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+The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents. Band 1. by Alexander von Humboldt
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1.
+
+Author: Alexander von Humboldt
+
+Release Date: September 3, 2007 [Ebook #22492]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1.***
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+Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents.
+Band 1.
+
+
+by Alexander von Humboldt
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+
+Edition 01 , (September 3, 2007)
+
+
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+
+
+ In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.
+
+ Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.
+
+ Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.
+
+ ------------------
+
+ 1865
+
+ ------------------
+
+ Erster Band
+
+
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+
+
+CONTENTS
+
+
+Vorwort
+Erstes Kapitel
+Zweites Kapitel
+Drittes Kapitel
+Viertes Kapitel
+Fünftes Kapitel
+Sechstes Kapitel
+Siebentes Kapitel
+Achtes Kapitel
+
+
+
+
+
+
+VORWORT
+
+
+Einem wissenschaftlichen Reisenden kann es wohl nicht verargt werden, wenn
+er eine vollständige Uebersetzung seiner Arbeiten jeder auch noch so
+geschmackvollen Abkürzung derselben vorzieht. Bouquer´s und La Condamine´s
+mehr als hundertjährige Quartbände werden noch heute mit großer Theilnahme
+gelesen; und da jeder Reisende gewissermaßen den Zustand der
+Wissenschaften seiner Zeit, oder vielmehr die Gesichtpunkte darstellt,
+welche von dem Zustande des Wissens seiner Zeit abhangen, so ist das
+wissenschaftliche Interesse um so lebendiger, als die Epoche der
+Darstellung der Jetztzeit näher liegt. Damit aber die lebendige
+Darstellung des Geschehenen weniger unterbrochen werde, habe ich das
+Material, durch welches allgemeine kosmische Resultate begründet werden,
+in besonderen Zugaben über stündliche Barometer-Veränderungen, Neigung der
+Magnetnadel und Intensität der magnetischen Erdkraft zusammengedrängt. Die
+Absonderung solcher und anderer Zugaben hat allerdings, und ohne großen
+Nachtheil, zu Abkürzungen in der Uebersetzung des Originaltextes der Reise
+Anlaß geben können. Diese Betrachtung war auch geeignet mich bald mit dem
+Unternehmen zu versöhnen, einem größeren Kreise gebildeter Leser, die
+bisher mehr mit der Natur als mit scientifischen Wissen befreundet waren,
+einen etwas *abgekürzten Text der Reise in die Tropen-Gegenden des Neuen
+Continents* darzubieten. Die Buchhandlung, welche aus edler, ich setze
+gern hinzu angeerbter Freundschaft meinen Arbeiten eine so lange und
+sorgfältige Pflege geschenkt hat, hat mich aufgefordert diese neue
+Ausgabe, welche einem vielseitig unterrichteten Gelehrten, Herrn
+Bibliothekar Professor _Dr._ *Hauff* anvertraut ist, nicht bloß, so viel
+mein Uralter und meine gesunkenen Kräfte es erlauben, zu revidiren,
+sondern auch mit Zusätzen und Berichtigungen zu bereichern. Die
+Naturwissenschaft ist, wie die Natur selbst, in ewigem *Werden* und
+Wechsel begriffen. Seit der Herausgabe des ersten Bandes der Reise sind
+jetzt 45 Jahre verflossen. Die Berichtigungen müßten also zahlreich seyn:
+in geognostischer Hinsicht wegen Bezeichnung der Gebirgs-Formationen und
+der metamorphosirten Gebirge, des wohlthätigen Einflusses der Chemie auf
+die Geognosie, wie in allem, was anbetrifft die Vertheilung der Wärme auf
+dem Erdkörper und die Ursach der verschiedenen Krümmung monatlicher
+Isothermen (nach Dove´s meisterhaften Arbeiten). Die durch die neue
+Ausgabe veranlaßte Erweiterung des Kreises wissenschaftlicher Anregung
+kann ich nur freudig begrüßen; denn in dem Entwickelungsgange physischer
+Forschungen wie in dem der politischen Institutionen ist Stillstand durch
+unvermeidliches Verhängnis an den Anfang eines verderblichen
+*Rückschrittes* geknüpft.
+
+Es würde mir dazu eine innige Freude seyn noch zu erleben, wie die
+Unternehmer es hoffen, daß meine in den Jahren freudig aufstrebender
+Jugend ausgeführte Reise, deren einer Genosse, mein theurer Freund, *Aimé
+Bonpland*, bereits, im hohen Alter, dahingegangen ist, in unserer eigenen
+schönen Sprache von demselben deutschen Volke mit einigem Vergnügen
+gelesen werde, welches mehr denn zwei Menschenalter hindurch mich in
+meinen wissenschaftlichen Bestrebungen und meiner Laufbahn durch ein
+eifriges Wohlwollen beglückt und selbst meinen spätesten Arbeiten durch
+seine partheiische Theilnahme eine Rechtfertigung gewährt hat.
+
+*Berlin*, 26. März 1859.
+
+*Alexander v. Humboldt.*
+
+
+
+
+
+ERSTES KAPITEL
+
+
+ Vorbereitungen — Abreise von Spanien — Aufenthalt auf den
+ Kanarischen Inseln
+
+
+Wenn eine Regierung eine jener Fahrten auf dem Weltmeer anordnet, durch
+welche die Kenntniß des Erdballes erweitert und die physischen
+Wissenschaften gefördert werden, so stellt sich ihrem Vorhaben keinerlei
+Hinderniß entgegen. Der Zeitpunkt der Abfahrt und der Plan der Reise
+können eingehalten werden, sobald die Schiffe ausgerüstet und die
+Astronomen und Naturforscher, welche unbekannte Meere befahren sollen,
+gewählt sind. Die Inseln und Küsten, deren Produkte die Seefahrer kennen
+lernen sollen, liegen außerhalb des Bereiches der staatlichen Bewegungen
+Europas. Wenn längere Kriege die Freiheit zur See beschränken, so stellen
+die kriegführenden Mächte gegenseitig Pässe aus; der Haß zwischen Volk und
+Volk tritt zurück, wenn es sich von der Förderung des Wissens handelt, das
+die gemeine Sache der Völker ist.
+
+Anders, wenn nur ein Privatmann auf seine Kosten eine Reise in das Innere
+eines Festlandes unternimmt, das Europa in sein System von Kolonien
+gezogen hat. Wohl mag sich der Reisende einen Plan entwerfen, wie er ihm
+für seine wissenschaftlichen Zwecke und bei den staatlichen Verhältnissen
+der zu bereisenden Länder die angemessenste scheint; er mag sich die
+Mittel verschaffen, die ihm fern vom Heimathland auf Jahre die
+Unabhängigkeit sicher, aber gar oft widersetzen sich unvorhergesehene
+Hindernisse seinem Vorhaben, wenn er eben meint, es ausführen zu können.
+Nicht leicht hat aber ein Reisender mit so vielen Schwierigkeiten zu
+kämpfen gehabt als ich vor meiner Abreise nach dem spanischen Amerika.
+Gern wäre ich darüber weggegangen und hätte meine Reisebeschreibungen mit
+der Besteigung des Pic von Tenerifa begonnen, wenn nicht das Fehlschlagen
+meiner ersten Pläne auf die Richtung meiner Reise nach der Rückkehr vom
+Orinoko bedeutenden Einfluß geäußert hätte. Ich gebe daher eine flüchtige
+Schilderung dieser Vorgänge, die für die Wissenschaft von keinem Belang
+sind, von denen ich aber wünschen muß, daß sie richtig beurteilt werden.
+Da nun einmal die Neugier des Publikums sich häufig mehr an die Person des
+Reisenden als an seine Werke heftet, so sind auch die Umstände, unter
+denen ich meine ersten Reisepläne entworfen, ganz schief aufgefaßt
+worden.(1)
+
+Von früher Jugend auf lebte in mir der sehnliche Wunsch, ferne, von
+Europäern wenig besuchte Länder bereisen zu dürfen. Dieser Drang ist
+bezeichnend für einen Zeitpunkt im Leben, wo dieses vor uns liegt wie ein
+schrankenloser Horizont, wo uns nichts so sehr anzieht als starke
+Gemüthsbewegung und Bilder physischer Fährlichkeiten. In einem Lande
+aufgewachsen, das in keinem unmittelbaren Verkehr mit den Kolonien in
+beiden Indien steht, später in einem fern von der Meeresküste gelegenen,
+durch starken Bergbau berühmten Gebirge lebend, fühlte ich den Trieb zur
+See und zu weiten Fahrten immer mächtiger in mir werden. Dinge, die wir
+nur aus den lebendigen Schilderungen der Reisenden kennen, haben ganz
+besonderen Reiz für uns; Alles in Entlegenheit undeutlich Umrissene
+besticht unsere Einbildungskraft; Genüsse, die uns nicht erreichbar sind,
+scheinen uns weit lockender, als was uns im engen Kreise des bürgerlichen
+Lebens bietet. Die Lust am Botanisiren, das Studium der Geologie, ein
+Ausflug nach Holland, England und Frankreich in Gesellschaft eines
+berühmten Mannes, Georg Forsters, dem das Glück geworden war, Capitän Cook
+auf seiner zweiten Reise um die Welt zu begleiten, trugen dazu bei, den
+Reiseplänen, die ich schon mit achtzehn Jahren gehegt, Gestalt und Ziel zu
+geben. Wenn es mich noch immer in die schönen Länder des heißen Erdgürtels
+zog, so war es jetzt nicht mehr der Drang nach einem aufregenden
+Wanderleben, es war der Trieb, eine wilde, großartige, an mannichfaltigen
+Naturprodukten reiche Natur zu sehen, die Aussicht, Erfahrungen zu
+sammeln, welche die Wissenschaften förderten. Meine Verhältnisse
+gestatteten mir damals nicht, Gedanken zu verwirklichen, die mich so
+lebhaft beschäftigten, und ich hatte sechs Jahre Zeit, mich zu den
+Beobachtungen, die ich in der Neuen Welt anzustellen gedachte,
+vorzubereiten, mehrere Länder Europas zu bereisen und die Kette der
+Hochalpen zu untersuchen, deren Bau ich in der Folge mit den Anden von
+Quito und Peru vergleichen konnte. Da ich zu verschiedenen Zeiten mit
+Instrumenten von verschiedener Construction arbeitete, wählte ich am Ende
+diejenigen, die mir als die genauesten und dabei auf dem Transport
+dauerhaftesten erschienen; ich fand Gelegenheit, Messungen, die nach den
+strengsten Methoden vor genommen wurden, zu wiederholen, und lernte so
+selbstständig die Grenzen der Irrthümer kennen, auf die ich gefaßt seyn
+mußte.
+
+Im Jahre 1795 hatte ich einen Teil von Italien bereist, aber die
+vulkanischen Striche in Neapel und Sizilien nicht besuchen können. Ungern
+hätte ich Europa verlassen, ohne Vesuv, Stromboli und Aetna gesehen zu
+haben; ich sah ein, um zahlreiche geologische Erscheinungen, namentlich in
+der Trappformation, richtig aufzufassen, mußte ich mich mit den
+Erscheinungen, wie noch tätige Vulkane sie bieten, näher bekannt gemacht
+haben. Ich entschloß mich daher im November 1797, wieder nach Italien zu
+gehen. Ich hielt mich lange in Wien auf, wo die ausgezeichneten Sammlungen
+und die Freundlichkeit Jacquins und Josephs van der Schott mich in meinen
+vorbereitenden Studien ausnehmend förderten; ich durchzog mit Leopold von
+Buch, von dem seitdem ein treffliches Werk über Lappland erschienen ist,
+mehrere Teile des Salzburger Landes und Steiermark, Länder, die für den
+Geologen und Landschaftsmaler gleich viel Anziehendes haben; als ich aber
+über die Tiroler Alpen gehen wollte, sah ich mich durch den in ganz
+Italien ausgebrochenen Krieg genötigt, den Plan der Reise nach Neapel
+aufzugeben.
+
+Kurz zuvor hatte ein leidenschaftlicher Kunstfreund, der bereits die
+Küsten Illyriens und Griechenlands als Alter thumsforscher besucht hatte,
+mir den Vorschlag gemacht, ihn auf einer Reise nach Oberegypten zu
+begleiten. Der Ausflug sollte nur acht Monate dauern; geschickte Zeichner
+und astronomische Werkzeuge sollten uns begleiten, und so wollten wir den
+Nil bis Assuan hinaufgehen und den zwischen Tentyris und den Cataracten
+gelegenen Teil des Saïd genau untersuchen. Ich hatte bis jetzt bei meinen
+Planen nie ein außertropisches Land im Auge gehabt, dennoch konnte ich der
+Versuchung nicht widerstehen, Länder zu besuchen, die in der Geschichte
+der Kultur eine so bedeutende Rolle spielen. Ich nahm den Vorschlag an,
+aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ich bei der Rückkehr nach
+Alexandrien allein durch Syrien und Palästina weiter reisen dürfte. Sofort
+richtete ich meine Studien nach dem neuen Plane ein, was mir später zu
+gute kam, als es sich davon handelte, die rohen Denkmale der Mexicaner mit
+denen der Völker der Alten Welt zu vergleichen. Ich hatte die nahe
+Aussicht, mich nach Egypten einzuschiffen, da nöthigten mich die
+eingetretenen politischen Verhältnisse, eine Reise aufzugeben, die mir so
+großen Genuß versprach. Im Orient standen die Dinge so, daß ein einzelner
+Reisender gar keine Aussicht hatte, dort Studien machen zu können, welche
+selbst in den ruhigsten Zeiten von den Regierungen mit mißtrauischen Augen
+angesehen werden.
+
+Zur selben Zeit war in Frankreich eine Entdeckungsreise in die Südsee
+unter dem Befehl des Kapitäns Baudin im Werk. Der ursprüngliche Plan war
+großartig, kühn und hätte verdient, unter umsichtiger Leitung ausgeführt
+zu werden. Man wollte die spanischen Besitzungen in Südamerika von der
+Mündung des Rio de la Plata bis zum Königreich Quito und der Landenge von
+Panama besuchen. Die zwei Corvetten sollten sofort über die Inselwelt des
+Stillen Meeres nach Neuholland gelangen, die Küsten desselben von
+Vandiemensland bis Nuytsland untersuchen, bei Madagaskar anlegen und über
+das Kap der guten Hoffnung zurückkehren. Ich war nach Paris gekommen, als
+man sich eben zu dieser Reise zu rüsten begann. Der Charakter des Kapitäns
+Baudin war eben nicht geeignet, mir Vertrauen einzuflößen; der Mann hatte
+meinen Freund, den jungen Botaniker van der Schott, nach Brasilien
+gebracht, und der Wiener Hof war dabei schlecht mit ihm zufrieden gewesen;
+da ich aber mit eigenen Mitteln nie eine so weite Reise unternehmen und
+ein so schönes Stück der Welt hätte kennen lernen können, so entschloß ich
+mich, auf gutes Glück die Expedition mitzumachen. Ich erhielt Erlaubniß,
+mich mit meinen Instrumenten auf einer der Corvetten, die nach der Südsee
+gehen sollten, einzuschiffen, und machte nur zur Bedingung, daß ich mich
+von Kapitän Baudin trennen dürfte, wo und wann es mir beliebte. Michaux,
+der bereits Persien und einen Teil von Nordamerika besucht hatte, und
+Bonpland, dem ich mich anschloß, und der mir seitdem aufs innigste
+befreundet geblieben, sollten die Reise als Naturforscher mitmachen.
+
+Ich hatte mich einige Monate lang darauf gefreut, an einer so großen und
+ehrenvollen Unternehmung Theil nehmen zu dürfen, da brach der Krieg in
+Deutschland und Italien von neuen aus, so daß die französische Regierung
+die Geldmittel, die sie zu der Entdeckungsreise angewiesen, zurückzog und
+dieselbe auf unbestimmte Zeit verschob. Mit Kummer sah ich alle meine
+Aussichten vernichtet, ein einziger Tag hatte dem Plane, den ich für
+mehrere Lebensjahre entworfen, ein Ende gemacht; da beschloß ich nur so
+bald als möglich, wie es auch sey, von Europa wegzukommen, irgend etwas zu
+unternehmen, das meinen Unmuth zerstreuen könnte.
+
+Ich wurde mit einen schwedischen Konsul, Skiöldebrand, bekannt, der dem
+Dey von Algier Geschenke von seiten seines Hofes zu überbringen hatte und
+durch Paris kam, um sich in Marseille einzuschiffen. Dieser achtenswerthe
+Mann war lange auf der afrikanischen Küste angestellt gewesen, und da er
+bei der algerischen Regierung gut angeschrieben war, konnte er für mich
+auswirken, daß ich den Theil der Atlaskette bereisen durfte, auf den sich
+die bedeutenden Untersuchungen Desfontaines nicht erstreckt hatten. Er
+schickte jedes Jahr ein Fahrzeug nach Tunis, auf dem die Pilger nach Mekka
+gingen, und er versprach mir, mich auf diesem Wege nach Egypten zu
+befördern. Ich besann mich keinen Augenblick, eine so gute Gelegenheit zu
+benutzen, und ich meinte nunmehr den Plan, den ich vor meiner Reise nach
+Frankreich entworfen, sofort ausführen zu können. Bis jetzt hatte kein
+Mineralog die hohe Bergkette untersucht, die in Marokko bis zur Grenze des
+ewigen Schnees aufsteigt. Ich konnte darauf rechnen, daß ich, nachdem ich
+in den Alpenstrichen der Berberei einiges für die Wissenschaft gethan, in
+Egypten bei den bedeutenden Gelehrten, die seit einigen Monaten zum
+Institut von Cairo zusammengetreten waren, dasselbe Entgegenkommen fand,
+das mir in Paris in so reichem Maße zu Theil geworden. Ich ergänzte rasch
+meine Sammlung von Instrumenten und verschaffte mir die Werke über die zu
+bereisenden Länder. Ich nahm Abschied von meinem Bruder, der durch Rath
+und Beispiel meine Geistesrichtung hatte bestimmen helfen. Er billigte die
+Beweggründe meines Entschlusses, Europa zu verlassen; eine geheime Stimme
+sagte uns, daß wir uns wieder sehen würden. Diese Hoffnung hat uns nicht
+betrogen, und sie linderte den Schmerz einer langen Trennung. Ich verließ
+Paris mit den Entschluß, mich nach Algier und Egypten einzuschiffen, und
+wie nun einmal der Zufall in allen Menschenleben regiert, ich sah bei der
+Rückkehr vom Amazonenstrom und aus Peru meinen Bruder wieder, ohne das
+Festland von Afrika betreten zu haben.
+
+Die schwedische Fregatte, welche Skiöldebrand nach Algier überführen
+sollte, wurde zu Marseille in den letzten Tagen Oktobers erwartet.
+Bonpland und ich begaben uns um diese Zeit dahin, und eilten um so mehr,
+da wir während der Reise immer besorgten, zu spät zu kommen und das Schiff
+zu versäumen. Wir ahnten nicht, welche neuen Widerwärtigkeiten uns
+zunächst bevorstanden.
+
+Skiöldebrand war so ungeduldig als wir, seinen Bestimmungsort zu
+erreichen. Wir bestiegen mehrmals am Tage den Berg Notre Dame de la Garde,
+von dem man weit ins Mittelmeer hinausblickt. Jedes Segel, das am Horizont
+sichtbar wurde, setzte uns in Aufregung; aber nachdem wir zwei Monate in
+großer Unruhe vergeblich geharrt, ersahen wir aus den Zeitungen, daß die
+schwedische Fregatte, die uns überführen sollte, in einem Sturm an den
+Küsten von Portugal stark gelitten und in den Hafen von Cadiz habe
+einlaufen müssen, um ausgebessert zu werden. Privatbriefe bestätigten die
+Nachricht, und es war gewiß, daß der Jaramas — so hieß die Fregatte — vor
+dem Frühjahr nicht nach Marseille kommen konnte.
+
+Wir konnten es nicht über uns gewinnen, bis dahin in der Provence zu
+bleiben. Das Land, zumal das Klima, fanden wir herrlich; aber der Anblick
+des Meeres mahnte uns fortwährend an unsere zertrümmerten Hoffnungen. Auf
+einem Ausflug nach Hyères und Toulon fanden wir in letzterem Hafen die
+Fregatte Boudeuse, die Bougainville auf seiner Reise um die Welt befehligt
+hatte. Ich hatte mich zu Paris, als ich mich rüstete, die Expedititon des
+Kapitäns Baudin mitzumachen, des besonderen Wohlwollens des berühmten
+Seefahrers zu erfreuen gehabt. Nur schwer vermochte ich zu schildern, was
+ich beim Anblick des Schiffes empfand, das Commerson auf die Inseln der
+Südsee gebracht. Es gibt Stimmungen, in denen sich ein Schmerzgefühl in
+alle unsere Empfindungen mischt.
+
+Wir hielten immer noch am Gedanken fest, uns an die afrikanische Küste zu
+begeben, und dieser zähe Entschluß wäre uns beinahe verderblich geworden.
+Im Hafen von Marseille lag zur Zeit ein kleines ragusanisches Fahrzeug,
+bereit nach Tunis unter Segel zu gehen. Dies schien uns eine günstige
+Gelegenheit; wir kamen ja auf diese Weise in die Nähe von Egypten und
+Syrien. Wir wurden mit dem Kapitän wegen der Ueberfahrtspreises einig; am
+folgenden Tage sollten wir unter Segel gehen, aber die Abreise verzögerte
+sich glücklicherweise durch einen an sich ganz unbedeutenden Umstand. Das
+Vieh, das uns als Proviant auf der Ueberfahrt dienen sollte, war in der
+großen Kajüte untergebracht. Wir verlangten, daß zur Bequemlichkeit der
+Reisenden und zur sicheren Unterbringung unserer Instrumente das
+Notwendigste vorgekehrt werde. Allermittelst erfuhr man in Marseille, daß
+die tunesische Regierung die in der Berberei niedergelassenen Franzosen
+verfolge, und daß alle aus französischen Häfen ankommenden Personen ins
+Gefängnis geworfen würden. Durch diese Kunde entgingen wir einer großen
+Gefahr; wir mußten die Ausführung unserer Pläne verschieben und
+entschlossen uns, den Winter in Spanien zuzubringen, in der Hoffnung, uns
+im nächsten Frühjahr, wenn anders die politischen Zustände im Orient es
+gestatteten, in Cartagena oder in Cadiz einschiffen zu können.
+
+Wir reisten durch Katalonien und das Königreich Valencia nach Madrid. Wir
+besuchten auf dem Wege die Trümmer Tarragonas und des alten Sagunt,
+machten von Barcelona aus einen Ausflug auf den Montserrat, dessen hoch
+aufragende Gipfel von Einsiedlern bewohnt sind, und der durch die
+Contraste eines kräftigen Pflanzenwuchses und nackter, öder Felsmassen ein
+eigenthümliches Landschaftsbild bietet. Ich fand Gelegenheit, durch
+astronomische Rechnung die Lage mehrerer für die Geographie Spaniens
+wichtiger Punkte zu bestimmen; ich maß mittels des Barometers die Höhe des
+Centralplateaus und stellte einige Beobachtungen über die Inclination der
+Magnetnadel und die Intensität der magnetischen Kraft an. Die Ergebnisse
+dieser Beobachtungen sind die sich erschienen, und ich verbreite mich hier
+nicht weiter über die Naturbeschaffenheit eines Landes, in dem ich mich
+nur ein halbes Jahr aufhielt, und das in neuerer Zeit von so vielen
+unterrichteten Männern bereist worden ist.
+
+Zu Madrid angelangt, fand ich bald Ursache, mir Glück dazu zu wünschen,
+daß wir uns entschlossen, die Halbinsel zu besuchen. Der Baron Forell,
+sächsischer Gesandter am spanischen Hofe, kam mir auf eine Weise entgegen,
+die meinen Zwecken sehr förderlich wurde. Er verband mit ausgebreiteten
+mineralogischen Kenntnissen das regste Interesse für Unternehmungen zur
+Förderung der Wissenschaft. Er bedeutete mir, daß ich unter der Verwaltung
+eines aufgeklärten Ministers, des Ritters Don Mariano Luis de Urquijo,
+Aussicht habe, auf meine Kosten im Inneren des spanischen Amerika reisen
+zu dürfen. Nach all den Widerwärtigkeiten, die ich erfahren, besann ich
+mich keinen Augenblick, diesen Gedanken zu ergreifen.
+
+Im März 1799 wurde ich dem Hofe von Aranjuez vorgestellt. Der König nahm
+mich äußerst wohlwollend auf. Ich entwickelte die Gründe, die mich
+bewogen, eine Reise in den neuen Kontinent und auf die Philippinen zu
+unternehmen, und reichte dem Staatssecretär eine darauf bezügliche
+Denkschrift ein. Der Ritter d’Urquijo unterstützte mein Gesuch und räumte
+alle Schwierigkeiten aus dem Wege. Der Minister handelte hierbei desto
+großmüthiger, da ich in gar keiner persönlichen Beziehung zu ihn stand.
+Der Eifer, mit dem er fortwährend meine Absichten unterstützte, hatte
+keinen anderen Beweggrund als seine Liebe zu den Wissenschaften. Es wird
+mir zu angenehmen Pflicht, in diesem Werke der Dienste, die er mir
+erwiesen, dankbar zu gedenken.
+
+Ich erhielt zwei Pässe, den einen vom ersten Staatsecretär, den anderen
+vom Rath von Indien. Nie war einem Reisenden mit der Erlaubniß, die man
+ihm ertheilte, mehr zugestanden worden, nie hatte die spanische Regierung
+einem Fremden größeres Vertrauen bewiesen. Um alle Bedenken zu beseitigen,
+welche die Vicekönige oder Generalcapitäne, als Vertreter der königlichen
+Gewalt in Amerika, hinsichtlich des Zweckes und Wesens meiner
+Beschäftigungen erheben könnten, hieß es im Paß der _primera secretaria de
+estado:_ »ich sey ermächtigt, mich meiner physikalischen und geodätischen
+Instrumente mit voller Freiheit zu bedienen; ich dürfe in allen spanischen
+Besitzungen astronomische Beobachtungen anstellen, die Höhen der Berge
+messen, die Erzeugnisse des Bodens sammeln und alle Operationen ausführen,
+die ich zur Förderung der Wissenschaft gut finde«. Diese Befehle von
+Seiten des Hofes wurden genau befolgt, auch nachdem infolge der Ereignisse
+Don D´Urquijo vom Ministerium hatte abtreten müssen. Ich meinerseits war
+bemüht, diese sich nie verleugnende Freundlichkeit zu erwidern. Ich
+übergab während meines Aufenthaltes in Amerika den Statthaltern der
+Provinzen Abschriften des von mir gesammelten Materials über die
+Geographie und Statistik der Colonien, das dem Mutterlande von einigen
+Werth seyn konnte. Dem von mir vor meiner Abreise gegebenen Versprechen
+gemäß übermachte ich dem naturhistorischen Cabinet zu Madrid mehrere
+geologische Sammlungen. Da der Zweck unserer Reise ein rein
+wissenschaftlicher war, so hatten Bonpland und ich das Glück, uns das
+Wohlwollen der Colonisten wie der mit der Verwaltung dieser weiten
+Landstriche betrauten Europäer zu erwerben. In den fünf Jahren, während
+wir den neuen Continent durchzogen, sind wir niemals einer Spur von
+Mißtrauen begegnet. Mit Freude spreche ich es hier aus; unter den
+härtesten Entbehrungen, im Kampfe mit einer wilden Natur, haben wir uns
+nie über menschliche Ungerechtigkeit zu beklagen gehabt.
+
+Verschiedene Gründe hätten uns eigentlich bewegen sollen, noch länger in
+Spanien zu verweilen. Abbé Cavanilles, ein Mann gleich geistreich wie
+mannigfaltig unterrichtet; Née, der mit Hänke die Expedition Malaspinas
+als Botaniker mitgemacht und allein eine der größten Kräutersammlungen,
+die man je in Europa gesehen, zusammengebracht hat; Don Casimir Ortega,
+Abbé Pourret und die gelehrten Verfasser der Flora von Peru, Ruiz und
+Pavon, stellten uns ihre reichen Sammlungen zur unbeschränkten Verfügung.
+Wir untersuchten zum Theil die mexicanischen Pflanzen, die von Sesse,
+Mociño und Cervantes entdeckt worden, und von denen Abbildungen an das
+naturhistorische Museum zu Madrid gelangt waren. In dieser großen Anstalt,
+die unter der Leitung Clavijos stand, des Herausgebers einer gefälligen
+Uebersetzung der Werke Buffons, fanden wir allerdings keine geologischen
+Suiten aus den Cordilleren; aber Proust, der sich durch die große
+Genauigkeit seiner chemischen Arbeiten bekannt gemacht hat, und ein
+ausgezeichneter Mineralog, Hergen, gaben uns interessante Nachweisungen
+über verschiedene mineralische Substanzen Amerikas. Mit bedeutendem Nutzen
+hätten wir uns wohl noch länger mit den Naturprodukten der Länder
+beschäftigt, die das Ziel unserer Forschungen waren, aber es drängte uns
+zu sehr, von der Vergünstigung, die der Hof uns gewährt, Gebrauch zu
+machen, als daß wir unsere Abreise hätten verschieben können. Seit einen
+Jahr war ich so vielen Hindernissen begegnet, daß ich es kaum glauben
+konnte, daß mein sehnlichster Wunsch endlich in Erfüllung gehen sollte.
+
+Wir verließen Madrid gegen die Mitte Mais. Wir reisten durch einen Theil
+von Altcastilien, durch das Königreich Leon und Galizien nach Corunna, wo
+wir uns nach der Insel Cuba einschiffen sollten. Der Winter war streng und
+lang gewesen, und jetzt genossen wir auf der Reise der milden
+Frühlingstemperatur, die schon so weit gegen Süd gewöhnlich nur den
+Monaten Mai und April eigen ist. Schnee bedeckte noch die hohen
+Granitgipfel der Guadarama; aber in den tiefen Thälern Galiziens, welche
+an die malerischen Landschaften der Schweiz und Tirols erinnern, waren
+alle Felsen mit Cistus in voller Blüthe und baumartigem Heidekraut
+überzogen. Man ist froh, wenn man die castilische Hochebene hinter sich
+hat, welche fast ganz von Pflanzenwuchs entblöst und wo es im Winter
+empfindlich kalt, im Sommer drückend heiß ist. Nach den wenigen
+Beobachtungen, die ich selbst anstellen konnte, besteht das Innere
+Spaniens aus einer weiten Ebene, die 300 Toisen (584 Meter) über dem
+Spiegel des Meeres mit secundären Gebirgsbildungen, Sandstein, Gips,
+Steinsalz, Jurakalk bedeckt ist; das Klima von Castilien ist weit kälter
+als das von Toulon oder Genua; die mittlere Temperatur errecht kaum 15
+Grad der hunderttheiligen Scale. Man wundert sich, daß unter der Breite
+von Calabrien, Thessalien und Kleinasien die Orangenbäume im Freien nicht
+mehr fortkommen. Die Hochebene in der Mitte des Landes ist umgeben von
+einer tiefgelegenen, schmalen Zone, wo an mehreren Punkten Chamärops, der
+Dattelbaum, das Zuckerrohr, die Banane und viele Spanien und dem
+nördlichen Afrika gemeinsame Pflanzen vorkommen, ohne vom Winterfrost zu
+leiden. Unter dem 36 – 40. Grad der Breite beträgt die mittlere Temperatur
+17 – 20 Grad, und durch den Verein von Verhältnissen, die hier nicht
+aufgezählt werden können, ist dieser glückliche Landstrich der vornehmste
+Sitz des Gewerbfleißes und der Geistesbildung geworden.
+
+Kommt man im Königreich Valencia von der Küste des Mittelmeeres gegen die
+Hochebene von Mancha und Castilien herauf, so meint man, tief im Land, in
+weithin gestreckten schroffen Abhängen die alte Küste der Halbinsel vor
+sich zu haben. Dieses merkwürdige Phänomen erinnert an die Sagen der
+Samothracier und andere geschichtliche Zeugnisse, welche darauf
+hinzuweisen scheinen, daß durch den Ausbruch der Wasser aus den
+Dardanellen das Becken des Mittelmeeres erweitert und der südliche Theil
+Europas zerrissen und vom Mittelmeer verschlungen worden ist. Nimmt man
+an, diese Sagen seyen keine geologischen Träume, sondern beruhen wirklich
+auf der Erinnerung an eine uralte Umwälzung, so hätte die spanische
+Centralebene dem Anprall der gewaltigen Fluthen widerstanden, bis die
+Wasser durch die zwischen den Säulen des Hercules sich bildende Meerende
+abfloßen, so daß der Spiegel des Mittelmeeres allmählig sank und
+einerseits Niederegypten, andererseits die fruchtbaren Ebenen von
+Tarragena, Valencia und Murcia trocken gelegt wurden. Was mit der Bildung
+dieses Meeres zusammenhängt, dessen Daseyn von so bedeutendem Einfluß auf
+die frühesten Culturbewegungen der Menschheit war, ist von ganz besonderem
+Interesse. Man könnte denken, Spanien, das sich als ein Vorgebirge
+inmitten der Meere darstellt, verdanke seine Erhaltung seinem
+hochgelegenen Boden; ehe man aber auf solche theoretische Vorstellungen
+Gewicht legt, müßte man erst die Bedenken beseitigen, die sich gegen die
+Durchbrechung so vieler Dämme erheben, müßte man wahrscheinlich zu machen
+suchen, daß das Mittelmeer einst in mehrere abgeschlossene Becken getheilt
+gewesen, dere alte Grenzen durch Sicilien und die Insel Candia angedeutet
+scheinen. Die Lösung dieser Probleme soll uns hier nicht beschäftigen, wir
+beschränken uns darauf, auf den auffallenden Contrast in der Gestaltung
+des Landes am östlichen und am westlichen Ende Europas aufmerksam zu
+machen. Zwischen den baltischen und dem schwarzen Meer erhebt sich das
+Land gegenwärtig kaum fünfzig Toisen über den Spiegel des Oceans, während
+die Hochebene von Mancha, wenn sie zwischen den Quellen des Niemen und des
+Dnieper läge, sich als eine Gebirgsgruppe von bedeutender Höhe darstellen
+würde. Es ist höchst anziehend, auf die Ursachen zurückzugehen, durch
+welche die Oberfläche unseres Planeten umgestaltet worden seyn man;
+sicherer ist es aber, sich an diejenigen Seiten der Erscheinungen zu
+halten, welche der Beobachtung und Messung des Forschers zugänglich sind.
+
+Zwischen Astorga und Corunna, besonders von Lugo an, werden die Berge
+allmählich höher. Die secundären Gebirgsbildungen verschwinden mehr und
+mehr, und die Uebergangsgebirgsarten, die sie ablösen, verkünden die Nähe
+des Urgebirgs. Wir sahen ansehnliche Berge aufgebaut aus altem Sandstein,
+den die Mineralogen der Freiberger Schule als Grauwacke und
+Grauwackenschiefer aufführen. Ich weiß nicht, ob diese Formation, die im
+südlichen Europa nicht häufig vorkommt, auch in andern Strichen Spaniens
+aufgefunden worden ist. Eckige Bruchstücke von lydischem Stein, die in den
+Thälern am Boden liegen, schienen uns darauf zu deuten, daß die Grauwacke
+dem Uebergangsschiefer aufgelagert ist. Bei Corunna selbst erheben sich
+Granitgipfel, die bis zum Cap Ortegal fortstreichen. Diese Granite, welche
+einst mit denen in Bretagne und Wales in Zusammenhang gestanden haben
+mögen, sind vielleicht die Trümmer einer von den Fluthen zertrümmerten und
+verschlungenen Bergkette. Schöne große Feldspathkrystalle sind für dieses
+Gestein charakteristisch, Zinnstein ist darin eingesprengt, und von den
+Galiciern wird darauf ein mühsamer, wenig ergiebiger Bergbau betrieben.
+
+In Corunna angelangt, fanden wir den Hafen von zwei englischen Fregatten
+und einem Linienschiff blokirt. Diese Fahrzeuge sollten den Verkehr
+zwischen dem Mutterland und den Colonien in Amerika unterbrechen; den von
+Corunna, nicht von Cadiz lief damals jeden Monat ein Paketboot _(Correo
+maritimo)_ nach der Havana aus und alle zwei Monate ein anderes nach
+Buenos Aires oder der Mündung des la Plata. Ich werde später den Zustand
+der Posten auf dem neuen Continent genau beschreiben; hier nur so viel,
+daß seit dem Ministerium des Grafen Florida Blanca der Dienst der
+»Landcouriere« so gut eingerichtet ist, daß Einer in Paraquay oder in der
+Provinz Jaen de Bracamoros nur durch sie ziemlich regelmäßig mit Einem in
+Neumexiko oder an der Küste von Neukalifornien correspondiren kann, also
+so weit, als es von Paris nach Siam oder von Wien an das Cap der Guten
+Hoffnung ist. Ebenso gelangt ein Brief, den man in einer kleinen Stadt in
+Aragonien zur Post gibt, nach Chili oder in die Missionen am Orinoko, wenn
+nur der Name des Coregimiento oder Bezirks, in dem das betreffende
+indianische Dorf liegt, genau angegeben ist. Mit Vergnügen verweilt der
+Gedanke bei Einrichtungen, die für eine der größten Wohlthaten der Cultur
+der neueren Zeit gelten können. Die Einrichtung der Curiere zur See und im
+inneren Lande hat das Band zwischen den Kolonien unter sich und mit dem
+Mutterlande enger geknüpft. Der Gedankenaustausch wurde dadurch
+beschleunigt, die Beschwerden der Colonisten drangen leichter nach Europa
+und die Staatsgewelt konnte hin und wieder Bedrückungen ein Ende machen,
+die sonst aus so weiter Ferne nie zu ihrer Kenntniß gelangt wären.
+
+Der Minister hatte uns ganz besonders dem Brigadier Don Rafael Clavijo
+empfohlen, der seit kurzem die Oberaufsicht über den Seeposten hatte.
+Dieser Officier, bekannt als ausgezeichneter Schiffsbauer, war in Corunna
+mit der Einrichtung neuer Werfte beschäftigt. Er bot Allem auf, um uns den
+Aufenthalt im Hafen angenehm zu machen, und gab uns den Rat, uns auf der
+Corvette *Pizarro* [Nach dem spanischen Sprachgebrauch war der Pizarro
+eine leichte Fregatte _(Fregata lijera)_.] einzuschiffen, die nach der
+Havana und Mexico ging. Dieses Fahrzeug, das die Post für Juni an Bord
+hatte, sollte mit der Alcudia segeln, dem Paketboot für den Mai, das wegen
+der Blokade seit drei Wochen nicht hatte auslaufen können. Der Pizarro
+galt für keinen guten Segler, aber durch einen glücklichen Zufall war er
+vor kurzem auf seiner langen Fahrt von Rio de la Plata nach Corunna den
+kreuzenden englischen Fahrzeugen entgangen. Clavijo ließ an Bord der
+Korvette Einrichtungen treffen, daß wir unsere Instrumente aufstellen und
+während der Ueberfahrt unsere chemischen Versuche über die atmosphärische
+Luft vornehmen konnten. Der Capitän des Pizarro erhielt Befehl, bei
+Tenerifa so lange anzulegen, daß wir den Hafen von Orotava besuchen und
+den Gipfel des Pic besteigen könnten.
+
+Die Einschiffung verzögerte sich nur zehn Tage, dennoch kam uns der
+Aufenthalt gewaltig lang vor. Wir benutzten die Zeit, die Pflanzen
+einzulegen, die wir in den schönen, noch von keinem Naturforscher
+betretenen Thälern Galiciens gesammelt; wir untersuchten die Tange und
+Weichthiere, welche die Fluth von Nordwest her in Menge an den Fuß des
+steilen Felsen wirft, auf dem der Wachtturm des Herkules steht. Dieser
+Thurm, auch »der eiserne Thurm« genannt, wurde im Jahre 1788 restauriert.
+Er ist 92 Fuß [30 m] hoch, seine Mauern sind 4 und einen halben Fuß
+[1,46 m] dick, und nach seiner Bauart ist er unzweifelhaft ein Werk der
+Römer. Eine in der Nähe der Fundamente gefundene Inschrift, von der ich
+durch Herrn de Labordes Gefälligkeit eine Abschrift besitze, besagt, der
+Thurm sey von Cajus Servius Lupus, Architekten der Stadt *Aqua Flavia*
+(Chaves), erbaut und dem Mars geweiht. Warum heißt der eiserne Thurm der
+Herkulesthurm? Sollten ihn die Römer auf den Trümmern eines griechischen
+oder phönicischen Bauwerkes errichtet haben? Wirklich behauptet Strabo,
+Galizien, das Land der Galläci, sey von griechischen Colonien bevölkert
+gewesen. Nach einer Angabe des Asklepiades von Myrläa in seiner Geographie
+von Spanien hätten sich nach einer alten Sage die Gefährten des Herkules
+in diesen Landstrichen niedergelassen. [Die Phönicier und die Griechen
+besuchten die Küsten von Galizien _(Gallaecia)_ wegen des Handels mit
+Zinn, das sie von hier wie von den Cassiteridischen Inseln bezogen.]
+
+Die Höhen von Ferrol und Corunna sind an derselben Bai gelegen, so daß ein
+Schiff, das bei schlimmem Wetter gegen das Land getrieben wird, je nach
+der Richtung des Windes, im einen oder im anderen Hafen vor Anker gehen
+kann. Ein solcher Vortheil ist unschätzbar in Strichen, wo die See fast
+beständig hoch geht, wie zwischen den Vorgebirgen Ortegal und Finisterre,
+den Vorgebirgen Trileucum und Artabrum der algen Geographen. Ein enger,
+von steilen Granitfelsen gebildeter Canal führt in das weite Becken von
+Ferrol. In ganz Europa findet sich kein zweiter Ankerplatz, der so
+merkwürdig weit ins Land hineinschnitte. Dieser enge, geschlängelte Paß,
+durch den die Schiffe in den Hafen gelangen, sieht aus, als wäre er durch
+eine Fluth oder durch wiederholte Stöße heftiger Erdbeben eingerissen. In
+der Neuen Welt, an der Küste von Neuandalusien, hat die _Laguna des
+Opisco_, der »Bischofsee«, genau dieselbe Gestalt wie der Hafen von
+Ferrol. Die auffallendsten geologischen Erscheinungen wiederholen sich auf
+den Festländern an weit entlegenen Punkten, und der Forscher, der
+Gelegenheit gehabt, verschiedene Welttheile zu sehen, erstaunt über die
+durchgehende Gleichförmigkeit im Ausschnitt der Küsten, im krummen Zug der
+Thäler, im Anblick der Berge und ihrer Gruppirung. Das zufällige
+Zusammentreffen derselben Ursachen mußte allerorten dieselben Wirkungen
+hervorbringen, und mitten aus der Mannigfaltigkeit der Natur tritt uns in
+der Anordnung der todten Stoffe, wie in der Organisation der Pflanzen und
+Thiere, eine gewisse Uebereinstimmung in Bau und Gestaltung eingegen.
+
+Auf der Ueberfahrt von Corunna nach Ferrol machten wir über einer Untiefe
+beim »weißen Signal,« in der Bai, die nach d’Anville der _portus magnus_
+der Alten war, mittels einer Thermometersonde mit Ventilen einige
+Beobachtungen über die Temperatur der See und über die Abnahme der Wärme
+in den über einander gelagerten Wasserschichten. Ueber der Bank zeigte das
+Instrument an der Meeresfläche 12°5 bis 13°3 Grad der hunderttheiligen
+Scale, während ringsumher, wo das Meer sehr tief war, der Thermometer bei
+12°8 Lufttemperatur auf 15° – 15°3 stand. Der berühmte Franklin und
+Jonathan Williams, der Verfasser des zu Philadelphia erschienenen Werkes
+»_thermometric Navigation,_« haben zuerst die Physiker darauf aufmerksam
+gemacht, wie abweichend sich die Temperaturverhältnisse der See über
+Untiefen gestalten, sowie in der Zone warmer Wasserströme, die aus dem
+Meerbusen von Mexico zur Bank von Neufoundland und hinüber an die
+Nordküsten von Europa sich erstreckt. Die Beobachtung, daß sich die Nähe
+einer Sandbank durch ein rasches Sinken der Temperatur an der Meeresflüche
+verkündet, ist nicht nur für die Physik von Wichtigkeit, sie kann auch für
+Sicherheit der Schiffahrt von großer Bedeutung werden. Allerdings wird man
+über dem Thermometer das Senkblei nicht aus der Hand legen; aber
+Beobachtungen, wie ich sie im Verlauf dieser Reisebeschreibung anführen
+werde, thun zur Genüge dar, daß ein Temperaturwechsel, den die
+unvollkommensten Instrumente anzeigen, die Gefahr verkündet, lange bevor
+das Schiff über der Untiefe anlangt. In solchen Fällen mag die Abnahme der
+Meerestemperatur den Schiffer veranlassen, zum Senkblei zu greifen in
+Strichen, wo er sich vollkommen sicher dünkte. Auf die physischen Ursachen
+dieser verwickelten Erscheinungen kommen wir anderswo zurück. Hier sey nur
+erwähnt, daß die niedrigere Temperatur des Wassers über den Untiefen
+großentheils daher rührt, daß es sich mit tieferen Wasserschichten mischt,
+welche längs der Abhänge der Bank zur Meeresoberfläche aufsteigen.
+
+Eine Aufregung des Meeres von Nordwest her unterbrach unsere Versuche über
+die Meerestemperatur in der Bai von Ferrol. Die Wellen gingen so hoch,
+weil auf offener See ein heftiger Wind geweht hatte, in dessen Folge die
+englischen Schiffe sich hatten von der Küste entfernen müssen. Man wollte
+die Gelegenheit zum Auslaufen benutzen; man schiffte alsbald unsere
+Instrumente, unsere Bücher, unser ganzes Gepäcke ein; aber der Westwind
+wurde immer stärker und man konnte die Anker nicht lichten. Wir benutzten
+den Aufschub, um an unsere Freunde in Deutschland und Frankreich zu
+schreiben. Der Augenblick, wo man zum erstenmal von Europa scheidet, hat
+etwas Ergreifendes. Wenn man sich noch so bestimmt vergegenwärtigt, wie
+stark der Verkehr zwischen den beiden Welten ist, wie leicht man bei den
+großen Fortschritten der Schifffahrt über den atlantischen Ocean gelangt,
+der, der Südsee gegenüber, ein nicht sehr breiter Meeresarm ist, das
+Gefühl, mit dem man zum erstenmal eine weite Seereise antritt, hat immer
+etwas tief Aufregendes. Es gleicht keiner der Empfindungen, die uns von
+früher Jugend auf bewegt haben. Getrennt von den Wesen, an denen unser
+Herz hängt, im Begriff, gleichsam den Schritt in ein neues Leben zu thun,
+ziehen wir uns unwillkührlich in uns selbst zusammen und über uns kommt
+ein Gefühl des Alleinseyns, wie wir es nie empfunden.
+
+Unter den Briefen, die ich kurz vor unserer Einschiffung schrieb, befand
+sich einer, der für die Richtung unserer Reise und den Verlauf unserer
+späteren Forschungen sehr folgereich wurde. Als ich Paris verließ, um die
+Küste von Afrika zu besuchen, schien die Entdeckungsreise in die Südsee
+auf mehrere Jahre verschoben. Ich hatte mit Kapitän Baudin die Verabredung
+getroffen, daß ich, wenn er wider Vermuthen die Reise früher antreten
+könnte und ich davon Kenntniß bekäme, von Algier aus in einen
+französischen oder spanischen Hafen eilen wolle, um die Expedition
+mitzumachen. Im Begriff, in die Neue Welt abzugehen, wiederholte ich jetzt
+dieses Versprechen. Ich schrieb Kapitän Baudin, wenn die Regierung in auch
+jetzt noch den Weg um Cap Horn nehmen lassen wolle, so werde ich mich
+bemühen, mit ihm zusammenzutreffen, in Montevideo, in Chili, in Lima, wo
+immer er in den spanischen Kolonien anlegen möchte. Treu dieser Zusage,
+änderte ich meinen Reiseplan, sobald die amerikanischen Blätter im Jahre
+1801 die Nachricht brachten, die französische Expedition sey von Havre
+abgegangen, um von Ost nach West die Welt zu umsegeln. Ich miethete ein
+kleines Fahrzeug und ging von Batabano auf der Insel Cuba nach Portobelo
+und von da über die Landenge an die Küste der Südsee. In Folge einer
+falschen Zeitungsnachricht haben Bonpland und ich über 800 Meilen [Unter
+Meilen ohne Beisatz sind immer französische Lieues zu verstehen.] [3600
+km] in einem Lande gemacht, das wir gar nicht hatten bereisen wollen. Erst
+in Quito erfuhren wir durch einen Brief Delambres, des beständigen
+Secretärs der ersten Classe des Institutes, daß Kapitän Baudin um das Kap
+der Guten Hoffnung gegangen und die West- und Ostküste Amerikas gar nicht
+berührt habe. Nicht ohne ein Gefühl von Wehmut gedenke ich einer
+Expedition, die mehrfach in mein Leben eingreift, und die kürzlich von
+einem Gelehrten [Peron, der nach langen schmerzlichen Leiden im 35. Jahre
+der Wissenschaft entrissen wurde.] beschrieben worden ist, den die Menge
+der Entdeckungen, welche die Wissenschaft ihm dankt, und der aufopfernde
+Muth, den er auf seiner Laufbahn unter den härtesten Entbehrungen und
+Leiden bewiesen, gleich hoch stellen.
+
+Ich hatte auf die Reise nach Spanien nicht meine ganze Sammlung
+physikalischer, geodätischer und astronomischer Werzeuge mitnehmen können;
+ich hatte die Doubletten in Marselle in Verwahrung gegeben und wollte sie,
+sobald ich Gelegenheit gefunden hätte, an die Küste der Berberei zu
+gelangen, nach Algier oder Tunis nachkommen lassen. In ruhigen Zeiten ist
+Reisenden sehr zu rathen, daß sie sich nicht mit allen ihren Instrumenten
+beladen; man läßt sie besser nachkommen, um nach einigen Jahren
+diejenigen, zu ersetzen, die durch den Gebrauch oder auf dem Transport
+gelitten haben. Diese Vorsicht erscheint besonders dann geboten, wenn man
+zahlreiche Punkte durch rein chronometrische Mittel zu bestimmen hat. Aber
+während eines Seekriegs thut man klug, seine Instrumente, Handschriften
+und Sammlungen fortwährend bei sich zu haben. Wie wichtig dies ist, haben
+traurige Erfahrungen mir bewiesen. Unser Aufenthalt zu Madrid und Corunna
+war zu kurz, als daß ich den meteorologischen Apparat, den ich in
+Marseille gelassen, hätte von dort kommen lassen können. Nach unserer
+Rückkehr vom Orinoko gab ich Auftrag, mir denselben nach der Havana zu
+schicken, aber ohne Erfolg; weder diese Apparat, noch die achromatischen
+Fernröhren und der Thermometer von Arnold, die ich in London bestellt,
+sind mir in Amerika zugekommen.
+
+Getrennt von unseren Instrumenten, die sich an Bord der Corvette befanden,
+brachten wir noch zwei Tage in Corunna zu. Ein dichter Nebel, der den
+Horizont bedeckte verkündete endlich die sehnlich erwartete Aenderung des
+Wetters. Am 4. Juni abends drehte sich der Wind nach Nordost, welche
+Windrichtung an der Küste von Galizien in der schönen Jahreszeit für sehr
+beständig gilt. Am fünften ging der Pizarro wirklich unter Segel, obgleich
+wenige Stunden zuvor die Nachricht angelangt war, eine englische Escadre
+sey vom Wachtposten Sisarga signalisirt worden und scheine nach der
+Mündung des Tajo zu segeln. Die Leute, welche unsere Corvette die Anker
+lichten sahen, äußerten laut, ehe drei Tage vergehen, seyen wir
+aufgebracht und mit dem Schiffe, dessen Los wir teilen müßten, auf dem
+Wege nach Lissabon. Diese Prophezeiung beunruhigte uns um so mehr, als wir
+in Madrid Mexicaner kennengelernt hatten, die sich dreimal in Cadiz nach
+Veracruz eingeschifft hatten, jedesmal aber fast unmittelbar vor dem Hafen
+aufgebracht worden und über Portugal nach Spanien zurückgekehrt waren.
+
+Um zwei Uhr nachmittags war der Pizarro unter Segel. Der Canal, durch den
+man aus dem Hafen von Corunna fährt, ist lang und schmal; da er sich gegen
+Nord öffnet und der Wind uns entgegen war, mußten wir acht kleine Schläge
+machen, von denen drei so gut wie verloren waren. Gewendet wurde immer
+äußerst langsam, und einmal, unter dem Fort St. Amarro, schwebten wir in
+Gefahr, da uns die Strömung sehr nahe an die Klippen trieb, an denen sich
+das Meer mit Ungestüm bricht. Unsere Blicke hingen am Schloß St. Antonio,
+wo damals der unglückliche Malaspina als Staatsgefangener saß. Im
+Augenblick, da wir Europa verließen, um Länder zu besuchen, welche dieser
+bedeutende Forscher mit so vielem Erfolg bereist hat, hätte ich mit meinen
+Gefährten gern bei einem minder traurigen Gegenstande verweilt.
+
+Um sechs ein halb Uhr kamen wir am Thurm des Herkules vorüber, von dem
+oben die Rege war, der Corunna als Leuchtthurm dient, und auf dem man seit
+ältesten Zeiten ein Steinkohlenfeuer unterhält. Der Schein dieses Feuers
+steht in schlechtem Verhältnis mit dem schönen stattlichen Bauwerk; es ist
+so schwach, daß die Schiffe es erst gewahr werden, wenn sie bereits Gefahr
+laufen zu stranden. Bei Einbruch der Nacht wurde die See sehr unruhig und
+der Wind bedeutend frischer. Wir steuerten gegen Nordwest, um nicht den
+englischen Fregatten zu begegnen, die, wie man glaubte, in diesen Strichen
+kreuzten. Gegen neun Uhr sahen wir das Licht in einer Fischerhütte von
+Sisarga, das letzte, was uns von der Küste von Europa zu Gesicht kam. Mit
+der zunehmenden Entfernung verschmolz der schwache Schimmer mit dem Licht
+der Sterne, die am Horizont aufgingen, und unwillkürlich blieben unsere
+Blicke daran hängen. Dergleichen Eindrücke vergißt einer nie, der in einem
+Alter, wo die Empfindung noch ihre volle Tiefe und Kraft besitzt, eine
+weite Seereise angetreten hat. Welche Erinnerungen werden in der
+Einbildungskraft wach, wenn so ein leuchtender Punkt in finsterer Nacht,
+der von Zeit zu Zeit aus den bewegten Wellen aufblitzt, die Küste des
+Heimatlandes bezeichnet!
+
+Wir mußten die Segel einziehen. Wir segelten zehn Knoten in der Stunde,
+obgleich die Corvette nicht zum Schnellsegeln gebaut war. Um sechs Uhr
+morgens wurde das Schlingern so heftig, daß die kleine Bramstange brach.
+Der Unfall hatte indessen keine schlimmen Folgen. Wir brauchten zu
+Ueberfahrt von Corunna nach den Canarien dreizehn Tage, und dies war lang
+genug, um uns in so stark befahrenen Strichen wie die Küsten von Portugal
+der Gefahr auszusetzen, auf englische Schiffe zu stoßen. Die ersten drei
+Tage zeigte sich kein Segel am Horizont, und dies beruhigte nachgerade
+unsere Mannschaft, die sich auf kein Gefecht einlassen konnte.
+
+Am 7. liefen wir über den Parallelkreis von Cap Finisterre. Die Gruppe von
+Granitfelsen, die dieses Vorgebirge, wie das Vorgebirge Toriañes und den
+Berg Corcubion bilden, heißt Sierra de Toriñona. Das Cap Finisterre ist
+niedriger als das Land umher, aber die Toriñona ist auf hoher See 76,5 km
+weit sichtbar, woraus folgt, daß die höchsten Gipfel derselben nicht unter
+582 m hoch seyn können.
+
+Am 8. bei Sonnenuntergang wurde von den Masten ein englisches Convoi
+signalisiert, das gegen Südost an der Küste hinsteuerte. Ihm zu entgehen,
+wichen wir die Nacht hindurch aus unserem Curs. Damit durften wir in der
+großen Cajüte kein Licht mehr haben, um nicht von weitem bemerkt zu
+werden. Diese Vorsicht, die an Bord aller Kauffahrer beobachtet wird und
+in dem Reglement für die Paketboote der königlichen Marine vorgeschrieben
+ist, brachte uns tödtliche Langeweile auf den vielen Ueberfahrten, die wir
+in fünf Jahren gemacht hatten. Wir mußten uns fortwährend der
+Blendlaternen bedienen, um die Temperatur des Meerwassers zu beobachten
+oder an der Theilung der astronomischen Instrumente die Zahlen abzulesen.
+In der heißen Zone, wo die Dämmerung nur einige Minuten dauert, ist man
+unter diesen Umständen schon um sechs Uhr abends außer Thätigkeit gesetzt.
+Dies war für mich um so verdrießlicher, als ich vermöge meiner
+Constitution nie seekrank wurde, und so oft ich an Bord eines Schiffes
+war, immer großen Trieb zur Arbeit fühlte.
+
+Eine Fahrt von der spanischen Küste nach den Canarien und von da nach
+Südamerika bietet wenig Bemerkenswerthes, zumal in der guten Jahreszeit.
+Es ist weniger Gefahr dabei, als oft bei der Ueberfahrt über die großen
+Schweizer Seen. Ich theile daher hier nur die allgemeinen Ergebnisse
+meiner magnetischen und meteorologischen Versuche in diesem Meeresstriche
+mit.
+
+Am 9. Juni, unter 39° 50’ der Breite und 16° 10’ westlicher Länge vom
+Meridian der Pariser Sternwarte, fingen wir an die Wirkung der großen
+Strömung zu spüren, welche von den azorischen Inseln nach der Meerenge von
+Gibraltar und nach den canarischen Inseln geht. Indem ich den Punkt, den
+mir der Gang der Berthoud´schen Seeuhr angab, mit des Steuermanns
+Schätzung verglich, konnte ich die kleinsten Aenderungen in der Richtung
+und Geschwindigkeit der Strömungen bemerken. Zwischen dem 37. und
+30. Breitengrade wurde das Schiff in vierundzwanzig Stunden zuweilen
+18 bis 26 Meilen nach Ost getrieben. Anfänglich war die Richtung des
+Stromes Ost ¼ Südost, aber in der Nähe der Meerenge wurde sie genau Ost.
+Capitan Macintosh und einer der gebildetsten Seefahrer unserer Zeit, Sir
+Erasmus Gower, haben die Veränderungen beobachtet, welche in diese
+Bewegung des Wassers zu verschiedenen Zeiten des Jahres eintreten. Es
+kommt nicht selten vor, daß Schiffer, welche die canarischen Inseln
+besuchen, sich an der Küste von Lancerota befinden, während sie meinten an
+Teneriffa landen zu können. Baugainville befand sich auf seiner Ueberfahrt
+vom Cap Finisterre nach den Canarien im Angesicht der Insel Ferro um
+4 Grade weiter nach Ost, als seine Rechnung ihm ergab.
+
+Gemeinhin erklärt man die Strömung, die sich zwischen den azorischen
+Inseln, der Südküste von Portugal und den Canarien merkbar macht, daraus,
+daß das Wasser des atlantischen Oceans durch die Meerenge von Gibraltar
+einen Zug nach Osten erhalte. De Fleurieu behauptet sogar in den
+Anmerkungen zur Reise des Capitän Marchand, der Umstand, daß das
+Mittelmeer durch die Verdunstung mehr Wasser verliere, als die Flüsse
+einwerfen, bringe im benachbarten Weltmeer eine Bewegung hervor, und der
+Einfluß der Meerenge sey sechshundert Meilen [2700 km] weit auf offener
+See zu spüren. Bei aller Hochachtung, die ich einem Seefahrer schuldig
+bin, dessen mit Recht sehr geschätzten Werken ich viel zu danken habe, muß
+es mir gestattet seyn, diesen wichtigen Gegenstand aus einem weit
+allgemeineren Gesichtspunkte zu betrachten.
+
+Wirft man einen Blick auf das atlantische Meer oder das tiefe Thal, das
+die Westküsten von Europa und Afrika von den Ostküsten des neuen Continent
+trennt, so bemerkt man in der Bewegung der Wasser entgegengesetzte
+Richtungen. Zwischen den Wendekreisen, namentlich zwischen der
+afrikanischen Küste am Senegal und dem Meere der Antillen, geht die
+allgemeine, den Seefahrern am längsten bekannte Strömung fortwährend von
+Morgen nach Abend. Dieselbe wird mit dem Namen *Aequinoctialstrom*
+bezeichnet. Die mittlere Geschwindigkeit derselben unter verschiedenen
+Breiten ist sich im Atlantischen Ozean und in der Südsee ungefähr gleich.
+Man kann sie auf 9 bis 10 Meilen [40 bis 45 km] in 24 Stunden, somit auf
+0,59 bis 0,65 Fuß [0,18 bis 0,21 m] in der Secunde schätzen(2). Die
+Geschwindigkeit, mit der die Wasser in diesen Strichen nach Westen
+strömen, ist etwa ein Viertheil von der der meisten großen europäischen
+Flüsse. Diese der Umdrehung des Erdballes entgegengesetzte Bewegung des
+Oceans hängt mit jenem Phänomen wahrscheinlich nur insofern zusammen, als
+durch die Umdrehung der Erde die Polarwinde, welche in den unteren
+Luftschichten die kalte Luft aus den hohen Breiten dem Aequator zuführen,
+in Passatwinde umgewandelt werden. Der Aequinoctialstrom ist die Folge der
+allgemeinen Bewegung, in welche die Meeresfläche durch die Passatwinde
+versetzt wird, und lokale Schwankungen im Zustande der Luft bleiben ohne
+merkbaren Einfluß auf die Stärke und die Geschwindigkeit der Strömung.
+
+Im Canal, den der atlantische Ocean zwischen Guyana und Guinea auf 20 bis
+23 Längengrade, vom 8. oder 9. bis zum 2. oder 3. Grad nördlicher Breite
+gegraben hat, wo die Passatwinde häufig durch Winde aus Süd ode
+Süd-Süd-West unterbrochen werden, ist die Richtung des Aequinoctialstroms
+weniger constant. Der afrikanischen Küste zu werden die Schiffe nach
+Südost fortgetrieben, während der Allerheiligenbai und dem Vorgebirge
+St. Augustin zu, denen die Schiffe, die nach der Mündung des La Plata
+steuern, nicht gerne nahe kommen, der allgemeine Zug der Wasser durch eine
+besondere Strömung maskirt ist. Letztere Strömung ist vom Cap St. Roch bis
+zur Insel Trinidad fühlbar, sie ist gegen Nordwest gerichtet mit einer
+Geschwindigkeit von einem bis anderthalb Fuß in der Secunde.
+
+Der Aequinoctialstrom ist, wenn auch schwach, sogar jenseits des
+Wendekreises des Krebses unter 26 und 28 Grad der Breite fühlbar. Im
+weiten Becken des atlantischen Oceans, sieben- bis achthundert Meilen von
+der afrikanischen Küste, beschleunigt sich der Lauf der europäischen
+Schiffe, welche nach den Antillen gehen, ehe sie in die heiße Zone
+gelangen. Weiter gegen Nord, unter dem 28. bis 35. Grad, zwischen den
+Parallelkreisen von Teneriffe und Ceuta, unter 46 bis 48 Grad der Länge,
+bemerkt man keine constante Bewegung; denn eine 140 Meilen breite Zone
+trennt den Aequinoktialstrom, der nach West geht, von der großen
+Wassermasse, die nach Ost strömt und sich durch auffallend hohe Temperatur
+auszeichnet. Auf diese Wassermasse, bekannt unter dem Namen *Golfstrom*
+(_Golfstream_), sind die Physiker seit 1776 durch Franklins und Sir
+Charles Blagdens schöne Beobachtungen aufmerksam geworden. Da in neuerer
+Zeit amerikanische und englsiche Seefahrer eifrig bemüht sind, die
+Richtung desselben zu ermitteln, so müssen wir weiter ausholen, um ienen
+allgemeinen Gesichtspunkt für das Phänomen zugewinnen.
