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Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +Zum wilden Mann. + +Eine Erzählung +von +Wilhelm Raabe. + + +Mit dem Bildnis des Verfassers. + + +Leipzig + +Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. + + + + +Erstes Kapitel. + + +Sie machten weit und breit ihre Bemerkungen über das Wetter, und es war +wirklich ein Wetter, über das jedermann seine Bemerkungen laut werden +lassen durfte, ohne Schaden an seiner Reputation zu leiden. Es war ein +dem Anscheine nach dem Menschen außergewöhnlich unfreundlicher Tag gegen +das Ende des Oktober, der eben in den Abend oder vielmehr die Nacht +überging. Weiter hinauf im Gebirge war schon am Morgen ein gewaltiger +Wolkenbruch niedergegangen, und die Vorberge hatten ebenfalls ihr Teil +bekommen, wenn auch nicht ganz so arg als Volk, Vieh, Wald, Fels, Berg +und Thal weiter oben. Sie waren unter den Vorbergen nordwärts vollkommen +zufrieden mit dem, was sie erhalten hatten, und hätten gern auf alles +weitere verzichtet, allein das Weitere und Übrige kam, und sie hatten es +hinzunehmen, wie es kam. Ihre Anmerkungen durften sie freilich darüber +machen; niemand hinderte sie. + +Es regnete stoßweise in die nahende Dunkelheit hinein, und stoßweise +durchgellte ein scharfer, beißender Nordwind, ein geborener Isländer +oder gar Spitzbergener, aus der norddeutschen Tiefebene her die Lüfte, +die Schlöte und die Ohren und ärgerte sich sehr an dem Gebirge, das er, +wie es schien, ganz gegen seine Vermutung auf seinem Wege nach Süden +gefunden hatte. Er war aber mit der Nase darauf gestoßen oder vielleicht +auch darauf gestoßen worden und heulte gleich einem bösen Buben, der +gleichfalls mit dem erwähnten Glied auf irgend etwas aufmerksam gemacht +und hingewiesen wurde. Ohne alle Umschreibung: der Herbstabend kam +früh, war dunkel und recht stürmisch; -- wer noch auf der Landstraße +oder auf den durchweichten Wegen zwischen den nassen Feldern sich +befand, beeilte sich, das Wirtshaus oder das Haus zu erreichen; und wir, +das heißt der Erzähler und die Freunde, welche er aus dem deutschen Bund +in den norddeutschen und aus diesem in das neue Reich mit sich +hinübergenommen hat, -- wir beeilen uns ebenfalls, unter das schützende +Dach dieser neuen Geschichte zu gelangen. + +Der Abend wird gemeiniglich eher Nacht, als man für möglich hielt; so +auch diesmal. + +Es ist recht sehr Nacht geworden. Wieder und wieder fegt der Regen in +Strömen von rechts nach links über die mit kahlen Obstbäumen eingefaßte +Straße. Wir halten, kurz atmend, die Hand über die Augen, uns nach einem +Lichtschein in irgend einer Richtung vor uns umsehend. Es müssen da +langgestreckte, in ihrer Länge kaum zu berechnende Dörfer vor uns, dem +Gebirge zu, liegen, und der geringste Lampenschimmer südwärts würde uns +die tröstende Versicherung geben, daß wir uns einem dieser Dörfer +näherten. Vergeblich! + +Pferdehufen, Rädergeroll, Menschentritte hinter uns? Wer weiß? + +Wir eilen weiter, und plötzlich haben wir das, was wir so sehnlich +herbeiwünschen, zu unserer Linken dicht am Pfade. Da ist das Licht, +welches durch eine Menschenhand angezündet wurde. Eine plötzliche +Wendung des Weges um dunkles Gebüsch bringt es uns überraschend schnell +vor die Augen, und wir stehen vor der Apotheke »zum wilden Mann.« + +Ein zweistöckiges, dem Anscheine nach recht solides Haus mit einer +Vortreppe liegt zur Seite der Straße vor uns, ringsum rauschende, +triefende Bäume -- gegenüber zur Rechten der Straße ein anderes Haus -- +weiter hin, durch schwächeren Lichterschein sich kennzeichnend, wieder +andere Menschenwohnungen: der Anfang einer dreiviertel Stunde gegen die +Berge sich hinziehenden Dorfgasse. Das Dorf besteht übrigens nur aus +dieser einen Gasse; sie genügt aber dem, der sie zu durchwandern hat, +vollkommen; und wer sie durchwanderte, steht gewöhnlich am Ausgange +mehrere Augenblicke still, sieht sich um und vor allen Dingen zurück und +äußert seine Meinung in einer je nach dem Charakter, Alter und +Geschlecht vermiedenen Weise. Da wir den Ausgang oder Eingang jedoch +aber erst erreichen, sind wir noch nicht hierzu verpflichtet. Wir suchen +einfach, wie gesagt, vorerst unter Dach zu kommen und eilen rasch die +sechs Stufen der Vortreppe hinauf; der Erzähler mit aufgespanntem Schirm +von links, der Leser, gleichfalls mit aufgespanntem Schirm, von rechts. +Schon hat der Erzähler die Thür hastig geöffnet und zieht sich den +atemlosen Leser nach, und schon hat der Wind dem Erzähler den Thürgriff +wieder aus der Hand gerissen und hinter ihm und dem Leser die Thür +zugeschlagen, daß das ganze Haus widerhallt wir sind darin, in dem Hause +sowohl, wie in der Geschichte vom w i l d e n M a n n! -- -- Daß wir uns +in einer Apotheke befinden, merken wir auf der Stelle auch am Geruche. + +Die erleuchteten zwei Fenster, welche wir von der durchweichten, regen- +und sturmwindgeschlagenen Landstraße aus erblickten, waren die der +Offizin, und die Lampe an der Decke darin warf ihr Licht durch die +breiten Schiebfenster auch auf die Hausflur. In der pharmaceutischen +Werkstätte herrschte außer dem bekannten Duft die gleichfalls +wohlbekannte Ordnung und Reinlichkeit der deutschen Apotheken. Die +weißen, mit blauen Buchstaben und hin und wieder mit schwarzen +Totenköpfen und den beiden Armknochen bezeichneten Büchsen und Gläser in +den Fächern an den Wänden, die blanken Mörser und grünschwarzen +Steinreibeschalen, die Wagschalen und alle übrigen Gerätschaften sahen +ordentlich angenehm und anlockend aus. Wäre die schreckliche Bank, auf +welcher die Meisten von uns schon einmal in fiebernder Angst und +Beklemmung saßen und warteten, nicht gewesen, das Werkzeug und Geräte +der hohen Kunst hätte jedermann das höchste Vertrauen einflößen müssen. + +Aber die böse Bank! Der abgeriebene schlimme Stuhl! -- Wir saßen eben +schon darauf -- vielleicht wohl am hellen, frostklaren Winternachmittag, +oder noch viel schlimmer in der stillen, warmen, der entsetzlichen, +wenngleich noch so schönen Sommernacht; wir trauen den Büchsen und +Gläsern, den Flaschen, Wagschalen und Reibeschalen wenig, wir erinnern +uns nur, wie wir damals dem ruhiggemessenen, geheimnisvollen Wirken des +Mannes hinter dem Arbeitstische wild und dumm zusahen. + +In der Offizin befand sich augenblicklich niemand; aber es fiel noch ein +Lichtschein aus einem anstoßenden Zimmerchen, dessen Thür halb geöffnet +stand. Und mit dem Scheine drang ein anderer Duft ein, der die +apothekarische Atmosphäre einer auffälligen Veränderung und Entmischung +unterwarf; _herba nicotiana_ gehört freilich ebenfalls zu den +offizinellen Gewächsen. Wir folgen d i e s e m Geruch und treten in das +Nebengemach. + +Das Ding in dem engen Raume ließ sich ganz gemütlich an. Aus der einen +Ecke versendete ein eiserner Ofen eine behagliche Wärme, in der anderen +war gegen einen mächtigen gepolsterten Lehnstuhl, der leer stand und von +dem später noch die Rede sein wird, ein runder Tisch gezogen, an welchem +auf gleichfalls gepolsterten, hochlehnigen Stühlen sich die jedesmaligen +Gäste, mit der Pfeife im Munde und ein offizinelles oder nicht +offizinelles warmes oder kaltes Getränk vor sich, den Aufenthalt +sicherlich recht bequem und behaglich machen konnten. Gegenwärtig jedoch +hatte nur der Herr des Hauses, der Besitzer der Apotheke »zum wilden +Mann«, allein auf seinem Stuhle Posto gefaßt, und ob er an diesem +stürmischen Abend wirklich noch jemand zum Besuch erwartete, und ob +wirklich jemand der Erwartung entsprach, können wir augenblicklich noch +nicht angeben. Wir sind mit der Schilderung unserer Bühne noch nicht +zustande und fahren vorerst darin fort. + +Das Kabinettchen hinter der Offizin war mit einer gelblichgrauen, +grauschwarz geblümten Tapete, soweit sich das überblicken ließ, +ausgeklebt. Auf der Fensterbank stand neben einigen Blumentöpfen ein +Käfig mit einem schlafenden Zeisig, der jedesmal, wenn ein Baumzweig im +Garten, vom Winde gepackt und geschleudert, schärfer an der Glasscheibe +herkratzte, oder wenn ein Regenstoß heftiger an der Scheibe trommelte, +fester und behaglicher im Gefühle seiner Sicherheit sich in eine +Federkugel zusammenzog. + +Eine Eckschenke mit allerlei Tassen, bunten Töpfen und Gläsern und auf +ihr eine ausgestopfte Wildkatze in einem Glaskasten dürften in der +Inventaraufnahme nicht zu vergessen sein. Ein vordem recht blumiger, +aber nunmehr längst verblaßter und abgetretener Teppich bedeckte den +Boden; von der Decke hing eine künstlich geflochtene Graskrone, ein +Staub- und Fliegenfänger herab; und wenn wir nun noch den Bildern an den +Wänden einige Worte gewidmet haben werden, so hindert uns weiter nichts, +fürderzugehen und interessanter zu werden. + +Die Bilder an den Wänden freilich waren schon an sich interessant. Ihre +Anzahl allein mußte jeden eintretenden Betrachter höchlichst in +Erstaunen setzen und für eine geraume Zeit in ein mundoffenes +Umherstarren an allen vier Wänden, nach allen vier Himmelsgegenden. +Hatte er sich von seiner Überraschung erholt, so konnte er anfangen zu +zählen oder die Zahl wenigstens annähernd zu schätzen. Beides aber war +schwer, denn die Bilder und Bildchen unter Glas und Rahmen bedeckten in +kaum zu berechnender Menge die Wände von oben bis unten, das heißt so +weit nach unten, als es nur irgend möglich war. Alle Arten und Formate +in Kupferstich, Stahlstich, Lithographie und Holzschnitt, alle +Gegenstände und Situationen im Himmel und in der Hölle, auf Erden, im +Wasser, im Feuer und in der Luft, schwarz oder koloriert. + +Viele Ramberg'sche und Chodowiecki'sche Kunstschöpfungen, unzählige +Scenen aus dem Leben Friedrichs des Zweiten und Napoleons des Ersten, +die drei alliirten Monarchen in drei verschiedenen Auffassungen auf dem +Leipziger Schlachtfelde, die am Palmbaum hängende Riesenschlange, an +welcher der bekannte Neger hinaufklettert, um ihr die Haut abzuziehen, +Scenen aus dem Corsar, »ein Gedicht von Lord Byron«, Modebilder, ein +Porträt von Washington, ein Porträt der Königin Mathilde von Dänemark +und des Grafen Struensee und, verloren unter all der bunten, kuriosen +Nichtsnutzigkeit, zwischen zwei Straßenscenen aus dem Jahre 1848, ein +echter alter Dürer'scher Kupferstich: _Melancholia_! + +Wir beendigen die Kalalogisierung. Dreißig Jahre hatte der während +dieser dreißig Jahre fest an seine Offizin gebundene Apotheker Philipp +Kristeller gebraucht, um seine Bildergalerie zusammenzubringen; es war +ihm also gar nicht zu verdenken, wenn er auf seine Galerie hielt, auf +seine Kunstliebhaberei und seinen Geschmack sich etwas zu gute that. +Sein Hinterstübchen war wohl geziert, und er hatte außerdem noch einiges +andere, worauf er sich etwas zu gute thun durfte. + +Wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf den Mann am Tische. Er mochte +ein Alter zwischen den fünfziger und sechziger Jahren erreicht haben, +war von Leibesbeschaffenheit mehr hager als dick, von Farbe mehr gelb +und grau als rot und braun und von Statur mittlerer Größe. Er trug einen +grauen Schlafrock, niedergetretene, dunkelrote Pantoffeln und auf dem +silbergrauen, schlichten Haar eine dunkelgrüne Hauskappe mit +abgegriffener Goldstickerei, einen Kranz von Eicheln und Eichenblättern +darstellend. Er rauchte aus einer langen Pfeife, auf deren Kopf ein +Maikäfer gemalt war, und stützte nachdenklich die Stirn mit der Hand, +den Blick auf den großen, leeren, bequemen Lehnstuhl ihm gegenüber +gerichtet. + +Zum ersten Male blickte er empor, als die Thür, welche aus dem +Hinterzimmer nicht in die Offizin, sondern auf die Hausflur führte, +leise geöffnet wurde, und ein alter Frauenzimmerkopf sich hineinschob: + +»Aber Bruder, welch ein Wetter!« + +»Freilich ein bewegtes Wetter, liebe Schwester.« + +Ob die alte Dame die Antwort noch vernommen hatte, muß zweifelhaft +bleiben, denn sie hatte die Thür eben so rasch und leise, wie sie +dieselbe geöffnet hatte, wieder zugezogen. + +»Ein vernehmbar bewegtes Wetter, in der That,« murmelte der Apotheker +»zum wilden Mann« lächelnd und nach dem bestürmten Fenster horchend. In +demselben Moment klang die Glocke der Hausthür, und es wurde an das +Schiebfenster der Offizin gepocht. Herr Philipp Kristeller erhob sich, +stellte die Pfeife an den Stuhl und ging gebückt in seine Werkstatt. +Kopfschüttelnd kam er nach einer viertelstündigen Arbeit im Berufe +zurück; die Hausthürglocke erklang von neuem, und eiligen Laufes +entfernte sich jemand, durch die Wasserlachen der Landstraße dem Dorfe +zuplatschend, ohne im geringsten auf seinen Weg Obacht zu haben. + +Kopfschüttelnd nahm der Alte seinen Sitz wieder ein, zündete seine +Pfeife von neuem an und sagte: + +»Eine ungesunde Jahreszeit -- ein Apothekerherbst. -- Gute Kasse, aber +doch ein schlechtes Geschäft.« + +Er seufzte dabei, und das Wort wie der Seufzer zeugten unstreitig von +einem guten Herzen. + +Nun saß er wieder einige Minuten, bis er plötzlich zusammenschrak: + +»Mein Gott -- ja aber -- ist es denn so?!« + +Er erhob sich von neuem hastig, schritt diesmal eilig in die Offizin, +schloß ein Stehpult am Fenster auf, nahm ein Buch hervor und blätterte +darin. Seine Finger zitterten, seine Lippen zuckten, er sah sich mehrere +Male wie zweifelnd in dem aromatisch durchdufteten Raum um: es war kein +Zweifel, jede Büchse und jedes Glasgefäß, mit oder ohne Totenkopf, +befand sich noch auf seinem Platze. Der Apotheker Kristeller schloß das +Buch, legte die Hand darauf und rief: + +»Es ist wahrhaftig so! Es ist richtig; heute ist der Tag oder vielmehr +der Abend. Es sind dreißig Jahre auf die Stunde -- ein Jubiläum -- und +ich hatte das vollständig, vollständig vergessen. Dorothea, Dorothea!« + +»Lieber Bruder?« klang es draußen schrill. + +Der Alte schritt in seiner Aufregung fünf Minuten lang auf und ab; dann +war seine Geduld zu Ende. Er öffnete die Thür: + +»Dorette, Dorette!« + +»Was giebt es denn, Philipp?« ertönte es aus der Ferne. »Ich höre den +Wind wohl; aber was kann man dagegen thun, -- Thür und Fenster sind +verwahrt, und das Übrige steht in Gottes Hand.« + +»Ei, ei,« murmelte Herr Philipp und rief dann: »Es handelt sich nicht um +Wind und Wetter. Komm doch einmal einen Augenblick herein, Dorothea!« + +Es dauerte noch verschiedene Augenblicke, ehe das möglich war; aber +zuletzt geschah es doch. Da war das Altjungfergesicht wieder und jetzt +die ganze übrige Figur und zwar mit einem über jeden höflichen Zweifel +erhabenen Buckel zwischen den Schultern. + +»Wir haben es augenblicklich ziemlich eilig in der Küche, lieber +Philipp. Wünschest du etwas, bester Bruder?« + +»Nein; aber heute vor dreißig Jahren um diese Stunde verkaufte ich in +diesem Hause für den ersten Groschen Wundspiritus. Den Altvater +Zimmermann -- Gott habe ihn selig! -- hatte der Gaul an die Hüfte +geschlagen. Ich habe es mir notirt vor dreißig Jahren, und ich hatte es +gänzlich vergessen -- dem Lehnstuhle dort zum Trotz!« + +»O du meine Güte!« rief das alte Fräulein und verschwand nach einigem, +wie es schien, ratlosen Zögern, schlug dann aber die Thür um so heftiger +hinter sich zu. Schon auf dem Hausflur wußte Fräulein Dorette Kristeller +ganz genau, was sie zu thun habe, und man hatte für den ferneren Abend +es noch um ein Bedeutendes eiliger in der Küche der Apotheke »zum wilden +Mann«. + + + + +Zweites Kapitel. + + +Trotz aller geistigen Aufregung mußte der Apotheker Philipp Kristeller +einen erstaunten Blick für die Pforte, durch welche die Schwester so +plötzlich wieder verschwunden war, übrig haben. + +»Herr Jesus!« sagte er; und dann versuchte er es von neuem, sich ruhig +zu setzen, allein es wollte nicht angehen. Das bedeutungsvolle Datum +brannte wie in feurigen Ziffern und Buchstaben vor seinen Augen, und so +schob er denn den Stuhl unter den Tisch und schlurfte, immerfort den +Kopf schüttelnd, in seiner Bildergalerie auf und ab; und immer klarer +und deutlicher stieg die Welt, welche vor dreißig Jahren, vor einem +Menschenalter, war, in seiner Seele empor. Ja, von seiner frühesten +Kindheit an lag mit einem Mal alles in den schärfsten Umrissen vor ihm, +und nur seine ihm allzu früh gestorbenen Eltern durchzogen schemenhaft +die helle Landschaft. Dagegen stand der Vormund in derber, ungemütlicher +Deutlichkeit in dem Zauberlicht und in der Mitte der Scenerie jener +kleinen Provinzialstadt jenseits des Gebirges, dem Thüringerlande zu, +mit dem Kyffhäuser in der Nähe und dem Kickelhahn in der blauen +magischen Ferne. + +»Der allergewöhnlichste Mensch hat doch immer etwas erlebt, wenn er so +ein Menschenalter über ein Menschenalter hinaus zurückdenken kann,« +murmele der Alte. »Wie lebendig das nun alles ist, was eben tot und +vergessen in meiner Seele lag. Da ist ja der alte Biedermann, der +Grauwacker, mein Lehrherr, mit seinem ganzen Haus und Hauswesen. Welch +ein schnurriger, verbissener Patron er war; und dann die Patronin, ich +meine die Frau Prinzipalin. Herrgott, wie sorgst du in deiner Güte und +Weisheit dafür, daß denen, welchen du einen kleinen Löffel auf den +Lebensweg mitgiebst, auch der Brei nach dem richtigen Maße zugemessen +wird! Ist es mir doch, als verspürte ich heute noch das Magenknurren aus +jener guten, alten Zeit unter dem Zwerchfell. Und es war doch eine +glückliche, gesunde Zeit! Und gelernt hat man auch das Seinige bei dem +alten Grauwacker; man muß es ihm lassen, er verstand das Geschäft, die +Kunst, und er wußte uns darin zurecht zu schütteln. Alles, was nachher +kam --« + +Die Glocke der Offizin klingelte von neuem; abermals ging der Apotheker +in seine Werkstatt zu seiner Arbeit, die diesmal etwas länger als vorhin +dauerte. Während er seinen Trank mischte und kochte, führte er im +landläufigen Dialekt eine Unterhaltung, die wir dem Leser nicht +vorenthalten wollen, die Mundart freilich abgerechnet. + +»Ihr habt euch bei einem schlimmen Wetter auf den Weg machen müssen, +Gevatterin. Es steht wohl gar nicht gut zu Hause?« + +»Wie mit dem Wetter draußen,« sagte das frische, sehr gesunde +Bauerweiblein verdrossen. »Man hat seine liebe Not, daß man sich darüber +selber gern vom Tage thun möchte. Er kann nicht leben und will nicht +sterben; -- ich glaube, er hält sich eben durch das Ärgernis, welches er +uns macht; -- recht machen kann man ihm gar nichts mehr, und von dem +Verdruß lebt er so hin von einem Tage zum andern.« + +»Hm, hm,« brummte Herr Philipp. + +»Ja, es ist doch so, und der Doktor zieht dann das Beste davon. Das Ding +hat er gestern Abend verschrieben, und es ist uns sehr eilig gemacht; +ich meine aber, Sie wissen es am besten, Herr Kristeller, daß kein Tag +vergeht, an welchem Sie mich nicht auf dieser Bank sitzen sehen. So +dachte ich denn, es hat wohl Zeit bis morgen, und weggeworfenes Geld ist +es doch.« + +»Hm, hm,« brummte Herr Philipp, fügte aber diesmal hinzu: »Doktor- und +Apothekerrechnungen zahlt wohl niemand gern; -- aber wir machen es so +billig als möglich, Gevatterin.« + +»Wie es sich schickt für eine arme, elende Witfrau,« schluchzte die +muntere Bäuerin hinter ihren Schürzenzipfeln. + +»Na, na,« sagte der Apotheker, »zum Teufel, noch lebt er ja! Witfrau? +junge Frau! ei freilich! -- und meiner Meinung nach wird er es noch +manches lange, gute Jahr durchmachen. Der Doktor und ich wollen schon +das Unsrige thun.« + +Die untröstliche Gattin auf der Bank stieß einen Ton hervor, der alles +bedeuten konnte: Dankbarkeit, Hoffnung, Freude, Schreck, Mißmut, Ärger +und Hohn. Der Apotheker hatte seine Mixtur fertig, reichte sie durch das +Fenster, und die jammergeschlagene junge Witwe _in spe_ ging ab und zwar +zu seinem innigsten Genügen gerade in ein erhöhtes Aufwüten und Lostosen +des Herbststurmes hinein. + +»Die Canaille!« brummte der Alte, als er in seine Bildergalerie +zurückkam und sich unter dem Eindrucke der Unterhaltung wieder recht +fest niederließ, nachdem er mit merklicher Energie vorher frisches Holz +in den Ofen geworfen hatte. »Dies Frauenzimmer hätte mir beinahe meine +süßesten Erinnerungen für jetzt zu nichte gemacht,« murmelte er. »Eben +geriet ich in dieselben hinein, als das Weib die Glocke zog; aber das +ist freilich immer mein Los in der Welt gewesen, und anderen wird es +wohl nicht besser gehen. Und dann ist ja doch auch nichts daraus +geworden, Johanne! Zusammen sind wir nicht gekommen. Jeder hat seinen +eigenen Weg gehen müssen; ich unter so sonderbaren Umständen in diesen +verlorenen Weltwinkel, du, mein armes Kind und Herz, in dein Grab. _Nunc +cinis ante rosa_, einundzwanzig Jahre alt -- ach, Johanne, liebe, liebe +Johanne! -- Ja, ja, es wäre doch schön und gut gewesen, wenn wir +zusammengekommen wären und ich dich heute nach einem Menschenalter hier +bei mir hätte als alte, gute, schöne Frau!« + +Es duldete den guten würdigen Herrn an diesem merkwürdigen Abend nimmer +lange auf seinem Sitze. Jetzt holte er ein Paket vergilbter Briefe aus +dem oben erwähnten Pult und löste den Bindfaden davon ab. + +»Trockene Blumen und Blätter,« seufzte er. »Alles, was ich da in meinen +Büchsen und Schachteln habe, grünte und blühte auch einmal wie jedes +Wort auf diesem Papier. Apothekerwaren? Droguerien? Nein, nein, nein! +Jenes ist tot und bleibt so; aber dies hier ist noch lebendig und blüht +fort und kennt keine Zeit und keinen Jahreswechsel. Es hat seine Wurzeln +in meiner Seele geschlagen: wie könnte es da welken und zu nichte +werden? In der Sonne, im fliegenden Wolkenschatten, im Mondschein, im +Nebelziehen, im grauen Landregen, im lustigen Schneegestöber liegt das +Thal, liegen die Berge lebendig. Das ist die alte Stadt -- ja, da ist +sie, wie sie war, als wir jung waren; -- jedes Haus ein guter Bekannter. +Da ist das Eckfenster, an welchem ich stets vorbeigehe, wenn der Alte +mich auf die Pflanzenjagd schickt. Da sitzt das gute Kind mit seinem +Nähzeug, und es währt lange, sehr lange, ehe sie mich bemerkt, und noch +länger, ehe ich an die Thatsache glaube, daß sie mir wirklich +entgegenschaut und nachsieht. Es ist lange, lange eine Liebe ohne Worte, +bis der Himmel ein Einsehen hat und ein Regenschauer zur richtigen Zeit +auf einer Landpartie schickt, nachdem er mir vorher die glückselige, +heilbringende Idee eingegeben hat, beim schönsten Sonnenschein und +blauesten Himmel einen Schirm mitzunehmen. So lernten wir uns in der +Nähe kennen -- vom Herzen zum Herzen, von Seele zu Seele. Da ging das +beste Erdenleben an. -- Sie hatte wenig und ich gar nichts; aber der +liebe Gott hatte ungezählte Schätze für uns und gab eine kurze, kurze +Zeit alles mit vollen Händen. Erst im zweiten Sommer nach unserem +geheimen Verlöbnis, nachdem wir ein volles Jahr durch in unserem Glück +und unserer Hoffnung Millionäre gewesen waren, fiel uns ein, darüber +nachzudenken, was wohl weiter daraus werden möge und könne --« + +Abermals klang die Glocke und unterbrach den erinnerungsvollen Traum. Es +waren aber diesmal keine Kunden, welche den Apotheker »zum wilden Mann« +störten. Die stets recht deutliche Stimme der Schwester Dorette ließ +sich draußen vernehmen: + +»Da sind Sie, meine Herren! Gottlob, daß Sie gekommen sind. Das ist +schön, das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich wußte es aber auch, daß +ich Sie nicht vergeblich bitten würde. Dem Bruder ist die große +Merkwürdigkeit eben erst eingefallen, und da hat es sich mir sogleich +schwer auf das Herz gelegt, und ich habe dann den Fritz losgejagt. Ich +kenne ihn ja nur zu gut, den Bruder; er würde sich ohne gute +Gesellschaft eine traurige Nacht zurecht gemacht haben, seine +melancholischen Einbildungen würden uns kläglich genug mitgespielt +haben. Aber nun ist es gut, denn an diesem Abend gehören wir ja doch +zusammen, und der Bruder wird sich nun recht sehr freuen, -- schönsten +guten Abend, meine Herren!