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+The Project Gutenberg EBook of Ehstnische Märchen, by Friedrich
+Kreutzwald
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ehstnische Märchen
+
+Author: Friedrich Kreutzwald
+
+Commentator: Anton Schiefner
+ Reinhold Köhler
+
+Translator: Ferdinand Löwe
+
+Release Date: June 1, 2007 [EBook #21658]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHSTNISCHE MÄRCHEN ***
+
+
+
+
+Produced by Taavi Kalju and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
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+
+
+
+Ehstnische Märchen.
+
+
+Aufgezeichnet
+
+von
+
+Friedrich Kreutzwald.
+
+
+Aus dem Ehstnischen übersetzt
+
+von
+
+F. Löwe,
+ehem. Bibliothekar a. d. Petersb. Akad. d. Wissenschaften.
+
+
+Nebst einem Vorwort von _Anton Schiefner_ und Anmerkungen
+von _Reinhold Köhler_ und _Anton Schiefner_.
+
+Halle,
+Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses.
+1869.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Im dritten Bande der Kinder- und Hausmärchen hat _Wilhelm Grimm_ auf S.
+353 der Ausgabe von 1856 auf die ihm bis zu der Zeit bekannt gewordenen
+ehstnischen Märchen hingewiesen, und auf S. 385 namentlich die zuerst
+von _Fählmann_ im Jahre 1842 in dem ersten Bande der Verhandlungen der
+gelehrten ehstnischen Gesellschaft zu Dorpat veröffentlichte anmuthige
+Dichtung Koit und Ämmarik hervorgehoben. In ausführlicherer Fassung ist
+die letztere später (1854) von =Dr.= _Friedrich Kreutzwald_ mir mitgetheilt
+und von mir im Bulletin der St. Petersburger Akademie =T. XII.= Nr. 3, 4
+(auch in den =Mélanges russes= =T. II.= S. 409) in dem Aufsatz »zur
+ehstnischen Mythologie« abgedruckt worden. Ebendaselbst habe ich auch
+auf die Möglichkeit einer Entlehnung dieser Dichtung von einem
+Nachbarvolke aufmerksam gemacht. An solchen Entlehnungen sind die Ehsten
+nicht ärmer als andere Völker, und es gewährt ein eigenthümliches
+Interesse, mehr oder minder anderswoher bekannte Stoffe in ihrer
+ehstnischen Einkleidung zu betrachten. Allein nicht bloß die Freude an
+der poetischen Behandlung der einzelnen Märchen ist es, was uns
+auffordert, denselben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es knüpfen sich
+eine ganze Anzahl rein ethnographischer und historischer Fragen an die
+Betrachtung ihres Inhalts.
+
+Der Uebersetzer hat es für angemessen erachtet, auf so manche Züge
+hinzuweisen, welche die einzelnen Märchen mit der von =Dr.= _Kreutzwald_ ins
+Leben gerufenen Dichtung »Kalewipoëg« gemein haben. Manches ist
+allerdings aus den nicht bloß bei den Ehsten in Umlauf befindlichen
+Märchen erst in die Sage und daraus in die epischen Lieder gewandert,
+anderes bietet uns aber treulichst erhaltene Spuren altscandinavischer
+Mythen dar. Habe ich bereits im Jahre 1860 bei Gelegenheit der
+Besprechung des Kalewipoëg (Bulletin B. =II.= S. 273-297 = =Mélanges russes=
+B. =II.= S. 126-161) darauf aufmerksam gemacht, wie im Kalewipoëg vielfach
+Nachklänge des alten Thor-Cultus vorliegen, so kann man das mit gleichem
+Recht von den in vorliegender Sammlung dargebotenen Märchen behaupten.
+Man berücksichtige außer dem von Herrn Löwe S. 2 angeführten z. B. S.
+113 die dem Donnerer gehörige Gerte aus Ebereschenholz, sowie auch S.
+137 das Ruder aus demselben Holze. Vgl. über die auch S. 18 vorkommende
+Eberesche als dem Donnerer heilig Mannhardt Germanische Mythen S. 13 f.
+
+Als ich im Jahre 1855 über den Mythengehalt der finnischen Märchen
+(=Bullet. hist. philol. T. XII.= Nr. 24) kurz berichtete, waren von den
+ehstnischen Märchen nur sehr wenige bekannt, und die ganze reiche
+Märchenliteratur der Russen, von der uns die von _Afanasjew_ in den Jahren
+1855-1863 erschienene Sammlung in acht Bänden eine Ahnung giebt, war
+nur in wenigen Proben zugänglich. Bei einem eingehenden Studium der
+ebengenannten Sammlung dürften nicht allein die finnischen Märchen in
+einem andern Lichte erscheinen, sondern auch die ehstnischen richtiger
+gewürdigt werden können. Sicher ist es wenigstens, daß, wenn wir die
+ehstnischen Märchen betrachten, wir es mit den Einflüssen der
+verschiedensten Zeiten und Völker zu thun haben.
+
+Manche Züge weisen unverkennbar auf litauische Berührungen hin, andere
+zahlreichere und wohl auch jüngere auf russische Elemente; da die
+Küstenstriche Ehstlands und namentlich die zunächst liegenden Inseln
+schwedische Bevölkerung gehabt und zum Theil auch noch gegenwärtig
+haben, ist der letzteren nebst manchem Märchen auch mancher aus der
+ältesten Zeit stammende Mythus entnommen. Aber auch die neueste Zeit hat
+aus der Kinderstube der deutschen Familien sowohl in der Stadt als auf
+dem Lande so manches Märchen in die Bauerhütten verpflanzt. Nicht minder
+haben die aus dem Kriegsdienste heimkehrenden Ehsten so manche
+Erzählung, die sie früher im schwedischen oder später im russischen
+Heere vernommen hatten, den hörlustigen Leuten in der Heimath
+zugetragen.
+
+Außer den von _W. Grimm_ a. a. O. namhaft gemachten Sammlungen sind
+verschiedene ehstnische Märchen veröffentlicht worden, namentlich in den
+Jahrgängen 1846, 1848, 1849, 1852 und 1858 des »Inlands«, im
+illustrirten revalschen Almanach 1855 und 1856 und anderswo; eine
+ziemlich genaue Aufzählung derselben wird man in =Dr.= _Winkelmanns_ nun im
+Druck befindlicher =Bibliotheca Livoniae historica= S. 39 f. finden. Am
+beachtenswertesten sind die von den auch sonst um die Literatur der
+Ehsten hochverdienten beiden Männern Heinrich _Neus_ in Reval und
+Friedrich _Kreutzwald_ in Werro mitgetheilten Märchen. Der letztere der
+beiden genannten Herren erhielt auch von der finnischen
+Literaturgesellschaft in Helsingfors den ehrenvollen Auftrag, eine
+umfassende Sammlung von ehstnischen Märchen herauszugeben. Diese
+Sammlung, welche auf 368 Seiten 43 größere und 18 kleinere Stücke
+umfaßt, erschien im Jahre 1866 zu Helsingfors im Verlage der
+Literaturgesellschaft mit Bewilligung der letzteren und des Herrn
+_Kreutzwald_ hat Herr _Löwe_, welcher sich während seines Aufenthalts in
+Ehstland anerkennenswerthe Kenntnisse der ehstnischen Sprache erworben
+hat, vorliegende Uebersetzung unternommen, die sich durch sich selbst so
+sehr empfiehlt, daß eine Empfehlung von meiner Seite überflüssig sein
+dürfte. Die Leser dieser freundlichen Schöpfungen der Volkspoesie werden
+es nicht minder als ich wünschen, daß baldigst eine Fortsetzung der
+Uebersetzung erscheine.
+
+Schließlich kann ich die erfreuliche Nachricht mittheilen, daß in kurzer
+Zeit die Veröffentlichung mehrerer durch die Herren _Hurt_ und _Jakobson_
+aus dem Volksmunde aufgezeichneter ehstnischer Märchen in den Schriften
+der gelehrten ehstnischen Gesellschaft in Dorpat zu erwarten ist.
+
+St. Petersburg, den 8. (20.) Februar 1869.
+
+A. Schiefner.
+
+
+
+
+_Inhalt._
+
+
+ Seite
+
+1. Die Goldspinnerinnen 1-24
+
+2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen 25-31
+
+3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge 32-58
+
+4. Der Tontlawald 59-76
+
+5. Der Waise Handmühle 77-81
+
+6. Die zwölf Töchter 82-91
+
+7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand 92-101
+
+8. Schlaukopf 102-121
+
+9. Der Donnersohn 122-132
+
+10. Pikne's Dudelsack 133-140
+
+11. Der Zwerge Streit 141-147
+
+12. Die Galgenmännlein 148-159
+
+13. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen 160-173
+
+14. Der dankbare Königssohn 174-202
+
+15. Rõugatajas Tochter 203-211
+
+16. Die Meermaid 212-229
+
+17. Die Unterirdischen 230-240
+
+18. Der Nordlands-Drache 241-261
+
+19. Das Glücksei 262-272
+
+20. Der Frauenmörder 273-284
+
+21. Der herzhafte Riegenaufseher 285-297
+
+22. Wie ein Königssohn als Hüterknabe aufwuchs 298-317
+
+23. Dudelsack-Tiidu 318-340
+
+24. Die aus dem Ei entsprossene Königstochter 341-355
+
+ Anmerkungen 356-365
+
+Berichtigungen und Zusätze 366
+
+
+
+
+1. Die Goldspinnerinnen.[1]
+
+
+Ich will euch eine schöne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erzählen,
+welche sich zutrug, als noch die Anger nach alter Weise von der
+Weisheit-Sprache der Vierfüßer und der Befiederten wiederhallten.
+
+Es lebte einmal vor Zeiten in einem tiefen Walde eine lahme Alte mit
+drei frischen Töchtern: ihre Hütte lag im Dickicht versteckt. Die
+Töchter blühten schönen Blumen gleich um der Mutter verdorrten Stumpf;
+besonders war die jüngste Schwester schön und zierlich wie ein
+Bohnenschötchen. Aber in dieser Einsamkeit gab es keine andern Beschauer
+als am Tage die Sonne, und bei Nacht den Mond und die Augen der Sterne.
+
+ »Brennend heiß mit Jünglingsaugen
+ Schien die Sonn' auf ihren Kopfputz,
+ Glänzte auf den bunten Bändern,
+ Röthete die bunten Säume.«
+
+Die alte Mutter ließ die Mädchen nicht müßig gehen, noch säumig sein,
+sondern hielt sie vom Morgen bis zum Abend zur Arbeit an; sie saßen Tag
+für Tag am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen
+Dingern wurde weder Donnerstag noch Sonnabend[2] Abend Muße gegönnt, den
+Gabenkasten zu bereichern,[3] und wenn nicht in der Dämmerung oder im
+Mondenschein verstohlener Weise die Stricknadel zur Hand genommen wurde,
+so blieb der Kasten ohne Zuwachs. War die Kunkel abgesponnen, so wurde
+sofort eine neue aufgesetzt, und überdies mußte das Garn eben, drall und
+fein sein. Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schloß und Riegel
+in einer geheimen Kammer, wohin die Töchter ihren Fuß nicht setzen
+durften. Von wo der Goldflachs in's Haus gebracht wurde, oder zu was
+für einem Gewebe die Garne gesponnen wurden, das war den Spinnerinnen
+nicht bekannt geworden; die Mutter gab auf solche Fragen niemals
+Antwort. Zwei oder drei Mal in jedem Sommer machte die Alte eine Reise,
+man wußte nicht wohin, blieb zuweilen über eine Woche aus und kam immer
+bei nächtlicher Weile zurück, so daß die Töchter niemals erfuhren, was
+sie mitgebracht hatte. Ehe sie abreiste, theilte sie jedesmal den
+Töchtern auf so viel Tage Arbeit aus, als sie auszubleiben gedachte.
+
+Jetzt war wieder die Zeit gekommen, wo die Alte ihre Wanderung
+unternehmen wollte. Gespinnst auf sechs Tage wurde den Mädchen
+ausgetheilt, und dabei abermals die alte Ermahnung eingeschärft:»Kinder
+laßt die Augen nicht schweifen und haltet die Finger geschickt, damit
+der Faden in der Spule nicht reißt, sonst würde der Glanz des Goldgarns
+verschwinden und mit eurem Glücke würde es auch aus sein!« Die Mädchen
+verlachten diese mit Nachdruck gegebene Ermahnung; ehe noch die Mutter
+auf ihrer Krücke zehn Schritte weit vom Hause gekommen war, fingen sie
+alle drei an zu höhnen. »Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt
+wird, hätten wir nicht nöthig gehabt,« sagte die jüngste Schwester. »Der
+Goldgarnfaden reißt nicht beim Zupfen, geschweige denn beim Spinnen.«
+Die andere Schwester setzte hinzu: »Eben so wenig ist es möglich, daß
+der Goldglanz sich verliere.« Oft schon hat Mädchen-Vorwitz Manches
+voreilig verspottet, woraus doch endlich nach vielem Jubel Thränenjammer
+erwuchs.
+
+Am dritten Tage nach der Mutter Abreise ereignete sich ein unerwarteter
+Vorfall, der den Töchtern anfangs Schrecken, dann Freude und Glück, auf
+lange Zeit aber Kummer bereiten sollte. Ein Kalew-Sproß,[4] eines Königs
+Sohn, war beim Verfolgen des Wildes von seinen Gefährten abgekommen, und
+hatte sich im Walde so weit verirrt, daß weder das Gebell der Hunde noch
+das Blasen der Hörner ihm einen Wegweiser herbeischaffte. Alles Rufen
+fand nur sein eigenes Echo,[5] oder fing sich im dichten Gestrüpp.
+Ermüdet und verdrießlich stieg der königliche Jüngling endlich vom
+Pferde und warf sich nieder, um im Schatten eines Gebüsches auszuruhen,
+während das Pferd sich nach Gefallen auf dem Rasen sein Futter suchen
+durfte. Als der Königssohn aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne
+schon niedrig. Als er jetzt von neuem in die Kreuz und in die Quer nach
+dem Wege suchte, entdeckte er endlich einen kleinen Fußsteig, der ihn
+zur Hütte der lahmen Alten brachte. Wohl erschracken die Töchter, als
+sie plötzlich den fremden Mann sahen, dessen Gleichen ihr Auge nie zuvor
+erblickt hatte. Indeß hatten sie sich nach Vollendung ihres Tagewerks in
+der Abendkühle mit dem Fremden befreundet, so daß sie gar nicht einmal
+zur Ruhe gehen mochten. Und als endlich die älteren Schwestern sich
+schlafen gelegt hatten, saß die jüngste noch mit dem Gaste auf der
+Thürschwelle, und es kam ihnen diese Nacht kein Schlaf in die Augen.
+
+Während die Beiden im Angesicht des Mondes und der Sterne sich ihr Herz
+öffnen und süße Gespräche führen, wollen wir uns nach den Jägern
+umsehen, die ihren Anführer im Walde verloren hatten. Unermüdlich war
+der ganze Wald nach allen Seiten hin von ihnen durchsucht worden, bis
+das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ziel setzte. Dann wurden zwei Männer
+in die Stadt zurückgeschickt, um die traurige Botschaft zu überbringen,
+während die Uebrigen unter einer breiten ästigen Fichte ihr Nachtlager
+aufschlugen, um am nächsten Morgen wieder weiter zu suchen. Der König
+hatte gleich Befehl gegeben, am andern Morgen ein Regiment zu Pferde und
+eins zu Fuß ausrücken zu lassen, um seinen verlorenen Sohn aufzusuchen.
+Der lange weite Wald dehnte die Nachforschungen bis zum dritten Tage
+aus; dann erst wurden in der Frühe Fußstapfen gefunden, die man
+verfolgte und dadurch den Fußsteig entdeckte, der zur Hütte führte. Dem
+Königssohne war in Gesellschaft der Mädchen die Zeit nicht lang
+geworden, noch weniger hatte er Sehnsucht nach Hause gehabt. Ehe er
+schied, gelobte er der Jüngsten heimlich, daß er in kurzer Zeit
+wiederkommen und dann, sei es im Guten oder mit Gewalt, sie mit sich
+nehmen und zu seiner Gemahlin machen wolle. Wenn gleich die ältern
+Schwestern von dieser Verabredung nichts gehört hatten, so kam die Sache
+doch heraus und zwar in einer Weise, die Niemand vermuthet hätte.
+
+Nicht gering war nämlich der jüngsten Tochter Bestürzung, als sie,
+nachdem der Königssohn fortgegangen war, sich an den Rocken setzte und
+fand, daß der Faden in der Spule gerissen war. Zwar wurden die Enden des
+Fadens im Kreuzknoten wieder zusammengeknüpft und das Rad in rascheren
+Gang gebracht, damit emsige Arbeit die im Kosen mit dem Bräutigam
+verlorene Zeit wieder einbrächte. Allein ein unerhörter und
+unerklärlicher Umstand machte das Herz des Mädchens beben: das Goldgarn
+hatte nicht mehr seinen vorigen Glanz. -- Da half kein Scheuern, kein
+Seufzen und kein Benetzen mit Thränen; die Sache war nicht wieder gut zu
+machen. Das Unglück springt zur Thür in's Haus, kommt durch's Fenster
+herein und kriecht durch jede Ritze, die es unverstopft findet, sagt ein
+altes weises Wort; so geschah es auch jetzt.
+
+Die Alte war in der Nacht nach Hause gekommen. Als sie am Morgen in die
+Stube trat, erkannte sie augenblicklich, daß hier etwas Unrechtes
+vorgegangen sei. Ihr Herz entbrannte in Zorn; sie ließ die Töchter eine
+nach der andern vor sich kommen und verlangte Rechenschaft. Mit Leugnen
+und Ausreden kamen die Mädchen nicht weit, Lügen haben kurze Beine; die
+schlaue Alte brachte bald heraus, was der Dorfhahn hinter ihrem Rücken
+der jüngsten Tochter in's Ohr gekräht hatte. Das alte Weib fing nun an
+so gräulich zu fluchen, als wollte sie Himmel und Erde mit ihren
+Verwünschungen verfinstern. Zuletzt drohte sie, dem Jüngling den Hals zu
+brechen und sein Fleisch den wilden Thieren zur Speise vorzuwerfen, wenn
+er sich gelüsten ließe, noch einmal wieder zu kommen. --Die jüngste
+Tochter wurde roth wie ein gesottener Krebs, fand den ganzen Tag keine
+Ruhe und konnte auch die Nacht kein Auge zuthun; immer lag es ihr schwer
+auf der Seele, daß der Jüngling, wenn er zurück käme, seinen Tod finden
+könnte. Früh am Morgen, als die Mutter und die Töchter noch im
+Morgenschlummer lagen, verließ sie heimlich das Haus, um in der
+Thaueskühle aufzuathmen. Zum Glück hatte sie als Kind von der Alten die
+Vogelsprache gelernt, und das kam ihr jetzt zu Statten. In der Nähe saß
+auf einem Fichtenwipfel ein Rabe, der mit dem Schnabel sein Gefieder
+zurechtzupfte. Das Mädchen rief. »_Lieber Lichtvogel, klügster_ des
+Vogelgeschlechts! willst du mir zu Hülfe kommen?« »Was für Hülfe
+begehrst du?« fragte der Rabe. Das Mädchen erwiederte: »Flieg' aus dem
+Walde heraus über Land, bis dir eine prächtige Stadt mit einem
+Köuigssitz aufstößt. Suche mit dem Königssohn zusammenzukommen und melde
+ihm, was für ein Unglück mir widerfahren ist.« Darauf erzählte sie dem
+Raben die Geschichte ausführlich, vom Reißen des Fadens an bis zu der
+gräßlichen Drohung der Mutter, und sprach die Bitte aus, daß der
+Jüngling nicht mehr zurückkommen möchte. Der Rabe versprach, den Auftrag
+auszurichten, wenn er Jemand fände, der seiner Sprache kundig wäre und
+flog sogleich davon.
+
+Die Mutter ließ die jüngste Tochter nicht mehr am Spinnrocken Platz
+nehmen, sondern hielt sie an, das gesponnene Garn abzuwickeln. Diese
+Arbeit wäre dem Mädchen leichter gewesen als die frühere, aber das ewige
+Fluchen und Zanken der Mutter ließ ihr vom Morgen bis zum Abend keine
+Ruhe. Versuchte die Jungfrau, sich zu entschuldigen, so wurde die Sache
+noch ärger. Wenn einem Weibe einmal die Galle überläuft, und der Zorn
+ihre Kinnladen geöffnet hat, so vermag keine Gewalt sie wieder zu
+schließen.
+
+Gegen Abend rief der Rabe vom Fichtenwipfel her kraa, kraa! und das
+gequälte Mädchen eilte hinaus, um den Bescheid zu hören. Der Rabe hatte
+glücklicherweise in des Königs Garten eines Windzauberers[6] Sohn
+gefunden, der die Vogelsprache vollkommen verstand. Ihm meldete der
+schwarze Vogel die von der Jungfrau ihm anvertraute Botschaft, und bat
+ihn, die Sache dem Königssohn mitzutheilen. Als der Gärtnerbursche dem
+Königssohn alles erzählt hatte, wurde diesem das Herz schwer, doch pflog
+er mit seinen Freunden heimlich Rath über die Befreiung der Jungfrau.
+»Sage dem Raben,« so unterwies er dann des Windzauberer's Sohn -- »daß
+er eilig zurückfliege und der Jungfrau melde: sei wach in der neunten
+Nacht, dann erscheint ein Retter, der das Küchlein den Klauen des
+Habichts entreißen wird.« Zum Lohn für die Bestellung erhielt der Rabe
+ein Stück Fleisch, um seine Flügel zu kräftigen, und dann wurde er
+wieder zurück geschickt. Die Jungfrau dankte dem schwarzen Vogel für
+seine Besorgung, verbarg aber das Gehörte in ihrem Herzen, damit die
+andern nichts davon erführen. Aber je näher der neunte Tag kam, desto
+schwerer wurde ihr das Herz, wenn sie bedachte, daß ein
+unvorhergesehenes Unglück alles zu Schanden machen könnte.
+
+In der neunten Nacht, als die alte Mutter und die Schwestern sich zur
+Ruhe gelegt hatten, schlich die jüngste Schwester auf den Zehen aus dem
+Hause, und setzte sich unter einen Baum auf den Rasen, um des Bräutigams
+zu harren. Hoffnung und Furcht erfüllten zugleich ihr Herz. Schon krähte
+der Hahn zum zweiten Mal, aber vom Walde her war weder ein Geräusch von
+Tritten noch ein Rufen zu hören. Zwischen dem zweiten und dritten
+Hahnenschrei drang von weitem ein Geräusch wie leises Pferdegetrappel an
+ihr Ohr. Sie ließ sich durch dies Geräusch leiten und ging den Kommenden
+entgegen, damit deren Annäherung die im Hause Schlafenden nicht wecken
+möchte. Bald erblickte sie die Kriegerschaar, an deren Spitze der
+Königssohn selbst als Führer ritt, denn er hatte, als er von hier
+fortgegangen war, an den Bäumen heimliche Zeichen gemacht, durch die er
+den rechten Weg erkannte. Als er die Jungfrau gewahr wurde, sprang er
+vom Pferde, half ihr in den Sattel, setzte sich selbst vor sie hin,
+damit sie sich an ihn lehne und dann ging es schleunig heimwärts. Der
+Mond gab zwischen den Bäumen so viel Licht, daß der bezeichnete Pfad
+ihnen nicht verloren ging. Das Frühroth hatte überall der Vögel Zungen
+gelöst und ihr Gezwitscher geweckt. Hätte die Jungfrau auf sie zu achten
+und aus ihrer Zwiesprach Belehrung zu schöpfen gewußt, es hätte den
+Beiden mehr genügt als die honigsüße Schmeichelrede, welche aus des
+Königssohnes Munde floß und das Einzige war, was in ihr Ohr drang. Sie
+hörte und sah nichts Anderes als den Bräutigam, der sie bat, alle eitle
+Furcht aufzugeben und dreist auf den Schutz der Krieger zu bauen. Als
+sie in's Freie kamen, stand die Sonne schon ziemlich hoch.
+
+Zum Glück hatte die alte Mutter am Morgen früh der Tochter Flucht nicht
+gleich bemerkt; erst etwas später, als sie die Garnwinde nicht
+abgewickelt fand, fragte sie, wohin die jüngste Schwester gegangen sei.
+Darauf wußte Niemand Antwort zu geben. Aus mancherlei Zeichen ersah
+jetzt die Mutter, daß die Tochter entflohen war; sofort faßte sie den
+tückischen Vorsatz, der flüchtigen die Strafe auf dem Fuße nachzusenden.
+Sie holte vom Boden herunter eine Handvoll aus neunerlei Arten
+gemischter Hexenkräuter, schüttete Salz, das besprochen war, dazu und
+band Alles in ein Läppchen, daß es ein Quast wurde; dann hauchte sie
+Flüche und Verwünschungen darauf und ließ nun das Hexenknäuel mit dem
+Winde davon ziehen, während sie sang:
+
+ »Wirbelwind! verleihe Flügel!
+ Windesmutter! deinen Fittig!
+ Treibet dieses Knäulchen vorwärts,
+ Daß es windesschnell dahin saust,
+ Daß es todverbreitend hinfährt,
+ Seuchenbringend weiter fliege!«
+
+Zwischen Mittmorgen und Mittag gelangte der Königssohn mit der
+Kriegerschaar an das Ufer eines breiten Flusses, über welchen eine
+schmale Brücke geschlagen war, so daß die Männer nur einzeln herüber
+konnten. Der Königssohn ritt eben mitten auf der Brücke, als mit dem
+Winde das Hexenknäuel daher fuhr und wie eine Bremse auf das Pferd traf.
+Das Pferd schnaubte vor Schreck, stellte sich plötzlich hoch auf die
+Hinterbeine, und eh' noch jemand zu Hülfe kommen konnte, glitt die
+Jungfrau vom Sattel herab jählings in den Fluß. Der Königssohn wollte
+ihr nachspringen, aber die Krieger verhinderten ihn daran, indem sie ihn
+festhielten; denn der Fluß war grundlos tief und menschliche Hülfe
+konnte dem Unglück, das einmal geschehen war, doch nicht mehr abhelfen.
+
+Schrecken und tiefe Betrübnis hatten den Königssohn ganz betäubt; die
+Krieger führten ihn gegen seinen Willen nach Hause zurück, wo er Wochen
+lang in stiller Kammer über das Unglück trauerte, so daß er anfangs
+nicht einmal Speise noch Trank zu sich nahm. Der König ließ aus allen
+Orten von nah und fern Zauberer zusammenrufen, aber keiner konnte die
+Krankheit erklären, noch wußte einer ein Mittel dagegen anzugeben. Da
+sagte eines Tages des Windzauberers Sohn, der in des Königs Garten
+Gärtnerbursch war: »Sendet nur nach Finnland, daß der uralte Zauberer
+komme, der versteht mehr als die Zauberer eures Landes.«
+
+Alsbald sandte der König eine Botschaft an den alten Zauberer Finnlands,
+und dieser traf schon nach einer Woche auf Windesflügeln ein. Er sagte
+zum König: »Geehrter König! die Krankheit ist vom Winde angeweht. Ein
+böses Hexen-Knäuel hat des Jünglings bessere Herzenshälfte hingerafft,
+und darüber grämt er sich beständig. Schicket ihn oft in den Wind, damit
+der Wind die Sorgen in den Wald treibt.«[7]
+
+So kam es auch wirklich; der Königssohn fing an sich zu erholen, Nahrung
+zu nehmen und Nachts zu schlafen. Zuletzt gestand er seinen Eltern
+seinen Herzenskummer; der Vater wünschte, daß der Sohn wieder auf die
+Freite gehen und ein junges Weib nach seinem Sinne heim führen möchte,
+aber der Sohn wollte nichts davon wissen.
+
+Schon über ein Jahr war dem Jüngling in Trauer verstrichen, als er eines
+Tages zufällig an die Brücke kam, wo seine Liebste ihr Ende gefunden
+hatte. Als er sich das Unglück in's Gedächtniß zurückrief, traten ihm
+bittere Thränen in die Augen. Mit einem Male hörte er einen schönen
+Gesang anstimmen, obwohl nirgends ein menschliches Wesen zu sehen war.
+Die Stimme sang:
+
+ »Durch der Mutter Fluch beschworen
+ Nahm das Wasser die Unsel'ge,
+ Barg das Wellengrab die Kleine,
+ Deckte Ahti's[8] Fluth das Liebchen.«
+
+Der Königssohn stieg vom Pferde und spähte nach allen Seiten, ob nicht
+Jemand unter der Brücke versteckt sei, aber soweit sein Auge reichte,
+war nirgends ein Sänger zu sehen. Auf der Wasserfläche schaukelte
+zwischen breiten Blättern ein Teichröschen, das war der einzige
+Gegenstand, den er erblickte. Aber ein schaukelndes Blümchen konnte doch
+nicht singen, dahinter mußte irgend ein wunderbares Geheimniß stecken.
+Er band sein Pferd am Ufer an einen Baumstumpf, setzte sich auf die
+Brücke und lauschte, ob Auge oder Ohr nähere Auskunft geben würden. Eine
+Zeitlang blieb Alles still, dann sang wieder der unsichtbare Sänger:
+
+ »Durch der Mutter Fluch beschworen
+ Nahm das Wasser die Unsel'ge,
+ Barg das Wellengrab die Kleine,
+ Deckte Ahti's Fluth das Liebchen.«
+
+Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde
+zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der Königssohn dachte: wenn ich
+ungesäumt zur Waldhütte reite, wer weiß, ob mir nicht die
+Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten können. So stieg er zu
+Pferde und schlug den Weg zum Walde ein. An den früheren Zeichen hoffte
+er sich leicht zurecht zu finden, allein der Wald war gewachsen und er
+hatte über einen Tag lang zu suchen, ehe er auf den Fußsteig gelangte.
+In der Nähe der Hütte hielt er an, um zu warten, ob eine der Jungfrauen
+herauskommen würde. Früh Morgens kam die älteste Schwester zur Quelle,
+um sich das Gesicht zu waschen. Der Jüngling trat näher, erzählte das
+Unglück, welches sich voriges Jahr auf der Brücke zugetragen, und was
+für einen Gesang er vor einigen Tagen dort gehört habe. Die alte Mutter
+war glücklicher Weise gerade nicht daheim, deßwegen lud die Jungfrau den
+Königssohn in's Haus. Als die Mädchen die ausführliche Erzählung
+angehört hatten, begriffen sie ohne Weiteres, daß das Unglück des
+vorigen Jahres durch ein Hexenknäuel der Mutter entstanden war, und daß
+die Schwester jetzt noch nicht gestorben sei, sondern in Zauberbanden
+liege. Die älteste Schwester fragte: »Ist euren Blicken auf dem
+Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang hätte können ertönen
+lassen?« »Nichts,« erwiederte der Königssohn. »So weit mein Auge
+reichte, war auf dem Wasserspiegel nichts weiter zu sehen, als ein
+gelbes Teichröschen zwischen breiten Blättern, aber Blümchen und Blätter
+können doch nicht singen.« Die Töchter muthmaßten sogleich, daß das
+Teichröschen nichts Anderes sein könne, als ihre in den Wellen
+versunkene und durch Hexenkunst in ein Blümchen verwandelte Schwester.
+Sie wußten, wie die alte Mutter das fluchbehaftete Hexenknäuel hatte
+fliegen lassen, welches die Schwester, wenn es sie nicht tödtete, in
+jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermuthung sagten sie
+indeß dem Königssohne nichts, denn so lange sie noch nicht Rath wußten
+zu ihrer Befreiung, wollten sie keine eitle Hoffnung erwecken. Da die
+Rückkehr der Mutter erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie
+Zeit sich zu berathen.
+
+Die älteste Schwester holte nun am Abend eine Handvoll gehörig
+gemischter Zauberkräuter vom Boden herunter, zerrieb sie, machte daraus
+mit Mehl einen Teig, buck einen Kuchen und gab ihn dem Jüngling zu
+essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. Der Königssohn hatte in der
+Nacht einen wunderbaren Traum, als ob er im Walde unter den Vögeln lebte
+und die einem jeden derselben eigene Sprache verstünde. Als er am Morgen
+seinen Traum den Jungfrauen erzähle, sagte die älteste Schwester: »Zur
+guten Stunde habt ihr euch zu uns aufgemacht, zur guten Stunde habt ihr
+den Traum gehabt, der euch auf eurem Heimwege zur Wirklichkeit werden
+wird. Mein Schweinefleischkuchen von gestern, den ich euch zum Frommen
+buck und zu essen gab, war mit Zauberkräutern gefüllt, welche euch in
+den Stand setzen, Alles zu verstehen, was die klugen Vögel unter
+einander reden. In diesen Männlein im Federkleide steckt viel verborgene
+Weisheit, die den Menschen unbekannt ist, deßhalb gebt scharf Acht, was
+die Vögelschnäbel verkünden. Und wenn dann eure Leidenszeit vorüber ist,
+so denkt auch an uns arme Kinder, die wir hier wie in einem ewigen
+Kerker am Rocken sitzen.«
+
+Der Königssohn dankte den Mädchen für ihre gute Gesinnung und versprach,
+sie später aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es für ein Lösegeld
+oder mit Gewalt; nahm Abschied und trat eilig die Rückreise an. Die
+Mädchen freuten sich, als sie sahen, daß ihnen der Faden nicht gerissen
+und der Goldglanz nicht verblichen sei; die alte Mutter konnte, wenn sie
+heim kam, ihnen nichts vorwerfen.
+
+Um so spaßhafter ging die Sache mit dem Königssohne, der im Walde wie
+mitten in zahlreicher Gesellschaft dahin ritt, weil der Gesang und das
+Gezwitscher der Vögel ganz verständlich wie Worte an sein Ohr schlugen.
+Hier sah er voll Verwunderung, wie viel Weisheit dem Menschen dadurch
+unbekannt bleibt, daß er die Vogelsprache nicht versteht. Von dem, was
+das Federvolk anfangs redete, konnte der Wanderer das Meiste nicht recht
+fassen; es wurde über vielerlei Menschen dies und jenes ausgeplaudert,
+aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er plötzlich
+auf einem hohen Föhrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren
+Unterhaltung auf ihn gemünzt war.
+
+»Die Dummheit der Menschen ist groß,« sagte die Drossel. »Sie wissen
+auch die geringfügigsten Dinge nicht recht anzufassen. Dort sitzt neben
+der Brücke in Gestalt einer Teichrose des alten lahmen Weibes Pflegekind
+schon ein ganzes Jahr, klagt singend den Vorübergehenden ihre Noth, aber
+Niemand kommt sie zu erlösen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger
+Bräutigam über die Brücke, und hörte den sehnsüchtigen Gesang der
+Jungfrau, war aber auch nicht klüger als die Andern.« Die Elster
+erwiederte: »Und gleichwohl muß das Mädchen um seinetwillen von der
+Mutter die Strafe erdulden. Wenn ihm keine größere Weisheit zu Theil
+wird, als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt
+das Mädchen ewig ein Blümlein.« »Des Mädchens Befreiung würde eine
+Kleinigkeit sein,« sagte die Drossel, »wenn die Sache dem alten Zauberer
+von Finnland gründlich dargelegt würde. Er könnte die Jungfrau leicht
+aus ihrem nassen Kerker und ihrem Blumenzwang befreien.«
+
+Dieses Gespräch machte den Jüngling nachdenklich; indem er weiter ritt,
+ging er mit sich zu Rathe, wo er wohl einen Boten hernähme, den er nach
+Finnland schicken könnte. Da hörte er über seinem Haupte, wie eine
+Schwalbe zur andern sagte: »Komm, laß uns nach Finnland ziehen, dort ist
+besser nisten als hier!«
+
+»Haltet, Freunde!« rief der Königssohn in der Vogelsprache. »Bringt dem
+alten Zauberer in Finnland tausend Grüße von mir und bittet ihn um
+Bescheid, wie es wohl möglich wäre, eine in eine Teichrose verwandelte
+Jungfrau wieder zu einem Menschenbilde zu machen.« Die Schwalben
+versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon.
+
+Als er an's Ufer des Flusses kam, ließ er sein Pferd verschnaufen und
+blieb auf der Brücke stehen, um zu horchen, ob nicht der Gesang sich
+wieder hören lasse. Aber Schweigen herrschte ringsum und es war nichts
+zu hören, als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes.
+Unmuthig setzte sich der Jüngling wieder zu Pferde, und ritt heim, sagte
+aber Niemanden ein Wort von dieser Wanderung und ihrem Abenteuer.
+
+Eine Woche später saß er eines Tages im Garten, und dachte, die
+Schwalben müßten seine Botschaft wohl vergessen haben, als ein großer
+Adler hoch in den Lüften über seinem Haupte kreiste. Allmählich stieg
+der Vogel immer tiefer herunter, bis er sich endlich auf einem Lindenast
+in der Nähe des Königssohnes niederließ. »Der alte Zauberer in
+Finnland,« so ließ der Adler sich vernehmen, »sendet euch viele Grüße,
+und bittet es ihm nicht zu verübeln, daß er nicht früher Antwort
+ertheilt hat. Es war gerade Niemand zu finden, der hierher wollte. Um
+die Jungfrau aus ihrem Blumenzustande zu erlösen, ist nur dies nöthig:
+Gehet an das Ufer des Flusses, werfet eure Kleider ab und schmiert euch
+den Körper über und über mit Schlamm ein, so daß kein weißer Fleck
+bleibt; dann nehmt die Nasenspitze zwischen die Finger und rufet: »»Aus
+dem Mann ein Krebs!«« Augenblicklich werdet ihr zum Krebs, dann geht in
+die Tiefe des Flusses; Ertrinken habt ihr nicht zu befürchten. Drängt
+euch dreist unter die Wurzeln des Teichröschens, und löset sie von
+Schlamm und Schilf, so daß sie nirgends mehr fest sitzen. Hängt euch
+dann mit euren Scheeren an ein Zweiglein der Wurzel an, so wird euch das
+Wasser sammt dem Blümchen auf die Oberfläche heben. Dann treibet mit dem
+Strom so lange fort, bis euch links am Ufer eine Eberesche mit
+beblätterten Zweigen zu Gesicht kommt. Nicht weit von der Eberesche
+steht ein Stein von der Höhe einer kleinen Badstube. Beim Steine müßt
+ihr die Worte ausstoßen: »»Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebs
+der Mann!«« In demselben Augenblick wird es so geschehen.« Als der Adler
+geendigt hatte, hob er die Fittige und flog davon. Der Jüngling sah ihm
+eine Weile nach und wußte nicht, was er davon halten sollte.
+
+Unter zweifelnden Gedanken verstrich ihm über eine Woche; er hatte weder
+Muth noch Vertrauen genug, die Befreiung in dieser Weise zu versuchen.
+Da hörte er eines Tages aus dem Munde einer Krähe: »Was zögerst du, der
+Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Zauberer hat noch nie falschen
+Bescheid geschickt, und auch die Vogelsprache hat noch nie getrogen.
+Eile an das Ufer des Flusses und trockne die Sehnsuchtsthränen der
+Jungfrau.« Die Rede der Krähe machte dem Jünglinge Muth; er dachte:
+Größeres Unglück kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber leichter
+ist der Tod als unaufhörliches Trauern. Er setzte sich zu Pferde und
+ritt den bekannten Weg zum Ufer des Flusses. Als er an die Brücke kam,
+hörte er den Gesang:
+
+ »Durch der Mutter Fluch beschworen
+ Muß ich hier im Schlummer liegen,
+ Muß das junge Kind verwelken,
+ In der Wellen Schoos hinsiechen.
+ Feucht und kalt das tiefe Bette
+ Decket jetzt die zarte Jungfrau.«
+
+Der Königssohn legte seinem Pferde die Fußfessel an, damit es sich nicht
+zu weit von der Brücke entfernen könnte, warf die Kleider ab, schmierte
+den Körper über und über mit Schlamm, so daß nirgends ein weißer Fleck
+blieb, faßte sich dann an die Nasenspitze und sprang in's Wasser mit dem
+Rufe: »Aus dem Mann ein Krebs!« Einen Augenblick zischte das Wasser auf,
+dann war Alles wieder still wie zuvor.
+
+Das in einen Krebs verwandelte Männlein begann die Wurzeln der Teichrose
+aus dem Flußbette loszumachen, brauchte aber viel Zeit dazu. Die
+Würzelchen saßen im Schlamm und Schilf fest, so daß der Krebs sieben
+Tage schwere Arbeit hatte, bis die Sache von Statten ging. Als die
+Arbeit beendigt war, hakte das Krebsmännlein seine Scheeren in ein
+Zweiglein der Wurzel ein, und das Wasser hob ihn sammt dem Blümchen auf
+die Oberfläche des Flusses. Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und
+Teichrose nur allmählich vorwärts, und wiewohl Bäume und Sträuche genug
+am Ufer sichtbar wurden, so kam doch immer die Eberesche mit dem großen
+Stein nicht zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer den Baum mit
+seinem Laube und den rothen Beerenbüscheln, und etwas weiterhin stand
+auch der Fels, der die Höhe einer kleinen Badstube hatte. Jetzt stieß
+das Krebsmännlein die Worte aus: »Aus der Teichrose die Jungfrau, aus
+dem Krebse der Mann!« -- Augenblicklich schwammen auf dem Wasser zwei
+Menschenhäupter, ein männliches und ein weibliches, das Wasser trieb sie
+an's Ufer, aber Beide waren splitternackt, wie Gott sie geschaffen.
+
+Die verschämte Jungfrau bat nun: »Lieber Jüngling, ich habe keine
+Kleider anzuziehen, darum mag ich nicht aus dem Wasser steigen.« -- Der
+Jüngling bat dagegen: »Tretet an's Ufer unter die Eberesche, ich mache
+so lange die Augen zu, bis ihr hinauf klettert und euch unter dem Baume
+berget. Dann eile ich zur Brücke, wo ich mein Pferd und meine Kleider
+ließ, als ich in den Fluß sprang.« Die Jungfrau hatte sich unter der
+Eberesche verborgen, und der Jüngling eilte zur Brücke, wo er Kleider
+und Pferd gelassen hatte; aber er fand dort weder das Eine noch das
+Andere. Daß sein Krebszustand so viele Tage gedauert hatte, wußte er
+nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers
+gewesen zu sein. Siehe, da kommt ihm am Ufer eine prächtige mit sechs
+Pferden bespannte Kutsche langsam entgegen. In der Kutsche fand er alles
+Nöthige, sowohl für sich, wie für die aus dem Wasserkerker erlöste
+Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche
+angekommen. Den Diener behielt der Königssohn für sich, das Mädchen
+schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes
+Liebchen unter der Eberesche harrte. Es verging über eine Stunde, da kam
+die hochzeitlich geschmückte Jungfrau in der Kutsche an die Stelle, wo
+der Königssohn ihrer wartete. Er war gleichfalls prächtig als Bräutigam
+gekleidet und setzte sich zu ihr in die Kutsche. Sie fuhren gradeswegs
+zur Stadt und vor die Kirchenthür. Der König und die Königin saßen in
+Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten über den theuren
+verlorenen Sohn, den man im Flusse ertrunken glaubte, da man Pferd und
+Kleider am Ufer gefunden hatte. Groß war der Eltern Freude, als der für
+todt beweinte Sohn lebend an der Seite einer schönen Jungfrau vor sie
+trat, beide in Prunkgewändern. Der König führte sie selbst zum Altar und
+sie wurden getraut. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in
+Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte.
+
+Im Gange der Zeit ist zwar kein Stillstand und keine Ruhe, dennoch
+scheinen die Tage der Freude rascher dahin zu fließen als die Stunden
+der Trübsal. Nach dem Hochzeitsfeste war der Herbst eingetreten, dann
+kam Frost und Schnee, so daß das junge Paar nicht viel Lust hatte, den
+Fuß aus dem Hause zu setzen. Als aber der Frühling wiederkehrte und neue
+Freuden brachte, ging der Königssohn mit seiner jungen Gattin im Garten
+spazieren. Da hörten sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes herab
+rief: »O du undankbares Geschöpf, das in den Tagen des Glücks seine
+hülfreichen Freunde vergessen hat. Sollen die beiden armen Jungfrauen
+ihr Lebelang Goldgarn spinnen? Die lahme Alte ist nicht die Mutter der
+Mädchen, sondern eine Zauberhexe, welche die Jungfrauen als Kinder aus
+fernen Landen gestohlen hat. Der Alten Sünden sind groß, sie verdient
+keine Barmherzigkeit. Gekochter Schierling wäre für sie das beste
+Gericht; sonst würde sie wohl das gerettete Kind abermals mit einem
+Hexenknäuel verfolgen.«
+
+Jetzt fiel es dem Königssohne wieder ein und er bekannte seiner Gattin,
+wie er zur Waldhütte gegangen sei, die Schwestern um Rath zu fragen,
+dort die Vogelsprache gelernt und den Jungfrauen versprochen habe, sie
+aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen. Die Gattin bat mit Thränen in den
+Augen, den Schwestern zu Hülfe zu eilen. Als sie den andern Morgen
+erwachte, sagte sie: »Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die alte
+Mutter war von Hause gegangen und hatte die Töchter allein gelassen;
+jetzt wäre gewiß die rechte Zeit ihnen zu Hülfe zu kommen.«
+
+Der Königssohn ließ sofort eine Kriegerschaar sich rüsten und zog mit
+ihnen zur Waldhütte. Am andern Tage langten sie dort an. Die Mädchen
+waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen mit
+Freudengeschrei den Errettern entgegen. Einem Kriegsmanne wurde Befehl
+gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus für die Alte ein
+Gericht zu kochen, so daß, wenn sie nach Hause käme und sich daran satt
+äße, ihr die Lust am Essen für immer verginge. Sie blieben zur Nacht in
+der Waldhütte und machten sich am andern Morgen in der Frühe mit den
+Mädchen auf den Weg, so daß sie Abends die Stadt erreichten. Der
+Schwestern Freude war groß, als sie sich hier nach zwei Jahren wieder
+vereinigt fanden.
+
+Die Alte war in derselben Nacht nach Hause gekommen; sie verzehrte mit
+großer Gier die Speise, welche sie auf dem Tische fand und kroch dann
+in's Bett um zu ruhen, wachte aber nicht wieder auf: der Schierling
+hatte dem Leben des Unholds ein Ende gemacht. Als der Königssohn eine
+Woche später einen zuverlässigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache
+anzusehen, fand man die Alte todt. In der heimlichen Kammer wurden
+funfzig Fuder Goldgarn aufgehäuft gefunden, welche unter die Schwestern
+vertheilt wurden. Als der Schatz weggeführt war, ließ der Hauptmann den
+Feuerhahn auf's Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen rothen Kamm
+zum Rauchloch[9] heraus, als eine große Katze mit glühenden Augen vom
+Dache her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der
+Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein Vögelchen gab von einem
+Baumwipfel herab die Weisung: »Heftet der Katze eine Falle an den
+Schwanz, dann wird Alles an den Tag kommen!« Die Männer thaten es.
+
+»Peinigt mich nicht, ihr Männer!« bat nun die Katze. »Ich bin ein Mensch
+wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Hexenzauber in Katzengestalt gebannt
+bin. Es war der Lohn für meine Schlechtigkeit, daß ich in eine Katze
+verwandelt wurde. Ich war weit von hier in einem reichen Königsschlosse
+Haushälterin, und die Alte war der Königin erste Kammerjungfer. Von
+Habgier getrieben machten wir mit einander den heimlichen Anschlag, des
+Königs drei Töchter und außerdem einen großen Schatz zu stehlen und dann
+zu entfliehen. Nachdem wir allmählich alle goldenen Geräthe bei Seite
+geschafft hatten, welche die Alte in goldenen Flachs verwandelte, nahmen
+wir die Kinder, deren ältestes drei Jahre, das jüngste sechs Monate alt
+war. Die Alte fürchtete dann, daß ich bereuen und anderen Sinnes werden
+möchte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze; zwar wurde mir in
+ihrer Todesstunde die Zunge gelöst, aber die frühere Gestalt habe ich
+nicht wieder erhalten.« Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze
+ausgesprochen hatte: »Du brauchst kein besseres Ende zu nehmen, als die
+Alte!« und ließ sie in's Feuer werfen.
+
+Die beiden Königstöchter aber bekamen bald, wie ihre jüngste Schwester,
+Königssöhne zu Männern, und das von ihnen in der Waldhütte gesponnene
+Goldgarn war ihnen reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern
+blieben unbekannt. Man erzählt sich, daß das alte Weib noch manches
+Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben hatte, aber Niemand konnte die
+Stelle angeben.
+
+[Fußnote 1: Die Goldspinnerinnen erinnern an die Pflegetöchter der
+Hölle, die dort gefangen gehalten werden, arbeiten und auch spinnen
+müssen, s. _Kalewipoëg_ (myth. Heldensagen vom Kalew-Sohn) =XIII.= 521 ff.
+=XIV.= 470 ff. L.]
+
+[Fußnote 2: Donnerstag und Sonnabend galten den Ehsten in
+vorchristlicher Zeit für heilig. Im _Kalewipoëg_, Gesang =XIII=, V. 423
+kocht der Höllenkessel am Donnerstag stärkende Zauberspeise. Nach
+_Rußwurm_, Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1856, S. 20, erhalten
+die Unterirdischen (vgl. Märchen 17), was am Sonnabend oder am
+Donnerstag Abend ohne Licht gearbeitet wird. Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_,
+der Ehsten abergläubische Gebräuche &c. (St. Petersburg 1854) S. 97-104.
+Wenn der oberste Gott der Ehsten, Taara, sich sachlich und lautlich an
+den germanischen Thor anschließt, so ist aus der jetzigen ehstnischen
+Bezeichnung des Thortags, Donnerstags, jede Erinnerung an Taara-Thor
+getilgt; der Donnerstag heißt ehstnisch einfach =nelja-päew=, d. i. der
+vierte Tag. (Montag der erste, Dienstag der zweite, Mittwoch der dritte
+oder auch Mittwoch, Freitag = Reede, corrumpirt aus plattd. Frêdag,
+Sonnabend = Badetag, Sonntag = heiliger Tag, Feiertag.) L.]
+
+[Fußnote 3: Der Sinn ist: Sie durften nicht für sich arbeiten, um den
+Kasten zu füllen, aus welchem die Braut am Hochzeitstage Geschenke
+vertheilt. Vgl. _Boecler_, der Ehsten abergl. Gebräuche, ed. _Kreutzwald_,
+=p.= 37. _Neus_, Ehstn. Volkslieder, S. 284. L.]
+
+[Fußnote 4: Nicht zu verwechseln mit dem Kalew-_Sohn_ (=Kalewipoëg=), dem
+Herkules des ehstnischen Festlandes. Auf der Insel Oesel heißt dieser
+Töll od. Töllus. Vgl. _Rußwurm_, Eibofolke oder die Schweden an den Küsten
+Ehstland's und auf Runö. Reval 1855. Th. 2, S. 273. _Neus_ in den
+Beiträgen zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands, ed. Ed. Pabst. Reval 1866.
+Bd. =I=, Heft =I=, =p.= 111. L.]
+
+[Fußnote 5: wörtlich: fiel in das Ohr das Echo. Das Echo wird bildlich
+»Schielauge« genannt. S. Kreutzwald zu Boecler, S. 146.]
+
+[Fußnote 6: Vgl. die folgende Anm. und die Nota S. 25 zu 2. »die im
+Mondschein badenden Jungfrauen.« L.]
+
+[Fußnote 7: Die alte Anschauung der Ehsten unterscheidet feindliche und
+günstige Winde und schreibt beiden den weitgreifendsten Einfluß zu. Die
+unaufhörlichen Windströmungen, welche an dem ehstnischen Küstenstrich
+ihr Spiel treiben und von der größten Bedeutung für das Naturleben sind,
+erklären dies vollkommen. In unserer Stelle ist die Krankheit nicht »von
+Gott, sondern vom Winde gekommen« und soll auch wieder (homöopathisch)
+durch den Wind vertrieben werden. Vergl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_, ehstn.
+Aberglaube, S. 105 ff. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der
+Ehsten, S. 13. L.]
+
+[Fußnote 8: Ahti oder Ahto (sprich Achti, Achto) ist in der finnischen
+Mythologie der über alles Wasser herrschende Gott: ein alter ehrwürdiger
+Mann mit einem Grasbart und einem Schaumgewand. Er wird,
+characteristisch genug, als begehrlich nach fremdem Gut geschildert. Im
+ehstnischen Epos vom _Kalewi-Poëg_ Ges. =XVI.=, V. 72 ist von Ahti's Sohn
+und seinen (Wasser) Gruben die Rede. L.]
+
+[Fußnote 9: Loch am Giebel des Hauses (zum Hinauslassen des Rauches).
+L.]
+
+
+
+
+2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen.
+
+
+Es lebte einmal ein Jüngling, der nirgends Ruhe hatte, sondern sich
+abmühte, alle verborgenen Dinge zu erforschen, die andern Leuten
+unbekannt geblieben waren. Als er die Vogelsprache und andere geheime
+Weisheit genugsam erlernt hatte, hörte er zufällig, daß unter der Decke
+der Nacht sich Manches zutragen solle, was den Augen Sterblicher zu
+schauen verwehrt sei. Jetzt sehnte er sich darnach, solche
+Heimlichkeiten der Nacht zu ergründen, und mochte sich nicht eher
+zufrieden geben, als bis ihm diese verborgene Kunde geworden wäre. Wohl
+ging er eine Zeit lang von einem Zauberer zum andern, und lag ihnen an,
+ihm zu seinem Zwecke die Augen zu schärfen, aber keiner konnte helfen.
+Da kam er durch einen glücklichen Zufall endlich mit einem
+Mana-Zauberer[10] aus Finnland zusammen, der über diese verborgenen
+Dinge Auskunft zu geben wußte. Als er diesem seinen Wunsch kund gethan
+hatte, sagte der Zauberer warnend: »Söhnlein! jage nicht allerlei leerer
+Weisheit nach, welche dir kein Glück bringen kann, wohl aber Unglück.
+Manches ist den Augen der Menschen verhüllt, weil es dem Frieden des
+Herzens ein Ende machen müßte, wenn es erkannt würde. Wer alle geheimen
+Dinge schauen lernt, der findet keine Freude mehr an dem, was ihm die
+Alltagswelt vor Augen bringt. Dies bedenke, ehe du später bereuest.
+--Dennoch will ich, falls du meiner Abmahnung nicht achtest und dein
+Unglück wünschest, dich unterweisen, wie du die unter der Decke der
+Nacht geschehenden Dinge gewahr werden kannst. Aber du mußt mehr als
+Mannesmuth haben, sonst kannst du nie geheimer Weisheit inne werden.«
+Darauf gab ihm der Zauberer aus Finnland einen Ort an und nannte ihm
+die, zum Glück nahe bevorstehende Nacht,[11] wo der Schlangenkönig immer
+nach sieben Jahren mit seinem Hofstaat zusammenkommt, um ein großes
+Festgelage zu halten. »Der Schlangenkönig hat ein Goldschüsselchen mit
+Himmelsziegenmilch vor sich; wenn es dir nur gelingt, ein Stückchen Brot
+in diese Milch zu tunken und den eingetunkten Bissen in den Mund zu
+stecken, ehe du dich wieder auf die Flucht begiebst, so kannst du alles
+Geheime schauen, was unter der Decke der Nacht geschieht, ohne daß die
+Menschen Kunde davon haben. Als einen glücklichen Zufall kannst du es
+ansehen, daß des Schlangenkönigs Fest gerade in dieses Jahr fällt, sonst
+hättest du sieben Jahre auf die Wiederkehr desselben warten müssen. Sei
+aber dreist, beherzt und rasch, sonst geht die Sache schief.« -- Der
+Jüngling dankte für diese Belehrung und ging mit dem festen Vorsatz,
+derselben nachzukommen, und müßte er auch dabei sein Leben einbüßen. Als
+nun die bezeichnete Nacht herangekommen war, ging er Abends auf ein
+großes Moor, wo der Schlangenkönig mit seinen Unterthanen zusammenkommen
+sollte, um das Fest zu feiern. Obwohl aber der Jüngling seine Augen nach
+allen Seiten scharf umhergehen ließ, so sah er doch im Mondenschein
+nichts weiter, als eine Anzahl Rasenhügel, die unbeweglich da lagen.
+Schon wurde ihm die Zeit lang, Mitternacht konnte nicht mehr fern sein,
+als plötzlich mitten auf dem Moor ein heller Feuerschein aufstieg, etwa
+wie wenn ein Stern des Himmels auf einem der Rasenhügel schimmerte. In
+demselben Augenblicke, wo der Feuerschein aufglänzte, fingen sämmtliche
+Rasenhügelchen an zu krimmeln und zu wimmeln, und von jedem derselben
+kamen Hunderte von Schlangen herunter und krochen alle auf den
+Feuerschein zu -- und jetzt war nur noch flaches Moor vorhanden. Die
+vermeintlichen Hügelchen waren nichts weiter als Haufen lebendiger
+Schlangen gewesen, die hier ihren König erwartet hatten. Als nun
+sämmtliche Schlangen sich an der Stelle, wo der Feuerschein glänzte,
+versammelt und sich dort zu _einem_ Haufen zusammengeknäult hatten, war
+dieser so hoch und breit wie ein kleiner Heuschober geworden, und auf
+der Spitze desselben hielt sich der helle Feuerschein. Das Gewirre und
+Geschwirre in dem Schlangenhaufen war so groß, daß der Jüngling vor
+Furcht keinen Schritt näher zu treten wagte, sondern lange von weitem
+stehen blieb, und das Wunder betrachtete. Allmählich aber faßte er sich
+ein Herz, und ging fein sachte Schritt vor Schritt auf den Zehen
+vorwärts. Was er da sah, war gräulicher als gräulich, und ging über alle
+Begriffe. Tausende von Schlangen, groß und klein, von allen Farben,
+waren hier wie in einem Traubenbündel um eine große Schlange gelagert,
+deren Körper die Dicke eines tüchtigen Balkens zu haben schien, und die
+auf dem Kopfe eine prächtige goldene Krone[12] trug, von welcher jener
+Glanz ausstrahlte. Hunderte und Tausende von Schlangenhäuptern, die aus
+dem Haufen hervorragten, züngelten und zischten wie böse Gänse und
+machten ein so arges Geräusch, daß es zum Taubwerden war. Der Jüngling
+hatte lange nicht das Herz, an den Schlangenhaufen heranzugehen, wo
+jeder Augenblick ihm Tod drohte; als er aber plötzlich das
+Goldschüsselchen, von dem er gehört hatte, vor dem Schlangenkönig
+erblickte und an den daran geknüpften Gewinn dachte, durfte er nicht
+länger zaudern. Obwohl ihm die Haare zu Berge standen und das Blut im
+Herzen erstarrte, so stachelte ihn doch sein Verlangen und trieb ihn
+vorwärts. -- O was für ein Gewirr und Geschwirr sich jetzt in dem
+Schlangenhaufen erhob! Alle die Tausend Köpfe sperrten die Mäuler weit
+auf und suchten den Mann zu stechen, aber zum Glück konnten sie ihre
+Leiber nicht so schnell aus dem Knäuel los wickeln. Der Jüngling hatte
+mit Blitzesschnelle einen Bissen Brot in das Goldschüsselchen getunkt,
+ihn in den Mund gesteckt und dann Fersengeld gegeben, als ob Feuer
+hinter ihm drein jagte. Aber der Verfolger war schlimmer als Feuer,
+darum ließ er sich nicht Zeit, hinter sich zu blicken, obgleich ihm war,
+als ob Tausende von Feinden ihm auf der Ferse wären und er stets das
+Geräusch derselben zu hören glaubte. Endlich stockte ihm der Athem und
+seine Kraft erlahmte; er fiel ohne Bewußtsein auf den Rasen und blieb
+starr wie ein Todter liegen. Wohl war er in Schlaf gefallen, aber
+schreckliche Traumbilder ließen die Gefahr noch viel größer erscheinen.
+So träumte ihm, als wäre der Schlangenkönig mit der funkelnden Goldkrone
+auf ihn gefallen und wollte ihn verschlingen. Mit lautem Geschrei sprang
+er auf und zur Seite, um dem Feinde zu entkommen und sah, daß der Strahl
+der aufgehenden Sonne ihn geweckt hatte. Er riß die Augen weit auf, sah
+aber nirgends die nächtlichen Feinde, und das Moor, wo er in so großer
+Gefahr gewesen, mußte zum mindesten eine Meile weit entfernt sein.
+Sicherlich hatte die Himmelsziegenmilch seine Kraft gestählt, daß er so
+weit hatte laufen können. Als er dann seine Gliedmaßen prüfte, fand er
+sie unversehrt; und nun war seine Freude groß, daß er mit heiler Haut
+davon gekommen war.
+
+Nach Mittag ruhte er mehrere Stunden vom Schrecken und der Ermüdung der
+vergangenen Nacht aus, dann beschloß er, noch in dieser Nacht in den
+Wald zu gehen, um den Nutzen der Himmelsziegenmilch zu erproben, ob ihm
+nun wirklich verborgene Dinge offenbar werden würden. Im Walde sah er
+alsbald, was noch kein sterbliches Auge gesehen hatte und auch gewiß
+nicht wieder sehen wird. Unter den Baumwipfeln zeigten sich goldene,
+röthlich schimmernde Badebänke, silberne Quäste und silberne Eimer
+fehlten nicht, aber nirgends waren lebende Wesen sichtbar, welche hätten
+baden wollen. Der Vollmond glänzte und gab so viel Licht, daß der Mann
+Alles deutlich sehen konnte. Nach einiger Zeit hörte er ein Geräusch im
+Laube, als ob ein Wind sich erhoben hätte, dann kamen von allen Seiten
+nackte Jungfrauen, viel schöner und stattlicher anzuschauen, als sie
+irgendwo in unsern Dörfern aufwachsen. Sie waren alle des Waldelfen und
+der Rasenmutter[13] Töchter und kamen, um zu baden. Der hinter dem
+Gebüsch spähende Jüngling hätte sich diese Nacht hundert Augen
+gewünscht, denn seine zwei konnten all' die Schönheit nicht erschauen.
+Endlich, als es schon gegen Morgen ging, verlor der Schauende
+Badegerüste und badende Jungfrauen aus dem Gesichte, als wären sie in
+Nebel verschwommen. Er blieb noch, bis die Sonne aufging; dann erst
+ging er wieder heim. Wohl dehnte sich seinem Sehnen der Tag länger als
+ein Jahr, bis wieder Abend und Nacht hereinbrachen, wo er hoffte, der im
+Mondschein badenden Jungfrauen abermals ansichtig zu werden; doch
+endlich war auch diese Zeit des Sehnens verstrichen. Aber im Walde fand
+er nichts mehr, weder Badegerüst noch Jungfrauen. Dennoch wurde er nicht
+müde, Nacht für Nacht hinzugehen, aber jeder Gang war vergeblich. Jetzt
+nagte der Kummer an ihm, es gab nichts mehr auf der Welt, was ihm hätte
+Freude machen können; er nahm weder Speise noch Trank zu sich, sondern
+verzehrte sich vor Sehnsucht. Gewiß ist es für den Menschen ein Glück,
+wenn er dergleichen Geheimnisse nimmer schaut.
+
+[Fußnote 10: Mana ist in der finnischen Mythologie gleich Hades-Pluto;
+er wird als ein alter Mann mit drei Fingern und einem auf die Schulter
+herabhängenden Hute geschildert. In einer ehstnischen Gebetsformel aus
+dem Heidenthum ist von »Manas wahrem Bekenntnisse« die Rede. S.
+_Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 8. Die
+Mana-Zauberer kommen auch im _Kalewipoëg_ vor: =XVI=, 284. Der Kalewsohn
+nimmt sie mit, als er auf seinem Schiffe Lennok das Weltende aufsuchen
+will. -- Der Mana-Zauberer ist der stärkste, und stärker als Spruch- und
+Wind-Zauberer -- nur durch den Manazauber gelingt es dem Entführer der
+Linda, das Schwert von der Seite des Kalewsohnes hinwegzulocken.
+_Kalewipoëg_, =XI=, 334. Mana's Hand hält den nach dem Tode zum
+Höllenwächter bestellten, auf weißem Roß sitzenden Kalewsohn fest, so
+daß dieser seine im Felsen steckende Rechte nicht losreißen und davon
+reiten kann. S. den Schluß des Kalewipoëg. -- Die Mana-Zauberer heißen
+ehstnisch =Mana targad=; das Wort =tark=, pl. =targad=, bedeutet eigentlich
+den Klugen, Weisen und zugleich den Heil-und Zauberkundigen. L.]
+
+[Fußnote 11: Nach dem estnischen Volksglauben findet immer in der Nacht
+des 25. April (des St. Markustages) ein allgemeiner Schlangenconvent
+statt: als die Localität wird der =sirtsosoo= (Heimchenmoor) westlich vom
+Peipussee genannt. S. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Mythische u. mag. Lieder der
+Ehsten, S. 77. L.]
+
+[Fußnote 12: Diese Krone ist von den unterirdischen Zwergen
+geschmiedet. S. die Anm. zu Märchen 17. L.]
+
+[Fußnote 13: S. die betreffende Nota zu dem Märchen 8 vom Schlaukopf.
+L.]
+
+
+
+
+3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge.
+
+
+Es lebte einmal ein wohlhabender Bauerwirth mit seinem Weibe; es
+mangelte ihnen an Nichts, vielmehr hatte Gott sie mit Allem reichlich
+gesegnet, so daß sie in den Augen der Menschen als glücklich galten.
+Aber eins fehlte ihnen doch, was kein Reichthum geben konnte, sie waren
+kinderlos, wiewohl ihre Ehe schon über zehn Jahre dauerte.
+
+Da geschah es eines Abends, als der Mann von Hause gegangen war und die
+Frau allein im Zimmer saß, daß ihr die Zeit lang wurde und Unmuth sie
+überfiel. »Da sind doch die Nachbarweiber viel glücklicher als ich,«
+dachte die Frau. »Sie haben das Zimmer voll Kinder, um sich die Zeit zu
+vertreiben; ist auch der Mann einmal von Hause, so brauchen sie doch
+nicht allein zu sitzen. Ich aber habe Niemand weiter, den ich mein
+nenne, wie ein verdorrter Baumstamm muß ich allein im leeren Gemache
+hausen.« Während sie so dachte, traten ihr die Thränen in die Augen, und
+ich weiß nicht, wie lange die Frau schon so kummervoll da gesessen
+hatte, ohne zu bemerken, daß ein unerwarteter Gast in's Zimmer getreten
+war. Plötzlich fühlte sie, daß etwas ihre Fußknöchel kitzele und meinte,
+es sei die Katze, als sie aber die Augen an den Boden heftete, sah sie
+einen zierlichen Zwerg zu ihren Füßen. »Ach!« rief sie erschreckt und
+wollte aufspringen und fliehen, aber des Zwergleins Hände hielten sie
+fest wie mit eisernen Zangen, so daß sie nicht von der Stelle konnte.
+»Erschrick nicht, liebes junges Weib!« sagte der Zwerg freundlich --
+»daß ich ungerufen kam deinen Sinn zu erheitern und deinen Gram zu
+stillen; du bist allein, der lange Abend schleicht dem Menschen so träge
+hin, dein Mann ist verreist und kommt erst nach einigen Tagen zurück.
+Liebes junges Weib.« -- Die Frau unterbrach ihn unwillig: »Spotte nur
+nicht, die Haube, welche ich bei der Hochzeit trug, schimmelt schon über
+zehn Jahre in der Truhe und beweint, verwaist, die frühere bessere
+Zeit.«[14] »Was thut's,« erwiederte der Zwerg, »Wenn die Frau noch
+keinen Schweif hinter sich hat, und noch jugendlich und frisch ist wie
+du, dann ist sie immer noch »junges Weib«, und du hast ja bis jetzt
+keine Kinder gehabt, darfst dich also auch so nennen lassen.« »Ja,«
+sagte die Frau, »das ist es eben, was mich oft so bekümmert, daß mein
+Mann mich schon längst gering achtet, da er mich fruchtlos umarmt wie
+einen dürren Stamm, der keine Zweige mehr treibt.« Der Zwerg aber sagte
+tröstend: »Sorge nicht, du stehst noch nicht am Abend deiner Tage, und
+ehe du ein Jahr älter geworden bist, werden deinem Stamm, den du für
+vertrocknet hältst, drei Zweige entsprießen und den Eltern zur Freude
+aufwachsen. Du mußt nun aber Alles so machen, wie ich dir jetzt anzeigen
+werde. Wenn dein Mann wieder nach Hause kommt, so mußt du ihm drei Eier
+von einer schwarzen Henne sieden und Abends zu essen geben. Wenn er dann
+schlafen geht, so mache dir etwas auf dem Hofe zu schaffen und verweile
+dort einige Zeit, bevor du an die Seite deines Mannes ins Bette
+schlüpfst. Wenn die Zeit da ist, daß meine Worte in Erfüllung gehen, so
+komme ich wieder. Bis dahin bleibe mein heutiger Besuch Allen ein
+Geheimniß. Leb' wohl, liebes junges Weib, bis ich wiederkehre und:
+Mutter! sage.« Darauf entschwand der Zwerg den Blicken der Frau, als
+wäre er in die Erde gesunken. Das junge Weib -- ihr war der Name
+kränkend -- rieb sich lange die Augen, als ob sie hinter die Wahrheit
+kommen und sehen wollte, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen sei.
+Wonach der Mensch sich sehnt, das hält er meist für wahr, und so war es
+auch mit der Frau. Der seltsame Vorfall mit dem Zwerge kam ihr nicht
+mehr aus dem Sinn, und als der Mann nach einigen Tagen heimkehrte, sott
+die Frau drei Eier von einer schwarzen Henne gab sie ihm am Abend zu
+essen und that sonst, wie ihr vorgeschrieben war.
+
+Nach einigen Wochen traf ein, was der Zwerg vorausgesagt hatte. Mann und
+Frau waren froh und konnten zuletzt kaum die lange Frist abwarten,
+binnen welcher sich ihr Verlangen erfüllen sollte. Zur rechten Zeit kam
+die Frau in die Wochen und brachte Drillinge zur Welt, lauter Knaben,
+schön und gesund. Als die Wöchnerin schon wieder in der Genesung und der
+Mann eines Tages von Hause gegangen war, um Taufgäste und Gevattern
+zusammen zu bitten, kam der glückbringende Zwerg, die Wöchnerin zu
+besuchen. »Guten Tag, Goldmutter!« rief der Zwerg in's Zimmer tretend.
+»Siehst du jetzt, wie Gott deinen Herzenswunsch mit einem Male erfüllt
+hat? Du bist Mutter dreier Knaben geworden. Da siehst du, daß meine
+Prophezeiung keine leere war, und du kannst jetzt um so leichter
+glauben, was ich dir heute sagen werde. Deine Söhne werden weltberühmte
+Männer werden und werden dir noch viele Freude machen vor deinem Tode.
+Zeige mir doch deine Bübchen!« Mit diesen Worten war er wie eine Katze
+auf den Rand der Wiege geklettert, nahm ein Knäulchen rothen Garns aus
+der Tasche und band dem einen Knaben einen Faden um beide Fußknöchel,
+dem andern wieder um die Handgelenke und dem dritten über die
+Augenlieder um die Schläfen herum. »Diese Fäden,« so lautete des Zwerges
+Vorschrift, mußt du so lange an ihrer Stelle belassen, bis die Kinder
+zur Taufe geführt werden; dann verbrenne die Fäden, sammle die Asche in
+einem kleinen Löffel und netze sie, wenn die Kinder nach Hause gebracht
+werden, mit etwas Milch aus deiner Brust. Von dieser stärkenden
+Aschenmilch mußt du jedem Knaben ein Paar Tropfen auf die Zunge gießen,
+ehe du ihm die Brust reichst. Dadurch wird jeder von ihnen da stark
+werden, wo der Faden haftete, der eine an den Füßen, der andere an den
+Händen und der dritte an den Augen, so daß ihres Gleichen nicht sein
+wird auf der Welt. Jeder wird schon mit seiner eigenen Glücksgabe Ehre
+und Reichthum finden, wenn sie aber selbdritt etwas unternehmen, so
+können sie Dinge ausrichten, die man nicht für möglich halten würde,
+wenn man sie nicht vor Augen sähe. Mich wirst du nicht mehr wiedersehen,
+aber du wirst dich wohl noch manches Mal dankbar meiner erinnern, wenn
+deine Knäblein zu Männern herangewachsen sind und dir Freude machen
+werden. Und jetzt sage ich dir zum letzten Male Lebewohl, liebe junge
+Mutter! -- Mit diesen Worten war der Zwerg wieder, wie das erste Mal,
+plötzlich verschwunden.
+
+Die Wöchnerin that sorgfältig Alles, was ihr in Betreff der Kinder
+vorgeschrieben war. Sie verbrannte am Tauftage die rothen Fäden zu
+Asche, ließ, als die Kinder aus der Kirche nach Hause gebracht wurden,
+Milch aus ihrer Brust auf die Asche fließen und goß von dieser
+Kraftmilch jedem Kinde ein Paar Tropfen auf die Zunge, ehe sie ihm die
+Brust reichte. Doch sagte sie Anfangs weder ihrem Manne noch sonst
+jemanden ein Wort von den wunderbaren Dingen, die ihr mit dem Zwerge
+begegnet waren.
+
+Die Kinder wuchsen alle drei blühend heran und gaben, als sie fest auf
+ihren Füßen standen, Proben großer Klugheit. Doch zeigte sich schon von
+früh auf, daß bei jedem die durch den Wunderfaden gekräftigten Glieder
+am tüchtigsten waren: bei dem einen die Augen, bei dem andern die Hände
+und bei'm dritten die Füße. Deßhalb nannten die Eltern sie später je
+nach ihrer Hauptstärke, den ersten _Scharfauge_, den zweiten _Flinkhand_ und
+den dritten _Schnellfuß_. Als nach einigen Jahren die Brüder in's
+Jünglingsalter getreten waren, beschlossen sie, im Einvernehmen mit
+ihren Eltern, in die Fremde zu ziehen, wo jeder durch seine Stärke und
+Geschicklichkeit Dienste und Lohn zu finden hoffte. Und zwar wollte
+jeder der Brüder für sich allein den Weg zum Glücke antreten, der eine
+gen Morgen, der andere gen Mittag und der dritte gen Abend; nach drei
+Jahren aber wollten sie alle drei wieder zu den Eltern zurückkommen und
+melden, wie es ihnen in fremden Landen ergangen sei.
+
+_Schnellfuß_ nahm den Weg gen Morgen, von ihm müssen wir nun zuerst
+erzählen. Daß er mit seinen mächtigen Schritten viel rascher vorwärts
+kam als seine Brüder, das kann Jeder leicht ermessen, denn wo die Meilen
+einem Manne unter den Füßen schwinden, ohne daß diese ermüden, da wird
+ihm das Wandern nicht beschwerlich. Gleichwohl sollte er die Erfahrung
+machen, daß flinke Beine wohl überall einen Menschen aus einer Gefahr
+befreien können, aber nicht so leicht zu Amt und Brod verhelfen: denn
+Hände sind aller Orten nöthiger als Füße. _Schnellfuß_ fand erst nach
+geraumer Zeit bei einem Könige in Ostland einen festen Dienst. Der König
+besaß große Roßherden, unter denen viele stätische Renner waren, die
+kein Mensch fangen konnte, auch nicht einmal zu Roß. Aber mit _Schnellfuß_
+konnte kein Pferd Schritt halten, der Mann war immer schneller als das
+Roß. Was früher funfzig Pferdehirten zusammen nicht ausrichten konnten,
+das besorgte er ganz allein und ließ nie ein Pferd von der Herde
+wegkommen. Darum zahlte ihm der König unweigerlich den Lohn von funfzig
+Hirten, und machte ihm außerdem noch Geschenke. Die flüchtigen Schritte
+des neuen Roßhirten hatten Windesschnelle, und wenn er vom Abend bis zum
+Morgen die ganze Nacht durch oder vom Morgen bis zum Abend den Tag über
+gelaufen war, ohne auszuruhen, so war er doch nicht müde, sondern konnte
+am andern und am dritten Tage wieder eben so viel laufen. Es geschah
+oft, daß die Rosse, bei heißem Wetter von Bremsen gestochen, nach allen
+Seiten hin auseinander fuhren und viele Meilen weit rannten: aber
+dennoch war am Abend die ganze Herde wieder beisammen. Da gab einst der
+König ein großes Gastmahl, zu welchem viele vornehme Herren und Fürsten
+geladen waren. Während des Festes hatte der König seinen Gästen viel von
+seinem schnellfüßigen Roßhirten erzählt, so daß alle den Wundermann zu
+sehen begehrten. Manche meinten, es dürfe wohl nicht Wunder nehmen, wenn
+die in der Herde aufgezogenen und an den Hirten gewöhnten Rosse sich
+einfangen ließen; das allerstörrigste Pferd höre auf des Herrn Wort und
+komme auf dessen Ruf. Aber gebt ihm einmal ein Pferd aus einem fremden
+Stalle, das ihn nicht kennt, dann werden wir sehen, wie weit die
+Schnelligkeit des Mannes gegen die des Rosses kommt. Da ließen einige
+fremde Herren die bestgefütterten und feurigsten Rosse aus ihren Ställen
+herführen und dann ins Freie treiben, auf daß _Schnellfuß_ sie einfange.
+Das war dem Hirten mit den beflügelten Füßen eine Kleinigkeit, denn auch
+ein gestandennes, wohlgenährtes Pferd kann doch nicht mit Einem um die
+Wette laufen, der wie ein Vogel des Waldes gewohnt ist, Nacht und Tag
+sich zu rühren. Die fremden Herrschaften priesen die Schnellfüßigkeit
+des Mannes und schenkten ihm viel goldene und silberne Münzen,
+versprachen auch daheim von ihm zu reden, damit man erfahre, wo solch'
+ein Mann zu finden sei. Bald darauf war im ganzen Ostlande der Name
+_Schnellfuß_ berühmt geworden, und wenn irgend ein König einmal einen
+schnellen Boten brauchte, so wurde _Schnellfuß_ gemiethet, der dann
+reichen Lohn und außerdem noch Geschenke erhielt, damit er sich ein
+anderes Mal wieder willig finden ließe. Als er nach drei Jahren sich
+aufmachte um in die Heimath zurückzukehren, hatte er soviel Geld und
+Schätze gesammelt, daß er zwanzig Pferde damit beladen konnte, welche
+ihm der König geschenkt hatte.
+
+Der zweite Bruder, _Flinkhand_, der gen Mittag gezogen war, fand aller
+Orten lohnenden Dienst; alle Meister brauchten seine Arbeit, weil kein
+anderer Gesell so geschickt war und so viel fertig machte wie er. Obwohl
+er nicht in einer Zunft ein bestimmtes Handwerk erlernt hatte, so
+gerieth in seiner geschickten Hand doch jegliche Arbeit; er war
+Schneider, Schuster, Tischler, Drechsler, Gold- und Grobschmied, oder
+was sonst dergleichen, und es war auf der Welt kein Meister zu finden,
+dem er nicht zum Gesellen getaugt hätte. Einmal war er bei einem
+Schneidermeister auf Stücklohn in Arbeit und nähte in einem Tage zwanzig
+Paar Hosen, ein anderes Mal machte er für einen Schuster in eben der
+Zeit ebensoviel Paar Stiefel fertig. Dabei war Alles, was er machte, so
+vollkommen, daß, wer einmal seine Arbeit kennen gelernt hatte, von
+derjenigen anderer Meister und Gesellen nichts mehr wissen wollte.
+_Flinkhand_ hätte bei jedem Handwerk ein reicher Mann werden können, wenn
+er irgendwo längere Zeit hätte aushalten können, allein er sehnte sich
+darnach, die weite Welt zu sehen und streifte deßhalb gewöhnlich von
+einem Ort zum andern. So kam er auch einmal in eine Königsstadt, wo er
+Alles in großer Bewegung fand. Es sollten Truppen gegen den Feind
+ausgesandt werden, aber es mangelte an Kleidern, an Fuß- und
+Kopfbedeckung und auch an Waffen. Und obgleich überall Meister und
+Gesellen von früh Morgens bis Mitternacht eifrig arbeiteten und sogar
+Sonntags und Montags nicht feierten, so konnten sie doch in der kurzen
+Zeit nicht soviel anfertigen, wie der König wollte. Zwar wurde nah und
+fern nach Gesellen gesucht, die helfen sollten, aber des Fehlenden war
+so viel, daß all' die Arbeit nicht hinreichend schien, es herzustellen.
+
+Eines Tages nun trat _Flinkhand_ in des Königs Schloß und wünschte den
+König zu sprechen. Dann sagte er: »Geehrter König! ich höre von den
+Leuten, daß ihr sehr eilige Arbeiten braucht. Ich bin ein weitgereister
+Meister und kann vielleicht die Arbeiten übernehmen, wenn wir Handels
+einig werden und ihr mir die Frist nennt, binnen welcher sie fertig sein
+müssen.« Als der König die Frist genannt hatte, sagte _Flinkhand_: »Lasset
+alle Meister der Stadt zusammenrufen und befragt sie, ob sie bis zu dem
+genannten Tage mit den Arbeiten fertig werden können, wenn das nicht der
+Fall ist, so übernehme ich Alles, aber den Arbeitslohn habt ihr dann mir
+allein zu zahlen.« -- »Das wäre schon recht,« erwiederte der König,
+»wenn ihr so viele Gesellen bekommen könntet, aber das ist ja eben, was
+unsern städtischen Meistern fehlt, sie finden nicht genug Arbeiter.« --
+»Das sei meine Sorge,« erwiederte _Flinkhand_. Den andern Tag wurden alle
+Meister der Stadt in das Schloß gerufen und gefragt, wann Jeder mit
+seiner Arbeit fertig zu werden glaube, worauf einige vier und fünf
+Monate, andere noch mehr Zeit verlangten. »Nun,« sagte _Flinkhand_ zum
+Könige, »wenn ihr mir für drei Monate den doppelten Lohn versprecht, so
+will ich allein all' die Arbeit übernehmen, mit der die Andern wohl erst
+in einem halben Jahre zu Stande kämen.« Das schien indeß dem Könige so
+wunderbar und so unglaublich, daß er besorgte, man wolle ihm einen
+Possen spielen und deßhalb fragte: »Was für eine Bürgschaft kannst du
+mir geben, daß du deine Versprechungen erfüllen wirst?« _Flinkhand_
+erwiederte: »Geld und Kostbarkeiten, die ich als Schadenersatz bieten
+könnte, habe ich freilich nicht, aber wenn ihr mein Leben zum Pfande
+wollt, so ist unser Handel bald geschlossen. Damit ihr aber auch nicht
+die Katze im Sack zu kaufen braucht, will ich euch morgen eine
+Probearbeit bringen.« Das war der König zufrieden. Die Gesellen aber
+meinten untereinander, wenn er doppelte Zahlung erhält, so muß er uns
+auch doppelten Arbeitslohn geben, sonst werden wir ihm nicht helfen. Als
+der König am folgenden Tage die Probearbeit gesehen hatte, war er sehr
+zufrieden damit, und obwohl alle übrigen Meister vor Neid bersten
+wollten, konnte doch keiner die Arbeit tadeln. Jetzt machte sich
+_Flinkhand_ wie ein Mann an's Werk. War ihm auch früher schon alle Arbeit
+von der Hand geflogen, so war doch die Hurtigkeit, die er jetzt von früh
+bis spät entfaltete, mehr als wunderbar; kaum nahm er sich soviel Zeit,
+um zu essen und in der Nacht ein wenig, wie ein Vogel auf dem Ast, zu
+ruhen. Zwei Wochen vor der bedungenen Frist war aller Bedarf für die
+Soldaten fertig und dem Könige abgeliefert. Der König zahlte den für
+drei Monate bedungenen Preis doppelt, und fügte fast eben soviel noch
+als Geschenk hinzu. Dann sagte er: »Lieber kluger Meister! ich möchte
+mich von dir nicht so schnell trennen. Hast du nicht Lust mit dem Heere
+gegen die Feinde zu ziehen? Wer so geschickt alle Arbeiten anzufertigen
+weiß, aus dem kann sicher auch der allerbeste Kriegsmann werden.«
+_Flinkhand_ erwiederte: »Vielleicht verhält sich die Sache so, wie ihr,
+geehrter König, meint, aber aufrichtig gesagt: ich habe, so lang ich
+lebe, das Kriegshandwerk noch nicht versucht, sondern bis jetzt nur
+unblutige Arbeit gethan. Ueberdieß rückt auch die Zeit heran, wo die
+Eltern mich zu Hause erwarten; nehmt es darum nicht übel, wenn ich eurem
+Verlangen diesmal nicht entsprechen kann.« So schied er von der
+Königsstadt, wo er in kurzer Zeit zum reichen Manne geworden war. Er
+hatte noch über ein halbes Jahr bis zur Heimreise, darum streifte er von
+einem Orte zum andern und wenn er sich irgendwo länger aufhielt, so
+arbeitete er, um das Reisegeld zusammenzubringen, denn er wollte sein
+angesammeltes Vermögen nicht angreifen.
+
+Der dritte Bruder, _Scharfauge_, der seinen Weg gen Abend genommen hatte,
+schweifte lange von einem Orte zum andern, ohne einen passenden und
+lohnenden Dienst zu finden. Als geschickter Schütze konnte er zwar
+allenthalben soviel erwerben, um seinen täglichen Unterhalt zu
+bestreiten, aber was hatte er dann bei der Heimkehr mit nach Hause zu
+bringen? Mit der Zeit war er auf seiner Wanderung in eine große Stadt
+gerathen, wo man nur von dem Unglück sprach, das den König schon drei
+Mal getroffen hatte, und das Niemand zu begreifen, geschweige zu
+verhüten vermochte. Die Sache verhielt sich so. Der König hatte in
+seinem Garten einen kostbaren Baum, der wie ein Apfelbaum aussah, aber
+goldene Aepfel trug, von denen manche so groß waren wie ein großes
+Knäuel Garn, und viele tausend Rubel werth sein mochten. Es läßt sich
+denken, daß ein solches Obst nicht ungezählt blieb, und daß Nacht und
+Tag Wachen rings umher standen, um jeden Diebstahl zu verhüten. Trotzdem
+war schon drei Nächte hintereinander immer einer der größeren Aepfel
+gestohlen worden; man schätzte den Werth eines solchen auf sechstausend
+Rubel. Die Wachen hatten weder den Dieb gesehen noch seine Spur
+gefunden. _Scharfauge_ dachte sich gleich, daß hier eine ganz besondere
+List obwalte, die er mit seinem durchdringenden Blick wohl herausbringen
+könnte. Er meinte, wenn der Dieb nicht körperlos und unsichtbar zum
+Baume kommt, so wird er meinem scharfen Auge nicht entgehen. Er bat
+deßhalb den König um die Erlaubniß, sich in den Garten begeben zu
+dürfen, um ohne Vorwissen der Wächter seine Beobachtungen anzustellen.