+
+Der Aequinoctialstrom treibt die Wasser des atlantischen Oceans an die
+Küsten der Moskito-Indianer und von Honduras. Der von Süd nach Nord
+gestreckte neue Continent hält diese Strömung auf wie ein Damm. Die
+Gewässer erhalten zuerst die Richtung nach Nordwest, gelangen durch die
+Meerenge zwischen Cap Catoche und Cap. St. Antonio in den Meerbusen von
+Mexico, und folgen den Krümmungen der mexicanischen Küste von Vera-Cruz
+zur Mündung des Rio del Norte, und von da zur Mündung des Mississippi und
+denUntiefen westwärts von der Ostspitze von Florida. Nach dieser großen
+Drehung nach West, Nord, Ost und Süd nimmt die Strömung wieder die
+Richtung nach Nord und drängt sich mit Ungestüm in den Canal von Bahama.
+Dort habe ich im Mai 1804, unter 26 und 27 Grad der Breite, eine
+Geschwindigkeit von 80 Meilen in 24 Stunden, also von 5 Fuß in der Secunde
+beobachtet, obgleich gerade ein sehr starker Nordwind wehte. Beim Ausgang
+des Canals von Bahama, unter dem Parallel von Cap Cañaveral, kehr sich der
+Golfstrom oder Strom von Florida nach Nordost. Er gleicht hier einem
+reißenden Strome und erreicht zuweilen die Geschwindigkeit von fünf Meilen
+in der Stunde. Der Steuermann kann, sobald er den Rand der Strömung
+erreicht, mit ziemlicher Sicherheit annehmen, um was er sich in seiner
+Schätzung geirrt, und wie weit er noch nach New-York, Philadelphia oder
+Charlestown hat; die hohe Temperatur des Wassers, sein starker Salzgehalt,
+die indigoblaue Farbe und die schwimmenden Massen Tang, endlich die im
+Winter sehr merkbare Erhöhung der Lufttemperatur geben den Golfstrom zu
+erkennen. Gegen Norden nimmt seine Geschwindigkeit ab, während seine
+Breite zunimmt und die Gewässer sich abkühlen. Zwischen Cayo Biscaino und
+der Bank von Bahama ist er nur 15 Meilen, unter 28½ Grad Breite schon 17,
+und unter dem Parallel von Charlestown, Cap Henlopen gegenüber, 40 bis
+50 Meilen breit. Wo die Strömung am schmalsten ist, erreicht sie eine
+Geschwindigkeit von 3 bis 4 Meilen in der Stunde, weiter nach Norden zu
+beträgt dieselbe nur noch eine Meile. Die Gewässer des mexicanischen
+Meerbusens behalten auf ihrem gewaltigen Zuge nach Nordost ihre hohe
+Temperatur dermaßen, daß ich unter 40 und 41 Grad der Breite noch 22° 5
+(18° Reaumur) beobachtete, während außerhalb des Stroms das Wasser an der
+Oberfläche kaum 17° 5 (14° R.) warm war. Unter der Breite von New-York und
+Oporto zeigt somit der Golfstrom dieselbe Temperatur wie die tropischen
+Meere unter 18 Grad Breite, also unter der Breite von Portorico und der
+Inseln des grünen Vorgebirgs.
+
+Vom Hafen von Boston an und unter dem Meridian von Halifax, unter
+14° 25’ der Breite und 67° der Länge, erreicht der Strom gegen
+80 Seemeilen Breite. Hier kehrt er sich auf einmal nach Ost, so daß sein
+westlicher Rand bei der Umbiegung zur nördlichen Grenze der bewegten
+Wasser wird und er an der Spitze der großen Bank von Neufoundland
+wegstreicht, die Bolney sinnreich die Barre an der Mündung dieses
+ungeheurn Meerstroms nennt. Höchst auffallend ist der Abstand zwischen der
+Temperatur des kalten Wassers über dieser Bank und der Wärme der Gewässer
+der heißen Zone, die durch den Golfstrom nach Norden getrieben werden;
+jene betrug nach meinen Beobachtungen 8°7 – 10 (7 – 8° R.), diese
+21 – 22°5 (17 – 18° R.). In diesen Strichen ist die Wärme im Meere höchst
+sonderbar vertheilt: die Gewässer der Bank sind um 9°4 kälter als das
+benachbarte Meer, und dieses ist um 3° kälter als der Strom. Diese Zonen
+können ihre Temperaturen nicht ausgleichen, weil jede ihre eigene
+Wärmequelle oder einen Grund der Wärmeerniedrigung hat, und beide Momente
+beständig fortwirken.(3)
+
+Von der Bank von Neufoundland, oder vom 52. Grad der Breite bis zu den
+Azoren bleibt der Golfstrom nach Ost oder Ost-Süd-Ost gerichtet. Noch
+immer wirkt hier in den Gewässern der Stoß nach, den sie tausend Meilen
+von da in der Meerende von Florida, zwischen der Insel Cuba und den
+Untiefen der Schildkröteninseln, erhalten haben. Diese Entfernung ist das
+Doppelte von der Länge des Laufs des Amazonenstromes von Jaen oder dem Paß
+von Manseriche zum Gran-Para. Im Meridian der Inseln Corvo und Flores, der
+westlichsten der Gruppe der Azoren, nimmt die Strömung eine Meeresstrecke
+von 160 Meilen in der Breite ein. Wenn die Schiffe auf der Rückreise aus
+Südamerika nach Europa diese beiden Inseln aufsuchen, um ihre Länge zu
+berichtigen, so gewahren sie immer deutlich den Zug des Wassers nach
+Südost. Umter 33 Grad der Breite rückt der tropische Aequinoctialstrom dem
+Golfstrom sehr nahe. In diesem Striche des Weltmeeres kann man an Einem
+Tage aus den Gewässern, die nach West laufen, in diejenigen gelangen, die
+nach Südost oder Ost-Süd-Ost strömen.
+
+Von den Azoren an nimmt der Strom von Florida seine Richtung gegen die
+Meerenge von Gibraltar, die Insel Madera und die Gruppe der Canarien. Die
+Pforte bei den Säulen des Herkules beschleunigt ohne Zweifel den Zug des
+Wassers gegen Ost. Und in diesem Sinne mag man mit Recht behaupten, die
+Meerenge, durch welche Mittelmeer und Atlantischer Ozean zusammenhängen,
+äußere ihren Einfluß auf sehr weite Ferne; sehr wahrscheinlich würden
+aber, auch wenn die Meerenge nicht bestände, Fahrzeuge, die nach Teneriffa
+segeln, dennoch nach Südost getrieben, und zwar infolge eines Anstoßes,
+dessen Ursprung man an den Küsten der neuen Welt zu suchen hat. Im weiten
+Meeresbecken pflanzen sich alle Bewegungen fort, gerade wie im Luftmeer.
+Verfolgt man die Strömungen rückwärts zu ihren fernen Quellen, gibt man
+sich Rechenschaft von dem Wechsel in ihrer Geschwindigkeit, warum sie bald
+abnimmt, wie zwischen dem Canal von Bahama und der Bank von Neufoundland,
+bald wieder wächst, wie in der Nähe der Meerenge von Gibraltar und bei den
+canarischen Inseln, so kann man nicht darüber im Zweifel seyn, daß
+dieselbe Ursache, welche die Gewässer im Meerbusen von Mexiko herumdreht,
+sie auch bei der Insel Madera in Bewegung setzt.
+
+Südlich von letztgenannter Insel läßt sich die Strömung in ihrer Richtung
+nach Südost und Süd-Süd-Ost gegen die Küste von Afrika zwischen Cap Cantin
+und Cap Bojador verfolgen. In diesen Strichen sieht sich ein Schiff bei
+stillem Wetter nahe an der Küste, wenn es sich nach der nicht berichtigten
+Schätzung noch weit davon entfernt glaubt. Ist die Oeffnung bei Gibraltar
+die Ursache der Bewegung des Wassers, warum hat dann die Strömung südlich
+von der Meerenge nicht die entgegengesetzte Richtung? Im Gegentheil aber
+geht sie unter dem 25. und 26. Grad der Breite erst grade nach Süd und
+dann nach Südwest. Cap Blanc, nach Cap Verd das am weitesten sich
+hinausstreckende Vorgebirge, scheint Einfluß auf diese Richtung zu äußern,
+und unter der Breite desselben mischen sich die Wasser, deren Bewegung wir
+von der Küste von Honduras bis zur afrikanischen verfolgt haben, mit dem
+großen tropischen Strom, um den Lauf von Morgen nach Abend von neuem zu
+beginnen. Wir haben oben bemerkt, daß mehrere hundert Kilometer westwärts
+von den Canarien der eigenthümliche Zug der Aequinoktialgewässer schon in
+der gemäßigten Zone, von 28. und 29. Breitengrad an, bemerklich wird; aber
+im Meridian der Insel Ferro kommen sie Schiffe südwärts bis zum Wendekreis
+des Krebses, ehe sie sich nach Schätzung ostwärts von ihrer wahren Länge
+befinden.
+
+Wie nun aber die nördliche Grenze des tropischen Stroms und der
+Passatwinde nach den Jahreszeiten sich verschiebt, so zeigt sich auch der
+Golfstrom nach Stellung und Richtung veränderlich. Diese Schwankungen sind
+besonders auffallend vom 28. Breitegrad bis zur großen Band von
+Neufoundland, ebenso zwischen dem 48. Grad westlicher Länge von Paris und
+dem Meridian der Azoren. Die wechselnden Winde in der gemäßigten Zone und
+das Schmelzen des Eises am Nordpol von wo in den Monaten Juli und August
+eine bedeutende Masse süßen Wassers nach Süden abfließt, erscheinen als
+die vornehmsten Ursachen, aus welchen sich in diesen hohen Breiten Stärke
+und Richtung des Golfstoms verändern.
+
+Wir haben gesehen, daß zwischen dem 11. und 43. Grad der Breite die
+Gewässer des atlantischen Oceans mittelst Strömungen fortwährend im Kreise
+umhergeführt werden. Angenommen, ein Wassertheilchen gelange zu derselben
+Stelle zurück, von der es ausgegangen, so läßt sich, nach dem, was wir bis
+jetzt von der Geschwindigkeit der Strömungen wissen, berechnen, daß es zu
+seinem 3800 Meilen langen Umlauf zwei Jahre und zehn Monate brauchte. Ein
+Fahrzeug, bei dem man von der Wirkung des Windes absähe, gelangte in
+dreizehn Monaten von den canarischen Inseln an die Küste von Caracas. Es
+brauchte zehn Monate, um im Meerbusen von Mexico herum zu kommen und um zu
+den Untiefen der Schildkröteninseln gegenüber vom Hafen von Havana zu
+gelangen, aber nur vierzig bis fünfzig Tage vom Eingang der Meerenge von
+Florida bis Neufoundland. Die Geschwindigkeit der rückläufigen Strömung
+von jener Bank bis an die Küste von Afrika ist schwer zu schätzen; nimmt
+man sie im Mittel auf 7 oder 8 Meilen in vierundzwanzig Stunden an, so
+ergeben sich für diese letzte Strecke zehn bis elf Monate. Solches sind
+die Wirkungen des langsamen, aber regelmäßigen Zuges, der die Gewässer des
+Oceans herumführt. Das Wasser des Amazonenstroms braucht von Tomependa bis
+zum Gran-Para etwa fünfundvierzig Tage.
+
+Kurz vor meiner Ankunft auf Teneriffa hatte das Meer auf der Rhede von
+Santa Cruz einen Stamm der _Cedrela odorata_, noch mit der Rinde,
+ausgeworfen. Dieser amerikanischen Baum wächst nur unter den Tropen oder
+in den zunächst angrenzenden Ländern. Er war ohne Zweifel an der Küste von
+Terra Firma oder Honduras abgerissen worden. Die Beschaffenheit des Holzes
+und der Flechten auf der Rinde zeigte augenscheinlich, daß der Stamm nicht
+etwa von einem der unterseeischen Wälder herrührte, welche durch alte
+Erdumwälzungen in die Flötzgebilde nördlicher Länder eingebettet worden
+sind. Wäre der Cedrelastamm, statt bei Teneriffa ans Land geworfen zu
+werden, weiter nach Süden gelangt, so wäre er wahrscheinlich rings um den
+ganzen atlantischen Ocean geführt worden und mittels des allgemeinen
+tropischen Stroms wieder in sein Heimathland gelangt. Diese Vermuthung
+wird durch einen älteren Fall unterstützt, dessen Abbé Viera in seiner
+allgemeinen Geschichte der Canarien erwähnt. Im Jahre 1770 wurde ein mit
+Getreide beladenes Fahrzeug, das von der Insel Lancerota nach Santa Cruz
+auf Teneriffa gehen sollte, auf die hohe See getrieben, als sich niemand
+von der Mannschaft an Bord befand. Der Zug der Gewässer von Morgen nach
+Abend führte es nach Amerika, wo es an der Küste von Guyana bei Caracas
+strandete.
+
+Zu einer Zeit, wo die Schifffahrtskunst noch wenig entwickelt war, bot der
+Golfstrom dem Geiste eines Christoph Columbus sichere Anzeichen vom Daseyn
+westwärts gelegener Länder. Zwei Leichname, die nach ihrer Körperlichkeit
+einem unbekannten Menschenstamme angehörten, wurden gegen Ende des
+15. Jahrhunderts bei den azorischen Inseln ans Land geworfen. Ungefähr um
+dieselbe Zeit fand Columbus Schwager, Peter Borrea, Statthalter von Porto
+Santo, am Strande dieser Insel mächtige Stücke Bambusrohr, die von der
+Strömung und den Westwinden angeschwemmt worden waren. Diese Leichname und
+diese Rohre machten den genuesischen Seemann aufmerksam; er errieth, daß
+beide von einem gegen West gelegenen Festlande herrühren mußten. Wir
+wissen jetzt, daß in der heißen Zone die Passatwinde und der tropische
+Strom sich jeder Wellenbewegung in der Richtung der Umdrehung der Erde
+widersetzen. Erzeugnisse der neuen Welt können in die alte Welt nur in
+hohen Breiten und in der Richtung des Stroms von Florida gelangen. Häufig
+werden Früchte verschiedener Bäume der Antillen an den Küsten der Inseln
+Ferro und Gomera angetrieben. Vor der Entdeckung von Amerika glaubten die
+Canarier, diese Früchte kommen von der bezauberten Insel St. Borondon, die
+nach den Seemannsmärchen und gewissen Sagen westwärts in einem Striche des
+Oceans liegen sollte, der beständig in Nebel gehüllt sey.
+
+Mit dieser Uebersicht der Strömungen im Atlantischen Meere wollte ich
+hauptsächlich darthun, daß der Zug der Gewässer gegen Südost, von Kap
+St. Vincent zu den canarischen Inseln, eine Wirkung der allgemeinen
+Bewegung ist, in der sich die Oberfläche des Ozeans an seinem Westende
+befindet. Wir erwähnen daher nur kurz des Arms des Golfstroms, der unter
+dem 45. und 50. Grad der Breite, bei der Bank Bonnet Flamand, von Südwest
+nach Nordost gegen die Küsten von Europa gerichtet ist. Diese Abtheilung
+des Stromes wird sehr reißend, wenn der Wind lange aus West geblasen hat.
+Gleich dem, der an Ferro und Gomera vorüberstreicht, wirft er alle Jahre
+an die Westküsten von Irland und Norwegen Früchte von Bäumen, welche dem
+heißen Erdstrich Amerikas eigenthümlich sind. Am Strande der Hebriden
+findet man Samen von _Mimosa scandens_, _Dolichos urens_, _Guilandina
+bonduc_, und verschiedener anderer Pflanzen von Jamaika, Cuba und dem
+benachbarten Festland. Die Strömung treibt nicht selten wohl erhaltene
+Fässer mit französischen Wein an, von Schiffen, die im Meere der Antillen
+Schiffbruch gelitten. Neben diesen Beispielen von den weiten Wanderungen
+der Gewächse stehen andere, welche die Einbildungskraft beschäftigen. Die
+Trümmer des englischen Schiffes Tilbury, das bei Jamaika verbrannt war,
+wurden an der schottischen Küste gefunden. In denselben Strichen kommen
+zuweilen verschiedene Arten von Schildkröten vor, welche das Meer der
+Antillen bewohnen. Hat der Westwind lange angehalten, so entsteht in den
+hohen Breiten eine Strömung, die von den Küsten von Grönland und Labrador
+bis nordwärts von Schottland gerade nach Ost-Süd-Ost gerichtet ist. Wie
+Wallace berichtet, gelangten zweimal, in den Jahren 1682 und 1864,
+amerikanische Wilde vom Stamme der Eskimos, die ein Sturm in ihren Canoes
+aus Fellen auf die hohe See verschlagen, mittels der Strömung zu den
+orcadischen Inseln. Dieser letztere Fall verdient um so mehr
+Aufmerksamkeit, als man daraus ersieht, wie zu einer Zeit, wo die
+Schifffahrt noch in ihrer Kindheit war, die Bewegung der Gewässer des
+Oceans ein Mittel werden konnte, um die verschiedenen Menschenstämme über
+die Erde zu verbreiten.
+
+Das Wenige, was wir bis jetzt über die wahre Lage und die Breite des
+Golfstroms, so wie über die Fortsetzung desselben gegen die Küsten von
+Europa und Afrika wissen, ist die Frucht der zufälligen Beobachtung
+einiger unterrichteten Männer, welche in verschiedenen Richtungen über das
+atlantische Meer gefahren sind. Da die Kenntiß der Strömungen zu Abkürzung
+der Seefahrten wesentlich beitragen kann, so wäre es von so großem Belang
+für die praktische Seemannskunst, als wissenschaftlich von Interesse, wenn
+Schiffe mit vorzüglichen Chronometern im Meerbusen von Mexico und im
+nördlichen Ocean zwischen dem 30. und 54. Grad der Breite kreuzten, ganz
+eigens zu dem Zweck, um zu ermitteln, in welchem Abstand sich der
+Golfstrom in den verschiedenen Jahreszeiten und unter dem Einfluß der
+verschiedenen Winde südlich von der Mündung des Mississippi und ostwärts
+von den Vorgebirgen Hatteras und Codd hält. Dieselben könnten zu
+untersuchen haben, ob der große Strom von Florida beständig am östlichen
+Ende der Bank von Neufoundland hinstreicht, und unter welchem Parallel
+zwischen dem 32. und 40. Grad westlicher Länge die Gewässer, die von Ost
+nach West strömen, denen, welche die umgekehrte Richtung haben, am
+nächsten gerückt sind. Die Lösung der letzteren Frage ist desto wichtiger,
+als die meisten Fahrzeuge, welche von den Antillen oder vom Cap der guten
+Hoffnung nach Europa zurückgehen, die bezeichneten Striche befahren. Neben
+der Richtung und Geschwindigkeit der Strömungen könnte sich eine solche
+Expedition mit Beobachtungen über die Meerestemperatur, über die Linien
+ohne Abweichung, die Inclination der Magnetnadel und die Intensität der
+magnetischen Kraft beschäftigen. Beobachtungen dieser Art erhalten einen
+hohen Werth, wenn der Punkt, wo sie angestellt worden, astronomisch
+bestimmt ist. Auch in den von Europäern am starksten besuchten Meeren,
+weit von jeder Küste, kann ein unterrichteten Seemann der Wissenschaft
+wichtige Dienste leisten. Die Entdeckung einer unbewohnten Inselgruppe ist
+von geringerem Interesse, als die Kenntniß der Gesetze, welche um eine
+Menge vereinzelter Thatsachen das einigende Band schlingen.
+
+Denkt man den Ursachen der Strömungen nach, so erkennt man, daß sie viel
+häufiger vorkommen müssen, als man gemeiniglich glaubt. Die Gewässer des
+Meeres können durch gar mancherlei in Bewegung gesetzt werden, durch einen
+äußern Anstoß, durch Verschiedenheiten in Temperatur und Salzgehalt, durch
+das zeitweise, Schmelzen des Polareises, endlich durch das ungleiche Maaß
+der Verdunstung unter verschiedenen Breiten. Bald wirken mehrere dieser
+Ursachen zum selben Effekt zusammen, bald bringen sie entgegengesetzte
+Effekte hervor. Schwache, aber beständig in einem gnazen Erdgürtel wehende
+Winde, wie die Passatwinde, bedingen eine Bewegung vorwärts, wie wir sie
+selbst bei den stärksten Stürmen nicht beobachten, weil diese auf ein
+kleines Gebiet beschränkt sind. Wenn in einer großen Wassermasse die
+Wassertheilchen an der Oberfläche specifisch verschieden schwer werden, so
+bildet sich an der Fläche ein Strom dem Punkte zu, wo das Wasser am
+kältesten ist, oder am meisten salzsaures Natron, schwefelsauren Kalk und
+schwefelsaure oder salzsaure Bittererde enthält. In den Meeren unter den
+Wendekreisen zeigt der Thermometer in großen Tiefen nicht mehr als
+7 – 8 Grad der hunterttheiligen Scale. Dieß ergibt sich aus zahlreichen
+Beobachtungen des Commodore Ellis und Perons. Da in diesen Strichen die
+Lufttemperatur nie unter 19 – 20 Grad sinkt, so kann das Wasser einen dem
+Gefrierpunkt und dem Maximum der Dichtigkeit des Wassers so nahe gerückten
+Kältegrad nicht an der Oberfläche angenommen haben. Die Existenz solcher
+kalten Wasserschichten in niedern Breiten weist somit auf einen Strom hin,
+der in der Tiefe von den Polen zum Aequator geht; sie weist ferner darauf
+hin, daß die Salze, welche das specifische Gewicht des Wassers verändern,
+im Ocean so vertheilt sind, daß sie die von der Verschiedenheit im
+Wärmegrad abhängigen Wirkungen nicht aufheben.
+
+Bedenkt man, daß in Folge der Umdrehung der Erde die Wassertheilchen je
+nach der Breite eine verschiedene Geschwindigkeit haben, so sollte man
+voraussetzen, daß jede von Süd nach Nord gehende Strömung zugleich nach
+Ost, die Gewässer dagegen, die vom Pol zum Aequator strömen, nach West
+abgelenken müßten. Man sollte ferner glauben, daß diese Neigung den
+tropischen Strom bis zu einem gewissen Grad einerseits verlangsamen,
+andererseits dem Polarstrom, der sich im Juli und August, wenn das Eis
+schmilzt, unter der Breite der Bank von Neufoundland und weiter nordwärts
+regelmäßig einstellt, eine andere Richtung geben müßte. Sehr alte
+nautische Beobachtungen, die ich bestätigen Gelegenheit hatte, indem ich
+die vom Chronometer angegebene Länge mit der Schätzung des Schiffers
+verglich, widersprechen diesen theoretischen Annahmen. In beiden
+Hemisphären weichen die Polarströme, wenn sie merkbar sind, ein wenig nach
+Ost ab; und nach unserer Ansicht ist der Grund dieser Erscheinung in der
+Beständigkeit der in hohen Breiten herrschenden Westwinde zu suchen.
+Ueberdieß bewegen sich die Wassertheilchen nicht mit derselben
+Geschwindigkeit wie die Lufttheilchen, und die stärksten Meereströmungen,
+die wir kennen, legen nur 8 bis 9 Fuß in der Secunde zurück; es ist
+demnach höchst wahrscheinlich, daß das Wasser, indem es durch verschiedene
+Breiten geht, die denselben entsprechende Geschwindigkeit annimmt, und daß
+die Umdrehung der Erde ohne Einfluß auf die Richtung der Strömungen
+bleibt.
+
+Der verschiedene Druck, dem die Meeresfläche in Folge der wechselnden
+Schwere der Luft unterliegt, erscheint als eine weitere Ursache der
+Bewegung, die besonders ins Auge zu fassen ist. Es ist bekannt, daß die
+Schwankungen des Barometers im Allgemeinen nicht gleichzeitig an zwei
+auseinanderliegenden, im selben Niveau befindlichen Punkten eintreten.
+Wenn am einen dieser Punkte der Barometer einige Linien tiefer steht als
+am andern, so wird sich dort das Wasser in Folge des geringeren Luftdrucks
+erheben, und diese örtliche Anschwellung wird andauern, bis durch den Wind
+das Gleichgewicht der Luft wiederhergestellt ist. Nach Bauchers Ansicht
+rühren die Schwankungen im Spiegel des Genfer Sees, die sogenannten
+»Seiches«, eben davon her. In der heißen Zone können die stündlichen
+Schwankungen des Barometers kleine Schwingungen an der Meeresfläche
+hervorbringen, da der Meridian von 4 Uhr, der dem Minimum des Luftdrucks
+entspricht, zwischen den Meridianen von 21 und 11 Uhr liegt, wo das
+Quecksilber am höchsten steht; aber diese Schwingungen, wenn sie überhaupt
+merkbar sind, können keine Bewegung in horizontaler Richtung zur Folge
+haben.
+
+Ueberall wo eine solche durch die Ungleichheit im specifischen Gewicht der
+Wassertheile entsteht, bildet sich ein doppelter Strom, ein oberer und ein
+unterer, die entgegengesetzte Richtungen haben. Daher ist in den meisten
+Meerengen wie in den tropischen Meeren, welche die kalten Gewässer der
+Polarregionen aufnehmen, die ganze Wassermasse bis zu bedeutender Tiefe in
+Bewegung. Wir wissen nicht, ob es sich eben so verhält, wenn die
+Vorwärtsbewegung, die man nicht mit dem Wellenschlag verwechseln darf,
+Folge eines äußern Anstoßes ist. De Fleurien führt in seinem Bericht über
+die Expedition der Isis mehrere Thatsachen an, die darauf hinweisen, daß
+das Meer in der Tiefe weit weniger ruhig ist, als die Physiker gewöhnlich
+annehmen. Ohne hier auf eine Untersuchung einzugehen, jmit der wir uns in
+der Folge zu beschäftigen haben werden, bemerken wir nur, daß, wenn der
+äußere Anstoß ein andauernder ist, wie bei den Passatwinden, durch die
+gegenseitige Reibung der Wassertheilchen die Bewegung nothwendig von
+Meeresfläche sich auf die tieferen Wasserschichten fortpflanzen muß. Eine
+solche Fortpflanzung nehmen auch die Seefahrer beim Golfstrom schon lange
+an; auf die Wirkungen derselben scheint ihnen die große Tiefe hinzudeuten,
+welche das Meer aller Orten zeigt, wo der Strom von Florida durchgeht,
+sogar mitten in den Sandbänken an den Nordküsten der Vereinigten Staaten.
+Dieser ungeheure Strom warmen Wassers hat, nachdem er in fünfzig Tagen vom
+24. bis 45. Grad der Breite 450 Meilen zurückgelegt, trotz der bedeutenden
+Winterkälte in der gemäßigten Zone, kaum 3 – 4 Grad von seiner
+ursprünglichen Temperatur unter den Tropen verloren. Die Größe der Masse
+und der Umstand, daß das Wasser ein schlechter Wärmeleiter ist, machen,
+daß die Abkühlung nicht rascher erfolgt. Wenn sich somit der Golfstrom auf
+dem Boden des atlantischen Oceans ein Bett gegraben hat, und wenn seine
+Gewässer bis in beträchtliche Tiefen in Bewegung sind, so müssen sie auch
+in ihren untern Schichten eine höhere Temperatur behalten, als unter
+derselben Breite Meeresstriche ohne Strömungen und Untiefen zeigen. Diese
+Fragen sind nur durch unmittelbare Beobachtungen mittelst des Senkbleis
+mit Thermometer zu lösen.
+
+Sir Erasmus Gower bemerkt, auf der Ueberfahrt von England nach den
+canarischen Inseln gerathe man in die Strömung und dieselbe treibe vom
+39. Breitegrade an die Schiffe nach Südost. Auf unerer Fahrt von Corunna
+nach Südamerika machte sich der Einfluß dieses Zugs der Wasser noch weiter
+nördlich merkbar. Vom 37. zum 30. Grad war die Abweichung sehr ungleich;
+sie betrub täglich im Mittel zwölf Meilen, das heißt usnere Corvette wurde
+in sechs Tagen um 72 Seemeilen gegen Ost abgetrieben. Als wir auf 140
+Meilen (Lieues) Entfernung den Parallel der Meerenge von Gibraltar
+schnitten, hatten wir Gelegenheit zur Beobachtung, daß in diesen Strichen
+das Maximum der Geschwindigkeit nicht der Oeffnung der Meerenge selbst
+entspricht, sondern einem nördlicher gelegenen Punkte in der Verlängerung
+einer Linie, die man durch die Meerenge und Cap Vincent zieht. Diese Linie
+läuft von der Gruppe der azorischen Inseln bis zum Cap Cantin parallel mit
+der Richtung der Gewässer. Es ist ferner zu bemerken, und der Umstand ist
+für die Physiker, die sich mit der Bewegung der Flüssigkeiten
+beschäftigen, nicht ohne Interesse, daß in diesem Stück des rückläufigen
+Stromes, in einer Breite von 120 bis 140 Meilen, nicht die ganze
+Wassermasse dieselbe Geschwindigkeit, noch dieselbe Richtung hat. Bei ganz
+ruhiger See zeigen sich an der Oberfläche schmale Streifen, kleinen Bächen
+gleich, in denen das Wasser mit einem für das Ohr des geübten Schiffers
+wohl hörbaren Geräusch hinströmit. Am 13. Juni, unter 34° 35’ nördlicher
+Breite, befanden wir uns mitten unter einer Menge solcher Strombetten. Wir
+konnten die Richtung derselben mit dem Compaß aufnehmen: die einen liefen
+nach Nordost, anderen nach Ost-Nord-Ost, trotz dem, daß der allgemeine Zug
+der See, wie die Vergleichung der Schätzung mit der chronometrischen Länge
+angab, fortwährend nach Südost gieng. Sehr häufig sieht man eine stehende
+Wassermasse von Wasserfäden durchzogen, die nach verschiedenen Richtungen
+strömen; solches kann man täglich an der Oberfläche unserer Landseen
+beobachten, aber seltener bemerkt man solch partielle Bewegungen kleiner
+Wassertheile in Folge lokaler Ursachen mitten in einem Meeresstrome, der
+sich über ungeheure Räume erstreckt und sich immer in derselben Richtung,
+wenn auch nicht mit bedeutender Geschwindigkeit fortbewegt. Die sich
+kreuzenden Strömungen beschäftigen unsere Einbildungskraft, wie der
+Wellenschlag, weil diese Bewegungen, die den Ocean in beständiger Unruhe
+erhalten, sich zu durchdringen scheinen.
+
+Wir fuhren am Cap Vincent, das aus Besalt besteht, auf mehr als 80 Meilen
+[360 km] Entfernung vorüber. Auf 15 Meilen [67,5 km] erkennt man es nicht
+mehr deutlich, aber die Foya von Monchique, ein Granitberg in der Nähe des
+Caps, soll, wie die Steuerleute behaupten, auf 26 Meilen [117 km] in See
+sichtbar seyn. Verhält es sich wirklich so, so ist die Foya 700 Toisen
+(1363 Meter) hoch, also 116 Toisen (225 Meter) höher als der Vesuv. Es ist
+auffallend, daß die portugiesische Regierung kein Feuer auf einem Punkte
+unterhält, nach dem sich alle vom Cap der guten Hoffnung und vom Cap Horn
+kommenden Schiffe richten müssen; nach keinem anderen Punkte wird mit so
+viel Ungeduld ausgeschaut, bis er in Sicht kommt. Die Feuer auf dem Turm
+des Herkules und am Cap Spichel sind so schwach und so wenig weit
+sichtbar, daß man sie gar nicht rechnen kann. Dazu wäre das
+Capuzinerkloster, das auf Kap Vincent steht, ganz der geeignete Platz zu
+einem Leuchtturm mit sich drehendem Feuer, wie zu Cadix und an der
+Garonnemündung.
+
+Seit unserer Abfahrt von Corunna und bis zum 36. Breitegrad hatten wir
+außer Meerschwalben und einigen Delphinen fast kein lebendes Wesen
+gesehen. Umsonst sahen wir uns nach Tangen und Weichthieren um. Am
+11. Juni aber hatten wir ein Schauspiel, das uns höchlich überraschte, das
+wir aber später in der Südsee häufig genossen. Wir gelangten in einen
+Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Medusen bedeckt war. Das
+Schiff stand beinahe still, aber die Weichtiere zogen gegen Südost,
+viermal rascher als die Strömung. Ihr Vorüberzug währte beinahe
+dreiviertel Stunden, und dann sahen wir nur noch einzelne Individuen dem
+großen Haufen, wie wandermüde, nachziehen. Kommen diese Thiere vom Grunde
+des Meeres, das in diesen Strichen wohl mehrere tausend Toisen tief ist?
+oder machen sie in Schwärmen weite Züge? Wie man weiß, lieben die
+Weichthiere die Untiefen, und wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem
+Wasserspiegel, welche Kapitän Vobonne im Jahr 1732 nordwärts von der Insel
+Porto Santo gesehen haben will, wirklich vorhanden sind, so läßt sich
+annehmen, daß diese ungeheure Masse von Medusen dorther kam, denn wir
+befanden uns nur 28 Meilen [126 km] von jenen Klippen. Wir erkannten neben
+der _Medusa aurita_ von Baster und der _M. pelagica_ von Bosc mit acht
+Tentakeln _(Pelagia denticulata, Peron)_ eine dritte Art, die sich der
+_M. hysocella_ nähert, die Vandelli an der Mündung des Tajo gefunden hat.
+Sie ist ausgezeichnet durch die braungelbe Farbe und dadurch, daß die
+Tentakeln länger sind als der Körper. Manche dieser Meernesseln hatten
+vier Zoll [10 cm] im Durchmesser; ihr fast metallischer Glanz, ihre
+violett und purpurn schillernde Färbung hob sich vom Blau der See äußerst
+angenehm ab.
+
+Unter den Medusen fand Bonpland Bündel der _Dagysa notata_, eines
+Weichthiers von sonderbarem Bau, das Sir Joseph Banks zuerst kennen
+gelernt hat. Es sind kleine gallertartige Säcke, durchsichtig,
+walzenförmig, zuweilen vieleckig, 13 Linien [3 mm] lang, 2 – 3 [0,5 bis
+0,7 mm] im Durchmesser. Diese Säcke sind an beiden Enden offen. An der
+einen Oeffnung zeigt sich eine durchsichtige Blase mit einem gelben Fleck.
+Diese Cylinder sind der Länge nach aneinander geklebt wie Bienenzellen und
+bilden 6 – 8 Zoll [16 bis 21 cm] lange Schnüre. Umsonst versuchte ich die
+galvanische Elektricität an diesen Weichthieren; sie brachte keine
+Zusammenziehung hervor. Die Gattung _Dagysa_, die zur Zeit von Cooks
+erster Reise zuerst aufgestellt wurde, scheint zu den Salpen zu gehören.
+Auch die Salpen wandern in Schwärmen, wobei sie sich zu Schnüren an
+einander hängen, wie wir bei der _Dagysa_ gesehen.
+
+Am 13. Juni Morgens unter 34° 33’ Breite sahen wir wieder bei vollkommen
+ruhiger See große Haufen des letzterwähnten Thiers vorbeitreiben. Bei
+Nacht machten wir die Beobachtung, daß alle drei Medusenarten, die wir
+gefangen, nur leuchteten, wenn man sie ganz leicht anstieß. Diese
+Eigenschaft kommt also nicht der von Forskael in seiner _Fauna Aegytiaca_
+beschriebenen _Medusa noctiluca_ allein zu, die Gmelin mit der _Medusa
+pelagica_ Löflings vereinigt, obgleich sie rote Tentakeln und braune
+Körperwarzen hat. Legt man eine sehr reizbare Meduse auf einen Zinnteller
+und schlägt mit irgendeinem Metall an den Teller, so wird das Tier schon
+durch die leichte Schwingung des Zinns leuchtend. Galvanisirt man Medusen,
+so zeigt sich zuweilen der phosphorische Schein im Moment, wo man die
+Kette schließt, wenn auch die Excitatoren die Organe des Tieres nicht
+unmittelbar berühren. Die Finger, mit denen man es berührt, bleiben ein
+paar Minuten leuchtend, wie man dies auch beobachtet, wenn man das Gehäuse
+der Pholaden zerbricht. Reibt man Holz mit dem Körper einer Meduse und
+leuchtet die geriebene Stelle nicht mehr, so erscheint der Schimmer
+wieder, wenn man mit der trockenen Hand über das Holz fährt. Ist derselbe
+wieder verschwunden, so läßt er sich nicht noch einmal hervorrufen, wenn
+auch die geriebene Stelle noch feucht und klebrig ist. Wie wirkt in diesem
+Falle die Reibung oder der Stoß? Die Frage ist schwer zu beantworten. Ruft
+etwa eine kleine Temperaturerhöhung den Schein hervor, oder kommt er
+wieder, weil man die Oberfläche erneuert und so die Theile des Thiers,
+welche den Phosphorwasserstoff entbinden, mit dem Sauerstoff der
+atmosphärischen Luft in Berührung bringt? Ich habe durch Versuche, die im
+Jahre 1797 veröffentlicht worden, dargethan, daß Scheinholz in reinem
+Wasserstoff und Stickstoff nicht mehr leuchtet, und daß der Schein
+wiederkehrt, sobald man die kleinste Blase Sauerstoff in das Gas treten
+läßt. Diese Thatsachen, deren wir in der Folge noch mehrere anführen
+werden, bahnen uns den Weg zur Erklärung des Meerleuchtens und des
+besonderen Umstandes, daß das Erscheinen des Lichtschimmers mit dem
+Wellenschlag in Zusammenhang steht.
+
+Zwischen Madera und der afrikanischen Küste hatten wir gelinde Winde oder
+Windstille, wodurch ich mich bei den magnetischen Versuchen, mit denen ich
+mich bei der Ueberfahrt beschäftigte, sehr gefördert sah. Wir wurden nicht
+satt, die Pracht der Nächte zu bewundern; nichts geht über die Klarheit
+und Heiterkeit des afrikanischen Himmels. Wir wunderten uns über die
+ungeheure Menge Sternschnuppen, die jeden Augenblick niedergingen. Je
+weiter wir nach Süden kamen, desto häufiger wurden sie, besonders bei den
+canarischen Inseln. Ich glaube auf meinen Reisen die Beobachtung gemacht
+zu haben, daß diese Feuermeteore überhaupt in manchen Landstrichen
+häufiger vorkommen und glänzender sind als in anderen. Nie sah ich ihrer
+so viele als in der Nähe der Vulkane der Provinz Quito und in der Südsee
+an der vulkanischen Küste von Guatimala. Der Einfluß, den Oertlichkeit,
+Klima und Jahreszeit auf die Bildung der Sternschnuppen zu haben scheinen,
+trennt diese Classe von Meteoren von den Aerolithen, die wahrscheinlich
+dem Weltraume außerhalb unseres Luftkreises angehören. Nach den
+übereinstimmenden Beobachtungen von Benzenberg und Brandes erscheinen in
+Europa viele Sternschnuppen nicht mehr als 30,000 Toisen [58 470 m] über
+der Erde. Man hat sogar eine gemessen, die nur 14,000 Toisen [27 280 m]
+hoch war. Es wäre zu wünschen, daß dergleichen Messungen, die nur
+annähernde Resultate ergeben können, öfters wiederholt würden. In den
+heißen Landstrichen, besonders unter den Tropen, zeigen die Sternschnuppen
+einen Schweif, der noch 12 bis 15 Secunden fortleuchtet; ein andermal ist
+es, als platzten sie und zerstieben in mehrere Lichtfunken, und im
+allgemeinen sind sie viel weiter unten in der Luft als im nördlichen
+Europa. Man sieht sie nur bei heiterem, blauen Himmel, und unter einer
+Wolke ist wohl noch nie eine beobachtet worden. Häufig haben die
+Sternschnuppen ein paar Stunden lang eine und dieselbe Richtung, und dies
+ist dann die Richtung des Windes. In der Bucht von Neapel haben Gay-Lussac
+und ich Lichterscheinungen beobachtet, die denen, welche mich bei meinem
+langen Aufenthalt in Mexiko und Quito beschäftigten, sehr ähnlich waren.
+Das Wesen dieser Meteore hängt vielleicht ab von der Beschaffenheit von
+Boden und Luft, gleich gewissen Erscheinungen von Luftspiegelung und
+Strahlenbrechung an der Erdoberfläche, wie sie an den Küsten von Calabrien
+und Sicilien vorkommen.
+
+Wir bekamen auf unserer Fahrt weder die Inseln Desiertas noch Madera zu
+Gesicht. Gerne hätte ich die Länge dieser Inseln berichtigt und von den
+vulkanischen Bergen nordwärts von Funchal Höhenwinkel genommen. De Borda
+berichtet, man sehe diese Berge auf 20 Meilen [90 km], was nur auf eine
+Höhe von 414 Toisen (806 Meter) hinweise; wir wissen aber, daß nach
+neueren Messungen der höchste Gipfel von Madera 5167 englische Fuß oder
+807 Toisen [1573 m] hoch ist. Die kleinen Inseln Desiertas und Salvages,
+auf denen man Orseille und _Mesembryanthemum crystallinum_ sammelt, haben
+nicht 200 Toisen senkrechter Hähe. Es scheint mir von Nutzen, die
+Seefahrer auf dergleichen Bestimmungen hinzweisen, weil sich mittelst
+einer Methode, deren in dieser Reisebeschreibung öfter Erwähnung geschieht
+und deren sich Borda, Lord Mulgrave, de Rossel und Don Cosme Churruca auf
+ihren Reisen mit Erfolg bedient haben, durch Höhenwinkel, die man mit
+guten Reflexionsinstrumenten nimmt, mit hinlänglicher Genauigkeit
+ermitteln läßt, wie weit sich das Schiff von einem Vorgebirge oder von
+einer gebirgigen Insel befindet.
+
+Als wir 40 Meilen [180 km] ostwärts von Madera waren, setzte sich eine
+Schwalbe auf die Marsstenge. Sie war so müde, daß sie sich leicht fangen
+ließ. Es war eine Rauchschwalbe _(Hierundo rustica, Lin.)_. Was mag einen
+Vogel veranlassen, in dieser Jahreszeit und bei stiller Luft so weit zu
+fliegen? Bei d´Entrecasteaux´ Expedition sah man gleichfalls eine
+Rauchschwalbe 60 Meilen [270 km] weit vom weißen Vorgebirge; das war aber
+Ende Oktobers, und Labillardière war der Meinung, sie komme eben aus
+Europa. Wir befuhren diese Striche im Juni, und seit langer Zeit hatte
+kein Sturm das Meer aufgerührt. Ich betone den letzteren Umstand, weil
+kleine Vögel, sogar Schmetterlinge zuweilen durch heftige Winde auf die
+hohe See verschlagen werden, wie wir es in der Südsee, westwärts von der
+Küste von Mexiko, beobachten konnten.
+
+Der Pizarro hatte Befehl, bei der Insel Lanzarota, einer der sieben großen
+Canarien, anzulegen, um sich zu erkundigen, ob die Engländer die Rhede von
+Santa Cruz auf Teneriffa blokirten. Seit dem 15. Juni war man im Zweifel,
+welchen Weg man einschlagen sollte. Bis jetzt hatten die Steuerleute, die
+mit den Seeuhren nicht recht umzugehen wußten, keine großen Stücke auf die
+Länge gehalten, die ich fast immer zweimal des Tags bestimmte, indem ich
+zum Uebertrag der Zeit Morgens und Abends Stundenwinkel aufnahm. Endlich
+am 16. Juni, um neun Uhr morgens, als wir schon unter 20° 26’ der Breite
+waren, änderte der Capitän den Curs und steuerte gegen Ost. Da zeigte sich
+bald, wie genau Louis Berthouds Chronometer war; um 2 Uhr nachmittags kam
+Land in Sicht, das wie eine kleine Wolke am Horizont erschien. Um fünf
+Uhr, bei niedriger stehender Sonne, lag die Insel Lanzarota so deutlich
+vor uns, daß ich den Höhenwinkel eines Kegelberges messen konnte, der
+majestätisch die anderen Gipfel überragt und den wir für den großen Vulkan
+hielten, der in der Nacht vom ersten September 1730 so große Verwüstungen
+angerichtet hat.
+
+Die Strömung trieb uns schneller gegen die Küste, als wir wünschten. Im
+Hinfahren sahen wir zuerst die Insel Fortaventura, bekannt durch die
+vielen Kameele(4), die darauf leben, und bald darauf die kleine Insel
+Lobos im Canal zwischen Fortaventura und Lancerota. Wir brachten die Nacht
+zum Theil auf dem Verdeck zu. Der Mond beschien die vulkanischen Gipfel
+von Lanzerota, deren mit Asche bedeckten Abhänge wie Silber schimmerten.
+Antares glänzte nahe der Mondscheibe, die nur wenige Grad über dem
+Horizont stand. Die Nacht war wunderbar heiter und frisch. Obgleich wir
+nicht weit von der afrikanischen Küste und der Grenze der heißen Zone
+waren, zeigte der hunderttheilige Thermometer nicht mehr als 18°. Es war,
+als ob das Leuchten des Meeres die in der Luft verbreitete Lichtmasse
+vermehrte. Zum erstenmal konnte ich an einem zweizölligen Sextanten von
+Troughton mit sehr feiner Theilung den Nonius ablesen, ohne mit einer
+Kerze an den Rand zu leuchten. Mehrere unserer Reisegefährten waren
+Canarier; gleich allen Einwohnern der Insel priesen sie enthusiastisch die
+Schönheit ihres Landes. Nach Mitternacht zogen hinter dem Vulkan schwere
+Wolken auf und bedeckten hin und wieder den Mond und das schöne Sternbild
+des Scorpion. Wir sahen am Ufer Feuer hin und her tragen. Es waren
+wahrscheinlich Fischer, die sich zur Fahrt rüsteten. Wir hatten auf der
+Reise fortwährend in den alten spanischen Reisebeschreibungen gelesen, und
+diese sich hin und her bewegenden Lichter erinnerten uns an die, welche
+Pedro Guttierez, ein Page der Königin Isabella, in der denkwürdigen Nacht,
+da die neue Welt entdeckt wurde, auf der Guanahani sah.
+
+Am 17. Morgens war der Horizont nebligt und der Himmel leicht umzogen.
+Desto schärfer traten die Berge von Lanzerota in ihren Umrissen hervor.
+Die Feuchtigkeit erhöht die Durchsichtigkeit der Luft und rückt zugleich
+scheinbar die Gegenstände näher. Diese Erscheinung ist jedem bekannt, der
+Gelegenheit gehabt hat, an Orten, wo man die Ketten der Hochalpen oder der
+Anden sieht, hygrometrische Betrachtungen anzustellen. Wir liefen, mit dem
+Senkblei in der Hand, durch den Canal zwischen den Inseln Alegranza und
+Montaña Clara. Wir untersuchten den Archipel kleiner Eilande nördlich von
+Lanzerota, die sowohl auf der sonst sehr genauen Karte von de Fleurieu,
+als auf der Karte, die zur Reise der Fregatte Flora gehört, so schlecht
+gezeichnet sind. Die auf Befehl des Herrn de Castries i. J. 1786
+veröffentlichte Karte des Atlantischen Oceans hat dieselben irrigen
+Angaben. Da die Strömungen in diesen Strichen ausnehmend rasch sind, so
+mag die für die Sicherheit der Schiffahrt nicht unwichtige Bemerkung hier
+stehen, daß die Lage der fünf kleinen Inseln Alegranza, Clara, Graciosa,
+Roca del Este und Infierno nur auf der Karte der canarischen Inseln von
+Borda und im Atlas von Tofiño genau angegeben ist, welcher letztere sich
+dabei an die Beobachtungen von Don Jose Varela hielt, die mit denen der
+Fregatte Boussole ziemlich übereinstimmen.
+
+Inmitten dieses Archipels, den Schiffe, die nach Teneriffa gehen, selten
+befahren, machte die Gestaltung der Küsten den eigenthümlichsten Eindruck
+auf uns. Wir glaubten uns in die euganäischen Berge im Vincentinischen
+oder an die Ufer des Rheins bei Bonn versetzt (Siebengebirge). Die
+Gestaltung der organischen Wesen wechselt nach den Klimaten, und diese
+erstaunliche Mannigfaltigkeit gibt dem Studium der Vertheilung der
+Pflanzen und Thiere seinen Hauptreiz; aber die Gebirgsarten, die
+vielleicht früher gebildet worden, als die Ursachen, von welchen die
+Abstufung der Klimate abhängt, in Wirksamkeit getreten, sind in beiden
+Hemisphären die nämlichen. Die Porphyre, welche glasigen Feldspath oder
+Hornblende einschließen, die Phonolithe (Werners Porphyrschiefer),
+Grünsteine, Mandelsteine und Basalte zeigen fast so constante Formen wie
+in der Auvergne, im böhmischen Mittelgebirge wie in Mexiko und an den
+Ufern des Ganges erkennt man die Trappformation am symmetrischen Bau der
+Berge, an den gestutzten, bald einzeln stehenden, bald zu Gruppen
+vereinigten Kegeln, an den Plateaux, die an beiden Enden mit einer runden
+niedrigen Kuppe gekrönt sind.
+
+Der ganze westliche Theil von Lanzerota, den wir in der Nähe sahen, hat
+ganz das Ansehen eines in neuester Zeit von vulkanischem Feuer verwüsteten
+Landes. Alles ist schwarz, dürr, von Dammerde entblößt. Wir erkannten mit
+dem Fernrohr Basalt in ziemlich dünnen, stark fallenden Schichten. Mehrere
+Hügel gleichen dem Monte nuovo bei Neapel oder den Schlacken- und
+Aschenhügeln, welche am Fuße des Vulkanes Jorullo in Mexiko in Einer Nacht
+aus dem berstenden Boden emporgestiegen sind. Nach Abbé Viera wurde auch
+im Jahre 1730 mehr als die Hälfte der Insel völlig umgewandelt. Der »große
+Vulkan«, dessen wir oben erwähnt, und der bei den Eingeborenen der Vulkan
+von *Temanfaya* heißt, verheerte das fruchtbarste und bestangebaute
+Gebiet; neun Dörfer wurden durch die Lavaströme völlig zerstört. Ein
+heftiges Erdbeben war der Katastrophe vorangegangen, und gleich starke
+Stöße wurden noch mehrere Jahre nachher gespürt. Letztere Erscheinung ist
+um so auffallender, je seltener sie nach einem Ausbruch ist, wenn einmal
+nach dem Ausfluß der geschmolzenen Stoffe die elastischen Dämpfe durch den
+Krater haben entweichen können. Der Gipfel des großen Vulkanes ist ein
+runder, nicht genau kegelförmiger Hügel. Nach den Höhenwinkeln, die ich in
+verschiedenen Abständen genommen, scheint seine absolute Höhe nicht viel
+über 300 Toisen [580 m] zu betragen. Die benachbarten kleinen Berge und
+die der Inseln Alegranza und Clara sind kaum 100 bis 120 Toisen [95 bis
+134 m] hoch. Man wundert sich, daß Gipfel, die sich auf hoher See so
+imposant darstellen, nicht höher seyn sollten. Aber nichts ist so unsicher
+als unser Urtheil über die Größe der Winkel, unter denen uns Gegenstände
+ganz nahe am Horizont erscheinen. Einer Täuschung derart ist es
+zuzuschreiben, wenn vor den Messungen de Churrucas und Galeanos am Cap
+Pilar die Berge an der Magellanschen Meerenge und des Feuerlandes bei den
+Seefahrern für ungemein hoch galten.
+
+Die Insel Lanzerota hieß früher *Titeroigotra*. Bei der Ankunft der
+Spanier zeichneten sich die Bewohner vor den anderen Canariern durch
+Merkmale höherer Kultur aus. Sie hatten Häuser aus behauenen Steinen,
+während die Guanchen auf Teneriffa, als wahre Troglodyten, in Höhlen
+wohnten. Auf Lanzerota herrschte zu jener Zeit ein seltsamer Gebrauch, der
+nur bei den Tibetanern vorkommt. [In Tibet ist übrigens die Vielmännerei
+nicht so häufig, als man glaubt, und von der Priesterschaft mißbilligt.]
+Eine Frau hatte mehrere Männer, welche in der Ausübung der Rechte des
+Familienhauptes wechselten. Der eine Ehemann war als solcher nur während
+eines Mondumlaufs anerkannt, sofort übernahm ein anderer das Amt und jener
+trat in das Hausgesinde zurück. Es ist zu bedauern, daß wir von den
+Geistlichen im Gefolge Johanns von Béthencourt, welche die Geschichte der
+Eroberung der Canarien geschrieben haben, nicht mehr von den Sitten eines
+Volkes erfahren, bei dem so sonderbare Bräuche herrschten. Im fünfzehnten
+Jahrhundert bestanden auf der Insel Lanzerota zwei kleine voneinander
+unabhängige Staaten, die durch eine Mauer geschieden waren, dergleichen
+man auch in Schottland, in Peru und in China findet, Denkmäler, die den
+Nationalhaß überleben.
+
+Wegen des Windes mußten wir zwischen den Inseln Alegranza und Montaña
+Clara durchfahren. Da Niemand am Bord der Corvette je in diesem Canal
+gewesen war, so mußte das Senkblei ausgeworfen werden. Wir fanden Grund
+bei 25 und 32 Faden [45 bis 60 m]. Mit dem Senkbleu wurde eine organische
+Substanz von so sonderbarem Bau aufgezogen, daß wir lange nicht wußten, ob
+wir sie für einen Zoophyten oder für eine Tangart halten sollten. Auf
+einem bräunlichen, drei Zoll langen Stiel sitzen runde lappige Blätter mit
+gezahntem Rand. Sie sind hellgrün, lederartig und gestreift wie die
+Blätter der Adianten und des _Ginkgo biloba_. Ihre Fläche ist mit steifen,
+weißlichen Haaren bedeckt; vor der Entwicklung sind die concav und in
+einander geschachtelt. Wir konnten keine Spur von willkührlicher Bewegung,
+von Irritabilität daran bemerken, auch nicht als wir es mit dem
+Galvanismus versuchten. Der Stiel ist nicht holzig, sondern besteht aus
+einem hornartigen Stoff, gleich der Achse der Gorgonen. Da Stickstoff und
+Phosphor in Menge in verschiedenen cryptogamischen Gewächsen nachgewiesen
+sind, so wäre nichts dabei herausgekommen, wenn wur auf chemischem Wege
+hätte ermitteln wollen, ob dieser organische Körper dem Pflanzen- oder dem
+Thierreich angehöre. Da er einigen Seepflanzen mit Adiantenblättern sehr
+nahe kommt, so stellten wir ihn vorläufig zu den Tangen und nannten ihn
+_Fucus vitifolius_. Die Haare, mit denen das Gewächs bedeckt ist, kommen
+bei vielen andern Tangen vor. Allerdings zeigte das Blatt, als es frisch
+aus der See unter dem Mikroscop untersucht wurde, nicht die drüsigen
+Körper in Häufchen oder die dunkeln Punkte, welche bei den Gattungen
+_Ulva_ und _Fucus_ die Fructificationen enthalten; aber wie oft findet man
+Tange, die vermöge ihrer Entwicklungsstufe in ihrem durchsichtigen
+Paranchym noch keine Spur von Körnern zeigen.
+
+Ich hätte diese Einzelheiten, die in die beschreibende Naturgeschichte
+gehören, hier übergangen, wenn sich nicht am Fucus mit weinblattähnlichen
+Blättern ein physiologische Erscheinung von allgemeinerem Interesse
+beobachten ließe. Unser Seetang hatte, an Madreporen befestigt, 192 Fuß
+tief am Meeresboden vegetirt, und doch waren seine Blätter so grün wie
+unsere Gräser. Nach de Bouguers Versuchen(5) wird das Licht, das durch 180
+Fuß Wasser hindurchgeht, im Verhältniß von 1 zu 1477,8 geschwächt. Der
+Tang von Alegranza ist also ein neuer Beweis für den Satz, daß Gewächse im
+Dunkeln vegetiren können, ohne farblos zu werden. Die noch in den Zwiebeln
+eingeschlossenen Keime mancher Liliengewächse, der Embryo der Malven, der
+Rhamnoiden, der Pistazie, der Mistel und des Citronenbaums, die Zweige
+mancher unterirdischen Pflanzen, endlich die Gewächse, die man in
+Erzgruben findet, wo die umgebende Luft Wasserstoff oder viel Stickstoff
+enthält, sind grün ohne Lichtgenuß. Diese Thatsachen berechtigen zu der
+Annahme, daß der Kohlenwasserstoff, der das Parenchym dunkler oder heller
+grün färbt, je nachdem der Kohlenstoff in der Verbindung vorherrscht, sich
+nicht bloß unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen im Gewebe der Gewächse
+bildet.
+
+Turner, der so viel für die Familie der Tange geleistet hat, und viele
+andere bedeutende Botaniker sind der Ansicht, die Tange, die man an der
+Meeresfläche findet, und die unter dem 23. und 35. Grad der Breite und dem
+32. der Länge sich dem Seefahrer als eine weite überschwemmte Wiese
+darstellen, wachsen ursprünglich auf dem Meeresgrund und schwimmen an der
+Oberfläche nur im ausgebildeten Zustand, nachdem sie von den Wellen
+losgerissen worden. Ist dem wirklich so, so ist nicht zu läugnen, daß die
+Familie der Seealgen große Schwierigkeiten macht, wenn man am Glauben
+festhält, daß Farblosigkeit die nothwendige Folge des Mangels an Licht
+ist; denn wie sollte man voraussetzen können, daß so viele Arten von
+Ulvaceen und Dictyoteen mit grünen Stengeln und Blättern auf Gestein
+unmittelbar unter der Meeresfläche gewachsen sind?
+
+Nach den Angaben eines alten portugiesischen Wegweisers meinte der Capitän
+des Pizarro sich einem kleinen Fort nördlich von Teguise, dem Hauptort von
+Lancerota, gegenüber zu befinden. Man hielt einen Basaltfelsen für ein
+Kastell, man salutirte es durch Aufhissen der spanischen Flagge und warf
+das Boot aus, um sich durch einen Officier beim Commandanten des
+vermeintlichen Forts erkundigen zu lassen, ob die Engländer in der
+Umgegend kreuzten. Wir wunderten uns nicht wenig, als wir vernahmen, daß
+das Land, das wir für einen Theil der Küste von Lanzerota gehalten, die
+kleine Insel Graciosa sey und daß es auf mehrere Kilometer in der Runde
+keinen bewohnten Ort gebe.
+
+Wir benutzten das Boot, um ans Land zu gehen, das den Schlußpunkt einer
+weiten Bai bildete. Ganz unbeschreiblich ist das Gefühl des
+Naturforschers, der zum erstenmal einen außereuropäischen Boden betritt.
+Die Aufmerksamkeit wird von so vielen Gegenständen in Anspruch genommen,
+daß man sich von seinen Empfindungen kaum Rechenschaft zu geben vermag.
+Bei jedem Schritt glaubt man einen neuen Naturkörper vor sich zu haben,
+und in der Aufregung erkennt man häufig Dinge nicht wieder, die in unseren
+botanischen Gärten und naturgeschichtlichen Sammlungen zu den gemeinsten
+gehören. 100 Toisen [ca. 200 m] vom Ufer sahen wir einen Mann mit der
+Angelruthe fischen. Man fuhr im Boot auf ihn zu, aber er ergriff die
+Flucht und versteckte sich hinter Felsen. Die Matrosen hatten Mühe, seiner
+habhaft zu werden. Der Anblick der Corvette, der Kanonendonner am
+einsamen, jedoch zuweilen von Kapern besuchten Orte, das Landen des
+Bootes, Alles hatte dem armen Fischer Angst eingejagt. Wir erfuhren von
+ihm, die kleine Insel Graciosa, an der wir gelandet, sey von Lanzerota
+durch einen engen Canal, el Rio genannt, getrennt. Er erbot sich, uns in
+den Hafen los Colorados zu führen, wo wir uns hinsichtlich der Blokade von
+Tenerifa erkundigen könnten; da er aber zugleich versicherte, seit
+mehreren Wochen kein Fahrzeug auf offener See gesehen zu haben, so
+beschloß der Kapitän, geradezu nach Santa Cruz zu steuern.
+
+Das kleine Stück der Insel Graciosa, das wir kennengelernt, gleicht den
+aus Laven aufgebauten Vorgebirgen bei Neapel zwischen Portici und Torre
+del Greco. Die Felsen sind nackt, ohne Bäume und Gebüsche, meist ohne Spur
+von Dammerde. Einige Flechten, Variolarien, Leprarien, Urceolarien, kamen
+hin und wieder auf dem Basalt vor. Laven, die nicht mit vulkanischer Asche
+bedeckt sind, bleiben Jahrhunderte ohne eine Spur von Vegetation. Auf dem
+afrikanischen Boden hemmt die große Hitze und die lange Trockenheit die
+Entwicklung der cryptogamischen Gewächse.
+
+Mit Sonnenuntergang schifften wir uns wieder ein und gingen unter Segel,
+aber er Wind war zu schwach, als daß wir unseren Weg nach Teneriffa hätten
+fortsetzen können. Die See war ruhig; ein röthlicher Dunst umzog den
+Horizont und ließ alle Gegenstände größer erscheinen. In solcher
+Einsamkeit, ringsum so viele unbewohnte Eilande, schwelgten wir lange im
+Anblick einer wilden, großartigen Natur. Die schwarzen Berge von Graciosa
+zeigten fünf, sechshundert Fuß [160 bis 200 m] hohe senkrechte Wände. Ihre
+Schatten, die auf die Meeresfläche fielen, gaben der Landschaft einen
+schwermüthigen Charakter. Gleich den Trümmern eines gewaltigen Gebäudes
+stiegen Basaltfelsen aus dem Wasser auf. Ihr Dasein mahnte uns an die weit
+entlegene Zeit, wo unterseeische Vulkane neue Inseln emporhoben oder die
+Festländer zertrümmerten. Alles umher verkündete Verwüstung und
+Unfruchtbarkeit; aber einen freundlicheren Anblick bot im Hintergrunde des
+Bildes die Küste von Lanzerota. In einer engen Schlucht, zwischen zwei mit
+verstreuten Baumgruppen gekrönten Hügeln, zog sich ein kleiner bebauter
+Landstrich hin. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten das zur Ernte
+reife Korn. Selbst die Wüste belebt sich, sobald man den Spuren der
+arbeitsamen Menschenhand begegnet.
+
+Wir versuchten aus der Bucht herauszukommen, und zwar durch den Canal
+zwischen Alegranza und Montaña Clara, durch den wir ohne Schwierigkeit
+hereingelangt waren, um an der Nordspitze von Graciosa ans Land zu gehen.
+Da der Wind sehr flau wurde, so trieb uns die Strömung nahe zu einem Riff,
+an dem sich die See ungestüm brach, und das die alten Karten als
+»Infierno« bezeichneten. Als wir das Riff auf zwei Kabellängen vom
+Vordertheil der Corvette vor uns hatten, sahen wir, daß es eine drei, vier
+Klafter [5,8 bis 7,8 m] hohe Lavakuppe ist, voll Höhlungen und bedeckt mit
+Schlacken, die den Coaks [Koks] oder der schwammigen Masse der
+entschwefelten Steinkohle ähnlich ist. Wahrscheinlich ist die Klippe
+Infierno(6) welche die neueren Karten _Roca del Oeste_ (westlicher Fels)
+nennen, durch das vulkanische Feuer emporgehoben. Sie kann sogar früher
+weit höher gewesen seyn; denn die »neue Insel« der Azoren, die zu
+wiederholten malen aus dem Meere gestiegen, in den Jahren 1638 und 1719,
+war 354 Fuß [115 m] hoch [Im Jahre 1720 war die Insel auf 7 – 8 Meilen
+(31 bis 36 km) sichtbar. In denselben Strichen ist im Jahre 1811 wieder
+eine Insel erschienen.] geworden, als sie im Jahre 1728 so gänzlich
+verschwand, daß man da, wo sie gestanden das Meer 80 Faden [146 m] tief
+fand. Meine Ansicht vom Ursprung der Basaltkuppe Infierno wird durch ein
+Ereigniß bestätigt, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in derselben
+Gegend beobachtet wurde. Beim Ausbruch des Vulkanes Temanfaya erhoben sich
+vom Meeresboden zwei pyramidale Hügel von steiniger Lava und verschmolzen
+nach und nach mit der Insel Lanzerota.
