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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:44:02 -0700 |
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diff --git a/21593-0.txt b/21593-0.txt new file mode 100644 index 0000000..e76b440 --- /dev/null +++ b/21593-0.txt @@ -0,0 +1,904 @@ +The Project Gutenberg EBook of Das Urteil, by Franz Kafka + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das Urteil + Eine Geschichte + +Author: Franz Kafka + +Release Date: May 24, 2007 [EBook #21593] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS URTEIL *** + + + + +Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by Österreichische Nationalbibliothek - Austrian National +Library) + + + + + + + DAS URTEIL + + + EINE GESCHICHTE + VON + FRANZ KAFKA + + + + LEIPZIG + KURT WOLFF VERLAG + 1916 + + +Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R. September 1916 als +vierunddreißigster Band der Bücherei »Der jüngste Tag« + +Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag • Leipzig + + + + + FÜR F. + + + +Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, +ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines +der niedrigen, leichtgebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer +langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich +hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland +befindenden Jugendfreund beendet, verschloß ihn in spielerischer +Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, +aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer +mit ihrem schwachen Grün. + +Er dachte darüber nach, wie dieser Freund, mit seinem Fortkommen zu +Hause unzufrieden, vor Jahren schon nach Rußland sich förmlich +geflüchtet hatte. Nun betrieb er ein Geschäft in Petersburg, das anfangs +sich sehr gut angelassen hatte, seit langem aber schon zu stocken +schien, wie der Freund bei seinen immer seltener werdenden Besuchen +klagte. So arbeitete er sich in der Fremde nutzlos ab, der fremdartige +Vollbart verdeckte nur schlecht das seit den Kinderjahren wohlbekannte +Gesicht, dessen gelbe Hautfarbe auf eine sich entwickelnde Krankheit +hinzudeuten schien. Wie er erzählte, hatte er keine rechte Verbindung +mit der dortigen Kolonie seiner Landsleute, aber auch fast keinen +gesellschaftlichen Verkehr mit einheimischen Familien und richtete sich +so für ein endgültiges Junggesellentum ein. + +Was wollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt +hatte, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte. Sollte man +ihm vielleicht raten, wieder nach Hause zu kommen, seine Existenz +hierher zu verlegen, alle die alten freundschaftlichen Beziehungen +wieder aufzunehmen – wofür ja kein Hindernis bestand – und im übrigen +auf die Hilfe der Freunde zu vertrauen? Das bedeutete aber nichts +anderes, als daß man ihm gleichzeitig, je schonender, desto kränkender, +sagte, daß seine bisherigen Versuche mißlungen seien, daß er endlich +von ihnen ablassen solle, daß er zurückkehren und sich als ein für immer +Zurückgekehrter von allen mit großen Augen anstaunen lassen müsse, daß +nur seine Freunde etwas verstünden und daß er ein altes Kind sei, das +den erfolgreichen, zu Hause gebliebenen Freunden einfach zu folgen habe. +Und war es dann noch sicher, daß alle die Plage, die man ihm antun +müßte, einen Zweck hätte? Vielleicht gelang es nicht einmal, ihn +überhaupt nach Hause zu bringen – er sagte ja selbst, daß er die +Verhältnisse in der Heimat nicht mehr verstünde –, und so bliebe er +dann trotz allem in seiner Fremde, verbittert durch die Ratschläge und +den Freunden noch ein Stück mehr entfremdet. Folgte er aber wirklich dem +Rat und würde hier – natürlich nicht mit Absicht, aber durch die +Tatsachen – niedergedrückt, fände sich nicht in seinen Freunden und +nicht ohne sie zurecht, litte an Beschämung, hätte jetzt wirklich keine +Heimat und keine Freunde mehr, war es da nicht viel besser für ihn, er +blieb in der Fremde, so wie er war? Konnte man denn bei solchen +Umständen daran denken, daß er es hier tatsächlich vorwärts bringen +würde? + +Aus diesen Gründen konnte man ihm, wenn man noch überhaupt die +briefliche Verbindung aufrecht erhalten wollte, keine eigentlichen +Mitteilungen machen, wie man sie ohne Scheu auch den entferntesten +Bekannten machen würde. Der Freund war nun schon über drei Jahre nicht +in der Heimat gewesen und erklärte dies sehr notdürftig mit der +Unsicherheit der politischen Verhältnisse in Rußland, die demnach also +auch die kürzeste Abwesenheit eines kleinen Geschäftsmannes nicht +zuließen, während hunderttausende Russen ruhig in der Welt herumfuhren. +Im Laufe dieser drei Jahre hatte sich aber gerade für Georg vieles +verändert. Von dem Todesfall von Georgs Mutter, der vor etwa zwei Jahren +erfolgt war und seit welchem Georg mit seinem alten Vater in gemeinsamer +Wirtschaft lebte, hatte der Freund wohl noch erfahren und sein Beileid +in einem Brief mit einer Trockenheit ausgedrückt, die ihren Grund nur +darin haben konnte, daß die Trauer über ein solches Ereignis in der +Fremde ganz unvorstellbar wird. Nun hatte aber Georg seit jener Zeit, +so wie alles andere, auch sein Geschäft mit größerer Entschlossenheit +angepackt. Vielleicht hatte ihn der Vater bei Lebzeiten der Mutter +dadurch, daß er im Geschäft nur seine Ansicht gelten lassen wollte, an +einer wirklichen eigenen Tätigkeit gehindert, vielleicht war der Vater +seit dem Tode der Mutter, trotzdem er noch immer im Geschäft arbeitete, +zurückhaltender geworden, vielleicht spielten – was sogar sehr +wahrscheinlich war – glückliche Zufälle eine weit wichtigere Rolle, +jedenfalls aber hatte sich das Geschäft in diesen zwei Jahren ganz +unerwartet entwickelt, das Personal hatte man verdoppeln müssen, der +Umsatz hatte sich verfünffacht, ein weiterer Fortschritt stand +zweifellos bevor. + +Der Freund aber hatte keine Ahnung von dieser Veränderung. Früher, zum +letztenmal vielleicht in jenem Beileidsbrief, hatte er Georg zur +Auswanderung nach Rußland überreden wollen und sich über die Aussichten +verbreitet, die gerade für Georgs Geschäftszweig in Petersburg +bestanden. Die Ziffern waren verschwindend gegenüber dem Umfang, den +Georgs Geschäft jetzt angenommen hatte. Georg aber hatte keine Lust +gehabt, dem Freund von seinen geschäftlichen Erfolgen zu schreiben, und +hätte er es jetzt nachträglich getan, es hätte wirklich einen +merkwürdigen Anschein gehabt. + +So beschränkte sich Georg darauf, dem Freund immer nur über +bedeutungslose Vorfälle zu schreiben, wie sie sich, wenn man an einem +ruhigen Sonntag nachdenkt, in der Erinnerung ungeordnet aufhäufen. Er +wollte nichts anderes, als die Vorstellung ungestört lassen, die sich +der Freund von der Heimatstadt in der langen Zwischenzeit wohl gemacht +und mit welcher er sich abgefunden hatte. So geschah es Georg, daß er +dem Freund die Verlobung eines gleichgültigen Menschen mit einem ebenso +gleichgültigen Mädchen dreimal in ziemlich weit auseinanderliegenden +Briefen anzeigte, bis sich dann allerdings der Freund, ganz gegen Georgs +Absicht, für diese Merkwürdigkeit zu interessieren begann. + +Georg schrieb ihm aber solche Dinge viel lieber, als daß er zugestanden +hätte, daß er selbst vor einem Monat mit einem Fräulein Frieda +Brandenfeld, einem Mädchen aus wohlhabender Familie, sich verlobt hatte. +Oft sprach er mit seiner Braut über diesen Freund und das besondere +Korrespondenzverhältnis, in welchem er zu ihm stand. »Er wird also gar +nicht zu unserer Hochzeit kommen,« sagte sie, »und ich habe doch das +Recht, alle deine Freunde kennen zu lernen.