« + + + + +Drittes Kapitel. + + +Die beiden Herren, zu denen die Schwester Dorette der melancholischen +Einbildungen ihres Bruders wegen sofort geschickt hatte, nachdem er ihr +die Bedeutung des heutigen Abends zugerufen, waren der Pastor des Ortes, +Herr Schönlank, und der Förster Ulebeule. Ersterer kam, dicht in den +Mantel gewickelt, mit seiner Laterne und seinem Regenschirm, letzterer, +jeglicher Witterung Trotz bietend, in kurzer, grünkragiger Flausjacke, +den derben, eisenbeschlagenen Hakenstock unterm Arme. Beide aber +schüttelten sich vor allen Dingen tüchtig auf der Hausflur und sagten +wie jedermann weit und breit: + +»Brr, welch' ein Wetter!« + +Und der Förster fügte noch hinzu: + +»Das nennt man freilich auch, unterm Wind sich anschleichen; aber ein +Vergnügen war es gerade nicht. Na, Pastore, hier haben wir Überwind, und +für das Übrige wird Fräulein Dorette zu sorgen wissen.« + +Der Alte im Hinterstübchen, welcher anfangs etwas betroffen gehorcht, +hatte sich schnell in die Situation gefunden. Ein Lächeln auf seinem +gutmütigen Gesichte wurde immer breiter und sonniger, und jetzt riß er +seinerseits die Thür auf, welche aus seinem Schlupfwinkel auf die +Hausflur führte, und rief in heiterster Laune: + +»Herein, herein, und gelobt seien alle melancholischen Phantasien, wenn +sie einem so erwünschte Gesellschaft ins Haus führen. Das war ein +Gedanke -- das war eine That, Dorette! Herein, liebe Freunde, -- das ist +freilich ein Abend, um eine Nacht daraus zu machen, und letzteres wollen +wir und zwar, wie es sich gehört! Herein, und jeder an seinen Platz, und +ein Vivat für die alte Apotheke!« + +»Davon nachher, wenn wir erst Chinesien auf dem Tische haben werden,« +sagte der Förster, seinen Stock in den Winkel stellend. »Fürs erste, +alter Bursch, ganz sedate unsere beste Gratulation zum glorwürdigen +Jubiläum. Wenn der Pastor das noch einmal und mit Salbung vorträgt, so +habe ich auch nichts dagegen; aber wenn wir den Hasenfuß, den Physikus +hier hätten, so würde der uns allen den Rang ablaufen; ein +hirschgerechterer Jäger für einen Glückwunsch und Trinkspruch soll noch +gefunden werden; aber er ist über Land geholt.« + +»Und wird zu Hause meine Benachrichtigung vorfinden,« sagte Fräulein +Dorette Kristeller. + +»Schön,« sprach der Förster, »unter den Umständen kriegen wir ihn +sicherlich noch zu Gesicht. Übrigens würde er es schon ganz aus +Naturanlage gewittert haben, daß wir uns hier rudelten. Bis Mitternacht +bleiben wir ja doch wohl vergnügt beisammen?« + +»Natürlich! Hurra!« rief der Apotheker, und der Pastor brachte nun +wirklich in Erwartung Chinesiens, das heißt der Punschbowle, fein, +zierlich und schicklich seine Gratulation gleichfalls an. + +Unterdessen hatte sich das ganze Haus mit eigentümlichen, anmutigen +Düften, die den Apothekendunst ihrerseits sieghaft bekämpften, gefüllt. +In des Hauses Küche hatte ein merkwürdig lebendiges Treiben begonnen; +allerlei Gerät rasselte und klirrte fröhlich durcheinander. Punkt neun +Uhr stand die erste dampfende Schale auf dem Tisch, und nicht sie +allein, sondern, was dazu gehörte, ebenfalls. Für fünf Minuten fand des +Apothekers Schwester nun auch Muße, sich zu den Männern zu setzen und +die ersten Belobungen derselben in Empfang zu nehmen. + +Die Belobungen kamen zu rechter Zeit; aber dann trat für einige +Augenblicke das Stillschweigen ein, welches immer entsteht, wenn ein des +Nachdenkens würdiges Getränk auf den Tisch gesetzt wird. Daß dieses +Stillschweigen schnell überwunden wird und ein jeder sich merkwürdig +rasch mit der Feierlichkeit des Momentes abzufinden weiß, ist bekannt. + +»Also wirklich bereits ein volles Menschenalter!« rief der geistliche +Herr. »Ich hielt es im Anfang fast für unmöglich; aber nun, da ich im +Stillen nachgerechnet habe, finde ich und gebe zu, daß es sich in der +That also verhält. Ich hatte mich in jenem Jahre gerade mit meiner guten +Friederike in den Stand der heiligen Ehe begeben, und mein ältester +Sohn, der Inspektor, ist wahrlich seitdem bereits achtundzwanzig Jahre +alt geworden.« + +»Wahrhaftig, Pastore, und wenn ich daran denke, wie Ihr schlecht bei +Leibe hier ankamt, und Euch ansehe, wie Ihr jetzo da sitzt, so brauche +ich gar nicht an den Fingern abzuzählen, um an die dreißig Jahre zu +glauben. Übrigens empfing ich euch alle hier und machte euch die +Honneurs des Ortes. Zuerst rücktet Ihr ein, Pastore, und heiratetet +Eures Vorgängers Tochter; und nachher kam der gleichfalls noch anwesende +Jubilant, um die gesunde Gegend mit seinen Pillen und Mixturen noch +gesunder zu machen. Den Doktor rechne ich gar nicht; denn ein Mensch, +der erst ein Dutzend Jahre unter uns haust, ist eben gar nicht zu +rechnen.« + +»Der liebe Gott hat Euch wirklich in Eurem Einzuge gesegnet, lieber, +alter Freund,« sagte der Pastor zum Hausherrn. »Eure zwei Vorgänger +hatten mit großer Schnelligkeit in diesem Hause Bankerott gemacht; Ihr +aber hattet Glück --« + +»Und Verstand,« fiel der Förster Ulebeule ein, »den richtigen Verstand +von der Sache; denn in einer so gesunden Gegend, wie die hiesige zum +Exempel, legt sich der richtige Apotheker eben auf etwas anderes, zum +Beispiel auf einen neuen Magenbitter, wie der >Kristeller< einer ist, +auf die Fruchtsäfte im Großen, auf den Weinhandel und, nicht zu +vergessen, auf den Kräuterhandel durch ganz Deutschland ins +Unermeßliche. Heute Abend ist denn im natürlichen Verlaufe der Dinge +der Alte da in seinem Schlafrocke der allereinzige von uns, welcher es +zu etwas gebracht hat. Der Doktor wird es nie zu etwas bringen.« + +Der geistliche Herr seufzte; aber der Apotheker »zum wilden Mann«, Herr +Philipp Kristeller, seufzte ebenfalls, und als gerade jetzt Wind und +Sturm stärker und böser mit Regen und Schloßen durchs Land fuhren, sah +er wie erschreckt von dem behaglichen Tisch auf das gepeitschte, +klirrende Fenster. Die alte, gute Schwester rückte dichter an ihn heran, +indem sie flüsterte: + +»Liebe Herren, man muß niemandem sein Glück vorrücken, es nützt nichts +und hat schon häufig geschadet; das ist meine Meinung. Und ob meines +Bruders Glück gerade so groß gewesen ist, das steht wirklich noch dahin. +Wir haben unser Los und Leben genommen, wie es uns gegeben wurde, das +ist aber auch alles. Auf das Jubiläum aber trinke ich doch, und jetzt +will ich den Spruch ausbringen und sagen: Es lebe die Apotheke >zum +wilden Mann!<« + +Sie hatte, während sie redete, die Gläser im Kreise gefüllt, und alle +stießen an, doch mit Nachdenken und Ernst, wie es sich gehörte. Herr +Philipp aber, unruhig auf seinem Stuhle hin- und herrückend, sprach +leise und mehr zu sich selber als zu den andern: + +»Es ist eine Nacht dazu -- die rechte Nacht. Es ist mehr als ein +Menschenalter hingegangen, seit das, was ich mein Hauptglück nennen +sollte, an mich kam. Hört nur den Sturm da draußen, wie er sich unbändig +hat, ihr solltet kaum glauben, daß sich morgen vielleicht kein Lüftchen +regen wird, um das letzte Blatt vom Baume zu nehmen. Man sagt, es +verjähre alles; aber es ist nicht wahr. Es kommt alles wieder an einen, +der Sturmwind wie die alte Zeit. Ihr lieben Freunde, wollt ihr mich +anhören, so will ich euch eine Geschichte erzählen, eine kuriose, eine +recht, recht kuriose Geschichte. Ich will euch erzählen, wie ich vor +mehr als dreißig Jahren der Besitzer der Apotheke >zum wilden Mann< +wurde.« + +Der Pastor sagte gar nichts; aber auch er rückte näher an Herrn Philipp +heran, berührte ermunternd seinen Ellbogen und bot ihm zu noch größerer +Ermunterung die blank abgegriffene silberne Dose. + +»Geschichten höre ich für mein Leben gern, selbst Jagdgeschichten im +Notfall!« rief der Förster eifrig. »Endlich ist das Wild los! hin nach +der Fährt --« + +»Einen Augenblick!« bat Fräulein Dorette, »jetzt muß ich noch für eine +Minute in die Küche, nachher bin ich wieder ganz und gar bei dir, +Philipp. Die beiden Nachbarn entschuldigen wohl.« + +Sie entschuldigten gern und warteten und machten noch einige Bemerkungen +über die Jahreszeit und die Witterung. Nachdem aber die Schwester +zurückgekommen war, erzählte der Bruder wirklich seine Geschichte -- +eine kuriose Geschichte! + + + + +Viertes Kapitel. + + +»Liebe, gute, treue Freunde und Nachbarn,« begann der Mann, der nach der +Meinung des Försters Ulebeule es zu etwas im Leben gebracht, d. h. etwas +vor sich gebracht hatte im Dorfe, »ich habe, ehe ihr kamet, von der +alten Zeit verlockt, schon zweimal meinen Archivkasten da in der Offizin +geöffnet und habe den Staub von der Vergangenheit geblasen; jetzt werde +ich wohl noch ein Dokument daraus hervorholen müssen. Trotz aller +wunderlichen Geheimnisse liegt mein Geschick vollständig klar auf dem +Papiere da; nicht etwa daß ich ein Tagebuch oder dergleichen geführt +hätte, sondern in wirklichen authentischen Schriftstücken, die ich euch +dann auch nachher zu eigener Begutachtung in die Hände geben werde. + +»Mein Vater hatte mir einige Tausend Thaler hinterlassen; aber mein +Vormund, ein gutmütiger, wohlmeinender, doch höchst zerfahrener und +leichtsinniger Mann, hatte wenig auf dieselben Achtung gegeben. Als ich +das Geld gebrauchen konnte, war es bis auf ein Minimum verschwunden, und +der Vormund legte mir schluchzend das Bekenntnis ab: er wisse am +allerwenigsten, wo es geblieben sei. Übrigens fügte er zu meinem Troste +hinzu: mit seinem eigenen Vermögen sei es ihm gerade so ergangen. Er war +ein ältlicher Herr mit drei unverheirateten ältlichen Töchtern, und alle +waren meine besten Freunde; -- was blieb mir also übrig, als mit ihnen +zu weinen und so auch meinerseits das trockene Faktum in gegenseitiger +Liebe und Zuneigung feucht zu erhalten. Die drei guten Mädchen sorgten +für meine Wäsche und sonstige Ausstattung, packten mir meinen Koffer, +und so zog ich nach abgethaner Lehrzeit als voraussichtlich ewiges +Subjekt ins Laborantentum hinein und trieb mich fünf oder sechs Jahre +lang so umher durch Süß und Sauer, von einer Epidemie in die andere, von +einem nächtlichen Aufgeklingeltwerden zum andern, von einer Doktorpfote +zur andern, bis ich nach * * * kam, wo ich meine Johanne kennen lernte. +Da, Freund Ulebeule, habe ich wirklich etwas vor mich gebracht, nämlich +die einzigen guten, glücklichen Tage meines Lebens!« + +»Gratuliere auch dazu,« brummte der Förster. + +»Ja, in die glückliche Zeit meines Daseins war ich hineingeraten, und es +stimmte alles zusammen -- ein ganzes Jahr lang! + +»Ich hatte es in jeder Beziehung gut. Mein damaliger Prinzipal war ein +drolliger alter Kauz, über den ich etwas mehr sagen muß; denn er +verdient das, meinet- wie seinethalben in jeder Beziehung. Er war +Apotheker mit Liebe; aber mit einem gewissen Wahnsinn ein Enthusiast für +die hohe Wissenschaft Botanik, und er war in der That ein bedeutender +Pflanzenkundiger. So lange es anging, hatte er seine Provisoren und +Gehilfen die Offizin versorgen lassen und war selber in Wald und Feld +seinem Lieblingsstudium nachgegangen. Als ich aber in sein Haus eintrat, +hatte sich das eben geändert. Er war über sechzig Jahre alt, seine Augen +waren allmählich schwach geworden, sein Rücken steif; und wenn er sich +zwischen Berg und Thal nach einem Gewächs bückte, so kam er nur mit +Stöhnen und einem verdrießlichen Griff nach dem Kreuz wieder in die +Höhe. Ich kam, und er stellte ein botanisches Examen mit mir an, das an +Schärfe nichts zu wünschen übrig ließ, gottlob aber ziemlich gut +ausfiel, und von dem all' mein späteres Wohlsein in seinem Hause den +Ausgang nahm. Nach dem Examen überreichte er mir als Zeichen seiner +Zufriedenheit ein Exemplar von Stöver's Leben des Ritters Karl von Linné +und hielt mir eine Rede über die Märtyrer unserer >Göttin<, und empfahl +mir vorzüglich zur Nachahmung das größte botanische Genie des +sechzehnten Jahrhunderts, den Meister Charles de l'Ecluse, -- Carolus +Clusius aus Arras in den Niederlanden, der im Dienste der Wissenschaft +im vierundzwanzigsten Jahre die Wassersucht bekam, im neununddreißigsten +Jahre in Spanien mit dem Pferde stürzte und den Arm brach und gleich +nach der Heilung den rechten Schenkel; -- der im fünfundfünfzigsten +Jahre in Wien den linken Fuß brach und acht Jahre später sich die rechte +Hüfte verrenkte, -- der fortan an Krücken gehen mußte, einen Bruch und +Steinschmerzen bekam und doch das wundervolle Buch: _Variarum plantarum +historia_ schrieb und für alle kommende Zeiten wie ein glorreich helles +Licht aus dem dunklen Jahrhundert, in welchem er lebte und wirkte, +herüberleuchtete. Darauf schickte er mich in _re herbaria_ auf die Jagd +und blieb selber seufzend zu Hause, versorgte die Praxis und +durchblätterte seine Kräuterbücher, die wirklich merkwürdig in ihrer Art +waren und nach seinem Tode sicherlich auf den Mist geworfen sind. Zu +jeder Jahreszeit fast hatte ich für ihn das Land abzulaufen, denn er +war auch in der Kenntnis der Moose bedeutend, und in den Monaten, wo die +übrige Flora in ihrer Pracht steht, ging ich fast täglich meilenweit ins +Land oder in die Berge, um irgend eine einzige Pflanze zu suchen, auf +deren Besitz und Studium er augenblicklich sein Herz gewendet hatte. +-- Das war eine schöne Zeit! das waren Tage, wie ich sie seit Jahren +nicht in so ununterbrochen glücklicher Folge durchlebt hatte, und da +ich, wie gesagt, auch bald den Namen und das Bild meiner Braut mit mir +auf die Höhen und sonnigen Halden und in die schattigen Thäler nehmen +konnte, so ist denn weiter nichts mit dem Scheine zu vergleichen, wie er +mir damals über der Erde und in der Seele lag. Daß ich Rad durch den +Sonnenglanz auf den Bergen geschlagen hätte, will ich aber nicht gesagt +haben. Im Gegenteil! in die Lust am Leben machte sich immer ein +bänglicher Zug. Kam ich aus meinen Wäldern zurück in die kleine, +winklige Stadt, wieder hinein in das Gewirr und zänkische Durcheinander +selbst dieser wenigen Menschen, so wurde mir oft sogar sehr bänglich zu +Mute.« + +»Das geht allen Leuten so, die ihr Geschäft viel im Freien aufhält, mir +auch!« sagte der Förster Ulebeule. + +»Aber noch lange,« fuhr der Erzähler, ohne auf die Unterbrechung weiter +zu achten, fort, »noch lange war und blieb im Freien alles für mich +Gegenwart, und erst nach und nach wurde drinnen im Städtchen alles +Zukunft, sorgenvolle, angstvolle, nebelige Zukunft: + +»Was soll denn eigentlich zuletzt aus dir und deinem Mädchen werden? + +»Ich habe es schon gesagt, daß die richtige Schwerblütigkeit mich erst +im zweiten Jahre meines dortigen Aufenthalts übermannte. Im Anfange +blieben die trüben sorglosen Gedanken bei jedem Ausmarsche innerhalb der +alten Mauern der Stadt eingeschlossen zurück; erst nach und nach +begleiteten sie mich über das Weichbild hinaus und folgten mir weiter +und weiter, bis im dritten Frühlinge der dunkle Finger mir überall auf +meinen Wegen drohte und der Prinzipal die Bemerkung machte, daß ich +anfange, bedeutend abzumagern, und mich wohlmeinend und besorgt an +verschiedene nerven- und magenstärkende Droguen unserer Materialkammer +verwies. + +»Ach, kein Arzneistoff konnte mir wieder zu vollerer Leibesrundung +verhelfen! Zwischen Hypochondrie und gutem Lebensmut hin- und +hergeworfen, schweifte ich umher, bis ich den Mann fand, der mir half! + +»Meine Herren und lieben Freunde, in eben diesem Sommer machte ich eine +Bekanntschaft, eine seltsame, geheimnisvolle und, wie Johanne sagte, +eigentlich unheimliche Bekanntschaft. Ihr habe ich es zu danken, daß ich +heute der Besitzer dieser Apotheke >zum wilden Mann< bin, und sie ist +bis heute, -- ja bis heute, und also länger als dreißig Jahre das +ungelöste Rätsel, das Mysterium in meinem Leben geblieben --« + +»Erzählen Sie, o erzählen Sie!« rief der Pastor atemlos, den Erzähler in +der besten raschesten Mitteilung seines Berichtes aus übergroßer +Spannung unterbrechend, und Herr Philipp Kristeller benutzte die +Gelegenheit, um Atem zu schöpfen, ehe er fortfuhr. + +Es schien ihm aber wirklich daran gelegen zu sein, das Geheimnis seines +Lebens von der Seele los zu werden, und so fuhr er fort: + +»Ich fand einfach einen Weggenossen und so zu sagen Kollegen auf meinen +Gängen, einen jungen wohlgekleideten Mann, der sich gleichfalls mit der +Botanik beschäftigte, nur um ein Weniges jünger als ich zu sein schien +und sich als ein Naturfreund und Pflanzenkenner auswies, der selbst +meinen Prinzipal im verständnisvollen Eindringen in unsere hinreißende +Wissenschaft übertraf. Aus der Gegend war er nicht, seinen Namen haben +wir nie recht erfahren; wir nannten ihn Herr August und später auch +einfach August. Sein Familienname war das aber jedenfalls nicht. + +»Der Zufall stieß uns an einem heißen Julinachmittage auf einer +abgeholzten, glühenden Berglehne unter den manneshohen Fingerhutbüschen +zwischen dem Gewirr der Granitblöcke die Köpfe zusammen und ließ uns +sofort höflich das Handwerk grüßen. Zuerst begrüßten wir jedoch +natürlich höflich uns selber und betrachteten einander. Was der Fremde +an mir sah, weiß ich nicht; mir steht er heute noch so klar und deutlich +wie damals vor den Augen. Es war ein junger Mann, wie gesagt, ungefähr +von meinem Alter, hochgewachsen, wohlgebaut, von schwarzem Haar und mit +einem ernsthaften, energischen Gesicht von etwas gelbweißer, jedoch +keineswegs krankhafter Farbe. Den Kopf trug er ein wenig gesenkt, und +seine Stimme war wohllautend, er gebrauchte sie aber nur zu selten. +Während unseres ganzen Verkehrs überließ er es mir vollständig allein, +die Unterhaltung zu führen; und wie ihr wißt, liebe Nachbarn, bin ich +stets für einen lebhaften mündlichen Verkehr gewesen -- vielleicht oft +nur zu sehr.« + +An dieser Stelle hatte die Schwester etwas zu sagen, und etwas unmutig +rief sie: + +»Bester Bruder, sie reden im Dorfe doch schon dumm genug von dir!« + +Der geistliche Herr lächelte; aber der Förster lachte laut und rief: + +»Ja, Fräulein Dorette, für den Anstand ist seine Natur freilich nicht +eingerichtet, das habe ich zweimal in Erfahrung gebracht und werde es +mit meiner Einwilligung nicht zum drittenmal erleben. Das ist so! er +hält jedem Fuchs, der herüberwechselt, eine Standrede, ehe er losbrennt +und vorbeipafft. Aber hingegen bei einem Treiben wäre er wohl an Ort und +Stelle, und eine Hasenklapper ist auch ein recht nützliches Ding.« + +»Ich danke Ihnen für Ihre Bemerkung, Ulebeule!« sprach das alte +Fräulein spitz und kurz, und jetzt lächelte Herr Philipp Kristeller und +ließ sich nicht weiter auf seinem Wege aufhalten. + +»Ich gab also, wie es nicht anders sein konnte, meiner Natur nach. Ich +erzählte dem neuen Bekannten so nach und nach von allem, was mir an mir, +meinem Leben und Zuständen wichtig dünkte. Um alles, von meiner Geburt +an, wußte er bald Bescheid; was ich von ihm dagegen erfuhr, war so wenig +als möglich, das heißt gar nichts! -- Aber ein guter Gesellschafter war +er doch, und wurde ein immer besserer, je häufiger wir uns trafen. Wir +fingen an, die Plätze miteinander zu verabreden, an welchen wir uns +finden wollten, und er, als der freiere Mann, war stets am Orte. +Manchmal begleitete er mich bis an den Hügelhang, an welchem die Stadt +liegt; allein so oft ich ihn auch einlud, nun auch mit mir in dieselbe +hinunterzusteigen, so lehnte er das stets bestimmt ab, ohne einen Grund +für die Weigerung anzugeben. Am Waldrande über dem Nordthore nahm er +stets Abschied, drückte mir die Hand und ging zurück. In der Stadt und +Umgegend kannte ihn keiner, so oft und viel ich auch die Leute nach ihm +ausfragte. Gesehen hatte ihn wohl mancher, und manchem war er auch in +seinem Wesen und Treiben aufgefallen; doch nähere Auskunft über ihn +wußte niemand zu geben. In einem Dorfe, mitten in den Bergen, hatte er +für ein Pferd und einen leichten Wagen ein Standquartier, doch auch da +nannte man ihn einfach nur Herr August und hielt ihn für einen Studiosen +aus der Universitätsstadt in der Ebene, der, >wie schon viele<, von dort +in die Berge komme, um >die Kräuter zu verstudieren<.« + +»Scheint mir eine kalte Fährte gewesen zu sein,« meinte der Förster, und +der Pastor war derselben Meinung. + +»Ich gab auch nichts darauf,« erzählte Herr Philipp weiter, »sondern +setzte den Verkehr fort, wie er sich eben machte, und nachdem ich mit +dem Herrn August ein halbdutzend Male zusammengetroffen war, fügte es +der Zufall, daß er auch meine Braut kennen lernte. Die hatte mit ihren +Verwandten und Bekannten an einem schönen Sonntage einen Ausflug in den +Wald gemacht, und da trafen wir, -- als Johanne und ich uns von der +lustigen Gesellschaft abseits geschlagen hatten und allein für uns +gingen, auf einem überwachsenen Pfade auf meinen geheimnisvollen Freund. +Wir gingen Arm in Arm, und er ging wieder einsam, und sein Gesicht war +ernster und trüber denn je. Als er uns erblickte, erhellten sich seine +Mienen zwar, aber nicht auf lange. Er wollte mit uns fröhlich und heiter +sein; aber es gelang ihm schlecht. Er sprach sehr gut und freundlich zu +meinem Schatz; doch je länger er mit uns ging und je munterer wir auf +ihn einplauderten, desto stiller wurde er. Und als nun gar die übrige +Gesellschaft singend, lachend und jubelnd zu uns stieß, da war er +plötzlich wieder verschwunden, und wir sahen ihn an jenem fröhlichen +Tage nicht mehr. >Du, Philipp, der hat ein großes Unglück erfahren oder +windet sich noch durch ein solches<, sagte mir Johanne nachher; >Philipp, +der Mensch thut mir unendlich leid; -- ist es dir denn noch niemals bange +und traurig in seiner Nähe zu Mute geworden?< + +»Die Weiber haben in der Hinsicht einen feinen Blick und Sinn, und sie +verstehen es, uns Mannsvolk auf manches aufmerksam zu machen, was man +gefühlt hat, ohne daß es einem im Bewußtsein klar geworden ist. Ich +stutzte, und jetzt zuerst fiel es auch mir bei, daß mein schweigsamer +Freund auch mir schon einige Male sehr leid gethan habe. Bänglich war's +mir freilich noch nicht in seiner Gesellschaft zu Mute gewesen; doch +schon auf dem lustigen Heimwege nach der Stadt war es mir ganz klar, daß +von nun an auch das Bangen mich zu Zeiten wohl überkommen könne. Von +jenem Tage an achtete ich schärfer und schärfer auf meinen Freund +August, und dann einmal fragte ich ihn mit aller Aufbietung meiner +Beredsamkeit und Überredungskraft, was ihm eigentlich fehle und ob es +durchaus nicht möglich sei, daß ich ihm helfe? Ich beschwor ihn +inständigst, doch ein Herz zu fassen und alles, was ihn drücke, mir +mitzuteilen. Ich sagte ihm, daß ich mein Blut und meine Seele dran geben +würde, ihm zu helfen, und fügte auch sonst noch bei, was man bei einer +solchen zum Zittern aufgeregten Gelegenheit ernstlich und innig einem +geliebten, geschätzten und geachteten Menschen sagen kann. Natürlich +versuchte er zu lachen und versicherte mich, er befinde sich körperlich +wie geistig vollkommen wohl, sein Gewissen sei durchaus nicht durch +irgend eine unaussprechliche Schandthat belastet; aber für sein +Temperament könne er freilich nichts, und es sei in der That ein +ziemlich unbehagliches zu nennen und schon Mehreren aufgefallen. Er +sagte, er habe ein unglücklich Blut von seinen Vorfahren geerbt, und +wahr sei, daß er es stets kräftig und aufmerksam im Zaume halten müsse, +wenn nicht jeder Tag, den er lebe, zu einem jähzornigen bösen Ende +gelangen solle. Er dankte mir herzlich für meine Güte, wie er's nannte, +und es war mir fast, als sähe ich eine Thräne in seinen Augen, allein +das mochte doch wohl eine Täuschung sein, denn ein solches römisches +Münzengesicht, wie das seinige, war auf dergleichen Weichheiten hin +nicht in die gehörige Form gegossen.