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+The Project Gutenberg EBook of Zum wilden Mann, by Wilhelm Raabe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Zum wilden Mann
+
+Author: Wilhelm Raabe
+
+Release Date: July 23, 2007 [EBook #22123]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUM WILDEN MANN ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+
+Zum wilden Mann.
+
+Eine Erzählung
+von
+Wilhelm Raabe.
+
+
+Mit dem Bildnis des Verfassers.
+
+
+Leipzig
+
+Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Sie machten weit und breit ihre Bemerkungen über das Wetter, und es war
+wirklich ein Wetter, über das jedermann seine Bemerkungen laut werden
+lassen durfte, ohne Schaden an seiner Reputation zu leiden. Es war ein
+dem Anscheine nach dem Menschen außergewöhnlich unfreundlicher Tag gegen
+das Ende des Oktober, der eben in den Abend oder vielmehr die Nacht
+überging. Weiter hinauf im Gebirge war schon am Morgen ein gewaltiger
+Wolkenbruch niedergegangen, und die Vorberge hatten ebenfalls ihr Teil
+bekommen, wenn auch nicht ganz so arg als Volk, Vieh, Wald, Fels, Berg
+und Thal weiter oben. Sie waren unter den Vorbergen nordwärts vollkommen
+zufrieden mit dem, was sie erhalten hatten, und hätten gern auf alles
+weitere verzichtet, allein das Weitere und Übrige kam, und sie hatten es
+hinzunehmen, wie es kam. Ihre Anmerkungen durften sie freilich darüber
+machen; niemand hinderte sie.
+
+Es regnete stoßweise in die nahende Dunkelheit hinein, und stoßweise
+durchgellte ein scharfer, beißender Nordwind, ein geborener Isländer
+oder gar Spitzbergener, aus der norddeutschen Tiefebene her die Lüfte,
+die Schlöte und die Ohren und ärgerte sich sehr an dem Gebirge, das er,
+wie es schien, ganz gegen seine Vermutung auf seinem Wege nach Süden
+gefunden hatte. Er war aber mit der Nase darauf gestoßen oder vielleicht
+auch darauf gestoßen worden und heulte gleich einem bösen Buben, der
+gleichfalls mit dem erwähnten Glied auf irgend etwas aufmerksam gemacht
+und hingewiesen wurde. Ohne alle Umschreibung: der Herbstabend kam
+früh, war dunkel und recht stürmisch; -- wer noch auf der Landstraße
+oder auf den durchweichten Wegen zwischen den nassen Feldern sich
+befand, beeilte sich, das Wirtshaus oder das Haus zu erreichen; und wir,
+das heißt der Erzähler und die Freunde, welche er aus dem deutschen Bund
+in den norddeutschen und aus diesem in das neue Reich mit sich
+hinübergenommen hat, -- wir beeilen uns ebenfalls, unter das schützende
+Dach dieser neuen Geschichte zu gelangen.
+
+Der Abend wird gemeiniglich eher Nacht, als man für möglich hielt; so
+auch diesmal.
+
+Es ist recht sehr Nacht geworden. Wieder und wieder fegt der Regen in
+Strömen von rechts nach links über die mit kahlen Obstbäumen eingefaßte
+Straße. Wir halten, kurz atmend, die Hand über die Augen, uns nach einem
+Lichtschein in irgend einer Richtung vor uns umsehend. Es müssen da
+langgestreckte, in ihrer Länge kaum zu berechnende Dörfer vor uns, dem
+Gebirge zu, liegen, und der geringste Lampenschimmer südwärts würde uns
+die tröstende Versicherung geben, daß wir uns einem dieser Dörfer
+näherten. Vergeblich!
+
+Pferdehufen, Rädergeroll, Menschentritte hinter uns? Wer weiß?
+
+Wir eilen weiter, und plötzlich haben wir das, was wir so sehnlich
+herbeiwünschen, zu unserer Linken dicht am Pfade. Da ist das Licht,
+welches durch eine Menschenhand angezündet wurde. Eine plötzliche
+Wendung des Weges um dunkles Gebüsch bringt es uns überraschend schnell
+vor die Augen, und wir stehen vor der Apotheke »zum wilden Mann.«
+
+Ein zweistöckiges, dem Anscheine nach recht solides Haus mit einer
+Vortreppe liegt zur Seite der Straße vor uns, ringsum rauschende,
+triefende Bäume -- gegenüber zur Rechten der Straße ein anderes Haus --
+weiter hin, durch schwächeren Lichterschein sich kennzeichnend, wieder
+andere Menschenwohnungen: der Anfang einer dreiviertel Stunde gegen die
+Berge sich hinziehenden Dorfgasse. Das Dorf besteht übrigens nur aus
+dieser einen Gasse; sie genügt aber dem, der sie zu durchwandern hat,
+vollkommen; und wer sie durchwanderte, steht gewöhnlich am Ausgange
+mehrere Augenblicke still, sieht sich um und vor allen Dingen zurück und
+äußert seine Meinung in einer je nach dem Charakter, Alter und
+Geschlecht vermiedenen Weise. Da wir den Ausgang oder Eingang jedoch
+aber erst erreichen, sind wir noch nicht hierzu verpflichtet. Wir suchen
+einfach, wie gesagt, vorerst unter Dach zu kommen und eilen rasch die
+sechs Stufen der Vortreppe hinauf; der Erzähler mit aufgespanntem Schirm
+von links, der Leser, gleichfalls mit aufgespanntem Schirm, von rechts.
+Schon hat der Erzähler die Thür hastig geöffnet und zieht sich den
+atemlosen Leser nach, und schon hat der Wind dem Erzähler den Thürgriff
+wieder aus der Hand gerissen und hinter ihm und dem Leser die Thür
+zugeschlagen, daß das ganze Haus widerhallt wir sind darin, in dem Hause
+sowohl, wie in der Geschichte vom w i l d e n M a n n! -- -- Daß wir uns
+in einer Apotheke befinden, merken wir auf der Stelle auch am Geruche.
+
+Die erleuchteten zwei Fenster, welche wir von der durchweichten, regen-
+und sturmwindgeschlagenen Landstraße aus erblickten, waren die der
+Offizin, und die Lampe an der Decke darin warf ihr Licht durch die
+breiten Schiebfenster auch auf die Hausflur. In der pharmaceutischen
+Werkstätte herrschte außer dem bekannten Duft die gleichfalls
+wohlbekannte Ordnung und Reinlichkeit der deutschen Apotheken. Die
+weißen, mit blauen Buchstaben und hin und wieder mit schwarzen
+Totenköpfen und den beiden Armknochen bezeichneten Büchsen und Gläser in
+den Fächern an den Wänden, die blanken Mörser und grünschwarzen
+Steinreibeschalen, die Wagschalen und alle übrigen Gerätschaften sahen
+ordentlich angenehm und anlockend aus. Wäre die schreckliche Bank, auf
+welcher die Meisten von uns schon einmal in fiebernder Angst und
+Beklemmung saßen und warteten, nicht gewesen, das Werkzeug und Geräte
+der hohen Kunst hätte jedermann das höchste Vertrauen einflößen müssen.
+
+Aber die böse Bank! Der abgeriebene schlimme Stuhl! -- Wir saßen eben
+schon darauf -- vielleicht wohl am hellen, frostklaren Winternachmittag,
+oder noch viel schlimmer in der stillen, warmen, der entsetzlichen,
+wenngleich noch so schönen Sommernacht; wir trauen den Büchsen und
+Gläsern, den Flaschen, Wagschalen und Reibeschalen wenig, wir erinnern
+uns nur, wie wir damals dem ruhiggemessenen, geheimnisvollen Wirken des
+Mannes hinter dem Arbeitstische wild und dumm zusahen.
+
+In der Offizin befand sich augenblicklich niemand; aber es fiel noch ein
+Lichtschein aus einem anstoßenden Zimmerchen, dessen Thür halb geöffnet
+stand. Und mit dem Scheine drang ein anderer Duft ein, der die
+apothekarische Atmosphäre einer auffälligen Veränderung und Entmischung
+unterwarf; _herba nicotiana_ gehört freilich ebenfalls zu den
+offizinellen Gewächsen. Wir folgen d i e s e m Geruch und treten in das
+Nebengemach.
+
+Das Ding in dem engen Raume ließ sich ganz gemütlich an. Aus der einen
+Ecke versendete ein eiserner Ofen eine behagliche Wärme, in der anderen
+war gegen einen mächtigen gepolsterten Lehnstuhl, der leer stand und von
+dem später noch die Rede sein wird, ein runder Tisch gezogen, an welchem
+auf gleichfalls gepolsterten, hochlehnigen Stühlen sich die jedesmaligen
+Gäste, mit der Pfeife im Munde und ein offizinelles oder nicht
+offizinelles warmes oder kaltes Getränk vor sich, den Aufenthalt
+sicherlich recht bequem und behaglich machen konnten. Gegenwärtig jedoch
+hatte nur der Herr des Hauses, der Besitzer der Apotheke »zum wilden
+Mann«, allein auf seinem Stuhle Posto gefaßt, und ob er an diesem
+stürmischen Abend wirklich noch jemand zum Besuch erwartete, und ob
+wirklich jemand der Erwartung entsprach, können wir augenblicklich noch
+nicht angeben. Wir sind mit der Schilderung unserer Bühne noch nicht
+zustande und fahren vorerst darin fort.
+
+Das Kabinettchen hinter der Offizin war mit einer gelblichgrauen,
+grauschwarz geblümten Tapete, soweit sich das überblicken ließ,
+ausgeklebt. Auf der Fensterbank stand neben einigen Blumentöpfen ein
+Käfig mit einem schlafenden Zeisig, der jedesmal, wenn ein Baumzweig im
+Garten, vom Winde gepackt und geschleudert, schärfer an der Glasscheibe
+herkratzte, oder wenn ein Regenstoß heftiger an der Scheibe trommelte,
+fester und behaglicher im Gefühle seiner Sicherheit sich in eine
+Federkugel zusammenzog.
+
+Eine Eckschenke mit allerlei Tassen, bunten Töpfen und Gläsern und auf
+ihr eine ausgestopfte Wildkatze in einem Glaskasten dürften in der
+Inventaraufnahme nicht zu vergessen sein. Ein vordem recht blumiger,
+aber nunmehr längst verblaßter und abgetretener Teppich bedeckte den
+Boden; von der Decke hing eine künstlich geflochtene Graskrone, ein
+Staub- und Fliegenfänger herab; und wenn wir nun noch den Bildern an den
+Wänden einige Worte gewidmet haben werden, so hindert uns weiter nichts,
+fürderzugehen und interessanter zu werden.
+
+Die Bilder an den Wänden freilich waren schon an sich interessant. Ihre
+Anzahl allein mußte jeden eintretenden Betrachter höchlichst in
+Erstaunen setzen und für eine geraume Zeit in ein mundoffenes
+Umherstarren an allen vier Wänden, nach allen vier Himmelsgegenden.
+Hatte er sich von seiner Überraschung erholt, so konnte er anfangen zu
+zählen oder die Zahl wenigstens annähernd zu schätzen. Beides aber war
+schwer, denn die Bilder und Bildchen unter Glas und Rahmen bedeckten in
+kaum zu berechnender Menge die Wände von oben bis unten, das heißt so
+weit nach unten, als es nur irgend möglich war. Alle Arten und Formate
+in Kupferstich, Stahlstich, Lithographie und Holzschnitt, alle
+Gegenstände und Situationen im Himmel und in der Hölle, auf Erden, im
+Wasser, im Feuer und in der Luft, schwarz oder koloriert.
+
+Viele Ramberg'sche und Chodowiecki'sche Kunstschöpfungen, unzählige
+Scenen aus dem Leben Friedrichs des Zweiten und Napoleons des Ersten,
+die drei alliirten Monarchen in drei verschiedenen Auffassungen auf dem
+Leipziger Schlachtfelde, die am Palmbaum hängende Riesenschlange, an
+welcher der bekannte Neger hinaufklettert, um ihr die Haut abzuziehen,
+Scenen aus dem Corsar, »ein Gedicht von Lord Byron«, Modebilder, ein
+Porträt von Washington, ein Porträt der Königin Mathilde von Dänemark
+und des Grafen Struensee und, verloren unter all der bunten, kuriosen
+Nichtsnutzigkeit, zwischen zwei Straßenscenen aus dem Jahre 1848, ein
+echter alter Dürer'scher Kupferstich: _Melancholia_!
+
+Wir beendigen die Kalalogisierung. Dreißig Jahre hatte der während
+dieser dreißig Jahre fest an seine Offizin gebundene Apotheker Philipp
+Kristeller gebraucht, um seine Bildergalerie zusammenzubringen; es war
+ihm also gar nicht zu verdenken, wenn er auf seine Galerie hielt, auf
+seine Kunstliebhaberei und seinen Geschmack sich etwas zu gute that.
+Sein Hinterstübchen war wohl geziert, und er hatte außerdem noch einiges
+andere, worauf er sich etwas zu gute thun durfte.
+
+Wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf den Mann am Tische. Er mochte
+ein Alter zwischen den fünfziger und sechziger Jahren erreicht haben,
+war von Leibesbeschaffenheit mehr hager als dick, von Farbe mehr gelb
+und grau als rot und braun und von Statur mittlerer Größe. Er trug einen
+grauen Schlafrock, niedergetretene, dunkelrote Pantoffeln und auf dem
+silbergrauen, schlichten Haar eine dunkelgrüne Hauskappe mit
+abgegriffener Goldstickerei, einen Kranz von Eicheln und Eichenblättern
+darstellend. Er rauchte aus einer langen Pfeife, auf deren Kopf ein
+Maikäfer gemalt war, und stützte nachdenklich die Stirn mit der Hand,
+den Blick auf den großen, leeren, bequemen Lehnstuhl ihm gegenüber
+gerichtet.
+
+Zum ersten Male blickte er empor, als die Thür, welche aus dem
+Hinterzimmer nicht in die Offizin, sondern auf die Hausflur führte,
+leise geöffnet wurde, und ein alter Frauenzimmerkopf sich hineinschob:
+
+»Aber Bruder, welch ein Wetter!«
+
+»Freilich ein bewegtes Wetter, liebe Schwester.«
+
+Ob die alte Dame die Antwort noch vernommen hatte, muß zweifelhaft
+bleiben, denn sie hatte die Thür eben so rasch und leise, wie sie
+dieselbe geöffnet hatte, wieder zugezogen.
+
+»Ein vernehmbar bewegtes Wetter, in der That,« murmelte der Apotheker
+»zum wilden Mann« lächelnd und nach dem bestürmten Fenster horchend. In
+demselben Moment klang die Glocke der Hausthür, und es wurde an das
+Schiebfenster der Offizin gepocht. Herr Philipp Kristeller erhob sich,
+stellte die Pfeife an den Stuhl und ging gebückt in seine Werkstatt.
+Kopfschüttelnd kam er nach einer viertelstündigen Arbeit im Berufe
+zurück; die Hausthürglocke erklang von neuem, und eiligen Laufes
+entfernte sich jemand, durch die Wasserlachen der Landstraße dem Dorfe
+zuplatschend, ohne im geringsten auf seinen Weg Obacht zu haben.
+
+Kopfschüttelnd nahm der Alte seinen Sitz wieder ein, zündete seine
+Pfeife von neuem an und sagte:
+
+»Eine ungesunde Jahreszeit -- ein Apothekerherbst. -- Gute Kasse, aber
+doch ein schlechtes Geschäft.«
+
+Er seufzte dabei, und das Wort wie der Seufzer zeugten unstreitig von
+einem guten Herzen.
+
+Nun saß er wieder einige Minuten, bis er plötzlich zusammenschrak:
+
+»Mein Gott -- ja aber -- ist es denn so?!«
+
+Er erhob sich von neuem hastig, schritt diesmal eilig in die Offizin,
+schloß ein Stehpult am Fenster auf, nahm ein Buch hervor und blätterte
+darin. Seine Finger zitterten, seine Lippen zuckten, er sah sich mehrere
+Male wie zweifelnd in dem aromatisch durchdufteten Raum um: es war kein
+Zweifel, jede Büchse und jedes Glasgefäß, mit oder ohne Totenkopf,
+befand sich noch auf seinem Platze. Der Apotheker Kristeller schloß das
+Buch, legte die Hand darauf und rief:
+
+»Es ist wahrhaftig so! Es ist richtig; heute ist der Tag oder vielmehr
+der Abend. Es sind dreißig Jahre auf die Stunde -- ein Jubiläum -- und
+ich hatte das vollständig, vollständig vergessen. Dorothea, Dorothea!«
+
+»Lieber Bruder?« klang es draußen schrill.
+
+Der Alte schritt in seiner Aufregung fünf Minuten lang auf und ab; dann
+war seine Geduld zu Ende. Er öffnete die Thür:
+
+»Dorette, Dorette!«
+
+»Was giebt es denn, Philipp?« ertönte es aus der Ferne. »Ich höre den
+Wind wohl; aber was kann man dagegen thun, -- Thür und Fenster sind
+verwahrt, und das Übrige steht in Gottes Hand.«
+
+»Ei, ei,« murmelte Herr Philipp und rief dann: »Es handelt sich nicht um
+Wind und Wetter. Komm doch einmal einen Augenblick herein, Dorothea!«
+
+Es dauerte noch verschiedene Augenblicke, ehe das möglich war; aber
+zuletzt geschah es doch. Da war das Altjungfergesicht wieder und jetzt
+die ganze übrige Figur und zwar mit einem über jeden höflichen Zweifel
+erhabenen Buckel zwischen den Schultern.
+
+»Wir haben es augenblicklich ziemlich eilig in der Küche, lieber
+Philipp. Wünschest du etwas, bester Bruder?«
+
+»Nein; aber heute vor dreißig Jahren um diese Stunde verkaufte ich in
+diesem Hause für den ersten Groschen Wundspiritus. Den Altvater
+Zimmermann -- Gott habe ihn selig! -- hatte der Gaul an die Hüfte
+geschlagen. Ich habe es mir notirt vor dreißig Jahren, und ich hatte es
+gänzlich vergessen -- dem Lehnstuhle dort zum Trotz!«
+
+»O du meine Güte!« rief das alte Fräulein und verschwand nach einigem,
+wie es schien, ratlosen Zögern, schlug dann aber die Thür um so heftiger
+hinter sich zu. Schon auf dem Hausflur wußte Fräulein Dorette Kristeller
+ganz genau, was sie zu thun habe, und man hatte für den ferneren Abend
+es noch um ein Bedeutendes eiliger in der Küche der Apotheke »zum wilden
+Mann«.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Trotz aller geistigen Aufregung mußte der Apotheker Philipp Kristeller
+einen erstaunten Blick für die Pforte, durch welche die Schwester so
+plötzlich wieder verschwunden war, übrig haben.
+
+»Herr Jesus!« sagte er; und dann versuchte er es von neuem, sich ruhig
+zu setzen, allein es wollte nicht angehen. Das bedeutungsvolle Datum
+brannte wie in feurigen Ziffern und Buchstaben vor seinen Augen, und so
+schob er denn den Stuhl unter den Tisch und schlurfte, immerfort den
+Kopf schüttelnd, in seiner Bildergalerie auf und ab; und immer klarer
+und deutlicher stieg die Welt, welche vor dreißig Jahren, vor einem
+Menschenalter, war, in seiner Seele empor. Ja, von seiner frühesten
+Kindheit an lag mit einem Mal alles in den schärfsten Umrissen vor ihm,
+und nur seine ihm allzu früh gestorbenen Eltern durchzogen schemenhaft
+die helle Landschaft. Dagegen stand der Vormund in derber, ungemütlicher
+Deutlichkeit in dem Zauberlicht und in der Mitte der Scenerie jener
+kleinen Provinzialstadt jenseits des Gebirges, dem Thüringerlande zu,
+mit dem Kyffhäuser in der Nähe und dem Kickelhahn in der blauen
+magischen Ferne.
+
+»Der allergewöhnlichste Mensch hat doch immer etwas erlebt, wenn er so
+ein Menschenalter über ein Menschenalter hinaus zurückdenken kann,«
+murmele der Alte. »Wie lebendig das nun alles ist, was eben tot und
+vergessen in meiner Seele lag. Da ist ja der alte Biedermann, der
+Grauwacker, mein Lehrherr, mit seinem ganzen Haus und Hauswesen. Welch
+ein schnurriger, verbissener Patron er war; und dann die Patronin, ich
+meine die Frau Prinzipalin. Herrgott, wie sorgst du in deiner Güte und
+Weisheit dafür, daß denen, welchen du einen kleinen Löffel auf den
+Lebensweg mitgiebst, auch der Brei nach dem richtigen Maße zugemessen
+wird! Ist es mir doch, als verspürte ich heute noch das Magenknurren aus
+jener guten, alten Zeit unter dem Zwerchfell. Und es war doch eine
+glückliche, gesunde Zeit! Und gelernt hat man auch das Seinige bei dem
+alten Grauwacker; man muß es ihm lassen, er verstand das Geschäft, die
+Kunst, und er wußte uns darin zurecht zu schütteln. Alles, was nachher
+kam --«
+
+Die Glocke der Offizin klingelte von neuem; abermals ging der Apotheker
+in seine Werkstatt zu seiner Arbeit, die diesmal etwas länger als vorhin
+dauerte. Während er seinen Trank mischte und kochte, führte er im
+landläufigen Dialekt eine Unterhaltung, die wir dem Leser nicht
+vorenthalten wollen, die Mundart freilich abgerechnet.
+
+»Ihr habt euch bei einem schlimmen Wetter auf den Weg machen müssen,
+Gevatterin. Es steht wohl gar nicht gut zu Hause?«
+
+»Wie mit dem Wetter draußen,« sagte das frische, sehr gesunde
+Bauerweiblein verdrossen. »Man hat seine liebe Not, daß man sich darüber
+selber gern vom Tage thun möchte. Er kann nicht leben und will nicht
+sterben; -- ich glaube, er hält sich eben durch das Ärgernis, welches er
+uns macht; -- recht machen kann man ihm gar nichts mehr, und von dem
+Verdruß lebt er so hin von einem Tage zum andern.«
+
+»Hm, hm,« brummte Herr Philipp.
+
+»Ja, es ist doch so, und der Doktor zieht dann das Beste davon. Das Ding
+hat er gestern Abend verschrieben, und es ist uns sehr eilig gemacht;
+ich meine aber, Sie wissen es am besten, Herr Kristeller, daß kein Tag
+vergeht, an welchem Sie mich nicht auf dieser Bank sitzen sehen. So
+dachte ich denn, es hat wohl Zeit bis morgen, und weggeworfenes Geld ist
+es doch.«
+
+»Hm, hm,« brummte Herr Philipp, fügte aber diesmal hinzu: »Doktor- und
+Apothekerrechnungen zahlt wohl niemand gern; -- aber wir machen es so
+billig als möglich, Gevatterin.«
+
+»Wie es sich schickt für eine arme, elende Witfrau,« schluchzte die
+muntere Bäuerin hinter ihren Schürzenzipfeln.
+
+»Na, na,« sagte der Apotheker, »zum Teufel, noch lebt er ja! Witfrau?
+junge Frau! ei freilich! -- und meiner Meinung nach wird er es noch
+manches lange, gute Jahr durchmachen. Der Doktor und ich wollen schon
+das Unsrige thun.«
+
+Die untröstliche Gattin auf der Bank stieß einen Ton hervor, der alles
+bedeuten konnte: Dankbarkeit, Hoffnung, Freude, Schreck, Mißmut, Ärger
+und Hohn. Der Apotheker hatte seine Mixtur fertig, reichte sie durch das
+Fenster, und die jammergeschlagene junge Witwe _in spe_ ging ab und zwar
+zu seinem innigsten Genügen gerade in ein erhöhtes Aufwüten und Lostosen
+des Herbststurmes hinein.
+
+»Die Canaille!« brummte der Alte, als er in seine Bildergalerie
+zurückkam und sich unter dem Eindrucke der Unterhaltung wieder recht
+fest niederließ, nachdem er mit merklicher Energie vorher frisches Holz
+in den Ofen geworfen hatte. »Dies Frauenzimmer hätte mir beinahe meine
+süßesten Erinnerungen für jetzt zu nichte gemacht,« murmelte er. »Eben
+geriet ich in dieselben hinein, als das Weib die Glocke zog; aber das
+ist freilich immer mein Los in der Welt gewesen, und anderen wird es
+wohl nicht besser gehen. Und dann ist ja doch auch nichts daraus
+geworden, Johanne! Zusammen sind wir nicht gekommen. Jeder hat seinen
+eigenen Weg gehen müssen; ich unter so sonderbaren Umständen in diesen
+verlorenen Weltwinkel, du, mein armes Kind und Herz, in dein Grab. _Nunc
+cinis ante rosa_, einundzwanzig Jahre alt -- ach, Johanne, liebe, liebe
+Johanne! -- Ja, ja, es wäre doch schön und gut gewesen, wenn wir
+zusammengekommen wären und ich dich heute nach einem Menschenalter hier
+bei mir hätte als alte, gute, schöne Frau!«
+
+Es duldete den guten würdigen Herrn an diesem merkwürdigen Abend nimmer
+lange auf seinem Sitze. Jetzt holte er ein Paket vergilbter Briefe aus
+dem oben erwähnten Pult und löste den Bindfaden davon ab.
+
+»Trockene Blumen und Blätter,« seufzte er. »Alles, was ich da in meinen
+Büchsen und Schachteln habe, grünte und blühte auch einmal wie jedes
+Wort auf diesem Papier. Apothekerwaren? Droguerien? Nein, nein, nein!
+Jenes ist tot und bleibt so; aber dies hier ist noch lebendig und blüht
+fort und kennt keine Zeit und keinen Jahreswechsel. Es hat seine Wurzeln
+in meiner Seele geschlagen: wie könnte es da welken und zu nichte
+werden? In der Sonne, im fliegenden Wolkenschatten, im Mondschein, im
+Nebelziehen, im grauen Landregen, im lustigen Schneegestöber liegt das
+Thal, liegen die Berge lebendig. Das ist die alte Stadt -- ja, da ist
+sie, wie sie war, als wir jung waren; -- jedes Haus ein guter Bekannter.
