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+The Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Cannes und Genua
+ Vier Reden zum Reparationsproblem
+
+Author: Walther Rathenau
+
+Release Date: March 29, 2007 [EBook #20937]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA ***
+
+
+Produced by Irma Spehar, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+file was produced from images generously made available
+by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at
+http://gallica.bnf.fr)
+
+
+
+
+ Walther Rathenau
+
+
+ CANNES UND GENUA
+
+ VIER REDEN ZUM
+ REPARATIONSPROBLEM
+
+ MIT EINEM ANHANG
+
+
+ 1922
+
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+
+ Erste bis fünfte Auflage
+
+
+
+ Das letzte schriftliche Wort des Ministers
+ Rathenau an mich, das ich in der Aktenmappe im
+ Auto des Ermordeten fand und das als Stichwort
+ für eine Anweisung an mich dienen sollte,
+ lautete: »Der Weg der Vernunft«.
+
+
+Eine wunderbare Fügung ließ meinen hochverehrten Minister und
+unvergeßlichen lieben Freund am Tage vor seiner schändlichen Ermordung
+die letzte Hand an die Herausgabe der vorliegenden vier großen Reden
+legen. Sie werden in dieser Zusammenstellung als eine Erinnerung und
+Mahnung der Mit- und Nachwelt noch einmal deutlich vor Augen führen, wie
+der Verewigte mit der ganzen Kraft und Tiefe seines ungewöhnlichen
+Intellekts bemüht gewesen ist, die Welt auf den »Weg der Vernunft«
+zurückzuführen. Sie werden insbesondere für alle Zeit unvergessen
+machen, wie tief er die Not seines über alles geliebten deutschen Volkes
+empfunden hat und wie rückhaltlos er – unbeschadet aller ehrlichen
+Ausgleichsabsichten für das zermürbte Europa – seinen Empfindungen über
+die in der Weltgeschichte bisher unerhörte Knechtung eines so großen
+Volkes Ausdruck verliehen hat.
+
+Um gerade unter diesem Gesichtspunkt wohl verstandenen nationalen
+Empfindens das Wirken Rathenaus erneut zu kennzeichnen und festzuhalten
+und in der Absicht, die von ihm als Außenminister öffentlich gehaltenen
+großen Ansprachen bei dieser Gelegenheit vollzählig zu bringen, sind
+nachträglich in einem besonderen Anhang seine drei letzten Reden
+angefügt, die nach Genua eine weitere Periode seiner Tätigkeit
+einleiteten.
+
+DR. H. F. SIMON
+
+Vortragender Legationsrat
+im Auswärtigen Amt und
+Oberstleutnant a. D.
+
+
+
+
+INHALT
+
+Rede vor dem Obersten Rat der Alliierten in Cannes vom
+ 12. Januar 1922 9
+
+Rede vor dem Hauptausschuß des Reichstages vom
+ 7. März 1922 19
+
+Reichstagsrede vom 29. März 1922 31
+
+Rede vor der Vollversammlung der Genueser Konferenz
+ vom 19. Mai 1922 48
+
+Anhang 53
+
+Rede, gehalten am 9. Juni 1922 in Stuttgart, vor einem
+ geladenen Kreis aller Parteien 55
+
+Rede, gehalten am 13. Juni 1922 in Berlin, in der
+ Deutschen Gesellschaft von 1914 66
+
+Rede vor dem Reichstage am 21. Juni 1922 69
+
+
+
+
+REDE VOR DEM
+OBERSTEN RAT DER ALLIIERTEN
+IN CANNES VOM 12. JANUAR 1922
+
+
+Namens der Deutschen Regierung danke ich Ihnen, daß Sie uns Gelegenheit
+gegeben haben, vor Ihnen zu erscheinen. Wir erkennen an, dass diese
+Konferenz neben ihren allgemeinen weltgeschichtlichen Aufgaben es sich
+zur Aufgabe gestellt hat, zu prüfen, wie die deutschen Leistungen mit
+der deutschen Leistungsfähigkeit in Einklang zu bringen sind. Die
+Deutsche Delegation wird ernsthaft bemüht sein, alle gewünschten
+Auskünfte rückhaltlos und wahrheitsgetreu zu geben. Sie ist darüber
+hinaus bereit, in dem von ihr geforderten Mass an den Aufgaben, die sich
+diese Konferenz gestellt hat, mitzuarbeiten. Auch der Französischen
+Regierung danke ich für die freundliche Aufnahme in dieser Stadt, in der
+wir ihre Gäste sind. Ich nehme an, dass es nützlich sein wird, wenn ich,
+um zeitraubende Verdolmetschung zu ersparen, mich in den weiteren
+Ausführungen anderer Sprachen als der deutschen bediene, ohne dass damit
+für uns ein Präjudiz für den Gebrauch irgendeiner Sprache geschaffen
+werden darf.
+
+Es sind uns eine Reihe von Fragen gestellt worden. Die Fragen beziehen
+sich einmal auf den Umfang der von Deutschland zu bewirkenden Sach- und
+Geldleistungen, die möglich wären, ohne Deutschland zu »verkrüppeln«.
+Sie beziehen sich weiter auf Massnahmen hinsichtlich der deutschen
+Finanzen, sie beziehen sich ausserdem auf die Sicherheiten, die von
+Deutschland für die Erfüllung dieser Massnahmen gegeben werden können,
+und endlich auf die Teilnahme Deutschlands an dem Wiederaufbau Europas.
+
+Deutschland ist entschlossen, mit seinen Leistungen bis zu den Grenzen
+seiner Leistungsfähigkeit zu gehen. Deutschland ist immer ein Land der
+Ordnung gewesen. Deutschland ist aber durch einen verlorenen Krieg,
+durch schwere Verluste und durch eine Revolution hindurchgegangen. Die
+anormalen Zustände seiner Lebensbedingungen und seiner Finanzen, die die
+Folge dieser Ereignisse sind, empfindet Deutschland selbst am schwersten
+und wünscht sie zu beseitigen. Es wünscht nicht, den Weltmarkt durch
+Unterbietungen zu zerrütten.
+
+Die beiden Aufgaben, äussere Leistung und innere finanzielle Sanierung,
+vor die Deutschland dadurch gestellt ist, widersprechen einander. Um ein
+Beispiel zu gebrauchen, möchte ich an die Lage eines Schiffskonstrukteurs
+erinnern, der gleichzeitig für höchste Kraftleistung und geringsten
+Kohlenverbrauch seines Schiffes sorgen soll.
+
+Es ist daher schwer zu sagen, die und die Zahlung stellt eine
+ausreichende und erträgliche Leistung dar. Es muss aber eine Summe
+gefunden werden, deren Schwere erträglich ist und die zugleich der
+wirtschaftlichen Lage der empfangsberechtigten Nationen entgegenkommt.
+
+Wir wissen, dass in Ihrem Kreise Ziffern für 1922 genannt worden sind:
+500 Millionen für die Leistungen in bar und 1450 Millionen für die
+Sachleistungen einschliesslich der äusseren Besatzungskosten. Ich will
+diese Ziffern als Basis meiner Berechnungen wählen. Sollte eine um 220
+Millionen höhere Summe genannt werden, so wird das Problem noch weiter
+erschwert und gefährdet.
+
+Ich komme nun zur Lage der deutschen Zahlungen. Deutschland ist ein Land
+der Lohnarbeit. Es empfängt Rohstoffe, verarbeitet sie und verkauft die
+verarbeiteten Erzeugnisse. Die Deutschland nach dem Kriege verbleibenden
+eigenen Rohstoffe sind mit Ausnahme der Kohle unerheblich. Das Kali, von
+dem so viel die Rede ist, ist nicht so sehr bedeutend. Dazu kommen sehr
+kleine Mengen von Kupfer und Zink. Von allem anderen, was Deutschland
+braucht zur Behausung, zur Kleidung, zur Nahrung, muss es das meiste im
+Auslande kaufen.
+
+Deutschland hat daher für alles, was es kauft, in bar zu bezahlen. Es
+kann nur zahlen durch seine Handarbeit. Es ist deshalb notwendig, dass
+Deutschland eine aktive Handels- und Zahlungsbilanz hat. Unsere
+Zahlungsbilanz aber ist vorbelastet mit einem Einfuhrbedarf von 2½
+Milliarden Lebensmitteln und 2½ Milliarden Rohstoffen, und zwar ohne
+verarbeitete Fabrikate und ohne Luxusartikel, die nicht sehr erheblich
+sind und die es zum grossen Teil nicht aus freiem Entschluss, sondern
+zur Aufrechterhaltung nachbarlicher Handelsbeziehungen erwirbt.
+
+Ausserdem sind im Gegensatz gegen die frühere Lage, in der uns aus
+Auslandsinvestitionen 1½ Milliarden jährliche Erträgnisse zuflossen,
+jetzt ¾ Milliarden Goldmark jährlich an das in Deutschland Kapital
+besitzende Ausland zu zahlen.
+
+Die Passivseite der Zahlungsbilanz beträgt also etwa 5¾ Milliarden
+Goldmark, denen eine Ausfuhr von nur 3½ bis 4 Milliarden gegenübersteht.
+Es besteht somit eine Passivität der Zahlungsbilanz im Saldo 2
+Milliarden schon vor Zahlung irgendwelcher Reparation.
+
+(Auf Befragen Lloyd Georges:) Es ist ganz richtig, dass infolge des
+Standes des Weltindexes auf 1,5 die deutsche Ausfuhr jetzt 14 bis 15
+Milliarden Goldmark betragen müsste, wenn sie dem Vorkriegsstande
+entspräche. Sie hat sich also auf etwa ein Viertel vermindert.
+
+Um das Defizit der Zahlungsbilanz zu decken, bestehen nur drei
+Möglichkeiten:
+
+ Verkauf der Substanz des Landes,
+ grosse auswärtige Anleihen oder
+ Verkauf der Landeswährung.
+
+Den Ausverkauf von Landessubstanz konnten wir leider nicht hindern. Er
+ist in grossem Umfange vor sich gegangen. Grundstücke, Unternehmungen,
+Aktien, Obligationen, selbst Hausrat sind vom Auslande unter dem Werte
+erworben worden.
+
+Die Durchführung einer auswärtigen Anleihe haben wir versucht. Sie war
+unmöglich, da nach Meinung der City die Deutschland auferlegten Lasten
+zu schwer waren.
+
+Unter diesen Umständen war es unmöglich, den Verkauf von Umlaufsmitteln
+zu vermeiden, obwohl unser Geld hierdurch ein Gegenstand der
+internationalen Spekulation wurde.
+
+Der Prozess des Ausverkaufs des deutschen Geldes hat sich zunächst ohne
+panikartige Folgen bis Mitte 1921 fortgesetzt. Er wurde nicht durch
+Deutschland ermutigt, sondern durch das Ausland eingeleitet, das mit
+Recht den inneren Wert der Mark höher einschätzte als den Auslandskurs.
+Aber Mitte 1921 ereignete sich etwas, was vorauszusehen war: der Streik
+der Käufer der Mark. In dem Augenblick, wo man sah, dass wir gezwungen
+waren, in kurzer Frist eine Goldmilliarde zu beschaffen, mithin 30
+Papiermilliarden zu verkaufen, steckten die Markkäufer die Hände in die
+Tasche und warteten. So trat der Marksturz ein, und der Dollarkurs stieg
+von 55 bis zeitweise auf 300.
+
+Man hat bei uns und im Auslande gesagt, dieser Marksturz sei nur die
+Folge der Inflation und des Gebrauchs der Notenpresse in Deutschland.
+Das ist ein Irrtum. Sonst hätte dieser Sturz nicht so plötzlich und in
+ganz kurzer Zeit eintreten können. Auch hat der Kurs sich sobald sich
+wieder etwas Blau am Himmel zeigte, erheblich gebessert. Das Blau am
+Himmel waren die Nachrichten über die ersten Besprechungen zwischen der
+britischen und französischen Regierung über eine Regelung unserer
+Verbindlichkeiten für 1922.
+
+Jetzt komme ich zu einem äusserst wichtigen Punkt. Solange die Währung
+eines Staates auf dem internationalen Markt aus dem Gleichgewicht
+gekommen ist, ist es unmöglich, irgend ein Budget auf bestimmte Zeit mit
+Sicherheit in Ordnung zu bringen. Denn jeder neue Sturz des Kurses hat
+eine Erhöhung der Ausgaben für Gehälter, Löhne und Rohstoffe zur Folge.
+Ein Staatsbudget aber setzt sich nur aus diesen drei Posten zusammen.
+
+In diesem Augenblick ist unser Budget für 1922 in Ordnung. Es enthält
+sogar gewisse Ueberschüsse, dabei ist aber von den Reparationen
+abgesehen. Jeder neue Marksturz, jede neue innere Preiserhöhung aber
+wird dieses Budget gefährden.
+
+Wird damit gerechnet, dass die Reparationslasten erträglich werden, dann
+kann die Mark steigen und das Mass der Staatsausgaben in Papiermark
+sinken. Auf der anderen Seite wird die Konkurrenz der deutschen Ware
+umso gefährlicher, je mehr die Mark sinkt.
+
+Was gibt es nun für Mittel der Gesundung? Wie kann man je zu einer
+Wiederherstellung der deutschen Valuta gelangen?
+
+Als Abhilfsmittel könnte man zunächst an eine Reduktion des Verbrauchs
+denken. Diese ist aber kaum erreichbar, da die Mittelklassen und die
+Arbeiter weit unter dem Stande der Vorkriegszeit leben. Es kann sich
+also nur um die Hebung der Produktion und um die Vermehrung der Ausfuhr
+handeln. Eine derartige Vermehrung ist aber schwer, weil sich andere
+Völker gegen die Vermehrung der deutschen Einfuhr wehren. Es bleibt das
+Mittel, die landwirtschaftliche Produktion zu heben, aber das erfordert
+Zeit bei den infolge des Krieges verschlechterten Bedingungen.
+
+Ich will jetzt im einzelnen von den Lasten sprechen, die auf Deutschland
+ruhen. Für 1922 beträgt das Budget 85 Milliarden ausschliesslich
+Reparationen und sonstigen Friedensvertragsleistungen. Um diese Last zu
+balanzieren, war es nötig, die Steuerlasten zu verdoppeln.
+
+Ich will hier nicht über die sehr wichtige Frage der vergleichenden
+Steuerbelastung sprechen. Wir haben Unterlagen vorbereitet und stellen
+sie zur Verfügung. Ich stelle unter Beweis, dass der Deutsche fernerhin
+eine schwerere Bürde trägt als der Bewohner irgend eines anderen Landes,
+insbesondere der Engländer oder der Franzose. Um den Staatshaushalt zu
+konsolidieren, wird es sich zunächst darum handeln, die Reichsbetriebe
+zu balanzieren, Eisenbahnen, Post, Telegraphen. Die Massnahmen sind
+ergriffen, um im Jahre 1922 diese Reichsbetriebe ins Gleichgewicht zu
+bringen. Ferner handelt es sich um die Beseitigung der Subsidien, die
+bisher zur Verbilligung der Lebensmittel und aus sozialen Gründen
+gegeben werden mussten. Ich trete in die Einzelheiten nicht ein.
+Massnahmen sind ergriffen, die dazu führen sollen, diese Subsidien
+allmählich abzubauen.
+
+Eine dritte Frage wegen des deutschen Budgets betrifft die Frage des
+Kohlenpreises. Der Kohlenpreis nähert sich sehr rasch dem
+Weltmarktpreis. Sobald der Preis des Dollars sich weiter ermässigt,
+überschreiten die deutschen Kohlenpreise den Weltmarktpreis und zwar zu
+verschiedenen Zeitpunkten, da die Preisverhältnisse der einzelnen Sorten
+verschieden sind.
+
+Bisher habe ich stets nur von einem Budget ohne Reparationen und ohne
+die inneren Kosten des Friedensvertrages gesprochen. Wenn ich von den
+bereits erwähnten 500 Millionen für 1922 ausgehe, wenn ich ferner
+ausgehe von Sachleistungen von 1450 Millionen Goldmark und dann noch die
+inneren Kosten des Friedensvertrages nehme, so komme ich zu folgenden
+Ziffern:
+
+ 500 Millionen Gmk. zum Kurse von 50 = 25 Milld. Ppmk.
+1450 " " = 72,5 " "
+Friedensvertragsausgaben = 38 " "
+ -------------------
+ 135,5 " "
+
+Diese Summen kämen also zusätzlich zu dem Budget von 1922 mit seinen 83
+Milliarden Papiermark. Das Budget würde also etwa 150 Prozent neue
+Belastung erfahren und sich damit auf 218,5 Milliarden Papiermark
+belaufen. Um die Bilanz herzustellen, gibt es nur zwei Mittel:
+
+ eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Steuern
+ oder eine Riesenanleihe.
+
+Es wäre unmöglich, da das Land schwerer als seine Nachbarn belastet ist,
+die Steuern nochmals zu verdoppeln. Es bleibt also die Frage einer sehr
+grossen Anleihe. Ich glaube, dass man eine derartige Anleihe nicht im
+Auslande wird machen können. Die City von London hat sich schon
+geweigert, einen sehr viel kleineren Betrag für die Januar- und
+Februarzahlungen durch eine Anleihe zu finanzieren. Die Frage einer
+inneren Anleihe wird sehr ernsthaft erörtert werden. Aber in der
+gegenwärtigen Situation wird es kaum möglich sein, die notwendigen
+Reizmittel zu finden, um eine Anleihe auch nur annähernd des
+erforderlichen Umfanges unterzubringen.
+
+Ich lege Wert darauf, einen Vorwurf zu entkräften, der immer wieder
+auftaucht und der dahin geht, Deutschland sei doch dasselbe Land, es
+habe jetzt noch 60 Millionen Einwohner, darunter eine grosse
+landwirtschaftliche und industrielle Bevölkerung und reichliche
+Arbeitsmittel. Es habe keine Arbeitslosigkeit. Weshalb könne dieses
+tätige und angeblich reiche Land keinerlei Zahlungen leisten?
+Demgegenüber sage ich, wir haben keine Ersparnisse. Lassen Sie mich
+einen Augenblick die Frage der Ersparnisse, der national savings,
+prüfen.
+
+Wenn ich das Deutschland von jetzt und früher vergleiche, so fehlen uns
+zunächst die Reserven, die wir aus den Anlagen im Ausland hatten. Vor
+dem Kriege waren wir aus diesen Quellen mit 1,5 Milliarden aktiv, jetzt
+sind wir mit ¾ Milliarden passiv. Der zweite Faktor ist der Verlust an
+Gebiet und Bevölkerung. Gegenüber der Zeit vor dem Kriege haben wir
+daran mehr als 10 Prozent verloren.
+
+Der dritte Faktor ist der bereits erläuterte Rückgang der Ausfuhr. Die
+Ausfuhr hat sich von 10 Milliarden Goldmark auf 3,5 oder unter
+Berücksichtigung des Weltindexes auf 2,5 Milliarden vermindert. Die
+Gewinne daraus sind deshalb ebenfalls entsprechend zurückgegangen. Ein
+vierter Faktor: Wir verloren einen grossen Teil unserer Rohstoffe, die
+wir jetzt einführen und mit Goldmark oder Ausfuhr bezahlen müssen.
+
+Der fünfte Faktor ist der, dass sich die landwirtschaftliche Bevölkerung
+mehr vermindert hat als die Gesamtbevölkerung, und dass gerade
+landwirtschaftliche Ueberschussgebiete verloren sind.
+
+Auch der sechste Faktor ist sehr beträchtlich. Es handelt sich um die
+Ermässigung der Dienste und ihres Ertrages, die Deutschland durch
+Schiffahrt, Aussenhandel und Bankverkehr im Ausland leistete.
+
+Auf Grund dieser Faktoren, wenn sie sich auch z. T. überdecken, besteht
+meiner Schätzung nach anstelle eines Ueberschusses, einer nationalen
+Ersparnis von 6 Milliarden Goldmark vor dem Kriege jetzt ein Defizit von
+1 bis 2 Milliarden Goldmark jährlich. So zehrt das Land sich allmählich
+auf; es lebt von seiner eigenen Substanz. Es hat weder die Mittel für
+Erneuerungen noch für die wirtschaftliche Ausstattung seines
+Bevölkerungszuwachses.
+
+Es wird auch die Frage Deutschland gegenüber aufgeworfen, und der Herr
+Vorsitzende hat sie mit Recht in Erörterung gestellt: Was tut Ihr mit
+Euren Waren? Wenn Ihr sie nicht ausführt, so speichert Ihr sie auf und
+investiert sie und schafft grosse neue innere Reichtümer. Es erscheint
+sehr paradox, dass ein Land trotz Fehlens von Ersparnissen Waren
+aufstapeln, bauen und investieren sollte. Ich bitte daher, von der Lage
+der Arbeitsstundenzahl und ihrer Verwendung in Deutschland sprechen zu
+dürfen. Ich komme damit auch auf die Frage, was Deutschland mit seinen
+Arbeitslosen macht, und auf den Verlust an Arbeitsstunden unter der
+gegenwärtigen Situation.
+
+1. Die Einkünfte aus Kapitalanlagen im Auslande wurden früher bezahlt in
+Waren, die somit einen fortlaufenden Tribut an Gütern bedeuteten, der in
+breitem Strom uns zufloss. Schon um diese Güter, vor allem Rohstoffe, zu
+erhalten, die wir früher als laufenden Ertrag erhielten, müssen wir jetzt
+arbeiten und Arbeitsstunden aufwenden. Dieser Arbeitsstundenaufwand
+lässt sich auf 3,75 Milliarden jährlich schätzen.
+
+2. Aus dem Verlust an Gebieten ergibt sich ein Verlust an Ersparnissen,
+der sich in einem Mehraufwand von einer Milliarde Arbeitsstunden
+ausdrückt.
+
+3. Man schätzt die Tatsache, dass für die Rohstoffe, die wir einst in
+unseren Grenzen hatten und die wir jetzt mit der Ausfuhr oder mit
+Arbeitsstunden bezahlen müssen, und den dadurch herbeigeführten Aufwand
+von Arbeitsstunden auf 0,83 Milliarden.
+
+4. Aus der ungünstigeren landwirtschaftlichen Flächengestaltung und der
+Verschlechterung des Düngemittelbezuges ergibt sich ein weiterer
+Mehraufwand von 1,82 Milliarden Arbeitsstunden.
+
+5. Der Gegenwert der verlorenen Dienstleistungen (Schiffahrt,
+Aussenhandel und Auslandsbankverkehr) dürfte 1,66 Milliarden
+Arbeitsstunden betragen.
+
+Der gesamte Mehraufwand an Arbeitsstunden, wie er durch die gegebenen
+Verhältnisse erfordert wird, beträgt danach 9 bis 9,28 Milliarden.
+
+Wenn ich von einer arbeitenden Bevölkerung von 21 Millionen ausgehe und
+pro Kopf 2400 Arbeitsstunden im Jahre rechne, so beträgt der Gesamtwert
+der von Deutschland aufgewandten Arbeitsstunden nicht mehr als 50
+Milliarden. Hiervon sind mehr als 9 also für Arbeit aufgewandt, die wir
+vor dem Kriege nicht aufzuwenden brauchten, d. h. fast 1/5 der gesamten
+Arbeitsstunden. Wenn ich diese Summen mit der Zahl der männlichen
+arbeitenden Bevölkerung in Beziehung setze, so ergibt sich bei uns eine
+versteckte Arbeitslosigkeit von nahezu 4 Millionen Menschen, d. h. 4
+Millionen Menschen müssen Arbeit leisten, die früher nicht notwendig
+war. Wenn also bei anderen Nationen eine Arbeitslosigkeit erscheint, die
+bei uns nicht sichtbar ist, so möchte ich im Gegensatz dazu von einer
+unsichtbaren Arbeitslosigkeit sprechen, die darin besteht, dass 4
+Millionen Menschen Arbeit leisten müssen, die früher nicht nötig war und
+die das Arbeitsergebnis gegen früher nicht verbessert. Und zwar alles
+dies vor irgendeiner Zahlung von Reparationen. Von einer Aufspeicherung
+von Reichtümern kann mithin nicht die Rede sein.
+
+Ich bitte nunmehr etwas sagen zu dürfen über die von Deutschland
+erwarteten reinen Goldleistungen. Es mag sein, dass meine bisherigen
+Ausführungen negativ klangen. Wo der Optimismus der Berechnung versagt,
+wird Energie und Entschlossenheit zu Hilfe kommen müssen, aber auch hier
+sind Grenzen gegeben.
+
+Ich knüpfe wieder an die 500 Millionen an, von denen ich schon
+gesprochen habe. Die reinen Goldlasten für Deutschland werden aber in
+jedem Falle viel höher sein als dieser Betrag. Es handelt sich zunächst
+daneben um den Gegenwert des clearing mit 360-400 Millionen Goldmark.
+Dann aber handelt es sich um die in Gold zu beschaffende Bezahlung für
+die Rohstoffe, deren wir zur Herstellung unserer Sachleistungen
+bedürfen. Denn mit Ausnahme der Kohlenlieferungen, für die fremder Bezug
+von Hilfsmaterialien nicht allzu schwer ins Gewicht fällt und die ich
+daher ausser Ansatz lasse, müssen wir für alle anderen Sachlieferungen
+etwa 25 Prozent des Wertes an Rohstoffen aus dem Auslande beziehen. So
+komme ich zu weiteren 250 Millionen Goldmark. Wir würden also für 1922
+auf eine Goldleistung von mehr als 1 Milliarde Goldmark kommen, wenn es
+sich scheinbar nur um eine Goldzahlung von 500 Millionen handelt. Wenn
+es notwendig erscheint, eine so gewaltige Summe von Deutschland zu
+verlangen, so sollte man die Frage der Ermässigung des clearing und der
+inneren Besatzungskosten eingehend prüfen.
+
+In jedem Falle aber ist Deutschland durchaus bereit, auf den Weg der
+Stabilisierung des Budgets zu treten, der ihm vorgeschlagen ist.
+
+Die Erhebung der Zölle auf Goldbasis soll erfolgen.
+
+Die Frage der Verkehrstarife wird 1922 geregelt werden, um das Defizit
+dieser Wirtschaftszweige auszugleichen.
+
+Der Abbau der Subsidien ist in die Wege geleitet.
+
+Die Kohlenfrage ist schwieriger, weil die Preise sich dem
+Weltmarktpreise immer mehr nähern.
+
+Was die innere Anleihe anbelangt, so wird sie in ernsteste Erwägung
+gezogen werden.
+
+Die Frage der Kapitalflucht würde hier viel Zeit wegnehmen. Ich bitte
+deshalb, sie heute zurückstellen zu dürfen, zumal ihre Regelung nur
+unter Mitwirkung aller Auslandsbanken möglich sein würde.
+
+Was die Garantien anlangt, so gibt es meines Erachtens Mittel, um der
+Reichsbank eine grössere Autonomie zu geben. Die Reichsbank ist jetzt
+dem Reichskanzler unterstellt, der aber im Laufe von 50 Jahren nur
+einmal von seinem Eingriffsrecht Gebrauch gemacht hat. Eine
+weitergehende Verständigung ist möglich. Es wäre aber sehr gefährlich,
+wenn man anstelle der Verantwortung die Ueberwachung setzte. Das würde
+das freie Verantwortungsgefühl erschüttern und als Präzedenzfall die
+Zentralnotenbanken aller Staaten schädigen.
+
+Man hat uns endlich gefragt, ob wir mitarbeiten wollen am Wiederaufbau
+Europas. Deutschland würdigt die hohe Wichtigkeit dieser Aufgabe und
+ihren Zusammenhang mit der Lage der Weltwirtschaft. Es ist zwar nicht
+in der Lage, dem Kapitalmarkt der Welt Mittel im Ausmasse reicherer
+Staaten zur Verfügung zu stellen, immerhin unter den beabsichtigten
+Bedingungen ist Deutschland in der Lage, den ihm zugedachten Teil zu
+übernehmen. Deutschland ist um so mehr geeignet, am Wiederaufbau
+teilzunehmen, als es mit den technischen und wirtschaftlichen
+Bedingungen und Gepflogenheiten des Ostens vertraut ist. Der Weg, auf
+den man sich begeben will, erscheint mir richtig. Ein internationales
+Syndikat, und zwar ein Privatsyndikat. Deutschland glaubt, dass man die
+Frage des Wiederaufbaus beginnen sollte mit der Wiederherstellung des
+Verkehrs und der Verkehrsmittel. Man muss sodann an die Quellen der
+Produktion vordringen und vor allem die bestehenden Unternehmungen
+wieder neu beleben. Deutschland glaubt, dass es an der Entwicklung des
+Ostens und der Mitte Europas um so mehr Anteil zu nehmen berechtigt ist
+wegen seiner Haltung der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung
+gerade dieses östlichen Europas gegenüber. In dem Augenblick, als
+Deutschland fast am Ende seiner Kräfte war nach Krieg, Niederbruch,
+Revolution hat Deutschland doch der staatlichen und sozialen
+Desorganisation widerstanden. Hätte diese Desorganisation in Deutschland
+triumphiert, so wäre sie eine entscheidende Gefahr für die ganze Welt
+geworden. Deshalb glaubt Deutschland, sich nicht nur nach Kräften der
+Wiederherstellung zerstörter Gebiete des Westens, sondern auch mit
+Rücksicht auf seine geographische Lage und Kenntnis nachbarlicher
+Verhältnisse der Wiederherstellung von Ost- und Zentral-Europa widmen zu
+sollen, und somit an der Aufgabe teilzunehmen, die die Grossmächte sich
+im Einvernehmen mit diesen Gebieten gestellt haben.
+
+
+
+
+REDE VOR DEM
+HAUPTAUSSCHUSS DES REICHSTAGES
+VOM 7. MÄRZ 1922
+
+
+Im Mittelpunkt unserer gesamten Aussenpolitik steht nach wie vor das
+Problem der Reparationen. In dem Augenblick, als im Frühjahr letzten
+Jahres das Ultimatum von Deutschland unterzeichnet wurde und dadurch das
+Reparationsproblem in sein gegenwärtig aktuelles Stadium trat, waren
+drei Auffassungen in Deutschland gegenüber diesem Problem erkennbar.
+
+Die eine Auffassung ging dahin, es müsse Festigkeit gezeigt und
+Widerstand geleistet, es müsse, komme, was da wolle, die Leistung der
+Reparationen überhaupt abgelehnt werden. Ich glaube nicht, dass diese
+Anschauung eine verbreitete war, sie ist aber in der Oeffentlichkeit zum
+Ausdruck gekommen. Niemand hat den Versuch gemacht, darzulegen, mit
+welchen Mitteln eine solche Politik geführt werden könne, und zu welchen
+Ergebnissen sie führen würde. Dieses Ergebnis wäre lediglich die
+Katastrophe gewesen, die Versenkung Deutschlands in ein Chaos
+auswärtiger Verwirrungen.
+
+Die zweite Auffassung, die uns entgegentrat, fand Widerklang in diesem
+hohen Hause. Es war die Auffassung, dass man zwar bis zu einem
+bestimmten Masse sich dem Reparationsproblem nähern dürfe, dass aber die
+erste Aufgabe der Reichsregierung darin bestehen müsse, wie man sich
+ausdrückte, mit aller Offenheit zu erklären, die Leistungen seien
+vollkommen unerfüllbar und es habe überhaupt keinen Zweck, sie in
+irgendwelchem bedeutenderen Ausmasse in Erwägung zu ziehen. Diese
+Politik wurde bezeichnet als die Politik der Offenheit, und es wurde der
+Regierung der schwere Vorwurf gemacht, dass sie angeblich diese
+Offenheit nicht aufbrächte. Diese Auffassung war unpsychologisch, denn
+der andere hörte aus dem »Wir können nicht« nur das »Wir wollen nicht«
+heraus.
+
+Die dritte Auffassung des Versuches der Erfüllung war die Auffassung der
+Reichsregierung, und sie ist im Laufe dieses Jahres in erheblichem Masse
+gefördert worden. Die Reichsregierung ging davon aus, dass eine
+Verpflichtung für das Reich geschaffen sei durch die Unterschrift seiner
+massgebenden Stellen. Sie ging davon aus, dass unter allen Umständen der
+Versuch gemacht werden müsse, den ehemaligen Gegnern zu zeigen, dass
+Deutschland bereit sei, bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu
+gehen. Ich glaube, dass diese Auffassung die psychologisch richtige war.
+Sie rechnete mit der Mentalität der ehemals gegnerischen Länder und ging
+davon aus, dass über kurz oder lang eine Erkenntnis des wirklichen
+Sachverhalts eintreten würde durch eigene Einsicht der übrigen Nationen.
+
+Ich bedaure, dass ein Wort, das ich bei Einleitung dieser sogenannten
+Erfüllungspolitik gesprochen habe, erheblichen Missverständnissen
+begegnet ist. Man hat aus Ausführungen, die ich im Reichstag tat,
+geschlossen, ich wäre der Meinung, Deutschland könne bis zu jedem
+beliebigen Masse seine Erfüllung treiben; es wäre lediglich eine Frage,
+wie weit man es für wünschenswert hielte, das Volk in Not geraten zu
+lassen. Ich würde eine solche Auffassung, wenn sie in meinen Worten
+erkennbar wäre, auf das tiefste bedauern. Was ich gesagt habe, war aber
+so ziemlich das Entgegengesetzte. Ich habe für die Möglichkeit der
+Erfüllung die stärkste Grenze gezogen, die man überhaupt ziehen kann,
+nämlich die sittliche. Ich habe erklärt, dass das Mass der Erfüllung
+gegeben sei durch die Frage, wie weit man ein Volk in Not geraten lassen
+dürfe. Dieses »dürfe« unterstreiche ich, denn darin war die sittliche
+Verpflichtung enthalten, nur bis zu dem Punkte zu gehen, den der
+Staatsmann verantworten kann. Diesem Grundsatz ist die Regierung treu
+geblieben. Es hat sich im Laufe des Jahres dann auch gezeigt, dass die
+Fragestellung »Möglichkeit oder Unmöglichkeit« der Erfüllung überhaupt
+nicht diejenige geworden ist, die die Mentalität der übrigen Länder
+ausschliesslich beschäftigt hat. In kurzer Zeit hat sich ergeben, dass
+eine weitere Frage hervortrat, nämlich die: wie weit eine
+Reparationsleistung Deutschlands überhaupt für die übrigen Völker
+erträglich sei, denn die volkswirtschaftliche Verknüpfung der Länder
+führte dazu, zu erkennen, dass die Zwangsarbeit eines Landes, auf den
+Weltmarkt gebracht, nur dazu führen kann, den gesamten Markt der Erde
+zu zerrütten, und damit, wenn auch auf einer Seite Zahlungen erlangt
+werden, Nachteile für andere Länder zu schaffen, die so erheblich sind,
+dass sie z. B. in England allein zu einer Arbeitslosigkeit von 2
+Millionen Menschen führten. Psychologisch also hat sich das Vorgehen der
+Regierung als richtig erwiesen. Es war vermieden worden, eine fruchtlose
+Diskussion auf den Grad einer theoretischen Möglichkeit zu beschränken.
+Es war die Möglichkeit dadurch geschaffen, lediglich die Tatsachen
+sprechen zu lassen; und die Sprache der Tatsachen ist so stark gewesen,
+dass heute fast in allen Ländern übereinstimmend die Auffassung
+herrscht, dass das Reparationsproblem von neuem studiert werden muss. Es
+ist kein Tag vergangen, an dem das Studium des Reparationsproblems in
+der Welt geruht hätte. In energischer Weise ist die englische Auffassung
+für erneute Prüfung eingetreten, die Reparationskommission hat sich der
+Frage angenommen, und gerade in diesem Momente schweben die
+Verhandlungen darüber, auf welches Mass die Reparationen für das Jahr
+1922 begrenzt werden sollen.
+
+Mit dieser allgemeinen Auffassung der Regierung im Zusammenhang stand
+die praktische Politik, die sie im Laufe des Jahres verfolgt, und deren
+erste Etappe nach Wiesbaden führte.
+
+Die Aufgabe von Wiesbaden war eine doppelte. Es handelte sich zunächst
+darum, überhaupt die Möglichkeit zu finden, wie erhebliche Zahlungen von
+einem Lande an ein anderes geleistet werden könnten; denn es war
+evident, dass es nicht möglich war, Goldleistungen von Deutschland ins
+Ausland zu führen, soweit nicht eine erhebliche Aktivität der
+Handelsbilanz vorhanden gewesen wäre, und diese war nicht vorhanden. Es
+handelte sich also darum, Modalitäten zu finden, um überhaupt dem
+Reparationsproblem eine Unterlage der Durchführbarkeit zu geben. Der
+Begriff der Sachleistungen trat in den Vordergrund. Es wurde versucht,
+zunächst mit Frankreich ein Abkommen der Sachleistungen zu schliessen
+und dieses Abkommen so einzurichten, dass der Strom an Gütern, der zu
+erwarten stand, in erster Linie dem Wiederaufbaugebiet zugeführt würde.
+
+Daneben aber lag die zweite politische Aufgabe mit grösserer
+Wichtigkeit. Die Anknüpfung der Reparationsbeziehungen zur übrigen Welt
+war überhaupt nur denkbar, wenn zunächst diejenigen Gebiete
+berücksichtigt wurden, die am schwersten unter den Zerstörungen des
+Krieges gelitten hatten. Es ist eine europäische Notwendigkeit, dass die
+zerstörten Gebiete Frankreichs wieder aufgebaut werden. Solange sie als
+Wüsteneien zwischen Deutschland und Frankreich liegen, bleiben sie ein
+Symbol der Spaltung zwischen den Völkern. Immer wieder wird den
+Bewohnern dieser Gebiete Bitterkeit ins Gemüt geführt, und die Länder
+der Erde sehen in den zerstörten Gebieten das Wahrzeichen eines noch
+nicht wiederhergestellten Friedens. Ich halte es für dringend nötig,
+dass der Wiederaufbau der zerstörten französischen Gebiete sobald als
+möglich erfolgt, und ich glaube, dass das Zentralproblem der ganzen
+Reparationen darin liegt, dass Deutschland sein möglichstes tut, um
+diese Gebiete wiederherzustellen.
+
+Die beiden Aufgaben wurden in Wiesbaden gestellt und gelöst. Es wurde
+ein Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich hergestellt, das auch
+auf andere Staaten seine Anwendung finden konnte. Leider ist das
+Ergebnis von Wiesbaden zwar nicht, wie es wünschenswert gewesen wäre,
+ein Friedenswerk nach aussen und innen gewesen. Nach aussen mehr als
+nach innen. Im Innern entfaltete sich eine heftige Agitation und
+Kontroverse gerade gegen die Sachleistungen. Mit wechselnden Argumenten
+ging man vor. Man behauptete, dass das Wiesbadener Abkommen das deutsche
+Volk zugrunde richtete, man behauptete, wir hätten damit Frankreich eine
+Option auf unsere Konjunktur gegeben. Man behauptete, wir wären weit
+über unsere Verpflichtungen von Versailles hinausgegangen. Jede dieser
+Behauptungen wurde widerlegt, aber sie wuchsen nach wie die Köpfe der
+Hydra, und es wurde offenkundig, dass es weniger die wirtschaftlichen
+als die politischen Bestrebungen waren, die die grosse Agitation gegen
+Wiesbaden hervorriefen. Das wurde deutlich in dem Augenblick, als man
+behauptete, das Wiesbadener Abkommen hätte eine so schwere Spaltung
+zwischen Deutschland und England hervorgerufen, dass nunmehr England
+endgültig sich von jedem Interesse Deutschland gegenüber losgesagt habe.
+Dass dies nicht der Fall war, wurde mir von englischer Seite bestätigt;
+Engländer hoher Stellung erklärten mir, dass sie in dem Wiesbadener
+Abkommen unseren ersten politischen Schritt zur Verwirklichung des
+Reparationsproblems erblickten. Sie gingen so weit, zu sagen, dass ohne
+das Abkommen von Wiesbaden diejenigen weiteren Entwicklungen nicht
+möglich gewesen wären, die uns im Verlauf der Zeit nach Cannes führten.
+
+Die Konferenz in Cannes ist, meine Herren, wie Sie wissen, nicht bis zu
+ihrem letzten Ende geführt worden. Sie wurde vorzeitig abgebrochen,
+durch innerpolitische französische Verhältnisse, durch die
+Amtsniederlegung des französischen Ministerpräsidenten. Wir können nicht
+sagen, dass Cannes eine endgültige Regelung im Sinne einer gesamten
+Ordnung der Zukunft uns gegeben hätte. Wir können aber auch nicht sagen,
+dass das Ergebnis von Cannes ein negatives gewesen sei. Es ist möglich
+geworden, durch die Verhandlungen, die dort und zuvor in London
+stattgefunden haben, ein Abkommen zu präliminieren, wenigstens für das
+Jahr 1922, das heute noch nicht ganz geregelt ist, aber das vermutlich
+in den nächsten Wochen seine Regelung finden wird. Es ist möglich
+geworden, in Cannes, den Vertretern der früher uns gegnerischen Nationen
+die gesamte deutsche Situation darzulegen, und zwar in grösserer
+Ausführlichkeit und Klarheit, als wir es vermocht hätten, wenn wir
+lediglich uns auf den negativen Standpunkt der Ablehnung jedes
+Erfüllungsversuches gestellt hätten. Es ist ferner in Cannes dazu
+gekommen, dass eine Konferenz aller Nationen für Genua in Aussicht
+genommen wurde, die nach wechselnden Schicksalen nun doch wahrscheinlich
+im April stattfinden soll. Auf der einen Seite ist der Reflex in der
+deutschen Oeffentlichkeit der gewesen, als Cannes beendet war, dass von
+Genua sehr wenig zu erwarten sei, dass die Ergebnisse völlig
+unbefriedigende seien, dass die Regierung dort nicht nur keinen Erfolg,
+sondern eigentlich, genau betrachtet, eine schwere Niederlage erlitten
+habe. Im merkwürdigen Kontrast dazu stand es, dass gerade von denselben
+Stellen, die in Genua eine vollkommene Gleichgültigkeit erblickten, in
+dem Augenblick, als die Boulogner Beschlüsse stattfanden, erklärt wurde,
+dass nun die letzte Hoffnung geschwunden sei, die wir in Deutschland
+hätten aufleuchten sehen. In einem der beiden Fälle müssen die Kritiker
+sich geirrt haben, entweder war in Cannes doch etwas erreicht worden
+oder der Verlust, der angeblich in Boulogne erlitten worden sein soll,
+konnte kein so überaus schwerer sein.
+
+Ich glaube, dass tatsächlich ein doppelter Irrtum vorlag. Auf der einen
+Seite wurde die Genueser Konferenz unterschätzt in dem Augenblick, als
+sie auftrat, auf der anderen Seite wurden die Boulogner Beschlüsse
+überschätzt in dem Augenblick, als sie zur Wirklichkeit wurden.
+Diejenigen, die der Entwicklung näher standen, haben niemals daran
+gezweifelt, dass Genua nicht die Stelle sein konnte, an der von einem
+Gremium aus mehr als 40 Nationen, von denen ein grosser Teil weder
+Unterzeichner von Versailles noch Kriegsbeteiligte waren, dass von
+diesen Nationen Beschlüsse nicht gefasst werden konnten über die
+Versailler Grundlagen oder über die Grundlagen der Reparationen.
+Boulogne hat die Bestätigung dafür erbracht, dass das Reparationsproblem
+und der Versailler Vertrag diesem Gremium zur Beschlussfassung nicht
+unterliegen kann. Eine Ueberschätzung von Genua kann indessen darin
+liegen, dass man erwartet, es könne von dort aus sofort eine neue
+Regelung der europäischen Verhältnisse ausgehen. Ich halte es für
+bedenklich, zu glauben, dass eine Gemeinschaft von 40 Nationen mit
+Vertretern, deren Zahl in die Hunderte geht, eine aktive Politik führen
+kann, die mit einem Schlage uns in eine neue politische
+Weltkonstellation führt, den Vertrag abändert und die Reparationen auf
+ein normales Mass zurückführt. Wohl aber wird die Möglichkeit vorhanden
+sein, dass in Genua die allgemeinen Ursachen der Welterkrankung erörtert
+werden, und dass die Nationen gemeinschaftlich nach solchen Wegen
+suchen, die zu einer Gesundung des ganzen Kontinents führten. Genua wird
+voraussichtlich das erste Glied einer Serie von Konferenzen sein, die
+vermutlich dieses und das nächste Jahr in Anspruch nehmen werden. Einen
+anderen Weg als den Weg der Konferenzen gibt es unter den heutigen
+Verhältnissen leider nicht. Begegnung der Staatsmänner findet statt auf
+Seiten der Entente; dort ist die Möglichkeit der Aussprache
+kontinuierlich gegeben. Für uns aber, die wir nicht in gleichem Masse in
+Verbindung stehen mit unseren Nachbarvölkern, ist eine Konferenz schon
+deswegen von Wichtigkeit, weil sie uns die Möglichkeit mündlicher
+Aussprache, persönlichen Kontaktes gibt, der unter allen Umständen
+vorzuziehen ist dem Wege der Noten und der diplomatischen Verhandlungen.
+
+Wer also der Auffassung ist, dass von Genua eine neue Aera des
+Geschehens ausgehen wird, der, fürchte ich, wird eine Enttäuschung
+erleben. Ich habe den Eindruck, dass in wirtschaftlichen Kreisen trotz
+aller Enttäuschung über Boulogne ein solcher Optimismus besteht, und ich
+würde nicht wünschen, dass er sich befestigt. Wer aber der Meinung ist,
+dass von dem gegenwärtigen schwerkranken Zustand des gesamten
+europäischen und Weltwirtschaftskörpers ein Weg gefunden werden muss zu
+einer Gesundung, und wer der Meinung ist, dass dieser Weg nur durch
+gemeinschaftliche Aussprachen erreicht werden kann, dass dieser Weg zwar
+lang, aber unter allen Umständen beschreitbar ist, der wird, glaube ich,
+in Genua dasjenige finden, was er sucht.
+
+Was die Entwicklung der Reparationen selbst betrifft, so wird ihr
+Gremium voraussichtlich bis auf weiteres die Reparationskommission
+bleiben, und hinter der Reparationskommission diejenigen Mächte, die in
+erster Linie die Empfangsberechtigten sind. Ich glaube, dass die
+Entwicklung des Reparationsproblems folgenden Gang nehmen wird: man wird
+für das Jahr 1922, auch wohl für das Jahr 1923 zu Lösungen zu kommen
+suchen, die zunächst nur provisorische Lösungen sein werden. Sie können
+nur provisorisch sein, denn auf der einen Seite ist ein gewaltiges
+Geldbedürfnis bei den empfangsberechtigten Staaten, auf der anderen
+Seite ist die Zahlungskraft Deutschlands, insbesondere in Barmitteln,
+eine begrenzte. Die Erkenntnis ist wohl heute so ziemlich in der ganzen
+Welt verbreitet, dass ein Volk dem andern nur dauernd zahlen kann aus
+dem Ueberschuss seiner Zahlungs- und Handelsbilanz. Unsere
+Zahlungsbilanz ist schwer passiv, unsere Handelsbilanz ist in den
+letzten Monaten um eine Kleinigkeit aktiv geworden. Zahlungsmittel in
+bar sind somit nur in beschränktem Masse aufzubringen. Es kann daher für
+1922 und 1923 wahrscheinlich nur ein Provisorium gefunden werden, das
+auch nicht entfernt den Wünschen extremistischer Gegenseiter entspricht,
+die im Anfang des vorigen Jahres noch die öffentliche Meinung
+beherrschten. Wir sehen heute einen erkennbaren Massstab für
+Barleistungen in der Tatsache, dass, sobald diese Leistungen eine
+bestimmte Menge überschreiten, die Wechselkurse gegenüber Deutschland
+ins Schwanken, in lebhafte Bewegung kommen. Die Dekadenzahlung von 31
+Millionen, die als Vorprovisorium für die ersten Monate dieses Jahres
+uns zugemutet worden ist, von der ich in Cannes den Beteiligten gesagt
+habe, dass sie nur auf wenige Wochen beschränkt sein dürfe, hat bereits
+den Wechselkurs gegen Deutschland in starkem Masse zu unseren Ungunsten
+beeinflusst. Man darf sagen, dass die deutsche Leistungsfähigkeit in
+Barzahlung direkt ihr Mass findet in der Bewertung des Dollars an der
+Berliner Börse. Ich habe die Mitglieder der Reparationskommission, die
+sich vor einiger Zeit in Berlin aufhielten, darauf aufmerksam gemacht,
+wie unbedingt nötig es sei, schon jetzt, gleichviel ob die Regelung für
+das Jahr 1922 sich noch etwas hinzieht, die Dekadenzahlungen zu
+verringern, um den Dollarkurs nicht weiter in Bewegung zu setzen. Denn
+was es bedeutet, wenn die deutsche Währung ihren scharfen Rückgang
+fortsetzt, das wissen wir alle. Wir wissen, dass damit das Budget ins
+Wanken kommt, dass alle Lasten sich erhöhen, dass alle Lohn- und
+Gehaltsbemessungen von neuem in Frage gestellt werden, dass die ganze
+Kette der Bewertungen im Lande sich in Bewegung setzt. Es ist möglich,
+dass an den letzten Dollarbewegungen bis zu einem gewissen Grade
+Spekulation beteiligt war. Wir dürfen nicht vergessen, dass grosse
+Mengen deutschen Geldes im Besitz des Auslandes sind, und die Gefahr ist
+gross, dass, wenn eine starke Bewegung in unseren Valuten stattfindet,
+das Ausland erhebliche Beträge seiner Markbestände auf den Markt bringt.
+Ich hoffe nicht, dass gleiches spekulativ von deutscher Seite geschieht.
+Denn wenn man sich vorstellt, dass von deutscher Seite spekulative Käufe
+in fremden Devisen stattfänden, so wäre es das traurigste Phänomen, das
+man sich denken kann. Wir müssen im Auge behalten, dass jeder Deutsche,
+der spekulativ fremde Valuten kauft, auf nichts anderes als das Unglück
+unseres Landes spekuliert. Diese Kenntnis sollte sich soweit nur
+irgendmöglich verbreiten. Ich hoffe, dass Deutsche an der spekulativen
+Bewegung unserer Währung nicht beteiligt sind.
+
+Wenn wir also für das Jahr 1922 und vielleicht auch für das Jahr 1923
+nur zu provisorischen Regelungen kommen, so muss dafür gesorgt werden,
+dass einmal die endgültige Regelung eintritt. Und sie kann nur dann
+eintreten, wenn der grosse Kreis der wechselseitigen Verschuldung in
+Europa sich lockert. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass das
+Reparationsproblem nur ein Teilproblem innerhalb des allgemeinen
+Weltverschuldungskreises bedeutet. Die Weltverschuldung umfasst Europa
+und Amerika gemeinschaftlich. Die europäischen Staaten fast sämtlich
+schulden direkt oder indirekt an Amerika, sie schulden ausserdem
+untereinander. Die meisten sind Gläubiger und Schuldner zugleich;
+diejenigen, die ausschliesslich Schuldner sind, sind wir. Schwerlich wird
+sich das Reparationsproblem aus dem allgemeinen Weltverschuldungsproblem
+herauslösen lassen. Dieses Weltverschuldungsproblem wird aber Gegenstand
+der Erörterungen in der Politik aller Länder während der nächsten Jahre
+sein müssen. Gelingt es, dieses Problem – und es wird nur gelingen unter
+dem Hinzutritt von Amerika – einer erträglichen Lösung zuzuführen, so
+ist damit auch die Lösung der deutschen Reparation ermöglicht.
+
+In diesem Falle muss nämlich der Versuch gemacht werden, mit Hilfe aller
+europäischen und aussereuropäischen Kapitalstaaten eine grosse Anleihe
+zu Lasten Deutschlands aufzunehmen, sie den Empfangsberechtigten zu
+übergeben und damit das Reparationsproblem endgültig zu beseitigen. Ob
+unter den heutigen Verhältnissen Kapitalaufnahmen seitens Deutschlands
+in erheblichem Masse möglich sind, ist zu bezweifeln, denn der
+Versailler Vertrag steht der Kreditgewährung an Deutschland entgegen.
+Darüber hat sich niemand deutlicher ausgesprochen als der Leiter der
+Bank von England. In dem gleichen Masse, wie die Erkenntnis des
+Gesamtverschuldungsproblems in den Mittelpunkt des öffentlichen und des
+Weltinteresses tritt, wird man den Versuch machen müssen, der
+Kreditwürdigkeit Deutschlands zu helfen und dadurch eine Finanzoperation
+zu ermöglichen, die von ausserordentlich grossem Umfange sein kann und
+sein muss, um das grosse Problem zu lösen. Schon aus dem Grunde möchte
+ich wünschen, dass das Reparationsproblem seine Beendigung durch eine
+grosse Weltanleihe fände, weil ich der Meinung bin, dass der Zustand auf
+die Dauer schwer aufrechtzuerhalten ist, dass ein Volk Zahlungen direkt
+an einen oder mehrere seiner Nachbarn leistet. Die Anonymisierung der
+Schuld wird die Schuld erleichtern und wird sie dauernd tragbarer
+machen. Die Schuld an Nachbarn nimmt die Form eines Tributes an, und ein
+solcher Tribut ist nicht diejenige Form, unter der sich der Weltfrieden
+am besten konsolidiert.
+
+Ich habe von den Aussichten Genuas gesprochen und darauf hingewiesen,
+dass auf der einen Seite vielleicht eine Enttäuschung für diejenigen
+entsteht, die von Genua die endgültige Regelung der Reparationsfrage
+erhoffen, dass aber auf der anderen Seite doch für uns die Erwartung
+besteht, dass Genua einen Markstein in der allgemeinen Entwicklung zum
+Weltfrieden darstellen wird. In hohem Masse wird das Ergebnis von Genua
+davon abhängen, welche Stellung Amerika entschlossen ist, zu dem
+Reparationsproblem, zum Friedensproblem überhaupt einzunehmen.
+
+Amerikas Macht ist durch den Krieg gewaltiger gewachsen als die
+irgendeines anderen Landes. Der Eingriff Amerikas in das Schicksal der
+Welt ist keinem anderen Eingriff zu vergleichen, der seit Jahrhunderten
+in das Leben der Völker stattgefunden hat. Durch sein Eintreten in den
+Krieg hat Amerika den Krieg entschieden, durch sein Eintreten in den
+Friedenskongress hat Amerika den Frieden entschieden und durch seinen
+Eintritt in die Weltprobleme der Verschuldung und der Sanierung wird
+Amerika in der Lage sein, die Weltentwicklung in wirtschaftlicher und
+friedenbringender Richtung zu entscheiden.
+
+Vielfach hat man bei uns die Vorstellung, Amerika sei ein Land, das
+lediglich seinen grossen materiellen Aufgaben lebt, von der Natur
+begünstigt und in grossartiger Isolation. Ich glaube, dass wenig Länder
+so entschieden durch Erwägungen ideeller Art zu bewegen sind wie
+Amerika. Ich glaube, dass die Motive, die Amerika zum Krieg und zur
+Friedensschliessung getrieben haben, nicht so sehr auf materiellen
+Wünschen beruhten, wie auf der Ueberzeugung einer Verantwortung, und ich
+glaube deshalb, dass Amerika sich nicht derjenigen Verantwortung
+entziehen wird, die ihm durch sein entscheidendes Eingreifen in die
+europäischen Schicksale erwachsen ist. Ich weiss, dass in Amerika eine
+starke Tendenz besteht, die dahin gerichtet ist, zu sagen, Europa ist
+weit entfernt, mit den Händeln dieses alten Kontinents wollen wir nichts
+zu tun haben. Es ist durchaus verständlich, wenn eine solche Auffassung
+gehegt wird. Aber ich glaube, in Amerika werden Gegenkräfte wach und
+stark sein, die die Auffassung vertreten, Europa darf nicht zugrunde
+gehen, die Quellen der ältesten und stärksten Zivilisation dürfen nicht
+erschüttert werden. Es darf nicht vergessen werden, dass derjenige, der
+den Krieg bestimmt hat und den Frieden bestimmt hat, nun auch für das
+Wohlergehen derjenigen Völker, deren Schicksal bestimmt wurde, eine
+Verantwortung trägt. Ich glaube auch, dass diejenige Auffassung in
+Amerika, die sagt, wir sind materiell am Geschick Europas so gut wie
+uninteressiert, nicht das Richtige trifft.
+
+Ich habe von Amerika her Stimmen vernommen, die behaupteten, der ganze
+Aussenhandel Amerikas nach Europa bedeute ausserordentlich wenig, er
+bedeute, sagten die einen 4 Prozent, die anderen 7 Prozent der
+amerikanischen Produktion. Ich glaube, dass diese Zahl in Amerika sehr
+ernstlich der Nachprüfung bedarf und dass sie auch eine Nachprüfung
+finden wird. Wäre tatsächlich die Produktion Amerikas 15 mal grösser
+gewesen als seine Weltausfuhr, so wäre diese Produktion so gewaltig,
+dass sie sich mit der Arbeiterzahl, über die Amerika verfügt, nicht
+entfernt hätte leisten lassen. Der Anteil der Ausfuhr an amerikanischer
+Produktion ist tatsächlich erheblich grösser, und Amerika wird auch in
+materiellem Sinne erkennen, dass es wünschenswert ist, einen so starken
+Konsumenten, wie es Europa ist, gesund zu erhalten. Es besteht somit die
+Hoffnung, dass auf amerikanischer Seite ideelle und materielle Momente
+zusammenwirken werden, um die gewaltige Kraft dieses Landes den
+europäischen Schicksalen wieder zuzuwenden, die von ihr abhängen.
+Gleichviel, ob Amerika sich entschliesst, sich an Genua zu beteiligen
+oder nicht, glaube und hoffe ich, dass Europa nicht ganz allein auf sich
+selbst in der Regelung seiner überaus schwierigen Verschuldungsverhältnisse
+und in der Ordnung, in der Wiederherstellung seiner tief erkrankten
+wirtschaftlichen Gliederung angewiesen sein wird.
+
+Wenn wir in einigen Wochen nach Genua gehen werden, so werden wir es
+nach eingehender Vorbereitung aller derjenigen Probleme tun, die
+Deutschland beherrschen, und vor allem derjenigen, die auf das Schicksal
+Europas einen wirtschaftlichen Einfluss ausüben. Ich glaube, dass es uns
+möglich sein wird, dort einen Boden zu finden, der für die Erörterung
+wirtschaftlicher Grundfragen vorbereitet ist, und hoffe, dass die
+Anbahnung eines künftigen wirklichen Friedenszustandes gelingt. Wir
+leben freilich nicht mehr im Kriege, aber wir leben noch immer weit
+entfernt vom wirklichen Frieden. Noch immer leben die Völker in
+dauernder, sich verstärkender wirtschaftlicher Abschliessung, noch immer
+leidet Deutschland unter einseitiger Behandlung, noch immer leben wir
+unter der Regie von Noten, die unser politisches Leben erschweren und
+beunruhigen, noch immer ist im Osten schlesisches Land besetzt und im
+Westen die Städte, die unter dem Namen von Sanktionen okkupiert worden
+sind. Das ist noch nicht der wahre Friede der Welt, das ist noch nicht
+der wahre Friede Deutschlands! Ich habe die Hoffnung und den Glauben,
+dass dieser wahre Frieden der Welt herannaht. Die Aufgabe unserer
+Politik ist, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, dem Frieden näher zu
+kommen, Vertrauen im Kreise der Völker zu erwerben und zu erhalten, aber
+auch gleichzeitig unsere Rechte zu wahren. In diesem Sinne gedenken wir
+die Fahrt nach Genua anzutreten, in diesem Sinne hoffen wir, dass Genua
+einen Markstein auf dem Wege zu wirklicher Befriedung der Erde bilden
+wird!
+
+
+
+
+REICHSTAGSREDE
+VOM
+29. MÄRZ 1922
+
+
+Als ich vor nunmehr zwei Monaten im Auswärtigen Ausschuss des
+Reichstages über Cannes berichtete, habe ich ausgesprochen, es könnten
+Nachtfröste kommen und die junge Saat des Friedens schädigen. Das Klima
+Europas schien mir damals noch nicht genügend erwärmt, um hoffen zu
+dürfen, dass ein Vorfrühling des Friedens eintreten werde.
+
+In Cannes war manches erreicht. Die Goldzahlung von fünf Milliarden, die
+das Ultimatum uns auferlegte und die zum Teil bestanden in festen
+Leistungen, zum andern Teil in den Abgaben des Index, zum dritten Teil
+in den Goldleistungen für Besatzungskosten, war auf 720 Millionen
+verringert worden. Es war den deutschen Vertretern Gelegenheit gegeben
+worden, unsere wirtschaftliche Lage unumwunden der Entente darzulegen,
+und es ist seitdem noch nicht eine autoritative Stimme aufgetreten, die
+unsere Ausführungen widerlegt.
+
+Des ferneren war zum ersten Male eine Weltkonferenz in Aussicht
+genommen, an der Deutschland als gleichberechtigter Faktor teilnehmen
+sollte.
+
+Die Konferenz in Cannes fand kein natürliches Ende. Durch den Sturz des
+französischen Ministerpräsidenten Briand war die Situation von Grund aus
+geändert. Die endgültige Entscheidung, die von der Konferenz erwartet
+wurde, ging auf die Reparationskommission über.
+
+Uns wurde anheimgestellt, der Reparationskommission ein Anerbieten zu
+machen. Für diese Offerte waren die Grundlinien vorgezeichnet; sie waren
+vereinbart zwischen England und Frankreich, und es war uns davon
+Kenntnis gegeben, dass das Moratorium, das wir verlangten, uns gewährt
+werden würde, wenn wir die Bedingungen annähmen, die man uns vorschlug.
+Das Moratorium mussten wir haben; denn die Goldzahlungen des Januar und
+Februar waren nicht zu leisten. So wurde die Offerte so eingereicht, wie
+sie vereinbart war.
+
+Bis zur endgültigen Entscheidung aber wurde von der
+Reparationskommission uns eine Dekadenzahlung im Betrage von 31
+Millionen für alle zehn Tage auferlegt. Schon in Cannes habe ich die
+Reparationskommission darauf aufmerksam gemacht, dass eine solche
+Dekadenzahlung von Deutschland nur für ganz kurze Zeit geleistet werden
+könne, wenn nicht die Gefahr entstehen sollte, dass die deutsche Valuta
+aufs schwerste zerrüttet würde. Ich bin auf diese Aeusserungen der
+Reparationskommission gegenüber zurückgekommen; ich habe mehrmals
+mündlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass die Zeit sich allzu
+sehr verlängerte, dass die Zahlungen der Dekaden dieselbe Wirkung haben
+müssten, die ich in Cannes vorausgesagt hätte. Tatsächlich ist auch die
+Zerrüttung unserer Valuta eingetreten: der Aufstieg des Dollars von 160
+bis auf über 300.
+
+Die Verhandlungen mit der Reparationskommission zogen sich in die Länge,
+nicht Verhandlungen zwischen uns und ihr, sondern Verhandlungen, die sie
+selbst mit dem französischen Ministerpräsidenten zu führen hatte, dem
+sie ihr Mandat zunächst in die Hände gelegt hatte und von dem sie es
+zurückerhielt.
+
+Während dieser Zeit haben wir, dem Wunsche der Reparationskommission
+entsprechend, mit denjenigen Delegierten verhandelt, die uns gesandt
+wurden, nämlich in erster Linie mit Herrn Bemelmans, in der Absicht, die
+Sachleistungen für uns und auch für diejenigen Länder, die
+anspruchsberechtigt waren, durchführbar zu machen, nämlich für England,
+Belgien, Italien und Serbien. Ein Abkommen wurde präliminiert. Kurze
+Zeit darauf erschien unangemeldet der französische Delegierte Herr
+Gillet, abermals mit Zustimmung der Reparationskommission, um den
+Versuch zu machen, auch hinsichtlich der französischen Sachleistungen
+neue Modalitäten mit uns zu verabreden, die dann gleichfalls in
+Vorbesprechungen geklärt wurden. Von unserer Seite also wurde nichts
+versäumt während der langen Periode, innerhalb deren die
+Reparationskommission mit ihrer Entscheidung zögerte. Wie Sie wissen,
+ist diese Entscheidung erfolgt am 21. März und sie hat Deutschland auf
+das schwerste enttäuscht. Sie hat nicht nur uns enttäuscht, sondern
+einen jeden in der Welt, der eine Hoffnung auf wirklichen Frieden und
+eine mögliche Regelung des Reparationsverhältnisses hegte.
+
+Um die Entwicklung dieser Wochen zu verstehen – zwei Monate vergingen
+während dieser Verhandlungen – müssen wir uns klar machen, welche
+bedeutende Wandlung im politischen Weltgeschehen eingetreten war. In
+Frankreich hatte ein Staatsmann die Zügel ergriffen von grosser
+Erfahrung in internationalen Verhältnissen und von rückhaltsloser
+Willenskraft. Poincaré nahm den Kampf gegen England auf, und Boulogne
+hat uns gezeigt, dass dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen ist.
+Wenn auch in Boulogne neue Beschlüsse nicht gefasst wurden, wenn auch
+nur das bestätigt wurde, was ursprünglich schon auf der Einladungskarte
+für Genua gestanden hatte, so war doch diese Wiederholung eine
+Bekräftigung desjenigen Willens, der uns verhindern sollte, die Frage
+der Reparationen in Genua zur Sprache zu bringen, diejenige Beschränkung
+der Konferenz aufzuerlegen, die ihr eigentlich das Herz ausbrach. Von
+einer starken parlamentarischen Mehrheit getragen, begann Poincaré seine
+Politik, und sie hat sich in kurzer Zeit auf allen Schauplätzen der Politik
+ausgewirkt, nicht nur England gegenüber, sondern auch im näheren Osten, wo
+die Zahl der Bündnisse, Verständigungen und Militärkonventionen fast von
+Tag zu Tag wuchs, nicht nur in Kleinasien, wo die französisch-türkische
+Politik vordrang gegenüber der englisch-griechischen. Die Auswirkung
+erstreckte sich auch auf uns, und zwar zeigte sie sich zunächst in einem
+Hagel von Noten, die seitens der interalliierten Militärkommissionen auf
+uns herniederprasselten. Ich habe zählen lassen, dass wir etwa im Laufe
+von zwei Monaten 100 Noten von diesen Kommissionen zur Beantwortung
+bekamen. Sie können sich denken, dass es nahezu einer Lahmlegung der
+Behörden gleichkommt, wenn sie gezwungen sind, täglich und nächtlich an
+der Beantwortung dieser Schriftstücke zu arbeiten. Von dem letzten Herrn
+Redner ist auf die sehr unerfreulichen Entwicklungen hingewiesen worden,
+die die Abgrenzung am Weichselgebiet in der letzten Zeit erfahren hat.
+Wir haben nicht unterlassen, nicht nur die Botschafterkonferenz, sondern
+alle Mächte einzeln darauf hinzuweisen, dass hier ein schweres Unrecht
+im Zuge ist, und es ist wenigstens erreicht worden, dass die
+Botschafterkonferenz zunächst ihre Entscheidung zurückgestellt hat.
+
+Etwas Tragisches liegt darin, dass die gegenwärtig stärkste
+Militärmacht der Welt, dass Frankreich in seinem ganzen Tun und Handeln
+bestimmt wird durch die Besorgnis vor einem deutschen Angriff, vor einem
+Angriff eines vollkommen entwaffneten Landes, das kaum so viel Soldaten
+aufbringt, um seine innere Ruhe zu erhalten. Es ist in hohem Masse
+bedauerlich, dass durch diesen Gedanken Frankreichs jede Behandlung
+europäischer Probleme eine politische Seite erhält.
+
+Gerade auf einem derjenigen Gebiete, mit denen sich die Noten der
+letzten Zeit besonders intensiv beschäftigen, trat diese politische
+Tendenz in bedauerlicher Weise hervor. Ich spreche von denjenigen Noten,
+die sich auf unsere Schutzpolizei beziehen. Es ist durchaus
+verständlich, wenn in einem geordneten, mit starker Militärmacht
+versehenen Lande, wenn in einem Lande mit ungeschwächter Staatsautorität
+ein Gendarmeriesystem vertreten wird, das auf rein munizipaler,
+örtlicher Organisation beruht. Für Deutschland ist eine solche Regelung
+nicht tunlich. Wir leben in einer Zeit des Uebergangs, der schwersten
+Zerrüttung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse. Wir leben in einer
+Zeit, in der schwer gebändigt unter der Oberfläche die Mächte der Unruhe
+sich bewegen. Wir leben in einem Lande mit geschwächter Staatsgewalt,
+und wir sind deshalb darauf angewiesen, für Ruhe im Lande zu sorgen. Das
+ist nur dann möglich, wenn eine wirksame Polizeigewalt im Lande
+existiert.
+
+Unter solchen Auspizien der äusseren und der Gesamtpolitik ist die Note
+der Reparationskommission erwachsen. Die Kritik an der Note hat gestern
+der Herr Reichskanzler geübt, und ich habe dieser Kritik nicht ein Wort
+hinzuzufügen. Um aber die Voraussetzungen und Tendenzen klarer zu
+verstehen, auf die sich die Note gründet, ist es erforderlich, dass wir
+uns in einen fremden Vorstellungskreis zu versetzen suchen und einige
+Irrtümer dieses Vorstellungskreises beleuchten.
+
+Der erste Irrtum, mit dem wir uns befassen müssen, ist die übertriebene
+Vorstellung des Auslandes von dem Begriff der Inflation und ihren
+Wirkungen. Immer wieder tritt uns die Vorstellung entgegen, dass, wenn
+unser Geldwert zerrüttet ist, das nur auf den Notendruck zurückgeführt
+werden kann. Das Rezept dagegen, das uns gegeben wird, ist: Stoppt eure
+Notenpresse, bringt euer Budget in Einklang, und das Unglück ist
+behoben! Ein schwerwiegender volkswirtschaftlicher Irrtum! Für ein Land
+mit aktiver Zahlungsbilanz ist die Gesundung des Geldes dadurch möglich,
+dass man deflationistische Politik betreibt, die Balance des Haushalts
+herstellt und die Notenpresse stoppt. Anders liegt es aber für ein Land
+mit passiver Zahlungsbilanz. Ich fordere jeden Kenner des
+Wirtschaftslebens auf, mir einen Weg zu nennen, auf dem einem Land mit
+passiver Zahlungsbilanz ermöglicht wird, dauernd Goldzahlungen zu
+leisten ohne Hilfe fremder Anleihen und dabei seine Valuta intakt zu
+halten. Niemals ist der Versuch gemacht worden, ein solches Rezept zu
+geben, und es kann nicht gegeben werden. Denn ein Land, das Gold nicht
+produziert, kann Gold nicht zahlen, es sei denn, dass es dieses Gold
+durch Ausfuhrüberschüsse kauft oder dass ihm das Gold geliehen wird.