« + +»Was für eine Art Visage hatte er, Kristeller?« fragte der Förster +Ulebeule. + +»Ein Gesicht wie die Kaiser Nero, Caracalla oder Caligula auf ihren +Dukaten!« erläuterte der Pfarrherr, und der Apotheker »zum wilden Mann« +schüttelte den Kopf, glaubte sich aber jeder anderen Antwort überhoben +und ging in seiner Erzählung weiter: + +»Meine Braut hatte ihm sehr gefallen. Er lobte ihr Äußeres und alles, +was sie während des kurzen Zusammenseins gesprochen hatte, ausnehmend. +Er nannte sie ein liebes, braves Mädchen -- was sie wirklich auch war +-- und er sprach mit tiefen Seufzern den Wunsch aus, eine ihr gleichende +Schwester zu haben. Da erkundigte ich mich denn selbstverständlich noch +einmal nach seinen Familienverhältnissen, er aber versicherte mich, daß +er ganz allein in der Welt stehe, Vater und Mutter durch den Tod +verloren und Geschwister nie gehabt habe; und wie um das Gespräch +schnell zu wenden, fragte er seinerseits, ob der Tag meiner Hochzeit +bereits festgesetzt sei. + +»Als ich ihm nun gesagt hatte, wie es sich damit verhalte, seufzte er: +>O, könnte ich Ihnen helfen, Philipp, so würde es heute noch geschehen!< +-- -- Wie er mir half, und weshalb der Ehrensessel da seit dreißig +Jahren leer steht und auf ihn wartet, das will ich euch jetzt sagen.« + + + + +Fünftes Kapitel. + + +Die kleine Gesellschaft in dem bilderreichen Hinterstübchen der Apotheke +»zum wilden Mann« war dicht am Tische zusammengerückt. Sie wußten, daß +der alte Freund nicht übel zu erzählen verstehe, doch so wie heute hatte +er seine Gabe noch nicht gezeigt. Dem Förster Ulebeule war die Pfeife +ausgegangen, Schwester Dorette hielt die Hand des Bruders fest in der +ihrigen und der Pastor _loci_ klopfte leise mit der Dose auf dem Tische +und sagte: + +»Also endlich! -- Kein Mensch sollte es doch für möglich halten, daß +einen solch braves Möbel, wie ein weichgepolsterter Lehnstuhl, dreißig +Jahre lang auf die Folter spannen könne. Lieber Kristeller, dieser +Sessel da hat mich in der That dreißig Jahre lang auf die Folter +gespannt!« + +Sie lachten doch trotz ihrer Erregung, und der Herr Philipp lachte mit +und erzählte dann weiter. + +»Der Sommer ging, der Herbst kam. Es wurde September und es wurde +Oktober, und die Pracht und Fülle der Natur ging für dieses Jahr auf +die Neige. Mein Prinzipal, der zur Zeit der Äquinoktialstürme stets +anfing, an Gesichtsschmerzen zu leiden, war gezwungen, mich nun fester +an die Offizin zu binden. Es ging wohl ein Monat hin, ehe er mich wieder +in die Weite schickte; -- am 15. Oktober aber jagte er mich drei Meilen +weit nach jener berühmten Felsgruppe, die ihr alle unter dem Namen der +Blutstuhl kennt, einer Moosart wegen, die um diese Zeit dort blühte und +zwar nur dort allein. + +»Ich war damals auf dem Blutstuhle, doch nachher nicht wieder. Ich habe +eine Furcht vor dem wilden Orte behalten, trotzdem daß damals mir das +gegeben wurde, welches dieses Haus in meinen Besitz brachte und mir das +Leben, wie ich es geführt habe, möglich machte. Das Rätsel liegt noch +ungelöst da. Wenn ihr, meine Freunde, nachher euren Scharfsinn daran +prüfen wollt, so soll es mir lieb sein. Ich habe es aufgegeben, nachdem +ich ein Menschenalter darüber habe nachgrübeln müssen, und jetzt wird es +ja auch wohl gleichgültig sein, ob einer hier im Kreise noch zuletzt das +rechte Wort findet. Jenen Tag aber, diesen mir bedeutungsvollen 15. +Oktober, werde ich euch nun mit allen seinen Umständen so genau als +möglich schildern, und ihr müßt es euch schon gefallen lassen.« + +»Kein Hase macht neugieriger seinen Kegel als ich!« rief der Förster. + +»Lieber Gott, welch ein Abend!« sagte der geistliche Herr. »Hören Sie +nur diesen Sturm! O erzählen -- erzählen Sie!« + +In der That ein stürmischer Abend! Je weiter die Nacht vorschritt, desto +wilder tobte es von Norden her gegen das Gebirge heran, und die Apotheke +»zum wilden Mann« bekam ihr volles Teil. + +»Solch ein Wetter war es an jenem Tage nicht,« sagte Herr Philipp in +seinem gewohnten Tone, ruhig und gelassen, wie jemand, der eben ein +Menschenalter Zeit hatte, ein Erlebnis zu überdenken. Er wurde aber +auch noch einmal unterbrochen, denn es kam ein Kunde und holte für einen +Groschen Bittersalz und setzte eine Viertelstunde lang dem Verkäufer +auseinander wozu; -- was beides auch Zeit hatte bis morgen, wie Ulebeule +mürrisch bemerkte. Die Schwester jedoch benutzte die Pause, die +chinesische Schale auf dem Tische von neuem zu füllen, und endlich +erfuhren die Freunde doch, was der Apotheker Kristeller an jenem 15. +Oktober erlebte. + +»Um neun Uhr morgens zog ich mit meinem Auftrage, das Frühstück in der +Tasche, die Botanisierbüchse auf dem Rücken, vom Hause, das beiläufig +das Zeichen >Zum König David< führte, ab; bei stiller Luft und dichtem +Nebel und diesmal im höchsten Grade geknickt und gebrochen. Ich hatte +Grund dazu, melancholisch auch in die schönste Witterung hineinzusehen! +Am Abend vorher hatte Johanne's Onkel mich bitten lassen, ihn doch +einmal auf ein Viertelstündchen zu besuchen, und ich hatte ihn besucht, +und er hatte mich zwei Stunden lang unterhalten. Zwei Stunden lang hatte +er mir eindringlich zugeredet, endlich doch ein Einsehen zu haben und +mir meine Lebensaussichten einmal recht klar zu machen und seine Nichte +-- nicht unglücklich! Kurz gesagt, er hatte mich aufgefordert, meiner +Braut ihr Wort zurückzugeben, und dafür seiner -- des Onkels -- ewigen +Freundschaft und Zuneigung gewiß zu werden. Und der Mann hatte in allem, +was er sagte, Recht gehabt, und er hatte nicht nur verständig, sondern +auch gutmütig gesprochen. Ohne die geringste Leidenschaft und +Zornmütigkeit hatte er mir seine und der Welt Meinung vorgetragen: er +hatte nichts gegen mich einzuwenden -- ich war ihm sogar sehr lieb und +wert, -- und doch! Ich war eben nach Hause gegangen oder vielmehr +getaumelt und hatte die Nacht über auf dem Stuhle vor meinem Bette +gesessen und die Stirn mit beiden Händen gehalten -- durch dieses +verständige Zureden unfähig zu allem und jedem Überlegen und +vernünftigem Überdenken: daß Johanne, meine arme, liebe Johanne, diese +selbige Nacht durchweint habe, wußte ich dazu. Betäubt verstand ich den +Prinzipal, der ebenfalls an Schlaflosigkeit litt, kaum, als er schon um +fünf Uhr mit dem Nachtlichte in der Hand an meine Thür kam, um mir +seinen neuen Herzenswunsch mitzuteilen und mir seinen Auftrag für den +Tag zu geben. Verdrießlich ging er, nachdem ich ihn endlich begriffen +hatte, seinen verbundenen Kopf schüttelnd, und ich hörte ihn noch auf +der Schwelle deutlich genug murren: + +»>Auch der wird mir wieder mal unter den Händen zum Narren!< + +»>Schreiben Sie dem Mädchen einen braven, ehrlichen, freundlichen Brief, +in welchem Sie das Nötige mit etwas Poesie meinetwegen sagen. Ich will +ihn abgeben und das Meinige, ohne Poesie natürlich, beimerken -- und +dann lassen Sie dem Jammer und meinetwegen auch sich selber in Ihrem +Elend alle Zeit -- es wird schon alles recht werden,< hatte mir der +Onkel vorigen Abend zum Beschlusse seiner schönen Rede geraten, -- und +dabei sollte man denn nicht zum Narren werden!! -- Das blühende Moos +drei Meilen ab vom >König David<, dem Hause des Herrn Onkels und meiner +Braut, war unter diesen Umständen in Wahrheit der einzige Trost, der mir +in der Welt wuchs. Ein Tag wurde wenigstens durch den Weg und das +Aufsuchen für mich und mein armes Kind gewonnen, und wie sich der Mensch +in seinen Nöten an den e i n e n Tag, die e i n e Stunde, die e i n e +Minute klammert, wer hätte das nicht schon in irgend einer Weise +erfahren? + +»Ich schlich selbstverständlich unter Johanne's Fenster vorbei. Mein +Mädchen erblickte ich nicht; aber den Onkel sah ich. Er stand mit der +Pfeife hinter den Scheiben und schien nach dem Thermometer zu sehen; +seine eigene Temperatur hatte sich seit gestern Abend nicht verändert, +denn er zog höflichst die Nachtmütze ab und erhob dabei den +Zeigefinger. Der Gestus konnte nichts anderes bedeuten als: Vergessen +Sie nicht, mein Bester, was ich Ihnen gesagt habe; ich bestehe darauf +und weiß, was uns allen gut ist; -- ich bin ein alter erfahrener Kerl +und kenne die Welt ein wenig genauer als ihr guten, jungen, +leichtsinnigen, unerfahrenen Leute -- Auch ich grüßte so höflich und +submiß, wie ich noch nie einen Menschen gegrüßt hatte, und schleppte +mich seufzend matt weiter durch den grauen Dunst des Herbstmorgens. + +»>O wie voll Dornen ist diese Werkeltagswelt<, läßt der englische Poet +Shakespeare eine seiner erdichteten Personen in einem seiner Stücke +sagen. Ich habe diesen Poeten immer gern gelesen und besitze eine +Übersetzung von ihm und habe mir vieles darin unterstrichen. Das Wort +von den Dornen und der Alltagswelt fiel mir diesmal auf die Seele, und +ich wiederholte es mir fort und fort bis auf die Berge hinauf. Freilich +war mir jetzo die Welt nach allen vier Himmelsgegenden durch das +dichteste Dornengestrüpp verwachsen, und daß es eine erbärmliche und in +ihrer Gewöhnlichkeit thränenreiche Werkeltagswelt war, das konnten mir +der Boden unter den Füßen und das Luftgewölbe über mir bezeugen. + +»Der Nebel blieb wohl hinter mir in den Thälern zurück; aber in meiner +Brust nahm ich die Trübe auf die sonnigsten Gipfel mit empor. Ich +schritt rasch zu und tauchte mehrmals das Taschentuch in einen kalten +Waldbach, um es mir dann auf die heiße übernächtige Stirn und die +fiebernden Schläfen zu drücken. Um sah ich mich nicht, und es ist ein +Irrtum oder gar eine Lüge, wenn man behaupten will, daß einem +unglücklichen oder von Not und Sorge bedrängten Menschen eine schöne +Gegend und herrliche erhabene Aussicht zum Heil und zur Genesung +gereiche. Es ist einfach nicht wahr! + +»Im Gegenteil, nichts ist schlimmer für einen Kummervollen, +Schmerzbeladenen als eine weite sonnenklare, in allen süßen Farben der +Erde leuchtende Fernsicht, hoch von einer Bergspitze aus. Es ist arg und +eigentlich furchtbar, aber es ist so: den Sturm, den Regen läßt man sich +in der bösen Stimmung gefallen; aber die Schönheit der Natur nimmt man +als einen Hohn, als eine Beleidigung und fängt an, alle sieben +Schöpfungstage zu hassen.« + +Der Pastor schüttelte hier bedenklich den Kopf; Fräulein Dorette +Kristeller nickte zwar, aber sah doch auch ziemlich bedenklich und trübe +drein; der Förster Ulebeule jedoch klopfte mit der Pfeife auf den Tisch +und rief: + +»Wahrhaftig, es ist etwas dran! Es ist bei mehrerem Nachdenken sogar +ziemlich viel dran. Jeder Kümmerer -- will sagen jedes durch einen alten +Schuß oder durch Krankheit sieche Stück Hochwild will auch von der +Pracht der Schöpfung, an der es in gesunden Tagen sein Wohlsein und +seine Freude hat, nichts mehr wissen. Und wer viel Umgang mit den Tieren +gehabt hat, der weiß, wie wenig der Unterschied zwischen ihnen und dem +Menschen zu bedeuten hat in allen Dingen, die mit Erde, Wasser, Licht +und Luft zusammenhängen. Ihr waret damals ein richtiger Kümmerer, +Kristeller. Der Onkel hatte Euch nicht übel angeschossen, und manch +einen in Eurer Lage hat das Schicksal bald darauf als tot verbellt.« + +»Nun lasset uns weiter hören!« rief der geistliche Herr, und sie hörten +weiter. + +»Was mir selten in der mir so bekannten Gegend passiert war, hatte ich +heute zu erleben; ich verlor mehrmals meinen Weg und fand ihn stets nur +mit Mühe wieder. Die Lebensverwirrung und schlimme Ratlosigkeit war +außer mir wie in mir; aber mein Pfad ging doch immer aufwärts und einen +Kompaß führte ich am Uhrgehäuse glücklicherweise auch mit mir. So wand +ich mich durch den Buchenwald und dann hinein in die Tannenwälder, an +steilen Lehnen, von denen die wunderlichen Granitblöcke der Urzeit in +wahrhaft gespenstischen Formationen herabgerollt waren, schräg in die +Höhe. Dann ging es über kahle, gleichfalls mit wildem, phantastisch +übereinander gestürztem Felsgetrümmer bedeckte Hochebenen -- aus dem +Nebel in das Sonnenlicht. Die Sonne schien um Mittag herbsthell, und ich +holte Atem, auf meinen Weg und die durchwanderten Thäler zurückblickend. +In den Thälern hielt sich der Nebel den ganzen Tag über, und als ich +nach einer Ruhestunde weiterging, schlich er mir leise wieder nach und +holte mich am Nachmittag, als ich den berühmten Platz, zu dem mein +Prinzipal mich diesmal hingesendet hatte, zu Gesichte bekam, richtig +wieder ein; aber freilich nicht mehr als der dichte Qualm der Tiefe, +sondern als ein leichter, alles in ein Zaubertuch einwickelnder Dunst. +Bei einer Wendung des Weges lag die unbeschreiblich grotesk zerklüftete +Steinmasse -- der Blutstuhl, vor mir da. Aus dem Tannendickicht +vortretend, erblickte ich seine höchste Platte sechzig bis achtzig Fuß +über mir; und langsam und ermüdet stieg ich nun noch über den mit kurzem +Gras bewachsenen Boden, um im Schutze der untersten Blöcke Kräfte zu +sammeln für das Suchen und Finden meiner seltenen Lichen-Art. + +»Ihr, Ulebeule, kennt den Blutstuhl. Es ist ein Labyrinth von +Steinklötzen, das einen ziemlich bedeutenden Raum auf der Bergebene +einnimmt. Viele der Gruppen führen wunderliche sagenhafte Namen, die +höchste ist auf ausgewaschenen Treppenstufen zu erklimmen, und von ihr +hat das ganze Geblöck seinen Namen, und in ältester heidnischer Urzeit +unseres Volkes hat es denselben als Opferstelle vielleicht mit vollem +Recht geführt. + +»Ich verzehrte vor allen Dingen trotz meiner trüben Seelenstimmung den +mitgebrachten Proviant nicht ohne Appetit; dann begab ich mich an die +Lösung meiner Aufgabe, die gar nicht so leicht war. Das winzige, +kriechende Ding, das mein Alter in einem frischen Exemplare zu besitzen +wünschte, wuchs keineswegs in jeder Spalte des Blutstuhles. Und mit den +Erlebnissen des letzten Abends, den Bildern der schlaflosen Nacht und +dem Onkel mit der Zipfelmütze am Morgen vor den schwimmenden Augen ließ +sich auch schlecht suchen. + +»So kroch und kletterte ich zwischen dem Gestein umher: eine Flechte +fand ich nicht; aber ich fand etwas anderes, nämlich ein Vermögen!« + +»Ah!« sagte die Zuhörerschaft in dem Hinterstübchen der Apotheke »zum +wilden Mann«. + +»Mühselig in meiner vergeblichen Bemühung hatte ich mich so ziemlich bis +an die Basis der oberwähnten abgeplatteten Gipfelfelsmasse, der +eigentlichen Opferklippe, emporgearbeitet, als plötzlich ein Mensch, wie +es schien im hastigen Aufklimmen von der entgegengesetzten Seite her auf +der Platte erschien und einen Schrei ausstieß, der mich erschreckt +zurückfahren ließ. Die Gestalt, vom Dunst wie alles umher leicht +verschleiert, warf die Arme empor, griff mit beiden Händen in die Haare +und fiel mit einem neuen Aufschrei erst in die Kniee und dann ganz zu +Boden. Ich stand und hielt mich zitternd an dem nächsten Granitblocke, +und es dauerte einige Zeit, ehe ich mich so weit gefaßt hatte, um mir +die Frage vorzulegen: Was ist das? + +»Ja, was war das? was konnte das sein? Ein Betrunkener? Ein +Wahnsinniger? Ein Epileptiker? Ein lebensmüder Unglücklicher, der sich +diesen Ort ausgesucht hatte, um gerade jetzt daselbst zu Ende zu kommen +mit sich? Alle diese Vorstellungen schossen mir nun blitzschnell +nacheinander durchs Gehirn; aber von der Höhe der Opferklippe kam keine +Antwort auf meine Frage. + +»Und es ist deine Pflicht nachzusehen, was und wer es ist! rief es in +mir. Mit zusammengekniffenen Lippen, fest aufeinander gesetzten Zähnen +faßte ich Mut, packte meinen Wanderstock fester, um im Notfall auch auf +einen Angriff gerüstet zu sein, und stieg langsam und vorsichtig die +Steinstufen hinauf, die auf die heilige Opferstelle unserer Vorfahren +führten. Scheu und behutsam hob ich das Kinn auf die Platte; da lag er! +-- Langausgestreckt, bewegungslos, das Gesicht auf den Stein gedrückt, +lag der Unglückliche da, und rasch sprang ich meinerseits nun hinauf, +trat zu ihm, faßte ihn an der Schulter, sprach ihm zu, und nach einer +Weile erhob er auch das Gesicht und stierte mich an. + +»Jetzt schrie ich fast, wie er vorher. Es war mein Kamerad, mein +geheimnisvoller Freund, mein botanischer Wissenschaftsgenosse, und zwar +mit Zügen so verstört, so von Schmerz, Angst und Zorn verwüstet, daß ich +es euch wahrlich nicht, wie es war, schildern kann. + +»Langsam, wirklich wie aus einem epileptischen Zustande sich erhebend, +stand er auf, sah mich blind und meinungslos an, bis ihm nach und nach +das Bewußtsein von Ort, Zeit und Zustand zurückkam. + +»>Philipp<! sagte er tonlos. + +»>O August<! rief ich. + +»>Seid Ihr es, der mich hier gefunden hat?< + +»>O und Ihr -- was habt Ihr? was ist Euch geschehen? Ich möchte Euch so +gern helfen.< + +»>Und könnt es ganz und gar nicht. Es wäre besser, Ihr ginget und ließet +mich hier, wie Ihr mich fandet. Ich bin für keines Menschen Gesellschaft +mehr tauglich.< + +»Er sprach dieses alles so vernünftig, so gesetzt und ruhig, daß seine +Verstörung mir dadurch nur noch herzzerreißender in die Seele drang. Ich +wollte seine Hand fassen, doch er zog sie schnell und wie ergrimmt +zurück und schrie: + +»>Nein, nein! das ist zu Ende, Herr -- Herr Kristeller. Ich habe heute +mit dieser Hand mein Schicksal besiegelt und werde sie niemandem mehr +als Zeichen der Freundschaft, der Zuneigung, der Liebe geben. Haltet +mich nicht für einen Narren -- o ich wollte, ich wäre es; aber ich bin +es nicht! Seit drei Tagen wäre es mir eine Wohlthat, wenn die letzte +Faser, die den Geist noch an eure Welt -- eure Alltagswelt bindet, +abrisse, und wenn man mich fände, wie man sonst wohl schon arme irre, +verlorene Menschen in der Wildnis gefunden hat. Kein anderes Gesicht +wäre mir heute so lieb gewesen als das deinige, Philipp; aber meine Hand +gebe ich dir doch nicht. Sieh da rund herum, sieh, wie die Städte und +Dörfer ausgestreut sind; -- sieh, alle diese hunderttausend +Menschenwohnungen sind mir von jetzt an verschlossen: ich habe keinen +Verkehr mit euch mehr, ich bin allein; es giebt keinen anderen Menschen +mehr auf Erden, der so allein ist wie ich!< + +»>Aber ich bin da! mich hat das Schicksal gerade zu dieser Stunde zu dir +geführt, um bei dir zu bleiben! Meine Braut, mein Mädchen habe ich +verloren, oder sie soll mir doch genommen werden. Mir ja auch +verschließt sich die Welt. Laß uns einander zum Rat und Trost sein!< + +»Nun war es, als ringe er in der Tiefe seiner Seele mit einem gewaltig +starken Gegner, und dann war es, als ob er dem Feinde obgesiegt habe, +und dann war es, als stehe er triumphierend mit dem Fuße auf der Brust +des Niedergeworfenen. Er knirschte mit den Zähnen und rieb sich die +rechte Hand, als sei sie feucht und er müsse sie trocknen. Zuletzt sah +er mich scharf und kalt an und sagte leise: + +»>Lieber Herr, Sie können mir doch von keinem Nutzen sein. Ich bitte +Sie, sich keine Mühe zu geben. Sehen Sie, Kristeller, ich habe nie in +meinem Leben anders gesprochen, als meine Meinung war. Auch ist heute +Methode in meinem Wahnsinn gewesen; ich habe mich nicht ohne eine +gewisse Absichtlichkeit auf diesem kalten und harten Steine +niedergeworfen. Mein Herzblut ist durch diese Rinne niedergelaufen, wie +einst das Blut der fränkischen Gefangenen aus dem Heerbann des Kaisers +Karl durch dieselbe niederrieselte. Übrigens bin ich allein und will +allein sein. Gehen Sie, bester Herr, ich verstehe Ihre Gefühle, Ihre +gute Gesinnung gegen mich vollkommen, und wir wollen auch sicherlich +einander treu im Gedächtnis behalten, -- leben Sie wohl, Philipp +Kristeller.< + +»Das war kühl und abstoßend genug, aber ich war auch Psycholog genug, um +zu wissen, aus welchem ganz anders bewegten Grunde dieser Ton +heraufquoll. Es ging nicht an, den Unglücklichen vor das Gericht der +Eigenliebe zu ziehen und mit einem: So empfehle ich mich denn höflichst +-- umzudrehen und geärgert nach Hause zu laufen. + +»>Es ist ja möglich, daß wir heute für immer Abschied voneinander nehmen +müssen<, sagte ich; >aber weshalb sollen wir es denn in dieser Art thun?<« + +»Da brachen dem anderen die Thränen aus den Augen. + +»>Nein, nein<, schluchzte er, >du hast Recht, es ist doch nicht die rechte +Art!< + +»Er warf mir die Arme um den Hals und küßte mich und schien mich nun +nicht von sich lassen zu können. + +»>Lebe denn wohl, du Guter, -- denke nur an mein Elend und nichts +anderes an mir! Sieh mir nicht nach; du sollst noch einmal von mir +hören, Philipp! Lebewohl, lebewohl!< + +»So hielten wir uns lange, und dann schieden wir in der That +voneinander. Ich habe ihn nicht wiedergesehen; aber gehört habe ich +freilich noch einmal von ihm; -- er hat mir einen Brief geschrieben; und +ich bin seit dreißig Jahren der Besitzer der Apotheke >zum wilden +Mann<!« + + + + +Sechstes Kapitel. + + +Der Pastor und der Förster hatten sich auf ihren Stühlen zurückgelehnt +und blickten nach der Decke. Die Schwester hatte die Hände im Schoße +zusammengelegt und sah auf den Bruder; man hörte den Sturmwind einmal +wieder recht deutlich, und nachdem man lange genug geschwiegen hatte, +sprach der Förster, wie es schien, um etwas zu sagen: + +»Es wird jetzo auch um den Blutstuhl tüchtig pfeifen und sausen.« +Sonderbarerweise fügte er dann hinzu: + +»Einunddreißig Jahre sind eine lange Zeit!« + +»Freilich!« sagte der geistliche Herr, wendete sich dann an den +nachdenklichen Hausherrn und fragte: + +»Und Sie haben gar keine Ahnung, was er seines Zeichens war, und wie er +eigentlich hieß?« + +»Entschuldigen Sie, meine Herren,« erwiderte Herr Philipp Kristeller und +ging zum letztenmal in dieser Nacht, um seinen Archivschrank in seiner +Offizin zu öffnen. Mit einem einzelnen Briefe in einer weiten, sonst +leeren Hülle kam er zurück, reichte das mit mehreren Poststempeln und +fünf abgebröckelten Siegeln bedeckte Couvert dem Förster Ulebeule und +den Brief dem Pastor Schönlank, setzte sich langsam, legte die Hand über +die Augen, brachte seine Pfeife von neuem in Brand und wartete ruhig die +Wirkung der Papiere auf die Hausfreunde ab. + +»Inhalt -- neuntausend -- fünfhundert Thaler in Staatspapieren!« +murmelte der Förster. »Frei! -- Herrn Philipp Kristeller! --« + +»Sehr wunderbar!« rief der Pfarrer seinerseits, das Begleitschreiben +überfliegend. »In der That ein seltsamer Brief! Eine rätselhafte, +mysteriöse Sendung!« + +»Zum Henker, so lesen Sie doch laut!