« »Ich will ihn nicht +stören,« antwortete Georg, »verstehe mich recht, er würde wahrscheinlich +kommen, wenigstens glaube ich es, aber er würde sich gezwungen und +geschädigt fühlen, vielleicht mich beneiden und sicher unzufrieden und +unfähig, diese Unzufriedenheit jemals zu beseitigen, allein wieder +zurückfahren. Allein – weißt du, was das ist?« »Ja, kann er denn von +unserer Heirat nicht auch auf andere Weise erfahren?« »Das kann ich +allerdings nicht verhindern, aber es ist bei seiner Lebensweise +unwahrscheinlich.« »Wenn du solche Freunde hast, Georg, hättest du dich +überhaupt nicht verloben sollen.« »Ja, das ist unser beider Schuld; aber +ich wollte es auch jetzt nicht anders haben.« Und wenn sie dann, rasch +atmend unter seinen Küssen, noch vorbrachte: »Eigentlich kränkt es mich +doch«, hielt er es wirklich für unverfänglich, dem Freund alles zu +schreiben. »So bin ich und so hat er mich hinzunehmen«, sagte er sich, +»ich kann nicht aus mir einen Menschen herausschneiden, der vielleicht +für die Freundschaft mit ihm geeigneter wäre, als ich es bin.« + +Und tatsächlich berichtete er seinem Freunde in dem langen Brief, den er +an diesem Sonntagvormittag schrieb, die erfolgte Verlobung mit folgenden +Worten: »Die beste Neuigkeit habe ich mir bis zum Schluß aufgespart. Ich +habe mich mit einem Fräulein Frieda Brandenfeld verlobt, einem Mädchen +aus einer wohlhabenden Familie, die sich hier erst lange nach Deiner +Abreise angesiedelt hat, die Du also kaum kennen dürftest. Es wird sich +noch Gelegenheit finden, Dir Näheres über meine Braut mitzuteilen, heute +genüge Dir, daß ich recht glücklich bin und daß sich in unserem +gegenseitigen Verhältnis nur insofern etwas geändert hat, als Du jetzt +in mir statt eines ganz gewöhnlichen Freundes einen glücklichen Freund +haben wirst. Außerdem bekommst Du in meiner Braut, die Dich herzlich +grüßen läßt, und die Dir nächstens selbst schreiben wird, eine +aufrichtige Freundin, was für einen Junggesellen nicht ganz ohne +Bedeutung ist. Ich weiß, es hält Dich vielerlei von einem Besuche bei +uns zurück, wäre aber nicht gerade meine Hochzeit die richtige +Gelegenheit, einmal alle Hindernisse über den Haufen zu werfen? Aber wie +dies auch sein mag, handle ohne alle Rücksicht und nur nach Deiner +Wohlmeinung.« + +Mit diesem Brief in der Hand war Georg lange, das Gesicht dem Fenster +zugekehrt, an seinem Schreibtisch gesessen. Einem Bekannten, der ihn im +Vorübergehen von der Gasse aus gegrüßt hatte, hatte er kaum mit einem +abwesenden Lächeln geantwortet. + +Endlich steckte er den Brief in die Tasche und ging aus seinem Zimmer +quer durch einen kleinen Gang in das Zimmer seines Vaters, in dem er +schon seit Monaten nicht gewesen war. Es bestand auch sonst keine +Nötigung dazu, denn er verkehrte mit seinem Vater ständig im Geschäft, +das Mittagessen nahmen sie gleichzeitig in einem Speisehaus ein, abends +versorgte sich zwar jeder nach Belieben, doch saßen sie dann meistens, +wenn nicht Georg, wie es am häufigsten geschah, mit Freunden beisammen +war oder jetzt seine Braut besuchte, noch ein Weilchen, jeder mit seiner +Zeitung, im gemeinsamen Wohnzimmer. + +Georg staunte darüber, wie dunkel das Zimmer des Vaters selbst an diesem +sonnigen Vormittag war. Einen solchen Schatten warf also die hohe Mauer, +die sich jenseits des schmalen Hofes erhob. Der Vater saß beim Fenster +in einer Ecke, die mit verschiedenen Andenken an die selige Mutter +ausgeschmückt war, und las die Zeitung, die er seitlich vor die Augen +hielt, wodurch er irgendeine Augenschwäche auszugleichen suchte. Auf dem +Tisch standen die Reste des Frühstücks, von dem nicht viel verzehrt zu +sein schien. + +»Ah, Georg!« sagte der Vater und ging ihm gleich entgegen. Sein schwerer +Schlafrock öffnete sich im Gehen, die Enden umflatterten ihn – »mein +Vater ist noch immer ein Riese«, sagte sich Georg. + +»Hier ist es ja unerträglich dunkel«, sagte er dann. + +»Ja, dunkel ist es schon«, antwortete der Vater. + +»Das Fenster hast du auch geschlossen?