+
+Da der schwache Wind und die Strömung uns aus dem Canal von Alegranza
+nicht herauskommen ließen, beschloß man, während der Nacht zwischen der
+Insel Clara und der _Roca del Oeste_ zu kreuzen. Dieß hätte beinahe sehr
+schlimme Folgen für uns gehabt. Es ist gefährlich, sich bei Windstille in
+der Nähe dieses Riffes aufzuhalten, gegen das die Strömung ausnehmend
+stark hinzieht. Um Mitternacht fingen wir an, die Wirkung der Strömung
+gewahr zu werden. Die nahe vor uns senkrecht aus dem Wasser aufsteigenden
+Felsmassen benahmen uns den wenigen Wind, der wehte; die Corvette
+gehorchte dem Steuer fast nicht mehr und jeden Augenblick fürchtete man zu
+stranden. Es ist schwer begreiflich, wie eine einzelne Basaltkuppe mitten
+im weiten Weltmeer das Wasser in solche Aufregung versetzen kann. Diese
+Erscheinungen, welche die volle Aufmerksamkeit der Physiker verdienen,
+sind übrigens den Seefahrern wohl bekannt; sie treten in der Südsee,
+namentlich im kleinen Archipel der Galapagos-inseln, in furchtbarem
+Maßstab auf. Der Temperaturunterschied zwischen der Flüssigkeit und der
+Felsmasse vermag den Zug der Strömung zu ihnen hin nicht zu erklären, und
+wie sollte man es glaublich finden, daß sich das Wasser am Fuße der
+Klippen in die Tiefe stürzt, und daß bei diesem fortwährenden Zug nach
+unten die Wassertheilchen den entstehenden leeren Raum auszufüllen suchen
+(7)?
+
+Am 18. Morgens wurde der Wind etwas frischer, und so gelang es uns, aus
+dem Canal zu kommen. Wir kamen dem Infierno noch einmal sehr nahe, und
+jetzt bemerkten wir im Gestein große Spalten, durch welche wahrscheinlich
+die Gase entwichen, als die Basaltkuppe emporgehoben wurde. Wir verloren
+die kleinen Inseln Alegranza, Montaña Clara und Graciosa aus dem Gesicht.
+Sie scheinen nie von Guanchen bewohnt gewesen zu seyn und man besucht sie
+jetzt nur, um Orseille dort zu sammeln; diese Pflanze ist übrigens weniger
+gesucht, seit so viele andere Flechtenarten aus dem nördlichen Europa
+kostbare Farbstoffe liefern. Montaña Clara ist berühmt weger der schönen
+Canarienvögel, die dort vorkommen. Der Gesang dieser Vögel wechselt nach
+Schwärmen, wie ja auch bei uns der Gesang der Finken in zwei benachbarten
+Landstrichen häufig ein anderer ist. Auf Montaña Clara gibt es auch
+Ziegen, zum Beweis, daß das Eiland im Inneren nicht so öde ist als die
+Küste, die wir gesehen. Der Name Alegranza kommt her von »La Joyeuse«, wie
+die ersten Eroberer der Canarien, zwei normännische Barone, Jean de
+Béthencourt und Gadifer de Salle, die Insel benannten. Es war der erste
+Punkt, wo sie gelandet. Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen auf der
+Insel Graciosa, von der wir ein kleines Stück gesehen, beschlossen sie,
+sich der benachbarten Insel Lanzerota zu bemächtigen, und wurden von
+Guadarfia, dem Häuptling der Guanchen, so gastfreundlich empfangen, wie
+Cortez im Palast Montezumas. Der Hirtenkönig, der keine anderen Schätze
+hatte als seine Ziegen, wurde so schmählich verraten, wie der mexikanische
+Sultan.
+
+Wir fuhren an den Küsten von Lanzerota, Lobos und Fortaventura hin. Die
+zweite scheint früher mit den andern zusammengehangen zuhaben. Diese
+geologische Hypothese wurde schon im siebzehnten Jahrhundert von einem
+Franziskaner, Juan Galindo, aufgestellt. Er war sogar der Ansicht, König
+Juba habe nur sechs canarische Inseln genannt, weil zu seiner Zeit drei
+derselben nur Eine gebildet. Ohne auf diese unwahrscheinliche Hypothese
+einzugehen, haben gelehrte Geographen den Archipel der Canarien für die
+beiden Inseln Innonia, die Inseln Rivaria, Ombrios, Canaria und Capraria
+der Alten erklärt.
+
+Da der Horizont dunstig war, konnten wir auf der ganzen Ueberfahrt von
+Lanzerota nach Teneriffa des Gipfels des Pik de Teyde nicht ansichtig
+werden. Ist der Vulkan wirklich 1905 Toisen [3712 m] hoch, wie Bordas
+letzte trigonometrische Messung angibt, so muß sein Gipfel auf 43
+Seemeilen [80 km] zu sehen sey, das Auge am Meeresspiegel angenommen und
+die Refraction gleich 0,079 der Entfernung. Man hat in Zweifel gezogen, ob
+der Pic zwischen Lanzerota und Fortaventura, der nach Varelas Karte 2° 29’
+oder gegen 50 Meilen (Lieues) davon entfernt ist, je gesehen worden sey.
+Der Punkt scheint indessen durch einige Offiziere der königlich spanischen
+Marine entschieden worden zu seyn; ich habe an Bord der Corvette Pizarro
+ein Schifftagebuch in Händen gehabt, in dem stand, der Pic von Tenerifa
+sey in 135 Seemeilen [250 km] Entfernung beim südlichen Vorgebirg von
+Lanzerota, genannt Pichiguera, gesehen worden, und zwar erschien der
+Gipfel unter einem so großen Winkel, daß der Beobachter, Don Manuel
+Bazuti, glaubt, der Vulkan hätte noch 9 Meilen weiter weg gesehen werden
+können. Das war im September, gegen Abend, bei sehr feuchtem Wetter.
+Rechnet man 15 Fuß als Erhöhung des Auges über der See, so finde ich, daß
+man, um die Erscheinung zu erklären, eine Refraction gleich 0,158 des
+Bogens anzunehmen hat, was für die gemäßigte Zone nicht außerordentlich
+viel ist. Nach den Beobachtungen des Generals Roy schwanken in England die
+Refractionen zwischen 1/20 und 1/3, und wenn es wahr ist, daß sie an der
+Küste von Afrika diese äußersten Grenzen erreichen, woran ich sehr
+zweifle, so könnte unter gewissen Umständen der Pic vom Verdeck eines
+Schiffes auf 61 Seemeilen gesehen werden.
+
+Seeleute, die häufig diese Striche befahren und über die Ursachen der
+Naturerscheinungen nachdenken, wundern sich, daß der Pic de Teyde und der
+der Azoren(8) zuweilen in sehr großer Entfernung zum Vorschein kommen, ein
+andermal in weit größerer Nähe nicht sichtbar sind, obgleich der Himmel
+klar erscheint und der Horizont nicht dunstig ist. Diese Umstände
+verdienen die Aufmerksamkeit des Physikers um so mehr, als viele Fahrzeuge
+auf der Rückreise nach Europa mit Ungeduld des Erscheinens dieser Berge
+harren, um ihre Länge danach zu berichtigen, und sie sich wieder davon
+entfernt glauben, als sie in Wahrheit sind, wenn sie sie bei hellem Wetter
+in Entfernungen, wo die Sehwinkel schon sehr bedeutend seyn mußten, nicht
+sehen können. Der Zustand der Atmosphäre hat den bedeutendsten Einfluß auf
+die Sichtbarkeit ferner Gegenstände. Im Allgemeinen läßt sich annehmen,
+daß der Pic von Tenerifa im Juli und August, bei sehr warmem, trockenem
+Wetter, ziemlich selten sehr weit gesehen wird, daß er dagegen im Januar
+und Februar, bei leicht bedecktem Himmel und unmittelbar nach oder einige
+Stunden vor einem starken Regen in außerordentlich großer Entfernung zu
+Gesicht kommt. Die Durchsichtigkeit der Luft scheint, wie schon oben
+bemerkt, in erstaunlichem Maaße erhöht zu werden, wenn eine gewisse Menge
+Wasser gleichförmig in derselben verbreitet ist. Zudem darf man sich nicht
+wundern, wenn man den Pic de Teyde seltener sehr weit sieht, als die
+Gipfel der Anden, die ich so lange Zeit habe beobachten können. Der Pic
+ist nicht so hoch als der Theil des Atlas, an dessen Abhang die Stadt
+Marocco liegt, und nicht wie dieser mit ewigem Schnee bedeckt. Der *Piton*
+oder *Zuckerhut*, der die oberste Spitze des Pics bildet, wirft allerdings
+vieles Licht zurück, weil der aus dem Krater ausgeworfene Bimsstein von
+weißlicher Farbe ist; aber dieser kleine abgestutzte Kegel mißt nur ein
+Zwanzigtheil der ganzen Höhe. Die Wände des Vulkans sind entweder mit
+schwarzen, verschlackten Lavablöcken oder mit einem kräftigen
+Pflanzenwuchse bedeckt, dessen Masse um so weniger Licht zurückwirft, als
+die Baumblätter voneinander durch Schatten getrennt sind, die einen
+größeren Umfang haben als die beleuchteten Theile.
+
+Daraus geht hervor, daß der Pic von Tenerifa, abgesehen vom *Piton*, zu
+den Bergen gehört, die man, wie Bouguer sich ausdrückt, auf weite
+Entfernung nur *negativ* sieht, weil sie das Licht auffangen, das von der
+äußersten Grenze des Luftkreises zu uns gelangt, und wir ihr Daseyn nur
+gewahr werden, weil das Licht in der sie umgebenden Luft und das , welches
+die Lufttheilchen zwischen dem Berge und dem Auge des Beobachters
+fortpflanzen, von verschiedener Intensität sind. [Aus den Versuchen
+desselben Beobachters geht hervor, daß, wenn dieser Unterschi8ed für
+unsere Organe merkbar werden und der Berg sich deutlich vom Himmel abheben
+soll, das eine Licht wenigstens um ein Sechzigtheil stärker seyn muß als
+das andere.] Entfernt man sich von der Insel Teneriffa, so bleibt der
+Piton oder Zuckerhut ziemlich lange *positiv* sichtbar, weil er weißes
+Licht reflektirt und sich vom Himmel hell abhebt; da aber dieser Kegel nur
+80 Toisen [156 m] hoch und an der Spizte 40 Toisen [78 m] breit ist, so
+hat man neuerdings die Frage aufgeworfen, ob er bei so unbedeutender Masse
+auf weiter als 40 Meilen sichtbar seyn kann, und ob es nicht
+wahrscheinlicher ist, daß man in See den Pic erst dann als ein Wölkchen
+über dem Horizont gewahr wird, wenn bereits die Basis des Piton
+heraufzurücken beginnt. Nimmt man die mittlere Breite des Zuckerhutes zu
+100 Toisen [200 m] an, so findet man, daß der kleine Kegel in 40 Meilen
+Entfernung in horizontaler Richtung noch unter einem Winkel von mehr als 3
+Minuten erscheint. Dieser Winkel ist groß genug, um einen Gegenstand
+sichtbar zu machen, und wenn der Piton beträchtlich höher wäre, als in der
+Basis breit, so dürfte der Winkel in horizontaler Richtung noch kleiner
+seyn, und der Gegenstand machte doch noch einen Eindruck auf unsere
+Organe; aus mikrometrischen Beobachtungen geht hervor, daß eine Minute nur
+dann die Grenze der Sichtbarkeit ist, wenn die Gegenstände nach allen
+Richtungen von gleichem Durchmesser sind, Man erkennt in einer weiten
+Ebene einzelne Baumstämme mit bloßem Auge, obgleich der Sehwinkel nur 25
+Secunden beträgt.
+
+Da die Sichtbarkeit eines Gegenstandes, der sich dunkelfarbig abhebt, von
+der Lichtmenge abhängt, die auf zwei Linien zum Auge gelangen, deren eine
+am Berg endet, während die andere bis zur Grenze des Luftmeers fortläuft,
+so folgt daraus, daß, je weiter man vom Gegenstand wegrückt, desto kleiner
+der Unterschiede wird zwischen Licht der umgebenden Luft und dem Licht der
+vor dem Berg befindlichen Luftschichten. Daher kommt, daß nicht sehr hohe
+Berggipfel, wenn sie sich über dem Horizont zu zeigen anfangen, anfangs
+dunkler erscheinen als Gipfel, die man auf sehr große Entfernung sieht.
+Ebenso hängt die Sichtbarkeit von Bergen, die man nur negativ gewahr wird,
+nicht allein vom Zustand der untern Luftschichten ab, auf die unsere
+meteorologischen Beobachtungen beschränkt sind, sondern auch von der
+Durchsichtigkeit und der physischen Beschaffenheit der höheren Regionen;
+denn das Bild hebt sich desto besser ab, je stärker das Licht in der Luft,
+das von den Grenzen der Atmosphäre herkommt, ursprünglich ist, oder je
+weniger Verlust es auf seinem Durchgang erlitten hat. Dieser Umstand macht
+es bis zu einem gewissen Grade erklärlich, warum bei gleich heiterem
+Himmel, bei ganz gleichem Thermometer- und Hygrometerstand nahe an der
+Erdoberfläche, der Pic auf Schiffen, die gleich weit davon entfernt sind,
+des einemal sichtbar ist, das anderemal nicht. Wahrscheinlich würde man
+sogar den Vulkan nicht häufiger sehen können, wenn die Höhe des
+Aschenkegels, an dessen Spitze sich die Krateröffnung befindet, ein
+Viertheil der ganzen Berghöhe wäre, wies es beim Vesuv der Fall ist. Die
+Asche, zu Pulver zerriebener Bimsstein, wirft das Licht nicht so stark
+zurück als der Schnee der Anden. Sie macht, daß der Berg bei sehr großem
+Abstand sich nicht hell, sondern weit schwächer dunkelfarbig abhebt. Sie
+trägt so zu sagen dazu bei, die Antheile des in der Luft verbreiteten
+Lichtes, deren veränderliche Unterschiede einen Gegenstand mehr oder
+weniger deutlich sichtbar machen, auszugleichen. Kahle Kalkgebirge, mit
+Granitsand bedeckte Berggipfel, die hohen Savannen der Kordilleren, [_Los
+Pajonales_, von _paja_, Gras. So heißt die Zone der grasartigen Gewächse,
+welche unter der Region des ewigen Schnees liegt.] die goldgelb sind,
+treten allerdings in geringer Entfernung deutlicher hervor als
+Gegenstände, die man negativ sieht; aber nach der Theorie besteht eine
+gewisse Grenze, jenseits welcher diese letzteren sich bestimmter vom Blau
+des Himmels abheben.
+
+Bei den colossalen Berggipfeln von Quito und Peru, die über die Grenze des
+ewigen Schnees hinausragen, wirken alle günstigen Umstände zusammen, um
+sie unter sehr kleinen Winkeln sichtbar zu machen. Wir haben oben gesehen,
+daß der abgestumpfte Gipfel des Pic von Tenerifa nur gegen 300 Toisen
+[580 m] Durchmesser hat. Nach den Messungen, die ich im Jahre 1803 zu
+Riobamba angestellt, ist die Kuppe des Chimborazo 153 Toisen [298 m] unter
+der Spitze, also an einer Stelle, die 1300 Toisen [2533 m] höher liegt als
+der Pik, noch 673 Toisen (1312 Meter) breit. Ferner nimmt die Zone des
+ewigen Schnees ein Viertheil der ganzen Berghöhe ein, und die Basis dieser
+Zone ist, von der Südsee gesehen, 3437 Toisen (6700 Meter) breit. Obgleich
+aber der Chimborazo um zwei Drittel höher ist als der Pic, sieht man ihn
+doch wegen der Krümmung der Erde nur 38 1/3 Meilen weiter. Wenn er im
+Hafen von Guayaquil am Ende der Regenzeit am Horizont auftaucht, glänzt
+sein Schnee so stark, daß man glauben sollte, er müßte sehr weit in der
+Südsee sichtbar seyn. Glaubwürdige Schiffer haben mich versichtert, sie
+haben ihn bei der Klippe Muerto, südwestlich von der Insel Puna, auf 47
+Meilen [211,5 km] gesehen. So oft er noch weiter gesehen worden, sind die
+Angaben unzuverlässig, weil die Beobachter ihrer Länge nicht gewiß waren.
+
+Das in der Luft verbreitete Licht erhöht, indem es auf die Berge fällt,
+die Sichtbarkeit derer, die positiv sichtbar sind; die Stärke desselben
+vermindert im Gegentheil die Sichtbarkeit von Gegenständen, die, wie der
+Pic von Teneriffa und der der Azoren, sich dunkelfarbig abheben. Bouguer
+hat auf theoretischem Wege gefunden, daß nach der Beschaffenheit unserer
+Atmosphäre Berge negativ nicht weiter als auf 35 Meilen gesehen werden
+können. Die Erfahrung — und diese Bemerkung ist wichtig — widerspricht
+dieser Rechnung. Der Pik von Tenerifa ist häufig auf 36, 38, sogar auf 40
+Meilen gesehen worden. Noch mehr, auf der Fahrt nach den Sandwichsinseln
+hat man den Gipfel des Mowna-Roa(9) und zwar zu einer Zeit, wo kein Schnee
+darauf lag, dicht am Horizont auf 53 Meilen gesehen. Dies ist bis jetzt
+das auffallendste bekannte Beispiel von der Sichtbarkeit eines Berges, und
+was noch merkwürdiger ist, es handelt sich dabei von einem Gegenstand, der
+nur negativ sichtbar ist.
+
+Ich glaubte diese Bemerkungen am Ende dieses Capitels zusammenstellen zu
+sollen, weil sie sich auf eines der wichtigsten Probleme der Optik
+beziehen, auf die Schwächung der Lichtstrahlen bei ihrem Durchgang durch
+die Schichten der Luft, und zugleich nicht ohne praktischen Nutzen sind.
+Die Vulkane Teneriffas und der Azoren, die Sierra Nevada von St. Martha,
+der Pic von Orizaba, die Silla bei Caracas, Mowna-Roa und der
+St. Eliasberg liegen vereinzelt in weiten Meeresstrecken oder auf den
+Küsten der Continente, und dienen so dem Seefahrer, der die Mittel nicht
+hat, um den Ort des Schiffes durch Sternbeobachtungen zu bestimmen,
+gleichsam als Bojen im Fahrwasser. Alles, was mit der Erkennbarkeit dieser
+natürlichen Bojen zusammenhängt, ist für die Sicherheit der Schifffahrt
+von Belang.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 1 Ich muß hier bemerken, daß ich von einem Werke in sechs Bänden, das
+ unter dem seltsamen Titel: »Reise um die Welt und in Südamerika, von
+ A. v. Humboldt, erschienen bei Vollmer in Hamburg«, niemals Kenntniß
+ genommen habe. Diese in meinem Namen verfaßte Reisebeschreibung
+ scheint nach in den Tageblättern gegebenen Nachrichten und nach
+ einzelnen Abhandlungen, die ich in der ersten Classe des
+ französischen Institutes gelesen, zusammengeschrieben zu seyn. Um
+ das Publikum aufmerksam zu machen, hielt es der Kompilator für
+ angemessen, einer Reise in einige Länder des neuen Kontinentes den
+ anziehenderen Titel einer »Reise um die Welt« zu geben.
+
+ 2 Ich habe die Beobachtungen, die ich in beiden Hemisphären
+ anzustellen Gelegenheit gehabt, mit denen zusammengestellt, die in
+ den Werken von Cook, Lapérouse, d´Entrecasteur, Vancouver,
+ Macartney, Krusenstern und Marchand gegeben sind, und darnach
+ schwankt die Geschwindigkeit der allgemeinen Strömung unter den
+ Tropen zwischen 5 und 18 Meilen in 24 Stunden, somit zwischen
+ 0,3 und 1,2 Fuß in der Secunde.
+
+ 3 Wenn es sich von der Meerestemperatur handelt, hat man sorgfältig
+ vier ganz gesonderte Erscheinungen zu unterscheiden: 1) die
+ Temperatur des Wassers an der Oberfläche unter verschiedenen
+ Breiten, das Meer als ruhig angenommen; 2) die Abnahme der Wärme in
+ den über eineander gelagerten Wasserschichten; 3) den Einfluß der
+ Untiefen auf die Temperatur des Meeres; 4) die Temperatur der
+ Strömungen, die mit constanter Geschwindigkeit die Gewässer der
+ einen Zone durch ruhenden Gewässer der andern hindurchführen.
+
+ 4 Diese Kameele, die zum Feldbau dienen und deren Fleisch man im Lange
+ zuweilen eingesalzen ißt, lebten hier nicht vor der Eroberung der
+ Inseln durch die Béthencourts. Im sechzehnten Jahrhundert hatten
+ sich die Esel auf Fortaventura dergestalt vermehrt, daß sie
+ verwildert waren und man Jagd auf sie machen mußte. Man schoß ihrer
+ mehrere tausend, damit die Ernten nicht zu Grunde gingen. Die Pferde
+ auf Fortaventura sind von berberischer Rasse und ausgezeichnet
+ schön.
+
+ 5 In 32 Faden Tiefe kann der Fucus nur von einem Lichte beleuchtet
+ gewesen seyn, das 203mal stärker ist als das Mondlicht, also gleich
+ der Hälfte des Lichts, das eine Talgkerze auf 1 Fuß Entfernung
+ verbreitet. Nach meinen direkten Versuchen wird aber das _Lepidium
+ saticum_ beim glänzenden Lichte zweier Argandschen Lampen kaum
+ merkbar grün.
+
+ 6 Ich bemerke hier, daß diese Klippe schon auf der berühmten
+ venetianischen Karte des Andrea Bianco angegeben ist, daß aber mit
+ dem Namen Infierno, wie auch auf der ältesten Karte des Picigano,
+ Teneriffa bezeichnet ist, wahrscheinlich, weil die Guanchen den Pic
+ als den Eingang der Hölle ansahen.
+
+ 7 Mit Verwunderung liest man in einem sonst ganz nützlichen, unter den
+ Seeleuten sehr verbreiteten Buche, in der neunten Ausgabe des
+ _Practical Navigator_ von Hamilton Moore, p. 200, in Folge der
+ Massenattractien oder der allgemeinen Schwere komme ein Fahrzeug
+ schwer von der Küste weg und werde die Schaluppe einer Fregatte von
+ dieser selbst angezogen.
+
+ 8 Die Höhe dieses Pics beträgt nach de Fleurien 1100 Toisen [2144 m],
+ nach Ferrer 1238 [2413], nach Tofino 1260 [2457], aber diese Maaße
+ sind nur annähernde Schätzungen. Der Capitän des Pizarro, Don Manuel
+ Cagigal, hat mir aus seinem Tagebuch bewiesen, daß er den Pic der
+ Azoren auf 37 Meilen Entfernung gesehen hat, zu einer Zeit, wo er
+ seiner Länge wenigstens bis auf 2 Minuten gewiß war. Der Vulkan
+ wurde in Süd 4° Ost gesehen, so daß der Irrthum in der Länge auf die
+ Schätzung der Entfernung nur ganz unbedeutenden Einfluß haben
+ konnte. Indessen war der Winkel, unter dem der Pic der Azoren
+ erschien, so groß, daß Cagigal der Meinung ist, der Vulkan müsse auf
+ mehr als 40 oder 42 Lieues zu sehen seyn. Der Abstand von 37 Lieues
+ setzt eine Höhe von 1431 Toisen [2789 m] voraus.
+
+ 9 Der Mowna-Roa auf den Sandwichsinseln ist nach Marchand über 2598
+ Toisen hoch, nach King 2577, aber diese Messungen sind, trotz ihrer
+ zufälligen Uebereinstimmung, keineswegs auf zuverlässigem Wege
+ erzielt. Es ist eine ziemlich auffallende Erscheinung, daß ein
+ Berggipfel unter 19° Breite, der wahrscheinlich über 2500 Toisen
+ hoch ist, von Schnee ganz entblößt wird. Die starke Abplattung des
+ Mowna-Roa, der *Mesa* der alten spanischen Karten, seine vereinzelte
+ Lage im Weltmeer und die Häufigkeit gewisser Winde, die durch den
+ aufsteigenden Strom abgelenkt, in schiefer Richtung wehen, mögen die
+ vornehmsten Ursachen seyn. Es läßt sich nicht wohl annehmen, daß
+ sich Capitän Marchand in der Schätzung des Abstandes, in dem er am
+ 10. Oktober 1791 den Gipfel des Mowna-Roa sah, bedeutend geirrt
+ habe. Er hatte die Insel O-Whyhee erst am 7. Abends verlassen, und
+ nach der Bewegung der Gewässer und den Mondsbeobachtungen am
+ 10. betrug die Entfernung wahrscheinlich sogar noch mehr als 53
+ Meilen. Ueberdieß berichtet ein erfahrner Seemann, de Fleurien, daß
+ der Pic von Teneriffa selbst bei nicht ganz klarem Wetter auf 35 bis
+ 36 Meilen zu sehen sey.
+
+
+
+
+
+ZWEITES KAPITEL
+
+
+ Aufenthalt auf Teneriffa — Reise von Santa Cruz nach Orotava —
+ Besteigung des Pics
+
+
+Von unserer Abreise von Graciosa an war der Horizont fortwährend so
+dunstig, daß trotz der ansehnlichen Höhe der Berge Canarias _(Isla de la
+gran Canaria)_ die Insel erst am 19. Abends in Sicht kam. Sie ist die
+Kornkammer des Archipels der »glückseligen Inseln«, und man behauptet, was
+für ein Land außerhalb der Tropen sehr auffallend ist, in einigen Strichen
+erhalte man zwei Getreideernten im Jahre, eine im Februar, die andere im
+Juni. Canaria ist noch nie von einem unterrichteten Mineralogen besucht
+worden; sie verdiente es aber um so mehr, als mir ihre in parallen Ketten
+streichenden Berge von ganz andrem Charakter schienen, als die Gipfel von
+Lancerota und Teneriffa. Nichts ist für den Geologen anziehender als die
+Beobachtung, wie sich an einem bestimmten Punkte die vulkanischen
+Bildungen zu den Urgebirgen und den securdären Gebirgen verhalten. Sind
+einmal die canarischen Inseln in allen ihren Gebirgsgliedern erforscht, so
+wird sich zeigen, daß man zu voreilig die Bildung der ganzen Gruppe einer
+Hebung durch unterseeische Feuerausbrüche zugeschrieben hat.
+
+Am 19. Morgens sahen wir den Berggipfel Naga (_Punta de Naga_, _Anaga_
+oder _Nago_), aber der Pik von Teneriffa blieb fortwährend unsichtbar. Das
+Land trat nur undeutlich hervor, ein dicker Nebel verwischte alle Umrisse.
+Als wir uns der Rhede von Santa Cruz näherten, bemerkten wir, daß der
+Nebel, vom Winde getrieben, auf uns zukam. Das Meer war sehr unruhig, wie
+fast immer in diesen Strichen. Wir warfen Anker, nachdem wir mehrmals das
+Senkblei ausgeworfen; denn der Nebel war so dicht, daß man kaum auf ein
+paar Kabellängen sah. Aber eben da man anfing den Platz zu salutiren,
+zerstreute sich der Nebel völlig, und da erschien der Pic de Teyde in
+einem freien Stück Himmel über den Wolken, und die ersten Strahlen der
+Sonne, die für uns noch nicht aufgegangen war, beleuchteten den Gipfel des
+Vulkanes. Wir eilten eben aufs Vordertheil der Corvette, um dieses
+herrlichen Schauspiels zu genießen, da signalisirte man vier englische
+Schiffe, die ganze nahe an unseren Hintertheile auf der Seite lagen. Wir
+waren in ihnen vorbeigesegelt, ohne daß sie uns bemerkt hatten, und
+derselbe Nebel, der uns den Anblick des Pic entzogen, hatte uns der Gefahr
+entrückt, nach Europa zurückgebracht zu werden. Wohl wäre es für
+Naturforscher ein großer Schmerz gewesen, die Küste von Teneriffa von
+weitem gesehen zu haben, und einen von Vulkanen zerrütteten Boden nicht
+betreten zu dürfen.
+
+Alsbald hoben wir den Anker und der Pizarro näherte sich so viel möglich
+dem Fort, um unter den Schutz desselben zu kommen. Hier auf dieser Rhede,
+als zwei Jahre vor unserer Ankunft die Engländer zu landen versuchten, riß
+eine Kanonenkugel Admiral Nelson den Arm ab (im Juli 1797). Der
+Generalstatthalter der canarischen Inseln [Don Andrès de Perlasca.]
+schickte an den Capitän der Corvette den Befehl, alsbald die
+Staatsdepechen für die Statthalter der Colonien, das Geld an Bord und die
+Post ans Land schaffen zu lassen. Die englischen Schiffe entfernten sich
+von der Rhede; sie hatten tags zuvor auf das Paketboot Alcadia Jagd
+gemacht, das wenige Tage vor uns von Corunna abgegangen war. Es hatte in
+den Hafen von Palmas auf Canaria einlaufen müssen, und mehrere Passagiere,
+die in einer Schaluppe nach Santa Cruz auf Teneriffa fuhren, waren
+gefangen worden.
+
+Die Lage dieser Stadt hat große Aehnlichkeit mit der von Guayra, dem
+besuchtesten Hafen der Provinz Caracas. An beiden Orten ist die Hitze aus
+denselben Ursachen sehr groß; aber von außen erscheint Santa Cruz
+trübseliger. Auf einem öden, sandigen Strande stehen blendend weiße Häuser
+mit platten Dächern und Fenstern ohne Glas vor einer schwarzen senkrechten
+Felsmauer ohne allen Pflanzenwuchs. Ein hübscher Hafendamm aus gehauenen
+Steinen und der öffentliche, mit Pappeln besetzte Spaziergang bringen die
+einzige Abwechselung in das eintönige Bild. Von Santa Cruz aus nimmt sich
+der Pic weit weniger malerisch aus als im Hafen von Orotava. Dort ergreift
+der Gegensatz zwischen einer lachenden, reich bebauten Ebene und der
+wilden Physiognomie des Vulkanes. Von den Palmen- und Bananengruppen am
+Strande bis zu der Region der Arbutus, der Lorbeeren und Pinien ist das
+vulkanische Gestein mit kräftigem Pflanzenwuchs bedeckt. Man begreift, wie
+sogar Völker, welche unter dem schönen Himmel von Griechenland und Italien
+wohnen, im östlichen Teil von Teneriffa eine der glückseligen Inseln
+gefunden zu haben meinten. Die Ostküste dagegen, an der Santa Cruz liegt,
+trägt überall den Stempel der Unfruchtbarkeit. Der Gipfel des Pics ist
+nicht öder als das Vorgebirge aus basaltischer Lava, das der Punta de Naga
+zuläuft und wo Fettpflanzen in den Ritzen des Gesteines eben erst den
+Grund zu einstiger Dammerde legen. ImHaven von Orotava erscheint die
+Spitze des Zuckerhutes unter einem Winkel von 16 ½°, während auf dem
+Hafendamm von Santa Cruz der Winkel kaum 4° 36’ beträgt. [Der Spitze des
+Vulkans ist von Orotava etwa 8600, von Santa Cruz 22,500 Toisen entfernt.]
+
+Trotz diesem Unterschied, und obgleich am letzteren Orte der Vulkan kaum
+so weit über den Horizont aufsteigt, als der Vesuv, vom Molo von Neapel
+aus gesehen, so ist dennoch der Anblick des Pics, wenn man ihn vor Anker
+auf der Rhede zum erstenmal sieht, äußerst großartig. Wir sahen nur den
+Zuckerhut; sein Kegel hob sich vom reinsten Himmelsblau ab, während
+schwarze dicke Wolken den übrigen Berg bis auf 1800 Toisen [3500 m] Höhe
+einhüllten. Der Bimsstein, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, warf
+ein röthliches Licht zurück, dem ähnlich, das häufig die Gipfel der
+Hochalpen färbt. Allmählich ging dieser Schimmer in das blendendste Weiß
+über, und es ging uns wie den meisten Reisenden, wir meinten, der Pic sey
+noch mit Schnee bedeckt und wir werden nur mit großer Mühe an den Rand des
+Kraters gelangen können.
+
+Wir haben in der Cordillere der Anden die Beobachtung gemacht, daß
+Kegelberge, wie der Cotopaxi und der Tungurahua, sich öfter unbewölkt
+zeigen als Berge, deren Krone mit vielen kleinen Unebenheiten besetzt ist,
+wie der Antisana und der Pichincha; aber der Pic von Teneriffa ist, trotz
+seiner Kegelgestalt, einen großen Theil des Jahres in Dunst gehüllt, und
+zuweilen sieht man ihn auf der Rhede von Santa Cruz mehrere Wochen lang
+nicht ein einzigesmal. Die Erscheinung erklärt sich ohne Zweifel daraus,
+daß er westwärts von einem großen Festland und ganz isoliert im Meere
+liegt. Die Schiffer wissen recht gut, daß selbst die kleinsten,
+niedrigsten Eilande die Wolken anziehen und festhalten. Ueberdieß erfolgt
+die Wärmeabgabe über den Ebenen Afrika’s und über der Meeresfläche in
+verschiedenem Verhältniß, und die Luftschichten, welche die Passatwinde
+herführen, kühlen sich immer mehr ab, je weiter sie gegen Wesst gelangen.
+Die Luft, die über dem hießen Wüstensand ausnehmend trochen war,
+schwängert sich rasch, sobald sie mit der Meeresfläche oder mit der Luft,
+die auf dieser Fläche ruht, in Berührung kommt. Man sieht also leicht,
+warum die Dünste in Luftschichten sichtbar werden, die, vom Festland
+weggeführt, nicht mehr die Temperatur haben, bei der sie sich mit Wasser
+gesättigt hatten. Zudem hält die bedeutende Masse eines frei aus dem
+atlantischen Meere aufsteigenden Berges die Wolken auf, welche der Wind
+der hohen See zutreibt.
+
+Lange und mit Ungeduld warteten wir auf die Erlaubnis von seiten des
+Statthalters, ans Land gehen zu dürfen. Ich nützte die Zeit, um die Länge
+des Hafendammes von Santa Cruz zu bestimmen und die Inclination der
+Magnetnadel zu beobachten. Der Chronometer von Louis Berthoud gab jene zu
+18° 33’ 10" an. Diese Bestimmung weicht um 3–4 Bogenminuten von derjenigen
+ab, die sich aus den alten Beobachtungen von Fleurieu, Pingré, Borda,
+Vancouver und la Peyrouse ergibt. Guenot hatte übrigens gleichfalls
+18° 33’ 36" gefunden und der unglückliche Capitän Blight 18° 34’ 30". Die
+Genauigkeit meines Ergebnisses wurde drei Jahre darauf bei der Expedition
+des Ritters Krusenstern bestätigt: man fand für Santa Cruz 16° 12’ 45"
+westlich von Greenwich, folglich 18° 33’ 0" westlich von Paris. Diese
+Angaben zeigen, daß die Längen, welche Capitän Cook für Teneriffa und das
+Cap der guten Hoffnung annahm, viel zu weit westlich sind. Derselbe
+Seefahrer hatte im Jahr 1799 die magnetische Inclination gleich 61° 52’
+gefunden. Bonpland und ich fanden 62° 24’, was mit dem Resultat
+übereinstimmt, das de Rossel bei d’Entrecasteaux’s Expedition im Jahr 1791
+erhielt. Die Declination der Nadel schwankt um mehrere Grade, je nachdem
+man sie auf dem Hafendamm oder an verschiedenen Punkten nordwärts längs
+des Gestades beobachtet. Diese Schwankungen können ein einem von
+vulkanischem Gestein umgebenen Orte nicht befremden. Ich habe mit
+Gay-Lussac die Beobachtung gemacht, daß am Abhang des Vesuvs und im Innern
+des Kraters die Intensität der magnetischen Kraft durch die Nähe der Laven
+modicirt wird.
+
+Nachdem die Leute, die zu uns an Bord gekommen waren, um sich nach
+politischen Neuigkeiten zu erkundigen, uns mit ihren vielerlei Fragen
+geplagt hatten, stiegen wir endlich ans Land. Das Boot wurde sogleich zur
+Corvette zurückgeschickt, weil die auf der Rhede sehr gefährliche Brandung
+es leicht hätte am Hafendamm zertrümmern können. Das erste, was uns zu
+Gesicht kam, war ein hochgewachsenes, sehr gebräuntes, schlecht
+gekleidetes Frauenzimmer, das die *Capitana* hieß. Hinter ihr kamen einige
+andere in nicht anständigerem Aufzug; sie bestürmten uns mit der Bitte, an
+Bord des Pizarro gehend zu dürfen, was ihnen natürlich nicht bewilligt
+wurde. In diesem von Europäern so stark besuchten Hafen ist die
+Ausschweifung diszipliniert. Die Capitana ist von ihresgleichen als
+Anführerin gewählt, und sie hat große Gewalt über sie. Sie läßt nichts
+geschehen, was sich mit dem Dienst auf den Schiffen nicht verträgt, sie
+fordert die Matrosen auf, zur rechten Zeit an Bord zurückzukehren, und die
+Officiere wenden sich an sie, wenn man fürchtet, daß sich einer von der
+Mannschaft versteckt habe, um auszureißen.
+
+Als wir die Straßen von Santa Cruz betraten, kam es uns zum Ersticken heiß
+vor, und doch stand der Thermometer nur auf 25 Grad. Wenn man lange
+Seeluft geathmet hat, fühlt man sich unbehaglich, so oft man ans Land
+geht, nicht weil jene Luft mehr Sauerstoff enthält als die Luft am Land,
+wie man irrthümlich behauptet hat, sondern weil sie weniger mit den
+Gasgemischen geschwängert ist, welche die thierischen und Pflanzenstoffe
+und die Dammerde, die sich aus ihrer Zersetzung bildet, fortwährend in den
+Luftkreis entbinden. Miasmen, welche sich der chemischen Analyse
+entziehen, wirken gewaltig auf die Organe, zumal wenn sie nicht schon seit
+längerer Zeit denselben Reizen ausgesetzt gewesen sind.
+
+Santa Cruz de Tenerifa, das Añaza der Guanchen, ist eine ziemlich hübsche
+Stadt mit 8000 Einwohnern. Mir ist die Menge von Mönchen und
+Weltgeistlichen, welche die Reisenden in allen Ländern unter spanischem
+Zepter sehen zu müssen glauben, gar nicht aufgefallen. Ich halte mich auch
+nicht damit auf, die Kirchen zu beschreiben, die Bibliothek der
+Dominicaner, die kaum ein paar hundert Bände zählt, den Hafendamm, wo die
+Einwohnerschaft Abends zusammenkommt, um der Kühle zu genießen, und das
+berühmte dreißig Fuß [10 m] hohe Denkmal aus carrarischen Marmor, geweiht
+unserer lieben Frau von Candelaria, zum Gedächtniß ihrer wunderbaren
+Erscheinung zu Chimisay bei Guimar im Jahre 1362. Der Hafen von Santa Cruz
+ist eigentlich ein großes Caravanserai auf dem Wege nach Amerika und
+Indien. Fast alle Reisebeschreibungen beginnen mit einer Beschreibung von
+Madeira und Teneriffa, und wenn die Naturgeschichte dieser Inseln der
+Forschung noch ein ungeheures Feld bietet, so läßt dagegen die Topographie
+der kleinen Städte Funchal, Santa Cruz, Laguna und Orotava fast nichts zu
+wünschen übrig.
+
+Die Empfehlungen des Madrider Hofes verschafften uns auf den Canarien, wie
+in allen anderen spanischen Besitzungen, die befriedigendste Aufnahme. Vor
+allem ertheilte uns der Generalcapitän die Erlaubniß, die Insel zu
+bereisen. Der Oberst Armiaga, Befehlshaber eines Infanterieregimentes,
+nahm uns in seinem Hause auf und überhäufte uns mit Höflichkeit. Wir
+wurden nicht müde, in seinem Garten im Freien gezogene Gewächse zu
+bewundern, die wir bis jetzt nur in Treibhäusern gesehen hatten, den
+Bananenbaum, den Melonenbaum, die _Poinciana pulcherrima_ und andere. Das
+Klima der Canarien ist indessen nicht warm genug, um den ächten _Platano
+arton_ mit dreieckiger, sieben bis acht Zoll langer Frucht, der eine
+mittlere Temperatur von etwa 24 Graden verlangt und selbst nicht im Thale
+von Caracas fortkommt, reif werden zu lassen. Die Bananen auf Teneriffa
+sind die, welche die spanischen Colonisten *Camburis* oder *Guineos* und
+*Dominicos* nennen. Der Camburi, der am wenigsten vom Frost leidet, wird
+sogar in Malaga mit Erfolg gebaut [Die mittlere Temperatur dieser Stadt
+beträgt nur 18°.]; aber die Früchte, die man zuweilen zu Cadix sieht,
+kommen von den Canarien auf Schiffen, welche die Ueberfahrt in drei, vier
+Tagen machen. Die Musa, die allen Völkern der heißen Zone bekannt ist, und
+die man bis jetzt nirgends wild gefunden hat, variiert meist in ihren
+Früchten, wie unsere Apfel- und Birnenbäume. Diese Varietäten, welche die
+meisten Botaniker verwechseln, obgleich sie sehr verschiedene Klimate
+verlangen, sind durch lange Cultur constant geworden.
+
+Am Abend machten wir eine botanische Excursion nach dem Fort Passo Alto
+längs der Basaltfelsen, welche das Vorgebirge Naga bilden. Wir waren mit
+unserer Ausbeute sehr schlecht zufrieben, denn die Trockenheit und der
+Staub hatten die Vegetation so ziemlich vernichtet. _Cacalia Kleinia_,
+_Euphorbia canariensis_ und sehr verschiedene andere Fettpflanzen, welche
+ihre Nahrung vielmehr aus der Luft als aus dem Boden ziehen, auf dem sie
+wachsen, mahnten uns durch ihren Habitus daran, daß diese Inseln Afrika
+angehören, und zwar dem dürrsten Striche dieses Festlandes.
+
+Der Capitän der Corvette hatte zwar den Befehl, so lange zu verweilen, daß
+wir die Spitze des Pics besteigen könnten, wenn anders der Schnee es
+gestattete; man gab uns aber zu erkennen, wegen der Blockade der
+englischen Schiffe dürften wir nur auf einen Aufenthalt von vier, fünf
+Tagen rechnen. Wir eilten demnach, in den Hafen von Orotava zu kommen, der
+am Westabhang des Vulkans liegt, und wo wir Führer zu finden sollten. In
+Santa Cruz konnte ich Niemanden auffinden, der den Pic bestiegen gehabt
+hätte, und ich wunderte mich nicht darüber. Die merkwürdigsten Dinge haben
+desto weniger Reiz für uns, je näher sie uns sind, und ich kannte
+Schaffhauser, welche den Rheinfall niemals in der Nähe gesehen hatten.
+
+Am 20. Juni vor Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg nach Villa de la
+Laguna, die 350 Toisen [682 m] über dem Hafen von Santa Cruz liegt. Wir
+konnten diese Höhenangabe nicht verificiren, denn wegen der Brandung
+hatten in der Nacht nicht an Bord gehen können, um Barometer und
+Inclinationscompaß zu holen. Da wir voraussahen, daß wir bei unserer
+Besteigung des Pic sehr würden eilen müssen, so war es uns ganz lieb, daß
+die Instrumente, die uns in unbekannteren Ländern dienen sollten, hier
+keiner Gefahr aussetzen konnten. Der Weg nach Laguna hinauf läuft an der
+rechten Seite eines Baches oder *Barranco* hin, der in der Regenzeit
+schöne Fälle bildet; er ist schmal und vielfach gewunden. Nach meiner
+Rückkehr habe ich gehört, Herr von Perlasca habe hier eine neue Straße
+anlegen lassen, auf der Wagen fahren können. Bei der Stadt begegneten uns
+weiße Kameele, die sehr leicht beladen schienen. Diese Thiere werden
+vorzugsweise dazu gebraucht, die Waaren von der Douane in die Magazine der
+Kaufleute zu schaffen. Man ladet ihnen gewöhnlich zwei Kisten Havanazucker
+auf, die zusammen 900 Pfund wiegen, man kann aber die Ladung bis auf 13
+Zentner oder 52 castilische Arrobas steigern. Auf Teneriffa sind die
+Kameele nicht sehr häufig, während ihrer auf Lanzerota und Fortaventura
+viele Tausende sind. Diese Inseln liegen Afrika näher und kommen daher
+auch in Klima und Vegetation mehr mit diesem Continent überein. Es ist
+sehr auffallend, daß dieses nützliche Thier, das sich in Südamerika
+fortpflanzt, dies auf Teneriffa fast nie thut. Nur im fruchtbaren Distrikt
+von Adexe, wo die bedeutendsten Zuckerrohrpflanzungen sind, hat man die
+Kameele zuweilen Junge werfen sehen. Diese Lastthiere, wie die Pferde,
+sind im fünfzehnten Jahrhundert durch die normännischen Eroberer auf den
+Canarien eingeführt worden. Die Guanchen kannten sie nicht, und dies
+erklärt sich wohl leicht daraus, daß ein so gewaltiges Thier schwer auf
+schwachen Fahrzeugen zu transportiren ist, ohne daß man die Guanchen als
+die Ueberreste der Bevölkerung der Atlantis zu betrachten und zu glauben
+braucht, sie gehören einer anderen Rasse an als die Westafrikaner.
+
+Der Hügel, auf dem die Stadt San Christobal de la Laguna liegt, gehört dem
+System von Basaltgebirgen an, die, unabhängig vom System neuerer
+vulkanischer Gebirgsarten, einen weiten Gürtel um den Pic von Teneriffa
+bilden. Der Basalt von Laguna ist nicht säulenförmig, sondern zeigt nicht
+sehr dicke Schichten, die nach Ost unter einem Winkel von 30 – 40 Grad
+fallen. Nirgends hat er das Ansehen eines Lavastroms, der an den Abhängen
+der Pics ausgebrochen wäre. Hat der gegenwärtige Vulkan diese Basalte
+hervorgebracht, so muß man annehmen, wie bei den Gesteinen, aus denen die
+Somma neben dem Vesuv besteht, daß sie in Folge eines unterseeischen
+Ausbruchs gebildet sind, wobei die weiche Masse wirklich geschichtet
+wurde. Außer einigen baumartigen Euphorbien, _Cacalia Kleinia_ und
+Fackeldisteln (Cactus), welche auf den Canarien, wie im südlichen Europa
+und auf dem afrikanischen Festland verwildert sind, wächst nichts auf
+diesem dürren Gestein. Unsere Maulthiere glitten jeden Augenblick auf
+stark geneigten Steinlagern aus. Indessen sahen wir die Ueberreste eines
+alten Pflasters. Bei jedem Schritt stößt man in den Colonien auf Spuren
+der Thatkraft, welche die spanische Nation im sechzehnten Jahrhundert
+entwickelt hat.
+
+Je näher wir Laguna kamen, desto kühler wurde die Luft, und dies thut um
+so wohler, da es in Santa Cruz zum Ersticken heiß ist. Da widrige
+Eindrücke unsere Organe stärker angreifen, so ist der Temperaturwechsel
+auf dem Rückweg von Laguna zum Hafen noch auffallender; man meint, man
+nähere sich der Mündung eines Schmelzofens. Man hat dieselbe Empfindung,
+wenn man an der Küste von Caracas vom Berg Avila zum Hafen von Guayra
+niedersteigt. Nach dem Gesetz der Wärmeabnahme machen in dieser Breite 350
+Toisen Höhe nur drei bis vier Grad Temperaturunterschied. Die Hitze,
+welche dem Reisenden so lästig wird, wenn er Santa Cruz de Teneriffa oder
+Guayra betritt, ist daher wohl dem Rückprallen der Wärme von den Felsen
+zuzuschreiben, an welche beide Städte sich lehnen.
+
+Die fortwährende Kühle, die in Laguna herrscht, macht die Stadt für die
+Canarier zu einem köstlichen Aufenthaltsort. Auf einer kleinen Ebene,
+umgeben von Gärten, am Fuße eines Hügels, den Lorbeeren, Myrten und
+Erdbeerbäume krönen, ist die Hauptstadt von Teneriffa wirklich ungemein
+freundlich gelegen. Sie liegt keineswegs, wie man nach meheren
+Reiseberichten glauben sollte, an einem See. Das Regenwasser bildet hier
+periodisch einen weiten Sumpf, und der Geolog, der überall in der Natur
+vielmehr einen früheren Zustand der Dinge als den gegenwärtigen im Auge
+hat, zweifelt nicht daran, daß die ganze Ebene ein großes ausgetrockenetes
+Becken ist. Laguna ist in seinem Wohlstand herabgekommen, seit die
+Seitenausbrüche des Vulkans den Hafen von Garachico zerstört haben und
+Santa Cruz der Haupthandelsplatz der Inseln geworden ist; es zählt nur
+noch 9000 Einwohner, worunter gegen 400 Mönche in sechs Klöstern. Manche
+Reisende behaupten, die Hälfte der Bevölkerung bestehe aus Kuttenträgern.
+Die Stadt ist mit zahlreichen Windmühlen umgeben, ein Wahrzeichen des
+Getreidebaus in diesem hochgelegenen Striche. Ich bemerke bei dieser
+Gelegenheit, daß die nährenden Grasarten den Guanchen bekannt waren. Das
+Korn hieß auf Teneriffa _tano_, auf Lanzerota _triffa_; die Gerste hieß
+auf Canaria _aramotanoque_, auf Lanzerota _tamosen_. Geröstetes
+Gerstenmehl _(gofio)_ und Ziegenmilch waren die vornehmsten Nahrungsmittel
+dieses Volkes, über dessen Ursprung so viele systematische Träumereien
+ausgeheckt worden sind. Diese Nahrung weist bestimmt darauf hin, daß die
+Guanchen zu den Völkern der alten Welt gehörten, wohl selbst zur
+caucasischen Race, und nicht, wie die andern Atlanten [Ich lasse mich hier
+auf keine Verhandlung über die Existenz der Atlantis ein und erwähne nur,
+daß nach Diodor von Sicilien die Atlanten die Cerealien nicht kannten,
+weil sie von der übrigen Menschheit getrennt worden, bevor überhaupt
+Getreide gebaut wurde.], zu den Volksstämmen der neuen Welt; die letzteren
+kannten vor der Ankunft der Europäer weder Getreide, noch Milch, noch
+Käse.
+
+Eine Menge Capellen, von den Spaniern _ermitas_ genannt, liegen um die
+Stadt Laguna. Umgeben von immergrünen Bäumen auf kleinen Anhöhen, erhöhen
+diese Capellen, wie überall den malerischen Reiz der Landschaft. Das
+Innere der Stadt entspricht dem Aeußern durchaus nicht. Die Häuser sind
+solid gebaut, aber sehr alt und die Straßen öde. Der Botaniker hat
+übrigens nicht zudauern, daß die Häuser so alt sind. Dächer und Mauern
+sind bedeckt mit _Sempervivum canariense_ und dem zierlichen
+_Trichomanes_, dessen alle Reisende gedenken; die häufigen Nebel geben
+diesen Gewächsen Unterhalt.
+
+Anderson, der Naturforscher bei Capitän Cooks dritter Reise, gibt den
+europäischen Aerzten den Rath, ihre Kranken nach Teneriffa zu schicken,
+keineswegs auf der Rücksicht, welche manche Heilkünstler die entlegendsten
+Bäder wählen läßt, sondern wegen der ungemeinen Milde und Gleichmäßigkeit
+des Klimas der Canarien. Der Boden der Inseln steigt amphitheatralisch auf
+und zeigt, gleich Peru und Mexico, wenn auch in kleinerem Maaßstab, alle
+Klimate, von afrikanischer Hitze bis zum Froste der Hochalpen. Santa Cruz,
+der Hafen von Orotava, die Stadt desselben Namens und Laguna sind vier
+Orte, deren mittlere Temperaturen eine abnehmende Reihe darstellen. Das
+südliche Europa bietet nicht dieselben Vortheile, weil der Wechsel der
+Jahreszeiten sich noch zu stark fühlbar macht. Teneriffa dagegen,
+gleichsam an der Pforte der Tropen und doch nur wenige Tagereisen von
+Spanien, hat schon ein gut Theil der Herrlichkeit aufzuweisen, mit der die
+Natur die Länder zwischen den Wendekreisen ausgestattet. Im Pflanzenreich
+treten bereits mehrere der schönsten und großartigsten Gestalten auf, die
+Bananen und die Palmen. Wer Sinn für Naturschönheit hat, findet auf dieser
+köstlichen Insel noch kräftigere Heilmittel als das Klima. Kein Ort der
+Welt scheint mir geeigneter, die Schwermuth zu bannen und einen
+schmerzlich ergriffenen Gemüthe den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa
+und Madeia. Und solches wirkt nicht allein die herrliche Lage und die
+reine Luft, sondern vor allem das Nichtvorhandensein der Sklaverei, deren
+Anblick einen in beiden Indien so tief empört, wie überall, wohin
+europäische Colonisten ihre sogenannte Aufklärung und ihre Industrie
+getragen haben.
+
+Im Winter ist das Klima von Laguna sehr nebligt und die Einwohner beklagen
+sich häufig über Frost. Man hin indessen nie schneien sehen, woraus man
+schließen sollte, daß die mittlere Temperatur der Stadt über 18°,7
+(15° R.) beträgt, das heißt mehr als in Neapel. Für streng kann dieser
+Schluß nicht gelten; denn im Winter hängt die Erkältung der Wolken weniger
+von der mittleren Temperatur des ganzen Jahres ab als vielmehr von der
+augenblicklichen Erniedrigung der Wärme, der ein Ort vermöge seiner
+besondern Lage ausgesetzt ist. Die mittlere Temperatur der Hauptstadt von
+Mexico ist z. B. nur 16°,8 (13°,5 R.), und doch hat man in hundert Jahren
+nur ein einziges mal schneien sehen, während es im südlichen Europa und in
+Afrika noch an Orten schneit, die über 19 Grad mittlere Temperatur haben.
+
+Wegen der Nähe des Meeres ist das Klima von Laguna im Winter milder, als
+es nach der Meereshöhe seyn sollte. Herr Broussonet hat sogar, wie ich mit
+Verwunderung hörte, mitten in der Stadt, im Garten des Marquis von Nava,
+Brotfruchtbäume _(Artocarpus incisa)_ und Zimmtbäume _(Laurus cinnamomum)_
+angepflanzt. Diese köstlichen Gewächse der Südsee und Ostindiens wurden
+hier einheimisch, wie auch in Orotava. Sollte dieser Versuch nicht
+beweisen, daß der Brotfruchtbaum in Calabrien, auf Sicilien und in Grenada
+fortkäme? Der Anbau des Kaffeebaumes ist in Laguna nicht in gleichem Maaße
+gelungen, wenn auch die Früchte bei Tegueste und zwischen dem Hafen von
+Orotava und dem Dorfe San Juan de la Rambla reif werden. Wahrscheinlich
+sind örtliche Verhältnisse, vielleicht die Beschaffenheit des Bodens und
+die Winde, die in der Blüthezeit wehen, daran Schuld. In andern Ländern,
+z. B. bei Neapel, trägt der Kaffeebaum ziemlich reichlich Früchte,
+obgleich die mittlere Temperatur kaum über 18 Grad der hunderttheiligen
+Scale beträgt.
+
+Auf Teneriffa ist die mittlere Höhe, in der jährlich Schnee fällt, noch
+niemals bestimmt worden. Solches ist mittelst barometrischer Messung
+leicht auszuführen, es ist aber bis jetzt fast in allen Erdstrichen
+versäumt worden; und doch ist diese Bestimmung von großem Belang für den
+Ackerbau in den Colonien und für die Meteorologie, und ganz so wichtig als
+das Höhenmaaß der untern Grenze des ewigen Schnees. Ich stelle die
+Ergebnisse meiner betreffenden Beobachtungen in folgender Uebersicht
+zusammen.
+
+Diese Tafel gibt nur das Durchschnittsverhältniß, das heißt die
+Erscheinungen, wie sie sich im ganzen Jahre zeigen. Besondere Lokalitäten
+können Ausnahmen herbeiführen. So schneit es zuweilen, wenn auch sehr
+selten, in Neapel, Lissabon, sogar in Malaga, also noch unter dem 37. Grad
+der Breite, und wie schon bemerkt, hat man Schnee in der Stadt Mexiko
+fallen sehen, die 1173 Toisen [2286 m] über dem Meere liegt. Dies war seit
+mehreren Jahrhunderten nicht vorgekommen, und das Ereigniß trat gerade am
+Tage ein, da die Jesuiten vertrieben wurden, und wurde vom Volke natürlich
+dieser Gewaltmaaßregel zugeschrieben. Noch ein auffallenderes Beispiel
+bietet das Klima von Valladolid, der Hauptstadt der Provinz Mechoacan.
+Nach meinen Messungen liegt diese Stadt unter 19° 41’ der Breite nur
+tausend Toisen hoch; dennoch waren daselbst wenige Jahre vor meiner
+Ankunft in Neuspanien die Straßen mehrere Stunden lang mit Schnee bedeckt.
+
+Auch auf Teneriffa hat man an einem Orte über Esperanza de la Laguna,
+dicht bei der Stadt dieses Namens, in deren Gärten Brotbäume wachsen,
+schneien sehen. Dieser außerordentliche Fall wurde Broussonet von sehr
+alten Leuten erzählt. Die _Erica arborea_, die _Mirica Faya_ und _Arbutus
+callycarpa_ litten nicht durch den Schnee; aber alle Schweine, die im
+Freien waren, kamen dadurch um. Diese Beobachtung ist für die
+Pflanzenphysiologie von Wichtigkeit. In heißen Ländern sind die Gewächse
+so kräftig, daß ihnen der Frost weniger schadet, wenn er nur nicht lange
+anhält. Ich habe auf der Insel Cuba den Bananenbaum an Orten angebaut
+gesehen, wo der hunderttheilige Thermometer auf 7 Grad, ja zuweilen fast
+auf den Gefrierpunkt fällt. In Italien und Spanien gehen Orangen- und
+Dattelbäume nicht zu Grunde, wenn es auch bei Nacht zwei Grad Kälte hat.
+Im Allgemeinen macht man beim Garten- und Landbau die Bemerkung, daß
+Pflanzen in fruchtbarem Boden weniger zärtlich und somit auch für
+ungewöhnlich niedrige Temperaturgrade weniger empfindlich sind, als
+solche, die in einem Erdreich wachsen, daß ihnen nur wenig Nahrungssäfte
+bietet(10)
+
+Zwischen der Stadt Laguna, und dem Hafen von Orotava und der Westküste von
+Teneriffa kommt man zuerst durch ein hügligtes Land mit schwarzer
+thonigter Dammerde, in der man hin und wieder kleine Augitkrystalle
+findet. Wahrscheinlich reißt das Wasser diese Krystalle vom anstehenden
+Gestein ab, wie zu Frascati bei Rom. Leider entziehen eisenhaltige
+Flötzschichten den Boden der geologischen Untersuchung. Nur in einigen
+Schluchten kommen säulenförmige, etwas gebogene Basalte zu Tag, und
+darüber sehr neue, den vulkanischen Tuffen ähnliche Mengsteine. In
+denselben sind Bruchstücke des unterliegenden Basalts eingeschlossen, und
+wie versichert wird, finden sich Versteinerungen von Seethieren darin;
+ganz dasselbe kommt im Vicentinischen bei Montechio maggiore vor.
+
+Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land,
+von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe
+im heißen Erdgürtel Landschaften gesehen, wo die Natur großartiger ist,
+reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer
+des Orinoko, die Cordilleren in Peru und die schönen Thäler von Mexiko
+durchwandert, muß ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so
+anziehendes, durch die Vertheilung von Grün und Felsmassen so harmonisches
+Gemälde vor mir gehabt zu haben.
+
+Das Meeresufer schmücken Dattelpalmen und Cocosnußbäume; weiter oben
+stechen Bananengebüsche von Drachenbäumen ab, deren Stamm man ganz richtig
+mit einem Schlangenleib vergleicht. Die Abhänge sind mit Reben bepflanzt,
+die sich um sehr hohe Spaliere ranken. Mit Blüthen bedeckte Orangenbäume,
+Myrten und Cypressen umgeben Capellen, welche die Andacht auf
+freistehenden Hügeln errichtet hat. Ueberall sind die Grundstücke durch
+Hecken von Agave und Cactus eingefriedigt. Unzählige kryptogamische
+Gewächse, zumal Farne, bekleiden die Mauern, die von kleinen klaren
+Wasserquellen feucht erhalten werden. Im Winter, während der Vulkan mit
+Eis und Schnee bedeckt ist, genießt man in diesem Landstrich eines ewigen
+Frühlings. Sommers, wenn der Tag sich neigt, bringt der Seewind angenehme
+Kühlung. Die Bevölkerung der Küste ist hier sehr stark; sie erscheint noch
+größer, weil Häuser und Gärten zerstreut liegen, was den Reiz der
+Landschaft noch erhöht. Leider steht der Wohlstand der Bewohner weder mit
+ihrem Fleiße, noch mit der Fülle der Natur im Verhältniß. Die das Land
+bauen, sind meist nicht Eigenthümer desselben; die Frucht ihrer Arbeit
+gehört dem Adel, und das Lehnssystem, das so lange ganz Europa unglücklich
+gemacht hat, läßt noch heute das Volk der Canarien zu keiner Blüthe
+gelangen.
+
+Von Tegueste und Tacoronte bis zum Dorfe San Juan de la Rambla, berühmt
+durch seinen trefflichen Malvasier, ist die Küste wie ein Garten angebaut.
+Ich möchte sie mit der Umgegend von Capua oder Valencia vergleichen, nur
+ist die Westseite von Teneriffa unendlich schöner wegen der Nähe des Pics,
+der bei jedem Schritt wieder eine andere Ansicht bietet. Der Anblick
+dieses Berges ist nicht allein wegen seiner imposanten Masse anziehend; er
+beschäftigt lebhaft des Geist und läßt uns den geheimnisvollen Quellen der
+vulkanischen Kräfte nachdenken. Seit Tausenden von Jahren ist kein
+Lichtschimmer auf der Spitze des Piton gesehen worden, aber ungeheure
+Seitenausbrüche, deren letzter im Jahre 1798 erfolgte, beweisen die
+fortwährende Thätigkeit eines nicht erlöschenden Feuers. Der Anblick eines
+Feuerschlundes mitten in einem fruchtbaren Lande mit reichem Anbau hat
+indessen etwas Niederschlagendes. Die Geschichte des Erdballes lehrt uns,
+daß die Vulkane wieder zerstören, was sie in einer langen Reihe von
+Jahrhunderten aufgebaut. Inseln, welche die unterirdischen Feuer über die
+Fluthen emporgehoben, schmücken sich allmählich mit reichem, lachenden
+Grün; aber gar oft werden diese neuen Länder durch dieselben Kräfte
+zerstört, durch die sie vom Boden des Ozeans über seine Fläche gelangt
+sind. Vielleicht waren Eilande, die jetzt nichts sind als Schlacken- und
+Aschenhaufen, einst so fruchtbar als die Gelände von Tacoronte und Sauzal.
+Wohl den Ländern, wo der Mensch dem Boden, auf dem er wohnt, nicht
+mißtrauen darf!
+
+Auf unserem Wege zum Hafen von Orotava kamen wir durch die hübschen Dörfer
+Matanza und Victoria. Diese beiden Namen findet man in allen spanischen
+Colonien neben einander; sie machen einen widrigen Eindruck in einem
+Lande, wo alles Ruhe und Frieden atmet. *Matanza* bedeutet Schlachtbank,
+Blutbad, und schon das Wort deutet an, um welchen Preis der Sieg erkauft
+worden. In der neuen Welt weist er gewöhnlich auf eine Niederlage der
+Eingeborenen hin; auf Teneriffa bezeichnet Matanza den Ort, wo die Spanier
+von denselben Guanchen geschlagen wurden, die man bald auf den spanischen
+Märkten als Sklaven verkaufte.
+
+Ehe wir nach Orotava kamen, besuchten wir den botanischen Garten nicht
+weit vom Hafen. Wir trafen da den französischen Viceconsul Legros, der oft
+auf der Spitze des Pic gewesen war und an dem wir einen vortrefflichen
+Führer fanden. Er hatte mit Capitän Baudin eine Fahrt nach Antillen
+gemacht, durch die der Pariser Pflanzengarten ansehnlich bereichert worden
+ist. Ein furchtbarer Sturm, den Ledru in seiner Reise nach Portorico
+beschreibt, zwang das Fahrzeug bei Teneriffa anzulegen, und das herrliche
+Klima der Insel brachte Legros zu dem Enschluß, sich hier niederzulassen.
+Ihm verdankt die gelehrte Welt Europa’s die ersten genauen Nachrichten
+über den großen Seitenausbruch des Pics, den man sehr uneigentlich den
+Ausbruch des Vulkans von Chahorra nennt. [Am 8. Juni 1798.]