« rief der Förster, und der Pastor +las laut: + +»Ein Mann, der den Willen hat, sein Leben von vorn anzufangen, entledigt +sich hier seiner schwersten und verdrießlichsten Last und schickt dem +Freunde das einliegende Geld. Es verschwindet einer und hinterläßt keine +Spur; es ist unnötig und vergeblich, ihm nachzuforschen und nachzurufen. +O Philipp und Johanne, nehmt, was ihn nur niederziehen würde in die +Tiefe. Gründet ein Haus, das feststeht und glückliche, fröhliche Kinder +in seinen Mauern aufwachsen sieht. Lebt wohl, ihr guten Freunde -- lebt +wohl! -- Philipp Kristeller, es grüßt dich -- auf dem Wege zurück zu den +Menschen, + + der Narr vom Blutstuhl. + +Hamburg, am 30. Oktober 183--« + +Der Pastor legte den Brief stumm auf den Tisch, Ulebeule schlug auf den +Tisch, daß sämtliches Gerät emporhüpfte und die Gläser scharf und +bedrohlich zusammenklirrten: + +»Donnerhallo! Na, das muß ich sagen! na, da bitte ich zu grüßen!« + +»Und Ihr habt, selbst mit diesem Schreiben in der Hand, damals nicht +gemeint, dieses alles zu träumen, alter Freund?« fragte der Pastor. + +»Tagelang, wochenlang bin ich wie ein Träumender umhergegangen, nicht +nur mit dem Briefe, sondern auch mit dem Gelde in der Hand. Und es waren +die nüchternsten Staatspapiere und Landesschuldverschreibungen von +verschiedener Herren Ländern! Sie verwandelten sich nicht über Nacht in +gelbe Klettenblätter, -- sie gingen mir nicht vor der Nase in +gespenstischem Dampfe auf; -- sie waren echt und hatten ihren Kurs, und +die Banquiers waren gern erbötig, mir sie umzutauschen oder +umzuwechseln! Ich aber trug sie nebst dem Briefe zu meiner Braut und +fragte die, wie ich mich gegen dieses alles zu verhalten habe -- den +guten Onkel ging ich fürs erste noch nicht um seinen guten Rat an. + +»Auch Johanne hatte natürlich zuerst eine Art von Schrecken zu +überwinden; d a n n aber sagte sie mir verständig und ruhig ihre +Meinung, und ich bin derselben gefolgt. + +»>Dein Freund hat mir leid gethan und ein Bangen erregt durch sein +Wesen; aber nie ein Grauen, als ob er ein schlechter, ein böser Mensch +sei. Ich habe ein großes Mitleiden mit ihm gehabt und hätte ihm gern +helfen mögen in seinem Unglück. Aber sieh, Philipp, er hat mir auch +immer den Eindruck gemacht, als ob er stets genau überlege und wisse, +was er sage und thue. Er hat in seiner Melancholie einen klugen klaren +Kopf; und was uns jetzt so wunderlich scheint und aller Welt als eine +Verrücktheit vorkommen würde, das hat er auch bedacht und sich zurecht +gelegt, und er wird sicher das Beste für sich gefunden haben. Ich +glaube, du darfst das Geld nehmen und es versuchen, dein Glück darauf zu +bauen. Wir wollen es verwalten wie ein Darlehn, Philipp; wir wollen dem +Geber täglich seinen Stuhl an unseren Tisch setzen, wir wollen stets den +besten Platz für ihn frei halten; wir wollen ihn von einem Tage zum +anderen erwarten, und -- dem Onkel wollen wir von einer Erbschaft +sprechen, und du kannst das nur gleich thun; ich nehme die Verantwortung +für die kleine Notlüge gern auf mein Gewissen.< + +»Seht, Nachbarn, das ist denn der Grund, weshalb der Sessel da stets +leer steht, weshalb immer ein Platz an meinem Tische offen gehalten +worden ist, diese ganzen letzten einunddreißig Jahre durch; der Freund +ist aber bis heute nicht zurückgekehrt! Mein Leben von meiner Ankunft +unter euch kennt ihr; -- ihr wißt, wie ich diese bereits zweimal in Gant +geratene Offizin übernahm, und wie es mir in schwerer Arbeit glückte, +den Platz zu behaupten, der meinen Vorgängern so gefährlich geworden +war! Ihr wißt aber auch --« + +»Welch einen großen Schmerz du zu erdulden hattest, Bruder?« rief die +alte Schwester leidenschaftlich erregt. »Nein, nein, sie haben wohl +davon gehört; aber das rechte Wissen haben sie doch nicht davon.« + +»Es war sehr traurig, Fräulein Kristeller,« sprach der Pastor, und +Ulebeule seufzte schwer und murmelte: + +»Ja, ja; aber Ihr seid nicht der Erste, Philipp, dem solcherart das Glas +vor dem Munde weggeschlagen wird.« + +»Das Haus stand; aber die Braut, die junge Frau sollte nicht einziehen. +Sie starb an dem Tage, auf welchen die Hochzeit festgesetzt war, und an +ihrer Stelle habe ich meinem armen Bruder seine Wirtschaft geführt, +diese dreißig Jahre hindurch, dieses Menschenalter, von welchem an +diesem stürmischen Abend so viel die Rede gewesen ist.« + +»Und wir haben unsere Tage in der Stille doch gut verlebt,« sagte der +Apotheker »zum wilden Mann« wehmütig lächelnd. »Wir sind in Frieden grau +geworden, und der Sturm, der vor dem Fenster vorbeibraust, kümmert uns +wenig mehr. Der freie Stuhl ist leer geblieben, und der, für welchen der +Sitz aufbewahrt wurde, hat seine Ruhe wohl auch gefunden, an einem +anderen Orte weit in der Fremde; hoffentlich nachdem er sich, wie er in +seinem wilden Briefe da sagt, zu den Menschen zurückgefunden hatte. Wir +aber, die wir hier miteinander alt geworden sind, wir wollen in Treue +und guter Gesinnung auch fernerhin bei einander bleiben und kein +Ärgernis an einander über die nächste Begegnung hinaus weiter tragen.« + +»Das wollen wir!« sprachen beide Männer wie aus einem Munde. + +»Gewiß, gewiß,« sagte das Fräulein. + + + + +Siebentes Kapitel. + + +Der Regen hatte augenblicklich aufgehört; aber der Wind war dafür um ein +ziemliches heftiger geworden. Nach dem, was da erzählt worden war, ließ +sich ein gleichgültiges Gespräch nicht leicht anknüpfen, und doch fühlte +jeder das Bedürfnis dazu im hohen Grade. + +Als Ulebeule sich endlich zusammennahm und kläglich sagte: + +»Es ist doch ein tüchtiger Wind!« machte Fräulein Kristeller freilich +die dazu gehörende Bemerkung: + +»Ach ja, und die armen Leute, die jetzt auf dem Wasser sind!« aber das +Gespräch war damit doch wieder zu Ende und fiel kläglich zu Boden. Herr +Philipp hatte seinen schicksalvollen Brief wieder in das gelbgewordene +Couvert geschoben und trat eben mit demselben in die Thür seiner +Offizin, als er stehen blieb und rief: + +»Da ist der Doktor!« + +»Der Doktor!« riefen aufatmend und mit glatt auseinander sich legenden +Mienen alle ihm nach. »Der Doktor! richtig, er wird es sein.« + +Er war es. Man vernahm draußen vor den Fenstern der Offizin, nicht des +Hinterstübchens, Rädergeknarr, das Stampfen eines Gaules, +Peitschengeknall und dazwischen eine laute joviale Stimme: + +»Holla, heda! Giftbude! Lichter an die Fenster! Bist du da, Friedrich, +so reiß' das Scheunenthor auf und leuchte, daß wir die Karete und uns +aus der Sündflut und dem sonstigen Orkane in Sicherung bringen!« + +Das alte Fräulein lief schnell hinaus und dem gern gesehenen dritten +Hausfreunde entgegen. Behaglicher lehnten sich der Förster und der +geistliche Herr auf ihren Stühlen zurück. Der Apotheker stand lächelnd +mit seinem vergilbten Briefe in der Hand da und horchte mit den andern. +Schon hörte man jetzo auf der Hausflur des Doktors lustige Stimme, +dazwischen die Stimme Dorothea's, und dann sprach noch jemand darein, +gleichfalls kräftig-heiter. + +»Er kommt nicht allein. Er bringt uns einen Gast oder sich einen +Patienten mit,« sprach der Apotheker »zum wilden Mann«, und sofort +zeigte es sich, daß das erstere der Fall war. Weit flog die Thür, die +von der Hausflur in das bilderreiche Hinterstübchen führte, auf, und mit +dem Landphysikus _Dr._ Eberhard Hanff trat der Gast ein, höflich auf der +Schwelle um den Vortritt sich mit Fräulein Dorothea bekomplimentierend. + +»Keine Umstände, Herr Oberst,« rief der Doktor, den ältlichen, +breitschulterigen, stattlichen alten Herrn mit dem schneeweißen Haar, +den schwarzen scharfen Augen im munteren tiefgebräunten Gesichte weiter +vorschiebend. Und ohne alle weiteren Umstände stellte er vor: + +»Colonel Dom Agostin Agonista -- im Dienste Seiner Majestät des Kaisers +von Brasilien, -- von mir aufgegriffen auf dem Wege zum wilden -- ach, +Herrje, Punsch?! -- o Oberst, habe ich es nicht gesagt? Fräulein +Dorette, Sie wissen meine Gefühle und Gemütsstimmungen doch immer auf +drei Meilen Weges hinaus zu ahnen; -- Punsch!! Die Herren werden sich dem +Herrn Oberst am besten selber bekannt machen. Ach, Fräulein Dorette, je +bösartiger die Witterung, desto inniger die Ahnung Ihrerseits; -- +erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Hand küsse. + +»Lassen Sie das dumme Zeug nur und hängen Sie lieber Ihren Mantel an den +Haken,« sprach die Schwester des Apothekers, »der Herr Oberst ist uns +sehr willkommen, und wir bitten höflichst, Platz zu nehmen.« + +Der Landphysikus pflegte die Leute, die er dann und wann auf seinen +Berufswegen »als Gäste aufgriff« und in irgend ein beliebiges Haus mit +sich nahm, stets in einer ähnlichen Weise vorzustellen und sie dadurch +gewöhnlich in nicht geringe Verlegenheit zu bringen. Der brasilianische +Oberst jedoch ließ sich nicht so leicht in Verlegenheit setzen. Er +wendete sein munteres, vernarbtes altes Soldatengesicht heiter und hell +im kleinen Kreise umher und sagte mit dem leisesten Anhauch eines +fremdartigen Accentes: + +»Meinerseits nenne ich dieses einen raschen Überfall, meine Dame und +meine Herren, und bitte sehr um Entschuldigung wegen dieses nächtlichen +Eindringens. Der Herr Doktor fand mich freilich in einer höchst +erbärmlichen Schenke am Wege durch den Sturm und die Nacht festgehalten +hinter dem Tische und hat in der That in der freundlichsten Weise den +barmherzigen Samariter gespielt. Er nahm mich in seinen Wagen auf und +bot mir ein besseres Nachtquartier in dieser Ortschaft an. Ich folgte +ihm gern, und dann hielt er vor diesem Hause an, -- um einen +>Kristeller< zu nehmen, wie er sagte, -- auf einen Moment, wie er sagte, +und ich kam mit ihm herein, um auch einen >Kristeller< zu mir zu nehmen, +und mein Name ist wirklich Agonista, und ich bin Oberst in +brasilianischen Diensten.« + +»Mein Name ist Kristeller; aber der Doktor, mein lieber Freund, nennt +einen Liqueur so, dessen Erfindung mir gelungen ist, Herr Oberst,« sagte +der Apotheker. »Übrigens ist uns allen hier Ihr Eintritt in unseren +kleinen Kreis eine Ehre und ein großes Vergnügen.« + +Der Pastor und der Förster sprachen nun gleichfalls ihre Befriedigung +über die zeitgemäße Ankunft des interessanten Fremden aus. Man +schüttelte sich die Hände und schob von neuem die Stühle an den Tisch. + +»O -- Fräulein Dorette, ich habe Ihnen wie gewöhnlich mein Kompliment zu +machen!« rief der Landphysikus _Dr._ Eberhard Hanff, in Extase nach +einem langen Zuge die Nase aus dem Dampfe des Getränkes des Abends in +die Höhe hebend. »Finden Sie jetzt nicht auch, Colonel, daß wir hier +besser aufgehoben sind als dort in der Kneipe >zum Krug ohne Deckel< +oder wie die Räuberhöhle sonst heißt? he, und wie wehrte und sperrte +man sich gegen das bessere Verständnis eines landkundigen Mannes!« + +»Es ist gewiß besser hier,« sagte der Soldat mit einer Verbeugung gegen +die Schwester des Hausherrn. »Man wehrt sich oft gegen sein Glück, +Senhora -- man sollte es nicht thun.« + +Die Übrigen gaben dem Oberst natürlich recht, und dann redete man ebenso +selbstverständlich von neuem eine geraume Zeit über das Wetter; doch +dann auch über die Wege, über die Wegschenke, in welcher der Doktor den +Fremden gefunden hatte, über die Gegend im allgemeinen und besondern, +über das frühe Abziehen der Zugvögel in diesem Jahre, über dieses und +jenes: nur der Apotheker »zum wilden Mann« nahm an dieser Unterhaltung +wenig Anteil. + +Er, Philipp Kristeller, saß seinem brasilianischen Gaste gegenüber. Den +alten Brief hatte er nicht wieder in sein Pult verschlossen, sondern, +durch die plötzliche Ankunft des Doktors und des Fremden daran +gehindert, ihn wieder mit sich gebracht und auf dem Tische von neuem vor +sich niedergelegt. Er stützte jetzt den Ellenbogen darauf und lächelte +in das Gespräch der Übrigen hinein, doch wie abwesend und den eigenen +Gedankengespinnsten nachgehend. Daß der so plötzlich und unvermutet in +seinem stillen Hauswesen erschienene ausländische Herr seine innere +Erregung vermehrte, konnte man nicht sagen, doch richtete er, der +Hausherr, dann und wann verstohlen forschend den Blick auf den Gast; und +die Antworten, die er sodann auf an ihn gerichtete Fragen gab, waren +noch um ein weniges zerstreuter. + +Der Arzt erkundigte sich zuerst scherzhaft nach dem Grunde, und Ulebeule +antwortete für den Apotheker. + +»Laßt ihn, Medicus, hat sich der Bär erniedrigt, so wird er sich wohl +bald um so mehr erheben; denn wozu hat er seine Hinterpranken sonsten? +fragt man in Polackien. Wäret ihr eine Viertelstunde früher gekommen, so +hättet ihr uns a l l e insgesamt in einer noch viel kurioseren Stimmung +angetroffen. Wie die Hasen ihre Hexensteige durchs Korn, so haben wir +uns an diesem Abend unsere Wege durch die angenehme Unterhaltung +gebissen. O, wir haben seltsame Historien vernommen!« + +»Ulebeule!« rief der Apotheker; doch der Förster war in seinem Eifer +nicht imstande, auf den Ruf zu hören. + +»Ich sage Ihnen, Doktor, es ist ein Jammer und Schade, daß Fräulein +Dorette's Punsch Sie und den Herrn Oberst nicht ein wenig früher +angeludert hat. Wie Federwild sind die merkwürdigsten Geschichten um uns +her aufgestoben. Wir wissen jetzt, weshalb sich dreißig Jahre lang +keiner von uns in diesen Lehnstuhl da hat setzen dürfen; -- wir wissen, +in welcher Weise unser Freund Philipp bei uns ankam, -- wir haben viel +gehört von Liebe und Tod, von wilden Männern und alten Geldbriefen, wie +nicht jedermann solche von der Post zugeschickt kriegt. Waren Sie jemals +in Ihrem Leben auf dem Blutstuhle, Doktor?« + +»Ulebeule?!« rief jetzt auch der geistliche Herr, und diesmal hörte der +Förster. + +»Nun, nun, -- ja, ja, Ihr habt recht!« brummte der redselige Waidmann +kleinlaut. »Nehmt's nicht übel, Kristeller, da Ihr selber so vertraulich +waret --« + +Herr Philipp füllte freundlich dem biederen Hausfreunde das Glas und +reichte ihm die Hand; doch nun sagte der Doktor Hanff: + +»Zu den kuriosen Geschichten sind wir, die wir unsererseits dergleichen +vielleicht auch dann und wann erlebten, diesmal zu spät gekommen. Aber +eine Frage erlaube ich mir doch: habt ihr diesen guten Trunk hier jener +Historien wegen etwa zusammengebraut?« + +Der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, der die ganze Zeit +hindurch mit nachdenklichen Augen auf den leerstehenden Ehrensessel +geschaut hatte, sah jetzt scharf auf und hell und heiter im Kreise +umher, zuletzt am schärfsten auf den Herrn des Hauses. Währenddessen +antwortete der Pastor dem Physikus und den forschenden Blicken des +Colonels zugleich mit: + +»Sie sind zu einem eben so freudigen wie ernsthaften Gedächtnisfeste +gerade noch zur rechten Zeit gekommen, lieber Doktor. Unser Freund +Kristeller sitzt heute gerade dreißig Jahre hier in diesem Hause >zum +wilden Mann<, Herr Oberst. Er ist uns und allen Bewohnern der Gegend +weit und breit ein lieber, treuer Freund und Helfer ein ganzes +Menschenalter durch gewesen; den Punsch hat uns Fräulein Dorothea +improvisiert, und Ihre Einladung würden Sie zu Hause vorgefunden haben, +lieber Doktor.« + +»Den Umweg habe ich mir demnach gespart,« lachte der Landphysikus. »Mein +Herr Vater verwunderte sich gleich über meine verständige Nase, als die +Wickelfrau mich ihm auf die Arme legte.« + +Noch eine Bemerkung über seinen Hausschlüssel anfügend, sah der Humorist +des Ortes von einem zum anderen, aber man lächelte diesmal nur, man +lachte nicht mit oder hielt sich gar vor Lachen am Tische. Am +vergnügtesten sah noch der Oberst aus, und dieser erhob nunmehr auch +sein dampfendes Glas und sprach: + +»So erlaube ich mir denn, als ein wie vom Himmel in diese Behaglichkeit +hineingefallener Fremdling gleichfalls auf diesen schönen und wichtigen +Gedenktag und Abend zu trinken. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit; +manches wird darin anders -- Gesichter und Meinungen. Und meine gnädige +Dame und meine guten Herren, auch ich kann heute ebenfalls ein mir sehr +merkwürdiges und folgenreiches Gedächtnisfest feiern; -- auch mir sind +heute gerade dreißig Jahre vergangen, seit ich zum erstenmale im Feuer +stand und zwar an Bord der chilenischen Fregatte >Juan Fernandez< gegen +den >Diablo blanco<, den weißen Teufel, ein Schiff der Republik Haity, +um am folgenden Morgen mit einem Holzsplitter in der Hüfte und einem +Beilhieb über der Schulter im Raum des Niggerpiraten aus der +Bewußtlosigkeit aufzuwachen!« + +»Wozu man freilich heute noch gratulieren kann,« brummte der Doktor, +während die anderen auf andere Weise ihr Interesse und Mitgefühl +kundgaben. + +»Wozu ich mir ganz gewiß heute noch Glück zu wünschen habe,« sagte der +tapfere alte Krieger, »denn in diesem gottverdammten Schiffsraume, dem +schwärzesten, stinkendsten Loche, das je auf dem Wasser schwamm, lernte +ich einen Arzt kennen, der eine Kur an mir verrichtete, wie sie keinem +europäischen Mediziner gelungen wäre --« + +»Das wäre der Teufel!« rief der europäische Physikus. + +»Der war es so zu sagen auch,« sprach gelassen der brasilianische +Oberst, »und er klopfte mich auf die Schulter und sagte: >Senhor, eine +Zeit lang hat jedermann auf Erden das Recht, den Narren zu spielen, nur +darf er das Spiel nicht über die gebührliche Zeit fortsetzen, er macht +sich sonst lächerlich; Ihr gefallt mir, Senhor, und ich meine es gut mit +Euch, -- diesmal kommt Ihr noch mit dem Leben davon; erinnert Euch +meiner und ruft mich, wenn Ihr mich braucht; ich stehe immer an Eurem +linken Ellbogen.< -- Meine Herrschaften, das Ding verhielt sich wirklich +so, und ich habe den Schwarzen jedesmal, wenn ich ihn nötig hatte, +gerufen, und mich stets wohl dabei gefunden. Vorher war's mir herzlich +schlecht in der Welt ergangen, und ich hatte mich recht übel darin +befunden.« + +Der geistliche Herr rückte ein wenig ab von dem sonderbaren Gaste, +Fräulein Dorothea Kristeller murmelte: + +»Ei, ei! hm, hm;« -- der Apotheker sagte noch immer nichts; aber +Ulebeule rief entzückt: + +»Das ist ja aber heute wie ein Abend aus dem Tausendundeinenachtbuche! +Wir sind drin im Erzählen, und wenn's nach mir geht, bleiben wir bis zum +Morgen dabei. Lieber Herr Oberst, unser alter Philipp da hatte vom +Anfange an auch nicht die Absicht, uns alles das, was er uns berichtet +hat, zu beichten; er geriet nur so ganz allgemach auf die Fährte, und +wir haben ihn nur durch gute Ermunterung darauf gehalten. Herr Oberst, +nehmen Sie sich gütigst ein Exempel und erzählen Sie weiter von den +Mohren. Der Abend ist ganz darnach; -- was meinen Sie, Pastore?« + +Der Pastor war wieder zugerückt und bot dem fremden Kriegsmann die Dose. + +Dom Agostin Agonista lächelte gutmütig und sagte vergnügt: + +»Ich weiß nicht, was für wilde Historien unser freundlicher Herr Hospes +von sich erzählt hat; mein Leben ist sicherlich ins Wilde geschossen und +hat Früchte gebracht, die auf jedem Markte Verwunderung erregen müssen. +Zuerst wucherte das Gewächs phantastisch ins Kraut, und mehr als ein +Botanikus wartete mit Spannung auf die überirdischen Blüten und Früchte. +Jawohl! Der große Hurrikane kam, der Wind und Sturm über Land und See, +-- die Blätter wurden weggefegt, die Blüten, oder was so aussah, dito. +Endlich fand sich so ungefähr drei bis vier Fuß unter der Erde etwas, +was mit der Kartoffel einige Ähnlichkeit hatte -- allerlei Knollen durch +Fasern aneinanderhängend -- ungenießbar, zäh, ein abgeschmacktes Produkt +der alten Mutter Erde. Dazu hat man es denn gebracht, meine +Herrschaften, und der einzige Trost ist nur, daß eben nicht ein jeder +nach seiner Wahl ein Pomeranzen-oder Palmenbaum werden kann. Je früher +aber der Mensch herausfindet, in welche Klasse er nach Linné oder Buffon +gehört, desto besser ist es für ihn und desto schneller kommt er zur +Ruhe und zur Zufriedenheit mit seinen Zuständen. So lange er's noch +nicht heraus hat, spuckt er Gift und Galle in den schönsten Sonnenschein +hinein und macht Brüderschaft mit dem Schneegestöber und Winterwinde. +Ich halte das auch für eine Philosophie, Herr Kristeller.« + +»Das ist es auch, Herr Oberst,« sagte Herr Philipp. »So lange aber der +Mensch jung ist, findet er die große Wahrheit selten. Ja, Viele -- die +Meisten finden sie nie und glauben an ihre Palmbaumberechtigung bis zum +Ende.« + +»Und das ist ein Glück,« rief der wetterfeste, philosophische +Kriegsmann, »denn ohne diese glückliche Illusion würde die ganze +Menschheit doch nichts weiter sein als ein sich elend am Boden +hinwindendes Geschling und Gestrüpp. Übrigens sind die Kartoffeln und +die Trüffeln gar nicht zu verachten.« + +»Aber mit dem Mohrenschiff und dem schwarzen Satan, der den verehrten +Herrn Oberst so zutraulich auf die Schulter klopfte, hat dieses alles +doch eigentlich nicht das Geringste zu schaffen -- nicht wahr?« fragte +Ulebeule. + +»Bravo, Förster!« rief der Doktor. »Ihr seid und bleibt ein +hirschgerechter Waidmann. Tago! Tago! Ihr laßt Euch wahrlich nicht von +der Fährte abbringen. Geben Sie sich nur drein, Oberst, und erzählen Sie +uns von dem Mohrenschiffe und Ihren sonstigen spaßhaften und ernsthaften +Erlebnissen. Die Nacht ist schwarz genug dazu, und wir sind ganz Ohr.« + +Nun schien der richtige Ton für die folgende Unterhaltung gefunden zu +sein; aber in demselben Moment jagte der Colonel Agonista alle, nur den +Hausherrn nicht, in hellster Überraschung, ja im jähen Schrecken von den +Stühlen empor. + +Er hatte sein Glas erhoben und sagte jetzt langsam und ruhig: + +»Lassen Sie uns anstoßen auf das Wohl aller wetterfesten Herzen, +gleichviel ob sie ihre Schlachten innerhalb ihrer vier Wände +durchfechten oder durch Blut und Feuer über den halben Erdball +herumgeworfen werden. Kennst du mich nicht mehr, Philipp? Kennst du mich +wirklich nicht mehr, Philipp Kristeller?!« + + * * * * * + +Der Apotheker »zum wilden Mann« hatte den Geldbrief, der bis jetzt unter +seinem Ellenbogen gelegen hatte, gefaßt und in der zitternden Hand +zusammengeknittert. Seit fünf Minuten schon wußte er, wer sein Gast war, +und der Oberst Dom Agostin Agonista hatte das auch gewußt. Nun aber +griff die Schwester zu und stützte den Bruder; der Oberst faßte ihn von +der anderen Seite und so erhob er sich jetzo mühsam wie die Übrigen, +legte beide Arme dem Gaste um die Schultern, legte ihm das Gesicht an +die Brust und stöhnte: + +»Nach einem Menschenalter also!« + +Der Doktor, der Pastor und der Förster verwunderten sich, ein jeder auf +seine Manier, und es währte eine ziemliche Weile, ehe jedermann wieder +Platz genommen hatte. + +Endlich saßen sie wieder; der Oberst aber nicht auf dem ihm so lange +Zeit aufbewahrten weichen Ehrenplatz. Dom Agostin hatte, nachdem er die +Ehre zuletzt fast grob zurückgewiesen hatte, mit zierlicher, drängender +Höflichkeit Fräulein Dorette Kristeller in den Lehnstuhl niedergesetzt, +und diese behielt denn auch den Platz, nachdem sie ihren Protest +eingelegt hatte. + +»Gegen die Gewalt kann ich nicht an, Herr Oberst, aber behaglich sitze +ich hier wahrhaftig nicht, und in die Wirtschaft muß ich auch jeden +Augenblick hinaus.