdem auf die Sicherheiten, die von +Deutschland für die Erfüllung dieser Massnahmen gegeben werden können, +und endlich auf die Teilnahme Deutschlands an dem Wiederaufbau Europas. + +Deutschland ist entschlossen, mit seinen Leistungen bis zu den Grenzen +seiner Leistungsfähigkeit zu gehen. Deutschland ist immer ein Land der +Ordnung gewesen. Deutschland ist aber durch einen verlorenen Krieg, +durch schwere Verluste und durch eine Revolution hindurchgegangen. Die +anormalen Zustände seiner Lebensbedingungen und seiner Finanzen, die die +Folge dieser Ereignisse sind, empfindet Deutschland selbst am schwersten +und wünscht sie zu beseitigen. Es wünscht nicht, den Weltmarkt durch +Unterbietungen zu zerrütten. + +Die beiden Aufgaben, äussere Leistung und innere finanzielle Sanierung, +vor die Deutschland dadurch gestellt ist, widersprechen einander. Um ein +Beispiel zu gebrauchen, möchte ich an die Lage eines Schiffskonstrukteurs +erinnern, der gleichzeitig für höchste Kraftleistung und geringsten +Kohlenverbrauch seines Schiffes sorgen soll. + +Es ist daher schwer zu sagen, die und die Zahlung stellt eine +ausreichende und erträgliche Leistung dar. Es muss aber eine Summe +gefunden werden, deren Schwere erträglich ist und die zugleich der +wirtschaftlichen Lage der empfangsberechtigten Nationen entgegenkommt. + +Wir wissen, dass in Ihrem Kreise Ziffern für 1922 genannt worden sind: +500 Millionen für die Leistungen in bar und 1450 Millionen für die +Sachleistungen einschliesslich der äusseren Besatzungskosten. Ich will +diese Ziffern als Basis meiner Berechnungen wählen. Sollte eine um 220 +Millionen höhere Summe genannt werden, so wird das Problem noch weiter +erschwert und gefährdet. + +Ich komme nun zur Lage der deutschen Zahlungen. Deutschland ist ein Land +der Lohnarbeit. Es empfängt Rohstoffe, verarbeitet sie und verkauft die +verarbeiteten Erzeugnisse. Die Deutschland nach dem Kriege verbleibenden +eigenen Rohstoffe sind mit Ausnahme der Kohle unerheblich. Das Kali, von +dem so viel die Rede ist, ist nicht so sehr bedeutend. Dazu kommen sehr +kleine Mengen von Kupfer und Zink. Von allem anderen, was Deutschland +braucht zur Behausung, zur Kleidung, zur Nahrung, muss es das meiste im +Auslande kaufen. + +Deutschland hat daher für alles, was es kauft, in bar zu bezahlen. Es +kann nur zahlen durch seine Handarbeit. Es ist deshalb notwendig, dass +Deutschland eine aktive Handels- und Zahlungsbilanz hat. Unsere +Zahlungsbilanz aber ist vorbelastet mit einem Einfuhrbedarf von 2½ +Milliarden Lebensmitteln und 2½ Milliarden Rohstoffen, und zwar ohne +verarbeitete Fabrikate und ohne Luxusartikel, die nicht sehr erheblich +sind und die es zum grossen Teil nicht aus freiem Entschluss, sondern +zur Aufrechterhaltung nachbarlicher Handelsbeziehungen erwirbt. + +Ausserdem sind im Gegensatz gegen die frühere Lage, in der uns aus +Auslandsinvestitionen 1½ Milliarden jährliche Erträgnisse zuflossen, +jetzt ¾ Milliarden Goldmark jährlich an das in Deutschland Kapital +besitzende Ausland zu zahlen. + +Die Passivseite der Zahlungsbilanz beträgt also etwa 5¾ Milliarden +Goldmark, denen eine Ausfuhr von nur 3½ bis 4 Milliarden gegenübersteht. +Es besteht somit eine Passivität der Zahlungsbilanz im Saldo 2 +Milliarden schon vor Zahlung irgendwelcher Reparation. + +(Auf Befragen Lloyd Georges:) Es ist ganz richtig, dass infolge des +Standes des Weltindexes auf 1,5 die deutsche Ausfuhr jetzt 14 bis 15 +Milliarden Goldmark betragen müsste, wenn sie dem Vorkriegsstande +entspräche. Sie hat sich also auf etwa ein Viertel vermindert. + +Um das Defizit der Zahlungsbilanz zu decken, bestehen nur drei +Möglichkeiten: + + Verkauf der Substanz des Landes, + grosse auswärtige Anleihen oder + Verkauf der Landeswährung. + +Den Ausverkauf von Landessubstanz konnten wir leider nicht hindern. Er +ist in grossem Umfange vor sich gegangen. Grundstücke, Unternehmungen, +Aktien, Obligationen, selbst Hausrat sind vom Auslande unter dem Werte +erworben worden. + +Die Durchführung einer auswärtigen Anleihe haben wir versucht. Sie war +unmöglich, da nach Meinung der City die Deutschland auferlegten Lasten +zu schwer waren. + +Unter diesen Umständen war es unmöglich, den Verkauf von Umlaufsmitteln +zu vermeiden, obwohl unser Geld hierdurch ein Gegenstand der +internationalen Spekulation wurde. + +Der Prozess des Ausverkaufs des deutschen Geldes hat sich zunächst ohne +panikartige Folgen bis Mitte 1921 fortgesetzt. Er wurde nicht durch +Deutschland ermutigt, sondern durch das Ausland eingeleitet, das mit +Recht den inneren Wert der Mark höher einschätzte als den Auslandskurs. +Aber Mitte 1921 ereignete sich etwas, was vorauszusehen war: der Streik +der Käufer der Mark. In dem Augenblick, wo man sah, dass wir gezwungen +waren, in kurzer Frist eine Goldmilliarde zu beschaffen, mithin 30 +Papiermilliarden zu verkaufen, steckten die Markkäufer die Hände in die +Tasche und warteten. So trat der Marksturz ein, und der Dollarkurs stieg +von 55 bis zeitweise auf 300. + +Man hat bei uns und im Auslande gesagt, dieser Marksturz sei nur die +Folge der Inflation und des Gebrauchs der Notenpresse in Deutschland. +Das ist ein Irrtum. Sonst hätte dieser Sturz nicht so plötzlich und in +ganz kurzer Zeit eintreten können. Auch hat der Kurs sich sobald sich +wieder etwas Blau am Himmel zeigte, erheblich gebessert. Das Blau am +Himmel waren die Nachrichten über die ersten Besprechungen zwischen der +britischen und französischen Regierung über eine Regelung unserer +Verbindlichkeiten für 1922. + +Jetzt komme ich zu einem äusserst wichtigen Punkt. Solange die Währung +eines Staates auf dem internationalen Markt aus dem Gleichgewicht +gekommen ist, ist es unmöglich, irgend ein Budget auf bestimmte Zeit mit +Sicherheit in Ordnung zu bringen. Denn jeder neue Sturz des Kurses hat +eine Erhöhung der Ausgaben für Gehälter, Löhne und Rohstoffe zur Folge. +Ein Staatsbudget aber setzt sich nur aus diesen drei Posten zusammen. + +In diesem Augenblick ist unser Budget für 1922 in Ordnung. Es enthält +sogar gewisse Ueberschüsse, dabei ist aber von den Reparationen +abgesehen. Jeder neue Marksturz, jede neue innere Preiserhöhung aber +wird dieses Budget gefährden. + +Wird damit gerechnet, dass die Reparationslasten erträglich werden, dann +kann die Mark steigen und das Mass der Staatsausgaben in Papiermark +sinken. Auf der anderen Seite wird die Konkurrenz der deutschen Ware +umso gefährlicher, je mehr die Mark sinkt. + +Was gibt es nun für Mittel der Gesundung? Wie kann man je zu einer +Wiederherstellung der deutschen Valuta gelangen? + +Als Abhilfsmittel könnte man zunächst an eine Reduktion des Verbrauchs +denken. Diese ist aber kaum erreichbar, da die Mittelklassen und die +Arbeiter weit unter dem Stande der Vorkriegszeit leben. Es kann sich +also nur um die Hebung der Produktion und um die Vermehrung der Ausfuhr +handeln. Eine derartige Vermehrung ist aber schwer, weil sich andere +Völker gegen die Vermehrung der deutschen Einfuhr wehren. Es bleibt das +Mittel, die landwirtschaftliche Produktion zu heben, aber das erfordert +Zeit bei den infolge des Krieges verschlechterten Bedingungen. + +Ich will jetzt im einzelnen von den Lasten sprechen, die auf Deutschland +ruhen. Für 1922 beträgt das Budget 85 Milliarden ausschliesslich +Reparationen und sonstigen Friedensvertragsleistungen. Um diese Last zu +balanzieren, war es nötig, die Steuerlasten zu verdoppeln. + +Ich will hier nicht über die sehr wichtige Frage der vergleichenden +Steuerbelastung sprechen. Wir haben Unterlagen vorbereitet und stellen +sie zur Verfügung. Ich stelle unter Beweis, dass der Deutsche fernerhin +eine schwerere Bürde trägt als der Bewohner irgend eines anderen Landes, +insbesondere der Engländer oder der Franzose. Um den Staatshaushalt zu +konsolidieren, wird es sich zunächst darum handeln, die Reichsbetriebe +zu balanzieren, Eisenbahnen, Post, Telegraphen. Die Massnahmen sind +ergriffen, um im Jahre 1922 diese Reichsbetriebe ins Gleichgewicht zu +bringen. Ferner handelt es sich um die Beseitigung der Subsidien, die +bisher zur Verbilligung der Lebensmittel und aus sozialen Gründen +gegeben werden mussten. Ich trete in die Einzelheiten nicht ein. +Massnahmen sind ergriffen, die dazu führen sollen, diese Subsidien +allmählich abzubauen. + +Eine dritte Frage wegen des deutschen Budgets betrifft die Frage des +Kohlenpreises. Der Kohlenpreis nähert sich sehr rasch dem +Weltmarktpreis. Sobald der Preis des Dollars sich weiter ermässigt, +überschreiten die deutschen Kohlenpreise den Weltmarktpreis und zwar zu +verschiedenen Zeitpunkten, da die Preisverhältnisse der einzelnen Sorten +verschieden sind. + +Bisher habe ich stets nur von einem Budget ohne Reparationen und ohne +die inneren Kosten des Friedensvertrages gesprochen. Wenn ich von den +bereits erwähnten 500 Millionen für 1922 ausgehe, wenn ich ferner +ausgehe von Sachleistungen von 1450 Millionen Goldmark und dann noch die +inneren Kosten des Friedensvertrages nehme, so komme ich zu folgenden +Ziffern: + + 500 Millionen Gmk. zum Kurse von 50 = 25 Milld. Ppmk. +1450 " " = 72,5 " " +Friedensvertragsausgaben = 38 " " + ------------------- + 135,5 " " + +Diese Summen kämen also zusätzlich zu dem Budget von 1922 mit seinen 83 +Milliarden Papiermark. Das Budget würde also etwa 150 Prozent neue +Belastung erfahren und sich damit auf 218,5 Milliarden Papiermark +belaufen. Um die Bilanz herzustellen, gibt es nur zwei Mittel: + + eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Steuern + oder eine Riesenanleihe. + +Es wäre unmöglich, da das Land schwerer als seine Nachbarn belastet ist, +die Steuern nochmals zu verdoppeln. Es bleibt also die Frage einer sehr +grossen Anleihe. Ich glaube, dass man eine derartige Anleihe nicht im +Auslande wird machen können. Die City von London hat sich schon +geweigert, einen sehr viel kleineren Betrag für die Januar- und +Februarzahlungen durch eine Anleihe zu finanzieren. Die Frage einer +inneren Anleihe wird sehr ernsthaft erörtert werden. Aber in der +gegenwärtigen Situation wird es kaum möglich sein, die notwendigen +Reizmittel zu finden, um eine Anleihe auch nur annähernd des +erforderlichen Umfanges unterzubringen. + +Ich lege Wert darauf, einen Vorwurf zu entkräften, der immer wieder +auftaucht und der dahin geht, Deutschland sei doch dasselbe Land, es +habe jetzt noch 60 Millionen Einwohner, darunter eine grosse +landwirtschaftliche und industrielle Bevölkerung und reichliche +Arbeitsmittel. Es habe keine Arbeitslosigkeit. Weshalb könne dieses +tätige und angeblich reiche Land keinerlei Zahlungen leisten? +Demgegenüber sage ich, wir haben keine Ersparnisse. Lassen Sie mich +einen Augenblick die Frage der Ersparnisse, der national savings, +prüfen. + +Wenn ich das Deutschland von jetzt und früher vergleiche, so fehlen uns +zunächst die Reserven, die wir aus den Anlagen im Ausland hatten. Vor +dem Kriege waren wir aus diesen Quellen mit 1,5 Milliarden aktiv, jetzt +sind wir mit ¾ Milliarden passiv. Der zweite Faktor ist der Verlust an +Gebiet und Bevölkerung. Gegenüber der Zeit vor dem Kriege haben wir +daran mehr als 10 Prozent verloren. + +Der dritte Faktor ist der bereits erläuterte Rückgang der Ausfuhr. Die +Ausfuhr hat sich von 10 Milliarden Goldmark auf 3,5 oder unter +Berücksichtigung des Weltindexes auf 2,5 Milliarden vermindert. Die +Gewinne daraus sind deshalb ebenfalls entsprechend zurückgegangen. Ein +vierter Faktor: Wir verloren einen grossen Teil unserer Rohstoffe, die +wir jetzt einführen und mit Goldmark oder Ausfuhr bezahlen müssen. + +Der fünfte Faktor ist der, dass sich die landwirtschaftliche Bevölkerung +mehr vermindert hat als die Gesamtbevölkerung, und dass gerade +landwirtschaftliche Ueberschussgebiete verloren sind. + +Auch der sechste Faktor ist sehr beträchtlich. Es handelt sich um die +Ermässigung der Dienste und ihres Ertrages, die Deutschland durch +Schiffahrt, Aussenhandel und Bankverkehr im Ausland leistete. + +Auf Grund dieser Faktoren, wenn sie sich auch z. T. überdecken, besteht +meiner Schätzung nach anstelle eines Ueberschusses, einer nationalen +Ersparnis von 6 Milliarden Goldmark vor dem Kriege jetzt ein Defizit von +1 bis 2 Milliarden Goldmark jährlich. So zehrt das Land sich allmählich +auf; es lebt von seiner eigenen Substanz. Es hat weder die Mittel für +Erneuerungen noch für die wirtschaftliche Ausstattung seines +Bevölkerungszuwachses. + +Es wird auch die Frage Deutschland gegenüber aufgeworfen, und der Herr +Vorsitzende hat sie mit Recht in Erörterung gestellt: Was tut Ihr mit +Euren Waren? Wenn Ihr sie nicht ausführt, so speichert Ihr sie auf und +investiert sie und schafft grosse neue innere Reichtümer. Es erscheint +sehr paradox, dass ein Land trotz Fehlens von Ersparnissen Waren +aufstapeln, bauen und investieren sollte. Ich bitte daher, von der Lage +der Arbeitsstundenzahl und ihrer Verwendung in Deutschland sprechen zu +dürfen. Ich komme damit auch auf die Frage, was Deutschland mit seinen +Arbeitslosen macht, und auf den Verlust an Arbeitsstunden unter der +gegenwärtigen Situation. + +1. Die Einkünfte aus Kapitalanlagen im Auslande wurden früher bezahlt in +Waren, die somit einen fortlaufenden Tribut an Gütern bedeuteten, der in +breitem Strom uns zufloss. Schon um diese Güter, vor allem Rohstoffe, zu +erhalten, die wir früher als laufenden Ertrag erhielten, müssen wir jetzt +arbeiten und Arbeitsstunden aufwenden. Dieser Arbeitsstundenaufwand +lässt sich auf 3,75 Milliarden jährlich schätzen. + +2. Aus dem Verlust an Gebieten ergibt sich ein Verlust an Ersparnissen, +der sich in einem Mehraufwand von einer Milliarde Arbeitsstunden +ausdrückt. + +3. Man schätzt die Tatsache, dass für die Rohstoffe, die wir einst in +unseren Grenzen hatten und die wir jetzt mit der Ausfuhr oder mit +Arbeitsstunden bezahlen müssen, und den dadurch herbeigeführten Aufwand +von Arbeitsstunden auf 0,83 Milliarden. + +4. Aus der ungünstigeren landwirtschaftlichen Flächengestaltung und der +Verschlechterung des Düngemittelbezuges ergibt sich ein weiterer +Mehraufwand von 1,82 Milliarden Arbeitsstunden. + +5. Der Gegenwert der verlorenen Dienstleistungen (Schiffahrt, +Aussenhandel und Auslandsbankverkehr) dürfte 1,66 Milliarden +Arbeitsstunden betragen. + +Der gesamte Mehraufwand an Arbeitsstunden, wie er durch die gegebenen +Verhältnisse erfordert wird, beträgt danach 9 bis 9,28 Milliarden. + +Wenn ich von einer arbeitenden Bevölkerung von 21 Millionen ausgehe und +pro Kopf 2400 Arbeitsstunden im Jahre rechne, so beträgt der Gesamtwert +der von Deutschland aufgewandten Arbeitsstunden nicht mehr als 50 +Milliarden. Hiervon sind mehr als 9 also für Arbeit aufgewandt, die wir +vor dem Kriege nicht aufzuwenden brauchten, d. h. fast 1/5 der gesamten +Arbeitsstunden. Wenn ich diese Summen mit der Zahl der männlichen +arbeitenden Bevölkerung in Beziehung setze, so ergibt sich bei uns eine +versteckte Arbeitslosigkeit von nahezu 4 Millionen Menschen, d. h. 4 +Millionen Menschen müssen Arbeit leisten, die früher nicht notwendig +war. Wenn also bei anderen Nationen eine Arbeitslosigkeit erscheint, die +bei uns nicht sichtbar ist, so möchte ich im Gegensatz dazu von einer +unsichtbaren Arbeitslosigkeit sprechen, die darin besteht, dass 4 +Millionen Menschen Arbeit leisten müssen, die früher nicht nötig war und +die das Arbeitsergebnis gegen früher nicht verbessert. Und zwar alles +dies vor irgendeiner Zahlung von Reparationen. Von einer Aufspeicherung +von Reichtümern kann mithin nicht die Rede sein. + +Ich bitte nunmehr etwas sagen zu dürfen über die von Deutschland +erwarteten reinen Goldleistungen. Es mag sein, dass meine bisherigen +Ausführungen negativ klangen. Wo der Optimismus der Berechnung versagt, +wird Energie und Entschlossenheit zu Hilfe kommen müssen, aber auch hier +sind Grenzen gegeben. + +Ich knüpfe wieder an die 500 Millionen an, von denen ich schon +gesprochen habe. Die reinen Goldlasten für Deutschland werden aber in +jedem Falle viel höher sein als dieser Betrag. Es handelt sich zunächst +daneben um den Gegenwert des clearing mit 360-400 Millionen Goldmark. +Dann aber handelt es sich um die in Gold zu beschaffende Bezahlung für +die Rohstoffe, deren wir zur Herstellung unserer Sachleistungen +bedürfen. Denn mit Ausnahme der Kohlenlieferungen, für die fremder Bezug +von Hilfsmaterialien nicht allzu schwer ins Gewicht fällt und die ich +daher ausser Ansatz lasse, müssen wir für alle anderen Sachlieferungen +etwa 25 Prozent des Wertes an Rohstoffen aus dem Auslande beziehen. So +komme ich zu weiteren 250 Millionen Goldmark. Wir würden also für 1922 +auf eine Goldleistung von mehr als 1 Milliarde Goldmark kommen, wenn es +sich scheinbar nur um eine Goldzahlung von 500 Millionen handelt. Wenn +es notwendig erscheint, eine so gewaltige Summe von Deutschland zu +verlangen, so sollte man die Frage der Ermässigung des clearing und der +inneren Besatzungskosten eingehend prüfen. + +In jedem Falle aber ist Deutschland durchaus bereit, auf den Weg der +Stabilisierung des Budgets zu treten, der ihm vorgeschlagen ist. + +Die Erhebung der Zölle auf Goldbasis soll erfolgen. + +Die Frage der Verkehrstarife wird 1922 geregelt werden, um das Defizit +dieser Wirtschaftszweige auszugleichen. + +Der Abbau der Subsidien ist in die Wege geleitet. + +Die Kohlenfrage ist schwieriger, weil die Preise sich dem +Weltmarktpreise immer mehr nähern. + +Was die innere Anleihe anbelangt, so wird sie in ernsteste Erwägung +gezogen werden. + +Die Frage der Kapitalflucht würde hier viel Zeit wegnehmen. Ich bitte +deshalb, sie heute zurückstellen zu dürfen, zumal ihre Regelung nur +unter Mitwirkung aller Auslandsbanken möglich sein würde. + +Was die Garantien anlangt, so gibt es meines Erachtens Mittel, um der +Reichsbank eine grössere Autonomie zu geben. Die Reichsbank ist jetzt +dem Reichskanzler unterstellt, der aber im Laufe von 50 Jahren nur +einmal von seinem Eingriffsrecht Gebrauch gemacht hat. Eine +weitergehende Verständigung ist möglich. Es wäre aber sehr gefährlich, +wenn man anstelle der Verantwortung die Ueberwachung setzte. Das würde +das freie Verantwortungsgefühl erschüttern und als Präzedenzfall die +Zentralnotenbanken aller Staaten schädigen. + +Man hat uns endlich gefragt, ob wir mitarbeiten wollen am Wiederaufbau +Europas. Deutschland würdigt die hohe Wichtigkeit dieser Aufgabe und +ihren Zusammenhang mit der Lage der Weltwirtschaft. Es ist zwar nicht +in der Lage, dem Kapitalmarkt der Welt Mittel im Ausmasse reicherer +Staaten zur Verfügung zu stellen, immerhin unter den beabsichtigten +Bedingungen ist Deutschland in der Lage, den ihm zugedachten Teil zu +übernehmen. Deutschland ist um so mehr geeignet, am Wiederaufbau +teilzunehmen, als es mit den technischen und wirtschaftlichen +Bedingungen und Gepflogenheiten des Ostens vertraut ist. Der Weg, auf +den man sich begeben will, erscheint mir richtig. Ein internationales +Syndikat, und zwar ein Privatsyndikat. Deutschland glaubt, dass man die +Frage des Wiederaufbaus beginnen sollte mit der Wiederherstellung des +Verkehrs und der Verkehrsmittel. Man muss sodann an die Quellen der +Produktion vordringen und vor allem die bestehenden Unternehmungen +wieder neu beleben. Deutschland glaubt, dass es an der Entwicklung des +Ostens und der Mitte Europas um so mehr Anteil zu nehmen berechtigt ist +wegen seiner Haltung der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung +gerade dieses östlichen Europas gegenüber. In dem Augenblick, als +Deutschland fast am Ende seiner Kräfte war nach Krieg, Niederbruch, +Revolution hat Deutschland doch der staatlichen und sozialen +Desorganisation widerstanden. Hätte diese Desorganisation in Deutschland +triumphiert, so wäre sie eine entscheidende Gefahr für die ganze Welt +geworden. Deshalb glaubt Deutschland, sich nicht nur nach Kräften der +Wiederherstellung zerstörter Gebiete des Westens, sondern auch mit +Rücksicht auf seine geographische Lage und Kenntnis nachbarlicher +Verhältnisse der Wiederherstellung von Ost- und Zentral-Europa widmen zu +sollen, und somit an der Aufgabe teilzunehmen, die die Grossmächte sich +im Einvernehmen mit diesen Gebieten gestellt haben. + + + + +REDE VOR DEM +HAUPTAUSSCHUSS DES REICHSTAGES +VOM 7. MÄRZ 1922 + + +Im Mittelpunkt unserer gesamten Aussenpolitik steht nach wie vor das +Problem der Reparationen. In dem Augenblick, als im Frühjahr letzten +Jahres das Ultimatum von Deutschland unterzeichnet wurde und dadurch das +Reparationsproblem in sein gegenwärtig aktuelles Stadium trat, waren +drei Auffassungen in Deutschland gegenüber diesem Problem erkennbar. + +Die eine Auffassung ging dahin, es müsse Festigkeit gezeigt und +Widerstand geleistet, es müsse, komme, was da wolle, die Leistung der +Reparationen überhaupt abgelehnt werden. Ich glaube nicht, dass diese +Anschauung eine verbreitete war, sie ist aber in der Oeffentlichkeit zum +Ausdruck gekommen. Niemand hat den Versuch gemacht, darzulegen, mit +welchen Mitteln eine solche Politik geführt werden könne, und zu welchen +Ergebnissen sie führen würde. Dieses Ergebnis wäre lediglich die +Katastrophe gewesen, die Versenkung Deutschlands in ein Chaos +auswärtiger Verwirrungen. + +Die zweite Auffassung, die uns entgegentrat, fand Widerklang in diesem +hohen Hause. Es war die Auffassung, dass man zwar bis zu einem +bestimmten Masse sich dem Reparationsproblem nähern dürfe, dass aber die +erste Aufgabe der Reichsregierung darin bestehen müsse, wie man sich +ausdrückte, mit aller Offenheit zu erklären, die Leistungen seien +vollkommen unerfüllbar und es habe überhaupt keinen Zweck, sie in +irgendwelchem bedeutenderen Ausmasse in Erwägung zu ziehen. Diese +Politik wurde bezeichnet als die Politik der Offenheit, und es wurde der +Regierung der schwere Vorwurf gemacht, dass sie angeblich diese +Offenheit nicht aufbrächte. Diese Auffassung war unpsychologisch, denn +der andere hörte aus dem »Wir können nicht« nur das »Wir wollen nicht« +heraus. + +Die dritte Auffassung des Versuches der Erfüllung war die Auffassung der +Reichsregierung, und sie ist im Laufe dieses Jahres in erheblichem Masse +gefördert worden. Die Reichsregierung ging davon aus, dass eine +Verpflichtung für das Reich geschaffen sei durch die Unterschrift seiner +massgebenden Stellen. Sie ging davon aus, dass unter allen Umständen der +Versuch gemacht werden müsse, den ehemaligen Gegnern zu zeigen, dass +Deutschland bereit sei, bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu +gehen. Ich glaube, dass diese Auffassung die psychologisch richtige war. +Sie rechnete mit der Mentalität der ehemals gegnerischen Länder und ging +davon aus, dass über kurz oder lang eine Erkenntnis des wirklichen +Sachverhalts eintreten würde durch eigene Einsicht der übrigen Nationen. + +Ich bedaure, dass ein Wort, das ich bei Einleitung dieser sogenannten +Erfüllungspolitik gesprochen habe, erheblichen Missverständnissen +begegnet ist. Man hat aus Ausführungen, die ich im Reichstag tat, +geschlossen, ich wäre der Meinung, Deutschland könne bis zu jedem +beliebigen Masse seine Erfüllung treiben; es wäre lediglich eine Frage, +wie weit man es für wünschenswert hielte, das Volk in Not geraten zu +lassen. Ich würde eine solche Auffassung, wenn sie in meinen Worten +erkennbar wäre, auf das tiefste bedauern. Was ich gesagt habe, war aber +so ziemlich das Entgegengesetzte. Ich habe für die Möglichkeit der +Erfüllung die stärkste Grenze gezogen, die man überhaupt ziehen kann, +nämlich die sittliche. Ich habe erklärt, dass das Mass der Erfüllung +gegeben sei durch die Frage, wie weit man ein Volk in Not geraten lassen +dürfe. Dieses »dürfe« unterstreiche ich, denn darin war die sittliche +Verpflichtung enthalten, nur bis zu dem Punkte zu gehen, den der +Staatsmann verantworten kann. Diesem Grundsatz ist die Regierung treu +geblieben. Es hat sich im Laufe des Jahres dann auch gezeigt, dass die +Fragestellung »Möglichkeit oder Unmöglichkeit« der Erfüllung überhaupt +nicht diejenige geworden ist, die die Mentalität der übrigen Länder +ausschliesslich beschäftigt hat. In kurzer Zeit hat sich ergeben, dass +eine weitere Frage hervortrat, nämlich die: wie weit eine +Reparationsleistung Deutschlands überhaupt für die übrigen Völker +erträglich sei, denn die volkswirtschaftliche Verknüpfung der Länder +führte dazu, zu erkennen, dass die Zwangsarbeit eines Landes, auf den +Weltmarkt gebracht, nur dazu führen kann, den gesamten Markt der Erde +zu zerrütten, und damit, wenn auch auf einer Seite Zahlungen erlangt +werden, Nachteile für andere Länder zu schaffen, die so erheblich sind, +dass sie z. B. in England allein zu einer Arbeitslosigkeit von 2 +Millionen Menschen führten. Psychologisch also hat sich das Vorgehen der +Regierung als richtig erwiesen. Es war vermieden worden, eine fruchtlose +Diskussion auf den Grad einer theoretischen Möglichkeit zu beschränken. +Es war die Möglichkeit dadurch geschaffen, lediglich die Tatsachen +sprechen zu lassen; und die Sprache der Tatsachen ist so stark gewesen, +dass heute fast in allen Ländern übereinstimmend die Auffassung +herrscht, dass das Reparationsproblem von neuem studiert werden muss. Es +ist kein Tag vergangen, an dem das Studium des Reparationsproblems in +der Welt geruht hätte. In energischer Weise ist die englische Auffassung +für erneute Prüfung eingetreten, die Reparationskommission hat sich der +Frage angenommen, und gerade in diesem Momente schweben die +Verhandlungen darüber, auf welches Mass die Reparationen für das Jahr +1922 begrenzt werden sollen. + +Mit dieser allgemeinen Auffassung der Regierung im Zusammenhang stand +die praktische Politik, die sie im Laufe des Jahres verfolgt, und deren +erste Etappe nach Wiesbaden führte. + +Die Aufgabe von Wiesbaden war eine doppelte. Es handelte sich zunächst +darum, überhaupt die Möglichkeit zu finden, wie erhebliche Zahlungen von +einem Lande an ein anderes geleistet werden könnten; denn es war +evident, dass es nicht möglich war, Goldleistungen von Deutschland ins +Ausland zu führen, soweit nicht eine erhebliche Aktivität der +Handelsbilanz vorhanden gewesen wäre, und diese war nicht vorhanden. Es +handelte sich also darum, Modalitäten zu finden, um überhaupt dem +Reparationsproblem eine Unterlage der Durchführbarkeit zu geben. Der +Begriff der Sachleistungen trat in den Vordergrund. Es wurde versucht, +zunächst mit Frankreich ein Abkommen der Sachleistungen zu schliessen +und dieses Abkommen so einzurichten, dass der Strom an Gütern, der zu +erwarten stand, in erster Linie dem Wiederaufbaugebiet zugeführt würde. + +Daneben aber lag die zweite politische Aufgabe mit grösserer +Wichtigkeit. Die Anknüpfung der Reparationsbeziehungen zur übrigen Welt +war überhaupt nur denkbar, wenn zunächst diejenigen Gebiete +berücksichtigt wurden, die am schwersten unter den Zerstörungen des +Krieges gelitten hatten. Es ist eine europäische Notwendigkeit, dass die +zerstörten Gebiete Frankreichs wieder aufgebaut werden. Solange sie als +Wüsteneien zwischen Deutschland und Frankreich liegen, bleiben sie ein +Symbol der Spaltung zwischen den Völkern. Immer wieder wird den +Bewohnern dieser Gebiete Bitterkeit ins Gemüt geführt, und die Länder +der Erde sehen in den zerstörten Gebieten das Wahrzeichen eines noch +nicht wiederhergestellten Friedens. Ich halte es für dringend nötig, +dass der Wiederaufbau der zerstörten französischen Gebiete sobald als +möglich erfolgt, und ich glaube, dass das Zentralproblem der ganzen +Reparationen darin liegt, dass Deutschland sein möglichstes tut, um +diese Gebiete wiederherzustellen. + +Die beiden Aufgaben wurden in Wiesbaden gestellt und gelöst. Es wurde +ein Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich hergestellt, das auch +auf andere Staaten seine Anwendung finden konnte. Leider ist das +Ergebnis von Wiesbaden zwar nicht, wie es wünschenswert gewesen wäre, +ein Friedenswerk nach aussen und innen gewesen. Nach aussen mehr als +nach innen. Im Innern entfaltete sich eine heftige Agitation und +Kontroverse gerade gegen die Sachleistungen. Mit wechselnden Argumenten +ging man vor. Man behauptete, dass das Wiesbadener Abkommen das deutsche +Volk zugrunde richtete, man behauptete, wir hätten damit Frankreich eine +Option auf unsere Konjunktur gegeben. Man behauptete, wir wären weit +über unsere Verpflichtungen von Versailles hinausgegangen. Jede dieser +Behauptungen wurde widerlegt, aber sie wuchsen nach wie die Köpfe der +Hydra, und es wurde offenkundig, dass es weniger die wirtschaftlichen +als die politischen Bestrebungen waren, die die grosse Agitation gegen +Wiesbaden hervorriefen. Das wurde deutlich in dem Augenblick, als man +behauptete, das Wiesbadener Abkommen hätte eine so schwere Spaltung +zwischen Deutschland und England hervorgerufen, dass nunmehr England +endgültig sich von jedem Interesse Deutschland gegenüber losgesagt habe. +Dass dies nicht der Fall war, wurde mir von englischer Seite bestätigt; +Engländer hoher Stellung erklärten mir, dass sie in dem Wiesbadener +Abkommen unseren ersten politischen Schritt zur Verwirklichung des +Reparationsproblems erblickten. Sie gingen so weit, zu sagen, dass ohne +das Abkommen von Wiesbaden diejenigen weiteren Entwicklungen nicht +möglich gewesen wären, die uns im Verlauf der Zeit nach Cannes führten. + +Die Konferenz in Cannes ist, meine Herren, wie Sie wissen, nicht bis zu +ihrem letzten Ende geführt worden. Sie wurde vorzeitig abgebrochen, +durch innerpolitische französische Verhältnisse, durch die +Amtsniederlegung des französischen Ministerpräsidenten. Wir können nicht +sagen, dass Cannes eine endgültige Regelung im Sinne einer gesamten +Ordnung der Zukunft uns gegeben hätte. Wir können aber auch nicht sagen, +dass das Ergebnis von Cannes ein negatives gewesen sei. Es ist möglich +geworden, durch die Verhandlungen, die dort und zuvor in London +stattgefunden haben, ein Abkommen zu präliminieren, wenigstens für das +Jahr 1922, das heute noch nicht ganz geregelt ist, aber das vermutlich +in den nächsten Wochen seine Regelung finden wird. Es ist möglich +geworden, in Cannes, den Vertretern der früher uns gegnerischen Nationen +die gesamte deutsche Situation darzulegen, und zwar in grösserer +Ausführlichkeit und Klarheit, als wir es vermocht hätten, wenn wir +lediglich uns auf den negativen Standpunkt der Ablehnung jedes +Erfüllungsversuches gestellt hätten. Es ist ferner in Cannes dazu +gekommen, dass eine Konferenz aller Nationen für Genua in Aussicht +genommen wurde, die nach wechselnden Schicksalen nun doch wahrscheinlich +im April stattfinden soll. Auf der einen Seite ist der Reflex in der +deutschen Oeffentlichkeit der gewesen, als Cannes beendet war, dass von +Genua sehr wenig zu erwarten sei, dass die Ergebnisse völlig +unbefriedigende seien, dass die Regierung dort nicht nur keinen Erfolg, +sondern eigentlich, genau betrachtet, eine schwere Niederlage erlitten +habe. Im merkwürdigen Kontrast dazu stand es, dass gerade von denselben +Stellen, die in Genua eine vollkommene Gleichgültigkeit erblickten, in +dem Augenblick, als die Boulogner Beschlüsse stattfanden, erklärt wurde, +dass nun die letzte Hoffnung geschwunden sei, die wir in Deutschland +hätten aufleuchten sehen. In einem der beiden Fälle müssen die Kritiker +sich geirrt haben, entweder war in Cannes doch etwas erreicht worden +oder der Verlust, der angeblich in Boulogne erlitten worden sein soll, +konnte kein so überaus schwerer sein. + +Ich glaube, dass tatsächlich ein doppelter Irrtum vorlag. Auf der einen +Seite wurde die Genueser Konferenz unterschätzt in dem Augenblick, als +sie auftrat, auf der anderen Seite wurden die Boulogner Beschlüsse +überschätzt in dem Augenblick, als sie zur Wirklichkeit wurden. +Diejenigen, die der Entwicklung näher standen, haben niemals daran +gezweifelt, dass Genua nicht die Stelle sein konnte, an der von einem +Gremium aus mehr als 40 Nationen, von denen ein grosser Teil weder +Unterzeichner von Versailles noch Kriegsbeteiligte waren, dass von +diesen Nationen Beschlüsse nicht gefasst werden konnten über die +Versailler Grundlagen oder über die Grundlagen der Reparationen. +Boulogne hat die Bestätigung dafür erbracht, dass das Reparationsproblem +und der Versailler Vertrag diesem Gremium zur Beschlussfassung nicht +unterliegen kann. Eine Ueberschätzung von Genua kann indessen darin +liegen, dass man erwartet, es könne von dort aus sofort eine neue +Regelung der europäischen Verhältnisse ausgehen. Ich halte es für +bedenklich, zu glauben, dass eine Gemeinschaft von 40 Nationen mit +Vertretern, deren Zahl in die Hunderte geht, eine aktive Politik führen +kann, die mit einem Schlage uns in eine neue politische +Weltkonstellation führt, den Vertrag abändert und die Reparationen auf +ein normales Mass zurückführt. Wohl aber wird die Möglichkeit vorhanden +sein, dass in Genua die allgemeinen Ursachen der Welterkrankung erörtert +werden, und dass die Nationen gemeinschaftlich nach solchen Wegen +suchen, die zu einer Gesundung des ganzen Kontinents führten. Genua wird +voraussichtlich das erste Glied einer Serie von Konferenzen sein, die +vermutlich dieses und das nächste Jahr in Anspruch nehmen werden. Einen +anderen Weg als den Weg der Konferenzen gibt es unter den heutigen +Verhältnissen leider nicht. Begegnung der Staatsmänner findet statt auf +Seiten der Entente; dort ist die Möglichkeit der Aussprache +kontinuierlich gegeben. Für uns aber, die wir nicht in gleichem Masse in +Verbindung stehen mit unseren Nachbarvölkern, ist eine Konferenz schon +deswegen von Wichtigkeit, weil sie uns die Möglichkeit mündlicher +Aussprache, persönlichen Kontaktes gibt, der unter allen Umständen +vorzuziehen ist dem Wege der Noten und der diplomatischen Verhandlungen. + +Wer also der Auffassung ist, dass von Genua eine neue Aera des +Geschehens ausgehen wird, der, fürchte ich, wird eine Enttäuschung +erleben. Ich habe den Eindruck, dass in wirtschaftlichen Kreisen trotz +aller Enttäuschung über Boulogne ein solcher Optimismus besteht, und ich +würde nicht wünschen, dass er sich befestigt. Wer aber der Meinung ist, +dass von dem gegenwärtigen schwerkranken Zustand des gesamten +europäischen und Weltwirtschaftskörpers ein Weg gefunden werden muss zu +einer Gesundung, und wer der Meinung ist, dass dieser Weg nur durch +gemeinschaftliche Aussprachen erreicht werden kann, dass dieser Weg zwar +lang, aber unter allen Umständen beschreitbar ist, der wird, glaube ich, +in Genua dasjenige finden, was er sucht. + +Was die Entwicklung der Reparationen selbst betrifft, so wird ihr +Gremium voraussichtlich bis auf weiteres die Reparationskommission +bleiben, und hinter der Reparationskommission diejenigen Mächte, die in +erster Linie die Empfangsberechtigten sind. Ich glaube, dass die +Entwicklung des Reparationsproblems folgenden Gang nehmen wird: man wird +für das Jahr 1922, auch wohl für das Jahr 1923 zu Lösungen zu kommen +suchen, die zunächst nur provisorische Lösungen sein werden. Sie können +nur provisorisch sein, denn auf der einen Seite ist ein gewaltiges +Geldbedürfnis bei den empfangsberechtigten Staaten, auf der anderen +Seite ist die Zahlungskraft Deutschlands, insbesondere in Barmitteln, +eine begrenzte. Die Erkenntnis ist wohl heute so ziemlich in der ganzen +Welt verbreitet, dass ein Volk dem andern nur dauernd zahlen kann aus +dem Ueberschuss seiner Zahlungs- und Handelsbilanz. Unsere +Zahlungsbilanz ist schwer passiv, unsere Handelsbilanz ist in den +letzten Monaten um eine Kleinigkeit aktiv geworden. Zahlungsmittel in +bar sind somit nur in beschränktem Masse aufzubringen. Es kann daher für +1922 und 1923 wahrscheinlich nur ein Provisorium gefunden werden, das +auch nicht entfernt den Wünschen extremistischer Gegenseiter entspricht, +die im Anfang des vorigen Jahres noch die öffentliche Meinung +beherrschten. Wir sehen heute einen erkennbaren Massstab für +Barleistungen in der Tatsache, dass, sobald diese Leistungen eine +bestimmte Menge überschreiten, die Wechselkurse gegenüber Deutschland +ins Schwanken, in lebhafte Bewegung kommen. Die Dekadenzahlung von 31 +Millionen, die als Vorprovisorium für die ersten Monate dieses Jahres +uns zugemutet worden ist, von der ich in Cannes den Beteiligten gesagt +habe, dass sie nur auf wenige Wochen beschränkt sein dürfe, hat bereits +den Wechselkurs gegen Deutschland in starkem Masse zu unseren Ungunsten +beeinflusst. Man darf sagen, dass die deutsche Leistungsfähigkeit in +Barzahlung direkt ihr Mass findet in der Bewertung des Dollars an der +Berliner Börse. Ich habe die Mitglieder der Reparationskommission, die +sich vor einiger Zeit in Berlin aufhielten, darauf aufmerksam gemacht, +wie unbedingt nötig es sei, schon jetzt, gleichviel ob die Regelung für +das Jahr 1922 sich noch etwas hinzieht, die Dekadenzahlungen zu +verringern, um den Dollarkurs nicht weiter in Bewegung zu setzen. Denn +was es bedeutet, wenn die deutsche Währung ihren scharfen Rückgang +fortsetzt, das wissen wir alle. Wir wissen, dass damit das Budget ins +Wanken kommt, dass alle Lasten sich erhöhen, dass alle Lohn- und +Gehaltsbemessungen von neuem in Frage gestellt werden, dass die ganze +Kette der Bewertungen im Lande sich in Bewegung setzt. Es ist möglich, +dass an den letzten Dollarbewegungen bis zu einem gewissen Grade +Spekulation beteiligt war. Wir dürfen nicht vergessen, dass grosse +Mengen deutschen Geldes im Besitz des Auslandes sind, und die Gefahr ist +gross, dass, wenn eine starke Bewegung in unseren Valuten stattfindet, +das Ausland erhebliche Beträge seiner Markbestände auf den Markt bringt. +Ich hoffe nicht, dass gleiches spekulativ von deutscher Seite geschieht. +Denn wenn man sich vorstellt, dass von deutscher Seite spekulative Käufe +in fremden Devisen stattfänden, so wäre es das traurigste Phänomen, das +man sich denken kann. Wir müssen im Auge behalten, dass jeder Deutsche, +der spekulativ fremde Valuten kauft, auf nichts anderes als das Unglück +unseres Landes spekuliert. Diese Kenntnis sollte sich soweit nur +irgendmöglich verbreiten. Ich hoffe, dass Deutsche an der spekulativen +Bewegung unserer Währung nicht beteiligt sind. + +Wenn wir also für das Jahr 1922 und vielleicht auch für das Jahr 1923 +nur zu provisorischen Regelungen kommen, so muss dafür gesorgt werden, +dass einmal die endgültige Regelung eintritt. Und sie kann nur dann +eintreten, wenn der grosse Kreis der wechselseitigen Verschuldung in +Europa sich lockert. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass das +Reparationsproblem nur ein Teilproblem innerhalb des allgemeinen +Weltverschuldungskreises bedeutet. Die Weltverschuldung umfasst Europa +und Amerika gemeinschaftlich. Die europäischen Staaten fast sämtlich +schulden direkt oder indirekt an Amerika, sie schulden ausserdem +untereinander. Die meisten sind Gläubiger und Schuldner zugleich; +diejenigen, die ausschliesslich Schuldner sind, sind wir. Schwerlich wird +sich das Reparationsproblem aus dem allgemeinen Weltverschuldungsproblem +herauslösen lassen. Dieses Weltverschuldungsproblem wird aber Gegenstand +der Erörterungen in der Politik aller Länder während der nächsten Jahre +sein müssen. Gelingt es, dieses Problem -- und es wird nur gelingen unter +dem Hinzutritt von Amerika -- einer erträglichen Lösung zuzuführen, so +ist damit auch die Lösung der deutschen Reparation ermöglicht. + +In diesem Falle muss nämlich der Versuch gemacht werden, mit Hilfe aller +europäischen und aussereuropäischen Kapitalstaaten eine grosse Anleihe +zu Lasten Deutschlands aufzunehmen, sie den Empfangsberechtigten zu +übergeben und damit das Reparationsproblem endgültig zu beseitigen. Ob +unter den heutigen Verhältnissen Kapitalaufnahmen seitens Deutschlands +in erheblichem Masse möglich sind, ist zu bezweifeln, denn der +Versailler Vertrag steht der Kreditgewährung an Deutschland entgegen. +Darüber hat sich niemand deutlicher ausgesprochen als der Leiter der +Bank von England. In dem gleichen Masse, wie die Erkenntnis des +Gesamtverschuldungsproblems in den Mittelpunkt des öffentlichen und des +Weltinteresses tritt, wird man den Versuch machen müssen, der +Kreditwürdigkeit Deutschlands zu helfen und dadurch eine Finanzoperation +zu ermöglichen, die von ausserordentlich grossem Umfange sein kann und +sein muss, um das grosse Problem zu lösen. Schon aus dem Grunde möchte +ich wünschen, dass das Reparationsproblem seine Beendigung durch eine +grosse Weltanleihe fände, weil ich der Meinung bin, dass der Zustand auf +die Dauer schwer aufrechtzuerhalten ist, dass ein Volk Zahlungen direkt +an einen oder mehrere seiner Nachbarn leistet. Die Anonymisierung der +Schuld wird die Schuld erleichtern und wird sie dauernd tragbarer +machen. Die Schuld an Nachbarn nimmt die Form eines Tributes an, und ein +solcher Tribut ist nicht diejenige Form, unter der sich der Weltfrieden +am besten konsolidiert. + +Ich habe von den Aussichten Genuas gesprochen und darauf hingewiesen, +dass auf der einen Seite vielleicht eine Enttäuschung für diejenigen +entsteht, die von Genua die endgültige Regelung der Reparationsfrage +erhoffen, dass aber auf der anderen Seite doch für uns die Erwartung +besteht, dass Genua einen Markstein in der allgemeinen Entwicklung zum +Weltfrieden darstellen wird. In hohem Masse wird das Ergebnis von Genua +davon abhängen, welche Stellung Amerika entschlossen ist, zu dem +Reparationsproblem, zum Friedensproblem überhaupt einzunehmen. + +Amerikas Macht ist durch den Krieg gewaltiger gewachsen als die +irgendeines anderen Landes. Der Eingriff Amerikas in das Schicksal der +Welt ist keinem anderen Eingriff zu vergleichen, der seit Jahrhunderten +in das Leben der Völker stattgefunden hat. Durch sein Eintreten in den +Krieg hat Amerika den Krieg entschieden, durch sein Eintreten in den +Friedenskongress hat Amerika den Frieden entschieden und durch seinen +Eintritt in die Weltprobleme der Verschuldung und der Sanierung wird +Amerika in der Lage sein, die Weltentwicklung in wirtschaftlicher und +friedenbringender Richtung zu entscheiden. + +Vielfach hat man bei uns die Vorstellung, Amerika sei ein Land, das +lediglich seinen grossen materiellen Aufgaben lebt, von der Natur +begünstigt und in grossartiger Isolation. Ich glaube, dass wenig Länder +so entschieden durch Erwägungen ideeller Art zu bewegen sind wie +Amerika. Ich glaube, dass die Motive, die Amerika zum Krieg und zur +Friedensschliessung getrieben haben, nicht so sehr auf materiellen +Wünschen beruhten, wie auf der Ueberzeugung einer Verantwortung, und ich +glaube deshalb, dass Amerika sich nicht derjenigen Verantwortung +entziehen wird, die ihm durch sein entscheidendes Eingreifen in die +europäischen Schicksale erwachsen ist. Ich weiss, dass in Amerika eine +starke Tendenz besteht, die dahin gerichtet ist, zu sagen, Europa ist +weit entfernt, mit den Händeln dieses alten Kontinents wollen wir nichts +zu tun haben. Es ist durchaus verständlich, wenn eine solche Auffassung +gehegt wird. Aber ich glaube, in Amerika werden Gegenkräfte wach und +stark sein, die die Auffassung vertreten, Europa darf nicht zugrunde +gehen, die Quellen der ältesten und stärksten Zivilisation dürfen nicht +erschüttert werden. Es darf nicht vergessen werden, dass derjenige, der +den Krieg bestimmt hat und den Frieden bestimmt hat, nun auch für das +Wohlergehen derjenigen Völker, deren Schicksal bestimmt wurde, eine +Verantwortung trägt. Ich glaube auch, dass diejenige Auffassung in +Amerika, die sagt, wir sind materiell am Geschick Europas so gut wie +uninteressiert, nicht das Richtige trifft. + +Ich habe von Amerika her Stimmen vernommen, die behaupteten, der ganze +Aussenhandel Amerikas nach Europa bedeute ausserordentlich wenig, er +bedeute, sagten die einen 4 Prozent, die anderen 7 Prozent der +amerikanischen Produktion. Ich glaube, dass diese Zahl in Amerika sehr +ernstlich der Nachprüfung bedarf und dass sie auch eine Nachprüfung +finden wird. Wäre tatsächlich die Produktion Amerikas 15 mal grösser +gewesen als seine Weltausfuhr, so wäre diese Produktion so gewaltig, +dass sie sich mit der Arbeiterzahl, über die Amerika verfügt, nicht +entfernt hätte leisten lassen. Der Anteil der Ausfuhr an amerikanischer +Produktion ist tatsächlich erheblich grösser, und Amerika wird auch in +materiellem Sinne erkennen, dass es wünschenswert ist, einen so starken +Konsumenten, wie es Europa ist, gesund zu erhalten. Es besteht somit die +Hoffnung, dass auf amerikanischer Seite ideelle und materielle Momente +zusammenwirken werden, um die gewaltige Kraft dieses Landes den +europäischen Schicksalen wieder zuzuwenden, die von ihr abhängen. +Gleichviel, ob Amerika sich entschliesst, sich an Genua zu beteiligen +oder nicht, glaube und hoffe ich, dass Europa nicht ganz allein auf sich +selbst in der Regelung seiner überaus schwierigen Verschuldungsverhältnisse +und in der Ordnung, in der Wiederherstellung seiner tief erkrankten +wirtschaftlichen Gliederung angewiesen sein wird. + +Wenn wir in einigen Wochen nach Genua gehen werden, so werden wir es +nach eingehender Vorbereitung aller derjenigen Probleme tun, die +Deutschland beherrschen, und vor allem derjenigen, die auf das Schicksal +Europas einen wirtschaftlichen Einfluss ausüben. Ich glaube, dass es uns +möglich sein wird, dort einen Boden zu finden, der für die Erörterung +wirtschaftlicher Grundfragen vorbereitet ist, und hoffe, dass die +Anbahnung eines künftigen wirklichen Friedenszustandes gelingt. Wir +leben freilich nicht mehr im Kriege, aber wir leben noch immer weit +entfernt vom wirklichen Frieden. Noch immer leben die Völker in +dauernder, sich verstärkender wirtschaftlicher Abschliessung, noch immer +leidet Deutschland unter einseitiger Behandlung, noch immer leben wir +unter der Regie von Noten, die unser politisches Leben erschweren und +beunruhigen, noch immer ist im Osten schlesisches Land besetzt und im +Westen die Städte, die unter dem Namen von Sanktionen okkupiert worden +sind. Das ist noch nicht der wahre Friede der Welt, das ist noch nicht +der wahre Friede Deutschlands! Ich habe die Hoffnung und den Glauben, +dass dieser wahre Frieden der Welt herannaht. Die Aufgabe unserer +Politik ist, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, dem Frieden näher zu +kommen, Vertrauen im Kreise der Völker zu erwerben und zu erhalten, aber +auch gleichzeitig unsere Rechte zu wahren. In diesem Sinne gedenken wir +die Fahrt nach Genua anzutreten, in diesem Sinne hoffen wir, dass Genua +einen Markstein auf dem Wege zu wirklicher Befriedung der Erde bilden +wird! + + + + +REICHSTAGSREDE +VOM +29. MÄRZ 1922 + + +Als ich vor nunmehr zwei Monaten im Auswärtigen Ausschuss des +Reichstages über Cannes berichtete, habe ich ausgesprochen, es könnten +Nachtfröste kommen und die junge Saat des Friedens schädigen. Das Klima +Europas schien mir damals noch nicht genügend erwärmt, um hoffen zu +dürfen, dass ein Vorfrühling des Friedens eintreten werde. + +In Cannes war manches erreicht. Die Goldzahlung von fünf Milliarden, die +das Ultimatum uns auferlegte und die zum Teil bestanden in festen +Leistungen, zum andern Teil in den Abgaben des Index, zum dritten Teil +in den Goldleistungen für Besatzungskosten, war auf 720 Millionen +verringert worden. Es war den deutschen Vertretern Gelegenheit gegeben +worden, unsere wirtschaftliche Lage unumwunden der Entente darzulegen, +und es ist seitdem noch nicht eine autoritative Stimme aufgetreten, die +unsere Ausführungen widerlegt. + +Des ferneren war zum ersten Male eine Weltkonferenz in Aussicht +genommen, an der Deutschland als gleichberechtigter Faktor teilnehmen +sollte. + +Die Konferenz in Cannes fand kein natürliches Ende. Durch den Sturz des +französischen Ministerpräsidenten Briand war die Situation von Grund aus +geändert. Die endgültige Entscheidung, die von der Konferenz erwartet +wurde, ging auf die Reparationskommission über. + +Uns wurde anheimgestellt, der Reparationskommission ein Anerbieten zu +machen. Für diese Offerte waren die Grundlinien vorgezeichnet; sie waren +vereinbart zwischen England und Frankreich, und es war uns davon +Kenntnis gegeben, dass das Moratorium, das wir verlangten, uns gewährt +werden würde, wenn wir die Bedingungen annähmen, die man uns vorschlug. +Das Moratorium mussten wir haben; denn die Goldzahlungen des Januar und +Februar waren nicht zu leisten. So wurde die Offerte so eingereicht, wie +sie vereinbart war. + +Bis zur endgültigen Entscheidung aber wurde von der +Reparationskommission uns eine Dekadenzahlung im Betrage von 31 +Millionen für alle zehn Tage auferlegt. Schon in Cannes habe ich die +Reparationskommission darauf aufmerksam gemacht, dass eine solche +Dekadenzahlung von Deutschland nur für ganz kurze Zeit geleistet werden +könne, wenn nicht die Gefahr entstehen sollte, dass die deutsche Valuta +aufs schwerste zerrüttet würde. Ich bin auf diese Aeusserungen der +Reparationskommission gegenüber zurückgekommen; ich habe mehrmals +mündlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass die Zeit sich allzu +sehr verlängerte, dass die Zahlungen der Dekaden dieselbe Wirkung haben +müssten, die ich in Cannes vorausgesagt hätte. Tatsächlich ist auch die +Zerrüttung unserer Valuta eingetreten: der Aufstieg des Dollars von 160 +bis auf über 300. + +Die Verhandlungen mit der Reparationskommission zogen sich in die Länge, +nicht Verhandlungen zwischen uns und ihr, sondern Verhandlungen, die sie +selbst mit dem französischen Ministerpräsidenten zu führen hatte, dem +sie ihr Mandat zunächst in die Hände gelegt hatte und von dem sie es +zurückerhielt. + +Während dieser Zeit haben wir, dem Wunsche der Reparationskommission +entsprechend, mit denjenigen Delegierten verhandelt, die uns gesandt +wurden, nämlich in erster Linie mit Herrn Bemelmans, in der Absicht, die +Sachleistungen für uns und auch für diejenigen Länder, die +anspruchsberechtigt waren, durchführbar zu machen, nämlich für England, +Belgien, Italien und Serbien. Ein Abkommen wurde präliminiert. Kurze +Zeit darauf erschien unangemeldet der französische Delegierte Herr +Gillet, abermals mit Zustimmung der Reparationskommission, um den +Versuch zu machen, auch hinsichtlich der französischen Sachleistungen +neue Modalitäten mit uns zu verabreden, die dann gleichfalls in +Vorbesprechungen geklärt wurden. Von unserer Seite also wurde nichts +versäumt während der langen Periode, innerhalb deren die +Reparationskommission mit ihrer Entscheidung zögerte. Wie Sie wissen, +ist diese Entscheidung erfolgt am 21. März und sie hat Deutschland auf +das schwerste enttäuscht. Sie hat nicht nur uns enttäuscht, sondern +einen jeden in der Welt, der eine Hoffnung auf wirklichen Frieden und +eine mögliche Regelung des Reparationsverhältnisses hegte. + +Um die Entwicklung dieser Wochen zu verstehen -- zwei Monate vergingen +während dieser Verhandlungen -- müssen wir uns klar machen, welche +bedeutende Wandlung im politischen Weltgeschehen eingetreten war. In +Frankreich hatte ein Staatsmann die Zügel ergriffen von grosser +Erfahrung in internationalen Verhältnissen und von rückhaltsloser +Willenskraft. Poincaré nahm den Kampf gegen England auf, und Boulogne +hat uns gezeigt, dass dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen ist. +Wenn auch in Boulogne neue Beschlüsse nicht gefasst wurden, wenn auch +nur das bestätigt wurde, was ursprünglich schon auf der Einladungskarte +für Genua gestanden hatte, so war doch diese Wiederholung eine +Bekräftigung desjenigen Willens, der uns verhindern sollte, die Frage +der Reparationen in Genua zur Sprache zu bringen, diejenige Beschränkung +der Konferenz aufzuerlegen, die ihr eigentlich das Herz ausbrach. Von +einer starken parlamentarischen Mehrheit getragen, begann Poincaré seine +Politik, und sie hat sich in kurzer Zeit auf allen Schauplätzen der Politik +ausgewirkt, nicht nur England gegenüber, sondern auch im näheren Osten, wo +die Zahl der Bündnisse, Verständigungen und Militärkonventionen fast von +Tag zu Tag wuchs, nicht nur in Kleinasien, wo die französisch-türkische +Politik vordrang gegenüber der englisch-griechischen. Die Auswirkung +erstreckte sich auch auf uns, und zwar zeigte sie sich zunächst in einem +Hagel von Noten, die seitens der interalliierten Militärkommissionen auf +uns herniederprasselten. Ich habe zählen lassen, dass wir etwa im Laufe +von zwei Monaten 100 Noten von diesen Kommissionen zur Beantwortung +bekamen. Sie können sich denken, dass es nahezu einer Lahmlegung der +Behörden gleichkommt, wenn sie gezwungen sind, täglich und nächtlich an +der Beantwortung dieser Schriftstücke zu arbeiten. Von dem letzten Herrn +Redner ist auf die sehr unerfreulichen Entwicklungen hingewiesen worden, +die die Abgrenzung am Weichselgebiet in der letzten Zeit erfahren hat. +Wir haben nicht unterlassen, nicht nur die Botschafterkonferenz, sondern +alle Mächte einzeln darauf hinzuweisen, dass hier ein schweres Unrecht +im Zuge ist, und es ist wenigstens erreicht worden, dass die +Botschafterkonferenz zunächst ihre Entscheidung zurückgestellt hat. + +Etwas Tragisches liegt darin, dass die gegenwärtig stärkste +Militärmacht der Welt, dass Frankreich in seinem ganzen Tun und Handeln +bestimmt wird durch die Besorgnis vor einem deutschen Angriff, vor einem +Angriff eines vollkommen entwaffneten Landes, das kaum so viel Soldaten +aufbringt, um seine innere Ruhe zu erhalten. Es ist in hohem Masse +bedauerlich, dass durch diesen Gedanken Frankreichs jede Behandlung +europäischer Probleme eine politische Seite erhält. + +Gerade auf einem derjenigen Gebiete, mit denen sich die Noten der +letzten Zeit besonders intensiv beschäftigen, trat diese politische +Tendenz in bedauerlicher Weise hervor. Ich spreche von denjenigen Noten, +die sich auf unsere Schutzpolizei beziehen. Es ist durchaus +verständlich, wenn in einem geordneten, mit starker Militärmacht +versehenen Lande, wenn in einem Lande mit ungeschwächter Staatsautorität +ein Gendarmeriesystem vertreten wird, das auf rein munizipaler, +örtlicher Organisation beruht. Für Deutschland ist eine solche Regelung +nicht tunlich. Wir leben in einer Zeit des Uebergangs, der schwersten +Zerrüttung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse. Wir leben in einer +Zeit, in der schwer gebändigt unter der Oberfläche die Mächte der Unruhe +sich bewegen. Wir leben in einem Lande mit geschwächter Staatsgewalt, +und wir sind deshalb darauf angewiesen, für Ruhe im Lande zu sorgen. Das +ist nur dann möglich, wenn eine wirksame Polizeigewalt im Lande +existiert. + +Unter solchen Auspizien der äusseren und der Gesamtpolitik ist die Note +der Reparationskommission erwachsen. Die Kritik an der Note hat gestern +der Herr Reichskanzler geübt, und ich habe dieser Kritik nicht ein Wort +hinzuzufügen. Um aber die Voraussetzungen und Tendenzen klarer zu +verstehen, auf die sich die Note gründet, ist es erforderlich, dass wir +uns in einen fremden Vorstellungskreis zu versetzen suchen und einige +Irrtümer dieses Vorstellungskreises beleuchten. + +Der erste Irrtum, mit dem wir uns befassen müssen, ist die übertriebene +Vorstellung des Auslandes von dem Begriff der Inflation und ihren +Wirkungen. Immer wieder tritt uns die Vorstellung entgegen, dass, wenn +unser Geldwert zerrüttet ist, das nur auf den Notendruck zurückgeführt +werden kann. Das Rezept dagegen, das uns gegeben wird, ist: Stoppt eure +Notenpresse, bringt euer Budget in Einklang, und das Unglück ist +behoben! Ein schwerwiegender volkswirtschaftlicher Irrtum! Für ein Land +mit aktiver Zahlungsbilanz ist die Gesundung des Geldes dadurch möglich, +dass man deflationistische Politik betreibt, die Balance des Haushalts +herstellt und die Notenpresse stoppt. Anders liegt es aber für ein Land +mit passiver Zahlungsbilanz. Ich fordere jeden Kenner des +Wirtschaftslebens auf, mir einen Weg zu nennen, auf dem einem Land mit +passiver Zahlungsbilanz ermöglicht wird, dauernd Goldzahlungen zu +leisten ohne Hilfe fremder Anleihen und dabei seine Valuta intakt zu +halten. Niemals ist der Versuch gemacht worden, ein solches Rezept zu +geben, und es kann nicht gegeben werden. Denn ein Land, das Gold nicht +produziert, kann Gold nicht zahlen, es sei denn, dass es dieses Gold +durch Ausfuhrüberschüsse kauft oder dass ihm das Gold geliehen wird. + +Der Kreislauf unserer Valutazerrüttung ist der folgende: passive +Zahlungsbilanz, infolgedessen die Notwendigkeit, unsere Zahlungsmittel +im Auslande zu verkaufen oder auszubieten; dadurch Entwertung der +ausgebotenen Ware, der verkauften Zahlungsmittel; dadurch Schädigung des +Geldwertes im Auslande, Schädigung der Valuta. Weitere Folge: Ansteigen +aller Preise im Inlande, Ansteigen aller Materialkosten und aller +Personalkosten. Weitere Folge: das Klaffen des Budgets; denn ein Budget +besteht aus keinen anderen Ausgaben als aus sachlichen und persönlichen, +und wenn diese beiden ohne Gegenwert steigen, so ist jedes Budget, und +mag es vorher noch so sehr im Einklang gewesen sein, zerrüttet. + +Wer den Beweis für die Richtigkeit dieser Anschauung noch braucht, der +sei darauf hingewiesen, wie sich tatsächlich unser Geldwert im Ausland +während einer Zeit vollkommen stabilen Weiterganges der Inflation bewegt +hat. Wir haben bei diesem stabilen Gang im Herbst letzten Jahres einen +Dollarkurs von 300 erlebt, er hatte sich im Dezember auf etwa 160 +ermässigt, er ist abermals gestiegen auf 350, und alles das stand nicht +im Zusammenhange weder mit dem Druck der Notenpresse noch mit dem +Fortgang der Inflation. + +Einen zweiten Irrtum der ausländischen Auffassung von unserer +Zahlungsfähigkeit habe ich zu erwähnen. Er betrifft die Frage unserer +Steuerbelastung. Wir haben der Reparationskommission und der Konferenz +in Cannes das Material übergeben, das den Nachweis erbrachte, dass +Deutschland heute schwerer mit Steuern belastet ist als andere Länder. +Von keiner Seite ist der Versuch gemacht worden, unsere Rechnungen zu +entkräften. Anerkannt wurde, dass die Kalkulationen überaus schwierige +sind, dass es ernster theoretischer Auseinandersetzungen bedarf und +nicht mechanischer Vergleiche von Zahlen, die auf Dollars übersetzt +werden. Aber der Versuch einer Widerlegung ist nicht gemacht worden. Das +einfachste Beispiel kann ja nicht widerlegt werden. Wenn in Deutschland +das Einkommen der höchsten Staatsbeamten 300 oder 500 Dollars beträgt, +so kann dieser Staatsbeamte keinesfalls mehr als 300 oder 500 Dollars +Steuern zahlen. Das schliesst aber keineswegs aus, dass ein +Staatsbeamter eines anderen Landes, der 3000 oder 5000 Dollars verdient, +sehr wohl mehr Steuern zahlen kann, als die ganzen Einnahmen des +deutschen Staatsbeamten betragen. + +Ein dritter Irrtum, der bereits von Herrn Abgeordneten Stresemann +erwähnt wurde, ist der, dass man uns vorhält: eure Wirtschaft ist voll +beschäftigt, ihr habt keine Arbeitslosen, bei euch raucht jeder +Schornstein, bei euch laufen alle Maschinen mit Volldampf; wo bleibt nun +das Produkt dieser Arbeit? Dieses Produkt muss doch vorhanden sein, es +muss dazu dienen, die deutsche Vermögenssubstanz anzureichern, und +dieses Produkt muss für Reparationen fassbar sein. Die Antwort auf diese +Frage habe ich in Cannes gegeben, und ich werde es hier noch einmal mit +grösserer Deutlichkeit tun. + +Die Reparationen, die wir im letzten Jahre gezahlt haben, beliefen sich +auf anderthalb Milliarden Goldmark. Diese anderthalb Milliarden Goldmark +bedeuten nicht mehr und nicht weniger als die Jahresarbeit von einer +Million deutschen Arbeitern. Wir haben, wie Sie wissen, durch den +Niedergang unserer Landwirtschaft eine erhebliche Einfuhr von +Lebensmitteln nötig. Diese Einfuhr belief sich im letzten Jahre auf 2 +Milliarden Goldmark, und sie bedeutet abermals die Arbeitskraft eines +ganzen Jahres von einer Million Deutschen. Unseren Auslandsbesitz haben +wir verloren, die Guthaben und Investitionen, den Ueberseebesitz. Die +Einnahmen aus diesen Besitztümern betragen weit über eine Milliarde +Gold, und diese Einnahmen verwandelten sich in einen Zustrom von +Rohstoffen und von Waren, für die wir Gegenwerte nicht zu leisten +brauchten. Wenn wir heute diese Rohstoffe und Güter uns durch Kauf +beschaffen müssen, so haben wir dafür Arbeit zu leisten, und es ist +abermals die Arbeit von einer Million Deutschen erforderlich, um den +Gegenwert zu bezahlen. Wir kommen also zu der Rechnung, dass drei +Millionen Deutsche gegenwärtig Jahr für Jahr zu arbeiten haben, um +denjenigen Stand einigermassen wiederherzustellen, der uns vor dem +Kriege ohne diese Arbeit beschieden war. Es wird also gleichsam von drei +Millionen Menschen die Arbeit kompensationslos verzehrt; das bedeutet +freilich einen Zustand von starker Beschäftigung des Landes, aber nicht +von produktiver Beschäftigung. + +Einen vierten Irrtum hat Herr Stresemann erwähnt, auf den ich mit +wenigen Worten ergänzend eingehen möchte. Es wird uns vom Auslande +entgegengehalten: eure Industrie ist blühend; eure Gesellschaften zahlen +hohe Dividenden; sie emittieren neues Kapital; sie schaffen also grosse +neue innere Werte. Auch dieser Schluss ist falsch. Denn wenn wir das +Beispiel einer Gesellschaft von 100 Millionen Aktienkapital nehmen und +annehmen, dass diese Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so +hat sie auf die Goldwerte ihres Aktienkapitals nicht mehr als ¼ Prozent +gezahlt. Es bleibt dabei aber unberücksichtigt, dass sie mindestens, um +ihren Stand an Maschinen und Einrichtungen aufrechtzuerhalten, eine +jährliche Rücklage in Gold machen müsste, die, auf Papier umgerechnet, +ein Vielfaches des Aktienkapitals ausmacht. Wenn also eine solche +Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so fehlen ihr jedes Jahr +vielleicht 200, vielleicht 300, vielleicht 500 Prozent ihres +Aktienkapitals an den notwendigsten Rückstellungen. + +Ich habe die volkswirtschaftlichen Trugschlüsse erwähnt, die eine +Erklärung für die Atmosphäre bilden, innerhalb deren die Reparationsnote +entstanden ist. Ich darf aber nicht an den erheblichen gefährlichen +Irrtümern vorübergehen, die sich in der politischen Mentalität des +Auslandes abspielen. Ich nenne von diesen Irrtümern nur zwei. Der eine +lautet: Deutschland hat nichts gezahlt und will nichts zahlen. Der +andere lautet: Deutschland hat nicht entwaffnet und will nicht +entwaffnen. + +Meine Herren! Ich möchte Ihnen zwei Aufstellungen verlesen, die ich +gemacht habe, um diese Fragen zu beantworten. Zunächst: Deutschland hat +nichts gezahlt und will nichts zahlen. Es ist schwer, genaue +Schätzungen aufzustellen für alle diejenigen Leistungen, die Deutschland +in der Vergangenheit seit Beendigung des Krieges hingegeben hat. Aber +wenn auch die Schätzungen vielleicht nicht auf die letzten Dezimalen +genau zu sein brauchen, so geben sie doch ein deutliches und +unwiderlegliches globales Bild von der Gesamtheit der deutschen +Leistung. + +Ich erwähne folgende Posten: Das deutsche liquidierte Eigentum im Auslande +hat einen Wert von 11,7 Milliarden, die übergebene Flotte hat einen Wert +von 5,7 Milliarden, das Reichseigentum in den abgetretenen Gebieten +beläuft sich auf 6,5 Milliarden Mark, übergebenes Eisenbahn- und +Verkehrsmaterial beläuft sich auf 2 Milliarden Goldmark (Zuruf rechts: +alles Goldmark?) -- alles Goldmark! -- Rücklassgüter nicht militärischen +Charakters 5,8 Milliarden Goldmark, der Verlust der deutschen Ansprüche +an seine Kriegsverbündeten beläuft sich auf 7 Milliarden Goldmark. Der +Wert der Saargruben wird von uns auf 1,1 Milliarden Goldmark beziffert. +Die Kohlenlieferungen, die wir getätigt haben, zum Weltmarktpreis +gerechnet, belaufen sich auf 1,3 Milliarden Goldmark. Barzahlungen für +Reparationen sind bekanntlich 1,3 Milliarden Goldmark gewesen. Eine +Reihe von kleineren Posten -- kleiner, obwohl sie in die Milliarden +laufen -- übergehe ich, sie betragen im ganzen 3,2 Milliarden Mark. Wir +kommen somit zu einer Gesamtsumme der deutschen Leistungen seit +Kriegsende von 45,6 Milliarden Goldmark. -- Hierbei ist der Wert der +Kolonien und der reine Wirtschaftswert der abgetretenen oberschlesischen +und westpreussischen Gebiete nicht in Ansatz gebracht. Fügt man den nach +mittleren Schätzungen hinzu, so erhöht sich diese Summe auf weit über +100 Milliarden Goldmark. + +Das habe ich dem Auslande zu sagen, das durch eine starke Propaganda +heute noch immer die Meinung zu hören bekommt, Deutschland habe nichts +gezahlt und Deutschland wolle nichts zahlen. Es ist die stärkste +Zahlungsleistung von Deutschland ausgegangen, die jemals von einem Volke +der Erde an andere Völker geleistet worden ist. + +Die andere Behauptung lautet: Deutschland habe nicht entwaffnet und +wolle nicht entwaffnen. Auch hier werde ich Ihnen eine Reihe von Zahlen +geben und bitte dabei zu bedenken, dass sich in diesen Zahlen nicht die +ganze Entwaffnung Deutschlands ausdrückt, dass sie nicht die gewaltige +Heeresreduktion umfassen und dass sie den Verlust unserer Festungen +nicht enthalten. Es sind unter anderem abgeliefert worden an Gewehren +und Karabinern 5,8 Millionen, an Maschinengewehren 102 000, an +Minenwerfern und Granatwerfern 28 000, an Geschützen und Rohren 53 000, +an scharfen Artilleriegeschossen und Minen 31 Millionen, an scharfen +Hand-, Gewehr- und Wurfgranaten 14 Millionen, an Zündern 56 Millionen, +an Handwaffenmunition 390 Millionen und an Pulver 31 900 000 Kilo. +Demgegenüber ist die Behauptung eine vermessene, dass Deutschland zur +Abrüstung nichts getan habe. Die deutsche Abrüstung ist eine Leistung +von unerhörter Grösse, und es ist nicht wahr, wenn man behauptet, dass +einige Waffenfunde, die in Deutschland gemacht worden sind, an diesem +Bilde irgend etwas Wesentliches ändern. Noch in 100 Jahren wird man +vermutlich irgendwo in deutschem Boden vergrabene Waffen finden, gerade +so gut wie man heute noch römische Münzen oder longobardische Schwerter +im Boden findet. Eine 100 prozentige Leistung auf dem Gebiet einer +grossen Aktion gibt es nicht, und wenn hier Bruchteile eines Prozentes +zurückgeblieben sein mögen, so ist kein Grund dafür, diese Tatsachen in +Form von Entdeckungen aufzubauschen. Kein denkender Mensch in der Welt +kann annehmen, dass Deutschland mit dem, was ihm an Waffen oder an +Kriegern verblieben ist, einen Krieg führen kann. Jeder Mensch, der +heute vertraut ist mit dem technischen Wesen eines Krieges, weiss, dass +ein neuzeitlicher Krieg nicht zu führen ist mit Resten von Waffen, dass +er überhaupt nicht zu führen ist mit vorhandenem Material, sondern dass +er nur geführt werden kann durch Umstellungen der gesamten +Industrialität eines Landes. Diese Umstellung aber ist in Deutschland +nicht möglich, und somit sind alle Bemühungen vergeblich, die darauf +hinauslaufen, etwa den Beweis deutscher Wehrkraft dadurch zu bringen, +dass noch ein halbes oder ein viertel Prozent der deutschen Waffen nicht +abgeliefert sein möge. + +Damit will ich den verborgenen Waffen aber nicht das Wort reden. Ich +halte es für tief bedauerlich, dass das Reich in Gefahr gebracht worden +ist durch solche Personen, die Waffen versteckt haben mit irgendwelchen +unklaren und verworrenen Absichten, ohne sich deutlich zu machen, dass +wir dadurch von neuem den Beschwerden von Kommissionen und schweren +politischen Verwirrungen ausgesetzt werden. Die Reichsregierung wird und +muss alles tun, um diejenigen Verpflichtungen, die sie übernommen hat, +durchzuführen, und es soll ihr dabei niemand in den Arm fallen. + +Die Abrüstung Deutschlands bezeichne ich als eine vollkommene, und ich +bezeichne sie um so mehr als eine vollkommene, als sie stattgefunden hat +in einem Europa, das von Waffen starrt. Die beabsichtigte Abrüstung der +Welt, wozu hat sie geführt? Sie hat dazu geführt, dass gegenwärtig in +Europa nicht 3,7 Millionen Soldaten unter Waffen stehen, wie vor dem +Kriege, sondern 4,7 Millionen. In dieser waffenstarrenden Welt kann man +von einem bewaffneten und kriegsbereiten Deutschland nicht sprechen, +wenn man ehrlich die Verhältnisse betrachtet. + +Aber, meine Damen und Herren, es ist doch einmal nötig auszusprechen: +wenn Deutschland diese gewaltigen Leistungen getätigt hat, die +Leistungen seiner Zahlungen auf der einen Seite, die Leistungen seiner +Entwaffnung auf der anderen Seite, unter welchen physischen und +moralischen Verhältnissen Deutschland diese beiden grossen Taten +vollbracht hat. Halb verhungert ging das Land aus dem schwersten aller +Kriege hervor; aber nicht nur aus dem Kriege, sondern aus einer +Blockade, die sich noch nahezu ein Jahr über Kriegsende hinaus +verlängert hatte. In diesem Zustande durchschritt das Volk eine +Revolution und eine Reihe von wirtschaftlichen Krisen, die heute noch +nicht beendet ist. Eine Geldentwertung trat ein, die, wie es Herr +Stresemann mit beweglichen Worten ausgeführt hat, den Mittelstand +zerbrach, die eine Umschichtung der Stände herbeigeführt hat, wie sie +bedauerlicher nicht gedacht werden kann, die Elend und Entbehrungen in +alle Schichten des Volkes und fast in jede Familie gebracht hat. Die +Intelligenz des Landes, unsere kulturellen Werte sind in schwerster +Gefahr und Bedrängnis. Der Kanzler hat geschildert, wie es kaum mehr +möglich ist, die notwendigsten Institute der gesundheitlichen Pflege zu +erhalten. Die Wissenschaft ist in Gefahr. Tausende haben ihre Studien +unterbrechen müssen, haben sich anderen Berufen zugewandt. Der +Berufswechsel in Deutschland, die Verarmung der geistigen Schichten hat +die kulturelle Kraft unserer Bevölkerung um Jahre zurückgeworfen. + +Gleichzeitig aber hat auf dem Lande, das die Leistungen vollbrachte, von +denen ich sprach, die Leistungen der Zahlung und der Abrüstung, ein +Druck gelastet, der bis zum heutigen Tage nicht behoben ist, der schwere +Druck des Gemütempfindens, der Schmerz um verlorene Heimat, der Druck +der Okkupationsheere im Osten und Westen, der Druck der Sanktionen, die +uns drei Städte im Frieden entrissen haben, der Druck der Kommissionen, +die im Lande herumreisen und in alle unsere Verhältnisse eingreifen. +Dieser schwere Druck hat auf dem Volke gelastet neben dem +wirtschaftlichen und neben dem sozialen, während es diejenigen +Leistungen vollbrachte, die ich erwähnt habe. Ich glaube nicht, dass es +ungerecht ist, zu fragen, ob je ein Volk in geschichtlichen Zeiten im +Frieden einer härteren Probe unterworfen worden ist. Wie aber hat sich +Deutschland den Verhältnissen gegenüber selbst verhalten? In dieser Zeit +der schwersten Not, der schwersten Sorge, der stärksten moralischen und +physischen Anspannung ist Deutschland dasjenige Land gewesen, das +Europas Zivilisation erhalten hat; denn hätte Deutschland in dieser Zeit +den Willen zur Ordnung und Disziplin sinken lassen, hätte sich +Deutschland in dieser Zeit in Umsturz gleiten lassen, so wäre für die +europäische Zivilisation eine Rettung nicht mehr erwachsen. Wir +verlangen für das, was wir geleistet haben, von aussen keine Anerkennung +und keinen Dank; aber wir dürfen erwarten und verlangen, dass sich die +Welt endlich entschliesst, die deutschen Verhältnisse so zu sehen, wie +sie sind. Es ist nötig, dass in die fremden Länder diejenigen Stimmen +hineindringen -- und deshalb darf ich auch die meine erheben --, die +behaupten und beweisen, dass die Leistungen Deutschlands die Achtung der +Welt verdienen. + +Da, wo unser schwerstes Unglück liegt, entspringen aber, wie ich glaube, +auch die Quellen unserer Hoffnung, die leider heute noch spärlich +fliessen. Denn, sind diese Dinge wahr, die ich ausgesprochen habe, und +sie sind es, so haben sie die Unaufhaltsamkeit der Wahrheit. Die +Wahrheit ist ein Strom, der sich nicht in Flaschen versiegeln lässt. Es +ist zweifellos, dass man die Wahrheit lange Zeit unterdrücken kann; aber +schliesslich macht sie ihren Weg um die Erde, und wenn die Wahrheit den +Weg um die Erde antritt, dann ist auch für uns der Augenblick des +Friedens gekommen, den wir ersehnen. + +Ich kehre zur Reparationsnote zurück. Ihre Beantwortung hat der Kanzler +gestern deutlich umschrieben. Er hat ausgesprochen, dass die Tür der +Verhandlungen nicht geschlossen ist; denn dieser Verhandlungen bedürfen +wir schon deswegen, um zurückzukommen auf diejenigen Goldleistungen, die +von der Reparationskommission in Aussicht genommen worden sind. Wir +haben die Absicht, der Reparationskommission zu sagen, dass unter den +heutigen Verhältnissen der Geldentwertung wir einen anderen Zahlungsplan +für 1922 erwarten. Richtlinien für die Verhandlungen mit der +Reparationskommission aber bleiben die beiden vom Kanzler +ausgesprochenen: ein Neubau unseres Steuerkompromisses ist nicht möglich +und ebensowenig möglich ist ein Eingriff in unsere Staats- und +Finanzhoheit. + +Herr Stresemann hat die Mahnung ausgesprochen, an die ich mich zu halten +beabsichtige, nicht auf diejenigen Punkte zurückzugreifen, die in der +Vergangenheit die Auffassungen innerhalb dieses Hauses getrennt haben. +Es sind gestern schwere Vorwürfe gegen die vergangene Politik des +Kabinetts erhoben worden. Ich gehe darauf nicht ein, weil auch ich den +Wunsch habe, dass wir gemeinschaftlich an der Zukunft und nicht getrennt +an der Vergangenheit arbeiten. Aber eins möchte ich nicht ungesagt +lassen: Ich glaube, dass das Kabinett es für sich beanspruchen darf, +dass es ihm möglich gewesen ist, im Jahre der stärksten Gefahr die +Einheit und Unversehrtheit des Reichs zu erhalten, und ich behaupte, +dass mit keiner anderen Politik die Unversehrtheit und Einheit des +Reiches gewahrt worden wäre. + +Die Politik, die wir zu führen beabsichtigen, ist die Politik des +Friedens. Wir führen sie in der freien Ueberzeugung und in dem Glauben +an unsere gute und gerechte Sache. + +Wir wollen die Erfüllung, soweit sie im Rahmen der Möglichkeit liegt, +nicht als Selbstzweck, sondern als Weg zum Frieden. Wir wollen den +Wiederaufbau der zerstörten Gebiete als Weg zum Frieden, und wir wollen +nach Kräften beitragen zur Entbürdung und zum Wiederaufbau der Welt. + +Freilich, vom wahren Frieden sind wir noch weit entfernt. Noch immer +herrscht ein tiefes Misstrauen zwischen den Völkern, gesteigert oftmals +bis zur Feindseligkeit des Wortes und der Handlung. An Stelle +gemeinschaftlicher Arbeit verkettet den Erdkreis ein Ring +gemeinschaftlicher Verschuldung. Europa starrt von Waffen, und es findet +sich nicht der Staatsmann und nicht die Nation, die sich zum befreienden +Gedanken und zur befreienden Tat aufrafft. Nach dreijährigem Frieden ist +unser eigenes Land noch immer friedlos, zum Teil militärisch besetzt, +zum Teil militärisch kontrolliert. + +Kann nun Genua dieser friedlosen Welt den ersehnten Frieden bringen? -- +Amerika hat die Beteiligung an Genua abgelehnt mit der Begründung, Genua +sei eine politische Konferenz; Hauptfragen der wirtschaftlichen Probleme +werden in Genua nicht behandelt, und somit bleiben wir fern. In Boulogne +ist nochmals bekräftigt worden, dass die Probleme der Reparation, der +Grundlagen des Versailler Friedens, nicht der Beschlussfassung +unterliegen sollen. Dennoch hat der Kanzler gestern in seiner Rede die +hoffnungsvollere Seite von Genua erwähnt. Ich stimme seinen Ausführungen +bei und will das von ihm selbst beschränkte Mass von Hoffnungen nicht +herunterstimmen. Dennoch werden wir unsere Stellung zu Genua erneut zu +prüfen haben. Wir müssen erwägen, mit welchen Gedanken, aber auch mit +welchen Gefühlen wir uns einer Konferenz nähern, auf der das Schicksal +und der Aufbau einer Welt behandelt werden soll, aber nicht der unseren, +nicht unser Aufbau und nicht unser Schicksal. Lässt sich eine Brücke +finden, -- gut! Lässt sie sich nicht finden, so wird Genua das Schicksal +von vielen anderen Konferenzen teilen. + +In diesem Zusammenhang ein Wort in Anknüpfung an die Ausführungen des +Herrn Stresemann über Russland. Zweifellos wird Genua für Russland +manches Wesentliche bringen, und ich will nicht einen Augenblick die +Auffassung der Kabinettsregierung unausgesprochen lassen, die dahin +geht, dass wir nach Ausmass unserer Kräfte uns aufrichtig bemühen +werden, am Wiederaufbau Russlands mitzuwirken. Dabei ist der Weg von +Syndikaten nicht der entscheidende, Syndikate können nützlich sein, und +von solchen Syndikaten sollten wir uns nicht ausschliessen. Dagegen wird +das Wesentliche unserer Aufbauarbeit zwischen uns und Russland selbst zu +besprechen sein. Solche Besprechungen haben stattgefunden und finden +weiter statt, und ich werde sie mit allen Mitteln fördern. Es ist kein +Gedanke daran, dass Deutschland etwa die Absicht hätte, Russland +gegenüber die Rolle des kapitallüsternen Kolonisten zu spielen. Ich +freue mich ganz besonders, dass von seiten des Herrn Stresemann und +seiner Freunde heute eine solche Stellung Russland gegenüber gewünscht +wird, denn ich erinnere mich an eine Periode, in der ich mit meiner +Auffassung über die Notwendigkeit, Russland zu Hilfe zu kommen, bei +dieser Seite keine Gegenliebe gefunden habe. + +Soll, meine Herren, aus dem Chaos der Welt ein Ausweg gefunden werden, +so ist es nötig, den Rahmen weiter zu spannen, als es durch die Note der +Reparationskommission geschehen ist. Es ist schlechterdings nicht +möglich, dass eine niedergebrochene Welt aufgerichtet werde lediglich +durch die Arbeit eines einzigen Landes, auch wenn dieses Land noch so +gutwillig an diesem Aufbau mitzuwirken gewillt ist. Alle Nationen der +Erde, nicht nur die ehemaligen Kämpfer, müssen erkennen, dass sie +sämtlich am Aufbau der Welt in gleichem Masse interessiert sind. Sie +müssen erkennen, dass sie einander wechselseitig bedürfen als +Produzenten und als Käufer, sie müssen erkennen, dass sie alle die +gleichen Rohstoffe dieser Erde nötig haben. Sie müssen sich vereinigen +zu einer Sanierungsaktion der Welt, von der sich niemand ausschliessen +darf, der aus den Vorräten der Welt schöpft. Deutschland aber bedarf, um +im Kreise der Völker die ihm gestellte Aufgabe des Aufbaus zu erfüllen, +einer Atempause, die nur durch äussere Anleihen beschafft werden kann. +Um aber sein Verhältnis zu seinen Gläubigern zu regeln, und zwar zu +regeln in loyaler und ehrlicher Weise, muss Deutschland das Recht haben, +sich mit seinen Gläubigern an einen Tisch zu setzen. Das bedeutet keine +Uebergehung der Reparationskommission, die immer noch genügend Aufgaben +zu erfüllen haben wird. Es kann aber