« + +»Ich habe es lieber so.« + +»Es ist ja ganz warm draußen«, sagte Georg, wie im Nachhang zu dem +Früheren, und setzte sich. + +Der Vater räumte das Frühstücksgeschirr ab und stellte es auf einen +Kasten. + +»Ich wollte dir eigentlich nur sagen,« fuhr Georg fort, der den +Bewegungen des alten Mannes ganz verloren folgte, »daß ich nun doch nach +Petersburg meine Verlobung angezeigt habe.« Er zog den Brief ein wenig +aus der Tasche und ließ ihn wieder zurückfallen. + +»Nach Petersburg?« fragte der Vater. + +»Meinem Freunde doch«, sagte Georg und suchte des Vaters Augen. – »Im +Geschäft ist er doch ganz anders,« dachte er, »wie er hier breit sitzt +und die Arme über der Brust kreuzt.« + +»Ja. Deinem Freunde«, sagte der Vater mit Betonung. + +»Du weißt doch, Vater, daß ich ihm meine Verlobung zuerst verschweigen +wollte. Aus Rücksichtnahme, aus keinem anderen Grunde sonst. Du weißt +selbst, er ist ein schwieriger Mensch. Ich sagte mir, von anderer Seite +kann er von meiner Verlobung wohl erfahren, wenn das auch bei seiner +einsamen Lebensweise kaum wahrscheinlich ist – das kann ich nicht +hindern –, aber von mir selbst soll er es nun einmal nicht erfahren.« + +»Und jetzt hast du es dir wieder anders überlegt?« fragte der Vater, +legte die große Zeitung auf den Fensterbord und auf die Zeitung die +Brille, die er mit der Hand bedeckte. + +»Ja, jetzt habe ich es mir wieder überlegt. Wenn er mein guter Freund +ist, sagte ich mir, dann ist meine glückliche Verlobung auch für ihn ein +Glück. Und deshalb habe ich nicht mehr gezögert, es ihm anzuzeigen. Ehe +ich jedoch den Brief einwarf, wollte ich es dir sagen.« + +»Georg,« sagte der Vater und zog den zahnlosen Mund in die Breite, »hör’ +einmal! Du bist wegen dieser Sache zu mir gekommen, um dich mit mir zu +beraten. Das ehrt dich ohne Zweifel. Aber es ist nichts, es ist ärger +als nichts, wenn du mir jetzt nicht die volle Wahrheit sagst. Ich will +nicht Dinge aufrühren, die nicht hierher gehören. Seit dem Tode unserer +teueren Mutter sind gewisse unschöne Dinge vorgegangen. Vielleicht kommt +auch für sie die Zeit und vielleicht kommt sie früher, als wir denken. +Im Geschäft entgeht mir manches, es wird mir vielleicht nicht verborgen +– ich will jetzt gar nicht die Annahme machen, daß es mir verborgen +wird –, ich bin nicht mehr kräftig genug, mein Gedächtnis läßt nach, +ich habe nicht mehr den Blick für alle die vielen Sachen. Das ist +erstens der Ablauf der Natur, und zweitens hat mich der Tod unseres +Mütterchens viel mehr niedergeschlagen als dich. – Aber weil wir gerade +bei dieser Sache halten, bei diesem Brief, so bitte ich dich, Georg, +täusche mich nicht. Es ist eine Kleinigkeit, es ist nicht des Atems +wert, also täusche mich nicht. Hast du wirklich diesen Freund in +Petersburg?« + +Georg stand verlegen auf. »Lassen wir meine Freunde sein. Tausend +Freunde ersetzen mir nicht meinen Vater. Weißt du, was ich glaube? Du +schonst dich nicht genug. Aber das Alter verlangt seine Rechte. Du bist +mir im Geschäft unentbehrlich, das weißt du ja sehr genau, aber wenn das +Geschäft deine Gesundheit bedrohen sollte, sperre ich es noch morgen für +immer. Das geht nicht. Wir müssen da eine andere Lebensweise für dich +einführen. Aber von Grund aus. Du sitzt hier im Dunkel, und im +Wohnzimmer hättest du schönes Licht. Du nippst vom Frühstück, statt dich +ordentlich zu stärken. Du sitzt bei geschlossenem Fenster, und die Luft +würde dir so gut tun. Nein, mein Vater! Ich werde den Arzt holen und +seinen Vorschriften werden wir folgen. Die Zimmer werden wir wechseln, +du wirst ins Vorderzimmer ziehen, ich hierher. Es wird keine Veränderung +für dich sein, alles wird mit übertragen werden. Aber das alles hat +Zeit, jetzt lege dich noch ein wenig ins Bett, du brauchst unbedingt +Ruhe. Komm, ich werde dir beim Ausziehn helfen, du wirst sehn, ich kann +es. Oder willst du gleich ins Vorderzimmer gehn, dann legst du dich +vorläufig in mein Bett. Das wäre übrigens sehr vernünftig.