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BAND 1.*** + + + + + +Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. +Band 1. + + +by Alexander von Humboldt + + + + +Edition 01 , (September 3, 2007) + + + + + + In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff. + + Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers. + + Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache. + + ------------------ + + 1865 + + ------------------ + + Erster Band + + + + + +CONTENTS + + +Vorwort +Erstes Kapitel +Zweites Kapitel +Drittes Kapitel +Viertes Kapitel +Fünftes Kapitel +Sechstes Kapitel +Siebentes Kapitel +Achtes Kapitel + + + + + + +VORWORT + + +Einem wissenschaftlichen Reisenden kann es wohl nicht verargt werden, wenn +er eine vollständige Uebersetzung seiner Arbeiten jeder auch noch so +geschmackvollen Abkürzung derselben vorzieht. Bouquer´s und La Condamine´s +mehr als hundertjährige Quartbände werden noch heute mit großer Theilnahme +gelesen; und da jeder Reisende gewissermaßen den Zustand der +Wissenschaften seiner Zeit, oder vielmehr die Gesichtpunkte darstellt, +welche von dem Zustande des Wissens seiner Zeit abhangen, so ist das +wissenschaftliche Interesse um so lebendiger, als die Epoche der +Darstellung der Jetztzeit näher liegt. Damit aber die lebendige +Darstellung des Geschehenen weniger unterbrochen werde, habe ich das +Material, durch welches allgemeine kosmische Resultate begründet werden, +in besonderen Zugaben über stündliche Barometer-Veränderungen, Neigung der +Magnetnadel und Intensität der magnetischen Erdkraft zusammengedrängt. Die +Absonderung solcher und anderer Zugaben hat allerdings, und ohne großen +Nachtheil, zu Abkürzungen in der Uebersetzung des Originaltextes der Reise +Anlaß geben können. Diese Betrachtung war auch geeignet mich bald mit dem +Unternehmen zu versöhnen, einem größeren Kreise gebildeter Leser, die +bisher mehr mit der Natur als mit scientifischen Wissen befreundet waren, +einen etwas *abgekürzten Text der Reise in die Tropen-Gegenden des Neuen +Continents* darzubieten. Die Buchhandlung, welche aus edler, ich setze +gern hinzu angeerbter Freundschaft meinen Arbeiten eine so lange und +sorgfältige Pflege geschenkt hat, hat mich aufgefordert diese neue +Ausgabe, welche einem vielseitig unterrichteten Gelehrten, Herrn +Bibliothekar Professor _Dr._ *Hauff* anvertraut ist, nicht bloß, so viel +mein Uralter und meine gesunkenen Kräfte es erlauben, zu revidiren, +sondern auch mit Zusätzen und Berichtigungen zu bereichern. Die +Naturwissenschaft ist, wie die Natur selbst, in ewigem *Werden* und +Wechsel begriffen. Seit der Herausgabe des ersten Bandes der Reise sind +jetzt 45 Jahre verflossen. Die Berichtigungen müßten also zahlreich seyn: +in geognostischer Hinsicht wegen Bezeichnung der Gebirgs-Formationen und +der metamorphosirten Gebirge, des wohlthätigen Einflusses der Chemie auf +die Geognosie, wie in allem, was anbetrifft die Vertheilung der Wärme auf +dem Erdkörper und die Ursach der verschiedenen Krümmung monatlicher +Isothermen (nach Dove´s meisterhaften Arbeiten). Die durch die neue +Ausgabe veranlaßte Erweiterung des Kreises wissenschaftlicher Anregung +kann ich nur freudig begrüßen; denn in dem Entwickelungsgange physischer +Forschungen wie in dem der politischen Institutionen ist Stillstand durch +unvermeidliches Verhängnis an den Anfang eines verderblichen +*Rückschrittes* geknüpft. + +Es würde mir dazu eine innige Freude seyn noch zu erleben, wie die +Unternehmer es hoffen, daß meine in den Jahren freudig aufstrebender +Jugend ausgeführte Reise, deren einer Genosse, mein theurer Freund, *Aimé +Bonpland*, bereits, im hohen Alter, dahingegangen ist, in unserer eigenen +schönen Sprache von demselben deutschen Volke mit einigem Vergnügen +gelesen werde, welches mehr denn zwei Menschenalter hindurch mich in +meinen wissenschaftlichen Bestrebungen und meiner Laufbahn durch ein +eifriges Wohlwollen beglückt und selbst meinen spätesten Arbeiten durch +seine partheiische Theilnahme eine Rechtfertigung gewährt hat. + +*Berlin*, 26. März 1859. + +*Alexander v. Humboldt.* + + + + + +ERSTES KAPITEL + + + Vorbereitungen — Abreise von Spanien — Aufenthalt auf den + Kanarischen Inseln + + +Wenn eine Regierung eine jener Fahrten auf dem Weltmeer anordnet, durch +welche die Kenntniß des Erdballes erweitert und die physischen +Wissenschaften gefördert werden, so stellt sich ihrem Vorhaben keinerlei +Hinderniß entgegen. Der Zeitpunkt der Abfahrt und der Plan der Reise +können eingehalten werden, sobald die Schiffe ausgerüstet und die +Astronomen und Naturforscher, welche unbekannte Meere befahren sollen, +gewählt sind. Die Inseln und Küsten, deren Produkte die Seefahrer kennen +lernen sollen, liegen außerhalb des Bereiches der staatlichen Bewegungen +Europas. Wenn längere Kriege die Freiheit zur See beschränken, so stellen +die kriegführenden Mächte gegenseitig Pässe aus; der Haß zwischen Volk und +Volk tritt zurück, wenn es sich von der Förderung des Wissens handelt, das +die gemeine Sache der Völker ist. + +Anders, wenn nur ein Privatmann auf seine Kosten eine Reise in das Innere +eines Festlandes unternimmt, das Europa in sein System von Kolonien +gezogen hat. Wohl mag sich der Reisende einen Plan entwerfen, wie er ihm +für seine wissenschaftlichen Zwecke und bei den staatlichen Verhältnissen +der zu bereisenden Länder die angemessenste scheint; er mag sich die +Mittel verschaffen, die ihm fern vom Heimathland auf Jahre die +Unabhängigkeit sicher, aber gar oft widersetzen sich unvorhergesehene +Hindernisse seinem Vorhaben, wenn er eben meint, es ausführen zu können. +Nicht leicht hat aber ein Reisender mit so vielen Schwierigkeiten zu +kämpfen gehabt als ich vor meiner Abreise nach dem spanischen Amerika. +Gern wäre ich darüber weggegangen und hätte meine Reisebeschreibungen mit +der Besteigung des Pic von Tenerifa begonnen, wenn nicht das Fehlschlagen +meiner ersten Pläne auf die Richtung meiner Reise nach der Rückkehr vom +Orinoko bedeutenden Einfluß geäußert hätte. Ich gebe daher eine flüchtige +Schilderung dieser Vorgänge, die für die Wissenschaft von keinem Belang +sind, von denen ich aber wünschen muß, daß sie richtig beurteilt werden. +Da nun einmal die Neugier des Publikums sich häufig mehr an die Person des +Reisenden als an seine Werke heftet, so sind auch die Umstände, unter +denen ich meine ersten Reisepläne entworfen, ganz schief aufgefaßt +worden.(1) + +Von früher Jugend auf lebte in mir der sehnliche Wunsch, ferne, von +Europäern wenig besuchte Länder bereisen zu dürfen. Dieser Drang ist +bezeichnend für einen Zeitpunkt im Leben, wo dieses vor uns liegt wie ein +schrankenloser Horizont, wo uns nichts so sehr anzieht als starke +Gemüthsbewegung und Bilder physischer Fährlichkeiten. In einem Lande +aufgewachsen, das in keinem unmittelbaren Verkehr mit den Kolonien in +beiden Indien steht, später in einem fern von der Meeresküste gelegenen, +durch starken Bergbau berühmten Gebirge lebend, fühlte ich den Trieb zur +See und zu weiten Fahrten immer mächtiger in mir werden. Dinge, die wir +nur aus den lebendigen Schilderungen der Reisenden kennen, haben ganz +besonderen Reiz für uns; Alles in Entlegenheit undeutlich Umrissene +besticht unsere Einbildungskraft; Genüsse, die uns nicht erreichbar sind, +scheinen uns weit lockender, als was uns im engen Kreise des bürgerlichen +Lebens bietet. Die Lust am Botanisiren, das Studium der Geologie, ein +Ausflug nach Holland, England und Frankreich in Gesellschaft eines +berühmten Mannes, Georg Forsters, dem das Glück geworden war, Capitän Cook +auf seiner zweiten Reise um die Welt zu begleiten, trugen dazu bei, den +Reiseplänen, die ich schon mit achtzehn Jahren gehegt, Gestalt und Ziel zu +geben. Wenn es mich noch immer in die schönen Länder des heißen Erdgürtels +zog, so war es jetzt nicht mehr der Drang nach einem aufregenden +Wanderleben, es war der Trieb, eine wilde, großartige, an mannichfaltigen +Naturprodukten reiche Natur zu sehen, die Aussicht, Erfahrungen zu +sammeln, welche die Wissenschaften förderten. Meine Verhältnisse +gestatteten mir damals nicht, Gedanken zu verwirklichen, die mich so +lebhaft beschäftigten, und ich hatte sechs Jahre Zeit, mich zu den +Beobachtungen, die ich in der Neuen Welt anzustellen gedachte, +vorzubereiten, mehrere Länder Europas zu bereisen und die Kette der +Hochalpen zu untersuchen, deren Bau ich in der Folge mit den Anden von +Quito und Peru vergleichen konnte. Da ich zu verschiedenen Zeiten mit +Instrumenten von verschiedener Construction arbeitete, wählte ich am Ende +diejenigen, die mir als die genauesten und dabei auf dem Transport +dauerhaftesten erschienen; ich fand Gelegenheit, Messungen, die nach den +strengsten Methoden vor genommen wurden, zu wiederholen, und lernte so +selbstständig die Grenzen der Irrthümer kennen, auf die ich gefaßt seyn +mußte. + +Im Jahre 1795 hatte ich einen Teil von Italien bereist, aber die +vulkanischen Striche in Neapel und Sizilien nicht besuchen können. Ungern +hätte ich Europa verlassen, ohne Vesuv, Stromboli und Aetna gesehen zu +haben; ich sah ein, um zahlreiche geologische Erscheinungen, namentlich in +der Trappformation, richtig aufzufassen, mußte ich mich mit den +Erscheinungen, wie noch tätige Vulkane sie bieten, näher bekannt gemacht +haben. Ich entschloß mich daher im November 1797, wieder nach Italien zu +gehen. Ich hielt mich lange in Wien auf, wo die ausgezeichneten Sammlungen +und die Freundlichkeit Jacquins und Josephs van der Schott mich in meinen +vorbereitenden Studien ausnehmend förderten; ich durchzog mit Leopold von +Buch, von dem seitdem ein treffliches Werk über Lappland erschienen ist, +mehrere Teile des Salzburger Landes und Steiermark, Länder, die für den +Geologen und Landschaftsmaler gleich viel Anziehendes haben; als ich aber +über die Tiroler Alpen gehen wollte, sah ich mich durch den in ganz +Italien ausgebrochenen Krieg genötigt, den Plan der Reise nach Neapel +aufzugeben. + +Kurz zuvor hatte ein leidenschaftlicher Kunstfreund, der bereits die +Küsten Illyriens und Griechenlands als Alter thumsforscher besucht hatte, +mir den Vorschlag gemacht, ihn auf einer Reise nach Oberegypten zu +begleiten. Der Ausflug sollte nur acht Monate dauern; geschickte Zeichner +und astronomische Werkzeuge sollten uns begleiten, und so wollten wir den +Nil bis Assuan hinaufgehen und den zwischen Tentyris und den Cataracten +gelegenen Teil des Saïd genau untersuchen. Ich hatte bis jetzt bei meinen +Planen nie ein außertropisches Land im Auge gehabt, dennoch konnte ich der +Versuchung nicht widerstehen, Länder zu besuchen, die in der Geschichte +der Kultur eine so bedeutende Rolle spielen. Ich nahm den Vorschlag an, +aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ich bei der Rückkehr nach +Alexandrien allein durch Syrien und Palästina weiter reisen dürfte. Sofort +richtete ich meine Studien nach dem neuen Plane ein, was mir später zu +gute kam, als es sich davon handelte, die rohen Denkmale der Mexicaner mit +denen der Völker der Alten Welt zu vergleichen. Ich hatte die nahe +Aussicht, mich nach Egypten einzuschiffen, da nöthigten mich die +eingetretenen politischen Verhältnisse, eine Reise aufzugeben, die mir so +großen Genuß versprach. Im Orient standen die Dinge so, daß ein einzelner +Reisender gar keine Aussicht hatte, dort Studien machen zu können, welche +selbst in den ruhigsten Zeiten von den Regierungen mit mißtrauischen Augen +angesehen werden. + +Zur selben Zeit war in Frankreich eine Entdeckungsreise in die Südsee +unter dem Befehl des Kapitäns Baudin im Werk. Der ursprüngliche Plan war +großartig, kühn und hätte verdient, unter umsichtiger Leitung ausgeführt +zu werden. Man wollte die spanischen Besitzungen in Südamerika von der +Mündung des Rio de la Plata bis zum Königreich Quito und der Landenge von +Panama besuchen. Die zwei Corvetten sollten sofort über die Inselwelt des +Stillen Meeres nach Neuholland gelangen, die Küsten desselben von +Vandiemensland bis Nuytsland untersuchen, bei Madagaskar anlegen und über +das Kap der guten Hoffnung zurückkehren. Ich war nach Paris gekommen, als +man sich eben zu dieser Reise zu rüsten begann. Der Charakter des Kapitäns +Baudin war eben nicht geeignet, mir Vertrauen einzuflößen; der Mann hatte +meinen Freund, den jungen Botaniker van der Schott, nach Brasilien +gebracht, und der Wiener Hof war dabei schlecht mit ihm zufrieden gewesen; +da ich aber mit eigenen Mitteln nie eine so weite Reise unternehmen und +ein so schönes Stück der Welt hätte kennen lernen können, so entschloß ich +mich, auf gutes Glück die Expedition mitzumachen. Ich erhielt Erlaubniß, +mich mit meinen Instrumenten auf einer der Corvetten, die nach der Südsee +gehen sollten, einzuschiffen, und machte nur zur Bedingung, daß ich mich +von Kapitän Baudin trennen dürfte, wo und wann es mir beliebte. Michaux, +der bereits Persien und einen Teil von Nordamerika besucht hatte, und +Bonpland, dem ich mich anschloß, und der mir seitdem aufs innigste +befreundet geblieben, sollten die Reise als Naturforscher mitmachen. + +Ich hatte mich einige Monate lang darauf gefreut, an einer so großen und +ehrenvollen Unternehmung Theil nehmen zu dürfen, da brach der Krieg in +Deutschland und Italien von neuen aus, so daß die französische Regierung +die Geldmittel, die sie zu der Entdeckungsreise angewiesen, zurückzog und +dieselbe auf unbestimmte Zeit verschob. Mit Kummer sah ich alle meine +Aussichten vernichtet, ein einziger Tag hatte dem Plane, den ich für +mehrere Lebensjahre entworfen, ein Ende gemacht; da beschloß ich nur so +bald als möglich, wie es auch sey, von Europa wegzukommen, irgend etwas zu +unternehmen, das meinen Unmuth zerstreuen könnte. + +Ich wurde mit einen schwedischen Konsul, Skiöldebrand, bekannt, der dem +Dey von Algier Geschenke von seiten seines Hofes zu überbringen hatte und +durch Paris kam, um sich in Marseille einzuschiffen. Dieser achtenswerthe +Mann war lange auf der afrikanischen Küste angestellt gewesen, und da er +bei der algerischen Regierung gut angeschrieben war, konnte er für mich +auswirken, daß ich den Theil der Atlaskette bereisen durfte, auf den sich +die bedeutenden Untersuchungen Desfontaines nicht erstreckt hatten. Er +schickte jedes Jahr ein Fahrzeug nach Tunis, auf dem die Pilger nach Mekka +gingen, und er versprach mir, mich auf diesem Wege nach Egypten zu +befördern. Ich besann mich keinen Augenblick, eine so gute Gelegenheit zu +benutzen, und ich meinte nunmehr den Plan, den ich vor meiner Reise nach +Frankreich entworfen, sofort ausführen zu können. Bis jetzt hatte kein +Mineralog die hohe Bergkette untersucht, die in Marokko bis zur Grenze des +ewigen Schnees aufsteigt. Ich konnte darauf rechnen, daß ich, nachdem ich +in den Alpenstrichen der Berberei einiges für die Wissenschaft gethan, in +Egypten bei den bedeutenden Gelehrten, die seit einigen Monaten zum +Institut von Cairo zusammengetreten waren, dasselbe Entgegenkommen fand, +das mir in Paris in so reichem Maße zu Theil geworden. Ich ergänzte rasch +meine Sammlung von Instrumenten und verschaffte mir die Werke über die zu +bereisenden Länder. Ich nahm Abschied von meinem Bruder, der durch Rath +und Beispiel meine Geistesrichtung hatte bestimmen helfen. Er billigte die +Beweggründe meines Entschlusses, Europa zu verlassen; eine geheime Stimme +sagte uns, daß wir uns wieder sehen würden. Diese Hoffnung hat uns nicht +betrogen, und sie linderte den Schmerz einer langen Trennung. Ich verließ +Paris mit den Entschluß, mich nach Algier und Egypten einzuschiffen, und +wie nun einmal der Zufall in allen Menschenleben regiert, ich sah bei der +Rückkehr vom Amazonenstrom und aus Peru meinen Bruder wieder, ohne das +Festland von Afrika betreten zu haben. + +Die schwedische Fregatte, welche Skiöldebrand nach Algier überführen +sollte, wurde zu Marseille in den letzten Tagen Oktobers erwartet. +Bonpland und ich begaben uns um diese Zeit dahin, und eilten um so mehr, +da wir während der Reise immer besorgten, zu spät zu kommen und das Schiff +zu versäumen. Wir ahnten nicht, welche neuen Widerwärtigkeiten uns +zunächst bevorstanden. + +Skiöldebrand war so ungeduldig als wir, seinen Bestimmungsort zu +erreichen. Wir bestiegen mehrmals am Tage den Berg Notre Dame de la Garde, +von dem man weit ins Mittelmeer hinausblickt. Jedes Segel, das am Horizont +sichtbar wurde, setzte uns in Aufregung; aber nachdem wir zwei Monate in +großer Unruhe vergeblich geharrt, ersahen wir aus den Zeitungen, daß die +schwedische Fregatte, die uns überführen sollte, in einem Sturm an den +Küsten von Portugal stark gelitten und in den Hafen von Cadiz habe +einlaufen müssen, um ausgebessert zu werden. Privatbriefe bestätigten die +Nachricht, und es war gewiß, daß der Jaramas — so hieß die Fregatte — vor +dem Frühjahr nicht nach Marseille kommen konnte. + +Wir konnten es nicht über uns gewinnen, bis dahin in der Provence zu +bleiben. Das Land, zumal das Klima, fanden wir herrlich; aber der Anblick +des Meeres mahnte uns fortwährend an unsere zertrümmerten Hoffnungen. Auf +einem Ausflug nach Hyères und Toulon fanden wir in letzterem Hafen die +Fregatte Boudeuse, die Bougainville auf seiner Reise um die Welt befehligt +hatte. Ich hatte mich zu Paris, als ich mich rüstete, die Expedititon des +Kapitäns Baudin mitzumachen, des besonderen Wohlwollens des berühmten +Seefahrers zu erfreuen gehabt. Nur schwer vermochte ich zu schildern, was +ich beim Anblick des Schiffes empfand, das Commerson auf die Inseln der +Südsee gebracht. Es gibt Stimmungen, in denen sich ein Schmerzgefühl in +alle unsere Empfindungen mischt. + +Wir hielten immer noch am Gedanken fest, uns an die afrikanische Küste zu +begeben, und dieser zähe Entschluß wäre uns beinahe verderblich geworden. +Im Hafen von Marseille lag zur Zeit ein kleines ragusanisches Fahrzeug, +bereit nach Tunis unter Segel zu gehen. Dies schien uns eine günstige +Gelegenheit; wir kamen ja auf diese Weise in die Nähe von Egypten und +Syrien. Wir wurden mit dem Kapitän wegen der Ueberfahrtspreises einig; am +folgenden Tage sollten wir unter Segel gehen, aber die Abreise verzögerte +sich glücklicherweise durch einen an sich ganz unbedeutenden Umstand. Das +Vieh, das uns als Proviant auf der Ueberfahrt dienen sollte, war in der +großen Kajüte untergebracht. Wir verlangten, daß zur Bequemlichkeit der +Reisenden und zur sicheren Unterbringung unserer Instrumente das +Notwendigste vorgekehrt werde. Allermittelst erfuhr man in Marseille, daß +die tunesische Regierung die in der Berberei niedergelassenen Franzosen +verfolge, und daß alle aus französischen Häfen ankommenden Personen ins +Gefängnis geworfen würden. Durch diese Kunde entgingen wir einer großen +Gefahr; wir mußten die Ausführung unserer Pläne verschieben und +entschlossen uns, den Winter in Spanien zuzubringen, in der Hoffnung, uns +im nächsten Frühjahr, wenn anders die politischen Zustände im Orient es +gestatteten, in Cartagena oder in Cadiz einschiffen zu können. + +Wir reisten durch Katalonien und das Königreich Valencia nach Madrid. Wir +besuchten auf dem Wege die Trümmer Tarragonas und des alten Sagunt, +machten von Barcelona aus einen Ausflug auf den Montserrat, dessen hoch +aufragende Gipfel von Einsiedlern bewohnt sind, und der durch die +Contraste eines kräftigen Pflanzenwuchses und nackter, öder Felsmassen ein +eigenthümliches Landschaftsbild bietet. Ich fand Gelegenheit, durch +astronomische Rechnung die Lage mehrerer für die Geographie Spaniens +wichtiger Punkte zu bestimmen; ich maß mittels des Barometers die Höhe des +Centralplateaus und stellte einige Beobachtungen über die Inclination der +Magnetnadel und die Intensität der magnetischen Kraft an. Die Ergebnisse +dieser Beobachtungen sind die sich erschienen, und ich verbreite mich hier +nicht weiter über die Naturbeschaffenheit eines Landes, in dem ich mich +nur ein halbes Jahr aufhielt, und das in neuerer Zeit von so vielen +unterrichteten Männern bereist worden ist. + +Zu Madrid angelangt, fand ich bald Ursache, mir Glück dazu zu wünschen, +daß wir uns entschlossen, die Halbinsel zu besuchen. Der Baron Forell, +sächsischer Gesandter am spanischen Hofe, kam mir auf eine Weise entgegen, +die meinen Zwecken sehr förderlich wurde. Er verband mit ausgebreiteten +mineralogischen Kenntnissen das regste Interesse für Unternehmungen zur +Förderung der Wissenschaft. Er bedeutete mir, daß ich unter der Verwaltung +eines aufgeklärten Ministers, des Ritters Don Mariano Luis de Urquijo, +Aussicht habe, auf meine Kosten im Inneren des spanischen Amerika reisen +zu dürfen. Nach all den Widerwärtigkeiten, die ich erfahren, besann ich +mich keinen Augenblick, diesen Gedanken zu ergreifen. + +Im März 1799 wurde ich dem Hofe von Aranjuez vorgestellt. Der König nahm +mich äußerst wohlwollend auf. Ich entwickelte die Gründe, die mich +bewogen, eine Reise in den neuen Kontinent und auf die Philippinen zu +unternehmen, und reichte dem Staatssecretär eine darauf bezügliche +Denkschrift ein. Der Ritter d’Urquijo unterstützte mein Gesuch und räumte +alle Schwierigkeiten aus dem Wege. Der Minister handelte hierbei desto +großmüthiger, da ich in gar keiner persönlichen Beziehung zu ihn stand. +Der Eifer, mit dem er fortwährend meine Absichten unterstützte, hatte +keinen anderen Beweggrund als seine Liebe zu den Wissenschaften. Es wird +mir zu angenehmen Pflicht, in diesem Werke der Dienste, die er mir +erwiesen, dankbar zu gedenken. + +Ich erhielt zwei Pässe, den einen vom ersten Staatsecretär, den anderen +vom Rath von Indien. Nie war einem Reisenden mit der Erlaubniß, die man +ihm ertheilte, mehr zugestanden worden, nie hatte die spanische Regierung +einem Fremden größeres Vertrauen bewiesen. Um alle Bedenken zu beseitigen, +welche die Vicekönige oder Generalcapitäne, als Vertreter der königlichen +Gewalt in Amerika, hinsichtlich des Zweckes und Wesens meiner +Beschäftigungen erheben könnten, hieß es im Paß der _primera secretaria de +estado:_ »ich sey ermächtigt, mich meiner physikalischen und geodätischen +Instrumente mit voller Freiheit zu bedienen; ich dürfe in allen spanischen +Besitzungen astronomische Beobachtungen anstellen, die Höhen der Berge +messen, die Erzeugnisse des Bodens sammeln und alle Operationen ausführen, +die ich zur Förderung der Wissenschaft gut finde«. Diese Befehle von +Seiten des Hofes wurden genau befolgt, auch nachdem infolge der Ereignisse +Don D´Urquijo vom Ministerium hatte abtreten müssen. Ich meinerseits war +bemüht, diese sich nie verleugnende Freundlichkeit zu erwidern. Ich +übergab während meines Aufenthaltes in Amerika den Statthaltern der +Provinzen Abschriften des von mir gesammelten Materials über die +Geographie und Statistik der Colonien, das dem Mutterlande von einigen +Werth seyn konnte. Dem von mir vor meiner Abreise gegebenen Versprechen +gemäß übermachte ich dem naturhistorischen Cabinet zu Madrid mehrere +geologische Sammlungen. Da der Zweck unserer Reise ein rein +wissenschaftlicher war, so hatten Bonpland und ich das Glück, uns das +Wohlwollen der Colonisten wie der mit der Verwaltung dieser weiten +Landstriche betrauten Europäer zu erwerben. In den fünf Jahren, während +wir den neuen Continent durchzogen, sind wir niemals einer Spur von +Mißtrauen begegnet. Mit Freude spreche ich es hier aus; unter den +härtesten Entbehrungen, im Kampfe mit einer wilden Natur, haben wir uns +nie über menschliche Ungerechtigkeit zu beklagen gehabt. + +Verschiedene Gründe hätten uns eigentlich bewegen sollen, noch länger in +Spanien zu verweilen. Abbé Cavanilles, ein Mann gleich geistreich wie +mannigfaltig unterrichtet; Née, der mit Hänke die Expedition Malaspinas +als Botaniker mitgemacht und allein eine der größten Kräutersammlungen, +die man je in Europa gesehen, zusammengebracht hat; Don Casimir Ortega, +Abbé Pourret und die gelehrten Verfasser der Flora von Peru, Ruiz und +Pavon, stellten uns ihre reichen Sammlungen zur unbeschränkten Verfügung. +Wir untersuchten zum Theil die mexicanischen Pflanzen, die von Sesse, +Mociño und Cervantes entdeckt worden, und von denen Abbildungen an das +naturhistorische Museum zu Madrid gelangt waren. In dieser großen Anstalt, +die unter der Leitung Clavijos stand, des Herausgebers einer gefälligen +Uebersetzung der Werke Buffons, fanden wir allerdings keine geologischen +Suiten aus den Cordilleren; aber Proust, der sich durch die große +Genauigkeit seiner chemischen Arbeiten bekannt gemacht hat, und ein +ausgezeichneter Mineralog, Hergen, gaben uns interessante Nachweisungen +über verschiedene mineralische Substanzen Amerikas. Mit bedeutendem Nutzen +hätten wir uns wohl noch länger mit den Naturprodukten der Länder +beschäftigt, die das Ziel unserer Forschungen waren, aber es drängte uns +zu sehr, von der Vergünstigung, die der Hof uns gewährt, Gebrauch zu +machen, als daß wir unsere Abreise hätten verschieben können. Seit einen +Jahr war ich so vielen Hindernissen begegnet, daß ich es kaum glauben +konnte, daß mein sehnlichster Wunsch endlich in Erfüllung gehen sollte. + +Wir verließen Madrid gegen die Mitte Mais. Wir reisten durch einen Theil +von Altcastilien, durch das Königreich Leon und Galizien nach Corunna, wo +wir uns nach der Insel Cuba einschiffen sollten. Der Winter war streng und +lang gewesen, und jetzt genossen wir auf der Reise der milden +Frühlingstemperatur, die schon so weit gegen Süd gewöhnlich nur den +Monaten Mai und April eigen ist. Schnee bedeckte noch die hohen +Granitgipfel der Guadarama; aber in den tiefen Thälern Galiziens, welche +an die malerischen Landschaften der Schweiz und Tirols erinnern, waren +alle Felsen mit Cistus in voller Blüthe und baumartigem Heidekraut +überzogen. Man ist froh, wenn man die castilische Hochebene hinter sich +hat, welche fast ganz von Pflanzenwuchs entblöst und wo es im Winter +empfindlich kalt, im Sommer drückend heiß ist. Nach den wenigen +Beobachtungen, die ich selbst anstellen konnte, besteht das Innere +Spaniens aus einer weiten Ebene, die 300 Toisen (584 Meter) über dem +Spiegel des Meeres mit secundären Gebirgsbildungen, Sandstein, Gips, +Steinsalz, Jurakalk bedeckt ist; das Klima von Castilien ist weit kälter +als das von Toulon oder Genua; die mittlere Temperatur errecht kaum 15 +Grad der hunderttheiligen Scale. Man wundert sich, daß unter der Breite +von Calabrien, Thessalien und Kleinasien die Orangenbäume im Freien nicht +mehr fortkommen. Die Hochebene in der Mitte des Landes ist umgeben von +einer tiefgelegenen, schmalen Zone, wo an mehreren Punkten Chamärops, der +Dattelbaum, das Zuckerrohr, die Banane und viele Spanien und dem +nördlichen Afrika gemeinsame Pflanzen vorkommen, ohne vom Winterfrost zu +leiden. Unter dem 36 – 40. Grad der Breite beträgt die mittlere Temperatur +17 – 20 Grad, und durch den Verein von Verhältnissen, die hier nicht +aufgezählt werden können, ist dieser glückliche Landstrich der vornehmste +Sitz des Gewerbfleißes und der Geistesbildung geworden. + +Kommt man im Königreich Valencia von der Küste des Mittelmeeres gegen die +Hochebene von Mancha und Castilien herauf, so meint man, tief im Land, in +weithin gestreckten schroffen Abhängen die alte Küste der Halbinsel vor +sich zu haben. Dieses merkwürdige Phänomen erinnert an die Sagen der +Samothracier und andere geschichtliche Zeugnisse, welche darauf +hinzuweisen scheinen, daß durch den Ausbruch der Wasser aus den +Dardanellen das Becken des Mittelmeeres erweitert und der südliche Theil +Europas zerrissen und vom Mittelmeer verschlungen worden ist. Nimmt man +an, diese Sagen seyen keine geologischen Träume, sondern beruhen wirklich +auf der Erinnerung an eine uralte Umwälzung, so hätte die spanische +Centralebene dem Anprall der gewaltigen Fluthen widerstanden, bis die +Wasser durch die zwischen den Säulen des Hercules sich bildende Meerende +abfloßen, so daß der Spiegel des Mittelmeeres allmählig sank und +einerseits Niederegypten, andererseits die fruchtbaren Ebenen von +Tarragena, Valencia und Murcia trocken gelegt wurden. Was mit der Bildung +dieses Meeres zusammenhängt, dessen Daseyn von so bedeutendem Einfluß auf +die frühesten Culturbewegungen der Menschheit war, ist von ganz besonderem +Interesse. Man könnte denken, Spanien, das sich als ein Vorgebirge +inmitten der Meere darstellt, verdanke seine Erhaltung seinem +hochgelegenen Boden; ehe man aber auf solche theoretische Vorstellungen +Gewicht legt, müßte man erst die Bedenken beseitigen, die sich gegen die +Durchbrechung so vieler Dämme erheben, müßte man wahrscheinlich zu machen +suchen, daß das Mittelmeer einst in mehrere abgeschlossene Becken getheilt +gewesen, dere alte Grenzen durch Sicilien und die Insel Candia angedeutet +scheinen. Die Lösung dieser Probleme soll uns hier nicht beschäftigen, wir +beschränken uns darauf, auf den auffallenden Contrast in der Gestaltung +des Landes am östlichen und am westlichen Ende Europas aufmerksam zu +machen. Zwischen den baltischen und dem schwarzen Meer erhebt sich das +Land gegenwärtig kaum fünfzig Toisen über den Spiegel des Oceans, während +die Hochebene von Mancha, wenn sie zwischen den Quellen des Niemen und des +Dnieper läge, sich als eine Gebirgsgruppe von bedeutender Höhe darstellen +würde. Es ist höchst anziehend, auf die Ursachen zurückzugehen, durch +welche die Oberfläche unseres Planeten umgestaltet worden seyn man; +sicherer ist es aber, sich an diejenigen Seiten der Erscheinungen zu +halten, welche der Beobachtung und Messung des Forschers zugänglich sind. + +Zwischen Astorga und Corunna, besonders von Lugo an, werden die Berge +allmählich höher. Die secundären Gebirgsbildungen verschwinden mehr und +mehr, und die Uebergangsgebirgsarten, die sie ablösen, verkünden die Nähe +des Urgebirgs. Wir sahen ansehnliche Berge aufgebaut aus altem Sandstein, +den die Mineralogen der Freiberger Schule als Grauwacke und +Grauwackenschiefer aufführen. Ich weiß nicht, ob diese Formation, die im +südlichen Europa nicht häufig vorkommt, auch in andern Strichen Spaniens +aufgefunden worden ist. Eckige Bruchstücke von lydischem Stein, die in den +Thälern am Boden liegen, schienen uns darauf zu deuten, daß die Grauwacke +dem Uebergangsschiefer aufgelagert ist. Bei Corunna selbst erheben sich +Granitgipfel, die bis zum Cap Ortegal fortstreichen. Diese Granite, welche +einst mit denen in Bretagne und Wales in Zusammenhang gestanden haben +mögen, sind vielleicht die Trümmer einer von den Fluthen zertrümmerten und +verschlungenen Bergkette. Schöne große Feldspathkrystalle sind für dieses +Gestein charakteristisch, Zinnstein ist darin eingesprengt, und von den +Galiciern wird darauf ein mühsamer, wenig ergiebiger Bergbau betrieben. + +In Corunna angelangt, fanden wir den Hafen von zwei englischen Fregatten +und einem Linienschiff blokirt. Diese Fahrzeuge sollten den Verkehr +zwischen dem Mutterland und den Colonien in Amerika unterbrechen; den von +Corunna, nicht von Cadiz lief damals jeden Monat ein Paketboot _(Correo +maritimo)_ nach der Havana aus und alle zwei Monate ein anderes nach +Buenos Aires oder der Mündung des la Plata. Ich werde später den Zustand +der Posten auf dem neuen Continent genau beschreiben; hier nur so viel, +daß seit dem Ministerium des Grafen Florida Blanca der Dienst der +»Landcouriere« so gut eingerichtet ist, daß Einer in Paraquay oder in der +Provinz Jaen de Bracamoros nur durch sie ziemlich regelmäßig mit Einem in +Neumexiko oder an der Küste von Neukalifornien correspondiren kann, also +so weit, als es von Paris nach Siam oder von Wien an das Cap der Guten +Hoffnung ist. Ebenso gelangt ein Brief, den man in einer kleinen Stadt in +Aragonien zur Post gibt, nach Chili oder in die Missionen am Orinoko, wenn +nur der Name des Coregimiento oder Bezirks, in dem das betreffende +indianische Dorf liegt, genau angegeben ist. Mit Vergnügen verweilt der +Gedanke bei Einrichtungen, die für eine der größten Wohlthaten der Cultur +der neueren Zeit gelten können. Die Einrichtung der Curiere zur See und im +inneren Lande hat das Band zwischen den Kolonien unter sich und mit dem +Mutterlande enger geknüpft. Der Gedankenaustausch wurde dadurch +beschleunigt, die Beschwerden der Colonisten drangen leichter nach Europa +und die Staatsgewelt konnte hin und wieder Bedrückungen ein Ende machen, +die sonst aus so weiter Ferne nie zu ihrer Kenntniß gelangt wären. + +Der Minister hatte uns ganz besonders dem Brigadier Don Rafael Clavijo +empfohlen, der seit kurzem die Oberaufsicht über den Seeposten hatte. +Dieser Officier, bekannt als ausgezeichneter Schiffsbauer, war in Corunna +mit der Einrichtung neuer Werfte beschäftigt. Er bot Allem auf, um uns den +Aufenthalt im Hafen angenehm zu machen, und gab uns den Rat, uns auf der +Corvette *Pizarro* [Nach dem spanischen Sprachgebrauch war der Pizarro +eine leichte Fregatte _(Fregata lijera)_.] einzuschiffen, die nach der +Havana und Mexico ging. Dieses Fahrzeug, das die Post für Juni an Bord +hatte, sollte mit der Alcudia segeln, dem Paketboot für den Mai, das wegen +der Blokade seit drei Wochen nicht hatte auslaufen können. Der Pizarro +galt für keinen guten Segler, aber durch einen glücklichen Zufall war er +vor kurzem auf seiner langen Fahrt von Rio de la Plata nach Corunna den +kreuzenden englischen Fahrzeugen entgangen. Clavijo ließ an Bord der +Korvette Einrichtungen treffen, daß wir unsere Instrumente aufstellen und +während der Ueberfahrt unsere chemischen Versuche über die atmosphärische +Luft vornehmen konnten. Der Capitän des Pizarro erhielt Befehl, bei +Tenerifa so lange anzulegen, daß wir den Hafen von Orotava besuchen und +den Gipfel des Pic besteigen könnten. + +Die Einschiffung verzögerte sich nur zehn Tage, dennoch kam uns der +Aufenthalt gewaltig lang vor. Wir benutzten die Zeit, die Pflanzen +einzulegen, die wir in den schönen, noch von keinem Naturforscher +betretenen Thälern Galiciens gesammelt; wir untersuchten die Tange und +Weichthiere, welche die Fluth von Nordwest her in Menge an den Fuß des +steilen Felsen wirft, auf dem der Wachtturm des Herkules steht. Dieser +Thurm, auch »der eiserne Thurm« genannt, wurde im Jahre 1788 restauriert. +Er ist 92 Fuß [30 m] hoch, seine Mauern sind 4 und einen halben Fuß +[1,46 m] dick, und nach seiner Bauart ist er unzweifelhaft ein Werk der +Römer. Eine in der Nähe der Fundamente gefundene Inschrift, von der ich +durch Herrn de Labordes Gefälligkeit eine Abschrift besitze, besagt, der +Thurm sey von Cajus Servius Lupus, Architekten der Stadt *Aqua Flavia* +(Chaves), erbaut und dem Mars geweiht. Warum heißt der eiserne Thurm der +Herkulesthurm? Sollten ihn die Römer auf den Trümmern eines griechischen +oder phönicischen Bauwerkes errichtet haben? Wirklich behauptet Strabo, +Galizien, das Land der Galläci, sey von griechischen Colonien bevölkert +gewesen. Nach einer Angabe des Asklepiades von Myrläa in seiner Geographie +von Spanien hätten sich nach einer alten Sage die Gefährten des Herkules +in diesen Landstrichen niedergelassen. [Die Phönicier und die Griechen +besuchten die Küsten von Galizien _(Gallaecia)_ wegen des Handels mit +Zinn, das sie von hier wie von den Cassiteridischen Inseln bezogen.] + +Die Höhen von Ferrol und Corunna sind an derselben Bai gelegen, so daß ein +Schiff, das bei schlimmem Wetter gegen das Land getrieben wird, je nach +der Richtung des Windes, im einen oder im anderen Hafen vor Anker gehen +kann. Ein solcher Vortheil ist unschätzbar in Strichen, wo die See fast +beständig hoch geht, wie zwischen den Vorgebirgen Ortegal und Finisterre, +den Vorgebirgen Trileucum und Artabrum der algen Geographen. Ein enger, +von steilen Granitfelsen gebildeter Canal führt in das weite Becken von +Ferrol. In ganz Europa findet sich kein zweiter Ankerplatz, der so +merkwürdig weit ins Land hineinschnitte. Dieser enge, geschlängelte Paß, +durch den die Schiffe in den Hafen gelangen, sieht aus, als wäre er durch +eine Fluth oder durch wiederholte Stöße heftiger Erdbeben eingerissen. In +der Neuen Welt, an der Küste von Neuandalusien, hat die _Laguna des +Opisco_, der »Bischofsee«, genau dieselbe Gestalt wie der Hafen von +Ferrol. Die auffallendsten geologischen Erscheinungen wiederholen sich auf +den Festländern an weit entlegenen Punkten, und der Forscher, der +Gelegenheit gehabt, verschiedene Welttheile zu sehen, erstaunt über die +durchgehende Gleichförmigkeit im Ausschnitt der Küsten, im krummen Zug der +Thäler, im Anblick der Berge und ihrer Gruppirung. Das zufällige +Zusammentreffen derselben Ursachen mußte allerorten dieselben Wirkungen +hervorbringen, und mitten aus der Mannigfaltigkeit der Natur tritt uns in +der Anordnung der todten Stoffe, wie in der Organisation der Pflanzen und +Thiere, eine gewisse Uebereinstimmung in Bau und Gestaltung eingegen. + +Auf der Ueberfahrt von Corunna nach Ferrol machten wir über einer Untiefe +beim »weißen Signal,« in der Bai, die nach d’Anville der _portus magnus_ +der Alten war, mittels einer Thermometersonde mit Ventilen einige +Beobachtungen über die Temperatur der See und über die Abnahme der Wärme +in den über einander gelagerten Wasserschichten. Ueber der Bank zeigte das +Instrument an der Meeresfläche 12°5 bis 13°3 Grad der hunderttheiligen +Scale, während ringsumher, wo das Meer sehr tief war, der Thermometer bei +12°8 Lufttemperatur auf 15° – 15°3 stand. Der berühmte Franklin und +Jonathan Williams, der Verfasser des zu Philadelphia erschienenen Werkes +»_thermometric Navigation,_« haben zuerst die Physiker darauf aufmerksam +gemacht, wie abweichend sich die Temperaturverhältnisse der See über +Untiefen gestalten, sowie in der Zone warmer Wasserströme, die aus dem +Meerbusen von Mexico zur Bank von Neufoundland und hinüber an die +Nordküsten von Europa sich erstreckt. Die Beobachtung, daß sich die Nähe +einer Sandbank durch ein rasches Sinken der Temperatur an der Meeresflüche +verkündet, ist nicht nur für die Physik von Wichtigkeit, sie kann auch für +Sicherheit der Schiffahrt von großer Bedeutung werden. Allerdings wird man +über dem Thermometer das Senkblei nicht aus der Hand legen; aber +Beobachtungen, wie ich sie im Verlauf dieser Reisebeschreibung anführen +werde, thun zur Genüge dar, daß ein Temperaturwechsel, den die +unvollkommensten Instrumente anzeigen, die Gefahr verkündet, lange bevor +das Schiff über der Untiefe anlangt. In solchen Fällen mag die Abnahme der +Meerestemperatur den Schiffer veranlassen, zum Senkblei zu greifen in +Strichen, wo er sich vollkommen sicher dünkte. Auf die physischen Ursachen +dieser verwickelten Erscheinungen kommen wir anderswo zurück. Hier sey nur +erwähnt, daß die niedrigere Temperatur des Wassers über den Untiefen +großentheils daher rührt, daß es sich mit tieferen Wasserschichten mischt, +welche längs der Abhänge der Bank zur Meeresoberfläche aufsteigen. + +Eine Aufregung des Meeres von Nordwest her unterbrach unsere Versuche über +die Meerestemperatur in der Bai von Ferrol. Die Wellen gingen so hoch, +weil auf offener See ein heftiger Wind geweht hatte, in dessen Folge die +englischen Schiffe sich hatten von der Küste entfernen müssen. Man wollte +die Gelegenheit zum Auslaufen benutzen; man schiffte alsbald unsere +Instrumente, unsere Bücher, unser ganzes Gepäcke ein; aber der Westwind +wurde immer stärker und man konnte die Anker nicht lichten. Wir benutzten +den Aufschub, um an unsere Freunde in Deutschland und Frankreich zu +schreiben. Der Augenblick, wo man zum erstenmal von Europa scheidet, hat +etwas Ergreifendes. Wenn man sich noch so bestimmt vergegenwärtigt, wie +stark der Verkehr zwischen den beiden Welten ist, wie leicht man bei den +großen Fortschritten der Schifffahrt über den atlantischen Ocean gelangt, +der, der Südsee gegenüber, ein nicht sehr breiter Meeresarm ist, das +Gefühl, mit dem man zum erstenmal eine weite Seereise antritt, hat immer +etwas tief Aufregendes. Es gleicht keiner der Empfindungen, die uns von +früher Jugend auf bewegt haben. Getrennt von den Wesen, an denen unser +Herz hängt, im Begriff, gleichsam den Schritt in ein neues Leben zu thun, +ziehen wir uns unwillkührlich in uns selbst zusammen und über uns kommt +ein Gefühl des Alleinseyns, wie wir es nie empfunden. + +Unter den Briefen, die ich kurz vor unserer Einschiffung schrieb, befand +sich einer, der für die Richtung unserer Reise und den Verlauf unserer +späteren Forschungen sehr folgereich wurde. Als ich Paris verließ, um die +Küste von Afrika zu besuchen, schien die Entdeckungsreise in die Südsee +auf mehrere Jahre verschoben. Ich hatte mit Kapitän Baudin die Verabredung +getroffen, daß ich, wenn er wider Vermuthen die Reise früher antreten +könnte und ich davon Kenntniß bekäme, von Algier aus in einen +französischen oder spanischen Hafen eilen wolle, um die Expedition +mitzumachen. Im Begriff, in die Neue Welt abzugehen, wiederholte ich jetzt +dieses Versprechen. Ich schrieb Kapitän Baudin, wenn die Regierung in auch +jetzt noch den Weg um Cap Horn nehmen lassen wolle, so werde ich mich +bemühen, mit ihm zusammenzutreffen, in Montevideo, in Chili, in Lima, wo +immer er in den spanischen Kolonien anlegen möchte. Treu dieser Zusage, +änderte ich meinen Reiseplan, sobald die amerikanischen Blätter im Jahre +1801 die Nachricht brachten, die französische Expedition sey von Havre +abgegangen, um von Ost nach West die Welt zu umsegeln. Ich miethete ein +kleines Fahrzeug und ging von Batabano auf der Insel Cuba nach Portobelo +und von da über die Landenge an die Küste der Südsee. In Folge einer +falschen Zeitungsnachricht haben Bonpland und ich über 800 Meilen [Unter +Meilen ohne Beisatz sind immer französische Lieues zu verstehen.] [3600 +km] in einem Lande gemacht, das wir gar nicht hatten bereisen wollen. Erst +in Quito erfuhren wir durch einen Brief Delambres, des beständigen +Secretärs der ersten Classe des Institutes, daß Kapitän Baudin um das Kap +der Guten Hoffnung gegangen und die West- und Ostküste Amerikas gar nicht +berührt habe. Nicht ohne ein Gefühl von Wehmut gedenke ich einer +Expedition, die mehrfach in mein Leben eingreift, und die kürzlich von +einem Gelehrten [Peron, der nach langen schmerzlichen Leiden im 35. Jahre +der Wissenschaft entrissen wurde.] beschrieben worden ist, den die Menge +der Entdeckungen, welche die Wissenschaft ihm dankt, und der aufopfernde +Muth, den er auf seiner Laufbahn unter den härtesten Entbehrungen und +Leiden bewiesen, gleich hoch stellen. + +Ich hatte auf die Reise nach Spanien nicht meine ganze Sammlung +physikalischer, geodätischer und astronomischer Werzeuge mitnehmen können; +ich hatte die Doubletten in Marselle in Verwahrung gegeben und wollte sie, +sobald ich Gelegenheit gefunden hätte, an die Küste der Berberei zu +gelangen, nach Algier oder Tunis nachkommen lassen. In ruhigen Zeiten ist +Reisenden sehr zu rathen, daß sie sich nicht mit allen ihren Instrumenten +beladen; man läßt sie besser nachkommen, um nach einigen Jahren +diejenigen, zu ersetzen, die durch den Gebrauch oder auf dem Transport +gelitten haben. Diese Vorsicht erscheint besonders dann geboten, wenn man +zahlreiche Punkte durch rein chronometrische Mittel zu bestimmen hat. Aber +während eines Seekriegs thut man klug, seine Instrumente, Handschriften +und Sammlungen fortwährend bei sich zu haben. Wie wichtig dies ist, haben +traurige Erfahrungen mir bewiesen. Unser Aufenthalt zu Madrid und Corunna +war zu kurz, als daß ich den meteorologischen Apparat, den ich in +Marseille gelassen, hätte von dort kommen lassen können. Nach unserer +Rückkehr vom Orinoko gab ich Auftrag, mir denselben nach der Havana zu +schicken, aber ohne Erfolg; weder diese Apparat, noch die achromatischen +Fernröhren und der Thermometer von Arnold, die ich in London bestellt, +sind mir in Amerika zugekommen. + +Getrennt von unseren Instrumenten, die sich an Bord der Corvette befanden, +brachten wir noch zwei Tage in Corunna zu. Ein dichter Nebel, der den +Horizont bedeckte verkündete endlich die sehnlich erwartete Aenderung des +Wetters. Am 4. Juni abends drehte sich der Wind nach Nordost, welche +Windrichtung an der Küste von Galizien in der schönen Jahreszeit für sehr +beständig gilt. Am fünften ging der Pizarro wirklich unter Segel, obgleich +wenige Stunden zuvor die Nachricht angelangt war, eine englische Escadre +sey vom Wachtposten Sisarga signalisirt worden und scheine nach der +Mündung des Tajo zu segeln. Die Leute, welche unsere Corvette die Anker +lichten sahen, äußerten laut, ehe drei Tage vergehen, seyen wir +aufgebracht und mit dem Schiffe, dessen Los wir teilen müßten, auf dem +Wege nach Lissabon. Diese Prophezeiung beunruhigte uns um so mehr, als wir +in Madrid Mexicaner kennengelernt hatten, die sich dreimal in Cadiz nach +Veracruz eingeschifft hatten, jedesmal aber fast unmittelbar vor dem Hafen +aufgebracht worden und über Portugal nach Spanien zurückgekehrt waren. + +Um zwei Uhr nachmittags war der Pizarro unter Segel. Der Canal, durch den +man aus dem Hafen von Corunna fährt, ist lang und schmal; da er sich gegen +Nord öffnet und der Wind uns entgegen war, mußten wir acht kleine Schläge +machen, von denen drei so gut wie verloren waren. Gewendet wurde immer +äußerst langsam, und einmal, unter dem Fort St. Amarro, schwebten wir in +Gefahr, da uns die Strömung sehr nahe an die Klippen trieb, an denen sich +das Meer mit Ungestüm bricht. Unsere Blicke hingen am Schloß St. Antonio, +wo damals der unglückliche Malaspina als Staatsgefangener saß. Im +Augenblick, da wir Europa verließen, um Länder zu besuchen, welche dieser +bedeutende Forscher mit so vielem Erfolg bereist hat, hätte ich mit meinen +Gefährten gern bei einem minder traurigen Gegenstande verweilt. + +Um sechs ein halb Uhr kamen wir am Thurm des Herkules vorüber, von dem +oben die Rege war, der Corunna als Leuchtthurm dient, und auf dem man seit +ältesten Zeiten ein Steinkohlenfeuer unterhält. Der Schein dieses Feuers +steht in schlechtem Verhältnis mit dem schönen stattlichen Bauwerk; es ist +so schwach, daß die Schiffe es erst gewahr werden, wenn sie bereits Gefahr +laufen zu stranden. Bei Einbruch der Nacht wurde die See sehr unruhig und +der Wind bedeutend frischer. Wir steuerten gegen Nordwest, um nicht den +englischen Fregatten zu begegnen, die, wie man glaubte, in diesen Strichen +kreuzten. Gegen neun Uhr sahen wir das Licht in einer Fischerhütte von +Sisarga, das letzte, was uns von der Küste von Europa zu Gesicht kam. Mit +der zunehmenden Entfernung verschmolz der schwache Schimmer mit dem Licht +der Sterne, die am Horizont aufgingen, und unwillkürlich blieben unsere +Blicke daran hängen. Dergleichen Eindrücke vergißt einer nie, der in einem +Alter, wo die Empfindung noch ihre volle Tiefe und Kraft besitzt, eine +weite Seereise angetreten hat. Welche Erinnerungen werden in der +Einbildungskraft wach, wenn so ein leuchtender Punkt in finsterer Nacht, +der von Zeit zu Zeit aus den bewegten Wellen aufblitzt, die Küste des +Heimatlandes bezeichnet! + +Wir mußten die Segel einziehen. Wir segelten zehn Knoten in der Stunde, +obgleich die Corvette nicht zum Schnellsegeln gebaut war. Um sechs Uhr +morgens wurde das Schlingern so heftig, daß die kleine Bramstange brach. +Der Unfall hatte indessen keine schlimmen Folgen. Wir brauchten zu +Ueberfahrt von Corunna nach den Canarien dreizehn Tage, und dies war lang +genug, um uns in so stark befahrenen Strichen wie die Küsten von Portugal +der Gefahr auszusetzen, auf englische Schiffe zu stoßen. Die ersten drei +Tage zeigte sich kein Segel am Horizont, und dies beruhigte nachgerade +unsere Mannschaft, die sich auf kein Gefecht einlassen konnte. + +Am 7. liefen wir über den Parallelkreis von Cap Finisterre. Die Gruppe von +Granitfelsen, die dieses Vorgebirge, wie das Vorgebirge Toriañes und den +Berg Corcubion bilden, heißt Sierra de Toriñona. Das Cap Finisterre ist +niedriger als das Land umher, aber die Toriñona ist auf hoher See 76,5 km +weit sichtbar, woraus folgt, daß die höchsten Gipfel derselben nicht unter +582 m hoch seyn können. + +Am 8. bei Sonnenuntergang wurde von den Masten ein englisches Convoi +signalisiert, das gegen Südost an der Küste hinsteuerte. Ihm zu entgehen, +wichen wir die Nacht hindurch aus unserem Curs. Damit durften wir in der +großen Cajüte kein Licht mehr haben, um nicht von weitem bemerkt zu +werden. Diese Vorsicht, die an Bord aller Kauffahrer beobachtet wird und +in dem Reglement für die Paketboote der königlichen Marine vorgeschrieben +ist, brachte uns tödtliche Langeweile auf den vielen Ueberfahrten, die wir +in fünf Jahren gemacht hatten. Wir mußten uns fortwährend der +Blendlaternen bedienen, um die Temperatur des Meerwassers zu beobachten +oder an der Theilung der astronomischen Instrumente die Zahlen abzulesen. +In der heißen Zone, wo die Dämmerung nur einige Minuten dauert, ist man +unter diesen Umständen schon um sechs Uhr abends außer Thätigkeit gesetzt. +Dies war für mich um so verdrießlicher, als ich vermöge meiner +Constitution nie seekrank wurde, und so oft ich an Bord eines Schiffes +war, immer großen Trieb zur Arbeit fühlte. + +Eine Fahrt von der spanischen Küste nach den Canarien und von da nach +Südamerika bietet wenig Bemerkenswerthes, zumal in der guten Jahreszeit. +Es ist weniger Gefahr dabei, als oft bei der Ueberfahrt über die großen +Schweizer Seen. Ich theile daher hier nur die allgemeinen Ergebnisse +meiner magnetischen und meteorologischen Versuche in diesem Meeresstriche +mit. + +Am 9. Juni, unter 39° 50’ der Breite und 16° 10’ westlicher Länge vom +Meridian der Pariser Sternwarte, fingen wir an die Wirkung der großen +Strömung zu spüren, welche von den azorischen Inseln nach der Meerenge von +Gibraltar und nach den canarischen Inseln geht. Indem ich den Punkt, den +mir der Gang der Berthoud´schen Seeuhr angab, mit des Steuermanns +Schätzung verglich, konnte ich die kleinsten Aenderungen in der Richtung +und Geschwindigkeit der Strömungen bemerken. Zwischen dem 37. und +30. Breitengrade wurde das Schiff in vierundzwanzig Stunden zuweilen +18 bis 26 Meilen nach Ost getrieben. Anfänglich war die Richtung des +Stromes Ost ¼ Südost, aber in der Nähe der Meerenge wurde sie genau Ost. +Capitan Macintosh und einer der gebildetsten Seefahrer unserer Zeit, Sir +Erasmus Gower, haben die Veränderungen beobachtet, welche in diese +Bewegung des Wassers zu verschiedenen Zeiten des Jahres eintreten. Es +kommt nicht selten vor, daß Schiffer, welche die canarischen Inseln +besuchen, sich an der Küste von Lancerota befinden, während sie meinten an +Teneriffa landen zu können. Baugainville befand sich auf seiner Ueberfahrt +vom Cap Finisterre nach den Canarien im Angesicht der Insel Ferro um +4 Grade weiter nach Ost, als seine Rechnung ihm ergab. + +Gemeinhin erklärt man die Strömung, die sich zwischen den azorischen +Inseln, der Südküste von Portugal und den Canarien merkbar macht, daraus, +daß das Wasser des atlantischen Oceans durch die Meerenge von Gibraltar +einen Zug nach Osten erhalte. De Fleurieu behauptet sogar in den +Anmerkungen zur Reise des Capitän Marchand, der Umstand, daß das +Mittelmeer durch die Verdunstung mehr Wasser verliere, als die Flüsse +einwerfen, bringe im benachbarten Weltmeer eine Bewegung hervor, und der +Einfluß der Meerenge sey sechshundert Meilen [2700 km] weit auf offener +See zu spüren. Bei aller Hochachtung, die ich einem Seefahrer schuldig +bin, dessen mit Recht sehr geschätzten Werken ich viel zu danken habe, muß +es mir gestattet seyn, diesen wichtigen Gegenstand aus einem weit +allgemeineren Gesichtspunkte zu betrachten. + +Wirft man einen Blick auf das atlantische Meer oder das tiefe Thal, das +die Westküsten von Europa und Afrika von den Ostküsten des neuen Continent +trennt, so bemerkt man in der Bewegung der Wasser entgegengesetzte +Richtungen. Zwischen den Wendekreisen, namentlich zwischen der +afrikanischen Küste am Senegal und dem Meere der Antillen, geht die +allgemeine, den Seefahrern am längsten bekannte Strömung fortwährend von +Morgen nach Abend. Dieselbe wird mit dem Namen *Aequinoctialstrom* +bezeichnet. Die mittlere Geschwindigkeit derselben unter verschiedenen +Breiten ist sich im Atlantischen Ozean und in der Südsee ungefähr gleich. +Man kann sie auf 9 bis 10 Meilen [40 bis 45 km] in 24 Stunden, somit auf +0,59 bis 0,65 Fuß [0,18 bis 0,21 m] in der Secunde schätzen(2). Die +Geschwindigkeit, mit der die Wasser in diesen Strichen nach Westen +strömen, ist etwa ein Viertheil von der der meisten großen europäischen +Flüsse. Diese der Umdrehung des Erdballes entgegengesetzte Bewegung des +Oceans hängt mit jenem Phänomen wahrscheinlich nur insofern zusammen, als +durch die Umdrehung der Erde die Polarwinde, welche in den unteren +Luftschichten die kalte Luft aus den hohen Breiten dem Aequator zuführen, +in Passatwinde umgewandelt werden. Der Aequinoctialstrom ist die Folge der +allgemeinen Bewegung, in welche die Meeresfläche durch die Passatwinde +versetzt wird, und lokale Schwankungen im Zustande der Luft bleiben ohne +merkbaren Einfluß auf die Stärke und die Geschwindigkeit der Strömung. + +Im Canal, den der atlantische Ocean zwischen Guyana und Guinea auf 20 bis +23 Längengrade, vom 8. oder 9. bis zum 2. oder 3. Grad nördlicher Breite +gegraben hat, wo die Passatwinde häufig durch Winde aus Süd ode +Süd-Süd-West unterbrochen werden, ist die Richtung des Aequinoctialstroms +weniger constant. Der afrikanischen Küste zu werden die Schiffe nach +Südost fortgetrieben, während der Allerheiligenbai und dem Vorgebirge +St. Augustin zu, denen die Schiffe, die nach der Mündung des La Plata +steuern, nicht gerne nahe kommen, der allgemeine Zug der Wasser durch eine +besondere Strömung maskirt ist. Letztere Strömung ist vom Cap St. Roch bis +zur Insel Trinidad fühlbar, sie ist gegen Nordwest gerichtet mit einer +Geschwindigkeit von einem bis anderthalb Fuß in der Secunde. + +Der Aequinoctialstrom ist, wenn auch schwach, sogar jenseits des +Wendekreises des Krebses unter 26 und 28 Grad der Breite fühlbar. Im +weiten Becken des atlantischen Oceans, sieben- bis achthundert Meilen von +der afrikanischen Küste, beschleunigt sich der Lauf der europäischen +Schiffe, welche nach den Antillen gehen, ehe sie in die heiße Zone +gelangen. Weiter gegen Nord, unter dem 28. bis 35. Grad, zwischen den +Parallelkreisen von Teneriffe und Ceuta, unter 46 bis 48 Grad der Länge, +bemerkt man keine constante Bewegung; denn eine 140 Meilen breite Zone +trennt den Aequinoktialstrom, der nach West geht, von der großen +Wassermasse, die nach Ost strömt und sich durch auffallend hohe Temperatur +auszeichnet. Auf diese Wassermasse, bekannt unter dem Namen *Golfstrom* +(_Golfstream_), sind die Physiker seit 1776 durch Franklins und Sir +Charles Blagdens schöne Beobachtungen aufmerksam geworden. Da in neuerer +Zeit amerikanische und englsiche Seefahrer eifrig bemüht sind, die +Richtung desselben zu ermitteln, so müssen wir weiter ausholen, um ienen +allgemeinen Gesichtspunkt für das Phänomen zugewinnen. + +Der Aequinoctialstrom treibt die Wasser des atlantischen Oceans an die +Küsten der Moskito-Indianer und von Honduras. Der von Süd nach Nord +gestreckte neue Continent hält diese Strömung auf wie ein Damm. Die +Gewässer erhalten zuerst die Richtung nach Nordwest, gelangen durch die +Meerenge zwischen Cap Catoche und Cap. St. Antonio in den Meerbusen von +Mexico, und folgen den Krümmungen der mexicanischen Küste von Vera-Cruz +zur Mündung des Rio del Norte, und von da zur Mündung des Mississippi und +denUntiefen westwärts von der Ostspitze von Florida. Nach dieser großen +Drehung nach West, Nord, Ost und Süd nimmt die Strömung wieder die +Richtung nach Nord und drängt sich mit Ungestüm in den Canal von Bahama. +Dort habe ich im Mai 1804, unter 26 und 27 Grad der Breite, eine +Geschwindigkeit von 80 Meilen in 24 Stunden, also von 5 Fuß in der Secunde +beobachtet, obgleich gerade ein sehr starker Nordwind wehte. Beim Ausgang +des Canals von Bahama, unter dem Parallel von Cap Cañaveral, kehr sich der +Golfstrom oder Strom von Florida nach Nordost. Er gleicht hier einem +reißenden Strome und erreicht zuweilen die Geschwindigkeit von fünf Meilen +in der Stunde. Der Steuermann kann, sobald er den Rand der Strömung +erreicht, mit ziemlicher Sicherheit annehmen, um was er sich in seiner +Schätzung geirrt, und wie weit er noch nach New-York, Philadelphia oder +Charlestown hat; die hohe Temperatur des Wassers, sein starker Salzgehalt, +die indigoblaue Farbe und die schwimmenden Massen Tang, endlich die im +Winter sehr merkbare Erhöhung der Lufttemperatur geben den Golfstrom zu +erkennen. Gegen Norden nimmt seine Geschwindigkeit ab, während seine +Breite zunimmt und die Gewässer sich abkühlen. Zwischen Cayo Biscaino und +der Bank von Bahama ist er nur 15 Meilen, unter 28½ Grad Breite schon 17, +und unter dem Parallel von Charlestown, Cap Henlopen gegenüber, 40 bis +50 Meilen breit. Wo die Strömung am schmalsten ist, erreicht sie eine +Geschwindigkeit von 3 bis 4 Meilen in der Stunde, weiter nach Norden zu +beträgt dieselbe nur noch eine Meile. Die Gewässer des mexicanischen +Meerbusens behalten auf ihrem gewaltigen Zuge nach Nordost ihre hohe +Temperatur dermaßen, daß ich unter 40 und 41 Grad der Breite noch 22° 5 +(18° Reaumur) beobachtete, während außerhalb des Stroms das Wasser an der +Oberfläche kaum 17° 5 (14° R.) warm war. Unter der Breite von New-York und +Oporto zeigt somit der Golfstrom dieselbe Temperatur wie die tropischen +Meere unter 18 Grad Breite, also unter der Breite von Portorico und der +Inseln des grünen Vorgebirgs. + +Vom Hafen von Boston an und unter dem Meridian von Halifax, unter +14° 25’ der Breite und 67° der Länge, erreicht der Strom gegen +80 Seemeilen Breite. Hier kehrt er sich auf einmal nach Ost, so daß sein +westlicher Rand bei der Umbiegung zur nördlichen Grenze der bewegten +Wasser wird und er an der Spitze der großen Bank von Neufoundland +wegstreicht, die Bolney sinnreich die Barre an der Mündung dieses +ungeheurn Meerstroms nennt. Höchst auffallend ist der Abstand zwischen der +Temperatur des kalten Wassers über dieser Bank und der Wärme der Gewässer +der heißen Zone, die durch den Golfstrom nach Norden getrieben werden; +jene betrug nach meinen Beobachtungen 8°7 – 10 (7 – 8° R.), diese +21 – 22°5 (17 – 18° R.). In diesen Strichen ist die Wärme im Meere höchst +sonderbar vertheilt: die Gewässer der Bank sind um 9°4 kälter als das +benachbarte Meer, und dieses ist um 3° kälter als der Strom. Diese Zonen +können ihre Temperaturen nicht ausgleichen, weil jede ihre eigene +Wärmequelle oder einen Grund der Wärmeerniedrigung hat, und beide Momente +beständig fortwirken.(3) + +Von der Bank von Neufoundland, oder vom 52. Grad der Breite bis zu den +Azoren bleibt der Golfstrom nach Ost oder Ost-Süd-Ost gerichtet. Noch +immer wirkt hier in den Gewässern der Stoß nach, den sie tausend Meilen +von da in der Meerende von Florida, zwischen der Insel Cuba und den +Untiefen der Schildkröteninseln, erhalten haben. Diese Entfernung ist das +Doppelte von der Länge des Laufs des Amazonenstromes von Jaen oder dem Paß +von Manseriche zum Gran-Para. Im Meridian der Inseln Corvo und Flores, der +westlichsten der Gruppe der Azoren, nimmt die Strömung eine Meeresstrecke +von 160 Meilen in der Breite ein. Wenn die Schiffe auf der Rückreise aus +Südamerika nach Europa diese beiden Inseln aufsuchen, um ihre Länge zu +berichtigen, so gewahren sie immer deutlich den Zug des Wassers nach +Südost. Umter 33 Grad der Breite rückt der tropische Aequinoctialstrom dem +Golfstrom sehr nahe. In diesem Striche des Weltmeeres kann man an Einem +Tage aus den Gewässern, die nach West laufen, in diejenigen gelangen, die +nach Südost oder Ost-Süd-Ost strömen. + +Von den Azoren an nimmt der Strom von Florida seine Richtung gegen die +Meerenge von Gibraltar, die Insel Madera und die Gruppe der Canarien. Die +Pforte bei den Säulen des Herkules beschleunigt ohne Zweifel den Zug des +Wassers gegen Ost. Und in diesem Sinne mag man mit Recht behaupten, die +Meerenge, durch welche Mittelmeer und Atlantischer Ozean zusammenhängen, +äußere ihren Einfluß auf sehr weite Ferne; sehr wahrscheinlich würden +aber, auch wenn die Meerenge nicht bestände, Fahrzeuge, die nach Teneriffa +segeln, dennoch nach Südost getrieben, und zwar infolge eines Anstoßes, +dessen Ursprung man an den Küsten der neuen Welt zu suchen hat. Im weiten +Meeresbecken pflanzen sich alle Bewegungen fort, gerade wie im Luftmeer. +Verfolgt man die Strömungen rückwärts zu ihren fernen Quellen, gibt man +sich Rechenschaft von dem Wechsel in ihrer Geschwindigkeit, warum sie bald +abnimmt, wie zwischen dem Canal von Bahama und der Bank von Neufoundland, +bald wieder wächst, wie in der Nähe der Meerenge von Gibraltar und bei den +canarischen Inseln, so kann man nicht darüber im Zweifel seyn, daß +dieselbe Ursache, welche die Gewässer im Meerbusen von Mexiko herumdreht, +sie auch bei der Insel Madera in Bewegung setzt. + +Südlich von letztgenannter Insel läßt sich die Strömung in ihrer Richtung +nach Südost und Süd-Süd-Ost gegen die Küste von Afrika zwischen Cap Cantin +und Cap Bojador verfolgen. In diesen Strichen sieht sich ein Schiff bei +stillem Wetter nahe an der Küste, wenn es sich nach der nicht berichtigten +Schätzung noch weit davon entfernt glaubt. Ist die Oeffnung bei Gibraltar +die Ursache der Bewegung des Wassers, warum hat dann die Strömung südlich +von der Meerenge nicht die entgegengesetzte Richtung? Im Gegentheil aber +geht sie unter dem 25. und 26. Grad der Breite erst grade nach Süd und +dann nach Südwest. Cap Blanc, nach Cap Verd das am weitesten sich +hinausstreckende Vorgebirge, scheint Einfluß auf diese Richtung zu äußern, +und unter der Breite desselben mischen sich die Wasser, deren Bewegung wir +von der Küste von Honduras bis zur afrikanischen verfolgt haben, mit dem +großen tropischen Strom, um den Lauf von Morgen nach Abend von neuem zu +beginnen. Wir haben oben bemerkt, daß mehrere hundert Kilometer westwärts +von den Canarien der eigenthümliche Zug der Aequinoktialgewässer schon in +der gemäßigten Zone, von 28. und 29. Breitengrad an, bemerklich wird; aber +im Meridian der Insel Ferro kommen sie Schiffe südwärts bis zum Wendekreis +des Krebses, ehe sie sich nach Schätzung ostwärts von ihrer wahren Länge +befinden. + +Wie nun aber die nördliche Grenze des tropischen Stroms und der +Passatwinde nach den Jahreszeiten sich verschiebt, so zeigt sich auch der +Golfstrom nach Stellung und Richtung veränderlich. Diese Schwankungen sind +besonders auffallend vom 28. Breitegrad bis zur großen Band von +Neufoundland, ebenso zwischen dem 48. Grad westlicher Länge von Paris und +dem Meridian der Azoren. Die wechselnden Winde in der gemäßigten Zone und +das Schmelzen des Eises am Nordpol von wo in den Monaten Juli und August +eine bedeutende Masse süßen Wassers nach Süden abfließt, erscheinen als +die vornehmsten Ursachen, aus welchen sich in diesen hohen Breiten Stärke +und Richtung des Golfstoms verändern. + +Wir haben gesehen, daß zwischen dem 11. und 43. Grad der Breite die +Gewässer des atlantischen Oceans mittelst Strömungen fortwährend im Kreise +umhergeführt werden. Angenommen, ein Wassertheilchen gelange zu derselben +Stelle zurück, von der es ausgegangen, so läßt sich, nach dem, was wir bis +jetzt von der Geschwindigkeit der Strömungen wissen, berechnen, daß es zu +seinem 3800 Meilen langen Umlauf zwei Jahre und zehn Monate brauchte. Ein +Fahrzeug, bei dem man von der Wirkung des Windes absähe, gelangte in +dreizehn Monaten von den canarischen Inseln an die Küste von Caracas. Es +brauchte zehn Monate, um im Meerbusen von Mexico herum zu kommen und um zu +den Untiefen der Schildkröteninseln gegenüber vom Hafen von Havana zu +gelangen, aber nur vierzig bis fünfzig Tage vom Eingang der Meerenge von +Florida bis Neufoundland. Die Geschwindigkeit der rückläufigen Strömung +von jener Bank bis an die Küste von Afrika ist schwer zu schätzen; nimmt +man sie im Mittel auf 7 oder 8 Meilen in vierundzwanzig Stunden an, so +ergeben sich für diese letzte Strecke zehn bis elf Monate. Solches sind +die Wirkungen des langsamen, aber regelmäßigen Zuges, der die Gewässer des +Oceans herumführt. Das Wasser des Amazonenstroms braucht von Tomependa bis +zum Gran-Para etwa fünfundvierzig Tage. + +Kurz vor meiner Ankunft auf Teneriffa hatte das Meer auf der Rhede von +Santa Cruz einen Stamm der _Cedrela odorata_, noch mit der Rinde, +ausgeworfen. Dieser amerikanischen Baum wächst nur unter den Tropen oder +in den zunächst angrenzenden Ländern. Er war ohne Zweifel an der Küste von +Terra Firma oder Honduras abgerissen worden. Die Beschaffenheit des Holzes +und der Flechten auf der Rinde zeigte augenscheinlich, daß der Stamm nicht +etwa von einem der unterseeischen Wälder herrührte, welche durch alte +Erdumwälzungen in die Flötzgebilde nördlicher Länder eingebettet worden +sind. Wäre der Cedrelastamm, statt bei Teneriffa ans Land geworfen zu +werden, weiter nach Süden gelangt, so wäre er wahrscheinlich rings um den +ganzen atlantischen Ocean geführt worden und mittels des allgemeinen +tropischen Stroms wieder in sein Heimathland gelangt. Diese Vermuthung +wird durch einen älteren Fall unterstützt, dessen Abbé Viera in seiner +allgemeinen Geschichte der Canarien erwähnt. Im Jahre 1770 wurde ein mit +Getreide beladenes Fahrzeug, das von der Insel Lancerota nach Santa Cruz +auf Teneriffa gehen sollte, auf die hohe See getrieben, als sich niemand +von der Mannschaft an Bord befand. Der Zug der Gewässer von Morgen nach +Abend führte es nach Amerika, wo es an der Küste von Guyana bei Caracas +strandete. + +Zu einer Zeit, wo die Schifffahrtskunst noch wenig entwickelt war, bot der +Golfstrom dem Geiste eines Christoph Columbus sichere Anzeichen vom Daseyn +westwärts gelegener Länder. Zwei Leichname, die nach ihrer Körperlichkeit +einem unbekannten Menschenstamme angehörten, wurden gegen Ende des +15. Jahrhunderts bei den azorischen Inseln ans Land geworfen. Ungefähr um +dieselbe Zeit fand Columbus Schwager, Peter Borrea, Statthalter von Porto +Santo, am Strande dieser Insel mächtige Stücke Bambusrohr, die von der +Strömung und den Westwinden angeschwemmt worden waren. Diese Leichname und +diese Rohre machten den genuesischen Seemann aufmerksam; er errieth, daß +beide von einem gegen West gelegenen Festlande herrühren mußten. Wir +wissen jetzt, daß in der heißen Zone die Passatwinde und der tropische +Strom sich jeder Wellenbewegung in der Richtung der Umdrehung der Erde +widersetzen. Erzeugnisse der neuen Welt können in die alte Welt nur in +hohen Breiten und in der Richtung des Stroms von Florida gelangen. Häufig +werden Früchte verschiedener Bäume der Antillen an den Küsten der Inseln +Ferro und Gomera angetrieben. Vor der Entdeckung von Amerika glaubten die +Canarier, diese Früchte kommen von der bezauberten Insel St. Borondon, die +nach den Seemannsmärchen und gewissen Sagen westwärts in einem Striche des +Oceans liegen sollte, der beständig in Nebel gehüllt sey. + +Mit dieser Uebersicht der Strömungen im Atlantischen Meere wollte ich +hauptsächlich darthun, daß der Zug der Gewässer gegen Südost, von Kap +St. Vincent zu den canarischen Inseln, eine Wirkung der allgemeinen +Bewegung ist, in der sich die Oberfläche des Ozeans an seinem Westende +befindet. Wir erwähnen daher nur kurz des Arms des Golfstroms, der unter +dem 45. und 50. Grad der Breite, bei der Bank Bonnet Flamand, von Südwest +nach Nordost gegen die Küsten von Europa gerichtet ist. Diese Abtheilung +des Stromes wird sehr reißend, wenn der Wind lange aus West geblasen hat. +Gleich dem, der an Ferro und Gomera vorüberstreicht, wirft er alle Jahre +an die Westküsten von Irland und Norwegen Früchte von Bäumen, welche dem +heißen Erdstrich Amerikas eigenthümlich sind. Am Strande der Hebriden +findet man Samen von _Mimosa scandens_, _Dolichos urens_, _Guilandina +bonduc_, und verschiedener anderer Pflanzen von Jamaika, Cuba und dem +benachbarten Festland. Die Strömung treibt nicht selten wohl erhaltene +Fässer mit französischen Wein an, von Schiffen, die im Meere der Antillen +Schiffbruch gelitten. Neben diesen Beispielen von den weiten Wanderungen +der Gewächse stehen andere, welche die Einbildungskraft beschäftigen. Die +Trümmer des englischen Schiffes Tilbury, das bei Jamaika verbrannt war, +wurden an der schottischen Küste gefunden. In denselben Strichen kommen +zuweilen verschiedene Arten von Schildkröten vor, welche das Meer der +Antillen bewohnen. Hat der Westwind lange angehalten, so entsteht in den +hohen Breiten eine Strömung, die von den Küsten von Grönland und Labrador +bis nordwärts von Schottland gerade nach Ost-Süd-Ost gerichtet ist. Wie +Wallace berichtet, gelangten zweimal, in den Jahren 1682 und 1864, +amerikanische Wilde vom Stamme der Eskimos, die ein Sturm in ihren Canoes +aus Fellen auf die hohe See verschlagen, mittels der Strömung zu den +orcadischen Inseln. Dieser letztere Fall verdient um so mehr +Aufmerksamkeit, als man daraus ersieht, wie zu einer Zeit, wo die +Schifffahrt noch in ihrer Kindheit war, die Bewegung der Gewässer des +Oceans ein Mittel werden konnte, um die verschiedenen Menschenstämme über +die Erde zu verbreiten. + +Das Wenige, was wir bis jetzt über die wahre Lage und die Breite des +Golfstroms, so wie über die Fortsetzung desselben gegen die Küsten von +Europa und Afrika wissen, ist die Frucht der zufälligen Beobachtung +einiger unterrichteten Männer, welche in verschiedenen Richtungen über das +atlantische Meer gefahren sind. Da die Kenntiß der Strömungen zu Abkürzung +der Seefahrten wesentlich beitragen kann, so wäre es von so großem Belang +für die praktische Seemannskunst, als wissenschaftlich von Interesse, wenn +Schiffe mit vorzüglichen Chronometern im Meerbusen von Mexico und im +nördlichen Ocean zwischen dem 30. und 54. Grad der Breite kreuzten, ganz +eigens zu dem Zweck, um zu ermitteln, in welchem Abstand sich der +Golfstrom in den verschiedenen Jahreszeiten und unter dem Einfluß der +verschiedenen Winde südlich von der Mündung des Mississippi und ostwärts +von den Vorgebirgen Hatteras und Codd hält. Dieselben könnten zu +untersuchen haben, ob der große Strom von Florida beständig am östlichen +Ende der Bank von Neufoundland hinstreicht, und unter welchem Parallel +zwischen dem 32. und 40. Grad westlicher Länge die Gewässer, die von Ost +nach West strömen, denen, welche die umgekehrte Richtung haben, am +nächsten gerückt sind. Die Lösung der letzteren Frage ist desto wichtiger, +als die meisten Fahrzeuge, welche von den Antillen oder vom Cap der guten +Hoffnung nach Europa zurückgehen, die bezeichneten Striche befahren. Neben +der Richtung und Geschwindigkeit der Strömungen könnte sich eine solche +Expedition mit Beobachtungen über die Meerestemperatur, über die Linien +ohne Abweichung, die Inclination der Magnetnadel und die Intensität der +magnetischen Kraft beschäftigen. Beobachtungen dieser Art erhalten einen +hohen Werth, wenn der Punkt, wo sie angestellt worden, astronomisch +bestimmt ist. Auch in den von Europäern am starksten besuchten Meeren, +weit von jeder Küste, kann ein unterrichteten Seemann der Wissenschaft +wichtige Dienste leisten. Die Entdeckung einer unbewohnten Inselgruppe ist +von geringerem Interesse, als die Kenntniß der Gesetze, welche um eine +Menge vereinzelter Thatsachen das einigende Band schlingen. + +Denkt man den Ursachen der Strömungen nach, so erkennt man, daß sie viel +häufiger vorkommen müssen, als man gemeiniglich glaubt. Die Gewässer des +Meeres können durch gar mancherlei in Bewegung gesetzt werden, durch einen +äußern Anstoß, durch Verschiedenheiten in Temperatur und Salzgehalt, durch +das zeitweise, Schmelzen des Polareises, endlich durch das ungleiche Maaß +der Verdunstung unter verschiedenen Breiten. Bald wirken mehrere dieser +Ursachen zum selben Effekt zusammen, bald bringen sie entgegengesetzte +Effekte hervor. Schwache, aber beständig in einem gnazen Erdgürtel wehende +Winde, wie die Passatwinde, bedingen eine Bewegung vorwärts, wie wir sie +selbst bei den stärksten Stürmen nicht beobachten, weil diese auf ein +kleines Gebiet beschränkt sind. Wenn in einer großen Wassermasse die +Wassertheilchen an der Oberfläche specifisch verschieden schwer werden, so +bildet sich an der Fläche ein Strom dem Punkte zu, wo das Wasser am +kältesten ist, oder am meisten salzsaures Natron, schwefelsauren Kalk und +schwefelsaure oder salzsaure Bittererde enthält. In den Meeren unter den +Wendekreisen zeigt der Thermometer in großen Tiefen nicht mehr als +7 – 8 Grad der hunterttheiligen Scale. Dieß ergibt sich aus zahlreichen +Beobachtungen des Commodore Ellis und Perons. Da in diesen Strichen die +Lufttemperatur nie unter 19 – 20 Grad sinkt, so kann das Wasser einen dem +Gefrierpunkt und dem Maximum der Dichtigkeit des Wassers so nahe gerückten +Kältegrad nicht an der Oberfläche angenommen haben. Die Existenz solcher +kalten Wasserschichten in niedern Breiten weist somit auf einen Strom hin, +der in der Tiefe von den Polen zum Aequator geht; sie weist ferner darauf +hin, daß die Salze, welche das specifische Gewicht des Wassers verändern, +im Ocean so vertheilt sind, daß sie die von der Verschiedenheit im +Wärmegrad abhängigen Wirkungen nicht aufheben. + +Bedenkt man, daß in Folge der Umdrehung der Erde die Wassertheilchen je +nach der Breite eine verschiedene Geschwindigkeit haben, so sollte man +voraussetzen, daß jede von Süd nach Nord gehende Strömung zugleich nach +Ost, die Gewässer dagegen, die vom Pol zum Aequator strömen, nach West +abgelenken müßten. Man sollte ferner glauben, daß diese Neigung den +tropischen Strom bis zu einem gewissen Grad einerseits verlangsamen, +andererseits dem Polarstrom, der sich im Juli und August, wenn das Eis +schmilzt, unter der Breite der Bank von Neufoundland und weiter nordwärts +regelmäßig einstellt, eine andere Richtung geben müßte. Sehr alte +nautische Beobachtungen, die ich bestätigen Gelegenheit hatte, indem ich +die vom Chronometer angegebene Länge mit der Schätzung des Schiffers +verglich, widersprechen diesen theoretischen Annahmen. In beiden +Hemisphären weichen die Polarströme, wenn sie merkbar sind, ein wenig nach +Ost ab; und nach unserer Ansicht ist der Grund dieser Erscheinung in der +Beständigkeit der in hohen Breiten herrschenden Westwinde zu suchen. +Ueberdieß bewegen sich die Wassertheilchen nicht mit derselben +Geschwindigkeit wie die Lufttheilchen, und die stärksten Meereströmungen, +die wir kennen, legen nur 8 bis 9 Fuß in der Secunde zurück; es ist +demnach höchst wahrscheinlich, daß das Wasser, indem es durch verschiedene +Breiten geht, die denselben entsprechende Geschwindigkeit annimmt, und daß +die Umdrehung der Erde ohne Einfluß auf die Richtung der Strömungen +bleibt. + +Der verschiedene Druck, dem die Meeresfläche in Folge der wechselnden +Schwere der Luft unterliegt, erscheint als eine weitere Ursache der +Bewegung, die besonders ins Auge zu fassen ist. Es ist bekannt, daß die +Schwankungen des Barometers im Allgemeinen nicht gleichzeitig an zwei +auseinanderliegenden, im selben Niveau befindlichen Punkten eintreten. +Wenn am einen dieser Punkte der Barometer einige Linien tiefer steht als +am andern, so wird sich dort das Wasser in Folge des geringeren Luftdrucks +erheben, und diese örtliche Anschwellung wird andauern, bis durch den Wind +das Gleichgewicht der Luft wiederhergestellt ist. Nach Bauchers Ansicht +rühren die Schwankungen im Spiegel des Genfer Sees, die sogenannten +»Seiches«, eben davon her. In der heißen Zone können die stündlichen +Schwankungen des Barometers kleine Schwingungen an der Meeresfläche +hervorbringen, da der Meridian von 4 Uhr, der dem Minimum des Luftdrucks +entspricht, zwischen den Meridianen von 21 und 11 Uhr liegt, wo das +Quecksilber am höchsten steht; aber diese Schwingungen, wenn sie überhaupt +merkbar sind, können keine Bewegung in horizontaler Richtung zur Folge +haben. + +Ueberall wo eine solche durch die Ungleichheit im specifischen Gewicht der +Wassertheile entsteht, bildet sich ein doppelter Strom, ein oberer und ein +unterer, die entgegengesetzte Richtungen haben. Daher ist in den meisten +Meerengen wie in den tropischen Meeren, welche die kalten Gewässer der +Polarregionen aufnehmen, die ganze Wassermasse bis zu bedeutender Tiefe in +Bewegung. Wir wissen nicht, ob es sich eben so verhält, wenn die +Vorwärtsbewegung, die man nicht mit dem Wellenschlag verwechseln darf, +Folge eines äußern Anstoßes ist. De Fleurien führt in seinem Bericht über +die Expedition der Isis mehrere Thatsachen an, die darauf hinweisen, daß +das Meer in der Tiefe weit weniger ruhig ist, als die Physiker gewöhnlich +annehmen. Ohne hier auf eine Untersuchung einzugehen, jmit der wir uns in +der Folge zu beschäftigen haben werden, bemerken wir nur, daß, wenn der +äußere Anstoß ein andauernder ist, wie bei den Passatwinden, durch die +gegenseitige Reibung der Wassertheilchen die Bewegung nothwendig von +Meeresfläche sich auf die tieferen Wasserschichten fortpflanzen muß. Eine +solche Fortpflanzung nehmen auch die Seefahrer beim Golfstrom schon lange +an; auf die Wirkungen derselben scheint ihnen die große Tiefe hinzudeuten, +welche das Meer aller Orten zeigt, wo der Strom von Florida durchgeht, +sogar mitten in den Sandbänken an den Nordküsten der Vereinigten Staaten. +Dieser ungeheure Strom warmen Wassers hat, nachdem er in fünfzig Tagen vom +24. bis 45. Grad der Breite 450 Meilen zurückgelegt, trotz der bedeutenden +Winterkälte in der gemäßigten Zone, kaum 3 – 4 Grad von seiner +ursprünglichen Temperatur unter den Tropen verloren. Die Größe der Masse +und der Umstand, daß das Wasser ein schlechter Wärmeleiter ist, machen, +daß die Abkühlung nicht rascher erfolgt. Wenn sich somit der Golfstrom auf +dem Boden des atlantischen Oceans ein Bett gegraben hat, und wenn seine +Gewässer bis in beträchtliche Tiefen in Bewegung sind, so müssen sie auch +in ihren untern Schichten eine höhere Temperatur behalten, als unter +derselben Breite Meeresstriche ohne Strömungen und Untiefen zeigen. Diese +Fragen sind nur durch unmittelbare Beobachtungen mittelst des Senkbleis +mit Thermometer zu lösen. + +Sir Erasmus Gower bemerkt, auf der Ueberfahrt von England nach den +canarischen Inseln gerathe man in die Strömung und dieselbe treibe vom +39. Breitegrade an die Schiffe nach Südost. Auf unerer Fahrt von Corunna +nach Südamerika machte sich der Einfluß dieses Zugs der Wasser noch weiter +nördlich merkbar. Vom 37. zum 30. Grad war die Abweichung sehr ungleich; +sie betrub täglich im Mittel zwölf Meilen, das heißt usnere Corvette wurde +in sechs Tagen um 72 Seemeilen gegen Ost abgetrieben. Als wir auf 140 +Meilen (Lieues) Entfernung den Parallel der Meerenge von Gibraltar +schnitten, hatten wir Gelegenheit zur Beobachtung, daß in diesen Strichen +das Maximum der Geschwindigkeit nicht der Oeffnung der Meerenge selbst +entspricht, sondern einem nördlicher gelegenen Punkte in der Verlängerung +einer Linie, die man durch die Meerenge und Cap Vincent zieht. Diese Linie +läuft von der Gruppe der azorischen Inseln bis zum Cap Cantin parallel mit +der Richtung der Gewässer. Es ist ferner zu bemerken, und der Umstand ist +für die Physiker, die sich mit der Bewegung der Flüssigkeiten +beschäftigen, nicht ohne Interesse, daß in diesem Stück des rückläufigen +Stromes, in einer Breite von 120 bis 140 Meilen, nicht die ganze +Wassermasse dieselbe Geschwindigkeit, noch dieselbe Richtung hat. Bei ganz +ruhiger See zeigen sich an der Oberfläche schmale Streifen, kleinen Bächen +gleich, in denen das Wasser mit einem für das Ohr des geübten Schiffers +wohl hörbaren Geräusch hinströmit. Am 13. Juni, unter 34° 35’ nördlicher +Breite, befanden wir uns mitten unter einer Menge solcher Strombetten. Wir +konnten die Richtung derselben mit dem Compaß aufnehmen: die einen liefen +nach Nordost, anderen nach Ost-Nord-Ost, trotz dem, daß der allgemeine Zug +der See, wie die Vergleichung der Schätzung mit der chronometrischen Länge +angab, fortwährend nach Südost gieng. Sehr häufig sieht man eine stehende +Wassermasse von Wasserfäden durchzogen, die nach verschiedenen Richtungen +strömen; solches kann man täglich an der Oberfläche unserer Landseen +beobachten, aber seltener bemerkt man solch partielle Bewegungen kleiner +Wassertheile in Folge lokaler Ursachen mitten in einem Meeresstrome, der +sich über ungeheure Räume erstreckt und sich immer in derselben Richtung, +wenn auch nicht mit bedeutender Geschwindigkeit fortbewegt. Die sich +kreuzenden Strömungen beschäftigen unsere Einbildungskraft, wie der +Wellenschlag, weil diese Bewegungen, die den Ocean in beständiger Unruhe +erhalten, sich zu durchdringen scheinen. + +Wir fuhren am Cap Vincent, das aus Besalt besteht, auf mehr als 80 Meilen +[360 km] Entfernung vorüber. Auf 15 Meilen [67,5 km] erkennt man es nicht +mehr deutlich, aber die Foya von Monchique, ein Granitberg in der Nähe des +Caps, soll, wie die Steuerleute behaupten, auf 26 Meilen [117 km] in See +sichtbar seyn. Verhält es sich wirklich so, so ist die Foya 700 Toisen +(1363 Meter) hoch, also 116 Toisen (225 Meter) höher als der Vesuv. Es ist +auffallend, daß die portugiesische Regierung kein Feuer auf einem Punkte +unterhält, nach dem sich alle vom Cap der guten Hoffnung und vom Cap Horn +kommenden Schiffe richten müssen; nach keinem anderen Punkte wird mit so +viel Ungeduld ausgeschaut, bis er in Sicht kommt. Die Feuer auf dem Turm +des Herkules und am Cap Spichel sind so schwach und so wenig weit +sichtbar, daß man sie gar nicht rechnen kann. Dazu wäre das +Capuzinerkloster, das auf Kap Vincent steht, ganz der geeignete Platz zu +einem Leuchtturm mit sich drehendem Feuer, wie zu Cadix und an der +Garonnemündung. + +Seit unserer Abfahrt von Corunna und bis zum 36. Breitegrad hatten wir +außer Meerschwalben und einigen Delphinen fast kein lebendes Wesen +gesehen. Umsonst sahen wir uns nach Tangen und Weichthieren um. Am +11. Juni aber hatten wir ein Schauspiel, das uns höchlich überraschte, das +wir aber später in der Südsee häufig genossen. Wir gelangten in einen +Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Medusen bedeckt war. Das +Schiff stand beinahe still, aber die Weichtiere zogen gegen Südost, +viermal rascher als die Strömung. Ihr Vorüberzug währte beinahe +dreiviertel Stunden, und dann sahen wir nur noch einzelne Individuen dem +großen Haufen, wie wandermüde, nachziehen. Kommen diese Thiere vom Grunde +des Meeres, das in diesen Strichen wohl mehrere tausend Toisen tief ist? +oder machen sie in Schwärmen weite Züge? Wie man weiß, lieben die +Weichthiere die Untiefen, und wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem +Wasserspiegel, welche Kapitän Vobonne im Jahr 1732 nordwärts von der Insel +Porto Santo gesehen haben will, wirklich vorhanden sind, so läßt sich +annehmen, daß diese ungeheure Masse von Medusen dorther kam, denn wir +befanden uns nur 28 Meilen [126 km] von jenen Klippen. Wir erkannten neben +der _Medusa aurita_ von Baster und der _M. pelagica_ von Bosc mit acht +Tentakeln _(Pelagia denticulata, Peron)_ eine dritte Art, die sich der +_M. hysocella_ nähert, die Vandelli an der Mündung des Tajo gefunden hat. +Sie ist ausgezeichnet durch die braungelbe Farbe und dadurch, daß die +Tentakeln länger sind als der Körper. Manche dieser Meernesseln hatten +vier Zoll [10 cm] im Durchmesser; ihr fast metallischer Glanz, ihre +violett und purpurn schillernde Färbung hob sich vom Blau der See äußerst +angenehm ab. + +Unter den Medusen fand Bonpland Bündel der _Dagysa notata_, eines +Weichthiers von sonderbarem Bau, das Sir Joseph Banks zuerst kennen +gelernt hat. Es sind kleine gallertartige Säcke, durchsichtig, +walzenförmig, zuweilen vieleckig, 13 Linien [3 mm] lang, 2 – 3 [0,5 bis +0,7 mm] im Durchmesser. Diese Säcke sind an beiden Enden offen. An der +einen Oeffnung zeigt sich eine durchsichtige Blase mit einem gelben Fleck. +Diese Cylinder sind der Länge nach aneinander geklebt wie Bienenzellen und +bilden 6 – 8 Zoll [16 bis 21 cm] lange Schnüre. Umsonst versuchte ich die +galvanische Elektricität an diesen Weichthieren; sie brachte keine +Zusammenziehung hervor. Die Gattung _Dagysa_, die zur Zeit von Cooks +erster Reise zuerst aufgestellt wurde, scheint zu den Salpen zu gehören. +Auch die Salpen wandern in Schwärmen, wobei sie sich zu Schnüren an +einander hängen, wie wir bei der _Dagysa_ gesehen. + +Am 13. Juni Morgens unter 34° 33’ Breite sahen wir wieder bei vollkommen +ruhiger See große Haufen des letzterwähnten Thiers vorbeitreiben. Bei +Nacht machten wir die Beobachtung, daß alle drei Medusenarten, die wir +gefangen, nur leuchteten, wenn man sie ganz leicht anstieß. Diese +Eigenschaft kommt also nicht der von Forskael in seiner _Fauna Aegytiaca_ +beschriebenen _Medusa noctiluca_ allein zu, die Gmelin mit der _Medusa +pelagica_ Löflings vereinigt, obgleich sie rote Tentakeln und braune +Körperwarzen hat. Legt man eine sehr reizbare Meduse auf einen Zinnteller +und schlägt mit irgendeinem Metall an den Teller, so wird das Tier schon +durch die leichte Schwingung des Zinns leuchtend. Galvanisirt man Medusen, +so zeigt sich zuweilen der phosphorische Schein im Moment, wo man die +Kette schließt, wenn auch die Excitatoren die Organe des Tieres nicht +unmittelbar berühren. Die Finger, mit denen man es berührt, bleiben ein +paar Minuten leuchtend, wie man dies auch beobachtet, wenn man das Gehäuse +der Pholaden zerbricht. Reibt man Holz mit dem Körper einer Meduse und +leuchtet die geriebene Stelle nicht mehr, so erscheint der Schimmer +wieder, wenn man mit der trockenen Hand über das Holz fährt. Ist derselbe +wieder verschwunden, so läßt er sich nicht noch einmal hervorrufen, wenn +auch die geriebene Stelle noch feucht und klebrig ist. Wie wirkt in diesem +Falle die Reibung oder der Stoß? Die Frage ist schwer zu beantworten. Ruft +etwa eine kleine Temperaturerhöhung den Schein hervor, oder kommt er +wieder, weil man die Oberfläche erneuert und so die Theile des Thiers, +welche den Phosphorwasserstoff entbinden, mit dem Sauerstoff der +atmosphärischen Luft in Berührung bringt? Ich habe durch Versuche, die im +Jahre 1797 veröffentlicht worden, dargethan, daß Scheinholz in reinem +Wasserstoff und Stickstoff nicht mehr leuchtet, und daß der Schein +wiederkehrt, sobald man die kleinste Blase Sauerstoff in das Gas treten +läßt. Diese Thatsachen, deren wir in der Folge noch mehrere anführen +werden, bahnen uns den Weg zur Erklärung des Meerleuchtens und des +besonderen Umstandes, daß das Erscheinen des Lichtschimmers mit dem +Wellenschlag in Zusammenhang steht. + +Zwischen Madera und der afrikanischen Küste hatten wir gelinde Winde oder +Windstille, wodurch ich mich bei den magnetischen Versuchen, mit denen ich +mich bei der Ueberfahrt beschäftigte, sehr gefördert sah. Wir wurden nicht +satt, die Pracht der Nächte zu bewundern; nichts geht über die Klarheit +und Heiterkeit des afrikanischen Himmels. Wir wunderten uns über die +ungeheure Menge Sternschnuppen, die jeden Augenblick niedergingen. Je +weiter wir nach Süden kamen, desto häufiger wurden sie, besonders bei den +canarischen Inseln. Ich glaube auf meinen Reisen die Beobachtung gemacht +zu haben, daß diese Feuermeteore überhaupt in manchen Landstrichen +häufiger vorkommen und glänzender sind als in anderen. Nie sah ich ihrer +so viele als in der Nähe der Vulkane der Provinz Quito und in der Südsee +an der vulkanischen Küste von Guatimala. Der Einfluß, den Oertlichkeit, +Klima und Jahreszeit auf die Bildung der Sternschnuppen zu haben scheinen, +trennt diese Classe von Meteoren von den Aerolithen, die wahrscheinlich +dem Weltraume außerhalb unseres Luftkreises angehören. Nach den +übereinstimmenden Beobachtungen von Benzenberg und Brandes erscheinen in +Europa viele Sternschnuppen nicht mehr als 30,000 Toisen [58 470 m] über +der Erde. Man hat sogar eine gemessen, die nur 14,000 Toisen [27 280 m] +hoch war. Es wäre zu wünschen, daß dergleichen Messungen, die nur +annähernde Resultate ergeben können, öfters wiederholt würden. In den +heißen Landstrichen, besonders unter den Tropen, zeigen die Sternschnuppen +einen Schweif, der noch 12 bis 15 Secunden fortleuchtet; ein andermal ist +es, als platzten sie und zerstieben in mehrere Lichtfunken, und im +allgemeinen sind sie viel weiter unten in der Luft als im nördlichen +Europa. Man sieht sie nur bei heiterem, blauen Himmel, und unter einer +Wolke ist wohl noch nie eine beobachtet worden. Häufig haben die +Sternschnuppen ein paar Stunden lang eine und dieselbe Richtung, und dies +ist dann die Richtung des Windes. In der Bucht von Neapel haben Gay-Lussac +und ich Lichterscheinungen beobachtet, die denen, welche mich bei meinem +langen Aufenthalt in Mexiko und Quito beschäftigten, sehr ähnlich waren. +Das Wesen dieser Meteore hängt vielleicht ab von der Beschaffenheit von +Boden und Luft, gleich gewissen Erscheinungen von Luftspiegelung und +Strahlenbrechung an der Erdoberfläche, wie sie an den Küsten von Calabrien +und Sicilien vorkommen. + +Wir bekamen auf unserer Fahrt weder die Inseln Desiertas noch Madera zu +Gesicht. Gerne hätte ich die Länge dieser Inseln berichtigt und von den +vulkanischen Bergen nordwärts von Funchal Höhenwinkel genommen. De Borda +berichtet, man sehe diese Berge auf 20 Meilen [90 km], was nur auf eine +Höhe von 414 Toisen (806 Meter) hinweise; wir wissen aber, daß nach +neueren Messungen der höchste Gipfel von Madera 5167 englische Fuß oder +807 Toisen [1573 m] hoch ist. Die kleinen Inseln Desiertas und Salvages, +auf denen man Orseille und _Mesembryanthemum crystallinum_ sammelt, haben +nicht 200 Toisen senkrechter Hähe. Es scheint mir von Nutzen, die +Seefahrer auf dergleichen Bestimmungen hinzweisen, weil sich mittelst +einer Methode, deren in dieser Reisebeschreibung öfter Erwähnung geschieht +und deren sich Borda, Lord Mulgrave, de Rossel und Don Cosme Churruca auf +ihren Reisen mit Erfolg bedient haben, durch Höhenwinkel, die man mit +guten Reflexionsinstrumenten nimmt, mit hinlänglicher Genauigkeit +ermitteln läßt, wie weit sich das Schiff von einem Vorgebirge oder von +einer gebirgigen Insel befindet. + +Als wir 40 Meilen [180 km] ostwärts von Madera waren, setzte sich eine +Schwalbe auf die Marsstenge. Sie war so müde, daß sie sich leicht fangen +ließ. Es war eine Rauchschwalbe _(Hierundo rustica, Lin.)