+Da ist das Eckfenster, an welchem ich stets vorbeigehe, wenn der Alte
+mich auf die Pflanzenjagd schickt. Da sitzt das gute Kind mit seinem
+Nähzeug, und es währt lange, sehr lange, ehe sie mich bemerkt, und noch
+länger, ehe ich an die Thatsache glaube, daß sie mir wirklich
+entgegenschaut und nachsieht. Es ist lange, lange eine Liebe ohne Worte,
+bis der Himmel ein Einsehen hat und ein Regenschauer zur richtigen Zeit
+auf einer Landpartie schickt, nachdem er mir vorher die glückselige,
+heilbringende Idee eingegeben hat, beim schönsten Sonnenschein und
+blauesten Himmel einen Schirm mitzunehmen. So lernten wir uns in der
+Nähe kennen -- vom Herzen zum Herzen, von Seele zu Seele. Da ging das
+beste Erdenleben an. -- Sie hatte wenig und ich gar nichts; aber der
+liebe Gott hatte ungezählte Schätze für uns und gab eine kurze, kurze
+Zeit alles mit vollen Händen. Erst im zweiten Sommer nach unserem
+geheimen Verlöbnis, nachdem wir ein volles Jahr durch in unserem Glück
+und unserer Hoffnung Millionäre gewesen waren, fiel uns ein, darüber
+nachzudenken, was wohl weiter daraus werden möge und könne --«
+
+Abermals klang die Glocke und unterbrach den erinnerungsvollen Traum. Es
+waren aber diesmal keine Kunden, welche den Apotheker »zum wilden Mann«
+störten. Die stets recht deutliche Stimme der Schwester Dorette ließ
+sich draußen vernehmen:
+
+»Da sind Sie, meine Herren! Gottlob, daß Sie gekommen sind. Das ist
+schön, das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich wußte es aber auch, daß
+ich Sie nicht vergeblich bitten würde. Dem Bruder ist die große
+Merkwürdigkeit eben erst eingefallen, und da hat es sich mir sogleich
+schwer auf das Herz gelegt, und ich habe dann den Fritz losgejagt. Ich
+kenne ihn ja nur zu gut, den Bruder; er würde sich ohne gute
+Gesellschaft eine traurige Nacht zurecht gemacht haben, seine
+melancholischen Einbildungen würden uns kläglich genug mitgespielt
+haben. Aber nun ist es gut, denn an diesem Abend gehören wir ja doch
+zusammen, und der Bruder wird sich nun recht sehr freuen, -- schönsten
+guten Abend, meine Herren!«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Die beiden Herren, zu denen die Schwester Dorette der melancholischen
+Einbildungen ihres Bruders wegen sofort geschickt hatte, nachdem er ihr
+die Bedeutung des heutigen Abends zugerufen, waren der Pastor des Ortes,
+Herr Schönlank, und der Förster Ulebeule. Ersterer kam, dicht in den
+Mantel gewickelt, mit seiner Laterne und seinem Regenschirm, letzterer,
+jeglicher Witterung Trotz bietend, in kurzer, grünkragiger Flausjacke,
+den derben, eisenbeschlagenen Hakenstock unterm Arme. Beide aber
+schüttelten sich vor allen Dingen tüchtig auf der Hausflur und sagten
+wie jedermann weit und breit:
+
+»Brr, welch' ein Wetter!«
+
+Und der Förster fügte noch hinzu:
+
+»Das nennt man freilich auch, unterm Wind sich anschleichen; aber ein
+Vergnügen war es gerade nicht. Na, Pastore, hier haben wir Überwind, und
+für das Übrige wird Fräulein Dorette zu sorgen wissen.«
+
+Der Alte im Hinterstübchen, welcher anfangs etwas betroffen gehorcht,
+hatte sich schnell in die Situation gefunden. Ein Lächeln auf seinem
+gutmütigen Gesichte wurde immer breiter und sonniger, und jetzt riß er
+seinerseits die Thür auf, welche aus seinem Schlupfwinkel auf die
+Hausflur führte, und rief in heiterster Laune:
+
+»Herein, herein, und gelobt seien alle melancholischen Phantasien, wenn
+sie einem so erwünschte Gesellschaft ins Haus führen. Das war ein
+Gedanke -- das war eine That, Dorette! Herein, liebe Freunde, -- das ist
+freilich ein Abend, um eine Nacht daraus zu machen, und letzteres wollen
+wir und zwar, wie es sich gehört! Herein, und jeder an seinen Platz, und
+ein Vivat für die alte Apotheke!«
+
+»Davon nachher, wenn wir erst Chinesien auf dem Tische haben werden,«
+sagte der Förster, seinen Stock in den Winkel stellend. »Fürs erste,
+alter Bursch, ganz sedate unsere beste Gratulation zum glorwürdigen
+Jubiläum. Wenn der Pastor das noch einmal und mit Salbung vorträgt, so
+habe ich auch nichts dagegen; aber wenn wir den Hasenfuß, den Physikus
+hier hätten, so würde der uns allen den Rang ablaufen; ein
+hirschgerechterer Jäger für einen Glückwunsch und Trinkspruch soll noch
+gefunden werden; aber er ist über Land geholt.«
+
+»Und wird zu Hause meine Benachrichtigung vorfinden,« sagte Fräulein
+Dorette Kristeller.
+
+»Schön,« sprach der Förster, »unter den Umständen kriegen wir ihn
+sicherlich noch zu Gesicht. Übrigens würde er es schon ganz aus
+Naturanlage gewittert haben, daß wir uns hier rudelten. Bis Mitternacht
+bleiben wir ja doch wohl vergnügt beisammen?«
+
+»Natürlich! Hurra!« rief der Apotheker, und der Pastor brachte nun
+wirklich in Erwartung Chinesiens, das heißt der Punschbowle, fein,
+zierlich und schicklich seine Gratulation gleichfalls an.
+
+Unterdessen hatte sich das ganze Haus mit eigentümlichen, anmutigen
+Düften, die den Apothekendunst ihrerseits sieghaft bekämpften, gefüllt.
+In des Hauses Küche hatte ein merkwürdig lebendiges Treiben begonnen;
+allerlei Gerät rasselte und klirrte fröhlich durcheinander. Punkt neun
+Uhr stand die erste dampfende Schale auf dem Tisch, und nicht sie
+allein, sondern, was dazu gehörte, ebenfalls. Für fünf Minuten fand des
+Apothekers Schwester nun auch Muße, sich zu den Männern zu setzen und
+die ersten Belobungen derselben in Empfang zu nehmen.
+
+Die Belobungen kamen zu rechter Zeit; aber dann trat für einige
+Augenblicke das Stillschweigen ein, welches immer entsteht, wenn ein des
+Nachdenkens würdiges Getränk auf den Tisch gesetzt wird. Daß dieses
+Stillschweigen schnell überwunden wird und ein jeder sich merkwürdig
+rasch mit der Feierlichkeit des Momentes abzufinden weiß, ist bekannt.
+
+»Also wirklich bereits ein volles Menschenalter!« rief der geistliche
+Herr. »Ich hielt es im Anfang fast für unmöglich; aber nun, da ich im
+Stillen nachgerechnet habe, finde ich und gebe zu, daß es sich in der
+That also verhält. Ich hatte mich in jenem Jahre gerade mit meiner guten
+Friederike in den Stand der heiligen Ehe begeben, und mein ältester
+Sohn, der Inspektor, ist wahrlich seitdem bereits achtundzwanzig Jahre
+alt geworden.«
+
+»Wahrhaftig, Pastore, und wenn ich daran denke, wie Ihr schlecht bei
+Leibe hier ankamt, und Euch ansehe, wie Ihr jetzo da sitzt, so brauche
+ich gar nicht an den Fingern abzuzählen, um an die dreißig Jahre zu
+glauben. Übrigens empfing ich euch alle hier und machte euch die
+Honneurs des Ortes. Zuerst rücktet Ihr ein, Pastore, und heiratetet
+Eures Vorgängers Tochter; und nachher kam der gleichfalls noch anwesende
+Jubilant, um die gesunde Gegend mit seinen Pillen und Mixturen noch
+gesunder zu machen. Den Doktor rechne ich gar nicht; denn ein Mensch,
+der erst ein Dutzend Jahre unter uns haust, ist eben gar nicht zu
+rechnen.«
+
+»Der liebe Gott hat Euch wirklich in Eurem Einzuge gesegnet, lieber,
+alter Freund,« sagte der Pastor zum Hausherrn. »Eure zwei Vorgänger
+hatten mit großer Schnelligkeit in diesem Hause Bankerott gemacht; Ihr
+aber hattet Glück --«
+
+»Und Verstand,« fiel der Förster Ulebeule ein, »den richtigen Verstand
+von der Sache; denn in einer so gesunden Gegend, wie die hiesige zum
+Exempel, legt sich der richtige Apotheker eben auf etwas anderes, zum
+Beispiel auf einen neuen Magenbitter, wie der >Kristeller< einer ist,
+auf die Fruchtsäfte im Großen, auf den Weinhandel und, nicht zu
+vergessen, auf den Kräuterhandel durch ganz Deutschland ins
+Unermeßliche. Heute Abend ist denn im natürlichen Verlaufe der Dinge
+der Alte da in seinem Schlafrocke der allereinzige von uns, welcher es
+zu etwas gebracht hat. Der Doktor wird es nie zu etwas bringen.«
+
+Der geistliche Herr seufzte; aber der Apotheker »zum wilden Mann«, Herr
+Philipp Kristeller, seufzte ebenfalls, und als gerade jetzt Wind und
+Sturm stärker und böser mit Regen und Schloßen durchs Land fuhren, sah
+er wie erschreckt von dem behaglichen Tisch auf das gepeitschte,
+klirrende Fenster. Die alte, gute Schwester rückte dichter an ihn heran,
+indem sie flüsterte:
+
+»Liebe Herren, man muß niemandem sein Glück vorrücken, es nützt nichts
+und hat schon häufig geschadet; das ist meine Meinung. Und ob meines
+Bruders Glück gerade so groß gewesen ist, das steht wirklich noch dahin.
+Wir haben unser Los und Leben genommen, wie es uns gegeben wurde, das
+ist aber auch alles. Auf das Jubiläum aber trinke ich doch, und jetzt
+will ich den Spruch ausbringen und sagen: Es lebe die Apotheke >zum
+wilden Mann!<«
+
+Sie hatte, während sie redete, die Gläser im Kreise gefüllt, und alle
+stießen an, doch mit Nachdenken und Ernst, wie es sich gehörte. Herr
+Philipp aber, unruhig auf seinem Stuhle hin- und herrückend, sprach
+leise und mehr zu sich selber als zu den andern:
+
+»Es ist eine Nacht dazu -- die rechte Nacht. Es ist mehr als ein
+Menschenalter hingegangen, seit das, was ich mein Hauptglück nennen
+sollte, an mich kam. Hört nur den Sturm da draußen, wie er sich unbändig
+hat, ihr solltet kaum glauben, daß sich morgen vielleicht kein Lüftchen
+regen wird, um das letzte Blatt vom Baume zu nehmen. Man sagt, es
+verjähre alles; aber es ist nicht wahr. Es kommt alles wieder an einen,
+der Sturmwind wie die alte Zeit. Ihr lieben Freunde, wollt ihr mich
+anhören, so will ich euch eine Geschichte erzählen, eine kuriose, eine
+recht, recht kuriose Geschichte. Ich will euch erzählen, wie ich vor
+mehr als dreißig Jahren der Besitzer der Apotheke >zum wilden Mann<
+wurde.«
+
+Der Pastor sagte gar nichts; aber auch er rückte näher an Herrn Philipp
+heran, berührte ermunternd seinen Ellbogen und bot ihm zu noch größerer
+Ermunterung die blank abgegriffene silberne Dose.
+
+»Geschichten höre ich für mein Leben gern, selbst Jagdgeschichten im
+Notfall!« rief der Förster eifrig. »Endlich ist das Wild los! hin nach
+der Fährt --«
+
+»Einen Augenblick!« bat Fräulein Dorette, »jetzt muß ich noch für eine
+Minute in die Küche, nachher bin ich wieder ganz und gar bei dir,
+Philipp. Die beiden Nachbarn entschuldigen wohl.«
+
+Sie entschuldigten gern und warteten und machten noch einige Bemerkungen
+über die Jahreszeit und die Witterung. Nachdem aber die Schwester
+zurückgekommen war, erzählte der Bruder wirklich seine Geschichte --
+eine kuriose Geschichte!
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+»Liebe, gute, treue Freunde und Nachbarn,« begann der Mann, der nach der
+Meinung des Försters Ulebeule es zu etwas im Leben gebracht, d. h. etwas
+vor sich gebracht hatte im Dorfe, »ich habe, ehe ihr kamet, von der
+alten Zeit verlockt, schon zweimal meinen Archivkasten da in der Offizin
+geöffnet und habe den Staub von der Vergangenheit geblasen; jetzt werde
+ich wohl noch ein Dokument daraus hervorholen müssen. Trotz aller
+wunderlichen Geheimnisse liegt mein Geschick vollständig klar auf dem
+Papiere da; nicht etwa daß ich ein Tagebuch oder dergleichen geführt
+hätte, sondern in wirklichen authentischen Schriftstücken, die ich euch
+dann auch nachher zu eigener Begutachtung in die Hände geben werde.
+
+»Mein Vater hatte mir einige Tausend Thaler hinterlassen; aber mein
+Vormund, ein gutmütiger, wohlmeinender, doch höchst zerfahrener und
+leichtsinniger Mann, hatte wenig auf dieselben Achtung gegeben. Als ich
+das Geld gebrauchen konnte, war es bis auf ein Minimum verschwunden, und
+der Vormund legte mir schluchzend das Bekenntnis ab: er wisse am
+allerwenigsten, wo es geblieben sei. Übrigens fügte er zu meinem Troste
+hinzu: mit seinem eigenen Vermögen sei es ihm gerade so ergangen. Er war
+ein ältlicher Herr mit drei unverheirateten ältlichen Töchtern, und alle
+waren meine besten Freunde; -- was blieb mir also übrig, als mit ihnen
+zu weinen und so auch meinerseits das trockene Faktum in gegenseitiger
+Liebe und Zuneigung feucht zu erhalten. Die drei guten Mädchen sorgten
+für meine Wäsche und sonstige Ausstattung, packten mir meinen Koffer,
+und so zog ich nach abgethaner Lehrzeit als voraussichtlich ewiges
+Subjekt ins Laborantentum hinein und trieb mich fünf oder sechs Jahre
+lang so umher durch Süß und Sauer, von einer Epidemie in die andere, von
+einem nächtlichen Aufgeklingeltwerden zum andern, von einer Doktorpfote
+zur andern, bis ich nach * * * kam, wo ich meine Johanne kennen lernte.
+Da, Freund Ulebeule, habe ich wirklich etwas vor mich gebracht, nämlich
+die einzigen guten, glücklichen Tage meines Lebens!«
+
+»Gratuliere auch dazu,« brummte der Förster.
+
+»Ja, in die glückliche Zeit meines Daseins war ich hineingeraten, und es
+stimmte alles zusammen -- ein ganzes Jahr lang!
+
+»Ich hatte es in jeder Beziehung gut. Mein damaliger Prinzipal war ein
+drolliger alter Kauz, über den ich etwas mehr sagen muß; denn er
+verdient das, meinet- wie seinethalben in jeder Beziehung. Er war
+Apotheker mit Liebe; aber mit einem gewissen Wahnsinn ein Enthusiast für
+die hohe Wissenschaft Botanik, und er war in der That ein bedeutender
+Pflanzenkundiger. So lange es anging, hatte er seine Provisoren und
+Gehilfen die Offizin versorgen lassen und war selber in Wald und Feld
+seinem Lieblingsstudium nachgegangen. Als ich aber in sein Haus eintrat,
+hatte sich das eben geändert. Er war über sechzig Jahre alt, seine Augen
+waren allmählich schwach geworden, sein Rücken steif; und wenn er sich
+zwischen Berg und Thal nach einem Gewächs bückte, so kam er nur mit
+Stöhnen und einem verdrießlichen Griff nach dem Kreuz wieder in die
+Höhe. Ich kam, und er stellte ein botanisches Examen mit mir an, das an
+Schärfe nichts zu wünschen übrig ließ, gottlob aber ziemlich gut
+ausfiel, und von dem all' mein späteres Wohlsein in seinem Hause den
+Ausgang nahm. Nach dem Examen überreichte er mir als Zeichen seiner
+Zufriedenheit ein Exemplar von Stöver's Leben des Ritters Karl von Linné
+und hielt mir eine Rede über die Märtyrer unserer >Göttin<, und empfahl
+mir vorzüglich zur Nachahmung das größte botanische Genie des
+sechzehnten Jahrhunderts, den Meister Charles de l'Ecluse, -- Carolus
+Clusius aus Arras in den Niederlanden, der im Dienste der Wissenschaft
+im vierundzwanzigsten Jahre die Wassersucht bekam, im neununddreißigsten
+Jahre in Spanien mit dem Pferde stürzte und den Arm brach und gleich
+nach der Heilung den rechten Schenkel; -- der im fünfundfünfzigsten
+Jahre in Wien den linken Fuß brach und acht Jahre später sich die rechte
+Hüfte verrenkte, -- der fortan an Krücken gehen mußte, einen Bruch und
+Steinschmerzen bekam und doch das wundervolle Buch: _Variarum plantarum
+historia_ schrieb und für alle kommende Zeiten wie ein glorreich helles
+Licht aus dem dunklen Jahrhundert, in welchem er lebte und wirkte,
+herüberleuchtete. Darauf schickte er mich in _re herbaria_ auf die Jagd
+und blieb selber seufzend zu Hause, versorgte die Praxis und
+durchblätterte seine Kräuterbücher, die wirklich merkwürdig in ihrer Art
+waren und nach seinem Tode sicherlich auf den Mist geworfen sind. Zu
+jeder Jahreszeit fast hatte ich für ihn das Land abzulaufen, denn er
+war auch in der Kenntnis der Moose bedeutend, und in den Monaten, wo die
+übrige Flora in ihrer Pracht steht, ging ich fast täglich meilenweit ins
+Land oder in die Berge, um irgend eine einzige Pflanze zu suchen, auf
+deren Besitz und Studium er augenblicklich sein Herz gewendet hatte.
+-- Das war eine schöne Zeit! das waren Tage, wie ich sie seit Jahren
+nicht in so ununterbrochen glücklicher Folge durchlebt hatte, und da
+ich, wie gesagt, auch bald den Namen und das Bild meiner Braut mit mir
+auf die Höhen und sonnigen Halden und in die schattigen Thäler nehmen
+konnte, so ist denn weiter nichts mit dem Scheine zu vergleichen, wie er
+mir damals über der Erde und in der Seele lag. Daß ich Rad durch den
+Sonnenglanz auf den Bergen geschlagen hätte, will ich aber nicht gesagt
+haben. Im Gegenteil! in die Lust am Leben machte sich immer ein
+bänglicher Zug. Kam ich aus meinen Wäldern zurück in die kleine,
+winklige Stadt, wieder hinein in das Gewirr und zänkische Durcheinander
+selbst dieser wenigen Menschen, so wurde mir oft sogar sehr bänglich zu
+Mute.«
+
+»Das geht allen Leuten so, die ihr Geschäft viel im Freien aufhält, mir
+auch!« sagte der Förster Ulebeule.
+
+»Aber noch lange,« fuhr der Erzähler, ohne auf die Unterbrechung weiter
+zu achten, fort, »noch lange war und blieb im Freien alles für mich
+Gegenwart, und erst nach und nach wurde drinnen im Städtchen alles
+Zukunft, sorgenvolle, angstvolle, nebelige Zukunft:
+
+»Was soll denn eigentlich zuletzt aus dir und deinem Mädchen werden?
+
+»Ich habe es schon gesagt, daß die richtige Schwerblütigkeit mich erst
+im zweiten Jahre meines dortigen Aufenthalts übermannte. Im Anfange
+blieben die trüben sorglosen Gedanken bei jedem Ausmarsche innerhalb der
+alten Mauern der Stadt eingeschlossen zurück; erst nach und nach
+begleiteten sie mich über das Weichbild hinaus und folgten mir weiter
+und weiter, bis im dritten Frühlinge der dunkle Finger mir überall auf
+meinen Wegen drohte und der Prinzipal die Bemerkung machte, daß ich
+anfange, bedeutend abzumagern, und mich wohlmeinend und besorgt an
+verschiedene nerven- und magenstärkende Droguen unserer Materialkammer
+verwies.
+
+»Ach, kein Arzneistoff konnte mir wieder zu vollerer Leibesrundung
+verhelfen! Zwischen Hypochondrie und gutem Lebensmut hin- und
+hergeworfen, schweifte ich umher, bis ich den Mann fand, der mir half!
+
+»Meine Herren und lieben Freunde, in eben diesem Sommer machte ich eine
+Bekanntschaft, eine seltsame, geheimnisvolle und, wie Johanne sagte,
+eigentlich unheimliche Bekanntschaft. Ihr habe ich es zu danken, daß ich
+heute der Besitzer dieser Apotheke >zum wilden Mann< bin, und sie ist
+bis heute, -- ja bis heute, und also länger als dreißig Jahre das
+ungelöste Rätsel, das Mysterium in meinem Leben geblieben --«
+
+»Erzählen Sie, o erzählen Sie!« rief der Pastor atemlos, den Erzähler in
+der besten raschesten Mitteilung seines Berichtes aus übergroßer
+Spannung unterbrechend, und Herr Philipp Kristeller benutzte die
+Gelegenheit, um Atem zu schöpfen, ehe er fortfuhr.
+
+Es schien ihm aber wirklich daran gelegen zu sein, das Geheimnis seines
+Lebens von der Seele los zu werden, und so fuhr er fort:
+
+»Ich fand einfach einen Weggenossen und so zu sagen Kollegen auf meinen
+Gängen, einen jungen wohlgekleideten Mann, der sich gleichfalls mit der
+Botanik beschäftigte, nur um ein Weniges jünger als ich zu sein schien
+und sich als ein Naturfreund und Pflanzenkenner auswies, der selbst
+meinen Prinzipal im verständnisvollen Eindringen in unsere hinreißende
+Wissenschaft übertraf. Aus der Gegend war er nicht, seinen Namen haben
+wir nie recht erfahren; wir nannten ihn Herr August und später auch
+einfach August. Sein Familienname war das aber jedenfalls nicht.
+
+»Der Zufall stieß uns an einem heißen Julinachmittage auf einer
+abgeholzten, glühenden Berglehne unter den manneshohen Fingerhutbüschen
+zwischen dem Gewirr der Granitblöcke die Köpfe zusammen und ließ uns
+sofort höflich das Handwerk grüßen. Zuerst begrüßten wir jedoch
+natürlich höflich uns selber und betrachteten einander. Was der Fremde
+an mir sah, weiß ich nicht; mir steht er heute noch so klar und deutlich
+wie damals vor den Augen. Es war ein junger Mann, wie gesagt, ungefähr
+von meinem Alter, hochgewachsen, wohlgebaut, von schwarzem Haar und mit
+einem ernsthaften, energischen Gesicht von etwas gelbweißer, jedoch
+keineswegs krankhafter Farbe. Den Kopf trug er ein wenig gesenkt, und
+seine Stimme war wohllautend, er gebrauchte sie aber nur zu selten.
+Während unseres ganzen Verkehrs überließ er es mir vollständig allein,
+die Unterhaltung zu führen; und wie ihr wißt, liebe Nachbarn, bin ich
+stets für einen lebhaften mündlichen Verkehr gewesen -- vielleicht oft
+nur zu sehr.«
+
+An dieser Stelle hatte die Schwester etwas zu sagen, und etwas unmutig
+rief sie:
+
+»Bester Bruder, sie reden im Dorfe doch schon dumm genug von dir!«
+
+Der geistliche Herr lächelte; aber der Förster lachte laut und rief:
+
+»Ja, Fräulein Dorette, für den Anstand ist seine Natur freilich nicht
+eingerichtet, das habe ich zweimal in Erfahrung gebracht und werde es
+mit meiner Einwilligung nicht zum drittenmal erleben. Das ist so! er
+hält jedem Fuchs, der herüberwechselt, eine Standrede, ehe er losbrennt
+und vorbeipafft. Aber hingegen bei einem Treiben wäre er wohl an Ort und
+Stelle, und eine Hasenklapper ist auch ein recht nützliches Ding.«
+
+»Ich danke Ihnen für Ihre Bemerkung, Ulebeule!« sprach das alte
+Fräulein spitz und kurz, und jetzt lächelte Herr Philipp Kristeller und
+ließ sich nicht weiter auf seinem Wege aufhalten.
+
+»Ich gab also, wie es nicht anders sein konnte, meiner Natur nach. Ich
+erzählte dem neuen Bekannten so nach und nach von allem, was mir an mir,
+meinem Leben und Zuständen wichtig dünkte. Um alles, von meiner Geburt
+an, wußte er bald Bescheid; was ich von ihm dagegen erfuhr, war so wenig
+als möglich, das heißt gar nichts! -- Aber ein guter Gesellschafter war
+er doch, und wurde ein immer besserer, je häufiger wir uns trafen. Wir
+fingen an, die Plätze miteinander zu verabreden, an welchen wir uns
+finden wollten, und er, als der freiere Mann, war stets am Orte.
+Manchmal begleitete er mich bis an den Hügelhang, an welchem die Stadt
+liegt; allein so oft ich ihn auch einlud, nun auch mit mir in dieselbe
+hinunterzusteigen, so lehnte er das stets bestimmt ab, ohne einen Grund
+für die Weigerung anzugeben. Am Waldrande über dem Nordthore nahm er
+stets Abschied, drückte mir die Hand und ging zurück. In der Stadt und
+Umgegend kannte ihn keiner, so oft und viel ich auch die Leute nach ihm
+ausfragte. Gesehen hatte ihn wohl mancher, und manchem war er auch in
+seinem Wesen und Treiben aufgefallen; doch nähere Auskunft über ihn
+wußte niemand zu geben. In einem Dorfe, mitten in den Bergen, hatte er
+für ein Pferd und einen leichten Wagen ein Standquartier, doch auch da
+nannte man ihn einfach nur Herr August und hielt ihn für einen Studiosen
+aus der Universitätsstadt in der Ebene, der, >wie schon viele<, von dort
+in die Berge komme, um >die Kräuter zu verstudieren<.«
+
+»Scheint mir eine kalte Fährte gewesen zu sein,« meinte der Förster, und
+der Pastor war derselben Meinung.
+
+»Ich gab auch nichts darauf,« erzählte Herr Philipp weiter, »sondern
+setzte den Verkehr fort, wie er sich eben machte, und nachdem ich mit
+dem Herrn August ein halbdutzend Male zusammengetroffen war, fügte es
+der Zufall, daß er auch meine Braut kennen lernte. Die hatte mit ihren
+Verwandten und Bekannten an einem schönen Sonntage einen Ausflug in den
+Wald gemacht, und da trafen wir, -- als Johanne und ich uns von der
+lustigen Gesellschaft abseits geschlagen hatten und allein für uns
+gingen, auf einem überwachsenen Pfade auf meinen geheimnisvollen Freund.
+Wir gingen Arm in Arm, und er ging wieder einsam, und sein Gesicht war
+ernster und trüber denn je. Als er uns erblickte, erhellten sich seine
+Mienen zwar, aber nicht auf lange. Er wollte mit uns fröhlich und heiter
+sein; aber es gelang ihm schlecht. Er sprach sehr gut und freundlich zu
+meinem Schatz; doch je länger er mit uns ging und je munterer wir auf
+ihn einplauderten, desto stiller wurde er. Und als nun gar die übrige
+Gesellschaft singend, lachend und jubelnd zu uns stieß, da war er
+plötzlich wieder verschwunden, und wir sahen ihn an jenem fröhlichen
+Tage nicht mehr. >Du, Philipp, der hat ein großes Unglück erfahren oder
+windet sich noch durch ein solches<, sagte mir Johanne nachher; >Philipp,
+der Mensch thut mir unendlich leid; -- ist es dir denn noch niemals bange
+und traurig in seiner Nähe zu Mute geworden?<
+
+»Die Weiber haben in der Hinsicht einen feinen Blick und Sinn, und sie
+verstehen es, uns Mannsvolk auf manches aufmerksam zu machen, was man
+gefühlt hat, ohne daß es einem im Bewußtsein klar geworden ist. Ich
+stutzte, und jetzt zuerst fiel es auch mir bei, daß mein schweigsamer
+Freund auch mir schon einige Male sehr leid gethan habe. Bänglich war's
+mir freilich noch nicht in seiner Gesellschaft zu Mute gewesen; doch
+schon auf dem lustigen Heimwege nach der Stadt war es mir ganz klar, daß
+von nun an auch das Bangen mich zu Zeiten wohl überkommen könne. Von
+jenem Tage an achtete ich schärfer und schärfer auf meinen Freund
+August, und dann einmal fragte ich ihn mit aller Aufbietung meiner
+Beredsamkeit und Überredungskraft, was ihm eigentlich fehle und ob es
+durchaus nicht möglich sei, daß ich ihm helfe? Ich beschwor ihn
+inständigst, doch ein Herz zu fassen und alles, was ihn drücke, mir
+mitzuteilen. Ich sagte ihm, daß ich mein Blut und meine Seele dran geben
+würde, ihm zu helfen, und fügte auch sonst noch bei, was man bei einer
+solchen zum Zittern aufgeregten Gelegenheit ernstlich und innig einem
+geliebten, geschätzten und geachteten Menschen sagen kann. Natürlich
+versuchte er zu lachen und versicherte mich, er befinde sich körperlich
+wie geistig vollkommen wohl, sein Gewissen sei durchaus nicht durch
+irgend eine unaussprechliche Schandthat belastet; aber für sein
+Temperament könne er freilich nichts, und es sei in der That ein
+ziemlich unbehagliches zu nennen und schon Mehreren aufgefallen. Er
+sagte, er habe ein unglücklich Blut von seinen Vorfahren geerbt, und
+wahr sei, daß er es stets kräftig und aufmerksam im Zaume halten müsse,
+wenn nicht jeder Tag, den er lebe, zu einem jähzornigen bösen Ende
+gelangen solle. Er dankte mir herzlich für meine Güte, wie er's nannte,
+und es war mir fast, als sähe ich eine Thräne in seinen Augen, allein
+das mochte doch wohl eine Täuschung sein, denn ein solches römisches
+Münzengesicht, wie das seinige, war auf dergleichen Weichheiten hin
+nicht in die gehörige Form gegossen.«
+
+»Was für eine Art Visage hatte er, Kristeller?« fragte der Förster
+Ulebeule.