dem Schuldner nicht verwehrt werden +und ist ihm zu keiner Zeit verwehrt worden, sich mit seinen Gläubigern +zusammenzusetzen und mit ihnen diejenigen Mittel zu beraten, wie +wechselseitig das Verhältnis geregelt werden kann, nicht nur auf dem +Gebiet des Geldes, sondern auf allen Gebieten, die Gläubiger und +Schuldner gemeinschaftlich berühren. + +Ich kann es verstehen, dass man sich formal auf den Standpunkt gestellt +hat, das deutsche Reparationsverhältnis kann in Genua nicht verhandelt +werden, weil dort 40 Nationen vertreten sind, die, nur zum Teil an +Reparationsfragen beteiligt, nicht beschliessen können, wie +Deutschlands Verhältnis zu seinen Gläubigern sich gestalten soll. Ich +sage, ich kann es formal verstehen; sachlich hätte ich eine andere +Lösung gewünscht. Aber wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, dass +Genua für diese Kernfrage der gesamten Weltwirtschaft unzuständig ist, +so ist es umsomehr notwendig, dass eine Regelung zwischen Deutschland +und seinen Gläubigern durch gemeinschaftliche Verhandlungen gefunden +wird. Es ist gestern in der Debatte Erwähnung Amerikas geschehen. Ich +halte es für falsch, auf ein einzelnes Land, sei es das stärkste und +edelste der Welt, alle Hoffnung zu setzen. Es entspricht der Gewohnheit +verzweifelter Schuldner, alle Hoffnung an einen einzigen Anker zu +hängen. In der Regel werden solche Hoffnungen getäuscht. Ich kenne sehr +wohl die Abneigung Amerikas, sich auf die wirtschaftlichen Verhältnisse +Europas einzulassen. In erster Linie ist es eine schwere +Europamüdigkeit, die Amerika befallen hat nach den Erfahrungen des +Krieges und nach den Erfahrungen des beginnenden Friedens. Wer das Tun +und Treiben in Europa mit unbeteiligten Augen überblickt, dem liegt es +freilich nahe -- und man kann es ihm nicht verdenken --, wenn er die Augen +abwendet. + +Ein anderes Motiv Amerikas, sich nicht einzumischen, besteht darin, dass +die Auffassung in volkswirtschaftlichen amerikanischen Kreisen herrscht, +die amerikanische Ausfuhr bedeute nur einen kleinen Bruchteil, man +spricht von 7 Prozent, der amerikanischen Produktion. Diese Zahl hält +der Nachprüfung nicht stand, und ich glaube, dass man in kurzer Zeit in +Amerika erkennen wird, dass der Prozentsatz der Ausfuhr im Verhältnis +zur Produktion ein ganz bedeutend grösserer ist. Ich schätze das +Verhältnis der Ausfuhr zur amerikanischen Fertigproduktion auf +mindestens 20 bis 25 Prozent. Auf eine solche Ausfuhr aber wird Amerika +auf die Dauer nicht leicht verzichten. + +Plausibel für die amerikanische Nichteinmischung ist aber noch ein +dritter Grund. Amerika sagt: warum sollen wir unser Geld Europa zur +Verfügung stellen, einem Kontinent, der es nur für seine Rüstungszwecke +verbraucht? Das ist ein Einwand, den man verstehen kann. Aber ich +glaube, Amerika wird empfinden, dass man einem Ertrinkenden keine +Bedingungen stellt. Es ist nicht möglich, zu warten, bis der Geist des +Friedens in Europa durchgedrungen ist, um Europa zu helfen. + +Am 1. April wird der künftige amerikanische Botschafter Houghton sich zu +Schiff begeben, um nach Deutschland zu kommen und hier seinen Posten zu +übernehmen. Ich rufe ihm ein Willkommen entgegen und hoffe, dass seine +Mission in Deutschland für beide Länder fruchtbringend sein wird. Wir +selbst haben einen der stärksten Leiter unseres Wirtschaftslebens, +Geheimrat Wiedfeldt, bestimmt, uns in Washington zu vertreten. Ich +glaube, dass diese Wahl von Amerika gut aufgenommen werden wird. Denn +Amerika wünschte sich einen starken Mann der Wirtschaft, und ich hoffe, +dass Herr Wiedfeldt drüben ein gesegnetes Feld seiner Tätigkeit finden +wird. Noch nie hat eine Nation so unentrinnbar das Schicksal eines +Kontinents in der Hand gehalten wie Amerika im gegenwärtigen Augenblick. +Eine gewaltige Verantwortung ist mit dieser Machtstellung verbunden, zu +der diejenige des Krieges hinzutritt, den Amerika entschieden hat, und +des Friedens, den es gleichfalls bestimmte. Wir dürfen hoffen, dass +Amerika, das wir nicht lediglich als ein Land materieller Interessen +ansehen dürfen, sondern von dem wir anerkennen müssen, dass es ein Land +mit starken moralischen Impulsen ist, sich einer Beratung, die sich mit +der endgültigen Regelung der deutschen Schuldverhältnisse befasst, nicht +entziehen wird. + +Der Osten Europas ist niedergebrochen; das unglücklichste aller Länder, +Oesterreich, dem wir heute die herzlichste brüderliche Teilnahme +entgegenbringen, ist diesem Niederbruch leider gefolgt. Deutschland +ringt mit allen seinen Kräften um seine Existenz, es ringt mit den +Kräften seines Willens und seiner Arbeit und kämpft gegen seinen +Niederbruch an. Der Niederbruch Deutschlands aber ist der Niederbruch +Europas. Deutschland verlangt von niemand in der Welt Mitleid, aber +Deutschland verlangt die Einsicht der Nationen in die Einheit und in die +Verflochtenheit der Weltinteressen. Deutschland verlangt von den +Nationen der Welt die Möglichkeit der Aufstellung eines Arbeitsplanes +und die Möglichkeit einer Mitwirkung zu gemeinsamem Wiederaufbau. Eine +solche Mitwirkung aber lässt sich nicht durch Diktate erzwingen, sie +lässt sich nur durch ein freiwilliges, ehrliches, gutgewolltes +Zusammenarbeiten der Nationen erreichen, von denen es keine gibt, die +heute nicht der Hilfe bedürfte. + +Wir aber, die wir gemeinsam mit Ihnen und in Ihrem Auftrag die +Verantwortung für die Politik des Reichs tragen, wir kämpfen für +dreierlei. Wir kämpfen für die Existenz des Volkes, wir kämpfen für die +Unversehrtheit und Einheit des Reichs, wir kämpfen für den Frieden und +für den Aufbau. Dieses Ziel ist uns allen gemeinsam. Es gibt nicht eine +Seele in diesem Hause, die sich davon ausschliesst. Deshalb lassen Sie +uns auch dieses Ziel in Einigkeit verfolgen! + + + + +REDE +VOR DER VOLLVERSAMMLUNG +DER GENUESER KONFERENZ +VOM 19. MAI 1922 + + +Der Abschluss der provisorischen Arbeiten der Konferenz gestattet uns +einen Ueberblick über die welthistorischen Leistungen der Konferenz, die +erst in den kommenden Jahren mehr und mehr hervortreten werden und für +die Europa der Genueser Konferenz Dank schuldet. Es wäre ein +unberechtigter Optimismus, zu hoffen, dass durch den Abschluss dieser +Arbeiten die Weltkrise sofort eine merkliche Linderung erfährt. Eine +solche Besserung der allgemeinen Weltlage wird erst dann eintreten, wenn +eine Reihe von Prinzipien erfüllt sind, die in den Beratungen der +Kommission mit immer wachsender Deutlichkeit hervortraten, wenn sie +vielleicht auch nicht ihren vollen Ausdruck in den niedergelegten +Leitsätzen gefunden haben. + +Indem ich mich an die der Konferenz gezogenen Grenzen auf das strikteste +halten werde, will ich versuchen, die vier grossen und unausgesprochenen +Wahrheiten darzulegen, die mir aus den Beratungen hervorzugehen scheinen +und die, wie ich glaube, unbedingte Voraussetzungen für eine Gesundung +der Weltwirtschaft bilden. Die erste dieser Wahrheiten lautet: Die +gesamte Verschuldung der Länder ist zu gross im Verhältnis zu ihrer +Produktionskraft. + +Alle hauptsächlichen Wirtschaftsländer sind in einen Verschuldungskreis +hineingezogen, der die meisten gleichzeitig zu Gläubigern und Schuldnern +macht. Durch ihre Eigenschaft als Gläubiger wissen die Staaten nicht, +wieviel sie von ihrem Guthaben erhalten werden, in ihrer Eigenschaft als +Schuldner wissen sie nicht, wieviel sie zahlen können und müssen. + +Ueberhaupt kann kein Staat einen wirklichen Haushalt aufstellen, kein +Staat kann es wagen, sich in grosse umfangreiche Neueinrichtungen +einzulassen, die seine Wirtschaft verbessern und die dem Geldmarkt neue +Nahrung geben. Kein Staat kann auf eine gesicherte Stabilisierung seiner +Zahlungsbilanz und damit auf seine Wechselkurse vertrauen, mit Ausnahme +jenes einen grossen Reiches, das niemandem schuldet und Gläubiger aller +ist, nämlich Amerika, ohne dessen Beteiligung der Wiederaufbau Europas +unmöglich wird. Vor allem aber können den überschuldeten Ländern neue +Mittel, deren sie bedürfen, nicht zugeführt werden, denn die +Ueberschuldung liegt vor aller Augen zutage, und so wenig ein freier +Gläubiger bereit sein kann, Devisen zur Verfügung zu stellen, so wenig +darf ein überlasteter Schuldner es wagen, sie anzunehmen. + +Auch in früheren Zeiten waren die Staaten untereinander verschuldet, +aber diese Schuld stand in einem Verhältnis zur Produktionskraft und +entsprach überdies werbenden Anlagen. Die heutige Verschuldung beläuft +sich auf mehr, als die Staaten in Jahrzehnten ersparen und abzahlen +können. Sie ist somit eine finanzielle Realität. Eine wirtschaftliche +Realität aber ist ihnen so fern, als sie den Produktionsprozess der Welt +hemmt. + +Es bleibt somit nur derjenige Weg übrig, der von einzelnen +Wirtschaftsobjekten stets beschritten wurde, wenn ihre Verschuldung die +Produktionskraft überstieg, nämlich der Weg der Sanierung und des +Schuldabbaues. + +Die zweite der ausgesprochenen Genueser Wahrheiten scheint mir zu liegen +in dem Satz, dass kein Gläubiger seine Schuldner am Bezahlen der +Schulden hindern sollte. Wenn ein einzelnes Individuum einem anderen +Geld schuldet, so kann verlangt werden, daß zur Auszahlung eine +vereinbarte Münze verwendet wird, und es ist Sache des Schuldners, +solche Münzen sich zu verschaffen, wie sie am Markte in jeglichem +Umfange stets erhältlich sind. Ein Land kann einem anderen auf die Dauer +seine Schulden nur in Gold bezahlen und, wenn es Gold nicht produziert +oder nicht in grösserem Umfange besitzt, in Gütern. + +Eine Zahlung in Gütern aber ist dann nur möglich, wenn der Gläubiger sie +gestattet. Verbietet er sie, so tritt Zahlungsunfähigkeit ein, und +erschwert er sie durch Zölle oder durch andere hindernde Massnahmen, so +wird der Betrag der Schuld willkürlich vermehrt; denn wenn um so viel +mehr Waren geliefert werden, als erforderlich ist, um die auferlegten +Lasten zu bezahlen, dann wird das Zahlungsmittel entwertet und somit die +Schuldsumme erhöht. + +Es sollte somit jedes Land, das Zahlungen zu empfangen wünscht, seinen +Schuldnern solche Erleichterungen der Einfuhr gewähren, die es ihm +ermöglichen, den verschuldeten Betrag ohne unwillkürliche Erhöhung zu +leisten. + +Die dritte der Wahrheiten ist vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck +gekommen und ausgesprochen in dem Satz, dass die Weltwirtschaft erst +dann wieder hergestellt werden kann, wenn ein imponderabiler Wert wieder +gewonnen ist, nämlich das wechselseitige Vertrauen. Dieses Vertrauen +kann aber nur wiederkehren, wenn die Welt im wahren Frieden lebt. + +Der heutige Zustand der Welt ist nicht Frieden, sondern ein Zustand, der +dem Kriege ähnlich ist, jedenfalls ist es kein vollkommener Friede. +Leider ist in den einzelnen Ländern die öffentliche Meinung noch nicht +demobilisiert. Die Ueberreste der Kriegspropaganda zirkulieren noch +immer und belasten die Atmosphäre. Jeder, der seine Mittel und seine +Arbeit einem Lande anvertraut, hat daher mit der Gefahr zu rechnen, dass +dieses Land binnen kurzem durch Verhältnisse höherer Gewalt, die nicht +in Naturereignissen, sondern in politischen Ereignissen liegen, +gefährdet und verwandelt werden kann. Vor allem ist die Erkenntnis nicht +gesichert, dass ein Schuldner, zumal wenn er verarmt ist, der Schonung +bedarf, und dass er unfähig wird, zu leisten, wenn ihn die Mächte seiner +Möglichkeiten, namentlich seines Kredits, berauben. Dass dies +tatsächlich die Imponderabilien sind, die den ehemals so grossen +Austausch des Produktions- und Konsumptionsverkehrs hemmen, geht aus der +Tatsache hervor, dass die Produktionsmittel der Welt nahezu vollkommen +erhalten sind. Selbst wenn man alle tief bedauerlichen Zerstörungen des +Krieges und vor allem der Nachkriegszeit in Rechnung zieht, darf man +annehmen, dass im gesamten Produktions- und Verkehrsapparat selbst mehr +als 90 Prozent erhalten sind. Die gewaltigen und tief beklagenswerten +Zerstörungen innerhalb des russischen Reiches greifen in den Welthandel +nur mit etwa 3 Prozent ein. + +Trotz der grossen Menschenverluste des Krieges sind aber die +menschlichen Produktionskräfte fast vollständig erhalten, denn sie +haben sich in starkem Umfange ergänzt. Wenn somit die Geldmaschinerie +nicht arbeitet, obgleich sowohl ihre Substanz wie ihre Triebkräfte fast +vollständig erhalten sind, wenn auf der einen Seite Millionen von Händen +feiern, auf der anderen Seite Millionen von Menschen hungern, wenn auf +der einen Seite unzählige Gütermengen unverkäuflich sich aufstapeln, auf +der anderen Seite an den gleichen Gütern der schwerste Mangel besteht, +so liegt das daran, dass die wechselseitige Verschuldung als +psychologisches Moment wirkt. Als weitere psychologische Momente sind +der mangelnde Friedenszustand und das mangelnde Weltvertrauen +bestimmend. + +Wenn man sich nun fragt, ob es denn wirklich kein Mittel gibt, die +erschlafften Kräfte des Weltaustausches neu zu beleben, die Maschinerie +der Weltproduktion von neuem in Bewegung zu setzen, so ergibt sich die +vierte der unausgesprochenen Thesen, nämlich die, dass nicht durch +irgend einen oder zwei Käufer, sondern durch das Zusammenwirken aller in +den ökonomischen und Weltproblemen neue Bewegung zugeführt werden kann. + +Wie sollte auch nach einem Zerstörungswerk sondergleichen die Welt +geheilt werden, wenn nicht sämtliche Länder der Erde sich dazu +entschliessen, gemeinschaftlich Abhilfe zu bringen. Durch ein +universelles Opfer der Welt und der leidenden Menschheit kann nur eine +leidende Welt geheilt werden. Niemals ist ein Wiederaufbau anders +gelungen als durch Aufwendung gewaltsamer neuer Mittel. Solche Mittel +werden nicht aufgebracht werden, solange ein jedes Glied der +Weltwirtschaft mit wenigen Ausnahmen überschuldet ist. Das erste Opfer +wird somit in dem allgemeinen Abbau des Verschuldungskreises zu suchen +sein. Das weitere Opfer besteht in der gemeinsamen Aufbringung grosser +neuer Mittel für den Wiederaufbau, sei es auf dem Wege allgemeiner und +wechselseitiger Kredite, sei es auf anderen Wegen, deren Erörterung zu +weit führen würde. Dass die Genueser Konferenz zur Erörterung dieser +Fragen geführt hat, ist eine Tatsache, die in der Geschichte Europas +unvergessen bleiben wird. + +Ein weiteres historisches Ergebnis der Konferenz erblickt die deutsche +Delegation in der Annäherung des grossen, schwerbedrängten russischen +Volkes an den Kreis der besten Nationen. Durch manche Aussprachen hat +Deutschland sich bemüht, zu einer Annäherung der beiderseitigen +Gesichtspunkte beizutragen. Deutschland hofft, durch die Fortsetzung der +beiderseitigen Besprechungen das Werk des Friedens zwischen Ost und West +zu fördern. + +Für den Schutz, den Italien diesem Werk des allgemeinen Friedens gewährt +hat, schuldet die Welt dieser hochherzigen Nation und ihren Führern den +tiefsten Dank. Die Geschichte Italiens ist älter als die der meisten +europäischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr als einmal grosse +Weltbewegungen entstanden. Abermals und hoffentlich nicht vergebens +haben die Völker der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in +der tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck verliehen +hat: Io vò gridando Pace, Pace, Pace! + + + + +ANHANG + + + + +REDE, GEHALTEN AM 9. JUNI 1922 +IN STUTTGART, VOR EINEM +GELADENEN KREIS +ALLER PARTEIEN + + +Der Herr Reichskanzler hat mit seinen beredten Worten den Kreis eines +Jahres vor Ihnen entrollt. Er hat seine Ausführungen begonnen mit der +Schilderung der Lage, in der sich unser Volk an den Tagen der Ultimaten +des letzten Jahres befand. Uns allen ist in Erinnerung die Härte der +Worte, die damals gesprochen wurden, der unbelehrbare wirtschaftliche +Aberglaube, der aus diesen Worten sprach. Wir alle haben uns damals +gefragt, wie ist es möglich, von einem Volk zu verlangen, dass es 132 +Milliarden als Kriegsentschädigung hingibt, mehr als die Hälfte seines +ganzen Vermögens, eine Zahlungsleistung in Gold, das dieses Land nicht +besitzt? Ist es möglich, dass jemals Vernunft über den Erdball kommt und +den Irrsinn dieser Gedanken zerstört? Wie lange wird es dauern, werden +Jahre oder Jahrzehnte vergehen bis zu dem Augenblick, wo die Erde +einsieht, dass es unmöglich ist, diese Forderungen zu erfüllen, auch +wenn Deutschland noch so gutwillig sich der Konvention der Historie +fügt, die besagt, dass der Besiegte zahlt. Nur schrittweise konnte die +Vernunft ihren Weg nehmen; kein Weg ist so lang, als der Weg der +Vernunft und der Weg der Wahrheit. Diesen Weg eines Jahres -- denn ein +Jahr hat es gedauert, bis die Welt vor einer veränderten Einsicht +stand --, diesen Weg eines Jahres lassen Sie uns in kurzen Abschnitten in +Eile noch einmal durchlaufen. Der erste abergläubische Gedanke im +Augenblick der Unterzeichnung jenes unglücklichen Ultimatums, der +Gedanke der ehemaligen Gegner war: Zahlungen können in beliebiger Höhe +von einem Land in Gold geleistet werden, das kein Gold erzeugt, und das +kein Gold besitzt. Es bedurfte der Arbeit von Monaten, die von +Verhandlung zu Verhandlung geschritten ist, -- der Name der Stadt +Wiesbaden ist mit diesen Verhandlungen verknüpft, -- um zu erkennen, +dass, wenn Leistungen erheblichen Umfanges von einem Land an ein anderes +bewirkt werden sollen, nicht Gold das Zahlungsmittel sein kann, sondern +nur das Gut, die Ware. Der belehrende Charakter dieser Verhandlungen war +von Bedeutung. Noch heute sind die Verträge, die damals unterzeichnet +wurden, nicht ratifiziert. Bis heute haben sie keine Wirkung gehabt auf +wirtschaftlichem Gebiet, aber ihre Wirkung auf dem Gebiet +wirtschaftlicher Einsicht war von hohem Wert. Ein Volk kann, wenn es +sein muss, für ein anderes, für einen Kontinent arbeiten, aber es kann +nicht mit dem alchimistischen Zaubermittel des Steins der Weisen Gold +aus Nichts schaffen. + +Die Erkenntnis ging weiter. Im Herbst, als ich aus dem +Wiederaufbauministerium ausgeschieden war, benutzte ich die Zeit der +Freiheit, um nach England zu gehen, dort die Stimmung zu erkunden und, +soweit es dem einzelnen möglich ist, dieser Stimmung Aufklärungen +zuzuführen, die wünschenswert erschienen. Damals war in England eine +Auffassung im Aufdämmern, die einen Fortschritt wirtschaftlicher +Erkenntnis bedeutete. Man hatte begriffen, dass, wenn ein Land im +Uebermass unter Zwang, unter erschwerten Bedingungen Arbeit leistet für +einen Kontinent, eine Arbeit, die man kaum zu hart mit dem Ausdruck der +Gefängnisarbeit bezeichnen könnte, dass dadurch nicht allein dieses Volk +geschädigt wird, sondern mit ihm die Gemeinschaft der wirtschaftenden +Völker der Erde. Diese Erkenntnis stieg auf in demjenigen Lande, das +zuerst und zumeist vom Schaden betroffen war, nämlich in England. Man +bemerkte, dass die Zerrüttung der Märkte dasjenige Land am schwersten +schädigen musste, das als Kaufmann, als Handwerker, als Fabrikant dieser +Märkte bedurfte, um seinen Beitrag zum Wirtschaftsleben der Welt zu +leisten. So entstand die Einsicht, dass nicht ein einziges Land imstande +sein würde, die Krankheit eines geschlagenen Kontinents zu heilen, +sondern dass eine wirtschaftliche Verflochtenheit bestand, eine +unlösbare Einheit, und dass jedes Glied, das aus dieser Einheit +ausfällt, sei es Rußland als Konsument, sei es Deutschland als +Produzent, dass jedes fehlende Glied die Weltgemeinschaft schädigt. Bei +den Führern der englischen Politik befestigte sich der Gedanke, eine +wirtschaftliche Weltkonferenz zusammenzuberufen. + +Die Beschlussfassung über die Berufung war Sache des Obersten Rats der +Alliierten. Er versammelte sich in Cannes, und dort war es zum ersten +Male den deutschen Vertretern möglich, unsere Gesamtlage vor dem +Areopag der Welt zu entwickeln. In Cannes wurde es deutlich, dass das +deutsche Problem die europäische Wirtschaftslage beherrschte, und neben +diesem deutschen Problem, in fernere Zukunft weisend, trat das russische +Problem hervor. Kaum hatte man endgültig beschlossen, die +Wirtschaftskonferenz einzuberufen, da brach die Konferenz von Cannes ab, +denn ein Regierungswechsel hatte sich in Frankreich vollzogen, die +Regierung Briands wurde durch die Regierung Poincaré abgelöst. +Monatelang zweifelte man, ob es der auftretenden Opposition gelingen +würde, den Gedanken der Weltkonferenz zu zerstören oder zur +Unkenntlichkeit umzugestalten. Schliesslich kam sie zustande, doch unter +Erschwernissen. Denn es hatten Besprechungen stattgefunden in Boulogne, +und in diesen Besprechungen war von England dem französischen Wunsch +stattgegeben worden, dass die Konferenz, die einberufen war zur Heilung +des Leidens des Kontinents, dass diese Konferenz über eins nicht +sprechen durfte: nämlich über das Wesen und die Ursache dieses Leidens. +Es durfte nicht gesprochen werden über die Kernfrage, die deutsche +Frage, die Reparationsfrage. Der Herr Reichskanzler hat es Ihnen +dargelegt: strassauf, strassab in Genua war dennoch alles erfüllt von +dieser Frage. So kam es denn, dass neben der ungelösten russischen +Frage, die einer Sachverständigenkonferenz vorbehalten werden musste, +doch eine Reihe von Erkenntnissen sich klärte, die freilich in den +Kommissionssitzungen nur andeutungsweise besprochen werden durften. Doch +gab es eine Schlußsitzung, und in dieser konnte es den deutschen +Delegierten nicht verwehrt werden, die Kernprobleme ans Licht zu stellen +und die Nationen zu fragen: ja oder nein. Soweit eine Konferenz, ein +überfüllter Saal, ein Welttheater, eine Antwort auf solche Fragen geben +darf, wurde sie gegeben. So lauteten etwa unsere Fragen: Kann ein +Kontinent gesunden, wenn jede Nation der andern tief verschuldet ist? +Kann eine Nation sich regen, wenn sie gleichzeitig überlasteter +Gläubiger und hoffnungsloser Schuldner ist? Kann eine Kette von +Gläubigern und Schuldnern ein wirtschaftliches Dasein führen, wenn am +einen Ende der Kette ein grosses Reich, Amerika, steht, das niemandem +schuldet, und am anderen Ende unser armes Land, das von niemandem etwas +zu fordern hat? Die Antwort ist: Ein solcher Kreis der Weltverschuldung +muss zerschnitten werden. Und in diesem Kreis der Weltverschuldung ist +das deutsche Reparationsproblem nur ein Spezialfall der Verschuldung von +Volk zu Volk. Des weiteren konnte nicht geleugnet werden, dass dem +Schuldner, der zahlen soll, die Zahlung nicht unmöglich gemacht werden +darf. Da Zahlung nur in Waren geleistet werden kann, so ist diejenige +Politik widersinnig, die der Ware des Schuldnerlandes den Eingang ins +Gläubigerland verschliesst, es ist widersinnig, gleichzeitig die Mauer +des Antidumping, des Prohibitivzolls, zu erhöhen, und gleichzeitig zu +verlangen, dass die zu entrichtende Ware diese Dämme überschwemmen soll. +Auch diese Erkenntnisse tauchten in Genua auf: dass ein Wiederaufbau der +Welt, wenn man ihn ernst ins Auge fasst, wenn der Begriff nicht zum +Gemeinplatz zerfliessen soll, dass ein solcher Wiederaufbau nur möglich +ist durch Opfer. Dass er nicht möglich ist durch das Opfer des einen +oder des anderen Volkes, sondern dass sämtliche Völker beitragen müssen. +So wie sämtliche Völker sich durch diesen furchtbaren Krieg in Schuld +begeben haben, so müssen sämtliche Völker der Erde gemeinsam Opfer +bringen, um die Folgen dieses Krieges zu mildern. Deshalb war es nötig, +auszusprechen: nicht ein einzelnes Volk kann Europa heilen, sondern die +Völker müssen zusammentreten und gemeinschaftlich wirken, sie müssen +sich nicht damit begnügen, die Abbürdung dieser Weltschuld vorzunehmen, +sie müssen dafür sorgen, dass neue Mittel beschafft werden. Denn zu +jedem Aufbau gehören Mittel. Man kann nicht bauen aus Luft und Wolken. +Wer baut, braucht Materialien und muss diese Materialien in Werten +beschaffen. Werte aber freiwillig darbieten, heisst Opfer bringen. + +Neben diesen wirtschaftlichen Problemen war die Atmosphäre Genuas +erfüllt von den Problemen Russlands. Die Wiederverbindung des Ostens und +Westens ist eine der grossen Aufgaben der künftigen europäischen +Politik. Es ist nötig, dass ein Kontinent wie Russland, ein Land von +solchem Umfang, solcher Menschenzahl, solchen ungehobenen Schätzen +wieder erschlossen wird. Es ist nötig, dass es dem wirtschaftlichen +Komplex des Westens wieder angegliedert wird. Den Mächten der Entente +ist das bisher nicht gelungen. Die Arbeit ist verschoben auf den Haag, +und wir werden im Haag nicht teilnehmen. Wir drängen uns nicht dazu, an +einer Arbeit teilzunehmen, die andere für sich leisten und in anderer +Art. Wir haben unserseits einen eigenen Weg beschritten, den Weg des +reinen, freien, vergebenden Friedens. Wir haben diesen Weg beschritten +zum Zwecke des Aufbaues einer neuen Zukunft mit einem Lande, das ebenso +schwere Schicksalsschläge erlitten hat, wie wir. Ob mit oder ohne eigene +Schuld, lasse ich dahingestellt. Mit einem solchen Land kann man nicht +abrechnen, wie mit einem schlechten Schuldner. Man kann und soll mit ihm +zusammenwirken in dem Augenblick, wo seine Not am grössten ist. Man hat +uns den Vorwurf gemacht, wir hätten Rapallo im unrichtigen Moment +abgeschlossen. Ja gewiss, wenn an einer Tatsache nicht zu mäkeln ist, so +bleibt wenigstens die Kritik: An sich gut, aber es hätte nicht am +Montag, sondern es hätte am Dienstag oder Mittwoch sein sollen. Wir +mussten den Vertrag abschliessen in dem Augenblick, wo wir erkannten, +dass die Westmächte unseren berechtigten Wünschen nicht gerecht wurden, +wo anderseits die vertraglichen Bestimmungen für uns sich fügten und +anderseits der Wunsch der Gegenpartei nach Verständigung lebendig wurde. +Wir rechnen nicht in der Politik mit Dankbarkeit. Frühere Politik, die +sich vielfach auf Dankbarkeit gegründet hat, ist stets enttäuscht +worden. Aber mit Realitäten und Tatsachen der Vergangenheit zu rechnen, +ist kein Fehler, und es ist eine Realität, wenn eine Verbindung +abgeschlossen wird von Völkern, die sich die Hände reichen, um in +Frieden und Freundschaft zu leben. + +Im Haag werden wir nicht beteiligt sein. Denn wir haben unsere +Verhältnisse zum Osten geregelt. Wir werden die Arbeit der übrigen mit +aufrichtigem Wohlwollen verfolgen. Wir werden die Tätigkeit, die wir +schon in Genua ausgeübt haben, weiterhin ausüben, die Tätigkeit der +Vermittlung, aber nur dann, wenn es gewünscht wird. Denn wir drängen uns +niemand auf. In Genua hat man es gewünscht, und wir sind diesem Wunsch +gefolgt. Wird es im Haag nicht gewünscht, so bleiben wir abseits. Wir +wünschen von Herzen, dass die Staaten mit gutem Erfolg vom Haag +heimkehren. Wir neiden niemand eine Verbindung. Wir wollen keine +Monopole, kein Alleinrecht. Wir wollen nichts weiter, als dass die +Verbindung zwischen Osten und Westen wiederhergestellt wird. Wir wollen, +dass die Verbindung so hergestellt wird, dass auch wir dem östlichen +Volk die Hand reichen. Wenn ich von diesem Handreichen spreche, so +meine ich freilich nicht, dass wir uns einem Gedankenkreis verschreiben, +der nicht der unsere ist. Russland lebt unter einem Wirtschaftssystem, +das sich von dem unseren unterscheidet. Wir haben dieses +Wirtschaftssystem nicht zu kritisieren. Vielleicht wird Russland es +allmählich umgestalten. Wir glauben, dass es heute in voller +Umgestaltung begriffen ist. Wir haben unseren Frieden geschlossen nicht +mit einem System, sondern mit einem Volk, und wir haben ihn geschlossen +durch die Menschen, die in diesem Augenblick dieses Volk vertreten. +Welche Wirtschaft sie betreiben, bekümmert uns nicht. Wir werden ihnen, +soweit wir können, und soweit sie es wünschen, wirtschaftlich zur Seite +stehen, mit wirtschaftlicher Initiative, mit Erfahrung und Kenntnis des +Landes, mit den organisatorischen Fähigkeiten des deutschen +Wirtschaftsmanns, mit den Einsichten des deutschen Gelehrten. Wir werden +uns ihnen weder verschliessen, noch aufdrängen, sondern wir werden sie +nach ihrer Fasson selig werden lassen. Wir hoffen aufrichtig, dass sie +sich zu einem Wirtschaftssystem fügen, das sich mit dem europäischen +Wirtschaftssystem ergänzt. Wir selbst nehmen darauf einen Einfluss +nicht. + +Das ist die Etappe von Genua. Die Etappe vom Haag liegt in der Zukunft. +Nun noch ein Wort von derjenigen Etappe, die sich in diesem Augenblick +abspielt: Die Etappe Paris. Die reifende Einsicht des Jahres 1921 haben +wir überblickt. Es ist die Einsicht, die unter Politikern entstand. Zum +erstenmal treten nunmehr in Paris Wirtschaftsmänner zusammen, Bankiers +aus den europäischen und amerikanischen Staaten, und beraten über Dinge +materieller Ordnung. Diese Dinge sind auf der einen Seite die +Kreditwürdigkeit unseres Landes, auf der anderen Seite die +Durchführbarkeit von Verträgen, auf der dritten Seite die Möglichkeit +der Unterbringung von Anleihen. Eine Spannung hält die Welt in Atem: +Welche Entscheidung wird getroffen werden? Ich glaube nicht, dass diese +Entscheidung das Wesentliche ist. Mag es eine grosse oder eine kleine, +oder mag es gar keine Anleihe sein. Gleichviel! Der Schritt, den dieses +Komitee getan hat, kann nicht rückgängig gemacht werden. Dieser Schritt +aber ist der bedeutendste in der wirtschaftlichen Einsicht der Welt seit +1½ Jahren, denn er führt zu der Tatsache: Dasjenige, was im Londoner +Ultimatum festgesetzt ist, ist undurchführbar, und damit ist der Kreis +der Erkenntnis geschlossen. Damit hat das Experiment dieser +schwierigsten aller europäischen Fragen, dieses gefahrvollste und +tragischste Experiment seinen intellektuellen Abschluss gefunden. Auf +die Frage des Ultimatums von 1921 erfolgt die Antwort der Kommission von +1922. Die Frage lautet: Sind 132 Milliarden von Deutschland erhältlich? +und die Antwort lautet: Nein. Ob nun diese Antwort sich besiegelt durch +das praktische Mittel der oder jener Massnahme, der oder jener Anleihe +scheint mir nicht entscheidend. In wenigen Tagen werden wir wissen, ob +nun das praktische Resultat sich anschliesst dem Resultat der +Erkenntnis. Das Resultat der Erkenntnis aber ist das entscheidende. + +Ueberblicken wir den Lauf dieses Jahres, vergegenwärtigen wir uns, wie +auf die grosse Frage des Ultimatums immer klarer und deutlicher die +negative Antwort emporwächst, so dürfen wir auf der anderen Seite die +Kritik unseres Landes nicht unberücksichtigt lassen. Man ist nicht milde +umgegangen mit unserer Politik dieses Jahres; der Herr Reichskanzler +kann manches davon erzählen, und jeder einzelne von uns. Wir sind einer +jeden Kritik zugänglich, die uns sagt, nicht so müsst ihr es machen, +sondern anders. Aber niemand wird dem Staatsmann helfen und dem Lande +nützen durch eine Kritik, die lediglich sagt, ganz anders hättet ihr es +machen müssen, aber wie, das bleibt unser Geheimnis. Häufig ist uns +gesagt worden: Politik des Widerstandes! Der bedeutendste und +erfolgreichste Staatsmann Europas hat uns auf unsere Frage eine Antwort +gegeben, als wir ihm sagten: Wir haben es in diesem Jahr erleben müssen, +dass eine furchtbare Teuerungswelle über unser Land hereingebrochen ist, +wir haben es erleben müssen, dass der Mittelstand die schwersten Leiden +zu erdulden hat, wir haben es erleben müssen, dass die fremden +Zahlungsmittel auf das Vielfache ihres Werts gestiegen sind. Es ist uns +manchmal der Zweifel gekommen, ob wir unter diesen Umständen nicht +hätten sagen sollen: Widerstand, es koste, was es wolle. Ich will die +Worte nicht zitieren, die wir gehört haben, aber aufs Tiefste ist unsere +Ueberzeugung besiegelt worden, dass die Politik, die wir trieben, die +einzige gewesen ist, die es ermöglicht hat, während dieses schwersten +Jahres des neuen Friedens die Einheit des Reiches zu erhalten. Keine +andere Politik kann uns genannt werden, die das Gleiche ermöglicht +hätte: Erhaltung der Einheit und des Bestandes. Die Bestrebungen, die +uns bedrohten und bedrohen, beziehen sich nicht nur auf die Zerreissung +des Landes, sie beziehen sich auch auf seine weitere Schmälerung, +nachdem dieses Land durch den unglücklichsten aller Verträge schon so +viel von seinem Boden und seinen Menschen verloren hat. Unser Land +ungeschmälert zu erhalten, unser Land und Volk als Einheit zu erhalten, +ist das Ziel, das wir erkämpfen. Wenn gesagt worden ist, das kleinere +Uebel gegenüber gewissen Wirtschaftsgefährdungen sei die Neubesetzung +von rheinischem Land durch fremde Truppen, so sagen wir: Nein, der +Meinung sind wir nicht. Deutsches Land soll nicht hergegeben werden, die +deutsche Einheit soll nicht gefährdet werden. Der Kanzler hat es Ihnen +gesagt und ich möchte es wiederholen: Wehe uns, wenn wir die +Vergangenheit unseres Volkes vergessen, wehe uns, wenn wir seine grosse +Geschichte vergessen und das, was seine grosse Geschichte uns +hinterlassen hat. Das bedeutet nicht, dass wir jedes einzelne billigen, +was im Laufe der Generationen geschehen und geworden ist, aber es +bedeutet, dass wir an dem grossen Vermächtnis festhalten, das das +Endergebnis der modernen deutschen Geschichte bildet: die Vereinigung +Deutschlands in seinen Stämmen. Dieser Einheit werden wir nachleben und +ihr haben wir zu dienen. Vergessen wir nicht, was von vielen einzelnen +und manchmal von Parteien vergessen wird, die zu glauben meinen, wir +hätten den Krieg gewonnen. Nein, leider nicht. Diesen Krieg, den +grössten aller Kriege, haben wir verloren. Vergessen wir nicht, was das +bedeutet, und vergessen wir nicht aus unserer grossen Geschichte, was es +bedeutet hat, wenn in früheren Zeiten Kriege verloren wurden, die nicht +den zehnten Teil so schwer, so hart und gefahrvoll waren, als dieser +Weltkrieg. Vergessen wir nicht, vor welchen Gefahren wir gestanden haben +und vor welchen Gefahren wir stehen. Und wenn einmal in hundert Jahren +die Geschichte dieser Epoche geschrieben werden wird, dann wird man mit +Sorgfalt fragen: Wo wurden die ersten Fäden angeknüpft, wie war es +möglich in einer Welt, die vergiftet war von Hass, auf einem Planeten, +der zum Himmel flammte in gegenseitiger Rachsucht, wie war es möglich in +dieser Welt der Zerstörung und der Zwietracht, die ersten Fäden zu +fügen? Die Antwort wird sein: Das deutsche Volk hat sie gefügt durch +seine Geduld, durch seine Tatkraft, durch seinen positiven Willen, durch +seinen Idealismus, durch seinen Opfersinn. Das wird das Urteil der +Weltgeschichte über diese Epoche sein, die wir durchleben. Mag die +Kritik des Tages uns verlästern: wir glauben aus tiefster Ueberzeugung, +dass es keinen anderen Weg gibt, als den, den wir beschritten haben, um +die deutsche Einheit in die Zukunft zu retten und für alle Zeit zu +stabilisieren. Dass wir daneben nicht passiv gewesen sind während der +ganzen Dauer dieses Jahres, haben wir Ihnen dargelegt. Zweifellos ist +es, dass, wenn ein Volk leben soll, es nicht leben kann lediglich in +einer einzigen Eigenschaft, in der Eigenschaft als Schuldner. Es muss +sich wieder bewegen, es muss neue Kräfte sammeln, es muss seiner +Wirtschaft neue Anknüpfungen bieten, es muss den Geist auf neue Probleme +lenken. Deswegen glaube ich, dass unsere Politik darin nicht versagt +hat, wenn sie den Versuch gemacht hat, wieder zu einer Aktivität zu +kommen. + +Hiermit verlasse ich das Gebiet der praktischen Politik. Die praktische +Politik dieses Jahres haben wir durchlaufen. Sie war nicht verloren. Der +Krieg war zu schwer und die Zeit von drei Jahren ist sub specie +saeculorum zu kurz, um ein neues Reich an die Stelle des verlorenen +alten zu setzen. Aber wenn wir einheitlich bleiben, wenn wir die +Gegensätze, die uns trennen, zurückstellen in dem Augenblick, wo die +grossen Idealfragen unseres Landes zur Sprache kommen, -- denn was trennt +uns? Interessen und Konventionen trennen uns, und über Interessen kann +man hinweg und über Konventionen soll man hinweg, soweit man nicht +Kräfte und Ideale aus ihnen schöpfen kann -- wenn wir über den großen +Fragen, die uns einen, die Fragen vergessen, die uns trennen, so werden +wir imstande zu einer einheitlichen Aussenpolitik sein. Gestatten Sie es +einem rein praktischen Politiker, gestatten Sie es demjenigen, dem die +Aufgabe obliegt, gerade in diesem Augenblick das Werk der Verträge, das +Werk der Beziehungen zu pflegen, gestatten Sie in diesem Augenblick das +Wort auszusprechen: Nicht Verhandlungen machen uns gesund und nicht +Verträge, sondern die Gesundheit eines Volkes kommt nur aus seinem +inneren Leben, aus dem Leben seiner Seele und seines Geistes. Dieses +Leben ist gefährdet, aber es ist nicht zu Tode getroffen. Es gibt +vieles, was unser seelisch-geistiges Leben schädigt -- ich brauche nur +an das zu erinnern, was wir in unseren grossen Städten und an anderen +Stellen im Lande sehen --, aber unser seelisch-geistiges Leben ist in +seinen Tiefen gesund. Noch immer lebt dieser Wille zur Arbeit, zur +Disziplin, zur Organisation, zur Forschung, noch immer lebt der Wille +zur Hingebung und zum Opfer, zur Betrachtung der Erscheinung im grossen +Bogen der Synthese und Zusammenfassung; noch immer sind die grossen +Kräfte des Geistes und Herzens ungebrochen und unberührt. Unserer Jugend +haben wir diese Kräfte zu übergeben, sie ist die Trägerin und Pflegerin +dieser Kräfte, und wir wollen hoffen, dass sie diese grösste und +schwerste Verantwortung der Gegenwart erfüllt. Manches wird sie in +diesem Fall abzustreifen haben, denn nicht aus dem Kampfe des Tages +erwachsen diese Kräfte; diese Kräfte erwachsen aus der Versenkung und +Vertiefung. Deswegen lassen wir unsere Jugend nicht untergehen in den +Kämpfen des Tages, weisen wir sie hin auf die grossen Ideale der +Vergangenheit und führen wir sie zu den Idealen der Zukunft. + +Ich glaube, daß ein solcher Hinweis auf das Gebiet des Geistes in Ihrem +Lande verstanden werden muss. Wenn wir aus dem Norden zu Ihnen kommen, +wenn wir diese bekränzte Stadt erblicken, so geht uns das Herz auf. Der +grösste aller grossen schwäbischen Sänger hat das unsterbliche Wort +gedichtet: O heilig Herz der Völker, o Vaterland! Dieses heilige Herz +fühlt man nirgends stärker pochen als in Ihrem beseeligenden und schönen +süddeutschen Gau. Als ich heute nachmittag auf der Suche nach dem, was +ich einer erlauchten Versammlung würde sagen dürfen, durch die Wälder +fuhr, die grüngolden Ihre Stadt umsäumen, da habe ich es in der Tiefe +des Herzens empfunden: diese ehrwürdigen Buchen werden von ihren Hügeln +noch einmal herniederblicken auf eine freie glückliche Stadt. Und als +ich dann zu jenem Gipfel kam, der von einem kleinen Schlösschen gekrönt +ist, das Solitude heisst, wo ein unendlicher Fernblick über das Land +nach Norden sich auftut und das Auge versinkt in der blauen Ferne, da +habe ich, wie lange nicht, das Gefühl erlebt: von dieser Stelle aus wird +man nicht nur in eins der schönsten, nein, auch in eins der +glücklichsten Länder blicken, in einer Zukunft, die unsere Nachfahren +erleben werden. Wir aber, die wir vom Norden kommen, aus Staub und +Nebel, von harter Arbeit und schwerer Verantwortung, uns ist es ein +Dank und eine Freude, wenn wir an diesem heissen Busen Ihres Landes für +Tage oder für Stunden Gesundheit, Freude und Hoffnung trinken können. +Deswegen gewähren Sie uns diese Gastfreundschaft, so oft wir zu Ihnen +kommen, und kommen Sie zu uns, um das Band zwischen Nord und Süd zu +flechten, zu unauflöslicher und ewiger Dauer. + + + + +REDE, GEHALTEN AM 13. JUNI 1922 +IN BERLIN, IN DER +DEUTSCHEN GESELLSCHAFT VON 1914 + + +Der Anlaß, der uns heute zusammenführt, ist das unmittelbar +bevorstehende Erscheinen der ersten sechs Bände aus den diplomatischen +Akten des Auswärtigen Amtes. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses liegt +für jedermann klar zutage. + +Ueber den wissenschaftlichen Wert der ganzen Publikation werden berufene +Gelehrte zu urteilen haben. Es handelt sich jedoch bei dem Werke, dessen +erster Abschnitt jetzt abgeschlossen vorliegt, nicht nur um eine Arbeit +im Dienste der Wissenschaft, nicht nur um einen unschätzbar wertvollen +Beitrag zur Kenntnis der europäischen Geschichte der letzten Jahrzehnte, +sondern es handelt sich zugleich um eine ethische Tat des deutschen +Volkes, über deren Inhalt ich einiges sagen möchte. + +Wie kam die Aktensammlung zustande? Die Vorgeschichte lässt sich mit +wenigen Worten berichten: Vor ungefähr zwei Jahren fasste die deutsche +Regierung den Beschluss, das gesamte Material über die deutsche Politik +vor dem Weltkriege der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Sie wurde dabei +von dem Gedanken geleitet, dass von unserer Seite alles bekannt gegeben +werden sollte, was zur Aufklärung über die Entstehung der grossen +Katastrophe von 1914 dienen kann. Die ängstlich überwachten Schranken +des diplomatischen Geheimnisses sollten umgestossen, die verschwiegenen +Siegel sorgfältig verborgengehaltener Dokumente gebrochen, und +rückhaltlos sollten die in den Archiven des Auswärtigen Amtes ruhenden +Akten ans Licht des Tages gezogen werden. Der Entschluss wurde zur +Wirklichkeit. Drei Gelehrte, deren einwandfreie Sachlichkeit als +zweifellos dasteht, wurden mit der Lösung der grossen Aufgabe betraut, +und heute legen sie uns den verheissungsvollen Anfang ihrer mühevollen +Tätigkeit vor, für die Deutschland ihnen tiefen Dank schuldet. + +Die kurze Vorgeschichte, die ich hier skizziert habe, zeigt, dass über +dem ganzen Werke eigentlich als Motto die Worte stehen sollten: Im +Dienste der Wahrheit. Denn das ist in der Tat das Leitmotiv, das ihm +zugrunde liegt. Das deutsche Volk will an seinem Teile die ganze +Wahrheit über die Genesis des Weltkrieges enthüllen. Es erscheint ihm +dies nicht nur für das eigene Gewissen und aus einem wohlverstandenen +Nationalgefühl heraus notwendig, sondern auch für die ganze Menschheit. +Wir wissen alle, dass seit dem Weltkrieg die dunklen Mächte des Hasses, +der Verdächtigung, des Misstrauens, der Anklage und der Beschuldigung +die internationale Atmosphäre vergiften. Wir Deutsche haben es ganz +besonders stark erfahren müssen, dass diese dunklen Mächte in das +Getriebe der Politik bestimmend eingegriffen haben und ihre bösen +Wirkungen, die uns im Weltkrieg in furchtbarer Deutlichkeit vor Augen +traten, auf diese Weise zu verewigen drohen. Das gerade ist es, was im +Namen der Menschheit verhütet werden muss. + +Man spricht heute -- und mit vollem Recht -- überall von der grundlegenden +Bedeutung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus von Europa. Hand in Hand +damit muss aber eine vielleicht noch schwerere und sicher nicht minder +wichtige Aufgabe gelöst werden, die ich den geistigen Wiederaufbau +Europas nennen möchte. Und sie besteht in der allmählichen Ueberwindung +eben jener Mächte des Hasses, der Verdächtigung, des Misstrauens, der +Anklage und der Beschuldigung, die ich oben erwähnt habe. Das Bestreben +der Besten muss darin bestehen, dass wir in Europa wieder reine Luft +atmen können, eine Luft, die befreit ist von jener dumpfen Schwüle, die +seit dem Kriege und auch mehrere Jahre vorher schon geherrscht hat. + +Es ist klar, daß dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn jeder +rücksichtslos mit sich selbst ins Gericht geht, um dadurch einen Beitrag +zu der gewaltigen Aufgabe des geistigen Wiederaufbaus zu leisten. + +Das deutsche Volk, das durch das Diktat von Versailles auf die +Anklagebank gezwungen wurde, hat mit dem Werke, das nun zu erscheinen +beginnt, den Anfang gemacht. Es hat es verschmäht, seine Geheimnisse zu +verstecken und hat seinen restlosen Willen zur Wahrheit bekundet. + +Die ersten sechs Bände bilden ein Ganzes für sich. Sie behandeln die +Zeit von 1870 bis 1890, also jene Epoche, während deren die Leitung der +politischen Geschicke des deutschen Volkes in der Hand des ersten +Reichskanzlers, Fürst Otto von Bismarck, lag. Damals stand Deutschland +auf der Höhe der Macht, und wir sehen aus den veröffentlichten Akten, +dass es diese Macht niemals missbraucht hat, um den Frieden in Europa zu +gefährden, sondern dass es sie im Gegenteil dazu verwandte, um ihn +überall, wo es möglich erschien, zu erhalten. Das ganze Bündnissystem +Bismarcks war auf diesem Grundgedanken aufgebaut und bietet, unter +diesem Gesichtspunkt betrachtet, das Bild eines einheitlichen +Kunstwerkes. Das ist eine Feststellung, die jeder objektive Leser machen +wird, und wir können uns im Hinblick auf sie nur wünschen, dass die +Wahrheit, der wir als Tribut entrichten, was uns zur Verfügung steht, +sich unaufhaltsam Bahn bricht und allmählich alle Hindernisse beseitigt, +die sich ihr heute noch in den Weg stellen. + +Der Weg der Wahrheit ist lang. Er ist um so länger, als ein Mangel an +europäischem Interesse die Fragen, die uns Lebensfragen sind, als +gelöst, das Urteil der Geschichte als gesprochen anzusehen sich gewöhnt +hat. Ein Urteil kann nur gesprochen werden von einem vollgültigen +Tribunal. Unser Suchen und Werben um Wahrheit aber wird nicht ruhen, bis +im Namen der Geschichte ein befugtes Tribunal seinen Spruch gefällt hat. + + + + + +REDE +VOR DEM REICHSTAGE +AM 21. JUNI 1922 + + +Die Interpellation Stresemann[1] habe ich die Ehre wie folgt zu +beantworten: + +Unter dem Ausdruck »Neutralisierung« kann man zwei rechtlich völlig +verschiedene Begriffe verstehen. Soweit darunter zu verstehen ist das +Verbot für Deutschland, innerhalb der Rheinlande ständig oder zeitweise +militärische Streitkräfte zu unterhalten oder zu sammeln oder daselbst +Befestigungen beizubehalten oder anzulegen, so hat die dahingehende +Forderung bereits in den Art. 42 und 43 des Vertrages von Versailles +ihre Verwirklichung gefunden. + +Sollte unter der Neutralisierung der Rheinlande die Schaffung eines +neutralen Pufferstaates verstanden werden, so ist dem entgegenzuhalten, +dass die Rheinlande auch nach dem Vertrage von Versailles ein +integrierender Bestandteil des Deutschen Reiches und des preussischen +Staates geblieben sind. Der Vertrag von Versailles enthält in der langen +Reihe seiner Artikel nicht eine Bestimmung, auf die sich irgendeine +Signatarmacht dieses Vertrags bei Erhebung einer dahingehenden Forderung +stützen könnte. Eine solche Forderung könnte also nur unter +Vertragsbruch verwirklicht werden. Bisher ist noch von keiner Seite ein +Ansinnen dieser Art an die deutsche Regierung herangetreten. Auch sonst +liegen der deutschen Regierung, abgesehen von unbeglaubigten +Zeitungsmitteilungen, keine Nachrichten vor, die auf eine derartige +Absicht schliessen lassen könnten. + +Namens der Reichsregierung habe ich die Erklärung abzugeben, dass sie +niemals für irgendwelche Zugeständnisse, und mögen sie noch so gross +sein, dafür zu haben ist, das Rheinland, das während der Besatzungszeit +so oft seinen unerschütterlichen Willen zum Festhalten am angestammten +Vaterland bewiesen hat, preiszugeben oder seinen Bestand schädigen zu +lassen. + + +Die Interpellation Lauscher[2] bezüglich der Eisenbahnen habe ich die +Ehre, wie folgt zu beantworten: + +Am 25. Mai hat die Botschafterkonferenz eine von dem französischen +Ministerpräsidenten unterzeichnete Note an die deutsche Regierung +gerichtet, in der sie die sofortige Einstellung einer Reihe im Gang +befindlicher Bahnbauten sowie die allmähliche Beseitigung gewisser +Eisenbahnanlagen im linksrheinischen Gebiet verlangt. Sie stützt diese +Forderungen auf Art. 43 des Vertrages von Versailles, der die +Beibehaltung aller materiellen Vorkehrungen für eine Mobilmachung in +jenen Gebieten untersagt. Die Botschafterkonferenz vertritt den +Standpunkt, dass die Bahnlinien, deren Einstellung sie fordert, +strategische Linien und die Anlagen, deren Zerstörung sie verlangt, +militärische Anlagen seien. Sie hat es für nötig gehalten, mit +besonderem Nachdruck zu betonen, dass alle in ihr enthaltenen +Entscheidungen auf Grund eingehender Untersuchungen so getroffen seien, +dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des rheinischen +Eisenbahnnetzes durch sie in keiner Weise vermindert wird. Die +Botschafterkonferenz stellt ferner »mit Genugtuung« fest, dass die +Einstellung der im Gang befindlichen Arbeiten es Deutschland erlauben +werde, die dafür ausgeworfenen bedeutenden Ausgaben zu ersparen und +damit seine finanzielle Lage zu verbessern. + +So lebhaft die deutsche Regierung jede Gelegenheit begrüsst, die +Finanzen Deutschlands zu heben, so vermag sie doch die Genugtuung der +Botschafterkonferenz über die ihr gebotene Möglichkeit nicht zu teilen. + +Denn einmal übergeht die Botschafterkonferenz mit Stillschweigen, dass +über den Ersparnissen, die sich aus der Einstellung der im Gang +befindlichen Arbeiten ergeben, Hunderte von Millionen an Ausgaben +stehen, die für die geforderten Zerstörungsmassnahmen völlig unproduktiv +aufgewendet werden müssen. + +Zweitens trifft die Annahme der Note, dass es sich bei den +einzustellenden Arbeiten und den zu beseitigenden Anlagen +ausschliesslich um militärische, für die deutsche Wirtschaft +gleichgültige Einrichtungen handele, in keiner Weise zu. + +Die deutsche Regierung weiss, dass der Vertrag von Versailles ihr +verbietet, im besetzten Gebiet irgendwelche ständigen Vorkehrungen zu +unterhalten, die dem Zweck der Mobilmachung zu dienen bestimmt sind. Sie +beabsichtigt nicht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen und sie wird +die vorhandenen Anlagen, soweit sie wirklich militärischer Natur sind, +pflichtgemäss zerstören lassen, soweit dieses Verlangen allen +ökonomischen Erwägungen zum Trotz aufrechterhalten werden sollte. Dass +sie nicht daran denkt, neue Anlagen dieser Art zu schaffen oder +begonnene fortzuführen, ist angesichts der deutschen Finanzlage und der +ganzen politischen Situation eine einfache Selbstverständlichkeit. + +Dagegen ist die deutsche Regierung weder nach dem Buchstaben noch nach +dem Sinne des Versailler Vertrages verpflichtet, Einrichtungen, die für +die gesunde wirtschaftliche Entwicklung des Rheinlandes zweckmässig und +notwendig sind, nur deshalb zu zerstören oder unausgeführt zu lassen, +weil die Botschafterkonferenz glaubt, dass sie eine etwaige Mobilmachung +erleichtern. + +Der Art. 43 richtet sich gegen die Vorbereitung eines Krieges. Er gibt +den alliierten Regierungen kein Recht, störend und zerstörend in eine +auf verständigen Grundsätzen aufgebaute Verkehrspolitik einzugreifen. +Soweit das durch die Forderungen der Botschafterkonferenz geschieht, +wird die deutsche Regierung diese Forderungen mit allem Nachdruck +bekämpfen. Sie wird den alliierten Regierungen den Beweis liefern, dass +die verlangten Massnahmen den betroffenen Gebieten schwere +wirtschaftliche Nachteile zufügen, dass sie die Entwicklung nicht nur +des Verkehrs, sondern zahlreicher für Deutschland lebenswichtiger +Wirtschaftszweige hindern und so die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit +Deutschlands keineswegs erhöhen, sondern stark beeinträchtigen würden. +Von ganz besonderem Einfluss auf die Entschliessung der aliierten +Regierungen sollte es sein, dass einzelne der beanstandeten Anlagen +gerade dazu dienen sollen, die schnelle und pünktliche Ablieferung der +Reparationskohle zu erleichtern. + +Die Prüfung der einzelnen Forderungen der Note, die von den deutschen +Behörden mit der grössten Sorgfalt vorgenommen wird, ist noch nicht +abgeschlossen. Schon jetzt lässt sich aber mit Gewissheit sagen, dass +die Entschliessung der Botschafterkonferenz, soweit sie sich mit den +Linien Mörs--Geldern, Osterath--Dernau und Ehrang--Koblenz befasst, +überwiegend von unrichtigen Voraussetzungen ausgeht. + +Das gleiche gilt für eine grosse Anzahl der übrigen Punkte der Note, was +sich zum Teil vielleicht daraus erklärt, dass den Verfassern die +Entwicklung, die die Wirtschaft des Rheinlandes seit Beendigung des +Krieges genommen hat, noch nicht bekannt geworden ist. + +Die deutsche Regierung zweifelt nicht daran, dass die Aufklärung, die +sie den alliierten Regierungen in aller Offenheit und Ehrlichkeit bieten +wird, zu einer Aufgabe der jetzt erhobenen unberechtigten Forderungen +führen wird. Die ohnehin so schwer unter dem Drucke der Besatzung +leidende rheinische Bevölkerung mag gewiss sein, dass kein Mittel +unversucht bleiben wird, um ihr neue grundlose Schädigungen zu ersparen. + + +Die dritte Interpellation[3] erlaube ich mir wie folgt zu beantworten: + +Ueberblickt man die Versailler Regelung für das Saarbecken, so drängt +sich am stärksten ihre Kompliziertheit auf. Man vergegenwärtige sich nur +folgendes: Das Land ist deutsch, die Bewohner sind Deutsche, die +Verwaltung liegt in der Hand des Völkerbundes, die Gruben sind Eigentum +des französischen Staates und das Zollsystem ist das französische. Das +ergibt ein so vielfaches Durchschneiden und Ueberschneiden der +Kompetenzen, dass es in der Praxis zu kaum mehr lösbaren Schwierigkeiten +führt. + +Auf die Frage, was das Saargebiet seiner juristischen Natur nach ist, +dürften die Juristen die Antwort schuldig bleiben. Die Geschichte hat +ein so seltsames Gebilde noch nicht gesehen. Dies hat begreiflicherweise +eine grosse Belastung der beteiligten Behörden -- und zwar nicht nur +unserer -- zur Folge, und im letzten Grunde ist der Leidtragende dabei +immer die Bevölkerung. + +Politisch springt vor allem die Entrechtung der Bevölkerung in die +Augen. Gewisse, nicht immer genügend klar gefasste Bestimmungen +gewährleisten ihr zwar einige selbstverständliche Grundrechte, von denen +bezeichnenderweise das Recht des freien Abzuges am deutlichsten +ausgestaltet ist. + +Von der Mitbestimmung an ihrem Geschick ist sie aber so gut wie +ausgeschlossen. In dem Fünfmännerkollegium, das sie regiert, befindet +sich nur einer aus ihrer Mitte, und auch auf die Ernennung dieses einen +hat sie keinen Einfluss. + +Die Regierungskommission hat Befugnisse, die weit über das hinausgehen, +was im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus die Regel war. Gewiss ist +sie dem Völkerbund verantwortlich. Ob aber diese Verantwortlichkeit +denselben praktischen Wert hat wie eine Verantwortlichkeit gegenüber +einer Volksvertretung, müsste erst noch bewiesen werden. Die Betrauung +des Völkerbundes mit dieser absolutistischen Mission ist überhaupt für +jeden, der einen wahren Völkerbund errichtet zu sehen wünscht, tief +bedauerlich. Die Idee des Völkerbundes wird dadurch entwürdigt. + +Es ist kein Trost, dass dieses Regime auf 15 Jahre beschränkt sein soll. +Denn 15 Jahre sind eine lange Zeit, und an ihrem Ende steht die +Volksabstimmung. Nichts ist selbstverständlicher, als dass diese +Abstimmung während der 15 Jahre die Interessen der Bevölkerung +überragend beherrscht. Wir alle wissen ferner aus den Beispielen anderer +deutscher Grenzgebiete, besonders Oberschlesiens, was eine +Abstimmungszeit für die Bevölkerung bedeutet. Im Saargebiet soll diese +Zeit 15 Jahre dauern, und wenn auch dort die Verhältnisse insofern +günstig liegen, als der Bevölkerung fremdsprachige Elemente fehlen, so +bedeutet es doch für sie ein überaus hartes Los und eine schwere Probe, +15 Jahre lang unter der Ungewissheit ihres endgültigen nationalen +Geschickes leben zu müssen. + +Ich wende mich zu der Frage, wie sich das geschilderte System bisher +bewährt hat. + +Das Wirtschaftsleben des Landes bietet kein erfreuliches Bild. Hier +wirken verschiedene Umstände zusammen: die künstliche Trennung der +Kohlenwirtschaft von dem übrigen Wirtschaftsleben, die neue Zollinie und +endlich die Einführung des Franken. Das Mass, in dem der Frank im +Saarbecken umläuft, ist nach Ansicht der Regierung vertragswidrig, denn +der Vertrag räumt der französischen Münze nur die Stellung eines +zugelassenen Umlaufgeldes neben der Mark ein. Die Regierungskommission +hat ihr aber bei Post und Eisenbahn die Eigenschaft als Währungsgeld +unter Ausschaltung der Mark verliehen und später trotz dringenden +Abratens aller Sachverständigen ihren Umlauf noch erweitert. +Wirtschaftlich widerspricht diese Abänderung der Währungsverhältnisse +der Grundstruktur des Wirtschaftslebens. Das Land hat nun einmal seinen +natürlichen Absatzmarkt in Deutschland und kann dafür anderswo, +namentlich in Frankreich, um so weniger ausreichenden Ersatz finden, als +seine Hauptindustrie, die Eisenindustrie, im Westen als unliebsamer +Konkurrent empfunden und bekämpft wird. Wenn also die Industrie des +Saarbeckens auf den deutschen Markt angewiesen ist und daher vorwiegend +Markeinnahmen hat, so muss sie notwendigerweise in schwere Bedrängnis +geraten, sobald sie bei sinkendem Markkurse ihre Hauptausgaben -- nämlich +Löhne, Kohlen, Erze, Frachten -- in Franken leisten muss. Die Tatsachen +haben dies reichlich bewiesen. Das Land hat schon verschiedene schwere +Krisen durchgemacht, die noch schärfer verlaufen wären, wenn nicht +grosse industrielle Werke von ihren Niederlassungen im übrigen +Deutschland einen Ausgleich hätten schaffen können. Erfreulicherweise +haben auch verschiedene deutsche Wirtschaftsorganisationen der +schwierigen Lage des Saarbeckens volles Verständnis entgegengebracht. In +diesem Zusammenhang kann ich auch erwähnen, dass die Reichsregierung im +Einverständnis mit Preussen und Bayern die Belieferung des Saargebiets +mit Waren zu deutschen Inlandspreisen und mit deutschen Lebensmitteln +sich angelegen sein lässt. Es sind hierbei allerdings beträchtliche +Schwierigkeiten zu überwinden, und es könnte ein Zeitpunkt kommen, in +dem wir gegen unseren Willen diese Massnahmen aufheben müssten. Doch +hoffen wir, dass wir nicht vor diese Zwangslage gestellt sein werden. +Alles in allem trägt das Wirtschaftsleben des Saarbeckens eine +spezifische Unstabilität als hervorstechendstes Merkmal an sich. + +Wenn ich endlich zu der politischen Entwicklung übergehen darf, so muss +ich zu meinem Bedauern hier feststellen, dass die Regierung des +Saarbeckens von der den Völkerbund vertretenden Kommission nicht in der +Weise geführt wird, wie es erwartet werden dürfte. Bekanntlich soll der +Völkerbund die Regierung des Saarbeckens als Treuhänder führen. Eine +solche treuhänderische Verwaltung darf nicht einen der beiden an dem +endgültigen Besitz des Landes interessierten Staaten bevorzugen. Leider +ist dies aber der Fall. Dass heute noch französische Truppen in +beträchtlicher Zahl sich im Lande befinden, ist eine nicht +abzustreitende Vertragswidrigkeit; denn nach dem Vertrag soll nicht +Frankreich, sondern die Regierungskommission für Aufrechterhaltung von +Ruhe und Ordnung sorgen, und nur durch eine örtliche Gendarmerie. Diese +Gendarmerie ist zwar errichtet worden, jedoch nur in bescheidenem +Umfange, angeblich wegen Geldmangels. Neben ihr steht aber noch eine +französische Gendarmerie. Wie deren Existenz gerechtfertigt werden kann, +ist mir unerfindlich. Denn der Vertrag sagt mit der denkbar grössten +Klarheit, dass »nur eine örtliche Gendarmerie« eingerichtet werden soll. +Uebrigens liegen Nachrichten vor, dass die französische Gendarmerie die +Aufgabe hat, unter anderem über die Notabeln und gewisse andere +Persönlichkeiten Listen zu führen, vertrauliche Beobachtungen in +politischen Angelegenheiten anzustellen, die politische Gesinnung der +Beamten zu überwachen und die Berichte der Zivilbehörden unauffällig zu +kontrollieren. + +Auch die Errichtung der französischen Kriegsgerichte, die sogar durch +eine besondere Verordnung erfolgt ist, widerspricht dem Vertrag, da +dieser keine anderen Gerichte beibehalten wissen will als die früher +bestehenden und ein neu zu errichtendes Obergericht. + +Mit Recht hebt ferner die Interpellation die Vertragswidrigkeit der im +Herbst 1920 anlässlich der Arbeitseinstellung der Beamtenschaft +erfolgten Massenausweisungen hervor. Diese entbehrten jeder +Rechtsgrundlage und warfen die Bevölkerung zurück in die trübsten Zeiten +der Herrschaft des Waffenstillstandsabkommens. Nach längerer Zeit sind +allerdings diese Ausweisungen rückgängig gemacht worden. + +Die Regierungskommission hat ferner die Wahrnehmung der +Auslandsinteressen der Bewohner der französischen Regierung übertragen. +In formaler Hinsicht kann hiergegen kaum etwas eingewendet werden, da +eine besondere Bestimmung des Vertrages der Regierungskommission freie +Hand gibt. Es liegt jedoch auf der Hand, wie widersinnig es ist, dass +deutsche Staatsangehörige im Auslande von Frankreich vertreten werden. +Ausserdem ergeben sich hieraus allerlei praktische Schwierigkeiten. Die +Regierungskommission hat uns sogar zugemutet, die Wahrnehmung der +Interessen der deutschen Saarbewohner in Deutschland selbst durch +Frankreich anzuerkennen. In diesem Punkt hat jedoch die Reichsregierung +mit aller Entschiedenheit widersprochen, da das Saargebiet dem übrigen +Deutschland gegenüber nicht Ausland ist. Wenn übrigens die Bewohner des +Saargebiets ein Anliegen an deutsche Behörden haben, so wissen sie schon +selbst den Weg zu ihnen zu finden und denken am allerwenigsten an eine +Vermittlung durch französische Vertreter. + +Eine Frage von besonderer Wichtigkeit ist die Schaffung des seltsamen +Begriffes »Saareinwohner«. Während der Versailler Vertrag den Bewohnern +des Saargebiets ihre bisherige Staatsangehörigkeit belassen hat, was +nicht anders als dahin verstanden werden kann, dass auch die mit der +Staatsangehörigkeit verbundenen Rechte ihnen gewahrt bleiben sollen, hat +die Regierungskommission durch Schaffung des Begriffes »Saareinwohner« +und durch Uebertragung aller politischen Rechte auf diesen Begriff der +Staatsangehörigkeit der Bewohner tatsächlich so gut wie jeden Inhalt +genommen und mit dem neuen Begriff zwar nicht dem Worte nach, wohl aber +der Sache nach eine Art besonderer saarländischer Staatsangehörigkeit +geschaffen. Nach Ansicht der Reichsregierung ist hiermit eine der +Grundlagen der vertraglichen Regelung über das Saargebiet umgestossen. + +In ähnlicher Richtung liegt eine Anzahl von Massnahmen der +Regierungskommission, die das Ziel verfolgen, das Saargebiet dem +übrigen Deutschland gegenüber als Ausland erscheinen zu lassen, obwohl +doch unmöglich bestritten werden kann, dass das Saargebiet nach wie vor +einen Teil des Reiches bildet. Es mag zwar im einzelnen schwierig sein, +bei der besonderen Verwaltungsorganisation für das Saarbecken aus diesem +Grundsatz heraus immer zu praktisch brauchbaren Ergebnissen zu gelangen. +Wenn aber die Regierungskommission dieser Schwierigkeiten dadurch Herr +zu werden sucht, dass sie kurzerhand erklärt, alles Gebiet ausserhalb +des Saargebiets sei als Ausland zu betrachten, so ändert sie den Vertrag +wiederum in einer seiner Grundlagen ab. + +Auch auf dem Gebiete des Schulwesens sind Vertragswidrigkeiten +festzustellen. Dem französischen Staat hat die Regierungskommission auf +diesem Gebiet Rechte eingeräumt, die weit über das vertraglich +vorgesehene Mass hinausgehen. Auch die Einführung des französischen +Sprachunterrichts in den Volksschulen und allerlei, zum Teil als +Experimentieren zu bezeichnende recht wesentliche Reformen auf dem +Gebiet des Schulwesens stehen nicht im Einklang mit dem Vertrage; denn +dieser sieht in absoluter Form die Beibehaltung des bisherigen +Schulsystems vor, und ich glaube, dass dies eine der wenigen +Bestimmungen ist, die innere Berechtigung hat, da gerade auf dem Gebiete +des Schulwesens einer landesfremden Regierung schwerlich die Fähigkeit +zugesprochen werden kann, das Schulwesen eines Landes auf eine seiner +Eigenart gerecht werdende neue Grundlage zu setzen. + +Die Reichsregierung hat wegen all dieser und ähnlicher Massnahmen der +Regierungskommission wiederholt beim Völkerbund Einspruch eingelegt. +Bisher ist keinem Einspruch Folge gegeben worden. Der Völkerbund begnügt +sich in der Regel damit, den Standpunkt der Regierungskommission für +gerechtfertigt zu erklären. Zu ihrem Bedauern kann sich die +Reichsregierung dem Eindruck nicht verschliessen, dass ihre +Einspruchnoten beim Völkerbund nicht die gebührende Beachtung finden. +Die gemachten Erfahrungen werden die Reichsregierung natürlich nicht +hindern, sich mit ihren Beschwerden weiterhin an den Völkerbund zu +wenden. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass der Völkerbund +schliesslich doch die Ueberzeugung gewinnt, dass die Verwaltung des +Saargebiets nicht in einem Geiste geführt wird, wie es gerade von einer +Völkerbundskommission erwartet werden kann. + +Zu dieser Erwartung berechtigen die Reichsregierung namentlich auch die +Schritte, die die Bevölkerung des Saargebiets selbst unternommen hat. +Wiederholt hat sie in ausserordentlich eindrucksvollen Denkschriften und +durch die Entsendung von Delegationen an den Völkerbund versucht, dessen +Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die Mißstände im Saarbecken zu +lenken, und ich glaube sagen zu können, dass die Schritte nicht ganz +erfolglos geblieben sind. + +Inzwischen hat auch die Oeffentlichkeit ausserhalb Deutschlands dem +Saarbecken mehr und mehr Interesse entgegengebracht, und in einer ganzen +Anzahl von ausländischen Zeitungen hat sich eine ziemlich scharfe Kritik +der Methoden der Völkerbundsregierung erhoben. + +Das Verhältnis der Bevölkerung des Saarbeckens zu der +Regierungskommission hat sich überraschend schnell festgelegt. Es ist +das typische Bild einer Fremdherrschaft! Die Bevölkerung sah der +Regierungskommission zwar nicht mit grossen Hoffnungen, aber doch +unvoreingenommen entgegen und musste sehr bald Enttäuschung über +Enttäuschung erleben. Mit verschwindenden Ausnahmen wurden die leitenden +Posten der Verwaltung mit Franzosen besetzt. Die französischen Truppen +blieben, desgleichen die französische Gendarmerie und die französischen +Kriegsgerichte. Französische Einrichtungen wurden da und dort +eingeführt. Eine Anzahl alteingesessener Bewohner wurde ausgewiesen. Der +Franken brachte wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten. Der +französische Unterricht für die Volksschulen wurde dekretiert. Den +Beamten wurde die Frankenbesoldung wider ihren Willen aufgezwungen. +Endlich wurden beinahe in allen wichtigen Fragen die Gutachten der +Kreis- und Bezirkstage bei der Abänderung von Gesetzen nicht +berücksichtigt. All dies schuf begreiflicherweise eine Atmosphäre der +Mißstimmung, die schliesslich die Kreis- und Bezirkstage veranlasste, +die Begutachtung von Verordnungsentwürfen vollkommen abzulehnen. + +So stehen sich jetzt Regierung und Bevölkerung des Saargebiets ohne +Vertrauen gegenüber, ein Zustand, der unzweifelhaft als äusserst +ungesund anzusprechen ist. Dieser Zustand ist aber die leicht +erklärliche Folge der Regierung eines Landes durch eine landfremde +Kommission. + +Am 16. Juni 1919 haben unsere einstigen Gegner uns erklärt, sie hätten +volles Vertrauen, dass die Einwohner des Saargebietes keinen Grund haben +würden, die neue Verwaltung als eine ihnen ferner stehende zu +betrachten, als es die von Berlin und München gewesen seien. Wenn irgend +etwas durch die Tatsachen widerlegt worden ist, dann ist es dieser Satz! +Gewiss: die Regierungskommission sitzt im Saargebiet selbst; in +Wirklichkeit aber steht sie der Bevölkerung ferner, als wenn sie in +einem anderen Erdteil ihren Sitz aufgeschlagen hätte. Allein die +Verschiedenheit der Sprache bildet eine unüberbrückbare Kluft. + +Das Bild, das ich Ihnen in Vorstehendem vom Saarbecken entrollen durfte, +ist kein erfreuliches. Als Deutsche aber können wir mit Stolz auf die +Tatsache hinweisen, dass die Bevölkerung des Saargebietes in den +schweren Jahren der Fremdherrschaft, von denen erst wenige +vorübergegangen sind, sich um so fester zusammengeschlossen hat, um das +zu wahren, was sie als ihr höchstes Gut betrachtet: ihr Deutschtum! +Immer und immer wieder erhält die Reichsregierung und die +Oeffentlichkeit aus dem Saarbecken Beweise bester deutscher Gesinnung. +Ich stehe daher nicht an, zu erklären, dass die Deutschen an der Saar +dem ganzen deutschen Volk Vorbild und Muster sind! Das deutsche Volk und +die Reichsregierung wissen schon heute, was sie an der Bevölkerung des +Saargebiets haben. Ihr muss ihr bestes Wollen und Können gelten in der +Hoffnung auf den Tag, an dem auch äusserlich die Wiedervereinigung +vollzogen wird. + + +Fußnoten: + +[Fußnote 1: Die _Interpellation #STRESEMANN# und Genossen_ ersuchte die +Reichsregierung um Aufklärung über Gerüchte, die besagen, daß auf Grund +einer Verständigung zwischen England und Frankreich die Besatzung in den +Rheinlanden zurückgezogen, dafür aber als Sicherheit gegen einen Angriff +des vollkommen wehrlosen Deutschlands die Rheinlande neutralisiert +werden sollen, das heißt den Rheinlanden soll die Autonomie, angeblich +im Rahmen des Deutschen Reichs, aber unter französischer Oberaufsicht +und französischem militärischen »Schutz« verliehen werden. Es sollte +also dem besetzten Gebiet das Schicksal des unglücklichen Saargebiets +bereitet werden.] + +[Fußnote 2: Die _Interpellation #LAUSCHER# und Genossen_ fordert von +der Reichsregierung Erklärungen über die am 30. Mai übergebene Note der +Botschafterkonferenz der alliierten Staaten, die unter Berufung auf +Artikel 43 des Vertrags von Versailles die Einstellung bzw. Zerstörung +einer ganzen Reihe wirtschaftlich bedeutsamer Eisenbahnbauten innerhalb +des zurzeit von den Alliierten besetzten rheinischen Gebiets verlangt.] + +[Fußnote 3: Die _Interpellation #MARX# und Genossen_ wünscht Aufklärung +über die Stellung der Reichsregierung zu der Tätigkeit der vom +Völkerbundsrat eingesetzten Regierungskommission im Saargebiet, die dem +Versailler Vertrage, den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der +Demokratie -- und dem Wesen des Völkerbunds widerspreche.] + + + + +DIE WERKE VON WALTHER RATHENAU + + +Zur Kritik der Zeit +20. Auflage + +Zur Mechanik des Geistes +11. Auflage + +Deutschlands Rohstoffversorgung +39. Auflage + +Probleme der Friedenswirtschaft +25. Auflage + +Von kommenden Dingen +69. Auflage + +Streitschrift vom Glauben +14. Auflage + +Vom Aktienwesen +23. Auflage + +Die neue Wirtschaft +54. Auflage + +Zeitliches +25. Auflage + +An Deutschlands Jugend +20. Auflage + +Nach der Flut +15. Auflage + +Der Kaiser +54. Auflage + +Der neue Staat +18. Auflage + +Kritik der dreifachen Revolution -- Apologie +14. Auflage + +Die neue Gesellschaft +16. Auflage + +Was wird werden? +14. Auflage + +Demokratische Entwicklung +8. Auflage + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die +Inhaltsübersicht des Anhangs wurde in das Hauptinhaltsverzeichnis am +Anfang des Buches integriert. Kleinere Inkonsistenzen in der +Schreibweise wurden prinzipiell beibehalten.] + + +[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1922 by S. Fischer. The additional table of content +of the appendix has been integrated into the main contents section at +the beginning of the book. Minor inconsistencies in the original +spelling have been maintained.] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA *** + +***** This file should be named 20937-8.txt or 20937-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/9/3/20937/ + +Produced by Irma Špehar, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Cannes und Genua + Vier Reden zum Reparationsproblem + +Author: Walther Rathenau + +Release Date: March 29, 2007 [EBook #20937] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA *** + + + + +Produced by Irma Spehar, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + + + + + +</pre> + + + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>[Illustration: S. Fischer logo]</p> --> +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>[Blank Page]</p> --> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span></p> + +<p class="author">Walther Rathenau</p> + +<h1>CANNES<br /> +<span style="font-size: large">UND</span><br /> +GENUA</h1> + +<p class="subtitle">VIER REDEN ZUM<br /> +REPARATIONSPROBLEM<br /> +<span style="font-size: small">MIT EINEM ANHANG</span></p> + +<p class="publisher">1922<br /> +S. Fischer / Verlag / Berlin</p> + +<p class="copyright"><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span> +Erste bis fünfte Auflage</p> + +<div class="quoteright"><p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>Das letzte schriftliche Wort des Ministers +Rathenau an mich, das ich in der Aktenmappe +im Auto des Ermordeten fand und das als +Stichwort für eine Anweisung an mich dienen +sollte, lautete: »Der Weg der Vernunft«.</p></div> + +<p><span class="dropcap">E</span>ine wunderbare Fügung ließ meinen hochverehrten +Minister und unvergeßlichen lieben Freund am +Tage vor seiner schändlichen Ermordung die letzte +Hand an die Herausgabe der vorliegenden vier großen +Reden legen. Sie werden in dieser Zusammenstellung +als eine Erinnerung und Mahnung der Mit- und Nachwelt +noch einmal deutlich vor Augen führen, wie der +Verewigte mit der ganzen Kraft und Tiefe seines ungewöhnlichen +Intellekts bemüht gewesen ist, die Welt +auf den »Weg der Vernunft« zurückzuführen. Sie +werden insbesondere für alle Zeit unvergessen machen, +wie tief er die Not seines über alles geliebten deutschen +Volkes empfunden hat und wie rückhaltlos er – unbeschadet +aller ehrlichen Ausgleichsabsichten für +das zermürbte Europa – seinen Empfindungen über +die in der Weltgeschichte bisher unerhörte Knechtung +eines so großen Volkes Ausdruck verliehen hat.</p> + +<p>Um gerade unter diesem Gesichtspunkt wohl +verstandenen nationalen Empfindens das Wirken +Rathenaus erneut zu kennzeichnen und festzuhalten +und in der Absicht, die von ihm als Außenminister +öffentlich gehaltenen großen Ansprachen bei dieser +Gelegenheit vollzählig zu bringen, sind nachträglich +in einem besonderen Anhang seine drei letzten Reden +angefügt, die nach Genua eine weitere Periode seiner +Tätigkeit einleiteten.</p> + + +<p class="signature"> +<span style="font-size: large">DR. H. F. SIMON</span><br /> +<span style="letter-spacing: 0.2ex;">Vortragender Legationsrat<br /> +im Auswärtigen Amt und<br /> +Oberstleutnant a. D.</span> +</p> + +<div class="clear"> </div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>[Blank Page]</p> --> + + + + +<table class="toc"> +<caption><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>INHALT</caption> + +<tr><td><a href="#Cannes">Rede vor dem Obersten Rat der Alliierten in Cannes vom +12. Januar 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_9">9</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#Reichstag19220307">Rede vor dem Hauptausschuß des Reichstages vom +7. März 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_19">19</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#Reichstag19220329">Reichstagsrede vom 29. März 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_31">31</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#Genua">Rede vor der Vollversammlung der Genueser Konferenz +vom 19. Mai 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_48">48</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#Anhang">Anhang</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_53">53</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#Stuttgart">Rede, gehalten am 9. Juni 1922 in Stuttgart, vor einem +geladenen Kreis aller Parteien</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_55">55</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#Berlin">Rede, gehalten am 13. Juni 1922 in Berlin, in der +Deutschen Gesellschaft von 1914</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_66">66</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#Reichstag19220621">Rede vor dem Reichstage am 21. Juni 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_69">69</a></td></tr> +</table> + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>[Blank Page]</p> --> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span><a name="Cannes" id="Cannes"></a>REDE VOR DEM<br /> +OBERSTEN RAT DER ALLIIERTEN<br /> +IN CANNES VOM 12. JANUAR 1922</h2> + +<hr class="newchapter" /> + + +<p><span class="dropcap">N</span>amens der Deutschen Regierung danke ich Ihnen, +daß Sie uns Gelegenheit gegeben haben, vor Ihnen +zu erscheinen. Wir erkennen an, dass diese Konferenz +neben ihren allgemeinen weltgeschichtlichen Aufgaben +es sich zur Aufgabe gestellt hat, zu prüfen, wie die deutschen +Leistungen mit der deutschen Leistungsfähigkeit in +Einklang zu bringen sind. Die Deutsche Delegation wird +ernsthaft bemüht sein, alle gewünschten Auskünfte rückhaltlos +und wahrheitsgetreu zu geben. Sie ist darüber +hinaus bereit, in dem von ihr geforderten Mass an den +Aufgaben, die sich diese Konferenz gestellt hat, mitzuarbeiten. +Auch der Französischen Regierung danke ich +für die freundliche Aufnahme in dieser Stadt, in der wir +ihre Gäste sind. Ich nehme an, dass es nützlich sein wird, +wenn ich, um zeitraubende Verdolmetschung zu ersparen, +mich in den weiteren Ausführungen anderer Sprachen +als der deutschen bediene, ohne dass damit für uns ein +Präjudiz für den Gebrauch irgendeiner Sprache geschaffen +werden darf.</p> + +<p>Es sind uns eine Reihe von Fragen gestellt worden. Die +Fragen beziehen sich einmal auf den Umfang der von +Deutschland zu bewirkenden Sach- und Geldleistungen, +die möglich wären, ohne Deutschland zu »verkrüppeln«. +Sie beziehen sich weiter auf Massnahmen hinsichtlich der +deutschen Finanzen, sie beziehen sich ausserdem auf die +Sicherheiten, die von Deutschland für die Erfüllung dieser +Massnahmen gegeben werden können, und endlich auf +die Teilnahme Deutschlands an dem Wiederaufbau Europas.</p> + +<p>Deutschland ist entschlossen, mit seinen Leistungen bis +zu den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu gehen. +Deutschland ist immer ein Land der Ordnung gewesen. +Deutschland ist aber durch einen verlorenen Krieg, durch<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +schwere Verluste und durch eine Revolution hindurchgegangen. +Die anormalen Zustände seiner Lebensbedingungen +und seiner Finanzen, die die Folge dieser Ereignisse +sind, empfindet Deutschland selbst am schwersten +und wünscht sie zu beseitigen. Es wünscht nicht, den +Weltmarkt durch Unterbietungen zu zerrütten.</p> + +<p>Die beiden Aufgaben, äussere Leistung und innere finanzielle +Sanierung, vor die Deutschland dadurch gestellt ist, +widersprechen einander. Um ein Beispiel zu gebrauchen, +möchte ich an die Lage eines Schiffskonstrukteurs erinnern, +der gleichzeitig für höchste Kraftleistung und geringsten +Kohlenverbrauch seines Schiffes sorgen soll.</p> + +<p>Es ist daher schwer zu sagen, die und die Zahlung stellt +eine ausreichende und erträgliche Leistung dar. Es muss +aber eine Summe gefunden werden, deren Schwere erträglich +ist und die zugleich der wirtschaftlichen Lage der +empfangsberechtigten Nationen entgegenkommt.