+Als er die Erlaubniß erhalten hatte, machte er sich im Wipfel eines
+hohen Baumes, der nicht weit von dem Goldapfelbaume stand, ein Versteck
+zurecht, wo Niemand ihn gewahr werden konnte, während sein scharfes Auge
+überall hin reichte und Alles, was vorging, sehen konnte. -- Brotsack
+und Milchfäßchen nahm er mit sich, damit er nicht genöthigt wäre seinen
+Schlupfwinkel zu verlassen, falls das Wachen sich in die Länge zöge. Den
+Goldapfelbaum und was rings um denselben vorging, behielt er nun
+unausgesetzt im Auge. Die Wachtsoldaten hatten um den Baum herum drei so
+dichte Kreise geschlossen, daß kein Mäuslein unbemerkt hätte
+durchschlüpfen können. Wenn der Dieb nicht etwa Flügel hatte, auf dem
+Boden konnte er nicht an den Baum gelangen. Den ganzen Tag über bemerkte
+Scharfauge nichts, was einem Diebe ähnlich gesehen hätte. Bei
+Sonnenuntergang flatterte ein kleiner gelber Schmetterling um den
+Apfelbaum herum, bis er sich endlich auf einen seiner Zweige niederließ,
+an welchem gerade ein sehr schöner Apfel hing. Daß ein kleiner
+Schmetterling keinen goldenen Apfel vom Baume fortbringen konnte,
+begreift Jeder so gut wie _Scharfauge_, allein da dieser nichts Größeres
+gewahr wurde, so verwandte er kein Auge von dem gelben Schmetterling.
+Die Sonne war längst untergegangen und auch die Abendröthe verschwand
+allmählich vom Horizont, aber die um den Baum herum aufgestellten
+Laternen gaben so viel Licht, daß man Alles sehen konnte. Der gelbe
+Schmetterling saß immer noch unbeweglich auf seinem Zweige. Es mochte um
+Mitternacht sein, als dem Wächter auf dem Baume die Augen ein wenig
+zufielen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, als aber
+seine Augen wieder auf den Apfelbaum fielen, sah er, daß der gelbe
+Schmetterling nicht mehr auf dem Zweige saß, -- noch mehr erschrak er,
+als er entdeckte, daß auch der herrliche Goldapfel von diesem Zweige
+verschwunden war. Ein Diebstahl war geschehen, daran war nicht zu
+zweifeln, allein wenn der geheime Wächter die Sache erzählt hätte, so
+würden die Leute ihn für verrückt gehalten haben, denn soviel konnte ein
+Kind einsehen, daß ein Schmetterling nicht im Stande war, den Goldapfel
+weg zu tragen. Am Morgen gab es wieder großen Lärm, als man fand, daß
+ein Apfel fehle, ohne daß einer der Wächter eine Spur vom Diebe gesehen
+hätte. Da trat _Scharfauge_ abermals vor den König und sagte: »Ich habe
+zwar den Apfeldieb ebensowenig gesehen wie eure Wachen, aber wenn ihr in
+der Stadt oder in der Nähe derselben einen zauberkundigen Mann habt, so
+weiset mich zu ihm, mit seiner Hülfe hoffe ich künftige Nacht des Diebes
+habhaft zu werden.« Als er erfahren hatte, wo der Zauberer zu finden
+sei, ging er unverzüglich zu ihm. Die Männer rathschlagten dann, wie sie
+die Sache wohl am besten anfangen könnten. Nach einiger Zeit rief
+_Scharfauge_ »Ich habe einen Plan! kannst du durch Zauber einem
+Spinngewebe solche Festigkeit geben, daß die Fäden auch das stärkste
+Geschöpf festhalten, dann legen wir den Dieb in Fesseln, so daß er uns
+nicht wieder entrinnt.« Der Zauberer sagte, das sei möglich; nahm drei
+große Kreuzspinnen, machte sie durch Hexenkraft so stark, daß kein
+Geschöpf sich aus ihrem Gewebe losmachen konnte, that sie in ein
+Schächtelchen und gab sie dem _Scharfauge_. »Setze diese Spinnen, wohin du
+willst, und zeige ihnen mit dem Finger an, wie sie ihr Netz ziehen
+sollen, so spinnen sie alsbald einen Käfig um den Gefangenen, aus
+welchem nur Mana's[15] Weisheit erlösen kann; übrigens eile ich dir zu
+Hülfe, wenn es dessen bedarf.«
+
+_Scharfauge_ schlüpfte mit dem Schächtelchen im Busen wieder auf seinen
+Baum, um den Verlauf der Sache zu überwachen. Zu derselben Zeit wie
+gestern sah er den gelben Falter wieder um den Apfelbaum her schweben,
+aber es dauerte heute viel länger als gestern, ehe sich der
+Schmetterling auf einen Zweig setzte, an welchem ein großer Goldapfel
+hing. Sofort ließ sich Scharfauge von seinem Baume herunter, näherte
+sich dem Goldapfelbaum, ließ eine Leiter anlegen, kletterte sachte
+hinauf, um den Schmetterling nicht zu scheuchen, und setzte seine
+kleinen Weber je auf drei Zweige. Eine Spinne kam so einige Spannen über
+dem Schmetterling, die andere zu seiner Rechten, die dritte zu seiner
+Linken zu sitzen; dann beschrieb Scharfauge mit dem Finger eine Linie in
+die Kreuz und die Quer um den Schmetterling herum. Dieser saß mit
+aufgerichteten Flügeln unbeweglich da. Mit Sonnenuntergang war der
+Wächter wieder in seinem Baumversteck. Von da aus sah er zu seiner
+Freude, wie die drei Gesellen um den Schmetterling her von allen Seiten
+ein Gehege machten, aus welchem das Männlein nicht hoffen durfte zu
+entkommen, wenn anders die Kraft, deren der Zauberer sich gerühmt hatte,
+sich bewähren würde. Wohl suchte unser Mann auf seinem Baume sich vor
+dem Einschlummern zu hüten, aber dennoch waren ihm mit einem Male die
+Augen zugefallen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, aber
+ein großer Lärm hatte ihn plötzlich aufgeweckt. Als er hinsah, nahm er
+wahr, daß die Wachtsoldaten wie die Ameisen um den Goldapfelbaum herum
+liefen und tobten; auf dem Baume aber saß ein alter graubärtiger Mann,
+einen Goldapfel in der Faust, in einem eisernen Netze. Hurtig stieg
+_Scharfauge_ von seinem Wipfel herunter, aber ehe er den Goldapfelbaum
+erreicht hatte, war auch schon der König da, der bei dem Lärm der Wachen
+aus dem Bette gesprungen und herbeigeeilt war, um zu sehen, was sich
+Unerwartetes in seinem Garten zutrug. Da saß nun der Dieb im Eisenkäfig
+und konnte nirgends hin »Geehrter König,« sagte dann _Scharfauge_: »jetzt
+könnt ihr euch ruhig niederlegen und bis zum hellen Morgen schlafen,
+der Dieb entkommt uns nicht mehr. Wäre er auch noch so stark, so kann er
+doch die durch Hexenkraft entstandenen Maschen seines Käfigs nicht
+zerreißen.« Der König dankte und befahl dem Haupthaufen der
+Wachtsoldaten ebenfalls schlafen zu gehen, so daß nur noch einige unter
+dem Baume auf Wache blieben; _Scharfauge_, der zwei Nächte und zwei Tage
+gewacht hatte, ging ebenfalls um auszuschlafen.
+
+Am andern Morgen ging er mit dem Zauberer in des Königs Schloß. Der
+Zauberer war froh, als er den Dieb im Käfig fand und wollte ihn auch
+nicht eher herauslassen, als bis das Männlein seine wahre Gestalt
+gezeigt haben würde. Zu dem Ende schnitt er ihm den halben Bart unter
+dem Kinne ab, ließ Feuer bringen und fing an die Barthaare zu sengen. O
+der Pein und Qual, welche der Vogel im Eisenkäfig jetzt auszustehen
+hatte![16] Er schrie jämmerlich und überschlug sich vor Schmerz, aber
+der Zauberer ließ nicht ab, sondern sengte immer mehr Haare, um den Dieb
+mürber zu machen. Dann rief er: »Bekenne, wer du bist?« Das Männlein
+antwortete: »Ich bin des Hexenmeisters _Piirisilla_ Knecht, den sein Herr
+ausgeschickt hat zu stehlen.« Der Zauberer begann wieder die Barthaare
+zu sengen. »Au, au!« schrie der Hexenmeister, »laßt mir Zeit, ich will
+bekennen! Ich bin nicht der Knecht, ich bin des Hexenmeisters Sohn.«
+Abermals wurden Haare gesengt, da rief der Gefangene heulend: »Ich bin
+der Hexenmeister Piirisilla selbst.« »Zeige uns deine natürliche
+Gestalt -- oder ich senge wiederum,« befahl der mächtige Zauberer. Da
+begann das Männlein im Käfig sich zu strecken und auszudehnen, und war
+in wenig Augenblicken zu einem gewöhnlichen Manne angewachsen, der die
+Entwendung der Goldäpfel ohne Umschweife eingestand. Jetzt wurde er
+sammt dem Käfige vom Baume heruntergenommen und gefragt, wo das
+Gestohlene versteckt sei? Er versprach die Stelle selbst zu zeigen, aber
+_Scharfauge_ bat den König, den Dieb ja nicht aus dem Käfig zu lassen,
+denn sonst könnte er sich wieder in einen Schmetterling verwandeln und
+ihnen entkommen. Ehe er aber alle Diebslöcher angab, mußte er noch
+manches Mal gesengt werden, und als endlich alle Goldäpfel
+herbeigeschafft waren, wurde der böse Dieb im Käfig verbrannt und seine
+Asche in die Luft gestreut.
+
+Als der König seinen Schatz wieder hatte, zahlte er dem _Scharfauge_ einen
+sehr großen Lohn, so daß er auf ein Mal wohl noch reicher ward als seine
+beiden Brüder. Der König hätte ihn gern in seine Dienste genommen, aber
+_Scharfauge_ sagte: »Ich kann jetzt keinen Dienst mehr annehmen, sondern
+muß nach Hause, um meine Eltern zu sehen.« Darauf schenkte ihm der König
+Pferde, Wagen und Diener, welche ihm seine Reichthümer nach Hause
+brachten.
+
+Als nun die Brüder im elterlichen Hause wieder beisammen waren, fanden
+sie sich so reich, daß sie mehr als ein halbes Königreich hätten kaufen
+können. Die Mutter erinnerte sich jetzt, wie der glückbringende Zwerg
+das Alles zu Wege gebracht hatte, aber sie verschwieg den wunderbaren
+Vorfall. Reichthum war jetzt in solchem Maße vorhanden, daß die Söhne
+gewiß nicht nöthig gehabt hätten sich einen neuen Dienst zu suchen; aber
+wo fände man wohl auf der Welt den Reichen, der mit seiner Habe
+zufrieden wäre und dieselbe nicht immer noch zu mehren suchte? Als die
+Brüder später erfuhren, daß eines überaus reichen Königs Tochter im
+Nordlande demjenigen zu Theil werden sollte, der drei besonders
+schwierige Dinge ausführen könnte, die bis dahin noch keinem möglich
+gewesen waren -- beschlossen sie einmüthig, die Sache zu versuchen. Es
+waren schon Leute genug von weit und breit erschienen, um sich daran zu
+versuchen, aber Keiner war im Stande gewesen die Aufgaben zu lösen,
+denen ihre Kräfte nicht gewachsen waren. Einem Einzelnen zumal war es
+ganz unmöglich das Verlangte zu vollbringen. Als die Brüder den
+Entschluß gefaßt hatten, machten sie sich selbdritt auf den Weg, und
+damit sie rascher vorwärts kämen, trug _Schnellfuß_ die beiden Andern von
+Zeit zu Zeit auf seinem Rücken weiter. Weil nun aber die Arbeit von
+_einem_ Manne gethan werden sollte, so konnten sie nicht alle drei
+zugleich vor den König treten. _Schnellfuß_ wurde ausgesandt,
+Erkundigungen einzuziehen. Die drei Probestücke, welche der künftige
+Schwiegersohn des Königs ausführen sollte, waren folgende: Erstens
+sollte er einen Tag mit einer großen Rennthierkuh auf die Weide gehen
+und Sorge tragen, daß ihm das windschnelle Thier nicht davon laufe;
+Abends mit Sonnenuntergang sollte er es wieder in den Stall bringen.
+Zweitens sollte er Abends das Schloßthor verschließen. Das dritte
+Probestück erschien als das schwerste. Er sollte nämlich mit seinem
+Bogen einen Apfel wegschießen, dessen Stiel ein Mann auf einem hohen
+Berge im Munde hielt, ohne daß der Mann Schaden nähme, und so, daß der
+Pfeil mitten durch den Apfel ginge. Die beiden ersten Arbeiten schienen
+wohl nicht so schwer, doch hatte Niemand sie bisher ausführen können,
+und zwar deßhalb, weil es nicht mit rechten Dingen zuging. Die
+Rennthierkuh besaß nämlich eine so wunderbare Schnelligkeit, daß sie in
+einem Tage von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die ganze Welt
+hätte laufen können. Wie konnte ein Mensch mit ihr aushalten? Bei dem
+zweiten Probestück war Hexerei im Spiel. Eine Hexe hatte sich in den
+eisernen Pfortenriegel verwandelt, und wenn der Mann die Leiter
+hinanstieg, um den Riegel anzufassen, so packte sie mit höllischer Kraft
+die Hand des Unglücklichen, und keine Gewalt konnte sie befreien, bis
+die Hexe selber los ließ. Das war aber noch nicht Alles -- in demselben
+Augenblicke, wo die Hand festgeklemmt war, fing der Pfortenflügel an,
+wie vom Winde geschüttelt hin und her zu tanzen. So mußte der an der
+Hand festgehaltene Mann bis zum Morgen wie ein Glockenschwengel hin und
+her baumeln, und wenn er endlich losgelassen wurde, war er mehr todt als
+lebendig. Obendrein lachten der König und die Leute über sein Unglück
+und er mußte mit Schande abziehen; auch hatten sich Viele die Schultern
+so verrenkt, daß sie zeitlebens nicht mehr arbeiten konnten. Die dritte
+Aufgabe konnte nur einem geschickten Schützen gelingen, dessen Hand und
+Auge gleich fest und sicher waren. Als Schnellfuß dies Alles erfahren
+hatte, ging er nicht gleich zum Könige, sondern suchte erst seine Brüder
+wieder auf, die ihn vor der Stadt erwarteten. Nachdem sich die Männer
+berathen hatten, fanden sie, daß sie zu Dreien diese Dinge wohl zu
+Stande bringen könnten, das Verdrießliche war nur, daß sie in den Augen
+des Königs als Einer erscheinen mußten, wenn sie den versprochenen
+Kampflohn erringen wollten. Die schlauen[17] Brüder beschnitten also
+ihre Bärte auf gleiche Weise, so daß keinem weder auf der Oberlippe noch
+unter dem Kinn die Haare dichter standen als dem andern; und da sie als
+Söhne einer Mutter und als Drillinge an Körperbildnug und Geberde wenig
+verschieden waren, so konnte ein fremdes Auge den Betrug nicht
+herausfinden. Sie ließen sich dann einen gar prächtigen fürstlichen
+Anzug machen, der aus Seide und dem kostbarsten Sammet bestand und mit
+Gold und blitzenden Edelsteinen verziert war, so daß Alles glänzte und
+schimmerte, wie der Sternenhimmel in einer klaren Winternacht. Ehe sie
+sich anschickten, die Probearbeiten zu unternehmen, gelobten sich die
+Brüder mit einem Eide, daß nur das Loos entscheiden solle, wer von ihnen
+des Königs Schwiegersohn werden sollte. Da nun die starken Brüder auf
+diese Weise allen künftigen Mißhelligkeiten vorgebeugt hatten,
+schmückten sie eines Tages _Schnellfuß_ mit den prächtigen Kleidern und
+schickten ihn zum Könige, damit er die Rennthierkuh auf die Weide führe.
+Ging die Sache nach Wunsch, so war der erste große Stein hinweggewälzt,
+der bis jetzt alle dreier verhindert hatte, die Brautkammer zu betreten.
+
+_Schnellfuß_ trat so stolz vor den König hin, als wäre er ein geborener
+Königssohn, grüßte mit Anstand und bat um Erlaubniß, das Probestück am
+andern Morgen zu versuchen. Der König gab sie, fügte aber hinzu: »Gut
+wäre es, wenn ihr schlechtere Kleider anzöget, denn unsere Rennthierkuh
+läuft unbekümmert durch Sumpf und Moor, immer gerade aus, da könntet ihr
+die theuren Kleider verderben.« _Schnellfuß_ erwiederte: »Wer eure Tochter
+freien will, was macht sich der aus Kleidern?« und ging dann zur Ruhe,
+um den andern Tag desto munterer zu sein. Des Königs Tochter, die
+heimlich durch eine Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht hatte,
+sagte seufzend: »Wenn ich doch dem Rennthier Fußfesseln anlegen könnte,
+ich thäte es, um diesen Mann zum Gemahle zu erhalten.«
+
+Als den andern Morgen die Sonne aufgegangen war, band _Schnellfuß_ der
+Rennthierkuh einen Halfterstrang[18] um den Hals und nahm das andere
+Ende in die Faust, damit die Kuh sich nicht zu weit entfernen könnte.
+Als die Stallthür geöffnet wurde, schoß die Kuh wie der Wind davon, der
+Hirte aber lief den Halfter festhaltend neben ihr her, und blieb keinen
+Schritt zurück. Der König und die Zuschauer aus der Stadt erstaunten
+über die wunderbare Schnelligkeit des Mannes, denn bis hierzu hatte noch
+Keiner auch nur ein paar hundert Schritt weit neben der Kuh herlaufen
+können. Wiewohl _Schnellfuß_ sobald keine Ermüdung zu fürchten hatte, so
+hielt er es doch für gerathen, die Kuh zu besteigen, sobald er den
+Leuten aus den Augen war. Er sprang auf den Rücken des Thieres, hielt
+sich am Halfter fest und ließ sich weiter tragen. Es war noch früh am
+Morgen, als die Rennthierkuh schon merkte, daß von diesem Hirten nicht
+loszukommen sei; sie hielt den Schritt an und rupfte das Gras vom Boden.
+_Schnellfuß_ sprang ab und warf sich unter einen Busch, um auszuruhen,
+hielt aber den Halfter fest, damit die Kuh nicht davon liefe. Als die
+Sonne um Mittag brannte, legte sich auch die Kuh neben ihn in den
+Schatten und fing an wiederzukäuen. Nach Mittag versuchte das Thier noch
+einige Mal die Schnelligkeit seiner Beine, um dem Hirten zu entkommen,
+aber dieser war wie der Wind wieder auf dem Rücken der Kuh, so daß er
+seine Beine nicht anzustrengen brauchte. Sehr groß war das Erstaunen des
+Königs und der Leute, als sie bei Sonnenuntergang sahen, wie die
+störrige Rennthierkuh gleich dem frömmsten Lamme mit ihrem Hirten heim
+kehrte. _Schnellfuß_ führte sie in den Stall, verschloß die Thür und
+speiste dann auf Einladung des Königs an dessen Tafel. Nach dem
+Abendessen verabschiedete er sich, indem er sagte, er wollte zeitig zur
+Ruhe gehen, um die Ermüdung des Tages los zu werden.
+
+Allein er ging nicht zur Ruhe, sondern begab sich zu seinen Brüdern, die
+seiner im Walde harrten. Den anderen Tag sollte _Flinkhand_ die prächtigen
+Kleider anziehen und zum Könige gehen, um das zweite Probestück
+auszuführen. Der König, welcher ihn für den Mann von gestern hielt,
+lobte seine Hirtenarbeit und wünschte ihm Glück zu seiner heutigen
+Aufgabe, nämlich am Abend die Pforte zu verschließen. Des Königs Tochter
+hatte wieder durch die Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht
+und sagte seufzend: »Wenn ich könnte, ich schaffte die böse Hexe von der
+Pforte fort, damit diesem theuren Jünglinge kein Leid geschähe, den ich
+mir zum Gemahl wünsche.«
+
+_Flinkhand_, der genau wußte, wie es sich mit dem Pfortenriegel verhielt,
+ging vom Könige gerades Wegs zum Schmied und ließ sich eine starke
+eiserne Hand machen. Als am Abend alle Welt im Schlosse zur Ruhe
+gegangen war, machte er Feuer an und ließ darin die Eisenhand
+rothglühend werden. Darauf stellte er eine Leiter gegen die Pforte, denn
+seine Körperlänge reichte nicht hinan. Von der Leiter aus legte er die
+glühende Eisenhand an den Riegel, und in demselben Augenblick hatte die
+Hexe, die darin steckte, zugepackt und die Hand ergriffen, welche sie
+für eine natürliche hielt. Als sie aber den brennenden Schmerz fühlte,
+fing sie so an zu brüllen, daß alle Wände bebten und viele Schläfer im
+Schloß durch den Lärm aufgeweckt wurden. Aber _Flinkhand_ hatte in
+demselben Augenblick, wo die Eisenhand ihn selbst vor dem Griffe der
+Hexe geschützt hatte, den Riegel vorgeschoben, so daß die Pforte
+verschlossen war. Gleichwohl blieb er wach, bis der König am Morgen
+aufstand und die Sache selbst in Augenschein nahm. Die Pforte war noch
+verriegelt. Der König lobte die Geschicklichkeit des Jünglings, der
+schon zwei schwierige Arbeiten ausgeführt hatte und lud ihn zu Mittag zu
+Gaste. _Flinkhand_ aß sich an des Königs Tafel satt und wußte sich auch
+angenehm zu unterhalten, bis er endlich um Erlaubniß bat, nach Hause zu
+gehen, und auszuruhen, da er die ganze vorige Nacht kein Auge zugethan,
+auch noch mancherlei Vorbereitungen für den kommenden Tag zu treffen
+habe. Er ging dann in den Wald, wo die Brüder ihn längst erwarteten und
+wissen wollten, wie das Probestück abgelaufen wäre. Da nun die starken
+Brüder sich einander nicht beneideten und keiner voraus wissen konnte,
+wen endlich das Glück treffen würde, Schwiegersohn des Königs zu werden,
+so freuten sie sich gemeinschaftlich des gelungenen Werkes.
+
+Am folgenden Morgen wurde _Scharfauge_ mit dem prächtigen königlichen
+Anzuge bekleidet und ausgeschickt, um das dritte Probestück auszuführen.
+Nicht minder stolz und anmuthig wie die beiden andern Brüder trat er vor
+den König, und bat um die Erlaubniß, das letzte Probestück zu
+unternehmen. Der König sagte: »Ich freue mich sehr, daß es euch möglich
+gewesen ist zwei Arbeiten zu vollbringen, welche bis auf den heutigen
+Tag noch Keiner ausführen konnte, so viel ihrer auch von allen Seiten
+zusammenströmten, um den Versuch zu machen. Dennoch fürchte ich, daß ihr
+die dritte Arbeit nicht zu Stande bringen werdet, denn das Ziel, welches
+ihr treffen müßt, steht sehr hoch und ist ein kleiner Körper.«
+_Scharfauge_ erwiederte: »Wer euer Schwiegersohn werden will, der darf
+nichts für schwer achten, denn so großes Glück fällt Niemanden im
+Schlafe zu.« Darauf gab der König die Erlaubniß, am folgenden Morgen das
+Probestück zu unternehmen. Aber des Königs Tochter, welche wiederum
+durch die Thürspalte nach dem Jüngling gespäht hatte, seufzte mit
+Thränen in den Augen: »Könnte ich etwas für diesen Jüngling thun, daß er
+morgen zum dritten Male Sieger bliebe, ich gäbe Hab' und Gut dafür --um
+ihn zum Gemahl zu erhalten.«
+
+War schon das erste und zweite Mal eine große Menge Volks von allen
+Seiten herbei gekommen, um die Wunderwerke zu sehen, so waren heute die
+Tausende gar nicht mehr zu zählen. Auf dem Gipfel eines Berges stand der
+Apfelträger, der in solcher Höhe nicht viel größer aussah als eine
+Krähe, und ihm sollte _Scharfauge_ den Apfel vom Munde weg schießen, so
+daß der Pfeil ihn in der Mitte spaltete. Niemand hielt die Sache für
+möglich. Gleichwohl fürchtete der Mann oben, der den Apfel am Stiele im
+Munde zu halten hatte, der Schütze könnte doch vielleicht in's Ziel
+treffen, darum beschloß er in seinem mißgünstigen Sinne, dem Schützen
+die an sich schwere Aufgabe noch schwerer zu machen. Er faßte nicht, wie
+vorgeschrieben war, den Apfel mit den Zähnen am Stiele, sondern steckte
+den halben Apfel in den Mund und dachte: je kleiner ich den Gegenstand
+mache, auf den er zielen muß, desto weniger kann er sehen und treffen.
+Aber für _Scharfauge_ war der halbe Apfel nicht minder deutlich als der
+ganze. Er zielte einige Augenblicke mit seinem durchdringenden Blicke,
+schnellte den Pfeil vom Bogen und o Wunder! der Apfel war mitten
+durchgespalten, so daß beide Hälften genau gleiche Größe hatten. Der
+neidische Apfelhüter hatte zugleich den verdienten Lohn für seine
+Bosheit erhalten, denn da _Scharfauge_ gerade auf die Mitte des Apfels
+gezielt hatte, der Mann aber dessen größere Hälfte im Munde hielt, so
+hatte der Pfeil von beiden Seiten des Mundes ein Stück Fleisch mit
+weggerissen. Als der entzwei geschossene Apfel dem Könige zum Beweise
+überreicht wurde, brach die Menge in ein Freudengeschrei aus. Ein
+solches Wunder hatte sich noch nicht begeben. Des Königs Tochter vergoß
+Freudenthränen, da ihres Herzens Wunsch in Erfüllung gegangen war; der
+König aber lud _Scharfauge_ ein, zu ihm zu kommen, damit er ihn sofort
+seiner Tochter verloben könne. Scharfauge lehnte es ehrfurchtsvoll ab
+mit den Worten: »Vergönnt mir, den heutigen Tag mich nach der Arbeit zu
+erholen! morgen wollen wir uns der Freude ergeben!« Er wollte sich
+nämlich keines Fehls gegen seine Brüder schuldig machen, welche gleich
+ihm ihren Theil der Arbeit gethan hätten: das Loos mußte entscheiden,
+welchem von ihnen der Lohn zufallen sollte.
+
+Als Scharfauge zu seinen Brüdern kam, erzählte er ihnen den Hergang, und
+sie freuten sich erst noch mit einander wie die Kinder, ehe sie das Loos
+warfen. Nach Gottes Fügung brachte das Loos dem _Scharfauge_ Glück; er
+sollte nun des Königs Schwiegersohn werden. Noch einmal schliefen die
+Brüder beisammen, dann schlug die bittere Trennungsstuude, _Scharfauge_
+begab sich in die Königsstadt, _Schnellfuß_ und _Flinkhand_ machten sich in
+die Heimath zu ihren Eltern auf.
+
+Nach ihrer Rückkehr kauften die beiden reichen Brüder sich viele Güter
+und Ländereien, so daß ihr Gebiet bald einem kleinen Königreiche glich.
+_Scharfauge_ hatte Alles seinen Eltern und Brüdern geschenkt, da er, als
+Schwiegersohn des Königs, seines eigenen Vermögens nicht mehr bedurfte.
+Die Eltern freuten sich über das Glück ihrer Kinder, nur war der Mutter
+das Herz oft schwer, weil ihr dritter Sohn so weit von ihnen in der
+Fremde lebte, daß sie nicht hoffen durfte ihn wieder zu sehen. Als aber
+die Eltern später gestorben waren, da hatten _Schnellfuß_ und _Flinkhand_
+keine Ruhe mehr in der Heimath, sie verpachteten ihre Besitzungen und
+streiften wieder in fremden Landen umher, um neue Reichthümer und
+Schätze durch ihre Gaben zu erwerben. Wie weit ihre Wanderung reichte,
+was für Thaten sie auf derselben verrichteten und ob sie später wieder
+in die Heimath zurückkehrten, darüber kann ich euch nichts weiter
+melden. Aber _Scharfauge's_ Geschlecht muß noch heutiges Tages in dem
+Lande wohnen, wo der Stammvater einst das Glück hatte, Schwiegersohn des
+Königs zu werden.
+
+[Fußnote 14: Die »Haube« steht für die Trägerin derselben verwaist, wie
+das lat. =orba=, ohne Kinder gehabt zu haben. Vgl. auch _Neus_, ehstn.
+Volkslieder, S. 276. F. Z. 4. L.]
+
+[Fußnote 15: Ueber Mana s. d. Anm. zu S. 25 in dem Märchen von den im
+Mondschein badenden Jungfrauen. L.]
+
+[Fußnote 16: Vgl. _Boecler_, der Ehsten Gebräuche ed. Kreutzwald, S. 139.
+L.]
+
+[Fußnote 17: Der Text sagt =Rootsi wennaksed= d. h. schwedische Brüder.
+Das Colorit des Märchens ist aber ganz ehstnisch; Belege für meine
+Uebersetzung finde ich nicht. L.]
+
+[Fußnote 18: Dieser wird gebildet durch Klötzchen, die an einer Schnur
+hängen und mit Ringen wechseln. L.]
+
+
+
+
+4. Der Tontlawald.
+
+
+Zu alten Zeiten stand in Allentacken[19] ein schöner Hain, der
+Tontlawald hieß, den aber kein Mensch zu betreten wagte. Dreistere, die
+zufällig einmal näher gekommen waren und gespäht hatten, erzählten, sie
+hätten unter dichten Bäumen ein verfallenes Haus gesehen und um dasselbe
+herum menschenähnliche Wesen, von denen der Rasen wie von einem
+Ameisenhaufen wimmelte. Die Geschöpfe hätten rußig und zerlumpt
+ausgesehen wie die Zigeuner, und es wären namentlich viel alte Weiber
+und halbnackte Kinder darunter gewesen. Als einst ein Bauer, der in
+finsterer Nacht von einem Schmause nach Hause ging, etwas tiefer in den
+Tontlawald hineingerathen war, hatte er seltsame Dinge gesehen. Um ein
+helles Feuer war eine Unzahl Weiber und Kinder versammelt, einige saßen
+am Boden, die andern tanzten auf dem Plan. Ein altes Weib hatte einen
+breiten eisernen Schöpflöffel in der Hand, mit welchem sie von Zeit zu
+Zeit die glühende Asche über den Rasen hinstreute, worauf die Kinder mit
+Geschrei in die Luft hinauf fuhren und wie Nachteulen um den
+aufsteigenden Rauch flatterten, bis sie zuletzt wieder herabkamen. Dann
+trat aus dem Walde ein kleiner alter langbärtiger Mann, der auf dem
+Rücken einen Sack trug, der länger war als er selbst. Weiber und Kinder
+liefen dem Männlein lärmend entgegen, tanzten um ihn herum und suchten
+ihm den Sack vom Rücken zu reißen, aber der Alte machte sich von ihnen
+los. Jetzt sprang eine schwarze Katze, so groß wie ein Fohlen, die mit
+glühenden Augen auf der Thürschwelle gesessen, auf des Alten Sack und
+verschwand dann in der Hütte. Weil aber dem Zuschauer schon der Kopf
+brannte und es ihm vor den Augen flimmerte, so blieb auch seine
+Erzählung unsicher, und man konnte nicht recht dahinter kommen, was
+daran wahr und was falsch sei. Auffallend war es, daß von Geschlecht zu
+Geschlecht solche Dinge vom Tontlawalde erzählt wurden; aber Niemand
+wußte genauere Auskunft zu geben. Der Schwedenkönig hatte mehr als
+einmal befohlen, den gefürchteten Wald zu fällen, aber die Leute wagten
+es nicht den Befehl zu vollziehen. Einmal hieb ein dreister Mann mit
+einer Axt in einige Bäume, da floß sogleich Blut und man hörte
+Jammergeschrei wie von gequälten Menschen.[20] Der erschreckte
+Holzfäller nahm zitternd und bebend die Flucht; seitdem war kein noch so
+strenger Befehl, kein noch so reichlicher Lohn im Stande, wieder einen
+Holzfäller in den Tontlawald zu locken. --Sehr wunderbar erschien es
+auch, daß weder ein Weg aus dem Walde heraus noch einer hinein führte;
+auch sah man das ganze Jahr durch keinen Rauch aufsteigen, der das
+Dasein menschlicher Wohnstätten verrathen hätte. Groß war der Wald
+nicht, und rings um ihn her war flaches Feld, so daß man freien Ausblick
+auf den Wald hatte. Hausten wirklich hier von Alters her lebende Wesen,
+so konnten sie doch nicht anders in dem Walde ein- und ausgehen als auf
+unterirdischen Schlupfwegen, oder sie mußten auch wie die Hexen bei
+nächtlicher Weile, wo Alles ringsum schlief, durch die Luft fahren. Das
+Letztere ist, dem Erzählten zufolge, das Wahrscheinlichere. Vielleicht
+erhalten wir über diese Wundervögel mehr Auskunft, wenn wir den Wagen
+der Erzählung etwas weiterlenken und im nächsten Dorfe ausruhen.
+
+Einige Werst vom Tontlawalde lag ein großes Dorf. Ein verwittweter Bauer
+hatte unlängst wieder ein junges Weib genommen und, wie das wohl oft
+vorkommt, ein rechtes Schüreisen in's Haus gebracht, so daß Verdruß und
+Zank kein Ende nahmen. Das von der ersten Frau nachgebliebene
+siebenjährige Mädchen, mit Namen Else, war ein kluges sinniges Geschöpf.
+Dieser Armen machte aber die böse Stiefmutter das Leben ärger als die
+Hölle, sie puffte und knuffte das Kind vom Morgen bis zum Abend und gab
+ihm schlechteres Essen als den Hunden. Da die Frau die Hosen anhatte, so
+konnte die Tochter sich auf ihren Vater nicht stützen: der Hansdampf
+mußte ja selbst nach des Weibes Pfeife tanzen. Länger als zwei Jahre
+hatte Else dieses schwere Leben ertragen und hatte viele Thränen
+vergossen. Da ging sie eines Sonntags mit andern Dorfkindern aus, um
+Beeren zu pflücken. Schlendernd, nach Kinderart, waren sie unvermerkt an
+den Rand des Tontlawaldes gekommen, wo sehr schöne Erdbeeren wuchsen, so
+daß der Rasen ganz roth davon war. Die Kinder aßen von den süßen Beeren
+und pflückten noch soviel in ihre Körbchen, als jedes konnte. Plötzlich
+rief ein älterer Knabe, der die gefürchtete Stelle erkannt hatte:
+»Fliehet, fliehet! wir sind im Tontlawalde!« Dies Wort war schlimmer als
+Donner und Blitz, alle Kinder nahmen Reißaus, als wären ihnen die
+Tontla-Unholde schon auf den Fersen. Else, welche etwas weiter gegangen
+war als die Andern, und unter den Bäumen sehr schöne Beeren gefunden
+hatte, hörte wohl das Rufen des Knaben, mochte sich aber nicht von dem
+Beerenfleck trennen. Sie dachte wohl: Die Tontla-Bewohner können doch
+nicht schlimmer sein als meine Stiefmutter daheim. Da kam ein kleiner
+schwarzer Hund mit einem silbernen Glöcklein um den Hals bellend auf sie
+zu. Auf dies Gebell eilte ein kleines Mädchen in prächtigen seidenen
+Kleidern herbei, verwies den Hund zur Ruhe und sagte dann zur Else:
+»Sehr gut, daß du nicht mit den andern Kindern davongelaufen bist.
+Bleibe mir zur Gesellschaft hier, dann wollen wir gar schöne Spiele
+spielen und alle Tage miteinander gehen Beeren zu pflücken; die Mutter
+wird es mir gewiß nicht abschlagen, wenn ich sie darum bitte. Komm, laß
+uns sogleich zu ihr gehen!« Damit faßte das prächtige fremde Kind Else
+bei der Hand und führte sie tiefer in den Wald hinein. Der kleine
+schwarze Hund bellte jetzt vor Vergnügen, sprang an Elsen herauf und
+leckte ihr die Hand, als wären sie alte Bekannte.
+
+Ach du liebe Zeit, was für Wunder und Herrlichkeit tauchten jetzt vor
+Else's Augen auf. Sie glaubte sich im Himmel zu befinden. Ein prächtiger
+Garten, mit Obstbäumen und Beerensträuchern angefüllt, stand vor ihnen;
+auf den Zweigen der Bäume saßen Vögel, bunter als die schönsten
+Schmetterlinge, manche mit Gold- und Silberfedern bedeckt. Und die Vögel
+waren nicht scheu, die Kinder konnten sie nach Belieben in die Hand
+nehmen. Mitten im Garten stand das Wohnhaus, aus Glas und Edelsteinen
+aufgeführt, so daß Wände und Dach glänzten wie die Sonne. Eine Frau in
+prächtigen Kleidern saß vor der Thür auf einer Bank und fragte die
+Tochter: »Was bringst du da für einen Gast?« Die Tochter antwortete:
+»Ich fand sie allein im Walde und nahm sie mir zur Gesellschaft mit.
+Erlaubst du, daß sie hier bleibt?« Die Mutter lächelte, sagte aber kein
+Wort, sondern musterte Else mit scharfem Blick vom Kopf bis zu den
+Füßen. Dann hieß sie Else näher treten, streichelte ihre Wangen und
+fragte freundlich, wo sie zu Hause sei, ob ihre Eltern noch lebten, und
+ob sie den Wunsch habe, hier zu bleiben? Else küßte der Frau die Hand,
+fiel vor ihr nieder, umfaßte ihre Kniee und erwiederte dann unter
+Thränen: »Die Mutter ruht schon lange unter dem Rasen.
+
+ Mutter ward hinweg getragen
+ Liebe zog mit ihr von dannen![21]
+
+Der Vater lebt wohl noch, aber was hilft mir das, die Stiefmutter haßt
+mich und schlägt mich unbarmherzig alle Tage. Nichts kann ich ihr recht
+machen. Bitte, Goldfrauchen, laßt mich hier bleiben! Laßt mich die
+Herde hüten, oder gebt mir andere Arbeit, ich will Alles thun und euch
+gehorchen, aber schickt mich nur nicht zur Stiefmutter zurück! Sie
+schlüge mich halb todt, weil ich nicht mit den anderen Dorfkindern
+gekommen bin.« Die Frau lächelte und sagte: »Wir wollen sehen, was mit
+dir zu machen ist.« Dann erhob sie sich von der Bank und trat in's Haus.
+Die Tochter aber sagte zur Else: »Sei getrost, meine Mutter ist
+freundlich! Ich sah an ihrem Blicke, daß sie unsere Bitte gewähren wird,
+wenn sie die Sache näher überlegt hat.« Sie ging dann ihrer Mutter nach
+und hieß Else warten. Diese bebte zwischen Furcht und Hoffnung, und
+ungeduldig harrte sie des Bescheides, den die Tochter bringe würde.
+
+Nach einer Weile kam die Tochter mit einem Schächtelchen in der Hand
+zurück und sagte: »Die Mutter will, daß wir heute mit einander spielen,
+derweil sie deinetwegen Weiteres beschließen wird. Ich hoffe, du bleibst
+uns, ich möchte dich nicht mehr von mir lassen. Bist du schon zur See
+gefahren?« Else machte große Augen und fragte dann: »Zur See? was ist
+das? davon habe ich noch nie etwas gehört.« »Du sollst es sogleich
+sehen,« erwiederte das Fräulein und nahm den Deckel vom Schächtelchen.
+Da lagen ein Blatt von Frauenmantel, eine Muschelschale und zwei
+Fischgräten; auf dem Blatte schimmerten ein Paar Tropfen, diese
+schüttete das Kind auf den Rasen. Augenblicklich waren Garten, Rasen und
+was sonst noch da gestanden hatte, verschwunden, als hätte die Erde es
+verschlungen: und soweit das Auge reichte, war nur Wasser sichtbar, das
+in der Ferne mit dem Himmel zusammenzustoßen schien. Nur unter ihren
+Füßen war ein kleiner Fleck trocken geblieben. Jetzt setzte das Fräulein
+die Muschelschale auf's Wasser und nahm die Fischgräten zur Hand. Die
+Muschelschale schwoll an, und dehnte sich zu einem hübschen Nachen aus,
+worin ein Duzend Kinder und wohl noch mehr Platz gehabt hätten. Die
+Kinder setzten sich nun selbander in den Nachen, Else mit Zagen, das
+Fräulein aber lachte; die Gräten, welche sie hielt, wurden zu Rudern.
+Von den Wellen wurden die Mädchen fortgeschaukelt, wie in einer Wiege;
+nach und nach kamen andere Kähne in ihre Nähe, in jedem saßen Menschen,
+welche sangen und fröhlich waren. »Wir müssen ihren Gesang beantworten,«
+sagte das Fräulein, aber Else verstand nicht zu singen. Um so schöner
+sang das Fräulein. Von dem, was die andern sangen, konnte Else nicht
+viel verstehen, nur ein Wort kehrte immer wieder, nämlich »Kiisike.«
+Else fragte, was es bedeute, und das Fräulein antwortete: »Das ist mein
+Name.« Ich weiß nicht, wie lange sie so spazieren gefahren waren, da
+hörten sie rufen: »Kinder, kommt nach Hause, es wird Abend.« Kiisike
+nahm ihr Körbchen aus der Tasche, in welchem das Blatt lag, und tauchte
+es in's Wasser, so daß einige Tropfen daran hängen blieben, --
+augenblicklich waren sie in der Nähe des prächtigen Hauses, mitten im
+Garten; Alles ringsum erschien trocken und fest wie zuvor, Wasser war
+nirgends. Die Muschelschale und die Fischgräten wurden sammt dem Blatte
+in's Körbchen gelegt, und die Kinder gingen in's Haus.
+
+In einem großen Gemache saßen um einen Eßtisch vier und zwanzig Frauen,
+alle in prächtigen Kleidern, als wären sie auf einer Hochzeit. Oben am
+Tische saß die Herrin auf einem goldenen Stuhle.
+
+Else wußte nicht, woher die Augen nehmen, um all die Herrlichkeit zu
+betrachten, die ihr hier entgegenschimmerte. Auf dem Tische standen
+dreizehn Gerichte, alle in goldenen und silbernen Schüsseln; ein Gericht
+aber blieb unberührt und wurde abgetragen, wie es aufgetragen war, ohne
+daß man den Deckel gelüftet hätte. Else aß von den köstlichen Speisen,
+die noch besser schmeckten als Kuchen, und es kam ihr wieder vor, als
+müßte sie im Himmel sein; auf Erden konnte sie sich dergleichen nicht
+denken. Bei Tische wurde leise gesprochen, aber in einer fremden
+Sprache, von der Else kein Wort verstand. Die Frau sagte jetzt einige
+Worte zu einer Magd, die hinter ihrem Stuhle stand; die Magd eilte
+hinaus und kam bald mit einem kleinen alten Manne wieder, dessen Bart
+länger war als er selber. Der Alte machte einen Bückling und blieb am
+Thürpfosten stehen. Die Frau deutete mit dem Finger auf Else und sagte:
+»Betrachte dir dieses Bauermädchen, ich will es als Pflegekind annehmen.
+Forme mir ein Abbild von ihr, welches wir morgen statt ihrer in's Dorf
+schicken können.« Der Alte sah Else scharf an, als wolle er das Maaß
+nehmen, verbeugte sich dann wieder vor der Frau und verließ das Gemach.
+Nach Tische sagte die Frau freundlich zu Else: »Kiisike hat mich
+gebeten, ich möchte dich ihr zur Gesellschaft hier behalten und du
+selbst sagtest, du hättest Lust hier zu bleiben. Ist dem nun wirklich
+so?« Else fiel auf die Kniee, und küßte der Frau Hände und Füße zum Dank
+für die barmherzige Rettung aus den Klauen der bösen Stiefmutter. Die
+Frau aber hob sie vom Boden auf, streichelte ihr den Kopf und die
+thränenfeuchten Wangen und sagte: »Wenn du immer ein folgsames gutes
+Kind bleibst, so wird es dir gut gehen, ich will für dich sorgen und dir
+allen nöthigen Unterricht geben lassen, bis du erwachsen bist und dich
+selbst fortbringen kannst. Meine Fräulein, welche Kiisike unterrichten,
+werden auch dir behilflich sein, alle feinen Handarbeiten zu erlernen
+und dir andere Kenntnisse zu erwerben.«
+
+Nach einem Weilchen kam der Alte zurück mit einer langen mit Lehm
+gefüllten Mulde auf der Schulter, und einem kleinen Deckelkörbchen in
+der linken Hand. Er setzte Mulde und Körbchen an die Erde, nahm ein
+Stück Lehm und machte daraus eine Puppe, welche Menschengestalt hatte.
+In den Leib, der hohl geblieben war, legte der Alte drei gesalzene
+Strömlinge und ein Stückchen Brot. Dann machte er in der Brust der Puppe
+ein Loch, nahm aus dem Korbe einen ellenlangen schwarzen Wurm und ließ
+ihn durch das Loch hineinkriechen. Die Schlange zischte und wand sich
+mit dem Schwanze, als sträubte sie sich, aber sie mußte doch hinein.
+Nachdem die Frau die Puppe von allen Seiten betrachtet hatte, sagte der
+Alte: »Jetzt brauchen wir nichts weiter als ein Tröpflein von dem Blute
+des Bauermädchens.« Else wurde blaß vor Schrecken, als sie das hörte;
+sie meinte ihre Seele damit dem Bösen zu verkaufen.[22] Aber die Frau
+tröstete sie: »Fürchte nichts! Wir wollen dein Blut nicht zu etwas
+Bösem sondern lediglich zu etwas Gutem und zu deinem künftigen Glücke.«
+Dann nahm sie eine kleine goldene Nadel, stach damit der Else in den Arm
+und gab die Nadel dem Alten, der sie in das Herz der Puppe bohrte.
+Darauf legte er diese in den Korb, damit sie darin wachse und versprach,
+am nächsten Morgen der Frau zu zeigen, was für ein Werk aus seinen
+Händen hervorgegangen sei. Man ging hernach zur Ruhe, und auch Else
+wurde von einer Stubenmagd in ihre Schlafkammer gebracht, wo ihr ein
+weiches Bett bereitet wurde.
+
+Als sie am andern Morgen in dem seidenen Bette auf weichem Pfühl
+erwachte und ihre Augen weit auf machte, fand sie sich mit einem feinen
+Hemde bekleidet und sah reiche Gewänder auf einem Stuhle vor dem Bette
+liegen. Dann trat ein Mädchen in's Zimmer und hieß Else sich waschen und
+kämmen, worauf es sie vom Kopf bis zum Fuß mit den schönen Kleidern
+schmückte, als wäre sie das stolzeste deutsche Kind. Nichts machte Elsen
+so viel Freude als die Schuhe. Sie war ja bis jetzt fast immer barfuß
+gegangen. Nach Else's Meinung konnten auch des Königs Töchter keine
+schöneren Schuhe haben. In ihrer Freude über die Schuhe hatte sie nicht
+Zeit die übrigen Stücke des Anzugs zu beachten, obschon Alles prachtvoll
+war. Die Bauernkleider, welche sie mitgebracht hatte, waren in der Nacht
+fortgenommen worden, weshalb? das sollte sie später erfahren. Ihre
+Kleider waren nämlich der Lehmpuppe angelegt worden, welche an ihrer
+Statt in's Dorf gehen sollte. Die Puppe war in der Nacht in ihrem
+Behälter angeschwollen und am Morgen ein vollständiges Ebenbild der Else
+geworden, und ging einher wie ein von Gott geschaffenes Wesen. Else
+erschrack, als sie die Puppe erblickte, die ganz so aussah, wie sie
+selbst gestern ausgesehen hatte. Als die Frau Else's Erschrecken
+bemerkte, sagte sie: »Fürchte dich nicht, Kind! Das Lehmbild kann dir
+keinen Schaden zufügen, wir jagen es zu deiner Stiefmutter, damit es ihr
+als Prügelklotz diene! Mag sie es schlagen, so viel sie will, das
+steinharte Lehmbild fühlt keinen Schmerz. Aber wenn das böse Weib nicht
+andern Sinnes wird, so kann dein Ebenbild einmal die verdiente Strafe an
+ihr vollziehen.«
+
+Von diesem Tage an lebte Else so glücklich wie ein verwöhntes deutsches
+Kind, das in goldener Wiege geschaukelt worden; sie hatte weder Sorge
+noch Mühe; das Lernen wurde ihr von Tag zu Tage leichter und das vorige
+harte Leben im Dorfe erschien ihr nur noch wie ein böser Traum. Aber je
+tiefer sie das Glück dieses Lebens empfand, desto wunderbarer erschien
+ihr auch Alles. Auf natürliche Weise konnte es nicht zugehen -- es mußte
+eine unbekannte unerklärliche Macht hier walten. Auf dem Hofe stand ein
+Granitblock etwa zwanzig Schritt vom Hause. Wenn die Essenszeit
+heranrückte, ging der Alte mit dem langen Barte an den Block, zog ein
+silbernes Stäbchen aus dem Busen und klopfte damit dreimal an, so daß es
+hell wiederklang. Dann sprang ein großer goldener Hahn heraus und setzte
+sich auf den Block. So oft er in dieser Stellung mit den Flügeln schlug
+und krähte, kam aus dem Block etwas hervor, zuerst ein langer gedeckter
+Tisch, auf dem so viel Teller standen als essende Personen waren; der
+Tisch ging von selbst in's Haus, als trügen ihn des Windes Flügel. Wenn
+der Hahn zum zweiten Male krähte, kamen Stühle dem Tische nachgegangen;
+darauf eine Schüssel mit Speise nach der andern -- Alles sprang aus dem
+Block heraus und flog wie der Wind zum Eßtisch. Desgleichen
+Methflaschen, Aepfel und Beeren; Alles schien beseelt, so daß Niemand zu
+heben noch zu tragen brauchte. Wenn Alle sich satt gegessen hatten,
+klopfte der Alte zum zweiten Male mit dem Silberstäbchen an den Block,
+und dann krähte der goldene Hahn Flaschen, Schüsseln, Teller, Stühle und
+Tisch wieder in den Block hinein. Wenn aber die dreizehnte Schüssel kam,
+aus welcher niemals gegessen wurde, so lief eine große schwarze Katze
+der Schüssel nach, und beide blieben auf dem Block neben dem Hahn, bis
+der Alte sie forttrug. Er nahm die Schüssel in die Hand, die Katze in
+den Arm und den goldenen Hahn auf die Schulter, und verschwand mit ihnen
+unter dem Block. Nicht nur Speisen und Getränke, sondern auch alle
+übrigen Bedürfnisse des Haushalts, selbst Kleider kamen auf das Krähen
+des Hahns aus dem Block hervor. -- Obwohl bei Tische wenig und immer in
+einer fremden Sprache gesprochen wurde, welche Else nicht verstand, so
+wurde dafür desto mehr geredet und gesungen, wenn die Frau mit ihren
+Fräulein in Zimmer und Garten weilte. Allmählich lernte Else auch die
+Sprache ihrer Gefährtinnen auffassen; sie verstand fast Alles, was
+gesagt wurde, aber Jahre verstrichen, ehe ihre eigne Zunge sich den
+fremden Lauten gewöhnte. Einst hatte Else die Kiisike gefragt, warum
+die dreizehnte Schüssel täglich auf den Tisch komme, da doch Niemand
+daraus esse, aber Kiisike konnte es ihr nicht erklären. Sie mußte es
+aber ihrer Mutter gesagt haben, denn nach einigen Tagen ließ diese Elsen
+zu sich rufen und sprach zu ihr mit ernstem Ausdruck: »Beschwere dein
+Herz nicht mit unnützen Grübeleien. Du möchtest wissen, warum wir
+niemals aus der dreizehnten Schüssel essen. Sieh, liebes Kind, das ist
+die Schüssel _verborgenen_ Segens; wir dürfen sie nicht anrühren, sonst
+würde es mit unserem glücklichen Leben zu Ende sein. Auch mit den
+Menschen würde es auf dieser Welt viel besser stehn, wenn sie nicht in
+ihrer Habsucht alle Gaben an sich rissen, ohne dem himmlischen
+Segenspender irgend etwas zum Danke zu lassen.[23] Habsucht ist der
+Menschen größter Fehler!«
+
+Die Jahre verstrichen Elsen in ihrem Glücke pfeilgeschwind, sie war zur
+blühenden Jungfrau herangewachsen und hatte Vieles gelernt, womit sie in
+ihrem Dorfe ihr Leben lang nicht bekannt geworden wäre. Kiisike aber war
+immer noch dasselbe kleine Kind wie an dem Tage, wo sie das erste Mal
+mit Elsen im Walde zusammen getroffen war. Die Fräulein, welche bei der
+Frau vom Hause lebten, mußten Kiisike und Else täglich einige Stunden
+im Lesen und Schreiben und in allerlei feinen Handarbeiten unterweisen.
+Else begriff Alles gut, aber Kiisike hatte mehr Sinn für kindliche
+Spiele als für nützliche Beschäftigung. Wenn ihr die Laune kam, so warf
+sie die Arbeit weg, nahm ihr Schächtelchen und lief in's Freie, um See
+zu spielen, was ihr Niemand übel nahm. Manchmal sagte sie zu Elsen:
+»Schade, daß du so groß geworden bist, du kannst nun nicht mehr mit mir
+spielen.«
+
+Als jetzt neun Jahre in dieser Weise verflossen waren, ließ die Frau
+eines Abends Else in ihr Schlafzimmer rufen. Else wunderte sich darüber,
+denn um diese Zeit hatte die Frau sie noch niemals zu sich kommen
+lassen. Das Herz schlug ihr so heftig, daß es zu springen drohte. Als
+sie über die Schwelle trat, sah sie, daß die Wangen der Frau geröthet
+waren, ihre Augen voll Thränen standen, welche sie rasch trocknete, als
+wollte sie dieselben vor Elsen verbergen. »Liebes Pflegkind,« begann die
+Frau, »die Zeit ist gekommen, wo wir scheiden müssen.« »_Scheiden_?« rief
+Else und warf sich schluchzend der Frau zu Füßen. »Nein, theure Frau,
+das kann nimmermehr geschehen, bis uns einst der Tod trennt. Ihr habt
+mich einmal huldreich aufgenommen, darum verstoßt mich nicht wieder!«
+Die Frau sagte beschwichtigend: »Kind, sei ruhig! Du weißt ja noch gar
+nicht, was ich für dein Glück thun will. Du bist herangewachsen und ich
+darf dich hier nicht länger in Haft halten. Du mußt wieder unter
+Menschen gehen, wo Glückspfade deiner warten.« Else aber bat
+flehentlich: »Theure Frau, verstoßet mich nicht. Ich sehne mich nach
+keinem anderen Glücke, als bei euch zu leben und zu sterben. Macht mich
+zur Stubenmagd oder gebt mir andere Arbeit, nach eurem Belieben, aber
+schickt mich nicht fort in die weite Welt. Da wäre es besser gewesen,
+ihr hättet mich bei der Stiefmutter im Dorfe gelassen, als daß ihr mich
+auf so viele Jahre in den Himmel brachtet, um mich jetzt wieder in die
+Hölle zu stoßen.« »Still, liebes Kind!« sagte die Frau -- »du begreifst
+nicht, was ich zu deinem Glücke zu thun verpflichtet bin, wie sehr es
+mich auch schmerzt. Aber Alles muß so sein, wie ich es mache. Du bist
+ein sterbliches Menschenkind, deine Jahre nehmen zu ihrer Zeit ein Ende
+und deshalb darfst du nicht länger hier bleiben. Ich und die mich
+umgeben haben wohl Menschengestalt, aber wir sind nicht Menschen, wie
+ihr, sondern Geschöpfe höherer Art und euch unbegreiflich. Du wirst in
+der Ferne einen lieben Gemahl finden, der für dich geschaffen ist, und
+wirst glücklich mit ihm sein, bis eure Tage sich zu Ende neigen. Die
+Trennung von dir wird mir nicht leicht, aber es muß sein, und deßhalb
+mußt du dich ruhig darein fügen.« Dann strich sie mit ihrem goldenen
+Kamme durch Elsens Haar und hieß sie zu Bette gehen; aber wo sollte die
+arme Else in dieser Nacht den Schlaf hernehmen? Das Leben kam ihr vor
+wie ein dunkler sternenloser Nachthimmel.
+
+Während wir Else ihrem Kummer überlassen, wollen wir uns ins Dorf
+begeben, um zu sehen, wie die Sachen auf dem väterlichen Hofe gehen, wo
+das _Lehmbild_ an ihrer Statt der Prügelklotz ihrer Stiefmutter war. Daß
+ein böses Weib im Alter nicht besser wird, ist eine bekannte Sache; man
+erfährt wohl, daß aus einem hitzigen Jünglinge im Alter ein frommes Lamm
+wird, aber kommt ein Mädchen, das kein gutes Herz hat, unter die Haube,
+so wird sie auf die alten Tage wie ein reißender Wolf. Wie ein
+Höllenbrand quälte die Stiefmutter das Lehmbild Tag und Nacht, aber dem
+starren Geschöpfe, dessen Körper keinen Schmerz empfand, schadete es
+nicht. Wollte der Mann einmal dem Kinde zu Hülfe kommen, so setzte es
+für ihn gleichfalls Prügel, zum Lohn für seinen Versuch Frieden zu
+stiften. Eines Tages hatte die Stiefmutter ihre Lehmtochter wieder
+fürchterlich geschlagen und drohte ihr dann, sie umzubringen. Wüthend
+packte sie das Lehmbild mit beiden Händen an der Gurgel, um es zu
+erwürgen, siehe, da fuhr eine schwarze Schlange zischend aus des Kindes
+Munde, und stach der Stiefmutter in die Zunge, so daß sie todt
+niederfiel, ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Mann Abends nach
+Hause kam, fand er die todte Frau dick aufgeschwollen am Boden liegen;
+die Tochter war nirgends zu finden. Auf sein Geschrei kamen die
+Dorfbewohner herbei. Die Nachbarn hatten wohl um Mittag einen großen
+Lärm im Hause gehört, aber da so etwas fast täglich dort vorfiel, war
+Niemand hingegangen. Nachmittags war Alles still geblieben, aber Niemand
+hatte die Tochter erblickt. Der Körper der todten Frau wurde nun
+gewaschen und gekleidet, und es wurden für die Todtenwächter zur Nacht
+Erbsen in Salz gekocht. Der müde Mann ging in seine Kammer, um zu ruhen,
+und dankte sicherlich seinem Glücke, daß er diesen Höllenbrand los war.
+Auf dem Tische fand er drei gesalzene Strömlinge und einen Bissen Brot,
+verzehrte Beides und legte sich zu Bette. Am andern Morgen wurde er todt
+auf dem Platze gefunden, und zwar ebenso aufgeschwollen wie die Frau.
+Nach einigen Tagen wurden beide in ein Grab gelegt, wo sie einander
+kein Leid mehr anthun konnten. Von der verschwundenen Tochter erfuhren
+die Bauern seitdem nichts weiter.
+
+Else hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan, sie weinte und beklagte
+die harte Notwendigkeit, so schnell und unerwartet von ihrem Glücke
+scheiden zu müssen. Am Morgen steckte ihr die Frau einen goldenen
+Siegelring an den Finger und hing ihr eine kleine goldene Schachtel an
+einem seidenen Bande um den Hals, rief dann den Alten, zeigte mit der
+Hand auf Else, und nahm darauf mit betrübter Miene von ihr Abschied.
+Eben wollte Else danken, als der Alte dreimal mit seinem Silberstäbchen
+sanft ihren Kopf berührte. Else fühlte alsbald, daß sie zum Vogel
+geworden war; aus den Armen wurden Flügel und aus den Beinen Adlerfüße
+mit langen Klauen, aus der Nase ein krummer Schnabel, Federn bedeckten
+den ganzen Leib. Dann hob sie sich plötzlich in die Luft und schwebte
+ganz wie ein aus dem Ei gebrüteter Adler unter den Wolken dahin. So war
+sie schon mehrere Tage gen Süden geflogen und hatte wohl zuweilen
+gerastet, wenn die Flügel ermatteten, aber Hunger hatte sie nicht
+gefühlt. Da geschah es, daß sie eines Tages über einem niedrigen Walde
+schwebte, wo Jagdhunde sie anbellten, die freilich dem Vogel nichts
+anhaben konnten, weil ihnen Flügel fehlten. Mit einem Male fühlte sie
+ihr Gefieder von einem scharfen Pfeile durchbohrt und fiel zu Boden. Vor
+Schrecken war sie ohnmächtig geworden.
+
+Als Else aus ihrer Ohnmacht erwachte und die Augen weit öffnete, fand
+sie sich in menschlicher Gestalt unter einem Gebüsche. Wie sie dahin
+gekommen und was ihr sonst Seltsames begegnet war, lag wie ein Traum
+hinter ihr. Da kam ein stolzer junger Königssohn daher geritten, sprang
+vom Pferde und bot Elsen freundlich die Hand, indem er sagte: »Zur
+glücklichen Stunde bin ich heute Morgen ausgeritten! Von euch, theures
+Fräulein, träumte mir ein halbes Jahr lang jede Nacht, daß ich euch hier
+im Walde finden würde. Obschon ich den Weg wohl hundert Mal umsonst
+gemacht hatte, ließ doch meine Sehnsucht und meine Hoffnung nicht nach.
+Heute schoß ich einen großen Adler, der hierher gefallen sein mußte; ich
+ging der erlegten Beute nach und fand statt des Adlers -- euch.« Dann
+half er Elsen auf's Pferd und ritt mit ihr zur Stadt, wo der alte König
+sie freudig empfing. Einige Tage später ward eine prachtvolle Hochzeit
+gefeiert; am Morgen des Hochzeitstages waren funfzig Fuder mit
+Kostbarkeiten angekommen, welche die liebe Pflegemutter Elsen geschickt
+hatte. Nach des alten Königs Tode wurde Else Königin und hat dann im
+Alter die Ereignisse ihrer Jugend selbst erzählt. Aber vom Tontlawald
+hat man seitdem Nichts mehr gesehen noch gehört.
+
+[Fußnote 19: Ein Landstrich nördlich vom Peipus-See. L.]
+
+[Fußnote 20: Es haben sich also auch die Ehsten, gleich den Finnen,
+ganze Naturgebiete unter dem Schutze bestimmter Gottheiten, und dann
+wieder einzelne Naturindividuen von Schutzgeistern oder Elfen (ehstnisch
+=hallijas=, finnisch =haltia=) beseelt gedacht. Was hier blutet und jammert,
+ist die Dryas, die sich der Ehste jedoch männlich denkt. L.]
+
+[Fußnote 21: Aus der Klage des verwaisten Hirtenknaben im _Kalewipoëg_
+(=XII.= 876). Auch bei _Neus_, Volkslieder, =passim.= L.]
+
+[Fußnote 22: Vgl. über den Abscheu der Ehsten vor dem Hingeben ihres
+Blutes zu zauberischen Zwecken _Boecler_ u. _Kreutzwald_, der Ehsten
+abergläubische Gebräuche =p.= 145 und _Kreutzwald_ und _Neus_, mythische und
+magische Lieder der Ehsten =p.= 111. In unserm 9. Märchen betrügt der
+Donnersohn den Teufel (den »alten Burschen«), indem er statt des eigenen
+Blutes Hahnenblut zur Besiegelung des Vertrages nimmt. L.]
+
+[Fußnote 23: »Heidnische Altäre haben sich unter den Ehsten einzeln bis
+in unsere Zeiten erhalten. Von einem solchen bei dem Landgut Kawershof
+im Felliner Kreise berichtet _Hupel_, »er stehe unter einem heiligen
+Baume, in dessen Höhlung noch oft kleine Opfer gefunden würden; sei aus
+einem Granitblock kunstlos gehauen.« _Kreutzwald_ u. _Neus_, mythische u.
+magische Lieder der Ehsten S. 17. L.]
+
+
+
+
+5. Der Waise Handmühle.
+
+
+Ein armes elternloses Mädchen war allein nachgeblieben wie ein Lamm, und
+dann als Pflegekind in eine böse Wirthschaft gekommen, wo es keinen
+andern Freund hatte als den Hofhund, dem es zuweilen eine Brotrinde gab.
+Das Mädchen mußte vom Morgen bis zum Abend für die Wirthin auf der
+Handmühle mahlen, und stand einmal die Mühle stille, weil die müde Hand
+ausruhen wollte, so war gleich der Stock da, um das arme Kind
+anzutreiben. Des Abends waren die Hande der Waise so starr wie die
+Klötze. Das Gnadenbrot, welches die Waisen essen, muß fast immer mit
+Schweiß und Blut bezahlt werden. Gott im Himmel allein hört die Seufzer
+der Waisen und zählt die Thränen, die von ihren Wangen rollen! -- Eines
+Tages, als das schwache Mädchen wieder die schwere Mühle drehte und
+voller Unmuth war, weil die Wirthin sie den Morgen nüchtern gelassen
+hatte, kam ein hinkender einäugiger Bettler in zerlumpten Kleidern
+heran. Es war aber kein wirklicher Bettler, sondern ein berühmter
+Zauberer aus Finnland, der sich, um nicht erkannt zu werden, in einen
+Bettler verwandelt hatte. Der Bettler setzte sich auf die Schwelle, sah
+sich die schwere Arbeit des Kindes an, nahm ein Stück Brot aus seinem
+Schultersack, steckte es dem Kinde in den Mund und sagte: »Mittag ist
+noch weit, iß etwas Brot zur Stärkung.« Die Waise nahm den trockenen
+Bissen und er schmeckte ihr besser als Weißbrot, auch fühlte sie gleich
+ihre Kräfte wieder zunehmen. Der Bettler sagte dann: »Dir Armen müssen
+wohl von dem ewigen Umdrehen der schweren Mühle die Hände recht müde
+sein?« Das Mädchen sah den Alten ungewiß an, wie um zu forschen, ob
+seine Frage ernsthaft oder spöttisch gemeint sei. Da sie aber fand, daß
+sein Antlitz einen liebreichen und ernsthaften Ausdruck hatte, so
+erwiederte sie: »Wer kümmert sich um die Hände einer Waise? Das Blut
+dringt mir immer unter die Nägel, und der Stock fährt mir über den
+Rücken, wenn ich nicht so viel arbeiten kann, als die Wirthin verlangt.«
+Der Bettler ließ sich nun ausführlich erzählen, was für ein Leben das
+Kind führe. Als die Waise geendigt hatte, nahm der Alte aus seinem Sacke
+ein altes Tuch, gab es ihr und sagte: »Wenn du dich heut Abend schlafen
+legst, so binde dies Tuch um deinen Kopf und seufze aus der Tiefe des
+Herzens: »Süßer Traum, trage mich dahin, wo ich eine Handmühle finde,
+welche von selbst mahlt, so daß ich mich nicht mehr abmühen darf!« Die
+Waise steckte das Tuch in ihren Busen und dankte dem Alten, der sich
+sogleich entfernte. Als sich das Waisenkind Abends schlafen legte, that
+es nach Vorschrift des Bettlers, band das Tuch um den Kopf und stieß
+unter Seufzern und Thränen seinen Wunsch aus, obgleich es selber nicht
+viel Hoffnung darauf setzte. Dennoch schlief es leichteren Herzens ein,
+als sonst. Ein wunderbarer Traum führte das Mädchen in weite Fernen und
+ließ es auf seiner Wanderung viel seltsame Dinge erleben. Zuletzt kam
+es tief unter die Erde, und da mochte wohl die Hölle sein, denn alles
+sah schauerlich und fremd aus. Die Hofthore standen weit offen und kein
+lebendes Wesen rührte sich. Als das Mädchen weiter ging, ließ sich ein
+Geräusch vernehmen, wie wenn eine Handmühle gemahlen würde. Dem Geräusch
+folgend ging das Waisenkind schüchternen Schrittes vorwärts, bis es
+unter dem Abschauer einer Klete[24] einen großen Kasten fand, aus
+welchem das Geräusch einer Mühle an sein Ohr drang. Das Kind war nicht
+stark genug den Kasten zu rühren, geschweige denn von der Stelle zu
+bringen. Da sah es im Stalle ein weißes Pferd an der Krippe und kam auf
+den guten Einfall, das Pferd aus dem Stalle zu ziehen, es mit Stricken
+vor den Kasten zu spannen, und ihn so fortzuführen. Gedacht, gethan: die
+Waise schirrte das Pferd an, setzte sich auf den Deckel des Kastens,
+ergriff eine lange Ruthe und jagte in vollem Galop nach Hause.
+
+Als sie am andern Morgen erwachte, fiel ihr der bedeutsame Traum wieder
+ein, und zwar stand er so lebendig vor ihr, als wäre sie wirklich eine
+Strecke weit auf dem Deckel gefahren. Als sie die Augen aufriß,
+erblickte sie den Kasten an ihrem Lager. Sie sprang auf, nahm ein halbes
+Loof (Scheffel) Gerste, das vom Abend nachgeblieben war, schüttete es in
+die Oeffnung, die sie im Deckel des Kastens fand und siehe das freudige
+Wunder: die Steine fingen augenblicklich an zu lärmen. Es dauerte nicht
+lange, so war das fertige Mehl im Sacke.[25] Jetzt hatte die Waise einen
+leichten Stand; die Mühle im Kasten mahlte Alles, was man ihr bot, und
+das Mädchen hatte weiter keine Mühe, als das Getraide oben
+hineinzuschütten und das Mehl unten herauszunehmen. Den Deckel des
+Kastens durfte sie aber nicht öffnen, der Bettler hatte es ihr streng
+verboten, indem er hinzufügte: das würde dein Tod sein!
+
+Die Wirthin kam bald dahinter, daß der Kasten dem Waisenkinde beim
+Mahlen half, sie beschloß daher das Mädchen aus dem Hause zu jagen und
+dafür den Mahlkasten zu behalten, der kein Futter verlangen würde.
+Zuerst wollte sie sich aber mit dem Dinge näher bekannt machen, um zu
+sehen, wo denn der Wundermüller eigentlich stecke. Die Begierde, das
+Geheimniß herauszubringen, stachelte das Weib Tag und Nacht. An einem
+Sonntag Morgen schickte sie das Waisenkind zur Kirche, und sagte, sie
+selbst wolle da bleiben, um das Haus zu hüten. Ein so freundliches
+Anerbieten hatte die Waise noch niemals vernommen; vergnügt zog sie ein
+reines Hemd und etwas bessere Kleider an, und machte sich eilig auf den
+Weg. Die Wirthin lauerte so lange hinter der Thür, bis ihr das Mädchen
+aus dem Gesichte war, dann nahm sie aus der Klete ein halb Loof
+Getraide und schüttete es auf den Deckel, damit der Kasten es mahle,
+aber der Kasten that es nicht. Erst als eine Hand voll in das Loch des
+Deckels kam, machten sich die Steine an's Werk; aber nun kostete es dem
+Weibe noch viel Mühe und Arbeit, den schweren Kastendeckel los zu
+machen. Endlich ging er so weit auf, daß die Alte den Kopf
+hineinzustecken wagte, -- aber o weh! eine lichte Lohe schlug aus dem
+Kasten heraus und verbrannte die Wirthin, als wär's eine Hedekunkel; es
+blieb nichts weiter von ihr übrig als eine Handvoll Asche.
+
+Als der Wittwer späterhin eine andere Frau nehmen wollte, fiel ihm ein,
+daß sein Pflegekind, die Waise, vollständig erwachsen war, so daß er
+nicht erst anderswo auf die Freite zu gehen brauche. Die Hochzeit wurde
+still gefeiert, und als sich die Nachbaren am Abend entfernt hatten,
+ging der Mann mit seiner jungen Frau zu Bette. Als diese den andern
+Morgen in die Klete ging, war der Kasten mit der Handmühle verschwunden,
+ohne daß man die Spuren eines Diebes fand. Obgleich nun überall gesucht
+und nah und fern angefragt wurde, ob der vermißte Gegenstand irgend
+Jemanden zu Gesicht gekommen sei, so hat man doch bis auf den heutigen
+Tag nichts entdeckt. Der wunderbare Handmühlen-Kasten, den einst ein
+Traum aus der Tiefe der Erde herausgeholt hatte, mußte wohl in eben so
+wunderbarer Weise dahin zurückgekehrt sein.
+
+[Fußnote 24: Baltischer Provinzialismus für Vorratskammer oder
+Speicher. L.]
+
+[Fußnote 25: Hier möchte wohl ein schwacher Nachhall von der
+Sampo-Mythe anklingen, die in der Kalewala, dem finnischen Epos, eine so
+große Rolle spielt. Auch der Wunder wirkende Talisman Sampo wird unter
+dem Bilde einer selbstmahlenden Mühle gedacht. Vgl. _Castrén's_
+Vorlesungen über finn. Mythol. S. 264 ff. u. _Schiefner_ im =Bulletin hist.
+phil.= der Petersb. Akad. d. Wiss. =t. VIII.= Nr. 5. L.]
+
+
+
+
+6. Die zwölf Töchter.
+
+
+Es war einmal ein armer Käthner, der zwölf Töchter hatte, unter ihnen
+zwei Paar Zwillinge. Die hübschen Mädchen waren alle gesund und frisch
+und von zierlichem Wesen. Da die Eltern es so knapp hatten, mochte es
+manchem unbegreiflich sein, wie sie den vielen Kindern Nahrung und
+Kleidung schaffen konnten; die Kinder waren täglich gewaschen und
+gekämmt und trugen immer reine Hemden, wie deutsche Kinder. Einige
+meinten, der Käthner habe einen heimlichen Schatzträger,[26] Andere
+hielten ihn für einen Hexenmeister, wieder Andere für einen
+Windzauberer,[27] der im Wirbelwinde einen verborgenen Schatz zusammen
+zu raffen wußte. In Wahrheit aber verhielt sich die Sache ganz anders.
+Die Frau des Käthners hatte eine heimliche Gegenspenderin, welche die
+Kinder nährte, säuberte und kämmte. Als sie nämlich noch als Mädchen
+aus einem fremden Bauerhofe diente, sah sie drei Nächte hinter einander
+im Traume eine stattliche Frau, welche zu ihr trat und ihr befahl,[28]
+in der Johannisnacht zur Quelle des Dorfes zu gehen. Sie hätte nun wohl
+auf diesen Traum nicht weiter geachtet, wenn nicht am Johannisabend ein
+Stimmchen ihr immerwährend wie eine Mücke in's Ohr gesummt hätte: »Geh
+zur Quelle, geh zur Quelle, wo deines Glückes Wasseradern rieseln!«
+Obgleich sie den heimlichen Rathschlag nicht ohne Schrecken vernahm,
+faßte sie sich doch endlich ein Herz, verließ die andern Mädchen, die
+bei der Fiedel um das Feuer herum lärmten und schritt auf die Quelle zu.
+Aber je näher sie kam, desto bänger wurde ihr um's Herz; sie wäre
+umgekehrt, wenn ihr das Mückenstimmchen Ruhe gelassen hätte;
+unwillkürlich ging sie weiter. Als sie hinkam, sah sie eine Frau in
+weißen Kleidern, die auf einem Steine an der Quelle saß. Als die Frau
+des Mädchens Furcht gewahrte, ging sie demselben einige Schritte
+entgegen, bot ihm die Hand zum Gruß und sagte: »Fürchte dich nicht,
+liebes Kind, ich thue dir ja nichts zu Leide! Merke auf und behalte
+genau, was ich dir sage. Auf den Herbst wird man um dich freien; der
+Mann ist so arm wie du, aber mach' dir deshalb keine Sorge, sondern nimm
+seinen Branntwein an.[29] Da ihr beide gut seid, will ich euch Glück
+bringen und euch forthelfen; aber lasset darum Sorgsamkeit und Arbeit
+nicht dahinten, sonst kann kein Glück Dauer haben. Nimm dieses Säckchen
+und stecke es in die Tasche, es sind nur einige Steinchen darin.[30]
+Nachdem du das erste Kind zur Welt gebracht hast, wirf ein Steinchen in
+den Brunnen, damit ich komme dich zu sehen. Wenn das Kind zur Taufe
+geführt wird, will ich zu Gevatter stehen. Von unserer nächtlichen
+Zusammenkunft laß gegen Niemanden etwas verlauten -- für dieses Mal sage
+ich dir Lebe wohl!« Mit diesen Worten war die wunderbare Fremde dem
+Mädchen entschwunden, als wäre sie unter die Erde gesunken. Vielleicht
+hätte das Mädchen auch diesen Vorfall für einen Traum gehalten, wenn
+nicht das Säckchen in ihrer Hand das Gegentheil bezeugt hätte; sie fand
+darin zwölf Steinchen.
+
+Die Prophezeiung traf ein, das Mädchen wurde im Herbst verheirathet und
+der Mann war ein armer Knecht. Im folgenden Jahre brachte die junge Frau
+die erste Tochter zur Welt, besann sich auf das, was ihr in der
+Johannisnacht begegnet war, stand heimlich aus dem Bette auf, ging an
+den Brunnen und warf ein Steinchen hinein. Plumps fiel es in's Wasser!
+Sofort stand die freundliche Frau weiß gekleidet vor ihr und sagte: »Ich
+danke dir, daß du mich nicht vergessen hast. Sonntag über vierzehn Tage
+laß das Kind zur Taufe bringen, dann komme ich auch in die Kirche und
+will beim Kinde Gevatter stehen.« Als an dem bezeichneten Tage das Kind
+in die Kirche gebracht wurde, trat eine fremde Dame hinzu, nahm es auf
+den Schoos und ließ es taufen. Als dies geschehen war, band sie einen
+silbernen Rubel in die Windel des Kindes und sandte es der Mutter
+zurück. Ganz ebenso geschah es später bei jeder neuen Taufe, bis das
+Dutzend voll war. Bei der Geburt des letzten Kindes hatte die Frau zur
+Mutter gesagt: »Von heute an wird dein Auge mich nicht mehr schauen,
+obwohl ich ungesehen täglich um dich und deine Kinder sein werde. Das
+Wasser des Brunnens wird den Kindern mehr Gedeihen bringen als die beste
+Kost. Wenn die Zeit herankommt, daß deine Töchter heirathen, so mußt du
+einer Jeden den Rubel mitgeben, den ich zum Pathengeschenk brachte. So
+lange sie ledig sind, sollen sie keinen größeren Staat machen, als daß
+sie Alltags und Sonntags saubere Hemden und Tücher tragen.«
+
+Die Kinder wuchsen und gediehen, daß es eine Lust war anzusehen; Brot
+gab es im Hause zur Genüge, auch zuweilen dünne Zukost, doch am meisten
+wurden Eltern und Kinder offenbar durch das Brunnenwasser gestärkt. Die
+älteste Tochter wurde dann an einen wohlhabenden Wirthssohn
+verheirathet. Wiewohl sie ihm außer der nothdürftigsten Kleidung nichts
+zubrachte, so wurde doch ein Brautkasten gemacht und Kleider und
+Pathen-Rubel hineingelegt. Als die Männer den Kasten auf den Wagen
+hoben, fanden sie ihn so schwer, daß sie glaubten es seien Steine darin,
+denn der arme Käthner hatte doch seiner Tochter sonst nichts Werthvolles
+mitzugeben. Weit mehr aber war die junge Frau erstaunt, als sie im
+Hause des Bräutigam's den Kasten öffnete, und ihn mit Stücken Leinewand
+angefüllt und auf dem Grunde einen ledernen Beutel mit hundert
+Silberrubeln fand. Dasselbe wiederholte sich nachher bei jeder neuen
+Verheirathung; und die Töchter wurden bald alle weggeholt, als es
+bekannt geworden war, welch' einen Brautschatz eine jede mitbekam.
+
+Einer der Schwiegersöhne war aber sehr habsüchtig und mochte sich mit
+der Mitgift seiner Frau nicht zufrieden geben. Er dachte nämlich: die
+Eltern müssen wohl selbst noch vielen Reichthum besitzen, wenn sie schon
+jeder Tochter so viel mitgeben konnten. Er ging daher eines Tages zu
+seinem Schwiegervater und suchte ihm den Schatz abzuzwacken. Der Käthner
+sagte ganz der Wahrheit gemäß: »Ich habe Nichts hinter Leib und Seele,
+und auch meinen Töchtern konnte ich nichts weiter mitgeben als den
+Kasten. Was jede in ihrem Kasten gefunden hat, das rührt nicht von mir
+her, sondern war die Pathengabe der Taufmutter, welche jedem Kinde an
+seinem Tauftage einen Rubel schenkte. Diese Liebesgabe hat sich im
+Kasten vervielfältigt.« Der habsüchtige Schwiegersohn glaubte indessen
+den Worten des Schwiegervaters nicht, sondern drohte vor Gericht die
+Anklage zu erheben, daß der Alte ein Hexenmeister und ein Windbeschwörer
+sei, der mit Hülfe des Bösen einen großen Schatz zusammengebracht habe.
+Da der Käthner ein reines Gewissen hatte, so flößte ihm die Drohung
+seines Schwiegersohnes keine Furcht ein. Dieser aber klagte wirklich.
+Das Gericht ließ darauf die andern Schwiegersöhne des Käthners
+vorfordern und befragte sie, ob jeder von ihnen dieselbe Mitgift
+erhalten habe. Die Männer sagten aus, daß Jeder einen Kasten voll
+Leinewand und hundert Silberrubel erhalten habe. Das erregte große
+Verwunderung, denn die ganze Nachbarschaft wußte recht gut, daß der
+Käthner arm war und keinen andern Schatz hatte als zwölf hübsche
+Töchter. Daß diese Töchter von klein auf stets reine weiße Hemden
+getragen hatten, wußten die Leute wohl, aber Niemand hatte sonst einen
+Prunk an ihnen bemerkt, weder Brustspangen noch bunte Halstücher. Die
+Richter beschlossen jetzt, die wunderliche Sache näher zu untersuchen,
+um herauszubringen, ob der Alte wirklich ein Hexenmeister sei.
+
+Eines Tages verließen die Richter, von einer Häscherschaar begleitet,
+die Stadt. Sie wollten das Haus des Käthners mit Wachen umstellen, damit
+Niemand heraus und kein Schatz auf die Seite gebracht werden könne. Der
+habsüchtige Schwiegersohn machte den Führer. Als sie an den Wald
+gekommen waren, in welchem die Hütte des Käthners stand, wurden von
+allen Seiten Wachen aufgestellt, die keinen Menschen durchlasse sollten,
+bis die Sache aufgeklärt sei. Man ließ hier die Pferde zurück und schlug
+den Fußsteig zur Hütte ein. Der Schwiegersohn mahnte zu leisem Auftreten
+und zum Schweigen, damit der Hexenmeister nicht aufmerksam werde und
+sich auf Windesflügeln davon mache. Schon waren sie nahe bei der Hütte,
+als plötzlich ein wunderbarer Glanz sie blendete, der durch die Bäume
+drang. Als sie weiter gingen, wurde ein großes schönes Haus sichtbar; es
+war ganz von Glas und viele hundert Kerzen brannten darin, obgleich die
+Sonne schien und Helligkeit genug gab. Vor der Thür standen zwei Krieger
+Wache, die ganz in Erz gehüllt waren und lange bloße Schwerter in der
+Hand hielten. Die Gerichtsherrn wußten nicht, was sie denken sollten,
+Alles schien ihnen mehr Traum als Wirklichkeit zu sein. Da öffnete sich
+die Thür: ein schmucker Jüngling in seidenen Kleidern trat heraus und
+sagte: »Unsere Königin hat befohlen, daß der oberste Gerichtsherr vor
+ihr erscheine.« Obgleich dieser einige Furcht empfand, folgte er doch
+dem Jüngling in's Haus.
+
+Wer beschriebe die Pracht und Herrlichkeit, die sich vor seinen Augen
+aufthat. In der prächtigen Halle, welche die Größe einer Kirche hatte,
+saß auf einem Throne eine mit Seide, Sammet und Gold geschmückte Frau.
+Einige Fuß tiefer saßen auf kleineren goldenen Sesseln zwölf schöne
+Fräulein, ebenso prächtig geschmückt wie die Königin, nur daß sie keine
+goldene Krone trugen. Zu beiden Seiten standen zahlreiche Diener, alle
+in hellen seidenen Kleidern, mit goldenen Ketten um den Hals. Als der
+oberste Gerichtsherr unter Verbeugungen näher trat, fragte die Königin:
+»Weßhalb seid ihr heute mit einer Schaar von Häschern gekommen, als
+hättet ihr Uebelthäter einzufangen?« Der Gerichtsherr wollte antworten,
+aber der Schrecken band ihm die Zunge, so daß er kein Wörtchen
+vorbringen konnte. »Ich kenne die boshafte und lügnerische Anklage,«
+fuhr die Frau fort, »denn meinen Augen bleibt nichts verborgen. Lasset
+den falschen Kläger hereinkommen, aber legt ihm zuvor Hände und Füße in
+Ketten, dann will ich ihm Recht sprechen. Auch die übrigen Richter und
+die Diener sollen eintreten, damit die Sache offenkundig wird und sie
+bezeugen können, daß hier Niemanden Unrecht geschieht.« Einer ihrer
+Diener eilte hinaus, um den Befehl zu vollziehen. Nach einiger Zeit
+wurde der Kläger vorgeführt, an Händen und Füßen gefesselt und von sechs
+Geharnischten bewacht. Die anderen Gerichtsherren und deren Diener
+folgten. Dann begann die Königin also:
+
+»Bevor ich über das Unrecht die verdiente Strafe verhänge, muß ich euch
+kurz erklären, wie die Sache zusammenhängt. Ich bin die oberste
+Wasserbeherrscherin,[31] alle Wasseradern, welche aus der Erde quillen,
+stehen unter meiner Botmäßigkeit. Des Windkönigs ältester Sohn war mein
+Liebster, aber da sein Vater ihm nicht erlaubte eine Frau zu nehmen, so
+mußten wir unsere Ehe geheim halten, so lange der Vater lebte. Da ich
+nun meine Kinder nicht zu Hause aufziehen konnte, so vertauschte ich
+jedesmal, wenn des Käthners Frau niederkam, sein Kind gegen das meinige.