_. Was mag einen +Vogel veranlassen, in dieser Jahreszeit und bei stiller Luft so weit zu +fliegen? Bei d´Entrecasteaux´ Expedition sah man gleichfalls eine +Rauchschwalbe 60 Meilen [270 km] weit vom weißen Vorgebirge; das war aber +Ende Oktobers, und Labillardière war der Meinung, sie komme eben aus +Europa. Wir befuhren diese Striche im Juni, und seit langer Zeit hatte +kein Sturm das Meer aufgerührt. Ich betone den letzteren Umstand, weil +kleine Vögel, sogar Schmetterlinge zuweilen durch heftige Winde auf die +hohe See verschlagen werden, wie wir es in der Südsee, westwärts von der +Küste von Mexiko, beobachten konnten. + +Der Pizarro hatte Befehl, bei der Insel Lanzarota, einer der sieben großen +Canarien, anzulegen, um sich zu erkundigen, ob die Engländer die Rhede von +Santa Cruz auf Teneriffa blokirten. Seit dem 15. Juni war man im Zweifel, +welchen Weg man einschlagen sollte. Bis jetzt hatten die Steuerleute, die +mit den Seeuhren nicht recht umzugehen wußten, keine großen Stücke auf die +Länge gehalten, die ich fast immer zweimal des Tags bestimmte, indem ich +zum Uebertrag der Zeit Morgens und Abends Stundenwinkel aufnahm. Endlich +am 16. Juni, um neun Uhr morgens, als wir schon unter 20° 26’ der Breite +waren, änderte der Capitän den Curs und steuerte gegen Ost. Da zeigte sich +bald, wie genau Louis Berthouds Chronometer war; um 2 Uhr nachmittags kam +Land in Sicht, das wie eine kleine Wolke am Horizont erschien. Um fünf +Uhr, bei niedriger stehender Sonne, lag die Insel Lanzarota so deutlich +vor uns, daß ich den Höhenwinkel eines Kegelberges messen konnte, der +majestätisch die anderen Gipfel überragt und den wir für den großen Vulkan +hielten, der in der Nacht vom ersten September 1730 so große Verwüstungen +angerichtet hat. + +Die Strömung trieb uns schneller gegen die Küste, als wir wünschten. Im +Hinfahren sahen wir zuerst die Insel Fortaventura, bekannt durch die +vielen Kameele(4), die darauf leben, und bald darauf die kleine Insel +Lobos im Canal zwischen Fortaventura und Lancerota. Wir brachten die Nacht +zum Theil auf dem Verdeck zu. Der Mond beschien die vulkanischen Gipfel +von Lanzerota, deren mit Asche bedeckten Abhänge wie Silber schimmerten. +Antares glänzte nahe der Mondscheibe, die nur wenige Grad über dem +Horizont stand. Die Nacht war wunderbar heiter und frisch. Obgleich wir +nicht weit von der afrikanischen Küste und der Grenze der heißen Zone +waren, zeigte der hunderttheilige Thermometer nicht mehr als 18°. Es war, +als ob das Leuchten des Meeres die in der Luft verbreitete Lichtmasse +vermehrte. Zum erstenmal konnte ich an einem zweizölligen Sextanten von +Troughton mit sehr feiner Theilung den Nonius ablesen, ohne mit einer +Kerze an den Rand zu leuchten. Mehrere unserer Reisegefährten waren +Canarier; gleich allen Einwohnern der Insel priesen sie enthusiastisch die +Schönheit ihres Landes. Nach Mitternacht zogen hinter dem Vulkan schwere +Wolken auf und bedeckten hin und wieder den Mond und das schöne Sternbild +des Scorpion. Wir sahen am Ufer Feuer hin und her tragen. Es waren +wahrscheinlich Fischer, die sich zur Fahrt rüsteten. Wir hatten auf der +Reise fortwährend in den alten spanischen Reisebeschreibungen gelesen, und +diese sich hin und her bewegenden Lichter erinnerten uns an die, welche +Pedro Guttierez, ein Page der Königin Isabella, in der denkwürdigen Nacht, +da die neue Welt entdeckt wurde, auf der Guanahani sah. + +Am 17. Morgens war der Horizont nebligt und der Himmel leicht umzogen. +Desto schärfer traten die Berge von Lanzerota in ihren Umrissen hervor. +Die Feuchtigkeit erhöht die Durchsichtigkeit der Luft und rückt zugleich +scheinbar die Gegenstände näher. Diese Erscheinung ist jedem bekannt, der +Gelegenheit gehabt hat, an Orten, wo man die Ketten der Hochalpen oder der +Anden sieht, hygrometrische Betrachtungen anzustellen. Wir liefen, mit dem +Senkblei in der Hand, durch den Canal zwischen den Inseln Alegranza und +Montaña Clara. Wir untersuchten den Archipel kleiner Eilande nördlich von +Lanzerota, die sowohl auf der sonst sehr genauen Karte von de Fleurieu, +als auf der Karte, die zur Reise der Fregatte Flora gehört, so schlecht +gezeichnet sind. Die auf Befehl des Herrn de Castries i. J. 1786 +veröffentlichte Karte des Atlantischen Oceans hat dieselben irrigen +Angaben. Da die Strömungen in diesen Strichen ausnehmend rasch sind, so +mag die für die Sicherheit der Schiffahrt nicht unwichtige Bemerkung hier +stehen, daß die Lage der fünf kleinen Inseln Alegranza, Clara, Graciosa, +Roca del Este und Infierno nur auf der Karte der canarischen Inseln von +Borda und im Atlas von Tofiño genau angegeben ist, welcher letztere sich +dabei an die Beobachtungen von Don Jose Varela hielt, die mit denen der +Fregatte Boussole ziemlich übereinstimmen. + +Inmitten dieses Archipels, den Schiffe, die nach Teneriffa gehen, selten +befahren, machte die Gestaltung der Küsten den eigenthümlichsten Eindruck +auf uns. Wir glaubten uns in die euganäischen Berge im Vincentinischen +oder an die Ufer des Rheins bei Bonn versetzt (Siebengebirge). Die +Gestaltung der organischen Wesen wechselt nach den Klimaten, und diese +erstaunliche Mannigfaltigkeit gibt dem Studium der Vertheilung der +Pflanzen und Thiere seinen Hauptreiz; aber die Gebirgsarten, die +vielleicht früher gebildet worden, als die Ursachen, von welchen die +Abstufung der Klimate abhängt, in Wirksamkeit getreten, sind in beiden +Hemisphären die nämlichen. Die Porphyre, welche glasigen Feldspath oder +Hornblende einschließen, die Phonolithe (Werners Porphyrschiefer), +Grünsteine, Mandelsteine und Basalte zeigen fast so constante Formen wie +in der Auvergne, im böhmischen Mittelgebirge wie in Mexiko und an den +Ufern des Ganges erkennt man die Trappformation am symmetrischen Bau der +Berge, an den gestutzten, bald einzeln stehenden, bald zu Gruppen +vereinigten Kegeln, an den Plateaux, die an beiden Enden mit einer runden +niedrigen Kuppe gekrönt sind. + +Der ganze westliche Theil von Lanzerota, den wir in der Nähe sahen, hat +ganz das Ansehen eines in neuester Zeit von vulkanischem Feuer verwüsteten +Landes. Alles ist schwarz, dürr, von Dammerde entblößt. Wir erkannten mit +dem Fernrohr Basalt in ziemlich dünnen, stark fallenden Schichten. Mehrere +Hügel gleichen dem Monte nuovo bei Neapel oder den Schlacken- und +Aschenhügeln, welche am Fuße des Vulkanes Jorullo in Mexiko in Einer Nacht +aus dem berstenden Boden emporgestiegen sind. Nach Abbé Viera wurde auch +im Jahre 1730 mehr als die Hälfte der Insel völlig umgewandelt. Der »große +Vulkan«, dessen wir oben erwähnt, und der bei den Eingeborenen der Vulkan +von *Temanfaya* heißt, verheerte das fruchtbarste und bestangebaute +Gebiet; neun Dörfer wurden durch die Lavaströme völlig zerstört. Ein +heftiges Erdbeben war der Katastrophe vorangegangen, und gleich starke +Stöße wurden noch mehrere Jahre nachher gespürt. Letztere Erscheinung ist +um so auffallender, je seltener sie nach einem Ausbruch ist, wenn einmal +nach dem Ausfluß der geschmolzenen Stoffe die elastischen Dämpfe durch den +Krater haben entweichen können. Der Gipfel des großen Vulkanes ist ein +runder, nicht genau kegelförmiger Hügel. Nach den Höhenwinkeln, die ich in +verschiedenen Abständen genommen, scheint seine absolute Höhe nicht viel +über 300 Toisen [580 m] zu betragen. Die benachbarten kleinen Berge und +die der Inseln Alegranza und Clara sind kaum 100 bis 120 Toisen [95 bis +134 m] hoch. Man wundert sich, daß Gipfel, die sich auf hoher See so +imposant darstellen, nicht höher seyn sollten. Aber nichts ist so unsicher +als unser Urtheil über die Größe der Winkel, unter denen uns Gegenstände +ganz nahe am Horizont erscheinen. Einer Täuschung derart ist es +zuzuschreiben, wenn vor den Messungen de Churrucas und Galeanos am Cap +Pilar die Berge an der Magellanschen Meerenge und des Feuerlandes bei den +Seefahrern für ungemein hoch galten. + +Die Insel Lanzerota hieß früher *Titeroigotra*. Bei der Ankunft der +Spanier zeichneten sich die Bewohner vor den anderen Canariern durch +Merkmale höherer Kultur aus. Sie hatten Häuser aus behauenen Steinen, +während die Guanchen auf Teneriffa, als wahre Troglodyten, in Höhlen +wohnten. Auf Lanzerota herrschte zu jener Zeit ein seltsamer Gebrauch, der +nur bei den Tibetanern vorkommt. [In Tibet ist übrigens die Vielmännerei +nicht so häufig, als man glaubt, und von der Priesterschaft mißbilligt.] +Eine Frau hatte mehrere Männer, welche in der Ausübung der Rechte des +Familienhauptes wechselten. Der eine Ehemann war als solcher nur während +eines Mondumlaufs anerkannt, sofort übernahm ein anderer das Amt und jener +trat in das Hausgesinde zurück. Es ist zu bedauern, daß wir von den +Geistlichen im Gefolge Johanns von Béthencourt, welche die Geschichte der +Eroberung der Canarien geschrieben haben, nicht mehr von den Sitten eines +Volkes erfahren, bei dem so sonderbare Bräuche herrschten. Im fünfzehnten +Jahrhundert bestanden auf der Insel Lanzerota zwei kleine voneinander +unabhängige Staaten, die durch eine Mauer geschieden waren, dergleichen +man auch in Schottland, in Peru und in China findet, Denkmäler, die den +Nationalhaß überleben. + +Wegen des Windes mußten wir zwischen den Inseln Alegranza und Montaña +Clara durchfahren. Da Niemand am Bord der Corvette je in diesem Canal +gewesen war, so mußte das Senkblei ausgeworfen werden. Wir fanden Grund +bei 25 und 32 Faden [45 bis 60 m]. Mit dem Senkbleu wurde eine organische +Substanz von so sonderbarem Bau aufgezogen, daß wir lange nicht wußten, ob +wir sie für einen Zoophyten oder für eine Tangart halten sollten. Auf +einem bräunlichen, drei Zoll langen Stiel sitzen runde lappige Blätter mit +gezahntem Rand. Sie sind hellgrün, lederartig und gestreift wie die +Blätter der Adianten und des _Ginkgo biloba_. Ihre Fläche ist mit steifen, +weißlichen Haaren bedeckt; vor der Entwicklung sind die concav und in +einander geschachtelt. Wir konnten keine Spur von willkührlicher Bewegung, +von Irritabilität daran bemerken, auch nicht als wir es mit dem +Galvanismus versuchten. Der Stiel ist nicht holzig, sondern besteht aus +einem hornartigen Stoff, gleich der Achse der Gorgonen. Da Stickstoff und +Phosphor in Menge in verschiedenen cryptogamischen Gewächsen nachgewiesen +sind, so wäre nichts dabei herausgekommen, wenn wur auf chemischem Wege +hätte ermitteln wollen, ob dieser organische Körper dem Pflanzen- oder dem +Thierreich angehöre. Da er einigen Seepflanzen mit Adiantenblättern sehr +nahe kommt, so stellten wir ihn vorläufig zu den Tangen und nannten ihn +_Fucus vitifolius_. Die Haare, mit denen das Gewächs bedeckt ist, kommen +bei vielen andern Tangen vor. Allerdings zeigte das Blatt, als es frisch +aus der See unter dem Mikroscop untersucht wurde, nicht die drüsigen +Körper in Häufchen oder die dunkeln Punkte, welche bei den Gattungen +_Ulva_ und _Fucus_ die Fructificationen enthalten; aber wie oft findet man +Tange, die vermöge ihrer Entwicklungsstufe in ihrem durchsichtigen +Paranchym noch keine Spur von Körnern zeigen. + +Ich hätte diese Einzelheiten, die in die beschreibende Naturgeschichte +gehören, hier übergangen, wenn sich nicht am Fucus mit weinblattähnlichen +Blättern ein physiologische Erscheinung von allgemeinerem Interesse +beobachten ließe. Unser Seetang hatte, an Madreporen befestigt, 192 Fuß +tief am Meeresboden vegetirt, und doch waren seine Blätter so grün wie +unsere Gräser. Nach de Bouguers Versuchen(5) wird das Licht, das durch 180 +Fuß Wasser hindurchgeht, im Verhältniß von 1 zu 1477,8 geschwächt. Der +Tang von Alegranza ist also ein neuer Beweis für den Satz, daß Gewächse im +Dunkeln vegetiren können, ohne farblos zu werden. Die noch in den Zwiebeln +eingeschlossenen Keime mancher Liliengewächse, der Embryo der Malven, der +Rhamnoiden, der Pistazie, der Mistel und des Citronenbaums, die Zweige +mancher unterirdischen Pflanzen, endlich die Gewächse, die man in +Erzgruben findet, wo die umgebende Luft Wasserstoff oder viel Stickstoff +enthält, sind grün ohne Lichtgenuß. Diese Thatsachen berechtigen zu der +Annahme, daß der Kohlenwasserstoff, der das Parenchym dunkler oder heller +grün färbt, je nachdem der Kohlenstoff in der Verbindung vorherrscht, sich +nicht bloß unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen im Gewebe der Gewächse +bildet. + +Turner, der so viel für die Familie der Tange geleistet hat, und viele +andere bedeutende Botaniker sind der Ansicht, die Tange, die man an der +Meeresfläche findet, und die unter dem 23. und 35. Grad der Breite und dem +32. der Länge sich dem Seefahrer als eine weite überschwemmte Wiese +darstellen, wachsen ursprünglich auf dem Meeresgrund und schwimmen an der +Oberfläche nur im ausgebildeten Zustand, nachdem sie von den Wellen +losgerissen worden. Ist dem wirklich so, so ist nicht zu läugnen, daß die +Familie der Seealgen große Schwierigkeiten macht, wenn man am Glauben +festhält, daß Farblosigkeit die nothwendige Folge des Mangels an Licht +ist; denn wie sollte man voraussetzen können, daß so viele Arten von +Ulvaceen und Dictyoteen mit grünen Stengeln und Blättern auf Gestein +unmittelbar unter der Meeresfläche gewachsen sind? + +Nach den Angaben eines alten portugiesischen Wegweisers meinte der Capitän +des Pizarro sich einem kleinen Fort nördlich von Teguise, dem Hauptort von +Lancerota, gegenüber zu befinden. Man hielt einen Basaltfelsen für ein +Kastell, man salutirte es durch Aufhissen der spanischen Flagge und warf +das Boot aus, um sich durch einen Officier beim Commandanten des +vermeintlichen Forts erkundigen zu lassen, ob die Engländer in der +Umgegend kreuzten. Wir wunderten uns nicht wenig, als wir vernahmen, daß +das Land, das wir für einen Theil der Küste von Lanzerota gehalten, die +kleine Insel Graciosa sey und daß es auf mehrere Kilometer in der Runde +keinen bewohnten Ort gebe. + +Wir benutzten das Boot, um ans Land zu gehen, das den Schlußpunkt einer +weiten Bai bildete. Ganz unbeschreiblich ist das Gefühl des +Naturforschers, der zum erstenmal einen außereuropäischen Boden betritt. +Die Aufmerksamkeit wird von so vielen Gegenständen in Anspruch genommen, +daß man sich von seinen Empfindungen kaum Rechenschaft zu geben vermag. +Bei jedem Schritt glaubt man einen neuen Naturkörper vor sich zu haben, +und in der Aufregung erkennt man häufig Dinge nicht wieder, die in unseren +botanischen Gärten und naturgeschichtlichen Sammlungen zu den gemeinsten +gehören. 100 Toisen [ca. 200 m] vom Ufer sahen wir einen Mann mit der +Angelruthe fischen. Man fuhr im Boot auf ihn zu, aber er ergriff die +Flucht und versteckte sich hinter Felsen. Die Matrosen hatten Mühe, seiner +habhaft zu werden. Der Anblick der Corvette, der Kanonendonner am +einsamen, jedoch zuweilen von Kapern besuchten Orte, das Landen des +Bootes, Alles hatte dem armen Fischer Angst eingejagt. Wir erfuhren von +ihm, die kleine Insel Graciosa, an der wir gelandet, sey von Lanzerota +durch einen engen Canal, el Rio genannt, getrennt. Er erbot sich, uns in +den Hafen los Colorados zu führen, wo wir uns hinsichtlich der Blokade von +Tenerifa erkundigen könnten; da er aber zugleich versicherte, seit +mehreren Wochen kein Fahrzeug auf offener See gesehen zu haben, so +beschloß der Kapitän, geradezu nach Santa Cruz zu steuern. + +Das kleine Stück der Insel Graciosa, das wir kennengelernt, gleicht den +aus Laven aufgebauten Vorgebirgen bei Neapel zwischen Portici und Torre +del Greco. Die Felsen sind nackt, ohne Bäume und Gebüsche, meist ohne Spur +von Dammerde. Einige Flechten, Variolarien, Leprarien, Urceolarien, kamen +hin und wieder auf dem Basalt vor. Laven, die nicht mit vulkanischer Asche +bedeckt sind, bleiben Jahrhunderte ohne eine Spur von Vegetation. Auf dem +afrikanischen Boden hemmt die große Hitze und die lange Trockenheit die +Entwicklung der cryptogamischen Gewächse. + +Mit Sonnenuntergang schifften wir uns wieder ein und gingen unter Segel, +aber er Wind war zu schwach, als daß wir unseren Weg nach Teneriffa hätten +fortsetzen können. Die See war ruhig; ein röthlicher Dunst umzog den +Horizont und ließ alle Gegenstände größer erscheinen. In solcher +Einsamkeit, ringsum so viele unbewohnte Eilande, schwelgten wir lange im +Anblick einer wilden, großartigen Natur. Die schwarzen Berge von Graciosa +zeigten fünf, sechshundert Fuß [160 bis 200 m] hohe senkrechte Wände. Ihre +Schatten, die auf die Meeresfläche fielen, gaben der Landschaft einen +schwermüthigen Charakter. Gleich den Trümmern eines gewaltigen Gebäudes +stiegen Basaltfelsen aus dem Wasser auf. Ihr Dasein mahnte uns an die weit +entlegene Zeit, wo unterseeische Vulkane neue Inseln emporhoben oder die +Festländer zertrümmerten. Alles umher verkündete Verwüstung und +Unfruchtbarkeit; aber einen freundlicheren Anblick bot im Hintergrunde des +Bildes die Küste von Lanzerota. In einer engen Schlucht, zwischen zwei mit +verstreuten Baumgruppen gekrönten Hügeln, zog sich ein kleiner bebauter +Landstrich hin. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten das zur Ernte +reife Korn. Selbst die Wüste belebt sich, sobald man den Spuren der +arbeitsamen Menschenhand begegnet. + +Wir versuchten aus der Bucht herauszukommen, und zwar durch den Canal +zwischen Alegranza und Montaña Clara, durch den wir ohne Schwierigkeit +hereingelangt waren, um an der Nordspitze von Graciosa ans Land zu gehen. +Da der Wind sehr flau wurde, so trieb uns die Strömung nahe zu einem Riff, +an dem sich die See ungestüm brach, und das die alten Karten als +»Infierno« bezeichneten. Als wir das Riff auf zwei Kabellängen vom +Vordertheil der Corvette vor uns hatten, sahen wir, daß es eine drei, vier +Klafter [5,8 bis 7,8 m] hohe Lavakuppe ist, voll Höhlungen und bedeckt mit +Schlacken, die den Coaks [Koks] oder der schwammigen Masse der +entschwefelten Steinkohle ähnlich ist. Wahrscheinlich ist die Klippe +Infierno(6) welche die neueren Karten _Roca del Oeste_ (westlicher Fels) +nennen, durch das vulkanische Feuer emporgehoben. Sie kann sogar früher +weit höher gewesen seyn; denn die »neue Insel« der Azoren, die zu +wiederholten malen aus dem Meere gestiegen, in den Jahren 1638 und 1719, +war 354 Fuß [115 m] hoch [Im Jahre 1720 war die Insel auf 7 – 8 Meilen +(31 bis 36 km) sichtbar. In denselben Strichen ist im Jahre 1811 wieder +eine Insel erschienen.] geworden, als sie im Jahre 1728 so gänzlich +verschwand, daß man da, wo sie gestanden das Meer 80 Faden [146 m] tief +fand. Meine Ansicht vom Ursprung der Basaltkuppe Infierno wird durch ein +Ereigniß bestätigt, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in derselben +Gegend beobachtet wurde. Beim Ausbruch des Vulkanes Temanfaya erhoben sich +vom Meeresboden zwei pyramidale Hügel von steiniger Lava und verschmolzen +nach und nach mit der Insel Lanzerota. + +Da der schwache Wind und die Strömung uns aus dem Canal von Alegranza +nicht herauskommen ließen, beschloß man, während der Nacht zwischen der +Insel Clara und der _Roca del Oeste_ zu kreuzen. Dieß hätte beinahe sehr +schlimme Folgen für uns gehabt. Es ist gefährlich, sich bei Windstille in +der Nähe dieses Riffes aufzuhalten, gegen das die Strömung ausnehmend +stark hinzieht. Um Mitternacht fingen wir an, die Wirkung der Strömung +gewahr zu werden. Die nahe vor uns senkrecht aus dem Wasser aufsteigenden +Felsmassen benahmen uns den wenigen Wind, der wehte; die Corvette +gehorchte dem Steuer fast nicht mehr und jeden Augenblick fürchtete man zu +stranden. Es ist schwer begreiflich, wie eine einzelne Basaltkuppe mitten +im weiten Weltmeer das Wasser in solche Aufregung versetzen kann. Diese +Erscheinungen, welche die volle Aufmerksamkeit der Physiker verdienen, +sind übrigens den Seefahrern wohl bekannt; sie treten in der Südsee, +namentlich im kleinen Archipel der Galapagos-inseln, in furchtbarem +Maßstab auf. Der Temperaturunterschied zwischen der Flüssigkeit und der +Felsmasse vermag den Zug der Strömung zu ihnen hin nicht zu erklären, und +wie sollte man es glaublich finden, daß sich das Wasser am Fuße der +Klippen in die Tiefe stürzt, und daß bei diesem fortwährenden Zug nach +unten die Wassertheilchen den entstehenden leeren Raum auszufüllen suchen +(7)? + +Am 18. Morgens wurde der Wind etwas frischer, und so gelang es uns, aus +dem Canal zu kommen. Wir kamen dem Infierno noch einmal sehr nahe, und +jetzt bemerkten wir im Gestein große Spalten, durch welche wahrscheinlich +die Gase entwichen, als die Basaltkuppe emporgehoben wurde. Wir verloren +die kleinen Inseln Alegranza, Montaña Clara und Graciosa aus dem Gesicht. +Sie scheinen nie von Guanchen bewohnt gewesen zu seyn und man besucht sie +jetzt nur, um Orseille dort zu sammeln; diese Pflanze ist übrigens weniger +gesucht, seit so viele andere Flechtenarten aus dem nördlichen Europa +kostbare Farbstoffe liefern. Montaña Clara ist berühmt weger der schönen +Canarienvögel, die dort vorkommen. Der Gesang dieser Vögel wechselt nach +Schwärmen, wie ja auch bei uns der Gesang der Finken in zwei benachbarten +Landstrichen häufig ein anderer ist. Auf Montaña Clara gibt es auch +Ziegen, zum Beweis, daß das Eiland im Inneren nicht so öde ist als die +Küste, die wir gesehen. Der Name Alegranza kommt her von »La Joyeuse«, wie +die ersten Eroberer der Canarien, zwei normännische Barone, Jean de +Béthencourt und Gadifer de Salle, die Insel benannten. Es war der erste +Punkt, wo sie gelandet. Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen auf der +Insel Graciosa, von der wir ein kleines Stück gesehen, beschlossen sie, +sich der benachbarten Insel Lanzerota zu bemächtigen, und wurden von +Guadarfia, dem Häuptling der Guanchen, so gastfreundlich empfangen, wie +Cortez im Palast Montezumas. Der Hirtenkönig, der keine anderen Schätze +hatte als seine Ziegen, wurde so schmählich verraten, wie der mexikanische +Sultan. + +Wir fuhren an den Küsten von Lanzerota, Lobos und Fortaventura hin. Die +zweite scheint früher mit den andern zusammengehangen zuhaben. Diese +geologische Hypothese wurde schon im siebzehnten Jahrhundert von einem +Franziskaner, Juan Galindo, aufgestellt. Er war sogar der Ansicht, König +Juba habe nur sechs canarische Inseln genannt, weil zu seiner Zeit drei +derselben nur Eine gebildet. Ohne auf diese unwahrscheinliche Hypothese +einzugehen, haben gelehrte Geographen den Archipel der Canarien für die +beiden Inseln Innonia, die Inseln Rivaria, Ombrios, Canaria und Capraria +der Alten erklärt. + +Da der Horizont dunstig war, konnten wir auf der ganzen Ueberfahrt von +Lanzerota nach Teneriffa des Gipfels des Pik de Teyde nicht ansichtig +werden. Ist der Vulkan wirklich 1905 Toisen [3712 m] hoch, wie Bordas +letzte trigonometrische Messung angibt, so muß sein Gipfel auf 43 +Seemeilen [80 km] zu sehen sey, das Auge am Meeresspiegel angenommen und +die Refraction gleich 0,079 der Entfernung. Man hat in Zweifel gezogen, ob +der Pic zwischen Lanzerota und Fortaventura, der nach Varelas Karte 2° 29’ +oder gegen 50 Meilen (Lieues) davon entfernt ist, je gesehen worden sey. +Der Punkt scheint indessen durch einige Offiziere der königlich spanischen +Marine entschieden worden zu seyn; ich habe an Bord der Corvette Pizarro +ein Schifftagebuch in Händen gehabt, in dem stand, der Pic von Tenerifa +sey in 135 Seemeilen [250 km] Entfernung beim südlichen Vorgebirg von +Lanzerota, genannt Pichiguera, gesehen worden, und zwar erschien der +Gipfel unter einem so großen Winkel, daß der Beobachter, Don Manuel +Bazuti, glaubt, der Vulkan hätte noch 9 Meilen weiter weg gesehen werden +können. Das war im September, gegen Abend, bei sehr feuchtem Wetter. +Rechnet man 15 Fuß als Erhöhung des Auges über der See, so finde ich, daß +man, um die Erscheinung zu erklären, eine Refraction gleich 0,158 des +Bogens anzunehmen hat, was für die gemäßigte Zone nicht außerordentlich +viel ist. Nach den Beobachtungen des Generals Roy schwanken in England die +Refractionen zwischen 1/20 und 1/3, und wenn es wahr ist, daß sie an der +Küste von Afrika diese äußersten Grenzen erreichen, woran ich sehr +zweifle, so könnte unter gewissen Umständen der Pic vom Verdeck eines +Schiffes auf 61 Seemeilen gesehen werden. + +Seeleute, die häufig diese Striche befahren und über die Ursachen der +Naturerscheinungen nachdenken, wundern sich, daß der Pic de Teyde und der +der Azoren(8) zuweilen in sehr großer Entfernung zum Vorschein kommen, ein +andermal in weit größerer Nähe nicht sichtbar sind, obgleich der Himmel +klar erscheint und der Horizont nicht dunstig ist. Diese Umstände +verdienen die Aufmerksamkeit des Physikers um so mehr, als viele Fahrzeuge +auf der Rückreise nach Europa mit Ungeduld des Erscheinens dieser Berge +harren, um ihre Länge danach zu berichtigen, und sie sich wieder davon +entfernt glauben, als sie in Wahrheit sind, wenn sie sie bei hellem Wetter +in Entfernungen, wo die Sehwinkel schon sehr bedeutend seyn mußten, nicht +sehen können. Der Zustand der Atmosphäre hat den bedeutendsten Einfluß auf +die Sichtbarkeit ferner Gegenstände. Im Allgemeinen läßt sich annehmen, +daß der Pic von Tenerifa im Juli und August, bei sehr warmem, trockenem +Wetter, ziemlich selten sehr weit gesehen wird, daß er dagegen im Januar +und Februar, bei leicht bedecktem Himmel und unmittelbar nach oder einige +Stunden vor einem starken Regen in außerordentlich großer Entfernung zu +Gesicht kommt. Die Durchsichtigkeit der Luft scheint, wie schon oben +bemerkt, in erstaunlichem Maaße erhöht zu werden, wenn eine gewisse Menge +Wasser gleichförmig in derselben verbreitet ist. Zudem darf man sich nicht +wundern, wenn man den Pic de Teyde seltener sehr weit sieht, als die +Gipfel der Anden, die ich so lange Zeit habe beobachten können. Der Pic +ist nicht so hoch als der Theil des Atlas, an dessen Abhang die Stadt +Marocco liegt, und nicht wie dieser mit ewigem Schnee bedeckt. Der *Piton* +oder *Zuckerhut*, der die oberste Spitze des Pics bildet, wirft allerdings +vieles Licht zurück, weil der aus dem Krater ausgeworfene Bimsstein von +weißlicher Farbe ist; aber dieser kleine abgestutzte Kegel mißt nur ein +Zwanzigtheil der ganzen Höhe. Die Wände des Vulkans sind entweder mit +schwarzen, verschlackten Lavablöcken oder mit einem kräftigen +Pflanzenwuchse bedeckt, dessen Masse um so weniger Licht zurückwirft, als +die Baumblätter voneinander durch Schatten getrennt sind, die einen +größeren Umfang haben als die beleuchteten Theile. + +Daraus geht hervor, daß der Pic von Tenerifa, abgesehen vom *Piton*, zu +den Bergen gehört, die man, wie Bouguer sich ausdrückt, auf weite +Entfernung nur *negativ* sieht, weil sie das Licht auffangen, das von der +äußersten Grenze des Luftkreises zu uns gelangt, und wir ihr Daseyn nur +gewahr werden, weil das Licht in der sie umgebenden Luft und das , welches +die Lufttheilchen zwischen dem Berge und dem Auge des Beobachters +fortpflanzen, von verschiedener Intensität sind. [Aus den Versuchen +desselben Beobachters geht hervor, daß, wenn dieser Unterschi8ed für +unsere Organe merkbar werden und der Berg sich deutlich vom Himmel abheben +soll, das eine Licht wenigstens um ein Sechzigtheil stärker seyn muß als +das andere.] Entfernt man sich von der Insel Teneriffa, so bleibt der +Piton oder Zuckerhut ziemlich lange *positiv* sichtbar, weil er weißes +Licht reflektirt und sich vom Himmel hell abhebt; da aber dieser Kegel nur +80 Toisen [156 m] hoch und an der Spizte 40 Toisen [78 m] breit ist, so +hat man neuerdings die Frage aufgeworfen, ob er bei so unbedeutender Masse +auf weiter als 40 Meilen sichtbar seyn kann, und ob es nicht +wahrscheinlicher ist, daß man in See den Pic erst dann als ein Wölkchen +über dem Horizont gewahr wird, wenn bereits die Basis des Piton +heraufzurücken beginnt. Nimmt man die mittlere Breite des Zuckerhutes zu +100 Toisen [200 m] an, so findet man, daß der kleine Kegel in 40 Meilen +Entfernung in horizontaler Richtung noch unter einem Winkel von mehr als 3 +Minuten erscheint. Dieser Winkel ist groß genug, um einen Gegenstand +sichtbar zu machen, und wenn der Piton beträchtlich höher wäre, als in der +Basis breit, so dürfte der Winkel in horizontaler Richtung noch kleiner +seyn, und der Gegenstand machte doch noch einen Eindruck auf unsere +Organe; aus mikrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß eine Minute nur +dann die Grenze der Sichtbarkeit ist, wenn die Gegenstände nach allen +Richtungen von gleichem Durchmesser sind, Man erkennt in einer weiten +Ebene einzelne Baumstämme mit bloßem Auge, obgleich der Sehwinkel nur 25 +Secunden beträgt. + +Da die Sichtbarkeit eines Gegenstandes, der sich dunkelfarbig abhebt, von +der Lichtmenge abhängt, die auf zwei Linien zum Auge gelangen, deren eine +am Berg endet, während die andere bis zur Grenze des Luftmeers fortläuft, +so folgt daraus, daß, je weiter man vom Gegenstand wegrückt, desto kleiner +der Unterschiede wird zwischen Licht der umgebenden Luft und dem Licht der +vor dem Berg befindlichen Luftschichten. Daher kommt, daß nicht sehr hohe +Berggipfel, wenn sie sich über dem Horizont zu zeigen anfangen, anfangs +dunkler erscheinen als Gipfel, die man auf sehr große Entfernung sieht. +Ebenso hängt die Sichtbarkeit von Bergen, die man nur negativ gewahr wird, +nicht allein vom Zustand der untern Luftschichten ab, auf die unsere +meteorologischen Beobachtungen beschränkt sind, sondern auch von der +Durchsichtigkeit und der physischen Beschaffenheit der höheren Regionen; +denn das Bild hebt sich desto besser ab, je stärker das Licht in der Luft, +das von den Grenzen der Atmosphäre herkommt, ursprünglich ist, oder je +weniger Verlust es auf seinem Durchgang erlitten hat. Dieser Umstand macht +es bis zu einem gewissen Grade erklärlich, warum bei gleich heiterem +Himmel, bei ganz gleichem Thermometer- und Hygrometerstand nahe an der +Erdoberfläche, der Pic auf Schiffen, die gleich weit davon entfernt sind, +des einemal sichtbar ist, das anderemal nicht. Wahrscheinlich würde man +sogar den Vulkan nicht häufiger sehen können, wenn die Höhe des +Aschenkegels, an dessen Spitze sich die Krateröffnung befindet, ein +Viertheil der ganzen Berghöhe wäre, wies es beim Vesuv der Fall ist. Die +Asche, zu Pulver zerriebener Bimsstein, wirft das Licht nicht so stark +zurück als der Schnee der Anden. Sie macht, daß der Berg bei sehr großem +Abstand sich nicht hell, sondern weit schwächer dunkelfarbig abhebt. Sie +trägt so zu sagen dazu bei, die Antheile des in der Luft verbreiteten +Lichtes, deren veränderliche Unterschiede einen Gegenstand mehr oder +weniger deutlich sichtbar machen, auszugleichen. Kahle Kalkgebirge, mit +Granitsand bedeckte Berggipfel, die hohen Savannen der Kordilleren, [_Los +Pajonales_, von _paja_, Gras. So heißt die Zone der grasartigen Gewächse, +welche unter der Region des ewigen Schnees liegt.] die goldgelb sind, +treten allerdings in geringer Entfernung deutlicher hervor als +Gegenstände, die man negativ sieht; aber nach der Theorie besteht eine +gewisse Grenze, jenseits welcher diese letzteren sich bestimmter vom Blau +des Himmels abheben. + +Bei den colossalen Berggipfeln von Quito und Peru, die über die Grenze des +ewigen Schnees hinausragen, wirken alle günstigen Umstände zusammen, um +sie unter sehr kleinen Winkeln sichtbar zu machen. Wir haben oben gesehen, +daß der abgestumpfte Gipfel des Pic von Tenerifa nur gegen 300 Toisen +[580 m] Durchmesser hat. Nach den Messungen, die ich im Jahre 1803 zu +Riobamba angestellt, ist die Kuppe des Chimborazo 153 Toisen [298 m] unter +der Spitze, also an einer Stelle, die 1300 Toisen [2533 m] höher liegt als +der Pik, noch 673 Toisen (1312 Meter) breit. Ferner nimmt die Zone des +ewigen Schnees ein Viertheil der ganzen Berghöhe ein, und die Basis dieser +Zone ist, von der Südsee gesehen, 3437 Toisen (6700 Meter) breit. Obgleich +aber der Chimborazo um zwei Drittel höher ist als der Pic, sieht man ihn +doch wegen der Krümmung der Erde nur 38 1/3 Meilen weiter. Wenn er im +Hafen von Guayaquil am Ende der Regenzeit am Horizont auftaucht, glänzt +sein Schnee so stark, daß man glauben sollte, er müßte sehr weit in der +Südsee sichtbar seyn. Glaubwürdige Schiffer haben mich versichtert, sie +haben ihn bei der Klippe Muerto, südwestlich von der Insel Puna, auf 47 +Meilen [211,5 km] gesehen. So oft er noch weiter gesehen worden, sind die +Angaben unzuverlässig, weil die Beobachter ihrer Länge nicht gewiß waren. + +Das in der Luft verbreitete Licht erhöht, indem es auf die Berge fällt, +die Sichtbarkeit derer, die positiv sichtbar sind; die Stärke desselben +vermindert im Gegentheil die Sichtbarkeit von Gegenständen, die, wie der +Pic von Teneriffa und der der Azoren, sich dunkelfarbig abheben. Bouguer +hat auf theoretischem Wege gefunden, daß nach der Beschaffenheit unserer +Atmosphäre Berge negativ nicht weiter als auf 35 Meilen gesehen werden +können. Die Erfahrung — und diese Bemerkung ist wichtig — widerspricht +dieser Rechnung. Der Pik von Tenerifa ist häufig auf 36, 38, sogar auf 40 +Meilen gesehen worden. Noch mehr, auf der Fahrt nach den Sandwichsinseln +hat man den Gipfel des Mowna-Roa(9) und zwar zu einer Zeit, wo kein Schnee +darauf lag, dicht am Horizont auf 53 Meilen gesehen. Dies ist bis jetzt +das auffallendste bekannte Beispiel von der Sichtbarkeit eines Berges, und +was noch merkwürdiger ist, es handelt sich dabei von einem Gegenstand, der +nur negativ sichtbar ist. + +Ich glaubte diese Bemerkungen am Ende dieses Capitels zusammenstellen zu +sollen, weil sie sich auf eines der wichtigsten Probleme der Optik +beziehen, auf die Schwächung der Lichtstrahlen bei ihrem Durchgang durch +die Schichten der Luft, und zugleich nicht ohne praktischen Nutzen sind. +Die Vulkane Teneriffas und der Azoren, die Sierra Nevada von St. Martha, +der Pic von Orizaba, die Silla bei Caracas, Mowna-Roa und der +St. Eliasberg liegen vereinzelt in weiten Meeresstrecken oder auf den +Küsten der Continente, und dienen so dem Seefahrer, der die Mittel nicht +hat, um den Ort des Schiffes durch Sternbeobachtungen zu bestimmen, +gleichsam als Bojen im Fahrwasser. Alles, was mit der Erkennbarkeit dieser +natürlichen Bojen zusammenhängt, ist für die Sicherheit der Schifffahrt +von Belang. + + ------------------ + + + + + + 1 Ich muß hier bemerken, daß ich von einem Werke in sechs Bänden, das + unter dem seltsamen Titel: »Reise um die Welt und in Südamerika, von + A. v. Humboldt, erschienen bei Vollmer in Hamburg«, niemals Kenntniß + genommen habe. Diese in meinem Namen verfaßte Reisebeschreibung + scheint nach in den Tageblättern gegebenen Nachrichten und nach + einzelnen Abhandlungen, die ich in der ersten Classe des + französischen Institutes gelesen, zusammengeschrieben zu seyn. Um + das Publikum aufmerksam zu machen, hielt es der Kompilator für + angemessen, einer Reise in einige Länder des neuen Kontinentes den + anziehenderen Titel einer »Reise um die Welt« zu geben. + + 2 Ich habe die Beobachtungen, die ich in beiden Hemisphären + anzustellen Gelegenheit gehabt, mit denen zusammengestellt, die in + den Werken von Cook, Lapérouse, d´Entrecasteur, Vancouver, + Macartney, Krusenstern und Marchand gegeben sind, und darnach + schwankt die Geschwindigkeit der allgemeinen Strömung unter den + Tropen zwischen 5 und 18 Meilen in 24 Stunden, somit zwischen + 0,3 und 1,2 Fuß in der Secunde. + + 3 Wenn es sich von der Meerestemperatur handelt, hat man sorgfältig + vier ganz gesonderte Erscheinungen zu unterscheiden: 1) die + Temperatur des Wassers an der Oberfläche unter verschiedenen + Breiten, das Meer als ruhig angenommen; 2) die Abnahme der Wärme in + den über eineander gelagerten Wasserschichten; 3) den Einfluß der + Untiefen auf die Temperatur des Meeres; 4) die Temperatur der + Strömungen, die mit constanter Geschwindigkeit die Gewässer der + einen Zone durch ruhenden Gewässer der andern hindurchführen. + + 4 Diese Kameele, die zum Feldbau dienen und deren Fleisch man im Lange + zuweilen eingesalzen ißt, lebten hier nicht vor der Eroberung der + Inseln durch die Béthencourts. Im sechzehnten Jahrhundert hatten + sich die Esel auf Fortaventura dergestalt vermehrt, daß sie + verwildert waren und man Jagd auf sie machen mußte. Man schoß ihrer + mehrere tausend, damit die Ernten nicht zu Grunde gingen. Die Pferde + auf Fortaventura sind von berberischer Rasse und ausgezeichnet + schön. + + 5 In 32 Faden Tiefe kann der Fucus nur von einem Lichte beleuchtet + gewesen seyn, das 203mal stärker ist als das Mondlicht, also gleich + der Hälfte des Lichts, das eine Talgkerze auf 1 Fuß Entfernung + verbreitet. Nach meinen direkten Versuchen wird aber das _Lepidium + saticum_ beim glänzenden Lichte zweier Argandschen Lampen kaum + merkbar grün. + + 6 Ich bemerke hier, daß diese Klippe schon auf der berühmten + venetianischen Karte des Andrea Bianco angegeben ist, daß aber mit + dem Namen Infierno, wie auch auf der ältesten Karte des Picigano, + Teneriffa bezeichnet ist, wahrscheinlich, weil die Guanchen den Pic + als den Eingang der Hölle ansahen. + + 7 Mit Verwunderung liest man in einem sonst ganz nützlichen, unter den + Seeleuten sehr verbreiteten Buche, in der neunten Ausgabe des + _Practical Navigator_ von Hamilton Moore, p. 200, in Folge der + Massenattractien oder der allgemeinen Schwere komme ein Fahrzeug + schwer von der Küste weg und werde die Schaluppe einer Fregatte von + dieser selbst angezogen. + + 8 Die Höhe dieses Pics beträgt nach de Fleurien 1100 Toisen [2144 m], + nach Ferrer 1238 [2413], nach Tofino 1260 [2457], aber diese Maaße + sind nur annähernde Schätzungen. Der Capitän des Pizarro, Don Manuel + Cagigal, hat mir aus seinem Tagebuch bewiesen, daß er den Pic der + Azoren auf 37 Meilen Entfernung gesehen hat, zu einer Zeit, wo er + seiner Länge wenigstens bis auf 2 Minuten gewiß war. Der Vulkan + wurde in Süd 4° Ost gesehen, so daß der Irrthum in der Länge auf die + Schätzung der Entfernung nur ganz unbedeutenden Einfluß haben + konnte. Indessen war der Winkel, unter dem der Pic der Azoren + erschien, so groß, daß Cagigal der Meinung ist, der Vulkan müsse auf + mehr als 40 oder 42 Lieues zu sehen seyn. Der Abstand von 37 Lieues + setzt eine Höhe von 1431 Toisen [2789 m] voraus. + + 9 Der Mowna-Roa auf den Sandwichsinseln ist nach Marchand über 2598 + Toisen hoch, nach King 2577, aber diese Messungen sind, trotz ihrer + zufälligen Uebereinstimmung, keineswegs auf zuverlässigem Wege + erzielt. Es ist eine ziemlich auffallende Erscheinung, daß ein + Berggipfel unter 19° Breite, der wahrscheinlich über 2500 Toisen + hoch ist, von Schnee ganz entblößt wird. Die starke Abplattung des + Mowna-Roa, der *Mesa* der alten spanischen Karten, seine vereinzelte + Lage im Weltmeer und die Häufigkeit gewisser Winde, die durch den + aufsteigenden Strom abgelenkt, in schiefer Richtung wehen, mögen die + vornehmsten Ursachen seyn. Es läßt sich nicht wohl annehmen, daß + sich Capitän Marchand in der Schätzung des Abstandes, in dem er am + 10. Oktober 1791 den Gipfel des Mowna-Roa sah, bedeutend geirrt + habe. Er hatte die Insel O-Whyhee erst am 7. Abends verlassen, und + nach der Bewegung der Gewässer und den Mondsbeobachtungen am + 10. betrug die Entfernung wahrscheinlich sogar noch mehr als 53 + Meilen. Ueberdieß berichtet ein erfahrner Seemann, de Fleurien, daß + der Pic von Teneriffa selbst bei nicht ganz klarem Wetter auf 35 bis + 36 Meilen zu sehen sey. + + + + + +ZWEITES KAPITEL + + + Aufenthalt auf Teneriffa — Reise von Santa Cruz nach Orotava — + Besteigung des Pics + + +Von unserer Abreise von Graciosa an war der Horizont fortwährend so +dunstig, daß trotz der ansehnlichen Höhe der Berge Canarias _(Isla de la +gran Canaria)_ die Insel erst am 19. Abends in Sicht kam. Sie ist die +Kornkammer des Archipels der »glückseligen Inseln«, und man behauptet, was +für ein Land außerhalb der Tropen sehr auffallend ist, in einigen Strichen +erhalte man zwei Getreideernten im Jahre, eine im Februar, die andere im +Juni. Canaria ist noch nie von einem unterrichteten Mineralogen besucht +worden; sie verdiente es aber um so mehr, als mir ihre in parallen Ketten +streichenden Berge von ganz andrem Charakter schienen, als die Gipfel von +Lancerota und Teneriffa. Nichts ist für den Geologen anziehender als die +Beobachtung, wie sich an einem bestimmten Punkte die vulkanischen +Bildungen zu den Urgebirgen und den securdären Gebirgen verhalten. Sind +einmal die canarischen Inseln in allen ihren Gebirgsgliedern erforscht, so +wird sich zeigen, daß man zu voreilig die Bildung der ganzen Gruppe einer +Hebung durch unterseeische Feuerausbrüche zugeschrieben hat. + +Am 19. Morgens sahen wir den Berggipfel Naga (_Punta de Naga_, _Anaga_ +oder _Nago_), aber der Pik von Teneriffa blieb fortwährend unsichtbar. Das +Land trat nur undeutlich hervor, ein dicker Nebel verwischte alle Umrisse. +Als wir uns der Rhede von Santa Cruz näherten, bemerkten wir, daß der +Nebel, vom Winde getrieben, auf uns zukam. Das Meer war sehr unruhig, wie +fast immer in diesen Strichen. Wir warfen Anker, nachdem wir mehrmals das +Senkblei ausgeworfen; denn der Nebel war so dicht, daß man kaum auf ein +paar Kabellängen sah. Aber eben da man anfing den Platz zu salutiren, +zerstreute sich der Nebel völlig, und da erschien der Pic de Teyde in +einem freien Stück Himmel über den Wolken, und die ersten Strahlen der +Sonne, die für uns noch nicht aufgegangen war, beleuchteten den Gipfel des +Vulkanes. Wir eilten eben aufs Vordertheil der Corvette, um dieses +herrlichen Schauspiels zu genießen, da signalisirte man vier englische +Schiffe, die ganze nahe an unseren Hintertheile auf der Seite lagen. Wir +waren in ihnen vorbeigesegelt, ohne daß sie uns bemerkt hatten, und +derselbe Nebel, der uns den Anblick des Pic entzogen, hatte uns der Gefahr +entrückt, nach Europa zurückgebracht zu werden. Wohl wäre es für +Naturforscher ein großer Schmerz gewesen, die Küste von Teneriffa von +weitem gesehen zu haben, und einen von Vulkanen zerrütteten Boden nicht +betreten zu dürfen. + +Alsbald hoben wir den Anker und der Pizarro näherte sich so viel möglich +dem Fort, um unter den Schutz desselben zu kommen. Hier auf dieser Rhede, +als zwei Jahre vor unserer Ankunft die Engländer zu landen versuchten, riß +eine Kanonenkugel Admiral Nelson den Arm ab (im Juli 1797). Der +Generalstatthalter der canarischen Inseln [Don Andrès de Perlasca.] +schickte an den Capitän der Corvette den Befehl, alsbald die +Staatsdepechen für die Statthalter der Colonien, das Geld an Bord und die +Post ans Land schaffen zu lassen. Die englischen Schiffe entfernten sich +von der Rhede; sie hatten tags zuvor auf das Paketboot Alcadia Jagd +gemacht, das wenige Tage vor uns von Corunna abgegangen war. Es hatte in +den Hafen von Palmas auf Canaria einlaufen müssen, und mehrere Passagiere, +die in einer Schaluppe nach Santa Cruz auf Teneriffa fuhren, waren +gefangen worden. + +Die Lage dieser Stadt hat große Aehnlichkeit mit der von Guayra, dem +besuchtesten Hafen der Provinz Caracas. An beiden Orten ist die Hitze aus +denselben Ursachen sehr groß; aber von außen erscheint Santa Cruz +trübseliger. Auf einem öden, sandigen Strande stehen blendend weiße Häuser +mit platten Dächern und Fenstern ohne Glas vor einer schwarzen senkrechten +Felsmauer ohne allen Pflanzenwuchs. Ein hübscher Hafendamm aus gehauenen +Steinen und der öffentliche, mit Pappeln besetzte Spaziergang bringen die +einzige Abwechselung in das eintönige Bild. Von Santa Cruz aus nimmt sich +der Pic weit weniger malerisch aus als im Hafen von Orotava. Dort ergreift +der Gegensatz zwischen einer lachenden, reich bebauten Ebene und der +wilden Physiognomie des Vulkanes. Von den Palmen- und Bananengruppen am +Strande bis zu der Region der Arbutus, der Lorbeeren und Pinien ist das +vulkanische Gestein mit kräftigem Pflanzenwuchs bedeckt. Man begreift, wie +sogar Völker, welche unter dem schönen Himmel von Griechenland und Italien +wohnen, im östlichen Teil von Teneriffa eine der glückseligen Inseln +gefunden zu haben meinten. Die Ostküste dagegen, an der Santa Cruz liegt, +trägt überall den Stempel der Unfruchtbarkeit. Der Gipfel des Pics ist +nicht öder als das Vorgebirge aus basaltischer Lava, das der Punta de Naga +zuläuft und wo Fettpflanzen in den Ritzen des Gesteines eben erst den +Grund zu einstiger Dammerde legen. ImHaven von Orotava erscheint die +Spitze des Zuckerhutes unter einem Winkel von 16 ½°, während auf dem +Hafendamm von Santa Cruz der Winkel kaum 4° 36’ beträgt. [Der Spitze des +Vulkans ist von Orotava etwa 8600, von Santa Cruz 22,500 Toisen entfernt.] + +Trotz diesem Unterschied, und obgleich am letzteren Orte der Vulkan kaum +so weit über den Horizont aufsteigt, als der Vesuv, vom Molo von Neapel +aus gesehen, so ist dennoch der Anblick des Pics, wenn man ihn vor Anker +auf der Rhede zum erstenmal sieht, äußerst großartig. Wir sahen nur den +Zuckerhut; sein Kegel hob sich vom reinsten Himmelsblau ab, während +schwarze dicke Wolken den übrigen Berg bis auf 1800 Toisen [3500 m] Höhe +einhüllten. Der Bimsstein, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, warf +ein röthliches Licht zurück, dem ähnlich, das häufig die Gipfel der +Hochalpen färbt. Allmählich ging dieser Schimmer in das blendendste Weiß +über, und es ging uns wie den meisten Reisenden, wir meinten, der Pic sey +noch mit Schnee bedeckt und wir werden nur mit großer Mühe an den Rand des +Kraters gelangen können. + +Wir haben in der Cordillere der Anden die Beobachtung gemacht, daß +Kegelberge, wie der Cotopaxi und der Tungurahua, sich öfter unbewölkt +zeigen als Berge, deren Krone mit vielen kleinen Unebenheiten besetzt ist, +wie der Antisana und der Pichincha; aber der Pic von Teneriffa ist, trotz +seiner Kegelgestalt, einen großen Theil des Jahres in Dunst gehüllt, und +zuweilen sieht man ihn auf der Rhede von Santa Cruz mehrere Wochen lang +nicht ein einzigesmal. Die Erscheinung erklärt sich ohne Zweifel daraus, +daß er westwärts von einem großen Festland und ganz isoliert im Meere +liegt. Die Schiffer wissen recht gut, daß selbst die kleinsten, +niedrigsten Eilande die Wolken anziehen und festhalten. Ueberdieß erfolgt +die Wärmeabgabe über den Ebenen Afrika’s und über der Meeresfläche in +verschiedenem Verhältniß, und die Luftschichten, welche die Passatwinde +herführen, kühlen sich immer mehr ab, je weiter sie gegen Wesst gelangen. +Die Luft, die über dem hießen Wüstensand ausnehmend trochen war, +schwängert sich rasch, sobald sie mit der Meeresfläche oder mit der Luft, +die auf dieser Fläche ruht, in Berührung kommt. Man sieht also leicht, +warum die Dünste in Luftschichten sichtbar werden, die, vom Festland +weggeführt, nicht mehr die Temperatur haben, bei der sie sich mit Wasser +gesättigt hatten. Zudem hält die bedeutende Masse eines frei aus dem +atlantischen Meere aufsteigenden Berges die Wolken auf, welche der Wind +der hohen See zutreibt. + +Lange und mit Ungeduld warteten wir auf die Erlaubnis von seiten des +Statthalters, ans Land gehen zu dürfen. Ich nützte die Zeit, um die Länge +des Hafendammes von Santa Cruz zu bestimmen und die Inclination der +Magnetnadel zu beobachten. Der Chronometer von Louis Berthoud gab jene zu +18° 33’ 10" an. Diese Bestimmung weicht um 3–4 Bogenminuten von derjenigen +ab, die sich aus den alten Beobachtungen von Fleurieu, Pingré, Borda, +Vancouver und la Peyrouse ergibt. Guenot hatte übrigens gleichfalls +18° 33’ 36" gefunden und der unglückliche Capitän Blight 18° 34’ 30". Die +Genauigkeit meines Ergebnisses wurde drei Jahre darauf bei der Expedition +des Ritters Krusenstern bestätigt: man fand für Santa Cruz 16° 12’ 45" +westlich von Greenwich, folglich 18° 33’ 0" westlich von Paris. Diese +Angaben zeigen, daß die Längen, welche Capitän Cook für Teneriffa und das +Cap der guten Hoffnung annahm, viel zu weit westlich sind. Derselbe +Seefahrer hatte im Jahr 1799 die magnetische Inclination gleich 61° 52’ +gefunden. Bonpland und ich fanden 62° 24’, was mit dem Resultat +übereinstimmt, das de Rossel bei d’Entrecasteaux’s Expedition im Jahr 1791 +erhielt. Die Declination der Nadel schwankt um mehrere Grade, je nachdem +man sie auf dem Hafendamm oder an verschiedenen Punkten nordwärts längs +des Gestades beobachtet. Diese Schwankungen können ein einem von +vulkanischem Gestein umgebenen Orte nicht befremden. Ich habe mit +Gay-Lussac die Beobachtung gemacht, daß am Abhang des Vesuvs und im Innern +des Kraters die Intensität der magnetischen Kraft durch die Nähe der Laven +modicirt wird. + +Nachdem die Leute, die zu uns an Bord gekommen waren, um sich nach +politischen Neuigkeiten zu erkundigen, uns mit ihren vielerlei Fragen +geplagt hatten, stiegen wir endlich ans Land. Das Boot wurde sogleich zur +Corvette zurückgeschickt, weil die auf der Rhede sehr gefährliche Brandung +es leicht hätte am Hafendamm zertrümmern können. Das erste, was uns zu +Gesicht kam, war ein hochgewachsenes, sehr gebräuntes, schlecht +gekleidetes Frauenzimmer, das die *Capitana* hieß. Hinter ihr kamen einige +andere in nicht anständigerem Aufzug; sie bestürmten uns mit der Bitte, an +Bord des Pizarro gehend zu dürfen, was ihnen natürlich nicht bewilligt +wurde. In diesem von Europäern so stark besuchten Hafen ist die +Ausschweifung diszipliniert. Die Capitana ist von ihresgleichen als +Anführerin gewählt, und sie hat große Gewalt über sie. Sie läßt nichts +geschehen, was sich mit dem Dienst auf den Schiffen nicht verträgt, sie +fordert die Matrosen auf, zur rechten Zeit an Bord zurückzukehren, und die +Officiere wenden sich an sie, wenn man fürchtet, daß sich einer von der +Mannschaft versteckt habe, um auszureißen. + +Als wir die Straßen von Santa Cruz betraten, kam es uns zum Ersticken heiß +vor, und doch stand der Thermometer nur auf 25 Grad. Wenn man lange +Seeluft geathmet hat, fühlt man sich unbehaglich, so oft man ans Land +geht, nicht weil jene Luft mehr Sauerstoff enthält als die Luft am Land, +wie man irrthümlich behauptet hat, sondern weil sie weniger mit den +Gasgemischen geschwängert ist, welche die thierischen und Pflanzenstoffe +und die Dammerde, die sich aus ihrer Zersetzung bildet, fortwährend in den +Luftkreis entbinden. Miasmen, welche sich der chemischen Analyse +entziehen, wirken gewaltig auf die Organe, zumal wenn sie nicht schon seit +längerer Zeit denselben Reizen ausgesetzt gewesen sind. + +Santa Cruz de Tenerifa, das Añaza der Guanchen, ist eine ziemlich hübsche +Stadt mit 8000 Einwohnern. Mir ist die Menge von Mönchen und +Weltgeistlichen, welche die Reisenden in allen Ländern unter spanischem +Zepter sehen zu müssen glauben, gar nicht aufgefallen. Ich halte mich auch +nicht damit auf, die Kirchen zu beschreiben, die Bibliothek der +Dominicaner, die kaum ein paar hundert Bände zählt, den Hafendamm, wo die +Einwohnerschaft Abends zusammenkommt, um der Kühle zu genießen, und das +berühmte dreißig Fuß [10 m] hohe Denkmal aus carrarischen Marmor, geweiht +unserer lieben Frau von Candelaria, zum Gedächtniß ihrer wunderbaren +Erscheinung zu Chimisay bei Guimar im Jahre 1362. Der Hafen von Santa Cruz +ist eigentlich ein großes Caravanserai auf dem Wege nach Amerika und +Indien. Fast alle Reisebeschreibungen beginnen mit einer Beschreibung von +Madeira und Teneriffa, und wenn die Naturgeschichte dieser Inseln der +Forschung noch ein ungeheures Feld bietet, so läßt dagegen die Topographie +der kleinen Städte Funchal, Santa Cruz, Laguna und Orotava fast nichts zu +wünschen übrig. + +Die Empfehlungen des Madrider Hofes verschafften uns auf den Canarien, wie +in allen anderen spanischen Besitzungen, die befriedigendste Aufnahme. Vor +allem ertheilte uns der Generalcapitän die Erlaubniß, die Insel zu +bereisen. Der Oberst Armiaga, Befehlshaber eines Infanterieregimentes, +nahm uns in seinem Hause auf und überhäufte uns mit Höflichkeit. Wir +wurden nicht müde, in seinem Garten im Freien gezogene Gewächse zu +bewundern, die wir bis jetzt nur in Treibhäusern gesehen hatten, den +Bananenbaum, den Melonenbaum, die _Poinciana pulcherrima_ und andere. Das +Klima der Canarien ist indessen nicht warm genug, um den ächten _Platano +arton_ mit dreieckiger, sieben bis acht Zoll langer Frucht, der eine +mittlere Temperatur von etwa 24 Graden verlangt und selbst nicht im Thale +von Caracas fortkommt, reif werden zu lassen. Die Bananen auf Teneriffa +sind die, welche die spanischen Colonisten *Camburis* oder *Guineos* und +*Dominicos* nennen. Der Camburi, der am wenigsten vom Frost leidet, wird +sogar in Malaga mit Erfolg gebaut [Die mittlere Temperatur dieser Stadt +beträgt nur 18°.]; aber die Früchte, die man zuweilen zu Cadix sieht, +kommen von den Canarien auf Schiffen, welche die Ueberfahrt in drei, vier +Tagen machen. Die Musa, die allen Völkern der heißen Zone bekannt ist, und +die man bis jetzt nirgends wild gefunden hat, variiert meist in ihren +Früchten, wie unsere Apfel- und Birnenbäume. Diese Varietäten, welche die +meisten Botaniker verwechseln, obgleich sie sehr verschiedene Klimate +verlangen, sind durch lange Cultur constant geworden. + +Am Abend machten wir eine botanische Excursion nach dem Fort Passo Alto +längs der Basaltfelsen, welche das Vorgebirge Naga bilden. Wir waren mit +unserer Ausbeute sehr schlecht zufrieben, denn die Trockenheit und der +Staub hatten die Vegetation so ziemlich vernichtet. _Cacalia Kleinia_, +_Euphorbia canariensis_ und sehr verschiedene andere Fettpflanzen, welche +ihre Nahrung vielmehr aus der Luft als aus dem Boden ziehen, auf dem sie +wachsen, mahnten uns durch ihren Habitus daran, daß diese Inseln Afrika +angehören, und zwar dem dürrsten Striche dieses Festlandes. + +Der Capitän der Corvette hatte zwar den Befehl, so lange zu verweilen, daß +wir die Spitze des Pics besteigen könnten, wenn anders der Schnee es +gestattete; man gab uns aber zu erkennen, wegen der Blockade der +englischen Schiffe dürften wir nur auf einen Aufenthalt von vier, fünf +Tagen rechnen. Wir eilten demnach, in den Hafen von Orotava zu kommen, der +am Westabhang des Vulkans liegt, und wo wir Führer zu finden sollten. In +Santa Cruz konnte ich Niemanden auffinden, der den Pic bestiegen gehabt +hätte, und ich wunderte mich nicht darüber. Die merkwürdigsten Dinge haben +desto weniger Reiz für uns, je näher sie uns sind, und ich kannte +Schaffhauser, welche den Rheinfall niemals in der Nähe gesehen hatten. + +Am 20. Juni vor Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg nach Villa de la +Laguna, die 350 Toisen [682 m] über dem Hafen von Santa Cruz liegt. Wir +konnten diese Höhenangabe nicht verificiren, denn wegen der Brandung +hatten in der Nacht nicht an Bord gehen können, um Barometer und +Inclinationscompaß zu holen. Da wir voraussahen, daß wir bei unserer +Besteigung des Pic sehr würden eilen müssen, so war es uns ganz lieb, daß +die Instrumente, die uns in unbekannteren Ländern dienen sollten, hier +keiner Gefahr aussetzen konnten. Der Weg nach Laguna hinauf läuft an der +rechten Seite eines Baches oder *Barranco* hin, der in der Regenzeit +schöne Fälle bildet; er ist schmal und vielfach gewunden. Nach meiner +Rückkehr habe ich gehört, Herr von Perlasca habe hier eine neue Straße +anlegen lassen, auf der Wagen fahren können. Bei der Stadt begegneten uns +weiße Kameele, die sehr leicht beladen schienen. Diese Thiere werden +vorzugsweise dazu gebraucht, die Waaren von der Douane in die Magazine der +Kaufleute zu schaffen. Man ladet ihnen gewöhnlich zwei Kisten Havanazucker +auf, die zusammen 900 Pfund wiegen, man kann aber die Ladung bis auf 13 +Zentner oder 52 castilische Arrobas steigern. Auf Teneriffa sind die +Kameele nicht sehr häufig, während ihrer auf Lanzerota und Fortaventura +viele Tausende sind. Diese Inseln liegen Afrika näher und kommen daher +auch in Klima und Vegetation mehr mit diesem Continent überein. Es ist +sehr auffallend, daß dieses nützliche Thier, das sich in Südamerika +fortpflanzt, dies auf Teneriffa fast nie thut. Nur im fruchtbaren Distrikt +von Adexe, wo die bedeutendsten Zuckerrohrpflanzungen sind, hat man die +Kameele zuweilen Junge werfen sehen. Diese Lastthiere, wie die Pferde, +sind im fünfzehnten Jahrhundert durch die normännischen Eroberer auf den +Canarien eingeführt worden. Die Guanchen kannten sie nicht, und dies +erklärt sich wohl leicht daraus, daß ein so gewaltiges Thier schwer auf +schwachen Fahrzeugen zu transportiren ist, ohne daß man die Guanchen als +die Ueberreste der Bevölkerung der Atlantis zu betrachten und zu glauben +braucht, sie gehören einer anderen Rasse an als die Westafrikaner. + +Der Hügel, auf dem die Stadt San Christobal de la Laguna liegt, gehört dem +System von Basaltgebirgen an, die, unabhängig vom System neuerer +vulkanischer Gebirgsarten, einen weiten Gürtel um den Pic von Teneriffa +bilden. Der Basalt von Laguna ist nicht säulenförmig, sondern zeigt nicht +sehr dicke Schichten, die nach Ost unter einem Winkel von 30 – 40 Grad +fallen. Nirgends hat er das Ansehen eines Lavastroms, der an den Abhängen +der Pics ausgebrochen wäre. Hat der gegenwärtige Vulkan diese Basalte +hervorgebracht, so muß man annehmen, wie bei den Gesteinen, aus denen die +Somma neben dem Vesuv besteht, daß sie in Folge eines unterseeischen +Ausbruchs gebildet sind, wobei die weiche Masse wirklich geschichtet +wurde. Außer einigen baumartigen Euphorbien, _Cacalia Kleinia_ und +Fackeldisteln (Cactus), welche auf den Canarien, wie im südlichen Europa +und auf dem afrikanischen Festland verwildert sind, wächst nichts auf +diesem dürren Gestein. Unsere Maulthiere glitten jeden Augenblick auf +stark geneigten Steinlagern aus. Indessen sahen wir die Ueberreste eines +alten Pflasters. Bei jedem Schritt stößt man in den Colonien auf Spuren +der Thatkraft, welche die spanische Nation im sechzehnten Jahrhundert +entwickelt hat. + +Je näher wir Laguna kamen, desto kühler wurde die Luft, und dies thut um +so wohler, da es in Santa Cruz zum Ersticken heiß ist. Da widrige +Eindrücke unsere Organe stärker angreifen, so ist der Temperaturwechsel +auf dem Rückweg von Laguna zum Hafen noch auffallender; man meint, man +nähere sich der Mündung eines Schmelzofens. Man hat dieselbe Empfindung, +wenn man an der Küste von Caracas vom Berg Avila zum Hafen von Guayra +niedersteigt. Nach dem Gesetz der Wärmeabnahme machen in dieser Breite 350 +Toisen Höhe nur drei bis vier Grad Temperaturunterschied. Die Hitze, +welche dem Reisenden so lästig wird, wenn er Santa Cruz de Teneriffa oder +Guayra betritt, ist daher wohl dem Rückprallen der Wärme von den Felsen +zuzuschreiben, an welche beide Städte sich lehnen. + +Die fortwährende Kühle, die in Laguna herrscht, macht die Stadt für die +Canarier zu einem köstlichen Aufenthaltsort. Auf einer kleinen Ebene, +umgeben von Gärten, am Fuße eines Hügels, den Lorbeeren, Myrten und +Erdbeerbäume krönen, ist die Hauptstadt von Teneriffa wirklich ungemein +freundlich gelegen. Sie liegt keineswegs, wie man nach meheren +Reiseberichten glauben sollte, an einem See. Das Regenwasser bildet hier +periodisch einen weiten Sumpf, und der Geolog, der überall in der Natur +vielmehr einen früheren Zustand der Dinge als den gegenwärtigen im Auge +hat, zweifelt nicht daran, daß die ganze Ebene ein großes ausgetrockenetes +Becken ist. Laguna ist in seinem Wohlstand herabgekommen, seit die +Seitenausbrüche des Vulkans den Hafen von Garachico zerstört haben und +Santa Cruz der Haupthandelsplatz der Inseln geworden ist; es zählt nur +noch 9000 Einwohner, worunter gegen 400 Mönche in sechs Klöstern. Manche +Reisende behaupten, die Hälfte der Bevölkerung bestehe aus Kuttenträgern. +Die Stadt ist mit zahlreichen Windmühlen umgeben, ein Wahrzeichen des +Getreidebaus in diesem hochgelegenen Striche. Ich bemerke bei dieser +Gelegenheit, daß die nährenden Grasarten den Guanchen bekannt waren. Das +Korn hieß auf Teneriffa _tano_, auf Lanzerota _triffa_; die Gerste hieß +auf Canaria _aramotanoque_, auf Lanzerota _tamosen_. Geröstetes +Gerstenmehl _(gofio)_ und Ziegenmilch waren die vornehmsten Nahrungsmittel +dieses Volkes, über dessen Ursprung so viele systematische Träumereien +ausgeheckt worden sind. Diese Nahrung weist bestimmt darauf hin, daß die +Guanchen zu den Völkern der alten Welt gehörten, wohl selbst zur +caucasischen Race, und nicht, wie die andern Atlanten [Ich lasse mich hier +auf keine Verhandlung über die Existenz der Atlantis ein und erwähne nur, +daß nach Diodor von Sicilien die Atlanten die Cerealien nicht kannten, +weil sie von der übrigen Menschheit getrennt worden, bevor überhaupt +Getreide gebaut wurde.], zu den Volksstämmen der neuen Welt; die letzteren +kannten vor der Ankunft der Europäer weder Getreide, noch Milch, noch +Käse. + +Eine Menge Capellen, von den Spaniern _ermitas_ genannt, liegen um die +Stadt Laguna. Umgeben von immergrünen Bäumen auf kleinen Anhöhen, erhöhen +diese Capellen, wie überall den malerischen Reiz der Landschaft. Das +Innere der Stadt entspricht dem Aeußern durchaus nicht. Die Häuser sind +solid gebaut, aber sehr alt und die Straßen öde. Der Botaniker hat +übrigens nicht zudauern, daß die Häuser so alt sind. Dächer und Mauern +sind bedeckt mit _Sempervivum canariense_ und dem zierlichen +_Trichomanes_, dessen alle Reisende gedenken; die häufigen Nebel geben +diesen Gewächsen Unterhalt. + +Anderson, der Naturforscher bei Capitän Cooks dritter Reise, gibt den +europäischen Aerzten den Rath, ihre Kranken nach Teneriffa zu schicken, +keineswegs auf der Rücksicht, welche manche Heilkünstler die entlegendsten +Bäder wählen läßt, sondern wegen der ungemeinen Milde und Gleichmäßigkeit +des Klimas der Canarien. Der Boden der Inseln steigt amphitheatralisch auf +und zeigt, gleich Peru und Mexico, wenn auch in kleinerem Maaßstab, alle +Klimate, von afrikanischer Hitze bis zum Froste der Hochalpen. Santa Cruz, +der Hafen von Orotava, die Stadt desselben Namens und Laguna sind vier +Orte, deren mittlere Temperaturen eine abnehmende Reihe darstellen. Das +südliche Europa bietet nicht dieselben Vortheile, weil der Wechsel der +Jahreszeiten sich noch zu stark fühlbar macht. Teneriffa dagegen, +gleichsam an der Pforte der Tropen und doch nur wenige Tagereisen von +Spanien, hat schon ein gut Theil der Herrlichkeit aufzuweisen, mit der die +Natur die Länder zwischen den Wendekreisen ausgestattet. Im Pflanzenreich +treten bereits mehrere der schönsten und großartigsten Gestalten auf, die +Bananen und die Palmen. Wer Sinn für Naturschönheit hat, findet auf dieser +köstlichen Insel noch kräftigere Heilmittel als das Klima. Kein Ort der +Welt scheint mir geeigneter, die Schwermuth zu bannen und einen +schmerzlich ergriffenen Gemüthe den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa +und Madeia. Und solches wirkt nicht allein die herrliche Lage und die +reine Luft, sondern vor allem das Nichtvorhandensein der Sklaverei, deren +Anblick einen in beiden Indien so tief empört, wie überall, wohin +europäische Colonisten ihre sogenannte Aufklärung und ihre Industrie +getragen haben. + +Im Winter ist das Klima von Laguna sehr nebligt und die Einwohner beklagen +sich häufig über Frost. Man hin indessen nie schneien sehen, woraus man +schließen sollte, daß die mittlere Temperatur der Stadt über 18°,7 +(15° R.) beträgt, das heißt mehr als in Neapel. Für streng kann dieser +Schluß nicht gelten; denn im Winter hängt die Erkältung der Wolken weniger +von der mittleren Temperatur des ganzen Jahres ab als vielmehr von der +augenblicklichen Erniedrigung der Wärme, der ein Ort vermöge seiner +besondern Lage ausgesetzt ist. Die mittlere Temperatur der Hauptstadt von +Mexico ist z. B. nur 16°,8 (13°,5 R.), und doch hat man in hundert Jahren +nur ein einziges mal schneien sehen, während es im südlichen Europa und in +Afrika noch an Orten schneit, die über 19 Grad mittlere Temperatur haben. + +Wegen der Nähe des Meeres ist das Klima von Laguna im Winter milder, als +es nach der Meereshöhe seyn sollte. Herr Broussonet hat sogar, wie ich mit +Verwunderung hörte, mitten in der Stadt, im Garten des Marquis von Nava, +Brotfruchtbäume _(Artocarpus incisa)_ und Zimmtbäume _(Laurus cinnamomum)_ +angepflanzt. Diese köstlichen Gewächse der Südsee und Ostindiens wurden +hier einheimisch, wie auch in Orotava. Sollte dieser Versuch nicht +beweisen, daß der Brotfruchtbaum in Calabrien, auf Sicilien und in Grenada +fortkäme? Der Anbau des Kaffeebaumes ist in Laguna nicht in gleichem Maaße +gelungen, wenn auch die Früchte bei Tegueste und zwischen dem Hafen von +Orotava und dem Dorfe San Juan de la Rambla reif werden. Wahrscheinlich +sind örtliche Verhältnisse, vielleicht die Beschaffenheit des Bodens und +die Winde, die in der Blüthezeit wehen, daran Schuld. In andern Ländern, +z. B. bei Neapel, trägt der Kaffeebaum ziemlich reichlich Früchte, +obgleich die mittlere Temperatur kaum über 18 Grad der hunderttheiligen +Scale beträgt. + +Auf Teneriffa ist die mittlere Höhe, in der jährlich Schnee fällt, noch +niemals bestimmt worden. Solches ist mittelst barometrischer Messung +leicht auszuführen, es ist aber bis jetzt fast in allen Erdstrichen +versäumt worden; und doch ist diese Bestimmung von großem Belang für den +Ackerbau in den Colonien und für die Meteorologie, und ganz so wichtig als +das Höhenmaaß der untern Grenze des ewigen Schnees. Ich stelle die +Ergebnisse meiner betreffenden Beobachtungen in folgender Uebersicht +zusammen. + +Diese Tafel gibt nur das Durchschnittsverhältniß, das heißt die +Erscheinungen, wie sie sich im ganzen Jahre zeigen. Besondere Lokalitäten +können Ausnahmen herbeiführen. So schneit es zuweilen, wenn auch sehr +selten, in Neapel, Lissabon, sogar in Malaga, also noch unter dem 37. Grad +der Breite, und wie schon bemerkt, hat man Schnee in der Stadt Mexiko +fallen sehen, die 1173 Toisen [2286 m] über dem Meere liegt. Dies war seit +mehreren Jahrhunderten nicht vorgekommen, und das Ereigniß trat gerade am +Tage ein, da die Jesuiten vertrieben wurden, und wurde vom Volke natürlich +dieser Gewaltmaaßregel zugeschrieben. Noch ein auffallenderes Beispiel +bietet das Klima von Valladolid, der Hauptstadt der Provinz Mechoacan. +Nach meinen Messungen liegt diese Stadt unter 19° 41’ der Breite nur +tausend Toisen hoch; dennoch waren daselbst wenige Jahre vor meiner +Ankunft in Neuspanien die Straßen mehrere Stunden lang mit Schnee bedeckt. + +Auch auf Teneriffa hat man an einem Orte über Esperanza de la Laguna, +dicht bei der Stadt dieses Namens, in deren Gärten Brotbäume wachsen, +schneien sehen. Dieser außerordentliche Fall wurde Broussonet von sehr +alten Leuten erzählt. Die _Erica arborea_, die _Mirica Faya_ und _Arbutus +callycarpa_ litten nicht durch den Schnee; aber alle Schweine, die im +Freien waren, kamen dadurch um. Diese Beobachtung ist für die +Pflanzenphysiologie von Wichtigkeit. In heißen Ländern sind die Gewächse +so kräftig, daß ihnen der Frost weniger schadet, wenn er nur nicht lange +anhält. Ich habe auf der Insel Cuba den Bananenbaum an Orten angebaut +gesehen, wo der hunderttheilige Thermometer auf 7 Grad, ja zuweilen fast +auf den Gefrierpunkt fällt. In Italien und Spanien gehen Orangen- und +Dattelbäume nicht zu Grunde, wenn es auch bei Nacht zwei Grad Kälte hat. +Im Allgemeinen macht man beim Garten- und Landbau die Bemerkung, daß +Pflanzen in fruchtbarem Boden weniger zärtlich und somit auch für +ungewöhnlich niedrige Temperaturgrade weniger empfindlich sind, als +solche, die in einem Erdreich wachsen, daß ihnen nur wenig Nahrungssäfte +bietet(10) + +Zwischen der Stadt Laguna, und dem Hafen von Orotava und der Westküste von +Teneriffa kommt man zuerst durch ein hügligtes Land mit schwarzer +thonigter Dammerde, in der man hin und wieder kleine Augitkrystalle +findet. Wahrscheinlich reißt das Wasser diese Krystalle vom anstehenden +Gestein ab, wie zu Frascati bei Rom. Leider entziehen eisenhaltige +Flötzschichten den Boden der geologischen Untersuchung. Nur in einigen +Schluchten kommen säulenförmige, etwas gebogene Basalte zu Tag, und +darüber sehr neue, den vulkanischen Tuffen ähnliche Mengsteine. In +denselben sind Bruchstücke des unterliegenden Basalts eingeschlossen, und +wie versichert wird, finden sich Versteinerungen von Seethieren darin; +ganz dasselbe kommt im Vicentinischen bei Montechio maggiore vor. + +Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land, +von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe +im heißen Erdgürtel Landschaften gesehen, wo die Natur großartiger ist, +reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer +des Orinoko, die Cordilleren in Peru und die schönen Thäler von Mexiko +durchwandert, muß ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so +anziehendes, durch die Vertheilung von Grün und Felsmassen so harmonisches +Gemälde vor mir gehabt zu haben. + +Das Meeresufer schmücken Dattelpalmen und Cocosnußbäume; weiter oben +stechen Bananengebüsche von Drachenbäumen ab, deren Stamm man ganz richtig +mit einem Schlangenleib vergleicht. Die Abhänge sind mit Reben bepflanzt, +die sich um sehr hohe Spaliere ranken. Mit Blüthen bedeckte Orangenbäume, +Myrten und Cypressen umgeben Capellen, welche die Andacht auf +freistehenden Hügeln errichtet hat. Ueberall sind die Grundstücke durch +Hecken von Agave und Cactus eingefriedigt. Unzählige kryptogamische +Gewächse, zumal Farne, bekleiden die Mauern, die von kleinen klaren +Wasserquellen feucht erhalten werden. Im Winter, während der Vulkan mit +Eis und Schnee bedeckt ist, genießt man in diesem Landstrich eines ewigen +Frühlings. Sommers, wenn der Tag sich neigt, bringt der Seewind angenehme +Kühlung. Die Bevölkerung der Küste ist hier sehr stark; sie erscheint noch +größer, weil Häuser und Gärten zerstreut liegen, was den Reiz der +Landschaft noch erhöht. Leider steht der Wohlstand der Bewohner weder mit +ihrem Fleiße, noch mit der Fülle der Natur im Verhältniß. Die das Land +bauen, sind meist nicht Eigenthümer desselben; die Frucht ihrer Arbeit +gehört dem Adel, und das Lehnssystem, das so lange ganz Europa unglücklich +gemacht hat, läßt noch heute das Volk der Canarien zu keiner Blüthe +gelangen. + +Von Tegueste und Tacoronte bis zum Dorfe San Juan de la Rambla, berühmt +durch seinen trefflichen Malvasier, ist die Küste wie ein Garten angebaut. +Ich möchte sie mit der Umgegend von Capua oder Valencia vergleichen, nur +ist die Westseite von Teneriffa unendlich schöner wegen der Nähe des Pics, +der bei jedem Schritt wieder eine andere Ansicht bietet. Der Anblick +dieses Berges ist nicht allein wegen seiner imposanten Masse anziehend; er +beschäftigt lebhaft des Geist und läßt uns den geheimnisvollen Quellen der +vulkanischen Kräfte nachdenken. Seit Tausenden von Jahren ist kein +Lichtschimmer auf der Spitze des Piton gesehen worden, aber ungeheure +Seitenausbrüche, deren letzter im Jahre 1798 erfolgte, beweisen die +fortwährende Thätigkeit eines nicht erlöschenden Feuers. Der Anblick eines +Feuerschlundes mitten in einem fruchtbaren Lande mit reichem Anbau hat +indessen etwas Niederschlagendes. Die Geschichte des Erdballes lehrt uns, +daß die Vulkane wieder zerstören, was sie in einer langen Reihe von +Jahrhunderten aufgebaut. Inseln, welche die unterirdischen Feuer über die +Fluthen emporgehoben, schmücken sich allmählich mit reichem, lachenden +Grün; aber gar oft werden diese neuen Länder durch dieselben Kräfte +zerstört, durch die sie vom Boden des Ozeans über seine Fläche gelangt +sind. Vielleicht waren Eilande, die jetzt nichts sind als Schlacken- und +Aschenhaufen, einst so fruchtbar als die Gelände von Tacoronte und Sauzal. +Wohl den Ländern, wo der Mensch dem Boden, auf dem er wohnt, nicht +mißtrauen darf! + +Auf unserem Wege zum Hafen von Orotava kamen wir durch die hübschen Dörfer +Matanza und Victoria. Diese beiden Namen findet man in allen spanischen +Colonien neben einander; sie machen einen widrigen Eindruck in einem +Lande, wo alles Ruhe und Frieden atmet. *Matanza* bedeutet Schlachtbank, +Blutbad, und schon das Wort deutet an, um welchen Preis der Sieg erkauft +worden. In der neuen Welt weist er gewöhnlich auf eine Niederlage der +Eingeborenen hin; auf Teneriffa bezeichnet Matanza den Ort, wo die Spanier +von denselben Guanchen geschlagen wurden, die man bald auf den spanischen +Märkten als Sklaven verkaufte. + +Ehe wir nach Orotava kamen, besuchten wir den botanischen Garten nicht +weit vom Hafen. Wir trafen da den französischen Viceconsul Legros, der oft +auf der Spitze des Pic gewesen war und an dem wir einen vortrefflichen +Führer fanden. Er hatte mit Capitän Baudin eine Fahrt nach Antillen +gemacht, durch die der Pariser Pflanzengarten ansehnlich bereichert worden +ist. Ein furchtbarer Sturm, den Ledru in seiner Reise nach Portorico +beschreibt, zwang das Fahrzeug bei Teneriffa anzulegen, und das herrliche +Klima der Insel brachte Legros zu dem Enschluß, sich hier niederzulassen. +Ihm verdankt die gelehrte Welt Europa’s die ersten genauen Nachrichten +über den großen Seitenausbruch des Pics, den man sehr uneigentlich den +Ausbruch des Vulkans von Chahorra nennt. [Am 8. Juni 1798.] + +Die Anlage eines botanischen Gartens auf Teneriffa ist ein sehr +glücklicher Gedanke, da derselbe sowohl für die wissenschaftliche Botanik +als für die Einführung nützlicher Gewächse in Europa sehr förderlich +werden kann. Die erste Idee eines solchen verdankt man dem Marquis von +Nava (Marquis von Villanueva del Prado), einem Mann, der Poivre an die +Seite gestellt zu werden verdient und im Triebe, das Gute zu fördern, von +seinem Vermögen den edelsten Gebrauch gemacht hat. Mit ungeheuren Kosten +ließ er den Hügel von Durasno, der amphitheatralisch aufsteigt, abheben, +und im Jahr 1795 machte man mit den Anpflanzungen den Anfang. Nava war der +Ansicht, daß die Canarien, vermöge des midlen Klimas und der +geographischen Lage, der geeignetste Punkt seyen, um die Naturprodukte +beider Indien zu acclimatisiren, um die Gewächse aufzunehmen, die sich +allmählich an die niedrigere Temperatur des südlichen Europa gewöhnen +sollen. Asiatisch, afrikanische, südamerikanische Pflanzen gelangen leicht +in den Garten bei Orotava, um den Chinabaum [Ich meine die Chinaarten, die +in Peru und im Königreich Neu-Grenada auf dem Rücken der Cordilleren, +zwischen 1000 und 1500 Toisen Meereshöhe an Orten wachsen, wo der +Thermometer bei Tag zwischen 9 und 10 Grad, bei Nacht zwischen 3 und 4 +Grad steht. Die orangegelbe Quinquina _(Cinchona lancifolia)_ ist weit +weniger empfindlich als die rothe _(C. oblongifolia)_] in Sicilien, +Portugal oder Grenada einzuführen, müßte man ihn zuerst in Durasno oder +Laguna anbauen und dann erst die Schößlinge der canarischen China nach +Europa verpflanzen. In besseren Zeiten, wo kein Seekrieg mehr den Verkehr +in Fesseln schlägt, kann der Garten in Teneriffa auch für die starken +Pflanzensendungen aus Indien nach Europa von Bedeutung werden. Diese +Gewächse gehen häufig, ehe sie unsere Küsten erreichen, zu Grunde, weil +sie auf der langen Ueberfahrt eine mit Salzwasser geschwängerte Luft +athmen müssen. Im Garten von Orotava fänden sie eine Pflege und ein Klima, +wobei sie sich erholen könnten. Da die Unterhaltung des botanischen +Gartens von Jahr zu Jahr kostspieliger wurde, trat der Marquis denselben +der Regierung ab. Wir fanden daselbst einen geschickten Gärtner, einen +Schüler Aitons, des Vorstehers des königlichen Gartens zu Kew. Der Boden +steigt in Terrassen auf und wird von einer natürlichen Quelle bewässert. +Man hat die Aussicht auf die Insel Palma, die wie ein Castell aus dem +Meere emporsteigt. Wir fanden aber nicht viele Pflanzen hier: man hatte, +wo Gattungen fehlten, Etiketten aufgesteckt, mit auf Gerathewohl aus +Linnés _systema vegetabilium_ genommen schienen. Diese Anordnung der +Gewächse nach den Classen des Sexualsystems, die man leider auch in +manchen europäischen Gärten findet, ist dem Anbau sehr hinderlich. In +Durasno wachsen Proteen, der Gojavabaum, der Jambusenbaum, die Chirimoya +aus Peru, [_Annona Cherimolia_ Lamarck.] Mimosen und Heliconien im Freien. +Wir pflückten reife Samen von mehreren schönen Glycinearten aus +Neuholland, welche der Gouverneur von Cumana, Emparan, mit Erfolg +angepflanzt hat und die seitdem auf den südamerikanischen Küsten wild +geworden sind. + +Wir kamen sehr spät in den Hafen von Orotava, [_Puerto de la Cruz_. Der +einzige schöne Hafen der Canarien ist der von San Sebastiano auf der Insel +Gomera.] wenn man anders diesen Namen einer Rhede geben kann, auf der die +Fahrzeuge unter Segel gehen müssen, wenn der Wind stark aus Nordwest +bläst. Man kann nicht von Orotova sprechen, ohne die Freunde der +Wissenschaft an Cologan zu erinnern, dessen Haus von jeher den Reisenden +aller Nationen offen stand. Mehrere Glieder dieser achtungswerthen Familie +sind in London und Paris erzogen worden. Don Bernardo Cologan ist bei +gründlichen, mannigfaltigen Kenntnissen der feurigste Patriot. Man ist +freudig überrascht, auf einer Inselgruppe an der Küste von Afrika der +liebenswürdigen Geselligkeit, der edlen Wißbegierde, dem Kunstsinn zu +begegnen, die man ausschließlich in einem kleinen Theile von Europa zu +Hause glaubt. + +Gerne hätten wir einige Zeit in Cologans Hause verweilt und mit ihm in der +Umgegend von Orotava die herrlichen Punkte San Juan de la Rambla und +Rialexo de Abaxo besucht. Aber auf einer Reise wie die, welche ich +angetreten, kommt man selten dazu, der Gegenwart zu genießen. Die quälende +Besorgniß, nicht ausführen zu können, was man den andern Tag vorhat, +erhält einen in beständiger Unruhe. Leidenschaftliche Natur- und +Kunstfreunde sind auf der Reise durch die Schweiz oder Italien in ganz +ähnlicher Gemüthsverfassung; da sie die Gegenstände, die Interesse für sie +haben, immer nur zum kleinsten Theil sehen können, so wird ihnen der Genuß +durch die Opfer verbitternt, die sie auf jedem Schritt zu bringen haben. + +Bereits am 21. Morgens waren wir auf dem Weg nach dem Gipfel des Vulkans. +Legros, dessen zuvorkommende Gefälligkeit wir nicht genug loben können, +der Secretär des französischen Consulats zu Santa Cruz und der englische +Gärtner von Durasno teilten mit uns die Beschwerden der Reise. Der Tag war +nicht sehr schön, und der Gipfel des Pic, den man in Orotava fast immer +sieht, von Sonnenaufgang bis zehn Uhr in dicke Wolken gehüllt. Ein +einziger Weg führt auf den Vulkan durch Villa de Orotava, die Ginsterebene +und das Malpays, derselbe, den Pater Feullée, Borda, Labillardière, Barrow +eingeschlagen, und überhaupt alle Reisenden, die sich nur kurze Zeit in +Teneriffa aufhalten konnten. Wenn man den Pic besteigt, ist es gerade, wie +wenn man das Chamounithal oder den Aetna besucht: man muß seinen Führern +nachgehen und man bekommt nur zu sehen, was schon andere Reisende gesehen +und beschrieben haben. + +Der Contrast zwischen der Vegetation in diesem Striche von Teneriffa und +der in der Umgegend von Santa Cruz überraschte uns angenehm. Beim kühlen, +feuchten Klima war der Boden mit schönem Grün bedeckt, während auf dem Weg +von Santa Cruz nach Laguna die Pflanzen nichts als Hülsen hatten, aus +denen bereits der Samen ausgefallen war. Beim Hafen von Orotava wird der +kräftige Pflanzenwuchs den geologischen Beobachtungen hinderlich. Wir +kamen an zwei kleinen glockenförmigen Hügeln vorüber. Beobachtungen am +Vesuv und in der Auvergne weisen darauf hin, daß dergleichen runde +Erhöhungen von Seitenausbrüchen des großen Vulkans herrühren. Der Hügel +Montannitta de la Villa scheint wirklich einmal Lava ausgeworfen zu haben; +nach den Ueberlieferungen der Guanchen fand dieser Ausbruch im Jahr 1430 +statt. Der Obest Franqui versicherte Borda, man sehe noch deutlich, wo die +geschmolzenen Stoffe hervorquollen, und die Asche, die den Boden ringsum +bedecke, sey noch nicht fruchtbar. [Ich entnehme diese Notiz einer +interessanten Handschrift, die jetzt in Paris im _Dépôt des cartes de la +Marine_ aufgewahrt wird. Sie führt den Titel. _Résumé des opérations +géographiques des côtes d´Espagne et de Portugal sur l´Océan, d´une partie +des côtes occidentales de l´Afrique et des îles Canaries, par le chevalier +de Borda._ Es ist dies die Handschrift, von der de Fleurien in seinen +Noten zu Marchands Reise spricht und die mir Borda zum Theil schon vor +meiner Abreise mitgetheilt hatte. Ich habe wichtige, noch nicht +veröffentlichte Beobachtungen daraus ausgezogen.] Ueberall, wo das Gestein +zu Tag ausgeht, fanden wir basaltartigen Mandelstein (Werner) und +Bimssteinconglomerat, in dem Rapilli oder Bruchstücke von Bimsstein +eingeschlosen sind. Letztere Formation hat Aehnlichkeit mit dem Tuff von +Pausilipp und mit den Puzzolanschichten, die ich im Thal von Quito, am +Fuße des Vulkans Pichincha, gefunden habe. Der Mandelstein hat +langgezogene Poren, wie die obern Lavaschichten des Vesuv. Es scheint dieß +darauf hinzudeuten, daß eine elastische Flüssigkeit durch die geschmolzene +Materie durchgegangen ist. Trotz diesen Uebereinstimmungen muß ich noch +einmal bemerken, daß ich in der ganzen unteren Region des Pics von +Tenerifa auf der Seite gegen Orotava keinen Lavastrom, überhaupt keinen +vulkanischen Ausbruch gesehen habe, der scharf begrenzt wäre. Regengüsse +und Ueberschwemmungen wandeln die Erdoberfläche um, und wenn zahlreiche +Lavaströme sich vereinigen und über eine Ebene ergießen, wie ich es am +Vesuv im _Atrio dei Cavalli_ gesehen, so verschmelzen sie in einander und +nehmen das Ansehen wirklich geschichteter Bildungen an. + +Villa de Orotava macht schon von weitem einen guten Eindruck durch die +Fülle der Gewässer, die auf den Ort zueilen und durch die Hauptstraßen +fließen. Die Quelle _Aqua mansa_, in zwei große Becken gefaßt, treibt +mehrere Mühlen und wird dann in die Weingärten des anliegenden Geländes +geleitet. Das Klima in der *Villa* ist noch kühler als am Hafen, da dort +von morgens zehn Uhr ein starker Wind weht. Das Wasser, das sich bei +höherer Temperatur in der Luft aufgelöst hat, schlägt sich häufig nieder, +und dadurch wird das Klima sehr nebligt. Die Villa liegt etwa 160 Toisen +(312 Meter) über dem Meer, also zweihundert Toisen niedriger als Laguna; +man bemerkt auch, daß dieselben Pflanzen an letzterem Orte einen Monat +später blühen. + +Orotava, das alte Taoro der Guanchen, liegt am steilen Abhang eines +Hügels; die Straßen schienen uns öde, die Häuser, solid gebaut, aber +trübselig anzusehen, gehören fast durch einem Adel, der für sehr stolz +gilt und sich selbst anspruchsvoll als _dozo casas_ bezeichnet. Wir kamen +an einer sehr hohen, mit einer Menge schöner Farn bewachsenen +Wasserleitung vorüber. Wir besuchten mehrere Gärten, in denen die +Obstbäume des nördlichen Europas neben Orangen, Granatbäumen und +Dattelpalmen stehen. Man versicherte uns, letztere tragen hier so wenig +Früchte als in Terra Firma an der Küste von Cumana. Obgleich wir den +Drachenbaum in Herrn Franquis Garten aus Reiseberichten kannten, so setzte +uns seine ungeheure Dicke dennoch in Erstaunen. Man behauptet, der Stamm +dieses Baumes, der in mehreren sehr alten Urkunden erwähnt wird, weil er +als Grenzmarke eines Feldes diente, sey schon im fünfzehnten Jahrhundert +so ungeheuer dick gewesen wie jetzt. Seine Höhe schätzten wir auf 50 bis +60 Fuß [16 bis 19,5 m]; sein Umfang nahe über den Wurzeln beträgt 45 Fuß +[14,6 m]. Weiter oben konnten wir nicht messen, aber Sir Georg Staunton +hat gefunden, daß zehn Fuß [3,25 m] über dem Boden der Stamm noch zwölf +englische Fuß [3,90 m] im Durchmesser hat, was gut mit Bordas Angabe +übereinstimmt, der den mittleren Umfang zu 33 Fuß 8 Zoll [10,93 m] angibt. +Der Stamm theilt sich in viele Aeste, die kronleuchterartig aufwärts ragen +und an den Spitzen Blätterbüschel tragen, ähnlich der Yucca im Tale von +Mexiko. Durch diese Theilung in Aeste unterscheidet sich sein Habitus +wesentlich von der der Palmen. + +Unter den organischen Bildungen ist dieser Baum, neben der Adansonie oder +Baobab in Senegal, ohne Zweifel einer der ältesten Bewohner unseres +Erdballs. Die Baobabs werden indessen noch dickder als der Drachenbaum von +Villa d´Orotava. Man kennt welche, die an der Wurzel 34 Fuß Durchmesser +haben, wobei sie nicht höher sind als 50 bis 60 Fuß(11). Man muß aber +bedenken, daß die Adansonia, wie die Ochroma und alle Gewächse aus der +Familie der Bombaceen, viel schneller wächst(12) als der Drachenbaum, der +sehr langsam zunimmt. Der in Herrn Franqui’s Garten trägt noch jedes Jahr +Blüten und Früchte. Sein Anblick mahnt lebhaft an »die ewige Jugend der +Natur« [_Aristoteles de longit. vitae. cap. 6._], die eine unerschöpfliche +Quelle von Bewegung und Leben ist. + +Der Drachenbaum, der nur in den angebauten Strichen der Canarien, auf +Madera und Porto Santo vorkommt, ist eine merkwürdige Erscheinung in +Beziehung auf die Wanderung der Gewächse. Auf dem Kontinent und Afrika(13) +ist er nirgends wild gefunden worden, und Ostindien ist sein eigentliches +Vaterland. Auf welchem Wege ist der Baum nach Teneriffa verpflanzt worden, +wo er gar nicht häufig vorkommt? Ist sein Daseyn ein Beweis dafür, daß in +sehr entlegener Zeit die Guanchen mit andern, mit asiatischen Völkern in +Verkehr gestanden haben? + +Von Villa da Orotava gelangten wir auf einem schmalen steinigen Pfad durch +einen schönen Kastanienwald _(el Monte de Castaños)_ in eine Gegend, die +mit einigen Lorbeerarten und der baumartigen Heide bewachsen ist. Der +Stamm der letzteren wird hier ausnehmend dick, und die Blüthen, mit denen +der Strauch einen großen Teil des Jahres bedeckt ist, stechen angenehm ab +von den Blüthen des _Hypericum canariense_, das in dieser Höhe sehr häufig +vorkommt. Wir machten unter einer schönen Tanne halt, um uns mit Wasser zu +versehen. Dieser Platz ist im Lande unter dem Namen _Pino del Dornajito_ +bekannt; seine Meereshöhe beträgt nach Borda´s barometrischer