« + +Das war richtig. Die chinesische Bowle mußte noch zweimal im Verlaufe +der Nacht gefüllt und das Gastzimmer ebenfalls doch auch für den +geheimnisvollen, abenteuerlichen Freund hergerichtet werden. Dazwischen +erzählte der alte Soldat, ohne sich im geringsten zu sperren, dem +»Wilden Mann« seine Geschichte. Was darin zu Tage kam, hätte jeden Tisch +voll Philister (unter anderen Umständen) bewogen, erst von dem munteren +Erzähler leise abzurücken, dann nach und nach mit den Gläsern und +Pfeifen sich nach einem anderen Platze umzusehen und dann -- bis zum +Nachhausegehen -- von dem neuen Stuhl aus verstohlen, furchtsam und +verblüfft über die Schultern nach dem unheimlichen fidelen alten +südamerikanischen Burschen hinzustieren. + + + + +Achtes Kapitel. + + +Das kahle Gezweig kratzte nicht mehr so ärgerlich wie vorher an den +Fensterscheiben des Hinterstübchens in der Apotheke »zum wilden Mann«. +Der Förster Ulebeule hatte den Kopf in die Nacht hinausgesteckt, ihn +zurückgezogen und den im Zimmer Anwesenden die tröstliche Versicherung +gegeben: + +»Es klärt sich richtig auf. Man sieht die Sterne durchs Gewölk. Der Wind +hat ordentlich über unseren Köpfen und Schornsteinen aufgeräumt. Ich +kenne das und wette, daß wir morgen einen ganz klaren Tag haben werden.« + +Dies fiel in die Pause nach dem wundervollen Ereignis und +Wiederzusammenfinden in der Apotheke »zum wilden Mann«. + +Philipp Kristeller hatte bis jetzt die Hand seines Wohlthäters noch +nicht losgelassen. Die beiden alten Freunde saßen nebeneinander, und der +Oberst hielt spielend in der Linken den Brief, den er vor einunddreißig +Jahren in der Lebensverzweiflung geschrieben und mit 9500 Thalern in +Staatspapieren für den botanischen Studiengenossen beschwert hatte. +Jetzt zum erstenmal entzog er die rechte Hand dem Freunde vom +Blutstuhle, warf das letzte Endchen seiner Cigarre hinter sich und zog +eine kurze Pfeife heraus, die er aus einem sehr exotisch, sehr +indianisch aussehenden Tabaksbeutel füllte und plötzlich -- ehe er durch +einen hastigen Griff und Ruf des Apothekers daran gehindert wurde, in +Brand setzte. Ehe er dran gehindert werden konnte, hatte Dom Agostin +Agonista ein bedeutendes Stück von seinem verjährten, wild-phantastischen +Schreiben abgerissen, es regelrecht zu einem Fidibus zusammengedreht und +denselben zu dem Zwecke verwendet, zu welchem man eben einen Fidibus +gebraucht. In demselben Moment fing er gelassen und gemütlich an, seine +Geschichte zu erzählen, und sie ging gut an, nämlich mit den Worten: + +»Nicht wahr, Doktor, wer noch keinen Menschen umgebracht hat, der wird +sich nur schwer in die Gefühle eines, der's bereits fertig brachte, +hineinfinden. Erschrecken Sie nur nicht zu arg, meine Herrschaften; ich +habe mich allmählich hineingefunden; -- es lernt sich alles in der Welt +und wird zur Gewohnheit, das Hängen und Erschießen wie -- das Köpfen. +Ich stamme aus einem der anrüchigsten Geschlechter Deutschlands und +hatte drei Tage vor dem Zusammentreffen mit meinem Freund Philipp +Kristeller auf dem Blutstuhle gethan, was ich mußte. Um es kurz zu +sagen, so hatte ich, unter Billigung und Beistand von Staat und Kirche, +einem nichtsnutzigen Mitbruder im Wirrwarr dieser Welt auf offenem Felde +und vor zehntausend Zuschauern den Kopf abgeschlagen. Erschrecken Sie +nicht, bestes Fräulein -- auch das ist eine verjährte Geschichte.« + +Ja, was half es zu sagen: Erschrecken Sie nicht! --? sie fuhren doch +alle zusammen, selbst Herr Philipp Kristeller. + +»Das Amt, das meine Vorfahren seit mehr als zweihundert Jahren in +ununterbrochener Geschlechtsfolge verwaltet hatten -- rühmlich verwaltet +hatten, war eines Tages auf mich übergegangen, und ich habe es ausgeübt +-- einmal! -- wie gesagt, drei Tage vor jenem Anfall vom Veitstanz, in +welchem der da mich auf dem Blutstuhl fand. Sieh, Philipp, d a s w a r +e s! und deine Johanne hatte wohl Recht, wenn sie schon lange vor jenem +letzten Zusammentreffen dich auf mancherlei an mir aufmerksam machte, +was ihr nicht gefiel. Ach Gott, ich wollte, ich könnte es dem armen +guten Kinde heute abend auch sagen, wie gut sie mir stets gefiel. Sie +ist also tot -- ein Menschenalter tot? ach Philipp, Philipp, du hast es +kaum wissen können, wie viel Sonnenschein von ihr ausging, wo sie ging +und stand, und wie schwarz und scheußlich mir die Welt in dem schönen +Lichte vorkam. Auch verjährt! da wir noch am Leben sind und es uns wohl +geht, so wollen wir von uns reden. -- Ich war wunderlich erzogen worden. +Mein Großvater August Gottfried Mördling hatte das schlimme Erbamt noch +im reichlichen Maße und als finsterer Enthusiast bekleidet; mein Vater +hatte dagegen das Glück gehabt, daß in seine ganze, freilich nicht sehr +lange Lebenszeit nicht ein einziges Mal die unangenehme Notwendigkeit +fiel, die Kammer im Oberstock des Hauses aufzuschließen und mit dem Auge +und dem Finger an der Schärfe des breiten Schwertes mit der Jahreszahl +1650 hinauf und hinunter zu fahren. Von meiner Mutter weiß ich wenig zu +sagen. Sie war eine kränkliche, verdrossene Frau, und ich habe nur eine +Haupterinnerung von ihr, nämlich daß sie eine ausgebreitete +Geflügelzucht trieb und das Schlachten der Hühner, Puter, Enten, Tauben +und Gänse stets selber besorgte und zwar mit großer Kunstfertigkeit und +einer gewissen wilden Energie. Mein Vater, ein sanfter, gebildeter Mann, +der Schiller verehrte, Goethe verstand, für Uhland schwärmte und mich +erzog, ging bei solchen Exekutionen stets mit raschen Schritten vom Hofe +oder aus der Küche weg, indem er murmelte: O du grundgütiger Himmel! -- +Mein Vater, Alexander Franz Mördling, war auch gereist, sowohl als +Kunst- wie als Naturliebhaber, er war in Frankreich, England und Holland +gewesen, sprach recht gut englisch und französisch und erzog mich nur zu +gut. Er machte auch mich zu einem gebildeten Menschen, der über Sonnen- +und Mond- Auf- und Untergänge zu reden wußte, und vor allen Dingen ein +Herbarium anzulegen verstand. Als die echten, richtigen Autodidakten +machten wir uns beide unsere Welt zurecht, -- eine Welt, aus der keiner +von uns beiden berufsmäßig herausgerufen werden durfte, ohne halb +verrückt zu werden und ganz zu Grunde zu gehen. Unser Erbhof lag +natürlich außerhalb der Stadt, versteckt im Grün, von uralten Linden +überschattet, durch hohe Mauern und ein gewaltiges Thor geschützt -- ein +Haus aus dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts, warm im Winter, kühl im +Sommer -- ein Generalsuperintendent hätte drin wohnen und seine +Predigten abfassen können. Der Schall und Spektakel der Leute draußen +drang kaum zu uns; und wenn mein Papa mir unsere eigentlichen Zustände +keineswegs vorenthielt, so machte die Kenntnis davon durchaus keinen +niederdrückenden Eindruck auf mich. Es lag für den Knaben sogar ein Reiz +darin -- man war allein, aber man war auch etwas, was die anderen nicht +waren; -- liebes Fräulein, man saß wie ein geheimnisvoller Affe auf der +Mauer und grinste die Jungen drüben jenseits des Grabens, die nicht zu +grinsen wagten, so zu sagen unheimlich-vornehm an. Sie glauben es mir +nicht, Fräulein Dorette, aber es verhielt sich doch so. Da mein Vater in +seiner Abgeschiedenheit erträglich behaglich und zufrieden seine Tage +verbrachte, so hatte ich um so weniger Grund, mich über mein Schicksal +zu beklagen. Wir hatten durch Sommer und Winter unsere kleinen Freuden, +-- und Matthias Claudius würde sich sicherlich wohl in unseren +Beschäftigungen und träumerischen Grübeleien und Liebhabereien gefühlt +haben. Ja, es fällt mir erst jetzt bei: vom alten Wandsbecker Boten +hatte mein Alter das Meiste in seiner Natur; -- er konnte es sicherlich +nicht ahnen, welch ein Meister Urian in seinem Söhnchen steckte. -- Aber +endlich kam ein Winter, in dem mein Vater bei hohem Schnee und +hartgefrorenem Boden mit Tode abging; und ich ein mündiger, erwachsener +Mensch, der allem, was außerhalb unserer Hofmauer lag und vorging, +gänzlich unmündig gegenüberstand, ihn sterben sah.« + +An dieser Stelle stand der Erzähler, der Oberst Dom Agostin Agonista auf +und ging zum Fenster, um nach dem Wetter zu sehen. + +»Es ist das einzige, was einem bei außergewöhnlich unruhigen +Gemütsbewegungen hilft,« sagte er zurückkommend und seinen Stuhl wieder +einnehmend. »Übrigens hat der Herr Förster recht; es wird klar, und wir +werden morgen wohl einen schönen Tag haben. Wo war ich doch stehen +geblieben? Ja so, beim Tode meines Vaters und dem, was damit +zusammenhing. Ich muß die Herren und das Fräulein also noch eine Weile +inkommodieren.« + +Sie hatten ihm alle, bis auf den Apotheker, starr und mit immer noch +hoch emporgezogenen Augenbrauen auf den Rücken gesehen, den er ihnen +zudrehte, als er aus dem Fenster guckte. Als er sich umwendete, wandte +ein jeder, nur der Apotheker nicht, die Augen wo anders hin und that so +unbefangen als möglich. + +»Das nennst du uns inkommodieren, August?« fragte Philipp Kristeller +vorwurfsvoll zärtlich. + +»Augustin -- Agostin -- Agostin Agonista, wenn es dir einerlei ist, +alter Bursch,« lachte der brasilianische Oberst und -- erzählte weiter: + +»Wir waren allein im Hause, mein Vater, ich und eine alte Hexe von Magd, +die uns Beide seit meiner Mutter Tode in der raffiniertesten +Knechtschaft hielt. Mein Vater hatte schon längere Zeit gekränkelt, sich +selber bedoktert und war nun mit seiner Kunst zu Ende. Lieber Doktor, +der städtische Arzt, den wir zum Schluß herbeiriefen, konnte auch weiter +nichts thun, als die Achseln zucken, -- und, Freund Philipp, in der +Nacht vor seinem Abscheiden überlieferte mein Vater mir die Schlüssel zu +dem Archive unseres Hauses! Drei Tage nach seinem Begräbnis öffnete ich +den schwarzen Eichenschrank, in welchem die seit fast zweihundert Jahren +recht ordentlich geführte Chronik unserer Familie aufbewahrt wurde, und +trat damit in die Krisis ein, während welcher mein alter Philipp da und +seine so junge und schöne Johanne meine Bekanntschaft machten und so +viele Gründe hatten, sich über mich zu verwundern. Ich fand in dem +Schranke ein von meinen Vorvätern zusammengeschriebenes dickleibiges +Manuskript in schwarzem Lederband mit Messingecken und Haspen. Sie +hatten regelrecht Buch geführt, und es war ein recht nettes Hauptbuch +draus geworden mit allen Zahlen und sonstigen Belegen! Und ich las und +rechnete es nach bis auf meinen Herrn Großpapa hinunter -- ich las es +vom Anfang bis zum Ende, Wort für Wort, Datum für Datum, Zahl für Zahl; +und als ich in der dritten Nacht gegen zwei Uhr morgens von der +gräulichen Lektüre aufstehen wollte, da konnte ich nicht. Ich saß fest +im Stuhl, gerädert von unten auf, und draußen war es grimmig kalt -- der +Hofhund heulte und weinte vor Frost, und ich fühlte den Frost +gleichfalls bis in die Knochen, und dazu, halb wahnsinnig, mein Leben, +Fühlen, Denken, Meinen abgebrochen, wie wenn ein Stock übers Knie +abgebrochen worden wäre. Meine grimmige Hexe von Haushälterin hatte mich +am Ofen aufzuthauen wie ein steifgefrorenes Handtuch, und es währte +länger als eine Woche, ehe sich die allernotwendigste animalische Wärme +wieder in mir bemerkbar machte. Ich lag länger als eine Woche im Bett +und klapperte geistig und körperlich mit den Zähnen; dann aber lief ich +hinaus und lief mich warm durch das winterliche Land -- blieb vierzehn +Tage für diesmal vom Hause weg und suchte mir zu der Wärme auch den +Schlaf zu erlaufen, erlief mir jedoch nur die scheußlichsten aller +Träume. Es ist ein Wunder, daß keiner es mir heute ansieht, was für ein +Narr ich damals war! Nach meiner Rückkehr saß ich bis zum Frühjahr als +ein Idiot am Herde, und ohne den Frühling wäre ich sicherlich als ein +Idiot im Landesirrenhause elend und erbärmlich verkommen; und +eigentlich, lieber Philipp, habe ich über jene Periode meines Daseins +nichts mehr zu sagen. Ich fuhr in meinem Einspänner über die Grenze, +mietete in einem Dorfe eurer Provinz ein Absteigequartier und ging dann +in die Berge: -- da trafen wir uns, und du hieltest mich für einen +übergeschnappten Privatgelehrten, dem seine Freunde seiner Gesundheit +wegen geraten hatten, sich ein wenig auf die Botanik zu legen.« + +»Ich habe meinen Freunden bereits vorhin mitgeteilt, mit welchem Respekt +mich deine Wissenschaft erfüllte,« rief der Apotheker »zum wilden Mann«, +und sie nickten rund um den Tisch und sprachen: + +»Ja, ja! o freilich!« + +Der Oberst Dom Agostin Agonista aber sah selbst in dieser Nacht zum +erstenmale sehr ernst, ja fast böse und finster drein und sagte: + +»Ich würde dir im Laufe der Zeit meine Umstände wohl klarer erschlossen +haben, Philipp, ich würde dir alles von mir und meinem Leben erzählt +haben; aber dein Liebeswesen hat mich dran gehindert und mir den Mund +zugehalten. Lieber Junge, wenn mir etwas die Welt noch mehr verleidete, +so war das deine Braut. Bei Gott, ich habe euch oft gehaßt wegen eurer +Seligkeit, -- o Philipp Kristeller, in mehr als einer Stunde hätte ich +euch mit Vergnügen eine Fallgrube für eure Zärtlichkeit graben können. +Wäre das Eifersucht gewesen, so wär's schlimm genug gewesen; aber es war +noch schlimmer, es war Neid, der nichtswürdige zähnknirschende Neid. +Ach, Freund, Freund, damals hatte ich wahrhaftig nicht die Absicht, dir +im Leben auf die Beine und, so weit ich es konnte, zu einer Frau zu +helfen! Mußte da erst das Ärgste kommen, um mir den Sinn vollständig zu +wenden, und das Ärgste kam; -- gottlob, sage ich heute! -- Von einer +meiner vorgeblichen botanischen Rasereien ins Wilde zurückkehrend, fand +ich einen Brief zu Hause, ein Schreiben mit dem Siegel der +Oberstaatsanwaltschaft drauf. Ich wurde durch dieses Reskript umgehend +nach der nächsten Kreisstadt beordert, und was die hohe Behörde da von +mir verlangte und zu verlangen berechtigt war, das können die Herren und +die gütige Senhora sich sicher selber vorstellen; ich habe gewiß nicht +nötig, mit dem Finger die Richtung anzudeuten. Man legte mir ein vom +Landesherrn bereits unterzeichnetes Todesurteil vor, und ich hatte noch +drei Wochen Zeit, mich und meinen Patienten auf die mir obliegende +Operation vorzubereiten. Während dieser drei Wochen sahest du mich +nicht, Philipp Kristeller; aber du fandest mich drei Tage nach +vollbrachtem Amtsgeschäft auf der Opferklippe. Ja, ja, meine Herren, +nach gethaner Arbeit ist gut ruhen, und auch das war ein +Erholungsausflug! -- Ich hatte meine Sache gut gemacht und war gelobt +worden, von den Behörden, den Zeitungen und dem zuschauenden Pöbel; aber +ich trug schwer an der Ehre. Buchstäblich, -- ich trug meinen still und +um einen Kopf kürzer gemachten Patienten, minus diesen Kopf auf dem +Rücken, und ich hatte ihn eben auf den Blutstuhl hinaufgeschleppt, als +mein Freund Philipp die Klippe von der anderen Seite her erkletterte. +Seht, es ist immer von den Gefühlen des armen Sünders auf dem +Hochgerichte die Rede; aber diesmal waren auch die des Scharfrichters +bemerkenswerth; -- reden wir nicht davon: ich trug, wie gesagt, den +Rumpf des armen Teufels von dem Gerüste hinunter; er hing mir auf dem +Rücken, die Hände schleiften auf dem Boden nach, und ich hielt auf jeder +Schulter einen Fuß im blauen wollenen Strumpfe gepackt! So hab' ich ihn +auf den Blutstuhl hinaufgeschleift; und als du mich fandest, Philipp +Kristeller, auf dem Felsen liegend, das Gesicht zu Boden gedrückt, da +saß der Halunke auf mir, kopflos -- hatte mir eine Kralle in das +Nackenhaar gewühlt und sang sein diabolisches Triumphlied über mich -- +ein Bauchredner sondergleichen; aber höchst widerlich, selbst heute +abend noch, nach einunddreißig Jahren ruhigeren Nachdenkens und kühlerer +Überlegung!« + + + + +Neuntes Kapitel. + + +Der Oberst schwieg und fuhr sich mit dem Taschentuche über die Stirn. +Man räusperte sich rund um den Tisch; der Förster und der Pastor hüllten +ihre Verlegenheit in die dichtesten Tabakswolken, der Landphysikus +schien die seinige in sich ertränken zu wollen, und alle drei -- sonst +gar nicht übele Leute -- sahen in diesem Momente merkwürdig stupide aus. +Fräulein Dorette Kristeller im Ehrenstuhle hatte sich soweit als möglich +aus dem Lichtschein in die Dämmerung zurückgezogen; man hörte sie leise +ächzen und seufzen, ja es schien sogar, als ob sie stoßweise in ihr +Taschentuch hineinschluchze. Eine solche Geschichte erzählte man trotz +allem nicht ungestraft, -- selbst im Kreise seiner allerbesten Freunde +nicht. + +Dem alten Soldaten entging der gemachte Eindruck keineswegs, aber +nachdem er seinerseits die widerliche Erinnerung mit einer Hand- und +Armbewegung so zu sagen vom Tische gewischt hatte, stützte er beide +Ellenbogen auf die Platte und schaute munterer denn je um sich. Er +hatte, wie sich gleich auswies, noch extraordinärere Dinge in seinem +späteren Leben durchgemacht, er hatte nicht wie die anderen still im +Winkel gesessen, er hatte sich allerlei um die Nase wehen lassen, was +die meisten Leute für Sturm genommen haben würden, er aber nur noch für +Wind hielt. Er war nicht umsonst kaiserlich brasilianischer +Gendarmerieoberst geworden. + +»Lieber, guter August -- Augustin,« flüsterte der Apotheker, »du bist +als ein eigentumsloser Bettler in deiner Verwirrung in die Welt +hinausgelaufen; -- du hast mir das Erbe deiner Väter überwiesen --« + +»So ist es! Niemals hat ein Mensch mit gleich leerer Tasche dem alten +Europa den Rücken gewendet!« + +»O meine Johanne -- meine liebe, arme Johanne!« seufzte der Apotheker +leise; aber da that der Abenteurer und Soldat einen sehr feinfühligen +Griff in die Ideenfolge seines Jugendbekannten. + +»Nein, nein, Philipp, bei allen Mächten, nein! es ist nicht so! Das ist +nicht der Geschäftsgang zwischen Himmel und Erde! Du würdest sie doch +verloren haben -- o, um meine Hinterlassenschaft hat sie dir das +Schicksal nicht sterben lassen! Was hatte ihr Dasein und Geschick mit +dem zu schaffen, was alles an den Thalern hing, die ich damals auf der +Flucht von mir warf und dir an den Hals, weil du mir zufällig zunächst +standest. Das Kind ist nicht daran gestorben, Philipp! Ihr hättet ein +schönes Leben auf die Erbschaft meiner Vorväter gebaut, wenn die Schöne, +die Gute dir nicht doch hätte sterben müssen; und dann -- -- wer hier +unter uns hat wohl ein besseres Los gezogen als sie?« + +Die Frage erforderte eine Antwort, und jeder gab sie auf seine Weise, +doch laut bejahete oder verneinte niemand. Der Apotheker »zum wilden +Mann« drückte zum hundertstenmale dem Obersten Agonista die Hand, und +dieser schüttelte sie ihm wiederum herzhaft und rief: + +»Was kann es alles helfen -- jeder erlebt sein Leben, und wer noch mit +dem nötigen Humor davon zu erzählen weiß, der ziert jegliche Tafelrunde, +und selbst die Weisesten, Ehrwürdigsten und Ehrbarsten können ihn ruhig +ausreden lassen. Jetzo will ich einmal eine weise Bemerkung machen, +nämlich daß der größte Verdruß der Menschen im einzelnen daraus +entspringt, weil sie die Welt im ganzen für zu still halten. Meine +Herrschaften, die Welt ist nicht still, und man muß den Wirrwarr nur +recht kennen lernen, um das, was einem vom ersten Seufzer bis zum +letzten passiert, nach dem richtigen Maße zu schätzen. Hol der Teufel +die Narren, denen ihre vier Wände auf den Kopf zu fallen scheinen: +steigt aufs Dach jedesmal, wenn's euch zu angst wird und überzeugt euch, +daß das Firmament fürs erste noch nicht die Absicht hat, +zusammenzubrechen. Also, ich stand ohne einen Heller in der Tasche auf +dem Kai zu Neu-Orleans, so ungefähr in der Stimmung eines Menschen, der +aus einem schweren Rausch erwacht, übernächtig sich die Stirn reibt und +doch den kühlen Morgenwind mit Wohlbehagen auf seinen Schläfen fühlt. +Was aus mir werden mochte, war mir ganz gleichgültig. Ich war zu allem +bereit, zum Leben wie zum Sterben, und verkaufte, da ich Hunger hatte, +um wenigstens das allernächste Behagen noch einmal festzuhalten, mein +Halstuch und mein Taschentuch an einen wandernden Trödler. Traktierte +darauf meinen ersten guten Bekannten auf amerikanischem Boden, den +einarmigen Mulatten Aaron Toothache, und zwar in einem Lokale, in dem +Volk zusammensaß, von welchem man hier am Tische kaum einen Begriff +haben kann. Hier lernte ich einen Haufen Gesindel von vorbenanntem +Fregattschiff der Republik Chile, dem braven >Juan Fernandez<, kennen, +und wir gefielen uns gegenseitig. Wie die Bekanntschaft endlich im +Schiffsraume des >weißen Satans< auslief, habe ich euch bereits +mitgeteilt.« + +Sie waren ihm während der letzten Minuten alle auf den Leib gerückt. Sie +schienen nach seinen letzten Äußerungen ihre geheime Scheu und Abneigung +gegen ihn gänzlich überwunden zu haben! Sie waren ihm so dicht an die +Ellenbogen gerückt, daß ihm die Luft auszugehen schien. Blasend machte +er eine Armbewegung, um sie wieder ein wenig von sich zurückzudrängen, +und wir -- wir machen es vollständig umgekehrt, als die aufs Äußerste +gespannten Lauscher in der Hinterstube der Apotheke »zum wilden Mann«: +wir rücken ab vom Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieoberst Dom +Agostin Agonista. + +Was dieser wunderliche Erzähler jetzt zu erzählen hatte, war freilich +bunt genug und voll Feuerwerk und Geprassel zu Wasser und zu Lande; +allein das alles war doch schon von anderen hunderttausendmal erlebt und +mündlich oder schriftlich, ja sogar dann und wann durch den Druck +mitgeteilt worden. Wir lassen ihn, den Oberst Agonista so ungefähr um +ein Uhr morgens noch einmal mit der flachen Hand über den Tisch +streichen und seine jetzige Lebens- und Weltanschauungsweise in ein +kurzes Wort zusammenfassen. + +»Also im zweiten Jahre meiner Abfahrt von Hamburg stand ich als +Gefreiter in dem Peloton, das als Executionskommando in den +Festungsgraben befehligt worden war. Der Lieutenant hob den Degen, und +-- wir gaben Feuer: ich ohne Umstände wie die anderen. Von dem +Augenblicke an war ich von meiner europäischen Lebensbürde vollständig +frei. Ich machte mir aus dem Tage, der gestern war, und dem, der +vielleicht morgen sein konnte, nicht das Geringste mehr; -- juchhe, wie +der Dichter stellte ich meine Sache auf nichts! So bin ich immer bei +mir, und zwar bei mir allein gewesen: auf dem Marsche, wie in der +Wachtstube, am Feuer in der Indianerhütte wie in den Salons der +Präsidialstädte. Ja, meine Herrschaften, habe ich da drüben manchen +Präsidenten in mancher Republik kommen und gehen sehen, habe selber +geholfen, den Excellenzen Stühle zuzurücken oder sie ihnen unterm Sitze +wegzuziehen, wie's sich gerade schickte. Venezuela machte mich zum +Luogotenente, Paraguay zum Major; aber Seine Majestät Dom Pedro von +Brasilien war am gnädigsten gegen mich, und so fand ich denn auch am +meisten Gefallen an ihm. Wir beide haben jetzt manch liebes Jahr das +vielfarbige Gesindel in Rio Janeiro zur Ordnung und Tugend angehalten: +er durch regelrecht richtige konstitutionelle Güte, ich durch flache +Säbelhiebe und im Notfall durch einen kurzen Galopp, drei Schwadronen +hinter einander, rund über das Pack weg. Meine Herren und Sie, liebes +Fräulein, Sie werden sicherlich noch einmal erschrecken und mich von der +Seite ansehen; aber es ist nicht anders, und bei der Wahrheit soll der +Mensch bleiben: wenn ich das Köpfen aufgegeben habe, so habe ich mich +desto energischer auf das Hängen gelegt und gefunden, daß es eine viel +reinlichere Arbeit ist und seinen Zweck ebenso gut erfüllt. Was aber das +Gehängtwerden anbetrifft, so habe ich selber die Schlinge mehr als +einmal um den Hals gefühlt, gottlob ihn aber stets noch glücklich +herausgezogen. Ei ja, ich komme jetzt ganz gut mit jedermann aus -- bin +hoffähig und reite bei feierlichen Aufzügen am Kutschenschlage Ihrer +kaiserlichen Majestäten. Komme ich nach Rio heim, so werde ich mich +verheiraten; denn für ein ferneres junggesellenhaftes Umherschweifen +wird's allmählich ein wenig spät. Doch davon morgen, und nun vor allen +Dingen das letzte Glas von diesem höchst vortrefflichen Getränk und dazu +ein Rat, Wunsch und Trinkspruch: Verehrte Freunde, da wir einmal da +sind, so leben wir, wie es eben gehen will; und da das, was uns endlich +aus dem Dasein hinausschiebt, immer am Werk ist, so schieben wir ohne +Skrupel gleichfalls; -- vor allen Dingen aber lebe e r hoch -- mein +Freund, mein lieber, alter, guter Freund Philipp Kristeller und mit ihm +wachse, blühe und gedeihe fort und fort seine Apotheke >zum wilden +Mann!