+Des Käthners Kinder aber wuchsen als Pfleglinge auf dem Hofe meiner
+Tante auf. Kam die Zeit, daß eine von den Töchtern des Käthners
+heirathen wollte, so wurde ein abermaliger Tausch vorgenommen. Jedesmal
+ließ ich die Nacht vor der Hochzeit meine Tochter wegholen und dafür
+des Käthners Kind hinbringen. Der alte Windkönig lag schon lange krank
+darnieder, so daß er von unserem Betruge nichts merkte. Am Tauftage
+schenkte ich jedem Kinde ein Rubelstück, welches die Mitgift im Kasten
+hecken sollte. Die Schwiegersöhne waren denn auch alle mit ihren jungen
+Frauen und dem, was sie mitbrachten, zufrieden, nur dieser habgierige
+Frevler, den ihr hier in Ketten seht, unterfing sich, falsche Klage
+gegen seinen Schwiegervater zu führen, in der Hoffnung sich dadurch zu
+bereichern. Vor zwei Wochen ist nun der alte Windkönig gestorben und
+mein Gemahl zur Herrschaft gelangt. Jetzt brauchen wir unsere Ehe und
+unsere Kinder nicht länger zu verheimlichen. Hier vor euch sitzen meine
+zwölf Töchter, deren Pflegeeltern, der Käthner und sein Weib, bis an
+ihren Tod bei mir das Gnadenbrot essen werden. Aber du verworfener
+Bösewicht, den ich habe fesseln lassen, sollst sogleich den verdienten
+Lohn erhalten. In deinen Ketten sollst du in einem Goldberge gefangen
+sitzen, damit deine gierigen Augen das Gold beständig sehen, ohne daß
+dir ein Körnchen davon zu Theil wird. Siebenhundert Jahre sollst du
+diese Qual erdulden, ehe der Tod Macht erhält dich zur Ruhe zu bringen.
+Das ist mein Richterspruch.«
+
+Als die Königin bis dahin gesprochen hatte, entstand ein Gekrach wie ein
+starker Donnerschlag, so daß die Erde bebte und die Richter sammt ihren
+Dienern betäubt niederfielen. Als sie wieder zu sich kamen, fanden sie
+sich zwar in dem Walde, zu welchem der Führer sie geleitet hatte, aber
+da, wo eben noch das gläserne Haus in aller Pracht gestanden hatte,
+sprudelte jetzt aus einer kleinen Quelle klares kaltes Wasser hervor.
+-- »Von dem Käthner, seiner Frau und dem habsüchtigen Schwiegersohne ist
+später nie mehr etwas vernommen worden; des letzteren Wittwe hatte im
+Herbst einen anderen Mann geheirathet, mit dem sie glücklich lebte bis
+an ihr Ende.
+
+[Fußnote 26: Hausgeister, welche ihren Herren Schätze zutragen. Sie
+werden als feurige Lufterscheinungen, als Drachen gedacht. S. _Kreutzwald_
+u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 81.]
+
+[Fußnote 27: Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ =p.= 105. _Kreutzwald_ u. _Neus_,
+Lieder, S. 84. 86. Nach ehstnischer Anschauung fahren im Wirbelwinde die
+Hexen umher. L.]
+
+[Fußnote 28: Auf die Nacht vom 23. zum 24. Juni fällt der ehstnische
+Hexen-Sabbat. L.]
+
+[Fußnote 29: Diesen bietet nach ehstn. Sitte der den Freier begleitende
+Brautwerber an. L.]
+
+[Fußnote 30: Ehstnisch =lähkre-kiwid= d. i. Steinchen, die man zur
+Reinigung des Milchgefäßes (Milchfäßchens), Legel, schwed. =tynnåla=,
+ehstn. =lähker= (sprich lächker) braucht. Man führt ein solches
+Milchfäßchen auf Reisen nebst dem Brotsack mit sich. L.]
+
+[Fußnote 31: Identisch mit der Wassermutter, =wete ema=. Weibliche
+Personificationen scheinen in der ehstnischen Mythologie, soweit sie
+erhalten und bekannt ist, vorzuherrschen. Es giebt eine Erdmutter, die
+aber auch Gemahlin des Donnergottes ist, eine Feuermutter, Windesmutter,
+Rasenmutter (s. die betr. Anm. zu Märchen 8 vom Schlaukopf) und in
+unserem Märchen 17 die Unterirdischen, tritt sogar eine Mutter des
+»Stüms,« des Schneegestöbers, auf. -- Eine Wetterjungfrau kennt der
+Kalewipoëg =X=, 889 als Tochter des Donnergottes (=Kõu=). Die Finnen haben
+eine »Windtochter.« L.]
+
+
+
+
+7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand.
+
+
+Einmal lebte ein armer Tagelöhner, der sich mit seiner Frau kümmerlich
+von einem Tage zum andern durchbrachte. Von drei Kindern war ihnen das
+jüngste, ein Sohn, geblieben, der neun Jahr alt war, als man erst den
+Vater und dann die Mutter begrub. Dem Knaben blieb nichts übrig, als vor
+den Thüren guter Menschen sein Brot zu suchen. Nach Jahresfrist gerieth
+er auf den Hof eines wohlhabenden Bauerwirths, wo man gerade einen
+Hüterknaben brauchte. Der Wirth war nicht eben böse, aber das Weib hatte
+die Hosen an und regierte im Hause wie ein böser Drache (»Schüreisen«).
+Wie es dem armen Waisenknaben da erging, läßt sich denken. Die Prügel,
+die er alle Tage bekam, wären dreimal mehr als genug gewesen, Brot aber
+wurde nie soviel gereicht, daß er satt geworden wäre. Da aber das
+Waisenkind nichts Besseres zu hoffen hatte, mußte es sein Elend
+ertragen. Zum Unglück verlor sich eines Tages eine Kuh von der Herde;
+wohl lief der Knabe bis Sonnenuntergang den Wald entlang, von einer
+Stelle zur andern, aber er fand die verlorene Kuh nicht wieder. Obwohl
+er wußte, was seinem Rücken zu Hause bevorstand, mußte er doch jetzt
+nach Sonnenuntergang die Herde zusammentreiben. Die Sonne war noch
+nicht lange unter dem Horizont, da hörte er schon der Wirthin Stimme:
+»Fauler Hund! wo bleibst du mit der Herde?« Da half kein Zaudern, nur
+rasch nach Hause unter den Stock. Zwar dämmerte es schon, als die Herde
+zur Pforte hereinkam, aber das scharfe Auge der Wirthin hatte sogleich
+entdeckt, daß eine Kuh fehle. Ohne ein Wort zu sagen, riß sie den
+nächsten Staken aus dem Zaun und begann damit den Rücken des Knaben zu
+bearbeiten, als wollte sie ihn zu Brei stampfen. In der Wuth hätte sie
+ihn auch zu Tode geprügelt oder ihn auf Zeit Lebens zum Krüppel gemacht,
+wenn der Wirth, der das Schreien und Schluchzen hörte, dem Armen nicht
+mitleidig zu Hülfe gekommen wäre. Da er die Gemüthsart des tückischen
+Weibes genau kannte, so wollte er sich nicht geradezu dazwischen legen,
+sondern suchte zu vermitteln. Er sagte halb in bittendem Tone: »Brich
+ihm lieber die Beine nicht entzwei, damit er doch die verlorene Kuh
+suchen kann. Davon werden wir mehr Nutzen haben, als wenn er umkommt.«
+»Wahr,« sagte die Wirthin, »das Aas kann auch die theure Kuh nicht
+ersetzen,« -- zählte ihm noch ein Paar tüchtige Hiebe auf und schickte
+ihn dann fort, die Kuh zu suchen. »Wenn du ohne die Kuh zurückkommst,«
+-- setzte sie drohend hinzu, --»so schlage ich dich todt.« Weinend und
+stöhnend ging der Knabe zur Pforte hinaus und geradeswegs in den Wald,
+wo er Tages mit der Herde gewesen war, suchte die ganze Nacht, fand aber
+nirgends eine Spur von der Kuh. Als am andern Morgen die Sonne sich aus
+dem Schoße der Morgenröthe erhoben hatte, war des Knaben Entschluß
+gefaßt. »Werde aus mir, was da wolle, nach Hause gehe ich nicht
+wieder.« Mit diesen Worten nahm er Reißaus und lief in einem Athem
+vorwärts, so daß er das Haus bald weit hinter sich hatte. Wie lange und
+wie weit er so gelaufen war, wußte er selber nicht, als ihm aber zulegt
+die Kraft ausging und er wie todt niederfiel, stand die Sonne fast schon
+in Mittagshöhe. Als er aus einem langen schweren Schlafe erwachte, kam
+es ihm vor, als ob er etwas Flüssiges im Munde gehabt habe, und er sah
+einen kleinen alten Mann mit langem grauen Barte vor sich stehen, der
+eben im Begriffe war, den Spund wieder auf den Lägel (Milchfäßchen) zu
+setzen. »Gieb mir noch zu trinken!« bat der Knabe. »Für heute hast du
+genug,« erwiederte der alte Vater, »wenn mein Weg mich nicht zufällig
+hierher geführt hätte, so wäre es sicher dein letzter Schlaf gewesen,
+denn als ich dich fand, warst du schon halb todt.« Dann befragte der
+Alte den Knaben, wer er wäre und wohin er wollte. Der Knabe erzählte
+Alles, was er erlebt hatte so lange er sich erinnern konnte, bis zu den
+Schlägen von gestern Abend. Schweigend und nachdenklich hatte der Alte
+die Erzählung angehört, und nachdem der Knabe schon eine Weile verstummt
+war, sagte jener ernsthaft: »Mein liebes Kind! dir ist es nicht besser
+noch schlimmer ergangen als so Manchen, deren liebe Pfleger und Tröster
+im Sarge unter der Erde ruhen. Zurückkehren kannst du nicht mehr. Da du
+einmal fortgegangen bist, so mußt du dir ein neues Glück in der Welt
+suchen. Da ich weder Haus noch Hof, weder Weib noch Kind habe, so kann
+ich auch nicht weiter für dich sorgen, aber einen guten Rath will ich
+dir umsonst geben. Schlafe diese Nacht hier ruhig aus; wenn morgen die
+Sonne aufgeht, so merke dir genau die Stelle, wo sie emporstieg. In
+dieser Richtung mußt du wandern, so daß dir die Sonne jeden Morgen in's
+Gesicht und jeden Abend in den Nacken scheint. Deine Kraft wird von Tage
+zu Tage wachsen. Nach sieben Jahren wird ein mächtiger Berg vor dir
+stehen, der so hoch ist, daß sein Gipfel bis an die Wolken reicht. Dort
+wird dein künftiges Glück blühen. Nimm meinen Brotsack und mein Fäßchen,
+du wirst darin täglich soviel Speise und Trank finden, als du bedarfst.
+Aber hüte dich davor, jemals ein Krümchen Brot oder ein Tröpfchen vom
+Trank unnütz zu vergeuden, sonst könnte deine Nahrungsquelle leicht
+versiegen. Einem hungrigen Vogel und einem durstigen Thiere darfst du
+reichlich geben: Gott sieht es gern, wenn ein Geschöpf dem andern Gutes
+thut. Auf dem Grunde des Brotsacks wirst du ein zusammengerolltes
+Klettenblatt finden; das mußt du sehr sorgfältig in Acht nehmen. Wenn du
+auf deinem Wege an einen Fluß oder einen See kommst, so breite das
+Klettenblatt auf dem Wasser aus, es wird sich sofort in einen Nachen
+verwandeln und dich über die Flut tragen. Dann wickele das Blatt wieder
+zusammen und stecke es in deinen Brotsack.« Nach dieser Unterweisung gab
+er dem Knaben Sack und Fäßchen und rief: »Gott befohlen!« Im nächsten
+Augenblick war er den Augen des Knaben entschwunden.
+
+Der Knabe hätte Alles für einen Traum gehalten, wenn nicht Sack und
+Fäßchen in seiner Hand die Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt hätten.
+Er ging jetzt daran, den Brotsack zu prüfen und fand darin: ein halbes
+Brot, ein Schächtelchen voll gesalzener Strömlinge, ein anderes mit
+Butter und dazu noch ein hübsches Stückchen Speckschwarte. Als der Knabe
+sich satt gegessen hatte, legte er sich schlafen, Sack und Fäßchen unter
+dem Kopfe, damit kein Dieb sie wegnehmen könne. Den andern Morgen wachte
+er mit der Sonne auf, stärkte seinen Körper durch Speise und Trank und
+machte sich dann auf die Wanderung. Wunderbarer Weise fühlte er gar
+keine Müdigkeit in seinen Beinen; erst der leere Magen mahnte ihn daran,
+daß die Mittagszeit gekommen war. Er sättigte sich mit der guten Kost,
+that ein Schläfchen und wanderte weiter. Daß er den rechten Weg
+eingeschlagen hatte, sagte ihm die untergehende Sonne, die ihm gerade im
+Nacken stand. So war er viele Tage in derselben Richtung vorwärts
+gegangen, als er einen kleinen See vor sich erblickte. Hier konnte er
+die Kraft seines Klettenblattes prüfen. Wie es der alte Mann
+vorausgesagt hatte, so geschah es: ein kleines Boot mit Rudern lag vor
+ihm auf dem Wasser. Er stieg ein, und einige tüchtige Ruderschläge
+führten ihn an's andere Ufer. Dort verwandelte sich das Boot wieder in
+ein Klettenblatt, und dieses ward in den Sack gesteckt.[32]
+
+So war der Knabe schon manches Jahr gewandert, ohne daß die Nahrung im
+Brotsack und im Fäßchen abgenommen hätte. Sieben Jahre konnten recht gut
+verstrichen sein, denn er war zu einem kräftigen Jüngling
+herangewachsen; da sah er eines Tages von weitem einen hohen Berg, der
+bis in die Wolken hinein zu ragen schien. Es verging aber noch eine
+Woche, ehe er den Berg erreichte. Dann setzte er sich am Fuße des
+Berges nieder, um auszuruhen und zu sehen, ob die Prophezeiungen des
+alten Mannes in Erfüllung gehen würden. Er hatte noch nicht lange
+gesessen, als ein eigentümliches Zischen sein Ohr berührte: gleich
+darauf wurde eine große Schlange sichtbar, welche mindestens zwölf
+Klafter lang war und sich dicht bei dem jungen Manne vorbeiwand.
+Schrecken lähmte seine Glieder, so daß er nicht fliehen konnte; aber im
+Nu war auch die Schlange vorüber. Dann blieb ein Weilchen Alles still.
+Darauf schien es ihm, als käme aus der Ferne ein schwerer Körper in
+einzelnen Sätzen herangehüpft. Es war eine große Kröte, so groß wie ein
+zweijähriges Füllen. Auch dieses häßliche Geschöpf zog an dem Jüngling
+vorüber, ohne ihn gewahr zu werden. Sodann vernahm er in der Höhe ein
+starkes Rauschen, als wenn ein schweres Gewitter sich erhebe. Als er
+hinauf sah, flog hoch über seinem Haupte ein großer Adler in derselben
+Richtung, welche vorher die Schlange und die Kröte genommen hatten. »Das
+sind wunderbare Dinge, die mir Glück bringen sollen!« dachte der
+Jüngling. Da sieht er plötzlich einen Mann auf einem schwarzen Pferde
+auf sich zu kommen. Das Pferd schien Flügel an den Füßen zu haben, denn
+es flog mit Windesschnelle. Als der Mann den Jüngling am Berge sitzen
+sah, hielt er sein Pferd an und fragte, »Wer ist hier vorübergekommen?«
+Der Jüngling erwiederte: »Erstens eine große Schlange, wohl zwölf
+Klafter lang, dann eine große Kröte von der Größe eines zweijährigen
+Füllens und endlich ein großer Adler hoch über meinem Kopfe. Wie groß er
+war, konnte ich nicht abschätzen, aber sein Flügelschlag rauschte wie
+ein Gewitter daher.« -- »Du hast recht gesehen,« sagte der Fremde, »es
+sind meine schlimmsten Feinde, und ich jage ihnen jetzt eben nach. Dich
+könnte ich in meinem Dienste brauchen, wenn du nichts Besseres vor hast.
+Klettere über den Berg, so kommst du gerade in mein Haus. Ich werde dort
+mit dir zugleich anlangen, wenn nicht noch früher.« -- Der junge Mann
+versprach zu kommen, worauf der Fremde wie der Wind davon ritt.
+
+Es war nicht leicht, den Berg zu erklimmen. Unser Wanderer brauchte drei
+Tage, ehe er den Gipfel erreichte, und dann wieder drei Tage, ehe er auf
+der andern Seite an den Fuß des Berges gelangte. Der Wirth stand schon
+vor seinem Hause und erzählte, daß er Schlange und Kröte glücklich
+erschlagen habe, des Adlers aber nicht habhaft geworden sei. Dann fragte
+er den jungen Mann, ob er Lust habe, als Knecht bei ihm einzutreten.
+»Gutes Essen bekommst du täglich, soviel du willst, und auch mit dem
+Lohne will ich nicht geizen, wenn du dein Amt getreulich verwaltest.«
+Der Vertrag wurde abgeschlossen und der Wirth führte den neuen Knecht im
+Hause umher, und zeigte ihm, was er zu thun habe. Es war dort ein Keller
+im Felsen angebracht und durch dreifache Eisenthüren verschlossen. »In
+diesem Keller sind meine bösen Hunde angekettet,« sagte der Wirth, »du
+mußt dafür sorgen, daß sie sich nicht unterhalb der Thür mit den Pfoten
+herausgraben. Denn wisse: wenn auch nur einer dieser Hunde frei würde,
+so wäre es nicht mehr möglich, die beiden anderen fest zu halten,
+sondern sie würden nacheinander dem Führer folgen und alles Lebendige
+auf Erden vertilgen. Wenn endlich der letzte Hund ausbräche, so wäre
+das Ende der Welt da, und die Sonne hätte zum letzten Male geschienen.«
+Darauf führte er den Knecht an einen Berg, den Gott nicht geschaffen
+hatte, sondern der von Menschenhänden aus mächtigen Felsblöcken
+aufgethürmt war. »Diese Steine« -- sagte der Wirth -- »sind deßwegen
+zusammengetragen, damit immer wieder ein neuer Stein hingewälzt werden
+kann, so oft die Hunde ein Loch ausgraben. Die Ochsen, welche den Stein
+führen sollen, will ich dir im Stalle zeigen, und dir auch alles Uebrige
+mittheilen, was du dabei zu beobachten hast.«
+
+Im Stalle fanden sie an hundert schwarze Ochsen, deren jeder sieben
+Hörner hatte; sie waren reichlich zwei Mal so groß wie die größesten
+Ukrainer Ochsen. »Sechs Paar Ochsen vor die Steinfuhre gespannt, führen
+einen Stein mit Leichtigkeit weg. Ich werde dir eine Brechstange geben,
+wenn du den Stein damit berührst, rollt er von selbst auf den Wagen. Du
+siehst, deine Arbeit ist so mühsam nicht, desto größer muß deine
+Wachsamkeit sein. Drei Mal bei Tage und ein Mal bei Nacht mußt du nach
+der Thür sehen, damit kein Unglück geschieht, der Schade könnte sonst
+größer sein, als du vor mir verantworten könntest.«
+
+Bald hatte unser Freund Alles begriffen und sein neues Amt war ganz nach
+seinem Sinne: alle Tage das beste Essen und Trinken, wie es ein Mensch
+nur begehren konnte. Nach zwei bis drei Monaten hatten die Hunde ein
+Loch unter der Thür gekratzt, groß genug, um die Schnauze
+durchzustecken, aber sogleich wurde ein Stein davor gestemmt, und die
+Hunde mußten ihre Arbeit von neuem beginnen.
+
+So waren viele Jahre verstrichen und unser Knecht hatte sich ein
+hübsches Stück Geld gesammelt. Da erwachte in ihm das Verlangen, ein Mal
+wieder unter andere Menschen zu kommen; er hatte so lange in kein
+anderes Menschenantlitz gesehen, als in das seines Herrn. War der Herr
+auch gut, so wurde dem Knecht doch die Zeit entsetzlich lang, zumal wenn
+den Herrn die Lust anwandelte, einen langen Schlaf zu halten. Dann
+schlief er immer sieben Wochen lang ohne Unterbrechung und ohne sich
+sehen zu lassen.
+
+Wieder war einmal eine solche Schlaflaune über den Wirth gekommen, als
+eines Tages ein großer Adler sich auf dem Berge niederließ und so zu
+sprechen anhub: »Bist du nicht ein großer Thor, daß du dein schönes
+Leben für gute Kost hinopferst? Dein zusammengespartes Geld nützt dir
+nichts, denn es sind ja keine Menschen hier, die es brauchen. Nimm des
+Wirthes windschnelles Roß aus dem Stalle, binde ihm deinen Geldsack um
+den Hals, setze dich auf und reite in der Richtung fort, wo die Sonne
+untergeht, so kommst du nach wenig Wochen wieder unter Menschen. Du mußt
+aber das Pferd an einer eisernen Kette fest binden, damit es nicht davon
+laufen kann, sonst kehrt es zu seiner gewohnten Stätte zurück und der
+Wirth kann kommen, um dich anzufechten. Wenn er aber das Pferd nicht
+hat, so kann er nicht von der Stelle.« »Wer soll denn hier die Hunde
+bewachen, wenn ich weggehe, während der Wirth schläft?« fragte der
+Knecht. »Ein Thor bist du, und ein Thor bleibst du!« erwiederte der
+Adler. »Hast du denn noch nicht begriffen, daß der liebe Gott ihn dazu
+geschaffen hat, daß er die Höllenhunde bewache? Es ist reine Faulheit,
+daß er sieben Wochen schläft. Wenn er keinen fremden Knecht mehr hat, so
+wird er sich aufraffen und seines Amtes selber warten.«
+
+Der Rath gefiel dem Knechte sehr. Er that, wie der Adler gesagt hatte,
+nahm das Pferd, band ihm den Geldsack um, setzte sich auf und ritt
+davon. Noch war er nicht gar weit vom Berge, als er schon hinter sich
+den Wirth rufen hörte: »Halt an! Halt an! Geh' in Gottes Namen mit
+deinem Gelde, aber laß mir mein Pferd.« Der Knecht hörte nicht darauf,
+sondern ritt immer weiter, bis er nach einigen Wochen wieder zu
+sterblichen Menschen kam. Dort baute er sich ein hübsches Haus, freite
+ein junges Weib, und lebte glücklich als reicher Mann. Wenn er nicht
+gestorben ist, so muß er noch heute leben; aber das windschnelle Roß ist
+schon längst verschieden.
+
+[Fußnote 32: Vergleiche das »See spielen« im Märchen 4 vom Tontlawald,
+und das Märchen 11, Der Zwerge Streit. L.]
+
+
+
+
+8. Schlaukopf.[33]
+
+
+In den Tagen des Kalew-Sohnes lebte im Kungla-Lande[34] ein sehr reicher
+König, der seinen Unterthanen alle sieben Jahre in der Mitte des Sommers
+ein großes Gelage gab, das jedesmal zwei, auch drei Wochen
+hintereinander dauerte. Das Jahr eines solchen Festes war wieder
+herangekommen und man erwartete den Beginn desselben binnen einigen
+Monaten; aber die Leute schienen dies Mal noch unsicher in ihren
+Hoffnungen, weil ihnen nämlich schon zwei Mal, vor vierzehn und vor
+sieben Jahren, die erwartete Freude zu Wasser geworden war. Von Seiten
+des Königs war beide Male hinlänglich für die nöthigen Vorräthe gesorgt
+worden, aber keines Menschen Zunge war dazu gekommen, sie zu kosten.
+Wohl schien die Sache wunderbar und unglaublich, aber es fanden sich
+aller Orten viele Menschen, welche die Wahrheit derselben als
+Augenzeugen bekräftigten. Beide Male, -- so wurde erzählt -- als die
+Gäste der hergerichteten Speisen und Getränke warteten, war ein
+unbekannter fremder Mann zum Oberkoch gekommen und hatte ihn gebeten,
+von Speise und Trank ein paar Mundvoll kosten zu dürfen; aber das bloße
+Eintunken des Löffels in den Suppenkessel und das Heben der Bierkanne
+zum Munde hatte hingereicht, um mit wunderbarer Gewalt alle
+Vorrathskammern, Schaffereien und Keller leer zu machen, so daß auch
+kein Körnchen und kein Tröpfchen übrig blieb.[35] Köche und Küchenjungen
+hatten alle den Vorfall gesehen und beschworen; gleichwohl war des
+Volkes Zorn über die zerstörte Festfreude so groß, daß der König, um die
+Leute zu besänftigen, vor sieben Jahren den Oberkoch hatte aufhängen
+lassen, weil er dem Fremden die verlangte Erlaubnis gegeben hatte. Damit
+nun jetzt nicht abermals ein solches Aergerniß entstünde, war von Seiten
+des Königs demjenigen, der die Herstellung des Festes übernähme, eine
+reiche Belohnung zugesichert worden: und als gleichwohl Niemand die
+Verantwortlichkeit auf sich nehmen wollte, versprach der König endlich
+dem Uebernehmer seine jüngste Tochter zur Gemahlin; wenn aber die Sache
+unglücklich ausfiele, sollte er mit seinem Leben für den Schaden büßen.
+
+An der Grenze des Reichs, weit von der Königsstadt, wohnte ein
+wohlhabender Bauer mit drei Söhnen, von denen der jüngste schon von
+klein auf einen scharfen Verstand zeigte, weil die Rasenmutter[36] ihn
+aufgezogen und ihn gar oft heimlich an ihrer Brust gesäugt hatte. Der
+Vater nannte diesen Sohn deshalb _Schlaukopf_. Er pflegte zu seinen Söhnen
+zu sagen: »Ihr, die beiden älteren Brüder, müsset durch Körperkraft und
+Händearbeit euch das tägliche Brod verdienen; du, kleiner Schlaukopf,
+kannst durch deinen Verstand in der Welt fortkommen und dich einmal über
+deine Brüder emporschwingen.« -- Vor seinem Tode teilte er Aecker und
+Wiesen zu gleichen Theilen unter seine beiden älteren Söhne. Dem
+jüngsten gab er so viel Reisegeld, daß er in die weite Welt gehen
+konnte, um sein Glück zu versuchen. Noch war des Vaters Leiche auf dem
+Tische nicht kalt geworden, als auch die älteren Brüder ihrem jüngsten
+Alles bis auf den letzten Kopeken wegnahmen, dann warfen sie ihn zur
+Thür hinaus und riefen ihm höhnisch nach: »Du schlauer Kopf sollst dich
+über uns erheben und blos durch deinen Verstand in der Welt fortkommen,
+drum könnte das Geld dir lästig sein!«
+
+Der jüngste Bruder schlug sich die Mißgunst seiner beiden Brüder aus dem
+Sinne und machte sich sorglos auf den Weg. »Gott giebt wohl schon
+Glück!« den Spruch hatte er sich zum Trost und Begleiter aus dem
+Vaterhause mitgenommen; er pfiff die trüben Gedanken fort und ging
+leichten Schrittes weiter. Als er anfing Hunger zu verspüren, traf er
+zufällig mit zwei reisenden Handwerksgesellen zusammen. Sein angenehmes
+Wesen und seine Scherzreden gefielen den Gesellen, sie gaben ihm, als
+Rast gehalten wurde, von ihrer Kost ab, und so brachte Schlaukopf den
+ersten Tag glücklich zu Ende. Er trennte sich vor Abend von den Gesellen
+und ging vergnügt fürbaß, denn das Gefühl der Sättigung ließ keine Sorge
+für den nächsten Tag aufkommen. Ein Nachtlager bot sich ihm überall, wo
+der grüne Rasen die Diele unter ihm und der blaue Himmel das Dach über
+ihm bildete; ein Stein unter dem Haupte diente als weiches Schlafkissen.
+Am folgenden Tage kam er Vormittags an ein einsames Gehöft. Vor der Thür
+saß eine junge Frau und weinte kläglich. Schlaukopf fragte, was sie so
+sehr bekümmere, und erfuhr Folgendes: »Ich habe einen schlimmen Mann,
+der mich alle Tage schlägt, wenn ich seine tollen Launen nicht
+befriedigen kann. Heute befahl er mir, ihm zur Nacht einen Fisch zu
+kochen, der kein Fisch sein dürfe, und der wohl Augen, aber nicht am
+Kopfe habe. Wo auf der Welt soll ich ein solches Thier finden?« --
+»Weine nicht, junges Weibchen« -- tröstete sie Schlaukopf: »dein Mann
+will einen Krebs, der zwar im Wasser lebt, aber kein Fisch ist, und der
+auch Augen hat, aber nicht im Kopfe.«[37] Die Frau dankte für die gute
+Belehrung, gab ihm zu essen und noch einen Brotsack mit auf die Reise,
+von dem er manchen Tag leben konnte. Da ihm nun diese unvermuthete Hülfe
+geworden war, beschloß er sogleich in die Königsstadt zu gehen, wo
+Klugheit am Meisten werth sein müsse, und wo er sicher sein Glück zu
+finden hoffte.
+
+Ueberall, wohin er kam, hörte er von nichts Anderem sprechen, als von
+dem Sommerfeste des Königs. Als er erfuhr, was für ein Lohn demjenigen
+verheißen war, der das Fest herstellen werde, ging er mit sich zu Rathe,
+ob es nicht möglich sei, die Sache zu übernehmen. Gelingt es -- so
+sprach er zu sich selbst -- so bin ich mit einem Male auf dem Wege zum
+Glücke. Was sollte ich wohl fürchten? Im allerschlimmsten Falle würde
+ich mein Leben verlieren, allein sterben müssen wir doch einmal, sei es
+früher oder später. Wenn ich's beim rechten Ende anfange, warum sollte
+es nicht gehen? Vielleicht habe ich mehr Glück als die Andern. Und gäbe
+mir dann auch der König seine Tochter nicht, so muß er mir doch den
+versprochenen Lohn an Gelde auszahlen, der mich zum reichen Manne macht.
+Unter diesen Gedanken schritt er vorwärts, sang und pfiff wie eine
+Lerche, ruhte zuweilen im Schatten eines Busches von des Tages Hitze
+aus, schlief die Nacht unter einem Baume oder im Freien, und langte
+glücklich an einem Abend in der Königsstadt an, nachdem er am Morgen
+seinen Brotsack bis auf den Grund geleert hatte. Am folgenden Tage erbat
+er sich Zutritt zum Könige. Dieser sah, daß er es mit einem gescheuten
+und unternehmenden Menschen zu thun hatte und so wurde man leicht
+Handels einig. Dann fragte der König: »Wie heißt du?« Der Mann von Kopf
+erwiederte: »Mein Taufname ist Nikodemus, aber zu Hause wurde ich immer
+_Schlaukopf_ genannt, um anzudeuten, daß ich nicht auf den Kopf gefallen
+bin.« »Ich will dir diesen Namen lassen,« -- sagte der König, -- »denn
+dein Kopf muß mir für allen Schaden einstehen, wenn die Sache schief
+geht!«
+
+_Schlaukopf_ bat sich vom Könige siebenhundert Arbeiter aus und machte
+sich ungesäumt an die Vorbereitungen zum Feste. Er ließ zwanzig große
+Riegen[38] aufführen, die nach Art gutsherrlicher Viehställe im Viereck
+zu stehen kamen, so daß ein weiter Hofraum in der Mitte blieb, zu
+welchem eine einzige große Pforte hineinführte. In den heizbaren Räumen
+ließ er große Kochgrapen und Kessel einmauern, und die Oefen mit
+Eisenrosten versehen, um darauf Fleisch, Blutklöße und Würste zu braten.
+Andere Riegen wurden mit Kesseln und großen Kufen zum Bierbrauen
+versehen, so daß oben die Kessel, unten die Kufen standen. Noch andere
+Häuser ohne Feuerstellen wurden aufgeführt, um zu Schaffereien für kalte
+Speisen zu dienen, die eine um Schwarzbrot, die andere um Hefenbrot[39],
+die dritte um Weißbrot u. s. w. aufzubewahren. Alle nöthigen Vorräthe,
+wie Mehl, Grütze, Fleisch, Salz, Fett. Butter u. dgl. wurden auf dem
+Hofraum aufgestapelt, und dann wurden funfzig Soldaten als Wache vor die
+Pforte gestellt, damit kein Diebesfinger etwas antasten könnte. Der
+König besichtigte alle Tage die Zurüstungen und rühmte _Schlaukopfs_
+Geschick und Klugheit. Außer dem wurden noch einige Dutzend Backöfen im
+Freien erbaut, und vor jedem Ofen eine eigene Abtheilung Wachtsoldaten
+aufgestellt. Für das Fest wurden geschlachtet tausend Mastochsen,
+zweihundert Kälber, fünfhundert Schweine und Ferkel, zehntausend Schafe
+und noch viel anderes Kleinvieh, das herdenweise von allen Seiten
+zusammengetrieben wurde. Auf den Flüssen sah man Kähne und Böte, auf den
+Landstraßen Frachtwagen unaufhörlich Proviant zuführen, und zwar waren
+die Fuhren nun schon seit Wochen in Bewegung. An Bier allein wurden
+siebentausend Ahm gebraut. Wiewohl die siebenhundert Gehülfen von früh
+bis spät arbeiteten, und ab und zu auch noch Tagelöhner angenommen
+wurden, so lastete doch die meiste Sorge und Mühe auf _Schlaukopf_, weil
+seine Einsicht die Andern in allen Stücken leiten mußte. Den Köchen,
+Bäckern und Brauern hatte er aufs strengste eingeschärft, nicht
+zuzulassen, daß ein fremder Mund von den Speisen und Getränken koste;
+wer gegen diesen Befehl handle, dem war der Galgen angedroht. Sollte
+sich aber irgendwo so ein naschhafter Fremder zeigen, so müsse derselbe
+augenblicklich vor den obersten Anordner des Festes gebracht werden.
+
+Am Morgen des ersten Festtages erhielt _Schlaukopf_ Nachricht, daß ein
+unbekannter alter Mann in eine Küche gekommen sei und den Koch um
+Erlaubniß gebeten habe, aus dem Suppengrapen mit dem Schöpflöffel ein
+wenig zu kosten, was ihm der Koch nun also auf eigene Hand nicht
+gestatten durfte. _Schlaukopf_ befahl, den Fremden vorzuführen, und bald
+erschien ein kleiner alter Mann mit grauen Haaren, welcher demüthig um
+Erlaubniß bat, die Festspeisen und das Getränk schmecken zu dürfen.
+_Schlaukopf_ hieß ihn in eine der Küchen mitkommen, dort wolle er, wenn es
+möglich sei, den ausgesprochenen Wunsch erfüllen. Während sie gingen,
+sah er scharf hin, ob an dem Alten nicht irgend etwas Absonderliches zu
+entdecken sei. Da erblickte er einen glänzenden goldenen Ring an dem
+Ringfinger der linken Hand des Alten. Als sie in die Küche getreten
+waren, fragte _Schlaukopf_: »Was für ein Pfand kannst du mir geben, daß
+kein Schaden entsteht, wenn ich dich die Speise kosten lasse?« »Gnädiger
+Herr,« -- erwiederte der Fremde -- »ich habe dir nichts zum Pfande zu
+geben.« _Schlaukopf_ zeigte auf den schönen goldenen Ring und verlangte
+ihn zum Pfande.[40] Dagegen sträubte sich der alte Schelm, indem er
+versicherte, der Ring sei ein Andenken seiner verstorbenen Frau und er
+dürfe ihn einem Gelübde zufolge niemals aus der Hand geben, weil sonst
+Unglück kommen könnte. »Dann ist es mir auch nicht möglich, dein
+Verlangen zu erfüllen,« sagte _Schlaukopf_ -- »ohne Pfand kann ich
+Niemanden weder Festes noch Flüssiges schmecken lassen.« Den Alten
+stachelte die Lüsternheit so sehr, daß er endlich seinen Ring zum Pfande
+gab. Als er jetzt den Löffel in den Kessel tunken wollte, versetzte ihm
+_Schlaukopf_ von hinten mit dem Rücken eines Beiles einen so gewaltigen
+Schlag auf den Kopf, daß der stärkste Mastochse davon umgefallen wäre,
+aber der alte Schelm sank nicht, sondern taumelte nur ein Bischen.
+_Schlaukopf_ packte ihn jetzt mit beiden Händen am Barte und ließ starke
+Stricke bringen, mit denen dem Alten Hände und Füße festgebunden wurden,
+worauf er bei den Beinen an einem Balken in die Höhe gezogen wurde.
+_Schlaukopf_ rief ihm spottend zu: »Da warte nun, bis die Festtage
+vorüber sind, dann wollen wir weiter miteinander abrechnen. Der Ring, in
+welchem deine Kraft steckt, bleibt mir inzwischen als Pfand.« Der Alte
+mußte sich wohl oder übel zufrieden geben; er konnte, gefesselt wie er
+war, nicht Hand noch Fuß bewegen.
+
+Jetzt begann das Gelage, zu welchem die Leute zu Tausenden von allen
+Seiten herbeigeströmt waren. Obwohl die Gasterei volle drei Wochen
+dauerte, so mangelte es doch weder an Speise noch an Trank, vielmehr
+blieb von Allem noch ein gut Theil übrig.
+
+Das Volk war voll Dank und Preis für den König und den Hersteller des
+Festes. Als der König diesem den bedungenen Lohn ausbezahlen wollte,
+sagte _Schlaukopf_: »Ich habe noch mit dem Fremden ein kleines Geschäft
+abzumachen, ehe ich meinen Lohn in Empfang nehme.« Dann nahm er sieben
+starke Männer mit sich, die er mit tüchtigen Knütteln versorgen ließ,
+und führte sie dahin, wo er den Alten vor drei Wochen an einen Balken
+aufgehängt hatte. »Ihr Männer! Fasset die Knüttel fest in die Faust und
+verarbeitet mir den Alten, daß er dieses Bad und unser Gastgebot in
+seinem Leben nicht vergesse!« -- Die Männer begannen nun alle sieben den
+Alten greulich durchzugerben, so daß sie ihm fast das Leben genommen
+hätten; aber von ihren harten Schlägen riß endlich der Strick. Das
+Männlein fiel herunter und verschwand im Nu unter der Erde, hinterließ
+aber eine breite Oeffnung. Schlaukopf sagte: »Ich habe ein Pfand, mit
+welchem ich ihm folgen muß. Bringet dem Könige viele tausend Grüße und
+saget ihm, er möge, wenn ich nicht zurück kommen sollte, meinen Lohn
+unter die Armen vertheilen.«
+
+Er kroch nun durch dasselbe Schlupfloch, durch welches der Alte
+verschwunden war, in die Tiefe. Anfangs fand er den Weg sehr eng, aber
+einige Klafter tiefer wurde er viel breiter, so daß man leicht vorwärts
+kommen konnte. Eingehauene Stufen bewahrten den Fuß davor, daß er trotz
+der Finsterniß nicht glitt. _Schlaukopf_ war eine Weile gegangen, als er
+an eine Thür kam. Er lugte durch eine kleine Oeffnung und sah drei junge
+Mädchen sitzen und den ihm wohlbekannten Alten, dessen Kopf dem einen
+der Mädchen im Schooße lag. Das Mädchen sagte: »Wenn ich noch ein Paar
+Mal die Beule mit der Klinge presse, so vergeht Geschwulst und Schmerz.«
+_Schlaukopf_ dachte, das ist gewiß die Stelle, die ich vor drei Wochen mit
+dem Rücken des Beils gezeichnet habe. Er nahm sich vor, so lange hinter
+der Thür zu warten, bis der Hausherr sich schlafen gelegt habe und das
+Feuer ausgelöscht sei. Der Alte bat: »Helft mir in die Kammer, daß ich
+mich zu Bette lege, mein Körper ist ganz aus den Gelenken, ich kann
+nicht Hand noch Fuß regen.« Darauf wurde er in die Schlafkammer geführt.
+Während der Dämmerung, als die Mädchen das Gemach verlassen hatten,
+schlich _Schlaukopf_ herein und fand ein Versteck hinter dem
+Biertönnchen.[41]
+
+Die Mädchen kamen bald zurück und sprachen leise miteinander, um den
+alten Papa nicht aufzuwecken. »Die Kopfbeule hätte nichts zu sagen,«
+meinte die eine, -- »und der verrenkte Körper würde sich auch schon
+wieder herstellen, aber der verlorene Kraftring ist ein unersetzlicher
+Schade, und der quält den Alten wohl mehr als sein körperlicher
+Schmerz.« Als man später den Alten schnarchen hörte, trat _Schlaukopf_ aus
+seinem Versteck hervor und befreundete sich mit den Mädchen. Anfangs
+sahen diese wohl erschrocken drein, aber der verschlagene Jüngling wußte
+ihre Furcht zu beschwichtigen, so daß sie ihn zur Nacht da bleiben
+ließen. Er hatte von den Mädchen herausgebracht, daß der Alte zwei ganz
+besondere Dinge besitze, ein berühmtes Schwert und eine Gerte vom
+Ebereschenbaum,[42] und er gedachte beides mit zu nehmen. Die Gerte
+schuf auf dem Meere eine Brücke vor ihrem Besitzer her, und mit dem
+Schwerte ließ sich das zahlreichste Heer vernichten. Den folgenden Abend
+hatte sich _Schlaukopf_ richtig des Schwertes und der Gerte bemächtigt,
+und war vor Tagesanbruch mit Hülfe des jüngsten Mädchens entkommen. Aber
+vor der Thür fand er das alte Schlupfloch nicht mehr, sondern einen
+großen Hofplatz und weiterhin wogte das Meer hinter der Koppel.
+
+Unter den Mädchen hatte sich nach seinem Scheiden ein Wortwechsel
+erhoben, der so heftig wurde, daß der Alte von dem Lärm erwachte. Aus
+ihrem Zanke wurde ihm klar, daß ein Fremder hier verkehrt hatte, er
+stand zornig auf und fand Schwert und Gerte entwendet. »Mein bester
+Schatz ist mir geraubt!« brüllte er, vergaß allen Körperschmerz und
+stürmte hinaus. _Schlaukopf_ saß noch immer am Meeresufer und sann
+darüber, ob er die Kraft der Gerte erproben oder sich einen trockenen
+Weg suchen solle. Plötzlich hört er hinter sich ein Sausen wie von einer
+Windsbraut. Als er sich umsieht, erblickt er den Alten, der wie toll
+gerade auf ihn los rennt. Er springt auf und hat eben noch Zeit, mit der
+Gerte auf die Wellen zu schlagen und zu rufen: »Brücke vorn, Wasser
+hinten!«[43] Kaum hat er das Wort gesprochen, so befindet er sich auf
+einer Brücke im Meere, schon eine Strecke vom Ufer entfernt.
+
+Der Alte kommt ächzend und keuchend an's Ufer und bleibt stehen, als er
+den Dieb auf der Brücke über dem Meere sieht. Schnaufend ruft er:[44]
+»Nikodemus, Söhnchen! wo willst du hin?« -- »Nach Hause, Papachen!« war
+die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! du hast mir mit dem Beil auf den Kopf
+geschlagen und mich bei den Beinen am Balken ausgehängt?« -- »Ja,
+Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du mich von sieben Mann
+durchprügeln lassen und meinen goldenen Ring geraubt?« -- »Ja,
+Papachen!« »Nikodemus, Söhnchen! hast du dich mit meinen Töchtern
+befreundet?« -- »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du das
+Schwert und die Gerte gestohlen?« -- »Ja, Papachen.« »Nikodemus,
+Söhnchen! willst du zurück kommen?« -- »Ja, Papachen!« gab _Schlaukopf_
+wieder zur Antwort. Inzwischen war er auf der Brücke so weit gekommen,
+daß er des Alten Rede nicht mehr hören konnte. Als er über das Meer
+hinübergelangt war, erfragte er den nächsten Weg zur Stadt des Königs
+und eilte dahin, um seinen Lohn zu fordern.
+
+Aber siehe da! er fand hier Alles ganz anders als er gehofft hatte.
+Seine Brüder standen beide im Dienste des Königs, der eine als Kutscher,
+der andere als Kammerdiener. Beide lebten gar lustig: sie waren reiche
+Leute. Als Schlaukopf sich vom Könige seinen Lohn ausbat, sagte dieser:
+»Ich hatte dich ein ganzes Jahr lang erwartet, da aber nichts von dir zu
+hören noch zu sehen war, so hielt ich dich für todt, und wollte deinen
+Lohn unter die Armen vertheilen lassen nach deinem Geheiß. Da kamen aber
+eines Tages deine älteren Brüder, um diesen Lohn zu erben. Ich übergab
+die Sache dem Gericht, welches ihnen den Lohn zuerkannte, wie sich's
+auch gebührte, weil man glaubte, du seiest nicht mehr am Leben. Später
+traten deine Brüder in meinen Dienst, und stehen noch darin.« Als
+_Schlaukopf_ diese Rede des Königs hörte, glaubte er zu träumen, denn
+seines Bedünkens war er nicht länger als zwei Nächte in der
+unterirdischen Behausung des Alten gewesen, und hatte dann einige Tage
+gebraucht, um heimzukehren; jetzt zeigte sich's aber, daß jede Nacht
+Jahreslänge gehabt hatte. Er wollte seine Brüder nicht verklagen, ließ
+ihnen das Geld, dankte Gott, daß er mit dem Leben davon gekommen war und
+sah sich nach einem neuen Dienste um. Der königliche Koch nahm ihn als
+Küchenjungen an, und er mußte jetzt alle Tage den Braten am Spieße
+drehen. Seine Brüder verachteten ihn wegen dieser geringen Handthierung
+und mochten nicht mit ihm umgehen, er aber hatte sie doch lieb. So hatte
+er ihnen auch eines Abends Manches von dem erzählt, was er in der
+Unterwelt gesehen hatte, wo die Gänse und Enten goldenes und silbernes
+Gefieder trugen. Die Brüder hinterbrachten das Gehörte dem Könige und
+baten ihn, er möge ihren jüngsten Bruder doch hinschicken, damit er die
+seltenen Vögel herbringe. Der König ließ den Küchenjungen rufen und
+befahl ihm, sich am nächsten Morgen aufzumachen, um die Vögel mit dem
+kostbaren Gefieder zu holen.
+
+Mit schwerem Herzen machte sich _Schlaukopf_ auf den Weg, nahm aber Ring,
+Gerte und Schwert, die er heimlich bewahrt hatte, mit sich. Nach einigen
+Tagen kam er an den Meeresstrand und sah an der Stelle, wo er auf seiner
+Flucht an's Land gestiegen war, einen alten Mann an einem Steine sitzen.
+Als er näher trat, fragte ihn der Mann, der einen langen grauen Bart
+hatte: »Weßhalb bist du so verdrießlich, Freundchen?« _Schlaukopf_
+erzählte ihm den schlimmen Handel. Der Alte hieß ihn gutes Muths und
+ohne Sorge sein und sagte: »So lange der Kraftring in deiner Hand ist,
+kann dir nichts Böses geschehen.« Dann erhielt _Schlaukopf_ eine Muschel
+von ihm und wurde bedeutet, mit der Zaubergerte die Brücke bis in die
+Mitte des Meeres zu schlagen; alsdann solle er mit dem linken Fuße auf
+die Muschel treten, so werde er dadurch in die Unterwelt gelangen, wo
+das Gesinde gerade schlafen werde. Weiter hieß er ihn aus
+Spinnegewebe[45] einen Sack nähen, um die silber- und goldgefiederten
+Schwimmvögel hineinzuthun; dann solle er unverzüglich zurück kommen.
+_Schlaukopf_ dankte für die erwünschte Anleitung und eilte fort. Die Sache
+ging so, wie vorhergesagt war; aber kaum war er mit seiner Beute bis
+an's Meeresufer gelangt, so hörte er den alten Burschen hinterdrein
+keuchen und vernahm auch, wie er auf die Brücke trat, wieder dieselben
+Fragen als das erste Mal: »Nikodemus, Söhnchen! Du hast mir mit dem
+Rücken des Beils auf den Kopf geschlagen und hast mich bei den Beinen am
+Balken aufgehängt?« u. s. w. bis zuletzt noch die Frage hinzukam, welche
+den an den Schwimmvögeln verübten Diebstahl betraf. _Schlaukopf_
+antwortete auf jede Frage »ja« und eilte weiter.
+
+So wie ihm der Freund mit dem grauen Barte vorausgesagt hatte, kam er am
+Abend mit seiner kostbaren Vogellast in der Stadt des Königs an; der
+Sack aus Spinnegewebe hielt die Thiere so fest, daß keines heraus
+konnte. Der König schenkte ihm ein Trinkgeld und befahl ihm, am
+folgenden Tage wieder hinzugehen, denn er hatte von den älteren Brüdern
+gehört, der Herr der Unterwelt besitze sehr viele goldene und silberne
+Hausgeräthe, und diese begehrte der König für sich. _Schlaukopf_ wagte
+nicht sich dem Befehle zu widersetzen, aber er ging unmuthig von
+dannen, weil er nicht vorher wissen konnte, wie die Sache ablaufen
+würde. Am Meeresufer aber kam ihm der Mann mit dem grauen Barte
+freundlich entgegen und fragte ihn nach der Ursache seiner Betrübniß.
+Alsdann erhielt _Schlaukopf_ wiederum eine Muschel und noch eine Handvoll
+kleiner Steinchen nebst folgender Anweisung: »Wenn du nach Mittag hin
+kommst, so liegt der Wirth im Bette, um zu verdauen, die Töchter spinnen
+in der Stube, und die Großmutter scheuert in der Küche die goldenen und
+silbernen Gefäße blank. Klettere dann behend auf den Schornstein, wirf
+die in ein Läppchen eingebundenen Steinchen der Alten an den Hals, folge
+selbst schleunigst nach, stecke die kostbaren Geräthe in den Sack von
+Spinnegewebe und dann lauf', was die Beine halten wollen.« _Schlaukopf_
+dankte und machte es ganz, wie vorgeschrieben war. Als er aber das
+Läppchen mit den Steinchen fahren ließ, dehnte es sich zu einem
+sechslöfigen mit Kieselsteinen gefüllten Sacke aus, der die Alte zu
+Boden schmetterte. Flugs hatte _Schlaukopf_ alle goldenen und silbernen
+Gefäße in den Sack von Spinnegewebe gepackt und war davon gejagt.[46]
+Der »alte Bursche« meinte, als er das Gepolter des Sackes hörte, der
+Schornstein sei eingestürzt und getraute sich nicht gleich nachzusehen.
+Als er aber die Großmutter lange vergeblich gerufen hatte, mußte er
+endlich selbst gehen. Als er das Unglück entdeckte, eilte er, dem Diebe
+nachzusetzen, der noch nicht weit sein konnte. _Schlaukopf_ war schon auf
+dem Meere, als der Verfolger ächzend und keuchend an's Ufer kam.
+»Nikodemus, Söhnchen!« u. s. w. wiederholte der alte Bursche alle
+früheren fragen der Reihe nach. Die letzte Frage war: »Nikodemus,
+Söhnchen! hast du mir mein Gold- und Silbergeräth gestohlen?« »Freilich,
+Papachen!« war die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! versprichst du noch
+wiederzukommen?« -- »Nein, Papachen!« antwortete _Schlaukopf_ und lief auf
+der Brücke vorwärts. Obwohl der alte Bursche hinter dem Diebe her
+schimpfte und fluchte, so konnte er seiner doch nicht habhaft werden,
+weil alle Zauberwerkzeuge in den Händen des Diebes waren.
+
+_Schlaukopf_ fand den Alten mit dem grauen Barte wieder am Strande, warf
+den schweren Sack mit den Gold- und Silbersachen, den er nur mit Hülfe
+des Kraftringes hatte fortbringen können, ab, und setzte sich dann, um
+die müden Glieder auszuruhen. Im Gespräch erfuhr er nun von dem alten
+Manne Manches, was ihn erschreckte. Der Alte sagte: »Die Brüder hassen
+dich und trachten, dir auf alle Weise das Garaus zu machen, -- wenn du
+ihrem bösen Anschlag nicht zuvorkommst. Sie werden den König hetzen, dir
+solche Arbeit aufzutragen bei der du leicht den Tod finden kannst. Wenn
+du nun heute Abend mit der reichen Last vor den König trittst, so wird
+er freundlich gegen dich sein, dann erbitte dir als einzigen Gnadenlohn,
+daß die Tochter des Königs Abends heimlich hinter die Thür gebracht
+werde, um zu hören, was deine Brüder untereinander sprechen.«
+
+Als _Schlaukopf_ darnach mit der reichen Habe, die man wenigstens auf zehn
+Pferdelasten schätzen konnte, vor den König trat, fand er diesen sehr
+freundlich und gütig. _Schlaukopf_ bat nun um den von dem Alten
+angegebenen Gnadenlohn. Der König war froh, daß der Schatzbringer keinen
+größeren Lohn verlangte und befahl seiner Tochter, sich Abends heimlich
+hinter die Thür zu begeben, um zu hören, was der Kutscher und der
+Kammerdiener miteinander sprächen. Durch das Wohlleben übermüthig
+geworden, prahlten die Brüder mit ihrem Glücke, und was noch einfältiger
+war, sie beschimpften dabei lügenhafter Weise des Königs Tochter. Der
+Kutscher sagte: »Sie ist viele Mal des Nachts zu mir gekommen, um bei
+mir zu schlafen.« Der Kammerdiener erwiederte lachend: »Das kam daher,
+weil ich sie nicht mehr wollte und meine Thür vor ihr zuschloß, sonst
+würde sie jede Nacht in meinem Bette sein.« Roth vor Scham und Zorn kam
+die Tochter zu ihrem Vater, erzählte weinend, welche eine schamlose Lüge
+sie mit ihren eigenen Ohren von den Dienern hatte aussprechen hören, und
+bat, die Frevler zu bestrafen. Der König ließ die Beiden alsbald in's
+Gefängniß werfen und am andern Tage, nachdem sie vor Gericht ihre Schuld
+eingestanden hatten, hinrichten. _Schlaukopf_ wurde zum Rathgeber des
+Königs erhoben.
+
+Nach einiger Zeit fiel ein fremder König mit einem großen Heere in's
+Land, und _Schlaukopf_ ward gegen den Feind in's Feld geschickt. Da zog er
+sein aus der Unterwelt geholtes Schwert[47] zum ersten Mal aus der
+Scheide und begann das feindliche Heer niederzumähen, bis nach kurzer
+Zeit Alle auf der blutigen Wahlstatt den Tod gefunden hatten. Der König
+freute sich über diesen Sieg so sehr, daß er _Schlaukopf_ zum
+Schwiegersohn nahm.
+
+[Fußnote 33: Dieses Märchen lehnt sich an die beiden Höllenfahrten des
+Kalewsohnes, die im Kalewipoëg Ges. =XIII-XV=. =XVII-XIX= erzählt sind. Die
+Züge der Sage sind im Märchen wunderlich gebrochen und verschoben, und
+andre Märchenstoffe hineingewoben. L.]
+
+[Fußnote 34: Ein mythisches Wunderland. Im Kalewipoëg bewirbt sich des
+Kunglakönigs Sohn um Linda, nachmalige Gattin des Kalew, die ihn
+abweist, weil »der Kunglakönig böse Töchter hat, welche die Fremde
+hassen würden.« Doch lassen sich dieselben Töchter des Kunglakönigs
+durch den Gesang des ältesten Kalewsohnes zu Thränen rühren, Kalewipoëg
+=III=, 477. Ebendaselbst =XIX=, 400 werden vier Kunglamädchen genannt,
+welche goldene und silberne Gewebe wirken. Vgl. auch über den Reichthum
+des Landes Kungla das Märchen 23 vom Dudelsack-Tiidu. L.]
+
+[Fußnote 35: Dieser Streich wird im Kalewipoëg nacheinander dem
+Alewsohn, dem Olewsohn und dem Sulewsohn gespielt, welche die Warnung
+der am Kessel beschäftigten Alten verachteten, weil sie nicht glaubten,
+daß der winzige Knirps, der um Erlaubniß bat zu schmecken, solchen
+Schaden anrichten könne. Aber dieser reckt sich auf dem Rande des
+Suppenkessels über 70 Klafter hoch und verschwindet im Nebel, während
+der Kessel leer geworden. Als aber die Reihe, bei dem Kessel zu wachen,
+an den Kalewsohn kommt, verlangt dieser erst von dem als Zwerg
+erscheinenden Teufel das Glöcklein zum Pfande, welches er um den Hals
+hat und worin seine Kraft steckt. S. Kalewipoëg =XVII=, 327 ff. Da unser
+Märchen ein großes Festgelage für alles Volk fingirt, so läßt es auch
+übertreibend sämmtliche Vorräthe, Speisen und Getränke verschwinden. L.]
+
+[Fußnote 36: Die Rasenmutter ist es auch, welche im Kalewipoëg (=I.= 340)
+aus dem Küchlein die reine (oder Thau-?) Jungfrau Salme umgebildet hat.
+Nach _Kreutzwald_ zu der =cit.= Stelle ist die Rasenmutter eine Schutzgöttin
+des Hauses, deren Obhut besonders der Hofraum und Garten anvertraut war.
+Der ehstnische Mythus hat von ihr die liebliche Vorstellung, daß sie es
+ist, die aus dem geschmolzenen Schnee des Winters die weiße Anemone
+(=Anemone nemorosa=, ehstnisch Frostblume) bildet. S. _Kreutzwald_ zu
+_Boecler_ S. 188. Vgl. unser Märchen 2 von den im Mondschein badenden
+Jungfrauen; diese heißen dort des Waldelfen und der Rasenmutter Töchter.
+Die Töchter der Rasenmutter sind es auch, welche im Kalewipoëg =XVII=, 777
+ff. den nach der großen Schlacht bei Assamalla ruhenden Helden
+Traumgesichte weben. L.]
+
+[Fußnote 37: Es ist also von denjenigen Krebsthieren die Rede, deren
+Augen auf beweglichen Stielen stehen, nicht unmittelbar auf dem Kopfe.
+L.]
+
+[Fußnote 38: Vgl. Anm. zu Märchen 21, der beherzte Riegenaufseher. L.]
+
+[Fußnote 39: =Sepik=, mit Hefen gebackenes nicht gesäuertes Brot, das im
+südlichen Ehstland nur aus Weizenmehl gemacht wird. S. _Wiedemann_,
+Ehstnisch-Deutsches Wörterb. =s. v.= L.]
+
+[Fußnote 40: Aus dem Glöckchen der Sage, _Kalewipoëg_ =XVII=, 633 ist im
+Märchen ein Ring geworden. Im Glöckchen dort, im Ringe hier steckt des
+Höllenfürsten Kraft. Vgl. das Märchen 18, vom Nordlands-Drachen, wo der
+Ring Salomonis, der im Besitz der Höllenjungfrau ist, Felsen
+zertrümmert, wenn er am Daumen der linken Hand steckt. L.]
+
+[Fußnote 41: Ein mit einem Deckel und unten mit einem Zapfen versehenes
+Tönnchen Dünnbier (Kofent), das in den Bauerstuben steht und woraus sich
+Bier abzapft, wer Durst hat. L.]
+
+[Fußnote 42: Hier fehlt also das Dritte, der Wünschelhut aus
+Nägelschnitzeln, den Kalewipoëg bei seinem ersten Höllenabenteuer
+benutzt und dann verbrennt. S. darüber die Anm. zum 11ten Märchen, von
+der Zwerge Streit. L.]
+
+[Fußnote 43: Kalewipoëg =XV=, 70 ff. Vers 217 heißt die Hexen- oder
+Wünschelruthe geradezu der Brückenfertiger (=sillawalmistaja=). L.]
+
+[Fußnote 44: Kalewipoëg =XV=, 108 ff. vgl. mit =XVIII=, 815 ff. In diesen
+Stellen thut »der Leere« (=Tühi=) oder wie er im 18. Gesang heißt, der
+Gehörnte (=Sarwik=) alle Fragen hintereinander, während unser Märchen sie
+auseinander legt und auf die verschiedenen Gänge Schlaukopfs vertheilt.
+Die Sage berichtet von einem Zweikampf des Kalewsohnes mit dem
+Höllenfürsten; bei dem zweiten Höllengang des Kalewipoëg endet dieser
+Zweikampf mit der Ueberwältigung und Fesselung des Gehörnten. Kalewipoëg
+=XIX=, 87 ff. L.]
+
+[Fußnote 45: Vgl. oben S. 45, 46. L.]
+
+[Fußnote 46: Auch der Kalewsohn raubt die Schätze der Unterwelt. L.]
+
+[Fußnote 47: Erinnert an »das in verborgener Schmiede von
+unterirdischen Meistern« (=Ma-alused=, vgl. Märchen 17) gefertigte
+Schwert, welches der Kalewsohn zum Ersatz für sein von dem Finnenschmied
+geschmiedetes und von dem Zauberer des Peipus-Strandes entwendetes
+Schwert aus der Hölle nimmt. L.]
+
+
+
+
+9. Der Donnersohn.[48]
+
+
+Der Donnersohn schloß mit dem Teufel einen Vertrag auf sieben Jahre,
+laut dessen der Teufel ihm als Knecht dienen und unweigerlich in allen
+Stücken des Herrn Willen erfüllen sollte; zum Lohn für treue Dienste
+versprach ihm der Donnersohn seine Seele zu geben. Der Teufel that
+seine Schuldigkeit gegen seinen Herrn, er scheute nicht die schwerste
+Arbeit und murrte nimmer über das Essen, denn er wußte ja, was für einen
+Lohn er nach sieben Jahren von Rechtswegen erhalten sollte. Sechs Jahre
+waren vorüber, und das siebente hatte begonnen, aber der Donnersohn
+hatte durchaus keine Lust, dem bösen Geist seine Seele so wohlfeilen
+Kaufes zu überlassen, und hoffte deshalb durch irgend eine List den
+Klauen des Feindes zu entrinnen. Schon beim Abschluß des Vertrages hatte
+er dem alten Burschen den Streich gespielt, daß er ihm statt des eigenen
+Blutes Hahnenblut[49] zur Besiegelung gab, und der kurzsichtige hatte
+den Betrug nicht gemerkt. Und doch war eben dadurch das Band, welches
+die Seele des Donnersohns unauflöslich verstricken sollte ganz locker
+geworden. Obgleich indeß das Ende der Dienstzeit immer näher rückte,
+hatte der Donnersohn sich immer noch keinen Kunstgriff ersonnen, der ihn
+frei machen konnte. Da traf es sich, daß an einem heißen Tage von Mittag
+her eine schwarze Wetterwolke aufstieg, die den Ausbruch eines schweren
+Gewitters drohte. Der alte Bursche verkroch sich sogleich in der Tiefe
+der Erde, zu welchem Behuf er immer ein Schlupfloch unter einem Steine
+bereit hatte. »Komm Brüderchen, und leiste mir Gesellschaft, bis das
+Ungewitter vorüber ist!« bat der Teufel seinen Herrn mit honigsüßer
+Zunge. »Was versprichst du mir, wenn ich deine Bitte erfülle?« fragte
+der Donnersohn. Der Teufel meinte, darüber könne man sich unten einigen,
+denn hier oben mochte er die Bedingungen nicht mehr besprechen, da die
+Wolke ihm jeden Augenblick über den Hals zu kommen drohte. Der
+Donnersohn dachte: heute hat die Furcht den alten Burschen ganz mürbe
+gemacht; wer weiß, ob es mir nicht glückt, mich von ihm los zu machen.
+So ging er denn mit ihm in die Höhle. Das Gewitter dauerte sehr lange,
+Krach folgte auf Krach, daß die Erde zitterte und die Felsen erbebten.
+Bei jeder Erschütterung drückte sich der alte Bursche die Fäuste gegen
+die Ohren und kniff die Augen fest zu; kalter Schweiß bedeckte seine
+zitternden Glieder, und er konnte kein Wort hervorbringen. Gegen Abend,
+als das Gewitter vorüber war, sagte er zum Donnersohn: »Wenn der alte
+Vater nicht dann und wann so viel Lärm und Getöse[50] machte, so könnte
+ich mit ihm schon durchkommen und könnte ruhig leben, da mir seine
+Pfeile unter der Erde nicht schaden können. Aber sein gräßliches Getöse
+greift mich so an, daß ich gleich die Besinnung verliere und nicht mehr
+weiß, was ich thue. Denjenigen, der mich von diesem Drangsal befreite,
+würde ich reichlich belohnen.« Der Donnersohn erwiederte: »Da ist kein
+besserer Rath, als dem alten Papa das Donnergeräth heimlich
+wegzunehmen.« »Ich würde es schon entwenden,« antwortete der Teufel,
+»wenn die Sache möglich wäre, aber der alte =Kõu=[51] ist stets wachsam,
+er läßt weder Tag noch Nacht das Donnerwerkzeug aus den Augen, wie wäre
+da ein Entwenden möglich?« Der Donnersohn blieb aber dabei, daß sich die
+Sache wohl machen ließe. »Ja, wenn du mir helfen würdest,« rief der
+Teufel, »dann könnte der Anschlag vielleicht gelingen, ich allein komme
+damit nicht zu Gange.« Der Donnersohn versprach nun sein Helfershelfer
+zu werden, verlangte aber dafür keinen geringeren Lohn, als daß der
+Teufel den Seelenkauf rückgängig mache. »Meinethalben nimm drei Seelen,
+wenn du mich von dieser gräßlichen Noth und Angst befreist!« rief der
+Teufel vergnügt. Nun setzte ihm der Donnersohn auseinander, in welcher
+Weise er die Entwendung für möglich halte, wenn sie sich Beide einmüthig
+und mit vereinten Kräften an's Werk machten. »Aber,« so schloß er, »wir
+müssen so lange warten, bis der alte Papa sich wieder einmal so sehr
+ermüdet, daß er in tiefen Schlaf fällt, denn gewöhnlich schläft er ja
+wie der Hase mit offenen Augen.«
+
+Einige Zeit nach dieser Berathung brach ein schweres Gewitter aus, das
+lange anhielt. Der Teufel saß wieder mit dem Donnersohn in seinem
+Schlupfwinkel unter dem Steine. Die Furcht hatte den alten Burschen so
+betäubt, daß er kein Wort von dem hörte, was sein Gefährte sprach. Am
+Abend aber erstiegen Beide einen hohen Berg, wo der alte Bursche den
+Donnersohn auf seine Schultern hob und sich dann selber durch Zauber
+immer weiter in die Höhe reckte,[52] wobei er sang:
+
+ »Recke, Brüderchen, dich aufwärts,
+ Wachse, Freundchen, in die Höhe!«
+
+bis er zur Wolkengrenze hinaufgewachsen war. Als der Donnersohn über den
+Wolkenrand[53] hinüber spähte, sah er den Papa =Kõu= ruhig schlafen, den
+Kopf auf zusammengeballte Wolken gestützt, aber die rechte Hand lag
+quer über das Donnergeräth ausgestreckt. Man konnte das Instrument nicht
+fortnehmen, weil das Berühren der Hand den Schlafenden geweckt haben
+würde. Der Donnersohn kroch nun von der Schulter des alten Burschen in
+die Wolken hinein, schlich leise wie eine Katze näher und suchte sich
+durch List zu helfen. Er holte hinter seinem Ohre eine Laus hervor und
+setzte sie dem Papa =Kõu= zum Kitzeln auf die Nase. Der Alte nahm alsbald
+die Hand, um seine Nase zu kratzen, in demselben Augenblick aber packte
+der Donnersohn das frei gewordene Donnerwerkzeug und sprang vom
+Wolkenrand auf den Nacken des Teufels zurück, der mit ihm den Berg
+hinunter rannte, als hätte er Feuer hinter sich. Der alte Bursche hielt
+auch nicht eher an, als bis er die Hölle erreicht hatte. Hier verschloß
+er seinen Raub in eiserner Kammer hinter sieben Schlössern, dankte dem
+Donnersohn für die treffliche Hülfe und leistete auf dessen Seele völlig
+Verzicht.
+
+Jetzt aber brach über die Welt und die Menschen ein Unglück herein,
+welches der Donnersohn nicht hatte vorhersehen können: die Wolken
+spendeten keinen Tropfen Feuchtigkeit mehr, und Alles welkte in der
+Dürre hin. -- Habe ich leichtsinniger Weise dieses unerwartete Elend
+über die Leute gebracht, so muß ich suchen, die Sache, soweit möglich,
+wieder gut zu machen, -- dachte der Donnersohn und überlegte, wie der
+Noth abzuhelfen sei. Er zog gen Norden an die finnische Grenze, wo ein
+berühmter Zauberer wohnte, entdeckte ihm den Raub und gab auch an, wo
+das Donnerwerkzeug gegenwärtig versteckt sei. Da sagte der Zauberer:
+»Zunächst muß dem alten Vater =Kõu= Kunde werde, wo sein Donnergeräth
+festgehalten wird, er findet dann selbst wohl Mittel und Wege, wieder zu
+seinem Eigenthume zu gelangen.« Und er schickte dem alten Wolkenvater
+Botschaft durch den Adler des Nordens. Gleich am folgenden Morgen kam
+=Kõu= zum Zauberer, um ihm dafür zu danken, daß er die Spur des Diebstahls
+nachgewiesen hatte. Sodann verwandelte sich der Donnerer in einen
+Knaben, suchte einen Fischer auf und verdingte sich bei demselben als
+Sommerarbeiter. Er wußte nämlich, daß der Teufel häufig an den See kam,
+um Fische zu raffen, und hoffte ihn dort einmal zu treffen. Wiewohl nun
+der Knabe =Pikker=[54] Tag und Nacht kein Auge von seinen Netzen
+verwandte, so verging doch eine Weile, ehe er des Feindes ansichtig
+wurde. Dem Fischer war es längst aufgefallen, daß oftmals die bei Nacht
+in den See gelassenen Netze am Morgen leer heraufgezogen wurden, aber er
+konnte die Ursache nicht erklären. Sein Knabe wußte freilich recht gut,
+wer der Fischdieb sei, aber er wollte nicht früher sprechen, als bis er
+seinem Herrn den Dieb auch zeigen könnte.
+
+In einer mondhellen Nacht, als er mit seinem Herrn an den See kam, um
+nach den Netzen zu sehen, traf es sich, daß der Dieb gerade bei der
+Arbeit war. Als sie über den Rand ihres Kahnes in's Wasser blickten,
+sahen sie Beide, wie der alte Bursche aus den Maschen des Netzes Fische
+heraus holte und in seinen Schultersack stopfte. Am folgenden Tage ging
+der Fischer einen berühmten Zauberer um Hülfe an und bat ihn, den Dieb
+durch seine Kunst dermaßen an das Netz zu bannen, daß er ohne Willen
+des Besitzers sich nicht los machen könne. Das geschah denn auch ganz
+nach des Fischers Wunsch. Als man am folgenden Tage das Netz aus dem See
+herauf wand, kam auch der alte Bursche mit an die Oberfläche und wurde
+an's Ufer gebracht. Hei! was er da vom Fischer und Fischerknaben
+durchgegerbt wurde! Da er ohne Willen des Zauberers vom Netze nicht
+loskommen konnte, so mußte er alle Hiebe ruhig hinnehmen. Die Fischer
+zerschlugen ihm wohl ein Fuder Prügelstecken auf dem Leibe, ohne
+hinzusehen auf welchen Körpertheil die Schläge fielen. Des alten
+Burschen Kopf blutete und war dick aufgeschwollen, die Augäpfel traten
+aus ihren Höhlen, -- es war ein gräßlicher Anblick -- aber der Fischer
+und sein Knabe hatten kein Erbarmen mit dem gemarterten Teufel, sondern
+ruhten nur von Zeit zu Zeit aus, um von neuem darauf los zu dreschen.
+Als klägliches Bitten nicht half, bot der alte Bursche endlich ein hohes
+Lösegeld, ja er versprach dem Fischer die Hälfte seiner Habe und noch
+mehr, wenn der Bann gelöst würde. Der erzürnte Fischer ließ sich aber
+nicht eher auf den Handel ein, als bis ihm die letzte Kraft ausging, so
+daß er keinen Stock mehr rühren konnte. Endlich kam, nachdem ein Vertrag
+geschlossen worden, der alte Bursche mit Hülfe des Zauberers vom Netze
+los, worauf er den Fischer bat, er möge nebst seinem Knaben mit ihm
+kommen, um das Lösegeld abzuholen. Wer weiß, ob er nicht hoffte, sie
+noch durch irgend eine List zu betrügen.
+
+Im Höllenhofe wurde den Gästen ein prächtiges Fest bereitet, das über
+eine Woche dauerte und bei welchem es an nichts fehlte. Der alte Wirth
+zeigte den Gästen seine Schatzkammern und geheimnisvollen Geräthe, und
+ließ von seinen Spielleuten dem Fischer zur Erheiterung die schönsten
+Weisen aufspielen. Eines Morgens sprach der Knabe =Pikker= heimlich zum
+Fischer: »Wenn du heute wieder bewirthet und geehrt wirst, so bitte dir
+aus, daß man das Instrument bringe, welche in der Eisenkammer hinter
+sieben Schlössern liegt.« Bei Tische, als die Männer schon einen halben
+Rausch hatten, bat der Fischer, man möge ihm das Instrument aus der
+geheimen Kammer zeigen. Der Teufel zeigte sich willig, holte das
+Instrument herbei und fing selbst an darauf zu spielen. Allein obgleich
+er aus Leibeskräften hineinblies und die Finger an der Röhre auf und ab
+bewegte, so war der Ton, den er herausbrachte, doch nicht besser als das
+Geschrei einer Katze, die in den Schwanz gekniffen wird, oder das
+Gequieke eines Ferkels, das man auf die Wolfsjagd nimmt.[55] Lachend
+sagte der Fischer: »Quälet euch nicht umsonst ab! ich sehe wohl, daß aus
+euch doch kein Dudelsackbläser mehr wird. Mein Hüterknabe wurde es
+besser machen.« »Oho!« rief der Teufel. -- »Ihr meint vielleicht, das
+Blasen auf dem Dudelsack sei ungefähr wie das Flöten auf einem
+Weidenrohr, und haltet es für ein Kinderspiel? Komm, Freundchen,
+versuch' es erst, und wenn du oder dein Hüterknabe etwas wie einen Ton
+auf dem Instrumente hervorbringen könnt, so will ich nicht länger der
+Höllenwirth heißen.« »Da versuch's!« rief er und reichte das Instrument
+dem Knaben hin. Der Knabe =Pikker= nahm es, als er aber den Mund an die
+Röhre setzte und hineinblies, da erbebten die Wände der Hölle, der
+Teufel und sein Gesinde fielen ohnmächtig hin und lagen wie todt da.
+Plötzlich stand an Stelle des Knaben der alte Vater Donnerer selbst
+neben dem Fischer, dankte für geleistete Hülfe und sagte: »Künftig, wenn
+mein Instrument wieder aus den Wolken ertönt, soll deinen Netzen reiche
+Gabe beschieden sein.« Dann trat er eilig die Heimkehr an.
+
+Unterwegs kam ihm der Donnersohn entgegen, fiel auf die Knie, bereute
+seine Schuld und bat demüthig um Verzeihung. Der Vater =Kõu= sagte: »Oft
+genug vergeht sich des Menschen Leichtsinn gegen die Weisheit des
+Himmels; danke drum deinem Glücke, Söhnchen, daß ich wieder Macht habe,
+die Spuren des Elends zu vertilgen, welches deine Thorheit über die
+Leute gebracht hat.« Mit diesen Worten setzte er sich auf einen Stein
+und blies das Donnerinstrument, bis die Regenpforten sich aufthaten und
+die Erde tränkten. Den Donnersohn nahm der alte =Kõu= als Knecht zu sich,
+und da muß er noch sein.
+
+[Fußnote 48: Nota zu 9 u. 10. Beide Märchen behandeln einen und
+denselben Stoff: die Entwendung des Donnerwerkzeugs durch den dasselbe
+über Alles fürchtenden Teufel, welchem es der in einen Fischerknaben
+verwandelte Donnergott wieder abnimmt.
+
+Was zunächst den Namen des Donnerwerkzeugs betrifft, so heißt es in
+beiden Märchen »=pil=«, womit zwar im Ehstnischen jedes Instrument
+bezeichnet wird, hier aber nur ein Blaseinstrument gemeint sein kann.
+Und zwar kein anderes als der bei den Ehsten seit uralter Zeit sehr
+beliebt gewesene Dudelsack, schwedisch =dromm-pîp=, =drumm-pîpa=. =Drumm= ist
+das Trompeten-Ende dieses Instruments, es brummt stets denselben Baßton
+und erweckt den Ehsten die Vorstellung des Donners. Im Inlande Jahrg.
+1858, Nr. 6 ist eine Version unseres Märchens 10 abgedruckt, welche die
+Ueberschrift führt =Müristaja mäng=, was mit Donnertrommel übersetzt ist.
+Aber =mäng= bedeutet nicht Trommel, sondern Spiel, Spielzeug, und da es im
+»Inland« gegen den Schluß heißt: »er holt den »Himmelsbrummer« hervor
+und setzt die fünf Finger an denselben,« so deutet dies offenbar keine
+Trommel, sondern ein Blaseinstrument an, den Dudelsack, der speciell
+=toru-pil=, Röhreninstrument, heißt, aber auch =pil= schlechtweg, wie in
+unserm Märchen 23, =Pilli-Tiidu=, Dudelsack-Tiidu. Von Trommel und Pauke
+heißt es im Ehstnischen =trummi löma=, die Trommel oder Pauke schlagen,
+und weder an Schamanentrommel noch an ein Tambourin ist bei dem
+Ausdrucke =pil= oder =müristaja mäng= zu denken. Nach _Neus_, myth. u. mag.
+Lieder der Ehsten S. 12. 13. vgl. mit 41. hängt das ehstnische
+=müristamine=, das Donnern, mit einem finnischen Verbum zusammen, welches
+vom Brummen des Bären gebraucht wird, und weist auch der ehstnische Name
+des Donnergotts, =Kõu=, auf ein finnisches =Nomen= für Bär zurück. Auch der
+nordische Donnergott, Thunar-Thor, führte den Beinamen des Bären. Also
+nicht der Schall einer Trommel, sondern das Gebrüll eines Thieres oder
+eines daran erinnernden Instruments wird dem Donner verglichen. Der
+ehstnische Donnergott entlockt dem Dudelsack furchtbare, aber auch
+liebliche Töne -- schrecklichen Donner, aber auch sanft rieselnden
+Regen. Wenn die Vorstellung von dem Erregen des Gewitters durch ein
+Instrument wie die Sackpfeife eigentümlich ehstnisch ist (nach _Rußwurm_,
+Sagen, Reval 1861. S. 134, ist der Dudelsack Erfindung =Tara's=, und steht
+mit den altheidnischen Volkssitten und Götterdiensten in Zusammenhang,
+weßhalb christlicher Eifer das Instrument auf den Teufel zurückführte),
+so kennt die ehstnische Sage doch auch den =Äike= oder =Pikker=, der Donner
+und Blitz hervorbringt, indem er auf einem Wagen mit erzbeschlagenen
+Rädern über Eisenbrücken dahin rasselt, Kalewipoëg =III=, 12 ff. vgl. mit
+=XX=. 728 ff. Hier wird man sogleich an Thunar-Thor erinnert.
+
+Was den »Donnersohn« betrifft, so theilt _Kreutzwald_ zu _Boecler_ auf S. 11
+mit, er (Kreutzwald) habe in Wierland (dem nordöstlichen Uferdistrict
+Ehstlands) den Namen =Pikse-käsepois=, d. h. des Gewitters Befehlsknabe,
+gehört, aber nicht erfahren, wer damit gemeint sei. Nach ehstnischer
+Tradition ist der Lijonsengel, der in unserm Märchen 9 zum Fischer, und
+in 10 zum Fischer Lijon umgestaltet ist, Vermittler zwischen den
+Sterblichen und dem =Tara= oder Altvater, und »_der Gott auf der Erde, der
+mit dem Gewitter zusammengeht_.« So liegt die Vermuthung nahe, daß der
+Lijons-Engel (stamme er nun von dem biblischen »=Legion=« oder von dem
+ebenfalls biblischen »Elias«, russisch »=Iljá=«), der oben angeführte
+Befehlsknabe des Gewitters, und unser Donnersohn -- eine und dieselbe
+Hypostase des Donnergottes selber sind. Nach _Rußwurm_ Sagen, 1861. S. 131
+hat auch der ehstnische Teufel einen kleinen Sohn, Thomas, der dem
+eigenen Vater zuweilen Possen spielt. Wie in unseren Märchen, so
+entweichen auch im Kalewipoëg, vgl. die oben citirten Stellen und =X=,
+198, die bösen Geister vor ihrem »Züchtiger« und seinen Pfeilen in die
+Flut -- das Wasser macht den Blitzstrahl unschädlich. Daß der Donnergott
+sich in einen Fischerknaben verwandelt, erinnert einigermaßen an Thors
+Fischfang mit Hymir. _Mannhardt_, Götterwelt, =I=, 218. L.]
+
+[Fußnote 49: S. die Anm. S. 67 zum Märchen vom Tontlawald. L.]
+
+[Fußnote 50: =Castrén= bemerkt in seinen Vorlesungen über finnische
+Mythologie, daß man den Donner viel mehr fürchtete als den Blitz, und
+daß man noch jetzt hie und da in Finnland beim Donnerwetter nicht wagt
+den Namen =Ukko= (Beherrscher des Himmels) zu nennen, oder irgend etwas
+Ungebührliches zu reden oder zu thun. L.]
+
+[Fußnote 51: =Kõu= heißt der Donnergott; =Pikne=, Genitiv =Pikse=, war
+eigentlich der Blitzstrahl, wird aber auch für den Donnergott gebraucht.
+Auch die Formen =Pitkne= und =Pikker= kommen vor. Der Kalewipoëg =X=, 889
+kennt eine Wetterjungfrau als =Kõu's= Tochter. L.]
+
+[Fußnote 52: Im Kalewipoëg wird diese Kraft einem aus Nägelschnitzeln
+gemachten Hute zugeschrieben, den der Kalewsohn dem Höllenfürsten
+entwendet und nach gemachtem Gebrauche verbrennt. Vgl. die betr. Nota zu
+11, der Zwerge Streit. L.]
+
+[Fußnote 53: Nach _Rußwurm_, Sagen aus Hapfal, der Wiek, Oesel und Runö,
+Reval 1861, =p.= =XVII=, denken sich die Ehsten die Wolken als Gallert, und
+findet man nach Gewittern zuweilen Wolkenstücke auf der Erde, was
+Rußwurm auf eine Flechtenart (=Tremella Nostoc=) beziehen möchte. L.]
+
+[Fußnote 54: Siehe die Anm. S. 122 ff. u. S. 126. L.]
+
+[Fußnote 55: Man bringt das Ferkel zum Quieken, um dadurch die Wölfe
+anzulocken. L.]
+
+
+
+
+10. Pikne's Dudelsack.
+
+
+In der Urzeit hatte Altvater gar viel zu thun, die Welt in Ordnung zu
+bringen, und das nahm ihm vom Morgen bis zum Abend alle seine Zeit, so
+daß er Manches nicht beachtete, was hier und da hinter seinem Rücken
+vorging. Riesen standen schon von Anbeginn der Welt wider einander, was
+gar oft die Ruhe störte. So hatten Pikne und der alte Tühi[56] eine
+Zeitlang ihre Kraft aneinander versucht und darum gekämpft, wer von
+Beiden die Oberhand gewänne. Obwohl die Männer Tag und Nacht einander
+auflauerten und sich schier die Köpfe zerbrachen, ob sie einen
+Gewaltstreich verüben oder List anwenden sollten -- so hatten sie doch
+noch nicht den passenden Augenblick zur Ausführung ihrer Anschläge
+gefunden. Da traf es sich einmal, daß Pikne, von dem beständigen Wachen
+müde geworden, eingenickt war und bald wie ein Sack schlief;
+unglücklicherweise hatte er vergessen, sich seinen Dudelsack zu Häupten
+zu legen, wo das Instrument sonst immer seinen Platz fand. Der tiefe
+Schlaf verschloß ihm Augen und Ohren so fest, daß der Mann weder sah
+noch hörte, was in seiner Nähe vorging. Der alte Tühi, der dem Feinde
+fast immer auf Schritt und Tritt nachspürte, fand den Pikne schlafend,
+trat sachte auf den Zehen heran, nahm den Dudelsack von der Seite des
+Schlafenden und machte sich mit seinem Raube auf die Socken. Dadurch
+hoffte er jetzt des Donnerer's Vater am meisten zu ärgern und die Macht
+desselben zu schwächen, daß er das Werkzeug versteckte, welches bis
+dahin das schlimmste Züchtigungsmittel für die Bewohner der Hölle
+gewesen war. Als nun Pikne, aus dem Schlafe erwachend, die Augen weit
+aufsperrte, sah er alsbald, welch einen Verlust ihm, derweil er schlief,
+der Feind verursacht hatte. Daß kein Andrer als der alte Tühi den
+Dudelsack hatte stehlen können, das war ihm gleich klar; allein wie
+sollte er es anfangen, das ihm gestohlene Eigenthum den Klauen des
+Diebes wieder zu entreißen? Wohl hätte er Altvater die Sache mit den
+Diebstahl klagen und ihn um Hülfe bitten können, aber dadurch hätte er
+seine eigene Sorglosigkeit verrathen, und Altvater hätte ihn im Zorn
+noch obendrein gezüchtigt. Diese Gedanken machten dem Pikne eine
+Zeitlang viel Sorge, und er flüchtete sich meist an einsame Orte, wo
+Niemand ihn zu Gesicht bekam. Der alte Tühi nun, der sonst ungeschlacht
+wie ein Kalb und in allen Stücken einfältig war, hatte doch seine Haut
+immer vor Pikne zu wahren gewußt. Sonst fürchtete er Pikne's Dudelsack
+wie die Pest, so daß er schon von weitem davon lief; jetzt aber konnte
+er schon etwas mehr wagen. Er kannte manches heimliche Schlupfloch, wo
+Pikne's Pfeile ihm nichts anhaben konnten: auf dem Meeresgrunde konnte
+er vor Pikne ohne Sorge sein. Pikne dachte gleich, als er des alten
+Tühi Tagelang nicht ansichtig wurde, daß er irgendwo unter dem Wasser
+versteckt säße, doch fand er immer keinen zweckmäßigen Plan, wie er des
+Feindes habhaft werden und ihm den Dudelsack wieder abnehmen könnte. Da
+hatte er eines Tages plötzlich einen prächtigen Einfall, mit dessen
+Ausführung er auch nicht säumte. Er nahm die Gestalt eines kleinen
+Knaben an, ging früh Morgens in ein Dorf am Strande und forschte dort
+nach, ob es nicht möglich sei, irgendwo bei einem Fischer in Dienst zu
+treten.
+
+Ein wohlhabender Fischer, Namens Lijon, sagte, nachdem er des feinen
+Knaben Rede angehört: »Eine Viehherde habe ich nun zwar nicht, wo ich
+deinesgleichen brauchen könnte, aber ich will dich auf Probe nehmen, ob
+man aus dir nicht mit der Zeit einen Gehülfen beim Fischfang machen
+kann. Du siehst mir ganz aus wie ein Geschöpf von klugem Geiste, wenn du
+nun auch fleißig und folgsam sein wirst, so können wir leicht Handels
+einig werden.« Als er am folgenden Morgen an den See ging, nahm er den
+Knaben mit, und lehrte ihn mit Angel und Netzen umzugehen und alle
+übrigen Obliegenheiten eines Fischers zu besorgen. Schon nach einigen
+Tagen fand er, daß ihm der muntere Lehrling von Nutzen war, der alle
+Handgriffe leicht auffaßte und seinem Herrn auf jedem Schritt behülflich
+zu sein wußte. Allmälig wurde der Knabe gleichsam seine rechte Hand, so
+daß der Fischer gar nicht mehr allein auf den Fischfang ging. Die
+anderen Fischer nannten den Knaben spöttisch Lijon's Pudel. Der Knabe
+aber nahm den Spitznamen gar nicht übel, sondern freute sich des
+unverhofften Glückes, daß er jetzt täglich vom Morgen bis zum Abend auf
+dem Wasser fahren konnte, wo der Feind sich doch sicher irgendwo auf
+dem Grunde versteckt hielt.