+
+»Ein Gesicht wie die Kaiser Nero, Caracalla oder Caligula auf ihren
+Dukaten!« erläuterte der Pfarrherr, und der Apotheker »zum wilden Mann«
+schüttelte den Kopf, glaubte sich aber jeder anderen Antwort überhoben
+und ging in seiner Erzählung weiter:
+
+»Meine Braut hatte ihm sehr gefallen. Er lobte ihr Äußeres und alles,
+was sie während des kurzen Zusammenseins gesprochen hatte, ausnehmend.
+Er nannte sie ein liebes, braves Mädchen -- was sie wirklich auch war
+-- und er sprach mit tiefen Seufzern den Wunsch aus, eine ihr gleichende
+Schwester zu haben. Da erkundigte ich mich denn selbstverständlich noch
+einmal nach seinen Familienverhältnissen, er aber versicherte mich, daß
+er ganz allein in der Welt stehe, Vater und Mutter durch den Tod
+verloren und Geschwister nie gehabt habe; und wie um das Gespräch
+schnell zu wenden, fragte er seinerseits, ob der Tag meiner Hochzeit
+bereits festgesetzt sei.
+
+»Als ich ihm nun gesagt hatte, wie es sich damit verhalte, seufzte er:
+>O, könnte ich Ihnen helfen, Philipp, so würde es heute noch geschehen!<
+-- -- Wie er mir half, und weshalb der Ehrensessel da seit dreißig
+Jahren leer steht und auf ihn wartet, das will ich euch jetzt sagen.«
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+Die kleine Gesellschaft in dem bilderreichen Hinterstübchen der Apotheke
+»zum wilden Mann« war dicht am Tische zusammengerückt. Sie wußten, daß
+der alte Freund nicht übel zu erzählen verstehe, doch so wie heute hatte
+er seine Gabe noch nicht gezeigt. Dem Förster Ulebeule war die Pfeife
+ausgegangen, Schwester Dorette hielt die Hand des Bruders fest in der
+ihrigen und der Pastor _loci_ klopfte leise mit der Dose auf dem Tische
+und sagte:
+
+»Also endlich! -- Kein Mensch sollte es doch für möglich halten, daß
+einen solch braves Möbel, wie ein weichgepolsterter Lehnstuhl, dreißig
+Jahre lang auf die Folter spannen könne. Lieber Kristeller, dieser
+Sessel da hat mich in der That dreißig Jahre lang auf die Folter
+gespannt!«
+
+Sie lachten doch trotz ihrer Erregung, und der Herr Philipp lachte mit
+und erzählte dann weiter.
+
+»Der Sommer ging, der Herbst kam. Es wurde September und es wurde
+Oktober, und die Pracht und Fülle der Natur ging für dieses Jahr auf
+die Neige. Mein Prinzipal, der zur Zeit der Äquinoktialstürme stets
+anfing, an Gesichtsschmerzen zu leiden, war gezwungen, mich nun fester
+an die Offizin zu binden. Es ging wohl ein Monat hin, ehe er mich wieder
+in die Weite schickte; -- am 15. Oktober aber jagte er mich drei Meilen
+weit nach jener berühmten Felsgruppe, die ihr alle unter dem Namen der
+Blutstuhl kennt, einer Moosart wegen, die um diese Zeit dort blühte und
+zwar nur dort allein.
+
+»Ich war damals auf dem Blutstuhle, doch nachher nicht wieder. Ich habe
+eine Furcht vor dem wilden Orte behalten, trotzdem daß damals mir das
+gegeben wurde, welches dieses Haus in meinen Besitz brachte und mir das
+Leben, wie ich es geführt habe, möglich machte. Das Rätsel liegt noch
+ungelöst da. Wenn ihr, meine Freunde, nachher euren Scharfsinn daran
+prüfen wollt, so soll es mir lieb sein. Ich habe es aufgegeben, nachdem
+ich ein Menschenalter darüber habe nachgrübeln müssen, und jetzt wird es
+ja auch wohl gleichgültig sein, ob einer hier im Kreise noch zuletzt das
+rechte Wort findet. Jenen Tag aber, diesen mir bedeutungsvollen 15.
+Oktober, werde ich euch nun mit allen seinen Umständen so genau als
+möglich schildern, und ihr müßt es euch schon gefallen lassen.«
+
+»Kein Hase macht neugieriger seinen Kegel als ich!« rief der Förster.
+
+»Lieber Gott, welch ein Abend!« sagte der geistliche Herr. »Hören Sie
+nur diesen Sturm! O erzählen -- erzählen Sie!«
+
+In der That ein stürmischer Abend! Je weiter die Nacht vorschritt, desto
+wilder tobte es von Norden her gegen das Gebirge heran, und die Apotheke
+»zum wilden Mann« bekam ihr volles Teil.
+
+»Solch ein Wetter war es an jenem Tage nicht,« sagte Herr Philipp in
+seinem gewohnten Tone, ruhig und gelassen, wie jemand, der eben ein
+Menschenalter Zeit hatte, ein Erlebnis zu überdenken. Er wurde aber
+auch noch einmal unterbrochen, denn es kam ein Kunde und holte für einen
+Groschen Bittersalz und setzte eine Viertelstunde lang dem Verkäufer
+auseinander wozu; -- was beides auch Zeit hatte bis morgen, wie Ulebeule
+mürrisch bemerkte. Die Schwester jedoch benutzte die Pause, die
+chinesische Schale auf dem Tische von neuem zu füllen, und endlich
+erfuhren die Freunde doch, was der Apotheker Kristeller an jenem 15.
+Oktober erlebte.
+
+»Um neun Uhr morgens zog ich mit meinem Auftrage, das Frühstück in der
+Tasche, die Botanisierbüchse auf dem Rücken, vom Hause, das beiläufig
+das Zeichen >Zum König David< führte, ab; bei stiller Luft und dichtem
+Nebel und diesmal im höchsten Grade geknickt und gebrochen. Ich hatte
+Grund dazu, melancholisch auch in die schönste Witterung hineinzusehen!
+Am Abend vorher hatte Johanne's Onkel mich bitten lassen, ihn doch
+einmal auf ein Viertelstündchen zu besuchen, und ich hatte ihn besucht,
+und er hatte mich zwei Stunden lang unterhalten. Zwei Stunden lang hatte
+er mir eindringlich zugeredet, endlich doch ein Einsehen zu haben und
+mir meine Lebensaussichten einmal recht klar zu machen und seine Nichte
+-- nicht unglücklich! Kurz gesagt, er hatte mich aufgefordert, meiner
+Braut ihr Wort zurückzugeben, und dafür seiner -- des Onkels -- ewigen
+Freundschaft und Zuneigung gewiß zu werden. Und der Mann hatte in allem,
+was er sagte, Recht gehabt, und er hatte nicht nur verständig, sondern
+auch gutmütig gesprochen. Ohne die geringste Leidenschaft und
+Zornmütigkeit hatte er mir seine und der Welt Meinung vorgetragen: er
+hatte nichts gegen mich einzuwenden -- ich war ihm sogar sehr lieb und
+wert, -- und doch! Ich war eben nach Hause gegangen oder vielmehr
+getaumelt und hatte die Nacht über auf dem Stuhle vor meinem Bette
+gesessen und die Stirn mit beiden Händen gehalten -- durch dieses
+verständige Zureden unfähig zu allem und jedem Überlegen und
+vernünftigem Überdenken: daß Johanne, meine arme, liebe Johanne, diese
+selbige Nacht durchweint habe, wußte ich dazu. Betäubt verstand ich den
+Prinzipal, der ebenfalls an Schlaflosigkeit litt, kaum, als er schon um
+fünf Uhr mit dem Nachtlichte in der Hand an meine Thür kam, um mir
+seinen neuen Herzenswunsch mitzuteilen und mir seinen Auftrag für den
+Tag zu geben. Verdrießlich ging er, nachdem ich ihn endlich begriffen
+hatte, seinen verbundenen Kopf schüttelnd, und ich hörte ihn noch auf
+der Schwelle deutlich genug murren:
+
+»>Auch der wird mir wieder mal unter den Händen zum Narren!<
+
+»>Schreiben Sie dem Mädchen einen braven, ehrlichen, freundlichen Brief,
+in welchem Sie das Nötige mit etwas Poesie meinetwegen sagen. Ich will
+ihn abgeben und das Meinige, ohne Poesie natürlich, beimerken -- und
+dann lassen Sie dem Jammer und meinetwegen auch sich selber in Ihrem
+Elend alle Zeit -- es wird schon alles recht werden,< hatte mir der
+Onkel vorigen Abend zum Beschlusse seiner schönen Rede geraten, -- und
+dabei sollte man denn nicht zum Narren werden!! -- Das blühende Moos
+drei Meilen ab vom >König David<, dem Hause des Herrn Onkels und meiner
+Braut, war unter diesen Umständen in Wahrheit der einzige Trost, der mir
+in der Welt wuchs. Ein Tag wurde wenigstens durch den Weg und das
+Aufsuchen für mich und mein armes Kind gewonnen, und wie sich der Mensch
+in seinen Nöten an den e i n e n Tag, die e i n e Stunde, die e i n e
+Minute klammert, wer hätte das nicht schon in irgend einer Weise
+erfahren?
+
+»Ich schlich selbstverständlich unter Johanne's Fenster vorbei. Mein
+Mädchen erblickte ich nicht; aber den Onkel sah ich. Er stand mit der
+Pfeife hinter den Scheiben und schien nach dem Thermometer zu sehen;
+seine eigene Temperatur hatte sich seit gestern Abend nicht verändert,
+denn er zog höflichst die Nachtmütze ab und erhob dabei den
+Zeigefinger. Der Gestus konnte nichts anderes bedeuten als: Vergessen
+Sie nicht, mein Bester, was ich Ihnen gesagt habe; ich bestehe darauf
+und weiß, was uns allen gut ist; -- ich bin ein alter erfahrener Kerl
+und kenne die Welt ein wenig genauer als ihr guten, jungen,
+leichtsinnigen, unerfahrenen Leute -- Auch ich grüßte so höflich und
+submiß, wie ich noch nie einen Menschen gegrüßt hatte, und schleppte
+mich seufzend matt weiter durch den grauen Dunst des Herbstmorgens.
+
+»>O wie voll Dornen ist diese Werkeltagswelt<, läßt der englische Poet
+Shakespeare eine seiner erdichteten Personen in einem seiner Stücke
+sagen. Ich habe diesen Poeten immer gern gelesen und besitze eine
+Übersetzung von ihm und habe mir vieles darin unterstrichen. Das Wort
+von den Dornen und der Alltagswelt fiel mir diesmal auf die Seele, und
+ich wiederholte es mir fort und fort bis auf die Berge hinauf. Freilich
+war mir jetzo die Welt nach allen vier Himmelsgegenden durch das
+dichteste Dornengestrüpp verwachsen, und daß es eine erbärmliche und in
+ihrer Gewöhnlichkeit thränenreiche Werkeltagswelt war, das konnten mir
+der Boden unter den Füßen und das Luftgewölbe über mir bezeugen.
+
+»Der Nebel blieb wohl hinter mir in den Thälern zurück; aber in meiner
+Brust nahm ich die Trübe auf die sonnigsten Gipfel mit empor. Ich
+schritt rasch zu und tauchte mehrmals das Taschentuch in einen kalten
+Waldbach, um es mir dann auf die heiße übernächtige Stirn und die
+fiebernden Schläfen zu drücken. Um sah ich mich nicht, und es ist ein
+Irrtum oder gar eine Lüge, wenn man behaupten will, daß einem
+unglücklichen oder von Not und Sorge bedrängten Menschen eine schöne
+Gegend und herrliche erhabene Aussicht zum Heil und zur Genesung
+gereiche. Es ist einfach nicht wahr!
+
+»Im Gegenteil, nichts ist schlimmer für einen Kummervollen,
+Schmerzbeladenen als eine weite sonnenklare, in allen süßen Farben der
+Erde leuchtende Fernsicht, hoch von einer Bergspitze aus. Es ist arg und
+eigentlich furchtbar, aber es ist so: den Sturm, den Regen läßt man sich
+in der bösen Stimmung gefallen; aber die Schönheit der Natur nimmt man
+als einen Hohn, als eine Beleidigung und fängt an, alle sieben
+Schöpfungstage zu hassen.«
+
+Der Pastor schüttelte hier bedenklich den Kopf; Fräulein Dorette
+Kristeller nickte zwar, aber sah doch auch ziemlich bedenklich und trübe
+drein; der Förster Ulebeule jedoch klopfte mit der Pfeife auf den Tisch
+und rief:
+
+»Wahrhaftig, es ist etwas dran! Es ist bei mehrerem Nachdenken sogar
+ziemlich viel dran. Jeder Kümmerer -- will sagen jedes durch einen alten
+Schuß oder durch Krankheit sieche Stück Hochwild will auch von der
+Pracht der Schöpfung, an der es in gesunden Tagen sein Wohlsein und
+seine Freude hat, nichts mehr wissen. Und wer viel Umgang mit den Tieren
+gehabt hat, der weiß, wie wenig der Unterschied zwischen ihnen und dem
+Menschen zu bedeuten hat in allen Dingen, die mit Erde, Wasser, Licht
+und Luft zusammenhängen. Ihr waret damals ein richtiger Kümmerer,
+Kristeller. Der Onkel hatte Euch nicht übel angeschossen, und manch
+einen in Eurer Lage hat das Schicksal bald darauf als tot verbellt.«
+
+»Nun lasset uns weiter hören!« rief der geistliche Herr, und sie hörten
+weiter.
+
+»Was mir selten in der mir so bekannten Gegend passiert war, hatte ich
+heute zu erleben; ich verlor mehrmals meinen Weg und fand ihn stets nur
+mit Mühe wieder. Die Lebensverwirrung und schlimme Ratlosigkeit war
+außer mir wie in mir; aber mein Pfad ging doch immer aufwärts und einen
+Kompaß führte ich am Uhrgehäuse glücklicherweise auch mit mir. So wand
+ich mich durch den Buchenwald und dann hinein in die Tannenwälder, an
+steilen Lehnen, von denen die wunderlichen Granitblöcke der Urzeit in
+wahrhaft gespenstischen Formationen herabgerollt waren, schräg in die
+Höhe. Dann ging es über kahle, gleichfalls mit wildem, phantastisch
+übereinander gestürztem Felsgetrümmer bedeckte Hochebenen -- aus dem
+Nebel in das Sonnenlicht. Die Sonne schien um Mittag herbsthell, und ich
+holte Atem, auf meinen Weg und die durchwanderten Thäler zurückblickend.
+In den Thälern hielt sich der Nebel den ganzen Tag über, und als ich
+nach einer Ruhestunde weiterging, schlich er mir leise wieder nach und
+holte mich am Nachmittag, als ich den berühmten Platz, zu dem mein
+Prinzipal mich diesmal hingesendet hatte, zu Gesichte bekam, richtig
+wieder ein; aber freilich nicht mehr als der dichte Qualm der Tiefe,
+sondern als ein leichter, alles in ein Zaubertuch einwickelnder Dunst.
+Bei einer Wendung des Weges lag die unbeschreiblich grotesk zerklüftete
+Steinmasse -- der Blutstuhl, vor mir da. Aus dem Tannendickicht
+vortretend, erblickte ich seine höchste Platte sechzig bis achtzig Fuß
+über mir; und langsam und ermüdet stieg ich nun noch über den mit kurzem
+Gras bewachsenen Boden, um im Schutze der untersten Blöcke Kräfte zu
+sammeln für das Suchen und Finden meiner seltenen Lichen-Art.
+
+»Ihr, Ulebeule, kennt den Blutstuhl. Es ist ein Labyrinth von
+Steinklötzen, das einen ziemlich bedeutenden Raum auf der Bergebene
+einnimmt. Viele der Gruppen führen wunderliche sagenhafte Namen, die
+höchste ist auf ausgewaschenen Treppenstufen zu erklimmen, und von ihr
+hat das ganze Geblöck seinen Namen, und in ältester heidnischer Urzeit
+unseres Volkes hat es denselben als Opferstelle vielleicht mit vollem
+Recht geführt.
+
+»Ich verzehrte vor allen Dingen trotz meiner trüben Seelenstimmung den
+mitgebrachten Proviant nicht ohne Appetit; dann begab ich mich an die
+Lösung meiner Aufgabe, die gar nicht so leicht war. Das winzige,
+kriechende Ding, das mein Alter in einem frischen Exemplare zu besitzen
+wünschte, wuchs keineswegs in jeder Spalte des Blutstuhles. Und mit den
+Erlebnissen des letzten Abends, den Bildern der schlaflosen Nacht und
+dem Onkel mit der Zipfelmütze am Morgen vor den schwimmenden Augen ließ
+sich auch schlecht suchen.
+
+»So kroch und kletterte ich zwischen dem Gestein umher: eine Flechte
+fand ich nicht; aber ich fand etwas anderes, nämlich ein Vermögen!«
+
+»Ah!« sagte die Zuhörerschaft in dem Hinterstübchen der Apotheke »zum
+wilden Mann«.
+
+»Mühselig in meiner vergeblichen Bemühung hatte ich mich so ziemlich bis
+an die Basis der oberwähnten abgeplatteten Gipfelfelsmasse, der
+eigentlichen Opferklippe, emporgearbeitet, als plötzlich ein Mensch, wie
+es schien im hastigen Aufklimmen von der entgegengesetzten Seite her auf
+der Platte erschien und einen Schrei ausstieß, der mich erschreckt
+zurückfahren ließ. Die Gestalt, vom Dunst wie alles umher leicht
+verschleiert, warf die Arme empor, griff mit beiden Händen in die Haare
+und fiel mit einem neuen Aufschrei erst in die Kniee und dann ganz zu
+Boden. Ich stand und hielt mich zitternd an dem nächsten Granitblocke,
+und es dauerte einige Zeit, ehe ich mich so weit gefaßt hatte, um mir
+die Frage vorzulegen: Was ist das?
+
+»Ja, was war das? was konnte das sein? Ein Betrunkener? Ein
+Wahnsinniger? Ein Epileptiker? Ein lebensmüder Unglücklicher, der sich
+diesen Ort ausgesucht hatte, um gerade jetzt daselbst zu Ende zu kommen
+mit sich? Alle diese Vorstellungen schossen mir nun blitzschnell
+nacheinander durchs Gehirn; aber von der Höhe der Opferklippe kam keine
+Antwort auf meine Frage.
+
+»Und es ist deine Pflicht nachzusehen, was und wer es ist! rief es in
+mir. Mit zusammengekniffenen Lippen, fest aufeinander gesetzten Zähnen
+faßte ich Mut, packte meinen Wanderstock fester, um im Notfall auch auf
+einen Angriff gerüstet zu sein, und stieg langsam und vorsichtig die
+Steinstufen hinauf, die auf die heilige Opferstelle unserer Vorfahren
+führten. Scheu und behutsam hob ich das Kinn auf die Platte; da lag er!
+-- Langausgestreckt, bewegungslos, das Gesicht auf den Stein gedrückt,
+lag der Unglückliche da, und rasch sprang ich meinerseits nun hinauf,
+trat zu ihm, faßte ihn an der Schulter, sprach ihm zu, und nach einer
+Weile erhob er auch das Gesicht und stierte mich an.
+
+»Jetzt schrie ich fast, wie er vorher. Es war mein Kamerad, mein
+geheimnisvoller Freund, mein botanischer Wissenschaftsgenosse, und zwar
+mit Zügen so verstört, so von Schmerz, Angst und Zorn verwüstet, daß ich
+es euch wahrlich nicht, wie es war, schildern kann.
+
+»Langsam, wirklich wie aus einem epileptischen Zustande sich erhebend,
+stand er auf, sah mich blind und meinungslos an, bis ihm nach und nach
+das Bewußtsein von Ort, Zeit und Zustand zurückkam.
+
+»>Philipp<! sagte er tonlos.
+
+»>O August<! rief ich.
+
+»>Seid Ihr es, der mich hier gefunden hat?<
+
+»>O und Ihr -- was habt Ihr? was ist Euch geschehen? Ich möchte Euch so
+gern helfen.<
+
+»>Und könnt es ganz und gar nicht. Es wäre besser, Ihr ginget und ließet
+mich hier, wie Ihr mich fandet. Ich bin für keines Menschen Gesellschaft
+mehr tauglich.<
+
+»Er sprach dieses alles so vernünftig, so gesetzt und ruhig, daß seine
+Verstörung mir dadurch nur noch herzzerreißender in die Seele drang. Ich
+wollte seine Hand fassen, doch er zog sie schnell und wie ergrimmt
+zurück und schrie:
+
+»>Nein, nein! das ist zu Ende, Herr -- Herr Kristeller. Ich habe heute
+mit dieser Hand mein Schicksal besiegelt und werde sie niemandem mehr
+als Zeichen der Freundschaft, der Zuneigung, der Liebe geben. Haltet
+mich nicht für einen Narren -- o ich wollte, ich wäre es; aber ich bin
+es nicht! Seit drei Tagen wäre es mir eine Wohlthat, wenn die letzte
+Faser, die den Geist noch an eure Welt -- eure Alltagswelt bindet,
+abrisse, und wenn man mich fände, wie man sonst wohl schon arme irre,
+verlorene Menschen in der Wildnis gefunden hat. Kein anderes Gesicht
+wäre mir heute so lieb gewesen als das deinige, Philipp; aber meine Hand
+gebe ich dir doch nicht. Sieh da rund herum, sieh, wie die Städte und
+Dörfer ausgestreut sind; -- sieh, alle diese hunderttausend
+Menschenwohnungen sind mir von jetzt an verschlossen: ich habe keinen
+Verkehr mit euch mehr, ich bin allein; es giebt keinen anderen Menschen
+mehr auf Erden, der so allein ist wie ich!<
+
+»>Aber ich bin da! mich hat das Schicksal gerade zu dieser Stunde zu dir
+geführt, um bei dir zu bleiben! Meine Braut, mein Mädchen habe ich
+verloren, oder sie soll mir doch genommen werden. Mir ja auch
+verschließt sich die Welt. Laß uns einander zum Rat und Trost sein!<
+
+»Nun war es, als ringe er in der Tiefe seiner Seele mit einem gewaltig
+starken Gegner, und dann war es, als ob er dem Feinde obgesiegt habe,
+und dann war es, als stehe er triumphierend mit dem Fuße auf der Brust
+des Niedergeworfenen. Er knirschte mit den Zähnen und rieb sich die
+rechte Hand, als sei sie feucht und er müsse sie trocknen. Zuletzt sah
+er mich scharf und kalt an und sagte leise:
+
+»>Lieber Herr, Sie können mir doch von keinem Nutzen sein. Ich bitte
+Sie, sich keine Mühe zu geben. Sehen Sie, Kristeller, ich habe nie in
+meinem Leben anders gesprochen, als meine Meinung war. Auch ist heute
+Methode in meinem Wahnsinn gewesen; ich habe mich nicht ohne eine
+gewisse Absichtlichkeit auf diesem kalten und harten Steine
+niedergeworfen. Mein Herzblut ist durch diese Rinne niedergelaufen, wie
+einst das Blut der fränkischen Gefangenen aus dem Heerbann des Kaisers
+Karl durch dieselbe niederrieselte. Übrigens bin ich allein und will
+allein sein. Gehen Sie, bester Herr, ich verstehe Ihre Gefühle, Ihre
+gute Gesinnung gegen mich vollkommen, und wir wollen auch sicherlich
+einander treu im Gedächtnis behalten, -- leben Sie wohl, Philipp
+Kristeller.<
+
+»Das war kühl und abstoßend genug, aber ich war auch Psycholog genug, um
+zu wissen, aus welchem ganz anders bewegten Grunde dieser Ton
+heraufquoll. Es ging nicht an, den Unglücklichen vor das Gericht der
+Eigenliebe zu ziehen und mit einem: So empfehle ich mich denn höflichst
+-- umzudrehen und geärgert nach Hause zu laufen.
+
+»>Es ist ja möglich, daß wir heute für immer Abschied voneinander nehmen
+müssen<, sagte ich; >aber weshalb sollen wir es denn in dieser Art thun?<«
+
+»Da brachen dem anderen die Thränen aus den Augen.
+
+»>Nein, nein<, schluchzte er, >du hast Recht, es ist doch nicht die rechte
+Art!<
+
+»Er warf mir die Arme um den Hals und küßte mich und schien mich nun
+nicht von sich lassen zu können.
+
+»>Lebe denn wohl, du Guter, -- denke nur an mein Elend und nichts
+anderes an mir! Sieh mir nicht nach; du sollst noch einmal von mir
+hören, Philipp! Lebewohl, lebewohl!<
+
+»So hielten wir uns lange, und dann schieden wir in der That
+voneinander. Ich habe ihn nicht wiedergesehen; aber gehört habe ich
+freilich noch einmal von ihm; -- er hat mir einen Brief geschrieben; und
+ich bin seit dreißig Jahren der Besitzer der Apotheke >zum wilden
+Mann<!«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+Der Pastor und der Förster hatten sich auf ihren Stühlen zurückgelehnt
+und blickten nach der Decke. Die Schwester hatte die Hände im Schoße
+zusammengelegt und sah auf den Bruder; man hörte den Sturmwind einmal
+wieder recht deutlich, und nachdem man lange genug geschwiegen hatte,
+sprach der Förster, wie es schien, um etwas zu sagen:
+
+»Es wird jetzo auch um den Blutstuhl tüchtig pfeifen und sausen.«
+Sonderbarerweise fügte er dann hinzu:
+
+»Einunddreißig Jahre sind eine lange Zeit!«
+
+»Freilich!« sagte der geistliche Herr, wendete sich dann an den
+nachdenklichen Hausherrn und fragte:
+
+»Und Sie haben gar keine Ahnung, was er seines Zeichens war, und wie er
+eigentlich hieß?«
+
+»Entschuldigen Sie, meine Herren,« erwiderte Herr Philipp Kristeller und
+ging zum letztenmal in dieser Nacht, um seinen Archivschrank in seiner
+Offizin zu öffnen. Mit einem einzelnen Briefe in einer weiten, sonst
+leeren Hülle kam er zurück, reichte das mit mehreren Poststempeln und
+fünf abgebröckelten Siegeln bedeckte Couvert dem Förster Ulebeule und
+den Brief dem Pastor Schönlank, setzte sich langsam, legte die Hand über
+die Augen, brachte seine Pfeife von neuem in Brand und wartete ruhig die
+Wirkung der Papiere auf die Hausfreunde ab.
+
+»Inhalt -- neuntausend -- fünfhundert Thaler in Staatspapieren!«
+murmelte der Förster. »Frei! -- Herrn Philipp Kristeller! --«
+
+»Sehr wunderbar!« rief der Pfarrer seinerseits, das Begleitschreiben
+überfliegend. »In der That ein seltsamer Brief! Eine rätselhafte,
+mysteriöse Sendung!«
+
+»Zum Henker, so lesen Sie doch laut!« rief der Förster, und der Pastor
+las laut:
+
+»Ein Mann, der den Willen hat, sein Leben von vorn anzufangen, entledigt
+sich hier seiner schwersten und verdrießlichsten Last und schickt dem
+Freunde das einliegende Geld. Es verschwindet einer und hinterläßt keine
+Spur; es ist unnötig und vergeblich, ihm nachzuforschen und nachzurufen.