+
+Die Anlage eines botanischen Gartens auf Teneriffa ist ein sehr
+glücklicher Gedanke, da derselbe sowohl für die wissenschaftliche Botanik
+als für die Einführung nützlicher Gewächse in Europa sehr förderlich
+werden kann. Die erste Idee eines solchen verdankt man dem Marquis von
+Nava (Marquis von Villanueva del Prado), einem Mann, der Poivre an die
+Seite gestellt zu werden verdient und im Triebe, das Gute zu fördern, von
+seinem Vermögen den edelsten Gebrauch gemacht hat. Mit ungeheuren Kosten
+ließ er den Hügel von Durasno, der amphitheatralisch aufsteigt, abheben,
+und im Jahr 1795 machte man mit den Anpflanzungen den Anfang. Nava war der
+Ansicht, daß die Canarien, vermöge des midlen Klimas und der
+geographischen Lage, der geeignetste Punkt seyen, um die Naturprodukte
+beider Indien zu acclimatisiren, um die Gewächse aufzunehmen, die sich
+allmählich an die niedrigere Temperatur des südlichen Europa gewöhnen
+sollen. Asiatisch, afrikanische, südamerikanische Pflanzen gelangen leicht
+in den Garten bei Orotava, um den Chinabaum [Ich meine die Chinaarten, die
+in Peru und im Königreich Neu-Grenada auf dem Rücken der Cordilleren,
+zwischen 1000 und 1500 Toisen Meereshöhe an Orten wachsen, wo der
+Thermometer bei Tag zwischen 9 und 10 Grad, bei Nacht zwischen 3 und 4
+Grad steht. Die orangegelbe Quinquina _(Cinchona lancifolia)_ ist weit
+weniger empfindlich als die rothe _(C. oblongifolia)_] in Sicilien,
+Portugal oder Grenada einzuführen, müßte man ihn zuerst in Durasno oder
+Laguna anbauen und dann erst die Schößlinge der canarischen China nach
+Europa verpflanzen. In besseren Zeiten, wo kein Seekrieg mehr den Verkehr
+in Fesseln schlägt, kann der Garten in Teneriffa auch für die starken
+Pflanzensendungen aus Indien nach Europa von Bedeutung werden. Diese
+Gewächse gehen häufig, ehe sie unsere Küsten erreichen, zu Grunde, weil
+sie auf der langen Ueberfahrt eine mit Salzwasser geschwängerte Luft
+athmen müssen. Im Garten von Orotava fänden sie eine Pflege und ein Klima,
+wobei sie sich erholen könnten. Da die Unterhaltung des botanischen
+Gartens von Jahr zu Jahr kostspieliger wurde, trat der Marquis denselben
+der Regierung ab. Wir fanden daselbst einen geschickten Gärtner, einen
+Schüler Aitons, des Vorstehers des königlichen Gartens zu Kew. Der Boden
+steigt in Terrassen auf und wird von einer natürlichen Quelle bewässert.
+Man hat die Aussicht auf die Insel Palma, die wie ein Castell aus dem
+Meere emporsteigt. Wir fanden aber nicht viele Pflanzen hier: man hatte,
+wo Gattungen fehlten, Etiketten aufgesteckt, mit auf Gerathewohl aus
+Linnés _systema vegetabilium_ genommen schienen. Diese Anordnung der
+Gewächse nach den Classen des Sexualsystems, die man leider auch in
+manchen europäischen Gärten findet, ist dem Anbau sehr hinderlich. In
+Durasno wachsen Proteen, der Gojavabaum, der Jambusenbaum, die Chirimoya
+aus Peru, [_Annona Cherimolia_ Lamarck.] Mimosen und Heliconien im Freien.
+Wir pflückten reife Samen von mehreren schönen Glycinearten aus
+Neuholland, welche der Gouverneur von Cumana, Emparan, mit Erfolg
+angepflanzt hat und die seitdem auf den südamerikanischen Küsten wild
+geworden sind.
+
+Wir kamen sehr spät in den Hafen von Orotava, [_Puerto de la Cruz_. Der
+einzige schöne Hafen der Canarien ist der von San Sebastiano auf der Insel
+Gomera.] wenn man anders diesen Namen einer Rhede geben kann, auf der die
+Fahrzeuge unter Segel gehen müssen, wenn der Wind stark aus Nordwest
+bläst. Man kann nicht von Orotova sprechen, ohne die Freunde der
+Wissenschaft an Cologan zu erinnern, dessen Haus von jeher den Reisenden
+aller Nationen offen stand. Mehrere Glieder dieser achtungswerthen Familie
+sind in London und Paris erzogen worden. Don Bernardo Cologan ist bei
+gründlichen, mannigfaltigen Kenntnissen der feurigste Patriot. Man ist
+freudig überrascht, auf einer Inselgruppe an der Küste von Afrika der
+liebenswürdigen Geselligkeit, der edlen Wißbegierde, dem Kunstsinn zu
+begegnen, die man ausschließlich in einem kleinen Theile von Europa zu
+Hause glaubt.
+
+Gerne hätten wir einige Zeit in Cologans Hause verweilt und mit ihm in der
+Umgegend von Orotava die herrlichen Punkte San Juan de la Rambla und
+Rialexo de Abaxo besucht. Aber auf einer Reise wie die, welche ich
+angetreten, kommt man selten dazu, der Gegenwart zu genießen. Die quälende
+Besorgniß, nicht ausführen zu können, was man den andern Tag vorhat,
+erhält einen in beständiger Unruhe. Leidenschaftliche Natur- und
+Kunstfreunde sind auf der Reise durch die Schweiz oder Italien in ganz
+ähnlicher Gemüthsverfassung; da sie die Gegenstände, die Interesse für sie
+haben, immer nur zum kleinsten Theil sehen können, so wird ihnen der Genuß
+durch die Opfer verbitternt, die sie auf jedem Schritt zu bringen haben.
+
+Bereits am 21. Morgens waren wir auf dem Weg nach dem Gipfel des Vulkans.
+Legros, dessen zuvorkommende Gefälligkeit wir nicht genug loben können,
+der Secretär des französischen Consulats zu Santa Cruz und der englische
+Gärtner von Durasno teilten mit uns die Beschwerden der Reise. Der Tag war
+nicht sehr schön, und der Gipfel des Pic, den man in Orotava fast immer
+sieht, von Sonnenaufgang bis zehn Uhr in dicke Wolken gehüllt. Ein
+einziger Weg führt auf den Vulkan durch Villa de Orotava, die Ginsterebene
+und das Malpays, derselbe, den Pater Feullée, Borda, Labillardière, Barrow
+eingeschlagen, und überhaupt alle Reisenden, die sich nur kurze Zeit in
+Teneriffa aufhalten konnten. Wenn man den Pic besteigt, ist es gerade, wie
+wenn man das Chamounithal oder den Aetna besucht: man muß seinen Führern
+nachgehen und man bekommt nur zu sehen, was schon andere Reisende gesehen
+und beschrieben haben.
+
+Der Contrast zwischen der Vegetation in diesem Striche von Teneriffa und
+der in der Umgegend von Santa Cruz überraschte uns angenehm. Beim kühlen,
+feuchten Klima war der Boden mit schönem Grün bedeckt, während auf dem Weg
+von Santa Cruz nach Laguna die Pflanzen nichts als Hülsen hatten, aus
+denen bereits der Samen ausgefallen war. Beim Hafen von Orotava wird der
+kräftige Pflanzenwuchs den geologischen Beobachtungen hinderlich. Wir
+kamen an zwei kleinen glockenförmigen Hügeln vorüber. Beobachtungen am
+Vesuv und in der Auvergne weisen darauf hin, daß dergleichen runde
+Erhöhungen von Seitenausbrüchen des großen Vulkans herrühren. Der Hügel
+Montannitta de la Villa scheint wirklich einmal Lava ausgeworfen zu haben;
+nach den Ueberlieferungen der Guanchen fand dieser Ausbruch im Jahr 1430
+statt. Der Obest Franqui versicherte Borda, man sehe noch deutlich, wo die
+geschmolzenen Stoffe hervorquollen, und die Asche, die den Boden ringsum
+bedecke, sey noch nicht fruchtbar. [Ich entnehme diese Notiz einer
+interessanten Handschrift, die jetzt in Paris im _Dépôt des cartes de la
+Marine_ aufgewahrt wird. Sie führt den Titel. _Résumé des opérations
+géographiques des côtes d´Espagne et de Portugal sur l´Océan, d´une partie
+des côtes occidentales de l´Afrique et des îles Canaries, par le chevalier
+de Borda._ Es ist dies die Handschrift, von der de Fleurien in seinen
+Noten zu Marchands Reise spricht und die mir Borda zum Theil schon vor
+meiner Abreise mitgetheilt hatte. Ich habe wichtige, noch nicht
+veröffentlichte Beobachtungen daraus ausgezogen.] Ueberall, wo das Gestein
+zu Tag ausgeht, fanden wir basaltartigen Mandelstein (Werner) und
+Bimssteinconglomerat, in dem Rapilli oder Bruchstücke von Bimsstein
+eingeschlosen sind. Letztere Formation hat Aehnlichkeit mit dem Tuff von
+Pausilipp und mit den Puzzolanschichten, die ich im Thal von Quito, am
+Fuße des Vulkans Pichincha, gefunden habe. Der Mandelstein hat
+langgezogene Poren, wie die obern Lavaschichten des Vesuv. Es scheint dieß
+darauf hinzudeuten, daß eine elastische Flüssigkeit durch die geschmolzene
+Materie durchgegangen ist. Trotz diesen Uebereinstimmungen muß ich noch
+einmal bemerken, daß ich in der ganzen unteren Region des Pics von
+Tenerifa auf der Seite gegen Orotava keinen Lavastrom, überhaupt keinen
+vulkanischen Ausbruch gesehen habe, der scharf begrenzt wäre. Regengüsse
+und Ueberschwemmungen wandeln die Erdoberfläche um, und wenn zahlreiche
+Lavaströme sich vereinigen und über eine Ebene ergießen, wie ich es am
+Vesuv im _Atrio dei Cavalli_ gesehen, so verschmelzen sie in einander und
+nehmen das Ansehen wirklich geschichteter Bildungen an.
+
+Villa de Orotava macht schon von weitem einen guten Eindruck durch die
+Fülle der Gewässer, die auf den Ort zueilen und durch die Hauptstraßen
+fließen. Die Quelle _Aqua mansa_, in zwei große Becken gefaßt, treibt
+mehrere Mühlen und wird dann in die Weingärten des anliegenden Geländes
+geleitet. Das Klima in der *Villa* ist noch kühler als am Hafen, da dort
+von morgens zehn Uhr ein starker Wind weht. Das Wasser, das sich bei
+höherer Temperatur in der Luft aufgelöst hat, schlägt sich häufig nieder,
+und dadurch wird das Klima sehr nebligt. Die Villa liegt etwa 160 Toisen
+(312 Meter) über dem Meer, also zweihundert Toisen niedriger als Laguna;
+man bemerkt auch, daß dieselben Pflanzen an letzterem Orte einen Monat
+später blühen.
+
+Orotava, das alte Taoro der Guanchen, liegt am steilen Abhang eines
+Hügels; die Straßen schienen uns öde, die Häuser, solid gebaut, aber
+trübselig anzusehen, gehören fast durch einem Adel, der für sehr stolz
+gilt und sich selbst anspruchsvoll als _dozo casas_ bezeichnet. Wir kamen
+an einer sehr hohen, mit einer Menge schöner Farn bewachsenen
+Wasserleitung vorüber. Wir besuchten mehrere Gärten, in denen die
+Obstbäume des nördlichen Europas neben Orangen, Granatbäumen und
+Dattelpalmen stehen. Man versicherte uns, letztere tragen hier so wenig
+Früchte als in Terra Firma an der Küste von Cumana. Obgleich wir den
+Drachenbaum in Herrn Franquis Garten aus Reiseberichten kannten, so setzte
+uns seine ungeheure Dicke dennoch in Erstaunen. Man behauptet, der Stamm
+dieses Baumes, der in mehreren sehr alten Urkunden erwähnt wird, weil er
+als Grenzmarke eines Feldes diente, sey schon im fünfzehnten Jahrhundert
+so ungeheuer dick gewesen wie jetzt. Seine Höhe schätzten wir auf 50 bis
+60 Fuß [16 bis 19,5 m]; sein Umfang nahe über den Wurzeln beträgt 45 Fuß
+[14,6 m]. Weiter oben konnten wir nicht messen, aber Sir Georg Staunton
+hat gefunden, daß zehn Fuß [3,25 m] über dem Boden der Stamm noch zwölf
+englische Fuß [3,90 m] im Durchmesser hat, was gut mit Bordas Angabe
+übereinstimmt, der den mittleren Umfang zu 33 Fuß 8 Zoll [10,93 m] angibt.
+Der Stamm theilt sich in viele Aeste, die kronleuchterartig aufwärts ragen
+und an den Spitzen Blätterbüschel tragen, ähnlich der Yucca im Tale von
+Mexiko. Durch diese Theilung in Aeste unterscheidet sich sein Habitus
+wesentlich von der der Palmen.
+
+Unter den organischen Bildungen ist dieser Baum, neben der Adansonie oder
+Baobab in Senegal, ohne Zweifel einer der ältesten Bewohner unseres
+Erdballs. Die Baobabs werden indessen noch dickder als der Drachenbaum von
+Villa d´Orotava. Man kennt welche, die an der Wurzel 34 Fuß Durchmesser
+haben, wobei sie nicht höher sind als 50 bis 60 Fuß(11). Man muß aber
+bedenken, daß die Adansonia, wie die Ochroma und alle Gewächse aus der
+Familie der Bombaceen, viel schneller wächst(12) als der Drachenbaum, der
+sehr langsam zunimmt. Der in Herrn Franqui’s Garten trägt noch jedes Jahr
+Blüten und Früchte. Sein Anblick mahnt lebhaft an »die ewige Jugend der
+Natur« [_Aristoteles de longit. vitae. cap. 6._], die eine unerschöpfliche
+Quelle von Bewegung und Leben ist.
+
+Der Drachenbaum, der nur in den angebauten Strichen der Canarien, auf
+Madera und Porto Santo vorkommt, ist eine merkwürdige Erscheinung in
+Beziehung auf die Wanderung der Gewächse. Auf dem Kontinent und Afrika(13)
+ist er nirgends wild gefunden worden, und Ostindien ist sein eigentliches
+Vaterland. Auf welchem Wege ist der Baum nach Teneriffa verpflanzt worden,
+wo er gar nicht häufig vorkommt? Ist sein Daseyn ein Beweis dafür, daß in
+sehr entlegener Zeit die Guanchen mit andern, mit asiatischen Völkern in
+Verkehr gestanden haben?
+
+Von Villa da Orotava gelangten wir auf einem schmalen steinigen Pfad durch
+einen schönen Kastanienwald _(el Monte de Castaños)_ in eine Gegend, die
+mit einigen Lorbeerarten und der baumartigen Heide bewachsen ist. Der
+Stamm der letzteren wird hier ausnehmend dick, und die Blüthen, mit denen
+der Strauch einen großen Teil des Jahres bedeckt ist, stechen angenehm ab
+von den Blüthen des _Hypericum canariense_, das in dieser Höhe sehr häufig
+vorkommt. Wir machten unter einer schönen Tanne halt, um uns mit Wasser zu
+versehen. Dieser Platz ist im Lande unter dem Namen _Pino del Dornajito_
+bekannt; seine Meereshöhe beträgt nach Borda´s barometrischer Messung 522
+Toisen [1017 m]. Man hat da eine prachtvolle Aussicht auf das Meer und die
+ganze Westseite der Insel. Beim _Pino del Dornajito_, etwas rechts vom Weg
+sprudelt eine ziemlich reiche Quelle; wir tauchten ein Thermometer hinein,
+es fiel auf 15°,4. Hundert Toisen davon ist eine andere eben so klare
+Quelle. Nimmt man an, daß diese Gewässer ungefähr die mittlere Wärme des
+Orts, wo sie zu Tage kommen, anzeigen, so findet man als absolute Höhe des
+Platzes 520 Toisen, die mittlere Temperatur der Küste zu 21° und unter
+dieser Zone eine Abnahme der Wärme um einen Grad auf 93 Toisen angenommen.
+Man dürfte sich nicht wundern, wenn diese Quelle etwas unter der mittleren
+Lufttemperatur bliebe, weil sich sich wahrscheinlich weiter oben am Pic
+bildet, und vielleicht sogar mit den kleinen unterirdischen Gletschern
+zusammenhängt, von denen weiterhin die Rede seyn wird. Die eben erwähnte
+Uebereinstimmung der barometrischen und der thermometrischen Messung ist
+desto auffallender, als im Allgemeinen, wie ich anderwärts ausgeführt, [So
+hat Hunter in den blauen Bergen auf Jamaica die Quellen immer kälter
+gefunden, als sie nach der Höhe, in der sie zu Tage kommen, seyn sollten.]
+in Gebirgsländern mit steilen Hängen die Quellen eine zu rasche
+Wärmeabnahme anzeigen, weil sie kleine Wasseradern aufnehmen, die in
+verschiedenen Höhen in den Boden gelangen, und somit ihre Temperatur das
+Mittel aus dem Temperaturen dieser Adern ist. Die Quellen des Dornajito
+sind im Lande berühmt; als ich dort war, kannte man auf dem Weg zum Gipfel
+des Vulkans keine andere. Quellenbildung setzt eine gewisse Regelmäßigkeit
+im Streichen und Fallen der Schichten voraus. Auf vulkanischem Boden
+verschluckt das löcherige, zerklüftete Gestein das Regenwasser und läßt es
+in große Tiefen versinken. Deshalb sind die Canarien größtentheils so
+dürr, trotzdem daß ihre Berge so ansehnlich sind und der Schiffer
+fortwährend gewaltige Wolkenmassen über dem Archipel gelagert sieht.
+
+Vom Pino del Dornajito bis zum Krater zieht sich der Weg bergan, aber
+durch kein einziges Thal mehr; denn die kleinen Schluchten _(Barancos)_
+verdienen diesen Namen nicht. Geologisch betrachtet, ist die ganze Insel
+Teneriffa nichts als ein Berg, dessen fast eiförmige Grundfläche sich
+gegen Nordost verlängert, und der mehrere Systeme vulkanischer, zu
+verschiedenen Zeiten gebildeter Gebirgsarten aufzuweisen hat. Was man im
+Lande für besondere Vulkane ansieht, wie der *Chahorra* oder *Montaña
+Colorada* und die *Urca*, das sind nur Hügel, die sich an den Pic anlehnen
+und seine Pyramide maskiren. Der große Vulkan, dessen Seitenausbrüche
+mächtige Vorgebirge gebildet haben, liegt indessen nicht genau in der
+Mitte der Insel, und diese Eigenthümlichkeit im Bau erscheint weniger
+auffallend, wenn man sich erinnert, daß nach der Ansicht eines
+ausgezeichneten Mineralogen (Cordier) vielleicht nicht der kleine Krater
+im Piton die Hauptrolle bei den Umwälzungen der Insel Teneriffa gespielt
+hat. Auf die Region der baumartigen Heiden, *Monte Verde* genannt, folgt
+die der Farn. Nirgends in der gemäßigten Zone habe ich _Pteris_,
+_Blechnum_ und _Asplenium_ in solcher Menge gesehen; indessen hat keines
+dieser Gewächse den Wuchs der Baumfarn, die in Südamerika, in fünf,
+sechshundert Toisen Höhe, ein Hauptschmuck der Wälder sind. Die Wurzel der
+_Pteris aquilina_ dient den Bewohnern von Palma und Gomera zur Nahrung;
+sie zerreiben sie zu Pulver und mischen ein wenig Gerstenmehl darunter.
+Dieses Gemisch wird geröstet und heißt *Gofio*; ein so rohes
+Nahrungsmittel ist ein Beweis dafür, wie elend das niedere Volk auf den
+Canarien lebt.
+
+Der Monte Verde wird von mehreren kleinen, sehr dürren Schluchten
+(_cañadas_) durchzogen. Ueber der Region der Farn kommt man durch ein
+Gehölz von Wachholderbäumen (_cedro_) und Tannen, das durch die Stürme
+sehr gelitten hat. An diesen Ort, den einige Reisende _la Caravela_ nenne,
+will Edens [Die Reise wurde im August 1715 gemacht. Carabela heißt ein
+Fahrzeug mit lateinischen Segeln. Die Tannen vom Pic dienten früher als
+Mastholz und die königliche Marine ließ im Monte Verde schlagen.] kleine
+Flammen gesehen haben, die er nach den physikalischen Begriffen seiner
+Zeit schwefligten Ausdünstungen zuschreibt, die sich von selbst entzünden.
+Es ging immer aufwärts bis zum Felsen *Gayta* oder *Portillo*; hinter
+diesem Engpaß, zwischen zwei Basalthügeln, betritt man die große Ebene des
+Ginsters (_los Llanos del Retama_). Bei Laperouses Expedition hatte
+Manneron den Pic bis zu dieser etwa 1400 Toisen über dem Meere gelegenen
+Ebene gemessen, er hatte aber wegen Wassermangels und des üblen Willens
+der Führer die Messung nicht bis zum Gipfel des Vulkans fortsetzen können.
+Das Ergebniß dieser zu zwei Drittheilen vollendeten Operation ist leider
+nicht nach Europa gelangt, und so ist das Geschäft von der Küste an noch
+einmal vorzunehmen.
+
+Wir brauchten gegen zwei und eine halbe Stunde, um über die Ebene des
+Ginsters zu kommen, die nichts ist als ein ungeheures Sandmeer. Trotz der
+hohen Lage zeigte hier der hunderttheilige Thermometer gegen
+Sonnenuntergang 13°,8, das heißt 3°,7 mehr als mitten am Tage auf dem
+Monte Verde. Dieser höhere Wärmegrad kann nur von der Strahlung des Bodnes
+und von der weiten Ausdehnung der Hochebene herrühren. Wir litten sehr
+vom erstickenden Bimsstaub, in den wir fortwährend gehüllt waren. Mitten
+in der Ebene stehen Büsche von *Retama*, dem _Spartium nubigenum_
+d´Aitons. Dieser schöne Strauch, den de Martinière [Einer der Botaniker,
+die auf Laperouses Seereise umkamen.] in Languedoc, wo Feuermaterial
+selten ist, einzuführen räth, wird neun Fuß hoch, er ist mit
+wohlriechenden Blüthen bedeckt, und die Ziegenjäger, denen wir unterwegs
+begegneten, hatten ihre Strohhüte damit geschmückt. Die dunkelbraunen
+Ziegen des Pics gelten für Leckerbissen; sie nähren sich von den Blättern
+des Spartium und sind in diesen Einöden seit unvordenklicher Zeit
+verwildert. Man hat sie sogar nach Madera verpflanzt, wo sie geschätzter
+sind, als die Ziegen aus Europa.
+
+Bis zum Felsen Gayta, das heißt bis zum Anfang der großen Ebene des
+Ginsters ist der Pic von Teneriffa mit schönem Pflanzenwuchs überzogen,
+und nichts weist auf Verwüstungen in neuerer Zeit hin. Man meint einen
+Vulkan zu besteigen, dessen Feuer so lange erloschen ist, wie das des
+Monte Cavo bei Rom. Kaum hat man die mit Bimsstein bedeckte Ebene
+betreten, so nimmt die Landschaft einen ganz anderen Charakter an; bei
+jedem Schritt stößt man auf ungeheure Obsidianblöcke, die der Vulkan
+ausgeworfen. Alles ringsum ist öd und still; ein paar Ziegen und Kaninchen
+sind die einzigen Bewohner dieser Hochebene. Das unfruchtbare Stück des
+Pics mißt über zehn Quadratmeilen, und da die unteren Regionen, von ferne
+gesehen, in Verkürzung erscheinen, so stellt sich die ganze Insel als ein
+ungeheurer Haufen verbrannten Gesteins dar, um den sich die Vegetation nur
+wie ein schmaler Gürtel zieht.
+
+Ueber der Region des _Spartium nubigenum_ kamen wir durch enge Schründe
+und kleine, sehr alte, vom Regenwasser ausgespülte Schluchten zuerst auf
+ein höheres Plateau und dann an den Ort, wo wir die Nacht zubringen
+sollten. Dieser Platz, der mehr als 1530 Toisen [2982 m] über der Küste
+liegt, heißt _Estancia de los Ingleses_(14), ohne Zweifel, weil früher die
+Engländer den Pik am häufigsten besuchten. Zwei überhängende Felsen bilden
+eine Art Höhle, die Schutz gegen den Wind bietet. Bis zu diesem Ort, der
+bereits höher liegt als der Gipfel des Canigu, kann man auf Maulthieren
+gelangen; viele Neugierige, die beim Abgang von Orotava den Kraterrand
+erreichen zu können glaubten, bleiben daher hier liegen. Obgleich es
+Sommer war und der schöne afrikanische Himmel über uns, hatten wir doch in
+der Nacht von der Kälte zu leiden. Der Thermometer fiel auf 5 Grad.
+Unsere Führer machten ein großes Feuer von dürren Zweigen der Retama an.
+Ohne Zelt und Mäntel lagerten wir uns auf Haufen verbrannten Gesteins, und
+die Flammen und der Rauch, die der Wind beständig gegen uns her trieb,
+wurden uns sehr lästig. Wir hatten noch nie eine Nacht in so bedeutender
+Höhe zugebracht, und ich ahnte damals nicht, daß wir einst in Städten
+wohnen würden, die höher liegen als die Spitze des Vulkans, den wir morgen
+vollends besteigen sollten. Je tiefer die Temperatur sank, desto mehr
+bedeckte sich der Pic mit dicken Wolken. Bei Nacht stockt der Zug des
+Stroms, der den Tag über den Ebenen in die hohen Luftregionen aufsteigt,
+und im Maaße als sich die Luft abkühlt, nimmt auch ihre das Wasser
+auflösende Kraft ab. Ein sehr starker Nordwird jagte die Wolken; von Zeit
+zu Zeit brach der Mond durch das Gewölk und seine Scheibe glänzte auf tief
+dunkelblauen Grunde; im Angesicht des Vulkans hatte diese nächtliche Scene
+etwas wahrhaft Großartiges. Der Pic verschwand bald gänzlich im Nebel,
+bald erschien er unheimlich nahe gerückt und warf wie eine ungeheure
+Pyramode seinen Schatten auf die Wolken unter uns.
+
+Gegen drei Uhr morgens brachen wir beim trüben Schein einiger Kienfackeln
+nach der Spitze des Piton auf. Man beginnt die Besteigung an der
+Nordostseite, wo der Abhang ungemein steil ist, und wir gelangten nach
+zwei Stunden auf ein kleines Plateau, das seiner isolirten Lage wegen
+_Alta Vista_ heißt. Hier halten sich auch die _Neveros_ auf, das heißt die
+Eingeborenen, die gewerbsmäßig Eis und Schnee suchen und in den
+benachbarten Städten verkaufen. Ihre Maulthiere, die das Klettern mehr
+gewöhnt sind, als die, welche man den Reisenden gibt, gehen bis zur Alta
+Vista und die Neveros müssen den Schnee dahin auf dem Rücken tragen. Ueber
+diesem Punkte beginnt das *Malpays*, wie man in Mexiko, in Peru und
+überall, wo es Vulkane gibt, einen von Dammerde entblößten und mit
+Lavabruchstücken bedeckten Landstrich nennt.
+
+Wir bogen rechts von Wege am, um die *Eishöhle* zu besehen, die in 1728
+Toisen [3367 m] Höhe liegt, also unter der Grenze des ewigen Schnees in
+dieser Breite. Wahrscheinlich rührt die Kälte, die in dieser Höhle
+herrscht, von denselben Ursachen her, aus denen sich das Eis in den
+Gebirgsspalten des Jura und der Pyrenäen erhält, und über welche die
+Ansichten der Physiker noch ziemlich auseinander gehen(15). Die natürliche
+Eisgrube des Pics hat übrigens nicht jene senkrechten Oeffnungen, durch
+welche die warme Luft entweichen kann, während die kalte Luft am Boden
+ruhig liegen bleibt. Das Eis scheint sich hier durch starke Anhäufung zu
+erhalten, und weil der Proceß des Schmelzens durch die bei rascher
+Verdunstung erzeugte Kälte verlangsamt wird. Dieser kleine unterirdische
+Gletscher liegt an einem Ort, dessen mittlere Temperatur schwerlich unter
+3° beträgt, und er wird nicht, wie die eigentlichen Gletscher der Alpen,
+vom Schneewasser gespeist, das von den Berggipfeln herabkommt. Während des
+Winters füllt sich die Höhle mit Schnee und Eis, und da die Sonnenstrahlen
+nicht über den Eingang hinaus eindringen, so ist die Sommerwärme nicht im
+Stande, den Behälter zu leeren. Die Bildung einer natürlichen Eisgrube
+hängt also nicht sowohl von der absoluten Höhe der Felsspalte und der
+mittleren Temperatur der Luftschicht, in der sie sich befindet, als von
+der Masse des Schnees, der hineinkommt, und von der geringen Wirkung der
+warmen Winde im Sommer. Die im Innern eines Berges eingeschlossene Luft
+ist schwer von der Stelle zu bringen, wie man am Monte Testaccio in Rom
+sieht, dessen Temperatur von der der umgebenden Luft so bedeutend
+abweicht. Wir werden in der Folge sehen, daß am Chimborazo ungeheure
+Eismassen unter dem Sand liegen, und zwar, wie auf dem Pic von Teneriffa,
+weit unter der Grenze des ewigen Schnees.
+
+Bei der Eishöhe _(Cueva del Hielo)_ stellten bei Laperouses Seereise
+Lamanon und Mongès ihren Versuch über die Temperatur des siedenden Wassers
+an. Sie fanden dieselbe 88°,7, während der Barometer auf 19 Zoll 1 Linie
+stand. Im Königreich Neugranada, bei der Capelle Guadeloupe in der Nähe
+von Santa Fe de Bogota, sah ich das Wasser bei 89°,9 unter einem Luftdruck
+von 19 Zoll 1,9 Linien sieden. Zu Tambores, in der Provinz Popayan, fand
+Caldas 89°,5 für die Temperatur des siedenden Wassers bei einen
+Barometerstand von 18 Zoll 11,6 Linien. Nach diesen Ergebnissen könnte man
+vermuthen, daß bei Lamanons Versuch das Wasser das Maximum seiner
+Temperatur nicht ganz erreicht hatte.
+
+Der Tag brach an, als wir die Eishöhle verließen. Da beobachteten wir in
+der Dämmerung eine Erscheinung, die auf hohen Bergen häufig ist, die aber
+bei der Lage des Vulkanes, auf dem wir uns befanden, besonders auffallend
+hervortrat. Eine weiße flockige Wolkenschicht entzog das Meer und die
+niedrigeren Regionen der Insel unseren Blicken. Die Schicht schien nicht
+über 800 Toisen [1560 m] hoch; die Wolken waren so gleichmäßig verbreitet
+und lagen so genau in Einer Fläche, daß sie sich ganz wie eine ungeheure
+mit Schnee bedeckte Ebene darstellten. Die colossale Pyramide des Piks,
+die vulkanischen Gipfel von Lanzerota, Forteventura und Palma ragten wie
+Klippen aus dem weiten Dunstmeer empor. Ihre dunkle Färbung stach grell
+vom Weiß der Wolken ab.
+
+Während wir auf den zertrümmerten Laven des Malpays emporklommen, wobei
+wir oft die Hände zu Hülfe nehmen mußten, beobachteten wir eine
+merkwürdige optische Erscheinung. Wir glaubten gegen Ost kleine Raketen in
+die Luft steigen zu sehen. Leuchtende Punkte, 7 – 8 Grad über dem
+Horizont, schienen sich zuerst senkrecht aufwärts zu bewegen, aber
+allmählich ging die Bewegung in eine waagrechte Oszillation über, die acht
+Minuten anhielt. Unsere Reisegefährten, sogar die Führer äußerten ihre
+Verwunderung über die Erscheinung, ohne daß wir sie darauf aufmerksam zu
+machen brauchten. Auf den ersten Blick glaubten wir, diese sich hin und
+her bewegenden Lichtpunkte seyen die Vorläufer eines neuen Ausbruchs des
+großen Vulkanes von Lanzerota. Wir erinnerten uns, daß Bouquer und La
+Condamine bei der Besteigung des Vulkans Pichincha den Ausbruch des
+Cotopaxi mit angesehen hatten; aber die Täuschung dauerte nicht lange, und
+wir sahen, daß die Lichtpunkte die durch die Dünste vergrößerten Bilder
+verschiedener Sterne waren. Die Bilder standen periodisch still, dann
+schienen sie senkrecht aufzusteigen, sich zur Seite abwärts zu bewegen und
+wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Diese Bewegung dauerte eine bis zwei
+Secunden. Wir hatten keine Mittel zur Hand, um die Größe der seitlichen
+Verrückung genau zu messen, aber den Lauf eines Lichtpunktes konnten wir
+ganz gut beobachten. Er erschien doppelt durch Luftspiegelung und ließ
+keine leuchtende Spur hinter sich. Als ich im Fernrohr eines kleinen
+Troughtonschen Sextanten die Sterne mit einen hohen Berggipfel auf
+Lanzerota in Contact brachte, konnte ich sehen, daß die Oscillation
+beständig gegen denselben Punkt hinging, nämlich gegen das Stück des
+Horizontes, wo die Sonnenscheibe erscheinen sollte, und daß, abgesehen von
+der Declinationsbewegung des Sterns, das Bild immer an denselben Fleck
+zurückkehrte. Diese scheinbaren seitlichen Refractionen hörten auf, lange
+bevor die Sterne vor dem Tageslicht gänzlich verschwanden. Ich habe hier
+genau wiedergegeben, was wir in der Dämmerung beobachteten, versuche aber
+keine Erklärung der auffallenden Erscheinung, die ich schon vor zwölf
+Jahren in Zachs astronomischem Tagebuch bekannt gemacht habe. Die Bewegung
+der Dunstbläschen in Folge des Sonnenaufgangs, die Mischung verschiedener,
+in Temperatur und Dichtigkeit sehr von einander abweichenden Luftschichten
+haben ohne Zweifel zu der Verrückung der Gestirne in horizontaler Richtung
+das ihrige beigetragen. Etwas Aehnliches sind wohl die starken
+Schwankungen der Sonnenscheibe, wenn eben den Horizont berührt; aber diese
+Schwankungen betragen selten mehr als zwanzig Secunden, während die
+seitliche Bewegung der Sterne, wie wir sie auf dem Pic in mehr als 1800
+Toisen Höhe beobachteten, ganz gut mit bloßem Auge zu bemerken, und
+auffallender war als alle Erscheinungen, die man bis jetzt als Wirkungen
+der Brechung des Sternlichts angesehen hat. Ich war bei Sonnenaufgang und
+die ganze Nacht in 2100 Toisen Höhe auf dem Rücken der Anden, in Antisana,
+konnte aber nichts gewahr werden, was mit jenem Phänomen übereingekommen
+wäre.
+
+Ich wünschte in so bedeutender Höhe wie die, welche wir am Pic von
+Teneriffa erreicht hatten, den Moment des Sonnenaufganges genau zu
+beobachten. Kein mit Instrumenten versehener Reisender hatte noch eine
+solche Beobachtung angestellt. Ich hatte ein Fernrohr und ein Chronometer,
+dessen Gang mir sehr genau bekannt war. Der Himmelsstrich, wo die
+Sonnenscheibe erscheinen sollte, war dunstfrei. Wir sahen den obersten
+Rand um 4 Uhr 48’ 55" wahrer Zeit, und, was ziemlich auffallend ist, der
+erste Lichtpunkt der Scheibe berührte unmittelbar die Grenze des
+Horizonts; wir sahen demnach den wahren Horizont, das heißt einen Strich
+Meers auf mehr als 43 Meilen Entfernung. Die Rechnung ergibt, daß unter
+dieser Breite in der Ebene die Sonne um 5 Uhr 1 Minute 50 Secunden, oder
+11 Minuten 51,3 Secunden später als auf dem Pic hätte anfangen sonnen
+aufzugehen. Der beobachete Unterschied betrug 12 Minuten 55 Secunden, und
+dieß kommt ohne Zweifel von der Ungewißheit hinsichtlich der
+Refractionsverhältnisse für einen Abstand vom Zenith, wofür keine
+Beobachtungen vorliegen(16).
+
+Wir wunderten uns, wie ungemein langsam der untere Rand der Sonne sich vom
+Horizont zu lösen schien. Dieser Rand wurde erst um 4 Uhr 56 Min. 56 Sec.
+sichtbar. Die stark abgeplattete Sonnenscheibe war scharf begrenzt; es
+zeigte sich während des Aufgangs weder ein doppeltes Bild noch eine
+Verlängerung des untern Randes. Der Sonnenaufgang dauerte dreimal länger,
+als wir in dieser Breite hätten erwarten sollen, und so ist anzunehmen,
+daß eine sehr gleichförmig verbreitete Dunstschicht den wahren Horizont
+verdeckte und der aufsteigenden Sonne nachrückte. Trotz des Schwankens der
+Sterne, das wir vorhin im Osten beobachtet, kann man die Langsamkeit des
+Sonnenaufgangs nicht wohl einer ungewöhnlich starken Brechung der vom
+Meereshorizont zu uns gelangenden Strahlen zuschrieben; denn, wie le
+Gentil es täglich in Pondichery und ich öffers in Cumana beobachet haben,
+erniedrigt sich der Horizont gerade bei Sonnenaufgang, weil die Temperatur
+der Luftschicht unmittelbar auf der Meeresfläche sich erhöht.
+
+Der Weg, den wir uns durch das Malpays bahnen mußten, ist äußerst
+ermüdend. Der Abhang ist steil und die Lavablöcke wichen unter unseren
+Füßen. Ich kann dieses Stück des Weges nur mit den *Moränen* der Alpen
+vergleichen, jenen Haufen von Rollsteinen, welche am untern Ende der
+Gletscher liegen; die Lavatrümmer auf dem Pic haben aber scharfe Kanten
+und lassen oft Lücken, in die man Gefahr läuft bis zum halben Körper zu
+fallen Leider trug die Faulheit und der üble Wille unserer Führer viel
+dazu bei, uns das Aufsteigen sauer zu machen; sie glichen weder den
+Führern im Chamounithal noch jenen gewandten Guanchen, von denen die Sage
+geht, daß sie ein Kaninchen oder eine wilde Ziege im Laufe fingen. Unsere
+canarischen Führer waren träg zum Verzweifeln: sie hatten tags zuvor uns
+bereden wollen, nicht über die Station bei den Felsen hinaufzugehen; sie
+setzten sich alle zehn Minuten nieder, um auszuruhen; sie warfen hinter
+uns die Handstücke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfältig gesammelt
+hatten, weg, und es kam heraus, daß noch keiner auf dem Gipfel des
+Vulkanes gewesen war.
+
+Nach dreistündigem Marsch erreichten wir das Ende des Malpays bei einer
+kleinen Ebene, _la Rambleta_ genannt; aus ihrem Mittelpunkte steigt der
+Piton oder Zuckerhut empor. Gegen Orotava zu gleicht der Berg jenen
+Treppenpyramiden in Fejoum und in Mexiko, denn die Plateaus der Retama und
+die Rambleta bilden zwei Stockwerke, deren ersteres viermal höher ist als
+letzteres. Nimmt man die ganze Höhe des Piks zu 1904 Toisen [3710 m] an,
+so liegt die Rambleta 1820 Toisen [3546 m] über dem Meere. Hier befinden
+sich die Luftlöcher, welche bei den Eingeborenen *Nasenlöcher des Piks*
+(_Narices des Pico_) heißen. Aus mehreren Spalten im Gestein dringen hier
+in Absätzen warme Wasserdünste; wir sahen den Thermometer darin auf 43°,2
+steigen; Labillardière hatte acht Jahre vor uns diese Dämpfe 53°,7 heiß
+gefunden, ein Unterschied, der vielleicht nicht sowohl auf eine Abnahme
+der vulkanischen Thätigkeit als auf einen lokalen Wechsel in der Erhitzung
+der Bergwände hindeutet. Die Dämpfe sind geruchlos und scheinen reines
+Wasser. Kurz vor dem großen Ausbruch des Vesuv im Jahr 1806 beobachteten
+Gay-Lussac und ich, daß das Wasser, das in Dampfform aus dem Innern des
+Kraters kommt, Lackmuspapier nicht röthete. Ich kann übrigens der kühnen
+Hypothese mehrerer Physiker nicht beistimmen, wornach die *Naslöcher des
+Pic* als die Mündungen eines ungeheuren Destillierapparates, dessen Boden
+unter der Meeresfläche liegt, zu betrachten seyn sollen. Seit man die
+Vulkane sorgfältiger beobachetet und der Hang zum Wunderbaren sich in
+geologischen Büchern weniger bemerkbar macht, fängt man an den
+unmittelbaren beständigen Zusammenhang zwischen dem Meer und den Herden
+des vulkanischen Feuers mit Recht stark in Zweifel zu ziehen(17). Diese
+durchaus nicht auffallende Erscheinung erklärt sich wohl sehr einfach. Der
+Pic ist einen Theil des Jahres mit Schnee bedeckt; wir selbst fanden noch
+welchen auf der kleinen Ebene Rambleta; ja Odonell und Armstrong haben im
+Jahre 1806 im Malpays eine sehr starke Quelle entdeckt, und zwar hundert
+Toisen über der Eishöhle, die vielleicht zum Theil von dieser Quelle
+gespeist wird. Alles weist also darauf hin, daß der Pic von Teneriffa,
+gleich den Vulkanen der Anden und der Inzel Lucon, im Inneren große
+Höhlungen hat, die mit atmosphärischem Wasser gefüllt sind, das einfach
+durchgesickert ist. Die Wasserdämpfe, welche die Naslöcher und die Spalten
+im Krater ausstoßen, sind nichts als dieses selbe Wasser, das durch die
+Wände, über die es fließt, erhitzt wird.
+
+Wir hatten jetzt noch den steilsten Theil des Berges, der die Spitze
+bildet, den Piton, zu ersteigen. Der Abhang dieses kleinen, mit
+vulkanischer Asche und Bimssteinstücken bedeckten Kegels ist so schroff,
+daß es fast unmöglich wäre, auf den Gipfel zu gelangen, wenn man nicht
+einem alten Lavastrom nachginge, der aus dem Krater geflossen scheint und
+dessen Trümmer dem Zahn der Zeit getrotzt haben. Diese Trümmer bilden eine
+verschlackte Felswand, die sich mitten durch die lose Asche hinzieht. Wir
+erstiegen den Piton, indem wir uns an diesen Schlacken anklammerten, die
+scharfe Kanten haben und, halb verwittert, wie sie sind, uns nicht selten
+in der Hand blieben. Wir brauchten gegen eine halbe Stunde, um einen Hügel
+zu ersteigen, dessen senkrechte Höhe kaum 90 Toisen [175 m] beträgt. Der
+Vesuv, der dreimal niedriger ist als der Vulkan auf Teneriffa, läuft in
+einen fast dreimal höheren Aschenkegel aus, der aber nicht so steil und
+zugänglicher ist. Unter allen Vulkanen, die ich besucht, ist nur der
+Jorullo in Mexiko noch schwerer zu besteigen, weil der ganze Berg mit
+loser Asche bedeckt ist.
+
+Wenn der Zuckerhut mit Schnee bedeckt ist, wie bei Eintritt des Winters,
+so kann die Steilheit des Anhanges den Reisenden in die größte Gefahr
+bringen. Le Gros zeigte uns die Stelle, wo Kapitän Baudin auf seiner Reise
+nach Teneriffa beinahe ums Leben gekommen wäre. Muthig hatte er gegen Ende
+Dezembers 1797 mit den Naturforschern Advenier, Mauger und Riedlé die
+Besteigung des Gipfels des Vulkans unternommen. In der halben Höhe des
+Kegels fiel er und rollte bis zur kleinen Ebene Rambleta hinunter; zum
+Glück machte ein mit Schnee bedeckter Lavahaufen, daß er nicht noch weiter
+mit beschleunigter Geschwindigkeit hinabflog. Wie man mir versichert, ist
+ein Reisender, der den mit festem Rasen bedeckten Abhang des Col de Balme
+hinabgerollt war, erstickt gefunden worden.
+
+Auf der Spitze des Piton angelangt, wunderten wir uns nicht wenig, daß wir
+kaum Platz fanden, bequem niederzusitzen. Wir standen vor einer kleinen
+kreisförmigen Mauer aus porphyrartiger Lava mit Pechsteinbasis; diese
+Mauer hinterte uns, in den Krater hinabzusehen. [La Caldera oder der
+Kessel des Pics. Der Name erinnert an die *Oules* der Pyrenäen.] Der Wind
+blies so heftig aus West, daß wir uns kaum auf den Beinen halten konnten.
+Es war acht Uhr morgens und wir waren starr vor Kälte, obgleich der
+Thermometer etwas über dem Gefrierpunkt stand. Seit lange waren wir an
+eine sehr hohe Temperatur gewöhnt, und der trockene Wind steigerte das
+Frostgefühl, weil er die kleine Schicht warmer und feuchter Luft, welche
+sich durch die Hautausdünstung um uns her bildete, fortwährend wegführte.
+
+Der Krater des Pic hat, was den Rand betrifft, mit den Kratern der meisten
+anderen Vulkane, die ich besucht, z. B. mit dem des Vesuvs, des Jorullo
+und Pipincha, keine Aehnlichkeit. Bei diesen behält der Piton seine
+Kegelgestalt bis zum Gipfel; der ganze Abhang ist im selben Winkel geneigt
+und gleichförmig mit einer Schicht sehr fein zertheilten Bimssteins
+bedeckt; hat man die Spitze dieser drei Vulkane erreicht, so blickt man
+frei bis auf den Boden des Schlunds. Der Pic von Teneriffa und der
+Cotopaxi dagegen sind ganz anders gebaut; auf ihrer Spitze läuft
+kreisförmig ein Kamm oder eine Mauer um den Krater; von ferne stellt sich
+diese Mauer wie ein kleiner Cylinder auf einem abgestutzten Kegel dar.
+Beim Cotopaxi erkennt man dieses eigenthümliche Bauwerk über 2000 Toisen
+weit mit bloßem Auge, weßhalb auch noch kein Mensch bis zum Krater dieses
+Vulkans gekommen ist. Beim Pik von Tenerifa ist der Kamm, der wie eine
+Brustwehr um den Krater läuft, so hoch, daß er gar nicht zur *Caldera*
+gelangen ließe, wenn sich nicht gegen Ost eine Lücke darin befände, die
+von einem sehr alten Lavaerguß herzurühren scheint. Durch diese Lücke
+stiegen wir auf den Boden des Trichters hinab, der elliptisch ist; die
+große Achse läuft von Nordwest nach Südost, etwa Nord 35° Ost. Die größte
+Breite der Öffnung schätzten wir auf 300 Fuß [97 m], die kleinste auf 200
+Fuß [65 m]. Diese Angaben stimmen ziemlich mit den Messungen von Berguin,
+Verela und Borda; nach diesen Reisenden messen die zwei Axen 40 und 30
+Toisen. [Cordier, der den Gipfel des Pics vier Jahre nach mir besucht hat,
+schätzt die große Axe auf 65 Toisen. Lamanon gibt dafür 50 T. an, Odonnell
+aber gibt dem Krater 550 Baras (236 Toisen) Umfang.]
+
+Man sieht leicht ein, daß die Größe eines Kraters nicht allein von der
+Höhe und der Masse des Berges abhängt, dessen Hauptöffnung er bildet.
+Seine Weite steht sogar selten im Verhältniß mit der Intensität des
+vulkanischen Feuers oder der Thätigkeit des Vulkans. Beim Vesuv, der gegen
+den Pik von Teneriffa nur ein Hügel ist, hat der Krater einen fünfmal
+größeren Durchmesser. Bedenkt man, daß sehr hohe Vulkane aus ihrem Gipfel
+weniger Stoffe auswerfen als aus Seitenspalten, so könnte man versucht
+seyn anzunehmen, daß, je niedriger die Vulkane sind, ihre Krater, bei
+gleicher Kraft und Thätigkeit, desto größer seyn müßten. Allerdings gibt
+es ungeheure Vulkane in den Anden, die nur sehr kleine Oeffnungen haben,
+und man könnte es als ein geologisches Gesetz hinstellen, daß die
+colossalsten Berge auf ihren Gipfeln nur Krater von geringem Umfang haben,
+wenn sich nicht in den Cordilleren mehrere Beispiele [Die großen Vulkane
+Cotopaxi und Rucupichincha haben nach meinen Messungen Krater mit
+Diametern von mehr als 500 und 700 Toisen.] des gegentheiligen Verhaltens
+fänden. Ich werde im Verfolg Gelegenheit finden, zahlreiche Thatsachen
+anzuführen, welche einst auf das, was man den äußern Bau der Vulkane
+nennen kann, einiges Licht werfen könnten. Dieser Bau ist so mannigfaltig
+als die vulkanischen Erscheinungen selbst, und will man sich zu
+geologischen Vorstellungen erheben, die der Größe der Natur würdig sind,
+so muß man die Meinung aufgeben, als ob alle Vulkane nach dem Muster des
+Vesuv, des Stromboli und des Aetna gebaut wären.
+
+Die äußeren Ränder der *Caldera* sind beinahe senkrecht; sie stellen sich
+ungefähr dar wie die Somma, vom Atrio dei Cavalli aus gesehen. Wir stiegen
+auf den Boden des Kraters auf einen Streif zerbrochener Laven, der zu der
+Lücke in der Umfassungsmauer hinaufläuft. Hitze war nur über einigen
+Spalten zu spüren, aus denen Wasserdampf mit einem eigenthümlichen Sumsen
+strömte. Einige dieser Luftlöcher oder Spalten befinden sich äußerhalb des
+Kraterumfanges, am äußeren Rand der Brüstung, welche den Krater umgibt.
+Ein in dieselben gebrachter Thermometer stieg rasch auf 68 und 75 Grad. Er
+zeigte ohne Zweifel eine noch höhere Temperatur an; aber wir konnten das
+Instrument erst ansehen, nachdem wir es herausgezogen, wollten wir uns
+nicht die Hände verbrennen. Cordier hat mehrere Spalten gefunden, in denen
+die Hitze der des siedenden Wassers gleich war. Man könnte glauben, diese
+Dämpfe, die stoßweise hervorkommen, enthalten Salzsäure oder
+Schwefelsäure; läßt man sie aber an einem kalten Körper sich verdichten,
+zeigen sie keinen besondern Geschmack, und die Versuche mehrerer Physiker
+mit Reagentien beweisen, daß die Fumarolen des Pic nur reines Wasser
+aushauchen; diese Erscheinung, die mit meinen Beobachtungen im Krater des
+Jorullo übereinstimmt, verdient desto mehr Aufmerksamkeit, als Salzsäure
+in den meisten Vulkanen in großer Menge vorkommt und Bauquelin sogar in
+den porphyrähnlichen Laven von Sarcouy in der Auvergne Salzsäure gefunden
+hat.
+
+Ich habe an Ort und Stelle die Ansicht des inneren Kraterrandes
+gezeichnet, wie er sich darstellt, wenn man durch die gegen Ort gelegene
+Lücke hinabsteigt. Nichts merkwürdiger als diese Aufeinanderlagerung von
+Lavaschichten, die Krümmungen zeigen, wie der Alpenkalkstein. Diese
+ungeheuren Bänke sind bald wagrecht, bald geneigt und wellenförmig
+gewunden, und Alles weist darauf hin, daß einst die ganze Masse flüssig
+war, und daß mehrere störende Ursachen zusammenwirkten, um jedem Strom
+seine bestimmte Richtung zu geben. An der obenumlaufenden Mauer sieht man
+das seltsame Astwerk, wie man es an der entschwefelten Steinkohle
+beobachtet. Der nördliche Rand ist der höchste; gegen Südwest erniedrigt
+sich die Mauer bedeutend und am äußersten Rand ist eine ungeheure
+verschlackte Lavamasse angebacken. Gegen West ist das Gestein
+durchbrochen, und durch eine weite Spalte sieht man den Meereshorizont.
+Vielleicht hat die Gewalt der elastischen Dämpfe im Moment, wo die im
+Krater aufgestiegene Lava überquoll, hier durchgerissen.
+
+Das Innere des Trichters weist darauf hin, daß der Vulkan seit
+Jahrtausenden nur noch aus seinen Seiten Feuer gespieen hat. Diese
+Behauptung gründet sich nicht darauf, weil sich am Boden der Caldera keine
+großen Oeffnungen zeigen, wie man erwarten könnte. Die Physiker, die die
+Natur selbst beobachtet haben, wissen, daß viele Vulkane in der
+Zwischenzeit zweier Ausbrüche ausgefüllt und fast erloschen scheinen, daß
+sich dann aber im vulkanischen Schlund Schichten sehr rauher, klingender
+und glänzender Schlacken finden. Man bemerkt kleine Erhöhungen,
+Auftreibungen durch die elastischen Dämpfe, kleine Schlacken- und
+Aschenkegel, unter denen die Oeffnungen liegen. Der Krater des Pic von
+Teneriffa zeigt keiens dieser Merkmale; sein Boden ist nicht im Zustand
+geblieben, wie ein Ausbruch ihn zurückläßt. Durch den Zahn der Zeit und
+den Einfluß der Dämpfe sind die Wände abgebröckelt und haben das Becken
+mit großen Blöcken steinigter Lava bedeckt.
+
+Man gelangt gefahrlos auf den Boden des Kraters. Bei einem Vulkan, dessen
+Hauptthätigkeit dem Gipfel zu geht, wie beim Vesuv, wechselt die Tiefe des
+Kraters vor und nach jedem Ausbruch; auf dem Pic von Teneriffa dagegen
+scheint die Tiefe seit langer Zeit sich gleichgeblieben zu seyn. Edens
+schätzte sie im Jahre 1715 auf 115 Fuß [37 m], Cordier im J. 1803 auf 110
+[35,5 m]. Nach dem Augenmaaß hätte ich geglaubt, daß der Trichter nicht
+einmal so tief wäre. In seinem jetzigen Zustand ist er eigentlich eine
+Solfatara; er ist ein weites Feld für interessante Beobachtungen, aber
+imposant ist sein Anblick nicht. Großartig wird der Punkt nur durch die
+Höhe über dem Meeresspiegel, durch die tiefe Stille in dieser Region,
+durch den unermeßlichen Erdraum, den das Auge auf der Spitze des Berges
+überblickt.
+
+Die Besteigung des Vulkans von Teneriffa ist nicht nur dadurch anziehend,
+daß sie uns so reichen Stoff für wissenschaftliche Forschung liefert; sie
+ist es noch weit mehr dadurch, daß sie den, der Sinn hat für die Größe der
+Natur, eine Fülle malerischer Reize bietet. Solche Empfindungen zu
+schildern, ist eine schwere Aufgabe; sie regen uns desto tiefer auf, da
+sie etwas Unbestimmtes haben, wie es die Unermeßlichkeit des Raums und die
+Größe, Neuheit und Mannigfaltigkeit der uns umgebenden Gegenstände mit
+sich bringen. Wenn ein Reisender die hohen Berggipfel unseres Erdballs,
+die Cataracten der großen Ströme, die gewundenen Thäler der Anden zu
+beschreiben hat, so läuft er Gefahr den Leser durch den eintönigen
+Ausdruck seiner Bewunderung zu ermüden. Es scheint mir den Zwecken, die
+ich bei dieser Reisebeschreibung im Auge habe, angemessener, den
+eigenthümlichen Charakter zu schildern, der jeden Landstrich auszeichnet.
+Man lehrt die Physiognomie einer Landschaft deste besser kennen, je
+genauer man die einzelnen Züge auffaßt, sie unter einander vergleicht und
+so auf dem Wege der Analysis den Quellen der Genüsse nachgeht, die uns das
+große Naturgemälde bietet.
+
+Die Reisenden wissen aus Erfahrung, daß man auf der Spitze hoher Berge
+selten eine so schöne Aussicht hat und so mannigfaltige malerische Effekte
+beobachtet als auf den Gipfeln von der Höhe des Vesuvs, des Rigi, des Puy
+de Dome. Colossale Berge wie der Chimborazo, der Antisana oder der
+Montblanc haben eine so große Masse, daß man die mit reichem Pflanzenwuchs
+bedeckten Ebenen nur in großer Entfernung sieht und ein bläulicher Duft
+gleichförmig auf der ganzen Landschaft liegt. Durch seine schlanke Gestalt
+und seine eigenthümliche Lage vereinigt nun der Pic von Teneriffa die
+Vortheile niedrigerer Gipfel mit denen, wie sehr bedeutende Höhen sie
+bieten. Man überblickt auf seiner Spitze nicht allein einen ungeheuren
+Meereshorizont, der über die höchsten Berge der benachbarten Inseln
+hinaufreicht, man sieht auch die Wälder von Teneriffa und die bewohnten
+Küstenstriche so nahe, daß noch Umrisse und Farben in den schönsten
+Contrasten hervortreten. Es ist als ob der Vulkan die kleine Insel, die
+ihm zur Grundlage dient, erdrückte; er steigt aus dem Schooße des Meeres
+dreimal höher auf, als die Wolken im Sommer ziehen. Wenn sein seit
+Jahrhunderten halb erloschener Krater Feuergarben auswürfe wie der
+Stromboli der äolischen Inseln, so würde der Pik von Tenerifa dem Schiffer
+in einem Umkreis von mehr als 260 Meilen als Leuchtthurm dienen.
+
+Wir lagerten uns am äußern Rande des Kraters und blickten zuerst nach
+Nordwest, wo die Küsten mit Dörfern und Weilern geschmückt sind. Vom Winde
+fortwährend hin und her getriebene Dunstmassen zu unser Füßen boten uns
+das mannigfaltigste Schauspiel. Eine ebene Wolkenschicht zwischen uns den
+tiefen Regionen der Insel, dieselbe, von der oben die Rede war, war da und
+dort durch die kleinen Luftströme durchbrochen, welche nachgerade die von
+der Sonne erwärmte Erdoberfläche zu uns heraufsandte. Der Hafen von
+Orotava, die darin ankernden Schiffe, die Gärten und Weinberge um die
+Stadt wurden durch eine Oeffnung sichtbar, welche jeden Augenblick größer
+zu werden schien. Aus diesen einsamen Regionen blickten wir nieder in eine
+bewohnte Welt; wir ergötzten uns am lebhaften Contrast zwischen den dürren
+Flanken des Pics, seinen mit Schlacken bedeckten steilen Abhängen, seinen
+pflanzenlosen Plateaus, und dem lachtenden Anblick des bebauten Landes;
+wir sahen, wie sich die Gewächse nach der mit der Höhe abnehmenden
+Temperatur in Zonen vertheilen. Unter dem Piton beginnen Flechten die
+verschlackten, glänzenden Laven zu überziehen; ein Veilchen [_Viola
+cheiranthifolia_], das der _Viola decumbens_ nahe steht, geht am Abhang
+des Vulkans bis zu 1740 Toisen [3390 m] Höhe, höher nicht allein als die
+andern krautartigen Gewächse, sondern sogar höher als die Gräser, welche
+in den Alpen und auf dem Rücken der Kordilleren unmittelbar an die
+Gewächse aus der Familie der Kryptogamen stoßen. Mit Blüthen bedechte
+Retamabüsche schmücken die kleinen, von den Regenströmen eingerissenen und
+durch die Seitenausbrüche verstopften Thäler; unter der Retama folgt die
+Region der Farn und auf diese die der baumartigen Heiden. Wälder von
+Lorbeeren, Rhamnus und Erdbeerbäumen liegen zwischen den Heidekräutern und
+den mit Reben und Obstbäumen bepflanzten Geländen. Ein reicher grüner
+Teppich breitet sich von der Ebene der Ginster und der Zone der
+Alpenkräuter bis zu den Gruppen von Dattelpalmen und Musen, deren Fuß das
+Weltmeer zu bespülen scheint. Ich deute hier nur die Hauptzüge dieser
+Pflanzenkarte an; im Folgenden gebe ich einiges Nähere über die
+Pflanzengeographie der Insel Teneriffa.
+
+Daß auf der Spitze des Pics die Dörfchen, Weinberge und Gärten an der
+Küste einem so nahe gerückt scheinen, dazu trägt die erstaunliche
+Durchsichtigkeit der Luft viel bei. Trotz der bedeutenden Entfernung
+erkannten wir nicht nur die Häuser, die Baumstämme, das Takelwerk der
+Schiffe, wir sahen auch die reiche Pflanzenwelt der Ebenen in den
+lebhaftesten Farben glänzen. Diese Erscheinung ist nicht allein dem hohen
+Standpunkt zuzuschreiben, sie deutet auf eine eigenthümliche
+Beschaffenheit der Luft in den heißen Ländern. Unter allen Zonen erscheint
+ein Gegenstand, der sich auf dem Meeresspiegel befindet und von dem die
+Lichtstrahlen in wagrechter Richtung ausgehen, weniger lichtstark, als
+wenn man ihn vom Gipfel eines Berges sieht, wohin die Wasserdämpfe durch
+Luftschichten von abnehmender Dichtigkeit gelangen. Gleich auffallende
+Unterschiede werden vom Einfluß der Klimate bedingt; der Spiegel eines
+Sees oder eines breiten Flusses glänzt bei gleicher Entfernung weniger,
+wenn man ihn vom Kamme der Schweizer Hochalpen, als wenn man ihn vom
+Gipfel der Cordilleren von Peru oder Mexico sieht. Je reiner und heiterer
+die Luft ist, desto vollständiger wird das Licht bei seinem Durchgang
+geschwächt. Wenn man von der Südsee her auf die Hochebene von Quito oder
+Antisana kommt, so wundert man sich in den ersten Tagen, wie nahe gerückt
+Gegenstände erscheinen, die sieben, acht Meilen entfernt sind. Der Pic von
+Teyde genießt nur zwar nicht des Vortheils, unter den Tropen zu liegen,
+aber die Trockenheit der Luftsäulen, welche fortwährend über den
+benachbarten afrikanischen Ebenen aufsteigen und die die Westwinde rasch
+herbeiführen, verleiht der Luft der canarischen Inseln eine
+Durchsichtigkeit, hinter der nicht nur die Luft Neapels und Siziliens,
+sondern vielleicht sogar der klare Himmel Perus und Quitos zurückstehen.
+Auf dieser Durchsichtigkeit beruht vornehmlich die Pracht der Landschaften
+unter den Tropen; sie hebt den Glanz der Farben der Gewächse und steigert
+die magische Wirkung ihrer Harmonien und ihrer Contraste. Wenn eine große,
+um die Gegenstände verbreitete Lichtmasse in gewissen Stunden des Tages
+die äußern Sinne ermüdet, so wird der Bewohner südlicher Klimate durch
+moralische Genüsse dafür entschädigt. Schwung und Klarheit der Gedanken,
+innerliche Heiterkeit entsprechen der Durchsichtigkeit der umgebenden
+Luft. Man erhält diese Eindrücke, ohne die Grenzen von Europa zu
+überschreiten; ich berufe mich auf die Reisenden, welche jene durch die
+Wunder des Gedankens und der Kusnt verherrlichten Länder gesehen haben,
+die glücklichen Himmelsstriche Griechenlands und Italiens.