+
+Jetzt traf es sich, daß der alte Tühi seinem Sohne Hochzeit machen und
+den Hochzeitsgästen prächtige Feste geben wollte, so daß die Leute noch
+lange von seinem Reichthum zu erzählen hätten; -- Eitelkeit ist für den
+Teufel der schlimmste Kitzel! Der alte Höllenvater streckte die Pfoten
+überall hin, wo er einen Fang zu thun hoffte, am meisten aber trachtete
+er, das Getreide von solchen Feldern zu schneiden, auf welchen Andere
+gesäet hatten, so daß er keine weitere Mühe hatte, als den Fleiß Anderer
+einzusacken. So gerieth er eines Tages auch an den See, dahin, wo der
+Fischer in der Nacht seine Netze ausgelegt hatte. Er holte sich eben
+gemächlich die Fische aus den Maschen heraus, als der Fischer mit dem
+Knaben kam, um die Netze herauszuziehen. Des Knaben Luchsauge hatte mit
+Blitzesschnelle schon von weitem den Feind unter dem Wasser erblickt. Er
+zog seinen Herrn bei Seite und flüsterte ihm in's Ohr, woran es läge,
+daß ihr Fang in den letzten Tagen so schlecht ausgefallen sei. »Eine
+Diebshand fuschelt jetzt eben am Netze herum« -- sagte er, indem er mit
+ausgestrecktem Finger des Wirths Auge auf den Dieb lenkte, der eben auf
+dem Grunde des See's bei der Arbeit war und die Kommenden nicht
+bemerkte. Aber Lijon war ein gewiegter Zauberkünstler, der eine
+Diebspfote auf frischer That zu bannen wußte, so daß der Dieb nicht
+hoffen konnte, ohne ihn wieder loszukommen. Als er alle geheimen Bräuche
+der Ordnung nach vollzogen hatte, ging er mit dem Knaben wieder heim und
+sagte scherzend: »Mag er bis morgen früh die Fische zahlen, wie viel
+ihrer in's Netz gegangen sind!« Als man am andern Morgen an den See kam,
+um die Netze herauszuziehen, wurde Altväterchen Tühi in der Schlinge
+festgemacht gefunden, und konnte sich nicht losmachen, sondern war
+genötigt, dem Fischer unter die Augen zu treten. Als nun sein Kopf mit
+dem Netze auf die Oberfläche des Wassers stieg, versetzte ihm der
+Fischer mit dem Ruder von Ebereschenholz gleich einige Hiebe zum Gruß,
+daß dem Männlein die Ohren sausten. Am Ufer nahmen dann Beide, der
+Fischer und sein Knabe, die Knüttel zur Hand und machten sich daran, dem
+Diebe seinen Lohn auszuzahlen. Obgleich der Knabe von schmächtigem
+Körperbau zu sein schien, so schmeckten doch seine Hiebe so bitter, daß
+sie dem alten Tühi durch Mark und Bein gingen und ihm den Athem zu
+benehmen drohten. Da begann Tühi zu schreien und zu flehen: »Vergieb mir
+diesmal, Brüderchen, und höre nur meine Entschuldigung an. Noth treibt
+den Ochsen an den Brunnen, und Noth trieb auch mich Armen jetzt an dein
+Netz. Mir steht zu Hause des Sohnes Hochzeit bevor, die, wie du wohl
+weißt, sich ohne Fische nicht ausrichten läßt. Und da ich selbst keine
+Netze hatte, mußte ich schon einige Fische aus deinen Netzen auf Borg
+nehmen. Dies war mein erstes Vergehen gegen dich und soll auch mein
+letztes bleiben. Ich will mein Lebtag das Bad nicht vergessen, das ihr
+mir heute eingeheizt habt. Dein Knabe hat mich so wacker gequästet, daß
+ich meine Knochen nicht fühle und nicht Hand noch Fuß regen kann.« Der
+Fischer erwiederte: »Mag denn unser Handel diesmal abgemacht sein. Du
+kennst jetzt meine Netze und wirst dich sicherlich ein ander Mal vor
+ihnen zu hüten wissen. Nimm den Fischsack auf den Rücken, und dann geh
+mir flink aus den Augen, daß ich deine Fersen nicht mehr sehe, oder aber
+--!« Bei diesen Worten zeigte er ihm den Stock. Der alte Tühi küßte dem
+Fischer die Füße zum Dank dafür, daß er so leichten Kaufes losgekommen
+war. Obwohl er aber schon über ein Fuder fremder Fische im Sacke hatte,
+so gelüstete es ihn doch, noch einen Fisch zu fangen, den er für das
+allerköstlichste Gericht hielt. Mit Honigworten begann er den Fischer zu
+bitten, auf seines Sohnes Hochzeit zu Gast zu kommen, denn er hoffte
+dort mit Gewalt oder mit List der Seele des Fischers habhaft zu werden.
+Der Fischer versprach zu kommen, wenn er auch den Knaben mitbringen
+könnte. Der alte Tühi dachte: »Vortrefflich, das Glück scheint mir
+günstiger zu sein, als ich mir vorstellte, hier werden mir zwei für
+einen geboten.« »Meinethalben bringe den Bengel mit, wenn du allein
+nicht kommen willst!« rief er Abschied nehmend und schleppte seine vor
+Schmerz steif gewordenen Glieder weiter.
+
+Obwohl der alte Tühi nun gewöhnlich durch und durch ein Filz ist, so
+richtete er doch seinem Sohne eine prächtige Hochzeit aus, wo es an
+Nichts fehlte, sondern Ueberfluß, Glanz und Jubel auf Schritt und Tritt
+sich vor den Augen der Gäste entfalteten. Tühi zeigte ihnen seinen
+unermeßlichen Reichthum an Geld und Schätzen, womit in seinen Speichern
+Kisten und Kasten bis zum Rande angefüllt waren. Er ließ auch mancherlei
+wundersame Instrumente spielen und noch wundersamere Tänze aufführen,
+wie es Niemand sonst verstand, als eben nur sein Hausgesinde. »Bitte ihn
+doch, daß er den Dudelsack herausnimmt, der hinter sieben Schlössern
+liegt, und uns darauf eine Weise vorspielen läßt!« sagte der Knabe
+heimlich zu seinem Herrn. Der Fischer kam seinem Wunsche nach und begann
+sofort dem Höllenvater anzuliegen, daß er ihnen seinen wunderbaren
+Dudelsack zeige und den Hochzeitsgästen zur Lust ein Stücklein darauf
+spielen lasse.
+
+Der alte Tühi ging, ohne etwas zu ahnen, zum zweitenmal in die Halle. Er
+holte des Himmelsdonnerers Dudelsack hinter sieben Schlössern hervor,
+legte seine fünf Finger an den Hals desselben und fing an aus
+Leibeskräften zu blasen. Aber sein Spiel gab einen gräulichen Klang.
+»Werdet nicht böse und nehmt es nicht übel, wenn ich euch geradeaus
+sage, daß aus euch kein Meister auf dem Dudelsack mehr wird; mein
+Hirtenknabe könnte es wohl besser machen. Ja ihr könntet bei ihm noch
+alle Tage in die Lehre gehen.« Tühi, der keinen Betrug witterte, gab dem
+Knaben den Dudelsack in die Hand. Ob man da ein Wunder sah! Statt des
+Knaben steht plötzlich der alte Pikne selber da und bläst den Dudelsack
+so gewaltig, daß der böse Geist mit sammt seinem Gesinde zu Boden
+stürzt. Pikne eilte darauf mit dem Fischer von dannen, sehr erfreut, daß
+ihnen die List so vortrefflich gelungen war.
+
+Als sie eine Strecke Weges zurückgelegt hatten, setzten sie sich Beide
+auf den Rand eines breiten Steines, um auszuruhen. Hier begann Pikne zur
+Lust den Dudelsack zu blasen, worauf er dann dem Fischer erzählte, was
+für Listen er angewandt, um seinen Dudelsack dem alten Tühi wieder
+abzunehmen. Während des Gespräches fiel plötzlich Regen, welcher die
+ausgetrocknete Erde nach sieben Monden wieder erfrischte. Pikne dankte,
+als er schied, seinem gewesenen Brotherrn und versprach, dessen Gebet
+immer zu erhören. Von der Zeit an ist Lijon der Mittelsmann zwischen
+Göttern und Menschen geworden und bis auf diesen Tag in diesem Ehrenamte
+geblieben.
+
+[Fußnote 56: Vgl. S. 114, Anm. 2. L.]
+
+
+
+
+11. Der Zwerge[57] Streit.
+
+
+Es ging einmal ein Mann durch einen Wald und stieß auf eine kleine
+Lichtung, wo drei Zwerge in argem Streite miteinander begriffen waren.
+Sie schlugen, stießen, bissen einander, traten sich mit Füßen und
+packten sich an den Haaren, daß es gräulich anzusehen war. Der Mann trat
+näher und fragte, worüber ihr Zank sich entsponnen. »Sehr gut, Bauer,
+daß du gekommen bist,« schrieen die Zwerge -- »du kannst Richter sein
+und unsern Zank schlichten!« Der Mann sagte: »Erst erzählt mir die
+Ursache eures Streites, damit ich Recht sprechen kann. Aber schreit
+nicht Alle zugleich, sondern Einer rede zur Zeit und deutlich, damit ich
+aus dem, was ihr vorbringt, klug werde.« -- »Sehr wohl,« erwiederte
+Einer der Zwerge. »Ich will dir den Ursprung unserer Streitigkeit
+erklären. Sieh! Gestern starb unser Vater und wir drei Brüder wollten
+jetzt seine Erbschaft untereinander theilen; und daraus entstand der
+Zank.« Der Mann fragte: »Was für eine Erbschaft hinterließ euch denn der
+Vater?« -- »Hier ist seine ganze Verlassenschaft,« erwiederte der
+wortführende Zwerg, und zeigte dem Manne einen alten Filzhut, ein Paar
+Bastschuhe und einen tüchtigen Knüttel.
+
+»Seid doch nicht unvernünftig,« sagte der Mann, »sind denn diese
+unnützen Dinge des Zankes werth? Ein Klügerer würde sie alle zusammen
+auf einen Misthaufen werfen. Da ihr das aber nicht wollt, so theilt
+denn. Ihr seid eurer drei und drei Dinge hat der Vater hinterlassen,
+also nehme Einer den Hut, der Andere die Bastschuhe und der Dritte den
+Stock, so ist die Sache in Ordnung.« »Das geht nicht!« schrieen die
+Zwerge. »Diese Dinge darf Niemand theilen, sonst schwindet die geheime
+Kraft daraus; die Dinge müssen ungetrennt bleiben.« Der Mann erkundigte
+sich nun weiter, warum man diese unnützen Dinge nicht trennen dürfe, und
+Einer der Zwerge gab ihm folgenden Bescheid:
+
+»Der alte unscheinbare verknitterte Hut, den ihr da sehet, ist für den,
+der ihn trägt, der größte Schatz.[58] Wenn er den Hut auf hat, so sieht
+er Alles, was auf der Welt vorgeht, es sei nah oder fern, sichtbar oder
+unsichtbar; -- ja der Besitzer des Hutes erkennt dann sogar die Gedanken
+der Menschen. Legt er dann noch die Bastschuhe an und sagt: Ich will
+nach Kurland oder Polen, so braucht er nichts weiter zu thun, als den
+Fuß aufzuheben: augenblicklich gelangt er an die gewünschte Stätte.
+Nimmt der Träger des Hutes und der Bastschuhe dann den Stock in die Hand
+und schlägt damit durch die Luft, so muß Alles vor ihm schmelzen, es sei
+Freund oder Feind. Ja starre Felsen, Berge und selbst böse Geister
+müssen vor diesem Stocke schwinden, denn er ist noch mächtiger als der
+Donnerkeil, Pikne's Pfeil. Ihr sehet nun selbst, daß man diese drei
+Dinge nicht trennen darf, sondern wir müssen uns ihrer der Reihe nach
+bedienen, der Eine heute, der Andere morgen und der Dritte übermorgen.«
+
+»Die Sache scheint spaßhaft genug,« sagte der Mann, dem beim Anhören
+dieser Erzählung ein guter Gedanke aufstieg. »Wenn ich aber euren
+Erbschaftsstreit schlichten soll, so muß ich erst probiren, ob auch
+Alles wahr ist, was ihr sagt.« -- »Das kannst du thun,« riefen die
+Zwerge wie aus einem Munde, »aber beeile dich. Heute wird in Kurland
+gerade eine prächtige Hochzeit gefeiert, und unsere ganze Freundschaft
+und Sippschaft hat sich dort versammelt. Wir möchten auch dahin.« Der
+Mann erwiederte: »Das könnt ihr ja leicht machen, wenn die gerühmte
+Zauberkraft wirklich in den Dingen steckt.« Darauf nahm er zuerst den
+alten verknitterten Hut zur Hand, und sah, daß derselbe nicht aus Filz
+gemacht war, sondern vielmehr aus menschlichen Nägelschnitzeln[59]
+bestand. Als er den Hut aufsetzte, ward er die prächtige Hochzeit in
+Kurland gewahr und Alles, was sonst noch in der weiten Welt geschah.
+Drauf sagte er zu den Zwergen: »Legt mir nun die Bastschuhe an und gebt
+mir den Stock, dann stellt euch alle drei in eine Reihe, den Rücken zu
+mir und das Gesicht gegen Morgen gewendet, aber seht euch nicht eher um,
+als bis ich euch den Bescheid ertheile, wie ihr eure Zauberdinge dem
+Willen des Vaters gemäß theilen müsset.« -- Die einfältigen Zwerge
+erfüllten ohne Widerrede des Richters Geheiß, kehrten das Gesicht nach
+Morgen und wandten ihm den Rücken zu. Als der Mann den Hut auf dem Kopfe
+und die Bastschuhe an den Füßen hatte, schwang er den Knüttel ein paar
+Mal in der Luft um und ließ ihn dann hart auf die Zwerge fallen.
+Augenblicklich waren diese wie weggefegt, und es war keine Spur weiter
+von ihnen geblieben, als drei Tropfen Wasser auf dem
+Frauenmantel-Blatt,[60] auf welchem die Männlein gestanden hatten.
+
+Da ihm das erste Probestück so gut gelungen war, beschloß der Mann sich
+nach Kurland zur Hochzeit zu begeben. Mit diesem Wunsche hob er den Fuß
+auf und rief: »Zur kurischen Hochzeit!« und war in demselben Augenblicke
+auf dem Feste angekommen. Da fand er eine große Menge Menschen
+versammelt, Hohe und Niedere, denn der Hochzeitgeber war ein
+vielgenannter reicher Wirth. Da der Mann mit dem Zauberhute Verborgenes
+eben so gut gewahrte, wie Offenbares, so sah er, als er die Augen zur
+Decke emporhob, daß sich an derselben und auf den Dörrstangen[61] ein
+Schwarm kleiner Gäste befand, deren Menge viel größer zu sein schien,
+als die der eingeladenen Gäste unten. Außer ihm aber konnte niemand das
+kleine Volk sehen. Die Kleinen flüsterten: »Seht doch! der alte Ohm ist
+auch zur Hochzeit gekommen.« -- »Nein!« riefen andere dagegen, -- »der
+fremde Mann hat wohl des Ohms Hut, Bastschuhe und Stock, aber der Ohm
+selbst ist nicht hier.« Inzwischen wurden die Schüsseln mit den Speisen
+aufgetragen, und zwar lagen Deckel darauf. Da sah der Allsichtige, was
+von den Uebrigen niemand bemerkte, daß mit einer wunderbaren
+Geschwindigkeit die guten Speisen aus den Schüsseln herausgenommen und
+schlechtere dafür hineingethan wurden.[62] Eben so ging es mit den
+Kannen und Flaschen. Jetzt fragte der Allsichtige nach dem Hausherrn,
+trat mit schicklichem Gruß zu ihm und sagte: »Nehmt es nicht übel, daß
+ich als unbekannter Fremder unerwartet zu eurem Feste gekommen bin.«
+»Seid willkommen,« entgegnete der Wirth --»Speise und Trank haben wir
+genug, so daß uns ein und der andere ungeladene Gast nicht lästig fallen
+kann.« Der Allsichtige versetzte: »Ich will es glauben, daß ein Gast
+mehr oder weniger hier nicht lästig fällt, wenn aber die Zahl der
+ungebetenen Gäste die der gebetenen übersteigt, da kann doch auch der
+reichste Wirth zu kurz kommen.« »Ich verstehe eure Rede nicht,« sagte
+der Wirth. Der Fremde gab ihm seinen Hut und sagte: »Setzet meinen Hut
+auf und hebt die Augen zur Decke hinauf, da werdet ihr schon sehen.« Der
+Wirth that es, und als er sah, was für Streiche die kleinen Gäste mit
+der Mahlzeit verübten, wurde er todtenbleich und rief mit zitternder
+Stimme: »Ei, Freundchen! von diesen Gästen hat meine Seele nichts
+gewußt; und da ich euren Hut wieder abnehme, sind sie verschwunden. Wie
+könnte ich sie wohl los werden?« Der Eigner des Hutes erwiederte: »Ich
+will euch die kleinen Gäste bald vom Halse schaffen, wenn ihr die
+geladenen Gäste auf kurze Zeit hinausführen, Thüren und Fenster
+sorgfältig verschließen und dafür sorgen wollt, daß nirgends ein Astloch
+oder ein Spalt in der Wand unverstopft bleibt.« Obwohl der Festgeber
+dem Dinge nicht recht traute, so that er doch was der Fremde gewünscht
+hatte, und bat ihn, die kleinen Windbeutel hinauszujagen.
+
+Nach einer kleinen Weile war das Gemach von den geladenen Gästen
+geräumt, Thüren, Fenster und andere Oeffnungen sorgfältig verschlossen,
+und der Allsichtige war mit den kleinen Gästen allein. Da begann er
+seinen Knüttel gegen die Decke und in den Zimmerecken zu schwingen, daß
+es eine Lust war zu sehen! In wenigen Augenblicken war die ganze Schaar
+der kleinen Gäste vernichtet, und an der Diele lagen so viele
+Wassertropfen, als wenn es stark geregnet hätte. Nur ein Bohrloch war
+zufällig unverstopft geblieben, dahinaus schlüpfte eins der Zwerglein,
+wiewohl der Knüttel den Flüchtling noch gestreift hatte. Dieser stöhnte
+auf dem Hofe: »Ai, ai, was für ein Schmerz! Schon manches Mal habe ich
+die Pfeile des alten Papa Pikne geschmeckt, aber das war nichts gegen
+diesen Knüttel.«
+
+Als der Wirth mit Hülfe des Wunderhutes sich überzeugt hatte, daß das
+Gemach von den Zwerglein gereinigt war, bat er die Gäste wieder
+einzutreten. Bei Tische durchschaute der Allsichtige die geheimen
+Gedanken der Hochzeitsgäste, und erfuhr Manches, wovon die Andern nichts
+ahndeten. Der Bräutigam trug mehr Verlangen nach der Habe seines
+Schwiegervaters, als nach seiner jungen Frau; diese, welche als Mädchen
+mit dem Junker des Gutes zu thun gehabt hatte, hoffte durch ihren Mann
+und ihre Haube ihre Schande zu bedecken. -- Jammerschade, daß in unsern
+Tagen solche Hüte nirgends mehr zu finden sind.
+
+[Fußnote 57: Wörtlich: Ochsenknieleute. L.]
+
+[Fußnote 58: S. die Nota auf der folgenden S. L.]
+
+[Fußnote 59: Dieser Hut stammt aus der Unterwelt. S. Kalewipoëg =XIII=,
+831 ff. Er hat zehn Gewalten, unter andern die Kraft, den Körper
+auszudehnen und zusammenzuziehen. Der Kalewsohn, der sich des Hutes
+bemächtigt hatte, beginnt den Ringkampf mit dem Höllenfürsten
+(Gehörnten, =sarwik=) in verschrumpfter gewöhnlicher Mannslänge, als aber
+der Kampf ihn schwächt, läßt er sich durch den Hut wieder zum Riesen
+machen, hebt den Gehörnten zehn Klafter hoch und stampft ihn in den
+Boden. =XIV=, 811 ff. Darauf muß der Hut, der auch Wunschhut heißt, ihn
+und die drei in der Hölle gefangen gehaltenen Schwestern sammt den
+Höllenschätzen auf die Oberwelt versetzen; im Uebermuthe verbrennt der
+Kalewsohn sodann den Schnitzel- oder Wünschelhut. Darüber klagen die
+Schwestern:
+
+ »Warum, starker Sohn des Kalew,
+ Hast den lieben Hut zerstört du?
+ Auf der Erden, in der Hölle
+ Flicht man nie mehr einen solchen.
+ Todt sind fortan alle Wünsche
+ Und vergeblich alles Sehnen« =ibid=. 909. ff.
+
+Noch jetzt herrscht im Werroschen der Gebrauch, daß man nach dem
+Beschneiden der Nägel an Fingern und Zehen mit dem Messer ein Kreuz über
+die Abschnitzel zieht, ehe man sie wegwirft, sonst soll der Teufel sich
+Mützenschirme daraus machen. S. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S. 139. L.]
+
+[Fußnote 60: Vgl. im Märchen 4. vom Tontlawald S. 64. L.]
+
+[Fußnote 61: Diese ruhen auf Querbalken, ziehen sich unter der
+Zimmerdecke hin und haben in der Mitte eine Oeffnung, durch welche das
+geschnittene Korn nach beiden Seiten hin zum Dörren geschoben wird. L.]
+
+[Fußnote 62: Vgl. das Märchen 8. vom Schlaukopf, wo der Teufel
+sämmtliche Speisen und Getränke durch sein Kosten verschwinden läßt.
+L.]
+
+
+
+
+12. Die Galgenmännlein.
+
+
+Ein Prediger suchte schon seit einiger Zeit einen Knecht, der neben
+seinen andern Geschäften auch die Verpflichtung übernehmen sollte,
+allmitternächtlich die Kirchenglocke zu läuten. Zwar hatten schon viele
+und zum Theil sehr brauchbare Männer den Dienst angenommen, allein
+sobald sie sich aufgemacht hatten, um das nächtliche Läuten zu besorgen,
+waren sie plötzlich wie in die Erde gesunken; kein Glockenschlag war zu
+hören, und kein Glöckner kam zurück. Der Prediger hielt die Sache sehr
+geheim, aber das plötzliche Verschwinden so vieler Menschen wurde doch
+allmählich ruchbar, und es wollte Niemand mehr bei ihm dienen.
+
+Je bekannter die Sache wurde, desto bedenklicher schüttelten die Leute
+den Kopf, und es fehlte auch nicht an bösen Zungen, welche aussprengten,
+daß der Prediger selber die Knechte umgebracht habe. Nothgedrungen hatte
+er jetzt verdoppelten Lohn nebst guter Kost angeboten. Monate lang hatte
+er jeden Sonntag nach der Predigt von der Kanzel herab verkündet: »Ich
+brauche einen tüchtigen Knecht, verspreche reichlichen Lohn, gute
+Nahrung u. s. w.« -- es war aber immer erfolglos geblieben. Da kommt
+eines Tages der schlaue Hans und bietet sich an; er hatte zuletzt bei
+einem geizigen Herrn gedient, darum zog ihn das Versprechen guter
+Nahrung zu dem Geistlichen, und er wollte den Dienst gleich antreten.
+»Ganz wohl, mein Sohn,« sagte der Prediger: »wenn es dir an Muth und
+Gottvertrauen nicht fehlt, so kannst du schon diese Nacht dein
+Probestück ablegen. Morgen wollen wir dann den Dienstvertrag
+abschließen.«
+
+Hans war damit zufrieden, ging in die Gesinde-Stube und machte sich um
+seinen neuen Dienst keine Sorge. Der Prediger war ein Geizhals und ward
+immer verdrießlich, wenn das Gesinde zu viel aß, deßhalb kam er meist
+während der Mahlzeit herein, weil er hoffte, die Leute würden in seiner
+Gegenwart weniger dreist zulangen. Er ermahnte das Gesinde, zwischen dem
+Essen recht oft zu trinken, denn er meinte, je mehr Flüssiges Einer im
+Magen habe, desto weniger Platz werde für Brot und Zukost übrig bleiben.
+Hans aber war schlauer als sein Herr, er leerte den Krug auf einen Zug
+und sagte: »Das macht noch einmal so viel Platz für die Speise.« Der
+Prediger wähnte, daß sich die Sache wirklich so verhalte, und forderte
+seitdem seine Leute nicht mehr zum Trinken auf. Hans aber lachte
+innerlich, daß ihm das Schelmstück gelungen war.
+
+Etwa eine Stunde vor Mitternacht ging Hans in die Kirche. Er fand sie
+inwendig erleuchtet und war ein wenig verwundert, als er beim Eintreten
+eine zahlreiche Gesellschaft vorfand, welche nicht die Andacht hier
+zusammengeführt hatte. Die Leute saßen um einen langen Tisch und
+spielten Karten. Hans empfand keine Furcht, oder, wenn er etwas davon
+verspürte, so war er doch klug genug, es sich nicht merken zu lassen. Er
+ging dreist an den Tisch und setzte sich zu den Spielern. Einer
+derselben bemerkte ihn und fragte: »Freundchen, was hast du hier zu
+suchen?« Hans sah ihn eine Weile groß an und sagte dann lachend: »Du
+Naseweis solltest dir lieber das Maul stopfen! Wenn Jemand hier ein
+Recht hat zu fragen, so meine ich es zu sein. Wenn ich mich meines
+Rechtes nicht bediene, so wäre es für euch gewiß das Gescheuteste, euer
+vorlautes Maul zu stopfen!«
+
+Darauf nahm Hans Karten zur Hand und spielte mit den unbekannten
+Männern, als wären es seine besten Freunde. Er hatte viel Glück, denn
+sein Einsatz verdoppelte sich ihm, und dadurch wurden manchem seiner
+Mitspieler die Taschen geleert. Da hörte man einen Hahnenschrei,
+Mitternacht mußte angebrochen sein, plötzlich erloschen die Lichter und
+im Nu waren die Spieler sammt Tisch und Bänken verschwunden. Hans mußte
+in der dunklen Kirche eine Zeitlang herumtappen, bis er endlich den
+Eingang zur Thurmtreppe fand.
+
+Als er den ersten Absatz hinauf geklettert war, sah er auf der obersten
+Stufe ein Männlein sitzen, dem der Kopf fehlte. »Hoho, mein Kleiner, was
+hast du hier zu suchen?« fragte Hans, und versetzte ihm, ohne die
+Antwort abzuwarten, einen so derben Fußtritt in den Nacken, daß das
+Männlein die lange Treppe hinunter rollte. Auf der zweiten, dritten und
+vierten Treppe fand er eben solche stumme Wächter, und ließ sie einen
+nach dem andern hinunterpurzeln, daß ihnen alle Knochen im Leibe
+knackten.
+
+Endlich war Hans ungehindert zur Glocke gelangt. Als er hinauf sah, um
+sich zu überzeugen, daß Alles in gehörigem Stande sei, erblickte er noch
+ein kopfloses Männlein, das zusammengekauert in der Glocke saß. Es hatte
+den Glockenklöppel losgemacht und schien darauf zu warten, daß Hans den
+Glockenstrang anzöge, um ihm dann den schweren Klöppel auf den Kopf zu
+schmeißen, was dem Glöckner sicher den Tod gebracht hätte.
+
+»Halt, Freundchen!« rief Hans -- »so haben wir nicht gewettet. Du hast
+wohl gesehen, wie ich deine kleinen Kameraden, ohne ihre eigenen
+Beinchen zu bemühen, die Treppe habe hinunter rollen lassen? Gleich
+sollst du hinter ihnen her fliegen. Aber weil du am höchsten sitzest,
+sollst du auch die stolzeste Fahrt machen, ich will dich zur Luke
+hinauswerfen, daß dir die Lust vergehen soll, wiederzukommen.«
+
+Mit diesen Worten setzte er die Leiter an, um den Kleinen aus der Glocke
+heraus zu holen und seine Drohung wahr zu machen. Das Männlein erkannte
+die Gefahr, in der es schwebte, und fing an zu bitten: »Brüderchen!
+schone mein armes Leben! Dafür will ich dir fest versprechen, daß weder
+ich noch meine Kameraden dich je wieder beim nächtlichen Läuten stören
+sollen. Wohl bin ich klein und unansehnlich, allein wer weiß, ob es sich
+nicht einmal fügt, daß ich dir für deine Wohlthat mehr erstatten kann,
+als einen Bettlerdank.«
+
+»Du winziger Knirps!« lachte Hans. »Deine Dankesgabe wird eine Mücke auf
+ihrem Schwanze fortbringen können! Aber da ich heute gerade bei guter
+Laune bin, so magst du am Leben bleiben. Doch hüte dich, mir wieder in
+die Quere zu kommen, ich möchte sonst ein zweites Mal nicht mit dir
+spaßen.« Das kopflose Männlein dankte demüthig, kletterte wie ein
+Eichhörnchen an dem Glockenstrang herab und lief die Thurmtreppe
+herunter, als hätte es Feuer in der Tasche. Hans läutete jetzt nach
+Herzenslust.
+
+Als der Pfarrer um Mitternacht die Kirchenglocke hörte, verwunderte er
+sich und war froh, daß er doch endlich einen Knecht gefunden, der das
+Probestück glücklich zu Stande gebracht hatte. Hans ging nach gethaner
+Arbeit auf den Heuboden und legte sich schlafen.
+
+Der Pfarrer pflegte früh am Morgen aufzustehen, um nachzusehen, ob die
+Leute bei ihrer Arbeit seien. Alle waren an ihrem Platze, nur der neue
+Knecht fehlte, und keiner wollte ihn gesehen haben. Als nun
+Mittmorgen[63] vorüber war, und es eilf Uhr wurde und Hans noch immer
+nicht erschien, da ward dem Pfarrer bange und er glaubte nicht anders,
+als daß der Glöckner sein Ende gefunden habe, wie seine Vorgänger. Als
+aber das Gesinde durch das Klopfbrett zum Mittagessen zusammengerufen
+wurde, kam auch Hans zum Vorschein. »Wo bist du den ganzen Vormittag
+gewesen?« fragte der Pfarrer. »Ich habe geschlafen,« antwortete Hans
+gähnend.
+
+»Geschlafen!« rief der Pfarrer erstaunt. »Du wirst doch nicht meinen,
+daß du alle Tage bis Mittag schlafen kannst?«
+
+»Ich meine,« erwiederte Hans, »das ist so klar wie Quellwasser. Niemand
+kann zweien Herren dienen. Wer Nachts arbeitet, der muß am Tage
+schlafen, so wie für den Tagarbeiter die Nacht zur Ruhe gemacht ist.
+Nehmt mir das nächtliche Glockenläuten ab, so bin ich bereit, mit
+Sonnenaufgang an die Arbeit zu gehen. Wenn ich aber Nachts die Glocke
+läuten soll, so muß ich am Tage schlafen, zum allermindesten bis
+Mittag.«
+
+Nachdem sie lange hin und her gestritten hatten, wurden sie endlich über
+folgende Bedingungen einig. Hans sollte von dem nächtlichen Läuten
+befreit werden, und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, nach
+Mittmorgen eine halbe und nach dem Mittagsessen eine ganze Stunde
+schlafen; den Sonntag aber ganz frei sein. »Aber,« sagte der Pfarrer,
+»bisweilen könnten doch noch Kleinigkeiten vorfallen, besonders im
+Winter, wo die Tage kurz sind, und die Arbeit würde dann länger dauern.«
+--»Mit nichten,« rief Hans, -- »dafür sind im Sommer die Tage wieder
+lang.[64] Ich werde nicht mehr thun, als wozu ich verpflichtet bin,
+nämlich an Werkeltagen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten.«
+
+Einige Zeit darauf wurde der Pfarrer gebeten, zu einer großen Kindtaufe
+zur Stadt zu kommen. Die Stadt war nur einige Stunden weit vom Pfarrhof,
+dennoch nahm Hans den Brotsack mit. »Weswegen thust du das?« fragte der
+Prediger, »wir werden ja zum Abend in der Stadt sein.« Hans antwortete:
+»Wer kann Alles vorher wissen? unterwegs kann so Manches vorfallen, was
+unsere Fahrt verzögert, und ihr kennt unsern Contract, nach welchem ich
+nur bis Sonnenuntergang verpflichtet bin, euch zu bedienen. Sollte die
+Sonne untergehen, ehe wir die Stadt erreichen, so müßtet ihr schon
+allein weiter fahren.«
+
+Da der Pfarrer diese Rede für Scherz hielt, gab er ihm keine Antwort,
+und sie fuhren ab. Kurz vorher war frischer Schnee gefallen, den der
+Wind zusammengeweht hatte, so daß der Weg stellenweise verschüttet war
+und schnelles Fahren unmöglich machte. Unweit der Stadt mußten sie durch
+einen großen Wald. Als sie ihn erreicht hatten, lag die Sonne schon auf
+den Wipfeln der Bäume. Die Pferde schleppten sich langsam Schritt für
+Schritt durch den tiefen Schnee, und Hans drehte sich öfter nach der
+Sonne um. »Warum siehst du so oft hinter dich?« fragte der Pfarrer.
+»Weil ich im Nacken keine Augen habe,« erwiederte Hans. »Laß jetzt deine
+Narrenspossen,« sagte der Pfarrer, »und sieh' zu, daß wir in die Stadt
+kommen, ehe es ganz finster wird.« Hans fuhr weiter, ohne ein Wort zu
+verlieren, unterließ aber nicht, von Zeit zu Zeit die Sonne zu
+beobachten.
+
+Sie mochten etwa in der Mitte des Waldes sein, als die Sonne unterging.
+Hans hielt die Pferde an, nahm seinen Brotsack und stieg aus dem
+Schlitten. »Nun Hans, bist du toll geworden? was machst du?« fragte der
+Seelenhirt. Aber Hans gab ruhig zur Antwort: »Ich will mir hier ein
+Nachtlager zurecht machen, die Sonne ist untergegangen, und meine
+Arbeitszeit ist um.« Sein Brotherr that alles Mögliche, er bat und
+drohte abwechselnd, als aber Alles nichts half, versprach er ihm
+zuletzt ein gutes Trinkgeld und eine Zulage zum Jahreslohn. »Schämt ihr
+euch nicht, Herr Pastor!« sagte Hans --»wollt ihr der Versucher sein und
+mich vom rechten Wege abbringen, so daß ich gegen die Abmachung handle?
+Alle Schätze der Welt können mich dazu nicht verlocken; man faßt den
+Mann beim Wort, wie den Ochsen beim Horn. Wollt ihr noch heut Abend zur
+Stadt, so fahret in Gottes Namen allein, ich kann nicht weiter mit euch
+kommen, denn meine Dienst-Stunden sind abgelaufen.«
+
+»Mein lieber Hans, Goldjunge!« sagte jetzt der Pfarrer, »ich darf dich
+hier nicht allein lassen. Blick' nur um dich, so wirst du sehen, in
+welche Gefahr du dich muthwillig begiebst. Dort ist der Richtplatz mit
+dem Galgen, es hängen zwei Missethäter daran, deren Seelen in der Hölle
+brennen. Du wirst doch nicht in der Nähe solcher Gesellen die Nacht
+zubringen wollen?« »Warum denn nicht?« fragte Hans. »Die Galgenvögel
+hängen oben in der Luft, ich nehme mein Nachtlager unten auf der Erde,
+da können wir uns einander nichts anhaben.« Mit diesen Worten kehrte er
+seinem Herrn den Rücken und ging mit seinem Brotsack davon.
+
+Wollte der Pfarrer die Taufgebühren nicht einbüßen, so mußte er allein
+zur Stadt fahren. Hier war man nicht wenig erstaunt, ihn ohne Kutscher
+ankommen zu sehen; als er aber seine wunderliche Unterhaltung mit Hans
+erzählt hatte, wußten die Leute nicht, wen sie für den größten Thoren
+halten sollten, ob den Herrn oder den Diener.
+
+Hansen war es gleichgültig, was die Leute von ihm dachten oder sagten.
+Mit Hülfe seines Brotsacks hatte er die Forderungen seines Magens
+befriedigt, dann zündete er sich seinen Nasenwärmer (Pfeife) an, machte
+unter einer breiten ästigen Fichte sein Lager zurecht, wickelte sich in
+seinen warmen Pelz und schlief ein. Einige Stunden mochte er geschlafen
+haben, als ein plötzlicher Lärm ihn aufweckte. Die Nacht war mondhell.
+Dicht neben seinem Lager standen zwei kopflose Männlein unter der Fichte
+und führten zornige Reden. Hans richtete sich in die Höhe, um besser zu
+sehen, aber in demselben Augenblick riefen die Männlein: »Er ist es, er
+ist es!« Der eine trat dann näher an Hansen's Lager und sagte: »Alter
+Freund! ein glücklicher Zufall führt uns zusammen. Meine Knochen thun
+mir noch weh von der Thurmtreppe her in der Kirche, du hast wohl die
+Geschichte nicht vergessen? dafür sollen heute deine Knochen dermaßen
+bearbeitet werden, daß du Wochenlang an unser Zusammentreffen denken
+sollst. He! Gesellen! Holt aus und macht euch dran!«
+
+Wie ein dichter Mückenschwarm sprangen nun von allen Seiten die
+kopflosen Männlein herbei, Alle mit tüchtigen prügeln bewaffnet, die
+größer waren als ihre Träger. Die Masse dieser kleinen Feinde drohte
+Gefahr, denn ihre Schläge fielen so hart, daß ein starker Mann kaum
+bessere hätte führen können. Hans glaubte, sein letztes Stündlein sei
+gekommen; einem so zahlreichen Feindeshaufen konnte er keinen Widerstand
+leisten. Sein Glück war es, daß gerade, als das Prügeln im besten Gange
+war, noch ein Männlein dazu kam. »Haltet ein, haltet ein, Kameraden!«
+rief er den Seinigen zu. »Dieser Mann war einst mein Wohlthäter und ich
+bin sein Schuldner. Er schenkte mir das Leben, als ich in seiner Gewalt
+war. Hat er einige von euch unsanft die Treppe hinunter geworfen, so ist
+doch glücklicher Weise keiner lahm geworden. Das warme Bad hat die
+zerschlagenen Glieder längst wieder geschmeidigt, darum verzeiht ihm und
+geht nach Hause.«
+
+Die kopflosen Männlein ließen sich leicht durch ihren Kameraden
+beschwichtigen und gingen still fort. Hans erkannte jetzt in seinem
+Retter den nächtlichen Geist in der Kirchenglocke. Dieser setzte sich
+nun unter der Fichte neben Hans nieder und sagte: »Damals verlachtest du
+mich, als ich dir sagte, vielleicht komme einmal eine Zeit, wo ich dir
+nützlich werden könnte. Heute ist ein solcher Augenblick nun
+eingetreten, und daraus lerne, daß man auch das kleinste Geschöpf auf
+der Welt nicht verachten darf.« »Ich danke dir von Herzen,« sagte Hans
+-- »meine Knochen sind von ihren Schlägen wie zermalmt, und ich hätte
+das Bad leicht mit dem Leben bezahlen können, wenn du nicht zu rechter
+Zeit dazu gekommen wärest.«
+
+Das kopflose Männlein fuhr fort: »Meine Schuld wäre jetzt getilgt; aber
+ich will mehr thun und dir für die erhaltenen Schläge noch
+Schmerzensgeld zahlen. Du brauchst dich nicht länger als Knecht bei
+einem geizigen Pastor zu quälen. Wenn du morgen nach Hause kommst, so
+geh' gleich zur nördlichen Kirchenecke, da wirst du einen großen Stein
+eingemauert finden, der nicht wie die andern mit Kalk getüncht ist.
+Uebermorgen Nacht haben wir Vollmond: dann brich um Mitternacht den
+bezeichneten Stein mit der Brechstange aus der Mauer heraus. Unter dem
+Steine wirst du einen unermeßlichen Schatz finden, an dem viele
+Geschlechter gesammelt haben: goldenes und silbernes Kirchengeräthe und
+sehr viel baares Geld wurde hier, als einst eine Kriegsnoth herrschte,
+vergraben. Diejenigen, welche den Schatz hier verbargen, sind schon vor
+mehr als hundert Jahren alle gestorben, und keine Seele weiß jetzt um
+die Sache. Ein Drittel des Geldes mußt du unter die Kirchspiels-Armen
+vertheilen, alles Andere ist von Rechtswegen dein Eigenthum, womit du
+verfahren kannst, wie es dir beliebt.« In diesem Augenblicke hörte man
+aus dem fernen Dorfe den Hahnenschrei und plötzlich war das kopflose
+Männlein wie weggefegt. Hans konnte lange vor Schmerz in den Gliedern
+nicht einschlafen und dachte viel über den verborgenen Schatz; erst
+gegen Morgen verfiel er in Schlummer.
+
+Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sein Brotherr aus der Stadt
+zurückkam. »Hans, du warst gestern ein großer Thor, daß du nicht mit mir
+fuhrst,« sagte der Pfarrer. »Sieh', ich habe gut gegessen und getrunken
+und überdies noch Geld in der Tasche.« Indem er so sprach, klapperte er
+mit dem Gelde, um dem Knecht das Herz noch schwerer zu machen. Hans aber
+erwiederte ruhig: »Ihr, geehrter Herr Pastor, habt für das Bischen Geld
+die Nacht wachen müssen, während ich im Schlafe hundertmal mehr verdient
+habe.« »Zeige mir doch, was hast du verdient?« fragte der Prediger. Aber
+Hans antwortete: »Die Narren prahlen mit ihren Kopeken, aber die Klugen
+verstecken ihre Rubel.«
+
+Zu Hause angelangt, besorgte Hans rasch, was ihm oblag, spannte die
+Pferde aus und warf ihnen Futter vor, ging dann um die Kirche herum und
+fand an der bezeichneten Stelle den nicht getünchten Mauerstein.
+
+In der ersten Nacht des Vollmonds, als die Andern alle schliefen,
+verließ er heimlich mit einer Brechstange das Haus, brach mit vieler
+Mühe den Stein heraus und fand in der That die Grube mit dem Gelde, ganz
+wie das Männlein gesagt hatte. Am Sonntage vertheilte er den dritten
+Theil unter die Armen des Kirchspiels, kündigte dann dem Prediger auf,
+und da er für die kurze Zeit keinen Lohn verlangte, so wurde er ohne
+Widerrede entlassen. Hans aber zog weit weg, kaufte sich einen schönen
+Bauerhof, nahm ein junges Weib und lebte dann noch viele Jahre glücklich
+und in Frieden.
+
+Zu der Zeit, als mein Großvater Hüterknabe war, lebten in unserm Dorfe
+noch viele alte Leute, welche den Hans gekannt hatten und die Wahrheit
+dieser Geschichte bezeugen konnten.
+
+[Fußnote 63: Neun Uhr. L.]
+
+[Fußnote 64: Er denkt dabei an die ehstnische Redewendung: »die Tage
+gehen in der Richtung (zum Besten) des Wirths« -- d. h. sie nehmen zu.
+Dagegen: »die Tage gehen in der Richtung des Knechts« -- d. h. sie
+nehmen ab.]
+
+
+
+
+
+13. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen.
+
+
+Einmal war eines großen Königs Tochter plötzlich gestorben, und Trauer
+und Wehklagen erfüllte das ganze Land. An dem Tage, wo die Todte
+eingesargt werden sollte, kam aus fernen Landen ein weiser Mann
+(Zauberer) in die trauernde Königsstadt. Er schloß aus der allgemeinen
+Bekümmerniß, daß hier etwas Besonderes vorgefallen sein müsse und
+fragte, was denn die Bewohner so sehr drücke. Als er Auskunft erhalten
+hatte, begab er sich in den königlichen Palast, nannte sich einen weisen
+Arzt und bat um Zutritt zum Könige. Schon auf der Schwelle rief er mit
+starker Stimme: »Die Jungfrau ist nicht todt, sondern nur müde, laßt sie
+eine Zeitlang ruhen.« Als der König diesen Ausspruch gehört hatte,
+befahl er dem Fremden, näher zu treten. Der Zauberer aber sagte: »Die
+Jungfrau darf nicht zu Grabe gebracht werden. Ich werde einen Glaskasten
+machen, darin wollen wir sie betten und ruhig schlafen lassen, bis die
+Zeit des Erwachens heran kommt.«
+
+Der König war höchlich erfreut über diese Rede und versprach dem
+Zauberer reichen Lohn, wenn seine Verheißung sich erfüllen würde.
+Dieser machte darauf einen großen Glaskasten, legte seidene Kissen
+hinein, bettete die Königstochter darauf, schloß den Deckel und ließ den
+Kasten in ein großes Gemach tragen, jedoch Wachen vor die Thür stellen,
+damit Niemand die Schlafende wecke.
+
+Nachdem dies geschehen war, sagte der Zauberer zum Könige: »Sendet jetzt
+überall hin und lasset allen Glasvorrath aufkaufen, dann werde ich einen
+Ofen bauen, der größer sein wird als eure Königsstadt, und in welchem
+wir unser Glas zu einem Berge zusammenschmelzen wollen. Wenn sechs Jahre
+verstrichen sind, und der Lerchensang den siebenten Sommer ankündigt,
+dann sendet Boten nach allen Richtungen hin, und lasset bekannt machen,
+daß es jedem jungen Manne erlaubt sei, sich als Bewerber um eure Tochter
+einzufinden. Wer von den Freiern dann, sei es zu Pferde, oder auf seinen
+eigenen Füßen, des Glasberges Gipfel erklimmt, der muß euer
+Schwiegersohn werden. Wenn nämlich der auserkorene Mann kommt, was
+binnen sieben Jahren und sieben Tagen geschehen wird, dann wird eure
+Tochter aus dem Schlafe erwachen und dem Jüngling einen goldenen Ring
+geben. Wer euch diesen Ring bringt, und wäre es der geringste eurer
+Unterthanen, ja auch eines Tagelöhner's Sohn, dem müßt ihr eure Tochter
+zur Gemahlin geben, sonst wird sie in ewigen Schlaf versinken.«
+
+Der König versprach, sich in allen Stücken nach dieser Vorschrift zu
+richten, und gab sofort Befehl, in allen angränzenden Ländern den
+Glasvorrath anzukaufen. Als das sechste Jahr ablief, war so viel Glas
+beisammen, daß es eine Fläche von einer Meile sieben Klafter hoch
+bedeckte.
+
+Inzwischen hatte der Zauberer seinen Schmelzofen fertig, der so hoch
+war, daß er fast an die unterste Wolkenschicht reichte. Der König
+stellte ihm zweitausend Arbeiter zur Verfügung, welche das Glas in den
+Ofen thaten. Hier schmolz es, und die Hitze wurde so stark, daß Sümpfe,
+Flüsse und kleine Seen austrockneten, ja selbst in Quellen und tiefen
+Brunnen eine Abnahme des Wassers zu bemerken war.
+
+Während nun der Zauberer seinen Glasberg zusammenschmilzt, wollen wir in
+eine Bauernhütte treten, die nicht weit von der Königsstadt liegt, und
+wo ein alter Vater mit seinen drei Söhnen wohnt. Die beiden älteren
+Brüder waren gescheute, gewiegte Bursche, der jüngste aber etwas
+einfältig. Als der Vater erkrankte und sein Ende herannahen fühlte, ließ
+er seine Söhne vor sein Lager treten und sprach folgendermaßen: »Ich
+fühle, daß mein Heimgang herannaht, deßhalb will ich euch meinen letzten
+Willen kund thun. Ihr, meine lieben älteren Söhne, sollt
+gemeinschaftlich Haus und Acker bestellen, so lange ihr nicht beide
+heirathet. Die Herrschaft zweier Herdesköniginnen würde einen Riß in's
+Hauswesen bringen. Denn ein altes wahres Wort sagt: »Wo sieben
+unbeweibte Brüder friedlich bei einander leben, da wird es zweien Frauen
+zu eng; sie müssen sich zausen.« Tritt aber dieser Fall ein, so sollt
+ihr Haus und Felder unter einander theilen. Euer jüngster Bruder aber,
+der weder zum Wirth noch zum Knecht taugt, soll bei euch Obdach und
+Nahrung finden, so lange er lebt. Zu diesem Behufe vermache ich euch
+beiden meinen Geldkasten. Euer jüngster Bruder ist zwar etwas kurz von
+Verstande, aber er hat ein gutes Herz, und wird euch eben so willig
+gehorchen, wie er mir immer gehorcht hat.« Die älteren Brüder
+versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge des Vaters Willen zu
+erfüllen, der jüngste sprach kein Wort und weinte bitterlich. »Noch Eins
+will ich sagen,« fuhr der Vater fort -- »wenn ich todt bin und ihr mich
+begraben habt, so erweiset mir als letzten kleinen Liebesdienst, daß
+jeder von euch eine Nacht an meinem Grabe wacht.« Beide älteren Brüder
+versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge, des Vaters Willen
+zu erfüllen, der jüngste sagte kein Wort und weinte bitterlich. Bald
+nach dieser Unterredung hatte der Vater seine Augen auf immer
+geschlossen.
+
+Die beiden älteren Brüder richteten ein großes Gastmahl an und luden
+viele Gäste ein, damit der todte Vater mit allen Ehren bestattet werde.
+Sie selbst waren guter Dinge und aßen und tranken wie auf einer
+Hochzeit, während ihr dritter Bruder still weinend am Sarge des Vaters
+stand; als der Sarg dann weggetragen und in's Grab gesenkt wurde, da war
+dem jüngsten Sohne zu Muthe, als wären nun alle Freuden abgestorben und
+mit dem Vater begraben.
+
+Spät am Abend, als die letzten Gäste fortgegangen waren, fragte der
+jüngste Bruder, wer die erste Nacht am Grabe des Vaters wachen würde.
+Die andern sagten: »Wir sind müde von der Besorgung des Begräbnisses,
+wir können heute Nacht nicht wachen, aber du hast nichts Besseres zu
+thun, also geh du und halte Wache.«
+
+Der jüngste Bruder ging ohne ein Wort zu sagen zum Grabe des Vaters, wo
+Alles still war und nur die Grille zirpte. Um nicht einzuschlafen, ging
+er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte um Mitternacht sein, als es
+wie von einer klagenden Stimme aus dem Grabe tönte:[65]
+
+ »Wessen Schritt ist's, der da schüttet
+ Groben Kiessand auf die Augen,
+ Schwarze Erde auf die Brauen.«
+
+Der Sohn verstand die Frage und antwortete:
+
+ »Das ist ja dein jüngster Knabe,
+ Dessen Schritt ist's, der da schüttet
+ Groben Kiessand auf die Augen,
+ Schwarze Erde auf die Brauen.«
+
+Die Stimme fragte weiter, warum die älteren Brüder nicht zuerst zur
+Wacht gekommen seien, worauf der jüngste sie entschuldigte, sie hätten,
+ermüdet von der Beerdigung, heute nicht kommen können.
+
+Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
+werth, darum will ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Es wird
+bald eine Zeit kommen, wo du dir bessere Kleider wünschen wirst, um in
+die Gesellschaft vornehmer Leute kommen zu können. Dann tritt an mein
+Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und
+sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _erste_ nächtliche
+Wacht.« Dann wirst du einen Anzug und ein Pferd erhalten. Aber sage
+deinen Brüdern nichts davon.«
+
+Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter heim, frühstückte etwas, um sich
+zu stärken, und legte sich dann nieder, um zu ruhen.
+
+Als am Abend die Zeit herankam, fragte er bei den Brüdern an, wer von
+ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die Brüder antworteten
+spöttisch: »Nun es wird wohl Niemand kommen, um den Vater aus dem Grabe
+zu stehlen. Wenn du aber Lust hast, so kannst du ja auch diese Nacht
+dort wachen. Aber mit all deinem Wachen wirst du den Vater nicht wieder
+ins Leben zurückrufen.« Der jüngste Bruder wurde über diese lieblose
+Rede noch betrübter und verließ mit Thränen in den Augen das Gemach.
+
+Auf dem Grabe des Vaters war Alles ruhig, wie gestern Nacht, nur die
+Grille zirpte im Grase. Damit er nicht einschliefe, ging er leisen
+Schrittes auf und ab. Es mochte wohl Mitternacht sein, die Hähne hatten
+schon zweimal gekräht, als eine klagende Stimme aus dem Grabe sich
+vernehmen ließ:
+
+ »Wessen Schritt ist's, der da schüttet
+ Groben Kiessand auf die Augen,
+ Schwarze Erde auf die Brauen?«
+
+Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:
+
+ »Das ist ja dein jüngster Knabe,
+ Dessen Schritt ist's, der da schüttet
+ Groben Kiessand auf die Augen,
+ Schwarze Erde auf die Brauen.«
+
+Die Stimme fragte weiter, warum keiner der älteren Brüder gekommen sei,
+und der jüngste entschuldigte sie, sie seien von dem Tagewerk zu
+ermüdet, um zu wachen.
+
+Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
+werth, darum werde ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Bald
+wird eine Zeit kommen, wo du dir einen noch besseren Anzug wünschen
+wirst, als den, welchen du dir gestern verdient hast. Dann tritt nur
+dreist an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den
+Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die
+_zweite_ nächtliche Wacht!« Sofort wirst du einen prächtigeren Anzug und
+ein schöneres Pferd erhalten, so daß die Leute ihre Augen nicht von dir
+wegwenden mögen. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«
+
+Mit Tagesanbruch ging er von der Grabeswacht nach Hause, fand die beiden
+älteren Brüder noch schlafend, frühstückte etwas, um sich zu stärken,
+streckte sich dann auf die Ofenbank hin und schlief, bis die Sonne schon
+etwas über Mittag stand.
+
+Als am Abend die Zeit wieder herannahte, fragte er die Brüder, wer von
+ihnen die Nacht am Grabe des Vaters wachen würde? Sie lachten und
+antworteten spöttisch: »Wer die wohlfeile Arbeit zwei Nächte gethan hat,
+der kann sie auch die dritte Nacht thun. Der Vater wird aus seinem Grabe
+nicht davonlaufen, und noch weniger werden die Leute kommen, ihn zu
+stehlen. Wäre er noch bei vollem Verstande gewesen, so hätte er einen
+Wunsch dieser Art gar nicht geäußert.« Der jüngste Bruder war sehr
+betrübt über ihre lieblose Rede, und ging wieder mit thränenden Augen
+davon.
+
+Auf dem Grabe des Vaters war Alles still, wie die beiden Nächte zuvor,
+nur die Grille zirpte im Grase, und die Schnepfe[66] meckerte unter
+hohem Himmel. Um nicht einzuschlafen, ging der Grabeswächter leisen
+Schrittes auf und ab. Es mochte Mitternacht sein, die Hähne hatten schon
+zweimal gekräht, da rief wieder die klagende Stimme aus dem Grabe:
+
+ »Wessen Schritt ist's, der da schüttet
+ Groben Kiessand auf die Augen,
+ Schwarze Erde auf die Brauen?«
+
+Der Sohn verstand die Frage und erwiederte:
+
+ »Das ist ja dein jüngster Knabe,
+ Dessen Schritt ist's, der da schüttet
+ Groben Kiessand auf die Augen,
+ Schwarze Erde auf die Brauen.«
+
+Die Stimme fragte wieder, weßwegen die älteren Brüder nicht gekommen
+seien, und erhielt dieselbe Antwort wie gestern.
+
+Aber des Vaters Stimme hob wieder an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
+werth, ich will dir den deinigen nicht vorenthalten. Bald wird eine Zeit
+kommen, wo du an dir selbst erfahren wirst, daß der Mensch, je mehr er
+hat, desto mehr begehrt. Einem guten Sohne aber, der seinem Vater auch
+nach dem Tode noch Liebe erwies, müssen alle Wünsche erfüllt werden.
+Anfangs wollte ich meine verborgenen Schätze unter deine Brüder theilen,
+jetzt bist du mein einziger Erbe. Wenn dir deine prächtigen Kleider und
+Pferde, die ich dir für die erste und zweite nächtliche Wacht zum Lohne
+versprach, nicht mehr gefallen, so tritt dreist an mein Grab, stampfe
+mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber
+Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht!« und
+augenblicklich wirst du die allerprächtigsten Kleider und die
+allerkostbarsten Pferde erhalten. Alle Welt wird mit Bewunderung auf
+dich blicken, deine älteren Brüder werden dich beneiden und ein großer
+König wird dich zum Schwiegersohne wählen. Aber sage deinen Brüdern
+nichts davon.«
+
+Mit Tagesanbruch ging der Grabeswächter nach Hause und dachte bei sich
+selbst: so eine Zeit wird für mich Armen wohl niemals kommen. Als er
+dann ein wenig gefrühstückt hatte, um sich zu stärken, streckte er sich
+auf die Ofenbank, schlief ein und erwachte erst, als die Sonne schon in
+den Wipfeln des Waldes stand.
+
+Während er schlief, sprachen die älteren Brüder untereinander: »Dieser
+Nachtwacher und Tagschläfer wird uns nie zu was nützen, wozu füttern wir
+ihn? Wir thäten besser, das Futter einem Schweine zu geben, das wir zu
+Weihnacht schlachten können.« Der älteste Bruder setzte hinzu: »Werfen
+wir ihn aus dem Hause, er kann vor fremder Leute Thüren sein Brod
+betteln.« Da meinte aber der andere, das würde doch nicht gut angehen,
+und würde ihnen selber Schande bringen, wenn sie, als wohlhabende Leute,
+den Bruder betteln gehen ließen. »Lieber wollen wir ihm die Brosamen von
+unserm Tische hinwerfen, satt soll er nicht dabei werden, aber auch
+nicht Hungers sterben.«
+
+Inzwischen hatte der Zauberer seinen Glasberg fertig geschmolzen, und
+der König hatte überall bekannt machen lassen, daß jeder junge Mann
+kommen dürfe, sich um seine Tochter zu bewerben, daß aber nur demjenigen
+die Jungfrau ihre Hand reichen würde, der zu Pferde oder auf eigenen
+Füßen den Gipfel des Glasberges erklimmen würde.
+
+Der König ließ nun ein großes Gelage anrichten für alle die Gäste, die
+sich einfinden würden. Das Gelage sollte drei Tage währen; für jeden Tag
+wurden hundert Ochsen und siebenhundert Schweine geschlachtet, und
+fünfhundert Fässer Bier gebraut. Die aufgestapelten Würste ragten gleich
+Wänden, die Hefenbröte[67] und Kuchen bildeten Haufen, so hoch wie die
+größten Heuschober.
+
+Die schlafende Königstochter wurde in ihrem Glaskasten auf den Gipfel
+des Glasberges getragen. Von allen Seiten strömten Fremde herbei, theils
+um das Wagestück zu versuchen, theils um das Wunder mit anzusehen. Der
+glänzende Berg strahlte wie eine zweite Sonne, so daß man ihn schon
+viele Meilen weit aus der Ferne erblickte.
+
+Unsere alten Bekannten, die beiden älteren Brüder, hatten sich
+Festkleider machen lassen und gingen auch zum Gastmahl. Der jüngste
+mußte zu Hause bleiben, damit er in seinem elenden Aufzuge den schmucken
+Brüdern keine Schande mache. Aber kaum hatten sich die älteren Brüder
+auf den Weg gemacht, so ging der jüngste an des Vaters Grab, that, wie
+die Stimme ihn gelehrt hatte, und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um
+meinen Lohn für die _erste_ nächtliche Wacht!« -- In dem nämlichen
+Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen kam, stand ein ehernes Roß
+da mit ehernem Zaum, und auf dem Sattel lag die schönste glänzende
+Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut,
+als wäre es auf seinen Leib gemacht.
+
+Um Mittag kam der eherne Mann auf seinem ehernen Pferde an den Glasberg,
+wo Hunderte und Tausende standen, aber kein Einziger war im Stande, auch
+nur einige Schritte den glatten Berg hinauf zu kommen. Der eherne Reiter
+drängte sich durch die Menge, ritt ein Drittel des Berges hinauf, als
+wäre es geschwendetes Land, kehrte dann um, grüßte den König und
+verschwand wieder. Manche Zuschauer wollten bemerkt haben, daß die
+schlafende Königstochter ihre Hand regte, als der eherne Mann
+hinaufritt.
+
+Beide Brüder konnten am Abend nicht genug von der wunderbaren That des
+ehernen Mannes und seines ehernen Pferdes erzählen. Der jüngste Bruder
+hörte ihre Reden schweigend an, ließ sich aber nicht merken, daß er
+selber der Mann gewesen war.
+
+Am andern Morgen gingen die Brüder mit Sonnenaufgang wieder fort, um die
+Gasterei nicht zu versäumen. Die Sonne stand in Südost, als der jüngste
+Bruder an das Grab des Vaters kam; er that nach der Vorschrift und
+sagte: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die _zweite_ nächtliche
+Wacht!« In dem nämlichen Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen
+kam, stand ein silbernes Pferd da mit silbernem Zaum und Sattel, und
+auf dem Sattel lag die prächtigste glänzendste silberne Rüstung,
+vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut, als wäre
+es auf seinen Leib gemacht.
+
+Am Mittag kam der silberne Mann mit seinem Silberpferde an den Glasberg,
+wo Hunderte und Tausende standen; aber kein Einziger war im Stande, auch
+nur einige Schritte auf den glatten Berg hinaufzukommen. Der silberne
+Reiter drängte sich durch die Menge, ritt ein gut Stück über die Hälfte
+den Glasberg hinauf, der für die Hufe seines Pferdes wie geschwendetes
+Land zu sein schien, kehrte um, grüßte den König und war gleich darauf
+wieder verschwunden. Heute hatten die Leute deutlich gesehen, daß die
+schlafende Königstochter bei der Annäherung des silbernen Mannes ihren
+Kopf bewegt hatte.
+
+Die Brüder waren am Abend nach Hause gekommen, und konnten nicht genug
+Rühmens machen von des silbernen Mannes und seines Silberpferdes
+wunderbarer That, meinten aber doch zuletzt, es könne kein wirklicher
+Mensch sein, sondern Alles sei nur ein Zauberblendwerk. Der jüngste
+Bruder hörte ihren Reden still zu, ließ sich aber nichts davon merken,
+daß er selbst der Mann gewesen war.
+
+Am andern Morgen waren beide älteren Brüder mit Tagesanbruch wieder
+fortgegangen. An diesem Tage hatte sich noch mehr Volks versammelt, weil
+heute die sieben Jahre und sieben Tage um waren, nach deren Ablauf die
+Königstochter aus ihrem langen Schlafe erwachen sollte. Die Sonne stand
+schon ziemlich hoch, als der jüngste Bruder an des Vaters Grab ging. Er
+that nach der Vorschrift und sprach: »Lieber Vater, ich bitte um meinen
+Lohn für die _dritte_ nächtliche Wacht.« In demselben Augenblicke, wo
+diese Bitte über seine Lippen kam, stand ein goldenes Pferd da mit
+goldenem Zaum und Sattel, und auf dem Sattel lag die schönste goldene
+Rüstung, vollständig vom Scheitel bis zur Sohle, und Alles paßte so gut,
+als wäre es auf seinen Leib gemacht.
+
+Um Mittag kam der goldene Mann mit seinem Goldpferde an den Glasberg, wo
+Hunderte und Tausende standen, doch kein Einziger war im Stande, auch
+nur einige Schritte den glatten Berg hinaufzukommen. Weder der eherne
+Reiter noch der silberne hatten Spuren auf dem Berge zurückgelassen, der
+glatt geblieben war wie zuvor. Der goldene Reiter drängte sich durch die
+Menge, ritt den Berg hinauf bis zum Gipfel, und der Berg schien für die
+Hufe seines Pferdes wie geschwendetes Land zu sein. Als er oben
+angekommen war, sprang der Deckel des Kastens von selbst auf, die
+schlafende Königstochter richtete sich empor, zog einen goldenen Ring
+von ihrem Finger und gab ihn dem goldenen Reiter. Dieser aber hob die
+Jungfrau auf sein Goldpferd und ritt mit ihr langsam den Berg hinunter.
+Dann legte er sie in des Königs Arme, grüßte anmuthig und war im
+nächsten Augenblick verschwunden, als wäre er in die Erde gesunken.
+
+Des Königs Freude könnt ihr euch leicht vorstellen. Am andern Tage hatte
+er, dem Rathe des weisen Mannes zufolge, überall bekannt machen lassen,
+daß der, welcher der Prinzessin goldenen Ring zurückbringen würde, sein
+Schwiegersohn werden sollte. Von den Gästen waren die meisten zur Nacht
+dageblieben, um zu sehen, wie die Sache ablaufen werde. Auch unsere
+alten Freunde, die älteren Brüder, waren darunter und ließen sich die
+Bewirthung trefflich munden. Aber ihr Erstaunen war nicht gering, als
+sie sahen, wie ein schlecht gekleideter Mann, in dem sie bald ihren
+verschmähten Bruder erkannten, an den König herantrat. Dieser Bettler
+trug in der That den Ring der Königstochter an seiner Hand. Da bereute
+der König seine Zusage, denn so etwas hatte er nicht ahnden können.
+
+Aber der Zauberer sagte zum Könige: »Der Jüngling, den ihr seines
+schlechten Auszuges wegen für einen Bettler haltet, ist der Sohn eines
+mächtigen Königs, dessen Land weit entfernt liegt. Er wurde drei Tage
+nach seiner Geburt von einer bösen Frau des Rõugutaja[68] mit einem
+Bauernsohne vertauscht; dieser starb jedoch schon im ersten Monate,
+während der gestohlene Königssohn in einer Bauernhütte aufwuchs und
+seinem vermeintlichen Vater immer gehorsam war.«
+
+Der König war durch diese Auskunft zufriedengestellt, und ließ einen
+großen Hochzeitsschmaus anrichten, der vier Wochen dauerte. Später
+vererbte er alle seine Reiche auf seinen Schwiegersohn. Sobald dieser
+nur die Bauernkleider abgelegt hatte, benahm er sich gar nicht mehr
+einfältig, sondern seinem Stande gemäß und als kluger Herr. Seine
+Einfalt war ihm ja nicht angeboren, sondern das böse Weib hatte sie ihm
+angethan. Sonntags zeigte er sich dem Volke in seiner Goldrüstung auf
+seinem goldenen Roß. Seine vermeintlichen Brüder waren vor Neid und Wuth
+gestorben.
+
+[Fußnote 65: Die Situation und die Verse erinnern an den Besuch, den
+Kalews Sohn dem Grabe seines Vaters macht in der Nacht vor dem Tage, der
+darüber entscheiden sollte, welcher der drei Brüder einen Felsblock am
+weitesten schleudern und dadurch die Herrschaft über das Land erhalten
+werde. Kalewipoëg =VII=, 809 ff. L.]
+
+[Fußnote 66: Der Laut, den eine kleine Schnepfenart (Becassine) beim
+Fliegen hervorbringt, klingt dem ehstnischen Ohr wie das Meckern einer
+Ziege. L.]
+
+[Fußnote 67: S. Anm. zum Märchen vom Schlaukopf S. 108. L.]
+
+[Fußnote 68: S. unten die Anm. zu dem Märchen 15: Rõugutaja's Tochter.
+L.]
+
+
+
+
+14. Der dankbare Königssohn.
+
+
+Einmal hatte sich ein König des Goldlandes[69] im Walde verirrt und
+konnte, trotz alles Suchens und hin und her Streifens, den Ausweg nicht
+finden. Da trat ein fremder Mann zu ihm und fragte: »Was suchst du,
+Brüderchen, hier im dunklen Walde, wo nur wilde Thiere hausen?« Der
+König erwiederte: »Ich habe mich verirrt und suche den Weg nach Hause.«
+»Versprecht mir zum Eigenthum, was euch zuerst auf eurem Hofe
+entgegenkommen wird, so will ich euch den rechten Weg zeigen,« sagte der
+Fremde.
+
+Der König sann eine Weile nach und erwiederte dann: »Warum soll ich wohl
+meinen guten Jagdhund einbüßen? Ich finde mich wohl auch noch selbst
+nach Hause.« Da ging der fremde Mann fort, der König aber irrte noch
+drei Tage im Walde umher, bis sein Speisevorrath zu Ende ging; dem
+rechten Wege konnte er nicht auf die Spur kommen. Da kam der Fremde zum
+zweiten Mal zu ihm und sagte: »Versprecht ihr mir zum Eigenthum, was
+euch auf eurem Hofe zuerst entgegenkommt?« Da der König aber sehr
+halsstarrig war, wollte er auch dies Mal noch nichts versprechen.
+Unmuthig durchstreifte er wieder den Wald in die Kreuz und die Quer, bis
+er zuletzt erschöpft unter einem Baume niedersank und seine Todesstunde
+gekommen glaubte. Da erschien der Fremde -- es war kein anderer als der
+»alte Bursche« selber -- zum dritten Male vor dem Könige und sagte:
+»Seid doch nur kein Thor! Was kann euch an einem Hunde so viel gelegen
+sein, daß ihr ihn nicht hingeben mögt, um euer Leben zu retten?
+Versprecht mir den geforderten Führerlohn, und ihr sollt eurer Noth
+ledig werden und am Leben bleiben.« »Mein Leben ist mehr werth, als
+tausend Hunde!« entgegnete der König. »Es hängt daran ein ganzes Reich
+mit Land und Leuten. Sei es denn, ich will dein Verlangen erfüllen,
+führe mich nach Hause!« Kaum hatte er das Versprechen über die Zunge
+gebracht, so befand er sich auch schon am Saum des Waldes und konnte in
+der Ferne sein Schloß sehen. Er eilte hin und das Erste, was ihm an der
+Pforte entgegen kam, war die Amme mit dem königlichen Säugling, der dem
+Vater die Arme entgegenstreckte. Der König erschrack, schalt die Amme
+und befahl, das Kind eiligst hinweg zu bringen. Darauf kam sein treuer
+Hund wedelnd angelaufen, wurde aber zum Lohn für seine Anhänglichkeit
+mit dem Fuße fortgestoßen. So müssen schuldlose Untergebene gar oft
+ausbaden, was die oberen in tollem Wahne Verkehrtes gethan haben.
+
+Als des Königs Zorn etwas verraucht war, ließ er sein Kind, einen
+schmucken Knaben, gegen die Tochter eines armen Bauern vertauschen, und
+so wuchs der Königssohn am Herde armer Leute auf, während des Bauern
+Tochter in der königlichen Wiege in seidenen Kleidern schlief. Nach
+Jahresfrist kam der alte Bursche, um seine Forderung einzuziehen und
+nahm das kleine Mädchen mit sich, welches er für das echte Kind des
+Königs hielt, weil er von der betrügerischen Vertauschung der Kinder
+nichts erfahren hatte. Der König aber freute sich seiner gelungenen
+List, ließ ein großes Freudenmahl anrichten, und den Eltern des
+geraubten Kindes ansehnliche Geschenke zukommen, damit es seinem Sohne
+in der Hütte an Nichts fehlen möge. Den Sohn wieder zu sich zu nehmen,
+getraute er sich nicht, weil er fürchtete, der Betrug könnte dann heraus
+kommen. Die Bauernfamilie war mit dem Tausche sehr zufrieden; sie hatten
+einen Esser weniger am Tische und Brot und Geld im Ueberfluß.
+
+Inzwischen war der Königssohn zum Jüngling herangewachsen, und führte im
+Hause seiner Pflege-Eltern ein herrliches Leben. Aber er konnte dessen
+doch nicht recht froh werden. Denn als er vernommen hatte, wie es
+gelungen war, ihn zu befreien, war er sehr unwillig darüber, daß ein
+armes unschuldiges Mädchen statt seiner büßen mußte, was seines Vaters
+Leichtsinn verschuldet hatte. Er nahm sich daher fest vor, entweder,
+wenn irgend möglich, das arme Mädchen frei zu machen, oder mit demselben
+umzukommen. Auf Kosten einer Jungfrau König zu werden, war ihm zu
+drückend. Eines Tages legte er heimlich die Tracht eines Bauernknechtes
+an, lud einen Sack Erbsen auf die Schulter und ging in jenen Wald, wo
+sein Vater sich vor achtzehn Jahren verirrt hatte.
+
+Im Walde fing er laut an zu jammern. »O ich Armer, wie bin ich irre
+gegangen! Wer wird mir den Weg aus diesem Walde zeigen? Hier ist ja weit
+und breit keine Menschenseele zu treffen!« Bald darauf kam ein fremder
+Mann mit langem grauen Barte und einem Lederbeutel am Gürtel, wie ein
+Tatar, grüßte freundlich und sagte: »Mir ist die Gegend hier bekannt,
+und ich kann euch dahin führen, wohin euch verlangt, wenn ihr mir eine
+gute Belohnung versprecht.« »Was kann ich armer Schlucker euch wohl
+versprechen,« erwiederte der schlaue Königssohn, »ich habe nichts weiter
+als mein junges Leben, sogar der Rock auf meinem Leibe gehört meinem
+Brotherrn, dem ich für Nahrung und Kleidung dienen muß.« Der Fremde
+bemerkte den Erbsensack auf der Schulter des Andern und sagte: »Ohne
+alle Habe müßt ihr doch nicht sein, ihr tragt ja da einen Sack, der
+recht schwer zu sein scheint.« »In dem Sacke sind Erbsen,« war die
+Antwort. »Meine alte Tante ist vergangene Nacht gestorben und hat nicht
+so viel hinterlassen, daß man den Todtenwächtern nach Landesbrauch
+gequollene Erbsen vorsetzen kann. Ich habe mir die Erbsen von meinem
+Wirthe um Gottes Lohn ausgebeten, und wollte sie eben hinbringen; um den
+Weg abzukürzen, schlug ich einen Waldpfad ein, der mich nun, wie ihr
+seht, irre geführt hat.« »Also bist du, aus deinen Reden zu schließen,
+eine Waise,« sagte der Fremde grinsend. »Möchtest du nicht in meinen
+Dienst treten, ich suche gerade einen flinken Knecht für mein kleines
+Hauswesen, und du gefällst mir.« »Warum nicht, wenn wir Handels einig
+werden,« antwortete der Königssohn. Zum Knecht bin ich geboren, fremdes
+Brot schmeckt überall bitter, da ist es mir denn ziemlich einerlei,
+welchem Wirth ich gehorchen muß. Welchen Jahreslohn versprecht ihr mir?«
+»Nun,« sagte der Fremde, »alle Tage frisches Essen, zwei Mal wöchentlich
+Fleisch, wenn außer Hause gearbeitet wird, Butter oder Strömlinge als
+Zukost, vollständige Sommer- und Winterkleidung, und außerdem noch zwei
+Külimit[70]-Theil Land zu eigener Nutznießung.« »Damit bin ich
+zufrieden,« sagte der schlaue Königssohn. »Die Tante können auch Andere
+in die Erde bringen, ich gehe mit euch.«
+
+Der alte Bursche schien mit diesem vorteilhaften Handel sehr zufrieden
+zu sein, er drehte sich wie ein Kreisel auf einem Fuße herum, und
+trällerte so laut, daß der Wald davon wiederhallte. Alsdann machte er
+sich mit seinem neuen Knechte auf den Weg, wobei er bemüht war, die Zeit
+durch angenehme Plaudereien zu verkürzen, ohne zu bemerken, daß sein
+Gefährte je nach zehn und funfzehn Schritten immer eine Erbse aus dem
+Sack fallen ließ. Ihr Nachtlager hielten die Wanderer im Walde unter
+einer breiten Fichte, und setzten am andern Morgen ihre Reise fort. Als
+die Sonne schon hoch stand, gelangten sie an einen großen Stein. Hier
+machte der Alte Halt, spähte überall scharf umher, pfiff in den Wald
+hinein und stampfte dann mit dem Hacken des linken Fußes dreimal gegen
+den Boden. Plötzlich that sich unter dem Stein eine geheime Pforte auf,
+und es wurde ein Eingang sichtbar, welcher der Mündung einer Höhle
+glich. Jetzt faßte der alte Bursche den Königssohn beim Arm und befahl
+in strengem Tone: »Folge mir!«
+
+Dicke Finsterniß umgab sie hier, doch kam es dem Königssohne vor, als ob
+ihr Weg immer weiter in die Tiefe führe. Nach einer guten Weile zeigte
+sich wieder ein Schimmer, aber das Licht war weder dem der Sonne, noch
+dem des Mondes zu vergleichen. Scheu erhob der Königssohn den Blick,
+aber er sah weder einen Himmel noch eine Sonne; nur eine leuchtende
+Nebelwolke schwebte über ihnen und schien diese neue Welt zu bedecken,
+in der Alles ein fremdartiges Gepräge trug. Erde und Wasser, Bäume und
+Kräuter, Thiere und Vögel, Alles erschien anders, als er es früher
+gesehen hatte. Was ihn aber am meisten befremdete, war die wunderbare
+Stille ringsum; nirgends war eine Stimme oder ein Geräusch zu vernehmen.
+Alles war still wie im Grabe; nicht einmal seine eigenen Schritte
+verursachten ein Geräusch. Man sah wohl hie und da einen Vogel auf dem
+Aste sitzen mit lang gerecktem Halse und aufgeblähter Kehle, als ob ein
+Laut heraus komme, aber das Ohr vernahm ihn nicht. Die Hunde sperrten
+die Mäuler auf, wie zum Bellen, die Ochsen hoben, wie sie pflegen, den
+Kopf in die Höhe, als ob sie brüllten, aber weder Gebell noch Gebrüll
+wurde hörbar. Das Wasser floß ohne zu rauschen über die Kiesel des
+flachen Grundes, der Wind bog die Wipfel des Waldes, ohne daß man ein
+Säuseln hörte, Fliege und Käfer flogen ohne zu summen. Der alte Bursche
+sprach kein Wort, und wenn sein Gefährte zuweilen zu sprechen
+versuchte, so fühlte er gleich, daß ihm die Stimme im Munde erstarb.[71]
+
+So waren sie, wer weiß wie lange, in dieser unheimlichen stillen Welt
+dahin gezogen, die Angst schnürte dem Königssohne das Herz zu und
+sträubte sein Haar wie Borsten empor, Schauerfrost schüttelte seine
+Glieder -- als endlich, o Wonne! das erste Geräusch sein lauschendes Ohr
+traf, und dieses Schattenleben zu einem wirklichen zu machen schien. Es
+kam ihm vor, als ob eine große Roßherde sich durch Moorgruud
+durcharbeitete. Nun that auch der alte Bursche seinen Mund auf und
+sagte, indem er sich die Lippen leckte: »Der Breikessel siedet, man
+erwartet uns zu Hause!« Wieder waren sie eine Weile weiter gegangen, als
+der Königssohn das Dröhnen einer Sägemühle zu hören glaubte, in der
+mindestens ein Paar Dutzend Sägen zu arbeiten schienen, der Wirth aber
+sagte: »Die alte Großmutter schläft schon, sie schnarcht.«
+
+Sie erreichten dann den Gipfel eines Hügels, und der Königssohn
+entdeckte in einiger Entfernung den Hof seines Wirthes; der Gebäude
+waren so viele, daß man das Ganze eher für ein Dorf oder eine kleine
+Vorstadt hätte halten können, als für die Wohnung _eines_ Besitzers.
+Endlich kamen sie an, und fanden an der Pforte ein leeres
+Hundehäuschen. »Krieche hinein,« herrschte der Wirth, »und verhalte dich
+ruhig, bis ich mit der Großmutter deinetwegen gesprochen habe. Sie ist,
+wie die alten Leute fast alle, sehr eigensinnig, und duldet keinen
+Fremden im Hause.« Der Königssohn kroch zitternd in's Hundehäuschen und
+begann schon seine Ueberkühnheit, die ihn in diese Klemme gebracht
+hatte, zu bereuen.
+
+Erst nach einer Weile kam der Wirth wieder, rief ihn aus seinem
+Schlupfwinkel heraus und sagte mit verdrießlichem Gesicht: »Merke dir
+jetzt genau unsere Hausordnung und hüte dich, dagegen zu verstoßen,
+sonst könnte es dir hier recht schlecht gehen:
+
+ »Augen, Ohren halte offen,
+ Mundes Pforte stets verriegelt!
+ Ohne Weigerung gehorche,
+ Hege, wie du willst, Gedanken,
+ Rede nimmer, wenn gefragt nicht.«
+
+Als der Königssohn über die Schwelle trat, erblickte er ein junges
+Mädchen von großer Schönheit, mit braunen Augen und lockigem Haar. Er
+dachte in seinem Sinne: Wenn der Alte solcher Töchter viele hätte, so
+möchte ich gern sein Eidam werden! Das Mädchen ist ganz nach meinem
+Geschmack.« Die schöne Maid ordnete nun, ohne ein Wort zu sprechen, den
+Tisch, trug die Speisen auf und nahm dann bescheiden ihren Sitz am Herde
+ein, als ob sie den fremden Mann gar nicht bemerkt hätte. Sie nahm Garn
+und Nadeln und fing an, ihren Strumpf zu stricken. Der Wirth setzte sich
+allein zu Tisch, und lud weder Knecht noch Magd dazu, auch die alte
+Großmutter war nirgends zu sehen. Des alten Burschen Appetit war
+grenzenlos; binnen Kurzem machte er reine Bahn mit Allem, was er auf dem
+Tische fand, und davon hätten doch wenigstens ein Dutzend Menschen satt
+werden können. Nachdem er endlich seinen Kinnladen Ruhe gegönnt hatte,
+sagte er zur Jungfrau: »Kehre jetzt aus, was auf dem Boden der Kessel
+und Grapen ist, und sättiget euch mit den Resten, die Knochen aber
+werfet dem Hunde vor.«[72]
+
+Der Königssohn verzog wohl den Mund über das angekündigte
+Kesselbodenkehrichtsmahl, welches er mit dem hübschen Mädchen und dem
+Hunde zusammen verzehren sollte. Aber bald erheiterte sich sein Gesicht
+wieder, als er fand, daß die Reste ein ganz leckeres Mahl auf den Tisch
+lieferten. Während des Essens sah er unverwandt das Mädchen verstohlener
+Weise an, und hätte wer weiß wie viel darum gegeben, wenn er einige
+Worte mit ihr hätte sprechen dürfen. Aber sobald er nur den Mund zum
+Sprechen öffnen wollte, begegnete ihm der flehende Blick des Mädchens,
+der zu sagen schien: »Schweige!« So ließ denn der Jüngling seine Augen
+reden, und gab dieser stummen Sprache durch seinen guten Appetit
+Nachdruck, denn die Jungfrau hatte ja doch die Speisen bereitet, und es
+mußte ihr angenehm sein, wenn der Gast brav zulangte und ihre Küche
+nicht verschmähte. Der Alte hatte sich auf der Ofenbank ausgestreckt und
+machte seinem vollen Magen dermaßen Luft, daß die Wände davon dröhnten.
+
+Nach der Abend-Mahlzeit sagte der Alte zum Königssohn: »Zwei Tage kannst
+du von der langen Reise ausruhen, und dich im Hause umsehen. Uebermorgen
+Abend aber mußt du zu mir kommen, damit ich dir die Arbeit für den
+folgenden Tag anweisen kann; denn mein Gesinde muß immer früher bei der
+Arbeit sein, als ich selber aufstehe. Das Mädchen wird dir deine
+Schlafstätte zeigen.« Der Königssohn nahm einen Ansatz zum Sprechen,
+aber o weh! der alte Bursche fuhr wie ein Donnerwetter auf ihn los und
+schrie: »Du Hund von einem Knecht! Wenn du die Hausordnung übertrittst,
+so kannst du ohne Weiteres um einen Kopf kürzer gemacht werden. Halt das
+Maul und jetzt scher' dich zur Ruhe!«
+
+Das Mädchen winkte ihm, mitzukommen, schloß dann eine Thür auf und
+bedeutete ihn, hineinzutreten. Der Königssohn glaubte eine Thräne in dem
+Auge des Mädchens quillen zu sehen und wäre gar zu gern noch auf der
+Schwelle stehen geblieben, aber er fürchtete den Alten und wagte nicht
+länger zu zögern. »Das schöne Mädchen kann doch unmöglich seine Tochter
+sein,« dachte der Königssohn, denn sie hat ein gutes Herz. Sie ist am
+Ende gar dasselbe arme Mädchen, welches statt meiner hierhergethan
+wurde, und um dessen willen ich das tolle Wagstück unternahm.« Es
+dauerte lange, ehe er den Schlaf auf seinem Lager fand, und dann ließen
+ihm bange Träume keine Ruhe; er träumte von allerlei Gefahr, die ihn
+umstrickte, und überall war es die Gestalt der schönen Jungfrau, die ihm
+zu Hülfe eilte.
+
+Als er am andern Morgen erwachte, war sein erster Gedanke, daß er Alles
+thun wolle, was er der Schönen an den Augen absehen könnte. Er fand das
+fleißige Mädchen schon bei der Arbeit, half ihr Wasser aus dem Brunnen
+heraufwinden und in's Haus tragen, Holz spalten, das Feuer unter den
+Grapen schüren, und ging ihr bei allen andern Arbeiten zur Hand.
+Nachmittags trat er hinaus, um seine neue Wohnstätte näher in
+Augenschein zu nehmen, und wunderte sich sehr, daß er die alte
+Großmutter nirgends zu Gesicht bekam. Im Stalle fand er ein weißes
+Pferd,[73] im Pfahlland eine schwarze Kuh mit einem weißköpfigen Kalbe,
+in andern verschlossenen Ställen glaubte er Gänse, Enten, Hühner und
+anderes Fasel zu hören. Frühstück und Mittagsessen waren eben so
+schmackhaft gewesen, als Abends zuvor, und er hätte mit seiner Lage ganz
+zufrieden sein können, wenn es ihm nicht so sehr schwer geworden wäre,
+dem Mädchen gegenüber seine Zunge im Zaume zu halten. Am Abend des
+zweiten Tages ging er zum Wirth, um die Arbeit für den kommenden Tag zu
+erfahren.