Messung 522 +Toisen [1017 m]. Man hat da eine prachtvolle Aussicht auf das Meer und die +ganze Westseite der Insel. Beim _Pino del Dornajito_, etwas rechts vom Weg +sprudelt eine ziemlich reiche Quelle; wir tauchten ein Thermometer hinein, +es fiel auf 15°,4. Hundert Toisen davon ist eine andere eben so klare +Quelle. Nimmt man an, daß diese Gewässer ungefähr die mittlere Wärme des +Orts, wo sie zu Tage kommen, anzeigen, so findet man als absolute Höhe des +Platzes 520 Toisen, die mittlere Temperatur der Küste zu 21° und unter +dieser Zone eine Abnahme der Wärme um einen Grad auf 93 Toisen angenommen. +Man dürfte sich nicht wundern, wenn diese Quelle etwas unter der mittleren +Lufttemperatur bliebe, weil sich sich wahrscheinlich weiter oben am Pic +bildet, und vielleicht sogar mit den kleinen unterirdischen Gletschern +zusammenhängt, von denen weiterhin die Rede seyn wird. Die eben erwähnte +Uebereinstimmung der barometrischen und der thermometrischen Messung ist +desto auffallender, als im Allgemeinen, wie ich anderwärts ausgeführt, [So +hat Hunter in den blauen Bergen auf Jamaica die Quellen immer kälter +gefunden, als sie nach der Höhe, in der sie zu Tage kommen, seyn sollten.] +in Gebirgsländern mit steilen Hängen die Quellen eine zu rasche +Wärmeabnahme anzeigen, weil sie kleine Wasseradern aufnehmen, die in +verschiedenen Höhen in den Boden gelangen, und somit ihre Temperatur das +Mittel aus dem Temperaturen dieser Adern ist. Die Quellen des Dornajito +sind im Lande berühmt; als ich dort war, kannte man auf dem Weg zum Gipfel +des Vulkans keine andere. Quellenbildung setzt eine gewisse Regelmäßigkeit +im Streichen und Fallen der Schichten voraus. Auf vulkanischem Boden +verschluckt das löcherige, zerklüftete Gestein das Regenwasser und läßt es +in große Tiefen versinken. Deshalb sind die Canarien größtentheils so +dürr, trotzdem daß ihre Berge so ansehnlich sind und der Schiffer +fortwährend gewaltige Wolkenmassen über dem Archipel gelagert sieht. + +Vom Pino del Dornajito bis zum Krater zieht sich der Weg bergan, aber +durch kein einziges Thal mehr; denn die kleinen Schluchten _(Barancos)_ +verdienen diesen Namen nicht. Geologisch betrachtet, ist die ganze Insel +Teneriffa nichts als ein Berg, dessen fast eiförmige Grundfläche sich +gegen Nordost verlängert, und der mehrere Systeme vulkanischer, zu +verschiedenen Zeiten gebildeter Gebirgsarten aufzuweisen hat. Was man im +Lande für besondere Vulkane ansieht, wie der *Chahorra* oder *Montaña +Colorada* und die *Urca*, das sind nur Hügel, die sich an den Pic anlehnen +und seine Pyramide maskiren. Der große Vulkan, dessen Seitenausbrüche +mächtige Vorgebirge gebildet haben, liegt indessen nicht genau in der +Mitte der Insel, und diese Eigenthümlichkeit im Bau erscheint weniger +auffallend, wenn man sich erinnert, daß nach der Ansicht eines +ausgezeichneten Mineralogen (Cordier) vielleicht nicht der kleine Krater +im Piton die Hauptrolle bei den Umwälzungen der Insel Teneriffa gespielt +hat. Auf die Region der baumartigen Heiden, *Monte Verde* genannt, folgt +die der Farn. Nirgends in der gemäßigten Zone habe ich _Pteris_, +_Blechnum_ und _Asplenium_ in solcher Menge gesehen; indessen hat keines +dieser Gewächse den Wuchs der Baumfarn, die in Südamerika, in fünf, +sechshundert Toisen Höhe, ein Hauptschmuck der Wälder sind. Die Wurzel der +_Pteris aquilina_ dient den Bewohnern von Palma und Gomera zur Nahrung; +sie zerreiben sie zu Pulver und mischen ein wenig Gerstenmehl darunter. +Dieses Gemisch wird geröstet und heißt *Gofio*; ein so rohes +Nahrungsmittel ist ein Beweis dafür, wie elend das niedere Volk auf den +Canarien lebt. + +Der Monte Verde wird von mehreren kleinen, sehr dürren Schluchten +(_cañadas_) durchzogen. Ueber der Region der Farn kommt man durch ein +Gehölz von Wachholderbäumen (_cedro_) und Tannen, das durch die Stürme +sehr gelitten hat. An diesen Ort, den einige Reisende _la Caravela_ nenne, +will Edens [Die Reise wurde im August 1715 gemacht. Carabela heißt ein +Fahrzeug mit lateinischen Segeln. Die Tannen vom Pic dienten früher als +Mastholz und die königliche Marine ließ im Monte Verde schlagen.] kleine +Flammen gesehen haben, die er nach den physikalischen Begriffen seiner +Zeit schwefligten Ausdünstungen zuschreibt, die sich von selbst entzünden. +Es ging immer aufwärts bis zum Felsen *Gayta* oder *Portillo*; hinter +diesem Engpaß, zwischen zwei Basalthügeln, betritt man die große Ebene des +Ginsters (_los Llanos del Retama_). Bei Laperouses Expedition hatte +Manneron den Pic bis zu dieser etwa 1400 Toisen über dem Meere gelegenen +Ebene gemessen, er hatte aber wegen Wassermangels und des üblen Willens +der Führer die Messung nicht bis zum Gipfel des Vulkans fortsetzen können. +Das Ergebniß dieser zu zwei Drittheilen vollendeten Operation ist leider +nicht nach Europa gelangt, und so ist das Geschäft von der Küste an noch +einmal vorzunehmen. + +Wir brauchten gegen zwei und eine halbe Stunde, um über die Ebene des +Ginsters zu kommen, die nichts ist als ein ungeheures Sandmeer. Trotz der +hohen Lage zeigte hier der hunderttheilige Thermometer gegen +Sonnenuntergang 13°,8, das heißt 3°,7 mehr als mitten am Tage auf dem +Monte Verde. Dieser höhere Wärmegrad kann nur von der Strahlung des Bodnes +und von der weiten Ausdehnung der Hochebene herrühren. Wir litten sehr +vom erstickenden Bimsstaub, in den wir fortwährend gehüllt waren. Mitten +in der Ebene stehen Büsche von *Retama*, dem _Spartium nubigenum_ +d´Aitons. Dieser schöne Strauch, den de Martinière [Einer der Botaniker, +die auf Laperouses Seereise umkamen.] in Languedoc, wo Feuermaterial +selten ist, einzuführen räth, wird neun Fuß hoch, er ist mit +wohlriechenden Blüthen bedeckt, und die Ziegenjäger, denen wir unterwegs +begegneten, hatten ihre Strohhüte damit geschmückt. Die dunkelbraunen +Ziegen des Pics gelten für Leckerbissen; sie nähren sich von den Blättern +des Spartium und sind in diesen Einöden seit unvordenklicher Zeit +verwildert. Man hat sie sogar nach Madera verpflanzt, wo sie geschätzter +sind, als die Ziegen aus Europa. + +Bis zum Felsen Gayta, das heißt bis zum Anfang der großen Ebene des +Ginsters ist der Pic von Teneriffa mit schönem Pflanzenwuchs überzogen, +und nichts weist auf Verwüstungen in neuerer Zeit hin. Man meint einen +Vulkan zu besteigen, dessen Feuer so lange erloschen ist, wie das des +Monte Cavo bei Rom. Kaum hat man die mit Bimsstein bedeckte Ebene +betreten, so nimmt die Landschaft einen ganz anderen Charakter an; bei +jedem Schritt stößt man auf ungeheure Obsidianblöcke, die der Vulkan +ausgeworfen. Alles ringsum ist öd und still; ein paar Ziegen und Kaninchen +sind die einzigen Bewohner dieser Hochebene. Das unfruchtbare Stück des +Pics mißt über zehn Quadratmeilen, und da die unteren Regionen, von ferne +gesehen, in Verkürzung erscheinen, so stellt sich die ganze Insel als ein +ungeheurer Haufen verbrannten Gesteins dar, um den sich die Vegetation nur +wie ein schmaler Gürtel zieht. + +Ueber der Region des _Spartium nubigenum_ kamen wir durch enge Schründe +und kleine, sehr alte, vom Regenwasser ausgespülte Schluchten zuerst auf +ein höheres Plateau und dann an den Ort, wo wir die Nacht zubringen +sollten. Dieser Platz, der mehr als 1530 Toisen [2982 m] über der Küste +liegt, heißt _Estancia de los Ingleses_(14), ohne Zweifel, weil früher die +Engländer den Pik am häufigsten besuchten. Zwei überhängende Felsen bilden +eine Art Höhle, die Schutz gegen den Wind bietet. Bis zu diesem Ort, der +bereits höher liegt als der Gipfel des Canigu, kann man auf Maulthieren +gelangen; viele Neugierige, die beim Abgang von Orotava den Kraterrand +erreichen zu können glaubten, bleiben daher hier liegen. Obgleich es +Sommer war und der schöne afrikanische Himmel über uns, hatten wir doch in +der Nacht von der Kälte zu leiden. Der Thermometer fiel auf 5 Grad. +Unsere Führer machten ein großes Feuer von dürren Zweigen der Retama an. +Ohne Zelt und Mäntel lagerten wir uns auf Haufen verbrannten Gesteins, und +die Flammen und der Rauch, die der Wind beständig gegen uns her trieb, +wurden uns sehr lästig. Wir hatten noch nie eine Nacht in so bedeutender +Höhe zugebracht, und ich ahnte damals nicht, daß wir einst in Städten +wohnen würden, die höher liegen als die Spitze des Vulkans, den wir morgen +vollends besteigen sollten. Je tiefer die Temperatur sank, desto mehr +bedeckte sich der Pic mit dicken Wolken. Bei Nacht stockt der Zug des +Stroms, der den Tag über den Ebenen in die hohen Luftregionen aufsteigt, +und im Maaße als sich die Luft abkühlt, nimmt auch ihre das Wasser +auflösende Kraft ab. Ein sehr starker Nordwird jagte die Wolken; von Zeit +zu Zeit brach der Mond durch das Gewölk und seine Scheibe glänzte auf tief +dunkelblauen Grunde; im Angesicht des Vulkans hatte diese nächtliche Scene +etwas wahrhaft Großartiges. Der Pic verschwand bald gänzlich im Nebel, +bald erschien er unheimlich nahe gerückt und warf wie eine ungeheure +Pyramode seinen Schatten auf die Wolken unter uns. + +Gegen drei Uhr morgens brachen wir beim trüben Schein einiger Kienfackeln +nach der Spitze des Piton auf. Man beginnt die Besteigung an der +Nordostseite, wo der Abhang ungemein steil ist, und wir gelangten nach +zwei Stunden auf ein kleines Plateau, das seiner isolirten Lage wegen +_Alta Vista_ heißt. Hier halten sich auch die _Neveros_ auf, das heißt die +Eingeborenen, die gewerbsmäßig Eis und Schnee suchen und in den +benachbarten Städten verkaufen. Ihre Maulthiere, die das Klettern mehr +gewöhnt sind, als die, welche man den Reisenden gibt, gehen bis zur Alta +Vista und die Neveros müssen den Schnee dahin auf dem Rücken tragen. Ueber +diesem Punkte beginnt das *Malpays*, wie man in Mexiko, in Peru und +überall, wo es Vulkane gibt, einen von Dammerde entblößten und mit +Lavabruchstücken bedeckten Landstrich nennt. + +Wir bogen rechts von Wege am, um die *Eishöhle* zu besehen, die in 1728 +Toisen [3367 m] Höhe liegt, also unter der Grenze des ewigen Schnees in +dieser Breite. Wahrscheinlich rührt die Kälte, die in dieser Höhle +herrscht, von denselben Ursachen her, aus denen sich das Eis in den +Gebirgsspalten des Jura und der Pyrenäen erhält, und über welche die +Ansichten der Physiker noch ziemlich auseinander gehen(15). Die natürliche +Eisgrube des Pics hat übrigens nicht jene senkrechten Oeffnungen, durch +welche die warme Luft entweichen kann, während die kalte Luft am Boden +ruhig liegen bleibt. Das Eis scheint sich hier durch starke Anhäufung zu +erhalten, und weil der Proceß des Schmelzens durch die bei rascher +Verdunstung erzeugte Kälte verlangsamt wird. Dieser kleine unterirdische +Gletscher liegt an einem Ort, dessen mittlere Temperatur schwerlich unter +3° beträgt, und er wird nicht, wie die eigentlichen Gletscher der Alpen, +vom Schneewasser gespeist, das von den Berggipfeln herabkommt. Während des +Winters füllt sich die Höhle mit Schnee und Eis, und da die Sonnenstrahlen +nicht über den Eingang hinaus eindringen, so ist die Sommerwärme nicht im +Stande, den Behälter zu leeren. Die Bildung einer natürlichen Eisgrube +hängt also nicht sowohl von der absoluten Höhe der Felsspalte und der +mittleren Temperatur der Luftschicht, in der sie sich befindet, als von +der Masse des Schnees, der hineinkommt, und von der geringen Wirkung der +warmen Winde im Sommer. Die im Innern eines Berges eingeschlossene Luft +ist schwer von der Stelle zu bringen, wie man am Monte Testaccio in Rom +sieht, dessen Temperatur von der der umgebenden Luft so bedeutend +abweicht. Wir werden in der Folge sehen, daß am Chimborazo ungeheure +Eismassen unter dem Sand liegen, und zwar, wie auf dem Pic von Teneriffa, +weit unter der Grenze des ewigen Schnees. + +Bei der Eishöhe _(Cueva del Hielo)_ stellten bei Laperouses Seereise +Lamanon und Mongès ihren Versuch über die Temperatur des siedenden Wassers +an. Sie fanden dieselbe 88°,7, während der Barometer auf 19 Zoll 1 Linie +stand. Im Königreich Neugranada, bei der Capelle Guadeloupe in der Nähe +von Santa Fe de Bogota, sah ich das Wasser bei 89°,9 unter einem Luftdruck +von 19 Zoll 1,9 Linien sieden. Zu Tambores, in der Provinz Popayan, fand +Caldas 89°,5 für die Temperatur des siedenden Wassers bei einen +Barometerstand von 18 Zoll 11,6 Linien. Nach diesen Ergebnissen könnte man +vermuthen, daß bei Lamanons Versuch das Wasser das Maximum seiner +Temperatur nicht ganz erreicht hatte. + +Der Tag brach an, als wir die Eishöhle verließen. Da beobachteten wir in +der Dämmerung eine Erscheinung, die auf hohen Bergen häufig ist, die aber +bei der Lage des Vulkanes, auf dem wir uns befanden, besonders auffallend +hervortrat. Eine weiße flockige Wolkenschicht entzog das Meer und die +niedrigeren Regionen der Insel unseren Blicken. Die Schicht schien nicht +über 800 Toisen [1560 m] hoch; die Wolken waren so gleichmäßig verbreitet +und lagen so genau in Einer Fläche, daß sie sich ganz wie eine ungeheure +mit Schnee bedeckte Ebene darstellten. Die colossale Pyramide des Piks, +die vulkanischen Gipfel von Lanzerota, Forteventura und Palma ragten wie +Klippen aus dem weiten Dunstmeer empor. Ihre dunkle Färbung stach grell +vom Weiß der Wolken ab. + +Während wir auf den zertrümmerten Laven des Malpays emporklommen, wobei +wir oft die Hände zu Hülfe nehmen mußten, beobachteten wir eine +merkwürdige optische Erscheinung. Wir glaubten gegen Ost kleine Raketen in +die Luft steigen zu sehen. Leuchtende Punkte, 7 – 8 Grad über dem +Horizont, schienen sich zuerst senkrecht aufwärts zu bewegen, aber +allmählich ging die Bewegung in eine waagrechte Oszillation über, die acht +Minuten anhielt. Unsere Reisegefährten, sogar die Führer äußerten ihre +Verwunderung über die Erscheinung, ohne daß wir sie darauf aufmerksam zu +machen brauchten. Auf den ersten Blick glaubten wir, diese sich hin und +her bewegenden Lichtpunkte seyen die Vorläufer eines neuen Ausbruchs des +großen Vulkanes von Lanzerota. Wir erinnerten uns, daß Bouquer und La +Condamine bei der Besteigung des Vulkans Pichincha den Ausbruch des +Cotopaxi mit angesehen hatten; aber die Täuschung dauerte nicht lange, und +wir sahen, daß die Lichtpunkte die durch die Dünste vergrößerten Bilder +verschiedener Sterne waren. Die Bilder standen periodisch still, dann +schienen sie senkrecht aufzusteigen, sich zur Seite abwärts zu bewegen und +wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Diese Bewegung dauerte eine bis zwei +Secunden. Wir hatten keine Mittel zur Hand, um die Größe der seitlichen +Verrückung genau zu messen, aber den Lauf eines Lichtpunktes konnten wir +ganz gut beobachten. Er erschien doppelt durch Luftspiegelung und ließ +keine leuchtende Spur hinter sich. Als ich im Fernrohr eines kleinen +Troughtonschen Sextanten die Sterne mit einen hohen Berggipfel auf +Lanzerota in Contact brachte, konnte ich sehen, daß die Oscillation +beständig gegen denselben Punkt hinging, nämlich gegen das Stück des +Horizontes, wo die Sonnenscheibe erscheinen sollte, und daß, abgesehen von +der Declinationsbewegung des Sterns, das Bild immer an denselben Fleck +zurückkehrte. Diese scheinbaren seitlichen Refractionen hörten auf, lange +bevor die Sterne vor dem Tageslicht gänzlich verschwanden. Ich habe hier +genau wiedergegeben, was wir in der Dämmerung beobachteten, versuche aber +keine Erklärung der auffallenden Erscheinung, die ich schon vor zwölf +Jahren in Zachs astronomischem Tagebuch bekannt gemacht habe. Die Bewegung +der Dunstbläschen in Folge des Sonnenaufgangs, die Mischung verschiedener, +in Temperatur und Dichtigkeit sehr von einander abweichenden Luftschichten +haben ohne Zweifel zu der Verrückung der Gestirne in horizontaler Richtung +das ihrige beigetragen. Etwas Aehnliches sind wohl die starken +Schwankungen der Sonnenscheibe, wenn eben den Horizont berührt; aber diese +Schwankungen betragen selten mehr als zwanzig Secunden, während die +seitliche Bewegung der Sterne, wie wir sie auf dem Pic in mehr als 1800 +Toisen Höhe beobachteten, ganz gut mit bloßem Auge zu bemerken, und +auffallender war als alle Erscheinungen, die man bis jetzt als Wirkungen +der Brechung des Sternlichts angesehen hat. Ich war bei Sonnenaufgang und +die ganze Nacht in 2100 Toisen Höhe auf dem Rücken der Anden, in Antisana, +konnte aber nichts gewahr werden, was mit jenem Phänomen übereingekommen +wäre. + +Ich wünschte in so bedeutender Höhe wie die, welche wir am Pic von +Teneriffa erreicht hatten, den Moment des Sonnenaufganges genau zu +beobachten. Kein mit Instrumenten versehener Reisender hatte noch eine +solche Beobachtung angestellt. Ich hatte ein Fernrohr und ein Chronometer, +dessen Gang mir sehr genau bekannt war. Der Himmelsstrich, wo die +Sonnenscheibe erscheinen sollte, war dunstfrei. Wir sahen den obersten +Rand um 4 Uhr 48’ 55" wahrer Zeit, und, was ziemlich auffallend ist, der +erste Lichtpunkt der Scheibe berührte unmittelbar die Grenze des +Horizonts; wir sahen demnach den wahren Horizont, das heißt einen Strich +Meers auf mehr als 43 Meilen Entfernung. Die Rechnung ergibt, daß unter +dieser Breite in der Ebene die Sonne um 5 Uhr 1 Minute 50 Secunden, oder +11 Minuten 51,3 Secunden später als auf dem Pic hätte anfangen sonnen +aufzugehen. Der beobachete Unterschied betrug 12 Minuten 55 Secunden, und +dieß kommt ohne Zweifel von der Ungewißheit hinsichtlich der +Refractionsverhältnisse für einen Abstand vom Zenith, wofür keine +Beobachtungen vorliegen(16). + +Wir wunderten uns, wie ungemein langsam der untere Rand der Sonne sich vom +Horizont zu lösen schien. Dieser Rand wurde erst um 4 Uhr 56 Min. 56 Sec. +sichtbar. Die stark abgeplattete Sonnenscheibe war scharf begrenzt; es +zeigte sich während des Aufgangs weder ein doppeltes Bild noch eine +Verlängerung des untern Randes. Der Sonnenaufgang dauerte dreimal länger, +als wir in dieser Breite hätten erwarten sollen, und so ist anzunehmen, +daß eine sehr gleichförmig verbreitete Dunstschicht den wahren Horizont +verdeckte und der aufsteigenden Sonne nachrückte. Trotz des Schwankens der +Sterne, das wir vorhin im Osten beobachtet, kann man die Langsamkeit des +Sonnenaufgangs nicht wohl einer ungewöhnlich starken Brechung der vom +Meereshorizont zu uns gelangenden Strahlen zuschrieben; denn, wie le +Gentil es täglich in Pondichery und ich öffers in Cumana beobachet haben, +erniedrigt sich der Horizont gerade bei Sonnenaufgang, weil die Temperatur +der Luftschicht unmittelbar auf der Meeresfläche sich erhöht. + +Der Weg, den wir uns durch das Malpays bahnen mußten, ist äußerst +ermüdend. Der Abhang ist steil und die Lavablöcke wichen unter unseren +Füßen. Ich kann dieses Stück des Weges nur mit den *Moränen* der Alpen +vergleichen, jenen Haufen von Rollsteinen, welche am untern Ende der +Gletscher liegen; die Lavatrümmer auf dem Pic haben aber scharfe Kanten +und lassen oft Lücken, in die man Gefahr läuft bis zum halben Körper zu +fallen Leider trug die Faulheit und der üble Wille unserer Führer viel +dazu bei, uns das Aufsteigen sauer zu machen; sie glichen weder den +Führern im Chamounithal noch jenen gewandten Guanchen, von denen die Sage +geht, daß sie ein Kaninchen oder eine wilde Ziege im Laufe fingen. Unsere +canarischen Führer waren träg zum Verzweifeln: sie hatten tags zuvor uns +bereden wollen, nicht über die Station bei den Felsen hinaufzugehen; sie +setzten sich alle zehn Minuten nieder, um auszuruhen; sie warfen hinter +uns die Handstücke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfältig gesammelt +hatten, weg, und es kam heraus, daß noch keiner auf dem Gipfel des +Vulkanes gewesen war. + +Nach dreistündigem Marsch erreichten wir das Ende des Malpays bei einer +kleinen Ebene, _la Rambleta_ genannt; aus ihrem Mittelpunkte steigt der +Piton oder Zuckerhut empor. Gegen Orotava zu gleicht der Berg jenen +Treppenpyramiden in Fejoum und in Mexiko, denn die Plateaus der Retama und +die Rambleta bilden zwei Stockwerke, deren ersteres viermal höher ist als +letzteres. Nimmt man die ganze Höhe des Piks zu 1904 Toisen [3710 m] an, +so liegt die Rambleta 1820 Toisen [3546 m] über dem Meere. Hier befinden +sich die Luftlöcher, welche bei den Eingeborenen *Nasenlöcher des Piks* +(_Narices des Pico_) heißen. Aus mehreren Spalten im Gestein dringen hier +in Absätzen warme Wasserdünste; wir sahen den Thermometer darin auf 43°,2 +steigen; Labillardière hatte acht Jahre vor uns diese Dämpfe 53°,7 heiß +gefunden, ein Unterschied, der vielleicht nicht sowohl auf eine Abnahme +der vulkanischen Thätigkeit als auf einen lokalen Wechsel in der Erhitzung +der Bergwände hindeutet. Die Dämpfe sind geruchlos und scheinen reines +Wasser. Kurz vor dem großen Ausbruch des Vesuv im Jahr 1806 beobachteten +Gay-Lussac und ich, daß das Wasser, das in Dampfform aus dem Innern des +Kraters kommt, Lackmuspapier nicht röthete. Ich kann übrigens der kühnen +Hypothese mehrerer Physiker nicht beistimmen, wornach die *Naslöcher des +Pic* als die Mündungen eines ungeheuren Destillierapparates, dessen Boden +unter der Meeresfläche liegt, zu betrachten seyn sollen. Seit man die +Vulkane sorgfältiger beobachetet und der Hang zum Wunderbaren sich in +geologischen Büchern weniger bemerkbar macht, fängt man an den +unmittelbaren beständigen Zusammenhang zwischen dem Meer und den Herden +des vulkanischen Feuers mit Recht stark in Zweifel zu ziehen(17). Diese +durchaus nicht auffallende Erscheinung erklärt sich wohl sehr einfach. Der +Pic ist einen Theil des Jahres mit Schnee bedeckt; wir selbst fanden noch +welchen auf der kleinen Ebene Rambleta; ja Odonell und Armstrong haben im +Jahre 1806 im Malpays eine sehr starke Quelle entdeckt, und zwar hundert +Toisen über der Eishöhle, die vielleicht zum Theil von dieser Quelle +gespeist wird. Alles weist also darauf hin, daß der Pic von Teneriffa, +gleich den Vulkanen der Anden und der Inzel Lucon, im Inneren große +Höhlungen hat, die mit atmosphärischem Wasser gefüllt sind, das einfach +durchgesickert ist. Die Wasserdämpfe, welche die Naslöcher und die Spalten +im Krater ausstoßen, sind nichts als dieses selbe Wasser, das durch die +Wände, über die es fließt, erhitzt wird. + +Wir hatten jetzt noch den steilsten Theil des Berges, der die Spitze +bildet, den Piton, zu ersteigen. Der Abhang dieses kleinen, mit +vulkanischer Asche und Bimssteinstücken bedeckten Kegels ist so schroff, +daß es fast unmöglich wäre, auf den Gipfel zu gelangen, wenn man nicht +einem alten Lavastrom nachginge, der aus dem Krater geflossen scheint und +dessen Trümmer dem Zahn der Zeit getrotzt haben. Diese Trümmer bilden eine +verschlackte Felswand, die sich mitten durch die lose Asche hinzieht. Wir +erstiegen den Piton, indem wir uns an diesen Schlacken anklammerten, die +scharfe Kanten haben und, halb verwittert, wie sie sind, uns nicht selten +in der Hand blieben. Wir brauchten gegen eine halbe Stunde, um einen Hügel +zu ersteigen, dessen senkrechte Höhe kaum 90 Toisen [175 m] beträgt. Der +Vesuv, der dreimal niedriger ist als der Vulkan auf Teneriffa, läuft in +einen fast dreimal höheren Aschenkegel aus, der aber nicht so steil und +zugänglicher ist. Unter allen Vulkanen, die ich besucht, ist nur der +Jorullo in Mexiko noch schwerer zu besteigen, weil der ganze Berg mit +loser Asche bedeckt ist. + +Wenn der Zuckerhut mit Schnee bedeckt ist, wie bei Eintritt des Winters, +so kann die Steilheit des Anhanges den Reisenden in die größte Gefahr +bringen. Le Gros zeigte uns die Stelle, wo Kapitän Baudin auf seiner Reise +nach Teneriffa beinahe ums Leben gekommen wäre. Muthig hatte er gegen Ende +Dezembers 1797 mit den Naturforschern Advenier, Mauger und Riedlé die +Besteigung des Gipfels des Vulkans unternommen. In der halben Höhe des +Kegels fiel er und rollte bis zur kleinen Ebene Rambleta hinunter; zum +Glück machte ein mit Schnee bedeckter Lavahaufen, daß er nicht noch weiter +mit beschleunigter Geschwindigkeit hinabflog. Wie man mir versichert, ist +ein Reisender, der den mit festem Rasen bedeckten Abhang des Col de Balme +hinabgerollt war, erstickt gefunden worden. + +Auf der Spitze des Piton angelangt, wunderten wir uns nicht wenig, daß wir +kaum Platz fanden, bequem niederzusitzen. Wir standen vor einer kleinen +kreisförmigen Mauer aus porphyrartiger Lava mit Pechsteinbasis; diese +Mauer hinterte uns, in den Krater hinabzusehen. [La Caldera oder der +Kessel des Pics. Der Name erinnert an die *Oules* der Pyrenäen.] Der Wind +blies so heftig aus West, daß wir uns kaum auf den Beinen halten konnten. +Es war acht Uhr morgens und wir waren starr vor Kälte, obgleich der +Thermometer etwas über dem Gefrierpunkt stand. Seit lange waren wir an +eine sehr hohe Temperatur gewöhnt, und der trockene Wind steigerte das +Frostgefühl, weil er die kleine Schicht warmer und feuchter Luft, welche +sich durch die Hautausdünstung um uns her bildete, fortwährend wegführte. + +Der Krater des Pic hat, was den Rand betrifft, mit den Kratern der meisten +anderen Vulkane, die ich besucht, z. B. mit dem des Vesuvs, des Jorullo +und Pipincha, keine Aehnlichkeit. Bei diesen behält der Piton seine +Kegelgestalt bis zum Gipfel; der ganze Abhang ist im selben Winkel geneigt +und gleichförmig mit einer Schicht sehr fein zertheilten Bimssteins +bedeckt; hat man die Spitze dieser drei Vulkane erreicht, so blickt man +frei bis auf den Boden des Schlunds. Der Pic von Teneriffa und der +Cotopaxi dagegen sind ganz anders gebaut; auf ihrer Spitze läuft +kreisförmig ein Kamm oder eine Mauer um den Krater; von ferne stellt sich +diese Mauer wie ein kleiner Cylinder auf einem abgestutzten Kegel dar. +Beim Cotopaxi erkennt man dieses eigenthümliche Bauwerk über 2000 Toisen +weit mit bloßem Auge, weßhalb auch noch kein Mensch bis zum Krater dieses +Vulkans gekommen ist. Beim Pik von Tenerifa ist der Kamm, der wie eine +Brustwehr um den Krater läuft, so hoch, daß er gar nicht zur *Caldera* +gelangen ließe, wenn sich nicht gegen Ost eine Lücke darin befände, die +von einem sehr alten Lavaerguß herzurühren scheint. Durch diese Lücke +stiegen wir auf den Boden des Trichters hinab, der elliptisch ist; die +große Achse läuft von Nordwest nach Südost, etwa Nord 35° Ost. Die größte +Breite der Öffnung schätzten wir auf 300 Fuß [97 m], die kleinste auf 200 +Fuß [65 m]. Diese Angaben stimmen ziemlich mit den Messungen von Berguin, +Verela und Borda; nach diesen Reisenden messen die zwei Axen 40 und 30 +Toisen. [Cordier, der den Gipfel des Pics vier Jahre nach mir besucht hat, +schätzt die große Axe auf 65 Toisen. Lamanon gibt dafür 50 T. an, Odonnell +aber gibt dem Krater 550 Baras (236 Toisen) Umfang.] + +Man sieht leicht ein, daß die Größe eines Kraters nicht allein von der +Höhe und der Masse des Berges abhängt, dessen Hauptöffnung er bildet. +Seine Weite steht sogar selten im Verhältniß mit der Intensität des +vulkanischen Feuers oder der Thätigkeit des Vulkans. Beim Vesuv, der gegen +den Pik von Teneriffa nur ein Hügel ist, hat der Krater einen fünfmal +größeren Durchmesser. Bedenkt man, daß sehr hohe Vulkane aus ihrem Gipfel +weniger Stoffe auswerfen als aus Seitenspalten, so könnte man versucht +seyn anzunehmen, daß, je niedriger die Vulkane sind, ihre Krater, bei +gleicher Kraft und Thätigkeit, desto größer seyn müßten. Allerdings gibt +es ungeheure Vulkane in den Anden, die nur sehr kleine Oeffnungen haben, +und man könnte es als ein geologisches Gesetz hinstellen, daß die +colossalsten Berge auf ihren Gipfeln nur Krater von geringem Umfang haben, +wenn sich nicht in den Cordilleren mehrere Beispiele [Die großen Vulkane +Cotopaxi und Rucupichincha haben nach meinen Messungen Krater mit +Diametern von mehr als 500 und 700 Toisen.] des gegentheiligen Verhaltens +fänden. Ich werde im Verfolg Gelegenheit finden, zahlreiche Thatsachen +anzuführen, welche einst auf das, was man den äußern Bau der Vulkane +nennen kann, einiges Licht werfen könnten. Dieser Bau ist so mannigfaltig +als die vulkanischen Erscheinungen selbst, und will man sich zu +geologischen Vorstellungen erheben, die der Größe der Natur würdig sind, +so muß man die Meinung aufgeben, als ob alle Vulkane nach dem Muster des +Vesuv, des Stromboli und des Aetna gebaut wären. + +Die äußeren Ränder der *Caldera* sind beinahe senkrecht; sie stellen sich +ungefähr dar wie die Somma, vom Atrio dei Cavalli aus gesehen. Wir stiegen +auf den Boden des Kraters auf einen Streif zerbrochener Laven, der zu der +Lücke in der Umfassungsmauer hinaufläuft. Hitze war nur über einigen +Spalten zu spüren, aus denen Wasserdampf mit einem eigenthümlichen Sumsen +strömte. Einige dieser Luftlöcher oder Spalten befinden sich äußerhalb des +Kraterumfanges, am äußeren Rand der Brüstung, welche den Krater umgibt. +Ein in dieselben gebrachter Thermometer stieg rasch auf 68 und 75 Grad. Er +zeigte ohne Zweifel eine noch höhere Temperatur an; aber wir konnten das +Instrument erst ansehen, nachdem wir es herausgezogen, wollten wir uns +nicht die Hände verbrennen. Cordier hat mehrere Spalten gefunden, in denen +die Hitze der des siedenden Wassers gleich war. Man könnte glauben, diese +Dämpfe, die stoßweise hervorkommen, enthalten Salzsäure oder +Schwefelsäure; läßt man sie aber an einem kalten Körper sich verdichten, +zeigen sie keinen besondern Geschmack, und die Versuche mehrerer Physiker +mit Reagentien beweisen, daß die Fumarolen des Pic nur reines Wasser +aushauchen; diese Erscheinung, die mit meinen Beobachtungen im Krater des +Jorullo übereinstimmt, verdient desto mehr Aufmerksamkeit, als Salzsäure +in den meisten Vulkanen in großer Menge vorkommt und Bauquelin sogar in +den porphyrähnlichen Laven von Sarcouy in der Auvergne Salzsäure gefunden +hat. + +Ich habe an Ort und Stelle die Ansicht des inneren Kraterrandes +gezeichnet, wie er sich darstellt, wenn man durch die gegen Ort gelegene +Lücke hinabsteigt. Nichts merkwürdiger als diese Aufeinanderlagerung von +Lavaschichten, die Krümmungen zeigen, wie der Alpenkalkstein. Diese +ungeheuren Bänke sind bald wagrecht, bald geneigt und wellenförmig +gewunden, und Alles weist darauf hin, daß einst die ganze Masse flüssig +war, und daß mehrere störende Ursachen zusammenwirkten, um jedem Strom +seine bestimmte Richtung zu geben. An der obenumlaufenden Mauer sieht man +das seltsame Astwerk, wie man es an der entschwefelten Steinkohle +beobachtet. Der nördliche Rand ist der höchste; gegen Südwest erniedrigt +sich die Mauer bedeutend und am äußersten Rand ist eine ungeheure +verschlackte Lavamasse angebacken. Gegen West ist das Gestein +durchbrochen, und durch eine weite Spalte sieht man den Meereshorizont. +Vielleicht hat die Gewalt der elastischen Dämpfe im Moment, wo die im +Krater aufgestiegene Lava überquoll, hier durchgerissen. + +Das Innere des Trichters weist darauf hin, daß der Vulkan seit +Jahrtausenden nur noch aus seinen Seiten Feuer gespieen hat. Diese +Behauptung gründet sich nicht darauf, weil sich am Boden der Caldera keine +großen Oeffnungen zeigen, wie man erwarten könnte. Die Physiker, die die +Natur selbst beobachtet haben, wissen, daß viele Vulkane in der +Zwischenzeit zweier Ausbrüche ausgefüllt und fast erloschen scheinen, daß +sich dann aber im vulkanischen Schlund Schichten sehr rauher, klingender +und glänzender Schlacken finden. Man bemerkt kleine Erhöhungen, +Auftreibungen durch die elastischen Dämpfe, kleine Schlacken- und +Aschenkegel, unter denen die Oeffnungen liegen. Der Krater des Pic von +Teneriffa zeigt keiens dieser Merkmale; sein Boden ist nicht im Zustand +geblieben, wie ein Ausbruch ihn zurückläßt. Durch den Zahn der Zeit und +den Einfluß der Dämpfe sind die Wände abgebröckelt und haben das Becken +mit großen Blöcken steinigter Lava bedeckt. + +Man gelangt gefahrlos auf den Boden des Kraters. Bei einem Vulkan, dessen +Hauptthätigkeit dem Gipfel zu geht, wie beim Vesuv, wechselt die Tiefe des +Kraters vor und nach jedem Ausbruch; auf dem Pic von Teneriffa dagegen +scheint die Tiefe seit langer Zeit sich gleichgeblieben zu seyn. Edens +schätzte sie im Jahre 1715 auf 115 Fuß [37 m], Cordier im J. 1803 auf 110 +[35,5 m]. Nach dem Augenmaaß hätte ich geglaubt, daß der Trichter nicht +einmal so tief wäre. In seinem jetzigen Zustand ist er eigentlich eine +Solfatara; er ist ein weites Feld für interessante Beobachtungen, aber +imposant ist sein Anblick nicht. Großartig wird der Punkt nur durch die +Höhe über dem Meeresspiegel, durch die tiefe Stille in dieser Region, +durch den unermeßlichen Erdraum, den das Auge auf der Spitze des Berges +überblickt. + +Die Besteigung des Vulkans von Teneriffa ist nicht nur dadurch anziehend, +daß sie uns so reichen Stoff für wissenschaftliche Forschung liefert; sie +ist es noch weit mehr dadurch, daß sie den, der Sinn hat für die Größe der +Natur, eine Fülle malerischer Reize bietet. Solche Empfindungen zu +schildern, ist eine schwere Aufgabe; sie regen uns desto tiefer auf, da +sie etwas Unbestimmtes haben, wie es die Unermeßlichkeit des Raums und die +Größe, Neuheit und Mannigfaltigkeit der uns umgebenden Gegenstände mit +sich bringen. Wenn ein Reisender die hohen Berggipfel unseres Erdballs, +die Cataracten der großen Ströme, die gewundenen Thäler der Anden zu +beschreiben hat, so läuft er Gefahr den Leser durch den eintönigen +Ausdruck seiner Bewunderung zu ermüden. Es scheint mir den Zwecken, die +ich bei dieser Reisebeschreibung im Auge habe, angemessener, den +eigenthümlichen Charakter zu schildern, der jeden Landstrich auszeichnet. +Man lehrt die Physiognomie einer Landschaft deste besser kennen, je +genauer man die einzelnen Züge auffaßt, sie unter einander vergleicht und +so auf dem Wege der Analysis den Quellen der Genüsse nachgeht, die uns das +große Naturgemälde bietet. + +Die Reisenden wissen aus Erfahrung, daß man auf der Spitze hoher Berge +selten eine so schöne Aussicht hat und so mannigfaltige malerische Effekte +beobachtet als auf den Gipfeln von der Höhe des Vesuvs, des Rigi, des Puy +de Dome. Colossale Berge wie der Chimborazo, der Antisana oder der +Montblanc haben eine so große Masse, daß man die mit reichem Pflanzenwuchs +bedeckten Ebenen nur in großer Entfernung sieht und ein bläulicher Duft +gleichförmig auf der ganzen Landschaft liegt. Durch seine schlanke Gestalt +und seine eigenthümliche Lage vereinigt nun der Pic von Teneriffa die +Vortheile niedrigerer Gipfel mit denen, wie sehr bedeutende Höhen sie +bieten. Man überblickt auf seiner Spitze nicht allein einen ungeheuren +Meereshorizont, der über die höchsten Berge der benachbarten Inseln +hinaufreicht, man sieht auch die Wälder von Teneriffa und die bewohnten +Küstenstriche so nahe, daß noch Umrisse und Farben in den schönsten +Contrasten hervortreten. Es ist als ob der Vulkan die kleine Insel, die +ihm zur Grundlage dient, erdrückte; er steigt aus dem Schooße des Meeres +dreimal höher auf, als die Wolken im Sommer ziehen. Wenn sein seit +Jahrhunderten halb erloschener Krater Feuergarben auswürfe wie der +Stromboli der äolischen Inseln, so würde der Pik von Tenerifa dem Schiffer +in einem Umkreis von mehr als 260 Meilen als Leuchtthurm dienen. + +Wir lagerten uns am äußern Rande des Kraters und blickten zuerst nach +Nordwest, wo die Küsten mit Dörfern und Weilern geschmückt sind. Vom Winde +fortwährend hin und her getriebene Dunstmassen zu unser Füßen boten uns +das mannigfaltigste Schauspiel. Eine ebene Wolkenschicht zwischen uns den +tiefen Regionen der Insel, dieselbe, von der oben die Rede war, war da und +dort durch die kleinen Luftströme durchbrochen, welche nachgerade die von +der Sonne erwärmte Erdoberfläche zu uns heraufsandte. Der Hafen von +Orotava, die darin ankernden Schiffe, die Gärten und Weinberge um die +Stadt wurden durch eine Oeffnung sichtbar, welche jeden Augenblick größer +zu werden schien. Aus diesen einsamen Regionen blickten wir nieder in eine +bewohnte Welt; wir ergötzten uns am lebhaften Contrast zwischen den dürren +Flanken des Pics, seinen mit Schlacken bedeckten steilen Abhängen, seinen +pflanzenlosen Plateaus, und dem lachtenden Anblick des bebauten Landes; +wir sahen, wie sich die Gewächse nach der mit der Höhe abnehmenden +Temperatur in Zonen vertheilen. Unter dem Piton beginnen Flechten die +verschlackten, glänzenden Laven zu überziehen; ein Veilchen [_Viola +cheiranthifolia_], das der _Viola decumbens_ nahe steht, geht am Abhang +des Vulkans bis zu 1740 Toisen [3390 m] Höhe, höher nicht allein als die +andern krautartigen Gewächse, sondern sogar höher als die Gräser, welche +in den Alpen und auf dem Rücken der Kordilleren unmittelbar an die +Gewächse aus der Familie der Kryptogamen stoßen. Mit Blüthen bedechte +Retamabüsche schmücken die kleinen, von den Regenströmen eingerissenen und +durch die Seitenausbrüche verstopften Thäler; unter der Retama folgt die +Region der Farn und auf diese die der baumartigen Heiden. Wälder von +Lorbeeren, Rhamnus und Erdbeerbäumen liegen zwischen den Heidekräutern und +den mit Reben und Obstbäumen bepflanzten Geländen. Ein reicher grüner +Teppich breitet sich von der Ebene der Ginster und der Zone der +Alpenkräuter bis zu den Gruppen von Dattelpalmen und Musen, deren Fuß das +Weltmeer zu bespülen scheint. Ich deute hier nur die Hauptzüge dieser +Pflanzenkarte an; im Folgenden gebe ich einiges Nähere über die +Pflanzengeographie der Insel Teneriffa. + +Daß auf der Spitze des Pics die Dörfchen, Weinberge und Gärten an der +Küste einem so nahe gerückt scheinen, dazu trägt die erstaunliche +Durchsichtigkeit der Luft viel bei. Trotz der bedeutenden Entfernung +erkannten wir nicht nur die Häuser, die Baumstämme, das Takelwerk der +Schiffe, wir sahen auch die reiche Pflanzenwelt der Ebenen in den +lebhaftesten Farben glänzen. Diese Erscheinung ist nicht allein dem hohen +Standpunkt zuzuschreiben, sie deutet auf eine eigenthümliche +Beschaffenheit der Luft in den heißen Ländern. Unter allen Zonen erscheint +ein Gegenstand, der sich auf dem Meeresspiegel befindet und von dem die +Lichtstrahlen in wagrechter Richtung ausgehen, weniger lichtstark, als +wenn man ihn vom Gipfel eines Berges sieht, wohin die Wasserdämpfe durch +Luftschichten von abnehmender Dichtigkeit gelangen. Gleich auffallende +Unterschiede werden vom Einfluß der Klimate bedingt; der Spiegel eines +Sees oder eines breiten Flusses glänzt bei gleicher Entfernung weniger, +wenn man ihn vom Kamme der Schweizer Hochalpen, als wenn man ihn vom +Gipfel der Cordilleren von Peru oder Mexico sieht. Je reiner und heiterer +die Luft ist, desto vollständiger wird das Licht bei seinem Durchgang +geschwächt. Wenn man von der Südsee her auf die Hochebene von Quito oder +Antisana kommt, so wundert man sich in den ersten Tagen, wie nahe gerückt +Gegenstände erscheinen, die sieben, acht Meilen entfernt sind. Der Pic von +Teyde genießt nur zwar nicht des Vortheils, unter den Tropen zu liegen, +aber die Trockenheit der Luftsäulen, welche fortwährend über den +benachbarten afrikanischen Ebenen aufsteigen und die die Westwinde rasch +herbeiführen, verleiht der Luft der canarischen Inseln eine +Durchsichtigkeit, hinter der nicht nur die Luft Neapels und Siziliens, +sondern vielleicht sogar der klare Himmel Perus und Quitos zurückstehen. +Auf dieser Durchsichtigkeit beruht vornehmlich die Pracht der Landschaften +unter den Tropen; sie hebt den Glanz der Farben der Gewächse und steigert +die magische Wirkung ihrer Harmonien und ihrer Contraste. Wenn eine große, +um die Gegenstände verbreitete Lichtmasse in gewissen Stunden des Tages +die äußern Sinne ermüdet, so wird der Bewohner südlicher Klimate durch +moralische Genüsse dafür entschädigt. Schwung und Klarheit der Gedanken, +innerliche Heiterkeit entsprechen der Durchsichtigkeit der umgebenden +Luft. Man erhält diese Eindrücke, ohne die Grenzen von Europa zu +überschreiten; ich berufe mich auf die Reisenden, welche jene durch die +Wunder des Gedankens und der Kusnt verherrlichten Länder gesehen haben, +die glücklichen Himmelsstriche Griechenlands und Italiens. + +Umsonst verlängerten wir unseren Aufenthalt auf dem Gipfel des Pics, des +Moments harrend, wo wir den ganzen Archipel der glückseligen Inseln(18) +würden übersehen können. Wir sahen zu unseren Füßen Palma, Gomera und die +Große Canaria. Die Berge von Lanzerota, die bei Sonnenaufgang dunstfrei +gewesen waren, hüllten sich bald wieder in dichte Wolken. Nur die +gewöhnliche Refraction vorausgesetzt, übersieht das Auge bei hellen Wetter +vom Gipfel des Vulkans ein Stück Erdoberfläche von 5700 Quadratmeilen +[115000 qkm], also so viel als ein Viertheil der Oberfläche Spaniens. Oft +ist die Frage aufgeworfen worden, ob man von dieser ungeheurn Pyramide die +afrikanische Küste sehen könne. Aber die nächsten Striche dieser Küste +sind 2 Grad 49 Minuten im Bogen, oder 56 Meilen [252 km] entfernt; da nun +der Gesichtshalbmesser des Horizonts des Pics 1 Grad 47 Minuten beträgt, +so kann Cap Bojador nur sichtbar werden, wenn man ihm 200 Toisen +Meereshöhe gibt. Wiir wissen gar nicht, wie hoch die Schwarzen Berge bei +Cap Bojador sind, sowie der Pic südlich von diesem Vorgebirge, den die +Seefahrer Peñon grade nennen. Wäre der Gipfel des Vulkans von Teneriffa +zugänglicher, so ließen sich dort ohne Zweifel bei gewissen Windrichtungen +die Wirkungen ungewöhnlicher Refraction beobachten. Liest man die Berichte +spanischer und portugiesischer Schriftsteller über die Existenz der +fabelhaften Insel San Borondon oder Antilia, so sieht man, daß in diesen +Strichen vorzüglich der feuchte West-Süd-Westwind Luftspiegelungen zur +Folge hat;(19) indessen wollen wir nicht mit Viera glauben, »daß durch das +Spiel der irdischen Refraction die Inseln des grünen Vorgebirges, ja sogar +die Apalachen in Amerika den Bewohnern der Canarien sichtbar werden +können.« + +Die Kälte, die wir auf dem Gipfel des Pics empfanden, war für die +Jahreszeit sehr bedeutend. Der hunderttheilige Thermometer(20) zeigte +entfernt vom Boden und von den Fumarolen, die heiße Dämpfe ausstoßen, im +Schatten 2°,7. Der Wind war West, also dem entgegengesetzt, der einen +großen Teil des Jahres Teneriffa die heiße Luft zuführt, die über den +glühenden Wüsten Afrikas aufsteigt. Da die Temperatur im Hafen von +Orotava, nach Herrn Savagis Beobachtung, 22°,8 war, so nahm die Wärme auf +94 Toisen Höhe um einen Grad ab. Dieses Ergebniß stimmt vollkommen mit dem +überein, was Lamanon und Saussure auf den Spitzen des Pics und des Aetna, +obwohl in sehr verschiedenen Jahreszeiten, beobachtet haben. [Lamanons +Beobachtung ergiebt einen Grad auf 99 Toisen, obgleich die Temperatur des +Pics um 9° von der von uns beobachteten abwich. Am Aetna fand Saussure die +Abnahme gleich 91 Toisen.] Die schlanke Gestalt dieser Berge bietet den +Vortheil, daß man die Temperatur zweier Luftschichten fast senkrecht über +einander beobachten kann, und in dieser Beziehung gleichen die +Beobachtungen, die man bei der Besteigung des Vulkans von Teneriffa macht, +denen, die man bei einer Auffahrt im Luftballon machen kann. Es ist +indessen zu bemerken, daß die See wegen ihrer Durchsichtigkeit und wegen +der Verdunstung weniger Wärme den hohen Luftschichten zusendet als die +Ebenen; daher ist es auf vom Meer umgebenen Berggipfeln im Sommer kälter +als auf Bergen mitten im Lande; dieses Moment hat aber nur geringen +Einfluß auf die Abnahme der Luftwärme, da die Temperatur der tiefen +Regionen in der Nähe des Meeres gleichfalls eine niedrigere ist. + +Anders verhält es sich mit dem Einflusse der Windrichtung und der +Geschwindigkeit des aufsteigenden Stroms; letzterer erhöht nicht selten +die Temperatur der höchsten Berge in erstaunlichem Grade. Am Abhang des +Antisana im Königreich Quito sah ich in 2837 Toisen Höhe den Thermometer +auf 19° stehen; Labillardière beobachtete am Kraterrand des Pic von +Teneriffa 18°,7, wobei er alle erdenkliche Vorsicht gebraucht hatte, um +den Einfluß zufälliger Ursachen auszuschließen. Da die Temperatur der +Rhede von Santa Cruz zur selben Zeit 28° war, so betrug der Unterschied +zwischen der Luft an der Küste und der auf dem Pic 9°,3 statt 20°, die +einer Wärmeabnahme von einem Grad auf 94 Toisen entsprechen. Ich finde im +Schiffstagebuch von l´Entrecasteaux´s Expedition, daß damals in Santa Cruz +der Wind Süd-Süd-Ost war. Vielleicht wehte derselbe Wind stärker in den +hohen Luftregionen; vielleicht trieb er in schiefer Richtung die warme +Luft vom nahen Festlande der Spitze des Piton zu. Labillardières +Besteigung fand zudem am 17. Oktober 1791 statt, und in den Schweizer +Alpen hat man die Beobachtung gemacht, daß der Temperaturunterschied +zwischen Berg und Tiefland im Herbst geringer ist als im Sommer. Alle +diese Schwankungen im Maß der Temperaturabnahme haben auf die Messungen +mittelst des Barometers nur insofern Einfluß, als die Abnahme in den +dazwischenliegenden Schichten nicht gleichförmig ist, und von der +arithmetischen gleichmäßigen Progression, wie die angewandten Formeln sie +annehmen, abweicht. + +Wir wurden auf dem Gipfel des Pics nicht müde, die Farbe des blauen +Himmelsgewölbes zu bewundern. Ihre Intensität im Zenith schien uns gleich +41° des Cyanometers. Man weiß nach Saussures Versuchen, daß diese +Intensität mit der Verdünnung der Luft zunimmt, und daß dasselbe +Instrument zu selben Zeit bei der Priorei von Chamouni 39° und auf der +Spitze des Montblanc 40° zeigte. Dieser Berg ist um 540 Toisen höher als +der Vulkan von Teneriffa, und wenn trotz diesem Unterschied auf ersterem +das Himmelsblau nicht so dunkel ist, so rührt dies wohl von der +Trockenheit der afrikanischen Luft und der Nähe der heißen Zone her. + +Wir fingen am Kraterrand Luft auf, um sie auf der Fahrt nach Amerika +chemisch zu zerlegen. Die Flasche war so gut verschlossen, daß, als wir +sie nach zehn Tagen öffneten, das Wasser mit Gewalt hineindrang. Nach +mehreren Versuchen mit Salpetergas in der engen Röhre des Fontanaschen +Eudiometers enthielt die Luft im Krater neun Hunderttheile weniger +Sauerstoff als die Seeluft; ich gebe aber wenig auf dieses Resultat, da +die Methode jetzt für ziemlich unzuverlässig gilt. Der Krater des Pics hat +so wenig Tiefe und die Luft darin erneuert sich so leicht, daß schwerlich +mehr Stickstoff darin ist als an der Küste. Wir wissen überdem aus +Gay-Lussacs und Theodor Saussures Versuchen, daß die Luft in den höchsten +Luftregionen wie in den tiefsten 0,21 Sauerstoff enthält.(21) + +Wir sahen auf dem Gipfel des Pics keine Spur von Psora, Lecidium oder +andern Crytogamen, kein Insekt flatterte in der Luft. Indessen findet man +hie und da ein hautflügligtes Insekt an den Schwefelmassen angeklebt, die +von schwefligter Säure feucht sind und die Oeffnungen der Fumarolen +auskleiden. Es sind Bienen, die wahrscheinlich die Blüthen des _Spartium +nubigenum_ aufgesucht hatten und vom Winde schief aufwärts in diese Höhe +getrieben worden waren, wie die Schmetterlinge, welche Ramond auf dem +Gipfel des Mont-Perdu gefunden. Die letzteren gehen durch die Kälte zu +Grunde, während die Bienen auf dem Pic geröstet werden, wenn sie +unvorsichtig den Spalten, an denen sie sich wärmen wollen, zu nahe kommen. + +Trotz dieser Wärme, die man am Rande des Kraters unter den Füßen spürt, +ist der Aschenkegel im Winter mehrere Monate mit Schnee bedeckt. +Wahrscheinlich bilden sich unter der Schneehaube große Höhlungen, ähnlich +denen unter den Gletschern in der Schweiz, die beständig eine niedrigere +Temperatur haben als der Boden, auf dem sie ruhen. Der heftige kalte Wind, +der seit Sonnenaufgang blies, zwang uns, am Fuße des Piton Schutz zu +suchen. Hände und Gesicht waren uns erstarrt, während unsere Stiefel auf +dem Boden, auf den wir den Fuß setzten, verbrannten. In wenigen Minuten +waren wir am Fuß des Zuckerhuts, den wir so mühsam erklommen, und diese +Geschwindigkeit war zum Theil unwillkürlich, da man häufig in der Asche +hinunterrutscht. Ungern schieden wir von dem einsamen Ort, wo sich die +Natur in ihrer ganzen Großartigkeit vor uns aufthut; wir hofften die +canarischen Inseln noch einmal besuchen zu können, aber aus dem Plan wurde +nichts, wie aus so vielen, die wir damals entwarfen. + +Wir gingen langsam durch das Malpays; auf losen Lavablöcken tritt man +nicht sicher auf. Der Station bei den Felsen zu wird der Weg abwärts +äußerst beschwerlich; der dichte kurze Rasen ist so glatt, daß man sich +beständig nach hinten überbeugen muß, um nicht zu stürzen. Auf der +sandigen Ebene der Retama zeigte der Thermometer 22°,5, und dieß schien +uns nach dem Frost, der uns auf dem Gipfel geschüttelt, eine erstickende +Hitze. Wir hatten gar kein Wasser; die Führer hatten nicht allein den +kleinen Vorrath Malvasier, den wir der freundlichen Vorsage Cologans +verdankten, heimlich getrunken, sondern sogar die Wassergefäße zerbrochen. +Zum Glück war die Flasche mit der Kraterluft unversehrt geblieben. + +In der schönen Region der Farn und der baumartigen Heiden genossen wir +endlich einiger Kühlung. Eine dicke Wolkenschicht hüllte uns ein; sie +hielt sich in 600 Toisen Höhe über der Niederung. Während wir durch diese +Schicht kamen, hatten wir Gelegenheit, eine Erscheinung zu beobachten, die +uns später am Abhang der Cordilleren öfters vorgekommen ist. Kleine +Luftströme trieben Wolkenstreifen mit verschiedener Geschwindigkeit nach +entgegengesetzten Richtungen. Dieß nahm sich aus, als ob in einer großen +stehenden Wassermasse kleine Wasserströme sich rasch nach allen Seiten +bewegten. Diese theilweise Bewegung der Wolken rührt wahrscheinlich von +sehr verschiedenen Ursachen her, und man kann sich denken, daß der Anstoß +dazu sehr weit her kommen mag. Man kann den Grund in den kleinen +Unebenheiten des Bodens suchen, die mehr oder weniger Wärme strahlen, in +einem auf irgend einem chemischen Proceß beruhenden Temperaturunterschied, +oder endlich in einer starken elektrischen Ladung der Dunstbläschen. + +In der Nähe der Stadt Orotava trafen wir große Schwärme von Canarienvögeln +[_Fringilla Canaria_. La Caille erzählt in seiner Reisebeschreibung nach +dem Cap, auf der Insel Salvage fänden sich diese Vögel in so ungeheurer +Menge, daß man in einer gewissen Jahreszeit nicht umhergehen könne, ohne +Eier zu zertreten.] Diese in Europa so wohl bekannten Vögel waren ziemlich +gleichförmig grün, einige auf dem Rücken gelblich; ihr Schlag glich dem +der zahmen Canarienvögel, man bemerkt indessen, daß die, welche auf der +Insel Gran Canaria und auf dem kleinen Eiland Monte Clara bei Lanzerota +gefanden werden, einen stärkeren und zugleich harmonischeren Schlag haben. +In allen Himmelsstrichen hat jeder Schwarm derselben Vogelart seine eigene +Sprache. Die gelben Canarienvögel sind eine Spielart, die in Europa +entstanden ist, und die, welche wir zu Orotava und Santa Cruz de Teneriffa +in Käfigen sahen, waren in Cadix und anderen spanischen Häfen gekauft. +Aber der Vogel der canarischen Inseln, der von allen den schönsten Gesang +hat, ist in Europa unbekannt, der Capirote, der so sehr die Freiheit +liebt, daß er sich niemals zähmen ließ. Ich bewunderte seinen weichen, +melodischen Schlag in einem Garten bei Orotava, konnte ihn aber nicht nahe +genug zu Gesicht bekommen, um zu bestimmen, welcher Gattung sie angehört. +Was die Papageien betrifft, die man beim Aufenthalt des Kapitän Cook auf +Teneriffa gesehen haben will, so existiren sie nur in Reiseberichten, die +einander abschreiben. Es gibt auf den Canarien wieder Papageien noch +Affen, und obgleich erstere in der neuen Welt bis Nordcarolina wandern, so +glaube ich doch kaum, daß in der alten über dem 28sten Grad nördlicher +Breite welche vorkommen. + +Wir kamen, als der Tag sich neigte, im Hafen von Orotava an und erhielten +daselbst die unerwartete Nachricht, daß der Pizarro erst in der Nach vom +24. zum 25. unter Segel gehen werde. Hätten wir auf diesen Aufschub +rechnen können, so wären wir entweder länger auf dem Pic geblieben(22) +oder hätten einen Ausflug nach dem Vulkan Chahorra gemacht. Den folgenden +Tag durchstreiften wir die Umgegend von Orotava. Da fühlten wir recht, daß +der Aufenthalt auf Teneriffa nicht bloß für den Naturforscher von +Interesse ist; man findet in Orotava Liebhaber von Literatur und Musik, +welche den Reiz europäischer Gesellschaft in diese fernen Himmelsstriche +verpflanzt haben. In dieser Beziehung haben die canarischen Inseln mit den +übrigen spanischen Kolonien, Havanna ausgenommen, wenig gemein. + +Am Vorabend des Johannistages wohnten wir einem ländlichen Feste in Herrn +Littles Garten bei. Dieser Handelsmann, der den Canarien bei der letzten +Getreidetheuerung bedeutende Dienste erwiesen, hat einen mit vulkanischen +Trümmern bedeckten Hügel angepflanzt und an diesem köstlichen Punkt einen +englischen Garten angelegt, wo man eine herrliche Aussicht auf die +Pyramide des Pics, auf die Dörfer an der Küste und die Insel Palme hat, +welche die weite Meeresfläche begrenzt. Ich kann diese Aussicht nur mit +der in den Golfen von Neapel und Genua vergleichen, aber hinsichtlich der +Großartigkeit der Massen und der Fülle des Pflanzenwuchses steht Orotave +über beiden. Bei Einbruch der Nacht bot uns der Abhang des Vulkans auf +einmal ein eigenthümliches Schauspiel. Nach einem Brauch, den ohne Zweifel +die Spanier eingeführt hatten, obgleich er an sich uralt ist, hatten die +Hirten die Johannisfeuer angezündet. Die zerstreuten Lichtmassen, die vom +Winde gejagten Rauchsäulen hoben sich an den Seiten des Pics vom +Dunkelgrün der Wälder ab. Freudengeschrei drang aus der Ferne zu uns +herüber, und schien der einzige Laut, der die Stille der Natur an jenen +einsamen Orten unterbrach. + +Die Familie Cologan besitzt ein Landhaus näher an der Küste als das eben +beschriebene. Der Name, den ihm der Eigenthümer gegeben, bezeichnet den +Eindruck, den dieser Landsitz macht. Das Haus *la Paz* hatte zudem noch +besonderes Interesse für uns. Borda, dessen Tod wir bedauerten, hatte hier +bei seiner letzten Reise nach den Canarien gewohnt. Auf einer kleinen +Ebene in der Nähe hat er die Standlinie zur Messung der Höhe des Pics +abgesteckt. Bei dieser trigonometrischen Messung diente der große +Drachenbaum von Orotava als Signal. Wollte einmal ein unterrichteter +Reisender eine genauere Messung des Vulkans mittelst astronomischer +Repetitionskreise vornehmen, so müßte er die Standlinie nicht bei Orotava, +sondern bei *los Silos*, an einem Orte, *Bante* genannt, messen; nach +Broussonet ist keine Ebene in der Nähe des Pics so groß wie diese. Wir +botanisirten bei la Paz und fanden in Menge das _Lichen roccella_ auf +basaltischem, von der See bespülten Gestein. Die Orseille der Canarien ist +ein sehr alter Handelsartikel; man bezieht aber das Moos weniger von +Teneriffa als von den unbewohnten Inseln Salvage, Graciosa, Alagranza, +sogar von Canaria und Hierro. + +Am 24. Juni Morgens verließen wir den Hafen von Orotava; in Laguna +speisten wir beim französischen Consul. Er hatte die Gefälligkeit, die +Besorgung der geologischen Sammlungen zu übernehmen, die wir dem +Naturaliencabinett des Königs von Spanien übermachten. Als wir vor der +Stadt auf die Rhede hinausblickten, sahen wir zu unserem Schreck den +Pizarro, unsere Corvette, unter Segel. Im Hafen angelangt, erfuhren wir, +er lavire mit wenigen Segeln, uns erwartend. Die englischen bei Teneriffa +stationirten Schiffe waren verschwunden, und wir hatten keinen Augenblick +zu verlieren, um aus diesen Strichen wegzukommen. Wir schifften uns allein +ein; unsere Reisegefährten waren Canarier gewesen, die nicht mit nach +Amerika gingen. + +Ehe wir den Archipel der Canarien verlassen, werfen wir einen Blick auf +die Geschichte des Landes. + +Vergeblich sehen wir uns im Periplus des Hanno und dem des Scylax nach den +ersten schriftlichen Urkunden über die Ausbrüche des Pics von Teneriffa +um. Diese Seefahrer hielten sich ängstlich an die Küsten, sie liefen jeden +Abend in eine Bay und ankerten, uns so konnten sie nichts von einem Vulkan +wissen, der 56 Meilen vom Festland von Afrika liegt. Hanno berichtet +indessen von leuchtenden Strömen, die sich in das Meer zu ergießen +schienen; jede Nacht haben sich auf der Küste viele Feuer gezeigt, und der +große Berg, der *Götterwagen* genannt, habe Feuergarben ausgeworfen, die +bis zu den Wolken aufgestiegen. Aber dieser Berg, nordwärts von der Insel +der Gorillas,(23) bildete das Westende der Atlaskette, und es ist zudem +sehr zweifelhaft, ob die von Hanno bemerkten Feuer wirklich von einem +vulkanischen Ausbruch herrührten, oder von dem bei so vielen Völkern +herrschenden Brauch, die Wälder und das dürre Gras der Savannen +anzuzünden. In neuester Zeit waren ja auch die Naturforscher, welche die +Expedition unter Controadmiral d´Entrecasteaux mitmachten, ihrer Sache +nicht gewiß, als sie die Insel Amsterdam mit dickem Rauch bedeckt sahen. +Auf der Küste von Caracas sah ich mehrere Nächte hinter einander röthliche +Feuerstreifen von brennendem Grase, die sich täuschend wie Lavaströme +ausnahmen, die von den Bergen herabkamen und sich in mehrere Arme +theilten. + +Obgleich in den Reisetagebüchern des Hanno und des Scylax, so weit sie uns +erhalten sind, keine Stelle vorkommt, die sich mit einigen Schein von +Recht auf die canarischen Inseln beziehen ließe, ist es doch sehr +wahrscheinlich, daß die Carthager und auch die Phönicier den Pic von +Teneriffa gekannt haben. [Einer der angesehensten deutschen Gelehrten, +Heeren, hält die glückseligen Inseln Diodors von Sicilien für Madera und +Porto Santo.] Zu Platos und Aristoteles Zeit waren dunkle Gerüchte davon +zu den Griechen gedrungen, nach deren Vorstellung die ganze Küste von +Afrika jenseits der Säulen des Hercules von vulkanischem Feuer verheert +war.(24) Die Inseln der Seligen, die man Anfangs im Norden, jenseits der +riphäischen Gebirge bei den Hyperboräern [Die Vorstellung vom Glück, der +hohen Kultur und dem Reichthum der Bewohner des Nordens hatten die +Griechen, die indischen Völker und die Mexicaner mit einander gemein.], +später südwärts von Cyrenaica gesucht hatte, wurden nach Westen verlegt, +dahin, wo die den Alten bekannte Welt ein Ende hatte. Was man glückselige +Inseln nannte, war lange ein schwankender Begriff, wie der Name *Dorado* +bei den ersten Eroberern Amerikas. Man versetzte das Glück an das Ende der +Welt, wie man den lebhaftesten Geistesgenuß in einer idealen Welt jenseits +der Grenzen der Wirklichkeit sucht. + +Es ist nicht zu verwundern, daß vor Aristoteles die griechischen +Geographen keine genaue Kenntniß von den canarischen Inseln und ihren +Vulkanen hatten. Das einzige Volk, das weit nach West und Nord die See +befuhr, die Carthager, fanden ihren Vortheil dabei, wenn sie diese +entlegenen Landstriche in den Schleier des Geheimnisses hüllten. Der +carthagische Senat duldete keine Auswanderung Einzelner und ersah diese +Inseln als Zufluchtsort in Zeiten der Unruhe und politischen Unfälle; so +sollten für die Carthager seyn, was der freie Boden von Amerika für die +Europäer bei ihren bürgerlichen und religiösen Zwistigkeiten geworden ist. + +Die Römer wurden erst achtzig Jahre vor Octavians Regierung näher mit den +canarischen Inseln bekannt. Ein bloßer Privatmann wollte den Gedanken +verwirklichen, den der carthagische Senat mit weiser Vorsicht gefaßt. Nach +seiner Niederlage durch Sylla sucht Sertorius, müde des Waffenlärms, eine +sichere, ruhige Zufluchtsstätte. Er wählt die glückseligen Inseln, von +denen man ihm an den Küsten von Bätika eine reizende Schilderung entwirft. +Er sammelt sorgfältig, was ihm von Reisenden an Nachrichten zukommt; aber +in den wenigen Stücken dieser Nachrichten, die auf uns gekommen sind, und +in den umständlicheren Beschreibungen des Sebosus und des Juba ist niemals +von Vulkanen und vulkanischen Ausbrüchen die Rede. Kaum erkennt man die +Insel Teneriffa und den Schnee, der im Winter die Spitze des Pics bedeckt, +am Namen *Nivaria*, der einer der glückseligen Inseln beigelegt wird. Man +könnte darnach annehmen, daß der Vulkan damals kein Feuer gespien habe, +wenn sich aus dem Stillschweigen von Schriftstellern etwas schließen +ließe, von denen wir nichts besitzen als Bruchstücke und trockene +Namenverzeichnisse. Umsonst sucht der Physiker in der Geschichte Urkunden +über die ältesten Ausbrüche des Pics; er findet nirgends welche außer in +der Sprache der Guanchen, in der das Wort »Echeyde«(25) zugleich die Hölle +und den Vulkan von Teneriffa bedeutete. + +Die älteste schriftliche Nachricht von der Thätigkeit des Vulkans, die ich +habe auffinden können, kommt aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts. +Sie findet sich in der Reisebeschreibung(26) des Aloysio Cadamusto, der im +Jahr 1505 auf den Canarien landete. Dieser Reisende war nicht selbst Zeuge +eines Ausbruchs, er versichert aber bestimmt, der Berg brenne fortwährend +gleich dem Aetna und das Feuer sey von Christen gesehen worden, die als +Sklaven der Guanchen auf Teneriffa lebten. Der Pic befand sich also damals +nicht im Zustand der Ruhe wie jetzt, denn es ist sicher, daß kein +Reisender und kein Einwohner von Teneriffa der Mündung des Pics von weitem +sichtbaren Rauch, geschweige denn Flammen, hat entsteigen sehen. Es wäre +vielleicht zu wünschen, daß der Schlund der *Caldera* sich weiter öffnete, +die Seitenausbrüche würden damit weniger heftig und die ganze Inselgruppe +hatte weniger von Erdbeben zu leiden. + +Ich habe zu Orotava die Frage besprechen hören, ob anzunehmen sey, daß der +Krater des Pics im Lauf der Jahrhunderte wieder in Thätigkeit treten +werde. In einer so zweifelhaften Sache kann man sich nur an die Analogie +halten. Nun war nach Braccinis Bericht im Jahr 1611 der Krater des Vesuvs +im Innern mit Gebüsch bewachsen. Alles verkündete die tiefste Ruhe, und +dennoch warf derselbe Schlund, der sich in ein schattiges Thal verwandeln +zu wollen schien, zwanzig Jahre später Feuersäulen und ungeheure Massen +Asche aus. Der Vesuv wurde im Jahr 1631 wieder so thätig, als er im Jahr +1500 gewesen war. So könnte möglicherweise auch der Krater des Pics sich +eines Tags wieder umwandeln. Er ist jetzt eine Solfatare, ähnlich der +friedlichen Solfatare von Puzzuoli; aber sie ist auf der Spitze eines noch +thätigen Vulkans gelegen. + +Die Ausbrüche des Pics waren seit zweihundert Jahren sehr selten, und +solche lange Pausen scheinen charakteristisch für sehr hohe Vulkane. Der +kleinste von allen, der Stromboli, ist fast in beständiger Thätigkeit. +Beim Vesuv sind die Ausbrüche seltener, indessen häufiger als beim Aetna +und dem Pic von Teneriffa. Die colossalen Gipfel der Anden, der Cotopaxi +und der Tungurahua speien kaum einmal im Jahrhundert Feuer. Bei thätigen +Vulkanen scheint die Häufigkeit der Ausbrüche im umgekehrten Verhältniß +mit der Höhe und der Masser derselben zu stehen. So schien auch der Pic +nach zwei und neunzig Jahren erloschen, als im Jahr 1792 der letzte +Ausbruch durch eine Seitenöffnung im Berg Chahorra erfolgte. In diesem +Zeitraum hat der Vesuv sechzehnmal Feuer gespieen. + +Ich habe anderwo ausgeführt, daß der genze gebirgigte Theil des +Königreichs Quito anzusehen ist als ein ungeheurer Vulkan von 700 +Quadratmeilen Oberfläche, der aus verschiedenen Kegeln mit eigenen Namen, +Cotopaxi, Tungurahua, Pichincha, Feuer speit. Ebenso ruht die ganze Gruppe +der canarischen Inseln gleichsam auf Einem untermeerischen Vulkan. Das +Feuer brach sich bald durch diese, bald durch jene der Inseln Bahn. Nur +Teneriffa trägt in seiner Mitte eine ungeheure Pyramide mit einem Krater +auf der Spitze, die in jahrhundertlangen Perioden aus ihren Seiten +Lavaströme ergießt. Auf den andern Inseln haben die verschiedenen +Ausbrüche an verschiedenen Stellen stattgefunden, und man findet dort +keinen vereinzelnten Berg, an den die vulkanische Thätigkeit gebunden +wäre. Die von uralten Vulkanen gebildete Basaltrinde scheint dort aller +Orten unterhöhlt, und die Lavaströme, die auf Lanzerota und Palma +ausgebrochen sind, kommen geologisch durchaus mit dem Ausbruch überein, +der im Jahr 1301 auf der Insel Ischia durch die Tuffe des Epomeo erfolgte. + +Es folgt hier die Liste der Ausbrüche, deren Andenken sich bei den +Geschichtschreibern der Insel seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts +erhalten hat. + +*Jahr 1558.* — Am 15. April. Zur selben Zeit wurde Teneriffa zum erstenmal +von der aus der Levante eingeschleppten Pest verheert. Ein Vulkan öffnet +sich auf der Insel Palma, nahe einer Quelle im _Partido de los Llanos_. +Ein Berg steigt aus dem Boden; auf der Spitze bildet sich ein Krater, der +einen hundert Toisen breiten und über 2500 Toisen langen Lavastrom +ergießt. Die Lava stürzt sich ins Meer, und durch die Erhitzung des +Wassers gehen die Fische in weitem Umkreis zu Grunde. [Dieselbe +Erscheinung wiederholte sich 1811 bei den Azoren, als der Vulkan Sabrina +auf dem Meeresboden ausbrach. Das calcinirte Skelett eines Haifisches +wurde im erloschenen, mit Wasser gefüllten Krater gefunden.] + +*Jahr 1646.* — Am 13. November thut sich ein Schlund auf der Insel Palma +bei Tigalate auf; zwei andere bilden sich am Meeresufer. Die Laven, die +sich aus diesen Spalten ergießen, machen die berühmte Quelle Foncaliente +oder Fuente Santa versiegen, deren Mineralwasser Kranke sogar aus Europa +herbeizog. Nach einer Volkssage wurde dem Ausbruch durch ein seltsames +Mittel Einhalt geboten. Das Bild unserer lieben Frau zum Schnee wurde aus +Santa Cruz an den Schlund des Vulkans gebracht, und alsbald fiel eine so +ungeheure Masse Schnee, daß das Feuer dadurch erlosch. In den Anden von +Quito wollen die Indianer die Bemerkung gemacht haben, daß die Thätigkeit +der Vulkane durch vieles einsickerndes Schneewasser gesteigert wird. + +*Jahr 1677.* — Dritter Ausbruch auf der Insel Palma. Der Berg las Cabras +wirft aus einer Menge kleienr Oeffnungen, die sich nacheinander bilden, +Schlacken und Asche aus. + +*Jahr 1704.* — Am 31. December. Der Pic von Teneriffa macht einen +Seitenausbruch in der Ebene les Infantes, oberhalb Ocore, im Bezirk +Guimar. Furchtbare Erdbeben gingen dem Ausbruch voran. Am 5. Januar 1705 +thut sich ein zweiter Schlund in der Schlucht Almerchiga, eine Meile von +Icore auf. Die Lava ist so stark, daß sie das ganze Thal Fasnia oder Areza +ausfüllt. Dieser zweite Schlund hört am 13. Januar zu speien auf. Ein +dritter bildet sich am 2. Februar in der Cañada de Araso. Die Lava in drei +Strömen bedroht das Dorf Guimar, wird aber im Thal Melosar durch einen +Felsgrat aufgehalten, der einen unübersteiglichen Damm bildet. Während +dieser Ausbrüche spürt die Stadt Orotava, die nur einen schmaler Damm von +den neuen Schlünden trennt, starke Erdstöße. + +*Jahr 1706.* — Am 5. Mai. Ein weiterer Seitenausbruch des Pics von +Teneriffa. Der Schlund bricht ab südlich vom Hafen von Garachico, damls +dem schönsten und besuchtesten der Insel. Die volkreiche, wohlhabende +Stadt hatte eine malerische Lage am Saum eines Lorbeerwaldes. Zwei +Lavaströme zerstören sie in wenigen Stunden; kein Haus blieb stehen. Der +Hafen, der schon im Jahr 1645 gelitten hatte, weil ein Hochwasser viel +Erdreich hineingeführt, wurde so ausgefüllt, daß die sich aufthürmenden +Laven in der Mitte seines Umfangs ein Vorgebirge bildeten. Ueberall, rings +um Garachico, wurde das Erdreich völlig umgewandelt. Aus der Ebene stiegen +Hügel auf, die Quellen blieben aus, und Felsmassen wurden durch die +häufigen Erdstöße der Dammerde und des Pflanzenwuchses beraubt und blieben +nackst stehen. Nur die Fischer ließen nicht vom heimathlichen Boden. +Muthig, wie die Einwohner von Torre del Greco, erbauten sie wieder ein +Dörfchen auf Schlackenhaufen und dem verglasten Gestein. + +*Jahr 1730.* — Am 1. September. Eine der furchtbarsten Catastrophen +zerstört den Landungsplatz der Insel Lancerota. Ein neuer Vulkan bildet +sich bei Temenfaya. Die Lavaströme und die Erdstöße, welche den Ausbruch +begleiten, zerstören eine Menge Dörfer, worunter die alten Flecken der +Guanchen Tingafa, Macintase und Guatisca. Die Stöße dauern bis 1736 fort, +und die Bewohner von Lancerota flüchten sich großen Theils auf die Insel +Fortanventra. Während dieses Ausbruchs, von dem schon im vorigen Capitel +die Rede war, sieht man eine dicke Rauchsäule aus der See aufsteigen. +Pyramidalische Felsen erheben sich über der Meeresfläche, die Klippen +werden immer größer und verschmelzen allmählich mit der Insel selbst. + +*Jahr 1798.* — Am 9. Juni. Seitenausbruch des Pics von Teneriffa, am +Abhang des Berges Charhorra oder Venge, [Der Abhang des Berges Venge, auf +dem Ausbruch stattfand, heißt Chazajañe.] an einem völlig unbebauten Ort. +Dieser Berg, der sich an den Pic anlehnt, galt von jeher für eine +erloschenen Vulkan. Er besteht zwar aus festen Gebirgsarten, verhält sich +aber doch zum Pic wie der Monte Rosso, der im Jahr 1661 aufstieg, oder die +_boche nueve_, die im Jahr 1794 aufbrachen, zum Aetna und zum Vesuv. Der +Ausbruch des Chahorra währte drei Monate und sechs Tage. Die Lava und die +Schlacken wurden aus vier Mündungen in Einer Reihe ausgeworfen. Die drei +bis vier Toisen hoch aufgethürmte Lava legte drei Fuß in der Stunde +zurück. Da dieser Ausbruch nur ein Jahr vor meiner Ankunft auf Teneriffa +erfolgt war, so war der Eindruck desselben bei den Einwohnern noch sehr +lebhaft. Ich sah bei Herrn le Gros in Durasno eine von ihm an Ort und +Stelle entworfene Zeichnung der Oeffnungen des Chahorra. Don Bernardo +Cologan hat diese Oeffnungen, acht Tage nachdem sie aufgebrochen, besucht +und die Haupterscheinungen bei dem Ausbruch in einem Aufsatz beschrieben, +von dem er mir eine Abschrift mittheilte, um sie meiner Reisebeschreibung +einzuverleiben. Seitdem sind dreizehn Jahre verflossen; Bory St. Vincent +ist mir mit der Veröffentlichung des Aufsatzes zuvorgekommen, und so +verweise ich den Leser auf sein interessantes Werk: _Essai sur les îles +fortunées._ Ich beschränke mich hier darauf, Einiges über die Höhe +mitzutheilen, zu der sehr ansehnliche Felstücke aus den Oeffnungen des +Chahorra emporgeschleudert wurden. Cologan zählte während des Falls der +Steine 12–15 Secunden, [Cologan bemerkt, der Fall habe sogar über 15 +Sekunden gedauert, weil er den Stein mit dem Auge nicht verfolgen konnte, +bis er auffiel.] das heißt er fing im Moment zu zählen an, wo sie ihre +höchste Höhe erreicht hatten. Aus dieser interessanten Beobachtung geht +hervor, daß die Felstücke aus der Oeffnung über dreitausend Fuß hoch +geschleudert wurden. + +Alle in dieser chronologischen Uebersicht verzeichneten Ausbrüche gehören +den drei Inseln Palma, Teneriffa und Lancerota an. Wahrscheinlich sind vor +dem sechzehnten Jahrhundert die übrigen Inseln auch vom vulkanischen Feuer +heimgesucht worden. Nach mit mitgetheilten unbestimmten Notizen läge +mitten auf der Insel Ferro ein erloschener Vulkan und ein anderer auf der +Großen Canaria bei Arguineguin. Es wäre aber wichtig zu erfahren, ob sich +an der Kalkformation von Fortaventura oder am Granit und Glimmerschiefer +von Gomera Spuren des unterirdischen Feuers zeigen. + +Die rein seitliche vulkanische Thätigkeit des Pics von Teneriffa ist +geologisch um so merkwürdiger, als sie dazu beiträgt, die Berge, die sich +an den Hauptvulkan anlehnen, isolirt erscheinen zu lassen. Allerdings +kommen auch beim Aetna und beim Vesuv die großen Lavaströme auch nicht aus +dem Krater selbst, und die Masse geschmolzener Stoffe steht meist im +umgekehrten Verhältniß mit der Höhe, in der sich die Spalte bildet, welche +die Lava auswirft. Aber beim Vesuv und Aetna endet ein Seitenausbruch +immer damit, daß der Krater, das heißt die eigentliche Spitze des Bergs, +Feuer und Asche auswirft. Beim Pic von Teneriffa ist solches seit +Jahrhunderten nicht vorgekommen. Auch beim letzten Ausbruch im Jahr 1798 +blieb der Krater vollkommen unthätig. Sein Grund hat sich nicht gesenkt, +während nach Leopolds von Buch scharfsinniger Bemerkung beim Vesuv die +größere oder geringere Tiefe des Kraters fast ein untrügliches Zeichen +ist, ob ein neuer Ausbruch bevorsteht oder nicht. + +Werfen wir jetzt einen Blick darauf, wie einst geschmolzenen Felsmassen +des Pics, wie die Basalte und Mandelsteine sich allmählich mit einer +Pflanzendecke überzogen haben, wie die Gewächse an den steilen Abhängen +des Vulkans vertheilt sind, welcher Charakter der Pflanzenwelt der +canarischen Inseln zukommt. + +Im nördlichen Theile des gemäßigten Erdstrichs bedecken cryptogamische +Gewächse zuerst die steinigte Erdrinde. Auf die Flechten und Moose, deren +Lauf sich unter dem Schnee entwickelt, folgen grasartige und anderen +phanerogame Pflanzen. Anders an den Grenzen des heißen Erdstrichs und +zwischen den Tropen selbst. Allerdings findet man dort, was auch manche +Reisende sagen mögen, nicht allein auf den Bergen, sondern auch an +feuchten, schattigen Orten Funarien, Dicranum- und Bryumarten; unter den +zahlreichen Arten dieser Gattungen befinden sich mehrere, die zugleich in +Lappland, auf dem Pic von Teneriffa und in den blauen Bergen auf Jamaica +vorkommen; im Allgemeinen aber beginnt die Vegetation in den Ländern in +der Nähe der Tropen nicht mit Flechten und Moosen. Auf den Canarien, wie +in Guinea und an den Felsenküsten von Peru, sind es die Saftpflanzen, die +den Grund zur Dammerde legen, Gewächse, deren mit unzähligen Oeffnungen +und Hautgefäßen versehenen Blätter der umgebenden Luft des darin +aufgelöste Wasser entziehen. Sie wachsen in den Ritzen des vulkanischen +Gesteins und bilden gleichsam die erste vegetabilische Schicht, womit sich +die Lavaströme überziehen. Ueberall wo die Laven verschlackt sind oder +eine glänzende Oberfläche haben, wie die Basaltkuppen im Norden von +Lancerota, entwickelt sich die Vegetation ungemein langsam darauf, und es +vergehen mehrere Jahrhunderte, bis Buschwerk darauf wächst. Nur wenn die +Lava mit Tuff und Asche bedeckt ist, verliert sich auf vulkanischen +Eilanden die Kahlheit, die sich in der erstene Zeit nach ihrer Bildung +auszeichnet, und schmücken sie sich mit einer üppigen glänzenden +Pflanzendecke. + +In seinem gegenwärtigen Zustand zeigt die Insel Teneriffa oder das +*Chinerfe* [Aus *Chinerfe* haben die Europäer durch Corruption +*Tschineriffe*, *Teneriffa* gemacht.] der Guanchen fünf Pflanzenzonen, die +man bezeichnen kann als die Regionen der Weinreben, der Lorbeeren, der +Fichten, der Retama, der Gräser. Diese Zonen liegen am steilen Abhang des +Pics wie Stockwerke über einander und haben 1750 Toisen senkrechte Höhe, +während 15 Grad weiter gegen Norden in den Pyrenäen der Schnee bereits zu +1300–1400 Toisen absoluter Höhe herabreicht. Wenn auf Teneriffa die +Pflanzen nicht bis zum Gipfel des Vulkans vordringen, so rührt dies nicht +daher, weil ewiges Eis(27) und die Kälte der umgebenden Luft ihnen +unübersteigliche Grenzen setzen: vielmehr lassen die verschlackten Laven +des Malpays und der dürre, zerriebene Bimsstein des Piton die Gewächse +nicht an den Kraterrand gelangen. + +Die *erste Zone*, die der Reben, erstreckt sich vom Meeresufer bis in +2–300 Toisen Höhe; sie ist die am stärksten bewohnte und die einzige, wo +der Boden sorgfältig bebaut ist. In dieser tiefen Lage, im Hafen von +Orotava und überall, wo die Winde freien Zutritt haben, hält sich der +hunderttheilige Thermometer im Winter, im Januar und Februar, um Mittag +auf 15–17°; im Sommer steigt die Hitze nicht über 25 oder 26°, ist also um +5–6° geringer als die größte Hitze, die jährlich in Paris, Berlin und +St. Petersburg eintritt. Dieß ergibt sich aus den Beobachtungen Savaggi´s +in den Jahren 1795–1799. Die mittlere Temperatur der Küste von Teneriffa +scheint wenigstens 21° (16°,8 R.) zu seyn, und ihr Klima steht in der +Mitte zwischen dem von Neapel und dem heißen Erdstrichs. Auf der Insel +Madera sind die mittleren Temperaturen des Januar und des August, nach +Heberden, 17°,7 und 23°,8, in Rom dagegen 5°,6 und 26°,1. Aber so ähnlich +sich die Klimate von Madera und Teneriffa sind, kommen doch die Gewächse +er ersteren Insel im Allgemeinen in Europa leichter fort als die von +Teneriffa. Der _Cheiranthus longifolius_ von Orotava z. B. erfriert in +Marseille, wie de Candolle beobachtet hat, während der _Cheiranthus +mutabilis_ von Madera dort im Freien überwintert. Die Sommerhitze dauert +auf Madera nicht so lang als auf Teneriffa. + +In der Region der Reben kommen vor acht Arten baumartiger Euphorbien, +Mesembryanthemum-Arten, die vom Cap der guten Hoffnung bis zum Peloponnes +verbreitet sind, die _Cacalia Kleinia_, der Drachenbaum, und andere +Gewächse, die mit ihrem nackten, gewundenen Stamm, mit den saftigen +Blättern und der blaugrünen Färbung den Typus der Vegetation Afrikas +tragen. In dieser Zone werden der Dattelbaum, der Bananenbaum, der +Zuckerrohr, der indische Feigenbaum, _Arum colocasia_, dessen Wurzel dem +gemeinen Volk ein nahrhaftes Mehl liefert, der Oelbaum, die europäischen +Obstarten, der Weinstock und die Getreidearten gebaut. Das Korn wird von +Ende März bis Anfang Mai geschnitten, und man hat mit dem Anbau des +Otaheite´schen Brodbaums, des Zimmtbaums von den Molukken, des Kaffeebaums +aus Arabien und des Cacaobaums aus Amerika gelungene Versuche gemacht. Auf +mehreren Punkten der Küste hat das Land ganz den Charakter einer +tropischen Landschaft. Chamärops und der Dattelbaum kommen auf der +fruchtbaren Ebene von Murviedro, an der Küste von Genua und in der +Provence bei Antibes unter 39–44 Grad der Breite ganz gut fort; einige +Dattelbäume wachsen sogar innerhalb der Mauern von Rom und dauern in einer +Temperatur von 2°,5 unter dem Gefrierpunkt aus. Wenn aber dem südlichen +Europa nur erst ein geringes Theil von Schätzen zugetheilt ist, welche die +Natur in der Region der Palmen ausstreut, so ist die Insel Teneriffa, die +unter derselben Breite liegt wie Egypten, das südliche Persion und +Florida, bereits mit denselben Pflanzengestalten geschmückt, welche den +Landschaften in der Nähe des Aequators ihre Großartigkeit verleihen. + +Bei der Musterung der Sippen einheimischer Gewächse vermißt man ungern die +Bäume mit den zartgefiederten Blättern und die baumartigen Gräser. Keine +Art der zahlreichen Familie der Sensitiven ist auf ihrer Wanderung zum +Archipel der Canarien vorgedrungen, während sie auf beiden Continenten bis +zum 38. und 40. Breitegrad vorkommen. In Amerika ist die _Schrankchia +uncinata_ Wildenows [_Mimosa horridula, Michaux_] bis hinauf in die Wälder +von Virginien verbreitet; in Afrika wächst die _Acacia gummifera_ auf den +Hügeln bei Mogador, in Asien, westwärts vom caspischen Meer, hat v. +Biberstein die Ebenen von Ehyrvan mit _Acacia stephaniana_ bedeckt +gesehen. Wenn man die Pflanzen von Lancerota und Fortaventura, die der +Küste von Marocco am nächsten liegen, genauer untersuchte, könnten sich +doch unter so vielen Gewächsen der afrikanischen Flora leicht ein paar +Mimosen finden. + +Die *zweite Zone*, die der Lorbeeren, begreift den bewaldeten Strich von +Teneriffa; es ist dieß auch die Region der Quellen, die aus dem immer +frischen, feuchten Rasen sprudeln. Herrliche Wälder krönen die an den +Vulkan sich lehnenden Hügel Hier wachsen vier Lorbeerarten [_Laurus +indica, L. foetens, L. nobilis_ und _L. Til._. Zwischen diesen Bäumen +wachsen _Aridisia excelsa_, _Rhamnus glandulosus_, _Erica arborea_, _Erica +Texo._], eine der _Quercus Turneri_ aus den Bergen Tibets nahestehende +Eiche, [_Quercus Canariensis, Broussonet._] die _Visnea Mocanera_, die +_Myrica Faya_ der Azoren, ein einheimischer Olivenbaum (_Olea excelsa_), +der größte Baum in dieser Zone, zwei Arten _Sideroxylon_ mit ausnehmend +schönem Laub, _Arbutus callycarpa_ und andere immergrüne Baume aus der +Familie der Myrten. Winden und ein vom europäischen sehr verschiedener +Epheu (_Hedera canariensis_) überziehen die Lorbeerstämme, und zu ihren +Füßen wuchern zahllose Farn, [_Woodwardia radicans, Asplenium palmatum, +A. canariense, A. latifolium, Nothalaena subcurdata, Trichomanes +canariensis, T. speciosus_ und _Davallia canariensis_.] von denen nur drei +Arten [Zwei _Acrostichum_ und das _Ophyoglossum lusitanicum_.] schon in +der Regin der Reben vorkommen. Auf dem mit Moosen und zartem Grad +überzogenen Boden prangen überall die Blüthen der _Campanula aurea_, des +_Chrysanthemum pinnatifidum_, der _Mentha canariensis_ und mehrerer +strauchartiger Hypericumarten [_Hypericum canariense_, _H. floribundum_ +und _H. glandulosum._]. Pflanzungen von wilden und geimpften Kastanien +bilden einen weiten Gürtel um das Gebiet der Quellen, welches das grünste +und lieblichste von allen ist. + +Die *dritte Zone* beginnt in 900 Toisen absoluter Höhe, da wo die letzten +Gebüsche von Erdbeerbäumen, _Myrica Faya_ und des schönen Heidekrauts +stehen, das bei den Eingeborenen Texo heißt. Diese 400 Toisen breite Zone +besteht ganz aus einem mächtigen Fichtenwald, in dem auch Broussonets +_Juniperus Cedro_ vorkommt. Die Fichten haben sehr lange, ziemlich steife +Blätter, deren zuweilen zwei, meist aber drei in einer Scheide stecken. Da +wir ihre Früchte nicht untersuchen konnten, wissen wir nicht, ob diese +Art, die im Wuchs der schottischen Fichte gleicht, sich wirklich von den +achtzehn Fichtenarten unterscheidet, die wir bereits in der alten Welt +kennen. Nach der Ansicht eines berühmten Botanikers, dessen Reisen die +Pflanzengeographie Europas sehr gefördert haben, de Candolle, +unterscheidet sich die Fichte von Teneriffa sowohl von der _Pinus +atlantica_ in den Bergen bei Mogador, als von der Fichte von Aleppo,(28) +die dem Becken des mittelländischen Meeres angehört und nicht über die +Säulen des Herkules hinauszugehen scheint. Die letzten Fichten fanden wir +am Pic etwa in 1200 Toisen Höhe über dem Meer. In den Cordilleren von +Neuspanien, im heißen Erdstrich, gehen die mexicanischen Fichten bis zu +2000 Toisen Höhe. So sehr auch die verschiedenen Arten einer und derselben +Pflanzengattung im Bau übereinkommen, so verlangt doch jede zu ihrem +Fortkommen einen bestimmten Grad von Wärme und Verdünnung der umgebenden +Luft. Wenn in den gemäßigten Landstrichen und überall, wo Schnee fällt, +die constante Bodenwärme etwas höher ist als die mittlere Lufttemperatur, +so ist anzunehmen, daß in der Höhe des Portillo die Wurzeln der Fichten +ihre Nahrung aus einem Boden ziehen, in dem in einer gewissen Tiefe der +Thermometer höchstens auf 9 bis 10 Grad steigt. + +Die *vierte und fünfte Zone*, die der Retama und der Gräser, liegen so +hoch wie die unzugänglichsten Gipfel der Pyrenäen. Es ist dieß der öde +Landstrich der Insel, wo Haufen von Bimsstein, Obsidian und zertrümmerter +Lava wenig Pflanzenwuchs aufkommen lassen. Schon oben war von den +blühenden Büschen des Alpenginsters _(Spartium nubigenum)_ die Rede, +welche Oasen in einem weiten Aschenmeer bilden. Zwei krautartige Gewächse, +_Scrophularia glabrata_ und _Viola cheiranthifolia_, gehen weiter hinauf +bis ins Malpays. Ueber einem vom der afrikanischen Sonne ausgebrannten +Rasen bedeckt die _Cladonia paschalis_ dürre Strecken; die Hirten zünden +sie häufig an, wobei sich dann das Feuer sehr weit verbreitet. Dem Gipfel +des Pic zu arbeiten Urceolarien und andere Flechten an der Zersetzung des +verschlackten Gesteins, und so erweitert sich auf von Vulkanen verheerten +Eilanden Floras Reich durch die nie stockende Thätigkeit organischer +Kräfte. + +Ueberblicken wir die Vegetationszonen von Teneriffa, so sehen wir, daß die +ganze Insel als ein Wald von Lorbeeren, Erdbeerbäumen und Fichten +erscheint, der kaum an seinen Rändern von Menschen urbar gemacht ist, und +in der Mitte ein nacktes steinigtes Gebiet umschließt, das weder zum +Ackerbau noch zur Weide taugt. Nach Broussonets Bemerkung läßt sich der +Archipel der Canarien in zwei Gruppen theilen. Die erste begreift +Lancerota und Fortaventura, die zweite Teneriffa, Canaria, Gomera, Ferro +und Palma. Beide weichen im Habitus ihrer Vegetation bedeutend von +einander ab. Die ostwärts gelegenen Inseln, Lancerota und Fortaventura, +haben weite Ebenen und nur niedrige Berge; sie sind fast quellen los, und +diese Eilande haben noch mehr als die andern die Charakter vom Continent +getrennter Länder. Die Winde wehen hier in derselben Richtung und zu +denselben Zeiten; _Euphorbia mauritanica_, _Atropa frutescens_ und +_Sonchus arborescens_ wuchern im losen Sand und dienen wie in Afrika den +Kameelen als Futter. Auf der westlichen Gruppe der Canarien ist das Land +höher, stärker bewaltet, und besser von Quellen bewässert. + +Auf dem ganzen Archipel finden sich zwar mehrere Gewächse, die auch in +Portugal(29), in Spanien, auf den Azoren und im nordwestlichen Afrika +vorkommen, aber viele Arten und selbst einige Gattungen sind Teneriffa, +Porto-Santo und Madera eigenthümlich, unter andern _Mocanera_, _Plocama_, +_Bosea_, _Canarina_, _Drusa_, _Pittosporum_.Ein Typus, der sich als ein +nördlicher ansprechen läßt, der der Kreuzblüthen, [Von den wenigen +Cruciferen in der Flora von Teneriffa führen wir an: _Cheiranthus +longifolius_, _Ch. frutescens_, _Ch. scoparis,_ _Erysimum bicorne_, +_Crambe strigosa_, _C. laevigata_.] ist auf den Canarien schon weit +seltener als in Spanien und Griechenland. Weiter nach Süden, im tropischen +Landstrich beider Continente, wo die mittlere Lufttemperatur über 22° ist, +verschwinden die Kreuzblüthen fast gänzlich. + +Eine Frage, die für die Geschichte der fortschreitenden Entwicklung des +organischen Lebens auf dem Erdball von großer Bedeutung erscheint, ist in +neuerer Zeit viel besprochen worden, nämlich, ob polymorphe Gewächse auf +vulkanischen Inseln häufiger sind als anderswo? Die Vegetation von +Teneriffa unterstützt keineswegs die Annahme, daß die Natur auf +neugebildetem Boden in Pflanzenformen weniger streng festhält. Broussonet, +der sich so lang auf den Canarien aufgehalten, versichert, veränderlich +Gewächse seyen nicht häufiger als im südlichen Europa. Wenn auf der Inseln +Bourbon so viele polymorphe Arten vorkommen, sollte dies nicht vielmehr +von der Beschaffenheit Bodens und des Klimas herrühren, als davon, daß die +Vegetation jung ist? + +Wohl darf ich mir schmeicheln, mit dieser Naturskizze von Teneriffa +einiges Licht über Gegenstände verbreitet zu haben, die bereits von so +vielen Reisenden besprochen worden sind; indessen glaube ich, daß die +Naturgeschichte dieses Archipels der Forschung noch ein weites Feld +darbietet. Die Leiter der wissenschaftlichen Entdeckungsfahrten, wie sie +England, Frankreich, Spanien, Dänemark und Rußland zu ihrem Ruhme +unternommen, haben meist zu sehr geeilt, von den Canaren wegzukommen. Sie +dachten, da diese Inseln so nahe bei Europa liegen, müßten sie genau +beschrieben seyn; sie haben vergessen, daß das Innere von Neuholland +geologisch nicht unbekannter ist als die Gebirgsarten von Lancerota und +Gomera, Porto-Santo und Terceira. So viele Gelehrte bereisen Jahr für Jahr +ohne bestimmten Zweck die besuchtesten Länder Europas. Es wäre +wünschenswerth, daß einer und der andere, den ächte Liebe zur Wissenschaft +beseelt und dem die Verhältnisse eine mehrjährige Reise gestatten, den +Archipel der Azoren, Madera, die Canarien, die Inseln des grünen +Vorgebirgs und die Nordwestküste von Afrika bereiste. Nur wenn man die +atlantischen Inseln und das benachbarte Festland nach den selben +Gesichtspunkten untersucht und die Beobachtungen zusammenstellt, gelangt +man zur genauen Kenntniß der geologischen Verhältnisse und der Verbreitung +der Thiere und Gewächse. + +Bevor ich die alte Welt verlasse und in die neue übersetze, habe ich einen +Gegenstand zu berühren, der allgmeineres Interesse bietet, weil der sich +auf die Geschichte der Menschheit und die historischen Verhängnisse +bezieht, durch welche ganze Volkssstämme vom Erdboden verschwunden sind. +Auf Cuba, St. Domingo, Jamaica fragt man sich, wo die Ureinwohner dieser +Länder hingekommen sind; auf Teneriffa fragt man sich, was aus den +Guanchen geworden ist, deren in Höhlen versteckte, vertrocknete Mumien +ganz allein der Vernichtung entgangen sind. Im fünfzehnten Jahrhundert +holten fast alle Handelsvölker, besonders aber die Spanier und +Portugiesen, Sklaven von den Canarien, wie man sie jetzt von der Küste von +Guinea holt. [Die spanischen Geschichtsschreiber sprechen von Fahrten, +welche die Hugenotten von La Rochelle unternommen haben sollen, um +Guanchensklaven zu holen. Ich kann dies nicht glauben, da diese Fahrten +nach dem Jahr 1530 fallen müßten.] Die christliche Religion, die in ihren +Anfängen die menschliche Freiheit so mächtig förderte, mußte der +europäischen Habsucht als Vorwand dienen. Jedes Individuum, das gefangen +wurde, ehe es getauft war, verfiel der Sklaverei. Zu jener Zeit hatte man +noch nicht zu beweisen gesucht, daß der Neger ein Mittelding zwischen +Mensch und Thier ist; der gebräunte Guanche und der afrikanische Neger +wurden auf dem Markte zu Sevilla mit einander verkauft, und man stritt +nicht über die Frage, ob nur Menschen mit schwarzer Haut und Wollhaar der +Sklaverei verfallen sollen. + +Auf dem Archipel der Canarien bestanden mehrere kleine, einander feindlich +gegenüber stehende Staaten. Oft war dieselbe Insel zwei unabhängigen +Fürsten unterworfen, wie in der Südsee und überall, wo die Cultur noch auf +tiefer Stufe steht. Die Handelsvölker befolgten damals hier dieselbe +arglistige Politik, wie jetzt auf den Küsten von Afrika: sie leisteten den +Bürgerkriegen Vorschub. So wurde ein Guanche Eigenthum des andern, und +dieser verkaufte jenen den Europäern; manche zogen den Tod der Sklaverei +vor und tödteten sich und ihre Kinder. So hatte die Bevölkerung der +Canarien durch den Sklavenhandel, durch die Menschenräuberei der Piraten, +besonders aber durch lange blutige Zwiste bereits starke Verluste +erlitten, als Alonso de Lugo sie vollends eroberte. Den Ueberrest der +Guanchen raffte im Jahr 1494 größtentheils die berühmte Pest, die +sogenannte *Modorra* hin, die man den vielen Leichen zuschrieb, welche die +Spanier nach der Schlacht bei Laguna hatten frei liegen lassen. Wenn ein +halb wildes Volk, das man um sein Eigenthum gebracht, im selben Lande +neben einer civilisirten Nation leben muß, so sucht es sich in den +Gebirgen und Wäldern zu isoliren. Inselbewohner haben keine andere +Zuflucht, und so war denn das herrliche Volk der Guanchen zu Anfang des +siebzehnten Jahrhunderts so gut wie ausgerottet; außer ein paar alten +Männern in Candelaria und Guimar gab es keine mehr. + +Es ist ein tröstlicher Gedanke, daß die Weißen es nicht immer verschmäht +haben, sich mit den Eingeborenen zu vermischen; aber die heutigen +Canarier, die bei den Spaniers schlechtweg *Isleños* heißen, haben +triftige Gründe, eine solche Mischung in Abrede zu ziehen. In einer langen +Geschlechtsfolge verwischen sich die charakteristischen Merkmale der +Racen, und da die Nachkommen der Andalusier, die sich auf Teneriffa +niedergelassen, selbst von ziemlich dunkler Gesichtsfarbe sind, so kann +die Hautfarbe der Weißen durch die Kreuzung der Racen nicht merkbar +verändert worden seyn. Es ist Thatsache, daß gegenwärtig kein Eingeborener +von reiner Race mehr lebt, und sonst ganz wahrheitsliebende Reisende sind +im Irrthum, wenn sie glauben, bei der Besteigung des Pics schlanke, +schnellfüßige Guanchen zu Führern gehabt zu haben. Allerdings wollen +einige canarische Familien vom letzten Hirtenkönig von Guimar abstammen, +aber diese Ansprüche haben wenig Grund; sie werden von Zeit zu Zeit wieder +laut, wenn einer aus dem Volk, der brauner ist als seine Landsleute, Lust +bekommt, sich um eine Officiersstelle im Dienste des Königs von Spanien +umzuthun. + +Kurz nach der Entdeckung von Amerika, als Spanien den Gipfel seines Ruhms +erstiegen hatte, war es Brauch, die sanfte Gemüthsart der Guanchen zu +rühmen, wie man in unserer Zeit die Unschuld der Bewohner von Otaheiti +gepriesen hat. Bei beiden Bildern ist das Colorit glänzender als wahr. +Wenn die Völker, erschöpft durch geistige Genüsse, in der Verfeinerung der +Sitten nur Keime der Entartung vor sich sehen, so finden sie einen eigenen +Reiz in der Vorstellung, daß in weit entlegenen Ländern, beim Dämmerlicht +der Cultur, in der Bildung begriffene Menschenvereine eines reinen, +ungestörten Glückes genießen. Diesem Gefühl verdankt Tacitus zum Theil den +Beifall, der ihm geworden, als der den Römern, den Unterthanen der +Cäsaren, die Sitten der Germanen schilderte. Dasselbe Gefühl gibt den +Beschreibungen der Reisenden, die seit dem Ende des verflossenen +Jahrhunderts die Inseln des stillen Oceans besucht haben, den +unbeschreiblichen Reiz. + +Die Einwohner der zuletzt genannten Inseln, die man wohl zu stark +gepriesen hat und die einst Menschenfresser waren, haben in mehr als einer +Beziehung Aehnlichkeit mit den Guanchen von Teneriffa. Beide sehen wir +unter dem Joche eines feudalen Regiments seufzen, und bei den Guanchen war +diese Staatsform, welche so leicht Kriege herbeiführt und sie nicht enden +läßt, durch die Religion geheiligt. Die Priester sprachen zum Volk: +»Achaman, der große Geist, hat zuerst die Edlen, die Achimenceys, +geschaffen und ihnen alle Ziegen in der Welt zugetheilt. Nach den Edeln +hat Achaman das gemeine Volk geschaffen, die Achicaxnas; dieses jüngere +Geschlecht nahm sich heraus, gleichfalls Ziegen zu verlangen; aber das +höchste Wesen erwiederte, das Volk sey dazu da, den Edeln dienstbar zu +seyn, und habe kein Eigenthum nöthig.