+O Philipp und Johanne, nehmt, was ihn nur niederziehen würde in die
+Tiefe. Gründet ein Haus, das feststeht und glückliche, fröhliche Kinder
+in seinen Mauern aufwachsen sieht. Lebt wohl, ihr guten Freunde -- lebt
+wohl! -- Philipp Kristeller, es grüßt dich -- auf dem Wege zurück zu den
+Menschen,
+
+ der Narr vom Blutstuhl.
+
+Hamburg, am 30. Oktober 183--«
+
+Der Pastor legte den Brief stumm auf den Tisch, Ulebeule schlug auf den
+Tisch, daß sämtliches Gerät emporhüpfte und die Gläser scharf und
+bedrohlich zusammenklirrten:
+
+»Donnerhallo! Na, das muß ich sagen! na, da bitte ich zu grüßen!«
+
+»Und Ihr habt, selbst mit diesem Schreiben in der Hand, damals nicht
+gemeint, dieses alles zu träumen, alter Freund?« fragte der Pastor.
+
+»Tagelang, wochenlang bin ich wie ein Träumender umhergegangen, nicht
+nur mit dem Briefe, sondern auch mit dem Gelde in der Hand. Und es waren
+die nüchternsten Staatspapiere und Landesschuldverschreibungen von
+verschiedener Herren Ländern! Sie verwandelten sich nicht über Nacht in
+gelbe Klettenblätter, -- sie gingen mir nicht vor der Nase in
+gespenstischem Dampfe auf; -- sie waren echt und hatten ihren Kurs, und
+die Banquiers waren gern erbötig, mir sie umzutauschen oder
+umzuwechseln! Ich aber trug sie nebst dem Briefe zu meiner Braut und
+fragte die, wie ich mich gegen dieses alles zu verhalten habe -- den
+guten Onkel ging ich fürs erste noch nicht um seinen guten Rat an.
+
+»Auch Johanne hatte natürlich zuerst eine Art von Schrecken zu
+überwinden; d a n n aber sagte sie mir verständig und ruhig ihre
+Meinung, und ich bin derselben gefolgt.
+
+»>Dein Freund hat mir leid gethan und ein Bangen erregt durch sein
+Wesen; aber nie ein Grauen, als ob er ein schlechter, ein böser Mensch
+sei. Ich habe ein großes Mitleiden mit ihm gehabt und hätte ihm gern
+helfen mögen in seinem Unglück. Aber sieh, Philipp, er hat mir auch
+immer den Eindruck gemacht, als ob er stets genau überlege und wisse,
+was er sage und thue. Er hat in seiner Melancholie einen klugen klaren
+Kopf; und was uns jetzt so wunderlich scheint und aller Welt als eine
+Verrücktheit vorkommen würde, das hat er auch bedacht und sich zurecht
+gelegt, und er wird sicher das Beste für sich gefunden haben. Ich
+glaube, du darfst das Geld nehmen und es versuchen, dein Glück darauf zu
+bauen. Wir wollen es verwalten wie ein Darlehn, Philipp; wir wollen dem
+Geber täglich seinen Stuhl an unseren Tisch setzen, wir wollen stets den
+besten Platz für ihn frei halten; wir wollen ihn von einem Tage zum
+anderen erwarten, und -- dem Onkel wollen wir von einer Erbschaft
+sprechen, und du kannst das nur gleich thun; ich nehme die Verantwortung
+für die kleine Notlüge gern auf mein Gewissen.<
+
+»Seht, Nachbarn, das ist denn der Grund, weshalb der Sessel da stets
+leer steht, weshalb immer ein Platz an meinem Tische offen gehalten
+worden ist, diese ganzen letzten einunddreißig Jahre durch; der Freund
+ist aber bis heute nicht zurückgekehrt! Mein Leben von meiner Ankunft
+unter euch kennt ihr; -- ihr wißt, wie ich diese bereits zweimal in Gant
+geratene Offizin übernahm, und wie es mir in schwerer Arbeit glückte,
+den Platz zu behaupten, der meinen Vorgängern so gefährlich geworden
+war! Ihr wißt aber auch --«
+
+»Welch einen großen Schmerz du zu erdulden hattest, Bruder?« rief die
+alte Schwester leidenschaftlich erregt. »Nein, nein, sie haben wohl
+davon gehört; aber das rechte Wissen haben sie doch nicht davon.«
+
+»Es war sehr traurig, Fräulein Kristeller,« sprach der Pastor, und
+Ulebeule seufzte schwer und murmelte:
+
+»Ja, ja; aber Ihr seid nicht der Erste, Philipp, dem solcherart das Glas
+vor dem Munde weggeschlagen wird.«
+
+»Das Haus stand; aber die Braut, die junge Frau sollte nicht einziehen.
+Sie starb an dem Tage, auf welchen die Hochzeit festgesetzt war, und an
+ihrer Stelle habe ich meinem armen Bruder seine Wirtschaft geführt,
+diese dreißig Jahre hindurch, dieses Menschenalter, von welchem an
+diesem stürmischen Abend so viel die Rede gewesen ist.«
+
+»Und wir haben unsere Tage in der Stille doch gut verlebt,« sagte der
+Apotheker »zum wilden Mann« wehmütig lächelnd. »Wir sind in Frieden grau
+geworden, und der Sturm, der vor dem Fenster vorbeibraust, kümmert uns
+wenig mehr. Der freie Stuhl ist leer geblieben, und der, für welchen der
+Sitz aufbewahrt wurde, hat seine Ruhe wohl auch gefunden, an einem
+anderen Orte weit in der Fremde; hoffentlich nachdem er sich, wie er in
+seinem wilden Briefe da sagt, zu den Menschen zurückgefunden hatte. Wir
+aber, die wir hier miteinander alt geworden sind, wir wollen in Treue
+und guter Gesinnung auch fernerhin bei einander bleiben und kein
+Ärgernis an einander über die nächste Begegnung hinaus weiter tragen.«
+
+»Das wollen wir!« sprachen beide Männer wie aus einem Munde.
+
+»Gewiß, gewiß,« sagte das Fräulein.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+
+Der Regen hatte augenblicklich aufgehört; aber der Wind war dafür um ein
+ziemliches heftiger geworden. Nach dem, was da erzählt worden war, ließ
+sich ein gleichgültiges Gespräch nicht leicht anknüpfen, und doch fühlte
+jeder das Bedürfnis dazu im hohen Grade.
+
+Als Ulebeule sich endlich zusammennahm und kläglich sagte:
+
+»Es ist doch ein tüchtiger Wind!« machte Fräulein Kristeller freilich
+die dazu gehörende Bemerkung:
+
+»Ach ja, und die armen Leute, die jetzt auf dem Wasser sind!« aber das
+Gespräch war damit doch wieder zu Ende und fiel kläglich zu Boden. Herr
+Philipp hatte seinen schicksalvollen Brief wieder in das gelbgewordene
+Couvert geschoben und trat eben mit demselben in die Thür seiner
+Offizin, als er stehen blieb und rief:
+
+»Da ist der Doktor!«
+
+»Der Doktor!« riefen aufatmend und mit glatt auseinander sich legenden
+Mienen alle ihm nach. »Der Doktor! richtig, er wird es sein.«
+
+Er war es. Man vernahm draußen vor den Fenstern der Offizin, nicht des
+Hinterstübchens, Rädergeknarr, das Stampfen eines Gaules,
+Peitschengeknall und dazwischen eine laute joviale Stimme:
+
+»Holla, heda! Giftbude! Lichter an die Fenster! Bist du da, Friedrich,
+so reiß' das Scheunenthor auf und leuchte, daß wir die Karete und uns
+aus der Sündflut und dem sonstigen Orkane in Sicherung bringen!«
+
+Das alte Fräulein lief schnell hinaus und dem gern gesehenen dritten
+Hausfreunde entgegen. Behaglicher lehnten sich der Förster und der
+geistliche Herr auf ihren Stühlen zurück. Der Apotheker stand lächelnd
+mit seinem vergilbten Briefe in der Hand da und horchte mit den andern.
+Schon hörte man jetzo auf der Hausflur des Doktors lustige Stimme,
+dazwischen die Stimme Dorothea's, und dann sprach noch jemand darein,
+gleichfalls kräftig-heiter.
+
+»Er kommt nicht allein. Er bringt uns einen Gast oder sich einen
+Patienten mit,« sprach der Apotheker »zum wilden Mann«, und sofort
+zeigte es sich, daß das erstere der Fall war. Weit flog die Thür, die
+von der Hausflur in das bilderreiche Hinterstübchen führte, auf, und mit
+dem Landphysikus _Dr._ Eberhard Hanff trat der Gast ein, höflich auf der
+Schwelle um den Vortritt sich mit Fräulein Dorothea bekomplimentierend.
+
+»Keine Umstände, Herr Oberst,« rief der Doktor, den ältlichen,
+breitschulterigen, stattlichen alten Herrn mit dem schneeweißen Haar,
+den schwarzen scharfen Augen im munteren tiefgebräunten Gesichte weiter
+vorschiebend. Und ohne alle weiteren Umstände stellte er vor:
+
+»Colonel Dom Agostin Agonista -- im Dienste Seiner Majestät des Kaisers
+von Brasilien, -- von mir aufgegriffen auf dem Wege zum wilden -- ach,
+Herrje, Punsch?! -- o Oberst, habe ich es nicht gesagt? Fräulein
+Dorette, Sie wissen meine Gefühle und Gemütsstimmungen doch immer auf
+drei Meilen Weges hinaus zu ahnen; -- Punsch!! Die Herren werden sich dem
+Herrn Oberst am besten selber bekannt machen. Ach, Fräulein Dorette, je
+bösartiger die Witterung, desto inniger die Ahnung Ihrerseits; --
+erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Hand küsse.
+
+»Lassen Sie das dumme Zeug nur und hängen Sie lieber Ihren Mantel an den
+Haken,« sprach die Schwester des Apothekers, »der Herr Oberst ist uns
+sehr willkommen, und wir bitten höflichst, Platz zu nehmen.«
+
+Der Landphysikus pflegte die Leute, die er dann und wann auf seinen
+Berufswegen »als Gäste aufgriff« und in irgend ein beliebiges Haus mit
+sich nahm, stets in einer ähnlichen Weise vorzustellen und sie dadurch
+gewöhnlich in nicht geringe Verlegenheit zu bringen. Der brasilianische
+Oberst jedoch ließ sich nicht so leicht in Verlegenheit setzen. Er
+wendete sein munteres, vernarbtes altes Soldatengesicht heiter und hell
+im kleinen Kreise umher und sagte mit dem leisesten Anhauch eines
+fremdartigen Accentes:
+
+»Meinerseits nenne ich dieses einen raschen Überfall, meine Dame und
+meine Herren, und bitte sehr um Entschuldigung wegen dieses nächtlichen
+Eindringens. Der Herr Doktor fand mich freilich in einer höchst
+erbärmlichen Schenke am Wege durch den Sturm und die Nacht festgehalten
+hinter dem Tische und hat in der That in der freundlichsten Weise den
+barmherzigen Samariter gespielt. Er nahm mich in seinen Wagen auf und
+bot mir ein besseres Nachtquartier in dieser Ortschaft an. Ich folgte
+ihm gern, und dann hielt er vor diesem Hause an, -- um einen
+>Kristeller< zu nehmen, wie er sagte, -- auf einen Moment, wie er sagte,
+und ich kam mit ihm herein, um auch einen >Kristeller< zu mir zu nehmen,
+und mein Name ist wirklich Agonista, und ich bin Oberst in
+brasilianischen Diensten.«
+
+»Mein Name ist Kristeller; aber der Doktor, mein lieber Freund, nennt
+einen Liqueur so, dessen Erfindung mir gelungen ist, Herr Oberst,« sagte
+der Apotheker. Ȇbrigens ist uns allen hier Ihr Eintritt in unseren
+kleinen Kreis eine Ehre und ein großes Vergnügen.«
+
+Der Pastor und der Förster sprachen nun gleichfalls ihre Befriedigung
+über die zeitgemäße Ankunft des interessanten Fremden aus. Man
+schüttelte sich die Hände und schob von neuem die Stühle an den Tisch.
+
+»O -- Fräulein Dorette, ich habe Ihnen wie gewöhnlich mein Kompliment zu
+machen!« rief der Landphysikus _Dr._ Eberhard Hanff, in Extase nach
+einem langen Zuge die Nase aus dem Dampfe des Getränkes des Abends in
+die Höhe hebend. »Finden Sie jetzt nicht auch, Colonel, daß wir hier
+besser aufgehoben sind als dort in der Kneipe >zum Krug ohne Deckel<
+oder wie die Räuberhöhle sonst heißt? he, und wie wehrte und sperrte
+man sich gegen das bessere Verständnis eines landkundigen Mannes!«
+
+»Es ist gewiß besser hier,« sagte der Soldat mit einer Verbeugung gegen
+die Schwester des Hausherrn. »Man wehrt sich oft gegen sein Glück,
+Senhora -- man sollte es nicht thun.«
+
+Die Übrigen gaben dem Oberst natürlich recht, und dann redete man ebenso
+selbstverständlich von neuem eine geraume Zeit über das Wetter; doch
+dann auch über die Wege, über die Wegschenke, in welcher der Doktor den
+Fremden gefunden hatte, über die Gegend im allgemeinen und besondern,
+über das frühe Abziehen der Zugvögel in diesem Jahre, über dieses und
+jenes: nur der Apotheker »zum wilden Mann« nahm an dieser Unterhaltung
+wenig Anteil.
+
+Er, Philipp Kristeller, saß seinem brasilianischen Gaste gegenüber. Den
+alten Brief hatte er nicht wieder in sein Pult verschlossen, sondern,
+durch die plötzliche Ankunft des Doktors und des Fremden daran
+gehindert, ihn wieder mit sich gebracht und auf dem Tische von neuem vor
+sich niedergelegt. Er stützte jetzt den Ellenbogen darauf und lächelte
+in das Gespräch der Übrigen hinein, doch wie abwesend und den eigenen
+Gedankengespinnsten nachgehend. Daß der so plötzlich und unvermutet in
+seinem stillen Hauswesen erschienene ausländische Herr seine innere
+Erregung vermehrte, konnte man nicht sagen, doch richtete er, der
+Hausherr, dann und wann verstohlen forschend den Blick auf den Gast; und
+die Antworten, die er sodann auf an ihn gerichtete Fragen gab, waren
+noch um ein weniges zerstreuter.
+
+Der Arzt erkundigte sich zuerst scherzhaft nach dem Grunde, und Ulebeule
+antwortete für den Apotheker.
+
+»Laßt ihn, Medicus, hat sich der Bär erniedrigt, so wird er sich wohl
+bald um so mehr erheben; denn wozu hat er seine Hinterpranken sonsten?
+fragt man in Polackien. Wäret ihr eine Viertelstunde früher gekommen, so
+hättet ihr uns a l l e insgesamt in einer noch viel kurioseren Stimmung
+angetroffen. Wie die Hasen ihre Hexensteige durchs Korn, so haben wir
+uns an diesem Abend unsere Wege durch die angenehme Unterhaltung
+gebissen. O, wir haben seltsame Historien vernommen!«
+
+»Ulebeule!« rief der Apotheker; doch der Förster war in seinem Eifer
+nicht imstande, auf den Ruf zu hören.
+
+»Ich sage Ihnen, Doktor, es ist ein Jammer und Schade, daß Fräulein
+Dorette's Punsch Sie und den Herrn Oberst nicht ein wenig früher
+angeludert hat. Wie Federwild sind die merkwürdigsten Geschichten um uns
+her aufgestoben. Wir wissen jetzt, weshalb sich dreißig Jahre lang
+keiner von uns in diesen Lehnstuhl da hat setzen dürfen; -- wir wissen,
+in welcher Weise unser Freund Philipp bei uns ankam, -- wir haben viel
+gehört von Liebe und Tod, von wilden Männern und alten Geldbriefen, wie
+nicht jedermann solche von der Post zugeschickt kriegt. Waren Sie jemals
+in Ihrem Leben auf dem Blutstuhle, Doktor?«
+
+»Ulebeule?!« rief jetzt auch der geistliche Herr, und diesmal hörte der
+Förster.
+
+»Nun, nun, -- ja, ja, Ihr habt recht!« brummte der redselige Waidmann
+kleinlaut. »Nehmt's nicht übel, Kristeller, da Ihr selber so vertraulich
+waret --«
+
+Herr Philipp füllte freundlich dem biederen Hausfreunde das Glas und
+reichte ihm die Hand; doch nun sagte der Doktor Hanff:
+
+»Zu den kuriosen Geschichten sind wir, die wir unsererseits dergleichen
+vielleicht auch dann und wann erlebten, diesmal zu spät gekommen. Aber
+eine Frage erlaube ich mir doch: habt ihr diesen guten Trunk hier jener
+Historien wegen etwa zusammengebraut?«
+
+Der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, der die ganze Zeit
+hindurch mit nachdenklichen Augen auf den leerstehenden Ehrensessel
+geschaut hatte, sah jetzt scharf auf und hell und heiter im Kreise
+umher, zuletzt am schärfsten auf den Herrn des Hauses. Währenddessen
+antwortete der Pastor dem Physikus und den forschenden Blicken des
+Colonels zugleich mit:
+
+»Sie sind zu einem eben so freudigen wie ernsthaften Gedächtnisfeste
+gerade noch zur rechten Zeit gekommen, lieber Doktor. Unser Freund
+Kristeller sitzt heute gerade dreißig Jahre hier in diesem Hause >zum
+wilden Mann<, Herr Oberst. Er ist uns und allen Bewohnern der Gegend
+weit und breit ein lieber, treuer Freund und Helfer ein ganzes
+Menschenalter durch gewesen; den Punsch hat uns Fräulein Dorothea
+improvisiert, und Ihre Einladung würden Sie zu Hause vorgefunden haben,
+lieber Doktor.«
+
+»Den Umweg habe ich mir demnach gespart,« lachte der Landphysikus. »Mein
+Herr Vater verwunderte sich gleich über meine verständige Nase, als die
+Wickelfrau mich ihm auf die Arme legte.«
+
+Noch eine Bemerkung über seinen Hausschlüssel anfügend, sah der Humorist
+des Ortes von einem zum anderen, aber man lächelte diesmal nur, man
+lachte nicht mit oder hielt sich gar vor Lachen am Tische. Am
+vergnügtesten sah noch der Oberst aus, und dieser erhob nunmehr auch
+sein dampfendes Glas und sprach:
+
+»So erlaube ich mir denn, als ein wie vom Himmel in diese Behaglichkeit
+hineingefallener Fremdling gleichfalls auf diesen schönen und wichtigen
+Gedenktag und Abend zu trinken. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit;
+manches wird darin anders -- Gesichter und Meinungen. Und meine gnädige
+Dame und meine guten Herren, auch ich kann heute ebenfalls ein mir sehr
+merkwürdiges und folgenreiches Gedächtnisfest feiern; -- auch mir sind
+heute gerade dreißig Jahre vergangen, seit ich zum erstenmale im Feuer
+stand und zwar an Bord der chilenischen Fregatte >Juan Fernandez< gegen
+den >Diablo blanco<, den weißen Teufel, ein Schiff der Republik Haity,
+um am folgenden Morgen mit einem Holzsplitter in der Hüfte und einem
+Beilhieb über der Schulter im Raum des Niggerpiraten aus der
+Bewußtlosigkeit aufzuwachen!«
+
+»Wozu man freilich heute noch gratulieren kann,« brummte der Doktor,
+während die anderen auf andere Weise ihr Interesse und Mitgefühl
+kundgaben.
+
+»Wozu ich mir ganz gewiß heute noch Glück zu wünschen habe,« sagte der
+tapfere alte Krieger, »denn in diesem gottverdammten Schiffsraume, dem
+schwärzesten, stinkendsten Loche, das je auf dem Wasser schwamm, lernte
+ich einen Arzt kennen, der eine Kur an mir verrichtete, wie sie keinem
+europäischen Mediziner gelungen wäre --«
+
+»Das wäre der Teufel!« rief der europäische Physikus.
+
+»Der war es so zu sagen auch,« sprach gelassen der brasilianische
+Oberst, »und er klopfte mich auf die Schulter und sagte: >Senhor, eine
+Zeit lang hat jedermann auf Erden das Recht, den Narren zu spielen, nur
+darf er das Spiel nicht über die gebührliche Zeit fortsetzen, er macht
+sich sonst lächerlich; Ihr gefallt mir, Senhor, und ich meine es gut mit
+Euch, -- diesmal kommt Ihr noch mit dem Leben davon; erinnert Euch
+meiner und ruft mich, wenn Ihr mich braucht; ich stehe immer an Eurem
+linken Ellbogen.< -- Meine Herrschaften, das Ding verhielt sich wirklich
+so, und ich habe den Schwarzen jedesmal, wenn ich ihn nötig hatte,
+gerufen, und mich stets wohl dabei gefunden. Vorher war's mir herzlich
+schlecht in der Welt ergangen, und ich hatte mich recht übel darin
+befunden.«
+
+Der geistliche Herr rückte ein wenig ab von dem sonderbaren Gaste,
+Fräulein Dorothea Kristeller murmelte:
+
+»Ei, ei! hm, hm;« -- der Apotheker sagte noch immer nichts; aber
+Ulebeule rief entzückt:
+
+»Das ist ja aber heute wie ein Abend aus dem Tausendundeinenachtbuche!
+Wir sind drin im Erzählen, und wenn's nach mir geht, bleiben wir bis zum
+Morgen dabei. Lieber Herr Oberst, unser alter Philipp da hatte vom
+Anfange an auch nicht die Absicht, uns alles das, was er uns berichtet
+hat, zu beichten; er geriet nur so ganz allgemach auf die Fährte, und
+wir haben ihn nur durch gute Ermunterung darauf gehalten. Herr Oberst,
+nehmen Sie sich gütigst ein Exempel und erzählen Sie weiter von den
+Mohren. Der Abend ist ganz darnach; -- was meinen Sie, Pastore?«
+
+Der Pastor war wieder zugerückt und bot dem fremden Kriegsmann die Dose.
+
+Dom Agostin Agonista lächelte gutmütig und sagte vergnügt:
+
+»Ich weiß nicht, was für wilde Historien unser freundlicher Herr Hospes
+von sich erzählt hat; mein Leben ist sicherlich ins Wilde geschossen und
+hat Früchte gebracht, die auf jedem Markte Verwunderung erregen müssen.
+Zuerst wucherte das Gewächs phantastisch ins Kraut, und mehr als ein
+Botanikus wartete mit Spannung auf die überirdischen Blüten und Früchte.
+Jawohl! Der große Hurrikane kam, der Wind und Sturm über Land und See,
+-- die Blätter wurden weggefegt, die Blüten, oder was so aussah, dito.
+Endlich fand sich so ungefähr drei bis vier Fuß unter der Erde etwas,
+was mit der Kartoffel einige Ähnlichkeit hatte -- allerlei Knollen durch
+Fasern aneinanderhängend -- ungenießbar, zäh, ein abgeschmacktes Produkt
+der alten Mutter Erde. Dazu hat man es denn gebracht, meine
+Herrschaften, und der einzige Trost ist nur, daß eben nicht ein jeder
+nach seiner Wahl ein Pomeranzen-oder Palmenbaum werden kann. Je früher
+aber der Mensch herausfindet, in welche Klasse er nach Linné oder Buffon
+gehört, desto besser ist es für ihn und desto schneller kommt er zur
+Ruhe und zur Zufriedenheit mit seinen Zuständen. So lange er's noch
+nicht heraus hat, spuckt er Gift und Galle in den schönsten Sonnenschein
+hinein und macht Brüderschaft mit dem Schneegestöber und Winterwinde.
+Ich halte das auch für eine Philosophie, Herr Kristeller.«
+
+»Das ist es auch, Herr Oberst,« sagte Herr Philipp. »So lange aber der
+Mensch jung ist, findet er die große Wahrheit selten. Ja, Viele -- die
+Meisten finden sie nie und glauben an ihre Palmbaumberechtigung bis zum
+Ende.«
+
+»Und das ist ein Glück,« rief der wetterfeste, philosophische
+Kriegsmann, »denn ohne diese glückliche Illusion würde die ganze
+Menschheit doch nichts weiter sein als ein sich elend am Boden
+hinwindendes Geschling und Gestrüpp. Übrigens sind die Kartoffeln und
+die Trüffeln gar nicht zu verachten.«
+
+»Aber mit dem Mohrenschiff und dem schwarzen Satan, der den verehrten
+Herrn Oberst so zutraulich auf die Schulter klopfte, hat dieses alles
+doch eigentlich nicht das Geringste zu schaffen -- nicht wahr?« fragte
+Ulebeule.
+
+»Bravo, Förster!« rief der Doktor. »Ihr seid und bleibt ein
+hirschgerechter Waidmann. Tago! Tago! Ihr laßt Euch wahrlich nicht von
+der Fährte abbringen. Geben Sie sich nur drein, Oberst, und erzählen Sie
+uns von dem Mohrenschiffe und Ihren sonstigen spaßhaften und ernsthaften
+Erlebnissen. Die Nacht ist schwarz genug dazu, und wir sind ganz Ohr.«
+
+Nun schien der richtige Ton für die folgende Unterhaltung gefunden zu
+sein; aber in demselben Moment jagte der Colonel Agonista alle, nur den
+Hausherrn nicht, in hellster Überraschung, ja im jähen Schrecken von den
+Stühlen empor.
+
+Er hatte sein Glas erhoben und sagte jetzt langsam und ruhig:
+
+»Lassen Sie uns anstoßen auf das Wohl aller wetterfesten Herzen,
+gleichviel ob sie ihre Schlachten innerhalb ihrer vier Wände
+durchfechten oder durch Blut und Feuer über den halben Erdball
+herumgeworfen werden. Kennst du mich nicht mehr, Philipp? Kennst du mich
+wirklich nicht mehr, Philipp Kristeller?!«
+
+ * * * * *
+
+Der Apotheker »zum wilden Mann« hatte den Geldbrief, der bis jetzt unter
+seinem Ellenbogen gelegen hatte, gefaßt und in der zitternden Hand
+zusammengeknittert. Seit fünf Minuten schon wußte er, wer sein Gast war,
+und der Oberst Dom Agostin Agonista hatte das auch gewußt. Nun aber
+griff die Schwester zu und stützte den Bruder; der Oberst faßte ihn von
+der anderen Seite und so erhob er sich jetzo mühsam wie die Übrigen,
+legte beide Arme dem Gaste um die Schultern, legte ihm das Gesicht an
+die Brust und stöhnte:
+
+»Nach einem Menschenalter also!«
+
+Der Doktor, der Pastor und der Förster verwunderten sich, ein jeder auf
+seine Manier, und es währte eine ziemliche Weile, ehe jedermann wieder
+Platz genommen hatte.
+
+Endlich saßen sie wieder; der Oberst aber nicht auf dem ihm so lange
+Zeit aufbewahrten weichen Ehrenplatz. Dom Agostin hatte, nachdem er die
+Ehre zuletzt fast grob zurückgewiesen hatte, mit zierlicher, drängender
+Höflichkeit Fräulein Dorette Kristeller in den Lehnstuhl niedergesetzt,
+und diese behielt denn auch den Platz, nachdem sie ihren Protest
+eingelegt hatte.