« + +Georg stand knapp neben seinem Vater, der den Kopf mit dem struppigen +weißen Haar auf die Brust hatte sinken lassen. + +»Georg«, sagte der Vater leise, ohne Bewegung. + +Georg kniete sofort neben dem Vater nieder, er sah die Pupillen in dem +müden Gesicht des Vaters übergroß in den Winkeln der Augen auf sich +gerichtet. + +»Du hast keinen Freund in Petersburg. Du bist immer ein Spaßmacher +gewesen und hast dich auch mir gegenüber nicht zurückgehalten. Wie +solltest du denn gerade dort einen Freund haben! Das kann ich gar nicht +glauben.« + +»Denk doch noch einmal nach, Vater,« sagte Georg, hob den Vater vom +Sessel und zog ihm, wie er nun doch recht schwach dastand, den +Schlafrock aus, »jetzt wird es bald drei Jahre her sein, da war ja mein +Freund bei uns zu Besuch. Ich erinnere mich noch, daß du ihn nicht +besonders gern hattest. Wenigstens zweimal habe ich ihn vor dir +verleugnet, trotzdem er gerade bei mir im Zimmer saß. Ich konnte ja +deine Abneigung gegen ihn ganz gut verstehn, mein Freund hat seine +Eigentümlichkeiten. Aber dann hast du dich doch auch wieder ganz gut mit +ihm unterhalten. Ich war damals noch so stolz darauf, daß du ihm +zuhörtest, nicktest und fragtest. Wenn du nachdenkst, mußt du dich +erinnern. Er erzählte damals unglaubliche Geschichten von der russischen +Revolution. Wie er z. B. auf einer Geschäftsreise in Kiew bei einem +Tumult einen Geistlichen auf einem Balkon gesehen hatte, der sich ein +breites Blutkreuz in die flache Hand schnitt, diese Hand erhob und die +Menge anrief. Du hast ja selbst diese Geschichte hie und da +wiedererzählt.« + +Währenddessen war es Georg gelungen, den Vater wieder niederzusetzen und +ihm die Trikothose, die er über den Leinenunterhosen trug, sowie die +Socken vorsichtig auszuziehn. Beim Anblick der nicht besonders reinen +Wäsche machte er sich Vorwürfe, den Vater vernachlässigt zu haben. Es +wäre sicherlich auch seine Pflicht gewesen, über den Wäschewechsel +seines Vaters zu wachen. Er hatte mit seiner Braut darüber, wie sie die +Zukunft des Vaters einrichten wollten, noch nicht ausdrücklich +gesprochen, denn sie hatten stillschweigend vorausgesetzt, daß der Vater +allein in der alten Wohnung bleiben würde. Doch jetzt entschloß er sich +kurz mit aller Bestimmtheit, den Vater in seinen künftigen Haushalt +mitzunehmen. Es schien ja fast, wenn man genauer zusah, daß die Pflege, +die dort dem Vater bereitet werden sollte, zu spät kommen könnte. + +Auf seinen Armen trug er den Vater ins Bett. Ein schreckliches Gefühl +hatte er, als er während der paar Schritte zum Bett hin merkte, daß an +seiner Brust der Vater mit seiner Uhrkette spiele. Er konnte ihn nicht +gleich ins Bett legen, so fest hielt er sich an dieser Uhrkette. + +Kaum war er aber im Bett, schien alles gut. Er deckte sich selbst zu und +zog dann die Bettdecke noch besonders weit über die Schulter. Er sah +nicht unfreundlich zu Georg hinauf. + +»Nicht wahr, du erinnerst dich schon an ihn?« fragte Georg und nickte +ihm aufmunternd zu. + +»Bin ich jetzt gut zugedeckt?« fragte der Vater, als könne er nicht +nachschauen, ob die Füße genug bedeckt seien. + +»Es gefällt dir also schon im Bett«, sagte Georg und legte das Deckzeug +besser um ihn. + +»Bin ich gut zugedeckt?« fragte der Vater noch einmal und schien auf die +Antwort besonders aufzupassen. + +»Sei nur ruhig, du bist gut zugedeckt.« + +»Nein!