« Eine solche Ueberlieferung mußte +den reichen Vasallen der Hirtenkönige ungemein behagen; auch stand dem +Faycan oder Oberpriester das Recht zu, in den Adelstand zu erheben, und +ein Gesetz verordnete, daß jeder Achimencey, der sich herbeiließe, eine +Ziege mit eigenen Händen zu melken, seines Adels verlustig seyn sollte. +Ein solches Gesetz erinnert keineswegs an die Sitteneinfalt des +homerischen Zeitalters. Es befremdet, wenn man schon bei den Anfängen der +Cultur die nützliche Beschäftigung mit Ackerbau und Viehzucht mit +Verachtung gebrandmarkt sieht. + +Die Guanchen waren berühmt durch ihren hohen Wuchs; sie erschienen als die +Patagonen der alten Welt und die Geschichtschreiber übertrieben ihre +Muskelkraft, wie man vor Bougainvilles und Cordobas Reisen dem Volksstamm +am Südende von Amerika eine colossale Körpergröße zuschrieb. Mumien von +Guanchen habe ich nur in den europäischen Cabinetten gesehen; zur Zeit +meiner Reise waren sie auf Teneriffa sehr selten; man müßte sie aber in +Menge finden, wenn man die Grabhöhlen, die am östlichen Abhang des Pics +zwischen Arico und Guimar in den Fels gehauen sind, bergmännisch +aufbrechen ließe. Diese Mumien sind so stark vertrocknet, daß ganze Körper +mit der Haut oft nicht mehr als sechs bis sieben Pfund wiegen, das heißt +ein Drittheil weniger als das Skelett eines gleich großen Individuums, von +dem man eben das Muskelfleisch abgenommen hat. Die Schädelbildung ähnelt +einigermaßen der der weißen Race der alten Egypter, und die Schneidezähne +sind auch bei den Guanchen stumpf, wie bei den Mumien vom Nil. Aber diese +Zahnform ist rein künstlich und bei genauerer Untersuchung der Kopfbildung +der alten Guanchen haben geübte Anatomen [Blumenbach, _Decas quinta +collectionis craniorum diversarum gentium illustrium._] gefunden, daß sie +im Jochbein un dim Unterkiefer von den ägyptischen Mumien bedeutend +abweicht. Oeffnet man Mumien von Guanchen, so findet man Ueberbleibsel +aromatischer Kräuter, unter denen immer das _Chenopodium ambrosioides_ +vorkommt; zuweilen sind die Leichen mit Schnüren geschmückt, an denen +kleine Scheiben aus gebrannter Erde hängen, die als Zahlzeichen gedient zu +haben scheinen und die mt den Quippos der Peruaner, Mexicaner und Chinesen +Aehnlichkeit haben. + +Da im Allgemeinen die Bevölkerung von Inseln den umwandelnden Einflüssen, +wie sie Folgen von Wanderungen sind, weniger ausgesetzt ist als die +Bevölkerung der Festländer, so läßt sich annehmen, daß der Archipel der +Canarien zur Zeit der Carthager und Griechen vom selben Menschenstamm +bewohnt war, den die normännischen und spanischen Eroberer vorfanden. Das +einzige Denkmal, das einiges Licht auf die Herkunft der Guanchen werfen +kann, ist ihre Sprache; leider sind uns aber davon nur etwa hundert +fünfzig Worte aufbehalten, die zum Theil dasselbe in der Mundart der +verschiedenen Inseln bedeuten. Außer diesen Worten, die man sorgfältig +gesammelt, hat man in den Namen vieler Dörfer, Hügel und Thäler wichtige +Sprachreste vor sich. Die Guanchen, wie Basken, Hindus, Peruvianer und +alle sehr alten Völker, benannten die Oertlichkeiten nach der +Beschaffenheit des Bodens, den sie bebauten, nach der Gestalt der Felsen, +deren Höhlen ihnen als Wohnstätten dienten, nach den Baumarten, welche die +Quellen beschatteten. + +Man war lange der Meinung, die Sprache der Guanchen habe keine +Aehnlichkeit mit den lebenden Sprachen; aber seit die Sprachforscher durch +Hornemanns Reise und durch die scharfsinnigen Untersuchungen von Marsden +und Ventura auf die Berbern aufmerksam geworden sind, die, gleich den +slavischen Völkern, in Nordafrika über eine ungeheure Strecke verbreitet +sind, hat man gefunden, daß in der Sprache der Guanchen und in den +Mundarten von Chilha und Gebali mehrere Worte gleiche Wurzeln haben. + +Wir führen folgende Beispiele an: + ++-------------+----------------+----------------+ +| | Guanchisch | Berberisch | ++-------------+----------------+----------------+ +| Himmel, | *Tigo*, | *Tigot.* | ++-------------+----------------+----------------+ +| Milch, | *Aho*, | *Acho.* | ++-------------+----------------+----------------+ +| Gerste, | *Temasen* | *Tomzeen.* | ++-------------+----------------+----------------+ +| Korb, | *Carianas* | *Carian.* | ++-------------+----------------+----------------+ +| Wasser, | *Aenum* | *Anan.* | ++-------------+----------------+----------------+ + +Ich glaube nicht, daß diese Sprachähnlichkeit ein Beweis für gemeinsamen +Ursprung ist; aber sie deutet darauf hin, daß die Guanchen in alter Zeit +in Verkehr standen mit den Berbern, einem Gebirgsvolk, zu dem die +Numidier, Getuler und Garamanten verschmolzen sind und das vom Ostende des +Atlas durch das Harudjé und Fezzan bis zur Oase von Syuah und Audjelah +sich ausbreitet. Die Eingeborenen der Canarien nannten sich Guanchen, von +*Guan*, Mensch, wie die Tongusen sich *Pye* und *Donky* nennen, welche +Worte dasselbe bedeuten, wie Guan. Indessen sind die Völker, welche die +Berbersprache sprechen, nicht alle desselben Stammes, und wenn Scylax in +seinem Periplus die Einwohner von Cerne als ein Hirtenvolk von hohem Wuchs +mit langen Haaren beschreibt, so erinnert dieß an die körperlichen +Eigenschaften der canarischen Guanchen. + +Je genauer man die Sprachen aus philosophischem Gesichtspunkte untersucht, +desto mehr zeigt sich, daß keine ganz allein steht; diesen Anschein würde +auch die Sprache der Guanchen(30) noch weniger haben, wenn man von ihrem +Mechanismus und ihrem grammatischen Bau etwas wüßte, Elemente, welche von +größerer Bedeutung sind als Wortform und Gleichlaut. Es verhält sich mit +gewissen Mundarten wie mit den organischen Bildungen, die sich in der +Reihe der natürlichen Familien nirgends unterbringen lassen. Sie stehen +nur scheinbar so vereinzelt da; der Schein schwindet, so bald man eine +größere Masse von Bildungen überblickt, wo dann die vermittelnden Glieder +hervortreten. + +Gelehrt, die überall, wo es Mumien, Hieroglyphen und Pyramiden gibt, +Egypten sehen, sind vielleicht der Ansicht, das Geschlecht Typhons und die +Guanchen stehen in Zusammenhang mittelst der Berbern, ächter Atlanten, zu +denen die Tibbos und Tuarycks der Wüste gehören. [Hornemanns Reise von +Cairo nach Mourzouk.] Es genügt hier aber an der Bemerkung, daß eine +solche Annahme durch keinerlei Aehnlichkeit zwischen der Berbersprache und +dem Coptischen, das mit Recht für ein Ueberbleibsel des alten Egyptischen +gilt, unterstützt wird. + +Das Volk, das die Guanchen verdrängt hat, stammt von Spaniern und zu einem +sehr kleinen Theil von Normannen ab. Obgleich diese beiden Volksstämme +drei Jahrhunderte lang demselben Klima ausgesetzt gewesen sind, zeichnet +sich dennoch der letztere durch weißere Haut aus. Die Nachkommen der +Normannen wohnen im Thal Taganana zwischen Punte de Naga und Punta de +Hidalgo. Die Namen Grandville und Dampierre kommen in diesem Bezirke noch +ziemlich häufig vor. Die Canarier sind ein redliches, mäßiges und +religiöses Volk; zu Haus zeigen sie aber weniger Betriebsamkeit als in +fremden Ländern. Ein unruhiger Unternehmungsgeist treibt diese Insulaner, +wie die Biscayer und Catalanen, auf die Philippinen, auf die Marianen, und +in Amerika überall hin, wo es spanische Colonien gibt, von Chili und dem +la Plata bis nach Neumexico. Ihnen verdankt man großentheils die +Fortschritte des Ackerbaus in den Colonien. Der ganze Archipel hat kaum +160,000 Einwohner, und der *Isleños* sind vielleicht in der neuen Welt +mehr als in ihrer alten Heimath. + ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +| | hatte auf Q. | i. J. | Einwohner | auf die Q.M. | +| | Seemeilen | | | | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Teneriffa | 73 | 1790 | 70,000, | 958 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Fortaventura | 63 | 1790 | 9,000, | 142 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Die große | 60 | 1790 | 50,000, | 833 | +|Canaria | | | | | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Palma | 27 | 1790 | 22,600, | 837 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Lancerota | 26 | 1790 | 10,000, | 384 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Gomera | 14 | 1790 | 7,400, | 528 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Ferro | 7 | 1790 | 5,000, | 714 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ + +An Wein werden auf Teneriffa geerntet 20–24,000 Pipes, worunter 5000 +Malvasier; jährliche Ausfuhr von Wein 8–9000 Pipes; Gesammt-Getreideernte +des Archipels 54,000 Fanegas zu hundert Pfund. In gemeinen Jahren reicht +diese Ernte aus zum Unterhalt der Einwohner, die großentheils von Mais, +Kartoffeln und Bohnen (_Frisoles_) leben. Der Anbau des Zuckerrohrs und +der Baumwolle ist von geringem Belang, und die vornehmsten Handelsartikel +sind Wein, Branntwein, Orseille und Soda. Bruttoeinnahme der Regierung, +die Tabakspacht eingerechnet, 240,000 Piaster. + +Auf nationalökonomische Erörterungen über die Wichtigkeit der canarischen +Inseln für die Handelsvölker Europas lasse ich mich nicht ein. Ich +beschäftigte mich während meines Aufenthalts zu Caracas und in der Havana +lange mit statistischen Untersuchungen über die spanischen Colonien, ich +stand in genauer Verbindung mit Männern, die auf Teneriffe bedeutende +Aemter bekleidet, und so hatte ich Gelegenheit, viele Angaben über den +Handel von Santa Cruz und Orotava zu sammeln. Da aber mehrere Gelehrte +nach mir die Canarien besucht haben, standen ihnen dieselben Quellen zu +Gebot, und ich entferne ohne Bedenken aus meinem Tagebuch, was in Werken, +die vor dem meinigen erschienen sind, genau verzeichnet steht. Ich +beschränke mich hier auf einige Bemerkungen, mit denen die Schildung, die +ich vom Archipel der Canarien entworfen, geschlossen seyn mag. + +Es ergeht diesen Inseln, wie Egypten, der Krimm und so vielen Ländern, +welche von Reisenden, welche in Contrasten Wirkung suchen, über das Maaß +gepriesen oder heruntergesetzt worden sind. Die einen schildern von +Orotava aus, wo sie ans Land gestiegen, Teneriffa als einen Garten der +Hesperiden; sie können das milde Klima, den fruchtbaren Boden, den reichen +Anbau nicht genug rühmen; andere, die sich in Santa Cruz aufhalten mußten, +sahen in den glückseligen Inseln nichts als ein kahles, dürres, von einem +elenden, geistesbeschränkten Volke bewohntes Land. Wir haben gefunden, daß +die Natur auf diesem Archipelagus, wie in den meisten gebirgigen und +vulkanischen Ländern, ihre Gaben sehr ungleich vertheilt hat. Die +canarischen Inseln leiden im Allgemeinen an Wassermangel; aber wo sich +Quellen finden, wo künstlich bewässert wird oder häufig Regen fällt, da +ist auch der Boden ausnehmend fruchtbar. Das niedere Volk ist fleißig, +aber es entwickelt seine Thätigkeit ungleich mehr in fernen Colonien als +auf Teneriffa selbst, wo dieselbe auf Hindernisse stößt, die eine kluge +Verwaltung allmählich aus dem Wege räumen könnte. Die Auswanderung wird +abnehmen, wenn man sich entschließt, das unangebaute Grundeigenthum des +Staats unter der Einwohnerschaft zu vertheilen, die Ländereien, welche zu +den Majoraten der großen Familien gehören, zu verkaufen und allmählich die +Feudalrechte abzuschaffen. + +Die gegenwärtige Bevölkerung der Canarien erscheint allerdings +unbedeutend, wenn man sie mit der Bevölkerung mancher europäischen Länder +vergleicht. Die Insel Madera, deren fleißige Bewohner einen fast von +Pflanzenerde entblößten Felsen bebauen, ist siebenmal kleiner als +Teneriffa, und doch doppelt so stark bevölkert; aber die Schriftsteller, +die sich darin gefallen, die Entvölkerung der spanischen Colonien mit so +grellen Farben zu schildern und den Grund davon in der kirchlichen +Hierarchie suchen, übersehen, daß überall seit der Regierung Philipps V. +die Zahl der Einwohner in mehr oder minder rascher Zunahme begriffen ist. +Bereits ist auf den Canaren die Bevölkerung relativ stärker als in beiden +Castilien, in Estremadure und in Schottland. Alle Inseln zusammengerückt +stellen ein Gebirgsland dar, das um ein Siebentheil weniger Flächeninhalt +hat als die Insel Corsica und doch gleich viel Einwohner zählt. + +Obgleich die Inseln Fortaventura und Lancerota, die am schlechtesten +bevölkert sind, Getreide ausführen, während Teneriffa gewöhnlich nicht +zwei Drittheile seines Bedarfs erzeugt, so darf man doch daraus nicht den +Schluß ziehen, daß auf letzterer Insel die Bevölkerung aus Mangel an +Lebensmitteln nicht zunehmen könnte. Die canarischen Inseln sind noch auf +lange vor den Uebeln der Ueberbevölkerung bewahrt, deren Ursachen Mathus +so sicher und scharfsinnig entwickelt hat. Das Elend des Volks ist um +vieles gelindert worden, seit der Kartoffelbau eingeführt ist und man +angefangen hat mehr Mais als Gerste und Weizen zu bauen. + +Die Bewohner der Canarien sind ihrem Charakter nach ein Gebirgsvolk und +ein Inselvolk zugleich. Will man sie richtig beurtheilen, muß man sie +nicht nur in ihrer Heimath sehen, wo ihr Fleiß auf gewaltige Hemmnisse +stößt; man muß sie beobachten in den Steppen der Provinz Caracas, auf dem +Rücken der Anden, auf den glühenden Ebenen der Philippinen, überall wo +sie, einsam in unbewohnten Ländern, Gelegenheit finden die Kraft und die +Thätigkeit zu entwickeln, welcher der wahre Reichthum des Colonisten sind. + +Die Canarier gefallen sich darin, ihr Land als einen Theil des +europäischen Spaniens zu betrachten, und sie haben auch wirklich die +castilianische Literatur bereichert. Die Namen Clavigo (Verfasser des +*Pensador*), Viera, Yriarte und Betancourt sind in Wissenschaft und +Literatur mit Ehren genannt; das canarische Volk besietzt die lebhafte +Einbildungskraft, die den Bewohnern von Andalusien und Grenada eigen ist, +und es ist zu hoffen, daß die glückseligen Inseln, wo der Mensch wie +überall die Segnungen und die harte Hand der Natur empfindet, dereinst +einen eingebornen Dichter finden, der sie würdig besingt. + + ------------------ + + + + + + 10 Die Schwäche der Lebenskraft zeigt sich an den Maulbeerbäumen, die + auf magerem sandigen Boden in der Nähe des baltischen Meeres gezogen + werden. Die Spätfröste thun ihnen weit weher als den Maulbeerbäumen + in Piemont. In Italien bringt ein Frost von 5 Grad unter dem + Gefrierpunkt kräftige Orangenbäume nicht um. Diese Bäume, die + weniger empfindlich sind als Citronen, erfrieren nach Galesio erst + bei –10° der hunderttheiligen Scale. + + 11 Adanson wundert sich, daß die Baobabs nicht von andern Reisenden + beschrieben worden seyen. Ich finde in der Sammlung des Grynäus, daß + schon Aloysio Cadamosto vom hohen Alter dieser ungeheuren Bäume + spricht, die er im Jahr 1504 gesehen, und von denen er ganz richtig + sagt: _»eminentia altitudinis non quadrat magnitudini.« + Cadam. navig. c. 42_. Am Senegeal und bei Praya auf den Cap + Verdischen Inseln haben Adanson und Staunton Adansonien gesehen, + deren Stamm 56 bis 60 Fuß im Umfang hatte. Den Baobab mit 34 Fuß + Durchmesser hat Golberry im Thal der zwei Gagnack gesehen. + + 12 Ebenso verhält es sich mit den Platanen _(Platanus occidentalis)_, + die Michaux zu Marietta am Ufer des Ohio gemessen hat und die 20 Fuß + über dem Boden noch 15 7/10 Fuß im Durchmesser hatten. Die Taxus, + die Kastanien, die Eichen, die Platanen, die kahlen Cypressen, die + Bombax, die Mimosen, die Cäsalpinen, die Hymenäen und die + Drachenbäume sind, wie mir scheint, die Gewächse, bei denen in + verschiedenen Klimaten Fälle von so außerordentlichem Wachsthum + vorkommen. Eine Eiche, die zugelcih mit gallischen Helmen im Jahr + 1809 in den Torfgruben im Departement der Somme beim Dorf Aseux, + sieben Lieues von Abbéville, gefunden wurde, gibt dem Drachenbaum + von Orotava in der Dicke nichts nach. Nach Angabe von Traullée hatt + der Stamm der Eiche 14 Fuß Durchmesser. + + 13 Schousboue (Flora von Marocco) erwähnt seiner nicht einmal unter den + cultivirten Pflanzen, während er doch vom Cactus, von der Agave und + der Yucca spricht. Die Gestalt des Drachenbaumes kommt verschiedenen + Arten der Gattung Dracaena am Cap der Guten Hoffnung, in China und + auf Neuseeland zu; aber in der neuen Welt vertritt die Yucca die + Stelle derselben; denn die _Dracaena borealis_ d’Aitons ist eine + _Convallaria_, deren Habitus sie auch hat. Der im Handel unter dem + Namen Drachenblut bekannte adstringierende Saft kommt nach unseren + Untersuchungen an Ort und Stelle von verschiedenen amerikanischen + Pflanzen, die nicht derselben Gattung angehören, unter denen sich + einige Lianen befinden. In Laguna verfertigt man in Nonnenklöstern + Zahnstocher, die mit dem Saft des Drachenbaumes gefärbt sind, und + die man uns sehr anpries, weil sie das Zahnfleische conserviren + sollten. + + 14 Diese Benennung war schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts im + Brauch. Edens, der alle spanischen Wörter verdreht, wie noch heute + die meisten Reisenden, nennt sie *Stancha*; es ist Bordas *Station + des rochers*, wie aus den daselbst beobachteten Barometerhöhen + hervorgeht. Diese Höhen waren nach Cordier im Jahr 1803 19 Zoll 9,5 + Linien, und nach Borda und Varela im Jahr 1776 19 Zoll 9,8 Linien, + während er Barometer zu Orotava bis auf eine Linie ebenso hoch + stand. + + 15 In den meisten Erdhöhlen, z. B. in der von Saint George, zwischen + Riort und Rolle, bildet sich an den Kalksteinwänden selbst im Sommer + eine dünne Schichte durchsichtigen Eises. Pictet hat die Beobachtung + gemacht, daß der Thermometer alsdann in der Luft der Höhle nicht + unter 2 – 3° steht, so daß man das Frieren des Wassers einer + örtlichen, sehr raschen Verdunstung zuzuschreiben hat. + + 16 In der Rechung wurden für 91° 54’ scheinbaren Abstands vom Zenith + 57’ 7" Refraction angenommen. Die Sonne erscheint bei ihrem Aufgang + auf dem Pic von Teneriffa um so viel früher, als sie braucht, um + einen Bogen von 1° 54’ zurückzulegen. Für den Gipfel des Chimborazo + nimmt dieser Bogen nur um 41’ zu. Die Alten hatten so übertriebenen + Vorstellungen von der Beschleunigung des Sonnenaufgangs auf dem + Gipfel hoher Berge, daß sie behaupteten, die Sonne sey auf dem Berg + Athos drei Stunden früher sichtbar, als am Ufer des ägeischen + Meeres. (Strabo Buch VII.) Und doch ist der Athos nach Delambre nur + 713 Toisen hoch. + + 17 Diese Frage ist mit großem Scharfsinn von Breislack in seiner + _Introduzzione alle Geologia_ erörtert. Der Cotopaxi und der + Popocatepetl, die ich im Jahr 1804 Rauch und Asche auswerfen sah, + liegen weiter vom großen Ocean und dem Meere der Antillen als + Grenoble vom Mittelmeer und Orleans vom atlantischen Meer. Man kann + es allerdings nicht als einen bloßen Zufall ansehen, daß man keinen + thätigen Vulkan entdeckt hat, der über 40 Seemeilen von der + Meeresküste läge; aber die Hypothese, nach der das Meerwasser von + den Vulkanen aufgesogen, destillirt und zersetzt würde, scheint mit + sehr zweifelhaft. + + 18 Von allen kleinen canarischen Inseln ist nur die Rocca del Este vom + Pic auch bei hellem Wetter nicht zu sehen. Sie liegt 3°,5 ab, + Salvage dagegen nur 2° 1’. Die Insel Madera, die 4° 29’ entfernt + ist, wäre nur dann zu sehen, wenn ihre Berge über 3000 Toisen hoch + wären. + + 19 »_La refraction de par todo._« Wir haben schon oben bemerkt, daß die + amerikanischen Früchte, welche das Meer häufig an die Küsten von + Ferro und Gomera wirft, früher für Gewächse der Insel San Borondon + gehalten wurden. Dieses Land, das nach der Volkssage von einen + Erzbischof und sechs Bischöfen regiert wurde, und das, nach Pater + Feijoos Ansicht, das auf einer Nebelschicht projicirte Bild der + Insel Ferro ist, wurde im sechzehnten Jahrhundert vom König von + Portugal Ludwig Perdigon geschenkt, als dieser sich zur Eroberung + desselben rüstete. + + 20 Nach Odonell und Armstrong stand auf dem Gipfel des Pics am + 2. August 1806 um acht Uhr Morgnes der Thermometer im Schatten auf + 13°,8, in der Sonne auf 20°,5; Unterschied oder Wirkung der + Sonne: 6°,7. + + 21 Im Merz 1805 fingen Gay-Lussac und ich beim Hospiz auf dem Mont + Cenis in einer stark elektrisch geladenen Wolke Luft auf und + zerlegten sie im Volta´schen Eudometer. Sie enthielt keinen + Wasserstoff und nicht um 0,002 weniger Sauerstoff als die Pariser + Luft, die wir in hermetisch verschlossenen Flaschen bei uns hatten. + + 22 Da viele Reisende, welche bei Santa Cruz de Teneriffa anlegen, die + Besteigung des Pics unterlassen, weil sie nicht wissen, wie viel + Zeit man dazu braucht, so sind die folgenden Angaben wohl nicht + unwillkommen. Wenn man bis zum Haltpunkt der Engländer sich der + Maulthiere bedient, braucht man von Orotava aus zur Besteigung des + Pics und zur Rückkehr in den Hafen 21 Stunden; nämlich von Orotava + zum Pino del Dornajito 3 Stunden, von da zur Felsenstation 6, von da + nach der Caldera 3 ½. Für die Rückkehr rechne ich 9 Stunden. Es + handelt sich dabei nur von der Zeit, die man unterwegs zubringt, + keineswegs von der, die man auf die Untersuchung der Produkte des + Pic oder zum Ausruhen verwendet. In einem halben Tag gelangt man von + Santa Cruz de Teneriffa nach Orotava. + + 23 Auf dieser Insel sah der carthaginensische Feldherr zum erstenmal + eine große menschenähnliche Affenart, die Gorillas. Er beschreibt + sie als durchaus behaarte Weiber, und als höchst bösartig, weil sie + sich mit Nägeln und Zähnen wehrten. Er rühmt sich, ihrer drei die + Haut abgezogen zu haben, um sie mitzunehmen. Gosselin verlegt die + Insel der Gorillas an die Mündung des Flusses Nun, aber nach dieser + Annahme müßte der Sumpf, in dem Hanno eine Menge Elephanten weiden + sah, unter 35½ Grad Breite liegen, beinahe am Nordende von Afrika. + +_ 24 Aristoteles, Mirab. Auscultat._ Solinus sagt vom Atlas: _vertex + semper nivalis lucet nocturnis ignibus_; aber dieser Atlas ist + gleich dem Berge Meru der Hindus ein aus richtigen Begriffen und + mythischen Fictionen zusammengesetztes Ding, und lag nicht auf einer + der hesperischen Inseln, wie Abbé Viera und nach ihm verschiedene + Reisende annehmen, die den Pic von Teneriffa beschreiben. Die + folgenden Stellen lassen keinen Zweifel hierüber: Herodot IV, 184. + Strabo XVII. Mela III, 10. Plinius V, 1. Solinus I, 24, sogar Diodor + von Sicilien III. + + 25 Der Berg hieß auch *Aya-dyrma*, in welchem Wort Horn (_de Origin. + Americ. p._ 155 und 185) den alten Namen des Atlas findet, der nach + Strabo, Plinius und Solinus *Dyris* war. Diese Ableitung ist höchst + zweifelhaft; lagt man auf die Vokale mehr Werth, als sie bei den + orientalischen Völkern haben, so findet man *Dyris* fast ganz in + *Daran*, wie die arabischen Geographen den östlichen Theil des + Atlasgebirges nennen. + +_ 26 Non silendum puto de insula Teneriffa quae et eximie colitur et + inter orbis insulas est eminentior. Nam coelo sereno eminus + conspicitur, adeo ut qui absunt ab ea ad leucas hispanas sexaginta + vel septuaginta, non difficulter eam intueantur. Quod cernatur a + longe id efficit acuminatus lapis adamantinus, instar pyramidis, in + medio. Qui metiti sunt lapidem ajunt altitudine leucarum quindecim + mensuram excedere ab imo ad summum verticem. Is lapis jugiter + flagrat, instar Aetnae montis; id affirmant nostri Christiani qui + capti aliquando haec animadvertere. __Al. Cadamusti__ Navigatio ad + terras incognitas c. 8._ + + 27 Obgleich der Pic von Teneriffa sich nur in den Wintermonaten mit + Schnee bedeckt, könnte der Vulkan doch die seiner Breite + entsrpechende Schneegrenze erreichen, und wenn er Sommers ganz + schneefrei ist, so könnte dieß nur von der freien Lage des Berges in + der weiten See, von der Häufigkeit aufsteigender sehr warmer Winde + oder von der hohen Temperatur der Asche des Piton herrühren.. Beim + gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse lassen sich diese Zweifel + nicht heben. Vom Parallel der Berge Mexicos bis zum Parallel der + Pyrenäen und der Alpen, zwischen dem 20. und dem 45. Grad ist die + Curve des ewigen Schnees durch keine direkte Messung bestimmt + worden, und da sich durch die wenigen Punkte, welche uns unter 0°, + 20°, 45°, 62° und 71° nördlicher Breite bekannt sind, unendliche + viele Curven ziehen lassen, so kann die Beobachtung nur sehr + mangelhaft durch Rechnung ergänzt werden. Ohne es bestimmt zu + behaupten, kann man als wahrscheinlich annehmen, daß unter 28° 17’ + die Schneegrenze über 1900 Toisen liegt. Vom Auquator an, wo der + Schnee mit 2460 Toisen, also etwa in der Höhe des Montblanc beginnt, + bis zum 20. Breitegrad, also bis zur Grenze des heißen Erdstrichs, + rückt der Schnee nur 100 Toisen herab; läßt sich demnach annehmen, + daß 8 Grad weiter in einem Klima, das fast noch durchaus als ein + tropisches erscheint, der Schnee schon 400 Toisen tiefer stehen + sollte? Selbst vorausgesetzt, der Schnee rückte vom 20. bis zum + 45. Breitegrad in arithmetischer Progression herab, was den + Beobachtungen widerspricht, so finge der ewige Schnee unter der + Breite des Pic erst bei 2050 Toisen über der Meeresfläche an, somit + 550 Toisen höher als in den Pyrenäen und in der Schweiz. Dieses + Ergebniß wird noch durch andere Beobachtungen unterstützt. Die + mittlere Temperatur der Luftschicht, mit der der Schnee im Sommer in + Berührung kommt, ist in den Alpen ein paar Grad unter, unter dem + Aequator ein paar Grad über dem Gefrierpunkt. Angenommen, unter 28½ + Grad sey die Temperatur gleich Null, so ergibt sich nach dem Gesetz + der Wärmeabnahme, auf 98 Toisen einen Grad gerechnet, das der Schnee + in 2058 Toisen über einer Ebene mit einer mittleren Temperatur von + 21°, wie sie der Küste von Teneriffa zukommt, lieben bleiben muß. + Diese Zahl stimmt fast ganz mit der, welche sich bei der Annahme + einer arithmetischen Progression ergibt. Einer der Hochgipfel der + Sierra de Nevada de Grenada, der Pico de Beleta, dessen absolute + Höhe 1781 Toisen beträgt, ist beständig mit Schnee bedeckt; da aber + die untere Grenze des Schnees hier nicht gemessen worden ist, so + trägt dieser Berg, der unter 37° 10’ der Breite liegt, zur Lösung + des vorliegenden Problems nichts bei. Durch die Lage des Vulkans von + Teneriffa mitten auf einer nicht großen Insel kann die Curve des + ewigen Schnees schwerlich hinaufgeschoben werden. Wenn die Winter + auf Inseln weniger streng sind, so sind dagegen auch die Sommer + weniger heiß, und die Höhe des Schnees hängt nicht sowohl von der + ganzen mittleren Jahrestemperatur als vielmehr von der mittlere + Wärme der Sommermonate ab. Auf dem Aetna beginnt der Schnee schon + bei 1500 Toisen oder selbst etwas tiefer, was bei einem unter 37½° + der Breite gelegenen Gipfel ziemlich auffallend erscheint. In der + Nähe des Polarkreises, wo die Sommerhitze durch den fortwährend aus + dem Meere aufsteigenden Nebel gemildert wird, zeigt sich der + Unterschied zwischen Inseln oder Küsten und dem inneren Lande höchst + auffallend. Auf Island z. B. ist auf dem Osterjöckull, unter 65° der + Breite, die Grenze des ewigen Schnees in 482, in Norwegen dagegen, + unter 67°, fern von der Küste in 600 Toisen Höhe, und doch sind hier + die Winter ungleich strenger, folglich die mittlere Jahrestemperatur + geringer als in Island. Nach diesen Angaben erscheint es als + wahrscheinlich, daß Bouquer und Saussure im Irrthum sind, wenn sie + annehmen, daß der Pic von Teneriffa die untere Grenze des ewigen + Schrees erreiche. Unter 28° 17’ der Breite ergeben sich für diese + Grenze wenigstens 1950 Toisen, selbst wenn man sie zwischen dem + Aetna und den Bergen von Mexico durch Interpolation berechnet. + Dieser Punkt wird vollständig ins Reine gebracht werden, wenn einmal + der westliche Theil des Atlas gemessen ist, wo bei Marocco unter 31½ + Grad Breite ewiger Schnee liegt. + +_ 28 Pinus halepensis._ Nach de Candolles Bemerkung hieße diese Fichte, + die in Portugal fehlt und am Abhang von Frankreicht und Spanien + gegen das Mittelmeer in Italien, in Kleinasien und in der Barbarei + vorkommt besser _Pinus mediterranea._ Sie ist der herrschende Baum + in den Fichtenwäldern des südöstlichen Frankreichs, wo sie von Gonan + und Gerard mit der _Pinus sylvestris_ verwechselt worden ist. + + 29 Willdenow und ich haben unter den Pflanzen vom Pic von Teneriffa das + schöne _Satyrium diphyllum_ (_Orchis cordata, Willd._) erkannt, die + Link in Portugal gefunden. Die Canarien haben nicht die _Dicksonia + Culcita_, den einzigen Baumfarn, der unter 39° der Breite vorkommt, + wohl aber _Asplenium palmatun_ und _Myrica Faya_ mit der Flora der + Azoren gemein. Letzterer Baum findet sich in Portugal wild, + Hofmannsegg hat sehr alte Stämme gesehen, es bleibt aber + zweifelhaft, ob er in diesen Theil unseres Continents einheimisch + oder eingeführt ist. Denkt man über die Wanderungen der Gewächse + nach zieht man in Betracht, daß es geologisch möglich ist, daß + Portugal, die Azoren, die Canarien und die Atlaskette einst durch + nunmehr im Meer versunkene Länder zusammengehangen habe, so + erscheint das Vorkommen der _Myrica Facya_ im westlichen Europa zum + mindestens ebenso auffallend, als wenn die Fichte von Aleppe auf den + Azoren vorkäme. + + 30 Nach Vaters Untersuchungen zeigt die Sprache der Guanchen folgende + Aehnlichkeiten mit den Sprachen weit aus einander gelegener Völker: + Hund bei den Huronen in Amerika _aguienon_, bei den Guanchen aguyan; + *Mensch* bei den Peruanern _cari_, bei den Guanchen _coran_; *König* + bei den Mandingos in Afrika _monso_, bei den Guanchen _monsey_. Der + Name der Insel Gomera kommt um Worte Gomer zum Vorschein, das der + Name eines Berberstammes ist. (*Vater*, Untersuchungen über Amerika, + S. 170.) Die Guanchischen Worte _alcorac_, Gott, und _almogaron_, + Tempel, scheinen arabischen Ursprungs, wenigstens bedeutet in + letzterer Sprache _almoharram_ *heilig*. + + + + + +DRITTES KAPITEL + + + Überfahrt von Teneriffa an die Küste von Südamerika — Ankunft in + Cumana + + +Am 25. Juni Abends verließen wir die Rhede von Santa Cruz und schlugen den +Weg nach Südamerika ein. Es wehte stark aus Nordost und das Meer schlug in +Folge der Gegenströmungen kurze gedrängte Wellen. Die canarischen Inseln, +auf deren hohen Bergen ein röthlicher Duft lag, verloren wir bald aus dem +Gesicht. Nur der Pic zeigte sich von Zeit zu Zeit in Blinken, +wahrscheinlich, weil der in der hohen Luftregion herrschende Wind dann und +wann die Wolken um den Piton verjagte. Zum erstenmal empfanden wir, +welchen lebhaften Eindruck der Anblick von Ländern an der Grenze des +heißen Erdgürtels, wo die Natur so reich, so großartig und so wundervoll +auftritt, auf unser Gemüth macht. Wir hatten nur kurze Zeit auf Teneriffa +verweilt, und doch schieden wir von der Insel, als hätten wir lange dort +gelebt. + +Unsere Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, dem östlichsten Hafen von +Terra Firma, war so schön als je eine. Wir schnitten den Wendekreis des +Krebses am 27., und obgleich der *Pizarro* eben kein guter Segler war, +legten wir doch den neunhundert Meilen [4050 km] langen Weg von Küste von +Afrika zur Küste der neuen Welt in zwanzig Tagen zurück. Wir fuhren auf 50 +Meilen [225 km] westwärts am Vorgebirge Bojador, am weißen Vorgebirge und +an den Inseln des grünen Vorgebirges vorüber. Ein paar Landvögel, der der +starke Wind auf die hohe See verschlagen, zogen uns einige Tage nach. +Hätten wir nicht unsere Länge mittelst der Seeuhren genau gekannt, so +wären wir versucht gewesen zu glauben, wir seyen ganz nahe der +afrikanischen Küste. + +Unser Weg war derselbe, den seit Kolumbus erster Reise alle Fahrzeuge nach +den Antillen einschlagen. Vom Parallel von Madera bis zum Wendekreis nimmt +dabei die Breite rasch ab, während man an Länge fast nichts zulegt; hat +man die Zone des beständigen Passatwindes erreicht, so fährt man von Ost +nach West auf einer ruhigen, friedlichen See, die bei den spanischen +Seefahrern _el Golfo de las Damas_ heißt. Wie alle, welche diese Striche +befahren, machten auch wir die Beobachtung, daß, je weiter man gegen +Westen rückt, der Passat, der Anfangs Ost-Nord-Ost war, immer mehr Ostwind +wird. + +Hadley(31) hat in einer berühmten Abhandlung die Theorie des Passats +entwickelt, wie sie gemeiniglich angenommen ist, aber die Erscheinung ist +eine weit verwickeltere, als die meisten Physiker glauben. Im atlantischen +Ocean ist die Länge wie die Abweichung der Sonne von Einfluß auf die +Richtung und die Grenzen der Passatwinde. Dem neun Continent zu gehen sie +in beiden Halbkugeln 8 bis 9 Grad über den Wendekreis hinauf, während in +der Nähe von Afrika die veränderlichen Winde weit über den 28. oder +27. Grad hinunter herrschen. Es ist im Interesse der Meteorologie und der +Schifffahrt zu bedauern, daß die Veränderungen, denen die Luftströmungen +unter den Tropen im stillen Ocean unterliegen, weit weniger bekannt sind +als das Verhalten derselben Ströme in einem engeren Meeresbecken, wo die +nicht weit auseinander liegenden Küsten von Guinea und Brasilien ihre +Einflüsse geltend machen. Die Schiffer wissen seit Jahrhunderten, daß im +atlantischen Ocean der Aequator nicht mit der Linie zusammenfällt, welche +die Passatwinde aus Nordort und die aus Südost scheidet. Diese Linie +liegt, nach Hadley richtiger Beobachtung, unter dem 3. bis 4. Grad +nördlicher Breite, und wenn ihre Lage daher rührt, daß die Sonne in der +nördlichen Halbkugel länger verweilt, so weist sie darauf hin, daß die +Temperaturen der beiden Halbkugeln [Nimmt man mit Aepinus an, daß die +südliche Halbkugel nur um 1/14 kälter ist als die nördliche, so ergibt die +Rechnung für die nördliche Grenze des Ost-Süd-Ost-Passats 1° 28’.] sich +verhalten wie 11 zu 9. In der Folge, wenn von der Luft über der Südsee die +Rede ist, werden wir sehen, daß westwärts von Amerika der Südost-Passat +nicht so weit über den Aequator hinausreicht als im atlantischen Ocean. +Der Unterschied in der Luftströmung dem Aequator zu vom einen und vom +andern Pol her kann ja nicht unter allen Längengraden derselbe seyn, das +heißt auf Punkten der Erdkugel, wo die Festländer sehr verschieden breit +sind und sich mehr oder minder weit gegen die Pole erstrecken. + +Es ist bekannt, daß auf der Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, wie von +Acapulco nach den Philippinen, die Matrosen fast keine Hand an die Segel +zu legen brauchen. Man fährt in diesen Strichen, als ginge es auf einem +Flusse hinunter, und es ist zu glauben, daß es kein gewagtes Unternehmen +wäre, die Fahrt mit einer Schaluppe ohne Verdeck zu machen. Weiter +westwärts aber, an der Küste von St. Marta und im Meerbusen von Mexico +weht der Wind sehr stark und macht die See sehr unruhig.(32) + +Je weiter wir uns von der afrikanischen Küste entfernten, desto schwächer +wurde der Wind; oft blieb er einige Stunden ganz aus, und diese +Windstillen wurden regelmäßig durch elektrische Erscheinungen +unterbrochen. Schwarze, dichte, scharf umrissene Wolken zogen sich im Ost +zusammen; man konnte meinen, es sey eine Bö im Anzug und man werde die +Marssegel einreffen müssen, aber nicht lange, so erhob sich der Wind +wieder, es fielen einige schwere Regentropfen und das Gewitter verzog +sich, ohne daß man hatte donnern hören. Es war interessant, während dessen +die Wirkung schwarzer Wolken zu beobachten, die einzeln und sehr tief +durch das Zenith liefen. Man spürte, wie der Wind allmählig stärker oder +schwäcker wurde, je nachdem die kleinen Haufen von Dunstbläschen sich +näherten oder entfernten, ohne daß die Elektrometer mit langer +Metallstange und brennendem Docht in den untern Luftschichten eine +Aenderung in der elektrischen Spannung anzeigten. Mittels solcher kleinen, +mit Windstillen wechselnden Böen gelangt man in den Monaten Juni und Juli +von den canarischen Inseln nach den Antillen oder an die Küsten von +Südamerika. Im heißen Erdstrich lösen sich die meteorologischen Vorgänge +äußerst regelmäßig ab, und das Jahr 1803 wird in den Annalen der +Schifffahrt lange denkwürdig bleiben, weil mehrere Schiffe, die von Cadix +nach Cumana gingen, unter 14° der Länge und 48° der Breite umlegen mußten, +weil mehrere Tage lang ein heftiger Wind aus Nord-Nord-West blies. Welch +bedeutende Störung im regelmäßigen Lauf der Luftströmungen muß man +annehmen, um sich von einem solchen Gegenwind Rechenschaft zu geben, der +ohne Zweifel auch den regelmäßigen Gang des Barometers in seiner +stündlichen Schwankung gestört haben wird! + +Einige spanische Seefahrer haben neuerlich einen andern Weg nach den +Antillen und zur Küste von Terra Firma als den von Christoph Columbus +zuerst eingeschlagenen zur Sprache gebracht. Sie schlagen vor, man sollte +nicht gerade nach Süd steuern, um den Passat aufzusuchen, sondern auf +einer Diagonale zwischen Cap St. Vincent und Amerika in Länge und Breite +zugleich vorrücken. Dieser Weg, der die Fahrt abkürzt, da man den +Wendekreis etwa 20° westwärts vom Punkte schneidet, wo ohn die Schiffe +gewöhnlich schneiden, ist von Admiral Gravina mehreremale mit Glück +eingeschlagen worden. Dieser erfahrene Seemann, der in der Schlacht von +Trafalgar einen rühmlichen Tod fand, kam im Jahr 1802 auf diesem schiefen +Wege mehrere Tage vor der französischen Flotte nach St. Domingo, obgleich +er zufolge eines Befehls des Madrider Hofs mit seinem Geschwader im Hafen +von Ferrel hatte einlaufen und sich dort eine Zeitlang aufhalten müssen. + +Diese neue Verfahren kürzt die Ueberfahrt von Cadix nach Cumana etwa um +ein Zwanzigtheil ab; da man aber erst unter dem 40. Grad der Länge die +Tropen betritt, so läuft man Gefahr, länger mit den veränderlichen Winden +zu thun zu haben, die bald aus Süd, bald aus Südwest blasen. Beim alten +Verfahren wird der Nachtheil, daß man einen längeren Weg macht, dadruch +ausgeglichen, daß man sicher ist, in den Passat zu gelangen und ihn auf +einem größeren Stück der Ueberfarht benützen zu können. Während meines +Aufenthalt in den spanischen Colonien sah ich mehrere Kauffahrer an +kommen, die aus Furcht vor Kapern den schiefen Weg eingeschlagen hatten +und ausnehmend rasch herübergekommen waren; nur nach wiederholten +Versuchen wird man sich bestimmt über einen Punkt aussprechen können, der +zum mindesten so wichtig ist als die Wahl des Meridians, auf dem man bei +der Fahrt nach Buenos Ayres oder Cap Horn den Aequator schneiden soll. + +Nichts geht über die Pracht und die Milde des Klimas im tropischen +Weltmeer. Während der Passatwind stark blies, stand der Thermometer bei +Tage auf 23–24 Grad, bei Nacht zwischen 22 und 22,5. Um den Reiz dieser +glücklichen Erdstriche in der Nähe des Aequators voll zu empfinden, muß +man in rauher Jahreszeit von Acapulco oder von den Küsten von Chili nach +Europa gesegelt haben. Welcher Abstand zwischen den stürmischen Meeren in +nördlichen Breiten und diesen Strichen, wo in der Natur ewige Ruhe +herrscht! Wenn die Rückfahrt aus Mexiko oder Südamerika nach den +spanischen Küsten zu kurz und so angenehm wäre als die Reise aus der alten +in die neue Welt, so wäre die Zahl der Europäer, die sich in den Kolonien +niedergelassen, lange nicht so groß, als sie jetzt ist. Das Meer, in dem +die Azoren und die Bermuden liegen, durch das man kommt, wenn man in hohen +Breiten nach Europa zurückfährt, führt bei den Spanier den seltsamen Namen +_Golfe de las Yeguas_. [Der Meerbusen der Stuten.] Colonisten, die an die +See nicht gewöhnt sind, und lange einsam in den Wäldern von Guyana, in den +Savanen von Caracas oder auf den Cordilleren von Peru gelebt haben, +fürchten sich vor dem Seestrich bei den Bermuden mehr als jetzt die +Bewohner von Lima vor der Fahrt um Cap Horn. Sie übertreiben in der +Einbildung die Gefahren einer Ueberfahrt, die nur im Winter bedenktlich +ist. Sie verschieben es von Jahr zu Jahr, ein Vorhaben auszuführen, das +ihnen gewagt erscheint, und meist überrascht sie der Tod, während sie sich +zur Rückreise rüsten. + +Nördlich von den Inseln des Grünen Vorgebirges stießen wir auf große +Bündel schwimmenden Tangs. Es war die tropische Seetraube, _Fucus natans_, +die nur bis zu 40° nördlicher und südlicher Breite auf dem Gestein unter +dem Meeresspiegel wächst. Diese Algen schienen hier, wie südwestlich von +der Bank von Neufoundland, das Vorhandenseyn der Strömungen anzuzeigen. +Die Seestriche, wo viel einzelner Tag vorkommt, und die mit Seegewächsen +bedeckten Strecken, welche Columbus mit großen Wiesen vergleicht und die +der Mannschaft der Santa Maria unter 42° der Länge Schrecken einjagten, +sind nicht mit einander zu verwechseln. Durch die Vergleichung vieler +Schiffstagebücher habe ich mich überzeugt, daß es im Becken des nördlichen +Atlantischen Oceans zwei solcher mit Algen bedeckten Strecken gibt, die +nichts miteinander zu tun haben. Die größte derselben(33) liegt etwas +westlich vom Meridian von Fayal, einer der azorischen Inseln, zwischen +35 und 36° der Breite. Die Meerestemperatur beträgt in diesem Strich +16 bis 20 Grad, und die Nordostwinde, die dort zuweilen sehr stark sind, +treiben schwimmende Tanginseln in tiefe Breiten, bis zum 24., ja bis zum +20. Grad. Die Schiffe, die von Montevideo und vom Kap der guten Hoffnung +nach Europa zurückfahren, kommen über diese Fucusbank, die nach den +spanischen Schiffern von den kleinen Antillen und von den canarischen +Inseln gleich weit entfernt ist; die Ungeschicktesten können darnach ihre +Länge berichtigen. Die zweite Fucusbank ist wenig bekannt; sie liegt unter +22 und 26° der Breite, 80 Seemeilen [148 km] westlich vom Meridian der +Bahamainseln, und ist von weit geringerer Ausdehnung. Man stößt auf sie +auf der Fahrt von den Caycosinseln nach den Bermuden. + +Allerdings kennt man Tangarten mit 800 Fuß [260 m] langen Stengeln [_Fucus +giganteus_, _Forster_ oder _Laminaria pyrifera_, _Lamouroux_.], und diese +Cryptogamen der hohen See wachsen sehr rasch; dennoch ist kein Zweifel +darüber, daß in den oben beschriebenen Strichen die Tange keinesweg am +Meeresboden haften, sondern in einzelnen Bündeln auf dem Wasser schwimmen. +In diesem Zustand können diese Gewächse nicht viel länger fortvegetiren +als ein vom Stamm abgerissener Baumast. Will man sich Rechenschaft davon +geben, wie es kommt, daß bewegliche Massen sich seit Jahrhunderten an +denselben Stellen befinden, so muß man annehmen, daß sie vom Gestein +73 bis 92 m unter der Meeresfläche herkommen und der Nachwuchs fortwährend +wieder ersetzt, was die tropische Strömung wegreißt. Diese Strömung führt +die tropische Seetraube in hohe Breiten, an die Küsten von Norwegen und +Frankreich, und die Algen werden südwärts von den Azoren keineswegs vom +*Golfstrom* zusammengetrieben, wie manche Seeleute meinen. Es wäre zu +wünschen, daß die Schiffer in diesen mit Pflanzen bedeckten Strichen +häufiger das Senkblei auswärfen; man versichert, holländische Seeleute +haben mittelst Leinen aus Seidenfäden zwischen der Bank von Neufoundland +und der schottischen Küste eine Reihe von Untiefen gefunden. + +Wie und wodurch die Algen in Tiefen, in denen nach der allgemeinen Annahme +das Meer wenig bewegt ist, losgerissen werden, darüber ist man noch nicht +im Klaren. Wir wissen nur nach den schönen Beobachtungen von Lamouroux, +daß die Algen zwar vor der Entwicklung ihrer Fructificationen ausnehmend +fest am Gestein hängen, dagegen nach dieser Zeit oder in der Jahreszeit, +wo bei ihnen wie bei den Landpflanzen die Vegetation stockt, sehr leicht +abzureißen sind. Fische und Weichthiere, welche die Stengel der Tange +benagen, mögen wohl auch dazu beitragen, sie von ihren Wurzeln zu lösen. + +Vom 22. Breitengrad an fanden wir die Meeresfläche mit fliegenden Fischen +[_Exocoetus volitans._] bedeckt; sie schnellten sich fünfzehn, ja achtzehn +Fuß [4,5, ja 6 m] in die Höhe und fielen auf den Oberlauf nieder. Ich +scheue mich nicht, hier gleichfalls einen Gegenstand zu berühren, von dem +die Reisenden so viel sprechen, als von Delphinen und Haifischen, von der +Seekrankheit und dem Leuchten des Meeres. Alle diese Dinge bieten den +Physikern noch lange Stoff genug zu anziehenden Beobachtungen, wenn sie +sich ganz besonders damit beschäftigen. Die Natur ist eine unerschöpfliche +Quelle der Forschung, und im Maß, als die Wissenschaft vorschreitet, +bietet sie dem, der sie recht zu befragen weiß, immer wieder eine neue +Seite, von der er sie bis jetzt nicht betrachtet hatte. + +Ich erwähne der fliegenden Fische, um die Naturkundigen auf die ungeheure +Größe ihrer Schwimmblase aufmerksam zu machen, die bei einem 6,4 Zoll +langen Fisch 3,6 Zoll lang und 0,9 breit ist und 3½ Kubikzoll [60 ml] Luft +enthält. Die Blase nimmt über die Hälfte vom Körperinhalt des Thieres ein, +und trägt somit wahrscheinlich dazu bei, daß es so leicht ist. Man könnte +sagen, dieser Luftbehälter diese ihm vielmehr zum Fliegen als zum +Schwimmen, denn die Versuche, die Provenzal und ich angestellt, beweisen, +daß dieses Organ selbst bei den Arten, die damit versehen sind, zu der +Bewegung an die Wasserfläche herauf nicht durchaus nothwendig ist. Bei +einem jungen 5,0 Zoll langen Exocoetus bot jede der Brustflossen, die als +Flügen diesen, der Luft bereits eine Oberfläche von 3 7/10 Quadratzoll +dar. Wir haben gefunden, daß die neun Nervenstränge, die zu den zwölf +Strahlen dieser Flossen verlaufen, fast dreimal dicker sind als die Nerven +der Bauchflossen. Wenn man die ersteren Nerven galvanisch reizt, so gehen +die Strahlen, welche die Haut der Brustflossen tragen, fünfmal kräftiger +auseinander, als die der andern Flossen, wenn man sie mit denselben +Metallen galvanisirt. Der Fisch kann sich ab er auch zwanzig Fuß [6,5 m] +weit wagrecht fortschnellen, ehe er mit der Spitze seiner Flossen die +Meeresfläche wieder berührt. Man hat diese Bewegung und die eines flachen +Steines, der auffallend und wieder abprallend ein paar Fuß hoch über die +Wellen hüpft, ganz richtig zusammengestellt. So ausnehmend rasch die +Bewegung ist, kann man doch deutlich sehen, daß das Thier während des +Sprungs die Luft schlägt, das heißt, daß es die Brustflossen abwechselnd +ausbreitet und einzieht. Dieselbe Bewegung beobachtet man am fliegenden +Seescorpion auf den japanischen Flüssen, der gleichfalls eine große +Schwimmblase hat, während sie den meisten Seescorpionen, die nicht +fliegen, fehlt [_Scorpaena porcus_, _S. scrofa_, _S. dactyloptera_, +Delaroche.]. Die Exocoetus können, wie die meisten Kiementhiere, ziemlich +lange und mittelst derselben Organe im Wasser und in der Luft athmen, das +heißt der Luft wie dem Wasser den darin enthaltenen Sauerstoff entziehen. +Sie bringen einen großen Theil ihres Lebens in der Luft zu, aber ihr +elendes Leben wird ihnen dadurch nicht leichter gemacht. Verlassen sie das +Meer, um den gefräßigen Goldbrassen zu entgehen, so begegnen sie in der +Luft den Fregatten, Albatrossen und andern Vögeln, die sie im Flug +erschnappen. So werden an den Ufern des Orinoco Rudel von Cabiais, [_Cavia +Capybara._ L.] wenn sie vor den Krokodilen aus dem Wasser flüchten, am +Ufer die Beute der Jaguars. + +Ich bezweifle indessen, daß sich die fliegenden Fische allein um der +Verfolgung ihrer Feinde zu entgehen, aus dem Wasser schnellen. Gleich den +Schwalben schießen sie zu Tausenden Fort, gerade aus und immer gegen die +Richtung der Wellen. In unsern Himmelsstrichen sieht man häufig am Ufer +eines klaren, von der Sonne beschienenen Flusses einzeln stehende Fische, +die somit nichts zu fürchten haben können, sich über die Wasserfläche +schnellen, als machte es ihnen Vergnügen, Luft zu athmen. Warum sollte +dieses Spiel nicht noch häufiger und länger bei den Exocoetus vorkommen, +die vermöge der Form ihrer Brustflossen und ihres geringen specifischen +Gewichtes sich sehr leicht in der Luft halten? Ich fordere die Forscher +auf, zu untersuchen, ob andere fliegende Fische, z. B. _Exocoetus +exiliens_, _Trigla volitans_ und _T. horundo_ auch so große Schwimmblasen +haben wie der tropische Exocoetus. Dieser geht mit dem warmen Wasser des +Golfstroms nach Norden. Die Schiffsjungen schneiden ihm zum Spaß ein Stück +der Brustflossen ab und behaupten, diese wachsen wieder, was mir mit den +bei andern Fischfamilien gemachten Beobachtungen nicht zu stimmen scheint. + +Zur Zeit, da ich von Paris abreiste, hatten die Versuche, welche +_Dr._ Broddelt in Jamaica mit der Luft in der Schwimmblase des +Schwertfisches angestellt, einige Physiker zur Annahme veranlaßt, daß +unter den Tropen dieses Organ bei den Seefischen reines Sauerstoffgas +enthalte. Auch ich hatte diese Vorstellung, und so war ich überrascht, als +ich in der Schwimmblase des Exocoetus nur 0,04 Sauerstoff auf 0,94 +Stickstoff und 0,02 Kohlensäure fand. Der Antheil des letzteren Gases, der +mittelst der Absorption durch Kalkwasser in graduirten Röhren gemessen +wurde, [Anthracometer, gekrümmte Röhren mit einer großen Kugel.] schien +constanter als der des Sauerstoffs, von dem einige Exemplare fast noch +einmal so viel zeigten. Nach Biots, Cosigliachi´s und Delaroche´s +interessanten Beobachtungen muß man annehmen, daß der von Broddelt secirte +Schwertfisch in großen Meerestiefen gelebt habe, wo manche Fische bis zu +94 Procent Sauerstoff in ihrer Schwimmblase zeigen. + +Am 1. Juli, unter 17° 42’ der Breite und 34° 21’ der Länge stießen wir auf +die Trümmer eines Wrackes. Wir konnten einen Mastbaum sehen, der mit +schwimmendem Tang überzogen war. In einem Strich, wo die See beständig +ruhig ist, konnte das Fahrzeug nicht Schiffbruch gelitten haben. +Vielleicht daß diese Trümmer aus den nördlichen stürmischen Meeren kamen, +und infolge der merkwürdigen Drehung, welche die Wasser des Atlantischen +Meeres in der nördlichen Halbkugel erleiden, wieder zum Fleck +zurückwanderte, wo das Schiff zugrunde gegangen. + +Am dritten und vierten fuhren wir über den Theil des Oceans, wo die Karten +die Bank des Maalstroms verzeichne; mit Einbruch der Nacht änderte man den +Curs, um einer Gefahr auszuweichen, deren Vorhandenseyn so zweifelhaft +ist, als das der Inseln Fonseco und Santa Anna.(34) Es wäre wohl klüger +gewesen, den Curs beizubehalten. Die alten Seekarten wimmeln von +sogenannten wachenden Klippen, die zum Theil allerdings vorhanden sind, +größtentheils aber sich von optischen Täuschungen herschreiben, die auf +der See häufiger sind als im Binnenland. Die Lage der wirklich +gefährlichen Punkte ist meist wie auf Gerathewohl angegeben; sie waren von +Schiffern gesehen worden, die ihre Länge nur auf ein paar Grade kannten, +und meist kann man sicher darauf rechnen, keine Klippen zu finden, wenn +man den Punkten zusteuert, wo sie auf den Karten angegeben sind. Als wir +dem vorgeblichen Maalstrom nahe waren, konnten wir am Wasser keine andere +Bewegung bemerken, als ein Strömung nach Nordwest, die uns nicht so viel +in Länge zurücklegen ließ, als wir gewünscht hätten. Die Stärke dieser +Strömung nimmt zu, je näher man dem neuen Continente kommt; sie wird durch +die Bildung der Küsten von Brasilien und Guyana abgelenkt, nicht durch die +Gewässer des Orinoco und des Amazonenstroms, wie manche Physiker +behaupten. + +Seit unserem Eintritt in die heiße Zone wurden wir nicht müde, in jeder +Nacht die Schönheit des südlichen Himmels zu bewundern, an dem, je weiter +wir nach Süden vorrückten, immer neue Sternbilder vor unseren Blicken +aufstiegen. Ein sonderbares, bis jetzt ganz unbekanntes Gefühl wird in +einem rege, wenn man dem Aequator zu, und namentlich beim Uebergang aus +der einen Halbkugel in die andere, die Sterne, die man von Kindheit auf +kennt, immer tiefer hinabrücken und endlich verschwinden sieht. Nichts +mahnt den Reisenden so auffallend an die ungeheure Entfernung seiner +Heimath, als der Anblick eines neuen Himmels. Die Gruppirung der großen +Sterne, einige zerstreute Nebelflecke, die an Glanz mit der Milchstraße +wetteifern, Strecken, die sich durch ihr tiefes Schwarz auszeichnen, geben +dem Südhimmel eine ganz eigenthümliche Physiognomie. Dieses Schauspiel +regt selbst die Einbildungskraft von Menschen auf, die den physischen +Wissenschaften sehr ferne stehen und zum Himmelsgewöbe aufblicken, wie man +eine schöne Landschaft oder eine großartige Aussicht bewundert. Man +braucht kein Botaniker zu seyn, um schon am Anblick der Pflanzenwelt den +heißen Erdstrich zu erkennen, und wer auch keine astronomischen Kenntnisse +hat, wer von Flamsteads und Lacaille’s Himmelskarten nichts weiß, fühlt, +daß er nicht in Europa ist, wenn er das ungeheure Sternbild des Schiffs +oder die leuchtenden Magellanschen Wolken am Horizont aufsteigen sieht. +Erde und Himmel, Allem in den Aequinoctialländern drückt sich der Stempel +des Fremdartigen auf. + +Die niedrigen Luftregionen waren seit einigen Tage mit Dunst erfüllt. Erst +in der Nacht vom vierten zum fünften Juli, unter 16° Breite, sahen wir das +südliche Kreuz zum erstenmal deutlich; es war stark geneigt und erschien +von Zeit zu Zeit zwischen den Wolken, deren Mittelpunkt, wenn das +Wetterleuchten dadurch hinzuckte, wie Silberlicht aufflammte. Wenn es +einem Reisenden gestattet ist, von seinen persönlichen Empfindungen zu +sprechen, so darf ich sagen, daß ich in dieser Nacht einen der Träume +meiner frühesten Jugend in Erfüllung gehen sah. + +Wenn man anfängt geographische Karten zu betrachten und Schilderungen der +Seefahrer zu lesen, so fühlt man für gewisse Länder und gewisse Klimate +eine Art Vorliebe, von der man sich in reiferem Alter keine Rechenschaft +zu geben vermag. Eindrücke der Art äußern einen nicht ungebedeutenden +Einfluß auf unsere Entschlüsse, und wie instinkmäßig suchen wir +Gegenständen, die schon so lange eine geheime Anziehungskraft für uns +gehabt, wirklich nahe zu kommen. Als ich mich mit dem Himmel beschäftigte, +nicht um Astronomie zu treiben, sondern nur um die Sterne kennen zu +lernen, empfand ich eine bange Unruhe, die Menschen, die ein sitzendes +Leben lieben, ganz fremd ist. Der Hoffnung entsagen zu sollen, jemals jene +herrlichen Sternbilder am Südpol zu erblicken, das schien mit sehr hart. +Im ungeduldigen Drange, die Aequatorialländer kennen zu lernen, konnte ich +nicht die Augen zum Sterngewölbe aufschlagen, ohne an das südliche Kreuz +zu denken und mir die erhabenen Verse Dante’s vorzusagen, welche sich nach +den berühmtesten Auslegern auf jenes Sternbild beziehen:(35) + +Jo mi volsi a man destra e posi mente +All´ altro polo, e vidi quattro stelle, +Non viste mai fuor ch´ alla prima gente. + +Goder parea lo ciel di lor fiammelle, +O settentrional vedovo sito, +Pio che privato se di mirar quelle! + +Unsere Freude beim Erscheinen des südlichen Kreuzes wurde lebhaft von +denjenigen unter der Mannschaft getheilt, die in den Colonien gelebt +hatten. In der Meereseinsamkeit begrüßt man einen Stern wie einen Freund, +von dem man lange Zeit getrennt gewesen. Bei den Portugiesen und Spaniern +steigert sich diese gemüthliche Theilnahme noch durch besondere Gründe: +religiöses Gefühl zieht sie zu einem Sternbild hin, dessen Gestalt an das +Wahrzeichen des Glaubens mahnt, das ihre Väter in den Einöden der neuen +Welt aufgepflanzt. + +Da die zwei großen Sterne, welche Spitze und Fuß des Kreuzes bezeichnen, +ungefährt dieselbe Rectascension haben, so muß das Sternbild, wenn es +durch den Meridian geht, fast senkrecht stehen. Dieser Umstand ist allen +Völkern jenseits des Wendekreises und in der südlichen Halbkugel bekannt. +Man hat sich gemerkt, zu welcher Zeit bei Nacht in den verschiedenen +Jahreszeiten das südliche Kreuz aufrecht oder geneigt ist. Es ist eine +Uhr, die sehr regelmäßig etwa vier Minuten im Tag vorgeht, und an keiner +anderen Sterngruppe läßt sich die Zeit mit bloßem Auge so genau +beobachten. Wie oft haben wir unsere Führer in den Savannen von Venezuela +oder in der Wüste zwischen Lima und Truxillo sagen hören: »Mitternacht ist +vorüber, das Kreuz fängt an sich zu neigen!« Wie oft haben wir uns bei +diesen Worten an den rührenden Auftritt erinnert, wo Paul und Virginie an +der Quelle des Fächerpalmenflusses zum letztenmale mit einander sprechen +und der Greis beim Anblick des südlichen Kreuzes sie mahnt, daß es Zeit +sey zu scheiden! + +Die letzten Tage unserer Ueberfahrt waren nicht so günstig, als das milde +Klima und die ruhige See hoffen ließen. Nicht die Gefahren der See störten +uns in unserem Genusse, aber der Keim eines bösartigen Fiebers entwickelte +sich unter uns, je näher wir den Antillen kamen. Im Zwischendeck war es +furchtbar heiß und der Raum sehr beschränkt. Seit wir den Wendekreis +überschritten, stand der Thermometer auf 34 bis 36 Grad. Zwei Matrosen, +mehrere Passagiere und, was ziemlich auffallend ist, zwei Neger von der +Küste von Guinea und ein Mulattenkind wurden von einer Krankheit befallen, +die epidemisch zu werden drohte. Die Symptome waren nicht bei allen +Kranken gleich bedenklich; mehrere aber, und gerade die kräftigsten, +delirirten schon am zweiten Tage und die Kräfte lagen völlig darnieder. +Bei der Gleichgültigkeit, mit der an Bord der Paketboote alles behandelt +wird, was mit der Führung des Schiffes und der Schnelligkeit der +Ueberfahrt nichts zu thun hat, dachte der Kapitän nicht daran, gegen die +Gefahr, die uns bedrohte, die gemeinsten Mittel vorzukehren. Es wurde +nicht geräuchert, und ein unwissender, phlegmatischer galicischer Wundarzt +verordnete Aderlässen, weil er das Fieber der sogenannten Schärfe und +Verderbnis des Blutes zuschrieb. Es war keine Unze Chinarinde an Bord, und +wir hatten vergessen, beim Einschiffen uns selbst damit zu versehen; +unsere Instrumente hatten uns mehr Sorge gemacht als unsere Gesundheit, +und wir hatten unbedachterweise vorausgesetzt, daß es an Bord eines +spanischen Schiffes nicht an peruanischer Fieberrinde fehlen könne. + +Am achten Juli genas ein Matrose, der schon in den letzten Zügen lag, +durch einen Zufall, der der Erwähnung wohl werth ist. Seine Hängematte war +so befestigt, daß zwischen seinen Gesicht und dem Deck keine zehn Zoll +[26 cm] Raum blieben. In dieser Lage konnte man ihm unmöglich die +Sakramente reichen; nach dem Brauch auf den spanischen Schiffen hätte das +Allerheiligste mit brennenden Kerzen herbeigebracht werden und die ganze +Mannschaft dabei seyn müssen. Man schaffte daher den Kranken an einen +luftigen Ort bei der Lucke, wo man aus Segeln und Flaggen ein kleines +viereckiges Gemach hergestellt hatte. Hier sollte er liegen bis zu seinem +Tode, den man nahe glaubte; aber kaum war er aus einer übermäßig heißen, +stockenden, mit Miasmen erfüllten Luft in eine kühlere, reinere, +fortwährend erneuerte gebracht, so kam er allmählich aus seiner Betäubung +zu sich. Mit dem Tage, da er aus dem Zwischendeck fortgeschafft worden, +fing die Genesung an, und wie denn in der Arzneikunde dieselben Thatsachen +zu Stützen der entgegengesetzten Systeme werden, so wurde unser Arzt durch +diesen Fall von Wiedergenesung in seiner Ansicht von der Entzündung des +Bluts und von der Nothwendigkeit des Eingreifens durch Aderlässen, +abführende und asthenische Mittel aller Art bestärkt. Wir bekamen bald die +verderblichen Folgen dieser Behandlung zu sehen und sehnten uns mehr als +je nach dem Augenblick, wo wir die Küste Amerikas betreten könnte. + +Seit mehreren Tagen war die Schätzung der Steuerleute um 1° 12’ von der +Länge abgewichen, die mir mein Chronometer angab. Dieser Unterschied +rührte weniger von der allgemeinen Strömung her, die ich den +»Rotationsstrom« genannte habe, als von dem eigenthümlichen Zuge des +Wassers nach Nordwest, von der Küste von Brasilien gegen die kleinen +Antillen, wodurch die Ueberfahrt von Cayenne nach der Insel Guadeloupe +abgekürzt wird.(36) Am zwölften Juli glaubte ich ankündigen zu können, daß +Tags darauf vor Sonnenaufgang Land in Sicht seyn werde. Wir befanden uns +jetzt nach meinen Beobachtungen unter 10° 46’ der Breite und 60° 54’ +westlicher Länge. Einige Reihen Mondsbeobachtungen bestätigten die Angabe +des Chronometers; aber wir wußten besser, wo sich die Corvette befand, als +wo das Land lag, dem unser Curs zuging und das auf den französischen, +spanischen und englischen Karten so verschieden angegeben ist. Die aus den +genauen Beobachtungen von Churruca, Fidalgo und Noguera sich ergebenden +Längen waren damals noch nicht bekannt gemacht. + +Die Steuerleute verließen sich mehr auf das Log als auf den Gang eines +Chronometers; sie lächelten zu der Behauptung, daß bald Land in Sicht +kommen müsse, und glaubten, man habe noch zwei, drei Tage zu fahren. Es +gereichte mir daher zu großer Befriedigung, als ich am dreizehnten gegen +sechs Uhr Morgens hörte, man sehe von den Masten ein sehr hohes Land, +jedoch wegen des Nebels, der darauf lag, nur undeutlich. Es windete sehr +stark und die See war sehr unruhig. Es regnete hie und da in großen +Tropfen und Alles deutete auf ungestümes Wetter. Der Capitän des Pizarro +hatte beabsichtigt, durch den Canal zwischen Tabago und Trinidad zu +laufen, und da er wußte, daß unsere Corvette sehr langsam wendete, so +fürchtete er gegen Süden unter dem Wind und der Mündung des Dragon nahe zu +kommen. Wir waren allerdings unserer Länge sicherer als der Breite, da +seit dem elften keine Beobachtung um Mittag gemacht worden war. Nach +doppelten Höhen, die ich nach Douwes Methode am Morgen aufgenommen hatte, +befanden wir uns in 11° 6’ 50", somit 15 Minuten weiter nach Nord als nach +der Schätzung. Die Gewalt, mit der der große Orinocostrom seine Gewässer +in den Ocean ergießt, mag in diesen Strichen immerhin den Zug der +Strömungen steigern; wenn man aber behauptet, bis auf 60 Meilen von der +Mündung des Orinoco habe das Meerwasser eine andere Farbe und sey weniger +gesalzen, so ist dieß ein Mährchen der Küstenpiloten. Der Einfluß der +mächtigsten Ströme Amerikas, des Amazonenstroms, des la Plata, des +Orinoco, des Mississippi, des Magdalenenstroms, ist in dieser Beziehung in +weit engere Grenzen eingeschlossen, als man gemeiniglich glaubt. + +Obgleich das Ergebnis der doppelten Sonnenhöhen hinlänglich bewies, daß +das hohe Land, das am Horizont aufstieg, nicht Trinidad war, sondern +Tabago, steuerte der Capitän dennoch nach Nord-Nord-West fort, um letztere +Insel aufzusuchen, die sogar auf Bordas schöner Karte des atlantischen +Oceans fünf Minuten zu weit südlich gesetzt ist. Man sollte kaum glauben, +daß an Küsten, welche von allen Handelsvölkern besucht werden, so +auffallende Irrthümer in der Breite sich Jahrhunderte lang erhalten +könnten. Ich habe diesen Gegenstand anderswo besprochen, und so bemerke +ich hier nur, daß sogar auf der neuesten Karte von Westindien von +Arrowsmith, die im Jahr 1803, also lange nach Churrucas Beobachtungen +erschienen ist, die Breiten der verschiedenen Vorgebirge von Tabago und +Trinidad um 6–11 Minuten falsch angegeben sind. + +Durch die Beobachtung der Sonnenhöhe um Mittag wurde die Breite, wie ich +sie nach Douwes Verfahren erhalten, vollkommen bestätigt. Es blieb kein +Zweifel mehr über den Schiffsort den Inseln gegenüber, und man beschloß, +um das nördliche Vorgebirge von Tabago zu laufen, zwischen dieser Insel +und la Grenada durchzugehen und auf einen Hafen der Insel Margarita +loszusteuern. In diesen Strichen liefen wir jeden Augenblick Gefahr, von +Kapern aufgebracht zu werden, aber zu unserem Glück war die See sehr +unruhig und ein kleiner, englischer Kutter überholte uns, ohne uns nur +anzurufen. Bonpland und mir war vor einem solchen Unfall weniger bang, +seit wir so nahe am amerikanischen Festland sicher waren, daß wir nicht +nach Europa zurückgebracht wurden. + +Der Anblick der Insel Tabago ist höchst malerisch. Es ist ein sorgfältig +bebauter Felsklumpen. Des blendende Weiß des Gesteines sticht angenehm vom +Grün zerstreuter Baumgruppen ab. Sehr hohe cylindrische Fackeldisteln +krönen die Bergkämme und geben der tropischen Landschaft einen ganz +eigenen Charakter. Schon ihr Anblick sagt dem Reisenden, daß er eine +amerikanische Küste vor sich hat: denn die Cactus gehören ausschließlich +der neuen Welt an, wie die Heidekräuter der alten. Der nordöstliche Theil +der Insel Tabago ist der gebirgigste, nach den Höhenwinkeln, die ich mit +dem Sextanten genommen, scheinen indessen die höchsten Gipfel an der Küste +nicht über 140–150 Toisen [270 bis 290 m] hoch zu seyn. Am südlichen +Vorgebirge senkt sich das Land und läuft in die »Sandspitze« aus, die nach +meiner Rechnung unter 10° 20’ 13" der Breite und 62° 47’ 30" der Länge +liegt. Wir sahen mehrere Felsen über dem Wasserspiegel, an denen sich die +See mit Ungestüm brach, und beobachteten große Regelmäßigkeit in der +Neigung und dem Streichen der Schichten, die unter einem Winkel von 60° +nach Südost fallen. Es wäre zu wünschen daß ein geübter Mineralog die +großen und kleinen Antillen von der Küste von Paria bis zum Vorgebirge von +Florida bereiste und die ehemalige, durch Strömungen, Erderschütterungen +und Vulkane auseinander gerissene Bergkette untersuchte. + +Wir waren eben um das Nordcap von Tabago und die kleine Insel St. Giles +gelaufen, als man vom Mastkorb ein feindliches Geschwader signalisirte. +Wir wendeten sogleich und die Passagiere wurden unruhig, da mehrere ihr +kleines Vermögen in Waaren gesteckt hatten, die sie in den spanischen +Colonien zu verwerthen gedachten. Das Geschwader schien sich nicht zu +rühren, und es zeigte sich bald, daß man eine Menge einzelner Klippen für +Segel angesehen hatte. + +Wir fuhren über die Untiefe zwischen Tabago und la Grenada. Die Farbe der +See war nicht merkbar verändert, aber ein paar Zoll unter der Oberfläche +zeigte der Thermometer nur 23°, während er ostwärts auf hoher See unter +derselben Breite und gleichfalls an der Meeresfläche auf 25°,6 stand. +Trotz der Strömung zeigte die geringe Temperatur des Wassers die Untiefe +an, die nur auf wenigen Karten angegeben ist. Nach Sonnenuntergang wurde +der Wind schwächer, und je näher der Mond zum Zenith rückte, desto mehr +klärte sich der Himmel auf. In dieser und in den folgenden Nächten fielen +wieder sehr viele Sternschnuppen; gegen Nord zeigten sie sich nicht so +häufig als gegen Süd, über Terra Firma, an deren Küste wir jetzt +hinzufahren anfingen. Diese Vertheilung weist darauf hin, daß diese +Meteore, über deren Wesen wir noch so sehr im Unklaren sind, zum Theil von +örtlichen Ursachen abhängig seyn mögen. + +Am 14. bei Sonnenaufgang kam die Bocca de Dragon in Sicht. Wir konnten die +Insel Chacachacarreo sehen, das westlichste der Eilande zwischen dem +Vorgebirge Paria und dem nordwestlichen Vorgebirge von Trinidad. Fünf +Meilen von der Küste, bei der *Punte de la Baca*, wurden wir gewahr, daß +eine eigenthümliche Strömung die Corvette nach Süd trieb. Durch den Zug +des Wassers, das aus der Bocca de Dragon kommt, und durch die Bewegung von +Ebbe und Fluth entsteht eine Gegenströmung. Man warf das Senkblei aus und +fand 36–43 Faden Tiefe über einem Grund von grünlichem, sehr feinem Thon. +Nach Dampiers Grundsätzen hätten wir in der Nähe einer von sehr hohen, +steil aufsteigenden Gebirgen gebildeten Küste keine so geringe Meerestiefe +erwartet. Wir lotheten fort bis zum _Cabo de tres puntas_ und fanden +überall erhöhten Meeresgrund, dessen Umriß das Streichen der ehemaligen +Meeresküste zu bezeichnen scheint. Die Temperatur des Meeres war hier +23–24 Grad, somit 1,5 bis 2 Grad niedriger als auf hoher See, das heißt +jenseits der Ränder der Bank. + +Das _Cabo de tres puntas_, von Columbus selbst so benannt [Im +August 1598.], liegt nach meinen Beobachtungen unter 65° 4’ 5" der Länge. +Es erschien uns um so höher, da seine gezackten Gipfel in Wolken gehüllt +waren. Das ganze Ansehen der Berge von Paria, ihre Farbe und besonders +ihre meist runden Umrisse ließen uns vermuthen, daß die Küste aus Granit +bestehe; die Folge zeigte aber, wie sehr man sich, selbst wenn man sein +Lebenlang in Gebirgen gereist ist, irren kann, wenn man über die +Beschaffenheit der Gebirgsart aus der Ferne urtheilt. + +Wir benützten eine Windstille, die ein paar Stunden anhielt, um die +Intensität der magnetischen Kraft beim _Cabo de tres puntas_ genau zu +bestimmen. Wir fanden sie größer als auf hoher See ostwärts von Tabago, im +Verhältniß von 257 zu 229. Während der Windstille trieb uns die Strömung +rasch nach West. Ihre Geschwindigkeit betrug 3 Meilen in der Stunde; sie +nahm zu, je näher wir dem Meridian der *Testigos* kamen, eines Haufens von +Klippen, die aus der weiten See aufsteigen. Als der Mond unterging, +bedeckte sich der Himmel mit Wolken, der Wind wurde wieder stärker und es +stürzte ein Platzregen nieder, wie sie dem heißen Erdstrich eigen sind und +wir auf unsern Zügen im Binnenlande sie so oft durchgemacht haben. + +Die an Bord des Pizarro ausgebrochene Seuche breitete sich rasch aus, seit +wir uns nahe der Küste von Terra Firma befanden; der Thermometer stand bei +Nacht regelmäßig zwischen 22 und 23°, bei Tag zwischen 24 und 27°. Die +Congestionen gegen den Kopf, die ausnehmende Trockenheit der Haut, das +Daniederliegen der Kräfte, alle Symptome wurden immer bedenklicher; wir +waren aber so ziemlich am Ziele unserer Fahrt, und so hofften wir alle +Kranke genesen zu sehen, wenn man sie an der Insel Margarita oder im Hafen +von Cumana, die für sehr gesund gelten, ans Land bringen könnte. + +Diese Hoffnung ging nicht ganz in Erfüllung. Der jüngste Passagier bekam +das bösartige Fieber und unterlag ihm, blieb aber zum Glück das einzige +Opfer. Es war ein junger Asturier von neunzehn Jahren, der einzige Sohn +einer armen Wittwe. Mehrere Umstände machten den Tod des junge Mannes, aus +dessen Gesicht viel Gefühl und große Gutmüthigkeit sprachen, ergreifend +für uns. Er war mit Widerstreben zu Schiffe gegangen; er hatte seine +Mutter durch den Ertrag seiner Arbeit unterstützen wollen, aber diese +hatte ihre Liebe und den eigenen Vortheil dem Gedanken zum Opfer gebracht, +daß ihr Sohn, wenn er in die Colonien ginge, bei einem reichen Verwandten, +der auf Cuba lebte, sein Glück machen könnte. Der unglückliche junge Mann +verfiel rasch in Betäubung, redete dazwischen irre und starb am dritten +Tage der Krankheit. Das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen rafft in Vera +Cruz nicht leicht die Kranken so furchtbar schnell dahin. Ein anderer, +noch jüngerer Asturier wich keinen Augenblick vom Bette des Kranken und +bekam, was ziemlich auffallend ist, die Krankheit nicht. Er wollte mit +seinem Landsmann nach San Jago de Cuba gehen und sich dort von ihm im +Hause des Verwandten einführen lassen, auf den sie ihre ganze Hoffnung +gesetzt hatten. Es war herzzerreißend, wie der, welcher den Freund +überlebte, sich seinem tiefen Schmerze überließ und die unseligen +Ratschläge verwünschte, die ihn in ein fernes Land getrieben, wo er nun +allein und verlassen dastand. + +Wir standen beisammen auf dem Verdeck in trüben Gedanken. Es war kein +Zweifel mehr, das Fieber, das an Bord herrschte, hatte seit einigen Tagen +einen bösartigen Charakter angenommen. Unsere Blicke hingen an einer +gebirgigen, wüsten Küste, auf die zuweilen ein Mondstrahl durch die Wolken +fiel. Die leise bewegte See leuchtete in schwachem phosphorischen Schein; +man hörte nichts als das eintönige Geschrei einiger großer Seevögel, die +das Land zu suchen schienen. Tiefe Ruhe herrschte ringsum am einsamen Ort; +aber diese Ruhe der Natur stand im Widerspiel mit den schmerzlichen +Gefühlen in unserer Brust. Gegen acht Uhr wurde langsam die Todtenglocke +geläutet; bei diesem Trauerzeichen brachen die Matrosen ihre Arbeit ab und +ließen sich zu kurzem Gebet auf die Kniee nieder, eine ergreifende +Handlung, die an die Zeiten gemahnt, wo die ersten Christen sich als +Glieder Einer Familie betrachteten, und die auch jetzt noch die Menschen +im Gefühl gemeinsamen Unglücks einander näher bringt. In der Nacht +schaffte man die Leiche des Asturiers auf das Verdeck, und auf die +Vorstellung des Priesters wurde er erst nach Sonnenaufgang ins Meer +geworfen, damit man die Leichenfeier nach dem Gebrauch der römischen +Kirche vornehmen konnte. Kein Mann an Bord, den nicht das Schicksal des +jungen Mannes rührte, den wir noch vor wenigen Tagen frisch und gesund +gesehen hatten. + +Der eben erzählte Vorfall zeigte uns, wie gefährlich dieses bösartige oder +atactische Fieder sey, und wenn die langen Windstillen die Ueberfahrt von +Cumana nach Havana verzögerten, so mußte man besorgen, daß es viele Opfer +fordern könnte. An Bord eines Kriegsschiffs oder eines Transportschiffs +machen einige Todesfälle gewöhnlich nicht mehr Eindruck, als wenn man in +einer volkreichen Stadt einem Leichenzug begegnet. Anders an Bord eines +Paketboots mit kleiner Mannschaft, wo zwischen Menschen, die dasselbe +Reiseziel haben, sich nähere Beziehungen knüpfen. Die Passagiere auf dem +Pizarro spürten zwar noch nichts von den Vorboten der Krankheit, +beschlossen aber doch, das Fahrzeug am nächsten Landungsplatz zu verlassen +und die Ankunft eines andern Postschiffes zu erwarten, um ihren Weg nach +Cuba oder Mexico fortzusetzen. Sie betrachteten das Zwischendeck des +Schiffes als einen Herd der Ansteckung, und obgleich es mir keineswegs +erwiesen schien, daß das Fieber durch Berührung anstecke, hielt ich es +doch durch die Vorsicht geraten, in Cumana ans Land zu gehen. Es schien +mir wünschenswerth, Neuspanien erst nach einem längeren Aufenthalt an den +Küsten von Venezuela und Paria zu besuchen, wo der unglückliche Löffling +nur sehr wenige naturgeschichtliche Beobachtungen hatte machen können. Wir +brannten vor Verlangen, die herrlichen Gewächse, die Bose und Bredemeyer +auf ihrer Reise in Terra Firma gesammelt und die eine Zierde der +Gewächshäuser zu Schönbrunn und Wien sind, auf ihrem heimathlichen Boden +zu sehen. Es hätte uns sehr wehe getan, in Cumana oder Guayra zu landen, +ohne das Innere eines von den Naturforschern so wenig betretenen Landes zu +betreten. + +Der Entschluß, den wir in der Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten +Juli faßten, äußerte einen glücklichen Einfluß auf den Verfolg unserer +Reisen. Statt einiger Wochen verweilten wir ein ganzes Jahr in Terra +Firma; ohne die Seuche an Bord des Pizarro wären wir nie an den Orinoco, +an den Cassiquiare und an die Grenze der portugiesischen Besitzungen am +Rio Negro gekommen. Vielleicht verdanken wir es auch dieser unserer +Reiserichtung, daß wir während eines so langen Aufenthaltes in den +Aequinoctialländern so gesund blieben. + +Bekanntlich schweben die Europäer in den ersten Monaten, nachdem sie unter +den glühenden Himmel der Tropen versetzt worden, in sehr großer Gefahr. +Sie betrachten sich als acclimatisirt, wenn sie die Regenzeit auf den +Antillen, in Vera Cruz oder Carthagena überstanden haben. Diese Meinung +ist nicht unbegründet, obgleich es nicht an Beispielen fehlt, daß Leute, +die bei der ersten Epidemie des gelben Fiebers durchgekommen, in einem der +folgenden Jahre Opfer der Seuche werden. Die Fähigkeit, sich zu +acclimatisieren, scheint im umgekehrten Verhältniß zu stehen mit dem +Unterschied zwischen der mittleren Temperatur der heißen Zone und der des +Geburtslandes des Reisenden oder Colonisten, der das Klima wechselt, weil +die Lufttemperatur den mächtigsten Einfluß auf die Reizbarkeit und die +Vitalität der Organe äußert. Ein Preuße, ein Pole, ein Schwede sind mehr +gefährdet, wenn sie auf die Inseln oder nach Terra Firma kommen, als ein +Spanier, ein Italiener und selbst ein Bewohner des südlichen Frankreichs. +Für die nordischen Völker beträgt der Unterschied in der mittleren +Temperatur 19–21 Grad, für die südlichen nur 9–10. Wir waren so glücklich, +die Zeit, in der der Europäer nach der Landung die größte Gefahr läuft, im +ausnehmend heißen, aber sehr trockenen Klima von Cumana zu verleben, einer +Stadt, die für sehr gesund gilt. Hätten wir unsern Weg nach Vera Cruz +fortgesetzt, so hätten wir leicht das Loos mehrerer Passagiere des +Paketboots *Aleudia* theilen können, das mit dem *Pizarro* in die Havana +kam, als eben das *schwarze Erbrechen* auf Cuba und an der Ostküste von +Mexico schreckliche Verheerungen anrichtete. + +Am 15. Morgens, ungefähr gegenüber dem kleinen Berge St. Joseph, waren wir +von einer Menge schwimmenden Tangs umgeben. Die Stengel desselben hatten +die sonderbaren, wie Blumenkelche und Federbüsche gestalteten Anhänge, wie +sie Don Hypolite Ruiz auf seiner Rückkehr aus Chili beobachtet und in +einer besondern Abhandlung als die Geschlechtsorgane des _Fucus natans_ +beschrieben hat. Ein glücklicher Zufall setzte uns in den Stand, eine +Beobachtung zu berichtigen, die sich nur Einmal der Naturforschung +dargeboten hatte. Die Bündel Tang, welche Bonpland aufgefischt hatte, +waren durchaus identisch mit den Exemplaren, die wir der Gefälligkeit der +gelehrten Verfasser der peruanischen Flora verdankten. Als wir beide unter +dem Mikroscop untersuchten, fanden wir, daß diese angeblichen +Befruchtungswerkzeuge, diese Pistille und Staubfäden eine neue Gattung +Pflanzenthiere aus der Familie der Ceratophyten seyen. Die Kelche, welche +Ruiz für Pistille hielt, entspringen aus hornartigen, abgeplatteten +Stielen, die so fest mit der Substand des Fucus zusammenhängen, daß man +sie gar wohl für bloße Rippen halten könnte; aber mit einem sehr dünnen +Messer gelingt es, sie abzulösen, ohne das Parenchym zu verletzen. Die +nicht gegliederten Stiele sind Anfangs schwarzbraun, werden aber, wenn sie +vertrocknen, weiß und zerreiblich. In diesen Zustand brausen sie mit +Säuren auf, wie die kalkigte Substanz der Sertularia, deren Spitzen mit +den Kelchen des von Ruiz beobachteten Fucus Aehnlichkeit haben. In der +Südsee, auf der Ueberfahrt von Guayaquil nach Acapulco, haben wir an der +tropischen Seetraube dieselben Anhängsel gefunden, und eine sehr +sorgfältige Untersuchung überzeugte uns, daß sich hier ein Zoophyt an den +Tang heftet, wie der Epheu den Baumstamm umschlingt. Die unter dem Namen +weiblicher Blüthen beschriebenen Organe sind über zwei Linien lang, und +schon diese Größe hätte den Gedanken an wahrhafte Pistille nicht aufkommen +lassen sollen. + +Die Küste von Paria zieht sich nach West fort und bildet eine nicht sehr +hohe Felsmauer mit abgerundeten Gipfeln und wellenförmigen Umrissen. Es +dauerte lange, bis wir die hohe Küste der Insel Margarita zu sehen +bekamen, wo wir einlaufen sollten, um hinsichtlich der englischen Kreuzer, +und ob es gefährlich sey, bei Guayra anzulegen, Erkundigung einzuziehen. +Sonnenhöhen, die wir unter sehr günstigen Umstängen genommen, hatten uns +gezeigt, wie unrichtig damals selbst die gesuchtesten Seekarten waren. Am +15. Morgens, wo wir uns nach dem Chronometer unter 66° 1’ 15" der Länge +befanden, waren wir noch nicht im Meridian der Insel St. Margarita, +während wir nach der verkleinerten Karte des atlantischen Oceans über das +westliche sehr hohe Vorgebirge der Insel, das unter 66° 0’ der Länge +gesetzt ist, bereits hätten hinaus seyn sollen. Die Küsten von Terra Firma +wurden vor Fidalgos, Nogueras und Tiscars, und ich darf wohl hinzufügen, +vor meinen astronomischen Beobachtungen in Cumana, so unrichtig +gezeichnet, daß für die Schifffahrt daraus hätten Gefahren erwachsen +können, wenn nicht das Meer in diesen Strichen beständig ruhig wäre. Ja +die Fehler in der Breite waren noch größer als die in der Länge, denn die +Küste von Neuandalusien läuft westwärts vom _Capo de tres Puntas_ 15–20 +Meilen weiter nach Norden, als auf den vor dem Jahr 1800 erschienenen +Karten angegeben ist. + +Gegen elf Uhr Morgens kam uns ein sehr niedriges Eiland zu Gesicht, auf +dem sich einige Sanddünen erhoben. Durch das Fernrohr ließ sich keine Spur +von Bewohnern oder von Anbau entdecken. Hin und wieder standen +cylindrische Cactus wie Kandelaber. Der fast pflanzenlose Boden schien +sich wellenförmig zu bewegen infolge der starken Brechung, welche die +Sonnenstrahlen erleiden, wenn sie durch Luftschichten hindurchgehen, die +auf einer stark erhitzten Fläche aufliegen. Die Luftspiegelung macht, daß +in allen Zonen Wüsten und sandiger Strand sich wie bewegte See ausnehmen. + +Das flache Land, das wir vor uns hatten, stimmte schlecht zu der +Vorstellung, die wir uns von der Insel Margarita gemacht. Während man +beschäftigt war, die Angaben der Karten zu vergleichen, ohne sie in +Uebereinstimmung bringen zu können, signalisirte man vom Mast einige +kleine Fischerboote. Der Capitän des Pizarro rief sie durch einen +Kanonenschuß herbei; aber ein solches Zeichen dient zu nichts in Ländern, +wo der Schwache, wenn er dem Starken begegnet, glaubt sich nur auf +Vergewaltigungen gefaßt machen zu müssen. Die Boote ergriffen die Flucht +nach Westen zu, und wir sahen uns hier in derselben Verlegenheit, wie bei +unserer Ankunft auf den Canarien vor der kleinen Insel Graciosa. Niemand +an Bord war je in der Gegend am Land gewesen. So ruhig die See war, so +schien doch die Nähe eines kaum ein paar Fuß hohen Eilandes +Vorsichtsmaßregeln zu erheischen. Man steuerte nicht weiter dem Lande zu, +und warf eilends den Anker aus. + +Küsten, aus der Ferne gesehen, verhalten sich wie Wolken, in denen jeder +Beobachter die Gegenstände erblickt, die seine Einbildungskraft +beschäftigen. Da unsere Aufnahmen und die Angabe des Chronometers mit den +Karten, die uns zur Hand waren, im Widerspruch standen, so verlor man sich +in eitlen Muthmaßungen. Die einen hielten Sandhaufen für Indianerhütten +und deuteten auf den Punkt, wo nach ihnen das Fort Pampatar liegen mußte; +andere sahen die Ziegenheerden, welche im dürren Thal von San Juan so +häufig sind; sie zeigten die hohen Berge von Macanao, die ihnen halb in +Wolken gehüllt schienen. Der Capitän beschloß einen Steuermann ans Land zu +schicken; man legte Hand an, um die Schaluppe ins Wasser zu lassen, da das +Boot auf der Rhede von Santa Cruz durch die Brandung stark gelitten hatte. +Da die Küste ziemlich fern war, konnte die Rückfahrt zur Corvette +schwierig werden, wenn der Wind Abends stark wurde. + +Als wir uns eben anschickten, ans Land zu gehen, sah man zwei Piroguen an +der Küste hinfahren. Man rief sie durch einen zweiten Kanonenschuß an, und +obgleich man die Flagge von Castilien aufgezogen hatte, kamen sie doch nur +zögernd herbei. Diese Piroguen waren, wie alle der Eingeborenen, aus Einem +Baumstamm, und in jeder befanden sich achtzehn Indianer vom Stamme der +Guayqueries [Guaykari], nackt bis zum Gürtel und von hohem Wuchs. Ihr +Körperbau zeugte von großer Muskelkraft und ihre Hautfarbe war ein +Mittelding zwischen braun und kupferroth. Von weitem, wie sie unbeweglich +dasaßen und sich vom Horizont abhoben, konnte man sie für Bronzestatuen +halten. Dieß war uns um so auffallender, da es so wenig dem Begriff +entsprach, den wir uns nach manchen Reiseberichten von der eigenthümlichen +Körperbildung und der großen Körperschwäche der Eingeborenen gemacht +hatten. Wir machten in der Folge die Erfahrung, und brauchten deshalb die +Grenzen der Provinz Cumana nicht zu überschreiten, wie auffallend die +Guayqueries äußerlich von den Chaymas und den Caraiben verschieden sind. +So nahe alle Völker Amerikas miteinander verwandt scheinen, da sie ja +derselben Race angehören, so unterscheiden sich doch die Stämme nicht +selten bedeutend im Körperwuchs, in der mehr oder weniger dunkeln +Hautfarbe, im Blick, aus dem den einen Seelenruhe und Sanftmuth, bei +andern ein unheimliches Mittelding von Trübsinn und Wildheit spricht. + +Sobald die Piroguen so nahe waren, daß man die Indianer spanisch anrufen +konnte, verloren sie ihr Mißtrauen und fuhren geradezu an Bord. Wir +erfuhren von ihnen, das niedrige Eiland, bei dem wir geankert, sey die +Insel Coche, die immer unbewohnt gewesen und an der die spanischen +Schiffe, die aus Europa kommen, gewöhnlich weiter nördlich zwischen +derselben und der Insel Margarita durchgehen, um im Hafen von Pampatar +einen Lootsen einzunehmen. Unbekannt in der Gegend, waren wir in den Canal +südlich von Coche gerathen, und da die englischen Kreuzer sich damals +häufig in diesen Strichen zeigten, hatten uns die Indianer für ein +feindliches Fahrzeug angesehen. Die südliche Durchfahrt hat allerdings +bedeutende Vortheile für Schiffe, die von Cumana nach Barcelona gehen; sie +hat weniger Wassertiefe als die nördliche, weit schmalere Durchfahrt, aber +man läuft nicht Gefahr aufzufahren, wenn man sich nahe an den Inseln Lobos +und Moros del Tunal hält. Der Canal zwischen Coche und Margarita wird +durch die Untiefen am nordwestlichen Vorgebirge von Coche und durch die +Bank an der Punte de Mangles eingeengt. + +Die Guayqueries gehören zum Stamm civilisirter Indianer, welche auf den +Küsten von Margarita und in den Vorstädten von Cumana wohnen. Nach den +Caraiben des spanischen Guyana sind sie der schönste Menschenschlag in +Terra Firma. Sie genießen verschiedener Vorrechte, da sie seit der ersten +Zeit der Eroberung sich als treue Freunde der Castilianer bewährt haben. +Der König von Spanien nennt sie daher auch in seinen Handschreiben »seine +lieben, edlen und getreuen Guayqueries«. Die Indianer, auf die wir in den +zwei Piroguen gestoßen, hatten den Hafen von Cumana in der Nacht +verlassen. Sie wollten Bauholz in den Cedrowäldern [_Cedrela odorata_ +Linné] holen, die sich vom Cap San José bis über die Mündung des Rio +Carupano hinaus erstrecken. Sie gaben uns frische Cocosnüsse und einige +Fische von der Gattung _Choetodon_, deren Farben wir nicht genug bewundern +konnten. Welche Schätze enthielten in unseren Augen die Kähne der armen +Indianer! Ungeheure Vijaoblätter [_Heliconia bihai._] bedeckten +Bananenbüschel; der Schuppenpanzer eines Tatou [Armadill, _Dasypus_, +_Cachicamo_], die Frucht der _Crescentia cujete_, die den Eingeborenen als +Trinkgefäße dienen, Naturkörper, die in den europäischen Cabinetten zu den +gemeinsten gehören, hatten ungemeinen Reiz für uns, weil sie uns lebhaft +daran mahnten, daß wir uns im heißen Erdgürtel befanden und das +längstersehnte Ziel erreicht hatten. + +Der *Patron* einer der Piroguen erbot sich, an Bord des Pizarro zu +bleiben, um uns als Lootse zu dienen. Der Mann empfahl sich durch sein +ganzes Wesen; er war ein scharfsinniger Beobachter und hatte sich in +lebhafter Wißbegier mit den Meeresprodukten wie mit den einheimischen +Gewächsen abgegeben. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß der erste +Indianer, dem wir bei unserer Landung begegneten, der Mann war, dessen +Bekanntschaft unseren Reisezwecken äußerst förderlich wurde. Mit Vergnügen +schreibe ich in dieser Erzählung den Namen Carlos del Pino nieder, so hieß +der Mann, der uns sechzehn Monate lang auf unseren Zügen längs der Küsten +und im inneren Lande begleitet hat. + +Gegen Abend ließ der Capitän der Corvette den Anker lichten. Bevor wir die +Untiefe oder den _Placer_ bei Coche verließen, bestimmte ich die Länge des +östlichen Vorgebirges der Insel und fand sie 66° 11’ 53". Westwärts +steuernd hatten wir bald die kleine Insel Cubagua vor uns, die jetzt ganz +öde ist, früher aber durch Perlenfischerei berühmt war. Hier hatten die +Spanier unmittelbar nach Columbus und Ojedas Reisen eine Stadt unter dem +Namen Neucadix gegründet, von der keine Spur mehr vorhanden ist. Zu Anfang +des sechzehnten Jahrhunderts waren die Perlen von Cubagua in Sevilla und +Toledo, wie auf den großen Messen von Augsburg und Brügge bekannt. Da +Neucadix kein Wasser hatte, so mußte man es an der benachbarten Küste aus +dem Manzanaresflusse holen, obgleich man es, ich weiß nicht warum, +beschuldigte, daß es Augenentzündungen verursache. Die Schriftsteller +jener Zeit sprechen alle vom Reichthum der ersten Ansiedler und vom Luxus, +den sie getrieben; jetzt erheben sich Dünen von Flugsand auf der +unbewohnten Küste und der Name Cubagua ist auf unseren Karten kaum +verzeichnet. + +In diesem Striche angelangt, sahen wir die hohen Berge von Kap Macanao im +Westen der Insel Margarita majestätisch am Horizont aufsteigen. Nach den +Höhenwinkeln, die wir in 18 Meilen Entfernung nahmen, mögen diese Gipfel +500–600 Toisen absolute Höhe haben. Nach Louis Berthoud´s Chronometer +liegt Cap Macanao unter 66° 47’ 5" Länge. Ich nahm die Felsen am Ende des +Vorgebirges auf, nicht die sehr niedrige Landzunge, die nach West +fortstreicht und sich in eine Untiefe verliert. Die Länge, die ich für +Macanao gefunden, und die, welche ich oben für die Ostspitze der Insel +Coche angegeben, weichen von Fidalgos Beobachtungen nur um 4 Zeitsecunden +ab. + +Der Wind war sehr schwach; der Capitän hielt es für rathsamer, bis zu +Tagesanbruch zu laviren. Er scheute sich, bei Nacht in den Hafen von +Cumana einzulaufen, und ein unglücklicher Zufall, der vor kurzem eben hier +vorgekommen war, schien diese Vorsicht zu gebieten. Ein Paketboot hatte +Anker geworfen, ohne die Laternen auf dem Hintertheil anzuzünden; man +hielt es für ein feindliches Fahrzeug und die Batterien von Cumana gaben +Feuer darauf. Dem Capitän des Postschiffes wurde ein Bein weggerissen und +er starb wenige Tage darauf in Cumana. + +Wir brachten die Nacht zum Theil auf dem Verdeck zu. Der indianische +Lootse unterhielt uns von den Thieren und Gewächsen seines Landes. Wir +hörten zu unserer großen Freude, wenige Meilen von der Küste sey ein +gebirgiger, von Spaniern bewohnter Landstrich, wo empfindliche Kälte +herrsche, und auf den Ebenen kommen zwei sehr verschiedene Krokodile +[_Crocodilus acutus_ und _C. Bava_.] vor, ferner Boas, elektrische Aale +[_Gymnotus electricus_, _Temblador_.] und mehrere Tigerarten. Obgleich die +Worte *Bava*, *Cachicamo* und *Temblador* uns ganz unbekannt waren, ließ +uns die naive Beschreibung der Gestalt und der Sitten der Thiere alsbald +die Arten erkennen, welche die Creolen so benennen. Wir dachten nicht +daran, daß diese Thiere über ungeheure Landstriche zerstreut sind, und +hofften, sie gleich in den Wäldern bei Cumana beobachten zu können. Nichts +reizt die Neugierde des Naturkundigen mehr als der Bericht von den Wundern +eines Landes, das er betreten soll. + +Am 16. Juli 1799, bei Tagesanbruch, lag eine grüne, malerische Küste vor +uns. Die Berge von Neuandalusien begrenzten, halb von Wolken verschleiert, +nach Süden den Horizont. Die Stadt Cumana mit ihrem Schloß erschien +zwischen Gruppen von Cocosbäumen. Um neun Uhr morgens, ein und vierzig +Tage nach unserer Abfahrt von Corunna, gingen wir im Hafen vor Anker. Die +Kranken schleppten sich auf das Verdeck um sich am Anblick eines Landes zu +laben, wo ihre Leiden ein Ende finden sollten. + + ------------------ + + + + + + 31 Daß fortwährend ein oberer Luftstrom vom Aequator zu den Polen und + ein unterer von den Polen zum Aequator geht, dieß ist, die Arago + dargethan hat, schon von Hooke erkannt worden. Seine Ideen hierüber + entwickelte der berühmte englische Physiker in einer Rede vom Jahr + 1686. »Ich glaube,« fügt er hinzu, »daß sich mehrere Erscheinungen + in der Luft und auf dem Meere, namentlich die Winde, aus + Polarströmen erklären lassen.« Hadley führt diese interessante + Stelle nicht an; andererseits nimmt Hooke, wo er auf die Passatwinde + selbst zu sprechen kommt, Galileis unrichtige Theorie an, nach der + sich die Erde und die Luft mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen + sollen. + + 32 Die spanischen Seeleute nennen die sehr starken Passatwinde in + Cartagena _los brisotes de la Santa Martha_ und im Meerbusen von + Mexico _las brizas pardas_. Bei letzteren Winden ist der Himmel grau + und umwölkt. + + 33 Phönicische Fahrzeuge scheinen in »in 30 Tagen Schiffahrt und mit + dem Ostwind« zum *Grasmeer* gekommen zu seyn, das bei den Spaniern + und Portugiesen _Mar de Sargazo_ heißt. Ich habe anderswo dargetan, + daß diese Stelle im Buche des Aristoteles »_De Mirabilibus_« sich + nicht wohl, wie eine ähnliche Stelle im Periplus des Scylax, auf die + Küste von Afrika beziehen kann. Setzt man voraus, daß das Gras + bedeckte Meer, das die phönicischen Schiffe in ihrem Lauf aufhielt, + das _Mar de Sargazo_ gar, so braucht man nicht anzunehmen, daß die + Alten im Atlantischen Meer über den 30. Grad westlicher Länge vom + Meridian von Paris hinausgekommen seyen. + + 34 Die Karten von Jefferys und Van-Keulen geben vier Inseln an, die + nichts als eingebildete Gefahren sind: die Inseln Garca und Santa + Anna, westlich von den Azoren, die grüne Insel (unter 14° 52’ + Breite, 28° 30’ Länge) und die Insel Fonseco (unter 13° 15’ Breite, + 57° 10’ Länge). Wie kann man an die Existenz von vier Inseln in von + Tausenden von Schiffen befahrenen Strichen glauben, da von so vielen + kleinen Riffen und Untiefen, die seit hundert Jahren von + leichtgläubien Schiffern angegeben worden sind, sich kaum zwei oder + drei bewahrheitet haben? Was die allgemeine Frage betrifft, mit + welchen Grade von Wahrscheinlichkeit sich annehmen läßt, daß + zwischen Europa und Amerika eine auf eine Meile sichtbare Insel + werde entdeckt werden, so könnte man sie einer strengen Rechnung + unterwerfen, wenn man die Zahl der Fahrzeuge kennte, die seit + dreihundert Jahren jährlich das atlantische Meer befahren, und wenn + man dabei die ungleiche Vertheilung der Fahrzeuge in verschiedenen + Strichen berüchsichtigte. Befände sich der Maalstrom, nach + Van-Keulens Angabe unter 16° Breite und 39° 30’ Länge, so wären wir + am 4. Juli darüber weggefahren. + + 35 Rechts an des andern Poles Firmament + Boten sich dar vier Sterne meinen Blicken, + Die nur dem ersten Paar zu schaun vergönnt. + + Ihr Schimmer schien den Himmel zu entzücken: + O mitternächt´ger Bogen, so verwaist, + Weil du an ihnen nie dich kannst erquicken! + + (Nach Kannegießers Uebersetzung). + + 36 Im atlantischen Meere ist ein Strich, wo das Wasser immer milchigt + erscheint, obgleich die See dort sehr tief ist. Diese merkwürdige + Erscheinung zeigt sich unter der Breite der Insel Dominica und etwa + unter 57° der Länge. Sollte an diesem Punkt, noch östlicher als + Barbados, ein versunkenes vulkanisches Eiland unter dem Meerespiegel + liegen? + + + + + +VIERTES KAPITEL + + + Erster Auftenthalt in Cumana. — Die Ufer des Manzanares + + +Wir waren am 16. Juli mit Tagesanbruch auf dem Ankerplatz, gegenüber der +Mündung des Rio Manzanares, angelangt, konnten uns aber erst spät am +Morgen ausschiffen, weil wir den Besuch der Hafenbeamten abwarten mußten. +Unsere Blicke hingen an den Gruppen von Cocosbäumen, die das Ufer säumten +und deren über sechzig Fuß [20 m] hohe Stämme die Landschaft beherrschten. +Die Ebene war bedeckt mit Büschen von Cassien, Capparis und den +baumartigen Mimosen, die gleich den Pinien Italiens ihre Zweige +schirmartig ausbreiten. Die gefiederten Blätter der Palmen hoben sich von +einem Himmelsblau ab, das keine Spur von Dunst trübte. Die Sonne stieg +rasch zum Zenith auf; ein blendendes Licht war in der Luft verbreitet und +lag auf den weißlichen Hügeln mit zerstreuten cylindrischen Cactus und auf +dem ewig ruhigen Meere, dessen Ufer von Alcatras [Ein brauner Pelikan von +der Größe des Schwans. _Pelicanus fuscus_, _Linné_.], Reihern und Flamingo +bevölkert sind. Das glänzende Tageslicht, die Kraft der Pflanzenfarben, +die Gestalten der Gewächse, das bunte Gefieder der Vögel, alles trug den +großartigen Stempel der tropischen Natur. + +Cumana, die Hauptstadt von Neuandalusien, liegt eine Meile [4,5 km] vom +Landungsplatz oder der Batterie _de la Bocca_, bei der wir ans Land +gestiegen, nachdem wir über die Barre des Manzanares gefahren. Wir hatten +über eine weite Ebene [_El Salado_] zu gehen, die zwischen der Vorstadt +der Guayqueries und der Küste liegt. Die starke Hitze wurde durch die +Strahlung des zum Theil pflanzenlosen Bodens noch gesteigert. Der +hunderttheilige Thermometer, in den weißen Sand gesteckt, zeigte 37°,7. In +kleinen Salzwasserlachen stand er auf 30°,5, während im Hafen von Cumana +die Temperatur des Meeres an der Oberfläche meist 25°,2 bis 26°,3 beträgt. +Die erste Pflanze, die wir auf dem amerikanischen Festland pflückten, war +die _Avicennia tomentosa_ (_Mangle prieto_), die hier kaum zwei Fuß hoch +wird. Dieser Strauch, das _Sesuvium_, die gelbe _Gomphrena_ und die Cactus +bedecken den mit salzsaurem Natron geschwängerten Boden; sie gehören zu +den wenigen Pflanzen, die, wie die europäischen Heiden, gesellig leben, +und dergleichen in der heißen Zone nur am Meeresufer und auf den hohen +Plateaus der Anden vorkommen. Nicht weniger interessant ist die die +cumanische Avicennia durch eine andere Eigenthümlichkeit: diese Pflanze +gehört dem Gestade und der Küste von Malabar gemeinschaftlich an. + +Der indische Lootse führte uns durch seinen Garten, der viel mehr einem +Gehölz als einem bebauten Lande glich. Er zeigte uns als Beweis der +Fruchtbarkeit des Klimas einen Käsebaum _(Bombax heptaphyllum)_, dessen +Stamm im vierten Jahre bereits gegen dritthalb Fuß [75 cm] Durchmesser +hatte. Wir haben an Ufern des Orinoco und des Magdalenenflusses die +Beobachtung gemacht, daß die Bombax, die Carolineen, die Ochromen und +andere Bäume aus der Familie der Malven ausnehmend rasch wachsen. Ich +glaube aber doch, daß die Angabe des Indianers über das Alter des +Käsebaumes etwas übertrieben war; denn in der gemäßigten Zone, auf dem +feuchten und warmen Boden Nordamerikas zwischen dem Mississippi und den +Aleghanis werden die Bäume in zehn Jahren nicht über einen Fuß [32 cm] +dick, und das Wachsthum ist dort im Allgemeinen nur um ein Fünftheil +rascher als in Europa, selbst wenn man zum Vergleich die Platane, den +Tulpenbaum und _Cupressus disticha_ wählt, die zwischen neun und fünfzehn +Fuß [3 und 4,5 m] dick werden. Im Garten des Lootsen am Gestade von Cumana +sahen wir auch zum erstenmal einen *Guama*(37) voll Blüthen, deren +zahlreiche Staubfäden sich durch ihre ungemeine Länge und ihren +Silberglanz auszeichnen. Wir gingen durch die Vorstadt der Indianer, deren +Straßen geradlinigt und mit kleinen, ganz neuen Häusern von sehr +freundlichem Ansehen besetzt sind. Dieser Stadttheil war infolge des +Erdbebens, das Cumana anderthalb Jahre vor unserer Ankunft zerstört hatte, +eben erst neu aufgebaut worden. Kaum waren wir auf einer hölzernen Brücke +über den Manzanares gegangen, in dem hier Bava oder Krokodile von der +kleinen Art vorkommen, begegneten uns überall die Spuren dieser +schrecklichen Katastrophe; neue Gebäude erhoben sich auf den Trümmern der +alten. + +Wir wurden vom Capitän des Pizarro zum Statthalter der Provinz, Don +Vicente Emparan, geführt, um ihm die Pässe zu überreichen, die das +Staatssecretariat uns ausgestellt. Er empfing uns mit der Offenheit und +edlen Einfachheit, die von jeher Züge des baskischen Volkscharakters +waren. Ehe er zum Statthalter von Portobelo und Cumana ernannt wurde, +hatte er sich als Schiffscapitän in der königlichen Marine ausgezeichnet. +Sein Name erinnert an einen der merkwürdigsten und traurigsten Vorfälle in +der Geschichte der Seekriege. Nach dem letzten Bruch zwischen Spanien und +England schlugen sich zwei Brüder des Statthalters Emparan bei Nacht vor +dem Hafen von Cadix mit ihren Schiffen, weil jeder das andere Schiff für +ein feindliches hielt. Der Kampf war so furchtbar, daß beide Schiffe fast +zugleich sanken. Nur ein sehr kleiner Theil der beiderseitigen Mannschaft +wurde gerettet, und die beiden Brüder hatten das Unglück, einander kurz +vor ihrem Tode zu erkennen. + +Der Statthalter von Cumana äußerte sich sehr zufrieden über unseren +Entschluß, uns eine Zeitlang in Neuandalusien aufzuhalten, das zu jener +Zeit in Europa kaum dem Namen nach bekannt war, und das in seinen Gebirgen +und an den Ufern seiner zahlreichen Ströme der Naturforschung das reichste +Feld der Beobachtung bietet. Der Statthalter zeigte uns mit einheimischen +Pflanzen gefärbte Baumwolle und schöne Möbeln ganz aus einheimischen +Hölzern; er interessirte sich lebhaft für alle physischen Wissenschaften +und fragte uns zu unserer großen Verwunderung, ob wir nicht glaubten, daß +die Luft unter dem schönen tropischen Himmel weniger Stickstoff +_(azotico)_ enthalte als in Spanien, oder ob, wenn das Eisen hierzulande +rascher oxydire, dies allein von der größeren Feuchtigkeit herrühre, die +der Haarhygrometer anzeige. Dem Reisenden kann der Name des Vaterlandes, +wenn er ihn auf einer fernen Küste aussprechen hört, nicht lieblicher in +den Ohren klingen, als uns hier die Worte Stickstoff, Eisenoxyd, +Hygrometer. Wir wußten, daß wir, trotz der Befehle des Hofs und der +Empfehlung eines mächtigen Ministers, bei unserem Aufenthalt in den +spanischen Colonien mit zahllosen Unannehmlichkeiten zu kämpfen haben +würden, wenn es uns nicht gelang, bei den Regenten dieser ungeheuren +Landstrecken besondere Theilnahme für uns zu wecken. Emparan war ein zu +warmer Freund der Wissenschaft, um es seltsam zu finden, daß wir so weit +hergekommen, um Pflanzen zu sammeln und die Lage gewisser Oertlichkeiten +astronomisch zu bestimmen. Er argwöhnte keine andern Beweggründe unserer +Reise als die in unseren Pässen angegebenen, und die öffentlichen Beweise +von Achtung, die er uns während unseren langen Aufenthaltes in seinem +Regierungsbezirke gegeben, haben Großes dazu beigetragen, uns überall in +Südamerika eine freundliche Aufnahme zu verschaffen. + +Am Abend ließen wir unsere Instrumente ausschiffen und fanden zu unserer +Befriedigung keines beschädigt. Wir mietheten ein geräumiges, für die +astronomischen Beobachtungen günstig gelegenes Haus. Man genoß darin, wenn +der Südwind wehte, einer angenehmen Kühle; die Fenster waren ohne +Scheiben, nicht einmal mit Papier bezogen, das in Cumana meist statt des +Glases dient. Sämmtliche Passagiere des Pizarro verließen das Schiff, aber +die vom bösartigen Fieber Befallenen genasen sehr langsam. Wir sahen +welche, die nach einem Monat, trotz der guten Pflege, die ihnen von ihren +Landsleuten geworden, noch erschrecklich blaß und mager waren. In den +Spanischen Colonien ist die Gastfreundschaft so groß, daß ein Europäer, +käme er auch ohne Empfehlung und ohne Geldmittel an, so ziemlich sicher +auf Unterstützung rechnen kann, wenn er krank in irgend einem Hafen ans +Land geht. Die Catalonier, Galizier und Biscayer stehen im stärksten +Verkehr mit Amerika. Sie bilden dort gleichsam drei gesonderte +Corporationen, die auf die Sitten, den Gewerbsfleiß und den Handel der +Colonien bedeutenden Einfluß haben. Der ärmste Einwohner von Siges oder +Vigo ist sicher, im Hause eines catalonischen oder galizischen *Pulpero* +(Krämer) Aufnahme zu finden, ob er nun nach Chile oder nach Mexiko oder +auf die Philippinen kommt. Ich habe die rührendsten Beispiele gesehen, wie +für unbekannte Menschen ganze Jahre lang unverdrossen gesorgt wird. Man +kann hören, Gastfreundschaft sey leicht zu üben in einem herrlichen Klima, +wo es Nahrungsmittel im Ueberfluß gibt, wo die einheimischen Gewächse +wirksame Heilmittel liefern, und der Kranke in seiner Hängematte unter +einem Schuppen das nöthige Obdach findet. Soll man aber die Ueberlast, +welche die Ankunft eines Fremden, dessen Gemüthsart man nicht kennt, einer +Familie verursacht, für nichts rechnen? und die Beweise gefühlvoller +Theilnahme, die aufopfernde Sorgfalt der Frauen, die Geduld, die während +einer langen, schweren Wiedergenesung nimmer ermüdet, soll man von dem +allen absehen? Man will die Beobachtung gemacht haben, daß, vielleicht mit +Ausnahme einiger sehr volkreichen Städte, seit den ersten Niederlassungen +spanischer Ansiedler in der neuen Welt die Gastfreundschaft nicht merkbar +abgenommen habe. Der Gedanke thut wehe, daß dieß allerdings anders werden +muß, wenn einmal Bevölkerung und Industrie in den Colonien rascher +zunehmen, und wenn sich auf der Stufe gesellschaftlicher Eintwicklung, die +man als vorgeschrittene Kultur zu bezeichnen pflegt, die alte +castilianische Offenheit allmählich verliert. + +Unter den Kranken, die in Cumana an Land kamen, befand sich ein Neger, der +einige Tage nach unserer Ankunft in Raserei verfiel; er starb in diesem +kläglichen Zustand, obgleich sein Herr, ein siebzigjähriger Mann, der +Europa verlassen hatte, um in San Blas, am Eingang des Golfs von +Californien, eine neue Heimath zu suchen, ihm alle erdenkliche Pflege +hatte zu Theil werden lassen. Ich erwähne dieses Falls, um zu zeigen, daß +zuweilen Menschen, die im heißen Erdstrich geboren sind, aber in einem +gemäßigten Klima gelebt haben, den verderblichen Einflüssen der tropischen +Hitze erliegen. Der Neger war ein junger Mensch von achtzehn Jahren, sehr +kräftig und auf der Küste von Guinea geboren. Durch mehrjährigen +Aufenthalt auf der Hochebene von Castilien hatte aber seine Constitution +den Grad von Reizbarkeit erhalten, der die Miasmen der heißen Zone für die +Bewohner nördlicher Länger so gefährlich macht. + +Der Boden, auf dem die Stadt Cumana liegt, gehört einer geologisch sehr +interessanten Bildung an. Da mir aber seit meiner Rückkehr nach Europa +einige Reisende mit der Beschreibung von Küstenstrichen, die sie nach mir +besucht, zuvorgekommen sind, so beschränke ich mich hier auf Bemerkungen, +die außerhalb des Kreises ihrer Beobachtungen fallen. Die Kette der +Kalkalpen des Brigantin und Tataraqual streicht von Ost nach West vom +Gipfel *Imposible* bis zum Hafen von Mochima und nach Campanario. In einer +sehr fernen Zeit scheint das Meer diesen Gebirgsdamm von der Felsen küste +von Araya und Maniquarez getrennt zu haben. Der weite Golf von Cariaco ist +durch einen Einbruch des Meeres entstanden, und ohne Zweifel stand damals +an der Südküste das ganze mit salzsaurem Natron getränkte Land, durch das +der Manzanares läuft, unter Wasser. Ein Blick auf den Stadtplan von Cumana +läßt diese Thatsache so unzweifelhaft erscheinen, als daß die Becken von +Paris, Oxford und Wien einst Meerboden gewesen. Das Meer zog sich langsam +zurück und legte das weite Gestade trocken, auf dem sich eine Hügelgruppe +erhebt, die aus Gips und Kalkstein von der neuesten Bildung besteht. + +Die Stadt Cumana lehnt sich an diese Hügel, die einst ein Eiland im Golf +von Cariaco waren. Das Stück der Ebene norwärts von der Stadt heißt »der +kleine Strand« (_Plaga chica_); sie dehnt sich gegen Ost bis zur Punta +Delgada aus, und hier bezeichnet ein enges mit _Gomphrena flava_ bedecktes +Thal den Punkt, wo einst der Durchbruch der Gewässer stattfand. Dieses +Tal, dessen Eingang durch kein Außenwerk vertheidigt wird, erscheint als +der Punkt, von wo der Platz einem Angriff am meisten ausgesetzt ist. Der +Feind kann in voller Sicherheit zwischen der *Punta Arenas del Barigon* +und der Mündung des Manzanares durchgehen, wo die See 40–50 [73–91 m] und +weiter nach Südost sogar 87 Faden [159 m] tief ist. Er kann an der *Punta +Delgada* landen und das Fort St. Antonio und die Stadt Cumana im Rücken +angreifen, ohne daß er vom Feuer der westlichen Batterien auf der Playa +Chica an der Mündung des Stroms und beim *Cerro Colorado* etwas zu +fürchten hätte. + +Der Hügel aus Kalkstein, den wir, wie oben bemerkt, als eine Insel im +ehemaligen Golf betrachten, ist mit Fackeldisteln bedeckt. Manche davon +sind 30–40 Fuß [10–13 m] hoch und ihr mit Flechten bedeckter, in mehrere +Aeste kronleuchterartig getheilter Stamm nimmt sich höchst seltsam aus. +Bei Maniquarez an der Punta Araya maßen wir einen Cactus, dessen Stamm +über vier Fuß neun Zoll [1,54 m] Umfang hatte. Ein Europäer, der nur die +Fackeldisteln unserer Gewächshäuser kennt, wundert sich, wenn er sieht, +daß das Holz dieses Gewächses mit dem Alter sehr hart wird, daß es +Jahrhunderte lang der Luft und Feuchtigkeit widersteht, und daß es die +Indianer von Cumana vorzugsweise zu Rudern und Türschwellen verwenden. +Nirgends in Südamerika kommen die Gewächse aus der Familie der Nopaleen +häufiger vor als in Cumana, Coro, Curaçao und auf der Insel Margarita. Nur +dort könnte der Botaniker nach langem Aufenthalt eine Monographie der +Cactus schreiben, die nicht in Hinsicht auf Blüthen und Früchte, aber nach +der Form des gegliederten Stamms, nach der Zahl der Gräten und der +Stellung der Stacheln ausnehmend viele Varietäten bilden. Wir werden in +der Folge sehen, wie diese Gewächse, die für ein heißes, trockenes Klima, +wie das Egyptens und Californiens, charakteristisch sind, immer mehr +verschwinden, wenn man von Terra Firma ins Innere des Landes kommt. + +Die Cactusgebüsche spielen auf dürrem Boden in Südamerika dieselbe Rolle +wie in unseren nördlichen Ländern die mit Binsen und Hydrocharideen +bewachsenen Brüche. Ein Ort, wo stachlichte Cactus von hohem Wuchs in +Reihen stehen, gilt fast für undurchdringlich. Solche Stellen, *Tunales* +genannt, halten nicht allein den Eingeborenen auf, der bis zum Gürtel +nackt ist, sie sind ebensosehr von den Stämmen gefürchtet, die ganz +bekleidet gehen. Auf unsern einsamen Spaziergängen versuchten wir es +manchmal in den *Tunal* einzudringen, der die Spitze des Schloßberges +krönt und durch den zum Theil ein Fußweg führt. Hier ließe sich der Bau +dieses sonderbaren Gewächses an Tausenden von Exemplaren beobachten. +Zuweilen wurden wir von der Nacht überrascht, denn in diesem Klima gibt es +fast keine Dämmerung. Unsere Lage war dann desto bedenklicher, da der +*Cascabel* oder die Klapperschlange, der *Coral* und andere Schlangen mit +Giftzähnen zur Legezeit solche heißen trockenen Orte aufsuchen, um ihre +Eier in den Sand zu legen. + +Das Schloß St. Antonio liegt auf der westlichen Spitze des Hügels, aber +nicht auf dem höchsten Punkt; es wird gegen Osten von einer nicht +befestigten Höhe beherrscht. Der *Tunal* gilt hier und überall in den +spanischen Niederlassungen für ein nicht unwichtiges militärisches +Vertheidigungsmittel. Wo man Erdwerke anlegt, suchen die Ingenieurs recht +viele stachlichte Fackeldisteln darauf anzubringen und ihr Wachsthum zu +befördern, wie man auch die Krokodile in den Wassergräben der festen +Plätze hegt. In einem Klima, wo die organische Natur eine so gewaltige +Triebkraft hat, zieht der Mensch fleischfressende Reptilien und mit +furchtbaren Stacheln bewehrte Gewächse zu seiner Vertheidigung herbei. + +Das Schloß St. Antonio, wo man an Festtagen die Flagge von Castilien +aufzieht, liegt nur 30 Toisen [58,5 m] über dem Wasserspiegel des +Meerbusens von Cariaco. Auf seinem kahlen Kalkhügel beherrscht es die +Stadt und liegt, wenn man in den Hafen einfährt, höchst malerisch da. Es +hebt sich hell von der dunkeln Wand der Gebirge ab, deren Gipfel bis zur +Schneeregion aufsteigen und deren duftiges Blau mit dem Himmelsblau +verschmilzt. Geht man vom Fort St. Antonio gegen Südwest herab, so kommt +man am Abhang desselben Felsen zu den Trümmern des alten Schlosses Santa +Maria. Dies ist ein herrlicher Punkt, um gegen Sonnenuntergang des kühlen +Seewindes und der Aussicht auf den Meerbusen zu genießen. Die hohen +Berggipfel der Insel Margarita erscheinen über der Felsenküste der +Landenge von Araya; gegen Westen mahnen die kleinen Inseln Caracas, +Picuito und Boracha an die Katastrophe, durch welche die Küste von Terra +Firma zerrissen worden ist. Diese Eilande gleichen Festungswerken, und da +die Sonne die untern Luftschichten, die See und das Erdreich ungleich +erwärmt, so erscheinen ihre Spitzen infolge der Luftspiegelung +hinaufgezogen, wie die Enden der großen Vorgebirge der Küste. Mit +Vergnügen verfolgt man bei Tage diese wechseln den Erscheinungen; bei +Einbruch der Nacht sieht man dann, wie die in der Luft schwebenden +Gesteinmassen sich wieder auf ihre Grundlage niedersenken, und das +Gestirn, das der organischen Natur Leben verleiht, scheint durch die +veränderliche Beugung seiner Strahlen den starren Fels vom Fleck zu rücken +und dürre Sandebenen wellenförmig zu bewegen. + +Die eigentliche Stadt Cumana liegt zwischen dem Schlosse St. Antonio und +den kleinen Flüssen Manzanares und Santa Catalina. Das durch die Arme des +ersteren Flusses gebildete Delta ist ein fruchtbares Land, bewachsen mit +Mammea, Achra, Bananen und anderen Gewächsen, die in den Gärten oder +*Charas* der Indianer gebaut werden. Die Stadt hat kein ausgezeichnetes +Gebäude aufzuweisen, und bei der Häufigkeit von Erdbeben wird sie +schwerlich je welche haben. Starke Erdstöße kommen zwar im selben Jahre in +Cumana nicht so häufig vor als in Quito, wo durch prächtige, sehr hohe +Kirchen stehen; aber die Erdbeben in Quito sind nur scheinbar so heftig, +und in Folge der eigenthümlichen Beschaffenheit des Bodens und der Art der +Bewegung stürzt kein Gebäude ein. In Cumana, wie in Lima und mehreren +anderen Städten, die weit von den Schlünden thätiger Vulkane liegen, wird +die Reihe schwacher Erdstöße nach Ablauf vieler Jahre leicht durch größere +Katastrophen unterbrochen, die in ihren Wirkungen dener einer springenden +Mine ähnlich sind. Wir werden öfters Gelegenheit haben, auf diese +Erscheinungen zurückzukommen, zu deren Erklärung so viele eitle Theorien +ersonnen worden sind, und für die man eine Classification gefunden zu +haben glaubte, wenn man senkrechte und wagrechte Bewegungen, stoßende und +wellenförmige Bewegungen annahm.(38) + +Die Vorstädte von Cumana sind fast so stark bevölkert wie die alte Stadt. +Es sind ihrer drei: Die der *Serritos* auf dem Wege nach der Plaga chica, +wo einige schöne Tamarindenbäume stehen, die südöstlich gelegene, San +Francisco genannt, und die große Vorstadt der Guayqueries. Der Name dieses +Indianerstammes war vor der Eroberung ganz unbekannt. Die Eingeborenen, +die denselben jetzt führen, gehörten früher zu der Nation der Guaraunos, +die nur noch auf dem Sumpfboden zwischen den Armen des Orinoco lebt. Alte +Männer versicherten mich, die Sprache ihrer Vorfahren sey eine Mundart des +Guaraunosprache gewesen, aber seit hundert Jahren gebe es in Cumana und +auf Margarita keinen Eingeborenen vom Stamme mehr, der etwas anderes +spreche als castilianisch. + +Das Wort *Guayqueries* verdankt, gerade wie die Worte *Peru* und +*Peruaner*, seinen Ursprung einem bloßen Mißverständnisse. Als die +Begleiter des Columbus an der Insel Margarita hinfuhren, auf deren +Nordküste noch jetzt der am höchsten stehende Theil dieser Nation wohnt, +stießen sie auf einige Eingeborene, die Fische harpunirten, indem sie +einen mit einer sehr feinen Spitze versehenen, an einen Strick gebundenen +Stock gegen sie schleuderten. Sie fragten sie in haytischer Sprache, wie +sie hießen: die Indianer aber meinten, die Fremden erkundigten sich nach +den Harpunen aus dem harten, schweren Holz der Macanapalme und +antworteten: *Guaike*, *Guaike*, das heißt: spitziger Stock. Die +Guayqueries, ein gewandtes, civilisirtes Fischervolk, unterscheiden sich +jetzt auffallend von den wilden Guaraunos am Orinoco, die ihre Hütten an +den Stämmen der Morichepalme aufhängen. + +Die Bevölkerung von Cumana ist in der neuesten Zeit viel zu hoch angegeben +worden. Im Jahre 1800 schätzten sie Ansiedler, die in nationalökonomischen +Untersuchungen wenig Bescheid wissen, auf 20,000 Seelen, wogegen +königliche bei der Landesregierung angestellte Beamte meinten, die Stadt +samt den Vorstädten habe nicht 12,000. Depons gibt in seinem schätzbaren +Werk über die Provinz Caracas der Stadt im Jahre 1802 gegen 28,000 +Einwohner; andere geben im Jahr 1810 30,000 an. Wenn man bedenkt, wie +langsam die Bevölkerung in Terra Firma zunimmt, und zwar nicht auf dem +Land, sondern in den Städten, so läßt sich bezweifeln, daß Cumana bereits +um ein Drittheil volkreicher seyn sollte als Vera Cruz, der vornehmste +Hafen des Königreichs Neuspanien. Es läßt sich auch leicht darthun, daß im +Jahr 1802 die Bevölkerung kaum über 18,000 bis 19,000 Seelen betrug. Es +waren mir verschiedene Notizen über die statistischen Verhältnisse des +Landes zu Hand, welche die Regierung hatte zusammenstellen lassen, als die +Frage verhandelt wurde, ob die Einkünfte aus der Tabakspacht durch eine +Personalsteuer ersetzt werden könnten, und ich darf mir schmeicheln, daß +meine Schätzung auf ziemlich sichern Grundlagen ruht. + +Eine im Jahr 1792 vorgenommene Zählung ergab für die Stadt Cumana, ihre +Vorstädte und die einzelnen Häuser auf eine Meile in der Runde nur 10,740 +Einwohner. Ein Schatzbeamter, Don Manuel Navarete, versichert, daß man +sich bei dieser Zählung höchstens um ein Drittheil oder ein Viertheil +geirrt haben könne. Vergleicht man die jährlichen Taufregister, so macht +sich von 1792 bis 1800 nur eine geringe Zunahme bemerklich. Die Weiber +sind allerdings sehr fruchtbar, besonders die eingeborenen, aber wenn auch +die Pocken im Lande noch unbekannt sind, so ist doch die Sterblichkeit +unter den kleinen Kindern furchtbar groß, weil sie in völliger +Verwahrlosung aufwachsen und die üble Gewohnheit haben, unreife, +unverdauliche Früchte zu genießen. Die Zahl der Geburten beträgt im +Durchschnitt 520 bis 600, was auf eine Bevölkerung von höchstens 16,800 +Seelen schließen läßt. Man kann versichert seyn, daß sämmtliche +Indianerkinder getauft und in das Taufregister der Pfarre eingetragen +sind, und nimmt man an, die Bevölkerung sey im Jahr 1800 26,000 Seelen +stark gewesen, so käme auf dreiundvierzig Köpfe nur Eine Geburt, während +sich die Geburten zur Gesammtbevölkerung in Frankreich wie 28 zu 100 und +in den tropischen Strichen von Mexico wie 17 zu 100 verhalten. + +Vermuthlich wird sich die indianische Vorstadt allmählich bis zum +Landungsplatz ausdehnen, da die Fläche, auf der noch keine Häuser oder +Hütten stehen, höchstens 340 Toisen lang ist. Dem Strande zu ist die Hitze +etwas weniger drückend als in der Altstadt, wo wegen des Zurückprallens +der Sonnenstrahlen vom Kalkboden und der Nähe des Berges St. Antonio die +Temperatur der Luft ungemein hoch steigt. In der Vorstadt der Guayqueries +haben die Seewinde freien Zutritt, der Boden ist Thon und damit, wie man +glaubt, den heftigen Stößen der Erdbeben weniger ausgesetzt, als die +Häuser, die sich an die Felsen und Hügel am rechten Ufer des Manzanares +lehnen. + +Bei der Mündung des kleinen Flusses Santa Catalina ist der Saum des Ufers +mit sogenannten Wurzelträgern [_Rhizophora Mangle._] besetzt; aber diese +*Manglares* sind nicht groß genug, um der Salubrität der Luft in Cumana +Eintrag zu thun. Im übrigen ist die Ebene theils kahl, theils bedeckt mit +Büschen von _Sesubium portulacastrum_, _Gomphrena flava_, _Gomphrena +myrtifolia_, _Talinum cuspidatum_, _Talinum cumanense_ und _Portulaca +lanuginosa_. Unter diesen krautartigen Gewächsen erheben sich da und dort +die _Avicennia tomentosa_, die _Scoparia dulcus_, eine strauchartige +Mimose mit sehr reizbaren Blättern, besonders aber Cassien, deren in +Südamerika so viele vorkommen, daß wir auf unsern Reisen mehr als dreißig +neue Arten zusammengebracht haben. + +Geht man zur indischen Vorstadt hinaus und am Fluß gegen Süd hinauf, so +kommt man zuerst an ein Cactusgebüsch und dann an einen wunderschönen +Platz, den Tamarindenbäume, Brasilienholzbäume, Bombax und andere durch +ihr Laub und ihre Blüthen ausgezeichnete Gewächse beschatten. Der Boden +bietet hier gute Weide, und Melkereien, aus Rohr erbaut, liegen zerstreut +zwischen den Baumgruppen. Die Milch bleibt frisch, wenn man nicht in der +Frucht des Flaschenkürbisbaums, die ein Gewebe aus sehr dichten Holzfasern +ist, sondern in porösen Thongefäßen von Maniquarez aufbewahrt. In Folge +eines in nördlichen Ländern herrschenden Vorurtheils habe ich geglaubt, in +der heißen Zone geben die Kühe keine sehr fette Milch; aber der Aufenthalt +in Cumana, besonders aber die Reise über die weiten mit Gräsern und +krautartigen Mimosen bewachsenen Ebenen von Calabozo haben mich belehrt, +daß sich die Wiederkäuer Europas vollkommen an das heißeste Klima +gewöhnen, wenn sie nur Wasser und gutes Futter finden. Die +Milchwirthschaft ist in den Provinzen Neuandalusien, Barcelona und +Venezuela ausgezeichnet, und häufig ist die Butter auf den Ebenen der +heißen Zone besser als auf dem Rücken der Anden, wo für die Alppflanzen +die Temperatur in keiner Jahreszeit hoch genug ist und sie daher weniger +aromatisch sind als auf den Pyrenäen, auf den Bergen Estremaduras und +Griechenlands. + +Den Einwohnern Cumanas ist die Kühlung durch den Seewind lieber als der +Blick ins Grüne, und so kennen sie fast keinen andern Spaziergang als den +großen Strand. Die Castilianer, denen man nachsagt, sie seyen im +allgemeinen keine Freunde von Bäumen und Vogelgesang, haben ihre Sitten +und ihre Vorurtheile in die Colonien mitgenommen. In Terra Firma, Mexico +und Peru sieht man selten einen Eingeborenen einen Baum pflanzen allein in +der Absicht, sich Schatten zu schaffen, und mit Ausnahme der Umgegend der +großen Hauptstädte weiß man in diesen Ländern so gut wie nichts von +Alleen. Die dürre Ebene von Cumana zeigt nach starken Regengüssen eine +merkwürdige Erscheinung. Der durchnäßte, von den Sonnenstrahlen erhitzte +Boden verbreitet jenen Bisamgeruch, der in der heißen Zone Thieren der +verschiedensten Klassen gemein ist, dem Jaguar, den kleinen Arten von +Tigerkatzen, dem Cabiaï [_Cavia capybara_, _Linné_], Galinazogeier +[_Vultur aura_, _Linné_], dem Krokodil, den Vipern und Klapperschlangen. +Die Gase, die das Vehikel dieses Aromas sind, scheinen sich nur in dem +Maaße zu entwickeln, als der Boden, der die Reste zahlloser Reptilien, +Würmer und Insekten enthält, sich mit Wasser schwängert. Ich habe +indianische Kinder vom Stamme der Chaymas achtzehn Zoll lange und sieben +Linien breite [40 cm lange und 15 mm breite] Scolopender oder Tausendfüße +aus dem Boden ziehen und verzehren sehen. Wo man den Boden aufgräbt, muß +man staunen über die Massen organischer Stoffe, die wechselnd sich +entwickeln, sich umwandeln oder zersetzen. Die Natur scheint in diesen +Himmelsstrichen kraftvoller, fruchtbarer, man möchte sagen mit dem Leben +verschwenderischer. + +Am Strande und bei den Melkereien, von denen eben die Rede war, hat man, +besonders bei Sonnenaufgang, eine sehr schöne Aussicht auf die Gruppe +hoher Kalkberge. Da diese Gruppe im Hause, wo wir wohnten, nur unter einem +Winkel von drei Grad erscheint, diente sie mir lange dazu, die +Veränderungen in der irdischen Refraction mit den meteorologischen +Veränderungen in der irdischen Refraction zu vergleichen. Die Gewitter +bilden sich mitten in dieser Cordillere, und man sieht von weitem, wie die +dicken Wolken sich in starken Regen auflösen, während in Cumana sechs bis +acht Monate lang kein Tropfen fällt. Der höchste Gipfel der Bergkette, der +sogenannte Brigantin, nimmt sich hinter dem Brito und dem Tetaraqual +höchst malerisch aus. Sein Name rührt her von der Gestalt eines sehr +tiefen Thals an seinem nördlichen Abhang, das dem Inneren eines Schiffes +gleicht. Der Gipfel des Bergs ist fast ganz kahl und abgeplattet, wie der +Gipfel des Mawna-Roa auf den Sandwichinseln; es ist eine senkrechte Wand, +oder, um mich des bezeichnenderen Ausdruckes der spanischen Schiffer zu +bedienen, ein Tisch, eine _mesa_. Diese eigenthümliche Bildung und die +symmetrische Lage einiger Kegel, die den Brigantin umgeben, brachten mich +anfänglich auf die Vermuthung, daß diese Berggruppe, die ganz aus +Kalkstein besteht, Glieder der Basalt- oder Trappformation enthalten +möchte. + +Der Statthalter von Cumana hatte im Jahr 1797 muthige Männer ausgeschickt, +die das völlig unbewohnte Land untersuchen und einen geraden Weg nach +Neu-Barcelona über den Gipfel der *Mesa* eröffnen sollten. Man vermuthete +mit Recht, dieser Weg werde kürzer und für die Gesundheit der Reisenden +nicht so gefährlich seyn als der längs der Küste, den die Couriere von +Caracas einschlagen; aber alle Bemühungen, über die Bergkette zu kommen +waren fruchtlos. In diesen Ländern Amerikas, wie in Neuholland(39) im +Westen von Sidney, bietet nicht sowohl die Höhe der Cordilleren als die +Gestaltung des Gesteins schwer zu besiegende Hindernisse. Durch das von +den Gebirgen im Innern und dem südlichen Abhang des *Cerro de San Antonio* +gebildete Längenthal fließt der Manzanares. In der ganzen Umgegend von +Cumana ist dieß der einzige ganz bewaldete Landstrich; er heißt die *Ebene +der Charas*, [*Chacra*, verdorben *Chara*, heißt eine von einem Garten +umgebene Hütte.] wegen der vielen Pflanzungen, welche die Einwohner seit +einigen Jahren den Fluß entlang versucht haben. Ein schmaler Pfad führt +vom Hügel von San Francisco durch den Forst zum Kapuzinerhospiz, einem +höchst angenehmen Landhaus, das die aragonesischen Mönche für alte +entkräftete Missionäre, die ihres Amtes nicht mehr walten können, gebaut +haben. Gegen Ost werden die Waldbäume immer kräftiger und man sieht hier +und da einen Affen [Der gemeine *Machi* oder Heulaffe.], die sonst in der +Gegend sehr selten sind. Zu den Füßen der Capparis, Bauhinien und des +Zygophyllum mit goldgelben Blüthen breitet sich ein Teppich vom Bromelien +[Chihuchihue, aus der Familie der Ananas.] aus, deren Geruch und deren +kühles Laub die Klapperschlangen hieher ziehen. + +Der Manzanares hat sehr klares Wasser und zum Glück nichts mit dem +Madrider Manzanares gemein, der unter seiner prächtigen Brücke noch +schmäler erscheint. Er entspringt, wie alle Flüsse Neuandalusiens, in +einem Striche der Savanen (Llanos), der unter dem Namen der Plateaus von +Jonoro, Amana und Guanipa bekannt ist und beim indianischen Dorfe San +Fernando die Gewässer des Rio Juanillo aufnimmt. Man hat der Regierung +öfter, aber immer vergeblich, den Vorschlag gemacht, beim ersten *Ipure* +ein Wehr bauen zu lassen, um die Ebene der Charas künstlich zu bewässern, +denn der Boden ist trotz seiner scheinbaren Dürre ausnehmend fruchtbar, +sobald Feuchtigkeit zu der herrschenden Hitze hinzukommt. Die Landleute, +die im Allgemeinen in Cumana nicht wohlhabend sind, sollten nach und nach +die Auslagen für die Schleuße ersetzen. Bis das Projekt in Ausführung +kommt, hat man Schöpfräder, durch Maulthiere getriebene Pumpen und andere +sehr unvollkommene Wasserwerke angelegt. + +Die Ufer des Manzanares sind sehr freundlich, von Mimosen, Erythrina, +Ceiba und anderen Bäumen von riesenhaftem Wuchs beschattet. Ein Fluß, +dessen Temperatur zur Zeit des Hochwassers auf 22° fällt, während der +Thermometer der Luft auf 30–33° steht, ist eine unschätzbare Wohltat in +einem Lande, wo das ganze Jahr eine furchtbare Hitze herrscht und man den +Trieb hat, mehrere Male des Tages zu baden. Die Kinder bringen sozusagen +einen Teil ihres Lebens im Wasser zu; alle Einwohner, selbst die +weiblichen Glieder der reichsten Familien, können schwimmen, und in einem +Lande, wo der Mensch dem Naturstande noch so nahe ist, hat man sich, wenn +man morgens einander begegnet, nichts Wichtigeres zu fragen, als ob der +Fluß heute kühler sey als gestern. Man hat verschiedene Bademethoden. So +besuchten wir jeden Abend eine Zirkel sehr achtungswerter Personen in der +Vorstadt der Guaykari. Da stellte man bei schönem Mondschein Stühle ins +Wasser; Männer und Frauen waren leicht bekleidet, wie in manchen Bädern +des nördlichen Europas, und die Familie und die Fremden blieben ein paar +Stunden im Flusse sitzen, rauchten Cigarren dazu und unterhielten sich +nach Landessitte von der ungemeinen Trockenheit der Jahreszeit, vom +starken Regenfall in den benachbarten Distrikten, besonders aber vom +Luxus, den die Damen in Cumana den Damen in Caracas und Havana zum Vorwurf +machen. Durch die *Bavas* oder kleinen Krokodile, die jetzt sehr selten +sind und den Menschen nahe kommen, ohne anzugreifen, ließ sich die +Gesellschaft durchaus nicht stören. Diese Tiere sind drei bis vier Fuß +[1 bis 1,3 m] lang; wir haben nie eines im Manzanares gesehen, wohl aber +Delphine, die zuweilen bei Nacht im Flusse heraufkommen und die Badenden +erschrecken, wenn sie durch ihre Luftlöcher Wasser spritzen. + +Der Hafen von Cumana ist eine Reede, welche die Flotten von ganz Europa +aufnehmen könnte. Der ganze Meerbusen von Cariaco, der sechsunddreißig +Semeilen [67 km] lang und sechs bis acht [11 bis 15 km] breit ist, bietet +vortrefflichen Ankergrund. Der Große Ozean an der Küste von Peru kann +nicht stiller und ruhiger seyn als das Meer der Antillen von Portocabello +an, namentlich aber vom Vorgebirge Codera bis zur Landspitze von Paria. +Von den Stürmen bei den Antillischen Inseln spürt man nie etwas in diesem +Strich, wo man in Schaluppen ohne Verdeck das Meer befährt. Die einzige +Gefahr im Hafen von Cumana ist eine Untiefe, *Baxo del Morro roxo*, die +von West nach Ost 900 Toisen [1750 m] lang ist und so steil abfällt, daß +man dicht dabei ist, ehe man sie gewahr wird. + +Ich habe die Lage von Cumana etwas ausführlich beschrieben, weil es mir +wichtig schien, eine Gegend kennenzulernen, die seit Jahrhunderten der +Herd der fruchtbarsten Erdbeben war. Ehe wir von diesen außerordentlichen +Erscheinungen sprechen, erscheint es mir als zweckmäßig, die verschiedenen +Züge des von mir entworfenen Naturbildes zusammenzufassen. + +Die Stadt liegt am Fuße eines kahlen Hügels und wird von einem Schlosse +beherrscht. Kein Glockenturm, keine Kuppel fällt von weitem dem Reisenden +ins Auge, nur einige Tamarinden-, Kokosnuß- und Dattelstämme erheben sich +über die Häuser mit platten Dächern. Die Ebene ringsum, besonders dem +Meere zu ist trübselig, staubig und dürr, wogegen ein frischer, kräftiger +Pflanzenwuchs von weitem den geschlängelten Lauf des Flusses bezeichnet, +der die Stadt von den Vorstädten, die Bevölkerung von europäischer und +gemischter Abkunft von den kupferfarbenen Eingeborenen trennt. Der +freistehende, kahle, weiße Schloßberg San Antonio wirft zugleich eine +große Masse Licht und strahlender Wärme zurück; er besteht aus Breccien, +deren Schichten versteinerte Seetiere einschließen. In weiter Ferne gegen +Süden streicht dunkel ein mächtiger Gebirgszug hin. Dies sind die hohen +Kalkalpen von Neuandalusien, wo dem Kalk Sandsteine und andere neuere +Bildungen aufgelagert sind. Majestätische Wälder bedecken diese Kordillere +im innern Land und hängen durch ein bewaldetes Tal mit dem nackten, +tonigen und salzhaltigen Boden zusamen, auf dem Cumana liegt. Einige Vögel +von bedeutender Größe tragen zur eigentümlichen Physiognomie des Landes +bei. Am Gestade und am Meerbusen sieht man Scharen von Fischreihern und +Alcatras, sehr plumpen Vögeln, die gleich den Schwänen mit gehobenen +Flügeln über das Wasser gleiten. Näher bei den Wohnstätten der Menschen +sind Tausende von Galinazogeiern, wahre Chakals unter dem Gefieder, +rastlos beschäftigt, tote Tiere zu suchen. Ein Meerbusen, auf dessen +Grunde heiße Quellen vorkommen, trennt die sekundären Gebirgsbildungen vom +primitiven Schiefergebirge der Halbinsel Araya. Beide Küsten werden von +einem ruhigen, blauen, beständig vom selben Winde leicht bewegten Meere +bespült. Ein reiner, trockener Himmel, an dem nur bei Sonnenaufgaug +leichtes Gewölk aufzieht, ruht auf der See, auf der baumlosen Halbinsel +und der Ebene von Cumana, während man zwischen den Berggipfeln im Inneren +Gewitter sich bilden, sich zusammenziehen und in fruchtbaren Regengüssen +sich entladen sieht. So zeigen denn an diesen Küsten, wie am Fuße der +Anden, Himmel und Erde scharfe Gegensätze von Heiterkeit und Bewölkung, +von Trockenheit und gewaltigen Wassergüssen, von völliger Kahlheit und +ewig neu sprossendem Grün. Auf dem neuen Continent unterscheiden sich die +Niederungen an der See von den Gebirgsländern im Innern so scharf, wie die +Ebenen Unterägyptens von den hochgelegenen Plateaus Abyssiniens. + +Zu den Zügen, welche, wie oben angedeutet, der Küstenstrich von +Neu-Andalusien und der von Peru gemein haben, kommt nun noch, daß die +Erdbeben dort wie hier gleich häufig sind, und daß die Natur für diese +Erscheinungen beidemal dieselben Grenzen einzuhalten scheint. Wir selbst +haben in Cumana sehr starke Erdstöße gespürt, eben war man daran, die vor +kurzem eingestürzten Gebäude wieder aufzurichten, und so hatten wir +Gelegenheit, uns an Ort und Stelle über die Vorgänge bei der furchtbaren +Katastrophe vom 14. Dezember 1797 genau zu erkundigen. Diese Angaben +werden um so mehr Interesse haben, da die Erdbeben bisher weniger aus +physischem und geologischem Gesichtspunkt, als vielmehr nur wegen ihrer +schrecklichen Folgen für die Bevölkerung und für das allgemeine Wohl ins +Auge gefaßt worden sind. + +Es ist eine an der Küste von Cumana und auf der Insel Margarita sehr +verbreitete Meinung, daß der Meerbusen von Cariaco sich infolge der +Zertrümmerung des Landes und eines gleichzeitigen Einbruches des Meeres +gebildet habe. Die Erinnerung an diese gewaltige Umwälzung hatte sich +unter den Indianern bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten, +und wie erzählt wird, sprachen die Eingeborenen bei der dritten Reise des +Christoph Kolumbus davon wie von einem ziemlich neuen Ereignis. Im Jahre +1530 wurden die Bewohner der Küsten von Paria und Cumana durch neue +Erdstöße erschreckt. Das Meer stürzte über das Land her, und das kleine +Fort, das Jakob Castellon bei Neutoledo gebaut hatte, wurde gänzlich +zerstört. Zugleich bildete sich eine ungeheure Spalte in den Bergen von +Cariaco, am Ufer des Meerbusens dieses Namens, und eine gewaltige Masse +Salzwasser, mit Asphalt vermischt, sprang aus dem Glimmerschiefer hervor. +Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts waren die Erdbeben sehr häufig, und +nach den Ueberlieferungen, die sich in Cumana erhalten haben, +überschwemmte das Meer öfter den Strand und stieg 15–20 Toisen [30–39 m] +hoch an. Die Einwohner flüchteten sich auf den Cerro de San Antonio und +auf den Hügel, auf dem jetzt das kleine Kloster San Francisco steht. Man +glaubt sogar, infolge dieser häufigen Ueberschwemmungen habe man das an +den Berg gelehnte Stadtviertel angelegt, das zum Teil auf dem Anhang +desselben liegt. + +Da es keine Chronik von Cumana gibt, und da sich wegen der beständigen +Verheerungen der Termiten oder weißen Ameisen in den Archiven keine +Urkunde befindet, die über 150 Jahre hinaufreicht, so weiß man nicht +genau, wann diese frühen Erdbeben stattgefunden haben. Man weiß nur, daß +näher unserer Zeit das Jahr 1766 für die Ansiedler das entsetzlichste und +zugleich für die Naturgeschichte des Landes merkwürdigste gewesen ist. +Seit fünfzehn Monaten hatte eine Trockenheit geherrscht, wie sie zuweilen +auch auf den Inseln des Grünen Vorgebirges beobachtet wird, als am +21. Oktober 1766 die Stadt Cumana von Grund aus zerstört wurde. Das +Gedächtnis dieses Tages wird alljährlich mit einem Gottesdienst und einer +feierlichen Prozession begangen. In wenigen Minuten stürzten sämtliche +Häuser zusammen. An verschiedenen Orten der Provinz tat sich die Erde auf +und spie nach Schwefel riechendes Wasser aus. Diese Ausbrüche waren +besonders häufig auf einer Ebene, die sich gegen Casanay, zwei Meilen +östlich von Cumana hinzieht, und die unter dem Namen *terra de hueca*, +_hohler Boden_, bekannt ist, weil sie überall von warmen Quellen +unterhöhlt zu seyn scheint. Während der Jahre 1766 und 1767 lagerten die +Einwohner von Cumana in den Straßen und begannen mit dem Wiederaufbau +ihrer Häuser erst, als sich die Erdbeben nur noch alle Monate +wiederholten. Hier auf der Küste traten damals dieselben Erscheinungen +ein, die man auch im Königreich Quito unmittelbar nach der großen +Katastrophe vom 4. Februar 1797 beobachtet hat. Während sich der Boden +beständig wellenförmig bewegte, war es, als wollte sich die Luft im Wasser +auflösen. Durch ungeheure Regengüsse schwollen die Flüsse an; das Jahr war +ausnehmend fruchtbar, und die Indianer, deren leichten Hütten die +stärksten Erdstöße nichts anhaben, feierten nach einen uralten Aberglauben +durch festlichen Tanz den Untergang der Welt und ihre bevorstehende +Wiedergeburt. + +Nach der Ueberlieferung waren beim Erdbeben von 1766, wie bei einem andern +sehr merkwürdigen im Jahr 1794, die Stöße bloße wagerechte wellenförmige +Bewegungen; erst am Unglückstage des 14. Dezember 1797 spürte man in +Cumana zum erstenmal eine hebende Bewegung von unten nach oben. Ueber vier +Fünftheile der Stadt wurden damals völlig zerstört, und der Stoß, der von +einem starken unterirdischen Getöse begleitet war, glich, wie in Riobamba, +der Explosion einer in großer Tiefe angelegten Mine. Zum Glück ging dem +heftigen Stoß eine leichte wellenförmige Bewegung voraus, so daß die +meisten Bewohner sich auf die Straße flüchten konnten, und von denen, die +eben in den Kirchen waren, nur wenige das Leben verloren. Man glaubt in +Cumana allgemein, die verheerendsten Erdbeben werden durch ganz schmale +Schwingungen des Bodens und durch ein Sausen angekündigt, und Leuten, die +an solche Vorfälle gewöhnt sind, entgeht solches nicht. In diesem +verhängnisvollen Augenblicke hört man überall den Ruf: _Misericordia! +tembla, tembla!_ [Erbarmen! sie (die Erde) bebt! sie bebt!] und es kommt +selten vor, daß ein blinder Lärm durch einen Eingeborenen veranlaßt wird. +Die Aengstlichen achten auf das Benehmen der Hunde, Ziegen und Schweine. +Die letzteren, die einen ausnehmend scharfen Geruch haben und gewöhnt sind +im Boden zu wühlen, verkünden die Nähe der Gefahr durch Unruhe und +Geschrei. Wir lassen es dahingestellt, ob sie das unterirdische Getöse +zuerst hören, weil sie näher am Boden sind, er ob etwa Gase, die der Erde +entsteigen, auf ihre Organe wirken. Daß letzteres möglich ist, läßt sich +nicht läugnen. Als ich mich in Peru aufhielt, wurde ein Fall beobachtet, +der mit diesen Erscheinungen zusammenhängt und der schon öfters +vorgekommen war. Nach starken Erdstößen wurde das Gras af den Savanen von +Tucuman ungesund; es brach eine Viehseuche aus und viele Stücke scheinen +durch die bösen Dünste, die der Boden ausstieß, betäubt oder erstickt +worden zu seyn. + +In Cumana spürte man eine halbe Stunde vor der großen Katastrophe am +14. Dezember 1797 am Klosterberg von San Francisco einen starken +Schwefelgeruch. Am selben Orte war das unterirdische Getöse, das von +Südost nach Südwest fortzurollen schien, am stärksten. Zugleich sah man am +Ufer des Manzanares, beim Hospiz der Kapuziner und im Meerbusen von +Cariaco bei Mariguitar Flammen aus dem Boden schlagen. Wir werden in der +Folge sehen, daß letztere in nicht vulkanischen Ländern so auffallende +Erscheinung in den aus Alpenkalk bestehenden Gebirgen bei Cumanacao, im +Thale des Rio Bordones, auf der Insel Margarita und mitten in dn Savanen +oder *LLanos* von Neu-Andalusien ziemlich häufig ist. In diesen Savanen +steigen Feuergarben zu bedeutender Höhe auf; man kann sie Stunden lang an +den dürrsten Orten beobachten, und man versichert, wenn man den Boden, dem +der brennbare Stoff entströmt, untersuche, sey keinerlei Spale darin zu +bemerken. Dieses Feuer, das an die Wasserstoffquellen oder *Salse* in +Modena und an die Irrlichter unserer Sümpfe erinnert, zündet das Gras +nicht an, wahrscheinlich weil die Säule des sich entbindenden Gases mit +Stickstoff und Kohlensäure vermengt ist und nicht bis zum Boden herab +brennt. Das Volk, da übrigens hier zu Land nicht so abergläubisch ist als +in Spanien, nennt diese röthlichen Flammen seltsamerweise »die Seele des +Tyrannen Aguirre;« Lopez d’Aguirre soll nämlich, von Gewisensbissen +gefoltert, in dem Lande umgehen, das er mit seinen Verbrechen +befleckt.(40) + +Durch das große Erdbeben von 1797 ist die Untiefe an der Mündung des Rio +Bordones in ihrem Umriß verändert worden. Ähnliche Hebungen sind bei der +völligen Zerstörung Cumanas im Jahr 1766 bobachtet worden. Die Punta +Delgada an der Westküste des Meerbusens von Cariaco wurde damals bedeutend +größer, und im Rio Guarapiche beim Dorfe Maturin entstand eine Klippe, +wobei ohne Zweifel der Boden des Flusses durch elastische Flüssigkeiten +zerrissen und emporgehoben wurde. + +Wir verfolgen die lokalen Veränderungen, welche die verschiedenen Erdbeben +in Cumana hervorgebracht, nicht weiter. Dem Plane dieses Werkes +entsprechend suchen wir vielmehr die Ideen unter allgemeine Gesichtspunkte +zu bringen und alles, was mit diesen schrecklichen und zugleich so schwer +zu erklärenden Vorgängen zusammenhängt, in Einen Rahmen zusammenzufassen. +Wenn Naturforscher, welche die Schweizer Alpen oder die Küsten Lapplands +besuchen, unsere Kenntniß von den Gletschern und dem Nordlicht erweitern, +so läßt sich von Einem, der das spanische Amerika bereist hat, erwarten, +daß er sein Hauptaugenmerk auf Vulkane und Erdbeben gerichtet haben werde. +Jeder Strich des Erdballs liefert der Forschung eigenthümliche Stoffe, und +wenn wi nicht hoffen dürfen, die Ursachen der Naturerscheinungen zu +ergründen, so müssen wir wenigstens versuchen, die Gesetze derselben +kennen zu lernen und durch Vergleichung zahlreicher Thatsachen das +Gemeinsame und immer Wiederkehrende vom Veränderlichen und Zufälligen zu +unterscheiden. + +Die großen Erdbeben, die nach einer langen Reihe kleiner Stöße eintreten, +scheinen in Cumana nichts Periodisches zu haben. Man hat sie nach achtzig, +nach hundert und manchmal nach nicht dreißig Jahren sich wiederholen +sehen, während an der Küste von Peru, z. B. in Lima, die Epochen, die +jedesmal durch die gänzliche Zerstörung der Stadt bezeichnet werden, +unverkennbar mit einer gewissen Regelmäßigkeit eintreten. Daß die +Einwohner selbst an einen solchen Typus glauben, ist auch vom besten +Einfluß auf die öffentliche Ruhe und die Erhaltung des Gewerbefleißes. Man +nimmt allgemein an, daß es ziemlich lange Zeit braucht, bis dieselben +Ursachen wieder mit derselben Gewalt wirken können; aber dieser Schluß ist +nur dann richtig, wenn man die Erdstöße als lokale Erscheinungen auffaßt, +wenn man unter jedem Punkt des Erdballes, der großen Erschütterungen +ausgesetzt ist, einen besonderen Herd annimmt. Ueberall, wo sich neue +Gebäude auf den Trümmern der alten erhoben, hört man Leute, die nicht +bauen wollen, äußern, auf die Zerstörung Lissabons am ersten November 1755 +sey bald eine zweite, gleich schreckliche gefolgt, am 31. März 1761. + +Nach einer uralten, auch in Cumana, Acapulco und Lima sehr verbreiteten +Meinung [_Ariostoteles, Meteorologica, Lib. II. Seneca, Quaest. natur., +Lib. VI, c. 12._] stehen die Erdbeben und der Zustand der Luft vor dem +Eintreten derselben sichtbar in Zusammenhang. An der Küste von +Neu-Andalusien wird man ängstlioch, wenn bei großer Hitze und nach langer +Trockenheit der Seewind auf einmal aufhört und der im Zenith reine +wolkenlose Himmel sich bis zu sechs, acht Grad über dem Horizont mit einem +röthlichen Duft überzieht. Diese Vorzeichen sind indessen sehr unsicher +und wenn man sich nachher alle Vorgänge im Luftkreis zur Zeit der +stärksten Erschütterungen vergegenwärtigt, so zeigt sich, dass heftige +Stöße so gut bei feuchtem als bei trockenem Wetter, so gut bei starkem +Wind als bei drückend schwüler stiller Luft eintreten können. Nach den +vielen Erdbeben, die ich nördlich vom Aequator, auf dem Festland und in +Meeresbecken, an der Küste und in 4870 m Höhe erlebt, will es mir +scheinen, als ob die Schwingungen des Bodens und der vorgehende Zustand +der Luft im allgemeinen nicht viel miteinander zu tun hätten. Dieser +Ansicht sind auch viele gebildete Männer in den spanischen Kolonien, deren +Erfahrung sich, wo nicht auf ein größeres Stück der Erdoberfläche, so doch +auf eine längere Reihe von Jahren erstreckt. In europäischen Ländern +dagegen, wo Erdbeben im Verhältniß zu Amerika selten vorkommen, sind sie +Physiker geneigt, die Schwingungen des Bodens und irgend ein Meteor, das +zufällig zur selben Zeit erscheint, in nahe Beziehung zu bringen. So +glaubt man in Italien an einen Zusammenhang zwischen dem Sirocco und +Erdbeben, und in London sah man das häufige Vorkommen von Sternschnuppen +und jene Südlichter, die seitdem von Dalton öfters beobachtet worden sind, +als die Vorläufer der Erdstöße an, die man im Jahr 1748 bis zum Jahr 1756 +spürte. + +An den Tagen, wo die Erde durch starke Stöße erschüttert wird, zeigt sich +unter den Tropen keine Störung in der regelmäßigen stündlichen Schwankung +des Barometers. Ich habe mich in Cumana, Lima und Riobamba hievon +überzeugt; auf diesen Umstand sind die Physiker umso mehr aufmerksam zu +machen, als man auf St. Domingo in der Stadt Cap Français unmittelbar vor +dem Erdbeben von 1770 den Wasserbarometer um 2½ Zoll will haben fallen +sehen [Dieses Fallen entspricht nur zwei Linien Quecksilber.]. So erzählt +man auch bei der Zerstörung von Oran habe sich ein Apotheker mit seiner +Familie gerettet, weil er wenige Minuten vor der Katastrophe zufällig auf +seinen Barometer gesehen und bemerkt habe, daß das Quecksilber auffallend +stark falle. Ich weiß nicht, ob dieser Behauptung Glauben zu schenken ist; +da es fast unmöglich ist, während der Stöße selbst, die Schwankungen im +Luftdruck zu beobachten, so muß man sich begnügen, auf den Barometer vor +oder nach dem Vorfall zu sehen. Im gemäßigten Erdstrich äußern die +Nordlichter nicht immer Einfluß auf die Declination der Magnetnadel und +die Intensität der magnetischen Kraft; so wirken vielleicht die Erdbeben +nicht gleichmäßig auf die us umgebende Luft. + +Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, daß in weiter Ferne von den +Schlünden tätiger Vulkane der durch Erdstöße geborstene und erschütterte +Boden zuweilen Gase in die Luft ausströmen läßt. Wie schon oben angeführt, +brachen in Cumana aus dem trockensten Boden Flammen und mit schweflichter +Säure vermischte Dämpfe hervor. An anderen Orten spie ebendaselbst der +Boden Wasser und Erdpech aus. In Riobamba bricht eine brennbare +Schlammasse, *Moya* genannt, aus Spalten, die sich wieder schließen, und +türmt sich zu ansehnlichen Hügeln auf. Sieben Meilen [31 km] von Lissabon, +bei Colares, sah man während des furchtbaren Erdbebens vom 1. November +1755 Flammen und eine dicke Rauchsäule aus der Felswand bei Alvidras und +nach einigen Augenzeugen aus dem Meere selbst hervorbrechen. Der Rauch +dauerte mehrere Tage und wurde desto stärker, je lauter das unterirdische +Getöse war, das die Stöße begleitete. + +In die Atmosphäre ausströmende elastische Flüssigkeiten können lokal auf +den Barometer wirken, freilich nicht durch ihre Masse, die im Verhältnis +zur ganzen Luftmasse sehr unbedeutend ist, sondern weil sich, sobald ein +großer Ausbruch erfolgt, wahrscheinlich ein aufsteigender Strom bildet, +der den Luftdruck vermindert. Ich bin geneigt, anuzunehmen, daß bei den +meisten Erdbeben der erschütterte Boden nichts von sich gibt, und daß, +wenn wirklich Gase und Dämpfe ausströmen, dieß weit nicht so oft vor den +Stößen, als während derselben und hernach stattfindet. Aus diesem +letzteren Umstand erklärt sich eine Erscheinung, die schwerlich +abzuläugnen ist, ich meine den räthselhaften Einfluß, den die Erdbeben im +tropischen Amerika auf das Klima und den Eintritt der nassen und der +trockenen Jahreszeit äußern. Wenn die Erde erst im Moment der +Erschütterung selbst eine Veränderung in der Luft hervorbringt, so sieht +man ein, warum so selten ein auffallender meteorologischer Vorgang als +Vorbote dieser großen Umwälzungen in der Natur erscheint. + +Für die Annahme, daß bei den Erdbeben in Cumana elastische Flüssigkeiten +durch die Erdoberfläche zu entweichen suchen, scheint das furchtbare +Getöse zu sprechen, das man während der Erdstöße auf der Ebene der +*Charas* am Rande der Brunnen vernimmt. Zuweilen werden Wasser und Sand +über 6,5 m hoch emporgeschleudert. Aehnliche Erscheinungen entgingen schon +dem Scharfsinn der Alten nicht, die in den Ländern Griechenlands und +Kleinasiens wohnten, wo es sehr viele Höhlen, Erdspalten und unterirdische +Ströme gibt. Das gleichförmige Walten der Natur erzeugt allerorten +dieselben Vorstellungen über die Ursachen der Erdbeben und über die +Mittel, durch welche der Mensch, der so leicht das Maß seiner Kräfte +vergißt, die Wirkungen der Ausbrüche aus der Tiefe mildern zu können +meint. Was ein großer römischer Naturforscher vom Nutzen der Brunnen und +Höhlen sagt,(41) wiederholen in der Neuen Welt die unwissendsten Indianer +in Quito, wenn sie den Reisenden die *Guaicos* oder Höhlen am Pichincha +zeigen. + +Das unterirdische Getöse, das bei Erdbeben so häufig vorkommt, ist meist +außer Verhältniß mit der Kraft der Erdstöße. In Cumana geht es denselben +immer zuvor, während man in Quito und neuerdings in Caracas und auf den +Antillen, nachdem die Stöße längst aufgehört haben, einen Donner wie vom +Feuer einer Batterie gehört hat. Eine dritte Classe dieser Erscheinungen, +und die merkwürdigste von allen ist das Monate lang fortwährende +unterirdische Donnerrollen, ohne daß dabei die geringste Wellenbewegung +des Bodens zu spüren wäre. + +In allen den Erdbeben ausgesetzten Ländern sieht man als die Veranlassung +und den Herd der Erdstöße den Punkt an, wo, wahrscheinlich in Folge einer +eigenthümlichen Anordnung der Gesteinschichten, die Wirkungen am +auffallendsten sind. So glaubt man in Cumana, der Schloßberg von San +Antonio besonders aber der Hügel, auf dem das Kloster San Francisco liegt, +enthalten eine ungeheure Masse Schwefel und andere brennbare Stoffe. Man +vergißt, daß die Geschwindigkeit, mit der sich die Schwingungen auf große +Entfernung, sogar über das Becken des Oceans fortpflanzen, deutlich darauf +hinweist, daß der Mittelpunkt der Bewegung von der Erdoberfläche sehr weit +entfernt ist. Ohne Zweifel aus demselben Grunde sind die Erdbeben nicht an +gewisse Gebirgsarten gebunden, wie manche Physiker behaupten, sondern alle +sind vielmehr gleich geeignet, die Bewegung fortzupflanzen. Um nicht den +Kreis meiner eigenen Erfahrung zu überschreiten, nenne ich nur die Granite +von Lima und Acapulco, den Gneis von Caracas, den Glimmerschiefer der +Halbinsel Araya, den Urgebirgsschiefer von Tepecuacuilco in Mexico, die +secundären Kalksteine des Apennins, Spaniens und Neu-Andalusiens, endlich +die Trapp-Porphyre der Provinzen Quito und Popayan. An allen diesen Orten +wird der Boden häufig durch die heftigsten Stöße erschüttert; aber +zuweilen werden in derselben Gebirgsart die obenauf gelagerten Schichten +zu einem unüberwindlichen Hinderniß für die Fortpflanzung der Bewegung. So +sah man schon in den sächsischen Erzgruben die Bergleute wegen Bebungen, +die sie empfunden, erschrocken ausfahren, während man an der Erdoberfläche +nichts davon gespürt hatte. + +Wenn nun auch in den weitentlegensten Ländern die Urgebirge, die +secundären und die vulkanischen Gebirgsarten an den krampfhaften Zuckungen +des Erdballs in gleichem Maße theilnehmen nehmen, so läßt sich doch nicht +in Abrede ziehen, daß in einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich gewisse +Gebirgsarten die Fortpflanzung der Stöße hemmen. In Cumana z. B. wurden +vor der großen Katastrophe im Jahr 1797 die Erdbeben nur längs der aus +Kalk bestehenden Südküste des Meerbusens von Cariaco bis zur Stadt dieses +Namens gespürt, während auf der Halbinsel Araya und im Dorfe Maniquarez +der Boden an denselben Bewegungen keinen Theil nahm. Die Bewohner dieser +Nordküste, die aus Glimmerschiefer besteht, bauten ihre Hütten auf +unerschütterlichem Boden; ein 3000–4000 Toisen breiter Meerbusen lag +zwischen ihnen und einer durch die Erdbeben mit Trümmern bedeckten und +verwüsteten Ebene. Mit dieser auf die Erfahrung von Jahrhunderten gebauten +Sicherheit ist es vorbei: mit dem 14. December 1797 scheinen sich im +Innern der Erde neue Verbindungswege geöffnet zu haben. Jetzt empfindet +man es in Araya nicht nur, wenn in Cumana der Boden bebt, das Vorgebirge +aus Glimmerschiefer ist seinerseits zum Mittelpunkt von Bewegungen +geworden. Bereits wird zuweilen im Dorfe Maniquarez der Boden stark +erschüttert, während man an der Küste von Cumana der tiefsten Ruhe +genießt, und doch ist der Meerbusen von Cariaco nur 60–80 Faden tief. + +Man will beobachtet haben, daß auf dem Festlande wie auf den Inseln die +West- und Südküsten den Stößen am meisten ausgesetzt seyen. Diese +Beobachtung sieht im Zusammenhang mit den Ideen hinsichtlich der Lage der +großen Gebirgsketten und der Richtung ihrer steilsten Abhänge, wie sie +sich schon lange in der Geologie geltend gemacht haben; das Vorhandenseyn +der Cordillere von Caracas und die Häufigkeit der Erdbeben an den Ost- und +Nordküsten von Terra Firma, im Meerbusen von Paria, in Carupano, Cariaco +und Cumana beweisen, wie wenig begründet jene Ansicht ist. + +In Neu-Andalusien, wie in Chili und Peru, gehen die Erdstöße den Küsten +nach und nicht weit ins Innere des Landes hinein. Dieser Umstand weist, +wie wir bald sehen werden, darauf hin, daß die Ursachen der Erdbeben und +der vulkanischen Ausbrüche in engem Verbande stehen. Würde der Boden an +den Küsten deßhalb stärker erschüttert, weil diese die am tiefsten +gelegenen Punkte des Landes sind, warum wären dann in den Savanen oder +Prairien, die kaum acht oder zehn Toisen über dem Meeresspiegel liegen, +die Stöße nicht eben so oft und eben so stark zu fühlen? + +Die Erdbeben in Cumana sind mit denen auf den kleinen Antillen verkettet, +und man hat sogar vermutet, sie könnten mit den vulkanischen Erscheinungen +in den Kordilleren der Anden in einigem Zusammenhang stehen. Am +11. Februar 1797 erlitt der Boden der Provinz Quito eine Umwälzung, durch +die, trotz der sehr schwachen Bevölkerung des Landes, gegen 40,000 +Eingeborene unter den Trümmern ihrer Häuser begraben wurden, in Erdspalten +stürzten oder in den plötzlich neu gebildeten Seen ertranken. Zur selben +Zeit wurden die Bewohner der östlichen Antillen durch Erdstöße erschreckt, +die erst nach acht Monaten aufhörten, als der Vulkan auf Guadeloupe +Bimssteine, Asche und Wolken von Schwefeldämpfen ausstieß. Auf diesen +Ausbruch vom 29. September, währenddessen man lange anhaltendes +unterirdisches Brüllen hörte, folgte am 14. Dezember das große Erdbeben +von Cumana. Ein anderer Vulkan der Antillen, der auf St. Vincent, hat +seitdem ein neues Beispiel solcher Wechselbeziehungen geliefert. Er hatte +seit 1718 kein Feuer mehr gespieen, als er im Jahre 1812 wieder auswarf. +Die gänzliche Zerstörung der Stadt Caracas erfolgte 34 Tage vor diesem +Ausbruch, und starke Bodenschwingungen wurden sowohl auf den Inseln als an +den Küsten von Terra Firma gespürt. + +Man hat längst die Bemerkung gemacht, daß die Wirkungen großer Erdbeben +sich ungleich weiter verbreiten als die Erscheinungen der tätigen Vulkane. +Beobachtet man in Italien die Umwälzungen des Erdbodens, betrachtet man +die Reihe der Ausbrüche des Vesuv und des Aetna genau, so entdeckt man, so +nahe auch diese Berge beieinander liegen, kaum Spuren gleichzeitiger +Tätigkeit. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daß bei den beiden +letzten Erdbeben von Lissabon(42) das Meer bis in die Neue Welt hinüber in +Aufregung geriet, z. B. bei der Insel Barbados, die über 5400 km von der +Küste von Portugal liegt. + +Verschiedene Tatsachen weisen darauf hin, daß die Erdbeben und die +vulkanischen Ausbrüche(43) in engem ursächlichen Zusammenhang stehen. In +Pasto hörten wir, die schwarze dicke Rauchsäule, die im Jahre 1797 seit +mehreren Monaten dem Vulkan in der Nähe dieser Stadt entstiegen war, sey +zur selben Stunde verschwunden, wo sechzig Meilen [270 km] gegen Süd die +Städte Riobamba, Hambata und Tacunga durch einen ungeheuren Stoß über den +Haufen geworfen wurden. Setzt man sich im Inneren eines brennenden Kraters +neben die Hügel, die sich durch die Schlacken- und Aschenauswürfe bilden, +so fühlt man mehrere Sekunden vor jedem einzelnen Ausbruch die Bewegung +des Bodens. Wir haben dies im Jahre 1805 auf dem Vesuv beobachtet, während +der Berg glühende Schlacken auswarf: wir waren im Jahre 1802 Zeugen +diesselben Vorganges gewesen, als wir am Rande des ungeheuren Kraters des +Pichincha standen, aus dem übrigens eben nur schweflig saure Dämpfe +aufstiegen. + +Alles weist darauf hin, daß das eigentlich Wirksame bei den Erdbeben darin +besteht, daß elastische Flüssigkeiten einen Ausweg suchen, um sich in der +Luft zu verbreiten. An den Küsten der Südsee pflanzt sich diese Wirkung +oft fast augenblicklich sechshundert Meilen [2700 km] weit, von Chile bis +zum Meerbusen von Guayaquil fort, und zwar scheinen, was sehr merkwürdig +ist, die Erdstöße desto stärker zu seyn, je weiter ein Ort von den +thätigen Vulkanen abliegt. Die mit Flötzen von sehr neuer Bildung +bedeckten Granitberge Calabriens, die aus Kalk bestehende Kette des +Apennins, die Grafschaft Perigord, die Küsten von Spanien und Portugal, +die von Peru und Terra Firma liefern deutliche Belege für diese +Behauptung. Es ist als würde die Erde desto stärker erschüttert, je +weniger die Bodenfläche Oeffnungen hat, die mit den Höhlungen im Innern in +Verbindung stehen. In Neapel und Messina, am Fuß des Cotopaxi und des +Tunguragua fürchtet man die Erdbeben nur, so lange nicht Rauch und Feuer +aus der Mündung der Vulkane bricht. Ja im Königreich Quito brachte die +große Katastrophe von Riobamba, von der oben die Rede war, mehrere +unterrichtete Männer auf den Gedanken, daß das unglückliche Land wohl +nicht so oft verwüstet würde, wenn das unterirdische Feuer den Porphyrdom +des Chimborazo durchbrechen könnte und dieser kolossale Berg sich wieder +in einen thätigen Vulkan verwandelte. Zu allen Zeiten haben analoge +Thatsachen zu denselben Hypothesen geführt. Die Griechen, die, wie wir, +die Schwingungen des Bodens der Spannung elastischer Flüssigkeiten +zuschrieben, führten zur Bekräftigung ihrer Ansicht an, daß die Erdbeben +auf der Insel Euböa gänzlich aufgehört haben, seit sich aus der Ebene von +Lelante eine Erdspalte gebildet. + +Wir haben versucht, am Schluß dieses Kapitels die allgemeinen +Erscheinungen zusammenzustellen, welche die Erdbeben unter verschiedenen +Himmelsstrichen begleiten. Wir haben gezeigt, daß die unterirdischen +Meteore so festen Gesetzen unterliegen, wie die Mischung der Gase, die +unsern Luftkreis bilden. Wir haben uns aller Betrachtungen über das Wesen +der chemischen Agentien enthalten, die als Ursachen der großen Umwälzungen +erscheinen, welche die Erdoberfläche von Zeit zu Zeit erleidet. Es sey +hier nur daran erinnert, daß diese Ursachen in ungeheuren Tiefen liegen, +und daß man sie in den Erdbildungen zu suchen hat, die wir Urgebirge +nennen, wohl gar unter der erdigen, oxydierten Kruste, in Tiefen, wo die +halbmetallischen Grundlagen der Kieselerde, der Kalkerde, der Soda und der +Pottasche gelagert sind. + +Man hat in neuester Zeit den Versuch gemacht, die Erscheinungen der +Vulkane und Erdbeben als Wirkungen des Galvanismus aufzufassen, der sich +bei eigenthümlicher Anordnung ungleichartiger Erdschichten entwickeln +soll. Es läßt sich nicht läugnen, daß häufig, wenn im Verlauf einiger +Stunden starke Erdstöße auf einander folgen, die elektrische Spannung der +Luft im Augenblick, wo der Boden am stärksten erschüttert wird, merkbar +zunimmt; um aber diese Erscheinung zu erklären, braucht man seine Zuflucht +nicht zu einer Hypothese zu nehmen, die in geradem Widerspruch steht mit +allem, was bis jetzt über den Bau unseres Planeten und die Anordnung +seiner Erdschichten beobachtet worden ist. + + ------------------ + + + + + +_ 37 Inga spuria_. Die weißen Staubfäden, 60 bis 70 an der Zahl, sitzen + an einer grünlichen Blumenkrone, haben Seidenglanz und an der Spitze + einen gelben Staubbeutel. Die Blüthe der Guama ist 18 Linien [4 cm] + lang. Dieser schöne Baum, der am liebsten an feuchten Orten wächst, + wird zwischen 8 und 10 Toisen [15,5 und 19,5 m] hoch. + + 38 Diese Eintheilung schreibt sich schon aus der Zeit des Posidonius + her. Es ist die _succusio_ und die _inclinatio_ des Seneca + (_Quaestiones naturales. Lib. VI. c. 21_). Aber schon der Scharfsinn + der Alten machte die Bemerkung, daß die Art und Weise der Erdstöße + viel zu veränderlich ist, als daß man sie unter solche vermeintliche + Gesetze bringen könnte. (Plato bei Plutarch _de placit. Philos. + L. III. c. 15._) + + 39 Die blauen Berge in Neuholland, die Berge von Carmathen und + Landsdown, sind bei hellem Wetter auf 50 Meilen nicht mehr sichtbar. + Nimmt man den Höhenwinkel zu einem halben Grad an, so hätten diese + Berge etwa 620 Toisen absoluter Höhe. + + 40 Wenn das Volk in Cumana und auf der Insel Margarita von _el tirano_ + spricht, so ist immer der schändliche Lopez d’Aguirre gemeint, der + im Jahr 1560 sich am Aufstand Fernandos de Guzman gegen den + Statthalter von Omegua und Dorado, Pedro de Ursua, betheiligtwe, und + sich nachher selbst _traidor_, Verräther, nannte. + + 41 Plinius: _In puteis est remedium, quale et crebi specus praebent: + conceptum enim spiritum exhalant, quod in certis notatur oppidis, + quae minus quatiuntur, crebis ad eluviem cuniculus cavata (Plin. + L. II. c. 82)._ Noch gegenwärtig glaubt man in der Hauptstadt von + St. Domingo, daß die Brunnen die Kraft der Erdstöße schwächen. Ich + bemerke bei dieser Gelegenheit, daß die Erklärung, die Seneca von + den Erdbeben gibt (_Natur. Quaest. Lib. VI. c. 4_ bis _31_), den + Keim alles dessen enthält, was in unserer Zeit über die Wirkung + elastischer, im Inneren des Erdballes eingeschlossener Dämpfe gesagt + worden ist. + + 42 Am 1. November 1755 und 31. März 1761. Beim ersteren Erdbeben + überschwemmte das Meer in Europa die Küsten von Schweden, England + und Spanien, in Amerika die Inseln Antiqua, Barbados und Martinique. + Auf Barbados, wo die Flut gewöhnlich nur 24–28 Zoll [640 bis 746 mm] + hoch steigt, stieg das Wasser in der Bucht von Carlisle zwanzig Fuß + [6,5 m] hoch. Es wurde zugleich »tintenschwarz«, ohne Zweifel, weil + sich der Asphalt, der im Meerbusen von Cariaco, wie bei der Insel + Trinidad, auf dem Meeresboden häufig vorkommt, mit dem Wasser + vermengt hatte. Auf den Antillen und auf mehreren Schweizer Seen + wurde eine auffallende Bewegung des Wassers sechs Stunden vor dem + ersten Stoß, den man in Lissabon spürte, beobachtet. In Cadiz sah + man auf acht Meilen [36 km] weit aus der offenen See einen sechzig + Fuß [20 m] hohen Wasserberg anrücken; er stürzte sich auf die Küste + und zerstörte eine Menge Gebäude, ähnlich wie die achtzig Fuß [56 m] + hohe Flutwelle, die am 9. Juni 1586 beim Erdbeben von Lima den Hafen + von Callao überschwemmte. In Amerika hatte man auf dem Ontariosee + seit Oktober 1755 eine starke Aufregung des Wassers beobachtet. + Diese Erscheinungen weisen darauf hin, daß auf ungeheure Strecken + hin unterirdische Verbindungen bestehen. Bei der Zusammenstellung + der meist weit auseinanderliegenden Zeitpunkte, in denen Lima und + Guatemala völlig zerstört wurden, glaubte man hin und wieder die + Bemerkung zu machen, als ob sich eine Wirkung langsam den + Kordilleren entlang geäußert hätte, bald von Nord nach Süd, bald von + Süd nach Nord. Ich gebe hier vier dieser auffallenden Zeitpunkte: + + +----------------------+---------------------+ + |Mexiko | Peru | + +----------------------+---------------------+ + |(Breite 13° 32´ Nord) | (Breite 12° 6´ Süd) | + +----------------------+---------------------+ + |30. Nov. 1577, | 17. Juni 1578, | + +----------------------+---------------------+ + |4. März 1679, | 17. Juni 1678, | + +----------------------+---------------------+ + |12. Febr. 1689, | 10. Okt. 1688, | + +----------------------+---------------------+ + |27. Sept. 1717, | 8. Febr. 1716. | + +----------------------+---------------------+ + + Ich gestehe, wenn die Erdstöße nicht gleichzeitig sind, oder doch + kurz nacheinander folgen, so erscheint die angebliche Fortpflanzung + der Bewegung sehr zweifelhaft. + + 43 Dieser ursächliche Zusammenhang, den schon die Alten erkannten, + beschäftigte die Geister nach der Entdeckung von Amerika wieder sehr + lebhaft. Diese Entdeckung vergnügte nicht allein die Neugier der + Menschen durch neue Naturprodukte, sie erweiterte auch ihre + Vorstelluugen von der physischen Beschaffenheit der Länder, von den + Spielarten des Menschengeschlechts und von den Wanderungen der + Völker. Man kann die Beschreibungen der ältesten spanischen + Reisenden, namentlich die des Jesuiten Acosta, nicht lesen, ohne + jeden Augenblick freudig zu staunen, wie mächtig der Anblick eines + großen Festlandes, die Betrachtung einer wundervollen Natur und die + Berührung mit Menschen von anderer Race auf die Geistesentwicklung + in Europa gewirkt haben. Der Keim sehr vieler physikalischer + Wahrheiten ist in den Schriften des sechzehnten Jahrhunderts + niedergelegt, und dieser Keim hätte Früchte getragen, wäre er nicht + durch Fanatismus und Aberglauben erstickt worden. + + + + + +FÜNFTES KAPITEL + + + Die Halbinsel Araya — Salzsümpfe — Die Trümmer des Schlosses + Santiago + + +Die ersten Wochen unseres Aufenthaltes in Cumana verwendeten wir dazu, +unsere Instrumente zu berichtigen, in der Umgegend zu botanisieren und die +Spuren des Erdbebens vom 14. Dezember 1797 zu beobachten. Die +Mannigfaltigkeit der Gegenstände, die uns zumal in Anspruch nahmen, ließ +uns nur schwer den Weg zu geordneten Studien und Beobachtungen finden. +Wenn unsere ganze Umgebung den lebhaftesten Reiz für uns hatte, so machten +dagegen unsere Instrumente die Neugier der Einwohnerschaft rege. Wir +wurden sehr durch Besuche von der Arbeit abgezogen, und wollte man nicht +Leute vor den Kopf stoßen, die so seelevergnügt durch einen Dollond die +Sonnenflecken betrachteten oder auf galvanische Berührung einen Frosch +sich bewegen sahen, so mußte man sich wohl herbeilassen, auf oft +verworrene Fragen Auskunft zu geben und stundenlang dieselben Versuche zu +wiederholen. + +So ging es uns fünf ganze Jahre, so oft wir uns an einem Orte aufhielten, +wo man in Erfahrung gebracht hatte, daß wir Mikroskope, Fernrohre oder +elektromotorische Apparate besitzen. Dergleichen Auftritte wurden meist +desto angreifender, je verworrener die Begriffe waren, welche die Besucher +von Astronomie und Physik hatten, welche Wissenschaften in den spanischen +Colonien den sonderbaren Titel: »neue Philosophie,« _nueva filosofia_ +führen. Die Halbgelehrten sahen mit einer gewissen Geringschätzung auf uns +herab, wenn sie hörten, daß sich unter unsern Büchern weder das _spectac1e +de la nature_ vom Abbé Pluche, noch der _cours de physique_ von Sigand la +Fond, noch das Wörterbuch von Valmont de Bomare befanden. Diese drei Werke +und der _traité d’économie politique_ von Baron Bielfeld sind die +bekanntesten und geachtetsten fremden Bücher im spanischen Amerika von +Caracas und Chili bis Guatimala und Nordmexico. Man gilt nur dann für +gelehrt, wenn man die Uebersetzungen derselben recht oft citiren kann, und +nur in den großen Hauptstädten, in Lima, Santa Fe de Bogota und Mexico, +fangen die Namen Haller, Cavendish und Lavoisier an jene zu verdrängen, +deren Ruf seit einem halben Jahrhundert populär geworden ist. + +Die Neugierde, mit der die Menschen sich mit den Himmelserscheinungen und +verschiedenen naturwissenschaftlichen Gegenständen abgeben, äußert sich +ganz anders bei altcivilisirten Völkern als da, wo die Geistesentwicklung +noch geringe Fortschritte gemacht hat. In beiden Fällen finden sich in den +höchsten Ständen viele Personen, die den Wissenschaften ferne stehen; aber +in den Colonien und bei jungen Völkern ist die Wißbegier keineswegs müßig +und vorübergehend, sondern entspringt aus dem lebendigen Trieb, sich zu +belehren; sie äußert sich so arglos und naiv, wie sie in Europa nur in +früher Jugend auftritt. + +Erst am 28. Juli konnte ich eine ordentliche Reihe astronomischer +Beobachtungen beginnen, obgleich mir viel daran lag, die Länge, wie sie +Louis Berthouds Chronometer angab, kennen zu lernen. Der Zufall wollte, +daß in einem Lande, wo der Himmel beständig rein und klar ist, mehrere +Nächte sternlos waren. Zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den +Meridian zog jeden Tag ein Gewitter aus und es wurde mir schwer +rorrespondirende Sonnenhöhen zu erhalten, obgleich ich in verschiedenen +Intervallen drei, vier Gruppen aufnahm. Die vom Chronometer angegebene +Länge von Cumana differirte nur um 4 Secunden Zeit von der, welche ich +durch Himmelsbeobachtungen gefunden, und doch hatte unsere Ueberfahrt +einundvierzig Tage gewährt und bei der Besteigung des Pic von Teneriffa +war der Chronometer starken Temperaturwechseln ausgesetzt gewesen. + +Aus meinen Beobachtungen in den Jahren 1799 und 1800 ergibt sich als +Gesammtresultat, daß der große Platz von Cumana unter 10° 27’ 52" der +Breite und 66° 30’ 2" der Länge liegt. Die Bestimmung der Länge gründet +sich auf den Uebertrag der Zeit, aus Monddistanzen, auf die +Sonnenfinsterniß vom 28. Oktober 1799 und aus zehn Immersionen der +Jupiterstrabanten, verglichen mit in Europa angestellten Beobachtungen. +Sie weicht nur um sehr weniges von der ab, die Fidalgo vor mir, aber durch +rein chronometrische Mittel gefunden. Unsere älteste Karte des neuen +Continents, die von Diego Ribeiro, Geographen Kaiser Carls des Fünften, +setzt Cumana unter 9° 30’ Breite, was um 58 Minuten von der wahren Breite +abweicht und einen halben Grad von der, die Jefferys in seinem im +Jahr 1794 herausgegebenen »Amerikanischen Steuermann« angibt. Dreihundert +Jahre lang zeichnete man die ganze Küste von Paria zu weit südlich, weil +in der Nähe der Insel Trinidad die Strömungen nach Nord gehen und die +Schiffer nach der Angabe des Logs weiter gegen Süd zu seyn glauben, als +sie wirklich sind. + +Am 17. August machte ein Hof oder eine Lichtkrone um den Mond den +Einwohnern viel zu schaffen. Man betrachtete es als Vorboten eines starken +Erdstoßes, denn nach der Volksphysik stehen alle ungewöhnlichen +Erscheinungen in unmittelbarem Zusammenhang. Die farbigen Kreise um den +Mond sind in den nördlichen Ländern weit seltener als in der Provence, in +Italien und Spanien. Sie zeigen sich, und dieß ist auffallend, bei reinem +Himmel, wenn das gute Wetter sehr beständig scheint. In der heißen Zone +sieht man fast jede Nacht schöne prismatische Farben, selbst bei der +größten Trockenheit. Zuweilen habe ich zwischen dem 15. Grad der Breite +und dem Aequator sogar um die Venus kleine Höfe gesehen; man konnte +Purpur, Orange und Violett unterscheiden; aber um Sirius, Canopus und +Achernar habe ich niemals Farben gesehen. + +Während der Mondhof in Cumana zu sehen war, zeigte der Hygrometer große +Feuchtigkeit an; die Wasserdünste schienen aber so vollkommen aufgelöst, +oder vielmehr so elastisch und gleichförmig verbreitet, daß sie der +Durchsichtigkeit der Luft keinen Eintrag thaten. Der Mond ging nach einem +Gewitterregen hinter dem Schlosse San Antonio auf. Wie er am Horizont +erschien, sah man zwei Kreise, einen großen, weißlichen von 44 Grad +Durchmesser und einen kleinen, der in allen Farben des Regenbogens glänzte +und 1 Grad 43 Minuten breit war. Der Himmelsraum zwischen beiden Kronen +war dunkelblau. Bei 40 Grad Höhe verschwanden sie, ohne daß die +meteorologischen Instrumente die geringste Veränderung in den niedern +Luftregionen anzeigten. Die Erscheinung hatte nichts Auffallendes außer +der großen Lebhaftigkeit der Farben, neben dem Umstand, daß nach Messungen +mit einem Ramsden¿schen Sextanten die Mondscheibe nicht ganz in der Mitte +der Höfe stand. Ohne die Messung hätte man glauben können, diese +Excentricität rühre von der Projection der Kreise auf die scheinbare +Concavität des Himmels her. Die Form der Höfe und die Farben, welche in +der Luft unter den Tropen beim Mondlicht zu Tage kommen, verdienen es von +den Physikern von Neuem in den Kreis der Beobachtungen gezogen zu werden. +In Mexico habe ich bei vollkommen klarem Himmel breite Streifen in den +Farben des Regenbogens über das Himmelsgewölbe und gegen die Mondscheibe +hin zusammenlaufen sehen; dieses merkwürdige Meteor erinnert an das von +Cotes im Jahr 1716 beschriebene. + +Wenn unser Haus in Cumana für die Beobachtung des Himmels und der +meteorologischen Vorgänge sehr günstig gelegen war, so mußten wir dagegen +zuweilen bei Tage etwas ansehen, was uns empörte. Der große Platz ist zum +Teil mit Bogengängen umgeben, über denen eine lange hölzerne Galerie +hinläuft, wie man sie in allen heißen Ländern sieht. Hier wurden die +Schwarzen verkauft, die von der afrikanischen Küste herüberkommen. Unter +allen europäischen Regierungen war die von Dänemark die erste und lange +die einzige, die den Sklavenhandel abgeschafft hat, und dennoch waren die +ersten Sklaven, die wir aufgestellt sahen, auf einem dänischen +Sklavenschiff gekommen. Der gemeine Eigennutz, der mit Menschenpflicht, +Nationalehre und den Gesetzen des Vaterlandes im Streite liegt, läßt sich +durch nichts in seinen Speculationen stören. + +Die zum Verkauf ausgesetzten Sklaven waren junge Leute von fünfzehn bis +zwanzig Jahren. Man lieferte ihnen jeden Morgen Kokosöl, um sich den +Körper damit einzureiben und die Haut glänzend schwarz zu machen. Jeden +Augenblick erschienen Käufer und schätzten nach der Beschaffenheit der +Zähne Alter und Gesundheitszustand der Sklaven; sie rissen ihnen den Mund +auf, ganz wie es auf dem Pferdemarkt geschieht. Dieser entwürdigende +Brauch schreibt sich aus Afrika her, wie die getreue Schilderung zeigt, +die Cervantes nach langer Gefangenschaft bei den Mauren in einem seiner +Theaterstücke [_El trado de Argel._] vom Verkauf der Christensklaven in +Algier entwirft. Es ist ein empörender Gedanke, daß es noch heutigen Tages +auf den Antillen spanische Ansiedler gibt, die ihre Sklaven mit dem +Glüheisen zeichnen, um sie wieder zu erkennen, wenn sie entlaufen. So +behandelt man Menschen, die anderen Menschen die Mühe des Säens, Ackerns +und Erntens ersparen [_La Bruyère, Charactères cap. XI._]. + +Je tieferen Eindruck der erste Verkauf von Negern in Cumana auf uns +gemacht hatte, desto mehr wünschten wir uns Glück, daß wir uns bei einem +Volk und auf einem Continent befanden, wo ein solches Schauspiel sehr +selten vorkommt und die Zahl der Sklaven im Allgemeinen höchst unbedeutend +ist. Dieselbe betrug im Jahr 1800 in den Provinzen Cumana und Barcelona +nicht über sechstausend, während man zur selben Zeit die +Gesammtbevölkerung auf hundert und zehntausend schätzte. Der Handel mit +afrikanischen Sklaven, den die spanischen Gesetze niemals begünstigt +haben, ist jetzt völlig bedeutungslos auf Küsten, wo im sechzehnten +Jahrhundert der Handel mit amerikanischen Sklaven schauerlich lebhaft war. +Macarapan, früher Amaracapana genannt, Cumana, Araya und besonders +Neu-Cadix, das auf dem Eiland Cubagua angelegt worden war, konnten damals +für Comptoirs gelten, die zur Betreibung des Sklavenhandels errichtet +waren. Girolamo Benzoni aus Mailand, der im Alter von zweiundzwanzig +Jahren nach Terra Firma gekommen war, machte im Jahr 1542 an den Küsten +von Bordones, Cariaco und Paria Raubzüge mit, bei denen unglückliche +Eingeborene weggeschleppt wurden. Er erzählt sehr naiv und oft mit einem +Gefühlsausdruck, wie er bei den Geschichtschreibern jener Zeit selten +vorkommt, von den Grausamkeiten, die er mit angesehen. Er sah die Sklaven +nach Neu-Cadix bringen, wo sie mit dem Glüheisen auf Stirne und Armen +gezeichnet und den Beamten der Krone der Quint entrichtet wurde. Aus +diesem Hafen wurden sie nach Haiti oder St. Domingo geschickt, nachdem sie +mehrmals die Herren gewechselt, nicht weil sie verkauft wurden, sondern +weil die Soldaten mit Würfeln um sie spielten. + +Unser erster Ausflug galt der Halbinsel Araya und jenen ehemals durch +Sklavenhandel und die Perlenfischerei vielberufenen Landstrichen. Am +19. August gegen zwei Uhr nach Mitternacht schifften wir uns bei der +indischen Vorstadt auf dem Manzanares ein. Unser Hauptzweck bei dieser +kleinen Reise war, die Trümmer des alten Schlosses von Araya zu besehen, +die Salzwerke zu besuchen und auf den Bergen, welche die schmale Halbinsel +Maniquarez bilden, einige geologische Untersuchungen anzustellen. Die +Nacht war köstlich kühl, Schwärme leuchtender Insekten [_Elater +noctilucus._] glänzten in der Luft, auf dem mit Sesuvium bedeckten Boden +und in den Mimosenbüschen am Fluß. Es ist bekannt, wie häufig die +Leuchtwürmer in Italien und im ganzen mittaglichen Europa sind; aber ihr +malerischer Eindruck ist gar nicht zu vergleichen mit den zahllosen +zerstreuten, sich hin und her bewegenden Lichtpunkten, welche im heißen +Erdstrich der Schmuck der Nächte sind, wo einem ist, als ob das +Schauspiel, welches das Himmelsgewölbe bietet, sich auf der Erde, auf der +ungeheuren Ebene der Grasfluren wiederholte. + +Als wir Fluß abwärts an die Pflanzungen oder *Charas* kamen, sahen wir +Freudenfeuer, die Neger angezündet hatten. Leichter, gekräuselter Rauch +stieg zu den Gipfeln der Palmen auf und gab der Mondscheibe einen +röthlichen Schein. Es war Sonntag Nacht und die Sklaven tanzten zur +rauschenden, eintönigen Musik einer Guitarre. Der Grundzug im Charakter +der afrikanischen Völker von schwarzer Rasse ist ein unerschöpfliches Maß +von Beweglichkeit und Frohsinn. Nachdem er die Woche über hart gearbeitet, +tanzt und musicirt der Sklave am Feiertage dennoch lieber, als daß er +ausschläft. Hüten wir uns, über diese Sorglosigkeit, diesen Leichtsinn +hart zu urteilen, wird ja doch dadurch ein Leben voll Entbehrung und +Schmerz versüßt. + +Die Barke, in der wir über den Meerbusen von Cariaco fuhren, war sehr +geräumig. Man hatte große Jaguarfelle ausgebreitet, damit wir bei Nacht +ruhen könnten. Noch waren wir nicht zwei Monate in der heißen Zone, und +bereits waren unsere Organe so empfindlich für den kleinsten +Temperaturwechsel, daß wir vor Frost nicht schlafen konnten. Zu unserer +Verwunderung sahen wir, daß der hunderttheilige Thermometer auf 21°,8 +stand. Dieser Umstand, der allen, die lange in beiden Indien gelebt haben, +wohl bekannt ist, verdient von den Physiologen beachtet zu werden. Boucher +erzählt, auf dem Gipfel der _Montagne Pelée_ auf Martiniques [der Berg ist +nach verschiedenen Angaben zwischen 666 und 736 Toisen hoch] haben er und +seine Begleiter vor Frost gebebt, obgleich die Wärme noch 21 ½ Grad +betrug. In der anziehenden Reisebeschreibung des Capitän Bligh, der in +Folge einer Meuterei an Bord des Schiffes Bounty zwölfhundert Meilen in +einer offenen Schaluppe zurücklegen mußte, liest man, daß er zwischen dem +zehnten und zwölften Grad südlicher Breite weit mehr vom Frost als vom +Hunger gelitten.