+
+»Gegen die Gewalt kann ich nicht an, Herr Oberst, aber behaglich sitze
+ich hier wahrhaftig nicht, und in die Wirtschaft muß ich auch jeden
+Augenblick hinaus.«
+
+Das war richtig. Die chinesische Bowle mußte noch zweimal im Verlaufe
+der Nacht gefüllt und das Gastzimmer ebenfalls doch auch für den
+geheimnisvollen, abenteuerlichen Freund hergerichtet werden. Dazwischen
+erzählte der alte Soldat, ohne sich im geringsten zu sperren, dem
+»Wilden Mann« seine Geschichte. Was darin zu Tage kam, hätte jeden Tisch
+voll Philister (unter anderen Umständen) bewogen, erst von dem munteren
+Erzähler leise abzurücken, dann nach und nach mit den Gläsern und
+Pfeifen sich nach einem anderen Platze umzusehen und dann -- bis zum
+Nachhausegehen -- von dem neuen Stuhl aus verstohlen, furchtsam und
+verblüfft über die Schultern nach dem unheimlichen fidelen alten
+südamerikanischen Burschen hinzustieren.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+Das kahle Gezweig kratzte nicht mehr so ärgerlich wie vorher an den
+Fensterscheiben des Hinterstübchens in der Apotheke »zum wilden Mann«.
+Der Förster Ulebeule hatte den Kopf in die Nacht hinausgesteckt, ihn
+zurückgezogen und den im Zimmer Anwesenden die tröstliche Versicherung
+gegeben:
+
+»Es klärt sich richtig auf. Man sieht die Sterne durchs Gewölk. Der Wind
+hat ordentlich über unseren Köpfen und Schornsteinen aufgeräumt. Ich
+kenne das und wette, daß wir morgen einen ganz klaren Tag haben werden.«
+
+Dies fiel in die Pause nach dem wundervollen Ereignis und
+Wiederzusammenfinden in der Apotheke »zum wilden Mann«.
+
+Philipp Kristeller hatte bis jetzt die Hand seines Wohlthäters noch
+nicht losgelassen. Die beiden alten Freunde saßen nebeneinander, und der
+Oberst hielt spielend in der Linken den Brief, den er vor einunddreißig
+Jahren in der Lebensverzweiflung geschrieben und mit 9500 Thalern in
+Staatspapieren für den botanischen Studiengenossen beschwert hatte.
+Jetzt zum erstenmal entzog er die rechte Hand dem Freunde vom
+Blutstuhle, warf das letzte Endchen seiner Cigarre hinter sich und zog
+eine kurze Pfeife heraus, die er aus einem sehr exotisch, sehr
+indianisch aussehenden Tabaksbeutel füllte und plötzlich -- ehe er durch
+einen hastigen Griff und Ruf des Apothekers daran gehindert wurde, in
+Brand setzte. Ehe er dran gehindert werden konnte, hatte Dom Agostin
+Agonista ein bedeutendes Stück von seinem verjährten, wild-phantastischen
+Schreiben abgerissen, es regelrecht zu einem Fidibus zusammengedreht und
+denselben zu dem Zwecke verwendet, zu welchem man eben einen Fidibus
+gebraucht. In demselben Moment fing er gelassen und gemütlich an, seine
+Geschichte zu erzählen, und sie ging gut an, nämlich mit den Worten:
+
+»Nicht wahr, Doktor, wer noch keinen Menschen umgebracht hat, der wird
+sich nur schwer in die Gefühle eines, der's bereits fertig brachte,
+hineinfinden. Erschrecken Sie nur nicht zu arg, meine Herrschaften; ich
+habe mich allmählich hineingefunden; -- es lernt sich alles in der Welt
+und wird zur Gewohnheit, das Hängen und Erschießen wie -- das Köpfen.
+Ich stamme aus einem der anrüchigsten Geschlechter Deutschlands und
+hatte drei Tage vor dem Zusammentreffen mit meinem Freund Philipp
+Kristeller auf dem Blutstuhle gethan, was ich mußte. Um es kurz zu
+sagen, so hatte ich, unter Billigung und Beistand von Staat und Kirche,
+einem nichtsnutzigen Mitbruder im Wirrwarr dieser Welt auf offenem Felde
+und vor zehntausend Zuschauern den Kopf abgeschlagen. Erschrecken Sie
+nicht, bestes Fräulein -- auch das ist eine verjährte Geschichte.«
+
+Ja, was half es zu sagen: Erschrecken Sie nicht! --? sie fuhren doch
+alle zusammen, selbst Herr Philipp Kristeller.
+
+»Das Amt, das meine Vorfahren seit mehr als zweihundert Jahren in
+ununterbrochener Geschlechtsfolge verwaltet hatten -- rühmlich verwaltet
+hatten, war eines Tages auf mich übergegangen, und ich habe es ausgeübt
+-- einmal! -- wie gesagt, drei Tage vor jenem Anfall vom Veitstanz, in
+welchem der da mich auf dem Blutstuhl fand. Sieh, Philipp, d a s w a r
+e s! und deine Johanne hatte wohl Recht, wenn sie schon lange vor jenem
+letzten Zusammentreffen dich auf mancherlei an mir aufmerksam machte,
+was ihr nicht gefiel. Ach Gott, ich wollte, ich könnte es dem armen
+guten Kinde heute abend auch sagen, wie gut sie mir stets gefiel. Sie
+ist also tot -- ein Menschenalter tot? ach Philipp, Philipp, du hast es
+kaum wissen können, wie viel Sonnenschein von ihr ausging, wo sie ging
+und stand, und wie schwarz und scheußlich mir die Welt in dem schönen
+Lichte vorkam. Auch verjährt! da wir noch am Leben sind und es uns wohl
+geht, so wollen wir von uns reden. -- Ich war wunderlich erzogen worden.
+Mein Großvater August Gottfried Mördling hatte das schlimme Erbamt noch
+im reichlichen Maße und als finsterer Enthusiast bekleidet; mein Vater
+hatte dagegen das Glück gehabt, daß in seine ganze, freilich nicht sehr
+lange Lebenszeit nicht ein einziges Mal die unangenehme Notwendigkeit
+fiel, die Kammer im Oberstock des Hauses aufzuschließen und mit dem Auge
+und dem Finger an der Schärfe des breiten Schwertes mit der Jahreszahl
+1650 hinauf und hinunter zu fahren. Von meiner Mutter weiß ich wenig zu
+sagen. Sie war eine kränkliche, verdrossene Frau, und ich habe nur eine
+Haupterinnerung von ihr, nämlich daß sie eine ausgebreitete
+Geflügelzucht trieb und das Schlachten der Hühner, Puter, Enten, Tauben
+und Gänse stets selber besorgte und zwar mit großer Kunstfertigkeit und
+einer gewissen wilden Energie. Mein Vater, ein sanfter, gebildeter Mann,
+der Schiller verehrte, Goethe verstand, für Uhland schwärmte und mich
+erzog, ging bei solchen Exekutionen stets mit raschen Schritten vom Hofe
+oder aus der Küche weg, indem er murmelte: O du grundgütiger Himmel! --
+Mein Vater, Alexander Franz Mördling, war auch gereist, sowohl als
+Kunst- wie als Naturliebhaber, er war in Frankreich, England und Holland
+gewesen, sprach recht gut englisch und französisch und erzog mich nur zu
+gut. Er machte auch mich zu einem gebildeten Menschen, der über Sonnen-
+und Mond- Auf- und Untergänge zu reden wußte, und vor allen Dingen ein
+Herbarium anzulegen verstand. Als die echten, richtigen Autodidakten
+machten wir uns beide unsere Welt zurecht, -- eine Welt, aus der keiner
+von uns beiden berufsmäßig herausgerufen werden durfte, ohne halb
+verrückt zu werden und ganz zu Grunde zu gehen. Unser Erbhof lag
+natürlich außerhalb der Stadt, versteckt im Grün, von uralten Linden
+überschattet, durch hohe Mauern und ein gewaltiges Thor geschützt -- ein
+Haus aus dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts, warm im Winter, kühl im
+Sommer -- ein Generalsuperintendent hätte drin wohnen und seine
+Predigten abfassen können. Der Schall und Spektakel der Leute draußen
+drang kaum zu uns; und wenn mein Papa mir unsere eigentlichen Zustände
+keineswegs vorenthielt, so machte die Kenntnis davon durchaus keinen
+niederdrückenden Eindruck auf mich. Es lag für den Knaben sogar ein Reiz
+darin -- man war allein, aber man war auch etwas, was die anderen nicht
+waren; -- liebes Fräulein, man saß wie ein geheimnisvoller Affe auf der
+Mauer und grinste die Jungen drüben jenseits des Grabens, die nicht zu
+grinsen wagten, so zu sagen unheimlich-vornehm an. Sie glauben es mir
+nicht, Fräulein Dorette, aber es verhielt sich doch so. Da mein Vater in
+seiner Abgeschiedenheit erträglich behaglich und zufrieden seine Tage
+verbrachte, so hatte ich um so weniger Grund, mich über mein Schicksal
+zu beklagen. Wir hatten durch Sommer und Winter unsere kleinen Freuden,
+-- und Matthias Claudius würde sich sicherlich wohl in unseren
+Beschäftigungen und träumerischen Grübeleien und Liebhabereien gefühlt
+haben. Ja, es fällt mir erst jetzt bei: vom alten Wandsbecker Boten
+hatte mein Alter das Meiste in seiner Natur; -- er konnte es sicherlich
+nicht ahnen, welch ein Meister Urian in seinem Söhnchen steckte. -- Aber
+endlich kam ein Winter, in dem mein Vater bei hohem Schnee und
+hartgefrorenem Boden mit Tode abging; und ich ein mündiger, erwachsener
+Mensch, der allem, was außerhalb unserer Hofmauer lag und vorging,
+gänzlich unmündig gegenüberstand, ihn sterben sah.«
+
+An dieser Stelle stand der Erzähler, der Oberst Dom Agostin Agonista auf
+und ging zum Fenster, um nach dem Wetter zu sehen.
+
+»Es ist das einzige, was einem bei außergewöhnlich unruhigen
+Gemütsbewegungen hilft,« sagte er zurückkommend und seinen Stuhl wieder
+einnehmend. »Übrigens hat der Herr Förster recht; es wird klar, und wir
+werden morgen wohl einen schönen Tag haben. Wo war ich doch stehen
+geblieben? Ja so, beim Tode meines Vaters und dem, was damit
+zusammenhing. Ich muß die Herren und das Fräulein also noch eine Weile
+inkommodieren.«
+
+Sie hatten ihm alle, bis auf den Apotheker, starr und mit immer noch
+hoch emporgezogenen Augenbrauen auf den Rücken gesehen, den er ihnen
+zudrehte, als er aus dem Fenster guckte. Als er sich umwendete, wandte
+ein jeder, nur der Apotheker nicht, die Augen wo anders hin und that so
+unbefangen als möglich.
+
+»Das nennst du uns inkommodieren, August?« fragte Philipp Kristeller
+vorwurfsvoll zärtlich.
+
+»Augustin -- Agostin -- Agostin Agonista, wenn es dir einerlei ist,
+alter Bursch,« lachte der brasilianische Oberst und -- erzählte weiter:
+
+»Wir waren allein im Hause, mein Vater, ich und eine alte Hexe von Magd,
+die uns Beide seit meiner Mutter Tode in der raffiniertesten
+Knechtschaft hielt. Mein Vater hatte schon längere Zeit gekränkelt, sich
+selber bedoktert und war nun mit seiner Kunst zu Ende. Lieber Doktor,
+der städtische Arzt, den wir zum Schluß herbeiriefen, konnte auch weiter
+nichts thun, als die Achseln zucken, -- und, Freund Philipp, in der
+Nacht vor seinem Abscheiden überlieferte mein Vater mir die Schlüssel zu
+dem Archive unseres Hauses! Drei Tage nach seinem Begräbnis öffnete ich
+den schwarzen Eichenschrank, in welchem die seit fast zweihundert Jahren
+recht ordentlich geführte Chronik unserer Familie aufbewahrt wurde, und
+trat damit in die Krisis ein, während welcher mein alter Philipp da und
+seine so junge und schöne Johanne meine Bekanntschaft machten und so
+viele Gründe hatten, sich über mich zu verwundern. Ich fand in dem
+Schranke ein von meinen Vorvätern zusammengeschriebenes dickleibiges
+Manuskript in schwarzem Lederband mit Messingecken und Haspen. Sie
+hatten regelrecht Buch geführt, und es war ein recht nettes Hauptbuch
+draus geworden mit allen Zahlen und sonstigen Belegen! Und ich las und
+rechnete es nach bis auf meinen Herrn Großpapa hinunter -- ich las es
+vom Anfang bis zum Ende, Wort für Wort, Datum für Datum, Zahl für Zahl;
+und als ich in der dritten Nacht gegen zwei Uhr morgens von der
+gräulichen Lektüre aufstehen wollte, da konnte ich nicht. Ich saß fest
+im Stuhl, gerädert von unten auf, und draußen war es grimmig kalt -- der
+Hofhund heulte und weinte vor Frost, und ich fühlte den Frost
+gleichfalls bis in die Knochen, und dazu, halb wahnsinnig, mein Leben,
+Fühlen, Denken, Meinen abgebrochen, wie wenn ein Stock übers Knie
+abgebrochen worden wäre. Meine grimmige Hexe von Haushälterin hatte mich
+am Ofen aufzuthauen wie ein steifgefrorenes Handtuch, und es währte
+länger als eine Woche, ehe sich die allernotwendigste animalische Wärme
+wieder in mir bemerkbar machte. Ich lag länger als eine Woche im Bett
+und klapperte geistig und körperlich mit den Zähnen; dann aber lief ich
+hinaus und lief mich warm durch das winterliche Land -- blieb vierzehn
+Tage für diesmal vom Hause weg und suchte mir zu der Wärme auch den
+Schlaf zu erlaufen, erlief mir jedoch nur die scheußlichsten aller
+Träume. Es ist ein Wunder, daß keiner es mir heute ansieht, was für ein
+Narr ich damals war! Nach meiner Rückkehr saß ich bis zum Frühjahr als
+ein Idiot am Herde, und ohne den Frühling wäre ich sicherlich als ein
+Idiot im Landesirrenhause elend und erbärmlich verkommen; und
+eigentlich, lieber Philipp, habe ich über jene Periode meines Daseins
+nichts mehr zu sagen. Ich fuhr in meinem Einspänner über die Grenze,
+mietete in einem Dorfe eurer Provinz ein Absteigequartier und ging dann
+in die Berge: -- da trafen wir uns, und du hieltest mich für einen
+übergeschnappten Privatgelehrten, dem seine Freunde seiner Gesundheit
+wegen geraten hatten, sich ein wenig auf die Botanik zu legen.«
+
+»Ich habe meinen Freunden bereits vorhin mitgeteilt, mit welchem Respekt
+mich deine Wissenschaft erfüllte,« rief der Apotheker »zum wilden Mann«,
+und sie nickten rund um den Tisch und sprachen:
+
+»Ja, ja! o freilich!«
+
+Der Oberst Dom Agostin Agonista aber sah selbst in dieser Nacht zum
+erstenmale sehr ernst, ja fast böse und finster drein und sagte:
+
+»Ich würde dir im Laufe der Zeit meine Umstände wohl klarer erschlossen
+haben, Philipp, ich würde dir alles von mir und meinem Leben erzählt
+haben; aber dein Liebeswesen hat mich dran gehindert und mir den Mund
+zugehalten. Lieber Junge, wenn mir etwas die Welt noch mehr verleidete,
+so war das deine Braut. Bei Gott, ich habe euch oft gehaßt wegen eurer
+Seligkeit, -- o Philipp Kristeller, in mehr als einer Stunde hätte ich
+euch mit Vergnügen eine Fallgrube für eure Zärtlichkeit graben können.
+Wäre das Eifersucht gewesen, so wär's schlimm genug gewesen; aber es war
+noch schlimmer, es war Neid, der nichtswürdige zähnknirschende Neid.
+Ach, Freund, Freund, damals hatte ich wahrhaftig nicht die Absicht, dir
+im Leben auf die Beine und, so weit ich es konnte, zu einer Frau zu
+helfen! Mußte da erst das Ärgste kommen, um mir den Sinn vollständig zu
+wenden, und das Ärgste kam; -- gottlob, sage ich heute! -- Von einer
+meiner vorgeblichen botanischen Rasereien ins Wilde zurückkehrend, fand
+ich einen Brief zu Hause, ein Schreiben mit dem Siegel der
+Oberstaatsanwaltschaft drauf. Ich wurde durch dieses Reskript umgehend
+nach der nächsten Kreisstadt beordert, und was die hohe Behörde da von
+mir verlangte und zu verlangen berechtigt war, das können die Herren und
+die gütige Senhora sich sicher selber vorstellen; ich habe gewiß nicht
+nötig, mit dem Finger die Richtung anzudeuten. Man legte mir ein vom
+Landesherrn bereits unterzeichnetes Todesurteil vor, und ich hatte noch
+drei Wochen Zeit, mich und meinen Patienten auf die mir obliegende
+Operation vorzubereiten. Während dieser drei Wochen sahest du mich
+nicht, Philipp Kristeller; aber du fandest mich drei Tage nach
+vollbrachtem Amtsgeschäft auf der Opferklippe. Ja, ja, meine Herren,
+nach gethaner Arbeit ist gut ruhen, und auch das war ein
+Erholungsausflug! -- Ich hatte meine Sache gut gemacht und war gelobt
+worden, von den Behörden, den Zeitungen und dem zuschauenden Pöbel; aber
+ich trug schwer an der Ehre. Buchstäblich, -- ich trug meinen still und
+um einen Kopf kürzer gemachten Patienten, minus diesen Kopf auf dem
+Rücken, und ich hatte ihn eben auf den Blutstuhl hinaufgeschleppt, als
+mein Freund Philipp die Klippe von der anderen Seite her erkletterte.
+Seht, es ist immer von den Gefühlen des armen Sünders auf dem
+Hochgerichte die Rede; aber diesmal waren auch die des Scharfrichters
+bemerkenswerth; -- reden wir nicht davon: ich trug, wie gesagt, den
+Rumpf des armen Teufels von dem Gerüste hinunter; er hing mir auf dem
+Rücken, die Hände schleiften auf dem Boden nach, und ich hielt auf jeder
+Schulter einen Fuß im blauen wollenen Strumpfe gepackt! So hab' ich ihn
+auf den Blutstuhl hinaufgeschleift; und als du mich fandest, Philipp
+Kristeller, auf dem Felsen liegend, das Gesicht zu Boden gedrückt, da
+saß der Halunke auf mir, kopflos -- hatte mir eine Kralle in das
+Nackenhaar gewühlt und sang sein diabolisches Triumphlied über mich --
+ein Bauchredner sondergleichen; aber höchst widerlich, selbst heute
+abend noch, nach einunddreißig Jahren ruhigeren Nachdenkens und kühlerer
+Überlegung!«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+Der Oberst schwieg und fuhr sich mit dem Taschentuche über die Stirn.
+Man räusperte sich rund um den Tisch; der Förster und der Pastor hüllten
+ihre Verlegenheit in die dichtesten Tabakswolken, der Landphysikus
+schien die seinige in sich ertränken zu wollen, und alle drei -- sonst
+gar nicht übele Leute -- sahen in diesem Momente merkwürdig stupide aus.
+Fräulein Dorette Kristeller im Ehrenstuhle hatte sich soweit als möglich
+aus dem Lichtschein in die Dämmerung zurückgezogen; man hörte sie leise
+ächzen und seufzen, ja es schien sogar, als ob sie stoßweise in ihr
+Taschentuch hineinschluchze. Eine solche Geschichte erzählte man trotz
+allem nicht ungestraft, -- selbst im Kreise seiner allerbesten Freunde
+nicht.
+
+Dem alten Soldaten entging der gemachte Eindruck keineswegs, aber
+nachdem er seinerseits die widerliche Erinnerung mit einer Hand- und
+Armbewegung so zu sagen vom Tische gewischt hatte, stützte er beide
+Ellenbogen auf die Platte und schaute munterer denn je um sich. Er
+hatte, wie sich gleich auswies, noch extraordinärere Dinge in seinem
+späteren Leben durchgemacht, er hatte nicht wie die anderen still im
+Winkel gesessen, er hatte sich allerlei um die Nase wehen lassen, was
+die meisten Leute für Sturm genommen haben würden, er aber nur noch für
+Wind hielt. Er war nicht umsonst kaiserlich brasilianischer
+Gendarmerieoberst geworden.
+
+»Lieber, guter August -- Augustin,« flüsterte der Apotheker, »du bist
+als ein eigentumsloser Bettler in deiner Verwirrung in die Welt
+hinausgelaufen; -- du hast mir das Erbe deiner Väter überwiesen --«
+
+»So ist es! Niemals hat ein Mensch mit gleich leerer Tasche dem alten
+Europa den Rücken gewendet!«
+
+»O meine Johanne -- meine liebe, arme Johanne!« seufzte der Apotheker
+leise; aber da that der Abenteurer und Soldat einen sehr feinfühligen
+Griff in die Ideenfolge seines Jugendbekannten.
+
+»Nein, nein, Philipp, bei allen Mächten, nein! es ist nicht so! Das ist
+nicht der Geschäftsgang zwischen Himmel und Erde! Du würdest sie doch
+verloren haben -- o, um meine Hinterlassenschaft hat sie dir das
+Schicksal nicht sterben lassen! Was hatte ihr Dasein und Geschick mit
+dem zu schaffen, was alles an den Thalern hing, die ich damals auf der
+Flucht von mir warf und dir an den Hals, weil du mir zufällig zunächst
+standest. Das Kind ist nicht daran gestorben, Philipp! Ihr hättet ein
+schönes Leben auf die Erbschaft meiner Vorväter gebaut, wenn die Schöne,
+die Gute dir nicht doch hätte sterben müssen; und dann -- -- wer hier
+unter uns hat wohl ein besseres Los gezogen als sie?«
+
+Die Frage erforderte eine Antwort, und jeder gab sie auf seine Weise,
+doch laut bejahete oder verneinte niemand. Der Apotheker »zum wilden
+Mann« drückte zum hundertstenmale dem Obersten Agonista die Hand, und
+dieser schüttelte sie ihm wiederum herzhaft und rief:
+
+»Was kann es alles helfen -- jeder erlebt sein Leben, und wer noch mit
+dem nötigen Humor davon zu erzählen weiß, der ziert jegliche Tafelrunde,
+und selbst die Weisesten, Ehrwürdigsten und Ehrbarsten können ihn ruhig
+ausreden lassen. Jetzo will ich einmal eine weise Bemerkung machen,
+nämlich daß der größte Verdruß der Menschen im einzelnen daraus
+entspringt, weil sie die Welt im ganzen für zu still halten. Meine
+Herrschaften, die Welt ist nicht still, und man muß den Wirrwarr nur
+recht kennen lernen, um das, was einem vom ersten Seufzer bis zum
+letzten passiert, nach dem richtigen Maße zu schätzen. Hol der Teufel
+die Narren, denen ihre vier Wände auf den Kopf zu fallen scheinen:
+steigt aufs Dach jedesmal, wenn's euch zu angst wird und überzeugt euch,
+daß das Firmament fürs erste noch nicht die Absicht hat,
+zusammenzubrechen. Also, ich stand ohne einen Heller in der Tasche auf
+dem Kai zu Neu-Orleans, so ungefähr in der Stimmung eines Menschen, der
+aus einem schweren Rausch erwacht, übernächtig sich die Stirn reibt und
+doch den kühlen Morgenwind mit Wohlbehagen auf seinen Schläfen fühlt.
+Was aus mir werden mochte, war mir ganz gleichgültig. Ich war zu allem
+bereit, zum Leben wie zum Sterben, und verkaufte, da ich Hunger hatte,
+um wenigstens das allernächste Behagen noch einmal festzuhalten, mein
+Halstuch und mein Taschentuch an einen wandernden Trödler. Traktierte
+darauf meinen ersten guten Bekannten auf amerikanischem Boden, den
+einarmigen Mulatten Aaron Toothache, und zwar in einem Lokale, in dem
+Volk zusammensaß, von welchem man hier am Tische kaum einen Begriff
+haben kann. Hier lernte ich einen Haufen Gesindel von vorbenanntem
+Fregattschiff der Republik Chile, dem braven >Juan Fernandez<, kennen,
+und wir gefielen uns gegenseitig. Wie die Bekanntschaft endlich im
+Schiffsraume des >weißen Satans< auslief, habe ich euch bereits
+mitgeteilt.«
+
+Sie waren ihm während der letzten Minuten alle auf den Leib gerückt. Sie
+schienen nach seinen letzten Äußerungen ihre geheime Scheu und Abneigung
+gegen ihn gänzlich überwunden zu haben! Sie waren ihm so dicht an die
+Ellenbogen gerückt, daß ihm die Luft auszugehen schien. Blasend machte
+er eine Armbewegung, um sie wieder ein wenig von sich zurückzudrängen,
+und wir -- wir machen es vollständig umgekehrt, als die aufs Äußerste
+gespannten Lauscher in der Hinterstube der Apotheke »zum wilden Mann«:
+wir rücken ab vom Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieoberst Dom
+Agostin Agonista.
+
+Was dieser wunderliche Erzähler jetzt zu erzählen hatte, war freilich
+bunt genug und voll Feuerwerk und Geprassel zu Wasser und zu Lande;
+allein das alles war doch schon von anderen hunderttausendmal erlebt und
+mündlich oder schriftlich, ja sogar dann und wann durch den Druck
+mitgeteilt worden. Wir lassen ihn, den Oberst Agonista so ungefähr um
+ein Uhr morgens noch einmal mit der flachen Hand über den Tisch
+streichen und seine jetzige Lebens- und Weltanschauungsweise in ein
+kurzes Wort zusammenfassen.
+
+»Also im zweiten Jahre meiner Abfahrt von Hamburg stand ich als
+Gefreiter in dem Peloton, das als Executionskommando in den
+Festungsgraben befehligt worden war. Der Lieutenant hob den Degen, und
+-- wir gaben Feuer: ich ohne Umstände wie die anderen. Von dem
+Augenblicke an war ich von meiner europäischen Lebensbürde vollständig
+frei. Ich machte mir aus dem Tage, der gestern war, und dem, der
+vielleicht morgen sein konnte, nicht das Geringste mehr; -- juchhe, wie
+der Dichter stellte ich meine Sache auf nichts! So bin ich immer bei
+mir, und zwar bei mir allein gewesen: auf dem Marsche, wie in der
+Wachtstube, am Feuer in der Indianerhütte wie in den Salons der
+Präsidialstädte. Ja, meine Herrschaften, habe ich da drüben manchen
+Präsidenten in mancher Republik kommen und gehen sehen, habe selber
+geholfen, den Excellenzen Stühle zuzurücken oder sie ihnen unterm Sitze
+wegzuziehen, wie's sich gerade schickte. Venezuela machte mich zum
+Luogotenente, Paraguay zum Major; aber Seine Majestät Dom Pedro von
+Brasilien war am gnädigsten gegen mich, und so fand ich denn auch am
+meisten Gefallen an ihm. Wir beide haben jetzt manch liebes Jahr das
+vielfarbige Gesindel in Rio Janeiro zur Ordnung und Tugend angehalten:
+er durch regelrecht richtige konstitutionelle Güte, ich durch flache
+Säbelhiebe und im Notfall durch einen kurzen Galopp, drei Schwadronen
+hinter einander, rund über das Pack weg. Meine Herren und Sie, liebes
+Fräulein, Sie werden sicherlich noch einmal erschrecken und mich von der
+Seite ansehen; aber es ist nicht anders, und bei der Wahrheit soll der
+Mensch bleiben: wenn ich das Köpfen aufgegeben habe, so habe ich mich
+desto energischer auf das Hängen gelegt und gefunden, daß es eine viel
+reinlichere Arbeit ist und seinen Zweck ebenso gut erfüllt. Was aber das
+Gehängtwerden anbetrifft, so habe ich selber die Schlinge mehr als
+einmal um den Hals gefühlt, gottlob ihn aber stets noch glücklich
+herausgezogen. Ei ja, ich komme jetzt ganz gut mit jedermann aus -- bin
+hoffähig und reite bei feierlichen Aufzügen am Kutschenschlage Ihrer
+kaiserlichen Majestäten. Komme ich nach Rio heim, so werde ich mich
+verheiraten; denn für ein ferneres junggesellenhaftes Umherschweifen
+wird's allmählich ein wenig spät. Doch davon morgen, und nun vor allen
+Dingen das letzte Glas von diesem höchst vortrefflichen Getränk und dazu
+ein Rat, Wunsch und Trinkspruch: Verehrte Freunde, da wir einmal da
+sind, so leben wir, wie es eben gehen will; und da das, was uns endlich
+aus dem Dasein hinausschiebt, immer am Werk ist, so schieben wir ohne
+Skrupel gleichfalls; -- vor allen Dingen aber lebe e r hoch -- mein
+Freund, mein lieber, alter, guter Freund Philipp Kristeller und mit ihm
+wachse, blühe und gedeihe fort und fort seine Apotheke >zum wilden
+Mann!<«
+
+Das riefen sie alle nach und klangen die Gläser an einander, und dabei
+erhoben sie sich und standen verwirrt, schwankend ob all des
+Abenteuerlichen, das der Abend enthüllt und gebracht hatte. Wie die
+Gäste Abschied von dem Hausherrn, seiner Schwester und dem Oberst
+Agostin Agonista nahmen, wußten sie selbst nachher kaum anzugeben.