<« + +Das riefen sie alle nach und klangen die Gläser an einander, und dabei +erhoben sie sich und standen verwirrt, schwankend ob all des +Abenteuerlichen, das der Abend enthüllt und gebracht hatte. Wie die +Gäste Abschied von dem Hausherrn, seiner Schwester und dem Oberst +Agostin Agonista nahmen, wußten sie selbst nachher kaum anzugeben. + +Der Oberst aber sagte: + +»Philipp, einen Schlafrock und ein Paar Pantoffeln bitte ich mir aus. +Ich will es doch wenigstens einmal noch behaglich im deutschen +Vaterlande haben.« + +Die beiden Freunde vom Blutstuhl umarmten sich noch einmal; wir aber +begleiten den Förster Ulebeule und den Pastor ein Endchen auf ihrem Wege +nach ihren Wohnungen. + + + + +Zehntes Kapitel. + + +Daß sie, der Förster, der Pastor und der Landphysikus _Dr._ Hanff, ihren +freundlichen Wirten gute Nacht oder vielmehr guten Morgen gesagt hatten, +stand fest. + +Der Apotheker hatte sie mit dem Lichte an die Thür begleitet, und sie +standen auf der Landstraße, wo der Doktor seinen Einspänner bereits +wartend fand. Sie vernahmen noch, wie der Hausherr drinnen den Schlüssel +im Schloß umdrehte, und niemand hinderte sie jetzt mehr, ihren +Stimmungen, Gefühlen und Ansichten die Thüren weit aufzuwerfen. + +Der Erste, der das Wort ergriff, war natürlich der Doktor, und er rief +von seinem Wagentritt aus: + +»Nicht wahr, da hab' ich euch wieder mal einen tollen Gesellen ins Dorf +geschleift? He, ihr hattet wohl kaum eine Ahnung davon, daß es +dergleichen auf Erden geben könne, -- was? Mir gefällt der Kerl +ausnehmend wohl, und ich freue mich unbändig auf eine fernere und +genauere Bekanntschaft, -- zu Worte wird er einen im Laufe der Zeit ja +auch wohl einmal kommen lassen. Wir laden ihn natürlich rund herum der +Reihe nach zum Essen ein.« + +»Natürlich, und er soll sich dann auch über uns wundern,« rief Ulebeule, +und der Doktor fuhr ab auf der Landstraße zur Rechten; er hatte ein gut +Stück Weges zu fahren, ehe er seine Behausung erreichte. + +Die beiden anderen wendeten sich links, und der geistliche Herr trug +vorsichtig seine Taschenlaterne voran. Wo ihre Wege aber schieden, +standen sie noch einmal still und sahen nach der Apotheke »zum wilden +Mann« zurück. Das Haus lag dunkel da unter dem wieder dunkel und schnell +ziehenden Gewölk. Obgleich der Wind sich ein wenig gelegt hatte und die +Sterne sichtbar waren, trieb sich noch genug bedrohliches Gedünst am +Himmelsgewölbe um, und die Pappeln in der Nähe der Apotheke schwankten +wie betrunkene Gespenster. + +»Mir wird jenes Haus dort nie wieder so aussehen, wie ich es bis zum +heutigen Abend gekannt habe,« sagte der Pastor. »Was sagen Sie, lieber +Freund?« + +»Das weiß der Teufel!« + +Der geistliche Herr zog ein wenig die Achseln zusammen. + +»Sie sollten dieses böse Wort vorsichtiger gebrauchen, Bester,« meinte +er. »Freilich, freilich, nach dem, was wir eben vernommen haben -- wer +kann da sagen -- wer da seine Hand im Spiele gehabt hat? Ich lobe mir +Zustände, die auf besseren Grund und Boden gebaut sind als -- -- kurz, +was halten Sie vom heutigen Abend an von den Umständen unseres Freundes +Kristeller?« + +»Der Alte ist mir lieber denn je geworden!« rief der Förster voll +Enthusiasmus. »Das nenn' ich einen braven Mann und einen guten Menschen! +Wenn einer es verdiente, diesem famosen Scharfrichter und +brasilianischen Generalfeldmarschall zur richtigen Stunde auf seinem +Wege zu begegnen, so war's unser Philipp. Die Welt oder nur ein Stück +davon würde er freilich nicht erobert haben, aber was man ihm giebt, das +nimmt er mit Bescheidenheit und Dankbarkeit, und für unsere Gegend ist +er doch wirklich diese dreißig Jahre durch ein Segen gewesen.« + +»Und der andere -- dieser andere -- dieser Dom -- Dom -- Agonista?!« + +»Hören Sie, Pastore, den muß man sich erst bei Tage besehen, ehe man ein +Urteil über ihn abgeben kann; bei Lampenlicht geht nichts in der ganzen +weiten Welt über ihn! das ist ein Prachtkerl; -- wahrhaftig, solch ein +Gesell aus Schmiedeeisen und Eichenholz rückt einem nicht alle Tage an +den Ellenbogen. Was wollen Sie -- ich glaube, ich glaube, mich hat lange +nichts so sehr geärgert, als daß er mir nicht auf der Stelle angetragen +hat, Brüderschaft mit ihm zu machen.« + +»Da bin ich denn doch in der That ein wenig weichlicher als Sie, lieber +Ulebeule,« sagte der Pastor mit einem leisen Schauder. »Mir ist dieser +plötzlich wie aus dem Boden aufgestiegene Mensch entsetzlich! Die +Kaltblütigkeit, mit welcher er aus nichts in seinem Leben ein Hehl +machte, griff mir in alle Nerven. Wenn ich zu viel Punsch getrunken +haben sollte, so bin ich nicht schuld daran, sondern dieser -- dieser -- +dieser ungewöhnliche Erzähler. Wehren Sie sich einmal gegen ein +fortwährend Einschänken, wenn es Sie fortwährend heiß und kalt +überläuft! Hatten Sie wirklich vorher eine Ahnung davon, daß es solche +Lebenswege und Fata in unseres Herrgotts Welt geben könne?« + +»In Büchern habe ich Schnurrioseres gelesen; aber hier hatten wir +freilich einmal das Wirkliche und Wahrhaftige _in natura_. Heiß und kalt +hat mich seine Historie nicht gemacht, aber die Pfeife ist mir ziemlich +oft darüber ausgegangen. Käme einem jeden Abend ein solcher Kerl über +den Hals, so würde einem das Schmauchen auf die allernatürlichste Art +abgewöhnt. Außerdem daß ich einen brasilianischen Obersten noch niemals +mit eigenen Augen gesehen hatte, erzählte dieser Oberst mehr als +brasilianisch gut, und noch dazu ganz und gar nicht aus dem +Jäger-Lateinischen. Das muß ich kennen und hätte es ihm beim ersten +Flunkerwort abgespürt und es ihm merken lassen, nämlich moralisch mit +dem Hirschfänger übers Gesäß: Hoho, das ist für den gnädigsten Fürsten +und Herrn! Hoho, das ist für die Ritter und Knecht'! Dies ist das edle +Jägerrecht!« + +»Ulebeule?!« rief der Pastor klagend-vorwurfsvoll. + +»Ja, ja, es ist wahr, 's ist spät und es zieht hier arg,« rief der +Förster, »aber die Mohrenschiffgeschichte allein hätte doch auf jedem +Orgelbilde abgemalt werden können; -- bei allem in Grün, man kommt sich +ganz abgeschmackt und verrucht verledert und in seinem Loche versumpft +vor, wenn man es sich überlegt, was man seinerseits hier am Orte vor +sich brachte an Erfahrung, während der sein Gewölle um so viele Nester +herum ablegte.« + +»Ich danke dem Himmel dafür, daß er mich hier im Frieden grau werden +ließ. Meine Natur hätte nicht für ein solches Dasein gepaßt.« + +»Das brauchen Sie mir nicht schriftlich zu geben,« lachte der Förster; +»aber hat uns nicht gerade dieses kuriose, ins Kraut geschossene +Menschenkind bewiesen, daß niemand weiß, was in ihm steckt und was er +unter Umständen aus sich herausziehen kann? O je, wie oft hab' ich in +meinen jungen Jahren aus Angst oder Verdruß in die weite Welt +hinauslaufen wollen! Nach einem solchen Erzählungsabend begreift man +weniger als je, weshalb man es damals nicht ausführte und seinen +Schulmeistern, Eltern und sonstigen Vorgesetzten durch die Lappen ging.« + +»Wir werden alle unsere Wege richtig geführt und sind in guten Händen,« +sprach der geistliche Hirte und trat leider gerade in diesem ganz +unpassenden Moment in eine etwas tiefere Pfütze, in der er ohne Gnade +hätte umkommen müssen, wenn sein handfester Begleiter nicht noch gerade +zu rechter Zeit zugegriffen hätte. + +»Bitte ein andermal um denselben Dienst,« sprach Ulebeule gravitätisch; +sonst aber brachte dieser Zufall ihr jetziges Gespräch über das Haus +Kristeller und den Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieobersten Dom +Agostin Agonista zu einem Abschluß. + +Einiges wurde jedoch noch gesprochen, ehe der Pastor geradeaus seiner +Pfarre zuwanderte und der Förster sich links in den dunkeln Hohlweg +schlug, der zu seiner Försterei führte. + +»Wir sehen uns doch morgen? Dieses alles kann doch gewiß nicht passiert +sein, ohne daß man ein weniges mehr davon sieht und hört und sich +darüber ausspricht!« + +»Man fühlt freilich das Bedürfnis,« meinte der Pastor, »und ich meine, +wir treffen wohl irgendwo zusammen. Man ist es auch unserm guten +Apotheker schuldig, daß man sich nach seinem Befinden erkundige.« + +»Und dem Oberst nicht weniger.« + +»Gewiß, gewiß. Nun, wir werden ja sehen. Und nun gute Nacht, oder +vielmehr guten Morgen, mein teurer Freund. Wir sind selten so lange bei +einander geblieben als am heutigen Abend.« + +»Und immer war's noch zu früh zum Aufbruch, und ich wäre sofort bereit, +diesen wilden Indianer mit der ersten Dämmerung thauschlägig zu spüren. +Aber der Kerl schnarcht -- ich bin fest überzeugt, er liegt im Bau und +schnarcht wie kein zweiter Mensch mit gutem Gewissen auf zwanzig Meilen +in die Runde. Sapperlot, so wie ich mich aufs Ohr gelegt habe, fange ich +an, vom Blutstuhl und diesem brasilianischen Landdragoner-General zu +träumen, und -- morgen -- morgen -- mache ich -- doch Brüderschaft mit +ihm!« + + * * * * * + +So sprach also die Welt! -- Wenn eine Million Zuhörer in dem +bildervollen Hinterstübchen der Apotheke »zum wilden Mann« dem alten +Philipp Kristeller und dem Obersten Agostin Agonista zugehört haben +würde, so würde diese Million denkender und redender Wesen kaum ein +mehreres und anderes als der Pastor Schönlank und der Förster Ulebeule +bemerkt haben. Der Seelenaustausch in diesen Wendungen genügte übrigens +auch vollkommen: wenden wir uns zu dem greisen Geschwisterpaar in der +Apotheke »zum wilden Mann« und zu seinem eigentümlichen Gaste zurück. + + + + +Elftes Kapitel. + + +Bruder und Schwester saßen allein im jetzt recht frostig werdenden +Hinterstübchen, im erkaltenden Qualm von spirituösem Getränk und +Tabaksdampf. Der Gast war zu Bett gegangen. + +Der Hausherr hatte den Freund mit dem Lichte in das behagliche Gemach +die Treppe hinaufbegleitet und noch einmal all sein überquellendes +Gefühl in Wort und Empfindungslaut zusammenzufassen gesucht. Der Oberst +hatte ihn freundlich zu beruhigen bestrebt und dann, noch in Gegenwart +seines guten Philipp's, sehr gegähnt und den Rock ausgezogen. Liebevoll +aber hatte er ihn doch noch einmal von dem ersten Treppenabsatz +zurückgerufen und, ihm die Hand auf die Schulter legend, gesagt: + +»Philipp, alter Kerl, lieber Junge, es ist mir in der That ein +herzliches Genügen, unter deinem Dache zu ruhen. Wahrhaftig, in mancher +unbehaglichen, unbequemen Stunde zu Lande und zu Wasser habe ich mir da, +d. h. unter diesem Dache, oft das vorzüglichste Quartier zurecht +gemacht, und jetzt hab' ich die Wirklichkeit, und sie ist wunderbar +wohlthuend!« + +An diesen erfreulichen Ausbruch seiner Gefühle hatte er denn freilich +recht praktisch die Frage nach dem Stiefelknecht geknüpft. + +Während der Bruder dem Gaste zu seinem Schlafzimmer leuchtete, war +Fräulein Dorette in der Bildergalerie sitzen geblieben, doch hatte sie +den Ehrensessel aufgegeben und sich auf ihrem gewohnten Stuhle +niedergesetzt. Da saß sie, beide Ellenbogen auf den Tisch stützend und +starr durch den Qualm, den die Herren hinterlassen hatten, und über die +leere Punschschale und die gleichfalls leeren Gläser weg auf die +buntbehängte Wand gegenüber sehend. Da saß sie und horchte auf die +Schritte über ihrem Kopfe und dann auf die Schritte des zurückkehrenden +Bruders auf der Treppe. + +»Welch ein Erlebnis!« murmelte sie. »Wie fällt das jetzt in unsere Tage? +-- So spät im Leben! -- Und was werden die Folgen sein? -- o, o, o!« + +Nun aber trat der Bruder wieder ein und zur Schwester heran. Nun legte +er seinerseits ihr die Hand auf die Schulter: + +»Weißt du dich auch noch nicht in dem Glück, das uns dieser Abend +gebracht hat, zurecht zu finden? O Dorette, liebe Dorette, wie schön hat +sich nun alles ineinander gefunden und geschlossen, -- und gerade an +diesem Tage, an diesem Abend. Wer glaubt da an Zufall? Wer hat jemals +deutlicher als wir die Hand der Vorsehung, die alles gut macht, in +seinem Lebenslose erblickt?« + +»O!« stöhnte die Schwester. »Ach, Bruder, Bruder, was wird nun aus +unserm Leben werden? -- O, wenn er doch nur früher gekommen wäre! Aber +so spät am Abend -- so spät am Abend -- was sollen wir anfangen?« + +Herr Philipp Kristeller hatte sich auf seinem Stuhl niedergelassen und +blickte die Schwester groß und verwundert an. + +»Was -- wie meinst du das, Dorothea?« + +»Jetzt frage mich nur nicht weiter,« sagte das alte Fräulein scharf. »Es +wird sich ja alles finden -- morgen, übermorgen! Ja morgen ist ja auch +ein Tag! -- Aber man kann es ja nicht lassen. -- Bester Bruder, wenn er +nun bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Man muß sich ja da +alle möglichen Fragen stellen.« + +»Wenn er bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Aber das wäre +ja herrlich!« rief der Apotheker, entzückt sich die Hände reibend. »Wie +weich und angenehm wollten wir ihm sein Leben machen!« + +Verwundert sah er hin, als das Fräulein zweifelnd und melancholisch den +Kopf schüttelte. + +»Du glaubst nicht, daß wir das vermöchten, Dorothea?« + +»Nein,« erwiderte das Fräulein kurz und sprach unter einem schweren +Seufzer mehr zu sich als dem Bruder: + +»Und dann der andere Fall, -- wenn er morgen wieder abreisen will, und +dazu --« + +Sie brach ab und vollendete den Satz auch nicht, als der Bruder gespannt +eifrig fragte: + +»Und dazu? -- was meinst du? was willst du sagen?« + +»Wir müssen es eben abwarten,« sprach Fräulein Dorothea Kristeller +aufstehend. »Etwas anderes läßt sich in dieser Nacht doch nicht bereden; +und jetzt wollen auch wir zu Bett gehen und versuchen zu schlafen.« + +Nach diesem saßen sie doch noch, aber stumm, eine gute halbe Stunde +beieinander. Als sie zu Bette gegangen waren, schlief weder Bruder noch +Schwester einen ruhigen Schlaf. + +Den ruhigsten Schlaf von allen, deren Bekanntschaft wir diesmal machten, +schlief der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista. + +Der lag friedlich auf dem Rücken und lächelte im Schlummer und sogar +beim Schnarchen. Man vernahm ihn so ziemlich durch das ganze Haus, und +wenn er träumte, so träumte er, ganz gegen alle soldatische Sitte und +Gewohnheit, weit in den jungen Tag hinein. + +Dieser junge Tag kam frisch, reingewaschen, glänzend und sonnig -- ein +klarster, kalter Oktobertag. Die Berge in ihrem braunen Herbstgewande +hoben sich scharf von dem hellblauen Himmelsgewölbe ab; die leeren +Felder der Ebene lagen bis in die weiteste Ferne klar da; und die +Dörfer, die einzelnen Gehöfte, Anbauerhäuser und Hütten erschienen dem +Auge scharf umzogen, als ob sie dem Spiegel einer _Camera obscura_ +entnommen worden und in die Morgenlandschaft hinein aufgestellt seien. + +In dieser sonnigklaren Herbstmorgenlandschaft erschien aber die Apotheke +»zum wilden Mann« vor allem Übrigen wie hübsch auf- und abgeputzt. Die +Firma über der Thür glänzte in ihrer Goldschrift weit hin, die +Landstraße nach rechts und links entlang. Und alles, was sonst zu dem +Hause gehörte: Gartengegitter, Stallungen und Mauern, befand sich im +ordentlichsten Zustande. Man sah, daß um jegliches Zubehör dieses +Heimwesens ein sorglicher Geist walte, der seine Freude und sein Genügen +dran habe und sein Möglichstes von Tag zu Tage thue, alles im Hof, Haus +und Garten im guten Stande zu erhalten. Bis auf die vom Sturme der Nacht +zerzausten Sonnenblumen, die noch in ihren welken Resten über den +Gartenzaun hingen, war alles rings um die Apotheke »zum wilden Mann« im +vollsten Sinne des schönen Wortes -- präsentabel. + +Und Bruder und Schwester warteten mit dem Kaffee auf den Gast. Eben +hatte er herunter sagen lassen: augenblicklich rasiere er sich und werde +in zehn Minuten erscheinen. + +Die Dünste der Nacht waren verscheucht, das Hinterstübchen gekehrt und +mit weißem Sande bestreut. Die Hauskatze putzte sich unter dem Tische, +und der Zeisig zwitscherte lebendig in seinem Bauer; -- es war ein +Vergnügen, Herrn und Fräulein Kristeller an ihrem Kaffeetische sitzen zu +sehen, und -- eingeladen zu werden, gleichfalls daran Platz zu nehmen. + +Der Oberst ließ nur wenig über die angegebenen zehn Minuten auf sich +warten. Schon vernahm man seinen martialisch schweren Schritt auf der +Treppe; -- der Apotheker Philipp Kristeller riß die Thür seines +Lieblingsgemaches auf. + +»Schönen guten Morgen!« rief der Oberst Dom Agostin Agonista auf der +Schwelle, und Wirte und Gast faßten sich rasch zum erstenmal bei hellem +Tageslicht ins Auge: am schärfsten sah das Fräulein zu; etwas weniger +scharf sah sich der brasilianische Kriegsmann seine Leute an; -- der +Apotheker »zum wilden Mann« sah gar nichts, sein Gast und Freund +schwamm ihm vor den Augen -- wenigstens die ersten Minuten durch. + +»Recht alt geworden,« meinte der Oberst bei sich, und er hatte recht. + +»Unter anderen Verhältnissen würde ich gar nichts gegen ihn haben,« +sagte das Fräulein in der Tiefe der Seele, »ein anständiger, behäbiger +Herr!« + +Der Apotheker Philipp Kristeller sagte gar nichts; er schüttelte von +neuem dem alten wiedergefundenen Freunde -- dem Wohlthäter und Gaste die +Hand und drückte ihn diesmal trotz alles Widerstrebens auf den +Ehrenplatz nieder. Erst als der Oberst saß, sagte Herr Philipp etwas, +und zwar nicht bei sich und in der Tiefe seiner Seele, sondern er rief +es fröhlich und laut: + +»August, ich freue mich unendlich, -- du bist merkwürdig jung +geblieben!« + +»Bei allen Göttern zu Wasser und zu Lande, ich hoffe das,« lachte der +Oberst Dom Agostin, und es war eine Wahrheit: trotz seiner schneeweißen +Haare und seiner wohlgezählten Jahre war er sehr jung geblieben; aber +das jüngste an ihm war doch seine Stimme. + +Diese allein schon konnte als eine Merkwürdigkeit gelten. Mit einem +behaglichen Widerhall erfüllte sie das Haus, ging einem voll und rund +durch die Ohren ins Herz und paßte sich gemütlich, ja sozusagen, +tröstlich-fröhlich allem und jeglichem an, was die Stunde im Guten und +im Bösen bringen mochte. Wer sie von fern vernahm und vorzüglich in +Verbindung mit dem herzlichen Lachen ihres Besitzers, der sagte sich +unbedingt: + +»Da freut sich ein braver Gesell seines Daseins.« + +Der Oberst schüttelte nun noch einmal dem Fräulein die Hand und sprach +zum Apotheker: + +»Ich habe euch heute morgen das Recht gegeben, mich für einen +Langschläfer zu halten, aber ihr werdet wahrscheinlich morgen früh schon +eines Besseren belehrt werden. Gewöhnlich pflege ich drei Stunden vor +Sonnenaufgang auf dem Marsche zu sein. Man lernt das, auch ohne Anlagen +dazu zu haben, unterm Äquator; und wenn ihr eines morgens das Nest ganz +leer finden solltet, so braucht ihr euch auch nicht allzu sehr zu +wundern.« + +»O, Freund,« rief der Apotheker, »wir werden dich zu halten wissen! wir +werden dich sicherlich fürs erste nicht loslassen! Du bist unser! Du +darfst nicht gehen, wie du gekommen bist -- du würdest für lange Zeit +alle unsere Freude, unser Behagen mit dir wegführen!« + +»Hm,« sagte der Oberst, und dann frühstückten sie gemächlich und der +alte Soldat mit besonders ausgezeichnetem Appetit. Er zeigte auch +beneidenswert wohl konservierte Zähne und wußte sie trefflich zu +gebrauchen. + +Nach vollendetem Frühstück lehnte er sich behaglich seufzend zurück und +setzte seine Pfeife in Brand. Dorette ging ihren Hausgeschäften nach, +und die beiden Herren waren allein. Sie plauderten jetzt -- sie konnten +jetzt plaudern -- der Ernst in ihren gegenseitigen Verknüpfungen war +wenigstens für den Moment überwunden; sie hatten die nötige Ruhe zum +harmlosen Schwatzen gefunden, und sie schwatzten miteinander -- zwei +gemütliche ältliche Herren, deren einer etwas mehr von der Welt gesehen +und sich bedeutend besser erhalten hatte, als es dem anderen vergönnt +gewesen war. + +Der Brasilianer freute sich über die deutschen Stubenfliegen, welche ihm +um die Nase summten; es war ihm auch durchaus nicht zu verdenken; aber +die Thatsache verdient, in einem eigenen Kapitel behandelt zu werden. + + + + +Zwölftes Kapitel. + + +»Ihr glücklichen Leute wißt es gar nicht, um wie vieles unsereiner euch +zu beneiden hat,« sprach der Oberst. »Da sitzt ihr in eurer täglichen +Behaglichkeit, und wenn ihr euch nicht dann und wann wirklich über die +Fliege an der Wand zu ärgern hättet, so ginge es euch eigentlich zu gut. +Nun guck einer, wie niedlich sich das Ding da auf der Zuckerdose die +Nase wischt und die Flügel putzt! Sollte man es nun für möglich halten, +daß der Gutmütigste von euch hier zu Lande vor Wut außer sich gerät, +wenn das ihm während des Mittagsschlafes über die Stirn spaziert? So ein +Bivouac am Rio Grande ohne Moskitonetz, das würde etwas für euch sein, +um euch Geduld in Anfechtungen zu lehren.« + +Der Apotheker lächelte und sagte: + +»Unsere Anfechtungen haben wir auch wohl ohne das, lieber August.« + +»Lieber Agostin! wenn ich dich bitten darf,« rief der Gast. »Du hast +keine Ahnung davon, wie verhaßt mir dieser frühere August ist. Wenn +jemand seinen alten Adam so vollständig wie ich im Graben ablegt, dann +hält er auch etwas auf seinen neuen Rock. Mein jetziger paßt mir wie +angegossen, bemerke ich dir abermals; -- Dom Agostin Agonista, +Gendarmerie-Oberst in kaiserlich brasilianischen Diensten -- alles in +Ordnung, Patent wie Paß --« + +»Ereifere dich doch nicht, Lieber,« sagte der alte Philipp begütigend. + +»Ich ereifere mich nicht, ich ärgere mich nur!« rief der Oberst. + +»Und zwar wie ein echter Deutscher über die Fliege an der Wand, bester +Augustin,« meinte der Apotheker »zum wilden Mann«; und dann gingen sie +zu etwas anderem über, das heißt, der Oberst fing an, sich sehr genau +nach den Umständen und Lebensläufen der Herren, deren Bekanntschaft er +am gestrigen Abend gemacht hatte, zu erkundigen. Dann erzählte er +seinerseits genauer, auf welche Weise er mit dem Doktor Hanff auf dem +Wege zusammengeraten sei, und dadurch kam er darauf, wie ihn doch nicht +allein der Zufall in diese Gegend geführt habe, sondern wie er in der +That mit der Absicht gekommen sei, sich nach dem alten botanischen Wald- +und Jugendgenossen, nach dem treuen Freunde vom Blutstuhl umzuschauen. + +»Ich hatte keine Ahnung, wo du geblieben warst, und ob du überhaupt noch +am Leben seist, Filippo!« rief der Brasilianer. »Aber ich hatte mir +vorgenommen, dich tot oder lebendig zu finden, und es ist mir gelungen. +Eine Maronjagd war es durchaus nicht, Alter. Ich habe es wohl gelernt, +Spuren von Wild und Mensch im Urwalde, wie zwischen den Ackerfeldern und +in dem verworrensten Straßennetz über und unter der Erde zum Zwecke zu +verfolgen. Dich, oder deinen Namen, oder vielmehr einen Schnaps oder +Liqueur deines Namens spürte ich in den Zeitungen aus; -- dem +>Kristeller< ging ich nach, und da bin ich denn, und du wirst es mir +gewiß nicht verdenken, wenn ich im Laufe des Morgens das Getränk an der +Quelle zu erproben wünsche. Es war keineswegs notwendig, daß euer Doktor +mich auf den >Kristeller< aufmerksam machte.