+
+Der Alte sagte: »Für morgen will ich dir eine leichte Arbeit geben. Nimm
+die Sense zur Hand, mähe so viel Gras, als das weiße Pferd zu seinem
+Tagesfutter braucht, und miste den Stall aus. Wenn ich hin käme und die
+Krippe leer oder auf der Diele Mist fände, so könnte es dir bitterbös
+bekommen. Hüte dich davor!«
+
+Der Königssohn war ganz vergnügt, denn er dachte in seinem Sinn: »Mit
+dem Bischen Arbeit komme ich schon zu Gange; wenn ich auch bis jetzt
+weder Pflug noch Sense geführt habe, so sah ich doch oft, wie leicht die
+Landleute mit diesen Werkzeugen umgehen, und Kraft genug habe ich.« Als
+er sich eben auf's Lager hinstrecken wollte, kam das Mädchen leise
+hereingeschlichen, und fragte ihn mit gedämpfter Stimme: »Was für eine
+Arbeit hast du bekommen?« »Morgen« -- erwiederte der Königssohn -- »habe
+ich eine leichte Arbeit; ich soll für das weiße Pferd Futtergras mähen
+und den Stall säubern, das ist Alles.« »Ach du unglückseliges Geschöpf!«
+seufzte das Mädchen: »wie könntest du die Arbeit vollbringen? Das weiße
+Pferd, des Wirthes Großmutter, ist ein unersättliches Geschöpf, welchem
+zwanzig Mäher kaum das tägliche Futter liefern könnten, und andere
+zwanzig hätten vom Morgen bis Abend zu thun, den Mist aus dem Stalle zu
+führen. Wie würdest du denn allein mit Beidem zu Stande kommen? Merke
+auf meinen Rath und befolge ihn genau. Wenn du dem Pferde einige Schooß
+voll Gras in die Krippe geschüttet hast, so mußt du aus Weidenreisern
+einen starken Reif flechten, und aus festem Holze einen Keil schnitzen,
+und zwar so, daß das Pferd sieht, was du thust. Es wird dich sogleich
+fragen, wozu die Dinge dienen sollen, und dann mußt du ihm also
+antworten: Mit diesem Reifen binde ich dir das Maul fest, wenn du mehr
+fressen wolltest, als ich dir hinschütte, und mit diesem Pflock werde
+ich dir den After verkeilen, wenn du mehr solltest fallen lassen, als
+ich Lust hätte fortzuschaffen.« Nachdem das Mädchen dies gesprochen,
+schlich es auf den Zehen eben so leise wieder hinaus, wie es gekommen
+war, ohne dem Jüngling Zeit zum Dank zu lassen. Er prägte sich des
+Mädchens Worte ein, wiederholte sich Alles noch einmal, um nichts zu
+vergessen, und legte sich dann schlafen.
+
+Früh am andern Morgen machte er sich an die Arbeit. Er ließ die Sense
+wacker im Grase tanzen und hatte zu seiner Freude nach kurzer Zeit so
+viel gemäht, daß er einige Schooß voll zusammenharken konnte. Als er dem
+Pferde den ersten Schooß voll hingeworfen hatte, und gleich darauf mit
+dem zweiten Schooß voll in den Stall trat, fand er zu seinem Schrecken
+die Krippe schon leer, und über ein halbes Fuder Mist auf der Diele.
+Jetzt sah er ein, daß er ohne des Mädchens klugen Rath verloren gewesen
+wäre, und beschloß, denselben sogleich zu benutzen. Er begann den Reifen
+zu flechten: das Pferd wandte den Kopf nach ihm hin und fragte
+verwundert: »Söhnchen, was willst du mit diesem Reifen machen?« »Gar
+nichts,« entgegnete der Königssohn,»ich flechte ihn nur, um dir die
+Kinnladen damit fest zu klemmen, falls es dir in den Sinn käme, mehr zu
+fressen, als ich Lust habe dir aufzuschütten.« Das weiße Pferd seufzte
+tief auf und hielt augenblicklich mit Kauen inne.
+
+Der Jüngling reinigte jetzt den Stall, und dann machte er sich daran,
+den Keil zu schnitzen. »Was willst du mit diesem Keil machen?« fragte
+das Pferd wieder. »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich mache ihn nur
+fertig, um ihn im Nothfalle als Spunt für die Ausleerungspforte zu
+gebrauchen, damit dir das Futter nicht zu rasch durch die Knochen
+schießt.« Das Pferd sah ihn wieder seufzend an, und hatte ihn sicher
+verstanden, denn als Mittag längst vorüber war, hatte das weiße Pferd
+noch Futter in der Krippe, und die Diele war rein geblieben. Da kam der
+Wirth, um nachzusehen, und als er Alles in bester Ordnung fand, fragte
+er etwas erstaunt: »Bist du selber so klug, oder hast du kluge
+Rathgeber?« Der schlaue Königssohn erwiederte schnell: »Ich habe
+Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im Himmel.«
+Der Alte warf unwillig die Lippen auf und verließ brummend den Stall;
+der Königssohn aber freute sich, daß Alles gelungen war.
+
+Am Abend sagte der Wirth: »Morgen hast du keine eigentliche Arbeit, da
+aber die Magd manches Andere im Hause zu besorgen hat, so mußt du unsere
+schwarze Kuh melken. Hüte dich aber, daß keine Milch im Euter
+zurückbleibt. Fände ich das, so könnte es dir das Leben kosten.« Der
+Königssohn dachte, als er hinausging: »wenn dahinter nicht etwa wieder
+eine Tücke steckt, so kann mir die Arbeit nicht schwer werden; ich habe,
+Gottlob, starke Finger, und will die Zitzen schon so pressen, daß kein
+Tropfen Milch darin bleiben soll.« Als er sich eben zur Ruhe legen
+wollte, kam das Mädchen wieder zu ihm und fragte: »Was für eine Arbeit
+hast du morgen?« »Morgen habe ich Gesellentag« -- antwortete der
+Königssohn. »Ich bin morgen den ganzen Tag frei, und habe nichts weiter
+zu thun, als die schwarze Kuh zu melken, so daß kein Tropfen Milch im
+Euter zurückbleibt.« »O du unglückseliges Geschöpf! wie wolltest du das
+zu Stande bringen,« sagte das Mädchen seufzend. »Du mußt wissen, lieber
+unbekannter Jüngling, daß, wenn du auch vom Morgen bis zum Abend
+ununterbrochen melken würdest, du doch nimmer das Euter der schwarzen
+Kuh leeren könntest; die Milch strömt gleich einer Wasserader
+ununterbrochen. Ich sehe wohl, daß der Alte dich verderben will. Aber
+sei unbesorgt, so lange ich am Leben bin, soll dir kein Haar gekrümmt
+werden. Achte auf meinen Rath und befolge ihn pünktlich, so wirst du der
+Gefahr entgehen. Wenn du zum Melken gehst, so nimm einen Topf voll
+glühender Kohlen und eine Schmiedezange mit. Im Stalle lege die Zange in
+die Kohlen und blase diese zu heller Flamme an. Wenn die schwarze Kuh
+dich dann fragt, weßhalb du das thust, so antworte ihr, was im dir jetzt
+in's Ohr sagen werde.« Das Mädchen flüsterte ihm einige Worte in's Ohr,
+und schlich dann auf den Zehen, wie sie gekommen war, aus dem Zimmer.
+Der Königssohn legte sich schlafen.
+
+Kaum strahlte die Morgenröthe am Himmel, als er sich schon von seinem
+Lager erhob, den Melkkübel in die eine und den Kohlentopf in die andere
+Hand nahm und in den Stall ging. Er machte Alles so, wie das Mädchen am
+Abend zuvor angegeben hatte. Befremdet sah die schwarze Kuh seinem
+Treiben eine Weile zu, dann fragte sie: »Was machst du da, Söhnchen?«
+»Gar nichts,« war die Antwort. »Ich will die Zange nur rothglühend
+machen, weil manche Kuh die niederträchtige Gewohnheit hat, nach dem
+Melken noch Milch im Euter zu behalten, und da ist kein besserer Rath,
+als ihr die Zitzen mit einer glühenden Zange zusammenzukneifen, damit
+sich die Milch nicht unnütz in's Euter ergieße.« Die schwarz Kuh seufzte
+tief auf und sah den Melkenden scheu an. Der Königssohn nahm den Kübel,
+melkte das Euter aus, und als er es nach einer Weile wieder anzog, fand
+er nicht einen Tropfen Milch. Später kam der Wirth in den Stall, zog und
+drückte wiederholt an den Zitzen, fand aber keine Milch, und fragte mit
+böser Miene: »Bist du selbst so klug, oder hast du kluge Rathgeber?« Der
+Königssohn antwortete: »Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und
+einen mächtigen Gott im Himmel.« Der Alte ging aufgebracht fort.
+
+Als der Königssohn sich am Abend beim Wirth nach seiner Arbeit
+erkundigte, sagte dieser: »Ich habe noch ein Schoberchen Heu auf der
+Wiese stehen, das ich bei trockener Witterung unter Dach bringen möchte.
+Führe mir morgen das Heu ein, aber hüte dich, daß nicht das Mindeste
+zurückbleibt, sonst könntest du dein Leben einbüßen.« Der Königssohn
+verließ vergnügt das Zimmer und dachte: »Heu führen ist keine große
+Arbeit, ich habe weiter keine Mühe, als aufzuladen, das Pferd muß
+ziehen. Ich werde die Großmutter dieses Wirths nicht schonen.« Abends
+kam das Mädchen wieder zu ihm geschlichen, und fragte ihn nach seiner
+Arbeit für morgen. Der Königssohn sagte lachend: »Hier lerne ich alle
+Arten von Bauernarbeit, morgen soll ich ein Schoberchen Heu einführen,
+und nur darauf achten, daß nicht das Mindeste zurückbleibt; das ist mein
+ganzes Tagewerk.« »Ach du unglückseliges Geschöpf,« seufzte das Mädchen:
+»wie könntest du das vollbringen? Wolltest du auch mit allen Leuten
+eines noch so großen Gebiets eine ganze Woche lang Heu führen, so
+würdest du doch dieses Schoberchen nicht fortschaffen. Was von oben her
+weggenommen wird, das wächst vom Grunde auf wieder nach. Merke wohl, was
+ich dir sage: du mußt morgen vor Tagesanbruch aufstehen, das weiße Pferd
+aus dem Stalle ziehen, und einige starke Stricke mitnehmen. Dann geh an
+den Heuschober, lege die Stricke herum, und schirre das Pferd an die
+Stricke. Wenn du damit fertig bist, so klettere auf den Schober hinauf,
+und fang' an zu zählen: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs und so
+weiter. Das Pferd wird dich sogleich fragen, was du da zählst, dann mußt
+du antworten, was ich dir in's Ohr sage.« Das Mädchen flüsterte ihm das
+Geheimniß zu, und verließ das Zimmer; der Königssohn wußte nichts
+Besseres zu thun, als zu Bette zu gehen.
+
+Als er den andern Morgen erwachte, fiel ihm sogleich des Mädchens guter
+Rath von gestern ein; er nahm starke Stricke, eilte in den Stall, führte
+das weiße Pferd heraus, schwang sich darauf und ritt zum Heuschober, der
+aber mindestens an funfzig Fuder hielt, also kein »Schoberchen« zu
+nennen war. Der Königssohn that Alles, was ihm das Mädchen geheißen
+hatte, und als er endlich, oben auf dem Heuschober sitzend, bis zwanzig
+gezählt hatte, fragte das weiße Pferd verwundert: »Was zählst du da,
+Söhnchen?« »Gar nichts,« war die Antwort. »Ich machte mir nur den Spaß,
+die Wolfsherde dort am Walde zu zählen, aber es sind ihrer so viel, daß
+ich nicht damit fertig werde.« Kaum hatte er das Wort »Wolfsherde«
+heraus, als auch das weiße Pferd wie der Wind davon schoß, so daß es in
+einigen Augenblicken mit dem Schober zu Hause war. Des Wirths Erstaunen
+war nicht gering, als er nach dem Frühstück hinauskam, und das Tagewerk
+des Knechts schon gethan fand. »Bist du selber so klug, oder hast du
+kluge Rathgeber?« fragte der Alte, worauf der Königssohn erwiederte:
+»Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen mächtigen Gott im
+Himmel.« Der Alte ging kopfschüttelnd und fluchend von dannen.
+
+In der Abenddämmerung ging der Königssohn wieder zu ihm, nach seiner
+Arbeit zu fragen. Der Wirth sagte: »Morgen mußt du mir das weißköpfige
+Kalb auf die Weide führen, doch hüte dich, daß es sich nicht verläuft,
+sonst könntest du leicht dein Leben einbüßen.« Der Königssohn dachte bei
+sich: »mancher zehnjährige Bauerbursch muß eine ganze Herde hüten, da
+kann mir doch die Hut eines einzigen Kalbes nicht schwer werden.« Als er
+sich eben schlafen legen wollte, kam das Mädchen wieder in seine Kammer
+geschlichen und fragte, was für eine Arbeit er morgen habe. »Morgen habe
+ich Faullenzerarbeit,« sagte der Königssohn, »ich soll mit dem
+weißköpfigen Kalbe auf die Weide gehen.« »O du unglückseliges Geschöpf,«
+seufzte das Mädchen: »damit wirst du wohl nimmer durchkommen. Du mußt
+wissen, daß dieses Kalb eine solche Rennwuth hat, daß es an einem Tage
+dreimal um die Welt laufen könnte. Merke dir genau, was ich dir jetzt
+sagen will. Nimm diesen Seidenfaden, binde das eine Ende an das linke
+Vorderbein des Kalbes, und das andere Ende an den kleinen Zeh deines
+linken Fußes, dann wird das Kalb keinen Schritt von deiner Seite
+weichen, gleichviel ob du gehst, stehst oder liegst.« Darauf ging das
+Mädchen fort, und der Königssohn legte sich schlafen, aber es ärgerte
+ihn, daß er wieder vergessen hatte, für den guten Rath zu danken.
+
+Den andern Morgen that er pünktlich, was ihm das gute Mädchen
+vorgeschrieben hatte, und führte das Kalb an dem seidenen Faden auf die
+Weide, wo es, wie ein treues Hündlein, keinen Schritt von seiner Seite
+wich. Bei Sonnenuntergang führte er es wieder in den Stall, als ihm der
+Wirth auch schon entgegenkam und mit zornfunkelndem Blick fragte: »Bist
+du selber so klug, oder hast du kluge Rathgeber?« Der Königssohn
+erwiderte: »Ich habe Niemand, als meinen schwachen Kopf und einen
+mächtigen Gott im Himmel.« Wieder ging der Alte wüthend davon, und der
+Königssohn glaubte nun darüber im Reinen zu sein, daß die Nennung des
+göttlichen Namens den alten Burschen jedesmal in Harnisch brachte.
+
+Spät Abends ging er wieder zum Wirth, um dessen Befehle für den
+folgenden Tag einzuholen. Der Wirth gab ihm ein Säckchen mit Gerste und
+sagte: »Morgen hast du einen Feiertag und kannst ausschlafen, aber dafür
+mußt du dich heute Nacht brav rühren. Säe mir sogleich diese Gerste aus,
+sie wird rasch wachsen und reifen; dann schneidest du sie, drischst sie
+und windigest sie, so daß du sie mälzen und mahlen kannst. Aus dem
+erhaltenen Malzmehl mußt du mir Bier brauen, und morgen früh, wenn ich
+erwache, mir eine Kanne frischen Biers zum Morgentrunk bringen. Hab'
+Acht, daß meine Befehle genau befolgt werden, sonst könntest du leicht
+das Leben einbüßen.«
+
+Niedergeschlagen, mit sorgenschwerem Herzen verließ der Königssohn das
+Gemach, blieb draußen stehen und weinte bitterlich. Er sprach zu sich
+selbst: »Die heutige Nacht ist meine letzte, solch' eine Arbeit kann
+kein Sterblicher vollbringen, und ebensowenig kann mir des klugen
+Mädchens Rath hier helfen. O ich unglückseliges Geschöpf! warum habe ich
+leichtsinnig das Königsschloß verlassen und mich in Gefahren verstrickt.
+Nicht einmal den Sternen des Himmels kann ich mein bitteres Leid klagen,
+denn hier sieht man weder Himmel noch Sterne, doch haben wir einen Gott,
+der überall ist.« Als er mit seinem Gerstensäcklein dastand, öffnete
+sich die Hausthür und das liebe Mädchen trat zu ihm heraus. Sie fragte,
+was ihn so betrübe, und der Jüngling antwortete mit Thränen in den
+Augen: »Ach, meine letzte Stunde ist gekommen, wir müssen auf immer
+scheiden. Vernimm denn noch Alles, ehe ich scheide: ich bin eines
+mächtigen Königs einziger Sohn, dem der Vater einst ein großes Reich
+hinterlassen sollte; aber nun ist Alles hin, Glück und Hoffnung.« Dann
+erzählte er ihr unter häufigen Thränen, was für eine Arbeit der Wirth
+ihm für die Nacht aufgegeben habe, aber es verdroß ihn, zu sehen, daß
+das Mädchen sich aus seiner Betrübniß nicht viel machte. Als er endlich
+seinen langen Bericht geschlossen hatte, sagte die Jungfrau lachend:
+»Heute Nacht kannst du denn, mein lieber Königssohn, ganz ruhig
+schlafen, und morgen den ganzen Tag feiern. Merke genau auf meinen Rath
+und verschmähe ihn nicht, weil er aus dem Munde einer niedrig geborenen
+Magd kommt. Nimm diesen kleinen Schlüssel, er schließt den dritten
+Faselstall auf, worin des Alten dienende Geister wohnen. Wirf den
+Gerstensack in den Stall und schärfe ihnen Wort für Wort den Befehl ein,
+den dir der Wirth für die Nacht gegeben hat; füge aber hinzu: Wenn ihr
+ein Haar breit von meiner Vorschrift abweicht, so müßt ihr allesammt
+sterben; solltet ihr aber Hülfe brauchen, so wird heut' Nacht die Thür
+des siebenten Stalles offen stehen, in welchem des Wirths mächtigste
+Geister wohnen.«
+
+Der Königssohn richtete Alles nach Vorschrift aus, und legte sich
+schlafen. Als er am folgenden Morgen aufwachte und in der Brauküche
+nachsah, fand er die Bierkufen in voller Gährung, so daß der Schaum über
+den Rand floß. Er kostete das Bier, füllte dann eine große Kanne mit dem
+schäumenden Trank an, und brachte sie dem Wirthe, der sich eben auf
+seinem Lager aufrichtete. Aber statt des erwarteten Dankes sagte der
+Wirth ungehalten: »Das kommt nicht aus deinem Kopfe! Ich merke, du hast
+gute Freunde und Rathgeber gefunden. Schon gut, heut' Abend wollen wir
+weiter sprechen.«
+
+Am Abend sagte der Alte: »Morgen habe ich dir keine Arbeit aufzutragen,
+du mußt nur, wenn ich erwache, vor mein Bett treten, und mir zum Gruße
+die Hand reichen.« Der Königssohn spottete innerlich über des Alten
+wunderliche Grille, und lachend setzte er das Mädchen davon in Kenntniß.
+Dieses aber wurde sehr ernst und sagte: »Wahre deine Haut! Der Alte will
+dich morgen früh auffressen. Nur Eins kann dich retten. Du mußt eine
+eiserne Schaufel im Ofen rothglühend machen, und ihm statt deiner Hand
+das glühende Eisen zum Morgengruß darbieten.«[74] Damit eilte sie davon,
+und der Königssohn ging zu Bette. Am Morgen hatte er die Schaufel schon
+rothglühend gemacht, ehe noch der alte Bursche aufwachte. Endlich hörte
+er ihn rufen: »Fauler Knecht, wo bleibst du? komm' und grüße!« Als
+darauf der Königssohn mit der glühenden Schaufel eintrat, rief der Alte
+ihm mit kläglicher Stimme zu: »Ich bin heute sehr krank und kann deine
+Hand nicht fassen. Aber komm' heute Abend wieder, damit ich dir meine
+Befehle geben kann.«
+
+Der Königssohn schlenderte nun den ganzen Tag umher, und ging dann am
+Abend zum Wirth, um sich von ihm die Arbeit für den folgenden Tag
+auftragen zu lassen. Der Wirth war sehr freundlich und sagte
+schmunzelnd: Ich bin mit dir sehr zufrieden! komm Morgen früh mit dem
+Mädchen zu mir, ich weiß, daß ihr euch schon längst lieb habt, und will
+euch als Mann und Frau zusammengeben!«
+
+Der Königssohn hätte vor Freude jauchzen und in die Höhe springen mögen,
+aber glücklicher Weise fiel ihm noch zu rechter Zeit die strenge
+Hausordnung ein, deßhalb blieb er ruhig. Als er vor Schlafengehen der
+Geliebten von seinem Glücke erzählte und von ihr eine gleiche Freude
+erwartete, sah er zu seinem großen Erstaunen, daß das Mädchen vor
+Schrecken bleich wurde wie eine getünchte Wand, und ihr die Zunge wie
+gelähmt war. Als sie sich wieder erholt hatte, sagte sie. »Der alte
+Bursche ist dahinter gekommen, daß ich deine Rathgeberin gewesen bin,
+und will uns Beide verderben. Wir müssen noch diese Nacht die Flucht
+ergreifen, sonst sind wir verloren. Nimm ein Beil, geh' in den Stall und
+schlage dem weißköpfigen Kalbe mit einem kräftigen Hiebe den Kopf ab,
+mit einem zweiten Hiebe spalte den Schädel entzwei. Im Hirn des Kalbes
+findest du ein glänzend rothes Knäulchen, das bringe mir, Alles was
+sonst nöthig ist, werde ich selbst besorgen. Der Königssohn dachte:
+»lieber tödte ich ein unschuldiges Kalb, als daß ich mich selbst und das
+liebe Mädchen umbringen lasse; gelingt uns die Flucht, so sehe ich meine
+Heimath wieder. Die Erbsen, welche ich ausstreute, müssen jetzt
+aufgegangen sein, so daß wir den Weg nicht verfehlen werden.«
+
+Darauf ging er in den Stall. Die Kuh lag neben dem Kalbe hingestreckt,
+und beide schliefen so fest, daß sie ihn nicht kommen hörten. Als er
+aber dem Kalbe den Kopf abhieb, stöhnte die Kuh so schauerlich, als
+hätte sie einen schweren Traum. Rasch führte er den zweiten Hieb, der
+den Schädel spaltete. Siehe! da wurde der Stall plötzlich hell, wie am
+Tage. Das rothe Knäulchen fiel aus dem Gehirn heraus und leuchtete wie
+eine kleine Sonne. Der Königssohn wickelte das Knäulchen behutsam in ein
+Tuch und steckte es in seinen Busen. Es war ein Glück, daß die Kuh nicht
+aufwachte, sonst hätte sie angefangen zu brüllen, und dadurch hätte auch
+der Wirth geweckt werden können.
+
+An der Pforte fand der Königssohn das Mädchen schon reisefertig, ein
+Bündelchen am Arme. »Wo ist dein Knäulchen?« fragte sie. »Hier!«
+antwortete der Jüngling, und gab es ihr. »Wir müssen schnell fliehen!«
+sagte sie, und wickelte einen kleinen Theil des Knäulchens aus dem Tuche
+heraus, damit der leuchtende Schein gleich einer Laterne das nächtliche
+Dunkel ihres Pfades erhelle. Die Erbsen waren, wie der Königssohn
+vermuthet hatte, alle aufgegangen, so daß sie sicher waren, den Weg
+nicht zu verfehlen. Unterwegs erzählte ihm die Jungfrau, daß sie einmal
+ein Gespräch zwischen dem Alten und seiner Großmutter belauscht und
+daraus erfahren habe, daß sie eine Königstochter sei, welche der alte
+Bursche ihren Eltern mit List abgenommen habe. Der Königssohn wußte
+freilich die Sache besser, schwieg aber und war nur von Herzen froh, daß
+es ihm gelungen war, das arme Mädchen zu befreien. So mochten die
+Wanderer eine gute Strecke zurückgelegt haben, als es begann zu tagen.
+
+Der alte Bursche erwachte erst spät am Morgen und rieb sich lange die
+Augen, bis der Schlaf abfiel, dann weidete er sich im Voraus an dem
+Gedanken, daß er die Beiden bald verzehren würde. Nachdem er ziemlich
+lange auf sie gewartet hatte, sagte er für sich: »Sie sind wohl noch
+nicht mit ihrem Hochzeitsstaat fertig!« Als ihm aber das Warten doch zu
+lange dauerte, rief er: »Knecht und Magd, he! wo bleibt ihr?« Fluchend
+und schreiend wiederholte er den Ruf noch einige Mal, aber weder Knecht
+noch Magd ließen sich sehen. Endlich kletterte er zornig aus dem Bette
+und ging die Säumigen zu suchen. Aber er fand das Haus menschenleer, und
+bemerkte auch, daß diese Nacht die Lagerstätten unberührt geblieben
+waren. Jetzt stürzte er in den Stall ... als er hier das Kalb getödtet
+und das Zauberknäulchen entwendet fand, begriff er Alles. Er fluchte,
+daß Alles schwarz wurde, öffnete rasch den dritten Geisterstall und
+schickte seine Gehülfen aus, die Entflohenen zu suchen. »Bringt sie mir,
+wie ihr sie findet, ich muß ihrer habhaft werden!« So sprach der alte
+Bursche und seine Geister stoben wie der Wind davon.
+
+Die Flüchtlinge befanden sich gerade auf einer großen Fläche, als das
+Mädchen den Schritt anhielt und sagte: »Es ist nicht Alles, wie es sein
+sollte. Das Knäulchen bewegt sich in meiner Hand, gewiß werden wir
+verfolgt!« Als sie hinter sich sahen, erblickten sie eine schwarze
+Wolke, welche mit großer Geschwindigkeit näher kam. Das Mädchen drehte
+das Knäulchen dreimal in der Hand um und sprach:
+
+ »Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
+ Würde gern alsbald zum Bächlein,
+ Mein Gefährte auch zum Fischlein!«
+
+Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen floß als Bächlein
+dahin, und der Königssohn schwamm als Fischlein im Wasser. Die Geister
+sausten vorüber, kehrten nach einer Weile um, und flogen wieder heim,
+aber Bächlein und Fischlein ließen sie unangetastet. Sobald die
+Verfolger fort waren, verwandelte sich das Bächlein wieder in ein
+Mädchen und machte das Fischlein zum Jüngling, und dann setzten sie in
+menschlicher Gestalt ihre Reise fort.
+
+Als die Geister müde und mit leeren Händen zurückkehrten, fragte sie der
+alte Bursche, ob ihnen denn beim Suchen nichts Besonderes aufgefallen
+wäre? »Gar nichts!« war die Antwort: »nur ein Bächlein floß in der
+Ebene, und ein einziges Fischlein schwamm darin.« Wüthend brüllte der
+Alte: »Schafsköpfe. Das waren sie ja, das waren sie ja!« Schnell riß er
+die Thüren des fünften Stalles auf, ließ die Geister heraus und befahl
+ihnen, des Bächleins Wasser auszutrinken und das Fischlein zu fangen.
+Die Geister stoben wie der Wind von dannen.
+
+Unsere Wanderer näherten sich eben dem Saum eines Waldes, da blieb das
+Mädchen stehen und sagte: »Es ist nicht Alles, wie es sein soll. Das
+Knäulchen bewegt sich wieder in meiner Hand.« Als sie sich umsahen,
+erblicken sie abermals eine Wolke am Himmel, dunkler als die erste und
+mit rothen Rändern. »Das sind unsere Verfolger!« rief die Jungfrau und
+drehte das Knäulchen dreimal in der Hand um, indem sie sprach:
+
+ »Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
+ Wandele uns alle Beide:
+ Mich zum wilden Rosenstrauche,
+ Ihn zur Blüthe an dem Strauche.«
+
+Augenblicklich waren sie verwandelt. Aus dem Mädchen ward ein wilder
+Rosenstrauch, und der Jüngling hing als Rose am Stock. Sausend zogen die
+Geister über ihnen hin und kehrten erst nach einer guten Weile wieder
+um; da sie weder Bächlein noch Fischlein gefunden hatten, kümmerten sie
+sich nicht um den Rosenstrauch. Sobald die Verfolger vorüber waren,
+verwandelten sich Strauch und Blume wieder in Mädchen und Jüngling,
+welche nach der kurzen Ruhe rasch weiter eilten.
+
+»Habt ihr sie gefunden?« fragte der Alte, als er seine Gesellen keuchend
+wiederkehren sah. »Nein,« antwortete der Anführer der Geister. »Wir
+fanden weder Bächlein noch Fischlein in der Ebene.« »Habt ihr denn sonst
+nichts Besonderes unterwegs gesehen?« fuhr der Alte auf. Der Anführer
+antwortete: »Dicht am Saume des Waldes stand ein wilder Rosenstrauch an
+dem eine Rose hing.« Schafsköpfe!« schrie der Alte, »das waren sie ja,
+das waren sie ja!« Er schloß darauf den siebenten Stall auf und
+schickte seine mächtigsten Geister aus, sie zu suchen. »Bringt sie mir,
+wie ihr sie findet, todt oder lebendig! ich muß ihrer habhaft werden.
+Reißt den verfluchten Rosenstrauch mit den Wurzeln heraus, und nehmt
+Alles mit, was euch Befremdliches aufstößt.« Wie der Sturmwind flogen
+die Geister davon.
+
+Die Flüchtlinge ruhten eben im Schatten eines Waldes aus, und stärkten
+die ermüdeten Glieder durch Speise und Trank. Plötzlich rief das
+Mädchen. »Alles ist nicht, wie es sein soll; das Knäulchen will mit
+Gewalt aus meinem Busen. Gewiß verfolgt man uns wieder, und die Gefahr
+ist nahe, aber der Wald verbirgt uns unsere Feinde noch.« Dann nahm sie
+das Knäulchen aus dem Busen, drehte es dreimal in der Hand herum und
+sprach:
+
+ »Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
+ Mache mich alsbald zum Lüftchen,
+ Den Gefährten mein zum Mücklein!«
+
+Augenblicklich waren beide verwandelt. Das Mädchen löste sich in Luft
+aus, der Königssohn aber schwebte darin als Mücklein. Die mächtige
+Geisterschaar brauste wie ein Sturm über sie hin, und kehrte nach
+einiger Zeit wieder um, weil sie weder einen Rosenstrauch noch sonst
+etwas Befremdliches gefunden hatten. Aber kaum waren die Geister
+vorüber, so verwandelte der Lufthauch sich wieder in das Mädchen, und
+machte aus der Mücke den Jüngling. »Jetzt müssen wir eilen,« rief das
+Holdchen, »bevor der Alte selber kommt zu suchen -- der wird uns in
+jeder Verwandlung erkennen.«
+
+Sie liefen nun eine gute Strecke vorwärts, bis sie den dunklen Gang
+erreichten, in welchem sie bei dem hellen Schein des Knäulchens
+ungehindert emporstiegen. Erschöpft und athemlos kamen sie endlich an
+den großen Stein. Hier wurde das Knäulchen wiederum dreimal gedreht,
+wobei die kluge Jungfrau sprach:
+
+ »Höre Knäulchen, höre Knäulchen!
+ Laß den Stein empor sich heben,
+ Eine Pforte sich bereiten!«
+
+Augenblicklich hob sich der Stein weg, und sie waren glücklich wieder
+auf der Erde. »Gott sei Dank!« rief das Mädchen aus: »wir sind gerettet.
+Hier hat der alte Bursche keine Macht mehr über uns, und vor seiner List
+wollen wir uns hüten. Aber jetzt, Freund, müssen wir uns trennen. Du
+gehst zu deinen Eltern, und ich will die meinigen aufsuchen.« -- »Mit
+nichten,« erwiederte der Königssohn: »ich kann mich nicht mehr von dir
+trennen, du mußt mit mir kommen und mein Weib werden. Du hast
+Leidenstage mit mir ertragen, darum ist es billig, daß du nun auch
+Freudentage mit mir theilst.« Zwar sträubte sich das Mädchen Anfangs,
+aber endlich ging sie doch mit dem Jüngling.
+
+Im Walde trafen sie einen Holzhacker, von dem sie erfuhren, daß im
+Schlosse, wie im ganzen Lande, große Trauer herrsche über das
+unbegreifliche Verschwinden des Königssohnes, von dem seit Jahren jede
+Spur verloren sei. Mit Hülfe des Zauberknäulchens schaffte das Mädchen
+dem heimkehrenden Sohne seine früheren Kleider wieder, damit er vor
+seinem Vater erscheinen könne. Sie selbst aber blieb einstweilen in
+einer Bauernhütte zurück, bis der Königssohn Alles mit seinem Vater
+besprochen hätte.
+
+Aber der alte König war noch vor dem Eintreffen seines Sohnes dahin
+geschieden: der Kummer über den Verlust des einzigen Sohnes hatte sein
+Ende beschleunigt. Noch auf seinem Todbette hatte er sein leichtsinniges
+Versprechen und seinen Betrug bereut, daß er dem alten Burschen ein
+armes unschuldiges Mädchen überlieferte, wofür Gott ihn durch den
+Verlust des Sohnes gezüchtigt habe. Der Königssohn beweinte, wie es
+einem guten Sohne geziemt, den Tod seines Vaters und ließ ihn mit großen
+Ehren bestatten. Dann trauerte er drei Tage, ohne Speise und Trank zu
+sich zu nehmen. Am vierten Morgen aber zeigte er sich dem Volke als
+neuer Herrscher, versammelte seine Räthe und theilte ihnen mit, was für
+wunderbare Dinge er in des alten Burschen Behausung gesehen und ertragen
+habe, vergaß auch nicht zu erzählen, wie die kluge Jungfrau seine
+Lebensretterin geworden.
+
+Da riefen die Räthe wie aus einem Munde: »Sie muß eure Gemahlin und
+unsere Herrscherin werden.«
+
+Als der junge König sich nun aufmachte, um seine Braut einzuholen,
+erstaunte er sehr, als ihm die Jungfrau in königlicher Pracht
+entgegenkam. Mit Hülfe des Zauberknäulchens hatte sie sich alles Nöthige
+verschafft, weßhalb auch das ganze Land glaubte, daß sie die Tochter
+eines unermeßlich reichen Königs und aus fernen Landen gekommen sei.
+Darauf wurde die Hochzeit ausgerichtet, welche vier Wochen dauerte, und
+sie lebten darnach glücklich und zufrieden noch manches liebe Jahr.
+
+[Fußnote 69: Ist wohl identisch mit dem mythischen Kungla-Lande. S. d.
+Anm. 2, S. 102, zum Märchen 8, vom Schlaukopf. L.]
+
+[Fußnote 70: Külimit ist ein Getreidemaß von verschiedener Größe. Das
+Revalsche Loof von drei Külimit ist etwas weniger als ein viertel
+Scheffel Preußisch. L.]
+
+[Fußnote 71: Die Grundzüge dieser phantasievollen Schilderung finden
+sich im Kalewipoëg =X=, 378 ff. vgl. mit =XIII=, 491 ff. Auch dort scheinen
+auf der Straße zur Wohnung des höllischen Geistes weder Sonne, noch Mond
+und Sterne -- nur von den Fackeln zu beiden Seiten des Höllenthors geht
+ein trüber Schimmer aus, der die Ankommenden leitet. L.]
+
+[Fußnote 72: Reminiscenz aus dem Kalewipoëg =XIII=, 401 ff., wo dem
+Kalewsohn über den in der Eingangshöhle zur Hölle kochenden Kessel
+Auskunft ertheilt wird. Erst kostet der Gehörnte, dann die alte Mutter,
+dann kommen Hund und Katze dran, in den Rest theilen sich Köche und
+Knechte. L.]
+
+[Fußnote 73: Die eine der in der Unterwelt gefangen gehaltenen drei
+Schwestern erzählt dem Kalewsohn, daß des Gehörnten Base die
+Höllenhündin, seine Großmutter die weiße Mähre sei. Kalewipoëg =XIV=, 428.
+-- Auf einem weißen Rosse sitzt der Kalewsohn als Höllenwächter, =ibid.=
+=XX=, 1005. Vgl. eine von _Rußwurm_ über Kalews Tod mitgetheilte Sage.
+_Rußwurm_, Sagen aus Hapsal u. s. w. Reval 1861. S. 9-10. L.]
+
+[Fußnote 74: Vgl. das Glühendmachen der künstlichen Hand und das
+Darreichen derselben an die Hexe im Pfortenriegel, in dem Märchen von
+Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge, S. 54. L.]
+
+
+
+
+15. Rõugatajas Tochter.
+
+
+Es lebte einmal vor Zeiten in einer breiten Waldlichtung der alte
+Rõugataja[75] mit seinem Weibe. Sie hatten auch eine Tochter, die nicht
+in natürlicher Beschaffenheit zur Welt gekommen war, dennoch bemühte
+sich die Mutter, sie nach Art der Menschenkinder aufzuziehen, um
+späterhin einen Schwiegersohn zu bekommen. Es ging die Rede, daß das
+Mägdlein, so viel davon sichtbar wurde, wohl menschliche Haut hatte, daß
+aber unter dem Gewande Tannenrinde statt der Haut den Körper deckte.
+Nichtsdestoweniger hoffte die Mutter, sie mit der Zeit an den Mann zu
+bringen, und schickte deßhalb das Mädchen überall hin unter die Leute,
+wo nur in den Dörfern eine Gasterei oder Festlichkeit vorkam. Der
+Tochter schöne Kleider, vielfach gewundene Perlenschnüre, Halsgeschmeide
+von vergoldeten Münzen, große Brustspange und Seidenbänder stachen den
+jungen Burschen wohl in die Augen, aber Freier zogen sie doch nicht in's
+Haus. Die Burschen lachten und spotteten: oben hübsch und glatt,
+unterhalb rauh wie Krötenhaut.
+
+Damit nun das Töchterchen nicht zuletzt daheim als alte Jungfer
+verschimmele, suchte die Mutter bei einer Hexenmutter Hülfe und ließ von
+ihr einen geheimnißvollen Trank bereiten, der, sobald ein Junggeselle
+unversehens davon kostete, ihn unfehlbar trieb, dem Mädchen
+nachzugehen, er mochte nun wollen oder nicht. Die Mutter gab der alten
+Hexe ein Bündelchen mit Achselhaaren nebst andern Heimlichkeiten von
+ihrer Tochter, womit die Hexe das Reizmittel für die Burschen bereiten
+sollte. Als der Wundertrank gekocht war, sagte die Hexe: »Von diesem Naß
+sieben Tropfen, in Speise oder Trank geträufelt, bethören jeden
+Burschen, der davon kostet.«
+
+Darnach wurde auf dem Hofe des Rõugataja ein großer Gastschmaus
+angerichtet, zu welchem von allen Seiten Mengen zusammengebeten wurden,
+besonders zahlreich aber Junggesellen, damit die Jungfer aus der Schaar
+derselben einen wählen könnte, der vor allen andern nach ihrem Geschmack
+wäre. Als das Gelage nun schon zwei Tage im Gange war, zeigte die
+Tochter ihrer Mutter einen jungen Mann, den sie sich gar sehr zum
+Ehgemahl ersehnte. Die schlaue Mutter that heimlich sieben Tropfen vom
+Zaubertrank in einen Kuchen und gab ihn dem Burschen zu essen, worauf
+der arme Schelm nirgends mehr seines Bleibens fand, sondern, wie das
+Kätzchen nach dem Strohhalm, der Tochter Rõugataja's nachlaufen mußte,
+da er sonst weder Tag noch Nacht Ruhe hatte. Bald darauf erschien er als
+Freier, und sein Branntwein wurde freundlich angenommen. Einige Wochen
+später wurde ein prächtiges Hochzeitsmahl angerichtet, so daß noch
+Kinder und Kindeskinder der Pracht und Herrlichkeit gedachten. Aber was
+half das Alles? Als das junge Paar Abends in die Kammer geführt wurde,
+um zu Bette zu gehen, fand der Bräutigam unter der Decke so viel
+Unheimliches, daß ihm das Blut im Herzen gerann; noch in derselben
+Nacht nahm er die Flucht und ließ die junge Frau als Wittwe zurück.
+Mutter und Tochter warteten wohl noch eine Zeitlang, daß der Liebestrank
+der Hexenmutter den jungen Mann wieder herlocken würde; aber wer nicht
+kam, war der entwichene Bräutigam. Als noch eine Woche verstrichen war,
+und der Mann gleichwohl ausblieb, regten sich allerdings Zweifel in
+ihnen. Endlich kam die Nachricht, daß der entwichene Mann eine andere
+Frau gefreit hatte, und damit nahm denn ihr Harren und Hoffen ein Ende.
+
+Ein Jahr später hörte die alte Frau des Rõugataja, daß ihres vormaligen
+Schwiegersohnes Frau einen Knaben geboren hatte. Da reizte ein böser
+Anschlag ihr Herz, daß sie nirgends mehr Ruhe fand, bis mit Hülfe der
+Hexe des Kindes Mutter in einen Wärwolf verwandelt war. Sodann schaffte
+sie heimlich ihre Tochter an Stelle der Wöchnerin in's Bett. Da aber die
+Tochter keine Brust hatte, wie Frauen sie sonst haben, so konnte sie
+auch das Kind nicht säugen. Wohl goß sie Kuhmilch in die künstlich aus
+Bork geformte Brust, allein das Kind nahm sie nicht in den Mund, sondern
+schrie Tag und Nacht vor Hunger, daß der Zeter kein Ende nahm. Es wurden
+zwar Kindesbaderinnen und Thränenstillerinnen von nah und fern
+zusammengeholt, allein was konnte es helfen? Das Kind ließ nicht ab zu
+schreien. Eines Tages rief der Vater in zornigem Muthe: »Tragt den
+Schreihals aus der Stube, sonst sprengt er mir die Ohren: ich kann sein
+Geschrei nicht länger aushalten.« Die Wärterin ging mit dem Kinde
+hinaus, da kam auf dessen Geschrei aus einem Erlenbusch eine Wölfin
+hervor, entriß der Wärterin das Kind mit Gewalt, that aber weder ihr
+noch dem Kinde ein Leides, sondern legte fein säuberlich das Kleine sich
+an die Brust und säugte es. Als das Kind darauf süß eingeschlummert war,
+brachte die Wärterin es nach Haus und legte es in die Wiege, wo es bis
+zum andern Tage ganz ruhig lag. Die Wärterin ließ nichts verlauten von
+dem Vorfall mit der Wölfin, ging aber den folgenden Tag wieder auf's
+Feld, wo sich Alles ganz so begab, wie Tags zuvor. Dabei war die
+Wärterin guter Laune, denn sie hatte es jetzt leicht, und auch der Vater
+des Kindes war seines Lebens wieder froher geworden, weil kein Geschrei
+mehr im Hause war, wiewohl die Wöchnerin noch immer schwer krank zu
+Bette lag und vorgab, weder Hand noch Fuß rühren zu können. Als nun am
+dritten Tage die Wärterin wieder ging, dem Kinde seine Amme zu suchen,
+sagte die Wölfin. »Ich darf nicht jeden Tag so öffentlich in's Freie
+kommen, das Kind zu säugen. Wenn du es aber alle Morgen an den
+Erlenbusch am Ukkofelsen bringst, so will ich es säugen; doch mußt du,
+so lang' ich es säuge, am Rande des Busches Wache halten, damit nicht
+Jemand plötzlich dazu komme und sehe, wie ich das Kind säuge. Und auch
+du selbst darfst nicht eher nach dem Kinde kommen, als bis ich dich
+rufe.« Die Wärterin that, wie geboten war, und die Sache ging über eine
+Woche lang vortrefflich; das Kind gedieh zusehends, schlief ruhig ohne
+Geschrei, und erwachte aus dem Schlafe mit freundlich lächelndem
+Antlitz.
+
+Eines Tages dünkte der Wärterin das Säugen der Wölfin allzulange zu
+dauern, und das Verbot übertretend ging sie heimlich zu spähen, was wohl
+die Amme mit dem Kinde machen möchte. Ein wunderbares Ding war es denn
+freilich, was sie da erblickte. Am Ukkofels saß eine junge nackte Frau,
+das Kind auf ihrem Schooße, welches sie zärtlich liebkoste und auf den
+Armen schaukelte. Endlich nahm sie eine Wolfshaut vom Felsen, schlüpfte
+hinein und rief dann die Wärterin, daß sie käme, das Kind zu nehmen. Als
+die Wärterin drei Tage nach der Reihe diese wunderbare Säugung des
+Kindes beobachtet hatte, konnte sie zu Hause nicht mehr reinen Mund
+halten, sondern that dem Vater Alles kund, was bisher täglich mit dem
+Kinde geschehen war, sowohl das Säugen durch die Wölfin, als auch die
+Gestalt der Frau, die aus der Wolfshaut herausgeschlüpft war. Der Mann
+schloß sofort, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen könne; er
+verbot der Wärterin das Geheimniß irgend Jemand weiter zu sagen, und
+eilte selbst zu einem berühmten weisen Manne, um Rath und Hülfe zu
+suchen.
+
+Der weise Mann sagte, als er die Erzählung gehört hatte: »Hier scheint
+einer bösen Hexe Werk dahinter zu stecken, was ich sofort ganz
+aufzuklären nicht im Stande bin; aber wir müssen versuchen, durch List
+die Wolfshaut zu erlangen und zu vernichten, dann werden wir schon
+sehen, was für ein Betrug hier verübt ist.« Dann befahl er dem Manne, in
+der Nacht den Ukkofels glühend heiß zu machen, damit, wenn die Wölfin
+die Haut wieder auf den Fels werfen würde, diese versengt und zum
+Anziehen untauglich gemacht würde. Der Mann führte den andern Tag, als
+des Kindes Säugerin sich in den Wald zurückgezogen hatte, ein Paar Fuder
+Holz um den Fels her und auf denselben, und zündete dann in der Nacht
+das Holz an, wodurch der Ukkofels gluthroth wurde, wie die Glühsteine
+eines Badstubenofens. Als dann die Zeit herannahte, wo des Kindes
+Säugerin zu kommen pflegte, räumte er Brände und Asche bei Seite und
+schlüpfte selbst hinter das Gebüsch in ein Versteck, wo er Alles sehen
+konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Auf des Kindes Geschrei kam die
+Wölfin aus dem Walde gerufen, nahm der Wärterin das Kind ab, und legte
+es dann so lange in's Gras, bis sie die Wolfshaut abgezogen und auf den
+Felsrand geworfen hatte. Dann nahm sie das Kind auf den Schooß und
+begann es zu säugen. Je schärfer der Mann die Säugende ansah, desto
+bekannter wurden ihm Gesicht und Gestalt der Frau. Ja -- er erkannte in
+der Säugerin des Kindes sein Weib und begriff jetzt, weßhalb die
+Wöchnerin noch immer zu Hause im dunkeln Zimmer saß. Er sprang nun aus
+dem Gebüsch hervor und eilte auf die Frau zu. Diese schrie vor Schrecken
+auf, legte das Kind in's Gras und wollte ihre Wolfshaut wieder vom
+Felsen nehmen und anziehen, aber das Fell war ganz verbrannt, und nur
+ein zusammengeschrumpftes Ende davon nachgeblieben. Auch dieses warf
+jetzt der Mann auf die allerheißeste Stelle, wo nun die letzten Fetzen
+zu Asche verbrannten. Dann zog er seinen Rock aus, gab ihn der Frau,
+sich damit zu bedecken, und bat sie, so lange mit dem Kinde da zu
+bleiben, bis er nach Hause ginge, die Badstube zu heizen. Zu Hause ging
+er mit freundlicher Ansprache zur Wöchnerin und sagte: »Du mußt heute in
+die Badstube gehn, Liebchen, dann wirst du schneller gesund werden.« Die
+Frau sträubte sich zwar mit aller Macht dagegen; sie könne den Luftzug
+nicht vertragen; wie könne sie so über den Hof in die Badstube gehn.
+»Wenn ich so über den Hof ginge, so würde ich draußen ohnmächtig werden
+und mir den Tod holen.« Der Mann erwiederte: »Das hat gar nichts zu
+sagen, wir wickeln dir Mund und Augen in eine wollene Decke, so daß der
+Luftzug deinem zarten Körper nicht schaden kann.« Damit war die Frau
+ganz zufrieden, denn sie fürchtete nicht den Luftzug, sondern des Mannes
+Auge, der den Betrug gleich erkannt haben würde.
+
+Als die in die Decke gewickelte Wöchnerin mit Hülfe des Mannes in die
+Badstube gebracht worden war, machte der Mann die Thür so fest zu, daß
+keine lebende Seele herein noch heraus kommen konnte, setzte sich dann
+zu Pferde und jagte im Galopp nach Rõugataja's Hof. In die Stube tretend
+rief er mit freundlicher Stimme: »Guten Tag, liebe Schwiegermutter. Ich
+komme euch zu danken, daß ihr mir ein gutes Weib erzogen und mich von
+der Ofengabel von Frau losgemacht habt, die ich in meinem einfältigen
+Sinn gefreit hatte. Wir leben glücklich mit einander, und deßhalb
+wünscht die Tochter euch zu sehen, damit ihr euch selbst von unserer
+Zufriedenheit überzeugen könnt.« Rõugatajas Frau merkte den Betrug
+nicht, sondern freute sich, daß die Sache so gut gegangen war. Der
+Schwiegersohn spannte an, setzte sich mit der Schwiegermutter auf den
+Wagen und fuhr nach Haus. Hier sagte er: »Die junge Frau ist in die
+Badstube gegangen, sich zu baden, habt ihr nicht auch Lust
+hineinzugehen, um den Staub der Fahrt abzuwaschen?« »Warum nicht!«
+erwiederte die Mutter. Der Mann ließ sie in die Badstube treten,
+verschloß die Thür und warf dann den rothen Hahn auf's Dach. Da
+verbrannte denn die Badstube sammt Rõugataja's Frau und ihrer Tochter.
+-- Da jetzt das Haus von der bösen Sippschaft gereinigt war, nahm der
+Mann Weib und Kind zu sich, und sie lebten ungestört bis an ihr Ende.
+
+[Fußnote 75: Rõugataja, dessen Frau hier (wie im Märchen 13 S. 173)
+eine so häßliche Rolle spielt, erscheint im Kalewipoëg =II=. 501 ff. als
+geburtshelfender Gott. Er und der Gott =Ukko=, welcher gleichbedeutend ist
+mit dem Fruchtbarkeit verleihenden Obergotte =Tara= treten an das Lager
+der kreißenden Wittwe Linda, welche ihre Hülfe angerufen hatte, und
+nachdem beide Götter eine Stunde bei ihr geweilt, kommt der Kalewsohn
+glücklich zur Welt. Nach _=Castrén=_. Vorl. S. 45, wurde der finnische =Ukko=
+nur bei schweren Kindesnöthen in Anspruch genommen. Auch sonst kennt die
+ehstnische Ueberlieferung den Rõugataja als Schützer der Wöchnerinnen
+und Neugeborenen; auch bei Heirathen wurde ihm geopfert, damit der
+mütterliche Schooß nicht unfruchtbar bleibe. S. _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S.
+18. 42. 43. Dann tritt Rõugataja mit abgeschwächter Bedeutung nur noch
+als Schutzgott der Neugeborenen auf, den die Wärterinnen beim ersten
+Bade eines Kindes, so wie beim Baden kranker Kinder anrufen. Ebend. S.
+49. 53. 54. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, myth. u. mag. Lieder S. 108. Zuletzt
+ist der Gott Rõugataja (etwa wie Knecht Ruprecht) zum Popanz entstellt,
+mit welchem man die Kinder erschreckt und beschwichtigt. -- Der Name,
+der auch in der Form =Raugutaja= vorkommt, scheint mit dem finnischen
+Roggen- oder Saatengott =Ronkoteus= zusammenzuhängen. Daß ein Gott der
+Saaten mit dem Gebären des Weibes in Verbindung gesetzt wird, kann nicht
+auffallen, auch Thor ist Saatgott und zugleich Gott der Ehe, und der
+Mythus von der Persephone weist auf dieselbe Combination. Die
+griechische Braut betritt mit gerösteter Gerste das Haus des Bräutigams.
+Auffallend ist es, daß die ehstnische Mythologie, die doch sonst an
+weiblichen Personificationen reich ist, keine Gestalt wie die
+griechische Eileithyia, oder die römische Lucina aufzuweisen hat. L.]
+
+
+
+
+16. Die Meermaid
+
+
+In der alten glücklichen Zeit gab es auf Erden viel bessere Menschen als
+jetzt, darum ließ ihnen der himmlische Vater auch manche Wunder offenbar
+werden, welche heut' zu Tage entweder ganz verborgen bleiben, oder nur
+selten einmal einem Glückskinde erscheinen. Zwar die Vögel singen nach
+alter Weise, und die Thiere tauschen ihre Laute aus, aber leider
+verstehen wir ihre Sprache nicht, und was sie sagen, bringt uns weder
+Lehre noch Nutzen.
+
+In der _Wiek_ wohnte vor Zeiten am Strande eine schöne Meermaid, die sich
+den Leuten oftmals zeigte; noch meines Großvaters Vetter, der in dieser
+Gegend aufwuchs, hatte sie zuweilen auf einem Steine sitzen sehen, aber
+das Bürschlein hatte nicht gewagt näher zu treten. Die Jungfrau erschien
+in mancherlei Gestalten, bald als Füllen oder Färse, bald wieder als ein
+anderes Thier; manchen Abend mischte sie sich unter die Kinder, und ließ
+es sich gefallen, daß sie mit ihr spielten, daß sich die Knäblein ihr
+auf den Rücken setzten -- dann war sie plötzlich wie unter die Erde
+gesunken!
+
+Wie die alten Leute jener Zeit erzählten, konnte man die Jungfrau in
+früheren Tagen fast jeden schönen Sommerabend am Meeresufer sehen, wo
+sie auf einem Steine sitzend ihr langes blondes Haar mit goldenem Kamme
+glättete, und so schöne Lieder sang, daß den Hörern das Herz hinschmolz.
+Die Annäherung der Menschen aber duldete sie nicht, sondern entschwand
+ihren Blicken, oder entwich in's Meer, wo sie als Schwan sich auf den
+Wellen schaukelte. Warum sie vor den Menschen floh, und nicht mehr das
+frühere Zutrauen zu ihnen hatte, darüber wollen wir jetzt das nähere
+melden.
+
+In alten Tagen, lange vor der Schwedenzeit, lebte am Strande der Wiek
+ein wohlhabender Bauer mit seiner Frau und vier Söhnen; ihren täglichen
+Unterhalt gewannen sie mehr der See als dem Acker ab, weil der Fischfang
+zu ihrer Zeit gar reich gesegnet war. Ihr jüngster Sohn zeigte sich von
+klein auf in allen Stücken anders als seine Brüder, er mied die
+Gesellschaft der Menschen, schlenderte am Meeresufer und im Walde umher,
+sprach mit sich selbst, mit den Vögeln oder mit Wind und Wellen, aber
+wenn er unter die Leute kam, öffnete er den Mund nicht viel, sondern
+stand wie träumend. Wenn im Herbst die Stürme aus dem Meere tobten, die
+Wellen sich haushoch thürmten und sich schäumend am Ufer brachen, dann
+ließ es dem Knaben zu Hause keine Ruhe mehr, er lief wie besessen, oft
+halb nackend, an den Strand. Wind und Wetter scheute sein abgehärteter
+Körper nicht. Er sprang in den Kahn, ergriff die Ruder und fuhr, gleich
+einer wilden Gans, auf dem Kamme der tobenden Wellen weit in die See
+hinaus, ohne daß seine Verwegenheit ihm jemals Gefahr gebracht hätte. Am
+Morgen, wenn der Sturm ausgetobt hatte, fand man ihn am Meeresufer in
+süßem Schlafe. Schickte man ihn irgend wohin, um ein Geschäft zu
+besorgen, z. B. im Sommer das Vieh zu hüten, oder sonst kleine Arbeiten
+zu übernehmen, so machte er seinen Eltern nur Verdruß. Er warf sich
+irgendwo in den Schatten eines Busches, ohne der Thiere zu achten, die
+sich zerstreuten, Wiesen oder Kornfelder betraten, und sich auch
+theilweise verliefen, so daß die Brüder Stunden lang zu thun hatten, bis
+sie der verlorenen Thiere wieder habhaft wurden. Wohl hatte der Vater
+den Knaben die Ruthe bitter genug fühlen lassen, aber das wirkte nicht
+mehr, als Wasser auf eine Gans gegossen. Als der Knabe zum Jüngling
+herangewachsen war, ging es auch nicht besser, keine Arbeit gedieh unter
+seinen lässigen Händen; er zerschlug und zerbrach das Arbeitsgerät,
+mattete die Arbeitsthiere ab, und schaffte doch nichts Rechtes.
+
+Der Vater gab ihn nun auf fremde Bauerhöfe in Dienst, weil er hoffte,
+daß vielleicht die fremde Peitsche den Lotterer bessern und zum
+ordentlichen Menschen machen möchte; aber wer den Burschen eine Woche
+lang auf Probe gehabt hatte, schickte ihn auch in der nächsten Woche
+wieder zurück. Die Eltern schalten ihn einen Tagedieb, und die Brüder
+hießen ihn »_Schlaf-Tönnis_;« binnen kurzem war dieser Spitzname in aller
+Munde, wiewohl er auf den Namen _Jürgen_ getauft war. Weil nun der
+Schlaf-Tönnis keinem Menschen Nutzen brachte, vielmehr Eltern und
+Geschwistern nur zur Last fiel und im Wege war, so hätten sie gern ein
+Stück Geld hingegeben, wenn jemand sie von dem Faullenzer befreit hätte.
+Als der Schlaf-Tönnis nirgends mehr aushielt, und auch Niemand ihn
+behalten wollte, verdingte ihn endlich der Vater bei einem fremden
+Schiffer als Knecht, weil er doch auf der See nicht davon laufen konnte,
+und weil der Bursche auch das Meer von klein auf geliebt hatte. Trotzdem
+war er nach einigen Wochen, ich weiß nicht wie? von dem Schiffe
+entkommen, und hatte seine trägen Füße wieder auf den heimischen Boden
+gesetzt. Nur schämte er sich, das Haus seiner Eltern zu betreten, wo er
+auf keinen freundlichen Empfang hoffen durfte, er trieb sich von einem
+Orte zum andern herum, und suchte sein Leben zu fristen, wie es ging,
+ohne zu arbeiten. Er war ein hübscher starker Bursche, und konnte ganz
+angenehm sprechen, wenn er wollte, obschon er im elterlichen Hause
+seinen Mund nie viel zum Reden gebraucht hatte. Jetzt mußten ihn sein
+schmuckes Aussehen und seine glatte Rede erhalten, denn er wußte sich
+damit bei Frauen und Mädchen einzuschmeicheln.
+
+Da geschah es, als er an einem schönen Sommerabend nach Sonnenuntergang
+allein am Strande sich erging, daß der Meermaid holder Gesang an sein
+Ohr drang. Schlaf-Tönnis dachte alsbald: »Sie ist auch ein Weib, und
+wird mir nichts zu Leide thun!« Er zögerte also nicht, dem Gesange
+nachzugehen, um den schönen Vogel in Augenschein zu nehmen. Er bestieg
+den höchsten Hügel, und gewahrte von da über einige Felder weg die
+Meermaid, die auf einem Steine saß, wo sie mit goldenem Kamme ihr Haar
+glättete und ein herrliches Lied sang. Der Jüngling hätte sich mehr
+Ohren gewünscht, um den Gesang zu hören, der ihm in's Herz schlug wie
+eine Flamme; als er aber näher kam, sah er, daß hier eben so viele Augen
+Noth thäten, die Schönheit der Jungfrau zu fassen. Gewiß hatte die
+Meermaid den Kommenden bemerkt, aber sie floh nicht vor ihm, was sie
+doch sonst immer that, wenn sich Menschen ihr näherten. Schlaf-Tönnis
+mochte etwa noch zehn Schritte von ihr sein, als er plötzlich still
+stand, unentschlossen, ob er warten oder näher treten solle. Und
+wunderbar! Die Meermaid erhob sich vom Steine und kam ihm mit
+freundlicher Miene entgegen. Grüßend bot sie dem Jüngling die Hand und
+sagte: »Ich habe dich hier schon manchen Tag erwartet, weil ein
+bedeutsamer Traum mir deine Ankunft kündete. Du hast unter den Menschen
+nirgends Haus noch Heim, wohin du gehen könntest, oder wo Leute deines
+Schlages taugten. Warum solltest du auch von Fremden abhängig sein, wenn
+die Eltern dir in ihrem Hause keine Stätte bieten? Ich kenne dich von
+klein auf und besser, als die Menschen dich kennen, weil ich ungesehen
+oft um dich war und dich schützte, wenn dein verwegener Uebermuth dich
+hätte verderben können. Ja, meine Hände haben oft dein schwankes Boot
+gehütet, daß es nicht in die Tiefe sank! Komm mit mir, du sollst
+Herrentage haben, und es soll dir an nichts mangeln, was dein Herz nur
+begehrt, sollst du kosten. Ich will dich warten und hüten wie meinen
+Augapfel, daß weder Wind noch Regen noch Frost dir etwas anhaben
+sollen.« Schlaf-Tönnis stand noch immer im Zweifel, er kratzte sich
+hinter den Ohren und überlegte, was er antworten solle; obgleich jedes
+Wort der Jungfrau ihm wie ein Feuerpfeil in's Herz gedrungen war.
+Endlich fragte er schüchtern, ob ihre Behausung weit von hier sei. »Wir
+können mit Windesschnelle dahin kommen, wenn du festes Vertrauen zu mir
+hast,« erwiederte die Meermaid. Da fielen dem Schlaf-Tönnis plötzlich
+mancherlei Reden ein, die er früher von den Leuten über die Meermaid
+gehört hatte, das Herz bangte ihm, und er bat sich drei Tage Bedenkzeit
+aus. »Ich will deinen Wunsch erfüllen,« sagte die Meermaid, »aber damit
+du nicht wieder unsicher werdest, will ich dir, bevor wir scheiden,
+meinen goldenen Ring an deinen Finger stecken, auf daß du das
+Wiederkommen nicht vergessest. Wenn wir dann näher mit einander bekannt
+werden, so kann vielleicht aus diesem Pfande ein Verlobungsring werden.«
+Mit diesen Worten zog sie den Ring ab, steckte ihn dem Jüngling an den
+kleinen Finger und verschwand dann, als wäre sie in Luft zerflossen.
+Schlaf-Tönnis blieb mit offenen Augen stehen, und hätte das Vorgefallene
+für einen Traum gehalten, wenn nicht der glänzende Ring an seinem Finger
+das Gegentheil dargethan hätte. -- Aber mit diesem Ringe schien wie ein
+fremder Geist in ihn gefahren zu sein, der ihm nirgends mehr Rast noch
+Ruhe ließ. Er streifte die ganze Nacht unstet am Strande umher und kam
+immer wieder zu dem Steine zurück, auf welchem die Jungfrau gesessen
+hatte -- aber der Stein war kalt und leer. Am Morgen legte er sich ein
+wenig nieder, aber unruhige Träume störten seinen Schlaf. Als er
+erwachte, fühlte er weder Hunger noch Durst, all sein Sinnen stand nur
+auf den Abend, da hoffte er die Meermaid wieder zu sehen. Der Tag neigte
+sich endlich, es wurde Abend, der Wind legte sich, die Vögel im
+Erlenbusch hörten auf zu singen, und steckten die müden Schnäbel unter
+die Flügel -- aber die Meermaid sah er an dem Abend nirgends.
+
+Sorge und Leid preßten ihm schwere Thränen aus, in seinem Unmuth hätte
+er sich die bitterste Qual anthun mögen -- warum hatte er am gestrigen
+Abend das dargebotene Glück verschmäht und sich eine Bedenkzeit
+ausbedungen, wo ein klügerer als er das Glück mit beiden Händen bei den
+Hörnern gepackt haben würde. Nun half keine Reue noch Klage. Nicht
+minder trübselig verstrich ihm die Nacht und der folgende Tag; unter der
+Last des Kummers fühlte er nicht einmal den Hunger. Gegen
+Sonnenuntergang setzte er sich zerknirschten Herzens auf eben den Stein,
+auf welchem die Meermaid vorgestern gesessen hatte, fing an bitterlich
+zu weinen und sagte ächzend: »Wenn sie heute nicht kommt, so will ich
+nicht länger mehr leben, sondern entweder hier auf dem Steine Hungers
+sterben, oder mich jählings in die Wellen stürzen und in der Tiefe des
+Meeres mein elendes Leben enden!« -- Ich weiß nicht, wie lange er so in
+Gram versunken gesessen hatte, als er eine weiche warme Hand auf seiner
+Stirne fühlte. Als er die Augen aufschlug, sah er die Jungfrau vor sich,
+die ihn liebreich anredete: »Ich sah deine herbe Qual, hörte dein
+sehnsüchtiges Seufzen und mochte nicht länger zögern, obgleich deine
+Bedenkzeit erst morgen Abend abläuft.«
+
+»Vergebt mir, vergebt mir, theure Jungfrau!« bat Schlaf-Tönnis
+schluchzend. »Vergebt mir! ich war ein sinnloser Thor, daß ich das
+unverhoffte Glück nicht festzuhalten wußte. Der Teufel weiß, was für
+eine Tollheit mir vorgestern in den Kopf kam. Bringt mich, wohin ihr
+wollt, ich widerstrebe nicht, ja ich würde mit Freuden mein Leben für
+euch hingeben.«
+
+Die Meermaid erwiederte lachend: »Mich verlangt nicht nach deinem Tode,
+sondern ich will dich lebend als lieben Genossen zu mir nehmen.« Dann
+nahm sie den Jüngling bei der Hand, führte ihn einige Schritte näher
+an's Meer, verband ihm mit einem seidenen Tuche die Augen, und in
+demselben Augenblicke fühlte sich Schlaf-Tönnis von zwei starken Armen
+umfaßt, welche ihn wie im Fluge emporhoben und dann jählings in die Flut
+stürzten. Als die kalte Flut seinen Leib berührte, verlor er das
+Bewußtsein, so daß er nicht mehr wußte, was mit ihm und um ihn vorging.
+Er konnte also späterhin auch nicht sagen, wie lange seine Ohnmacht
+gedauert hatte.
+
+Als er erwachte, sollte er noch Seltsameres erfahren.
+
+Er fand sich auf weichem Kissen in seidenem Bette, das in einem
+prächtigen Gemache stand, dessen Wände von Glas und von innen mit rothen
+Sammetdecken verhüllt waren, damit das grelle Licht den Schläfer nicht
+wecke. Eine Zeit lang wußte er selbst nicht recht, ob er noch lebe oder
+sich nach dem Tode an einem unbekannten Orte befinde. Er reckte seine
+Glieder hin und her, nahm seine Nasenspitze zwischen die Finger, und
+siehe! -- es war Alles, wie es sein mußte. Angethan war er mit einem
+feinen weißen Hemde, und schöne Kleider lagen auf einem Stuhl vor seinem
+Bette. Nachdem er sich eine Zeit lang im Bette gedehnt und sich
+handgreiflich überzeugt hatte, daß er wirklich am Leben sei, stand er
+endlich auf und zog sich an. -- Zufällig hustete er, und augenblicklich
+traten zwei Mädchen ein, grüßten ehrerbietig und baten, der »_gnädige
+Herr_« möge ihnen sagen, was er frühstücken wolle. Während die eine den
+Tisch deckte, ging die andere die Speisen zu bereiten. Es dauerte nicht
+lange, so standen Schüsseln mit Schweinefleisch, Wurst, Blutklößen und
+Scheibenhonig, nebst Bier- und Methkannen auf dem Tische -- gerade als
+ob eine prächtige Hochzeit gefeiert würde. Schlaf-Tönnis, der mehrere
+Tage ohne Nahrung geblieben war, setzte seine Kinnladen in Bewegung und
+aß, was der Magen fassen wollte, dann streckte er sich aufs Bett, um zu
+verdauen. Als er wieder aufstand, kamen die Dienerinnen zurück und baten
+den »gnädigen Herrn«, im Garten spazieren zu gehen, während die gnädige
+Frau sich ankleiden lasse. Es wurden ihm von allen Seiten so viel
+»gnädige Herren« an den Hals geworfen, daß er schon anfing, sich für
+einen solchen zu halten, und seines früheren Standes vergaß.
+
+Ich Garten fand er auf Schritt und Tritt Schönheit und Zierde; im grünen
+Laube glänzten goldene und silberne Aepfel, sogar die Fichten- und
+Tannenzapfen waren golden und goldgefiederte Vögel hüpften in den
+Wipfeln und auf den Zweigen. Zwei Mädchen traten hinter einem Gebüsche
+hervor, sie hatten Auftrag, den »gnädigen Herrn« im Garten herum zu
+führen und ihm alle Schönheiten desselben zu zeigen. Weiter gehend
+gelangten sie an den Rand eines Teiches, auf welchem silbergefiederte
+Gänse und Schwäne schwammen. Ueberall schimmerte Morgenroth, doch
+nirgends sah man die Sonne. Die mit Blüthen bedeckten Gebüsche hauchten
+süßen Duft aus, und Bienen, groß wie Bremsen, flogen um die Blüthen
+herum. Alles, was unser Freund hier von Bäumen und Gewächsen erblickte,
+war viel herrlicher, als wir es jemals schauen. Sodann erschienen zwei
+prächtig gekleidete Mädchen, um den »gnädigen Herrn« zur gnädigen Frau
+einzuladen, welche ihn erwarte. Ehe man ihn zu ihr führte, wurde ihm
+noch ein blauseidener Shawl[76] um die Schultern gelegt. Wer hätte in
+diesem Aufzuge den früheren Schlaf-Tönnis wieder erkannt?
+
+In einer prächtigen Halle, die so groß wie eine Kirche und auch, wie das
+Schlafgemach, aus Glas gegossen war, saßen zwölf scheue Jungfrauen auf
+silbernen Stühlen. Hinter ihnen auf einer Erhöhung unweit der Wand
+standen zwei goldene Stühle, auf deren einem die hehre Königin saß,
+während der andere noch leer war. Als Schlaf-Tönnis über die Schwelle
+trat, erhoben sich alle Jungfrauen von ihren Sitzen und grüßten den
+Ankömmling ehrerbietig, setzen sich auch nicht eher wieder, als bis es
+ihnen geheißen worden. Die Herrin selber blieb auf ihrem Stuhle sitzen,
+nickte dem Jünglinge ihren Gruß zu und winkte befehlend mit dem Finger,
+worauf die Führerinnen den Schlaf-Tönnis in die Mitte nahmen und zur
+Herrin geleiteten. Der Jüngling ging schüchternen Schrittes vorwärts,
+und wagte nicht die Augen aufzuschlagen, denn all' die unerwartete
+Pracht und Herrlichkeit blendete ihn. Man wies ihm seinen Platz auf dem
+goldenen Stuhle neben der Herrin an, und diese sagte: »Dieser Jüngling
+ist mein lieber Bräutigam, dem ich mich verlobt und den ich mir zu
+meinem Gemahl erkoren habe. Ihr müßt ihm jegliche Ehre erweisen und ihm
+eben so gehorchen wie mir. Jedes Mal, daß ich das Haus verlasse, müßt
+ihr ihm die Zeit vertreiben und ihn pflegen und hüten wie meinen
+Augapfel. Schwere Strafe würde den treffen, der meinen Willen nicht
+pünktlich erfüllt.«
+
+Schlaf-Tönnis sah wie verbrüht drein, weil er gar nicht wußte, was er
+von der Sache halten solle; die Erlebnisse dieser Nacht schienen
+wunderbarer als Wunder. Er mußte sich in Gedanken immer wieder fragen,
+ob er wache oder träume. Die Herrin errieth, was in ihm vorging, erhob
+sich von ihrem Stuhle, nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus einem
+Zimmer in's andere; alle waren menschenleer. So waren sie in das zwölfte
+Gemach gelangt, das etwas kleiner aber noch prächtiger war, als die
+andern. Hier nahm die Herrin ihre Krone vom Haupte, warf den
+goldverbrämten seidenen Mantel ab, und als Schlaf-Tönnis jetzt die Augen
+aufzuschlagen wagte, sah er keine fremde Herrin, sondern die Meermaid an
+seiner Seite. O du liebe Zeit! jetzt wuchs ihm plötzlich der Muth und
+seine Hoffnung erblühte. Freudig rief er: »O theure Meermaid!« -- aber
+in demselben Augenblick schloß die Hand der Jungfrau ihm den Mund; sie
+sprach in ernstem Tone: »Wenn dir mein und dein eigenes Glück lieb ist,
+so nenne nie mehr diesen Namen, den man mir zum Schimpf beigelegt hat.
+Ich bin der Wasser-Mutter[77] Tochter, und unserer sind viele
+Schwestern, wenn wir auch alle einsam, jede an ihrem Ort, im Meere, in
+Seeen und Flüssen wohnen, und uns nur selten einmal durch einen
+glücklichen Zufall zu sehen bekommen.« Dann erklärte sie ihm, sie habe
+bis jetzt jungfräulich gelebt, müsse aber als verordnete Herrscherin
+Namen und Würde einer königlichen Frau aufrecht erhalten. Schlaf-Tönnis
+war durch sein unverhofftes Glück wie von Sinnen gekommen, er wußte
+nicht, was er in seiner Freude beginnen sollte, aber die Zunge war ihm
+wie gebunden, und er brachte nicht viel mehr heraus als _Ja_ oder _Nein_.
+Als er sich aber beim Mittagsmahl die leckeren Speisen schmecken ließ,
+und als die köstlichen Getränke ihm warm machten, da löste sich auch
+seine Zunge, und er wußte sich nicht bloß wie sonst gut zu unterhalten,
+sondern auch manchen artigen Scherz anzubringen.
+
+Am folgenden und am dritten Tage ging dieses glückliche Leben eben so
+fröhlich weiter; Schlaf-Tönnis glaubte sich bei lebendigem Leibe in den
+Himmel versetzt. Vor Schlafengehen sagte die Meermaid zu ihm: »Morgen
+haben wir Donnerstag,[78] und allwöchentlich muß ich, einem Gelübde
+gemäß an diesem Tage fasten und einsam von allen Andern getrennt leben.
+Donnerstags kannst du mich nicht früher sehen, als bis der Hahn Abends
+drei Mal gekräht hat. Meine Dienerinnen werden inzwischen für dich
+sorgen, daß dir die Zeit nicht lang werde, und es dir an Nichts fehle.«
+
+Am andern Morgen fand Schlaf-Tönnis seine Genossin nirgends -- er
+gedachte dessen, was sie ihm am Abend zuvor angekündigt hatte, nämlich,
+daß er heute und jeden künftigen Donnerstag ohne seine Gemahlin
+zubringen müsse. Die Dienerinnen bemühten sich, ihm auf alle Weise die
+Zeit zu vertreiben, sie sangen, spielten und führten heitere Tänze auf;
+dann setzten sie ihm wieder Speise und Trank vor, wie ein geborener
+Königssohn sie nicht besser haben konnte, und der Tag verging ihm
+schneller als er geglaubt hatte. Nach dem Abendessen begab er sich zur
+Ruhe, und als der Hahn das dritte Mal gekräht hatte, kam die Schöne
+wieder zu ihm. Ebenso ging es an jedem folgenden Donnerstage. Oft zwar
+hatte er die Geliebte gebeten, am Donnerstage mit ihr zusammen fasten zu
+dürfen, aber vergebens. Als er nun einst wieder an einem Mittwoch seine
+Gemahlin mit dieser Bitte quälte und ihr keine Ruhe ließ, sagte die
+Meermaid mit thränenden Augen: »Nimm mein Leben, wenn du willst, ich
+gebe es gerne hin, aber deinen Wunsch, dich zu meinem Fasttage
+mitzunehmen, kann und darf ich nicht erfüllen.«
+
+Ein Jahr oder darüber mochte ihnen so verflossen sein, als sich Zweifel
+im Herzen des Schlaf-Tönnis regten, die immer quälender wurden, so daß
+er keine Ruhe mehr fand. Das Essen wollte ihm nicht munden, und der
+Schlaf erquickte ihn nicht. Er fürchtete nämlich, daß die Meermaid außer
+ihm noch einen heimlichen Geliebten habe, in dessen Armen sie jeden
+Donnerstag ruhe, während er die Zeit mit ihren Dienerinnen hinbringen
+müsse. Die Kammer, in welcher die Meermaid sich Donnerstags verborgen
+hielt, kannte er längst, aber was half es? Die Thür war immer
+verschlossen und die Fenster waren von innen durch doppelte Vorhänge so
+dicht verhüllt, daß nirgends eine Oeffnung wenn auch nur von der Breite
+eines Nadelöhrs blieb, durch welche ein Sonnenstrahl, geschweige denn
+ein menschliches Auge, hätte eindringen können. Aber je unmöglicher die
+Aufhellung dieses Geheimnisses schien, desto heftiger wurde sein
+Verlangen, der Sache auf den Grund zu kommen. Wenngleich er von dem, was
+ihm auf dem Herzen lastete, der Meermaid kein Wörtchen verrieth, so
+merkte sie doch an seinem unsteten Wesen, daß die Sachen nicht mehr
+standen wie sie sollten. Wiederholt bat sie ihn mit Thränen in den
+Augen, er möge sie und sich selbst doch nicht mit verkehrten Gedanken
+plagen. »Ich bin,« sagte sie, »frei von aller Schuld gegen dich, ich
+habe keine heimliche Liebe noch irgend eine andere Sünde gegen dich auf
+dem Gewissen. Aber dein falscher Argwohn macht uns Beide unglücklich,
+und wird unsern Herzensfrieden zerstören. Mit Freuden würde ich jeden
+Augenblick mein Leben für dich hingeben, wenn du es wünschen würdest,
+aber an meinem Fasttage kann ich dich nicht in meine Nähe lassen. Es
+darf nicht sein, und würde unserer Liebe und unserem Glücke für immer
+den Untergang bringen. Wir leben ja sechs Tage in der Woche in ruhigem
+Glücke mit einander, wie kann uns die Trennung _eines_ Tages so schwer
+fallen, daß du sie nicht ertragen solltest.«
+
+Sechs Tage hielt solch' ein verständiger Zuspruch immer wieder vor, aber
+wenn der nächste Donnerstag kam, und die Meermaid nicht erschien, dann
+verlor er den Kopf und geberdete sich wie ein halb Verrückter. Er hatte
+keine Ruhe mehr, zuletzt wollte er am Donnerstage Niemand um sich
+haben, die Dienerinnen durften nur die Speisen und Getränke auftragen
+und mußten sich dann gleich entfernen, damit er allein hausen könne wie
+ein Gespenst.
+
+Diese gänzliche Verwandlung nahm Alle Wunder, und als die Meermaid die
+Sache erfuhr, wollte sie sich die Augen aus dem Kopfe weinen; doch
+überließ sie sich ihrem Schmerze nur, wenn Niemand dabei war.
+Schlaf-Tönnis hoffte, wenn er allein gelassen würde, bessere Gelegenheit
+zur Untersuchung der geheimnißvollen Fastenkammer zu finden --
+vielleicht entdeckte er doch irgendwo ein Spältchen, durch welches er
+spähen und beobachten könnte, was dort vorginge. Je mehr er sich aber
+abquälte, desto unmuthiger wurde auch die Meermaid, und wenn sie noch
+ein freundliches Antlitz zeigte, so kam ihr doch die Freundlichkeit
+nicht mehr von Herzen wie sonst.
+
+So vergingen einige Wochen, und die Sache wurde nicht besser und nicht
+schlechter; da fand Schlaf-Tönnis eines Donnerstags neben dem Fenster
+eine kleine Stelle, wo die Vorhänge sich zufällig verschoben hatten, so
+daß der Blick in die Kammer dringen konnte. Was er da sah, machte sein
+Herz ärger als Februarkälte gerinnen. Das geheimnißvolle Gemach hatte
+keinen Fußboden, sondern sah aus wie ein großer viereckiger Kübel, der
+viele Fuß hoch mit Wasser gefüllt war. Darin schwamm seine geliebte
+Meermaid. Vom Kopf bis zum Bauch hatte sie noch die Schönheit des
+weiblichen Körpers, aber die untere Hälfte vom Nabel abwärts war ganz
+Fisch, mit Schuppen bedeckt und mit Flossen versehen. Mit dem breiten
+Fischschwanz plätscherte sie zuweilen im Wasser, daß es hoch
+aufspritzte. -- Der Späher wich wie betäubt zurück, und ging betrübt
+hinweg. Wie viel hätte er darum gegeben, wenn er diesen Anblick aus
+seinem Gedächtnisse hätte auslöschen können! Er dachte hin und her,
+wußte aber nicht, was er anfangen sollte.
+
+Der Hahn hatte am Abend wie gewöhnlich drei Mal gekräht, aber die
+Meermaid kam nicht zu ihm zurück. Er durchwachte die ganze Nacht, aber
+die Schöne erschien immer noch nicht. Erst am Margen kam sie in
+schwarzen Trauerkleidern, das Gesicht mit einem dünnen Seidentuch
+verhüllt, und sprach mit weinender Stimme: »O, du Unseliger, der du
+durch deine Torheit unserem glücklichen Leben ein Ende gemacht hast! Du
+siehst mich heute zum letzten Male und mußt nun wieder in deinen
+früheren Zustand zurückkehren, was du dir selber zuzuschreiben hast.
+Leb' wohl zum letzten Male!«
+
+Ein plötzlicher Krach und ein starkes Getöse, als ob der Boden unter den
+Füßen weg rollte, warf den Schlaf-Tönnis nieder, und in seiner Betäubung
+hörte und sah er nicht mehr, was mit ihm und um ihn her vorging.
+
+Als er endlich, wer weiß wie lange nachher, aus seiner Ohnmacht
+erwachte, fand er sich am Meeresstrande, dicht bei demselben Steine, auf
+welchem die schöne Meermaid gesessen hatte, als sie den
+Freundschaftsbund mit ihm schloß. Statt der prächtigen Kleider, die er
+in der Behausung der Meermaid täglich getragen hatte, fand er seinen
+alten Anzug, der aber viel älter und zerlumpter aussah, als es nach
+seiner Annahme der Fall sein konnte. Die Glückstage unseres guten
+Freundes waren vorüber, und keine noch so bittere Reue konnte sie
+zurückbringen.
+
+Als er weiter ging, stieß er auf die ersten Gehöfte seines Dorfs. Sie
+standen wohl an der alten Stelle, aber sahen doch anders aus. Was ihm
+aber, als er sich umsah, noch viel wunderbarer dünkte, war, daß die
+Menschen ihm ganz fremd waren, und nicht ein einziges bekanntes Gesicht
+ihm begegnete.
+
+Auch ihn sahen Alle befremdet an, als ob sie ein Wunderthier vor sich
+hätten. Schlaf-Tönnis ging nun zum Hofe seiner Eltern; auch hier kamen
+ihm fremde Menschen entgegen, die ihn nicht kannten, und die er nicht
+kannte. Erstaunt fragte er nach seinem Vater und seinen Brüdern, aber
+Niemand konnte ihm Bescheid geben. Endlich kam ein gebrechlicher Alter
+auf einen Stock gestützt aus dem Hause und sagte: »Bauer, der Wirth,
+nach welchem du dich erkundigst, schläft schon über dreißig Jahre in der
+Erde; auch seine Söhne müssen todt sein. Wo kommst du denn her,
+Alterchen, um solchen vergessenen Dingen nachzuforschen?« Das Wort
+»Alterchen« hatte den Schlaf-Tönnis dermaßen erschreckt, daß er nichts
+weiter fragen konnte. Er fühlte seine Glieder zittern, wandte den
+fremden Menschen den Rücken, und eilte zur Pforte hinaus. Die Anrede
+»Alterchen« ließ ihm keine Ruhe; dies Wort war ihm centnerschwer auf die
+Seele gefallen -- die Füße versagten ihm den Dienst.
+
+An der nächsten Quelle besah er seine Gestalt im Wasserspiegel: die
+bleichen zusammengeschrumpften Wangen, die eingefallenen Augen, der
+lange graue Bart und die grauen Haare bestätigten, was er vernommen
+hatte. Diese vergilbte, verwelkte Gestalt hatte keine Aehnlichkeit mehr
+mit dem Jüngling, den die Meermaid sich zum Bräutigam erkoren hatte.
+Jetzt erst ward der Unglückliche inne, daß die vermeintlichen paar Jahre
+ihm den größten Theil seines Lebens hinweggenommen hatten, denn als
+blühender Jüngling war er in das Haus der Meermaid eingezogen, und als
+gespenstischer Alter war er zurückgekommen. Dort hatte er weder den Fluß
+der Zeit noch das Hinschwinden des Körpers gespürt, und er konnte es
+sich nicht erklären, wie die Bürde des Alters ihm so plötzlich, gleich
+einer Vogelschlinge, über den Hals gekommen war. Was sollte er jetzt
+beginnen, da er als Fremder unter Fremde verschneit war? -- Einige Tage
+lang streifte er am Strande von einem Bauerhofe zum andern umher, und
+gute Menschen gaben ihm aus Barmherzigkeit ein Stück Brot. Da traf er
+einst mit einem munteren Burschen zusammen, dem er seinen Lebenslauf
+ausführlich erzählte, aber in derselben Nacht war er auch verschwunden.
+Nach einigen Tagen wälzten die Wellen seinen Leichnam an's Ufer. Ob er
+vorsätzlich oder zufällig im Meere ertrunken war, ist nicht bekannt
+geworden.
+
+Von dieser Zeit an hat sich das Wesen der Meermaid den Menschen
+gegenüber gänzlich verändert; nur Kindern erscheint sie zuweilen, fast
+immer in anderer Gestalt, erwachsene Menschen aber läßt sie nicht an
+sich heran kommen, sondern scheut sie wie das Feuer.
+
+[Fußnote 76: Sfoba, »ein Stück des festlichen Anzuges, ein weißes
+wollenes Tuch mit bunt ausgenähten Kanten und mit Troddeln an den kurzen
+Rändern, auf der Brust mit einer Spange zusammengehalten.« _Wiedemann_,
+Wörterb. s. v. L.]
+
+[Fußnote 77: Vgl. Nota zu dem Märchen von den zwölf Töchtern S. 89. L.]
+
+[Fußnote 78: Vgl. Anm. zum Märchen 1, die Goldspinnerinnen S. 2. L.]
+
+
+
+
+17. Die Unterirdischen.[79]
+
+
+In einer stürmigen Nacht zwischen Weihnacht und Neujahr war ein Mann vom
+Wege abgekommen; während er sich durch die tiefen Schneetriften
+durchzuarbeiten suchte, erlahmte seine Kraft, so daß er von Glück sagen
+konnte, als er unter einem dichten Wachholderbusch Schutz vor dem Winde
+fand. Hier wollte er übernachten, in der Hoffnung, am hellen Morgen den
+Weg leichter zu finden. Er zog seine Glieder zusammen wie ein Igel,
+wickelte sich in seinen warmen Pelz und schlief bald ein. Ich weiß
+nicht, wie lange er so gelegen hatte, als er fühlte, daß Jemand ihn
+rüttele. Als er aus dem Schlafe auffuhr, schlug eine fremde Stimme an
+sein Ohr: »Bauer, ohe! steh auf! sonst begräbt dich der Schnee, und du
+kommst nicht wieder heraus.« Der Schläfer steckte den Kopf aus dem Pelze
+hervor und sperrte die noch schlaftrunkenen Augen weit auf. Da sah er
+einen Mann von langem schlanken Wuchse vor sich; der Mann trug als Stock
+einen jungen Tannenbaum, der doppelt so hoch war wie sein Träger. »Komm
+mit mir,« sagte der Mann mit dem Tannenstock -- »für uns ist im Walde
+unter Bäumen ein Feuer gemacht, wo sich's besser ruht, als hier auf
+freiem Felde.« Ein so freundliches Anerbieten mochte der Mann nicht
+ausschlagen, vielmehr stand er sogleich auf, und schritt rüstig mit dem
+fremden Manne vorwärts. Der Schneesturm tobte so heftig, daß man auf
+drei Schritt nicht sehen konnte, aber wenn der fremde Mann seinen
+Tannenstock aufhob und mit strenger Stimme rief: »Hoho!