+
+Der Oberst aber sagte:
+
+»Philipp, einen Schlafrock und ein Paar Pantoffeln bitte ich mir aus.
+Ich will es doch wenigstens einmal noch behaglich im deutschen
+Vaterlande haben.«
+
+Die beiden Freunde vom Blutstuhl umarmten sich noch einmal; wir aber
+begleiten den Förster Ulebeule und den Pastor ein Endchen auf ihrem Wege
+nach ihren Wohnungen.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+
+Daß sie, der Förster, der Pastor und der Landphysikus _Dr._ Hanff, ihren
+freundlichen Wirten gute Nacht oder vielmehr guten Morgen gesagt hatten,
+stand fest.
+
+Der Apotheker hatte sie mit dem Lichte an die Thür begleitet, und sie
+standen auf der Landstraße, wo der Doktor seinen Einspänner bereits
+wartend fand. Sie vernahmen noch, wie der Hausherr drinnen den Schlüssel
+im Schloß umdrehte, und niemand hinderte sie jetzt mehr, ihren
+Stimmungen, Gefühlen und Ansichten die Thüren weit aufzuwerfen.
+
+Der Erste, der das Wort ergriff, war natürlich der Doktor, und er rief
+von seinem Wagentritt aus:
+
+»Nicht wahr, da hab' ich euch wieder mal einen tollen Gesellen ins Dorf
+geschleift? He, ihr hattet wohl kaum eine Ahnung davon, daß es
+dergleichen auf Erden geben könne, -- was? Mir gefällt der Kerl
+ausnehmend wohl, und ich freue mich unbändig auf eine fernere und
+genauere Bekanntschaft, -- zu Worte wird er einen im Laufe der Zeit ja
+auch wohl einmal kommen lassen. Wir laden ihn natürlich rund herum der
+Reihe nach zum Essen ein.«
+
+»Natürlich, und er soll sich dann auch über uns wundern,« rief Ulebeule,
+und der Doktor fuhr ab auf der Landstraße zur Rechten; er hatte ein gut
+Stück Weges zu fahren, ehe er seine Behausung erreichte.
+
+Die beiden anderen wendeten sich links, und der geistliche Herr trug
+vorsichtig seine Taschenlaterne voran. Wo ihre Wege aber schieden,
+standen sie noch einmal still und sahen nach der Apotheke »zum wilden
+Mann« zurück. Das Haus lag dunkel da unter dem wieder dunkel und schnell
+ziehenden Gewölk. Obgleich der Wind sich ein wenig gelegt hatte und die
+Sterne sichtbar waren, trieb sich noch genug bedrohliches Gedünst am
+Himmelsgewölbe um, und die Pappeln in der Nähe der Apotheke schwankten
+wie betrunkene Gespenster.
+
+»Mir wird jenes Haus dort nie wieder so aussehen, wie ich es bis zum
+heutigen Abend gekannt habe,« sagte der Pastor. »Was sagen Sie, lieber
+Freund?«
+
+»Das weiß der Teufel!«
+
+Der geistliche Herr zog ein wenig die Achseln zusammen.
+
+»Sie sollten dieses böse Wort vorsichtiger gebrauchen, Bester,« meinte
+er. »Freilich, freilich, nach dem, was wir eben vernommen haben -- wer
+kann da sagen -- wer da seine Hand im Spiele gehabt hat? Ich lobe mir
+Zustände, die auf besseren Grund und Boden gebaut sind als -- -- kurz,
+was halten Sie vom heutigen Abend an von den Umständen unseres Freundes
+Kristeller?«
+
+»Der Alte ist mir lieber denn je geworden!« rief der Förster voll
+Enthusiasmus. »Das nenn' ich einen braven Mann und einen guten Menschen!
+Wenn einer es verdiente, diesem famosen Scharfrichter und
+brasilianischen Generalfeldmarschall zur richtigen Stunde auf seinem
+Wege zu begegnen, so war's unser Philipp. Die Welt oder nur ein Stück
+davon würde er freilich nicht erobert haben, aber was man ihm giebt, das
+nimmt er mit Bescheidenheit und Dankbarkeit, und für unsere Gegend ist
+er doch wirklich diese dreißig Jahre durch ein Segen gewesen.«
+
+»Und der andere -- dieser andere -- dieser Dom -- Dom -- Agonista?!«
+
+»Hören Sie, Pastore, den muß man sich erst bei Tage besehen, ehe man ein
+Urteil über ihn abgeben kann; bei Lampenlicht geht nichts in der ganzen
+weiten Welt über ihn! das ist ein Prachtkerl; -- wahrhaftig, solch ein
+Gesell aus Schmiedeeisen und Eichenholz rückt einem nicht alle Tage an
+den Ellenbogen. Was wollen Sie -- ich glaube, ich glaube, mich hat lange
+nichts so sehr geärgert, als daß er mir nicht auf der Stelle angetragen
+hat, Brüderschaft mit ihm zu machen.«
+
+»Da bin ich denn doch in der That ein wenig weichlicher als Sie, lieber
+Ulebeule,« sagte der Pastor mit einem leisen Schauder. »Mir ist dieser
+plötzlich wie aus dem Boden aufgestiegene Mensch entsetzlich! Die
+Kaltblütigkeit, mit welcher er aus nichts in seinem Leben ein Hehl
+machte, griff mir in alle Nerven. Wenn ich zu viel Punsch getrunken
+haben sollte, so bin ich nicht schuld daran, sondern dieser -- dieser --
+dieser ungewöhnliche Erzähler. Wehren Sie sich einmal gegen ein
+fortwährend Einschänken, wenn es Sie fortwährend heiß und kalt
+überläuft! Hatten Sie wirklich vorher eine Ahnung davon, daß es solche
+Lebenswege und Fata in unseres Herrgotts Welt geben könne?«
+
+»In Büchern habe ich Schnurrioseres gelesen; aber hier hatten wir
+freilich einmal das Wirkliche und Wahrhaftige _in natura_. Heiß und kalt
+hat mich seine Historie nicht gemacht, aber die Pfeife ist mir ziemlich
+oft darüber ausgegangen. Käme einem jeden Abend ein solcher Kerl über
+den Hals, so würde einem das Schmauchen auf die allernatürlichste Art
+abgewöhnt. Außerdem daß ich einen brasilianischen Obersten noch niemals
+mit eigenen Augen gesehen hatte, erzählte dieser Oberst mehr als
+brasilianisch gut, und noch dazu ganz und gar nicht aus dem
+Jäger-Lateinischen. Das muß ich kennen und hätte es ihm beim ersten
+Flunkerwort abgespürt und es ihm merken lassen, nämlich moralisch mit
+dem Hirschfänger übers Gesäß: Hoho, das ist für den gnädigsten Fürsten
+und Herrn! Hoho, das ist für die Ritter und Knecht'! Dies ist das edle
+Jägerrecht!«
+
+»Ulebeule?!« rief der Pastor klagend-vorwurfsvoll.
+
+»Ja, ja, es ist wahr, 's ist spät und es zieht hier arg,« rief der
+Förster, »aber die Mohrenschiffgeschichte allein hätte doch auf jedem
+Orgelbilde abgemalt werden können; -- bei allem in Grün, man kommt sich
+ganz abgeschmackt und verrucht verledert und in seinem Loche versumpft
+vor, wenn man es sich überlegt, was man seinerseits hier am Orte vor
+sich brachte an Erfahrung, während der sein Gewölle um so viele Nester
+herum ablegte.«
+
+»Ich danke dem Himmel dafür, daß er mich hier im Frieden grau werden
+ließ. Meine Natur hätte nicht für ein solches Dasein gepaßt.«
+
+»Das brauchen Sie mir nicht schriftlich zu geben,« lachte der Förster;
+»aber hat uns nicht gerade dieses kuriose, ins Kraut geschossene
+Menschenkind bewiesen, daß niemand weiß, was in ihm steckt und was er
+unter Umständen aus sich herausziehen kann? O je, wie oft hab' ich in
+meinen jungen Jahren aus Angst oder Verdruß in die weite Welt
+hinauslaufen wollen! Nach einem solchen Erzählungsabend begreift man
+weniger als je, weshalb man es damals nicht ausführte und seinen
+Schulmeistern, Eltern und sonstigen Vorgesetzten durch die Lappen ging.«
+
+»Wir werden alle unsere Wege richtig geführt und sind in guten Händen,«
+sprach der geistliche Hirte und trat leider gerade in diesem ganz
+unpassenden Moment in eine etwas tiefere Pfütze, in der er ohne Gnade
+hätte umkommen müssen, wenn sein handfester Begleiter nicht noch gerade
+zu rechter Zeit zugegriffen hätte.
+
+»Bitte ein andermal um denselben Dienst,« sprach Ulebeule gravitätisch;
+sonst aber brachte dieser Zufall ihr jetziges Gespräch über das Haus
+Kristeller und den Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieobersten Dom
+Agostin Agonista zu einem Abschluß.
+
+Einiges wurde jedoch noch gesprochen, ehe der Pastor geradeaus seiner
+Pfarre zuwanderte und der Förster sich links in den dunkeln Hohlweg
+schlug, der zu seiner Försterei führte.
+
+»Wir sehen uns doch morgen? Dieses alles kann doch gewiß nicht passiert
+sein, ohne daß man ein weniges mehr davon sieht und hört und sich
+darüber ausspricht!«
+
+»Man fühlt freilich das Bedürfnis,« meinte der Pastor, »und ich meine,
+wir treffen wohl irgendwo zusammen. Man ist es auch unserm guten
+Apotheker schuldig, daß man sich nach seinem Befinden erkundige.«
+
+»Und dem Oberst nicht weniger.«
+
+»Gewiß, gewiß. Nun, wir werden ja sehen. Und nun gute Nacht, oder
+vielmehr guten Morgen, mein teurer Freund. Wir sind selten so lange bei
+einander geblieben als am heutigen Abend.«
+
+»Und immer war's noch zu früh zum Aufbruch, und ich wäre sofort bereit,
+diesen wilden Indianer mit der ersten Dämmerung thauschlägig zu spüren.
+Aber der Kerl schnarcht -- ich bin fest überzeugt, er liegt im Bau und
+schnarcht wie kein zweiter Mensch mit gutem Gewissen auf zwanzig Meilen
+in die Runde. Sapperlot, so wie ich mich aufs Ohr gelegt habe, fange ich
+an, vom Blutstuhl und diesem brasilianischen Landdragoner-General zu
+träumen, und -- morgen -- morgen -- mache ich -- doch Brüderschaft mit
+ihm!«
+
+ * * * * *
+
+So sprach also die Welt! -- Wenn eine Million Zuhörer in dem
+bildervollen Hinterstübchen der Apotheke »zum wilden Mann« dem alten
+Philipp Kristeller und dem Obersten Agostin Agonista zugehört haben
+würde, so würde diese Million denkender und redender Wesen kaum ein
+mehreres und anderes als der Pastor Schönlank und der Förster Ulebeule
+bemerkt haben. Der Seelenaustausch in diesen Wendungen genügte übrigens
+auch vollkommen: wenden wir uns zu dem greisen Geschwisterpaar in der
+Apotheke »zum wilden Mann« und zu seinem eigentümlichen Gaste zurück.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+
+Bruder und Schwester saßen allein im jetzt recht frostig werdenden
+Hinterstübchen, im erkaltenden Qualm von spirituösem Getränk und
+Tabaksdampf. Der Gast war zu Bett gegangen.
+
+Der Hausherr hatte den Freund mit dem Lichte in das behagliche Gemach
+die Treppe hinaufbegleitet und noch einmal all sein überquellendes
+Gefühl in Wort und Empfindungslaut zusammenzufassen gesucht. Der Oberst
+hatte ihn freundlich zu beruhigen bestrebt und dann, noch in Gegenwart
+seines guten Philipp's, sehr gegähnt und den Rock ausgezogen. Liebevoll
+aber hatte er ihn doch noch einmal von dem ersten Treppenabsatz
+zurückgerufen und, ihm die Hand auf die Schulter legend, gesagt:
+
+»Philipp, alter Kerl, lieber Junge, es ist mir in der That ein
+herzliches Genügen, unter deinem Dache zu ruhen. Wahrhaftig, in mancher
+unbehaglichen, unbequemen Stunde zu Lande und zu Wasser habe ich mir da,
+d. h. unter diesem Dache, oft das vorzüglichste Quartier zurecht
+gemacht, und jetzt hab' ich die Wirklichkeit, und sie ist wunderbar
+wohlthuend!«
+
+An diesen erfreulichen Ausbruch seiner Gefühle hatte er denn freilich
+recht praktisch die Frage nach dem Stiefelknecht geknüpft.
+
+Während der Bruder dem Gaste zu seinem Schlafzimmer leuchtete, war
+Fräulein Dorette in der Bildergalerie sitzen geblieben, doch hatte sie
+den Ehrensessel aufgegeben und sich auf ihrem gewohnten Stuhle
+niedergesetzt. Da saß sie, beide Ellenbogen auf den Tisch stützend und
+starr durch den Qualm, den die Herren hinterlassen hatten, und über die
+leere Punschschale und die gleichfalls leeren Gläser weg auf die
+buntbehängte Wand gegenüber sehend. Da saß sie und horchte auf die
+Schritte über ihrem Kopfe und dann auf die Schritte des zurückkehrenden
+Bruders auf der Treppe.
+
+»Welch ein Erlebnis!« murmelte sie. »Wie fällt das jetzt in unsere Tage?
+-- So spät im Leben! -- Und was werden die Folgen sein? -- o, o, o!«
+
+Nun aber trat der Bruder wieder ein und zur Schwester heran. Nun legte
+er seinerseits ihr die Hand auf die Schulter:
+
+»Weißt du dich auch noch nicht in dem Glück, das uns dieser Abend
+gebracht hat, zurecht zu finden? O Dorette, liebe Dorette, wie schön hat
+sich nun alles ineinander gefunden und geschlossen, -- und gerade an
+diesem Tage, an diesem Abend. Wer glaubt da an Zufall? Wer hat jemals
+deutlicher als wir die Hand der Vorsehung, die alles gut macht, in
+seinem Lebenslose erblickt?«
+
+»O!« stöhnte die Schwester. »Ach, Bruder, Bruder, was wird nun aus
+unserm Leben werden? -- O, wenn er doch nur früher gekommen wäre! Aber
+so spät am Abend -- so spät am Abend -- was sollen wir anfangen?«
+
+Herr Philipp Kristeller hatte sich auf seinem Stuhl niedergelassen und
+blickte die Schwester groß und verwundert an.
+
+»Was -- wie meinst du das, Dorothea?«
+
+»Jetzt frage mich nur nicht weiter,« sagte das alte Fräulein scharf. »Es
+wird sich ja alles finden -- morgen, übermorgen! Ja morgen ist ja auch
+ein Tag! -- Aber man kann es ja nicht lassen. -- Bester Bruder, wenn er
+nun bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Man muß sich ja da
+alle möglichen Fragen stellen.«
+
+»Wenn er bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Aber das wäre
+ja herrlich!« rief der Apotheker, entzückt sich die Hände reibend. »Wie
+weich und angenehm wollten wir ihm sein Leben machen!«
+
+Verwundert sah er hin, als das Fräulein zweifelnd und melancholisch den
+Kopf schüttelte.
+
+»Du glaubst nicht, daß wir das vermöchten, Dorothea?«
+
+»Nein,« erwiderte das Fräulein kurz und sprach unter einem schweren
+Seufzer mehr zu sich als dem Bruder:
+
+»Und dann der andere Fall, -- wenn er morgen wieder abreisen will, und
+dazu --«
+
+Sie brach ab und vollendete den Satz auch nicht, als der Bruder gespannt
+eifrig fragte:
+
+»Und dazu? -- was meinst du? was willst du sagen?«
+
+»Wir müssen es eben abwarten,« sprach Fräulein Dorothea Kristeller
+aufstehend. »Etwas anderes läßt sich in dieser Nacht doch nicht bereden;
+und jetzt wollen auch wir zu Bett gehen und versuchen zu schlafen.«
+
+Nach diesem saßen sie doch noch, aber stumm, eine gute halbe Stunde
+beieinander. Als sie zu Bette gegangen waren, schlief weder Bruder noch
+Schwester einen ruhigen Schlaf.
+
+Den ruhigsten Schlaf von allen, deren Bekanntschaft wir diesmal machten,
+schlief der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista.
+
+Der lag friedlich auf dem Rücken und lächelte im Schlummer und sogar
+beim Schnarchen. Man vernahm ihn so ziemlich durch das ganze Haus, und
+wenn er träumte, so träumte er, ganz gegen alle soldatische Sitte und
+Gewohnheit, weit in den jungen Tag hinein.
+
+Dieser junge Tag kam frisch, reingewaschen, glänzend und sonnig -- ein
+klarster, kalter Oktobertag. Die Berge in ihrem braunen Herbstgewande
+hoben sich scharf von dem hellblauen Himmelsgewölbe ab; die leeren
+Felder der Ebene lagen bis in die weiteste Ferne klar da; und die
+Dörfer, die einzelnen Gehöfte, Anbauerhäuser und Hütten erschienen dem
+Auge scharf umzogen, als ob sie dem Spiegel einer _Camera obscura_
+entnommen worden und in die Morgenlandschaft hinein aufgestellt seien.
+
+In dieser sonnigklaren Herbstmorgenlandschaft erschien aber die Apotheke
+»zum wilden Mann« vor allem Übrigen wie hübsch auf- und abgeputzt. Die
+Firma über der Thür glänzte in ihrer Goldschrift weit hin, die
+Landstraße nach rechts und links entlang. Und alles, was sonst zu dem
+Hause gehörte: Gartengegitter, Stallungen und Mauern, befand sich im
+ordentlichsten Zustande. Man sah, daß um jegliches Zubehör dieses
+Heimwesens ein sorglicher Geist walte, der seine Freude und sein Genügen
+dran habe und sein Möglichstes von Tag zu Tage thue, alles im Hof, Haus
+und Garten im guten Stande zu erhalten. Bis auf die vom Sturme der Nacht
+zerzausten Sonnenblumen, die noch in ihren welken Resten über den
+Gartenzaun hingen, war alles rings um die Apotheke »zum wilden Mann« im
+vollsten Sinne des schönen Wortes -- präsentabel.
+
+Und Bruder und Schwester warteten mit dem Kaffee auf den Gast. Eben
+hatte er herunter sagen lassen: augenblicklich rasiere er sich und werde
+in zehn Minuten erscheinen.
+
+Die Dünste der Nacht waren verscheucht, das Hinterstübchen gekehrt und
+mit weißem Sande bestreut. Die Hauskatze putzte sich unter dem Tische,
+und der Zeisig zwitscherte lebendig in seinem Bauer; -- es war ein
+Vergnügen, Herrn und Fräulein Kristeller an ihrem Kaffeetische sitzen zu
+sehen, und -- eingeladen zu werden, gleichfalls daran Platz zu nehmen.
+
+Der Oberst ließ nur wenig über die angegebenen zehn Minuten auf sich
+warten. Schon vernahm man seinen martialisch schweren Schritt auf der
+Treppe; -- der Apotheker Philipp Kristeller riß die Thür seines
+Lieblingsgemaches auf.
+
+»Schönen guten Morgen!« rief der Oberst Dom Agostin Agonista auf der
+Schwelle, und Wirte und Gast faßten sich rasch zum erstenmal bei hellem
+Tageslicht ins Auge: am schärfsten sah das Fräulein zu; etwas weniger
+scharf sah sich der brasilianische Kriegsmann seine Leute an; -- der
+Apotheker »zum wilden Mann« sah gar nichts, sein Gast und Freund
+schwamm ihm vor den Augen -- wenigstens die ersten Minuten durch.
+
+»Recht alt geworden,« meinte der Oberst bei sich, und er hatte recht.
+
+»Unter anderen Verhältnissen würde ich gar nichts gegen ihn haben,«
+sagte das Fräulein in der Tiefe der Seele, »ein anständiger, behäbiger
+Herr!«
+
+Der Apotheker Philipp Kristeller sagte gar nichts; er schüttelte von
+neuem dem alten wiedergefundenen Freunde -- dem Wohlthäter und Gaste die
+Hand und drückte ihn diesmal trotz alles Widerstrebens auf den
+Ehrenplatz nieder. Erst als der Oberst saß, sagte Herr Philipp etwas,
+und zwar nicht bei sich und in der Tiefe seiner Seele, sondern er rief
+es fröhlich und laut:
+
+»August, ich freue mich unendlich, -- du bist merkwürdig jung
+geblieben!«
+
+»Bei allen Göttern zu Wasser und zu Lande, ich hoffe das,« lachte der
+Oberst Dom Agostin, und es war eine Wahrheit: trotz seiner schneeweißen
+Haare und seiner wohlgezählten Jahre war er sehr jung geblieben; aber
+das jüngste an ihm war doch seine Stimme.
+
+Diese allein schon konnte als eine Merkwürdigkeit gelten. Mit einem
+behaglichen Widerhall erfüllte sie das Haus, ging einem voll und rund
+durch die Ohren ins Herz und paßte sich gemütlich, ja sozusagen,
+tröstlich-fröhlich allem und jeglichem an, was die Stunde im Guten und
+im Bösen bringen mochte. Wer sie von fern vernahm und vorzüglich in
+Verbindung mit dem herzlichen Lachen ihres Besitzers, der sagte sich
+unbedingt:
+
+»Da freut sich ein braver Gesell seines Daseins.«
+
+Der Oberst schüttelte nun noch einmal dem Fräulein die Hand und sprach
+zum Apotheker:
+
+»Ich habe euch heute morgen das Recht gegeben, mich für einen
+Langschläfer zu halten, aber ihr werdet wahrscheinlich morgen früh schon
+eines Besseren belehrt werden. Gewöhnlich pflege ich drei Stunden vor
+Sonnenaufgang auf dem Marsche zu sein. Man lernt das, auch ohne Anlagen
+dazu zu haben, unterm Äquator; und wenn ihr eines morgens das Nest ganz
+leer finden solltet, so braucht ihr euch auch nicht allzu sehr zu
+wundern.«
+
+»O, Freund,« rief der Apotheker, »wir werden dich zu halten wissen! wir
+werden dich sicherlich fürs erste nicht loslassen! Du bist unser! Du
+darfst nicht gehen, wie du gekommen bist -- du würdest für lange Zeit
+alle unsere Freude, unser Behagen mit dir wegführen!«
+
+»Hm,« sagte der Oberst, und dann frühstückten sie gemächlich und der
+alte Soldat mit besonders ausgezeichnetem Appetit. Er zeigte auch
+beneidenswert wohl konservierte Zähne und wußte sie trefflich zu
+gebrauchen.
+
+Nach vollendetem Frühstück lehnte er sich behaglich seufzend zurück und
+setzte seine Pfeife in Brand. Dorette ging ihren Hausgeschäften nach,
+und die beiden Herren waren allein. Sie plauderten jetzt -- sie konnten
+jetzt plaudern -- der Ernst in ihren gegenseitigen Verknüpfungen war
+wenigstens für den Moment überwunden; sie hatten die nötige Ruhe zum
+harmlosen Schwatzen gefunden, und sie schwatzten miteinander -- zwei
+gemütliche ältliche Herren, deren einer etwas mehr von der Welt gesehen
+und sich bedeutend besser erhalten hatte, als es dem anderen vergönnt
+gewesen war.
+
+Der Brasilianer freute sich über die deutschen Stubenfliegen, welche ihm
+um die Nase summten; es war ihm auch durchaus nicht zu verdenken; aber
+die Thatsache verdient, in einem eigenen Kapitel behandelt zu werden.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+
+»Ihr glücklichen Leute wißt es gar nicht, um wie vieles unsereiner euch
+zu beneiden hat,« sprach der Oberst. »Da sitzt ihr in eurer täglichen
+Behaglichkeit, und wenn ihr euch nicht dann und wann wirklich über die
+Fliege an der Wand zu ärgern hättet, so ginge es euch eigentlich zu gut.
+Nun guck einer, wie niedlich sich das Ding da auf der Zuckerdose die
+Nase wischt und die Flügel putzt! Sollte man es nun für möglich halten,
+daß der Gutmütigste von euch hier zu Lande vor Wut außer sich gerät,
+wenn das ihm während des Mittagsschlafes über die Stirn spaziert? So ein
+Bivouac am Rio Grande ohne Moskitonetz, das würde etwas für euch sein,
+um euch Geduld in Anfechtungen zu lehren.«
+
+Der Apotheker lächelte und sagte:
+
+»Unsere Anfechtungen haben wir auch wohl ohne das, lieber August.«
+
+»Lieber Agostin! wenn ich dich bitten darf,« rief der Gast. »Du hast
+keine Ahnung davon, wie verhaßt mir dieser frühere August ist. Wenn
+jemand seinen alten Adam so vollständig wie ich im Graben ablegt, dann
+hält er auch etwas auf seinen neuen Rock. Mein jetziger paßt mir wie
+angegossen, bemerke ich dir abermals; -- Dom Agostin Agonista,
+Gendarmerie-Oberst in kaiserlich brasilianischen Diensten -- alles in
+Ordnung, Patent wie Paß --«
+
+»Ereifere dich doch nicht, Lieber,« sagte der alte Philipp begütigend.
+
+»Ich ereifere mich nicht, ich ärgere mich nur!« rief der Oberst.
+
+»Und zwar wie ein echter Deutscher über die Fliege an der Wand, bester
+Augustin,« meinte der Apotheker »zum wilden Mann«; und dann gingen sie
+zu etwas anderem über, das heißt, der Oberst fing an, sich sehr genau
+nach den Umständen und Lebensläufen der Herren, deren Bekanntschaft er
+am gestrigen Abend gemacht hatte, zu erkundigen. Dann erzählte er
+seinerseits genauer, auf welche Weise er mit dem Doktor Hanff auf dem
+Wege zusammengeraten sei, und dadurch kam er darauf, wie ihn doch nicht
+allein der Zufall in diese Gegend geführt habe, sondern wie er in der
+That mit der Absicht gekommen sei, sich nach dem alten botanischen Wald-
+und Jugendgenossen, nach dem treuen Freunde vom Blutstuhl umzuschauen.
+
+»Ich hatte keine Ahnung, wo du geblieben warst, und ob du überhaupt noch
+am Leben seist, Filippo!« rief der Brasilianer. »Aber ich hatte mir
+vorgenommen, dich tot oder lebendig zu finden, und es ist mir gelungen.