« rief der Vater, daß die Antwort an die Frage stieß, warf die +Decke zurück mit einer Kraft, daß sie einen Augenblick im Fluge sich +ganz entfaltete, und stand aufrecht im Bett. Nur eine Hand hielt er +leicht an den Plafond. »Du wolltest mich zudecken, das weiß ich, mein +Früchtchen, aber zugedeckt bin ich noch nicht. Und ist es auch die +letzte Kraft, genug für dich, zuviel für dich. Wohl kenne ich deinen +Freund. Er wäre ein Sohn nach meinem Herzen. Darum hast du ihn auch +betrogen die ganzen Jahre lang. Warum sonst? Glaubst du, ich habe nicht +um ihn geweint? Darum doch sperrst du dich in dein Bureau, niemand soll +stören, der Chef ist beschäftigt – nur damit du deine falschen +Briefchen nach Rußland schreiben kannst. Aber den Vater muß +glücklicherweise niemand lehren, den Sohn zu durchschauen. Wie du jetzt +geglaubt hast, du hättest ihn untergekriegt, so untergekriegt, daß du +dich mit deinem Hintern auf ihn setzen kannst und er rührt sich nicht, +da hat sich mein Herr Sohn zum Heiraten entschlossen!« + +Georg sah zum Schreckbild seines Vaters auf. Der Petersburger Freund, +den der Vater plötzlich so gut kannte, ergriff ihn, wie noch nie. +Verloren im weiten Rußland sah er ihn. An der Türe des leeren, +ausgeraubten Geschäftes sah er ihn. Zwischen den Trümmern der Regale, +den zerfetzten Waren, den fallenden Gasarmen stand er gerade noch. Warum +hatte er so weit wegfahren müssen! + +»Aber schau mich an!« rief der Vater, und Georg lief, fast zerstreut, +zum Bett, um alles zu fassen, stockte aber in der Mitte des Weges. + +»Weil sie die Röcke gehoben hat,« fing der Vater zu flöten an, »weil sie +die Röcke so gehoben hat, die widerliche Gans,« und er hob, um das +darzustellen, sein Hemd so hoch, daß man auf seinem Oberschenkel die +Narbe aus seinen Kriegsjahren sah, »weil sie die Röcke so und so und so +gehoben hat, hast du dich an sie herangemacht, und damit du an ihr ohne +Störung dich befriedigen kannst, hast du unserer Mutter Andenken +geschändet, den Freund verraten und deinen Vater ins Bett gesteckt, +damit er sich nicht rühren kann. Aber kann er sich rühren oder nicht?« + +Und er stand vollkommen frei und warf die Beine. Er strahlte vor +Einsicht. + +Georg stand in einem Winkel, möglichst weit vom Vater. Vor einer langen +Weile hatte er sich fest entschlossen, alles vollkommen genau zu +beobachten, damit er nicht irgendwie auf Umwegen, von hinten her, von +oben herab überrascht werden könne. Jetzt erinnerte er sich wieder an +den längst vergessenen Entschluß und vergaß ihn, wie man einen kurzen +Faden durch ein Nadelöhr zieht. + +»Aber der Freund ist nun doch nicht verraten!« rief der Vater, und sein +hin- und herbewegter Zeigefinger bekräftigte es. »Ich war sein Vertreter +hier am Ort.« + +»Komödiant!« konnte sich Georg zu rufen nicht enthalten, erkannte sofort +den Schaden und biß, nur zu spät, – die Augen erstarrt – in seine +Zunge, daß er vor Schmerz einknickte. + +»Ja, freilich habe ich Komödie gespielt! Komödie! Gutes Wort! Welcher +andere Trost blieb dem alten verwitweten Vater? Sag – und für den +Augenblick der Antwort sei du noch mein lebender Sohn –, was blieb mir +übrig, in meinem Hinterzimmer, verfolgt vom ungetreuen Personal, alt bis +in die Knochen? Und mein Sohn ging im Jubel durch die Welt, schloß +Geschäfte ab, die ich vorbereitet hatte, überpurzelte sich vor Vergnügen +und ging vor seinem Vater mit dem verschlossenen Gesicht eines +Ehrenmannes davon! Glaubst du, ich hätte dich nicht geliebt, ich, von +dem du ausgingst?« + +»Jetzt wird er sich vorbeugen,« dachte Georg, »wenn er fiele und +zerschmetterte!« Dieses Wort durchzischte seinen Kopf. + +Der Vater beugte sich vor, fiel aber nicht. Da Georg sich nicht näherte, +wie er erwartet hatte, erhob er sich wieder. + +»Bleib, wo du bist, ich brauche dich nicht! Du denkst, du hast noch die +Kraft, hierher zu kommen und hältst dich bloß zurück, weil du so willst. +Daß du dich nicht irrst! Ich bin noch immer der viel Stärkere. Allein +hätte ich vielleicht zurückweichen müssen, aber so hat mir die Mutter +ihre Kraft abgegeben, mit deinem Freund habe ich mich herrlich +verbunden, deine Kundschaft habe ich hier in der Tasche!« + +»Sogar im Hemd hat er Taschen!