(44) Im Januar 1803, bei unserem Aufenthalt in Guayaquil, +sahen wir die Eingeborenen sich über Kälte beklagen und sich zudecken, +wenn der Thermometer auf 23°,8 fiel, während sie bei 30°,5 die Hitze +erstickend fanden. Es brauchte nicht mehr als sieben bis acht Grad, um die +entgegengesetzten Empfindungen von Frost und Hitze zu erzeugen, weil an +diesen Küsten der Südsee die gewöhnliche Lufttemperatur 28° beträgt. Die +Feuchtigkeit, mit der sich die Leitungsfähigkeit der Lust für den +Wärmestoff ändert, spielt bei diesen Empfindungen eine große Rolle. Im +Hafen von Guayaquil, wie überall in der heißen Zone auf tief gelegenem +Boden, kühlt sich die Lust nur durch Gewitterregen ab, und ich habe +beobachtet, daß, während der Thermometer auf 23°,8 fällt, der Deluc’sche +Hygrometer auf 50–52 Grad stehen bleibt; dagegen steht er auf 37 bei einer +Temperatur von 30°,5. In Cumana hört man bei starken Regengüssen in den +Straßen schreien: _"Que hielo! Estoy emparamado!"_(45) und doch fällt der +dem Regen ausgesetzte Thermometer nur auf 21°,5. Aus allen diesen +Beobachtungen geht hervor, daß man zwischen den Wendekreisen auf Ebenen, +wo die Lufttemperatur bei Tag fast beständig über 27° ist, bei Nacht das +Bedürfniß fühlt, sich zuzudecken, so oft bei feuchter Luft der Thermometer +um 4–5½ Grad fällt. + +Gegen acht Uhr Morgens stiegen wir an der Landspitze von Araya bei der +»Neuen Saline« ans Land. Ein einzelnes Haus steht auf einer kahlen Ebene +neben einer Batterie von drei Kanonen, auf die sich seit Zerstörung des +Forts St. Jakob die Verteidigung dieser Küste beschränkt. Der +Salineninspektor bringt sein Leben in einer Hängematte zu, in der er den +Arbeitern seine Befehle erteilt, und eine _Lancha del rey_ (königliche +Barke) führt ihm jede Woche von Cumana seine Lebensmittel zu. Man wundert +sich, daß bei einem Salzwert, das früher bei den Engländern, Holländern +und anderen Seemächten Eifersucht erregte, kein Dorf oder auch nur ein Hof +liegt. Kaum findet man am Ende der Landspitze von Araya ein paar armselige +indianische Fischerhütten. + +Man übersieht von hier aus zugleich das Eiland Cubagua, die hohen +Berggipfel von Margarita, die Trümmer des Schlosses St. Jakob, den Cerro +de la Vela und das Kalkgebirge des Brigantin, das gegen Süden den Horizont +begrenzt. Wie reich die Halbinsel Araya an Kochsalz ist, wurde schon +Alonso Niño bekannt, als er im Jahr 1499 in Colombo’s, Djeda’s und Amerigo +Vespucci’s Fußstapfen diese Länder besuchte. Obgleich die Eingeborenen +Amerikas unter allen Völkern des Erdballes am wenigsten Salz verbrauchen, +weil sie fast allein von Pflanzenkost leben, scheinen doch bereits die +Guaykari im Ton- und Salzboden der *Punta Arenas* gegraben zu haben. +Selbst die jetzt die *neuen* genannten Salzwerke, am Ende des Vorgebirgs +Araya, waren schon in der frühsten Zeit in Gang. Die Spanier, die sich +zuerst auf Cubagua und bald nachher auf der Küste von Cumana +niedergelassen hatten, beuteten schon zu Anfang des sechzehnten +Jahrhunderts die Salzsümpfe aus, die sich als Lagunen nordwestlich vom +Cerro de la Vela hinziehen. Da das Vorgebirge Araya damals keine ständige +Bevölkerung hatte, machten sich die Holländer den natürlichen Reichtum des +Bodens zunutze, den sie für ein Gemeingut aller Nationen ansahen. +Heutzutage hat jede Kolonie ihre eigenen Salzwerke und die +Schiffahrtskunst ist so weit fortgeschritten, daß die Cadizer Handelsleute +mit geringen Kosten spanisches und portugiesisches Salz 1900 Meilen +[8500 km] weit in die östliche Halbkugel senden können, um Montevideo und +Buenos Aires mit ihrem Bedarf für das Einsalzen zu versorgen. Solche +Vortheile waren zur Zeit der Eroberung unbekannt; die Industrie in den +Colonien war damals noch so weit zurück, dass das Salz von Araya mit +großen Kosten nach den Antillen, nach Carthagena und Portobelo verschifft +wurde. Im Jahr 1605 schickte der Madrider Hof bewaffnete Fahrzeuge nach +Punta Araya, mit dem Befehl, daselbst auf Station zu liegen und die +Holländer mit Gewalt zu vertreiben. Diese fuhren nichts desto weniger fort +heimlich Salz zu holen, bis man im Jahr 1622 bei den Salzwerken ein Fort +errichtete, das unter dem Namen _Castillo de Santiago_ oder _Real Fuerza +de Araya_ berühmt geworden ist. + +Die großen Salzsümpfe sind auf den ältesten spanischen Karten bald als +Bucht, bald als Lagune angegeben. Laet, der seinen _Orbis novus_ im Jahr +1633 schrieb und sehr gute Nachrichten von diesen Küsten hatte, sagt sogar +ausdrücklich, die Lagune sey von der See durch eine über der Fluthhöhe +gelegene Landenge getrennt gewesen. Im Jahr 1726 zerstörte ein +außerordentliches Ereigniß die Saline von Araya und machte das Fort, das +über eine Million harter Piaster gekostet hatte, unnütz. Man spürte einen +heftigen Windstoß, eine große Seltenheit in diesen Strichen, wo die See +meist nicht unruhiger ist als das Wasser unserer Flüsse; die Fluth drang +weit ins Land hinein und durch den Einbruch des Meeres wurde der Salzsee +in einen mehrere Meilen langen Meerbusen verwandelt. Seitdem hat man +nördlich von der Hügelkette, welche das Schloß von der Nordküste der +Halbinsel trennt, künstliche Behälter oder Kasten angelegt. Der +Salzverbrauch war in den Jahren 1799 und 1800 in den beiden Provinzen +Cumana und Barcelona zwischen neun und zehn tausend Fanegas, jede zu +sechzehn Arrobas oder vier Centnern. Dieser Verbrauch ist sehr +beträchtlich, und es ergeben sich dabei, wenn man 50,000 Indianer +abrechnet, die nur sehr wenig Salz verzehren, sechzig Pfund auf den Kopf. +In Frankreich rechnet man, nach Necker, nur zwölf bis vierzehn Pfund, und +der Unterschied rührt daher, daß man so viel Salz zum Einsalzen braucht. +Das gesalzene Ochsenfleisch, *Tasajo* genannt, ist im Handel von Barcelona +der vornehmste Ausfuhrartikel. Von neun bis zehn tausend Fanegas Salz, +welche die beiden Provinzen zusammen liefern, kommen nur dreitausend vom +Salzwerk von Araya; das übrige wird bei Morro de Barcelona, Pozuelos, +Piritu und im *Golfo triste* aus Meerwasser gewonnen. In Mexico liefert +der einzige Salzsee *Pennon Blanco* jährlich über 250,000 Fanegas unreines +Salz. + +Die Provinz Caracas hat schöne Salzwerke bei den Klippen los Noquez; das +früher aus der kleinen Insel Tortuga gelegene ist auf Befehl der +spanischen Regierung zerstört worden. Man grub einen Kanal, durch den das +Meer zu den Salzsümpfen dringen konnte. Andere Nationen, die auf den +kleinen Antillen Colonien haben, besuchten diese unbewohnte Insel, und der +Madrider Hof fürchtete in seiner argwöhnischen Politik, das Salzwerk von +Tortuga möchte Veranlassung zu einer festen Niederlassung werden, wodurch +dem Schleichhandel mit Terra Firma Vorschub geleistet würde. Die Salzwerke +von Araya werden erst seit dem Jahr 1792 von der Regierung selbst +betrieben. Bis dahin waren sie in den Händen indianischer Fischer, die +nach Belieben Salz bereiteten und verkauften, wofür sie der Regierung nur +die mäßige Summe von 300 Piastern bezahlten. Der Preis der Fanega war +damals vier Realen; [In dieser Reisebeschreibung sind alle Preise in +harten Piastern und Silberrealen, _reales de plata_ ausgedrückt. Acht +Realen gehen auf einen harten Piaster oder 105 Sous französischen Geldes.] +aber das Salz war sehr unrein, grau, und enthielt sehr viel salzsaure und +schwefelsaure Bittererde. Da zudem die Ausbeutung von Seiten der Arbeiter +äußerst unregelmäßig betrieben wurde, so fehlte es oft an Salz zum +Einsalzen des Fleisches und der Fische, das in diesen Ländern für den +Fortschritt des Gewerbfleißes von großem Belang ist, da das indianische +niedere Volk und die Sklaven von Fischen und etwas *Tasajo* leben. Seit +die Provinz Cumana unter der Intendauz von Caracas steht, besteht die +Salzregie, und die Fanega, welche die Guayqueries für einen halben Piaster +verkauften, kostet anderthalb Piaster. Für diese Preiserhöhung leistet nur +geringen Ersatz, daß das Salz reiner ist und daß die Fischer und +Colonisten es das ganze Jahr im Ueberfluß beziehen können. Die +Salinenverwaltung von Araya brachte im Jahr 1799 dem Schatze 8000 Piaster +jährlich ein. Aus diesen statistischen Notizen geht hervor, daß die +Salzbereitung in Araya, als Industriezweig betrachtet, von keinem großen +Belang ist. + +Der Thon, aus dem zu Araya das Salz gewonnen wird, kommt mit dem +*Salzthon* überein, der in Berchtesgaden und in Südamerika in Zipaquira +mit dem Steinsalz vorkommt. Das salzsaure Natron ist in diesem Thon nicht +in sichtbaren Theilchen eingesprengt, aber sein Vorhandenseyn läßt sich +leicht bemerklich machen. Wenn man die Masse mit Regenwasser netzt und der +Sonne aussetzt, schießt das Salz in großen Krystallen an. Die Lagune +westlich vom Schloß Santiago zeigt alle Erscheinungen, wie sie von +Lepechin, Gmelin und Pallas in den sibirischen Salzseen beobachtet worden +sind. Sie nimmt übrigens nur das Regenwasser auf, das durch die +Thonschichten durchsickert und sich am tiefsten Punkte der Halbinsel +sammelt. So lange die Lagune den Spaniern und Holländern als Salzwerk +diente, stand sie mit der See in keiner Verbindung; neuerdings hat man nun +diese Verbindung wieder aufgehoben, indem man an der Stelle, wo das Meer +im Jahr 1726 eingebrochen war, einen Faschinendamm anlegte. Nach großer +Trockenheit werden noch jetzt vom Boden der Lagune drei bis vier Kubikfuß +große Klumpen krystallisirten, sehr reinen salzsauren Natrons +heraufgefördert. Das der brennenden Sonne ausgesetzte Salzwasser des Sees +verdunstet an der Oberfläche; in der gesättigten Lösung bilden sich +Salzkrusten, sinken zu Boden, und da Kristalle von derselben +Zusammensetzung und der gleichen Gestalt einander anziehen, so wachsen die +kristallinischen Massen von Tag zu Tag an. Man beobachtet im Allgemeinen, +daß das Wasser überall, wo sich Lachen im Thonboden gebildet haben, +salzhaltig ist. Im neuen Salzwerk bei den Batterien von Araya leitet man +allerdings das Meerwasser in die Kasten, wie in den Salzsümpfen im +mittäglichen Frankreich; aber auf der Insel Margarita bei Pampadar wird +das Salz nur dadurch bereitet, daß man süßes Wasser den salzhaltigen Thon +auslaugen läßt. + +Das Salz, das in Thonbildungen enthalten ist, darf nicht verwechselt +werden mit dem Salz, das im Sand am Meeresufer vorkommt, und das an den +Küsten der Normandie ausgebeutet wird. Diese beiden Erscheinungen haben, +aus geologischen Gesichtspunkt betrachtet, so gut wie nichts mit einander +gemein. Ich habe salzhaltigen Thon am Meeresspiegel, bei Punta Araya, und +in 2000 Toisen Höhe in den Cordilleren von Neugrenada gesehen. Wenn +derselbe am erstgenannten Ort unter einer Muschelbreccie von sehr neuer +Bildung liegt, so tritt er dagegen bei Ischl in Oesterreich als mächtige +Schicht im Alpenkalk auf, der, obgleich gleichfalls jünger als die +Existenz organischer Wesen auf der Erde, doch sehr alt ist, wie die vielen +Gebirgsglieder zeigen, die ihm aufgelagert sind. Wir wollen nicht in +Zweifel ziehen, daß das reine [das von Wieliczka und Peru] oder mit +salzhaltigem Thon vermengte Steinsalz [das von Hallein, Ischl und +Zipaquira] der Niederschlag eines alten Meeres seyn könne; alles weist +aber darauf hin, daß es sich unter Naturverhältnissen gebildet hat, die +sehr bedeutend abweichen mußten von denen, unter welchen die jetzigen +Meere in Folge allmähliger Verdunstung hie und da ein paar Körner +salzsauren Natrons im Ufersande niederschlagen. Wie der Schwefel und die +Steinkohle sehr weit auseinander liegenden Formationen angehören, kommt +auch das Steinsalz bald im Uebergangsgips, bald im Alpenkalk, bald in +einem mit sehr neuem Muschelsandstein bedeckten Salzthon (Punta Araya), +bald in einem Gips vor, der jünger ist als die Kreide. + +Das neue Salzwerk von Araya besteht aus fünf Behältern oder Kasten, von +denen die größten eine regelmäßige Form und 2300 Quadrattoisen Oberfläche +haben. Die mittlere Tiefe beträgt acht Zoll. Man bedient sich sowohl des +Regenwassers, das sich durch Einsickerung am tiefsten Punkt der Ebene +sammelt, als des Meerwassers, das durch Kanäle hereingeleitet wird, wenn +der Wind die See an die Küste treibt. Dieses Salzwerk ist nicht so günstig +gelegen wie die Lagune. Das Wasser, das in die letztere fällt, kommt von +stärker geneigten Abhängen und hat ein größeres Bodenstück ausgelaugt. Die +Indianer pumpen mit der Hand das Meerwasser aus einem Hauptbehälter in die +Kasten. Leicht ließe sich indessen der Wind als Triebkraft benützen, da +der Seewind fortwährend stark aus die Küste bläst. Man hat nie daran +gedacht, weder die bereits ausgelangte Erde wegzuschaffen, noch Schachte +im Salzthon niederzutreiben, um Schichten aufzusuchen, die reicher an +salzsaurem Natron sind. Die Salzarbeiter klagen meist über Regenmangel, +und beim neuen Salzwerk scheint es mir schwer auszumitteln, welches +Quantum von Salz allein auf Rechnung des Seewassers kommt. Die +Eingeborenen schätzen es aus ein Sechstheil des ganzen Ertrags. Die +Verdunstung ist sehr stark und wird durch den beständigen Luftzug +gesteigert; das Salz wird aber auch am achtzehnten bis zwanzigsten Tage, +nachdem man die Behälter gefüllt, ausgezogen. Wir fanden (am 19. August um +3 Uhr Nachmittags) die Temperatur des Salzwassers in den Kasten 32°,5, +während die Luft im Schatten 27°,2 und der Sand an der Küste in sechs Zoll +Tiefe 42°,5 zeigte. Wir tauchten den Thermometer in die See und sahen ihn +zu unserer Ueberraschung nur auf 23° steigen. Diese niedrige Temperatur +rührt vielleicht von den Untiefen her, welche die Halbinsel Araya und die +Insel Margarita umgeben, und an deren Abfällen sich tiefere +Wasserschichten mit den oberflächlichen vermischen. + +Obgleich das salzsaure Natron aus der Halbinsel Araya nicht so sorgfältig +bereitet wird als in den europäischen Salzwerken, ist es dennoch reiner +und enthält weniger salzsaure und schwefelsaure Erden. Wir wissen nicht, +ob diese Reinheit dem Antheil von Salz, den das Meer liefert, +zuzuschreiben ist; denn wenn auch die Menge der im Meerwasser gelösten +Salze höchst wahrscheinlich unter allen Himmelsstrichen dieselbe ist,(46) +so weiß man doch nicht, ob auch das Verhältnis zwischen dem salzsauren +Natron, der salzsauren und schwefelsauren Bittererde und dem +schwefelsauren und kohlensauren Kalk sich gleich bleibt. + +Nachdem wir die Salinen besehen und unsere geodätischen Arbeiten beendet +hatten, brachen wir gegen Abend auf, um einige Meilen weiterhin in einer +indianischen Hütte bei den Trümmern des Schlosses von Araya die Nacht zu +zuzubringen. Unsere Instrumente und unseren Mundvorrat schickten wir +voraus; denn wenn wir von der großen Hitze und der Reverberation des +Bodens erschöpft waren, spürten wir in diesen Ländern nur abends und in +der Morgenkühle Eßlust. Wir wandten uns nach Süd und gingen zuerst über +die kahle mit Salzton bedeckte Ebene und dann über zwei aus Sandstein +bestehende Hügelketten, zwischen denen die Lagune liegt. Die Nacht +überraschte uns, während wir einen schmalen Pfad verfolgten, der +einerseits vom Meer, andererseits von senkrechten Felswänden begrenzt ist. +Die Flut war im raschen Steigen und engte unseren Weg mit jedem Schritt +mehr ein. Am Fuße des alten Schlosses von Araya angelangt lag ein +Naturbild mit einem melancholischen, romantischen Anstrich vor uns, und +doch wurde weder durch die Kühle des finsteren Forstes, noch durch die +Großartigkeit der Pflanzengestalten die Schönheit der Trümmer gehoben. Sie +liegen auf einem kahlen, dürren Berge, mit Agaven, Säulenkaktus und +Mimosen bewachsen und gleichen nicht sowohl einem Werke von Menschenhand, +als vielmehr Felsmassen, die in den ältesten Umwälzungen des Erdballes +zertrümmert worden. + +Wir wollten Halt machen, um das großartige Schauspiel zu genießen und den +Untergang der Venus zu beobachten, deren Scheibe von Zeit zu Zeit zwischen +dem Gemäuer des Schlosses erschien; aber der Mulatte, der uns als Führer +diente, wollte verdursten und drang lebhaft in uns, umzukehren. Er hatte +längst gemerkt, daß wir uns verirrt hatten, und da er hoffte, durch die +Furcht auf uns zu wirken, sprach er beständig von Tigern und +Klapperschlangen. Giftige Reptilien sind allerdings beim Schlosse Araya +sehr häufig, und erst vor kurzem waren beim Eingang des Dorfes Maniquarez +zwei Jaguars erlegt worden. Nach den aufbehaltenen Fellen waren sie nicht +viel kleiner als die ostindischen Tiger. Vergeblich führten wir unserem +Führer zu Gemüt, daß diese Tiere an einer Küste, wo die Ziegen ihnen +reichliche Nahrung bieten, keinen Menschen anfallen; wir mußten nachgeben +und hingehen, woher wir gekommen waren. Nachdem wir drei Viertelstunden +über einen von der steigenden Flut bedeckten Strand gegangen, stieß der +Neger zu uns, der unsern Mundvorrath getragen hatte; da er uns nicht +kommen sah, war er unruhig geworden und uns entgegengegangen. Er führte +uns durch ein Gebüsch von Fackeldisteln zu der Hütte einer indianischen +Familie. Wir wurden mit der herzlichen Gastfreundschaft aufgenommen, die +man in diesen Ländern bei Menschen aller Kasten findet. Von außen war die +Hütte, in der wir unsere Hängematten befestigten, sehr sauber; wir fanden +daselbst Fische, Bananen u. dgl. Und, was im heißen Landstrich über die +ausgesuchtesten Speisen geht, vortreffliches Wasser. + +Des anderen Tages bei Sonnenaufgang sahen wir, daß die Hütte, in der wir +die Nacht zugebracht, zu einem Haufen kleienr Wohnungen am Ufer des +Salzsees gehörte. Es sind dies die schwachen Ueberbleibsel eines +ansehnlichen Dorfes, das sich einst um das Schloß gebildet. Die Trümmer +einer Kirche waren halb im Sand begraben und mit Strauchwerk bewachsen. +Nachdem im Jahre 1762 das Schloß von Araya, um die Unterhaltungskosten der +Besatzung zu sparen, gänzlich zerstört worden war, zogen sich die in der +Umgegend angesiedelten Indianer und Farbigen allmählich nach Maniquarez, +Cariaco und in die indianische Vorstadt von Cumana. Nur wenige blieben aus +Anhänglichkeit an den Heimathboden am wilden, öden Ort. Diese armen Leute +leben vom Fischfang, der an den Küsten und auf dem Untiefen in der Nähe +äußerst ergiebig ist. Sie schienen mit ihrem Loos zufrieden und fanden die +Frage seltsam, warum sie keine Gärten hätten unsd keine nutzbaren Gewächse +bauten. »Unsere Gärten,« sagten sie, »sind drüben über der Meerenge; wir +bringen Fische nach Cumana und verschaffen uns dafür Bananen, Cocosnüsse +und Manioc.« Diese Wirtschaft, die der Trägheit zusagt, ist in Maniquarez +und auf der ganzen Halbinsel Araya Brauch. Der Hauptreichtum der Einwohner +besteht in Ziegen, die sehr groß und schön sind. Sie laufen frei umher wie +die Ziegen auf dem Pic von Tenerifa; sie sind völlig verwildert und man +zeichnet sie wie die Maultiere, weil sie nach Aussehen, Farbe und +Zeichnung nicht zu unterscheiden wären. Die wilden Ziegen sind hellbraun +und nicht verschiedenfarbig wie die zahmen. Wenn ein Colonist auf der Jagd +eine Ziege schießt, die nicht seine eigene ist, so bringt er sie sogleich +dem Nachbar, dem sie gehört. Zwei Tage lang hörten wir als von einer +selten vorkommenden Niederträchtigkeit davon sprechen, daß einem Einwohner +von Maniquarez eine Ziege abhanden gekommen, und daß wahrscheinlich eine +Familie in der Nachbarschaft sich güthlich damit gethan habe. Dergleichen +Züge, die für große Sittenreinheit beim gemeinen Volk sprechen, kommen +häufig auch in Neu-Mexiko, in Canada und in den Ländern westlich von den +Aleghanys vor. + +Unter den Farbigen, deren Hütten um den Salzsee stehen, befand sich ein +Schuhmacher von castilianischem Blute. Er nahm uns mit dem Ernst und der +Selbstgefälligkeit auf, die unter diese Himmelsstrichen fast allen Leuten +eigen sind, die sich für besonders begabt halten. Er war eben daran, die +Sehne seines Bogens zu spannen und Pfeile zu spitzen, um Vögel zu +schießen. Sein Gewerbe als Schuster konnte in einem Lande, wo die meisten +Leute barfuß gehen, nicht viel eintragen; er beschwerte sich auch, daß das +europäische Pulver so teuer sey und ein Mann wie er zu denselben Waffen +greifen müsse wie die Indianer. Der Mann war das gelehrte Orakel des +Dorfs; er wußte, wie sich das Salz durch den Einfluß der Sonne und des +Vollmonds bildet, er kannte die Vorzeichen der Erdbeben, die Merkmale, wo +sich Gold und Silber im Boden finden, und die Arzneipflanzen, die er, wie +alle Colonisten von Chili bis Californien, in heiße und kalte [reizende +oder schwächende, sthenische oder asthenische nach Browns System] +eintheilte. Er hatte die geschichtlichen Ueberlieferungen des Landes +gesammelt, und gab uns interessante Notizen über die Perlen von Cubagua, +welchen Luxusartikel er höchst wegwerfend behandelte. Um uns zu zeigen, +wie bewandert er in der heiligen Schrift sey, führte er wohlgefällig den +Spruch Hiobs an, daß Weisheit höher zu wägen ist denn Perlen. Seine +Philosophie ging nicht über den engen Kreis der Lebensbedürfnisse hinaus. +Ein derber Esel, der eine tüchtige Ladung Bananen an den Landungsplatz +tragen könnte, war das höchste Ziel seiner Wünsche. + +Nach einer langen Rede über die Eitelkeit menschlicher Herrlichkeit zog er +aus einer Ledertasche sehr kleine und trübe Perlen und drang uns dieselben +auf. Zugleich hieß er uns, es in unsere Schreibtafel aufzuzeichnen, daß +ein armer Schuster von Araya, aber ein weißer Mann und von edlem +castilischen Blute, uns etwas habe schenken können, das drüben über dem +Meer für eine große Kostbarkeit gelte. Ich komme dem Versprechen, das ich +dem braven Manne gab, etwas spät nach und freue mich, dabei bemerken zu +können, daß seine Uneigennützigkeit ihm nicht gestattete, irgend eine +Vergütung anzunehmen. An der Perlenküste sieht es allerdings so armselig +aus, wie im »Gold- und Diamantenland,« in Choco und Brasilien; aber mit +dem Elend paart sich hier nicht die zügellose Gewinnsucht, wie sie durch +Schätze des Mineralreichs erzeugt wird. + +Die Perlenmuschel ist auf den Untiefen, sie sich von Kap Paria zum Kap +Vela erstrecken, sehr häufig. Die Insel Margarita, Cubagua, Coche, Punta +Araya und die Mündung des Rio la Hacha waren im sechzehnten Jahrhundert +berühmt, wie im Altertum der Persische Meerbusen und die Insel Taprobante. +[_Strabo lib. XV. Plinius Lib. IX, c. 35, Lib. XII, c. 18. Solinus, +Polyhistor c. 68_; besonders _Athenaeus, Deipnosoph. Lib. III, c. 45._] Es +ist nicht richtig, wie mehrere Geschichtsschreiber behaupten, daß die +Eingeborenen Amerikas die Perlen als Luxusartikel nicht gekannt haben +sollen. Die Spanier, die zuerst an Terra Firma landeten, sahen bei den +Wilden Hals- und Armbänder, und bei den zivilisierten Völkern in Mexiko +und Peru waren Perlen von schöner Form ungemein gesucht. Ich habe die +Basaltbüste einer mexikanischen Priesterin bekanntgemacht, [Humboldt, +_Atlas pittoresque_ Tafel 1 und 2.] deren Kopfputz, der auch sonst mit der +*Calantica* der Isisköpfe Aehnlichkeit hat, mit Perlen besetzt ist. Las +Casas und Benzoni erzählen, und zwar nicht ohne Uebertreibung, wie grausam +man mit den Indianern und Negwern umging, die man zur Perlenfischerei +brauchte. In der ersten Zeit der Eroberung lieferte die Insel Coche allein +1500 Mark Perlen monatlich. Der *Quint*, den die königlichen Beamten vom +Ertrag an Perlen erhoben, belief sich auf 15,000 Dukaten, nach dem +damaligen Werth der Metalle und in Betracht des starken Schmuggels eine +sehr bedeutende Summe. Bis zum Jahre 1530 scheint sich der Werth der nach +Europa gesendeten Perlen im Jahresdurchschnitt auf mehr als 800,000 +Piaster belaufen zu haben. Um zu ermessen, von welcher Bedeutung dieser +Handelszweig in Sevilla, Toledo, Antwerpen und Genua seyn mochte, muß man +bedenken, daß zur selben Zeit alle Bergwerke Amerikas nicht zwei Millionen +Piaster lieferten und daß die Flotte Ovandos für unermeßlich reich galt, +weil sie gegen 2600 Mark Silber führte. + +Die Perlen waren desto gesuchter, da der asiatische Luxus auf zwei gerade +entgegengesetzten Wegen nach Europa gedrungen war, von Konstantinopel her, +wo die Paläologen reich mit Perlen gestickte Kleider trugen, und von +Granada her, wo die maurischen Könige saßen, an deren Hof der ganze +asiatische Prunk herrschte. Die ostindischen Perlen waren geschätzter als +die westindischen; indessen kamen doch die letzteren in der ersten Zeit +nach der Entdeckung von Amerika in Menge in den Handel. In Italien wie in +Spanien wurde die Insel Cubagua das Ziel zahlreicher +Handelsunternehmungen. Benzoni erzählt, was einem gewissen Ludwig +Lampagnano begegnete, dem Karl der Fünfte das Privilegium ertheilt hatte, +mit fünf »Caravelen« an die Küste von Cumana zu gehen und Perlen zu +fischen. Die Ansiedler schickten ihn mit der kecken Antwort heim, der +Kaiser gehe mit etwas, das nicht sein gehöre, allzu freigebig um; es stehe +ihm nicht das Recht zu, über Austern zu verfügen, die auf dem Meeresboden +leben. + +Gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts nahm die Perlenfischerei rasch +ab, und nach Laets Angabe(47) hatte sie im Jahr 1633 längst aufgehört. +Durch den Gewerbfleiß der Venediger, welche die echten Perlen täuschen +nachmachten, und den starken Gebrauch der geschnittenen Diamanten [Das +Schneiden der Diamanten wurde im Jahre 1456 von Ludwig de Berquen +erfunden; in allgemeinen Gebrauch kam es aber erst im folgenden +Jahrhundert.] wurden die Fischereien in Cubagua weniger einträglich. +Zugleich wurden die Perlenmuscheln seltener, nicht wie man nach der +Volkssage glaubt, weil die Tiere vom Geräusch der Ruder verscheucht +wurden, sondern, weil man im Unverstand die Muscheln zu Tausenden +abgerissen und so ihrer Fortpflanzung Einhalt getan hatte. Die +Perlenmuschel ist noch von zarterer Constitution als die meisten andern +kopflosen Weichthiere. Auf der Insel Ceylon, wo in der Bucht von +Condeatchy die Perlenfischerei sechshundert Taucher beschäftigt und der +jährliche Ertrag über eine halbe Million steigt, hat man das Thier +vergeblich auf andere Küstenpunkte zu verpflanzen gesucht. Die Regierung +gestattet die Fischerei nur einen Monat lang, während man in Cubagua die +Muschelbank das ganze Jahr hindurch ausbeutete. Um sich eine Vorstellung +davon zu machen, in welchem Maße die Taucher unter diesem Thiergeschlecht +aufräumen, muß man bedenken, daß manches Fahrzeug in zwei, drei Wochen +über 35,000 Muscheln aufnimmt. Das Thier lebt nur neun bis zehn Jahre und +die Perlen fangen erst im vierten Jahre an zum Vorschein zu kommen. In +10,000 Muscheln ist oft nicht Eine werthvolle Perle. Nach der Sage +öffneten die Fischer auf der Bank bei der Insel Margarita die Muscheln +Stück für Stück; auf Ceylon schüttet man die Thiere aus und läßt sie +faulen, und um die Perlen zu gewinnen, welche nicht an den Schalen hängen, +wascht man die Haufen thierischen Gewebes aus, gerade wie man in den Minen +den Sand auswascht, der Gold- oder Zinngeschiebe oder Diamanten enthält. + +Gegenwärtig bringt das spanische Amerika nur noch die Perlen in den +Handel, die aus dem Meerbusen von Panama und von der Mündung des Rio de la +Hacha kommen. Auf den Untiefen um Cubagua, Coche und Margarita ist die +Fischerei aufgegeben, wie an der californischen Küste.(48) Man glaubt in +Cumana, die Perlenmuschel habe sich nach zweihundertjähriger Ruhe wieder +bedeutend vermehrt [Im Jahr 1812 sind bei Margarita einige Versuche +gemacht worden, die Perlenfischerei wieder aufzunehmen], und man fragt +sich, warum die Perlen, die man jetzt in Muscheln findet, die an den +Fischnetzen hängen bleiben [Die Einwohner von Araya verkaufen zuweilen +solche kleine Perlen an die Kaufleute von Cumana. Der gewöhnliche Preis +ist ein Piaster für das Dutzend.], so klein sind und so wenig Glanz haben, +während man bei der Ankunft der Spanier sehr schöne bei den Indianern +fand, die doch schwerlich darnach tauchten. Diese Frage ist desto schwerer +zu beantworten da wir nicht wissen, ob etwa Erdbeben die Beschaffenheit +des Seebodens verändert haben, oder ob Richtungsänderungen in +untermeerischen Strömen auf die Temperatur des Wassers oder auf die +Häufigkeit gewisser Weichthiere, von denen sich die Muscheln nähren, +Einfluß geäußert haben. + +Am 20. Morgens führte uns der Sohn unseres Wirths, ein sehr kräftiger +Indianer, über den Barigon und Caney ins Dorf Maniquarez. Es waren vier +Stunden Weges. Durch das Rückprallen der Sonnenstrahlen vom Sand stieg der +Thermometer auf 31.3°. Die Säulenkaktus, die am Wege stehen, geben der +Landschaft einen grünen Schein, ohne Kühle und Schatten zu bieten. Unser +Führer setzte sich, ehe er eine Meile [5 km] gegangen war, jeden +Augenblick nieder. Im Schatten eines schönen Tamarindenbaumes bei den +Casas de la Vela wollte er sich gar niederlegen, um den Anbruch der Nacht +abzuwarten. Ich hebe diesen Charakterzug hervor, da er einem überall +entgegentritt, so oft man mit den Indianern reist, und zu den irrigsten +Vorstellungen von der Körperverfassung der verschiedenen Menschenracen +Anlaß gegeben hat. Der kupferfarbene Eingeborene, der besser als der +reisende Europäer an die glühende Hitze des Himmelsstriches gewöhnt ist, +beklagt sich nur deshalb mehr darüber, weil ihn kein Reiz antreibt. Geld +ist keine Lockung für ihn, und hat er sich je einmal durch Gewinnsucht +verführen lassen, so reut ihn sein Entschluß, sobald er auf dem Wege ist. +Derselbe Indianer aber, der sich beklagt, wenn man ihm beim Botanisieren +eine Pflanzenbüchse zu tragen gibt, treibt einen Kahn gegen die rascheste +Strömung und rudert so vierzehn bis fünfzehn Stunden in einem fort, weil +er sich zu den Seinen zurücksehnt. Will man die Muskelkraft der Völker +richtig schätzen lernen, muß man sie ¿ unter Umständen beobachten, wo ihre +Handlungen durch einen gleich kräftigen Willen bestimmt werden. + +Wir besahen in der Nähe die Trümmer des Schlosses Santiago, das durch +seine ausnehmend feste Bauart merkwürdig ist. Die Mauern aus behauenen +Steinen sind fünf Fuß dick; man mußte sie mit Minen sprengen; man sieht +noch Mauerstücke von sieben-, achthundert Quadratfuß, die kaum einen Riß +zeigen. Unser Führer zeigte uns eine Cisterne (_el aljibe_), die dreißig +Fuß tief ist und, obgleich ziemlich schadhaft, den Bewohnern der Halbinsel +Araya Wasser liefert. Diese Cisterne wurde im Jahr 1681 vom Statthalter +Don Juan Padilla Guardiola vollendet, demselben, der in Cumana das kleine +Fort Santa Maria gebaut hat. Da der Behälter mit einem Gewölbe im +Rundbogen geschlossen ist, so bleibt das Wasser darin frisch und sehr gut. +Conserven, die den Kohlenwasserstoff zersetzen und zugleich Würmern und +Insekten zum Aufenthalt dienen, bilden sich nicht darin. Jahrhunderte lang +hatte man geglaubt, die Halbinsel Araya habe gar keine Quellen süßen +Wassers, aber im Jahr 1797 haben die Einwohner von Maniquarez nach langem +vergeblichem Suchen doch solches gefunden. + +Als wir über die kahlen Hügel am Vorgebirge Cirial gingen, spürten wir +einen starken Bergölgeruch. Der Wind kam vom Orte her, wo die +Bergölquellen liegen, deren schon die ersten Beschreibungen dieser Länder +erwähnen. — Das Töpfergeschirr von Maniquarez ist seit unvordenklicher +Zeit berühmt, und dieser Industriezweig ist ganz in den Händen der +Indianerweiber. Es wird noch gerade so fabriziert wie vor der Eroberung. +Dieses Verfahren ist einerseits eine Probe vom Zustand der Künste in ihrer +Kindheit und andererseits von der Starrheit der Sitten, die allen +eingeborenen Völkern Amerikas als ein Charakterzug eigen ist. In +dreihundert Jahren konnte die Töpferscheibe keinen Eingang auf einer Küste +finden, die von Spanien nur dreißig bis vierzig Tagreisen zur See entfernt +ist. Die Eingeborenen haben eine dunkle Vorstellung davon, daß es ein +solches Werkzeug gibt, und sie würden sich desselben bedienen, wenn man +ihnen das Muster in die Hand gäbe. Die Thongruben sind eine halbe Meile +östlich von Maniquarez. Dieser Thon ist das Zersetzungsprodukt eines durch +Eisenoxyd roth gefärbten Glimmerschiefers. Die Indianerinnen nehmen +vorzugsweise solchen, der viel Glimmer enthält. Sie formen mit großem +Geschick Gefäße von zwei bis drei Fuß Durchmesser mit sehr regelmäßiger +Krümmung. Da sie den Brennofen nicht kennen, so schichten sie Strauchwerk +von Desmanthus, Cassia und baumartiger Capparis um die Töpfe und brennen +sie in freier . Luft. Weiter westwärts von der Thongrube liegt die +Schlucht der *Mina* (Bergwerk). Nicht lange nach der Eroberung sollen +venetianische Goldschürfer dort Gold aus dem Glimmerschiefer gewonnen +haben. Dieses Metall scheint hier nicht auf Quarzgängen vorzukommen, +sondern im Gestein eingesprengt zu seyn, wie zuweilen im Granit und Gneiß. + +Wir trafen in Maniquarez Kreolen, die von einer Jagdpartie auf Cubagua +kamen. Die Hirsche von der kleinen Art sind auf diesem unbewohnten Eilande +so häufig, daß man täglich drei und vier schießen kann. Ich weiß nicht, +wie die Thiere hinübergekommen sind; denn Laet und andere Chronisten des +Landes, die von der Gründung von Neucadix berichten, sprechen nur von der +Menge Kaninchen auf der Insel. Der *Venado* auf Cubagua gehört zu einer +der vielen kleinen amerikanischen Hirscharten, die von den Zoologen lange +unter dem allgemeinen Namen _Cervus Americanus_ zusammengeworfen wurden. +Er scheint mir nicht identisch mit der _Biche des Savanes_ von Guadeloupe +oder dem *Guazuti* in Paraguay, der auch in Rudeln lebt. Sein Fell ist auf +dem Rücken rothbraun, am Bauche weiß; es ist gefleckt, wie beim Axis. In +den Ebenen am Cari zeigte man uns als eine große Seltenheit in diesen +heißen Ländern eine weiße Spielart. Es war eine Hirschkuh von der Größe +des europäischen Rehs und von äußerst zierlicher Gestalt. *Albinos* kommen +in der Neuen Welt sogar unter den Tigern vor. Azara sah einen Jaguar, auf +dessen ganz weißem Fell man nur hier und da gleichsam einen Schatten von +den runden Flecken sah. + +Für den merkwürdigsten, man kann sagen für den wunderbarsten aller +Naturkörper auf der Küste von Araya gilt beim Volke der *Augenstein*, +_Piedra de los ojos_. Dieses Gebilde aus Kalkerde ist in aller Munde; nach +der Volksphysik ist es ein Stein und ein Thier zugleich. Man findet es im +Sande, und da rührt es sich nicht; nimmt man es aber einzeln auf und legt +es auf eine ebene Fläche, z. B. auf einen Zinn- oder Fayence-Teller, so +bewegt es sich, sobald man es durch Citronsaft reizt. Steckt man es ins +Auge, so dreht sich das angebliche Tier um sich selbst und schiebt jeden +fremden Körper heraus, der zufällig ins Auge geraten ist. Auf der neuen +Saline und im Dorfe Maniquarez brachte man uns solche Augensteine zu +Hunderten, und die Eingeborenen machten uns den Versuch mit dem Citronsaft +eifrig vor. Man wollte uns Sand in die Augen bringen, damit wir uns selbst +von der Wirksamkeit des Mittels überzeugten. Wir sahen alsbald, daß diese +Steine die dünnen, porösen Deckel kleiner einschaliger Muscheln sind. Sie +haben 1–4 Linien Durchmesser; die eine Fläche ist eben, die andere +gewölbt. Diese Kalkdeckel brausen mit Zitronensaft auf und rücken von der +Stelle, indem sich die Kohlensäure entwickelt. In Folge ähnlicher Reaction +bewegt sich zuweilen das Brod im Backofen auf wagerechter Fläche, was in +Europa zum Volksglauben an bezauberte Oefen Anlaß gegeben hat. Die +_pietras de los ojos_ wirken, wenn man sie ins Auge schiebt, wie die +kleinen Perlen und verschiedene runde Samen, deren sich die Wilden in +Amerika bedienen, um den Thränenfluß zu steigern. Diese Erklärungen waren +aber gar nicht nach dem Geschmack der Einwohner von Araya. Die Natur +erscheint dem Menschen desto größer, je geheimnißvoller sie ist, und die +Volksphysik weist alles von sich, was einfach ist. + +Ostwärts von Maniquarez an der Südküste liegen nahe an einander drei +Landzungen, genannt Punta de Soto, Punta de la Brea und Punta Guaratarito. +In dieser Gegend besteht der Meeresboden offenbar aus Glimmerschiefer, und +aus dieser Gebirgsart entspringt bei Punta de la Brea, aber achtzig Fuß +vom Ufer, eine *Naphthaquelle*, deren Geruch sich weit in die Halbinsel +hinein verbreitet. Man mußte bis zum halben Leibe ins Wasser gehen, um die +interessante Erscheinung in der Nähe zu beobachten. Das Wasser ist mit +_Zostera_ bedeckt, und mitten in einer sehr großen Bank dieses Gewächses +sieht man einen freien runden Fleck von drei Fuß Durchmesser, auf dem +einzelne Massen von _Ulva lactuca_ schwimmen. Hier kommen die Quellen zu +Tag. Der Boden des Meerbusens ist mit Sand bedeckt, und das Bergöl, das +durchsichtig und von gelber Farbe der eigentlichen Naphtha nahe kommt, +sprudelt stoßweise unter Entwicklung von Luftblasen hervor. Stampft man +den Boden mit den Füßen fest, so sieht man die kleinen Quellen wegrücken. +Die Naphtha bedeckt das Meer über tausend Fuß [320 m] weit. Nimmt man an, +daß das Fallen der Schichten sich gleich bleibt, so muß der +Glimmerschiefer wenige Toisen unter dem Sande liegen. + +Der Salzthon von Araya enthält festes, zerreibliches Bergöl. Dieses +geologische Verhältniß zwischen salzsaurem Natron und Erdpech kommt in +allen Steinsalzgruben und bei allen Salzquellen vor; aber als ein höchst +merkwürdiger Fall erscheint das Vorkommen einer Naphtaquelle in einer +Urgebirgsart. Alle bis jetzt bekannten gehören secundären Formationen an, +und dieser Umstand schien für die Annahme zu sprechen, daß alles +mineralische Harz Produkt der Zersetzung von Pflanzen und Thieren oder des +Brandes der Steinkohlen sey. Auf der Halbinsel Araya aber fließt Naphtha +aus dem Urgebirge selbst, und diese Erscheinung wird noch bedeutender, +wenn man bedenkt, daß in diesem Urgebirge der Herd des unterirdischen +Feuers ist, daß man am Rande brennender Krater zuweilen Naphthageruch +bemerkt, und daß die meisten heißen Quellen Amerikas aus Gneis und +Glimmerschiefer hervorbrechen. + +Nachdem wir uns in der Umgegend von Maniquarez umgesehen, bestiegen wir +ein Fischerboot, um nach Cumana zurückzukehren. Nichts zeigt so deutlich, +wie ruhig die See in diesen Strichen ist, als die Kleinheit und der +schlechte Zustand dieser Kähne, die ein sehr hohes Segel führen. Der Kahn, +den wir ausgesucht hatten, weil er noch am wenigsten beschädigt war, +zeigte sich so leck, daß der Sohn des Steuermannes fortwährend mit einer +Tutuma, der Frucht der _Crescentia cujete_, das Wasser ausschöpfen mußte. +Es kommt im Meerbusen von Cariaco, besonders nordwärts von der Halbinsel +Araya, nicht selten vor, daß die mit Kokosnüssen beladenen Piroguen +umschlagen, wenn sie zu nahe am Winde gerade gegen den Wellenschlag +steuern. Vor solchen Unfällen fürchten sich aber nur Reisende, die nicht +gut schwimmen können; denn wird die Pirogue von einem indianischen Fischer +mit seinem Sohne geführt, so dreht der Vater den Kahn wieder um und macht +sich daran, das Wasser hinauszuschaffen, während der Sohn schwimmend die +Kokosnüsse zusammenholt. In weniger als einer Viertelstunde ist die +Pirogue wieder unter Segel, ohne daß der Indianer in seinem +unerschöpflichen Gleichmut eine Klage hätte hören lassen. + +Die Einwohner von Araya, die wir auf der Rückkehr vom Orinoco noch einmal +besuchten, haben nicht vergessen, daß ihre Halbinsel einer der Punkte ist, +wo sich am frühesten Castilianer niedergelassen. Sie sprechen gerne von +der Perlenfischerei, von den Ruinen des Schlosses Santiago, das, wie sie +hoffen, einst wieder aufgebaut wird, überhaupt von dem, was sie den +ehemaligen Glanz des Landes nennen. In China und Japan gilt alles, was man +erst seit zweitausend Jahren kennt, für neue Erfindung; in den +europäischen Niederlassungen erscheint ein Ereigniß, das dreihundert +Jahre, bis zur Entdeckung von Amerika hinausreicht, als ungemein alt. +Dieser Mangel an alter Ueberlieferung, der den jungen Völkern in den +Vereinigten Staaten wie in den spanischen und portugiesischen Besitzungen +eigen ist, verdient alle Beachtung. Er hat nicht nur etwas Peinliches für +den Reisenden, der sich dadurch um den höchsten Genuß der Einbildungskraft +gebracht sieht, er äußert auch seinen Einfluß auf die mehr oder minder +starken Bande, die den Colonisten an den Boden fesseln, auf dem er wohnt, +an die Gestalt der Felsen, die seine Hütte umgeben, an die Bäume, in deren +Schatten seine Wiege gestanden. + +Bei den Alten, z. B. bei Phöniziern und Griechen, gingen Ueberlieferungen +und geschichtliches Bewußtseyn des Volks vom Mutterland auf die Colonien +über, erbten dort von Geschlecht zu Geschlecht fort und äußerten +fortwährend den besten Einfluß auf Geist, Sitten und Politik der +Ansiedler. Das Klima in jenen ersten Niederlassungen über dem Meere war +vom Klima des Mutterlandes nicht sehr verschieden. Die Griechen in +Kleinasien und aus Sicilien entfremdeten sich nicht den Einwohnern von +Argos, Athen und Corinth, von denen abzustammen ihr Stolz war. Große +Uebereinstimmuug in Sitte und Brauch that das ihrige dazu, eine Verbindung +zu befestigen, die sich auf religiöse und politische Interessen gründete. +Häufig opferten die Colonien die Erstlinge ihrer Ernten in den Tempeln der +Mutterstädte, und wenn durch einen unheilvollen Zufall das heilige Feuer +auf den Altären von Hestia erloschen war, so schickte man von hinten in +Jonien nach Griechenland und ließ es aus den Prytaneen wieder holen. +Ueberall, in Cyrenaica wie an den Ufern des Sees Mäotis, erhielten sich +die alten Ueberlieserungen des Mutterlandes. Andere Erinnerungen, die +gleich mächtig zur Einbildungskraft sprechen, hafteten an den Colonien +selbst. Sie hatten ihre heiligen Haine, ihre Schutzgottheiten, ihren +lokalen Mythenkreis; sie hatten, was den Dichtungen der frühesten +Zeitalter Leben und Dauer verleiht, ihre Dichter, deren Ruhm selbst über +das Mutterland Glanz verbreitete. + +Dieser und noch mancher andern Vortheile entbehren die heutigen +Ansiedlungen. Die meisten wurden in einem Landstrich gegründet, wo Klima, +Naturprodukte, der Anblick des Himmels und der Landschaft ganz anders sind +als in Europa. Wenn auch der Ansiedler Bergen, Flüssen, Thälern Namen +beilegt, die an vaterländische Landschaften erinnern, diese Namen +verlieren bald ihren Reiz und sagen den nachkommenden Geschlechtern nichts +mehr. In fremdartiger Naturumgebung erwachsen aus neuen Bedürfnissen +andere Sitten; die geschichtlichen Erinnerungen verblassen allmählich, und +die sich erhalten, knüpfen sich fortan gleich Phantasiegebilden weder an +einen bestimmten Ort, noch an eine bestimmte Zeit. Der Ruhm Don Pelagio’s +und des Cid Campeador ist bis in die Gebirge und Wälder Amerikas +gedrungen; dem Volk kommen je zuweilen diese glorreichen Namen auf die +Zunge, aber sie schweben seiner Seele vor wie Wesen aus einer idealen +Welt, aus dem Dämmer der Fabelzeit. + +Der neue Himmel, das ganz veränderte Klima, die physische Beschaffenheit +des Landes wirken weit stärker auf die gesellschaftlichen Zustände in den +Colonien ein, als die gänzliche Trennung vom Mutterland. Die Schifffahrt +hat im neuerer Zeit solche Fortschritte gemacht, daß die Mündungen des +Orinoco und Rio de la Plata näher bei Spanien zu liegen scheinen, als +einst der Phasis und Tartessus von den griechischen und phönicischen +Küsten. Man kann auch die Bemerkung machen, daß sich in gleich weit von +Europa entfernten Ländern Sitten und Ueberlieferungen desselben im +gemäßigten Erdstrich und auf dem Rücken der Gebirge unter dem Aequator +mehr erhalten haben, als in den Tiefländern der heißen Zone. Die +Aehnlichkeit der Naturumgebung trägt in gewissem Grad dazu bei, innigere +Beziehungen zwischen den Colonisten und dem Mutterland aufrecht zu +erhalten. Dieser Einfluß physischer Ursachen auf die Zustände jugendlicher +gesellschaftlicher Vereine tritt besonders auffallend hervor, wenn es sich +von Gliedern desselben Volksstannnes handelt, die sich noch nicht lange +getrennt haben. Durchreist man die neue Welt, so meint man überall da, wo +das Klima den Anbau des Getreides gestattet, mehr Ueberlieferungen, einem +lebendigeren Andenken an das Mutterlaud zu begegnen. In dieser Beziehung +kommen Pennsylvanien, Neu-Mexico und Chili mit den hochgelegenen Plateaus +von Quito und Neuspanien überein, die mit Eichen und Fichten bewachsen +sind. + +Bei den Alten waren die Geschichte, die religiösen Vorstellungen und die +physische Beschaffenheit des Landes durch unauslösliche Bande verknüpft. +Um die Landschaften und die alten bürgerlichen Stürme des Mutterlandes zu +vergessen, hätte der Ansiedler auch dem von seinen Voreltern überlieferten +Götterglauben entsagen müssen. Bei den neueren Völkern hat die Religion, +so zu sagen, keine Localfarbe mehr. Das Christenthum hat den Kreis der +Vorstellungen erweitert, es hat alle Völker darauf hingewiesen, daß sie +Glieder Einer Familie sind, aber eben damit hat es das Nationalgefühl +geschwächt; es hat in beiden Welten die uralten Ueberlieferungen des +Morgenlandes verbreitet, neben denen, die ihm eigenthümlich angehören. +Völker von ganz verschiedener Herkunft und völlig abweichender Mundart +haben damit gemeinschaftliche Erinnerungen erhalten, und wenn durch die +Missionen in einem großen Theil des neuen Festlandes die Grundlagen der +Cultur gelegt worden sind, so haben eben damit die christlichen +kosmogonischen und religiösen Vorstellungen ein merkbares Uebergewicht +über die rein nationalen Erinnerungen erhalten. + +Noch mehr: die amerikanischen Colonien sind fast durchaus in Ländern +angelegt, wo die dahingegangenen Geschlechter kaum eine Spur ihres Daseyns +hinterlassen haben. Nordwärts vom Rio Gila, an den Usern des Missouri, auf +den Ebenen, die sich im Osten der Anden ausbreiten, gehen die +Ueberlieferungen nicht über ein Jahrhundert hinauf. In Peru, in Guatimala +und in Mexico sind allerdings Trümmer von Gebäuden, historische Malereien +und Bildwerke Zeugen der alten Kultur der Eingeborenen; aber in einer +ganzen Provinz findet man kaum ein paar Familien, die einen klaren Begriff +von der Geschichte der Incas und der mexikanischen Fürsten haben. Der +Eingeborene hat seine Sprache, seine Tracht und seinen Volkscharakter +behalten; aber mit dem Aufhören des Gebrauches der Quippus und der +symbolischen Malereien, durch die Einführung des Christentums und andere +Umstände, die ich anderswo auseinander gesetzt, sind die geschichtlichen +und religiösen Ueberlieferungen allmählich untergegangen. Andererseits +sieht der Ansiedler von europäischer Abkunft verächtlich auf alles herab, +was sich auf die unterworfenen Völker bezieht. Er sieht sich in die Mitte +gestellt zwischen die frühere Geschichte des Mutterlandes und die seines +Geburtslandes, und die eine ist ihm so gleichgültig wie die andere; in +einem Klima, wo bei dem geringen Unterschied der Jahreszeiten der Ablauf +der Jahre fast unmerklich wird, überläßt er sich ganz dem Genusses der +Gegenwart und wirft selten einen Blick in Vergangene Zeiten. + +Aber auch welch ein Abstand zwischen der eintönigen Geschichte neuerer +Niederlassungen und dem lebenvollen Bilde, das Gesetzgebung, Sitten und +politische Stürme der alten Colonien darbieten! Ihre durch abweichende +Regierungsformen verschieden gefärbte geistige Bildung machte nicht selten +die Eifersucht der Mutterländer rege. Durch diesen glücklichen Wetteifer +gelangten Kunst und Literatur in Jonien, Großgriechenland und Sicilien zur +herrlichsten Entwicklung. Heutzutage dagegen haben die Colonien weder eine +eigene Geschichte noch eine eigene Literatur. Die in der neuen Welt haben +fast nie mächtige Nachbarn gehabt, und die gesellschaftlichen Zustände +haben sich immer nur allgemach umgewandelt. Des politischen Lebens bar, +haben diese Handels- und Ackerbaustaaten an den großen Welthändeln immer +nur passiven Antheil genommen. + +Die Geschichte der neuen Kolonien hat nur zwei merkwürdige Ereignisse +aufzuweisen, ihre Gründung und ihre Trennung vom Mutterlande. Da Erstere +ist reich an Erinnerungen, die sich wesentlich an die von den Colonisten +bewohnten Länder knüpfen; aber statt Bilder des friedlichen Fortschrittes +des Gewerbefleißes und der Entwickelung der Gesetzgebung in den Kolonien +vorzuführen, erzählt diese Geschichte nur von verübtem Unrecht und von +Gewaltthaten. Welchen Reiz können jene außerordentlichen Zeiten haben, wo +die Spanier unter Carls V. Regierung mehr Mut als sittliche Kraft +entwickelten, und die ritterliche Ehre wie der kriegerische Ruhm durch +Fanatismus und Golddurst befleckt wurden? Die Colonisten sind von sanfter +Gemüthsart, sie sind durch ihre Lage den Nationalvorurtheilen enthoben, +und so wissen sie die Thaten bei der Eroberung nach ihrem wahren Werthe zu +schätzen. Die Männer, die sich damals ausgezeichnet, sind Europäer, sind +Krieger des Mutterlandes. In den Augen des Colonisten sind sie Fremde, +denn drei Jahrhunderte haben hingereicht, die Bande des Blutes aufzulösen. +Unter den "Konquistadoren" waren sicher rechtschaffene und edle Männer, +aber sie verschwinden in der Masse und konnten der allgemeinen Verdammnis +nicht entgehen. + +Ich glaube hiermit die hauptsächlichsten Ursachen angegeben zu haben, aus +denen in den heutigen Kolonien die Nationalerinnerungen sich verlieren, +ohne daß andere, auf das nunmehr bewohnte Land sich beziehende, würdig in +ihre Stelle träten. Dieser Umstand, wir können es nicht genug wiederholen, +äußert einen bedeutenden Einfluß auf die ganze Lage der Ansiedler. In der +stürmevollen Zeit einer staatlichen Wiedergeburt sehen sie sich auf sich +selbst gestellt, und es ergeht ihnen, wie einem Volke, das es verschmähte, +seine Geschichtsbücher zu befragen und aus den Unfällen vergangner +Jahrhunderte Lehren der Weisheit zu schöpfen. + + ------------------ + + + + + + 44 Die Mannschaft der Schaluppe wurde häufig von den Wellen durchnäßt; + wir wissen aber, daß unter dieser Breite die Temperatur des + Meerwassers nicht unter 23° seyn kann, und daß die durch Verdunstung + entstehende Abkühlung in Nächten, wo die Lufttemperaur selten über + 25° steigt, nur unbeträchtlich ist. + + 45 "Welche Eiseskälte. Ich friere, als wäre ich auf dem Rücken der + Berge!" [Das provincielle Wort _emparamarse_ läßt sich nur durch + lange Umschreibung wiedergeben. _Paramo_, peruanisch _Puna_ ist ein + Name, den man auf allen Karten des spanischen Amerikas findet. Er + bedeutet in den Colonien weder eine Wüste noch eine »_lande_«, + sondern einen gebirgigen, mit verkrüppelten Bäumen bewachsenen, den + Winden ausgesetzten Landstrich, wo es beständig naßkalt ist. In der + heißen Zone liegen die Paramos gewöhnlich 1600–2000 Toisen hoch. Es + fällt häufig Schnee, der nur ein paar Stunden liegen bleibt; denn + man darf die Worte _Paramo_ und _Puna_ nicht, wie es den Geographen + häufig begegnet, mit dem Wort _Nevado_ peruanisch _Ritticapa_ + verwechseln, was einen zur Linie des ewigen Schnees emporragenden + Berg bedeutet. Diese Begriffe sind für die Geologie und die + Pflanzengeographie sehr wichtig, weil man in Ländern, wo noch kein + Berggipfel gemessen ist, eine richtige Vorstellung von der + *geringsten Höhe* erhält, zu der sich die Cordilleren erheben, wenn + man die Worte _Paramo_ und _Nevado_ aussucht. Da die Paramos fast + beständig in kalten, dichten Nebel gehüllt sind, so sagt das Volk in + Santa Fe und Mexico: _cae un paramito_, wenn ein feiner Regen fällt + und die Lufttemperatur bedeutend abnimmt. Aus _Paramo_ hat man + _emparamarse_ gemacht, d. h. frieren, als wäre man auf dem Rücken + der Anden. + + 46 Mit Ausnahme der Binnenmeere und der Länder, wo sich Polargletscher + bilden. Dieses Sichgleichbleiben des Salzgehaltes des Meeres + erinnert an die noch weit größere Gleichförmigkeit der Vertheilnng + des Sauerstoffs im Luftmeer. In beiden Elementen wird das + Gleichgewicht in der Lösung oder im Gemenge durch Strömungen + hergestellt und erhalten. + + 47 »_Insularum Cubaguae et Coches quondam fuit dignitos, quum unionum + captura floreret, nunc, illa deficiente, obscura admodum fama_« + Laet. Nov. Orbis, p. 669. Dieser sorgfältige Compilater sagt, wo er + von der Punta Araya spricht, weiter, das Land sey dergestalt in + Vergessenheit gerathen, »_ut vix ulla alia Americae meridionalis + pars hodie obscurior sit_« + + 48 Es wundert mich, auf unsern Reisen nirgends gehört zu haben, daß in + Südamerika Perlen in Süßwassermuscheln gefunden worden wären, und + doch kommen manche Arten der Gattung _Unio_ in den peruanischen + Flüssen in großer Menge vor. + + + + + +SECHSTES KAPITEL + + + Die Berge von Neuandalusien — Das Tal von Cumanacoa — Der Gipfel + des Cocollar — Missionen der Chaymasindianer + + +Unserem ersten Ausflug auf die Halbinsel Araya folgte bald ein zweiter und +lehrreicherer ins Innere des Gebirges zu den Missionen der +Chaymasindianer. Gegenstände von mannigfaltiger Anziehungskraft sollten +uns dort in Anspruch nehmen. Wir betraten jetzt ein mit Wäldern bedecktes +Land; wir sollten ein Kloster besuchen, das im Schatten von Palmen und +Baumfarnen in einem engen Thale liegt, wo man, mitten im heißen Erdstrich, +köstliche Kühle genießt. In den benachbarten Bergen gibt es dort Höhlen, +welchen von Tausenden von Nachtvögeln bewohnt sind, und was noch +lebendiger zur Einbildungskraft spricht als alle Wunder der physischen +Welt, jenseits dieser Berge lebt ein vor Kurzem noch nomadisches Volk, +kaum aus dem Naturzustande getreten, wild, jedoch nicht barbarisch, +geistesbeschränkt, nicht weil es lange versunken war, sondern weil es eben +nichts weiß. Zu diesen so mächtig anziehenden Gegenständen kamen noch +geschichtliche Erinnerungen. Am Vorgebirge Paria sah Kolumbus zuerst das +Festland; hier laufen die Täler aus, die bald von den kriegerischen, +menschenfressenden Caraiben, bald von den zivilisierten Handelsvölkern +Europas verwüstet wurden. Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wurden +die unglücklichen Einwohner auf den Küsten von Carupano, Macarapas und +Caracas behandelt, wie zu unsrer Zeit die Einwohner der Küste von Guinea. +Bereits wurden die Antillen angebaut und man führte dort die Gewächse der +Alten Welt ein; aber in Terra Firma kam es lange zu keienr ordentlichen +und planmäßigen Niederlassung. Die Spanier besuchten die Küste nur, um +sich mit Gewalt oder im Tauschhandel Sklaven, Perlen, Goldkörner und +Farbholz zu verschaffen. Durch den Schein gewaltigen Religionseifers +meinte man diese unersättliche Habsucht in eine höhere Sphäre zu heben. So +hat jedes Jahrhundert seine eigene geistige und sittliche Farbe. + +Der Handel mit den kupferfarbigen Eingebornen führte zu denselben +Unmenschlichkeiten wie der Negerhandel; er hatte auch dieselben Folgen, +Sieger und Unterworfene verwilderten dadurch. Von Stunde an wurden die +Kriege unter den Eingeborenen häufiger; die Gefangenen wurden aus dem +innern Lande an die Küste geschleppt und an die Weißen verkauft, die sie +auf ihren Schiffen fesselten. Und doch waren die Spanier damals und noch +lange nachher eines der civilisirtesten Völker Europas. Ein Abglanz der +Herrlichkeit, in der in Italien Kunst und Literatur blühten, hatte sich +über alle Völker verbreitet, deren Sprache dieselbe Quelle hat wie die +Sprache Dantes und Petrarcas. Man sollte glauben, in dieser mächtigen +geistigen Entwicklung, bei solch erhabenem Schwung der Einbildungskraft +hätten sich die Sitten sänftigen müssen. Aber jenseits der Meere, überall, +wo der Golddurst zum Mißbrauch der Gewalt führt, haben die europäischen +Völker in allen Abschnitten der Geschichte denselben Charakter entwickelt. +Das herrliche Jahrhundert Leos X. trat in der neuen Welt mit einer +Grausamkeit auf, wie man sie nur den finstersten Jahrhunderten zutrauen +sollte. Man wundert sich aber nicht so sehr über das entsetzliche Bild der +Eroberung von Amerika, wenn man daran denkt, was trotz der Segnungen einer +menschlicheren Gesetzgebung noch jetzt auf den Westküsten von Afrika +vorgeht. + +Der Sklavenhandel hatte dank den von Karl V. zur Geltung gebrachten +Gundsätzen auf Terra Firma längst aufgehört; aber die Conquistadoren +setzten ihre Streifzüge ins Land fort, und damit den kleinen Krieg, der +die amerikanische Bevölkerung herabbrachte, dem Nationalhaß immer frische +Nahrung gab, auf lange Zeit die Keime der Cultur erstickte. Es war Pflicht +der Religion, daß sie der Menschheit einigen Trost brachte für die Greuel, +die in iherem Namen verübt worden; sie führte für die Eingeborenen das +Wort vor dem Richterstuhl der Könige, sie widersetzte sich den +Gewalttätigkeiten der Pfründeninhaber, sie vereinigte umherziehende Stämme +zu den kleinen Gemeinden, die man *Missionen* nennt und die der +Entwickelung des Ackerbaues Vorschub leisten. So haben sich allmählich, +aber in gleichförmiger, planmäßiger Entwicklung jene großen mönchischen +Niederlassungen gebildet, jenes merkwürdige Regiment, das immer darauf +hinausgeht, sich abzuschließen, und Länder, die vier und fünfmal größer +sind als Frankreich, den Mönchsorden unterwirft. + +Einrichtungen, die trefflich dazu dienten, dem Blutvergießen Einhalt zu +thun und den ersten Grund zur gesellschaftlichen Entwicklung zu legen, +sind in der Folge dem Fortschritt derselben hindelich geworden. Die +Abschließung hatte zur Folge, daß die Indianer so ziemlich blieben, was +sie waren, als ihre zerstreuten Hütten noch nicht um das Haus des +Missionars beisammen lagen. Ihre Zahl hat ansehnlich zugenommen, +keineswegs aber ihr geistiger Gesichtskreis. + +Sie haben mehr und mehr von der Charakterstärke und der natürlichen +Lebendigkeit eingebüßt, die aus allen Stufen menschlicher Entwicklung die +edlen Früchte der Unabhängigkeit sind. Man hat Alles bei ihnen, sogar die +unbedeutendsten Verrichtungen des häuslichen Lebens, der unabänderlichen +Regel unterworfen, und so hat man sie gehorsam gemacht, zugleich aber auch +dumm. Ihr Lebensunterhalt ist meist gesicherter, ihre Sitten sind milder +geworden; aber der Zwang und das trübselige Einerlei des Missionsregiments +lastet auf ihnen und ihr düsteres, verschlossenes Wesen verräth, wie +ungern sie die Freiheit der Ruhe zum Opfer gebracht haben. Die Mönchszucht +innerhalb der Klostermauern entzieht zwar dem Staate nützliche Bürger, +indessen mag sie immerhin hie und da Leidenschaften zur Ruhe bringen, +große Schmerzen lindern, der geistigen Vertiefung förderlich seyn; aber in +die Wildnisse der neuen Welt verpflanzt, auf alle Beziehungen des +bürgerlichen Lebens angewendet, muß sie desto verderblicher wirken, je +länger sie andauert. Sie hält von Geschlecht zu Geschlecht die geistige +Entwicklung nieder, sie hemmt den Verkehr unter den Völkern, sie weist +Alles ab, was die Seele erhebt und den Vorstellungskreis erweitert. Aus +allen diesen Ursachen zusammen verharren die Indianer in den Missionen in +einem Zustand von Uncultur, der Stillstand heißen müßte, wenn nicht auch +die menschlichen Vereine denselben Gesetzen gehorchten, wie die +Entwicklung des menschlichen Geistes überhaupt, wenn sie nicht +Rückschritte machten, eben weil sie nicht fortschreiten. + +Am 4. September um 5 Uhr morgens brachen wir zu unserem Ausflug zu den +Chaymas-Indianern und in die hohe Gebirgsgruppe von Neu-Andalusien auf. +Man hatte uns geraten, wegen der sehr beschwerlichen Wege unser Gepäck +möglichst zu beschränken. Zwei Lasttiere reichten auch hin, unseren +Mundvorrat, unsere Instrumente und das nötige Papier zum Pflanzentrocknen +zu tragen. In derselben Kiste waren ein Sextant, ein Inclinationscompaß, +ein Apparat zur Ermittlung der magnetischen Declination, Thermometer und +ein Saussure’scher Hygrometer. Auf diese Jnstrumente beschränkten wir uns +bei kleineren Ausflügen immer. Mit dem Barometer mußte noch vorsichtiger +umgegangen werden, als mit dem Chronometer, und ich bemerke hier, daß kein +Instrument dem Reisenden mehr Last und Sorge macht. Wir ließen ihn in den +fünf Jahren von einem Führer tragen, der uns zu Fuß begleitete, aber +selbst diese ziemlich kostspielige Vorsicht schützte ihn nicht immer vor +Beschädigung. Nachdem wir die Zeiten von Ebbe und Fluth im Luftmeere genau +beobachtet, das heißt die Stunden, zu denen der Barometer unter den Tropen +täglich regelmäßig steigt und fällt, sahen wir ein, daß wir das Relief des +Landes mittelst des Barometers würden aufnehmen können, ohne +correspondirende Beobachtungen in Cumana zu Hülfe zu nehmen. Die größten +Schwankungen im Luftdruck betragen in diesem Klima an der Küste nur +1–1,3 Linien, und hat man ein einziges mal, an welchem Ort und zu welcher +Stunde es sey, die Quecksilberhöhe beobachtet, so lassen sich mit +ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Abweichungen von diesem Stand das ganze +Jahr hindurch und zu allen Stunden des Tages und der Nacht angeben. Es +ergibt sich daraus, daß im heißen Erdstrich durch den Mangel an +correspondirenden Beobachtungen nicht leicht Fehler entstehen können, die +mehr als 12–15 Toisen ausmachen, was wenig zu bedeuten hat, wenn es sich +von geologischen Aufnahmen, oder vom Einfluß der Höhe auf das Klima und +die Vertheilung der Gewächse handelt. + +Der Morgen war köstlich kühl. Der Weg oder vielmehr der Fußpfad nach +Cumanacoa führt am rechten Ufer des Manzanares hin über das +Kapuzinerhospiz, das in einem kleinen Gehölze von Gayacbäumen und +baumartigen Capparis liegt. Nachdem wir von Cumana aufgebrochen, hatten +wir auf dem Hügel von San Francisco in der kurzen Morgendämmerung eine +weite Aussicht über die See, über die mit goldgelb blühender Bava +[_Zygophyllum arboreum, Jacq._] bedeckte Ebene und die Berge des +Brigantin. Es fiel uns auf, wie nahe uns die Cordillere gerückt schien, +bevor die Scheibe der ausgehenden Sonne den Horizont erreicht hatte. Das +Blau der Berggipfel ist dunkler, ihre Umrisse erscheinen schärfer, ihre +Massen treten deutlicher hervor, so lange nicht die Durchsichtigkeit der +Luft durch die Dünste beeinträchtigt wird, die Nachts in den Thälern +lagern und im Maaße, als die Luft sich zu erwärmen beginnt, in die Höhe +steigen. + +Beim Hospiz Divina Pastora wendet sich der Weg nach Nordost und läuft zwei +Meilen über einen baumlosen Landstrich, der früher Seeboden war. Man +findet hier nicht nur Cactus, Büsche des cistusblätterigen Tribulus und +die schöne purpurfarbige Euphorbie, die in Havana unter dem seltsamen +Namen _Dictamno real_ gezogen wird, sondern auch _Aviceunia_, _Allionia_, +_Peruvium_, _Thalinum_ und die meisten Portulaceen, die am Golf von +Cariaco vorkommen. Diese geographische Vertheilung der Gewächse weist, wie +es scheint, auf den Umriß der alten Küste hin und spricht dafür, daß, wie +oben bemerkt worden, die Hügel, an deren Südabhang wir hinzogen, einst +eine durch einen Meeresarm vom Festland getrennte Insel bildeten. + +Nach zwei Stunden Weges gelangten wir an den Fuß der hohen Bergkette im +Inneren, die vom Brigantin bis zum Cerro de San Lorenzo von Ost nach West +streicht. Hier beginnen neue Gebirgsarten und damit ein anderer Habitus +des Pflanzenwuchses. Alles erhält einen großartigeren, malerischeren +Charakter. Der quellenreiche Boden ist nach allen Richtungen von +Wasserfäden durchzogen. Bäume von riesiger Höhe, mit Schlinggewächsen +bedeckt, steigen aus den Schluchten empor; ihre schwarze, von der +Sonnengluth und vom Sauerstoff der Luft verbrannte Rinde sticht ab vom +frischen Grün der Pothos und der Dracontien, deren lederartige glänzende +Blätter nicht selten mehrere Fuß lang sind. Es ist nicht anders, als ob +unter den Tropen die parasitischen Monocotyledonen die Stelle des Mooses +und der Flechten unserer nördlichen Landstriche verträten. Je weiter wir +kamen, desto mehr erinnerten uns die Gesteinmassen sowohl nach Gestalt als +Gruppierung an Schweizer und Tiroler Landschaften. In diesen +amerikanischen Alpen wachsen noch in bedeutenden Höhen Helikonien, +Cosstus, Maranta und andere Pflanzen aus der Familie der Canna-Arten, die +in der Nähe der Küste nur niedrige, feuchte Orte aufsuchen. So kommt es, +daß die heiße Erdzone und das nördliche Europa die interessante +Eigentümlichkeit gemein haben, daß in einer beständig mit Wasserdampf +erfüllten Luft, wie auf einem vom schmelzenden Schnee durchfeuchteten +Boden die Vegetation in den Gebirgen ganz den Charakter einer +Sumpfvegetation zeigt. + +Wir kamen in der Schlucht los Frailes und zwischen Cuesta de Caneyes und +dem Rio Guriental an Hütten vorbei, die von Mestizen bewohnt sind. Jede +Hütte liegt mitten in einem Gehege, das Bananenbäume, Melonenbäume, +Zuckerrohr und Mais einfriedigt. Man müßte sich wundern, wie klein diese +Flecke urbar gemachten Landes sind, wenn man nicht bedächte, daß ein mit +Pisang angepflanzter Morgen Landes gegen zwanzigmal mehr Nahrungsstoff +liefert, als die gleiche mit Getreide bestellte Fläche. In Europa bedecken +unsere nahrhaften Grasarten, Weizen, Gerste, Roggen, weite Landstrecken; +überall, wo die Völker sich von Cerealien nähren, stoßen die bebauten +Grundstücke nothwendig an einander. Anders in der heißen Zone, wo der +Mensch sich Gewächse aneignen konnte, die ihm weit reichere und frühere +Ernten liefern. In diesen gesegneten Landstrichen entspricht die +unermeßliche Fruchtbarkeit des Bodens der Gluthhitze und der Feuchtigkeit +der Lust. Ein kleines Stück Boden, auf dem Bananenbäume, Manioc, Yams und +Mais stehen, ernährt reichlich eine zahlreiche Bevölkerung. Daß die Hütten +einsam im Walde zerstreut liegen, wird für den Reisenden ein Merkmal der +Ueberfülle der Natur; oft reicht ein ganz kleiner Fleck urbaren Landes für +den Bedarf mehrerer Familien hin. + +Diese Betrachtungen über den Ackerbau in heißen Landstrichen erinnern von +selbst daran, welch inniger Verband zwischen dem Umfang des urbar +gemachten Landes und dem gesellschaftlichen Fortschritt besteht. So groß +die Fülle der Lebensmittel ist, die dieser Reichthum des Bodens, die +strotzende Kraft der organischen Natur hervorbringt, dennoch wird die +Culturentwicklung der Völker dadurch niedergehalten. In einem milden, +gleichförmigen Klima kennt der Mensch kein anderes dringendes Bedürfniß +als das der Nahrung. Nur wenn dieses Bedürfniß sich geltend macht, fühlt +er sich zur Arbeit getrieben, und man sieht leicht ein, warum sich im +Schooße des Ueberflusses, im Schatten von Bananen- und Brodfruchtbäumen, +die Geistesfähigkeiten nicht so rasch entwickeln als unter einem strengen +Himmel, in der Region der Getreidearten, wo unser Geschlecht in ewigem +Kampf mit den Elementen liegt. Wirft man einen Blick auf die von +ackerbautreibenden Völkern bewohnten Länder, so sieht man, daß die +bebauten Grundstücke durch Wald von einander getrennt bleiben oder +unmittelbar an einander stoßen, und daß solches nicht nur von der Höhe der +Bevölkerung, sondern auch von der Wahl der Nahrungsgewächse bedingt wird. +In Europa schätzen wir die Zahl der Einwohner nach der Ausdehnung des +urbaren Landes; unter den Tropen dagegen, im heißesten und feuchtesten +Striche von Südamerika, scheinen sehr stark bevölkerte Provinzen beinahe +wüste zu liegen, weil der Mensch zu seinem Lebensunterhalt nur wenige +Morgen bebaut. + +Diese Umstände, die alle Aufmerksamkeit verdienen, geben sowohl der +physischen Gestaltung des Landes als dem Charakter der Bewohner ein +eigenes Gepräge; beide erhalten dadurch in ihrem ganzen Wesen etwas +Wildes, Rohes, wie es zu einer Natur paßt, deren ursprüngliche +Physiognomie durch die Kunst noch nicht verwischt ist. Ohne Nachbarn, fast +ohne allen Verkehr mit Menschen, erscheint jede Ansiederfamilie wie ein +vereinzelter Volksstamm. Diese Vereinzelung hemmt den Fortschritt der +Kultur, die sich nur in dem Maaß entwickeln kann, als der Menschenverein +zahlreicher wird und die Bande zwischen den einzelnen sich fester knüpfen +und vervielfältigen; die Einsamkeit entwickelt aber auch und stärkt im +Menschen das Gefühl der Unabhängigkeit und Freiheit; sie nährt jenen +Stolz, der von jeher die Völker von castilianischem Blute ausgezeichnet +hat. + +Dieselben Ursachen, deren mächtiger Einfluß uns weiterhin noch oft +beschäftigen wird, haben zur Folge, daß dem Boden, selbst in den am +stärksten bevölkerten Ländern des tropischen Amerika, der Anstrich von +Wildheit erhalten bleibt, der in gemäßigten Klimaten sich durch den +Getreidebau verliert. Unter den Tropen nehmen die ackerbauenden Völker +weniger Raum ein; die Herrschaft des Menschen reicht nicht so weit; er +tritt nicht als unumschränkter Gebieter auf, der die Bodenoberfläche nach +Gefallen modelt, sondern wie ein flüchtiger Gast, der in Ruhe des Segens +der Natur genießt. In der Umgegend der volkreichsten Städte starrt der +Boden noch immer von Wäldern oder ist mit einem dichten Pflanzenfilz +überzogen, den niemals eine Pflugschar zerrissen hat. Die wildwachsenden +Pflanzen beherrschen noch durch ihre Masse die angebauten Gewächse und +bestimmen allein den Charakter der Landschaft. Allem Vermuthen nach wird +dieser Zustand nur äußerst langsam einem andern Platz machen. Wenn in +unsern gemäßigten Landstrichen es besonders der Getreidebau ist, der dem +urbaren Lande einen so trübselig eintönigen Anstrich gibt, so erhält sich, +aller Wahrscheinlichkeit nach, in der heißen Zone selbst bei zunehmender +Bevölkerung die Großartigkeit der Pflanzengestalten, das Gepräge einer +jungfräulichen, ungezähmten Natur, wodurch diese so unendlich anziehend +und malerisch wird. So werden denn, in Folge einer merkwürdigen +Verknüpfung physischer und moralischer Ursachen, durch Wahl und Ertrag der +Nahrungsgewächse drei wichtige Momente vorzugsweise bestimmt: das +gesellige Beisammenleben der Familien oder ihre Vereinzelung, der raschere +oder langsamere Fortschritt der Cultur, und die Physiognomie der +Landschaft. + +Je tiefer wir in den Wald hineinkamen, desto mehr zeigte uns das +Barometer, daß der Boden mehr anstieg. Die Baumstämme boten uns hier einen +ganz eigenen Anblick; eine Grasart mit quirlförmigen Zweigen klettert, +gleich einer Liane, acht, zehn Fuß [2,6 bis 3,25 m hoch] und bildet über +dem Wege Gewinde, die sich im Luftzuge schaukeln. Gegen drei Uhr +nachmittags hielten wir auf einer kleinen Hochebene an, *Quetepe* genannt, +die etwa 190 Toisen [370 m] über dem Meere liegt. Es stehen hier einige +Hütten an einer Quelle, deren Wasser bei den Eingeborenen als sehr kühl +und gesund berühmt ist. Wir fanden das Wasser wirklich ausgezeichnet; es +zeigte 22,5° der hundertteiligen Scale (18° R.), während das Thermometer +an der Luft auf 28,7° stand. Die Quellen, die von benachbarten höheren +Bergen herabkommen, geben häufig eine zu rasche Abnahme der Luftwärme an. +Nimmt man als mittlere Temperatur des Wassers an der Küste von Cumana 26° +an, so folgt daraus, wenn nicht andere lokale Ursachen auf die Temperatur +der Quellen Einfluß äußern, daß die Quelle von Quetepe sich erst in mehr +als 350 Toifen absoluter Höhe so bedeutend abkühlt. Da hier von Quellen +die Rede ist, die in der heißen Zone in der Ebene oder in unbedeutender +Höhe zu Tage kommen, so sey bemerkt, daß nur in Ländern, wo die mittlere +Sommertemperatur von der durchschnittlichen des ganzen Jahres bedeutend +abweicht, die Einwohner in der heißesten Jahreszeit sehr kaltes +Quellwasser trinken können. Die Lappen bei Umeo und Sörsele, unter dem 65. +Breitegrad, erfrischen sich an Quellen, deren Temperatur im August kaum +2 bis 3 Grad über dem Frierpunkt steht, während bei Tage die Luftwärme im +Schatten auf 26 oder 27 Grad steigt. In unsern gemäßigten Landstrichen, in +Frankreich und Deutschland, ist der Abstand zwischen der Luft und den +Quellen niemals über 16–17 Grad, und unter den Tropen steigt er selten auf +6–7 Grad. Man gibt sich leicht Rechenschaft von diesen Erscheinungen, wenn +man weiß, daß die Temperatur in der Tiefe des Bodens und die der +unterirdischen Quellen fast ganz übereinkonnnt mit der mittleren +Jahrestemperatur der Luft, und daß diese von der mittleren Sommerwärme +desto mehr abweicht, je mehr man sich vom Aequator entfernt. — Die +magnetische Inclination war in Quetepe 40°,7 der hunderttheiligen Scale, +der Cyanometer gab das Blau des Himmels im Zenith nur zu 84° an, ohne +Zweifel weil die Regenzeit seit mehreren Tagen begonnen und die Luft +bereits Wasserdunst aufgenommen hatte. + +Auf einem Sandsteinhügel über der Quelle hatten wir eine prachtvolle +Aussicht auf das Meer, das Vorgebirge Macanao und die Halbinsel +Maniquarez. Ein ungeheurer Wald breitete sich zu unseren Füßen bis zum +Ocean hinab; die Baumwipfel, mit Lianen behangen, mit langen +Blüthenbüscheln gekrönt, bildeten einen ungeheuren grünen Teppich, dessen +tiefdunkle Färbung das Licht in der Luft noch glänzender erscheinen ließ. +Dieser Anblick ergriff uns um so mehr, da uns hier zum erstenmal die +Vegetation der Tropen in ihrer Massenhaftigkeit entgegentrat. Auf dem +Hügel von Quetepe, unter den Stämmen von _Malpighia corolloboefolia_ mit +stark lederartigen Blättern, in Gebüschen von _Polygala montana_, brachen +wir die ersten Melastomen, namentlich die schöne Art, die unter dem Namen +_Melastoma rufescens_ beschrieben worden. Dieser Aussichtspunkt wird uns +lange in Gedächtnis bleiben; der Reisende behält die Orte lieb, wo er +zuerst ein Pflanzengeschlecht angetroffen, das er bis dahin nie wild +wachsend gesehen. + +Weiter gegen Südwest wird der Boden dürr und sandig; wir erstiegen eine +ziemlich hohe Berggruppe, welche die Küste von den großen Ebenen oder +Savannen an den Ufern des Orinoko trennt. Der Teil dieser Berggruppe, +durch den der Weg nach Cumanacoa läuft, ist pflanzenlos und fällt gegen +Nord und Süd steil ab. Er führt den Namen *Imposible*, weil man meint, bei +einer feindlichen Landung würden die Einwohner von Cumana auf diesem +Gebirgskamm eine Zufluchtsstätte finden. Wir kamen kurz vor +Sonnenuntergang auf dem Gipfel an, und ich konnte eben noch ein paar +Stundenwinkel aufnehmen, um mittelst des Chronometers die Länge des Orts +zu bestimmen. + +Die Aussicht auf dem Imposible ist noch schöner und weiter als auf der +Ebene Quetepe. Deutlich konnten wir mit bloßem Auge den abgestutzten +Gipfel des Brigantin, dessen geographische Lage genau zu kennen so wichtig +wäre, den Landungsplatz und die Rhede von Cumana sehen. Die Felsenküste +von Araya lag nach ihrer ganzen Länge vor uns. Besonders fiel uns die +merkwürdige Bildung eines Hafens auf, den man _Laguna grande_ oder _Laguna +de Obispo_ nennt. Ein weites, von hohen Bergen umgebenes Becken steht +durch einen schmalen Canal, durch den nur Ein Schiff fahren kann, mit dem +Meerbusen von Cariaco in Verbindung. In diesem Hafen, den Fidalgo genau +aufgenommen hat, könnten mehrere Geschwader neben einander ankern. Es ist +ein völlig einsamer Ort, den nur einmal im Jahr die Fahrzeuge besuchen, +welche Maulthiere nach den Antillen bringen. Hinten in der Bucht liegen +einige Weiden. Unser Blick verfolgte die Windungen des Meeresarms, der +sich wie ein Fluß durch senkrechte, kahle Felsen sein Bett gegraben hat. +Dieser merkwürdige Anblick erinnert an die phantastische Landschaft, die +Leonardo da Vinci aus dem Hintergrund seines berühmten Bildnisses der +Joconda [Mona Lisa, Gattin des Francesco del Gioconde] angebracht hat. + +Wir konnten mit dem Chronometer den Moment beobachten, in dem die +Sonnenscheibe den Meereshorizont berührte. Die erste Berührung fand statt +um 6 Uhr 8 Minuten 13 Secunden, die zweite um 6 Uhr 10 Min. 26 Sec. +mittlere Zeit. Diese Beobachtung, die für die Theorie der irdischen +Strahlenbrechung nicht ohne Belang ist, wurde auf dem Gipfel des Berges in +296 Toisen absoluter Höhe angestellt. Mit dem Untergang der Sonne trat +eine sehr rasche Abkühlung der Luft ein. Drei Minuten nach der letzten +scheinbaren Berührung der Scheibe mit dem Meereshorizont fiel das +Thermometer plötzlich von 25,2° auf 21,3°. Wurde diese auffallende +Abkühlung etwa durch einen aufsteigenden Strom bewirkt? Die Luft war +indessen ruhig und kein wagrechter Luftzug zu bemerken. + +Die Nacht brachten wir in einem Hause zu, wo ein Militärposten von acht +Mann unter einem spanischen Unteroffizier liegt. Es ist ein Hospiz, das +neben einem Pulvermagazin liegt und wo der Reisende alle Bequemlichkeit +findet. Dasselbe Commando bleibt fünf bis sechs Monate lang auf dem Berg. +Man nimmt dazu vorzugsweise Soldaten, die *Chacras* oder Pflanzungen in +der Gegend haben. Als nach der Einnahme der Insel Trinidad durch die +Engländer im Jahr 1797 der Stadt Cumana ein Angriff drohte, flüchteten +sich viele Einwohner nach Cumanacoa und brachten ihre werthvollste Habe in +Schuppen unter, die man in der Eile auf dem Gipfel des Imposible +aufgeschlagen. Man war entschlossen, bei einem plötzlichen feindlichen +Ueberfall nach kurzem Widerstand das Schloß San Antonio aufzugeben und die +ganze Kriegsmacht der Provinz um den Berg zusammenzuziehen, der als der +Schlüssel der Llanos anzusehen ist. Die kriegerischen Ereignisse, deren +Schauplatz nach der seitdem eingetretenen politischen Umwälzung diese +Gegend wurde, haben bewiesen, wie richtig jener erste Plan berechnet war. + +Der Gipfel des Imposible ist, soweit meine Beobachtung reicht, mit einem +quarzigen, versteinerungslosen Sandstein bedeckt. Die Schichten desselben +streichen hier wie auf dem Rücken der benachbarten Berge ziemlich +regelmäßig von Nord-Nord-Ost nach Süd-Süd-West. Diese Richtung ist auch im +Urgebirge der Halbinsel Araya und längs der Küste von Venezuela die +häufigste. Am nördlichen Abhang des Imposible, bei Peñas Negras, kommt aus +dem Sandstein, der mit Schieferthon wechsellagert, eine starke Quelle zu +Tag. Man sieht an diesem Punkt von Nordwest nach Südost streichende, +zerbrochene, fast senkrecht ausgerichtete Schichten. + +Die Llaneros, das heißt die Bewohner der Ebenen, schicken ihre Produkte, +namentlich Mais, Leder und Vieh über den Imposible in den Hafen von +Cumana. Wir sahen rasch hintereinander Indianer oder Mulatten mit +Maulthieren ankommen. Der einsame Ort erinnerte mich lebhaft an die +Nächte, die ich oben auf dem St. Gotthard zugebracht. Es brannte an +mehreren Stellen in den weiten Waldungen um den Berg. Die röthlichen, halb +in ungeheure Rauchwolken gehüllten Flammen gewährten das großartigste +Schauspiel. Die Einwohner zünden die Wälder an, um die Weiden zu +verbessern und das Unterholz zu vertilgen, unter dem das Gras erstickt, +das hierzulande schon selten genug ist. Häufig entstehen auch ungeheure +Waldbrände durch die Unvorsichtigkeit der Indianer, die auf ihren Zügen +die Feuer, an denen sie gekocht haben, nicht auslöschen. Durch diese +Zufälle sind auf dem Wege von Cumana nach Cumanacoa die alten Bäume +seltener geworden; und die Einwohner machen die richtige Bemerkung, daß an +verschiedenen Orten der Provinz die Trockenheit zugenommen habe, nicht +allein weil der Boden durch die vielen Erdbeben von Jahr zu Jahr mehr +zerklüftet wird, sondern auch weil er nicht mehr so stark bewaldet ist wie +zur Zeit der Eroberung. + +Ich stand Nachts auf, um die Breite des Orts nach dem Durchgang Fomahaults +durch den Meridian zu bestimmen. Es war Mitternacht; ich starrte vor +Kälte, wie unser Führer, und doch stand der Thermometer noch auf 19°,7 +(15° R.). In Cumana sah ich ihn nie unter 21° fallen; aber das Haus auf +dem Imposible, in dem wir die Nacht zubrachten, lag auch 258 Toisen über +dem Meeresspiegel. Bei der Casa de la Polvora beobachtete ich die +Inclination der Magnetnadel; sie war gleich 40°,5. Die Zahl der +Schwingungen in zehn Minuten Zeit betrug 233; die Intensität der +magnetischen Kraft hatte somit zwischen der Küste und dem Berg zugenommen, +was vielleicht von eisenschüssigem Gestein herrührte, das die auf dem +Alpenkalk gelagerten Sandsteinschichten enthalten mochten. + +Am 5. September vor Sonnenaufgang brachen wir vom Imposible auf. Der Weg +abwärts ist für Lasttiere sehr gefährlich; der Pfad ist meist nur 15 Zoll +[40 cm] breit und läuft beiderseits an Abgründen hin. Im Jahr 1797 hatte +man sehr zweckmäßig beschlossen, von St. Fernando bis an den Berg eine +gute Straße anzulegen. Die Straße war sogar zu einem Drittheil bereits +fertig; leider hatte man damit in der Ebene am Fuß des Imposible begonnen, +und das schwierigste Stück des Wegs wurde gar nicht in Angriff genommen. +Die Arbeit gerieth aus einer der Ursachen ins Stocken, aus denen aus allen +Fortschrittsprojekten in den spanischen Colonien nichts wird. Verschiedene +Civilbehörden nahmen das Recht in Anspruch, die Arbeit mit zu leiten. Das +Volk bezahlte geduldig den Zoll für einen Weg, der gar nicht da war, bis +der Statthalter von Cumana den Mißbrauch abstellte. + +Wenn man vom Imposible herabkommt, sieht man den Alpenkalk unter dem +Sandstein wieder zum Vorschein kommen. Da die Schichten meist nach Süd und +Südost fallen, so kommen am Südabhang des Berges sehr viele Quellen zu +Tag. In der Regenzeit werden diese Quellen zu reißenden Bergströmen, die +im Schatten von Hura, Cuspa und Cecropia mit silberglänzenden Blättern +niederstürzen. + +Die *Cuspa*, die in der Umgegend von Cumana und Bordones ziemlich häufig +vorkommt, ist ein den europäischen Botanikern noch unbekannter Baum. Er +diente lange nur als Bauholz uns seit dem Jahre 1797 unter dem Namen +Cascarilla oder Quinquina von Neuandalusien berühmt geworden. Sein Stamm +wird kaum 15 bis 20 Fuß [5 bis 6,5 m] hoch; seine wechselständigen Blätter +sind glatt, ganzrandig, eiförmig. Seine sehr dünne, blaßgelbe Rinde ist +ein ausgezeichnetes Fiebermittel; dieselbe hat sogar mehr Bitterkeit als +die Rinden der echten Cinchonen, aber diese Bitterkeit ist nicht so +unangenehm. Die Cuspa wird mit sehr guten Erfolg als weingeistiger Extrakt +und als wässeriger Aufguß sowohl bei Wechselfiebern als bei bösartigen +Fiebern gegeben. Emparan, der Statthalter von Cumana, hat den Aerztn in +Cadiz einen ansehnlichen Vorrat davon geschickt, und nach den kürzlichen +Mittheilungen Don Pedro Francos, Pharmaceuten am Militärspital zu Cumana, +hat man in Europa die Cuspa für fast ebenso wirksam erklärt, als die +Quinquina von Santa Fe. Man behauptet, in Pulverform gereicht, habe sie +vor letzterer den Vorzug, da sie bei Kranken mit geschwächtem Unterleib +den Magen weniger angreife. + +Als wir aus der Schlucht, die sich am Imposible hinabzieht, herauskamen, +betraten wir einen dichten Wald, durch den eine Menge kleiner Flüsse +laufen, die man leicht durchwatet. Wir machten die Bemerkung, daß die +Cecropia, die durch die Stellung ihrer Aeste und den schlanken Stamm an +den Palmenhabitus erinnert, je nachdem der Boden dürr oder sumpfig ist, +mehr oder weniger silberfarbige Blätter treibt. Wir sahen Stämme, deren +Laub auf beiden Seiten ganz grün war. Die Wurzeln dieser Bäume waren unter +Büschen von Dorstenia versteckt, die nur feuchte, schattige Orte liebt. +Mitten im Wald, an den Ufern des Rio Erdeño, findet man, wie am Südabhang +des Cocollar, Melonenbäume und Orangenbäume mit großen süßen Früchten wild +wachsend. Es sind wahrscheinlich Ueberbleibsel einiger Conucas oder +indianischer Pflanzungen; denn auch der Orangenbaum kann in diesen +Landstrichen nicht zu den ursprünglich hier heimischen Gewächsen gerechnet +werden, so wenig wie der Pisang, der Melonenbaum, der Mais, der Manioc und +so viele andere nutzbare Gewächse, deren eigentliche Heimat wir nicht +kennen, obgleich sie den Menschen seit uralter Zeit auf seinen Wanderungen +begleitet haben. + +Wenn ein eben aus Europa angekommener Reisender zum erstenmal die Wälder +Südamerikas betritt, so hat er ein ganz unerwartetes Naturbild vor sich. +Alles was er sieht, erinnert nur entfernt an die Schilderungen, welche +berühmte Schriftsteller an den Ufern des Mississippi, in Florida und in +andern gemäßigten Ländern der neuen Welt entworfen haben. Bei jedem +Schritt fühlt er, daß er sich nicht an den Grenzen der heißen Zone +befindet, sondern mitten darin, nicht auf einer der antillischen Inseln, +sondern auf einem gewaltigen Continent, wo Alles riesenhaft ist, Berge, +Ströme und Pflanzenmassen. Hat er Sinn für landschaftliche Schönheit, so +weiß er sich von seinen mannigfaltigen Empfindungen kaum Rechenschaft zu +geben. Er weiß nicht zu sagen, was mehr sein Staunen erregt, die +feierliche Stille der Einsamkeit oder die Schönheit der einzelnen +Gestalten und ihrer Kontraste oder die Kraft und die Fülle des +vegetabilischen Lebens. Es ist als hätte der mit Gewächsen überladene +Boden gar nicht Raum genug zu ihrer Entwicklung. Ueberall verstecken sich +die Baumstämme hinter einen grünen Teppich, und wollte man all die +Orchideen, die Pfeffer- und Pothosarten, die auf einem einzigen +Heuschreckenbaum oder amerikanischen Feigenbaum [_Ficus gigantea._] +wachsen, sorgsam verpflanzen, so würde ein ganzes Stück Land damit +bedeckt. Durch diese wunderliche Aufeinanderfolge erweitern die Wälder, +wie die Fels und Gebirgswände, den Bereich der organischen Natur. — +Dieselben Lianen, die am Boden kriechen, klettern zu den Baumwipfeln empor +und schwingen sich, mehr als hundert Fuß [30 m] hoch, vom einen zum +anderen. So kommt es, daß, da die Schmarotzergewächse sich überall +durcheinander wirren, der Botaniker Gefahr läuft, Blüten, Früchte und +Laub, die verschiedenen Arten gehören, zu verwechseln. + +Wir wanderten einige Stunden im Schatten dieser Wölbungen, durch die man +kaum hin und wieder den blauen Himmel sieht. Er schien mir um so tiefer +indigoblau, da das Grün der tropischen Gewächse meist einen sehr +kräftigen, ins Bräunliche spiegelnde Ton hat. Zerstreute Felsmassen waren +mit einem großen Baumfarn bewachsen, der sich vom _Polypodium arboreum_ +der Antillen wesentlich unterscheidet. Hier sahen wir zum erstenmal jene +Nester in Gestalt von Flaschen oder kleinen Taschen, die an den Aesten der +niedrigsten Bäume aufgehängt sind. Es sind Werke des bewunderungswürdigen +Bautriebes der Drosseln, deren Gesang sich mit dem heiseren Geschrei der +Papageien und Aras mischte. Die letzteren, die wegen der lebhaften Farben +ihres Gefieders allgemein bekannt sind, flogen nur paarweise, während die +eigentlichen Papageien in Schwärmen von mehreren hundert Stück +umherfliegen. Man muß in diesen Ländern, besonders in den heißen Thälern +der Anden gelebt haben, um es für möglich zu halten, daß zuweilen das +Geschrei dieser Vögel das Brausen der Bergströme, die von Fels zu Fels +stürzen, übertönt. + +Eine starke Meile vor dem Dorfe San Fernando kamen wir aus dem Walde +heraus. Ein schmaler Fußpfad führt auf mehreren Umwegen in ein offenes, +aber ausnehmend feuchtes Land. Unter dem gemäßigten Himmelsstrich hätten +unter solchen Umständen Gräser und Riedgräser einen weiten Wiesenteppich +gebildet; hier wimmelte der Boden von Wasserpflanzen mit pfeilförmigen +Blättern, besonders von Canna-Arten, unter denen wir die prachtvollen +Blüthen der Costus, der Thalien und Heliconien erkannten. Diese saftigen +Gewächse werden acht bis zehn Fuß hoch, und wo sie dicht beisammen stehen, +könnten sie in Europa für kleine Wälder gelten. Das herrliche Bild eines +Wiesgrundes und eines mit Blumen durchwirkten Rasens ist den niedern +Landstrichen der heißen Zone fast ganz fremd und findet sich nur auf den +Hochebenen der Anden wieder. + +Bei San Fernando war die Verdunstung unter den Strahlen der Sonne so +stark, daß wir, da wir sehr leicht gekleidet waren, durchnäßt wurden, wie +in einem Dampfbade. Am Wege wuchs eine Art Bambusrohr, das die Indianer +Jagua oder Guadua nennen und das über vierzig Fuß [13 m] hoch wird. Nichts +kann zierlicher sein als diese baumartige Grasart. Form und Stellung der +Blätter geben ihr ein Ansehen von Leichtigkeit, das mit dem hohen Wuchs +angenehm kontrastiert. Der glatte, glänzende Stamm der Jagua ist meist den +Bauchufern zugeneigt und schwankt beim leisesten Luftzuge hin und her. So +hoch auch das Rohr [_Arundo donax_] im mittäglichen Europa wächst, so gibt +es doch keinen Begriff vom Aussehen der baumartigen Gräser, und wollte ich +nur meine eigene Erfahrung sprechen lassen, so möchte ich behaupten, daß +von allen Pflanzengestalten unter den Tropen keine die Einbildungskraft +des Reisenden mehr anregt als der Bambus und der Baumfarn. + +Die ostindischen Bambus, die _calumets des hauts_ [_Bambusa_, oder +vielmehr _Nestus alpina_] der Insel Bourbon, der Guaduas Südamerikas, +vielleicht sogar die riesenhaften Arundinarien an den Ufern des +Mississippi, gehören derselben Pflanzengruppe an. In Amerika sind aber die +Bambusanen nicht so häufig, als man gewöhnlich glaubt. In den Sümpfen sind +auf den großen unter Wasser stehenden Ebenen am untern Orinoco, am Apure +und Atabapo fehlen sie fast ganz, wogegen sie im Nordwesten, in Neugrenada +und im Königreich Quito mehrere Meilen lange dichte Wälder bilden. Der +westliche Abhang der Anden erscheint als ihre eigentliche Heimath, und was +ziemlich auffallend ist, wir haben sie nicht nur in tiefen, kaum über dem +Meer gelegenen Landstrichen, sondern auch in den hohen Thälern der +Cordilleren bis in 860 Toisen Meereshöhe angetroffen. + +Der Weg mit dem Bambusgebüsch zu beiden Seiten führte uns zum kleinen +Dorfe San Fernando, das auf einer schmalen, von sehr steilen +Kalksteinwänden umgebenen Ebene liegt. Es war die erste Mision, die wir in +Amerika betraten.