+Eine Maronjagd war es durchaus nicht, Alter. Ich habe es wohl gelernt,
+Spuren von Wild und Mensch im Urwalde, wie zwischen den Ackerfeldern und
+in dem verworrensten Straßennetz über und unter der Erde zum Zwecke zu
+verfolgen. Dich, oder deinen Namen, oder vielmehr einen Schnaps oder
+Liqueur deines Namens spürte ich in den Zeitungen aus; -- dem
+>Kristeller< ging ich nach, und da bin ich denn, und du wirst es mir
+gewiß nicht verdenken, wenn ich im Laufe des Morgens das Getränk an der
+Quelle zu erproben wünsche. Es war keineswegs notwendig, daß euer Doktor
+mich auf den >Kristeller< aufmerksam machte.«
+
+Der alte Philipp hatte sich während dieser Auseinandersetzung
+fortwährend vergnüglichst die Hände gerieben, jetzt sprang er auf,
+klopfte den Freund auf die Schulter und rief:
+
+»Also mein >Kristeller< hat dich auf meine Spur gebracht! O, lieber
+August--in, ich glaube da wirklich eine wohlthätige Erfindung gemacht zu
+haben; ich werde sogleich --«
+
+»Nachher,« sprach der Oberst Agonista. »Sieh, wie herrlich die Sonne
+scheint, wie blau der Himmel ist! Philipp, jetzt zeigst du mir vor allen
+Dingen dein Heimwesen im einzelnen: Herd und Hof -- ach, wie schade, daß
+du mir nicht auch Weib und Kinder und Enkel zeigen kannst! -- und
+Garten, die Offizin, das Laboratorium, die Materialkammer, Küche und
+Keller, Stall und Viehstand -- alles interessiert mich!«
+
+Da der Hausherr jetzt wieder neben seinem Gaste saß, so klopfte er ihn
+nun auf das Knie:
+
+»O Augustin, wie freundlich ist das von dir! Welch' eine Freude machst
+du mir da. Sollen wir gleich gehen?«
+
+»Gewiß,« sprach der Oberst Dom Agostin Agonista, sprang auf, drückte den
+Tabak in der Pfeife fest und nahm den Arm des Freundes.
+
+Beide Herren traten ihre Gänge an, durch Haus und Hof, durch Garten und
+Ställe, und es war zugleich eine Merkwürdigkeit und ein Vergnügen, wie
+verständig und sachkundig der Kriegsmann über alles zu reden wußte, und
+-- wie genau er sich jegliches Ding ansah.
+
+Der entzückte Hausherr sprach ihm mehrfach seine Verwunderung darob aus;
+aber Dom Agostin lachte und meinte:
+
+»Treibe du dich einmal wie ich ein Menschenalter da drüben um unter dem
+Volk und den Völkerschaften, die Affen und sonstigen Bestien
+eingeschlossen. Das heißt natürlich als ein von Haus und Anlage aus
+überlegender und praktischer Mann, und dann sieh zu, ob du nicht
+gleichfalls die Ordnungen der alten Heimat dir im Gedächtnis wachrufen
+und täglich gern mit neuen Erfahrungen vermehren wirst. Wenn mich mein
+Schicksal zu einem Abenteurer gemacht hat, Philipp, so bin ich doch ein
+ganz solider geworden. Daß ich mich demnächst verheiraten werde, glaube
+ich euch bereits gestern abend mitgeteilt zu haben.«
+
+»Wenn es wirklich dein Ernst war, Augustin --«
+
+»Mein bitterer Ernst. Ihr schient es alle für einen Scherz zu nehmen;
+ich habe das wohl gemerkt. Eigentlich hätte ich das übel aufnehmen
+sollen und begreife jetzt auch nicht, weshalb ich nicht sofort um
+weitere Aufklärung über euer Lächeln hat; -- dieser Doktor -- Doktor
+Hanff schien mir sogar die Schultern in die Höhe zu ziehen. Nun,
+schieben wir das alles auf den trefflichen Punsch deiner Schwester; --
+ich aber wiederhole es dir, ich bin bis über die Ohren verliebt und
+trage das Bild meiner Geliebten in einem Medaillon unter der Weste auf
+dem Busen. Du sollst das Porträt sehen, und deine Schwester soll's
+nachher auch sehen, und dann will ich eure Meinung ruhig anhören. Es ist
+ein Prachtweib und nicht ohne Vermögen; Senhora Julia Fuentalacunas, --
+nicht wahr, ein recht wohlklingender Name? Sie kam jung als Julchen
+Brandes von Stettin nach Rio und heiratete den Senhor Fuentalacunas vom
+Zollamte. Weißt du, lieber Freund, der Rock des Kaisers ist zwar eine
+recht kleidsame und honorable Tracht; aber wenn man so die erste Jugend
+hinter sich hat, fängt man an, auf die Ehre zu pfeifen und das Behagen
+dem Herrendienste vorzuziehen. Ich werde eine Hacienda kaufen und hoffe
+als ein begüterter Familienvater meine Tage in Ruhe im Kreise der
+Meinigen zu beschließen. Ihr -- du und Fräulein Dorette -- gehört
+natürlich zu der Familie, und wir werden ein vortreffliches Leben
+miteinander führen.«
+
+»Wie?« -- -- fragte der Apotheker »zum wilden Mann«, Herr Philipp
+Kristeller, und sah seinen Gast mit den größesten Augen an.
+
+»Wie ich es sage,« sprach der kaiserlich brasilianische
+Gendarmerie-Oberst, den erstaunten Blick seines alten Freundes nicht im
+mindesten beachtend, sondern, mitten im Hofraume stehend, rings umher an
+den umgebenden Gebäuden emporschauend. Es schien ihm wiederum in der
+That bitterer Ernst um das zu sein, was er sagte.
+
+»Ich hoffe, deine Schwester ohne Mühe zu überreden,« fügte er wie
+beiläufig an.
+
+Der Apotheker lachte, der Oberst aber lachte ganz und gar nicht mit,
+sondern umging die zwei Milchkühe im Stalle mit kritischem Blicke,
+klopfte sie auf die Weichen und bemerkte:
+
+»Vor einigen Jahren war ich in Fray Bentos und sah mir das dortige
+Fleischextrakt-Institut an. Großartig! -- Sie treiben euch vor den Augen
+einen Ochsen in die Retorte und liefern ihn euch nach zehn Minuten in
+eine Büchse konzentriert, die ihr in die Hosentasche steckt -- wäre das
+Weltmeer nicht da, dem ihr euer Erstaunen zurufen könnt, ihr wüßtet
+nirgends damit hin, Philipp. Und vor vierzehn Tagen war ich bei Liebig
+in München -- annähernd derselbe Geruch und Duft wie bei dir, nur noch
+ein bißchen metallischer; -- Kristeller, da können wir einander
+gleichfalls gebrauchen -- ich liefere dir das Vieh, und du lieferst mir
+den Extrakt; -- Philipp, ich gebe dir mein Ehrenwort darauf, in drei
+Jahren machen wir den Herren zu Fray Bentos eine Konkurrenz, die sie zu
+Thränen rühren soll.«
+
+»O Augustin, welch einen prächtigen Humor hast du aus deinem neuen
+Vaterlande mit herübergebracht!« rief der Apotheker; »aber --«
+
+»Humor?« fragte der Oberst sehr ernsthaft und setzte fast schreiend
+hinzu: »Zahlen! Zahlen! Die eingehendsten, unumstößlichsten
+Berechnungen: Hier! -- da!«
+
+Er hatte bereits seine Brieftasche hervorgezogen und las im Fluge dem
+Freunde einige in der That sehr eingehend auf die
+Fleischextrakt-Fabrikation Bezug habende Zahlenreihen her. Herr Philipp
+Kristeller rieb sich in immer größerer Erstarrung die Stirn:
+
+»Die Schwester -- die Schwester sollte das hören,« murmelte er, und
+jetzt lächelte auch der Gendarmerie-Oberst endlich wieder einmal und
+meinte:
+
+»Ich werde natürlich schon beim Mittagsessen deine gute Schwester mit
+unseren Plänen bekannt machen und sie für dieselben zu gewinnen suchen.
+Ich bin überzeugt, sie wird sich nicht so steif-verwundert wie du
+hinstellen und nur meinen Humor loben.«
+
+»O du großer Gott!« seufzte Herr Philipp.
+
+Die Ziege, welche neben den zwei Kühen im Stall unter der besonderen
+Obhut Fräulein Dorette Kristellers ein wohlbehagliches Dasein lebte,
+überging der Oberst ohne weitere Bemerkung; dagegen sprach er im
+Hühnerhofe kopfschüttelnd:
+
+»Dieses Vieh hier erinnert mich stets merkwürdig lebhaft an meine selige
+Mutter.«
+
+Er hatte die Brieftafel in der Hand behalten und machte von Zeit zu Zeit
+einige Notizen. Fast zwei Stunden brachten die beiden Herren auf ihrer
+Inspektionsreise zu, und als sie ins Haus zurückkehrten, fanden sie den
+Landphysikus in der Offizin auf sie wartend und ein Gläschen vom
+berühmten Kristeller'schen Magenliqueur vor ihm auf dem Tische.
+
+Mit gewohnter Jovialität begrüßte der Doktor die eintretenden beiden
+Herren. Man schüttelte sich bieder die Hände im Kreise und erkundigte
+sich gegenseitig auf das Herzlichste nach der Nachtruhe und dem
+sonstigen Befinden.
+
+»Was für einen Wochentag schreiben wir denn heute eigentlich?« fragte
+der Oberst, seine Brieftasche immer noch in der Hand tragend.
+
+»Das wird Ihnen der Barbier, welcher da eben hinrennt, am besten sagen
+können,« lachte der Doktor Hanff, »der Pflug geht den Bauern über die
+Wochenstoppeln; es ist Sonnabend --«
+
+»Und morgen besuche ich zum erstenmale seit einem Menschenalter den
+deutschen Gottesdienst wieder!« rief der Oberst Dom Agostin Agonista
+entzückt. »Übermorgen reise ich ab.«
+
+»August? -- Augustin?« rief erschrocken Herr Philipp Kristeller.
+
+»Herr Oberst?« sprach erstaunt Fräulein Dorette Kristeller.
+
+Aber der Landphysikus, sein Glas energisch zurückschiebend, rief:
+
+»Unter allen Umständen unmöglich, Colonel; der Förster Ulebeule
+begegnete mir, er ist mit einer Einladung zum Mittagsessen auf den
+Montag unterwegs; für den Dienstag erbitte ich mir die Ehre; am Mittwoch
+kommt die Reihe an den Pastor; am Donnerstag -- doch da wollen wir den
+übrigen Herren nicht vorgreifen; jedenfalls lassen wir Sie unter keinen
+Umständen so rasch fort, Oberst. Wer einen seltenen Vogel wie Sie in den
+Händen hat, der hält ihn, so lange es möglich, fest. Geben Sie mir noch
+einen >Kristeller<, lieber Kristeller, und nehmen Sie auch einen,
+liebster Oberst; Sie scheinen noch gar keine rechte Ahnung davon zu
+haben, welche guten und angenehmen Dinge die hiesige Planetenstelle
+produziert.«
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+
+Der Förster, welcher in diesem Augenblick in die Thür trat, vernahm, was
+besprochen wurde, und redete sofort mit den Übrigen heftig und dringend
+auf den alten, tapferen, südamerikanischen Krieger ein. Dieser aber
+wehrte sich stumm nur durch Gesten, zu gleicher Zeit das ihm kredenzte
+Spitzglas mit dem Kristeller'schen Magenbitter gegen das Licht haltend
+und durchäugelnd.
+
+Jetzt setzte er den Becher an die Lippen -- schlürfte -- hielt ein --
+probierte noch einmal mit tieferer Andacht -- goß den Rest mit einer
+gewissen wilden Inbrunst die Kehle hinunter -- reichte sofort das Glas
+zu neuer Füllung aus der dickbäuchigen grünen Flasche hin und rief:
+
+»Bei meiner Seele, das ist ja wirklich endlich -- endlich einmal ein
+G e t r ä n k!«
+
+»Nicht wahr?« fragten der Förster und der Doktor ernsthaft, während der
+Apotheker »zum wilden Mann« verschämt-glücklich der Schwester über die
+Schulter lächelte.
+
+»Bei den Göttern, das ist ein Getränk, Philipp! Und du bist wahrhaftig
+davon der Erfinder? Und du hast das Rezept dazu unter Schloß und Riegel?
+-- Und du sitzest hier noch immer in diesem verlorenen Winkel und drehst
+dem Doktor da seine Pillen und rührst ihm seine Mixturen zusammen? --
+Fräulein Kristeller, ich erbitte mir sogleich nach Tisch ein
+Privatgespräch! Meine Herren, dies ändert die Sachlage vielleicht;
+lieber Forstmeister, im Laufe des Nachmittags werde ich mir erlauben,
+Ihnen Nachricht zu geben, ob ich Ihre Einladung annehmen kann oder
+nicht.«
+
+»Bravo!« riefen der Landphysikus und der Förster; der Apotheker sagte:
+
+»Du bleibst also ohne Bedingung, Lieber; und es war auch durchaus nicht
+nothwendig, uns einen solchen Schrecken in die Glieder zu jagen. Es war
+nicht freundschaftlich und brüderlich, Augustin.«
+
+»Ich bitte noch um einen >Kristeller<,« erwiderte der Oberst. »Philipp,
+auf dein Wohl! Ich versichere dich, ich habe dich lieb gehabt; aber
+jetzt tritt der Respekt zur Liebe; -- meine Herren, Sie haben diese
+dreißig Jahre durch einen großen Mann in Ihrer Mitte gehabt, ohne es zu
+wissen. Philipp, dein Schnaps ist wunderbar, was aber meine Abreise
+betrifft, so ist Unsereiner stets mit Gewehr über auf dem Marsche, und
+man muß eben ein Weib nehmen und ein bürgerlich Geschäft treiben, um das
+Stillsitzen zu erlernen. Bei den hohen Göttern, dieses hier ist
+vielleicht noch rentabler als Fray Bentos! Kristeller, wir werden drüben
+den feurigen siebenten Himmel durch einen Destillierkolben auf die Erde
+herunterholen. Fräulein Dorette, wir werden die Sonne und den Blitz auf
+Flaschen ziehen und unsere Preise darnach stellen. Kristeller und
+Agonista -- Sao Paradiso, -- Provinz Minas Geraes, Kaiserreich
+Brasilien! Mit diesem Getränk unter dem Arm kommen wir durch bei allen
+Nationen rund um den Erdball. Wir kommen durch, Senhora, und wie gesagt,
+nach Tisch erbitte ich mir ein behagliches Plauderviertelstündchen im
+Hinterstübchen, Senhora Dorothea.«
+
+Sie lachten alle, nur das Fräulein nicht. Was das Lachen des
+erfindungsreichen Hausherrn anbetraf, so machte das einen unbedingt
+ratlosen und hilflosen Eindruck. Ein Mensch aber, der ein Leben hinter
+sich hatte, wie der Oberst Agonista, durfte in der That die Erde mit
+anderen Augen sehen und mit anderen Händen greifen als die
+Hausgenossenschaft und die Hausfreunde der Apotheke »zum wilden Mann«,
+und konnte auch, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, von den
+anderen ganz naiv verlangen, daß man sich auf seinen Standpunkt stelle.
+Der Oberst Dom Agostin Agonista konnte wirklich seinen festen
+unerschütterlichen Entschluß darlegen, noch einmal, und zwar nach einem
+Menschenalter, das Glück und Schicksal seines Freundes Philipp
+Kristeller auf die andere Seite zu drehen, und zwar ohne auf irgend
+welche Einwürfe und Gegenvorstellungen zu hören.
+
+Da sich jetzt die Hausflur mit allerlei Kunden füllte, so begleitete der
+tapfere alte Soldat allein den Förster und den Doktor auf ihrem Wege ins
+Dorf zurück. Er ging zwischen ihnen, jeden unterm Arme haltend, und wer
+den Dreien begegnete, stehen blieb und ihnen nachsah, der mußte es
+zugeben, daß jeder von den Dreien in seiner Art »gut« war. Dazu aber
+hielt sich das Gespräch der Herren am alten Philipp und seinem
+»Kristeller«; und selbst auf diesem kurzen Wege erhielt der
+brasilianische Gendarmen-Oberst noch einige recht nützliche Notizen über
+die Apotheke »zum wilden Mann« und kam, heiter pfeifend und die reine,
+frische Herbstluft wohlig einschlürfend zurück -- gerade recht zum
+Mittagsessen.
+
+Man speiste; man hielt Siesta, -- der Oberst die seinige diesmal in
+seinem Ehrensessel im bilderbunten Hinterstübchen.
+
+Punkt drei Uhr trat er erfrischt wiederum in die Offizin, um noch einen
+»Kristeller« zu nehmen. Dann wußte er den Weg in die Küche schon ganz
+genau und brauchte keinen Führer auf demselben.
+
+»Fräulein Dorette,« sagte er, »jetzt wäre der günstige Augenblick
+vorhanden. Soeben habe ich den guten Philipp auf seine Materialkammer
+geleitet, und wir beide, liebes Fräulein, haben hier unten das Reich
+allein. Kinder, Kinder, ich freue mich kindlich, so familienfreundlich
+mit euch zusammen zu sein! Und wir bleiben eine Familie -- nicht wahr,
+wir bleiben e i n e Familie? -- Es ist zu prächtig! Da draußen der
+deutsche Herbsthimmel, hier innen die deutsche Ofenwärme und -- das
+liebe Brasilien wie das Land der Verheißung in der Ferne! Senhora, ich
+erlaube mir, Ihnen meinen Arm anzubieten.«
+
+Er führte richtig die alte, ängstlich über die Schulter zurückblickende
+Dame in ihre eigene Stube, des Hauses Ehrengemach, und verblieb mit ihr
+eine gute halbe Stunde drinnen und zwar in dringlichsten Verhandlungen;
+während der Bruder, um seiner Erregungen wenigstens etwas Meister zu
+bleiben, in seiner Materialkammer sämtliche Kräutersäcke auf- und
+abtürmte und sämtliche Schubladen aufzog und zuschob.
+
+Eine halbe Stunde kann selbst dem phlegmatischsten Menschen unter
+Umständen sehr lang erscheinen; das ist eine bekannte Wahrheit, muß hier
+jedoch dessenungeachtet wiederholt werden. Dem Apotheker »zum wilden
+Mann« erschien der kurze Zeitraum s e h r lang, Fräulein Dorette
+hingegen ging er ungemein rasch vorüber.
+
+Schon öffnete der Oberst ihr höflichst die Thür ihrer Putzstube und --
+ließ sie heraus. Er blieb drin! -- Sie hielt sich am Thürpfosten wie von
+einem Schwindel befallen; -- sie hatte dem braven Kriegsmann einen Knix
+machen wollen, allein es war ihr nicht möglich gewesen. Während sie aber
+draußen an der Wand lehnte und wie aus plötzlich erblindeten Augen um
+sich zu sehen strebte, war der Oberst drinnen leise pfeifend zum Fenster
+gegangen und hatte es geöffnet und sich drein gelegt.
+
+Da lag er, schwer auf den Ellenbogen, stieß einen schweren Seufzer aus
+und blickte die Landstraße entlang, zur Rechten und zur Linken hin.
+
+Das Fräulein draußen legte jetzt beide Hände an die Schläfen und stieß
+gleichfalls einen Seufzer aus und stöhnte dazu:
+
+»Großer Gott, ganz wie ich es mir gedacht hatte! o du lieber Gott, mein
+armer, armer Bruder!«
+
+Von seinem Fenster aus rief der Oberst einen vorbeilaufenden Dorfknaben
+an:
+
+»Heda, miin Jung', kennst du den Herrn Förster Ulebeule und weißt du, wo
+er wohnt?«
+
+»Na?!« fragte der Bengel an der Hauswand empor, entrüstet ob der
+Naivetät der Frage.
+
+»Gut, mein Sohn. Ich warte hier mit fünf Groschen in der Hand auf dich.
+Lauf' einmal zum Herrn Förster und bestell' einen schönen Gruß von dem
+fremden Herrn in der Apotheke, und es würde dem Herrn Apotheker und dem
+fremden Herrn ein Vergnügen sein, am Montag bei dem Herrn Förster zu
+essen.«
+
+Der Knabe vom Gebirge rannte und sah im Rennen verschiedene Male zurück,
+ob der weißköpfige Herr mit dem braunen Gesichte im Fenster auch
+wirklich Wort halte und mit dem gebotenen Honorar präsent bleibe.
+Drunten im Hinterstübchen, im Ehrensessel des brasilianischen Obersten,
+saß Fräulein Dorette Kristeller, stützte die Ellenbogen auf den Tisch
+und das Gesicht auf die Hände und ächzte leise:
+
+»Mein Bruder, mein armer Bruder!«
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Am anderen Tage war Sonntag, ein deutscher Dorf-Sonntag. Die Glocke
+läutete zur Kirche, und der Pastor Schönlank hatte seine Predigt fertig
+und bereit. Mit dem Gesangbuch seines Freundes Philipp unter dem Arme
+und würdig die Schwester des Freundes führend ging auch der
+brasilianische Oberst Dom Agostin Agostina in die Kirche und zwar in
+Uniform. Er hatte seinen Mantelsack und kleinen Reisekoffer vollständig
+ausgepackt und sein Äußeres festtäglich geschmückt. Er trug seine
+sämtlichen Orden und sah nicht nur martialisch, sondern wirklich
+prächtig und vornehm aus und störte die Andacht des Dorfes durch seine
+Erscheinung vollständig. Er sang auch mit. Der Pastor in der Sakristei
+vernahm ihn über die Orgel, den Kantor und die Gemeinde weg; -- ein so
+sonorer Baß hatte lange nicht die Wölbung des kleinen Gotteshauses
+erschüttert. Nach der Kirche hatte der fremdländische Krieger, wiederum
+Fräulein Dorette Kristeller am Arme führend, so zu sagen die Parade der
+ganzen Gemeinde abzunehmen. Sie bildete Spalier auf seinem Wege, und
+gutmütig lächelnd und fort und fort an die Mütze fassend, schritt der
+Oberst zwischen der Hecke anstaunender Bauerngesichter durch.
+
+Das Dorf sprach heute nur von ihm; Fräulein Dorothea kam aber sehr
+unwohl aus der Kirche nach Hause und fühlte sich gezwungen, sich zu
+Bette zu legen und den Rest des Tages darin zu bleiben.
+
+Am folgenden Tage ging der Oberst mit seinem Freunde Philipp zum Förster
+Ulebeule auf einen Wildschweinkopf. Fräulein Dorette setzte sich vor die
+Rechenbücher des Hauses. Die Herren in der Försterei waren sehr heiter
+bei Tische; der Oberst erzählte wieder von der Herrlichkeit seiner neuen
+Heimat und brachte die Leute aus dem stillen Erdenwinkel fast außer sich
+durch seine Beredsamkeit und die Farbenpracht seiner Schilderungen.
+Diesmal forderte er den Doktor auf, mit hinüberzugehen und ein Millionär
+und kaiserlicher geheimer Hofmedicus zu werden, und schon bei der
+vierten Flasche hatte der Landphysikus es dem Oberst fest versprochen
+und durch Handschlag sein Wort besiegelt.
+
+»Mit Ihnen, lieber Pastor, wissen wir weniger da drüben anzufangen,«
+rief Dom Agostin, »aber wir holen Sie vielleicht doch noch nach, wenn
+wir uns unsere eigenen Hauskapellen errichtet haben.«
+
+Da hatte der geistliche Herr gelächelt, aber etwas kläglich gesagt:
+
+»Wir sind doch wohl zu einer solchen Emigration ein wenig zu alt, Herr
+Oberst. Auch würden Sie vorher vor allen Dingen mit meiner guten Frau
+reden müssen, theurer Herr.«
+
+»Weshalb sollte ich das nicht, wenn sonst die Bedingungen vorhanden
+sind?« fragte der Brasilianer.
+
+Sie waren ungemein vergnügt bei dem Förster Ulebeule, und erst bei weit
+vorgeschrittener Dämmerung kamen Philipp und August Arm in Arm und
+Schulter an Schulter, angeregt und höchst lebhaft heim zur Apotheke.
+
+»Von dem >Kristeller< erbitte ich mir ein Flacon auf den Nachttisch,
+lieber alter Junge,« sprach der Oberst. »Er entzückt mich immer von
+neuem, auch nach dem Diner. Pereat Fray Bentos, -- dies hier nenne ich
+in Wahrheit eine konzentrierte Bouillon! Der Teufel hole alles Rindvieh
+in den Pampas; -- da wir diesen Feuertrank hier am Orte schon so kochen,
+wie wird er erst da drüben im Feuerlande ausfallen, Fi--lip--po!«
+
+»De--li--kat!« erwiderte Herr Philipp Kristeller, worauf die beiden
+Freunde einander dreimal recht herzhaft abküßten.
+
+Sie saßen übrigens an diesem Abend allein im Hinterstübchen, der Oberst
+und der Apotheker »zum wilden Mann«. Fräulein Dorette ließ sich durch
+das Hausmädchen entschuldigen und heruntersagen: sie habe arges Kopfweh.
+
+Die beiden Herren ließen sofort hinaufsagen: das thue ihnen sehr leid
+und sie wünschten von Herzen eine baldige Besserung; -- nachher saßen
+sie noch bis gegen Mitternacht in der Bildergalerie zusammen und
+redeten, eingehüllt in Tabaksdampf, von ihrer Jugendzeit.
+
+Als die Uhr Zwölf schlug, stand der Oberst auf und sagte herzlich:
+
+»Du weißt doch nicht ganz, wie gut es mir hier zu Mute ist, Philipp. Wir
+wollen uns aber auch von nun an nicht wieder von einander trennen,
+Alter! Wir wollen von jetzt an e i n Schicksal und e i n Glück haben,
+nicht wahr? Nicht wahr, nicht wahr, es bleibt dabei, Philipp?«
+
+»Es bleibt dabei,« stammelte Herr Philipp Kristeller, und dann ging der
+Oberst zu Bett. Er kannte jetzt den Weg zu seinem Schlafgemache bereits
+und brauchte kein Geleit mehr. Das »Flacon« mit dem »Kristeller« nahm er
+unter dem Arme mit wie am Sonntag das Gesangbuch seines Freundes. Aber
+vorher hatte er noch den Freund in den Ehrensessel niedergedrückt; und
+in dem Ehrensessel saß Herr Philipp noch eine Weile in der stillen Nacht
+und suchte zu überlegen, ehe auch er zur Ruhe ging.
+
+Die Nacht war still, das Haus war still. Eben schlug es ein Uhr, als
+oben eine Thür knarrte und ein langsamer leiser Schritt die Treppe
+herabkam. Aus dem Überlegenwollen des Hausherrn im Ehrenstuhl des
+Obersten war ein ziemlich fester Schlummer geworden. Aus diesem
+Schlummer wiederum auffahrend, horchte Herr Philipp: da war der
+gespenstische Schritt an der Pforte des Hinterstübchens:
+
+»Wer ist da?« rief der Apotheker auftaumelnd und mit beiden Händen
+schwerfällig sich auf die Lehnen des Armsessels stützend.
+
+»Ich bin es, Bruder,« sagte Fräulein Dorette Kristeller, im langen
+weißen Nachtrock wie eine moralische Lady Macbeth hereinschwankend. »Ich
+bin es, Philipp; ich habe keine Ruhe mehr im Bette, keine Ruhe im ganzen
+Hause. Ich glaubte, hier noch einen warmen Ofen zu finden; aber nun ist
+es mir lieb, daß auch du noch wach bist, lieber Bruder; -- o Bruder,
+Bruder Philipp, es ist wirklich und wahrhaftig sein Ernst!«
+
+»Sein Ernst? Wessen Ernst?«
+
+»Sein bitterer Ernst! O, ich habe es mir gleich so gedacht, als er dich
+zuerst so gemütlich auf die Schulter klopfte und ihr alle über seine
+wilden Pläne lachtet. Er meint es ja vielleicht auch gut mit uns; aber
+elend macht er uns doch. Philipp, er braucht Geld! er braucht sein Geld,
+und er ist gekommen, es zu holen!«
+
+Der Apotheker »zum wilden Mann« sah das trostlose alte Jüngferchen
+plötzlich mit den glänzendsten, verständnisinnigsten Augen an.