« + +Der alte Philipp hatte sich während dieser Auseinandersetzung +fortwährend vergnüglichst die Hände gerieben, jetzt sprang er auf, +klopfte den Freund auf die Schulter und rief: + +»Also mein >Kristeller< hat dich auf meine Spur gebracht! O, lieber +August--in, ich glaube da wirklich eine wohlthätige Erfindung gemacht zu +haben; ich werde sogleich --« + +»Nachher,« sprach der Oberst Agonista. »Sieh, wie herrlich die Sonne +scheint, wie blau der Himmel ist! Philipp, jetzt zeigst du mir vor allen +Dingen dein Heimwesen im einzelnen: Herd und Hof -- ach, wie schade, daß +du mir nicht auch Weib und Kinder und Enkel zeigen kannst! -- und +Garten, die Offizin, das Laboratorium, die Materialkammer, Küche und +Keller, Stall und Viehstand -- alles interessiert mich!« + +Da der Hausherr jetzt wieder neben seinem Gaste saß, so klopfte er ihn +nun auf das Knie: + +»O Augustin, wie freundlich ist das von dir! Welch' eine Freude machst +du mir da. Sollen wir gleich gehen?« + +»Gewiß,« sprach der Oberst Dom Agostin Agonista, sprang auf, drückte den +Tabak in der Pfeife fest und nahm den Arm des Freundes. + +Beide Herren traten ihre Gänge an, durch Haus und Hof, durch Garten und +Ställe, und es war zugleich eine Merkwürdigkeit und ein Vergnügen, wie +verständig und sachkundig der Kriegsmann über alles zu reden wußte, und +-- wie genau er sich jegliches Ding ansah. + +Der entzückte Hausherr sprach ihm mehrfach seine Verwunderung darob aus; +aber Dom Agostin lachte und meinte: + +»Treibe du dich einmal wie ich ein Menschenalter da drüben um unter dem +Volk und den Völkerschaften, die Affen und sonstigen Bestien +eingeschlossen. Das heißt natürlich als ein von Haus und Anlage aus +überlegender und praktischer Mann, und dann sieh zu, ob du nicht +gleichfalls die Ordnungen der alten Heimat dir im Gedächtnis wachrufen +und täglich gern mit neuen Erfahrungen vermehren wirst. Wenn mich mein +Schicksal zu einem Abenteurer gemacht hat, Philipp, so bin ich doch ein +ganz solider geworden. Daß ich mich demnächst verheiraten werde, glaube +ich euch bereits gestern abend mitgeteilt zu haben.« + +»Wenn es wirklich dein Ernst war, Augustin --« + +»Mein bitterer Ernst. Ihr schient es alle für einen Scherz zu nehmen; +ich habe das wohl gemerkt. Eigentlich hätte ich das übel aufnehmen +sollen und begreife jetzt auch nicht, weshalb ich nicht sofort um +weitere Aufklärung über euer Lächeln hat; -- dieser Doktor -- Doktor +Hanff schien mir sogar die Schultern in die Höhe zu ziehen. Nun, +schieben wir das alles auf den trefflichen Punsch deiner Schwester; -- +ich aber wiederhole es dir, ich bin bis über die Ohren verliebt und +trage das Bild meiner Geliebten in einem Medaillon unter der Weste auf +dem Busen. Du sollst das Porträt sehen, und deine Schwester soll's +nachher auch sehen, und dann will ich eure Meinung ruhig anhören. Es ist +ein Prachtweib und nicht ohne Vermögen; Senhora Julia Fuentalacunas, -- +nicht wahr, ein recht wohlklingender Name? Sie kam jung als Julchen +Brandes von Stettin nach Rio und heiratete den Senhor Fuentalacunas vom +Zollamte. Weißt du, lieber Freund, der Rock des Kaisers ist zwar eine +recht kleidsame und honorable Tracht; aber wenn man so die erste Jugend +hinter sich hat, fängt man an, auf die Ehre zu pfeifen und das Behagen +dem Herrendienste vorzuziehen. Ich werde eine Hacienda kaufen und hoffe +als ein begüterter Familienvater meine Tage in Ruhe im Kreise der +Meinigen zu beschließen. Ihr -- du und Fräulein Dorette -- gehört +natürlich zu der Familie, und wir werden ein vortreffliches Leben +miteinander führen.« + +»Wie?« -- -- fragte der Apotheker »zum wilden Mann«, Herr Philipp +Kristeller, und sah seinen Gast mit den größesten Augen an. + +»Wie ich es sage,« sprach der kaiserlich brasilianische +Gendarmerie-Oberst, den erstaunten Blick seines alten Freundes nicht im +mindesten beachtend, sondern, mitten im Hofraume stehend, rings umher an +den umgebenden Gebäuden emporschauend. Es schien ihm wiederum in der +That bitterer Ernst um das zu sein, was er sagte. + +»Ich hoffe, deine Schwester ohne Mühe zu überreden,« fügte er wie +beiläufig an. + +Der Apotheker lachte, der Oberst aber lachte ganz und gar nicht mit, +sondern umging die zwei Milchkühe im Stalle mit kritischem Blicke, +klopfte sie auf die Weichen und bemerkte: + +»Vor einigen Jahren war ich in Fray Bentos und sah mir das dortige +Fleischextrakt-Institut an. Großartig! -- Sie treiben euch vor den Augen +einen Ochsen in die Retorte und liefern ihn euch nach zehn Minuten in +eine Büchse konzentriert, die ihr in die Hosentasche steckt -- wäre das +Weltmeer nicht da, dem ihr euer Erstaunen zurufen könnt, ihr wüßtet +nirgends damit hin, Philipp. Und vor vierzehn Tagen war ich bei Liebig +in München -- annähernd derselbe Geruch und Duft wie bei dir, nur noch +ein bißchen metallischer; -- Kristeller, da können wir einander +gleichfalls gebrauchen -- ich liefere dir das Vieh, und du lieferst mir +den Extrakt; -- Philipp, ich gebe dir mein Ehrenwort darauf, in drei +Jahren machen wir den Herren zu Fray Bentos eine Konkurrenz, die sie zu +Thränen rühren soll.« + +»O Augustin, welch einen prächtigen Humor hast du aus deinem neuen +Vaterlande mit herübergebracht!« rief der Apotheker; »aber --« + +»Humor?« fragte der Oberst sehr ernsthaft und setzte fast schreiend +hinzu: »Zahlen! Zahlen! Die eingehendsten, unumstößlichsten +Berechnungen: Hier! -- da!« + +Er hatte bereits seine Brieftasche hervorgezogen und las im Fluge dem +Freunde einige in der That sehr eingehend auf die +Fleischextrakt-Fabrikation Bezug habende Zahlenreihen her. Herr Philipp +Kristeller rieb sich in immer größerer Erstarrung die Stirn: + +»Die Schwester -- die Schwester sollte das hören,« murmelte er, und +jetzt lächelte auch der Gendarmerie-Oberst endlich wieder einmal und +meinte: + +»Ich werde natürlich schon beim Mittagsessen deine gute Schwester mit +unseren Plänen bekannt machen und sie für dieselben zu gewinnen suchen. +Ich bin überzeugt, sie wird sich nicht so steif-verwundert wie du +hinstellen und nur meinen Humor loben.« + +»O du großer Gott!« seufzte Herr Philipp. + +Die Ziege, welche neben den zwei Kühen im Stall unter der besonderen +Obhut Fräulein Dorette Kristellers ein wohlbehagliches Dasein lebte, +überging der Oberst ohne weitere Bemerkung; dagegen sprach er im +Hühnerhofe kopfschüttelnd: + +»Dieses Vieh hier erinnert mich stets merkwürdig lebhaft an meine selige +Mutter.« + +Er hatte die Brieftafel in der Hand behalten und machte von Zeit zu Zeit +einige Notizen. Fast zwei Stunden brachten die beiden Herren auf ihrer +Inspektionsreise zu, und als sie ins Haus zurückkehrten, fanden sie den +Landphysikus in der Offizin auf sie wartend und ein Gläschen vom +berühmten Kristeller'schen Magenliqueur vor ihm auf dem Tische. + +Mit gewohnter Jovialität begrüßte der Doktor die eintretenden beiden +Herren. Man schüttelte sich bieder die Hände im Kreise und erkundigte +sich gegenseitig auf das Herzlichste nach der Nachtruhe und dem +sonstigen Befinden. + +»Was für einen Wochentag schreiben wir denn heute eigentlich?« fragte +der Oberst, seine Brieftasche immer noch in der Hand tragend. + +»Das wird Ihnen der Barbier, welcher da eben hinrennt, am besten sagen +können,« lachte der Doktor Hanff, »der Pflug geht den Bauern über die +Wochenstoppeln; es ist Sonnabend --« + +»Und morgen besuche ich zum erstenmale seit einem Menschenalter den +deutschen Gottesdienst wieder!« rief der Oberst Dom Agostin Agonista +entzückt. »Übermorgen reise ich ab.« + +»August? -- Augustin?« rief erschrocken Herr Philipp Kristeller. + +»Herr Oberst?« sprach erstaunt Fräulein Dorette Kristeller. + +Aber der Landphysikus, sein Glas energisch zurückschiebend, rief: + +»Unter allen Umständen unmöglich, Colonel; der Förster Ulebeule +begegnete mir, er ist mit einer Einladung zum Mittagsessen auf den +Montag unterwegs; für den Dienstag erbitte ich mir die Ehre; am Mittwoch +kommt die Reihe an den Pastor; am Donnerstag -- doch da wollen wir den +übrigen Herren nicht vorgreifen; jedenfalls lassen wir Sie unter keinen +Umständen so rasch fort, Oberst. Wer einen seltenen Vogel wie Sie in den +Händen hat, der hält ihn, so lange es möglich, fest. Geben Sie mir noch +einen >Kristeller<, lieber Kristeller, und nehmen Sie auch einen, +liebster Oberst; Sie scheinen noch gar keine rechte Ahnung davon zu +haben, welche guten und angenehmen Dinge die hiesige Planetenstelle +produziert.« + + + + +Dreizehntes Kapitel. + + +Der Förster, welcher in diesem Augenblick in die Thür trat, vernahm, was +besprochen wurde, und redete sofort mit den Übrigen heftig und dringend +auf den alten, tapferen, südamerikanischen Krieger ein. Dieser aber +wehrte sich stumm nur durch Gesten, zu gleicher Zeit das ihm kredenzte +Spitzglas mit dem Kristeller'schen Magenbitter gegen das Licht haltend +und durchäugelnd. + +Jetzt setzte er den Becher an die Lippen -- schlürfte -- hielt ein -- +probierte noch einmal mit tieferer Andacht -- goß den Rest mit einer +gewissen wilden Inbrunst die Kehle hinunter -- reichte sofort das Glas +zu neuer Füllung aus der dickbäuchigen grünen Flasche hin und rief: + +»Bei meiner Seele, das ist ja wirklich endlich -- endlich einmal ein +G e t r ä n k!« + +»Nicht wahr?« fragten der Förster und der Doktor ernsthaft, während der +Apotheker »zum wilden Mann« verschämt-glücklich der Schwester über die +Schulter lächelte. + +»Bei den Göttern, das ist ein Getränk, Philipp! Und du bist wahrhaftig +davon der Erfinder? Und du hast das Rezept dazu unter Schloß und Riegel? +-- Und du sitzest hier noch immer in diesem verlorenen Winkel und drehst +dem Doktor da seine Pillen und rührst ihm seine Mixturen zusammen? -- +Fräulein Kristeller, ich erbitte mir sogleich nach Tisch ein +Privatgespräch! Meine Herren, dies ändert die Sachlage vielleicht; +lieber Forstmeister, im Laufe des Nachmittags werde ich mir erlauben, +Ihnen Nachricht zu geben, ob ich Ihre Einladung annehmen kann oder +nicht.« + +»Bravo!« riefen der Landphysikus und der Förster; der Apotheker sagte: + +»Du bleibst also ohne Bedingung, Lieber; und es war auch durchaus nicht +nothwendig, uns einen solchen Schrecken in die Glieder zu jagen. Es war +nicht freundschaftlich und brüderlich, Augustin.« + +»Ich bitte noch um einen >Kristeller<,« erwiderte der Oberst. »Philipp, +auf dein Wohl! Ich versichere dich, ich habe dich lieb gehabt; aber +jetzt tritt der Respekt zur Liebe; -- meine Herren, Sie haben diese +dreißig Jahre durch einen großen Mann in Ihrer Mitte gehabt, ohne es zu +wissen. Philipp, dein Schnaps ist wunderbar, was aber meine Abreise +betrifft, so ist Unsereiner stets mit Gewehr über auf dem Marsche, und +man muß eben ein Weib nehmen und ein bürgerlich Geschäft treiben, um das +Stillsitzen zu erlernen. Bei den hohen Göttern, dieses hier ist +vielleicht noch rentabler als Fray Bentos! Kristeller, wir werden drüben +den feurigen siebenten Himmel durch einen Destillierkolben auf die Erde +herunterholen. Fräulein Dorette, wir werden die Sonne und den Blitz auf +Flaschen ziehen und unsere Preise darnach stellen. Kristeller und +Agonista -- Sao Paradiso, -- Provinz Minas Geraes, Kaiserreich +Brasilien! Mit diesem Getränk unter dem Arm kommen wir durch bei allen +Nationen rund um den Erdball. Wir kommen durch, Senhora, und wie gesagt, +nach Tisch erbitte ich mir ein behagliches Plauderviertelstündchen im +Hinterstübchen, Senhora Dorothea.« + +Sie lachten alle, nur das Fräulein nicht. Was das Lachen des +erfindungsreichen Hausherrn anbetraf, so machte das einen unbedingt +ratlosen und hilflosen Eindruck. Ein Mensch aber, der ein Leben hinter +sich hatte, wie der Oberst Agonista, durfte in der That die Erde mit +anderen Augen sehen und mit anderen Händen greifen als die +Hausgenossenschaft und die Hausfreunde der Apotheke »zum wilden Mann«, +und konnte auch, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, von den +anderen ganz naiv verlangen, daß man sich auf seinen Standpunkt stelle. +Der Oberst Dom Agostin Agonista konnte wirklich seinen festen +unerschütterlichen Entschluß darlegen, noch einmal, und zwar nach einem +Menschenalter, das Glück und Schicksal seines Freundes Philipp +Kristeller auf die andere Seite zu drehen, und zwar ohne auf irgend +welche Einwürfe und Gegenvorstellungen zu hören. + +Da sich jetzt die Hausflur mit allerlei Kunden füllte, so begleitete der +tapfere alte Soldat allein den Förster und den Doktor auf ihrem Wege ins +Dorf zurück. Er ging zwischen ihnen, jeden unterm Arme haltend, und wer +den Dreien begegnete, stehen blieb und ihnen nachsah, der mußte es +zugeben, daß jeder von den Dreien in seiner Art »gut« war. Dazu aber +hielt sich das Gespräch der Herren am alten Philipp und seinem +»Kristeller«; und selbst auf diesem kurzen Wege erhielt der +brasilianische Gendarmen-Oberst noch einige recht nützliche Notizen über +die Apotheke »zum wilden Mann« und kam, heiter pfeifend und die reine, +frische Herbstluft wohlig einschlürfend zurück -- gerade recht zum +Mittagsessen. + +Man speiste; man hielt Siesta, -- der Oberst die seinige diesmal in +seinem Ehrensessel im bilderbunten Hinterstübchen. + +Punkt drei Uhr trat er erfrischt wiederum in die Offizin, um noch einen +»Kristeller« zu nehmen. Dann wußte er den Weg in die Küche schon ganz +genau und brauchte keinen Führer auf demselben. + +»Fräulein Dorette,« sagte er, »jetzt wäre der günstige Augenblick +vorhanden. Soeben habe ich den guten Philipp auf seine Materialkammer +geleitet, und wir beide, liebes Fräulein, haben hier unten das Reich +allein. Kinder, Kinder, ich freue mich kindlich, so familienfreundlich +mit euch zusammen zu sein! Und wir bleiben eine Familie -- nicht wahr, +wir bleiben e i n e Familie? -- Es ist zu prächtig! Da draußen der +deutsche Herbsthimmel, hier innen die deutsche Ofenwärme und -- das +liebe Brasilien wie das Land der Verheißung in der Ferne! Senhora, ich +erlaube mir, Ihnen meinen Arm anzubieten.« + +Er führte richtig die alte, ängstlich über die Schulter zurückblickende +Dame in ihre eigene Stube, des Hauses Ehrengemach, und verblieb mit ihr +eine gute halbe Stunde drinnen und zwar in dringlichsten Verhandlungen; +während der Bruder, um seiner Erregungen wenigstens etwas Meister zu +bleiben, in seiner Materialkammer sämtliche Kräutersäcke auf- und +abtürmte und sämtliche Schubladen aufzog und zuschob. + +Eine halbe Stunde kann selbst dem phlegmatischsten Menschen unter +Umständen sehr lang erscheinen; das ist eine bekannte Wahrheit, muß hier +jedoch dessenungeachtet wiederholt werden. Dem Apotheker »zum wilden +Mann« erschien der kurze Zeitraum s e h r lang, Fräulein Dorette +hingegen ging er ungemein rasch vorüber. + +Schon öffnete der Oberst ihr höflichst die Thür ihrer Putzstube und -- +ließ sie heraus. Er blieb drin! -- Sie hielt sich am Thürpfosten wie von +einem Schwindel befallen; -- sie hatte dem braven Kriegsmann einen Knix +machen wollen, allein es war ihr nicht möglich gewesen. Während sie aber +draußen an der Wand lehnte und wie aus plötzlich erblindeten Augen um +sich zu sehen strebte, war der Oberst drinnen leise pfeifend zum Fenster +gegangen und hatte es geöffnet und sich drein gelegt. + +Da lag er, schwer auf den Ellenbogen, stieß einen schweren Seufzer aus +und blickte die Landstraße entlang, zur Rechten und zur Linken hin. + +Das Fräulein draußen legte jetzt beide Hände an die Schläfen und stieß +gleichfalls einen Seufzer aus und stöhnte dazu: + +»Großer Gott, ganz wie ich es mir gedacht hatte! o du lieber Gott, mein +armer, armer Bruder!« + +Von seinem Fenster aus rief der Oberst einen vorbeilaufenden Dorfknaben +an: + +»Heda, miin Jung', kennst du den Herrn Förster Ulebeule und weißt du, wo +er wohnt?« + +»Na?!« fragte der Bengel an der Hauswand empor, entrüstet ob der +Naivetät der Frage. + +»Gut, mein Sohn. Ich warte hier mit fünf Groschen in der Hand auf dich. +Lauf' einmal zum Herrn Förster und bestell' einen schönen Gruß von dem +fremden Herrn in der Apotheke, und es würde dem Herrn Apotheker und dem +fremden Herrn ein Vergnügen sein, am Montag bei dem Herrn Förster zu +essen.« + +Der Knabe vom Gebirge rannte und sah im Rennen verschiedene Male zurück, +ob der weißköpfige Herr mit dem braunen Gesichte im Fenster auch +wirklich Wort halte und mit dem gebotenen Honorar präsent bleibe. +Drunten im Hinterstübchen, im Ehrensessel des brasilianischen Obersten, +saß Fräulein Dorette Kristeller, stützte die Ellenbogen auf den Tisch +und das Gesicht auf die Hände und ächzte leise: + +»Mein Bruder, mein armer Bruder!« + + + + +Vierzehntes Kapitel. + + +Am anderen Tage war Sonntag, ein deutscher Dorf-Sonntag. Die Glocke +läutete zur Kirche, und der Pastor Schönlank hatte seine Predigt fertig +und bereit. Mit dem Gesangbuch seines Freundes Philipp unter dem Arme +und würdig die Schwester des Freundes führend ging auch der +brasilianische Oberst Dom Agostin Agostina in die Kirche und zwar in +Uniform. Er hatte seinen Mantelsack und kleinen Reisekoffer vollständig +ausgepackt und sein Äußeres festtäglich geschmückt. Er trug seine +sämtlichen Orden und sah nicht nur martialisch, sondern wirklich +prächtig und vornehm aus und störte die Andacht des Dorfes durch seine +Erscheinung vollständig. Er sang auch mit. Der Pastor in der Sakristei +vernahm ihn über die Orgel, den Kantor und die Gemeinde weg; -- ein so +sonorer Baß hatte lange nicht die Wölbung des kleinen Gotteshauses +erschüttert. Nach der Kirche hatte der fremdländische Krieger, wiederum +Fräulein Dorette Kristeller am Arme führend, so zu sagen die Parade der +ganzen Gemeinde abzunehmen. Sie bildete Spalier auf seinem Wege, und +gutmütig lächelnd und fort und fort an die Mütze fassend, schritt der +Oberst zwischen der Hecke anstaunender Bauerngesichter durch. + +Das Dorf sprach heute nur von ihm; Fräulein Dorothea kam aber sehr +unwohl aus der Kirche nach Hause und fühlte sich gezwungen, sich zu +Bette zu legen und den Rest des Tages darin zu bleiben. + +Am folgenden Tage ging der Oberst mit seinem Freunde Philipp zum Förster +Ulebeule auf einen Wildschweinkopf. Fräulein Dorette setzte sich vor die +Rechenbücher des Hauses. Die Herren in der Försterei waren sehr heiter +bei Tische; der Oberst erzählte wieder von der Herrlichkeit seiner neuen +Heimat und brachte die Leute aus dem stillen Erdenwinkel fast außer sich +durch seine Beredsamkeit und die Farbenpracht seiner Schilderungen. +Diesmal forderte er den Doktor auf, mit hinüberzugehen und ein Millionär +und kaiserlicher geheimer Hofmedicus zu werden, und schon bei der +vierten Flasche hatte der Landphysikus es dem Oberst fest versprochen +und durch Handschlag sein Wort besiegelt. + +»Mit Ihnen, lieber Pastor, wissen wir weniger da drüben anzufangen,« +rief Dom Agostin, »aber wir holen Sie vielleicht doch noch nach, wenn +wir uns unsere eigenen Hauskapellen errichtet haben.« + +Da hatte der geistliche Herr gelächelt, aber etwas kläglich gesagt: + +»Wir sind doch wohl zu einer solchen Emigration ein wenig zu alt, Herr +Oberst. Auch würden Sie vorher vor allen Dingen mit meiner guten Frau +reden müssen, theurer Herr.« + +»Weshalb sollte ich das nicht, wenn sonst die Bedingungen vorhanden +sind?« fragte der Brasilianer. + +Sie waren ungemein vergnügt bei dem Förster Ulebeule, und erst bei weit +vorgeschrittener Dämmerung kamen Philipp und August Arm in Arm und +Schulter an Schulter, angeregt und höchst lebhaft heim zur Apotheke. + +»Von dem >Kristeller< erbitte ich mir ein Flacon auf den Nachttisch, +lieber alter Junge,« sprach der Oberst. »Er entzückt mich immer von +neuem, auch nach dem Diner. Pereat Fray Bentos, -- dies hier nenne ich +in Wahrheit eine konzentrierte Bouillon! Der Teufel hole alles Rindvieh +in den Pampas; -- da wir diesen Feuertrank hier am Orte schon so kochen, +wie wird er erst da drüben im Feuerlande ausfallen, Fi--lip--po!« + +»De--li--kat!« erwiderte Herr Philipp Kristeller, worauf die beiden +Freunde einander dreimal recht herzhaft abküßten. + +Sie saßen übrigens an diesem Abend allein im Hinterstübchen, der Oberst +und der Apotheker »zum wilden Mann«. Fräulein Dorette ließ sich durch +das Hausmädchen entschuldigen und heruntersagen: sie habe arges Kopfweh. + +Die beiden Herren ließen sofort hinaufsagen: das thue ihnen sehr leid +und sie wünschten von Herzen eine baldige Besserung; -- nachher saßen +sie noch bis gegen Mitternacht in der Bildergalerie zusammen und +redeten, eingehüllt in Tabaksdampf, von ihrer Jugendzeit. + +Als die Uhr Zwölf schlug, stand der Oberst auf und sagte herzlich: + +»Du weißt doch nicht ganz, wie gut es mir hier zu Mute ist, Philipp. Wir +wollen uns aber auch von nun an nicht wieder von einander trennen, +Alter! Wir wollen von jetzt an e i n Schicksal und e i n Glück haben, +nicht wahr? Nicht wahr, nicht wahr, es bleibt dabei, Philipp?« + +»Es bleibt dabei,« stammelte Herr Philipp Kristeller, und dann ging der +Oberst zu Bett. Er kannte jetzt den Weg zu seinem Schlafgemache bereits +und brauchte kein Geleit mehr. Das »Flacon« mit dem »Kristeller« nahm er +unter dem Arme mit wie am Sonntag das Gesangbuch seines Freundes. Aber +vorher hatte er noch den Freund in den Ehrensessel niedergedrückt; und +in dem Ehrensessel saß Herr Philipp noch eine Weile in der stillen Nacht +und suchte zu überlegen, ehe auch er zur Ruhe ging. + +Die Nacht war still, das Haus war still. Eben schlug es ein Uhr, als +oben eine Thür knarrte und ein langsamer leiser Schritt die Treppe +herabkam. Aus dem Überlegenwollen des Hausherrn im Ehrenstuhl des +Obersten war ein ziemlich fester Schlummer geworden. Aus diesem +Schlummer wiederum auffahrend, horchte Herr Philipp: da war der +gespenstische Schritt an der Pforte des Hinterstübchens: + +»Wer ist da?« rief der Apotheker auftaumelnd und mit beiden Händen +schwerfällig sich auf die Lehnen des Armsessels stützend. + +»Ich bin es, Bruder,« sagte Fräulein Dorette Kristeller, im langen +weißen Nachtrock wie eine moralische Lady Macbeth hereinschwankend. »Ich +bin es, Philipp; ich habe keine Ruhe mehr im Bette, keine Ruhe im ganzen +Hause. Ich glaubte, hier noch einen warmen Ofen zu finden; aber nun ist +es mir lieb, daß auch du noch wach bist, lieber Bruder; -- o Bruder, +Bruder Philipp, es ist wirklich und wahrhaftig sein Ernst!« + +»Sein Ernst? Wessen Ernst?« + +»Sein bitterer Ernst! O, ich habe es mir gleich so gedacht, als er dich +zuerst so gemütlich auf die Schulter klopfte und ihr alle über seine +wilden Pläne lachtet. Er meint es ja vielleicht auch gut mit uns; aber +elend macht er uns doch. Philipp, er braucht Geld! er braucht sein Geld, +und er ist gekommen, es zu holen!« + +Der Apotheker »zum wilden Mann« sah das trostlose alte Jüngferchen +plötzlich mit den glänzendsten, verständnisinnigsten Augen an. + +»Er braucht sein Geld, und er ist gekommen, es zu holen? Aber Dorette, +das wäre ja wundervoll!« + +»Wundervoll?! --« + +Herr Philipp Kristeller knöpfte mit zitternder Hand, der kühlen Nacht +zum Trotze, vor innerster Aufregung die Weste auf: + +»Dorette, wenn du Recht hättest! -- herrlich, herrlich wäre es! Aber -- +wenn das so wäre, so würde er es mir doch wohl zuerst gesagt haben?!