+
+Umsonst verlängerten wir unseren Aufenthalt auf dem Gipfel des Pics, des
+Moments harrend, wo wir den ganzen Archipel der glückseligen Inseln(18)
+würden übersehen können. Wir sahen zu unseren Füßen Palma, Gomera und die
+Große Canaria. Die Berge von Lanzerota, die bei Sonnenaufgang dunstfrei
+gewesen waren, hüllten sich bald wieder in dichte Wolken. Nur die
+gewöhnliche Refraction vorausgesetzt, übersieht das Auge bei hellen Wetter
+vom Gipfel des Vulkans ein Stück Erdoberfläche von 5700 Quadratmeilen
+[115000 qkm], also so viel als ein Viertheil der Oberfläche Spaniens. Oft
+ist die Frage aufgeworfen worden, ob man von dieser ungeheurn Pyramide die
+afrikanische Küste sehen könne. Aber die nächsten Striche dieser Küste
+sind 2 Grad 49 Minuten im Bogen, oder 56 Meilen [252 km] entfernt; da nun
+der Gesichtshalbmesser des Horizonts des Pics 1 Grad 47 Minuten beträgt,
+so kann Cap Bojador nur sichtbar werden, wenn man ihm 200 Toisen
+Meereshöhe gibt. Wiir wissen gar nicht, wie hoch die Schwarzen Berge bei
+Cap Bojador sind, sowie der Pic südlich von diesem Vorgebirge, den die
+Seefahrer Peñon grade nennen. Wäre der Gipfel des Vulkans von Teneriffa
+zugänglicher, so ließen sich dort ohne Zweifel bei gewissen Windrichtungen
+die Wirkungen ungewöhnlicher Refraction beobachten. Liest man die Berichte
+spanischer und portugiesischer Schriftsteller über die Existenz der
+fabelhaften Insel San Borondon oder Antilia, so sieht man, daß in diesen
+Strichen vorzüglich der feuchte West-Süd-Westwind Luftspiegelungen zur
+Folge hat;(19) indessen wollen wir nicht mit Viera glauben, »daß durch das
+Spiel der irdischen Refraction die Inseln des grünen Vorgebirges, ja sogar
+die Apalachen in Amerika den Bewohnern der Canarien sichtbar werden
+können.«
+
+Die Kälte, die wir auf dem Gipfel des Pics empfanden, war für die
+Jahreszeit sehr bedeutend. Der hunderttheilige Thermometer(20) zeigte
+entfernt vom Boden und von den Fumarolen, die heiße Dämpfe ausstoßen, im
+Schatten 2°,7. Der Wind war West, also dem entgegengesetzt, der einen
+großen Teil des Jahres Teneriffa die heiße Luft zuführt, die über den
+glühenden Wüsten Afrikas aufsteigt. Da die Temperatur im Hafen von
+Orotava, nach Herrn Savagis Beobachtung, 22°,8 war, so nahm die Wärme auf
+94 Toisen Höhe um einen Grad ab. Dieses Ergebniß stimmt vollkommen mit dem
+überein, was Lamanon und Saussure auf den Spitzen des Pics und des Aetna,
+obwohl in sehr verschiedenen Jahreszeiten, beobachtet haben. [Lamanons
+Beobachtung ergiebt einen Grad auf 99 Toisen, obgleich die Temperatur des
+Pics um 9° von der von uns beobachteten abwich. Am Aetna fand Saussure die
+Abnahme gleich 91 Toisen.] Die schlanke Gestalt dieser Berge bietet den
+Vortheil, daß man die Temperatur zweier Luftschichten fast senkrecht über
+einander beobachten kann, und in dieser Beziehung gleichen die
+Beobachtungen, die man bei der Besteigung des Vulkans von Teneriffa macht,
+denen, die man bei einer Auffahrt im Luftballon machen kann. Es ist
+indessen zu bemerken, daß die See wegen ihrer Durchsichtigkeit und wegen
+der Verdunstung weniger Wärme den hohen Luftschichten zusendet als die
+Ebenen; daher ist es auf vom Meer umgebenen Berggipfeln im Sommer kälter
+als auf Bergen mitten im Lande; dieses Moment hat aber nur geringen
+Einfluß auf die Abnahme der Luftwärme, da die Temperatur der tiefen
+Regionen in der Nähe des Meeres gleichfalls eine niedrigere ist.
+
+Anders verhält es sich mit dem Einflusse der Windrichtung und der
+Geschwindigkeit des aufsteigenden Stroms; letzterer erhöht nicht selten
+die Temperatur der höchsten Berge in erstaunlichem Grade. Am Abhang des
+Antisana im Königreich Quito sah ich in 2837 Toisen Höhe den Thermometer
+auf 19° stehen; Labillardière beobachtete am Kraterrand des Pic von
+Teneriffa 18°,7, wobei er alle erdenkliche Vorsicht gebraucht hatte, um
+den Einfluß zufälliger Ursachen auszuschließen. Da die Temperatur der
+Rhede von Santa Cruz zur selben Zeit 28° war, so betrug der Unterschied
+zwischen der Luft an der Küste und der auf dem Pic 9°,3 statt 20°, die
+einer Wärmeabnahme von einem Grad auf 94 Toisen entsprechen. Ich finde im
+Schiffstagebuch von l´Entrecasteaux´s Expedition, daß damals in Santa Cruz
+der Wind Süd-Süd-Ost war. Vielleicht wehte derselbe Wind stärker in den
+hohen Luftregionen; vielleicht trieb er in schiefer Richtung die warme
+Luft vom nahen Festlande der Spitze des Piton zu. Labillardières
+Besteigung fand zudem am 17. Oktober 1791 statt, und in den Schweizer
+Alpen hat man die Beobachtung gemacht, daß der Temperaturunterschied
+zwischen Berg und Tiefland im Herbst geringer ist als im Sommer. Alle
+diese Schwankungen im Maß der Temperaturabnahme haben auf die Messungen
+mittelst des Barometers nur insofern Einfluß, als die Abnahme in den
+dazwischenliegenden Schichten nicht gleichförmig ist, und von der
+arithmetischen gleichmäßigen Progression, wie die angewandten Formeln sie
+annehmen, abweicht.
+
+Wir wurden auf dem Gipfel des Pics nicht müde, die Farbe des blauen
+Himmelsgewölbes zu bewundern. Ihre Intensität im Zenith schien uns gleich
+41° des Cyanometers. Man weiß nach Saussures Versuchen, daß diese
+Intensität mit der Verdünnung der Luft zunimmt, und daß dasselbe
+Instrument zu selben Zeit bei der Priorei von Chamouni 39° und auf der
+Spitze des Montblanc 40° zeigte. Dieser Berg ist um 540 Toisen höher als
+der Vulkan von Teneriffa, und wenn trotz diesem Unterschied auf ersterem
+das Himmelsblau nicht so dunkel ist, so rührt dies wohl von der
+Trockenheit der afrikanischen Luft und der Nähe der heißen Zone her.
+
+Wir fingen am Kraterrand Luft auf, um sie auf der Fahrt nach Amerika
+chemisch zu zerlegen. Die Flasche war so gut verschlossen, daß, als wir
+sie nach zehn Tagen öffneten, das Wasser mit Gewalt hineindrang. Nach
+mehreren Versuchen mit Salpetergas in der engen Röhre des Fontanaschen
+Eudiometers enthielt die Luft im Krater neun Hunderttheile weniger
+Sauerstoff als die Seeluft; ich gebe aber wenig auf dieses Resultat, da
+die Methode jetzt für ziemlich unzuverlässig gilt. Der Krater des Pics hat
+so wenig Tiefe und die Luft darin erneuert sich so leicht, daß schwerlich
+mehr Stickstoff darin ist als an der Küste. Wir wissen überdem aus
+Gay-Lussacs und Theodor Saussures Versuchen, daß die Luft in den höchsten
+Luftregionen wie in den tiefsten 0,21 Sauerstoff enthält.(21)
+
+Wir sahen auf dem Gipfel des Pics keine Spur von Psora, Lecidium oder
+andern Crytogamen, kein Insekt flatterte in der Luft. Indessen findet man
+hie und da ein hautflügligtes Insekt an den Schwefelmassen angeklebt, die
+von schwefligter Säure feucht sind und die Oeffnungen der Fumarolen
+auskleiden. Es sind Bienen, die wahrscheinlich die Blüthen des _Spartium
+nubigenum_ aufgesucht hatten und vom Winde schief aufwärts in diese Höhe
+getrieben worden waren, wie die Schmetterlinge, welche Ramond auf dem
+Gipfel des Mont-Perdu gefunden. Die letzteren gehen durch die Kälte zu
+Grunde, während die Bienen auf dem Pic geröstet werden, wenn sie
+unvorsichtig den Spalten, an denen sie sich wärmen wollen, zu nahe kommen.
+
+Trotz dieser Wärme, die man am Rande des Kraters unter den Füßen spürt,
+ist der Aschenkegel im Winter mehrere Monate mit Schnee bedeckt.
+Wahrscheinlich bilden sich unter der Schneehaube große Höhlungen, ähnlich
+denen unter den Gletschern in der Schweiz, die beständig eine niedrigere
+Temperatur haben als der Boden, auf dem sie ruhen. Der heftige kalte Wind,
+der seit Sonnenaufgang blies, zwang uns, am Fuße des Piton Schutz zu
+suchen. Hände und Gesicht waren uns erstarrt, während unsere Stiefel auf
+dem Boden, auf den wir den Fuß setzten, verbrannten. In wenigen Minuten
+waren wir am Fuß des Zuckerhuts, den wir so mühsam erklommen, und diese
+Geschwindigkeit war zum Theil unwillkürlich, da man häufig in der Asche
+hinunterrutscht. Ungern schieden wir von dem einsamen Ort, wo sich die
+Natur in ihrer ganzen Großartigkeit vor uns aufthut; wir hofften die
+canarischen Inseln noch einmal besuchen zu können, aber aus dem Plan wurde
+nichts, wie aus so vielen, die wir damals entwarfen.
+
+Wir gingen langsam durch das Malpays; auf losen Lavablöcken tritt man
+nicht sicher auf. Der Station bei den Felsen zu wird der Weg abwärts
+äußerst beschwerlich; der dichte kurze Rasen ist so glatt, daß man sich
+beständig nach hinten überbeugen muß, um nicht zu stürzen. Auf der
+sandigen Ebene der Retama zeigte der Thermometer 22°,5, und dieß schien
+uns nach dem Frost, der uns auf dem Gipfel geschüttelt, eine erstickende
+Hitze. Wir hatten gar kein Wasser; die Führer hatten nicht allein den
+kleinen Vorrath Malvasier, den wir der freundlichen Vorsage Cologans
+verdankten, heimlich getrunken, sondern sogar die Wassergefäße zerbrochen.
+Zum Glück war die Flasche mit der Kraterluft unversehrt geblieben.
+
+In der schönen Region der Farn und der baumartigen Heiden genossen wir
+endlich einiger Kühlung. Eine dicke Wolkenschicht hüllte uns ein; sie
+hielt sich in 600 Toisen Höhe über der Niederung. Während wir durch diese
+Schicht kamen, hatten wir Gelegenheit, eine Erscheinung zu beobachten, die
+uns später am Abhang der Cordilleren öfters vorgekommen ist. Kleine
+Luftströme trieben Wolkenstreifen mit verschiedener Geschwindigkeit nach
+entgegengesetzten Richtungen. Dieß nahm sich aus, als ob in einer großen
+stehenden Wassermasse kleine Wasserströme sich rasch nach allen Seiten
+bewegten. Diese theilweise Bewegung der Wolken rührt wahrscheinlich von
+sehr verschiedenen Ursachen her, und man kann sich denken, daß der Anstoß
+dazu sehr weit her kommen mag. Man kann den Grund in den kleinen
+Unebenheiten des Bodens suchen, die mehr oder weniger Wärme strahlen, in
+einem auf irgend einem chemischen Proceß beruhenden Temperaturunterschied,
+oder endlich in einer starken elektrischen Ladung der Dunstbläschen.
+
+In der Nähe der Stadt Orotava trafen wir große Schwärme von Canarienvögeln
+[_Fringilla Canaria_. La Caille erzählt in seiner Reisebeschreibung nach
+dem Cap, auf der Insel Salvage fänden sich diese Vögel in so ungeheurer
+Menge, daß man in einer gewissen Jahreszeit nicht umhergehen könne, ohne
+Eier zu zertreten.] Diese in Europa so wohl bekannten Vögel waren ziemlich
+gleichförmig grün, einige auf dem Rücken gelblich; ihr Schlag glich dem
+der zahmen Canarienvögel, man bemerkt indessen, daß die, welche auf der
+Insel Gran Canaria und auf dem kleinen Eiland Monte Clara bei Lanzerota
+gefanden werden, einen stärkeren und zugleich harmonischeren Schlag haben.
+In allen Himmelsstrichen hat jeder Schwarm derselben Vogelart seine eigene
+Sprache. Die gelben Canarienvögel sind eine Spielart, die in Europa
+entstanden ist, und die, welche wir zu Orotava und Santa Cruz de Teneriffa
+in Käfigen sahen, waren in Cadix und anderen spanischen Häfen gekauft.
+Aber der Vogel der canarischen Inseln, der von allen den schönsten Gesang
+hat, ist in Europa unbekannt, der Capirote, der so sehr die Freiheit
+liebt, daß er sich niemals zähmen ließ. Ich bewunderte seinen weichen,
+melodischen Schlag in einem Garten bei Orotava, konnte ihn aber nicht nahe
+genug zu Gesicht bekommen, um zu bestimmen, welcher Gattung sie angehört.
+Was die Papageien betrifft, die man beim Aufenthalt des Kapitän Cook auf
+Teneriffa gesehen haben will, so existiren sie nur in Reiseberichten, die
+einander abschreiben. Es gibt auf den Canarien wieder Papageien noch
+Affen, und obgleich erstere in der neuen Welt bis Nordcarolina wandern, so
+glaube ich doch kaum, daß in der alten über dem 28sten Grad nördlicher
+Breite welche vorkommen.
+
+Wir kamen, als der Tag sich neigte, im Hafen von Orotava an und erhielten
+daselbst die unerwartete Nachricht, daß der Pizarro erst in der Nach vom
+24. zum 25. unter Segel gehen werde. Hätten wir auf diesen Aufschub
+rechnen können, so wären wir entweder länger auf dem Pic geblieben(22)
+oder hätten einen Ausflug nach dem Vulkan Chahorra gemacht. Den folgenden
+Tag durchstreiften wir die Umgegend von Orotava. Da fühlten wir recht, daß
+der Aufenthalt auf Teneriffa nicht bloß für den Naturforscher von
+Interesse ist; man findet in Orotava Liebhaber von Literatur und Musik,
+welche den Reiz europäischer Gesellschaft in diese fernen Himmelsstriche
+verpflanzt haben. In dieser Beziehung haben die canarischen Inseln mit den
+übrigen spanischen Kolonien, Havanna ausgenommen, wenig gemein.
+
+Am Vorabend des Johannistages wohnten wir einem ländlichen Feste in Herrn
+Littles Garten bei. Dieser Handelsmann, der den Canarien bei der letzten
+Getreidetheuerung bedeutende Dienste erwiesen, hat einen mit vulkanischen
+Trümmern bedeckten Hügel angepflanzt und an diesem köstlichen Punkt einen
+englischen Garten angelegt, wo man eine herrliche Aussicht auf die
+Pyramide des Pics, auf die Dörfer an der Küste und die Insel Palme hat,
+welche die weite Meeresfläche begrenzt. Ich kann diese Aussicht nur mit
+der in den Golfen von Neapel und Genua vergleichen, aber hinsichtlich der
+Großartigkeit der Massen und der Fülle des Pflanzenwuchses steht Orotave
+über beiden. Bei Einbruch der Nacht bot uns der Abhang des Vulkans auf
+einmal ein eigenthümliches Schauspiel. Nach einem Brauch, den ohne Zweifel
+die Spanier eingeführt hatten, obgleich er an sich uralt ist, hatten die
+Hirten die Johannisfeuer angezündet. Die zerstreuten Lichtmassen, die vom
+Winde gejagten Rauchsäulen hoben sich an den Seiten des Pics vom
+Dunkelgrün der Wälder ab. Freudengeschrei drang aus der Ferne zu uns
+herüber, und schien der einzige Laut, der die Stille der Natur an jenen
+einsamen Orten unterbrach.
+
+Die Familie Cologan besitzt ein Landhaus näher an der Küste als das eben
+beschriebene. Der Name, den ihm der Eigenthümer gegeben, bezeichnet den
+Eindruck, den dieser Landsitz macht. Das Haus *la Paz* hatte zudem noch
+besonderes Interesse für uns. Borda, dessen Tod wir bedauerten, hatte hier
+bei seiner letzten Reise nach den Canarien gewohnt. Auf einer kleinen
+Ebene in der Nähe hat er die Standlinie zur Messung der Höhe des Pics
+abgesteckt. Bei dieser trigonometrischen Messung diente der große
+Drachenbaum von Orotava als Signal. Wollte einmal ein unterrichteter
+Reisender eine genauere Messung des Vulkans mittelst astronomischer
+Repetitionskreise vornehmen, so müßte er die Standlinie nicht bei Orotava,
+sondern bei *los Silos*, an einem Orte, *Bante* genannt, messen; nach
+Broussonet ist keine Ebene in der Nähe des Pics so groß wie diese. Wir
+botanisirten bei la Paz und fanden in Menge das _Lichen roccella_ auf
+basaltischem, von der See bespülten Gestein. Die Orseille der Canarien ist
+ein sehr alter Handelsartikel; man bezieht aber das Moos weniger von
+Teneriffa als von den unbewohnten Inseln Salvage, Graciosa, Alagranza,
+sogar von Canaria und Hierro.
+
+Am 24. Juni Morgens verließen wir den Hafen von Orotava; in Laguna
+speisten wir beim französischen Consul. Er hatte die Gefälligkeit, die
+Besorgung der geologischen Sammlungen zu übernehmen, die wir dem
+Naturaliencabinett des Königs von Spanien übermachten. Als wir vor der
+Stadt auf die Rhede hinausblickten, sahen wir zu unserem Schreck den
+Pizarro, unsere Corvette, unter Segel. Im Hafen angelangt, erfuhren wir,
+er lavire mit wenigen Segeln, uns erwartend. Die englischen bei Teneriffa
+stationirten Schiffe waren verschwunden, und wir hatten keinen Augenblick
+zu verlieren, um aus diesen Strichen wegzukommen. Wir schifften uns allein
+ein; unsere Reisegefährten waren Canarier gewesen, die nicht mit nach
+Amerika gingen.
+
+Ehe wir den Archipel der Canarien verlassen, werfen wir einen Blick auf
+die Geschichte des Landes.
+
+Vergeblich sehen wir uns im Periplus des Hanno und dem des Scylax nach den
+ersten schriftlichen Urkunden über die Ausbrüche des Pics von Teneriffa
+um. Diese Seefahrer hielten sich ängstlich an die Küsten, sie liefen jeden
+Abend in eine Bay und ankerten, uns so konnten sie nichts von einem Vulkan
+wissen, der 56 Meilen vom Festland von Afrika liegt. Hanno berichtet
+indessen von leuchtenden Strömen, die sich in das Meer zu ergießen
+schienen; jede Nacht haben sich auf der Küste viele Feuer gezeigt, und der
+große Berg, der *Götterwagen* genannt, habe Feuergarben ausgeworfen, die
+bis zu den Wolken aufgestiegen. Aber dieser Berg, nordwärts von der Insel
+der Gorillas,(23) bildete das Westende der Atlaskette, und es ist zudem
+sehr zweifelhaft, ob die von Hanno bemerkten Feuer wirklich von einem
+vulkanischen Ausbruch herrührten, oder von dem bei so vielen Völkern
+herrschenden Brauch, die Wälder und das dürre Gras der Savannen
+anzuzünden. In neuester Zeit waren ja auch die Naturforscher, welche die
+Expedition unter Controadmiral d´Entrecasteaux mitmachten, ihrer Sache
+nicht gewiß, als sie die Insel Amsterdam mit dickem Rauch bedeckt sahen.
+Auf der Küste von Caracas sah ich mehrere Nächte hinter einander röthliche
+Feuerstreifen von brennendem Grase, die sich täuschend wie Lavaströme
+ausnahmen, die von den Bergen herabkamen und sich in mehrere Arme
+theilten.
+
+Obgleich in den Reisetagebüchern des Hanno und des Scylax, so weit sie uns
+erhalten sind, keine Stelle vorkommt, die sich mit einigen Schein von
+Recht auf die canarischen Inseln beziehen ließe, ist es doch sehr
+wahrscheinlich, daß die Carthager und auch die Phönicier den Pic von
+Teneriffa gekannt haben. [Einer der angesehensten deutschen Gelehrten,
+Heeren, hält die glückseligen Inseln Diodors von Sicilien für Madera und
+Porto Santo.] Zu Platos und Aristoteles Zeit waren dunkle Gerüchte davon
+zu den Griechen gedrungen, nach deren Vorstellung die ganze Küste von
+Afrika jenseits der Säulen des Hercules von vulkanischem Feuer verheert
+war.(24) Die Inseln der Seligen, die man Anfangs im Norden, jenseits der
+riphäischen Gebirge bei den Hyperboräern [Die Vorstellung vom Glück, der
+hohen Kultur und dem Reichthum der Bewohner des Nordens hatten die
+Griechen, die indischen Völker und die Mexicaner mit einander gemein.],
+später südwärts von Cyrenaica gesucht hatte, wurden nach Westen verlegt,
+dahin, wo die den Alten bekannte Welt ein Ende hatte. Was man glückselige
+Inseln nannte, war lange ein schwankender Begriff, wie der Name *Dorado*
+bei den ersten Eroberern Amerikas. Man versetzte das Glück an das Ende der
+Welt, wie man den lebhaftesten Geistesgenuß in einer idealen Welt jenseits
+der Grenzen der Wirklichkeit sucht.
+
+Es ist nicht zu verwundern, daß vor Aristoteles die griechischen
+Geographen keine genaue Kenntniß von den canarischen Inseln und ihren
+Vulkanen hatten. Das einzige Volk, das weit nach West und Nord die See
+befuhr, die Carthager, fanden ihren Vortheil dabei, wenn sie diese
+entlegenen Landstriche in den Schleier des Geheimnisses hüllten. Der
+carthagische Senat duldete keine Auswanderung Einzelner und ersah diese
+Inseln als Zufluchtsort in Zeiten der Unruhe und politischen Unfälle; so
+sollten für die Carthager seyn, was der freie Boden von Amerika für die
+Europäer bei ihren bürgerlichen und religiösen Zwistigkeiten geworden ist.
+
+Die Römer wurden erst achtzig Jahre vor Octavians Regierung näher mit den
+canarischen Inseln bekannt. Ein bloßer Privatmann wollte den Gedanken
+verwirklichen, den der carthagische Senat mit weiser Vorsicht gefaßt. Nach
+seiner Niederlage durch Sylla sucht Sertorius, müde des Waffenlärms, eine
+sichere, ruhige Zufluchtsstätte. Er wählt die glückseligen Inseln, von
+denen man ihm an den Küsten von Bätika eine reizende Schilderung entwirft.
+Er sammelt sorgfältig, was ihm von Reisenden an Nachrichten zukommt; aber
+in den wenigen Stücken dieser Nachrichten, die auf uns gekommen sind, und
+in den umständlicheren Beschreibungen des Sebosus und des Juba ist niemals
+von Vulkanen und vulkanischen Ausbrüchen die Rede. Kaum erkennt man die
+Insel Teneriffa und den Schnee, der im Winter die Spitze des Pics bedeckt,
+am Namen *Nivaria*, der einer der glückseligen Inseln beigelegt wird. Man
+könnte darnach annehmen, daß der Vulkan damals kein Feuer gespien habe,
+wenn sich aus dem Stillschweigen von Schriftstellern etwas schließen
+ließe, von denen wir nichts besitzen als Bruchstücke und trockene
+Namenverzeichnisse. Umsonst sucht der Physiker in der Geschichte Urkunden
+über die ältesten Ausbrüche des Pics; er findet nirgends welche außer in
+der Sprache der Guanchen, in der das Wort »Echeyde«(25) zugleich die Hölle
+und den Vulkan von Teneriffa bedeutete.
+
+Die älteste schriftliche Nachricht von der Thätigkeit des Vulkans, die ich
+habe auffinden können, kommt aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.
+Sie findet sich in der Reisebeschreibung(26) des Aloysio Cadamusto, der im
+Jahr 1505 auf den Canarien landete. Dieser Reisende war nicht selbst Zeuge
+eines Ausbruchs, er versichert aber bestimmt, der Berg brenne fortwährend
+gleich dem Aetna und das Feuer sey von Christen gesehen worden, die als
+Sklaven der Guanchen auf Teneriffa lebten. Der Pic befand sich also damals
+nicht im Zustand der Ruhe wie jetzt, denn es ist sicher, daß kein
+Reisender und kein Einwohner von Teneriffa der Mündung des Pics von weitem
+sichtbaren Rauch, geschweige denn Flammen, hat entsteigen sehen. Es wäre
+vielleicht zu wünschen, daß der Schlund der *Caldera* sich weiter öffnete,
+die Seitenausbrüche würden damit weniger heftig und die ganze Inselgruppe
+hatte weniger von Erdbeben zu leiden.
+
+Ich habe zu Orotava die Frage besprechen hören, ob anzunehmen sey, daß der
+Krater des Pics im Lauf der Jahrhunderte wieder in Thätigkeit treten
+werde. In einer so zweifelhaften Sache kann man sich nur an die Analogie
+halten. Nun war nach Braccinis Bericht im Jahr 1611 der Krater des Vesuvs
+im Innern mit Gebüsch bewachsen. Alles verkündete die tiefste Ruhe, und
+dennoch warf derselbe Schlund, der sich in ein schattiges Thal verwandeln
+zu wollen schien, zwanzig Jahre später Feuersäulen und ungeheure Massen
+Asche aus. Der Vesuv wurde im Jahr 1631 wieder so thätig, als er im Jahr
+1500 gewesen war. So könnte möglicherweise auch der Krater des Pics sich
+eines Tags wieder umwandeln. Er ist jetzt eine Solfatare, ähnlich der
+friedlichen Solfatare von Puzzuoli; aber sie ist auf der Spitze eines noch
+thätigen Vulkans gelegen.
+
+Die Ausbrüche des Pics waren seit zweihundert Jahren sehr selten, und
+solche lange Pausen scheinen charakteristisch für sehr hohe Vulkane. Der
+kleinste von allen, der Stromboli, ist fast in beständiger Thätigkeit.
+Beim Vesuv sind die Ausbrüche seltener, indessen häufiger als beim Aetna
+und dem Pic von Teneriffa. Die colossalen Gipfel der Anden, der Cotopaxi
+und der Tungurahua speien kaum einmal im Jahrhundert Feuer. Bei thätigen
+Vulkanen scheint die Häufigkeit der Ausbrüche im umgekehrten Verhältniß
+mit der Höhe und der Masser derselben zu stehen. So schien auch der Pic
+nach zwei und neunzig Jahren erloschen, als im Jahr 1792 der letzte
+Ausbruch durch eine Seitenöffnung im Berg Chahorra erfolgte. In diesem
+Zeitraum hat der Vesuv sechzehnmal Feuer gespieen.
+
+Ich habe anderwo ausgeführt, daß der genze gebirgigte Theil des
+Königreichs Quito anzusehen ist als ein ungeheurer Vulkan von 700
+Quadratmeilen Oberfläche, der aus verschiedenen Kegeln mit eigenen Namen,
+Cotopaxi, Tungurahua, Pichincha, Feuer speit. Ebenso ruht die ganze Gruppe
+der canarischen Inseln gleichsam auf Einem untermeerischen Vulkan. Das
+Feuer brach sich bald durch diese, bald durch jene der Inseln Bahn. Nur
+Teneriffa trägt in seiner Mitte eine ungeheure Pyramide mit einem Krater
+auf der Spitze, die in jahrhundertlangen Perioden aus ihren Seiten
+Lavaströme ergießt. Auf den andern Inseln haben die verschiedenen
+Ausbrüche an verschiedenen Stellen stattgefunden, und man findet dort
+keinen vereinzelnten Berg, an den die vulkanische Thätigkeit gebunden
+wäre. Die von uralten Vulkanen gebildete Basaltrinde scheint dort aller
+Orten unterhöhlt, und die Lavaströme, die auf Lanzerota und Palma
+ausgebrochen sind, kommen geologisch durchaus mit dem Ausbruch überein,
+der im Jahr 1301 auf der Insel Ischia durch die Tuffe des Epomeo erfolgte.
+
+Es folgt hier die Liste der Ausbrüche, deren Andenken sich bei den
+Geschichtschreibern der Insel seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts
+erhalten hat.
+
+*Jahr 1558.* — Am 15. April. Zur selben Zeit wurde Teneriffa zum erstenmal
+von der aus der Levante eingeschleppten Pest verheert. Ein Vulkan öffnet
+sich auf der Insel Palma, nahe einer Quelle im _Partido de los Llanos_.
+Ein Berg steigt aus dem Boden; auf der Spitze bildet sich ein Krater, der
+einen hundert Toisen breiten und über 2500 Toisen langen Lavastrom
+ergießt. Die Lava stürzt sich ins Meer, und durch die Erhitzung des
+Wassers gehen die Fische in weitem Umkreis zu Grunde. [Dieselbe
+Erscheinung wiederholte sich 1811 bei den Azoren, als der Vulkan Sabrina
+auf dem Meeresboden ausbrach. Das calcinirte Skelett eines Haifisches
+wurde im erloschenen, mit Wasser gefüllten Krater gefunden.]
+
+*Jahr 1646.* — Am 13. November thut sich ein Schlund auf der Insel Palma
+bei Tigalate auf; zwei andere bilden sich am Meeresufer. Die Laven, die
+sich aus diesen Spalten ergießen, machen die berühmte Quelle Foncaliente
+oder Fuente Santa versiegen, deren Mineralwasser Kranke sogar aus Europa
+herbeizog. Nach einer Volkssage wurde dem Ausbruch durch ein seltsames
+Mittel Einhalt geboten. Das Bild unserer lieben Frau zum Schnee wurde aus
+Santa Cruz an den Schlund des Vulkans gebracht, und alsbald fiel eine so
+ungeheure Masse Schnee, daß das Feuer dadurch erlosch. In den Anden von
+Quito wollen die Indianer die Bemerkung gemacht haben, daß die Thätigkeit
+der Vulkane durch vieles einsickerndes Schneewasser gesteigert wird.
+
+*Jahr 1677.* — Dritter Ausbruch auf der Insel Palma. Der Berg las Cabras
+wirft aus einer Menge kleienr Oeffnungen, die sich nacheinander bilden,
+Schlacken und Asche aus.
+
+*Jahr 1704.* — Am 31. December. Der Pic von Teneriffa macht einen
+Seitenausbruch in der Ebene les Infantes, oberhalb Ocore, im Bezirk
+Guimar. Furchtbare Erdbeben gingen dem Ausbruch voran. Am 5. Januar 1705
+thut sich ein zweiter Schlund in der Schlucht Almerchiga, eine Meile von
+Icore auf. Die Lava ist so stark, daß sie das ganze Thal Fasnia oder Areza
+ausfüllt. Dieser zweite Schlund hört am 13. Januar zu speien auf. Ein
+dritter bildet sich am 2. Februar in der Cañada de Araso. Die Lava in drei
+Strömen bedroht das Dorf Guimar, wird aber im Thal Melosar durch einen
+Felsgrat aufgehalten, der einen unübersteiglichen Damm bildet. Während
+dieser Ausbrüche spürt die Stadt Orotava, die nur einen schmaler Damm von
+den neuen Schlünden trennt, starke Erdstöße.
+
+*Jahr 1706.* — Am 5. Mai. Ein weiterer Seitenausbruch des Pics von
+Teneriffa. Der Schlund bricht ab südlich vom Hafen von Garachico, damls
+dem schönsten und besuchtesten der Insel. Die volkreiche, wohlhabende
+Stadt hatte eine malerische Lage am Saum eines Lorbeerwaldes. Zwei
+Lavaströme zerstören sie in wenigen Stunden; kein Haus blieb stehen. Der
+Hafen, der schon im Jahr 1645 gelitten hatte, weil ein Hochwasser viel
+Erdreich hineingeführt, wurde so ausgefüllt, daß die sich aufthürmenden
+Laven in der Mitte seines Umfangs ein Vorgebirge bildeten. Ueberall, rings
+um Garachico, wurde das Erdreich völlig umgewandelt. Aus der Ebene stiegen
+Hügel auf, die Quellen blieben aus, und Felsmassen wurden durch die
+häufigen Erdstöße der Dammerde und des Pflanzenwuchses beraubt und blieben
+nackst stehen. Nur die Fischer ließen nicht vom heimathlichen Boden.
+Muthig, wie die Einwohner von Torre del Greco, erbauten sie wieder ein
+Dörfchen auf Schlackenhaufen und dem verglasten Gestein.
+
+*Jahr 1730.* — Am 1. September. Eine der furchtbarsten Catastrophen
+zerstört den Landungsplatz der Insel Lancerota. Ein neuer Vulkan bildet
+sich bei Temenfaya. Die Lavaströme und die Erdstöße, welche den Ausbruch
+begleiten, zerstören eine Menge Dörfer, worunter die alten Flecken der
+Guanchen Tingafa, Macintase und Guatisca. Die Stöße dauern bis 1736 fort,
+und die Bewohner von Lancerota flüchten sich großen Theils auf die Insel
+Fortanventra. Während dieses Ausbruchs, von dem schon im vorigen Capitel
+die Rede war, sieht man eine dicke Rauchsäule aus der See aufsteigen.
+Pyramidalische Felsen erheben sich über der Meeresfläche, die Klippen
+werden immer größer und verschmelzen allmählich mit der Insel selbst.
+
+*Jahr 1798.* — Am 9. Juni. Seitenausbruch des Pics von Teneriffa, am
+Abhang des Berges Charhorra oder Venge, [Der Abhang des Berges Venge, auf
+dem Ausbruch stattfand, heißt Chazajañe.] an einem völlig unbebauten Ort.
+Dieser Berg, der sich an den Pic anlehnt, galt von jeher für eine
+erloschenen Vulkan. Er besteht zwar aus festen Gebirgsarten, verhält sich
+aber doch zum Pic wie der Monte Rosso, der im Jahr 1661 aufstieg, oder die
+_boche nueve_, die im Jahr 1794 aufbrachen, zum Aetna und zum Vesuv. Der
+Ausbruch des Chahorra währte drei Monate und sechs Tage. Die Lava und die
+Schlacken wurden aus vier Mündungen in Einer Reihe ausgeworfen. Die drei
+bis vier Toisen hoch aufgethürmte Lava legte drei Fuß in der Stunde
+zurück. Da dieser Ausbruch nur ein Jahr vor meiner Ankunft auf Teneriffa
+erfolgt war, so war der Eindruck desselben bei den Einwohnern noch sehr
+lebhaft. Ich sah bei Herrn le Gros in Durasno eine von ihm an Ort und
+Stelle entworfene Zeichnung der Oeffnungen des Chahorra. Don Bernardo
+Cologan hat diese Oeffnungen, acht Tage nachdem sie aufgebrochen, besucht
+und die Haupterscheinungen bei dem Ausbruch in einem Aufsatz beschrieben,
+von dem er mir eine Abschrift mittheilte, um sie meiner Reisebeschreibung
+einzuverleiben. Seitdem sind dreizehn Jahre verflossen; Bory St. Vincent
+ist mir mit der Veröffentlichung des Aufsatzes zuvorgekommen, und so
+verweise ich den Leser auf sein interessantes Werk: _Essai sur les îles
+fortunées._ Ich beschränke mich hier darauf, Einiges über die Höhe
+mitzutheilen, zu der sehr ansehnliche Felstücke aus den Oeffnungen des
+Chahorra emporgeschleudert wurden. Cologan zählte während des Falls der
+Steine 12–15 Secunden, [Cologan bemerkt, der Fall habe sogar über 15
+Sekunden gedauert, weil er den Stein mit dem Auge nicht verfolgen konnte,
+bis er auffiel.] das heißt er fing im Moment zu zählen an, wo sie ihre
+höchste Höhe erreicht hatten. Aus dieser interessanten Beobachtung geht
+hervor, daß die Felstücke aus der Oeffnung über dreitausend Fuß hoch
+geschleudert wurden.
+
+Alle in dieser chronologischen Uebersicht verzeichneten Ausbrüche gehören
+den drei Inseln Palma, Teneriffa und Lancerota an. Wahrscheinlich sind vor
+dem sechzehnten Jahrhundert die übrigen Inseln auch vom vulkanischen Feuer
+heimgesucht worden. Nach mit mitgetheilten unbestimmten Notizen läge
+mitten auf der Insel Ferro ein erloschener Vulkan und ein anderer auf der
+Großen Canaria bei Arguineguin. Es wäre aber wichtig zu erfahren, ob sich
+an der Kalkformation von Fortaventura oder am Granit und Glimmerschiefer
+von Gomera Spuren des unterirdischen Feuers zeigen.
+
+Die rein seitliche vulkanische Thätigkeit des Pics von Teneriffa ist
+geologisch um so merkwürdiger, als sie dazu beiträgt, die Berge, die sich
+an den Hauptvulkan anlehnen, isolirt erscheinen zu lassen. Allerdings
+kommen auch beim Aetna und beim Vesuv die großen Lavaströme auch nicht aus
+dem Krater selbst, und die Masse geschmolzener Stoffe steht meist im
+umgekehrten Verhältniß mit der Höhe, in der sich die Spalte bildet, welche
+die Lava auswirft. Aber beim Vesuv und Aetna endet ein Seitenausbruch
+immer damit, daß der Krater, das heißt die eigentliche Spitze des Bergs,
+Feuer und Asche auswirft. Beim Pic von Teneriffa ist solches seit
+Jahrhunderten nicht vorgekommen. Auch beim letzten Ausbruch im Jahr 1798
+blieb der Krater vollkommen unthätig. Sein Grund hat sich nicht gesenkt,
+während nach Leopolds von Buch scharfsinniger Bemerkung beim Vesuv die
+größere oder geringere Tiefe des Kraters fast ein untrügliches Zeichen
+ist, ob ein neuer Ausbruch bevorsteht oder nicht.
+
+Werfen wir jetzt einen Blick darauf, wie einst geschmolzenen Felsmassen
+des Pics, wie die Basalte und Mandelsteine sich allmählich mit einer
+Pflanzendecke überzogen haben, wie die Gewächse an den steilen Abhängen
+des Vulkans vertheilt sind, welcher Charakter der Pflanzenwelt der
+canarischen Inseln zukommt.
+
+Im nördlichen Theile des gemäßigten Erdstrichs bedecken cryptogamische
+Gewächse zuerst die steinigte Erdrinde. Auf die Flechten und Moose, deren
+Lauf sich unter dem Schnee entwickelt, folgen grasartige und anderen
+phanerogame Pflanzen. Anders an den Grenzen des heißen Erdstrichs und
+zwischen den Tropen selbst. Allerdings findet man dort, was auch manche
+Reisende sagen mögen, nicht allein auf den Bergen, sondern auch an
+feuchten, schattigen Orten Funarien, Dicranum- und Bryumarten; unter den
+zahlreichen Arten dieser Gattungen befinden sich mehrere, die zugleich in
+Lappland, auf dem Pic von Teneriffa und in den blauen Bergen auf Jamaica
+vorkommen; im Allgemeinen aber beginnt die Vegetation in den Ländern in
+der Nähe der Tropen nicht mit Flechten und Moosen. Auf den Canarien, wie
+in Guinea und an den Felsenküsten von Peru, sind es die Saftpflanzen, die
+den Grund zur Dammerde legen, Gewächse, deren mit unzähligen Oeffnungen
+und Hautgefäßen versehenen Blätter der umgebenden Luft des darin
+aufgelöste Wasser entziehen. Sie wachsen in den Ritzen des vulkanischen
+Gesteins und bilden gleichsam die erste vegetabilische Schicht, womit sich
+die Lavaströme überziehen. Ueberall wo die Laven verschlackt sind oder
+eine glänzende Oberfläche haben, wie die Basaltkuppen im Norden von
+Lancerota, entwickelt sich die Vegetation ungemein langsam darauf, und es
+vergehen mehrere Jahrhunderte, bis Buschwerk darauf wächst. Nur wenn die
+Lava mit Tuff und Asche bedeckt ist, verliert sich auf vulkanischen
+Eilanden die Kahlheit, die sich in der erstene Zeit nach ihrer Bildung
+auszeichnet, und schmücken sie sich mit einer üppigen glänzenden
+Pflanzendecke.
+
+In seinem gegenwärtigen Zustand zeigt die Insel Teneriffa oder das
+*Chinerfe* [Aus *Chinerfe* haben die Europäer durch Corruption
+*Tschineriffe*, *Teneriffa* gemacht.] der Guanchen fünf Pflanzenzonen, die
+man bezeichnen kann als die Regionen der Weinreben, der Lorbeeren, der
+Fichten, der Retama, der Gräser. Diese Zonen liegen am steilen Abhang des
+Pics wie Stockwerke über einander und haben 1750 Toisen senkrechte Höhe,
+während 15 Grad weiter gegen Norden in den Pyrenäen der Schnee bereits zu
+1300–1400 Toisen absoluter Höhe herabreicht. Wenn auf Teneriffa die
+Pflanzen nicht bis zum Gipfel des Vulkans vordringen, so rührt dies nicht
+daher, weil ewiges Eis(27) und die Kälte der umgebenden Luft ihnen
+unübersteigliche Grenzen setzen: vielmehr lassen die verschlackten Laven
+des Malpays und der dürre, zerriebene Bimsstein des Piton die Gewächse
+nicht an den Kraterrand gelangen.
+
+Die *erste Zone*, die der Reben, erstreckt sich vom Meeresufer bis in
+2–300 Toisen Höhe; sie ist die am stärksten bewohnte und die einzige, wo
+der Boden sorgfältig bebaut ist. In dieser tiefen Lage, im Hafen von
+Orotava und überall, wo die Winde freien Zutritt haben, hält sich der
+hunderttheilige Thermometer im Winter, im Januar und Februar, um Mittag
+auf 15–17°; im Sommer steigt die Hitze nicht über 25 oder 26°, ist also um
+5–6° geringer als die größte Hitze, die jährlich in Paris, Berlin und
+St. Petersburg eintritt. Dieß ergibt sich aus den Beobachtungen Savaggi´s
+in den Jahren 1795–1799. Die mittlere Temperatur der Küste von Teneriffa
+scheint wenigstens 21° (16°,8 R.) zu seyn, und ihr Klima steht in der
+Mitte zwischen dem von Neapel und dem heißen Erdstrichs. Auf der Insel
+Madera sind die mittleren Temperaturen des Januar und des August, nach
+Heberden, 17°,7 und 23°,8, in Rom dagegen 5°,6 und 26°,1. Aber so ähnlich
+sich die Klimate von Madera und Teneriffa sind, kommen doch die Gewächse
+er ersteren Insel im Allgemeinen in Europa leichter fort als die von
+Teneriffa. Der _Cheiranthus longifolius_ von Orotava z. B. erfriert in
+Marseille, wie de Candolle beobachtet hat, während der _Cheiranthus
+mutabilis_ von Madera dort im Freien überwintert. Die Sommerhitze dauert
+auf Madera nicht so lang als auf Teneriffa.
+
+In der Region der Reben kommen vor acht Arten baumartiger Euphorbien,
+Mesembryanthemum-Arten, die vom Cap der guten Hoffnung bis zum Peloponnes
+verbreitet sind, die _Cacalia Kleinia_, der Drachenbaum, und andere
+Gewächse, die mit ihrem nackten, gewundenen Stamm, mit den saftigen
+Blättern und der blaugrünen Färbung den Typus der Vegetation Afrikas
+tragen. In dieser Zone werden der Dattelbaum, der Bananenbaum, der
+Zuckerrohr, der indische Feigenbaum, _Arum colocasia_, dessen Wurzel dem
+gemeinen Volk ein nahrhaftes Mehl liefert, der Oelbaum, die europäischen
+Obstarten, der Weinstock und die Getreidearten gebaut. Das Korn wird von
+Ende März bis Anfang Mai geschnitten, und man hat mit dem Anbau des
+Otaheite´schen Brodbaums, des Zimmtbaums von den Molukken, des Kaffeebaums
+aus Arabien und des Cacaobaums aus Amerika gelungene Versuche gemacht. Auf
+mehreren Punkten der Küste hat das Land ganz den Charakter einer
+tropischen Landschaft. Chamärops und der Dattelbaum kommen auf der
+fruchtbaren Ebene von Murviedro, an der Küste von Genua und in der
+Provence bei Antibes unter 39–44 Grad der Breite ganz gut fort; einige
+Dattelbäume wachsen sogar innerhalb der Mauern von Rom und dauern in einer
+Temperatur von 2°,5 unter dem Gefrierpunkt aus. Wenn aber dem südlichen
+Europa nur erst ein geringes Theil von Schätzen zugetheilt ist, welche die
+Natur in der Region der Palmen ausstreut, so ist die Insel Teneriffa, die
+unter derselben Breite liegt wie Egypten, das südliche Persion und
+Florida, bereits mit denselben Pflanzengestalten geschmückt, welche den
+Landschaften in der Nähe des Aequators ihre Großartigkeit verleihen.
+
+Bei der Musterung der Sippen einheimischer Gewächse vermißt man ungern die
+Bäume mit den zartgefiederten Blättern und die baumartigen Gräser. Keine
+Art der zahlreichen Familie der Sensitiven ist auf ihrer Wanderung zum
+Archipel der Canarien vorgedrungen, während sie auf beiden Continenten bis
+zum 38. und 40. Breitegrad vorkommen. In Amerika ist die _Schrankchia
+uncinata_ Wildenows [_Mimosa horridula, Michaux_] bis hinauf in die Wälder
+von Virginien verbreitet; in Afrika wächst die _Acacia gummifera_ auf den
+Hügeln bei Mogador, in Asien, westwärts vom caspischen Meer, hat v.
+Biberstein die Ebenen von Ehyrvan mit _Acacia stephaniana_ bedeckt
+gesehen. Wenn man die Pflanzen von Lancerota und Fortaventura, die der
+Küste von Marocco am nächsten liegen, genauer untersuchte, könnten sich
+doch unter so vielen Gewächsen der afrikanischen Flora leicht ein paar
+Mimosen finden.
+
+Die *zweite Zone*, die der Lorbeeren, begreift den bewaldeten Strich von
+Teneriffa; es ist dieß auch die Region der Quellen, die aus dem immer
+frischen, feuchten Rasen sprudeln. Herrliche Wälder krönen die an den
+Vulkan sich lehnenden Hügel Hier wachsen vier Lorbeerarten [_Laurus
+indica, L. foetens, L. nobilis_ und _L. Til._. Zwischen diesen Bäumen
+wachsen _Aridisia excelsa_, _Rhamnus glandulosus_, _Erica arborea_, _Erica
+Texo._], eine der _Quercus Turneri_ aus den Bergen Tibets nahestehende
+Eiche, [_Quercus Canariensis, Broussonet._] die _Visnea Mocanera_, die
+_Myrica Faya_ der Azoren, ein einheimischer Olivenbaum (_Olea excelsa_),
+der größte Baum in dieser Zone, zwei Arten _Sideroxylon_ mit ausnehmend
+schönem Laub, _Arbutus callycarpa_ und andere immergrüne Baume aus der
+Familie der Myrten. Winden und ein vom europäischen sehr verschiedener
+Epheu (_Hedera canariensis_) überziehen die Lorbeerstämme, und zu ihren
+Füßen wuchern zahllose Farn, [_Woodwardia radicans, Asplenium palmatum,
+A. canariense, A. latifolium, Nothalaena subcurdata, Trichomanes
+canariensis, T. speciosus_ und _Davallia canariensis_.] von denen nur drei
+Arten [Zwei _Acrostichum_ und das _Ophyoglossum lusitanicum_.] schon in
+der Regin der Reben vorkommen. Auf dem mit Moosen und zartem Grad
+überzogenen Boden prangen überall die Blüthen der _Campanula aurea_, des
+_Chrysanthemum pinnatifidum_, der _Mentha canariensis_ und mehrerer
+strauchartiger Hypericumarten [_Hypericum canariense_, _H. floribundum_
+und _H. glandulosum._]. Pflanzungen von wilden und geimpften Kastanien
+bilden einen weiten Gürtel um das Gebiet der Quellen, welches das grünste
+und lieblichste von allen ist.
+
+Die *dritte Zone* beginnt in 900 Toisen absoluter Höhe, da wo die letzten
+Gebüsche von Erdbeerbäumen, _Myrica Faya_ und des schönen Heidekrauts
+stehen, das bei den Eingeborenen Texo heißt. Diese 400 Toisen breite Zone
+besteht ganz aus einem mächtigen Fichtenwald, in dem auch Broussonets
+_Juniperus Cedro_ vorkommt. Die Fichten haben sehr lange, ziemlich steife
+Blätter, deren zuweilen zwei, meist aber drei in einer Scheide stecken. Da
+wir ihre Früchte nicht untersuchen konnten, wissen wir nicht, ob diese
+Art, die im Wuchs der schottischen Fichte gleicht, sich wirklich von den
+achtzehn Fichtenarten unterscheidet, die wir bereits in der alten Welt
+kennen. Nach der Ansicht eines berühmten Botanikers, dessen Reisen die
+Pflanzengeographie Europas sehr gefördert haben, de Candolle,
+unterscheidet sich die Fichte von Teneriffa sowohl von der _Pinus
+atlantica_ in den Bergen bei Mogador, als von der Fichte von Aleppo,(28)
+die dem Becken des mittelländischen Meeres angehört und nicht über die
+Säulen des Herkules hinauszugehen scheint. Die letzten Fichten fanden wir
+am Pic etwa in 1200 Toisen Höhe über dem Meer. In den Cordilleren von
+Neuspanien, im heißen Erdstrich, gehen die mexicanischen Fichten bis zu
+2000 Toisen Höhe. So sehr auch die verschiedenen Arten einer und derselben
+Pflanzengattung im Bau übereinkommen, so verlangt doch jede zu ihrem
+Fortkommen einen bestimmten Grad von Wärme und Verdünnung der umgebenden
+Luft. Wenn in den gemäßigten Landstrichen und überall, wo Schnee fällt,
+die constante Bodenwärme etwas höher ist als die mittlere Lufttemperatur,
+so ist anzunehmen, daß in der Höhe des Portillo die Wurzeln der Fichten
+ihre Nahrung aus einem Boden ziehen, in dem in einer gewissen Tiefe der
+Thermometer höchstens auf 9 bis 10 Grad steigt.
+
+Die *vierte und fünfte Zone*, die der Retama und der Gräser, liegen so
+hoch wie die unzugänglichsten Gipfel der Pyrenäen. Es ist dieß der öde
+Landstrich der Insel, wo Haufen von Bimsstein, Obsidian und zertrümmerter
+Lava wenig Pflanzenwuchs aufkommen lassen. Schon oben war von den
+blühenden Büschen des Alpenginsters _(Spartium nubigenum)_ die Rede,
+welche Oasen in einem weiten Aschenmeer bilden. Zwei krautartige Gewächse,
+_Scrophularia glabrata_ und _Viola cheiranthifolia_, gehen weiter hinauf
+bis ins Malpays. Ueber einem vom der afrikanischen Sonne ausgebrannten
+Rasen bedeckt die _Cladonia paschalis_ dürre Strecken; die Hirten zünden
+sie häufig an, wobei sich dann das Feuer sehr weit verbreitet. Dem Gipfel
+des Pic zu arbeiten Urceolarien und andere Flechten an der Zersetzung des
+verschlackten Gesteins, und so erweitert sich auf von Vulkanen verheerten
+Eilanden Floras Reich durch die nie stockende Thätigkeit organischer
+Kräfte.
+
+Ueberblicken wir die Vegetationszonen von Teneriffa, so sehen wir, daß die
+ganze Insel als ein Wald von Lorbeeren, Erdbeerbäumen und Fichten
+erscheint, der kaum an seinen Rändern von Menschen urbar gemacht ist, und
+in der Mitte ein nacktes steinigtes Gebiet umschließt, das weder zum
+Ackerbau noch zur Weide taugt. Nach Broussonets Bemerkung läßt sich der
+Archipel der Canarien in zwei Gruppen theilen. Die erste begreift
+Lancerota und Fortaventura, die zweite Teneriffa, Canaria, Gomera, Ferro
+und Palma. Beide weichen im Habitus ihrer Vegetation bedeutend von
+einander ab. Die ostwärts gelegenen Inseln, Lancerota und Fortaventura,
+haben weite Ebenen und nur niedrige Berge; sie sind fast quellen los, und
+diese Eilande haben noch mehr als die andern die Charakter vom Continent
+getrennter Länder. Die Winde wehen hier in derselben Richtung und zu
+denselben Zeiten; _Euphorbia mauritanica_, _Atropa frutescens_ und
+_Sonchus arborescens_ wuchern im losen Sand und dienen wie in Afrika den
+Kameelen als Futter. Auf der westlichen Gruppe der Canarien ist das Land
+höher, stärker bewaltet, und besser von Quellen bewässert.
+
+Auf dem ganzen Archipel finden sich zwar mehrere Gewächse, die auch in
+Portugal(29), in Spanien, auf den Azoren und im nordwestlichen Afrika
+vorkommen, aber viele Arten und selbst einige Gattungen sind Teneriffa,
+Porto-Santo und Madera eigenthümlich, unter andern _Mocanera_, _Plocama_,
+_Bosea_, _Canarina_, _Drusa_, _Pittosporum_.Ein Typus, der sich als ein
+nördlicher ansprechen läßt, der der Kreuzblüthen, [Von den wenigen
+Cruciferen in der Flora von Teneriffa führen wir an: _Cheiranthus
+longifolius_, _Ch. frutescens_, _Ch. scoparis,_ _Erysimum bicorne_,
+_Crambe strigosa_, _C. laevigata_.] ist auf den Canarien schon weit
+seltener als in Spanien und Griechenland. Weiter nach Süden, im tropischen
+Landstrich beider Continente, wo die mittlere Lufttemperatur über 22° ist,
+verschwinden die Kreuzblüthen fast gänzlich.
+
+Eine Frage, die für die Geschichte der fortschreitenden Entwicklung des
+organischen Lebens auf dem Erdball von großer Bedeutung erscheint, ist in
+neuerer Zeit viel besprochen worden, nämlich, ob polymorphe Gewächse auf
+vulkanischen Inseln häufiger sind als anderswo? Die Vegetation von
+Teneriffa unterstützt keineswegs die Annahme, daß die Natur auf
+neugebildetem Boden in Pflanzenformen weniger streng festhält. Broussonet,
+der sich so lang auf den Canarien aufgehalten, versichert, veränderlich
+Gewächse seyen nicht häufiger als im südlichen Europa. Wenn auf der Inseln
+Bourbon so viele polymorphe Arten vorkommen, sollte dies nicht vielmehr
+von der Beschaffenheit Bodens und des Klimas herrühren, als davon, daß die
+Vegetation jung ist?
+
+Wohl darf ich mir schmeicheln, mit dieser Naturskizze von Teneriffa
+einiges Licht über Gegenstände verbreitet zu haben, die bereits von so
+vielen Reisenden besprochen worden sind; indessen glaube ich, daß die
+Naturgeschichte dieses Archipels der Forschung noch ein weites Feld
+darbietet. Die Leiter der wissenschaftlichen Entdeckungsfahrten, wie sie
+England, Frankreich, Spanien, Dänemark und Rußland zu ihrem Ruhme
+unternommen, haben meist zu sehr geeilt, von den Canaren wegzukommen. Sie
+dachten, da diese Inseln so nahe bei Europa liegen, müßten sie genau
+beschrieben seyn; sie haben vergessen, daß das Innere von Neuholland
+geologisch nicht unbekannter ist als die Gebirgsarten von Lancerota und
+Gomera, Porto-Santo und Terceira. So viele Gelehrte bereisen Jahr für Jahr
+ohne bestimmten Zweck die besuchtesten Länder Europas. Es wäre
+wünschenswerth, daß einer und der andere, den ächte Liebe zur Wissenschaft
+beseelt und dem die Verhältnisse eine mehrjährige Reise gestatten, den
+Archipel der Azoren, Madera, die Canarien, die Inseln des grünen
+Vorgebirgs und die Nordwestküste von Afrika bereiste. Nur wenn man die
+atlantischen Inseln und das benachbarte Festland nach den selben
+Gesichtspunkten untersucht und die Beobachtungen zusammenstellt, gelangt
+man zur genauen Kenntniß der geologischen Verhältnisse und der Verbreitung
+der Thiere und Gewächse.
+
+Bevor ich die alte Welt verlasse und in die neue übersetze, habe ich einen
+Gegenstand zu berühren, der allgmeineres Interesse bietet, weil der sich
+auf die Geschichte der Menschheit und die historischen Verhängnisse
+bezieht, durch welche ganze Volkssstämme vom Erdboden verschwunden sind.
+Auf Cuba, St. Domingo, Jamaica fragt man sich, wo die Ureinwohner dieser
+Länder hingekommen sind; auf Teneriffa fragt man sich, was aus den
+Guanchen geworden ist, deren in Höhlen versteckte, vertrocknete Mumien
+ganz allein der Vernichtung entgangen sind. Im fünfzehnten Jahrhundert
+holten fast alle Handelsvölker, besonders aber die Spanier und
+Portugiesen, Sklaven von den Canarien, wie man sie jetzt von der Küste von
+Guinea holt. [Die spanischen Geschichtsschreiber sprechen von Fahrten,
+welche die Hugenotten von La Rochelle unternommen haben sollen, um
+Guanchensklaven zu holen. Ich kann dies nicht glauben, da diese Fahrten
+nach dem Jahr 1530 fallen müßten.] Die christliche Religion, die in ihren
+Anfängen die menschliche Freiheit so mächtig förderte, mußte der
+europäischen Habsucht als Vorwand dienen. Jedes Individuum, das gefangen
+wurde, ehe es getauft war, verfiel der Sklaverei. Zu jener Zeit hatte man
+noch nicht zu beweisen gesucht, daß der Neger ein Mittelding zwischen
+Mensch und Thier ist; der gebräunte Guanche und der afrikanische Neger
+wurden auf dem Markte zu Sevilla mit einander verkauft, und man stritt
+nicht über die Frage, ob nur Menschen mit schwarzer Haut und Wollhaar der
+Sklaverei verfallen sollen.
+
+Auf dem Archipel der Canarien bestanden mehrere kleine, einander feindlich
+gegenüber stehende Staaten. Oft war dieselbe Insel zwei unabhängigen
+Fürsten unterworfen, wie in der Südsee und überall, wo die Cultur noch auf
+tiefer Stufe steht. Die Handelsvölker befolgten damals hier dieselbe
+arglistige Politik, wie jetzt auf den Küsten von Afrika: sie leisteten den
+Bürgerkriegen Vorschub. So wurde ein Guanche Eigenthum des andern, und
+dieser verkaufte jenen den Europäern; manche zogen den Tod der Sklaverei
+vor und tödteten sich und ihre Kinder. So hatte die Bevölkerung der
+Canarien durch den Sklavenhandel, durch die Menschenräuberei der Piraten,
+besonders aber durch lange blutige Zwiste bereits starke Verluste
+erlitten, als Alonso de Lugo sie vollends eroberte. Den Ueberrest der
+Guanchen raffte im Jahr 1494 größtentheils die berühmte Pest, die
+sogenannte *Modorra* hin, die man den vielen Leichen zuschrieb, welche die
+Spanier nach der Schlacht bei Laguna hatten frei liegen lassen. Wenn ein
+halb wildes Volk, das man um sein Eigenthum gebracht, im selben Lande
+neben einer civilisirten Nation leben muß, so sucht es sich in den
+Gebirgen und Wäldern zu isoliren. Inselbewohner haben keine andere
+Zuflucht, und so war denn das herrliche Volk der Guanchen zu Anfang des
+siebzehnten Jahrhunderts so gut wie ausgerottet; außer ein paar alten
+Männern in Candelaria und Guimar gab es keine mehr.
+
+Es ist ein tröstlicher Gedanke, daß die Weißen es nicht immer verschmäht
+haben, sich mit den Eingeborenen zu vermischen; aber die heutigen
+Canarier, die bei den Spaniers schlechtweg *Isleños* heißen, haben
+triftige Gründe, eine solche Mischung in Abrede zu ziehen. In einer langen
+Geschlechtsfolge verwischen sich die charakteristischen Merkmale der
+Racen, und da die Nachkommen der Andalusier, die sich auf Teneriffa
+niedergelassen, selbst von ziemlich dunkler Gesichtsfarbe sind, so kann
+die Hautfarbe der Weißen durch die Kreuzung der Racen nicht merkbar
+verändert worden seyn. Es ist Thatsache, daß gegenwärtig kein Eingeborener
+von reiner Race mehr lebt, und sonst ganz wahrheitsliebende Reisende sind
+im Irrthum, wenn sie glauben, bei der Besteigung des Pics schlanke,
+schnellfüßige Guanchen zu Führern gehabt zu haben. Allerdings wollen
+einige canarische Familien vom letzten Hirtenkönig von Guimar abstammen,
+aber diese Ansprüche haben wenig Grund; sie werden von Zeit zu Zeit wieder
+laut, wenn einer aus dem Volk, der brauner ist als seine Landsleute, Lust
+bekommt, sich um eine Officiersstelle im Dienste des Königs von Spanien
+umzuthun.
+
+Kurz nach der Entdeckung von Amerika, als Spanien den Gipfel seines Ruhms
+erstiegen hatte, war es Brauch, die sanfte Gemüthsart der Guanchen zu
+rühmen, wie man in unserer Zeit die Unschuld der Bewohner von Otaheiti
+gepriesen hat. Bei beiden Bildern ist das Colorit glänzender als wahr.
+Wenn die Völker, erschöpft durch geistige Genüsse, in der Verfeinerung der
+Sitten nur Keime der Entartung vor sich sehen, so finden sie einen eigenen
+Reiz in der Vorstellung, daß in weit entlegenen Ländern, beim Dämmerlicht
+der Cultur, in der Bildung begriffene Menschenvereine eines reinen,
+ungestörten Glückes genießen. Diesem Gefühl verdankt Tacitus zum Theil den
+Beifall, der ihm geworden, als der den Römern, den Unterthanen der
+Cäsaren, die Sitten der Germanen schilderte. Dasselbe Gefühl gibt den
+Beschreibungen der Reisenden, die seit dem Ende des verflossenen
+Jahrhunderts die Inseln des stillen Oceans besucht haben, den
+unbeschreiblichen Reiz.
+
+Die Einwohner der zuletzt genannten Inseln, die man wohl zu stark
+gepriesen hat und die einst Menschenfresser waren, haben in mehr als einer
+Beziehung Aehnlichkeit mit den Guanchen von Teneriffa. Beide sehen wir
+unter dem Joche eines feudalen Regiments seufzen, und bei den Guanchen war
+diese Staatsform, welche so leicht Kriege herbeiführt und sie nicht enden
+läßt, durch die Religion geheiligt. Die Priester sprachen zum Volk:
+»Achaman, der große Geist, hat zuerst die Edlen, die Achimenceys,
+geschaffen und ihnen alle Ziegen in der Welt zugetheilt. Nach den Edeln
+hat Achaman das gemeine Volk geschaffen, die Achicaxnas; dieses jüngere
+Geschlecht nahm sich heraus, gleichfalls Ziegen zu verlangen; aber das
+höchste Wesen erwiederte, das Volk sey dazu da, den Edeln dienstbar zu
+seyn, und habe kein Eigenthum nöthig.« Eine solche Ueberlieferung mußte
+den reichen Vasallen der Hirtenkönige ungemein behagen; auch stand dem
+Faycan oder Oberpriester das Recht zu, in den Adelstand zu erheben, und
+ein Gesetz verordnete, daß jeder Achimencey, der sich herbeiließe, eine
+Ziege mit eigenen Händen zu melken, seines Adels verlustig seyn sollte.
+Ein solches Gesetz erinnert keineswegs an die Sitteneinfalt des
+homerischen Zeitalters. Es befremdet, wenn man schon bei den Anfängen der
+Cultur die nützliche Beschäftigung mit Ackerbau und Viehzucht mit
+Verachtung gebrandmarkt sieht.
+
+Die Guanchen waren berühmt durch ihren hohen Wuchs; sie erschienen als die
+Patagonen der alten Welt und die Geschichtschreiber übertrieben ihre
+Muskelkraft, wie man vor Bougainvilles und Cordobas Reisen dem Volksstamm
+am Südende von Amerika eine colossale Körpergröße zuschrieb. Mumien von
+Guanchen habe ich nur in den europäischen Cabinetten gesehen; zur Zeit
+meiner Reise waren sie auf Teneriffa sehr selten; man müßte sie aber in
+Menge finden, wenn man die Grabhöhlen, die am östlichen Abhang des Pics
+zwischen Arico und Guimar in den Fels gehauen sind, bergmännisch
+aufbrechen ließe. Diese Mumien sind so stark vertrocknet, daß ganze Körper
+mit der Haut oft nicht mehr als sechs bis sieben Pfund wiegen, das heißt
+ein Drittheil weniger als das Skelett eines gleich großen Individuums, von
+dem man eben das Muskelfleisch abgenommen hat. Die Schädelbildung ähnelt
+einigermaßen der der weißen Race der alten Egypter, und die Schneidezähne
+sind auch bei den Guanchen stumpf, wie bei den Mumien vom Nil. Aber diese
+Zahnform ist rein künstlich und bei genauerer Untersuchung der Kopfbildung
+der alten Guanchen haben geübte Anatomen [Blumenbach, _Decas quinta
+collectionis craniorum diversarum gentium illustrium._] gefunden, daß sie
+im Jochbein un dim Unterkiefer von den ägyptischen Mumien bedeutend
+abweicht. Oeffnet man Mumien von Guanchen, so findet man Ueberbleibsel
+aromatischer Kräuter, unter denen immer das _Chenopodium ambrosioides_
+vorkommt; zuweilen sind die Leichen mit Schnüren geschmückt, an denen
+kleine Scheiben aus gebrannter Erde hängen, die als Zahlzeichen gedient zu
+haben scheinen und die mt den Quippos der Peruaner, Mexicaner und Chinesen
+Aehnlichkeit haben.