</p> + +<p>Wir wissen, dass in Ihrem Kreise Ziffern für 1922 genannt +worden sind: 500 Millionen für die Leistungen in +bar und 1450 Millionen für die Sachleistungen einschliesslich +der äusseren Besatzungskosten. Ich will diese +Ziffern als Basis meiner Berechnungen wählen. Sollte +eine um 220 Millionen höhere Summe genannt werden, +so wird das Problem noch weiter erschwert und gefährdet.</p> + +<p>Ich komme nun zur Lage der deutschen Zahlungen. +Deutschland ist ein Land der Lohnarbeit. Es empfängt +Rohstoffe, verarbeitet sie und verkauft die verarbeiteten +Erzeugnisse. Die Deutschland nach dem Kriege verbleibenden +eigenen Rohstoffe sind mit Ausnahme der +Kohle unerheblich. Das Kali, von dem so viel die Rede +ist, ist nicht so sehr bedeutend. Dazu kommen sehr kleine +Mengen von Kupfer und Zink. Von allem anderen, was +Deutschland braucht zur Behausung, zur Kleidung, zur +Nahrung, muss es das meiste im Auslande kaufen.</p> + +<p>Deutschland hat daher für alles, was es kauft, in bar zu +bezahlen. Es kann nur zahlen durch seine Handarbeit. +Es ist deshalb notwendig, dass Deutschland eine aktive +Handels- und Zahlungsbilanz hat. Unsere Zahlungsbilanz +aber ist vorbelastet mit einem Einfuhrbedarf von 2½ +Milliarden Lebensmitteln und 2½ Milliarden Rohstoffen, +und zwar ohne verarbeitete Fabrikate und ohne Luxusartikel, +die nicht sehr erheblich sind und die es zum +grossen Teil nicht aus freiem Entschluss, sondern zur Aufrechterhaltung<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +nachbarlicher Handelsbeziehungen erwirbt.</p> + +<p>Ausserdem sind im Gegensatz gegen die frühere Lage, +in der uns aus Auslandsinvestitionen 1½ Milliarden jährliche +Erträgnisse zuflossen, jetzt ¾ Milliarden Goldmark +jährlich an das in Deutschland Kapital besitzende Ausland +zu zahlen.</p> + +<p>Die Passivseite der Zahlungsbilanz beträgt also etwa 5¾ +Milliarden Goldmark, denen eine Ausfuhr von nur 3½ bis +4 Milliarden gegenübersteht. Es besteht somit eine +Passivität der Zahlungsbilanz im Saldo 2 Milliarden schon +vor Zahlung irgendwelcher Reparation.</p> + +<p>(Auf Befragen Lloyd Georges:) Es ist ganz richtig, dass +infolge des Standes des Weltindexes auf 1,5 die deutsche +Ausfuhr jetzt 14 bis 15 Milliarden Goldmark betragen +müsste, wenn sie dem Vorkriegsstande entspräche. Sie +hat sich also auf etwa ein Viertel vermindert.</p> + +<p>Um das Defizit der Zahlungsbilanz zu decken, bestehen +nur drei Möglichkeiten:</p> + +<ul> +<li>Verkauf der Substanz des Landes,</li> +<li>grosse auswärtige Anleihen oder</li> +<li>Verkauf der Landeswährung.</li> +</ul> + +<p>Den Ausverkauf von Landessubstanz konnten wir leider +nicht hindern. Er ist in grossem Umfange vor sich gegangen. +Grundstücke, Unternehmungen, Aktien, Obligationen, +selbst Hausrat sind vom Auslande unter dem +Werte erworben worden.</p> + +<p>Die Durchführung einer auswärtigen Anleihe haben wir +versucht. Sie war unmöglich, da nach Meinung der City +die Deutschland auferlegten Lasten zu schwer waren.</p> + +<p>Unter diesen Umständen war es unmöglich, den Verkauf +von Umlaufsmitteln zu vermeiden, obwohl unser Geld +hierdurch ein Gegenstand der internationalen Spekulation +wurde.</p> + +<p>Der Prozess des Ausverkaufs des deutschen Geldes hat +sich zunächst ohne panikartige Folgen bis Mitte 1921 +fortgesetzt. Er wurde nicht durch Deutschland ermutigt, +sondern durch das Ausland eingeleitet, das mit Recht den +inneren Wert der Mark höher einschätzte als den Auslandskurs. +Aber Mitte 1921 ereignete sich etwas, was +vorauszusehen war: der Streik der Käufer der Mark. +In dem Augenblick, wo man sah, dass wir gezwungen +waren, in kurzer Frist eine Goldmilliarde zu beschaffen, +mithin 30 Papiermilliarden zu verkaufen, steckten die<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +Markkäufer die Hände in die Tasche und warteten. So +trat der Marksturz ein, und der Dollarkurs stieg von 55 +bis zeitweise auf 300.</p> + +<p>Man hat bei uns und im Auslande gesagt, dieser Marksturz +sei nur die Folge der Inflation und des Gebrauchs +der Notenpresse in Deutschland. Das ist ein Irrtum. Sonst +hätte dieser Sturz nicht so plötzlich und in ganz kurzer +Zeit eintreten können. Auch hat der Kurs sich sobald +sich wieder etwas Blau am Himmel zeigte, erheblich gebessert. +Das Blau am Himmel waren die Nachrichten +über die ersten Besprechungen zwischen der britischen +und französischen Regierung über eine Regelung unserer +Verbindlichkeiten für 1922.</p> + +<p>Jetzt komme ich zu einem äusserst wichtigen Punkt. Solange +die Währung eines Staates auf dem internationalen +Markt aus dem Gleichgewicht gekommen ist, ist es unmöglich, +irgend ein Budget auf bestimmte Zeit mit Sicherheit +in Ordnung zu bringen. Denn jeder neue Sturz des +Kurses hat eine Erhöhung der Ausgaben für Gehälter, +Löhne und Rohstoffe zur Folge. Ein Staatsbudget aber +setzt sich nur aus diesen drei Posten zusammen.</p> + +<p>In diesem Augenblick ist unser Budget für 1922 in Ordnung. +Es enthält sogar gewisse Ueberschüsse, dabei ist +aber von den Reparationen abgesehen. Jeder neue Marksturz, +jede neue innere Preiserhöhung aber wird dieses +Budget gefährden.</p> + +<p>Wird damit gerechnet, dass die Reparationslasten erträglich +werden, dann kann die Mark steigen und das Mass +der Staatsausgaben in Papiermark sinken. Auf der +anderen Seite wird die Konkurrenz der deutschen Ware +umso gefährlicher, je mehr die Mark sinkt.</p> + +<p>Was gibt es nun für Mittel der Gesundung? Wie kann +man je zu einer Wiederherstellung der deutschen Valuta +gelangen?</p> + +<p>Als Abhilfsmittel könnte man zunächst an eine Reduktion +des Verbrauchs denken. Diese ist aber kaum erreichbar, +da die Mittelklassen und die Arbeiter weit unter +dem Stande der Vorkriegszeit leben. Es kann sich also +nur um die Hebung der Produktion und um die Vermehrung +der Ausfuhr handeln. Eine derartige Vermehrung +ist aber schwer, weil sich andere Völker gegen +die Vermehrung der deutschen Einfuhr wehren. Es bleibt +das Mittel, die landwirtschaftliche Produktion zu heben,<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +aber das erfordert Zeit bei den infolge des Krieges verschlechterten +Bedingungen.</p> + +<p>Ich will jetzt im einzelnen von den Lasten sprechen, die +auf Deutschland ruhen. Für 1922 beträgt das Budget 85 +Milliarden ausschliesslich Reparationen und sonstigen +Friedensvertragsleistungen. Um diese Last zu balanzieren, +war es nötig, die Steuerlasten zu verdoppeln.</p> + +<p>Ich will hier nicht über die sehr wichtige Frage der vergleichenden +Steuerbelastung sprechen. Wir haben Unterlagen +vorbereitet und stellen sie zur Verfügung. Ich stelle +unter Beweis, dass der Deutsche fernerhin eine schwerere +Bürde trägt als der Bewohner irgend eines anderen +Landes, insbesondere der Engländer oder der Franzose. +Um den Staatshaushalt zu konsolidieren, wird es sich zunächst +darum handeln, die Reichsbetriebe zu balanzieren, +Eisenbahnen, Post, Telegraphen. Die Massnahmen sind +ergriffen, um im Jahre 1922 diese Reichsbetriebe ins +Gleichgewicht zu bringen. Ferner handelt es sich um +die Beseitigung der Subsidien, die bisher zur Verbilligung +der Lebensmittel und aus sozialen Gründen gegeben +werden mussten. Ich trete in die Einzelheiten nicht ein. +Massnahmen sind ergriffen, die dazu führen sollen, diese +Subsidien allmählich abzubauen.</p> + +<p>Eine dritte Frage wegen des deutschen Budgets betrifft +die Frage des Kohlenpreises. Der Kohlenpreis nähert +sich sehr rasch dem Weltmarktpreis. Sobald der Preis +des Dollars sich weiter ermässigt, überschreiten die deutschen +Kohlenpreise den Weltmarktpreis und zwar zu verschiedenen +Zeitpunkten, da die Preisverhältnisse der einzelnen +Sorten verschieden sind.</p> + +<p>Bisher habe ich stets nur von einem Budget ohne Reparationen +und ohne die inneren Kosten des Friedensvertrages +gesprochen. Wenn ich von den bereits erwähnten +500 Millionen für 1922 ausgehe, wenn ich ferner ausgehe +von Sachleistungen von 1450 Millionen Goldmark und +dann noch die inneren Kosten des Friedensvertrages +nehme, so komme ich zu folgenden Ziffern:</p> + +<table class="calculation"> +<tr><td><span style="padding-left: 1ex">500</span> Millionen Gmk. zum Kurse von</td><td>50</td><td>= 25</td><td>Milld.</td><td>Ppmk.</td></tr> +<tr><td>1450<span style="padding-left: 4ex">"</span><span style="padding-left: 5ex">"</span></td><td></td><td>= 72,5</td><td class="center">"</td><td class="center">"</td></tr> +<tr><td>Friedensvertragsausgaben</td><td></td><td>= 38</td><td class="center">"</td><td class="center">"</td></tr> +<tr><td></td><td colspan="4" class="sumline"> </td></tr> +<tr><td></td><td></td><td class="right">135,5</td><td class="center">"</td><td class="center">"</td></tr> +</table> + +<p>Diese Summen kämen also zusätzlich zu dem Budget von +1922 mit seinen 83 Milliarden Papiermark. Das Budget<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +würde also etwa 150 Prozent neue Belastung erfahren +und sich damit auf 218,5 Milliarden Papiermark belaufen. +Um die Bilanz herzustellen, gibt es nur zwei Mittel:</p> + +<ul> +<li>eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Steuern</li> +<li>oder eine Riesenanleihe.</li> +</ul> + +<p>Es wäre unmöglich, da das Land schwerer als seine Nachbarn +belastet ist, die Steuern nochmals zu verdoppeln. +Es bleibt also die Frage einer sehr grossen Anleihe. Ich +glaube, dass man eine derartige Anleihe nicht im Auslande +wird machen können. Die City von London hat +sich schon geweigert, einen sehr viel kleineren Betrag +für die Januar- und Februarzahlungen durch eine Anleihe +zu finanzieren. Die Frage einer inneren Anleihe wird +sehr ernsthaft erörtert werden. Aber in der gegenwärtigen +Situation wird es kaum möglich sein, die notwendigen +Reizmittel zu finden, um eine Anleihe auch nur annähernd +des erforderlichen Umfanges unterzubringen.</p> + +<p>Ich lege Wert darauf, einen Vorwurf zu entkräften, der +immer wieder auftaucht und der dahin geht, Deutschland +sei doch dasselbe Land, es habe jetzt noch 60 Millionen +Einwohner, darunter eine grosse landwirtschaftliche und +industrielle Bevölkerung und reichliche Arbeitsmittel. Es +habe keine Arbeitslosigkeit. Weshalb könne dieses tätige +und angeblich reiche Land keinerlei Zahlungen leisten? +Demgegenüber sage ich, wir haben keine Ersparnisse. +Lassen Sie mich einen Augenblick die Frage der Ersparnisse, +der national savings, prüfen.</p> + +<p>Wenn ich das Deutschland von jetzt und früher vergleiche, +so fehlen uns zunächst die Reserven, die wir aus +den Anlagen im Ausland hatten. Vor dem Kriege waren +wir aus diesen Quellen mit 1,5 Milliarden aktiv, jetzt sind +wir mit ¾ Milliarden passiv. Der zweite Faktor ist der +Verlust an Gebiet und Bevölkerung. Gegenüber der Zeit +vor dem Kriege haben wir daran mehr als 10 Prozent verloren.</p> + +<p>Der dritte Faktor ist der bereits erläuterte Rückgang +der Ausfuhr. Die Ausfuhr hat sich von 10 Milliarden +Goldmark auf 3,5 oder unter Berücksichtigung des Weltindexes +auf 2,5 Milliarden vermindert. Die Gewinne daraus +sind deshalb ebenfalls entsprechend zurückgegangen. +Ein vierter Faktor: Wir verloren einen grossen Teil +unserer Rohstoffe, die wir jetzt einführen und mit Goldmark +oder Ausfuhr bezahlen müssen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>Der fünfte Faktor ist der, dass sich die landwirtschaftliche +Bevölkerung mehr vermindert hat als die Gesamtbevölkerung, +und dass gerade landwirtschaftliche Ueberschussgebiete +verloren sind.</p> + +<p>Auch der sechste Faktor ist sehr beträchtlich. Es handelt +sich um die Ermässigung der Dienste und ihres Ertrages, +die Deutschland durch Schiffahrt, Aussenhandel und +Bankverkehr im Ausland leistete.</p> + +<p>Auf Grund dieser Faktoren, wenn sie sich auch z. T. überdecken, +besteht meiner Schätzung nach anstelle eines +Ueberschusses, einer nationalen Ersparnis von 6 Milliarden +Goldmark vor dem Kriege jetzt ein Defizit von +1 bis 2 Milliarden Goldmark jährlich. So zehrt das Land +sich allmählich auf; es lebt von seiner eigenen Substanz. +Es hat weder die Mittel für Erneuerungen noch für die +wirtschaftliche Ausstattung seines Bevölkerungszuwachses.</p> + +<p>Es wird auch die Frage Deutschland gegenüber aufgeworfen, +und der Herr Vorsitzende hat sie mit Recht in +Erörterung gestellt: Was tut Ihr mit Euren Waren? +Wenn Ihr sie nicht ausführt, so speichert Ihr sie auf und +investiert sie und schafft grosse neue innere Reichtümer. +Es erscheint sehr paradox, dass ein Land trotz Fehlens +von Ersparnissen Waren aufstapeln, bauen und investieren +sollte. Ich bitte daher, von der Lage der Arbeitsstundenzahl +und ihrer Verwendung in Deutschland +sprechen zu dürfen. Ich komme damit auch auf die Frage, +was Deutschland mit seinen Arbeitslosen macht, und auf +den Verlust an Arbeitsstunden unter der gegenwärtigen +Situation.</p> + +<p>1. Die Einkünfte aus Kapitalanlagen im Auslande wurden +früher bezahlt in Waren, die somit einen fortlaufenden +Tribut an Gütern bedeuteten, der in breitem Strom uns +zufloss. Schon um diese Güter, vor allem Rohstoffe, zu +erhalten, die wir früher als laufenden Ertrag erhielten, +müssen wir jetzt arbeiten und Arbeitsstunden aufwenden. +Dieser Arbeitsstundenaufwand lässt sich auf 3,75 Milliarden +jährlich schätzen.</p> + +<p>2. Aus dem Verlust an Gebieten ergibt sich ein Verlust an +Ersparnissen, der sich in einem Mehraufwand von einer +Milliarde Arbeitsstunden ausdrückt.</p> + +<p>3. Man schätzt die Tatsache, dass für die Rohstoffe, die +wir einst in unseren Grenzen hatten und die wir jetzt mit +der Ausfuhr oder mit Arbeitsstunden bezahlen müssen,<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +und den dadurch herbeigeführten Aufwand von Arbeitsstunden +auf 0,83 Milliarden.</p> + +<p>4. Aus der ungünstigeren landwirtschaftlichen Flächengestaltung +und der Verschlechterung des Düngemittelbezuges +ergibt sich ein weiterer Mehraufwand von 1,82 +Milliarden Arbeitsstunden.</p> + +<p>5. Der Gegenwert der verlorenen Dienstleistungen +(Schiffahrt, Aussenhandel und Auslandsbankverkehr) +dürfte 1,66 Milliarden Arbeitsstunden betragen.</p> + +<p>Der gesamte Mehraufwand an Arbeitsstunden, wie er +durch die gegebenen Verhältnisse erfordert wird, beträgt +danach 9 bis 9,28 Milliarden.</p> + +<p>Wenn ich von einer arbeitenden Bevölkerung von 21 +Millionen ausgehe und pro Kopf 2400 Arbeitsstunden im +Jahre rechne, so beträgt der Gesamtwert der von +Deutschland aufgewandten Arbeitsstunden nicht mehr als +50 Milliarden. Hiervon sind mehr als 9 also für Arbeit +aufgewandt, die wir vor dem Kriege nicht aufzuwenden +brauchten, d. h. fast <span class="above">1</span>⁄<span class="below">5</span> der gesamten Arbeitsstunden. +Wenn ich diese Summen mit der Zahl der männlichen +arbeitenden Bevölkerung in Beziehung setze, so ergibt +sich bei uns eine versteckte Arbeitslosigkeit von nahezu +4 Millionen Menschen, d. h. 4 Millionen Menschen müssen +Arbeit leisten, die früher nicht notwendig war. Wenn also +bei anderen Nationen eine Arbeitslosigkeit erscheint, die +bei uns nicht sichtbar ist, so möchte ich im Gegensatz +dazu von einer unsichtbaren Arbeitslosigkeit sprechen, +die darin besteht, dass 4 Millionen Menschen Arbeit leisten +müssen, die früher nicht nötig war und die das Arbeitsergebnis +gegen früher nicht verbessert. Und zwar alles +dies vor irgendeiner Zahlung von Reparationen. Von +einer Aufspeicherung von Reichtümern kann mithin nicht +die Rede sein.</p> + +<p>Ich bitte nunmehr etwas sagen zu dürfen über die von +Deutschland erwarteten reinen Goldleistungen. Es mag +sein, dass meine bisherigen Ausführungen negativ klangen. +Wo der Optimismus der Berechnung versagt, wird +Energie und Entschlossenheit zu Hilfe kommen müssen, +aber auch hier sind Grenzen gegeben.</p> + +<p>Ich knüpfe wieder an die 500 Millionen an, von denen ich +schon gesprochen habe. Die reinen Goldlasten für +Deutschland werden aber in jedem Falle viel höher sein +als dieser Betrag. Es handelt sich zunächst daneben um +den Gegenwert des clearing mit 360-400 Millionen Goldmark.<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +Dann aber handelt es sich um die in Gold zu +beschaffende Bezahlung für die Rohstoffe, deren wir zur +Herstellung unserer Sachleistungen bedürfen. Denn mit +Ausnahme der Kohlenlieferungen, für die fremder Bezug +von Hilfsmaterialien nicht allzu schwer ins Gewicht fällt +und die ich daher ausser Ansatz lasse, müssen wir für +alle anderen Sachlieferungen etwa 25 Prozent des Wertes +an Rohstoffen aus dem Auslande beziehen. So komme +ich zu weiteren 250 Millionen Goldmark. Wir würden +also für 1922 auf eine Goldleistung von mehr als 1 Milliarde +Goldmark kommen, wenn es sich scheinbar nur +um eine Goldzahlung von 500 Millionen handelt. Wenn +es notwendig erscheint, eine so gewaltige Summe von +Deutschland zu verlangen, so sollte man die Frage der +Ermässigung des clearing und der inneren Besatzungskosten +eingehend prüfen.</p> + +<p>In jedem Falle aber ist Deutschland durchaus bereit, auf +den Weg der Stabilisierung des Budgets zu treten, der +ihm vorgeschlagen ist.</p> + +<p>Die Erhebung der Zölle auf Goldbasis soll erfolgen.</p> + +<p>Die Frage der Verkehrstarife wird 1922 geregelt werden, +um das Defizit dieser Wirtschaftszweige auszugleichen.</p> + +<p>Der Abbau der Subsidien ist in die Wege geleitet.</p> + +<p>Die Kohlenfrage ist schwieriger, weil die Preise sich dem +Weltmarktpreise immer mehr nähern.</p> + +<p>Was die innere Anleihe anbelangt, so wird sie in ernsteste +Erwägung gezogen werden.</p> + +<p>Die Frage der Kapitalflucht würde hier viel Zeit wegnehmen. +Ich bitte deshalb, sie heute zurückstellen zu +dürfen, zumal ihre Regelung nur unter Mitwirkung aller +Auslandsbanken möglich sein würde.</p> + +<p>Was die Garantien anlangt, so gibt es meines Erachtens +Mittel, um der Reichsbank eine grössere Autonomie zu +geben. Die Reichsbank ist jetzt dem Reichskanzler unterstellt, +der aber im Laufe von 50 Jahren nur einmal von +seinem Eingriffsrecht Gebrauch gemacht hat. Eine weitergehende +Verständigung ist möglich. Es wäre aber sehr +gefährlich, wenn man anstelle der Verantwortung die +Ueberwachung setzte. Das würde das freie Verantwortungsgefühl +erschüttern und als Präzedenzfall die +Zentralnotenbanken aller Staaten schädigen.</p> + +<p>Man hat uns endlich gefragt, ob wir mitarbeiten wollen +am Wiederaufbau Europas. Deutschland würdigt die +hohe Wichtigkeit dieser Aufgabe und ihren Zusammenhang<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +mit der Lage der Weltwirtschaft. Es ist zwar nicht +in der Lage, dem Kapitalmarkt der Welt Mittel im Ausmasse +reicherer Staaten zur Verfügung zu stellen, immerhin +unter den beabsichtigten Bedingungen ist Deutschland +in der Lage, den ihm zugedachten Teil zu übernehmen. +Deutschland ist um so mehr geeignet, am Wiederaufbau +teilzunehmen, als es mit den technischen und wirtschaftlichen +Bedingungen und Gepflogenheiten des Ostens +vertraut ist. Der Weg, auf den man sich begeben will, +erscheint mir richtig. Ein internationales Syndikat, und +zwar ein Privatsyndikat. Deutschland glaubt, dass man +die Frage des Wiederaufbaus beginnen sollte mit der +Wiederherstellung des Verkehrs und der Verkehrsmittel. +Man muss sodann an die Quellen der Produktion vordringen +und vor allem die bestehenden Unternehmungen +wieder neu beleben. Deutschland glaubt, dass es an der +Entwicklung des Ostens und der Mitte Europas um so +mehr Anteil zu nehmen berechtigt ist wegen seiner Haltung +der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung +gerade dieses östlichen Europas gegenüber. In dem +Augenblick, als Deutschland fast am Ende seiner Kräfte +war nach Krieg, Niederbruch, Revolution hat Deutschland +doch der staatlichen und sozialen Desorganisation +widerstanden. Hätte diese Desorganisation in Deutschland +triumphiert, so wäre sie eine entscheidende Gefahr +für die ganze Welt geworden. Deshalb glaubt Deutschland, +sich nicht nur nach Kräften der Wiederherstellung +zerstörter Gebiete des Westens, sondern auch mit Rücksicht +auf seine geographische Lage und Kenntnis nachbarlicher +Verhältnisse der Wiederherstellung von Ost- und +Zentral-Europa widmen zu sollen, und somit an der +Aufgabe teilzunehmen, die die Grossmächte sich im Einvernehmen +mit diesen Gebieten gestellt haben.</p> + +<hr class="endchapter" /> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span><a name="Reichstag19220307" id="Reichstag19220307"></a>REDE VOR DEM<br /> +HAUPTAUSSCHUSS DES REICHSTAGES<br /> +VOM 7. MÄRZ 1922</h2> + +<hr class="newchapter" /> + + +<p><span class="dropcap">I</span>m Mittelpunkt unserer gesamten Aussenpolitik steht +nach wie vor das Problem der Reparationen. In dem +Augenblick, als im Frühjahr letzten Jahres das Ultimatum +von Deutschland unterzeichnet wurde und dadurch +das Reparationsproblem in sein gegenwärtig aktuelles +Stadium trat, waren drei Auffassungen in Deutschland +gegenüber diesem Problem erkennbar.</p> + +<p>Die eine Auffassung ging dahin, es müsse Festigkeit gezeigt +und Widerstand geleistet, es müsse, komme, was da +wolle, die Leistung der Reparationen überhaupt abgelehnt +werden. Ich glaube nicht, dass diese Anschauung eine +verbreitete war, sie ist aber in der Oeffentlichkeit zum +Ausdruck gekommen. Niemand hat den Versuch gemacht, +darzulegen, mit welchen Mitteln eine solche Politik geführt +werden könne, und zu welchen Ergebnissen sie +führen würde. Dieses Ergebnis wäre lediglich die Katastrophe +gewesen, die Versenkung Deutschlands in ein +Chaos auswärtiger Verwirrungen.</p> + +<p>Die zweite Auffassung, die uns entgegentrat, fand Widerklang +in diesem hohen Hause. Es war die Auffassung, +dass man zwar bis zu einem bestimmten Masse sich dem +Reparationsproblem nähern dürfe, dass aber die erste Aufgabe +der Reichsregierung darin bestehen müsse, wie man +sich ausdrückte, mit aller Offenheit zu erklären, die Leistungen +seien vollkommen unerfüllbar und es habe überhaupt +keinen Zweck, sie in irgendwelchem bedeutenderen +Ausmasse in Erwägung zu ziehen. Diese Politik wurde +bezeichnet als die Politik der Offenheit, und es wurde der +Regierung der schwere Vorwurf gemacht, dass sie angeblich +diese Offenheit nicht aufbrächte. Diese Auffassung +war unpsychologisch, denn der andere hörte aus +dem »Wir können nicht« nur das »Wir wollen nicht« heraus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>Die dritte Auffassung des Versuches der Erfüllung war die +Auffassung der Reichsregierung, und sie ist im Laufe +dieses Jahres in erheblichem Masse gefördert worden. +Die Reichsregierung ging davon aus, dass eine Verpflichtung +für das Reich geschaffen sei durch die Unterschrift +seiner massgebenden Stellen. Sie ging davon aus, dass +unter allen Umständen der Versuch gemacht werden +müsse, den ehemaligen Gegnern zu zeigen, dass Deutschland +bereit sei, bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit +zu gehen. Ich glaube, dass diese Auffassung die +psychologisch richtige war. Sie rechnete mit der Mentalität +der ehemals gegnerischen Länder und ging davon +aus, dass über kurz oder lang eine Erkenntnis des wirklichen +Sachverhalts eintreten würde durch eigene Einsicht +der übrigen Nationen.</p> + +<p>Ich bedaure, dass ein Wort, das ich bei Einleitung dieser +sogenannten Erfüllungspolitik gesprochen habe, erheblichen +Missverständnissen begegnet ist. Man hat aus Ausführungen, +die ich im Reichstag tat, geschlossen, ich wäre +der Meinung, Deutschland könne bis zu jedem beliebigen +Masse seine Erfüllung treiben; es wäre lediglich eine +Frage, wie weit man es für wünschenswert hielte, das +Volk in Not geraten zu lassen. Ich würde eine solche +Auffassung, wenn sie in meinen Worten erkennbar wäre, +auf das tiefste bedauern. Was ich gesagt habe, war aber +so ziemlich das Entgegengesetzte. Ich habe für die Möglichkeit +der Erfüllung die stärkste Grenze gezogen, die +man überhaupt ziehen kann, nämlich die sittliche. Ich +habe erklärt, dass das Mass der Erfüllung gegeben sei +durch die Frage, wie weit man ein Volk in Not geraten +lassen dürfe. Dieses »dürfe« unterstreiche ich, denn darin +war die sittliche Verpflichtung enthalten, nur bis zu dem +Punkte zu gehen, den der Staatsmann verantworten +kann. Diesem Grundsatz ist die Regierung treu geblieben. +Es hat sich im Laufe des Jahres dann auch gezeigt, dass +die Fragestellung »Möglichkeit oder Unmöglichkeit« der +Erfüllung überhaupt nicht diejenige geworden ist, die die +Mentalität der übrigen Länder ausschliesslich beschäftigt +hat. In kurzer Zeit hat sich ergeben, dass eine weitere +Frage hervortrat, nämlich die: wie weit eine Reparationsleistung +Deutschlands überhaupt für die übrigen Völker +erträglich sei, denn die volkswirtschaftliche Verknüpfung +der Länder führte dazu, zu erkennen, dass die Zwangsarbeit +eines Landes, auf den Weltmarkt gebracht, nur<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +dazu führen kann, den gesamten Markt der Erde zu zerrütten, +und damit, wenn auch auf einer Seite Zahlungen +erlangt werden, Nachteile für andere Länder zu schaffen, +die so erheblich sind, dass sie z. B. in England allein zu +einer Arbeitslosigkeit von 2 Millionen Menschen führten. +Psychologisch also hat sich das Vorgehen der Regierung +als richtig erwiesen. Es war vermieden worden, eine +fruchtlose Diskussion auf den Grad einer theoretischen +Möglichkeit zu beschränken. Es war die Möglichkeit dadurch +geschaffen, lediglich die Tatsachen sprechen zu +lassen; und die Sprache der Tatsachen ist so stark gewesen, +dass heute fast in allen Ländern übereinstimmend +die Auffassung herrscht, dass das Reparationsproblem +von neuem studiert werden muss. Es ist kein Tag vergangen, +an dem das Studium des Reparationsproblems +in der Welt geruht hätte. In energischer Weise ist die +englische Auffassung für erneute Prüfung eingetreten, die +Reparationskommission hat sich der Frage angenommen, +und gerade in diesem Momente schweben die Verhandlungen +darüber, auf welches Mass die Reparationen für +das Jahr 1922 begrenzt werden sollen.</p> + +<p>Mit dieser allgemeinen Auffassung der Regierung im Zusammenhang +stand die praktische Politik, die sie im Laufe +des Jahres verfolgt, und deren erste Etappe nach Wiesbaden +führte.</p> + +<p>Die Aufgabe von Wiesbaden war eine doppelte. Es +handelte sich zunächst darum, überhaupt die Möglichkeit +zu finden, wie erhebliche Zahlungen von einem Lande an +ein anderes geleistet werden könnten; denn es war +evident, dass es nicht möglich war, Goldleistungen von +Deutschland ins Ausland zu führen, soweit nicht eine erhebliche +Aktivität der Handelsbilanz vorhanden gewesen +wäre, und diese war nicht vorhanden. Es handelte sich +also darum, Modalitäten zu finden, um überhaupt dem +Reparationsproblem eine Unterlage der Durchführbarkeit +zu geben. Der Begriff der Sachleistungen trat in den +Vordergrund. Es wurde versucht, zunächst mit Frankreich +ein Abkommen der Sachleistungen zu schliessen +und dieses Abkommen so einzurichten, dass der Strom +an Gütern, der zu erwarten stand, in erster Linie dem +Wiederaufbaugebiet zugeführt würde.</p> + +<p>Daneben aber lag die zweite politische Aufgabe mit +grösserer Wichtigkeit. Die Anknüpfung der Reparationsbeziehungen +zur übrigen Welt war überhaupt nur denkbar,<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +wenn zunächst diejenigen Gebiete berücksichtigt +wurden, die am schwersten unter den Zerstörungen des +Krieges gelitten hatten. Es ist eine europäische Notwendigkeit, +dass die zerstörten Gebiete Frankreichs +wieder aufgebaut werden. Solange sie als Wüsteneien +zwischen Deutschland und Frankreich liegen, bleiben sie +ein Symbol der Spaltung zwischen den Völkern. Immer +wieder wird den Bewohnern dieser Gebiete Bitterkeit +ins Gemüt geführt, und die Länder der Erde sehen in den +zerstörten Gebieten das Wahrzeichen eines noch nicht +wiederhergestellten Friedens. Ich halte es für dringend +nötig, dass der Wiederaufbau der zerstörten französischen +Gebiete sobald als möglich erfolgt, und ich glaube, +dass das Zentralproblem der ganzen Reparationen darin +liegt, dass Deutschland sein möglichstes tut, um diese Gebiete +wiederherzustellen.</p> + +<p>Die beiden Aufgaben wurden in Wiesbaden gestellt und +gelöst. Es wurde ein Abkommen zwischen Deutschland +und Frankreich hergestellt, das auch auf andere Staaten +seine Anwendung finden konnte. Leider ist das Ergebnis +von Wiesbaden zwar nicht, wie es wünschenswert gewesen +wäre, ein Friedenswerk nach aussen und innen +gewesen. Nach aussen mehr als nach innen. Im Innern +entfaltete sich eine heftige Agitation und Kontroverse gerade +gegen die Sachleistungen. Mit wechselnden Argumenten +ging man vor. Man behauptete, dass das Wiesbadener +Abkommen das deutsche Volk zugrunde richtete, +man behauptete, wir hätten damit Frankreich eine Option +auf unsere Konjunktur gegeben. Man behauptete, wir +wären weit über unsere Verpflichtungen von Versailles +hinausgegangen. Jede dieser Behauptungen wurde +widerlegt, aber sie wuchsen nach wie die Köpfe der +Hydra, und es wurde offenkundig, dass es weniger die +wirtschaftlichen als die politischen Bestrebungen waren, +die die grosse Agitation gegen Wiesbaden hervorriefen. +Das wurde deutlich in dem Augenblick, als man behauptete, +das Wiesbadener Abkommen hätte eine so +schwere Spaltung zwischen Deutschland und England +hervorgerufen, dass nunmehr England endgültig sich von +jedem Interesse Deutschland gegenüber losgesagt habe. +Dass dies nicht der Fall war, wurde mir von englischer +Seite bestätigt; Engländer hoher Stellung erklärten mir, +dass sie in dem Wiesbadener Abkommen unseren ersten +politischen Schritt zur Verwirklichung des Reparationsproblems<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +erblickten. Sie gingen so weit, zu sagen, dass +ohne das Abkommen von Wiesbaden diejenigen weiteren +Entwicklungen nicht möglich gewesen wären, die uns im +Verlauf der Zeit nach Cannes führten.</p> + +<p>Die Konferenz in Cannes ist, meine Herren, wie Sie +wissen, nicht bis zu ihrem letzten Ende geführt worden. +Sie wurde vorzeitig abgebrochen, durch innerpolitische +französische Verhältnisse, durch die Amtsniederlegung +des französischen Ministerpräsidenten. Wir können nicht +sagen, dass Cannes eine endgültige Regelung im Sinne +einer gesamten Ordnung der Zukunft uns gegeben hätte. +Wir können aber auch nicht sagen, dass das Ergebnis +von Cannes ein negatives gewesen sei. Es ist möglich +geworden, durch die Verhandlungen, die dort und zuvor +in London stattgefunden haben, ein Abkommen zu präliminieren, +wenigstens für das Jahr 1922, das heute noch +nicht ganz geregelt ist, aber das vermutlich in den nächsten +Wochen seine Regelung finden wird. Es ist möglich +geworden, in Cannes, den Vertretern der früher uns +gegnerischen Nationen die gesamte deutsche Situation +darzulegen, und zwar in grösserer Ausführlichkeit und +Klarheit, als wir es vermocht hätten, wenn wir lediglich +uns auf den negativen Standpunkt der Ablehnung +jedes Erfüllungsversuches gestellt hätten. Es ist ferner +in Cannes dazu gekommen, dass eine Konferenz aller +Nationen für Genua in Aussicht genommen wurde, die +nach wechselnden Schicksalen nun doch wahrscheinlich +im April stattfinden soll. Auf der einen Seite ist der +Reflex in der deutschen Oeffentlichkeit der gewesen, als +Cannes beendet war, dass von Genua sehr wenig zu erwarten +sei, dass die Ergebnisse völlig unbefriedigende +seien, dass die Regierung dort nicht nur keinen Erfolg, +sondern eigentlich, genau betrachtet, eine schwere Niederlage +erlitten habe. Im merkwürdigen Kontrast dazu stand +es, dass gerade von denselben Stellen, die in Genua eine +vollkommene Gleichgültigkeit erblickten, in dem Augenblick, +als die Boulogner Beschlüsse stattfanden, erklärt +wurde, dass nun die letzte Hoffnung geschwunden sei, +die wir in Deutschland hätten aufleuchten sehen. In +einem der beiden Fälle müssen die Kritiker sich geirrt +haben, entweder war in Cannes doch etwas erreicht +worden oder der Verlust, der angeblich in Boulogne erlitten +worden sein soll, konnte kein so überaus schwerer +sein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>Ich glaube, dass tatsächlich ein doppelter Irrtum vorlag. +Auf der einen Seite wurde die Genueser Konferenz +unterschätzt in dem Augenblick, als sie auftrat, auf der +anderen Seite wurden die Boulogner Beschlüsse überschätzt +in dem Augenblick, als sie zur Wirklichkeit +wurden. Diejenigen, die der Entwicklung näher standen, +haben niemals daran gezweifelt, dass Genua nicht die +Stelle sein konnte, an der von einem Gremium aus mehr +als 40 Nationen, von denen ein grosser Teil weder Unterzeichner +von Versailles noch Kriegsbeteiligte waren, dass +von diesen Nationen Beschlüsse nicht gefasst werden +konnten über die Versailler Grundlagen oder über die +Grundlagen der Reparationen. Boulogne hat die Bestätigung +dafür erbracht, dass das Reparationsproblem +und der Versailler Vertrag diesem Gremium zur Beschlussfassung +nicht unterliegen kann. Eine Ueberschätzung +von Genua kann indessen darin liegen, dass +man erwartet, es könne von dort aus sofort eine neue +Regelung der europäischen Verhältnisse ausgehen. Ich +halte es für bedenklich, zu glauben, dass eine Gemeinschaft +von 40 Nationen mit Vertretern, deren Zahl in die +Hunderte geht, eine aktive Politik führen kann, die mit +einem Schlage uns in eine neue politische Weltkonstellation +führt, den Vertrag abändert und die Reparationen +auf ein normales Mass zurückführt. Wohl aber wird die +Möglichkeit vorhanden sein, dass in Genua die allgemeinen +Ursachen der Welterkrankung erörtert werden, +und dass die Nationen gemeinschaftlich nach solchen +Wegen suchen, die zu einer Gesundung des ganzen Kontinents +führten. Genua wird voraussichtlich das erste +Glied einer Serie von Konferenzen sein, die vermutlich +dieses und das nächste Jahr in Anspruch nehmen werden. +Einen anderen Weg als den Weg der Konferenzen gibt +es unter den heutigen Verhältnissen leider nicht. Begegnung +der Staatsmänner findet statt auf Seiten der +Entente; dort ist die Möglichkeit der Aussprache kontinuierlich +gegeben. Für uns aber, die wir nicht in +gleichem Masse in Verbindung stehen mit unseren Nachbarvölkern, +ist eine Konferenz schon deswegen von +Wichtigkeit, weil sie uns die Möglichkeit mündlicher Aussprache, +persönlichen Kontaktes gibt, der unter allen Umständen +vorzuziehen ist dem Wege der Noten und der +diplomatischen Verhandlungen.</p> + +<p>Wer also der Auffassung ist, dass von Genua eine neue<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +Aera des Geschehens ausgehen wird, der, fürchte ich, +wird eine Enttäuschung erleben. Ich habe den Eindruck, +dass in wirtschaftlichen Kreisen trotz aller Enttäuschung +über Boulogne ein solcher Optimismus besteht, und ich +würde nicht wünschen, dass er sich befestigt. Wer aber +der Meinung ist, dass von dem gegenwärtigen schwerkranken +Zustand des gesamten europäischen und Weltwirtschaftskörpers +ein Weg gefunden werden muss zu +einer Gesundung, und wer der Meinung ist, dass dieser +Weg nur durch gemeinschaftliche Aussprachen erreicht +werden kann, dass dieser Weg zwar lang, aber unter +allen Umständen beschreitbar ist, der wird, glaube ich, +in Genua dasjenige finden, was er sucht.</p> + +<p>Was die Entwicklung der Reparationen selbst betrifft, +so wird ihr Gremium voraussichtlich bis auf weiteres die +Reparationskommission bleiben, und hinter der Reparationskommission +diejenigen Mächte, die in erster Linie die +Empfangsberechtigten sind. Ich glaube, dass die Entwicklung +des Reparationsproblems folgenden Gang +nehmen wird: man wird für das Jahr 1922, auch wohl +für das Jahr 1923 zu Lösungen zu kommen suchen, die +zunächst nur provisorische Lösungen sein werden. Sie +können nur provisorisch sein, denn auf der einen Seite +ist ein gewaltiges Geldbedürfnis bei den empfangsberechtigten +Staaten, auf der anderen Seite ist die Zahlungskraft +Deutschlands, insbesondere in Barmitteln, eine begrenzte. +Die Erkenntnis ist wohl heute so ziemlich in der ganzen +Welt verbreitet, dass ein Volk dem andern nur dauernd +zahlen kann aus dem Ueberschuss seiner Zahlungs- und +Handelsbilanz. Unsere Zahlungsbilanz ist schwer passiv, +unsere Handelsbilanz ist in den letzten Monaten um eine +Kleinigkeit aktiv geworden. Zahlungsmittel in bar sind +somit nur in beschränktem Masse aufzubringen. Es kann +daher für 1922 und 1923 wahrscheinlich nur ein Provisorium +gefunden werden, das auch nicht entfernt den +Wünschen extremistischer Gegenseiter entspricht, die im +Anfang des vorigen Jahres noch die öffentliche Meinung +beherrschten. Wir sehen heute einen erkennbaren Massstab +für Barleistungen in der Tatsache, dass, sobald diese +Leistungen eine bestimmte Menge überschreiten, die +Wechselkurse gegenüber Deutschland ins Schwanken, in +lebhafte Bewegung kommen. Die Dekadenzahlung von +31 Millionen, die als Vorprovisorium für die ersten Monate +dieses Jahres uns zugemutet worden ist, von der ich in<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +Cannes den Beteiligten gesagt habe, dass sie nur auf +wenige Wochen beschränkt sein dürfe, hat bereits den +Wechselkurs gegen Deutschland in starkem Masse zu +unseren Ungunsten beeinflusst. Man darf sagen, dass +die deutsche Leistungsfähigkeit in Barzahlung direkt ihr +Mass findet in der Bewertung des Dollars an der Berliner +Börse. Ich habe die Mitglieder der Reparationskommission, +die sich vor einiger Zeit in Berlin aufhielten, +darauf aufmerksam gemacht, wie unbedingt nötig es sei, +schon jetzt, gleichviel ob die Regelung für das Jahr 1922 +sich noch etwas hinzieht, die Dekadenzahlungen zu verringern, +um den Dollarkurs nicht weiter in Bewegung +zu setzen. Denn was es bedeutet, wenn die deutsche +Währung ihren scharfen Rückgang fortsetzt, das wissen +wir alle. Wir wissen, dass damit das Budget ins Wanken +kommt, dass alle Lasten sich erhöhen, dass alle Lohn- +und Gehaltsbemessungen von neuem in Frage gestellt +werden, dass die ganze Kette der Bewertungen im Lande +sich in Bewegung setzt. Es ist möglich, dass an den +letzten Dollarbewegungen bis zu einem gewissen Grade +Spekulation beteiligt war. Wir dürfen nicht vergessen, +dass grosse Mengen deutschen Geldes im Besitz des Auslandes +sind, und die Gefahr ist gross, dass, wenn eine +starke Bewegung in unseren Valuten stattfindet, das Ausland +erhebliche Beträge seiner Markbestände auf den +Markt bringt. Ich hoffe nicht, dass gleiches spekulativ +von deutscher Seite geschieht. Denn wenn man sich vorstellt, +dass von deutscher Seite spekulative Käufe in fremden +Devisen stattfänden, so wäre es das traurigste Phänomen, +das man sich denken kann. Wir müssen im Auge +behalten, dass jeder Deutsche, der spekulativ fremde Valuten +kauft, auf nichts anderes als das Unglück unseres +Landes spekuliert. Diese Kenntnis sollte sich soweit nur +irgendmöglich verbreiten. Ich hoffe, dass Deutsche an +der spekulativen Bewegung unserer Währung nicht beteiligt +sind.