« + +»Hat er das denn nicht? und zwar auf jede nur mögliche Weise -- fein und +grob!« + +Der Apotheker antwortete nichts hierauf. Er ging rasch in dem engen +Raume seiner Bildergalerie auf und ab und rieb sich nach seiner Art die +Hände und murmelte vor sich hin: + +»Der Gute -- der Wackere -- mein Gott, welch eine glückselige Nacht! -- +Und ich habe ihn ganz und gar nicht verstanden! O diese Weiber, diese +klugen Weiber! Dorette, wenn du recht hättest!« + +»Ich habe Recht!« ächzte jetzt das alte Fräulein fast böse. »So setze +dich doch und nimm Vernunft an. Was soll denn aus uns werden, Bruder? Du +bist diese dreißig Jahre lang deinen Liebhabereien und dem Geschäfte +nachgegangen; aber ich habe die Bücher geführt und weiß, wie wir stehen. +O, es reicht noch; aber es reicht auch nur gerade hin, -- und, Philipp, +ich bin fest überzeugt, er holt nicht nur das Kapital, sondern er kann +auch die Zinsen gebrauchen, die Zinsen seit dreißig Jahren!« + +»Das vergebe ich ihm so leicht nicht, daß er nicht sofort seinen Wunsch +mir klar und deutlich ausgesprochen hat,« murmelte Herr Philipp, der +durchaus nicht imstande war, sich zu setzen, sondern der fort und fort +auf und ab lief und das Wort der Schwester ganz und gar überhörte. »O +August, August, also endlich ist auch für mich die Stunde da, dir auf +deinem Wege zum Glücke behilflich sein zu können!« + +Von der ganzen Fülle dieser Vorstellung überwältigt, stand er jetzt +still, und was er seit nicht zu berechnender Zeit nicht gethan hatte, +das that er jetzt: er gab der Schwester einen Kuß -- einen langen, +herzlichen Kuß, und dann -- nahm er sein Licht und ging seinerseits in +seine Kammer. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und sich in der +Stille und Dunkelheit der Nacht den frohen nahen Morgen und seine erste +Begrüßung mit dem Freunde, dem Obersten Dom Agostin Agonista, +auszumalen. + +Fräulein Dorette stand im Scheine ihres Nachtlichtes mit schlaff +niederhängenden Armen und vor dem Leibe gefalteten Händen, blickte +hinter ihm her und stöhnte: + +»Also da sind wir denn! -- o diese Mannsleute! Was soll aus uns werden? +lieber Herrgott, was soll aus uns werden? -- Zu den Pottekudern, seinen +neuen Landsleuten, gehe ich für mein Teil nicht mit! Er wäre freilich +imstande, uns in aller Güte und Zureden mit Haus und Hof mit sich zu +schleppen und uns mitten in der Urwildnis hinzusetzen und eine +Schnapsfabrik auf meines armen Bruders Namen und Liqueur zu gründen. +Aber er soll mir kommen, der Kehlabschneider, der Scharfrichter, der +Menschenschinder, der Henkersknecht. Für alle Freibillets in der Welt +geh' ich mit ihm nicht nach seinem Amerika; am Spieße brät er uns doch, +wenn er uns drüben hat, und wenn er auch noch so schlau hier am Orte den +Gemütlichen, den Vergnügten und den biederen treuherzigen Krieger +spielt.« + +Der Oberst Dom Agostin Agonista wurde durch das, was im unteren Teile +des Hauses »zum wilden Manne« vorging, nicht in seinem Schlummer +gestört. Er schlief abermals weit in den hellen Sonnenschein des +Dienstags hinein, und die Flasche mit dem »Kristeller« stand auf seinem +Nachttische, und auch das Spitzglas, das dazu gehörte, hatte der alte +Soldat handgerecht zugerückt. Aber auf dem Stuhle am Bette saß um halb +neun Uhr, seit einer Viertelstunde zärtlich lauschend, Herr Philipp +Kristeller, das Erwachen des Gastes, Freundes und Wohlthäters erwartend. + +»Sobald der Gute erwacht, wollen wir überlegen, in welcher Weise es am +angenehmsten und vorteilhaftesten für ihn einzurichten ist,« hatte der +Apotheker, auf den Zehen in die Kammer schleichend, geflüstert; und er +hatte eine gute Stunde zu warten, ehe der Brasilier die Augen öffnete, +sich entsetzlich reckte, gewaltig gähnte und dann, sich überrascht +aufrichtend, rief: + +»Diablo! bist du denn das, Filippo? Ei, schönsten guten Morgen! aber +dieses ist einmal freundlich von dir!« + +»Guten Morgen, August. Du erlaubst mir wohl, daß ich dich diesmal wieder +August nennen darf; denn ich sitze hier und warte auf dein Erwachen, um +dich recht tüchtig abzukanzeln.« + +»Abzukanzeln? weshalb? wieso? warum? wofür?« + +»Weil du meiner guten Schwester mehr Zutrauen bewiesen hast als mir, +August.« + +»Ah -- -- -- so!« sprach der brasilianische Gendarmerie-Oberst ungemein +gedehnt und legte sich wieder hin -- nämlich mit dem Hinterkopfe in +seine Kopfkissen. Nach einer Pause erst fügte er etwas gedrückt hinzu: + +»Und nicht wahr, du giebst mir recht? Dein Entschluß ist gefaßt; -- wir +gehen zusammen über das Weltmeer, um goldene Berge für uns und unsere +Nachkommen aufzuschütten?!« + +Herr Philipp schüttelte melancholisch den Kopf. + +»Meine Schwester Dorothea und ich doch wohl nicht, aber -- mit dir ist +es freilich etwas anderes. Nein, mein teurer August, du wirst wieder +allein gehen müssen.« + +»Aber das macht mir wirklich einen Strich durch alle meine +Berechnungen,« brummte der Kriegsmann verdrießlich. + +»Du nimmst unsere besten Wünsche mit hinüber; wir werden in Gedanken +stets bei dir sein.« + +»Danke!« sagte der Oberst womöglich noch verstimmter. + +»Ich habe den Tisch vor deinem Stuhle bereits zurecht gerückt, mein +guter August. Meine Hausbücher liegen zu deiner Einsicht bereit; du +wirst mit meiner Schwester zufrieden sein, denn sie hat die Bilanz +gezogen. Ich hoffe, du wirst finden, daß wir -- meine Schwester und ich +-- unser -- mein -- dein Vermögen nach bestem Wissen verwaltet haben.« + +»Ich komme im Augenblick hinunter, lieber Alter!« rief der Oberst, allen +Mißmut sofort abschüttelnd und mit hellem Lächeln das rechte Bein +blitzartig unter dem Deckbette vorschnellend und mit dem Fuße nach des +Apothekers Reserve-Ehren-Pantoffeln auf dem Boden angelnd. »Im Moment -- +in zehn Minuten bin ich drunten bei dir. Philipp, du bist ein +Prachtmensch! und du wirst sehen, daß ich die Welt kenne und auch für +dich das Nutzbringendste zu ergreifen verstehe.« + +»Wir warten mit dem Kaffee auf dich, lieber August!« + +»Mein schönstes Kompliment im voraus an deine Schwester! Im Augenblick +bin ich bei euch. Nicht wahr, Philipp, dein Rezept für den >Kristeller< +giebst du mir mit hinüber, -- nicht wahr, Alter?« + +Der Erfinder des »Kristeller« versprach's, und nach einer Viertelstunde +saß der Oberst Dom Agostin Agonista richtig bei dem Geschwisterpaar im +Hinterstübchen und zwar, ohne alles vorherige Sträuben, im Ehrensessel +und vor den Haus- und Rechnungsbüchern der Apotheke »zum wilden Mann«; +-- Fräulein Dorette Kristeller hatte ihn dazu von Zeit zu Zeit zu +fragen, ob ihm noch eine Tasse Kaffee gefällig sei. + + + + +Fünfzehntes Kapitel. + + +Einen Mann wie den Oberst stelle man einmal unter den Scheffel, wenn er +in einer Gegend gleich der von uns geschilderten ankommt, d. h. aus den +Wolken fällt. Auf Meilen in der Runde gingen bald die fabelhaftesten +Gerüchte über ihn um. Ein wieder wie vor dreißig Jahren mit ein wenig +Bangen gemischter Respekt begleitete ihn in jeglichem Blicke, der ihm +nachgesendet wurde, klang in jedem höflichen Wort, das man an ihn +richtete; nur that er niemanden mehr leid dazu. Der bald so bekannte +Fremdling entsprach in jeder Beziehung den Vorstellungen, die sich die +Landschaft von einem »Wundertier« machte, und die Jovialität in seinem +Wesen und Auftreten nahm der vertraulichen Scheu, die er den Leuten +einflößte, nichts von ihrer Wirksamkeit. Er aber fühlte sich wohl unter +dem Volke der Gegend, genoß die Gemütsbewegungen, die er unter ihm +hervorbrachte und -- aß sich harmlos herum. + +Nämlich es hatte sich herausgestellt, daß für die ersten Wochen an ein +Verlassen der Gegend, an eine Abreise aus der Apotheke »zum wilden +Mann« noch nicht zu denken sei. + +Der Oberst blieb, und sie luden ihn alle zu Tisch. Nach den Honoratioren +des Dorfes kamen die Gutsbesitzer und reichen Domänenpächter der +Umgegend an die Reihe: der Oberst Dom Agostin Agonista fühlte sich immer +behaglicher in seinem behaglichen Quartier in der Apotheke »zum wilden +Mann«. + +Wenn er aber viel abwesend von der Apotheke war, so blieb der alte +Philipp Kristeller desto sedater in seinen vier Pfählen, schrieb viel, +bekam viele Briefe von Banquiers und sonstigen Handelsleuten und trieb +selber allerlei Handel. Er fing an, in Ländereien zu spekulieren und +zwar in seinen eigenen. + +Und während der Oberst nicht das Geringste von seiner stattlichen +Rundung einbüßte, wurde Fräulein Dorette Kristeller, die doch wenig +einzubüßen hatte, von Tag zu Tage magerer, und auch der Apotheker fiel +ab, soviel das noch möglich war. Das Geschwisterpaar wurde immer gelber +und gelber; was den Dom Agostin anbetraf, so fingen die Leute an, ihm zu +sagen: + +»Herr Oberst, die Luft hier scheint Ihnen gottlob recht gut zu +bekommen.« + +Sie bekam ihm wirklich, die Luft der Gegend, und das Gerücht von dem, +was er vor einunddreißig Jahren an dem Besitzer der Apotheke »zum wilden +Mann« gethan hatte, schwebte auch in der Luft über ihm und um sein +weißes, munteres Haupt und verklärte ihn rosig. Die Frauen nannten ihn +einen prächtigen alten Herrn, und die Männer nannten ihn einen +Prachtkerl und fügten hinzu: »Unter Umständen fänden wir auch mit +Vergnügen einen ähnlichen Burschen im Busch und Walde und suchten seine +intimste Bekanntschaft zu machen. Selbst auf die Botanik könnte man in +einem solchen Falle sich mit Pläsier legen.« + +Auch der Oberst bekam im Verlaufe der nächsten Woche Briefe. Es langte +ein Packet von Rio Janeiro an, eine Menge Dokumente enthaltend. Dieses +Packet sendete Senhor Joaquimo Pamparente, sein Rechtsbeistand, und Dom +Agonista fand sich bewogen, den Inhalt eingehend mit seinem Freunde +Philipp Kristeller zu besprechen. Er, der Oberst, schrieb an Senhora +Julia Fuentalacunas einen zärtlichen Brief, der aber doch zugleich auch +ein Geschäftsbrief war; -- leider reichte die Zeit zu einer Antwort der +Dame nun nicht mehr. + +»Thut nichts,« sprach der zärtliche Krieger, »es wird sich jetzt alles +aufs Beste und Angenehmste arrangieren, wenn ich erst selbst wieder +drüben bin.« + +Am meisten verkehrte Dom Agostin in diesen ernsten Geschäftstagen mit +dem heitern Doktor und Landphysikus Hanff. Beide vergnügte Gesellen +hatten Brüderschaft miteinander getrunken, und der Oberst Agonista fuhr +dann und wann des Spaßes wegen mit auf die Landpraxis. Jegliches Wetter +war dabei dem tapferen alten Soldaten recht, und der Doktor, der doch +auch das Seinige vertragen konnte, hatte auch hier seinen Begleiter als +ein Mirakel zu bestaunen. + +»Bei den Göttern beider Halbkugeln, du wenigstens gehst mit mir +hinüber,« rief der Oberst, gegen Ende Novembers auf einer dieser Fahrten +den ersten Schnee des Jahres vom Fenster eines Dorfwirtshauses weit im +offenen Lande beobachtend. »Ich habe dir bereits hundertmal das +brillanteste Lebensglück garantiert und ich verbürge mich auch jetzt +wieder dafür. Sieh dir dieses Wetter an; -- ist das ein Klima für +verständige anständige und zu allem Übrigen mit Vernunft und Weib und +Kind begabte Menschen? Ist das eine Gegend, um siebzig Jahre drin alt zu +werden?« + +»Meine Frau -- meine Jungen,« murmelte der Doktor. + +»Werden sich sehr wohl dort acclimatisieren; ich rede dir ja eben gerade +vom Klima! Ein Jahr läßt du sie hier zurück, um dich drüben behaglich +einzurichten. Im nächsten Herbst führe ich meine Frau nach Paris in die +Honigwochen, und du begleitest mich, d. h. du schlägst deinen Winkel +hierher und holst dein Hauswesen nach. He -- was sagst du? Zum Teufel, +sieh auf den Kirchhof dort im Regen und Schneegestöber und sage mir, ob +es ein Vergnügen und eine Ehre sein wird, dort einst eine +Sandsteinplatte zu haben mit der Inschrift: >Hier liegt der Doktor +Eisenbart?!<« + +»Zum Henker, Bruder,« ächzte der Landphysikus, »weißt du, was ich +wollte?« + +»Nun?« + +»Ich wollte, du wärest geblieben, wo du dich so wohl fühltest. Mein +gesunder nächtlicher Schlaf ist hin, seit du im Lande bist, und wie mir, +so geht es der Mehrzahl meiner Bekannten. Du hast, sozusagen, der ganzen +Gegend die Phantasie verdorben. Ich kenne auf drei Meilen in der Runde +niemanden, der noch ruhig auf seinem Stuhle sitzen kann. Da ist nicht +einer, der nicht hin und her rückt und überlegt und berechnet, was alles +er bis Dato im Leben versäumt habe.« + +»Das mag für die Übrigen gelten, aber in deinem Alter hat man noch nicht +das Geringste versäumt, -- da brauchst du nur mich anzusehen. Übrigens +erlaube mir doch ein Wort: ich überrede niemanden! Diablo, wie käme ich +dazu, mit diesem meinem weißen Haar noch einmal von neuem anzufangen, +die Dummheiten meiner Jugend zu wiederholen, um mir eine frische Last +Gewissensbisse aufzuladen? In drei Wochen reise ich jetzt bestimmt; -- +bestimmt, das sage ich dir! Bis dahin hab' ich mein altes Vaterland und +sein Verhältnis zu mir wieder in Ordnung gebracht und mache mich auf den +Weg und aufs große Wasser, auch für die alten Freunde in der Apotheke +die Fortuna, die spanische Silberflotte mit zu entern. O, die sollen +bequem hier sitzen bleiben unter ihrem Zeichen >zum wilden Mann<, -- ich +werde für sie handeln, und die nächste Post, die ihr von mir erhalten +werdet, wird das Weitere melden.« + +»Er reist in drei Wochen!« seufzte der Doktor, hastig sein Glas +hinuntergießend. + + + + +Sechzehntes Kapitel. + + +Er hatte, wie man zu sagen pflegt, immer auf dem Sprunge gestanden, der +kaiserlich brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, aber diesmal +reiste er wirklich, und zwar auf die Stunde zum angegebenen Zeitpunkt, +nämlich am Mittage des 23. Dezembers. Man hatte ihn natürlich dringend +von allen Seiten aufgefordert, wenigstens das Weihnachtsfest über noch +zu bleiben, doch alles Bitten und Zureden war vergeblich geblieben.« + +»Quält mich nicht länger,« hatte er gesagt, »ich kenne meine Natur und +weiß, was ihr gut ist. Diese liebe Feier im gemütvollen Vaterlande, +dieses holde Fest im sinnigen, gefühlvollen Deutschland würde mich zu +weich stimmen, und es ist unbedingt notwendig, daß ich mich, einige Zeit +noch, ein wenig härtlich halte. Ich bin das nicht nur mir, sondern auch +meinen guten braven Freunden in der Apotheke schuldig. Meine +Verpflichtungen erfordern es, was mein Herz auch dagegen zu sagen haben +mag.« + +Damit verschwand er, verschwand spurlos, als jedermann bereit stand, ihm +noch einmal die Hand zu drücken und sich ihm zu empfehlen. Der Abschied +war so eigentümlich wie alles andere, was die Ankunft und den Aufenthalt +des Mannes am Orte begleitet hatte. Sie kamen alle zu spät dazu: Herr +Philipp aus seinem Laboratorium, Fräulein Dorette aus der Küche, der +Doktor Hanff von seinem nächstliegenden Patienten. + +Der Oberst hatte den Wagen an die Hinterthür bestellt, war einfach +eingestiegen und abgefahren; sein Gepäck hatte er vorausgeschickt, und +die Gegend -- sah ihm nach. + +Die aus der Apotheke sagten nichts, sondern seufzten, der Doktor schlug +sich vor die Stirn und rief ein wenig ärgerlich und enttäuscht: + +»Ich hätte ihm doch gern noch ein Wort über meine Projekte gesagt! Man +bringt einem doch nicht so um nichts und gar nichts die Gedanken in +Unordnung und das Blut in Wallung; -- Donnerwetter, dieses Brasilien!« + +Die übrigen Freunde und Bekannten kamen nach und nach verwundert und +erstaunt an das Fenster der Offizin. + +»Er wollte vielleicht alles unnötige Aufsehen vermeiden,« sagte Fräulein +Dorette Kristeller kurz und tonlos. Ihr Bruder war selbst für den Pastor +und für den Förster nicht zu sprechen. Der Apotheker »zum wilden Mann« +fühlte sich durch die Trennung von seinem Jugendfreunde sehr angegriffen +und wünschte einige Tage ganz sich selber überlassen zu bleiben. Die +guten Bekannten begriffen das wohl und ließen das Geschwisterpaar in der +That über das Fest allein. + +Über das Fest allein! + + * * * * * + +Da sitzen wir wieder unter den Bildern des Hinterstübchens der Apotheke +»zum wilden Mann«, und es ist der Abend des vierundzwanzigsten +Dezembers. Ein trübes Talglicht in einem schlechten Messingleuchter, den +Fräulein Dorette mit sich ins Zimmer brachte, brennt auf dem Tische. Der +alte Herr saß im Dunkel, bis die alte Schwester dieses Licht brachte; -- +im trüben Scheine desselben sitzt er in dem Ehrensessel, und die alte +Schwester hat sich ihm gegenüber niedergelassen. Sie sehen beide +abgemattet-sorgenvoll aus; sie feiern beide eine betrübte Weihnacht. + +Nach einem langen Schweigen sagte Fräulein Dorette: + +»Plagmann aus Borgfelde will die Kühe gleich nach dem Feste abholen.« + +Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; denn Bleß und Muhtz waren ihre +Herzensfreude und ihr Stolz, und sie mußte sich von beiden trennen. + +Ihr Bruder nickte bloß und sprach nach einer Pause seinerseits: + +»Ich meine, so ungefähr am fünfzehnten Januar würde die beste Zeit für +die Auktion sein.« + +Und die Schwester nickte auch und stöhnte: + +»Ja, ja, mir ist's recht! mir ist alles recht! o Gott!« + +Nun versuchte der alte Herr, um doch etwas für das Fest zu thun, wieder +einmal heiter und ruhig auszusehen und rief: + +»Courage, Alte! Wer wird so den Kopf hängen lassen? Du sollst jetzt +einmal zu deinem Erstaunen gewahr werden, mit wievielerlei unnützem +Gerümpel wir uns allgemach auf unserm Lebenswege bepackeselt hatten. Daß +wir die Landwirtschaft -- die Sorge und den Verdruß um Wiese und Feld +los werden, ist im Grunde auch nicht so übel und jedenfalls nicht das +Schlimmste. Offen gestanden, meine Knochen leisteten zuletzt doch nicht +mehr das, was sie früher mit Lust thaten.« + +Der Trost war wohl gemeint, aber er half wenig. Plötzlich brach die +Schwester in ein helles, krampfhaftes Schluchzen aus: + +»O grundgütiger Heiland, es wäre mir ja alles, alles recht, es kommt nur +so sehr spät! Bruder, es kommt zu spät, dieses Elend! -- Wäre dieser -- +Mann um zwanzig Jahre früher gekommen, so würde ich ja mit Freuden mit +deinem Kopfkissen meine Bettdecke hingegeben haben; aber wahrhaftig, +jetzt ist es für uns zu spät im Leben geworden! Die Hypothek, die auf +dem Hause liegt, liegt auch auf mir wie ein Berg! Und dazu keinen -- +keinen Menschen, dem man seinen Kummer klagen kann, klagen darf -- ja +klagen darf!« + +»Nein,« rief Herr Philipp Kristeller, allen Nachdruck seiner Seele in +das Wort werfend, »nein, was wir hier tragen, das tragen wir für uns +allein! Fremde Nasen dürfen wir gewiß nicht in unser jetziges Dasein +hineinriechen lassen, Dorothea! Es wäre nicht zu rechtfertigen gegen den +Freund -- meinen Freund -- meinen Freund vom Blutstuhle! Ach, fasse nur +Mut, liebe Dorette, und mache mir vor allen Dingen keine solche +verzweiflungsvollen Mienen, du sollst sehen, wir behalten den Kopf doch +noch oben und führen auch unter den jetzigen Verhältnissen ein gutes und +stilles Leben weiter. Was würde meine Johanne sagen, wenn sie bis heute +mein Los mit mir geteilt hätte? Sieh, die Leute können wir denken und +reden lassen, was sie wollen.« + +»Und ich sehe sie schon vor mir, wie sie die Köpfe zusammenstecken; der +Pastor und der Ulebeule, die Herren vom Gestüt, der Amtsrichter und der +Doktor. Sie werden sich schöne Historien zusammenphantasieren und uns in +einem bunten Lichte an die Wand hinmalen!« + +»Laß sie! möge es nur dem alten tollen Freunde mit seinem jungen Glück +gut gehen! Ich sage dir, liebe Schwester, schon die Gewißheit, daß +niemand es so herzlich mit uns meint als er, wäre mir ein Trost, wenn es +mir vielleicht auch noch so kläglich zu Mute wäre. Jetzt glaubt er, mit +vollen Segeln seinem und unserem Glücke entgegenzuschwimmen; sieh, Alte, +und sein Geld hat doch wenigstens zum zweitenmal einem Menschen für eine +Stunde Behagen gegeben, was man wahrhaftig nicht von jedem Gelde sagen +kann, und wenn es auch wie hier zwölftausend Thaler wären.« + +Die Schwester erwiderte nichts hierauf, sondern zuckte nur die Achseln, +welches ihr dann wieder Gewissensbisse machte. Sie stand auf, ging zum +Fenster und sah in den nächtlich winterlichen, gleichfalls schwer mit +Hypotheken belasteten Garten hinaus und wendete sich nach drei Minuten +erst ins Zimmer zurück: + +»Es schneit tüchtig, Bruder. Weißt du wohl noch, Philipp, welch ein +Vergnügen und welche geheime Behaglichkeit wir gerade an diesem Tage am +Schnee hatten?« + +»Ei gewiß,« rief der Bruder, »wie wären wir sonst wohl dies +Menschenalter durch so gut miteinander ausgekommen? Dorette, heute sind +wir doch die richtigen Narren gewesen, daß wir uns zum erstenmal nicht +einen Tannenbaum mit Lichtern besteckt haben. Allem zum Trotz hätten wir +das thun sollen! Nun das nächste Mal! -- im nächsten Jahre --« + +»Wenn dein Freund vom Blutstuhle das Schiff mit den Fässern voll Gold +und Edelsteinen geschickt hat, als Abzahlung -- wenigstens für das +Rezept zum Kristeller! O, und dafür dreißig Jahre lang da seinen +Lehnstuhl frei gehalten zu haben!« + +Das war echt weiblich und also nichts dagegen zu machen: der alte Herr +Philipp hielt sich an sein eigen männlich und treu Gemüt, ließ sich das +Wort nicht vor dem Munde abschneiden, sondern schloß seinen Satz: + +»Wollen wir das diesmal Versäumte desto herzlicher und herzhafter +nachholen.« Der weiblichen Einschaltung wegen fügte er jedoch im Stillen +noch hinzu: »Wie es auch kommen mag.« + +Was die Freunde der Umgegend anbetraf, so verwunderten sie sich in der +That sehr, als im Laufe des Winters und Frühjahrs in der Apotheke »zum +wilden Mann« sich vieles sehr veränderte; -- als die Möbeln aus den +Gemächern abhanden kamen, das Vieh aus den Ställen verschwand, als der +Blumengarten sich in einen Gemüseplatz verwandelte, das zierliche +Dienstmädchen eine andere gute Herrschaft suchte, dem Knechte gekündigt +wurde und es im Kreisblatte zu lesen stand, daß der Apotheker Herr +Philipp Kristeller so und so viel Morgen Wiesen und Ackerfeld an die und +die Bauern der Gemeinde und Feldmark verkauft habe. Als aber die Auktion +in der Apotheke selbst wirklich abgehalten wurde, boten sie +kopfschüttelnd mit; und auf dieser Auktion erstand der Förster des +Apothekers Bildergalerie, der Doktor die chinesische Punschschale und +der Pastor den Ehrensessel des Obersten in brasilianischen Diensten Dom +Agostin Agonista. + +Ein kahleres Haus gab es nachher nicht im Orte. Nur der Inhalt der +Büchsen und Gläser in der Offizin blieb verschont; die Freunde und +Bekannten aber überlegten und mutmaßten nach allen Richtungen hin und +kamen zuletzt sämtlich auf die nicht ganz unwahrscheinliche Vermutung, +daß ihr Freund, Herr Philipp Kristeller, in schlechten Papieren ganz +heimlich spekuliert und sich verspekuliert habe. + +Natürlich rieten sie ihm dringend, sich doch umgehend an seinen Freund, +den brasilianischen Obersten, zu wenden, und begriffen nicht, aus +welchem Grunde er das so sehr hartnäckig ablehnte. + +Ende. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Zum wilden Mann, by Wilhelm Raabe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUM WILDEN MANN *** + +***** This file should be named 22123-8.txt or 22123-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/2/1/2/22123/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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