+
+Der Kreislauf unserer Valutazerrüttung ist der folgende: passive
+Zahlungsbilanz, infolgedessen die Notwendigkeit, unsere Zahlungsmittel
+im Auslande zu verkaufen oder auszubieten; dadurch Entwertung der
+ausgebotenen Ware, der verkauften Zahlungsmittel; dadurch Schädigung des
+Geldwertes im Auslande, Schädigung der Valuta. Weitere Folge: Ansteigen
+aller Preise im Inlande, Ansteigen aller Materialkosten und aller
+Personalkosten. Weitere Folge: das Klaffen des Budgets; denn ein Budget
+besteht aus keinen anderen Ausgaben als aus sachlichen und persönlichen,
+und wenn diese beiden ohne Gegenwert steigen, so ist jedes Budget, und
+mag es vorher noch so sehr im Einklang gewesen sein, zerrüttet.
+
+Wer den Beweis für die Richtigkeit dieser Anschauung noch braucht, der
+sei darauf hingewiesen, wie sich tatsächlich unser Geldwert im Ausland
+während einer Zeit vollkommen stabilen Weiterganges der Inflation bewegt
+hat. Wir haben bei diesem stabilen Gang im Herbst letzten Jahres einen
+Dollarkurs von 300 erlebt, er hatte sich im Dezember auf etwa 160
+ermässigt, er ist abermals gestiegen auf 350, und alles das stand nicht
+im Zusammenhange weder mit dem Druck der Notenpresse noch mit dem
+Fortgang der Inflation.
+
+Einen zweiten Irrtum der ausländischen Auffassung von unserer
+Zahlungsfähigkeit habe ich zu erwähnen. Er betrifft die Frage unserer
+Steuerbelastung. Wir haben der Reparationskommission und der Konferenz
+in Cannes das Material übergeben, das den Nachweis erbrachte, dass
+Deutschland heute schwerer mit Steuern belastet ist als andere Länder.
+Von keiner Seite ist der Versuch gemacht worden, unsere Rechnungen zu
+entkräften. Anerkannt wurde, dass die Kalkulationen überaus schwierige
+sind, dass es ernster theoretischer Auseinandersetzungen bedarf und
+nicht mechanischer Vergleiche von Zahlen, die auf Dollars übersetzt
+werden. Aber der Versuch einer Widerlegung ist nicht gemacht worden. Das
+einfachste Beispiel kann ja nicht widerlegt werden. Wenn in Deutschland
+das Einkommen der höchsten Staatsbeamten 300 oder 500 Dollars beträgt,
+so kann dieser Staatsbeamte keinesfalls mehr als 300 oder 500 Dollars
+Steuern zahlen. Das schliesst aber keineswegs aus, dass ein
+Staatsbeamter eines anderen Landes, der 3000 oder 5000 Dollars verdient,
+sehr wohl mehr Steuern zahlen kann, als die ganzen Einnahmen des
+deutschen Staatsbeamten betragen.
+
+Ein dritter Irrtum, der bereits von Herrn Abgeordneten Stresemann
+erwähnt wurde, ist der, dass man uns vorhält: eure Wirtschaft ist voll
+beschäftigt, ihr habt keine Arbeitslosen, bei euch raucht jeder
+Schornstein, bei euch laufen alle Maschinen mit Volldampf; wo bleibt nun
+das Produkt dieser Arbeit? Dieses Produkt muss doch vorhanden sein, es
+muss dazu dienen, die deutsche Vermögenssubstanz anzureichern, und
+dieses Produkt muss für Reparationen fassbar sein. Die Antwort auf diese
+Frage habe ich in Cannes gegeben, und ich werde es hier noch einmal mit
+grösserer Deutlichkeit tun.
+
+Die Reparationen, die wir im letzten Jahre gezahlt haben, beliefen sich
+auf anderthalb Milliarden Goldmark. Diese anderthalb Milliarden Goldmark
+bedeuten nicht mehr und nicht weniger als die Jahresarbeit von einer
+Million deutschen Arbeitern. Wir haben, wie Sie wissen, durch den
+Niedergang unserer Landwirtschaft eine erhebliche Einfuhr von
+Lebensmitteln nötig. Diese Einfuhr belief sich im letzten Jahre auf 2
+Milliarden Goldmark, und sie bedeutet abermals die Arbeitskraft eines
+ganzen Jahres von einer Million Deutschen. Unseren Auslandsbesitz haben
+wir verloren, die Guthaben und Investitionen, den Ueberseebesitz. Die
+Einnahmen aus diesen Besitztümern betragen weit über eine Milliarde
+Gold, und diese Einnahmen verwandelten sich in einen Zustrom von
+Rohstoffen und von Waren, für die wir Gegenwerte nicht zu leisten
+brauchten. Wenn wir heute diese Rohstoffe und Güter uns durch Kauf
+beschaffen müssen, so haben wir dafür Arbeit zu leisten, und es ist
+abermals die Arbeit von einer Million Deutschen erforderlich, um den
+Gegenwert zu bezahlen. Wir kommen also zu der Rechnung, dass drei
+Millionen Deutsche gegenwärtig Jahr für Jahr zu arbeiten haben, um
+denjenigen Stand einigermassen wiederherzustellen, der uns vor dem
+Kriege ohne diese Arbeit beschieden war. Es wird also gleichsam von drei
+Millionen Menschen die Arbeit kompensationslos verzehrt; das bedeutet
+freilich einen Zustand von starker Beschäftigung des Landes, aber nicht
+von produktiver Beschäftigung.
+
+Einen vierten Irrtum hat Herr Stresemann erwähnt, auf den ich mit
+wenigen Worten ergänzend eingehen möchte. Es wird uns vom Auslande
+entgegengehalten: eure Industrie ist blühend; eure Gesellschaften zahlen
+hohe Dividenden; sie emittieren neues Kapital; sie schaffen also grosse
+neue innere Werte. Auch dieser Schluss ist falsch. Denn wenn wir das
+Beispiel einer Gesellschaft von 100 Millionen Aktienkapital nehmen und
+annehmen, dass diese Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so
+hat sie auf die Goldwerte ihres Aktienkapitals nicht mehr als ¼ Prozent
+gezahlt. Es bleibt dabei aber unberücksichtigt, dass sie mindestens, um
+ihren Stand an Maschinen und Einrichtungen aufrechtzuerhalten, eine
+jährliche Rücklage in Gold machen müsste, die, auf Papier umgerechnet,
+ein Vielfaches des Aktienkapitals ausmacht. Wenn also eine solche
+Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so fehlen ihr jedes Jahr
+vielleicht 200, vielleicht 300, vielleicht 500 Prozent ihres
+Aktienkapitals an den notwendigsten Rückstellungen.
+
+Ich habe die volkswirtschaftlichen Trugschlüsse erwähnt, die eine
+Erklärung für die Atmosphäre bilden, innerhalb deren die Reparationsnote
+entstanden ist. Ich darf aber nicht an den erheblichen gefährlichen
+Irrtümern vorübergehen, die sich in der politischen Mentalität des
+Auslandes abspielen. Ich nenne von diesen Irrtümern nur zwei. Der eine
+lautet: Deutschland hat nichts gezahlt und will nichts zahlen. Der
+andere lautet: Deutschland hat nicht entwaffnet und will nicht
+entwaffnen.
+
+Meine Herren! Ich möchte Ihnen zwei Aufstellungen verlesen, die ich
+gemacht habe, um diese Fragen zu beantworten. Zunächst: Deutschland hat
+nichts gezahlt und will nichts zahlen. Es ist schwer, genaue
+Schätzungen aufzustellen für alle diejenigen Leistungen, die Deutschland
+in der Vergangenheit seit Beendigung des Krieges hingegeben hat. Aber
+wenn auch die Schätzungen vielleicht nicht auf die letzten Dezimalen
+genau zu sein brauchen, so geben sie doch ein deutliches und
+unwiderlegliches globales Bild von der Gesamtheit der deutschen
+Leistung.
+
+Ich erwähne folgende Posten: Das deutsche liquidierte Eigentum im Auslande
+hat einen Wert von 11,7 Milliarden, die übergebene Flotte hat einen Wert
+von 5,7 Milliarden, das Reichseigentum in den abgetretenen Gebieten
+beläuft sich auf 6,5 Milliarden Mark, übergebenes Eisenbahn- und
+Verkehrsmaterial beläuft sich auf 2 Milliarden Goldmark (Zuruf rechts:
+alles Goldmark?) – alles Goldmark! – Rücklassgüter nicht militärischen
+Charakters 5,8 Milliarden Goldmark, der Verlust der deutschen Ansprüche
+an seine Kriegsverbündeten beläuft sich auf 7 Milliarden Goldmark. Der
+Wert der Saargruben wird von uns auf 1,1 Milliarden Goldmark beziffert.
+Die Kohlenlieferungen, die wir getätigt haben, zum Weltmarktpreis
+gerechnet, belaufen sich auf 1,3 Milliarden Goldmark. Barzahlungen für
+Reparationen sind bekanntlich 1,3 Milliarden Goldmark gewesen. Eine
+Reihe von kleineren Posten – kleiner, obwohl sie in die Milliarden
+laufen – übergehe ich, sie betragen im ganzen 3,2 Milliarden Mark. Wir
+kommen somit zu einer Gesamtsumme der deutschen Leistungen seit
+Kriegsende von 45,6 Milliarden Goldmark. – Hierbei ist der Wert der
+Kolonien und der reine Wirtschaftswert der abgetretenen oberschlesischen
+und westpreussischen Gebiete nicht in Ansatz gebracht. Fügt man den nach
+mittleren Schätzungen hinzu, so erhöht sich diese Summe auf weit über
+100 Milliarden Goldmark.
+
+Das habe ich dem Auslande zu sagen, das durch eine starke Propaganda
+heute noch immer die Meinung zu hören bekommt, Deutschland habe nichts
+gezahlt und Deutschland wolle nichts zahlen. Es ist die stärkste
+Zahlungsleistung von Deutschland ausgegangen, die jemals von einem Volke
+der Erde an andere Völker geleistet worden ist.
+
+Die andere Behauptung lautet: Deutschland habe nicht entwaffnet und
+wolle nicht entwaffnen. Auch hier werde ich Ihnen eine Reihe von Zahlen
+geben und bitte dabei zu bedenken, dass sich in diesen Zahlen nicht die
+ganze Entwaffnung Deutschlands ausdrückt, dass sie nicht die gewaltige
+Heeresreduktion umfassen und dass sie den Verlust unserer Festungen
+nicht enthalten. Es sind unter anderem abgeliefert worden an Gewehren
+und Karabinern 5,8 Millionen, an Maschinengewehren 102 000, an
+Minenwerfern und Granatwerfern 28 000, an Geschützen und Rohren 53 000,
+an scharfen Artilleriegeschossen und Minen 31 Millionen, an scharfen
+Hand-, Gewehr- und Wurfgranaten 14 Millionen, an Zündern 56 Millionen,
+an Handwaffenmunition 390 Millionen und an Pulver 31 900 000 Kilo.
+Demgegenüber ist die Behauptung eine vermessene, dass Deutschland zur
+Abrüstung nichts getan habe. Die deutsche Abrüstung ist eine Leistung
+von unerhörter Grösse, und es ist nicht wahr, wenn man behauptet, dass
+einige Waffenfunde, die in Deutschland gemacht worden sind, an diesem
+Bilde irgend etwas Wesentliches ändern. Noch in 100 Jahren wird man
+vermutlich irgendwo in deutschem Boden vergrabene Waffen finden, gerade
+so gut wie man heute noch römische Münzen oder longobardische Schwerter
+im Boden findet. Eine 100 prozentige Leistung auf dem Gebiet einer
+grossen Aktion gibt es nicht, und wenn hier Bruchteile eines Prozentes
+zurückgeblieben sein mögen, so ist kein Grund dafür, diese Tatsachen in
+Form von Entdeckungen aufzubauschen. Kein denkender Mensch in der Welt
+kann annehmen, dass Deutschland mit dem, was ihm an Waffen oder an
+Kriegern verblieben ist, einen Krieg führen kann. Jeder Mensch, der
+heute vertraut ist mit dem technischen Wesen eines Krieges, weiss, dass
+ein neuzeitlicher Krieg nicht zu führen ist mit Resten von Waffen, dass
+er überhaupt nicht zu führen ist mit vorhandenem Material, sondern dass
+er nur geführt werden kann durch Umstellungen der gesamten
+Industrialität eines Landes. Diese Umstellung aber ist in Deutschland
+nicht möglich, und somit sind alle Bemühungen vergeblich, die darauf
+hinauslaufen, etwa den Beweis deutscher Wehrkraft dadurch zu bringen,
+dass noch ein halbes oder ein viertel Prozent der deutschen Waffen nicht
+abgeliefert sein möge.
+
+Damit will ich den verborgenen Waffen aber nicht das Wort reden. Ich
+halte es für tief bedauerlich, dass das Reich in Gefahr gebracht worden
+ist durch solche Personen, die Waffen versteckt haben mit irgendwelchen
+unklaren und verworrenen Absichten, ohne sich deutlich zu machen, dass
+wir dadurch von neuem den Beschwerden von Kommissionen und schweren
+politischen Verwirrungen ausgesetzt werden. Die Reichsregierung wird und
+muss alles tun, um diejenigen Verpflichtungen, die sie übernommen hat,
+durchzuführen, und es soll ihr dabei niemand in den Arm fallen.
+
+Die Abrüstung Deutschlands bezeichne ich als eine vollkommene, und ich
+bezeichne sie um so mehr als eine vollkommene, als sie stattgefunden hat
+in einem Europa, das von Waffen starrt. Die beabsichtigte Abrüstung der
+Welt, wozu hat sie geführt? Sie hat dazu geführt, dass gegenwärtig in
+Europa nicht 3,7 Millionen Soldaten unter Waffen stehen, wie vor dem
+Kriege, sondern 4,7 Millionen. In dieser waffenstarrenden Welt kann man
+von einem bewaffneten und kriegsbereiten Deutschland nicht sprechen,
+wenn man ehrlich die Verhältnisse betrachtet.
+
+Aber, meine Damen und Herren, es ist doch einmal nötig auszusprechen:
+wenn Deutschland diese gewaltigen Leistungen getätigt hat, die
+Leistungen seiner Zahlungen auf der einen Seite, die Leistungen seiner
+Entwaffnung auf der anderen Seite, unter welchen physischen und
+moralischen Verhältnissen Deutschland diese beiden grossen Taten
+vollbracht hat. Halb verhungert ging das Land aus dem schwersten aller
+Kriege hervor; aber nicht nur aus dem Kriege, sondern aus einer
+Blockade, die sich noch nahezu ein Jahr über Kriegsende hinaus
+verlängert hatte. In diesem Zustande durchschritt das Volk eine
+Revolution und eine Reihe von wirtschaftlichen Krisen, die heute noch
+nicht beendet ist. Eine Geldentwertung trat ein, die, wie es Herr
+Stresemann mit beweglichen Worten ausgeführt hat, den Mittelstand
+zerbrach, die eine Umschichtung der Stände herbeigeführt hat, wie sie
+bedauerlicher nicht gedacht werden kann, die Elend und Entbehrungen in
+alle Schichten des Volkes und fast in jede Familie gebracht hat. Die
+Intelligenz des Landes, unsere kulturellen Werte sind in schwerster
+Gefahr und Bedrängnis. Der Kanzler hat geschildert, wie es kaum mehr
+möglich ist, die notwendigsten Institute der gesundheitlichen Pflege zu
+erhalten. Die Wissenschaft ist in Gefahr. Tausende haben ihre Studien
+unterbrechen müssen, haben sich anderen Berufen zugewandt. Der
+Berufswechsel in Deutschland, die Verarmung der geistigen Schichten hat
+die kulturelle Kraft unserer Bevölkerung um Jahre zurückgeworfen.
+
+Gleichzeitig aber hat auf dem Lande, das die Leistungen vollbrachte, von
+denen ich sprach, die Leistungen der Zahlung und der Abrüstung, ein
+Druck gelastet, der bis zum heutigen Tage nicht behoben ist, der schwere
+Druck des Gemütempfindens, der Schmerz um verlorene Heimat, der Druck
+der Okkupationsheere im Osten und Westen, der Druck der Sanktionen, die
+uns drei Städte im Frieden entrissen haben, der Druck der Kommissionen,
+die im Lande herumreisen und in alle unsere Verhältnisse eingreifen.
+Dieser schwere Druck hat auf dem Volke gelastet neben dem
+wirtschaftlichen und neben dem sozialen, während es diejenigen
+Leistungen vollbrachte, die ich erwähnt habe. Ich glaube nicht, dass es
+ungerecht ist, zu fragen, ob je ein Volk in geschichtlichen Zeiten im
+Frieden einer härteren Probe unterworfen worden ist. Wie aber hat sich
+Deutschland den Verhältnissen gegenüber selbst verhalten? In dieser Zeit
+der schwersten Not, der schwersten Sorge, der stärksten moralischen und
+physischen Anspannung ist Deutschland dasjenige Land gewesen, das
+Europas Zivilisation erhalten hat; denn hätte Deutschland in dieser Zeit
+den Willen zur Ordnung und Disziplin sinken lassen, hätte sich
+Deutschland in dieser Zeit in Umsturz gleiten lassen, so wäre für die
+europäische Zivilisation eine Rettung nicht mehr erwachsen. Wir
+verlangen für das, was wir geleistet haben, von aussen keine Anerkennung
+und keinen Dank; aber wir dürfen erwarten und verlangen, dass sich die
+Welt endlich entschliesst, die deutschen Verhältnisse so zu sehen, wie
+sie sind. Es ist nötig, dass in die fremden Länder diejenigen Stimmen
+hineindringen – und deshalb darf ich auch die meine erheben –, die
+behaupten und beweisen, dass die Leistungen Deutschlands die Achtung der
+Welt verdienen.
+
+Da, wo unser schwerstes Unglück liegt, entspringen aber, wie ich glaube,
+auch die Quellen unserer Hoffnung, die leider heute noch spärlich
+fliessen. Denn, sind diese Dinge wahr, die ich ausgesprochen habe, und
+sie sind es, so haben sie die Unaufhaltsamkeit der Wahrheit. Die
+Wahrheit ist ein Strom, der sich nicht in Flaschen versiegeln lässt. Es
+ist zweifellos, dass man die Wahrheit lange Zeit unterdrücken kann; aber
+schliesslich macht sie ihren Weg um die Erde, und wenn die Wahrheit den
+Weg um die Erde antritt, dann ist auch für uns der Augenblick des
+Friedens gekommen, den wir ersehnen.
+
+Ich kehre zur Reparationsnote zurück. Ihre Beantwortung hat der Kanzler
+gestern deutlich umschrieben. Er hat ausgesprochen, dass die Tür der
+Verhandlungen nicht geschlossen ist; denn dieser Verhandlungen bedürfen
+wir schon deswegen, um zurückzukommen auf diejenigen Goldleistungen, die
+von der Reparationskommission in Aussicht genommen worden sind. Wir
+haben die Absicht, der Reparationskommission zu sagen, dass unter den
+heutigen Verhältnissen der Geldentwertung wir einen anderen Zahlungsplan
+für 1922 erwarten. Richtlinien für die Verhandlungen mit der
+Reparationskommission aber bleiben die beiden vom Kanzler
+ausgesprochenen: ein Neubau unseres Steuerkompromisses ist nicht möglich
+und ebensowenig möglich ist ein Eingriff in unsere Staats- und
+Finanzhoheit.
+
+Herr Stresemann hat die Mahnung ausgesprochen, an die ich mich zu halten
+beabsichtige, nicht auf diejenigen Punkte zurückzugreifen, die in der
+Vergangenheit die Auffassungen innerhalb dieses Hauses getrennt haben.
+Es sind gestern schwere Vorwürfe gegen die vergangene Politik des
+Kabinetts erhoben worden. Ich gehe darauf nicht ein, weil auch ich den
+Wunsch habe, dass wir gemeinschaftlich an der Zukunft und nicht getrennt
+an der Vergangenheit arbeiten. Aber eins möchte ich nicht ungesagt
+lassen: Ich glaube, dass das Kabinett es für sich beanspruchen darf,
+dass es ihm möglich gewesen ist, im Jahre der stärksten Gefahr die
+Einheit und Unversehrtheit des Reichs zu erhalten, und ich behaupte,
+dass mit keiner anderen Politik die Unversehrtheit und Einheit des
+Reiches gewahrt worden wäre.
+
+Die Politik, die wir zu führen beabsichtigen, ist die Politik des
+Friedens. Wir führen sie in der freien Ueberzeugung und in dem Glauben
+an unsere gute und gerechte Sache.
+
+Wir wollen die Erfüllung, soweit sie im Rahmen der Möglichkeit liegt,
+nicht als Selbstzweck, sondern als Weg zum Frieden. Wir wollen den
+Wiederaufbau der zerstörten Gebiete als Weg zum Frieden, und wir wollen
+nach Kräften beitragen zur Entbürdung und zum Wiederaufbau der Welt.
+
+Freilich, vom wahren Frieden sind wir noch weit entfernt. Noch immer
+herrscht ein tiefes Misstrauen zwischen den Völkern, gesteigert oftmals
+bis zur Feindseligkeit des Wortes und der Handlung. An Stelle
+gemeinschaftlicher Arbeit verkettet den Erdkreis ein Ring
+gemeinschaftlicher Verschuldung. Europa starrt von Waffen, und es findet
+sich nicht der Staatsmann und nicht die Nation, die sich zum befreienden
+Gedanken und zur befreienden Tat aufrafft. Nach dreijährigem Frieden ist
+unser eigenes Land noch immer friedlos, zum Teil militärisch besetzt,
+zum Teil militärisch kontrolliert.
+
+Kann nun Genua dieser friedlosen Welt den ersehnten Frieden bringen? –
+Amerika hat die Beteiligung an Genua abgelehnt mit der Begründung, Genua
+sei eine politische Konferenz; Hauptfragen der wirtschaftlichen Probleme
+werden in Genua nicht behandelt, und somit bleiben wir fern. In Boulogne
+ist nochmals bekräftigt worden, dass die Probleme der Reparation, der
+Grundlagen des Versailler Friedens, nicht der Beschlussfassung
+unterliegen sollen. Dennoch hat der Kanzler gestern in seiner Rede die
+hoffnungsvollere Seite von Genua erwähnt. Ich stimme seinen Ausführungen
+bei und will das von ihm selbst beschränkte Mass von Hoffnungen nicht
+herunterstimmen. Dennoch werden wir unsere Stellung zu Genua erneut zu
+prüfen haben. Wir müssen erwägen, mit welchen Gedanken, aber auch mit
+welchen Gefühlen wir uns einer Konferenz nähern, auf der das Schicksal
+und der Aufbau einer Welt behandelt werden soll, aber nicht der unseren,
+nicht unser Aufbau und nicht unser Schicksal. Lässt sich eine Brücke
+finden, – gut! Lässt sie sich nicht finden, so wird Genua das Schicksal
+von vielen anderen Konferenzen teilen.
+
+In diesem Zusammenhang ein Wort in Anknüpfung an die Ausführungen des
+Herrn Stresemann über Russland. Zweifellos wird Genua für Russland
+manches Wesentliche bringen, und ich will nicht einen Augenblick die
+Auffassung der Kabinettsregierung unausgesprochen lassen, die dahin
+geht, dass wir nach Ausmass unserer Kräfte uns aufrichtig bemühen
+werden, am Wiederaufbau Russlands mitzuwirken. Dabei ist der Weg von
+Syndikaten nicht der entscheidende, Syndikate können nützlich sein, und
+von solchen Syndikaten sollten wir uns nicht ausschliessen. Dagegen wird
+das Wesentliche unserer Aufbauarbeit zwischen uns und Russland selbst zu
+besprechen sein. Solche Besprechungen haben stattgefunden und finden
+weiter statt, und ich werde sie mit allen Mitteln fördern. Es ist kein
+Gedanke daran, dass Deutschland etwa die Absicht hätte, Russland
+gegenüber die Rolle des kapitallüsternen Kolonisten zu spielen. Ich
+freue mich ganz besonders, dass von seiten des Herrn Stresemann und
+seiner Freunde heute eine solche Stellung Russland gegenüber gewünscht
+wird, denn ich erinnere mich an eine Periode, in der ich mit meiner
+Auffassung über die Notwendigkeit, Russland zu Hilfe zu kommen, bei
+dieser Seite keine Gegenliebe gefunden habe.
+
+Soll, meine Herren, aus dem Chaos der Welt ein Ausweg gefunden werden,
+so ist es nötig, den Rahmen weiter zu spannen, als es durch die Note der
+Reparationskommission geschehen ist. Es ist schlechterdings nicht
+möglich, dass eine niedergebrochene Welt aufgerichtet werde lediglich
+durch die Arbeit eines einzigen Landes, auch wenn dieses Land noch so
+gutwillig an diesem Aufbau mitzuwirken gewillt ist. Alle Nationen der
+Erde, nicht nur die ehemaligen Kämpfer, müssen erkennen, dass sie
+sämtlich am Aufbau der Welt in gleichem Masse interessiert sind. Sie
+müssen erkennen, dass sie einander wechselseitig bedürfen als
+Produzenten und als Käufer, sie müssen erkennen, dass sie alle die
+gleichen Rohstoffe dieser Erde nötig haben. Sie müssen sich vereinigen
+zu einer Sanierungsaktion der Welt, von der sich niemand ausschliessen
+darf, der aus den Vorräten der Welt schöpft. Deutschland aber bedarf, um
+im Kreise der Völker die ihm gestellte Aufgabe des Aufbaus zu erfüllen,
+einer Atempause, die nur durch äussere Anleihen beschafft werden kann.
+Um aber sein Verhältnis zu seinen Gläubigern zu regeln, und zwar zu
+regeln in loyaler und ehrlicher Weise, muss Deutschland das Recht haben,
+sich mit seinen Gläubigern an einen Tisch zu setzen. Das bedeutet keine
+Uebergehung der Reparationskommission, die immer noch genügend Aufgaben
+zu erfüllen haben wird. Es kann aber dem Schuldner nicht verwehrt werden
+und ist ihm zu keiner Zeit verwehrt worden, sich mit seinen Gläubigern
+zusammenzusetzen und mit ihnen diejenigen Mittel zu beraten, wie
+wechselseitig das Verhältnis geregelt werden kann, nicht nur auf dem
+Gebiet des Geldes, sondern auf allen Gebieten, die Gläubiger und
+Schuldner gemeinschaftlich berühren.
+
+Ich kann es verstehen, dass man sich formal auf den Standpunkt gestellt
+hat, das deutsche Reparationsverhältnis kann in Genua nicht verhandelt
+werden, weil dort 40 Nationen vertreten sind, die, nur zum Teil an
+Reparationsfragen beteiligt, nicht beschliessen können, wie
+Deutschlands Verhältnis zu seinen Gläubigern sich gestalten soll. Ich
+sage, ich kann es formal verstehen; sachlich hätte ich eine andere
+Lösung gewünscht. Aber wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, dass
+Genua für diese Kernfrage der gesamten Weltwirtschaft unzuständig ist,
+so ist es umsomehr notwendig, dass eine Regelung zwischen Deutschland
+und seinen Gläubigern durch gemeinschaftliche Verhandlungen gefunden
+wird. Es ist gestern in der Debatte Erwähnung Amerikas geschehen. Ich
+halte es für falsch, auf ein einzelnes Land, sei es das stärkste und
+edelste der Welt, alle Hoffnung zu setzen. Es entspricht der Gewohnheit
+verzweifelter Schuldner, alle Hoffnung an einen einzigen Anker zu
+hängen. In der Regel werden solche Hoffnungen getäuscht. Ich kenne sehr
+wohl die Abneigung Amerikas, sich auf die wirtschaftlichen Verhältnisse
+Europas einzulassen. In erster Linie ist es eine schwere
+Europamüdigkeit, die Amerika befallen hat nach den Erfahrungen des
+Krieges und nach den Erfahrungen des beginnenden Friedens. Wer das Tun
+und Treiben in Europa mit unbeteiligten Augen überblickt, dem liegt es
+freilich nahe – und man kann es ihm nicht verdenken –, wenn er die Augen
+abwendet.
+
+Ein anderes Motiv Amerikas, sich nicht einzumischen, besteht darin, dass
+die Auffassung in volkswirtschaftlichen amerikanischen Kreisen herrscht,
+die amerikanische Ausfuhr bedeute nur einen kleinen Bruchteil, man
+spricht von 7 Prozent, der amerikanischen Produktion. Diese Zahl hält
+der Nachprüfung nicht stand, und ich glaube, dass man in kurzer Zeit in
+Amerika erkennen wird, dass der Prozentsatz der Ausfuhr im Verhältnis
+zur Produktion ein ganz bedeutend grösserer ist. Ich schätze das
+Verhältnis der Ausfuhr zur amerikanischen Fertigproduktion auf
+mindestens 20 bis 25 Prozent. Auf eine solche Ausfuhr aber wird Amerika
+auf die Dauer nicht leicht verzichten.
+
+Plausibel für die amerikanische Nichteinmischung ist aber noch ein
+dritter Grund. Amerika sagt: warum sollen wir unser Geld Europa zur
+Verfügung stellen, einem Kontinent, der es nur für seine Rüstungszwecke
+verbraucht? Das ist ein Einwand, den man verstehen kann. Aber ich
+glaube, Amerika wird empfinden, dass man einem Ertrinkenden keine
+Bedingungen stellt. Es ist nicht möglich, zu warten, bis der Geist des
+Friedens in Europa durchgedrungen ist, um Europa zu helfen.
+
+Am 1. April wird der künftige amerikanische Botschafter Houghton sich zu
+Schiff begeben, um nach Deutschland zu kommen und hier seinen Posten zu
+übernehmen. Ich rufe ihm ein Willkommen entgegen und hoffe, dass seine
+Mission in Deutschland für beide Länder fruchtbringend sein wird. Wir
+selbst haben einen der stärksten Leiter unseres Wirtschaftslebens,
+Geheimrat Wiedfeldt, bestimmt, uns in Washington zu vertreten. Ich
+glaube, dass diese Wahl von Amerika gut aufgenommen werden wird. Denn
+Amerika wünschte sich einen starken Mann der Wirtschaft, und ich hoffe,
+dass Herr Wiedfeldt drüben ein gesegnetes Feld seiner Tätigkeit finden
+wird. Noch nie hat eine Nation so unentrinnbar das Schicksal eines
+Kontinents in der Hand gehalten wie Amerika im gegenwärtigen Augenblick.
+Eine gewaltige Verantwortung ist mit dieser Machtstellung verbunden, zu
+der diejenige des Krieges hinzutritt, den Amerika entschieden hat, und
+des Friedens, den es gleichfalls bestimmte. Wir dürfen hoffen, dass
+Amerika, das wir nicht lediglich als ein Land materieller Interessen
+ansehen dürfen, sondern von dem wir anerkennen müssen, dass es ein Land
+mit starken moralischen Impulsen ist, sich einer Beratung, die sich mit
+der endgültigen Regelung der deutschen Schuldverhältnisse befasst, nicht
+entziehen wird.
+
+Der Osten Europas ist niedergebrochen; das unglücklichste aller Länder,
+Oesterreich, dem wir heute die herzlichste brüderliche Teilnahme
+entgegenbringen, ist diesem Niederbruch leider gefolgt. Deutschland
+ringt mit allen seinen Kräften um seine Existenz, es ringt mit den
+Kräften seines Willens und seiner Arbeit und kämpft gegen seinen
+Niederbruch an. Der Niederbruch Deutschlands aber ist der Niederbruch
+Europas. Deutschland verlangt von niemand in der Welt Mitleid, aber
+Deutschland verlangt die Einsicht der Nationen in die Einheit und in die
+Verflochtenheit der Weltinteressen. Deutschland verlangt von den
+Nationen der Welt die Möglichkeit der Aufstellung eines Arbeitsplanes
+und die Möglichkeit einer Mitwirkung zu gemeinsamem Wiederaufbau. Eine
+solche Mitwirkung aber lässt sich nicht durch Diktate erzwingen, sie
+lässt sich nur durch ein freiwilliges, ehrliches, gutgewolltes
+Zusammenarbeiten der Nationen erreichen, von denen es keine gibt, die
+heute nicht der Hilfe bedürfte.
+
+Wir aber, die wir gemeinsam mit Ihnen und in Ihrem Auftrag die
+Verantwortung für die Politik des Reichs tragen, wir kämpfen für
+dreierlei. Wir kämpfen für die Existenz des Volkes, wir kämpfen für die
+Unversehrtheit und Einheit des Reichs, wir kämpfen für den Frieden und
+für den Aufbau. Dieses Ziel ist uns allen gemeinsam. Es gibt nicht eine
+Seele in diesem Hause, die sich davon ausschliesst. Deshalb lassen Sie
+uns auch dieses Ziel in Einigkeit verfolgen!
+
+
+
+
+REDE
+VOR DER VOLLVERSAMMLUNG
+DER GENUESER KONFERENZ
+VOM 19. MAI 1922
+
+
+Der Abschluss der provisorischen Arbeiten der Konferenz gestattet uns
+einen Ueberblick über die welthistorischen Leistungen der Konferenz, die
+erst in den kommenden Jahren mehr und mehr hervortreten werden und für
+die Europa der Genueser Konferenz Dank schuldet. Es wäre ein
+unberechtigter Optimismus, zu hoffen, dass durch den Abschluss dieser
+Arbeiten die Weltkrise sofort eine merkliche Linderung erfährt. Eine
+solche Besserung der allgemeinen Weltlage wird erst dann eintreten, wenn
+eine Reihe von Prinzipien erfüllt sind, die in den Beratungen der
+Kommission mit immer wachsender Deutlichkeit hervortraten, wenn sie
+vielleicht auch nicht ihren vollen Ausdruck in den niedergelegten
+Leitsätzen gefunden haben.
+
+Indem ich mich an die der Konferenz gezogenen Grenzen auf das strikteste
+halten werde, will ich versuchen, die vier grossen und unausgesprochenen
+Wahrheiten darzulegen, die mir aus den Beratungen hervorzugehen scheinen
+und die, wie ich glaube, unbedingte Voraussetzungen für eine Gesundung
+der Weltwirtschaft bilden. Die erste dieser Wahrheiten lautet: Die
+gesamte Verschuldung der Länder ist zu gross im Verhältnis zu ihrer
+Produktionskraft.
+
+Alle hauptsächlichen Wirtschaftsländer sind in einen Verschuldungskreis
+hineingezogen, der die meisten gleichzeitig zu Gläubigern und Schuldnern
+macht. Durch ihre Eigenschaft als Gläubiger wissen die Staaten nicht,
+wieviel sie von ihrem Guthaben erhalten werden, in ihrer Eigenschaft als
+Schuldner wissen sie nicht, wieviel sie zahlen können und müssen.
+
+Ueberhaupt kann kein Staat einen wirklichen Haushalt aufstellen, kein
+Staat kann es wagen, sich in grosse umfangreiche Neueinrichtungen
+einzulassen, die seine Wirtschaft verbessern und die dem Geldmarkt neue
+Nahrung geben. Kein Staat kann auf eine gesicherte Stabilisierung seiner
+Zahlungsbilanz und damit auf seine Wechselkurse vertrauen, mit Ausnahme
+jenes einen grossen Reiches, das niemandem schuldet und Gläubiger aller
+ist, nämlich Amerika, ohne dessen Beteiligung der Wiederaufbau Europas
+unmöglich wird. Vor allem aber können den überschuldeten Ländern neue
+Mittel, deren sie bedürfen, nicht zugeführt werden, denn die
+Ueberschuldung liegt vor aller Augen zutage, und so wenig ein freier
+Gläubiger bereit sein kann, Devisen zur Verfügung zu stellen, so wenig
+darf ein überlasteter Schuldner es wagen, sie anzunehmen.
+
+Auch in früheren Zeiten waren die Staaten untereinander verschuldet,
+aber diese Schuld stand in einem Verhältnis zur Produktionskraft und
+entsprach überdies werbenden Anlagen. Die heutige Verschuldung beläuft
+sich auf mehr, als die Staaten in Jahrzehnten ersparen und abzahlen
+können. Sie ist somit eine finanzielle Realität. Eine wirtschaftliche
+Realität aber ist ihnen so fern, als sie den Produktionsprozess der Welt
+hemmt.
+
+Es bleibt somit nur derjenige Weg übrig, der von einzelnen
+Wirtschaftsobjekten stets beschritten wurde, wenn ihre Verschuldung die
+Produktionskraft überstieg, nämlich der Weg der Sanierung und des
+Schuldabbaues.
+
+Die zweite der ausgesprochenen Genueser Wahrheiten scheint mir zu liegen
+in dem Satz, dass kein Gläubiger seine Schuldner am Bezahlen der
+Schulden hindern sollte. Wenn ein einzelnes Individuum einem anderen
+Geld schuldet, so kann verlangt werden, daß zur Auszahlung eine
+vereinbarte Münze verwendet wird, und es ist Sache des Schuldners,
+solche Münzen sich zu verschaffen, wie sie am Markte in jeglichem
+Umfange stets erhältlich sind. Ein Land kann einem anderen auf die Dauer
+seine Schulden nur in Gold bezahlen und, wenn es Gold nicht produziert
+oder nicht in grösserem Umfange besitzt, in Gütern.
+
+Eine Zahlung in Gütern aber ist dann nur möglich, wenn der Gläubiger sie
+gestattet. Verbietet er sie, so tritt Zahlungsunfähigkeit ein, und
+erschwert er sie durch Zölle oder durch andere hindernde Massnahmen, so
+wird der Betrag der Schuld willkürlich vermehrt; denn wenn um so viel
+mehr Waren geliefert werden, als erforderlich ist, um die auferlegten
+Lasten zu bezahlen, dann wird das Zahlungsmittel entwertet und somit die
+Schuldsumme erhöht.
+
+Es sollte somit jedes Land, das Zahlungen zu empfangen wünscht, seinen
+Schuldnern solche Erleichterungen der Einfuhr gewähren, die es ihm
+ermöglichen, den verschuldeten Betrag ohne unwillkürliche Erhöhung zu
+leisten.
+
+Die dritte der Wahrheiten ist vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck
+gekommen und ausgesprochen in dem Satz, dass die Weltwirtschaft erst
+dann wieder hergestellt werden kann, wenn ein imponderabiler Wert wieder
+gewonnen ist, nämlich das wechselseitige Vertrauen. Dieses Vertrauen
+kann aber nur wiederkehren, wenn die Welt im wahren Frieden lebt.
+
+Der heutige Zustand der Welt ist nicht Frieden, sondern ein Zustand, der
+dem Kriege ähnlich ist, jedenfalls ist es kein vollkommener Friede.
+Leider ist in den einzelnen Ländern die öffentliche Meinung noch nicht
+demobilisiert. Die Ueberreste der Kriegspropaganda zirkulieren noch
+immer und belasten die Atmosphäre. Jeder, der seine Mittel und seine
+Arbeit einem Lande anvertraut, hat daher mit der Gefahr zu rechnen, dass
+dieses Land binnen kurzem durch Verhältnisse höherer Gewalt, die nicht
+in Naturereignissen, sondern in politischen Ereignissen liegen,
+gefährdet und verwandelt werden kann. Vor allem ist die Erkenntnis nicht
+gesichert, dass ein Schuldner, zumal wenn er verarmt ist, der Schonung
+bedarf, und dass er unfähig wird, zu leisten, wenn ihn die Mächte seiner
+Möglichkeiten, namentlich seines Kredits, berauben. Dass dies
+tatsächlich die Imponderabilien sind, die den ehemals so grossen
+Austausch des Produktions- und Konsumptionsverkehrs hemmen, geht aus der
+Tatsache hervor, dass die Produktionsmittel der Welt nahezu vollkommen
+erhalten sind. Selbst wenn man alle tief bedauerlichen Zerstörungen des
+Krieges und vor allem der Nachkriegszeit in Rechnung zieht, darf man
+annehmen, dass im gesamten Produktions- und Verkehrsapparat selbst mehr
+als 90 Prozent erhalten sind. Die gewaltigen und tief beklagenswerten
+Zerstörungen innerhalb des russischen Reiches greifen in den Welthandel
+nur mit etwa 3 Prozent ein.
+
+Trotz der grossen Menschenverluste des Krieges sind aber die
+menschlichen Produktionskräfte fast vollständig erhalten, denn sie
+haben sich in starkem Umfange ergänzt. Wenn somit die Geldmaschinerie
+nicht arbeitet, obgleich sowohl ihre Substanz wie ihre Triebkräfte fast
+vollständig erhalten sind, wenn auf der einen Seite Millionen von Händen
+feiern, auf der anderen Seite Millionen von Menschen hungern, wenn auf
+der einen Seite unzählige Gütermengen unverkäuflich sich aufstapeln, auf
+der anderen Seite an den gleichen Gütern der schwerste Mangel besteht,
+so liegt das daran, dass die wechselseitige Verschuldung als
+psychologisches Moment wirkt. Als weitere psychologische Momente sind
+der mangelnde Friedenszustand und das mangelnde Weltvertrauen
+bestimmend.
+
+Wenn man sich nun fragt, ob es denn wirklich kein Mittel gibt, die
+erschlafften Kräfte des Weltaustausches neu zu beleben, die Maschinerie
+der Weltproduktion von neuem in Bewegung zu setzen, so ergibt sich die
+vierte der unausgesprochenen Thesen, nämlich die, dass nicht durch
+irgend einen oder zwei Käufer, sondern durch das Zusammenwirken aller in
+den ökonomischen und Weltproblemen neue Bewegung zugeführt werden kann.
+
+Wie sollte auch nach einem Zerstörungswerk sondergleichen die Welt
+geheilt werden, wenn nicht sämtliche Länder der Erde sich dazu
+entschliessen, gemeinschaftlich Abhilfe zu bringen. Durch ein
+universelles Opfer der Welt und der leidenden Menschheit kann nur eine
+leidende Welt geheilt werden. Niemals ist ein Wiederaufbau anders
+gelungen als durch Aufwendung gewaltsamer neuer Mittel. Solche Mittel
+werden nicht aufgebracht werden, solange ein jedes Glied der
+Weltwirtschaft mit wenigen Ausnahmen überschuldet ist. Das erste Opfer
+wird somit in dem allgemeinen Abbau des Verschuldungskreises zu suchen
+sein. Das weitere Opfer besteht in der gemeinsamen Aufbringung grosser
+neuer Mittel für den Wiederaufbau, sei es auf dem Wege allgemeiner und
+wechselseitiger Kredite, sei es auf anderen Wegen, deren Erörterung zu
+weit führen würde. Dass die Genueser Konferenz zur Erörterung dieser
+Fragen geführt hat, ist eine Tatsache, die in der Geschichte Europas
+unvergessen bleiben wird.
+
+Ein weiteres historisches Ergebnis der Konferenz erblickt die deutsche
+Delegation in der Annäherung des grossen, schwerbedrängten russischen
+Volkes an den Kreis der besten Nationen. Durch manche Aussprachen hat
+Deutschland sich bemüht, zu einer Annäherung der beiderseitigen
+Gesichtspunkte beizutragen. Deutschland hofft, durch die Fortsetzung der
+beiderseitigen Besprechungen das Werk des Friedens zwischen Ost und West
+zu fördern.
+
+Für den Schutz, den Italien diesem Werk des allgemeinen Friedens gewährt
+hat, schuldet die Welt dieser hochherzigen Nation und ihren Führern den
+tiefsten Dank. Die Geschichte Italiens ist älter als die der meisten
+europäischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr als einmal grosse
+Weltbewegungen entstanden. Abermals und hoffentlich nicht vergebens
+haben die Völker der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in
+der tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck verliehen
+hat: Io vò gridando Pace, Pace, Pace!
+
+
+
+
+ANHANG
+
+
+
+
+REDE, GEHALTEN AM 9. JUNI 1922
+IN STUTTGART, VOR EINEM
+GELADENEN KREIS
+ALLER PARTEIEN
+
+
+Der Herr Reichskanzler hat mit seinen beredten Worten den Kreis eines
+Jahres vor Ihnen entrollt. Er hat seine Ausführungen begonnen mit der
+Schilderung der Lage, in der sich unser Volk an den Tagen der Ultimaten
+des letzten Jahres befand. Uns allen ist in Erinnerung die Härte der
+Worte, die damals gesprochen wurden, der unbelehrbare wirtschaftliche
+Aberglaube, der aus diesen Worten sprach. Wir alle haben uns damals
+gefragt, wie ist es möglich, von einem Volk zu verlangen, dass es 132
+Milliarden als Kriegsentschädigung hingibt, mehr als die Hälfte seines
+ganzen Vermögens, eine Zahlungsleistung in Gold, das dieses Land nicht
+besitzt? Ist es möglich, dass jemals Vernunft über den Erdball kommt und
+den Irrsinn dieser Gedanken zerstört? Wie lange wird es dauern, werden
+Jahre oder Jahrzehnte vergehen bis zu dem Augenblick, wo die Erde
+einsieht, dass es unmöglich ist, diese Forderungen zu erfüllen, auch
+wenn Deutschland noch so gutwillig sich der Konvention der Historie
+fügt, die besagt, dass der Besiegte zahlt. Nur schrittweise konnte die
+Vernunft ihren Weg nehmen; kein Weg ist so lang, als der Weg der
+Vernunft und der Weg der Wahrheit. Diesen Weg eines Jahres – denn ein
+Jahr hat es gedauert, bis die Welt vor einer veränderten Einsicht
+stand –, diesen Weg eines Jahres lassen Sie uns in kurzen Abschnitten in
+Eile noch einmal durchlaufen. Der erste abergläubische Gedanke im
+Augenblick der Unterzeichnung jenes unglücklichen Ultimatums, der
+Gedanke der ehemaligen Gegner war: Zahlungen können in beliebiger Höhe
+von einem Land in Gold geleistet werden, das kein Gold erzeugt, und das
+kein Gold besitzt. Es bedurfte der Arbeit von Monaten, die von
+Verhandlung zu Verhandlung geschritten ist, – der Name der Stadt
+Wiesbaden ist mit diesen Verhandlungen verknüpft, – um zu erkennen,
+dass, wenn Leistungen erheblichen Umfanges von einem Land an ein anderes
+bewirkt werden sollen, nicht Gold das Zahlungsmittel sein kann, sondern
+nur das Gut, die Ware. Der belehrende Charakter dieser Verhandlungen war
+von Bedeutung. Noch heute sind die Verträge, die damals unterzeichnet
+wurden, nicht ratifiziert. Bis heute haben sie keine Wirkung gehabt auf
+wirtschaftlichem Gebiet, aber ihre Wirkung auf dem Gebiet
+wirtschaftlicher Einsicht war von hohem Wert. Ein Volk kann, wenn es
+sein muss, für ein anderes, für einen Kontinent arbeiten, aber es kann
+nicht mit dem alchimistischen Zaubermittel des Steins der Weisen Gold
+aus Nichts schaffen.
+
+Die Erkenntnis ging weiter. Im Herbst, als ich aus dem
+Wiederaufbauministerium ausgeschieden war, benutzte ich die Zeit der
+Freiheit, um nach England zu gehen, dort die Stimmung zu erkunden und,
+soweit es dem einzelnen möglich ist, dieser Stimmung Aufklärungen
+zuzuführen, die wünschenswert erschienen. Damals war in England eine
+Auffassung im Aufdämmern, die einen Fortschritt wirtschaftlicher
+Erkenntnis bedeutete. Man hatte begriffen, dass, wenn ein Land im
+Uebermass unter Zwang, unter erschwerten Bedingungen Arbeit leistet für
+einen Kontinent, eine Arbeit, die man kaum zu hart mit dem Ausdruck der
+Gefängnisarbeit bezeichnen könnte, dass dadurch nicht allein dieses Volk
+geschädigt wird, sondern mit ihm die Gemeinschaft der wirtschaftenden
+Völker der Erde. Diese Erkenntnis stieg auf in demjenigen Lande, das
+zuerst und zumeist vom Schaden betroffen war, nämlich in England. Man
+bemerkte, dass die Zerrüttung der Märkte dasjenige Land am schwersten
+schädigen musste, das als Kaufmann, als Handwerker, als Fabrikant dieser
+Märkte bedurfte, um seinen Beitrag zum Wirtschaftsleben der Welt zu
+leisten. So entstand die Einsicht, dass nicht ein einziges Land imstande
+sein würde, die Krankheit eines geschlagenen Kontinents zu heilen,
+sondern dass eine wirtschaftliche Verflochtenheit bestand, eine
+unlösbare Einheit, und dass jedes Glied, das aus dieser Einheit
+ausfällt, sei es Rußland als Konsument, sei es Deutschland als
+Produzent, dass jedes fehlende Glied die Weltgemeinschaft schädigt. Bei
+den Führern der englischen Politik befestigte sich der Gedanke, eine
+wirtschaftliche Weltkonferenz zusammenzuberufen.
+
+Die Beschlussfassung über die Berufung war Sache des Obersten Rats der
+Alliierten. Er versammelte sich in Cannes, und dort war es zum ersten
+Male den deutschen Vertretern möglich, unsere Gesamtlage vor dem
+Areopag der Welt zu entwickeln. In Cannes wurde es deutlich, dass das
+deutsche Problem die europäische Wirtschaftslage beherrschte, und neben
+diesem deutschen Problem, in fernere Zukunft weisend, trat das russische
+Problem hervor. Kaum hatte man endgültig beschlossen, die
+Wirtschaftskonferenz einzuberufen, da brach die Konferenz von Cannes ab,
+denn ein Regierungswechsel hatte sich in Frankreich vollzogen, die
+Regierung Briands wurde durch die Regierung Poincaré abgelöst.
+Monatelang zweifelte man, ob es der auftretenden Opposition gelingen
+würde, den Gedanken der Weltkonferenz zu zerstören oder zur
+Unkenntlichkeit umzugestalten. Schliesslich kam sie zustande, doch unter
+Erschwernissen. Denn es hatten Besprechungen stattgefunden in Boulogne,
+und in diesen Besprechungen war von England dem französischen Wunsch
+stattgegeben worden, dass die Konferenz, die einberufen war zur Heilung
+des Leidens des Kontinents, dass diese Konferenz über eins nicht
+sprechen durfte: nämlich über das Wesen und die Ursache dieses Leidens.
+Es durfte nicht gesprochen werden über die Kernfrage, die deutsche
+Frage, die Reparationsfrage. Der Herr Reichskanzler hat es Ihnen
+dargelegt: strassauf, strassab in Genua war dennoch alles erfüllt von
+dieser Frage. So kam es denn, dass neben der ungelösten russischen
+Frage, die einer Sachverständigenkonferenz vorbehalten werden musste,
+doch eine Reihe von Erkenntnissen sich klärte, die freilich in den
+Kommissionssitzungen nur andeutungsweise besprochen werden durften. Doch
+gab es eine Schlußsitzung, und in dieser konnte es den deutschen
+Delegierten nicht verwehrt werden, die Kernprobleme ans Licht zu stellen
+und die Nationen zu fragen: ja oder nein. Soweit eine Konferenz, ein
+überfüllter Saal, ein Welttheater, eine Antwort auf solche Fragen geben
+darf, wurde sie gegeben. So lauteten etwa unsere Fragen: Kann ein
+Kontinent gesunden, wenn jede Nation der andern tief verschuldet ist?
+Kann eine Nation sich regen, wenn sie gleichzeitig überlasteter
+Gläubiger und hoffnungsloser Schuldner ist? Kann eine Kette von
+Gläubigern und Schuldnern ein wirtschaftliches Dasein führen, wenn am
+einen Ende der Kette ein grosses Reich, Amerika, steht, das niemandem
+schuldet, und am anderen Ende unser armes Land, das von niemandem etwas
+zu fordern hat? Die Antwort ist: Ein solcher Kreis der Weltverschuldung
+muss zerschnitten werden. Und in diesem Kreis der Weltverschuldung ist
+das deutsche Reparationsproblem nur ein Spezialfall der Verschuldung von
+Volk zu Volk. Des weiteren konnte nicht geleugnet werden, dass dem
+Schuldner, der zahlen soll, die Zahlung nicht unmöglich gemacht werden
+darf. Da Zahlung nur in Waren geleistet werden kann, so ist diejenige
+Politik widersinnig, die der Ware des Schuldnerlandes den Eingang ins
+Gläubigerland verschliesst, es ist widersinnig, gleichzeitig die Mauer
+des Antidumping, des Prohibitivzolls, zu erhöhen, und gleichzeitig zu
+verlangen, dass die zu entrichtende Ware diese Dämme überschwemmen soll.
+Auch diese Erkenntnisse tauchten in Genua auf: dass ein Wiederaufbau der
+Welt, wenn man ihn ernst ins Auge fasst, wenn der Begriff nicht zum
+Gemeinplatz zerfliessen soll, dass ein solcher Wiederaufbau nur möglich
+ist durch Opfer. Dass er nicht möglich ist durch das Opfer des einen
+oder des anderen Volkes, sondern dass sämtliche Völker beitragen müssen.
+So wie sämtliche Völker sich durch diesen furchtbaren Krieg in Schuld
+begeben haben, so müssen sämtliche Völker der Erde gemeinsam Opfer
+bringen, um die Folgen dieses Krieges zu mildern. Deshalb war es nötig,
+auszusprechen: nicht ein einzelnes Volk kann Europa heilen, sondern die
+Völker müssen zusammentreten und gemeinschaftlich wirken, sie müssen
+sich nicht damit begnügen, die Abbürdung dieser Weltschuld vorzunehmen,
+sie müssen dafür sorgen, dass neue Mittel beschafft werden. Denn zu
+jedem Aufbau gehören Mittel. Man kann nicht bauen aus Luft und Wolken.
+Wer baut, braucht Materialien und muss diese Materialien in Werten
+beschaffen. Werte aber freiwillig darbieten, heisst Opfer bringen.
+
+Neben diesen wirtschaftlichen Problemen war die Atmosphäre Genuas
+erfüllt von den Problemen Russlands. Die Wiederverbindung des Ostens und
+Westens ist eine der grossen Aufgaben der künftigen europäischen
+Politik. Es ist nötig, dass ein Kontinent wie Russland, ein Land von
+solchem Umfang, solcher Menschenzahl, solchen ungehobenen Schätzen
+wieder erschlossen wird. Es ist nötig, dass es dem wirtschaftlichen
+Komplex des Westens wieder angegliedert wird. Den Mächten der Entente
+ist das bisher nicht gelungen. Die Arbeit ist verschoben auf den Haag,
+und wir werden im Haag nicht teilnehmen. Wir drängen uns nicht dazu, an
+einer Arbeit teilzunehmen, die andere für sich leisten und in anderer
+Art. Wir haben unserseits einen eigenen Weg beschritten, den Weg des
+reinen, freien, vergebenden Friedens. Wir haben diesen Weg beschritten
+zum Zwecke des Aufbaues einer neuen Zukunft mit einem Lande, das ebenso
+schwere Schicksalsschläge erlitten hat, wie wir. Ob mit oder ohne eigene
+Schuld, lasse ich dahingestellt. Mit einem solchen Land kann man nicht
+abrechnen, wie mit einem schlechten Schuldner. Man kann und soll mit ihm
+zusammenwirken in dem Augenblick, wo seine Not am grössten ist. Man hat
+uns den Vorwurf gemacht, wir hätten Rapallo im unrichtigen Moment
+abgeschlossen. Ja gewiss, wenn an einer Tatsache nicht zu mäkeln ist, so
+bleibt wenigstens die Kritik: An sich gut, aber es hätte nicht am
+Montag, sondern es hätte am Dienstag oder Mittwoch sein sollen. Wir
+mussten den Vertrag abschliessen in dem Augenblick, wo wir erkannten,
+dass die Westmächte unseren berechtigten Wünschen nicht gerecht wurden,
+wo anderseits die vertraglichen Bestimmungen für uns sich fügten und
+anderseits der Wunsch der Gegenpartei nach Verständigung lebendig wurde.
+Wir rechnen nicht in der Politik mit Dankbarkeit. Frühere Politik, die
+sich vielfach auf Dankbarkeit gegründet hat, ist stets enttäuscht
+worden. Aber mit Realitäten und Tatsachen der Vergangenheit zu rechnen,
+ist kein Fehler, und es ist eine Realität, wenn eine Verbindung
+abgeschlossen wird von Völkern, die sich die Hände reichen, um in
+Frieden und Freundschaft zu leben.
+
+Im Haag werden wir nicht beteiligt sein. Denn wir haben unsere
+Verhältnisse zum Osten geregelt. Wir werden die Arbeit der übrigen mit
+aufrichtigem Wohlwollen verfolgen. Wir werden die Tätigkeit, die wir
+schon in Genua ausgeübt haben, weiterhin ausüben, die Tätigkeit der
+Vermittlung, aber nur dann, wenn es gewünscht wird. Denn wir drängen uns
+niemand auf. In Genua hat man es gewünscht, und wir sind diesem Wunsch
+gefolgt. Wird es im Haag nicht gewünscht, so bleiben wir abseits. Wir
+wünschen von Herzen, dass die Staaten mit gutem Erfolg vom Haag
+heimkehren. Wir neiden niemand eine Verbindung. Wir wollen keine
+Monopole, kein Alleinrecht. Wir wollen nichts weiter, als dass die
+Verbindung zwischen Osten und Westen wiederhergestellt wird. Wir wollen,
+dass die Verbindung so hergestellt wird, dass auch wir dem östlichen
+Volk die Hand reichen. Wenn ich von diesem Handreichen spreche, so
+meine ich freilich nicht, dass wir uns einem Gedankenkreis verschreiben,
+der nicht der unsere ist. Russland lebt unter einem Wirtschaftssystem,
+das sich von dem unseren unterscheidet. Wir haben dieses
+Wirtschaftssystem nicht zu kritisieren. Vielleicht wird Russland es
+allmählich umgestalten. Wir glauben, dass es heute in voller
+Umgestaltung begriffen ist. Wir haben unseren Frieden geschlossen nicht
+mit einem System, sondern mit einem Volk, und wir haben ihn geschlossen
+durch die Menschen, die in diesem Augenblick dieses Volk vertreten.
+Welche Wirtschaft sie betreiben, bekümmert uns nicht. Wir werden ihnen,
+soweit wir können, und soweit sie es wünschen, wirtschaftlich zur Seite
+stehen, mit wirtschaftlicher Initiative, mit Erfahrung und Kenntnis des
+Landes, mit den organisatorischen Fähigkeiten des deutschen
+Wirtschaftsmanns, mit den Einsichten des deutschen Gelehrten. Wir werden
+uns ihnen weder verschliessen, noch aufdrängen, sondern wir werden sie
+nach ihrer Fasson selig werden lassen. Wir hoffen aufrichtig, dass sie
+sich zu einem Wirtschaftssystem fügen, das sich mit dem europäischen
+Wirtschaftssystem ergänzt. Wir selbst nehmen darauf einen Einfluss
+nicht.
+
+Das ist die Etappe von Genua. Die Etappe vom Haag liegt in der Zukunft.
+Nun noch ein Wort von derjenigen Etappe, die sich in diesem Augenblick
+abspielt: Die Etappe Paris. Die reifende Einsicht des Jahres 1921 haben
+wir überblickt. Es ist die Einsicht, die unter Politikern entstand. Zum
+erstenmal treten nunmehr in Paris Wirtschaftsmänner zusammen, Bankiers
+aus den europäischen und amerikanischen Staaten, und beraten über Dinge
+materieller Ordnung. Diese Dinge sind auf der einen Seite die
+Kreditwürdigkeit unseres Landes, auf der anderen Seite die
+Durchführbarkeit von Verträgen, auf der dritten Seite die Möglichkeit
+der Unterbringung von Anleihen. Eine Spannung hält die Welt in Atem:
+Welche Entscheidung wird getroffen werden? Ich glaube nicht, dass diese
+Entscheidung das Wesentliche ist. Mag es eine grosse oder eine kleine,
+oder mag es gar keine Anleihe sein. Gleichviel! Der Schritt, den dieses
+Komitee getan hat, kann nicht rückgängig gemacht werden. Dieser Schritt
+aber ist der bedeutendste in der wirtschaftlichen Einsicht der Welt seit
+1½ Jahren, denn er führt zu der Tatsache: Dasjenige, was im Londoner
+Ultimatum festgesetzt ist, ist undurchführbar, und damit ist der Kreis
+der Erkenntnis geschlossen. Damit hat das Experiment dieser
+schwierigsten aller europäischen Fragen, dieses gefahrvollste und
+tragischste Experiment seinen intellektuellen Abschluss gefunden. Auf
+die Frage des Ultimatums von 1921 erfolgt die Antwort der Kommission von
+1922. Die Frage lautet: Sind 132 Milliarden von Deutschland erhältlich?
+und die Antwort lautet: Nein. Ob nun diese Antwort sich besiegelt durch
+das praktische Mittel der oder jener Massnahme, der oder jener Anleihe
+scheint mir nicht entscheidend. In wenigen Tagen werden wir wissen, ob
+nun das praktische Resultat sich anschliesst dem Resultat der
+Erkenntnis. Das Resultat der Erkenntnis aber ist das entscheidende.
+
+Ueberblicken wir den Lauf dieses Jahres, vergegenwärtigen wir uns, wie
+auf die grosse Frage des Ultimatums immer klarer und deutlicher die
+negative Antwort emporwächst, so dürfen wir auf der anderen Seite die
+Kritik unseres Landes nicht unberücksichtigt lassen. Man ist nicht milde
+umgegangen mit unserer Politik dieses Jahres; der Herr Reichskanzler
+kann manches davon erzählen, und jeder einzelne von uns. Wir sind einer
+jeden Kritik zugänglich, die uns sagt, nicht so müsst ihr es machen,
+sondern anders. Aber niemand wird dem Staatsmann helfen und dem Lande
+nützen durch eine Kritik, die lediglich sagt, ganz anders hättet ihr es
+machen müssen, aber wie, das bleibt unser Geheimnis. Häufig ist uns
+gesagt worden: Politik des Widerstandes! Der bedeutendste und
+erfolgreichste Staatsmann Europas hat uns auf unsere Frage eine Antwort
+gegeben, als wir ihm sagten: Wir haben es in diesem Jahr erleben müssen,
+dass eine furchtbare Teuerungswelle über unser Land hereingebrochen ist,
+wir haben es erleben müssen, dass der Mittelstand die schwersten Leiden
+zu erdulden hat, wir haben es erleben müssen, dass die fremden
+Zahlungsmittel auf das Vielfache ihres Werts gestiegen sind. Es ist uns
+manchmal der Zweifel gekommen, ob wir unter diesen Umständen nicht
+hätten sagen sollen: Widerstand, es koste, was es wolle. Ich will die
+Worte nicht zitieren, die wir gehört haben, aber aufs Tiefste ist unsere
+Ueberzeugung besiegelt worden, dass die Politik, die wir trieben, die
+einzige gewesen ist, die es ermöglicht hat, während dieses schwersten
+Jahres des neuen Friedens die Einheit des Reiches zu erhalten. Keine
+andere Politik kann uns genannt werden, die das Gleiche ermöglicht
+hätte: Erhaltung der Einheit und des Bestandes. Die Bestrebungen, die
+uns bedrohten und bedrohen, beziehen sich nicht nur auf die Zerreissung
+des Landes, sie beziehen sich auch auf seine weitere Schmälerung,
+nachdem dieses Land durch den unglücklichsten aller Verträge schon so
+viel von seinem Boden und seinen Menschen verloren hat. Unser Land
+ungeschmälert zu erhalten, unser Land und Volk als Einheit zu erhalten,
+ist das Ziel, das wir erkämpfen. Wenn gesagt worden ist, das kleinere
+Uebel gegenüber gewissen Wirtschaftsgefährdungen sei die Neubesetzung
+von rheinischem Land durch fremde Truppen, so sagen wir: Nein, der
+Meinung sind wir nicht. Deutsches Land soll nicht hergegeben werden, die
+deutsche Einheit soll nicht gefährdet werden. Der Kanzler hat es Ihnen
+gesagt und ich möchte es wiederholen: Wehe uns, wenn wir die
+Vergangenheit unseres Volkes vergessen, wehe uns, wenn wir seine grosse
+Geschichte vergessen und das, was seine grosse Geschichte uns
+hinterlassen hat. Das bedeutet nicht, dass wir jedes einzelne billigen,
+was im Laufe der Generationen geschehen und geworden ist, aber es
+bedeutet, dass wir an dem grossen Vermächtnis festhalten, das das
+Endergebnis der modernen deutschen Geschichte bildet: die Vereinigung
+Deutschlands in seinen Stämmen. Dieser Einheit werden wir nachleben und
+ihr haben wir zu dienen. Vergessen wir nicht, was von vielen einzelnen
+und manchmal von Parteien vergessen wird, die zu glauben meinen, wir
+hätten den Krieg gewonnen. Nein, leider nicht. Diesen Krieg, den
+grössten aller Kriege, haben wir verloren. Vergessen wir nicht, was das
+bedeutet, und vergessen wir nicht aus unserer grossen Geschichte, was es
+bedeutet hat, wenn in früheren Zeiten Kriege verloren wurden, die nicht
+den zehnten Teil so schwer, so hart und gefahrvoll waren, als dieser
+Weltkrieg. Vergessen wir nicht, vor welchen Gefahren wir gestanden haben
+und vor welchen Gefahren wir stehen. Und wenn einmal in hundert Jahren
+die Geschichte dieser Epoche geschrieben werden wird, dann wird man mit
+Sorgfalt fragen: Wo wurden die ersten Fäden angeknüpft, wie war es
+möglich in einer Welt, die vergiftet war von Hass, auf einem Planeten,
+der zum Himmel flammte in gegenseitiger Rachsucht, wie war es möglich in
+dieser Welt der Zerstörung und der Zwietracht, die ersten Fäden zu
+fügen? Die Antwort wird sein: Das deutsche Volk hat sie gefügt durch
+seine Geduld, durch seine Tatkraft, durch seinen positiven Willen, durch
+seinen Idealismus, durch seinen Opfersinn. Das wird das Urteil der
+Weltgeschichte über diese Epoche sein, die wir durchleben. Mag die
+Kritik des Tages uns verlästern: wir glauben aus tiefster Ueberzeugung,
+dass es keinen anderen Weg gibt, als den, den wir beschritten haben, um
+die deutsche Einheit in die Zukunft zu retten und für alle Zeit zu
+stabilisieren. Dass wir daneben nicht passiv gewesen sind während der
+ganzen Dauer dieses Jahres, haben wir Ihnen dargelegt. Zweifellos ist
+es, dass, wenn ein Volk leben soll, es nicht leben kann lediglich in
+einer einzigen Eigenschaft, in der Eigenschaft als Schuldner. Es muss
+sich wieder bewegen, es muss neue Kräfte sammeln, es muss seiner
+Wirtschaft neue Anknüpfungen bieten, es muss den Geist auf neue Probleme
+lenken. Deswegen glaube ich, dass unsere Politik darin nicht versagt
+hat, wenn sie den Versuch gemacht hat, wieder zu einer Aktivität zu
+kommen.
+
+Hiermit verlasse ich das Gebiet der praktischen Politik. Die praktische
+Politik dieses Jahres haben wir durchlaufen. Sie war nicht verloren. Der
+Krieg war zu schwer und die Zeit von drei Jahren ist sub specie
+saeculorum zu kurz, um ein neues Reich an die Stelle des verlorenen
+alten zu setzen. Aber wenn wir einheitlich bleiben, wenn wir die
+Gegensätze, die uns trennen, zurückstellen in dem Augenblick, wo die
+grossen Idealfragen unseres Landes zur Sprache kommen, – denn was trennt
+uns? Interessen und Konventionen trennen uns, und über Interessen kann
+man hinweg und über Konventionen soll man hinweg, soweit man nicht
+Kräfte und Ideale aus ihnen schöpfen kann – wenn wir über den großen
+Fragen, die uns einen, die Fragen vergessen, die uns trennen, so werden
+wir imstande zu einer einheitlichen Aussenpolitik sein. Gestatten Sie es
+einem rein praktischen Politiker, gestatten Sie es demjenigen, dem die
+Aufgabe obliegt, gerade in diesem Augenblick das Werk der Verträge, das
+Werk der Beziehungen zu pflegen, gestatten Sie in diesem Augenblick das
+Wort auszusprechen: Nicht Verhandlungen machen uns gesund und nicht
+Verträge, sondern die Gesundheit eines Volkes kommt nur aus seinem
+inneren Leben, aus dem Leben seiner Seele und seines Geistes. Dieses
+Leben ist gefährdet, aber es ist nicht zu Tode getroffen. Es gibt
+vieles, was unser seelisch-geistiges Leben schädigt – ich brauche nur
+an das zu erinnern, was wir in unseren grossen Städten und an anderen
+Stellen im Lande sehen –, aber unser seelisch-geistiges Leben ist in
+seinen Tiefen gesund. Noch immer lebt dieser Wille zur Arbeit, zur
+Disziplin, zur Organisation, zur Forschung, noch immer lebt der Wille
+zur Hingebung und zum Opfer, zur Betrachtung der Erscheinung im grossen
+Bogen der Synthese und Zusammenfassung; noch immer sind die grossen
+Kräfte des Geistes und Herzens ungebrochen und unberührt. Unserer Jugend
+haben wir diese Kräfte zu übergeben, sie ist die Trägerin und Pflegerin
+dieser Kräfte, und wir wollen hoffen, dass sie diese grösste und
+schwerste Verantwortung der Gegenwart erfüllt. Manches wird sie in
+diesem Fall abzustreifen haben, denn nicht aus dem Kampfe des Tages
+erwachsen diese Kräfte; diese Kräfte erwachsen aus der Versenkung und
+Vertiefung. Deswegen lassen wir unsere Jugend nicht untergehen in den
+Kämpfen des Tages, weisen wir sie hin auf die grossen Ideale der
+Vergangenheit und führen wir sie zu den Idealen der Zukunft.
+
+Ich glaube, daß ein solcher Hinweis auf das Gebiet des Geistes in Ihrem
+Lande verstanden werden muss. Wenn wir aus dem Norden zu Ihnen kommen,
+wenn wir diese bekränzte Stadt erblicken, so geht uns das Herz auf. Der
+grösste aller grossen schwäbischen Sänger hat das unsterbliche Wort
+gedichtet: O heilig Herz der Völker, o Vaterland! Dieses heilige Herz
+fühlt man nirgends stärker pochen als in Ihrem beseeligenden und schönen
+süddeutschen Gau. Als ich heute nachmittag auf der Suche nach dem, was
+ich einer erlauchten Versammlung würde sagen dürfen, durch die Wälder
+fuhr, die grüngolden Ihre Stadt umsäumen, da habe ich es in der Tiefe
+des Herzens empfunden: diese ehrwürdigen Buchen werden von ihren Hügeln
+noch einmal herniederblicken auf eine freie glückliche Stadt. Und als
+ich dann zu jenem Gipfel kam, der von einem kleinen Schlösschen gekrönt
+ist, das Solitude heisst, wo ein unendlicher Fernblick über das Land
+nach Norden sich auftut und das Auge versinkt in der blauen Ferne, da
+habe ich, wie lange nicht, das Gefühl erlebt: von dieser Stelle aus wird
+man nicht nur in eins der schönsten, nein, auch in eins der
+glücklichsten Länder blicken, in einer Zukunft, die unsere Nachfahren
+erleben werden. Wir aber, die wir vom Norden kommen, aus Staub und
+Nebel, von harter Arbeit und schwerer Verantwortung, uns ist es ein
+Dank und eine Freude, wenn wir an diesem heissen Busen Ihres Landes für
+Tage oder für Stunden Gesundheit, Freude und Hoffnung trinken können.