+Stümesmutter![80] mach' Platz!« so bildete sich vor ihnen ein breiter
+Pfad, wohin auch kein Schneeflöckchen drang. Zu beiden Seiten und im
+Rücken tobte wildes Schneegestöber, aber die Wanderer focht es nicht an.
+Es war, als ob auf beiden Seiten eine unsichtbare Wand das Gestüm
+abwehrte. Bald kamen die Männer an den Wald, aus dem schon von fern der
+Schein eines Feuers ihnen entgegen leuchtete. »Wie heißt du?« fragte der
+Mann mit dem Tannenstock, und der Bauer erwiederte: »Des langen Hans
+Sohn Hans.«
+
+Am Feuer saßen drei Männer mit weißen leinenen Kleidern angethan, als
+wäre es mitten im Sommer. Auch sah man in einem Umkreise von dreißig
+oder mehr Schritten nur Sommerschöne: das Moos war trocken, die Pflanzen
+grün, und der Rasen wimmelte von Ameisen und Käferchen. Von fern aber
+hörte des langen Hans Sohn den Wind sausen und den Schnee brausen. Noch
+verwunderlicher war das brennende Feuer, welches hellen Glanz
+verbreitete, ohne daß ein Rauchwölkchen aufstieg. »Was meinst du, Sohn
+des langen Hans, ist dies nicht ein besserer Ruheplatz für die Nacht,
+als da auf freiem Felde unter dem Wachholderbusch?« Hans mußte dies
+zugeben, und dem fremden Manne dafür danken, daß er ihn so gut geführt
+hatte. Dann warf er seinen Pelz ab, wickelte ihn zu einem Kopfkissen
+zusammen, und legte sich im Scheine des Feuers nieder. Der Mann mit dem
+Tannenstock nahm sein Fäßchen aus einem Busche und bot Hansen einen
+Labetrunk, der schmeckte vortrefflich und erfreute ihm das Herz. Der
+Mann mit dem Tannenstock streckte sich nun auch auf den Boden hin und
+redete mit seinen Genossen in einer fremden Sprache, von der unser Hans
+kein Wörtchen verstand; er schlief darum bald ein.
+
+Als er aufwachte, fand er sich allein an einem fremden Orte, wo weder
+Wald noch Feuer mehr war. Er rieb sich die Augen und rief sich das
+Erlebniß der Nacht zurück, meinte aber geträumt zu haben; doch konnte er
+nicht begreifen, wie er denn hierher an einen ganz fremden Ort gerathen
+war. Aus der Ferne drang ein starkes Geräusch an sein Ohr, und er fühlte
+den Boden unter seinen Füßen zittern. Hans horchte eine Zeit lang, von
+wo der Lärm komme, und beschloß dann, dem Schalle nachzugehen, weil er
+hoffte, auf Menschen zu treffen. So kam er an die Mündung einer
+Felsengrotte, aus welcher der Lärm erscholl, und ein Feuer hervorschien.
+Als er in die Grotte trat, sah er eine ungeheure Schmiede vor sich mit
+einer Menge von Blasebälgen und Ambosen; an jedem Ambos standen sieben
+Arbeiter. Närrischere Schmiede konnten auf der Welt nicht zu finden
+sein. Die einem Manne bis zum Knie reichenden Männlein hatten Köpfe, die
+größer waren als ihre winzigen Leiber, und führten Hämmer, die mehr als
+doppelt so groß waren, als ihre Träger. Aber sie hämmerten mit ihren
+schweren Eisenkeulen so wacker auf den Ambos los, daß die kräftigsten
+Männer keine wuchtigeren Schläge hätten führen können. Bekleidet waren
+die kleinen Schmiede nur mit Lederschürzen, die vom Halse bis zu den
+Füßen reichten; auf der Rückseite waren die Körper nackend, wie Gott sie
+geschaffen hatte. Im Hintergrund an der Wand saß der Hansen wohlbekannte
+Mann mit dem Tannenstocke auf einem hohen Block, und gab scharf Acht auf
+die Arbeit der kleinen Gesellen. Zu seinen Füßen stand eine große Kanne,
+aus welcher die Arbeiter ab und zu einen Trunk thaten. Der Herr der
+Schmiede hatte nicht mehr die weißen Kleider von gestern an, sondern
+trug einen schwarzen rußigen Rock und um die Hüften einen Ledergürtel
+mit großer Schnalle; mit seinem Tannenstocke gab er den Gesellen von
+Zeit zu Zeit einen Wink, denn das Menschenwort wäre bei dem Getöse
+unvernehmlich gewesen. Ob Jemand den Hans bemerkt hatte, blieb diesem
+unklar, sintemal Meister und Gesellen ihre Arbeit hurtig förderten, ohne
+den fremden Mann zu beachten. Nach einigen Stunden wurde den kleinen
+Schmieden eine Rast gegönnt; die Bälge wurden angehalten, und die
+schweren Hämmer zu Boden geworfen. Jetzt, da die Arbeiter die Grotte
+verließen, erhob sich der Wirth vom Blocke und rief den Hans zu sich:
+»Ich habe deine Ankunft wohl bemerkt,« sagte er, »aber da die Arbeit
+drängte, konnte ich nicht früher mit dir reden. Heute mußt du mein Gast
+sein, um meine Lebensweise und Haushaltung kennen zu lernen. Verweile
+hier so lange, bis ich die schwarzen Kleider ablege.« Mit diesen Worten
+zog er einen Schlüssel aus der Tasche, schloß eine Thür in der
+Grottenwand auf, und ließ Hans hineintreten.
+
+O was für Schätze und Reichthümer Hans hier erblickte! Ringsum lagen
+Gold- und Silberbarren aufgestapelt und schimmerten und flimmerten ihm
+vor den Augen. Hans wollte zum Spaße die Goldbarren eines Haufens
+überzählen und war gerade bis fünfhundert und siebzig gekommen, als der
+Wirth zurückkehrte und lachend rief: »Laß nur das Zählen, es würde dir
+zu viel Zeit kosten. Nimm dir lieber einige Barren vom Haufen, ich will
+sie dir zum Andenken verehren.« Natürlich ließ sich Hans so etwas nicht
+zweimal sagen; mit beiden Händen erfaßte er einen Goldbarren, konnte ihn
+aber nicht einmal von der Stelle rühren, geschweige denn aufheben. Der
+Wirth lachte und sagte: »Du winziger Floh vermagst nicht das kleinste
+meiner Geschenke fortzubringen, begnüge dich denn mit der Augenweide.«
+Mit diesen Worten führte er Hans in eine andere Kammer, von da in eine
+dritte, vierte und so fort, bis sie endlich in die siebente
+Grottenkammer kamen, die von der Größe einer großen Kirche und gleich
+den anderen vom Fußboden bis zur Decke mit Gold- und Silberhaufen
+angefüllt war. Hans wunderte sich über die unermeßlichen Schätze, womit
+man sämmtliche Königreiche der Welt hätte zu erb und eigen kaufen
+können, und die hier nutzlos unter der Erde lagen. Er fragte den Wirth:
+»Weßwegen häuft ihr hier einen so ungeheuren Schatz an, wenn doch kein
+lebendes Wesen von dem Gold und Silber Vortheil zieht? Käme dieser
+Schatz in die Hände der Menschen, so würden sie alle reich werden, und
+Niemand brauchte zu arbeiten oder Noth zu leiden.« »Gerade deßhalb,«
+erwiederte der Wirth -- »darf ich den Schatz nicht an die Menschen
+überliefern; die ganze Welt würde vor Faulheit zu Grunde gehen, wenn
+Niemand mehr für das tägliche Brot zu sorgen brauchte. Der Mensch ist
+dazu geschaffen, daß er sich durch Arbeit und Sorgfalt erhalten soll.«
+Hans wollte das durchaus nicht wahr haben und bestritt nachdrücklich die
+Ansicht des Wirths. Endlich bat er, ihm doch zu erklären was es fromme,
+daß hier all' das Gold und Silber als Besitzthum eines Mannes lagere und
+schimmele, und daß der Herr des Goldes unablässig bemüht sei, seinen
+Schatz zu vergrößern, da er schon einen so überschwenglichen Ueberfluß
+habe? Der Wirth gab zur Antwort: »Ich bin kein Mensch, wenn ich gleich
+Gestalt und Gesicht eines solchen habe, sondern eines jener höheren
+Geschöpfe, welche nach der Anordnung des Allvaters geschaffen sind, der
+Welt zu walten. Nach seinem Gebot muß ich mit meinen kleinen Gesellen
+ohne Unterlaß hier unter der Erde Gold und Silber bereiten, von welchem
+alljährlich ein kleiner Theil zum Bedarf der Menschen herausgegeben
+wird, nur knapp soviel als sie brauchen, um ihre Angelegenheiten zu
+betreiben. Aber Niemand soll sich die Gabe ohne Mühe zueignen. Wir
+müssen deßhalb das Gold erst fein stampfen, und dann die Körnlein mit
+Erde, Lehm und Sand vermischen; später werden sie, wo das Glück will, in
+diesem Grant gefunden, und müssen mühsam herausgesucht werden. Aber,
+Freund, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen, denn die Mittagsstunde
+naht heran. Hast du Lust, meinen Schatz noch länger zu betrachten, so
+bleib hier, erfreue dein Herz an dem Glanze des Goldes, bis ich komme
+dich zum Essen zu rufen.« Damit trennte er sich von Hans.
+
+Hans schlenderte nun wieder aus einer Schatzkammer in die andere, und
+versuchte hie und da ein kleineres Stück Gold aufzuheben, aber es war
+ihm ganz unmöglich. Er hatte zwar schon früher von klugen Leuten sagen
+hören, wie schwer Gold sei, aber er hatte es niemals glauben wollen --
+jetzt lehrten es ihn seine eigenen Versuche. Nach einer Weile kam der
+Wirth zurück, aber so verwandelt, daß Hans ihn im ersten Augenblick
+nicht erkannte. Er trug rothe feuerfarbene Seidengewänder, reich
+verziert mit goldenen Tressen und goldenen Franzen, ein breiter goldener
+Gürtel umschloß seine Hüften und auf seinem Kopfe schimmerte eine
+goldene Krone, aus welcher Edelsteine funkelten, wie Sterne in einer
+klaren Winternacht. Statt des Tannenstockes hielt er ein kleines aus
+feinem Golde gearbeitetes Stäbchen in der Hand, an welchem sich
+Verästelungen befanden, so daß das Stäbchen aussah wie ein Sproß des
+großen Tannenstockes.
+
+Nachdem der königliche Besitzer des Schatzes die Thüren der
+Schatzkammern verschlossen und die Schlüssel in die Tasche gesteckt
+hatte, nahm er Hans bei der Hand und führte ihn aus der
+Schmiedewerkstatt in ein anderes Gemach, wo für sie das Mittagsmahl
+angerichtet war. Tische und Sitze waren von Silber; in der Mitte der
+Stube stand ein prächtiger Eßtisch, zu beiden Seiten desselben ein
+silberner Stuhl. Eß- und Trinkgeschirr, als da sind Schalen, Schüsseln,
+Teller, Kannen und Becher, waren von Gold. Nachdem sich der Wirth mit
+seinem Gaste am Tische niedergelassen hatte, wurden zwölf Gerichte nach
+einander aufgetragen; die Diener waren ganz wie die Männlein in der
+Schmiede, nur daß sie nicht nackt gingen sondern helle reine Kleider
+trugen. Sehr wunderbar kam Hansen ihre Behendigkeit und Geschicklichkeit
+vor; denn obgleich man keine Flügel an ihnen wahrnahm, so bewegten sie
+sich doch so leicht, als wären sie gefedert. Da sie nämlich nicht bis
+zur Höhe des Tisches hinanreichten, so mußten sie wie die Flöhe immer
+vom Boden auf den Tisch hüpfen. Dabei hielten sie die großen mit Speisen
+angefüllten Schalen und Schüsseln in der Hand, und wußten sich doch so
+in Acht zu nehmen, daß nicht ein Tropfen verschüttet ward. Während des
+Essens gossen die kleinen Diener Meth und köstlichen Wein aus den Kannen
+in die Becher und reichten diese den Speisenden. Der Wirth unterhielt
+sich freundlich und erläuterte Hansen mancherlei Geheimnisse. So sagte
+er, als auf sein nächtliches Zusammentreffen mit Hans die Rede kam:
+»Zwischen Weihnacht und Neujahr streife ich oft zum Vergnügen auf der
+Erde umher, um das Treiben der Menschen zu beobachten und einige von
+ihnen kennen zu lernen. Von dem, was ich bis jetzt gesehen und erfahren
+habe, kann ich nicht viel Rühmens machen. Die Mehrzahl der Menschen lebt
+einander zum Schaden und zum Verdruß. Jeder klagt mehr oder weniger über
+den Andern, Niemand sieht seine eigene Schuld und Verfehlung, sondern
+wälzt auf Andere, was er sich selbst zugezogen hat.« Hans suchte nach
+Möglichkeit die Wahrheit dieser Worte abzuleugnen, aber der freundliche
+Wirth ließ ihm reichlich einschenken, so daß ihm endlich die Zunge so
+schwer wurde, daß er kein Wort mehr entgegnen, und auch nicht verstehen
+konnte, was der Hausherr sagte. Binnen kurzem schlief er auf seinem
+Stuhle ein, und wußte nicht mehr, was mit ihm vorging.
+
+In seinem schlaftrunkenen Zustande hatte er wunderbare bunte Träume, in
+welchen ihm unaufhörlich die Goldbarren vorschwebten. Da er sich im
+Traume viel stärker fühlte, nahm er ein paar Goldbarren auf den Rücken
+und trug sie mit Leichtigkeit davon. Endlich ging ihm aber doch unter
+der schweren Last die Kraft aus, er mußte sich niedersetzen und Athem
+schöpfen. Da hörte er schäkernde Stimmen, er hielt es für den Gesang der
+kleinen Schmiede; auch das helle Feuer von ihren Blasebälgen traf sein
+Auge. Als er blinzelnd aufschaute, sah er um sich her grünen Wald, er
+lag auf blumigem Rasen und kein Feuer von Blasebälgen, sondern der
+Sonnenstrahl war es, was ihm freundlich in's Gesicht schien. Er riß sich
+nun vollends aus den Banden des Schlafes los, aber es dauerte eine Zeit
+lang, ehe er sich auf das besinnen konnte, was ihm in der Zwischenzeit
+begegnet war.
+
+Als endlich seine Erinnerungen wieder wach wurden, schien ihm Alles so
+seltsam und so wunderbar, daß er es mit dem natürlichen Lauf der Dinge
+nicht zu reimen wußte. Hans besann sich, wie er im Winter einige Tage
+nach Weihnacht in einer stürmigen Nacht vom Wege abgekommen war, und
+auch was sich später zugetragen hatte, tauchte wieder in seiner
+Erinnerung auf. Er hatte die Nacht mit einem fremden Manne an einem
+Feuer geschlafen, war am andern Tage zu diesem Manne, der einen
+Tannenstock führte, zu Gast gegangen, hatte dort zu Mittag gegessen und
+sehr viel getrunken -- kurz er hatte ein paar Tage in Saus und Braus
+verlebt. Aber jetzt war doch rings um ihn her vollständiger Sommer, es
+konnte also nur Zauberei im Spiele sein. Als er sich erhob, fand er
+ganz in der Nähe eine alte Feuerstelle, welche in der Sonne wunderbar
+glänzte. Als er die Stätte schärfer in's Auge faßte, sah er, daß der
+vermeintliche Aschenhaufe feiner Silberstaub und die übrig gebliebenen
+Brände lichtes Gold waren. O dieses Glück. Woher nun einen Sack nehmen,
+um den Schatz nach Hause zu tragen? Die Noth macht erfinderisch. Hans
+zog seinen Winterpelz aus, fegte die Silberasche zusammen, daß auch kein
+Stäubchen übrig blieb, that die Goldbrände und das Zusammengefegte in
+den Pelz und band dann die Zipfel desselben mit seinem Gürtel zusammen,
+so daß nichts herausfallen konnte. Obwohl die Bürde nicht groß war, so
+wurde sie ihm doch gehörig schwer, so daß er wie ein Mann zu schleppen
+hatte, ehe er einen passenden Platz fand, um seinen Schatz zu
+verstecken.
+
+Auf diese Weise war Hans durch ein unverhofftes Glück plötzlich zum
+reichen Manne geworden, der sich wohl ein Landgut hätte kaufen können.
+Als er aber mit sich zu Rathe ging, hielt er es zuletzt für das Beste,
+seinen alten Wohnort zu verlassen, und sich weiter weg einen neuen
+auszusuchen, wo die Leute ihn nicht kannten. Dort kaufte er sich denn
+ein hübsches Grundstück, und es blieb ihm noch ein gut Stück Geld übrig.
+Dann nahm er eine Frau und lebte als reicher Mann glücklich bis an sein
+Ende. Vor seinem Tode hatte er seinen Kindern das Geheimniß entdeckt,
+wie es der Unterirdischen Wirth gewesen, der ihn reich gemacht. Aus dem
+Munde der Kinder und Kindeskinder verbreitete sich dann die Geschichte
+weiter.
+
+[Fußnote 79: Die Unterirdischen (=ma-alused=) »die geheimen Schmiede
+Allvaters« schaffen bei nächtlicher Weile und ruhen am Tage. Legt man
+zwischen Weihnacht und Neujahr um Mitternacht das Ohr an die Erde, so
+hört man das Schmieden der als Zwerge gedachten Unterirdischen -- ja man
+unterscheidet, ob Eisen, Silber oder Gold bearbeitet wird. In der
+Neujahrsnacht werden sie sichtbar und treiben mit dem nächtlichen
+Wanderer Schabernack. Da die Unterirdischen in der Weihnachts- und
+Neujahrsnacht auch in menschlicher Gestalt erscheinen, so ist man
+gastfrei gegen jeden Unbekannten; läßt auch den Tisch mit Speisen
+besetzt stehen und verschließt die Speisekammer nicht. Nach _Rußwurm_,
+Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1846, S. 20, erhalten die
+Unterirdischen, was am Sonnabend Abend oder Donnerstag Abend ohne Licht
+gearbeitet wird. Die Unterirdischen verlieben sich zuweilen in schöne
+Mädchen, woraus beiden Theilen Leid und Unheil erwächst. Die verlassenen
+Bräute hören noch Wochenlang das nächtliche Wehklagen der Geister, und
+werden von diesen geplagt, wenn sie später Verbindungen mit ihres
+Gleichen eingehen.
+
+Die Unterirdischen wollen nicht gestört sein; wer sich (erhitzt!) auf
+den feuchten Boden setzt, unter welchem sie gerade hausen, wird mit
+einem Hautausschlag bestraft, der Erdhauch (norweg. =alvgust=, Elb-,
+Elf-Hauch) oder Erdzorn heißt, und den man heilt, indem man die Urheber
+durch ein Opfer von geschabtem Silber besänftigt. (Nach _Kreutzwald_ und
+_Neus_.)
+
+Die finnischen =maahiset=, denen diese ehstnischen Unterirdischen
+(=ma-alused=) entsprechen, bezeichnen nach =Castrén= (finn. Mythol. S. 169)
+eine eigene Art von Naturgeistern, die sich in der Erde, unter Bäumen,
+Steinen und Schwellen aufhalten; es sind unsichtbare aber
+menschenähnliche Zwerge reizbarer Natur, die mit Hautkrankheit strafen.
+Man ehrt und nährt sie. -- Mit den Haus- und Schutzgeistern hängen die
+finnischen und ehstnischen Unterirdischen nicht zusammen, wenn auch in
+ehstnischen Beschwörungsformeln die Schlange als Unterirdische
+bezeichnet wird, und wenn auch der Schlangencultus noch vor nicht gar
+langer Zeit geübt wurde. L.]
+
+[Fußnote 80: S. d. Anm. zum Märchen 6, die zwölf Töchter, S. 89. L.]
+
+
+
+
+18. Der Nordlands-Drache
+
+
+Vormals lebte, der Erzählung alter Leute zufolge, ein gräuliches
+Unthier, das aus Nordland gekommen war, schon große Landstriche von
+Menschen und Thieren entblößt hatte, und allmählich, wenn Niemand
+Abhülfe gebracht hätte, alles Lebendige vom Erdboden vertilgt haben
+würde.
+
+Es hatte einen Leib wie ein Ochs und Beine wie ein Frosch, nämlich zwei
+kurze vorn und zwei lange hinten, ferner einen schlangenartigen zehn
+Klafter langen Schweif; es bewegte sich wie ein Frosch, legte aber mit
+jedem Sprunge eine halbe Meile zurück. Zum Glücke blieb es an dem Orte,
+wo es sich einmal niedergelassen hatte, mehrere Jahre, und zog nicht
+eher weiter, als bis die ganze Umgegend kahl gefressen war. Der Leib war
+über und über mit Schuppen bedeckt, welche fester waren als Stein und
+Erz, so daß Nichts ihn beschädigen konnte. Die beiden großen Augen
+funkelten bei Nacht und bei Tage wie die hellsten Kerzen, und wer einmal
+das Unglück hatte, in ihren Glanz hinein zu blicken, der war wie
+bezaubert, und mußte von selbst dem Ungeheuer in den Rachen laufen. So
+kam es, daß sich ihm Thiere und Menschen selber zum Fraße lieferten,
+ohne daß es sich von der Stelle zu rühren brauchte. Die Könige der
+Umgegend hatten demjenigen überaus reichen Lohn verheißen, der durch
+Zauber oder durch andere Gewalt das Ungeheuer vertilgen könnte, und
+Viele hatten schon ihr Heil versucht, aber ihre Unternehmungen waren
+alle gescheitert. So wurde einst ein großer Wald, in welchem das
+Ungeheuer hauste, in Brand gesteckt; der Wald brannte nieder, aber dem
+schädlichen Thiere konnte das Feuer nicht das Mindeste anhaben.
+Allerdings sagten Ueberlieferungen, die im Munde alter Leute waren, daß
+Niemand auf andere Weise des Ungeheuers Herr werden könne, als durch des
+Königs Salomo Siegelring; auf diesem sei eine Geheimschrift eingegraben,
+aus welcher man erfahre, wie das Unthier umgebracht werden könne. Allein
+Niemand wisse zu melden, wo jetzt der Ring verborgen sei, und eben so
+wenig sei ein Zauberer zu finden, der die Schrift deuten könne.
+
+Endlich entschloß sich ein junger Mann, der Herz und Kopf auf dem
+rechten Flecke hatte, auf gut Glück den Spuren des Ringes
+nachzuforschen. Er schlug den Weg gen Morgen ein, allwo vornehmlich die
+Weisheit der Vorzeit zu finden ist. Erst nach einigen Jahren traf er mit
+einem berühmten Zauberer des Ostens zusammen und fragte ihn um Rath. Der
+Zauberer erwiederte: »Das Bischen Klugheit der Menschen kann dir hier
+nichts helfen, aber Gottes Vögel unter dem Himmel werden dir die besten
+Führer sein, wenn du ihre Sprache erlernen willst. Ich kann dir dazu
+verhelfen, wenn du einige Tage bei mir bleiben willst.« Der Jüngling
+nahm das freundliche Anerbieten mit Dank an und sagte: »Für jetzt bin
+ich freilich nicht im Stande, dich für deine Wohlthat zu beschenken,
+fällt aber mein Unternehmen glücklich aus, so werde ich dir deine Mühe
+reichlich vergelten.« Nun kochte der Zauberer aus neunerlei Kräutern,
+die er heimlich bei Mondenschein gesammelt hatte, einen kräftigen Trank
+und gab davon dem Jünglinge drei Tage hintereinander neun Löffel täglich
+zu trinken, was zur Folge hatte, daß ihm die Vogelsprache verständlich
+wurde. Beim Abschiede sagte der Zauberer: »Solltest du das Glück haben,
+Salomonis Ring zu entdecken und desselben habhaft zu werden, so komm zu
+mir zurück, damit ich dir die Schrift auf dem Ringe deute, denn es lebt
+jetzt außer mir Keiner, der das vermöchte.«
+
+Schon am nächsten Tage fand der Jüngling die Welt wie verwandelt, er
+ging nirgends mehr allein, sondern hatte überall Gesellschaft, weil er
+die Vogelsprache verstand, durch welche ihm Vieles offenbar wurde, was
+menschliche Einsicht ihn nicht hätte lehren können. Aber geraume Zeit
+verfloß, ohne daß er von dem Ringe etwas gehört hätte. Da geschah es
+eines Abends, als er vom Gang und der Hitze ermüdet, sich zeitig im
+Walde unter einem Baume niedergelassen hatte, um sein Abendbrot zu
+verzehren, daß auf hohem Wipfel zwei buntgefiederte fremde Vögel ein
+Gespräch mit einander führten, welches ihn betraf. Der erste Vogel
+sagte: »Ich kenne den windigen Herumtreiber unter dem Baume da, der
+schon so lange wandert, ohne die Spur zu finden. Er sucht den verlorenen
+Ring des Königs Salomo.« Der andere Vogel erwiederte: »Ich glaube, er
+müßte bei der Höllenjungfrau Hülfe suchen, die wäre gewiß im Stande ihm
+auf die Spur zu helfen. Wenn sie den Ring auch nicht selbst hat, so weiß
+sie doch ganz genau, wer das Kleinod jetzt besitzt.« Der erste Vogel
+versetzte: »Das wäre schon recht, aber wo soll er die Höllenjungfrau
+auffinden, die nirgends eine bleibende Stätte hat, sondern heute hier
+und morgen dort wohnt: eben so gut könnte er die Luft fest halten!« Der
+andere Vogel erwiederte: »Ihren gegenwärtigen Aufenthalt weiß ich zwar
+nicht anzugeben, aber heute binnen drei Tagen kommt sie zur Quelle, ihr
+Gesicht zu waschen, wie sie jeden Monat in der Nacht des Vollmonds thut,
+damit die Jugendschöne nie von ihren Wangen schwinde und die Runzeln des
+Alters ihr Antlitz nicht zusammenziehen.« Der erste Vogel sagte: »Nun,
+die Quelle ist nicht weit von hier; wollen wir des Spaßes halber ihr
+Treiben mit ansehen?« »Meinethalben, wenn du willst,« gab der andere
+Vogel zur Antwort. -- Der Jüngling war gleich entschlossen, den Vögeln
+zu folgen und die Quelle aufzusuchen, doch machte ihn zweierlei besorgt,
+erstens, daß er die Zeit verschlafen könne, wo die Vögel aufbrächen, und
+zweitens, daß er keine Flügel hatte, um dicht hinter ihnen zu bleiben.
+Er war zu sehr ermüdet, um die ganze Nacht wach zu bleiben, die Augen
+fielen ihm zu. Aber die Sorge ließ ihn doch nicht ruhig schlafen, er
+wachte öfters auf, um den Aufbruch der Vögel nicht zu verpassen. Darum
+freute er sich sehr, als er bei Sonnenaufgang zum Wipfel hinauf blickte
+und die buntgefiederten Gesellen noch sah, wie sie unbeweglich saßen,
+mit den Schnäbeln unter den Federn. Er verzehrte sein Frühstück und
+wartete dann, daß die Vögel aufbrechen sollten. Aber sie schienen
+diesen Morgen nirgends hin zu wollen, sie flatterten, wie zur Kurzweil
+oder um Nahrung zu suchen, von einem Wipfel zum andern und trieben das
+so fort bis zum Abend, wo sie sich an der alten Stelle zur Ruhe begaben.
+Eben so ging es noch den folgenden Tag. Erst am Mitmorgen des dritten
+Tages sagte der eine Vogel zum andern. »Heute müssen wir zur Quelle, um
+zu sehen, wie sich die Höllenjungfrau ihr Antlitz wäscht.« Bis Mittag
+blieben sie noch, dann flogen sie davon und nahmen ihren Weg gerade gen
+Süden. Dem Jüngling klopfte das Herz vor Furcht, seine Führer aus dem
+Gesicht zu verlieren. Aber die Vögel waren nicht weiter geflogen, als
+sein Gesichtskreis reichte, und hatten sich dann auf einem Baumwipfel
+niedergelassen. Der Jüngling rannte ihnen nach, daß seine Haut dampfte
+und ihm der Athem zu stocken drohte. Nach dreimaligem Ausruhen kamen die
+Vögel auf eine kleine Fläche, an deren Rande sie sich auf einem hohen
+Baumwipfel niederließen. Als der Jüngling nach ihnen dort anlangte,
+gewahrte er mitten in der Fläche eine Quelle; er setzte sich nun unter
+denselben Baum, auf dessen Wipfel die Vögel sich aufhielten. Dann
+spitzte er seine Ohren, um zu vernehmen, was die gefiederten Geschöpfe
+miteinander redeten.
+
+»Die Sonne ist noch nicht unter« -- sagte der eine Vogel -- »wir müssen
+noch eine Weile warten, bis der Mond aufgeht, und die Jungfrau zur
+Quelle kommt. Wollen doch sehen, ob sie den Jüngling unter dem Baume
+bemerkt?« Der andere Vogel erwiderte: »Ihrem Auge entgeht wohl Nichts,
+was nach einem jungen Manne riecht, Sollte der Jüngling verschlagen
+genug sein, um nicht in ihr Garn zu gehen?« Worauf der erste Vogel
+sagte: »Wir werden ja sehen, wie sie miteinander fertig werden.«
+
+Der Abend war schon vorgerückt, der Vollmond stand schon hoch über dem
+Walde, da hörte der Jüngling ein leises Geräusch: nach einigen
+Augenblicken trat aus dem Walde eine Maid hervor, und schritt flüchtigen
+Fußes, so daß ihre Sohlen den Boden nicht zu berühren schienen, über den
+Rasen zur Quelle. Der Jüngling mußte sich gestehen, daß er in seinem
+Leben noch kein schöneres Weib gesehen habe, und mochte kein Auge mehr
+von der Jungfrau verwenden.
+
+Diese ging, ohne seiner zu achten, zur Quelle, hob die Augen zum Monde
+empor, fiel auf die Knie, tauchte neun Mal ihr Antlitz in die Quelle,
+blickte nach jedem Male den Mond an und rief: »Vollwangig und hell, wie
+du jetzt bist, möge auch meine Schönheit blühen unvergänglich!« Dann
+ging sie neun Mal um die Quelle und sang nach jedem Gange:
+
+ »Nicht der Jungfrau Antlitz welke,
+ Nie der Wangen Roth erbleiche,
+ Ob der Mond auch wieder schwinde,
+ Möge ich doch immer wachsen,
+ Mir das Glück stets neu erblühen!«
+
+Darauf trocknete sie sich mit ihren langen Haaren das Gesicht ab, und
+wollte von dannen gehen, als ihre Augen plötzlich auf die Stelle fielen,
+wo der Jüngling unter dem Baume saß. Sogleich wandte sie ihre Schritte
+dahin. Der junge Mann erhob sich und blieb in Erwartung stehen. Die
+schöne Maid kam näher und sagte: »Eigentlich müßtest du einer schweren
+Strafe verfallen, daß du der Jungfrau heimliches Thun im Mondschein
+belauscht hast; aber da du fremd bist und zufällig herkamst, so will ich
+dir verzeihen. Doch mußt du mir wahrheitsgetreu bekennen, woher du bist
+und wie du hierher kamst, wohin bisher noch kein Sterblicher seinen Fuß
+gesetzt hat?« Der Jüngling antwortete mit vielem Anstande: »Vergebet,
+theure Jungfrau, wenn ich ohne Wissen und Willen gegen euch gefehlt
+habe. Da ich nach langer Wanderung hierher gerieth, fand ich den schönen
+Platz unter dem Baume, und wollte da mein Nachtlager nehmen. Eure
+Ankunft ließ mich zögern, so blieb ich sitzen, weil ich glaubte, daß
+stilles Schauen euch nicht nachtheilig werden könne.« Die Jungfrau
+versetzte liebreich: »Komm zur Nacht zu uns! Auf Kissen ruht es sich
+besser als hier auf kühlem Moose.« Der Jüngling stand ein Weilchen
+zweifelnd, und wußte nicht, was er thun solle, ob das freundliche
+Anerbieten annehmen oder zurückweisen. Da sprach auf dem Baumwipfel ein
+Vogel zum andern. »Er wäre ein Thor, wenn er sich das Anerbieten nicht
+gefallen ließe.« Die Jungfrau, die der Vogelsprache wohl nicht kundig
+war, sagte mit freundlicher Mahnung: »Fürchte nichts, mein Freund! ich
+lade dich nicht in böser Absicht ein, ich wünsche dir von ganzem Herzen
+Gutes.« Die Vögel sagten hinterdrein: »geh', wohin man dich ruft, aber
+hüte dich, Blut zu geben, um deine Seele nicht zu verkaufen.«
+
+Nun ging der Jüngling mit ihr. Nicht weit von der Quelle kamen sie in
+einen schönen Garten, in welchem ein prächtiges Wohnhaus stand, das im
+Mondschein schimmerte, als wären Dach und Wände aus Gold und Silber
+gegossen. Als der Jüngling hineintrat, fand er viele prachtvolle
+Gemächer, eins immer schöner als das andere; viele hundert Kerzen
+brannten auf goldenen Leuchtern und verbreiteten überall eine Helligkeit
+wie die des Tages. Darauf gelangten sie in ein Gemach, wo eine mit
+köstlichen Speisen besetzte Tafel sich befand; an der Tafel standen zwei
+Stühle, der eine von Silber, der andere von Gold; die Jungfrau ließ sich
+auf den goldenen Stuhl nieder, und bat den Jüngling, sich auf den
+silbernen zu setzen. Weißgekleidete Mädchen trugen die Speisen auf und
+räumten sie wieder ab, wobei aber kein Wort gesprochen wurde, auch
+traten die Mädchen so leise auf, als gingen sie auf Katzenpfoten. Nach
+Tisch, als der Jüngling mit der königlichen Jungfrau allein geblieben
+war, wurde ein anmuthiges Gespräch geführt, bis endlich ein Frauenzimmer
+in rother Kleidung erschien, um zu erinnern, daß es Zeit sei, sich
+schlafen zu legen.
+
+Da führte die Jungfrau den Jüngling in eine andere Kammer, wo ein
+seidenes Bett mit Daunenkissen stand; sie wies es ihm und entfernte
+sich. Der Jüngling meinte bei lebendigem Leibe im Himmel zu sein, auf
+Erden sei solch' ein Leben nicht zu finden. Nur darüber wußte er später
+keine Rechenschaft zu geben, ob ihn Träume getäuscht, oder ob er
+wirklich Stimmen an seinem Bette vernommen hätte, welche ihm ein Wort
+zuriefen, das sein Herz erschreckte: »Gieb kein Blut!«
+
+Am andern Morgen fragte ihn die Jungfrau, ob er nicht Lust habe hier zu
+bleiben, wo die ganze Woche aus lauter Feiertagen bestehe. Und als der
+Jüngling auf die Frage nicht gleich Antwort gab, setzte sie hinzu: »Ich
+bin, wie du selbst siehst, jung und blühend, und ich stehe unter
+Niemandes Botmäßigkeit, sondern kann thun, was mir beliebt. Bisher ist
+es mir noch nie in den Sinn gekommen zu heiraten, aber von dem
+Augenblicke an, wo ich dich erblickte, stiegen mir plötzlich andere
+Gedanken auf, denn du gefällst mir. Sollten nun unsere Gedanken
+übereinstimmen, so könnte ein Paar aus uns werden. Hab' und Gut besitze
+ich unendlich viel, wie du dich selber auf Schritt und Tritt überzeugen
+kannst, und so kann ich Tag für Tag königlich leben. Was dein Herz nur
+begehrt, kann ich dir gewähren.« Wohl drohte die Schmeichelrede der
+schönen Maid des Jünglings Sinn zu verwirren, aber zu seinem Glücke fiel
+ihm ein, daß die Vögel sie die Höllenjungfrau genannt und ihn gewarnt
+hatten, daß er ihr Blut gebe, und daß er auch in der Nacht, sei es
+träumend oder wachend, dieselbe Warnung vernommen habe. Darum erwiederte
+er: »Theure Jungfrau, verargt es mir nicht, wenn ich euch ganz
+aufrichtig gestehe, daß man das Freien nicht abmachen kann wie einen
+Roßkauf, sondern daß es dazu längerer Ueberlegung bedarf. Vergönnt mir
+deshalb einige Tage Bedenkzeit, dann wollen wir uns darüber
+verständigen.« »Warum nicht,« erwiederte die schöne Maid -- meinethalben
+kannst du dich einige Wochen bedenken und mit deinem Herzen zu Rathe
+gehen.«
+
+Damit nun dem Jünglinge inzwischen die Zeit nicht lang würde, führte ihn
+die Jungfrau von einer Stelle ihres prächtigen Hauses zur andern, und
+zeigte ihm all' die reichen Schatzkammern und Truhen, welche sein Herz
+erweichen sollten. All' diese Schätze waren aber durch Zauberei
+entstanden, denn die Jungfrau konnte mit Hülfe des Salomonischen
+Siegelringes alle Tage und an jedem Orte eine solche Wohnung nebst allem
+Zubehör hervorbringen, aber das Alles hatte keine Dauer, es war vom
+Winde hergeweht, und ging auch wieder in den Wind, ohne eine Spur
+zurückzulassen.[81] Da der Jüngling das aber nicht wußte, so hielt er
+das Blendwerk für Wirklichkeit. Eines Tages führte ihn die Jungfrau in
+eine verborgene Kammer, wo auf einem silbernen Tische ein goldenes
+Schächtelchen stand. Auf das Schächtelchen zeigend sagte sie: »Hier
+steht mein theuerster Schatz, dessen Gleichen auf der ganzen Welt nicht
+zu finden ist, es ist ein kostbarer goldener Ring. Wenn du mich freien
+solltest, so würde ich dir diesen Ring zum Mahlschatz geben, und er
+würde dich zum glücklichsten aller Menschen machen. Damit aber das Band
+unserer Liebe ewige Dauer erhalte, mußt du mir dann für den Ring drei
+Tropfen Blut von dem kleinen Finger deiner linken Hand geben.«
+
+Als der Jüngling diese Rede hörte, überlief es ihn kalt; daß sie sich
+Blut ausbedang, erinnerte ihn daran, daß er seine Seele aufs Spiel
+setze. Er war aber schlau genug, sich nichts merken zu lassen, und auch
+keine Einwendung zu machen, vielmehr fragte er, wie beiläufig, was es
+für eine Bewandniß mit dem Ringe habe. Die Jungfrau erwiederte: »Kein
+Lebendiger ist bis jetzt im Stande gewesen, die Kraft dieses Ringes ganz
+zu ergründen, weil keiner die geheimen Zeichen desselben vollständig zu
+deuten wußte. Aber schon mit dem halben Verständniß vermag ich Wunder zu
+verrichten, welche mir kein anderes Wesen nachmachen kann. Stecke ich
+den Ring auf den kleinen Finger meiner linken Hand, so kann ich mich wie
+ein Vogel in die Luft schwingen, und hinfliegen wohin ich will. Stecke
+ich den Ring auf den Ringfinger meiner linken Hand, so bin ich sogleich
+für Alle unsichtbar, mich selbst und Alles, was mich umgiebt, sehe ich,
+aber die Andern sehen mich nicht. Stecke ich den Ring an den
+Mittelfinger meiner linken Hand, dann kann mir kein scharfes Werkzeug,
+noch Wasser und Feuer etwas anhaben. Stecke ich den Ring an den
+Zeigefinger meiner linken Hand, dann kann ich mir mit seiner Hülfe alle
+Dinge schaffen, die ich begehre; ich kann in einem Augenblicke Häuser
+aufbauen und sonstige Gegenstände hervorbringen. So lange endlich der
+Ring am Daumen der linken Hand sitzt, ist die Hand so stark, daß sie
+Felsen und Mauern brechen kann.[82] Außerdem trägt der Ring noch andere
+geheime Zeichen, welche, wie gesagt, bis heute noch Niemand zu deuten
+wußte; doch läßt sich denken, daß sie noch viele wichtige Geheimnisse
+enthalten. Der Ring war vor Alters Eigenthum des Königs Salomo, des
+weisesten der Könige, unter dessen Regierung die weisesten Männer
+lebten. Doch ist es bis auf den heutigen Tag nicht kund geworden, ob der
+Ring durch göttliche Kraft oder durch Menschenhände entstanden ist; es
+wird behauptet, daß ein Engel dem weisen Könige den Ring geschenkt
+habe.« Als der Jüngling die Schöne so reden hörte, war sein erster
+Gedanke, sich des Ringes durch List zu bemächtigen, er that deshalb, als
+ob er das Gehörte durchaus nicht für wahr halten könne. So hoffte er die
+Jungfrau zu bewegen, daß sie den Ring aus dem Schächtelchen nehme und
+ihm zeige -- wobei er dann vielleicht Gelegenheit fände, sich des
+Wunderringes zu bemächtigen. Er wagte aber nicht, die Jungfrau geradezu
+darum zu bitten, daß sie ihm den Ring zeige. Er umschmeichelte sie und
+geberdete sich zärtlich, aber sein Herz sann nur darauf, in den Besitz
+des Ringes zu gelangen. Schon nahm die Jungfrau den Schlüssel zum
+Kästchen aus dem Busen, um es aufzuschließen, aber sie steckte ihn
+wieder zu sich und sagte: »Dazu haben wir künftig noch Zeit genug.« Ein
+Paar Tage darauf kam die Rede wieder auf den Wunderring, und der
+Jüngling sagte: »Nach meinem Dafürhalten sind solche Dinge, wie ihr sie
+mir von der Kraft eures Ringes erzählt, schlechterdings nicht möglich.«
+Da öffnete die Jungfrau das Schächtelchen und nahm den Ring heraus, der
+zwischen ihren Fingern blitzte wie der hellste Sonnenstrahl. Dann
+steckte sie ihn zum Spaße an den Mittelfinger ihrer linken Hand und
+sagte dem Jüngling, er solle ein Messer nehmen und damit auf sie
+losstechen wohin er wolle, denn es könne ihr doch nicht schaden. Der
+Jüngling sträubte sich gegen dies bedenkliche Beginnen, als aber die
+Jungfrau nicht abließ, mußte er sich fügen. Obwohl er nun, anfangs mehr
+spielend, dann aber ernsthaft, auf alle Weise die Jungfrau mit dem
+Messer zu treffen suchte, so war es doch, als ob eine unsichtbare Wand
+von Eisen zwischen Beiden stünde; die Schneide konnte nicht eindringen,
+und die Jungfrau stand lachend und unbewegt vor ihm. Darauf steckte sie
+den Ring an ihren Ringfinger, und war im Nu den Blicken des Jünglings
+entschwunden, so daß dieser durchaus nicht begreifen konnte, wohin sie
+gekommen war. Bald stand sie wieder lachend vor ihm auf der alten
+Stelle, den Ring zwischen den Fingern haltend. »Laßt doch sehen« -- bat
+der Jüngling -- »ob es mir auch möglich ist, so seltsame Dinge mit dem
+Ringe zu machen?« Die Jungfrau, welche keinen Betrug ahndete, gab ihm
+den Wunderring.
+
+Der Jüngling that, als wisse er noch nicht recht Bescheid, und fragte:
+»An welchen Finger muß ich den Ring stecken, damit mir ein scharfes
+Werkzeug nicht schaden könne?« -- Worauf die Jungfrau lachend
+erwiederte: »An den Mittelfinger der linken Hand!« Sie nahm dann selbst
+das Messer und suchte damit zu stoßen, konnte aber dem Jüngling keinen
+Schaden thun. Darauf nahm dieser das Messer und versuchte sich selber zu
+beschädigen, aber es war auch ihm unmöglich. Darauf bat er die Jungfrau,
+ihm zu zeigen, wie er mit dem Ringe Steine und Felsen spalten könne. Sie
+führte ihn in den Hof, wo ein klafterhoher Kiesel lag. »Jetzt stecke den
+Ring« -- so unterwies ihn die Jungfrau -- »an den Daumen deiner linken
+Hand, und schlage dann mit der Faust auf den Stein, und du wirst sehen,
+welche Kraft in deiner Hand liegt.« Der Jüngling that es und sah zu
+seinem Erstaunen, wie der Stein unter dem Schlage seiner Hand in tausend
+Trümmer barst. Da dachte der Jüngling, wer das Glück nicht bei den
+Hörnern zu fassen weiß, der ist ein Thor, denn einmal entflohen, kehrt
+es nicht zurück. Während er noch über die Zertrümmerung des Steines
+scherzte, steckte er wie spielend den Ring an den Ringfinger seiner
+linken Hand. Da rief die Jungfrau: »Jetzt bist du für mich so lange
+unsichtbar, bis du den Ring abziehst.« Aber das zu thun war der Jüngling
+nicht gesonnen, vielmehr ging er rasch einige Schritte weiter, steckte
+dann den Ring an den kleinen Finger der linken Hand, und schwang sich in
+die Höhe wie ein Vogel. Als die Jungfrau ihn davon fliegen sah, hielt
+sie Anfangs auch diesen Versuch für bloßen Scherz, und rief: »Komm
+zurück, mein Freund! Jetzt hast du gesehen, daß ich dir die Wahrheit
+gesagt habe!« Aber wer nicht zurückkam, war der Jüngling; da merkte die
+Jungfrau den Betrug, und brach in bittere Klagen aus über ihr Unglück.
+
+Der Jüngling hielt seinen Flug nicht eher an, als bis er nach einigen
+Tagen wieder zu dem berühmten Zauberer gekommen war, bei welchem er die
+Vogelsprache gelernt hatte. Der Zauberer war außerordentlich froh, daß
+des Mannes Wanderung so guten Erfolg gehabt hatte. Er machte sich
+sogleich daran, die geheime Schrift auf dem Ringe zu deuten, er brauchte
+aber sieben Wochen ehe er damit zu Stande kam. Darauf gab er dem
+Jünglinge folgende Auskunft, wie der Nordlands-Drache zu vertilgen sei:
+»Du mußt dir ein eisernes Pferd gießen lassen, das unter jedem Fuße
+kleine Räder hat, so daß man es vorwärts und rückwärts schieben kann.
+Dann mußt du aufsitzen und dich mit einem eisernen zwei Klafter langen
+Speere bewaffnen, den du freilich nur führen kannst, wenn der Wunderring
+am Daumen deiner linken Hand steckt. Der Speer muß in der Mitte die
+Dicke einer mäßigen Birke haben und seine beiden Enden müssen gleich
+scharf sein. In der Mitte des Speeres mußt du zwei starke zehn Klafter
+lange Ketten befestigen, die stark genug sind, den Drachen zu halten.
+Sobald der Drache sich in den Speer fest gebissen hat, so daß dieser ihm
+die Kinnlade durchbohrt, mußt du wie der Wind vom Eisenroß herunter
+springen, um dem Unthier nicht in den Rachen zu fallen, und mußt die
+Enden der Ketten mit eisernen Pflöcken dergestalt in die Erde rammen,
+daß keine Gewalt sie herausziehen kann. Nach drei oder vier Tagen ist
+die Kraft des Unthiers so weit erschöpft, daß du dich ihm nähern kannst,
+dann stecke Salomos Kraftring an den Daumen deiner linken Hand, und
+schlage es vollends todt. Bis du aber herangekommen bist, muß der Ring
+am Ringfinger deiner linken Hand stecken, damit das Unthier dich nicht
+sehen kann, sonst würde es dich mit seinem langen Schwanze todt
+schlagen. Wenn du Alles vollbracht hast, trage Sorge, daß du den Ring
+nicht verlierst, und daß dir auch Niemand mit List das Kleinod
+entwende.«
+
+Unser Freund dankte dem Zauberer für die Belehrung und versprach, ihn
+später für seine Mühe zu belohnen. Aber der Zauberer erwiederte: »Ich
+habe aus der Entzifferung der Geheimschrift des Ringes so viel
+Zauberweisheit geschöpft, daß ich keines anderen Gutes weiter bedarf.«
+So trennten sie sich, und der Jüngling eilte nach Hause, was ihm nicht
+mehr schwer wurde, da er wie ein Vogel fliegen konnte wohin er wollte.
+
+Als er nach einigen Wochen in der Heimath anlangte, hörte er von den
+Leuten, daß der gräuliche Nordlands-Drache schon in der Nähe sei, so daß
+er jeden Tag über die Grenze kommen könne. Der König ließ überall
+bekannt machen, daß er demjenigen, der dem Unthier das Garaus machen
+würde, nicht nur einen Theil seines Königreiches schenken, sondern auch
+seine Tochter zur Frau geben wolle. Nach einigen Tagen trat unser
+Jüngling vor den König und erklärte, er hoffe das Unthier zu vernichten,
+wenn der König Alles wolle anfertigen lassen, was dazu erforderlich sei.
+Der König ging mit Freuden darauf ein. Es wurden nun sämmtliche
+geschickte Meister aus der Umgegend zusammenberufen, die mußten erst das
+Eisenpferd gießen, dann den großen Speer schmieden, und endlich auch die
+eisernen Ketten, deren Ringe zwei Zoll Dicke hatten. Als aber Alles
+fertig war, fand es sich, daß das eiserne Pferd so schwer war, daß
+hundert Männer es nicht von der Stelle bringen konnten. Da blieb dem
+Jüngling nichts übrig, als mit Hülfe seines Kraftringes das Pferd allein
+fort zu bewegen.
+
+Der Drache war keine Meile mehr entfernt, so daß er mit ein Paar
+Sprüngen über die Grenze setzen konnte. Der Jüngling überlegte nun, wie
+er allein mit dem Unthier fertig werden solle, denn da er das schwere
+Eisenpferd von hinten her schieben mußte, so konnte er sich nicht
+aufsetzen, wie es der Zauberer vorgeschrieben hatte. Da belehrte ihn
+unerwartet eines Raben Schnabel: »Setze dich auf das Eisenpferd, und
+stemme den Speer gegen den Boden, als wolltest du einen Kahn vom Ufer
+abstoßen.« Der Jüngling machte es so und fand, daß er auf diese Weise
+vorwärts kommen könne. Das Ungeheuer sperrte schon von Weitem den Rachen
+auf, um die erwartete Beute zu vertilgen. Noch einige Klafter, so wären
+Mann und Eisenroß im Rachen des Unthiers gewesen. Der Jüngling bebte vor
+Entsetzen und das Herz erstarrte ihm zu Eis, allein er ließ sich nicht
+verwirren, sondern stieß mit aller Kraft zu, so daß der eiserne Speer,
+den er aufrecht in der Hand hielt, den Rachen des Unthiers durchbohrte.
+Dann sprang er vom Eisenroß und wandte sich schnell wie der Blitz, als
+das Unthier die Kinnladen zusammenklappte. Ein gräßliches Gebrüll, das
+viele Meilen weit erscholl, gab den Beweis, daß der Nordlands-Drache
+sich festgebissen hatte. Als der Jüngling sich umwandte, sah er eine
+Spitze des Speers Fuß lang aus der oberen Kinnlade hervorragen, und
+schloß daraus, daß die andere im Boden fest steckte. Das Eisenroß aber
+hatte der Drache mit seinen Zähnen zermalmt. Jetzt eilte der Jüngling,
+die Ketten am Boden zu befestigen, wozu starke Eisenpflöcke von mehreren
+Klaftern Länge in Bereitschaft gesetzt waren.
+
+Der Todeskampf des Ungeheuers dauerte drei Tage und drei Nächte: wenn es
+sich bäumte, schlug es so gewaltig mit dem Schwanze gegen den Boden, daß
+die Erde auf zehn Meilen weit bebte. Als es endlich den Schwanz nicht
+mehr rühren konnte, hob der Jüngling mit Hülfe des Ringes einen Stein
+auf, den zwanzig Männer nicht hätten bewegen können, und schlug damit
+dem Thiere so lange auf den Kopf, bis es kein Lebenszeichen mehr von
+sich gab.
+
+Grenzenlos war überall der Jubel, als die Botschaft kam, daß der
+schlimme Feind sein Ende gefunden. --Der Sieger wurde in der Königsstadt
+mit großen Ehrenbezeugungen empfangen, als wäre er der mächtigste
+König. Der alte König brauchte auch seine Tochter nicht zur Heirath zu
+zwingen, sondern diese verlangte selber, sich dem starken Manne zu
+vermählen, der allein ausgerichtet hatte, was die Andern auch mit einer
+ganzen Armee nicht vermochten. Nach einigen Tagen wurde eine prachtvolle
+Hochzeit gefeiert, welche vier Wochen lang dauerte, und zu welcher alle
+Könige der Nachbarländer sich versammelt hatten, um dem Manne zu danken,
+der die Welt von ihrem schlimmsten Feinde befreit hatte. Allein über dem
+Hochzeitsjubel und der allgemeinen Freude hatte man vergessen, daß des
+Ungeheuers Leichnam unbegraben liegen geblieben war, und da er jetzt in
+Verwesung überging, so verbreitete er einen solchen Gestank, daß Niemand
+sich in die Nähe wagte. Es entstanden Seuchen, welche viele Menschen
+hinrafften. Deshalb beschloß der Schwiegersohn des Königs, Hülfe bei dem
+Zauberer im Osten zu suchen, was ihm mit seinem Ringe nicht schwer fiel,
+weil er auf Vogelschwingen hin fliegen konnte.
+
+Aber das Sprichwort sagt, unrecht Gut gedeiht nicht, und wie gewonnen,
+so zerronnen. Diese Erfahrung sollte auch des Königs Schwiegersohn mit
+dem entwendeten Ringe machen. Der Höllenjungfrau ließ es weder Tag noch
+Nacht Ruhe, ihrem Ringe wieder auf die Spur zu kommen. Als sie mit Hülfe
+von Zauberkünsten erfahren hatte, daß des Königs Schwiegersohn sich in
+Vogelgestalt zu dem Zauberer aufmache, verwandelte sie sich in einen
+Adler, und kreiste so lange in den Lüften, bis ihr der Vogel, auf den
+sie wartete, zu Gesicht kam -- sie erkannte ihn sogleich an dem Ringe,
+der ihm an einem Bande um den Hals hing. Da schoß der Adler auf den
+Vogel nieder und in demselben Augenblick, wo seine Klauen ihn packten,
+hatte er ihm auch mit dem Schnabel den Ring vom Halse gerissen, ehe noch
+der Mann in Vogelgestalt etwas dagegen thun konnte. Jetzt ließ der Adler
+sich mit seiner Beute zur Erde nieder, und beide standen in ihrer
+früheren Menschengestalt neben einander. »Jetzt bist du in meiner Hand,
+Frevler!« rief die Höllenjungfrau. -- »Ich nahm dich als meinen
+Geliebten auf, und du übtest Betrug und Diebstahl: ist das mein Lohn? Du
+nahmst mir mein kostbarstes Kleinod durch List, und hofftest, als
+Schwiegersohn des Königs ein glückliches Leben zu führen, aber jetzt hat
+sich das Blatt gewandt. Du bist in meiner Gewalt und sollst mir für
+allen Frevel büßen.« »Vergebt, vergebt,« bat des Königs Schwiegersohn,
+ich weiß wohl, daß ich mich schwer gegen euch vergangen habe, und bereue
+meine Schuld von ganzem Herren.« Die Jungfrau erwiederte: »Deine Bitten
+und deine Reue kommen zu spät, und Nichts kann dir mehr helfen. Ich darf
+dich nicht schonen, das brächte mir Schande und machte mich zum Gespött
+der Leute. Zwiefach hast du dich an mir versündigt, erst hast du meine
+Liebe verschmäht, und dann meinen Ring entwendet, dafür mußt du Strafe
+leiden.« Mit diesen Worten steckte sie den Ring an den Daumen ihrer
+linken Hand, nahm den Mann wie eine Hedekunkel auf den Arm und ging mit
+ihm von dannen. Diesmal führte ihr Weg nicht in jene prächtige
+Behausung, sondern in eine Felsenhöhle, wo Ketten von der Wand herunter
+hingen. Die Jungfrau ergriff die Enden der Ketten, und fesselte damit
+dem Manne Hände und Füße, so daß Entkommen unmöglich war; dann sagte
+sie mit Zorn: »Hier sollst du bis an dein Ende gefangen bleiben. Ich
+werde dir täglich so viel Nahrung bringen lassen, daß du nicht Hungers
+sterben kannst, aber auf Befreiung darfst du nimmer hoffen.« Damit
+verließ sie ihn.
+
+Der König und seine Tochter verlebten eine schwere Zeit des Kummers, als
+Woche auf Woche verging, und der Schwiegersohn weder zurück kam, noch
+auch Nachricht von sich gab. Oftmals träumte der Königstochter, daß ihr
+Gemahl schwere Pein leiden müsse, sie bat deßhalb ihren Vater, von allen
+Seiten her Zauberer zusammenrufen zu lassen, damit sie vielleicht
+Auskunft darüber gäben, wo der Verschwundene lebe, und wie er zu
+befreien sei. Aber sämmtliche Zauberer konnten nichts weiter berichten,
+als daß er noch lebe und schwere Pein leide, keiner wußte den Ort zu
+nennen, wo er sich befinde, noch anzugeben, wie man ihn auffinden könne.
+Endlich wurde ein berühmter Zauberer aus Finnland vor den König geführt,
+der den weiteren Bescheid ertheilen konnte, daß des Königs Schwiegersohn
+im Ostlande gefangen gehalten werde, und zwar nicht durch Menschen,
+sondern durch ein mächtigeres Wesen. Also schickte der König seine Boten
+in der genannten Richtung aus, um den verlorenen Schwiegersohn
+aufzusuchen. Glücklicherweise kamen sie zu dem alten Zauberer, der die
+Schrift auf Salomonis Siegelring gedeutet und daraus eine Weisheit
+geschöpft hatte, die allen Uebrigen verborgen blieb. Dieser Zauberer
+fand bald heraus, was er wissen wollte, und sagte: »Den Mann hält man
+durch Zaubermacht da und da gefangen, aber ohne meine Hülfe könnt ihr
+ihn nicht befreien, ich muß selbst mit euch gehen.«
+
+Sie machten sich also auf und kamen, von Vögeln geführt, nach einigen
+Tagen in die Felsenhöhle, wo des Königs Schwiegersohn jetzt schon beinah
+sieben Jahre die schwere Kerkerhaft erduldet hatte. Er erkannte den
+Zauberer augenblicklich, dieser aber erkannte ihn nicht, weil er sehr
+abgemagert war. Der Zauberer löste durch seine Kunst die Ketten, nahm
+den Befreiten zu sich, und pflegte und heilte ihn, bis er wieder kräftig
+genug war, um die Reise anzutreten. Er langte an demselben Tage an, wo
+der alte König gestorben war, und wurde nun zum Könige erhoben. Jetzt
+kamen nach langen Leidenstagen die Freudentage, welche bis an sein Ende
+währten; den Wunderring aber erhielt er nicht wieder, -- auch hat ihn
+nachmals keines Menschen Auge mehr gesehen.
+
+[Fußnote 81: Vgl. Anm. zu Märchen 1, die Goldspinnerinnen, S. 11. L.]
+
+[Fußnote 82: Vgl. Anm. zu S. 110. im Märchen 8. L.]
+
+
+
+
+19. Das Glücksei.
+
+
+Einmal lebte in einem großen Walde ein armer Mann mit seinem Weibe; Gott
+hatte ihnen acht Kinder gegeben, von denen die ältesten schon ihr Brod
+bei fremden Leuten verdienten, und so machte es den Eltern gerade nicht
+viel Freude, als ihnen im späten Alter noch ein neuntes Söhnlein geboren
+wurde. Aber Gott hatte es ihnen einmal geschenkt, und so mußten sie es
+nehmen, und ihm nach Christenbrauch die Taufe geben lassen. Nun wollte
+aber Niemand zu dem Kinde Gevatter stehen, weil Jeder besorgte: wenn die
+Eltern sterben, so fällt mir das Kind zur Last. Da dachte der Vater: ich
+nehme das Kind, und trage es am Sonntag in die Kirche, und sage, daß ich
+nirgends Gevattern habe finden können, mag dann der Prediger thun, was
+er will, mag er das Kind taufen oder nicht, auf meine Seele kann keine
+Sünde fallen. Als er sich am Sonntag aufmachte, fand er nicht weit von
+seinem Hause einen Bettler am Wege sitzen, der ihn um ein Almosen bat.
+Der Mann sagte: »Ich habe dir nichts zu geben, Brüderchen, die wenigen
+Kopeken, die ich in der Tasche habe, muß ich für die Kindtaufe
+ausgeben; willst du mir aber einen Gefallen thun, so komm und steh bei
+meinem Kinde Gevatter, nachher gehen wir nach Hause und nehmen vorlieb
+mit dem, was uns die Hausfrau zum Taufschmaus beschert hat.« Der
+Bettler, den bis dahin noch niemand zu Gevatter gebeten hatte, erfüllte
+mit Freuden die Bitte des Mannes, und ging mit ihm zur Kirche. Als sie
+eben dort angekommen waren, fuhr eine prächtige Kutsche mit vier Pferden
+vor, und eine junge vornehme Dame stieg aus. Der arme Mann dachte, hier
+will ich zum letzten Male mein Glück versuchen, trat mit demüthigem
+Gruße vor die Frau oder das Fräulein, was sie nun sein mochte, und
+sagte: »Geehrtes Fräulein, oder was ihr sonst sein mögt! würdet ihr euch
+nicht der Mühe unterziehen, bei meinem Kinde Gevatter zu stehen?« Das
+Fräulein sagte zu.
+
+Als nun nach der Predigt das Kind zur Taufe gebracht wurde, verwunderten
+sich Prediger und Gemeinde sehr darüber, daß ein armseliger Bettelmann
+und eine stolze vornehme Dame zusammen bei dem Kinde Gevatter standen.
+Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Pärtel. Die reiche Pathe
+bezahlte das Taufgeld und machte noch ein Pathengeschenk von drei
+Rubeln, worüber der Vater des Kindes höchlich erfreut war. Der Bettler
+ging dann mit zum Taufschmause. Ehe er am Abend fortging, nahm er ein in
+einen kleinen Lappen gewickeltes Schächtelchen aus der Tasche, gab es
+der Mutter des Kindes, und sagte: »Mein Pathengeschenk ist zwar
+unbedeutend, aber verschmähet es dennoch nicht, vielleicht erwächst
+eurem Söhnlein einmal Glück daraus. Ich hatte eine sehr kluge Tante, die
+sich auf vielerlei Zauberkünste verstand, die gab mir vor ihrem Tode
+das Vogelei in diesem Schächtelchen, indem sie sagte: »Wenn dir einmal
+etwas ganz Unerwartetes begegnet, was du niemals ahnden konntest, dann
+entäußere dich dieses Eies; wenn es demjenigen zu Theil wird, für den es
+bestimmt ist, so kann es ihm großes Glück bringen. Aber hüte das Ei wie
+deinen Augapfel, damit es nicht zerbricht, denn die Glücksschale ist
+zart.« Nun ist mir bis auf den heutigen Tag, obwohl ich nahe an sechzig
+Jahre alt bin, noch nichts so Unerwartetes begegnet, als daß ich heute
+morgen zu Gevatter gebeten wurde, und es war gleich mein erster Gedanke:
+Du mußt dem Kinde das Ei zum Pathengeschenk geben.«
+
+Der kleine Pärtel gedieh vortrefflich, und wuchs seinen Eltern zur
+Freude auf, bis er im Alter von zehn Jahren in ein anderes Dorf zu einem
+wohlhabenden Wirthe als Hüterknabe kam. Alle im Hause waren mit dem
+Hüterknaben sehr zufrieden, da er ein frommer stiller Bursche war, der
+seiner Brotherrschaft niemals Verdruß machte. Die Mutter hatte ihm beim
+Abschied das Pathengeschenk in die Tasche gesteckt, und ihm empfohlen,
+es sorgsamlich zu hüten, wie seinen Augapfel, was Pärtel auch befolgte.
+Auf dem Weideplatz stand ein alter Lindenbaum, und unter diesem lag ein
+großer Kieselstein; diesen Ort hatte der Knabe sehr lieb, so daß den
+Sommer über kein Tag verging, an dem er nicht unter der Linde auf dem
+Steine gesessen hätte. Auf diesem Steine verzehrte er auch gewöhnlich
+das Brot, welches ihm alle Morgen mitgegeben wurde, und seinen Durst
+stillte eine kleine Quelle in der Nähe des Steines. Mit den anderen
+Hirtenknaben, die viel Muthwillen trieben, hielt Pärtel keine
+Freundschaft. Wunderbar war es, daß ringsum nirgends so schönes Gras
+anzutreffen war, als zwischen dem Stein und der Quelle; obwohl die Herde
+jeden Tag hier weidete, so hatte doch am andern Morgen der Rasen mehr
+das Ansehen einer geschonten Wiese als das einer Weide.
+
+Wenn Pärtel zuweilen an einem heißen Tage auf dem Steine ein wenig
+einschlummerte, so erfreuten ihn jedesmal wunderbare Träume, und noch
+beim Erwachen klangen ihm Spiel und Gesang in den Ohren, so daß er mit
+offenen Augen weiter träumte. Der Stein war ihm wie ein theurer Freund,
+von dem er täglich mit schwerem Herzen schied, und zu dem er den andern
+Morgen voll Sehnsucht zurückeilte. So war Pärtel funfzehn Jahre alt
+geworden, und sollte nun nicht länger mehr Hüterknabe bleiben. Der Wirth
+nahm ihn zum Knecht, ohne ihm jedoch schwerere Arbeit aufzulegen, als er
+zu leisten vermochte. Am Sonntage oder an Sommerabenden, wenn die
+anderen Bursche mit den Dirnen schäkerten, gesellte sich Pärtel nicht zu
+ihnen, sondern ging still sinnend auf den Weideplatz an seinen lieben
+Lindenbaum, unter welchem er nicht selten die halbe Nacht zubrachte. So
+saß er einmal wieder an einem Sonntag Abend auf dem Steine und schlug
+die Maultrommel, da kroch eine milchweiße Schlange unter dem Steine
+hervor, hob den Kopf, als wollte sie zuhören, und blickte den Pärtel mit
+ihren klaren Augen an, die wie feurige Funken glänzten. Dies wiederholte
+sich in der Folge, weßhalb Pärtel, sobald er nur freie Zeit hatte, immer
+nach seinem Steine eilte, um die schöne weiße Schlange zu sehen, die
+sich zuletzt so an ihn gewöhnt hatte, daß sie sich oftmals um seine
+Beine wand.
+
+Pärtel war nun in das Jünglingsalter getreten, seine beide Eltern waren
+gestorben, und seine Brüder und Schwestern lebten alle weit entfernt, so
+daß sie nicht viel von einander hörten, geschweige denn einander sahen.
+Aber lieber als Brüder und Schwestern war ihm die weiße Schlange
+geworden; bei Tage waren seine Gedanken auf sie gerichtet, und fast jede
+Nacht träumte er von ihr. Deßhalb wurde ihm die Winterzeit sehr lange,
+wo tiefer Schnee lag und der Boden gefroren war. Als im Frühling die
+Sonnenstrahlen den Schnee geschmolzen und den Boden aufgethaut hatten,
+war Pärtels erster Gang wieder zum Steine unter der Linde, obwohl noch
+kein Blättchen am Baume zu sehen war. O die Freude! Sobald er seine
+Sehnsucht in den Tönen der Maultrommel ausgehaucht hatte, kroch die
+weiße Schlange unter dem Stein hervor und spielte zu seinen Füßen, aber
+dem Pärtel schien es heute, als wenn die Schlange Thränen vergossen
+hätte, und das that seinem Herzen weh. Er ließ nun keinen Abend mehr
+hingehen, ohne zum Steine zu kommen, und die Schlange wurde immer
+dreister, so daß sie sich schon streicheln ließ, aber wenn Pärtel sie
+festhalten wollte, schlüpfte sie ihm durch die Finger und kroch wieder
+unter den Stein.
+
+Am Abend des Johannistages, da alle Dorfbewohner, alt und jung, mit
+einander zum Johannisfeuer gingen, durfte doch auch Pärtel nicht
+zurückbleiben, obwohl sein Herz ihn auf einen andern Weg lockte. Aber
+mitten in der Lustbarkeit, als die andern sangen, tanzten und andere
+Kurzweil trieben, schlich er sich von ihnen fort zum Lindenbaum, denn
+das war der einzige Ort, wo sein Herz Ruhe fand. Als er näher kam,
+glänzte ihm vom Steine her ein helles kleines Feuer entgegen, was ihn
+sehr in Verwunderung setzte, da, so viel er wußte, Menschen sich um
+diese Zeit dort nicht aufhielten. Als er ankam, war das Feuer erloschen,
+und hatte weder Asche noch Funken zurückgelassen. Er setzte sich auf den
+Stein und fing an, wie gewöhnlich, die Maultrommel zu rühren. Mit einem
+Male tauchte das Feuer wieder auf, und es war nichts anderes als das
+funkelnde Augenpaar der weißen Schlange. Diese spielte wieder zu seinen
+Füßen, ließ sich streicheln, und sah ihn so durchdringend an, als wollte
+sie sprechen. Mitternacht konnte nicht weit sein, als die Schlange unter
+den Stein in ihr Nest schlüpfte, und auch auf Bartels Spiel nicht wieder
+zum Vorschein kam. Als er sein Instrument vom Munde nahm, in die Tasche
+steckte, und sich anschickte, nach Hause zu gehen, da säuselte das Laub
+der Linde im Hauch des Windes so wunderbar, daß es wie eine
+Menschenstimme an sein Ohr schlug, und er mehrmals die Worte zu hören
+glaubte:
+
+ »Zarte Schale hat das Glücksei,
+ Zähen Kernes ist die Trübsal;[83]
+ Zaudre nicht das Glück zu haschen.«
+
+Da fühlte er ein so schmerzliches Verlangen, daß ihm das Herz zu brechen
+drohte, und doch wußte er selber nicht, wonach er sich sehnte. Bittre
+Thränen rannen ihm von den Wangen, und er klagte: »Was hilft mir
+Unglücklichem das Glücksei, da mir auf dieser Welt doch kein Glück
+beschieden ist! Von klein auf fühle ich, daß ich für die Menschen nicht
+passe, sie verstehen mich nicht, und ich sie nicht: was ihnen Freude
+macht, das schafft mir Qual, was mich aber glücklich machen könnte, das
+weiß ich selbst nicht, wie sollten es Andere wissen. Der Reichthum und
+die Armuth haben beide bei mir zu Gevatter gestanden, darum habe ich
+auch zu nichts Rechtem kommen können.« Da wurde es plötzlich so hell um
+ihn her, als ob Linde und Stein von der vollen Sonne beschienen würden,
+so daß er eine Weile die Augen nicht öffnen konnte, sondern sich erst an
+die Helligkeit gewöhnen mußte. Da sah er neben sich auf dem Steine ein
+schönes Frauenbild stehen, in schneeweißen Kleidern, wie wenn ein Engel
+vom Himmel herunter gestiegen wäre. Aus dem Munde der Jungfrau aber
+tönte eine Stimme, die ihm süßer klang, als der Gesang der Nachtigall,
+und die Stimme sprach: »Lieber Jüngling, fürchte dich nicht, sondern
+erhöre die Bitte eines unglücklichen Mädchens! Ich Arme lebe in einem
+trübseligen Kerker, und wenn du dich meiner nicht erbarmst, so habe ich
+nimmer Hoffnung auf Erlösung. O, lieber Jüngling, habe Mitleid mit mir,
+und weise mich nicht ab. Ich bin eines mächtigen Königs Tochter aus dem
+Ostlande, unendlich reich an Gold und Schätzen, aber das kann mir nichts
+helfen, weil ein Zauber mich zwang, in Gestalt einer Schlange hier unter
+dem Felsen zu leben, wo ich schon viele hundert Jahre weile, ohne je
+älter zu werden. Obwohl ich noch nie einem Menschenkinde Böses zugefügt
+habe, so fliehen doch Alle vor meiner Gestalt, so wie sie mich
+erblicken. Du bist das einzige lebende Wesen, das meine Annäherung nicht
+scheute; ja, ich durfte zu deinen Füßen spielen, und deine Hand hat mich
+oftmals freundlich gestreichelt. Darum erwachte in meinem Herzen die
+Hoffnung, daß du mein Retter werden könntest. Dein Herz ist rein, wie
+das eines Kindes, in welchem Lug und Trug noch nicht wohnen. Auch trifft
+bei dir Alles zu, was zu meiner Rettung erforderlich ist: eine vornehme
+Dame und ein Bettler standen zusammen Gevatter bei dir, und das Glücksei
+wurde dein Pathengeschenk. Nur einmal nach je fünf und zwanzig Jahren in
+der Johannisnacht ist es mir vergönnt, in Menschengestalt eine Stunde
+lang auf der Erde zu wandeln, und wenn dann ein Jüngling reinen Herzens,
+der diese besonderen Gaben besitzt, kommen und meine Bitte erhören
+würde, so könnte ich aus meiner langen Gefangenschaft erlöst werden.
+Rette, o rette mich aus der endlosen Kerkerhaft, ich bitte dich in aller
+Engel Namen.« So sprechend fiel sie dem Pärtel zu Füßen, umfaßte seine
+Knie und weinte bitterlich.
+
+Dem Pärtel schmolz das Herz bei diesem Anblick und bei dieser Rede, er
+bat die Jungfrau aufzustehen und ihm zu sagen, wie die Rettung möglich
+sei. »Ich würde ja ohne Zögern durch Feuer und Wasser gehen,« sagte er,
+»wenn dadurch deine Rettung möglich würde, und hätte ich zehn Leben zu
+verlieren, ich würde sie alle für deine Rettung hingeben! Eine nie
+gekannte Sehnsucht läßt mir keine Ruhe mehr, aber wonach ich mich sehne,
+weiß ich selbst nicht.«
+
+Die Jungfrau sagte: »Komm morgen Abend gegen Sonnenuntergang wieder
+hierher, und wenn ich dir dann als Schlange entgegen komme, und mich wie
+einen Gürtel um deinen Leib winde, und dich dreimal küsse, so erschrick
+nicht, und bebe nicht zurück, sonst muß ich wieder weiter seufzen unter
+dem Fluche der Verzauberung, und wer weiß auf wie viel hundert Jahre.«
+Mit diesen Worten war die Jungfrau den Blicken des Jünglings
+entschwunden, und wieder säuselte es aus dem Laube der Linde:
+
+ »Zarte Schale hat das Glücksei,
+ Zähen Kernes ist die Trübsal;
+ Zaudre nicht das Glück zu haschen!«
+
+Pärtel war nach Hause gekommen und hatte sich vor Tages Anbruch schlafen
+gelegt, aber wunderbar bunte Träume, theils freundliche, theils
+häßliche, scheuchten die Ruhe von seinem Lager. Mit einem Schrei sprang
+er auf, weil ein Traum ihm vorgespiegelt hatte, daß die weiße Schlange
+sich um seine Brust schlang und ihn erstickte. Zwar achtete er nicht
+weiter auf dieses Schreckbild, vielmehr war er fest entschlossen, die
+Königstochter aus den Banden der Verzauberung zu erlösen, und wenn er
+selber darüber zu Grunde gehen sollte -- aber dennoch wurde ihm das Herz
+immer schwerer, je näher die Sonne dem Horizonte kam. Zur festgesetzten
+Zeit stand er am Steine unter der Linde, und blickte seufzend zum Himmel
+empor, den er um Muth und Kraft anflehte, damit er nicht vor Schwäche
+zittere, wenn sich die Schlange um seinen Leib winden und ihn küssen
+werde. Da fiel ihm plötzlich das Glücksei ein; er zog das Schächtelchen
+aus der Tasche, wickelte es los, und nahm das kleine Ei, das nicht
+größer war, als das Ei einer Grasmücke, zwischen die Finger.
+
+In demselben Augenblicke war die schneeweiße Schlange unter dem Steine
+hervorgeschlüpft, hatte sich um seinen Leib gewunden, und richtete eben
+ihren Kopf empor, um ihn zu küssen, da -- der Mann wußte selbst nicht
+wie es geschah -- hatte er der Schlange das Glücksei in den Mund
+gesteckt. Er stand, ob auch mit frierendem Herzen, ohne zu beben, bis
+die Schlange ihn dreimal geküßt hatte. Jetzt erfolgte ein Krachen und
+Leuchten, als hätte der Blitz in den Stein geschlagen, und schwerer
+Donner machte die Erde erzittern, so daß Pärtel wie todt zu Boden fiel,
+und nicht mehr wußte, was mit ihm oder um ihn her geschah.
+
+Aber in diesem furchtbaren Augenblicke waren die Bande des Zaubers
+gebrochen, und die königliche Jungfrau war aus ihrer langen Haft erlöst.
+Als Pärtel aus seiner schweren Ohnmacht erwachte, fand er sich auf
+weichen Seidenkissen, in einem prächtigen Glasgemach von himmelblauer
+Farbe. Das schöne Mädchen kniete vor seinem Bette, streichelte seine
+Wangen, und rief, als er die Augen aufschlug: »Dank dem himmlischen
+Vater, der mein Gebet erhört hat! und tausend, tausend Dank auch dir,
+theurer Jüngling, der du mich aus der langen Verzauberung erlöst hast.
+Nimm jetzt zum Lohne mein Reich, dieses prachtvolle Königsschloß mit
+allen seinen Schätzen, und wenn du willst, auch mich als Gemahlin mit in
+den Kauf. Du sollst fortan hier glücklich leben, wie es dem Herrn des
+Glücksei's gebührt. Bis heute war dein Loos wie das deines _Taufvaters_,
+jetzt harrt deiner ein besseres Loos, ein solches, wie es deiner
+_Taufmutter_ zugefallen war.«
+
+Pärtel's Glück und Freude vermöchte wohl Niemand zu schildern; alle
+unbegriffene Sehnsucht seines Herzens, die ihn ruhelos immer wieder
+unter die Linde trieb, war jetzt gestillt. Von der Welt geschieden lebte
+er mit seiner theuren Gemahlin im Schooße des Glückes bis an sein Ende.
+-- In dem Dorfe aber und auf dem Bauerhofe, wo er gedient hatte, und wo
+man ihn um seines frommen Wesens willen lieb hatte, erregte sein
+Verschwinden große Betrübniß. Darum machten sich Alle auf, ihn zu
+suchen, und ihr erster Gang war zur Linde, welche Pärtel so häufig zu
+besuchen pflegte, und wohin man ihn auch Abends zuvor noch hatte gehen
+sehn. Groß war das Erstaunen der Leute, als sie dort weder den Pärtel,
+noch die Linde, noch den Stein mehr vorfanden; auch die kleine Quelle in
+der Nähe war vertrocknet, und keines Menschen Auge hat selbige Dinge
+jemals wieder erblickt.
+
+[Fußnote 83: Aus Kalewipoëg =XIX=, 140, 141, wo aber der Gehörnte mit
+diesen Versen den Kalewsohn vor Uebermuth warnt. L.]
+
+
+
+
+20. Der Frauenmörder.
+
+
+Es lebte einmal ein reicher hochadliger Gutsherr, unter dessen
+Botmäßigkeit ausgedehnte Gebiete, Landgüter und eine Unzahl von Leuten
+standen. Seinen Wohnsitz hatte er auf einem einsamen festen Schlosse,
+das hinter Wäldern und Sümpfen versteckt lag wie eine Bärenhöhle, und
+rings mit Mauern und Gräben umgeben war, so daß Feinde nicht leicht
+eindringen konnten. Man meinte, der große Herr habe den einsamen Ort
+deßwegen zu seinem Wohnsitz gewählt, damit seine unermeßliche Habe den
+Leuten nicht in die Augen steche und ihre Habsucht reize. Es sollten da
+nämlich große Felsenkeller mit Gold und Silber angefüllt sein, womit der
+Besitzer, wenn er gewollt hätte, ganze Königreiche hätte kaufen können.
+An Geld und Schätzen hatte er also Ueberfluß, aber mit seinen Frauen
+hatte er kein Glück. Sie starben ihm alle binnen kurzer Frist, eine nach
+der andern; doch hielt sich der Wittwer nie mit langem Trauern auf,
+sondern ritt jedesmal ohne Zeitverlust von neuem auf die Freite. Obschon
+er noch im mittleren Mannesalter stand, sollte er doch schon eilf Frauen
+auf der Bahre gesehen haben, als er auszog, um die zwölfte zu freien.
+Man weiß, daß es einem reichen Manne nie schwer wird, zu einer Frau zu
+kommen, denn mit dem Goldnetze kann man die Mädchen zu Dutzenden fangen.
+Trotzdem stellten sich unserem reichen Freier, als er jetzt die zwölfte
+Frau nehmen wollte, Hindernisse in den Weg, so daß er wie ein geringer
+Mann an mancher Thüre anklopfen mußte, ehe er eine Braut unter die Haube
+bringen konnte. Das rasche Wegsterben seiner vielen Frauen hatte den
+jungen Damen der Umgegend Schrecken eingeflößt; es konnte doch wohl
+nicht mit rechten Dingen zugehen, daß die jungen blühenden Frauen so
+rasch dahin welkten. Ein Geheimniß mußte hier obwalten -- aber es blieb
+Allen ein Räthsel.
+
+Als nun der stolze reiche Freier lange Zeit vergebliche Wege gemacht
+hatte, beschloß er endlich, sein Glück auf einem Edelhofe zu versuchen,
+wo ein armer Edelmann mit seinen drei blühenden Töchtern lebte. Sie
+waren alle drei schön und glichen köstlichen Aepfeln, aber die jüngste
+überstrahlte die beiden andern, so daß sie recht gut auch die Gemahlin
+eines Königs hätte werden können. Der vornehme Freier hatte sein Auge
+alsbald auf das jüngste Fräulein geworfen; zwar schien des Fräuleins
+Herz anfangs kalt gegen ihn zu sein, aber seine reichen Geschenke,
+seidene Kleider, goldene Ketten und sonstiger Schmuck, übten eine so
+erwärmende Wirkung, daß es dem Vater und den beiden Schwestern gelang,
+das Mädchen zu überreden. Der Vater hoffte an dem reichen Schwiegersohne
+eine Stütze zu finden, und auch die Töchter erwarteten, daß ihnen der
+Schwager nützlich sein werde, der schon versprochen hatte, ihnen auf
+seine Kosten prächtige Hochzeitskleider machen zu lassen. Da die
+Schwestern sich sehr lieb hatten, so waren die älteren nicht im
+mindesten neidisch darüber, daß die jüngste zuerst heirathen sollte. Der
+Bräutigam hatte seinen künftigen Schwiegervater darum gebeten, die
+Hochzeit nicht auszurichten, da er sie auf seinem Schlosse zu feiern und
+alle Kosten selbst zu tragen wünsche.
+
+So weit war es mit der Werbung gut gegangen, und der Bräutigam war schon
+wieder abgereist, um sein Haus für die Hochzeit herzurichten, und hatte
+auch schon den Tag für die Hochzeit angesetzt. Da ereignete sich ein
+Vorfall, der dem alten Herrn Verdruß bereitete, und das Herz der Braut
+mit Betrübniß erfüllte. Auf dem Edelhofe lebte ein armer Knabe, den die
+Herrschaft nach dem Tode seiner Eltern, als er erst zwei Jahr alt war,
+zu sich genommen hatte; man hatte ihn später zum Gänsejungen gebraucht,
+seit länger als einem Jahre aber war er Aufwärter. Die Gutsleute nannten
+ihn immer noch den Gänse-Tönnis. Er war ein halbes Jahr jünger als das
+jüngste Fräulein, und hatte als Kind mit ihr gespielt; dadurch war eine
+Freundschaft zwischen ihnen entstanden, und das Fräulein war immer sehr
+liebreich gegen den Tönnis gewesen. Tönnis verehrte auf der ganzen Welt
+kein lebendes Wesen so sehr, wie sein theures Fräulein. Was er dem
+Fräulein nur an den Augen absehen konnte, das that er ungeheißen, und er
+wäre ohne Zagen durch Feuer und Wasser gegangen, wenn das Fräulein es
+befohlen hätte. Als er hörte, daß das Fräulein sich mit einem Wittwer
+vermählen würde, erschrack er so heftig, daß er verzweifeln wollte;
+mehrere Tage nahm er keine Nahrung zu sich, noch kam Nachts Schlaf in
+sein Auge. Er ging umher wie eine wandelnde Leiche, und Alle glaubten,
+daß er schwer krank sei. Als Tönnis den Bräutigam zum erstenmal gesehen
+hatte, war ihm dieser Anblick wie ein schneidendes Schwert durchs Herz
+gegangen. »Mein theures Fräulein rennt in ihr Verderben,« dachte er. Er
+wartete jetzt immer nur auf einen Augenblick, wo er mit dem Fräulein
+sprechen könnte. Als sie nun eines Tages in den Gemüsegarten gegangen
+war, trat ihr Tönnis demüthig entgegen: »Gnädiges theures Fräulein,
+höret auf meine Bitte! Werdet nicht die Gattin eines Mörders, der euch
+ebenso umbringen würde, wie die eilf, die ihn vor euch geheirathet
+haben.« Das Fräulein erschrack, als sie diese Rede hörte, und fragte,
+woher er denn wissen könne, daß die früheren Frauen dieses Herrn einen
+gewaltsamen Tod gefunden. Tönnis antwortete: »Mein Herz sagte es mir,
+als ich den Bräutigam zum erstenmale erblickte, und mein Herz hat mich
+noch niemals betrogen.« Als das Fräulein ihren Schwestern und ihrem
+Vater erzählte, was sie vernommen, gerieth der alte Herr in so heftigen
+Zorn, daß er drohte, den Tönnis halb todt zu schlagen, und dann mit den
+Hunden vom Hofe jagen zu lassen. Wer weiß, ob er die Drohung nicht
+ausgeführt hätte, wenn die Fräulein sich nicht mit Bitten dazwischen
+gelegt und sich bemüht hätten, seinen Zorn zu besänftigen. Die Fräulein
+sagten: »Der Bursche hat es ja doch nicht böse gemeint, vielmehr wünscht
+er uns nur Gutes.« Nach einigen Tagen ließ der alte Herr den Tönnis
+rufen, schalt ihn wegen seines thörichten Geschwätzes und sagte endlich:
+»Wenn du dem Fräulein noch einmal mit solchem leeren Gerede in den
+Ohren liegst, so lasse ich dich wie einen tollen Hund niederschießen.«
+Um seine Töchter zu beruhigen, sagte ihnen der alte Herr, daß der Tönnis
+durch eine Krankheit schwachsinnig geworden sei. Gleichwohl waren im
+Herzen des jüngsten Fräuleins Zweifel aufgestiegen, und sie hätte sich
+gern von ihrem Bräutigam losgemacht, wenn sich nur irgend eine
+Möglichkeit gezeigt hätte. Aber Vater und Schwestern widersetzten sich
+diesem Vorhaben einmüthig, indem sie sagten: »Stoße dein Glück nicht
+leichtsinnig von dir. Du wirst eines reichen Mannes Frau, wirst dort ein
+Leben haben wie im Himmel, und auch uns helfen können.« Je näher der
+Hochzeitstag heranrückte, desto schwerer wurde dem Fräulein das Herz,
+ihr schmeckte kein Essen mehr und kein Schlaf kam Nachts in ihr Auge.