+
+Da im Allgemeinen die Bevölkerung von Inseln den umwandelnden Einflüssen,
+wie sie Folgen von Wanderungen sind, weniger ausgesetzt ist als die
+Bevölkerung der Festländer, so läßt sich annehmen, daß der Archipel der
+Canarien zur Zeit der Carthager und Griechen vom selben Menschenstamm
+bewohnt war, den die normännischen und spanischen Eroberer vorfanden. Das
+einzige Denkmal, das einiges Licht auf die Herkunft der Guanchen werfen
+kann, ist ihre Sprache; leider sind uns aber davon nur etwa hundert
+fünfzig Worte aufbehalten, die zum Theil dasselbe in der Mundart der
+verschiedenen Inseln bedeuten. Außer diesen Worten, die man sorgfältig
+gesammelt, hat man in den Namen vieler Dörfer, Hügel und Thäler wichtige
+Sprachreste vor sich. Die Guanchen, wie Basken, Hindus, Peruvianer und
+alle sehr alten Völker, benannten die Oertlichkeiten nach der
+Beschaffenheit des Bodens, den sie bebauten, nach der Gestalt der Felsen,
+deren Höhlen ihnen als Wohnstätten dienten, nach den Baumarten, welche die
+Quellen beschatteten.
+
+Man war lange der Meinung, die Sprache der Guanchen habe keine
+Aehnlichkeit mit den lebenden Sprachen; aber seit die Sprachforscher durch
+Hornemanns Reise und durch die scharfsinnigen Untersuchungen von Marsden
+und Ventura auf die Berbern aufmerksam geworden sind, die, gleich den
+slavischen Völkern, in Nordafrika über eine ungeheure Strecke verbreitet
+sind, hat man gefunden, daß in der Sprache der Guanchen und in den
+Mundarten von Chilha und Gebali mehrere Worte gleiche Wurzeln haben.
+
+Wir führen folgende Beispiele an:
+
++-------------+----------------+----------------+
+| | Guanchisch | Berberisch |
++-------------+----------------+----------------+
+| Himmel, | *Tigo*, | *Tigot.* |
++-------------+----------------+----------------+
+| Milch, | *Aho*, | *Acho.* |
++-------------+----------------+----------------+
+| Gerste, | *Temasen* | *Tomzeen.* |
++-------------+----------------+----------------+
+| Korb, | *Carianas* | *Carian.* |
++-------------+----------------+----------------+
+| Wasser, | *Aenum* | *Anan.* |
++-------------+----------------+----------------+
+
+Ich glaube nicht, daß diese Sprachähnlichkeit ein Beweis für gemeinsamen
+Ursprung ist; aber sie deutet darauf hin, daß die Guanchen in alter Zeit
+in Verkehr standen mit den Berbern, einem Gebirgsvolk, zu dem die
+Numidier, Getuler und Garamanten verschmolzen sind und das vom Ostende des
+Atlas durch das Harudjé und Fezzan bis zur Oase von Syuah und Audjelah
+sich ausbreitet. Die Eingeborenen der Canarien nannten sich Guanchen, von
+*Guan*, Mensch, wie die Tongusen sich *Pye* und *Donky* nennen, welche
+Worte dasselbe bedeuten, wie Guan. Indessen sind die Völker, welche die
+Berbersprache sprechen, nicht alle desselben Stammes, und wenn Scylax in
+seinem Periplus die Einwohner von Cerne als ein Hirtenvolk von hohem Wuchs
+mit langen Haaren beschreibt, so erinnert dieß an die körperlichen
+Eigenschaften der canarischen Guanchen.
+
+Je genauer man die Sprachen aus philosophischem Gesichtspunkte untersucht,
+desto mehr zeigt sich, daß keine ganz allein steht; diesen Anschein würde
+auch die Sprache der Guanchen(30) noch weniger haben, wenn man von ihrem
+Mechanismus und ihrem grammatischen Bau etwas wüßte, Elemente, welche von
+größerer Bedeutung sind als Wortform und Gleichlaut. Es verhält sich mit
+gewissen Mundarten wie mit den organischen Bildungen, die sich in der
+Reihe der natürlichen Familien nirgends unterbringen lassen. Sie stehen
+nur scheinbar so vereinzelt da; der Schein schwindet, so bald man eine
+größere Masse von Bildungen überblickt, wo dann die vermittelnden Glieder
+hervortreten.
+
+Gelehrt, die überall, wo es Mumien, Hieroglyphen und Pyramiden gibt,
+Egypten sehen, sind vielleicht der Ansicht, das Geschlecht Typhons und die
+Guanchen stehen in Zusammenhang mittelst der Berbern, ächter Atlanten, zu
+denen die Tibbos und Tuarycks der Wüste gehören. [Hornemanns Reise von
+Cairo nach Mourzouk.] Es genügt hier aber an der Bemerkung, daß eine
+solche Annahme durch keinerlei Aehnlichkeit zwischen der Berbersprache und
+dem Coptischen, das mit Recht für ein Ueberbleibsel des alten Egyptischen
+gilt, unterstützt wird.
+
+Das Volk, das die Guanchen verdrängt hat, stammt von Spaniern und zu einem
+sehr kleinen Theil von Normannen ab. Obgleich diese beiden Volksstämme
+drei Jahrhunderte lang demselben Klima ausgesetzt gewesen sind, zeichnet
+sich dennoch der letztere durch weißere Haut aus. Die Nachkommen der
+Normannen wohnen im Thal Taganana zwischen Punte de Naga und Punta de
+Hidalgo. Die Namen Grandville und Dampierre kommen in diesem Bezirke noch
+ziemlich häufig vor. Die Canarier sind ein redliches, mäßiges und
+religiöses Volk; zu Haus zeigen sie aber weniger Betriebsamkeit als in
+fremden Ländern. Ein unruhiger Unternehmungsgeist treibt diese Insulaner,
+wie die Biscayer und Catalanen, auf die Philippinen, auf die Marianen, und
+in Amerika überall hin, wo es spanische Colonien gibt, von Chili und dem
+la Plata bis nach Neumexico. Ihnen verdankt man großentheils die
+Fortschritte des Ackerbaus in den Colonien. Der ganze Archipel hat kaum
+160,000 Einwohner, und der *Isleños* sind vielleicht in der neuen Welt
+mehr als in ihrer alten Heimath.
+
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+| | hatte auf Q. | i. J. | Einwohner | auf die Q.M. |
+| | Seemeilen | | | |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Teneriffa | 73 | 1790 | 70,000, | 958 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Fortaventura | 63 | 1790 | 9,000, | 142 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Die große | 60 | 1790 | 50,000, | 833 |
+|Canaria | | | | |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Palma | 27 | 1790 | 22,600, | 837 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Lancerota | 26 | 1790 | 10,000, | 384 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Gomera | 14 | 1790 | 7,400, | 528 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Ferro | 7 | 1790 | 5,000, | 714 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+
+An Wein werden auf Teneriffa geerntet 20–24,000 Pipes, worunter 5000
+Malvasier; jährliche Ausfuhr von Wein 8–9000 Pipes; Gesammt-Getreideernte
+des Archipels 54,000 Fanegas zu hundert Pfund. In gemeinen Jahren reicht
+diese Ernte aus zum Unterhalt der Einwohner, die großentheils von Mais,
+Kartoffeln und Bohnen (_Frisoles_) leben. Der Anbau des Zuckerrohrs und
+der Baumwolle ist von geringem Belang, und die vornehmsten Handelsartikel
+sind Wein, Branntwein, Orseille und Soda. Bruttoeinnahme der Regierung,
+die Tabakspacht eingerechnet, 240,000 Piaster.
+
+Auf nationalökonomische Erörterungen über die Wichtigkeit der canarischen
+Inseln für die Handelsvölker Europas lasse ich mich nicht ein. Ich
+beschäftigte mich während meines Aufenthalts zu Caracas und in der Havana
+lange mit statistischen Untersuchungen über die spanischen Colonien, ich
+stand in genauer Verbindung mit Männern, die auf Teneriffe bedeutende
+Aemter bekleidet, und so hatte ich Gelegenheit, viele Angaben über den
+Handel von Santa Cruz und Orotava zu sammeln. Da aber mehrere Gelehrte
+nach mir die Canarien besucht haben, standen ihnen dieselben Quellen zu
+Gebot, und ich entferne ohne Bedenken aus meinem Tagebuch, was in Werken,
+die vor dem meinigen erschienen sind, genau verzeichnet steht. Ich
+beschränke mich hier auf einige Bemerkungen, mit denen die Schildung, die
+ich vom Archipel der Canarien entworfen, geschlossen seyn mag.
+
+Es ergeht diesen Inseln, wie Egypten, der Krimm und so vielen Ländern,
+welche von Reisenden, welche in Contrasten Wirkung suchen, über das Maaß
+gepriesen oder heruntergesetzt worden sind. Die einen schildern von
+Orotava aus, wo sie ans Land gestiegen, Teneriffa als einen Garten der
+Hesperiden; sie können das milde Klima, den fruchtbaren Boden, den reichen
+Anbau nicht genug rühmen; andere, die sich in Santa Cruz aufhalten mußten,
+sahen in den glückseligen Inseln nichts als ein kahles, dürres, von einem
+elenden, geistesbeschränkten Volke bewohntes Land. Wir haben gefunden, daß
+die Natur auf diesem Archipelagus, wie in den meisten gebirgigen und
+vulkanischen Ländern, ihre Gaben sehr ungleich vertheilt hat. Die
+canarischen Inseln leiden im Allgemeinen an Wassermangel; aber wo sich
+Quellen finden, wo künstlich bewässert wird oder häufig Regen fällt, da
+ist auch der Boden ausnehmend fruchtbar. Das niedere Volk ist fleißig,
+aber es entwickelt seine Thätigkeit ungleich mehr in fernen Colonien als
+auf Teneriffa selbst, wo dieselbe auf Hindernisse stößt, die eine kluge
+Verwaltung allmählich aus dem Wege räumen könnte. Die Auswanderung wird
+abnehmen, wenn man sich entschließt, das unangebaute Grundeigenthum des
+Staats unter der Einwohnerschaft zu vertheilen, die Ländereien, welche zu
+den Majoraten der großen Familien gehören, zu verkaufen und allmählich die
+Feudalrechte abzuschaffen.
+
+Die gegenwärtige Bevölkerung der Canarien erscheint allerdings
+unbedeutend, wenn man sie mit der Bevölkerung mancher europäischen Länder
+vergleicht. Die Insel Madera, deren fleißige Bewohner einen fast von
+Pflanzenerde entblößten Felsen bebauen, ist siebenmal kleiner als
+Teneriffa, und doch doppelt so stark bevölkert; aber die Schriftsteller,
+die sich darin gefallen, die Entvölkerung der spanischen Colonien mit so
+grellen Farben zu schildern und den Grund davon in der kirchlichen
+Hierarchie suchen, übersehen, daß überall seit der Regierung Philipps V.
+die Zahl der Einwohner in mehr oder minder rascher Zunahme begriffen ist.
+Bereits ist auf den Canaren die Bevölkerung relativ stärker als in beiden
+Castilien, in Estremadure und in Schottland. Alle Inseln zusammengerückt
+stellen ein Gebirgsland dar, das um ein Siebentheil weniger Flächeninhalt
+hat als die Insel Corsica und doch gleich viel Einwohner zählt.
+
+Obgleich die Inseln Fortaventura und Lancerota, die am schlechtesten
+bevölkert sind, Getreide ausführen, während Teneriffa gewöhnlich nicht
+zwei Drittheile seines Bedarfs erzeugt, so darf man doch daraus nicht den
+Schluß ziehen, daß auf letzterer Insel die Bevölkerung aus Mangel an
+Lebensmitteln nicht zunehmen könnte. Die canarischen Inseln sind noch auf
+lange vor den Uebeln der Ueberbevölkerung bewahrt, deren Ursachen Mathus
+so sicher und scharfsinnig entwickelt hat. Das Elend des Volks ist um
+vieles gelindert worden, seit der Kartoffelbau eingeführt ist und man
+angefangen hat mehr Mais als Gerste und Weizen zu bauen.
+
+Die Bewohner der Canarien sind ihrem Charakter nach ein Gebirgsvolk und
+ein Inselvolk zugleich. Will man sie richtig beurtheilen, muß man sie
+nicht nur in ihrer Heimath sehen, wo ihr Fleiß auf gewaltige Hemmnisse
+stößt; man muß sie beobachten in den Steppen der Provinz Caracas, auf dem
+Rücken der Anden, auf den glühenden Ebenen der Philippinen, überall wo
+sie, einsam in unbewohnten Ländern, Gelegenheit finden die Kraft und die
+Thätigkeit zu entwickeln, welcher der wahre Reichthum des Colonisten sind.
+
+Die Canarier gefallen sich darin, ihr Land als einen Theil des
+europäischen Spaniens zu betrachten, und sie haben auch wirklich die
+castilianische Literatur bereichert. Die Namen Clavigo (Verfasser des
+*Pensador*), Viera, Yriarte und Betancourt sind in Wissenschaft und
+Literatur mit Ehren genannt; das canarische Volk besietzt die lebhafte
+Einbildungskraft, die den Bewohnern von Andalusien und Grenada eigen ist,
+und es ist zu hoffen, daß die glückseligen Inseln, wo der Mensch wie
+überall die Segnungen und die harte Hand der Natur empfindet, dereinst
+einen eingebornen Dichter finden, der sie würdig besingt.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 10 Die Schwäche der Lebenskraft zeigt sich an den Maulbeerbäumen, die
+ auf magerem sandigen Boden in der Nähe des baltischen Meeres gezogen
+ werden. Die Spätfröste thun ihnen weit weher als den Maulbeerbäumen
+ in Piemont. In Italien bringt ein Frost von 5 Grad unter dem
+ Gefrierpunkt kräftige Orangenbäume nicht um. Diese Bäume, die
+ weniger empfindlich sind als Citronen, erfrieren nach Galesio erst
+ bei –10° der hunderttheiligen Scale.
+
+ 11 Adanson wundert sich, daß die Baobabs nicht von andern Reisenden
+ beschrieben worden seyen. Ich finde in der Sammlung des Grynäus, daß
+ schon Aloysio Cadamosto vom hohen Alter dieser ungeheuren Bäume
+ spricht, die er im Jahr 1504 gesehen, und von denen er ganz richtig
+ sagt: _»eminentia altitudinis non quadrat magnitudini.«
+ Cadam. navig. c. 42_. Am Senegeal und bei Praya auf den Cap
+ Verdischen Inseln haben Adanson und Staunton Adansonien gesehen,
+ deren Stamm 56 bis 60 Fuß im Umfang hatte. Den Baobab mit 34 Fuß
+ Durchmesser hat Golberry im Thal der zwei Gagnack gesehen.
+
+ 12 Ebenso verhält es sich mit den Platanen _(Platanus occidentalis)_,
+ die Michaux zu Marietta am Ufer des Ohio gemessen hat und die 20 Fuß
+ über dem Boden noch 15 7/10 Fuß im Durchmesser hatten. Die Taxus,
+ die Kastanien, die Eichen, die Platanen, die kahlen Cypressen, die
+ Bombax, die Mimosen, die Cäsalpinen, die Hymenäen und die
+ Drachenbäume sind, wie mir scheint, die Gewächse, bei denen in
+ verschiedenen Klimaten Fälle von so außerordentlichem Wachsthum
+ vorkommen. Eine Eiche, die zugelcih mit gallischen Helmen im Jahr
+ 1809 in den Torfgruben im Departement der Somme beim Dorf Aseux,
+ sieben Lieues von Abbéville, gefunden wurde, gibt dem Drachenbaum
+ von Orotava in der Dicke nichts nach. Nach Angabe von Traullée hatt
+ der Stamm der Eiche 14 Fuß Durchmesser.
+
+ 13 Schousboue (Flora von Marocco) erwähnt seiner nicht einmal unter den
+ cultivirten Pflanzen, während er doch vom Cactus, von der Agave und
+ der Yucca spricht. Die Gestalt des Drachenbaumes kommt verschiedenen
+ Arten der Gattung Dracaena am Cap der Guten Hoffnung, in China und
+ auf Neuseeland zu; aber in der neuen Welt vertritt die Yucca die
+ Stelle derselben; denn die _Dracaena borealis_ d’Aitons ist eine
+ _Convallaria_, deren Habitus sie auch hat. Der im Handel unter dem
+ Namen Drachenblut bekannte adstringierende Saft kommt nach unseren
+ Untersuchungen an Ort und Stelle von verschiedenen amerikanischen
+ Pflanzen, die nicht derselben Gattung angehören, unter denen sich
+ einige Lianen befinden. In Laguna verfertigt man in Nonnenklöstern
+ Zahnstocher, die mit dem Saft des Drachenbaumes gefärbt sind, und
+ die man uns sehr anpries, weil sie das Zahnfleische conserviren
+ sollten.
+
+ 14 Diese Benennung war schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts im
+ Brauch. Edens, der alle spanischen Wörter verdreht, wie noch heute
+ die meisten Reisenden, nennt sie *Stancha*; es ist Bordas *Station
+ des rochers*, wie aus den daselbst beobachteten Barometerhöhen
+ hervorgeht. Diese Höhen waren nach Cordier im Jahr 1803 19 Zoll 9,5
+ Linien, und nach Borda und Varela im Jahr 1776 19 Zoll 9,8 Linien,
+ während er Barometer zu Orotava bis auf eine Linie ebenso hoch
+ stand.
+
+ 15 In den meisten Erdhöhlen, z. B. in der von Saint George, zwischen
+ Riort und Rolle, bildet sich an den Kalksteinwänden selbst im Sommer
+ eine dünne Schichte durchsichtigen Eises. Pictet hat die Beobachtung
+ gemacht, daß der Thermometer alsdann in der Luft der Höhle nicht
+ unter 2 – 3° steht, so daß man das Frieren des Wassers einer
+ örtlichen, sehr raschen Verdunstung zuzuschreiben hat.
+
+ 16 In der Rechung wurden für 91° 54’ scheinbaren Abstands vom Zenith
+ 57’ 7" Refraction angenommen. Die Sonne erscheint bei ihrem Aufgang
+ auf dem Pic von Teneriffa um so viel früher, als sie braucht, um
+ einen Bogen von 1° 54’ zurückzulegen. Für den Gipfel des Chimborazo
+ nimmt dieser Bogen nur um 41’ zu. Die Alten hatten so übertriebenen
+ Vorstellungen von der Beschleunigung des Sonnenaufgangs auf dem
+ Gipfel hoher Berge, daß sie behaupteten, die Sonne sey auf dem Berg
+ Athos drei Stunden früher sichtbar, als am Ufer des ägeischen
+ Meeres. (Strabo Buch VII.) Und doch ist der Athos nach Delambre nur
+ 713 Toisen hoch.
+
+ 17 Diese Frage ist mit großem Scharfsinn von Breislack in seiner
+ _Introduzzione alle Geologia_ erörtert. Der Cotopaxi und der
+ Popocatepetl, die ich im Jahr 1804 Rauch und Asche auswerfen sah,
+ liegen weiter vom großen Ocean und dem Meere der Antillen als
+ Grenoble vom Mittelmeer und Orleans vom atlantischen Meer. Man kann
+ es allerdings nicht als einen bloßen Zufall ansehen, daß man keinen
+ thätigen Vulkan entdeckt hat, der über 40 Seemeilen von der
+ Meeresküste läge; aber die Hypothese, nach der das Meerwasser von
+ den Vulkanen aufgesogen, destillirt und zersetzt würde, scheint mit
+ sehr zweifelhaft.
+
+ 18 Von allen kleinen canarischen Inseln ist nur die Rocca del Este vom
+ Pic auch bei hellem Wetter nicht zu sehen. Sie liegt 3°,5 ab,
+ Salvage dagegen nur 2° 1’. Die Insel Madera, die 4° 29’ entfernt
+ ist, wäre nur dann zu sehen, wenn ihre Berge über 3000 Toisen hoch
+ wären.
+
+ 19 »_La refraction de par todo._« Wir haben schon oben bemerkt, daß die
+ amerikanischen Früchte, welche das Meer häufig an die Küsten von
+ Ferro und Gomera wirft, früher für Gewächse der Insel San Borondon
+ gehalten wurden. Dieses Land, das nach der Volkssage von einen
+ Erzbischof und sechs Bischöfen regiert wurde, und das, nach Pater
+ Feijoos Ansicht, das auf einer Nebelschicht projicirte Bild der
+ Insel Ferro ist, wurde im sechzehnten Jahrhundert vom König von
+ Portugal Ludwig Perdigon geschenkt, als dieser sich zur Eroberung
+ desselben rüstete.
+
+ 20 Nach Odonell und Armstrong stand auf dem Gipfel des Pics am
+ 2. August 1806 um acht Uhr Morgnes der Thermometer im Schatten auf
+ 13°,8, in der Sonne auf 20°,5; Unterschied oder Wirkung der
+ Sonne: 6°,7.
+
+ 21 Im Merz 1805 fingen Gay-Lussac und ich beim Hospiz auf dem Mont
+ Cenis in einer stark elektrisch geladenen Wolke Luft auf und
+ zerlegten sie im Volta´schen Eudometer. Sie enthielt keinen
+ Wasserstoff und nicht um 0,002 weniger Sauerstoff als die Pariser
+ Luft, die wir in hermetisch verschlossenen Flaschen bei uns hatten.
+
+ 22 Da viele Reisende, welche bei Santa Cruz de Teneriffa anlegen, die
+ Besteigung des Pics unterlassen, weil sie nicht wissen, wie viel
+ Zeit man dazu braucht, so sind die folgenden Angaben wohl nicht
+ unwillkommen. Wenn man bis zum Haltpunkt der Engländer sich der
+ Maulthiere bedient, braucht man von Orotava aus zur Besteigung des
+ Pics und zur Rückkehr in den Hafen 21 Stunden; nämlich von Orotava
+ zum Pino del Dornajito 3 Stunden, von da zur Felsenstation 6, von da
+ nach der Caldera 3 ½. Für die Rückkehr rechne ich 9 Stunden. Es
+ handelt sich dabei nur von der Zeit, die man unterwegs zubringt,
+ keineswegs von der, die man auf die Untersuchung der Produkte des
+ Pic oder zum Ausruhen verwendet. In einem halben Tag gelangt man von
+ Santa Cruz de Teneriffa nach Orotava.
+
+ 23 Auf dieser Insel sah der carthaginensische Feldherr zum erstenmal
+ eine große menschenähnliche Affenart, die Gorillas. Er beschreibt
+ sie als durchaus behaarte Weiber, und als höchst bösartig, weil sie
+ sich mit Nägeln und Zähnen wehrten. Er rühmt sich, ihrer drei die
+ Haut abgezogen zu haben, um sie mitzunehmen. Gosselin verlegt die
+ Insel der Gorillas an die Mündung des Flusses Nun, aber nach dieser
+ Annahme müßte der Sumpf, in dem Hanno eine Menge Elephanten weiden
+ sah, unter 35½ Grad Breite liegen, beinahe am Nordende von Afrika.
+
+_ 24 Aristoteles, Mirab. Auscultat._ Solinus sagt vom Atlas: _vertex
+ semper nivalis lucet nocturnis ignibus_; aber dieser Atlas ist
+ gleich dem Berge Meru der Hindus ein aus richtigen Begriffen und
+ mythischen Fictionen zusammengesetztes Ding, und lag nicht auf einer
+ der hesperischen Inseln, wie Abbé Viera und nach ihm verschiedene
+ Reisende annehmen, die den Pic von Teneriffa beschreiben. Die
+ folgenden Stellen lassen keinen Zweifel hierüber: Herodot IV, 184.
+ Strabo XVII. Mela III, 10. Plinius V, 1. Solinus I, 24, sogar Diodor
+ von Sicilien III.
+
+ 25 Der Berg hieß auch *Aya-dyrma*, in welchem Wort Horn (_de Origin.
+ Americ. p._ 155 und 185) den alten Namen des Atlas findet, der nach
+ Strabo, Plinius und Solinus *Dyris* war. Diese Ableitung ist höchst
+ zweifelhaft; lagt man auf die Vokale mehr Werth, als sie bei den
+ orientalischen Völkern haben, so findet man *Dyris* fast ganz in
+ *Daran*, wie die arabischen Geographen den östlichen Theil des
+ Atlasgebirges nennen.
+
+_ 26 Non silendum puto de insula Teneriffa quae et eximie colitur et
+ inter orbis insulas est eminentior. Nam coelo sereno eminus
+ conspicitur, adeo ut qui absunt ab ea ad leucas hispanas sexaginta
+ vel septuaginta, non difficulter eam intueantur. Quod cernatur a
+ longe id efficit acuminatus lapis adamantinus, instar pyramidis, in
+ medio. Qui metiti sunt lapidem ajunt altitudine leucarum quindecim
+ mensuram excedere ab imo ad summum verticem. Is lapis jugiter
+ flagrat, instar Aetnae montis; id affirmant nostri Christiani qui
+ capti aliquando haec animadvertere. __Al. Cadamusti__ Navigatio ad
+ terras incognitas c. 8._
+
+ 27 Obgleich der Pic von Teneriffa sich nur in den Wintermonaten mit
+ Schnee bedeckt, könnte der Vulkan doch die seiner Breite
+ entsrpechende Schneegrenze erreichen, und wenn er Sommers ganz
+ schneefrei ist, so könnte dieß nur von der freien Lage des Berges in
+ der weiten See, von der Häufigkeit aufsteigender sehr warmer Winde
+ oder von der hohen Temperatur der Asche des Piton herrühren.. Beim
+ gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse lassen sich diese Zweifel
+ nicht heben. Vom Parallel der Berge Mexicos bis zum Parallel der
+ Pyrenäen und der Alpen, zwischen dem 20. und dem 45. Grad ist die
+ Curve des ewigen Schnees durch keine direkte Messung bestimmt
+ worden, und da sich durch die wenigen Punkte, welche uns unter 0°,
+ 20°, 45°, 62° und 71° nördlicher Breite bekannt sind, unendliche
+ viele Curven ziehen lassen, so kann die Beobachtung nur sehr
+ mangelhaft durch Rechnung ergänzt werden. Ohne es bestimmt zu
+ behaupten, kann man als wahrscheinlich annehmen, daß unter 28° 17’
+ die Schneegrenze über 1900 Toisen liegt. Vom Auquator an, wo der
+ Schnee mit 2460 Toisen, also etwa in der Höhe des Montblanc beginnt,
+ bis zum 20. Breitegrad, also bis zur Grenze des heißen Erdstrichs,
+ rückt der Schnee nur 100 Toisen herab; läßt sich demnach annehmen,
+ daß 8 Grad weiter in einem Klima, das fast noch durchaus als ein
+ tropisches erscheint, der Schnee schon 400 Toisen tiefer stehen
+ sollte? Selbst vorausgesetzt, der Schnee rückte vom 20. bis zum
+ 45. Breitegrad in arithmetischer Progression herab, was den
+ Beobachtungen widerspricht, so finge der ewige Schnee unter der
+ Breite des Pic erst bei 2050 Toisen über der Meeresfläche an, somit
+ 550 Toisen höher als in den Pyrenäen und in der Schweiz. Dieses
+ Ergebniß wird noch durch andere Beobachtungen unterstützt. Die
+ mittlere Temperatur der Luftschicht, mit der der Schnee im Sommer in
+ Berührung kommt, ist in den Alpen ein paar Grad unter, unter dem
+ Aequator ein paar Grad über dem Gefrierpunkt. Angenommen, unter 28½
+ Grad sey die Temperatur gleich Null, so ergibt sich nach dem Gesetz
+ der Wärmeabnahme, auf 98 Toisen einen Grad gerechnet, das der Schnee
+ in 2058 Toisen über einer Ebene mit einer mittleren Temperatur von
+ 21°, wie sie der Küste von Teneriffa zukommt, lieben bleiben muß.
+ Diese Zahl stimmt fast ganz mit der, welche sich bei der Annahme
+ einer arithmetischen Progression ergibt. Einer der Hochgipfel der
+ Sierra de Nevada de Grenada, der Pico de Beleta, dessen absolute
+ Höhe 1781 Toisen beträgt, ist beständig mit Schnee bedeckt; da aber
+ die untere Grenze des Schnees hier nicht gemessen worden ist, so
+ trägt dieser Berg, der unter 37° 10’ der Breite liegt, zur Lösung
+ des vorliegenden Problems nichts bei. Durch die Lage des Vulkans von
+ Teneriffa mitten auf einer nicht großen Insel kann die Curve des
+ ewigen Schnees schwerlich hinaufgeschoben werden. Wenn die Winter
+ auf Inseln weniger streng sind, so sind dagegen auch die Sommer
+ weniger heiß, und die Höhe des Schnees hängt nicht sowohl von der
+ ganzen mittleren Jahrestemperatur als vielmehr von der mittlere
+ Wärme der Sommermonate ab. Auf dem Aetna beginnt der Schnee schon
+ bei 1500 Toisen oder selbst etwas tiefer, was bei einem unter 37½°
+ der Breite gelegenen Gipfel ziemlich auffallend erscheint. In der
+ Nähe des Polarkreises, wo die Sommerhitze durch den fortwährend aus
+ dem Meere aufsteigenden Nebel gemildert wird, zeigt sich der
+ Unterschied zwischen Inseln oder Küsten und dem inneren Lande höchst
+ auffallend. Auf Island z. B. ist auf dem Osterjöckull, unter 65° der
+ Breite, die Grenze des ewigen Schnees in 482, in Norwegen dagegen,
+ unter 67°, fern von der Küste in 600 Toisen Höhe, und doch sind hier
+ die Winter ungleich strenger, folglich die mittlere Jahrestemperatur
+ geringer als in Island. Nach diesen Angaben erscheint es als
+ wahrscheinlich, daß Bouquer und Saussure im Irrthum sind, wenn sie
+ annehmen, daß der Pic von Teneriffa die untere Grenze des ewigen
+ Schrees erreiche. Unter 28° 17’ der Breite ergeben sich für diese
+ Grenze wenigstens 1950 Toisen, selbst wenn man sie zwischen dem
+ Aetna und den Bergen von Mexico durch Interpolation berechnet.
+ Dieser Punkt wird vollständig ins Reine gebracht werden, wenn einmal
+ der westliche Theil des Atlas gemessen ist, wo bei Marocco unter 31½
+ Grad Breite ewiger Schnee liegt.
+
+_ 28 Pinus halepensis._ Nach de Candolles Bemerkung hieße diese Fichte,
+ die in Portugal fehlt und am Abhang von Frankreicht und Spanien
+ gegen das Mittelmeer in Italien, in Kleinasien und in der Barbarei
+ vorkommt besser _Pinus mediterranea._ Sie ist der herrschende Baum
+ in den Fichtenwäldern des südöstlichen Frankreichs, wo sie von Gonan
+ und Gerard mit der _Pinus sylvestris_ verwechselt worden ist.
+
+ 29 Willdenow und ich haben unter den Pflanzen vom Pic von Teneriffa das
+ schöne _Satyrium diphyllum_ (_Orchis cordata, Willd._) erkannt, die
+ Link in Portugal gefunden. Die Canarien haben nicht die _Dicksonia
+ Culcita_, den einzigen Baumfarn, der unter 39° der Breite vorkommt,
+ wohl aber _Asplenium palmatun_ und _Myrica Faya_ mit der Flora der
+ Azoren gemein. Letzterer Baum findet sich in Portugal wild,
+ Hofmannsegg hat sehr alte Stämme gesehen, es bleibt aber
+ zweifelhaft, ob er in diesen Theil unseres Continents einheimisch
+ oder eingeführt ist. Denkt man über die Wanderungen der Gewächse
+ nach zieht man in Betracht, daß es geologisch möglich ist, daß
+ Portugal, die Azoren, die Canarien und die Atlaskette einst durch
+ nunmehr im Meer versunkene Länder zusammengehangen habe, so
+ erscheint das Vorkommen der _Myrica Facya_ im westlichen Europa zum
+ mindestens ebenso auffallend, als wenn die Fichte von Aleppe auf den
+ Azoren vorkäme.
+
+ 30 Nach Vaters Untersuchungen zeigt die Sprache der Guanchen folgende
+ Aehnlichkeiten mit den Sprachen weit aus einander gelegener Völker:
+ Hund bei den Huronen in Amerika _aguienon_, bei den Guanchen aguyan;
+ *Mensch* bei den Peruanern _cari_, bei den Guanchen _coran_; *König*
+ bei den Mandingos in Afrika _monso_, bei den Guanchen _monsey_. Der
+ Name der Insel Gomera kommt um Worte Gomer zum Vorschein, das der
+ Name eines Berberstammes ist. (*Vater*, Untersuchungen über Amerika,
+ S. 170.) Die Guanchischen Worte _alcorac_, Gott, und _almogaron_,
+ Tempel, scheinen arabischen Ursprungs, wenigstens bedeutet in
+ letzterer Sprache _almoharram_ *heilig*.
+
+
+
+
+
+DRITTES KAPITEL
+
+
+ Überfahrt von Teneriffa an die Küste von Südamerika — Ankunft in
+ Cumana
+
+
+Am 25. Juni Abends verließen wir die Rhede von Santa Cruz und schlugen den
+Weg nach Südamerika ein. Es wehte stark aus Nordost und das Meer schlug in
+Folge der Gegenströmungen kurze gedrängte Wellen. Die canarischen Inseln,
+auf deren hohen Bergen ein röthlicher Duft lag, verloren wir bald aus dem
+Gesicht. Nur der Pic zeigte sich von Zeit zu Zeit in Blinken,
+wahrscheinlich, weil der in der hohen Luftregion herrschende Wind dann und
+wann die Wolken um den Piton verjagte. Zum erstenmal empfanden wir,
+welchen lebhaften Eindruck der Anblick von Ländern an der Grenze des
+heißen Erdgürtels, wo die Natur so reich, so großartig und so wundervoll
+auftritt, auf unser Gemüth macht. Wir hatten nur kurze Zeit auf Teneriffa
+verweilt, und doch schieden wir von der Insel, als hätten wir lange dort
+gelebt.
+
+Unsere Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, dem östlichsten Hafen von
+Terra Firma, war so schön als je eine. Wir schnitten den Wendekreis des
+Krebses am 27., und obgleich der *Pizarro* eben kein guter Segler war,
+legten wir doch den neunhundert Meilen [4050 km] langen Weg von Küste von
+Afrika zur Küste der neuen Welt in zwanzig Tagen zurück. Wir fuhren auf 50
+Meilen [225 km] westwärts am Vorgebirge Bojador, am weißen Vorgebirge und
+an den Inseln des grünen Vorgebirges vorüber. Ein paar Landvögel, der der
+starke Wind auf die hohe See verschlagen, zogen uns einige Tage nach.
+Hätten wir nicht unsere Länge mittelst der Seeuhren genau gekannt, so
+wären wir versucht gewesen zu glauben, wir seyen ganz nahe der
+afrikanischen Küste.
+
+Unser Weg war derselbe, den seit Kolumbus erster Reise alle Fahrzeuge nach
+den Antillen einschlagen. Vom Parallel von Madera bis zum Wendekreis nimmt
+dabei die Breite rasch ab, während man an Länge fast nichts zulegt; hat
+man die Zone des beständigen Passatwindes erreicht, so fährt man von Ost
+nach West auf einer ruhigen, friedlichen See, die bei den spanischen
+Seefahrern _el Golfo de las Damas_ heißt. Wie alle, welche diese Striche
+befahren, machten auch wir die Beobachtung, daß, je weiter man gegen
+Westen rückt, der Passat, der Anfangs Ost-Nord-Ost war, immer mehr Ostwind
+wird.
+
+Hadley(31) hat in einer berühmten Abhandlung die Theorie des Passats
+entwickelt, wie sie gemeiniglich angenommen ist, aber die Erscheinung ist
+eine weit verwickeltere, als die meisten Physiker glauben. Im atlantischen
+Ocean ist die Länge wie die Abweichung der Sonne von Einfluß auf die
+Richtung und die Grenzen der Passatwinde. Dem neun Continent zu gehen sie
+in beiden Halbkugeln 8 bis 9 Grad über den Wendekreis hinauf, während in
+der Nähe von Afrika die veränderlichen Winde weit über den 28. oder
+27. Grad hinunter herrschen. Es ist im Interesse der Meteorologie und der
+Schifffahrt zu bedauern, daß die Veränderungen, denen die Luftströmungen
+unter den Tropen im stillen Ocean unterliegen, weit weniger bekannt sind
+als das Verhalten derselben Ströme in einem engeren Meeresbecken, wo die
+nicht weit auseinander liegenden Küsten von Guinea und Brasilien ihre
+Einflüsse geltend machen. Die Schiffer wissen seit Jahrhunderten, daß im
+atlantischen Ocean der Aequator nicht mit der Linie zusammenfällt, welche
+die Passatwinde aus Nordort und die aus Südost scheidet. Diese Linie
+liegt, nach Hadley richtiger Beobachtung, unter dem 3. bis 4. Grad
+nördlicher Breite, und wenn ihre Lage daher rührt, daß die Sonne in der
+nördlichen Halbkugel länger verweilt, so weist sie darauf hin, daß die
+Temperaturen der beiden Halbkugeln [Nimmt man mit Aepinus an, daß die
+südliche Halbkugel nur um 1/14 kälter ist als die nördliche, so ergibt die
+Rechnung für die nördliche Grenze des Ost-Süd-Ost-Passats 1° 28’.] sich
+verhalten wie 11 zu 9. In der Folge, wenn von der Luft über der Südsee die
+Rede ist, werden wir sehen, daß westwärts von Amerika der Südost-Passat
+nicht so weit über den Aequator hinausreicht als im atlantischen Ocean.
+Der Unterschied in der Luftströmung dem Aequator zu vom einen und vom
+andern Pol her kann ja nicht unter allen Längengraden derselbe seyn, das
+heißt auf Punkten der Erdkugel, wo die Festländer sehr verschieden breit
+sind und sich mehr oder minder weit gegen die Pole erstrecken.
+
+Es ist bekannt, daß auf der Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, wie von
+Acapulco nach den Philippinen, die Matrosen fast keine Hand an die Segel
+zu legen brauchen. Man fährt in diesen Strichen, als ginge es auf einem
+Flusse hinunter, und es ist zu glauben, daß es kein gewagtes Unternehmen
+wäre, die Fahrt mit einer Schaluppe ohne Verdeck zu machen. Weiter
+westwärts aber, an der Küste von St. Marta und im Meerbusen von Mexico
+weht der Wind sehr stark und macht die See sehr unruhig.(32)
+
+Je weiter wir uns von der afrikanischen Küste entfernten, desto schwächer
+wurde der Wind; oft blieb er einige Stunden ganz aus, und diese
+Windstillen wurden regelmäßig durch elektrische Erscheinungen
+unterbrochen. Schwarze, dichte, scharf umrissene Wolken zogen sich im Ost
+zusammen; man konnte meinen, es sey eine Bö im Anzug und man werde die
+Marssegel einreffen müssen, aber nicht lange, so erhob sich der Wind
+wieder, es fielen einige schwere Regentropfen und das Gewitter verzog
+sich, ohne daß man hatte donnern hören. Es war interessant, während dessen
+die Wirkung schwarzer Wolken zu beobachten, die einzeln und sehr tief
+durch das Zenith liefen. Man spürte, wie der Wind allmählig stärker oder
+schwäcker wurde, je nachdem die kleinen Haufen von Dunstbläschen sich
+näherten oder entfernten, ohne daß die Elektrometer mit langer
+Metallstange und brennendem Docht in den untern Luftschichten eine
+Aenderung in der elektrischen Spannung anzeigten. Mittels solcher kleinen,
+mit Windstillen wechselnden Böen gelangt man in den Monaten Juni und Juli
+von den canarischen Inseln nach den Antillen oder an die Küsten von
+Südamerika. Im heißen Erdstrich lösen sich die meteorologischen Vorgänge
+äußerst regelmäßig ab, und das Jahr 1803 wird in den Annalen der
+Schifffahrt lange denkwürdig bleiben, weil mehrere Schiffe, die von Cadix
+nach Cumana gingen, unter 14° der Länge und 48° der Breite umlegen mußten,
+weil mehrere Tage lang ein heftiger Wind aus Nord-Nord-West blies. Welch
+bedeutende Störung im regelmäßigen Lauf der Luftströmungen muß man
+annehmen, um sich von einem solchen Gegenwind Rechenschaft zu geben, der
+ohne Zweifel auch den regelmäßigen Gang des Barometers in seiner
+stündlichen Schwankung gestört haben wird!
+
+Einige spanische Seefahrer haben neuerlich einen andern Weg nach den
+Antillen und zur Küste von Terra Firma als den von Christoph Columbus
+zuerst eingeschlagenen zur Sprache gebracht. Sie schlagen vor, man sollte
+nicht gerade nach Süd steuern, um den Passat aufzusuchen, sondern auf
+einer Diagonale zwischen Cap St. Vincent und Amerika in Länge und Breite
+zugleich vorrücken. Dieser Weg, der die Fahrt abkürzt, da man den
+Wendekreis etwa 20° westwärts vom Punkte schneidet, wo ohn die Schiffe
+gewöhnlich schneiden, ist von Admiral Gravina mehreremale mit Glück
+eingeschlagen worden. Dieser erfahrene Seemann, der in der Schlacht von
+Trafalgar einen rühmlichen Tod fand, kam im Jahr 1802 auf diesem schiefen
+Wege mehrere Tage vor der französischen Flotte nach St. Domingo, obgleich
+er zufolge eines Befehls des Madrider Hofs mit seinem Geschwader im Hafen
+von Ferrel hatte einlaufen und sich dort eine Zeitlang aufhalten müssen.
+
+Diese neue Verfahren kürzt die Ueberfahrt von Cadix nach Cumana etwa um
+ein Zwanzigtheil ab; da man aber erst unter dem 40. Grad der Länge die
+Tropen betritt, so läuft man Gefahr, länger mit den veränderlichen Winden
+zu thun zu haben, die bald aus Süd, bald aus Südwest blasen. Beim alten
+Verfahren wird der Nachtheil, daß man einen längeren Weg macht, dadruch
+ausgeglichen, daß man sicher ist, in den Passat zu gelangen und ihn auf
+einem größeren Stück der Ueberfarht benützen zu können. Während meines
+Aufenthalt in den spanischen Colonien sah ich mehrere Kauffahrer an
+kommen, die aus Furcht vor Kapern den schiefen Weg eingeschlagen hatten
+und ausnehmend rasch herübergekommen waren; nur nach wiederholten
+Versuchen wird man sich bestimmt über einen Punkt aussprechen können, der
+zum mindesten so wichtig ist als die Wahl des Meridians, auf dem man bei
+der Fahrt nach Buenos Ayres oder Cap Horn den Aequator schneiden soll.
+
+Nichts geht über die Pracht und die Milde des Klimas im tropischen
+Weltmeer. Während der Passatwind stark blies, stand der Thermometer bei
+Tage auf 23–24 Grad, bei Nacht zwischen 22 und 22,5. Um den Reiz dieser
+glücklichen Erdstriche in der Nähe des Aequators voll zu empfinden, muß
+man in rauher Jahreszeit von Acapulco oder von den Küsten von Chili nach
+Europa gesegelt haben. Welcher Abstand zwischen den stürmischen Meeren in
+nördlichen Breiten und diesen Strichen, wo in der Natur ewige Ruhe
+herrscht! Wenn die Rückfahrt aus Mexiko oder Südamerika nach den
+spanischen Küsten zu kurz und so angenehm wäre als die Reise aus der alten
+in die neue Welt, so wäre die Zahl der Europäer, die sich in den Kolonien
+niedergelassen, lange nicht so groß, als sie jetzt ist. Das Meer, in dem
+die Azoren und die Bermuden liegen, durch das man kommt, wenn man in hohen
+Breiten nach Europa zurückfährt, führt bei den Spanier den seltsamen Namen
+_Golfe de las Yeguas_. [Der Meerbusen der Stuten.] Colonisten, die an die
+See nicht gewöhnt sind, und lange einsam in den Wäldern von Guyana, in den
+Savanen von Caracas oder auf den Cordilleren von Peru gelebt haben,
+fürchten sich vor dem Seestrich bei den Bermuden mehr als jetzt die
+Bewohner von Lima vor der Fahrt um Cap Horn. Sie übertreiben in der
+Einbildung die Gefahren einer Ueberfahrt, die nur im Winter bedenktlich
+ist. Sie verschieben es von Jahr zu Jahr, ein Vorhaben auszuführen, das
+ihnen gewagt erscheint, und meist überrascht sie der Tod, während sie sich
+zur Rückreise rüsten.
+
+Nördlich von den Inseln des Grünen Vorgebirges stießen wir auf große
+Bündel schwimmenden Tangs. Es war die tropische Seetraube, _Fucus natans_,
+die nur bis zu 40° nördlicher und südlicher Breite auf dem Gestein unter
+dem Meeresspiegel wächst. Diese Algen schienen hier, wie südwestlich von
+der Bank von Neufoundland, das Vorhandenseyn der Strömungen anzuzeigen.
+Die Seestriche, wo viel einzelner Tag vorkommt, und die mit Seegewächsen
+bedeckten Strecken, welche Columbus mit großen Wiesen vergleicht und die
+der Mannschaft der Santa Maria unter 42° der Länge Schrecken einjagten,
+sind nicht mit einander zu verwechseln. Durch die Vergleichung vieler
+Schiffstagebücher habe ich mich überzeugt, daß es im Becken des nördlichen
+Atlantischen Oceans zwei solcher mit Algen bedeckten Strecken gibt, die
+nichts miteinander zu tun haben. Die größte derselben(33) liegt etwas
+westlich vom Meridian von Fayal, einer der azorischen Inseln, zwischen
+35 und 36° der Breite. Die Meerestemperatur beträgt in diesem Strich
+16 bis 20 Grad, und die Nordostwinde, die dort zuweilen sehr stark sind,
+treiben schwimmende Tanginseln in tiefe Breiten, bis zum 24., ja bis zum
+20. Grad. Die Schiffe, die von Montevideo und vom Kap der guten Hoffnung
+nach Europa zurückfahren, kommen über diese Fucusbank, die nach den
+spanischen Schiffern von den kleinen Antillen und von den canarischen
+Inseln gleich weit entfernt ist; die Ungeschicktesten können darnach ihre
+Länge berichtigen. Die zweite Fucusbank ist wenig bekannt; sie liegt unter
+22 und 26° der Breite, 80 Seemeilen [148 km] westlich vom Meridian der
+Bahamainseln, und ist von weit geringerer Ausdehnung. Man stößt auf sie
+auf der Fahrt von den Caycosinseln nach den Bermuden.
+
+Allerdings kennt man Tangarten mit 800 Fuß [260 m] langen Stengeln [_Fucus
+giganteus_, _Forster_ oder _Laminaria pyrifera_, _Lamouroux_.], und diese
+Cryptogamen der hohen See wachsen sehr rasch; dennoch ist kein Zweifel
+darüber, daß in den oben beschriebenen Strichen die Tange keinesweg am
+Meeresboden haften, sondern in einzelnen Bündeln auf dem Wasser schwimmen.
+In diesem Zustand können diese Gewächse nicht viel länger fortvegetiren
+als ein vom Stamm abgerissener Baumast. Will man sich Rechenschaft davon
+geben, wie es kommt, daß bewegliche Massen sich seit Jahrhunderten an
+denselben Stellen befinden, so muß man annehmen, daß sie vom Gestein
+73 bis 92 m unter der Meeresfläche herkommen und der Nachwuchs fortwährend
+wieder ersetzt, was die tropische Strömung wegreißt. Diese Strömung führt
+die tropische Seetraube in hohe Breiten, an die Küsten von Norwegen und
+Frankreich, und die Algen werden südwärts von den Azoren keineswegs vom
+*Golfstrom* zusammengetrieben, wie manche Seeleute meinen. Es wäre zu
+wünschen, daß die Schiffer in diesen mit Pflanzen bedeckten Strichen
+häufiger das Senkblei auswärfen; man versichert, holländische Seeleute
+haben mittelst Leinen aus Seidenfäden zwischen der Bank von Neufoundland
+und der schottischen Küste eine Reihe von Untiefen gefunden.
+
+Wie und wodurch die Algen in Tiefen, in denen nach der allgemeinen Annahme
+das Meer wenig bewegt ist, losgerissen werden, darüber ist man noch nicht
+im Klaren. Wir wissen nur nach den schönen Beobachtungen von Lamouroux,
+daß die Algen zwar vor der Entwicklung ihrer Fructificationen ausnehmend
+fest am Gestein hängen, dagegen nach dieser Zeit oder in der Jahreszeit,
+wo bei ihnen wie bei den Landpflanzen die Vegetation stockt, sehr leicht
+abzureißen sind. Fische und Weichthiere, welche die Stengel der Tange
+benagen, mögen wohl auch dazu beitragen, sie von ihren Wurzeln zu lösen.
+
+Vom 22. Breitengrad an fanden wir die Meeresfläche mit fliegenden Fischen
+[_Exocoetus volitans._] bedeckt; sie schnellten sich fünfzehn, ja achtzehn
+Fuß [4,5, ja 6 m] in die Höhe und fielen auf den Oberlauf nieder. Ich
+scheue mich nicht, hier gleichfalls einen Gegenstand zu berühren, von dem
+die Reisenden so viel sprechen, als von Delphinen und Haifischen, von der
+Seekrankheit und dem Leuchten des Meeres. Alle diese Dinge bieten den
+Physikern noch lange Stoff genug zu anziehenden Beobachtungen, wenn sie
+sich ganz besonders damit beschäftigen. Die Natur ist eine unerschöpfliche
+Quelle der Forschung, und im Maß, als die Wissenschaft vorschreitet,
+bietet sie dem, der sie recht zu befragen weiß, immer wieder eine neue
+Seite, von der er sie bis jetzt nicht betrachtet hatte.
+
+Ich erwähne der fliegenden Fische, um die Naturkundigen auf die ungeheure
+Größe ihrer Schwimmblase aufmerksam zu machen, die bei einem 6,4 Zoll
+langen Fisch 3,6 Zoll lang und 0,9 breit ist und 3½ Kubikzoll [60 ml] Luft
+enthält. Die Blase nimmt über die Hälfte vom Körperinhalt des Thieres ein,
+und trägt somit wahrscheinlich dazu bei, daß es so leicht ist. Man könnte
+sagen, dieser Luftbehälter diese ihm vielmehr zum Fliegen als zum
+Schwimmen, denn die Versuche, die Provenzal und ich angestellt, beweisen,
+daß dieses Organ selbst bei den Arten, die damit versehen sind, zu der
+Bewegung an die Wasserfläche herauf nicht durchaus nothwendig ist. Bei
+einem jungen 5,0 Zoll langen Exocoetus bot jede der Brustflossen, die als
+Flügen diesen, der Luft bereits eine Oberfläche von 3 7/10 Quadratzoll
+dar. Wir haben gefunden, daß die neun Nervenstränge, die zu den zwölf
+Strahlen dieser Flossen verlaufen, fast dreimal dicker sind als die Nerven
+der Bauchflossen. Wenn man die ersteren Nerven galvanisch reizt, so gehen
+die Strahlen, welche die Haut der Brustflossen tragen, fünfmal kräftiger
+auseinander, als die der andern Flossen, wenn man sie mit denselben
+Metallen galvanisirt. Der Fisch kann sich ab er auch zwanzig Fuß [6,5 m]
+weit wagrecht fortschnellen, ehe er mit der Spitze seiner Flossen die
+Meeresfläche wieder berührt. Man hat diese Bewegung und die eines flachen
+Steines, der auffallend und wieder abprallend ein paar Fuß hoch über die
+Wellen hüpft, ganz richtig zusammengestellt. So ausnehmend rasch die
+Bewegung ist, kann man doch deutlich sehen, daß das Thier während des
+Sprungs die Luft schlägt, das heißt, daß es die Brustflossen abwechselnd
+ausbreitet und einzieht. Dieselbe Bewegung beobachtet man am fliegenden
+Seescorpion auf den japanischen Flüssen, der gleichfalls eine große
+Schwimmblase hat, während sie den meisten Seescorpionen, die nicht
+fliegen, fehlt [_Scorpaena porcus_, _S. scrofa_, _S. dactyloptera_,
+Delaroche.]. Die Exocoetus können, wie die meisten Kiementhiere, ziemlich
+lange und mittelst derselben Organe im Wasser und in der Luft athmen, das
+heißt der Luft wie dem Wasser den darin enthaltenen Sauerstoff entziehen.
+Sie bringen einen großen Theil ihres Lebens in der Luft zu, aber ihr
+elendes Leben wird ihnen dadurch nicht leichter gemacht. Verlassen sie das
+Meer, um den gefräßigen Goldbrassen zu entgehen, so begegnen sie in der
+Luft den Fregatten, Albatrossen und andern Vögeln, die sie im Flug
+erschnappen. So werden an den Ufern des Orinoco Rudel von Cabiais, [_Cavia
+Capybara._ L.] wenn sie vor den Krokodilen aus dem Wasser flüchten, am
+Ufer die Beute der Jaguars.
+
+Ich bezweifle indessen, daß sich die fliegenden Fische allein um der
+Verfolgung ihrer Feinde zu entgehen, aus dem Wasser schnellen. Gleich den
+Schwalben schießen sie zu Tausenden Fort, gerade aus und immer gegen die
+Richtung der Wellen. In unsern Himmelsstrichen sieht man häufig am Ufer
+eines klaren, von der Sonne beschienenen Flusses einzeln stehende Fische,
+die somit nichts zu fürchten haben können, sich über die Wasserfläche
+schnellen, als machte es ihnen Vergnügen, Luft zu athmen. Warum sollte
+dieses Spiel nicht noch häufiger und länger bei den Exocoetus vorkommen,
+die vermöge der Form ihrer Brustflossen und ihres geringen specifischen
+Gewichtes sich sehr leicht in der Luft halten? Ich fordere die Forscher
+auf, zu untersuchen, ob andere fliegende Fische, z. B. _Exocoetus
+exiliens_, _Trigla volitans_ und _T. horundo_ auch so große Schwimmblasen
+haben wie der tropische Exocoetus. Dieser geht mit dem warmen Wasser des
+Golfstroms nach Norden. Die Schiffsjungen schneiden ihm zum Spaß ein Stück
+der Brustflossen ab und behaupten, diese wachsen wieder, was mir mit den
+bei andern Fischfamilien gemachten Beobachtungen nicht zu stimmen scheint.
+
+Zur Zeit, da ich von Paris abreiste, hatten die Versuche, welche
+_Dr._ Broddelt in Jamaica mit der Luft in der Schwimmblase des
+Schwertfisches angestellt, einige Physiker zur Annahme veranlaßt, daß
+unter den Tropen dieses Organ bei den Seefischen reines Sauerstoffgas
+enthalte. Auch ich hatte diese Vorstellung, und so war ich überrascht, als
+ich in der Schwimmblase des Exocoetus nur 0,04 Sauerstoff auf 0,94
+Stickstoff und 0,02 Kohlensäure fand. Der Antheil des letzteren Gases, der
+mittelst der Absorption durch Kalkwasser in graduirten Röhren gemessen
+wurde, [Anthracometer, gekrümmte Röhren mit einer großen Kugel.] schien
+constanter als der des Sauerstoffs, von dem einige Exemplare fast noch
+einmal so viel zeigten. Nach Biots, Cosigliachi´s und Delaroche´s
+interessanten Beobachtungen muß man annehmen, daß der von Broddelt secirte
+Schwertfisch in großen Meerestiefen gelebt habe, wo manche Fische bis zu
+94 Procent Sauerstoff in ihrer Schwimmblase zeigen.
+
+Am 1. Juli, unter 17° 42’ der Breite und 34° 21’ der Länge stießen wir auf
+die Trümmer eines Wrackes. Wir konnten einen Mastbaum sehen, der mit
+schwimmendem Tang überzogen war. In einem Strich, wo die See beständig
+ruhig ist, konnte das Fahrzeug nicht Schiffbruch gelitten haben.
+Vielleicht daß diese Trümmer aus den nördlichen stürmischen Meeren kamen,
+und infolge der merkwürdigen Drehung, welche die Wasser des Atlantischen
+Meeres in der nördlichen Halbkugel erleiden, wieder zum Fleck
+zurückwanderte, wo das Schiff zugrunde gegangen.
+
+Am dritten und vierten fuhren wir über den Theil des Oceans, wo die Karten
+die Bank des Maalstroms verzeichne; mit Einbruch der Nacht änderte man den
+Curs, um einer Gefahr auszuweichen, deren Vorhandenseyn so zweifelhaft
+ist, als das der Inseln Fonseco und Santa Anna.(34) Es wäre wohl klüger
+gewesen, den Curs beizubehalten. Die alten Seekarten wimmeln von
+sogenannten wachenden Klippen, die zum Theil allerdings vorhanden sind,
+größtentheils aber sich von optischen Täuschungen herschreiben, die auf
+der See häufiger sind als im Binnenland. Die Lage der wirklich
+gefährlichen Punkte ist meist wie auf Gerathewohl angegeben; sie waren von
+Schiffern gesehen worden, die ihre Länge nur auf ein paar Grade kannten,
+und meist kann man sicher darauf rechnen, keine Klippen zu finden, wenn
+man den Punkten zusteuert, wo sie auf den Karten angegeben sind. Als wir
+dem vorgeblichen Maalstrom nahe waren, konnten wir am Wasser keine andere
+Bewegung bemerken, als ein Strömung nach Nordwest, die uns nicht so viel
+in Länge zurücklegen ließ, als wir gewünscht hätten. Die Stärke dieser
+Strömung nimmt zu, je näher man dem neuen Continente kommt; sie wird durch
+die Bildung der Küsten von Brasilien und Guyana abgelenkt, nicht durch die
+Gewässer des Orinoco und des Amazonenstroms, wie manche Physiker
+behaupten.
+
+Seit unserem Eintritt in die heiße Zone wurden wir nicht müde, in jeder
+Nacht die Schönheit des südlichen Himmels zu bewundern, an dem, je weiter
+wir nach Süden vorrückten, immer neue Sternbilder vor unseren Blicken
+aufstiegen. Ein sonderbares, bis jetzt ganz unbekanntes Gefühl wird in
+einem rege, wenn man dem Aequator zu, und namentlich beim Uebergang aus
+der einen Halbkugel in die andere, die Sterne, die man von Kindheit auf
+kennt, immer tiefer hinabrücken und endlich verschwinden sieht. Nichts
+mahnt den Reisenden so auffallend an die ungeheure Entfernung seiner
+Heimath, als der Anblick eines neuen Himmels. Die Gruppirung der großen
+Sterne, einige zerstreute Nebelflecke, die an Glanz mit der Milchstraße
+wetteifern, Strecken, die sich durch ihr tiefes Schwarz auszeichnen, geben
+dem Südhimmel eine ganz eigenthümliche Physiognomie. Dieses Schauspiel
+regt selbst die Einbildungskraft von Menschen auf, die den physischen
+Wissenschaften sehr ferne stehen und zum Himmelsgewöbe aufblicken, wie man
+eine schöne Landschaft oder eine großartige Aussicht bewundert. Man
+braucht kein Botaniker zu seyn, um schon am Anblick der Pflanzenwelt den
+heißen Erdstrich zu erkennen, und wer auch keine astronomischen Kenntnisse
+hat, wer von Flamsteads und Lacaille’s Himmelskarten nichts weiß, fühlt,
+daß er nicht in Europa ist, wenn er das ungeheure Sternbild des Schiffs
+oder die leuchtenden Magellanschen Wolken am Horizont aufsteigen sieht.
+Erde und Himmel, Allem in den Aequinoctialländern drückt sich der Stempel
+des Fremdartigen auf.
+
+Die niedrigen Luftregionen waren seit einigen Tage mit Dunst erfüllt. Erst
+in der Nacht vom vierten zum fünften Juli, unter 16° Breite, sahen wir das
+südliche Kreuz zum erstenmal deutlich; es war stark geneigt und erschien
+von Zeit zu Zeit zwischen den Wolken, deren Mittelpunkt, wenn das
+Wetterleuchten dadurch hinzuckte, wie Silberlicht aufflammte. Wenn es
+einem Reisenden gestattet ist, von seinen persönlichen Empfindungen zu
+sprechen, so darf ich sagen, daß ich in dieser Nacht einen der Träume
+meiner frühesten Jugend in Erfüllung gehen sah.
+
+Wenn man anfängt geographische Karten zu betrachten und Schilderungen der
+Seefahrer zu lesen, so fühlt man für gewisse Länder und gewisse Klimate
+eine Art Vorliebe, von der man sich in reiferem Alter keine Rechenschaft
+zu geben vermag. Eindrücke der Art äußern einen nicht ungebedeutenden
+Einfluß auf unsere Entschlüsse, und wie instinkmäßig suchen wir
+Gegenständen, die schon so lange eine geheime Anziehungskraft für uns
+gehabt, wirklich nahe zu kommen. Als ich mich mit dem Himmel beschäftigte,
+nicht um Astronomie zu treiben, sondern nur um die Sterne kennen zu
+lernen, empfand ich eine bange Unruhe, die Menschen, die ein sitzendes
+Leben lieben, ganz fremd ist. Der Hoffnung entsagen zu sollen, jemals jene
+herrlichen Sternbilder am Südpol zu erblicken, das schien mit sehr hart.
+Im ungeduldigen Drange, die Aequatorialländer kennen zu lernen, konnte ich
+nicht die Augen zum Sterngewölbe aufschlagen, ohne an das südliche Kreuz
+zu denken und mir die erhabenen Verse Dante’s vorzusagen, welche sich nach
+den berühmtesten Auslegern auf jenes Sternbild beziehen:(35)
+
+Jo mi volsi a man destra e posi mente
+All´ altro polo, e vidi quattro stelle,
+Non viste mai fuor ch´ alla prima gente.
+
+Goder parea lo ciel di lor fiammelle,
+O settentrional vedovo sito,
+Pio che privato se di mirar quelle!
+
+Unsere Freude beim Erscheinen des südlichen Kreuzes wurde lebhaft von
+denjenigen unter der Mannschaft getheilt, die in den Colonien gelebt
+hatten. In der Meereseinsamkeit begrüßt man einen Stern wie einen Freund,
+von dem man lange Zeit getrennt gewesen. Bei den Portugiesen und Spaniern
+steigert sich diese gemüthliche Theilnahme noch durch besondere Gründe:
+religiöses Gefühl zieht sie zu einem Sternbild hin, dessen Gestalt an das
+Wahrzeichen des Glaubens mahnt, das ihre Väter in den Einöden der neuen
+Welt aufgepflanzt.
+
+Da die zwei großen Sterne, welche Spitze und Fuß des Kreuzes bezeichnen,
+ungefährt dieselbe Rectascension haben, so muß das Sternbild, wenn es
+durch den Meridian geht, fast senkrecht stehen. Dieser Umstand ist allen
+Völkern jenseits des Wendekreises und in der südlichen Halbkugel bekannt.
+Man hat sich gemerkt, zu welcher Zeit bei Nacht in den verschiedenen
+Jahreszeiten das südliche Kreuz aufrecht oder geneigt ist. Es ist eine
+Uhr, die sehr regelmäßig etwa vier Minuten im Tag vorgeht, und an keiner
+anderen Sterngruppe läßt sich die Zeit mit bloßem Auge so genau
+beobachten. Wie oft haben wir unsere Führer in den Savannen von Venezuela
+oder in der Wüste zwischen Lima und Truxillo sagen hören: »Mitternacht ist
+vorüber, das Kreuz fängt an sich zu neigen!« Wie oft haben wir uns bei
+diesen Worten an den rührenden Auftritt erinnert, wo Paul und Virginie an
+der Quelle des Fächerpalmenflusses zum letztenmale mit einander sprechen
+und der Greis beim Anblick des südlichen Kreuzes sie mahnt, daß es Zeit
+sey zu scheiden!