+Deswegen gewähren Sie uns diese Gastfreundschaft, so oft wir zu Ihnen
+kommen, und kommen Sie zu uns, um das Band zwischen Nord und Süd zu
+flechten, zu unauflöslicher und ewiger Dauer.
+
+
+
+
+REDE, GEHALTEN AM 13. JUNI 1922
+IN BERLIN, IN DER
+DEUTSCHEN GESELLSCHAFT VON 1914
+
+
+Der Anlaß, der uns heute zusammenführt, ist das unmittelbar
+bevorstehende Erscheinen der ersten sechs Bände aus den diplomatischen
+Akten des Auswärtigen Amtes. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses liegt
+für jedermann klar zutage.
+
+Ueber den wissenschaftlichen Wert der ganzen Publikation werden berufene
+Gelehrte zu urteilen haben. Es handelt sich jedoch bei dem Werke, dessen
+erster Abschnitt jetzt abgeschlossen vorliegt, nicht nur um eine Arbeit
+im Dienste der Wissenschaft, nicht nur um einen unschätzbar wertvollen
+Beitrag zur Kenntnis der europäischen Geschichte der letzten Jahrzehnte,
+sondern es handelt sich zugleich um eine ethische Tat des deutschen
+Volkes, über deren Inhalt ich einiges sagen möchte.
+
+Wie kam die Aktensammlung zustande? Die Vorgeschichte lässt sich mit
+wenigen Worten berichten: Vor ungefähr zwei Jahren fasste die deutsche
+Regierung den Beschluss, das gesamte Material über die deutsche Politik
+vor dem Weltkriege der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Sie wurde dabei
+von dem Gedanken geleitet, dass von unserer Seite alles bekannt gegeben
+werden sollte, was zur Aufklärung über die Entstehung der grossen
+Katastrophe von 1914 dienen kann. Die ängstlich überwachten Schranken
+des diplomatischen Geheimnisses sollten umgestossen, die verschwiegenen
+Siegel sorgfältig verborgengehaltener Dokumente gebrochen, und
+rückhaltlos sollten die in den Archiven des Auswärtigen Amtes ruhenden
+Akten ans Licht des Tages gezogen werden. Der Entschluss wurde zur
+Wirklichkeit. Drei Gelehrte, deren einwandfreie Sachlichkeit als
+zweifellos dasteht, wurden mit der Lösung der grossen Aufgabe betraut,
+und heute legen sie uns den verheissungsvollen Anfang ihrer mühevollen
+Tätigkeit vor, für die Deutschland ihnen tiefen Dank schuldet.
+
+Die kurze Vorgeschichte, die ich hier skizziert habe, zeigt, dass über
+dem ganzen Werke eigentlich als Motto die Worte stehen sollten: Im
+Dienste der Wahrheit. Denn das ist in der Tat das Leitmotiv, das ihm
+zugrunde liegt. Das deutsche Volk will an seinem Teile die ganze
+Wahrheit über die Genesis des Weltkrieges enthüllen. Es erscheint ihm
+dies nicht nur für das eigene Gewissen und aus einem wohlverstandenen
+Nationalgefühl heraus notwendig, sondern auch für die ganze Menschheit.
+Wir wissen alle, dass seit dem Weltkrieg die dunklen Mächte des Hasses,
+der Verdächtigung, des Misstrauens, der Anklage und der Beschuldigung
+die internationale Atmosphäre vergiften. Wir Deutsche haben es ganz
+besonders stark erfahren müssen, dass diese dunklen Mächte in das
+Getriebe der Politik bestimmend eingegriffen haben und ihre bösen
+Wirkungen, die uns im Weltkrieg in furchtbarer Deutlichkeit vor Augen
+traten, auf diese Weise zu verewigen drohen. Das gerade ist es, was im
+Namen der Menschheit verhütet werden muss.
+
+Man spricht heute – und mit vollem Recht – überall von der grundlegenden
+Bedeutung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus von Europa. Hand in Hand
+damit muss aber eine vielleicht noch schwerere und sicher nicht minder
+wichtige Aufgabe gelöst werden, die ich den geistigen Wiederaufbau
+Europas nennen möchte. Und sie besteht in der allmählichen Ueberwindung
+eben jener Mächte des Hasses, der Verdächtigung, des Misstrauens, der
+Anklage und der Beschuldigung, die ich oben erwähnt habe. Das Bestreben
+der Besten muss darin bestehen, dass wir in Europa wieder reine Luft
+atmen können, eine Luft, die befreit ist von jener dumpfen Schwüle, die
+seit dem Kriege und auch mehrere Jahre vorher schon geherrscht hat.
+
+Es ist klar, daß dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn jeder
+rücksichtslos mit sich selbst ins Gericht geht, um dadurch einen Beitrag
+zu der gewaltigen Aufgabe des geistigen Wiederaufbaus zu leisten.
+
+Das deutsche Volk, das durch das Diktat von Versailles auf die
+Anklagebank gezwungen wurde, hat mit dem Werke, das nun zu erscheinen
+beginnt, den Anfang gemacht. Es hat es verschmäht, seine Geheimnisse zu
+verstecken und hat seinen restlosen Willen zur Wahrheit bekundet.
+
+Die ersten sechs Bände bilden ein Ganzes für sich. Sie behandeln die
+Zeit von 1870 bis 1890, also jene Epoche, während deren die Leitung der
+politischen Geschicke des deutschen Volkes in der Hand des ersten
+Reichskanzlers, Fürst Otto von Bismarck, lag. Damals stand Deutschland
+auf der Höhe der Macht, und wir sehen aus den veröffentlichten Akten,
+dass es diese Macht niemals missbraucht hat, um den Frieden in Europa zu
+gefährden, sondern dass es sie im Gegenteil dazu verwandte, um ihn
+überall, wo es möglich erschien, zu erhalten. Das ganze Bündnissystem
+Bismarcks war auf diesem Grundgedanken aufgebaut und bietet, unter
+diesem Gesichtspunkt betrachtet, das Bild eines einheitlichen
+Kunstwerkes. Das ist eine Feststellung, die jeder objektive Leser machen
+wird, und wir können uns im Hinblick auf sie nur wünschen, dass die
+Wahrheit, der wir als Tribut entrichten, was uns zur Verfügung steht,
+sich unaufhaltsam Bahn bricht und allmählich alle Hindernisse beseitigt,
+die sich ihr heute noch in den Weg stellen.
+
+Der Weg der Wahrheit ist lang. Er ist um so länger, als ein Mangel an
+europäischem Interesse die Fragen, die uns Lebensfragen sind, als
+gelöst, das Urteil der Geschichte als gesprochen anzusehen sich gewöhnt
+hat. Ein Urteil kann nur gesprochen werden von einem vollgültigen
+Tribunal. Unser Suchen und Werben um Wahrheit aber wird nicht ruhen, bis
+im Namen der Geschichte ein befugtes Tribunal seinen Spruch gefällt hat.
+
+
+
+
+
+REDE
+VOR DEM REICHSTAGE
+AM 21. JUNI 1922
+
+
+Die Interpellation Stresemann[1] habe ich die Ehre wie folgt zu
+beantworten:
+
+Unter dem Ausdruck »Neutralisierung« kann man zwei rechtlich völlig
+verschiedene Begriffe verstehen. Soweit darunter zu verstehen ist das
+Verbot für Deutschland, innerhalb der Rheinlande ständig oder zeitweise
+militärische Streitkräfte zu unterhalten oder zu sammeln oder daselbst
+Befestigungen beizubehalten oder anzulegen, so hat die dahingehende
+Forderung bereits in den Art. 42 und 43 des Vertrages von Versailles
+ihre Verwirklichung gefunden.
+
+Sollte unter der Neutralisierung der Rheinlande die Schaffung eines
+neutralen Pufferstaates verstanden werden, so ist dem entgegenzuhalten,
+dass die Rheinlande auch nach dem Vertrage von Versailles ein
+integrierender Bestandteil des Deutschen Reiches und des preussischen
+Staates geblieben sind. Der Vertrag von Versailles enthält in der langen
+Reihe seiner Artikel nicht eine Bestimmung, auf die sich irgendeine
+Signatarmacht dieses Vertrags bei Erhebung einer dahingehenden Forderung
+stützen könnte. Eine solche Forderung könnte also nur unter
+Vertragsbruch verwirklicht werden. Bisher ist noch von keiner Seite ein
+Ansinnen dieser Art an die deutsche Regierung herangetreten. Auch sonst
+liegen der deutschen Regierung, abgesehen von unbeglaubigten
+Zeitungsmitteilungen, keine Nachrichten vor, die auf eine derartige
+Absicht schliessen lassen könnten.
+
+Namens der Reichsregierung habe ich die Erklärung abzugeben, dass sie
+niemals für irgendwelche Zugeständnisse, und mögen sie noch so gross
+sein, dafür zu haben ist, das Rheinland, das während der Besatzungszeit
+so oft seinen unerschütterlichen Willen zum Festhalten am angestammten
+Vaterland bewiesen hat, preiszugeben oder seinen Bestand schädigen zu
+lassen.
+
+
+Die Interpellation Lauscher[2] bezüglich der Eisenbahnen habe ich die
+Ehre, wie folgt zu beantworten:
+
+Am 25. Mai hat die Botschafterkonferenz eine von dem französischen
+Ministerpräsidenten unterzeichnete Note an die deutsche Regierung
+gerichtet, in der sie die sofortige Einstellung einer Reihe im Gang
+befindlicher Bahnbauten sowie die allmähliche Beseitigung gewisser
+Eisenbahnanlagen im linksrheinischen Gebiet verlangt. Sie stützt diese
+Forderungen auf Art. 43 des Vertrages von Versailles, der die
+Beibehaltung aller materiellen Vorkehrungen für eine Mobilmachung in
+jenen Gebieten untersagt. Die Botschafterkonferenz vertritt den
+Standpunkt, dass die Bahnlinien, deren Einstellung sie fordert,
+strategische Linien und die Anlagen, deren Zerstörung sie verlangt,
+militärische Anlagen seien. Sie hat es für nötig gehalten, mit
+besonderem Nachdruck zu betonen, dass alle in ihr enthaltenen
+Entscheidungen auf Grund eingehender Untersuchungen so getroffen seien,
+dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des rheinischen
+Eisenbahnnetzes durch sie in keiner Weise vermindert wird. Die
+Botschafterkonferenz stellt ferner »mit Genugtuung« fest, dass die
+Einstellung der im Gang befindlichen Arbeiten es Deutschland erlauben
+werde, die dafür ausgeworfenen bedeutenden Ausgaben zu ersparen und
+damit seine finanzielle Lage zu verbessern.
+
+So lebhaft die deutsche Regierung jede Gelegenheit begrüsst, die
+Finanzen Deutschlands zu heben, so vermag sie doch die Genugtuung der
+Botschafterkonferenz über die ihr gebotene Möglichkeit nicht zu teilen.
+
+Denn einmal übergeht die Botschafterkonferenz mit Stillschweigen, dass
+über den Ersparnissen, die sich aus der Einstellung der im Gang
+befindlichen Arbeiten ergeben, Hunderte von Millionen an Ausgaben
+stehen, die für die geforderten Zerstörungsmassnahmen völlig unproduktiv
+aufgewendet werden müssen.
+
+Zweitens trifft die Annahme der Note, dass es sich bei den
+einzustellenden Arbeiten und den zu beseitigenden Anlagen
+ausschliesslich um militärische, für die deutsche Wirtschaft
+gleichgültige Einrichtungen handele, in keiner Weise zu.
+
+Die deutsche Regierung weiss, dass der Vertrag von Versailles ihr
+verbietet, im besetzten Gebiet irgendwelche ständigen Vorkehrungen zu
+unterhalten, die dem Zweck der Mobilmachung zu dienen bestimmt sind. Sie
+beabsichtigt nicht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen und sie wird
+die vorhandenen Anlagen, soweit sie wirklich militärischer Natur sind,
+pflichtgemäss zerstören lassen, soweit dieses Verlangen allen
+ökonomischen Erwägungen zum Trotz aufrechterhalten werden sollte. Dass
+sie nicht daran denkt, neue Anlagen dieser Art zu schaffen oder
+begonnene fortzuführen, ist angesichts der deutschen Finanzlage und der
+ganzen politischen Situation eine einfache Selbstverständlichkeit.
+
+Dagegen ist die deutsche Regierung weder nach dem Buchstaben noch nach
+dem Sinne des Versailler Vertrages verpflichtet, Einrichtungen, die für
+die gesunde wirtschaftliche Entwicklung des Rheinlandes zweckmässig und
+notwendig sind, nur deshalb zu zerstören oder unausgeführt zu lassen,
+weil die Botschafterkonferenz glaubt, dass sie eine etwaige Mobilmachung
+erleichtern.
+
+Der Art. 43 richtet sich gegen die Vorbereitung eines Krieges. Er gibt
+den alliierten Regierungen kein Recht, störend und zerstörend in eine
+auf verständigen Grundsätzen aufgebaute Verkehrspolitik einzugreifen.
+Soweit das durch die Forderungen der Botschafterkonferenz geschieht,
+wird die deutsche Regierung diese Forderungen mit allem Nachdruck
+bekämpfen. Sie wird den alliierten Regierungen den Beweis liefern, dass
+die verlangten Massnahmen den betroffenen Gebieten schwere
+wirtschaftliche Nachteile zufügen, dass sie die Entwicklung nicht nur
+des Verkehrs, sondern zahlreicher für Deutschland lebenswichtiger
+Wirtschaftszweige hindern und so die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
+Deutschlands keineswegs erhöhen, sondern stark beeinträchtigen würden.
+Von ganz besonderem Einfluss auf die Entschliessung der aliierten
+Regierungen sollte es sein, dass einzelne der beanstandeten Anlagen
+gerade dazu dienen sollen, die schnelle und pünktliche Ablieferung der
+Reparationskohle zu erleichtern.
+
+Die Prüfung der einzelnen Forderungen der Note, die von den deutschen
+Behörden mit der grössten Sorgfalt vorgenommen wird, ist noch nicht
+abgeschlossen. Schon jetzt lässt sich aber mit Gewissheit sagen, dass
+die Entschliessung der Botschafterkonferenz, soweit sie sich mit den
+Linien Mörs–Geldern, Osterath–Dernau und Ehrang–Koblenz befasst,
+überwiegend von unrichtigen Voraussetzungen ausgeht.
+
+Das gleiche gilt für eine grosse Anzahl der übrigen Punkte der Note, was
+sich zum Teil vielleicht daraus erklärt, dass den Verfassern die
+Entwicklung, die die Wirtschaft des Rheinlandes seit Beendigung des
+Krieges genommen hat, noch nicht bekannt geworden ist.
+
+Die deutsche Regierung zweifelt nicht daran, dass die Aufklärung, die
+sie den alliierten Regierungen in aller Offenheit und Ehrlichkeit bieten
+wird, zu einer Aufgabe der jetzt erhobenen unberechtigten Forderungen
+führen wird. Die ohnehin so schwer unter dem Drucke der Besatzung
+leidende rheinische Bevölkerung mag gewiss sein, dass kein Mittel
+unversucht bleiben wird, um ihr neue grundlose Schädigungen zu ersparen.
+
+
+Die dritte Interpellation[3] erlaube ich mir wie folgt zu beantworten:
+
+Ueberblickt man die Versailler Regelung für das Saarbecken, so drängt
+sich am stärksten ihre Kompliziertheit auf. Man vergegenwärtige sich nur
+folgendes: Das Land ist deutsch, die Bewohner sind Deutsche, die
+Verwaltung liegt in der Hand des Völkerbundes, die Gruben sind Eigentum
+des französischen Staates und das Zollsystem ist das französische. Das
+ergibt ein so vielfaches Durchschneiden und Ueberschneiden der
+Kompetenzen, dass es in der Praxis zu kaum mehr lösbaren Schwierigkeiten
+führt.
+
+Auf die Frage, was das Saargebiet seiner juristischen Natur nach ist,
+dürften die Juristen die Antwort schuldig bleiben. Die Geschichte hat
+ein so seltsames Gebilde noch nicht gesehen. Dies hat begreiflicherweise
+eine grosse Belastung der beteiligten Behörden – und zwar nicht nur
+unserer – zur Folge, und im letzten Grunde ist der Leidtragende dabei
+immer die Bevölkerung.
+
+Politisch springt vor allem die Entrechtung der Bevölkerung in die
+Augen. Gewisse, nicht immer genügend klar gefasste Bestimmungen
+gewährleisten ihr zwar einige selbstverständliche Grundrechte, von denen
+bezeichnenderweise das Recht des freien Abzuges am deutlichsten
+ausgestaltet ist.
+
+Von der Mitbestimmung an ihrem Geschick ist sie aber so gut wie
+ausgeschlossen. In dem Fünfmännerkollegium, das sie regiert, befindet
+sich nur einer aus ihrer Mitte, und auch auf die Ernennung dieses einen
+hat sie keinen Einfluss.
+
+Die Regierungskommission hat Befugnisse, die weit über das hinausgehen,
+was im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus die Regel war. Gewiss ist
+sie dem Völkerbund verantwortlich. Ob aber diese Verantwortlichkeit
+denselben praktischen Wert hat wie eine Verantwortlichkeit gegenüber
+einer Volksvertretung, müsste erst noch bewiesen werden. Die Betrauung
+des Völkerbundes mit dieser absolutistischen Mission ist überhaupt für
+jeden, der einen wahren Völkerbund errichtet zu sehen wünscht, tief
+bedauerlich. Die Idee des Völkerbundes wird dadurch entwürdigt.
+
+Es ist kein Trost, dass dieses Regime auf 15 Jahre beschränkt sein soll.
+Denn 15 Jahre sind eine lange Zeit, und an ihrem Ende steht die
+Volksabstimmung. Nichts ist selbstverständlicher, als dass diese
+Abstimmung während der 15 Jahre die Interessen der Bevölkerung
+überragend beherrscht. Wir alle wissen ferner aus den Beispielen anderer
+deutscher Grenzgebiete, besonders Oberschlesiens, was eine
+Abstimmungszeit für die Bevölkerung bedeutet. Im Saargebiet soll diese
+Zeit 15 Jahre dauern, und wenn auch dort die Verhältnisse insofern
+günstig liegen, als der Bevölkerung fremdsprachige Elemente fehlen, so
+bedeutet es doch für sie ein überaus hartes Los und eine schwere Probe,
+15 Jahre lang unter der Ungewissheit ihres endgültigen nationalen
+Geschickes leben zu müssen.
+
+Ich wende mich zu der Frage, wie sich das geschilderte System bisher
+bewährt hat.
+
+Das Wirtschaftsleben des Landes bietet kein erfreuliches Bild. Hier
+wirken verschiedene Umstände zusammen: die künstliche Trennung der
+Kohlenwirtschaft von dem übrigen Wirtschaftsleben, die neue Zollinie und
+endlich die Einführung des Franken. Das Mass, in dem der Frank im
+Saarbecken umläuft, ist nach Ansicht der Regierung vertragswidrig, denn
+der Vertrag räumt der französischen Münze nur die Stellung eines
+zugelassenen Umlaufgeldes neben der Mark ein. Die Regierungskommission
+hat ihr aber bei Post und Eisenbahn die Eigenschaft als Währungsgeld
+unter Ausschaltung der Mark verliehen und später trotz dringenden
+Abratens aller Sachverständigen ihren Umlauf noch erweitert.
+Wirtschaftlich widerspricht diese Abänderung der Währungsverhältnisse
+der Grundstruktur des Wirtschaftslebens. Das Land hat nun einmal seinen
+natürlichen Absatzmarkt in Deutschland und kann dafür anderswo,
+namentlich in Frankreich, um so weniger ausreichenden Ersatz finden, als
+seine Hauptindustrie, die Eisenindustrie, im Westen als unliebsamer
+Konkurrent empfunden und bekämpft wird. Wenn also die Industrie des
+Saarbeckens auf den deutschen Markt angewiesen ist und daher vorwiegend
+Markeinnahmen hat, so muss sie notwendigerweise in schwere Bedrängnis
+geraten, sobald sie bei sinkendem Markkurse ihre Hauptausgaben – nämlich
+Löhne, Kohlen, Erze, Frachten – in Franken leisten muss. Die Tatsachen
+haben dies reichlich bewiesen. Das Land hat schon verschiedene schwere
+Krisen durchgemacht, die noch schärfer verlaufen wären, wenn nicht
+grosse industrielle Werke von ihren Niederlassungen im übrigen
+Deutschland einen Ausgleich hätten schaffen können. Erfreulicherweise
+haben auch verschiedene deutsche Wirtschaftsorganisationen der
+schwierigen Lage des Saarbeckens volles Verständnis entgegengebracht. In
+diesem Zusammenhang kann ich auch erwähnen, dass die Reichsregierung im
+Einverständnis mit Preussen und Bayern die Belieferung des Saargebiets
+mit Waren zu deutschen Inlandspreisen und mit deutschen Lebensmitteln
+sich angelegen sein lässt. Es sind hierbei allerdings beträchtliche
+Schwierigkeiten zu überwinden, und es könnte ein Zeitpunkt kommen, in
+dem wir gegen unseren Willen diese Massnahmen aufheben müssten. Doch
+hoffen wir, dass wir nicht vor diese Zwangslage gestellt sein werden.
+Alles in allem trägt das Wirtschaftsleben des Saarbeckens eine
+spezifische Unstabilität als hervorstechendstes Merkmal an sich.
+
+Wenn ich endlich zu der politischen Entwicklung übergehen darf, so muss
+ich zu meinem Bedauern hier feststellen, dass die Regierung des
+Saarbeckens von der den Völkerbund vertretenden Kommission nicht in der
+Weise geführt wird, wie es erwartet werden dürfte. Bekanntlich soll der
+Völkerbund die Regierung des Saarbeckens als Treuhänder führen. Eine
+solche treuhänderische Verwaltung darf nicht einen der beiden an dem
+endgültigen Besitz des Landes interessierten Staaten bevorzugen. Leider
+ist dies aber der Fall. Dass heute noch französische Truppen in
+beträchtlicher Zahl sich im Lande befinden, ist eine nicht
+abzustreitende Vertragswidrigkeit; denn nach dem Vertrag soll nicht
+Frankreich, sondern die Regierungskommission für Aufrechterhaltung von
+Ruhe und Ordnung sorgen, und nur durch eine örtliche Gendarmerie. Diese
+Gendarmerie ist zwar errichtet worden, jedoch nur in bescheidenem
+Umfange, angeblich wegen Geldmangels. Neben ihr steht aber noch eine
+französische Gendarmerie. Wie deren Existenz gerechtfertigt werden kann,
+ist mir unerfindlich. Denn der Vertrag sagt mit der denkbar grössten
+Klarheit, dass »nur eine örtliche Gendarmerie« eingerichtet werden soll.
+Uebrigens liegen Nachrichten vor, dass die französische Gendarmerie die
+Aufgabe hat, unter anderem über die Notabeln und gewisse andere
+Persönlichkeiten Listen zu führen, vertrauliche Beobachtungen in
+politischen Angelegenheiten anzustellen, die politische Gesinnung der
+Beamten zu überwachen und die Berichte der Zivilbehörden unauffällig zu
+kontrollieren.
+
+Auch die Errichtung der französischen Kriegsgerichte, die sogar durch
+eine besondere Verordnung erfolgt ist, widerspricht dem Vertrag, da
+dieser keine anderen Gerichte beibehalten wissen will als die früher
+bestehenden und ein neu zu errichtendes Obergericht.
+
+Mit Recht hebt ferner die Interpellation die Vertragswidrigkeit der im
+Herbst 1920 anlässlich der Arbeitseinstellung der Beamtenschaft
+erfolgten Massenausweisungen hervor. Diese entbehrten jeder
+Rechtsgrundlage und warfen die Bevölkerung zurück in die trübsten Zeiten
+der Herrschaft des Waffenstillstandsabkommens. Nach längerer Zeit sind
+allerdings diese Ausweisungen rückgängig gemacht worden.
+
+Die Regierungskommission hat ferner die Wahrnehmung der
+Auslandsinteressen der Bewohner der französischen Regierung übertragen.
+In formaler Hinsicht kann hiergegen kaum etwas eingewendet werden, da
+eine besondere Bestimmung des Vertrages der Regierungskommission freie
+Hand gibt. Es liegt jedoch auf der Hand, wie widersinnig es ist, dass
+deutsche Staatsangehörige im Auslande von Frankreich vertreten werden.
+Ausserdem ergeben sich hieraus allerlei praktische Schwierigkeiten. Die
+Regierungskommission hat uns sogar zugemutet, die Wahrnehmung der
+Interessen der deutschen Saarbewohner in Deutschland selbst durch
+Frankreich anzuerkennen. In diesem Punkt hat jedoch die Reichsregierung
+mit aller Entschiedenheit widersprochen, da das Saargebiet dem übrigen
+Deutschland gegenüber nicht Ausland ist. Wenn übrigens die Bewohner des
+Saargebiets ein Anliegen an deutsche Behörden haben, so wissen sie schon
+selbst den Weg zu ihnen zu finden und denken am allerwenigsten an eine
+Vermittlung durch französische Vertreter.
+
+Eine Frage von besonderer Wichtigkeit ist die Schaffung des seltsamen
+Begriffes »Saareinwohner«. Während der Versailler Vertrag den Bewohnern
+des Saargebiets ihre bisherige Staatsangehörigkeit belassen hat, was
+nicht anders als dahin verstanden werden kann, dass auch die mit der
+Staatsangehörigkeit verbundenen Rechte ihnen gewahrt bleiben sollen, hat
+die Regierungskommission durch Schaffung des Begriffes »Saareinwohner«
+und durch Uebertragung aller politischen Rechte auf diesen Begriff der
+Staatsangehörigkeit der Bewohner tatsächlich so gut wie jeden Inhalt
+genommen und mit dem neuen Begriff zwar nicht dem Worte nach, wohl aber
+der Sache nach eine Art besonderer saarländischer Staatsangehörigkeit
+geschaffen. Nach Ansicht der Reichsregierung ist hiermit eine der
+Grundlagen der vertraglichen Regelung über das Saargebiet umgestossen.
+
+In ähnlicher Richtung liegt eine Anzahl von Massnahmen der
+Regierungskommission, die das Ziel verfolgen, das Saargebiet dem
+übrigen Deutschland gegenüber als Ausland erscheinen zu lassen, obwohl
+doch unmöglich bestritten werden kann, dass das Saargebiet nach wie vor
+einen Teil des Reiches bildet. Es mag zwar im einzelnen schwierig sein,
+bei der besonderen Verwaltungsorganisation für das Saarbecken aus diesem
+Grundsatz heraus immer zu praktisch brauchbaren Ergebnissen zu gelangen.
+Wenn aber die Regierungskommission dieser Schwierigkeiten dadurch Herr
+zu werden sucht, dass sie kurzerhand erklärt, alles Gebiet ausserhalb
+des Saargebiets sei als Ausland zu betrachten, so ändert sie den Vertrag
+wiederum in einer seiner Grundlagen ab.
+
+Auch auf dem Gebiete des Schulwesens sind Vertragswidrigkeiten
+festzustellen. Dem französischen Staat hat die Regierungskommission auf
+diesem Gebiet Rechte eingeräumt, die weit über das vertraglich
+vorgesehene Mass hinausgehen. Auch die Einführung des französischen
+Sprachunterrichts in den Volksschulen und allerlei, zum Teil als
+Experimentieren zu bezeichnende recht wesentliche Reformen auf dem
+Gebiet des Schulwesens stehen nicht im Einklang mit dem Vertrage; denn
+dieser sieht in absoluter Form die Beibehaltung des bisherigen
+Schulsystems vor, und ich glaube, dass dies eine der wenigen
+Bestimmungen ist, die innere Berechtigung hat, da gerade auf dem Gebiete
+des Schulwesens einer landesfremden Regierung schwerlich die Fähigkeit
+zugesprochen werden kann, das Schulwesen eines Landes auf eine seiner
+Eigenart gerecht werdende neue Grundlage zu setzen.
+
+Die Reichsregierung hat wegen all dieser und ähnlicher Massnahmen der
+Regierungskommission wiederholt beim Völkerbund Einspruch eingelegt.
+Bisher ist keinem Einspruch Folge gegeben worden. Der Völkerbund begnügt
+sich in der Regel damit, den Standpunkt der Regierungskommission für
+gerechtfertigt zu erklären. Zu ihrem Bedauern kann sich die
+Reichsregierung dem Eindruck nicht verschliessen, dass ihre
+Einspruchnoten beim Völkerbund nicht die gebührende Beachtung finden.
+Die gemachten Erfahrungen werden die Reichsregierung natürlich nicht
+hindern, sich mit ihren Beschwerden weiterhin an den Völkerbund zu
+wenden. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass der Völkerbund
+schliesslich doch die Ueberzeugung gewinnt, dass die Verwaltung des
+Saargebiets nicht in einem Geiste geführt wird, wie es gerade von einer
+Völkerbundskommission erwartet werden kann.
+
+Zu dieser Erwartung berechtigen die Reichsregierung namentlich auch die
+Schritte, die die Bevölkerung des Saargebiets selbst unternommen hat.
+Wiederholt hat sie in ausserordentlich eindrucksvollen Denkschriften und
+durch die Entsendung von Delegationen an den Völkerbund versucht, dessen
+Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die Mißstände im Saarbecken zu
+lenken, und ich glaube sagen zu können, dass die Schritte nicht ganz
+erfolglos geblieben sind.
+
+Inzwischen hat auch die Oeffentlichkeit ausserhalb Deutschlands dem
+Saarbecken mehr und mehr Interesse entgegengebracht, und in einer ganzen
+Anzahl von ausländischen Zeitungen hat sich eine ziemlich scharfe Kritik
+der Methoden der Völkerbundsregierung erhoben.
+
+Das Verhältnis der Bevölkerung des Saarbeckens zu der
+Regierungskommission hat sich überraschend schnell festgelegt. Es ist
+das typische Bild einer Fremdherrschaft! Die Bevölkerung sah der
+Regierungskommission zwar nicht mit grossen Hoffnungen, aber doch
+unvoreingenommen entgegen und musste sehr bald Enttäuschung über
+Enttäuschung erleben. Mit verschwindenden Ausnahmen wurden die leitenden
+Posten der Verwaltung mit Franzosen besetzt. Die französischen Truppen
+blieben, desgleichen die französische Gendarmerie und die französischen
+Kriegsgerichte. Französische Einrichtungen wurden da und dort
+eingeführt. Eine Anzahl alteingesessener Bewohner wurde ausgewiesen. Der
+Franken brachte wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten. Der
+französische Unterricht für die Volksschulen wurde dekretiert. Den
+Beamten wurde die Frankenbesoldung wider ihren Willen aufgezwungen.
+Endlich wurden beinahe in allen wichtigen Fragen die Gutachten der
+Kreis- und Bezirkstage bei der Abänderung von Gesetzen nicht
+berücksichtigt. All dies schuf begreiflicherweise eine Atmosphäre der
+Mißstimmung, die schliesslich die Kreis- und Bezirkstage veranlasste,
+die Begutachtung von Verordnungsentwürfen vollkommen abzulehnen.
+
+So stehen sich jetzt Regierung und Bevölkerung des Saargebiets ohne
+Vertrauen gegenüber, ein Zustand, der unzweifelhaft als äusserst
+ungesund anzusprechen ist. Dieser Zustand ist aber die leicht
+erklärliche Folge der Regierung eines Landes durch eine landfremde
+Kommission.
+
+Am 16. Juni 1919 haben unsere einstigen Gegner uns erklärt, sie hätten
+volles Vertrauen, dass die Einwohner des Saargebietes keinen Grund haben
+würden, die neue Verwaltung als eine ihnen ferner stehende zu
+betrachten, als es die von Berlin und München gewesen seien. Wenn irgend
+etwas durch die Tatsachen widerlegt worden ist, dann ist es dieser Satz!
+Gewiss: die Regierungskommission sitzt im Saargebiet selbst; in
+Wirklichkeit aber steht sie der Bevölkerung ferner, als wenn sie in
+einem anderen Erdteil ihren Sitz aufgeschlagen hätte. Allein die
+Verschiedenheit der Sprache bildet eine unüberbrückbare Kluft.
+
+Das Bild, das ich Ihnen in Vorstehendem vom Saarbecken entrollen durfte,
+ist kein erfreuliches. Als Deutsche aber können wir mit Stolz auf die
+Tatsache hinweisen, dass die Bevölkerung des Saargebietes in den
+schweren Jahren der Fremdherrschaft, von denen erst wenige
+vorübergegangen sind, sich um so fester zusammengeschlossen hat, um das
+zu wahren, was sie als ihr höchstes Gut betrachtet: ihr Deutschtum!
+Immer und immer wieder erhält die Reichsregierung und die
+Oeffentlichkeit aus dem Saarbecken Beweise bester deutscher Gesinnung.
+Ich stehe daher nicht an, zu erklären, dass die Deutschen an der Saar
+dem ganzen deutschen Volk Vorbild und Muster sind! Das deutsche Volk und
+die Reichsregierung wissen schon heute, was sie an der Bevölkerung des
+Saargebiets haben. Ihr muss ihr bestes Wollen und Können gelten in der
+Hoffnung auf den Tag, an dem auch äusserlich die Wiedervereinigung
+vollzogen wird.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Fußnote 1: Die _Interpellation #STRESEMANN# und Genossen_ ersuchte die
+Reichsregierung um Aufklärung über Gerüchte, die besagen, daß auf Grund
+einer Verständigung zwischen England und Frankreich die Besatzung in den
+Rheinlanden zurückgezogen, dafür aber als Sicherheit gegen einen Angriff
+des vollkommen wehrlosen Deutschlands die Rheinlande neutralisiert
+werden sollen, das heißt den Rheinlanden soll die Autonomie, angeblich
+im Rahmen des Deutschen Reichs, aber unter französischer Oberaufsicht
+und französischem militärischen »Schutz« verliehen werden. Es sollte
+also dem besetzten Gebiet das Schicksal des unglücklichen Saargebiets
+bereitet werden.]
+
+[Fußnote 2: Die _Interpellation #LAUSCHER# und Genossen_ fordert von
+der Reichsregierung Erklärungen über die am 30. Mai übergebene Note der
+Botschafterkonferenz der alliierten Staaten, die unter Berufung auf
+Artikel 43 des Vertrags von Versailles die Einstellung bzw. Zerstörung
+einer ganzen Reihe wirtschaftlich bedeutsamer Eisenbahnbauten innerhalb
+des zurzeit von den Alliierten besetzten rheinischen Gebiets verlangt.]
+
+[Fußnote 3: Die _Interpellation #MARX# und Genossen_ wünscht Aufklärung
+über die Stellung der Reichsregierung zu der Tätigkeit der vom
+Völkerbundsrat eingesetzten Regierungskommission im Saargebiet, die dem
+Versailler Vertrage, den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der
+Demokratie – und dem Wesen des Völkerbunds widerspreche.]
+
+
+
+
+DIE WERKE VON WALTHER RATHENAU
+
+
+Zur Kritik der Zeit
+20. Auflage
+
+Zur Mechanik des Geistes
+11. Auflage
+
+Deutschlands Rohstoffversorgung
+39. Auflage
+
+Probleme der Friedenswirtschaft
+25. Auflage
+
+Von kommenden Dingen
+69. Auflage
+
+Streitschrift vom Glauben
+14. Auflage
+
+Vom Aktienwesen
+23. Auflage
+
+Die neue Wirtschaft
+54. Auflage
+
+Zeitliches
+25. Auflage
+
+An Deutschlands Jugend
+20. Auflage
+
+Nach der Flut
+15. Auflage
+
+Der Kaiser
+54. Auflage
+
+Der neue Staat
+18. Auflage
+
+Kritik der dreifachen Revolution – Apologie
+14. Auflage
+
+Die neue Gesellschaft
+16. Auflage
+
+Was wird werden?
+14. Auflage
+
+Demokratische Entwicklung
+8. Auflage
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die
+Inhaltsübersicht des Anhangs wurde in das Hauptinhaltsverzeichnis am
+Anfang des Buches integriert. Kleinere Inkonsistenzen in der
+Schreibweise wurden prinzipiell beibehalten.]
+
+
+[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1922 by S. Fischer. The additional table of content
+of the appendix has been integrated into the main contents section at
+the beginning of the book. Minor inconsistencies in the original
+spelling have been maintained.]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA ***
+
+***** This file should be named 20937-0.txt or 20937-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/9/3/20937/
+
+Produced by Irma
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
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+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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+
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+electronic work or group of works on different terms than are set
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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index 0000000..935ef23
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index 0000000..3bb5f20
--- /dev/null
+++ b/20937-8.txt
@@ -0,0 +1,3007 @@
+The Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Cannes und Genua
+ Vier Reden zum Reparationsproblem
+
+Author: Walther Rathenau
+
+Release Date: March 29, 2007 [EBook #20937]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA ***
+
+
+
+
+Produced by Irma Spehar, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+file was produced from images generously made available
+by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at
+http://gallica.bnf.fr)
+
+
+
+
+
+
+ Walther Rathenau
+
+
+ CANNES UND GENUA
+
+ VIER REDEN ZUM
+ REPARATIONSPROBLEM
+
+ MIT EINEM ANHANG
+
+
+ 1922
+
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+
+ Erste bis fünfte Auflage
+
+
+
+ Das letzte schriftliche Wort des Ministers
+ Rathenau an mich, das ich in der Aktenmappe im
+ Auto des Ermordeten fand und das als Stichwort
+ für eine Anweisung an mich dienen sollte,
+ lautete: »Der Weg der Vernunft«.
+
+
+Eine wunderbare Fügung ließ meinen hochverehrten Minister und
+unvergeßlichen lieben Freund am Tage vor seiner schändlichen Ermordung
+die letzte Hand an die Herausgabe der vorliegenden vier großen Reden
+legen. Sie werden in dieser Zusammenstellung als eine Erinnerung und
+Mahnung der Mit- und Nachwelt noch einmal deutlich vor Augen führen, wie
+der Verewigte mit der ganzen Kraft und Tiefe seines ungewöhnlichen
+Intellekts bemüht gewesen ist, die Welt auf den »Weg der Vernunft«
+zurückzuführen. Sie werden insbesondere für alle Zeit unvergessen
+machen, wie tief er die Not seines über alles geliebten deutschen Volkes
+empfunden hat und wie rückhaltlos er -- unbeschadet aller ehrlichen
+Ausgleichsabsichten für das zermürbte Europa -- seinen Empfindungen über
+die in der Weltgeschichte bisher unerhörte Knechtung eines so großen
+Volkes Ausdruck verliehen hat.
+
+Um gerade unter diesem Gesichtspunkt wohl verstandenen nationalen
+Empfindens das Wirken Rathenaus erneut zu kennzeichnen und festzuhalten
+und in der Absicht, die von ihm als Außenminister öffentlich gehaltenen
+großen Ansprachen bei dieser Gelegenheit vollzählig zu bringen, sind
+nachträglich in einem besonderen Anhang seine drei letzten Reden
+angefügt, die nach Genua eine weitere Periode seiner Tätigkeit
+einleiteten.
+
+DR. H. F. SIMON
+
+Vortragender Legationsrat
+im Auswärtigen Amt und
+Oberstleutnant a. D.
+
+
+
+
+INHALT
+
+Rede vor dem Obersten Rat der Alliierten in Cannes vom
+ 12. Januar 1922 9
+
+Rede vor dem Hauptausschuß des Reichstages vom
+ 7. März 1922 19
+
+Reichstagsrede vom 29. März 1922 31
+
+Rede vor der Vollversammlung der Genueser Konferenz
+ vom 19. Mai 1922 48
+
+Anhang 53
+
+Rede, gehalten am 9. Juni 1922 in Stuttgart, vor einem
+ geladenen Kreis aller Parteien 55
+
+Rede, gehalten am 13. Juni 1922 in Berlin, in der
+ Deutschen Gesellschaft von 1914 66
+
+Rede vor dem Reichstage am 21. Juni 1922 69
+
+
+
+
+REDE VOR DEM
+OBERSTEN RAT DER ALLIIERTEN
+IN CANNES VOM 12. JANUAR 1922
+
+
+Namens der Deutschen Regierung danke ich Ihnen, daß Sie uns Gelegenheit
+gegeben haben, vor Ihnen zu erscheinen. Wir erkennen an, dass diese
+Konferenz neben ihren allgemeinen weltgeschichtlichen Aufgaben es sich
+zur Aufgabe gestellt hat, zu prüfen, wie die deutschen Leistungen mit
+der deutschen Leistungsfähigkeit in Einklang zu bringen sind. Die
+Deutsche Delegation wird ernsthaft bemüht sein, alle gewünschten
+Auskünfte rückhaltlos und wahrheitsgetreu zu geben. Sie ist darüber
+hinaus bereit, in dem von ihr geforderten Mass an den Aufgaben, die sich
+diese Konferenz gestellt hat, mitzuarbeiten. Auch der Französischen
+Regierung danke ich für die freundliche Aufnahme in dieser Stadt, in der
+wir ihre Gäste sind. Ich nehme an, dass es nützlich sein wird, wenn ich,
+um zeitraubende Verdolmetschung zu ersparen, mich in den weiteren
+Ausführungen anderer Sprachen als der deutschen bediene, ohne dass damit
+für uns ein Präjudiz für den Gebrauch irgendeiner Sprache geschaffen
+werden darf.
+
+Es sind uns eine Reihe von Fragen gestellt worden. Die Fragen beziehen
+sich einmal auf den Umfang der von Deutschland zu bewirkenden Sach- und
+Geldleistungen, die möglich wären, ohne Deutschland zu »verkrüppeln«.
+Sie beziehen sich weiter auf Massnahmen hinsichtlich der deutschen
+Finanzen, sie beziehen sich ausserdem auf die Sicherheiten, die von
+Deutschland für die Erfüllung dieser Massnahmen gegeben werden können,
+und endlich auf die Teilnahme Deutschlands an dem Wiederaufbau Europas.
+
+Deutschland ist entschlossen, mit seinen Leistungen bis zu den Grenzen
+seiner Leistungsfähigkeit zu gehen. Deutschland ist immer ein Land der
+Ordnung gewesen. Deutschland ist aber durch einen verlorenen Krieg,
+durch schwere Verluste und durch eine Revolution hindurchgegangen. Die
+anormalen Zustände seiner Lebensbedingungen und seiner Finanzen, die die
+Folge dieser Ereignisse sind, empfindet Deutschland selbst am schwersten
+und wünscht sie zu beseitigen. Es wünscht nicht, den Weltmarkt durch
+Unterbietungen zu zerrütten.
+
+Die beiden Aufgaben, äussere Leistung und innere finanzielle Sanierung,
+vor die Deutschland dadurch gestellt ist, widersprechen einander. Um ein
+Beispiel zu gebrauchen, möchte ich an die Lage eines Schiffskonstrukteurs
+erinnern, der gleichzeitig für höchste Kraftleistung und geringsten
+Kohlenverbrauch seines Schiffes sorgen soll.
+
+Es ist daher schwer zu sagen, die und die Zahlung stellt eine
+ausreichende und erträgliche Leistung dar. Es muss aber eine Summe
+gefunden werden, deren Schwere erträglich ist und die zugleich der
+wirtschaftlichen Lage der empfangsberechtigten Nationen entgegenkommt.
+
+Wir wissen, dass in Ihrem Kreise Ziffern für 1922 genannt worden sind:
+500 Millionen für die Leistungen in bar und 1450 Millionen für die
+Sachleistungen einschliesslich der äusseren Besatzungskosten. Ich will
+diese Ziffern als Basis meiner Berechnungen wählen. Sollte eine um 220
+Millionen höhere Summe genannt werden, so wird das Problem noch weiter
+erschwert und gefährdet.
+
+Ich komme nun zur Lage der deutschen Zahlungen. Deutschland ist ein Land
+der Lohnarbeit. Es empfängt Rohstoffe, verarbeitet sie und verkauft die
+verarbeiteten Erzeugnisse. Die Deutschland nach dem Kriege verbleibenden
+eigenen Rohstoffe sind mit Ausnahme der Kohle unerheblich. Das Kali, von
+dem so viel die Rede ist, ist nicht so sehr bedeutend. Dazu kommen sehr
+kleine Mengen von Kupfer und Zink. Von allem anderen, was Deutschland
+braucht zur Behausung, zur Kleidung, zur Nahrung, muss es das meiste im
+Auslande kaufen.
+
+Deutschland hat daher für alles, was es kauft, in bar zu bezahlen. Es
+kann nur zahlen durch seine Handarbeit. Es ist deshalb notwendig, dass
+Deutschland eine aktive Handels- und Zahlungsbilanz hat. Unsere
+Zahlungsbilanz aber ist vorbelastet mit einem Einfuhrbedarf von 2½
+Milliarden Lebensmitteln und 2½ Milliarden Rohstoffen, und zwar ohne
+verarbeitete Fabrikate und ohne Luxusartikel, die nicht sehr erheblich
+sind und die es zum grossen Teil nicht aus freiem Entschluss, sondern
+zur Aufrechterhaltung nachbarlicher Handelsbeziehungen erwirbt.
+
+Ausserdem sind im Gegensatz gegen die frühere Lage, in der uns aus
+Auslandsinvestitionen 1½ Milliarden jährliche Erträgnisse zuflossen,
+jetzt ¾ Milliarden Goldmark jährlich an das in Deutschland Kapital
+besitzende Ausland zu zahlen.
+
+Die Passivseite der Zahlungsbilanz beträgt also etwa 5¾ Milliarden
+Goldmark, denen eine Ausfuhr von nur 3½ bis 4 Milliarden gegenübersteht.
+Es besteht somit eine Passivität der Zahlungsbilanz im Saldo 2
+Milliarden schon vor Zahlung irgendwelcher Reparation.
+
+(Auf Befragen Lloyd Georges:) Es ist ganz richtig, dass infolge des
+Standes des Weltindexes auf 1,5 die deutsche Ausfuhr jetzt 14 bis 15
+Milliarden Goldmark betragen müsste, wenn sie dem Vorkriegsstande
+entspräche. Sie hat sich also auf etwa ein Viertel vermindert.
+
+Um das Defizit der Zahlungsbilanz zu decken, bestehen nur drei
+Möglichkeiten:
+
+ Verkauf der Substanz des Landes,
+ grosse auswärtige Anleihen oder
+ Verkauf der Landeswährung.
+
+Den Ausverkauf von Landessubstanz konnten wir leider nicht hindern. Er
+ist in grossem Umfange vor sich gegangen. Grundstücke, Unternehmungen,
+Aktien, Obligationen, selbst Hausrat sind vom Auslande unter dem Werte
+erworben worden.
+
+Die Durchführung einer auswärtigen Anleihe haben wir versucht. Sie war
+unmöglich, da nach Meinung der City die Deutschland auferlegten Lasten
+zu schwer waren.
+
+Unter diesen Umständen war es unmöglich, den Verkauf von Umlaufsmitteln
+zu vermeiden, obwohl unser Geld hierdurch ein Gegenstand der
+internationalen Spekulation wurde.
+
+Der Prozess des Ausverkaufs des deutschen Geldes hat sich zunächst ohne
+panikartige Folgen bis Mitte 1921 fortgesetzt. Er wurde nicht durch
+Deutschland ermutigt, sondern durch das Ausland eingeleitet, das mit
+Recht den inneren Wert der Mark höher einschätzte als den Auslandskurs.
+Aber Mitte 1921 ereignete sich etwas, was vorauszusehen war: der Streik
+der Käufer der Mark. In dem Augenblick, wo man sah, dass wir gezwungen
+waren, in kurzer Frist eine Goldmilliarde zu beschaffen, mithin 30
+Papiermilliarden zu verkaufen, steckten die Markkäufer die Hände in die
+Tasche und warteten. So trat der Marksturz ein, und der Dollarkurs stieg
+von 55 bis zeitweise auf 300.
+
+Man hat bei uns und im Auslande gesagt, dieser Marksturz sei nur die
+Folge der Inflation und des Gebrauchs der Notenpresse in Deutschland.
+Das ist ein Irrtum. Sonst hätte dieser Sturz nicht so plötzlich und in
+ganz kurzer Zeit eintreten können. Auch hat der Kurs sich sobald sich
+wieder etwas Blau am Himmel zeigte, erheblich gebessert. Das Blau am
+Himmel waren die Nachrichten über die ersten Besprechungen zwischen der
+britischen und französischen Regierung über eine Regelung unserer
+Verbindlichkeiten für 1922.
+
+Jetzt komme ich zu einem äusserst wichtigen Punkt. Solange die Währung
+eines Staates auf dem internationalen Markt aus dem Gleichgewicht
+gekommen ist, ist es unmöglich, irgend ein Budget auf bestimmte Zeit mit
+Sicherheit in Ordnung zu bringen. Denn jeder neue Sturz des Kurses hat
+eine Erhöhung der Ausgaben für Gehälter, Löhne und Rohstoffe zur Folge.
+Ein Staatsbudget aber setzt sich nur aus diesen drei Posten zusammen.
+
+In diesem Augenblick ist unser Budget für 1922 in Ordnung. Es enthält
+sogar gewisse Ueberschüsse, dabei ist aber von den Reparationen
+abgesehen. Jeder neue Marksturz, jede neue innere Preiserhöhung aber
+wird dieses Budget gefährden.
+
+Wird damit gerechnet, dass die Reparationslasten erträglich werden, dann
+kann die Mark steigen und das Mass der Staatsausgaben in Papiermark
+sinken. Auf der anderen Seite wird die Konkurrenz der deutschen Ware
+umso gefährlicher, je mehr die Mark sinkt.
+
+Was gibt es nun für Mittel der Gesundung? Wie kann man je zu einer
+Wiederherstellung der deutschen Valuta gelangen?
+
+Als Abhilfsmittel könnte man zunächst an eine Reduktion des Verbrauchs
+denken. Diese ist aber kaum erreichbar, da die Mittelklassen und die
+Arbeiter weit unter dem Stande der Vorkriegszeit leben. Es kann sich
+also nur um die Hebung der Produktion und um die Vermehrung der Ausfuhr
+handeln. Eine derartige Vermehrung ist aber schwer, weil sich andere
+Völker gegen die Vermehrung der deutschen Einfuhr wehren. Es bleibt das
+Mittel, die landwirtschaftliche Produktion zu heben, aber das erfordert
+Zeit bei den infolge des Krieges verschlechterten Bedingungen.
+
+Ich will jetzt im einzelnen von den Lasten sprechen, die auf Deutschland
+ruhen. Für 1922 beträgt das Budget 85 Milliarden ausschliesslich
+Reparationen und sonstigen Friedensvertragsleistungen. Um diese Last zu
+balanzieren, war es nötig, die Steuerlasten zu verdoppeln.
+
+Ich will hier nicht über die sehr wichtige Frage der vergleichenden
+Steuerbelastung sprechen. Wir haben Unterlagen vorbereitet und stellen
+sie zur Verfügung. Ich stelle unter Beweis, dass der Deutsche fernerhin
+eine schwerere Bürde trägt als der Bewohner irgend eines anderen Landes,
+insbesondere der Engländer oder der Franzose. Um den Staatshaushalt zu
+konsolidieren, wird es sich zunächst darum handeln, die Reichsbetriebe
+zu balanzieren, Eisenbahnen, Post, Telegraphen. Die Massnahmen sind
+ergriffen, um im Jahre 1922 diese Reichsbetriebe ins Gleichgewicht zu
+bringen. Ferner handelt es sich um die Beseitigung der Subsidien, die
+bisher zur Verbilligung der Lebensmittel und aus sozialen Gründen
+gegeben werden mussten. Ich trete in die Einzelheiten nicht ein.
+Massnahmen sind ergriffen, die dazu führen sollen, diese Subsidien
+allmählich abzubauen.
+
+Eine dritte Frage wegen des deutschen Budgets betrifft die Frage des
+Kohlenpreises. Der Kohlenpreis nähert sich sehr rasch dem
+Weltmarktpreis. Sobald der Preis des Dollars sich weiter ermässigt,
+überschreiten die deutschen Kohlenpreise den Weltmarktpreis und zwar zu
+verschiedenen Zeitpunkten, da die Preisverhältnisse der einzelnen Sorten
+verschieden sind.
+
+Bisher habe ich stets nur von einem Budget ohne Reparationen und ohne
+die inneren Kosten des Friedensvertrages gesprochen. Wenn ich von den
+bereits erwähnten 500 Millionen für 1922 ausgehe, wenn ich ferner
+ausgehe von Sachleistungen von 1450 Millionen Goldmark und dann noch die
+inneren Kosten des Friedensvertrages nehme, so komme ich zu folgenden
+Ziffern:
+
+ 500 Millionen Gmk. zum Kurse von 50 = 25 Milld. Ppmk.
+1450 " " = 72,5 " "
+Friedensvertragsausgaben = 38 " "
+ -------------------
+ 135,5 " "
+
+Diese Summen kämen also zusätzlich zu dem Budget von 1922 mit seinen 83
+Milliarden Papiermark. Das Budget würde also etwa 150 Prozent neue
+Belastung erfahren und sich damit auf 218,5 Milliarden Papiermark
+belaufen. Um die Bilanz herzustellen, gibt es nur zwei Mittel:
+
+ eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Steuern
+ oder eine Riesenanleihe.
+
+Es wäre unmöglich, da das Land schwerer als seine Nachbarn belastet ist,
+die Steuern nochmals zu verdoppeln. Es bleibt also die Frage einer sehr
+grossen Anleihe. Ich glaube, dass man eine derartige Anleihe nicht im
+Auslande wird machen können. Die City von London hat sich schon
+geweigert, einen sehr viel kleineren Betrag für die Januar- und
+Februarzahlungen durch eine Anleihe zu finanzieren. Die Frage einer
+inneren Anleihe wird sehr ernsthaft erörtert werden. Aber in der
+gegenwärtigen Situation wird es kaum möglich sein, die notwendigen
+Reizmittel zu finden, um eine Anleihe auch nur annähernd des
+erforderlichen Umfanges unterzubringen.
+
+Ich lege Wert darauf, einen Vorwurf zu entkräften, der immer wieder
+auftaucht und der dahin geht, Deutschland sei doch dasselbe Land, es
+habe jetzt noch 60 Millionen Einwohner, darunter eine grosse
+landwirtschaftliche und industrielle Bevölkerung und reichliche
+Arbeitsmittel. Es habe keine Arbeitslosigkeit. Weshalb könne dieses
+tätige und angeblich reiche Land keinerlei Zahlungen leisten?
+Demgegenüber sage ich, wir haben keine Ersparnisse. Lassen Sie mich
+einen Augenblick die Frage der Ersparnisse, der national savings,
+prüfen.
+
+Wenn ich das Deutschland von jetzt und früher vergleiche, so fehlen uns
+zunächst die Reserven, die wir aus den Anlagen im Ausland hatten. Vor
+dem Kriege waren wir aus diesen Quellen mit 1,5 Milliarden aktiv, jetzt
+sind wir mit ¾ Milliarden passiv. Der zweite Faktor ist der Verlust an
+Gebiet und Bevölkerung. Gegenüber der Zeit vor dem Kriege haben wir
+daran mehr als 10 Prozent verloren.
+
+Der dritte Faktor ist der bereits erläuterte Rückgang der Ausfuhr. Die
+Ausfuhr hat sich von 10 Milliarden Goldmark auf 3,5 oder unter
+Berücksichtigung des Weltindexes auf 2,5 Milliarden vermindert. Die
+Gewinne daraus sind deshalb ebenfalls entsprechend zurückgegangen. Ein
+vierter Faktor: Wir verloren einen grossen Teil unserer Rohstoffe, die
+wir jetzt einführen und mit Goldmark oder Ausfuhr bezahlen müssen.
+
+Der fünfte Faktor ist der, dass sich die landwirtschaftliche Bevölkerung
+mehr vermindert hat als die Gesamtbevölkerung, und dass gerade
+landwirtschaftliche Ueberschussgebiete verloren sind.
+
+Auch der sechste Faktor ist sehr beträchtlich. Es handelt sich um die
+Ermässigung der Dienste und ihres Ertrages, die Deutschland durch
+Schiffahrt, Aussenhandel und Bankverkehr im Ausland leistete.
+
+Auf Grund dieser Faktoren, wenn sie sich auch z. T. überdecken, besteht
+meiner Schätzung nach anstelle eines Ueberschusses, einer nationalen
+Ersparnis von 6 Milliarden Goldmark vor dem Kriege jetzt ein Defizit von
+1 bis 2 Milliarden Goldmark jährlich. So zehrt das Land sich allmählich
+auf; es lebt von seiner eigenen Substanz. Es hat weder die Mittel für
+Erneuerungen noch für die wirtschaftliche Ausstattung seines
+Bevölkerungszuwachses.
+
+Es wird auch die Frage Deutschland gegenüber aufgeworfen, und der Herr
+Vorsitzende hat sie mit Recht in Erörterung gestellt: Was tut Ihr mit
+Euren Waren? Wenn Ihr sie nicht ausführt, so speichert Ihr sie auf und
+investiert sie und schafft grosse neue innere Reichtümer. Es erscheint
+sehr paradox, dass ein Land trotz Fehlens von Ersparnissen Waren
+aufstapeln, bauen und investieren sollte. Ich bitte daher, von der Lage
+der Arbeitsstundenzahl und ihrer Verwendung in Deutschland sprechen zu
+dürfen. Ich komme damit auch auf die Frage, was Deutschland mit seinen
+Arbeitslosen macht, und auf den Verlust an Arbeitsstunden unter der
+gegenwärtigen Situation.
+
+1. Die Einkünfte aus Kapitalanlagen im Auslande wurden früher bezahlt in
+Waren, die somit einen fortlaufenden Tribut an Gütern bedeuteten, der in
+breitem Strom uns zufloss. Schon um diese Güter, vor allem Rohstoffe, zu
+erhalten, die wir früher als laufenden Ertrag erhielten, müssen wir jetzt
+arbeiten und Arbeitsstunden aufwenden. Dieser Arbeitsstundenaufwand
+lässt sich auf 3,75 Milliarden jährlich schätzen.
+
+2. Aus dem Verlust an Gebieten ergibt sich ein Verlust an Ersparnissen,
+der sich in einem Mehraufwand von einer Milliarde Arbeitsstunden
+ausdrückt.
+
+3. Man schätzt die Tatsache, dass für die Rohstoffe, die wir einst in
+unseren Grenzen hatten und die wir jetzt mit der Ausfuhr oder mit
+Arbeitsstunden bezahlen müssen, und den dadurch herbeigeführten Aufwand
+von Arbeitsstunden auf 0,83 Milliarden.
+
+4. Aus der ungünstigeren landwirtschaftlichen Flächengestaltung und der
+Verschlechterung des Düngemittelbezuges ergibt sich ein weiterer
+Mehraufwand von 1,82 Milliarden Arbeitsstunden.
+
+5. Der Gegenwert der verlorenen Dienstleistungen (Schiffahrt,
+Aussenhandel und Auslandsbankverkehr) dürfte 1,66 Milliarden
+Arbeitsstunden betragen.
+
+Der gesamte Mehraufwand an Arbeitsstunden, wie er durch die gegebenen
+Verhältnisse erfordert wird, beträgt danach 9 bis 9,28 Milliarden.
+
+Wenn ich von einer arbeitenden Bevölkerung von 21 Millionen ausgehe und
+pro Kopf 2400 Arbeitsstunden im Jahre rechne, so beträgt der Gesamtwert
+der von Deutschland aufgewandten Arbeitsstunden nicht mehr als 50
+Milliarden. Hiervon sind mehr als 9 also für Arbeit aufgewandt, die wir
+vor dem Kriege nicht aufzuwenden brauchten, d. h. fast 1/5 der gesamten
+Arbeitsstunden. Wenn ich diese Summen mit der Zahl der männlichen
+arbeitenden Bevölkerung in Beziehung setze, so ergibt sich bei uns eine
+versteckte Arbeitslosigkeit von nahezu 4 Millionen Menschen, d. h. 4
+Millionen Menschen müssen Arbeit leisten, die früher nicht notwendig
+war. Wenn also bei anderen Nationen eine Arbeitslosigkeit erscheint, die
+bei uns nicht sichtbar ist, so möchte ich im Gegensatz dazu von einer
+unsichtbaren Arbeitslosigkeit sprechen, die darin besteht, dass 4
+Millionen Menschen Arbeit leisten müssen, die früher nicht nötig war und
+die das Arbeitsergebnis gegen früher nicht verbessert. Und zwar alles
+dies vor irgendeiner Zahlung von Reparationen. Von einer Aufspeicherung
+von Reichtümern kann mithin nicht die Rede sein.
+
+Ich bitte nunmehr etwas sagen zu dürfen über die von Deutschland
+erwarteten reinen Goldleistungen. Es mag sein, dass meine bisherigen
+Ausführungen negativ klangen. Wo der Optimismus der Berechnung versagt,
+wird Energie und Entschlossenheit zu Hilfe kommen müssen, aber auch hier
+sind Grenzen gegeben.
+
+Ich knüpfe wieder an die 500 Millionen an, von denen ich schon
+gesprochen habe. Die reinen Goldlasten für Deutschland werden aber in
+jedem Falle viel höher sein als dieser Betrag. Es handelt sich zunächst
+daneben um den Gegenwert des clearing mit 360-400 Millionen Goldmark.
+Dann aber handelt es sich um die in Gold zu beschaffende Bezahlung für
+die Rohstoffe, deren wir zur Herstellung unserer Sachleistungen
+bedürfen. Denn mit Ausnahme der Kohlenlieferungen, für die fremder Bezug
+von Hilfsmaterialien nicht allzu schwer ins Gewicht fällt und die ich
+daher ausser Ansatz lasse, müssen wir für alle anderen Sachlieferungen
+etwa 25 Prozent des Wertes an Rohstoffen aus dem Auslande beziehen. So
+komme ich zu weiteren 250 Millionen Goldmark. Wir würden also für 1922
+auf eine Goldleistung von mehr als 1 Milliarde Goldmark kommen, wenn es
+sich scheinbar nur um eine Goldzahlung von 500 Millionen handelt. Wenn
+es notwendig erscheint, eine so gewaltige Summe von Deutschland zu
+verlangen, so sollte man die Frage der Ermässigung des clearing und der
+inneren Besatzungskosten eingehend prüfen.
+
+In jedem Falle aber ist Deutschland durchaus bereit, auf den Weg der
+Stabilisierung des Budgets zu treten, der ihm vorgeschlagen ist.
+
+Die Erhebung der Zölle auf Goldbasis soll erfolgen.
+
+Die Frage der Verkehrstarife wird 1922 geregelt werden, um das Defizit
+dieser Wirtschaftszweige auszugleichen.
+
+Der Abbau der Subsidien ist in die Wege geleitet.
+
+Die Kohlenfrage ist schwieriger, weil die Preise sich dem
+Weltmarktpreise immer mehr nähern.
+
+Was die innere Anleihe anbelangt, so wird sie in ernsteste Erwägung
+gezogen werden.
+
+Die Frage der Kapitalflucht würde hier viel Zeit wegnehmen. Ich bitte
+deshalb, sie heute zurückstellen zu dürfen, zumal ihre Regelung nur
+unter Mitwirkung aller Auslandsbanken möglich sein würde.
+
+Was die Garantien anlangt, so gibt es meines Erachtens Mittel, um der
+Reichsbank eine grössere Autonomie zu geben. Die Reichsbank ist jetzt
+dem Reichskanzler unterstellt, der aber im Laufe von 50 Jahren nur
+einmal von seinem Eingriffsrecht Gebrauch gemacht hat. Eine
+weitergehende Verständigung ist möglich. Es wäre aber sehr gefährlich,
+wenn man anstelle der Verantwortung die Ueberwachung setzte. Das würde
+das freie Verantwortungsgefühl erschüttern und als Präzedenzfall die
+Zentralnotenbanken aller Staaten schädigen.
+
+Man hat uns endlich gefragt, ob wir mitarbeiten wollen am Wiederaufbau
+Europas. Deutschland würdigt die hohe Wichtigkeit dieser Aufgabe und
+ihren Zusammenhang mit der Lage der Weltwirtschaft. Es ist zwar nicht
+in der Lage, dem Kapitalmarkt der Welt Mittel im Ausmasse reicherer
+Staaten zur Verfügung zu stellen, immerhin unter den beabsichtigten
+Bedingungen ist Deutschland in der Lage, den ihm zugedachten Teil zu
+übernehmen. Deutschland ist um so mehr geeignet, am Wiederaufbau
+teilzunehmen, als es mit den technischen und wirtschaftlichen
+Bedingungen und Gepflogenheiten des Ostens vertraut ist. Der Weg, auf
+den man sich begeben will, erscheint mir richtig. Ein internationales
+Syndikat, und zwar ein Privatsyndikat. Deutschland glaubt, dass man die
+Frage des Wiederaufbaus beginnen sollte mit der Wiederherstellung des
+Verkehrs und der Verkehrsmittel. Man muss sodann an die Quellen der
+Produktion vordringen und vor allem die bestehenden Unternehmungen
+wieder neu beleben. Deutschland glaubt, dass es an der Entwicklung des
+Ostens und der Mitte Europas um so mehr Anteil zu nehmen berechtigt ist
+wegen seiner Haltung der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung
+gerade dieses östlichen Europas gegenüber. In dem Augenblick, als
+Deutschland fast am Ende seiner Kräfte war nach Krieg, Niederbruch,
+Revolution hat Deutschland doch der staatlichen und sozialen
+Desorganisation widerstanden. Hätte diese Desorganisation in Deutschland
+triumphiert, so wäre sie eine entscheidende Gefahr für die ganze Welt
+geworden. Deshalb glaubt Deutschland, sich nicht nur nach Kräften der
+Wiederherstellung zerstörter Gebiete des Westens, sondern auch mit
+Rücksicht auf seine geographische Lage und Kenntnis nachbarlicher
+Verhältnisse der Wiederherstellung von Ost- und Zentral-Europa widmen zu
+sollen, und somit an der Aufgabe teilzunehmen, die die Grossmächte sich
+im Einvernehmen mit diesen Gebieten gestellt haben.
+
+
+
+
+REDE VOR DEM
+HAUPTAUSSCHUSS DES REICHSTAGES
+VOM 7. MÄRZ 1922
+
+
+Im Mittelpunkt unserer gesamten Aussenpolitik steht nach wie vor das
+Problem der Reparationen. In dem Augenblick, als im Frühjahr letzten
+Jahres das Ultimatum von Deutschland unterzeichnet wurde und dadurch das
+Reparationsproblem in sein gegenwärtig aktuelles Stadium trat, waren
+drei Auffassungen in Deutschland gegenüber diesem Problem erkennbar.
+
+Die eine Auffassung ging dahin, es müsse Festigkeit gezeigt und
+Widerstand geleistet, es müsse, komme, was da wolle, die Leistung der
+Reparationen überhaupt abgelehnt werden. Ich glaube nicht, dass diese
+Anschauung eine verbreitete war, sie ist aber in der Oeffentlichkeit zum
+Ausdruck gekommen. Niemand hat den Versuch gemacht, darzulegen, mit
+welchen Mitteln eine solche Politik geführt werden könne, und zu welchen
+Ergebnissen sie führen würde. Dieses Ergebnis wäre lediglich die
+Katastrophe gewesen, die Versenkung Deutschlands in ein Chaos
+auswärtiger Verwirrungen.
+
+Die zweite Auffassung, die uns entgegentrat, fand Widerklang in diesem
+hohen Hause. Es war die Auffassung, dass man zwar bis zu einem
+bestimmten Masse sich dem Reparationsproblem nähern dürfe, dass aber die
+erste Aufgabe der Reichsregierung darin bestehen müsse, wie man sich
+ausdrückte, mit aller Offenheit zu erklären, die Leistungen seien
+vollkommen unerfüllbar und es habe überhaupt keinen Zweck, sie in
+irgendwelchem bedeutenderen Ausmasse in Erwägung zu ziehen. Diese
+Politik wurde bezeichnet als die Politik der Offenheit, und es wurde der
+Regierung der schwere Vorwurf gemacht, dass sie angeblich diese
+Offenheit nicht aufbrächte. Diese Auffassung war unpsychologisch, denn
+der andere hörte aus dem »Wir können nicht« nur das »Wir wollen nicht«
+heraus.
+
+Die dritte Auffassung des Versuches der Erfüllung war die Auffassung der
+Reichsregierung, und sie ist im Laufe dieses Jahres in erheblichem Masse
+gefördert worden. Die Reichsregierung ging davon aus, dass eine
+Verpflichtung für das Reich geschaffen sei durch die Unterschrift seiner
+massgebenden Stellen. Sie ging davon aus, dass unter allen Umständen der
+Versuch gemacht werden müsse, den ehemaligen Gegnern zu zeigen, dass
+Deutschland bereit sei, bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu
+gehen. Ich glaube, dass diese Auffassung die psychologisch richtige war.
+Sie rechnete mit der Mentalität der ehemals gegnerischen Länder und ging
+davon aus, dass über kurz oder lang eine Erkenntnis des wirklichen
+Sachverhalts eintreten würde durch eigene Einsicht der übrigen Nationen.
+
+Ich bedaure, dass ein Wort, das ich bei Einleitung dieser sogenannten
+Erfüllungspolitik gesprochen habe, erheblichen Missverständnissen
+begegnet ist. Man hat aus Ausführungen, die ich im Reichstag tat,
+geschlossen, ich wäre der Meinung, Deutschland könne bis zu jedem
+beliebigen Masse seine Erfüllung treiben; es wäre lediglich eine Frage,
+wie weit man es für wünschenswert hielte, das Volk in Not geraten zu
+lassen. Ich würde eine solche Auffassung, wenn sie in meinen Worten
+erkennbar wäre, auf das tiefste bedauern. Was ich gesagt habe, war aber
+so ziemlich das Entgegengesetzte. Ich habe für die Möglichkeit der
+Erfüllung die stärkste Grenze gezogen, die man überhaupt ziehen kann,
+nämlich die sittliche. Ich habe erklärt, dass das Mass der Erfüllung
+gegeben sei durch die Frage, wie weit man ein Volk in Not geraten lassen
+dürfe. Dieses »dürfe« unterstreiche ich, denn darin war die sittliche
+Verpflichtung enthalten, nur bis zu dem Punkte zu gehen, den der
+Staatsmann verantworten kann. Diesem Grundsatz ist die Regierung treu
+geblieben. Es hat sich im Laufe des Jahres dann auch gezeigt, dass die
+Fragestellung »Möglichkeit oder Unmöglichkeit« der Erfüllung überhaupt
+nicht diejenige geworden ist, die die Mentalität der übrigen Länder
+ausschliesslich beschäftigt hat. In kurzer Zeit hat sich ergeben, dass
+eine weitere Frage hervortrat, nämlich die: wie weit eine
+Reparationsleistung Deutschlands überhaupt für die übrigen Völker
+erträglich sei, denn die volkswirtschaftliche Verknüpfung der Länder
+führte dazu, zu erkennen, dass die Zwangsarbeit eines Landes, auf den
+Weltmarkt gebracht, nur dazu führen kann, den gesamten Markt der Erde
+zu zerrütten, und damit, wenn auch auf einer Seite Zahlungen erlangt
+werden, Nachteile für andere Länder zu schaffen, die so erheblich sind,
+dass sie z. B. in England allein zu einer Arbeitslosigkeit von 2
+Millionen Menschen führten. Psychologisch also hat sich das Vorgehen der
+Regierung als richtig erwiesen. Es war vermieden worden, eine fruchtlose
+Diskussion auf den Grad einer theoretischen Möglichkeit zu beschränken.