« sagte sich Georg und glaubte, er könne +ihn mit dieser Bemerkung in der ganzen Welt unmöglich machen. Nur einen +Augenblick dachte er das, denn immerfort vergaß er alles. + +»Häng dich nur in deine Braut ein und komm mir entgegen! Ich fege sie +dir von der Seite weg, du weißt nicht wie!« + +Georg machte Grimassen, als glaube er das nicht. Der Vater nickte bloß, +die Wahrheit dessen, was er sagte, beteuernd, in Georgs Ecke hin. + +»Wie hast du mich doch heute unterhalten, als du kamst und fragtest, ob +du deinem Freund von der Verlobung schreiben sollst. Er weiß doch +alles, dummer Junge, er weiß doch alles! Ich schrieb ihm doch, weil du +vergessen hast, mir das Schreibzeug wegzunehmen. Darum kommt er schon +seit Jahren nicht, er weiß ja alles hundertmal besser als du selbst, +deine Briefe zerknüllt er ungelesen in der linken Hand, während er in +der Rechten meine Briefe zum Lesen sich vorhält!« + +Seinen Arm schwang er vor Begeisterung über dem Kopf. »Er weiß alles +tausendmal besser!« rief er. + +»Zehntausendmal!« sagte Georg, um den Vater zu verlachen, aber noch in +seinem Munde bekam das Wort einen toternsten Klang. + +»Seit Jahren passe ich schon auf, daß du mit dieser Frage kämest! +Glaubst du, mich kümmert etwas anderes? Glaubst du, ich lese Zeitungen? +Da!« und er warf Georg ein Zeitungsblatt, das irgendwie mit ins Bett +getragen worden war, zu. Eine alte Zeitung, mit einem Georg schon ganz +unbekannten Namen. + +»Wie lange hast du gezögert, ehe du reif geworden bist! Die Mutter mußte +sterben, sie konnte den Freudentag nicht erleben, der Freund geht +zugrunde in seinem Rußland, schon vor drei Jahren war er gelb zum +Wegwerfen, und ich, du siehst ja, wie es mit mir steht. Dafür hast du +doch Augen!« + +»Du hast mir also aufgelauert!« rief Georg. + +Mitleidig sagte der Vater nebenbei: »Das wolltest du wahrscheinlich +früher sagen. Jetzt paßt es ja gar nicht mehr.« + +Und lauter: »Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab, bisher +wußtest du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, +aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! – Und darum +wisse: Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!« + +Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater +hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der +Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte, +überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war heraufzugehen, um +die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen. »Jesus!« rief sie und verdeckte +mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor +sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das +Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als +der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz +seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden +Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, +der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: »Liebe +Eltern, ich habe euch doch immer geliebt«, und ließ sich hinabfallen. + +In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher +Verkehr. + + + + +Von demselben Verfasser erschien ferner: + +Betrachtungen. 2. Auflage + + Geheftet M. 2.50, Pappband M. 3.50 + Halblederband M. 4.50 + +Der Heizer. Ein Fragment + + Geheftet M. 0.80, Gebunden M. 1.50 + +Die Verwandlung. Novelle + + Geheftet M. 1.60, Gebunden M. 2.50 + + +KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Urteil, by Franz Kafka + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS URTEIL *** + +***** This file should be named 21593-0.txt or 21593-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/1/5/9/21593/ + +Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by Österreichische Nationalbibliothek - Austrian National +Library) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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