+
+Die letzten Tage unserer Ueberfahrt waren nicht so günstig, als das milde
+Klima und die ruhige See hoffen ließen. Nicht die Gefahren der See störten
+uns in unserem Genusse, aber der Keim eines bösartigen Fiebers entwickelte
+sich unter uns, je näher wir den Antillen kamen. Im Zwischendeck war es
+furchtbar heiß und der Raum sehr beschränkt. Seit wir den Wendekreis
+überschritten, stand der Thermometer auf 34 bis 36 Grad. Zwei Matrosen,
+mehrere Passagiere und, was ziemlich auffallend ist, zwei Neger von der
+Küste von Guinea und ein Mulattenkind wurden von einer Krankheit befallen,
+die epidemisch zu werden drohte. Die Symptome waren nicht bei allen
+Kranken gleich bedenklich; mehrere aber, und gerade die kräftigsten,
+delirirten schon am zweiten Tage und die Kräfte lagen völlig darnieder.
+Bei der Gleichgültigkeit, mit der an Bord der Paketboote alles behandelt
+wird, was mit der Führung des Schiffes und der Schnelligkeit der
+Ueberfahrt nichts zu thun hat, dachte der Kapitän nicht daran, gegen die
+Gefahr, die uns bedrohte, die gemeinsten Mittel vorzukehren. Es wurde
+nicht geräuchert, und ein unwissender, phlegmatischer galicischer Wundarzt
+verordnete Aderlässen, weil er das Fieber der sogenannten Schärfe und
+Verderbnis des Blutes zuschrieb. Es war keine Unze Chinarinde an Bord, und
+wir hatten vergessen, beim Einschiffen uns selbst damit zu versehen;
+unsere Instrumente hatten uns mehr Sorge gemacht als unsere Gesundheit,
+und wir hatten unbedachterweise vorausgesetzt, daß es an Bord eines
+spanischen Schiffes nicht an peruanischer Fieberrinde fehlen könne.
+
+Am achten Juli genas ein Matrose, der schon in den letzten Zügen lag,
+durch einen Zufall, der der Erwähnung wohl werth ist. Seine Hängematte war
+so befestigt, daß zwischen seinen Gesicht und dem Deck keine zehn Zoll
+[26 cm] Raum blieben. In dieser Lage konnte man ihm unmöglich die
+Sakramente reichen; nach dem Brauch auf den spanischen Schiffen hätte das
+Allerheiligste mit brennenden Kerzen herbeigebracht werden und die ganze
+Mannschaft dabei seyn müssen. Man schaffte daher den Kranken an einen
+luftigen Ort bei der Lucke, wo man aus Segeln und Flaggen ein kleines
+viereckiges Gemach hergestellt hatte. Hier sollte er liegen bis zu seinem
+Tode, den man nahe glaubte; aber kaum war er aus einer übermäßig heißen,
+stockenden, mit Miasmen erfüllten Luft in eine kühlere, reinere,
+fortwährend erneuerte gebracht, so kam er allmählich aus seiner Betäubung
+zu sich. Mit dem Tage, da er aus dem Zwischendeck fortgeschafft worden,
+fing die Genesung an, und wie denn in der Arzneikunde dieselben Thatsachen
+zu Stützen der entgegengesetzten Systeme werden, so wurde unser Arzt durch
+diesen Fall von Wiedergenesung in seiner Ansicht von der Entzündung des
+Bluts und von der Nothwendigkeit des Eingreifens durch Aderlässen,
+abführende und asthenische Mittel aller Art bestärkt. Wir bekamen bald die
+verderblichen Folgen dieser Behandlung zu sehen und sehnten uns mehr als
+je nach dem Augenblick, wo wir die Küste Amerikas betreten könnte.
+
+Seit mehreren Tagen war die Schätzung der Steuerleute um 1° 12’ von der
+Länge abgewichen, die mir mein Chronometer angab. Dieser Unterschied
+rührte weniger von der allgemeinen Strömung her, die ich den
+»Rotationsstrom« genannte habe, als von dem eigenthümlichen Zuge des
+Wassers nach Nordwest, von der Küste von Brasilien gegen die kleinen
+Antillen, wodurch die Ueberfahrt von Cayenne nach der Insel Guadeloupe
+abgekürzt wird.(36) Am zwölften Juli glaubte ich ankündigen zu können, daß
+Tags darauf vor Sonnenaufgang Land in Sicht seyn werde. Wir befanden uns
+jetzt nach meinen Beobachtungen unter 10° 46’ der Breite und 60° 54’
+westlicher Länge. Einige Reihen Mondsbeobachtungen bestätigten die Angabe
+des Chronometers; aber wir wußten besser, wo sich die Corvette befand, als
+wo das Land lag, dem unser Curs zuging und das auf den französischen,
+spanischen und englischen Karten so verschieden angegeben ist. Die aus den
+genauen Beobachtungen von Churruca, Fidalgo und Noguera sich ergebenden
+Längen waren damals noch nicht bekannt gemacht.
+
+Die Steuerleute verließen sich mehr auf das Log als auf den Gang eines
+Chronometers; sie lächelten zu der Behauptung, daß bald Land in Sicht
+kommen müsse, und glaubten, man habe noch zwei, drei Tage zu fahren. Es
+gereichte mir daher zu großer Befriedigung, als ich am dreizehnten gegen
+sechs Uhr Morgens hörte, man sehe von den Masten ein sehr hohes Land,
+jedoch wegen des Nebels, der darauf lag, nur undeutlich. Es windete sehr
+stark und die See war sehr unruhig. Es regnete hie und da in großen
+Tropfen und Alles deutete auf ungestümes Wetter. Der Capitän des Pizarro
+hatte beabsichtigt, durch den Canal zwischen Tabago und Trinidad zu
+laufen, und da er wußte, daß unsere Corvette sehr langsam wendete, so
+fürchtete er gegen Süden unter dem Wind und der Mündung des Dragon nahe zu
+kommen. Wir waren allerdings unserer Länge sicherer als der Breite, da
+seit dem elften keine Beobachtung um Mittag gemacht worden war. Nach
+doppelten Höhen, die ich nach Douwes Methode am Morgen aufgenommen hatte,
+befanden wir uns in 11° 6’ 50", somit 15 Minuten weiter nach Nord als nach
+der Schätzung. Die Gewalt, mit der der große Orinocostrom seine Gewässer
+in den Ocean ergießt, mag in diesen Strichen immerhin den Zug der
+Strömungen steigern; wenn man aber behauptet, bis auf 60 Meilen von der
+Mündung des Orinoco habe das Meerwasser eine andere Farbe und sey weniger
+gesalzen, so ist dieß ein Mährchen der Küstenpiloten. Der Einfluß der
+mächtigsten Ströme Amerikas, des Amazonenstroms, des la Plata, des
+Orinoco, des Mississippi, des Magdalenenstroms, ist in dieser Beziehung in
+weit engere Grenzen eingeschlossen, als man gemeiniglich glaubt.
+
+Obgleich das Ergebnis der doppelten Sonnenhöhen hinlänglich bewies, daß
+das hohe Land, das am Horizont aufstieg, nicht Trinidad war, sondern
+Tabago, steuerte der Capitän dennoch nach Nord-Nord-West fort, um letztere
+Insel aufzusuchen, die sogar auf Bordas schöner Karte des atlantischen
+Oceans fünf Minuten zu weit südlich gesetzt ist. Man sollte kaum glauben,
+daß an Küsten, welche von allen Handelsvölkern besucht werden, so
+auffallende Irrthümer in der Breite sich Jahrhunderte lang erhalten
+könnten. Ich habe diesen Gegenstand anderswo besprochen, und so bemerke
+ich hier nur, daß sogar auf der neuesten Karte von Westindien von
+Arrowsmith, die im Jahr 1803, also lange nach Churrucas Beobachtungen
+erschienen ist, die Breiten der verschiedenen Vorgebirge von Tabago und
+Trinidad um 6–11 Minuten falsch angegeben sind.
+
+Durch die Beobachtung der Sonnenhöhe um Mittag wurde die Breite, wie ich
+sie nach Douwes Verfahren erhalten, vollkommen bestätigt. Es blieb kein
+Zweifel mehr über den Schiffsort den Inseln gegenüber, und man beschloß,
+um das nördliche Vorgebirge von Tabago zu laufen, zwischen dieser Insel
+und la Grenada durchzugehen und auf einen Hafen der Insel Margarita
+loszusteuern. In diesen Strichen liefen wir jeden Augenblick Gefahr, von
+Kapern aufgebracht zu werden, aber zu unserem Glück war die See sehr
+unruhig und ein kleiner, englischer Kutter überholte uns, ohne uns nur
+anzurufen. Bonpland und mir war vor einem solchen Unfall weniger bang,
+seit wir so nahe am amerikanischen Festland sicher waren, daß wir nicht
+nach Europa zurückgebracht wurden.
+
+Der Anblick der Insel Tabago ist höchst malerisch. Es ist ein sorgfältig
+bebauter Felsklumpen. Des blendende Weiß des Gesteines sticht angenehm vom
+Grün zerstreuter Baumgruppen ab. Sehr hohe cylindrische Fackeldisteln
+krönen die Bergkämme und geben der tropischen Landschaft einen ganz
+eigenen Charakter. Schon ihr Anblick sagt dem Reisenden, daß er eine
+amerikanische Küste vor sich hat: denn die Cactus gehören ausschließlich
+der neuen Welt an, wie die Heidekräuter der alten. Der nordöstliche Theil
+der Insel Tabago ist der gebirgigste, nach den Höhenwinkeln, die ich mit
+dem Sextanten genommen, scheinen indessen die höchsten Gipfel an der Küste
+nicht über 140–150 Toisen [270 bis 290 m] hoch zu seyn. Am südlichen
+Vorgebirge senkt sich das Land und läuft in die »Sandspitze« aus, die nach
+meiner Rechnung unter 10° 20’ 13" der Breite und 62° 47’ 30" der Länge
+liegt. Wir sahen mehrere Felsen über dem Wasserspiegel, an denen sich die
+See mit Ungestüm brach, und beobachteten große Regelmäßigkeit in der
+Neigung und dem Streichen der Schichten, die unter einem Winkel von 60°
+nach Südost fallen. Es wäre zu wünschen daß ein geübter Mineralog die
+großen und kleinen Antillen von der Küste von Paria bis zum Vorgebirge von
+Florida bereiste und die ehemalige, durch Strömungen, Erderschütterungen
+und Vulkane auseinander gerissene Bergkette untersuchte.
+
+Wir waren eben um das Nordcap von Tabago und die kleine Insel St. Giles
+gelaufen, als man vom Mastkorb ein feindliches Geschwader signalisirte.
+Wir wendeten sogleich und die Passagiere wurden unruhig, da mehrere ihr
+kleines Vermögen in Waaren gesteckt hatten, die sie in den spanischen
+Colonien zu verwerthen gedachten. Das Geschwader schien sich nicht zu
+rühren, und es zeigte sich bald, daß man eine Menge einzelner Klippen für
+Segel angesehen hatte.
+
+Wir fuhren über die Untiefe zwischen Tabago und la Grenada. Die Farbe der
+See war nicht merkbar verändert, aber ein paar Zoll unter der Oberfläche
+zeigte der Thermometer nur 23°, während er ostwärts auf hoher See unter
+derselben Breite und gleichfalls an der Meeresfläche auf 25°,6 stand.
+Trotz der Strömung zeigte die geringe Temperatur des Wassers die Untiefe
+an, die nur auf wenigen Karten angegeben ist. Nach Sonnenuntergang wurde
+der Wind schwächer, und je näher der Mond zum Zenith rückte, desto mehr
+klärte sich der Himmel auf. In dieser und in den folgenden Nächten fielen
+wieder sehr viele Sternschnuppen; gegen Nord zeigten sie sich nicht so
+häufig als gegen Süd, über Terra Firma, an deren Küste wir jetzt
+hinzufahren anfingen. Diese Vertheilung weist darauf hin, daß diese
+Meteore, über deren Wesen wir noch so sehr im Unklaren sind, zum Theil von
+örtlichen Ursachen abhängig seyn mögen.
+
+Am 14. bei Sonnenaufgang kam die Bocca de Dragon in Sicht. Wir konnten die
+Insel Chacachacarreo sehen, das westlichste der Eilande zwischen dem
+Vorgebirge Paria und dem nordwestlichen Vorgebirge von Trinidad. Fünf
+Meilen von der Küste, bei der *Punte de la Baca*, wurden wir gewahr, daß
+eine eigenthümliche Strömung die Corvette nach Süd trieb. Durch den Zug
+des Wassers, das aus der Bocca de Dragon kommt, und durch die Bewegung von
+Ebbe und Fluth entsteht eine Gegenströmung. Man warf das Senkblei aus und
+fand 36–43 Faden Tiefe über einem Grund von grünlichem, sehr feinem Thon.
+Nach Dampiers Grundsätzen hätten wir in der Nähe einer von sehr hohen,
+steil aufsteigenden Gebirgen gebildeten Küste keine so geringe Meerestiefe
+erwartet. Wir lotheten fort bis zum _Cabo de tres puntas_ und fanden
+überall erhöhten Meeresgrund, dessen Umriß das Streichen der ehemaligen
+Meeresküste zu bezeichnen scheint. Die Temperatur des Meeres war hier
+23–24 Grad, somit 1,5 bis 2 Grad niedriger als auf hoher See, das heißt
+jenseits der Ränder der Bank.
+
+Das _Cabo de tres puntas_, von Columbus selbst so benannt [Im
+August 1598.], liegt nach meinen Beobachtungen unter 65° 4’ 5" der Länge.
+Es erschien uns um so höher, da seine gezackten Gipfel in Wolken gehüllt
+waren. Das ganze Ansehen der Berge von Paria, ihre Farbe und besonders
+ihre meist runden Umrisse ließen uns vermuthen, daß die Küste aus Granit
+bestehe; die Folge zeigte aber, wie sehr man sich, selbst wenn man sein
+Lebenlang in Gebirgen gereist ist, irren kann, wenn man über die
+Beschaffenheit der Gebirgsart aus der Ferne urtheilt.
+
+Wir benützten eine Windstille, die ein paar Stunden anhielt, um die
+Intensität der magnetischen Kraft beim _Cabo de tres puntas_ genau zu
+bestimmen. Wir fanden sie größer als auf hoher See ostwärts von Tabago, im
+Verhältniß von 257 zu 229. Während der Windstille trieb uns die Strömung
+rasch nach West. Ihre Geschwindigkeit betrug 3 Meilen in der Stunde; sie
+nahm zu, je näher wir dem Meridian der *Testigos* kamen, eines Haufens von
+Klippen, die aus der weiten See aufsteigen. Als der Mond unterging,
+bedeckte sich der Himmel mit Wolken, der Wind wurde wieder stärker und es
+stürzte ein Platzregen nieder, wie sie dem heißen Erdstrich eigen sind und
+wir auf unsern Zügen im Binnenlande sie so oft durchgemacht haben.
+
+Die an Bord des Pizarro ausgebrochene Seuche breitete sich rasch aus, seit
+wir uns nahe der Küste von Terra Firma befanden; der Thermometer stand bei
+Nacht regelmäßig zwischen 22 und 23°, bei Tag zwischen 24 und 27°. Die
+Congestionen gegen den Kopf, die ausnehmende Trockenheit der Haut, das
+Daniederliegen der Kräfte, alle Symptome wurden immer bedenklicher; wir
+waren aber so ziemlich am Ziele unserer Fahrt, und so hofften wir alle
+Kranke genesen zu sehen, wenn man sie an der Insel Margarita oder im Hafen
+von Cumana, die für sehr gesund gelten, ans Land bringen könnte.
+
+Diese Hoffnung ging nicht ganz in Erfüllung. Der jüngste Passagier bekam
+das bösartige Fieber und unterlag ihm, blieb aber zum Glück das einzige
+Opfer. Es war ein junger Asturier von neunzehn Jahren, der einzige Sohn
+einer armen Wittwe. Mehrere Umstände machten den Tod des junge Mannes, aus
+dessen Gesicht viel Gefühl und große Gutmüthigkeit sprachen, ergreifend
+für uns. Er war mit Widerstreben zu Schiffe gegangen; er hatte seine
+Mutter durch den Ertrag seiner Arbeit unterstützen wollen, aber diese
+hatte ihre Liebe und den eigenen Vortheil dem Gedanken zum Opfer gebracht,
+daß ihr Sohn, wenn er in die Colonien ginge, bei einem reichen Verwandten,
+der auf Cuba lebte, sein Glück machen könnte. Der unglückliche junge Mann
+verfiel rasch in Betäubung, redete dazwischen irre und starb am dritten
+Tage der Krankheit. Das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen rafft in Vera
+Cruz nicht leicht die Kranken so furchtbar schnell dahin. Ein anderer,
+noch jüngerer Asturier wich keinen Augenblick vom Bette des Kranken und
+bekam, was ziemlich auffallend ist, die Krankheit nicht. Er wollte mit
+seinem Landsmann nach San Jago de Cuba gehen und sich dort von ihm im
+Hause des Verwandten einführen lassen, auf den sie ihre ganze Hoffnung
+gesetzt hatten. Es war herzzerreißend, wie der, welcher den Freund
+überlebte, sich seinem tiefen Schmerze überließ und die unseligen
+Ratschläge verwünschte, die ihn in ein fernes Land getrieben, wo er nun
+allein und verlassen dastand.
+
+Wir standen beisammen auf dem Verdeck in trüben Gedanken. Es war kein
+Zweifel mehr, das Fieber, das an Bord herrschte, hatte seit einigen Tagen
+einen bösartigen Charakter angenommen. Unsere Blicke hingen an einer
+gebirgigen, wüsten Küste, auf die zuweilen ein Mondstrahl durch die Wolken
+fiel. Die leise bewegte See leuchtete in schwachem phosphorischen Schein;
+man hörte nichts als das eintönige Geschrei einiger großer Seevögel, die
+das Land zu suchen schienen. Tiefe Ruhe herrschte ringsum am einsamen Ort;
+aber diese Ruhe der Natur stand im Widerspiel mit den schmerzlichen
+Gefühlen in unserer Brust. Gegen acht Uhr wurde langsam die Todtenglocke
+geläutet; bei diesem Trauerzeichen brachen die Matrosen ihre Arbeit ab und
+ließen sich zu kurzem Gebet auf die Kniee nieder, eine ergreifende
+Handlung, die an die Zeiten gemahnt, wo die ersten Christen sich als
+Glieder Einer Familie betrachteten, und die auch jetzt noch die Menschen
+im Gefühl gemeinsamen Unglücks einander näher bringt. In der Nacht
+schaffte man die Leiche des Asturiers auf das Verdeck, und auf die
+Vorstellung des Priesters wurde er erst nach Sonnenaufgang ins Meer
+geworfen, damit man die Leichenfeier nach dem Gebrauch der römischen
+Kirche vornehmen konnte. Kein Mann an Bord, den nicht das Schicksal des
+jungen Mannes rührte, den wir noch vor wenigen Tagen frisch und gesund
+gesehen hatten.
+
+Der eben erzählte Vorfall zeigte uns, wie gefährlich dieses bösartige oder
+atactische Fieder sey, und wenn die langen Windstillen die Ueberfahrt von
+Cumana nach Havana verzögerten, so mußte man besorgen, daß es viele Opfer
+fordern könnte. An Bord eines Kriegsschiffs oder eines Transportschiffs
+machen einige Todesfälle gewöhnlich nicht mehr Eindruck, als wenn man in
+einer volkreichen Stadt einem Leichenzug begegnet. Anders an Bord eines
+Paketboots mit kleiner Mannschaft, wo zwischen Menschen, die dasselbe
+Reiseziel haben, sich nähere Beziehungen knüpfen. Die Passagiere auf dem
+Pizarro spürten zwar noch nichts von den Vorboten der Krankheit,
+beschlossen aber doch, das Fahrzeug am nächsten Landungsplatz zu verlassen
+und die Ankunft eines andern Postschiffes zu erwarten, um ihren Weg nach
+Cuba oder Mexico fortzusetzen. Sie betrachteten das Zwischendeck des
+Schiffes als einen Herd der Ansteckung, und obgleich es mir keineswegs
+erwiesen schien, daß das Fieber durch Berührung anstecke, hielt ich es
+doch durch die Vorsicht geraten, in Cumana ans Land zu gehen. Es schien
+mir wünschenswerth, Neuspanien erst nach einem längeren Aufenthalt an den
+Küsten von Venezuela und Paria zu besuchen, wo der unglückliche Löffling
+nur sehr wenige naturgeschichtliche Beobachtungen hatte machen können. Wir
+brannten vor Verlangen, die herrlichen Gewächse, die Bose und Bredemeyer
+auf ihrer Reise in Terra Firma gesammelt und die eine Zierde der
+Gewächshäuser zu Schönbrunn und Wien sind, auf ihrem heimathlichen Boden
+zu sehen. Es hätte uns sehr wehe getan, in Cumana oder Guayra zu landen,
+ohne das Innere eines von den Naturforschern so wenig betretenen Landes zu
+betreten.
+
+Der Entschluß, den wir in der Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten
+Juli faßten, äußerte einen glücklichen Einfluß auf den Verfolg unserer
+Reisen. Statt einiger Wochen verweilten wir ein ganzes Jahr in Terra
+Firma; ohne die Seuche an Bord des Pizarro wären wir nie an den Orinoco,
+an den Cassiquiare und an die Grenze der portugiesischen Besitzungen am
+Rio Negro gekommen. Vielleicht verdanken wir es auch dieser unserer
+Reiserichtung, daß wir während eines so langen Aufenthaltes in den
+Aequinoctialländern so gesund blieben.
+
+Bekanntlich schweben die Europäer in den ersten Monaten, nachdem sie unter
+den glühenden Himmel der Tropen versetzt worden, in sehr großer Gefahr.
+Sie betrachten sich als acclimatisirt, wenn sie die Regenzeit auf den
+Antillen, in Vera Cruz oder Carthagena überstanden haben. Diese Meinung
+ist nicht unbegründet, obgleich es nicht an Beispielen fehlt, daß Leute,
+die bei der ersten Epidemie des gelben Fiebers durchgekommen, in einem der
+folgenden Jahre Opfer der Seuche werden. Die Fähigkeit, sich zu
+acclimatisieren, scheint im umgekehrten Verhältniß zu stehen mit dem
+Unterschied zwischen der mittleren Temperatur der heißen Zone und der des
+Geburtslandes des Reisenden oder Colonisten, der das Klima wechselt, weil
+die Lufttemperatur den mächtigsten Einfluß auf die Reizbarkeit und die
+Vitalität der Organe äußert. Ein Preuße, ein Pole, ein Schwede sind mehr
+gefährdet, wenn sie auf die Inseln oder nach Terra Firma kommen, als ein
+Spanier, ein Italiener und selbst ein Bewohner des südlichen Frankreichs.
+Für die nordischen Völker beträgt der Unterschied in der mittleren
+Temperatur 19–21 Grad, für die südlichen nur 9–10. Wir waren so glücklich,
+die Zeit, in der der Europäer nach der Landung die größte Gefahr läuft, im
+ausnehmend heißen, aber sehr trockenen Klima von Cumana zu verleben, einer
+Stadt, die für sehr gesund gilt. Hätten wir unsern Weg nach Vera Cruz
+fortgesetzt, so hätten wir leicht das Loos mehrerer Passagiere des
+Paketboots *Aleudia* theilen können, das mit dem *Pizarro* in die Havana
+kam, als eben das *schwarze Erbrechen* auf Cuba und an der Ostküste von
+Mexico schreckliche Verheerungen anrichtete.
+
+Am 15. Morgens, ungefähr gegenüber dem kleinen Berge St. Joseph, waren wir
+von einer Menge schwimmenden Tangs umgeben. Die Stengel desselben hatten
+die sonderbaren, wie Blumenkelche und Federbüsche gestalteten Anhänge, wie
+sie Don Hypolite Ruiz auf seiner Rückkehr aus Chili beobachtet und in
+einer besondern Abhandlung als die Geschlechtsorgane des _Fucus natans_
+beschrieben hat. Ein glücklicher Zufall setzte uns in den Stand, eine
+Beobachtung zu berichtigen, die sich nur Einmal der Naturforschung
+dargeboten hatte. Die Bündel Tang, welche Bonpland aufgefischt hatte,
+waren durchaus identisch mit den Exemplaren, die wir der Gefälligkeit der
+gelehrten Verfasser der peruanischen Flora verdankten. Als wir beide unter
+dem Mikroscop untersuchten, fanden wir, daß diese angeblichen
+Befruchtungswerkzeuge, diese Pistille und Staubfäden eine neue Gattung
+Pflanzenthiere aus der Familie der Ceratophyten seyen. Die Kelche, welche
+Ruiz für Pistille hielt, entspringen aus hornartigen, abgeplatteten
+Stielen, die so fest mit der Substand des Fucus zusammenhängen, daß man
+sie gar wohl für bloße Rippen halten könnte; aber mit einem sehr dünnen
+Messer gelingt es, sie abzulösen, ohne das Parenchym zu verletzen. Die
+nicht gegliederten Stiele sind Anfangs schwarzbraun, werden aber, wenn sie
+vertrocknen, weiß und zerreiblich. In diesen Zustand brausen sie mit
+Säuren auf, wie die kalkigte Substanz der Sertularia, deren Spitzen mit
+den Kelchen des von Ruiz beobachteten Fucus Aehnlichkeit haben. In der
+Südsee, auf der Ueberfahrt von Guayaquil nach Acapulco, haben wir an der
+tropischen Seetraube dieselben Anhängsel gefunden, und eine sehr
+sorgfältige Untersuchung überzeugte uns, daß sich hier ein Zoophyt an den
+Tang heftet, wie der Epheu den Baumstamm umschlingt. Die unter dem Namen
+weiblicher Blüthen beschriebenen Organe sind über zwei Linien lang, und
+schon diese Größe hätte den Gedanken an wahrhafte Pistille nicht aufkommen
+lassen sollen.
+
+Die Küste von Paria zieht sich nach West fort und bildet eine nicht sehr
+hohe Felsmauer mit abgerundeten Gipfeln und wellenförmigen Umrissen. Es
+dauerte lange, bis wir die hohe Küste der Insel Margarita zu sehen
+bekamen, wo wir einlaufen sollten, um hinsichtlich der englischen Kreuzer,
+und ob es gefährlich sey, bei Guayra anzulegen, Erkundigung einzuziehen.
+Sonnenhöhen, die wir unter sehr günstigen Umstängen genommen, hatten uns
+gezeigt, wie unrichtig damals selbst die gesuchtesten Seekarten waren. Am
+15. Morgens, wo wir uns nach dem Chronometer unter 66° 1’ 15" der Länge
+befanden, waren wir noch nicht im Meridian der Insel St. Margarita,
+während wir nach der verkleinerten Karte des atlantischen Oceans über das
+westliche sehr hohe Vorgebirge der Insel, das unter 66° 0’ der Länge
+gesetzt ist, bereits hätten hinaus seyn sollen. Die Küsten von Terra Firma
+wurden vor Fidalgos, Nogueras und Tiscars, und ich darf wohl hinzufügen,
+vor meinen astronomischen Beobachtungen in Cumana, so unrichtig
+gezeichnet, daß für die Schifffahrt daraus hätten Gefahren erwachsen
+können, wenn nicht das Meer in diesen Strichen beständig ruhig wäre. Ja
+die Fehler in der Breite waren noch größer als die in der Länge, denn die
+Küste von Neuandalusien läuft westwärts vom _Capo de tres Puntas_ 15–20
+Meilen weiter nach Norden, als auf den vor dem Jahr 1800 erschienenen
+Karten angegeben ist.
+
+Gegen elf Uhr Morgens kam uns ein sehr niedriges Eiland zu Gesicht, auf
+dem sich einige Sanddünen erhoben. Durch das Fernrohr ließ sich keine Spur
+von Bewohnern oder von Anbau entdecken. Hin und wieder standen
+cylindrische Cactus wie Kandelaber. Der fast pflanzenlose Boden schien
+sich wellenförmig zu bewegen infolge der starken Brechung, welche die
+Sonnenstrahlen erleiden, wenn sie durch Luftschichten hindurchgehen, die
+auf einer stark erhitzten Fläche aufliegen. Die Luftspiegelung macht, daß
+in allen Zonen Wüsten und sandiger Strand sich wie bewegte See ausnehmen.
+
+Das flache Land, das wir vor uns hatten, stimmte schlecht zu der
+Vorstellung, die wir uns von der Insel Margarita gemacht. Während man
+beschäftigt war, die Angaben der Karten zu vergleichen, ohne sie in
+Uebereinstimmung bringen zu können, signalisirte man vom Mast einige
+kleine Fischerboote. Der Capitän des Pizarro rief sie durch einen
+Kanonenschuß herbei; aber ein solches Zeichen dient zu nichts in Ländern,
+wo der Schwache, wenn er dem Starken begegnet, glaubt sich nur auf
+Vergewaltigungen gefaßt machen zu müssen. Die Boote ergriffen die Flucht
+nach Westen zu, und wir sahen uns hier in derselben Verlegenheit, wie bei
+unserer Ankunft auf den Canarien vor der kleinen Insel Graciosa. Niemand
+an Bord war je in der Gegend am Land gewesen. So ruhig die See war, so
+schien doch die Nähe eines kaum ein paar Fuß hohen Eilandes
+Vorsichtsmaßregeln zu erheischen. Man steuerte nicht weiter dem Lande zu,
+und warf eilends den Anker aus.
+
+Küsten, aus der Ferne gesehen, verhalten sich wie Wolken, in denen jeder
+Beobachter die Gegenstände erblickt, die seine Einbildungskraft
+beschäftigen. Da unsere Aufnahmen und die Angabe des Chronometers mit den
+Karten, die uns zur Hand waren, im Widerspruch standen, so verlor man sich
+in eitlen Muthmaßungen. Die einen hielten Sandhaufen für Indianerhütten
+und deuteten auf den Punkt, wo nach ihnen das Fort Pampatar liegen mußte;
+andere sahen die Ziegenheerden, welche im dürren Thal von San Juan so
+häufig sind; sie zeigten die hohen Berge von Macanao, die ihnen halb in
+Wolken gehüllt schienen. Der Capitän beschloß einen Steuermann ans Land zu
+schicken; man legte Hand an, um die Schaluppe ins Wasser zu lassen, da das
+Boot auf der Rhede von Santa Cruz durch die Brandung stark gelitten hatte.
+Da die Küste ziemlich fern war, konnte die Rückfahrt zur Corvette
+schwierig werden, wenn der Wind Abends stark wurde.
+
+Als wir uns eben anschickten, ans Land zu gehen, sah man zwei Piroguen an
+der Küste hinfahren. Man rief sie durch einen zweiten Kanonenschuß an, und
+obgleich man die Flagge von Castilien aufgezogen hatte, kamen sie doch nur
+zögernd herbei. Diese Piroguen waren, wie alle der Eingeborenen, aus Einem
+Baumstamm, und in jeder befanden sich achtzehn Indianer vom Stamme der
+Guayqueries [Guaykari], nackt bis zum Gürtel und von hohem Wuchs. Ihr
+Körperbau zeugte von großer Muskelkraft und ihre Hautfarbe war ein
+Mittelding zwischen braun und kupferroth. Von weitem, wie sie unbeweglich
+dasaßen und sich vom Horizont abhoben, konnte man sie für Bronzestatuen
+halten. Dieß war uns um so auffallender, da es so wenig dem Begriff
+entsprach, den wir uns nach manchen Reiseberichten von der eigenthümlichen
+Körperbildung und der großen Körperschwäche der Eingeborenen gemacht
+hatten. Wir machten in der Folge die Erfahrung, und brauchten deshalb die
+Grenzen der Provinz Cumana nicht zu überschreiten, wie auffallend die
+Guayqueries äußerlich von den Chaymas und den Caraiben verschieden sind.
+So nahe alle Völker Amerikas miteinander verwandt scheinen, da sie ja
+derselben Race angehören, so unterscheiden sich doch die Stämme nicht
+selten bedeutend im Körperwuchs, in der mehr oder weniger dunkeln
+Hautfarbe, im Blick, aus dem den einen Seelenruhe und Sanftmuth, bei
+andern ein unheimliches Mittelding von Trübsinn und Wildheit spricht.
+
+Sobald die Piroguen so nahe waren, daß man die Indianer spanisch anrufen
+konnte, verloren sie ihr Mißtrauen und fuhren geradezu an Bord. Wir
+erfuhren von ihnen, das niedrige Eiland, bei dem wir geankert, sey die
+Insel Coche, die immer unbewohnt gewesen und an der die spanischen
+Schiffe, die aus Europa kommen, gewöhnlich weiter nördlich zwischen
+derselben und der Insel Margarita durchgehen, um im Hafen von Pampatar
+einen Lootsen einzunehmen. Unbekannt in der Gegend, waren wir in den Canal
+südlich von Coche gerathen, und da die englischen Kreuzer sich damals
+häufig in diesen Strichen zeigten, hatten uns die Indianer für ein
+feindliches Fahrzeug angesehen. Die südliche Durchfahrt hat allerdings
+bedeutende Vortheile für Schiffe, die von Cumana nach Barcelona gehen; sie
+hat weniger Wassertiefe als die nördliche, weit schmalere Durchfahrt, aber
+man läuft nicht Gefahr aufzufahren, wenn man sich nahe an den Inseln Lobos
+und Moros del Tunal hält. Der Canal zwischen Coche und Margarita wird
+durch die Untiefen am nordwestlichen Vorgebirge von Coche und durch die
+Bank an der Punte de Mangles eingeengt.
+
+Die Guayqueries gehören zum Stamm civilisirter Indianer, welche auf den
+Küsten von Margarita und in den Vorstädten von Cumana wohnen. Nach den
+Caraiben des spanischen Guyana sind sie der schönste Menschenschlag in
+Terra Firma. Sie genießen verschiedener Vorrechte, da sie seit der ersten
+Zeit der Eroberung sich als treue Freunde der Castilianer bewährt haben.
+Der König von Spanien nennt sie daher auch in seinen Handschreiben »seine
+lieben, edlen und getreuen Guayqueries«. Die Indianer, auf die wir in den
+zwei Piroguen gestoßen, hatten den Hafen von Cumana in der Nacht
+verlassen. Sie wollten Bauholz in den Cedrowäldern [_Cedrela odorata_
+Linné] holen, die sich vom Cap San José bis über die Mündung des Rio
+Carupano hinaus erstrecken. Sie gaben uns frische Cocosnüsse und einige
+Fische von der Gattung _Choetodon_, deren Farben wir nicht genug bewundern
+konnten. Welche Schätze enthielten in unseren Augen die Kähne der armen
+Indianer! Ungeheure Vijaoblätter [_Heliconia bihai._] bedeckten
+Bananenbüschel; der Schuppenpanzer eines Tatou [Armadill, _Dasypus_,
+_Cachicamo_], die Frucht der _Crescentia cujete_, die den Eingeborenen als
+Trinkgefäße dienen, Naturkörper, die in den europäischen Cabinetten zu den
+gemeinsten gehören, hatten ungemeinen Reiz für uns, weil sie uns lebhaft
+daran mahnten, daß wir uns im heißen Erdgürtel befanden und das
+längstersehnte Ziel erreicht hatten.
+
+Der *Patron* einer der Piroguen erbot sich, an Bord des Pizarro zu
+bleiben, um uns als Lootse zu dienen. Der Mann empfahl sich durch sein
+ganzes Wesen; er war ein scharfsinniger Beobachter und hatte sich in
+lebhafter Wißbegier mit den Meeresprodukten wie mit den einheimischen
+Gewächsen abgegeben. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß der erste
+Indianer, dem wir bei unserer Landung begegneten, der Mann war, dessen
+Bekanntschaft unseren Reisezwecken äußerst förderlich wurde. Mit Vergnügen
+schreibe ich in dieser Erzählung den Namen Carlos del Pino nieder, so hieß
+der Mann, der uns sechzehn Monate lang auf unseren Zügen längs der Küsten
+und im inneren Lande begleitet hat.
+
+Gegen Abend ließ der Capitän der Corvette den Anker lichten. Bevor wir die
+Untiefe oder den _Placer_ bei Coche verließen, bestimmte ich die Länge des
+östlichen Vorgebirges der Insel und fand sie 66° 11’ 53". Westwärts
+steuernd hatten wir bald die kleine Insel Cubagua vor uns, die jetzt ganz
+öde ist, früher aber durch Perlenfischerei berühmt war. Hier hatten die
+Spanier unmittelbar nach Columbus und Ojedas Reisen eine Stadt unter dem
+Namen Neucadix gegründet, von der keine Spur mehr vorhanden ist. Zu Anfang
+des sechzehnten Jahrhunderts waren die Perlen von Cubagua in Sevilla und
+Toledo, wie auf den großen Messen von Augsburg und Brügge bekannt. Da
+Neucadix kein Wasser hatte, so mußte man es an der benachbarten Küste aus
+dem Manzanaresflusse holen, obgleich man es, ich weiß nicht warum,
+beschuldigte, daß es Augenentzündungen verursache. Die Schriftsteller
+jener Zeit sprechen alle vom Reichthum der ersten Ansiedler und vom Luxus,
+den sie getrieben; jetzt erheben sich Dünen von Flugsand auf der
+unbewohnten Küste und der Name Cubagua ist auf unseren Karten kaum
+verzeichnet.
+
+In diesem Striche angelangt, sahen wir die hohen Berge von Kap Macanao im
+Westen der Insel Margarita majestätisch am Horizont aufsteigen. Nach den
+Höhenwinkeln, die wir in 18 Meilen Entfernung nahmen, mögen diese Gipfel
+500–600 Toisen absolute Höhe haben. Nach Louis Berthoud´s Chronometer
+liegt Cap Macanao unter 66° 47’ 5" Länge. Ich nahm die Felsen am Ende des
+Vorgebirges auf, nicht die sehr niedrige Landzunge, die nach West
+fortstreicht und sich in eine Untiefe verliert. Die Länge, die ich für
+Macanao gefunden, und die, welche ich oben für die Ostspitze der Insel
+Coche angegeben, weichen von Fidalgos Beobachtungen nur um 4 Zeitsecunden
+ab.
+
+Der Wind war sehr schwach; der Capitän hielt es für rathsamer, bis zu
+Tagesanbruch zu laviren. Er scheute sich, bei Nacht in den Hafen von
+Cumana einzulaufen, und ein unglücklicher Zufall, der vor kurzem eben hier
+vorgekommen war, schien diese Vorsicht zu gebieten. Ein Paketboot hatte
+Anker geworfen, ohne die Laternen auf dem Hintertheil anzuzünden; man
+hielt es für ein feindliches Fahrzeug und die Batterien von Cumana gaben
+Feuer darauf. Dem Capitän des Postschiffes wurde ein Bein weggerissen und
+er starb wenige Tage darauf in Cumana.
+
+Wir brachten die Nacht zum Theil auf dem Verdeck zu. Der indianische
+Lootse unterhielt uns von den Thieren und Gewächsen seines Landes. Wir
+hörten zu unserer großen Freude, wenige Meilen von der Küste sey ein
+gebirgiger, von Spaniern bewohnter Landstrich, wo empfindliche Kälte
+herrsche, und auf den Ebenen kommen zwei sehr verschiedene Krokodile
+[_Crocodilus acutus_ und _C. Bava_.] vor, ferner Boas, elektrische Aale
+[_Gymnotus electricus_, _Temblador_.] und mehrere Tigerarten. Obgleich die
+Worte *Bava*, *Cachicamo* und *Temblador* uns ganz unbekannt waren, ließ
+uns die naive Beschreibung der Gestalt und der Sitten der Thiere alsbald
+die Arten erkennen, welche die Creolen so benennen. Wir dachten nicht
+daran, daß diese Thiere über ungeheure Landstriche zerstreut sind, und
+hofften, sie gleich in den Wäldern bei Cumana beobachten zu können. Nichts
+reizt die Neugierde des Naturkundigen mehr als der Bericht von den Wundern
+eines Landes, das er betreten soll.
+
+Am 16. Juli 1799, bei Tagesanbruch, lag eine grüne, malerische Küste vor
+uns. Die Berge von Neuandalusien begrenzten, halb von Wolken verschleiert,
+nach Süden den Horizont. Die Stadt Cumana mit ihrem Schloß erschien
+zwischen Gruppen von Cocosbäumen. Um neun Uhr morgens, ein und vierzig
+Tage nach unserer Abfahrt von Corunna, gingen wir im Hafen vor Anker. Die
+Kranken schleppten sich auf das Verdeck um sich am Anblick eines Landes zu
+laben, wo ihre Leiden ein Ende finden sollten.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 31 Daß fortwährend ein oberer Luftstrom vom Aequator zu den Polen und
+ ein unterer von den Polen zum Aequator geht, dieß ist, die Arago
+ dargethan hat, schon von Hooke erkannt worden. Seine Ideen hierüber
+ entwickelte der berühmte englische Physiker in einer Rede vom Jahr
+ 1686. »Ich glaube,« fügt er hinzu, »daß sich mehrere Erscheinungen
+ in der Luft und auf dem Meere, namentlich die Winde, aus
+ Polarströmen erklären lassen.« Hadley führt diese interessante
+ Stelle nicht an; andererseits nimmt Hooke, wo er auf die Passatwinde
+ selbst zu sprechen kommt, Galileis unrichtige Theorie an, nach der
+ sich die Erde und die Luft mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen
+ sollen.
+
+ 32 Die spanischen Seeleute nennen die sehr starken Passatwinde in
+ Cartagena _los brisotes de la Santa Martha_ und im Meerbusen von
+ Mexico _las brizas pardas_. Bei letzteren Winden ist der Himmel grau
+ und umwölkt.
+
+ 33 Phönicische Fahrzeuge scheinen in »in 30 Tagen Schiffahrt und mit
+ dem Ostwind« zum *Grasmeer* gekommen zu seyn, das bei den Spaniern
+ und Portugiesen _Mar de Sargazo_ heißt. Ich habe anderswo dargetan,
+ daß diese Stelle im Buche des Aristoteles »_De Mirabilibus_« sich
+ nicht wohl, wie eine ähnliche Stelle im Periplus des Scylax, auf die
+ Küste von Afrika beziehen kann. Setzt man voraus, daß das Gras
+ bedeckte Meer, das die phönicischen Schiffe in ihrem Lauf aufhielt,
+ das _Mar de Sargazo_ gar, so braucht man nicht anzunehmen, daß die
+ Alten im Atlantischen Meer über den 30. Grad westlicher Länge vom
+ Meridian von Paris hinausgekommen seyen.
+
+ 34 Die Karten von Jefferys und Van-Keulen geben vier Inseln an, die
+ nichts als eingebildete Gefahren sind: die Inseln Garca und Santa
+ Anna, westlich von den Azoren, die grüne Insel (unter 14° 52’
+ Breite, 28° 30’ Länge) und die Insel Fonseco (unter 13° 15’ Breite,
+ 57° 10’ Länge). Wie kann man an die Existenz von vier Inseln in von
+ Tausenden von Schiffen befahrenen Strichen glauben, da von so vielen
+ kleinen Riffen und Untiefen, die seit hundert Jahren von
+ leichtgläubien Schiffern angegeben worden sind, sich kaum zwei oder
+ drei bewahrheitet haben? Was die allgemeine Frage betrifft, mit
+ welchen Grade von Wahrscheinlichkeit sich annehmen läßt, daß
+ zwischen Europa und Amerika eine auf eine Meile sichtbare Insel
+ werde entdeckt werden, so könnte man sie einer strengen Rechnung
+ unterwerfen, wenn man die Zahl der Fahrzeuge kennte, die seit
+ dreihundert Jahren jährlich das atlantische Meer befahren, und wenn
+ man dabei die ungleiche Vertheilung der Fahrzeuge in verschiedenen
+ Strichen berüchsichtigte. Befände sich der Maalstrom, nach
+ Van-Keulens Angabe unter 16° Breite und 39° 30’ Länge, so wären wir
+ am 4. Juli darüber weggefahren.
+
+ 35 Rechts an des andern Poles Firmament
+ Boten sich dar vier Sterne meinen Blicken,
+ Die nur dem ersten Paar zu schaun vergönnt.
+
+ Ihr Schimmer schien den Himmel zu entzücken:
+ O mitternächt´ger Bogen, so verwaist,
+ Weil du an ihnen nie dich kannst erquicken!
+
+ (Nach Kannegießers Uebersetzung).
+
+ 36 Im atlantischen Meere ist ein Strich, wo das Wasser immer milchigt
+ erscheint, obgleich die See dort sehr tief ist. Diese merkwürdige
+ Erscheinung zeigt sich unter der Breite der Insel Dominica und etwa
+ unter 57° der Länge. Sollte an diesem Punkt, noch östlicher als
+ Barbados, ein versunkenes vulkanisches Eiland unter dem Meerespiegel
+ liegen?
+
+
+
+
+
+VIERTES KAPITEL
+
+
+ Erster Auftenthalt in Cumana. — Die Ufer des Manzanares
+
+
+Wir waren am 16. Juli mit Tagesanbruch auf dem Ankerplatz, gegenüber der
+Mündung des Rio Manzanares, angelangt, konnten uns aber erst spät am
+Morgen ausschiffen, weil wir den Besuch der Hafenbeamten abwarten mußten.
+Unsere Blicke hingen an den Gruppen von Cocosbäumen, die das Ufer säumten
+und deren über sechzig Fuß [20 m] hohe Stämme die Landschaft beherrschten.
+Die Ebene war bedeckt mit Büschen von Cassien, Capparis und den
+baumartigen Mimosen, die gleich den Pinien Italiens ihre Zweige
+schirmartig ausbreiten. Die gefiederten Blätter der Palmen hoben sich von
+einem Himmelsblau ab, das keine Spur von Dunst trübte. Die Sonne stieg
+rasch zum Zenith auf; ein blendendes Licht war in der Luft verbreitet und
+lag auf den weißlichen Hügeln mit zerstreuten cylindrischen Cactus und auf
+dem ewig ruhigen Meere, dessen Ufer von Alcatras [Ein brauner Pelikan von
+der Größe des Schwans. _Pelicanus fuscus_, _Linné_.], Reihern und Flamingo
+bevölkert sind. Das glänzende Tageslicht, die Kraft der Pflanzenfarben,
+die Gestalten der Gewächse, das bunte Gefieder der Vögel, alles trug den
+großartigen Stempel der tropischen Natur.
+
+Cumana, die Hauptstadt von Neuandalusien, liegt eine Meile [4,5 km] vom
+Landungsplatz oder der Batterie _de la Bocca_, bei der wir ans Land
+gestiegen, nachdem wir über die Barre des Manzanares gefahren. Wir hatten
+über eine weite Ebene [_El Salado_] zu gehen, die zwischen der Vorstadt
+der Guayqueries und der Küste liegt. Die starke Hitze wurde durch die
+Strahlung des zum Theil pflanzenlosen Bodens noch gesteigert. Der
+hunderttheilige Thermometer, in den weißen Sand gesteckt, zeigte 37°,7. In
+kleinen Salzwasserlachen stand er auf 30°,5, während im Hafen von Cumana
+die Temperatur des Meeres an der Oberfläche meist 25°,2 bis 26°,3 beträgt.
+Die erste Pflanze, die wir auf dem amerikanischen Festland pflückten, war
+die _Avicennia tomentosa_ (_Mangle prieto_), die hier kaum zwei Fuß hoch
+wird. Dieser Strauch, das _Sesuvium_, die gelbe _Gomphrena_ und die Cactus
+bedecken den mit salzsaurem Natron geschwängerten Boden; sie gehören zu
+den wenigen Pflanzen, die, wie die europäischen Heiden, gesellig leben,
+und dergleichen in der heißen Zone nur am Meeresufer und auf den hohen
+Plateaus der Anden vorkommen. Nicht weniger interessant ist die die
+cumanische Avicennia durch eine andere Eigenthümlichkeit: diese Pflanze
+gehört dem Gestade und der Küste von Malabar gemeinschaftlich an.
+
+Der indische Lootse führte uns durch seinen Garten, der viel mehr einem
+Gehölz als einem bebauten Lande glich. Er zeigte uns als Beweis der
+Fruchtbarkeit des Klimas einen Käsebaum _(Bombax heptaphyllum)_, dessen
+Stamm im vierten Jahre bereits gegen dritthalb Fuß [75 cm] Durchmesser
+hatte. Wir haben an Ufern des Orinoco und des Magdalenenflusses die
+Beobachtung gemacht, daß die Bombax, die Carolineen, die Ochromen und
+andere Bäume aus der Familie der Malven ausnehmend rasch wachsen. Ich
+glaube aber doch, daß die Angabe des Indianers über das Alter des
+Käsebaumes etwas übertrieben war; denn in der gemäßigten Zone, auf dem
+feuchten und warmen Boden Nordamerikas zwischen dem Mississippi und den
+Aleghanis werden die Bäume in zehn Jahren nicht über einen Fuß [32 cm]
+dick, und das Wachsthum ist dort im Allgemeinen nur um ein Fünftheil
+rascher als in Europa, selbst wenn man zum Vergleich die Platane, den
+Tulpenbaum und _Cupressus disticha_ wählt, die zwischen neun und fünfzehn
+Fuß [3 und 4,5 m] dick werden. Im Garten des Lootsen am Gestade von Cumana
+sahen wir auch zum erstenmal einen *Guama*(37) voll Blüthen, deren
+zahlreiche Staubfäden sich durch ihre ungemeine Länge und ihren
+Silberglanz auszeichnen. Wir gingen durch die Vorstadt der Indianer, deren
+Straßen geradlinigt und mit kleinen, ganz neuen Häusern von sehr
+freundlichem Ansehen besetzt sind. Dieser Stadttheil war infolge des
+Erdbebens, das Cumana anderthalb Jahre vor unserer Ankunft zerstört hatte,
+eben erst neu aufgebaut worden. Kaum waren wir auf einer hölzernen Brücke
+über den Manzanares gegangen, in dem hier Bava oder Krokodile von der
+kleinen Art vorkommen, begegneten uns überall die Spuren dieser
+schrecklichen Katastrophe; neue Gebäude erhoben sich auf den Trümmern der
+alten.
+
+Wir wurden vom Capitän des Pizarro zum Statthalter der Provinz, Don
+Vicente Emparan, geführt, um ihm die Pässe zu überreichen, die das
+Staatssecretariat uns ausgestellt. Er empfing uns mit der Offenheit und
+edlen Einfachheit, die von jeher Züge des baskischen Volkscharakters
+waren. Ehe er zum Statthalter von Portobelo und Cumana ernannt wurde,
+hatte er sich als Schiffscapitän in der königlichen Marine ausgezeichnet.
+Sein Name erinnert an einen der merkwürdigsten und traurigsten Vorfälle in
+der Geschichte der Seekriege. Nach dem letzten Bruch zwischen Spanien und
+England schlugen sich zwei Brüder des Statthalters Emparan bei Nacht vor
+dem Hafen von Cadix mit ihren Schiffen, weil jeder das andere Schiff für
+ein feindliches hielt. Der Kampf war so furchtbar, daß beide Schiffe fast
+zugleich sanken. Nur ein sehr kleiner Theil der beiderseitigen Mannschaft
+wurde gerettet, und die beiden Brüder hatten das Unglück, einander kurz
+vor ihrem Tode zu erkennen.
+
+Der Statthalter von Cumana äußerte sich sehr zufrieden über unseren
+Entschluß, uns eine Zeitlang in Neuandalusien aufzuhalten, das zu jener
+Zeit in Europa kaum dem Namen nach bekannt war, und das in seinen Gebirgen
+und an den Ufern seiner zahlreichen Ströme der Naturforschung das reichste
+Feld der Beobachtung bietet. Der Statthalter zeigte uns mit einheimischen
+Pflanzen gefärbte Baumwolle und schöne Möbeln ganz aus einheimischen
+Hölzern; er interessirte sich lebhaft für alle physischen Wissenschaften
+und fragte uns zu unserer großen Verwunderung, ob wir nicht glaubten, daß
+die Luft unter dem schönen tropischen Himmel weniger Stickstoff
+_(azotico)_ enthalte als in Spanien, oder ob, wenn das Eisen hierzulande
+rascher oxydire, dies allein von der größeren Feuchtigkeit herrühre, die
+der Haarhygrometer anzeige. Dem Reisenden kann der Name des Vaterlandes,
+wenn er ihn auf einer fernen Küste aussprechen hört, nicht lieblicher in
+den Ohren klingen, als uns hier die Worte Stickstoff, Eisenoxyd,
+Hygrometer. Wir wußten, daß wir, trotz der Befehle des Hofs und der
+Empfehlung eines mächtigen Ministers, bei unserem Aufenthalt in den
+spanischen Colonien mit zahllosen Unannehmlichkeiten zu kämpfen haben
+würden, wenn es uns nicht gelang, bei den Regenten dieser ungeheuren
+Landstrecken besondere Theilnahme für uns zu wecken. Emparan war ein zu
+warmer Freund der Wissenschaft, um es seltsam zu finden, daß wir so weit
+hergekommen, um Pflanzen zu sammeln und die Lage gewisser Oertlichkeiten
+astronomisch zu bestimmen. Er argwöhnte keine andern Beweggründe unserer
+Reise als die in unseren Pässen angegebenen, und die öffentlichen Beweise
+von Achtung, die er uns während unseren langen Aufenthaltes in seinem
+Regierungsbezirke gegeben, haben Großes dazu beigetragen, uns überall in
+Südamerika eine freundliche Aufnahme zu verschaffen.
+
+Am Abend ließen wir unsere Instrumente ausschiffen und fanden zu unserer
+Befriedigung keines beschädigt. Wir mietheten ein geräumiges, für die
+astronomischen Beobachtungen günstig gelegenes Haus. Man genoß darin, wenn
+der Südwind wehte, einer angenehmen Kühle; die Fenster waren ohne
+Scheiben, nicht einmal mit Papier bezogen, das in Cumana meist statt des
+Glases dient. Sämmtliche Passagiere des Pizarro verließen das Schiff, aber
+die vom bösartigen Fieber Befallenen genasen sehr langsam. Wir sahen
+welche, die nach einem Monat, trotz der guten Pflege, die ihnen von ihren
+Landsleuten geworden, noch erschrecklich blaß und mager waren. In den
+Spanischen Colonien ist die Gastfreundschaft so groß, daß ein Europäer,
+käme er auch ohne Empfehlung und ohne Geldmittel an, so ziemlich sicher
+auf Unterstützung rechnen kann, wenn er krank in irgend einem Hafen ans
+Land geht. Die Catalonier, Galizier und Biscayer stehen im stärksten
+Verkehr mit Amerika. Sie bilden dort gleichsam drei gesonderte
+Corporationen, die auf die Sitten, den Gewerbsfleiß und den Handel der
+Colonien bedeutenden Einfluß haben. Der ärmste Einwohner von Siges oder
+Vigo ist sicher, im Hause eines catalonischen oder galizischen *Pulpero*
+(Krämer) Aufnahme zu finden, ob er nun nach Chile oder nach Mexiko oder
+auf die Philippinen kommt. Ich habe die rührendsten Beispiele gesehen, wie
+für unbekannte Menschen ganze Jahre lang unverdrossen gesorgt wird. Man
+kann hören, Gastfreundschaft sey leicht zu üben in einem herrlichen Klima,
+wo es Nahrungsmittel im Ueberfluß gibt, wo die einheimischen Gewächse
+wirksame Heilmittel liefern, und der Kranke in seiner Hängematte unter
+einem Schuppen das nöthige Obdach findet. Soll man aber die Ueberlast,
+welche die Ankunft eines Fremden, dessen Gemüthsart man nicht kennt, einer
+Familie verursacht, für nichts rechnen? und die Beweise gefühlvoller
+Theilnahme, die aufopfernde Sorgfalt der Frauen, die Geduld, die während
+einer langen, schweren Wiedergenesung nimmer ermüdet, soll man von dem
+allen absehen? Man will die Beobachtung gemacht haben, daß, vielleicht mit
+Ausnahme einiger sehr volkreichen Städte, seit den ersten Niederlassungen
+spanischer Ansiedler in der neuen Welt die Gastfreundschaft nicht merkbar
+abgenommen habe. Der Gedanke thut wehe, daß dieß allerdings anders werden
+muß, wenn einmal Bevölkerung und Industrie in den Colonien rascher
+zunehmen, und wenn sich auf der Stufe gesellschaftlicher Eintwicklung, die
+man als vorgeschrittene Kultur zu bezeichnen pflegt, die alte
+castilianische Offenheit allmählich verliert.
+
+Unter den Kranken, die in Cumana an Land kamen, befand sich ein Neger, der
+einige Tage nach unserer Ankunft in Raserei verfiel; er starb in diesem
+kläglichen Zustand, obgleich sein Herr, ein siebzigjähriger Mann, der
+Europa verlassen hatte, um in San Blas, am Eingang des Golfs von
+Californien, eine neue Heimath zu suchen, ihm alle erdenkliche Pflege
+hatte zu Theil werden lassen. Ich erwähne dieses Falls, um zu zeigen, daß
+zuweilen Menschen, die im heißen Erdstrich geboren sind, aber in einem
+gemäßigten Klima gelebt haben, den verderblichen Einflüssen der tropischen
+Hitze erliegen. Der Neger war ein junger Mensch von achtzehn Jahren, sehr
+kräftig und auf der Küste von Guinea geboren. Durch mehrjährigen
+Aufenthalt auf der Hochebene von Castilien hatte aber seine Constitution
+den Grad von Reizbarkeit erhalten, der die Miasmen der heißen Zone für die
+Bewohner nördlicher Länger so gefährlich macht.
+
+Der Boden, auf dem die Stadt Cumana liegt, gehört einer geologisch sehr
+interessanten Bildung an. Da mir aber seit meiner Rückkehr nach Europa
+einige Reisende mit der Beschreibung von Küstenstrichen, die sie nach mir
+besucht, zuvorgekommen sind, so beschränke ich mich hier auf Bemerkungen,
+die außerhalb des Kreises ihrer Beobachtungen fallen. Die Kette der
+Kalkalpen des Brigantin und Tataraqual streicht von Ost nach West vom
+Gipfel *Imposible* bis zum Hafen von Mochima und nach Campanario. In einer
+sehr fernen Zeit scheint das Meer diesen Gebirgsdamm von der Felsen küste
+von Araya und Maniquarez getrennt zu haben. Der weite Golf von Cariaco ist
+durch einen Einbruch des Meeres entstanden, und ohne Zweifel stand damals
+an der Südküste das ganze mit salzsaurem Natron getränkte Land, durch das
+der Manzanares läuft, unter Wasser. Ein Blick auf den Stadtplan von Cumana
+läßt diese Thatsache so unzweifelhaft erscheinen, als daß die Becken von
+Paris, Oxford und Wien einst Meerboden gewesen. Das Meer zog sich langsam
+zurück und legte das weite Gestade trocken, auf dem sich eine Hügelgruppe
+erhebt, die aus Gips und Kalkstein von der neuesten Bildung besteht.
+
+Die Stadt Cumana lehnt sich an diese Hügel, die einst ein Eiland im Golf
+von Cariaco waren. Das Stück der Ebene norwärts von der Stadt heißt »der
+kleine Strand« (_Plaga chica_); sie dehnt sich gegen Ost bis zur Punta
+Delgada aus, und hier bezeichnet ein enges mit _Gomphrena flava_ bedecktes
+Thal den Punkt, wo einst der Durchbruch der Gewässer stattfand. Dieses
+Tal, dessen Eingang durch kein Außenwerk vertheidigt wird, erscheint als
+der Punkt, von wo der Platz einem Angriff am meisten ausgesetzt ist. Der
+Feind kann in voller Sicherheit zwischen der *Punta Arenas del Barigon*
+und der Mündung des Manzanares durchgehen, wo die See 40–50 [73–91 m] und
+weiter nach Südost sogar 87 Faden [159 m] tief ist. Er kann an der *Punta
+Delgada* landen und das Fort St. Antonio und die Stadt Cumana im Rücken
+angreifen, ohne daß er vom Feuer der westlichen Batterien auf der Playa
+Chica an der Mündung des Stroms und beim *Cerro Colorado* etwas zu
+fürchten hätte.
+
+Der Hügel aus Kalkstein, den wir, wie oben bemerkt, als eine Insel im
+ehemaligen Golf betrachten, ist mit Fackeldisteln bedeckt. Manche davon
+sind 30–40 Fuß [10–13 m] hoch und ihr mit Flechten bedeckter, in mehrere
+Aeste kronleuchterartig getheilter Stamm nimmt sich höchst seltsam aus.
+Bei Maniquarez an der Punta Araya maßen wir einen Cactus, dessen Stamm
+über vier Fuß neun Zoll [1,54 m] Umfang hatte. Ein Europäer, der nur die
+Fackeldisteln unserer Gewächshäuser kennt, wundert sich, wenn er sieht,
+daß das Holz dieses Gewächses mit dem Alter sehr hart wird, daß es
+Jahrhunderte lang der Luft und Feuchtigkeit widersteht, und daß es die
+Indianer von Cumana vorzugsweise zu Rudern und Türschwellen verwenden.
+Nirgends in Südamerika kommen die Gewächse aus der Familie der Nopaleen
+häufiger vor als in Cumana, Coro, Curaçao und auf der Insel Margarita. Nur
+dort könnte der Botaniker nach langem Aufenthalt eine Monographie der
+Cactus schreiben, die nicht in Hinsicht auf Blüthen und Früchte, aber nach
+der Form des gegliederten Stamms, nach der Zahl der Gräten und der
+Stellung der Stacheln ausnehmend viele Varietäten bilden. Wir werden in
+der Folge sehen, wie diese Gewächse, die für ein heißes, trockenes Klima,
+wie das Egyptens und Californiens, charakteristisch sind, immer mehr
+verschwinden, wenn man von Terra Firma ins Innere des Landes kommt.
+
+Die Cactusgebüsche spielen auf dürrem Boden in Südamerika dieselbe Rolle
+wie in unseren nördlichen Ländern die mit Binsen und Hydrocharideen
+bewachsenen Brüche. Ein Ort, wo stachlichte Cactus von hohem Wuchs in
+Reihen stehen, gilt fast für undurchdringlich. Solche Stellen, *Tunales*
+genannt, halten nicht allein den Eingeborenen auf, der bis zum Gürtel
+nackt ist, sie sind ebensosehr von den Stämmen gefürchtet, die ganz
+bekleidet gehen. Auf unsern einsamen Spaziergängen versuchten wir es
+manchmal in den *Tunal* einzudringen, der die Spitze des Schloßberges
+krönt und durch den zum Theil ein Fußweg führt. Hier ließe sich der Bau
+dieses sonderbaren Gewächses an Tausenden von Exemplaren beobachten.
+Zuweilen wurden wir von der Nacht überrascht, denn in diesem Klima gibt es
+fast keine Dämmerung. Unsere Lage war dann desto bedenklicher, da der
+*Cascabel* oder die Klapperschlange, der *Coral* und andere Schlangen mit
+Giftzähnen zur Legezeit solche heißen trockenen Orte aufsuchen, um ihre
+Eier in den Sand zu legen.
+
+Das Schloß St. Antonio liegt auf der westlichen Spitze des Hügels, aber
+nicht auf dem höchsten Punkt; es wird gegen Osten von einer nicht
+befestigten Höhe beherrscht. Der *Tunal* gilt hier und überall in den
+spanischen Niederlassungen für ein nicht unwichtiges militärisches
+Vertheidigungsmittel. Wo man Erdwerke anlegt, suchen die Ingenieurs recht
+viele stachlichte Fackeldisteln darauf anzubringen und ihr Wachsthum zu
+befördern, wie man auch die Krokodile in den Wassergräben der festen
+Plätze hegt. In einem Klima, wo die organische Natur eine so gewaltige
+Triebkraft hat, zieht der Mensch fleischfressende Reptilien und mit
+furchtbaren Stacheln bewehrte Gewächse zu seiner Vertheidigung herbei.
+
+Das Schloß St. Antonio, wo man an Festtagen die Flagge von Castilien
+aufzieht, liegt nur 30 Toisen [58,5 m] über dem Wasserspiegel des
+Meerbusens von Cariaco. Auf seinem kahlen Kalkhügel beherrscht es die
+Stadt und liegt, wenn man in den Hafen einfährt, höchst malerisch da. Es
+hebt sich hell von der dunkeln Wand der Gebirge ab, deren Gipfel bis zur
+Schneeregion aufsteigen und deren duftiges Blau mit dem Himmelsblau
+verschmilzt. Geht man vom Fort St. Antonio gegen Südwest herab, so kommt
+man am Abhang desselben Felsen zu den Trümmern des alten Schlosses Santa
+Maria. Dies ist ein herrlicher Punkt, um gegen Sonnenuntergang des kühlen
+Seewindes und der Aussicht auf den Meerbusen zu genießen. Die hohen
+Berggipfel der Insel Margarita erscheinen über der Felsenküste der
+Landenge von Araya; gegen Westen mahnen die kleinen Inseln Caracas,
+Picuito und Boracha an die Katastrophe, durch welche die Küste von Terra
+Firma zerrissen worden ist. Diese Eilande gleichen Festungswerken, und da
+die Sonne die untern Luftschichten, die See und das Erdreich ungleich
+erwärmt, so erscheinen ihre Spitzen infolge der Luftspiegelung
+hinaufgezogen, wie die Enden der großen Vorgebirge der Küste. Mit
+Vergnügen verfolgt man bei Tage diese wechseln den Erscheinungen; bei
+Einbruch der Nacht sieht man dann, wie die in der Luft schwebenden
+Gesteinmassen sich wieder auf ihre Grundlage niedersenken, und das
+Gestirn, das der organischen Natur Leben verleiht, scheint durch die
+veränderliche Beugung seiner Strahlen den starren Fels vom Fleck zu rücken
+und dürre Sandebenen wellenförmig zu bewegen.