+Es war die Möglichkeit dadurch geschaffen, lediglich die Tatsachen
+sprechen zu lassen; und die Sprache der Tatsachen ist so stark gewesen,
+dass heute fast in allen Ländern übereinstimmend die Auffassung
+herrscht, dass das Reparationsproblem von neuem studiert werden muss. Es
+ist kein Tag vergangen, an dem das Studium des Reparationsproblems in
+der Welt geruht hätte. In energischer Weise ist die englische Auffassung
+für erneute Prüfung eingetreten, die Reparationskommission hat sich der
+Frage angenommen, und gerade in diesem Momente schweben die
+Verhandlungen darüber, auf welches Mass die Reparationen für das Jahr
+1922 begrenzt werden sollen.
+
+Mit dieser allgemeinen Auffassung der Regierung im Zusammenhang stand
+die praktische Politik, die sie im Laufe des Jahres verfolgt, und deren
+erste Etappe nach Wiesbaden führte.
+
+Die Aufgabe von Wiesbaden war eine doppelte. Es handelte sich zunächst
+darum, überhaupt die Möglichkeit zu finden, wie erhebliche Zahlungen von
+einem Lande an ein anderes geleistet werden könnten; denn es war
+evident, dass es nicht möglich war, Goldleistungen von Deutschland ins
+Ausland zu führen, soweit nicht eine erhebliche Aktivität der
+Handelsbilanz vorhanden gewesen wäre, und diese war nicht vorhanden. Es
+handelte sich also darum, Modalitäten zu finden, um überhaupt dem
+Reparationsproblem eine Unterlage der Durchführbarkeit zu geben. Der
+Begriff der Sachleistungen trat in den Vordergrund. Es wurde versucht,
+zunächst mit Frankreich ein Abkommen der Sachleistungen zu schliessen
+und dieses Abkommen so einzurichten, dass der Strom an Gütern, der zu
+erwarten stand, in erster Linie dem Wiederaufbaugebiet zugeführt würde.
+
+Daneben aber lag die zweite politische Aufgabe mit grösserer
+Wichtigkeit. Die Anknüpfung der Reparationsbeziehungen zur übrigen Welt
+war überhaupt nur denkbar, wenn zunächst diejenigen Gebiete
+berücksichtigt wurden, die am schwersten unter den Zerstörungen des
+Krieges gelitten hatten. Es ist eine europäische Notwendigkeit, dass die
+zerstörten Gebiete Frankreichs wieder aufgebaut werden. Solange sie als
+Wüsteneien zwischen Deutschland und Frankreich liegen, bleiben sie ein
+Symbol der Spaltung zwischen den Völkern. Immer wieder wird den
+Bewohnern dieser Gebiete Bitterkeit ins Gemüt geführt, und die Länder
+der Erde sehen in den zerstörten Gebieten das Wahrzeichen eines noch
+nicht wiederhergestellten Friedens. Ich halte es für dringend nötig,
+dass der Wiederaufbau der zerstörten französischen Gebiete sobald als
+möglich erfolgt, und ich glaube, dass das Zentralproblem der ganzen
+Reparationen darin liegt, dass Deutschland sein möglichstes tut, um
+diese Gebiete wiederherzustellen.
+
+Die beiden Aufgaben wurden in Wiesbaden gestellt und gelöst. Es wurde
+ein Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich hergestellt, das auch
+auf andere Staaten seine Anwendung finden konnte. Leider ist das
+Ergebnis von Wiesbaden zwar nicht, wie es wünschenswert gewesen wäre,
+ein Friedenswerk nach aussen und innen gewesen. Nach aussen mehr als
+nach innen. Im Innern entfaltete sich eine heftige Agitation und
+Kontroverse gerade gegen die Sachleistungen. Mit wechselnden Argumenten
+ging man vor. Man behauptete, dass das Wiesbadener Abkommen das deutsche
+Volk zugrunde richtete, man behauptete, wir hätten damit Frankreich eine
+Option auf unsere Konjunktur gegeben. Man behauptete, wir wären weit
+über unsere Verpflichtungen von Versailles hinausgegangen. Jede dieser
+Behauptungen wurde widerlegt, aber sie wuchsen nach wie die Köpfe der
+Hydra, und es wurde offenkundig, dass es weniger die wirtschaftlichen
+als die politischen Bestrebungen waren, die die grosse Agitation gegen
+Wiesbaden hervorriefen. Das wurde deutlich in dem Augenblick, als man
+behauptete, das Wiesbadener Abkommen hätte eine so schwere Spaltung
+zwischen Deutschland und England hervorgerufen, dass nunmehr England
+endgültig sich von jedem Interesse Deutschland gegenüber losgesagt habe.
+Dass dies nicht der Fall war, wurde mir von englischer Seite bestätigt;
+Engländer hoher Stellung erklärten mir, dass sie in dem Wiesbadener
+Abkommen unseren ersten politischen Schritt zur Verwirklichung des
+Reparationsproblems erblickten. Sie gingen so weit, zu sagen, dass ohne
+das Abkommen von Wiesbaden diejenigen weiteren Entwicklungen nicht
+möglich gewesen wären, die uns im Verlauf der Zeit nach Cannes führten.
+
+Die Konferenz in Cannes ist, meine Herren, wie Sie wissen, nicht bis zu
+ihrem letzten Ende geführt worden. Sie wurde vorzeitig abgebrochen,
+durch innerpolitische französische Verhältnisse, durch die
+Amtsniederlegung des französischen Ministerpräsidenten. Wir können nicht
+sagen, dass Cannes eine endgültige Regelung im Sinne einer gesamten
+Ordnung der Zukunft uns gegeben hätte. Wir können aber auch nicht sagen,
+dass das Ergebnis von Cannes ein negatives gewesen sei. Es ist möglich
+geworden, durch die Verhandlungen, die dort und zuvor in London
+stattgefunden haben, ein Abkommen zu präliminieren, wenigstens für das
+Jahr 1922, das heute noch nicht ganz geregelt ist, aber das vermutlich
+in den nächsten Wochen seine Regelung finden wird. Es ist möglich
+geworden, in Cannes, den Vertretern der früher uns gegnerischen Nationen
+die gesamte deutsche Situation darzulegen, und zwar in grösserer
+Ausführlichkeit und Klarheit, als wir es vermocht hätten, wenn wir
+lediglich uns auf den negativen Standpunkt der Ablehnung jedes
+Erfüllungsversuches gestellt hätten. Es ist ferner in Cannes dazu
+gekommen, dass eine Konferenz aller Nationen für Genua in Aussicht
+genommen wurde, die nach wechselnden Schicksalen nun doch wahrscheinlich
+im April stattfinden soll. Auf der einen Seite ist der Reflex in der
+deutschen Oeffentlichkeit der gewesen, als Cannes beendet war, dass von
+Genua sehr wenig zu erwarten sei, dass die Ergebnisse völlig
+unbefriedigende seien, dass die Regierung dort nicht nur keinen Erfolg,
+sondern eigentlich, genau betrachtet, eine schwere Niederlage erlitten
+habe. Im merkwürdigen Kontrast dazu stand es, dass gerade von denselben
+Stellen, die in Genua eine vollkommene Gleichgültigkeit erblickten, in
+dem Augenblick, als die Boulogner Beschlüsse stattfanden, erklärt wurde,
+dass nun die letzte Hoffnung geschwunden sei, die wir in Deutschland
+hätten aufleuchten sehen. In einem der beiden Fälle müssen die Kritiker
+sich geirrt haben, entweder war in Cannes doch etwas erreicht worden
+oder der Verlust, der angeblich in Boulogne erlitten worden sein soll,
+konnte kein so überaus schwerer sein.
+
+Ich glaube, dass tatsächlich ein doppelter Irrtum vorlag. Auf der einen
+Seite wurde die Genueser Konferenz unterschätzt in dem Augenblick, als
+sie auftrat, auf der anderen Seite wurden die Boulogner Beschlüsse
+überschätzt in dem Augenblick, als sie zur Wirklichkeit wurden.
+Diejenigen, die der Entwicklung näher standen, haben niemals daran
+gezweifelt, dass Genua nicht die Stelle sein konnte, an der von einem
+Gremium aus mehr als 40 Nationen, von denen ein grosser Teil weder
+Unterzeichner von Versailles noch Kriegsbeteiligte waren, dass von
+diesen Nationen Beschlüsse nicht gefasst werden konnten über die
+Versailler Grundlagen oder über die Grundlagen der Reparationen.
+Boulogne hat die Bestätigung dafür erbracht, dass das Reparationsproblem
+und der Versailler Vertrag diesem Gremium zur Beschlussfassung nicht
+unterliegen kann. Eine Ueberschätzung von Genua kann indessen darin
+liegen, dass man erwartet, es könne von dort aus sofort eine neue
+Regelung der europäischen Verhältnisse ausgehen. Ich halte es für
+bedenklich, zu glauben, dass eine Gemeinschaft von 40 Nationen mit
+Vertretern, deren Zahl in die Hunderte geht, eine aktive Politik führen
+kann, die mit einem Schlage uns in eine neue politische
+Weltkonstellation führt, den Vertrag abändert und die Reparationen auf
+ein normales Mass zurückführt. Wohl aber wird die Möglichkeit vorhanden
+sein, dass in Genua die allgemeinen Ursachen der Welterkrankung erörtert
+werden, und dass die Nationen gemeinschaftlich nach solchen Wegen
+suchen, die zu einer Gesundung des ganzen Kontinents führten. Genua wird
+voraussichtlich das erste Glied einer Serie von Konferenzen sein, die
+vermutlich dieses und das nächste Jahr in Anspruch nehmen werden. Einen
+anderen Weg als den Weg der Konferenzen gibt es unter den heutigen
+Verhältnissen leider nicht. Begegnung der Staatsmänner findet statt auf
+Seiten der Entente; dort ist die Möglichkeit der Aussprache
+kontinuierlich gegeben. Für uns aber, die wir nicht in gleichem Masse in
+Verbindung stehen mit unseren Nachbarvölkern, ist eine Konferenz schon
+deswegen von Wichtigkeit, weil sie uns die Möglichkeit mündlicher
+Aussprache, persönlichen Kontaktes gibt, der unter allen Umständen
+vorzuziehen ist dem Wege der Noten und der diplomatischen Verhandlungen.
+
+Wer also der Auffassung ist, dass von Genua eine neue Aera des
+Geschehens ausgehen wird, der, fürchte ich, wird eine Enttäuschung
+erleben. Ich habe den Eindruck, dass in wirtschaftlichen Kreisen trotz
+aller Enttäuschung über Boulogne ein solcher Optimismus besteht, und ich
+würde nicht wünschen, dass er sich befestigt. Wer aber der Meinung ist,
+dass von dem gegenwärtigen schwerkranken Zustand des gesamten
+europäischen und Weltwirtschaftskörpers ein Weg gefunden werden muss zu
+einer Gesundung, und wer der Meinung ist, dass dieser Weg nur durch
+gemeinschaftliche Aussprachen erreicht werden kann, dass dieser Weg zwar
+lang, aber unter allen Umständen beschreitbar ist, der wird, glaube ich,
+in Genua dasjenige finden, was er sucht.
+
+Was die Entwicklung der Reparationen selbst betrifft, so wird ihr
+Gremium voraussichtlich bis auf weiteres die Reparationskommission
+bleiben, und hinter der Reparationskommission diejenigen Mächte, die in
+erster Linie die Empfangsberechtigten sind. Ich glaube, dass die
+Entwicklung des Reparationsproblems folgenden Gang nehmen wird: man wird
+für das Jahr 1922, auch wohl für das Jahr 1923 zu Lösungen zu kommen
+suchen, die zunächst nur provisorische Lösungen sein werden. Sie können
+nur provisorisch sein, denn auf der einen Seite ist ein gewaltiges
+Geldbedürfnis bei den empfangsberechtigten Staaten, auf der anderen
+Seite ist die Zahlungskraft Deutschlands, insbesondere in Barmitteln,
+eine begrenzte. Die Erkenntnis ist wohl heute so ziemlich in der ganzen
+Welt verbreitet, dass ein Volk dem andern nur dauernd zahlen kann aus
+dem Ueberschuss seiner Zahlungs- und Handelsbilanz. Unsere
+Zahlungsbilanz ist schwer passiv, unsere Handelsbilanz ist in den
+letzten Monaten um eine Kleinigkeit aktiv geworden. Zahlungsmittel in
+bar sind somit nur in beschränktem Masse aufzubringen. Es kann daher für
+1922 und 1923 wahrscheinlich nur ein Provisorium gefunden werden, das
+auch nicht entfernt den Wünschen extremistischer Gegenseiter entspricht,
+die im Anfang des vorigen Jahres noch die öffentliche Meinung
+beherrschten. Wir sehen heute einen erkennbaren Massstab für
+Barleistungen in der Tatsache, dass, sobald diese Leistungen eine
+bestimmte Menge überschreiten, die Wechselkurse gegenüber Deutschland
+ins Schwanken, in lebhafte Bewegung kommen. Die Dekadenzahlung von 31
+Millionen, die als Vorprovisorium für die ersten Monate dieses Jahres
+uns zugemutet worden ist, von der ich in Cannes den Beteiligten gesagt
+habe, dass sie nur auf wenige Wochen beschränkt sein dürfe, hat bereits
+den Wechselkurs gegen Deutschland in starkem Masse zu unseren Ungunsten
+beeinflusst. Man darf sagen, dass die deutsche Leistungsfähigkeit in
+Barzahlung direkt ihr Mass findet in der Bewertung des Dollars an der
+Berliner Börse. Ich habe die Mitglieder der Reparationskommission, die
+sich vor einiger Zeit in Berlin aufhielten, darauf aufmerksam gemacht,
+wie unbedingt nötig es sei, schon jetzt, gleichviel ob die Regelung für
+das Jahr 1922 sich noch etwas hinzieht, die Dekadenzahlungen zu
+verringern, um den Dollarkurs nicht weiter in Bewegung zu setzen. Denn
+was es bedeutet, wenn die deutsche Währung ihren scharfen Rückgang
+fortsetzt, das wissen wir alle. Wir wissen, dass damit das Budget ins
+Wanken kommt, dass alle Lasten sich erhöhen, dass alle Lohn- und
+Gehaltsbemessungen von neuem in Frage gestellt werden, dass die ganze
+Kette der Bewertungen im Lande sich in Bewegung setzt. Es ist möglich,
+dass an den letzten Dollarbewegungen bis zu einem gewissen Grade
+Spekulation beteiligt war. Wir dürfen nicht vergessen, dass grosse
+Mengen deutschen Geldes im Besitz des Auslandes sind, und die Gefahr ist
+gross, dass, wenn eine starke Bewegung in unseren Valuten stattfindet,
+das Ausland erhebliche Beträge seiner Markbestände auf den Markt bringt.
+Ich hoffe nicht, dass gleiches spekulativ von deutscher Seite geschieht.
+Denn wenn man sich vorstellt, dass von deutscher Seite spekulative Käufe
+in fremden Devisen stattfänden, so wäre es das traurigste Phänomen, das
+man sich denken kann. Wir müssen im Auge behalten, dass jeder Deutsche,
+der spekulativ fremde Valuten kauft, auf nichts anderes als das Unglück
+unseres Landes spekuliert. Diese Kenntnis sollte sich soweit nur
+irgendmöglich verbreiten. Ich hoffe, dass Deutsche an der spekulativen
+Bewegung unserer Währung nicht beteiligt sind.
+
+Wenn wir also für das Jahr 1922 und vielleicht auch für das Jahr 1923
+nur zu provisorischen Regelungen kommen, so muss dafür gesorgt werden,
+dass einmal die endgültige Regelung eintritt. Und sie kann nur dann
+eintreten, wenn der grosse Kreis der wechselseitigen Verschuldung in
+Europa sich lockert. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass das
+Reparationsproblem nur ein Teilproblem innerhalb des allgemeinen
+Weltverschuldungskreises bedeutet. Die Weltverschuldung umfasst Europa
+und Amerika gemeinschaftlich. Die europäischen Staaten fast sämtlich
+schulden direkt oder indirekt an Amerika, sie schulden ausserdem
+untereinander. Die meisten sind Gläubiger und Schuldner zugleich;
+diejenigen, die ausschliesslich Schuldner sind, sind wir. Schwerlich wird
+sich das Reparationsproblem aus dem allgemeinen Weltverschuldungsproblem
+herauslösen lassen. Dieses Weltverschuldungsproblem wird aber Gegenstand
+der Erörterungen in der Politik aller Länder während der nächsten Jahre
+sein müssen. Gelingt es, dieses Problem -- und es wird nur gelingen unter
+dem Hinzutritt von Amerika -- einer erträglichen Lösung zuzuführen, so
+ist damit auch die Lösung der deutschen Reparation ermöglicht.
+
+In diesem Falle muss nämlich der Versuch gemacht werden, mit Hilfe aller
+europäischen und aussereuropäischen Kapitalstaaten eine grosse Anleihe
+zu Lasten Deutschlands aufzunehmen, sie den Empfangsberechtigten zu
+übergeben und damit das Reparationsproblem endgültig zu beseitigen. Ob
+unter den heutigen Verhältnissen Kapitalaufnahmen seitens Deutschlands
+in erheblichem Masse möglich sind, ist zu bezweifeln, denn der
+Versailler Vertrag steht der Kreditgewährung an Deutschland entgegen.
+Darüber hat sich niemand deutlicher ausgesprochen als der Leiter der
+Bank von England. In dem gleichen Masse, wie die Erkenntnis des
+Gesamtverschuldungsproblems in den Mittelpunkt des öffentlichen und des
+Weltinteresses tritt, wird man den Versuch machen müssen, der
+Kreditwürdigkeit Deutschlands zu helfen und dadurch eine Finanzoperation
+zu ermöglichen, die von ausserordentlich grossem Umfange sein kann und
+sein muss, um das grosse Problem zu lösen. Schon aus dem Grunde möchte
+ich wünschen, dass das Reparationsproblem seine Beendigung durch eine
+grosse Weltanleihe fände, weil ich der Meinung bin, dass der Zustand auf
+die Dauer schwer aufrechtzuerhalten ist, dass ein Volk Zahlungen direkt
+an einen oder mehrere seiner Nachbarn leistet. Die Anonymisierung der
+Schuld wird die Schuld erleichtern und wird sie dauernd tragbarer
+machen. Die Schuld an Nachbarn nimmt die Form eines Tributes an, und ein
+solcher Tribut ist nicht diejenige Form, unter der sich der Weltfrieden
+am besten konsolidiert.
+
+Ich habe von den Aussichten Genuas gesprochen und darauf hingewiesen,
+dass auf der einen Seite vielleicht eine Enttäuschung für diejenigen
+entsteht, die von Genua die endgültige Regelung der Reparationsfrage
+erhoffen, dass aber auf der anderen Seite doch für uns die Erwartung
+besteht, dass Genua einen Markstein in der allgemeinen Entwicklung zum
+Weltfrieden darstellen wird. In hohem Masse wird das Ergebnis von Genua
+davon abhängen, welche Stellung Amerika entschlossen ist, zu dem
+Reparationsproblem, zum Friedensproblem überhaupt einzunehmen.
+
+Amerikas Macht ist durch den Krieg gewaltiger gewachsen als die
+irgendeines anderen Landes. Der Eingriff Amerikas in das Schicksal der
+Welt ist keinem anderen Eingriff zu vergleichen, der seit Jahrhunderten
+in das Leben der Völker stattgefunden hat. Durch sein Eintreten in den
+Krieg hat Amerika den Krieg entschieden, durch sein Eintreten in den
+Friedenskongress hat Amerika den Frieden entschieden und durch seinen
+Eintritt in die Weltprobleme der Verschuldung und der Sanierung wird
+Amerika in der Lage sein, die Weltentwicklung in wirtschaftlicher und
+friedenbringender Richtung zu entscheiden.
+
+Vielfach hat man bei uns die Vorstellung, Amerika sei ein Land, das
+lediglich seinen grossen materiellen Aufgaben lebt, von der Natur
+begünstigt und in grossartiger Isolation. Ich glaube, dass wenig Länder
+so entschieden durch Erwägungen ideeller Art zu bewegen sind wie
+Amerika. Ich glaube, dass die Motive, die Amerika zum Krieg und zur
+Friedensschliessung getrieben haben, nicht so sehr auf materiellen
+Wünschen beruhten, wie auf der Ueberzeugung einer Verantwortung, und ich
+glaube deshalb, dass Amerika sich nicht derjenigen Verantwortung
+entziehen wird, die ihm durch sein entscheidendes Eingreifen in die
+europäischen Schicksale erwachsen ist. Ich weiss, dass in Amerika eine
+starke Tendenz besteht, die dahin gerichtet ist, zu sagen, Europa ist
+weit entfernt, mit den Händeln dieses alten Kontinents wollen wir nichts
+zu tun haben. Es ist durchaus verständlich, wenn eine solche Auffassung
+gehegt wird. Aber ich glaube, in Amerika werden Gegenkräfte wach und
+stark sein, die die Auffassung vertreten, Europa darf nicht zugrunde
+gehen, die Quellen der ältesten und stärksten Zivilisation dürfen nicht
+erschüttert werden. Es darf nicht vergessen werden, dass derjenige, der
+den Krieg bestimmt hat und den Frieden bestimmt hat, nun auch für das
+Wohlergehen derjenigen Völker, deren Schicksal bestimmt wurde, eine
+Verantwortung trägt. Ich glaube auch, dass diejenige Auffassung in
+Amerika, die sagt, wir sind materiell am Geschick Europas so gut wie
+uninteressiert, nicht das Richtige trifft.
+
+Ich habe von Amerika her Stimmen vernommen, die behaupteten, der ganze
+Aussenhandel Amerikas nach Europa bedeute ausserordentlich wenig, er
+bedeute, sagten die einen 4 Prozent, die anderen 7 Prozent der
+amerikanischen Produktion. Ich glaube, dass diese Zahl in Amerika sehr
+ernstlich der Nachprüfung bedarf und dass sie auch eine Nachprüfung
+finden wird. Wäre tatsächlich die Produktion Amerikas 15 mal grösser
+gewesen als seine Weltausfuhr, so wäre diese Produktion so gewaltig,
+dass sie sich mit der Arbeiterzahl, über die Amerika verfügt, nicht
+entfernt hätte leisten lassen. Der Anteil der Ausfuhr an amerikanischer
+Produktion ist tatsächlich erheblich grösser, und Amerika wird auch in
+materiellem Sinne erkennen, dass es wünschenswert ist, einen so starken
+Konsumenten, wie es Europa ist, gesund zu erhalten. Es besteht somit die
+Hoffnung, dass auf amerikanischer Seite ideelle und materielle Momente
+zusammenwirken werden, um die gewaltige Kraft dieses Landes den
+europäischen Schicksalen wieder zuzuwenden, die von ihr abhängen.
+Gleichviel, ob Amerika sich entschliesst, sich an Genua zu beteiligen
+oder nicht, glaube und hoffe ich, dass Europa nicht ganz allein auf sich
+selbst in der Regelung seiner überaus schwierigen Verschuldungsverhältnisse
+und in der Ordnung, in der Wiederherstellung seiner tief erkrankten
+wirtschaftlichen Gliederung angewiesen sein wird.
+
+Wenn wir in einigen Wochen nach Genua gehen werden, so werden wir es
+nach eingehender Vorbereitung aller derjenigen Probleme tun, die
+Deutschland beherrschen, und vor allem derjenigen, die auf das Schicksal
+Europas einen wirtschaftlichen Einfluss ausüben. Ich glaube, dass es uns
+möglich sein wird, dort einen Boden zu finden, der für die Erörterung
+wirtschaftlicher Grundfragen vorbereitet ist, und hoffe, dass die
+Anbahnung eines künftigen wirklichen Friedenszustandes gelingt. Wir
+leben freilich nicht mehr im Kriege, aber wir leben noch immer weit
+entfernt vom wirklichen Frieden. Noch immer leben die Völker in
+dauernder, sich verstärkender wirtschaftlicher Abschliessung, noch immer
+leidet Deutschland unter einseitiger Behandlung, noch immer leben wir
+unter der Regie von Noten, die unser politisches Leben erschweren und
+beunruhigen, noch immer ist im Osten schlesisches Land besetzt und im
+Westen die Städte, die unter dem Namen von Sanktionen okkupiert worden
+sind. Das ist noch nicht der wahre Friede der Welt, das ist noch nicht
+der wahre Friede Deutschlands! Ich habe die Hoffnung und den Glauben,
+dass dieser wahre Frieden der Welt herannaht. Die Aufgabe unserer
+Politik ist, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, dem Frieden näher zu
+kommen, Vertrauen im Kreise der Völker zu erwerben und zu erhalten, aber
+auch gleichzeitig unsere Rechte zu wahren. In diesem Sinne gedenken wir
+die Fahrt nach Genua anzutreten, in diesem Sinne hoffen wir, dass Genua
+einen Markstein auf dem Wege zu wirklicher Befriedung der Erde bilden
+wird!
+
+
+
+
+REICHSTAGSREDE
+VOM
+29. MÄRZ 1922
+
+
+Als ich vor nunmehr zwei Monaten im Auswärtigen Ausschuss des
+Reichstages über Cannes berichtete, habe ich ausgesprochen, es könnten
+Nachtfröste kommen und die junge Saat des Friedens schädigen. Das Klima
+Europas schien mir damals noch nicht genügend erwärmt, um hoffen zu
+dürfen, dass ein Vorfrühling des Friedens eintreten werde.
+
+In Cannes war manches erreicht. Die Goldzahlung von fünf Milliarden, die
+das Ultimatum uns auferlegte und die zum Teil bestanden in festen
+Leistungen, zum andern Teil in den Abgaben des Index, zum dritten Teil
+in den Goldleistungen für Besatzungskosten, war auf 720 Millionen
+verringert worden. Es war den deutschen Vertretern Gelegenheit gegeben
+worden, unsere wirtschaftliche Lage unumwunden der Entente darzulegen,
+und es ist seitdem noch nicht eine autoritative Stimme aufgetreten, die
+unsere Ausführungen widerlegt.
+
+Des ferneren war zum ersten Male eine Weltkonferenz in Aussicht
+genommen, an der Deutschland als gleichberechtigter Faktor teilnehmen
+sollte.
+
+Die Konferenz in Cannes fand kein natürliches Ende. Durch den Sturz des
+französischen Ministerpräsidenten Briand war die Situation von Grund aus
+geändert. Die endgültige Entscheidung, die von der Konferenz erwartet
+wurde, ging auf die Reparationskommission über.
+
+Uns wurde anheimgestellt, der Reparationskommission ein Anerbieten zu
+machen. Für diese Offerte waren die Grundlinien vorgezeichnet; sie waren
+vereinbart zwischen England und Frankreich, und es war uns davon
+Kenntnis gegeben, dass das Moratorium, das wir verlangten, uns gewährt
+werden würde, wenn wir die Bedingungen annähmen, die man uns vorschlug.
+Das Moratorium mussten wir haben; denn die Goldzahlungen des Januar und
+Februar waren nicht zu leisten. So wurde die Offerte so eingereicht, wie
+sie vereinbart war.
+
+Bis zur endgültigen Entscheidung aber wurde von der
+Reparationskommission uns eine Dekadenzahlung im Betrage von 31
+Millionen für alle zehn Tage auferlegt. Schon in Cannes habe ich die
+Reparationskommission darauf aufmerksam gemacht, dass eine solche
+Dekadenzahlung von Deutschland nur für ganz kurze Zeit geleistet werden
+könne, wenn nicht die Gefahr entstehen sollte, dass die deutsche Valuta
+aufs schwerste zerrüttet würde. Ich bin auf diese Aeusserungen der
+Reparationskommission gegenüber zurückgekommen; ich habe mehrmals
+mündlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass die Zeit sich allzu
+sehr verlängerte, dass die Zahlungen der Dekaden dieselbe Wirkung haben
+müssten, die ich in Cannes vorausgesagt hätte. Tatsächlich ist auch die
+Zerrüttung unserer Valuta eingetreten: der Aufstieg des Dollars von 160
+bis auf über 300.
+
+Die Verhandlungen mit der Reparationskommission zogen sich in die Länge,
+nicht Verhandlungen zwischen uns und ihr, sondern Verhandlungen, die sie
+selbst mit dem französischen Ministerpräsidenten zu führen hatte, dem
+sie ihr Mandat zunächst in die Hände gelegt hatte und von dem sie es
+zurückerhielt.
+
+Während dieser Zeit haben wir, dem Wunsche der Reparationskommission
+entsprechend, mit denjenigen Delegierten verhandelt, die uns gesandt
+wurden, nämlich in erster Linie mit Herrn Bemelmans, in der Absicht, die
+Sachleistungen für uns und auch für diejenigen Länder, die
+anspruchsberechtigt waren, durchführbar zu machen, nämlich für England,
+Belgien, Italien und Serbien. Ein Abkommen wurde präliminiert. Kurze
+Zeit darauf erschien unangemeldet der französische Delegierte Herr
+Gillet, abermals mit Zustimmung der Reparationskommission, um den
+Versuch zu machen, auch hinsichtlich der französischen Sachleistungen
+neue Modalitäten mit uns zu verabreden, die dann gleichfalls in
+Vorbesprechungen geklärt wurden. Von unserer Seite also wurde nichts
+versäumt während der langen Periode, innerhalb deren die
+Reparationskommission mit ihrer Entscheidung zögerte. Wie Sie wissen,
+ist diese Entscheidung erfolgt am 21. März und sie hat Deutschland auf
+das schwerste enttäuscht. Sie hat nicht nur uns enttäuscht, sondern
+einen jeden in der Welt, der eine Hoffnung auf wirklichen Frieden und
+eine mögliche Regelung des Reparationsverhältnisses hegte.
+
+Um die Entwicklung dieser Wochen zu verstehen -- zwei Monate vergingen
+während dieser Verhandlungen -- müssen wir uns klar machen, welche
+bedeutende Wandlung im politischen Weltgeschehen eingetreten war. In
+Frankreich hatte ein Staatsmann die Zügel ergriffen von grosser
+Erfahrung in internationalen Verhältnissen und von rückhaltsloser
+Willenskraft. Poincaré nahm den Kampf gegen England auf, und Boulogne
+hat uns gezeigt, dass dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen ist.
+Wenn auch in Boulogne neue Beschlüsse nicht gefasst wurden, wenn auch
+nur das bestätigt wurde, was ursprünglich schon auf der Einladungskarte
+für Genua gestanden hatte, so war doch diese Wiederholung eine
+Bekräftigung desjenigen Willens, der uns verhindern sollte, die Frage
+der Reparationen in Genua zur Sprache zu bringen, diejenige Beschränkung
+der Konferenz aufzuerlegen, die ihr eigentlich das Herz ausbrach. Von
+einer starken parlamentarischen Mehrheit getragen, begann Poincaré seine
+Politik, und sie hat sich in kurzer Zeit auf allen Schauplätzen der Politik
+ausgewirkt, nicht nur England gegenüber, sondern auch im näheren Osten, wo
+die Zahl der Bündnisse, Verständigungen und Militärkonventionen fast von
+Tag zu Tag wuchs, nicht nur in Kleinasien, wo die französisch-türkische
+Politik vordrang gegenüber der englisch-griechischen. Die Auswirkung
+erstreckte sich auch auf uns, und zwar zeigte sie sich zunächst in einem
+Hagel von Noten, die seitens der interalliierten Militärkommissionen auf
+uns herniederprasselten. Ich habe zählen lassen, dass wir etwa im Laufe
+von zwei Monaten 100 Noten von diesen Kommissionen zur Beantwortung
+bekamen. Sie können sich denken, dass es nahezu einer Lahmlegung der
+Behörden gleichkommt, wenn sie gezwungen sind, täglich und nächtlich an
+der Beantwortung dieser Schriftstücke zu arbeiten. Von dem letzten Herrn
+Redner ist auf die sehr unerfreulichen Entwicklungen hingewiesen worden,
+die die Abgrenzung am Weichselgebiet in der letzten Zeit erfahren hat.
+Wir haben nicht unterlassen, nicht nur die Botschafterkonferenz, sondern
+alle Mächte einzeln darauf hinzuweisen, dass hier ein schweres Unrecht
+im Zuge ist, und es ist wenigstens erreicht worden, dass die
+Botschafterkonferenz zunächst ihre Entscheidung zurückgestellt hat.
+
+Etwas Tragisches liegt darin, dass die gegenwärtig stärkste
+Militärmacht der Welt, dass Frankreich in seinem ganzen Tun und Handeln
+bestimmt wird durch die Besorgnis vor einem deutschen Angriff, vor einem
+Angriff eines vollkommen entwaffneten Landes, das kaum so viel Soldaten
+aufbringt, um seine innere Ruhe zu erhalten. Es ist in hohem Masse
+bedauerlich, dass durch diesen Gedanken Frankreichs jede Behandlung
+europäischer Probleme eine politische Seite erhält.
+
+Gerade auf einem derjenigen Gebiete, mit denen sich die Noten der
+letzten Zeit besonders intensiv beschäftigen, trat diese politische
+Tendenz in bedauerlicher Weise hervor. Ich spreche von denjenigen Noten,
+die sich auf unsere Schutzpolizei beziehen. Es ist durchaus
+verständlich, wenn in einem geordneten, mit starker Militärmacht
+versehenen Lande, wenn in einem Lande mit ungeschwächter Staatsautorität
+ein Gendarmeriesystem vertreten wird, das auf rein munizipaler,
+örtlicher Organisation beruht. Für Deutschland ist eine solche Regelung
+nicht tunlich. Wir leben in einer Zeit des Uebergangs, der schwersten
+Zerrüttung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse. Wir leben in einer
+Zeit, in der schwer gebändigt unter der Oberfläche die Mächte der Unruhe
+sich bewegen. Wir leben in einem Lande mit geschwächter Staatsgewalt,
+und wir sind deshalb darauf angewiesen, für Ruhe im Lande zu sorgen. Das
+ist nur dann möglich, wenn eine wirksame Polizeigewalt im Lande
+existiert.
+
+Unter solchen Auspizien der äusseren und der Gesamtpolitik ist die Note
+der Reparationskommission erwachsen. Die Kritik an der Note hat gestern
+der Herr Reichskanzler geübt, und ich habe dieser Kritik nicht ein Wort
+hinzuzufügen. Um aber die Voraussetzungen und Tendenzen klarer zu
+verstehen, auf die sich die Note gründet, ist es erforderlich, dass wir
+uns in einen fremden Vorstellungskreis zu versetzen suchen und einige
+Irrtümer dieses Vorstellungskreises beleuchten.
+
+Der erste Irrtum, mit dem wir uns befassen müssen, ist die übertriebene
+Vorstellung des Auslandes von dem Begriff der Inflation und ihren
+Wirkungen. Immer wieder tritt uns die Vorstellung entgegen, dass, wenn
+unser Geldwert zerrüttet ist, das nur auf den Notendruck zurückgeführt
+werden kann. Das Rezept dagegen, das uns gegeben wird, ist: Stoppt eure
+Notenpresse, bringt euer Budget in Einklang, und das Unglück ist
+behoben! Ein schwerwiegender volkswirtschaftlicher Irrtum! Für ein Land
+mit aktiver Zahlungsbilanz ist die Gesundung des Geldes dadurch möglich,
+dass man deflationistische Politik betreibt, die Balance des Haushalts
+herstellt und die Notenpresse stoppt. Anders liegt es aber für ein Land
+mit passiver Zahlungsbilanz. Ich fordere jeden Kenner des
+Wirtschaftslebens auf, mir einen Weg zu nennen, auf dem einem Land mit
+passiver Zahlungsbilanz ermöglicht wird, dauernd Goldzahlungen zu
+leisten ohne Hilfe fremder Anleihen und dabei seine Valuta intakt zu
+halten. Niemals ist der Versuch gemacht worden, ein solches Rezept zu
+geben, und es kann nicht gegeben werden. Denn ein Land, das Gold nicht
+produziert, kann Gold nicht zahlen, es sei denn, dass es dieses Gold
+durch Ausfuhrüberschüsse kauft oder dass ihm das Gold geliehen wird.
+
+Der Kreislauf unserer Valutazerrüttung ist der folgende: passive
+Zahlungsbilanz, infolgedessen die Notwendigkeit, unsere Zahlungsmittel
+im Auslande zu verkaufen oder auszubieten; dadurch Entwertung der
+ausgebotenen Ware, der verkauften Zahlungsmittel; dadurch Schädigung des
+Geldwertes im Auslande, Schädigung der Valuta. Weitere Folge: Ansteigen
+aller Preise im Inlande, Ansteigen aller Materialkosten und aller
+Personalkosten. Weitere Folge: das Klaffen des Budgets; denn ein Budget
+besteht aus keinen anderen Ausgaben als aus sachlichen und persönlichen,
+und wenn diese beiden ohne Gegenwert steigen, so ist jedes Budget, und
+mag es vorher noch so sehr im Einklang gewesen sein, zerrüttet.
+
+Wer den Beweis für die Richtigkeit dieser Anschauung noch braucht, der
+sei darauf hingewiesen, wie sich tatsächlich unser Geldwert im Ausland
+während einer Zeit vollkommen stabilen Weiterganges der Inflation bewegt
+hat. Wir haben bei diesem stabilen Gang im Herbst letzten Jahres einen
+Dollarkurs von 300 erlebt, er hatte sich im Dezember auf etwa 160
+ermässigt, er ist abermals gestiegen auf 350, und alles das stand nicht
+im Zusammenhange weder mit dem Druck der Notenpresse noch mit dem
+Fortgang der Inflation.
+
+Einen zweiten Irrtum der ausländischen Auffassung von unserer
+Zahlungsfähigkeit habe ich zu erwähnen. Er betrifft die Frage unserer
+Steuerbelastung. Wir haben der Reparationskommission und der Konferenz
+in Cannes das Material übergeben, das den Nachweis erbrachte, dass
+Deutschland heute schwerer mit Steuern belastet ist als andere Länder.
+Von keiner Seite ist der Versuch gemacht worden, unsere Rechnungen zu
+entkräften. Anerkannt wurde, dass die Kalkulationen überaus schwierige
+sind, dass es ernster theoretischer Auseinandersetzungen bedarf und
+nicht mechanischer Vergleiche von Zahlen, die auf Dollars übersetzt
+werden. Aber der Versuch einer Widerlegung ist nicht gemacht worden. Das
+einfachste Beispiel kann ja nicht widerlegt werden. Wenn in Deutschland
+das Einkommen der höchsten Staatsbeamten 300 oder 500 Dollars beträgt,
+so kann dieser Staatsbeamte keinesfalls mehr als 300 oder 500 Dollars
+Steuern zahlen. Das schliesst aber keineswegs aus, dass ein
+Staatsbeamter eines anderen Landes, der 3000 oder 5000 Dollars verdient,
+sehr wohl mehr Steuern zahlen kann, als die ganzen Einnahmen des
+deutschen Staatsbeamten betragen.
+
+Ein dritter Irrtum, der bereits von Herrn Abgeordneten Stresemann
+erwähnt wurde, ist der, dass man uns vorhält: eure Wirtschaft ist voll
+beschäftigt, ihr habt keine Arbeitslosen, bei euch raucht jeder
+Schornstein, bei euch laufen alle Maschinen mit Volldampf; wo bleibt nun
+das Produkt dieser Arbeit? Dieses Produkt muss doch vorhanden sein, es
+muss dazu dienen, die deutsche Vermögenssubstanz anzureichern, und
+dieses Produkt muss für Reparationen fassbar sein. Die Antwort auf diese
+Frage habe ich in Cannes gegeben, und ich werde es hier noch einmal mit
+grösserer Deutlichkeit tun.
+
+Die Reparationen, die wir im letzten Jahre gezahlt haben, beliefen sich
+auf anderthalb Milliarden Goldmark. Diese anderthalb Milliarden Goldmark
+bedeuten nicht mehr und nicht weniger als die Jahresarbeit von einer
+Million deutschen Arbeitern. Wir haben, wie Sie wissen, durch den
+Niedergang unserer Landwirtschaft eine erhebliche Einfuhr von
+Lebensmitteln nötig. Diese Einfuhr belief sich im letzten Jahre auf 2
+Milliarden Goldmark, und sie bedeutet abermals die Arbeitskraft eines
+ganzen Jahres von einer Million Deutschen. Unseren Auslandsbesitz haben
+wir verloren, die Guthaben und Investitionen, den Ueberseebesitz. Die
+Einnahmen aus diesen Besitztümern betragen weit über eine Milliarde
+Gold, und diese Einnahmen verwandelten sich in einen Zustrom von
+Rohstoffen und von Waren, für die wir Gegenwerte nicht zu leisten
+brauchten. Wenn wir heute diese Rohstoffe und Güter uns durch Kauf
+beschaffen müssen, so haben wir dafür Arbeit zu leisten, und es ist
+abermals die Arbeit von einer Million Deutschen erforderlich, um den
+Gegenwert zu bezahlen. Wir kommen also zu der Rechnung, dass drei
+Millionen Deutsche gegenwärtig Jahr für Jahr zu arbeiten haben, um
+denjenigen Stand einigermassen wiederherzustellen, der uns vor dem
+Kriege ohne diese Arbeit beschieden war. Es wird also gleichsam von drei
+Millionen Menschen die Arbeit kompensationslos verzehrt; das bedeutet
+freilich einen Zustand von starker Beschäftigung des Landes, aber nicht
+von produktiver Beschäftigung.
+
+Einen vierten Irrtum hat Herr Stresemann erwähnt, auf den ich mit
+wenigen Worten ergänzend eingehen möchte. Es wird uns vom Auslande
+entgegengehalten: eure Industrie ist blühend; eure Gesellschaften zahlen
+hohe Dividenden; sie emittieren neues Kapital; sie schaffen also grosse
+neue innere Werte. Auch dieser Schluss ist falsch. Denn wenn wir das
+Beispiel einer Gesellschaft von 100 Millionen Aktienkapital nehmen und
+annehmen, dass diese Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so
+hat sie auf die Goldwerte ihres Aktienkapitals nicht mehr als ¼ Prozent
+gezahlt. Es bleibt dabei aber unberücksichtigt, dass sie mindestens, um
+ihren Stand an Maschinen und Einrichtungen aufrechtzuerhalten, eine
+jährliche Rücklage in Gold machen müsste, die, auf Papier umgerechnet,
+ein Vielfaches des Aktienkapitals ausmacht. Wenn also eine solche
+Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt, so fehlen ihr jedes Jahr
+vielleicht 200, vielleicht 300, vielleicht 500 Prozent ihres
+Aktienkapitals an den notwendigsten Rückstellungen.
+
+Ich habe die volkswirtschaftlichen Trugschlüsse erwähnt, die eine
+Erklärung für die Atmosphäre bilden, innerhalb deren die Reparationsnote
+entstanden ist. Ich darf aber nicht an den erheblichen gefährlichen
+Irrtümern vorübergehen, die sich in der politischen Mentalität des
+Auslandes abspielen. Ich nenne von diesen Irrtümern nur zwei. Der eine
+lautet: Deutschland hat nichts gezahlt und will nichts zahlen. Der
+andere lautet: Deutschland hat nicht entwaffnet und will nicht
+entwaffnen.
+
+Meine Herren! Ich möchte Ihnen zwei Aufstellungen verlesen, die ich
+gemacht habe, um diese Fragen zu beantworten. Zunächst: Deutschland hat
+nichts gezahlt und will nichts zahlen. Es ist schwer, genaue
+Schätzungen aufzustellen für alle diejenigen Leistungen, die Deutschland
+in der Vergangenheit seit Beendigung des Krieges hingegeben hat. Aber
+wenn auch die Schätzungen vielleicht nicht auf die letzten Dezimalen
+genau zu sein brauchen, so geben sie doch ein deutliches und
+unwiderlegliches globales Bild von der Gesamtheit der deutschen
+Leistung.
+
+Ich erwähne folgende Posten: Das deutsche liquidierte Eigentum im Auslande
+hat einen Wert von 11,7 Milliarden, die übergebene Flotte hat einen Wert
+von 5,7 Milliarden, das Reichseigentum in den abgetretenen Gebieten
+beläuft sich auf 6,5 Milliarden Mark, übergebenes Eisenbahn- und
+Verkehrsmaterial beläuft sich auf 2 Milliarden Goldmark (Zuruf rechts:
+alles Goldmark?) -- alles Goldmark! -- Rücklassgüter nicht militärischen
+Charakters 5,8 Milliarden Goldmark, der Verlust der deutschen Ansprüche
+an seine Kriegsverbündeten beläuft sich auf 7 Milliarden Goldmark. Der
+Wert der Saargruben wird von uns auf 1,1 Milliarden Goldmark beziffert.
+Die Kohlenlieferungen, die wir getätigt haben, zum Weltmarktpreis
+gerechnet, belaufen sich auf 1,3 Milliarden Goldmark. Barzahlungen für
+Reparationen sind bekanntlich 1,3 Milliarden Goldmark gewesen. Eine
+Reihe von kleineren Posten -- kleiner, obwohl sie in die Milliarden
+laufen -- übergehe ich, sie betragen im ganzen 3,2 Milliarden Mark. Wir
+kommen somit zu einer Gesamtsumme der deutschen Leistungen seit
+Kriegsende von 45,6 Milliarden Goldmark. -- Hierbei ist der Wert der
+Kolonien und der reine Wirtschaftswert der abgetretenen oberschlesischen
+und westpreussischen Gebiete nicht in Ansatz gebracht. Fügt man den nach
+mittleren Schätzungen hinzu, so erhöht sich diese Summe auf weit über
+100 Milliarden Goldmark.
+
+Das habe ich dem Auslande zu sagen, das durch eine starke Propaganda
+heute noch immer die Meinung zu hören bekommt, Deutschland habe nichts
+gezahlt und Deutschland wolle nichts zahlen. Es ist die stärkste
+Zahlungsleistung von Deutschland ausgegangen, die jemals von einem Volke
+der Erde an andere Völker geleistet worden ist.
+
+Die andere Behauptung lautet: Deutschland habe nicht entwaffnet und
+wolle nicht entwaffnen. Auch hier werde ich Ihnen eine Reihe von Zahlen
+geben und bitte dabei zu bedenken, dass sich in diesen Zahlen nicht die
+ganze Entwaffnung Deutschlands ausdrückt, dass sie nicht die gewaltige
+Heeresreduktion umfassen und dass sie den Verlust unserer Festungen
+nicht enthalten. Es sind unter anderem abgeliefert worden an Gewehren
+und Karabinern 5,8 Millionen, an Maschinengewehren 102 000, an
+Minenwerfern und Granatwerfern 28 000, an Geschützen und Rohren 53 000,
+an scharfen Artilleriegeschossen und Minen 31 Millionen, an scharfen
+Hand-, Gewehr- und Wurfgranaten 14 Millionen, an Zündern 56 Millionen,
+an Handwaffenmunition 390 Millionen und an Pulver 31 900 000 Kilo.
+Demgegenüber ist die Behauptung eine vermessene, dass Deutschland zur
+Abrüstung nichts getan habe. Die deutsche Abrüstung ist eine Leistung
+von unerhörter Grösse, und es ist nicht wahr, wenn man behauptet, dass
+einige Waffenfunde, die in Deutschland gemacht worden sind, an diesem
+Bilde irgend etwas Wesentliches ändern. Noch in 100 Jahren wird man
+vermutlich irgendwo in deutschem Boden vergrabene Waffen finden, gerade
+so gut wie man heute noch römische Münzen oder longobardische Schwerter
+im Boden findet. Eine 100 prozentige Leistung auf dem Gebiet einer
+grossen Aktion gibt es nicht, und wenn hier Bruchteile eines Prozentes
+zurückgeblieben sein mögen, so ist kein Grund dafür, diese Tatsachen in
+Form von Entdeckungen aufzubauschen. Kein denkender Mensch in der Welt
+kann annehmen, dass Deutschland mit dem, was ihm an Waffen oder an
+Kriegern verblieben ist, einen Krieg führen kann. Jeder Mensch, der
+heute vertraut ist mit dem technischen Wesen eines Krieges, weiss, dass
+ein neuzeitlicher Krieg nicht zu führen ist mit Resten von Waffen, dass
+er überhaupt nicht zu führen ist mit vorhandenem Material, sondern dass
+er nur geführt werden kann durch Umstellungen der gesamten
+Industrialität eines Landes. Diese Umstellung aber ist in Deutschland
+nicht möglich, und somit sind alle Bemühungen vergeblich, die darauf
+hinauslaufen, etwa den Beweis deutscher Wehrkraft dadurch zu bringen,
+dass noch ein halbes oder ein viertel Prozent der deutschen Waffen nicht
+abgeliefert sein möge.
+
+Damit will ich den verborgenen Waffen aber nicht das Wort reden. Ich
+halte es für tief bedauerlich, dass das Reich in Gefahr gebracht worden
+ist durch solche Personen, die Waffen versteckt haben mit irgendwelchen
+unklaren und verworrenen Absichten, ohne sich deutlich zu machen, dass
+wir dadurch von neuem den Beschwerden von Kommissionen und schweren
+politischen Verwirrungen ausgesetzt werden. Die Reichsregierung wird und
+muss alles tun, um diejenigen Verpflichtungen, die sie übernommen hat,
+durchzuführen, und es soll ihr dabei niemand in den Arm fallen.
+
+Die Abrüstung Deutschlands bezeichne ich als eine vollkommene, und ich
+bezeichne sie um so mehr als eine vollkommene, als sie stattgefunden hat
+in einem Europa, das von Waffen starrt. Die beabsichtigte Abrüstung der
+Welt, wozu hat sie geführt? Sie hat dazu geführt, dass gegenwärtig in
+Europa nicht 3,7 Millionen Soldaten unter Waffen stehen, wie vor dem
+Kriege, sondern 4,7 Millionen. In dieser waffenstarrenden Welt kann man
+von einem bewaffneten und kriegsbereiten Deutschland nicht sprechen,
+wenn man ehrlich die Verhältnisse betrachtet.
+
+Aber, meine Damen und Herren, es ist doch einmal nötig auszusprechen:
+wenn Deutschland diese gewaltigen Leistungen getätigt hat, die
+Leistungen seiner Zahlungen auf der einen Seite, die Leistungen seiner
+Entwaffnung auf der anderen Seite, unter welchen physischen und
+moralischen Verhältnissen Deutschland diese beiden grossen Taten
+vollbracht hat. Halb verhungert ging das Land aus dem schwersten aller
+Kriege hervor; aber nicht nur aus dem Kriege, sondern aus einer
+Blockade, die sich noch nahezu ein Jahr über Kriegsende hinaus
+verlängert hatte. In diesem Zustande durchschritt das Volk eine
+Revolution und eine Reihe von wirtschaftlichen Krisen, die heute noch
+nicht beendet ist. Eine Geldentwertung trat ein, die, wie es Herr
+Stresemann mit beweglichen Worten ausgeführt hat, den Mittelstand
+zerbrach, die eine Umschichtung der Stände herbeigeführt hat, wie sie
+bedauerlicher nicht gedacht werden kann, die Elend und Entbehrungen in
+alle Schichten des Volkes und fast in jede Familie gebracht hat. Die
+Intelligenz des Landes, unsere kulturellen Werte sind in schwerster
+Gefahr und Bedrängnis. Der Kanzler hat geschildert, wie es kaum mehr
+möglich ist, die notwendigsten Institute der gesundheitlichen Pflege zu
+erhalten. Die Wissenschaft ist in Gefahr. Tausende haben ihre Studien
+unterbrechen müssen, haben sich anderen Berufen zugewandt. Der
+Berufswechsel in Deutschland, die Verarmung der geistigen Schichten hat
+die kulturelle Kraft unserer Bevölkerung um Jahre zurückgeworfen.
+
+Gleichzeitig aber hat auf dem Lande, das die Leistungen vollbrachte, von
+denen ich sprach, die Leistungen der Zahlung und der Abrüstung, ein
+Druck gelastet, der bis zum heutigen Tage nicht behoben ist, der schwere
+Druck des Gemütempfindens, der Schmerz um verlorene Heimat, der Druck
+der Okkupationsheere im Osten und Westen, der Druck der Sanktionen, die
+uns drei Städte im Frieden entrissen haben, der Druck der Kommissionen,
+die im Lande herumreisen und in alle unsere Verhältnisse eingreifen.
+Dieser schwere Druck hat auf dem Volke gelastet neben dem
+wirtschaftlichen und neben dem sozialen, während es diejenigen
+Leistungen vollbrachte, die ich erwähnt habe. Ich glaube nicht, dass es
+ungerecht ist, zu fragen, ob je ein Volk in geschichtlichen Zeiten im
+Frieden einer härteren Probe unterworfen worden ist. Wie aber hat sich
+Deutschland den Verhältnissen gegenüber selbst verhalten? In dieser Zeit
+der schwersten Not, der schwersten Sorge, der stärksten moralischen und
+physischen Anspannung ist Deutschland dasjenige Land gewesen, das
+Europas Zivilisation erhalten hat; denn hätte Deutschland in dieser Zeit
+den Willen zur Ordnung und Disziplin sinken lassen, hätte sich
+Deutschland in dieser Zeit in Umsturz gleiten lassen, so wäre für die
+europäische Zivilisation eine Rettung nicht mehr erwachsen. Wir
+verlangen für das, was wir geleistet haben, von aussen keine Anerkennung
+und keinen Dank; aber wir dürfen erwarten und verlangen, dass sich die
+Welt endlich entschliesst, die deutschen Verhältnisse so zu sehen, wie
+sie sind. Es ist nötig, dass in die fremden Länder diejenigen Stimmen
+hineindringen -- und deshalb darf ich auch die meine erheben --, die
+behaupten und beweisen, dass die Leistungen Deutschlands die Achtung der
+Welt verdienen.
+
+Da, wo unser schwerstes Unglück liegt, entspringen aber, wie ich glaube,
+auch die Quellen unserer Hoffnung, die leider heute noch spärlich
+fliessen. Denn, sind diese Dinge wahr, die ich ausgesprochen habe, und
+sie sind es, so haben sie die Unaufhaltsamkeit der Wahrheit. Die
+Wahrheit ist ein Strom, der sich nicht in Flaschen versiegeln lässt. Es
+ist zweifellos, dass man die Wahrheit lange Zeit unterdrücken kann; aber
+schliesslich macht sie ihren Weg um die Erde, und wenn die Wahrheit den
+Weg um die Erde antritt, dann ist auch für uns der Augenblick des
+Friedens gekommen, den wir ersehnen.
+
+Ich kehre zur Reparationsnote zurück. Ihre Beantwortung hat der Kanzler
+gestern deutlich umschrieben. Er hat ausgesprochen, dass die Tür der
+Verhandlungen nicht geschlossen ist; denn dieser Verhandlungen bedürfen
+wir schon deswegen, um zurückzukommen auf diejenigen Goldleistungen, die
+von der Reparationskommission in Aussicht genommen worden sind. Wir
+haben die Absicht, der Reparationskommission zu sagen, dass unter den
+heutigen Verhältnissen der Geldentwertung wir einen anderen Zahlungsplan
+für 1922 erwarten. Richtlinien für die Verhandlungen mit der
+Reparationskommission aber bleiben die beiden vom Kanzler
+ausgesprochenen: ein Neubau unseres Steuerkompromisses ist nicht möglich
+und ebensowenig möglich ist ein Eingriff in unsere Staats- und
+Finanzhoheit.
+
+Herr Stresemann hat die Mahnung ausgesprochen, an die ich mich zu halten
+beabsichtige, nicht auf diejenigen Punkte zurückzugreifen, die in der
+Vergangenheit die Auffassungen innerhalb dieses Hauses getrennt haben.
+Es sind gestern schwere Vorwürfe gegen die vergangene Politik des
+Kabinetts erhoben worden. Ich gehe darauf nicht ein, weil auch ich den
+Wunsch habe, dass wir gemeinschaftlich an der Zukunft und nicht getrennt
+an der Vergangenheit arbeiten. Aber eins möchte ich nicht ungesagt
+lassen: Ich glaube, dass das Kabinett es für sich beanspruchen darf,
+dass es ihm möglich gewesen ist, im Jahre der stärksten Gefahr die
+Einheit und Unversehrtheit des Reichs zu erhalten, und ich behaupte,
+dass mit keiner anderen Politik die Unversehrtheit und Einheit des
+Reiches gewahrt worden wäre.
+
+Die Politik, die wir zu führen beabsichtigen, ist die Politik des
+Friedens. Wir führen sie in der freien Ueberzeugung und in dem Glauben
+an unsere gute und gerechte Sache.
+
+Wir wollen die Erfüllung, soweit sie im Rahmen der Möglichkeit liegt,
+nicht als Selbstzweck, sondern als Weg zum Frieden. Wir wollen den
+Wiederaufbau der zerstörten Gebiete als Weg zum Frieden, und wir wollen
+nach Kräften beitragen zur Entbürdung und zum Wiederaufbau der Welt.
+
+Freilich, vom wahren Frieden sind wir noch weit entfernt. Noch immer
+herrscht ein tiefes Misstrauen zwischen den Völkern, gesteigert oftmals
+bis zur Feindseligkeit des Wortes und der Handlung. An Stelle
+gemeinschaftlicher Arbeit verkettet den Erdkreis ein Ring
+gemeinschaftlicher Verschuldung. Europa starrt von Waffen, und es findet
+sich nicht der Staatsmann und nicht die Nation, die sich zum befreienden
+Gedanken und zur befreienden Tat aufrafft. Nach dreijährigem Frieden ist
+unser eigenes Land noch immer friedlos, zum Teil militärisch besetzt,
+zum Teil militärisch kontrolliert.
+
+Kann nun Genua dieser friedlosen Welt den ersehnten Frieden bringen? --
+Amerika hat die Beteiligung an Genua abgelehnt mit der Begründung, Genua
+sei eine politische Konferenz; Hauptfragen der wirtschaftlichen Probleme
+werden in Genua nicht behandelt, und somit bleiben wir fern. In Boulogne
+ist nochmals bekräftigt worden, dass die Probleme der Reparation, der
+Grundlagen des Versailler Friedens, nicht der Beschlussfassung
+unterliegen sollen. Dennoch hat der Kanzler gestern in seiner Rede die
+hoffnungsvollere Seite von Genua erwähnt. Ich stimme seinen Ausführungen
+bei und will das von ihm selbst beschränkte Mass von Hoffnungen nicht
+herunterstimmen. Dennoch werden wir unsere Stellung zu Genua erneut zu
+prüfen haben. Wir müssen erwägen, mit welchen Gedanken, aber auch mit
+welchen Gefühlen wir uns einer Konferenz nähern, auf der das Schicksal
+und der Aufbau einer Welt behandelt werden soll, aber nicht der unseren,
+nicht unser Aufbau und nicht unser Schicksal. Lässt sich eine Brücke
+finden, -- gut! Lässt sie sich nicht finden, so wird Genua das Schicksal
+von vielen anderen Konferenzen teilen.
+
+In diesem Zusammenhang ein Wort in Anknüpfung an die Ausführungen des
+Herrn Stresemann über Russland. Zweifellos wird Genua für Russland
+manches Wesentliche bringen, und ich will nicht einen Augenblick die
+Auffassung der Kabinettsregierung unausgesprochen lassen, die dahin
+geht, dass wir nach Ausmass unserer Kräfte uns aufrichtig bemühen
+werden, am Wiederaufbau Russlands mitzuwirken. Dabei ist der Weg von
+Syndikaten nicht der entscheidende, Syndikate können nützlich sein, und
+von solchen Syndikaten sollten wir uns nicht ausschliessen. Dagegen wird
+das Wesentliche unserer Aufbauarbeit zwischen uns und Russland selbst zu
+besprechen sein. Solche Besprechungen haben stattgefunden und finden
+weiter statt, und ich werde sie mit allen Mitteln fördern. Es ist kein
+Gedanke daran, dass Deutschland etwa die Absicht hätte, Russland
+gegenüber die Rolle des kapitallüsternen Kolonisten zu spielen. Ich
+freue mich ganz besonders, dass von seiten des Herrn Stresemann und
+seiner Freunde heute eine solche Stellung Russland gegenüber gewünscht
+wird, denn ich erinnere mich an eine Periode, in der ich mit meiner
+Auffassung über die Notwendigkeit, Russland zu Hilfe zu kommen, bei
+dieser Seite keine Gegenliebe gefunden habe.
+
+Soll, meine Herren, aus dem Chaos der Welt ein Ausweg gefunden werden,
+so ist es nötig, den Rahmen weiter zu spannen, als es durch die Note der
+Reparationskommission geschehen ist. Es ist schlechterdings nicht
+möglich, dass eine niedergebrochene Welt aufgerichtet werde lediglich
+durch die Arbeit eines einzigen Landes, auch wenn dieses Land noch so
+gutwillig an diesem Aufbau mitzuwirken gewillt ist. Alle Nationen der
+Erde, nicht nur die ehemaligen Kämpfer, müssen erkennen, dass sie
+sämtlich am Aufbau der Welt in gleichem Masse interessiert sind. Sie
+müssen erkennen, dass sie einander wechselseitig bedürfen als
+Produzenten und als Käufer, sie müssen erkennen, dass sie alle die
+gleichen Rohstoffe dieser Erde nötig haben. Sie müssen sich vereinigen
+zu einer Sanierungsaktion der Welt, von der sich niemand ausschliessen
+darf, der aus den Vorräten der Welt schöpft. Deutschland aber bedarf, um
+im Kreise der Völker die ihm gestellte Aufgabe des Aufbaus zu erfüllen,
+einer Atempause, die nur durch äussere Anleihen beschafft werden kann.
+Um aber sein Verhältnis zu seinen Gläubigern zu regeln, und zwar zu
+regeln in loyaler und ehrlicher Weise, muss Deutschland das Recht haben,
+sich mit seinen Gläubigern an einen Tisch zu setzen. Das bedeutet keine
+Uebergehung der Reparationskommission, die immer noch genügend Aufgaben
+zu erfüllen haben wird. Es kann aber dem Schuldner nicht verwehrt werden
+und ist ihm zu keiner Zeit verwehrt worden, sich mit seinen Gläubigern
+zusammenzusetzen und mit ihnen diejenigen Mittel zu beraten, wie
+wechselseitig das Verhältnis geregelt werden kann, nicht nur auf dem
+Gebiet des Geldes, sondern auf allen Gebieten, die Gläubiger und
+Schuldner gemeinschaftlich berühren.
+
+Ich kann es verstehen, dass man sich formal auf den Standpunkt gestellt
+hat, das deutsche Reparationsverhältnis kann in Genua nicht verhandelt
+werden, weil dort 40 Nationen vertreten sind, die, nur zum Teil an
+Reparationsfragen beteiligt, nicht beschliessen können, wie
+Deutschlands Verhältnis zu seinen Gläubigern sich gestalten soll. Ich
+sage, ich kann es formal verstehen; sachlich hätte ich eine andere
+Lösung gewünscht. Aber wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, dass
+Genua für diese Kernfrage der gesamten Weltwirtschaft unzuständig ist,
+so ist es umsomehr notwendig, dass eine Regelung zwischen Deutschland
+und seinen Gläubigern durch gemeinschaftliche Verhandlungen gefunden
+wird. Es ist gestern in der Debatte Erwähnung Amerikas geschehen. Ich
+halte es für falsch, auf ein einzelnes Land, sei es das stärkste und
+edelste der Welt, alle Hoffnung zu setzen. Es entspricht der Gewohnheit
+verzweifelter Schuldner, alle Hoffnung an einen einzigen Anker zu
+hängen. In der Regel werden solche Hoffnungen getäuscht. Ich kenne sehr
+wohl die Abneigung Amerikas, sich auf die wirtschaftlichen Verhältnisse
+Europas einzulassen. In erster Linie ist es eine schwere
+Europamüdigkeit, die Amerika befallen hat nach den Erfahrungen des
+Krieges und nach den Erfahrungen des beginnenden Friedens. Wer das Tun
+und Treiben in Europa mit unbeteiligten Augen überblickt, dem liegt es
+freilich nahe -- und man kann es ihm nicht verdenken --, wenn er die Augen
+abwendet.
+
+Ein anderes Motiv Amerikas, sich nicht einzumischen, besteht darin, dass
+die Auffassung in volkswirtschaftlichen amerikanischen Kreisen herrscht,
+die amerikanische Ausfuhr bedeute nur einen kleinen Bruchteil, man
+spricht von 7 Prozent, der amerikanischen Produktion. Diese Zahl hält
+der Nachprüfung nicht stand, und ich glaube, dass man in kurzer Zeit in
+Amerika erkennen wird, dass der Prozentsatz der Ausfuhr im Verhältnis
+zur Produktion ein ganz bedeutend grösserer ist. Ich schätze das
+Verhältnis der Ausfuhr zur amerikanischen Fertigproduktion auf
+mindestens 20 bis 25 Prozent. Auf eine solche Ausfuhr aber wird Amerika
+auf die Dauer nicht leicht verzichten.
+
+Plausibel für die amerikanische Nichteinmischung ist aber noch ein
+dritter Grund. Amerika sagt: warum sollen wir unser Geld Europa zur
+Verfügung stellen, einem Kontinent, der es nur für seine Rüstungszwecke
+verbraucht? Das ist ein Einwand, den man verstehen kann. Aber ich
+glaube, Amerika wird empfinden, dass man einem Ertrinkenden keine
+Bedingungen stellt. Es ist nicht möglich, zu warten, bis der Geist des
+Friedens in Europa durchgedrungen ist, um Europa zu helfen.
+
+Am 1. April wird der künftige amerikanische Botschafter Houghton sich zu
+Schiff begeben, um nach Deutschland zu kommen und hier seinen Posten zu
+übernehmen. Ich rufe ihm ein Willkommen entgegen und hoffe, dass seine
+Mission in Deutschland für beide Länder fruchtbringend sein wird. Wir
+selbst haben einen der stärksten Leiter unseres Wirtschaftslebens,
+Geheimrat Wiedfeldt, bestimmt, uns in Washington zu vertreten. Ich
+glaube, dass diese Wahl von Amerika gut aufgenommen werden wird. Denn
+Amerika wünschte sich einen starken Mann der Wirtschaft, und ich hoffe,
+dass Herr Wiedfeldt drüben ein gesegnetes Feld seiner Tätigkeit finden
+wird. Noch nie hat eine Nation so unentrinnbar das Schicksal eines
+Kontinents in der Hand gehalten wie Amerika im gegenwärtigen Augenblick.
+Eine gewaltige Verantwortung ist mit dieser Machtstellung verbunden, zu
+der diejenige des Krieges hinzutritt, den Amerika entschieden hat, und
+des Friedens, den es gleichfalls bestimmte. Wir dürfen hoffen, dass
+Amerika, das wir nicht lediglich als ein Land materieller Interessen
+ansehen dürfen, sondern von dem wir anerkennen müssen, dass es ein Land
+mit starken moralischen Impulsen ist, sich einer Beratung, die sich mit
+der endgültigen Regelung der deutschen Schuldverhältnisse befasst, nicht
+entziehen wird.
+
+Der Osten Europas ist niedergebrochen; das unglücklichste aller Länder,
+Oesterreich, dem wir heute die herzlichste brüderliche Teilnahme
+entgegenbringen, ist diesem Niederbruch leider gefolgt. Deutschland
+ringt mit allen seinen Kräften um seine Existenz, es ringt mit den
+Kräften seines Willens und seiner Arbeit und kämpft gegen seinen
+Niederbruch an. Der Niederbruch Deutschlands aber ist der Niederbruch
+Europas. Deutschland verlangt von niemand in der Welt Mitleid, aber
+Deutschland verlangt die Einsicht der Nationen in die Einheit und in die
+Verflochtenheit der Weltinteressen. Deutschland verlangt von den
+Nationen der Welt die Möglichkeit der Aufstellung eines Arbeitsplanes
+und die Möglichkeit einer Mitwirkung zu gemeinsamem Wiederaufbau. Eine
+solche Mitwirkung aber lässt sich nicht durch Diktate erzwingen, sie
+lässt sich nur durch ein freiwilliges, ehrliches, gutgewolltes
+Zusammenarbeiten der Nationen erreichen, von denen es keine gibt, die
+heute nicht der Hilfe bedürfte.
+
+Wir aber, die wir gemeinsam mit Ihnen und in Ihrem Auftrag die
+Verantwortung für die Politik des Reichs tragen, wir kämpfen für
+dreierlei. Wir kämpfen für die Existenz des Volkes, wir kämpfen für die
+Unversehrtheit und Einheit des Reichs, wir kämpfen für den Frieden und
+für den Aufbau. Dieses Ziel ist uns allen gemeinsam. Es gibt nicht eine
+Seele in diesem Hause, die sich davon ausschliesst. Deshalb lassen Sie
+uns auch dieses Ziel in Einigkeit verfolgen!
+
+
+
+
+REDE
+VOR DER VOLLVERSAMMLUNG
+DER GENUESER KONFERENZ
+VOM 19. MAI 1922
+
+
+Der Abschluss der provisorischen Arbeiten der Konferenz gestattet uns
+einen Ueberblick über die welthistorischen Leistungen der Konferenz, die
+erst in den kommenden Jahren mehr und mehr hervortreten werden und für
+die Europa der Genueser Konferenz Dank schuldet. Es wäre ein
+unberechtigter Optimismus, zu hoffen, dass durch den Abschluss dieser
+Arbeiten die Weltkrise sofort eine merkliche Linderung erfährt. Eine
+solche Besserung der allgemeinen Weltlage wird erst dann eintreten, wenn
+eine Reihe von Prinzipien erfüllt sind, die in den Beratungen der
+Kommission mit immer wachsender Deutlichkeit hervortraten, wenn sie
+vielleicht auch nicht ihren vollen Ausdruck in den niedergelegten
+Leitsätzen gefunden haben.
+
+Indem ich mich an die der Konferenz gezogenen Grenzen auf das strikteste
+halten werde, will ich versuchen, die vier grossen und unausgesprochenen
+Wahrheiten darzulegen, die mir aus den Beratungen hervorzugehen scheinen
+und die, wie ich glaube, unbedingte Voraussetzungen für eine Gesundung
+der Weltwirtschaft bilden. Die erste dieser Wahrheiten lautet: Die
+gesamte Verschuldung der Länder ist zu gross im Verhältnis zu ihrer
+Produktionskraft.