</p> + +<p>Wenn wir also für das Jahr 1922 und vielleicht auch für +das Jahr 1923 nur zu provisorischen Regelungen kommen, +so muss dafür gesorgt werden, dass einmal die endgültige +Regelung eintritt. Und sie kann nur dann eintreten, +wenn der grosse Kreis der wechselseitigen Verschuldung +in Europa sich lockert. Denn wir dürfen nicht +vergessen, dass das Reparationsproblem nur ein Teilproblem +innerhalb des allgemeinen Weltverschuldungskreises<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +bedeutet. Die Weltverschuldung umfasst Europa +und Amerika gemeinschaftlich. Die europäischen Staaten +fast sämtlich schulden direkt oder indirekt an Amerika, +sie schulden ausserdem untereinander. Die meisten sind +Gläubiger und Schuldner zugleich; diejenigen, die ausschliesslich +Schuldner sind, sind wir. Schwerlich wird +sich das Reparationsproblem aus dem allgemeinen Weltverschuldungsproblem +herauslösen lassen. Dieses Weltverschuldungsproblem +wird aber Gegenstand der Erörterungen +in der Politik aller Länder während der nächsten +Jahre sein müssen. Gelingt es, dieses Problem – +und es wird nur gelingen unter dem Hinzutritt von +Amerika – einer erträglichen Lösung zuzuführen, so ist +damit auch die Lösung der deutschen Reparation ermöglicht.</p> + +<p>In diesem Falle muss nämlich der Versuch gemacht +werden, mit Hilfe aller europäischen und aussereuropäischen +Kapitalstaaten eine grosse Anleihe zu Lasten +Deutschlands aufzunehmen, sie den Empfangsberechtigten +zu übergeben und damit das Reparationsproblem endgültig +zu beseitigen. Ob unter den heutigen Verhältnissen +Kapitalaufnahmen seitens Deutschlands in erheblichem +Masse möglich sind, ist zu bezweifeln, denn der Versailler +Vertrag steht der Kreditgewährung an Deutschland +entgegen. Darüber hat sich niemand deutlicher ausgesprochen +als der Leiter der Bank von England. In dem +gleichen Masse, wie die Erkenntnis des Gesamtverschuldungsproblems +in den Mittelpunkt des öffentlichen und +des Weltinteresses tritt, wird man den Versuch machen +müssen, der Kreditwürdigkeit Deutschlands zu helfen und +dadurch eine Finanzoperation zu ermöglichen, die von +ausserordentlich grossem Umfange sein kann und sein +muss, um das grosse Problem zu lösen. Schon aus dem +Grunde möchte ich wünschen, dass das Reparationsproblem +seine Beendigung durch eine grosse Weltanleihe +fände, weil ich der Meinung bin, dass der Zustand auf die +Dauer schwer aufrechtzuerhalten ist, dass ein Volk +Zahlungen direkt an einen oder mehrere seiner Nachbarn +leistet. Die Anonymisierung der Schuld wird die +Schuld erleichtern und wird sie dauernd tragbarer +machen. Die Schuld an Nachbarn nimmt die Form eines +Tributes an, und ein solcher Tribut ist nicht diejenige +Form, unter der sich der Weltfrieden am besten konsolidiert.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>Ich habe von den Aussichten Genuas gesprochen und +darauf hingewiesen, dass auf der einen Seite vielleicht +eine Enttäuschung für diejenigen entsteht, die von Genua +die endgültige Regelung der Reparationsfrage erhoffen, +dass aber auf der anderen Seite doch für uns die Erwartung +besteht, dass Genua einen Markstein in der allgemeinen +Entwicklung zum Weltfrieden darstellen wird. +In hohem Masse wird das Ergebnis von Genua davon abhängen, +welche Stellung Amerika entschlossen ist, zu +dem Reparationsproblem, zum Friedensproblem überhaupt +einzunehmen.</p> + +<p>Amerikas Macht ist durch den Krieg gewaltiger gewachsen +als die irgendeines anderen Landes. Der Eingriff +Amerikas in das Schicksal der Welt ist keinem +anderen Eingriff zu vergleichen, der seit Jahrhunderten +in das Leben der Völker stattgefunden hat. Durch sein +Eintreten in den Krieg hat Amerika den Krieg entschieden, +durch sein Eintreten in den Friedenskongress hat +Amerika den Frieden entschieden und durch seinen Eintritt +in die Weltprobleme der Verschuldung und der +Sanierung wird Amerika in der Lage sein, die Weltentwicklung +in wirtschaftlicher und friedenbringender Richtung +zu entscheiden.</p> + +<p>Vielfach hat man bei uns die Vorstellung, Amerika sei +ein Land, das lediglich seinen grossen materiellen Aufgaben +lebt, von der Natur begünstigt und in grossartiger +Isolation. Ich glaube, dass wenig Länder so entschieden +durch Erwägungen ideeller Art zu bewegen sind wie +Amerika. Ich glaube, dass die Motive, die Amerika zum +Krieg und zur Friedensschliessung getrieben haben, nicht +so sehr auf materiellen Wünschen beruhten, wie auf der +Ueberzeugung einer Verantwortung, und ich glaube deshalb, +dass Amerika sich nicht derjenigen Verantwortung +entziehen wird, die ihm durch sein entscheidendes Eingreifen +in die europäischen Schicksale erwachsen ist. Ich +weiss, dass in Amerika eine starke Tendenz besteht, die +dahin gerichtet ist, zu sagen, Europa ist weit entfernt, +mit den Händeln dieses alten Kontinents wollen wir nichts +zu tun haben. Es ist durchaus verständlich, wenn eine +solche Auffassung gehegt wird. Aber ich glaube, in +Amerika werden Gegenkräfte wach und stark sein, die +die Auffassung vertreten, Europa darf nicht zugrunde +gehen, die Quellen der ältesten und stärksten Zivilisation +dürfen nicht erschüttert werden. Es darf nicht vergessen<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +werden, dass derjenige, der den Krieg bestimmt hat und +den Frieden bestimmt hat, nun auch für das Wohlergehen +derjenigen Völker, deren Schicksal bestimmt wurde, +eine Verantwortung trägt. Ich glaube auch, dass diejenige +Auffassung in Amerika, die sagt, wir sind materiell +am Geschick Europas so gut wie uninteressiert, nicht +das Richtige trifft.</p> + +<p>Ich habe von Amerika her Stimmen vernommen, die behaupteten, +der ganze Aussenhandel Amerikas nach Europa +bedeute ausserordentlich wenig, er bedeute, sagten +die einen 4 Prozent, die anderen 7 Prozent der amerikanischen +Produktion. Ich glaube, dass diese Zahl in +Amerika sehr ernstlich der Nachprüfung bedarf und dass +sie auch eine Nachprüfung finden wird. Wäre tatsächlich +die Produktion Amerikas 15 mal grösser gewesen als +seine Weltausfuhr, so wäre diese Produktion so gewaltig, +dass sie sich mit der Arbeiterzahl, über die Amerika verfügt, +nicht entfernt hätte leisten lassen. Der Anteil der +Ausfuhr an amerikanischer Produktion ist tatsächlich +erheblich grösser, und Amerika wird auch in materiellem +Sinne erkennen, dass es wünschenswert ist, einen so +starken Konsumenten, wie es Europa ist, gesund zu erhalten. +Es besteht somit die Hoffnung, dass auf amerikanischer +Seite ideelle und materielle Momente zusammenwirken +werden, um die gewaltige Kraft dieses Landes +den europäischen Schicksalen wieder zuzuwenden, die +von ihr abhängen. Gleichviel, ob Amerika sich entschliesst, +sich an Genua zu beteiligen oder nicht, glaube +und hoffe ich, dass Europa nicht ganz allein auf sich +selbst in der Regelung seiner überaus schwierigen Verschuldungsverhältnisse +und in der Ordnung, in der +Wiederherstellung seiner tief erkrankten wirtschaftlichen +Gliederung angewiesen sein wird.</p> + +<p>Wenn wir in einigen Wochen nach Genua gehen werden, +so werden wir es nach eingehender Vorbereitung aller +derjenigen Probleme tun, die Deutschland beherrschen, +und vor allem derjenigen, die auf das Schicksal Europas +einen wirtschaftlichen Einfluss ausüben. Ich glaube, dass +es uns möglich sein wird, dort einen Boden zu finden, +der für die Erörterung wirtschaftlicher Grundfragen vorbereitet +ist, und hoffe, dass die Anbahnung eines künftigen +wirklichen Friedenszustandes gelingt. Wir leben +freilich nicht mehr im Kriege, aber wir leben noch immer +weit entfernt vom wirklichen Frieden. Noch immer<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +leben die Völker in dauernder, sich verstärkender wirtschaftlicher +Abschliessung, noch immer leidet Deutschland +unter einseitiger Behandlung, noch immer leben wir +unter der Regie von Noten, die unser politisches Leben +erschweren und beunruhigen, noch immer ist im Osten +schlesisches Land besetzt und im Westen die Städte, die +unter dem Namen von Sanktionen okkupiert worden +sind. Das ist noch nicht der wahre Friede der Welt, das +ist noch nicht der wahre Friede Deutschlands! Ich habe +die Hoffnung und den Glauben, dass dieser wahre Frieden +der Welt herannaht. Die Aufgabe unserer Politik +ist, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, dem Frieden näher +zu kommen, Vertrauen im Kreise der Völker zu erwerben +und zu erhalten, aber auch gleichzeitig unsere Rechte +zu wahren. In diesem Sinne gedenken wir die Fahrt nach +Genua anzutreten, in diesem Sinne hoffen wir, dass +Genua einen Markstein auf dem Wege zu wirklicher Befriedung +der Erde bilden wird!</p> + +<hr class="endchapter" /> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span><a name="Reichstag19220329" id="Reichstag19220329"></a>REICHSTAGSREDE<br /> +VOM<br /> +29. MÄRZ 1922</h2> + +<hr class="newchapter" /> + + +<p><span class="dropcap">A</span>ls ich vor nunmehr zwei Monaten im Auswärtigen +Ausschuss des Reichstages über Cannes berichtete, +habe ich ausgesprochen, es könnten Nachtfröste kommen +und die junge Saat des Friedens schädigen. Das Klima +Europas schien mir damals noch nicht genügend erwärmt, +um hoffen zu dürfen, dass ein Vorfrühling des Friedens +eintreten werde.</p> + +<p>In Cannes war manches erreicht. Die Goldzahlung von +fünf Milliarden, die das Ultimatum uns auferlegte und die +zum Teil bestanden in festen Leistungen, zum andern +Teil in den Abgaben des Index, zum dritten Teil in den +Goldleistungen für Besatzungskosten, war auf 720 Millionen +verringert worden. Es war den deutschen Vertretern +Gelegenheit gegeben worden, unsere wirtschaftliche +Lage unumwunden der Entente darzulegen, und es +ist seitdem noch nicht eine autoritative Stimme aufgetreten, +die unsere Ausführungen widerlegt.</p> + +<p>Des ferneren war zum ersten Male eine Weltkonferenz +in Aussicht genommen, an der Deutschland als gleichberechtigter +Faktor teilnehmen sollte.</p> + +<p>Die Konferenz in Cannes fand kein natürliches Ende. +Durch den Sturz des französischen Ministerpräsidenten +Briand war die Situation von Grund aus geändert. Die +endgültige Entscheidung, die von der Konferenz erwartet +wurde, ging auf die Reparationskommission über.</p> + +<p>Uns wurde anheimgestellt, der Reparationskommission +ein Anerbieten zu machen. Für diese Offerte waren die +Grundlinien vorgezeichnet; sie waren vereinbart +zwischen England und Frankreich, und es war uns davon +Kenntnis gegeben, dass das Moratorium, das wir verlangten, +uns gewährt werden würde, wenn wir die Bedingungen +annähmen, die man uns vorschlug. Das Moratorium +mussten wir haben; denn die Goldzahlungen +des Januar und Februar waren nicht zu leisten. So +wurde die Offerte so eingereicht, wie sie vereinbart war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>Bis zur endgültigen Entscheidung aber wurde von der +Reparationskommission uns eine Dekadenzahlung im Betrage +von 31 Millionen für alle zehn Tage auferlegt. Schon +in Cannes habe ich die Reparationskommission darauf +aufmerksam gemacht, dass eine solche Dekadenzahlung +von Deutschland nur für ganz kurze Zeit geleistet werden +könne, wenn nicht die Gefahr entstehen sollte, dass die +deutsche Valuta aufs schwerste zerrüttet würde. Ich bin +auf diese Aeusserungen der Reparationskommission +gegenüber zurückgekommen; ich habe mehrmals mündlich +und schriftlich darauf hingewiesen, dass die Zeit sich +allzu sehr verlängerte, dass die Zahlungen der Dekaden +dieselbe Wirkung haben müssten, die ich in Cannes vorausgesagt +hätte. Tatsächlich ist auch die Zerrüttung +unserer Valuta eingetreten: der Aufstieg des Dollars +von 160 bis auf über 300.</p> + +<p>Die Verhandlungen mit der Reparationskommission zogen +sich in die Länge, nicht Verhandlungen zwischen uns +und ihr, sondern Verhandlungen, die sie selbst mit dem +französischen Ministerpräsidenten zu führen hatte, dem +sie ihr Mandat zunächst in die Hände gelegt hatte und +von dem sie es zurückerhielt.</p> + +<p>Während dieser Zeit haben wir, dem Wunsche der Reparationskommission +entsprechend, mit denjenigen Delegierten +verhandelt, die uns gesandt wurden, nämlich in +erster Linie mit Herrn Bemelmans, in der Absicht, die +Sachleistungen für uns und auch für diejenigen Länder, +die anspruchsberechtigt waren, durchführbar zu machen, +nämlich für England, Belgien, Italien und Serbien. Ein +Abkommen wurde präliminiert. Kurze Zeit darauf erschien +unangemeldet der französische Delegierte Herr +Gillet, abermals mit Zustimmung der Reparationskommission, +um den Versuch zu machen, auch hinsichtlich +der französischen Sachleistungen neue Modalitäten mit +uns zu verabreden, die dann gleichfalls in Vorbesprechungen +geklärt wurden. Von unserer Seite also wurde +nichts versäumt während der langen Periode, innerhalb +deren die Reparationskommission mit ihrer Entscheidung +zögerte. Wie Sie wissen, ist diese Entscheidung erfolgt +am 21. März und sie hat Deutschland auf das schwerste +enttäuscht. Sie hat nicht nur uns enttäuscht, sondern +einen jeden in der Welt, der eine Hoffnung auf wirklichen +Frieden und eine mögliche Regelung des Reparationsverhältnisses +hegte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Um die Entwicklung dieser Wochen zu verstehen – +zwei Monate vergingen während dieser Verhandlungen +– müssen wir uns klar machen, welche bedeutende +Wandlung im politischen Weltgeschehen eingetreten war. +In Frankreich hatte ein Staatsmann die Zügel ergriffen +von grosser Erfahrung in internationalen Verhältnissen +und von rückhaltsloser Willenskraft. Poincaré nahm +den Kampf gegen England auf, und Boulogne hat uns gezeigt, +dass dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen +ist. Wenn auch in Boulogne neue Beschlüsse nicht gefasst +wurden, wenn auch nur das bestätigt wurde, was +ursprünglich schon auf der Einladungskarte für Genua gestanden +hatte, so war doch diese Wiederholung eine Bekräftigung +desjenigen Willens, der uns verhindern sollte, +die Frage der Reparationen in Genua zur Sprache zu +bringen, diejenige Beschränkung der Konferenz aufzuerlegen, +die ihr eigentlich das Herz ausbrach. Von einer +starken parlamentarischen Mehrheit getragen, begann +Poincaré seine Politik, und sie hat sich in kurzer Zeit auf +allen Schauplätzen der Politik ausgewirkt, nicht nur England +gegenüber, sondern auch im näheren Osten, wo die +Zahl der Bündnisse, Verständigungen und Militärkonventionen +fast von Tag zu Tag wuchs, nicht nur in Kleinasien, +wo die französisch-türkische Politik vordrang +gegenüber der englisch-griechischen. Die Auswirkung +erstreckte sich auch auf uns, und zwar zeigte sie sich +zunächst in einem Hagel von Noten, die seitens der interalliierten +Militärkommissionen auf uns herniederprasselten. +Ich habe zählen lassen, dass wir etwa im Laufe +von zwei Monaten 100 Noten von diesen Kommissionen +zur Beantwortung bekamen. Sie können sich denken, +dass es nahezu einer Lahmlegung der Behörden gleichkommt, +wenn sie gezwungen sind, täglich und nächtlich +an der Beantwortung dieser Schriftstücke zu arbeiten. +Von dem letzten Herrn Redner ist auf die sehr unerfreulichen +Entwicklungen hingewiesen worden, die die Abgrenzung +am Weichselgebiet in der letzten Zeit erfahren +hat. Wir haben nicht unterlassen, nicht nur die Botschafterkonferenz, +sondern alle Mächte einzeln darauf hinzuweisen, +dass hier ein schweres Unrecht im Zuge ist, +und es ist wenigstens erreicht worden, dass die Botschafterkonferenz +zunächst ihre Entscheidung zurückgestellt +hat.</p> + +<p>Etwas Tragisches liegt darin, dass die gegenwärtig<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +stärkste Militärmacht der Welt, dass Frankreich in seinem +ganzen Tun und Handeln bestimmt wird durch die Besorgnis +vor einem deutschen Angriff, vor einem Angriff +eines vollkommen entwaffneten Landes, das kaum so +viel Soldaten aufbringt, um seine innere Ruhe zu erhalten. +Es ist in hohem Masse bedauerlich, dass durch diesen +Gedanken Frankreichs jede Behandlung europäischer +Probleme eine politische Seite erhält.</p> + +<p>Gerade auf einem derjenigen Gebiete, mit denen sich die +Noten der letzten Zeit besonders intensiv beschäftigen, +trat diese politische Tendenz in bedauerlicher Weise hervor. +Ich spreche von denjenigen Noten, die sich auf +unsere Schutzpolizei beziehen. Es ist durchaus verständlich, +wenn in einem geordneten, mit starker Militärmacht +versehenen Lande, wenn in einem Lande mit ungeschwächter +Staatsautorität ein Gendarmeriesystem vertreten +wird, das auf rein munizipaler, örtlicher Organisation +beruht. Für Deutschland ist eine solche Regelung +nicht tunlich. Wir leben in einer Zeit des Uebergangs, der +schwersten Zerrüttung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse. +Wir leben in einer Zeit, in der schwer gebändigt +unter der Oberfläche die Mächte der Unruhe sich bewegen. +Wir leben in einem Lande mit geschwächter +Staatsgewalt, und wir sind deshalb darauf angewiesen, +für Ruhe im Lande zu sorgen. Das ist nur dann möglich, +wenn eine wirksame Polizeigewalt im Lande +existiert.</p> + +<p>Unter solchen Auspizien der äusseren und der Gesamtpolitik +ist die Note der Reparationskommission erwachsen. +Die Kritik an der Note hat gestern der Herr +Reichskanzler geübt, und ich habe dieser Kritik nicht ein +Wort hinzuzufügen. Um aber die Voraussetzungen und +Tendenzen klarer zu verstehen, auf die sich die Note +gründet, ist es erforderlich, dass wir uns in einen fremden +Vorstellungskreis zu versetzen suchen und einige Irrtümer +dieses Vorstellungskreises beleuchten.</p> + +<p>Der erste Irrtum, mit dem wir uns befassen müssen, ist +die übertriebene Vorstellung des Auslandes von dem Begriff +der Inflation und ihren Wirkungen. Immer wieder +tritt uns die Vorstellung entgegen, dass, wenn unser +Geldwert zerrüttet ist, das nur auf den Notendruck zurückgeführt +werden kann. Das Rezept dagegen, das uns +gegeben wird, ist: Stoppt eure Notenpresse, bringt euer +Budget in Einklang, und das Unglück ist behoben! Ein<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> +schwerwiegender volkswirtschaftlicher Irrtum! Für ein +Land mit aktiver Zahlungsbilanz ist die Gesundung des +Geldes dadurch möglich, dass man deflationistische Politik +betreibt, die Balance des Haushalts herstellt und die +Notenpresse stoppt. Anders liegt es aber für ein Land +mit passiver Zahlungsbilanz. Ich fordere jeden Kenner +des Wirtschaftslebens auf, mir einen Weg zu nennen, auf +dem einem Land mit passiver Zahlungsbilanz ermöglicht +wird, dauernd Goldzahlungen zu leisten ohne Hilfe fremder +Anleihen und dabei seine Valuta intakt zu halten. +Niemals ist der Versuch gemacht worden, ein solches +Rezept zu geben, und es kann nicht gegeben werden. +Denn ein Land, das Gold nicht produziert, kann Gold +nicht zahlen, es sei denn, dass es dieses Gold durch Ausfuhrüberschüsse +kauft oder dass ihm das Gold geliehen +wird.</p> + +<p>Der Kreislauf unserer Valutazerrüttung ist der folgende: +passive Zahlungsbilanz, infolgedessen die Notwendigkeit, +unsere Zahlungsmittel im Auslande zu verkaufen oder +auszubieten; dadurch Entwertung der ausgebotenen +Ware, der verkauften Zahlungsmittel; dadurch Schädigung +des Geldwertes im Auslande, Schädigung +der Valuta. Weitere Folge: Ansteigen aller Preise +im Inlande, Ansteigen aller Materialkosten und aller Personalkosten. +Weitere Folge: das Klaffen des Budgets; +denn ein Budget besteht aus keinen anderen Ausgaben +als aus sachlichen und persönlichen, und wenn diese +beiden ohne Gegenwert steigen, so ist jedes Budget, und +mag es vorher noch so sehr im Einklang gewesen sein, +zerrüttet.</p> + +<p>Wer den Beweis für die Richtigkeit dieser Anschauung +noch braucht, der sei darauf hingewiesen, wie sich tatsächlich +unser Geldwert im Ausland während einer Zeit +vollkommen stabilen Weiterganges der Inflation bewegt +hat. Wir haben bei diesem stabilen Gang im Herbst +letzten Jahres einen Dollarkurs von 300 erlebt, er hatte +sich im Dezember auf etwa 160 ermässigt, er ist abermals +gestiegen auf 350, und alles das stand nicht im Zusammenhange +weder mit dem Druck der Notenpresse +noch mit dem Fortgang der Inflation.</p> + +<p>Einen zweiten Irrtum der ausländischen Auffassung von +unserer Zahlungsfähigkeit habe ich zu erwähnen. Er betrifft +die Frage unserer Steuerbelastung. Wir haben der +Reparationskommission und der Konferenz in Cannes<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +das Material übergeben, das den Nachweis erbrachte, +dass Deutschland heute schwerer mit Steuern belastet +ist als andere Länder. Von keiner Seite ist der Versuch +gemacht worden, unsere Rechnungen zu entkräften. Anerkannt +wurde, dass die Kalkulationen überaus schwierige +sind, dass es ernster theoretischer Auseinandersetzungen +bedarf und nicht mechanischer Vergleiche von Zahlen, +die auf Dollars übersetzt werden. Aber der Versuch +einer Widerlegung ist nicht gemacht worden. Das einfachste +Beispiel kann ja nicht widerlegt werden. Wenn +in Deutschland das Einkommen der höchsten Staatsbeamten +300 oder 500 Dollars beträgt, so kann dieser +Staatsbeamte keinesfalls mehr als 300 oder 500 Dollars +Steuern zahlen. Das schliesst aber keineswegs aus, dass +ein Staatsbeamter eines anderen Landes, der 3000 oder +5000 Dollars verdient, sehr wohl mehr Steuern zahlen +kann, als die ganzen Einnahmen des deutschen Staatsbeamten +betragen.</p> + +<p>Ein dritter Irrtum, der bereits von Herrn Abgeordneten +Stresemann erwähnt wurde, ist der, dass man uns vorhält: +eure Wirtschaft ist voll beschäftigt, ihr habt keine +Arbeitslosen, bei euch raucht jeder Schornstein, bei euch +laufen alle Maschinen mit Volldampf; wo bleibt nun das +Produkt dieser Arbeit? Dieses Produkt muss doch vorhanden +sein, es muss dazu dienen, die deutsche Vermögenssubstanz +anzureichern, und dieses Produkt muss +für Reparationen fassbar sein. Die Antwort auf diese +Frage habe ich in Cannes gegeben, und ich werde es +hier noch einmal mit grösserer Deutlichkeit tun.</p> + +<p>Die Reparationen, die wir im letzten Jahre gezahlt haben, +beliefen sich auf anderthalb Milliarden Goldmark. Diese +anderthalb Milliarden Goldmark bedeuten nicht mehr und +nicht weniger als die Jahresarbeit von einer Million +deutschen Arbeitern. Wir haben, wie Sie wissen, durch +den Niedergang unserer Landwirtschaft eine erhebliche +Einfuhr von Lebensmitteln nötig. Diese Einfuhr belief +sich im letzten Jahre auf 2 Milliarden Goldmark, und sie +bedeutet abermals die Arbeitskraft eines ganzen Jahres +von einer Million Deutschen. Unseren Auslandsbesitz +haben wir verloren, die Guthaben und Investitionen, den +Ueberseebesitz. Die Einnahmen aus diesen Besitztümern +betragen weit über eine Milliarde Gold, und diese Einnahmen +verwandelten sich in einen Zustrom von Rohstoffen +und von Waren, für die wir Gegenwerte nicht<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +zu leisten brauchten. Wenn wir heute diese Rohstoffe +und Güter uns durch Kauf beschaffen müssen, so haben +wir dafür Arbeit zu leisten, und es ist abermals die Arbeit +von einer Million Deutschen erforderlich, um den +Gegenwert zu bezahlen. Wir kommen also zu der Rechnung, +dass drei Millionen Deutsche gegenwärtig Jahr für +Jahr zu arbeiten haben, um denjenigen Stand einigermassen +wiederherzustellen, der uns vor dem Kriege ohne +diese Arbeit beschieden war. Es wird also gleichsam +von drei Millionen Menschen die Arbeit kompensationslos +verzehrt; das bedeutet freilich einen Zustand von starker +Beschäftigung des Landes, aber nicht von produktiver +Beschäftigung.</p> + +<p>Einen vierten Irrtum hat Herr Stresemann erwähnt, auf +den ich mit wenigen Worten ergänzend eingehen möchte. +Es wird uns vom Auslande entgegengehalten: eure Industrie +ist blühend; eure Gesellschaften zahlen hohe +Dividenden; sie emittieren neues Kapital; sie schaffen +also grosse neue innere Werte. Auch dieser Schluss ist +falsch. Denn wenn wir das Beispiel einer Gesellschaft +von 100 Millionen Aktienkapital nehmen und annehmen, +dass diese Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, +so hat sie auf die Goldwerte ihres Aktienkapitals nicht +mehr als ¼ Prozent gezahlt. Es bleibt dabei aber unberücksichtigt, +dass sie mindestens, um ihren Stand an +Maschinen und Einrichtungen aufrechtzuerhalten, eine +jährliche Rücklage in Gold machen müsste, die, auf Papier +umgerechnet, ein Vielfaches des Aktienkapitals ausmacht. +Wenn also eine solche Gesellschaft selbst 20 +Prozent Dividende zahlt, so fehlen ihr jedes Jahr vielleicht +200, vielleicht 300, vielleicht 500 Prozent ihres +Aktienkapitals an den notwendigsten Rückstellungen.</p> + +<p>Ich habe die volkswirtschaftlichen Trugschlüsse erwähnt, +die eine Erklärung für die Atmosphäre bilden, innerhalb +deren die Reparationsnote entstanden ist. Ich darf aber +nicht an den erheblichen gefährlichen Irrtümern vorübergehen, +die sich in der politischen Mentalität des Auslandes +abspielen. Ich nenne von diesen Irrtümern nur +zwei. Der eine lautet: Deutschland hat nichts gezahlt +und will nichts zahlen. Der andere lautet: Deutschland +hat nicht entwaffnet und will nicht entwaffnen.</p> + +<p>Meine Herren! Ich möchte Ihnen zwei Aufstellungen verlesen, +die ich gemacht habe, um diese Fragen zu beantworten. +Zunächst: Deutschland hat nichts gezahlt und<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> +will nichts zahlen. Es ist schwer, genaue Schätzungen +aufzustellen für alle diejenigen Leistungen, die Deutschland +in der Vergangenheit seit Beendigung des Krieges +hingegeben hat. Aber wenn auch die Schätzungen vielleicht +nicht auf die letzten Dezimalen genau zu sein +brauchen, so geben sie doch ein deutliches und unwiderlegliches +globales Bild von der Gesamtheit der deutschen +Leistung.</p> + +<p>Ich erwähne folgende Posten: Das deutsche liquidierte +Eigentum im Auslande hat einen Wert von 11,7 Milliarden, +die übergebene Flotte hat einen Wert von 5,7 Milliarden, +das Reichseigentum in den abgetretenen Gebieten beläuft +sich auf 6,5 Milliarden Mark, übergebenes Eisenbahn- und +Verkehrsmaterial beläuft sich auf 2 Milliarden Goldmark +(Zuruf rechts: alles Goldmark?) – alles Goldmark! – +Rücklassgüter nicht militärischen Charakters 5,8 Milliarden +Goldmark, der Verlust der deutschen Ansprüche +an seine Kriegsverbündeten beläuft sich auf 7 Milliarden +Goldmark. Der Wert der Saargruben wird von uns +auf 1,1 Milliarden Goldmark beziffert. Die Kohlenlieferungen, +die wir getätigt haben, zum Weltmarktpreis gerechnet, +belaufen sich auf 1,3 Milliarden Goldmark. Barzahlungen +für Reparationen sind bekanntlich 1,3 Milliarden +Goldmark gewesen. Eine Reihe von kleineren Posten – +kleiner, obwohl sie in die Milliarden laufen – übergehe +ich, sie betragen im ganzen 3,2 Milliarden Mark. Wir +kommen somit zu einer Gesamtsumme der deutschen +Leistungen seit Kriegsende von 45,6 Milliarden Goldmark. +– Hierbei ist der Wert der Kolonien und der reine Wirtschaftswert +der abgetretenen oberschlesischen und westpreussischen +Gebiete nicht in Ansatz gebracht. Fügt man +den nach mittleren Schätzungen hinzu, so erhöht sich +diese Summe auf weit über 100 Milliarden Goldmark.</p> + +<p>Das habe ich dem Auslande zu sagen, das durch eine +starke Propaganda heute noch immer die Meinung zu +hören bekommt, Deutschland habe nichts gezahlt und +Deutschland wolle nichts zahlen. Es ist die stärkste +Zahlungsleistung von Deutschland ausgegangen, die jemals +von einem Volke der Erde an andere Völker geleistet +worden ist.</p> + +<p>Die andere Behauptung lautet: Deutschland habe nicht +entwaffnet und wolle nicht entwaffnen. Auch hier werde +ich Ihnen eine Reihe von Zahlen geben und bitte dabei zu +bedenken, dass sich in diesen Zahlen nicht die ganze Entwaffnung<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +Deutschlands ausdrückt, dass sie nicht die gewaltige +Heeresreduktion umfassen und dass sie den Verlust +unserer Festungen nicht enthalten. Es sind unter +anderem abgeliefert worden an Gewehren und Karabinern +5,8 Millionen, an Maschinengewehren 102<span style="font-size: 60%;"> </span>000, an +Minenwerfern und Granatwerfern 28<span style="font-size: 60%;"> </span>000, an Geschützen +und Rohren 53<span style="font-size: 60%;"> </span>000, an scharfen Artilleriegeschossen und +Minen 31 Millionen, an scharfen Hand-, Gewehr- und Wurfgranaten +14 Millionen, an Zündern 56 Millionen, an Handwaffenmunition +390 Millionen und an Pulver 31<span style="font-size: 60%;"> </span>900<span style="font-size: 60%;"> </span>000 +Kilo. Demgegenüber ist die Behauptung eine vermessene, +dass Deutschland zur Abrüstung nichts getan habe. Die +deutsche Abrüstung ist eine Leistung von unerhörter +Grösse, und es ist nicht wahr, wenn man behauptet, dass +einige Waffenfunde, die in Deutschland gemacht worden +sind, an diesem Bilde irgend etwas Wesentliches ändern. +Noch in 100 Jahren wird man vermutlich irgendwo in +deutschem Boden vergrabene Waffen finden, gerade so +gut wie man heute noch römische Münzen oder longobardische +Schwerter im Boden findet. Eine 100<span style="font-size: 60%;"> </span>prozentige +Leistung auf dem Gebiet einer grossen Aktion gibt +es nicht, und wenn hier Bruchteile eines Prozentes zurückgeblieben +sein mögen, so ist kein Grund dafür, diese Tatsachen +in Form von Entdeckungen aufzubauschen. Kein +denkender Mensch in der Welt kann annehmen, dass +Deutschland mit dem, was ihm an Waffen oder an Kriegern +verblieben ist, einen Krieg führen kann. Jeder +Mensch, der heute vertraut ist mit dem technischen +Wesen eines Krieges, weiss, dass ein neuzeitlicher Krieg +nicht zu führen ist mit Resten von Waffen, dass er überhaupt +nicht zu führen ist mit vorhandenem Material, sondern +dass er nur geführt werden kann durch Umstellungen +der gesamten Industrialität eines Landes. +Diese Umstellung aber ist in Deutschland nicht möglich, +und somit sind alle Bemühungen vergeblich, die darauf +hinauslaufen, etwa den Beweis deutscher Wehrkraft dadurch +zu bringen, dass noch ein halbes oder ein viertel +Prozent der deutschen Waffen nicht abgeliefert sein +möge.</p> + +<p>Damit will ich den verborgenen Waffen aber nicht das +Wort reden. Ich halte es für tief bedauerlich, dass das +Reich in Gefahr gebracht worden ist durch solche Personen, +die Waffen versteckt haben mit irgendwelchen +unklaren und verworrenen Absichten, ohne sich deutlich<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> +zu machen, dass wir dadurch von neuem den Beschwerden +von Kommissionen und schweren politischen Verwirrungen +ausgesetzt werden. Die Reichsregierung wird +und muss alles tun, um diejenigen Verpflichtungen, die +sie übernommen hat, durchzuführen, und es soll ihr dabei +niemand in den Arm fallen.</p> + +<p>Die Abrüstung Deutschlands bezeichne ich als eine vollkommene, +und ich bezeichne sie um so mehr als eine vollkommene, +als sie stattgefunden hat in einem Europa, das +von Waffen starrt. Die beabsichtigte Abrüstung der +Welt, wozu hat sie geführt? Sie hat dazu geführt, dass +gegenwärtig in Europa nicht 3,7 Millionen Soldaten unter +Waffen stehen, wie vor dem Kriege, sondern 4,7 Millionen. +In dieser waffenstarrenden Welt kann man von einem bewaffneten +und kriegsbereiten Deutschland nicht sprechen, +wenn man ehrlich die Verhältnisse betrachtet.</p> + +<p>Aber, meine Damen und Herren, es ist doch einmal nötig +auszusprechen: wenn Deutschland diese gewaltigen +Leistungen getätigt hat, die Leistungen seiner Zahlungen +auf der einen Seite, die Leistungen seiner Entwaffnung +auf der anderen Seite, unter welchen physischen und +moralischen Verhältnissen Deutschland diese beiden +grossen Taten vollbracht hat. Halb verhungert ging das +Land aus dem schwersten aller Kriege hervor; aber +nicht nur aus dem Kriege, sondern aus einer Blockade, +die sich noch nahezu ein Jahr über Kriegsende hinaus +verlängert hatte. In diesem Zustande durchschritt das +Volk eine Revolution und eine Reihe von wirtschaftlichen +Krisen, die heute noch nicht beendet ist. Eine Geldentwertung +trat ein, die, wie es Herr Stresemann mit beweglichen +Worten ausgeführt hat, den Mittelstand zerbrach, +die eine Umschichtung der Stände herbeigeführt +hat, wie sie bedauerlicher nicht gedacht werden kann, +die Elend und Entbehrungen in alle Schichten des Volkes +und fast in jede Familie gebracht hat. Die Intelligenz +des Landes, unsere kulturellen Werte sind in schwerster +Gefahr und Bedrängnis. Der Kanzler hat geschildert, +wie es kaum mehr möglich ist, die notwendigsten Institute +der gesundheitlichen Pflege zu erhalten. Die +Wissenschaft ist in Gefahr. Tausende haben ihre Studien +unterbrechen müssen, haben sich anderen Berufen zugewandt. +Der Berufswechsel in Deutschland, die Verarmung +der geistigen Schichten hat die kulturelle Kraft +unserer Bevölkerung um Jahre zurückgeworfen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>Gleichzeitig aber hat auf dem Lande, das die Leistungen +vollbrachte, von denen ich sprach, die Leistungen der +Zahlung und der Abrüstung, ein Druck gelastet, der bis +zum heutigen Tage nicht behoben ist, der schwere Druck +des Gemütempfindens, der Schmerz um verlorene Heimat, +der Druck der Okkupationsheere im Osten und +Westen, der Druck der Sanktionen, die uns drei Städte +im Frieden entrissen haben, der Druck der Kommissionen, +die im Lande herumreisen und in alle unsere Verhältnisse +eingreifen. Dieser schwere Druck hat auf dem Volke gelastet +neben dem wirtschaftlichen und neben dem sozialen, +während es diejenigen Leistungen vollbrachte, die +ich erwähnt habe. Ich glaube nicht, dass es ungerecht +ist, zu fragen, ob je ein Volk in geschichtlichen Zeiten +im Frieden einer härteren Probe unterworfen worden ist. +Wie aber hat sich Deutschland den Verhältnissen gegenüber +selbst verhalten? In dieser Zeit der schwersten +Not, der schwersten Sorge, der stärksten moralischen +und physischen Anspannung ist Deutschland dasjenige +Land gewesen, das Europas Zivilisation erhalten hat; +denn hätte Deutschland in dieser Zeit den Willen zur +Ordnung und Disziplin sinken lassen, hätte sich Deutschland +in dieser Zeit in Umsturz gleiten lassen, so wäre +für die europäische Zivilisation eine Rettung nicht mehr +erwachsen. Wir verlangen für das, was wir geleistet +haben, von aussen keine Anerkennung und keinen Dank; +aber wir dürfen erwarten und verlangen, dass sich die +Welt endlich entschliesst, die deutschen Verhältnisse so +zu sehen, wie sie sind. Es ist nötig, dass in die fremden +Länder diejenigen Stimmen hineindringen – und deshalb +darf ich auch die meine erheben –, die behaupten und +beweisen, dass die Leistungen Deutschlands die Achtung +der Welt verdienen.</p> + +<p>Da, wo unser schwerstes Unglück liegt, entspringen aber, +wie ich glaube, auch die Quellen unserer Hoffnung, die +leider heute noch spärlich fliessen. Denn, sind diese +Dinge wahr, die ich ausgesprochen habe, und sie sind es, +so haben sie die Unaufhaltsamkeit der Wahrheit. Die +Wahrheit ist ein Strom, der sich nicht in Flaschen versiegeln +lässt. Es ist zweifellos, dass man die Wahrheit +lange Zeit unterdrücken kann; aber schliesslich macht +sie ihren Weg um die Erde, und wenn die Wahrheit den +Weg um die Erde antritt, dann ist auch für uns der +Augenblick des Friedens gekommen, den wir ersehnen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>Ich kehre zur Reparationsnote zurück. Ihre Beantwortung +hat der Kanzler gestern deutlich umschrieben. +Er hat ausgesprochen, dass die Tür der Verhandlungen +nicht geschlossen ist; denn dieser Verhandlungen bedürfen +wir schon deswegen, um zurückzukommen auf diejenigen +Goldleistungen, die von der Reparationskommission +in Aussicht genommen worden sind. Wir haben +die Absicht, der Reparationskommission zu sagen, dass +unter den heutigen Verhältnissen der Geldentwertung +wir einen anderen Zahlungsplan für 1922 erwarten. Richtlinien +für die Verhandlungen mit der Reparationskommission +aber bleiben die beiden vom Kanzler ausgesprochenen: +ein Neubau unseres Steuerkompromisses +ist nicht möglich und ebensowenig möglich ist ein Eingriff +in unsere Staats- und Finanzhoheit.</p> + +<p>Herr Stresemann hat die Mahnung ausgesprochen, an die +ich mich zu halten beabsichtige, nicht auf diejenigen +Punkte zurückzugreifen, die in der Vergangenheit die +Auffassungen innerhalb dieses Hauses getrennt haben. Es +sind gestern schwere Vorwürfe gegen die vergangene +Politik des Kabinetts erhoben worden. Ich gehe darauf +nicht ein, weil auch ich den Wunsch habe, dass wir gemeinschaftlich +an der Zukunft und nicht getrennt an der +Vergangenheit arbeiten. Aber eins möchte ich nicht ungesagt +lassen: Ich glaube, dass das Kabinett es für sich +beanspruchen darf, dass es ihm möglich gewesen ist, im +Jahre der stärksten Gefahr die Einheit und Unversehrtheit +des Reichs zu erhalten, und ich behaupte, dass mit +keiner anderen Politik die Unversehrtheit und Einheit +des Reiches gewahrt worden wäre.</p> + +<p>Die Politik, die wir zu führen beabsichtigen, ist die Politik +des Friedens. Wir führen sie in der freien Ueberzeugung +und in dem Glauben an unsere gute und gerechte +Sache.</p> + +<p>Wir wollen die Erfüllung, soweit sie im Rahmen der +Möglichkeit liegt, nicht als Selbstzweck, sondern als Weg +zum Frieden. Wir wollen den Wiederaufbau der zerstörten +Gebiete als Weg zum Frieden, und wir wollen +nach Kräften beitragen zur Entbürdung und zum Wiederaufbau +der Welt.</p> + +<p>Freilich, vom wahren Frieden sind wir noch weit entfernt. +Noch immer herrscht ein tiefes Misstrauen +zwischen den Völkern, gesteigert oftmals bis zur Feindseligkeit +des Wortes und der Handlung. An Stelle gemeinschaftlicher<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +Arbeit verkettet den Erdkreis ein Ring +gemeinschaftlicher Verschuldung. Europa starrt von +Waffen, und es findet sich nicht der Staatsmann und +nicht die Nation, die sich zum befreienden Gedanken und +zur befreienden Tat aufrafft. Nach dreijährigem Frieden +ist unser eigenes Land noch immer friedlos, zum Teil +militärisch besetzt, zum Teil militärisch kontrolliert.</p> + +<p>Kann nun Genua dieser friedlosen Welt den ersehnten +Frieden bringen? – Amerika hat die Beteiligung an Genua +abgelehnt mit der Begründung, Genua sei eine politische +Konferenz; Hauptfragen der wirtschaftlichen Probleme +werden in Genua nicht behandelt, und somit bleiben wir +fern. In Boulogne ist nochmals bekräftigt worden, dass +die Probleme der Reparation, der Grundlagen des Versailler +Friedens, nicht der Beschlussfassung unterliegen +sollen. Dennoch hat der Kanzler gestern in seiner Rede +die hoffnungsvollere Seite von Genua erwähnt. Ich +stimme seinen Ausführungen bei und will das von ihm +selbst beschränkte Mass von Hoffnungen nicht herunterstimmen. +Dennoch werden wir unsere Stellung zu Genua +erneut zu prüfen haben. Wir müssen erwägen, mit +welchen Gedanken, aber auch mit welchen Gefühlen wir +uns einer Konferenz nähern, auf der das Schicksal und +der Aufbau einer Welt behandelt werden soll, aber nicht +der unseren, nicht unser Aufbau und nicht unser Schicksal. +Lässt sich eine Brücke finden, – gut! Lässt sie +sich nicht finden, so wird Genua das Schicksal von vielen +anderen Konferenzen teilen.