(49) Die Häuser oder vielmehr Hütten der Chaymasindianer +sind weit auseinander gerückt und nicht von Gärten umgeben. Die breiten +geraden Straßen schneiden sich unter rechten Winkeln; die sehr dünnen, +unsoliden Wände bestehen aus Letten oder Lianenzweigen. Die gleichförmige +Bauart, das ernste schweigsame Wesen der Einwohner, die ausnehmende +Reinlichkeit in den Häusern, alles erinnert an die Gemeinden der +mährischen Brüder. Jede indianische Familie baut draußen vor dem Dorfe +außer ihren eigenen Garten den *Conuco de la comunidad*. In diesem +arbeiten die Erwachsenen beider Geschlechter morgens und abends je eine +Stunde. In den Missionen, die der Küste zu liegen, ist der Gemeindegarten +meist eine Zucker- oder Indigoplantage, welcher der Missionar vorsteht, +und deren Ertrag, wenn das Gesetz streng befolgt wird, nur zur Erhaltung +der Kirche und zur Anschaffung von Paramenten verwendet werden darf. Auf +dem großen Platze mitten im Dorfe stehen die Kirche, die Wohnung des +Missionars und das bescheidene Gebäude, das pomphaft *Case des Rey*, +»königliches Haus«, betitelt wird. Es ist eine förmliche Karawanserei, wo +die Reisenden Obdach finden, und, wie wir oft erfahren, eine wahre Wohltat +in einem Lande, wo das Wort Wirtshaus noch unbekannt ist. Die _Casas des +Rey_ findet man in allen spanischen Kolonien, und man könnte meinen, sie +seyen eine Nachahmung der nach dem Gesetze Manco-Capacs errichteten +*Tambos* in Peru. + +Wir waren an die Ordensleute, die den Missionen der Chaymas-Indianer +vorstehen, durch ihren Syndicus in Cumana empfohlen. Diese Empfehlung kam +uns desto mehr zu statten, als die Missionäre, sey es aus Besorgniß für +die Sittlichkeit ihrer Pfarrkinder, oder um die mönchische Zucht der +zudringlichen Neugier Fremder zu entziehen, oft an einer alten Verordnung +festhalten, nach welcher kein Weißer weltlichen Standes sich länger als +eine Nacht in einem indianischen Dorfe aufhalten darf. Will man in den +spanischen Missionen angenehm reisen, so darf man sich meist nicht allein +auf den Paß des Madrider Staatssecretariats oder der Civilbehörden +verlassen, man muß sich mit Empfehlungen geistlicher Behörden versehen; am +wirksamsten sind die der Gardians der Klöster und der in Rom residirenden +Ordensgenerale, vor denen die Missionare weit mehr Respekt haben als vor +den Bischöfen. Die Missionen bilden, ich sage nicht nach ihren +ursprünglichen canonischen Satzungen, aber thatsächlich eine so ziemlich +unabhängige Hierarchie für sich, die in ihren Ansichten selten mit der +Weltgeistlichkeit übereinstimmt. + +Der Missionar von San Fernando war ein sehr bejahrter, aber noch sehr +kräftiger und munterer Kapuziner aus Aragon. Seine bedeutende +Körperrundung, sein guter Humor, sein Interesse für Gefechte und +Belagerungen stimmten schlecht zu der Vorstellung, die man sich im Norden +vom schwärmerischen Trübsinn und dem beschaulichen Leben der Missionare +macht. So viel ihm auch eine Kuh zu tun gab, die des anderen Tages +geschlachtet werden sollte, empfing uns doch der alte Ordensmann ganz +freundlich und erlaubte uns, unsere Hängematten in einem Gange seines +Hauses zu befestigen. Er saß den größten Teil des Tages über in einem +großen Armstuhle von rotem Holz und beklagte sich bitter über die Trägheit +und Unwissenheit seiner Landsleute. Er richtete tausenderlei Fragen an uns +über den eigentlichen Zweck unserer Reise, die ihm sehr gewagt und zum +wenigsten ganz unnütz schien. Hier wie am Orinoco wurde es uns sehr +beschwerlich, daß sich die Spanier mitten in den Wäldern Amerikas für die +Kriege und politischer Stürme der alten Welt immer noch so lebhaft +interessiren. + +Unser Missionär schien übrigens mit seiner Stellung vollkommen zufrieden. +Er behandelte die Indianer gut, er sah die Mission gedeihen, er pries in +begeisterten Worten das Wasser, die Bananen, die Milch des Landes. Als er +unsere Instrumente, unsere Bücher und getrockneten Pflanzen sah, konnte er +sich eines boshaften Lächelns nicht enthalten, und er gestand mit der in +diesem Klima landesüblichen Naivität, von allen Genüssen dieses Lebens, +den Schlaf nicht ausgenommen, sey doch gutes Kuhfleisch, *carne de vaca*, +der köstlichste; die Sinnlichkeit quillt eben überall über, wo es an +geistiger Beschäftigung fehlt. Oft bat uns unser Wirth, mit ihm die Kuh zu +besuchen, die er eben gekauft hatte, und am andern Tage bei Tagesanbruch +mußten wir sie nach Landessitte schlachten sehen; man machte ihr einen +Schnitt durch die Häckse, ehe man ihr das breite Messer in die Halswirbel +stieß. So widrig dieses Geschäft war, so lernten wir dabei doch die +ausnehmende Fertigkeit der Chaymas kennen, deren acht in weniger als +zwanzig Minuten das Thier in kleine Stücke zerlegten. Die Kuh hatte nur +sieben Piaster gekostet, und dieß galt für sehr viel. Am selben Tag hatte +der Missionar einem Soldaten aus Cumana, der ihm nach mehreren +vergeblichen Versuchen endlich am Fuß die Ader geschlagen, achtzehn +Piaster bezahlt. Dieser Fall, so unbedeutend er scheint, zeigt recht +auffallend, wie hoch in uncultivirten Ländern die Arbeit dem Werth der +Naturprodukte gegenüber im Preise steht. + +Die Mission San Fernando wurde zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts an der +Stelle gegründet, wo die kleinen Flüsse Manzanares und Lucasperez sich +vereinigen. Eine Feuersbrunst, welche die Kirche und die Hütten der +Indianer in Asche legte, gab den Anlaß, daß die Kapuziner das Dorf an dem +schönen Punkt, wo es jetzt liegt, wieder aufbauten. Die Zahl der Familien +ist auf hundert gestiegen, und der Missionar machte gegen uns die +Bemerkung, daß der Brauch, die jungen Leute im dreizehnten oder +vierzehnten Jahre zu verheirathen, zu dieser raschen Zunahme der +Bevölkerung viel beitrage. Er zog in Abrede, daß die Chaymas-Indianer so +früh altern, als die Europäer gewöhnlich glauben. Das Regierungswesen in +diesen indianischen Gemeinden ist übrigens sehr verwickelt; sie haben +ihren Gobernador, ihre Alguazils Majors und ihre Milizoffiziere, und diese +Beamten sind lauter kupferfarbene Eingeborene. Die Schützencompagnie hat +ihre Fahnen und übt sich mit Bogen und Pfeilen im Zielschießen; es ist die +Bürgerwehr des Landes. Solch kriegerische Anstalten und einem rein +mönchischen Regiment kamen uns sehr seltsam vor. + +In der Nacht vom fünften September und am andern Morgen lag ein dicker +Nebel, und doch waren wir nur hundert Toisen über dem Meeresspiegel. Bevor +wir aufbrachen, maß ich geometrisch den großen Kalkberg, der achthundert +Toisen südlich von San Fernando liegt und nach Norden steil abfällt. Sein +Gipfel ist nur 215 Toisen höher als der große Dorfplatz, aber kahle +Felsmassen, die sich aus der dichten Pflanzendecke erheben, geben ihm +etwas sehr Großartiges. + +Der Weg von San Fernando nach Cumana führt über kleine Pflanzungen durch +ein offenes feuchtes Tal. Wir wateten durch viele Bäche. Im Schatten stand +das Thermometer nicht über 30°, wir waren ab er unmittelbar den +Sonnenstrahlen ausgesetzt, weil die Bambus am Wege nur wenig Schutz +gewähren, und wir hatten stark von der Hitze zu leiden. Wir kamen durch +das Dorf Arenas, das von Indianers desselben Stammes wie die von San +Fernando bewohnt ist; aber Arenas ist keine Mission mehr; die Eingeborenen +stehen unter einem Pfarrer und sind nicht so nackt und kultivierter als +jene. Ihre Kirche ist im Lande wegen einiger rohen Malereien bekannt; auf +einem schmalen Fries sind Gürteltiere, Kaimane, Jaguare und andere Tiere +der Neuen Welt abgebildet. + +In diesem Dorfe wohnt ein Landmann Namens Francisco Lozano, der eine +physiologische Merkwürdigkeit ist, und der Fall macht Eindruck auf die +Einbildungskraft, wenn er auch den bekannten Gesetzen der organischen +Natur vollkommen entspricht. Der Mann hat einen Sohn mit seiner eigenen +Milch aufgezogen. Die Mutter war krank geworden, da nahm der Vater das +Kind, um es zu beruhigen, zu sich ins Bett und drückte es an die Brust. +Lozano, damals zweiundreißig Jahre alt, hatte es bis dahin nicht bemerkt, +daß er Milch gab, aber infolge der Reizung der Brustwarze, an der das Kind +saugte, schoß die Milch ein. Dieselbe war fett und sehr süß. Der Vater war +nicht wenig erstaunt, als seine Brust schwoll, und säugte fortan das Kind +fünf Monate lang zwei-, dreimal des Tages. Seine Nachbarn wurden +aufmerksam auf ihn, er dachte aber nicht daran, die Neugierde auszubeuten, +wie er wohl in Europa getan hätte. Wir sahen das Protokoll, das über den +merkwürdigen Fall aufgenommen worden. Augenzeugen desselben leben noch, +und sie versicherten uns, der Knabe habe während des Stillens nichts +bekommen als die Milch des Vaters. Lozano war nicht zu Hause, als wir die +Missionen bereisten, besuchte uns aber in Cumana. Er kam mit seinem Sohne, +der schon 13 bis 14 Jahre als war. Bonpland untersuchte die Brust des +Vaters genau und fand sie runzlig, wie bei Weibern, die gesäugt haben. Er +bemerkte, daß besonders die linke Brust sehr ausgedehnt war, und Lozano +erklärte dies aus dem Umstande, daß niemals beide Brüste gleich viel Milch +gegeben. Der Statthalter Don Vicente Emparan hat eine ausführliche +Beschreibung des Falles nach Cadiz geschickt. + +Es kommt bei Menschen und Thieren nicht gar selten vor, daß die Brust +männlicher Individuen Milch enthält, und das Klima scheint auf diese mehr +oder weniger reichliche Absonderung keinen merkbaren Einfluß zu äußern. +Die Alten erzählen von der Milch der Böcke aus Lemnos und Corsica; Noch in +neuester Zeit war in Hannover ein Bock, der jahrelang einen Tag um den +anderen gemolken wurde und mehr Milch gab als die Ziegen. Unter den +Merkmalen der vermeintlichen Schwächlichkeit der Amerikaner führen die +Reisenden auch auf, daß die Männer Milch in den Brüsten haben [Man hat +sogar alles Ernstes behauptet, in einem Teile Brasiliens werden die Kinder +von den Männern, nicht von den Weibern gesäugt.]. Es ist indessen höchst +unwahrscheinlich, daß solches bei einem ganzen Volksstamm in irgend einem +der heutigen Reisenden unbekannten Landstriche Amerikas beobachtet worden +sein sollte, und ich kann versichern, daß der Fall gegenwärtig in der +Neuen Welt nicht häufiger vorkommt als in der Alten. Der Landmann in +Arenas, dessen Geschichte wir soeben erzählt, ist nicht vom kupferfarbenen +Stamm der Chaymas, er ist ein Weißer von europäischem Blut. Ferner haben +Petersburger Anatomen die Beobachtung gemacht, daß Milch in den Brüsten +der Männer beim niederen russischen Volke weit häufiger vorkommt, als bei +südlicheren Völkern, und die Russen haben nie für schwächlich und weibisch +gegolten. + +Es gibt unter den mancherlei Spielarten unseres Geschlechts eine, bei der +der Busen zur Zeit der Mannbarkeit einen ansehnlichen Umfang erhält. +Lozano gehörte nicht dazu, und er versicherte uns wiederholt, erst durch +die Reizung der Brust in Folge des Saugens sey bei ihm die Milch gekommen. +Dadurch wird bestätigt, was die Alten beobachtet haben: »Männer, die etwas +Milch haben, geben ihrer in Menge, sobald man an den Brüsten saugt.« +[_Aristoteles, Historia animalium. Lib. III. c. 20_] Diese sonderbare +Wirkung eines Nervenreizes war den griechischen Schäfern bekannt; die auf +dem Berge Oeta rieben den Ziegen, die noch nicht geworfen hatten, die +Euter mit Nesseln, um die Milch herbeizulocken. + +Ueberblickt man die Lebenserscheinungen in ihrer Gesammtheit, so zeigt +sich, daß keine ganz für sich allein steht. In allen Jahrhunderten werden +Beispiele erzählt von jungen, nicht mannbaren Mädchen oder von bejahrten +Weibern mit eingeschrumpften Brüsten, welche Kinder säugten. Bei Männern +kommt solches weit seltener vor, und nach vielem Suchen habe ich kaum zwei +oder drei Fälle finden können. Einer wird vom veronesischen Anatomen +Alexander Benedictus angeführt, der am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts +lebte. Er erzählt, ein Syrier habe nach dem Tode der Mutter sein Kind, um +es zu beschwichtigen, an die Brust gedrückt. Sofort schoß die Milch so +stark ein, daß der Vater sein Kind allein säugen konnte. Andere Beispiele +werden von Santorellus, Feria und Robert, Bischof von Cork, berichtet. Da +die meisten dieser Fälle ziemlich entlegenen Zeiten angehören, ist es von +Interesse für die Physiologie, daß die Erscheinung zu unserer Zeit +bestätigt werden konnte. Sie hängt übrigens genau mit dem Streit über die +Endursachen zusammen. Daß auch der Mann Brüste hat, ist den Philosophen +lange ein Stein des Anstoßes gewesen, und noch neuerdings hat man geradezu +behauptet: »Die Natur habe die Fähigkeit zu säugen dem einen Geschlecht +versagt, weil diese Fähigkeit gegen die Würde des Mannes wäre.« + +In der Nähe der Stadt Cumanacoa wird der Boden ebener und das Thal nach +und nach weiter. Die kleine Stadt liegt auf einer kahlen, fast +kreisrunden, von hohen Bergen umgebenen Ebene und nimmt sich von außen +sehr trübselig aus. Die Bevölkerung ist kaum 2300 Seelen stark; zur Zeit +des Vaters Caulin im Jahr 1753 betrug sie nur 600. Die Häuser sind sehr +niedrig, unsolid und, drei oder vier ausgenommen, sämmtlich aus Holz. Wir +brachten indessen unsere Instrumente ziemlich gut beim Verwalter der +Tabaksregie, Don Juan Sanchez, unter, einem liebenswürdigen, geistig sehr +regsamen Mann. Er hatte uns eine geräumige, bequeme Wohnung einrichten +lassen; wir blieben vier Tage hier und er ließ sich nicht abhalten, uns +auf allen unsern Ausflügen zu begleiten. + +Cumanacoa wurde im Jahre 1717 von Domingo Arias gegründet, als er von +einem Kriegszuge zurückkam, den er an die Mündung des Guarapiche +unternommen, um eine von französischen Freibeutern begonnene Niederlassung +zu zerstören. Die Stadt hieß anfangs San Baltazar de las Arias, aber der +indische Name verdrängte jenen, wie der Name Caracas den Namen Santiago de +Leon, den man noch häufig auf unseren Karten sieht, in Vergessenheit +gebracht hat. + +Als wir den Barometer öffneten, sahen wir zu unserer Ueberraschung das +Quecksilber kaum 7,3 Linien tiefer stehen als an der Küste, und doch +schien das Instrument in ganz gutem Stand. Die Ebene, oder vielmehr das +Plateau, auf dem Cumanacoa steht; liegt nicht mehr als 104 Toisen über dem +Meeresspiegel, und dieß ist drei oder viermal weniger, als man in Cumana +glaubt, weil man dort von der Kälte in Cumanacoa die übertriebensten +Vorstellungen hat. Aber der klimatische Unterschied zwischen zwei so nahen +Orten rührt vielleicht weniger von der hohen Lage des letzteren her als +von örtlichen Verhältnissen, wozu wir rechnen, daß die Wälder sehr nahe, +die niedergehenden Luftströme, wie in allen eingeschlossenen Thälern, +häufig, die Regenniederschläge und die Nebel sehr stark sind, wodurch +einen großen Theil des Jahres hindurch die unmittelbare Wirkung der +Sonnenstrahlen geschwächt wird. Da die Wärmeabnahme unter den Tropen und +Sommers in der gemäßigten Zone ungefähr gleich ist, so sollte der geringe +Höhenunterschied von 100 Toisen nur einen Unterschied in der mittleren +Temperatur von 1 bis 1½ Grad verursachen; wir werden aber bald sehen, daß +derselbe über vier Grad beträgt. Dieses kühle Klima fällt um so mehr auf, +da es noch in der Stadt Carthago, in Tomependa am Ufer des Amazonenstroms +und in den Thälern von Aragua, westwärts von Caracas, sehr heiß ist, +lauter Orte, die in 200–480 Toisen absoluter Meereshöhe liegen. In der +Ebene wie im Gebirge laufen die Linien gleicher Wärme (Isothermen) nicht +immer dem Aequator oder der Erdoberfläche parallel, und darin besteht eben +die große Aufgabe der Meteorologie, den Lauf dieser Linien zu ermitteln +und durch alle von örtlichen Ursachen bedingte Abweichungen hindurch die +constanten Gesetze der Wärmevertheilung zu erfassen. + +Der Hafen von Cumana liegt von Cumanacoa nur etwa sieben Seemeilen. Am +ersteren Orte regnet es fast nie, während an letzterem die Regenzeit sechs +bis sieben Monate dauert. Die trockene Jahreszeit währt in Cumanacoa von +der Winter- bis zur Sommer- Tag- und Nachtgleiche. Strichregen sind im +April, Mai und Juni ziemlich häufig; später wird es wieder sehr trocken, +vom Sommersolstitium bis Ende August; nunmehr tritt die eigentliche +Regenzeit ein, die bis zum November anhält und in der das Wasser in +Strömen vom Himmel gießt. Nach der Breite von Cumanacoa geht die Sonne das +einemal am 16. April, das anderemal am 27. August durch das Zenith, und +aus dem eben Angeführten geht hervor, daß diese beiden Durchgänge mit dem +Eintreten der großen Regenniederschläge und der starken elektrischen +Entladungen zusammenfallen. + +Unser erster Aufenthalt in den Missionen fiel in die Regenzeit. Jede Nacht +war der Himmel mit schweren Wolken wie mit einem dichten Schleier umzogen, +und nur durch Ritzen im Gewölk konnte ich ein paar Sternbeobachtungen +anstellen. Das Thermometer stand auf 18,5–20° (14°,8–16° R.), und dies ist +in der heißen Zone und für das Gefühl des Reisenden, der von der Küste +herkommt, bedeutend kühl. In Cumana sah ich die Temperatur bei Nacht +niemals unter 21° sinken. Der Delucsche Hygrometer zeigte in Cumanacoa +85°, und, was auffallend ist, sobald das Gewölk sich zerstreute und die +Sterne in ihrer ganzen Pracht leuchteten, ging das Instrument aus 55° +zurück. Gegen Morgen nahm die Temperatur wegen der starken Verdunstung nur +langsam zu und noch um zehn Uhr war sie nicht über 21°. Am heißesten ist +es von Mittag bis drei Uhr, wo dann der Thermometer auf 26–27° steht. Zur +Zeit der größten Hitze, etwa zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne +durch den Meridian, zog fast regelmäßig ein Gewitter auf, das auch zum +Ausbruch kam. Dicke, schwarze, sehr niedrig ziehende Wolken lösten sich in +Regen auf; diese Güsse dauerten zwei bis drei Stunden, und während +derselben fiel der Thermometer um 5–6 Grad. Gegen fünf Uhr hörte der Regen +ganz auf, die Sonne kam aber bis zum Untergang nicht leicht zum Vorschein +und der Hygrometer ging dem Trockenpunkte zu; aber um acht oder neun Uhr +Abends waren wir schon wieder in eine dicke Wolkenschicht gehüllt. Dieser +Witterungswechsel erfolgt, wie man uns versicherte, durchaus gesetzmäßig +Monate lang einen Tag wie den andern, und doch läßt sich nicht der +geringste Luftzug spüren. Nach vergleichenden Beobachtungen muß ich +annehmen, daß es in Cumanacoa bei Nacht um 2–3, bei Tag um 4–5 Grad kühler +ist als in Cumana. Diese Unterschiede sind sehr bedeutend, und wenn man +statt meteorologischer Instrumente nur sein Gefühl befragte, so würde man +sie für noch bedeutender halten. + +Die Vegetation auf der Ebene um die Stadt ist sehr einförmig, aber infolge +der großen Feuchtigkeit der Luft ungemein frisch. Ihre +Haupteigentümlichkeiten sind ein baumartiges Solanum, das 13 m hoch wird, +die _Urtica baccifera_ und eine neue Art der Gattung _Guettarda_. Der +Boden ist sehr fruchtbar und er wäre auch leicht zu bewässern, wenn man +von den vielen Bächen, deren Quellen das ganze Jahr nicht versiegen, +Kanäle zöge. Das wichtigste Erzeugnis ist der Tabak, und nur diesem +verdankt es die kleine, schlecht gebaute Stadt, wenn sie einen gewissen +Ruf hat. Seit der Einführung der Pacht (_Estanco real de Tabaco_) im Jahre +1779 ist der Tabaksbau in der Provinz Cumana fast ganz auf Cumanacoa +beschränkt. Die ganze Tabaksernte muß an die Regierung verkauft werden, +und um dem Schmuggel zu steuern, oder vielmehr nur ihn einzuschränken, +ließ man geradezu nur an einem Punkte Tabak bauen. Aufseher streifen durch +das Land; sie zerstören jede Anpflanzung, die sie außerhalb der zum Bau +angewiesenen Distrikte finden, und geben die Unglücklichen an, die es +wagen, selbstgemachte Cigarren zu rauchen. Diese Aufseher sind meist +Spanier und fast eben so grob wie die Menschen, die in Europa dieses +Handwerk treiben. Diese Grobheit hat nicht wenig dazu beigetragen, den Haß +zwischen den Colonien und dem Mutterland zu schüren. + +Nach dem Tabak auf der Insel Cuba und dem vom Rio Negro hat der Cumana am +meisten Arom. Er übertrifft allen aus Neuspanien und der Provinz Varinas. +Wir theilen Einiges über den Bau desselben mit, weil er sich wesentlich +vom Tabaksbau in Virginien unterscheidet. Schon der Umstand, daß im Thale +von Cumanacoa die Gewächse aus der Familie der Solaneen so ausnehmend +stark entwickelt sind, besonders die vielen Arten von _Solanum +arborescens_, von _Aquartia_ und _Cestrum_ weisen darauf hin, daß hier der +Boden für den Tabaksbau sehr geeignet seyn muß. Die Aussaat wird im +September vorgenommen; zuweilen wartet man damit bis zum Dezember, was +aber für den Ausfall der Ernte nicht so gut ist. Die Wurzelblätter zeigen +sich am achten Tage; man bedeckt die jungen Pflanzen mit großen +Heliconien- und Bananenblättern, um sie der unmittelbaren Einwirkung der +Sonne zu entziehen, und reutet das Unkraut, das unter den Tropen furchtbar +schnell aufschießt, sorgfältig aus. Der Tabak wird sofort einen und einen +halben Monat, nachdem der Samen aufgegangen, in einen fetten, gut +gelockerten Boden versetzt. Die Pflanzen werden in geraden Reihen drei, +vier Fuß voneinander gesteckt; man jätet sie fleißig und köpft den +Hauptstengel mehrmals, bis bläulich grüne Flecken auf den Blättern als +Wahrzeichen der *Reife* sich zeigen. Im vierten Monat fängt man an sie +abzunehmen, und diese erste Ernte ist in wenigen Tagen vorüber. Besser +wäre es, die Blätter nacheinander abzunehmen, so wie sie trocken werden. +In guten Jahren schneiden die Pflanzer den Stock, wenn der vier Fuß hoch +ist, ab, und der Wurzelschoß treibt so rasch neue Blätter, daß sie schon +am 13. oder 14. Tage geerntet werden können. Diese haben sehr lockeres +Zellgewebe; sie enthalten mehr Wasser, mehr Eiweiß und weniger von dem +scharfen, flüchtigen, im Wasser schwer löslichen Stoff, an den die +eigenthümlich reizende Wirkung des Tabaks gebunden scheint. + +Der Tabak wird in Cumanacoa nach dem Verfahren behandelt, das bei den +Spaniern _de cura seca_ heißt. Man hängt die Blätter an Cocuizafasern +[_Agave americana_] auf, löst die Rippen ab und dreht sie zu Strängen. Der +zubereitete Tabak sollte im Juni in die königlichen Magazine geschafft +werden, aber aus Faulheit und weil sie dem Bau des Mais und des Maniok +mehr Aufmerksamkeit schenken, machen die Leute den Tabak selten vor August +fertig. Begreiflich verlieren die Blätter an Arom, wenn sie zu lange der +feuchten Luft ausgesetzt bleiben. Der Verwalter läßt den Tabak sechzig +Tage unberührt in den königlichen Magazinen liegen; dann schneidet man die +Bündel auf, um die Qualität zu prüfen. Findet der Verwalter den Tabak gut +zubereitet, so bezahlt er dem Pflanzer für die Aroba von fünfundzwanzig +Pfund drei Piaster. Dasselbe Gewicht wird auf Rechnung der Krone für zwölf +einen halben Piaster wieder verkauft. Der faule (_potrido_) Tabak, d. h. +der noch einmal gegährt hat, wird öffentlich verbrannt, und der Pflanzer, +der von der königlichen Pacht Vorschüsse erhalten hat, kommt +unwiderruflich um die Früchte seiner langen Arbeit. Wir sahen auf dem +großen Platz Haufen von fünfhundert Arobas vernichten, aus denen man in +Europa sicher Schnupftabak gemacht hätte. + +Der Boden von Cumanacoa eignet sich für diesen Culturzweig so +ausgezeichnet, daß der Tabak überall, wo der Same Feuchtigkeit findet, +wildwächst. So kommt er beim Cerro del Cuchivano und bei der Höhle von +Caripe vor. In Cumanacoa, wie in den benachbarten Distrikten von Aricagua +und San Lorenzo, wird übrigens nur die Tabaksart mit großen sitzenden +Blättern, der sogenannte virginische Tabak [_Nicotiana tabacum_] gebaut. +Ganz unbekannt ist der Tabak mit gestielten Blättern [_Nicotiana +rustica_], der eigentliche *Yetl* der alten Mexicaner, den man in +Deutschland sonderbarerweise türkischen Tabak nennt. + +Wäre der Tabaksbau frei, so könnte die Provinz Cumana einen großen Theil +von Europa damit versehen; ja, andere Distrikte scheinen sich für die +Erzeugung dieser Colonialwaare ganz so gut zu eignen wie das Thal von +Cumanacoa, wo der übermäßige Regen nicht selten dem Arom der Blätter +Eintrag thut. Gegenwärtig, wo der Tabaksbau auf ein paar Quadratmeilen +beschränkt ist, beträgt der ganze Ertrag der Ernte nur 6000 Arobas. Die +beiden Provinzen Cumana und Barcelona verbrauchen aber 12,000, und der +Ausfall wird aus dem spanischen Guyana gedeckt. In der Gegend von +Cumanacoa geben sich im Durchschnitt nur 1500 Personen mit dem Tabaksbau +ab, lauter Weiße; die Eingeborenen vom Stamme der Chaymas lassen sich +durch Aussicht auf Gewinn selten dazu verlocken, auch hält es die Pacht +nicht für gerathen, denselben Vorschüsse zu machen. + +Beschäftigt man sich mit der Geschichte unserer Culturpflanzen, so sieht +man mit Ueberraschung, daß vor der Eroberung der Gebrauch des Tabaks über +den größten Theil von Amerika verbreitet war, während man die Kartoffel +weder in Mexico, noch auf den Antillen kannte, wo sie doch in gebirgigen +Lagen sehr gut fortkommt. Ferner wurde in Portugal schon im Jahr 1559 +Tabak gebaut, während die Kartoffel erst am Ende des siebzehnten und zu +Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in den europäischen Ackerbau überging. +Letzteres Gewächs, das für das Wohl der menschlichen Gesellschaft so +bedeutsam geworden ist, hat sich auf beiden Continenten weit langsamer +verbreitet, als ein Produkt, das nur für einen Luxusartikel gelten kann. + +Das wichtigste Produkt nach dem Tabak ist im Thale von Cumanacoa der +Indigo. Die Pflanzungen in Cumanacoa, San Fernando und Arenas liefern eine +Waare, die im Handel noch geschätzter ist als der Indigo von Caracas; er +kommt an Glanz und Fülle der Farbe oft dem Indigo von Guatimala nahe. Aus +letzterer Provinz ist der Samen von _Indigofera Anil_ die neben +_Indigofera tinctoria_ gebaut wird, zuerst auf die Küste von Cumana +gekommen. Da im Thale von Cumanacoa sehr viel Regen fällt, so gibt eine +vier Fuß hohe Pflanze nicht mehr Farbstoff als eine dreimal kleinere in +den trockenen Thälern von Aragua, westlich von der Stadt Caracas. + +Alle Indigofabriken, die wir gesehen, sind nach demselben Plane +eingerichtet. Zwei Weichküpen, in denen das Kraut »faulen« soll, stehen +neben einander. Jede mißt fünfzehn Quadratfuß und ist zwei einen halben +Fuß tief. Aus diesen obern Kufen läuft die Flüssigkeit in die +Stampfkasten, zwischen denen die Wassermühle angebracht ist. Der Baum des +großen Rades läuft zwischen diesen Kasten durch, und an ihm sitzen an +langen Stielen die Löffel zum Stampfen. Aus einer weiten Abseiheküpe kommt +der farbhaltige Bodensatz in die Trockenkasten und wird daselbst auf +Brettern aus Brasilholz ausgebreitet, die mittelst kleiner Rollen unter +Dach gebracht werden können, wenn unerwartet Regen eintritt. Diese +geneigten, sehr niedrigen Dächer geben den Trockenkasten von weitem das +Ansehen von Treibhäusern. Im Thale von Cumanacoa verläuft die Gährung des +Krauts, das man »faulen« läßt, ungemein rasch. Sie währt meist nicht +länger als vier bis fünf Stunden. Dieß kann nur von der Feuchtigkeit des +Klimas herrühren und daher, daß während der Entwicklung der Pflanze die +Sonne nicht scheint. Ich glaube auf meinen Reisen die Bemerkung gemacht zu +haben, daß je trockener das Klima ist, die Kufe um so langsamer arbeitet +und die Stengel zugleich desto mehr Indigo aus der niedersten +Oxydationsstufe enthalten. In der Provinz Caracas, wo 562 Cubikfuß locker +aufgeschichteten Krautes 35 bis 40 Pfund trockenen Indigo geben, kommt die +Flüssigkeit erst nach zwanzig, dreißig oder fünfunddreißig Stunden in die +Stampfe. Wahrscheinlich erhielten die Einwohner von Cumanacoa mehr +Farbestoff aus dem Kraut, wenn sie dasselbe länger in der ersten Kufe +weichen ließen. Ich habe während meines Aufenthalts in Cumana den etwas +schweren kupferfarbigen Indigo von Cumanacoa und den von Caracas zur +Vergleichung in Schwefelsäure aufgelöst, und die Auflösung des ersteren +schien mir weit satter blau. + +Trotz der ausgezeichneten Beschaffenheit der Produkte und der +Fruchtbarkeit des Bodens ist der Landbau in Cumanacoa noch völlig in der +Kindheit. Arenas, San Fernando und Cumanacoa bringen in den Handel nur +3000 Pfund Indigo, der im Lande 4500 Piaster werth ist. Es fehlt an +Menschenhänden und die schwache Bevölkerung nimmt durch die Auswanderung +in die Llanos täglich ab. Diese unermeßlichen Savanen nähren den Menschen +reichlich, weil sich das Vieh dort so leicht vermehrt, während der Indigo- +und Tabaksbau viel Sorge und Mühe macht. Der Ertrag des letzteren ist +desto unsicherer, da die Regenzeit bald länger, bald kürzer dauert. Die +Pflanzer sind von der königlichen Pacht, die ihnen Vorschüsse macht, +völlig abhängig, und hier, wie in Georgien und Virginien, baut man lieber +Nahrungsgewächse als Tabak. Man hatte neuerdings der Regierung den +Vorschlag gemacht, auf königliche Kosten fünfhundert Neger anzuschaffen +und sie den Pflanzern abzugeben, die im Stande wären, in zwei oder drei +Jahren den Ankaufspreis abzutragen. Dadurch hoffte man die jährliche +Tabaksernte auf 15,000 Arobas zu bringen. Zu meiner Freude habe ich viele +Grundeigenthümer sich gegen dieses Projekt aussprechen hören. Es stand +nicht zu hoffen, daß man, nach dem Vorgang mancher Provinzen der +Vereinigten Staaten, nach einer gewissen Reihe von Jahren den Schwarzen +oder ihren Nachkommen die Freiheit schenken würde; desto bedenklicher +schien es, zumal nach den entsetzlichen Vorgängen auf St. Domingo, die +Sklavenbevölkerung in Terra Firma zu vermehren. Weise Politik hat nicht +selten dieselben Folgen, wie die edelsten und seltensten Regungen der +Gerechtigkeit und Menschenliebe. + +Die mit Höfen und Indigo- und Tabakspflanzungen bedeckte Ebene von +Cumanacoa ist von Bergen umgeben, die besonders gegen Süd höher ansteigen +und für den Physiker und den Geologen gleich interessant sind. Alles weist +darauf hin, daß das Thal ein alter Seeboden ist; auch fallen die Berge, +welche einst das Ufer desselben bildeten, dem See zu senkrecht ab. Der See +hatte nur Arenas zu einen Abfluß. Beim Graben von Hausfundamenten stieß +man bei Cumanacoa auf Schichten von Geschieben, mit kleinen zweischaligen +Muscheln darunter. Nach der Angabe mehrerer glaubwürdiger Personen sind +sogar vor mehr als dreißig Jahren hinten in der Schlucht San Juanillo zwei +ungeheure Schenkelknochen gefunden worden, die vier Fuß lang waren und +über dreißig Pfund wogen. Die Indianer hielten sie, wie noch heute das +Volk in Europa, für Riesenknochen, während die Halbgelehrten im Lande, die +das Privilegium haben, Alles zu erklären, alles Ernstes versicherten, es +seyen Naturspiele und keiner großen Beachtung werth. Diese Leute beriefen +sich bei ihrer Behauptung auf den Umstand, daß menschliche Gebeine im +Boden von Cumanacoa sehr rasch vermodern. Zum Schmuck der Kirchen am +Allerseelentag läßt man Schädel aus den Kirchhöfen an der Küste kommen, wo +der Boden mit Salzen geschwängert ist. Die vermeintlichen Riesenknochen +wurden nach Cumana gebracht. Ich habe mich dort vergeblich darnach +umgesehen; aber nach den fossilen Knochen, die ich aus andern Strichen +Südamerikas heimgebracht und die von Cuvier genau untersucht worden, +gehörten die riesigen Schenkelknochen von Cumanacoa wahrscheinlich einer +ausgestorbenen Elephantenart an. Es kann befremden, daß dieselben in so +geringer Höhe über dem gegenwärtigen Wasserspiegel gefunden worden; denn +es ist sehr merkwürdig, daß die fossilen Reste von Mastodonten und +Elephanten, die ich aus den tropischen Ländern von Mexico, Neugrenada, +Quito und Peru mitgebracht, nicht in tief gelegenen Strichen (wo in +gemäßigten Zonen Megatherien am Rio Luxan(50) und in Virginien, große +Mastodonten am Ohio und fossile Elephanten am Susquehanna vorkommen), +sondern auf den in sechshundert bis vierzehnhundert Fuß Höhe gelegenen +Hochebenen erhoben wurden. + +Als wir dem südlichen Rand des Beckens von Cumanacoa zugingen, sahen wir +den Turimiquiri vor uns liegen. Eine ungeheure Felswand, das Ueberbleibsel +eines alten Küstenstrichs, steigt mitten im Walde empor. Weiter nach West, +beim Cerro del Cuchivano, erscheint die Bergkette wie durch ein Erdbeben +aus einander gerissen. Die Spalte ist über hundert fünfzig Toisen breit +und von senkrechten Felsen umgeben. Tief beschattet von den Bäumen, deren +verschlungene Zweige nicht Raum haben sich auszubreiten, nahm sich die +Spalte aus wie eine durch einen Erdfall entstandene Grube. Ein Bach, der +Rio Juagua, läuft durch die Spalte, die ungemein malerisch ist und Risco +del Cuchivano heißt. Der kleine Fluß entspringt sieben Meilen weit gegen +Südwest am Fuße des Brigantin und bildet schöne Fälle, ehe er in die Ebene +von Cumanacoa ausläuft. + +Wir besuchten öfters einen kleinen Hof, Conuco de Bermudez, dem Erdspalt +von Cuchivano gegenüber. Man baut hier auf feuchtem Boden Bananen, Tabak +und mehrere Arten von Baumwollenbäumen, besonders die, deren Wolle +nanking-gelb ist und die auf der Insel Margarita so häufig vorkommt. Der +Eigenthümer sagte uns, der Erdspalt sey von Jaguars bewohnt. Diese Thiere +bringen den Tag in Höhlen zu und schleichen bei Nacht um die Wohnungen. Da +sie reichliche Nahrung haben, werden sie bis sechs Fuß lang. Ein solcher +Tiger hatte im verflossenen Jahr ein zum Hof gehöriges Pferd verzehrt. Er +schleppte seine Beute bei hellem Mondschein über die Savane unter einen +ungeheur dicken Ceibabaum. Vom Winseln des verendenden Pferdes erwachten +die Sklaven im Hofe. Sie rückten mitten in der Nacht aus, bewaffnet mit +Spießen und *Machetes*(51). Der Tiger lag auf seiner Beute und ließ sie +ruhig herankommen; er erlag erst nach langem hartnäckigem Widerstand. +Dieser Fall und viele andere, von denen wir an Ort und Stelle Kunde +erhielten, zeigt, daß der große Jaguar [_Felis Onca, Linné_, die Buffon +_panthère oillée_ nennt und in Afrika zu Hause glaubt. Wir werden später +Gelegenheit haben, auf diesen für die Zoologie und Thiergeographie +wichtigen Punkt zurückzukommen.] von Terra Firma, wie der Jaguarete in +Paraguay und der eigentliche asiatische Tiger, vor dem Menschen nicht +fliehen, wenn ihm dieser zu Leibe geht und die Zahl der Angreifenden ihn +nicht scheu macht. Die Zoologen wissen jetzt, daß Buffon die größte +amerikanische Katzenart ganz falsch beurtheilt hat. Was der berühmte +Schriftsteller von der Feigheit der Tiger der neuen Welt sagt, gilt nur +von den kleinen Ocelots, oder Pantherkatzen, und wir werden bald sehen, +daß am Orinoco der ächte amerikanische Jaguar sich zuweilen ins Wasser +stürzt, um die Indianer in ihren Piroguen anzugreifen. + +Dem Hofe Bermudez gegenüber liegen die Oeffnungen zweier geräumigen Höhlen +im Erdspalt des Cuchivano; von Zeit zu Zeit schlagen Flammen daraus empor, +die man bei Nacht sehr weit sieht. Die benachbarten Berge sind dann davon +beleuchtet, und nach der Höhe der Felsen, über welche diese brennenden +Dünste hinanfreichen, wäre man versucht zu glauben, daß sie mehrere +hundert Fuß hoch werden. Beim letzten großen Erdbeben in Cumana war diese +Erscheinung von einem unterirdischen dumpfen, anhaltenden Getöse +begleitet. Sie kommt vorzüglich in der Regenzeit vor, und die Besitzer der +dem Berge Cuchivano gegenüber liegenden Pflanzungen versichern, die +Flammen zeigen sich seit dem December 1797 häufiger. + +Auf einer botanischen Excursion nach Rinconada versuchten wir vergeblich +in die Spalte einzudringen. Wir hätten die Felsen, die in ihrem Schoße die +Ursachen dieses merkwürdigen Feuers zu bergen schienen, gerne näher +untersucht; aber die üppige Vegetation, die in einander geschlungenen +Lianen und Dornsträucher ließen uns nicht vorwärts kommen. Zum Glück +nahmen die Bewohner des Thals lebhaften Antheil an unsern Forschungen, +nicht sowohl weil sie sich vor einem vulkanischen Ausbruch fürchteten, als +weil sie sich in den Kopf gesetzt hatten, der Risco del Cuchivano enthalte +eine Goldgrube. Es half nichts, daß wir ihnen auseinandersetzten, warum +wir an Gold im Muschelkalk nicht glauben könnten; sie wollten einmal +wissen, »was der deutsche Bergmann vom Reichthum des Erzgangs halte.« Seit +Karls des Fünften Zeit und seit die Welser, die Alsinger und Sailer in +Coro und Caracas als Statthalter gesessen, hat sich in Terra Firma im Volk +der Glaube an das besondere bergmännische Geschick der Deutschen erhalten. +Wohin ich in Südamerika kam, überall, sobald man erfuhr, wo ich hersey, +zeigte man mir Muster von Erzen. In den Colonien ist jeder Franzose ein +Arzt, jeder Deutsche ein Bergmann. + +Die Pflanzer bahnten mit ihren Sklaven einen Weg durch den Wald bis zum +ersten Fall des Rio Juagua, und am 10. September machten wir unsern +Ausflug nach dem Risco del Cuchivano. Kaum hatten wir die Schlucht +betreten, so merkten wir, daß Tiger in der Nähe waren, sowohl an einem +frisch zerrissenen Stachelschwein, als am Gestank ihres Kothes, der dem +der europäischen Katze gleicht. Zur Vorsicht gingen die Indianer nach dem +Hof zurück und brachten Hunde von sehr kleiner Race mit. Man behauptet, +wenn man dem Jaguar auf schmalem Pfad begegne, springe er zuerst auf den +Hund los, nicht auf den Menschen. Wir stiegen nicht am Ufer des Baches, +sondern an der Felswand über dem Wasser hinauf. Man geht an einem zwei-, +dreihundert Fuß tiefen Abgrund hin auf einem ganz schmalen Vorsprung, wie +auf dem Wege von Grindelwald am Mettenberg hin zum großen Gletscher. Wird +der Vorsprung so schmal, daß man nicht mehr weiß, wohin man den Fuß setzen +soll, so steigt man zum Bach hinunter, watet durch oder läßt sich von +einem Sklaven hinüber tragen, und klimmt an der andern Bergwand weiter. +Das Niederklettern ist ziemlich mühselig, und man darf sich nicht auf die +Lianen verlassen, die wie große Stricke von den Baumgipfeln niederhängen. +Die Ranken- und Schmarotzergewächse hängen nur locker an den Aesten, die +sie umschlingen; ihre Stengel haben zusammen ein ganz ansehnliches +Gewicht, und wenn man auf abschüssigem Boden sich mit dem Körper an Lianen +hängt, läuft man Gefahr eine ganze grüne Laube niederzureißen. Je weiter +wir kamen, desto dichter wurde die Vegetation. An mehreren Stellen hatten +die Baumwurzeln, die in die Spalten zwischen den Schichten hineingewachsen +waren, das Kalkgestein zersprengt. Wir konnten kaum die Pflanzen +fortbringen, die wir bei jedem Schritte aufnahmen. Die Cannas, die +Heliconien mit schönen purpurnen Blüthen, die Costus und andere Gewächse +aus der Familie der Amomeen werden hier acht bis zehn Fuß hoch. Ihr helles +frisches Grün, ihr Seidenglanz und ihr strotzendes Fleisch stechen grell +ab vom bräunlichen Ton der Baumfarn mit dem zartgefiederten Laub. Die +Indianer hieben mit ihren großen Messern Kerben in die Baumstämme und +machten uns auf die Schönheit der rothen und goldgelben Hölzer aufmerksam, +die einst bei unsern Möbelschreinern und Drehern sehr gesucht seyn werden. +Sie zeigten uns ein Gewächs mit zusammengesetzter Blüthe, das zwanzig Fuß +hoch ist (_Eupatorium laevigatum, Lamarck_), die sogenannte *Rose von +Belveria* (_Brownea racemosa_), berühmt wegen ihrer herrlichen +purpurrothen Blüthen, und das einheimische *Drachenblut*, eine noch nicht +beschriebene Art Croton, deren rother adstringirender Saft zur Stärkung +des Zahnfleisches gebraucht wird. Sie unterschieden die Arten durch den +Geruch, besonders aber durch Kauen der Holzfasern. Zwei Eingeborene, denen +man dasselbe Holz zu kauen gibt, sprechen, meist ohne sich zu besinnen, +denselben Namen aus. Wir konnten übrigens von den scharfen Sinnen unserer +Führer nicht viel Nutzen ziehen; denn wie soll man zu Blättern, Blüthen +oder Früchten gelangen, die auf Stämmen wachsen, deren ersten Aeste +fünfzig, sechzig Fuß über dem Boden sind? Mit Ueberraschung sieht man in +dieser Schlucht die Baumrinde, sogar den Boden mit Moosen und Flechten +überzogen. Diese Cryptogamen sind hier so häufig wie im Norden. Die +feuchte Luft und der Mangel an direktem Sonnenlicht begünstigen ihre +Entwicklung, und doch beträgt die Temperatur bei Tag 25, bei Nacht +19 Grad. + +Die angebliche Goldgrube von Cuchivano, die wir untersuchen sollten, ist +nichts als ein Loch, das man in eine der schwarzen, an Schwefelkies +reichen Mergelschichten im Kalk zu graben angefangen. Das Loch liegt auf +der rechten Seite des Rio Inagua an einem Punkt, wohin man vorsichtig +klettern muß, weil der Bach hier über acht Fuß tief ist. Der Schwefelkies +ist hell goldgelb und man sieht ihm nicht an, daß er Kupfer enthält. Die +Mergelschicht, in der er vorkommt, streicht über den Bach hinüber. Das +Wasser spült die metallisch glänzenden Körner aus, und deßhalb glaubt das +Volk, der Bach führe Gold. Man erzählt, nach dem großen Erdbeben im +Jahr 1766 habe das Wasser des Inagua so viel Gold geführt, daß Männer, +»die weit her gekommen, und von denen man nicht gewußt, wo sie zu Hause +seyen,« Goldwäschen angelegt hätten; sie seyen aber bei Nacht und Nebel +verschwunden, nachdem sie eine Menge Gold gesammelt. Es braucht keines +Beweises, daß dieß ein Mährchen ist; die Kiese in den Quarzgängen des +Glimmerschiefers sind allerdings sehr oft goldhaltig; aber nichts +berechtigt bis jetzt zur Annahme, daß der Schwefelkies im Mergelschiefer +des Alpenkalks gleichfalls Gold enthalte. Einige direkte Versuche auf +nassem Weg, die ich während meines Aufenthalts in Caracas angestellt, thun +dar, daß der Schwefelkies von Cuchivano durchaus nicht goldhaltig ist. +Unsern Führern behagte mein Unglaube sehr schlecht; ich hatte gut sagen, +aus dieser angeblichen Goldgrube könnte man höchstens Alaun und +Eisenvitriol gewinnen; sie lasen nichtsdestoweniger heimlich jedes +Stückchen Schwefelkies auf, das sie im Wasser glänzen sahen. Je ärmer ein +Land an Erzgruben ist, desto leichter wird es in der Einbildung der +Einwohner, die Schätze aus dem Schoße der Erde zu holen. Wie viele Zeit +haben wir auf unserer fünfjährigen Reise verloren, um auf das dringende +Verlangen unserer Wirthe Schluchten zu untersuchen, in denen +schwefelkieshaltige Schichten seit Jahrhunderten den stolzen Namen _Minas +de Oro_ führen! Wie oft sahen wir lächelnd zu, wenn Leute aller Stände, +Beamte, Dorfgeistliche, ernste Missionäre mit unermüdlicher Geduld +Hornblende oder gelben Glimmer zerstießen, um mittelst Quecksilbers das +Gold auszuziehen! Die leidenschaftliche Gier, mit der man nach Erzen +sucht, erscheint doppelt auffallend in einem Lande, wo man den Boden kaum +umzuwenden braucht, um ihm reiche Ernten zu entlocken. + +Nachdem wir den Schwefelkies am Rio Juagua untersucht, gingen wir weiter +in der Schlucht hinauf, die sich wie ein enger, von sehr hohen Bäumen +beschatteter Kanal fortzieht. Nach sehr beschwerlichem Marsch und ganz +durchnäßt, weil wir so oft über den Bach gegangen waren, langten wir am +Fuß der Höhlen des Cuchivano an, aus denen man vor einigen Jahren die +Flammen hatte brechen sehen. Achthundert Toisen hoch steigt senkrecht eine +Felswand auf. In einem Landstrich, wo der üppige Pflanzenwuchs überall den +Boden und das Gestein bedeckt, kommt es selten vor, daß ein großer Berg in +senkrechtem Durchschnitt seine Schichten zeigt. Mitten in diesem +Durchschnitt, leider dem Menschen unzugänglich, liegen die Spalten, die zu +zwei Höhlen führen. Sie sollen von denselben Nachtvögeln bewohnt seyn, die +wir bald in der Cueva del Guacharo bei Caripe werden kennen lernen. + +Wir ruhten am Fuß der Höhlen aus. Hier sah man die Flammen hervorkommen, +welche in den letzten Jahren häufiger geworden sind. Unsere Führer und der +Pächter, ein verständiger, mit den Oertlichkeiten der Provinz wohl +bekannter Mann, verhandelten nach der Weise der Creolen über die Gefahr, +der die Stadt Cumanacoa ausgesetzt wäre, wenn der Cuchivano ein thätiger +Vulkan würde, _se veniesse a reventar_. Es schien ihnen unzweifelhast, daß +seit dem großen Erdbeben von Quito und Cumana im Jahr 1797 Neu-Andalusien +vom unterirdischen Feuer immer mehr unterhöhlt werde. Sie brachten die +Flammen zur Sprache, die man in Cumana hatte aus dem Boden schlagen sehen, +und die Stöße, die man jetzt an Orten empfindet, wo man früher nichts von +Erdbeben wußte. Sie erinnerten daran, daß man in Macarapan seit einigen +Monaten öfters Schwefelgeruch spüre. Auf diese und ähnliche Erscheinungen, +die uns damals in ihrem Munde auffielen, gründeten sie Prophezeiungen, die +fast sämmtlich in Erfüllung gegangen sind. Entsetzliche Zerstörungen haben +im Jahr 1812 in Caracas stattgefunden, zum Beweis, welch gewaltige Unruhe +im Nordosten von Terra Firma in der Natur herrscht. + +Was ist wohl aber die Ursache der feurigen Erscheinungen, die man am +Cuchivano beobachtet? Ich weiß wohl, daß man zuweilen die Luftsäule, die +über der Mündung brennender Vulkane aufsteigt, in hellem Lichte glänzen +sieht. Dieser Lichtschein, den man von brennendem Wasserstoffgas +herleitet, wurde von Chillo aus auf dem Gipfel des Cotopaxi zu einer Zeit +beobachtet, wo der Berg ziemlich ruhig schien. Ich weiß, daß die Alten +erzählen, auf dem _Mons Albanus_ bei Rom, dem heutigen _Monte cavo_ sey +zuweilen bei Nacht Feuer gesehen worden; aber der _Mons albanus_ ist ein +erst in neuerer Zeit erloschener Vulkan, der noch zu Catos Zeit Rapilli +auswarf [_Albano monte biduum continenter lapidibus pluit. Livius +XXV. 7._], während der Cuchivano ein Kalkberg ist in einer Gegend, wo weit +und breit keine Trappbildungen vorkommen. Kann man jene Flammen etwa +daraus erklären, daß das Wasser, wenn es mit den Kiesen im Mergelschiefer +in Berührung kommt, zersetzt wird? Ist das Feuer, das aus den Höhlen des +Cuchivano kommt, brennendes Wasserstoffgas? Das Wasser, das durch den +Kalkstein sickert und durch die Schwefelschichten zersetzt wird, und die +Erdbeben von Cumana, die Lager gediegenen Schwefels bei Carupano und die +schwefligt sauren Dämpfe, die man zuweilen in den Savanen spürt: zwischen +all dem ließe sich leicht ein Zusammenhang denken; es ist auch nicht zu +bezweifeln, daß, wenn sich bei der starken Affinität zwischen dem +Eisenoxyd und den Erden bei hoher Temperatur Wasser über Schwefelkiesen +zersetzt, die Entbindung von Wasserstoffgas erfolgen kann, welche mehrere +neuere Geologen eine so wichtige Rolle spielen lassen. Aber bei +vulkanischen Ausbrüchen tritt weit constanter schwefligte Säure auf als +Wasserstoff, und der Geruch, den man zuweilen bei starken Erdstößen +verspürt, ist vorzugsweise der Geruch von schwefligter Säure. Ueberblickt +man die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben im Ganzen, bedenkt +man, in welch ungeheuren Entfernungen sich die Stöße unter dem Meeresboden +fortpflanzen, so läßt man bald Erklärungen fallen, die von unbedeutenden +Schichten von Schwefelkies und bituminösem Mergel ausgehen. Nach meiner +Ansicht können die Stöße, die man in der Provinz Cunana so häufig spürt, +so wenig den zu Tag ausgehenden Gebirgsarten zugeschrieben werden, als die +Stöße, welche die Apenninen erschüttern, Asphaltadern oder brennenden +Erdölquellen. Alle diese Erscheinungen hängen von allgemeineren, fast +hätte ich gesagt, tiefer liegenden Ursachen her, und der Herd der +vulkanischen Wirkungen ist nicht in den secundären Gebirgsbildungen, aus +denen die äußere Erdrinde besteht, sondern in sehr bedeutender Tiefe unter +der Oberfläche in den Urgebirgsarten zu suchen. Je weiter die Geologie +fortschreitet, desto mehr sieht man ein, wie wenig man mit den Theorien +ausrichtet, die sich auf wenige, rein örtliche Beobachtungen gründen. + +Nach Meridianhöhen des südlichen Fisches, die ich in der Nacht vom +7. September beobachtet, liegt Cumanacoa unter 10° 16’ 11" der Breite; die +Angabe der geschätztesten Karten ist also um ¼ Grad unrichtig. Die Neigung +der Magnetnadel fand ich gleich 42°,60 und die Intensität der magnetischen +Kraft gleich 228 Schwingungen in zehn Zeitminuten; die Intensität war +demnach um neun Schwingungen oder 1/25 geringer als in Ferrol. + +Am zwölften setzten wir unsere Reise nach dem Kloster Caripe, dem Hauptort +der Chaymas-Missionen, fort. Wir zogen der geraden Straße den Umweg über +die Berge Cocollar und Turimiquiri vor, die nicht viel höher sind als der +Jura. Der Weg läuft zuerst ostwärts drei Meilen über die Hochebene von +Cumanacoa, den alten Seeboden, und biegt dann nach Süd ab. Wir kamen durch +das kleine indianische Dorf Aricagua, das von bewaldeten Hügeln umgeben +sehr freundlich daliegt. Von hier an ging es bergauf und wir hatten über +vier Stunden zu steigen. Dieses Stück des Weges ist sehr angreifend; man +setzt zweiundzwanzigmal über den Pututucuar, ein reißendes Bergwasser voll +Kalksteinblöcken. Hat man auf der _Cuesta del Cocollar_ zweitausend Fuß +Meereshöhe erreicht, so sieht man zu seiner Ueberraschung fast keine +Wälder, oder auch nur große Bäume mehr. Man geht über eine ungeheure, mit +Gräsern bewachsene Hochebene. Nur Mimosen mit halbkugeliger Krone und drei +bis vier Fuß hohem Stamm unterbrechen die öde Einförmigkeit der Savanen. +Ihre Aeste sind gegen den Boden geneigt oder breiten sich schirmartig aus. +Ueberall, wo Abhänge oder halb mit Erde bedeckte Gesteinmassen sich +zeigen, breitet die Clusia oder der Cupey mit den großen Nymphäenblüthen +sein herrliches Grün aus. Die Wurzeln dieses Baums haben zuweilen acht +Zoll Durchmesser und gehen oft schon fünfzehn Fuß über dem Boden vom +Stamme ab. + +Nachdem wir noch lange bergan gestiegen waren, kamen wir auf einer kleinen +Ebene zum _Hato del Cocollar_. Es ist dieß ein Hof, der 408 Toisen hoch +ganz allein auf dem Plateau liegt. In dieser Einsamkeit blieben wir drei +Tage, vortrefflich verpflegt von dem Eigenthümer [Don Mathias Yturburi, +ein geborener Biscayer], der vom Hafen von Cumana an unser Begleiter +gewesen war. Wir fanden daselbst bei der reichen Weide Milch, +vortreffliches Fleisch und vor allem ein herrliches Klima. Bei Tag stieg +der hunderttheilige Thermometer nicht über 22 oder 23 Grad, kurz vor +Sonnenuntergang fiel er auf 19 und bei Nacht zeigte er kaum 14. Bei Nacht +war es daher um sieben Grad kühler als an der Küste, was, da die Hochebene +des Cocollar nicht so hoch liegt, als die Stadt Caracas, wiederum auf eine +ausnehmend rasche Wärmeabnahme hinweist. + +So weit das Auge reicht, sieht man auf dem hohen Punkt nichts als kahle +Savanen; nur hin und wieder tauchen aus den Schluchten kleine Baumgruppen +auf, und trotz der scheinbaren Einförmigkeit der Vegetation findet man +ausnehmend viele sehr interessante Pflanzen. Wir führen hier nur an eine +prachtvolle Lobelia mit purpurnen Blüthen, die _Brownea coccinea_ die über +hundert Fuß hoch wird, und vor allen den *Pejoa*, der im Lande berühmt +ist, weil seine Blätter, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt, einen +köstlichen aromatischen Geruch von sich geben. Was uns aber am meisten am +einsamen Ort entzückte, das war die Schönheit und Stille der Nächte. Der +Eigenthümer des Hofes blieb mit uns wach. Er schien sich daran zu weiden, +wie Europäer, die eben erst unter die Tropen gekommen, sich nicht genug +wundern konnten über die frische Frühlingsluft, deren man nach +Sonnenuntergang hier aus den Bergen genießt. In jenen fernen Ländern, wo +der Mensch die Gaben der Natur noch voll zu schätzen weiß, preist der +Grundeigenthümer das Wasser seiner Quelle, den gesunden Wind, der um den +Hügel weht, und daß es keine schädlichen Insekten gibt, wie wir in Europa +uns der Vorzüge unseres Wohnhauses oder des malerischen Effekts unserer +Pflanzungen rühmen. + +Unser Wirth war mit einer Mannschaft, die an der Küste des Meerbusens von +Paria Holzschläge für die spanische Marine einrichten sollte, in die neue +Welt gekommen. In den großen Mahagoni-, Cedrela- und Brasilholzwäldern, +die um das Meer der Antillen her liegen, dachte man die größten Stämme +auszusuchen, sie im Groben so zuzuhauen, wie man sie zum Schiffsbau +braucht, und sie jährlich auf die Werfte von Caraques bei Cadix zu +schicken. Aber weiße, nicht acclimatisirte Männer mußten der anstrengenden +Arbeit, der Sonnengluth und der ungesunden Luft der Wälder erliegen. +Dieselben Lüfte, welche mit den Wohlgerüchen der Blüthen, Blätter und +Hölzer geschwängert sind, führen auch den Keim der Auflösung in die +Organe. Bösartige Fieber rafften mit den Zimmerleuten der königlichen +Marine die Aufseher der neuen Anstalt weg, und die Bucht, der die ersten +Spanier wegen des trübseligen, wilden Aussehens der Küste den Namen +_»Golfo triste«_ gegeben, wurde das Grab der europäischen Seeleute. Unser +Wirth hatte das seltene Glück, diesen Gefahren zu entgehen; nachdem er den +größten Theil der Seinigen hatte hinsterben sehen, zog er weit weg von der +Küste auf die Berge des Cocollar. Ohne Nachbarschaft, im ungestörten +Besitz eines Savanenstrichs von fünf Meilen, genießt er hier der +Unabhängigkeit, wie die Vereinzelung sie gewährt, und der Heiterkeit des +Gemüths, wie sie schlichten Menschen eigen ist, die in reiner, stärkender +Luft leben. + +Nichts ist dem Eindruck majestätischer Ruhe zu vergleichen, den der +Anblick des gestirnten Himmels an diesem einsamen Ort in einem hinterläßt. +Blickten wir bei Einbruch der Nacht hinaus über die Prairien, die bis zunm +Horizont fortstreichen, über die grün bewachsene, sanft gewellte +Hochebene, so war es uns, gerade wie in den Steppen am Orinoco, als sähen +wir weit weg das gestirnte Himmelsgewölbe auf dem Ocean ruhen. Der Baum, +unter dem wir saßen, die leuchtenden Insekten, die in der Luft tanzten, +die glänzenden Sternbilder im Süden, Alles mahnte uns daran, wie weit wir +von der Heimatherde waren. Und wenn nun, inmitten dieser fremdartigen +Natur, aus einer Schlucht heraus das Schellengeläute einer Kuh oder das +Brüllen des Stieres zu unsern Ohren drang, dann sprang mit einemmal der +Gedanke an die Heimath ins uns auf. Es war, als hörten wir aus weiter, +weiter Ferne Stimmen, die über das Weltmeer herüber riefen und uns mit +Zauberkraft aus einer Hemisphäre in die andere versetzten. So wunderbar +beweglich ist die Einbildungskraft des Menschen, die ewige Quelle seiner +Freuden und seiner Schmerzen! + +In der Morgenkühle machten wir uns auf, den Turimiquiri zu besteigen. So +heißt der Gipfel des Cocollar, der mit dem Brigantin nur Einen +Gebirgsstock bildet, welcher bei den Eingeborenen früher Sierra de los +Tageres hieß. Man macht einen Theil des Wegs auf Pferden, die frei in den +Savanen laufen, zum Theil aber an den Sattel gewöhnt sind. So plump ihr +Aussehen ist, klettern sie doch ganz flink den schlüpfrigsten Rasen +hinaus. Wir machten zuerst bei einer Quelle Halt, die nicht aus dem +Kalkstein, sondern noch aus einer Schichte quarzigen Sandsteins kommt. +Ihre Temperatur war 21°, also um 1°,5 geringer als die der Quelle von +Quetepe; der Höhenunterschied beträgt aber auch gegen 220 Toisen. +Ueberall, wo der Sandstein zu Tage kommt, ist der Boden eben und bildet +gleichsam kleine Plateaus, die wie Stufen über einander liegen. Bis zu +700 Toisen und sogar darüber ist der Berg, wie alle in der Nachbarschaft, +nur mit Gräsern bewachsen. In Cumana schreibt man den Umstand, daß keine +Bäume mehr vorkommen, der großen Höhe zu; vergegenwärtigt man sich aber +die Vertheilung dör Gewächse in den Cordilleren der heißen Zone, so sieht +man, daß die Berggipfel in Neu-Andalusien lange nicht zu der obern +Baumgrenze hinaufreichen, die in dieser Breite mindestens 1600 Toisen hoch +liegt. Ja der kurze Rasen zeigt sich auf dem Cocollar stellenweise sogar +schon bei 350 Toisen über dem Meer und man kann auf demselben bis zu +1000 Toisen Höhe gehen; weiter hinauf, über diesem mit Gräsern bedeckten +Gürtel, befindet sich auf dem Menschen fast unzugänglichen Gipfeln ein +Wäldchen von Cedrela, Javillos(52) und Mahagonibäumen. Nach diesen lokalen +Verhältnissen muß man annehmen, daß die Bergsavanen des Cocollar und +Turimiquiri ihre Entstehung nur der verderblichen Sitte der Eingeborenen +verdanken, die Wälder anzuzünden, die sie in Weideland verwandeln wollen. +Jetzt, da Gräser und Alppflanzen seit dreihundert Jahren den Boden mit +einem dicken Filz überzogen haben, können die Baumsamen sich nicht mehr im +Boden befestigen und keimen, obgleich Wind und Vögel sie fortwährend von +entlegenen Wäldern in die Savanen herübertragen. + +Das Klima auf diesen Bergen ist so mild, daß beim Hofe auf dem Cocollar +der Baumwollenbaum, der Kaffeebaum, sogar das Zuckerrohr gut fortkommen. +Trotz aller Behauptungen der Einwohner an der Küste ist unter dem 10. Grad +der Breite auf Bergen, die kaum höher sind als der Mont d’Or und der Puy +de Dome, niemals Reif gesehen worden. Die Weiden auf dem Turimiquiri +nehmen an Güte ab, je höher sie liegen. Ueberall, wo zerstreute Felsmassen +Schatten bieten, kommen Flechten und verschiedene europäische Moose vor. +_Melastoma xanthostachis_ und ein Strauch (_Palicourea rigida_), dessen +große lederartige Blätter im Wind wie Pergament rauschen, wachsen hie und +da in der Savane. Aber die Hauptzierde des Rasens ist ein Liliengewächs +mit goldgelber Blüthe, die _Marica martinicensis_. Man findet sie in den +Provinzen Cumana und Caracas meist erst in 400 bis 500 Toisen Höhe. Die +Gebirgsarten des Turimiquiri sind ein Alpenkalk, ähnlich dem bei +Cumanacoa, und ziemlich dünne Schichten Mergel und quarziger Sandstein. Im +Kalkstein sind Klumpen von braunem Eisenoxyd und Spatheisen eingesprengt. +An mehreren Stellen habe ich ganz deutlich beobachtet, daß der Sandstein +dem Kalk nicht nur aufgelagert ist, sondern daß beide nicht selten in +Wechsellagerung vorkommen. + +Man unterscheidet im Lande den abgerundeten Gipfel des Turimiquiri und die +spitzen Pics oder *Cucuruchos*, die dicht bewaldet sind und wo es viele +Tiger gibt, auf die man wegen des großen und schönen Fells Jagd macht. Den +runden begrasten Gipfel fanden wir 707 Toisen hoch. Von diesem Gipfel +läuft nun nach West ein steiler Felskamm aus, der eine Seemeile von jenem +durch eine ungeheure Spalte unterbrochen ist, die gegen den Meerbusen von +Cariaco hinunterläuft. An der Stelle, wo der Kamm hätte weiter laufen +sollen, erheben sich zwei Bergspitzen aus Kalkstein, von denen die +nördliche die höhere ist. Dieß ist der eigentliche Cucurucho de +Turimiquiri, der für höher gilt als der Brigantin, der den Schiffern, die +der Küste von Cumana zusteuern, so wohl bekannt ist. Nach Höhenwinkeln und +einer ziemlich kurzen Standlinie, die wir auf dem abgerundeten kahlen +Gipfel zogen, maßen wir den Spitzberg oder Cucurucho und fanden ihn +350 Toisen höher als unsern Standort, so daß seine absolute Höhe über +1050 Toisen beträgt. + +Man genießt auf dem Turimiquiri einer der weitesten und malerischsten +Aussichten. Vom Gipfel bis hinunter zum Meer liegen Bergketten vor einem, +die parallel von Ost nach West streichen und Längenthäler zwischen sich +haben. Da in letztere eine Menge kleiner, von den Bergwassern ausgespülter +Thäler unter rechtem Winkel münden, so stellen sich die Seitenketten als +Reihen gleich vieler bald abgerundeter, bald kegelförmiger Höhen dar. Bis +zum Imposible sind die Berghänge meist ziemlich sanft; weiterhin werden +die Abfälle sehr steil und streichen hinter einander fort bis zum Ufer des +Meerbusens von Cariaco. Die Umrisse dieser Gebirgsmassen erinnern an die +Ketten des Jura, und die einzige Ebene, die sich darin findet, ist das +Thal von Cumanacoa. Es ist als sähe man in einen Trichter hinunter, auf +dessen Boden unter zerstreuten Baumgruppen das indianische Dorf Aricagua +erscheint. Gegen Nord hob sich eine schmale Landzunge, die Halbinsel +Araya, braun vom Meere ab, das, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, +ein glänzendes Licht zurückwarf. Jenseits der Halbinsel begrenzte den +Horizont das Vorgebirge Macanao, dessen schwarzes Gestein gleich einem +ungeheuren Bollwerk aus dem Wasser aufsteigt. + +Der Hof auf dem Cocollar am Fuße des Turimiquiri liegt unter 10° 9’ 32" +der Breite. Die Inclination der Magnetnadel fand ich gleich 42° 10’. Die +Nadel schwang 220mal in zehn Zeitminuten. Die im Kalk liegenden +Brauneisensteinmassen mögen die Intensität der magnetischen Kraft um ein +Weniges steigern. + +Am 14. September gingen wir vom Cocollar zur Mission San Antonio hinunter. +Der Weg führt Anfangs über Savanen, die mit großen Kalksteinblöcken +übersäet sind, und dann betritt man dichten Wald. Nachdem man zwei sehr +steile Berggräte überstiegen, hat man ein schönes Thal vor sich, das fünf +Meilen lang fast durchaus von Ost nach West streicht. In diesem Thale +liegen die Missionen San Antonio und Guanaguana. Erstere ist berühmt wegen +einer kleinen Kirche aus Backsteinen, in erträglichem Styl, mit zwei +Thürmen und dorischen Säulen. Sie gilt in der Umgegend für ein Wunder. Der +Gardian der Kapuziner wurde mit diesem Kirchenbau in nicht ganz zwei +Sommern fertig, obgleich er nur Indianer aus seinem Dorfe dabei verwendet +hatte. Die Säulencapitäle, die Gesimse und ein mit Sonnen und Arabesken +gezierter Fries wurden aus mit Ziegelmehl vermischtem Thon modellirt. +Wundert man sich, an der Grenze Lapplands Kirchen im reinsten griechischen +Styl [In Skelestar bei Torneo. S. Buch, Reise in Norwegen] anzutreffen, so +überraschen einen dergleichen erste Kunstversuche noch mehr in einem +Erdstrich, wo noch Alles den Stempel menschlicher Urzustände trägt und von +den Europäern erst seit etwa vierzig Jahren der Grund zu künftiger Cultur +gelegt wurde. Der Statthalter der Provinz mißbilligte es, daß in Missionen +mit solchem Luxus gebaut werde, und zum großen Leidwesen der Mönche wurde +die Kirche nicht ausgebaut. Die Indianer von San Antonio sind weit +entfernt, solches gleichfalls zu beklagen; sie sind insgeheim mit dem +Spruche des Statthalters vollkommen einverstanden, weil er ihrer +natürlichen Trägheit behagt. Sie machen sich eben so wenig aus +architektonischen Ornamenten als einst die Eingeborenen in den +Jesuitenmissionen in Paraguay. + +Ich hielt mich in der Mission San Antonio nur auf, um auf den Barometer zu +sehen und ein paar Sonnenhöhen zu nehmen. Der große Platz liegt 216 Toisen +über Cumana. Jenseits des Dorfs durchwateten wir die Flüsse Colorado und +Guarapiche, die beide in den Bergen des Cocollar entspringen und weiter +unten, ostwärts, sich vereinigen. Der Colorado hat eine sehr starke +Strönnmg und wird bei seiner Mündung breiter als der Rhein; der Guarapiche +ist, nachdem er den Rio Areo aufgenommen, über fünf und zwanzig Faden +tief. An seinen Ufern wächst eine ausnehmend schöne Grasart, die ich zwei +Jahre später, als ich den Magdalenenstrom hinausfuhr, gezeichnet habe. Der +Halm mit zweizeiligen Blättern wird 15 bis 20 Fuß hoch. Unsere Maulthiere +konnten sich durch den dicken Morast auf dem schmalen ebenen Weg kaum +durcharbeiten. Es goß in Strömen vom Himmel; der ganze Wald erschien in +Folge des starken anhaltenden Regens wie Ein Sumpf. + +Gegen Abend langten wir in der Mission Guanaguana an, die so ziemlich in +derselben Höhe liegt, wie das Dorf San Antonio. Es that sehr noth, daß wir +uns trockneten. Der Missionär nahm uns sehr herzlich auf. Es war ein alter +Mann, der, wie es schien, seine Indianer sehr verständig behandelte. Das +Dorf steht erst seit dreißig Jahren am jetzigen Fleck, früher lag es +weiter nach Süden und lehnte sich an einen Hügel. Man wundert sich, mit +welcher Leichtigkeit man die Wohnsitze der Indianer verlegt. Es gibt in +Südamerika Dörfer, die in weniger als einem halben Jahrhundert dreimal den +Ort gewechselt haben. Den Eingeborenen knüpfen so schwache Bande an den +Boden, auf dem er wohnt, daß er den Befehl, sein Haus abzureißen und es +anderswo wieder aufzubauen, gleichmüthig aufnimmt. Ein Dorf wechselt +seinen Platz wie ein Lager. Wo es nur Thon, Rohr, Palmblätter und +Heliconienblätter gibt, ist die Hütte in wenigen Tagen wieder fertig. +Diesen gewaltsamen Aenderungen liegt oft nichts zu Grunde als die Laune +eines frisch aus Spanien angekommenen Missionärs, der meint, die Mission +sey dem Fieber ausgesetzt oder liege nicht luftig genug. Es ist +vorgekommen, daß ganze Dörfer mehrere Stunden weit verlegt wurden, bloß +weil der Mönch die Aussicht aus seinem Hause nicht schön oder weit genug +fand. + +Guanaguana hat noch keine Kirche. Der alte Geistliche, der schon seit +dreißig Jahren in den Wäldern Amerikas lebte, äußerte gegen uns, die +Gemeindegelder, d. h. der Ertrag der Arbeit der Indianer, müßten zuerst +zum Bau des Missionshauses, dann zum Kirchenbau und endlich für die +Kleidung der Indianer verwendet werden. Er versicherte in wichtigem Ton, +von dieser Ordnung dürfe unter keinem Vorwand abgegangen werden. Nun, die +Indianer, die lieber ganz nackt gehen als die leichtesten Kleider tragen, +können gut warten, bis die Reihe an sie kommt. Die geräumige Wohnung des +*Padre* war eben fertig geworden, und wir bemerkten zu unserer +Ueberraschung, daß das Haus, das ein plattes Dach hatte, mit einer Menge +Kaminen wie mit Thürmchen geziert war. Sie sollten, belehrte uns unser +Wirth, ihn an sein geliebtes Heimathland, und in der tropischen Hitze an +die aragonesischen Winter erinnern. Die Indianer in Guanaguana bauen +Baumwolle für sich, für die Kirche und für den Missionär. Der Ertrag gilt +als Gemeindeeigenthum und mit den Gemeindegeldern werden die Bedürfnisse +des Geistlichen und die Kosten des Gottesdienstes bestritten. Die +Eingeborenen haben höchst einfache Vorrichtungen, um den Samen von der +Baumwolle zu trennen. Es sind hölzerne Cylinder von sehr kleinem +Durchmesser, zwischen denen die Baumwolle durchläuft und die man wie +Spinnräder mit dem Fuße umtreibt. Diese höchst mangelhaften Maschinen +leisten indessen gute Dienste und man fängt in den andern Missionen an sie +nachzuahmen. Ich habe anderswo, in meinem Werke über Mexico, auseinander +gesetzt, wie sehr die Sitte, die Baumwolle mit dem Samen zu verkaufen, den +Transport in den spanischen Colonien erschwert, wo alle Waaren auf +Maulthieren in die Seehäfen kommen. Der Boden ist in Guanaguana eben so +fruchtbar wie im benachbarten Dorfe Aricagua, das gleichfalls seinen +indianischen Namen behalten hat. Eine *Almuda* (1850 Quadrattoisen) trägt +in guten Jahren 25–30 Fanegas Mais, die Fanega zu hundert Pfund. Aber hier +wie überall, wo der Segen der Natur die Entwicklung der Industrie hemmt, +macht man nur ganz wenige Morgen Landes urbar, und kein Mensch denkt +daran, mit dem Anbau der Nahrungspflanzen zu wechseln. Die Indianer in +Guanaguana erzählten mir als etwas Ungewöhnliches, im verflossenen Jahr +seyen sie, ihre Weiber und Kinder drei Monate lang _al monte_ gewesen, das +heißt, sie seyen in den benachbarten Wäldern umhergezogen, um sich von +saftigen Pflanzen, von Palmkohl, von Farnwurzeln und wilden Baumfrüchten +zu nähren. Sie sprachen von diesem Nomadenleben keineswegs wie von einem +Nothstand. Nur der Missionär hatte dabei zu leiden gehabt, weil das Dorf +ganz verlassen stand und die Gemeindegenossen, als sie aus den Wäldern +wieder heim kamen, weniger lenksam waren als zuvor. + +Das schöne Thal von Guanaguana läuft gegen Ost in die Ebenen von Punzere +und Terecen aus. Gerne hätten wir diese Ebenen besucht, um die Quellen von +Bergöl zwischen den Flüssen Guarapiche und Areo zu untersuchen; aber die +Regenzeit war förmlich eingetreten, und wir hatten täglich vollauf zu +thun, um die gesammelten Pflanzen zu trocknen und aufzubewahren. Der Weg +von Guanaguana nach dem Dorfe Punzere führt entweder über San Felix, oder +über Caycara und Guahuta, wo sich ein *Hato* (Hof für Viehzucht) der +Missionäre befindet. An letzterem Orte findet man, nach dem Bericht der +Indianer, große Schwefelmassen, nicht in Gips oder Kalkstein, sondern in +geringer Tiefe unter der Fläche des Bodens in Thonschichten. Dieses +auffallende Vorkommen scheint Amerika eigenthümlich; wir werden demselben +im Königreich Quito und in Neugrenada wieder begegnen. Vor Punzere sieht +man in den Savanen Säckchen von Seidengewebe an den niedrigsten Baumästen +hängen. Es ist dieß die _seda silvestre_ oder einheimische wilde Seide, +die einen schönen Glanz hat, aber sich sehr rauh anfühlt. Der +Nachtschmetterling, der sie spinnt, kommt vielleicht mit denen in den +Provinzen Gnanaxuato und Antioquia überein, die gleichfalls wilde Seide +liefern. Im schönen Walde von Punzere kommen zwei Bäume vor, die unter den +Namen Curucay und Canela bekannt sind; ersterer liefert ein von den +*Pinches* oder indianischen Zauberern sehr gesuchtes Harz, der zweite hat +Blätter, die nach ächtem Ceylonzimmt riechen. Von Punzere läuft der Weg +über Terecen und Neu-Palencia, das eine neue Niederlassung von Canariern +ist, nach dem Hafen San Juan, der am rechten Ufer des Rio Areo liegt, und +man muß in einer Pirogue über diesen Fluß setzen, wenn man zu den +berühmten Bergölquellen von Buen Pastor gehen will. Man beschrieb sie uns +als kleine Schachte oder Trichter, die sich von selbst im sumpfigen Boden +gebildet haben. Diese Erscheinung erinnert an den Asphaltsee oder +*Chapapote* auf der Insel Trinidad, der in gerader Linie von Buen Pastor +nur 35 Seemeilen entfernt ist. + +Nachdem wir eine Weile mit dem Verlangen gekämpft, den Guarapiche hinunter +in den _Golfo triste_ zu fahren, wandten wir uns gerade den Bergen zu. Die +Thäler von Guanaguana und Caripe sind durch eine Art Damm oder Grat aus +Kalkstein, der unter dem Namen _Cuchilla de Guanaguana_ weit und breit +berühmt ist, von einander getrennt [Im ganzen spanischen Amerika bedeutet +_cuchilla_ Messerklinge, einen Bergkamm mit sehr steilen Abhängen.]. Wir +fanden den Uebergang beschwerlich, weil wir damals noch nicht in den +Cordilleren gereist waren, aber so gefährlich, als man ihn in Cumana +schildert, ist er keineswegs. Allerdings ist der Weg an mehreren Stellen +nur 14 oder 15 Zoll breit; der Bergsattel, über den er wegläuft, ist mit +kurzem, sehr glattem Rasen bedeckt, die Abhänge zu beiden Seiten sind +ziemlich jäh, und wenn der Reisende fiele, könnte er auf dem Grase sieben, +achthundert Fuß hinunterrollen. Indessen sind die Bergseiten vielmehr nur +starke Böschungen als eigentliche Abgründe, und die Maulthiere hier zu +Lande haben einen so sichern Gang, daß man sich ihnen ruhig anvertrauen +kann. Ihr Benehmen ist ganz wie das der Saumthiere in der Schweiz und in +den Pyrenäen. Je wilder ein Land ist, desto feinfühliger und schärfer +witternd wird der Instinkt der Hausthiere. Spüren die Maulthiere eine +Gefahr, so bleiben sie stehen und wenden den Kopf hin und her, bewegen die +Ohren auf und ab; man sieht, sie überlegen, was zu thun sey. Sie kommen +langsam zum Entschluß, aber derselbe fällt immer richtig aus, wenn er frei +ist, das heißt, wenn ihn der Reisende nicht unvorsichtigerweise stört oder +übereilt. Wenn man in den Anden sechs, sieben Monate auf entsetzlichen +Wegen durch die von den Bergwassern zerrissenen Gebirge zieht, da +entwickelt sich die Intelligenz der Reitpferde und Lastthiere auf wahrhaft +erstaunliche Weise. Man kann auch die Gebirgsbewohner sagen hören: »Ich +gebe Ihnen nicht das Maulthier, das den bequemsten Schritt hat, sondern +das vernünftigste, _la mas racional_.« Dieses Wort aus dem Munde des +Volks, die Frucht langer Erfahrung, widerlegt das System, das in den +Thieren nur belebte Maschinen sieht, wohl besser als alle Beweisführung +der speculativen Philosophie. + +Auf dem höchsten Punkt des Kammes oder der Cuchilla von Guanaguana +angelangt, hatten wir eine interessante Fernsicht. Wir übersahen mit Einem +Blick die weiten Prairien oder Savanen von Maturin und am Rio Tigre, den +Spitzberg Turimiquiri und zahllose parallel streichende Bergketten, die +von weitem einer wogenden See gleichen. Gegen Nordost öffnet sich das +Thal, in dem das Kloster Caripe liegt. Sein Anblick ist um so einladender, +als es bewaldet ist und so von den kahlen, nur mit Gras bewachsenen Bergen +umher freundlich absticht. Wir fanden die absolute Höhe der Cuchilla +gleich 548 Toisen; sie liegt also 329 Toisen über dem Missionshaus von +Guanaguana. + +Steigt man auf sehr krummem Pfade vom Bergkamme nieder, so betritt man +bald ein ganz bewaldetes Land. Der Boden ist mit Moos und einer neuen Art +Drosera bedeckt, die im Wuchs der Drosera unserer Alpen gleicht. Je näher +man dem Kloster Caripe kommt, desto dichter wird der Wald, desto üppiger +die Vegetation. Alles bekommt einen andern Charakter, sogar die +Gebirgsart, in der wir von Punta Delgada an gewesen waren. Die +Kalksteinschichten werden dünner; sie bilden Mauern, Gesimse und Thürme +wie in Peru, im Pappenheimschen und bei Dicow in Gallizien. Es ist nicht +mehr Alpenkalk, sondern eine Formation, welche jenem übergelagert ist, +analog dem Jurakalk. + +Der Weg von der Cuchilla herab ist bei weitem nicht so lang als der +hinaus. Wir fanden, daß das Thal von Caripe 200 Toisen höher liegt als das +Thal von Guanaguana. Ein Bergzug von unbedeutender Breite trennt zwei +Becken; das eine ist köstlich kühl, das andere als furchtbar heiß +verrufen. Solchen Contrasten begegnet man in Mexico, in Neu-Grenada und +Peru häufig, aber im Nordosten von Südamerika sind sie selten. Unter allen +hochgelegenen Thälern in Neu-Andalusien ist auch nur das von Caripe +[absolute Höhe des Klosters 412 Toisen] sehr stark bewohnt. In einer +Provinz mit schwacher Bevölkerung, wo die Gebirge weder eine sehr +bedeutende Masse, noch ausgedehnte Hochebenen haben, findet der Mensch +wenig Anlaß, aus den Ebenen wegzuziehen und sich in gemäßigteren +Gebirgsstrichen niederzulassen. + + ------------------ + + + + + + 49 In den spanischen Kolonien heißt *Mision* oder *Pueblo de Mision* + ein Anzahl Wohnungen um eine Kirche herum, wo ein Missionar, der + Ordensgeistlicher ist, den Gottesdienst versieht. Die indianischen + Dörfer, die unter der Obhut von Pfarrers stehen, heißen *Pueblos de + Doctrina*. Man unterscheidet noch weiter den *Cura doctrinero*, den + Pfarrer einer indianischen Gemeinde, und den *Cura rector*, den + Pfarrer eines von Weißen oder Farbigen bewohnten Dorfes. + + 50 Das virginische Megatherium ist der Megalonyx Jeffersons. Alle diese + ungeheuren Knochen, die man *auf den Ebenen* der neuen Welt, + nördlich oder südlich vom Aequator gefunden, gehören nicht der + heißen, sondern der gemäßigten Zone an. Andererseits macht Pallas + die Bemerkung, daß in Sibirien, also auch nördlich vom Wendekreis, + fossile Knochen in den gebirgigen Landestheilen gar nicht vorkommen. + Diese eng mit einander verknüpften Thatsachen scheinen den Weg zur + Auffindung eines wichtigen geologischen Gesetzes zu bahnen. + + 51 Große Messer mit sehr langen Klingen, ähnlich den Jagdmessern. In + der heißen Zone geht man nicht ohne *Machete* in den Wald, sowohl um + die Lianen und Baumäste abzuhauen, die einem den Weg sperren, als um + sich gegen wilde Thiere zu vertheidigen. + +_ 52 Hura crepitans_, aus der Familie der Euphorbien. Dieser Baum wird + ungeheuer dick; im Thal von Curiepe zwischen Cap Codera und Caracas + maß Bonpland Kufen aus Javilloholz, die vierzehn Fuß lang und acht + breit waren. Diese Kufen aus Einem Stück dienen zur Aufbewahrung des + Guarapo oder Zuckerrohrsasts und der Melasse. Die Samen des Javillo + sind ein starkes Gift, und die Milch, die aus dem Blüthenstengel + quillt, wenn man ihn abbricht, hat uns oft Augenschmerz verursacht, + wenn zufällig auch nur ein ganz klein wenig davon zwischen die + Augenlider kam. + + + + + +SIEBENTES KAPITEL + + + Das Kloster Caripe — Die Höhle des Guacharo — Nachtvögel + + +Eine Allee von Perseabäumen führte uns zum Hospiz der aragonesischen +Kapuziner. Bei einem Kreuz aus Brasilholz mitten auf einem großen Platz +machten wir Halt. Das Kreuz ist von Bänken umgeben, wo die kranken und +schwachen Mönche ihren Rosenkranz beten. Das Kloster lehnt sich an eine +ungeheure, senkrechte, dicht bewachsene Felswand. Das blendend weiße +Gestein blickt nur hin und wieder hinter dem Laube vor. Man kann sich kaum +eine malerischere Lage denken; sie erinnerte mich lebhaft an die Thäler +der Grafschaft Derby und an die höhlenreichen Berge bei Muggendorf in +Franken. An die Stelle der europäischen Buchen und Ahorne treten hier die +großartigeren Gestalten der Ceiba und der Praga- und Irassepalmen. +Unzählige Quellen brechen aus den Bergwänden, die das Becken von Caripe +kreisförmig umgeben und deren gegen Süd steil abfallende Hänge tausend Fuß +hohe Profile bilden. Diese Quellen kommen meist aus Spalten oder engen +Schluchten hervor. Die Feuchtigkeit, die sie verbreiten, befördert das +Wachsthum der großen Bäume, und die Eingeborenen, welche einsame Orte +lieben, legen ihre *Conucos* längs dieser Schluchten an. Bananen und +Melonenbäume stehen hier um Gebüsche von Baumfarn. Dieses Durcheinander +von cultivirten und wilden Gewächsen gibt diesen Punkten einen +eigenthümlichen Reiz. An den nackten Bergseiten erkennt man die Stellen, +wo Quellen zu Tage kommen, schon von weitem an den dichten Massen von +Grün, die anfangs am Gestein zu hängen scheinen und sich dann den +Windungen der Bäche nach ins Thal hinunter ziehen. + +Wir wurden von den Mönchen im Hospiz mit der größten Zuvorkommenheit +aufgenommen. Der Pater Gardian war nicht zu Hause; aber er war von unserem +Abgang von Cumana in Kenntniß gesetzt und hatte Alles aufgeboten, um uns +den Aufenthalt angenehm zu machen. Das Hospiz hat einen innern Hof mit +einem Kreuzgang, wie die spanischen Klöster. Dieser geschlossene Raum war +sehr bequem für uns, um unsere Instrumente unterzubringen und zu +beobachten. Wir trafen im Kloster zahlreiche Gesellschaft: junge, vor +Kurzem aus Europa angekommene Mönche sollten eben in die Missionen +vertheilt werden, während alte kränkliche Missionäre in der scharfen +gesunden Gebirgsluft von Caripe Genesung suchten. Ich wohnte in der Zelle +des Gardians, in der sich eine ziemlich ansehnliche Büchersammlung befand. +Ich fand hier zu meiner Ueberraschung neben Feijos _teatro critico_ und +den »erbaulichen Briefen« auch Abbé Nollets »_traité d’électricité_.