+
+Alle hauptsächlichen Wirtschaftsländer sind in einen Verschuldungskreis
+hineingezogen, der die meisten gleichzeitig zu Gläubigern und Schuldnern
+macht. Durch ihre Eigenschaft als Gläubiger wissen die Staaten nicht,
+wieviel sie von ihrem Guthaben erhalten werden, in ihrer Eigenschaft als
+Schuldner wissen sie nicht, wieviel sie zahlen können und müssen.
+
+Ueberhaupt kann kein Staat einen wirklichen Haushalt aufstellen, kein
+Staat kann es wagen, sich in grosse umfangreiche Neueinrichtungen
+einzulassen, die seine Wirtschaft verbessern und die dem Geldmarkt neue
+Nahrung geben. Kein Staat kann auf eine gesicherte Stabilisierung seiner
+Zahlungsbilanz und damit auf seine Wechselkurse vertrauen, mit Ausnahme
+jenes einen grossen Reiches, das niemandem schuldet und Gläubiger aller
+ist, nämlich Amerika, ohne dessen Beteiligung der Wiederaufbau Europas
+unmöglich wird. Vor allem aber können den überschuldeten Ländern neue
+Mittel, deren sie bedürfen, nicht zugeführt werden, denn die
+Ueberschuldung liegt vor aller Augen zutage, und so wenig ein freier
+Gläubiger bereit sein kann, Devisen zur Verfügung zu stellen, so wenig
+darf ein überlasteter Schuldner es wagen, sie anzunehmen.
+
+Auch in früheren Zeiten waren die Staaten untereinander verschuldet,
+aber diese Schuld stand in einem Verhältnis zur Produktionskraft und
+entsprach überdies werbenden Anlagen. Die heutige Verschuldung beläuft
+sich auf mehr, als die Staaten in Jahrzehnten ersparen und abzahlen
+können. Sie ist somit eine finanzielle Realität. Eine wirtschaftliche
+Realität aber ist ihnen so fern, als sie den Produktionsprozess der Welt
+hemmt.
+
+Es bleibt somit nur derjenige Weg übrig, der von einzelnen
+Wirtschaftsobjekten stets beschritten wurde, wenn ihre Verschuldung die
+Produktionskraft überstieg, nämlich der Weg der Sanierung und des
+Schuldabbaues.
+
+Die zweite der ausgesprochenen Genueser Wahrheiten scheint mir zu liegen
+in dem Satz, dass kein Gläubiger seine Schuldner am Bezahlen der
+Schulden hindern sollte. Wenn ein einzelnes Individuum einem anderen
+Geld schuldet, so kann verlangt werden, daß zur Auszahlung eine
+vereinbarte Münze verwendet wird, und es ist Sache des Schuldners,
+solche Münzen sich zu verschaffen, wie sie am Markte in jeglichem
+Umfange stets erhältlich sind. Ein Land kann einem anderen auf die Dauer
+seine Schulden nur in Gold bezahlen und, wenn es Gold nicht produziert
+oder nicht in grösserem Umfange besitzt, in Gütern.
+
+Eine Zahlung in Gütern aber ist dann nur möglich, wenn der Gläubiger sie
+gestattet. Verbietet er sie, so tritt Zahlungsunfähigkeit ein, und
+erschwert er sie durch Zölle oder durch andere hindernde Massnahmen, so
+wird der Betrag der Schuld willkürlich vermehrt; denn wenn um so viel
+mehr Waren geliefert werden, als erforderlich ist, um die auferlegten
+Lasten zu bezahlen, dann wird das Zahlungsmittel entwertet und somit die
+Schuldsumme erhöht.
+
+Es sollte somit jedes Land, das Zahlungen zu empfangen wünscht, seinen
+Schuldnern solche Erleichterungen der Einfuhr gewähren, die es ihm
+ermöglichen, den verschuldeten Betrag ohne unwillkürliche Erhöhung zu
+leisten.
+
+Die dritte der Wahrheiten ist vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck
+gekommen und ausgesprochen in dem Satz, dass die Weltwirtschaft erst
+dann wieder hergestellt werden kann, wenn ein imponderabiler Wert wieder
+gewonnen ist, nämlich das wechselseitige Vertrauen. Dieses Vertrauen
+kann aber nur wiederkehren, wenn die Welt im wahren Frieden lebt.
+
+Der heutige Zustand der Welt ist nicht Frieden, sondern ein Zustand, der
+dem Kriege ähnlich ist, jedenfalls ist es kein vollkommener Friede.
+Leider ist in den einzelnen Ländern die öffentliche Meinung noch nicht
+demobilisiert. Die Ueberreste der Kriegspropaganda zirkulieren noch
+immer und belasten die Atmosphäre. Jeder, der seine Mittel und seine
+Arbeit einem Lande anvertraut, hat daher mit der Gefahr zu rechnen, dass
+dieses Land binnen kurzem durch Verhältnisse höherer Gewalt, die nicht
+in Naturereignissen, sondern in politischen Ereignissen liegen,
+gefährdet und verwandelt werden kann. Vor allem ist die Erkenntnis nicht
+gesichert, dass ein Schuldner, zumal wenn er verarmt ist, der Schonung
+bedarf, und dass er unfähig wird, zu leisten, wenn ihn die Mächte seiner
+Möglichkeiten, namentlich seines Kredits, berauben. Dass dies
+tatsächlich die Imponderabilien sind, die den ehemals so grossen
+Austausch des Produktions- und Konsumptionsverkehrs hemmen, geht aus der
+Tatsache hervor, dass die Produktionsmittel der Welt nahezu vollkommen
+erhalten sind. Selbst wenn man alle tief bedauerlichen Zerstörungen des
+Krieges und vor allem der Nachkriegszeit in Rechnung zieht, darf man
+annehmen, dass im gesamten Produktions- und Verkehrsapparat selbst mehr
+als 90 Prozent erhalten sind. Die gewaltigen und tief beklagenswerten
+Zerstörungen innerhalb des russischen Reiches greifen in den Welthandel
+nur mit etwa 3 Prozent ein.
+
+Trotz der grossen Menschenverluste des Krieges sind aber die
+menschlichen Produktionskräfte fast vollständig erhalten, denn sie
+haben sich in starkem Umfange ergänzt. Wenn somit die Geldmaschinerie
+nicht arbeitet, obgleich sowohl ihre Substanz wie ihre Triebkräfte fast
+vollständig erhalten sind, wenn auf der einen Seite Millionen von Händen
+feiern, auf der anderen Seite Millionen von Menschen hungern, wenn auf
+der einen Seite unzählige Gütermengen unverkäuflich sich aufstapeln, auf
+der anderen Seite an den gleichen Gütern der schwerste Mangel besteht,
+so liegt das daran, dass die wechselseitige Verschuldung als
+psychologisches Moment wirkt. Als weitere psychologische Momente sind
+der mangelnde Friedenszustand und das mangelnde Weltvertrauen
+bestimmend.
+
+Wenn man sich nun fragt, ob es denn wirklich kein Mittel gibt, die
+erschlafften Kräfte des Weltaustausches neu zu beleben, die Maschinerie
+der Weltproduktion von neuem in Bewegung zu setzen, so ergibt sich die
+vierte der unausgesprochenen Thesen, nämlich die, dass nicht durch
+irgend einen oder zwei Käufer, sondern durch das Zusammenwirken aller in
+den ökonomischen und Weltproblemen neue Bewegung zugeführt werden kann.
+
+Wie sollte auch nach einem Zerstörungswerk sondergleichen die Welt
+geheilt werden, wenn nicht sämtliche Länder der Erde sich dazu
+entschliessen, gemeinschaftlich Abhilfe zu bringen. Durch ein
+universelles Opfer der Welt und der leidenden Menschheit kann nur eine
+leidende Welt geheilt werden. Niemals ist ein Wiederaufbau anders
+gelungen als durch Aufwendung gewaltsamer neuer Mittel. Solche Mittel
+werden nicht aufgebracht werden, solange ein jedes Glied der
+Weltwirtschaft mit wenigen Ausnahmen überschuldet ist. Das erste Opfer
+wird somit in dem allgemeinen Abbau des Verschuldungskreises zu suchen
+sein. Das weitere Opfer besteht in der gemeinsamen Aufbringung grosser
+neuer Mittel für den Wiederaufbau, sei es auf dem Wege allgemeiner und
+wechselseitiger Kredite, sei es auf anderen Wegen, deren Erörterung zu
+weit führen würde. Dass die Genueser Konferenz zur Erörterung dieser
+Fragen geführt hat, ist eine Tatsache, die in der Geschichte Europas
+unvergessen bleiben wird.
+
+Ein weiteres historisches Ergebnis der Konferenz erblickt die deutsche
+Delegation in der Annäherung des grossen, schwerbedrängten russischen
+Volkes an den Kreis der besten Nationen. Durch manche Aussprachen hat
+Deutschland sich bemüht, zu einer Annäherung der beiderseitigen
+Gesichtspunkte beizutragen. Deutschland hofft, durch die Fortsetzung der
+beiderseitigen Besprechungen das Werk des Friedens zwischen Ost und West
+zu fördern.
+
+Für den Schutz, den Italien diesem Werk des allgemeinen Friedens gewährt
+hat, schuldet die Welt dieser hochherzigen Nation und ihren Führern den
+tiefsten Dank. Die Geschichte Italiens ist älter als die der meisten
+europäischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr als einmal grosse
+Weltbewegungen entstanden. Abermals und hoffentlich nicht vergebens
+haben die Völker der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in
+der tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck verliehen
+hat: Io vò gridando Pace, Pace, Pace!
+
+
+
+
+ANHANG
+
+
+
+
+REDE, GEHALTEN AM 9. JUNI 1922
+IN STUTTGART, VOR EINEM
+GELADENEN KREIS
+ALLER PARTEIEN
+
+
+Der Herr Reichskanzler hat mit seinen beredten Worten den Kreis eines
+Jahres vor Ihnen entrollt. Er hat seine Ausführungen begonnen mit der
+Schilderung der Lage, in der sich unser Volk an den Tagen der Ultimaten
+des letzten Jahres befand. Uns allen ist in Erinnerung die Härte der
+Worte, die damals gesprochen wurden, der unbelehrbare wirtschaftliche
+Aberglaube, der aus diesen Worten sprach. Wir alle haben uns damals
+gefragt, wie ist es möglich, von einem Volk zu verlangen, dass es 132
+Milliarden als Kriegsentschädigung hingibt, mehr als die Hälfte seines
+ganzen Vermögens, eine Zahlungsleistung in Gold, das dieses Land nicht
+besitzt? Ist es möglich, dass jemals Vernunft über den Erdball kommt und
+den Irrsinn dieser Gedanken zerstört? Wie lange wird es dauern, werden
+Jahre oder Jahrzehnte vergehen bis zu dem Augenblick, wo die Erde
+einsieht, dass es unmöglich ist, diese Forderungen zu erfüllen, auch
+wenn Deutschland noch so gutwillig sich der Konvention der Historie
+fügt, die besagt, dass der Besiegte zahlt. Nur schrittweise konnte die
+Vernunft ihren Weg nehmen; kein Weg ist so lang, als der Weg der
+Vernunft und der Weg der Wahrheit. Diesen Weg eines Jahres -- denn ein
+Jahr hat es gedauert, bis die Welt vor einer veränderten Einsicht
+stand --, diesen Weg eines Jahres lassen Sie uns in kurzen Abschnitten in
+Eile noch einmal durchlaufen. Der erste abergläubische Gedanke im
+Augenblick der Unterzeichnung jenes unglücklichen Ultimatums, der
+Gedanke der ehemaligen Gegner war: Zahlungen können in beliebiger Höhe
+von einem Land in Gold geleistet werden, das kein Gold erzeugt, und das
+kein Gold besitzt. Es bedurfte der Arbeit von Monaten, die von
+Verhandlung zu Verhandlung geschritten ist, -- der Name der Stadt
+Wiesbaden ist mit diesen Verhandlungen verknüpft, -- um zu erkennen,
+dass, wenn Leistungen erheblichen Umfanges von einem Land an ein anderes
+bewirkt werden sollen, nicht Gold das Zahlungsmittel sein kann, sondern
+nur das Gut, die Ware. Der belehrende Charakter dieser Verhandlungen war
+von Bedeutung. Noch heute sind die Verträge, die damals unterzeichnet
+wurden, nicht ratifiziert. Bis heute haben sie keine Wirkung gehabt auf
+wirtschaftlichem Gebiet, aber ihre Wirkung auf dem Gebiet
+wirtschaftlicher Einsicht war von hohem Wert. Ein Volk kann, wenn es
+sein muss, für ein anderes, für einen Kontinent arbeiten, aber es kann
+nicht mit dem alchimistischen Zaubermittel des Steins der Weisen Gold
+aus Nichts schaffen.
+
+Die Erkenntnis ging weiter. Im Herbst, als ich aus dem
+Wiederaufbauministerium ausgeschieden war, benutzte ich die Zeit der
+Freiheit, um nach England zu gehen, dort die Stimmung zu erkunden und,
+soweit es dem einzelnen möglich ist, dieser Stimmung Aufklärungen
+zuzuführen, die wünschenswert erschienen. Damals war in England eine
+Auffassung im Aufdämmern, die einen Fortschritt wirtschaftlicher
+Erkenntnis bedeutete. Man hatte begriffen, dass, wenn ein Land im
+Uebermass unter Zwang, unter erschwerten Bedingungen Arbeit leistet für
+einen Kontinent, eine Arbeit, die man kaum zu hart mit dem Ausdruck der
+Gefängnisarbeit bezeichnen könnte, dass dadurch nicht allein dieses Volk
+geschädigt wird, sondern mit ihm die Gemeinschaft der wirtschaftenden
+Völker der Erde. Diese Erkenntnis stieg auf in demjenigen Lande, das
+zuerst und zumeist vom Schaden betroffen war, nämlich in England. Man
+bemerkte, dass die Zerrüttung der Märkte dasjenige Land am schwersten
+schädigen musste, das als Kaufmann, als Handwerker, als Fabrikant dieser
+Märkte bedurfte, um seinen Beitrag zum Wirtschaftsleben der Welt zu
+leisten. So entstand die Einsicht, dass nicht ein einziges Land imstande
+sein würde, die Krankheit eines geschlagenen Kontinents zu heilen,
+sondern dass eine wirtschaftliche Verflochtenheit bestand, eine
+unlösbare Einheit, und dass jedes Glied, das aus dieser Einheit
+ausfällt, sei es Rußland als Konsument, sei es Deutschland als
+Produzent, dass jedes fehlende Glied die Weltgemeinschaft schädigt. Bei
+den Führern der englischen Politik befestigte sich der Gedanke, eine
+wirtschaftliche Weltkonferenz zusammenzuberufen.
+
+Die Beschlussfassung über die Berufung war Sache des Obersten Rats der
+Alliierten. Er versammelte sich in Cannes, und dort war es zum ersten
+Male den deutschen Vertretern möglich, unsere Gesamtlage vor dem
+Areopag der Welt zu entwickeln. In Cannes wurde es deutlich, dass das
+deutsche Problem die europäische Wirtschaftslage beherrschte, und neben
+diesem deutschen Problem, in fernere Zukunft weisend, trat das russische
+Problem hervor. Kaum hatte man endgültig beschlossen, die
+Wirtschaftskonferenz einzuberufen, da brach die Konferenz von Cannes ab,
+denn ein Regierungswechsel hatte sich in Frankreich vollzogen, die
+Regierung Briands wurde durch die Regierung Poincaré abgelöst.
+Monatelang zweifelte man, ob es der auftretenden Opposition gelingen
+würde, den Gedanken der Weltkonferenz zu zerstören oder zur
+Unkenntlichkeit umzugestalten. Schliesslich kam sie zustande, doch unter
+Erschwernissen. Denn es hatten Besprechungen stattgefunden in Boulogne,
+und in diesen Besprechungen war von England dem französischen Wunsch
+stattgegeben worden, dass die Konferenz, die einberufen war zur Heilung
+des Leidens des Kontinents, dass diese Konferenz über eins nicht
+sprechen durfte: nämlich über das Wesen und die Ursache dieses Leidens.
+Es durfte nicht gesprochen werden über die Kernfrage, die deutsche
+Frage, die Reparationsfrage. Der Herr Reichskanzler hat es Ihnen
+dargelegt: strassauf, strassab in Genua war dennoch alles erfüllt von
+dieser Frage. So kam es denn, dass neben der ungelösten russischen
+Frage, die einer Sachverständigenkonferenz vorbehalten werden musste,
+doch eine Reihe von Erkenntnissen sich klärte, die freilich in den
+Kommissionssitzungen nur andeutungsweise besprochen werden durften. Doch
+gab es eine Schlußsitzung, und in dieser konnte es den deutschen
+Delegierten nicht verwehrt werden, die Kernprobleme ans Licht zu stellen
+und die Nationen zu fragen: ja oder nein. Soweit eine Konferenz, ein
+überfüllter Saal, ein Welttheater, eine Antwort auf solche Fragen geben
+darf, wurde sie gegeben. So lauteten etwa unsere Fragen: Kann ein
+Kontinent gesunden, wenn jede Nation der andern tief verschuldet ist?
+Kann eine Nation sich regen, wenn sie gleichzeitig überlasteter
+Gläubiger und hoffnungsloser Schuldner ist? Kann eine Kette von
+Gläubigern und Schuldnern ein wirtschaftliches Dasein führen, wenn am
+einen Ende der Kette ein grosses Reich, Amerika, steht, das niemandem
+schuldet, und am anderen Ende unser armes Land, das von niemandem etwas
+zu fordern hat? Die Antwort ist: Ein solcher Kreis der Weltverschuldung
+muss zerschnitten werden. Und in diesem Kreis der Weltverschuldung ist
+das deutsche Reparationsproblem nur ein Spezialfall der Verschuldung von
+Volk zu Volk. Des weiteren konnte nicht geleugnet werden, dass dem
+Schuldner, der zahlen soll, die Zahlung nicht unmöglich gemacht werden
+darf. Da Zahlung nur in Waren geleistet werden kann, so ist diejenige
+Politik widersinnig, die der Ware des Schuldnerlandes den Eingang ins
+Gläubigerland verschliesst, es ist widersinnig, gleichzeitig die Mauer
+des Antidumping, des Prohibitivzolls, zu erhöhen, und gleichzeitig zu
+verlangen, dass die zu entrichtende Ware diese Dämme überschwemmen soll.
+Auch diese Erkenntnisse tauchten in Genua auf: dass ein Wiederaufbau der
+Welt, wenn man ihn ernst ins Auge fasst, wenn der Begriff nicht zum
+Gemeinplatz zerfliessen soll, dass ein solcher Wiederaufbau nur möglich
+ist durch Opfer. Dass er nicht möglich ist durch das Opfer des einen
+oder des anderen Volkes, sondern dass sämtliche Völker beitragen müssen.
+So wie sämtliche Völker sich durch diesen furchtbaren Krieg in Schuld
+begeben haben, so müssen sämtliche Völker der Erde gemeinsam Opfer
+bringen, um die Folgen dieses Krieges zu mildern. Deshalb war es nötig,
+auszusprechen: nicht ein einzelnes Volk kann Europa heilen, sondern die
+Völker müssen zusammentreten und gemeinschaftlich wirken, sie müssen
+sich nicht damit begnügen, die Abbürdung dieser Weltschuld vorzunehmen,
+sie müssen dafür sorgen, dass neue Mittel beschafft werden. Denn zu
+jedem Aufbau gehören Mittel. Man kann nicht bauen aus Luft und Wolken.
+Wer baut, braucht Materialien und muss diese Materialien in Werten
+beschaffen. Werte aber freiwillig darbieten, heisst Opfer bringen.
+
+Neben diesen wirtschaftlichen Problemen war die Atmosphäre Genuas
+erfüllt von den Problemen Russlands. Die Wiederverbindung des Ostens und
+Westens ist eine der grossen Aufgaben der künftigen europäischen
+Politik. Es ist nötig, dass ein Kontinent wie Russland, ein Land von
+solchem Umfang, solcher Menschenzahl, solchen ungehobenen Schätzen
+wieder erschlossen wird. Es ist nötig, dass es dem wirtschaftlichen
+Komplex des Westens wieder angegliedert wird. Den Mächten der Entente
+ist das bisher nicht gelungen. Die Arbeit ist verschoben auf den Haag,
+und wir werden im Haag nicht teilnehmen. Wir drängen uns nicht dazu, an
+einer Arbeit teilzunehmen, die andere für sich leisten und in anderer
+Art. Wir haben unserseits einen eigenen Weg beschritten, den Weg des
+reinen, freien, vergebenden Friedens. Wir haben diesen Weg beschritten
+zum Zwecke des Aufbaues einer neuen Zukunft mit einem Lande, das ebenso
+schwere Schicksalsschläge erlitten hat, wie wir. Ob mit oder ohne eigene
+Schuld, lasse ich dahingestellt. Mit einem solchen Land kann man nicht
+abrechnen, wie mit einem schlechten Schuldner. Man kann und soll mit ihm
+zusammenwirken in dem Augenblick, wo seine Not am grössten ist. Man hat
+uns den Vorwurf gemacht, wir hätten Rapallo im unrichtigen Moment
+abgeschlossen. Ja gewiss, wenn an einer Tatsache nicht zu mäkeln ist, so
+bleibt wenigstens die Kritik: An sich gut, aber es hätte nicht am
+Montag, sondern es hätte am Dienstag oder Mittwoch sein sollen. Wir
+mussten den Vertrag abschliessen in dem Augenblick, wo wir erkannten,
+dass die Westmächte unseren berechtigten Wünschen nicht gerecht wurden,
+wo anderseits die vertraglichen Bestimmungen für uns sich fügten und
+anderseits der Wunsch der Gegenpartei nach Verständigung lebendig wurde.
+Wir rechnen nicht in der Politik mit Dankbarkeit. Frühere Politik, die
+sich vielfach auf Dankbarkeit gegründet hat, ist stets enttäuscht
+worden. Aber mit Realitäten und Tatsachen der Vergangenheit zu rechnen,
+ist kein Fehler, und es ist eine Realität, wenn eine Verbindung
+abgeschlossen wird von Völkern, die sich die Hände reichen, um in
+Frieden und Freundschaft zu leben.
+
+Im Haag werden wir nicht beteiligt sein. Denn wir haben unsere
+Verhältnisse zum Osten geregelt. Wir werden die Arbeit der übrigen mit
+aufrichtigem Wohlwollen verfolgen. Wir werden die Tätigkeit, die wir
+schon in Genua ausgeübt haben, weiterhin ausüben, die Tätigkeit der
+Vermittlung, aber nur dann, wenn es gewünscht wird. Denn wir drängen uns
+niemand auf. In Genua hat man es gewünscht, und wir sind diesem Wunsch
+gefolgt. Wird es im Haag nicht gewünscht, so bleiben wir abseits. Wir
+wünschen von Herzen, dass die Staaten mit gutem Erfolg vom Haag
+heimkehren. Wir neiden niemand eine Verbindung. Wir wollen keine
+Monopole, kein Alleinrecht. Wir wollen nichts weiter, als dass die
+Verbindung zwischen Osten und Westen wiederhergestellt wird. Wir wollen,
+dass die Verbindung so hergestellt wird, dass auch wir dem östlichen
+Volk die Hand reichen. Wenn ich von diesem Handreichen spreche, so
+meine ich freilich nicht, dass wir uns einem Gedankenkreis verschreiben,
+der nicht der unsere ist. Russland lebt unter einem Wirtschaftssystem,
+das sich von dem unseren unterscheidet. Wir haben dieses
+Wirtschaftssystem nicht zu kritisieren. Vielleicht wird Russland es
+allmählich umgestalten. Wir glauben, dass es heute in voller
+Umgestaltung begriffen ist. Wir haben unseren Frieden geschlossen nicht
+mit einem System, sondern mit einem Volk, und wir haben ihn geschlossen
+durch die Menschen, die in diesem Augenblick dieses Volk vertreten.
+Welche Wirtschaft sie betreiben, bekümmert uns nicht. Wir werden ihnen,
+soweit wir können, und soweit sie es wünschen, wirtschaftlich zur Seite
+stehen, mit wirtschaftlicher Initiative, mit Erfahrung und Kenntnis des
+Landes, mit den organisatorischen Fähigkeiten des deutschen
+Wirtschaftsmanns, mit den Einsichten des deutschen Gelehrten. Wir werden
+uns ihnen weder verschliessen, noch aufdrängen, sondern wir werden sie
+nach ihrer Fasson selig werden lassen. Wir hoffen aufrichtig, dass sie
+sich zu einem Wirtschaftssystem fügen, das sich mit dem europäischen
+Wirtschaftssystem ergänzt. Wir selbst nehmen darauf einen Einfluss
+nicht.
+
+Das ist die Etappe von Genua. Die Etappe vom Haag liegt in der Zukunft.
+Nun noch ein Wort von derjenigen Etappe, die sich in diesem Augenblick
+abspielt: Die Etappe Paris. Die reifende Einsicht des Jahres 1921 haben
+wir überblickt. Es ist die Einsicht, die unter Politikern entstand. Zum
+erstenmal treten nunmehr in Paris Wirtschaftsmänner zusammen, Bankiers
+aus den europäischen und amerikanischen Staaten, und beraten über Dinge
+materieller Ordnung. Diese Dinge sind auf der einen Seite die
+Kreditwürdigkeit unseres Landes, auf der anderen Seite die
+Durchführbarkeit von Verträgen, auf der dritten Seite die Möglichkeit
+der Unterbringung von Anleihen. Eine Spannung hält die Welt in Atem:
+Welche Entscheidung wird getroffen werden? Ich glaube nicht, dass diese
+Entscheidung das Wesentliche ist. Mag es eine grosse oder eine kleine,
+oder mag es gar keine Anleihe sein. Gleichviel! Der Schritt, den dieses
+Komitee getan hat, kann nicht rückgängig gemacht werden. Dieser Schritt
+aber ist der bedeutendste in der wirtschaftlichen Einsicht der Welt seit
+1½ Jahren, denn er führt zu der Tatsache: Dasjenige, was im Londoner
+Ultimatum festgesetzt ist, ist undurchführbar, und damit ist der Kreis
+der Erkenntnis geschlossen. Damit hat das Experiment dieser
+schwierigsten aller europäischen Fragen, dieses gefahrvollste und
+tragischste Experiment seinen intellektuellen Abschluss gefunden. Auf
+die Frage des Ultimatums von 1921 erfolgt die Antwort der Kommission von
+1922. Die Frage lautet: Sind 132 Milliarden von Deutschland erhältlich?
+und die Antwort lautet: Nein. Ob nun diese Antwort sich besiegelt durch
+das praktische Mittel der oder jener Massnahme, der oder jener Anleihe
+scheint mir nicht entscheidend. In wenigen Tagen werden wir wissen, ob
+nun das praktische Resultat sich anschliesst dem Resultat der
+Erkenntnis. Das Resultat der Erkenntnis aber ist das entscheidende.
+
+Ueberblicken wir den Lauf dieses Jahres, vergegenwärtigen wir uns, wie
+auf die grosse Frage des Ultimatums immer klarer und deutlicher die
+negative Antwort emporwächst, so dürfen wir auf der anderen Seite die
+Kritik unseres Landes nicht unberücksichtigt lassen. Man ist nicht milde
+umgegangen mit unserer Politik dieses Jahres; der Herr Reichskanzler
+kann manches davon erzählen, und jeder einzelne von uns. Wir sind einer
+jeden Kritik zugänglich, die uns sagt, nicht so müsst ihr es machen,
+sondern anders. Aber niemand wird dem Staatsmann helfen und dem Lande
+nützen durch eine Kritik, die lediglich sagt, ganz anders hättet ihr es
+machen müssen, aber wie, das bleibt unser Geheimnis. Häufig ist uns
+gesagt worden: Politik des Widerstandes! Der bedeutendste und
+erfolgreichste Staatsmann Europas hat uns auf unsere Frage eine Antwort
+gegeben, als wir ihm sagten: Wir haben es in diesem Jahr erleben müssen,
+dass eine furchtbare Teuerungswelle über unser Land hereingebrochen ist,
+wir haben es erleben müssen, dass der Mittelstand die schwersten Leiden
+zu erdulden hat, wir haben es erleben müssen, dass die fremden
+Zahlungsmittel auf das Vielfache ihres Werts gestiegen sind. Es ist uns
+manchmal der Zweifel gekommen, ob wir unter diesen Umständen nicht
+hätten sagen sollen: Widerstand, es koste, was es wolle. Ich will die
+Worte nicht zitieren, die wir gehört haben, aber aufs Tiefste ist unsere
+Ueberzeugung besiegelt worden, dass die Politik, die wir trieben, die
+einzige gewesen ist, die es ermöglicht hat, während dieses schwersten
+Jahres des neuen Friedens die Einheit des Reiches zu erhalten. Keine
+andere Politik kann uns genannt werden, die das Gleiche ermöglicht
+hätte: Erhaltung der Einheit und des Bestandes. Die Bestrebungen, die
+uns bedrohten und bedrohen, beziehen sich nicht nur auf die Zerreissung
+des Landes, sie beziehen sich auch auf seine weitere Schmälerung,
+nachdem dieses Land durch den unglücklichsten aller Verträge schon so
+viel von seinem Boden und seinen Menschen verloren hat. Unser Land
+ungeschmälert zu erhalten, unser Land und Volk als Einheit zu erhalten,
+ist das Ziel, das wir erkämpfen. Wenn gesagt worden ist, das kleinere
+Uebel gegenüber gewissen Wirtschaftsgefährdungen sei die Neubesetzung
+von rheinischem Land durch fremde Truppen, so sagen wir: Nein, der
+Meinung sind wir nicht. Deutsches Land soll nicht hergegeben werden, die
+deutsche Einheit soll nicht gefährdet werden. Der Kanzler hat es Ihnen
+gesagt und ich möchte es wiederholen: Wehe uns, wenn wir die
+Vergangenheit unseres Volkes vergessen, wehe uns, wenn wir seine grosse
+Geschichte vergessen und das, was seine grosse Geschichte uns
+hinterlassen hat. Das bedeutet nicht, dass wir jedes einzelne billigen,
+was im Laufe der Generationen geschehen und geworden ist, aber es
+bedeutet, dass wir an dem grossen Vermächtnis festhalten, das das
+Endergebnis der modernen deutschen Geschichte bildet: die Vereinigung
+Deutschlands in seinen Stämmen. Dieser Einheit werden wir nachleben und
+ihr haben wir zu dienen. Vergessen wir nicht, was von vielen einzelnen
+und manchmal von Parteien vergessen wird, die zu glauben meinen, wir
+hätten den Krieg gewonnen. Nein, leider nicht. Diesen Krieg, den
+grössten aller Kriege, haben wir verloren. Vergessen wir nicht, was das
+bedeutet, und vergessen wir nicht aus unserer grossen Geschichte, was es
+bedeutet hat, wenn in früheren Zeiten Kriege verloren wurden, die nicht
+den zehnten Teil so schwer, so hart und gefahrvoll waren, als dieser
+Weltkrieg. Vergessen wir nicht, vor welchen Gefahren wir gestanden haben
+und vor welchen Gefahren wir stehen. Und wenn einmal in hundert Jahren
+die Geschichte dieser Epoche geschrieben werden wird, dann wird man mit
+Sorgfalt fragen: Wo wurden die ersten Fäden angeknüpft, wie war es
+möglich in einer Welt, die vergiftet war von Hass, auf einem Planeten,
+der zum Himmel flammte in gegenseitiger Rachsucht, wie war es möglich in
+dieser Welt der Zerstörung und der Zwietracht, die ersten Fäden zu
+fügen? Die Antwort wird sein: Das deutsche Volk hat sie gefügt durch
+seine Geduld, durch seine Tatkraft, durch seinen positiven Willen, durch
+seinen Idealismus, durch seinen Opfersinn. Das wird das Urteil der
+Weltgeschichte über diese Epoche sein, die wir durchleben. Mag die
+Kritik des Tages uns verlästern: wir glauben aus tiefster Ueberzeugung,
+dass es keinen anderen Weg gibt, als den, den wir beschritten haben, um
+die deutsche Einheit in die Zukunft zu retten und für alle Zeit zu
+stabilisieren. Dass wir daneben nicht passiv gewesen sind während der
+ganzen Dauer dieses Jahres, haben wir Ihnen dargelegt. Zweifellos ist
+es, dass, wenn ein Volk leben soll, es nicht leben kann lediglich in
+einer einzigen Eigenschaft, in der Eigenschaft als Schuldner. Es muss
+sich wieder bewegen, es muss neue Kräfte sammeln, es muss seiner
+Wirtschaft neue Anknüpfungen bieten, es muss den Geist auf neue Probleme
+lenken. Deswegen glaube ich, dass unsere Politik darin nicht versagt
+hat, wenn sie den Versuch gemacht hat, wieder zu einer Aktivität zu
+kommen.
+
+Hiermit verlasse ich das Gebiet der praktischen Politik. Die praktische
+Politik dieses Jahres haben wir durchlaufen. Sie war nicht verloren. Der
+Krieg war zu schwer und die Zeit von drei Jahren ist sub specie
+saeculorum zu kurz, um ein neues Reich an die Stelle des verlorenen
+alten zu setzen. Aber wenn wir einheitlich bleiben, wenn wir die
+Gegensätze, die uns trennen, zurückstellen in dem Augenblick, wo die
+grossen Idealfragen unseres Landes zur Sprache kommen, -- denn was trennt
+uns? Interessen und Konventionen trennen uns, und über Interessen kann
+man hinweg und über Konventionen soll man hinweg, soweit man nicht
+Kräfte und Ideale aus ihnen schöpfen kann -- wenn wir über den großen
+Fragen, die uns einen, die Fragen vergessen, die uns trennen, so werden
+wir imstande zu einer einheitlichen Aussenpolitik sein. Gestatten Sie es
+einem rein praktischen Politiker, gestatten Sie es demjenigen, dem die
+Aufgabe obliegt, gerade in diesem Augenblick das Werk der Verträge, das
+Werk der Beziehungen zu pflegen, gestatten Sie in diesem Augenblick das
+Wort auszusprechen: Nicht Verhandlungen machen uns gesund und nicht
+Verträge, sondern die Gesundheit eines Volkes kommt nur aus seinem
+inneren Leben, aus dem Leben seiner Seele und seines Geistes. Dieses
+Leben ist gefährdet, aber es ist nicht zu Tode getroffen. Es gibt
+vieles, was unser seelisch-geistiges Leben schädigt -- ich brauche nur
+an das zu erinnern, was wir in unseren grossen Städten und an anderen
+Stellen im Lande sehen --, aber unser seelisch-geistiges Leben ist in
+seinen Tiefen gesund. Noch immer lebt dieser Wille zur Arbeit, zur
+Disziplin, zur Organisation, zur Forschung, noch immer lebt der Wille
+zur Hingebung und zum Opfer, zur Betrachtung der Erscheinung im grossen
+Bogen der Synthese und Zusammenfassung; noch immer sind die grossen
+Kräfte des Geistes und Herzens ungebrochen und unberührt. Unserer Jugend
+haben wir diese Kräfte zu übergeben, sie ist die Trägerin und Pflegerin
+dieser Kräfte, und wir wollen hoffen, dass sie diese grösste und
+schwerste Verantwortung der Gegenwart erfüllt. Manches wird sie in
+diesem Fall abzustreifen haben, denn nicht aus dem Kampfe des Tages
+erwachsen diese Kräfte; diese Kräfte erwachsen aus der Versenkung und
+Vertiefung. Deswegen lassen wir unsere Jugend nicht untergehen in den
+Kämpfen des Tages, weisen wir sie hin auf die grossen Ideale der
+Vergangenheit und führen wir sie zu den Idealen der Zukunft.
+
+Ich glaube, daß ein solcher Hinweis auf das Gebiet des Geistes in Ihrem
+Lande verstanden werden muss. Wenn wir aus dem Norden zu Ihnen kommen,
+wenn wir diese bekränzte Stadt erblicken, so geht uns das Herz auf. Der
+grösste aller grossen schwäbischen Sänger hat das unsterbliche Wort
+gedichtet: O heilig Herz der Völker, o Vaterland! Dieses heilige Herz
+fühlt man nirgends stärker pochen als in Ihrem beseeligenden und schönen
+süddeutschen Gau. Als ich heute nachmittag auf der Suche nach dem, was
+ich einer erlauchten Versammlung würde sagen dürfen, durch die Wälder
+fuhr, die grüngolden Ihre Stadt umsäumen, da habe ich es in der Tiefe
+des Herzens empfunden: diese ehrwürdigen Buchen werden von ihren Hügeln
+noch einmal herniederblicken auf eine freie glückliche Stadt. Und als
+ich dann zu jenem Gipfel kam, der von einem kleinen Schlösschen gekrönt
+ist, das Solitude heisst, wo ein unendlicher Fernblick über das Land
+nach Norden sich auftut und das Auge versinkt in der blauen Ferne, da
+habe ich, wie lange nicht, das Gefühl erlebt: von dieser Stelle aus wird
+man nicht nur in eins der schönsten, nein, auch in eins der
+glücklichsten Länder blicken, in einer Zukunft, die unsere Nachfahren
+erleben werden. Wir aber, die wir vom Norden kommen, aus Staub und
+Nebel, von harter Arbeit und schwerer Verantwortung, uns ist es ein
+Dank und eine Freude, wenn wir an diesem heissen Busen Ihres Landes für
+Tage oder für Stunden Gesundheit, Freude und Hoffnung trinken können.
+Deswegen gewähren Sie uns diese Gastfreundschaft, so oft wir zu Ihnen
+kommen, und kommen Sie zu uns, um das Band zwischen Nord und Süd zu
+flechten, zu unauflöslicher und ewiger Dauer.
+
+
+
+
+REDE, GEHALTEN AM 13. JUNI 1922
+IN BERLIN, IN DER
+DEUTSCHEN GESELLSCHAFT VON 1914
+
+
+Der Anlaß, der uns heute zusammenführt, ist das unmittelbar
+bevorstehende Erscheinen der ersten sechs Bände aus den diplomatischen
+Akten des Auswärtigen Amtes. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses liegt
+für jedermann klar zutage.
+
+Ueber den wissenschaftlichen Wert der ganzen Publikation werden berufene
+Gelehrte zu urteilen haben. Es handelt sich jedoch bei dem Werke, dessen
+erster Abschnitt jetzt abgeschlossen vorliegt, nicht nur um eine Arbeit
+im Dienste der Wissenschaft, nicht nur um einen unschätzbar wertvollen
+Beitrag zur Kenntnis der europäischen Geschichte der letzten Jahrzehnte,
+sondern es handelt sich zugleich um eine ethische Tat des deutschen
+Volkes, über deren Inhalt ich einiges sagen möchte.
+
+Wie kam die Aktensammlung zustande? Die Vorgeschichte lässt sich mit
+wenigen Worten berichten: Vor ungefähr zwei Jahren fasste die deutsche
+Regierung den Beschluss, das gesamte Material über die deutsche Politik
+vor dem Weltkriege der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Sie wurde dabei
+von dem Gedanken geleitet, dass von unserer Seite alles bekannt gegeben
+werden sollte, was zur Aufklärung über die Entstehung der grossen
+Katastrophe von 1914 dienen kann. Die ängstlich überwachten Schranken
+des diplomatischen Geheimnisses sollten umgestossen, die verschwiegenen
+Siegel sorgfältig verborgengehaltener Dokumente gebrochen, und
+rückhaltlos sollten die in den Archiven des Auswärtigen Amtes ruhenden
+Akten ans Licht des Tages gezogen werden. Der Entschluss wurde zur
+Wirklichkeit. Drei Gelehrte, deren einwandfreie Sachlichkeit als
+zweifellos dasteht, wurden mit der Lösung der grossen Aufgabe betraut,
+und heute legen sie uns den verheissungsvollen Anfang ihrer mühevollen
+Tätigkeit vor, für die Deutschland ihnen tiefen Dank schuldet.
+
+Die kurze Vorgeschichte, die ich hier skizziert habe, zeigt, dass über
+dem ganzen Werke eigentlich als Motto die Worte stehen sollten: Im
+Dienste der Wahrheit. Denn das ist in der Tat das Leitmotiv, das ihm
+zugrunde liegt. Das deutsche Volk will an seinem Teile die ganze
+Wahrheit über die Genesis des Weltkrieges enthüllen. Es erscheint ihm
+dies nicht nur für das eigene Gewissen und aus einem wohlverstandenen
+Nationalgefühl heraus notwendig, sondern auch für die ganze Menschheit.
+Wir wissen alle, dass seit dem Weltkrieg die dunklen Mächte des Hasses,
+der Verdächtigung, des Misstrauens, der Anklage und der Beschuldigung
+die internationale Atmosphäre vergiften. Wir Deutsche haben es ganz
+besonders stark erfahren müssen, dass diese dunklen Mächte in das
+Getriebe der Politik bestimmend eingegriffen haben und ihre bösen
+Wirkungen, die uns im Weltkrieg in furchtbarer Deutlichkeit vor Augen
+traten, auf diese Weise zu verewigen drohen. Das gerade ist es, was im
+Namen der Menschheit verhütet werden muss.
+
+Man spricht heute -- und mit vollem Recht -- überall von der grundlegenden
+Bedeutung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus von Europa. Hand in Hand
+damit muss aber eine vielleicht noch schwerere und sicher nicht minder
+wichtige Aufgabe gelöst werden, die ich den geistigen Wiederaufbau
+Europas nennen möchte. Und sie besteht in der allmählichen Ueberwindung
+eben jener Mächte des Hasses, der Verdächtigung, des Misstrauens, der
+Anklage und der Beschuldigung, die ich oben erwähnt habe. Das Bestreben
+der Besten muss darin bestehen, dass wir in Europa wieder reine Luft
+atmen können, eine Luft, die befreit ist von jener dumpfen Schwüle, die
+seit dem Kriege und auch mehrere Jahre vorher schon geherrscht hat.
+
+Es ist klar, daß dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn jeder
+rücksichtslos mit sich selbst ins Gericht geht, um dadurch einen Beitrag
+zu der gewaltigen Aufgabe des geistigen Wiederaufbaus zu leisten.
+
+Das deutsche Volk, das durch das Diktat von Versailles auf die
+Anklagebank gezwungen wurde, hat mit dem Werke, das nun zu erscheinen
+beginnt, den Anfang gemacht. Es hat es verschmäht, seine Geheimnisse zu
+verstecken und hat seinen restlosen Willen zur Wahrheit bekundet.
+
+Die ersten sechs Bände bilden ein Ganzes für sich. Sie behandeln die
+Zeit von 1870 bis 1890, also jene Epoche, während deren die Leitung der
+politischen Geschicke des deutschen Volkes in der Hand des ersten
+Reichskanzlers, Fürst Otto von Bismarck, lag. Damals stand Deutschland
+auf der Höhe der Macht, und wir sehen aus den veröffentlichten Akten,
+dass es diese Macht niemals missbraucht hat, um den Frieden in Europa zu
+gefährden, sondern dass es sie im Gegenteil dazu verwandte, um ihn
+überall, wo es möglich erschien, zu erhalten. Das ganze Bündnissystem
+Bismarcks war auf diesem Grundgedanken aufgebaut und bietet, unter
+diesem Gesichtspunkt betrachtet, das Bild eines einheitlichen
+Kunstwerkes. Das ist eine Feststellung, die jeder objektive Leser machen
+wird, und wir können uns im Hinblick auf sie nur wünschen, dass die
+Wahrheit, der wir als Tribut entrichten, was uns zur Verfügung steht,
+sich unaufhaltsam Bahn bricht und allmählich alle Hindernisse beseitigt,
+die sich ihr heute noch in den Weg stellen.
+
+Der Weg der Wahrheit ist lang. Er ist um so länger, als ein Mangel an
+europäischem Interesse die Fragen, die uns Lebensfragen sind, als
+gelöst, das Urteil der Geschichte als gesprochen anzusehen sich gewöhnt
+hat. Ein Urteil kann nur gesprochen werden von einem vollgültigen
+Tribunal. Unser Suchen und Werben um Wahrheit aber wird nicht ruhen, bis
+im Namen der Geschichte ein befugtes Tribunal seinen Spruch gefällt hat.
+
+
+
+
+
+REDE
+VOR DEM REICHSTAGE
+AM 21. JUNI 1922
+
+
+Die Interpellation Stresemann[1] habe ich die Ehre wie folgt zu
+beantworten:
+
+Unter dem Ausdruck »Neutralisierung« kann man zwei rechtlich völlig
+verschiedene Begriffe verstehen. Soweit darunter zu verstehen ist das
+Verbot für Deutschland, innerhalb der Rheinlande ständig oder zeitweise
+militärische Streitkräfte zu unterhalten oder zu sammeln oder daselbst
+Befestigungen beizubehalten oder anzulegen, so hat die dahingehende
+Forderung bereits in den Art. 42 und 43 des Vertrages von Versailles
+ihre Verwirklichung gefunden.
+
+Sollte unter der Neutralisierung der Rheinlande die Schaffung eines
+neutralen Pufferstaates verstanden werden, so ist dem entgegenzuhalten,
+dass die Rheinlande auch nach dem Vertrage von Versailles ein
+integrierender Bestandteil des Deutschen Reiches und des preussischen
+Staates geblieben sind. Der Vertrag von Versailles enthält in der langen
+Reihe seiner Artikel nicht eine Bestimmung, auf die sich irgendeine
+Signatarmacht dieses Vertrags bei Erhebung einer dahingehenden Forderung
+stützen könnte. Eine solche Forderung könnte also nur unter
+Vertragsbruch verwirklicht werden. Bisher ist noch von keiner Seite ein
+Ansinnen dieser Art an die deutsche Regierung herangetreten. Auch sonst
+liegen der deutschen Regierung, abgesehen von unbeglaubigten
+Zeitungsmitteilungen, keine Nachrichten vor, die auf eine derartige
+Absicht schliessen lassen könnten.
+
+Namens der Reichsregierung habe ich die Erklärung abzugeben, dass sie
+niemals für irgendwelche Zugeständnisse, und mögen sie noch so gross
+sein, dafür zu haben ist, das Rheinland, das während der Besatzungszeit
+so oft seinen unerschütterlichen Willen zum Festhalten am angestammten
+Vaterland bewiesen hat, preiszugeben oder seinen Bestand schädigen zu
+lassen.
+
+
+Die Interpellation Lauscher[2] bezüglich der Eisenbahnen habe ich die
+Ehre, wie folgt zu beantworten:
+
+Am 25. Mai hat die Botschafterkonferenz eine von dem französischen
+Ministerpräsidenten unterzeichnete Note an die deutsche Regierung
+gerichtet, in der sie die sofortige Einstellung einer Reihe im Gang
+befindlicher Bahnbauten sowie die allmähliche Beseitigung gewisser
+Eisenbahnanlagen im linksrheinischen Gebiet verlangt. Sie stützt diese
+Forderungen auf Art. 43 des Vertrages von Versailles, der die
+Beibehaltung aller materiellen Vorkehrungen für eine Mobilmachung in
+jenen Gebieten untersagt. Die Botschafterkonferenz vertritt den
+Standpunkt, dass die Bahnlinien, deren Einstellung sie fordert,
+strategische Linien und die Anlagen, deren Zerstörung sie verlangt,
+militärische Anlagen seien. Sie hat es für nötig gehalten, mit
+besonderem Nachdruck zu betonen, dass alle in ihr enthaltenen
+Entscheidungen auf Grund eingehender Untersuchungen so getroffen seien,
+dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des rheinischen
+Eisenbahnnetzes durch sie in keiner Weise vermindert wird. Die
+Botschafterkonferenz stellt ferner »mit Genugtuung« fest, dass die
+Einstellung der im Gang befindlichen Arbeiten es Deutschland erlauben
+werde, die dafür ausgeworfenen bedeutenden Ausgaben zu ersparen und
+damit seine finanzielle Lage zu verbessern.
+
+So lebhaft die deutsche Regierung jede Gelegenheit begrüsst, die
+Finanzen Deutschlands zu heben, so vermag sie doch die Genugtuung der
+Botschafterkonferenz über die ihr gebotene Möglichkeit nicht zu teilen.
+
+Denn einmal übergeht die Botschafterkonferenz mit Stillschweigen, dass
+über den Ersparnissen, die sich aus der Einstellung der im Gang
+befindlichen Arbeiten ergeben, Hunderte von Millionen an Ausgaben
+stehen, die für die geforderten Zerstörungsmassnahmen völlig unproduktiv
+aufgewendet werden müssen.
+
+Zweitens trifft die Annahme der Note, dass es sich bei den
+einzustellenden Arbeiten und den zu beseitigenden Anlagen
+ausschliesslich um militärische, für die deutsche Wirtschaft
+gleichgültige Einrichtungen handele, in keiner Weise zu.
+
+Die deutsche Regierung weiss, dass der Vertrag von Versailles ihr
+verbietet, im besetzten Gebiet irgendwelche ständigen Vorkehrungen zu
+unterhalten, die dem Zweck der Mobilmachung zu dienen bestimmt sind. Sie
+beabsichtigt nicht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen und sie wird
+die vorhandenen Anlagen, soweit sie wirklich militärischer Natur sind,
+pflichtgemäss zerstören lassen, soweit dieses Verlangen allen
+ökonomischen Erwägungen zum Trotz aufrechterhalten werden sollte. Dass
+sie nicht daran denkt, neue Anlagen dieser Art zu schaffen oder
+begonnene fortzuführen, ist angesichts der deutschen Finanzlage und der
+ganzen politischen Situation eine einfache Selbstverständlichkeit.
+
+Dagegen ist die deutsche Regierung weder nach dem Buchstaben noch nach
+dem Sinne des Versailler Vertrages verpflichtet, Einrichtungen, die für
+die gesunde wirtschaftliche Entwicklung des Rheinlandes zweckmässig und
+notwendig sind, nur deshalb zu zerstören oder unausgeführt zu lassen,
+weil die Botschafterkonferenz glaubt, dass sie eine etwaige Mobilmachung
+erleichtern.
+
+Der Art. 43 richtet sich gegen die Vorbereitung eines Krieges. Er gibt
+den alliierten Regierungen kein Recht, störend und zerstörend in eine
+auf verständigen Grundsätzen aufgebaute Verkehrspolitik einzugreifen.
+Soweit das durch die Forderungen der Botschafterkonferenz geschieht,
+wird die deutsche Regierung diese Forderungen mit allem Nachdruck
+bekämpfen. Sie wird den alliierten Regierungen den Beweis liefern, dass
+die verlangten Massnahmen den betroffenen Gebieten schwere
+wirtschaftliche Nachteile zufügen, dass sie die Entwicklung nicht nur
+des Verkehrs, sondern zahlreicher für Deutschland lebenswichtiger
+Wirtschaftszweige hindern und so die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
+Deutschlands keineswegs erhöhen, sondern stark beeinträchtigen würden.
+Von ganz besonderem Einfluss auf die Entschliessung der aliierten
+Regierungen sollte es sein, dass einzelne der beanstandeten Anlagen
+gerade dazu dienen sollen, die schnelle und pünktliche Ablieferung der
+Reparationskohle zu erleichtern.
+
+Die Prüfung der einzelnen Forderungen der Note, die von den deutschen
+Behörden mit der grössten Sorgfalt vorgenommen wird, ist noch nicht
+abgeschlossen. Schon jetzt lässt sich aber mit Gewissheit sagen, dass
+die Entschliessung der Botschafterkonferenz, soweit sie sich mit den
+Linien Mörs--Geldern, Osterath--Dernau und Ehrang--Koblenz befasst,
+überwiegend von unrichtigen Voraussetzungen ausgeht.
+
+Das gleiche gilt für eine grosse Anzahl der übrigen Punkte der Note, was
+sich zum Teil vielleicht daraus erklärt, dass den Verfassern die
+Entwicklung, die die Wirtschaft des Rheinlandes seit Beendigung des
+Krieges genommen hat, noch nicht bekannt geworden ist.
+
+Die deutsche Regierung zweifelt nicht daran, dass die Aufklärung, die
+sie den alliierten Regierungen in aller Offenheit und Ehrlichkeit bieten
+wird, zu einer Aufgabe der jetzt erhobenen unberechtigten Forderungen
+führen wird. Die ohnehin so schwer unter dem Drucke der Besatzung
+leidende rheinische Bevölkerung mag gewiss sein, dass kein Mittel
+unversucht bleiben wird, um ihr neue grundlose Schädigungen zu ersparen.
+
+
+Die dritte Interpellation[3] erlaube ich mir wie folgt zu beantworten:
+
+Ueberblickt man die Versailler Regelung für das Saarbecken, so drängt
+sich am stärksten ihre Kompliziertheit auf. Man vergegenwärtige sich nur
+folgendes: Das Land ist deutsch, die Bewohner sind Deutsche, die
+Verwaltung liegt in der Hand des Völkerbundes, die Gruben sind Eigentum
+des französischen Staates und das Zollsystem ist das französische. Das
+ergibt ein so vielfaches Durchschneiden und Ueberschneiden der
+Kompetenzen, dass es in der Praxis zu kaum mehr lösbaren Schwierigkeiten
+führt.
+
+Auf die Frage, was das Saargebiet seiner juristischen Natur nach ist,
+dürften die Juristen die Antwort schuldig bleiben. Die Geschichte hat
+ein so seltsames Gebilde noch nicht gesehen. Dies hat begreiflicherweise
+eine grosse Belastung der beteiligten Behörden -- und zwar nicht nur
+unserer -- zur Folge, und im letzten Grunde ist der Leidtragende dabei
+immer die Bevölkerung.
+
+Politisch springt vor allem die Entrechtung der Bevölkerung in die
+Augen. Gewisse, nicht immer genügend klar gefasste Bestimmungen
+gewährleisten ihr zwar einige selbstverständliche Grundrechte, von denen
+bezeichnenderweise das Recht des freien Abzuges am deutlichsten
+ausgestaltet ist.
+
+Von der Mitbestimmung an ihrem Geschick ist sie aber so gut wie
+ausgeschlossen. In dem Fünfmännerkollegium, das sie regiert, befindet
+sich nur einer aus ihrer Mitte, und auch auf die Ernennung dieses einen
+hat sie keinen Einfluss.
+
+Die Regierungskommission hat Befugnisse, die weit über das hinausgehen,
+was im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus die Regel war. Gewiss ist
+sie dem Völkerbund verantwortlich. Ob aber diese Verantwortlichkeit
+denselben praktischen Wert hat wie eine Verantwortlichkeit gegenüber
+einer Volksvertretung, müsste erst noch bewiesen werden. Die Betrauung
+des Völkerbundes mit dieser absolutistischen Mission ist überhaupt für
+jeden, der einen wahren Völkerbund errichtet zu sehen wünscht, tief
+bedauerlich. Die Idee des Völkerbundes wird dadurch entwürdigt.
+
+Es ist kein Trost, dass dieses Regime auf 15 Jahre beschränkt sein soll.
+Denn 15 Jahre sind eine lange Zeit, und an ihrem Ende steht die
+Volksabstimmung. Nichts ist selbstverständlicher, als dass diese
+Abstimmung während der 15 Jahre die Interessen der Bevölkerung
+überragend beherrscht. Wir alle wissen ferner aus den Beispielen anderer
+deutscher Grenzgebiete, besonders Oberschlesiens, was eine
+Abstimmungszeit für die Bevölkerung bedeutet. Im Saargebiet soll diese
+Zeit 15 Jahre dauern, und wenn auch dort die Verhältnisse insofern
+günstig liegen, als der Bevölkerung fremdsprachige Elemente fehlen, so
+bedeutet es doch für sie ein überaus hartes Los und eine schwere Probe,
+15 Jahre lang unter der Ungewissheit ihres endgültigen nationalen
+Geschickes leben zu müssen.
+
+Ich wende mich zu der Frage, wie sich das geschilderte System bisher
+bewährt hat.
+
+Das Wirtschaftsleben des Landes bietet kein erfreuliches Bild. Hier
+wirken verschiedene Umstände zusammen: die künstliche Trennung der
+Kohlenwirtschaft von dem übrigen Wirtschaftsleben, die neue Zollinie und
+endlich die Einführung des Franken. Das Mass, in dem der Frank im
+Saarbecken umläuft, ist nach Ansicht der Regierung vertragswidrig, denn
+der Vertrag räumt der französischen Münze nur die Stellung eines
+zugelassenen Umlaufgeldes neben der Mark ein. Die Regierungskommission
+hat ihr aber bei Post und Eisenbahn die Eigenschaft als Währungsgeld
+unter Ausschaltung der Mark verliehen und später trotz dringenden
+Abratens aller Sachverständigen ihren Umlauf noch erweitert.
+Wirtschaftlich widerspricht diese Abänderung der Währungsverhältnisse
+der Grundstruktur des Wirtschaftslebens. Das Land hat nun einmal seinen
+natürlichen Absatzmarkt in Deutschland und kann dafür anderswo,
+namentlich in Frankreich, um so weniger ausreichenden Ersatz finden, als
+seine Hauptindustrie, die Eisenindustrie, im Westen als unliebsamer
+Konkurrent empfunden und bekämpft wird. Wenn also die Industrie des
+Saarbeckens auf den deutschen Markt angewiesen ist und daher vorwiegend
+Markeinnahmen hat, so muss sie notwendigerweise in schwere Bedrängnis
+geraten, sobald sie bei sinkendem Markkurse ihre Hauptausgaben -- nämlich
+Löhne, Kohlen, Erze, Frachten -- in Franken leisten muss. Die Tatsachen
+haben dies reichlich bewiesen. Das Land hat schon verschiedene schwere
+Krisen durchgemacht, die noch schärfer verlaufen wären, wenn nicht
+grosse industrielle Werke von ihren Niederlassungen im übrigen
+Deutschland einen Ausgleich hätten schaffen können. Erfreulicherweise
+haben auch verschiedene deutsche Wirtschaftsorganisationen der
+schwierigen Lage des Saarbeckens volles Verständnis entgegengebracht. In
+diesem Zusammenhang kann ich auch erwähnen, dass die Reichsregierung im
+Einverständnis mit Preussen und Bayern die Belieferung des Saargebiets
+mit Waren zu deutschen Inlandspreisen und mit deutschen Lebensmitteln
+sich angelegen sein lässt. Es sind hierbei allerdings beträchtliche
+Schwierigkeiten zu überwinden, und es könnte ein Zeitpunkt kommen, in
+dem wir gegen unseren Willen diese Massnahmen aufheben müssten. Doch
+hoffen wir, dass wir nicht vor diese Zwangslage gestellt sein werden.
+Alles in allem trägt das Wirtschaftsleben des Saarbeckens eine
+spezifische Unstabilität als hervorstechendstes Merkmal an sich.
+
+Wenn ich endlich zu der politischen Entwicklung übergehen darf, so muss
+ich zu meinem Bedauern hier feststellen, dass die Regierung des
+Saarbeckens von der den Völkerbund vertretenden Kommission nicht in der
+Weise geführt wird, wie es erwartet werden dürfte. Bekanntlich soll der
+Völkerbund die Regierung des Saarbeckens als Treuhänder führen. Eine
+solche treuhänderische Verwaltung darf nicht einen der beiden an dem
+endgültigen Besitz des Landes interessierten Staaten bevorzugen. Leider
+ist dies aber der Fall. Dass heute noch französische Truppen in
+beträchtlicher Zahl sich im Lande befinden, ist eine nicht
+abzustreitende Vertragswidrigkeit; denn nach dem Vertrag soll nicht
+Frankreich, sondern die Regierungskommission für Aufrechterhaltung von
+Ruhe und Ordnung sorgen, und nur durch eine örtliche Gendarmerie. Diese
+Gendarmerie ist zwar errichtet worden, jedoch nur in bescheidenem
+Umfange, angeblich wegen Geldmangels. Neben ihr steht aber noch eine
+französische Gendarmerie. Wie deren Existenz gerechtfertigt werden kann,
+ist mir unerfindlich. Denn der Vertrag sagt mit der denkbar grössten
+Klarheit, dass »nur eine örtliche Gendarmerie« eingerichtet werden soll.
+Uebrigens liegen Nachrichten vor, dass die französische Gendarmerie die
+Aufgabe hat, unter anderem über die Notabeln und gewisse andere
+Persönlichkeiten Listen zu führen, vertrauliche Beobachtungen in
+politischen Angelegenheiten anzustellen, die politische Gesinnung der
+Beamten zu überwachen und die Berichte der Zivilbehörden unauffällig zu
+kontrollieren.
+
+Auch die Errichtung der französischen Kriegsgerichte, die sogar durch
+eine besondere Verordnung erfolgt ist, widerspricht dem Vertrag, da
+dieser keine anderen Gerichte beibehalten wissen will als die früher
+bestehenden und ein neu zu errichtendes Obergericht.
+
+Mit Recht hebt ferner die Interpellation die Vertragswidrigkeit der im
+Herbst 1920 anlässlich der Arbeitseinstellung der Beamtenschaft
+erfolgten Massenausweisungen hervor. Diese entbehrten jeder
+Rechtsgrundlage und warfen die Bevölkerung zurück in die trübsten Zeiten
+der Herrschaft des Waffenstillstandsabkommens. Nach längerer Zeit sind
+allerdings diese Ausweisungen rückgängig gemacht worden.
+
+Die Regierungskommission hat ferner die Wahrnehmung der
+Auslandsinteressen der Bewohner der französischen Regierung übertragen.
+In formaler Hinsicht kann hiergegen kaum etwas eingewendet werden, da
+eine besondere Bestimmung des Vertrages der Regierungskommission freie
+Hand gibt. Es liegt jedoch auf der Hand, wie widersinnig es ist, dass
+deutsche Staatsangehörige im Auslande von Frankreich vertreten werden.
+Ausserdem ergeben sich hieraus allerlei praktische Schwierigkeiten. Die
+Regierungskommission hat uns sogar zugemutet, die Wahrnehmung der
+Interessen der deutschen Saarbewohner in Deutschland selbst durch
+Frankreich anzuerkennen. In diesem Punkt hat jedoch die Reichsregierung
+mit aller Entschiedenheit widersprochen, da das Saargebiet dem übrigen
+Deutschland gegenüber nicht Ausland ist. Wenn übrigens die Bewohner des
+Saargebiets ein Anliegen an deutsche Behörden haben, so wissen sie schon
+selbst den Weg zu ihnen zu finden und denken am allerwenigsten an eine
+Vermittlung durch französische Vertreter.
+
+Eine Frage von besonderer Wichtigkeit ist die Schaffung des seltsamen
+Begriffes »Saareinwohner«. Während der Versailler Vertrag den Bewohnern
+des Saargebiets ihre bisherige Staatsangehörigkeit belassen hat, was
+nicht anders als dahin verstanden werden kann, dass auch die mit der
+Staatsangehörigkeit verbundenen Rechte ihnen gewahrt bleiben sollen, hat
+die Regierungskommission durch Schaffung des Begriffes »Saareinwohner«
+und durch Uebertragung aller politischen Rechte auf diesen Begriff der
+Staatsangehörigkeit der Bewohner tatsächlich so gut wie jeden Inhalt
+genommen und mit dem neuen Begriff zwar nicht dem Worte nach, wohl aber
+der Sache nach eine Art besonderer saarländischer Staatsangehörigkeit
+geschaffen. Nach Ansicht der Reichsregierung ist hiermit eine der
+Grundlagen der vertraglichen Regelung über das Saargebiet umgestossen.
+
+In ähnlicher Richtung liegt eine Anzahl von Massnahmen der
+Regierungskommission, die das Ziel verfolgen, das Saargebiet dem
+übrigen Deutschland gegenüber als Ausland erscheinen zu lassen, obwohl
+doch unmöglich bestritten werden kann, dass das Saargebiet nach wie vor
+einen Teil des Reiches bildet. Es mag zwar im einzelnen schwierig sein,
+bei der besonderen Verwaltungsorganisation für das Saarbecken aus diesem
+Grundsatz heraus immer zu praktisch brauchbaren Ergebnissen zu gelangen.
+Wenn aber die Regierungskommission dieser Schwierigkeiten dadurch Herr
+zu werden sucht, dass sie kurzerhand erklärt, alles Gebiet ausserhalb
+des Saargebiets sei als Ausland zu betrachten, so ändert sie den Vertrag
+wiederum in einer seiner Grundlagen ab.
+
+Auch auf dem Gebiete des Schulwesens sind Vertragswidrigkeiten
+festzustellen. Dem französischen Staat hat die Regierungskommission auf
+diesem Gebiet Rechte eingeräumt, die weit über das vertraglich
+vorgesehene Mass hinausgehen. Auch die Einführung des französischen
+Sprachunterrichts in den Volksschulen und allerlei, zum Teil als
+Experimentieren zu bezeichnende recht wesentliche Reformen auf dem
+Gebiet des Schulwesens stehen nicht im Einklang mit dem Vertrage; denn
+dieser sieht in absoluter Form die Beibehaltung des bisherigen
+Schulsystems vor, und ich glaube, dass dies eine der wenigen
+Bestimmungen ist, die innere Berechtigung hat, da gerade auf dem Gebiete
+des Schulwesens einer landesfremden Regierung schwerlich die Fähigkeit
+zugesprochen werden kann, das Schulwesen eines Landes auf eine seiner
+Eigenart gerecht werdende neue Grundlage zu setzen.
+
+Die Reichsregierung hat wegen all dieser und ähnlicher Massnahmen der
+Regierungskommission wiederholt beim Völkerbund Einspruch eingelegt.
+Bisher ist keinem Einspruch Folge gegeben worden. Der Völkerbund begnügt
+sich in der Regel damit, den Standpunkt der Regierungskommission für
+gerechtfertigt zu erklären. Zu ihrem Bedauern kann sich die
+Reichsregierung dem Eindruck nicht verschliessen, dass ihre
+Einspruchnoten beim Völkerbund nicht die gebührende Beachtung finden.
+Die gemachten Erfahrungen werden die Reichsregierung natürlich nicht
+hindern, sich mit ihren Beschwerden weiterhin an den Völkerbund zu
+wenden. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass der Völkerbund
+schliesslich doch die Ueberzeugung gewinnt, dass die Verwaltung des
+Saargebiets nicht in einem Geiste geführt wird, wie es gerade von einer
+Völkerbundskommission erwartet werden kann.
+
+Zu dieser Erwartung berechtigen die Reichsregierung namentlich auch die
+Schritte, die die Bevölkerung des Saargebiets selbst unternommen hat.
+Wiederholt hat sie in ausserordentlich eindrucksvollen Denkschriften und
+durch die Entsendung von Delegationen an den Völkerbund versucht, dessen
+Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die Mißstände im Saarbecken zu
+lenken, und ich glaube sagen zu können, dass die Schritte nicht ganz
+erfolglos geblieben sind.
+
+Inzwischen hat auch die Oeffentlichkeit ausserhalb Deutschlands dem
+Saarbecken mehr und mehr Interesse entgegengebracht, und in einer ganzen
+Anzahl von ausländischen Zeitungen hat sich eine ziemlich scharfe Kritik
+der Methoden der Völkerbundsregierung erhoben.
+
+Das Verhältnis der Bevölkerung des Saarbeckens zu der
+Regierungskommission hat sich überraschend schnell festgelegt. Es ist
+das typische Bild einer Fremdherrschaft! Die Bevölkerung sah der
+Regierungskommission zwar nicht mit grossen Hoffnungen, aber doch
+unvoreingenommen entgegen und musste sehr bald Enttäuschung über
+Enttäuschung erleben. Mit verschwindenden Ausnahmen wurden die leitenden
+Posten der Verwaltung mit Franzosen besetzt. Die französischen Truppen
+blieben, desgleichen die französische Gendarmerie und die französischen
+Kriegsgerichte. Französische Einrichtungen wurden da und dort
+eingeführt. Eine Anzahl alteingesessener Bewohner wurde ausgewiesen. Der
+Franken brachte wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten. Der
+französische Unterricht für die Volksschulen wurde dekretiert. Den
+Beamten wurde die Frankenbesoldung wider ihren Willen aufgezwungen.
+Endlich wurden beinahe in allen wichtigen Fragen die Gutachten der
+Kreis- und Bezirkstage bei der Abänderung von Gesetzen nicht
+berücksichtigt. All dies schuf begreiflicherweise eine Atmosphäre der
+Mißstimmung, die schliesslich die Kreis- und Bezirkstage veranlasste,
+die Begutachtung von Verordnungsentwürfen vollkommen abzulehnen.
+
+So stehen sich jetzt Regierung und Bevölkerung des Saargebiets ohne
+Vertrauen gegenüber, ein Zustand, der unzweifelhaft als äusserst
+ungesund anzusprechen ist. Dieser Zustand ist aber die leicht
+erklärliche Folge der Regierung eines Landes durch eine landfremde
+Kommission.
+
+Am 16. Juni 1919 haben unsere einstigen Gegner uns erklärt, sie hätten
+volles Vertrauen, dass die Einwohner des Saargebietes keinen Grund haben
+würden, die neue Verwaltung als eine ihnen ferner stehende zu
+betrachten, als es die von Berlin und München gewesen seien. Wenn irgend
+etwas durch die Tatsachen widerlegt worden ist, dann ist es dieser Satz!
+Gewiss: die Regierungskommission sitzt im Saargebiet selbst; in
+Wirklichkeit aber steht sie der Bevölkerung ferner, als wenn sie in
+einem anderen Erdteil ihren Sitz aufgeschlagen hätte. Allein die
+Verschiedenheit der Sprache bildet eine unüberbrückbare Kluft.
+
+Das Bild, das ich Ihnen in Vorstehendem vom Saarbecken entrollen durfte,
+ist kein erfreuliches. Als Deutsche aber können wir mit Stolz auf die
+Tatsache hinweisen, dass die Bevölkerung des Saargebietes in den
+schweren Jahren der Fremdherrschaft, von denen erst wenige
+vorübergegangen sind, sich um so fester zusammengeschlossen hat, um das
+zu wahren, was sie als ihr höchstes Gut betrachtet: ihr Deutschtum!
+Immer und immer wieder erhält die Reichsregierung und die
+Oeffentlichkeit aus dem Saarbecken Beweise bester deutscher Gesinnung.
+Ich stehe daher nicht an, zu erklären, dass die Deutschen an der Saar
+dem ganzen deutschen Volk Vorbild und Muster sind! Das deutsche Volk und
+die Reichsregierung wissen schon heute, was sie an der Bevölkerung des
+Saargebiets haben. Ihr muss ihr bestes Wollen und Können gelten in der
+Hoffnung auf den Tag, an dem auch äusserlich die Wiedervereinigung
+vollzogen wird.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Fußnote 1: Die _Interpellation #STRESEMANN# und Genossen_ ersuchte die
+Reichsregierung um Aufklärung über Gerüchte, die besagen, daß auf Grund
+einer Verständigung zwischen England und Frankreich die Besatzung in den
+Rheinlanden zurückgezogen, dafür aber als Sicherheit gegen einen Angriff
+des vollkommen wehrlosen Deutschlands die Rheinlande neutralisiert
+werden sollen, das heißt den Rheinlanden soll die Autonomie, angeblich
+im Rahmen des Deutschen Reichs, aber unter französischer Oberaufsicht
+und französischem militärischen »Schutz« verliehen werden. Es sollte
+also dem besetzten Gebiet das Schicksal des unglücklichen Saargebiets
+bereitet werden.]