</p> + +<p>In diesem Zusammenhang ein Wort in Anknüpfung an +die Ausführungen des Herrn Stresemann über Russland. +Zweifellos wird Genua für Russland manches Wesentliche +bringen, und ich will nicht einen Augenblick die +Auffassung der Kabinettsregierung unausgesprochen +lassen, die dahin geht, dass wir nach Ausmass unserer +Kräfte uns aufrichtig bemühen werden, am Wiederaufbau +Russlands mitzuwirken. Dabei ist der Weg von Syndikaten +nicht der entscheidende, Syndikate können nützlich +sein, und von solchen Syndikaten sollten wir uns +nicht ausschliessen. Dagegen wird das Wesentliche +unserer Aufbauarbeit zwischen uns und Russland selbst +zu besprechen sein. Solche Besprechungen haben stattgefunden +und finden weiter statt, und ich werde sie mit +allen Mitteln fördern. Es ist kein Gedanke daran, dass +Deutschland etwa die Absicht hätte, Russland gegenüber<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +die Rolle des kapitallüsternen Kolonisten zu spielen. Ich +freue mich ganz besonders, dass von seiten des Herrn +Stresemann und seiner Freunde heute eine solche Stellung +Russland gegenüber gewünscht wird, denn ich erinnere +mich an eine Periode, in der ich mit meiner Auffassung +über die Notwendigkeit, Russland zu Hilfe zu +kommen, bei dieser Seite keine Gegenliebe gefunden +habe.</p> + +<p>Soll, meine Herren, aus dem Chaos der Welt ein Ausweg +gefunden werden, so ist es nötig, den Rahmen weiter +zu spannen, als es durch die Note der Reparationskommission +geschehen ist. Es ist schlechterdings nicht möglich, +dass eine niedergebrochene Welt aufgerichtet werde +lediglich durch die Arbeit eines einzigen Landes, auch +wenn dieses Land noch so gutwillig an diesem Aufbau +mitzuwirken gewillt ist. Alle Nationen der Erde, nicht +nur die ehemaligen Kämpfer, müssen erkennen, dass sie +sämtlich am Aufbau der Welt in gleichem Masse interessiert +sind. Sie müssen erkennen, dass sie einander +wechselseitig bedürfen als Produzenten und als Käufer, +sie müssen erkennen, dass sie alle die gleichen Rohstoffe +dieser Erde nötig haben. Sie müssen sich vereinigen zu +einer Sanierungsaktion der Welt, von der sich niemand +ausschliessen darf, der aus den Vorräten der Welt schöpft. +Deutschland aber bedarf, um im Kreise der Völker die +ihm gestellte Aufgabe des Aufbaus zu erfüllen, einer +Atempause, die nur durch äussere Anleihen beschafft +werden kann. Um aber sein Verhältnis zu seinen Gläubigern +zu regeln, und zwar zu regeln in loyaler und ehrlicher +Weise, muss Deutschland das Recht haben, sich mit +seinen Gläubigern an einen Tisch zu setzen. Das bedeutet +keine Uebergehung der Reparationskommission, +die immer noch genügend Aufgaben zu erfüllen haben +wird. Es kann aber dem Schuldner nicht verwehrt werden +und ist ihm zu keiner Zeit verwehrt worden, sich +mit seinen Gläubigern zusammenzusetzen und mit ihnen +diejenigen Mittel zu beraten, wie wechselseitig das Verhältnis +geregelt werden kann, nicht nur auf dem Gebiet +des Geldes, sondern auf allen Gebieten, die Gläubiger +und Schuldner gemeinschaftlich berühren.</p> + +<p>Ich kann es verstehen, dass man sich formal auf den +Standpunkt gestellt hat, das deutsche Reparationsverhältnis +kann in Genua nicht verhandelt werden, weil dort +40 Nationen vertreten sind, die, nur zum Teil an Reparationsfragen<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span> +beteiligt, nicht beschliessen können, wie +Deutschlands Verhältnis zu seinen Gläubigern sich gestalten +soll. Ich sage, ich kann es formal verstehen; +sachlich hätte ich eine andere Lösung gewünscht. Aber +wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, dass Genua +für diese Kernfrage der gesamten Weltwirtschaft unzuständig +ist, so ist es umsomehr notwendig, dass eine Regelung +zwischen Deutschland und seinen Gläubigern +durch gemeinschaftliche Verhandlungen gefunden wird. +Es ist gestern in der Debatte Erwähnung Amerikas geschehen. +Ich halte es für falsch, auf ein einzelnes Land, +sei es das stärkste und edelste der Welt, alle Hoffnung +zu setzen. Es entspricht der Gewohnheit verzweifelter +Schuldner, alle Hoffnung an einen einzigen Anker zu +hängen. In der Regel werden solche Hoffnungen getäuscht. +Ich kenne sehr wohl die Abneigung Amerikas, +sich auf die wirtschaftlichen Verhältnisse Europas einzulassen. +In erster Linie ist es eine schwere Europamüdigkeit, +die Amerika befallen hat nach den Erfahrungen +des Krieges und nach den Erfahrungen des beginnenden +Friedens. Wer das Tun und Treiben in Europa mit unbeteiligten +Augen überblickt, dem liegt es freilich nahe +– und man kann es ihm nicht verdenken –, wenn er +die Augen abwendet.</p> + +<p>Ein anderes Motiv Amerikas, sich nicht einzumischen, +besteht darin, dass die Auffassung in volkswirtschaftlichen +amerikanischen Kreisen herrscht, die amerikanische +Ausfuhr bedeute nur einen kleinen Bruchteil, man spricht +von 7 Prozent, der amerikanischen Produktion. Diese +Zahl hält der Nachprüfung nicht stand, und ich glaube, +dass man in kurzer Zeit in Amerika erkennen wird, dass +der Prozentsatz der Ausfuhr im Verhältnis zur Produktion +ein ganz bedeutend grösserer ist. Ich schätze das +Verhältnis der Ausfuhr zur amerikanischen Fertigproduktion +auf mindestens 20 bis 25 Prozent. Auf eine solche +Ausfuhr aber wird Amerika auf die Dauer nicht leicht +verzichten.</p> + +<p>Plausibel für die amerikanische Nichteinmischung ist +aber noch ein dritter Grund. Amerika sagt: warum +sollen wir unser Geld Europa zur Verfügung stellen, +einem Kontinent, der es nur für seine Rüstungszwecke +verbraucht? Das ist ein Einwand, den man verstehen +kann. Aber ich glaube, Amerika wird empfinden, dass +man einem Ertrinkenden keine Bedingungen stellt. Es<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +ist nicht möglich, zu warten, bis der Geist des Friedens +in Europa durchgedrungen ist, um Europa zu helfen.</p> + +<p>Am 1. April wird der künftige amerikanische Botschafter +Houghton sich zu Schiff begeben, um nach Deutschland +zu kommen und hier seinen Posten zu übernehmen. Ich +rufe ihm ein Willkommen entgegen und hoffe, dass seine +Mission in Deutschland für beide Länder fruchtbringend +sein wird. Wir selbst haben einen der stärksten Leiter +unseres Wirtschaftslebens, Geheimrat Wiedfeldt, bestimmt, +uns in Washington zu vertreten. Ich glaube, +dass diese Wahl von Amerika gut aufgenommen werden +wird. Denn Amerika wünschte sich einen starken Mann +der Wirtschaft, und ich hoffe, dass Herr Wiedfeldt +drüben ein gesegnetes Feld seiner Tätigkeit finden wird. +Noch nie hat eine Nation so unentrinnbar das Schicksal +eines Kontinents in der Hand gehalten wie Amerika im +gegenwärtigen Augenblick. Eine gewaltige Verantwortung +ist mit dieser Machtstellung verbunden, zu der +diejenige des Krieges hinzutritt, den Amerika entschieden +hat, und des Friedens, den es gleichfalls bestimmte. Wir +dürfen hoffen, dass Amerika, das wir nicht lediglich als +ein Land materieller Interessen ansehen dürfen, sondern +von dem wir anerkennen müssen, dass es ein Land mit +starken moralischen Impulsen ist, sich einer Beratung, +die sich mit der endgültigen Regelung der deutschen +Schuldverhältnisse befasst, nicht entziehen wird.</p> + +<p>Der Osten Europas ist niedergebrochen; das unglücklichste +aller Länder, Oesterreich, dem wir heute die herzlichste +brüderliche Teilnahme entgegenbringen, ist diesem +Niederbruch leider gefolgt. Deutschland ringt mit allen +seinen Kräften um seine Existenz, es ringt mit den Kräften +seines Willens und seiner Arbeit und kämpft gegen +seinen Niederbruch an. Der Niederbruch Deutschlands +aber ist der Niederbruch Europas. Deutschland verlangt +von niemand in der Welt Mitleid, aber Deutschland verlangt +die Einsicht der Nationen in die Einheit und in die +Verflochtenheit der Weltinteressen. Deutschland verlangt +von den Nationen der Welt die Möglichkeit der +Aufstellung eines Arbeitsplanes und die Möglichkeit einer +Mitwirkung zu gemeinsamem Wiederaufbau. Eine solche +Mitwirkung aber lässt sich nicht durch Diktate erzwingen, +sie lässt sich nur durch ein freiwilliges, ehrliches, gutgewolltes +Zusammenarbeiten der Nationen erreichen, von +denen es keine gibt, die heute nicht der Hilfe bedürfte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>Wir aber, die wir gemeinsam mit Ihnen und in Ihrem +Auftrag die Verantwortung für die Politik des Reichs +tragen, wir kämpfen für dreierlei. Wir kämpfen für die +Existenz des Volkes, wir kämpfen für die Unversehrtheit +und Einheit des Reichs, wir kämpfen für den Frieden +und für den Aufbau. Dieses Ziel ist uns allen gemeinsam. +Es gibt nicht eine Seele in diesem Hause, die sich +davon ausschliesst. Deshalb lassen Sie uns auch dieses +Ziel in Einigkeit verfolgen!</p> + +<hr class="endchapter" /> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span><a name="Genua" id="Genua"></a>REDE<br /> +VOR DER VOLLVERSAMMLUNG<br /> +DER GENUESER KONFERENZ<br /> +VOM 19. MAI 1922</h2> + +<hr class="newchapter" /> + + +<p><span class="dropcap">D</span>er Abschluss der provisorischen Arbeiten der Konferenz +gestattet uns einen Ueberblick über die welthistorischen +Leistungen der Konferenz, die erst in den +kommenden Jahren mehr und mehr hervortreten werden +und für die Europa der Genueser Konferenz Dank schuldet. +Es wäre ein unberechtigter Optimismus, zu hoffen, +dass durch den Abschluss dieser Arbeiten die Weltkrise +sofort eine merkliche Linderung erfährt. Eine solche +Besserung der allgemeinen Weltlage wird erst dann eintreten, +wenn eine Reihe von Prinzipien erfüllt sind, die +in den Beratungen der Kommission mit immer wachsender +Deutlichkeit hervortraten, wenn sie vielleicht auch +nicht ihren vollen Ausdruck in den niedergelegten Leitsätzen +gefunden haben.</p> + +<p>Indem ich mich an die der Konferenz gezogenen Grenzen +auf das strikteste halten werde, will ich versuchen, die +vier grossen und unausgesprochenen Wahrheiten darzulegen, +die mir aus den Beratungen hervorzugehen +scheinen und die, wie ich glaube, unbedingte Voraussetzungen +für eine Gesundung der Weltwirtschaft bilden. +Die erste dieser Wahrheiten lautet: Die gesamte Verschuldung +der Länder ist zu gross im Verhältnis zu ihrer +Produktionskraft.</p> + +<p>Alle hauptsächlichen Wirtschaftsländer sind in einen Verschuldungskreis +hineingezogen, der die meisten gleichzeitig +zu Gläubigern und Schuldnern macht. Durch ihre +Eigenschaft als Gläubiger wissen die Staaten nicht, wieviel +sie von ihrem Guthaben erhalten werden, in ihrer +Eigenschaft als Schuldner wissen sie nicht, wieviel sie +zahlen können und müssen.</p> + +<p>Ueberhaupt kann kein Staat einen wirklichen Haushalt +aufstellen, kein Staat kann es wagen, sich in grosse umfangreiche<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +Neueinrichtungen einzulassen, die seine Wirtschaft +verbessern und die dem Geldmarkt neue Nahrung +geben. Kein Staat kann auf eine gesicherte Stabilisierung +seiner Zahlungsbilanz und damit auf seine Wechselkurse +vertrauen, mit Ausnahme jenes einen grossen Reiches, +das niemandem schuldet und Gläubiger aller ist, nämlich +Amerika, ohne dessen Beteiligung der Wiederaufbau +Europas unmöglich wird. Vor allem aber können den +überschuldeten Ländern neue Mittel, deren sie bedürfen, +nicht zugeführt werden, denn die Ueberschuldung liegt +vor aller Augen zutage, und so wenig ein freier Gläubiger +bereit sein kann, Devisen zur Verfügung zu stellen, so +wenig darf ein überlasteter Schuldner es wagen, sie anzunehmen.</p> + +<p>Auch in früheren Zeiten waren die Staaten untereinander +verschuldet, aber diese Schuld stand in einem Verhältnis +zur Produktionskraft und entsprach überdies werbenden +Anlagen. Die heutige Verschuldung beläuft sich auf +mehr, als die Staaten in Jahrzehnten ersparen und abzahlen +können. Sie ist somit eine finanzielle Realität. +Eine wirtschaftliche Realität aber ist ihnen so fern, als +sie den Produktionsprozess der Welt hemmt.</p> + +<p>Es bleibt somit nur derjenige Weg übrig, der von einzelnen +Wirtschaftsobjekten stets beschritten wurde, wenn +ihre Verschuldung die Produktionskraft überstieg, nämlich +der Weg der Sanierung und des Schuldabbaues.</p> + +<p>Die zweite der ausgesprochenen Genueser Wahrheiten +scheint mir zu liegen in dem Satz, dass kein Gläubiger +seine Schuldner am Bezahlen der Schulden hindern sollte. +Wenn ein einzelnes Individuum einem anderen Geld +schuldet, so kann verlangt werden, daß zur Auszahlung +eine vereinbarte Münze verwendet wird, und es ist Sache +des Schuldners, solche Münzen sich zu verschaffen, wie sie +am Markte in jeglichem Umfange stets erhältlich sind. Ein +Land kann einem anderen auf die Dauer seine Schulden +nur in Gold bezahlen und, wenn es Gold nicht produziert +oder nicht in grösserem Umfange besitzt, in Gütern.</p> + +<p>Eine Zahlung in Gütern aber ist dann nur möglich, wenn +der Gläubiger sie gestattet. Verbietet er sie, so tritt +Zahlungsunfähigkeit ein, und erschwert er sie durch Zölle +oder durch andere hindernde Massnahmen, so wird der +Betrag der Schuld willkürlich vermehrt; denn wenn um +so viel mehr Waren geliefert werden, als erforderlich ist,<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +um die auferlegten Lasten zu bezahlen, dann wird das +Zahlungsmittel entwertet und somit die Schuldsumme erhöht.</p> + +<p>Es sollte somit jedes Land, das Zahlungen zu empfangen +wünscht, seinen Schuldnern solche Erleichterungen der +Einfuhr gewähren, die es ihm ermöglichen, den verschuldeten +Betrag ohne unwillkürliche Erhöhung zu +leisten.</p> + +<p>Die dritte der Wahrheiten ist vielleicht am deutlichsten +zum Ausdruck gekommen und ausgesprochen in dem +Satz, dass die Weltwirtschaft erst dann wieder hergestellt +werden kann, wenn ein imponderabiler Wert wieder gewonnen +ist, nämlich das wechselseitige Vertrauen. Dieses +Vertrauen kann aber nur wiederkehren, wenn die Welt +im wahren Frieden lebt.</p> + +<p>Der heutige Zustand der Welt ist nicht Frieden, sondern +ein Zustand, der dem Kriege ähnlich ist, jedenfalls ist es +kein vollkommener Friede. Leider ist in den einzelnen +Ländern die öffentliche Meinung noch nicht demobilisiert. +Die Ueberreste der Kriegspropaganda zirkulieren noch +immer und belasten die Atmosphäre. Jeder, der seine +Mittel und seine Arbeit einem Lande anvertraut, hat daher +mit der Gefahr zu rechnen, dass dieses Land binnen +kurzem durch Verhältnisse höherer Gewalt, die nicht in +Naturereignissen, sondern in politischen Ereignissen +liegen, gefährdet und verwandelt werden kann. Vor +allem ist die Erkenntnis nicht gesichert, dass ein Schuldner, +zumal wenn er verarmt ist, der Schonung bedarf, +und dass er unfähig wird, zu leisten, wenn ihn die Mächte +seiner Möglichkeiten, namentlich seines Kredits, berauben. +Dass dies tatsächlich die Imponderabilien sind, die den +ehemals so grossen Austausch des Produktions- und Konsumptionsverkehrs +hemmen, geht aus der Tatsache hervor, +dass die Produktionsmittel der Welt nahezu vollkommen +erhalten sind. Selbst wenn man alle tief bedauerlichen +Zerstörungen des Krieges und vor allem der +Nachkriegszeit in Rechnung zieht, darf man annehmen, +dass im gesamten Produktions- und Verkehrsapparat +selbst mehr als 90 Prozent erhalten sind. Die gewaltigen +und tief beklagenswerten Zerstörungen innerhalb des +russischen Reiches greifen in den Welthandel nur mit +etwa 3 Prozent ein.</p> + +<p>Trotz der grossen Menschenverluste des Krieges sind +aber die menschlichen Produktionskräfte fast vollständig<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +erhalten, denn sie haben sich in starkem Umfange ergänzt. +Wenn somit die Geldmaschinerie nicht arbeitet, +obgleich sowohl ihre Substanz wie ihre Triebkräfte fast +vollständig erhalten sind, wenn auf der einen Seite Millionen +von Händen feiern, auf der anderen Seite Millionen +von Menschen hungern, wenn auf der einen Seite unzählige +Gütermengen unverkäuflich sich aufstapeln, auf +der anderen Seite an den gleichen Gütern der schwerste +Mangel besteht, so liegt das daran, dass die wechselseitige +Verschuldung als psychologisches Moment wirkt. +Als weitere psychologische Momente sind der mangelnde +Friedenszustand und das mangelnde Weltvertrauen bestimmend.</p> + +<p>Wenn man sich nun fragt, ob es denn wirklich kein Mittel +gibt, die erschlafften Kräfte des Weltaustausches neu zu +beleben, die Maschinerie der Weltproduktion von neuem +in Bewegung zu setzen, so ergibt sich die vierte der unausgesprochenen +Thesen, nämlich die, dass nicht durch +irgend einen oder zwei Käufer, sondern durch das Zusammenwirken +aller in den ökonomischen und Weltproblemen +neue Bewegung zugeführt werden kann.</p> + +<p>Wie sollte auch nach einem Zerstörungswerk sondergleichen +die Welt geheilt werden, wenn nicht sämtliche +Länder der Erde sich dazu entschliessen, gemeinschaftlich +Abhilfe zu bringen. Durch ein universelles Opfer +der Welt und der leidenden Menschheit kann nur eine +leidende Welt geheilt werden. Niemals ist ein Wiederaufbau +anders gelungen als durch Aufwendung gewaltsamer +neuer Mittel. Solche Mittel werden nicht aufgebracht +werden, solange ein jedes Glied der Weltwirtschaft +mit wenigen Ausnahmen überschuldet ist. Das +erste Opfer wird somit in dem allgemeinen Abbau des +Verschuldungskreises zu suchen sein. Das weitere Opfer +besteht in der gemeinsamen Aufbringung grosser neuer +Mittel für den Wiederaufbau, sei es auf dem Wege allgemeiner +und wechselseitiger Kredite, sei es auf anderen +Wegen, deren Erörterung zu weit führen würde. Dass +die Genueser Konferenz zur Erörterung dieser Fragen +geführt hat, ist eine Tatsache, die in der Geschichte +Europas unvergessen bleiben wird.</p> + +<p>Ein weiteres historisches Ergebnis der Konferenz erblickt +die deutsche Delegation in der Annäherung des grossen, +schwerbedrängten russischen Volkes an den Kreis der +besten Nationen. Durch manche Aussprachen hat<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +Deutschland sich bemüht, zu einer Annäherung der +beiderseitigen Gesichtspunkte beizutragen. Deutschland +hofft, durch die Fortsetzung der beiderseitigen Besprechungen +das Werk des Friedens zwischen Ost und West +zu fördern.</p> + +<p>Für den Schutz, den Italien diesem Werk des allgemeinen +Friedens gewährt hat, schuldet die Welt dieser hochherzigen +Nation und ihren Führern den tiefsten Dank. +Die Geschichte Italiens ist älter als die der meisten +europäischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr +als einmal grosse Weltbewegungen entstanden. Abermals +und hoffentlich nicht vergebens haben die Völker +der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in der +tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck +verliehen hat: Io vò gridando Pace, Pace, Pace!</p> + +<hr class="endchapter" /> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span><a name="Anhang" id="Anhang"></a>ANHANG</h2> + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>[Blank Page]</p> --> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span><a name="Stuttgart" id="Stuttgart"></a>REDE, GEHALTEN AM 9. JUNI 1922<br /> +IN STUTTGART, VOR EINEM<br /> +GELADENEN KREIS<br /> +ALLER PARTEIEN</h2> + +<hr class="newchapter" /> + + +<p><span class="dropcap">D</span>er Herr Reichskanzler hat mit seinen beredten +Worten den Kreis eines Jahres vor Ihnen entrollt. Er +hat seine Ausführungen begonnen mit der Schilderung der +Lage, in der sich unser Volk an den Tagen der Ultimaten +des letzten Jahres befand. Uns allen ist in Erinnerung die +Härte der Worte, die damals gesprochen wurden, der unbelehrbare +wirtschaftliche Aberglaube, der aus diesen +Worten sprach. Wir alle haben uns damals gefragt, wie +ist es möglich, von einem Volk zu verlangen, dass es +132 Milliarden als Kriegsentschädigung hingibt, mehr als +die Hälfte seines ganzen Vermögens, eine Zahlungsleistung +in Gold, das dieses Land nicht besitzt? Ist es +möglich, dass jemals Vernunft über den Erdball kommt +und den Irrsinn dieser Gedanken zerstört? Wie lange +wird es dauern, werden Jahre oder Jahrzehnte vergehen +bis zu dem Augenblick, wo die Erde einsieht, dass es unmöglich +ist, diese Forderungen zu erfüllen, auch wenn +Deutschland noch so gutwillig sich der Konvention der +Historie fügt, die besagt, dass der Besiegte zahlt. Nur +schrittweise konnte die Vernunft ihren Weg nehmen; kein +Weg ist so lang, als der Weg der Vernunft und der Weg +der Wahrheit. Diesen Weg eines Jahres – denn ein +Jahr hat es gedauert, bis die Welt vor einer veränderten +Einsicht stand –, diesen Weg eines Jahres lassen Sie uns +in kurzen Abschnitten in Eile noch einmal durchlaufen. +Der erste abergläubische Gedanke im Augenblick der +Unterzeichnung jenes unglücklichen Ultimatums, der Gedanke +der ehemaligen Gegner war: Zahlungen können +in beliebiger Höhe von einem Land in Gold geleistet +werden, das kein Gold erzeugt, und das kein Gold besitzt. +Es bedurfte der Arbeit von Monaten, die von Verhandlung +zu Verhandlung geschritten ist, – der Name der +Stadt Wiesbaden ist mit diesen Verhandlungen verknüpft, +– um zu erkennen, dass, wenn Leistungen erheblichen +Umfanges von einem Land an ein anderes bewirkt werden<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span> +sollen, nicht Gold das Zahlungsmittel sein kann, sondern +nur das Gut, die Ware. Der belehrende Charakter dieser +Verhandlungen war von Bedeutung. Noch heute sind die +Verträge, die damals unterzeichnet wurden, nicht +ratifiziert. Bis heute haben sie keine Wirkung gehabt +auf wirtschaftlichem Gebiet, aber ihre Wirkung auf dem +Gebiet wirtschaftlicher Einsicht war von hohem Wert. +Ein Volk kann, wenn es sein muss, für ein anderes, für +einen Kontinent arbeiten, aber es kann nicht mit dem +alchimistischen Zaubermittel des Steins der Weisen Gold +aus Nichts schaffen.</p> + +<p>Die Erkenntnis ging weiter. Im Herbst, als ich aus dem +Wiederaufbauministerium ausgeschieden war, benutzte +ich die Zeit der Freiheit, um nach England zu gehen, dort +die Stimmung zu erkunden und, soweit es dem einzelnen +möglich ist, dieser Stimmung Aufklärungen zuzuführen, +die wünschenswert erschienen. Damals war in +England eine Auffassung im Aufdämmern, die einen Fortschritt +wirtschaftlicher Erkenntnis bedeutete. Man hatte +begriffen, dass, wenn ein Land im Uebermass unter +Zwang, unter erschwerten Bedingungen Arbeit leistet für +einen Kontinent, eine Arbeit, die man kaum zu hart mit dem +Ausdruck der Gefängnisarbeit bezeichnen könnte, dass +dadurch nicht allein dieses Volk geschädigt wird, sondern +mit ihm die Gemeinschaft der wirtschaftenden Völker der +Erde. Diese Erkenntnis stieg auf in demjenigen Lande, +das zuerst und zumeist vom Schaden betroffen war, nämlich +in England. Man bemerkte, dass die Zerrüttung der +Märkte dasjenige Land am schwersten schädigen musste, +das als Kaufmann, als Handwerker, als Fabrikant dieser +Märkte bedurfte, um seinen Beitrag zum Wirtschaftsleben +der Welt zu leisten. So entstand die Einsicht, dass nicht +ein einziges Land imstande sein würde, die Krankheit +eines geschlagenen Kontinents zu heilen, sondern dass +eine wirtschaftliche Verflochtenheit bestand, eine unlösbare +Einheit, und dass jedes Glied, das aus dieser Einheit +ausfällt, sei es Rußland als Konsument, sei es +Deutschland als Produzent, dass jedes fehlende Glied die +Weltgemeinschaft schädigt. Bei den Führern der englischen +Politik befestigte sich der Gedanke, eine wirtschaftliche +Weltkonferenz zusammenzuberufen.</p> + +<p>Die Beschlussfassung über die Berufung war Sache des +Obersten Rats der Alliierten. Er versammelte sich in +Cannes, und dort war es zum ersten Male den deutschen<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +Vertretern möglich, unsere Gesamtlage vor dem Areopag +der Welt zu entwickeln. In Cannes wurde es deutlich, +dass das deutsche Problem die europäische Wirtschaftslage +beherrschte, und neben diesem deutschen Problem, +in fernere Zukunft weisend, trat das russische Problem +hervor. Kaum hatte man endgültig beschlossen, die Wirtschaftskonferenz +einzuberufen, da brach die Konferenz +von Cannes ab, denn ein Regierungswechsel hatte sich in +Frankreich vollzogen, die Regierung Briands wurde durch +die Regierung Poincaré abgelöst. Monatelang zweifelte +man, ob es der auftretenden Opposition gelingen würde, +den Gedanken der Weltkonferenz zu zerstören oder zur +Unkenntlichkeit umzugestalten. Schliesslich kam sie zustande, +doch unter Erschwernissen. Denn es hatten Besprechungen +stattgefunden in Boulogne, und in diesen Besprechungen +war von England dem französischen Wunsch +stattgegeben worden, dass die Konferenz, die einberufen +war zur Heilung des Leidens des Kontinents, dass diese +Konferenz über eins nicht sprechen durfte: nämlich über +das Wesen und die Ursache dieses Leidens. Es durfte nicht +gesprochen werden über die Kernfrage, die deutsche +Frage, die Reparationsfrage. Der Herr Reichskanzler hat +es Ihnen dargelegt: strassauf, strassab in Genua war +dennoch alles erfüllt von dieser Frage. So kam es denn, +dass neben der ungelösten russischen Frage, die einer +Sachverständigenkonferenz vorbehalten werden musste, +doch eine Reihe von Erkenntnissen sich klärte, die +freilich in den Kommissionssitzungen nur andeutungsweise +besprochen werden durften. Doch gab es eine +Schlußsitzung, und in dieser konnte es den deutschen +Delegierten nicht verwehrt werden, die Kernprobleme +ans Licht zu stellen und die Nationen zu fragen: ja oder +nein. Soweit eine Konferenz, ein überfüllter Saal, ein +Welttheater, eine Antwort auf solche Fragen geben darf, +wurde sie gegeben. So lauteten etwa unsere Fragen: +Kann ein Kontinent gesunden, wenn jede Nation der andern +tief verschuldet ist? Kann eine Nation sich regen, +wenn sie gleichzeitig überlasteter Gläubiger und hoffnungsloser +Schuldner ist? Kann eine Kette von Gläubigern +und Schuldnern ein wirtschaftliches Dasein führen, +wenn am einen Ende der Kette ein grosses Reich, Amerika, +steht, das niemandem schuldet, und am anderen +Ende unser armes Land, das von niemandem etwas zu +fordern hat? Die Antwort ist: Ein solcher Kreis der<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +Weltverschuldung muss zerschnitten werden. Und in +diesem Kreis der Weltverschuldung ist das deutsche +Reparationsproblem nur ein Spezialfall der Verschuldung +von Volk zu Volk. Des weiteren konnte nicht geleugnet +werden, dass dem Schuldner, der zahlen soll, die Zahlung +nicht unmöglich gemacht werden darf. Da Zahlung nur in +Waren geleistet werden kann, so ist diejenige Politik +widersinnig, die der Ware des Schuldnerlandes den Eingang +ins Gläubigerland verschliesst, es ist widersinnig, +gleichzeitig die Mauer des Antidumping, des Prohibitivzolls, +zu erhöhen, und gleichzeitig zu verlangen, dass die +zu entrichtende Ware diese Dämme überschwemmen soll. +Auch diese Erkenntnisse tauchten in Genua auf: dass ein +Wiederaufbau der Welt, wenn man ihn ernst ins Auge +fasst, wenn der Begriff nicht zum Gemeinplatz zerfliessen +soll, dass ein solcher Wiederaufbau nur möglich ist durch +Opfer. Dass er nicht möglich ist durch das Opfer des +einen oder des anderen Volkes, sondern dass sämtliche +Völker beitragen müssen. So wie sämtliche Völker sich +durch diesen furchtbaren Krieg in Schuld begeben haben, +so müssen sämtliche Völker der Erde gemeinsam Opfer +bringen, um die Folgen dieses Krieges zu mildern. Deshalb +war es nötig, auszusprechen: nicht ein einzelnes +Volk kann Europa heilen, sondern die Völker müssen zusammentreten +und gemeinschaftlich wirken, sie müssen +sich nicht damit begnügen, die Abbürdung dieser Weltschuld +vorzunehmen, sie müssen dafür sorgen, dass neue +Mittel beschafft werden. Denn zu jedem Aufbau gehören +Mittel. Man kann nicht bauen aus Luft und Wolken. +Wer baut, braucht Materialien und muss diese Materialien +in Werten beschaffen. Werte aber freiwillig darbieten, +heisst Opfer bringen.</p> + +<p>Neben diesen wirtschaftlichen Problemen war die Atmosphäre +Genuas erfüllt von den Problemen Russlands. Die +Wiederverbindung des Ostens und Westens ist eine der +grossen Aufgaben der künftigen europäischen Politik. Es +ist nötig, dass ein Kontinent wie Russland, ein Land von +solchem Umfang, solcher Menschenzahl, solchen ungehobenen +Schätzen wieder erschlossen wird. Es ist nötig, +dass es dem wirtschaftlichen Komplex des Westens wieder +angegliedert wird. Den Mächten der Entente ist +das bisher nicht gelungen. Die Arbeit ist verschoben auf +den Haag, und wir werden im Haag nicht teilnehmen. +Wir drängen uns nicht dazu, an einer Arbeit teilzunehmen,<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +die andere für sich leisten und in anderer Art. Wir haben +unserseits einen eigenen Weg beschritten, den Weg des +reinen, freien, vergebenden Friedens. Wir haben diesen +Weg beschritten zum Zwecke des Aufbaues einer neuen +Zukunft mit einem Lande, das ebenso schwere Schicksalsschläge +erlitten hat, wie wir. Ob mit oder ohne eigene +Schuld, lasse ich dahingestellt. Mit einem solchen Land +kann man nicht abrechnen, wie mit einem schlechten +Schuldner. Man kann und soll mit ihm zusammenwirken +in dem Augenblick, wo seine Not am grössten ist. Man +hat uns den Vorwurf gemacht, wir hätten Rapallo im +unrichtigen Moment abgeschlossen. Ja gewiss, wenn an +einer Tatsache nicht zu mäkeln ist, so bleibt wenigstens +die Kritik: An sich gut, aber es hätte nicht am Montag, +sondern es hätte am Dienstag oder Mittwoch sein sollen. +Wir mussten den Vertrag abschliessen in dem Augenblick, +wo wir erkannten, dass die Westmächte unseren +berechtigten Wünschen nicht gerecht wurden, wo anderseits +die vertraglichen Bestimmungen für uns sich fügten +und anderseits der Wunsch der Gegenpartei nach Verständigung +lebendig wurde. Wir rechnen nicht in der +Politik mit Dankbarkeit. Frühere Politik, die sich vielfach +auf Dankbarkeit gegründet hat, ist stets enttäuscht +worden. Aber mit Realitäten und Tatsachen der Vergangenheit +zu rechnen, ist kein Fehler, und es ist eine +Realität, wenn eine Verbindung abgeschlossen wird von +Völkern, die sich die Hände reichen, um in Frieden und +Freundschaft zu leben.</p> + +<p>Im Haag werden wir nicht beteiligt sein. Denn wir haben +unsere Verhältnisse zum Osten geregelt. Wir werden +die Arbeit der übrigen mit aufrichtigem Wohlwollen verfolgen. +Wir werden die Tätigkeit, die wir schon in Genua +ausgeübt haben, weiterhin ausüben, die Tätigkeit der Vermittlung, +aber nur dann, wenn es gewünscht wird. Denn +wir drängen uns niemand auf. In Genua hat man es gewünscht, +und wir sind diesem Wunsch gefolgt. Wird es +im Haag nicht gewünscht, so bleiben wir abseits. Wir +wünschen von Herzen, dass die Staaten mit gutem Erfolg +vom Haag heimkehren. Wir neiden niemand eine Verbindung. +Wir wollen keine Monopole, kein Alleinrecht. Wir +wollen nichts weiter, als dass die Verbindung zwischen +Osten und Westen wiederhergestellt wird. Wir wollen, +dass die Verbindung so hergestellt wird, dass auch wir +dem östlichen Volk die Hand reichen. Wenn ich von diesem<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +Handreichen spreche, so meine ich freilich nicht, dass +wir uns einem Gedankenkreis verschreiben, der nicht der +unsere ist. Russland lebt unter einem Wirtschaftssystem, +das sich von dem unseren unterscheidet. Wir haben +dieses Wirtschaftssystem nicht zu kritisieren. Vielleicht +wird Russland es allmählich umgestalten. Wir glauben, +dass es heute in voller Umgestaltung begriffen ist. Wir +haben unseren Frieden geschlossen nicht mit einem +System, sondern mit einem Volk, und wir haben ihn geschlossen +durch die Menschen, die in diesem Augenblick +dieses Volk vertreten. Welche Wirtschaft sie betreiben, +bekümmert uns nicht. Wir werden ihnen, soweit wir +können, und soweit sie es wünschen, wirtschaftlich zur +Seite stehen, mit wirtschaftlicher Initiative, mit Erfahrung +und Kenntnis des Landes, mit den organisatorischen +Fähigkeiten des deutschen Wirtschaftsmanns, mit den Einsichten +des deutschen Gelehrten. Wir werden uns ihnen +weder verschliessen, noch aufdrängen, sondern wir werden +sie nach ihrer Fasson selig werden lassen. Wir +hoffen aufrichtig, dass sie sich zu einem Wirtschaftssystem +fügen, das sich mit dem europäischen Wirtschaftssystem +ergänzt. Wir selbst nehmen darauf einen +Einfluss nicht.</p> + +<p>Das ist die Etappe von Genua. Die Etappe vom Haag +liegt in der Zukunft. Nun noch ein Wort von derjenigen +Etappe, die sich in diesem Augenblick abspielt: Die +Etappe Paris. Die reifende Einsicht des Jahres 1921 +haben wir überblickt. Es ist die Einsicht, die unter Politikern +entstand. Zum erstenmal treten nunmehr in Paris +Wirtschaftsmänner zusammen, Bankiers aus den europäischen +und amerikanischen Staaten, und beraten über +Dinge materieller Ordnung. Diese Dinge sind auf der +einen Seite die Kreditwürdigkeit unseres Landes, auf der +anderen Seite die Durchführbarkeit von Verträgen, auf +der dritten Seite die Möglichkeit der Unterbringung von +Anleihen. Eine Spannung hält die Welt in Atem: Welche +Entscheidung wird getroffen werden? Ich glaube nicht, +dass diese Entscheidung das Wesentliche ist. Mag es +eine grosse oder eine kleine, oder mag es gar keine Anleihe +sein. Gleichviel! Der Schritt, den dieses Komitee +getan hat, kann nicht rückgängig gemacht werden. +Dieser Schritt aber ist der bedeutendste in der wirtschaftlichen +Einsicht der Welt seit 1½ Jahren, denn er +führt zu der Tatsache: Dasjenige, was im Londoner<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +Ultimatum festgesetzt ist, ist undurchführbar, und damit +ist der Kreis der Erkenntnis geschlossen. Damit hat das +Experiment dieser schwierigsten aller europäischen Fragen, +dieses gefahrvollste und tragischste Experiment +seinen intellektuellen Abschluss gefunden. Auf die Frage +des Ultimatums von 1921 erfolgt die Antwort der Kommission +von 1922. Die Frage lautet: Sind 132 Milliarden +von Deutschland erhältlich? und die Antwort lautet: Nein. +Ob nun diese Antwort sich besiegelt durch das praktische +Mittel der oder jener Massnahme, der oder jener Anleihe +scheint mir nicht entscheidend. In wenigen Tagen +werden wir wissen, ob nun das praktische Resultat sich +anschliesst dem Resultat der Erkenntnis. Das Resultat +der Erkenntnis aber ist das entscheidende.</p> + +<p>Ueberblicken wir den Lauf dieses Jahres, vergegenwärtigen +wir uns, wie auf die grosse Frage des Ultimatums +immer klarer und deutlicher die negative Antwort emporwächst, +so dürfen wir auf der anderen Seite die Kritik +unseres Landes nicht unberücksichtigt lassen. Man ist +nicht milde umgegangen mit unserer Politik dieses Jahres; +der Herr Reichskanzler kann manches davon erzählen, und +jeder einzelne von uns. Wir sind einer jeden Kritik zugänglich, +die uns sagt, nicht so müsst ihr es machen, sondern +anders. Aber niemand wird dem Staatsmann helfen +und dem Lande nützen durch eine Kritik, die lediglich +sagt, ganz anders hättet ihr es machen müssen, aber wie, +das bleibt unser Geheimnis. Häufig ist uns gesagt worden: +Politik des Widerstandes! Der bedeutendste und +erfolgreichste Staatsmann Europas hat uns auf unsere +Frage eine Antwort gegeben, als wir ihm sagten: Wir +haben es in diesem Jahr erleben müssen, dass eine furchtbare +Teuerungswelle über unser Land hereingebrochen +ist, wir haben es erleben müssen, dass der Mittelstand die +schwersten Leiden zu erdulden hat, wir haben es erleben +müssen, dass die fremden Zahlungsmittel auf das Vielfache +ihres Werts gestiegen sind. Es ist uns manchmal +der Zweifel gekommen, ob wir unter diesen Umständen +nicht hätten sagen sollen: Widerstand, es koste, was es +wolle. Ich will die Worte nicht zitieren, die wir gehört +haben, aber aufs Tiefste ist unsere Ueberzeugung besiegelt +worden, dass die Politik, die wir trieben, die einzige +gewesen ist, die es ermöglicht hat, während dieses +schwersten Jahres des neuen Friedens die Einheit des +Reiches zu erhalten. Keine andere Politik kann uns genannt<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +werden, die das Gleiche ermöglicht hätte: Erhaltung +der Einheit und des Bestandes. Die Bestrebungen, +die uns bedrohten und bedrohen, beziehen sich nicht nur +auf die Zerreissung des Landes, sie beziehen sich auch auf +seine weitere Schmälerung, nachdem dieses Land durch +den unglücklichsten aller Verträge schon so viel von +seinem Boden und seinen Menschen verloren hat. Unser +Land ungeschmälert zu erhalten, unser Land und Volk +als Einheit zu erhalten, ist das Ziel, das wir erkämpfen. +Wenn gesagt worden ist, das kleinere Uebel gegenüber +gewissen Wirtschaftsgefährdungen sei die Neubesetzung +von rheinischem Land durch fremde Truppen, so sagen +wir: Nein, der Meinung sind wir nicht. Deutsches Land +soll nicht hergegeben werden, die deutsche Einheit soll +nicht gefährdet werden. Der Kanzler hat es Ihnen gesagt +und ich möchte es wiederholen: Wehe uns, wenn +wir die Vergangenheit unseres Volkes vergessen, wehe +uns, wenn wir seine grosse Geschichte vergessen und +das, was seine grosse Geschichte uns hinterlassen hat. +Das bedeutet nicht, dass wir jedes einzelne billigen, was +im Laufe der Generationen geschehen und geworden ist, +aber es bedeutet, dass wir an dem grossen Vermächtnis +festhalten, das das Endergebnis der modernen deutschen +Geschichte bildet: die Vereinigung Deutschlands in +seinen Stämmen. Dieser Einheit werden wir nachleben +und ihr haben wir zu dienen. Vergessen wir nicht, was +von vielen einzelnen und manchmal von Parteien +vergessen wird, die zu glauben meinen, wir hätten den +Krieg gewonnen. Nein, leider nicht. Diesen Krieg, den +grössten aller Kriege, haben wir verloren. Vergessen +wir nicht, was das bedeutet, und vergessen wir nicht aus +unserer grossen Geschichte, was es bedeutet hat, wenn +in früheren Zeiten Kriege verloren wurden, die nicht den +zehnten Teil so schwer, so hart und gefahrvoll waren, +als dieser Weltkrieg. Vergessen wir nicht, vor welchen +Gefahren wir gestanden haben und vor welchen Gefahren +wir stehen. Und wenn einmal in hundert Jahren die Geschichte +dieser Epoche geschrieben werden wird, dann +wird man mit Sorgfalt fragen: Wo wurden die ersten +Fäden angeknüpft, wie war es möglich in einer Welt, +die vergiftet war von Hass, auf einem Planeten, der zum +Himmel flammte in gegenseitiger Rachsucht, wie war es +möglich in dieser Welt der Zerstörung und der Zwietracht, +die ersten Fäden zu fügen? Die Antwort wird<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> +sein: Das deutsche Volk hat sie gefügt durch seine Geduld, +durch seine Tatkraft, durch seinen positiven Willen, +durch seinen Idealismus, durch seinen Opfersinn. Das +wird das Urteil der Weltgeschichte über diese Epoche +sein, die wir durchleben. Mag die Kritik des Tages uns +verlästern: wir glauben aus tiefster Ueberzeugung, dass +es keinen anderen Weg gibt, als den, den wir beschritten +haben, um die deutsche Einheit in die Zukunft zu retten +und für alle Zeit zu stabilisieren. Dass wir daneben nicht +passiv gewesen sind während der ganzen Dauer dieses +Jahres, haben wir Ihnen dargelegt. Zweifellos ist es, +dass, wenn ein Volk leben soll, es nicht leben kann lediglich +in einer einzigen Eigenschaft, in der Eigenschaft als +Schuldner. Es muss sich wieder bewegen, es muss neue +Kräfte sammeln, es muss seiner Wirtschaft neue Anknüpfungen +bieten, es muss den Geist auf neue Probleme +lenken. Deswegen glaube ich, dass unsere Politik darin +nicht versagt hat, wenn sie den Versuch gemacht hat, +wieder zu einer Aktivität zu kommen.