« Der +Fortschritt in der geistigen Entwicklung ist, sollte man da meinen, sogar +in den Wäldern Amerikas zu spüren. Der jüngste Kapuziner von der letzten +Mission(53) hatte eine spanische Uebersetzung von Chaptals Chemie +mitgebracht. Er gedachte dieses Werk in der Einsamkeit zu studiren, in der +er fortan für seine übrige Lebenszeit sich selbst überlassen seyn sollte. +Ich glaube kaum, daß bei einem jungen Mönche, der einsam am Ufer des Rio +Tigre lebt, der Wissenstrieb wach und rege bleibt; aber so viel ist sicher +und gereicht dem Geist des Jahrhunderts zur Ehre, daß wir bei unserern +Aufenthalt in den Klöstern und Missionen Amerikas nie eine Spur von +Unduldsamkeit wahrgenommen haben. Die Mönche in Caripe wußten wohl, daß +ich im protestantischen Deutschland zu Hause war. Mit den Befehlen des +Madrider Hofes in der Hand, hatte ich keinen Grund, ihnen ein Geheimniß +daraus zu machen; aber niemals that irgend ein Zeichen von Mißtrauen, +irgend eine unbescheidene Frage, irgend ein Versuch, eine Controverse +anzuknüpfen, dem wohlthuenden Eindruck der Gastfreundschaft, welche die +Mönche mit so viel Herzlichkeit und Offenheit übten, auch nur den +geringsten Eintrag. Wir werden weiterhin untersuchen, woher diese +Duldsamkeit der Missionare rührt und wie weit sie geht. + +Das Kloster liegt an einem Orte, der in alter Zeit Areocuar hieß. Seine +Meereshöhe ist ungefähr dieselbe wie die der Stadt Caracas oder des +bewohnten Strichs in den blauen Bergen von Jamaica. Auch ist die mittlere +Temperatur dieser drei Punkte, die alle unter den Tropen liegen, so +ziemlich dieselbe. In Caripe fühlt man das Bedürfniß, sich Nachts +zuzudecken, besonders bei Sonnenaufgang. Wir sahen den hunderttheiligen +Thermometer um Mitternacht zwischen 16 und 17½ Grad (12°,8–14 R.) stehen, +Morgens zwischen 19 und 20. Gegen ein Uhr Nachmittags stand er nur auf 21° +bis 22°,5. Es ist dieß eine Temperatur, bei der die Gewächse der heißen +Zone noch wohl gedeihen; gegenüber der übermäßigen Hitze auf den Ebenen +bei Cumana könnte man sie eine Frühlingstemperatur nennen. Das Wasser, das +man in porösen Thongesäßen dem Luftzug aussetzt, kühlt sich in Caripe +während der Nacht auf 13° ab. Ich brauche nicht zu bemerken, daß solches +Wasser einem fast eiskalt vorkommt, wenn man in Einem Tage entweder von +der Küste oder von den glühenden Savanen von Terezen ins Kloster kommt und +daher gewöhnt ist, Flußwasser zu trinken, das meist 25–26° (20–20°,8 R.) +warm ist. + +Die mittlere Temperatur des Thals von Caripe scheint, nach der des Monats +September zu schließen, 18°,5 zu seyn. Nach den Beobachtungen, die man in +Cumana gemacht, weicht unter dieser Zone die Temperatur des Septembers von +der des ganzen Jahres kaum um einen halben Grad ab. Die mittlere +Temperatur von Caripe ist gleich der des Monats Juni zu Paris, wo übrigens +die größte Hitze 10 Grad mehr beträgt als an den heißesten Tagen in +Caripe. Da das Kloster nur 400 Toisen über dem Meere liegt, so fällt es +auf, wie rasch die Wärme von der Küste an abnimmt. Wegen der dichten +Wälder können die Sonnenstrahlen nicht vom Boden abprallen, und dieser ist +feucht und mit einem dicken Gras- und Moosfilz bedeckt. Bei anhaltend +nebligter Witterung ist von Sonnenwirkung ganze Tage lang nichts zu spüren +und gegen Einbruch der Nacht wehen frische Winde von der Sierra del +Guacharo ins Thal herunter. + +Die Erfahrung hat ausgewiesen, daß das gemäßigte Klima und die leichte +Luft des Orts dem Anbau des Kaffeebaums, der bekanntlich hohe Lagen liebt, +sehr förderlich sind. Der Superior der Kapuziner, ein thätiger, +aufgeklärter Mann, hat in seiner Provinz diesen neuen Kulturzweig +eingeführt. Man baute früher Indigo in Caripe, aber die Pflanze, die +starke Hitze verlangt, lieferte hier so wenig Farbstoff, daß man es +aufgab. Wir fanden im Gemeinde-Conuco viele Küchenkräuter, Mais, +Zuckerrohr und fünftausend Kaffeestämme, die eine reiche Ernte +versprachen. Die Mönche hofften in wenigen Jahren ihrer dreimal so viel zu +haben. Man sieht auch hier wieder, wie die geistliche Hierarchie überall, +wo sie es mit den Anfängen der Cultur zu thun hat, in derselben Richtung +ihre Thätigkeit entwickelt. Wo die Klöster es noch nicht zum Reichthum +gebracht haben, auf dem neuen Continent wie in Gallien, in Syrien wie im +nördlichen Europa, überall wirken sie höchst vortheilhaft auf die +Urbarmachung des Bodens und die Einführung fremdländischer Gewächse. In +Caripe stellt sich der Gemeinde-Conuco als ein großer schöner Garten dar. +Die Eingeborenen sind gehalten, jeden Morgen von sechs bis zehn Uhr darin +zu arbeiten. Die Alcaden und Alguazils von indianischem Blut führen dabei +die Aufsicht. Es sind das die hohen Staatsbeamten, die allein einen Stock +tragen dürfen und vom Superior des Klosters angestellt werden. Sie legen +auf jenes Recht sehr großes Gewicht. Ihr pedantischer, schweigsamer Ernst, +ihre kalte, geheimnißvolle Miene, der Eifer, mit dem sie in der Kirche und +bei den Gemeindeversammlungen repräsentiren, kommt den Europäern höchst +lustig vor. Wir waren an diese Züge im Charakter des Indianers noch nicht +gewöhnt, fanden sie aber später gerade so am Orinoco, in Mexico und Peru +bei Völkern von sehr verschiedenen Sitten und Sprachen. Die Alcaden kamen +alle Tage ins Kloster, nicht sowohl um mit den Mönchen über +Angelegenheiten der Mission zu verhandeln, als unter dem Vorwand, sich +nach dem Befinden der kürzlich angekommenen Reisenden zu erkundigen. Da +wir ihnen Branntwein gaben, wurden die Besuche häufiger, als die +Geistlichen gerne sahen. + +So lange wir uns in Caripe und in den andern Missionen der Chaymas +aufhielten, sahen wir die Indianer überall milde behandeln. Im Allgemeinen +schien uns in den Missionen der aragonesischen Kapuziner grundsätzlich +eine Ordnung und eine Zucht zu herrschen, wie sie leider in der neuen Welt +selten zu finden sind. Mißbräuche, die mit dem allgemeinen Geist aller +klösterlichen Anstalten zusammenhängen, dürfen dem einzelnen Orden nicht +zur Last gelegt werden. Der Gardian des Klosters Verkauft den Ertrag des +Gemeinde-Conuco, und da alle Indianer darin arbeiten, so haben auch alle +gleichen Theil am Gewinn. Mais, Kleidungsstücke, Ackergeräthe, und, wie +man versichert, zuweilen auch Geld werden unter ihnen vertheilt. Diese +Mönchsanstalten haben, wie ich schon oben bemerkt, Aehnlichkeit mit den +Gemeinden der mährischen Brüder; sie fördern die Entwicklung in der +Bildung begriffener Menschenvereine, und in den katholischen Gemeinden, +die man Missionen nennt, wird die Unabhängigkeit der Familien und die +Selbstständigkeit der Genossenschaftsglieder mehr geachtet, als in den +protestantischen Gemeinden nach Zinzendorfs Regel. + +Am berühmtesten ist das Thal von Caripe, neben der ausnehmenden Kühle des +Klimas, durch die große *Cueva* oder Höhle des *Guacharo*. In einem Lande, +wo man so großen Hang zum Wunderbaren hat, ist eine Höhle, aus der ein +Strom entspringt und in der Tausende von Nachtvögeln leben, mit deren Fett +man in den Missionen kocht, natürlich ein unerschöpflicher Gegenstand der +Unterhaltung und des Streits. Kaum hat daher der Fremde in Cumana den Fuß +ans Land gesetzt, so hört er zum Ueberdruß vom Augenstein von Araya, vom +Landmann in Arenas, der sein Kind gesäugt, und von der Höhle des Guacharo, +die mehrere Meilen lang seyn soll. Lebhafte Theilnahme an +Naturmerkwürdigkeiten erhält sich überall, wo in der Gesellschaft kein +Leben ist, wo in trübseliger Eintönigkeit die alltäglichen Vorkommnisse +sich ablösen, bei denen die Neugierde keine Nahrung findet. + +Die Höhle, welche die Einwohner eine »Fettgrube« nennen, liegt nicht im +Thal von Caripe selbst, sondern drei kleine Meilen vom Kloster gegen +West-Süd-West. Sie mündet in einem Seitenthale aus, das der *Sierra des +Guacharo* zuläuft. Am 18. September brachen wir nach der Sierra auf, +begleitet von den indianischen Alcaden und den meisten Ordensmännern des +Klosters. Ein schmaler Pfad führte zuerst anderthalb Stunden lang südwärts +über eine lachende, schön beraste Ebene, dann wandten wir uns westwärts an +einem kleinen Flusse hinauf, der aus der Höhle hervorkommt. Man geht drei +Viertelstunden lang aufwärts bald im Wasser, das nicht tief ist, bald +zwischen dem Fluß und einer Felswand, auf sehr schlüpfrigem, morastigem +Boden. Zahlreiche Erdfälle, umherliegende Baumstämme, über welche die +Maulthiere nur schwer hinüber kommen, die Rankengewächse am Boden machen +dieses Stück des Weges sehr ermüdend. Wir waren überrascht, hier, kaum +500 Toisen über dem Meere, eine Kreuzblüthe zu finden, den _Raphanus +pinnatus_. Man weiß, wie selten Arten dieser Familie unter den Tropen +sind; sie haben gleichsam einen *nordischen Typus*, und auf diesen waren +wir hier auf dem Plateau von Caripe, in so geringer Meereshöhe, nicht +gefaßt. + +Wenn man am Fuß des hohen Guacharoberges nur noch vierhundert Schritte von +der Höhle entfernt ist, sieht man den Eingang noch nicht. Der Bach läuft +durch eine Schlucht, die das Wasser eingegraben, und man geht unter einem +Felsenüberhang, so daß man den Himmel gar nicht sieht. Der Weg schlängelt +sich mit dem Fluß und bei der letzten Biegung steht man auf einmal vor der +ungeheuren Mündung der Höhle. Der Anblick hat etwas Großartiges selbst für +Augen, die mit der malerischen Scenerie der Hochalpen vertraut sind. Ich +hatte damals die Höhlen am Pic von Derbyshire gesehen, wo man, in einem +Rachen ausgestreckt, unter einem zwei Fuß hohen Gewölbe über einen +unterirdischen Fluß setzt. Ich hatte die schöne Höhle von Treshemienshiz +in den Karpathen befahren, ferner die Höhlen im Harz und in Franken, die +große Grabstätten sind für die Gebeine von Tigern, Hyänen und Bären, die +so groß waren, wie unsere Pferde. Die Natur gehorcht unter allen Zonen +unabänderlichen Gesetzen in der Vertheilung der Gebirgsarten, in der +äußeren Gestaltung der Berge, selbst in den gewaltsamen Veränderungen, +welche die äußere Rinde unseres Planeten erlitten hat. Nach dieser großen +Einförmigkeit konnte ich glauben, die Höhle von Caripe werde im Aussehen +von dem, was ich der Art auf meinen früheren Reisen beobachtet, eben nicht +sehr abweichen; aber die Wirklichkeit übertraf meine Erwartung weit. Wenn +einerseits alle Höhlen nach ihrer ganzen Bildung, durch den Glanz der +Stalaktiten, in allem, was die unorganisches Natur betrifft, auffallende +Aehnlichkeit mit einander haben, so gibt andererseits der großartige +tropische Pflanzenwuchs der Mündung eines solchen Erdlochs einen ganz +eigenen Charakter. + +Die Cueva del Guacharo öffnet sich im senkrechten Profil eines Felsen. Der +Eingang ist nach Süd gekehrt; es ist eine Wölbung achtzig Fuß breit und +siebzig hoch, also bis auf ein Fünftheil so hoch als die Colonnade des +Louvre. Auf dem Fels über der Grotte stehen riesenhafte Bäume. Der Mamei +und der Genipabaum mit breiten glänzenden Blättern strecken ihre Aeste +gerade gen Himmel, während die des Courbaril und der Erythrina sich +ausbreiten und ein dichtes grünes Gewölbe bilden. Pothos mit saftigen +Stengeln, Oxalis und Orchideen von seltsamem Bau [Ein _Dendrobium_ mit +goldgelber, schwarzgefleckter, drei Zoll langer Blüthe] wachsen in den +dürrsten Felsspalten, während vom Winde geschaukelte Rankengewächse sich +vor dem Eingang der Höhle zu Gewinden verschlingen. Wir sahen in diesen +Blumengewinden eine violette Bignonie, das purpurfarbige Dolichos und zum +erstenmal die prachtvolle Solandra, deren orangegelbe Blüthe eine über +vier Zoll lange fleischige Röhre hat. Es ist mit dem Eingang der Höhlen, +wie mit der Ansicht der Wasserfälle; der Hauptreiz besteht in der mehr +oder weniger großartigen Umgebung, die den Charakter der Landschaft +bestimmt. Welcher Contrast zwischen der Cueva de Caripe und den Höhlen im +Norden, die von Eichen und düstern Lerchen beschattet sind! + +Aber diese Pflanzenpracht schmückt nicht allein die Außenseite des +Gewölbes, sie dringt sogar in den Vorhof der Höhle ein. Mit Erstaunen +sahen wir, daß achtzehn Fuß hohe prächtige Heliconien mit Pisangblättern, +Pragapalmen und baumartige Arumarten die Ufer des Baches bis unter die +Erde säumten. Die Vegetation zieht sich in die Höhle von Caripe hinein, +wie in die tiefen Felsspalten in den Anden, in denen nur ein Dämmerlicht +herrscht, und sie hört erst 30–40 Schritte vom Eingang auf. Wir maßen den +Weg mittelst eines Stricks und waren gegen vier hundert dreißig Fuß weit +gegangen, ehe wir nöthig hatten die Fackeln anzuzünden. Das Tageslicht +dringt so weit ein, weil die Höhle nur Einen Gang bildet, der sich in +derselben Richtung von Südost nach Nordwest hineinzieht. Da wo das Licht +zu verschwinden anfängt, hört man das heisere Geschrei der Nachtvögel, +die, wie die Eingeborenen glauben, nur in diesen unterirdischen Räumen zu +Hause sind. + +Der Guacharo hat die Größe unserer Hühner, die Stimme der Ziegenmelker und +Procnias, die Gestalt der geierartigen Vögel mit Büscheln steifer Seide um +den krummen Schnabel. Streicht man nach Cuvier die Ordnung der _Picae_ +(Spechte), so ist dieser merkwürdige Vogel unter die _Passeres_ stellen, +deren Gattungen fast unmerklich in einander übergehen. Ich habe ihn im +zweiten Band meiner _Observations de zoologie et d’anatomie comparée_ in +einer eigenen Abhandlung unter dem Namen _Steatornis_ (Fettvogel) +beschrieben. Er bildet eine neue Gattung, die sich von _Caprimulgus_ durch +den Umfang der Stimme, durch den ausnehmend starken mit einem doppelten +Zahn versehenen Schnabel, durch den Mangel der Haut zwischen den vorderen +Zehengliedern wesentlich unterscheidet. In der Lebensweise kommt er sowohl +den Ziegenmelkern als den Alpenkrähen [_Corvus Pyrrhocorax_] nahe. Sein +Gefieder ist dunkel graublau, mit kleinen schwarzen Streifen und Tupfen; +Kopf, Flügel und Schwanz zeigen große, weiße, herzförmige, schwarz +gesäumte Flecken. Die Augen des Vogels können das Tageslicht nicht +ertragen, sie sind blau und kleiner als bei den Ziegenmelkern. Die Flügel +haben 17–18 Schwungfedern und ihre Spannung beträgt 3½ Fuß. Der Guacharo +verläßt die Höhle bei Einbruch der Nacht, besonders bei Mondschein. Es ist +so ziemlich der einzige körnerfressende Nachtvogel, den wir bis jetzt +kennen; schon der Bau seiner Füße zeigt, daß er nicht jagt wie unsere +Eulen. Er frißt sehr harte Samen, wie der Nußheher (_Corvus +cariocatactes_) und der _Pyrrhocorax_. Letzterer nistet auch in +Felsspalten und heißt der »Nachtrabe.« Die Indianer behaupten, der +Guacharo gehe weder Insekten aus der Ordnung der Lamellicornia (Käfern), +noch Nachtschmetterlingen nach, von denen die Ziegenmelker sich nähren. +Man darf nur die Schnäbel des Guacharo und des Ziegenmelkers vergleichen, +um zu sehen, daß ihre Lebensweise ganz verschieden seyn muß. + +Schwer macht man sich einen Begriff vom furchtbaren Lärm, den Tausende +dieser Vögel im dunkeln Innern der Höhle machen. Er läßt sich nur mit dem +Geschrei unserer Krähen vergleichen, die in den nordischen Tannenwäldern +gesellig leben und auf Bäumen nisten, deren Gipfel einander berühren. Das +gellende durchdringende Geschrei der Guacharos hallt wider vom Felsgewölbe +und aus der Tiefe der Höhle kommt es als Echo zurück. Die Indianer zeigten +uns die Nester der Vögel, indem sie Fackeln an eine lange Stange banden. +Sie stacken 60–70 Fuß hoch über unsern Köpfen in trichterförmigen Löchern, +von denen die Decke wimmelt. Je tiefer man in die Höhle hinein kommt, je +mehr Vögel das Licht der Copalfackeln aufscheucht, desto stärker wird der +Lärm. Wurde es ein paar Minuten ruhiger um uns her, so erschallte von +weither das Klaggeschrei der Vögel, die in andern Zweigen der Höhle +nisteten. Die Banden lösten einander im Schreien ordentlich ab. + +Jedes Jahr um Johannistag gehen die Indianer mit Stangen in die Cueva del +Guacharo und zerstören die meisten Nester. Man schlägt jedesmal mehrere +tausend Vögel todt, wobei die Alten, als wollten sie ihre Brut +vertheidigen, mit furchtbarem Geschrei den Indianern um die Köpfe fliegen. +Die Jungen, die zu Boden fallen, werden auf der Stelle ausgeweidet. Ihr +Bauchfell ist stark mit Fett durchwachsen, und eine Fettschicht läuft vom +Unterleib zum After und bildet zwischen den Beinen des Vogels eine Art +Knopf. Daß körnerfressende Vögel, die dem Tageslicht nicht ausgesetzt sind +und ihre Muskeln wenig brauchen, so fett werden, erinnert an die uralten +Erfahrungen beim Mästen der Gänse und des Viehs. Man weiß, wie sehr +dasselbe durch Dunkelheit und Ruhe befördert wird. Die europäischen +Nachtvögel sind mager, weil sie nicht wie der Guacharo von Früchten, +sondern vom dürftigen Ertrag ihrer Jagd leben. Zur Zeit der »Fetternte« +(_cosecha de la manteca_), wie man es in Caripe nennt, bauen sich die +Indianer aus Palmblättern Hütten am Eingang und im Vorhof der Höhle. Wir +sahen noch Ueberbleibsel derselben. Hier läßt man das Fett der jungen, +frisch getödteten Vögel am Feuer aus und gießt es in Thongefässe. Dieses +Fett ist unter dem Namen Guacharoschmalz oder Oel (_manteca_ oder +_aceite_) bekannt; es ist halbflüssig, hell und geruchlos. Es ist so rein, +daß man es länger als ein Jahr aufbewahren kann, ohne daß es ranzig wird. +In der Klösterküche zu Caripe wurde kein anderes Fett gebraucht als das +aus der Höhle, und wir haben nicht bemerkt, daß die Speisen irgend einen +unangenehmen Geruch oder Geschmack davon bekämen. + +Die Menge des gewonnenen Oels steht mit dem Gemetzel, das die Indianer +alle Jahre in der Höhle anrichten, in keinem Verhältniß. Man bekommt, +scheint es, nicht mehr als 150 bis 160 Flaschen (zu 44 Kubikzoll) ganz +reine Manteca; das übrige weniger helle wird in großen irdenen Gefässen +aufbewahrt. Dieser Industriezweig der Eingeborenen erinnert an das Sammeln +des Taubenfetts [Das _pigeon oil_ kommt von der Wandertaube, _Columba +migratoria_.] in Carolina, von dem früher mehrere tausend Fässer gewonnen +wurden. Der Gebrauch des Guacharofetts ist in Caripe uralt und die +Missionare haben nur die Gewinnungsart geregelt. Die Mitglieder einer +indianischen Familie Namens Morocoymas behaupten von den ersten Ansiedlern +im Thale abzustammen und als solche rechtmäßige Eigenthümer der Höhle zu +seyn; sie beanspruchen das Monopol des Fetts, aber in Folge der +Klosterzucht sind ihre Rechte gegenwärtig nur noch Ehrenrechte. Nach dem +System der Missionare haben die Indianer Guacharoöl für das ewige +Kirchenlicht zu liefern; das Uebrige, so behauptet man, wird ihnen +abgekauft. Wir erlauben uns kein Urtheil weder über die Rechtsansprüche +der Morocoymas, noch über den Ursprung der von den Mönchen den Indianern +auferlegten Verpflichtung. Es erschiene natürlich, daß der Ertrag der Jagd +denen gehörte, die sie anstellen; aber in den Wäldern der neuen Welt, wie +im Schooße der europäischen Cultur, bestimmt sich das öffentliche Recht +darnach, wie sich das Verhaltniß zwischen dem Starken und dem Schwachen, +zwischen dem Eroberer und dem Unterworfenen gestaltet. + +Das Geschlecht der Guacharos ware längst ausgerottet, wenn nicht mehrere +Umstände zur Erhaltung desselben zusammenwirkten. Aus Aberglauben wagen +sich die Indianer selten weit in die Höhle hinein. Auch scheint derselbe +Vogel in benachbarten, aber dem Menschen unzugänglichen Höhlen zu nisten. +Vielleicht bevölkert sich die große Höhle immer wieder mit Colonien, +welche aus jenen kleinen Erdlöchern ausziehen; denn die Missionäre +versicherten uns, bis jetzt habe die Menge der Vögel nicht merkbar +abgenommen. Man hat junge Guacharos in den Hafen von Cumana gebracht; sie +lebten da mehrere Tage, ohne zu fressen, da die Körner, die man ihnen gab, +ihnen nicht zusagten. Wenn man in der Höhle den jungen Vögeln Kropf und +Magen ausschneidet, findet man mancherlei harte, trockene Samen darin, die +unter dem seltsamen Namen »Guacharosamen« (_semilla del Guacharo_) ein +vielberufenes Mittel gegen Wechselfieber sind. Die Alten bringen diese +Samen den Jungen zu. Man sammelt sie sorgfältig und läßt sie den Kranken +in Cariaco und andern tief gelegenen Fieberstrichen zukommen. + +Wir gingen in die Höhle hinein und am Bache fort, der daraus entspringt. +Derselbe ist 28–30 Fuß breit. Man verfolgt das Ufer, so lange die Hügel +aus Kalkincrustationen dieß gestatten; oft, wenn sich der Bach zwischen +sehr hohen Stalaktitenmassen durchschlängelt, muß man in das Bette selbst +hinunter, das nur zwei Fuß tief ist. Wir hörten zu unserer Ueberraschung, +diese unterirdische Wasserader sey die Quelle des Rio Caripe, der wenige +Meilen davon, nach seiner Vereinigung mit dem kleinen Rio de Santa Maria, +für Piroguen schiffbar wird. Am Ufer des unterirdischen Baches fanden wir +eine Menge Palmholz; es sind Ueberbleibsel der Stämme, auf denen die +Indianer zu den Vogelnestern an der Decke der Höhle hinaufsteigen. Die von +den Narben der alten Blattstiele gebildeten Ringe dienen gleichsam als +Sprossen einer aufrecht stehenden Leiter. + +Die Höhle von Caripe behält, genau gemessen, auf 472 Meter oder 1458 Fuß +dieselbe Richtung, dieselbe Breite und die anfängliche Höhe von 60–70 Fuß. +Ich kenne auf beiden Continenten keine zweite Höhle von so gleichförmiger, +regelmäßiger Gestalt. Wir hatten viele Mühe, die Indianer zu bewegen, daß +sie über das vordere Stück hinausgingen, das sie allein jährlich zum +Fettsammeln besuchen. Es brauchte das ganze Ansehen der Patres, um sie bis +zu der Stelle zu bringen, wo der Boden rasch unter einem Winkel von +60 Grad ansteigt und der Bach einen kleinen unterirdischen Fall bildet. +Diese von Nachtvögeln bewohnte Höhle ist für die Indianer ein schauerlich +geheimnißvoller Ort; sie glauben, tief hinten wohnen die Seelen ihrer +Vorfahren. Der Mensch, sagen sie, soll Scheu tragen vor Orten, die weder +von der Sonne, *Zis*, noch vom Monde, *Nuna*, beschienen sind. Zu den +Guacharos gehen, heißt so viel, als zu den Vätern versammelt werden, +sterben. Daher nahmen auch die Zauberer, *Piaches*, und die Giftmischer, +*Imorons*, ihre nächtlichen Gaukeleien am Eingang der Höhle vor, um den +Obersten der bösen Geister, *Ivorokiamo*, zu beschwören. So gleichen sich +unter allen Himmelsstrichen die ältesten Mythen der Völker, vor allen +solche, die sich aus zwei die Welt regierende Kräfte, auf den Aufenthalt +der Seelen nach dem Tod, auf den Lohn der Gerechten und die Strafe der +Bösen beziehen. Die verschiedensten und darunter die rohesten Sprachen +haben gewisse Bilder mit einander gemein, weil diese unmittelbar aus dem +Wesen unseres Denk- und Empfindungsvermögens fließen. Finsterniß wird +aller Orten mit der Vorstellung des Todes in Verbindung gebracht. Die +Höhle von Caripe ist der Tartarus der Griechen, und die Guacharos, die +unter kläglichem Geschrei über dem Wasser flattern, mahnen an die +stygischen Vögel. + +Da wo der Bach den unterirdischen Fall bildet, stellt sich das dem +Höhleneingang gegenüber liegende, grün bewachsene Gelände ungemein +malerisch dar. Man sieht vom Ende eines geraden, 240 Toisen langen Ganges +daraus hinaus. Die Stalaktiten, die von der Decke herabhängen und in der +Luft schwebenden Säulen gleichen, heben sich von einem grünen Hintergrunde +ab. Die Oeffnung der Höhle erscheint um die Mitte des Tages auffallend +enger als sonst, und wir sahen sie vor uns im glänzenden Lichte, das +Himmel, Gewächse und Gestein zumal widerstrahlen. Das ferne Tageslicht +stach grell ab von der Finsterniß, die uns in diesen unterirdischen Räumen +umgab. Wir hatten unsere Gewehre fast auf Gerathewohl abgeschossen, so oft +wir aus dem Geschrei und dem Flügelschlagen der Nachtvögel schließen +konnten, daß irgendwo recht viele Nester beisammen seyen. Nach mehreren +fruchtlosen Versuchen gelang es Bonpland, zwei Guacharos zu schießen, die, +vom Fackelschein geblendet, uns nachflatterten. Damit fand ich +Gelegenheit, den Vogel zu zeichnen, der bis dahin den Zoologen ganz +unbekannt gewesen war. Wir erkletterten nicht ohne Beschwerde die +Erhöhung, über die der unterirdische Bach herunter kommt. Wir sahen da, +daß die Höhle sich weiterhin bedeutend verengert, nur noch 40 Fuß hoch ist +und nordostwärts in ihrer ursprünglichen Richtung, parallel mit dem großen +Thale des Caripe, fortstreicht. + +In dieser Gegend der Höhle setzt der Bach eine schwärzlichte Erde ab, die +große Aehnlichkeit hat mit dem Stoff, der in der Muggendorfer Höhle in +Franken »Opfererde« heißt. Wir konnten nicht ausfindig machen, ob diese +feine, schwammigte Erde durch Spalten im Gestein, die mit dem Erdreich +außerhalb in Verbindung stehen, hereinfällt, oder ob sie durch das +Regenwasser, das in die Höhle dringt, hereingeflötzt wird. Es war ein +Gemisch von Kieselerde, Thonerde und vegetabilischem Detritus. Wir gingen +in dickem Koth bis zu einer Stelle, wo uns zu unserer Ueberraschung, eine +unterirdische Vegetation entgegentrat. Die Samen, welche die Vögel zum +Futter für ihre Jungen in die Höhle bringen, keimen überall, wo sie auf +die Dammerde fallen, welche die Kalkincrustationen bedeckt. Vergeilte +Stengel mit ein paar Blattrudimenten waren zum Theil zwei Fuß hoch. Es war +unmöglich, Gewächse, die sich durch den Mangel an Licht nach Form, Farbe +und ganzem Habitus völlig umgewandelt hatten, specifisch zu unterscheiden. +Diese Spuren von Organisation im Schoße der Finsterniß reizten gewaltig +die Neugier der Eingeborenen, die sonst so stumpf und schwer anzuregen +sind. Sie betrachteten sie mit stillem, nachdenklichem Ernst, wie er sich +an einem Orte ziemte, der für sie solche Schauer hat. Diese unterirdischen +bleichen, formlosen Gewächse mochten ihnen wie Gespenster erscheinen, die +vom Erdboden hieher gebannt waren. Mich aber erinnerten sie an eine der +glücklichsten Zeiten meiner frühen Jugend, an einen langen Aufenthalt in +den Freiberger Erzgruben, wo ich über das Vergeilen der Pflanzen Versuche +anstellte, die sehr verschieden ausfielen, je nachdem die Luft rein war +oder viel Wasserstoff und Stickstoff enthielt. + +Mit aller ihrer Autorität konnten die Missionäre die Indianer nicht +vermögen, noch weiter in die Höhle hinein zu gehen. Je mehr die Decke sich +senkte, desto gellender wurde das Geschrei der Guacharos. Wir mußten uns +der Feigheit unserer Führer gefangen geben und umkehren. Man sah auch +überall so ziemlich das Nämliche. Ein Bischof von St. Thomas in Guyana +scheint weiter gekommen zu seyn als wir; er hatte vom Eingang bis zum +Punkt, wo er Halt machte, 2500 Fuß gemessen, und die Höhle lief noch +weiter sort. Die Erinnerung an diesen Vorfall hat sich im Kloster Caripe +erhalten, nur weiß man den Zeitpunkt nicht genau. Der Bischof hatte sich +mit dicken Kerzen aus weißem spanischem Wachs versehen; wir hatten nur +Fackeln aus Baumrinde und einheimischem Harz. Der dicke Rauch solcher +Fackeln in engem unterirdischem Raum thut den Augen weh und macht das +Athmen beschwerlich. + +Wir gingen dem Bache nach wieder zur Höhle hinaus. Ehe unsere Augen vom +Tageslicht geblendet wurden, sahen wir vor der Höhle draußen das Wasser +durch das Laub der Bäume glänzen. Es war, als stünde weit weg ein Gemälde +vor uns und die Oeffnung der Höhle wäre der Rahmen dazu. Als wir endlich +heraus waren, setzten wir uns am Bache nieder und ruhten von der +Anstrengung aus. Wir waren froh, daß wir das heisere Geschrei der Vögel +nicht mehr hörten und einen Ort hinter uns hatten, wo sich mit der +Dunkelheit nicht der wohlthuende Eindruck der Ruhe und Stille paart. Wir +konnten es kaum glauben, daß der Name der Höhle von Caripe bis jetzt in +Europa völlig unbekannt gewesen seyn sollte. Schon wegen der Guacharos +hätte sie berühmt werden sollen; denn außer den Bergen von Caripe und +Cumanacoa hat man diese Nachtvögel bis jetzt nirgends angetroffen. + +Die Missionäre hatten am Eingang der Höhle ein Mahl zurichten lassen. +Pisang- und Bijaoblätter, die seidenartig glänzen, dienten uns, nach +Landessitte als Tischtuch. Wir wurden trefflich bewirthet, sogar mit +geschichtlichen Erinnerungen die so selten sind in Ländern, wo die +Geschlechter einander ablösten, ohne eine Spur ihres Daseyns zu +hinterlassen. Wohlgefällig erzählten uns unsere Wirthe, die ersten +Ordensleute, die in diese Berge gekommen, um das kleine Dorf Santa Maria +zu gründen, haben einen Monat lang in der Höhle hier gelebt und auf einem +Stein bei Fackellicht das heilige Meßopfer gefeiert. Die Missionäre hatten +am einsamen Orte Schutz gefunden vor der Verfolgung eines Häuptlings der +Tuapocans, der am Ufer des Rio Caripe sein Lager aufgeschlagen. + +So viel wir uns auch bei den Einwohnern von Caripe, Cumanacoa und Cariaco +erkundigten, wir hörten nie, daß man in der Höhle des Guacharo je Knochen +von Fleischfressern oder Knochenbreccien mit Pflanzenfressern gefunden +hätte, wie sie in den Höhlen Deutschlands und Ungarns oder in den Spalten +des Kalksteins bei Gibraltar vorkommen. Die fossilen Knochen der +Megatherien, Elephanten und Mastodonten, welche Reisende aus Südamerika +mitgebracht, gehören sämmtlich dem ausgeschwemmten Land in den Thälern und +auf hohen Plateans an. Mit Ausnahme des Megalonyx,(54) eines Faulthiers +von der Größe eines Ochsen, das Jefferson beschrieben, kenne ich bis jetzt +auch nicht Einen Fall, daß in einer Höhle der neuen Welt ein Thierskelett +gefunden worden wäre. Daß diese zoologische Erscheinung hier so ausnehmend +selten ist, erscheint weniger auffallend, wenn man bedenkt, daß es in +Frankreich, England und Italien auch eine Menge Höhlen gibt, in denen man +nie eine Spur von fossilen Knochen entdeckt hat. + +Die interessanteste Beobachtung, welche der Physiker in den Höhlen +anstellen kann, ist die genaue Bestimmung ihrer Temperatur. Die Höhle von +Caripe liegt ungefähr unter 10° 10’ der Breite, also mitten im heißen +Erdgürtel, und 506 Toisen über dem Spiegel des Wassers im Meerbusen von +Cariaco. Wir fanden im September die Temperatur der Luft im Innern +durchaus zwischen 18°,4 und 18°,9 der hunderttheiligen Scale. Die äußere +Luft hatte 16°,2. Beim Eingang der Höhle zeigte der Thermometer an der +Luft 17°,6, aber im Wasser des unterirdischen Bachs bis hinten in der +Höhle 16°,8. Diese Beobachtungen sind von großer Bedeutung, wenn man ins +Auge faßt, wie sich zwischen Wasser, Luft und Boden die Wärme ins +Gleichgewicht zu setzen strebt. Ehe ich Europa verließ, beklagten sich die +Physiker noch, daß man so wenig Anhaltspunkte habe, um zu bestimmen, was +man ein wenig hochtrabend *die Temperatur des Erdinnern* heißt, und erst +in neuerer Zeit hat man mit einigem Erfolg an der Lösung dieses großen +Problems der unterirdischen Meteorologie gearbeitet. Nur die +Steinschichten, welche die Rinde unseres Planeten bilden, sind der +unmittelbaren Forschung zugänglich, und man weiß jetzt, daß die mittlere +Temperatur dieser Schichten sich nicht nur nach der Breite und der +Meereshöhe verändert, sondern daß sie auch je nach der Lage des Orts im +Verlauf des Jahrs regelmäßige Schwingungen um die mittlere Temperatur der +benachbarten Luft beschreibt. Die Zeit ist schon fern, wo man sich +wunderte, wenn man in andern Himmelsstrichen in Höhlen und Brunnen eine +andere Temperatur beobachtete, als in den Kellern der Pariser Sternwarte. +Dasselbe Instrument, das in diesen Kellern 12 Grad zeigt, steigt in +unterirdischen Räumen auf Madera bei Funchal aus 16°,2, im +St. Josephsbrunnen in Cairo auf 21°,2, in den Grotten der Insel Cuba auf +22–23 Grad. Diese Zunahme ist ungefähr proportional der Zunahme der +mittleren Lufttemperaturen vom 48. Grad der Breite bis zum Wendekreis. + +Wir haben eben gesehen, daß in der Höhle des Guacharo das Wasser des +Baches gegen 2 Grad kühler ist als die umgebende Luft im unterirdischen +Raum. Das Wasser, ob es nun durch das Gestein sickert oder über ein +steinigtes Bette fließt, nimmt unzweifelhaft die Temperatur des Gesteins +oder des Bettes an. Die Luft in der Höhle dagegen steht nicht still, sie +communicirt mit der Atmosphäre draußen. Und wenn nun auch in der heißen +Zone die Schwankungen in der äußern Temperatur sehr unbedeutend sind, so +bilden sich dennoch Strömungen, durch welche die Luftwärme im Innern +periodische Veränderungen erleidet. Demnach könnte man die Temperatur des +Wassers, also 16°,8, als die Bodentemperatur in diesen Bergen betrachten, +wenn man sicher wäre, daß das Wasser nicht rasch von benachbarten höheren +Bergen herabkommt. + +Aus diesen Betrachtungen folgt, daß, wenn man auch keine ganz genauen +Resultate erhält, sich doch in jeder Zone *Grenzzahlen* auffinden lassen. +In Caripe, unter den Tropen, ist in 500 Toisen Meereshöhe die mittlere +Temperatur der Erde nicht unter 16°,8; dieß geht aus der Messung der +Temperatur des unterirdischen Wassers hervor. So läßt sich nun aber auch +beweisen, daß diese Temperatur des Bodens nicht höher seyn kann als 19°, +weil die Luft in der Höhle im September 18°,7 zeigt. Da die mittlere +Luftwärme im heißesten Monat 19°,5 nicht übersteigt, so würde man sehr +wahrscheinlich zu keiner Zeit des Jahres den Thermometer in der Luft der +Höhle über 19° steigen sehen. Diese Ergebnisse, wie so manche andere, die +wir in dieser Reisebeschreibung mittheilen, mögen für sich betrachtet von +geringem Belang scheinen; vergleicht man sie aber mit den kürzlich von +Leopold von Buch und Wahlenberg unter dem Polarcirkel angestellten +Beobachtungen, so verbreiten sie Licht über den Haushalt der Natur im +Großen und über den beständigen Wärmeaustausch zwischen Luft und Boden zu +Herstellung des Gleichgewichts. Es ist kein Zweifel mehr, daß in Lappland +die feste Erdrinde eine um 3 bis 4 Grad *höhere* mittlere Temperatur hat +als die Luft. Bringt die Kälte, welche in den Tiefen des tropischen Meeres +in Folge der Polarströme fortwährend herrscht, im heißen Erdstrich eine +merkbare Verminderung der Temperatur des Bodens hervor? Ist diese +Temperatur dort *niedriger* als die der Luft? Das wollen wir in der Folge +untersuchen, wenn wir in den hohen Regionen der Cordilleren mehr +Beobachtungen zusammengebracht haben werden. + + ------------------ + + + + + + 53 Außer den Dörfern, in denen Eingeborene unter der Obhut eines + Geistlichen stehen, nennt man in den spanischen Colonien *Mission* + auch die jungen Mönche, die mit einander aus einem spanischen Hafen + abgehen, um in der neuen Welt oder auf den Philippinen die + Niederlassungen der Ordensgeistlichen zu ergänzen. Daher der + Ausdruck: »in Cadix eine neue *Mission* holen.« + + 54 Der Megalonyx wurde in den Höhlen von Green-Briar in Virginien + gefunden, 1500 Meilen vom Megatherium, dem er sehr nahe steht und + das so groß war wie ein Nashorn. + + + + + +ACHTES KAPITEL + + + Abreise von Caripe. — Berg und Wald Santa Maria. — Die Mission + Catuaro. — Hafen von Cariaco. + + +Rasch verflossen uns die Tage, die wir im Kapuzinerkloster in den Bergen +von Caripe zubrachten, und doch war unser Leben so einfach als einförmig. +Von Sonnenaufgang bis Einbruch der Nacht streiften wir durch die +benachbarten Wälder und Berge, um Pflanzen zu sammeln, deren wir nie genug +beisammen haben konnten. Konnten wir des starken Regens wegen nicht weit +hinaus, so besuchten wir die Hütten der Indianer, den Gemeinde-Conuco oder +die Versammlungen, in denen die Alcaden jeden Abend die Arbeiten für den +folgenden Tag austheilen. Wir kehrten erst ins Kloster zurück, wenn uns +die Glocke ins Refectorium an den Tisch der Missionäre rief. Zuweilen +gingen wir mit ihnen früh Morgens in die Kirche, um der »_Doctrina_« +beizuwohnen, das heißt dem Religionsunterricht der Eingeborenen. Es ist +ein zum wenigsten sehr gewagtes Unternehmen, mit Neubekehrten über Dogmen +zu verhandeln, zumal wenn sie des Spanischen nur in geringem Grade mächtig +sind. Andererseits verstehen gegenwärtig die Ordensleute von der Sprache +der Chaymas so gut wie nichts, und die Aehnlichkeit gewisser Laute +verwirrt den armen Indianern die Köpfe so sehr, daß sie sich die +wunderlichsten Vorstellungen machen. Ich gebe nur Ein Beispiel. Wir sahen +eines Tags, wie sich der Missionär große Mühe gab, darzuthun, daß +_infierno_ die Hölle, und _invierno_ der Winter, nicht dasselbe Ding +seyen, sondern so verschieden wie Hitze und Frost. Die Chaymas kennen +keinen andern Winter als die Regenzeit, und unter der »Hölle der Weißen« +dachten sie sich einen Ort, wo die Bösen furchtbaren Regengüssen +ausgesetzt seyen. Der Missionär verlor die Geduld, aber es half Alles +nichts: der erste Eindruck, den zwei ähnliche Consonanten hervorgebracht, +war nicht mehr zu verwischen; im Kopfe der Neophyten waren die +Vorstellungen Regen und Hölle, _invierno_ und _infierno_, nicht mehr aus +einander zu bringen. + +Nachdem wir fast den ganzen Tag im Freien zugebracht, schrieben wir Abends +im Kloster unsere Beobachtungen und Bemerkungen nieder, trockneten unsere +Pflanzen und zeichneten die, welche nach unserer Ansicht neue Gattungen +bildeten. Die Mönche ließen uns volle Freiheit und wir denken mit +Vergnügen an einen Aufenthalt zurück, der so angenehm als für unser +Unternehmen förderlich war. Leider war der bedeckte Himmel in einem Thal, +wo die Wälder ungeheure Wassermassen an die Luft abgeben, astronomischen +Beobachtungen nicht günstig. Ich blieb Nachts oft lange auf, um den +Augenblick zu benützen, wo sich ein Stern vor seinem Durchgang durch den +Meridian zwischen den Wolken zeigen würde. Oft zitterte ich vor Frost, +obgleich der Thermometer nie unter 16 Grad fiel. Es ist dieß in unserem +Klima die Tagestemperatur gegen Ende Septembers. Die Instrumente blieben +mehrere Stunden im Klosterhof aufgestellt, und fast immer harrte ich +vergebens. Ein paar gute Beobachtungen Fomahaults und Denebs im Schwan +ergaben für Caripe 10° 10’ 14" Breite, wornach es auf der Karte von Caulin +um 18’, auf der von Arrowsmith um 14’ unrichtig eingezeichnet ist. + +Der Verdruß, daß der bedeckte Himmel uns die Sterne entzog, war der +einzige, den wir im Thal von Caripe erlebt. Wildheit und Friedlichkeit, +Schwermuth und Lieblichkeit, beides zusammen ist der Charakter der +Landschaft. Inmitten einer so gewaltigen Natur herrscht in unserm Innern +nur Friede und Ruhe. Ja noch mehr, in der Einsamkeit dieser Berge wundert +man sich weniger über die neuen Eindrücke, die man bei jedem Schritte +erhält, als darüber, daß die verschiedensten Klimate so viele Züge mit +einander gemein haben. Auf den Hügeln, an die das Kloster sich lehnt, +stehen Palmen und Baumfarn; Abends, wenn der Himmel auf Regen deutet, +schallt das eintönige Geheul der rothen Brüllaffen durch die Luft, das dem +fernen Brausen des Windes im Walde gleicht. Aber trotz dieser unbekannten +Töne, dieser fremdartigen Gestalten der Gewächse, all dieser Wunder einer +neuen Welt, läßt doch die Natur den Menschen aller Orten eine Stimme +hören, die in vertrauten Lauten zu ihm spricht. Der Rasen am Boden, das +alte Moos und das Farnkraut auf den Baumwurzeln, der Bach, der über die +geneigten Kalksteinschichten niederstürzt, das harmonische Farbenspiel von +Wasser, Grün und Himmel, Alles ruft dem Reisenden wohlbekannte +Empfindungen zurück. + +Die Naturschönheiten dieser Berge nahmen uns völlig in Anspruch, und so +wurden wir erst am Ende gewahr, daß wir den guten gastfreundlichen Mönchen +zur Last fielen. Ihr Vorrath von Wein und Weizenbrod war nur gering, und +wenn auch der eine wie das andere dort zu Lande bei Tisch nur als +Luxusartikel gelten, so machte es uns doch sehr verlegen, daß unsere +Wirthe sie sich selbst versagten. Bereits war unsere Brodration auf ein +Viertheil herabgekommen, und doch nöthigte uns der furchtbare Regen, +unsere Abreise noch einige Tage zu verschieben. Wie unendlich lang kam uns +dieser Aufschub vor! wie bange war uns vor der Glocke, die uns ins +Refectorium rief! Das Zartgefühl der Mönche ließ uns recht lebhaft +empfinden, wie ganz anders wir hier daran waren als die Reisenden, die +darüber zu klagen haben, daß man ihnen in den coptischen Klöstern +Ober-Egyptens ihren Mundvorrath entwendet. + +Endlich am 22. September brachen wir auf mit vier Maulthieren, die unsere +Instrumente und Pflanzen trugen. Wir mußten den nordöstlichen Abhang der +Kalkalpen von Neu-Andalusien, die wir als die große Kette des Brigantin +und Cocollar bezeichnet, hinunter. Die mittlere Höhe dieser Kette beträgt +nicht leicht über 6–700 Toisen, und sie läßt sich in dieser wie in +geologischer Hinsicht mit dem Jura vergleichen. Obgleich die Berge von +Cumana nicht sehr hoch sind, so ist der Weg hinunter gegen Cariaco zu doch +sehr beschwerlich, ja sogar gefährlich. Besonders berüchtigt ist in dieser +Beziehung der Cerro de Santa Maria, an dem die Missionäre hinauf müssen, +wenn sie sich von Cumana in ihr Kloster Caripe begeben. Oft, wenn wir +diese Berge, die Anden von Peru, die Pyrenäen und die Alpen, dir wir nach +einander besucht, verglichen, wurden wir inne, daß die Berggipfel von der +geringsten Meereshöhe nicht selten die unzugänglichsten sind. + +Als das Thal von Caripe hinter uns lag, kamen wir zuerst über eine +Hügelkette, die nordostwärts vom Kloster liegt. Der Weg führte immer +bergan über eine weite Savane auf die Hochebene *Guardia de San Augustin*. +Hier hielten wir an, um auf den Indianer zu warten, der den Barometer +trug; wir befanden uns in 533 Toisen absoluter Höhe, etwas höher als der +Hintergrund der Höhle des Guacharo. Die Savanen oder natürlichen Wiesen, +die den Klosterkühen eine treffliche Weide bieten, sind völlig ohne Baum +und Buschwerk. Es ist dieß das eigentliche Bereich der Monocothyledonen, +denn aus dem Grase erhebt sich nur da und dort eine Agave [_Agave +americana_] (Maguey), deren Blüthenschaft über 26 Fuß hoch wird. Auf der +Hochebene von Guardia sahen wir uns wie auf einen alten, vom langen +Aufenthalt des Wassers wagrecht geebneten Seeboden versetzt, Man meint +noch die Krümmungen des alten Ufers zu erkennen, die vorspringenden +Landzungen, die steilen Klippen, welche Eilande gebildet. Auf diesen +früheren Zustand scheint selbst die Vertheilung der Gewächse hinzudeuten. +Der Boden des Beckens ist eine Savane, während die Ränder mit +hochstämmigen Bäumen bewachsen sind. Es ist wahrscheinlich das höchst +gelegene Thal in den Provinzen Cumana und Venezuela. Man kann bedauern, +daß ein Landstrich, wo man eines gemäßigten Klimas genießt, und der sich +ohne Zweifel zum Getreidebau eignete, völlig unbewohnt ist. + +Von dieser Ebene geht es fortwährend abwärts bis zum indianischen Dorf +Santa Cruz. Man kommt zuerst über einen jähen, glatten Abhang, den die +Missionäre seltsamerweise das *Fegefeuer* nennen. Er besteht aus +verwittertem, mit Thon bedecktem Schiefersandstein und die Böschung +scheint furchtbar steil; denn in Folge einer sehr gewöhnlichen optischen +Täuschung scheint der Weg, wenn man oben auf der Anhöhe hinunter sieht, +unter einem Winkel von mehr als 60 Grad geneigt. Beim Hinabsteigen nähern +die Maulthiere die Hinterbeine den Vorderbeinen, senken das Kreuz und +rutschen auf Gerathewohl hinab. Der Reiter hat nichts zu befahren, wenn er +nur den Zügel fahren läßt und dem Thiere keinerlei Zwang anthut. An diesem +Punkte sieht man zur Linken die große Pyramide des Guacharo. Dieser +Kalksteinkegel nimmt sich sehr malerisch aus, man verliert ihn aber bald +wieder aus dem Gesicht, wenn man den dicken Wald betritt, der unter dem +Namen *Montana de Santa Maria* bekannt ist. Es geht nun sieben Stunden +lang in einem fort abwärts, und kaum kann man sich einen entsetzlicheren +Weg denken; es ist ein eigentlicher _chemin des échelles,_ eine Art +Schlucht, in der während der Regenzeit die wilden Wasser von Fels zu Fels +abwärts stürzen. Die Stufen sind zwei bis drei Fuß hoch, und die armen +Lastthiere messen erst den Raum ab, der erforderlich ist, um die Ladung +zwischen den Baumstämmen durchzubringen, und springen dann von einem +Felsblock auf den andern. Aus Besorgniß, einen Fehltritt zu thun, bleiben +sie eine Weile stehen, als wollten sie die Stelle untersuchen, und +schieben die vier Beine zusammen wie die wilden Ziegen. Verfehlt das Thier +den nächsten Steinblock, so sinkt es bis zum halben Leib in den weichen, +ockerhaltigen Thon, der die Zwischenräume der Steine ausfüllt. Wo diese +fehlen, finden Menschen- und Thierbeine Halt an ungeheuren Baumwurzeln. +Dieselben sind oft zwanzig Zoll dick und gehen nicht selten hoch über dem +Boden vom Stamme ab. Die Creolen vertrauen der Gewandtheit und dem +glücklichen Instinkt der Maulthiere so sehr, daß sie auf dem langen, +gefährlichen Wege abwärts im Sattel bleiben. Wir stiegen lieber ab, da wir +Anstrengung weniger scheuten, als jene, und gewöhnt waren langsam vorwärts +zu kommen, weil wir immer Pflanzen sammelten und die Gebirgsarten +untersuchten. Da unser Chronometer so schonend behandelt werden mußte, +blieb uns nicht einmal eine Wahl. + +Der Wald, der den steilen Abhang des Berges von Santa Maria bedeckt, ist +einer der dichtesten, die ich je gesehen. Die Bäume sind wirklich +ungeheuer hoch und dick. Unter ihrem dichten, dunkelgrünen Laub herrscht +beständig ein Dämmerlicht, ein Dunkel, weit tiefer als in unsern Tannen-, +Eichen- und Buchenwäldern. Es ist als könnte die Luft trotz der hohen +Temperatur nicht all das Wasser aufnehmen, das der Boden, das Laub der +Bäume, ihre mit einem uralten Filz von Orchideen, Peperomien und andern +Saftpflanzen bedeckten Stämme ausdünsten. Zu den aromatischen Gerüchen, +welche Blüthen, Früchte, sogar das Holz verbreiten, kommt ein anderer, wie +man ihn bei uns im Herbst bei nebligtem Wetter spürt. Wie in den Wäldern +am Orinoco sieht man auch hier, wenn man die Baumwipfel ins Auge faßt, +häufig Dunststreifen an den Stellen, wo ein paar Sonnenstrahlen durch die +dicke Lust dringen. Unter den majestätischen Bäumen, die 120 bis 130 Fuß +hoch werden, machten uns die Führer auf den *Curucay* von Terecen +aufmerksam, der ein weißlichtes, flüssiges, starkriechendes Harz gibt. Die +indianischen Völkerschaften der Cumanagotas und Tagires räucherten einst +damit vor ihren Götzen. Die jungen Zweige haben einen angenehmen, aber +etwas zusammenziehenden Geschmack. Nach dem Curucay und ungeheuren, über 9 +und 10 Fuß dicken Hymenäastämmen nahmen unsere Aufmerksamkeit am meisten +in Anspruch: das Drachenblut (_Croton sanguifluum_), dessen purpurbrauner +Saft an der weißen Rinde herabfließt; der Farn *Calahuala*, der nicht +derselbe ist wie der in Peru, aber fast eben so heilkräftig, und die +Irasse-, Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen sehr +schmackhaften »Palmkohl,« den wir im Kloster Caripe zuweilen gegessen. Von +diesen Palmen mit gefiederten, stachligten Blättern stachen die Baumfarn +äußerst angenehm ab. Einer derselben, _Cyathea speciosa_ wird über 35 Fuß +hoch, eine ungeheure Größe für ein Gewächs aus dieser Familie. Wir fanden +hier und im Thal von Caripe fünf neue Arten Baumfarn; zu Linnés Zeit +kannten die Botaniker ihrer nicht vier auf beiden Continenten. + +Man bemerkt, daß die Baumfarn im Allgemeinen weit seltener sind als die +Palmen. Die Natur hat ihnen gemäßigte, feuchte, schattige Standorte +angewiesen. Sie scheuen den unmittelbaren Sonnenstrahl, und während der +Pumos, die Corypha der Steppen und andere amerikanische Palmenarten die +kahlen, glühend heißen Ebenen aussuchen, bleiben die Farn mit Baumstämmen, +die von weitem wie Palmen aussehen, dem ganzen Wesen cryptogamer Gewächse +treu. Sie lieben versteckte Plätze, das Dämmerlicht, eine feuchte, +gemäßigte, stockende Luft. Wohl gehen sie hie und da bis zur Küste hinab, +aber dann nur im Schutze dichten Schattens. + +Dem Fuße des Berges von Santa Maria zu wurden die Baumfarn immer seltener, +die Palmen häufiger. Die schönen Schmetterlinge mit großen Flügeln, die +Nymphalen, die ungeheuer hoch fliegen, mehrten sich: Alles deutete darauf, +daß wir nicht mehr weit von der Küste und einem Landstrich waren, wo die +mittlere Tagestemperatur 28–30 Grad der hunderttheiligen Scale beträgt. + +Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der Güsse, bei denen zuweilen +1 bis 1,3 Zoll Regen an Einem Tage fällt. Die Sonne beschien hin und +wieder die Baumwipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geschützt waren, +erstickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner in der Ferne, +die Wolken hingen am Gipfel des hohen Guacharogebirgs, und das klägliche +Geheul der Araguatos, das wir in Caripe bei Sonnenuntergang so oft gehört +hatten, verkündete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten hier zum +erstenmal Gelegenheit, diese Heulaffen in der Nähe zu sehen. Sie gehören +zur Gattung _Alouate_ (_Stentor_, Geoffroy), deren verschiedene Arten von +den Zoologen lange verwechselt worden sind. Während die kleinen +amerikanischen Sapajus, die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches, dünnes +Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den großen Affen, den Alouaten und +Marimondas, ans einer großen Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs +Taschen, in denen sich die Stimme fängt, und wovon zwei, +taubennestförmige, große Aehnlichkeit mit dem untern Kehlkopf der Vögel +haben. Der den Araguatos eigene klägliche Ton entsteht, wenn die Luft +gewaltsam in die knöcherne Trommel einströmt. Ich habe diese den Anatomen +nur sehr unvollständig bekannten Organe an Ort und Stelle gezeichnet und +die Beschreibung nach meiner Rückkehr nach Europa bekannt gemacht +[_Observations de zoologie_]. Bedenkt man, wie groß bei den Alouatos die +Knochenschachtel ist und wie viele Heulaffen in den Wäldern von Cumana und +Guyana auf einem einzigen Baum beisammensitzen, so wundert man sich nicht +mehr so sehr über die Stärke und den Umfang ihrer vereinigten Stimmen. + +Der Araguato, bei den Tamanacas-Indianern Aravata, bei den Maypures Marave +genannt, gleicht einem jungen Bären. Er ist vom Scheitel des kleinen, +stark zugespitzten Kopfes bis zum Anfang des Wickelschwanzes drei Fuß +lang; sein Pelz ist dicht und rothbraun von Farbe; auch Brust und Bauch +sind schön behaart, nicht nackt wie beim _Mono colorado_ oder Büffons +_Alouate roux_ den wir auf dem Wege von Carthagena nach Santa-Fe de Bogota +genau beobachtet haben. Das Gesicht des Araguato ist blauschwarz, die Haut +desselben fein und gefaltet. Der Bart ist ziemlich lang, und trotz seines +kleinen Gesichtswinkels von nur 30 Grad hat er in Blick und +Gesichtsausdruck so viel Menschenähnliches als die Marimonda (_Simia +Belzebuth_) und der Kapuziner am Orinoco (_S. chiropotes_). Bei den +Tausenden von Araguatos, die uns in den Provinzen Cumana, Caracas und +Guyana zu Gesicht gekommen, haben wir nie weder an einzelnen Exemplaren, +noch an ganzen Banden einen Wechsel im Rothbraun des Pelzes an Rücken und +Schultern wahrgenommen. Durch die Farbe unterschiedene Spielarten schienen +mir überhaupt bei den Affen nicht so häufig zu seyn, als die Zoologen +annehmen, und bei den gesellig lebenden Arten sind sie vollends sehr +selten. + +Der Araguato bei Caripe ist eine neue Art der Gattung _Stentor_, die ich +unter dem Namen _Simia ursina_ bekannt gemacht habe. Ich habe ihn lieber +so benannt als nach der Farbe des Pelzes, und zwar desto mehr, da die +Griechen bereits einen stark behaarten Affen unter dem Namen +_Arctopithekos_ kannten. Derselbe unterscheidet sich sowohl vom Uarino +(_Simia Guariba_) als vom _Alouate roux_ (_S. Seniculus_). Blick, Stimme, +Gang, Alles an ihm ist trübselig. Ich habe ganz junge Araguatos gesehen, +die in den Hütten der Indianer aufgezogen wurden; sie spielen nie wie die +kleinen Sagoins, und Lopez del Gomara schildert zu Anfang des sechzehnten +Jahrhunderts ihr ernstes Wesen sehr naiv, wenn er sagt: »*Der Aranata de +los Cumaneses* hat ein Menschengesicht, einen Ziegenbart und eine +gravitätische Haltung (_honrado gesto_).« Ich habe anderswo die Bemerkung +gemacht, daß die Affen desto trübseliger sind, je mehr Menschenähnlichkeit +sie haben. Ihre Munterkeit und Beweglichkeit nimmt ab, je mehr sich die +Geisteskräfte bei ihnen zu entwickeln scheinen. + +Wir hatten Halt gemacht, um den Heulaffen zuzusehen, wie sie zu dreißig, +vierzig in einer Reihe von Baum zu Baum auf den verschlungenen wagrechten +Aesten über den Weg zogen. Während dieses neue Schauspiel uns ganz in +Anspruch nahm, kam uns ein Trupp Indianer entgegen, die den Bergen von +Caripe zuzogen. Sie waren völlig nackt, wie meistens die Eingeborenen hier +zu Lande. Die ziemlich schwer beladenen Weiber schlossen den Zug; die +Männer, sogar die kleinsten Jungen, waren alle mit Bogen und Pfeilen +bewaffnet. Sie zogen still, die Augen am Boden, ihres Wegs. Wir hätten +gerne von ihnen erfahren, ob es noch weit nach der Mission Santa Cruz sey, +wo wir übernachten wollten. Wir waren völlig erschöpft und der Durst +quälte uns furchtbar. Die Hitze wurde drückender, je näher das Gewitter +kam, und wir hatten auf unserem Weg keine Quelle gefunden, um den Durst zu +löschen. Da die Indianer uns immer _si Padre, no Padre_ zur Antwort gaben, +meinten wir, sie verstehen ein wenig Spanisch. In den Augen der +Eingeborenen ist jeder Weiße ein Mönch, ein Pater; denn in den Missionen +zeichnet sich der Geistliche mehr durch die Hautfarbe als durch die Farbe +des Gewandes aus. Wie wir auch den Indianern mit Fragen, wie weit es noch +sey, zusetzten, sie erwiederten offenbar auf gerathewohl _si_ oder _no_, +und wir konnten aus ihren Antworten nicht klug werden. Dieß war uns um so +verdrießlicher, da ihr Lächeln und ihr Geberdenspiel verriethen, daß sie +uns gerne gefällig gewesen wären, und der Wald immer dichter zu werden +schien. Wir mußten uns trennen; die indianischen Führer, welche die +Chaymassprache verstanden, waren noch weit zurück, da die beladenen +Maulthiere bei jedem Schritt in den Schluchten stürzten. + +Nach mehreren Stunden beständig abwärts über zerstreute Felsblöcke sahen +wir uns unerwartet am Ende des Waldes von Santa Maria. So weit das Auge +reichte, lag eine Grasflur vor uns, die sich in der Regenzeit frisch +begrünt hatte. Links sahen wir in ein enges Thal hinein, das sich dem +Guacharogebirge zuzieht und im Hintergrunde mit dichtem Walde bedeckt ist. +Der Blick streifte über die Baumwipfel weg, die 800 Fuß tief unter dem Weg +sich wie ein hingebreiteter, dunkelgrüner Teppich ausnahmen. Die +Lichtungen im Walde glichen großen Trichtern, in denen wir an der +zierlichen Gestalt und den gefiederten Blättern Praga- und Irassepalmen +erkannten. Vollends malerisch wird die Landschaft dadurch, daß die Sierra +del Guacharo vor einem liegt. Ihr nördlicher, dem Meerbusen von Cariaco +zugekehrter Abhang ist steil und bildet eine Felsmauer, ein fast +senkrechtes Profil, über dreitausend Fuß hoch. Diese Wand ist so schwach +bewachsen, daß man die Linien der Kalkschichten mit dem Auge verfolgen +kann. Der Gipfel der Sierra ist abgeplattet und nur am Ostende erhebt +sich, gleich einer geneigten Pyramide, der majestätische Pic Guacharo. +Seine Gestalt erinnert an die Aiguilles und Hörner der Schweizer Alpen +(Schreckhörner, Finsteraarhorn). Da die meisten Berge mit steilem Abhang +höher scheinen, als sie wirklich sind, so ist es nicht zu verwundern, daß +man in den Missionen der Meinung ist, der Guacharo überrage den +Turimiquiri und den Brigantin. + +Die Savane, über die wir zum indianischen Dorfe Santa Cruz zogen, besteht +aus mehreren sehr ebenen Plateaus, die wie Stockwerke über einander +liegen. Diese geologische Erscheinung, die in allen Erdstrichen vorkommt, +scheint darauf hinzudeuten, daß hier lange Zeit Wasserbecken übereinander +lagen und sich in einander ergossen. Der Kalkstein geht nicht mehr zu Tage +aus; er ist mit einer dicken Schicht Dammerde bedeckt. Wo wir ihn im Walde +von Santa Maria zum letztenmale sahen, fanden wir Nester von Eisenerz +darin, und, wenn wir recht gesehen haben, ein Ammonshorn; es gelang uns +aber nicht, es loszubrechen. Es maß sieben Zoll im Durchmesser. Diese +Beobachtung ist um so interessanter, als wir sonst in diesem Theile von +Südamerika nirgends einen Ammoniten gesehen haben. Die Mission Santa Cruz +liegt mitten in der Ebene. Wir kamen gegen Abend daselbst an, halb +verdurstet, da wir fast acht Stunden kein Wasser gehabt hatten. Der +Thermometer zeigte 26 Grad; wir waren auch nur noch 190 Toisen über dem +Meer. Wir brachten die Nacht in einer der Ajupas zu, die man »Häuser des +Königs« nennt, und die, wie schon oben bemerkt, den Reisenden als *Tombo* +oder Caravanserai dienen. Wegen des Regens war an keine Sternbeobachtung +zu denken, und wir setzten des andern Tags, 23. September, unsern Weg zum +Meerbusen von Cariaco hinunter fort. Jenseits Santa Cruz fängt der dichte +Wald von Neuem an. Wir fanden daselbst unter Melastomenbüschen einen +schönen Farn mit Blättern gleich denen der Osmunda, die in der Ordnung der +Polypodiaceen eine neue Gattung (_Polybotria_) bildet. + +Von der Mission Catuaro aus wollten wir ostwärts über Santa Rosalia, +Casanay, San Josef, Carupano, Rio-Carives und den Berg Paria gehen, +erfuhren aber zu unserern großen Verdruß, daß der starke Regen die Wege +bereits ungangbar gemacht habe und wir Gefahr laufen, unsere frisch +gesammelten Pflanzen zu verlieren. Ein reicher Cacaopflanzer sollte uns +von Santa Rosalia in den Hafen von Carupano begleiten. Wir hatten noch zu +rechter Zeit gehört, daß er in Geschäften nach Cumana müsse. So +beschlossen wir denn, uns in Cariaco einzuschiffen und gerade über den +Meerbusen, statt zwischen der Insel Margarita und der Landenge Araya +durch, nach Cumana zurückzufahren. + +Die Mission Catuaro liegt in ungemein wilder Umgebung. Hochstämmige Bäume +stehen noch um die Kirche her und die Tiger fressen bei Nacht den +Indianern ihre Hühner und Schweine. Wir wohnten beim Geistlichen, einem +Mönche von der Congregation der Observanten, dem die Kapuziner die Mission +übergeben hatten, weil es ihrem eigenen Orden an Leuten fehlte. Er war ein +Doktor der Theologie, ein kleiner, magerer, fast übertrieben lebhafter +Mann; er unterhielt uns beständig von dem Proceß, den er mit dem Gardian +seines Klosters führte, von der Feindschaft seiner Ordensbrüder, von der +Ungerechtigkeit der Alcaden, die ihn ohne Rücksicht auf seine +Standesvorrechte ins Gefängniß geworfen. Trotz dieser Abenteuer war ihm +leider die Liebhaberei geblieben, sich mit metaphysischen Fragen, wie er +es nannte, zu befassen. Er wollte meine Ansicht hören über den freien +Willen, über die Mittel, die Geister von ihren Körperbanden frei zu +machen, besonders aber über die Thierseelen, lauter Dinge, über die er die +seltsamsten Ideen hatte. Wenn man in der Regenzeit sich durch Wälder +durchgearbeitet hat, ist man zu Spekulationen der Art wenig aufgelegt. +Uebrigens war in der kleinen Mission Catuaro Alles ungewöhnlich, sogar das +Pfarrhaus. Es hatte zwei Stockwerke und hatte dadurch zu einem hitzigen +Streit zwischen den weltlichen und geistlichen Behörden Anlaß gegeben. Dem +Gardian der Kapuziner schien es zu vornehm für einen Missionär und er +hatte die Indianer zwingen wollen, es niederzureißen; der Statthalter +hatte kräftige Einsprache gethan und auch seinen Willen gegen die Mönche +durchgesetzt. Ich erwähne dergleichen an sich unbedeutende Vorfälle nur, +weil sie einen Blick in die innere Verwaltung der Missionen werfen lassen, +die keineswegs immer so friedlich ist, als man in Europa glaubt. + +Wir trafen in der Mission Catuaro den Corregidor des Distrikts, einen +liebenswürdigen, gebildeten Mann. Er gab uns drei Indianer mit, die mit +ihren Machetes vor uns her einen Weg durch den Wald bahnen sollten. In +diesem wenig betretenen Lande ist die Vegetation in der Regenzeit so +üppig, daß ein Mann zu Pferd auf den schmalen, mit Schlingpflanzen und +verschlungenen Baumästen bedeckten Fußsteigen fast nicht durchkommt. Zu +unserem großen Verdruß wollte der Missionär von Catuaro uns durchaus nach +Cariaco begleiten. Wir konnten es nicht ablehnen; er ließ uns jetzt mit +seinen Faseleien über die Thierseelen und den menschlichen freien Willen +in Ruhe, er hatte uns aber nunmehr von einem ganz andern, traurigeren +Gegenstand zu unterhalten. Den Unabhängigkeitsbestrebungen, die im +Jahr 1798 in Caracas beinahe zu einem Ausbruch geführt hätten, war eine +große Aufregung unter den Negern zu Coro, Maracaybo und Cariaco +vorangegangen und gefolgt. In letzterer Stadt war ein armer Neger zum Tod +verurtheilt worden, und unser Wirth, der Seelsorger von Catuaro, ging +jetzt hin, um ihm seinen geistlichen Beistand anzubieten. Wie lang kam uns +der Weg vor, auf dem wir uns in Verhandlungen einlassen mußten »über die +Nothwendigkeit des Sklavenhandels, über die angeborene Bösartigkeit der +Schwarzen, über die Segnungen, welche der Race daraus erwachsen, daß sie +als Sklaven unter Christen leben!« + +Gegenüber dem »Code noir« der meisten andern Völker, welche Besitzungen in +beiden Indien haben, ist die spanische Gesetzgebung unstreitig sehr mild. +Aber vereinzelt, auf kaum urbar gemachtem Boden leben die Neger in +Verhältnissen, daß die Gerechtigkeit, weit entfernt sie im Leben kräftig +schützen zu können, nicht einmal im Stande ist die Barbareien zu +bestrafen, durch die sie ums Leben kommen. Leitet man eine Untersuchung +ein, so schreibt man den Tod des Sklaven seiner Kränklichkeit zu, dem +heißen, nassen Klima, den Wunden, die man ihm allerdings beigebracht, die +aber gar nicht tief und durchaus nicht gefährlich gewesen. Die bürgerliche +Behörde ist in Allem, was die Haussklaverei angeht, machtlos, und wenn man +rühmt, wie günstig die Gesetze wirken, nach denen die Peitsche die und die +Form haben muß und nur so und so viel Streiche *auf einmal* gegeben werden +dürfen, so ist das reine Täuschung. Leute, die nicht in den Colonien oder +doch nur auf den Antillen gelebt haben, sind meist der Meinung, da es im +Interesse des Herrn liege, daß seine Sklaven ihm erhalten bleiben, müssen +sie desto besser behandelt werden, je weniger ihrer seyen. Aber in Cariaco +selbst, wenige Wochen bevor ich in die Provinz kam, tödtete ein Pflanzer, +der nur acht Neger hatte, ihrer sechs durch unmenschliche Hiebe. Er +zerstörte muthwillig den größten Theil seines Vermögens. Zwei der Sklaven +blieben auf der Stelle todt, mit den vier andern, die kräftiger schienen, +schiffte er sich nach dem Hafen von Cumana ein, aber sie starben auf der +Ueberfahrt. Vor dieser abscheulichen That war im selben Jahr eine ähnliche +unter gleich empörenden Umständen begangen worden. Solche furchtbare +Unthaten blieben so gut wie unbestraft; der Geist, der die Gesetze macht, +und der, der sie vollzieht, haben nichts mit einander gemein. Der +Statthalter von Cumana war ein gerechter, menschenfreundlicher Mann; aber +die Rechtsformen sind streng vorgeschrieben und die Gewalt des +Statthalters geht nicht so weit, um Mißbräuche abzustellen, die nun einmal +von jedem europäischen Colonisationssystem untrennbar sind. + +Der Weg durch den Wald von Catuaro ist nicht viel anders als der vom Berge +Santa Maria herab; auch sind die schlimmsten Stellen hier eben so +sonderbar getauft wie dort. Man geht wie in einer engen, durch die +Bergwasser ausgespülten, mit feinem, zähem Thon gefüllten Furche dahin. +Bei den jähsten Abhängen senken die Maulthiere das Kreuz und rutschen +hinunter; das nennt man nun *Saca-Manteca*, weil der Koth so weich ist wie +*Butter*. Bei der großen Gewandtheit der einheimischen Maulthiere ist +dieses Hinabgleiten ohne alle Gefahr. Der Weg führt über die Felsschichten +herab, die am Ausgehenden Stufen von verschiedener Höhe bilden, und so ist +es auch hier ein wahrer »chemin des échelles.« Weiterhin, wenn man zum +Wald heraus ist, kommt man zum Berge *Buenavista*. Er verdient den Namen, +denn von hier sieht man die Stadt Cariaco in einer weiten, mit +Pflanzungen, Hütten und Gruppen von Cocospalmen bedeckten Ebene. Westwärts +von Cariaco breitet sich der weite Meerbusen aus, den eine Felsmauer vom +Ocean trennt; gegen Ost zeigen sich, gleich blauen Wolken, die hohen +Gebirge von Areo und Paria. Es ist eine der weitesten, prachtvollsten +Aussichten an der Küste von Neu-Andalusien. + +Wir fanden in Cariaco einen großen Theil der Einwohner in ihren +Hängematten krank am Wechselfieber. Diese Fieber werden im Herbst bösartig +und gehen in Ruhren über. Bedenkt man, wie außerordentlich fruchtbar und +feucht die Ebene ist, und welch ungeheure Masse von Pflanzenstoff hier +zersetzt wird, so sieht man leicht, warum die Luft hier nicht so gesund +seyn kann wie über dem dürren Boden von Cumana. Nicht leicht finden sich +in der heißen Zone große Fruchtbarkeit des Bodens, häufige, lange dauernde +Wasserniederschläge, eine ungemein üppige Vegetation beisammen, ohne daß +diese Vortheile durch ein Klima ausgewogen würden, das der Gesundheit der +Weißen mehr oder weniger gefährlich wird. Aus denselben Ursachen, welche +den Boden so fruchtbar machen und die Entwicklung der Gewächse +beschleunigen, entwickeln sich auch Gase aus dem Boden, die sich mit der +Luft mischen und sie ungesund machen. Wir werden oft Gelegenheit haben, +auf die Verknüpfung dieser Erscheinungen zurückzukommen, wenn wir den +Cacaobau und die Ufer des Orinoco beschreiben, wo es Flecke gibt, an denen +sich sogar die Eingeborenen nur schwer acclimatisiren. Im Thale von +Cariaco hängt übrigens die Ungesundheit der Luft nicht allein von den eben +erwähnten allgemeinen Ursachen ab; es machen sich dabei auch lokale +Verhältnisse geltend. Es wird nicht ohne Interesse seyn, den Landstrich, +der die Meerbusen von Cariaco und von Paria von einander trennt, näher zu +betrachten. + +Vom Kalkgebirge des Brigantin und Cocollar läuft ein starker Ast nach Nord +und hängt mit dem Urgebirg an der Küste zusammen. Dieser Ast heißt _Sierra +de Meapire_; der Stadt Cariaco zu führt er den Namen _Cerro grande de +Cariaco_. Er schien mir im Durchschnitt nicht über 150–200 Toisen hoch; wo +ich ihn untersuchen konnte, besteht er aus dem Kalkstein des Uferstrichs. +Mergel- und Kalkschichten wechseln mit andern, welche Quarzkörner +enthalten. Wer die Reliefbildung des Landes zu seinem besondern Studium +macht, muß es auffallend finden, daß ein quergelegter Gebirgskamm unter +rechtem Winkel zwei Ketten verbindet, deren eine, südliche, aus secundären +Gebirgsbildungen besteht, während die andere, nördliche, Urgebirge ist. +Auf dem Gipfel des Cerro de Meapire sieht man das Gebirge einerseits nach +dem Meerbusen von Paria, andererseits nach dem von Cariaco sich abdachen. +Ostwärts und westwärts vom Kamm liegt ein niedriger, sumpfiger Boden, der +ohne Unterbrechung fortstreicht, und nimmt man an, daß die beiden +Meerbusen dadurch entstanden sind, daß der Boden durch Erdbeben zerrissen +worden ist und sich gesenkt hat, so muß man voraussetzen, daß der Cerro de +Meapire diesen gewaltsamen Erschütterungen widerstanden hat, so daß der +Meerbusen von Paria und der von Cariaco nicht zu Einem verschmelzen +konnten. Wäre dieser Felsdamm nicht da, so bestünde wahrscheinlich auch +die Landenge nicht. Vom Schlosse Araya bis zum Cap Paria würde die ganze +Gebirgsmasse an der Küste eine schmale, Margarita parallel laufende, +viermal längere Insel bilden. Diese Ansichten gründen sich nicht nur auf +unmittelbare Untersuchung des Bodens und die Schlüsse aus der +Reliefbildung desselben; schon ein Blick auf die Umrisse der Küsten und +die geognostische Karte des Landes muß auf dieselben Gedanken bringen. Die +Insel Margarita hat, wie es scheint, früher mit der Küstenkette von Araya +durch die Halbinsel Chacopata und die caraibischen Inseln Lobo und Coche +zusammengehangen, wie die Kette noch jetzt mit den Gebirgen des Cocollar +und von Caripe durch den Gebirgskamm Meapire zusammenhängt. + +Im gegenwärtigen Zustand der Dinge sieht man die feuchten Ebenen, die ost- +und westwärts vom Kamm streichen und uneigentlich die Thäler von San +Bonifacio und Cariaco heißen, sich fortwährend in das Meer hinaus +verlängern. Das Meer zieht sich zurück, und diese Verrückung der Küste ist +besonders bei Cumana auffallend. Wenn die Höhenverhältnisse des Bodens +darauf hinweisen, daß die Meerbusen von Cariaco und Paria früher einen +weit größeren Umfang hatten, so läßt sich auch nicht in Zweifel ziehen, +daß gegenwärtig das Land sich allmählich vergrößert. Bei Cumana wurde im +Jahr 1791 eine Batterie, die sogenannte Bocca, dicht am Meer gebaut, im +Jahr 1799 sahen wir sie weit im Lande liegen. An der Mündung des Rio +Nevari, beim Morro de Nueva Barcelona, zieht sich das Meer noch rascher +zurück. Diese lokale Erscheinung rührt wahrscheinlich von Anschwemmungen +her, deren Zunahmeverhältnisse noch nicht gehörig beobachtet sind. + +Geht man von der Sierra de Meapire, welche die Landenge zwischen den +Ebenen von San Bonifacio und von Cariaco bildet, herab, so kommt man gegen +Ost an den großen Putacuao, der mit dem Rio Areo in Verbindung steht und +4–5 Meilen breit ist. Das Gebirgsland um dieses Becken ist nur den +Eingeborenen bekannt. Hier kommen die großen Boas vor, welche die +Chaymas-Indianer *Guainas* nennen, und denen sie einen Stachel unter dem +Schwanz andichten. Geht man von der Sierra Meapire nach West hinunter, so +betritt man zuerst einen »hohlen Boden« (_tierra hueca_), der bei dem +großen Erdbeben des Jahres 1766 in zähes Erdöl gehüllten Asphalt auswarf; +weiterhin sieht man eine Unzahl warmer, schwefelwasserstoffhaltiger +Quellen aus dem Boden brechen, und endlich kommt man zum See Campoma, +dessen Ausdünstungen zum Theil die Ungesundheit des Klimas von Cariaco +veranlassen. Die Eingeborenen glauben, der Boden sey deßhalb hohl, weil +die warmen Wasser sich hier aufgestaut haben, und nach dem Schall des +Hufschlags scheinen sich die unterirdischen Höhlungen von West nach Ost +bis Casanay, drei bis viertausend Toisen weit zu erstrecken. Ein Flüßchen, +der Rio Azul, läuft durch diese Ebenen. Sie sind zerklüftet in Folge von +Erdbeben, die hier einen besondern Herd haben und sich selten bis Cumana +fortpflanzen. Das Wasser des Rio Azul ist kalt und hell; er entspringt am +westlichen Abhang des Meapire, und man glaubt, er sey deßhalb so stark, +weil das Gewässer des Putacuao-Sees auf der andern Seite des Gebirgszugs +durchsickere. Das Flüßchen und die schwefelwasserstoffhaltigen Quellen +ergießen sich zusammen in die Laguna de Campoma. So heißt ein weites +Sumpfland, das in der trockenen Jahreszeit in drei Becken zerfällt, die +nordwestlich von der Stadt Cariaco am Ende des Meerbusens liegen. +Uebelriechende Dünste steigen fortwährend vom stehenden Sumpfwasser auf. +Sie riechen nach Schwefelwasserstoff und zugleich nach faulen Fischen und +zersetzten Vegetabilien. + +Die Miasmen bilden sich im Thale von Cariaco gerade wie in der römischen +Campagna; aber durch die tropische Hitze wird ihre verderbliche Kraft +gesteigert. Durch die Lage der Laguna von Campoma wird der Nordwest, der +sehr oft nach Sonnenuntergang weht, den Einwohnern der kleinen Stadt +Cariaco höchst gefährlich. Sein Einfluß unterliegt desto weniger einem +Zweifel, da die Wechselfieber dem Sumpfe zu, der der Hauptherd der faulen +Miasmen ist, immer häufiger in Nervenfieber übergehen. Ganze Familien +freier Neger, die an der Nordküste des Meerbusens von Cariaco kleine +Pflanzungen besitzen, liegen mit Eintritt der Regenzeit siech in ihren +Hängematten. Diese Fieber nehmen den Charakter remittirender bösartiger +Fieber an, wenn man sich, erschöpft von langer Arbeit und starker +Hautansdünstung, dem feinen Regen aussetzt, der gegen Abend häufig fällt. +Die Farbigen, besonders aber die Creolenneger, widerstehen den +klimatischen Einflüssen mehr als irgend ein anderer Menschenschlag. Man +behandelt die Kranken mit Limonade, mit dem Aufguß von _Scoparia dulcis_, +selten mit Euspare, das heißt mit der Chinarinde von Angostura. + +Im Ganzen ist bei den Epidemien in Cariaco die Sterblichkeit geringer, als +man erwarten sollte. Wenn das Wechselfieber mehrere Jahre hinter einander +einen Menschen befällt, so greift es den Körper stark an und bringt ihn +herunter; aber dieser Schwächezustand, der in ungesunden Gegenden so +häufig vorkommt, führt nicht zum Tode. Auch ist es merkwürdig, daß hier, +wie in der römischen Campagna, der Glaube herrscht, die Luft sey in dem +Maße ungesunder geworden, je mehr Morgen Landes man urbar gemacht. Die +Miasmen, die diesen Ebenen entsteigen, haben indessen nichts gemein mit +jenen, die sich bilden, wenn man einen Wald niederschlägt und nun die +Sonne eine dicke Schicht abgestorbenen Laubs erhitzt; bei Cariaco ist das +Land kahl und sehr sparsam bewaldet. Soll man glauben, daß frisch +ausgewählte und vom Regen durchfeuchtete Dammerde die Luft mehr verderbt +als der dichte Pflanzenfilz, der einen nicht bebauten Boden bedeckt? Zu +diesen örtlichen Ursachen kommen andere, weniger zweifelhafte. Das nahe +Meeresufer ist mit Manglebäumen, Avicennien und andern Baumarten mit +adstringirender Rinde bedeckt. Alle Tropenbewohner sind mit den +schädlichen Ausdünstungen dieser Gewächse bekannt, und man fürchtet sie +desto mehr, wenn Wurzeln und Stamm nicht immer unter Wasser stehen, +sondern abwechselnd naß und von der Sonne erhitzt werden. Die Manglebäume +erzeugen Miasmen, weil sie, wie ich anderswo gezeigt habe, einen +thierisch-vegetabilischen, an Gerbstoff gebundenen Stoff enthalten. Man +behauptet, der Kanal, durch den die Laguna de Campoma mit dem Meer +zusammenhängt, ließe sich leicht erweitern und so dem stehenden Wasser ein +Abfluß verschaffen. Die freien Neger, die das Sumpfland häufig betreten, +versichern sogar, der Durchstich brauchte gar nicht tief zu seyn, da das +kalte, klare Wasser des Rio Azul sich auf dem Boden des Sees befindet und +man beim Nachgraben aus den untern Schichten trinkbares, geruchloses +Wasser erhält. + +Die Stadt Cariaco ist mehreremale von den Caraiben verheert worden. Die +Bevölkerung hat rasch zugenommen, seit die Provinzialbehörden, den +Verboten des Madrider Hofs zuwider, nicht selten dem Handel mit fremden +Colonien Vorschub geleistet haben. Sie hat sich in zehn Jahren verdoppelt +und betrug im Jahr 1800 über 6000 Seelen. Die Einwohner treiben sehr +fleißig Baumwollenbau; die Baumwolle ist sehr schön und es werden mehr als +10,000 Centner erzeugt. Die leeren Hülsen der Baumwolle werden sorgsam +verbrannt; wirft man sie in den Fluß, wo sie faulen, so erzeugen sie +Ausdünstungen, die man für schädlich hält. Der Bau des Cacaobaums hat in +letzter Zeit sehr abgenommen. Dieser köstliche Baum trägt erst im achten +bis zehnten Jahr. Die Frucht ist schwer in Magazinen aufzubewahren, und +nach Jahresfrist »geht sie an,« wenn sie noch so sorgfältig getrocknet +worden ist. Dieser Nachtheil ist für den Colonisten von großem Belang. Auf +diesen Küsten ist je nach der Laune eines Ministeriums und dem mehr oder +minder kräftigen Widerstand der Statthalter der Handel mit den Neutralen +bald verboten, bald mit gewissen Beschränkungen gestattet. Die Nachfrage +nach einer Waare und die Preise, die sich nach der Nachfrage bestimmen, +unterliegen daher dem raschesten Wechsel. Der Colonist kann sich diese +Schwankungen nicht zu Nutze machen, weil sich der Cacao in den Magazinen +nicht hält. Die alten Cacaostämme, die meist nur bis zum vierzigsten Jahre +tragen, sind daher nicht durch junge ersetzt worden. Im Jahr 1792 zählte +man ihrer noch 254,000 im Thal von Cariaco und am Ufer des Meerbusens. +Gegenwärtig zieht man andere Culturzweige vor, welche gleich im ersten +Jahr einen Ertrag liefern, und deren Produkte nicht nur nicht so lange aus +sich warten lassen, sondern auch leichter aufzubewahren sind. Solche sind +Baumwolle und Zucker, die nicht der Verderbniß unterliegen wie der Cacao +und sich aufbewahren lassen, so daß man sie im günstigsten Zeitpunkt +losschlagen kann. Die Umwandlungen, die in Folge der fortschreitenden +Cultur und des Verkehrs mit Fremden Sitten und Charakter der +Küstenbewohner erlitten, haben anuch bestimmend mitgewirkt, wenn sie jetzt +diesem und jenem Culturzweig den Vorzug geben. Jenes Maß in der sinnlichen +Begierde, jene Geduld, die lange warten kann, jene Gemüthsruhe, welche die +trübselige Eintönigkeit des einsamen Lebens ertragen läßt, verschwinden +nach und nach aus dem Charakter der Hispano-Amerikaner. Sie werden +unternehmender, leichtsinniger, beweglicher und werfen sich mehr auf +Unternehmungen, die einen raschen Ertrag geben. + +Nur im Innern der Provinz, ostwärts von der Sierra de Meapire, auf dem +unbebauten Boden von Carupano an durch das Thal San Bonifacio bis zum +Meerbusen von Paria entstehen neue Cacaopflanzungen. Sie werden dort desto +einträglicher, je mehr die Luft über dem frisch urbar gemachten, von +Wäldern umgebenen Land stockt, je mehr sie mit Wasser und mephitischen +Dünsten geschwängert ist. Hier leben Familienväter, welche, treu den alten +Sitten der Colonisten, sich und ihren Kindern langsam, aber sicher +Wohlstand erarbeiten. Sie behelfen sich bei ihrer mühsamen Arbeit mit +einem einzigen Sklaven; sie brechen mit eigener Hand den Boden um, ziehen +die jungen Cacaobäume im Schatten der Erythrina und der Bananenbäume, +beschneiden den erwachsenen Baum, vertilgen die Massen von Würmern und +Insekten, welche Rinde, Blätter und Blüthen anfallen, legen Abzugsgräben +an, und unterziehen sich sieben, acht Jahre lang einem elenden Leben, bis +der Cacaobaum anfängt Ernten zu liefern. Dreißig tausend Stämme sichern +den Wohlstand einer Familie auf anderthalb Generationen. Wenn durch die +Baumwolle und den Kaffee der Bau des Cacao in der Provinz Caracas und im +kleinen Thale von Cariaco beschränkt worden ist, so hat dagegen letzterer +Zweig der Colonialindustrie im Innern der Provinzen Neubarcelona und +Cumana zugenommen. Warum die Cacaopflanzungen sich von West nach Ost mehr +und mehr ausbreiten, ist leicht einzusehen. Die Provinz Caracas ist die am +frühesten bebaute; je länger aber ein Land urbar gemacht ist, desto +baumloser wird es in der heißen Zone, desto dürrer, desto mehr den Winden +ausgesetzt. Dieser Wechsel in der äußern Natur ist dem Gedeihen des +Cacaobaums hinderlich, und deßhalb gehen die Pflanzungen in der Provinz +Caracas ein und häufen sich dafür westwärts auf unberührtem, erst kürzlich +urbar gemachtem Boden. Die Provinz Neu-Andalusien allein erzeugte im +Jahr 1799 18,000–20,000 Fanegas Cacao (zu 40 Piastern die Fanega in +Friedenszeiten), wovon 5000 nach der Insel Trinidad geschmuggelt wurden. +Der Cacao von Cumana ist ohne allen Vergleich besser als der von +Guayaquil. + +Die in Cariaco herrschenden Fieber nöthigten uns zu unserem Bedauern, +unsern Aufenthalt daselbst abzukürzen. Da wir noch nicht recht +acclimatisirt waren, so riethen uns selbst die Colonisten, an die wir +empfohlen waren, uns auf den Weg zu machen. Wir lernten in der Stadt viele +Leute kennen, die durch eine gewisse Leichtigkeit des Benehmens, durch +umfassenderen Ideenkreis und, darf ich hinzusetzen, durch entschiedene +Vorliebe für die Regierungssorm der Vereinigten Staaten verriethen, daß +sie viel mit dem Ausland in Verkehr gestanden. Hier hörten wir zum +erstenmal in diesem Himmelsstriche die Namen Franklin und Washington mit +Begeisterung aussprechen. Neben dem Ausdruck dieser Begeisterung bekamen +wir Klagen zu hören über den gegenwärtigen Zustand von Neu-Andalusien, +Schilderungen, oft übertriebene, des natürlichen Reichthums des Landes, +leidenschaftliche, ungeduldige Wünsche für eine bessere Zukunft. Diese +Stimmung mußte einem Reisenden ausfallen, der unmittelbarer Zeuge der +großen politischen Erschütterungen in Europa gewesen war. Noch gab sich +darin nichts Feindseliges, Gewaltsames, keine bestimmte Richtung zu +erkennen. Gedanken und Ausdruck hatten die Unsicherheit, die, bei den +Völkern wie beim Einzelnen, als ein Merkmal der halben Bildung, der +voreilig sich entwickeln den Kultur erscheint. Seit die Insel Trinidad +eine englische Colonie geworden ist, hat das ganze östliche Ende der +Provinz Cumana, zumal die Küste von Paria und der Meerbusen dieses Namens +ein ganz anderes Gesicht bekommen. Fremde haben sich da niedergelassen und +den Bau des Kaffeebaums, des Baumwollenstrauchs, des otaheitischen +Zuckerrohrs eingeführt. In Carupano, im schönen Thal des Rio Caribe, in +Guire und im neuen Flecken Punta de Pietro gegenüber dem Puerto d’Espana +auf Trinidad hat die Bevölkerung sehr stark zugenommen. Im _Golfo triste_ +ist der Boden so fruchtbar, daß der Mais jährlich zwei Ernten und das +380ste Korn gibt. Die Vereinzelung der Niederlassungen hat dem Handel mit +fremden Colonien Vorschub geleistet, und seit dem Jahr 1797 ist eine +geistige Umwälzung eingetreten, die in ihren Folgen dem Mutterland noch +lange nicht verderblich geworden wäre, hätte nicht das Ministerium fort +und fort alle Interessen gekränkt, alle Wünsche mißachtet, Es gibt in den +Streitigkeiten der Colonien mit dem Mutterland, wie fast in allen +Volksbewegnngen, einen Moment, wo die Regierungen, wenn sie nicht über den +Gang der menschlichen Dinge völlig verblendet sind, durch kluge, +fürsichtige Mäßigung das Gleichgewicht herstellen und den Sturm beschwören +können. Lassen sie diesen Zeitpunkt vorübergehen, glauben sie durch +physische Gewalt eine moralische Bewegung niederschlagen zu können, so +gehen die Ereignisse unaufhaltsam ihren Gang und die Trennung der Colonien +erfolgt mit desto verderblicherer Gewaltsamkeit, wenn das Mutterland +während des Streits seine Monopole und seine frühere Gewalt wieder eine +Zeitlang hatte aufrecht erhalten können. + +Wir schifften uns Morgens sehr früh ein, in der Hoffnung, die Ueberfahrt +über den Meerbusen von Cariaco in Einem Tage machen zu können. Das Meer +ist hier nicht unruhiger als unsere großen Landseen, wenn sie vom Winde +sanft bewegt werden. Es sind vom Landungsplatz nach Cumana nur zwölf +Seemeilen. Als wir die kleine Stadt Cariaco im Rücken hatten, gingen wir +westwärts am Flusse Carenicuar hin, der schnurgerade wie ein künstlicher +Kanal durch Gärten und Baumwollenpflanzungen läuft. Der ganze, etwas +sumpfige Boden ist aufs sorgsamste angebaut. Während unseres Aufenthalts +in Peru wurde hier auf trockeneren Stellen der Kaffeebau eingeführt. Wir +sahen am Flusse indianische Weiber ihr Zeug mit der Frucht des *Parapara* +(_Sapindus saponaria_) waschen. Feine Wäsche soll dadurch sehr mitgenommen +werden. Die Schale der Frucht gibt einen starken Schaum und die Frucht ist +so elastisch, daß sie, wenn man sie auf einen Stein wirft, drei, viermal +sieben bis acht Fuß hoch aufspringt. Da sie kugeligt ist, verfertigt man +Rosenkränze daraus. + +Kaum waren wir zu Schiffe, so hatten wir mit widrigen Winden zu kämpfen. +Es regnete in Strömen und ein Gewitter brach in der Nähe aus. Schaaren von +Flamingos, Reihern und Cormorans zogen dem Ufer zu. Nur der Alcatras, eine +große Pelicanart, fischte ruhig mitten im Meerbusen weiter. Wir waren +unser achtzehn Passagiere, und auf der engen, mit Rohzucker, +Pisangbüscheln und Cocosnüssen überladenen Pirogue (Fancha) konnten wir +unsere Instrumente und Sammlungen kaum unterbringen. Der Rand des +Fahrzeugs stand kaum über Wasser. Der Meerbusen ist fast überall 45–50 +Faden tief, aber am östlichen Ende bei Curaguaca findet das Senkblei fünf +Meilen weit nur 3–4 Faden. Hier liegt der Baxo de la Cotua, eine Sandbank, +die bei der Ebbe als Eiland über Wasser kommt. Die Piroguen, die +Lebensmittel nach Cumana bringeng stranden manchmal daran, aber immer ohne +Gefahr, weil die See hier niemals hoch geht und scholkt. Wir fuhren über +den Strich des Meerbusens, wo auf dem Boden der See heiße Quellen +entspringen. Es war gerade Fluth und daher der Temperaturwechsel weniger +merkbar; auch fuhr unsere Pirogue zu nahe an der Südküste hin. Man sieht +leicht, daß man Wasserschichten von verschiedener Temperatur antreffen +muß, je nachdem die See mehr oder minder tief ist, oder je nachdem die +Strömungen und der Wind die Mischung des warmen Quellwassers und des +Wassers des Golfs befördern. Diese heißen Quellen, die, wie behauptet +wird, auf 10,000–12,000 Quadrattoisen die Temperatur der See erhöhen, sind +eine sehr merkwürdige Erscheinung. Geht man vom Vorgebirge Paria westwärts +über Irapa, _Aguas calientes_, den Meerbusen von Cariaco, den Brigantin +und die Thäler von Aragua bis zu den Schneegebirgen von Merida, so findet +man auf einer Strecke von mehr als 150 Meilen eine ununterbrochene Reihe +von warmen Quellen. + +Der widrige Wind und der Regen nöthigten uns bei Pericantral, einem +kleinen Hofe aus der Südküste des Meerbusens, zu landen. Diese ganze, +schön bewachsene Küste ist fast ganz unbebaut; man zählt kaum +700 Einwohner und außer dem Dorfe Mariguitar sieht man nichts als +Pflanzungen von Cocosbäumen, die die Oelbäume des Landes sind. Diese Palme +wächst in beiden Continenten in einer Zone, wo die mittlere +Jahrestemperatur nicht unter 20° beträgt. Sie ist, wie der Chamärops im +Becken des Mittelmeers, eine wahre »Küstenpalme.« Sie zieht Salzwasser dem +süßen Wasser vor und kommt im Innern des Landes, wo die Luft nicht mit +Salztheilchen geschwängert ist, lange nicht so gut fort als auf den +Küsten. Wenn man in Terra Firma oder in den Missionen am Orinoco +Cocosnußbäume weit von der See pflanzt, wirft man ein starkes Quantum +Salz, oft einen halben Scheffel, in das Loch, in das die Cocosnüsse gelegt +werden. Unter den Culturgewächsen haben nur noch das Zuckerrohr, der +Bananenbaum, der Mammei und der Avocatier, gleich dem Cocosnußbaum, die +Eigenschaft, daß sie mit süßem oder mit Salzwasser begossen werden können. +Dieser Umstand begünstigt ihre Verpflanzung, und das Zuckerrohr von der +Küste gibt zwar einen etwas salzigten Saft, derselbe eignet sich aber, wie +man glaubt, besser zur Branntweindestillation als der Saft aus dem +Binnenlande. + +Im übrigen Amerika wird der Cocosnußbaum meist nur um die Höfe gepflanzt, +und zwar um der eßbaren Frucht willen; am Meerbusen von Cariaco dagegen +sieht man eigentliche Pflanzungen davon. Man spricht in Cumana von einer +_hacienda de coco_, wie von einer _hacienda de caña_ oder _cacao_. Auf +fruchtbarem, feuchtem Boden fängt der Cocosbaum im vierten Jahre an +reichlich Früchte zu tragen; auf dürrem Lande dagegen erhält man vor dem +zehnten Jahre keine Ernte. Der Baum dauert nicht über 80–100 Jahre aus, +und er ist dann im Durchschnitt 70–80 Fuß hoch. Dieses rasche Wachsthum +ist desto ausfallender, da andere Palmen, z. B. der Moriche (_Mauritia +flexuosa_) und die _Palma de Sombrero_ (_Coripha tectorum_), die sehr +lange leben, im sechzigsten Jahr oft erst 14–18 Fuß hoch sind. In den +ersten dreißig bis vierzig Jahren trägt am Meerbusen von Cariaco ein +Cocosbaum jeden Monat einen Büschel mit 10–14 Früchten, von denen jedoch +nicht alle reif werden. Man kann im Durchschnitt jährlich auf den Baum +100 Nüsse rechnen, die acht Flascos [Der Flasco zu 70–80 Pariser +Cubikzoll] Oel geben. Der Flasco gilt zwei einen halben Silberrealen oder +32 Sous. In der Provence gibt ein dreißigjähriger Oelbaum zwanzig Pfund +oder sieben Flascos Oel, also etwas weniger als der Cocosbaum. Es gibt im +Meerbusen von Cariaco Haciendas mit 8000–9000 Cocosbäumen; ihr malerischer +Anblick erinnert an die herrlichen Dattelpflanzungen bei Elche in Murcia, +wo auf einer Quadratmeile über 70,000 Palmstämme bei einander stehen. Der +Cocosbaum trägt nur bis zum dreißigsten bis vierzigsten Jahr reichlich, +dann nimmt der Ertrag ab und ein hundertjähriger Stamm ist zwar nicht ganz +unfruchtbar, bringt aber sehr wenig mehr ein. In der Stadt Cumana wird +sehr viel Cocosnußöl geschlagen; es ist klar, geruchlos und ein gutes +Brennmaterial. Der Handel damit ist so lebhaft als auf der Westküste von +Afrika der Handel mit Palmöl, das von _Elays guinneensis_ kommt. Dieses +ist ein Speiseöl. In Cumana sah ich mehr als einmal Piroguen ankommen, die +mit 3000 Cocosnüssen beladen waren. Ein Baum von gutem Ertrag gibt ein +jährliches Einkommen von 2½ Piastern (14 Francs 5 Sous), da aber auf den +_Haciendas de Coco_ Stämme von verschiedenem Alter durch einander stehen, +so wird bei Schätzungen durch Sachverständige das Kapital nur zu +4 Piastern angenommen. + +Wir verließen den Hof Pericantral erst nach Sonnenuntergang. Die Südküste +des Meerbusens in ihrem reichen Pflanzenschmuck bietet den lachendsten +Anblick, die Nordküste dagegen ist felsigt, nackt und dürr. Trotz des +dürren Bodens und des seltenen Regens, der zuweilen fünfzehn Monate +ausbleibt, wachsen auf der Halbinsel Araya (wie in der Wüste Canound in +Indien) 30–50 Pfund schwere *Patillas* oder Wassermelonen. In der heißen +Zone ist die Luft etwa zu 9/10 mit Wasserdunst gesättigt und die +Vegetation erhält sich dadurch, daß die Blätter die wunderbare Eigenschaft +haben, das in der Luft aufgelöste Wasser einzusaugen. Wir hatten auf der +engen, überladenen Pirogue eine recht schlechte Nacht und befanden uns um +drei Uhr Morgens an der Mündung des Rio Manzanares. Wir waren seit +mehreren Wochen an den Anblick der Gebirge, an Gewitterhimmel und finstere +Wälder gewöhnt, und so fielen uns jetzt die Naturverhältnisse von Cumana, +der ewig heitere Himmel, der kahle Boden, die Masse des überall +zurückgeworfenen Lichtes doppelt auf. + +Bei Sonnenaufgang sahen wir Tamurosgeier (_Vultur aura_) zu Vierzigen und +Fünfzigen auf den Cocosnußbäumen sitzen. Diese Vögel hocken zum Schlafen +in Reihen zusammen, wie die Hühner, und sie sind so träge, daß sie, lange +ehe die Sonne untergeht, aufsitzen und erst wieder erwachen, wenn ihre +Scheibe bereits über dem Horizont steht. Es ist, als ob die Bäume mit +gefiederten Blättern nicht minder träge wären. Die Mimosen und Tamarinden +schließen bei heiterem Himmel ihre Blätter 25–30 Minuten vor +Sonnenuntergang, und sie öffnen sie am Morgen erst, wenn die Scheibe +bereits eben so lang am Himmel steht. Da ich Sonnen-Auf- und Untergang +ziemlich regelmäßig beobachtete, um das Spiel der Luftspiegelung und der +irdischen Refraction zu verfolgen, so konnte ich auch die Erscheinungen +des Pflanzenschlafs fortwährend im Auge behalten. Ich fand sie gerade so +in den Steppen, wo der Blick aus den Horizont durch keine Unebenheit des +Bodens unterbrochen wird. Die sogenannten Sinnpflanzen und andere +Schotengewächse mit seinen, zarten Blättern empfinden, scheint es, da sie +den Tag über an ein sehr starkes Licht gewöhnt sind, Abends die geringste +Abnahme in der Stärke der Lichtstrahlen, so daß für diese Gewächse, dort +wie bei uns, die Nacht eintritt, bevor die Sonnenscheibe ganz verschwunden +ist. Aber wie kommt es, daß in einem Erdstriche, wo es fast keine +Dämmerung gibt, die ersten Sonnenstrahlen die Blätter nicht um so stärker +aufregen, da durch die Abwesenheit des Lichts ihre Reizbarkeit gesteigert +worden seyn muß? Läßt sich vielleicht annehmen, daß die Feuchtigkeit, die +sich durch die Erkaltung der Blätter in Folge der nächtlichen Strahlung +auf dem Parenchym niederschlägt, die Wirkung der ersten Sonnenstrahlen +hindert? In unsern Himmelsstrichen erwachen die Schotengewächse mit +reizbaren Blättern schon ehe die Sonne sich zeigt, in der Morgendämmerung. + + ------------------ + + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1.*** + + + +CREDITS + + +September 3, 2007 + + Project Gutenberg TEI edition 01 + R. Stephan and K. Stüber + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 22492-0.txt or 22492-0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/2/4/9/22492/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. 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