+
+»Er braucht sein Geld, und er ist gekommen, es zu holen? Aber Dorette,
+das wäre ja wundervoll!«
+
+»Wundervoll?! --«
+
+Herr Philipp Kristeller knöpfte mit zitternder Hand, der kühlen Nacht
+zum Trotze, vor innerster Aufregung die Weste auf:
+
+»Dorette, wenn du Recht hättest! -- herrlich, herrlich wäre es! Aber --
+wenn das so wäre, so würde er es mir doch wohl zuerst gesagt haben?!«
+
+»Hat er das denn nicht? und zwar auf jede nur mögliche Weise -- fein und
+grob!«
+
+Der Apotheker antwortete nichts hierauf. Er ging rasch in dem engen
+Raume seiner Bildergalerie auf und ab und rieb sich nach seiner Art die
+Hände und murmelte vor sich hin:
+
+»Der Gute -- der Wackere -- mein Gott, welch eine glückselige Nacht! --
+Und ich habe ihn ganz und gar nicht verstanden! O diese Weiber, diese
+klugen Weiber! Dorette, wenn du recht hättest!«
+
+»Ich habe Recht!« ächzte jetzt das alte Fräulein fast böse. »So setze
+dich doch und nimm Vernunft an. Was soll denn aus uns werden, Bruder? Du
+bist diese dreißig Jahre lang deinen Liebhabereien und dem Geschäfte
+nachgegangen; aber ich habe die Bücher geführt und weiß, wie wir stehen.
+O, es reicht noch; aber es reicht auch nur gerade hin, -- und, Philipp,
+ich bin fest überzeugt, er holt nicht nur das Kapital, sondern er kann
+auch die Zinsen gebrauchen, die Zinsen seit dreißig Jahren!«
+
+»Das vergebe ich ihm so leicht nicht, daß er nicht sofort seinen Wunsch
+mir klar und deutlich ausgesprochen hat,« murmelte Herr Philipp, der
+durchaus nicht imstande war, sich zu setzen, sondern der fort und fort
+auf und ab lief und das Wort der Schwester ganz und gar überhörte. »O
+August, August, also endlich ist auch für mich die Stunde da, dir auf
+deinem Wege zum Glücke behilflich sein zu können!«
+
+Von der ganzen Fülle dieser Vorstellung überwältigt, stand er jetzt
+still, und was er seit nicht zu berechnender Zeit nicht gethan hatte,
+das that er jetzt: er gab der Schwester einen Kuß -- einen langen,
+herzlichen Kuß, und dann -- nahm er sein Licht und ging seinerseits in
+seine Kammer. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und sich in der
+Stille und Dunkelheit der Nacht den frohen nahen Morgen und seine erste
+Begrüßung mit dem Freunde, dem Obersten Dom Agostin Agonista,
+auszumalen.
+
+Fräulein Dorette stand im Scheine ihres Nachtlichtes mit schlaff
+niederhängenden Armen und vor dem Leibe gefalteten Händen, blickte
+hinter ihm her und stöhnte:
+
+»Also da sind wir denn! -- o diese Mannsleute! Was soll aus uns werden?
+lieber Herrgott, was soll aus uns werden? -- Zu den Pottekudern, seinen
+neuen Landsleuten, gehe ich für mein Teil nicht mit! Er wäre freilich
+imstande, uns in aller Güte und Zureden mit Haus und Hof mit sich zu
+schleppen und uns mitten in der Urwildnis hinzusetzen und eine
+Schnapsfabrik auf meines armen Bruders Namen und Liqueur zu gründen.
+Aber er soll mir kommen, der Kehlabschneider, der Scharfrichter, der
+Menschenschinder, der Henkersknecht. Für alle Freibillets in der Welt
+geh' ich mit ihm nicht nach seinem Amerika; am Spieße brät er uns doch,
+wenn er uns drüben hat, und wenn er auch noch so schlau hier am Orte den
+Gemütlichen, den Vergnügten und den biederen treuherzigen Krieger
+spielt.«
+
+Der Oberst Dom Agostin Agonista wurde durch das, was im unteren Teile
+des Hauses »zum wilden Manne« vorging, nicht in seinem Schlummer
+gestört. Er schlief abermals weit in den hellen Sonnenschein des
+Dienstags hinein, und die Flasche mit dem »Kristeller« stand auf seinem
+Nachttische, und auch das Spitzglas, das dazu gehörte, hatte der alte
+Soldat handgerecht zugerückt. Aber auf dem Stuhle am Bette saß um halb
+neun Uhr, seit einer Viertelstunde zärtlich lauschend, Herr Philipp
+Kristeller, das Erwachen des Gastes, Freundes und Wohlthäters erwartend.
+
+»Sobald der Gute erwacht, wollen wir überlegen, in welcher Weise es am
+angenehmsten und vorteilhaftesten für ihn einzurichten ist,« hatte der
+Apotheker, auf den Zehen in die Kammer schleichend, geflüstert; und er
+hatte eine gute Stunde zu warten, ehe der Brasilier die Augen öffnete,
+sich entsetzlich reckte, gewaltig gähnte und dann, sich überrascht
+aufrichtend, rief:
+
+»Diablo! bist du denn das, Filippo? Ei, schönsten guten Morgen! aber
+dieses ist einmal freundlich von dir!«
+
+»Guten Morgen, August. Du erlaubst mir wohl, daß ich dich diesmal wieder
+August nennen darf; denn ich sitze hier und warte auf dein Erwachen, um
+dich recht tüchtig abzukanzeln.«
+
+»Abzukanzeln? weshalb? wieso? warum? wofür?«
+
+»Weil du meiner guten Schwester mehr Zutrauen bewiesen hast als mir,
+August.«
+
+»Ah -- -- -- so!« sprach der brasilianische Gendarmerie-Oberst ungemein
+gedehnt und legte sich wieder hin -- nämlich mit dem Hinterkopfe in
+seine Kopfkissen. Nach einer Pause erst fügte er etwas gedrückt hinzu:
+
+»Und nicht wahr, du giebst mir recht? Dein Entschluß ist gefaßt; -- wir
+gehen zusammen über das Weltmeer, um goldene Berge für uns und unsere
+Nachkommen aufzuschütten?!«
+
+Herr Philipp schüttelte melancholisch den Kopf.
+
+»Meine Schwester Dorothea und ich doch wohl nicht, aber -- mit dir ist
+es freilich etwas anderes. Nein, mein teurer August, du wirst wieder
+allein gehen müssen.«
+
+»Aber das macht mir wirklich einen Strich durch alle meine
+Berechnungen,« brummte der Kriegsmann verdrießlich.
+
+»Du nimmst unsere besten Wünsche mit hinüber; wir werden in Gedanken
+stets bei dir sein.«
+
+»Danke!« sagte der Oberst womöglich noch verstimmter.
+
+»Ich habe den Tisch vor deinem Stuhle bereits zurecht gerückt, mein
+guter August. Meine Hausbücher liegen zu deiner Einsicht bereit; du
+wirst mit meiner Schwester zufrieden sein, denn sie hat die Bilanz
+gezogen. Ich hoffe, du wirst finden, daß wir -- meine Schwester und ich
+-- unser -- mein -- dein Vermögen nach bestem Wissen verwaltet haben.«
+
+»Ich komme im Augenblick hinunter, lieber Alter!« rief der Oberst, allen
+Mißmut sofort abschüttelnd und mit hellem Lächeln das rechte Bein
+blitzartig unter dem Deckbette vorschnellend und mit dem Fuße nach des
+Apothekers Reserve-Ehren-Pantoffeln auf dem Boden angelnd. »Im Moment --
+in zehn Minuten bin ich drunten bei dir. Philipp, du bist ein
+Prachtmensch! und du wirst sehen, daß ich die Welt kenne und auch für
+dich das Nutzbringendste zu ergreifen verstehe.«
+
+»Wir warten mit dem Kaffee auf dich, lieber August!«
+
+»Mein schönstes Kompliment im voraus an deine Schwester! Im Augenblick
+bin ich bei euch. Nicht wahr, Philipp, dein Rezept für den >Kristeller<
+giebst du mir mit hinüber, -- nicht wahr, Alter?«
+
+Der Erfinder des »Kristeller« versprach's, und nach einer Viertelstunde
+saß der Oberst Dom Agostin Agonista richtig bei dem Geschwisterpaar im
+Hinterstübchen und zwar, ohne alles vorherige Sträuben, im Ehrensessel
+und vor den Haus- und Rechnungsbüchern der Apotheke »zum wilden Mann«;
+-- Fräulein Dorette Kristeller hatte ihn dazu von Zeit zu Zeit zu
+fragen, ob ihm noch eine Tasse Kaffee gefällig sei.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+
+Einen Mann wie den Oberst stelle man einmal unter den Scheffel, wenn er
+in einer Gegend gleich der von uns geschilderten ankommt, d. h. aus den
+Wolken fällt. Auf Meilen in der Runde gingen bald die fabelhaftesten
+Gerüchte über ihn um. Ein wieder wie vor dreißig Jahren mit ein wenig
+Bangen gemischter Respekt begleitete ihn in jeglichem Blicke, der ihm
+nachgesendet wurde, klang in jedem höflichen Wort, das man an ihn
+richtete; nur that er niemanden mehr leid dazu. Der bald so bekannte
+Fremdling entsprach in jeder Beziehung den Vorstellungen, die sich die
+Landschaft von einem »Wundertier« machte, und die Jovialität in seinem
+Wesen und Auftreten nahm der vertraulichen Scheu, die er den Leuten
+einflößte, nichts von ihrer Wirksamkeit. Er aber fühlte sich wohl unter
+dem Volke der Gegend, genoß die Gemütsbewegungen, die er unter ihm
+hervorbrachte und -- aß sich harmlos herum.
+
+Nämlich es hatte sich herausgestellt, daß für die ersten Wochen an ein
+Verlassen der Gegend, an eine Abreise aus der Apotheke »zum wilden
+Mann« noch nicht zu denken sei.
+
+Der Oberst blieb, und sie luden ihn alle zu Tisch. Nach den Honoratioren
+des Dorfes kamen die Gutsbesitzer und reichen Domänenpächter der
+Umgegend an die Reihe: der Oberst Dom Agostin Agonista fühlte sich immer
+behaglicher in seinem behaglichen Quartier in der Apotheke »zum wilden
+Mann«.
+
+Wenn er aber viel abwesend von der Apotheke war, so blieb der alte
+Philipp Kristeller desto sedater in seinen vier Pfählen, schrieb viel,
+bekam viele Briefe von Banquiers und sonstigen Handelsleuten und trieb
+selber allerlei Handel. Er fing an, in Ländereien zu spekulieren und
+zwar in seinen eigenen.
+
+Und während der Oberst nicht das Geringste von seiner stattlichen
+Rundung einbüßte, wurde Fräulein Dorette Kristeller, die doch wenig
+einzubüßen hatte, von Tag zu Tage magerer, und auch der Apotheker fiel
+ab, soviel das noch möglich war. Das Geschwisterpaar wurde immer gelber
+und gelber; was den Dom Agostin anbetraf, so fingen die Leute an, ihm zu
+sagen:
+
+»Herr Oberst, die Luft hier scheint Ihnen gottlob recht gut zu
+bekommen.«
+
+Sie bekam ihm wirklich, die Luft der Gegend, und das Gerücht von dem,
+was er vor einunddreißig Jahren an dem Besitzer der Apotheke »zum wilden
+Mann« gethan hatte, schwebte auch in der Luft über ihm und um sein
+weißes, munteres Haupt und verklärte ihn rosig. Die Frauen nannten ihn
+einen prächtigen alten Herrn, und die Männer nannten ihn einen
+Prachtkerl und fügten hinzu: »Unter Umständen fänden wir auch mit
+Vergnügen einen ähnlichen Burschen im Busch und Walde und suchten seine
+intimste Bekanntschaft zu machen. Selbst auf die Botanik könnte man in
+einem solchen Falle sich mit Pläsier legen.«
+
+Auch der Oberst bekam im Verlaufe der nächsten Woche Briefe. Es langte
+ein Packet von Rio Janeiro an, eine Menge Dokumente enthaltend. Dieses
+Packet sendete Senhor Joaquimo Pamparente, sein Rechtsbeistand, und Dom
+Agonista fand sich bewogen, den Inhalt eingehend mit seinem Freunde
+Philipp Kristeller zu besprechen. Er, der Oberst, schrieb an Senhora
+Julia Fuentalacunas einen zärtlichen Brief, der aber doch zugleich auch
+ein Geschäftsbrief war; -- leider reichte die Zeit zu einer Antwort der
+Dame nun nicht mehr.
+
+»Thut nichts,« sprach der zärtliche Krieger, »es wird sich jetzt alles
+aufs Beste und Angenehmste arrangieren, wenn ich erst selbst wieder
+drüben bin.«
+
+Am meisten verkehrte Dom Agostin in diesen ernsten Geschäftstagen mit
+dem heitern Doktor und Landphysikus Hanff. Beide vergnügte Gesellen
+hatten Brüderschaft miteinander getrunken, und der Oberst Agonista fuhr
+dann und wann des Spaßes wegen mit auf die Landpraxis. Jegliches Wetter
+war dabei dem tapferen alten Soldaten recht, und der Doktor, der doch
+auch das Seinige vertragen konnte, hatte auch hier seinen Begleiter als
+ein Mirakel zu bestaunen.
+
+»Bei den Göttern beider Halbkugeln, du wenigstens gehst mit mir
+hinüber,« rief der Oberst, gegen Ende Novembers auf einer dieser Fahrten
+den ersten Schnee des Jahres vom Fenster eines Dorfwirtshauses weit im
+offenen Lande beobachtend. »Ich habe dir bereits hundertmal das
+brillanteste Lebensglück garantiert und ich verbürge mich auch jetzt
+wieder dafür. Sieh dir dieses Wetter an; -- ist das ein Klima für
+verständige anständige und zu allem Übrigen mit Vernunft und Weib und
+Kind begabte Menschen? Ist das eine Gegend, um siebzig Jahre drin alt zu
+werden?«
+
+»Meine Frau -- meine Jungen,« murmelte der Doktor.
+
+»Werden sich sehr wohl dort acclimatisieren; ich rede dir ja eben gerade
+vom Klima! Ein Jahr läßt du sie hier zurück, um dich drüben behaglich
+einzurichten. Im nächsten Herbst führe ich meine Frau nach Paris in die
+Honigwochen, und du begleitest mich, d. h. du schlägst deinen Winkel
+hierher und holst dein Hauswesen nach. He -- was sagst du? Zum Teufel,
+sieh auf den Kirchhof dort im Regen und Schneegestöber und sage mir, ob
+es ein Vergnügen und eine Ehre sein wird, dort einst eine
+Sandsteinplatte zu haben mit der Inschrift: >Hier liegt der Doktor
+Eisenbart?!<«
+
+»Zum Henker, Bruder,« ächzte der Landphysikus, »weißt du, was ich
+wollte?«
+
+»Nun?«
+
+»Ich wollte, du wärest geblieben, wo du dich so wohl fühltest. Mein
+gesunder nächtlicher Schlaf ist hin, seit du im Lande bist, und wie mir,
+so geht es der Mehrzahl meiner Bekannten. Du hast, sozusagen, der ganzen
+Gegend die Phantasie verdorben. Ich kenne auf drei Meilen in der Runde
+niemanden, der noch ruhig auf seinem Stuhle sitzen kann. Da ist nicht
+einer, der nicht hin und her rückt und überlegt und berechnet, was alles
+er bis Dato im Leben versäumt habe.«
+
+»Das mag für die Übrigen gelten, aber in deinem Alter hat man noch nicht
+das Geringste versäumt, -- da brauchst du nur mich anzusehen. Übrigens
+erlaube mir doch ein Wort: ich überrede niemanden! Diablo, wie käme ich
+dazu, mit diesem meinem weißen Haar noch einmal von neuem anzufangen,
+die Dummheiten meiner Jugend zu wiederholen, um mir eine frische Last
+Gewissensbisse aufzuladen? In drei Wochen reise ich jetzt bestimmt; --
+bestimmt, das sage ich dir! Bis dahin hab' ich mein altes Vaterland und
+sein Verhältnis zu mir wieder in Ordnung gebracht und mache mich auf den
+Weg und aufs große Wasser, auch für die alten Freunde in der Apotheke
+die Fortuna, die spanische Silberflotte mit zu entern. O, die sollen
+bequem hier sitzen bleiben unter ihrem Zeichen >zum wilden Mann<, -- ich
+werde für sie handeln, und die nächste Post, die ihr von mir erhalten
+werdet, wird das Weitere melden.«
+
+»Er reist in drei Wochen!« seufzte der Doktor, hastig sein Glas
+hinuntergießend.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+
+Er hatte, wie man zu sagen pflegt, immer auf dem Sprunge gestanden, der
+kaiserlich brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, aber diesmal
+reiste er wirklich, und zwar auf die Stunde zum angegebenen Zeitpunkt,
+nämlich am Mittage des 23. Dezembers. Man hatte ihn natürlich dringend
+von allen Seiten aufgefordert, wenigstens das Weihnachtsfest über noch
+zu bleiben, doch alles Bitten und Zureden war vergeblich geblieben.«
+
+»Quält mich nicht länger,« hatte er gesagt, »ich kenne meine Natur und
+weiß, was ihr gut ist. Diese liebe Feier im gemütvollen Vaterlande,
+dieses holde Fest im sinnigen, gefühlvollen Deutschland würde mich zu
+weich stimmen, und es ist unbedingt notwendig, daß ich mich, einige Zeit
+noch, ein wenig härtlich halte. Ich bin das nicht nur mir, sondern auch
+meinen guten braven Freunden in der Apotheke schuldig. Meine
+Verpflichtungen erfordern es, was mein Herz auch dagegen zu sagen haben
+mag.«
+
+Damit verschwand er, verschwand spurlos, als jedermann bereit stand, ihm
+noch einmal die Hand zu drücken und sich ihm zu empfehlen. Der Abschied
+war so eigentümlich wie alles andere, was die Ankunft und den Aufenthalt
+des Mannes am Orte begleitet hatte. Sie kamen alle zu spät dazu: Herr
+Philipp aus seinem Laboratorium, Fräulein Dorette aus der Küche, der
+Doktor Hanff von seinem nächstliegenden Patienten.
+
+Der Oberst hatte den Wagen an die Hinterthür bestellt, war einfach
+eingestiegen und abgefahren; sein Gepäck hatte er vorausgeschickt, und
+die Gegend -- sah ihm nach.
+
+Die aus der Apotheke sagten nichts, sondern seufzten, der Doktor schlug
+sich vor die Stirn und rief ein wenig ärgerlich und enttäuscht:
+
+»Ich hätte ihm doch gern noch ein Wort über meine Projekte gesagt! Man
+bringt einem doch nicht so um nichts und gar nichts die Gedanken in
+Unordnung und das Blut in Wallung; -- Donnerwetter, dieses Brasilien!«
+
+Die übrigen Freunde und Bekannten kamen nach und nach verwundert und
+erstaunt an das Fenster der Offizin.
+
+»Er wollte vielleicht alles unnötige Aufsehen vermeiden,« sagte Fräulein
+Dorette Kristeller kurz und tonlos. Ihr Bruder war selbst für den Pastor
+und für den Förster nicht zu sprechen. Der Apotheker »zum wilden Mann«
+fühlte sich durch die Trennung von seinem Jugendfreunde sehr angegriffen
+und wünschte einige Tage ganz sich selber überlassen zu bleiben. Die
+guten Bekannten begriffen das wohl und ließen das Geschwisterpaar in der
+That über das Fest allein.
+
+Über das Fest allein!
+
+ * * * * *
+
+Da sitzen wir wieder unter den Bildern des Hinterstübchens der Apotheke
+»zum wilden Mann«, und es ist der Abend des vierundzwanzigsten
+Dezembers. Ein trübes Talglicht in einem schlechten Messingleuchter, den
+Fräulein Dorette mit sich ins Zimmer brachte, brennt auf dem Tische. Der
+alte Herr saß im Dunkel, bis die alte Schwester dieses Licht brachte; --
+im trüben Scheine desselben sitzt er in dem Ehrensessel, und die alte
+Schwester hat sich ihm gegenüber niedergelassen. Sie sehen beide
+abgemattet-sorgenvoll aus; sie feiern beide eine betrübte Weihnacht.
+
+Nach einem langen Schweigen sagte Fräulein Dorette:
+
+»Plagmann aus Borgfelde will die Kühe gleich nach dem Feste abholen.«
+
+Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; denn Bleß und Muhtz waren ihre
+Herzensfreude und ihr Stolz, und sie mußte sich von beiden trennen.
+
+Ihr Bruder nickte bloß und sprach nach einer Pause seinerseits:
+
+»Ich meine, so ungefähr am fünfzehnten Januar würde die beste Zeit für
+die Auktion sein.«
+
+Und die Schwester nickte auch und stöhnte:
+
+»Ja, ja, mir ist's recht! mir ist alles recht! o Gott!«
+
+Nun versuchte der alte Herr, um doch etwas für das Fest zu thun, wieder
+einmal heiter und ruhig auszusehen und rief:
+
+»Courage, Alte! Wer wird so den Kopf hängen lassen? Du sollst jetzt
+einmal zu deinem Erstaunen gewahr werden, mit wievielerlei unnützem
+Gerümpel wir uns allgemach auf unserm Lebenswege bepackeselt hatten. Daß
+wir die Landwirtschaft -- die Sorge und den Verdruß um Wiese und Feld
+los werden, ist im Grunde auch nicht so übel und jedenfalls nicht das
+Schlimmste. Offen gestanden, meine Knochen leisteten zuletzt doch nicht
+mehr das, was sie früher mit Lust thaten.«
+
+Der Trost war wohl gemeint, aber er half wenig. Plötzlich brach die
+Schwester in ein helles, krampfhaftes Schluchzen aus:
+
+»O grundgütiger Heiland, es wäre mir ja alles, alles recht, es kommt nur
+so sehr spät! Bruder, es kommt zu spät, dieses Elend! -- Wäre dieser --
+Mann um zwanzig Jahre früher gekommen, so würde ich ja mit Freuden mit
+deinem Kopfkissen meine Bettdecke hingegeben haben; aber wahrhaftig,
+jetzt ist es für uns zu spät im Leben geworden! Die Hypothek, die auf
+dem Hause liegt, liegt auch auf mir wie ein Berg! Und dazu keinen --
+keinen Menschen, dem man seinen Kummer klagen kann, klagen darf -- ja
+klagen darf!«
+
+»Nein,« rief Herr Philipp Kristeller, allen Nachdruck seiner Seele in
+das Wort werfend, »nein, was wir hier tragen, das tragen wir für uns
+allein! Fremde Nasen dürfen wir gewiß nicht in unser jetziges Dasein
+hineinriechen lassen, Dorothea! Es wäre nicht zu rechtfertigen gegen den
+Freund -- meinen Freund -- meinen Freund vom Blutstuhle! Ach, fasse nur
+Mut, liebe Dorette, und mache mir vor allen Dingen keine solche
+verzweiflungsvollen Mienen, du sollst sehen, wir behalten den Kopf doch
+noch oben und führen auch unter den jetzigen Verhältnissen ein gutes und
+stilles Leben weiter. Was würde meine Johanne sagen, wenn sie bis heute
+mein Los mit mir geteilt hätte? Sieh, die Leute können wir denken und
+reden lassen, was sie wollen.«
+
+»Und ich sehe sie schon vor mir, wie sie die Köpfe zusammenstecken; der
+Pastor und der Ulebeule, die Herren vom Gestüt, der Amtsrichter und der
+Doktor. Sie werden sich schöne Historien zusammenphantasieren und uns in
+einem bunten Lichte an die Wand hinmalen!«
+
+»Laß sie! möge es nur dem alten tollen Freunde mit seinem jungen Glück
+gut gehen! Ich sage dir, liebe Schwester, schon die Gewißheit, daß
+niemand es so herzlich mit uns meint als er, wäre mir ein Trost, wenn es
+mir vielleicht auch noch so kläglich zu Mute wäre. Jetzt glaubt er, mit
+vollen Segeln seinem und unserem Glücke entgegenzuschwimmen; sieh, Alte,
+und sein Geld hat doch wenigstens zum zweitenmal einem Menschen für eine
+Stunde Behagen gegeben, was man wahrhaftig nicht von jedem Gelde sagen
+kann, und wenn es auch wie hier zwölftausend Thaler wären.«
+
+Die Schwester erwiderte nichts hierauf, sondern zuckte nur die Achseln,
+welches ihr dann wieder Gewissensbisse machte. Sie stand auf, ging zum
+Fenster und sah in den nächtlich winterlichen, gleichfalls schwer mit
+Hypotheken belasteten Garten hinaus und wendete sich nach drei Minuten
+erst ins Zimmer zurück:
+
+»Es schneit tüchtig, Bruder. Weißt du wohl noch, Philipp, welch ein
+Vergnügen und welche geheime Behaglichkeit wir gerade an diesem Tage am
+Schnee hatten?«
+
+»Ei gewiß,« rief der Bruder, »wie wären wir sonst wohl dies
+Menschenalter durch so gut miteinander ausgekommen? Dorette, heute sind
+wir doch die richtigen Narren gewesen, daß wir uns zum erstenmal nicht
+einen Tannenbaum mit Lichtern besteckt haben. Allem zum Trotz hätten wir
+das thun sollen! Nun das nächste Mal! -- im nächsten Jahre --«
+
+»Wenn dein Freund vom Blutstuhle das Schiff mit den Fässern voll Gold
+und Edelsteinen geschickt hat, als Abzahlung -- wenigstens für das
+Rezept zum Kristeller! O, und dafür dreißig Jahre lang da seinen
+Lehnstuhl frei gehalten zu haben!«
+
+Das war echt weiblich und also nichts dagegen zu machen: der alte Herr
+Philipp hielt sich an sein eigen männlich und treu Gemüt, ließ sich das
+Wort nicht vor dem Munde abschneiden, sondern schloß seinen Satz:
+
+»Wollen wir das diesmal Versäumte desto herzlicher und herzhafter
+nachholen.« Der weiblichen Einschaltung wegen fügte er jedoch im Stillen
+noch hinzu: »Wie es auch kommen mag.«
+
+Was die Freunde der Umgegend anbetraf, so verwunderten sie sich in der
+That sehr, als im Laufe des Winters und Frühjahrs in der Apotheke »zum
+wilden Mann« sich vieles sehr veränderte; -- als die Möbeln aus den
+Gemächern abhanden kamen, das Vieh aus den Ställen verschwand, als der
+Blumengarten sich in einen Gemüseplatz verwandelte, das zierliche
+Dienstmädchen eine andere gute Herrschaft suchte, dem Knechte gekündigt
+wurde und es im Kreisblatte zu lesen stand, daß der Apotheker Herr
+Philipp Kristeller so und so viel Morgen Wiesen und Ackerfeld an die und
+die Bauern der Gemeinde und Feldmark verkauft habe. Als aber die Auktion
+in der Apotheke selbst wirklich abgehalten wurde, boten sie
+kopfschüttelnd mit; und auf dieser Auktion erstand der Förster des
+Apothekers Bildergalerie, der Doktor die chinesische Punschschale und
+der Pastor den Ehrensessel des Obersten in brasilianischen Diensten Dom
+Agostin Agonista.
+
+Ein kahleres Haus gab es nachher nicht im Orte. Nur der Inhalt der
+Büchsen und Gläser in der Offizin blieb verschont; die Freunde und
+Bekannten aber überlegten und mutmaßten nach allen Richtungen hin und
+kamen zuletzt sämtlich auf die nicht ganz unwahrscheinliche Vermutung,
+daß ihr Freund, Herr Philipp Kristeller, in schlechten Papieren ganz
+heimlich spekuliert und sich verspekuliert habe.
+
+Natürlich rieten sie ihm dringend, sich doch umgehend an seinen Freund,
+den brasilianischen Obersten, zu wenden, und begriffen nicht, aus
+welchem Grunde er das so sehr hartnäckig ablehnte.
+
+Ende.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Zum wilden Mann, by Wilhelm Raabe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUM WILDEN MANN ***
+
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+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+works. See paragraph 1.E below.
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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