+Endlich ließ sie eines Tages heimlich den Tönnis rufen, und fragte ihn,
+was sie thun solle, da der alte Herr von einem Zurücktreten durchaus
+nichts wissen wolle. Darauf antwortete Tönnis mit der Bitte, ihn
+mitzunehmen: »So lange ich euch nahe bin,« -- sagte er, -- »soll Niemand
+es wagen, Hand an euch zu legen.« Darauf bat das Fräulein ihren Vater um
+Erlaubniß, den Tönnis mitzunehmen. »Meinethalben,« -- sagte der alte
+Herr, -- »wenn dein Bräutigam nichts dagegen einzuwenden hat.« Der
+Bräutigam verzog zwar ein wenig das Gesicht, als er den Wunsch seiner
+Braut vernahm, aber da er die Braut nicht fahren lassen wollte, so mußte
+er ihrem Begehren willfahren.
+
+Der Hochzeitstag wurde im Hause des Bräutigams mit Jubel und großer
+Pracht begangen, über eine Woche blieben sämmtliche Hochzeitsgäste, und
+jeder mußte, als er heimkehrte, bekennen, daß er in seinem Leben noch
+keine schönere Hochzeit gesehen habe. Der Schwiegervater und die
+Schwägerinnen blieben noch einige Wochen länger, und führten ein Leben
+wie im Himmel. Beim Abschiede hatte ihnen der Schwiegersohn noch viele
+kostbare Geschenke mitgegeben, und das junge Paar war allein auf dem
+stolzen Edelhofe zurückgeblieben.
+
+Einige Wochen später sagte der Herr zu seiner Gemahlin: »Ich muß nun,
+mein Herzchen, auf drei Wochen verreisen, um meine entlegeneren Güter
+und Besitzungen zu besichtigen, deßhalb habe ich eine Botschaft nach dem
+Hause deines Vaters abgefertigt, um eine deiner Schwestern
+herzubescheiden, die dir Gesellschaft leisten soll, bis ich wiederkomme.
+Die Schwester kann heute Abend oder morgen Mittag hier eintreffen.
+Während meiner Abwesenheit wird hier das Ganze unter deiner Leitung
+stehen, sorge dafür, daß Alles so fortgeht, wie ich es angeordnet habe.
+Hier sind meine Schlüssel, vertraue sie Niemanden an; du selbst hast
+überall Zutritt. Nur in diesem Kästchen hier liegt ein einzelner
+goldener Schlüssel; in dasjenige Zimmer, welches er aufschließt, darfst
+du deinen Fuß nicht setzen, noch auch die Thür öffnen, um hineinzusehen.
+Ich bitte dich, Liebchen, hüte dich vor solchem Vorwitz, denn dein und
+mein Glück würde zerstört, sobald du mein Verbot übertrittst. Solltest
+du absichtlich oder von ungefähr die verbotene Kammer betreten -- und
+mir würde das nicht unbekannt bleiben --, so müßte ich dir mit eigener
+Hand das Haupt vom Rumpfe abschlagen.« Die Frau weigerte sich, den
+unheimlichen Schlüssel in Verwahrung zu nehmen, aber der Herr ließ
+nicht ab, sondern drang so lange in sie, bis sie den goldenen Schlüssel
+empfing. Beim Abschiede sprach sie noch zum Schloßherrn: »Meinetwegen
+kannst du unbesorgt sein, ich will deine Geheimnisse nicht sehen, wenn
+du sie mir nicht selbst zeigen magst.«
+
+Am Tage nach der Abreise des Herrn traf die mittlere Schwester ein, um
+der jungen Frau die Zeit zu vertreiben. Die Schwestern unterhielten
+sich, und scherzten mit einander, und manches Mal kam auch die Rede
+darauf, daß des Tönnis böse Ahnung ihnen ganz unnütze Angst eingeflößt
+habe. Dennoch wurde die junge Frau wieder unruhiger, als ihr eines
+Morgens gemeldet wurde, daß Tönnis in der Nacht verschwunden sei, und
+Niemand wisse, wo er hingekommen. Den Abend zuvor hatte er zur Frau
+gesagt: »Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich euretwegen in schwerer
+Sorge bin, es könne euch irgend ein Unglück zustoßen. Jede Nacht träume
+ich von euch, wie wenn ein böser Mensch hinter euch steht, der euch das
+Garaus machen will. Und des Morgens weckt mich gewöhnlich ein häßlicher
+Traum, wo ihr mit blutigem Kopfe vor meinem Bette steht.« Die Frau hatte
+sich jeder Besorgniß vor diesen Träumen als einer leeren Furcht zu
+erwehren gesucht, aber als sie des Burschen Verschwinden erfuhr, fiel
+ihr dessen Rede von gestern Abend doch schwer auf's Herz. Sie schickte
+Leute nach allen Richtungen aus, um ihn aufzusuchen; die Leute kehrten
+am Abend zurück, aber keiner von ihnen hatte eine Spur des
+Verschwundenen gefunden. Der Frau kam es vor, als wäre mit Tönnis ihr
+bester Beschützer und ihr treuester Freund von ihr geschieden. Wiewohl
+das Fräulein sich auf alle Weise bemühte, den Kummer der Schwester zu
+mildern, so fand die arme Frau doch keinen Trost.
+
+Eines Tages wollte sie ihrer Schwester alle Räume und Schatzkammern des
+Schlosses zeigen, sie gingen von einem Gemach zum andern, musterten
+Alles, und befriedigten ihre Schaulust. Zuletzt kamen sie auch vor die
+Thür, welche der goldene Schlüssel öffnete, allein das war die Kammer,
+welche die Frau nicht betreten durfte --sollte sie doch nicht einmal an
+der Schwelle nach den Geheimnissen dieser Kammer spähen. Das Fräulein
+hatte große Lust, sich diese geheimnißvolle Kammer anzusehen, und bat
+ihre Schwester, die Thür aufzuschließen. Die Frau mochte wohl kein
+geringeres Verlangen danach empfinden, allein sie rief sich das Verbot
+ihres Gemahls in's Gedächtniß zurück, und sagte, es sei ihr nicht
+erlaubt, diese Kammer zu betreten. Die Schwester spottete ihrer Furcht:
+»Schlüssel und Schloß« -- meinte sie -- »haben keine Zunge, mit der sie
+dem Herrn verrathen könnten, daß sich Jemand ihrer bedient hat. Was kann
+hier auch weiter versteckt sein, als allerlei Kostbarkeiten, die er dir,
+wer weiß aus welcher Laune, nicht zeigen will. Wenn die Männer aus Laune
+vor ihren Frauen etwas verbergen, so dürfen auch die Frauen aus Laune
+dem Verbote der Männer zuwider handeln. Wenn du dich fürchtest zu
+öffnen, so gieb mir den Schlüssel, ich werde dir die Thür aufschließen.«
+Obwohl die Frau sich mit dem Munde noch gegen das Verlangen der
+Schwester sträubte, so war sie doch im Herzen schon längst eines Sinnes
+mit ihr. Sie nahm den Schlüssel aus dem Kästchen und steckte ihn in's
+Schloß. Noch ehe sie Zeit gehabt hatte, den Schlüssel im Schlosse
+umzudrehen, sprang die Thür mit großem Geräusch auf, wobei Zauberkünste
+im Spiele gewesen sein mußten. Aber wer vermöchte das Entsetzen zu
+beschreiben, welches jetzt die Beiden überfiel, als ihr Blick über die
+Schwelle in das Innere der geheimnißvollen Kammer drang. In der Mitte
+derselben stand ein Eichenblock, und auf diesem lag ein breites Beil;
+der ganze Fußboden war mit geronnenem Blute bedeckt! Was aber das
+Gräßlichste war, und den letzten Blutstropfen in ihren Herzen erstarren
+machte: hinten an der Wand standen in einer Reihe auf einem langen
+Tische die blutigen Köpfe der früheren eilf Frauen! Diese unglücklichen
+Geschöpfe hatten alle in dieser Mordkammer den Tod gefunden
+--wahrscheinlich weil auch sie in ihrem Vorwitze des Mannes Verbot
+übertreten hatten.
+
+Derselbe gräßliche Tod drohte auch jetzt der zwölften Frau, denn sie
+sagte sich sogleich, daß der teuflische Mann, der die andern umgebracht
+habe, ihr auch keine Barmherzigkeit schenken werde. Schon sah sie ihren
+Hals auf dem blutigen Blocke, fühlte die Schneide des Beils in ihrem
+Nacken, als sie voll Entsetzen über die Schwelle zurückschwankte. Den
+Schlüssel hatte sie beim Einstecken auf den Boden fallen lassen; als sie
+ihn jetzt aufhob, fand sie blutige Rostflecken daran, die kein Wischen
+und kein Scheuern vertilgen konnte. Als sie dann versuchten, die Thür
+zuzuschließen, fanden sie es unmöglich; die Thür klaffte eine Hand breit
+auseinander, als ob zwischen Thür und Pfosten ein unsichtbarer Keil sich
+befände. Jetzt fehlte es nicht an Jammer und Reue, aber was konnte es
+fruchten? Zum Glück hatten sie noch eine Woche bis zur Rückkehr des
+Herrn, während dieser Frist wollten sie auf Mittel sinnen, die Sache wo
+möglich wieder gut zu machen.
+
+Schlaflos verging den Schwestern die Nacht; so oft ihnen die Augen
+zufielen, stand gleich der blutige Block mit dem Beile wieder vor ihnen,
+und scheuchte allen Schlummer. Am Morgen trat die Kammerjungfer bei der
+Frau ein und meldete, der Herr halte schon vor der Pforte. Die Frau
+erbebte am ganzen Leibe, und war unfähig, sich von ihrem Sitze zu
+erheben. Kaum war der Herr vom Pferde gestiegen, so fragte er nach der
+Frau, und ging rasch die Treppe hinauf. Als er in's Zimmer trat,
+brannten seine Augen wie zwei Feuer; die vor Angst erbleichende Frau
+wollte aufstehen, sank aber wieder auf ihren Stuhl zurück. Der Herr sah
+augenblicklich, was hier vorgegangen war, und fragte, wo der goldene
+Schlüssel sei. Mit zitternder Hand zog die Frau das Kästchen aus ihrer
+Tasche, und überreichte es dem Herrn, der beim Oeffnen sogleich die
+Rostflecke am Schlüssel fand. Da schwoll sein Gesicht blauroth an, und
+seine Augen rollten wie Feuerräder, so daß die Frau ihn nicht ansehen
+konnte. »Ruchloses Geschöpf!« -- schrie er mit fürchterlicher Stimme --
+»du mußt ohne Gnade von meiner Hand sterben, weil du mein Gebot
+übertreten hast. Gott im Himmel mag dir vergeben, ich kann deinen
+Vorwitz nicht ungestraft lassen. Hatte ich dir doch das Regiment und
+alle meine Habe anvertraut, und du hast mich betrogen! Mit den
+Reichthümern, die ich dir gegeben, konntest du wie eine Königin in Glück
+und Freude leben! Warum hast du mein Gebot übertreten?! Bereite dich
+zum Tode, denn deine Tage sind zu Ende!«
+
+Die Frau versuchte einige Worte zu ihrer Entschuldigung vorzubringen,
+aber der Herr tobte noch ärger: »Bereite dich zum Tode, denn deine
+Augenblicke sind gezählt!« Die Schwester der Frau hatte sich gleich, als
+der Lärm begann, geflüchtet, und wagte nicht mehr sich zu zeigen, denn
+sie war bange, sich ebenfalls den Tod zuzuziehen. Die Frau fiel vor dem
+Herrn auf die Knie, betete zu Gott, und versuchte dazwischen wieder
+ihres Gatten Herz zu erweichen.
+
+»Des Geschwätzes ist genug!« schrie der Herr. »Lege deinen Kopf auf den
+Block!« Als die Frau diesem Befehle nicht gleich Folge leistete,
+schleppte er sie bei den Haaren an den Block, drückte mit der linken
+Hand den Kopf nieder und ergriff mit der rechten das Beil, um sie zu
+tödten.
+
+Aber in demselben Augenblicke, wo er das Beil emporhob, fiel von hinten
+ein schwerer Knüttel auf seinen Kopf, so daß ihm das Beil aus der Hand
+fiel, und er selbst hinstürzte. In seiner Wuth hatte der Mörder nicht
+bemerkt, daß ein Mann mit einem Knüttel hinter ihm her schritt, als er
+die Frau in die Mordkammer schleppte. Dieser Mann war Tönnis. Die Frau
+war vor Angst und Schrecken in Ohnmacht gefallen, so daß sie nichts mehr
+von dem wußte, was um sie her vorging. Tönnis band dem Herrn Hände und
+Füße mit starken Stricken, und als derselbe sich wieder von seiner
+Betäubung erholte, konnte er sich nicht mehr los machen, und Niemanden
+Böses zufügen. Dann eilte Tönnis der ohnmächtigen Frau zu Hülfe, die
+erst nach einigen Stunden aus ihrer Ohnmacht erwachte.
+
+Jetzt setzte man das Gericht in Kenntniß, und schickte sogleich eine
+Botschaft an den Vater der Frau, daß er her käme. Die Untersuchung
+brachte an den Tag, daß der Mörder eilf Frauen umgebracht hatte, und
+auch die letzte gemordet haben würde, wenn Tönnis nicht zu Hülfe
+gekommen wäre; der Mörder wurde deshalb vor das peinliche Gericht
+gestellt, und zum Tode verurtheilt. Da er keine näheren Verwandten
+hatte, denen ein Erbrecht zustand, so wurden alle Edelhöfe und
+Besitzungen der Wittwe zugesprochen; nur ein Theil des Vermögens wurde
+unter die Armen vertheilt.
+
+Bei der reichen Wittwe meldeten sich Freier von allen Seiten, aber sie
+heirathete keinen derselben, sondern nahm nach einem Jahre den Tönnis
+zum Gemahl, und Beide führten ein glückliches Leben bis an ihr Ende.
+
+
+
+
+21. Der herzhafte Riegenaufseher.[84]
+
+
+Einmal lebte ein Riegenaufseher, der an Herzhaftigkeit nicht viele
+seines Gleichen hatte. Von ihm hatte der »alte Bursche« selber gerühmt,
+ein herzhafterer Mann sei ihm auf der ganzen Welt noch nicht
+vorgekommen. Der Alte ging deßhalb häufig an den Abenden, wo die
+Drescher nicht in der Scheune waren, zum Aufseher zu Gast, und unter
+angenehmen Gesprächen wurde ihnen die Zeit niemals lang. Der alte
+Bursche meinte zwar, der Aufseher kenne ihn nicht, sondern halte ihn für
+einen einfachen Bauer, allein der Aufseher kannte ihn recht gut, wenn er
+sich auch nichts merken ließ, und hatte sich vorgenommen, den (alten
+Hörnerträger) Teufel wo möglich einmal über's Ohr zu hauen. Als der alte
+Bursche eines Abends über sein Junggesellen-Leben klagte, und daß er
+Niemanden habe, der ihm einen Strumpf stricke oder einen Handschuh nähe,
+fragte der Aufseher: »Warum gehst du denn nicht auf die Freite,
+Brüderchen?« Der alte Bursche erwiederte: »Ich habe schon manchmal mein
+Heil versucht, aber die Mädchen wollen mich nicht. Je jünger und
+blühender sie waren, desto ärger spotteten sie meiner.« Der Aufseher
+rieth ihm, um ältere Mädchen oder Wittwen zu freien, die viel eher kirre
+zu machen seien, und nicht leicht einen Freier verschmähen würden. Nach
+einigen Wochen heirathete denn auch der alte Bursche ein bejahrtes
+Mädchen; es dauerte aber nicht gar lange, so kam er wieder zum
+Riegenaufseher, ihm seine Noth zu klagen, daß die junge Frau voller
+Tücke sei; sie lasse ihm weder bei Nacht noch bei Tage Ruhe, sondern
+quäle ihn ohne Unterlaß. »Was bist du denn für ein Mann,« lachte der
+Aufseher, »daß dein Weib die Hosen hat anziehen dürfen! Nahmst du einmal
+ein Weib, so mußtest du auch deines Weibes Herr werden!« Der alte
+Bursche erwiederte: »Ich werde mit ihr nicht fertig. Hole sie der und
+jener, ich setze meinen Fuß nicht mehr in's Haus.« Der Riegenaufseher
+suchte ihm Trost einzusprechen, und sagte, er solle sein Heil noch
+einmal versuchen, aber der alte Bursche meinte, es sei an der ersten
+Probe genug, und hatte nicht Lust, seinen Nacken zum zweiten Male in das
+Joch eines Weibes zu legen.
+
+Im Herbste des nächsten Jahres, als das Dreschen wieder begonnen hatte,
+machte der alte Bekannte dem Aufseher einen neuen Besuch. Der Aufseher
+merkte gleich, daß dem Bauer etwas auf dem Herzen brannte, er fragte
+aber nicht, sondern wollte abwarten, daß der Andere selber mit der Sache
+herauskäme. Er erfuhr denn auch bald des alten Burschen Mißgeschick. Im
+Sommer hatte derselbe die Bekanntschaft einer jungen Wittwe gemacht,
+die wie ein Täubchen girrte, so daß dem Männlein abermals
+Freiersgedanken aufstiegen. Er heirathete sie auch, fand aber später,
+daß sie der ärgste Hausdrache war, den es geben konnte, und daß sie ihm
+gern die Augen aus dem Kopfe gerissen hätte, so daß er endlich seinem
+Glücke dankte, als er sich von der bösen Sieben losgemacht hatte. Der
+Riegenaufseher sagte: »Ich sehe wohl, daß du zum Ehemann nicht taugst,
+denn du bist ein Hasenfuß, und verstehst nicht, ein Weib zu regieren.«
+Darin mußte ihm denn der alte Bursche Recht geben. Nachdem sie dann noch
+eine Weile über Weiber und Heirathen geplaudert hatten, sagte der alte
+Bursche: »Wenn du denn wirklich ein so herzhafter Mann bist, daß du dir
+getraust, den schlimmsten Höllendrachen unter dem Weibervolk zahm zu
+machen, so will ich dir eine Bahn zeigen, auf welcher deine
+Herzhaftigkeit bessern Lohn finden wird, als bei der Zähmung eines bösen
+Weibes. Du kennst doch die Ruinen des alten Schlosses auf dem Berge?
+dort liegt ein großer Schatz aus alten Zeiten, der noch Niemandem zu
+Theil geworden ist, weil eben noch keiner Muth genug hatte, ihn zu
+heben.« Der Riegenaufseher gab lachend zur Antwort: »Wenn hier nichts
+weiter nöthig ist, als Muth, so habe ich den Schatz schon so gut wie in
+der Tasche!« Darauf theilte der alte Bursche dem Aufseher mit, daß er in
+künftiger Donnerstags-Nacht, wo der Mond voll werde, hingehen müsse, um
+den vergrabenen Schatz zu heben, und fügte hinzu: »Hüte dich aber, daß
+nicht die geringste Furcht dich anwandle, denn wenn dir das Herz bangen,
+oder auch nur eine Faser an deinem Leibe zittern sollte, so verlierst
+du nicht nur den gehofften Schatz, sondern kannst auch dein Leben
+einbüßen, wie viele Andere, die vor dir ihr Glück versuchten. Wenn du
+mir nicht glaubst, so gehe nur in irgend einen Bauerhof und laß die
+Leute erzählen, was sie über das Gemäuer des alten Schlosses gehört --
+Manche auch wohl mit eigenen Augen gesehen haben. Noch einmal: wenn dir
+dein Leben lieb ist, und du des Schatzes habhaft werden willst, so hüte
+dich vor aller Furcht.«
+
+Am Morgen des bezeichneten Donnerstags machte sich der Riegenaufseher
+auf den Weg, und obgleich er nicht die geringste Furcht empfand, so
+kehrte er doch in der Dorfschenke ein, in der Hoffnung, dort auf
+Menschen zu stoßen, die ihm Eins oder das Andere über die alten
+Schloßmauern berichten könnten. Er fragte den Wirth, was das für alte
+Mauern wären auf dem Berge, und ob die Leute noch etwas darüber wüßten,
+wer sie aufgeführt, und wer sie dann wieder zerstört habe. Ein alter
+Bauer, der die Frage des Riegenaufsehers gehört hatte, gab folgenden
+Bescheid: »Der Sage nach hat vor vielen hundert Jahren ein steinreicher
+Gutsherr dort gewohnt, der über weite Ländereien und zahlreiches Volk
+gebot. Dieser Herr führte ein eisernes Regiment, und behandelte seine
+Unterthanen grausam, aber mit dem Schweiß und Blut derselben hatte er
+unermeßlichen Reichthum zusammengescharrt, so daß Gold und Silber
+fuderweise von allen Seiten her auf's Schloß kam, wo es in tiefen
+Kellern vor Dieben und Räubern verwahrt wurde. Auf welche Weise der
+reiche Bösewicht zuletzt seinen Tod fand, hat Niemand erfahren. Die
+Diener fanden eines Morgens sein Bett leer, drei Blutstropfen auf dem
+Boden, und eine große schwarze Katze zu Häupten des Bettes, die man
+vorher nie gesehen hatte und nachher nie wieder sah. Man meinte daher,
+die Katze sei der böse Geist selber gewesen, der in dieser Gestalt den
+Herrn in seinem Bette erwürgt, und dann zur Hölle gebracht habe, wo er
+für seine Frevel büßen müsse. -- Als später auf die Nachricht von dem
+Todesfall die Verwandten des Schloßherrn sich einfanden, um dessen
+Schatz in Besitz zu nehmen, fand sich nirgends ein Kopek Geld vor.
+Anfangs hielt man die Diener für die Diebe, und stellte sie vor Gericht;
+allein da sie sich ihrer Unschuld bewußt waren, so bekannten sie auch
+auf der Folter Nichts. Inzwischen hatten viele Menschen Nachts ein
+Geklapper, wie mit Geld, tief unter der Erde, vernommen, und machten dem
+Gericht davon Anzeige, und als dieses eine Untersuchung anstellte und
+die Aussage bestätigt fand, wurden die Diener freigelassen. Das seltsame
+nächtliche Geldgeklapper wurde später noch oft gehört, auch fanden sich
+Manche, die dem Schatze nachgruben, aber es kam nichts zu Tage, und von
+den Schatzgräbern kehrte keiner zurück; sicher hatte eben Der sie
+geholt, der dem Herrn des Geldes ein so gräßliches Ende bereitet hatte.
+Soviel sah Jeder, daß hier Etwas nicht geheuer war, -- darum getraute
+sich auch Niemand in dem alten Schlosse zu wohnen, bis endlich das Dach
+und die Wände durch Wind und Regen verfielen, und nichts weiter übrig
+blieb, als die alten Ruinen. Kein Mensch wagt sich bei nächtlicher Weile
+in die Nähe, noch weniger erkühnt sich Einer, dort nach alten Schätzen
+zu suchen.« --So sprach der alte Bauer.
+
+Als der Riegenaufseher seine Erzählung vernommen hatte, äußerte er wie
+halb im Scherze: »Ich hätte Lust, mein Heil zu versuchen! Wer geht
+künftige Nacht mit mir?« Die Männer schlugen ein Kreuz und betheuerten
+einhellig, daß ihnen ihr Leben viel lieber sei, als alle Schätze der
+Welt, die doch Niemand erlangen könne, ohne seine Seele zu verderben.
+Dann baten sie den Fremden, er möge den eitlen Gedanken fahren lassen,
+und sein Leben nicht dem Teufel überantworten. Allein der kühne
+Riegenaufseher achtete weder Bitten noch Einschüchterungen, sondern war
+entschlossen, sein Heil auf eigene Hand zu versuchen. Er bat sich am
+Abend von dem Schenkwirth ein Bund Kienspan aus, um nicht im Dunkeln zu
+bleiben, und erkundigte sich dann nach dem kürzesten Wege zu den alten
+Schloßruinen.
+
+Einer der Bauern, der etwas mehr Muth zu haben schien als die Andern,
+ging ihm eine Strecke weit mit einer brennenden Laterne als Führer
+voran, kehrte aber um, als sie noch über eine halbe Werst weit von dem
+Gemäuer entfernt waren. Da der bewölkte Nachthimmel Nichts erkennen
+ließ, so mußte der Riegenaufseher seinen Weg tastend verfolgen. Das
+Pfeifen des Windes und das Geschrei der Nachteulen schlug schauerlich an
+sein Ohr, konnte aber sein tapferes Herz nicht schrecken. Sobald er im
+Stande war, unter dem Schutze des Mauerwerks Feuer zu machen, zündete er
+einen Span an, und spähte nach einer Thür oder einer Oeffnung umher,
+durch die er unter die Erde hinabsteigen könnte. Nachdem er eine Weile
+vergebens gesucht hatte, sah er endlich am Fuße der Mauer ein Loch,
+welches abwärts führte. Er steckte den brennenden Span in eine
+Mauerspalte, und räumte mit den Händen soviel Geröll und Schutt fort,
+daß er hineinkriechen konnte. Nachdem er eine Strecke weit gekommen war,
+fand er eine steinerne Treppe, und der Raum wurde weit genug, daß er
+aufrecht gehen konnte. Das Kienspan-Bund auf der Schulter und einen
+brennenden Span in der Hand, stieg er die Stufen hinunter, und kam
+endlich an eine eiserne Thür, die nicht verschlossen war. Er stieß die
+schwere Thür auf und wollte eben eintreten, als eine große schwarze
+Katze mit feurigen Augen windschnell durch die Thür und zur Treppe
+hinauf schoß. Der Riegenaufseher dachte: die hat gewiß den Herrn des
+Geldes erwürgt, stieß die Thür zu, warf das Kienspan-Bund zu Boden, und
+sah sich dann den Ort näher an. Es war ein großer breiter Saal, an
+dessen Wänden überall Thüren angebracht waren; er zählte deren zwölf,
+und überlegte, welche von ihnen er zuerst versuchen sollte. »Sieben ist
+doch eine Glückszahl!« sagte er, und zählte dann von der Eingangsthür
+bis zur siebenten; aber diese war verschlossen und wollte nicht
+aufgehen. Als er sich indeß mit aller Leibeskraft gegen die Thür
+stemmte, gab das verrostete Schloß nach, und die Thür sprang auf. Als
+der Riegenaufseher hineintrat, fand er ein Gemach von mittlerer Größe,
+welches an einer Wand einen langen Tisch nebst einer Bank, an der andern
+Wand einen Ofen und vor demselben einen Herd enthielt; neben dem Herde
+lagen auch Scheite Holz am Boden. Der Mann machte nun Feuer an, und sah
+beim Scheine desselben, daß ein kleiner Grapen und eine Schale mit Mehl
+auf dem Ofen standen, auch fand er etwas Salz im Salzfaß. »Sieh' doch!«
+rief der Aufseher. »Hier finde ich ja unerwartet Mundvorrath, Wasser
+habe ich mir im Fäßchen mitgebracht, jetzt kann ich mir eine warme Suppe
+kochen.« Damit stellte er den Grapen auf's Feuer, that Mehl und Wasser
+hinein, streute Salz darauf, rührte mit einem Splitter um, und kochte
+die Suppe gar; dann goß er sie in die Schale, und setzte sie auf den
+Tisch. Das helle Feuer des Herdes erleuchtete die Stube, so daß er
+keinen Span anzuzünden brauchte. Der muthige Riegenaufseher setzte sich
+nun an den Tisch, nahm den Löffel und fing an, sich mit der warmen Suppe
+den leeren Magen zu füllen. Plötzlich sah er, als er aufblickte, die
+schwarze Katze mit den feurigen Augen auf dem Ofen sitzen; er konnte
+nicht begreifen, wie das Thier dahin gekommen sei, da er doch mit
+eigenen Augen gesehen hatte, wie die Katze die Treppe hinauf gerannt
+war. Darauf wurden draußen drei laute Schläge an die Thür gethan, so daß
+Wände und Fußboden schütterten, aber der Riegenaufseher verlor den Muth
+nicht, sondern rief mit strenger Stimme: »Wer einen Kopf auf dem Rumpfe
+hat, soll eintreten!« Augenblicklich prallte die Thür weit auf, die
+schwarze Katze sprang vom Ofen herunter und schoß durch die Thür, wobei
+ihr aus Maul und Augen Feuerfunken sprühten. Als die Katze davon
+gelaufen war, traten vier lange Männer ein in langen weißen Röcken und
+mit feuerrothen Mützen, welche dermaßen funkelten, daß sich Tageshelle
+im Gemach verbreitete. Die Männer trugen eine Bahre auf den Schultern,
+und auf der Bahre stand ein Sarg; das flößte aber dem beherzten
+Riegenaufseher keine Furcht ein. Ohne ein Wort zu sagen, stellten die
+Männer den Sarg auf den Boden, gingen dann einer nach dem andern zur
+Thür hinaus und zogen sie hinter sich zu. Die Katze miaute und kratzte
+an der Thür, als ob sie herein wollte, aber der Riegenaufseher kümmerte
+sich nicht darum, sondern verzehrte ruhig seine warme Suppe. Als er satt
+war, stand er auf und besah sich den Sarg; er brach den Deckel auf und
+erblickte einen kleinen Mann mit langem weißen Barte. Der Riegenaufseher
+hob ihn heraus, und brachte ihn zum Herde an's Feuer, um ihn zu
+erwärmen. Es dauerte auch nicht lange, so fing das alte Männchen an,
+sich zu erholen und Hände und Füße zu regen. Der muthige Riegenaufseher
+hatte nicht die geringste Furcht; er nahm die Suppenschüssel und den
+Löffel vom Tische, und fing an, den Alten zu füttern. Diesem aber
+dauerte das zu lange, drum faßte er die Schüssel mit beiden Händen und
+schlürfte hastig alle Suppe hinunter. Dann sagte er: »Dank dir,
+Söhnchen! daß du dich über mich Armen erbarmt, und meinen von Hunger und
+Kälte erstarrten Leib wieder aufgerichtet hast. Für diese Wohlthat will
+ich dir so fürstlichen Lohn spenden, daß du mich Zeit Lebens nicht
+vergessen sollst. -- Da hinter dem Ofen findest du Pechfackeln, zünde
+eine derselben an, und komm mit mir. Vorher aber mach die Thür fest zu,
+damit die wüthige Katze nicht herein kann, die dir den Hals brechen
+würde. Später wollen wir sie so kirre machen, daß sie Niemanden mehr
+Schaden zufügen kann.«
+
+Mit diesen Worten hob der Alte eine viereckige Fliese von der Breite
+einer halben Klafter aus dem Boden, und es zeigte sich, daß der Stein
+den Eingang zu einem Keller bedeckt hatte. Der Alte stieg zuerst die
+Stufen hinunter, und furchtlos folgte ihm der Riegenaufseher mit der
+brennenden Pechfackel auf dem Fuße, bis sie in eine schauerliche tiefe
+Höhle gelangten.
+
+In dieser großen kellerartig gewölbten Höhle lag ein gewaltiger
+Geldhaufe, so hoch wie der größte Heuschober, halb Silber, halb Gold.
+Das alte Männchen nahm jetzt aus einem Wandschranke eine Handvoll
+Wachslichter, drei Flaschen Wein, einen geräucherten Schinken und ein
+Brotlaib heraus, und sagte dann zum Riegenaufseher: »Ich gebe dir drei
+Tage Zeit, diesen Geldklumpen zu zählen und zu sondern. Du mußt den
+Haufen in zwei Theile theilen, so daß beide ganz gleich werden und kein
+Rest bleibt. Während du mit dieser Theilung dich beschäftigst, will ich
+mich an der Wand schlafen legen, aber hüte dich, daß du dabei nicht das
+geringste Versehen machst, sonst erwürge ich dich.« Der Riegenaufseher
+machte sich sogleich an die Arbeit, und der Alte streckte sich nieder.
+Damit kein Versehen vorkommen könne, theilte der Riegenaufseher so, daß
+er immer zwei gleichartige Geldstücke nahm, es mochten Thaler oder
+Rubel, Gold- oder Silbermünzen sein; das eine Geldstück legte er dann
+links und das andere rechts, so daß zwei Haufen entstanden. Wenn ihm die
+Kraft auszugehen drohte, so erquickte er sich durch einen Schluck aus
+der Flasche, genoß etwas Brot und Fleisch, und setzte dann neugestärkt
+seine Arbeit fort. Weil er sich die Nacht nur einen kurzen Schlaf
+gönnte, um die Arbeit rasch zu fördern, wurde er schon am Abend des
+zweiten Tages mit der Theilung fertig, aber ein kleines Silberstück war
+übrig geblieben. Was jetzt thun? Das machte dem braven Riegenaufseher
+keine Noth, er zog sein Messer aus der Tasche, legte die Schneide auf
+die Mitte des Geldstücks, und schlug dann mit einem Steine so kräftig
+auf des Messers Rücken, daß das Geldstück in zwei Hälften gespalten
+wurde. Die eine Hälfte legte er dann zu dem Haufen rechts, und die
+andere zu dem Haufen links; darauf weckte er den Alten auf und lud ihn
+ein, die Arbeit in Augenschein zu nehmen. Als der Alte die beiden
+Hälften des übrig gebliebenen Geldstücks je rechts und links erblickte,
+fiel er mit einem Freudengeschrei dem Riegenaufseher um den Hals,
+streichelte lange seine Wangen und sagte endlich: »Tausend und aber
+tausend Dank dir, kühner Jüngling, der du mich aus meiner langen, langen
+Gefangenschaft erlöst hast. Ich habe schon viele hundert Jahre meinen
+Schatz hier bewachen müssen, weil sich kein Mensch fand, der Muth oder
+Verstand genug hatte, das Geld so zu theilen, daß Nichts übrig blieb.
+Ich mußte deshalb, einem eidlichen Gelöbnisse zufolge, Einen nach dem
+Andern erwürgen, und da Keiner wiederkehrte, so wagte in den letzten
+zweihundert Jahren Niemand mehr her zu kommen, obgleich ich keine Nacht
+verstreichen ließ, ohne mit dem Gelde zu klappern. Dir, du Glückskind!
+war es beschieden, mein Retter zu werden, als mir schon alle Hoffnung
+schwinden wollte, und ich ewige Gefangenschaft fürchten mußte. Dank,
+tausend Dank dir für deine Wohlthat! Den einen Geldhaufen bekommst du
+jetzt zum Lohn für deine Mühe, den andern aber mußt du unter die Armen
+vertheilen, zur Sühne für meine schweren Sünden; denn ich war, als ich
+auf Erden lebte und diesen Schatz anhäufte, ein großer Frevler und
+Bösewicht. Noch eine Arbeit hast du zu meinem und deinem Nutzen zu
+vollbringen. Wenn du wieder hinaufgehst, und die große schwarze Katze
+dir auf der Treppe entgegenkommt, dann packe sie und hänge sie auf. Hier
+ist eine Schlinge, aus der sie sich nicht wieder herausziehen soll.«
+Damit zog er eine aus feinem Golddraht geflochtene Schnur von der Dicke
+eines Schuhbandes aus dem Busen, gab sie dem Riegenaufseher und
+verschwand, als wäre er in den Boden gesunken. Aber in demselben
+Augenblicke entstand ein Gekrach, als ob die Erde unter den Füßen des
+Riegenaufsehers bersten wollte. Das Licht erlosch, und um ihn her
+herrschte tiefe Finsterniß, allein auch dieses unerwartete Ereigniß
+machte ihn nicht muthlos. Er suchte tappend seinen Weg, bis er an die
+Treppe kam, kletterte die Stufen hinan, und kam in die erste Stube, wo
+er sich die Suppe gekocht hatte. Das Feuer auf dem Herde war längst
+ausgegangen, aber er fand in der Asche noch Funken, die er zur Flamme
+anblasen konnte. Der Sarg stand noch auf der Bahre, aber statt des Alten
+schlief die große schwarze Katze darin. Der Riegenaufseher packte sie am
+Kopfe, schlang die Goldschnur um ihren Hals, hing sie an einem starken
+eisernen Nagel in der Wand auf, und legte sich auf den Boden zur Ruhe.
+
+Erst am andern Morgen kam er aus dem Gemäuer heraus, und nahm den
+nächsten Weg zur Schenke, in der er vorher eingekehrt war. Als der Wirth
+sah, daß der Fremde unversehrt entronnen sei, kannten seine Freude und
+sein Erstaunen keine Grenzen. Der Riegenaufseher aber sagte: »Besorge
+mir für gute Bezahlung ein paar Dutzend Säcke von Tonnengehalt und
+miethe Pferde, damit ich meinen Schatz wegführen kann.« Daran merkte
+der Schenkwirth, daß des Fremden Gang kein fruchtloser gewesen war, und
+erfüllte sogleich des reichen Mannes Verlangen. Als darauf der
+Riegenaufseher von den Leuten erkundet hatte, was für Gebiete vor Alters
+unter der Herrschaft des damaligen Schloßbesitzers gestanden hatten,
+wies er den dritten Theil des den Armen bestimmten Geldes jenen Gebieten
+zu, übergab die beiden andern Drittel dem Gericht zur Vertheilung und
+siedelte sich mit seinem eigenen Gelde in einem fernen Lande an, wo ihn
+Niemand kannte. Dort müssen noch heutigen Tags seine Verwandten als
+reiche Leute leben, und die Kühnheit ihres Ahnherrn preisen, der diesen
+Schatz errungen hatte.
+
+[Fußnote 84: Riege ist baltischer Provinzialismus für Scheune, Dörr-
+und Dresch-Scheune. Die (steinerne) Gutsriege enthält auch Kornkammern,
+Flachsspeicher, Branntweinkeller. L.]
+
+
+
+
+22. Wie ein Königssohn als Hüterknabe aufwuchs.
+
+
+Es war einmal ein König, der seine Unterthanen milde und liebreich
+regierte, so daß Niemand im Königreiche war, der ihn nicht gesegnet, und
+den himmlischen Vater um die Verlängerung seiner Lebenstage angefleht
+hätte.
+
+Der König lebte schon manches Jahr in glücklicher Ehe, aber kein Kind
+war den Ehegatten geschenkt worden. Groß war daher seine und sämmtlicher
+Unterthanen Freude, als die Königin ein Söhnlein zur Welt brachte, aber
+die Mutter sollte dieses Glück nicht lange genießen. Drei Tage nach des
+Sohnes Geburt schlossen sich ihre Augen für immer -- der Sohn war Waise,
+und der König Wittwer. Schweren Kummer empfand der König über den Tod
+seiner theuren Gemahlin, und mit ihm trauerten die Unterthanen; man sah
+nirgends mehr ein fröhliches Antlitz. Zwar nahm der König, auf Andringen
+seiner Unterthanen, drei Jahre später eine andere Gemahlin, aber bei der
+neuen Wahl war ihm das Glück nicht wieder günstig: ein Täubchen hatte er
+begraben, und einen Habicht dafür bekommen; es geht leider vielen
+Wittwern so. Die junge Frau war ein böses, hartherziges Weib, das weder
+dem Könige noch den Unterthanen Gutes erwies. Den Sohn der vorigen
+Königin konnte sie nicht vor Augen leiden, da sie besorgen mußte, die
+Regierung werde an diesen Stiefsohn fallen, den die Unterthanen um
+seiner hingeschiedenen Mutter willen liebten. Die tückische Königin
+faßte darum den bösen Vorsatz, das Knäblein heimlich an einen Ort zu
+schaffen, wo der König es nicht wiederfinden könne; es umzubringen, dazu
+hatte sie nicht den Muth. Ein nichtswürdiges altes Weib half für gute
+Bezahlung der Königin die böse That auszuführen. Bei nächtlicher Weile
+wurde das Kind dem gottlosen Weibe überliefert, und von diesem auf
+Schleichwegen weit weg gebracht, und armen Leuten als Pflegkind
+übergeben. Unterwegs zog die Alte dem Kinde seine guten Kleider aus, und
+hüllte es in Lumpen, damit Niemand den Betrug merke. Der Königin hatte
+sie mit einem schweren Eide gelobt, keinem Menschen den Ort zu nennen,
+wohin der Königssohn geschafft worden. Am Tage wagte die Kindesdiebin
+nicht zu wandern, weil sie Verfolgung fürchtete; darum dauerte es lange,
+bis sie einen verborgenen Ort fand, der sich zum Aufenthalte für das
+königliche Kind eignete. In ein einsames Waldgehöft, das fremder
+Menschen Fuß selten betreten hatte, wurde der gestohlene Königssohn als
+Pflegling gethan, und der Wirth erhielt für das Aufziehen des Kindes die
+Summe von hundert Rubeln. Es war ein Glück für den Königssohn, daß er zu
+guten Menschen gekommen war, die für ihn sorgten, als wäre er ihr
+leibliches Kind. Der muntere Knabe machte ihnen oft Spaß, besonders
+wenn er sich einen Königssohn nannte. Sie sahen wohl aus der reichlichen
+Bezahlung, die sie erhalten hatten, daß das Knäblein kein rechtmäßiger
+Sprößling sei, und vom Vater oder von der Mutter her vornehmer Abkunft
+sein mochte, allein so hoch verstiegen sich ihre Gedanken nicht, daß sie
+für wahr gehalten hätten, wessen das Kind in seinem einfältigen Sinne
+sich rühmte.
+
+Man kann sich leicht vorstellen, wie groß der Schrecken im Hause des
+Königs war an dem Morgen, wo man entdeckte, daß das Söhnchen in der
+Nacht gestohlen war, und zwar auf so wunderbare Weise, daß Niemand es
+gehört hatte, und daß nicht die leiseste Spur des Diebes zurückgeblieben
+war. Der König weinte Tage lang bitterlich um den Sohn, den er im
+Andenken an dessen Mutter um so zärtlicher liebte, je weniger er mit
+seiner neuen Gemahlin glücklich war. Zwar wurden lange Zeit hindurch
+aller Orten Nachforschungen angestellt, um dem verschwundenen Kinde auf
+die Spur zu kommen, auch wurde Jedem eine große Belohnung verheißen, der
+irgend eine Auskunft darüber geben könnte, aber Alles blieb vergeblich,
+das Knäblein schien wie weggeblasen. Kein Mensch konnte das Geheimniß
+aufklären, und Manche glaubten, das Kind sei durch einen bösen Geist
+oder durch Hexerei entführt. In das einsame Waldgehöft, wo der
+Königssohn lebte, hatte keiner der Suchenden seine Schritte gelenkt, und
+ebensowenig konnten die Bekanntmachungen dahin dringen. -- Während nun
+der Königssohn daheim als Todter beweint wurde, wuchs er im stillen
+Walde auf und gedieh fröhlich, bis er in das Alter trat, daß er schon
+Geschäfte besorgen konnte. Da legte er denn eine wunderbare Klugheit an
+den Tag, so daß seine Pflegeeltern sich oft genug gestehen mußten, daß
+hier das Ei viel klüger sei als die Henne.
+
+Der Königssohn hatte schon über zehn Jahre in dem Waldgehöfte gelebt,
+als er ein Verlangen empfand, unter die Leute zu kommen. Er bat seine
+Pflegeeltern um Erlaubniß, sich auf eigene Hand sein Brot zu verdienen,
+indem er sagte: »Ich habe Verstand und Kraft genug, um mich ohne eure
+Hülfe zu ernähren. Bei dem einsamen Leben hier wird mir die Zeit sehr
+lang.« Die Pflegeeltern sträubten sich anfangs sehr dagegen, mußten aber
+endlich nachgeben, und den Wunsch des jungen Burschen erfüllen. Der
+Wirth ging selbst mit, um ihn zu begleiten, und eine passende Stelle für
+ihn ausfindig zu machen. In einem Dorfe fand er einen wohlhabenden
+Bauerwirth, der einen Hüterknaben brauchte, und da sich der Pflegesohn
+gerade einen solchen Dienst wünschte, so wurde man bald einig. Der
+Vertrag lautete auf ein Jahr, allein es wurde ausdrücklich bedungen, daß
+es dem Knaben zu jeder Zeit gestattet sein solle, den Dienst zu
+verlassen und zu seinen Pflegeeltern zurückzukehren. Ebenso konnte der
+Wirth, wenn er mit dem Knaben nicht zufrieden war, ihn noch vor Ablauf
+des Jahres entlassen, jedoch nicht ohne Vorwissen der Pflegeeltern. Das
+Dorf, wo der Königssohn diesen Dienst gefunden hatte, lag unweit einer
+großen Landstraße, auf welcher täglich viele Menschen vorbeikamen, Hohe
+wie Niedere. Der königliche Hüterknabe saß häufig dicht an der
+Landstraße, und unterhielt sich mit den Vorübergehenden, von denen er
+Manches erfuhr, was ihm bis dahin unbekannt geblieben war. Da geschah
+es eines Tages, daß ein alter Mann mit grauen Haaren und langem weißen
+Barte des Weges kam, als der Königssohn auf einem Steine sitzend die
+Maultrommel schlug; die Thiere grasten indeß, und wenn eines derselben
+sich zu weit von den übrigen entfernen wollte, so trieb des Knaben Hund
+es zurück. Der Alte betrachtete ein Weilchen den Knaben und seine Herde,
+trat dann einige Schritte näher und sagte: »Du scheinst mir nicht zum
+Hüterknaben geboren zu sein.« Der Knabe erwiederte: »Mag sein, ich weiß
+nur soviel, daß ich zum Herrscher geboren bin, und hier vorerst das
+Geschäft des Herrschens erlerne. Geht es mit den Vierfüßlern gut, so
+versuche ich weiterhin mein Glück auch wohl mit den Zweifüßlern.« Der
+Alte schüttelte wie verwundert den Kopf und ging seiner Wege. Ein
+anderes Mal fuhr eine prächtige Kutsche vorbei, in der ein Frauenzimmer
+mit zwei Kindern saß: auf dem Bocke der Kutscher und hinten auf ein
+Lakai. Der Königssohn hatte gerade ein Körbchen mit frischgepflückten
+Erdbeeren in der Hand, welches der stolzen deutschen Frau in die Augen
+fiel, und ihren Appetit reizte. Sie befahl dem Kutscher zu halten, und
+rief gebieterisch zum Kutschenfenster hinaus: »Du Rotzlöffel! bring die
+Beeren her, ich will dir ein paar Kopeken zu Weißbrot dafür geben!« Der
+königliche Hüterknabe that, als ob er nichts hörte, und auch nicht
+glaubte, daß ihm der Befehl gelte, so daß die Frau ein zweites und ein
+drittes Mal rufen mußte, was aber auch nur in den Wind gesprochen war.
+Da rief sie dem Lakaien hinter der Kutsche zu: »Geh und ohrfeige diesen
+Rotzlöffel, damit er gehorcht.« Der Lakai stürzte hin, um den
+erhaltenen Befehl auszuführen. Noch ehe er ankam, war der Hüterknabe
+aufgesprungen, hatte einen tüchtigen Knüppel ergriffen, und schrie dem
+Lakai zu: »Wenn dich nicht nach einem blutigen Kopf gelüstet, so thue
+keinen Schritt weiter, oder ich zerschlage dir das Gesicht!« Der Lakai
+ging zurück, und meldete, was ihm begegnet war. Da rief die Dame zornig:
+»Schlingel! willst du dich vor dem Rotzlöffel von Jungen fürchten? Geh
+und nimm ihm den Korb mit Gewalt weg, ich will ihm zeigen, wer ich bin,
+und werde auch noch seine Eltern bestrafen lassen, die ihn nicht besser
+zu erziehen verstanden.« -- »Hoho!« rief der Hüterknabe, der den Befehl
+gehört hatte, »so lange noch Leben in meinen Gliedern sich regt, soll
+Niemand mir mit Gewalt nehmen, was mein rechtmäßiges Eigenthum ist. Ich
+stampfe Jeden zu Brei, der mir meine Erdbeeren rauben will!« So
+sprechend spuckte er in die Hand, und schwang den Knüppel um den Kopf,
+daß es sauste. Als der Lakai das sah, hatte er nicht die geringste Lust,
+die Sache zu probiren; die Frau aber fuhr unter schweren Drohungen
+davon, versichernd, daß sie diesen Schimpf nicht ungeahndet lassen
+werde. Andere Hüterknaben, welche den Vorfall von Weitem mit angesehen
+und angehört hatten, erzählten ihn am Abend ihren Hausgenossen. Da
+geriethen Alle in Furcht, daß man auch ihnen zu nahe thun könnte, wenn
+die vornehme Frau sich vor Gericht über die thörichte Widerspenstigkeit
+des Burschen beklagte, und es zur Untersuchung käme. Den Königssohn
+schalt sein Wirth und sagte: »Ich werde nicht für dich sprechen; was du
+dir eingebrockt hast, kannst du auch ausessen.« Der Königssohn
+erwiederte: »Damit will ich schon zurecht kommen, das ist meine Sache.
+Gott hat mir selber einen Mund in den Kopf, und eine Zunge in den Mund
+gesetzt, ich kann selber für mich sprechen, wenn es noth thut, und werde
+euch nicht bitten, mein Fürsprecher zu sein. Hätte die Frau auf
+geziemende Weise die Erdbeeren verlangt, ich hätte sie ihr gegeben, aber
+wie durfte sie mich Rotzlöffel schimpfen? Meine Nase ist noch immer eben
+so rein von Rotz gewesen wie die ihrige.«
+
+Die Frau war in die Stadt des Königs gefahren, wo sie nichts Eiligeres
+zu thun hatte, als sich bei Gericht über das unverschämte Benehmen des
+Hüterknaben zu beschweren. Man schritt auch ungesäumt zur Untersuchung,
+und es wurde Befehl gegeben, das Bürschlein sammt seinem Wirthe vor's
+Gericht zu bringen. Als die Gerichtsdiener in's Dorf kamen, um den
+Befehl auszuführen, sagte der Königssohn: »Mein Wirth hat mit dieser
+Sache nichts zu schaffen; was ich gethan habe, das muß ich auch
+verantworten.« Jetzt wollte man ihm die Hände auf den Rücken binden, und
+ihn als Gefangenen vor Gericht führen, aber er zog ein scharfes Messer
+aus der Tasche, trat rasch einige Schritte zurück, richtete die Spitze
+des Messers auf sein Herz, und rief aus: »Lebend soll mich Niemand
+binden! Ehe eure Hand mich bindet, stoße ich mir das Messer in's Herz!
+Meinen Leichnam mögt ihr dann binden, und damit machen, was ihr wollt;
+so lange ich noch Athem habe, soll kein Mensch mir einen Strick oder
+eine Fessel anlegen! Vor Gericht will ich gern erscheinen, und Auskunft
+geben, als Gefangenen lasse ich mich nicht fortführen.« Seine Kühnheit
+setzte die Gerichtsdiener dermaßen in Schrecken, daß sie nicht wagten,
+ihm nahe zu kommen; sie fürchteten, es möchte ihnen zur Last fallen,
+wenn der Knabe in seinem Trotze sich umbrächte. Und da er ihnen
+gutwillig folgen wollte, so mußten sie sich zufrieden geben. Unterwegs
+wunderten sich die Gerichtsdiener täglich mehr über den Verstand und die
+Klugheit ihres Gefangenen, denn dieser wußte in allen Dingen besser
+Bescheid als sie selber. Noch viel größer war die Verwunderung der
+Richter, als sie den Hergang der Sache aus dem Munde des Knaben
+vernahmen; er sprach so klar und bündig, daß man ihm Recht geben und ihn
+von aller Schuld frei sprechen mußte. Auch der König, an den sich die
+vornehme Frau jetzt wandte, und der sich auf ihre Bitten die ganze Sache
+auseinander setzen ließ, mußte den Richtern beistimmen, und den Burschen
+straflos lassen. Jetzt wollte die vornehme Frau bersten vor Zorn, sie
+geberdete sich wie eine Katze, die wüthend auf einen Hund schnaubt, so
+ein Rotzlöffel von Bauerjungen sollte ihr gegenüber Recht behalten! Sie
+klagte ihre Noth der Königin, von der sie wußte, daß sie ungleich härter
+war als der König. »Mein Gemahl,« sagte die Königin, »ist eine alte
+Nachtmütze, und seine Richter sind all' zusammen Schafsköpfe! Schade,
+daß ihr eure Sache vor Gericht brachtet, und nicht lieber gleich zu mir
+kamt; ich hätte euren Handel anders geschlichtet und euch Recht gegeben.
+Jetzt, da die Sache durchs Gericht entschieden und vom Könige bestätigt
+ist, bin ich nicht mehr im Stande, der Sache öffentlich eine bessere
+Wendung zu geben, aber wir müssen sehen, wie wir ohne Aufsehen über den
+Burschen eine Züchtigung verhängen können.« Da fiel es der Frau zur
+rechten Zeit ein, daß auf ihrem Gebiete eine sehr böse Bauerwirthin
+angesessen war, bei der kein Knecht mehr bleiben wollte; auch gab der
+Wirth selber zu, daß es bei ihnen ärger hergehe als in der Hölle. Wenn
+man das naseweise Bürschlein auf diesen Hof als Hüterknaben geben
+könnte, so würde ihm das gewiß eine schwerere Züchtigung sein, als
+irgend ein Richterspruch ihm zuerkennen könnte. »Ich will die Sache
+gleich so einrichten, wie ihr wünscht,« sagte die Königin, ließ einen
+zuverlässigen Diener rufen, und gab ihm an, was er zu thun habe. Hätte
+ihre Seele geahndet, daß der Hüterknabe der von ihr verstoßene
+Königssohn sei, so hätte sie ihn ohne weiteres tödten lassen, ohne sich
+um König oder Richterspruch zu kümmern.
+
+Der Bauerwirth hatte kaum den Befehl der Königin erhalten, als er auch
+den Hüterknaben seines Dienstes entließ. Er dankte seinem Glücke, daß er
+noch so leichten Kaufes davon gekommen war. Der Königin Diener führte
+nun den Burschen selber auf den Bauerhof, auf welchen sie ihn wider
+seinen Willen verdungen hatte. Die tückische Wirthin jauchzte auf vor
+Freude, daß die Königin ihr einen Hüterknaben geschafft, und ihr
+zugleich frei gestellt hatte, mit ihm zu machen was sie wollte, weil das
+Bürschlein sehr halsstarrig und in Gutem nicht zu lenken sei. Sie kannte
+des neuen Mühlsteins Härte noch nicht, und hoffte, in ihrer alten Weise
+mit ihm zu mahlen. Bald aber sollte das höllische Weib inne werden, daß
+ihr dieser Zaun denn doch zu hoch war, um hinüber zu kommen, sintemal
+das Bürschlein einen gar zähen Sinn hatte, und kein Haar breit von
+seinem Rechte vergab. Wenn ihm die Wirthin ohne Grund ein böses Wort
+gab, so erhielt sie deren gleich ein Dutzend zurück; wenn sie die Hand
+gegen den Knaben aufhob, so raffte dieser einen Stein oder ein
+Holzscheit, oder was ihm gerade zur Hand war, auf und rief: »Wage es
+nicht, einen Schritt näher zu kommen, oder ich schlage dir das Gesicht
+entzwei, und stampfe deinen Leib zu Brei!« Solche Reden hatte die
+Hausfrau in ihrem Leben noch von Niemanden, am wenigsten aber von ihren
+Knechten gehört; der Wirth aber freute sich im Stillen, wenn er ihren
+Hader mit anhörte, und stand auch seiner Frau nicht bei, da der Knabe
+seine Pflicht nicht versäumte. Die Wirthin suchte nun den Hüterknaben
+durch Hunger zu zähmen, und weigerte ihm die Nahrung, aber der Knabe
+nahm das Laib mit Gewalt, wo er es fand, und melkte sich dazu Milch von
+der Kuh, so daß sein Magen kein Nagen des Hungers verspürte. Je weniger
+die Wirthin mit dem Hüterknaben fertig werden konnte, desto mehr suchte
+sie ihr Müthchen am Manne und dem Gesinde zu kühlen. Als der Königssohn
+sich dieses heillose Leben, das einen Tag wie den andern war, einige
+Wochen lang mit angesehen hatte, beschloß er, der Wirthin alle ihre
+Schlechtigkeit heimzuzahlen, und zwar in der Weise, daß die Welt den
+Drachen gänzlich los würde. Um seinen Vorsatz auszuführen, fing er ein
+Dutzend Wölfe ein, und sperrte sie in eine Höhle, wo er ihnen alle Tage
+ein Thier von seiner Herde vorwarf, damit sie nicht verhungerten. Wer
+vermöchte der Wirthin Wuth zu beschreiben, als sie ihr Eigenthum dahin
+schwinden sah, denn der Knabe brachte alle Abende ein Stück Vieh weniger
+nach Hause, als er am Morgen auf die Weide getrieben hatte, und
+antwortete auf alle Fragen nichts weiter als: »Die Wölfe haben's
+zerrissen!« Die Wirthin schrie wie eine Rasende, und drohte, das
+Bürschlein den wilden Thieren zum Fraß vorzuwerfen, aber der Knabe
+entgegnete lachend: »Da wird ihnen dein wüthiges Fleisch besser munden!«
+Darauf ließ er seine Wölfe in der Höhle drei Tage lang ohne Futter,
+trieb dann in der Nacht, als Alles schlief, die Herde aus dem Stalle und
+statt derselben die zwölf Wölfe hinein, worauf er die Thür fest
+verschloß, so daß die wilden Bestien nicht heraus konnten. Als die Sache
+soweit in Ordnung war, machte er sich auf die Socken, da ihm der
+Hirtendienst schon längst zuwider geworden war, und er jetzt auch Kraft
+genug in sich fühlte, um größere Arbeiten zu unternehmen.
+
+O du liebe Zeit! was begab sich da am Morgen, als die Wirthin in den
+Stall ging, um die Thiere herauszulassen und die Kühe zu melken. Die vom
+Hunger wüthend gewordenen Wölfe sprangen auf sie los, rissen sie nieder
+und verschlangen sie sammt ihren Kleidern mit Haut und Haar, so daß
+nichts weiter von ihr übrig blieb, als Zunge und Herz, diese beiden
+taugten nicht einmal den wilden Bestien, weil sie zu giftig waren. Weder
+Wirth noch Gesinde betrübten sich über dieses Unglück, vielmehr war
+Jeder dem Geschicke dankbar, das ihn von dem Höllenweibe befreit hatte.
+
+Der Königssohn hatte einige Jahre die Welt durchstreift, und bald dies
+bald jenes Gewerbe versucht, er hielt aber an keinem Orte lange aus,
+weil ihn die Erinnerungen seiner Kindheit, die ihm wie lebhafte Träume
+vorschwebten, stets daran mahnten, daß er durch seine Geburt einem
+höheren Stande angehöre. Von Zeit zu Zeit traf er wieder mit dem alten
+Manne zusammen, der ihn schon damals in's Auge gefaßt hatte, als er noch
+Hüterknabe war. Als der Königssohn achtzehn Jahr alt war, trat er bei
+einem Gärtner in Dienst, um die Gärtnerei zu erlernen. Gerade zu der
+Zeit ereignete sich etwas, was seinem Leben eine andere Wendung geben
+sollte. Die ruchlose Alte, welche ihn auf Befehl der Königin geraubt und
+als Pflegkind in das Waldgehöft gebracht hatte, beichtete auf ihrem
+Todbette dem Geistlichen den von ihr verübten Frevel, denn ihre unter
+der Last der Sünde seufzende Seele fand nicht eher Ruhe, als bis sie die
+böse That aufgedeckt hatte. Sie nannte auch den Bauerhof, auf welchen
+sie das Kind gebracht hatte, konnte aber nichts weiter darüber sagen, ob
+das Kind am Leben geblieben oder gestorben sei. Der Geistliche machte
+sich eilig auf, dem Könige die Freudenbotschaft zu bringen, daß eine
+Spur seines verschwundenen Sohnes gefunden sei. Der König verrieth
+Niemanden, was er erfahren, ließ augenblicklich ein Pferd satteln und
+machte sich mit drei treuen Dienern auf den Weg. Nach einigen Tagen
+erreichten sie das Waldgehöft; Wirth und Wirthin bekannten der Wahrheit
+gemäß, daß ihnen vor so und so langer Zeit ein Kind männlichen
+Geschlechts als Pflegling übergeben worden, und daß sie gleichzeitig
+hundert Rubel für das Aufziehen desselben erhalten hatten. Daraus hatten
+sie freilich gleich geschlossen, daß das Kind von vornehmer Geburt sein
+könne, aber das sei ihnen niemals in den Sinn gekommen, daß das Kind von
+königlichem Geblüte sei, vielmehr hätten sie immer nur ihren Spaß daran
+gehabt, wenn das Kind sich selbst einen Königssohn genannt hätte. Darauf
+führte der Wirth selbst den König in das Dorf, wohin er den Knaben als
+Hirtenjungen gebracht hatte, wiewohl nicht aus eigenem Antriebe, sondern
+auf Verlangen des Knaben, der an dem einsamen Orte nicht länger hatte
+leben mögen. Wie erschrack der Wirth, und noch mehr der König, als sich
+in dem Dorfe der Knabe, der zum Jüngling herangewachsen sein mußte,
+nicht fand, und man auch keine nähere Auskunft über ihn erhalten konnte.
+Die Leute wußten nur soviel zu sagen, daß der Knabe auf die Klage einer
+vornehmen Dame vor Gericht gestellt, von diesem aber freigesprochen und
+losgelassen worden sei. Später aber sei ein Diener der Königin
+erschienen, der den Knaben fortgeführt und in einem andern Gebiete in
+Dienst gegeben habe. Der König eilte dahin, und fand auch das Gesinde,
+in welchem sein Sohn eine kurze Zeit gewesen war, darnach aber war er
+entflohen, und man hatte nichts weiter von ihm gehört. Wie sollte man
+jetzt aufs Geratewohl weiter suchen, und wer war im Stande, den rechten
+Weg zu weisen?
+
+Während der König noch voller Kümmerniß war, daß sich hier alle Spuren
+verloren, trat ein alter Mann vor ihn hin -- derselbe, der schon mehrere
+Mal mit dem Königssohne zusammen getroffen war -- und sagte, er sei
+einem jungen Manne, wie man ihn suche, dann und wann begegnet, und habe
+ihn anfangs als Hirten und später in mancherlei anderen Handthierungen
+gesehen; und er hoffe, die Spur des Verschwundenen zu finden. Der König
+sicherte dem Alten reiche Belohnung, wenn er ihn auf die Spur des Sohnes
+bringen könne, befahl einem der Diener, vom Pferde zu steigen, und hieß
+den Alten aufsitzen, damit sie rascher vorwärts kamen. Dieser aber
+sagte lächelnd: »So viel wie eure Pferde laufen können, leisten meine
+Beine auch noch; sie haben ein größeres Stück Welt durchwandert, als
+irgend ein Pferd.« Nach einer Woche kamen sie wirklich dem Königssohne
+auf die Spur, und fanden ihn auf einem stattlichen Herrenhofe, wo er,
+wie oben erzählt, die Gärtnerei erlernte. Grenzenlos war des Königs
+Freude, als er seinen Sohn wieder fand, den er schon so manches Jahr als
+todt beweint hatte. Freudenthränen rannen von seinen Wangen, als er den
+Sohn umarmte, ihn an seine Brust drückte und küßte. Doch sollte er aus
+des Sohnes Munde eine Nachricht vernehmen, welche ihm die Freude des
+Wiederfindens schmälerte und ihn in neue Betrübniß versetzte. Der
+Gärtner hatte eine junge blühende Tochter, welche scheuer war als alle
+Blumen in dem prachtvollen Garten, und so fromm und schuldlos wie ein
+Engel. Diesem Mädchen hatte der Königssohn sein Herz geschenkt, und er
+gestand seinem Vater ganz offen, daß er nie eine Dame von edlerer
+Herkunft freien, sondern die Gärtnerstochter zu seiner Gemahlin machen
+wolle, sollte er auch sein Königreich aufgeben müssen. »Komm nur erst
+nach Hause,« sagte der König, »dann wollen wir die Sache schon in
+Ordnung bringen.« Da bat sich der Sohn von seinem Vater einen kostbaren
+goldenen Ring aus, steckte ihn vor Aller Augen der Jungfrau an den
+Finger und sagte: »Mit diesem Ringe verlobe ich mich dir, und über kurz
+oder lang komme ich wieder, um als Bräutigam dich heim zu führen.« Der
+König aber sagte: »Nein, nicht so --auf andere Weise soll die Sache vor
+sich gehen!« -- zog den Ring wieder vom Finger des Mädchens und hieb
+ihn mit seinem Schwerte in zwei Stücke. Die eine Hälfte gab er seinem
+Sohne, die andere der Gärtnerstochter, und sagte: »Hat Gott euch für
+einander geschaffen, so werden die beiden Hälften des Ringes zu rechter
+Zeit von selbst ineinander schmelzen, so daß kein Auge die Stellen wird
+entdecken können, wo der Ring durchgehauen war. Jetzt bewahre Jeder von
+euch seine Hälfte, bis die Zeit erfüllt sein wird.«
+
+Die Königin wollte vor Wuth bersten, als ihr Stiefsohn, den sie für
+immer verschollen glaubte, plötzlich zurück kehrte, und zwar als
+rechtmäßiger Thronerbe, da dem Könige aus seiner zweiten Ehe nur zwei
+Töchter geboren waren. Als nach einigen Jahren des Königs Augen sich
+geschlossen hatten, wurde sein Sohn zum König erhoben. Wiewohl ihm die
+Stiefmutter schweres Unrecht zugefügt hatte, wollte er doch nicht Böses
+mit Bösem vergelten, sondern überließ die Strafe dem Gerichte Gottes. Da
+nun die Stiefmutter keine Hoffnung mehr hatte, eine ihrer Töchter
+vermittelst eines Schwiegersohnes auf den Thron zu bringen, so wollte
+sie wenigstens eine fürstliche Jungfrau aus ihrer eigenen Sippschaft dem
+Könige vermählen, aber dieser entgegnete kurz: »Ich will nicht! ich habe
+meine Braut längst gewählt.« Als die verwittwete Königin dann erfuhr,
+daß der junge König ein Mädchen von niederer Herkunft zu freien gedenke,
+stachelte sie die höchsten Räthe des Reichs auf, sich einmüthig dagegen
+zu stemmen. Aber der König blieb fest und gab nicht nach. Nachdem man
+lange hin und her gestritten hatte, gab der König schließlich den
+Bescheid: »Wir wollen ein großes Fest geben und dazu alle Königstöchter
+und die andern vornehmen Jungfrauen einladen, so viel ihrer sind, und
+wenn ich eine unter ihnen finde, welche meine erwählte Braut an
+Schönheit und Züchten übertrifft, so will ich sie freien. Ist das aber
+nicht der Fall, so wird meine erwählte auch meine Gemahlin.«
+
+Jetzt wurde im Königsschloß ein prächtiges Freudenfest hergerichtet,
+welches zwei Wochen dauern sollte, damit der König Zeit hätte, die
+Jungfrauen zu mustern, ob eine derselben den Vorzug vor der
+Gärtnerstochter verdiene. Alle fürstlichen Frauen der Umgegend waren mit
+ihren Töchtern zum Feste gebeten, und da der Zweck der Einladung
+allgemein bekannt war, hoffte jedes Mädchen, daß ihr das Glücksloos
+zufallen werde. Schon näherte sich das Fest seinem Ende, aber noch immer
+hatte der junge König Keine gefunden, die nach seinem Sinne war. Am
+letzten Tage des Festes erschienen in der Frühe die höchsten Räthe des
+Reichs wieder vor dem Könige und sagten --auf Eingebung der
+Königin-Wittwe -- wenn der König nicht bis zum Abend eine Wahl getroffen
+habe, so könne ein Aufstand ausbrechen, weil alle Unterthanen wünschten,
+daß der König sich vermähle. Der König erwiederte: »Ich werde dem
+Wunsche meiner Unterthanen nachkommen und mich heute Abend erklären.«
+Dann schickte er ohne Vorwissen der Andern einen zuverlässigen Diener
+zur Gärtnerstochter, mit dem Auftrage, sie heimlich herzubringen, und
+hier bis zum Abend versteckt zu halten. Als nun am Abend des Königs
+Schloß von Lichtern strahlte, und alle fürstlichen Jungfrauen in ihrem
+Feststaat den Augenblick erwarteten, der ihnen Glück oder Unglück
+bringen sollte, trat der König mit einer jungen Dame in den Saal, deren
+Antlitz so verhüllt war, daß kaum die Nasenspitze heraus sah. Was Allen
+aber gleich auffiel, war der schlichte Anzug der Fremden: sie war in
+weißes feines Leinen gekleidet, und weder Seide, noch Sammet, noch Gold
+war an ihr zu finden, während alle Andern von Kopf bis zu Fuß in Sammet
+und Seide gehüllt waren. Einige verzogen spöttisch den Mund, andere
+rümpften unwillig die Nase, der König aber that, als bemerkte er es
+nicht, löste die Kopfhülle der Jungfrau, trat dann mit ihr vor die
+verwittwete Königin und sagte: »Hier ist meine erwählte Braut, die ich
+zur Gemahlin nehmen will, und ich lade euch und Alle, die hier
+versammelt sind, zu meiner Hochzeit ein.« Die verwittwete Königin rief
+zornig aus: »Was kann man auch Besseres erwarten von einem Manne, der
+bei der Herde aufgewachsen ist! Wenn ihr da wieder hin wollt, dann nehmt
+die Magd nur mit, die wohl verstehen mag, Schweine zu füttern, sich aber
+nicht zur Gemahlin eines Königs eignet -- eine solche Bauerdirne kann
+den Thron eines Königs nur verunehren!« Diese Worte weckten des Königs
+Zorn, und streng entgegnete er: »Ich bin König und kann thun, was ich
+will; aber wehe euch, daß ihr mir jetzt meinen früheren Hirtenstand in's
+Gedächtniß zurückriefet; damit habt ihr mich zugleich daran erinnert,
+wer mich in diesen Stand verstoßen. Indeß, da kein vernünftiger Mensch
+die Katze im Sacke kauft, will ich noch vor meiner Trauung Allen
+deutlich machen, daß ich nirgends eine bessere Gemahlin hätte finden
+können, als gerade dieses Mädchen, das fromm und rein ist wie ein Engel
+vom Himmel.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und kam bald
+darauf mit eben dem Alten zurück, den er von seinem Hirtenstande her
+kannte, und der den König später auf die Spur seines Sohnes gebracht
+hatte. Dieser Alte war ein berühmter Zauberer Finnlands, der sich auf
+viele geheime Künste verstand. Der König sprach zu ihm: »Liebster
+Zauberer! offenbaret uns durch eure Kunst das innere Wesen der hier
+anwesenden Jungfrauen, damit wir erkennen, welche unter ihnen die
+würdigste ist, meine Gemahlin zu werden.« Der Zauberer nahm eine Flasche
+mit Wein, besprach ihn, bat die Jungfrauen, in der Mitte des Saales
+zusammenzutreten, und besprengte dann den Kopf einer Jeden mit ein paar
+Tropfen des Zauberweins, worauf sie Alle stehenden Fußes einschliefen. O
+über das Wunder, welches sich jetzt aufthat! Nach kurzer Zeit sah man
+sie sämmtlich verwandelt, so daß keine mehr ihre menschliche Gestalt
+hatte, sondern statt ihrer allerlei wilde und gezähmte Thiere
+erschienen, einige waren in Schlangen, Wölfe, Baren, Kröten, Schweine,
+Katzen, andere wieder in Habichte und sonstige Raubvögel verwandelt.
+Mitten unter allen diesen Thiergestalten aber war ein herrlicher
+Rosenstock gewachsen, der mit Blüthen bedeckt war, und auf dessen
+Zweigen zwei Tauben saßen. Das war die vom Könige zur Gemahlin erwählte
+Gärtnerstochter. Darauf sagte der König: »Jetzt haben wir einer
+Jeglichen Kern gesehen, und ich lasse mich nicht durch die glänzende
+Schale blenden!« Die Königin-Wittwe wollte vor Zorn bersten, aber was
+konnte es ihr helfen, da die Sache so klar da lag. Darauf räucherte der
+Zauberer mit Zauberkräutern, bis alle Jungfrauen aus dem Schlafe
+erwachten, und wieder Menschengestalt erhielten. Der König erfaßte die
+aus dem Rosenstrauche hervorgegangene Geliebte, und fragte nach ihrem
+halben Ringe, und als die Jungfrau ihn aus dem Busen nahm, zog auch er
+seinen halben Ring hervor, und legte beide Hälften auf seine Handfläche;
+augenblicklich verschmolzen sie mit einander, so daß kein Auge einen Riß
+oder irgend ein Merkmal der Stellen entdeckte, wo die Schneide des
+Schwertes den Ring einst getrennt hatte. »Jetzt ist auch meines
+heimgegangenen Vaters Wille in Erfüllung gegangen!« sagte der junge
+König, und ließ sich noch an demselben Abend mit der Gärtnerstochter
+trauen. Dann lud er alle Anwesende zum Hochzeitsschmaus, aber die
+fürstlichen Jungfrauen hatten erfahren, welches Wunder sich während
+ihres Schlafes mit ihnen begeben, und gingen voller Scham nach Hause. Um
+so größer war der Unterthanen Freude, daß ihre Königin von Innen und von
+Außen ein untadelhaftes Menschenbild war.
+
+Als das Hochzeitsfest zu Ende war, ließ der junge König eines Tages
+sämmtliche Oberrichter des Reiches versammeln und fragte sie, welche
+Strafe ein Frevler verdiene, der einen Königssohn heimlich habe
+wegstehlen, und in einem Bauerhofe als Hüterknaben aufziehen lassen, und
+der außerdem noch den Jüngling schnöde gelästert habe, nachdem ihn das
+Glück seinem früheren Stande zurückgegeben. Sämmtliche Richter
+erwiederten wie aus einem Munde: »Ein solcher Frevler muß den Tod am
+Galgen erleiden.« Darauf sagte der König: »Nun wohl! Rufet die
+verwittwete Königin vor Gericht!« Die Königin-Wittwe wurde gerufen und
+das gefällte Urtheil ihr verkündet. Als sie es hörte, wurde sie bleich
+wie eine getünchte Wand, warf sich vor dem jungen Könige auf die Knie
+und bat um Gnade. Der König sagte: »Ich schenke euch das Leben, und
+hätte euch niemals vor Gericht gestellt, wenn es euch nicht eingefallen
+wäre, mich noch hinterher mit eben dem Leiden zu schmähen, welches ich
+durch euren Frevel habe erdulden müssen; in meinem Königreiche aber ist
+eures Bleibens nicht mehr. Packet noch heute eure Sachen zusammen, um
+vor Sonnenuntergang meine Stadt zu verlassen. Diener werden euch bis
+über die Grenze begleiten. Hütet euch, jemals wieder den Fuß auf mein
+Gebiet zu setzen, da es Jedermann, auch dem Geringsten, frei steht, euch
+wie einen tollen Hund todt zu schlagen. Eure Töchter, die auch meines
+heimgegangenen Vaters Töchter sind, dürfen hier bleiben, weil ihre Seele
+rein ist von dem Frevel, den ihr an mir verübt habt.«
+
+Als die verwittwete Königin fortgebracht war, ließ der junge König in
+der Nähe seiner Stadt zwei hübsche Wohnhäuser aufbauen, von denen das
+eine den Eltern seiner Frau, und das andere dem Wirthe des Bauerhofs
+geschenkt wurde, der den hülflosen Königssohn liebevoll aufgezogen
+hatte. Der als Hüterknabe aufgewachsene Königssohn und seine aus
+niederem Geschlecht entsprossene Gemahlin lebten dann glücklich bis an
+ihr Ende, und regierten ihre Unterthanen so liebevoll wie Eltern ihre
+Kinder.
+
+
+
+
+23. Dudelsack-Tiidu.
+
+
+Es lebte einmal ein armer Käthner, den Gott mit Kindern reichlicher
+gesegnet hatte, als mit Brot. Töchter und Söhne wuchsen den Eltern zur
+Freude auf, und verdienten sich meist schon ihr Stück Brot bei Fremden
+--nur aus einem Sohne wollte nichts Rechtes werden. Ob der Bursche von
+Natur einfältig war, oder ob sonst ein Gebreste ihn drückte, oder ob er
+träges Blut unter den Nägeln hatte, das konnte Niemand mit Sicherheit
+sagen. Aber daß er faul und lotterig war und zu keinerlei Geschäft
+taugte, das mußten seine Eltern sowohl wie das ganze Dorf eingestehen.
+Es halfen auch weder gute Worte noch Ruthenstreiche, vielmehr wuchs die
+Faulheit des Burschen, je älter er wurde. Im Winter hinter dem Ofen
+liegen und im Sommer unter einem Busche schlafen, war sein
+Haupt-Tagewerk, dazwischen pfiff er oder blies die Weidenflöte, daß es
+eine Lust war anzuhören. So saß er eines Tages wieder hinter einem
+Busche und blies mit den Vögeln um die Wette, als ein fremder alter Mann
+des Weges daher kam. Er fragte mit freundlicher Stimme: »Sage mir,
+Söhnchen! was für ein Gewerbe möchtest du denn einst treiben?« Der
+Bursche erwiderte: »Das Gewerbe wäre meine geringste Sorge, könnte ich
+nur ein reicher Mann werden, daß ich nicht nöthig hätte zu arbeiten, und
+unter anderer Leute Zuchtruthe zu stehen.« Der alte Mann lachte und
+sagte: »Der Plan wäre gar nicht übel, aber ich sehe nicht ein, woher dir
+Reichthum kommen soll, wenn du gar nicht arbeiten willst? Läuft doch die
+Maus einer schlafenden Katze nicht in den Rachen. Wer Geld und Gut
+erwerben will, der muß seine Glieder rühren, arbeiten und sich Mühe
+geben, sonst« -- Der Bursche fiel ihm in die Rede und bat: »Lassen wir
+diese Reden! das habe ich schon viele hundert Mal gehört, und es kommt
+mir vor, wie wenn man Wasser auf die Gans gießen wollte, denn aus mir
+kann doch nimmer ein Arbeiter werden.« Der alte Mann erwiederte milde:
+»Der Schöpfer hat dir eine Gabe verliehen, mit welcher du leicht das
+tägliche Brot und noch ein Stück Geld dazu verdienen könntest, wenn du
+dich auf's Dudelsackpfeifen legen würdest. Verschaffe dir einen guten
+Dudelsack, blase ihn eben so geschickt wie jetzt die Weidenflöte, und du
+findest Brot und Geld überall, wo fröhliche Menschen wohnen.« »Aber
+woher soll ich den Dudelsack nehmen?« fragte der junge Bursche. Der Alte
+erwiederte: »Verdiene dir Geld und kaufe dir dann einen Dudelsack. Für
+den Anfang kannst du die Weidenflöte blasen und auf dem Blatte pfeifen,
+auf beiden bist du schon ein kleiner Meister! Ich hoffe auch künftig
+noch mit dir zusammen zu treffen, dann wollen wir sehen, ob du meinen
+Rath benutzt hast, und welcher Gewinn dir aus meiner Belehrung erwachsen
+ist.« Damit trennte er sich von dem Burschen und ging seines Weges.
+_Tiidu_ -- so hieß der Bursche -- begann über des alten Mannes Rede
+nachzudenken, und je länger er sann, desto mehr mußte er dem Alten Recht
+geben. Er entschloß sich, den von dem Alten angegebenen Weg zum Glücke
+einzuschlagen; allein er verrieth Niemanden ein Wort von seinem
+Vorhaben, sondern ging eines Morgens vom Hause und -- kam nicht wieder.
+Den Eltern machte sein Scheiden keinen Kummer, der Vater dankte noch
+seinem Geschicke, daß er den faulen Sohn los geworden war, und hoffte,
+daß die Welt mit der Zeit dem Tiidu die faule Haut abstreifen und die
+Noth ihn zum ordentlichen Menschen erziehen würde.
+
+Tiidu strich einige Wochen von Dorf zu Dorf und von Gut zu Gut umher;
+überall nahmen die Leute ihn freundlich auf, und hörten gern zu, wenn er
+seine Weidenflöte blies, gaben ihm zu essen, und schenkten ihm auch
+manchmal einige Kopeken. Diese Kopeken sammelte der Bursche sorgfältig,
+bis er endlich soviel beisammen hatte, um sich einen guten Dudelsack
+kaufen zu können. Jetzt fing sein Glück an zu blühen, denn weit und
+breit war kein Dudelsackpfeifer zu finden, der so kunstgerecht und so
+taktmäßig zu blasen verstand. Tiidu's Dudelsack setzte alle Beine in
+Bewegung. Wo nur eine Hochzeit, ein Ernteschmaus, oder eine andere
+Lustbarkeit begangen wurde, da durfte der _Dudelsack-Tiidu_ nicht mehr
+fehlen. Nach einigen Jahren war er ein so berühmter Dudelsackpfeifer
+geworden, daß man ihn wie einen Zauberkundigen von einem Orte zum
+andern, oft viele Meilen weit, kommen ließ. So blies er einst auf einem
+Gute beim Ernteschmaus, wozu auch viele Gutsherren aus der Umgegend
+gekommen waren, um die Belustigung des Volkes mit anzusehen. Alle
+mußten einmüthig bekennen, daß ihnen in ihrem Leben noch kein
+geschickterer Dudelsackpfeifer vorgekommen war. Ein Gutsherr nach dem
+andern lud den Dudelsack-Tiidu zu sich, dann mußte er die Herrschaft
+durch sein Spiel ergötzen und erhielt dafür gute Kost und gutes Getränk,
+dazu noch Geld und mancherlei Geschenke. Einer der reichen Herren ließ
+ihn von Kopf zu Fuß neu kleiden, ein anderer schenkte ihm einen schönen
+Dudelsack mit messingener Röhre. Die Fräulein banden ihm seidene Bänder
+an den Hut, und die Frauen strickten ihm bunte Handschuhe. Jeder Andere
+wäre an Tiidu's Stelle mit diesem Glücke sehr zufrieden gewesen, aber
+seine Sehnsucht nach Reichthum ließ ihm keine Ruhe, sondern trieb ihn
+wie mit einer Feuergeißel immer weiter. Je mehr er einsah, daß der
+Dudelsack allein ihn nicht zum reichen Manne machen könne, desto stärker
+wurde seine Geldgier. Erzählungen, die im Munde des Volkes lebten,
+wußten viel zu berichten von dem Reichthume des Landes Kungla,[85] und
+Tiidu konnte das Tag und Nacht nicht aus dem Kopfe bringen. Wenn ich nur
+hinkommen könnte, dachte er, so würde ich schon den Weg zum Reichthum
+finden. Er wanderte nun am Strande hin, um vielleicht durch einen
+glücklichen Zufall ein Schiff oder ein Segelboot zu finden, das ihn über
+die See brächte. Endlich kam er in die Stadt Narwa, wo gerade viele
+fremde Kauffahrer im Hafen lagen. Einer derselben sollte nach einigen
+Tagen nach Land Kungla absegeln, und Tiidu suchte den Schiffer auf.
+Dieser wollte ihn mitnehmen, aber der geforderte Preis war dem kargen
+Dudelsackpfeifer zu hoch. Er suchte sich nun durch seinen Dudelsack bei
+dem Schiffsvolke einzuschmeicheln, und hoffte dadurch die Kosten der
+Fahrt zu verringern. Das Glück wollte, daß er einen jungen Matrosen
+fand, der ihm versprach, ihn heimlich hinter dem Rücken des Schiffers
+auf's Schiff zu bringen. In der letzten Nacht vor dem Abgange des
+Schiffes brachte der Matrose wirklich den Tiidu auf's Schiff und
+versteckte ihn in einem dunkeln Winkel zwischen Fässern, brachte ihm
+auch, ohne daß die Andern es merkten, Speise und Trank dahin, damit er
+in seinem Schlupfwinkel nicht Hunger leide. In der folgenden Nacht, als
+das Schiff schon auf hoher See war, und Tiidu's Freund auf dem Verdeck
+allein Wache hielt, holte er ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor, band
+ihm ein Tau um den Leib, befestigte das andere Ende des Taues am Schiffe
+und sagte: »Ich werde dich jetzt an dem Taue in's Meer lassen, und wenn
+man dir zu Hülfe eilt, so mußt du das Tau von deinem Leibe losschneiden
+und ihnen weiß machen, du seiest vom Hafen her dem Schiffe
+nachgeschwommen.« Obwohl dem Tiidu ein wenig bange wurde, hoffte er doch
+mit Hülfe des Taues sich eine Zeit lang über Wasser zu halten, da er ein
+guter Schwimmer war. Sobald er in's Wasser gelassen worden, weckte sein
+Freund die anderen Matrosen und zeigte ihnen die menschliche Gestalt,
+die schwimmend dem Schiffe folgte. Die Leute sperrten Mund und Augen
+auf, als sie das seltsame Abenteuer erblickten, und weckten auch den
+Schiffer, damit er sich die Sache ansehe. Dieser schlug dreimal das
+Kreuz und fragte dann den Schwimmer: »Bekenne wahrhaft, wer du bist,
+ein Geist oder ein sterblicher Mensch?« Der Schwimmer antwortete: »Ein
+armer sterblicher Mensch, dessen Kraft bald erschöpft sein wird, wenn
+ihr euch seiner nicht erbarmt.« Der Schiffer ließ nun ein Tau in's Meer
+werfen, um den Schwimmenden daran heraufzuziehen. Als Tiidu das Ende des
+Taues gefaßt hatte, schnitt er erst mit einem Messer das um seinen Leib
+geschlungene Tau entzwei und bat sodann, man möge ihn heraufziehen. Als
+es geschehen war, fragte ihn der Schiffer: »Sage, woher du kommst und
+wie du bis hierher gelangtest.« Dudelsack-Tiidu erwiederte: »Ich schwamm
+eurem Schiffe nach, als ihr aus dem Hafen abfuhrt, und hielt mich von
+Zeit zu Zeit, wenn die Kraft mir auszugehen drohte, am Steuer fest. So
+hoffte ich nach Land Kungla zu kommen, weil ich nicht so viel Geld
+hatte, als ihr für die Ueberfahrt verlangtet.« Des Jünglings wunderbare
+Kühnheit rührte des Schiffer's Herz, und freundlich sagte er: »Danke dem
+himmlischen Vater, der dein Leben so wunderbar beschützt hat! Ich will
+dich unentgeltlich nach Kungla bringen.« Dann befahl er, dem Tiidu
+trockene Kleider anzuziehen, und ihn in der Schiffskajüte zu betten,
+damit er sich von der Anstrengung der langen Schwimmfahrt erhole. Tiidu
+aber und sein Freund waren froh, daß ihre List so glücklich abgelaufen
+war.