+
+[Fußnote 2: Die _Interpellation #LAUSCHER# und Genossen_ fordert von
+der Reichsregierung Erklärungen über die am 30. Mai übergebene Note der
+Botschafterkonferenz der alliierten Staaten, die unter Berufung auf
+Artikel 43 des Vertrags von Versailles die Einstellung bzw. Zerstörung
+einer ganzen Reihe wirtschaftlich bedeutsamer Eisenbahnbauten innerhalb
+des zurzeit von den Alliierten besetzten rheinischen Gebiets verlangt.]
+
+[Fußnote 3: Die _Interpellation #MARX# und Genossen_ wünscht Aufklärung
+über die Stellung der Reichsregierung zu der Tätigkeit der vom
+Völkerbundsrat eingesetzten Regierungskommission im Saargebiet, die dem
+Versailler Vertrage, den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der
+Demokratie -- und dem Wesen des Völkerbunds widerspreche.]
+
+
+
+
+DIE WERKE VON WALTHER RATHENAU
+
+
+Zur Kritik der Zeit
+20. Auflage
+
+Zur Mechanik des Geistes
+11. Auflage
+
+Deutschlands Rohstoffversorgung
+39. Auflage
+
+Probleme der Friedenswirtschaft
+25. Auflage
+
+Von kommenden Dingen
+69. Auflage
+
+Streitschrift vom Glauben
+14. Auflage
+
+Vom Aktienwesen
+23. Auflage
+
+Die neue Wirtschaft
+54. Auflage
+
+Zeitliches
+25. Auflage
+
+An Deutschlands Jugend
+20. Auflage
+
+Nach der Flut
+15. Auflage
+
+Der Kaiser
+54. Auflage
+
+Der neue Staat
+18. Auflage
+
+Kritik der dreifachen Revolution -- Apologie
+14. Auflage
+
+Die neue Gesellschaft
+16. Auflage
+
+Was wird werden?
+14. Auflage
+
+Demokratische Entwicklung
+8. Auflage
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die
+Inhaltsübersicht des Anhangs wurde in das Hauptinhaltsverzeichnis am
+Anfang des Buches integriert. Kleinere Inkonsistenzen in der
+Schreibweise wurden prinzipiell beibehalten.]
+
+
+[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1922 by S. Fischer. The additional table of content
+of the appendix has been integrated into the main contents section at
+the beginning of the book. Minor inconsistencies in the original
+spelling have been maintained.]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA ***
+
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+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
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+file was produced from images generously made available
+by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at
+http://gallica.bnf.fr)
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+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+The Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Cannes und Genua
+ Vier Reden zum Reparationsproblem
+
+Author: Walther Rathenau
+
+Release Date: March 29, 2007 [EBook #20937]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA ***
+
+
+
+
+Produced by Irma Spehar, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+file was produced from images generously made available
+by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at
+http://gallica.bnf.fr)
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+</pre>
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+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>[Illustration: S. Fischer logo]</p> -->
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span></p>
+
+<p class="author">Walther Rathenau</p>
+
+<h1>CANNES<br />
+<span style="font-size: large">UND</span><br />
+GENUA</h1>
+
+<p class="subtitle">VIER REDEN ZUM<br />
+REPARATIONSPROBLEM<br />
+<span style="font-size: small">MIT EINEM ANHANG</span></p>
+
+<p class="publisher">1922<br />
+S. Fischer / Verlag / Berlin</p>
+
+<p class="copyright"><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>
+Erste bis f&uuml;nfte Auflage</p>
+
+<div class="quoteright"><p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>Das letzte schriftliche Wort des Ministers
+Rathenau an mich, das ich in der Aktenmappe
+im Auto des Ermordeten fand und das als
+Stichwort f&uuml;r eine Anweisung an mich dienen
+sollte, lautete: &raquo;Der Weg der Vernunft&laquo;.</p></div>
+
+<p><span class="dropcap">E</span>ine wunderbare F&uuml;gung lie&szlig; meinen hochverehrten
+Minister und unverge&szlig;lichen lieben Freund am
+Tage vor seiner sch&auml;ndlichen Ermordung die letzte
+Hand an die Herausgabe der vorliegenden vier gro&szlig;en
+Reden legen. Sie werden in dieser Zusammenstellung
+als eine Erinnerung und Mahnung der Mit- und Nachwelt
+noch einmal deutlich vor Augen f&uuml;hren, wie der
+Verewigte mit der ganzen Kraft und Tiefe seines ungew&ouml;hnlichen
+Intellekts bem&uuml;ht gewesen ist, die Welt
+auf den &raquo;Weg der Vernunft&laquo; zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Sie
+werden insbesondere f&uuml;r alle Zeit unvergessen machen,
+wie tief er die Not seines &uuml;ber alles geliebten deutschen
+Volkes empfunden hat und wie r&uuml;ckhaltlos er &#8211; unbeschadet
+aller ehrlichen Ausgleichsabsichten f&uuml;r
+das zerm&uuml;rbte Europa &#8211; seinen Empfindungen &uuml;ber
+die in der Weltgeschichte bisher unerh&ouml;rte Knechtung
+eines so gro&szlig;en Volkes Ausdruck verliehen hat.</p>
+
+<p>Um gerade unter diesem Gesichtspunkt wohl
+verstandenen nationalen Empfindens das Wirken
+Rathenaus erneut zu kennzeichnen und festzuhalten
+und in der Absicht, die von ihm als Au&szlig;enminister
+&ouml;ffentlich gehaltenen gro&szlig;en Ansprachen bei dieser
+Gelegenheit vollz&auml;hlig zu bringen, sind nachtr&auml;glich
+in einem besonderen Anhang seine drei letzten Reden
+angef&uuml;gt, die nach Genua eine weitere Periode seiner
+T&auml;tigkeit einleiteten.</p>
+
+
+<p class="signature">
+<span style="font-size: large">DR. H.&nbsp;F. SIMON</span><br />
+<span style="letter-spacing: 0.2ex;">Vortragender Legationsrat<br />
+im Ausw&auml;rtigen Amt und<br />
+Oberstleutnant a.&nbsp;D.</span>
+</p>
+
+<div class="clear">&nbsp;</div>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+
+<table class="toc">
+<caption><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>INHALT</caption>
+
+<tr><td><a href="#Cannes">Rede vor dem Obersten Rat der Alliierten in Cannes vom
+12. Januar 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_9">9</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#Reichstag19220307">Rede vor dem Hauptausschu&szlig; des Reichstages vom
+7. M&auml;rz 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_19">19</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#Reichstag19220329">Reichstagsrede vom 29. M&auml;rz 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_31">31</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#Genua">Rede vor der Vollversammlung der Genueser Konferenz
+vom 19. Mai 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_48">48</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#Anhang">Anhang</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_53">53</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#Stuttgart">Rede, gehalten am 9. Juni 1922 in Stuttgart, vor einem
+geladenen Kreis aller Parteien</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_55">55</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#Berlin">Rede, gehalten am 13. Juni 1922 in Berlin, in der
+Deutschen Gesellschaft von 1914</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_66">66</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#Reichstag19220621">Rede vor dem Reichstage am 21. Juni 1922</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_69">69</a></td></tr>
+</table>
+
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span><a name="Cannes" id="Cannes"></a>REDE VOR DEM<br />
+OBERSTEN RAT DER ALLIIERTEN<br />
+IN CANNES VOM 12. JANUAR 1922</h2>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+
+<p><span class="dropcap">N</span>amens der Deutschen Regierung danke ich Ihnen,
+da&szlig; Sie uns Gelegenheit gegeben haben, vor Ihnen
+zu erscheinen. Wir erkennen an, dass diese Konferenz
+neben ihren allgemeinen weltgeschichtlichen Aufgaben
+es sich zur Aufgabe gestellt hat, zu pr&uuml;fen, wie die deutschen
+Leistungen mit der deutschen Leistungsf&auml;higkeit in
+Einklang zu bringen sind. Die Deutsche Delegation wird
+ernsthaft bem&uuml;ht sein, alle gew&uuml;nschten Ausk&uuml;nfte r&uuml;ckhaltlos
+und wahrheitsgetreu zu geben. Sie ist dar&uuml;ber
+hinaus bereit, in dem von ihr geforderten Mass an den
+Aufgaben, die sich diese Konferenz gestellt hat, mitzuarbeiten.
+Auch der Franz&ouml;sischen Regierung danke ich
+f&uuml;r die freundliche Aufnahme in dieser Stadt, in der wir
+ihre G&auml;ste sind. Ich nehme an, dass es n&uuml;tzlich sein wird,
+wenn ich, um zeitraubende Verdolmetschung zu ersparen,
+mich in den weiteren Ausf&uuml;hrungen anderer Sprachen
+als der deutschen bediene, ohne dass damit f&uuml;r uns ein
+Pr&auml;judiz f&uuml;r den Gebrauch irgendeiner Sprache geschaffen
+werden darf.</p>
+
+<p>Es sind uns eine Reihe von Fragen gestellt worden. Die
+Fragen beziehen sich einmal auf den Umfang der von
+Deutschland zu bewirkenden Sach- und Geldleistungen,
+die m&ouml;glich w&auml;ren, ohne Deutschland zu &raquo;verkr&uuml;ppeln&laquo;.
+Sie beziehen sich weiter auf Massnahmen hinsichtlich der
+deutschen Finanzen, sie beziehen sich ausserdem auf die
+Sicherheiten, die von Deutschland f&uuml;r die Erf&uuml;llung dieser
+Massnahmen gegeben werden k&ouml;nnen, und endlich auf
+die Teilnahme Deutschlands an dem Wiederaufbau Europas.</p>
+
+<p>Deutschland ist entschlossen, mit seinen Leistungen bis
+zu den Grenzen seiner Leistungsf&auml;higkeit zu gehen.
+Deutschland ist immer ein Land der Ordnung gewesen.
+Deutschland ist aber durch einen verlorenen Krieg, durch<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+schwere Verluste und durch eine Revolution hindurchgegangen.
+Die anormalen Zust&auml;nde seiner Lebensbedingungen
+und seiner Finanzen, die die Folge dieser Ereignisse
+sind, empfindet Deutschland selbst am schwersten
+und w&uuml;nscht sie zu beseitigen. Es w&uuml;nscht nicht, den
+Weltmarkt durch Unterbietungen zu zerr&uuml;tten.</p>
+
+<p>Die beiden Aufgaben, &auml;ussere Leistung und innere finanzielle
+Sanierung, vor die Deutschland dadurch gestellt ist,
+widersprechen einander. Um ein Beispiel zu gebrauchen,
+m&ouml;chte ich an die Lage eines Schiffskonstrukteurs erinnern,
+der gleichzeitig f&uuml;r h&ouml;chste Kraftleistung und geringsten
+Kohlenverbrauch seines Schiffes sorgen soll.</p>
+
+<p>Es ist daher schwer zu sagen, die und die Zahlung stellt
+eine ausreichende und ertr&auml;gliche Leistung dar. Es muss
+aber eine Summe gefunden werden, deren Schwere ertr&auml;glich
+ist und die zugleich der wirtschaftlichen Lage der
+empfangsberechtigten Nationen entgegenkommt.</p>
+
+<p>Wir wissen, dass in Ihrem Kreise Ziffern f&uuml;r 1922 genannt
+worden sind: 500 Millionen f&uuml;r die Leistungen in
+bar und 1450 Millionen f&uuml;r die Sachleistungen einschliesslich
+der &auml;usseren Besatzungskosten. Ich will diese
+Ziffern als Basis meiner Berechnungen w&auml;hlen. Sollte
+eine um 220 Millionen h&ouml;here Summe genannt werden,
+so wird das Problem noch weiter erschwert und gef&auml;hrdet.</p>
+
+<p>Ich komme nun zur Lage der deutschen Zahlungen.
+Deutschland ist ein Land der Lohnarbeit. Es empf&auml;ngt
+Rohstoffe, verarbeitet sie und verkauft die verarbeiteten
+Erzeugnisse. Die Deutschland nach dem Kriege verbleibenden
+eigenen Rohstoffe sind mit Ausnahme der
+Kohle unerheblich. Das Kali, von dem so viel die Rede
+ist, ist nicht so sehr bedeutend. Dazu kommen sehr kleine
+Mengen von Kupfer und Zink. Von allem anderen, was
+Deutschland braucht zur Behausung, zur Kleidung, zur
+Nahrung, muss es das meiste im Auslande kaufen.</p>
+
+<p>Deutschland hat daher f&uuml;r alles, was es kauft, in bar zu
+bezahlen. Es kann nur zahlen durch seine Handarbeit.
+Es ist deshalb notwendig, dass Deutschland eine aktive
+Handels- und Zahlungsbilanz hat. Unsere Zahlungsbilanz
+aber ist vorbelastet mit einem Einfuhrbedarf von 2&frac12;
+Milliarden Lebensmitteln und 2&frac12; Milliarden Rohstoffen,
+und zwar ohne verarbeitete Fabrikate und ohne Luxusartikel,
+die nicht sehr erheblich sind und die es zum
+grossen Teil nicht aus freiem Entschluss, sondern zur Aufrechterhaltung<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+nachbarlicher Handelsbeziehungen erwirbt.</p>
+
+<p>Ausserdem sind im Gegensatz gegen die fr&uuml;here Lage,
+in der uns aus Auslandsinvestitionen 1&frac12; Milliarden j&auml;hrliche
+Ertr&auml;gnisse zuflossen, jetzt &frac34; Milliarden Goldmark
+j&auml;hrlich an das in Deutschland Kapital besitzende Ausland
+zu zahlen.</p>
+
+<p>Die Passivseite der Zahlungsbilanz betr&auml;gt also etwa 5&frac34;
+Milliarden Goldmark, denen eine Ausfuhr von nur 3&frac12; bis
+4 Milliarden gegen&uuml;bersteht. Es besteht somit eine
+Passivit&auml;t der Zahlungsbilanz im Saldo 2 Milliarden schon
+vor Zahlung irgendwelcher Reparation.</p>
+
+<p>(Auf Befragen Lloyd Georges:) Es ist ganz richtig, dass
+infolge des Standes des Weltindexes auf 1,5 die deutsche
+Ausfuhr jetzt 14 bis 15 Milliarden Goldmark betragen
+m&uuml;sste, wenn sie dem Vorkriegsstande entspr&auml;che. Sie
+hat sich also auf etwa ein Viertel vermindert.</p>
+
+<p>Um das Defizit der Zahlungsbilanz zu decken, bestehen
+nur drei M&ouml;glichkeiten:</p>
+
+<ul>
+<li>Verkauf der Substanz des Landes,</li>
+<li>grosse ausw&auml;rtige Anleihen oder</li>
+<li>Verkauf der Landesw&auml;hrung.</li>
+</ul>
+
+<p>Den Ausverkauf von Landessubstanz konnten wir leider
+nicht hindern. Er ist in grossem Umfange vor sich gegangen.
+Grundst&uuml;cke, Unternehmungen, Aktien, Obligationen,
+selbst Hausrat sind vom Auslande unter dem
+Werte erworben worden.</p>
+
+<p>Die Durchf&uuml;hrung einer ausw&auml;rtigen Anleihe haben wir
+versucht. Sie war unm&ouml;glich, da nach Meinung der City
+die Deutschland auferlegten Lasten zu schwer waren.</p>
+
+<p>Unter diesen Umst&auml;nden war es unm&ouml;glich, den Verkauf
+von Umlaufsmitteln zu vermeiden, obwohl unser Geld
+hierdurch ein Gegenstand der internationalen Spekulation
+wurde.</p>
+
+<p>Der Prozess des Ausverkaufs des deutschen Geldes hat
+sich zun&auml;chst ohne panikartige Folgen bis Mitte 1921
+fortgesetzt. Er wurde nicht durch Deutschland ermutigt,
+sondern durch das Ausland eingeleitet, das mit Recht den
+inneren Wert der Mark h&ouml;her einsch&auml;tzte als den Auslandskurs.
+Aber Mitte 1921 ereignete sich etwas, was
+vorauszusehen war: der Streik der K&auml;ufer der Mark.
+In dem Augenblick, wo man sah, dass wir gezwungen
+waren, in kurzer Frist eine Goldmilliarde zu beschaffen,
+mithin 30 Papiermilliarden zu verkaufen, steckten die<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+Markk&auml;ufer die H&auml;nde in die Tasche und warteten. So
+trat der Marksturz ein, und der Dollarkurs stieg von 55
+bis zeitweise auf 300.</p>
+
+<p>Man hat bei uns und im Auslande gesagt, dieser Marksturz
+sei nur die Folge der Inflation und des Gebrauchs
+der Notenpresse in Deutschland. Das ist ein Irrtum. Sonst
+h&auml;tte dieser Sturz nicht so pl&ouml;tzlich und in ganz kurzer
+Zeit eintreten k&ouml;nnen. Auch hat der Kurs sich sobald
+sich wieder etwas Blau am Himmel zeigte, erheblich gebessert.
+Das Blau am Himmel waren die Nachrichten
+&uuml;ber die ersten Besprechungen zwischen der britischen
+und franz&ouml;sischen Regierung &uuml;ber eine Regelung unserer
+Verbindlichkeiten f&uuml;r 1922.</p>
+
+<p>Jetzt komme ich zu einem &auml;usserst wichtigen Punkt. Solange
+die W&auml;hrung eines Staates auf dem internationalen
+Markt aus dem Gleichgewicht gekommen ist, ist es unm&ouml;glich,
+irgend ein Budget auf bestimmte Zeit mit Sicherheit
+in Ordnung zu bringen. Denn jeder neue Sturz des
+Kurses hat eine Erh&ouml;hung der Ausgaben f&uuml;r Geh&auml;lter,
+L&ouml;hne und Rohstoffe zur Folge. Ein Staatsbudget aber
+setzt sich nur aus diesen drei Posten zusammen.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick ist unser Budget f&uuml;r 1922 in Ordnung.
+Es enth&auml;lt sogar gewisse Uebersch&uuml;sse, dabei ist
+aber von den Reparationen abgesehen. Jeder neue Marksturz,
+jede neue innere Preiserh&ouml;hung aber wird dieses
+Budget gef&auml;hrden.</p>
+
+<p>Wird damit gerechnet, dass die Reparationslasten ertr&auml;glich
+werden, dann kann die Mark steigen und das Mass
+der Staatsausgaben in Papiermark sinken. Auf der
+anderen Seite wird die Konkurrenz der deutschen Ware
+umso gef&auml;hrlicher, je mehr die Mark sinkt.</p>
+
+<p>Was gibt es nun f&uuml;r Mittel der Gesundung? Wie kann
+man je zu einer Wiederherstellung der deutschen Valuta
+gelangen?</p>
+
+<p>Als Abhilfsmittel k&ouml;nnte man zun&auml;chst an eine Reduktion
+des Verbrauchs denken. Diese ist aber kaum erreichbar,
+da die Mittelklassen und die Arbeiter weit unter
+dem Stande der Vorkriegszeit leben. Es kann sich also
+nur um die Hebung der Produktion und um die Vermehrung
+der Ausfuhr handeln. Eine derartige Vermehrung
+ist aber schwer, weil sich andere V&ouml;lker gegen
+die Vermehrung der deutschen Einfuhr wehren. Es bleibt
+das Mittel, die landwirtschaftliche Produktion zu heben,<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+aber das erfordert Zeit bei den infolge des Krieges verschlechterten
+Bedingungen.</p>
+
+<p>Ich will jetzt im einzelnen von den Lasten sprechen, die
+auf Deutschland ruhen. F&uuml;r 1922 betr&auml;gt das Budget 85
+Milliarden ausschliesslich Reparationen und sonstigen
+Friedensvertragsleistungen. Um diese Last zu balanzieren,
+war es n&ouml;tig, die Steuerlasten zu verdoppeln.</p>
+
+<p>Ich will hier nicht &uuml;ber die sehr wichtige Frage der vergleichenden
+Steuerbelastung sprechen. Wir haben Unterlagen
+vorbereitet und stellen sie zur Verf&uuml;gung. Ich stelle
+unter Beweis, dass der Deutsche fernerhin eine schwerere
+B&uuml;rde tr&auml;gt als der Bewohner irgend eines anderen
+Landes, insbesondere der Engl&auml;nder oder der Franzose.
+Um den Staatshaushalt zu konsolidieren, wird es sich zun&auml;chst
+darum handeln, die Reichsbetriebe zu balanzieren,
+Eisenbahnen, Post, Telegraphen. Die Massnahmen sind
+ergriffen, um im Jahre 1922 diese Reichsbetriebe ins
+Gleichgewicht zu bringen. Ferner handelt es sich um
+die Beseitigung der Subsidien, die bisher zur Verbilligung
+der Lebensmittel und aus sozialen Gr&uuml;nden gegeben
+werden mussten. Ich trete in die Einzelheiten nicht ein.
+Massnahmen sind ergriffen, die dazu f&uuml;hren sollen, diese
+Subsidien allm&auml;hlich abzubauen.</p>
+
+<p>Eine dritte Frage wegen des deutschen Budgets betrifft
+die Frage des Kohlenpreises. Der Kohlenpreis n&auml;hert
+sich sehr rasch dem Weltmarktpreis. Sobald der Preis
+des Dollars sich weiter erm&auml;ssigt, &uuml;berschreiten die deutschen
+Kohlenpreise den Weltmarktpreis und zwar zu verschiedenen
+Zeitpunkten, da die Preisverh&auml;ltnisse der einzelnen
+Sorten verschieden sind.</p>
+
+<p>Bisher habe ich stets nur von einem Budget ohne Reparationen
+und ohne die inneren Kosten des Friedensvertrages
+gesprochen. Wenn ich von den bereits erw&auml;hnten
+500 Millionen f&uuml;r 1922 ausgehe, wenn ich ferner ausgehe
+von Sachleistungen von 1450 Millionen Goldmark und
+dann noch die inneren Kosten des Friedensvertrages
+nehme, so komme ich zu folgenden Ziffern:</p>
+
+<table class="calculation">
+<tr><td><span style="padding-left: 1ex">500</span> Millionen Gmk. zum Kurse von</td><td>50</td><td>= 25</td><td>Milld.</td><td>Ppmk.</td></tr>
+<tr><td>1450<span style="padding-left: 4ex">"</span><span style="padding-left: 5ex">"</span></td><td></td><td>= 72,5</td><td class="center">"</td><td class="center">"</td></tr>
+<tr><td>Friedensvertragsausgaben</td><td></td><td>= 38</td><td class="center">"</td><td class="center">"</td></tr>
+<tr><td></td><td colspan="4" class="sumline">&nbsp;</td></tr>
+<tr><td></td><td></td><td class="right">135,5</td><td class="center">"</td><td class="center">"</td></tr>
+</table>
+
+<p>Diese Summen k&auml;men also zus&auml;tzlich zu dem Budget von
+1922 mit seinen 83 Milliarden Papiermark. Das Budget<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+w&uuml;rde also etwa 150 Prozent neue Belastung erfahren
+und sich damit auf 218,5 Milliarden Papiermark belaufen.
+Um die Bilanz herzustellen, gibt es nur zwei Mittel:</p>
+
+<ul>
+<li>eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Steuern</li>
+<li>oder eine Riesenanleihe.</li>
+</ul>
+
+<p>Es w&auml;re unm&ouml;glich, da das Land schwerer als seine Nachbarn
+belastet ist, die Steuern nochmals zu verdoppeln.
+Es bleibt also die Frage einer sehr grossen Anleihe. Ich
+glaube, dass man eine derartige Anleihe nicht im Auslande
+wird machen k&ouml;nnen. Die City von London hat
+sich schon geweigert, einen sehr viel kleineren Betrag
+f&uuml;r die Januar- und Februarzahlungen durch eine Anleihe
+zu finanzieren. Die Frage einer inneren Anleihe wird
+sehr ernsthaft er&ouml;rtert werden. Aber in der gegenw&auml;rtigen
+Situation wird es kaum m&ouml;glich sein, die notwendigen
+Reizmittel zu finden, um eine Anleihe auch nur ann&auml;hernd
+des erforderlichen Umfanges unterzubringen.</p>
+
+<p>Ich lege Wert darauf, einen Vorwurf zu entkr&auml;ften, der
+immer wieder auftaucht und der dahin geht, Deutschland
+sei doch dasselbe Land, es habe jetzt noch 60 Millionen
+Einwohner, darunter eine grosse landwirtschaftliche und
+industrielle Bev&ouml;lkerung und reichliche Arbeitsmittel. Es
+habe keine Arbeitslosigkeit. Weshalb k&ouml;nne dieses t&auml;tige
+und angeblich reiche Land keinerlei Zahlungen leisten?
+Demgegen&uuml;ber sage ich, wir haben keine Ersparnisse.
+Lassen Sie mich einen Augenblick die Frage der Ersparnisse,
+der national savings, pr&uuml;fen.</p>
+
+<p>Wenn ich das Deutschland von jetzt und fr&uuml;her vergleiche,
+so fehlen uns zun&auml;chst die Reserven, die wir aus
+den Anlagen im Ausland hatten. Vor dem Kriege waren
+wir aus diesen Quellen mit 1,5 Milliarden aktiv, jetzt sind
+wir mit &frac34; Milliarden passiv. Der zweite Faktor ist der
+Verlust an Gebiet und Bev&ouml;lkerung. Gegen&uuml;ber der Zeit
+vor dem Kriege haben wir daran mehr als 10 Prozent verloren.</p>
+
+<p>Der dritte Faktor ist der bereits erl&auml;uterte R&uuml;ckgang
+der Ausfuhr. Die Ausfuhr hat sich von 10 Milliarden
+Goldmark auf 3,5 oder unter Ber&uuml;cksichtigung des Weltindexes
+auf 2,5 Milliarden vermindert. Die Gewinne daraus
+sind deshalb ebenfalls entsprechend zur&uuml;ckgegangen.
+Ein vierter Faktor: Wir verloren einen grossen Teil
+unserer Rohstoffe, die wir jetzt einf&uuml;hren und mit Goldmark
+oder Ausfuhr bezahlen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>Der f&uuml;nfte Faktor ist der, dass sich die landwirtschaftliche
+Bev&ouml;lkerung mehr vermindert hat als die Gesamtbev&ouml;lkerung,
+und dass gerade landwirtschaftliche Ueberschussgebiete
+verloren sind.</p>
+
+<p>Auch der sechste Faktor ist sehr betr&auml;chtlich. Es handelt
+sich um die Erm&auml;ssigung der Dienste und ihres Ertrages,
+die Deutschland durch Schiffahrt, Aussenhandel und
+Bankverkehr im Ausland leistete.</p>
+
+<p>Auf Grund dieser Faktoren, wenn sie sich auch z.&nbsp;T. &uuml;berdecken,
+besteht meiner Sch&auml;tzung nach anstelle eines
+Ueberschusses, einer nationalen Ersparnis von 6 Milliarden
+Goldmark vor dem Kriege jetzt ein Defizit von
+1 bis 2 Milliarden Goldmark j&auml;hrlich. So zehrt das Land
+sich allm&auml;hlich auf; es lebt von seiner eigenen Substanz.
+Es hat weder die Mittel f&uuml;r Erneuerungen noch f&uuml;r die
+wirtschaftliche Ausstattung seines Bev&ouml;lkerungszuwachses.</p>
+
+<p>Es wird auch die Frage Deutschland gegen&uuml;ber aufgeworfen,
+und der Herr Vorsitzende hat sie mit Recht in
+Er&ouml;rterung gestellt: Was tut Ihr mit Euren Waren?
+Wenn Ihr sie nicht ausf&uuml;hrt, so speichert Ihr sie auf und
+investiert sie und schafft grosse neue innere Reicht&uuml;mer.
+Es erscheint sehr paradox, dass ein Land trotz Fehlens
+von Ersparnissen Waren aufstapeln, bauen und investieren
+sollte. Ich bitte daher, von der Lage der Arbeitsstundenzahl
+und ihrer Verwendung in Deutschland
+sprechen zu d&uuml;rfen. Ich komme damit auch auf die Frage,
+was Deutschland mit seinen Arbeitslosen macht, und auf
+den Verlust an Arbeitsstunden unter der gegenw&auml;rtigen
+Situation.</p>
+
+<p>1. Die Eink&uuml;nfte aus Kapitalanlagen im Auslande wurden
+fr&uuml;her bezahlt in Waren, die somit einen fortlaufenden
+Tribut an G&uuml;tern bedeuteten, der in breitem Strom uns
+zufloss. Schon um diese G&uuml;ter, vor allem Rohstoffe, zu
+erhalten, die wir fr&uuml;her als laufenden Ertrag erhielten,
+m&uuml;ssen wir jetzt arbeiten und Arbeitsstunden aufwenden.
+Dieser Arbeitsstundenaufwand l&auml;sst sich auf 3,75 Milliarden
+j&auml;hrlich sch&auml;tzen.</p>
+
+<p>2. Aus dem Verlust an Gebieten ergibt sich ein Verlust an
+Ersparnissen, der sich in einem Mehraufwand von einer
+Milliarde Arbeitsstunden ausdr&uuml;ckt.</p>
+
+<p>3. Man sch&auml;tzt die Tatsache, dass f&uuml;r die Rohstoffe, die
+wir einst in unseren Grenzen hatten und die wir jetzt mit
+der Ausfuhr oder mit Arbeitsstunden bezahlen m&uuml;ssen,<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+und den dadurch herbeigef&uuml;hrten Aufwand von Arbeitsstunden
+auf 0,83 Milliarden.</p>
+
+<p>4. Aus der ung&uuml;nstigeren landwirtschaftlichen Fl&auml;chengestaltung
+und der Verschlechterung des D&uuml;ngemittelbezuges
+ergibt sich ein weiterer Mehraufwand von 1,82
+Milliarden Arbeitsstunden.</p>
+
+<p>5. Der Gegenwert der verlorenen Dienstleistungen
+(Schiffahrt, Aussenhandel und Auslandsbankverkehr)
+d&uuml;rfte 1,66 Milliarden Arbeitsstunden betragen.</p>
+
+<p>Der gesamte Mehraufwand an Arbeitsstunden, wie er
+durch die gegebenen Verh&auml;ltnisse erfordert wird, betr&auml;gt
+danach 9 bis 9,28 Milliarden.</p>
+
+<p>Wenn ich von einer arbeitenden Bev&ouml;lkerung von 21
+Millionen ausgehe und pro Kopf 2400 Arbeitsstunden im
+Jahre rechne, so betr&auml;gt der Gesamtwert der von
+Deutschland aufgewandten Arbeitsstunden nicht mehr als
+50 Milliarden. Hiervon sind mehr als 9 also f&uuml;r Arbeit
+aufgewandt, die wir vor dem Kriege nicht aufzuwenden
+brauchten, d.&nbsp;h. fast <span class="above">1</span>&#8260;<span class="below">5</span> der gesamten Arbeitsstunden.
+Wenn ich diese Summen mit der Zahl der m&auml;nnlichen
+arbeitenden Bev&ouml;lkerung in Beziehung setze, so ergibt
+sich bei uns eine versteckte Arbeitslosigkeit von nahezu
+4 Millionen Menschen, d.&nbsp;h. 4 Millionen Menschen m&uuml;ssen
+Arbeit leisten, die fr&uuml;her nicht notwendig war. Wenn also
+bei anderen Nationen eine Arbeitslosigkeit erscheint, die
+bei uns nicht sichtbar ist, so m&ouml;chte ich im Gegensatz
+dazu von einer unsichtbaren Arbeitslosigkeit sprechen,
+die darin besteht, dass 4 Millionen Menschen Arbeit leisten
+m&uuml;ssen, die fr&uuml;her nicht n&ouml;tig war und die das Arbeitsergebnis
+gegen fr&uuml;her nicht verbessert. Und zwar alles
+dies vor irgendeiner Zahlung von Reparationen. Von
+einer Aufspeicherung von Reicht&uuml;mern kann mithin nicht
+die Rede sein.</p>
+
+<p>Ich bitte nunmehr etwas sagen zu d&uuml;rfen &uuml;ber die von
+Deutschland erwarteten reinen Goldleistungen. Es mag
+sein, dass meine bisherigen Ausf&uuml;hrungen negativ klangen.
+Wo der Optimismus der Berechnung versagt, wird
+Energie und Entschlossenheit zu Hilfe kommen m&uuml;ssen,
+aber auch hier sind Grenzen gegeben.</p>
+
+<p>Ich kn&uuml;pfe wieder an die 500 Millionen an, von denen ich
+schon gesprochen habe. Die reinen Goldlasten f&uuml;r
+Deutschland werden aber in jedem Falle viel h&ouml;her sein
+als dieser Betrag. Es handelt sich zun&auml;chst daneben um
+den Gegenwert des clearing mit 360-400 Millionen Goldmark.<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+Dann aber handelt es sich um die in Gold zu
+beschaffende Bezahlung f&uuml;r die Rohstoffe, deren wir zur
+Herstellung unserer Sachleistungen bed&uuml;rfen. Denn mit
+Ausnahme der Kohlenlieferungen, f&uuml;r die fremder Bezug
+von Hilfsmaterialien nicht allzu schwer ins Gewicht f&auml;llt
+und die ich daher ausser Ansatz lasse, m&uuml;ssen wir f&uuml;r
+alle anderen Sachlieferungen etwa 25 Prozent des Wertes
+an Rohstoffen aus dem Auslande beziehen. So komme
+ich zu weiteren 250 Millionen Goldmark. Wir w&uuml;rden
+also f&uuml;r 1922 auf eine Goldleistung von mehr als 1 Milliarde
+Goldmark kommen, wenn es sich scheinbar nur
+um eine Goldzahlung von 500 Millionen handelt. Wenn
+es notwendig erscheint, eine so gewaltige Summe von
+Deutschland zu verlangen, so sollte man die Frage der
+Erm&auml;ssigung des clearing und der inneren Besatzungskosten
+eingehend pr&uuml;fen.</p>
+
+<p>In jedem Falle aber ist Deutschland durchaus bereit, auf
+den Weg der Stabilisierung des Budgets zu treten, der
+ihm vorgeschlagen ist.</p>
+
+<p>Die Erhebung der Z&ouml;lle auf Goldbasis soll erfolgen.</p>
+
+<p>Die Frage der Verkehrstarife wird 1922 geregelt werden,
+um das Defizit dieser Wirtschaftszweige auszugleichen.</p>
+
+<p>Der Abbau der Subsidien ist in die Wege geleitet.</p>
+
+<p>Die Kohlenfrage ist schwieriger, weil die Preise sich dem
+Weltmarktpreise immer mehr n&auml;hern.</p>
+
+<p>Was die innere Anleihe anbelangt, so wird sie in ernsteste
+Erw&auml;gung gezogen werden.</p>
+
+<p>Die Frage der Kapitalflucht w&uuml;rde hier viel Zeit wegnehmen.
+Ich bitte deshalb, sie heute zur&uuml;ckstellen zu
+d&uuml;rfen, zumal ihre Regelung nur unter Mitwirkung aller
+Auslandsbanken m&ouml;glich sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Was die Garantien anlangt, so gibt es meines Erachtens
+Mittel, um der Reichsbank eine gr&ouml;ssere Autonomie zu
+geben. Die Reichsbank ist jetzt dem Reichskanzler unterstellt,
+der aber im Laufe von 50 Jahren nur einmal von
+seinem Eingriffsrecht Gebrauch gemacht hat. Eine weitergehende
+Verst&auml;ndigung ist m&ouml;glich. Es w&auml;re aber sehr
+gef&auml;hrlich, wenn man anstelle der Verantwortung die
+Ueberwachung setzte. Das w&uuml;rde das freie Verantwortungsgef&uuml;hl
+ersch&uuml;ttern und als Pr&auml;zedenzfall die
+Zentralnotenbanken aller Staaten sch&auml;digen.</p>
+
+<p>Man hat uns endlich gefragt, ob wir mitarbeiten wollen
+am Wiederaufbau Europas. Deutschland w&uuml;rdigt die
+hohe Wichtigkeit dieser Aufgabe und ihren Zusammenhang<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+mit der Lage der Weltwirtschaft. Es ist zwar nicht
+in der Lage, dem Kapitalmarkt der Welt Mittel im Ausmasse
+reicherer Staaten zur Verf&uuml;gung zu stellen, immerhin
+unter den beabsichtigten Bedingungen ist Deutschland
+in der Lage, den ihm zugedachten Teil zu &uuml;bernehmen.
+Deutschland ist um so mehr geeignet, am Wiederaufbau
+teilzunehmen, als es mit den technischen und wirtschaftlichen
+Bedingungen und Gepflogenheiten des Ostens
+vertraut ist. Der Weg, auf den man sich begeben will,
+erscheint mir richtig. Ein internationales Syndikat, und
+zwar ein Privatsyndikat. Deutschland glaubt, dass man
+die Frage des Wiederaufbaus beginnen sollte mit der
+Wiederherstellung des Verkehrs und der Verkehrsmittel.
+Man muss sodann an die Quellen der Produktion vordringen
+und vor allem die bestehenden Unternehmungen
+wieder neu beleben. Deutschland glaubt, dass es an der
+Entwicklung des Ostens und der Mitte Europas um so
+mehr Anteil zu nehmen berechtigt ist wegen seiner Haltung
+der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung
+gerade dieses &ouml;stlichen Europas gegen&uuml;ber. In dem
+Augenblick, als Deutschland fast am Ende seiner Kr&auml;fte
+war nach Krieg, Niederbruch, Revolution hat Deutschland
+doch der staatlichen und sozialen Desorganisation
+widerstanden. H&auml;tte diese Desorganisation in Deutschland
+triumphiert, so w&auml;re sie eine entscheidende Gefahr
+f&uuml;r die ganze Welt geworden. Deshalb glaubt Deutschland,
+sich nicht nur nach Kr&auml;ften der Wiederherstellung
+zerst&ouml;rter Gebiete des Westens, sondern auch mit R&uuml;cksicht
+auf seine geographische Lage und Kenntnis nachbarlicher
+Verh&auml;ltnisse der Wiederherstellung von Ost- und
+Zentral-Europa widmen zu sollen, und somit an der
+Aufgabe teilzunehmen, die die Grossm&auml;chte sich im Einvernehmen
+mit diesen Gebieten gestellt haben.</p>
+
+<hr class="endchapter" />
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span><a name="Reichstag19220307" id="Reichstag19220307"></a>REDE VOR DEM<br />
+HAUPTAUSSCHUSS DES REICHSTAGES<br />
+VOM 7. M&Auml;RZ 1922</h2>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+
+<p><span class="dropcap">I</span>m Mittelpunkt unserer gesamten Aussenpolitik steht
+nach wie vor das Problem der Reparationen. In dem
+Augenblick, als im Fr&uuml;hjahr letzten Jahres das Ultimatum
+von Deutschland unterzeichnet wurde und dadurch
+das Reparationsproblem in sein gegenw&auml;rtig aktuelles
+Stadium trat, waren drei Auffassungen in Deutschland
+gegen&uuml;ber diesem Problem erkennbar.</p>
+
+<p>Die eine Auffassung ging dahin, es m&uuml;sse Festigkeit gezeigt
+und Widerstand geleistet, es m&uuml;sse, komme, was da
+wolle, die Leistung der Reparationen &uuml;berhaupt abgelehnt
+werden. Ich glaube nicht, dass diese Anschauung eine
+verbreitete war, sie ist aber in der Oeffentlichkeit zum
+Ausdruck gekommen. Niemand hat den Versuch gemacht,
+darzulegen, mit welchen Mitteln eine solche Politik gef&uuml;hrt
+werden k&ouml;nne, und zu welchen Ergebnissen sie
+f&uuml;hren w&uuml;rde. Dieses Ergebnis w&auml;re lediglich die Katastrophe
+gewesen, die Versenkung Deutschlands in ein
+Chaos ausw&auml;rtiger Verwirrungen.</p>
+
+<p>Die zweite Auffassung, die uns entgegentrat, fand Widerklang
+in diesem hohen Hause. Es war die Auffassung,
+dass man zwar bis zu einem bestimmten Masse sich dem
+Reparationsproblem n&auml;hern d&uuml;rfe, dass aber die erste Aufgabe
+der Reichsregierung darin bestehen m&uuml;sse, wie man
+sich ausdr&uuml;ckte, mit aller Offenheit zu erkl&auml;ren, die Leistungen
+seien vollkommen unerf&uuml;llbar und es habe &uuml;berhaupt
+keinen Zweck, sie in irgendwelchem bedeutenderen
+Ausmasse in Erw&auml;gung zu ziehen. Diese Politik wurde
+bezeichnet als die Politik der Offenheit, und es wurde der
+Regierung der schwere Vorwurf gemacht, dass sie angeblich
+diese Offenheit nicht aufbr&auml;chte. Diese Auffassung
+war unpsychologisch, denn der andere h&ouml;rte aus
+dem &raquo;Wir k&ouml;nnen nicht&laquo; nur das &raquo;Wir wollen nicht&laquo; heraus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>Die dritte Auffassung des Versuches der Erf&uuml;llung war die
+Auffassung der Reichsregierung, und sie ist im Laufe
+dieses Jahres in erheblichem Masse gef&ouml;rdert worden.
+Die Reichsregierung ging davon aus, dass eine Verpflichtung
+f&uuml;r das Reich geschaffen sei durch die Unterschrift
+seiner massgebenden Stellen. Sie ging davon aus, dass
+unter allen Umst&auml;nden der Versuch gemacht werden
+m&uuml;sse, den ehemaligen Gegnern zu zeigen, dass Deutschland
+bereit sei, bis an die Grenze seiner Leistungsf&auml;higkeit
+zu gehen. Ich glaube, dass diese Auffassung die
+psychologisch richtige war. Sie rechnete mit der Mentalit&auml;t
+der ehemals gegnerischen L&auml;nder und ging davon
+aus, dass &uuml;ber kurz oder lang eine Erkenntnis des wirklichen
+Sachverhalts eintreten w&uuml;rde durch eigene Einsicht
+der &uuml;brigen Nationen.</p>
+
+<p>Ich bedaure, dass ein Wort, das ich bei Einleitung dieser
+sogenannten Erf&uuml;llungspolitik gesprochen habe, erheblichen
+Missverst&auml;ndnissen begegnet ist. Man hat aus Ausf&uuml;hrungen,
+die ich im Reichstag tat, geschlossen, ich w&auml;re
+der Meinung, Deutschland k&ouml;nne bis zu jedem beliebigen
+Masse seine Erf&uuml;llung treiben; es w&auml;re lediglich eine
+Frage, wie weit man es f&uuml;r w&uuml;nschenswert hielte, das
+Volk in Not geraten zu lassen. Ich w&uuml;rde eine solche
+Auffassung, wenn sie in meinen Worten erkennbar w&auml;re,
+auf das tiefste bedauern. Was ich gesagt habe, war aber
+so ziemlich das Entgegengesetzte. Ich habe f&uuml;r die M&ouml;glichkeit
+der Erf&uuml;llung die st&auml;rkste Grenze gezogen, die
+man &uuml;berhaupt ziehen kann, n&auml;mlich die sittliche. Ich
+habe erkl&auml;rt, dass das Mass der Erf&uuml;llung gegeben sei
+durch die Frage, wie weit man ein Volk in Not geraten
+lassen d&uuml;rfe. Dieses &raquo;d&uuml;rfe&laquo; unterstreiche ich, denn darin
+war die sittliche Verpflichtung enthalten, nur bis zu dem
+Punkte zu gehen, den der Staatsmann verantworten
+kann. Diesem Grundsatz ist die Regierung treu geblieben.
+Es hat sich im Laufe des Jahres dann auch gezeigt, dass
+die Fragestellung &raquo;M&ouml;glichkeit oder Unm&ouml;glichkeit&laquo; der
+Erf&uuml;llung &uuml;berhaupt nicht diejenige geworden ist, die die
+Mentalit&auml;t der &uuml;brigen L&auml;nder ausschliesslich besch&auml;ftigt
+hat. In kurzer Zeit hat sich ergeben, dass eine weitere
+Frage hervortrat, n&auml;mlich die: wie weit eine Reparationsleistung
+Deutschlands &uuml;berhaupt f&uuml;r die &uuml;brigen V&ouml;lker
+ertr&auml;glich sei, denn die volkswirtschaftliche Verkn&uuml;pfung
+der L&auml;nder f&uuml;hrte dazu, zu erkennen, dass die Zwangsarbeit
+eines Landes, auf den Weltmarkt gebracht, nur<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+dazu f&uuml;hren kann, den gesamten Markt der Erde zu zerr&uuml;tten,
+und damit, wenn auch auf einer Seite Zahlungen
+erlangt werden, Nachteile f&uuml;r andere L&auml;nder zu schaffen,
+die so erheblich sind, dass sie z.&nbsp;B. in England allein zu
+einer Arbeitslosigkeit von 2 Millionen Menschen f&uuml;hrten.
+Psychologisch also hat sich das Vorgehen der Regierung
+als richtig erwiesen. Es war vermieden worden, eine
+fruchtlose Diskussion auf den Grad einer theoretischen
+M&ouml;glichkeit zu beschr&auml;nken. Es war die M&ouml;glichkeit dadurch
+geschaffen, lediglich die Tatsachen sprechen zu
+lassen; und die Sprache der Tatsachen ist so stark gewesen,
+dass heute fast in allen L&auml;ndern &uuml;bereinstimmend
+die Auffassung herrscht, dass das Reparationsproblem
+von neuem studiert werden muss. Es ist kein Tag vergangen,
+an dem das Studium des Reparationsproblems
+in der Welt geruht h&auml;tte. In energischer Weise ist die
+englische Auffassung f&uuml;r erneute Pr&uuml;fung eingetreten, die
+Reparationskommission hat sich der Frage angenommen,
+und gerade in diesem Momente schweben die Verhandlungen
+dar&uuml;ber, auf welches Mass die Reparationen f&uuml;r
+das Jahr 1922 begrenzt werden sollen.</p>
+
+<p>Mit dieser allgemeinen Auffassung der Regierung im Zusammenhang
+stand die praktische Politik, die sie im Laufe
+des Jahres verfolgt, und deren erste Etappe nach Wiesbaden
+f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Die Aufgabe von Wiesbaden war eine doppelte. Es
+handelte sich zun&auml;chst darum, &uuml;berhaupt die M&ouml;glichkeit
+zu finden, wie erhebliche Zahlungen von einem Lande an
+ein anderes geleistet werden k&ouml;nnten; denn es war
+evident, dass es nicht m&ouml;glich war, Goldleistungen von
+Deutschland ins Ausland zu f&uuml;hren, soweit nicht eine erhebliche
+Aktivit&auml;t der Handelsbilanz vorhanden gewesen
+w&auml;re, und diese war nicht vorhanden. Es handelte sich
+also darum, Modalit&auml;ten zu finden, um &uuml;berhaupt dem
+Reparationsproblem eine Unterlage der Durchf&uuml;hrbarkeit
+zu geben. Der Begriff der Sachleistungen trat in den
+Vordergrund. Es wurde versucht, zun&auml;chst mit Frankreich
+ein Abkommen der Sachleistungen zu schliessen
+und dieses Abkommen so einzurichten, dass der Strom
+an G&uuml;tern, der zu erwarten stand, in erster Linie dem
+Wiederaufbaugebiet zugef&uuml;hrt w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Daneben aber lag die zweite politische Aufgabe mit
+gr&ouml;sserer Wichtigkeit. Die Ankn&uuml;pfung der Reparationsbeziehungen
+zur &uuml;brigen Welt war &uuml;berhaupt nur denkbar,<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+wenn zun&auml;chst diejenigen Gebiete ber&uuml;cksichtigt
+wurden, die am schwersten unter den Zerst&ouml;rungen des
+Krieges gelitten hatten. Es ist eine europ&auml;ische Notwendigkeit,
+dass die zerst&ouml;rten Gebiete Frankreichs
+wieder aufgebaut werden. Solange sie als W&uuml;steneien
+zwischen Deutschland und Frankreich liegen, bleiben sie
+ein Symbol der Spaltung zwischen den V&ouml;lkern. Immer
+wieder wird den Bewohnern dieser Gebiete Bitterkeit
+ins Gem&uuml;t gef&uuml;hrt, und die L&auml;nder der Erde sehen in den
+zerst&ouml;rten Gebieten das Wahrzeichen eines noch nicht
+wiederhergestellten Friedens. Ich halte es f&uuml;r dringend
+n&ouml;tig, dass der Wiederaufbau der zerst&ouml;rten franz&ouml;sischen
+Gebiete sobald als m&ouml;glich erfolgt, und ich glaube,
+dass das Zentralproblem der ganzen Reparationen darin
+liegt, dass Deutschland sein m&ouml;glichstes tut, um diese Gebiete
+wiederherzustellen.</p>
+
+<p>Die beiden Aufgaben wurden in Wiesbaden gestellt und
+gel&ouml;st. Es wurde ein Abkommen zwischen Deutschland
+und Frankreich hergestellt, das auch auf andere Staaten
+seine Anwendung finden konnte. Leider ist das Ergebnis
+von Wiesbaden zwar nicht, wie es w&uuml;nschenswert gewesen
+w&auml;re, ein Friedenswerk nach aussen und innen
+gewesen. Nach aussen mehr als nach innen. Im Innern
+entfaltete sich eine heftige Agitation und Kontroverse gerade
+gegen die Sachleistungen. Mit wechselnden Argumenten
+ging man vor. Man behauptete, dass das Wiesbadener
+Abkommen das deutsche Volk zugrunde richtete,
+man behauptete, wir h&auml;tten damit Frankreich eine Option
+auf unsere Konjunktur gegeben. Man behauptete, wir
+w&auml;ren weit &uuml;ber unsere Verpflichtungen von Versailles
+hinausgegangen. Jede dieser Behauptungen wurde
+widerlegt, aber sie wuchsen nach wie die K&ouml;pfe der
+Hydra, und es wurde offenkundig, dass es weniger die
+wirtschaftlichen als die politischen Bestrebungen waren,
+die die grosse Agitation gegen Wiesbaden hervorriefen.
+Das wurde deutlich in dem Augenblick, als man behauptete,
+das Wiesbadener Abkommen h&auml;tte eine so
+schwere Spaltung zwischen Deutschland und England
+hervorgerufen, dass nunmehr England endg&uuml;ltig sich von
+jedem Interesse Deutschland gegen&uuml;ber losgesagt habe.
+Dass dies nicht der Fall war, wurde mir von englischer
+Seite best&auml;tigt; Engl&auml;nder hoher Stellung erkl&auml;rten mir,
+dass sie in dem Wiesbadener Abkommen unseren ersten
+politischen Schritt zur Verwirklichung des Reparationsproblems<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>
+erblickten. Sie gingen so weit, zu sagen, dass
+ohne das Abkommen von Wiesbaden diejenigen weiteren
+Entwicklungen nicht m&ouml;glich gewesen w&auml;ren, die uns im
+Verlauf der Zeit nach Cannes f&uuml;hrten.</p>
+
+<p>Die Konferenz in Cannes ist, meine Herren, wie Sie
+wissen, nicht bis zu ihrem letzten Ende gef&uuml;hrt worden.
+Sie wurde vorzeitig abgebrochen, durch innerpolitische
+franz&ouml;sische Verh&auml;ltnisse, durch die Amtsniederlegung
+des franz&ouml;sischen Ministerpr&auml;sidenten. Wir k&ouml;nnen nicht
+sagen, dass Cannes eine endg&uuml;ltige Regelung im Sinne
+einer gesamten Ordnung der Zukunft uns gegeben h&auml;tte.
+Wir k&ouml;nnen aber auch nicht sagen, dass das Ergebnis
+von Cannes ein negatives gewesen sei. Es ist m&ouml;glich
+geworden, durch die Verhandlungen, die dort und zuvor
+in London stattgefunden haben, ein Abkommen zu pr&auml;liminieren,
+wenigstens f&uuml;r das Jahr 1922, das heute noch
+nicht ganz geregelt ist, aber das vermutlich in den n&auml;chsten
+Wochen seine Regelung finden wird. Es ist m&ouml;glich
+geworden, in Cannes, den Vertretern der fr&uuml;her uns
+gegnerischen Nationen die gesamte deutsche Situation
+darzulegen, und zwar in gr&ouml;sserer Ausf&uuml;hrlichkeit und
+Klarheit, als wir es vermocht h&auml;tten, wenn wir lediglich
+uns auf den negativen Standpunkt der Ablehnung
+jedes Erf&uuml;llungsversuches gestellt h&auml;tten. Es ist ferner
+in Cannes dazu gekommen, dass eine Konferenz aller
+Nationen f&uuml;r Genua in Aussicht genommen wurde, die
+nach wechselnden Schicksalen nun doch wahrscheinlich
+im April stattfinden soll. Auf der einen Seite ist der
+Reflex in der deutschen Oeffentlichkeit der gewesen, als
+Cannes beendet war, dass von Genua sehr wenig zu erwarten
+sei, dass die Ergebnisse v&ouml;llig unbefriedigende
+seien, dass die Regierung dort nicht nur keinen Erfolg,
+sondern eigentlich, genau betrachtet, eine schwere Niederlage
+erlitten habe. Im merkw&uuml;rdigen Kontrast dazu stand
+es, dass gerade von denselben Stellen, die in Genua eine
+vollkommene Gleichg&uuml;ltigkeit erblickten, in dem Augenblick,
+als die Boulogner Beschl&uuml;sse stattfanden, erkl&auml;rt
+wurde, dass nun die letzte Hoffnung geschwunden sei,
+die wir in Deutschland h&auml;tten aufleuchten sehen. In
+einem der beiden F&auml;lle m&uuml;ssen die Kritiker sich geirrt
+haben, entweder war in Cannes doch etwas erreicht
+worden oder der Verlust, der angeblich in Boulogne erlitten
+worden sein soll, konnte kein so &uuml;beraus schwerer
+sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>Ich glaube, dass tats&auml;chlich ein doppelter Irrtum vorlag.
+Auf der einen Seite wurde die Genueser Konferenz
+untersch&auml;tzt in dem Augenblick, als sie auftrat, auf der
+anderen Seite wurden die Boulogner Beschl&uuml;sse &uuml;bersch&auml;tzt
+in dem Augenblick, als sie zur Wirklichkeit
+wurden. Diejenigen, die der Entwicklung n&auml;her standen,
+haben niemals daran gezweifelt, dass Genua nicht die
+Stelle sein konnte, an der von einem Gremium aus mehr
+als 40 Nationen, von denen ein grosser Teil weder Unterzeichner
+von Versailles noch Kriegsbeteiligte waren, dass
+von diesen Nationen Beschl&uuml;sse nicht gefasst werden
+konnten &uuml;ber die Versailler Grundlagen oder &uuml;ber die
+Grundlagen der Reparationen. Boulogne hat die Best&auml;tigung
+daf&uuml;r erbracht, dass das Reparationsproblem
+und der Versailler Vertrag diesem Gremium zur Beschlussfassung
+nicht unterliegen kann. Eine Uebersch&auml;tzung
+von Genua kann indessen darin liegen, dass
+man erwartet, es k&ouml;nne von dort aus sofort eine neue
+Regelung der europ&auml;ischen Verh&auml;ltnisse ausgehen. Ich
+halte es f&uuml;r bedenklich, zu glauben, dass eine Gemeinschaft
+von 40 Nationen mit Vertretern, deren Zahl in die
+Hunderte geht, eine aktive Politik f&uuml;hren kann, die mit
+einem Schlage uns in eine neue politische Weltkonstellation
+f&uuml;hrt, den Vertrag ab&auml;ndert und die Reparationen
+auf ein normales Mass zur&uuml;ckf&uuml;hrt. Wohl aber wird die
+M&ouml;glichkeit vorhanden sein, dass in Genua die allgemeinen
+Ursachen der Welterkrankung er&ouml;rtert werden,
+und dass die Nationen gemeinschaftlich nach solchen
+Wegen suchen, die zu einer Gesundung des ganzen Kontinents
+f&uuml;hrten. Genua wird voraussichtlich das erste
+Glied einer Serie von Konferenzen sein, die vermutlich
+dieses und das n&auml;chste Jahr in Anspruch nehmen werden.
+Einen anderen Weg als den Weg der Konferenzen gibt
+es unter den heutigen Verh&auml;ltnissen leider nicht. Begegnung
+der Staatsm&auml;nner findet statt auf Seiten der
+Entente; dort ist die M&ouml;glichkeit der Aussprache kontinuierlich
+gegeben. F&uuml;r uns aber, die wir nicht in
+gleichem Masse in Verbindung stehen mit unseren Nachbarv&ouml;lkern,
+ist eine Konferenz schon deswegen von
+Wichtigkeit, weil sie uns die M&ouml;glichkeit m&uuml;ndlicher Aussprache,
+pers&ouml;nlichen Kontaktes gibt, der unter allen Umst&auml;nden
+vorzuziehen ist dem Wege der Noten und der
+diplomatischen Verhandlungen.</p>
+
+<p>Wer also der Auffassung ist, dass von Genua eine neue<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>
+Aera des Geschehens ausgehen wird, der, f&uuml;rchte ich,
+wird eine Entt&auml;uschung erleben. Ich habe den Eindruck,
+dass in wirtschaftlichen Kreisen trotz aller Entt&auml;uschung
+&uuml;ber Boulogne ein solcher Optimismus besteht, und ich
+w&uuml;rde nicht w&uuml;nschen, dass er sich befestigt. Wer aber
+der Meinung ist, dass von dem gegenw&auml;rtigen schwerkranken
+Zustand des gesamten europ&auml;ischen und Weltwirtschaftsk&ouml;rpers
+ein Weg gefunden werden muss zu
+einer Gesundung, und wer der Meinung ist, dass dieser
+Weg nur durch gemeinschaftliche Aussprachen erreicht
+werden kann, dass dieser Weg zwar lang, aber unter
+allen Umst&auml;nden beschreitbar ist, der wird, glaube ich,
+in Genua dasjenige finden, was er sucht.</p>
+
+<p>Was die Entwicklung der Reparationen selbst betrifft,
+so wird ihr Gremium voraussichtlich bis auf weiteres die
+Reparationskommission bleiben, und hinter der Reparationskommission
+diejenigen M&auml;chte, die in erster Linie die
+Empfangsberechtigten sind. Ich glaube, dass die Entwicklung
+des Reparationsproblems folgenden Gang
+nehmen wird: man wird f&uuml;r das Jahr 1922, auch wohl
+f&uuml;r das Jahr 1923 zu L&ouml;sungen zu kommen suchen, die
+zun&auml;chst nur provisorische L&ouml;sungen sein werden. Sie
+k&ouml;nnen nur provisorisch sein, denn auf der einen Seite
+ist ein gewaltiges Geldbed&uuml;rfnis bei den empfangsberechtigten
+Staaten, auf der anderen Seite ist die Zahlungskraft
+Deutschlands, insbesondere in Barmitteln, eine begrenzte.
+Die Erkenntnis ist wohl heute so ziemlich in der ganzen
+Welt verbreitet, dass ein Volk dem andern nur dauernd
+zahlen kann aus dem Ueberschuss seiner Zahlungs- und
+Handelsbilanz. Unsere Zahlungsbilanz ist schwer passiv,
+unsere Handelsbilanz ist in den letzten Monaten um eine
+Kleinigkeit aktiv geworden. Zahlungsmittel in bar sind
+somit nur in beschr&auml;nktem Masse aufzubringen. Es kann
+daher f&uuml;r 1922 und 1923 wahrscheinlich nur ein Provisorium
+gefunden werden, das auch nicht entfernt den
+W&uuml;nschen extremistischer Gegenseiter entspricht, die im
+Anfang des vorigen Jahres noch die &ouml;ffentliche Meinung
+beherrschten. Wir sehen heute einen erkennbaren Massstab
+f&uuml;r Barleistungen in der Tatsache, dass, sobald diese
+Leistungen eine bestimmte Menge &uuml;berschreiten, die
+Wechselkurse gegen&uuml;ber Deutschland ins Schwanken, in
+lebhafte Bewegung kommen. Die Dekadenzahlung von
+31 Millionen, die als Vorprovisorium f&uuml;r die ersten Monate
+dieses Jahres uns zugemutet worden ist, von der ich in<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+Cannes den Beteiligten gesagt habe, dass sie nur auf
+wenige Wochen beschr&auml;nkt sein d&uuml;rfe, hat bereits den
+Wechselkurs gegen Deutschland in starkem Masse zu
+unseren Ungunsten beeinflusst. Man darf sagen, dass
+die deutsche Leistungsf&auml;higkeit in Barzahlung direkt ihr
+Mass findet in der Bewertung des Dollars an der Berliner
+B&ouml;rse. Ich habe die Mitglieder der Reparationskommission,
+die sich vor einiger Zeit in Berlin aufhielten,
+darauf aufmerksam gemacht, wie unbedingt n&ouml;tig es sei,
+schon jetzt, gleichviel ob die Regelung f&uuml;r das Jahr 1922
+sich noch etwas hinzieht, die Dekadenzahlungen zu verringern,
+um den Dollarkurs nicht weiter in Bewegung
+zu setzen. Denn was es bedeutet, wenn die deutsche
+W&auml;hrung ihren scharfen R&uuml;ckgang fortsetzt, das wissen
+wir alle. Wir wissen, dass damit das Budget ins Wanken
+kommt, dass alle Lasten sich erh&ouml;hen, dass alle Lohn-
+und Gehaltsbemessungen von neuem in Frage gestellt
+werden, dass die ganze Kette der Bewertungen im Lande
+sich in Bewegung setzt. Es ist m&ouml;glich, dass an den
+letzten Dollarbewegungen bis zu einem gewissen Grade
+Spekulation beteiligt war. Wir d&uuml;rfen nicht vergessen,
+dass grosse Mengen deutschen Geldes im Besitz des Auslandes
+sind, und die Gefahr ist gross, dass, wenn eine
+starke Bewegung in unseren Valuten stattfindet, das Ausland
+erhebliche Betr&auml;ge seiner Markbest&auml;nde auf den
+Markt bringt. Ich hoffe nicht, dass gleiches spekulativ
+von deutscher Seite geschieht. Denn wenn man sich vorstellt,
+dass von deutscher Seite spekulative K&auml;ufe in fremden
+Devisen stattf&auml;nden, so w&auml;re es das traurigste Ph&auml;nomen,
+das man sich denken kann. Wir m&uuml;ssen im Auge
+behalten, dass jeder Deutsche, der spekulativ fremde Valuten
+kauft, auf nichts anderes als das Ungl&uuml;ck unseres
+Landes spekuliert. Diese Kenntnis sollte sich soweit nur
+irgendm&ouml;glich verbreiten. Ich hoffe, dass Deutsche an
+der spekulativen Bewegung unserer W&auml;hrung nicht beteiligt
+sind.</p>
+
+<p>Wenn wir also f&uuml;r das Jahr 1922 und vielleicht auch f&uuml;r
+das Jahr 1923 nur zu provisorischen Regelungen kommen,
+so muss daf&uuml;r gesorgt werden, dass einmal die endg&uuml;ltige
+Regelung eintritt. Und sie kann nur dann eintreten,
+wenn der grosse Kreis der wechselseitigen Verschuldung
+in Europa sich lockert. Denn wir d&uuml;rfen nicht
+vergessen, dass das Reparationsproblem nur ein Teilproblem
+innerhalb des allgemeinen Weltverschuldungskreises<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+bedeutet. Die Weltverschuldung umfasst Europa
+und Amerika gemeinschaftlich. Die europ&auml;ischen Staaten
+fast s&auml;mtlich schulden direkt oder indirekt an Amerika,
+sie schulden ausserdem untereinander. Die meisten sind
+Gl&auml;ubiger und Schuldner zugleich; diejenigen, die ausschliesslich
+Schuldner sind, sind wir. Schwerlich wird
+sich das Reparationsproblem aus dem allgemeinen Weltverschuldungsproblem
+herausl&ouml;sen lassen. Dieses Weltverschuldungsproblem
+wird aber Gegenstand der Er&ouml;rterungen
+in der Politik aller L&auml;nder w&auml;hrend der n&auml;chsten
+Jahre sein m&uuml;ssen. Gelingt es, dieses Problem &#8211;
+und es wird nur gelingen unter dem Hinzutritt von
+Amerika &#8211; einer ertr&auml;glichen L&ouml;sung zuzuf&uuml;hren, so ist
+damit auch die L&ouml;sung der deutschen Reparation erm&ouml;glicht.</p>
+
+<p>In diesem Falle muss n&auml;mlich der Versuch gemacht
+werden, mit Hilfe aller europ&auml;ischen und aussereurop&auml;ischen
+Kapitalstaaten eine grosse Anleihe zu Lasten
+Deutschlands aufzunehmen, sie den Empfangsberechtigten
+zu &uuml;bergeben und damit das Reparationsproblem endg&uuml;ltig
+zu beseitigen. Ob unter den heutigen Verh&auml;ltnissen
+Kapitalaufnahmen seitens Deutschlands in erheblichem
+Masse m&ouml;glich sind, ist zu bezweifeln, denn der Versailler
+Vertrag steht der Kreditgew&auml;hrung an Deutschland
+entgegen. Dar&uuml;ber hat sich niemand deutlicher ausgesprochen
+als der Leiter der Bank von England. In dem
+gleichen Masse, wie die Erkenntnis des Gesamtverschuldungsproblems
+in den Mittelpunkt des &ouml;ffentlichen und
+des Weltinteresses tritt, wird man den Versuch machen
+m&uuml;ssen, der Kreditw&uuml;rdigkeit Deutschlands zu helfen und
+dadurch eine Finanzoperation zu erm&ouml;glichen, die von
+ausserordentlich grossem Umfange sein kann und sein
+muss, um das grosse Problem zu l&ouml;sen. Schon aus dem
+Grunde m&ouml;chte ich w&uuml;nschen, dass das Reparationsproblem
+seine Beendigung durch eine grosse Weltanleihe
+f&auml;nde, weil ich der Meinung bin, dass der Zustand auf die
+Dauer schwer aufrechtzuerhalten ist, dass ein Volk
+Zahlungen direkt an einen oder mehrere seiner Nachbarn
+leistet. Die Anonymisierung der Schuld wird die
+Schuld erleichtern und wird sie dauernd tragbarer
+machen. Die Schuld an Nachbarn nimmt die Form eines
+Tributes an, und ein solcher Tribut ist nicht diejenige
+Form, unter der sich der Weltfrieden am besten konsolidiert.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>Ich habe von den Aussichten Genuas gesprochen und
+darauf hingewiesen, dass auf der einen Seite vielleicht
+eine Entt&auml;uschung f&uuml;r diejenigen entsteht, die von Genua
+die endg&uuml;ltige Regelung der Reparationsfrage erhoffen,
+dass aber auf der anderen Seite doch f&uuml;r uns die Erwartung
+besteht, dass Genua einen Markstein in der allgemeinen
+Entwicklung zum Weltfrieden darstellen wird.
+In hohem Masse wird das Ergebnis von Genua davon abh&auml;ngen,
+welche Stellung Amerika entschlossen ist, zu
+dem Reparationsproblem, zum Friedensproblem &uuml;berhaupt
+einzunehmen.</p>
+
+<p>Amerikas Macht ist durch den Krieg gewaltiger gewachsen
+als die irgendeines anderen Landes. Der Eingriff
+Amerikas in das Schicksal der Welt ist keinem
+anderen Eingriff zu vergleichen, der seit Jahrhunderten
+in das Leben der V&ouml;lker stattgefunden hat. Durch sein
+Eintreten in den Krieg hat Amerika den Krieg entschieden,
+durch sein Eintreten in den Friedenskongress hat
+Amerika den Frieden entschieden und durch seinen Eintritt
+in die Weltprobleme der Verschuldung und der
+Sanierung wird Amerika in der Lage sein, die Weltentwicklung
+in wirtschaftlicher und friedenbringender Richtung
+zu entscheiden.</p>
+
+<p>Vielfach hat man bei uns die Vorstellung, Amerika sei
+ein Land, das lediglich seinen grossen materiellen Aufgaben
+lebt, von der Natur beg&uuml;nstigt und in grossartiger
+Isolation. Ich glaube, dass wenig L&auml;nder so entschieden
+durch Erw&auml;gungen ideeller Art zu bewegen sind wie
+Amerika. Ich glaube, dass die Motive, die Amerika zum
+Krieg und zur Friedensschliessung getrieben haben, nicht
+so sehr auf materiellen W&uuml;nschen beruhten, wie auf der
+Ueberzeugung einer Verantwortung, und ich glaube deshalb,
+dass Amerika sich nicht derjenigen Verantwortung
+entziehen wird, die ihm durch sein entscheidendes Eingreifen
+in die europ&auml;ischen Schicksale erwachsen ist. Ich
+weiss, dass in Amerika eine starke Tendenz besteht, die
+dahin gerichtet ist, zu sagen, Europa ist weit entfernt,
+mit den H&auml;ndeln dieses alten Kontinents wollen wir nichts
+zu tun haben. Es ist durchaus verst&auml;ndlich, wenn eine
+solche Auffassung gehegt wird. Aber ich glaube, in
+Amerika werden Gegenkr&auml;fte wach und stark sein, die
+die Auffassung vertreten, Europa darf nicht zugrunde
+gehen, die Quellen der &auml;ltesten und st&auml;rksten Zivilisation
+d&uuml;rfen nicht ersch&uuml;ttert werden. Es darf nicht vergessen<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+werden, dass derjenige, der den Krieg bestimmt hat und
+den Frieden bestimmt hat, nun auch f&uuml;r das Wohlergehen
+derjenigen V&ouml;lker, deren Schicksal bestimmt wurde,
+eine Verantwortung tr&auml;gt. Ich glaube auch, dass diejenige
+Auffassung in Amerika, die sagt, wir sind materiell
+am Geschick Europas so gut wie uninteressiert, nicht
+das Richtige trifft.</p>
+
+<p>Ich habe von Amerika her Stimmen vernommen, die behaupteten,
+der ganze Aussenhandel Amerikas nach Europa
+bedeute ausserordentlich wenig, er bedeute, sagten
+die einen 4 Prozent, die anderen 7 Prozent der amerikanischen
+Produktion. Ich glaube, dass diese Zahl in
+Amerika sehr ernstlich der Nachpr&uuml;fung bedarf und dass
+sie auch eine Nachpr&uuml;fung finden wird. W&auml;re tats&auml;chlich
+die Produktion Amerikas 15 mal gr&ouml;sser gewesen als
+seine Weltausfuhr, so w&auml;re diese Produktion so gewaltig,
+dass sie sich mit der Arbeiterzahl, &uuml;ber die Amerika verf&uuml;gt,
+nicht entfernt h&auml;tte leisten lassen. Der Anteil der
+Ausfuhr an amerikanischer Produktion ist tats&auml;chlich
+erheblich gr&ouml;sser, und Amerika wird auch in materiellem
+Sinne erkennen, dass es w&uuml;nschenswert ist, einen so
+starken Konsumenten, wie es Europa ist, gesund zu erhalten.