</p> + +<p>Hiermit verlasse ich das Gebiet der praktischen Politik. +Die praktische Politik dieses Jahres haben wir durchlaufen. +Sie war nicht verloren. Der Krieg war zu +schwer und die Zeit von drei Jahren ist sub specie saeculorum +zu kurz, um ein neues Reich an die Stelle des +verlorenen alten zu setzen. Aber wenn wir einheitlich +bleiben, wenn wir die Gegensätze, die uns trennen, zurückstellen +in dem Augenblick, wo die grossen Idealfragen +unseres Landes zur Sprache kommen, – denn was +trennt uns? Interessen und Konventionen trennen uns, +und über Interessen kann man hinweg und über Konventionen +soll man hinweg, soweit man nicht Kräfte und +Ideale aus ihnen schöpfen kann – wenn wir über den großen +Fragen, die uns einen, die Fragen vergessen, die uns +trennen, so werden wir imstande zu einer einheitlichen +Aussenpolitik sein. Gestatten Sie es einem rein praktischen +Politiker, gestatten Sie es demjenigen, dem die Aufgabe +obliegt, gerade in diesem Augenblick das Werk der Verträge, +das Werk der Beziehungen zu pflegen, gestatten +Sie in diesem Augenblick das Wort auszusprechen: Nicht +Verhandlungen machen uns gesund und nicht Verträge, +sondern die Gesundheit eines Volkes kommt nur aus +seinem inneren Leben, aus dem Leben seiner Seele und +seines Geistes. Dieses Leben ist gefährdet, aber es ist +nicht zu Tode getroffen. Es gibt vieles, was unser<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> +seelisch-geistiges Leben schädigt – ich brauche nur an +das zu erinnern, was wir in unseren grossen Städten und +an anderen Stellen im Lande sehen –, aber unser seelisch-geistiges +Leben ist in seinen Tiefen gesund. Noch immer +lebt dieser Wille zur Arbeit, zur Disziplin, zur Organisation, +zur Forschung, noch immer lebt der Wille zur +Hingebung und zum Opfer, zur Betrachtung der Erscheinung +im grossen Bogen der Synthese und Zusammenfassung; +noch immer sind die grossen Kräfte des Geistes +und Herzens ungebrochen und unberührt. Unserer Jugend +haben wir diese Kräfte zu übergeben, sie ist die Trägerin +und Pflegerin dieser Kräfte, und wir wollen hoffen, dass +sie diese grösste und schwerste Verantwortung der +Gegenwart erfüllt. Manches wird sie in diesem Fall abzustreifen +haben, denn nicht aus dem Kampfe des Tages +erwachsen diese Kräfte; diese Kräfte erwachsen aus der +Versenkung und Vertiefung. Deswegen lassen wir unsere +Jugend nicht untergehen in den Kämpfen des Tages, +weisen wir sie hin auf die grossen Ideale der Vergangenheit +und führen wir sie zu den Idealen der Zukunft.</p> + +<p>Ich glaube, daß ein solcher Hinweis auf das Gebiet des +Geistes in Ihrem Lande verstanden werden muss. Wenn +wir aus dem Norden zu Ihnen kommen, wenn wir diese +bekränzte Stadt erblicken, so geht uns das Herz auf. +Der grösste aller grossen schwäbischen Sänger hat das +unsterbliche Wort gedichtet: O heilig Herz der Völker, +o Vaterland! Dieses heilige Herz fühlt man nirgends +stärker pochen als in Ihrem beseeligenden und schönen +süddeutschen Gau. Als ich heute nachmittag auf der +Suche nach dem, was ich einer erlauchten Versammlung +würde sagen dürfen, durch die Wälder fuhr, die grüngolden +Ihre Stadt umsäumen, da habe ich es in +der Tiefe des Herzens empfunden: diese ehrwürdigen +Buchen werden von ihren Hügeln noch einmal herniederblicken +auf eine freie glückliche Stadt. Und als ich dann +zu jenem Gipfel kam, der von einem kleinen Schlösschen +gekrönt ist, das Solitude heisst, wo ein unendlicher Fernblick +über das Land nach Norden sich auftut und das +Auge versinkt in der blauen Ferne, da habe ich, wie lange +nicht, das Gefühl erlebt: von dieser Stelle aus wird man +nicht nur in eins der schönsten, nein, auch in eins der +glücklichsten Länder blicken, in einer Zukunft, die unsere +Nachfahren erleben werden. Wir aber, die wir vom +Norden kommen, aus Staub und Nebel, von harter Arbeit<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +und schwerer Verantwortung, uns ist es ein Dank +und eine Freude, wenn wir an diesem heissen Busen +Ihres Landes für Tage oder für Stunden Gesundheit, +Freude und Hoffnung trinken können. Deswegen gewähren +Sie uns diese Gastfreundschaft, so oft wir zu +Ihnen kommen, und kommen Sie zu uns, um das Band +zwischen Nord und Süd zu flechten, zu unauflöslicher und +ewiger Dauer.</p> + +<hr class="endchapter" /> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span><a name="Berlin" id="Berlin"></a>REDE, GEHALTEN AM 13. JUNI 1922<br /> +IN BERLIN, IN DER<br /> +DEUTSCHEN GESELLSCHAFT VON 1914</h2> + +<hr class="newchapter" /> + + +<p><span class="dropcap">D</span>er Anlaß, der uns heute zusammenführt, ist das unmittelbar +bevorstehende Erscheinen der ersten sechs +Bände aus den diplomatischen Akten des Auswärtigen +Amtes. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses liegt für jedermann +klar zutage.</p> + +<p>Ueber den wissenschaftlichen Wert der ganzen Publikation +werden berufene Gelehrte zu urteilen haben. Es +handelt sich jedoch bei dem Werke, dessen erster Abschnitt +jetzt abgeschlossen vorliegt, nicht nur um eine +Arbeit im Dienste der Wissenschaft, nicht nur um einen +unschätzbar wertvollen Beitrag zur Kenntnis der europäischen +Geschichte der letzten Jahrzehnte, sondern es +handelt sich zugleich um eine ethische Tat des deutschen +Volkes, über deren Inhalt ich einiges sagen möchte.</p> + +<p>Wie kam die Aktensammlung zustande? Die Vorgeschichte +lässt sich mit wenigen Worten berichten: Vor +ungefähr zwei Jahren fasste die deutsche Regierung den +Beschluss, das gesamte Material über die deutsche Politik +vor dem Weltkriege der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. +Sie wurde dabei von dem Gedanken geleitet, dass von +unserer Seite alles bekannt gegeben werden sollte, +was zur Aufklärung über die Entstehung der grossen +Katastrophe von 1914 dienen kann. Die ängstlich überwachten +Schranken des diplomatischen Geheimnisses +sollten umgestossen, die verschwiegenen Siegel sorgfältig +verborgengehaltener Dokumente gebrochen, und +rückhaltlos sollten die in den Archiven des Auswärtigen +Amtes ruhenden Akten ans Licht des Tages gezogen +werden. Der Entschluss wurde zur Wirklichkeit. Drei +Gelehrte, deren einwandfreie Sachlichkeit als zweifellos +dasteht, wurden mit der Lösung der grossen Aufgabe +betraut, und heute legen sie uns den verheissungsvollen +Anfang ihrer mühevollen Tätigkeit vor, für die Deutschland +ihnen tiefen Dank schuldet.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>Die kurze Vorgeschichte, die ich hier skizziert habe, zeigt, +dass über dem ganzen Werke eigentlich als Motto die +Worte stehen sollten: Im Dienste der Wahrheit. Denn +das ist in der Tat das Leitmotiv, das ihm zugrunde liegt. +Das deutsche Volk will an seinem Teile die ganze Wahrheit +über die Genesis des Weltkrieges enthüllen. Es erscheint +ihm dies nicht nur für das eigene Gewissen und +aus einem wohlverstandenen Nationalgefühl heraus notwendig, +sondern auch für die ganze Menschheit. Wir +wissen alle, dass seit dem Weltkrieg die dunklen Mächte +des Hasses, der Verdächtigung, des Misstrauens, der Anklage +und der Beschuldigung die internationale Atmosphäre +vergiften. Wir Deutsche haben es ganz besonders +stark erfahren müssen, dass diese dunklen Mächte +in das Getriebe der Politik bestimmend eingegriffen +haben und ihre bösen Wirkungen, die uns im Weltkrieg +in furchtbarer Deutlichkeit vor Augen traten, auf diese +Weise zu verewigen drohen. Das gerade ist es, was im +Namen der Menschheit verhütet werden muss.</p> + +<p>Man spricht heute – und mit vollem Recht – überall von +der grundlegenden Bedeutung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus +von Europa. Hand in Hand damit muss aber +eine vielleicht noch schwerere und sicher nicht minder +wichtige Aufgabe gelöst werden, die ich den geistigen +Wiederaufbau Europas nennen möchte. Und sie besteht +in der allmählichen Ueberwindung eben jener Mächte des +Hasses, der Verdächtigung, des Misstrauens, der Anklage +und der Beschuldigung, die ich oben erwähnt habe. Das +Bestreben der Besten muss darin bestehen, dass wir in +Europa wieder reine Luft atmen können, eine Luft, die +befreit ist von jener dumpfen Schwüle, die seit dem +Kriege und auch mehrere Jahre vorher schon geherrscht +hat.</p> + +<p>Es ist klar, daß dieses Ziel nur erreicht werden kann, +wenn jeder rücksichtslos mit sich selbst ins Gericht geht, +um dadurch einen Beitrag zu der gewaltigen Aufgabe +des geistigen Wiederaufbaus zu leisten.</p> + +<p>Das deutsche Volk, das durch das Diktat von Versailles +auf die Anklagebank gezwungen wurde, hat mit dem +Werke, das nun zu erscheinen beginnt, den Anfang gemacht. +Es hat es verschmäht, seine Geheimnisse zu verstecken +und hat seinen restlosen Willen zur Wahrheit +bekundet.</p> + +<p>Die ersten sechs Bände bilden ein Ganzes für sich. Sie +behandeln die Zeit von 1870 bis 1890, also jene Epoche,<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +während deren die Leitung der politischen Geschicke des +deutschen Volkes in der Hand des ersten Reichskanzlers, +Fürst Otto von Bismarck, lag. Damals stand Deutschland +auf der Höhe der Macht, und wir sehen aus den veröffentlichten +Akten, dass es diese Macht niemals missbraucht hat, +um den Frieden in Europa zu gefährden, sondern dass +es sie im Gegenteil dazu verwandte, um ihn überall, wo +es möglich erschien, zu erhalten. Das ganze Bündnissystem +Bismarcks war auf diesem Grundgedanken aufgebaut +und bietet, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, +das Bild eines einheitlichen Kunstwerkes. Das ist eine +Feststellung, die jeder objektive Leser machen wird, und +wir können uns im Hinblick auf sie nur wünschen, dass +die Wahrheit, der wir als Tribut entrichten, was uns zur +Verfügung steht, sich unaufhaltsam Bahn bricht und allmählich +alle Hindernisse beseitigt, die sich ihr heute noch +in den Weg stellen.</p> + +<p>Der Weg der Wahrheit ist lang. Er ist um so länger, als +ein Mangel an europäischem Interesse die Fragen, die uns +Lebensfragen sind, als gelöst, das Urteil der Geschichte +als gesprochen anzusehen sich gewöhnt hat. Ein Urteil +kann nur gesprochen werden von einem vollgültigen +Tribunal. Unser Suchen und Werben um Wahrheit aber +wird nicht ruhen, bis im Namen der Geschichte ein befugtes +Tribunal seinen Spruch gefällt hat.</p> + +<hr class="endchapter" /> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span><a name="Reichstag19220621" id="Reichstag19220621"></a>REDE<br /> +VOR DEM REICHSTAGE<br /> +AM 21. JUNI 1922</h2> + +<hr class="newchapter" /> + + +<p><span class="dropcap">D</span>ie Interpellation Stresemann<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> habe ich die Ehre wie +folgt zu beantworten:</p> + +<p>Unter dem Ausdruck »Neutralisierung« kann man zwei +rechtlich völlig verschiedene Begriffe verstehen. Soweit +darunter zu verstehen ist das Verbot für Deutschland, +innerhalb der Rheinlande ständig oder zeitweise +militärische Streitkräfte zu unterhalten oder zu sammeln +oder daselbst Befestigungen beizubehalten oder anzulegen, +so hat die dahingehende Forderung bereits in den +Art. 42 und 43 des Vertrages von Versailles ihre Verwirklichung +gefunden.</p> + +<p>Sollte unter der Neutralisierung der Rheinlande die +Schaffung eines neutralen Pufferstaates verstanden werden, +so ist dem entgegenzuhalten, dass die Rheinlande +auch nach dem Vertrage von Versailles ein integrierender +Bestandteil des Deutschen Reiches und des preussischen +Staates geblieben sind. Der Vertrag von Versailles +enthält in der langen Reihe seiner Artikel nicht eine Bestimmung, +auf die sich irgendeine Signatarmacht dieses +Vertrags bei Erhebung einer dahingehenden Forderung +stützen könnte. Eine solche Forderung könnte also nur +unter Vertragsbruch verwirklicht werden. Bisher ist +noch von keiner Seite ein Ansinnen dieser Art an die +deutsche Regierung herangetreten. Auch sonst liegen +der deutschen Regierung, abgesehen von unbeglaubigten +<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>Zeitungsmitteilungen, keine Nachrichten vor, die auf eine +derartige Absicht schliessen lassen könnten.</p> + +<p>Namens der Reichsregierung habe ich die Erklärung abzugeben, +dass sie niemals für irgendwelche Zugeständnisse, +und mögen sie noch so gross sein, dafür zu haben +ist, das Rheinland, das während der Besatzungszeit so oft +seinen unerschütterlichen Willen zum Festhalten am angestammten +Vaterland bewiesen hat, preiszugeben oder +seinen Bestand schädigen zu lassen.</p> + + +<p class="tb">Die Interpellation Lauscher<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> bezüglich der Eisenbahnen +habe ich die Ehre, wie folgt zu beantworten:</p> + +<p>Am 25. Mai hat die Botschafterkonferenz eine von dem +französischen Ministerpräsidenten unterzeichnete Note an +die deutsche Regierung gerichtet, in der sie die sofortige +Einstellung einer Reihe im Gang befindlicher Bahnbauten +sowie die allmähliche Beseitigung gewisser Eisenbahnanlagen +im linksrheinischen Gebiet verlangt. Sie stützt +diese Forderungen auf Art. 43 des Vertrages von Versailles, +der die Beibehaltung aller materiellen Vorkehrungen +für eine Mobilmachung in jenen Gebieten untersagt. +Die Botschafterkonferenz vertritt den Standpunkt, +dass die Bahnlinien, deren Einstellung sie fordert, strategische +Linien und die Anlagen, deren Zerstörung sie +verlangt, militärische Anlagen seien. Sie hat es für nötig +gehalten, mit besonderem Nachdruck zu betonen, dass +alle in ihr enthaltenen Entscheidungen auf Grund eingehender +Untersuchungen so getroffen seien, dass die +wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des rheinischen Eisenbahnnetzes +durch sie in keiner Weise vermindert wird. +Die Botschafterkonferenz stellt ferner »mit Genugtuung« +fest, dass die Einstellung der im Gang befindlichen Arbeiten +es Deutschland erlauben werde, die dafür ausgeworfenen +bedeutenden Ausgaben zu ersparen und damit +seine finanzielle Lage zu verbessern.</p> + +<p>So lebhaft die deutsche Regierung jede Gelegenheit begrüsst, +die Finanzen Deutschlands zu heben, so vermag +<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>sie doch die Genugtuung der Botschafterkonferenz über +die ihr gebotene Möglichkeit nicht zu teilen.</p> + +<p>Denn einmal übergeht die Botschafterkonferenz mit Stillschweigen, +dass über den Ersparnissen, die sich aus der +Einstellung der im Gang befindlichen Arbeiten ergeben, +Hunderte von Millionen an Ausgaben stehen, die für die +geforderten Zerstörungsmassnahmen völlig unproduktiv +aufgewendet werden müssen.</p> + +<p>Zweitens trifft die Annahme der Note, dass es sich bei +den einzustellenden Arbeiten und den zu beseitigenden +Anlagen ausschliesslich um militärische, für die deutsche +Wirtschaft gleichgültige Einrichtungen handele, in keiner +Weise zu.</p> + +<p>Die deutsche Regierung weiss, dass der Vertrag von +Versailles ihr verbietet, im besetzten Gebiet irgendwelche +ständigen Vorkehrungen zu unterhalten, die dem Zweck +der Mobilmachung zu dienen bestimmt sind. Sie beabsichtigt +nicht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen und +sie wird die vorhandenen Anlagen, soweit sie wirklich +militärischer Natur sind, pflichtgemäss zerstören lassen, +soweit dieses Verlangen allen ökonomischen Erwägungen +zum Trotz aufrechterhalten werden sollte. Dass sie +nicht daran denkt, neue Anlagen dieser Art zu schaffen +oder begonnene fortzuführen, ist angesichts der deutschen +Finanzlage und der ganzen politischen Situation eine +einfache Selbstverständlichkeit.</p> + +<p>Dagegen ist die deutsche Regierung weder nach dem +Buchstaben noch nach dem Sinne des Versailler Vertrages +verpflichtet, Einrichtungen, die für die gesunde +wirtschaftliche Entwicklung des Rheinlandes zweckmässig +und notwendig sind, nur deshalb zu zerstören +oder unausgeführt zu lassen, weil die Botschafterkonferenz +glaubt, dass sie eine etwaige Mobilmachung erleichtern.</p> + +<p>Der Art. 43 richtet sich gegen die Vorbereitung eines +Krieges. Er gibt den alliierten Regierungen kein Recht, +störend und zerstörend in eine auf verständigen Grundsätzen +aufgebaute Verkehrspolitik einzugreifen. Soweit +das durch die Forderungen der Botschafterkonferenz geschieht, +wird die deutsche Regierung diese Forderungen +mit allem Nachdruck bekämpfen. Sie wird den alliierten +Regierungen den Beweis liefern, dass die verlangten +Massnahmen den betroffenen Gebieten schwere wirtschaftliche +Nachteile zufügen, dass sie die Entwicklung<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +nicht nur des Verkehrs, sondern zahlreicher für Deutschland +lebenswichtiger Wirtschaftszweige hindern und so +die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands keineswegs +erhöhen, sondern stark beeinträchtigen würden. +Von ganz besonderem Einfluss auf die Entschliessung +der aliierten Regierungen sollte es sein, dass einzelne +der beanstandeten Anlagen gerade dazu dienen sollen, +die schnelle und pünktliche Ablieferung der Reparationskohle +zu erleichtern.</p> + +<p>Die Prüfung der einzelnen Forderungen der Note, die +von den deutschen Behörden mit der grössten Sorgfalt +vorgenommen wird, ist noch nicht abgeschlossen. Schon +jetzt lässt sich aber mit Gewissheit sagen, dass die Entschliessung +der Botschafterkonferenz, soweit sie sich mit +den Linien Mörs–Geldern, Osterath–Dernau und Ehrang–Koblenz +befasst, überwiegend von unrichtigen Voraussetzungen +ausgeht.</p> + +<p>Das gleiche gilt für eine grosse Anzahl der übrigen Punkte +der Note, was sich zum Teil vielleicht daraus erklärt, +dass den Verfassern die Entwicklung, die die Wirtschaft +des Rheinlandes seit Beendigung des Krieges genommen +hat, noch nicht bekannt geworden ist.</p> + +<p>Die deutsche Regierung zweifelt nicht daran, dass die +Aufklärung, die sie den alliierten Regierungen in aller +Offenheit und Ehrlichkeit bieten wird, zu einer Aufgabe +der jetzt erhobenen unberechtigten Forderungen führen +wird. Die ohnehin so schwer unter dem Drucke der Besatzung +leidende rheinische Bevölkerung mag gewiss +sein, dass kein Mittel unversucht bleiben wird, um ihr +neue grundlose Schädigungen zu ersparen.</p> + + +<p class="tb">Die dritte Interpellation<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> erlaube ich mir wie folgt zu +beantworten:</p> + +<p>Ueberblickt man die Versailler Regelung für das Saarbecken, +so drängt sich am stärksten ihre Kompliziertheit +auf. Man vergegenwärtige sich nur folgendes: Das Land +ist deutsch, die Bewohner sind Deutsche, die Verwaltung +liegt in der Hand des Völkerbundes, die Gruben sind +Eigentum des französischen Staates und das Zollsystem +<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>ist das französische. Das ergibt ein so vielfaches Durchschneiden +und Ueberschneiden der Kompetenzen, dass es +in der Praxis zu kaum mehr lösbaren Schwierigkeiten +führt.</p> + +<p>Auf die Frage, was das Saargebiet seiner juristischen +Natur nach ist, dürften die Juristen die Antwort schuldig +bleiben. Die Geschichte hat ein so seltsames Gebilde +noch nicht gesehen. Dies hat begreiflicherweise eine +grosse Belastung der beteiligten Behörden – und zwar +nicht nur unserer – zur Folge, und im letzten Grunde ist +der Leidtragende dabei immer die Bevölkerung.</p> + +<p>Politisch springt vor allem die Entrechtung der Bevölkerung +in die Augen. Gewisse, nicht immer genügend +klar gefasste Bestimmungen gewährleisten ihr zwar +einige selbstverständliche Grundrechte, von denen bezeichnenderweise +das Recht des freien Abzuges am +deutlichsten ausgestaltet ist.</p> + +<p>Von der Mitbestimmung an ihrem Geschick ist sie aber +so gut wie ausgeschlossen. In dem Fünfmännerkollegium, +das sie regiert, befindet sich nur einer aus ihrer Mitte, +und auch auf die Ernennung dieses einen hat sie keinen +Einfluss.</p> + +<p>Die Regierungskommission hat Befugnisse, die weit über +das hinausgehen, was im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus +die Regel war. Gewiss ist sie dem Völkerbund +verantwortlich. Ob aber diese Verantwortlichkeit denselben +praktischen Wert hat wie eine Verantwortlichkeit +gegenüber einer Volksvertretung, müsste erst noch bewiesen +werden. Die Betrauung des Völkerbundes mit +dieser absolutistischen Mission ist überhaupt für jeden, +der einen wahren Völkerbund errichtet zu sehen wünscht, +tief bedauerlich. Die Idee des Völkerbundes wird dadurch +entwürdigt.</p> + +<p>Es ist kein Trost, dass dieses Regime auf 15 Jahre +beschränkt sein soll. Denn 15 Jahre sind eine lange Zeit, +und an ihrem Ende steht die Volksabstimmung. Nichts +ist selbstverständlicher, als dass diese Abstimmung +während der 15 Jahre die Interessen der Bevölkerung +überragend beherrscht. Wir alle wissen ferner aus den +Beispielen anderer deutscher Grenzgebiete, besonders +Oberschlesiens, was eine Abstimmungszeit für die Bevölkerung +bedeutet. Im Saargebiet soll diese Zeit 15 +Jahre dauern, und wenn auch dort die Verhältnisse insofern +günstig liegen, als der Bevölkerung fremdsprachige<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span> +Elemente fehlen, so bedeutet es doch für sie ein überaus +hartes Los und eine schwere Probe, 15 Jahre lang unter +der Ungewissheit ihres endgültigen nationalen Geschickes +leben zu müssen.</p> + +<p>Ich wende mich zu der Frage, wie sich das geschilderte +System bisher bewährt hat.</p> + +<p>Das Wirtschaftsleben des Landes bietet kein erfreuliches +Bild. Hier wirken verschiedene Umstände zusammen: +die künstliche Trennung der Kohlenwirtschaft von dem +übrigen Wirtschaftsleben, die neue Zollinie und endlich +die Einführung des Franken. Das Mass, in dem der Frank +im Saarbecken umläuft, ist nach Ansicht der Regierung +vertragswidrig, denn der Vertrag räumt der französischen +Münze nur die Stellung eines zugelassenen Umlaufgeldes +neben der Mark ein. Die Regierungskommission hat ihr +aber bei Post und Eisenbahn die Eigenschaft als Währungsgeld +unter Ausschaltung der Mark verliehen und +später trotz dringenden Abratens aller Sachverständigen +ihren Umlauf noch erweitert. Wirtschaftlich widerspricht +diese Abänderung der Währungsverhältnisse der Grundstruktur +des Wirtschaftslebens. Das Land hat nun einmal +seinen natürlichen Absatzmarkt in Deutschland und +kann dafür anderswo, namentlich in Frankreich, um so +weniger ausreichenden Ersatz finden, als seine Hauptindustrie, +die Eisenindustrie, im Westen als unliebsamer +Konkurrent empfunden und bekämpft wird. Wenn also +die Industrie des Saarbeckens auf den deutschen Markt +angewiesen ist und daher vorwiegend Markeinnahmen +hat, so muss sie notwendigerweise in schwere Bedrängnis +geraten, sobald sie bei sinkendem Markkurse ihre +Hauptausgaben – nämlich Löhne, Kohlen, Erze, Frachten +– in Franken leisten muss. Die Tatsachen haben dies +reichlich bewiesen. Das Land hat schon verschiedene +schwere Krisen durchgemacht, die noch schärfer verlaufen +wären, wenn nicht grosse industrielle Werke von +ihren Niederlassungen im übrigen Deutschland einen Ausgleich +hätten schaffen können. Erfreulicherweise haben +auch verschiedene deutsche Wirtschaftsorganisationen +der schwierigen Lage des Saarbeckens volles Verständnis +entgegengebracht. In diesem Zusammenhang kann +ich auch erwähnen, dass die Reichsregierung im Einverständnis +mit Preussen und Bayern die Belieferung des +Saargebiets mit Waren zu deutschen Inlandspreisen und +mit deutschen Lebensmitteln sich angelegen sein lässt.<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +Es sind hierbei allerdings beträchtliche Schwierigkeiten +zu überwinden, und es könnte ein Zeitpunkt kommen, in +dem wir gegen unseren Willen diese Massnahmen aufheben +müssten. Doch hoffen wir, dass wir nicht vor +diese Zwangslage gestellt sein werden. Alles in allem +trägt das Wirtschaftsleben des Saarbeckens eine spezifische +Unstabilität als hervorstechendstes Merkmal an +sich.</p> + +<p>Wenn ich endlich zu der politischen Entwicklung übergehen +darf, so muss ich zu meinem Bedauern hier feststellen, +dass die Regierung des Saarbeckens von der den +Völkerbund vertretenden Kommission nicht in der Weise +geführt wird, wie es erwartet werden dürfte. Bekanntlich +soll der Völkerbund die Regierung des Saarbeckens +als Treuhänder führen. Eine solche treuhänderische Verwaltung +darf nicht einen der beiden an dem endgültigen +Besitz des Landes interessierten Staaten bevorzugen. +Leider ist dies aber der Fall. Dass heute noch französische +Truppen in beträchtlicher Zahl sich im Lande +befinden, ist eine nicht abzustreitende Vertragswidrigkeit; +denn nach dem Vertrag soll nicht Frankreich, sondern +die Regierungskommission für Aufrechterhaltung +von Ruhe und Ordnung sorgen, und nur durch eine örtliche +Gendarmerie. Diese Gendarmerie ist zwar errichtet +worden, jedoch nur in bescheidenem Umfange, angeblich +wegen Geldmangels. Neben ihr steht aber noch eine +französische Gendarmerie. Wie deren Existenz gerechtfertigt +werden kann, ist mir unerfindlich. Denn der Vertrag +sagt mit der denkbar grössten Klarheit, dass »nur +eine örtliche Gendarmerie« eingerichtet werden soll. +Uebrigens liegen Nachrichten vor, dass die französische +Gendarmerie die Aufgabe hat, unter anderem über die +Notabeln und gewisse andere Persönlichkeiten Listen zu +führen, vertrauliche Beobachtungen in politischen Angelegenheiten +anzustellen, die politische Gesinnung der Beamten +zu überwachen und die Berichte der Zivilbehörden +unauffällig zu kontrollieren.</p> + +<p>Auch die Errichtung der französischen Kriegsgerichte, die +sogar durch eine besondere Verordnung erfolgt ist, widerspricht +dem Vertrag, da dieser keine anderen Gerichte +beibehalten wissen will als die früher bestehenden und +ein neu zu errichtendes Obergericht.</p> + +<p>Mit Recht hebt ferner die Interpellation die Vertragswidrigkeit +der im Herbst 1920 anlässlich der Arbeitseinstellung<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +der Beamtenschaft erfolgten Massenausweisungen +hervor. Diese entbehrten jeder Rechtsgrundlage und +warfen die Bevölkerung zurück in die trübsten Zeiten +der Herrschaft des Waffenstillstandsabkommens. Nach +längerer Zeit sind allerdings diese Ausweisungen rückgängig +gemacht worden.</p> + +<p>Die Regierungskommission hat ferner die Wahrnehmung +der Auslandsinteressen der Bewohner der französischen +Regierung übertragen. In formaler Hinsicht kann hiergegen +kaum etwas eingewendet werden, da eine besondere +Bestimmung des Vertrages der Regierungskommission +freie Hand gibt. Es liegt jedoch auf der Hand, +wie widersinnig es ist, dass deutsche Staatsangehörige +im Auslande von Frankreich vertreten werden. Ausserdem +ergeben sich hieraus allerlei praktische Schwierigkeiten. +Die Regierungskommission hat uns sogar zugemutet, +die Wahrnehmung der Interessen der deutschen +Saarbewohner in Deutschland selbst durch Frankreich +anzuerkennen. In diesem Punkt hat jedoch die Reichsregierung +mit aller Entschiedenheit widersprochen, da +das Saargebiet dem übrigen Deutschland gegenüber nicht +Ausland ist. Wenn übrigens die Bewohner des Saargebiets +ein Anliegen an deutsche Behörden haben, so wissen +sie schon selbst den Weg zu ihnen zu finden und denken +am allerwenigsten an eine Vermittlung durch französische +Vertreter.</p> + +<p>Eine Frage von besonderer Wichtigkeit ist die Schaffung +des seltsamen Begriffes »Saareinwohner«. Während +der Versailler Vertrag den Bewohnern des Saargebiets +ihre bisherige Staatsangehörigkeit belassen hat, was +nicht anders als dahin verstanden werden kann, dass +auch die mit der Staatsangehörigkeit verbundenen Rechte +ihnen gewahrt bleiben sollen, hat die Regierungskommission +durch Schaffung des Begriffes »Saareinwohner« +und durch Uebertragung aller politischen Rechte auf +diesen Begriff der Staatsangehörigkeit der Bewohner tatsächlich +so gut wie jeden Inhalt genommen und mit dem +neuen Begriff zwar nicht dem Worte nach, wohl aber der +Sache nach eine Art besonderer saarländischer Staatsangehörigkeit +geschaffen. Nach Ansicht der Reichsregierung +ist hiermit eine der Grundlagen der vertraglichen +Regelung über das Saargebiet umgestossen.</p> + +<p>In ähnlicher Richtung liegt eine Anzahl von Massnahmen +der Regierungskommission, die das Ziel verfolgen, das<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +Saargebiet dem übrigen Deutschland gegenüber als Ausland +erscheinen zu lassen, obwohl doch unmöglich bestritten +werden kann, dass das Saargebiet nach wie vor +einen Teil des Reiches bildet. Es mag zwar im einzelnen +schwierig sein, bei der besonderen Verwaltungsorganisation +für das Saarbecken aus diesem Grundsatz heraus +immer zu praktisch brauchbaren Ergebnissen zu gelangen. +Wenn aber die Regierungskommission dieser +Schwierigkeiten dadurch Herr zu werden sucht, dass sie +kurzerhand erklärt, alles Gebiet ausserhalb des Saargebiets +sei als Ausland zu betrachten, so ändert sie den +Vertrag wiederum in einer seiner Grundlagen ab.</p> + +<p>Auch auf dem Gebiete des Schulwesens sind Vertragswidrigkeiten +festzustellen. Dem französischen Staat hat +die Regierungskommission auf diesem Gebiet Rechte eingeräumt, +die weit über das vertraglich vorgesehene +Mass hinausgehen. Auch die Einführung des französischen +Sprachunterrichts in den Volksschulen und allerlei, zum +Teil als Experimentieren zu bezeichnende recht wesentliche +Reformen auf dem Gebiet des Schulwesens stehen +nicht im Einklang mit dem Vertrage; denn dieser sieht +in absoluter Form die Beibehaltung des bisherigen Schulsystems +vor, und ich glaube, dass dies eine der wenigen +Bestimmungen ist, die innere Berechtigung hat, da gerade +auf dem Gebiete des Schulwesens einer landesfremden +Regierung schwerlich die Fähigkeit zugesprochen +werden kann, das Schulwesen eines Landes auf eine +seiner Eigenart gerecht werdende neue Grundlage zu +setzen.</p> + +<p>Die Reichsregierung hat wegen all dieser und ähnlicher +Massnahmen der Regierungskommission wiederholt beim +Völkerbund Einspruch eingelegt. Bisher ist keinem Einspruch +Folge gegeben worden. Der Völkerbund begnügt +sich in der Regel damit, den Standpunkt der Regierungskommission +für gerechtfertigt zu erklären. Zu ihrem +Bedauern kann sich die Reichsregierung dem Eindruck +nicht verschliessen, dass ihre Einspruchnoten beim Völkerbund +nicht die gebührende Beachtung finden. Die gemachten +Erfahrungen werden die Reichsregierung natürlich +nicht hindern, sich mit ihren Beschwerden weiterhin +an den Völkerbund zu wenden. Sie gibt die Hoffnung +nicht auf, dass der Völkerbund schliesslich doch die +Ueberzeugung gewinnt, dass die Verwaltung des Saargebiets<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +nicht in einem Geiste geführt wird, wie es gerade +von einer Völkerbundskommission erwartet werden +kann.</p> + +<p>Zu dieser Erwartung berechtigen die Reichsregierung namentlich +auch die Schritte, die die Bevölkerung des Saargebiets +selbst unternommen hat. Wiederholt hat sie in +ausserordentlich eindrucksvollen Denkschriften und durch +die Entsendung von Delegationen an den Völkerbund versucht, +dessen Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die +Mißstände im Saarbecken zu lenken, und ich glaube +sagen zu können, dass die Schritte nicht ganz erfolglos +geblieben sind.</p> + +<p>Inzwischen hat auch die Oeffentlichkeit ausserhalb +Deutschlands dem Saarbecken mehr und mehr Interesse +entgegengebracht, und in einer ganzen Anzahl von ausländischen +Zeitungen hat sich eine ziemlich scharfe Kritik +der Methoden der Völkerbundsregierung erhoben.</p> + +<p>Das Verhältnis der Bevölkerung des Saarbeckens zu der +Regierungskommission hat sich überraschend schnell +festgelegt. Es ist das typische Bild einer Fremdherrschaft! +Die Bevölkerung sah der Regierungskommission +zwar nicht mit grossen Hoffnungen, aber doch unvoreingenommen +entgegen und musste sehr bald Enttäuschung +über Enttäuschung erleben. Mit verschwindenden +Ausnahmen wurden die leitenden Posten der Verwaltung +mit Franzosen besetzt. Die französischen Truppen +blieben, desgleichen die französische Gendarmerie +und die französischen Kriegsgerichte. Französische Einrichtungen +wurden da und dort eingeführt. Eine Anzahl +alteingesessener Bewohner wurde ausgewiesen. Der +Franken brachte wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten. +Der französische Unterricht für die Volksschulen +wurde dekretiert. Den Beamten wurde die Frankenbesoldung +wider ihren Willen aufgezwungen. Endlich +wurden beinahe in allen wichtigen Fragen die Gutachten +der Kreis- und Bezirkstage bei der Abänderung von Gesetzen +nicht berücksichtigt. All dies schuf begreiflicherweise +eine Atmosphäre der Mißstimmung, die schliesslich +die Kreis- und Bezirkstage veranlasste, die Begutachtung +von Verordnungsentwürfen vollkommen abzulehnen.</p> + +<p>So stehen sich jetzt Regierung und Bevölkerung des Saargebiets +ohne Vertrauen gegenüber, ein Zustand, der unzweifelhaft<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> +als äusserst ungesund anzusprechen ist. +Dieser Zustand ist aber die leicht erklärliche Folge der +Regierung eines Landes durch eine landfremde Kommission.</p> + +<p>Am 16. Juni 1919 haben unsere einstigen Gegner uns erklärt, +sie hätten volles Vertrauen, dass die Einwohner des +Saargebietes keinen Grund haben würden, die neue Verwaltung +als eine ihnen ferner stehende zu betrachten, +als es die von Berlin und München gewesen seien. +Wenn irgend etwas durch die Tatsachen widerlegt worden +ist, dann ist es dieser Satz! Gewiss: die Regierungskommission +sitzt im Saargebiet selbst; in Wirklichkeit +aber steht sie der Bevölkerung ferner, als wenn sie in +einem anderen Erdteil ihren Sitz aufgeschlagen hätte. +Allein die Verschiedenheit der Sprache bildet eine unüberbrückbare +Kluft.</p> + +<p>Das Bild, das ich Ihnen in Vorstehendem vom Saarbecken +entrollen durfte, ist kein erfreuliches. Als Deutsche +aber können wir mit Stolz auf die Tatsache hinweisen, +dass die Bevölkerung des Saargebietes in den schweren +Jahren der Fremdherrschaft, von denen erst wenige vorübergegangen +sind, sich um so fester zusammengeschlossen +hat, um das zu wahren, was sie als ihr höchstes +Gut betrachtet: ihr Deutschtum! Immer und immer wieder +erhält die Reichsregierung und die Oeffentlichkeit aus +dem Saarbecken Beweise bester deutscher Gesinnung. +Ich stehe daher nicht an, zu erklären, dass die Deutschen +an der Saar dem ganzen deutschen Volk Vorbild und +Muster sind! Das deutsche Volk und die Reichsregierung +wissen schon heute, was sie an der Bevölkerung des +Saargebiets haben. Ihr muss ihr bestes Wollen und +Können gelten in der Hoffnung auf den Tag, an dem auch +äusserlich die Wiedervereinigung vollzogen wird.</p> + +<hr class="endchapter" /> + + +<div class="footnotes"><p class="footnotetitle">Fußnoten:</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Die <i>Interpellation <em class="gesperrt">STRESEMANN</em> und Genossen</i> ersuchte die Reichsregierung +um Aufklärung über Gerüchte, die besagen, daß auf Grund einer +Verständigung zwischen England und Frankreich die Besatzung in den Rheinlanden +zurückgezogen, dafür aber als Sicherheit gegen einen Angriff des +vollkommen wehrlosen Deutschlands die Rheinlande neutralisiert werden +sollen, das heißt den Rheinlanden soll die Autonomie, angeblich im Rahmen des +Deutschen Reichs, aber unter französischer Oberaufsicht und französischem +militärischen »Schutz« verliehen werden. Es sollte also dem besetzten +Gebiet das Schicksal des unglücklichen Saargebiets bereitet werden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Die <i>Interpellation <em class="gesperrt">LAUSCHER</em> und Genossen</i> fordert von der +Reichsregierung Erklärungen über die am 30. Mai übergebene Note der +Botschafterkonferenz der alliierten Staaten, die unter Berufung auf Artikel 43 +des Vertrags von Versailles die Einstellung bzw. Zerstörung einer ganzen +Reihe wirtschaftlich bedeutsamer Eisenbahnbauten innerhalb des zurzeit von +den Alliierten besetzten rheinischen Gebiets verlangt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Die <i>Interpellation <em class="gesperrt">MARX</em> und Genossen</i> wünscht Aufklärung über die +Stellung der Reichsregierung zu der Tätigkeit der vom Völkerbundsrat eingesetzten +Regierungskommission im Saargebiet, die dem Versailler Vertrage, +den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Demokratie – und dem Wesen +des Völkerbunds widerspreche.</p></div> +</div> + + + +<div class="advertisements"> +<p class="werke"><span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>DIE WERKE VON WALTHER RATHENAU</p> + +<p class="titel">Zur Kritik der Zeit</p> +<p class="auflage">20. Auflage</p> + +<p class="titel">Zur Mechanik des Geistes</p> +<p class="auflage">11. Auflage</p> + +<p class="titel">Deutschlands Rohstoffversorgung</p> +<p class="auflage">39. Auflage</p> + +<p class="titel">Probleme der Friedenswirtschaft</p> +<p class="auflage">25. Auflage</p> + +<p class="titel">Von kommenden Dingen</p> +<p class="auflage">69. Auflage</p> + +<p class="titel">Streitschrift vom Glauben</p> +<p class="auflage">14. Auflage</p> + +<p class="titel">Vom Aktienwesen</p> +<p class="auflage">23. Auflage</p> + +<p class="titel">Die neue Wirtschaft</p> +<p class="auflage">54. Auflage</p> + +<p class="titel">Zeitliches</p> +<p class="auflage">25. Auflage</p> + +<p class="titel">An Deutschlands Jugend</p> +<p class="auflage">20. Auflage</p> + +<p class="titel">Nach der Flut</p> +<p class="auflage">15. Auflage</p> + +<p class="titel">Der Kaiser</p> +<p class="auflage">54. Auflage</p> + +<p class="titel">Der neue Staat</p> +<p class="auflage">18. Auflage</p> + +<p class="titel">Kritik der dreifachen Revolution – Apologie</p> +<p class="auflage">14. Auflage</p> + +<p class="titel">Die neue Gesellschaft</p> +<p class="auflage">16. Auflage</p> + +<p class="titel">Was wird werden?</p> +<p class="auflage">14. Auflage</p> + +<p class="titel">Demokratische Entwicklung</p> +<p class="auflage">8. Auflage</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die +Inhaltsübersicht des Anhangs wurde in das Hauptinhaltsverzeichnis am +Anfang des Buches integriert. Kleinere Inkonsistenzen in der +Schreibweise wurden prinzipiell beibehalten.</p> +</div> + + +<div class="note"> +<p><strong>Transcriber’s Notes:</strong> This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1922 by S. Fischer. The additional table of content +of the appendix has been integrated into the main contents section at +the beginning of the book. Minor inconsistencies in the original +spelling have been maintained.</p> +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA *** + +***** This file should be named 20937-h.htm or 20937-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/9/3/20937/ + +Produced by Irma Špehar, Markus Brenner and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at +http://gallica.bnf.fr) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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