+
+Am andern Morgen sah das Schiffsvolk auf den Tiidu wie auf ein Wunder,
+da er eine Strecke geschwommen war, wie es Keiner für möglich gehalten.
+Weiterhin machte ihnen sein schönes Dudelsackspiel große Freude, und
+der Schiffer gestand mehr als einmal, daß er noch nie einen so
+herrlichen Dudelsack gehört habe. Als das Schiff nach einigen Tagen in
+Land Kungla vor Anker gegangen war, verbreitete sich durch der
+Schiffsleute Mund mit Windesschnelle die Kunde von dem melodischen
+Fisch, den sie im Meere gefangen, und der Nacht und Tag dem Schiffe
+nachgeschwommen wäre. Natürlich durften Tiidu und sein Freund dieser
+Erzählung nicht widersprechen, da sie sich sonst selber in Gefahr
+gebracht hätten. Die wunderbare Mär verschaffte dem Tiidu an der fremden
+Küste viele Freunde, weil Jeder die wunderbare Schwimmfahrt aus seinem
+eigenen Munde hören wollte. Da mußte denn der Bursche aus der Noth eine
+Tugend machen, und den Leuten vorlügen, daß es puffte. Es wurde ihm mehr
+als ein Dienst angeboten, allein er lehnte alle ab, weil er fürchtete,
+als Lügner dazustehen, sobald sein Herr eine Probe seiner Schwimmkunst
+zu sehen wünschte. Lieber wollte er gerades Wegs in die Königsstadt
+gehen, wo weder er noch seine Schwimmkraft bekannt war, dort hoffte er
+am leichtesten einen Dienst zu finden, der ihn zum reichen Manne machte.
+Als er nach einigen Tagen ankam, schwindelte ihm der Kopf bei dem
+Anblicke der Pracht und Herrlichkeit, die überall verbreitet waren. Für
+zwei Augen war es schlechterdings unmöglich, das Alles ordentlich zu
+betrachten, dazu hätte er einiger Dutzend Augen bedurft. Je mehr er sich
+in die Anschauung dieses Glanzes und Reichthums vertiefte, desto
+kläglicher kam ihm seine eigene Armuth vor. Noch unerträglicher war es
+ihm, daß keiner von den stolzen Leuten seiner achtete, sondern daß man
+ihn wie einen Lump aus dem Wege stieß, als hätte er gar nicht das
+Recht, sich in den Strahlen von Gottes Sonne zu wärmen. -- Seinen
+Dudelsack wagte er gar nicht sehen zu lassen, denn er dachte mit Zagen:
+wer von diesen stolzen Leuten wird auf meinen armen Dudelsack hören! --
+So irrte er viele Tage in den Straßen der Stadt umher und trachtete nach
+einem Dienste, fand aber keinen, bei dem er hoffen konnte, in kurzer
+Zeit reich zu werden. Endlich, als er schon die Flügel hängen ließ, fand
+er einen Dienst im Hause eines reichen Kaufmannes, dessen Koch gerade
+einen Küchenjungen brauchte. Hier konnte nun Tiidu den Reichthum von
+Land Kungla gründlich kennen lernen, der in der That größer war, als man
+sich vorstellen konnte. Alle Geräthe für's tägliche Leben, die bei uns
+zu Lande aus Eisen, Kupfer, Zinn, Holz oder Lehm verfertigt werden,
+waren hier von reinem Silber oder Gold; in silbernen Grapen wurden die
+Speisen gekocht, in silbernen Pfannen wurden die Kuchen gebacken, und in
+goldenen Schalen und goldenen Schüsseln wurde aufgetragen. Selbst die
+Schweine fraßen nicht aus Trögen, sondern aus silbernen Kübeln. Man kann
+sich hiernach leicht denken, daß es dem Tiidu an nichts gebrach, er
+führte als Küchenjunge ein Herrenleben; aber sein habsüchtiges Gemüth
+hatte doch keine Ruhe. Unaufhörlich quälte ihn der eine Gedanke: was
+hilft mir all' der Reichthum, den ich vor Augen habe, wenn die Schätze
+nicht mein sind; mein Dienst als Küchenjunge kann mich doch niemals zum
+reichen Manne machen. Und doch betrug sein Monatslohn mehr als bei uns
+ein Jahreslohn, so daß er durch Ansammlung desselben nach Jahren, wenn
+nicht reich, doch wohlhabend geworden wäre.
+
+Er hatte schon ein Paar Jahre als Küchenjunge im Dienst gestanden, und
+ein gut Stück Geld zurückgelegt, aber das hatte seine Geldgier nur noch
+erhöht. Er war zugleich ein solcher Filz geworden, daß er sich keinen
+neuen Anzug besorgen mochte, doch mußte er es thun auf Geheiß des Herrn,
+der schlechte Kleider in seinem Hause nicht duldete. Als der Kaufherr
+dann einen großen Kindtaufschmaus gab, ließ er allen seinen Dienern auf
+seine Kosten schöne Anzüge machen. Den ersten Sonntag nach dieser
+Kindtaufe legte Tiidu seinen neuen stattlichen Anzug an, und ging zur
+Stadt hinaus in einen Lustgarten, in welchem sich an Sonntagen die
+Einwohner der Stadt zu ergehen pflegten. Als er eine Zeit lang unter den
+fremden Leuten gewandelt war, von denen er Niemand kannte, und Niemand
+ihn, traf sein Blick zufällig auf eine Gestalt, die ihm wie bekannt
+vorkam, obwohl er sich nicht darauf besinnen konnte, wo er den Mann
+früher gesehen habe. Während er sein Gedächtniß noch anstrengte, verlor
+sich der vermeintliche Bekannte in dem Gewühl. Tiidu strich hin und her,
+und spähte nach ihm aus, aber alles Suchen war umsonst. Erst gegen Abend
+sah er seinen Mann unter einer mächtigen Linde allein auf einer
+Rasenbank sitzen. Tiidu war im Zweifel, ob er hinzu treten oder warten
+sollte, bis der fremde Mann ihn erblicken und sich merken lassen würde,
+ob er ihn, den Tiidu, kenne oder nicht? Ein paar Mal hustete Tiidu, aber
+der fremde Mann beachtete es nicht, sondern heftete wie in tiefen
+Gedanken die Augen auf den Boden. Ich trete näher --dachte Tiidu -- und
+wecke ihn aus seinen Gedanken, dann wird es sich schon zeigen, ob wir
+einander kennen oder nicht. Sachte vorwärts gehend, hielt er den Blick
+scharf auf den fremden Mann gerichtet. Jetzt schlug dieser die Augen auf
+und es war klar, daß er ihn sogleich erkannte, denn er stand auf, ging
+auf Tiidu zu und reichte ihm zum Gruße die Hand, dann fragte er: »Wo
+hast du deinen Dudelsack gelassen?« Da erst überzeugte sich Tiidu, daß
+der Fragende derselbe alte Mann war, der ihm früher empfohlen hatte,
+Dudelsackpfeifer zu werden. Er ging nun mit dem Alten aus der Volksmenge
+heraus an einen abgelegenen Ort, und erzählte ihm seine bisherigen
+Erlebnisse. Der Alte runzelte die Stirn, schüttelte wiederholt den Kopf
+und sagte, als Tiidu seinen Bericht beendigt hatte: »Ein Thor bist du
+und ein Thor bleibst du! Was war das für ein verrückter Einfall, daß du
+den Dudelsack aufgabst und Küchenjunge wurdest? Mit dem Dudelsack
+hättest du hier in einem Tage mehr verdienen können, als durch deinen
+Dienst in einem halben Jahre. Eile nach Hause, hole deinen Dudelsack her
+und blase, so wirst du mit eigenen Augen sehen, daß ich die Wahrheit
+gesagt habe.« Tiidu sträubte sich freilich, weil er das Gespötte der
+stolzen Leute fürchtete, auch meinte er, er habe in der langen Zeit das
+Spielen verlernt. Aber der Alte ließ nicht ab, sondern setzte dem Tiidu
+so lange zu, bis er nach Hause ging und seinen Dudelsack herbrachte. Der
+Alte hatte so lange unter der Linde gesessen und gewartet; als Tiidu mit
+dem Dudelsack wieder kam, sagte er: »Setze dich neben mich auf die
+Rasenbank und fang' an zu blasen, dann wirst du schon sehen, wie sich
+die Leute um uns her versammeln werden.« Tiidu that es, wenn auch mit
+Widerstreben -- aber als er anfing zu spielen, kam es ihm vor, als wäre
+heute ein neuer Geist in den Dudelsack gefahren, denn noch niemals hatte
+er dem Instrumente einen so schönen Ton entlocken können. Bald sammelte
+sich eine dichte Menge um die Linde, angezogen von dem schönen Spiele.
+Je zahlreicher die Menge wurde, desto lieblicher ertönten die Weisen des
+Dudelsacks. Als die Leute eine Zeitlang zugehört hatten, nahm der Alte
+seinen Hut ab und trat unter sie, um die Gaben für den Spieler
+einzusammeln. Da wurden von allen Seiten Thaler, halbe Thaler und kleine
+Silbermünzen hineingeworfen, dann und wann fiel auch ein blinkendes
+Goldstück in den Hut. Tiidu spielte dann noch zum Danke manche schöne
+Weise auf, ehe er sich anschickte, nach Hause zu gehen. Als er durch den
+dichten Haufen schritt, hörte er vielfach sagen: »Kunstreicher Meister!
+komm nächsten Sonntag wieder, uns zu erfreuen!« --Als sie an's Thor
+gekommen waren, sagte der Alte: »Nun, was meinst du, ist die heutige
+Arbeit von ein paar Stunden nicht angenehmer, als die Handthierung eines
+Küchenjungen? -- Zum zweitenmale habe ich dir den Weg gezeigt, packe
+nun, wie ein vernünftiger Mann, den Ochsen bei beiden Hörnern, damit das
+Glück dir nicht wieder entschlüpfe! Meine Zeit erlaubt mir nicht, hier
+länger dein Führer zu sein, drum merke dir, was ich sage, und handle
+darnach. Jeden Sonntag Nachmittag setze dich mit deinem Dudelsack unter
+die Linde und blase, daß die Leute sich ergötzen. Kaufe dir aber einen
+Filzhut mit tiefem Boden, und stelle ihn zu deinen Füßen hin, damit die
+Hörer ihre Spenden hineinlegen können. Ruft man dich zu einem Feste, um
+den Dudelsack zu spielen, so bedinge niemals einen Preis, sondern
+versprich mit dem zufrieden zu sein, was man dir freiwillig geben werde.
+Du wirst so von den reichen Bürgern mehr erhalten, als du selbst gewagt
+hättest zu verlangen, und kommt es auch zuweilen vor, daß irgend ein
+Filz dir zu wenig giebt, so wird es dir durch die reichere Gabe der
+Uebrigen zehnfach ersetzt, und du hast noch den Vortheil, daß Niemand
+dich geldgierig nennen darf. Vor allen Dingen hüte dich vor dem Geiz! --
+Vielleicht treffen wir künftig noch einmal wieder zusammen, dann werde
+ich ja hören, wie du meiner Weisung nachgekommen bist. Für dies Mal Gott
+befohlen!« So schieden sie von einander.
+
+Dudelsack-Tiidu war sehr erfreut, als er zu Hause sein Geld zählte und
+fand, daß ihm das Spiel von einigen Stunden mehr eingebracht hatte, als
+sein Dienst in einem halben Jahre. Da dauerte ihn die falsch angewandte
+Zeit; doch konnte er seinen Dienst nicht sogleich verlassen, weil er
+erst einen Stellvertreter schaffen mußte. Nach einigen Tagen fand er
+einen solchen und wurde entlassen. Dann ließ er sich schöne farbige
+Kleider machen, band einen Gürtel mit silberner Schnalle um die Hüften,
+und ging den nächsten Sonntag Nachmittag unter die Linde, um den
+Dudelsack zu blasen. Es hatten sich noch viel mehr Leute eingefunden,
+als das erste Mal, denn das Gerücht von dem geschickten Dudelsackpfeifer
+hatte sich in der Stadt verbreitet, und Jedermann wünschte ihn zu hören.
+Als er am Abend sein Geld zählte, fand er fast doppelt so viel als am
+ersten Sonntage. Ebenso günstig war ihm das Glück fast jeden Sonntag, so
+daß er sich im Herbst eine Wohnung in einem stattlichen Gasthof miethen
+konnte. An den Abenden, wo die Bürger den Gasthof besuchten, wurde der
+geschickte Meister oft gebeten, die Gäste durch seinen Dudelsack zu
+ergötzen, wofür er dann doppelte Bezahlung erhielt, einmal vom Wirth,
+und sodann noch von den Gästen. Als der Wirth später sah, wie der
+Künstler jeden Abend immer mehr Gäste in's Haus zog, gab er ihm Kost und
+Wohnung frei. Gegen den Frühling ließ Tiidu an seinen Dudelsack silberne
+Röhren machen, die von innen und von außen vergoldet waren, so daß sie
+in der Sonne und am Feuer funkelten. Als es wieder Sommer wurde, kamen
+auch die Städter wieder zu ihrer Erholung in's Freie, und Sonntag für
+Sonntag spielte Tiidu und sah seinen Reichthum anwachsen. Da kam
+einstmals auch der König, um die Lustbarkeit des Volkes mit anzusehen,
+und hörte schon von fern das schöne Dudelsackspiel. Der König ließ den
+Spielenden zu sich rufen, und schenkte ihm einen Beutel voll Gold. Als
+die andern Großen das sahen, ließen sie einer nach dem andern den
+Dudelsackpfeifer in ihre Häuser kommen, wo er ihnen vorspielen mußte.
+Tiidu beobachtete pünktlich die Vorschrift des Alten, indem er sich nie
+einen Lohn ausbedang, sondern Jedem überließ, nach Gutbefinden zu geben,
+und es fand sich, daß er fast immer viel mehr erhielt, als er selber zu
+fordern gewagt hätte.
+
+Nach einigen Jahren war Dudelsack-Tiidu im Lande Kungla zum reichen
+Manne geworden, und beschloß nun, in seine Heimath zurückzukehren, um
+sich dort ein Gut zu kaufen, und das Blasen aufzugeben. Die Geschenke
+des Königs und der anderen hohen Herren hatten sein Vermögen
+beträchtlich vergrößert, und des alten Mannes Prophezeiung wahr
+gemacht. Er brauchte jetzt nicht mehr heimlich in einen Schiffswinkel zu
+kriechen, sondern war reich genug, um für sich allein ein Schiff zu
+miethen, das ihn mit allen seinen Schätzen in's Vaterland führen sollte.
+Er hatte sich, wie das im Lande Kungla üblich war, viele goldene und
+silberne Geräthe gekauft, welche jetzt in Kisten gepackt und an Bord
+gebracht wurden; wieder andere Kisten waren mit baarem Gelde angefüllt.
+Zuletzt bestieg der Herr dieser Schätze selbst das Schiff, und dieses
+segelte ab. Ein günstiger frischer Wind trieb sie bald auf die hohe See,
+wo nur Himmel und Wasser zu sehen waren. Zur Nacht aber drehte sich der
+Wind und trieb das Schiff gegen Süden. Von Stunde zu Stunde wuchs die
+Gewalt des Sturms, und der Schiffer konnte keinen festen Curs mehr
+halten, weil Wind und Wellen jetzt die einzigen Herren des Schiffes
+waren, nach deren Willen es sich bewegen mußte. Als das Schiff einen Tag
+und zwei Nächte auf diese Weise hin und hergeschleudert worden, krachte
+der Kiel gegen einen Felsen, und das Schiff begann zu sinken. Die Böte
+wurden in's Meer gelassen, damit die Menschen dem Tode entrinnen möchten
+-- allein was konnte gegen die tobenden Wellen Stand halten? Bald warf
+eine hohe Welle das kleine Boot um, in welchem Tiidu mit drei Matrosen
+saß, und das feuchte Bett umschloß die Männer. Zum Glück schwamm nicht
+weit von Tiidu eine Ruderbank; es gelang ihm, sie zu ergreifen und sich
+mit Hülfe derselben auf der Oberfläche zu halten. Als darauf der Wind
+sich legte und das Wetter sich aufklärte, sah er das Ufer, das gar nicht
+weit zu sein schien. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und suchte das
+Ufer zu erreichen, fand aber, daß es viel weiter entfernt war, als es
+den Anschein gehabt hatte. Auch hätte ihn die eigene Kraft nicht mehr
+an's Ziel gebracht, nur mit Hülfe der Brandung, die ihn vorwärts
+schleuderte, erreichte er endlich die Küste. Ganz erschöpft, mehr todt
+als lebendig, sank er auf das felsige Ufer und schlief ein. Wie lange
+sein Schlaf gedauert hatte, darüber konnte er sich keine Rechenschaft
+geben, er hatte aber die traumhafte Erinnerung, als habe jener alte Mann
+ihn besucht und ihm aus seinem Schlauche zu trinken gegeben, was ihn
+wunderbar gestärkt und ihm gleichsam neue Lebensgeister eingeflößt habe.
+Als er nach dem langen Schlafe vollends munter wurde, fand er sich
+allein auf dem bemoosten Felsen, und sah nun wohl, daß die Ankunft des
+Alten nur ein Traum gewesen war. Doch hatte der Schlaf ihn wieder so
+weit gestärkt, daß er sich ohne Mühe erheben und eine Wanderung antreten
+konnte, auf welcher er Menschen zu finden hoffte. Er ging eine Weile am
+Ufer entlang, und spähte nach einem Fußsteige oder sonst einer Spur, die
+zu Menschen leiten könnte. Aber soweit sein Auge reichte, war von
+Fußstapfen nichts zu entdecken. Moos, Sand und Rasen hatten ein so
+friedliches Ansehen, als ob noch niemals die Füße von Menschen oder
+Thieren darüber hin geschritten wären. Was jetzt beginnen? Er mochte
+überlegen, soviel er wollte, er wußte nichts Besseres, als der Nase nach
+weiter zu gehen, in der Hoffnung, daß ein glücklicher Zufall ihn einen
+Weg finden lasse, der zu Menschen führe. Eine halbe Meile weiter fand er
+schöne üppige Laubwälder, aber die Bäume hatten alle ein fremdartiges
+Ansehen, und nicht ein einziger war ihm bekannt. Im Walde fand er weder
+Fußtritte von Herden noch von Menschen, sondern je weiter er vordrang,
+desto dichter wurde der Wald, und das Weiterkommen wurde immer
+schwieriger. Er setzte sich nieder, um seinen müden Beinen Ruhe zu
+gönnen. Da wurde ihm plötzlich das Herz schwer, Wehmuth überfiel ihn und
+bittre Reue; zum ersten Male kam ihm der Gedanke, er habe unrecht gethan
+ohne Wissen und Willen der Eltern von zu Hause fortzulaufen, die
+Seinigen zu verlassen, und wie ein Landstreicher umher zu schweifen.
+»Wenn ich hier unter wilden Thieren umkomme,« -- schluchzte er -- »so
+wird mir der gebührende Lohn für meinen Leichtsinn. Meinen Schatz, der
+in's Meer sank, würde ich nicht bedauern -- wie gewonnen, so zerronnen!
+wenn mir nur der Dudelsack geblieben wäre, womit ich mein trauerndes
+Herz beschwichtigen und meine Sorgenlast erleichtern könnte!« Als er
+weiter schritt, erblickte er einen Apfelbaum mit seinem wohlbekannten
+Laube, und durch das Laub schimmerten große rothe Aepfel, welche seine
+Eßlust reizten. Er eilte hin und -- welch' ein Glück! noch nie hatte er
+schmackhafteres Obst gekostet. Er aß sich satt und legte sich dann unter
+den Apfelbaum zur Ruhe, indem er dachte: wenn es hier viele solche
+Apfelbäume giebt, so ist mir vor Hunger nicht bange. Als er erwachte,
+verzehrte er noch einige Aepfel, stopfte sich dann Taschen und Rockbusen
+voll und wanderte weiter. Das dunkle Waldesdickicht zwang ihn langsam zu
+gehen, und machte an vielen Stellen das Durchkommen schwierig, so daß
+die Nacht hereinbrach, ohne daß freies Feld oder Menschenspuren
+sichtbar wurden. Tiidu streckte sich auf das weiche Moos und schlief,
+als ob er auf den schönsten Kissen läge. Am andern Morgen frühstückte er
+einige Aepfel, und suchte dann mit frischer Kraft weiter vorzudringen,
+bis er nach einiger Zeit an eine Lichtung kam, die wie eine kleine Insel
+mitten im Walde lag. Ein kleiner Bach, der aus einer nahen Quelle
+entsprang, ergoß sein klares frisches Wasser über die Lichtung. Als
+Tiidu an den Rand des Baches kam, erblickte er zufällig im Wasser sein
+Bild, was ihn dermaßen erschreckte, daß er einige Schritte zurücksprang
+und an allen Gliedern zitterte wie Espenlaub. Aber auch Beherztere als
+er wären hier wohl erschrocken. Sein Bild im Wasserspiegel zeigte ihm
+nämlich, daß seine Nasenspitze wie der Fleischzapfen eines Puters aussah
+und bis zum Nabel reichte. Die tastende Hand bestätigte, was das Auge
+gesehen. Was jetzt beginnen? So konnte er schlechterdings nicht unter
+die Leute gehen, die ihn wohl gar wie ein wildes Thier todt geschlagen
+hätten. War es nun das Gefühl der Angst, was die Nase zusehends wachsen
+ließ, oder reckte sie sich wirklich immer weiter aus -- genug es war dem
+Eigenthümer der Nase so gräulich zu Muthe, als ob sie immer länger und
+länger würde, so daß er keinen Schritt thun konnte, ohne zu fürchten,
+seine Nase würde an die Beine stoßen. Er setzte sich nieder und beklagte
+sein Unglück bitterlich: »O wenn nur jetzt Niemand käme, und mich so
+fände! Lieber will ich im Walde verhungern, als mich mit einer so
+abscheulichen Nase zeigen.« Hätte er jetzt schon gewußt, was er später
+erfuhr, daß diese Waldinsel unbewohnt war, so hätte er sich darüber
+trösten können. Je mehr ihn aber jetzt sein Unglück verdroß, desto
+dicker schwoll seine Nase an, und desto bläulicher wurde sie, wie bei
+einem zornigen Puterhahn. Da sieht er nahebei an einem Strauche sehr
+schöne Nüsse, und es gelüstet ihn, sich damit zu laben; er pflückt eine
+Handvoll, beißt eine Nuß auf und findet einen süßen Kern in der Schale.
+Er verschluckt noch einige Kerne und bemerkt zu seinem Erstaunen, daß
+die scheußliche Länge seiner Nase sichtlich abnimmt. Nach kurzer Zeit
+erblickt er im Wasser seine Nasenspitze wieder an ihrer natürlichen
+Stelle, ja noch etwas höher über dem Munde, als sie vorher stand. Jetzt
+löste sich sein Kummer in Frohlocken auf, und er verfiel darauf, den
+wunderbaren Vorfall näher zu ergründen, um zu erfahren, was denn
+eigentlich seine Nase erst lang und dann wieder kurz gemacht habe.
+Sollten es die schönen Aepfel gewesen sein -- fragte er sich in
+Gedanken, nahm einen Apfel aus der Tasche, und begann davon zu essen.
+Sowie er ein Stück gekaut und verschluckt hat, nimmt er im Wasser
+deutlich wahr, wie die Nasenspitze sich zusehends in die Länge dehnt.
+Spaßes halber ißt er den Apfel ganz auf, und findet jetzt die Nase
+spannenlang; dann nimmt er einige Nußkerne, zerkaut und verschluckt sie,
+und sieh', o Wunder! die lange Nase schrumpft zusammen, bis sie auf ihr
+natürliches Maaß zurückgegangen ist. Jetzt wußte der Mann, woran er war.
+Er denkt: was ich für ein großes Unglück hielt, kann mir vielleicht noch
+Glück bringen, wenn ich wieder unter Menschen kommen sollte; pflückt
+eine Tasche voll Nüsse und eilt, in seine eigenen Fußstapfen tretend,
+zurück, um den Baum mit den nasenvergrößernden Aepfeln aufzusuchen. Da
+hier nun keine anderen Spuren liefen, als die, welche er selbst
+zurückgelassen hatte, fand er den Apfelbaum ohne Mühe wieder. Er schälte
+nun erst einige junge Bäume ab und machte sich aus der Rinde einen Korb,
+den er dann mit Aepfeln füllte. Da aber die Nacht schon hereinbrach,
+wollte er heute nicht weiter gehen, sondern hier sein Nachtlager halten.
+Wiederum hatte er das seltsame Traumgesicht, daß der wohlbekannte Alte
+ihm aus seinem Fäßchen zu trinken gab und ihm den Rath ertheilte, auf
+demselben Wege, den er gekommen, an den Strand zurückzugehen, wo er
+gewiß Hülfe finden würde. Zuletzt hatte der Alte gesagt: »Weil du deinen
+in's Meer gesunkenen Schatz nicht bedauert hast, sondern nur deinen
+Dudelsack, so will ich dir einen neuen zum Andenken verehren.« Am Morgen
+erinnerte er sich seines Traumes; aber wer vermöchte seine Freude und
+sein Glück zu beschreiben, als er den im Traum ihm verheißenen Dudelsack
+neben dem Korbe am Boden liegen sah. Tiidu nahm den Dudelsack und begann
+nach Herzenslust zu blasen, daß der Wald davon wiederhallte. Nachdem er
+sich satt gespielt hatte, nahm er den Weg unter die Füße und schlug die
+Richtung nach der See ein.
+
+Es war schon etwas über Mittag, als er die Küste erreichte, in deren
+Nähe er ein Schiff liegen sah, an welchem das Schiffsvolk eben
+Ausbesserungen vornahm. Die Leute wunderten sich, auf dieser Insel, die
+sie für unbewohnt gehalten, einen Menschen zu erblicken. Der Schiffer
+ließ ein Boot herunter, und schickte mit demselben zwei Männer an's
+Ufer. Tiidu erzählte ihnen sein Unglück, wie das Schiff untergegangen
+sei, und Gottes Gnade ihn wunderbarer Weise aus Todesgefahr errettet
+habe. Der Schiffer versprach ihn unentgeltlich mitzunehmen und nach Land
+Kungla zurückzubringen, wohin das Schiff bestimmt war. Unterwegs
+erfreute Tiidu den Schiffer und das Schifssvolk durch sein schönes
+Spiel; nach einigen Tagen hatten sie die Küste von Land Kungla erreicht.
+Mit nassen Augen dankte Tiidu dem Schiffer, der ihn erlöst hatte, und
+versprach, das Ueberfahrtsgeld redlich nachzuzahlen, sobald es ihm
+wieder gut gehe. Als er nach einigen Tagen wieder in des Königs Stadt
+angekommen war, spielte er gleich den ersten Abend öffentlich, und nahm
+dafür so viel Geld ein, daß er sich neue Kleider nach ausländischem
+Schnitt machen lassen konnte. Darauf that er einige rothe Aepfel in ein
+Körbchen und ging mit seiner Waare an das Thor des Königshauses, wo er
+sie am leichtesten los zu werden hoffte. Es dauerte auch nicht gar
+lange, so kam ein königlicher Diener, kaufte die schönen Aepfel,
+bezahlte mehr als gefordert war, und hieß den Verkäufer am nächsten Tage
+wiederkommen. Tiidu aber machte sich eilig davon, als ob er Feuer in der
+Tasche hätte, und dachte nicht daran, mit seiner Waare wiederzukommen,
+denn er wußte ja recht gut, daß der Genuß der Aepfel ein Wachsen der
+Nasen hervorbringen würde. Er ließ sich dann noch an demselben Tage
+einen andern Anzug machen, und kaufte sich einen langen schwarzen Bart,
+den er sich an's Kinn klebte; dadurch veränderte er sein Aussehen
+dermaßen, daß selbst seine nächsten Bekannten ihn nicht wieder erkannt
+hätten. Daraus nahm er in einem Wirthshause in einer entlegenen Vorstadt
+seine Wohnung und nannte sich einen ausländischen Zauberkünstler, der
+alle Gebrechen zu heilen wisse.
+
+Am andern Tage war die ganze Stadt voll Bestürzung über das Unglück,
+welches sich im Hause des Königs zugetragen hatte. Der König, seine
+Gemahlin und seine Kinder hatten gestern Aepfel genossen, die man von
+einem Fremden gekauft hatte, und waren darnach Alle erkrankt. Worin ihre
+Krankheit bestand, das wurde nicht verrathen. Alle Doctoren, Aerzte und
+Zauberkünstler der Stadt wurden zusammen gerufen, aber keiner konnte
+helfen, weil sie eine solche Krankheit noch niemals bei Menschen gesehen
+hatten. Später verlautete über die Krankheit, es sei ein Nasenübel. Als
+eines Tages alle Aerzte und Zauberkünstler zur Berathung versammelt
+waren, hielten einige es für nothwendig, die überflüssige Verlängerung
+der Nasen wegzuschneiden; aber der König und seine Familie wollten sich
+einer so schmerzhaften Kur nicht unterziehen. Da wurde gemeldet, daß bei
+einem Gastwirth in der Vorstadt ein ausländischer Zauberkünstler sich
+aufhalte, der alle Gebrechen heilen könne. Der König schickte sogleich
+seine mit vier Pferden bespannte Kutsche hin, und ließ den
+Zauberkünstler zu sich bescheiden. Tiidu hatte über die halbe Nacht
+daran gearbeitet, sich ganz unkenntlich zu machen, und es war ihm so gut
+gelungen, daß weder von dem Dudelsackpfeifer noch von dem
+Aepfelverkäufer eine Spur nachgeblieben war. Auch seine Ausdrucksweise
+war so gebrochen, daß er Manches erst mit den Fingern andeuten mußte,
+ehe die Andern daraus klug wurden. Als er zum Könige kam, besah er das
+seltsame Gebrechen, nannte es die Puterseuche, und versprach, es ohne
+Schneiden zu curiren. Dem Könige und seiner Gemahlin waren die Nasen
+schon über eine Elle lang gewachsen, und dehnten sich noch immer weiter.
+Dudelsack-Tiidu hatte feines Pulver von seinen Nüssen in eine kleine
+Dose gethan, gab jedem Kranken eine Messerspitze voll ein, und ordnete
+an, daß die Kranken sich in ein finsteres Gemach verfügten, wo sie sich
+zu Bette legen und in Kissen hüllen mußten, damit starker Schweiß
+erfolge, und den Krankheitsstoff zum Körper heraustreibe. Als sie nach
+einigen Stunden wieder an's Licht traten, hatten alle ihre vorigen Nasen
+wieder.
+
+Der König hätte in seiner Freude gern die Hälfte seines Königreiches für
+diese Cur hingegeben, die ihn und die Seinigen von der greulichen
+Nasenkrankheit befreit hatte. Allein durch die Noth, welche
+Dudelsack-Tiidu beim Schiffbruch erlebt hatte, war seine Geldgier
+schwächer geworden, und er verlangte nicht mehr, als hinreichte um sich
+ein Gut zu kaufen, auf welchem er seine Lebenstage friedlich zu
+beendigen wünschte. Der König ließ ihm jedoch eine dreimal größere Summe
+auszahlen, mit welcher Tiidu zum Hafen eilte und ein Schiff bestieg, das
+ihn in seine Heimath zurückbringen sollte. Vor seiner Abfahrt hatte er
+seinen falschen Bart abgenommen, und die fremdartigen Kleider mit
+anderen vertauscht. Dem Schiffer, der ihn von der wüsten Insel gerettet
+hatte, erstattete er das Geld, welches er ihm für die Ueberfahrt
+schuldete. Nachdem er an seiner heimischen Küste gelandet war, begab er
+sich nach seinem Geburtsorte, und fand seinen Vater, zwei Brüder und
+drei Schwestern noch am Leben; die Mutter und drei Brüder waren
+gestorben. Tiidu gab sich den Seinigen nicht eher zu erkennen, als bis
+er das Gut gekauft hatte. Dann ließ er ein prächtiges Gastmahl
+anrichten, und seine ganze Familie dazu einladen. Bei Tische gab er sich
+zu erkennen und sagte: »Ich bin _Tiidu_, euer fauler Sohn und Bruder, der
+zu Nichts zu gebrauchen war, seinen Eltern Kummer machte, und endlich
+heimlich davon lief. Mein Glück war mir holder als ich selbst, und darum
+komme ich jetzt als reicher Mann zurück. Jetzt müsset ihr Alle kommen
+und auf meiner Besitzung wohnen, und der Vater muß bis an seinen Tod in
+meinem Hause bleiben.« -- Später freite er ein tugendsames Mädchen, das
+nichts weiter besaß, als ein hübsches Gesicht und ein gutes Herz. Als er
+am Abend des Hochzeitstages mit seiner jungen Frau das Schlafgemach
+betrat, fand er große Kisten und Kasten vor demselben, welche alle seine
+in's Meer gesunkenen Schätze enthielten. In einem der Kasten lag ein
+Blatt, worauf die Worte geschrieben waren: »Einem guten Sohne, der für
+Eltern und Verwandte sorgt, giebt auch die Meerestiefe den geraubten
+Schatz heraus.« Wer aber der zauberkräftige Alte gewesen, der ihn auf
+den Weg des Glückes geführt, ihn aus der Seegefahr gerettet und Gier und
+Geiz aus seinem Herzen getilgt hatte: das hat er niemals erfahren.
+
+Ob gegenwärtig noch von Dudelsack-Tiidu's Nachkommen Jemand lebt, ist
+mir nicht bekannt, sollte man aber einige von ihnen ausfindig machen,
+dann sind es gewiß so feine Herrschaften, daß bei ihnen weder
+bäuerlicher Rauchgeruch noch Riegenstaub mehr anzutreffen ist.
+
+[Fußnote 85: S. die Anm. 2. zu 8, »Schlaukopf«, S. 102. L]
+
+
+
+
+24. Die aus dem Ei entsprossene Königstochter.
+
+
+Einmal lebte ein König, dessen Gemahlin keine Kinder hatte, was Beide
+sehr bekümmerte, besonders wenn sie sahen, wie niedriger stehende
+Menschen in dieser Hinsicht viel reicher waren als sie selber. Trauriger
+als gewöhnlich war die Königin immer, wenn der König einmal nicht zu
+Hause war; dann saß sie fast immer im Garten unter einer breiten Linde,
+senkte den Kopf und hatte die Augen voll Thränen. Da saß sie auch wieder
+eines Tages, als der König auf einige Wochen verreist war, um die
+Kriegsmacht zu besichtigen, welche an der Grenze des Reiches stand,
+einen drohenden feindlichen Einbruch abzuwehren. Der Königin war das
+Herz so beklommen, als stehe ihr ein unerwartetes Unglück bevor, und
+ihre Augen füllten sich mit bitteren Thränen. Als sie das Antlitz
+emporhob, sah sie ein altes Mütterchen, welches auf Krücken einher
+hinkte, sich an der Quelle bückte, um zu trinken, und nachdem sie ihren
+Durst gestillt hatte, gerade auf die Linde zu humpelte, wo die Königin
+weilte. Das Mütterchen neigte ihr Haupt und sagte: »Nehmt es nicht übel,
+geehrtes hohes Frauchen, daß ich es wage, vor euch zu erscheinen, und
+fürchtet euch nicht vor mir, denn es wäre leicht möglich, daß ich zur
+guten Stunde gekommen bin und euch Glück bringe.« Die Königin
+betrachtete sie zweifelhaft und antwortete: »Du selber scheinst mir an
+Glück keinen Ueberfluß zu haben, was kannst du Andern davon gewähren?«
+Die Alte ließ sich aber nicht irre machen, sondern sagte: »Unter rauher
+Schale steckt oft glattes Holz und süßer Kern. Zeiget mir eure Hand,
+damit ich erfahre, wie es mit euch werden wird.« Die Königin streckte
+ihr die Hand hin, damit die Alte darin lesen könne. Als diese die Linien
+und Striche eine Weile genau betrachtet hatte, ließ sie sich
+folgendermaßen vernehmen: »Euer Herz ist jetzt mit zwei Sorgen beladen,
+einer alten und einer neuen. Die neue Sorge, die euch quält, ist die um
+euren Gemahl, der jetzt weit von euch ist; --aber glaubet meinem Worte,
+er ist gesund und munter und wird binnen zwei Wochen zurück kommen und
+euch frohe Zeitung bringen. Eure alte Sorge aber, welche eurer Hand
+tiefere Striche eingedrückt hat, rührt daher, daß Gott euch keine
+Leibesfrucht geschenkt hat!« Die Königin erröthete und wollte ihre Hand
+aus der Hand der Alten losmachen, aber die Alte bat: »Habt noch ein
+wenig Geduld, so bringen wir Alles auf einmal in's Reine.« Die Königin
+fragte: »Sage mir, Mütterchen, wer du bist, daß du mir aus der
+Handfläche meine Herzensgedanken kund thun kannst?« Die Alte erwiederte:
+»Um meinen Namen ist es hier nicht zu thun, und ebenso wenig darum,
+welche Kraft mir eures Herzens geheime Wünsche kund macht; ich freue
+mich nur, daß es mir vergönnt ist, euch auf die rechte Bahn zu bringen,
+und eures Herzens Kummer zu mindern. Durch Zaubermacht ist euer Leib
+verschlossen, so daß ihr nicht eher Kinder zur Welt bringen könnt, bis
+die Bänder des Verschlusses gelöst sind, und die natürliche
+Beschaffenheit wieder hergestellt ist. Ich kann dies bewirken, jedoch
+nur dann, wenn ihr Alles befolgt, was ich euch sagen werde.« »Alles will
+ich ja gern thun, und dich auch für deine Mühe königlich belohnen, wenn
+du deine Versprechungen wahr machst,« sagte die Königin. -- Die Alte
+stand eine Zeitlang in Gedanken und fuhr dann fort: »Heute über's Jahr
+sollt ihr sehen, daß meine Prophezeiungen eintreffen.« Mit diesen Worten
+zog sie ein in viele Lappen gewickeltes Bündel aus dem Busen, und als
+die Lappen abgenommen waren, kam ein kleines Körbchen von Birkenrinde
+zum Vorschein; sie gab es der Königin und sagte: »In dem Körbchen findet
+ihr ein Vogelei;[86] dieses brütet drei Monate in eurem Schooße aus, bis
+ein lebendiges Püppchen herauskommt, das einem menschlichen Kinde
+gleicht. Das Püppchen legt in einen Wollkorb, und lasset es so lange
+wachsen, bis es die Größe eines neugeborenen Kindes hat; Speise oder
+Trank braucht es nicht, das Körbchen aber muß immer an einem warmen Orte
+stehen. Neun Monate nach der Geburt des Püppchens werdet ihr einen Sohn
+zur Welt bringen. An demselben Tage hat auch das Püppchen die Größe
+eines neugeborenen Kindes erreicht, nehmet es dann heraus, leget es
+neben den neugeborenen Sohn in's Bette und lasset dem Könige melden,
+daß Gott euch Zwillinge geschenkt habe, einen Sohn und eine Tochter. Den
+Sohn säuget an eurer Brust, für die Tochter aber müßt ihr eine Amme
+nehmen. An dem Tage, wo beide Kinder zur Taufe gebracht werden, bittet
+mich, bei der Tochter Pathenstelle zu vertreten. Das macht ihr so: Auf
+dem Boden des Körbchens findet ihr unter der Wolle einen Flederwisch,
+den blaset zum Fenster hinaus, dann erhalte ich augenblicklich die
+Botschaft und komme, bei eurem Töchterchen Gevatter zu stehen. Von dem,
+was euch jetzt begegnet ist, dürft ihr Niemanden etwas sagen.« Ehe noch
+die Königin ein Wort erwiedern konnte, eilte die hinkende Alte davon,
+und nachdem sie zehn Schritte gemacht hatte, war von einer Alten keine
+Spur mehr, sondern statt derselben schritt ein junges Weib in aufrechter
+Haltung so rasch dahin, daß sie mehr zu fliegen als zu gehen schien. Die
+Königin aber konnte sich von ihrer Verwunderung noch nicht erholen, und
+würde Alles für einen Traum gehalten haben, wenn nicht das Körbchen in
+ihrer Hand bezeugt hätte, daß die Sache wirklich vorgefallen war. Sie
+fühlte ihr Herz mit einem Male wunderbar erleichtert. Sie trat in ihr
+Gemach, wickelte das Körbchen, in welchem ein kleines Ei in feiner Wolle
+lag, in seidene Tücher und steckte es in ihren Busen, wie das Mütterchen
+vorgeschrieben hatte. Auch alles Uebrige gelobte sie sich zu erfüllen
+und das Geheimniß zu bewahren.
+
+Gerade als der letzte Tag der zweiten Woche nach dem Besuche der Alten
+zu Ende ging, kehrte der König zurück und rief schon von fern der Frau
+die frohe Nachricht zu: »Mein Heer hat einen vollständigen Sieg davon
+getragen und den Feind mit blutigen Köpfen heimgeschickt, so daß unsere
+Unterthanen für's erste Ruhe haben werden.« So war die erste
+Prophezeiung der Alten vollständig eingetroffen, und dadurch befestigte
+sich im Herzen der Königin die Hoffnung, daß auch die übrigen
+Prophezeiungen in Erfüllung gehen würden. Sie hütete das Körbchen mit
+dem Ei in ihrem Busen wie ein Kleinod, und ließ ein goldenes Kästchen
+machen, in welches sie das Körbchen legte, damit das Eichen nicht etwa
+beschädigt würde. Nach drei Monaten schlüpfte aus dem Ei ein lebendiges
+Püppchen von halber Fingerlänge, welches der Vorschrift gemäß in den
+Wollkorb gelegt wurde, um zu wachsen. So war auch die zweite
+Prophezeiung wahr geworden, und die Königin harrte nun mit Spannung der
+Zeit, wo ihr Herz zum ersten Male Mutterfreuden schmecken sollte. Und in
+der That brachte sie nach Jahresfrist ein Söhnlein zur Welt, wie das
+alte Mütterchen vorhergesagt hatte. Da nahm sie das Mägdlein aus dem
+Wollkasten, legte es neben den Sohn in die Wiege, und ließ dem Könige
+sagen, daß sie Zwillinge geboren habe, einen Sohn und eine Tochter. Die
+Freude des Königs und seiner Unterthanen kannte keine Grenzen. -- Alle
+glaubten fest daran, daß die Königin mit Zwillingen niedergekommen sei.
+An dem Tage, wo die Kinder getauft werden sollten, öffnete die Königin
+ein wenig das Fenster und ließ den Flederwisch fliegen, um die
+Taufmutter für die Tochter herbeizuschaffen, denn sie war überzeugt, die
+Gevatterin würde zur rechten Zeit da sein. Als die eingeladenen
+Taufgäste schon alle beisammen waren, fuhr eine prächtige Kutsche mit
+sechs dotterfarbigen Rossen vor, und aus der Kutsche stieg eine junge
+Frau in rosenrothen goldgestickten seidenen Gewändern, die einen Glanz
+verbreiteten, der mit dem Glanze der Sonne wetteiferte; das Antlitz
+hatte sie mit einem feinen Schleier verhüllt. Als sie eintrat, nahm sie
+den Schleier ab, und Alle mußten staunend bekennen, daß sie in ihrem
+Leben noch keine schönere Jungfrau gesehen hätten. Die schöne Jungfrau
+nahm nun das Töchterchen auf ihre Arme und trug es zur Taufe, in welcher
+dem Kinde der Name _Dotterine_ beigelegt wurde, was freilich Niemanden
+verständlich war, als der Königin, da ja das Kind wie ein Vogeljunges
+aus einem Eidotter geboren war. Taufvater des Sohnes war ein vornehmer
+Herr, und das Knäblein erhielt den Namen _Willem_. Nach vollzogener Taufe
+ließ sich die Taufmutter von der Königin das Körbchen mit den
+Eierschalen geben, legte das Kind in die Wiege und sagte heimlich zur
+Königin: »So lange die Kleine in der Wiege schläft, muß das Körbchen
+neben ihr liegen, damit ihr nichts Uebles zustoßen kann, denn in dem
+Körbchen ruht ihr Glück. Darum hütet diesen Schatz wie euren Augapfel,
+und schärfet auch eurem Töchterchen, wenn es anfängt zu begreifen, ein,
+daß es dieses unscheinbare Ding sorgfältig in Acht nehmen muß.« Sie
+sprach dann noch Manches mit der Mutter über die Erziehung ihrer Pathe,
+küßte diese drei Mal, nahm Abschied, stieg in die Kutsche und fuhr
+davon. Niemand wußte, woher sie gekommen war und wohin sie ging; auch
+die Königin gab auf Befragen keinen weiteren Bescheid als: es ist eine
+mir bekannte Königstochter aus fernem Lande.
+
+Die Kinder gediehen fröhlich, Willem bei der Muttermilch und Dotterine
+an der Brust der Amme. Diese liebte das Mägdlein so zärtlich, als wäre
+es ihr leibliches Kind gewesen, und die Königin behielt sie deßhalb nach
+der Entwöhnung als Kinderwärterin. Die kleine Dotterine wurde von Tage
+zu Tage hübscher, so daß die älteren Leute meinten, sie würde einmal
+ihrer Taufmutter ähnlich werden. Die Amme hatte zuweilen bemerkt, daß in
+der Nacht, wenn Alles schlief, eine fremde schöne Frau erschien, um den
+Säugling zu betrachten; als sie dies der Königin entdeckte, schärfte ihr
+diese ein, gegen Niemanden von dem nächtlichen Gaste etwas verlauten zu
+lassen. Als die Zwillinge zwei Jahr alt waren, wurde die Königin
+plötzlich schwer krank; zwar wurden Aerzte von nah und fern
+herbeigerufen, aber sie konnten nicht helfen, denn für den Tod ist kein
+Kraut gewachsen. Die Königin fühlte selbst, daß sie von Stunde zu Stunde
+dem Grabe immer näher kam, und ließ deßhalb die Wärterin und vormalige
+Amme der Dotterine rufen. Ihr, als der treuesten ihrer Dienerinnen,
+übergab sie das Glückskörbchen mit den Eierschalen und schärfte ihr ein,
+das verwunderliche Ding sorgfältig in Acht zu nehmen. »Wenn mein
+Töchterchen,« so sagte die Königin, »zehn Jahr alt ist, dann händige ihr
+das Kleinod ein, und ermahne sie, es zu hüten, weil es das Glück ihrer
+Zukunft birgt. Um meinen Sohn sorge ich nicht, ihn, als des Reiches
+Erben, wird der König unter seine Obhut nehmen.« Die Wärterin mußte ihr
+dann eidlich versprechen, das Geheimniß vor jedermann zu bewahren.
+Darauf ließ sie den König an ihr Bett rufen und bat ihn, er möge die
+gewesene Amme Dotterinen's ihr als Wärterin und Dienerin lassen, so
+lange als Dotterine es wünschen würde. Der König versprach es; noch
+denselben Abend gab seine Gemahlin ihren Geist auf.
+
+Nach einigen Jahren freite der verwittwete König wieder, und brachte
+eine junge Frau in's Haus, die sich aus dem gealterten Gemahl nichts
+machte, sondern ihn nur aus Ehrgeiz genommen hatte. Die Kinder der
+ersten Frau konnte sie nicht vor Augen sehen, weßhalb der König sie an
+einem abgesonderten Orte aufziehen ließ, wo Dotterinen's frühere Amme
+mütterlich für sie sorgte. Kamen die Kinder einmal zufällig der
+Stiefmutter zu Gesicht, so stieß sie dieselben wie junge Hunde mit dem
+Fuße fort, so daß die Kinder sie scheuten wie das Feuer. Als Dotterine
+das Alter von zehn Jahren erreicht hatte, händigte ihr die Amme das
+Pathengeschenk ein, und ermahnte sie, dasselbe wohl in Acht zu nehmen.
+Da das Geschenk aber dem Kinde so gar unansehnlich vorkam, so gab es
+nicht viel darauf, legte es zu den übrigen von der Mutter geerbten
+Sachen in den Kasten, und dachte nicht weiter daran. Darüber waren
+wieder ein Paar Jahre hingegangen, als eines Tages, da der König sich
+entfernt hatte, die Stiefmutter Dotterine im Garten unter einer Linde
+sitzen fand: wie ein Habicht fuhr sie auf das Kind los, riß es an den
+Ohren und schlug es, daß Blut aus Mund und Nase floß. Weinend lief das
+Mädchen in ihr Gemach, und als sie die Amme dort nicht fand, fiel ihr
+mit einem Male das Pathengeschenk ein. Sie nahm es aus dem Kasten und
+wollte nun zu ihrer Zerstreuung sehen, was denn wohl darin wäre. Aber
+sie fand im Körbchen keinen größeren Schatz als eine Handvoll feine
+Schafwolle und ein paar leere Eierschalen. Unter der Wolle auf dem
+Grunde des Körbchens lag ein Flederwisch. Als nun das Mädchen am
+geöffneten Fenster die wertlosen Sachen betrachtete, verursachte es
+einen Luftzug, der den Flederwisch fort blies. Augenblicklich stand eine
+fremde schöne Frau neben Dotterinen, streichelte ihr Kopf und Wangen und
+sagte freundlich: »Fürchte dich nicht, liebes Kind, ich bin deine
+Taufmutter, und bin hergekommen, dich zu sehen. Deine vom Weinen
+angeschwollenen Augen sagen mir, daß du traurig bist. Ich weiß, daß das
+Leben, welches du unter dem Joche deiner Stiefmutter führst, nicht
+leicht ist, allein halte aus und bleibe brav in allen Anfechtungen, dann
+werden einst bessere Tage für dich anbrechen. Wenn du erwachsen bist,
+hat deine Stiefmutter keine Gewalt mehr über dich, und eben so wenig
+können andere böse Menschen dir schaden, wenn du dein Körbchen nicht
+verloren gehen lässest; auch die Eierschalen darfst du nicht abhanden
+kommen lassen, zu rechter Zeit werden sie sich wieder zu einem Eichen
+zusammenfügen, und dann wird dein Glück erblühen. Nähe dir ein seidenes
+Säckchen, stecke das Körbchen hinein und verwahre es Tag und Nacht im
+Busen, so können dir weder deine Stiefmutter noch andere Menschen etwas
+Böses anhaben. Sollte dir aber irgend etwas zustoßen, wobei du ohne
+meinen Rath nicht durchkommen zu können glaubst, so nimm den Flederwisch
+aus dem Körbchen und blase ihn in's Freie; dann werde ich augenblicklich
+da sein, dir zu helfen. Komm jetzt in den Garten, da können wir uns
+unter der Linde weiter unterhalten, ohne daß ein Anderer es hört.« Unter
+der Linde setzten sie sich auf eine Rasenbank und die Taufmutter wußte
+der Kleinen durch anmuthiges Gespräch die Zeit so gut zu verkürzen, daß
+sie nicht merkte, wie die Sonne schon längst untergegangen war und die
+Nacht hereinbrach. Da sagte die Taufmutter: »Reiche mir das Körbchen,
+ich will etwas Abendbrot besorgen, damit du nicht mit leerem Magen
+schlafen zu gehen brauchst.« Sie sprach dann heimliche Worte über das
+Körbchen, worauf ein Tisch mit wohlschmeckenden Speisen aus dem Boden
+stieg. Beide aßen sich satt, dann begleitete die Taufmutter Dotterinen
+wieder zum Hause des Königs, und lehrte ihr während dieses Ganges die
+geheimen Worte, welche sie dem Körbchen zuflüstern müsse, wenn sie etwas
+zu begehren hätte. Seltsam war es, daß von da an die Stiefmutter ihrer
+Stieftochter kein böses Wort mehr gab, sondern fast immer freundlich
+gegen sie war.
+
+Nach einigen Jahren war Dotterine zur reifen Jungfrau herangewachsen,
+und ihre Schönheit und Wohlgestalt war so blendend, daß man glaubte, es
+gebe ihres Gleichen nicht auf der Welt. Da brach ein schwerer Krieg aus,
+der von Tag zu Tage schlimmer wurde, bis zuletzt der Feind vor die
+Königsstadt zog und sie mit Heeresmacht einschloß, so daß keine Seele
+heraus noch herein kommen konnte. Der Hunger begann die Einwohner zu
+quälen, und auch in des Königs Hause drohte binnen wenigen Tagen der
+Mundvorrath auszugehen. -- Da ließ Dotterine eines Tages ihren
+Flederwisch fliegen, und siehe da! augenblicklich war die Taufmutter bei
+ihr. Als die Königstochter ihr die Noth und das Elend geklagt hatte,
+sagte die Taufmutter: »Dich, liebes Kind, kann ich wohl aus dieser
+Gefahr erretten, für die andern aber reicht meine Hülfe nicht aus, sie
+müssen selber sehen, wie sie durchkommen.« Darauf nahm sie Dotterinen
+bei der Hand und führte sie aus der Stadt mitten durch das Heer der
+Feinde, deren Augen sie so verblendet hatte, daß Niemand die Flüchtlinge
+sehen konnte. Am folgenden Tage fiel die Stadt in die Hand der Feinde,
+und der König mit seinem ganzen Hause wurde gefangen genommen, sein Sohn
+Willem aber war glücklich entronnen. Die Königin hatte durch einen
+feindlichen Speer den Tod gefunden. Für Dotterine hatte die Taufmutter
+Bauernkleider besorgt, und ihr Antlitz so verändert, daß Niemand sie
+erkennen konnte. »Wenn einst wieder eine bessere Zeit kommt,« sagte die
+Taufmutter, »und du dich sehnst, in deiner früheren Gestalt vor die
+Leute zu treten, dann flüstere dem Körbchen die geheimen Worte zu und
+gebiete ihm, dich in deine eigene Gestalt zurück zu verwandeln; und es
+wird so geschehen. Jetzt ertrage eine Zeitlang geduldig schwere Tage,
+bis die Lage sich bessert.« Scheidend ermahnte sie noch das Mädchen, das
+Körbchen gut in Acht zu nehmen, und entfernte sich dann. Dotterine
+wanderte mehrere Tage von einem Orte zum andern umher, da aber der Feind
+die ganze Umgegend verwüstet hatte, so fand sie anfangs weder Obdach
+noch Dienst. Zwar bot ihr das Körbchen ihre tägliche Nahrung, aber sie
+wollte doch nicht so auf eigene Hand weiter leben, und nahm deßhalb mit
+Freuden einen Dienst als Magd in einem Bauerhofe an, wo sie so lange zu
+bleiben gedachte, bis die Dinge sich wenden würden. Anfangs wurde die
+ungewohnte grobe Arbeit Dotterinen sehr schwer, weil sie sich eben noch
+niemals damit abgegeben hatte. Aber war es nun, daß ihre Gliedmaßen
+sich wirklich so schnell abhärteten, oder daß das Wunderkörbchen ihr
+heimlich half -- nach drei Tagen ging ihr Alles so gut von der Hand, als
+wäre sie von Kindesbeinen an dabei aufgewachsen. An ihr wurde das alte
+Wort zu Schanden, welches sagt: »Man kann wohl aus einem Bauern eine
+Herrschaft, aber aus einer Herrschaft keinen Bauern machen.« Da traf es
+sich, daß eines Tages eine Edelfrau durchs Dorf fuhr, als Dotterine
+gerade auf dem Hofe Holzgefäße scheuerte. Des Mädchens flinkes Thun und
+anmuthiges Wesen fesselte die Frau; sie ließ halten, rief das Mädchen
+heran und fragte: »Hast du nicht Lust bei mir auf dem Gute in Dienst zu
+treten?« »Gern,« antwortete die Königstochter, »wenn meine jetzige
+Brotherrschaft mir Erlaubniß giebt.« Die Frau versprach die Sache mit
+dem Wirthe in Ordnung zu bringen, ließ das Mädchen den Sitz hinter der
+Kutsche einnehmen und fuhr mit ihr auf's Gut. Hier hatte es Dotterine
+wieder leichter, denn ihre ganze Arbeit bestand darin, die Zimmer
+aufzuräumen und der Frau und den Fräulein beim Ankleiden behülflich zu
+sein. Nach einem halben Jahre kam die fröhliche Kunde, daß des alten
+Königs Sohn, der den Feinden glücklich entkommen war, in der Fremde ein
+Heer gesammelt, mit welchem er sein Königreich dem Feinde wieder
+abgenommen habe, und daß er nun selber zum Könige erhoben worden sei.
+Die Freudenbotschaft war aber zugleich von einer Todesbotschaft
+begleitet: der alte König war im Gefängniß gestorben. Da nun Dotterine
+Anderen ihren Kummer nicht zeigen durfte, so weinte sie heimlich bittere
+Thränen über ihres Vaters Tod, denn ein anderer als ihr Vater konnte ja
+doch der verstorbene König nicht sein.
+
+Nach Ablauf des Trauerjahres ließ der junge König verkünden, daß er
+entschlossen sei, sich zu vermählen. Es wurden deswegen von nah und fern
+alle Jungfrauen vornehmer Herkunft zu einem Feste in das Haus des Königs
+geladen, damit derselbe sich aus ihrer Mitte eine junge Frau wählen
+könne, wie Auge und Herz sie begehrten. Auch die Töchter der Dame, bei
+welcher Dotterine diente, und die alle drei jung und blühend waren,
+rüsteten sich zum Feste. Dotterine hatte jetzt einige Wochen vom Morgen
+bis zum Abend vollauf mit dem Putze der Fräulein zu thun. In dieser Zeit
+träumte ihr jede Nacht, ihre Taufmutter käme an ihr Bett und sagte:
+»Schmücke erst deine Fräulein zum Feste, und dann folge selber nach.
+Keine kann dort so schmuck und so schön sein wie du!« Je näher der Tag
+des Festes heranrückte, desto unruhiger wurde Dotterinen zu Muthe, und
+als die Frau mit ihren Töchtern davon gefahren war, warf sie sich mit
+dem Gesicht auf's Bett und vergoß bittere Thränen. Da war's, als ob ihr
+eine Stimme zurief: »Nimm dein Körbchen zur Hand, dann wirst du Alles
+finden, was du brauchst.« Dotterine sprang auf, nahm das Körbchen aus
+dem Busen, sprach darüber die geheimen Worte, welche sie gelernt hatte,
+und siehe das Wunder! augenblicklich lagen prachtvolle goldgewirkte
+Gewänder auf dem Bette. Als sie sich dann das Gesicht wusch, erhielt sie
+ihr früheres Ansehen wieder, und als sie die prächtigen Kleider angelegt
+hatte, und dann vor den Spiegel trat, erschrack sie selber über ihre
+Schönheit. Als sie die Treppe hinunter kam, fand sie vor der Thür eine
+stattliche Kutsche mit vier dotterfarbigen Pferden bespannt. Sie setzte
+sich ein und fuhr mit Windesschnelle fort, so daß sie in weniger als
+einer Stunde vor der Pforte des Königshauses angelangt war. Als sie eben
+aussteigen wollte, fand sie zu ihrem Schrecken, daß sie beim raschen
+Ankleiden das Glückskörbchen zu Hause vergessen hatte. Was jetzt
+beginnen? Schon entschloß sie sich zurückzufahren, als eine kleine
+Schwalbe mit dem Körbchen im Schnabel an's Kutschfenster geflogen kam.
+Erfreut nahm ihr Dotterine das Körbchen aus dem Schnabel, steckte es in
+den Busen und hüpfte leicht wie ein Eichhörnchen die Treppe hinauf.
+
+Im Festgemach funkelte Alles von Pracht und Schönheit, die vornehmen
+Fräulein hatten ihren kostbarsten Schmuck angelegt, jede in der
+Hoffnung, daß des jungen Königs Auge auf sie fallen würde. Als aber
+plötzlich die Thür sich öffnete und Dotterine eintrat, da erbleichte der
+Andern Glanz wie der der Sterne beim Aufgang der Sonne, so daß der
+Königssohn nur noch diese Jungfrau sah. Einige ältere Personen, die sich
+noch dessen erinnerten, was vorgefallen war, als der König mit seiner
+später verschwundenen Schwester die Taufe erhielt, sprachen zu einander:
+»Diese Jungfrau kann gar wohl die Tochter jener unbekannten Dame sein,
+welche bei unseres alten Königs Tochter Gevatter stand.« Der König kam
+Dotterinen nicht mehr von der Seite, und kümmerte sich nicht um die
+übrigen Gäste. Um Mitternacht geschah etwas Wunderbares: das Gemach war
+plötzlich wie in Wolken gehüllt, so daß man weder den Glanz der Lichter
+noch die Menschen sah. Nach einer kleinen Weile entwickelte sich aus
+dem Nebel wieder Helligkeit und es erschien eine Frau, die keine andere
+war, als Dotterinens Taufmutter. Sie sprach zum jungen Könige: »Das
+Mädchen, welches neben dir steht, ist deine vermeintliche Schwester,
+welche mit dir zusammen getauft wurde, und an dem Tage verschwand, wo
+die Stadt in die Hände der Feinde fiel. Die Jungfrau ist aber nicht
+deine Schwester, sondern eines weit entfernten Königs Tochter, welche
+ich aus der Verzauberung erlöste, und deiner verstorbenen Mutter zur
+Pflege übergab.« Dann krachte es, daß die Wände zitterten, und in
+demselben Augenblick war die Taufmutter verschwunden, ohne daß jemand
+sah, wo sie hingekommen war. Der junge König ließ sich am folgenden Tage
+mit Dotterinen trauen, worauf eine prächtige Hochzeitsfeier folgte. Der
+König lebte mit seiner Gemahlin sehr glücklich bis an sein Ende, aber
+Niemand hat je gehört, wohin das Glückskörbchen gekommen ist. Man meint,
+die Taufmutter habe es heimlich mitgenommen, als sie ihre Pathe das
+letzte Mal gesehen.
+
+[Fußnote 86: Aus dem von einem Hühnchen ausgebrüteten Ei eines
+Birkhuhns ist Linda, die Gattin des Kalew und die Mutter des
+Kalewsohnes, hervorgegangen. S. den Anfang des _Kalewipoëg_. L.]
+
+
+
+
+Anmerkungen
+
+von
+
+Reinhold Köhler und Anton Schiefner.
+
+
+1. Die Goldspinnerinnen.
+
+Wie S. 10 eine Handvoll aus _neunerlei_ Arten gemischter Hexenkräuter zur
+Verfertigung des Hexenknäuels gebraucht wird, so kömmt S. 243 ein Trank
+aus _neunerlei_ Kräutern vor, wovon ein Jüngling drei Tage hinter einander
+_neun_ Löffel täglich erhält. S. 246 wäscht sich die Höllenjungfrau _neun_
+mal ihr Gesicht in der Quelle und umwandelt sie _neun_ mal. S. 262 _neun_
+Kinder. Die Heiligkeit und die häufige Anwendung der Neunzahl ist
+bekanntlich uralt und weit verbreitet, namentlich auch bei den
+finnisch-tatarischen Völkern. Vgl. Ph. J. v. Strahlenberg Das Nord- und
+Ostliche Theil von Europa und Asia, Stockholm 1730, S. 75-82, und
+Schiefner Die Heldensagen der Minussinschen Tataren S. =XXIX=. Auch in den
+in neuster Zeit von W. Radloff gesammelten Proben der Volksliteratur der
+türkischen Stämme Süd-Sibiriens begegnet die Neunzahl sehr oft. Was
+insbesondere die _neunerlei Kräuter_ betrifft, so erwähnt Strahlenberg S.
+78, daß die Bauern in Liefland »gemeiniglich neunerlei Kräuter zu ihren
+Arzenei-Getränken gebrauchen.« Auch im deutschen Aberglauben spielen die
+neunerlei Kräuter eine wichtige Rolle (A. Wuttke Der deutsche
+Volksaberglaube der Gegenwart, 2. völlig neue Bearbeitung, Berlin 1869,
+§. 120, vgl. auch §§. 74, 85, 92, 253, 495, 528, 683). K.
+
+
+3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge.
+
+Märchen von Menschen mit derartigen wunderbaren Eigenschaften sind
+zahlreich. Viele derselben hat Benfey in seinem Aufsatz »Das Märchen von
+den Menschen mit den wunderbaren Eigenschaften« im Ausland 1858, Nr.
+41-45 zusammengestellt. Vgl. auch noch Jahrbuch für romanische und
+englische Literatur =VII=, 32. Das ehstnische Märchen ist eine durchaus
+eigenthümliche Gestaltung des Stoffes. K.
+
+S. 34, Z. 1 und 18 lese man »_drei Eier eines schwarzen Huhns_.« Wie hier
+ein _schwarzes_ Huhn, so S. 62 ein _schwarzer_ Hund, S. 70 u. 289 eine
+_schwarze_ Katze, S. 97 ein _schwarzes_ Pferd, S. 99 _schwarze_ Ochsen. Sch.
+
+Der S. 42 vorkommende _Goldapfelbaum_, von dem Goldäpfel entwendet werden
+und bei dem nachts gewacht wird, bis der Dieb entdeckt wird, ist einem
+vielverbreiteten Märchen entnommen, welches man »das Märchen von dem
+Goldapfelbaum und von den drei Königssöhnen« betiteln kann. Es findet
+sich bei Grimm Nr. 57, v. Hahn Griechische und albanesische Märchen Nr.
+70, Schott Walachische M. Nr. 26, J. W. Wolf Zeitschrift für deutsche
+Mythologie =II=, 389 (aus der Bukowina), Wuk Serbische Volksmärchen Nr. 4,
+Waldau Böhmisches Märchenbuch S. 131, Glinski =Bajarz polski I=, 1, Vogl
+Die ältesten Volksmärchen der Russen Nr. 2 und nach Schiefners
+Mittheilung bei Afanasjew =VII=, 121 und Salmelainen =IV=, 45. In allen
+diesen Märchen sind es wunderbare Vögel, welche die Aepfel entwenden.
+Das masurische Märchen bei Töppen Aberglauben aus Masuren, 2. Aufl., S.
+139, gehört nur dem Anfang nach her, verläuft aber dann in ein ganz
+andres Märchen. K.
+
+S. 47 wäre statt »der Hexenmeister _Piirisilla_« genauer zu übersetzen
+»der Hexenmeister von _Piirisild_« d. h. Gränzbrücke (Genitiv _Piirisilla_).
+Vielleicht steckt in dem Piirisild eine Erinnerung an den Zauberer
+Virgilius. Letzterer ist sogar noch in einem polnischen Kinderspiel
+bekannt, das dem englischen »Simon sagts« (s. Wagner Illustrirtes
+Spielbuch für Knaben, Leipzig O. Spamer, 2. Aufl., Nr. 714) zunächst
+kommt. Sch.
+
+S. 51, Z. 4 ist mit dem ehstnischen Texte übereinstimmend zu lesen
+»_schwedische_ Brüder«. Es zogen diese ja zu dem Könige im _Nordlande_, wie
+wir aus S. 49 Zeile 6 ersehen. Wir haben zugleich einen Fingerzeig über
+die Quelle des Märchens. So finden wir auch S. 60 den _Schwedenkönig_
+genannt. Sch.
+
+
+4. Der Tontlawald.
+
+In dem russischen Märchen »die schöne Wasilissa« (Afanasjew =IV=, 44) wird
+die Stieftochter in den Wald geschickt, um von der dort wohnenden Hexe
+(=Jagá babá=) Feuer zu holen. Auf den Rath der ihr von der Mutter auf dem
+Sterbebett übergebenen Puppe, mit der sie ihre Nahrung theilt, begiebt
+sie sich in den Wald und besteht dort alle Gefahren. Die Hexe giebt ihr
+einen Todtenkopf mit funkelnden Augen mit, welcher ihre Stiefschwestern
+zu Asche verbrennt.
+
+Gute Kenner der ehstnischen Gebräuche bestätigen mir die S. 74 und 177
+vorkommende Sitte, für die Todtenwächter zur Nacht Erbsen in Salz zu
+kochen. Sch.
+
+
+5. Der Waise Handmühle.
+
+Außer dem von Herrn Löwe in der Anmerkung auf S. 80 Angeführten verweise
+ich auf den Aufsatz »Ueber das Wort Sampo im finnischen Epos« im
+Bulletin der Petersburger Akademie =III=, 497-506 = =Mélanges russes IV=,
+195-209, in welchem ich verschiedene auf Wundermühlen bezügliche
+russische Märchen vorführe. Sch.
+
+
+7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand.
+
+Dieses Märchen ist früher von Herrn Kreutzwald mir mitgeteilt und von
+mir im Bulletin =XVI=, 448-56 und 562-63 (= =Mélanges russes IV=, 7-18) in
+dem Aufsatz »Zum Mythus vom Weltuntergange« veröffentlicht worden, wo
+auch das in finnischen Märchen Vorkommende verwandten Inhalts berührt
+ist. Sch.
+
+Wie sich in diesem Märchen (S. 95 f.) ein ins Wasser geworfenes
+Klettenblatt in einen Nachen verwandelt, so verwandeln sich in Ariostos
+Rasendem Roland (=XXXIX=, 26-28) die von Astolf ins Meer geworfenen
+verschiedenen Blätter in Schiffe. K.
+
+
+8. Schlaukopf.
+
+Dieses Märchen erinnert einigermaßen an die, welche ich im Jahrbuch für
+roman. und engl. Literatur =VII=, 137 f. zusammengestellt habe. Nach
+Schiefners Mittheilung gehört dazu noch ein finnisches (Salmelainen =IV=,
+126), wo Helli dem Bergkobold (=Wuoren peikko=) Pferd, Geld und goldene
+Decke stiehlt. K.
+
+
+11. Der Zwerge Streit.
+
+Der Streit der Erben (Geister, Teufel, Riesen, Zwerge, Menschen) um
+Wunschdinge, welche dann der von den Streitenden erwählte Schiedsrichter
+sich aneignet, kömmt oft in den Märchen des Morgen- und Abendlandes vor.
+Näher darauf einzugehen ist hier nicht der Ort, nur folgendes sei
+bemerkt. Die Zahl der Wunschdinge ist häufig drei, und darunter befinden
+sich sehr oft ein Paar Schuhe oder Stiefeln und ein Hut oder eine Mütze.
+Erstere bringen den Besitzer entweder, wie hier, sofort an einen
+gewünschten Ort, oder er kann wenigstens in ihnen mit jedem Schritt
+Meilen (7-1000) zurücklegen. Der Hut oder die Mütze hat meistens die
+Eigenschaft unsichtbar zu machen: daß der Träger des Hutes aber alles,
+auch das fernste und den gewöhnlichen Menschen sonst unsichtbare, sehen
+kann, ist dem ehstnischen Märchen eigen, ebenso wie der Alles
+schmelzende Stock. Zwar kömmt unter den Wunschdingen in mehreren Märchen
+ein Stock oder eine Keule vor, aber nicht mit dieser Eigenschaft.
+
+Was den Umstand betrifft, daß der Hut aus Nägelschnitzeln gemacht ist,
+so ist außer dem S. 143, Anm. 1 Bemerkten noch auf Schiefners
+Mittheilung im Bulletin =II=, 293 zu verweisen, daß die Lithauer in
+Samogitien ihre Nägelschnitzel nicht wegwerfen, sondern an ihrem Leibe
+verwahren, aus Furcht, der Teufel könne dieselben auflesen und sich
+einen Hut daraus machen. Schiefner erinnert auch an das aus
+Nägelschnitzeln Todter gebildete Todtenschiff Naglfari in der Edda.
+
+Daß Zwerge bei Hochzeiten unsichtbar mitessen, kömmt öfters in deutschen
+Sagen vor, z. B. in Büschings Wöchentlichen Nachrichten =I=, 73,
+Müllenhoff Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig u. s. w. S. 280, Nr.
+380, Kuhn und Schwartz Norddeutsche Sagen Nr. 189, 4; 270, 2; 291. K.
+
+
+13. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen.
+
+Man vgl. das finnische Märchen aus Salmelainens Sammlung in Ermans
+Archiv für wissenschaftliche Kunde von Rußland =XIII=, 483, das masurische
+bei Töppen Aberglauben aus Masuren S. 148, das von Chavannes in der
+Sammelschrift »Die Wissenschaften im 19. Jahrhundert« =IX=, 100
+mitgetheilte russische, das polnische bei Glinski =Bajarz polski I=, 38,
+das tiroler bei Zingerle Tirols Volksdichtungen und Volksgebräuche =II=,
+395. Alle diese Märchen gehen gleich dem ehstnischen davon aus, daß ein
+sterbender Vater seine drei Söhne auffordert, nach seinem Tode der Reihe
+nach je eine Nacht auf seinem Grabe zuzubringen, welcher Aufforderung
+jedoch die beiden ältesten nicht nachkommen, während der jüngste, der
+als Dümmling gilt, alle drei Nächte auf dem väterlichen Grabe wacht. Die
+Hand der Königstochter soll im finnischen Märchen der erhalten, welcher
+sein Pferd bis ans dritte Stockwerk der Hofburg springen lassen und der
+da sitzenden Prinzessin einen Kuß geben kann; im masurischen, wer zu
+Pferde zweimal in das vierte Stockwerk des Schlosses zur Prinzessin
+gelangen kann; im russischen, wer zu Pferde der im dritten Stockwerk
+sitzenden Prinzessin einen Kuß geben, oder nach Varianten: wer über
+zwölf Glastafeln oder über so und so viel Balken zu ihr oder ihrem Bild
+zu Pferd gelangen kann; im tiroler, wer einen steilen Felsen empor
+reiten kann; im polnischen, wer in Ritterspielen siegt. In einigen der
+zahlreichen, sonst ähnlichen Märchen, in denen jedoch die Nachtwachen
+auf dem Grabe des Vaters fehlen, muß, wie im ehstnischen, der Bewerber
+um die Hand der Königstochter einen Glasberg hinaufreiten (Sommer Sagen,
+Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen =I=, 96, Asbjörnsen und
+Moë Norske Folkeeventyr Nr. 52, Grundtvig Gamle danske Minder i
+Folkemunde =I=, 211, Müllenhoff Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig u.
+s. w. S. 437, Anmerk. zu Nr. =XIII=). In fast allen hierher gehörigen
+Märchen macht der Dümmling von seinem Siege zunächst keinen Gebrauch,
+begibt sich vielmehr unerkannt nach Hause und wird erst nach einiger
+Zeit, meist ohne sein Zuthun, als der gesuchte Sieger erkannt. In diesem
+Punkte ist das ehstnische Märchen entstellt. Durchaus eigentümlich dem
+ehstnischen Märchen sind der siebenjährige Schlaf der Königstochter und
+der Umstand, daß der Bauernsohn ein vertauschter Prinz ist. K.
+
+Daß der Glaskasten, in dem die Königstochter ruht, und der Glasberg
+Nachklänge der altnordischen Brynhildr-Mythe sind, bemerke ich, indem
+ich kurz auf Mannhardt Germanische Mythen S. 333 verweise, woselbst man
+auch das hierher gehörige dänische Volkslied citiert findet, demzufolge
+Sigfrid den Glasberg hinaufreitet. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der
+in der russischen Heldensage räthselhaft dastehende Swjatogor (ob nicht
+entstellt aus Sigurd?), der sein Weib in einem Krystall-Schrein auf den
+Schultern trägt (Rybnikow =I=, 37), hierher zu ziehen ist. Wie sehr
+Verunstaltungen im Laufe der Zeit entstehen können, erkennt man leicht,
+wenn man bedenkt, wie die dem Swjatogor vom Schicksal bestimmte Braut im
+Land am Meeresstrand dreißig Jahre auf einem Misthaufen ruht und ihr
+Leib wie Tannenrinde aussieht; vgl. meinen Aufsatz »Zur russischen
+Heldensage« im Bulletin =IV=, 273-85 = =Mélanges russes IV=, 230-48. In dem
+Märchen »der Krystallberg« bei Afanasjew =VII=, 209, kriecht der
+Königssohn Iwan in Gestalt einer Ameise in den Krystallberg, in welchen
+der zwölfköpfige Drache die Königstochter entführt hatte; er tödtet den
+Drachen und findet in dessen rechter Seite einen Kasten, in dem Kasten
+einen Hasen, in dem Hasen eine Ente, in der Ente ein Ei, in dem Ei ein
+Samenkorn; dieses zündet er an und bringt es zum Krystallberg, der
+alsbald zerschmilzt. Sch.
+
+
+14. Der dankbare Königssohn.
+
+Man vgl. die von mir in Benfeys Orient und Occident =II=, 103-114
+zusammengestellten Märchen, denen man noch Haltrich Volksmärchen aus dem
+Sachsenlande in Siebenbürgen Nr. 26, v. Hahn Griechische und
+albanesische Märchen Nr. 54, Glinski =Bajarz polski I=, 109, Kletke
+Märchensaal =II=, 71, Schneller Märchen aus Wälschtirol Nr. 27 beifüge. In
+allen diesen Märchen geräth ein Jüngling -- meistens in Folge eines
+erzwungenen oder erlisteten Versprechens seines Vaters -- in die Gewalt
+eines feindlichen Wesens (Teufel, Dämon, Geist, Riese, Meerfrau,
+Zauberer, Hexe) und trifft da eine Jungfrau -- in den meisten Märchen
+die Tochter jenes Wesens --, durch deren Hilfe er die ihm aufgegebenen
+schweren Arbeiten verrichtet und die dann mit ihm entflieht. Die meisten
+Märchen schließen aber nicht hiermit, sondern sie erzählen noch, wie der
+Jüngling seine Retterin in Folge der Uebertretung einer ihm von ihr
+gegebenen Vorschrift eine Zeitlang vergißt. -- Wie im ehstnischen
+Märchen der verirrte König dem Teufel das versprechen muß, was ihm auf
+seinem Hof zuerst entgegen kömmt, so müssen in dem entsprechenden
+Märchen bei Müllenhoff Nr. 6 die verirrten Eltern dasselbe versprechen,
+und in dem parallelen schwedischen Märchen bei Cavallius Nr. =XIV=, =A=, muß
+der König in seinem Schiff dem Meerweib das versprechen, was ihm am
+Strande zuerst begegne. In andern der hierher gehörigen Märchen wird das
+verlangt und versprochen, was man zu Hause habe, ohne es zu wissen
+(Glinski, Kletke), oder was die Königin unter dem Gürtel trägt
+(Cavallius Nr. =XIV=, =B=), oder der Sohn wird geradezu verlangt (Campbell,
+v. Hahn); bei Haltrich endlich wird »en noa Sil« verlangt, was ein
+neues Seil und eine neue Seele bedeutet.[87] -- Dem ehstnischen Märchen
+ganz eigentümlich ist die Vertauschung des Königssohn mit der
+Bauerntochter. Auch die Aufgaben, die im ehstnischen Märchen der Teufel
+gibt, sind andere als in den übrigen Märchen. -- Daß die Jungfrau sich
+und ihren Schützling auf der Flucht verwandelt, kömmt in mehreren der
+parallelen Märchen vor, insbesondere die Verwandlung in Rosenstrauch und
+Rose bei Grimm Nr. 113 und Müllenhoff Nr. 6, auch in den theilweis
+hierher gehörigen Märchen bei Wolf deutsche Hausmärchen S. 292 und
+Waldau Böhmisches Märchenbuch S. 268, die in Wasser und Fisch bei Grimm
+Nr. 113. K.
+
+Wie S. 194 der Königssohn statt seiner Hand eine glühende Schaufel
+reicht, so in einem russischen Heldenlied Ilja von Murom dem blinden
+Vater Swjatogors ein Stück erhitztes Eisen (Rybnikow =III=, 6). Sch.
+
+[Fußnote 87: Nicht diese letztere Form des Versprechens, aber die
+übrigen kommen auch in anderen, sonst nicht unmittelbar in diesen Kreis
+gehörigen Märchen vor, z. B. bei Grimm Nr. 92, Schott Walachische
+Märchen Nr. 2 (das zuerst Begegnende); Asbjörnsen Nr. 9 (das unterm
+Gürtel); Wolf S. 199, Waldau S. 26, v. Saal Märchen der Magyaren S. 129
+(das nicht Gewußte zu Hause).]
+
+
+15. Rõugatajas Tochter.
+
+In dem finnischen Märchen »die wunderliche Birke (Salmelainen =I=, 76) hat
+die böse Syöjätär die vom Königssohne geheirathete Tuhkimus
+(Aschenbrödel) in eine Rennthierkuh verwandelt; in dieser Gestalt stillt
+sie ihr Kind; die Rennthierhaut wird vom Königssohn verbrannt; Syöjätär
+und ihre Tochter kommen in der Badstube um. Sch.
+
+Insofern in beiden Märchen die abgelegte Thierhaut verbrannt wird,
+berühren sie sich mit den zahlreichen, übrigens anders verlaufenden
+Märchen von der verbrannten Thierhülle. Vgl. Benfey Pantschatantra =I=,
+254 und meine Zusammenstellung im Jahrbuch für roman. und englische
+Literatur =VII=, 254 ff., die sich noch vermehren läßt. K.
+
+
+16. Die Meermaid.
+
+Die ehstnische Ueberschrift »_Näkineitsi_« d. i. buchstäblich
+»Näk-Mädchen« (Nixe) weist auf schwedischen Ursprung des Märchens hin.
+Sch.
+
+Man vergleiche die bekannte französische, fast in ganz Europa, auch in
+_Schweden_ zum Volksbuch gewordene Dichtung von der Melusine, die alle
+Sonnabende[88] vom Nabel abwärts zur Schlange wurde und welcher Graf
+Raimund vor seiner Vermählung mit ihr versprechen mußte, sie nie
+Sonnabends sehen zu wollen.
+
+Wenn Schlaf-Tönnis aus dem Reich der Meermaid als Greis auf die Erde
+zurückkehrt, so beruht dies auf dem Glauben, daß Sterblichen im Elfen-
+oder Feen-Lande die Zeit, ihnen unbewußt, mit reißender Geschwindigkeit
+verfließt. So glaubt Thomas der Reimer bei der Elfenkönigin drei Tage
+gewesen zu sein, während doch drei Jahre verflossen sind. (W. Scott
+=Border Minstrelsy=, =Edinburgh 1861=, =IV=, 127). Ein schwedischer Ritter ist
+40 Jahre im Elfenland gewesen und glaubt nur eine Stunde da verbracht zu
+haben (Afzelius Volkssagen und Volkslieder aus Schwedens älterer und
+neuerer Zeit, übersetzt von Ungewitter =II=, 297). Vgl. auch das Märchen
+aus Wales bei Rodenberg Ein Herbst in Wales S. 128 und die
+Kiffhäuser-Sagen bei A. Witzschel Sagen aus Thüringen Nr. 277 und 278.
+Legenden erzählen Gleiches von Menschen, die im Paradies gewesen sind.
+Vgl. Liebrechts Anmerkung zu Dunlop a. a. O. S. 543 und W. Menzel
+Christliche Symbolik =II=, 194 ff. K.
+
+[Fußnote 88: Die Fee Manto in Ariosts Rasendem Roland (=XLIII=, 98) und
+die Sibylle im Roman »Guerino Meschino« (Dunlop Geschichte der
+Prosadichtungen, übersetzt von F. Liebrecht, S. 315) werden ebenfalls
+alle Sonnabende -- aber nicht bloß vom Nabel an, sondern ganz -- zu
+Schlangen.]
+
+
+18. Der Nordlands-Drache.
+
+Ueber den _Ring Salomonis_ vgl. Eisenmenger Entdecktes Judenthum S. 351
+ff., J. v. Hammer Rosenöl =I=, 171 ff., G. Weil Biblische Legenden der
+Muselmänner S. 231 und 271 ff., F. Liebrecht Des Gervasius von Tilbury
+=Otia imperialia= S. 77. In einem Märchen der 1001 Nacht (Der Tausend und
+Einen Nacht noch nicht übersetzte Mährchen u. s. w. in's Französische
+übersetzt von J. v. Hammer und aus dem Französischen in's Deutsche von
+A. E. Zinserling, =I=, 311) wird, wie im ehstnischen Märchen, der Ring
+Salomos, der mit diesem Ring am Finger in einer Insel der sieben Meere
+begraben liegt, gesucht. K.
+
+
+19. Das Glücksei.
+
+Daß in Schlangen, Kröten oder dergl. verwandelte Jungfrauen nur erlöst
+werden können, wenn ein Jüngling sie dreimal küßt oder sich küssen läßt,
+kömmt in deutschen Sagen öfters vor. S. Grimm Deutsche Mythologie S.
+921, W. Menzel Die deutsche Dichtung I, 192, Curtze Volksüberlieferungen
+aus Waldeck S. 198. K.
+
+
+20. Der Frauenmörder.
+
+Eine Variante des bekannten Blaubart-Märchens. S. die Anmerkung zu Grimm
+Nr. 46 und Jahrbuch für romanische und englische Literatur =VII=, 151 f.
+K.
+
+
+23. Dudelsack-Tiidu.
+
+In Bezug auf die Aepfel, welche ein Wachsen der Nasen verursachen, und
+die Nüsse, durch welche die Nasen wieder klein werden, vergleiche man
+die Geschichte des Fortunatus und seiner Söhne (s. Zachers Artikel
+»Fortunatus« in der Encyklopädie von Ersch und Gruber) und Grimm Nr.
+122, Zingerle Tirols Volksdichtungen =II=, 73, Curtze Volksüberlieferungen
+aus Waldeck S. 34, Campbell =Popular tales of the West Highlands= Nr. 10,
+das finnische Märchen aus Salmelainens Sammlung (=I=, 4.) bei Asbjörnsen
+und Gräße Nord und Süd S. 145, das rumänische im Ausland 1856, S. 716,
+Nr. 8. K.
+
+
+
+
+Berichtigungen und Zusätze.
+
+
+S. 34 Z. 1 u. 18 v. o. l. drei Eier von einer schwarzen Henne
+ st. drei schwarze Hühnereier (die es ja nicht giebt!)
+
+S. 117 Z. 2 v. o. l. alsdann st. aldann.
+
+S. 127 Anm. 2 l. Oesel st. Desel.
+
+S. 174 Die in den Verhandlungen der gelehrten ehstn. Gesellschaft
+ zu Dorpat abgedruckte Kreutzwaldsche Uebersetzung
+ des Märchens vom dankbaren Königssohn ist verglichen
+ worden; der ehstnische Text hat in der helsingforser
+ Sammlung verschiedene Zusätze erhalten. Uebersetzungen
+ anderer ehstnischer Märchen haben mir nicht vorgelegen.
+
+S. 174 Z. 2 v. u. fehlt »zu« vor: ihm.
+
+S. 184 Nota. In Beziehung auf das weiße Pferd bemerkt Neus
+ zu der Sage von =Issi teggi= (Selbst gethan) im illustrirten
+ Revalschen Almanach für 1856, daß das weiße
+ Pferd in heidnischer Zeit, wie bei andern Völkern, so
+ auch wohl bei den Ehsten, für besonders heilig galt und
+ daher seit Einführung des Christentums für besonders
+ teuflisch.
+
+S. 188 Z. 15 v. o. l. Im st. Ich.
+
+S. 229 Z. 3 v. u. l. fast immer st. meist.
+
+S. 354 Z. 8 v. u. l. einander st. eiander.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ehstnische Märchen,
+by Friedrich Kreutzwald
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHSTNISCHE MÄRCHEN ***
+
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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