+Es besteht somit die Hoffnung, dass auf amerikanischer
+Seite ideelle und materielle Momente zusammenwirken
+werden, um die gewaltige Kraft dieses Landes
+den europ&auml;ischen Schicksalen wieder zuzuwenden, die
+von ihr abh&auml;ngen. Gleichviel, ob Amerika sich entschliesst,
+sich an Genua zu beteiligen oder nicht, glaube
+und hoffe ich, dass Europa nicht ganz allein auf sich
+selbst in der Regelung seiner &uuml;beraus schwierigen Verschuldungsverh&auml;ltnisse
+und in der Ordnung, in der
+Wiederherstellung seiner tief erkrankten wirtschaftlichen
+Gliederung angewiesen sein wird.</p>
+
+<p>Wenn wir in einigen Wochen nach Genua gehen werden,
+so werden wir es nach eingehender Vorbereitung aller
+derjenigen Probleme tun, die Deutschland beherrschen,
+und vor allem derjenigen, die auf das Schicksal Europas
+einen wirtschaftlichen Einfluss aus&uuml;ben. Ich glaube, dass
+es uns m&ouml;glich sein wird, dort einen Boden zu finden,
+der f&uuml;r die Er&ouml;rterung wirtschaftlicher Grundfragen vorbereitet
+ist, und hoffe, dass die Anbahnung eines k&uuml;nftigen
+wirklichen Friedenszustandes gelingt. Wir leben
+freilich nicht mehr im Kriege, aber wir leben noch immer
+weit entfernt vom wirklichen Frieden. Noch immer<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>
+leben die V&ouml;lker in dauernder, sich verst&auml;rkender wirtschaftlicher
+Abschliessung, noch immer leidet Deutschland
+unter einseitiger Behandlung, noch immer leben wir
+unter der Regie von Noten, die unser politisches Leben
+erschweren und beunruhigen, noch immer ist im Osten
+schlesisches Land besetzt und im Westen die St&auml;dte, die
+unter dem Namen von Sanktionen okkupiert worden
+sind. Das ist noch nicht der wahre Friede der Welt, das
+ist noch nicht der wahre Friede Deutschlands! Ich habe
+die Hoffnung und den Glauben, dass dieser wahre Frieden
+der Welt herannaht. Die Aufgabe unserer Politik
+ist, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, dem Frieden n&auml;her
+zu kommen, Vertrauen im Kreise der V&ouml;lker zu erwerben
+und zu erhalten, aber auch gleichzeitig unsere Rechte
+zu wahren. In diesem Sinne gedenken wir die Fahrt nach
+Genua anzutreten, in diesem Sinne hoffen wir, dass
+Genua einen Markstein auf dem Wege zu wirklicher Befriedung
+der Erde bilden wird!</p>
+
+<hr class="endchapter" />
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span><a name="Reichstag19220329" id="Reichstag19220329"></a>REICHSTAGSREDE<br />
+VOM<br />
+29. M&Auml;RZ 1922</h2>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+
+<p><span class="dropcap">A</span>ls ich vor nunmehr zwei Monaten im Ausw&auml;rtigen
+Ausschuss des Reichstages &uuml;ber Cannes berichtete,
+habe ich ausgesprochen, es k&ouml;nnten Nachtfr&ouml;ste kommen
+und die junge Saat des Friedens sch&auml;digen. Das Klima
+Europas schien mir damals noch nicht gen&uuml;gend erw&auml;rmt,
+um hoffen zu d&uuml;rfen, dass ein Vorfr&uuml;hling des Friedens
+eintreten werde.</p>
+
+<p>In Cannes war manches erreicht. Die Goldzahlung von
+f&uuml;nf Milliarden, die das Ultimatum uns auferlegte und die
+zum Teil bestanden in festen Leistungen, zum andern
+Teil in den Abgaben des Index, zum dritten Teil in den
+Goldleistungen f&uuml;r Besatzungskosten, war auf 720 Millionen
+verringert worden. Es war den deutschen Vertretern
+Gelegenheit gegeben worden, unsere wirtschaftliche
+Lage unumwunden der Entente darzulegen, und es
+ist seitdem noch nicht eine autoritative Stimme aufgetreten,
+die unsere Ausf&uuml;hrungen widerlegt.</p>
+
+<p>Des ferneren war zum ersten Male eine Weltkonferenz
+in Aussicht genommen, an der Deutschland als gleichberechtigter
+Faktor teilnehmen sollte.</p>
+
+<p>Die Konferenz in Cannes fand kein nat&uuml;rliches Ende.
+Durch den Sturz des franz&ouml;sischen Ministerpr&auml;sidenten
+Briand war die Situation von Grund aus ge&auml;ndert. Die
+endg&uuml;ltige Entscheidung, die von der Konferenz erwartet
+wurde, ging auf die Reparationskommission &uuml;ber.</p>
+
+<p>Uns wurde anheimgestellt, der Reparationskommission
+ein Anerbieten zu machen. F&uuml;r diese Offerte waren die
+Grundlinien vorgezeichnet; sie waren vereinbart
+zwischen England und Frankreich, und es war uns davon
+Kenntnis gegeben, dass das Moratorium, das wir verlangten,
+uns gew&auml;hrt werden w&uuml;rde, wenn wir die Bedingungen
+ann&auml;hmen, die man uns vorschlug. Das Moratorium
+mussten wir haben; denn die Goldzahlungen
+des Januar und Februar waren nicht zu leisten. So
+wurde die Offerte so eingereicht, wie sie vereinbart war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>Bis zur endg&uuml;ltigen Entscheidung aber wurde von der
+Reparationskommission uns eine Dekadenzahlung im Betrage
+von 31 Millionen f&uuml;r alle zehn Tage auferlegt. Schon
+in Cannes habe ich die Reparationskommission darauf
+aufmerksam gemacht, dass eine solche Dekadenzahlung
+von Deutschland nur f&uuml;r ganz kurze Zeit geleistet werden
+k&ouml;nne, wenn nicht die Gefahr entstehen sollte, dass die
+deutsche Valuta aufs schwerste zerr&uuml;ttet w&uuml;rde. Ich bin
+auf diese Aeusserungen der Reparationskommission
+gegen&uuml;ber zur&uuml;ckgekommen; ich habe mehrmals m&uuml;ndlich
+und schriftlich darauf hingewiesen, dass die Zeit sich
+allzu sehr verl&auml;ngerte, dass die Zahlungen der Dekaden
+dieselbe Wirkung haben m&uuml;ssten, die ich in Cannes vorausgesagt
+h&auml;tte. Tats&auml;chlich ist auch die Zerr&uuml;ttung
+unserer Valuta eingetreten: der Aufstieg des Dollars
+von 160 bis auf &uuml;ber 300.</p>
+
+<p>Die Verhandlungen mit der Reparationskommission zogen
+sich in die L&auml;nge, nicht Verhandlungen zwischen uns
+und ihr, sondern Verhandlungen, die sie selbst mit dem
+franz&ouml;sischen Ministerpr&auml;sidenten zu f&uuml;hren hatte, dem
+sie ihr Mandat zun&auml;chst in die H&auml;nde gelegt hatte und
+von dem sie es zur&uuml;ckerhielt.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieser Zeit haben wir, dem Wunsche der Reparationskommission
+entsprechend, mit denjenigen Delegierten
+verhandelt, die uns gesandt wurden, n&auml;mlich in
+erster Linie mit Herrn Bemelmans, in der Absicht, die
+Sachleistungen f&uuml;r uns und auch f&uuml;r diejenigen L&auml;nder,
+die anspruchsberechtigt waren, durchf&uuml;hrbar zu machen,
+n&auml;mlich f&uuml;r England, Belgien, Italien und Serbien. Ein
+Abkommen wurde pr&auml;liminiert. Kurze Zeit darauf erschien
+unangemeldet der franz&ouml;sische Delegierte Herr
+Gillet, abermals mit Zustimmung der Reparationskommission,
+um den Versuch zu machen, auch hinsichtlich
+der franz&ouml;sischen Sachleistungen neue Modalit&auml;ten mit
+uns zu verabreden, die dann gleichfalls in Vorbesprechungen
+gekl&auml;rt wurden. Von unserer Seite also wurde
+nichts vers&auml;umt w&auml;hrend der langen Periode, innerhalb
+deren die Reparationskommission mit ihrer Entscheidung
+z&ouml;gerte. Wie Sie wissen, ist diese Entscheidung erfolgt
+am 21. M&auml;rz und sie hat Deutschland auf das schwerste
+entt&auml;uscht. Sie hat nicht nur uns entt&auml;uscht, sondern
+einen jeden in der Welt, der eine Hoffnung auf wirklichen
+Frieden und eine m&ouml;gliche Regelung des Reparationsverh&auml;ltnisses
+hegte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Um die Entwicklung dieser Wochen zu verstehen &#8211;
+zwei Monate vergingen w&auml;hrend dieser Verhandlungen
+&#8211; m&uuml;ssen wir uns klar machen, welche bedeutende
+Wandlung im politischen Weltgeschehen eingetreten war.
+In Frankreich hatte ein Staatsmann die Z&uuml;gel ergriffen
+von grosser Erfahrung in internationalen Verh&auml;ltnissen
+und von r&uuml;ckhaltsloser Willenskraft. Poincar&eacute; nahm
+den Kampf gegen England auf, und Boulogne hat uns gezeigt,
+dass dieser Kampf nicht ganz erfolglos gewesen
+ist. Wenn auch in Boulogne neue Beschl&uuml;sse nicht gefasst
+wurden, wenn auch nur das best&auml;tigt wurde, was
+urspr&uuml;nglich schon auf der Einladungskarte f&uuml;r Genua gestanden
+hatte, so war doch diese Wiederholung eine Bekr&auml;ftigung
+desjenigen Willens, der uns verhindern sollte,
+die Frage der Reparationen in Genua zur Sprache zu
+bringen, diejenige Beschr&auml;nkung der Konferenz aufzuerlegen,
+die ihr eigentlich das Herz ausbrach. Von einer
+starken parlamentarischen Mehrheit getragen, begann
+Poincar&eacute; seine Politik, und sie hat sich in kurzer Zeit auf
+allen Schaupl&auml;tzen der Politik ausgewirkt, nicht nur England
+gegen&uuml;ber, sondern auch im n&auml;heren Osten, wo die
+Zahl der B&uuml;ndnisse, Verst&auml;ndigungen und Milit&auml;rkonventionen
+fast von Tag zu Tag wuchs, nicht nur in Kleinasien,
+wo die franz&ouml;sisch-t&uuml;rkische Politik vordrang
+gegen&uuml;ber der englisch-griechischen. Die Auswirkung
+erstreckte sich auch auf uns, und zwar zeigte sie sich
+zun&auml;chst in einem Hagel von Noten, die seitens der interalliierten
+Milit&auml;rkommissionen auf uns herniederprasselten.
+Ich habe z&auml;hlen lassen, dass wir etwa im Laufe
+von zwei Monaten 100 Noten von diesen Kommissionen
+zur Beantwortung bekamen. Sie k&ouml;nnen sich denken,
+dass es nahezu einer Lahmlegung der Beh&ouml;rden gleichkommt,
+wenn sie gezwungen sind, t&auml;glich und n&auml;chtlich
+an der Beantwortung dieser Schriftst&uuml;cke zu arbeiten.
+Von dem letzten Herrn Redner ist auf die sehr unerfreulichen
+Entwicklungen hingewiesen worden, die die Abgrenzung
+am Weichselgebiet in der letzten Zeit erfahren
+hat. Wir haben nicht unterlassen, nicht nur die Botschafterkonferenz,
+sondern alle M&auml;chte einzeln darauf hinzuweisen,
+dass hier ein schweres Unrecht im Zuge ist,
+und es ist wenigstens erreicht worden, dass die Botschafterkonferenz
+zun&auml;chst ihre Entscheidung zur&uuml;ckgestellt
+hat.</p>
+
+<p>Etwas Tragisches liegt darin, dass die gegenw&auml;rtig<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+st&auml;rkste Milit&auml;rmacht der Welt, dass Frankreich in seinem
+ganzen Tun und Handeln bestimmt wird durch die Besorgnis
+vor einem deutschen Angriff, vor einem Angriff
+eines vollkommen entwaffneten Landes, das kaum so
+viel Soldaten aufbringt, um seine innere Ruhe zu erhalten.
+Es ist in hohem Masse bedauerlich, dass durch diesen
+Gedanken Frankreichs jede Behandlung europ&auml;ischer
+Probleme eine politische Seite erh&auml;lt.</p>
+
+<p>Gerade auf einem derjenigen Gebiete, mit denen sich die
+Noten der letzten Zeit besonders intensiv besch&auml;ftigen,
+trat diese politische Tendenz in bedauerlicher Weise hervor.
+Ich spreche von denjenigen Noten, die sich auf
+unsere Schutzpolizei beziehen. Es ist durchaus verst&auml;ndlich,
+wenn in einem geordneten, mit starker Milit&auml;rmacht
+versehenen Lande, wenn in einem Lande mit ungeschw&auml;chter
+Staatsautorit&auml;t ein Gendarmeriesystem vertreten
+wird, das auf rein munizipaler, &ouml;rtlicher Organisation
+beruht. F&uuml;r Deutschland ist eine solche Regelung
+nicht tunlich. Wir leben in einer Zeit des Uebergangs, der
+schwersten Zerr&uuml;ttung unserer wirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse.
+Wir leben in einer Zeit, in der schwer geb&auml;ndigt
+unter der Oberfl&auml;che die M&auml;chte der Unruhe sich bewegen.
+Wir leben in einem Lande mit geschw&auml;chter
+Staatsgewalt, und wir sind deshalb darauf angewiesen,
+f&uuml;r Ruhe im Lande zu sorgen. Das ist nur dann m&ouml;glich,
+wenn eine wirksame Polizeigewalt im Lande
+existiert.</p>
+
+<p>Unter solchen Auspizien der &auml;usseren und der Gesamtpolitik
+ist die Note der Reparationskommission erwachsen.
+Die Kritik an der Note hat gestern der Herr
+Reichskanzler ge&uuml;bt, und ich habe dieser Kritik nicht ein
+Wort hinzuzuf&uuml;gen. Um aber die Voraussetzungen und
+Tendenzen klarer zu verstehen, auf die sich die Note
+gr&uuml;ndet, ist es erforderlich, dass wir uns in einen fremden
+Vorstellungskreis zu versetzen suchen und einige Irrt&uuml;mer
+dieses Vorstellungskreises beleuchten.</p>
+
+<p>Der erste Irrtum, mit dem wir uns befassen m&uuml;ssen, ist
+die &uuml;bertriebene Vorstellung des Auslandes von dem Begriff
+der Inflation und ihren Wirkungen. Immer wieder
+tritt uns die Vorstellung entgegen, dass, wenn unser
+Geldwert zerr&uuml;ttet ist, das nur auf den Notendruck zur&uuml;ckgef&uuml;hrt
+werden kann. Das Rezept dagegen, das uns
+gegeben wird, ist: Stoppt eure Notenpresse, bringt euer
+Budget in Einklang, und das Ungl&uuml;ck ist behoben! Ein<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>
+schwerwiegender volkswirtschaftlicher Irrtum! F&uuml;r ein
+Land mit aktiver Zahlungsbilanz ist die Gesundung des
+Geldes dadurch m&ouml;glich, dass man deflationistische Politik
+betreibt, die Balance des Haushalts herstellt und die
+Notenpresse stoppt. Anders liegt es aber f&uuml;r ein Land
+mit passiver Zahlungsbilanz. Ich fordere jeden Kenner
+des Wirtschaftslebens auf, mir einen Weg zu nennen, auf
+dem einem Land mit passiver Zahlungsbilanz erm&ouml;glicht
+wird, dauernd Goldzahlungen zu leisten ohne Hilfe fremder
+Anleihen und dabei seine Valuta intakt zu halten.
+Niemals ist der Versuch gemacht worden, ein solches
+Rezept zu geben, und es kann nicht gegeben werden.
+Denn ein Land, das Gold nicht produziert, kann Gold
+nicht zahlen, es sei denn, dass es dieses Gold durch Ausfuhr&uuml;bersch&uuml;sse
+kauft oder dass ihm das Gold geliehen
+wird.</p>
+
+<p>Der Kreislauf unserer Valutazerr&uuml;ttung ist der folgende:
+passive Zahlungsbilanz, infolgedessen die Notwendigkeit,
+unsere Zahlungsmittel im Auslande zu verkaufen oder
+auszubieten; dadurch Entwertung der ausgebotenen
+Ware, der verkauften Zahlungsmittel; dadurch Sch&auml;digung
+des Geldwertes im Auslande, Sch&auml;digung
+der Valuta. Weitere Folge: Ansteigen aller Preise
+im Inlande, Ansteigen aller Materialkosten und aller Personalkosten.
+Weitere Folge: das Klaffen des Budgets;
+denn ein Budget besteht aus keinen anderen Ausgaben
+als aus sachlichen und pers&ouml;nlichen, und wenn diese
+beiden ohne Gegenwert steigen, so ist jedes Budget, und
+mag es vorher noch so sehr im Einklang gewesen sein,
+zerr&uuml;ttet.</p>
+
+<p>Wer den Beweis f&uuml;r die Richtigkeit dieser Anschauung
+noch braucht, der sei darauf hingewiesen, wie sich tats&auml;chlich
+unser Geldwert im Ausland w&auml;hrend einer Zeit
+vollkommen stabilen Weiterganges der Inflation bewegt
+hat. Wir haben bei diesem stabilen Gang im Herbst
+letzten Jahres einen Dollarkurs von 300 erlebt, er hatte
+sich im Dezember auf etwa 160 erm&auml;ssigt, er ist abermals
+gestiegen auf 350, und alles das stand nicht im Zusammenhange
+weder mit dem Druck der Notenpresse
+noch mit dem Fortgang der Inflation.</p>
+
+<p>Einen zweiten Irrtum der ausl&auml;ndischen Auffassung von
+unserer Zahlungsf&auml;higkeit habe ich zu erw&auml;hnen. Er betrifft
+die Frage unserer Steuerbelastung. Wir haben der
+Reparationskommission und der Konferenz in Cannes<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+das Material &uuml;bergeben, das den Nachweis erbrachte,
+dass Deutschland heute schwerer mit Steuern belastet
+ist als andere L&auml;nder. Von keiner Seite ist der Versuch
+gemacht worden, unsere Rechnungen zu entkr&auml;ften. Anerkannt
+wurde, dass die Kalkulationen &uuml;beraus schwierige
+sind, dass es ernster theoretischer Auseinandersetzungen
+bedarf und nicht mechanischer Vergleiche von Zahlen,
+die auf Dollars &uuml;bersetzt werden. Aber der Versuch
+einer Widerlegung ist nicht gemacht worden. Das einfachste
+Beispiel kann ja nicht widerlegt werden. Wenn
+in Deutschland das Einkommen der h&ouml;chsten Staatsbeamten
+300 oder 500 Dollars betr&auml;gt, so kann dieser
+Staatsbeamte keinesfalls mehr als 300 oder 500 Dollars
+Steuern zahlen. Das schliesst aber keineswegs aus, dass
+ein Staatsbeamter eines anderen Landes, der 3000 oder
+5000 Dollars verdient, sehr wohl mehr Steuern zahlen
+kann, als die ganzen Einnahmen des deutschen Staatsbeamten
+betragen.</p>
+
+<p>Ein dritter Irrtum, der bereits von Herrn Abgeordneten
+Stresemann erw&auml;hnt wurde, ist der, dass man uns vorh&auml;lt:
+eure Wirtschaft ist voll besch&auml;ftigt, ihr habt keine
+Arbeitslosen, bei euch raucht jeder Schornstein, bei euch
+laufen alle Maschinen mit Volldampf; wo bleibt nun das
+Produkt dieser Arbeit? Dieses Produkt muss doch vorhanden
+sein, es muss dazu dienen, die deutsche Verm&ouml;genssubstanz
+anzureichern, und dieses Produkt muss
+f&uuml;r Reparationen fassbar sein. Die Antwort auf diese
+Frage habe ich in Cannes gegeben, und ich werde es
+hier noch einmal mit gr&ouml;sserer Deutlichkeit tun.</p>
+
+<p>Die Reparationen, die wir im letzten Jahre gezahlt haben,
+beliefen sich auf anderthalb Milliarden Goldmark. Diese
+anderthalb Milliarden Goldmark bedeuten nicht mehr und
+nicht weniger als die Jahresarbeit von einer Million
+deutschen Arbeitern. Wir haben, wie Sie wissen, durch
+den Niedergang unserer Landwirtschaft eine erhebliche
+Einfuhr von Lebensmitteln n&ouml;tig. Diese Einfuhr belief
+sich im letzten Jahre auf 2 Milliarden Goldmark, und sie
+bedeutet abermals die Arbeitskraft eines ganzen Jahres
+von einer Million Deutschen. Unseren Auslandsbesitz
+haben wir verloren, die Guthaben und Investitionen, den
+Ueberseebesitz. Die Einnahmen aus diesen Besitzt&uuml;mern
+betragen weit &uuml;ber eine Milliarde Gold, und diese Einnahmen
+verwandelten sich in einen Zustrom von Rohstoffen
+und von Waren, f&uuml;r die wir Gegenwerte nicht<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+zu leisten brauchten. Wenn wir heute diese Rohstoffe
+und G&uuml;ter uns durch Kauf beschaffen m&uuml;ssen, so haben
+wir daf&uuml;r Arbeit zu leisten, und es ist abermals die Arbeit
+von einer Million Deutschen erforderlich, um den
+Gegenwert zu bezahlen. Wir kommen also zu der Rechnung,
+dass drei Millionen Deutsche gegenw&auml;rtig Jahr f&uuml;r
+Jahr zu arbeiten haben, um denjenigen Stand einigermassen
+wiederherzustellen, der uns vor dem Kriege ohne
+diese Arbeit beschieden war. Es wird also gleichsam
+von drei Millionen Menschen die Arbeit kompensationslos
+verzehrt; das bedeutet freilich einen Zustand von starker
+Besch&auml;ftigung des Landes, aber nicht von produktiver
+Besch&auml;ftigung.</p>
+
+<p>Einen vierten Irrtum hat Herr Stresemann erw&auml;hnt, auf
+den ich mit wenigen Worten erg&auml;nzend eingehen m&ouml;chte.
+Es wird uns vom Auslande entgegengehalten: eure Industrie
+ist bl&uuml;hend; eure Gesellschaften zahlen hohe
+Dividenden; sie emittieren neues Kapital; sie schaffen
+also grosse neue innere Werte. Auch dieser Schluss ist
+falsch. Denn wenn wir das Beispiel einer Gesellschaft
+von 100 Millionen Aktienkapital nehmen und annehmen,
+dass diese Gesellschaft selbst 20 Prozent Dividende zahlt,
+so hat sie auf die Goldwerte ihres Aktienkapitals nicht
+mehr als &frac14; Prozent gezahlt. Es bleibt dabei aber unber&uuml;cksichtigt,
+dass sie mindestens, um ihren Stand an
+Maschinen und Einrichtungen aufrechtzuerhalten, eine
+j&auml;hrliche R&uuml;cklage in Gold machen m&uuml;sste, die, auf Papier
+umgerechnet, ein Vielfaches des Aktienkapitals ausmacht.
+Wenn also eine solche Gesellschaft selbst 20
+Prozent Dividende zahlt, so fehlen ihr jedes Jahr vielleicht
+200, vielleicht 300, vielleicht 500 Prozent ihres
+Aktienkapitals an den notwendigsten R&uuml;ckstellungen.</p>
+
+<p>Ich habe die volkswirtschaftlichen Trugschl&uuml;sse erw&auml;hnt,
+die eine Erkl&auml;rung f&uuml;r die Atmosph&auml;re bilden, innerhalb
+deren die Reparationsnote entstanden ist. Ich darf aber
+nicht an den erheblichen gef&auml;hrlichen Irrt&uuml;mern vor&uuml;bergehen,
+die sich in der politischen Mentalit&auml;t des Auslandes
+abspielen. Ich nenne von diesen Irrt&uuml;mern nur
+zwei. Der eine lautet: Deutschland hat nichts gezahlt
+und will nichts zahlen. Der andere lautet: Deutschland
+hat nicht entwaffnet und will nicht entwaffnen.</p>
+
+<p>Meine Herren! Ich m&ouml;chte Ihnen zwei Aufstellungen verlesen,
+die ich gemacht habe, um diese Fragen zu beantworten.
+Zun&auml;chst: Deutschland hat nichts gezahlt und<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>
+will nichts zahlen. Es ist schwer, genaue Sch&auml;tzungen
+aufzustellen f&uuml;r alle diejenigen Leistungen, die Deutschland
+in der Vergangenheit seit Beendigung des Krieges
+hingegeben hat. Aber wenn auch die Sch&auml;tzungen vielleicht
+nicht auf die letzten Dezimalen genau zu sein
+brauchen, so geben sie doch ein deutliches und unwiderlegliches
+globales Bild von der Gesamtheit der deutschen
+Leistung.</p>
+
+<p>Ich erw&auml;hne folgende Posten: Das deutsche liquidierte
+Eigentum im Auslande hat einen Wert von 11,7 Milliarden,
+die &uuml;bergebene Flotte hat einen Wert von 5,7 Milliarden,
+das Reichseigentum in den abgetretenen Gebieten bel&auml;uft
+sich auf 6,5 Milliarden Mark, &uuml;bergebenes Eisenbahn- und
+Verkehrsmaterial bel&auml;uft sich auf 2 Milliarden Goldmark
+(Zuruf rechts: alles Goldmark?) &#8211; alles Goldmark! &#8211;
+R&uuml;cklassg&uuml;ter nicht milit&auml;rischen Charakters 5,8 Milliarden
+Goldmark, der Verlust der deutschen Anspr&uuml;che
+an seine Kriegsverb&uuml;ndeten bel&auml;uft sich auf 7 Milliarden
+Goldmark. Der Wert der Saargruben wird von uns
+auf 1,1 Milliarden Goldmark beziffert. Die Kohlenlieferungen,
+die wir get&auml;tigt haben, zum Weltmarktpreis gerechnet,
+belaufen sich auf 1,3 Milliarden Goldmark. Barzahlungen
+f&uuml;r Reparationen sind bekanntlich 1,3 Milliarden
+Goldmark gewesen. Eine Reihe von kleineren Posten &#8211;
+kleiner, obwohl sie in die Milliarden laufen &#8211; &uuml;bergehe
+ich, sie betragen im ganzen 3,2 Milliarden Mark. Wir
+kommen somit zu einer Gesamtsumme der deutschen
+Leistungen seit Kriegsende von 45,6 Milliarden Goldmark.
+&#8211; Hierbei ist der Wert der Kolonien und der reine Wirtschaftswert
+der abgetretenen oberschlesischen und westpreussischen
+Gebiete nicht in Ansatz gebracht. F&uuml;gt man
+den nach mittleren Sch&auml;tzungen hinzu, so erh&ouml;ht sich
+diese Summe auf weit &uuml;ber 100 Milliarden Goldmark.</p>
+
+<p>Das habe ich dem Auslande zu sagen, das durch eine
+starke Propaganda heute noch immer die Meinung zu
+h&ouml;ren bekommt, Deutschland habe nichts gezahlt und
+Deutschland wolle nichts zahlen. Es ist die st&auml;rkste
+Zahlungsleistung von Deutschland ausgegangen, die jemals
+von einem Volke der Erde an andere V&ouml;lker geleistet
+worden ist.</p>
+
+<p>Die andere Behauptung lautet: Deutschland habe nicht
+entwaffnet und wolle nicht entwaffnen. Auch hier werde
+ich Ihnen eine Reihe von Zahlen geben und bitte dabei zu
+bedenken, dass sich in diesen Zahlen nicht die ganze Entwaffnung<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+Deutschlands ausdr&uuml;ckt, dass sie nicht die gewaltige
+Heeresreduktion umfassen und dass sie den Verlust
+unserer Festungen nicht enthalten. Es sind unter
+anderem abgeliefert worden an Gewehren und Karabinern
+5,8 Millionen, an Maschinengewehren 102<span style="font-size: 60%;">&nbsp;</span>000, an
+Minenwerfern und Granatwerfern 28<span style="font-size: 60%;">&nbsp;</span>000, an Gesch&uuml;tzen
+und Rohren 53<span style="font-size: 60%;">&nbsp;</span>000, an scharfen Artilleriegeschossen und
+Minen 31 Millionen, an scharfen Hand-, Gewehr- und Wurfgranaten
+14 Millionen, an Z&uuml;ndern 56 Millionen, an Handwaffenmunition
+390 Millionen und an Pulver 31<span style="font-size: 60%;">&nbsp;</span>900<span style="font-size: 60%;">&nbsp;</span>000
+Kilo. Demgegen&uuml;ber ist die Behauptung eine vermessene,
+dass Deutschland zur Abr&uuml;stung nichts getan habe. Die
+deutsche Abr&uuml;stung ist eine Leistung von unerh&ouml;rter
+Gr&ouml;sse, und es ist nicht wahr, wenn man behauptet, dass
+einige Waffenfunde, die in Deutschland gemacht worden
+sind, an diesem Bilde irgend etwas Wesentliches &auml;ndern.
+Noch in 100 Jahren wird man vermutlich irgendwo in
+deutschem Boden vergrabene Waffen finden, gerade so
+gut wie man heute noch r&ouml;mische M&uuml;nzen oder longobardische
+Schwerter im Boden findet. Eine 100<span style="font-size: 60%;">&nbsp;</span>prozentige
+Leistung auf dem Gebiet einer grossen Aktion gibt
+es nicht, und wenn hier Bruchteile eines Prozentes zur&uuml;ckgeblieben
+sein m&ouml;gen, so ist kein Grund daf&uuml;r, diese Tatsachen
+in Form von Entdeckungen aufzubauschen. Kein
+denkender Mensch in der Welt kann annehmen, dass
+Deutschland mit dem, was ihm an Waffen oder an Kriegern
+verblieben ist, einen Krieg f&uuml;hren kann. Jeder
+Mensch, der heute vertraut ist mit dem technischen
+Wesen eines Krieges, weiss, dass ein neuzeitlicher Krieg
+nicht zu f&uuml;hren ist mit Resten von Waffen, dass er &uuml;berhaupt
+nicht zu f&uuml;hren ist mit vorhandenem Material, sondern
+dass er nur gef&uuml;hrt werden kann durch Umstellungen
+der gesamten Industrialit&auml;t eines Landes.
+Diese Umstellung aber ist in Deutschland nicht m&ouml;glich,
+und somit sind alle Bem&uuml;hungen vergeblich, die darauf
+hinauslaufen, etwa den Beweis deutscher Wehrkraft dadurch
+zu bringen, dass noch ein halbes oder ein viertel
+Prozent der deutschen Waffen nicht abgeliefert sein
+m&ouml;ge.</p>
+
+<p>Damit will ich den verborgenen Waffen aber nicht das
+Wort reden. Ich halte es f&uuml;r tief bedauerlich, dass das
+Reich in Gefahr gebracht worden ist durch solche Personen,
+die Waffen versteckt haben mit irgendwelchen
+unklaren und verworrenen Absichten, ohne sich deutlich<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>
+zu machen, dass wir dadurch von neuem den Beschwerden
+von Kommissionen und schweren politischen Verwirrungen
+ausgesetzt werden. Die Reichsregierung wird
+und muss alles tun, um diejenigen Verpflichtungen, die
+sie &uuml;bernommen hat, durchzuf&uuml;hren, und es soll ihr dabei
+niemand in den Arm fallen.</p>
+
+<p>Die Abr&uuml;stung Deutschlands bezeichne ich als eine vollkommene,
+und ich bezeichne sie um so mehr als eine vollkommene,
+als sie stattgefunden hat in einem Europa, das
+von Waffen starrt. Die beabsichtigte Abr&uuml;stung der
+Welt, wozu hat sie gef&uuml;hrt? Sie hat dazu gef&uuml;hrt, dass
+gegenw&auml;rtig in Europa nicht 3,7 Millionen Soldaten unter
+Waffen stehen, wie vor dem Kriege, sondern 4,7 Millionen.
+In dieser waffenstarrenden Welt kann man von einem bewaffneten
+und kriegsbereiten Deutschland nicht sprechen,
+wenn man ehrlich die Verh&auml;ltnisse betrachtet.</p>
+
+<p>Aber, meine Damen und Herren, es ist doch einmal n&ouml;tig
+auszusprechen: wenn Deutschland diese gewaltigen
+Leistungen get&auml;tigt hat, die Leistungen seiner Zahlungen
+auf der einen Seite, die Leistungen seiner Entwaffnung
+auf der anderen Seite, unter welchen physischen und
+moralischen Verh&auml;ltnissen Deutschland diese beiden
+grossen Taten vollbracht hat. Halb verhungert ging das
+Land aus dem schwersten aller Kriege hervor; aber
+nicht nur aus dem Kriege, sondern aus einer Blockade,
+die sich noch nahezu ein Jahr &uuml;ber Kriegsende hinaus
+verl&auml;ngert hatte. In diesem Zustande durchschritt das
+Volk eine Revolution und eine Reihe von wirtschaftlichen
+Krisen, die heute noch nicht beendet ist. Eine Geldentwertung
+trat ein, die, wie es Herr Stresemann mit beweglichen
+Worten ausgef&uuml;hrt hat, den Mittelstand zerbrach,
+die eine Umschichtung der St&auml;nde herbeigef&uuml;hrt
+hat, wie sie bedauerlicher nicht gedacht werden kann,
+die Elend und Entbehrungen in alle Schichten des Volkes
+und fast in jede Familie gebracht hat. Die Intelligenz
+des Landes, unsere kulturellen Werte sind in schwerster
+Gefahr und Bedr&auml;ngnis. Der Kanzler hat geschildert,
+wie es kaum mehr m&ouml;glich ist, die notwendigsten Institute
+der gesundheitlichen Pflege zu erhalten. Die
+Wissenschaft ist in Gefahr. Tausende haben ihre Studien
+unterbrechen m&uuml;ssen, haben sich anderen Berufen zugewandt.
+Der Berufswechsel in Deutschland, die Verarmung
+der geistigen Schichten hat die kulturelle Kraft
+unserer Bev&ouml;lkerung um Jahre zur&uuml;ckgeworfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>Gleichzeitig aber hat auf dem Lande, das die Leistungen
+vollbrachte, von denen ich sprach, die Leistungen der
+Zahlung und der Abr&uuml;stung, ein Druck gelastet, der bis
+zum heutigen Tage nicht behoben ist, der schwere Druck
+des Gem&uuml;tempfindens, der Schmerz um verlorene Heimat,
+der Druck der Okkupationsheere im Osten und
+Westen, der Druck der Sanktionen, die uns drei St&auml;dte
+im Frieden entrissen haben, der Druck der Kommissionen,
+die im Lande herumreisen und in alle unsere Verh&auml;ltnisse
+eingreifen. Dieser schwere Druck hat auf dem Volke gelastet
+neben dem wirtschaftlichen und neben dem sozialen,
+w&auml;hrend es diejenigen Leistungen vollbrachte, die
+ich erw&auml;hnt habe. Ich glaube nicht, dass es ungerecht
+ist, zu fragen, ob je ein Volk in geschichtlichen Zeiten
+im Frieden einer h&auml;rteren Probe unterworfen worden ist.
+Wie aber hat sich Deutschland den Verh&auml;ltnissen gegen&uuml;ber
+selbst verhalten? In dieser Zeit der schwersten
+Not, der schwersten Sorge, der st&auml;rksten moralischen
+und physischen Anspannung ist Deutschland dasjenige
+Land gewesen, das Europas Zivilisation erhalten hat;
+denn h&auml;tte Deutschland in dieser Zeit den Willen zur
+Ordnung und Disziplin sinken lassen, h&auml;tte sich Deutschland
+in dieser Zeit in Umsturz gleiten lassen, so w&auml;re
+f&uuml;r die europ&auml;ische Zivilisation eine Rettung nicht mehr
+erwachsen. Wir verlangen f&uuml;r das, was wir geleistet
+haben, von aussen keine Anerkennung und keinen Dank;
+aber wir d&uuml;rfen erwarten und verlangen, dass sich die
+Welt endlich entschliesst, die deutschen Verh&auml;ltnisse so
+zu sehen, wie sie sind. Es ist n&ouml;tig, dass in die fremden
+L&auml;nder diejenigen Stimmen hineindringen &#8211; und deshalb
+darf ich auch die meine erheben&nbsp;&#8211;, die behaupten und
+beweisen, dass die Leistungen Deutschlands die Achtung
+der Welt verdienen.</p>
+
+<p>Da, wo unser schwerstes Ungl&uuml;ck liegt, entspringen aber,
+wie ich glaube, auch die Quellen unserer Hoffnung, die
+leider heute noch sp&auml;rlich fliessen. Denn, sind diese
+Dinge wahr, die ich ausgesprochen habe, und sie sind es,
+so haben sie die Unaufhaltsamkeit der Wahrheit. Die
+Wahrheit ist ein Strom, der sich nicht in Flaschen versiegeln
+l&auml;sst. Es ist zweifellos, dass man die Wahrheit
+lange Zeit unterdr&uuml;cken kann; aber schliesslich macht
+sie ihren Weg um die Erde, und wenn die Wahrheit den
+Weg um die Erde antritt, dann ist auch f&uuml;r uns der
+Augenblick des Friedens gekommen, den wir ersehnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>Ich kehre zur Reparationsnote zur&uuml;ck. Ihre Beantwortung
+hat der Kanzler gestern deutlich umschrieben.
+Er hat ausgesprochen, dass die T&uuml;r der Verhandlungen
+nicht geschlossen ist; denn dieser Verhandlungen bed&uuml;rfen
+wir schon deswegen, um zur&uuml;ckzukommen auf diejenigen
+Goldleistungen, die von der Reparationskommission
+in Aussicht genommen worden sind. Wir haben
+die Absicht, der Reparationskommission zu sagen, dass
+unter den heutigen Verh&auml;ltnissen der Geldentwertung
+wir einen anderen Zahlungsplan f&uuml;r 1922 erwarten. Richtlinien
+f&uuml;r die Verhandlungen mit der Reparationskommission
+aber bleiben die beiden vom Kanzler ausgesprochenen:
+ein Neubau unseres Steuerkompromisses
+ist nicht m&ouml;glich und ebensowenig m&ouml;glich ist ein Eingriff
+in unsere Staats- und Finanzhoheit.</p>
+
+<p>Herr Stresemann hat die Mahnung ausgesprochen, an die
+ich mich zu halten beabsichtige, nicht auf diejenigen
+Punkte zur&uuml;ckzugreifen, die in der Vergangenheit die
+Auffassungen innerhalb dieses Hauses getrennt haben. Es
+sind gestern schwere Vorw&uuml;rfe gegen die vergangene
+Politik des Kabinetts erhoben worden. Ich gehe darauf
+nicht ein, weil auch ich den Wunsch habe, dass wir gemeinschaftlich
+an der Zukunft und nicht getrennt an der
+Vergangenheit arbeiten. Aber eins m&ouml;chte ich nicht ungesagt
+lassen: Ich glaube, dass das Kabinett es f&uuml;r sich
+beanspruchen darf, dass es ihm m&ouml;glich gewesen ist, im
+Jahre der st&auml;rksten Gefahr die Einheit und Unversehrtheit
+des Reichs zu erhalten, und ich behaupte, dass mit
+keiner anderen Politik die Unversehrtheit und Einheit
+des Reiches gewahrt worden w&auml;re.</p>
+
+<p>Die Politik, die wir zu f&uuml;hren beabsichtigen, ist die Politik
+des Friedens. Wir f&uuml;hren sie in der freien Ueberzeugung
+und in dem Glauben an unsere gute und gerechte
+Sache.</p>
+
+<p>Wir wollen die Erf&uuml;llung, soweit sie im Rahmen der
+M&ouml;glichkeit liegt, nicht als Selbstzweck, sondern als Weg
+zum Frieden. Wir wollen den Wiederaufbau der zerst&ouml;rten
+Gebiete als Weg zum Frieden, und wir wollen
+nach Kr&auml;ften beitragen zur Entb&uuml;rdung und zum Wiederaufbau
+der Welt.</p>
+
+<p>Freilich, vom wahren Frieden sind wir noch weit entfernt.
+Noch immer herrscht ein tiefes Misstrauen
+zwischen den V&ouml;lkern, gesteigert oftmals bis zur Feindseligkeit
+des Wortes und der Handlung. An Stelle gemeinschaftlicher<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+Arbeit verkettet den Erdkreis ein Ring
+gemeinschaftlicher Verschuldung. Europa starrt von
+Waffen, und es findet sich nicht der Staatsmann und
+nicht die Nation, die sich zum befreienden Gedanken und
+zur befreienden Tat aufrafft. Nach dreij&auml;hrigem Frieden
+ist unser eigenes Land noch immer friedlos, zum Teil
+milit&auml;risch besetzt, zum Teil milit&auml;risch kontrolliert.</p>
+
+<p>Kann nun Genua dieser friedlosen Welt den ersehnten
+Frieden bringen? &#8211; Amerika hat die Beteiligung an Genua
+abgelehnt mit der Begr&uuml;ndung, Genua sei eine politische
+Konferenz; Hauptfragen der wirtschaftlichen Probleme
+werden in Genua nicht behandelt, und somit bleiben wir
+fern. In Boulogne ist nochmals bekr&auml;ftigt worden, dass
+die Probleme der Reparation, der Grundlagen des Versailler
+Friedens, nicht der Beschlussfassung unterliegen
+sollen. Dennoch hat der Kanzler gestern in seiner Rede
+die hoffnungsvollere Seite von Genua erw&auml;hnt. Ich
+stimme seinen Ausf&uuml;hrungen bei und will das von ihm
+selbst beschr&auml;nkte Mass von Hoffnungen nicht herunterstimmen.
+Dennoch werden wir unsere Stellung zu Genua
+erneut zu pr&uuml;fen haben. Wir m&uuml;ssen erw&auml;gen, mit
+welchen Gedanken, aber auch mit welchen Gef&uuml;hlen wir
+uns einer Konferenz n&auml;hern, auf der das Schicksal und
+der Aufbau einer Welt behandelt werden soll, aber nicht
+der unseren, nicht unser Aufbau und nicht unser Schicksal.
+L&auml;sst sich eine Br&uuml;cke finden,&nbsp;&#8211; gut! L&auml;sst sie
+sich nicht finden, so wird Genua das Schicksal von vielen
+anderen Konferenzen teilen.</p>
+
+<p>In diesem Zusammenhang ein Wort in Ankn&uuml;pfung an
+die Ausf&uuml;hrungen des Herrn Stresemann &uuml;ber Russland.
+Zweifellos wird Genua f&uuml;r Russland manches Wesentliche
+bringen, und ich will nicht einen Augenblick die
+Auffassung der Kabinettsregierung unausgesprochen
+lassen, die dahin geht, dass wir nach Ausmass unserer
+Kr&auml;fte uns aufrichtig bem&uuml;hen werden, am Wiederaufbau
+Russlands mitzuwirken. Dabei ist der Weg von Syndikaten
+nicht der entscheidende, Syndikate k&ouml;nnen n&uuml;tzlich
+sein, und von solchen Syndikaten sollten wir uns
+nicht ausschliessen. Dagegen wird das Wesentliche
+unserer Aufbauarbeit zwischen uns und Russland selbst
+zu besprechen sein. Solche Besprechungen haben stattgefunden
+und finden weiter statt, und ich werde sie mit
+allen Mitteln f&ouml;rdern. Es ist kein Gedanke daran, dass
+Deutschland etwa die Absicht h&auml;tte, Russland gegen&uuml;ber<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+die Rolle des kapitall&uuml;sternen Kolonisten zu spielen. Ich
+freue mich ganz besonders, dass von seiten des Herrn
+Stresemann und seiner Freunde heute eine solche Stellung
+Russland gegen&uuml;ber gew&uuml;nscht wird, denn ich erinnere
+mich an eine Periode, in der ich mit meiner Auffassung
+&uuml;ber die Notwendigkeit, Russland zu Hilfe zu
+kommen, bei dieser Seite keine Gegenliebe gefunden
+habe.</p>
+
+<p>Soll, meine Herren, aus dem Chaos der Welt ein Ausweg
+gefunden werden, so ist es n&ouml;tig, den Rahmen weiter
+zu spannen, als es durch die Note der Reparationskommission
+geschehen ist. Es ist schlechterdings nicht m&ouml;glich,
+dass eine niedergebrochene Welt aufgerichtet werde
+lediglich durch die Arbeit eines einzigen Landes, auch
+wenn dieses Land noch so gutwillig an diesem Aufbau
+mitzuwirken gewillt ist. Alle Nationen der Erde, nicht
+nur die ehemaligen K&auml;mpfer, m&uuml;ssen erkennen, dass sie
+s&auml;mtlich am Aufbau der Welt in gleichem Masse interessiert
+sind. Sie m&uuml;ssen erkennen, dass sie einander
+wechselseitig bed&uuml;rfen als Produzenten und als K&auml;ufer,
+sie m&uuml;ssen erkennen, dass sie alle die gleichen Rohstoffe
+dieser Erde n&ouml;tig haben. Sie m&uuml;ssen sich vereinigen zu
+einer Sanierungsaktion der Welt, von der sich niemand
+ausschliessen darf, der aus den Vorr&auml;ten der Welt sch&ouml;pft.
+Deutschland aber bedarf, um im Kreise der V&ouml;lker die
+ihm gestellte Aufgabe des Aufbaus zu erf&uuml;llen, einer
+Atempause, die nur durch &auml;ussere Anleihen beschafft
+werden kann. Um aber sein Verh&auml;ltnis zu seinen Gl&auml;ubigern
+zu regeln, und zwar zu regeln in loyaler und ehrlicher
+Weise, muss Deutschland das Recht haben, sich mit
+seinen Gl&auml;ubigern an einen Tisch zu setzen. Das bedeutet
+keine Uebergehung der Reparationskommission,
+die immer noch gen&uuml;gend Aufgaben zu erf&uuml;llen haben
+wird. Es kann aber dem Schuldner nicht verwehrt werden
+und ist ihm zu keiner Zeit verwehrt worden, sich
+mit seinen Gl&auml;ubigern zusammenzusetzen und mit ihnen
+diejenigen Mittel zu beraten, wie wechselseitig das Verh&auml;ltnis
+geregelt werden kann, nicht nur auf dem Gebiet
+des Geldes, sondern auf allen Gebieten, die Gl&auml;ubiger
+und Schuldner gemeinschaftlich ber&uuml;hren.</p>
+
+<p>Ich kann es verstehen, dass man sich formal auf den
+Standpunkt gestellt hat, das deutsche Reparationsverh&auml;ltnis
+kann in Genua nicht verhandelt werden, weil dort
+40 Nationen vertreten sind, die, nur zum Teil an Reparationsfragen<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+beteiligt, nicht beschliessen k&ouml;nnen, wie
+Deutschlands Verh&auml;ltnis zu seinen Gl&auml;ubigern sich gestalten
+soll. Ich sage, ich kann es formal verstehen;
+sachlich h&auml;tte ich eine andere L&ouml;sung gew&uuml;nscht. Aber
+wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, dass Genua
+f&uuml;r diese Kernfrage der gesamten Weltwirtschaft unzust&auml;ndig
+ist, so ist es umsomehr notwendig, dass eine Regelung
+zwischen Deutschland und seinen Gl&auml;ubigern
+durch gemeinschaftliche Verhandlungen gefunden wird.
+Es ist gestern in der Debatte Erw&auml;hnung Amerikas geschehen.
+Ich halte es f&uuml;r falsch, auf ein einzelnes Land,
+sei es das st&auml;rkste und edelste der Welt, alle Hoffnung
+zu setzen. Es entspricht der Gewohnheit verzweifelter
+Schuldner, alle Hoffnung an einen einzigen Anker zu
+h&auml;ngen. In der Regel werden solche Hoffnungen get&auml;uscht.
+Ich kenne sehr wohl die Abneigung Amerikas,
+sich auf die wirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse Europas einzulassen.
+In erster Linie ist es eine schwere Europam&uuml;digkeit,
+die Amerika befallen hat nach den Erfahrungen
+des Krieges und nach den Erfahrungen des beginnenden
+Friedens. Wer das Tun und Treiben in Europa mit unbeteiligten
+Augen &uuml;berblickt, dem liegt es freilich nahe
+&#8211; und man kann es ihm nicht verdenken&nbsp;&#8211;, wenn er
+die Augen abwendet.</p>
+
+<p>Ein anderes Motiv Amerikas, sich nicht einzumischen,
+besteht darin, dass die Auffassung in volkswirtschaftlichen
+amerikanischen Kreisen herrscht, die amerikanische
+Ausfuhr bedeute nur einen kleinen Bruchteil, man spricht
+von 7 Prozent, der amerikanischen Produktion. Diese
+Zahl h&auml;lt der Nachpr&uuml;fung nicht stand, und ich glaube,
+dass man in kurzer Zeit in Amerika erkennen wird, dass
+der Prozentsatz der Ausfuhr im Verh&auml;ltnis zur Produktion
+ein ganz bedeutend gr&ouml;sserer ist. Ich sch&auml;tze das
+Verh&auml;ltnis der Ausfuhr zur amerikanischen Fertigproduktion
+auf mindestens 20 bis 25 Prozent. Auf eine solche
+Ausfuhr aber wird Amerika auf die Dauer nicht leicht
+verzichten.</p>
+
+<p>Plausibel f&uuml;r die amerikanische Nichteinmischung ist
+aber noch ein dritter Grund. Amerika sagt: warum
+sollen wir unser Geld Europa zur Verf&uuml;gung stellen,
+einem Kontinent, der es nur f&uuml;r seine R&uuml;stungszwecke
+verbraucht? Das ist ein Einwand, den man verstehen
+kann. Aber ich glaube, Amerika wird empfinden, dass
+man einem Ertrinkenden keine Bedingungen stellt. Es<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+ist nicht m&ouml;glich, zu warten, bis der Geist des Friedens
+in Europa durchgedrungen ist, um Europa zu helfen.</p>
+
+<p>Am 1. April wird der k&uuml;nftige amerikanische Botschafter
+Houghton sich zu Schiff begeben, um nach Deutschland
+zu kommen und hier seinen Posten zu &uuml;bernehmen. Ich
+rufe ihm ein Willkommen entgegen und hoffe, dass seine
+Mission in Deutschland f&uuml;r beide L&auml;nder fruchtbringend
+sein wird. Wir selbst haben einen der st&auml;rksten Leiter
+unseres Wirtschaftslebens, Geheimrat Wiedfeldt, bestimmt,
+uns in Washington zu vertreten. Ich glaube,
+dass diese Wahl von Amerika gut aufgenommen werden
+wird. Denn Amerika w&uuml;nschte sich einen starken Mann
+der Wirtschaft, und ich hoffe, dass Herr Wiedfeldt
+dr&uuml;ben ein gesegnetes Feld seiner T&auml;tigkeit finden wird.
+Noch nie hat eine Nation so unentrinnbar das Schicksal
+eines Kontinents in der Hand gehalten wie Amerika im
+gegenw&auml;rtigen Augenblick. Eine gewaltige Verantwortung
+ist mit dieser Machtstellung verbunden, zu der
+diejenige des Krieges hinzutritt, den Amerika entschieden
+hat, und des Friedens, den es gleichfalls bestimmte. Wir
+d&uuml;rfen hoffen, dass Amerika, das wir nicht lediglich als
+ein Land materieller Interessen ansehen d&uuml;rfen, sondern
+von dem wir anerkennen m&uuml;ssen, dass es ein Land mit
+starken moralischen Impulsen ist, sich einer Beratung,
+die sich mit der endg&uuml;ltigen Regelung der deutschen
+Schuldverh&auml;ltnisse befasst, nicht entziehen wird.</p>
+
+<p>Der Osten Europas ist niedergebrochen; das ungl&uuml;cklichste
+aller L&auml;nder, Oesterreich, dem wir heute die herzlichste
+br&uuml;derliche Teilnahme entgegenbringen, ist diesem
+Niederbruch leider gefolgt. Deutschland ringt mit allen
+seinen Kr&auml;ften um seine Existenz, es ringt mit den Kr&auml;ften
+seines Willens und seiner Arbeit und k&auml;mpft gegen
+seinen Niederbruch an. Der Niederbruch Deutschlands
+aber ist der Niederbruch Europas. Deutschland verlangt
+von niemand in der Welt Mitleid, aber Deutschland verlangt
+die Einsicht der Nationen in die Einheit und in die
+Verflochtenheit der Weltinteressen. Deutschland verlangt
+von den Nationen der Welt die M&ouml;glichkeit der
+Aufstellung eines Arbeitsplanes und die M&ouml;glichkeit einer
+Mitwirkung zu gemeinsamem Wiederaufbau. Eine solche
+Mitwirkung aber l&auml;sst sich nicht durch Diktate erzwingen,
+sie l&auml;sst sich nur durch ein freiwilliges, ehrliches, gutgewolltes
+Zusammenarbeiten der Nationen erreichen, von
+denen es keine gibt, die heute nicht der Hilfe bed&uuml;rfte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>Wir aber, die wir gemeinsam mit Ihnen und in Ihrem
+Auftrag die Verantwortung f&uuml;r die Politik des Reichs
+tragen, wir k&auml;mpfen f&uuml;r dreierlei. Wir k&auml;mpfen f&uuml;r die
+Existenz des Volkes, wir k&auml;mpfen f&uuml;r die Unversehrtheit
+und Einheit des Reichs, wir k&auml;mpfen f&uuml;r den Frieden
+und f&uuml;r den Aufbau. Dieses Ziel ist uns allen gemeinsam.
+Es gibt nicht eine Seele in diesem Hause, die sich
+davon ausschliesst. Deshalb lassen Sie uns auch dieses
+Ziel in Einigkeit verfolgen!</p>
+
+<hr class="endchapter" />
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span><a name="Genua" id="Genua"></a>REDE<br />
+VOR DER VOLLVERSAMMLUNG<br />
+DER GENUESER KONFERENZ<br />
+VOM 19. MAI 1922</h2>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>er Abschluss der provisorischen Arbeiten der Konferenz
+gestattet uns einen Ueberblick &uuml;ber die welthistorischen
+Leistungen der Konferenz, die erst in den
+kommenden Jahren mehr und mehr hervortreten werden
+und f&uuml;r die Europa der Genueser Konferenz Dank schuldet.
+Es w&auml;re ein unberechtigter Optimismus, zu hoffen,
+dass durch den Abschluss dieser Arbeiten die Weltkrise
+sofort eine merkliche Linderung erf&auml;hrt. Eine solche
+Besserung der allgemeinen Weltlage wird erst dann eintreten,
+wenn eine Reihe von Prinzipien erf&uuml;llt sind, die
+in den Beratungen der Kommission mit immer wachsender
+Deutlichkeit hervortraten, wenn sie vielleicht auch
+nicht ihren vollen Ausdruck in den niedergelegten Leits&auml;tzen
+gefunden haben.</p>
+
+<p>Indem ich mich an die der Konferenz gezogenen Grenzen
+auf das strikteste halten werde, will ich versuchen, die
+vier grossen und unausgesprochenen Wahrheiten darzulegen,
+die mir aus den Beratungen hervorzugehen
+scheinen und die, wie ich glaube, unbedingte Voraussetzungen
+f&uuml;r eine Gesundung der Weltwirtschaft bilden.
+Die erste dieser Wahrheiten lautet: Die gesamte Verschuldung
+der L&auml;nder ist zu gross im Verh&auml;ltnis zu ihrer
+Produktionskraft.</p>
+
+<p>Alle haupts&auml;chlichen Wirtschaftsl&auml;nder sind in einen Verschuldungskreis
+hineingezogen, der die meisten gleichzeitig
+zu Gl&auml;ubigern und Schuldnern macht. Durch ihre
+Eigenschaft als Gl&auml;ubiger wissen die Staaten nicht, wieviel
+sie von ihrem Guthaben erhalten werden, in ihrer
+Eigenschaft als Schuldner wissen sie nicht, wieviel sie
+zahlen k&ouml;nnen und m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Ueberhaupt kann kein Staat einen wirklichen Haushalt
+aufstellen, kein Staat kann es wagen, sich in grosse umfangreiche<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+Neueinrichtungen einzulassen, die seine Wirtschaft
+verbessern und die dem Geldmarkt neue Nahrung
+geben. Kein Staat kann auf eine gesicherte Stabilisierung
+seiner Zahlungsbilanz und damit auf seine Wechselkurse
+vertrauen, mit Ausnahme jenes einen grossen Reiches,
+das niemandem schuldet und Gl&auml;ubiger aller ist, n&auml;mlich
+Amerika, ohne dessen Beteiligung der Wiederaufbau
+Europas unm&ouml;glich wird. Vor allem aber k&ouml;nnen den
+&uuml;berschuldeten L&auml;ndern neue Mittel, deren sie bed&uuml;rfen,
+nicht zugef&uuml;hrt werden, denn die Ueberschuldung liegt
+vor aller Augen zutage, und so wenig ein freier Gl&auml;ubiger
+bereit sein kann, Devisen zur Verf&uuml;gung zu stellen, so
+wenig darf ein &uuml;berlasteter Schuldner es wagen, sie anzunehmen.</p>
+
+<p>Auch in fr&uuml;heren Zeiten waren die Staaten untereinander
+verschuldet, aber diese Schuld stand in einem Verh&auml;ltnis
+zur Produktionskraft und entsprach &uuml;berdies werbenden
+Anlagen. Die heutige Verschuldung bel&auml;uft sich auf
+mehr, als die Staaten in Jahrzehnten ersparen und abzahlen
+k&ouml;nnen. Sie ist somit eine finanzielle Realit&auml;t.
+Eine wirtschaftliche Realit&auml;t aber ist ihnen so fern, als
+sie den Produktionsprozess der Welt hemmt.</p>
+
+<p>Es bleibt somit nur derjenige Weg &uuml;brig, der von einzelnen
+Wirtschaftsobjekten stets beschritten wurde, wenn
+ihre Verschuldung die Produktionskraft &uuml;berstieg, n&auml;mlich
+der Weg der Sanierung und des Schuldabbaues.</p>
+
+<p>Die zweite der ausgesprochenen Genueser Wahrheiten
+scheint mir zu liegen in dem Satz, dass kein Gl&auml;ubiger
+seine Schuldner am Bezahlen der Schulden hindern sollte.
+Wenn ein einzelnes Individuum einem anderen Geld
+schuldet, so kann verlangt werden, da&szlig; zur Auszahlung
+eine vereinbarte M&uuml;nze verwendet wird, und es ist Sache
+des Schuldners, solche M&uuml;nzen sich zu verschaffen, wie sie
+am Markte in jeglichem Umfange stets erh&auml;ltlich sind. Ein
+Land kann einem anderen auf die Dauer seine Schulden
+nur in Gold bezahlen und, wenn es Gold nicht produziert
+oder nicht in gr&ouml;sserem Umfange besitzt, in G&uuml;tern.</p>
+
+<p>Eine Zahlung in G&uuml;tern aber ist dann nur m&ouml;glich, wenn
+der Gl&auml;ubiger sie gestattet. Verbietet er sie, so tritt
+Zahlungsunf&auml;higkeit ein, und erschwert er sie durch Z&ouml;lle
+oder durch andere hindernde Massnahmen, so wird der
+Betrag der Schuld willk&uuml;rlich vermehrt; denn wenn um
+so viel mehr Waren geliefert werden, als erforderlich ist,<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+um die auferlegten Lasten zu bezahlen, dann wird das
+Zahlungsmittel entwertet und somit die Schuldsumme erh&ouml;ht.</p>
+
+<p>Es sollte somit jedes Land, das Zahlungen zu empfangen
+w&uuml;nscht, seinen Schuldnern solche Erleichterungen der
+Einfuhr gew&auml;hren, die es ihm erm&ouml;glichen, den verschuldeten
+Betrag ohne unwillk&uuml;rliche Erh&ouml;hung zu
+leisten.</p>
+
+<p>Die dritte der Wahrheiten ist vielleicht am deutlichsten
+zum Ausdruck gekommen und ausgesprochen in dem
+Satz, dass die Weltwirtschaft erst dann wieder hergestellt
+werden kann, wenn ein imponderabiler Wert wieder gewonnen
+ist, n&auml;mlich das wechselseitige Vertrauen. Dieses
+Vertrauen kann aber nur wiederkehren, wenn die Welt
+im wahren Frieden lebt.</p>
+
+<p>Der heutige Zustand der Welt ist nicht Frieden, sondern
+ein Zustand, der dem Kriege &auml;hnlich ist, jedenfalls ist es
+kein vollkommener Friede. Leider ist in den einzelnen
+L&auml;ndern die &ouml;ffentliche Meinung noch nicht demobilisiert.
+Die Ueberreste der Kriegspropaganda zirkulieren noch
+immer und belasten die Atmosph&auml;re. Jeder, der seine
+Mittel und seine Arbeit einem Lande anvertraut, hat daher
+mit der Gefahr zu rechnen, dass dieses Land binnen
+kurzem durch Verh&auml;ltnisse h&ouml;herer Gewalt, die nicht in
+Naturereignissen, sondern in politischen Ereignissen
+liegen, gef&auml;hrdet und verwandelt werden kann. Vor
+allem ist die Erkenntnis nicht gesichert, dass ein Schuldner,
+zumal wenn er verarmt ist, der Schonung bedarf,
+und dass er unf&auml;hig wird, zu leisten, wenn ihn die M&auml;chte
+seiner M&ouml;glichkeiten, namentlich seines Kredits, berauben.
+Dass dies tats&auml;chlich die Imponderabilien sind, die den
+ehemals so grossen Austausch des Produktions- und Konsumptionsverkehrs
+hemmen, geht aus der Tatsache hervor,
+dass die Produktionsmittel der Welt nahezu vollkommen
+erhalten sind. Selbst wenn man alle tief bedauerlichen
+Zerst&ouml;rungen des Krieges und vor allem der
+Nachkriegszeit in Rechnung zieht, darf man annehmen,
+dass im gesamten Produktions- und Verkehrsapparat
+selbst mehr als 90 Prozent erhalten sind. Die gewaltigen
+und tief beklagenswerten Zerst&ouml;rungen innerhalb des
+russischen Reiches greifen in den Welthandel nur mit
+etwa 3 Prozent ein.</p>
+
+<p>Trotz der grossen Menschenverluste des Krieges sind
+aber die menschlichen Produktionskr&auml;fte fast vollst&auml;ndig<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+erhalten, denn sie haben sich in starkem Umfange erg&auml;nzt.
+Wenn somit die Geldmaschinerie nicht arbeitet,
+obgleich sowohl ihre Substanz wie ihre Triebkr&auml;fte fast
+vollst&auml;ndig erhalten sind, wenn auf der einen Seite Millionen
+von H&auml;nden feiern, auf der anderen Seite Millionen
+von Menschen hungern, wenn auf der einen Seite unz&auml;hlige
+G&uuml;termengen unverk&auml;uflich sich aufstapeln, auf
+der anderen Seite an den gleichen G&uuml;tern der schwerste
+Mangel besteht, so liegt das daran, dass die wechselseitige
+Verschuldung als psychologisches Moment wirkt.
+Als weitere psychologische Momente sind der mangelnde
+Friedenszustand und das mangelnde Weltvertrauen bestimmend.</p>
+
+<p>Wenn man sich nun fragt, ob es denn wirklich kein Mittel
+gibt, die erschlafften Kr&auml;fte des Weltaustausches neu zu
+beleben, die Maschinerie der Weltproduktion von neuem
+in Bewegung zu setzen, so ergibt sich die vierte der unausgesprochenen
+Thesen, n&auml;mlich die, dass nicht durch
+irgend einen oder zwei K&auml;ufer, sondern durch das Zusammenwirken
+aller in den &ouml;konomischen und Weltproblemen
+neue Bewegung zugef&uuml;hrt werden kann.</p>
+
+<p>Wie sollte auch nach einem Zerst&ouml;rungswerk sondergleichen
+die Welt geheilt werden, wenn nicht s&auml;mtliche
+L&auml;nder der Erde sich dazu entschliessen, gemeinschaftlich
+Abhilfe zu bringen. Durch ein universelles Opfer
+der Welt und der leidenden Menschheit kann nur eine
+leidende Welt geheilt werden. Niemals ist ein Wiederaufbau
+anders gelungen als durch Aufwendung gewaltsamer
+neuer Mittel. Solche Mittel werden nicht aufgebracht
+werden, solange ein jedes Glied der Weltwirtschaft
+mit wenigen Ausnahmen &uuml;berschuldet ist. Das
+erste Opfer wird somit in dem allgemeinen Abbau des
+Verschuldungskreises zu suchen sein. Das weitere Opfer
+besteht in der gemeinsamen Aufbringung grosser neuer
+Mittel f&uuml;r den Wiederaufbau, sei es auf dem Wege allgemeiner
+und wechselseitiger Kredite, sei es auf anderen
+Wegen, deren Er&ouml;rterung zu weit f&uuml;hren w&uuml;rde. Dass
+die Genueser Konferenz zur Er&ouml;rterung dieser Fragen
+gef&uuml;hrt hat, ist eine Tatsache, die in der Geschichte
+Europas unvergessen bleiben wird.</p>
+
+<p>Ein weiteres historisches Ergebnis der Konferenz erblickt
+die deutsche Delegation in der Ann&auml;herung des grossen,
+schwerbedr&auml;ngten russischen Volkes an den Kreis der
+besten Nationen. Durch manche Aussprachen hat<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>
+Deutschland sich bem&uuml;ht, zu einer Ann&auml;herung der
+beiderseitigen Gesichtspunkte beizutragen. Deutschland
+hofft, durch die Fortsetzung der beiderseitigen Besprechungen
+das Werk des Friedens zwischen Ost und West
+zu f&ouml;rdern.</p>
+
+<p>F&uuml;r den Schutz, den Italien diesem Werk des allgemeinen
+Friedens gew&auml;hrt hat, schuldet die Welt dieser hochherzigen
+Nation und ihren F&uuml;hrern den tiefsten Dank.
+Die Geschichte Italiens ist &auml;lter als die der meisten
+europ&auml;ischen Nationen. Auf diesem Boden sind mehr
+als einmal grosse Weltbewegungen entstanden. Abermals
+und hoffentlich nicht vergebens haben die V&ouml;lker
+der Erde ihre Augen und Herzen zu Italien erhoben in der
+tiefen Empfindung, der Petrarca den unsterblichen Ausdruck
+verliehen hat: Io v&ograve; gridando Pace, Pace, Pace!</p>
+
+<hr class="endchapter" />
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span><a name="Anhang" id="Anhang"></a>ANHANG</h2>
+
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span><a name="Stuttgart" id="Stuttgart"></a>REDE, GEHALTEN AM 9. JUNI 1922<br />
+IN STUTTGART, VOR EINEM<br />
+GELADENEN KREIS<br />
+ALLER PARTEIEN</h2>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>er Herr Reichskanzler hat mit seinen beredten
+Worten den Kreis eines Jahres vor Ihnen entrollt. Er
+hat seine Ausf&uuml;hrungen begonnen mit der Schilderung der
+Lage, in der sich unser Volk an den Tagen der Ultimaten
+des letzten Jahres befand. Uns allen ist in Erinnerung die
+H&auml;rte der Worte, die damals gesprochen wurden, der unbelehrbare
+wirtschaftliche Aberglaube, der aus diesen
+Worten sprach. Wir alle haben uns damals gefragt, wie
+ist es m&ouml;glich, von einem Volk zu verlangen, dass es
+132 Milliarden als Kriegsentsch&auml;digung hingibt, mehr als
+die H&auml;lfte seines ganzen Verm&ouml;gens, eine Zahlungsleistung
+in Gold, das dieses Land nicht besitzt? Ist es
+m&ouml;glich, dass jemals Vernunft &uuml;ber den Erdball kommt
+und den Irrsinn dieser Gedanken zerst&ouml;rt? Wie lange
+wird es dauern, werden Jahre oder Jahrzehnte vergehen
+bis zu dem Augenblick, wo die Erde einsieht, dass es unm&ouml;glich
+ist, diese Forderungen zu erf&uuml;llen, auch wenn
+Deutschland noch so gutwillig sich der Konvention der
+Historie f&uuml;gt, die besagt, dass der Besiegte zahlt. Nur
+schrittweise konnte die Vernunft ihren Weg nehmen; kein
+Weg ist so lang, als der Weg der Vernunft und der Weg
+der Wahrheit. Diesen Weg eines Jahres &#8211; denn ein
+Jahr hat es gedauert, bis die Welt vor einer ver&auml;nderten
+Einsicht stand&nbsp;&#8211;, diesen Weg eines Jahres lassen Sie uns
+in kurzen Abschnitten in Eile noch einmal durchlaufen.
+Der erste abergl&auml;ubische Gedanke im Augenblick der
+Unterzeichnung jenes ungl&uuml;cklichen Ultimatums, der Gedanke
+der ehemaligen Gegner war: Zahlungen k&ouml;nnen
+in beliebiger H&ouml;he von einem Land in Gold geleistet
+werden, das kein Gold erzeugt, und das kein Gold besitzt.
+Es bedurfte der Arbeit von Monaten, die von Verhandlung
+zu Verhandlung geschritten ist, &#8211; der Name der
+Stadt Wiesbaden ist mit diesen Verhandlungen verkn&uuml;pft,
+&#8211; um zu erkennen, dass, wenn Leistungen erheblichen
+Umfanges von einem Land an ein anderes bewirkt werden<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>
+sollen, nicht Gold das Zahlungsmittel sein kann, sondern
+nur das Gut, die Ware. Der belehrende Charakter dieser
+Verhandlungen war von Bedeutung. Noch heute sind die
+Vertr&auml;ge, die damals unterzeichnet wurden, nicht
+ratifiziert. Bis heute haben sie keine Wirkung gehabt
+auf wirtschaftlichem Gebiet, aber ihre Wirkung auf dem
+Gebiet wirtschaftlicher Einsicht war von hohem Wert.
+Ein Volk kann, wenn es sein muss, f&uuml;r ein anderes, f&uuml;r
+einen Kontinent arbeiten, aber es kann nicht mit dem
+alchimistischen Zaubermittel des Steins der Weisen Gold
+aus Nichts schaffen.</p>
+
+<p>Die Erkenntnis ging weiter. Im Herbst, als ich aus dem
+Wiederaufbauministerium ausgeschieden war, benutzte
+ich die Zeit der Freiheit, um nach England zu gehen, dort
+die Stimmung zu erkunden und, soweit es dem einzelnen
+m&ouml;glich ist, dieser Stimmung Aufkl&auml;rungen zuzuf&uuml;hren,
+die w&uuml;nschenswert erschienen. Damals war in
+England eine Auffassung im Aufd&auml;mmern, die einen Fortschritt
+wirtschaftlicher Erkenntnis bedeutete. Man hatte
+begriffen, dass, wenn ein Land im Uebermass unter
+Zwang, unter erschwerten Bedingungen Arbeit leistet f&uuml;r
+einen Kontinent, eine Arbeit, die man kaum zu hart mit dem
+Ausdruck der Gef&auml;ngnisarbeit bezeichnen k&ouml;nnte, dass
+dadurch nicht allein dieses Volk gesch&auml;digt wird, sondern
+mit ihm die Gemeinschaft der wirtschaftenden V&ouml;lker der
+Erde. Diese Erkenntnis stieg auf in demjenigen Lande,
+das zuerst und zumeist vom Schaden betroffen war, n&auml;mlich
+in England. Man bemerkte, dass die Zerr&uuml;ttung der
+M&auml;rkte dasjenige Land am schwersten sch&auml;digen musste,
+das als Kaufmann, als Handwerker, als Fabrikant dieser
+M&auml;rkte bedurfte, um seinen Beitrag zum Wirtschaftsleben
+der Welt zu leisten. So entstand die Einsicht, dass nicht
+ein einziges Land imstande sein w&uuml;rde, die Krankheit
+eines geschlagenen Kontinents zu heilen, sondern dass
+eine wirtschaftliche Verflochtenheit bestand, eine unl&ouml;sbare
+Einheit, und dass jedes Glied, das aus dieser Einheit
+ausf&auml;llt, sei es Ru&szlig;land als Konsument, sei es
+Deutschland als Produzent, dass jedes fehlende Glied die
+Weltgemeinschaft sch&auml;digt. Bei den F&uuml;hrern der englischen
+Politik befestigte sich der Gedanke, eine wirtschaftliche
+Weltkonferenz zusammenzuberufen.</p>
+
+<p>Die Beschlussfassung &uuml;ber die Berufung war Sache des
+Obersten Rats der Alliierten. Er versammelte sich in
+Cannes, und dort war es zum ersten Male den deutschen<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+Vertretern m&ouml;glich, unsere Gesamtlage vor dem Areopag
+der Welt zu entwickeln. In Cannes wurde es deutlich,
+dass das deutsche Problem die europ&auml;ische Wirtschaftslage
+beherrschte, und neben diesem deutschen Problem,
+in fernere Zukunft weisend, trat das russische Problem
+hervor. Kaum hatte man endg&uuml;ltig beschlossen, die Wirtschaftskonferenz
+einzuberufen, da brach die Konferenz
+von Cannes ab, denn ein Regierungswechsel hatte sich in
+Frankreich vollzogen, die Regierung Briands wurde durch
+die Regierung Poincar&eacute; abgel&ouml;st. Monatelang zweifelte
+man, ob es der auftretenden Opposition gelingen w&uuml;rde,
+den Gedanken der Weltkonferenz zu zerst&ouml;ren oder zur
+Unkenntlichkeit umzugestalten. Schliesslich kam sie zustande,
+doch unter Erschwernissen. Denn es hatten Besprechungen
+stattgefunden in Boulogne, und in diesen Besprechungen
+war von England dem franz&ouml;sischen Wunsch
+stattgegeben worden, dass die Konferenz, die einberufen
+war zur Heilung des Leidens des Kontinents, dass diese
+Konferenz &uuml;ber eins nicht sprechen durfte: n&auml;mlich &uuml;ber
+das Wesen und die Ursache dieses Leidens. Es durfte nicht
+gesprochen werden &uuml;ber die Kernfrage, die deutsche
+Frage, die Reparationsfrage. Der Herr Reichskanzler hat
+es Ihnen dargelegt: strassauf, strassab in Genua war
+dennoch alles erf&uuml;llt von dieser Frage. So kam es denn,
+dass neben der ungel&ouml;sten russischen Frage, die einer
+Sachverst&auml;ndigenkonferenz vorbehalten werden musste,
+doch eine Reihe von Erkenntnissen sich kl&auml;rte, die
+freilich in den Kommissionssitzungen nur andeutungsweise
+besprochen werden durften. Doch gab es eine
+Schlu&szlig;sitzung, und in dieser konnte es den deutschen
+Delegierten nicht verwehrt werden, die Kernprobleme
+ans Licht zu stellen und die Nationen zu fragen: ja oder
+nein. Soweit eine Konferenz, ein &uuml;berf&uuml;llter Saal, ein
+Welttheater, eine Antwort auf solche Fragen geben darf,
+wurde sie gegeben. So lauteten etwa unsere Fragen:
+Kann ein Kontinent gesunden, wenn jede Nation der andern
+tief verschuldet ist? Kann eine Nation sich regen,
+wenn sie gleichzeitig &uuml;berlasteter Gl&auml;ubiger und hoffnungsloser
+Schuldner ist? Kann eine Kette von Gl&auml;ubigern
+und Schuldnern ein wirtschaftliches Dasein f&uuml;hren,
+wenn am einen Ende der Kette ein grosses Reich, Amerika,
+steht, das niemandem schuldet, und am anderen
+Ende unser armes Land, das von niemandem etwas zu
+fordern hat? Die Antwort ist: Ein solcher Kreis der<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+Weltverschuldung muss zerschnitten werden. Und in
+diesem Kreis der Weltverschuldung ist das deutsche
+Reparationsproblem nur ein Spezialfall der Verschuldung
+von Volk zu Volk. Des weiteren konnte nicht geleugnet
+werden, dass dem Schuldner, der zahlen soll, die Zahlung
+nicht unm&ouml;glich gemacht werden darf. Da Zahlung nur in
+Waren geleistet werden kann, so ist diejenige Politik
+widersinnig, die der Ware des Schuldnerlandes den Eingang
+ins Gl&auml;ubigerland verschliesst, es ist widersinnig,
+gleichzeitig die Mauer des Antidumping, des Prohibitivzolls,
+zu erh&ouml;hen, und gleichzeitig zu verlangen, dass die
+zu entrichtende Ware diese D&auml;mme &uuml;berschwemmen soll.
+Auch diese Erkenntnisse tauchten in Genua auf: dass ein
+Wiederaufbau der Welt, wenn man ihn ernst ins Auge
+fasst, wenn der Begriff nicht zum Gemeinplatz zerfliessen
+soll, dass ein solcher Wiederaufbau nur m&ouml;glich ist durch
+Opfer. Dass er nicht m&ouml;glich ist durch das Opfer des
+einen oder des anderen Volkes, sondern dass s&auml;mtliche
+V&ouml;lker beitragen m&uuml;ssen. So wie s&auml;mtliche V&ouml;lker sich
+durch diesen furchtbaren Krieg in Schuld begeben haben,
+so m&uuml;ssen s&auml;mtliche V&ouml;lker der Erde gemeinsam Opfer
+bringen, um die Folgen dieses Krieges zu mildern. Deshalb
+war es n&ouml;tig, auszusprechen: nicht ein einzelnes
+Volk kann Europa heilen, sondern die V&ouml;lker m&uuml;ssen zusammentreten
+und gemeinschaftlich wirken, sie m&uuml;ssen
+sich nicht damit begn&uuml;gen, die Abb&uuml;rdung dieser Weltschuld
+vorzunehmen, sie m&uuml;ssen daf&uuml;r sorgen, dass neue
+Mittel beschafft werden. Denn zu jedem Aufbau geh&ouml;ren
+Mittel. Man kann nicht bauen aus Luft und Wolken.
+Wer baut, braucht Materialien und muss diese Materialien
+in Werten beschaffen. Werte aber freiwillig darbieten,
+heisst Opfer bringen.</p>
+
+<p>Neben diesen wirtschaftlichen Problemen war die Atmosph&auml;re
+Genuas erf&uuml;llt von den Problemen Russlands. Die
+Wiederverbindung des Ostens und Westens ist eine der
+grossen Aufgaben der k&uuml;nftigen europ&auml;ischen Politik. Es
+ist n&ouml;tig, dass ein Kontinent wie Russland, ein Land von
+solchem Umfang, solcher Menschenzahl, solchen ungehobenen
+Sch&auml;tzen wieder erschlossen wird. Es ist n&ouml;tig,
+dass es dem wirtschaftlichen Komplex des Westens wieder
+angegliedert wird. Den M&auml;chten der Entente ist
+das bisher nicht gelungen. Die Arbeit ist verschoben auf
+den Haag, und wir werden im Haag nicht teilnehmen.
+Wir dr&auml;ngen uns nicht dazu, an einer Arbeit teilzunehmen,<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+die andere f&uuml;r sich leisten und in anderer Art. Wir haben
+unserseits einen eigenen Weg beschritten, den Weg des
+reinen, freien, vergebenden Friedens. Wir haben diesen
+Weg beschritten zum Zwecke des Aufbaues einer neuen
+Zukunft mit einem Lande, das ebenso schwere Schicksalsschl&auml;ge
+erlitten hat, wie wir. Ob mit oder ohne eigene
+Schuld, lasse ich dahingestellt. Mit einem solchen Land
+kann man nicht abrechnen, wie mit einem schlechten
+Schuldner. Man kann und soll mit ihm zusammenwirken
+in dem Augenblick, wo seine Not am gr&ouml;ssten ist. Man
+hat uns den Vorwurf gemacht, wir h&auml;tten Rapallo im
+unrichtigen Moment abgeschlossen. Ja gewiss, wenn an
+einer Tatsache nicht zu m&auml;keln ist, so bleibt wenigstens
+die Kritik: An sich gut, aber es h&auml;tte nicht am Montag,
+sondern es h&auml;tte am Dienstag oder Mittwoch sein sollen.
+Wir mussten den Vertrag abschliessen in dem Augenblick,
+wo wir erkannten, dass die Westm&auml;chte unseren
+berechtigten W&uuml;nschen nicht gerecht wurden, wo anderseits
+die vertraglichen Bestimmungen f&uuml;r uns sich f&uuml;gten
+und anderseits der Wunsch der Gegenpartei nach Verst&auml;ndigung
+lebendig wurde. Wir rechnen nicht in der
+Politik mit Dankbarkeit. Fr&uuml;here Politik, die sich vielfach
+auf Dankbarkeit gegr&uuml;ndet hat, ist stets entt&auml;uscht
+worden. Aber mit Realit&auml;ten und Tatsachen der Vergangenheit
+zu rechnen, ist kein Fehler, und es ist eine
+Realit&auml;t, wenn eine Verbindung abgeschlossen wird von
+V&ouml;lkern, die sich die H&auml;nde reichen, um in Frieden und
+Freundschaft zu leben.</p>
+
+<p>Im Haag werden wir nicht beteiligt sein. Denn wir haben
+unsere Verh&auml;ltnisse zum Osten geregelt. Wir werden
+die Arbeit der &uuml;brigen mit aufrichtigem Wohlwollen verfolgen.
+Wir werden die T&auml;tigkeit, die wir schon in Genua
+ausge&uuml;bt haben, weiterhin aus&uuml;ben, die T&auml;tigkeit der Vermittlung,
+aber nur dann, wenn es gew&uuml;nscht wird. Denn
+wir dr&auml;ngen uns niemand auf. In Genua hat man es gew&uuml;nscht,
+und wir sind diesem Wunsch gefolgt. Wird es
+im Haag nicht gew&uuml;nscht, so bleiben wir abseits. Wir
+w&uuml;nschen von Herzen, dass die Staaten mit gutem Erfolg
+vom Haag heimkehren. Wir neiden niemand eine Verbindung.
+Wir wollen keine Monopole, kein Alleinrecht. Wir
+wollen nichts weiter, als dass die Verbindung zwischen
+Osten und Westen wiederhergestellt wird. Wir wollen,
+dass die Verbindung so hergestellt wird, dass auch wir
+dem &ouml;stlichen Volk die Hand reichen. Wenn ich von diesem<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+Handreichen spreche, so meine ich freilich nicht, dass
+wir uns einem Gedankenkreis verschreiben, der nicht der
+unsere ist. Russland lebt unter einem Wirtschaftssystem,
+das sich von dem unseren unterscheidet. Wir haben
+dieses Wirtschaftssystem nicht zu kritisieren. Vielleicht
+wird Russland es allm&auml;hlich umgestalten. Wir glauben,
+dass es heute in voller Umgestaltung begriffen ist. Wir
+haben unseren Frieden geschlossen nicht mit einem
+System, sondern mit einem Volk, und wir haben ihn geschlossen
+durch die Menschen, die in diesem Augenblick
+dieses Volk vertreten. Welche Wirtschaft sie betreiben,
+bek&uuml;mmert uns nicht. Wir werden ihnen, soweit wir
+k&ouml;nnen, und soweit sie es w&uuml;nschen, wirtschaftlich zur
+Seite stehen, mit wirtschaftlicher Initiative, mit Erfahrung
+und Kenntnis des Landes, mit den organisatorischen
+F&auml;higkeiten des deutschen Wirtschaftsmanns, mit den Einsichten
+des deutschen Gelehrten. Wir werden uns ihnen
+weder verschliessen, noch aufdr&auml;ngen, sondern wir werden
+sie nach ihrer Fasson selig werden lassen. Wir
+hoffen aufrichtig, dass sie sich zu einem Wirtschaftssystem
+f&uuml;gen, das sich mit dem europ&auml;ischen Wirtschaftssystem
+erg&auml;nzt. Wir selbst nehmen darauf einen
+Einfluss nicht.</p>
+
+<p>Das ist die Etappe von Genua. Die Etappe vom Haag
+liegt in der Zukunft. Nun noch ein Wort von derjenigen
+Etappe, die sich in diesem Augenblick abspielt: Die
+Etappe Paris. Die reifende Einsicht des Jahres 1921
+haben wir &uuml;berblickt. Es ist die Einsicht, die unter Politikern
+entstand. Zum erstenmal treten nunmehr in Paris
+Wirtschaftsm&auml;nner zusammen, Bankiers aus den europ&auml;ischen
+und amerikanischen Staaten, und beraten &uuml;ber
+Dinge materieller Ordnung. Diese Dinge sind auf der
+einen Seite die Kreditw&uuml;rdigkeit unseres Landes, auf der
+anderen Seite die Durchf&uuml;hrbarkeit von Vertr&auml;gen, auf
+der dritten Seite die M&ouml;glichkeit der Unterbringung von
+Anleihen. Eine Spannung h&auml;lt die Welt in Atem: Welche
+Entscheidung wird getroffen werden? Ich glaube nicht,
+dass diese Entscheidung das Wesentliche ist. Mag es
+eine grosse oder eine kleine, oder mag es gar keine Anleihe
+sein. Gleichviel! Der Schritt, den dieses Komitee
+getan hat, kann nicht r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden.
+Dieser Schritt aber ist der bedeutendste in der wirtschaftlichen
+Einsicht der Welt seit 1&frac12; Jahren, denn er
+f&uuml;hrt zu der Tatsache: Dasjenige, was im Londoner<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+Ultimatum festgesetzt ist, ist undurchf&uuml;hrbar, und damit
+ist der Kreis der Erkenntnis geschlossen. Damit hat das
+Experiment dieser schwierigsten aller europ&auml;ischen Fragen,
+dieses gefahrvollste und tragischste Experiment
+seinen intellektuellen Abschluss gefunden. Auf die Frage
+des Ultimatums von 1921 erfolgt die Antwort der Kommission
+von 1922. Die Frage lautet: Sind 132 Milliarden
+von Deutschland erh&auml;ltlich? und die Antwort lautet: Nein.
+Ob nun diese Antwort sich besiegelt durch das praktische
+Mittel der oder jener Massnahme, der oder jener Anleihe
+scheint mir nicht entscheidend. In wenigen Tagen
+werden wir wissen, ob nun das praktische Resultat sich
+anschliesst dem Resultat der Erkenntnis. Das Resultat
+der Erkenntnis aber ist das entscheidende.</p>
+
+<p>Ueberblicken wir den Lauf dieses Jahres, vergegenw&auml;rtigen
+wir uns, wie auf die grosse Frage des Ultimatums
+immer klarer und deutlicher die negative Antwort emporw&auml;chst,
+so d&uuml;rfen wir auf der anderen Seite die Kritik
+unseres Landes nicht unber&uuml;cksichtigt lassen. Man ist
+nicht milde umgegangen mit unserer Politik dieses Jahres;
+der Herr Reichskanzler kann manches davon erz&auml;hlen, und
+jeder einzelne von uns. Wir sind einer jeden Kritik zug&auml;nglich,
+die uns sagt, nicht so m&uuml;sst ihr es machen, sondern
+anders. Aber niemand wird dem Staatsmann helfen
+und dem Lande n&uuml;tzen durch eine Kritik, die lediglich
+sagt, ganz anders h&auml;ttet ihr es machen m&uuml;ssen, aber wie,
+das bleibt unser Geheimnis. H&auml;ufig ist uns gesagt worden:
+Politik des Widerstandes! Der bedeutendste und
+erfolgreichste Staatsmann Europas hat uns auf unsere
+Frage eine Antwort gegeben, als wir ihm sagten: Wir
+haben es in diesem Jahr erleben m&uuml;ssen, dass eine furchtbare
+Teuerungswelle &uuml;ber unser Land hereingebrochen
+ist, wir haben es erleben m&uuml;ssen, dass der Mittelstand die
+schwersten Leiden zu erdulden hat, wir haben es erleben
+m&uuml;ssen, dass die fremden Zahlungsmittel auf das Vielfache
+ihres Werts gestiegen sind. Es ist uns manchmal
+der Zweifel gekommen, ob wir unter diesen Umst&auml;nden
+nicht h&auml;tten sagen sollen: Widerstand, es koste, was es
+wolle. Ich will die Worte nicht zitieren, die wir geh&ouml;rt
+haben, aber aufs Tiefste ist unsere Ueberzeugung besiegelt
+worden, dass die Politik, die wir trieben, die einzige
+gewesen ist, die es erm&ouml;glicht hat, w&auml;hrend dieses
+schwersten Jahres des neuen Friedens die Einheit des
+Reiches zu erhalten. Keine andere Politik kann uns genannt<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+werden, die das Gleiche erm&ouml;glicht h&auml;tte: Erhaltung
+der Einheit und des Bestandes. Die Bestrebungen,
+die uns bedrohten und bedrohen, beziehen sich nicht nur
+auf die Zerreissung des Landes, sie beziehen sich auch auf
+seine weitere Schm&auml;lerung, nachdem dieses Land durch
+den ungl&uuml;cklichsten aller Vertr&auml;ge schon so viel von
+seinem Boden und seinen Menschen verloren hat. Unser
+Land ungeschm&auml;lert zu erhalten, unser Land und Volk
+als Einheit zu erhalten, ist das Ziel, das wir erk&auml;mpfen.
+Wenn gesagt worden ist, das kleinere Uebel gegen&uuml;ber
+gewissen Wirtschaftsgef&auml;hrdungen sei die Neubesetzung
+von rheinischem Land durch fremde Truppen, so sagen
+wir: Nein, der Meinung sind wir nicht. Deutsches Land
+soll nicht hergegeben werden, die deutsche Einheit soll
+nicht gef&auml;hrdet werden. Der Kanzler hat es Ihnen gesagt
+und ich m&ouml;chte es wiederholen: Wehe uns, wenn
+wir die Vergangenheit unseres Volkes vergessen, wehe
+uns, wenn wir seine grosse Geschichte vergessen und
+das, was seine grosse Geschichte uns hinterlassen hat.
+Das bedeutet nicht, dass wir jedes einzelne billigen, was
+im Laufe der Generationen geschehen und geworden ist,
+aber es bedeutet, dass wir an dem grossen Verm&auml;chtnis
+festhalten, das das Endergebnis der modernen deutschen
+Geschichte bildet: die Vereinigung Deutschlands in
+seinen St&auml;mmen. Dieser Einheit werden wir nachleben
+und ihr haben wir zu dienen. Vergessen wir nicht, was
+von vielen einzelnen und manchmal von Parteien
+vergessen wird, die zu glauben meinen, wir h&auml;tten den
+Krieg gewonnen. Nein, leider nicht. Diesen Krieg, den
+gr&ouml;ssten aller Kriege, haben wir verloren. Vergessen
+wir nicht, was das bedeutet, und vergessen wir nicht aus
+unserer grossen Geschichte, was es bedeutet hat, wenn
+in fr&uuml;heren Zeiten Kriege verloren wurden, die nicht den
+zehnten Teil so schwer, so hart und gefahrvoll waren,
+als dieser Weltkrieg. Vergessen wir nicht, vor welchen
+Gefahren wir gestanden haben und vor welchen Gefahren
+wir stehen. Und wenn einmal in hundert Jahren die Geschichte
+dieser Epoche geschrieben werden wird, dann
+wird man mit Sorgfalt fragen: Wo wurden die ersten
+F&auml;den angekn&uuml;pft, wie war es m&ouml;glich in einer Welt,
+die vergiftet war von Hass, auf einem Planeten, der zum
+Himmel flammte in gegenseitiger Rachsucht, wie war es
+m&ouml;glich in dieser Welt der Zerst&ouml;rung und der Zwietracht,
+die ersten F&auml;den zu f&uuml;gen? Die Antwort wird<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+sein: Das deutsche Volk hat sie gef&uuml;gt durch seine Geduld,
+durch seine Tatkraft, durch seinen positiven Willen,
+durch seinen Idealismus, durch seinen Opfersinn. Das
+wird das Urteil der Weltgeschichte &uuml;ber diese Epoche
+sein, die wir durchleben. Mag die Kritik des Tages uns
+verl&auml;stern: wir glauben aus tiefster Ueberzeugung, dass
+es keinen anderen Weg gibt, als den, den wir beschritten
+haben, um die deutsche Einheit in die Zukunft zu retten
+und f&uuml;r alle Zeit zu stabilisieren. Dass wir daneben nicht
+passiv gewesen sind w&auml;hrend der ganzen Dauer dieses
+Jahres, haben wir Ihnen dargelegt. Zweifellos ist es,
+dass, wenn ein Volk leben soll, es nicht leben kann lediglich
+in einer einzigen Eigenschaft, in der Eigenschaft als
+Schuldner. Es muss sich wieder bewegen, es muss neue
+Kr&auml;fte sammeln, es muss seiner Wirtschaft neue Ankn&uuml;pfungen
+bieten, es muss den Geist auf neue Probleme
+lenken. Deswegen glaube ich, dass unsere Politik darin
+nicht versagt hat, wenn sie den Versuch gemacht hat,
+wieder zu einer Aktivit&auml;t zu kommen.</p>
+
+<p>Hiermit verlasse ich das Gebiet der praktischen Politik.
+Die praktische Politik dieses Jahres haben wir durchlaufen.
+Sie war nicht verloren. Der Krieg war zu
+schwer und die Zeit von drei Jahren ist sub specie saeculorum
+zu kurz, um ein neues Reich an die Stelle des
+verlorenen alten zu setzen. Aber wenn wir einheitlich
+bleiben, wenn wir die Gegens&auml;tze, die uns trennen, zur&uuml;ckstellen
+in dem Augenblick, wo die grossen Idealfragen
+unseres Landes zur Sprache kommen, &#8211; denn was
+trennt uns? Interessen und Konventionen trennen uns,
+und &uuml;ber Interessen kann man hinweg und &uuml;ber Konventionen
+soll man hinweg, soweit man nicht Kr&auml;fte und
+Ideale aus ihnen sch&ouml;pfen kann &#8211; wenn wir &uuml;ber den gro&szlig;en
+Fragen, die uns einen, die Fragen vergessen, die uns
+trennen, so werden wir imstande zu einer einheitlichen
+Aussenpolitik sein. Gestatten Sie es einem rein praktischen
+Politiker, gestatten Sie es demjenigen, dem die Aufgabe
+obliegt, gerade in diesem Augenblick das Werk der Vertr&auml;ge,
+das Werk der Beziehungen zu pflegen, gestatten
+Sie in diesem Augenblick das Wort auszusprechen: Nicht
+Verhandlungen machen uns gesund und nicht Vertr&auml;ge,
+sondern die Gesundheit eines Volkes kommt nur aus
+seinem inneren Leben, aus dem Leben seiner Seele und
+seines Geistes. Dieses Leben ist gef&auml;hrdet, aber es ist
+nicht zu Tode getroffen. Es gibt vieles, was unser<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+seelisch-geistiges Leben sch&auml;digt &#8211; ich brauche nur an
+das zu erinnern, was wir in unseren grossen St&auml;dten und
+an anderen Stellen im Lande sehen&nbsp;&#8211;, aber unser seelisch-geistiges
+Leben ist in seinen Tiefen gesund. Noch immer
+lebt dieser Wille zur Arbeit, zur Disziplin, zur Organisation,
+zur Forschung, noch immer lebt der Wille zur
+Hingebung und zum Opfer, zur Betrachtung der Erscheinung
+im grossen Bogen der Synthese und Zusammenfassung;
+noch immer sind die grossen Kr&auml;fte des Geistes
+und Herzens ungebrochen und unber&uuml;hrt. Unserer Jugend
+haben wir diese Kr&auml;fte zu &uuml;bergeben, sie ist die Tr&auml;gerin
+und Pflegerin dieser Kr&auml;fte, und wir wollen hoffen, dass
+sie diese gr&ouml;sste und schwerste Verantwortung der
+Gegenwart erf&uuml;llt. Manches wird sie in diesem Fall abzustreifen
+haben, denn nicht aus dem Kampfe des Tages
+erwachsen diese Kr&auml;fte; diese Kr&auml;fte erwachsen aus der
+Versenkung und Vertiefung. Deswegen lassen wir unsere
+Jugend nicht untergehen in den K&auml;mpfen des Tages,
+weisen wir sie hin auf die grossen Ideale der Vergangenheit
+und f&uuml;hren wir sie zu den Idealen der Zukunft.</p>
+
+<p>Ich glaube, da&szlig; ein solcher Hinweis auf das Gebiet des
+Geistes in Ihrem Lande verstanden werden muss. Wenn
+wir aus dem Norden zu Ihnen kommen, wenn wir diese
+bekr&auml;nzte Stadt erblicken, so geht uns das Herz auf.
+Der gr&ouml;sste aller grossen schw&auml;bischen S&auml;nger hat das
+unsterbliche Wort gedichtet: O heilig Herz der V&ouml;lker,
+o Vaterland! Dieses heilige Herz f&uuml;hlt man nirgends
+st&auml;rker pochen als in Ihrem beseeligenden und sch&ouml;nen
+s&uuml;ddeutschen Gau. Als ich heute nachmittag auf der
+Suche nach dem, was ich einer erlauchten Versammlung
+w&uuml;rde sagen d&uuml;rfen, durch die W&auml;lder fuhr, die gr&uuml;ngolden
+Ihre Stadt ums&auml;umen, da habe ich es in
+der Tiefe des Herzens empfunden: diese ehrw&uuml;rdigen
+Buchen werden von ihren H&uuml;geln noch einmal herniederblicken
+auf eine freie gl&uuml;ckliche Stadt. Und als ich dann
+zu jenem Gipfel kam, der von einem kleinen Schl&ouml;sschen
+gekr&ouml;nt ist, das Solitude heisst, wo ein unendlicher Fernblick
+&uuml;ber das Land nach Norden sich auftut und das
+Auge versinkt in der blauen Ferne, da habe ich, wie lange
+nicht, das Gef&uuml;hl erlebt: von dieser Stelle aus wird man
+nicht nur in eins der sch&ouml;nsten, nein, auch in eins der
+gl&uuml;cklichsten L&auml;nder blicken, in einer Zukunft, die unsere
+Nachfahren erleben werden. Wir aber, die wir vom
+Norden kommen, aus Staub und Nebel, von harter Arbeit<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+und schwerer Verantwortung, uns ist es ein Dank
+und eine Freude, wenn wir an diesem heissen Busen
+Ihres Landes f&uuml;r Tage oder f&uuml;r Stunden Gesundheit,
+Freude und Hoffnung trinken k&ouml;nnen. Deswegen gew&auml;hren
+Sie uns diese Gastfreundschaft, so oft wir zu
+Ihnen kommen, und kommen Sie zu uns, um das Band
+zwischen Nord und S&uuml;d zu flechten, zu unaufl&ouml;slicher und
+ewiger Dauer.</p>
+
+<hr class="endchapter" />
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span><a name="Berlin" id="Berlin"></a>REDE, GEHALTEN AM 13. JUNI 1922<br />
+IN BERLIN, IN DER<br />
+DEUTSCHEN GESELLSCHAFT VON 1914</h2>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>er Anla&szlig;, der uns heute zusammenf&uuml;hrt, ist das unmittelbar
+bevorstehende Erscheinen der ersten sechs
+B&auml;nde aus den diplomatischen Akten des Ausw&auml;rtigen
+Amtes. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses liegt f&uuml;r jedermann
+klar zutage.</p>
+
+<p>Ueber den wissenschaftlichen Wert der ganzen Publikation
+werden berufene Gelehrte zu urteilen haben. Es
+handelt sich jedoch bei dem Werke, dessen erster Abschnitt
+jetzt abgeschlossen vorliegt, nicht nur um eine
+Arbeit im Dienste der Wissenschaft, nicht nur um einen
+unsch&auml;tzbar wertvollen Beitrag zur Kenntnis der europ&auml;ischen
+Geschichte der letzten Jahrzehnte, sondern es
+handelt sich zugleich um eine ethische Tat des deutschen
+Volkes, &uuml;ber deren Inhalt ich einiges sagen m&ouml;chte.</p>
+
+<p>Wie kam die Aktensammlung zustande? Die Vorgeschichte
+l&auml;sst sich mit wenigen Worten berichten: Vor
+ungef&auml;hr zwei Jahren fasste die deutsche Regierung den
+Beschluss, das gesamte Material &uuml;ber die deutsche Politik
+vor dem Weltkriege der Oeffentlichkeit zu unterbreiten.
+Sie wurde dabei von dem Gedanken geleitet, dass von
+unserer Seite alles bekannt gegeben werden sollte,
+was zur Aufkl&auml;rung &uuml;ber die Entstehung der grossen
+Katastrophe von 1914 dienen kann. Die &auml;ngstlich &uuml;berwachten
+Schranken des diplomatischen Geheimnisses
+sollten umgestossen, die verschwiegenen Siegel sorgf&auml;ltig
+verborgengehaltener Dokumente gebrochen, und
+r&uuml;ckhaltlos sollten die in den Archiven des Ausw&auml;rtigen
+Amtes ruhenden Akten ans Licht des Tages gezogen
+werden. Der Entschluss wurde zur Wirklichkeit. Drei
+Gelehrte, deren einwandfreie Sachlichkeit als zweifellos
+dasteht, wurden mit der L&ouml;sung der grossen Aufgabe
+betraut, und heute legen sie uns den verheissungsvollen
+Anfang ihrer m&uuml;hevollen T&auml;tigkeit vor, f&uuml;r die Deutschland
+ihnen tiefen Dank schuldet.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>Die kurze Vorgeschichte, die ich hier skizziert habe, zeigt,
+dass &uuml;ber dem ganzen Werke eigentlich als Motto die
+Worte stehen sollten: Im Dienste der Wahrheit. Denn
+das ist in der Tat das Leitmotiv, das ihm zugrunde liegt.
+Das deutsche Volk will an seinem Teile die ganze Wahrheit
+&uuml;ber die Genesis des Weltkrieges enth&uuml;llen. Es erscheint
+ihm dies nicht nur f&uuml;r das eigene Gewissen und
+aus einem wohlverstandenen Nationalgef&uuml;hl heraus notwendig,
+sondern auch f&uuml;r die ganze Menschheit. Wir
+wissen alle, dass seit dem Weltkrieg die dunklen M&auml;chte
+des Hasses, der Verd&auml;chtigung, des Misstrauens, der Anklage
+und der Beschuldigung die internationale Atmosph&auml;re
+vergiften. Wir Deutsche haben es ganz besonders
+stark erfahren m&uuml;ssen, dass diese dunklen M&auml;chte
+in das Getriebe der Politik bestimmend eingegriffen
+haben und ihre b&ouml;sen Wirkungen, die uns im Weltkrieg
+in furchtbarer Deutlichkeit vor Augen traten, auf diese
+Weise zu verewigen drohen. Das gerade ist es, was im
+Namen der Menschheit verh&uuml;tet werden muss.</p>
+
+<p>Man spricht heute &#8211; und mit vollem Recht &#8211; &uuml;berall von
+der grundlegenden Bedeutung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus
+von Europa. Hand in Hand damit muss aber
+eine vielleicht noch schwerere und sicher nicht minder
+wichtige Aufgabe gel&ouml;st werden, die ich den geistigen
+Wiederaufbau Europas nennen m&ouml;chte. Und sie besteht
+in der allm&auml;hlichen Ueberwindung eben jener M&auml;chte des
+Hasses, der Verd&auml;chtigung, des Misstrauens, der Anklage
+und der Beschuldigung, die ich oben erw&auml;hnt habe. Das
+Bestreben der Besten muss darin bestehen, dass wir in
+Europa wieder reine Luft atmen k&ouml;nnen, eine Luft, die
+befreit ist von jener dumpfen Schw&uuml;le, die seit dem
+Kriege und auch mehrere Jahre vorher schon geherrscht
+hat.</p>
+
+<p>Es ist klar, da&szlig; dieses Ziel nur erreicht werden kann,
+wenn jeder r&uuml;cksichtslos mit sich selbst ins Gericht geht,
+um dadurch einen Beitrag zu der gewaltigen Aufgabe
+des geistigen Wiederaufbaus zu leisten.</p>
+
+<p>Das deutsche Volk, das durch das Diktat von Versailles
+auf die Anklagebank gezwungen wurde, hat mit dem
+Werke, das nun zu erscheinen beginnt, den Anfang gemacht.
+Es hat es verschm&auml;ht, seine Geheimnisse zu verstecken
+und hat seinen restlosen Willen zur Wahrheit
+bekundet.</p>
+
+<p>Die ersten sechs B&auml;nde bilden ein Ganzes f&uuml;r sich. Sie
+behandeln die Zeit von 1870 bis 1890, also jene Epoche,<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+w&auml;hrend deren die Leitung der politischen Geschicke des
+deutschen Volkes in der Hand des ersten Reichskanzlers,
+F&uuml;rst Otto von Bismarck, lag. Damals stand Deutschland
+auf der H&ouml;he der Macht, und wir sehen aus den ver&ouml;ffentlichten
+Akten, dass es diese Macht niemals missbraucht hat,
+um den Frieden in Europa zu gef&auml;hrden, sondern dass
+es sie im Gegenteil dazu verwandte, um ihn &uuml;berall, wo
+es m&ouml;glich erschien, zu erhalten. Das ganze B&uuml;ndnissystem
+Bismarcks war auf diesem Grundgedanken aufgebaut
+und bietet, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet,
+das Bild eines einheitlichen Kunstwerkes. Das ist eine
+Feststellung, die jeder objektive Leser machen wird, und
+wir k&ouml;nnen uns im Hinblick auf sie nur w&uuml;nschen, dass
+die Wahrheit, der wir als Tribut entrichten, was uns zur
+Verf&uuml;gung steht, sich unaufhaltsam Bahn bricht und allm&auml;hlich
+alle Hindernisse beseitigt, die sich ihr heute noch
+in den Weg stellen.</p>
+
+<p>Der Weg der Wahrheit ist lang. Er ist um so l&auml;nger, als
+ein Mangel an europ&auml;ischem Interesse die Fragen, die uns
+Lebensfragen sind, als gel&ouml;st, das Urteil der Geschichte
+als gesprochen anzusehen sich gew&ouml;hnt hat. Ein Urteil
+kann nur gesprochen werden von einem vollg&uuml;ltigen
+Tribunal. Unser Suchen und Werben um Wahrheit aber
+wird nicht ruhen, bis im Namen der Geschichte ein befugtes
+Tribunal seinen Spruch gef&auml;llt hat.</p>
+
+<hr class="endchapter" />
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span><a name="Reichstag19220621" id="Reichstag19220621"></a>REDE<br />
+VOR DEM REICHSTAGE<br />
+AM 21. JUNI 1922</h2>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>ie Interpellation Stresemann<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> habe ich die Ehre wie
+folgt zu beantworten:</p>
+
+<p>Unter dem Ausdruck &raquo;Neutralisierung&laquo; kann man zwei
+rechtlich v&ouml;llig verschiedene Begriffe verstehen. Soweit
+darunter zu verstehen ist das Verbot f&uuml;r Deutschland,
+innerhalb der Rheinlande st&auml;ndig oder zeitweise
+milit&auml;rische Streitkr&auml;fte zu unterhalten oder zu sammeln
+oder daselbst Befestigungen beizubehalten oder anzulegen,
+so hat die dahingehende Forderung bereits in den
+Art. 42 und 43 des Vertrages von Versailles ihre Verwirklichung
+gefunden.</p>
+
+<p>Sollte unter der Neutralisierung der Rheinlande die
+Schaffung eines neutralen Pufferstaates verstanden werden,
+so ist dem entgegenzuhalten, dass die Rheinlande
+auch nach dem Vertrage von Versailles ein integrierender
+Bestandteil des Deutschen Reiches und des preussischen
+Staates geblieben sind. Der Vertrag von Versailles
+enth&auml;lt in der langen Reihe seiner Artikel nicht eine Bestimmung,
+auf die sich irgendeine Signatarmacht dieses
+Vertrags bei Erhebung einer dahingehenden Forderung
+st&uuml;tzen k&ouml;nnte. Eine solche Forderung k&ouml;nnte also nur
+unter Vertragsbruch verwirklicht werden. Bisher ist
+noch von keiner Seite ein Ansinnen dieser Art an die
+deutsche Regierung herangetreten. Auch sonst liegen
+der deutschen Regierung, abgesehen von unbeglaubigten
+<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>Zeitungsmitteilungen, keine Nachrichten vor, die auf eine
+derartige Absicht schliessen lassen k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Namens der Reichsregierung habe ich die Erkl&auml;rung abzugeben,
+dass sie niemals f&uuml;r irgendwelche Zugest&auml;ndnisse,
+und m&ouml;gen sie noch so gross sein, daf&uuml;r zu haben
+ist, das Rheinland, das w&auml;hrend der Besatzungszeit so oft
+seinen unersch&uuml;tterlichen Willen zum Festhalten am angestammten
+Vaterland bewiesen hat, preiszugeben oder
+seinen Bestand sch&auml;digen zu lassen.</p>
+
+
+<p class="tb">Die Interpellation Lauscher<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> bez&uuml;glich der Eisenbahnen
+habe ich die Ehre, wie folgt zu beantworten:</p>
+
+<p>Am 25. Mai hat die Botschafterkonferenz eine von dem
+franz&ouml;sischen Ministerpr&auml;sidenten unterzeichnete Note an
+die deutsche Regierung gerichtet, in der sie die sofortige
+Einstellung einer Reihe im Gang befindlicher Bahnbauten
+sowie die allm&auml;hliche Beseitigung gewisser Eisenbahnanlagen
+im linksrheinischen Gebiet verlangt. Sie st&uuml;tzt
+diese Forderungen auf Art. 43 des Vertrages von Versailles,
+der die Beibehaltung aller materiellen Vorkehrungen
+f&uuml;r eine Mobilmachung in jenen Gebieten untersagt.
+Die Botschafterkonferenz vertritt den Standpunkt,
+dass die Bahnlinien, deren Einstellung sie fordert, strategische
+Linien und die Anlagen, deren Zerst&ouml;rung sie
+verlangt, milit&auml;rische Anlagen seien. Sie hat es f&uuml;r n&ouml;tig
+gehalten, mit besonderem Nachdruck zu betonen, dass
+alle in ihr enthaltenen Entscheidungen auf Grund eingehender
+Untersuchungen so getroffen seien, dass die
+wirtschaftliche Leistungsf&auml;higkeit des rheinischen Eisenbahnnetzes
+durch sie in keiner Weise vermindert wird.
+Die Botschafterkonferenz stellt ferner &raquo;mit Genugtuung&laquo;
+fest, dass die Einstellung der im Gang befindlichen Arbeiten
+es Deutschland erlauben werde, die daf&uuml;r ausgeworfenen
+bedeutenden Ausgaben zu ersparen und damit
+seine finanzielle Lage zu verbessern.</p>
+
+<p>So lebhaft die deutsche Regierung jede Gelegenheit begr&uuml;sst,
+die Finanzen Deutschlands zu heben, so vermag
+<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>sie doch die Genugtuung der Botschafterkonferenz &uuml;ber
+die ihr gebotene M&ouml;glichkeit nicht zu teilen.</p>
+
+<p>Denn einmal &uuml;bergeht die Botschafterkonferenz mit Stillschweigen,
+dass &uuml;ber den Ersparnissen, die sich aus der
+Einstellung der im Gang befindlichen Arbeiten ergeben,
+Hunderte von Millionen an Ausgaben stehen, die f&uuml;r die
+geforderten Zerst&ouml;rungsmassnahmen v&ouml;llig unproduktiv
+aufgewendet werden m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Zweitens trifft die Annahme der Note, dass es sich bei
+den einzustellenden Arbeiten und den zu beseitigenden
+Anlagen ausschliesslich um milit&auml;rische, f&uuml;r die deutsche
+Wirtschaft gleichg&uuml;ltige Einrichtungen handele, in keiner
+Weise zu.</p>
+
+<p>Die deutsche Regierung weiss, dass der Vertrag von
+Versailles ihr verbietet, im besetzten Gebiet irgendwelche
+st&auml;ndigen Vorkehrungen zu unterhalten, die dem Zweck
+der Mobilmachung zu dienen bestimmt sind. Sie beabsichtigt
+nicht, sich dieser Verpflichtung zu entziehen und
+sie wird die vorhandenen Anlagen, soweit sie wirklich
+milit&auml;rischer Natur sind, pflichtgem&auml;ss zerst&ouml;ren lassen,
+soweit dieses Verlangen allen &ouml;konomischen Erw&auml;gungen
+zum Trotz aufrechterhalten werden sollte. Dass sie
+nicht daran denkt, neue Anlagen dieser Art zu schaffen
+oder begonnene fortzuf&uuml;hren, ist angesichts der deutschen
+Finanzlage und der ganzen politischen Situation eine
+einfache Selbstverst&auml;ndlichkeit.</p>
+
+<p>Dagegen ist die deutsche Regierung weder nach dem
+Buchstaben noch nach dem Sinne des Versailler Vertrages
+verpflichtet, Einrichtungen, die f&uuml;r die gesunde
+wirtschaftliche Entwicklung des Rheinlandes zweckm&auml;ssig
+und notwendig sind, nur deshalb zu zerst&ouml;ren
+oder unausgef&uuml;hrt zu lassen, weil die Botschafterkonferenz
+glaubt, dass sie eine etwaige Mobilmachung erleichtern.</p>
+
+<p>Der Art. 43 richtet sich gegen die Vorbereitung eines
+Krieges. Er gibt den alliierten Regierungen kein Recht,
+st&ouml;rend und zerst&ouml;rend in eine auf verst&auml;ndigen Grunds&auml;tzen
+aufgebaute Verkehrspolitik einzugreifen. Soweit
+das durch die Forderungen der Botschafterkonferenz geschieht,
+wird die deutsche Regierung diese Forderungen
+mit allem Nachdruck bek&auml;mpfen. Sie wird den alliierten
+Regierungen den Beweis liefern, dass die verlangten
+Massnahmen den betroffenen Gebieten schwere wirtschaftliche
+Nachteile zuf&uuml;gen, dass sie die Entwicklung<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+nicht nur des Verkehrs, sondern zahlreicher f&uuml;r Deutschland
+lebenswichtiger Wirtschaftszweige hindern und so
+die wirtschaftliche Leistungsf&auml;higkeit Deutschlands keineswegs
+erh&ouml;hen, sondern stark beeintr&auml;chtigen w&uuml;rden.
+Von ganz besonderem Einfluss auf die Entschliessung
+der aliierten Regierungen sollte es sein, dass einzelne
+der beanstandeten Anlagen gerade dazu dienen sollen,
+die schnelle und p&uuml;nktliche Ablieferung der Reparationskohle
+zu erleichtern.</p>
+
+<p>Die Pr&uuml;fung der einzelnen Forderungen der Note, die
+von den deutschen Beh&ouml;rden mit der gr&ouml;ssten Sorgfalt
+vorgenommen wird, ist noch nicht abgeschlossen. Schon
+jetzt l&auml;sst sich aber mit Gewissheit sagen, dass die Entschliessung
+der Botschafterkonferenz, soweit sie sich mit
+den Linien M&ouml;rs&#8211;Geldern, Osterath&#8211;Dernau und Ehrang&#8211;Koblenz
+befasst, &uuml;berwiegend von unrichtigen Voraussetzungen
+ausgeht.</p>
+
+<p>Das gleiche gilt f&uuml;r eine grosse Anzahl der &uuml;brigen Punkte
+der Note, was sich zum Teil vielleicht daraus erkl&auml;rt,
+dass den Verfassern die Entwicklung, die die Wirtschaft
+des Rheinlandes seit Beendigung des Krieges genommen
+hat, noch nicht bekannt geworden ist.</p>
+
+<p>Die deutsche Regierung zweifelt nicht daran, dass die
+Aufkl&auml;rung, die sie den alliierten Regierungen in aller
+Offenheit und Ehrlichkeit bieten wird, zu einer Aufgabe
+der jetzt erhobenen unberechtigten Forderungen f&uuml;hren
+wird. Die ohnehin so schwer unter dem Drucke der Besatzung
+leidende rheinische Bev&ouml;lkerung mag gewiss
+sein, dass kein Mittel unversucht bleiben wird, um ihr
+neue grundlose Sch&auml;digungen zu ersparen.</p>
+
+
+<p class="tb">Die dritte Interpellation<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> erlaube ich mir wie folgt zu
+beantworten:</p>
+
+<p>Ueberblickt man die Versailler Regelung f&uuml;r das Saarbecken,
+so dr&auml;ngt sich am st&auml;rksten ihre Kompliziertheit
+auf. Man vergegenw&auml;rtige sich nur folgendes: Das Land
+ist deutsch, die Bewohner sind Deutsche, die Verwaltung
+liegt in der Hand des V&ouml;lkerbundes, die Gruben sind
+Eigentum des franz&ouml;sischen Staates und das Zollsystem
+<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>ist das franz&ouml;sische. Das ergibt ein so vielfaches Durchschneiden
+und Ueberschneiden der Kompetenzen, dass es
+in der Praxis zu kaum mehr l&ouml;sbaren Schwierigkeiten
+f&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Auf die Frage, was das Saargebiet seiner juristischen
+Natur nach ist, d&uuml;rften die Juristen die Antwort schuldig
+bleiben. Die Geschichte hat ein so seltsames Gebilde
+noch nicht gesehen. Dies hat begreiflicherweise eine
+grosse Belastung der beteiligten Beh&ouml;rden &#8211; und zwar
+nicht nur unserer &#8211; zur Folge, und im letzten Grunde ist
+der Leidtragende dabei immer die Bev&ouml;lkerung.</p>
+
+<p>Politisch springt vor allem die Entrechtung der Bev&ouml;lkerung
+in die Augen. Gewisse, nicht immer gen&uuml;gend
+klar gefasste Bestimmungen gew&auml;hrleisten ihr zwar
+einige selbstverst&auml;ndliche Grundrechte, von denen bezeichnenderweise
+das Recht des freien Abzuges am
+deutlichsten ausgestaltet ist.</p>
+
+<p>Von der Mitbestimmung an ihrem Geschick ist sie aber
+so gut wie ausgeschlossen. In dem F&uuml;nfm&auml;nnerkollegium,
+das sie regiert, befindet sich nur einer aus ihrer Mitte,
+und auch auf die Ernennung dieses einen hat sie keinen
+Einfluss.</p>
+
+<p>Die Regierungskommission hat Befugnisse, die weit &uuml;ber
+das hinausgehen, was im Zeitalter des aufgekl&auml;rten Absolutismus
+die Regel war. Gewiss ist sie dem V&ouml;lkerbund
+verantwortlich. Ob aber diese Verantwortlichkeit denselben
+praktischen Wert hat wie eine Verantwortlichkeit
+gegen&uuml;ber einer Volksvertretung, m&uuml;sste erst noch bewiesen
+werden. Die Betrauung des V&ouml;lkerbundes mit
+dieser absolutistischen Mission ist &uuml;berhaupt f&uuml;r jeden,
+der einen wahren V&ouml;lkerbund errichtet zu sehen w&uuml;nscht,
+tief bedauerlich. Die Idee des V&ouml;lkerbundes wird dadurch
+entw&uuml;rdigt.</p>
+
+<p>Es ist kein Trost, dass dieses Regime auf 15 Jahre
+beschr&auml;nkt sein soll. Denn 15 Jahre sind eine lange Zeit,
+und an ihrem Ende steht die Volksabstimmung. Nichts
+ist selbstverst&auml;ndlicher, als dass diese Abstimmung
+w&auml;hrend der 15 Jahre die Interessen der Bev&ouml;lkerung
+&uuml;berragend beherrscht. Wir alle wissen ferner aus den
+Beispielen anderer deutscher Grenzgebiete, besonders
+Oberschlesiens, was eine Abstimmungszeit f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung
+bedeutet. Im Saargebiet soll diese Zeit 15
+Jahre dauern, und wenn auch dort die Verh&auml;ltnisse insofern
+g&uuml;nstig liegen, als der Bev&ouml;lkerung fremdsprachige<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>
+Elemente fehlen, so bedeutet es doch f&uuml;r sie ein &uuml;beraus
+hartes Los und eine schwere Probe, 15 Jahre lang unter
+der Ungewissheit ihres endg&uuml;ltigen nationalen Geschickes
+leben zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Ich wende mich zu der Frage, wie sich das geschilderte
+System bisher bew&auml;hrt hat.</p>
+
+<p>Das Wirtschaftsleben des Landes bietet kein erfreuliches
+Bild. Hier wirken verschiedene Umst&auml;nde zusammen:
+die k&uuml;nstliche Trennung der Kohlenwirtschaft von dem
+&uuml;brigen Wirtschaftsleben, die neue Zollinie und endlich
+die Einf&uuml;hrung des Franken. Das Mass, in dem der Frank
+im Saarbecken uml&auml;uft, ist nach Ansicht der Regierung
+vertragswidrig, denn der Vertrag r&auml;umt der franz&ouml;sischen
+M&uuml;nze nur die Stellung eines zugelassenen Umlaufgeldes
+neben der Mark ein. Die Regierungskommission hat ihr
+aber bei Post und Eisenbahn die Eigenschaft als W&auml;hrungsgeld
+unter Ausschaltung der Mark verliehen und
+sp&auml;ter trotz dringenden Abratens aller Sachverst&auml;ndigen
+ihren Umlauf noch erweitert. Wirtschaftlich widerspricht
+diese Ab&auml;nderung der W&auml;hrungsverh&auml;ltnisse der Grundstruktur
+des Wirtschaftslebens. Das Land hat nun einmal
+seinen nat&uuml;rlichen Absatzmarkt in Deutschland und
+kann daf&uuml;r anderswo, namentlich in Frankreich, um so
+weniger ausreichenden Ersatz finden, als seine Hauptindustrie,
+die Eisenindustrie, im Westen als unliebsamer
+Konkurrent empfunden und bek&auml;mpft wird. Wenn also
+die Industrie des Saarbeckens auf den deutschen Markt
+angewiesen ist und daher vorwiegend Markeinnahmen
+hat, so muss sie notwendigerweise in schwere Bedr&auml;ngnis
+geraten, sobald sie bei sinkendem Markkurse ihre
+Hauptausgaben &#8211; n&auml;mlich L&ouml;hne, Kohlen, Erze, Frachten
+&#8211; in Franken leisten muss. Die Tatsachen haben dies
+reichlich bewiesen. Das Land hat schon verschiedene
+schwere Krisen durchgemacht, die noch sch&auml;rfer verlaufen
+w&auml;ren, wenn nicht grosse industrielle Werke von
+ihren Niederlassungen im &uuml;brigen Deutschland einen Ausgleich
+h&auml;tten schaffen k&ouml;nnen. Erfreulicherweise haben
+auch verschiedene deutsche Wirtschaftsorganisationen
+der schwierigen Lage des Saarbeckens volles Verst&auml;ndnis
+entgegengebracht. In diesem Zusammenhang kann
+ich auch erw&auml;hnen, dass die Reichsregierung im Einverst&auml;ndnis
+mit Preussen und Bayern die Belieferung des
+Saargebiets mit Waren zu deutschen Inlandspreisen und
+mit deutschen Lebensmitteln sich angelegen sein l&auml;sst.<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+Es sind hierbei allerdings betr&auml;chtliche Schwierigkeiten
+zu &uuml;berwinden, und es k&ouml;nnte ein Zeitpunkt kommen, in
+dem wir gegen unseren Willen diese Massnahmen aufheben
+m&uuml;ssten. Doch hoffen wir, dass wir nicht vor
+diese Zwangslage gestellt sein werden. Alles in allem
+tr&auml;gt das Wirtschaftsleben des Saarbeckens eine spezifische
+Unstabilit&auml;t als hervorstechendstes Merkmal an
+sich.</p>
+
+<p>Wenn ich endlich zu der politischen Entwicklung &uuml;bergehen
+darf, so muss ich zu meinem Bedauern hier feststellen,
+dass die Regierung des Saarbeckens von der den
+V&ouml;lkerbund vertretenden Kommission nicht in der Weise
+gef&uuml;hrt wird, wie es erwartet werden d&uuml;rfte. Bekanntlich
+soll der V&ouml;lkerbund die Regierung des Saarbeckens
+als Treuh&auml;nder f&uuml;hren. Eine solche treuh&auml;nderische Verwaltung
+darf nicht einen der beiden an dem endg&uuml;ltigen
+Besitz des Landes interessierten Staaten bevorzugen.
+Leider ist dies aber der Fall. Dass heute noch franz&ouml;sische
+Truppen in betr&auml;chtlicher Zahl sich im Lande
+befinden, ist eine nicht abzustreitende Vertragswidrigkeit;
+denn nach dem Vertrag soll nicht Frankreich, sondern
+die Regierungskommission f&uuml;r Aufrechterhaltung
+von Ruhe und Ordnung sorgen, und nur durch eine &ouml;rtliche
+Gendarmerie. Diese Gendarmerie ist zwar errichtet
+worden, jedoch nur in bescheidenem Umfange, angeblich
+wegen Geldmangels. Neben ihr steht aber noch eine
+franz&ouml;sische Gendarmerie. Wie deren Existenz gerechtfertigt
+werden kann, ist mir unerfindlich. Denn der Vertrag
+sagt mit der denkbar gr&ouml;ssten Klarheit, dass &raquo;nur
+eine &ouml;rtliche Gendarmerie&laquo; eingerichtet werden soll.
+Uebrigens liegen Nachrichten vor, dass die franz&ouml;sische
+Gendarmerie die Aufgabe hat, unter anderem &uuml;ber die
+Notabeln und gewisse andere Pers&ouml;nlichkeiten Listen zu
+f&uuml;hren, vertrauliche Beobachtungen in politischen Angelegenheiten
+anzustellen, die politische Gesinnung der Beamten
+zu &uuml;berwachen und die Berichte der Zivilbeh&ouml;rden
+unauff&auml;llig zu kontrollieren.</p>
+
+<p>Auch die Errichtung der franz&ouml;sischen Kriegsgerichte, die
+sogar durch eine besondere Verordnung erfolgt ist, widerspricht
+dem Vertrag, da dieser keine anderen Gerichte
+beibehalten wissen will als die fr&uuml;her bestehenden und
+ein neu zu errichtendes Obergericht.</p>
+
+<p>Mit Recht hebt ferner die Interpellation die Vertragswidrigkeit
+der im Herbst 1920 anl&auml;sslich der Arbeitseinstellung<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+der Beamtenschaft erfolgten Massenausweisungen
+hervor. Diese entbehrten jeder Rechtsgrundlage und
+warfen die Bev&ouml;lkerung zur&uuml;ck in die tr&uuml;bsten Zeiten
+der Herrschaft des Waffenstillstandsabkommens. Nach
+l&auml;ngerer Zeit sind allerdings diese Ausweisungen r&uuml;ckg&auml;ngig
+gemacht worden.</p>
+
+<p>Die Regierungskommission hat ferner die Wahrnehmung
+der Auslandsinteressen der Bewohner der franz&ouml;sischen
+Regierung &uuml;bertragen. In formaler Hinsicht kann hiergegen
+kaum etwas eingewendet werden, da eine besondere
+Bestimmung des Vertrages der Regierungskommission
+freie Hand gibt. Es liegt jedoch auf der Hand,
+wie widersinnig es ist, dass deutsche Staatsangeh&ouml;rige
+im Auslande von Frankreich vertreten werden. Ausserdem
+ergeben sich hieraus allerlei praktische Schwierigkeiten.
+Die Regierungskommission hat uns sogar zugemutet,
+die Wahrnehmung der Interessen der deutschen
+Saarbewohner in Deutschland selbst durch Frankreich
+anzuerkennen. In diesem Punkt hat jedoch die Reichsregierung
+mit aller Entschiedenheit widersprochen, da
+das Saargebiet dem &uuml;brigen Deutschland gegen&uuml;ber nicht
+Ausland ist. Wenn &uuml;brigens die Bewohner des Saargebiets
+ein Anliegen an deutsche Beh&ouml;rden haben, so wissen
+sie schon selbst den Weg zu ihnen zu finden und denken
+am allerwenigsten an eine Vermittlung durch franz&ouml;sische
+Vertreter.</p>
+
+<p>Eine Frage von besonderer Wichtigkeit ist die Schaffung
+des seltsamen Begriffes &raquo;Saareinwohner&laquo;. W&auml;hrend
+der Versailler Vertrag den Bewohnern des Saargebiets
+ihre bisherige Staatsangeh&ouml;rigkeit belassen hat, was
+nicht anders als dahin verstanden werden kann, dass
+auch die mit der Staatsangeh&ouml;rigkeit verbundenen Rechte
+ihnen gewahrt bleiben sollen, hat die Regierungskommission
+durch Schaffung des Begriffes &raquo;Saareinwohner&laquo;
+und durch Uebertragung aller politischen Rechte auf
+diesen Begriff der Staatsangeh&ouml;rigkeit der Bewohner tats&auml;chlich
+so gut wie jeden Inhalt genommen und mit dem
+neuen Begriff zwar nicht dem Worte nach, wohl aber der
+Sache nach eine Art besonderer saarl&auml;ndischer Staatsangeh&ouml;rigkeit
+geschaffen. Nach Ansicht der Reichsregierung
+ist hiermit eine der Grundlagen der vertraglichen
+Regelung &uuml;ber das Saargebiet umgestossen.</p>
+
+<p>In &auml;hnlicher Richtung liegt eine Anzahl von Massnahmen
+der Regierungskommission, die das Ziel verfolgen, das<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>
+Saargebiet dem &uuml;brigen Deutschland gegen&uuml;ber als Ausland
+erscheinen zu lassen, obwohl doch unm&ouml;glich bestritten
+werden kann, dass das Saargebiet nach wie vor
+einen Teil des Reiches bildet. Es mag zwar im einzelnen
+schwierig sein, bei der besonderen Verwaltungsorganisation
+f&uuml;r das Saarbecken aus diesem Grundsatz heraus
+immer zu praktisch brauchbaren Ergebnissen zu gelangen.
+Wenn aber die Regierungskommission dieser
+Schwierigkeiten dadurch Herr zu werden sucht, dass sie
+kurzerhand erkl&auml;rt, alles Gebiet ausserhalb des Saargebiets
+sei als Ausland zu betrachten, so &auml;ndert sie den
+Vertrag wiederum in einer seiner Grundlagen ab.</p>
+
+<p>Auch auf dem Gebiete des Schulwesens sind Vertragswidrigkeiten
+festzustellen. Dem franz&ouml;sischen Staat hat
+die Regierungskommission auf diesem Gebiet Rechte einger&auml;umt,
+die weit &uuml;ber das vertraglich vorgesehene
+Mass hinausgehen. Auch die Einf&uuml;hrung des franz&ouml;sischen
+Sprachunterrichts in den Volksschulen und allerlei, zum
+Teil als Experimentieren zu bezeichnende recht wesentliche
+Reformen auf dem Gebiet des Schulwesens stehen
+nicht im Einklang mit dem Vertrage; denn dieser sieht
+in absoluter Form die Beibehaltung des bisherigen Schulsystems
+vor, und ich glaube, dass dies eine der wenigen
+Bestimmungen ist, die innere Berechtigung hat, da gerade
+auf dem Gebiete des Schulwesens einer landesfremden
+Regierung schwerlich die F&auml;higkeit zugesprochen
+werden kann, das Schulwesen eines Landes auf eine
+seiner Eigenart gerecht werdende neue Grundlage zu
+setzen.</p>
+
+<p>Die Reichsregierung hat wegen all dieser und &auml;hnlicher
+Massnahmen der Regierungskommission wiederholt beim
+V&ouml;lkerbund Einspruch eingelegt. Bisher ist keinem Einspruch
+Folge gegeben worden. Der V&ouml;lkerbund begn&uuml;gt
+sich in der Regel damit, den Standpunkt der Regierungskommission
+f&uuml;r gerechtfertigt zu erkl&auml;ren. Zu ihrem
+Bedauern kann sich die Reichsregierung dem Eindruck
+nicht verschliessen, dass ihre Einspruchnoten beim V&ouml;lkerbund
+nicht die geb&uuml;hrende Beachtung finden. Die gemachten
+Erfahrungen werden die Reichsregierung nat&uuml;rlich
+nicht hindern, sich mit ihren Beschwerden weiterhin
+an den V&ouml;lkerbund zu wenden. Sie gibt die Hoffnung
+nicht auf, dass der V&ouml;lkerbund schliesslich doch die
+Ueberzeugung gewinnt, dass die Verwaltung des Saargebiets<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>
+nicht in einem Geiste gef&uuml;hrt wird, wie es gerade
+von einer V&ouml;lkerbundskommission erwartet werden
+kann.</p>
+
+<p>Zu dieser Erwartung berechtigen die Reichsregierung namentlich
+auch die Schritte, die die Bev&ouml;lkerung des Saargebiets
+selbst unternommen hat. Wiederholt hat sie in
+ausserordentlich eindrucksvollen Denkschriften und durch
+die Entsendung von Delegationen an den V&ouml;lkerbund versucht,
+dessen Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die
+Mi&szlig;st&auml;nde im Saarbecken zu lenken, und ich glaube
+sagen zu k&ouml;nnen, dass die Schritte nicht ganz erfolglos
+geblieben sind.</p>
+
+<p>Inzwischen hat auch die Oeffentlichkeit ausserhalb
+Deutschlands dem Saarbecken mehr und mehr Interesse
+entgegengebracht, und in einer ganzen Anzahl von ausl&auml;ndischen
+Zeitungen hat sich eine ziemlich scharfe Kritik
+der Methoden der V&ouml;lkerbundsregierung erhoben.</p>
+
+<p>Das Verh&auml;ltnis der Bev&ouml;lkerung des Saarbeckens zu der
+Regierungskommission hat sich &uuml;berraschend schnell
+festgelegt. Es ist das typische Bild einer Fremdherrschaft!
+Die Bev&ouml;lkerung sah der Regierungskommission
+zwar nicht mit grossen Hoffnungen, aber doch unvoreingenommen
+entgegen und musste sehr bald Entt&auml;uschung
+&uuml;ber Entt&auml;uschung erleben. Mit verschwindenden
+Ausnahmen wurden die leitenden Posten der Verwaltung
+mit Franzosen besetzt. Die franz&ouml;sischen Truppen
+blieben, desgleichen die franz&ouml;sische Gendarmerie
+und die franz&ouml;sischen Kriegsgerichte. Franz&ouml;sische Einrichtungen
+wurden da und dort eingef&uuml;hrt. Eine Anzahl
+alteingesessener Bewohner wurde ausgewiesen. Der
+Franken brachte wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten.
+Der franz&ouml;sische Unterricht f&uuml;r die Volksschulen
+wurde dekretiert. Den Beamten wurde die Frankenbesoldung
+wider ihren Willen aufgezwungen. Endlich
+wurden beinahe in allen wichtigen Fragen die Gutachten
+der Kreis- und Bezirkstage bei der Ab&auml;nderung von Gesetzen
+nicht ber&uuml;cksichtigt. All dies schuf begreiflicherweise
+eine Atmosph&auml;re der Mi&szlig;stimmung, die schliesslich
+die Kreis- und Bezirkstage veranlasste, die Begutachtung
+von Verordnungsentw&uuml;rfen vollkommen abzulehnen.</p>
+
+<p>So stehen sich jetzt Regierung und Bev&ouml;lkerung des Saargebiets
+ohne Vertrauen gegen&uuml;ber, ein Zustand, der unzweifelhaft<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+als &auml;usserst ungesund anzusprechen ist.
+Dieser Zustand ist aber die leicht erkl&auml;rliche Folge der
+Regierung eines Landes durch eine landfremde Kommission.</p>
+
+<p>Am 16. Juni 1919 haben unsere einstigen Gegner uns erkl&auml;rt,
+sie h&auml;tten volles Vertrauen, dass die Einwohner des
+Saargebietes keinen Grund haben w&uuml;rden, die neue Verwaltung
+als eine ihnen ferner stehende zu betrachten,
+als es die von Berlin und M&uuml;nchen gewesen seien.
+Wenn irgend etwas durch die Tatsachen widerlegt worden
+ist, dann ist es dieser Satz! Gewiss: die Regierungskommission
+sitzt im Saargebiet selbst; in Wirklichkeit
+aber steht sie der Bev&ouml;lkerung ferner, als wenn sie in
+einem anderen Erdteil ihren Sitz aufgeschlagen h&auml;tte.
+Allein die Verschiedenheit der Sprache bildet eine un&uuml;berbr&uuml;ckbare
+Kluft.</p>
+
+<p>Das Bild, das ich Ihnen in Vorstehendem vom Saarbecken
+entrollen durfte, ist kein erfreuliches. Als Deutsche
+aber k&ouml;nnen wir mit Stolz auf die Tatsache hinweisen,
+dass die Bev&ouml;lkerung des Saargebietes in den schweren
+Jahren der Fremdherrschaft, von denen erst wenige vor&uuml;bergegangen
+sind, sich um so fester zusammengeschlossen
+hat, um das zu wahren, was sie als ihr h&ouml;chstes
+Gut betrachtet: ihr Deutschtum! Immer und immer wieder
+erh&auml;lt die Reichsregierung und die Oeffentlichkeit aus
+dem Saarbecken Beweise bester deutscher Gesinnung.
+Ich stehe daher nicht an, zu erkl&auml;ren, dass die Deutschen
+an der Saar dem ganzen deutschen Volk Vorbild und
+Muster sind! Das deutsche Volk und die Reichsregierung
+wissen schon heute, was sie an der Bev&ouml;lkerung des
+Saargebiets haben. Ihr muss ihr bestes Wollen und
+K&ouml;nnen gelten in der Hoffnung auf den Tag, an dem auch
+&auml;usserlich die Wiedervereinigung vollzogen wird.</p>
+
+<hr class="endchapter" />
+
+
+<div class="footnotes"><p class="footnotetitle">Fu&szlig;noten:</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Die <i>Interpellation <em class="gesperrt">STRESEMANN</em> und Genossen</i> ersuchte die Reichsregierung
+um Aufkl&auml;rung &uuml;ber Ger&uuml;chte, die besagen, da&szlig; auf Grund einer
+Verst&auml;ndigung zwischen England und Frankreich die Besatzung in den Rheinlanden
+zur&uuml;ckgezogen, daf&uuml;r aber als Sicherheit gegen einen Angriff des
+vollkommen wehrlosen Deutschlands die Rheinlande neutralisiert werden
+sollen, das hei&szlig;t den Rheinlanden soll die Autonomie, angeblich im Rahmen des
+Deutschen Reichs, aber unter franz&ouml;sischer Oberaufsicht und franz&ouml;sischem
+milit&auml;rischen &raquo;Schutz&laquo; verliehen werden. Es sollte also dem besetzten
+Gebiet das Schicksal des ungl&uuml;cklichen Saargebiets bereitet werden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Die <i>Interpellation <em class="gesperrt">LAUSCHER</em> und Genossen</i> fordert von der
+Reichsregierung Erkl&auml;rungen &uuml;ber die am 30. Mai &uuml;bergebene Note der
+Botschafterkonferenz der alliierten Staaten, die unter Berufung auf Artikel 43
+des Vertrags von Versailles die Einstellung bzw. Zerst&ouml;rung einer ganzen
+Reihe wirtschaftlich bedeutsamer Eisenbahnbauten innerhalb des zurzeit von
+den Alliierten besetzten rheinischen Gebiets verlangt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Die <i>Interpellation <em class="gesperrt">MARX</em> und Genossen</i> w&uuml;nscht Aufkl&auml;rung &uuml;ber die
+Stellung der Reichsregierung zu der T&auml;tigkeit der vom V&ouml;lkerbundsrat eingesetzten
+Regierungskommission im Saargebiet, die dem Versailler Vertrage,
+den Grunds&auml;tzen der Gerechtigkeit und der Demokratie &#8211; und dem Wesen
+des V&ouml;lkerbunds widerspreche.</p></div>
+</div>
+
+
+
+<div class="advertisements">
+<p class="werke"><span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>DIE WERKE VON WALTHER RATHENAU</p>
+
+<p class="titel">Zur Kritik der Zeit</p>
+<p class="auflage">20. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Zur Mechanik des Geistes</p>
+<p class="auflage">11. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Deutschlands Rohstoffversorgung</p>
+<p class="auflage">39. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Probleme der Friedenswirtschaft</p>
+<p class="auflage">25. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Von kommenden Dingen</p>
+<p class="auflage">69. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Streitschrift vom Glauben</p>
+<p class="auflage">14. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Vom Aktienwesen</p>
+<p class="auflage">23. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Die neue Wirtschaft</p>
+<p class="auflage">54. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Zeitliches</p>
+<p class="auflage">25. Auflage</p>
+
+<p class="titel">An Deutschlands Jugend</p>
+<p class="auflage">20. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Nach der Flut</p>
+<p class="auflage">15. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Der Kaiser</p>
+<p class="auflage">54. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Der neue Staat</p>
+<p class="auflage">18. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Kritik der dreifachen Revolution &#8211; Apologie</p>
+<p class="auflage">14. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Die neue Gesellschaft</p>
+<p class="auflage">16. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Was wird werden?</p>
+<p class="auflage">14. Auflage</p>
+
+<p class="titel">Demokratische Entwicklung</p>
+<p class="auflage">8. Auflage</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die
+Inhalts&uuml;bersicht des Anhangs wurde in das Hauptinhaltsverzeichnis am
+Anfang des Buches integriert. Kleinere Inkonsistenzen in der
+Schreibweise wurden prinzipiell beibehalten.</p>
+</div>
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Notes:</strong> This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1922 by S. Fischer. The additional table of content
+of the appendix has been integrated into the main contents section at
+the beginning of the book. Minor inconsistencies in the original
+spelling have been maintained.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Cannes und Genua, by Walther Rathenau
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CANNES UND GENUA ***
+
+***** This file should be named 20937-h.htm or 20937-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/9/3/20937/
+
+Produced by Irma Špehar, Markus Brenner and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+file was produced from images generously made available
+by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at
+http://gallica.bnf.fr)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
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+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+Gutenberg-tm License.
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
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index 0000000..6312041
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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new file mode 100644
index 0000000..0ac0263
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #20937 (https://www.gutenberg.org/ebooks/20937)