+
+Die eigentliche Stadt Cumana liegt zwischen dem Schlosse St. Antonio und
+den kleinen Flüssen Manzanares und Santa Catalina. Das durch die Arme des
+ersteren Flusses gebildete Delta ist ein fruchtbares Land, bewachsen mit
+Mammea, Achra, Bananen und anderen Gewächsen, die in den Gärten oder
+*Charas* der Indianer gebaut werden. Die Stadt hat kein ausgezeichnetes
+Gebäude aufzuweisen, und bei der Häufigkeit von Erdbeben wird sie
+schwerlich je welche haben. Starke Erdstöße kommen zwar im selben Jahre in
+Cumana nicht so häufig vor als in Quito, wo durch prächtige, sehr hohe
+Kirchen stehen; aber die Erdbeben in Quito sind nur scheinbar so heftig,
+und in Folge der eigenthümlichen Beschaffenheit des Bodens und der Art der
+Bewegung stürzt kein Gebäude ein. In Cumana, wie in Lima und mehreren
+anderen Städten, die weit von den Schlünden thätiger Vulkane liegen, wird
+die Reihe schwacher Erdstöße nach Ablauf vieler Jahre leicht durch größere
+Katastrophen unterbrochen, die in ihren Wirkungen dener einer springenden
+Mine ähnlich sind. Wir werden öfters Gelegenheit haben, auf diese
+Erscheinungen zurückzukommen, zu deren Erklärung so viele eitle Theorien
+ersonnen worden sind, und für die man eine Classification gefunden zu
+haben glaubte, wenn man senkrechte und wagrechte Bewegungen, stoßende und
+wellenförmige Bewegungen annahm.(38)
+
+Die Vorstädte von Cumana sind fast so stark bevölkert wie die alte Stadt.
+Es sind ihrer drei: Die der *Serritos* auf dem Wege nach der Plaga chica,
+wo einige schöne Tamarindenbäume stehen, die südöstlich gelegene, San
+Francisco genannt, und die große Vorstadt der Guayqueries. Der Name dieses
+Indianerstammes war vor der Eroberung ganz unbekannt. Die Eingeborenen,
+die denselben jetzt führen, gehörten früher zu der Nation der Guaraunos,
+die nur noch auf dem Sumpfboden zwischen den Armen des Orinoco lebt. Alte
+Männer versicherten mich, die Sprache ihrer Vorfahren sey eine Mundart des
+Guaraunosprache gewesen, aber seit hundert Jahren gebe es in Cumana und
+auf Margarita keinen Eingeborenen vom Stamme mehr, der etwas anderes
+spreche als castilianisch.
+
+Das Wort *Guayqueries* verdankt, gerade wie die Worte *Peru* und
+*Peruaner*, seinen Ursprung einem bloßen Mißverständnisse. Als die
+Begleiter des Columbus an der Insel Margarita hinfuhren, auf deren
+Nordküste noch jetzt der am höchsten stehende Theil dieser Nation wohnt,
+stießen sie auf einige Eingeborene, die Fische harpunirten, indem sie
+einen mit einer sehr feinen Spitze versehenen, an einen Strick gebundenen
+Stock gegen sie schleuderten. Sie fragten sie in haytischer Sprache, wie
+sie hießen: die Indianer aber meinten, die Fremden erkundigten sich nach
+den Harpunen aus dem harten, schweren Holz der Macanapalme und
+antworteten: *Guaike*, *Guaike*, das heißt: spitziger Stock. Die
+Guayqueries, ein gewandtes, civilisirtes Fischervolk, unterscheiden sich
+jetzt auffallend von den wilden Guaraunos am Orinoco, die ihre Hütten an
+den Stämmen der Morichepalme aufhängen.
+
+Die Bevölkerung von Cumana ist in der neuesten Zeit viel zu hoch angegeben
+worden. Im Jahre 1800 schätzten sie Ansiedler, die in nationalökonomischen
+Untersuchungen wenig Bescheid wissen, auf 20,000 Seelen, wogegen
+königliche bei der Landesregierung angestellte Beamte meinten, die Stadt
+samt den Vorstädten habe nicht 12,000. Depons gibt in seinem schätzbaren
+Werk über die Provinz Caracas der Stadt im Jahre 1802 gegen 28,000
+Einwohner; andere geben im Jahr 1810 30,000 an. Wenn man bedenkt, wie
+langsam die Bevölkerung in Terra Firma zunimmt, und zwar nicht auf dem
+Land, sondern in den Städten, so läßt sich bezweifeln, daß Cumana bereits
+um ein Drittheil volkreicher seyn sollte als Vera Cruz, der vornehmste
+Hafen des Königreichs Neuspanien. Es läßt sich auch leicht darthun, daß im
+Jahr 1802 die Bevölkerung kaum über 18,000 bis 19,000 Seelen betrug. Es
+waren mir verschiedene Notizen über die statistischen Verhältnisse des
+Landes zu Hand, welche die Regierung hatte zusammenstellen lassen, als die
+Frage verhandelt wurde, ob die Einkünfte aus der Tabakspacht durch eine
+Personalsteuer ersetzt werden könnten, und ich darf mir schmeicheln, daß
+meine Schätzung auf ziemlich sichern Grundlagen ruht.
+
+Eine im Jahr 1792 vorgenommene Zählung ergab für die Stadt Cumana, ihre
+Vorstädte und die einzelnen Häuser auf eine Meile in der Runde nur 10,740
+Einwohner. Ein Schatzbeamter, Don Manuel Navarete, versichert, daß man
+sich bei dieser Zählung höchstens um ein Drittheil oder ein Viertheil
+geirrt haben könne. Vergleicht man die jährlichen Taufregister, so macht
+sich von 1792 bis 1800 nur eine geringe Zunahme bemerklich. Die Weiber
+sind allerdings sehr fruchtbar, besonders die eingeborenen, aber wenn auch
+die Pocken im Lande noch unbekannt sind, so ist doch die Sterblichkeit
+unter den kleinen Kindern furchtbar groß, weil sie in völliger
+Verwahrlosung aufwachsen und die üble Gewohnheit haben, unreife,
+unverdauliche Früchte zu genießen. Die Zahl der Geburten beträgt im
+Durchschnitt 520 bis 600, was auf eine Bevölkerung von höchstens 16,800
+Seelen schließen läßt. Man kann versichert seyn, daß sämmtliche
+Indianerkinder getauft und in das Taufregister der Pfarre eingetragen
+sind, und nimmt man an, die Bevölkerung sey im Jahr 1800 26,000 Seelen
+stark gewesen, so käme auf dreiundvierzig Köpfe nur Eine Geburt, während
+sich die Geburten zur Gesammtbevölkerung in Frankreich wie 28 zu 100 und
+in den tropischen Strichen von Mexico wie 17 zu 100 verhalten.
+
+Vermuthlich wird sich die indianische Vorstadt allmählich bis zum
+Landungsplatz ausdehnen, da die Fläche, auf der noch keine Häuser oder
+Hütten stehen, höchstens 340 Toisen lang ist. Dem Strande zu ist die Hitze
+etwas weniger drückend als in der Altstadt, wo wegen des Zurückprallens
+der Sonnenstrahlen vom Kalkboden und der Nähe des Berges St. Antonio die
+Temperatur der Luft ungemein hoch steigt. In der Vorstadt der Guayqueries
+haben die Seewinde freien Zutritt, der Boden ist Thon und damit, wie man
+glaubt, den heftigen Stößen der Erdbeben weniger ausgesetzt, als die
+Häuser, die sich an die Felsen und Hügel am rechten Ufer des Manzanares
+lehnen.
+
+Bei der Mündung des kleinen Flusses Santa Catalina ist der Saum des Ufers
+mit sogenannten Wurzelträgern [_Rhizophora Mangle._] besetzt; aber diese
+*Manglares* sind nicht groß genug, um der Salubrität der Luft in Cumana
+Eintrag zu thun. Im übrigen ist die Ebene theils kahl, theils bedeckt mit
+Büschen von _Sesubium portulacastrum_, _Gomphrena flava_, _Gomphrena
+myrtifolia_, _Talinum cuspidatum_, _Talinum cumanense_ und _Portulaca
+lanuginosa_. Unter diesen krautartigen Gewächsen erheben sich da und dort
+die _Avicennia tomentosa_, die _Scoparia dulcus_, eine strauchartige
+Mimose mit sehr reizbaren Blättern, besonders aber Cassien, deren in
+Südamerika so viele vorkommen, daß wir auf unsern Reisen mehr als dreißig
+neue Arten zusammengebracht haben.
+
+Geht man zur indischen Vorstadt hinaus und am Fluß gegen Süd hinauf, so
+kommt man zuerst an ein Cactusgebüsch und dann an einen wunderschönen
+Platz, den Tamarindenbäume, Brasilienholzbäume, Bombax und andere durch
+ihr Laub und ihre Blüthen ausgezeichnete Gewächse beschatten. Der Boden
+bietet hier gute Weide, und Melkereien, aus Rohr erbaut, liegen zerstreut
+zwischen den Baumgruppen. Die Milch bleibt frisch, wenn man nicht in der
+Frucht des Flaschenkürbisbaums, die ein Gewebe aus sehr dichten Holzfasern
+ist, sondern in porösen Thongefäßen von Maniquarez aufbewahrt. In Folge
+eines in nördlichen Ländern herrschenden Vorurtheils habe ich geglaubt, in
+der heißen Zone geben die Kühe keine sehr fette Milch; aber der Aufenthalt
+in Cumana, besonders aber die Reise über die weiten mit Gräsern und
+krautartigen Mimosen bewachsenen Ebenen von Calabozo haben mich belehrt,
+daß sich die Wiederkäuer Europas vollkommen an das heißeste Klima
+gewöhnen, wenn sie nur Wasser und gutes Futter finden. Die
+Milchwirthschaft ist in den Provinzen Neuandalusien, Barcelona und
+Venezuela ausgezeichnet, und häufig ist die Butter auf den Ebenen der
+heißen Zone besser als auf dem Rücken der Anden, wo für die Alppflanzen
+die Temperatur in keiner Jahreszeit hoch genug ist und sie daher weniger
+aromatisch sind als auf den Pyrenäen, auf den Bergen Estremaduras und
+Griechenlands.
+
+Den Einwohnern Cumanas ist die Kühlung durch den Seewind lieber als der
+Blick ins Grüne, und so kennen sie fast keinen andern Spaziergang als den
+großen Strand. Die Castilianer, denen man nachsagt, sie seyen im
+allgemeinen keine Freunde von Bäumen und Vogelgesang, haben ihre Sitten
+und ihre Vorurtheile in die Colonien mitgenommen. In Terra Firma, Mexico
+und Peru sieht man selten einen Eingeborenen einen Baum pflanzen allein in
+der Absicht, sich Schatten zu schaffen, und mit Ausnahme der Umgegend der
+großen Hauptstädte weiß man in diesen Ländern so gut wie nichts von
+Alleen. Die dürre Ebene von Cumana zeigt nach starken Regengüssen eine
+merkwürdige Erscheinung. Der durchnäßte, von den Sonnenstrahlen erhitzte
+Boden verbreitet jenen Bisamgeruch, der in der heißen Zone Thieren der
+verschiedensten Klassen gemein ist, dem Jaguar, den kleinen Arten von
+Tigerkatzen, dem Cabiaï [_Cavia capybara_, _Linné_], Galinazogeier
+[_Vultur aura_, _Linné_], dem Krokodil, den Vipern und Klapperschlangen.
+Die Gase, die das Vehikel dieses Aromas sind, scheinen sich nur in dem
+Maaße zu entwickeln, als der Boden, der die Reste zahlloser Reptilien,
+Würmer und Insekten enthält, sich mit Wasser schwängert. Ich habe
+indianische Kinder vom Stamme der Chaymas achtzehn Zoll lange und sieben
+Linien breite [40 cm lange und 15 mm breite] Scolopender oder Tausendfüße
+aus dem Boden ziehen und verzehren sehen. Wo man den Boden aufgräbt, muß
+man staunen über die Massen organischer Stoffe, die wechselnd sich
+entwickeln, sich umwandeln oder zersetzen. Die Natur scheint in diesen
+Himmelsstrichen kraftvoller, fruchtbarer, man möchte sagen mit dem Leben
+verschwenderischer.
+
+Am Strande und bei den Melkereien, von denen eben die Rede war, hat man,
+besonders bei Sonnenaufgang, eine sehr schöne Aussicht auf die Gruppe
+hoher Kalkberge. Da diese Gruppe im Hause, wo wir wohnten, nur unter einem
+Winkel von drei Grad erscheint, diente sie mir lange dazu, die
+Veränderungen in der irdischen Refraction mit den meteorologischen
+Veränderungen in der irdischen Refraction zu vergleichen. Die Gewitter
+bilden sich mitten in dieser Cordillere, und man sieht von weitem, wie die
+dicken Wolken sich in starken Regen auflösen, während in Cumana sechs bis
+acht Monate lang kein Tropfen fällt. Der höchste Gipfel der Bergkette, der
+sogenannte Brigantin, nimmt sich hinter dem Brito und dem Tetaraqual
+höchst malerisch aus. Sein Name rührt her von der Gestalt eines sehr
+tiefen Thals an seinem nördlichen Abhang, das dem Inneren eines Schiffes
+gleicht. Der Gipfel des Bergs ist fast ganz kahl und abgeplattet, wie der
+Gipfel des Mawna-Roa auf den Sandwichinseln; es ist eine senkrechte Wand,
+oder, um mich des bezeichnenderen Ausdruckes der spanischen Schiffer zu
+bedienen, ein Tisch, eine _mesa_. Diese eigenthümliche Bildung und die
+symmetrische Lage einiger Kegel, die den Brigantin umgeben, brachten mich
+anfänglich auf die Vermuthung, daß diese Berggruppe, die ganz aus
+Kalkstein besteht, Glieder der Basalt- oder Trappformation enthalten
+möchte.
+
+Der Statthalter von Cumana hatte im Jahr 1797 muthige Männer ausgeschickt,
+die das völlig unbewohnte Land untersuchen und einen geraden Weg nach
+Neu-Barcelona über den Gipfel der *Mesa* eröffnen sollten. Man vermuthete
+mit Recht, dieser Weg werde kürzer und für die Gesundheit der Reisenden
+nicht so gefährlich seyn als der längs der Küste, den die Couriere von
+Caracas einschlagen; aber alle Bemühungen, über die Bergkette zu kommen
+waren fruchtlos. In diesen Ländern Amerikas, wie in Neuholland(39) im
+Westen von Sidney, bietet nicht sowohl die Höhe der Cordilleren als die
+Gestaltung des Gesteins schwer zu besiegende Hindernisse. Durch das von
+den Gebirgen im Innern und dem südlichen Abhang des *Cerro de San Antonio*
+gebildete Längenthal fließt der Manzanares. In der ganzen Umgegend von
+Cumana ist dieß der einzige ganz bewaldete Landstrich; er heißt die *Ebene
+der Charas*, [*Chacra*, verdorben *Chara*, heißt eine von einem Garten
+umgebene Hütte.] wegen der vielen Pflanzungen, welche die Einwohner seit
+einigen Jahren den Fluß entlang versucht haben. Ein schmaler Pfad führt
+vom Hügel von San Francisco durch den Forst zum Kapuzinerhospiz, einem
+höchst angenehmen Landhaus, das die aragonesischen Mönche für alte
+entkräftete Missionäre, die ihres Amtes nicht mehr walten können, gebaut
+haben. Gegen Ost werden die Waldbäume immer kräftiger und man sieht hier
+und da einen Affen [Der gemeine *Machi* oder Heulaffe.], die sonst in der
+Gegend sehr selten sind. Zu den Füßen der Capparis, Bauhinien und des
+Zygophyllum mit goldgelben Blüthen breitet sich ein Teppich vom Bromelien
+[Chihuchihue, aus der Familie der Ananas.] aus, deren Geruch und deren
+kühles Laub die Klapperschlangen hieher ziehen.
+
+Der Manzanares hat sehr klares Wasser und zum Glück nichts mit dem
+Madrider Manzanares gemein, der unter seiner prächtigen Brücke noch
+schmäler erscheint. Er entspringt, wie alle Flüsse Neuandalusiens, in
+einem Striche der Savanen (Llanos), der unter dem Namen der Plateaus von
+Jonoro, Amana und Guanipa bekannt ist und beim indianischen Dorfe San
+Fernando die Gewässer des Rio Juanillo aufnimmt. Man hat der Regierung
+öfter, aber immer vergeblich, den Vorschlag gemacht, beim ersten *Ipure*
+ein Wehr bauen zu lassen, um die Ebene der Charas künstlich zu bewässern,
+denn der Boden ist trotz seiner scheinbaren Dürre ausnehmend fruchtbar,
+sobald Feuchtigkeit zu der herrschenden Hitze hinzukommt. Die Landleute,
+die im Allgemeinen in Cumana nicht wohlhabend sind, sollten nach und nach
+die Auslagen für die Schleuße ersetzen. Bis das Projekt in Ausführung
+kommt, hat man Schöpfräder, durch Maulthiere getriebene Pumpen und andere
+sehr unvollkommene Wasserwerke angelegt.
+
+Die Ufer des Manzanares sind sehr freundlich, von Mimosen, Erythrina,
+Ceiba und anderen Bäumen von riesenhaftem Wuchs beschattet. Ein Fluß,
+dessen Temperatur zur Zeit des Hochwassers auf 22° fällt, während der
+Thermometer der Luft auf 30–33° steht, ist eine unschätzbare Wohltat in
+einem Lande, wo das ganze Jahr eine furchtbare Hitze herrscht und man den
+Trieb hat, mehrere Male des Tages zu baden. Die Kinder bringen sozusagen
+einen Teil ihres Lebens im Wasser zu; alle Einwohner, selbst die
+weiblichen Glieder der reichsten Familien, können schwimmen, und in einem
+Lande, wo der Mensch dem Naturstande noch so nahe ist, hat man sich, wenn
+man morgens einander begegnet, nichts Wichtigeres zu fragen, als ob der
+Fluß heute kühler sey als gestern. Man hat verschiedene Bademethoden. So
+besuchten wir jeden Abend eine Zirkel sehr achtungswerter Personen in der
+Vorstadt der Guaykari. Da stellte man bei schönem Mondschein Stühle ins
+Wasser; Männer und Frauen waren leicht bekleidet, wie in manchen Bädern
+des nördlichen Europas, und die Familie und die Fremden blieben ein paar
+Stunden im Flusse sitzen, rauchten Cigarren dazu und unterhielten sich
+nach Landessitte von der ungemeinen Trockenheit der Jahreszeit, vom
+starken Regenfall in den benachbarten Distrikten, besonders aber vom
+Luxus, den die Damen in Cumana den Damen in Caracas und Havana zum Vorwurf
+machen. Durch die *Bavas* oder kleinen Krokodile, die jetzt sehr selten
+sind und den Menschen nahe kommen, ohne anzugreifen, ließ sich die
+Gesellschaft durchaus nicht stören. Diese Tiere sind drei bis vier Fuß
+[1 bis 1,3 m] lang; wir haben nie eines im Manzanares gesehen, wohl aber
+Delphine, die zuweilen bei Nacht im Flusse heraufkommen und die Badenden
+erschrecken, wenn sie durch ihre Luftlöcher Wasser spritzen.
+
+Der Hafen von Cumana ist eine Reede, welche die Flotten von ganz Europa
+aufnehmen könnte. Der ganze Meerbusen von Cariaco, der sechsunddreißig
+Semeilen [67 km] lang und sechs bis acht [11 bis 15 km] breit ist, bietet
+vortrefflichen Ankergrund. Der Große Ozean an der Küste von Peru kann
+nicht stiller und ruhiger seyn als das Meer der Antillen von Portocabello
+an, namentlich aber vom Vorgebirge Codera bis zur Landspitze von Paria.
+Von den Stürmen bei den Antillischen Inseln spürt man nie etwas in diesem
+Strich, wo man in Schaluppen ohne Verdeck das Meer befährt. Die einzige
+Gefahr im Hafen von Cumana ist eine Untiefe, *Baxo del Morro roxo*, die
+von West nach Ost 900 Toisen [1750 m] lang ist und so steil abfällt, daß
+man dicht dabei ist, ehe man sie gewahr wird.
+
+Ich habe die Lage von Cumana etwas ausführlich beschrieben, weil es mir
+wichtig schien, eine Gegend kennenzulernen, die seit Jahrhunderten der
+Herd der fruchtbarsten Erdbeben war. Ehe wir von diesen außerordentlichen
+Erscheinungen sprechen, erscheint es mir als zweckmäßig, die verschiedenen
+Züge des von mir entworfenen Naturbildes zusammenzufassen.
+
+Die Stadt liegt am Fuße eines kahlen Hügels und wird von einem Schlosse
+beherrscht. Kein Glockenturm, keine Kuppel fällt von weitem dem Reisenden
+ins Auge, nur einige Tamarinden-, Kokosnuß- und Dattelstämme erheben sich
+über die Häuser mit platten Dächern. Die Ebene ringsum, besonders dem
+Meere zu ist trübselig, staubig und dürr, wogegen ein frischer, kräftiger
+Pflanzenwuchs von weitem den geschlängelten Lauf des Flusses bezeichnet,
+der die Stadt von den Vorstädten, die Bevölkerung von europäischer und
+gemischter Abkunft von den kupferfarbenen Eingeborenen trennt. Der
+freistehende, kahle, weiße Schloßberg San Antonio wirft zugleich eine
+große Masse Licht und strahlender Wärme zurück; er besteht aus Breccien,
+deren Schichten versteinerte Seetiere einschließen. In weiter Ferne gegen
+Süden streicht dunkel ein mächtiger Gebirgszug hin. Dies sind die hohen
+Kalkalpen von Neuandalusien, wo dem Kalk Sandsteine und andere neuere
+Bildungen aufgelagert sind. Majestätische Wälder bedecken diese Kordillere
+im innern Land und hängen durch ein bewaldetes Tal mit dem nackten,
+tonigen und salzhaltigen Boden zusamen, auf dem Cumana liegt. Einige Vögel
+von bedeutender Größe tragen zur eigentümlichen Physiognomie des Landes
+bei. Am Gestade und am Meerbusen sieht man Scharen von Fischreihern und
+Alcatras, sehr plumpen Vögeln, die gleich den Schwänen mit gehobenen
+Flügeln über das Wasser gleiten. Näher bei den Wohnstätten der Menschen
+sind Tausende von Galinazogeiern, wahre Chakals unter dem Gefieder,
+rastlos beschäftigt, tote Tiere zu suchen. Ein Meerbusen, auf dessen
+Grunde heiße Quellen vorkommen, trennt die sekundären Gebirgsbildungen vom
+primitiven Schiefergebirge der Halbinsel Araya. Beide Küsten werden von
+einem ruhigen, blauen, beständig vom selben Winde leicht bewegten Meere
+bespült. Ein reiner, trockener Himmel, an dem nur bei Sonnenaufgaug
+leichtes Gewölk aufzieht, ruht auf der See, auf der baumlosen Halbinsel
+und der Ebene von Cumana, während man zwischen den Berggipfeln im Inneren
+Gewitter sich bilden, sich zusammenziehen und in fruchtbaren Regengüssen
+sich entladen sieht. So zeigen denn an diesen Küsten, wie am Fuße der
+Anden, Himmel und Erde scharfe Gegensätze von Heiterkeit und Bewölkung,
+von Trockenheit und gewaltigen Wassergüssen, von völliger Kahlheit und
+ewig neu sprossendem Grün. Auf dem neuen Continent unterscheiden sich die
+Niederungen an der See von den Gebirgsländern im Innern so scharf, wie die
+Ebenen Unterägyptens von den hochgelegenen Plateaus Abyssiniens.
+
+Zu den Zügen, welche, wie oben angedeutet, der Küstenstrich von
+Neu-Andalusien und der von Peru gemein haben, kommt nun noch, daß die
+Erdbeben dort wie hier gleich häufig sind, und daß die Natur für diese
+Erscheinungen beidemal dieselben Grenzen einzuhalten scheint. Wir selbst
+haben in Cumana sehr starke Erdstöße gespürt, eben war man daran, die vor
+kurzem eingestürzten Gebäude wieder aufzurichten, und so hatten wir
+Gelegenheit, uns an Ort und Stelle über die Vorgänge bei der furchtbaren
+Katastrophe vom 14. Dezember 1797 genau zu erkundigen. Diese Angaben
+werden um so mehr Interesse haben, da die Erdbeben bisher weniger aus
+physischem und geologischem Gesichtspunkt, als vielmehr nur wegen ihrer
+schrecklichen Folgen für die Bevölkerung und für das allgemeine Wohl ins
+Auge gefaßt worden sind.
+
+Es ist eine an der Küste von Cumana und auf der Insel Margarita sehr
+verbreitete Meinung, daß der Meerbusen von Cariaco sich infolge der
+Zertrümmerung des Landes und eines gleichzeitigen Einbruches des Meeres
+gebildet habe. Die Erinnerung an diese gewaltige Umwälzung hatte sich
+unter den Indianern bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten,
+und wie erzählt wird, sprachen die Eingeborenen bei der dritten Reise des
+Christoph Kolumbus davon wie von einem ziemlich neuen Ereignis. Im Jahre
+1530 wurden die Bewohner der Küsten von Paria und Cumana durch neue
+Erdstöße erschreckt. Das Meer stürzte über das Land her, und das kleine
+Fort, das Jakob Castellon bei Neutoledo gebaut hatte, wurde gänzlich
+zerstört. Zugleich bildete sich eine ungeheure Spalte in den Bergen von
+Cariaco, am Ufer des Meerbusens dieses Namens, und eine gewaltige Masse
+Salzwasser, mit Asphalt vermischt, sprang aus dem Glimmerschiefer hervor.
+Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts waren die Erdbeben sehr häufig, und
+nach den Ueberlieferungen, die sich in Cumana erhalten haben,
+überschwemmte das Meer öfter den Strand und stieg 15–20 Toisen [30–39 m]
+hoch an. Die Einwohner flüchteten sich auf den Cerro de San Antonio und
+auf den Hügel, auf dem jetzt das kleine Kloster San Francisco steht. Man
+glaubt sogar, infolge dieser häufigen Ueberschwemmungen habe man das an
+den Berg gelehnte Stadtviertel angelegt, das zum Teil auf dem Anhang
+desselben liegt.
+
+Da es keine Chronik von Cumana gibt, und da sich wegen der beständigen
+Verheerungen der Termiten oder weißen Ameisen in den Archiven keine
+Urkunde befindet, die über 150 Jahre hinaufreicht, so weiß man nicht
+genau, wann diese frühen Erdbeben stattgefunden haben. Man weiß nur, daß
+näher unserer Zeit das Jahr 1766 für die Ansiedler das entsetzlichste und
+zugleich für die Naturgeschichte des Landes merkwürdigste gewesen ist.
+Seit fünfzehn Monaten hatte eine Trockenheit geherrscht, wie sie zuweilen
+auch auf den Inseln des Grünen Vorgebirges beobachtet wird, als am
+21. Oktober 1766 die Stadt Cumana von Grund aus zerstört wurde. Das
+Gedächtnis dieses Tages wird alljährlich mit einem Gottesdienst und einer
+feierlichen Prozession begangen. In wenigen Minuten stürzten sämtliche
+Häuser zusammen. An verschiedenen Orten der Provinz tat sich die Erde auf
+und spie nach Schwefel riechendes Wasser aus. Diese Ausbrüche waren
+besonders häufig auf einer Ebene, die sich gegen Casanay, zwei Meilen
+östlich von Cumana hinzieht, und die unter dem Namen *terra de hueca*,
+_hohler Boden_, bekannt ist, weil sie überall von warmen Quellen
+unterhöhlt zu seyn scheint. Während der Jahre 1766 und 1767 lagerten die
+Einwohner von Cumana in den Straßen und begannen mit dem Wiederaufbau
+ihrer Häuser erst, als sich die Erdbeben nur noch alle Monate
+wiederholten. Hier auf der Küste traten damals dieselben Erscheinungen
+ein, die man auch im Königreich Quito unmittelbar nach der großen
+Katastrophe vom 4. Februar 1797 beobachtet hat. Während sich der Boden
+beständig wellenförmig bewegte, war es, als wollte sich die Luft im Wasser
+auflösen. Durch ungeheure Regengüsse schwollen die Flüsse an; das Jahr war
+ausnehmend fruchtbar, und die Indianer, deren leichten Hütten die
+stärksten Erdstöße nichts anhaben, feierten nach einen uralten Aberglauben
+durch festlichen Tanz den Untergang der Welt und ihre bevorstehende
+Wiedergeburt.
+
+Nach der Ueberlieferung waren beim Erdbeben von 1766, wie bei einem andern
+sehr merkwürdigen im Jahr 1794, die Stöße bloße wagerechte wellenförmige
+Bewegungen; erst am Unglückstage des 14. Dezember 1797 spürte man in
+Cumana zum erstenmal eine hebende Bewegung von unten nach oben. Ueber vier
+Fünftheile der Stadt wurden damals völlig zerstört, und der Stoß, der von
+einem starken unterirdischen Getöse begleitet war, glich, wie in Riobamba,
+der Explosion einer in großer Tiefe angelegten Mine. Zum Glück ging dem
+heftigen Stoß eine leichte wellenförmige Bewegung voraus, so daß die
+meisten Bewohner sich auf die Straße flüchten konnten, und von denen, die
+eben in den Kirchen waren, nur wenige das Leben verloren. Man glaubt in
+Cumana allgemein, die verheerendsten Erdbeben werden durch ganz schmale
+Schwingungen des Bodens und durch ein Sausen angekündigt, und Leuten, die
+an solche Vorfälle gewöhnt sind, entgeht solches nicht. In diesem
+verhängnisvollen Augenblicke hört man überall den Ruf: _Misericordia!
+tembla, tembla!_ [Erbarmen! sie (die Erde) bebt! sie bebt!] und es kommt
+selten vor, daß ein blinder Lärm durch einen Eingeborenen veranlaßt wird.
+Die Aengstlichen achten auf das Benehmen der Hunde, Ziegen und Schweine.
+Die letzteren, die einen ausnehmend scharfen Geruch haben und gewöhnt sind
+im Boden zu wühlen, verkünden die Nähe der Gefahr durch Unruhe und
+Geschrei. Wir lassen es dahingestellt, ob sie das unterirdische Getöse
+zuerst hören, weil sie näher am Boden sind, er ob etwa Gase, die der Erde
+entsteigen, auf ihre Organe wirken. Daß letzteres möglich ist, läßt sich
+nicht läugnen. Als ich mich in Peru aufhielt, wurde ein Fall beobachtet,
+der mit diesen Erscheinungen zusammenhängt und der schon öfters
+vorgekommen war. Nach starken Erdstößen wurde das Gras af den Savanen von
+Tucuman ungesund; es brach eine Viehseuche aus und viele Stücke scheinen
+durch die bösen Dünste, die der Boden ausstieß, betäubt oder erstickt
+worden zu seyn.
+
+In Cumana spürte man eine halbe Stunde vor der großen Katastrophe am
+14. Dezember 1797 am Klosterberg von San Francisco einen starken
+Schwefelgeruch. Am selben Orte war das unterirdische Getöse, das von
+Südost nach Südwest fortzurollen schien, am stärksten. Zugleich sah man am
+Ufer des Manzanares, beim Hospiz der Kapuziner und im Meerbusen von
+Cariaco bei Mariguitar Flammen aus dem Boden schlagen. Wir werden in der
+Folge sehen, daß letztere in nicht vulkanischen Ländern so auffallende
+Erscheinung in den aus Alpenkalk bestehenden Gebirgen bei Cumanacao, im
+Thale des Rio Bordones, auf der Insel Margarita und mitten in dn Savanen
+oder *LLanos* von Neu-Andalusien ziemlich häufig ist. In diesen Savanen
+steigen Feuergarben zu bedeutender Höhe auf; man kann sie Stunden lang an
+den dürrsten Orten beobachten, und man versichert, wenn man den Boden, dem
+der brennbare Stoff entströmt, untersuche, sey keinerlei Spale darin zu
+bemerken. Dieses Feuer, das an die Wasserstoffquellen oder *Salse* in
+Modena und an die Irrlichter unserer Sümpfe erinnert, zündet das Gras
+nicht an, wahrscheinlich weil die Säule des sich entbindenden Gases mit
+Stickstoff und Kohlensäure vermengt ist und nicht bis zum Boden herab
+brennt. Das Volk, da übrigens hier zu Land nicht so abergläubisch ist als
+in Spanien, nennt diese röthlichen Flammen seltsamerweise »die Seele des
+Tyrannen Aguirre;« Lopez d’Aguirre soll nämlich, von Gewisensbissen
+gefoltert, in dem Lande umgehen, das er mit seinen Verbrechen
+befleckt.(40)
+
+Durch das große Erdbeben von 1797 ist die Untiefe an der Mündung des Rio
+Bordones in ihrem Umriß verändert worden. Ähnliche Hebungen sind bei der
+völligen Zerstörung Cumanas im Jahr 1766 bobachtet worden. Die Punta
+Delgada an der Westküste des Meerbusens von Cariaco wurde damals bedeutend
+größer, und im Rio Guarapiche beim Dorfe Maturin entstand eine Klippe,
+wobei ohne Zweifel der Boden des Flusses durch elastische Flüssigkeiten
+zerrissen und emporgehoben wurde.
+
+Wir verfolgen die lokalen Veränderungen, welche die verschiedenen Erdbeben
+in Cumana hervorgebracht, nicht weiter. Dem Plane dieses Werkes
+entsprechend suchen wir vielmehr die Ideen unter allgemeine Gesichtspunkte
+zu bringen und alles, was mit diesen schrecklichen und zugleich so schwer
+zu erklärenden Vorgängen zusammenhängt, in Einen Rahmen zusammenzufassen.
+Wenn Naturforscher, welche die Schweizer Alpen oder die Küsten Lapplands
+besuchen, unsere Kenntniß von den Gletschern und dem Nordlicht erweitern,
+so läßt sich von Einem, der das spanische Amerika bereist hat, erwarten,
+daß er sein Hauptaugenmerk auf Vulkane und Erdbeben gerichtet haben werde.
+Jeder Strich des Erdballs liefert der Forschung eigenthümliche Stoffe, und
+wenn wi nicht hoffen dürfen, die Ursachen der Naturerscheinungen zu
+ergründen, so müssen wir wenigstens versuchen, die Gesetze derselben
+kennen zu lernen und durch Vergleichung zahlreicher Thatsachen das
+Gemeinsame und immer Wiederkehrende vom Veränderlichen und Zufälligen zu
+unterscheiden.
+
+Die großen Erdbeben, die nach einer langen Reihe kleiner Stöße eintreten,
+scheinen in Cumana nichts Periodisches zu haben. Man hat sie nach achtzig,
+nach hundert und manchmal nach nicht dreißig Jahren sich wiederholen
+sehen, während an der Küste von Peru, z. B. in Lima, die Epochen, die
+jedesmal durch die gänzliche Zerstörung der Stadt bezeichnet werden,
+unverkennbar mit einer gewissen Regelmäßigkeit eintreten. Daß die
+Einwohner selbst an einen solchen Typus glauben, ist auch vom besten
+Einfluß auf die öffentliche Ruhe und die Erhaltung des Gewerbefleißes. Man
+nimmt allgemein an, daß es ziemlich lange Zeit braucht, bis dieselben
+Ursachen wieder mit derselben Gewalt wirken können; aber dieser Schluß ist
+nur dann richtig, wenn man die Erdstöße als lokale Erscheinungen auffaßt,
+wenn man unter jedem Punkt des Erdballes, der großen Erschütterungen
+ausgesetzt ist, einen besonderen Herd annimmt. Ueberall, wo sich neue
+Gebäude auf den Trümmern der alten erhoben, hört man Leute, die nicht
+bauen wollen, äußern, auf die Zerstörung Lissabons am ersten November 1755
+sey bald eine zweite, gleich schreckliche gefolgt, am 31. März 1761.
+
+Nach einer uralten, auch in Cumana, Acapulco und Lima sehr verbreiteten
+Meinung [_Ariostoteles, Meteorologica, Lib. II. Seneca, Quaest. natur.,
+Lib. VI, c. 12._] stehen die Erdbeben und der Zustand der Luft vor dem
+Eintreten derselben sichtbar in Zusammenhang. An der Küste von
+Neu-Andalusien wird man ängstlioch, wenn bei großer Hitze und nach langer
+Trockenheit der Seewind auf einmal aufhört und der im Zenith reine
+wolkenlose Himmel sich bis zu sechs, acht Grad über dem Horizont mit einem
+röthlichen Duft überzieht. Diese Vorzeichen sind indessen sehr unsicher
+und wenn man sich nachher alle Vorgänge im Luftkreis zur Zeit der
+stärksten Erschütterungen vergegenwärtigt, so zeigt sich, dass heftige
+Stöße so gut bei feuchtem als bei trockenem Wetter, so gut bei starkem
+Wind als bei drückend schwüler stiller Luft eintreten können. Nach den
+vielen Erdbeben, die ich nördlich vom Aequator, auf dem Festland und in
+Meeresbecken, an der Küste und in 4870 m Höhe erlebt, will es mir
+scheinen, als ob die Schwingungen des Bodens und der vorgehende Zustand
+der Luft im allgemeinen nicht viel miteinander zu tun hätten. Dieser
+Ansicht sind auch viele gebildete Männer in den spanischen Kolonien, deren
+Erfahrung sich, wo nicht auf ein größeres Stück der Erdoberfläche, so doch
+auf eine längere Reihe von Jahren erstreckt. In europäischen Ländern
+dagegen, wo Erdbeben im Verhältniß zu Amerika selten vorkommen, sind sie
+Physiker geneigt, die Schwingungen des Bodens und irgend ein Meteor, das
+zufällig zur selben Zeit erscheint, in nahe Beziehung zu bringen. So
+glaubt man in Italien an einen Zusammenhang zwischen dem Sirocco und
+Erdbeben, und in London sah man das häufige Vorkommen von Sternschnuppen
+und jene Südlichter, die seitdem von Dalton öfters beobachtet worden sind,
+als die Vorläufer der Erdstöße an, die man im Jahr 1748 bis zum Jahr 1756
+spürte.
+
+An den Tagen, wo die Erde durch starke Stöße erschüttert wird, zeigt sich
+unter den Tropen keine Störung in der regelmäßigen stündlichen Schwankung
+des Barometers. Ich habe mich in Cumana, Lima und Riobamba hievon
+überzeugt; auf diesen Umstand sind die Physiker umso mehr aufmerksam zu
+machen, als man auf St. Domingo in der Stadt Cap Français unmittelbar vor
+dem Erdbeben von 1770 den Wasserbarometer um 2½ Zoll will haben fallen
+sehen [Dieses Fallen entspricht nur zwei Linien Quecksilber.]. So erzählt
+man auch bei der Zerstörung von Oran habe sich ein Apotheker mit seiner
+Familie gerettet, weil er wenige Minuten vor der Katastrophe zufällig auf
+seinen Barometer gesehen und bemerkt habe, daß das Quecksilber auffallend
+stark falle. Ich weiß nicht, ob dieser Behauptung Glauben zu schenken ist;
+da es fast unmöglich ist, während der Stöße selbst, die Schwankungen im
+Luftdruck zu beobachten, so muß man sich begnügen, auf den Barometer vor
+oder nach dem Vorfall zu sehen. Im gemäßigten Erdstrich äußern die
+Nordlichter nicht immer Einfluß auf die Declination der Magnetnadel und
+die Intensität der magnetischen Kraft; so wirken vielleicht die Erdbeben
+nicht gleichmäßig auf die us umgebende Luft.
+
+Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, daß in weiter Ferne von den
+Schlünden tätiger Vulkane der durch Erdstöße geborstene und erschütterte
+Boden zuweilen Gase in die Luft ausströmen läßt. Wie schon oben angeführt,
+brachen in Cumana aus dem trockensten Boden Flammen und mit schweflichter
+Säure vermischte Dämpfe hervor. An anderen Orten spie ebendaselbst der
+Boden Wasser und Erdpech aus. In Riobamba bricht eine brennbare
+Schlammasse, *Moya* genannt, aus Spalten, die sich wieder schließen, und
+türmt sich zu ansehnlichen Hügeln auf. Sieben Meilen [31 km] von Lissabon,
+bei Colares, sah man während des furchtbaren Erdbebens vom 1. November
+1755 Flammen und eine dicke Rauchsäule aus der Felswand bei Alvidras und
+nach einigen Augenzeugen aus dem Meere selbst hervorbrechen. Der Rauch
+dauerte mehrere Tage und wurde desto stärker, je lauter das unterirdische
+Getöse war, das die Stöße begleitete.
+
+In die Atmosphäre ausströmende elastische Flüssigkeiten können lokal auf
+den Barometer wirken, freilich nicht durch ihre Masse, die im Verhältnis
+zur ganzen Luftmasse sehr unbedeutend ist, sondern weil sich, sobald ein
+großer Ausbruch erfolgt, wahrscheinlich ein aufsteigender Strom bildet,
+der den Luftdruck vermindert. Ich bin geneigt, anuzunehmen, daß bei den
+meisten Erdbeben der erschütterte Boden nichts von sich gibt, und daß,
+wenn wirklich Gase und Dämpfe ausströmen, dieß weit nicht so oft vor den
+Stößen, als während derselben und hernach stattfindet. Aus diesem
+letzteren Umstand erklärt sich eine Erscheinung, die schwerlich
+abzuläugnen ist, ich meine den räthselhaften Einfluß, den die Erdbeben im
+tropischen Amerika auf das Klima und den Eintritt der nassen und der
+trockenen Jahreszeit äußern. Wenn die Erde erst im Moment der
+Erschütterung selbst eine Veränderung in der Luft hervorbringt, so sieht
+man ein, warum so selten ein auffallender meteorologischer Vorgang als
+Vorbote dieser großen Umwälzungen in der Natur erscheint.
+
+Für die Annahme, daß bei den Erdbeben in Cumana elastische Flüssigkeiten
+durch die Erdoberfläche zu entweichen suchen, scheint das furchtbare
+Getöse zu sprechen, das man während der Erdstöße auf der Ebene der
+*Charas* am Rande der Brunnen vernimmt. Zuweilen werden Wasser und Sand
+über 6,5 m hoch emporgeschleudert. Aehnliche Erscheinungen entgingen schon
+dem Scharfsinn der Alten nicht, die in den Ländern Griechenlands und
+Kleinasiens wohnten, wo es sehr viele Höhlen, Erdspalten und unterirdische
+Ströme gibt. Das gleichförmige Walten der Natur erzeugt allerorten
+dieselben Vorstellungen über die Ursachen der Erdbeben und über die
+Mittel, durch welche der Mensch, der so leicht das Maß seiner Kräfte
+vergißt, die Wirkungen der Ausbrüche aus der Tiefe mildern zu können
+meint. Was ein großer römischer Naturforscher vom Nutzen der Brunnen und
+Höhlen sagt,(41) wiederholen in der Neuen Welt die unwissendsten Indianer
+in Quito, wenn sie den Reisenden die *Guaicos* oder Höhlen am Pichincha
+zeigen.
+
+Das unterirdische Getöse, das bei Erdbeben so häufig vorkommt, ist meist
+außer Verhältniß mit der Kraft der Erdstöße. In Cumana geht es denselben
+immer zuvor, während man in Quito und neuerdings in Caracas und auf den
+Antillen, nachdem die Stöße längst aufgehört haben, einen Donner wie vom
+Feuer einer Batterie gehört hat. Eine dritte Classe dieser Erscheinungen,
+und die merkwürdigste von allen ist das Monate lang fortwährende
+unterirdische Donnerrollen, ohne daß dabei die geringste Wellenbewegung
+des Bodens zu spüren wäre.
+
+In allen den Erdbeben ausgesetzten Ländern sieht man als die Veranlassung
+und den Herd der Erdstöße den Punkt an, wo, wahrscheinlich in Folge einer
+eigenthümlichen Anordnung der Gesteinschichten, die Wirkungen am
+auffallendsten sind. So glaubt man in Cumana, der Schloßberg von San
+Antonio besonders aber der Hügel, auf dem das Kloster San Francisco liegt,
+enthalten eine ungeheure Masse Schwefel und andere brennbare Stoffe. Man
+vergißt, daß die Geschwindigkeit, mit der sich die Schwingungen auf große
+Entfernung, sogar über das Becken des Oceans fortpflanzen, deutlich darauf
+hinweist, daß der Mittelpunkt der Bewegung von der Erdoberfläche sehr weit
+entfernt ist. Ohne Zweifel aus demselben Grunde sind die Erdbeben nicht an
+gewisse Gebirgsarten gebunden, wie manche Physiker behaupten, sondern alle
+sind vielmehr gleich geeignet, die Bewegung fortzupflanzen. Um nicht den
+Kreis meiner eigenen Erfahrung zu überschreiten, nenne ich nur die Granite
+von Lima und Acapulco, den Gneis von Caracas, den Glimmerschiefer der
+Halbinsel Araya, den Urgebirgsschiefer von Tepecuacuilco in Mexico, die
+secundären Kalksteine des Apennins, Spaniens und Neu-Andalusiens, endlich
+die Trapp-Porphyre der Provinzen Quito und Popayan. An allen diesen Orten
+wird der Boden häufig durch die heftigsten Stöße erschüttert; aber
+zuweilen werden in derselben Gebirgsart die obenauf gelagerten Schichten
+zu einem unüberwindlichen Hinderniß für die Fortpflanzung der Bewegung. So
+sah man schon in den sächsischen Erzgruben die Bergleute wegen Bebungen,
+die sie empfunden, erschrocken ausfahren, während man an der Erdoberfläche
+nichts davon gespürt hatte.
+
+Wenn nun auch in den weitentlegensten Ländern die Urgebirge, die
+secundären und die vulkanischen Gebirgsarten an den krampfhaften Zuckungen
+des Erdballs in gleichem Maße theilnehmen nehmen, so läßt sich doch nicht
+in Abrede ziehen, daß in einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich gewisse
+Gebirgsarten die Fortpflanzung der Stöße hemmen. In Cumana z. B. wurden
+vor der großen Katastrophe im Jahr 1797 die Erdbeben nur längs der aus
+Kalk bestehenden Südküste des Meerbusens von Cariaco bis zur Stadt dieses
+Namens gespürt, während auf der Halbinsel Araya und im Dorfe Maniquarez
+der Boden an denselben Bewegungen keinen Theil nahm. Die Bewohner dieser
+Nordküste, die aus Glimmerschiefer besteht, bauten ihre Hütten auf
+unerschütterlichem Boden; ein 3000–4000 Toisen breiter Meerbusen lag
+zwischen ihnen und einer durch die Erdbeben mit Trümmern bedeckten und
+verwüsteten Ebene. Mit dieser auf die Erfahrung von Jahrhunderten gebauten
+Sicherheit ist es vorbei: mit dem 14. December 1797 scheinen sich im
+Innern der Erde neue Verbindungswege geöffnet zu haben. Jetzt empfindet
+man es in Araya nicht nur, wenn in Cumana der Boden bebt, das Vorgebirge
+aus Glimmerschiefer ist seinerseits zum Mittelpunkt von Bewegungen
+geworden. Bereits wird zuweilen im Dorfe Maniquarez der Boden stark
+erschüttert, während man an der Küste von Cumana der tiefsten Ruhe
+genießt, und doch ist der Meerbusen von Cariaco nur 60–80 Faden tief.
+
+Man will beobachtet haben, daß auf dem Festlande wie auf den Inseln die
+West- und Südküsten den Stößen am meisten ausgesetzt seyen. Diese
+Beobachtung sieht im Zusammenhang mit den Ideen hinsichtlich der Lage der
+großen Gebirgsketten und der Richtung ihrer steilsten Abhänge, wie sie
+sich schon lange in der Geologie geltend gemacht haben; das Vorhandenseyn
+der Cordillere von Caracas und die Häufigkeit der Erdbeben an den Ost- und
+Nordküsten von Terra Firma, im Meerbusen von Paria, in Carupano, Cariaco
+und Cumana beweisen, wie wenig begründet jene Ansicht ist.
+
+In Neu-Andalusien, wie in Chili und Peru, gehen die Erdstöße den Küsten
+nach und nicht weit ins Innere des Landes hinein. Dieser Umstand weist,
+wie wir bald sehen werden, darauf hin, daß die Ursachen der Erdbeben und
+der vulkanischen Ausbrüche in engem Verbande stehen. Würde der Boden an
+den Küsten deßhalb stärker erschüttert, weil diese die am tiefsten
+gelegenen Punkte des Landes sind, warum wären dann in den Savanen oder
+Prairien, die kaum acht oder zehn Toisen über dem Meeresspiegel liegen,
+die Stöße nicht eben so oft und eben so stark zu fühlen?
+
+Die Erdbeben in Cumana sind mit denen auf den kleinen Antillen verkettet,
+und man hat sogar vermutet, sie könnten mit den vulkanischen Erscheinungen
+in den Kordilleren der Anden in einigem Zusammenhang stehen. Am
+11. Februar 1797 erlitt der Boden der Provinz Quito eine Umwälzung, durch
+die, trotz der sehr schwachen Bevölkerung des Landes, gegen 40,000
+Eingeborene unter den Trümmern ihrer Häuser begraben wurden, in Erdspalten
+stürzten oder in den plötzlich neu gebildeten Seen ertranken. Zur selben
+Zeit wurden die Bewohner der östlichen Antillen durch Erdstöße erschreckt,
+die erst nach acht Monaten aufhörten, als der Vulkan auf Guadeloupe
+Bimssteine, Asche und Wolken von Schwefeldämpfen ausstieß. Auf diesen
+Ausbruch vom 29. September, währenddessen man lange anhaltendes
+unterirdisches Brüllen hörte, folgte am 14. Dezember das große Erdbeben
+von Cumana. Ein anderer Vulkan der Antillen, der auf St. Vincent, hat
+seitdem ein neues Beispiel solcher Wechselbeziehungen geliefert. Er hatte
+seit 1718 kein Feuer mehr gespieen, als er im Jahre 1812 wieder auswarf.
+Die gänzliche Zerstörung der Stadt Caracas erfolgte 34 Tage vor diesem
+Ausbruch, und starke Bodenschwingungen wurden sowohl auf den Inseln als an
+den Küsten von Terra Firma gespürt.
+
+Man hat längst die Bemerkung gemacht, daß die Wirkungen großer Erdbeben
+sich ungleich weiter verbreiten als die Erscheinungen der tätigen Vulkane.
+Beobachtet man in Italien die Umwälzungen des Erdbodens, betrachtet man
+die Reihe der Ausbrüche des Vesuv und des Aetna genau, so entdeckt man, so
+nahe auch diese Berge beieinander liegen, kaum Spuren gleichzeitiger
+Tätigkeit. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daß bei den beiden
+letzten Erdbeben von Lissabon(42) das Meer bis in die Neue Welt hinüber in
+Aufregung geriet, z. B. bei der Insel Barbados, die über 5400 km von der
+Küste von Portugal liegt.
+
+Verschiedene Tatsachen weisen darauf hin, daß die Erdbeben und die
+vulkanischen Ausbrüche(43) in engem ursächlichen Zusammenhang stehen. In
+Pasto hörten wir, die schwarze dicke Rauchsäule, die im Jahre 1797 seit
+mehreren Monaten dem Vulkan in der Nähe dieser Stadt entstiegen war, sey
+zur selben Stunde verschwunden, wo sechzig Meilen [270 km] gegen Süd die
+Städte Riobamba, Hambata und Tacunga durch einen ungeheuren Stoß über den
+Haufen geworfen wurden. Setzt man sich im Inneren eines brennenden Kraters
+neben die Hügel, die sich durch die Schlacken- und Aschenauswürfe bilden,
+so fühlt man mehrere Sekunden vor jedem einzelnen Ausbruch die Bewegung
+des Bodens. Wir haben dies im Jahre 1805 auf dem Vesuv beobachtet, während
+der Berg glühende Schlacken auswarf: wir waren im Jahre 1802 Zeugen
+diesselben Vorganges gewesen, als wir am Rande des ungeheuren Kraters des
+Pichincha standen, aus dem übrigens eben nur schweflig saure Dämpfe
+aufstiegen.
+
+Alles weist darauf hin, daß das eigentlich Wirksame bei den Erdbeben darin
+besteht, daß elastische Flüssigkeiten einen Ausweg suchen, um sich in der
+Luft zu verbreiten. An den Küsten der Südsee pflanzt sich diese Wirkung
+oft fast augenblicklich sechshundert Meilen [2700 km] weit, von Chile bis
+zum Meerbusen von Guayaquil fort, und zwar scheinen, was sehr merkwürdig
+ist, die Erdstöße desto stärker zu seyn, je weiter ein Ort von den
+thätigen Vulkanen abliegt. Die mit Flötzen von sehr neuer Bildung
+bedeckten Granitberge Calabriens, die aus Kalk bestehende Kette des
+Apennins, die Grafschaft Perigord, die Küsten von Spanien und Portugal,
+die von Peru und Terra Firma liefern deutliche Belege für diese
+Behauptung. Es ist als würde die Erde desto stärker erschüttert, je
+weniger die Bodenfläche Oeffnungen hat, die mit den Höhlungen im Innern in
+Verbindung stehen. In Neapel und Messina, am Fuß des Cotopaxi und des
+Tunguragua fürchtet man die Erdbeben nur, so lange nicht Rauch und Feuer
+aus der Mündung der Vulkane bricht. Ja im Königreich Quito brachte die
+große Katastrophe von Riobamba, von der oben die Rede war, mehrere
+unterrichtete Männer auf den Gedanken, daß das unglückliche Land wohl
+nicht so oft verwüstet würde, wenn das unterirdische Feuer den Porphyrdom
+des Chimborazo durchbrechen könnte und dieser kolossale Berg sich wieder
+in einen thätigen Vulkan verwandelte. Zu allen Zeiten haben analoge
+Thatsachen zu denselben Hypothesen geführt. Die Griechen, die, wie wir,
+die Schwingungen des Bodens der Spannung elastischer Flüssigkeiten
+zuschrieben, führten zur Bekräftigung ihrer Ansicht an, daß die Erdbeben
+auf der Insel Euböa gänzlich aufgehört haben, seit sich aus der Ebene von
+Lelante eine Erdspalte gebildet.
+
+Wir haben versucht, am Schluß dieses Kapitels die allgemeinen
+Erscheinungen zusammenzustellen, welche die Erdbeben unter verschiedenen
+Himmelsstrichen begleiten. Wir haben gezeigt, daß die unterirdischen
+Meteore so festen Gesetzen unterliegen, wie die Mischung der Gase, die
+unsern Luftkreis bilden. Wir haben uns aller Betrachtungen über das Wesen
+der chemischen Agentien enthalten, die als Ursachen der großen Umwälzungen
+erscheinen, welche die Erdoberfläche von Zeit zu Zeit erleidet. Es sey
+hier nur daran erinnert, daß diese Ursachen in ungeheuren Tiefen liegen,
+und daß man sie in den Erdbildungen zu suchen hat, die wir Urgebirge
+nennen, wohl gar unter der erdigen, oxydierten Kruste, in Tiefen, wo die
+halbmetallischen Grundlagen der Kieselerde, der Kalkerde, der Soda und der
+Pottasche gelagert sind.
+
+Man hat in neuester Zeit den Versuch gemacht, die Erscheinungen der
+Vulkane und Erdbeben als Wirkungen des Galvanismus aufzufassen, der sich
+bei eigenthümlicher Anordnung ungleichartiger Erdschichten entwickeln
+soll. Es läßt sich nicht läugnen, daß häufig, wenn im Verlauf einiger
+Stunden starke Erdstöße auf einander folgen, die elektrische Spannung der
+Luft im Augenblick, wo der Boden am stärksten erschüttert wird, merkbar
+zunimmt; um aber diese Erscheinung zu erklären, braucht man seine Zuflucht
+nicht zu einer Hypothese zu nehmen, die in geradem Widerspruch steht mit
+allem, was bis jetzt über den Bau unseres Planeten und die Anordnung
+seiner Erdschichten beobachtet worden ist.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+_ 37 Inga spuria_. Die weißen Staubfäden, 60 bis 70 an der Zahl, sitzen
+ an einer grünlichen Blumenkrone, haben Seidenglanz und an der Spitze
+ einen gelben Staubbeutel. Die Blüthe der Guama ist 18 Linien [4 cm]
+ lang. Dieser schöne Baum, der am liebsten an feuchten Orten wächst,
+ wird zwischen 8 und 10 Toisen [15,5 und 19,5 m] hoch.
+
+ 38 Diese Eintheilung schreibt sich schon aus der Zeit des Posidonius
+ her. Es ist die _succusio_ und die _inclinatio_ des Seneca
+ (_Quaestiones naturales. Lib. VI. c. 21_). Aber schon der Scharfsinn
+ der Alten machte die Bemerkung, daß die Art und Weise der Erdstöße
+ viel zu veränderlich ist, als daß man sie unter solche vermeintliche
+ Gesetze bringen könnte. (Plato bei Plutarch _de placit. Philos.
+ L. III. c. 15._)
+
+ 39 Die blauen Berge in Neuholland, die Berge von Carmathen und
+ Landsdown, sind bei hellem Wetter auf 50 Meilen nicht mehr sichtbar.
+ Nimmt man den Höhenwinkel zu einem halben Grad an, so hätten diese
+ Berge etwa 620 Toisen absoluter Höhe.
+
+ 40 Wenn das Volk in Cumana und auf der Insel Margarita von _el tirano_
+ spricht, so ist immer der schändliche Lopez d’Aguirre gemeint, der
+ im Jahr 1560 sich am Aufstand Fernandos de Guzman gegen den
+ Statthalter von Omegua und Dorado, Pedro de Ursua, betheiligtwe, und
+ sich nachher selbst _traidor_, Verräther, nannte.
+
+ 41 Plinius: _In puteis est remedium, quale et crebi specus praebent:
+ conceptum enim spiritum exhalant, quod in certis notatur oppidis,
+ quae minus quatiuntur, crebis ad eluviem cuniculus cavata (Plin.
+ L. II. c. 82)._ Noch gegenwärtig glaubt man in der Hauptstadt von
+ St. Domingo, daß die Brunnen die Kraft der Erdstöße schwächen. Ich
+ bemerke bei dieser Gelegenheit, daß die Erklärung, die Seneca von
+ den Erdbeben gibt (_Natur. Quaest. Lib. VI. c. 4_ bis _31_), den
+ Keim alles dessen enthält, was in unserer Zeit über die Wirkung
+ elastischer, im Inneren des Erdballes eingeschlossener Dämpfe gesagt
+ worden ist.
+
+ 42 Am 1. November 1755 und 31. März 1761. Beim ersteren Erdbeben
+ überschwemmte das Meer in Europa die Küsten von Schweden, England
+ und Spanien, in Amerika die Inseln Antiqua, Barbados und Martinique.
+ Auf Barbados, wo die Flut gewöhnlich nur 24–28 Zoll [640 bis 746 mm]
+ hoch steigt, stieg das Wasser in der Bucht von Carlisle zwanzig Fuß
+ [6,5 m] hoch. Es wurde zugleich »tintenschwarz«, ohne Zweifel, weil
+ sich der Asphalt, der im Meerbusen von Cariaco, wie bei der Insel
+ Trinidad, auf dem Meeresboden häufig vorkommt, mit dem Wasser
+ vermengt hatte. Auf den Antillen und auf mehreren Schweizer Seen
+ wurde eine auffallende Bewegung des Wassers sechs Stunden vor dem
+ ersten Stoß, den man in Lissabon spürte, beobachtet. In Cadiz sah
+ man auf acht Meilen [36 km] weit aus der offenen See einen sechzig
+ Fuß [20 m] hohen Wasserberg anrücken; er stürzte sich auf die Küste
+ und zerstörte eine Menge Gebäude, ähnlich wie die achtzig Fuß [56 m]
+ hohe Flutwelle, die am 9. Juni 1586 beim Erdbeben von Lima den Hafen
+ von Callao überschwemmte. In Amerika hatte man auf dem Ontariosee
+ seit Oktober 1755 eine starke Aufregung des Wassers beobachtet.
+ Diese Erscheinungen weisen darauf hin, daß auf ungeheure Strecken
+ hin unterirdische Verbindungen bestehen. Bei der Zusammenstellung
+ der meist weit auseinanderliegenden Zeitpunkte, in denen Lima und
+ Guatemala völlig zerstört wurden, glaubte man hin und wieder die
+ Bemerkung zu machen, als ob sich eine Wirkung langsam den
+ Kordilleren entlang geäußert hätte, bald von Nord nach Süd, bald von
+ Süd nach Nord. Ich gebe hier vier dieser auffallenden Zeitpunkte:
+
+ +----------------------+---------------------+
+ |Mexiko | Peru |
+ +----------------------+---------------------+
+ |(Breite 13° 32´ Nord) | (Breite 12° 6´ Süd) |
+ +----------------------+---------------------+
+ |30. Nov. 1577, | 17. Juni 1578, |
+ +----------------------+---------------------+
+ |4. März 1679, | 17. Juni 1678, |
+ +----------------------+---------------------+
+ |12. Febr. 1689, | 10. Okt. 1688, |
+ +----------------------+---------------------+
+ |27. Sept. 1717, | 8. Febr. 1716. |
+ +----------------------+---------------------+
+
+ Ich gestehe, wenn die Erdstöße nicht gleichzeitig sind, oder doch
+ kurz nacheinander folgen, so erscheint die angebliche Fortpflanzung
+ der Bewegung sehr zweifelhaft.
+
+ 43 Dieser ursächliche Zusammenhang, den schon die Alten erkannten,
+ beschäftigte die Geister nach der Entdeckung von Amerika wieder sehr
+ lebhaft. Diese Entdeckung vergnügte nicht allein die Neugier der
+ Menschen durch neue Naturprodukte, sie erweiterte auch ihre
+ Vorstelluugen von der physischen Beschaffenheit der Länder, von den
+ Spielarten des Menschengeschlechts und von den Wanderungen der
+ Völker. Man kann die Beschreibungen der ältesten spanischen
+ Reisenden, namentlich die des Jesuiten Acosta, nicht lesen, ohne
+ jeden Augenblick freudig zu staunen, wie mächtig der Anblick eines
+ großen Festlandes, die Betrachtung einer wundervollen Natur und die
+ Berührung mit Menschen von anderer Race auf die Geistesentwicklung
+ in Europa gewirkt haben. Der Keim sehr vieler physikalischer
+ Wahrheiten ist in den Schriften des sechzehnten Jahrhunderts
+ niedergelegt, und dieser Keim hätte Früchte getragen, wäre er nicht
+ durch Fanatismus und Aberglauben erstickt worden.
+
+
+
+
+
+FÜNFTES KAPITEL
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+ Die Halbinsel Araya — Salzsümpfe — Die Trümmer des Schlosses
+ Santiago
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+Die ersten Wochen unseres Aufenthaltes in Cumana verwendeten wir dazu,
+unsere Instrumente zu berichtigen, in der Umgegend zu botanisieren und die
+Spuren des Erdbebens vom 14. Dezember 1797 zu beobachten. Die
+Mannigfaltigkeit der Gegenstände, die uns zumal in Anspruch nahmen, ließ
+uns nur schwer den Weg zu geordneten Studien und Beobachtungen finden.
+Wenn unsere ganze Umgebung den lebhaftesten Reiz für uns hatte, so machten
+dagegen unsere Instrumente die Neugier der Einwohnerschaft rege. Wir
+wurden sehr durch Besuche von der Arbeit abgezogen, und wollte man nicht
+Leute vor den Kopf stoßen, die so seelevergnügt durch einen Dollond die
+Sonnenflecken betrachteten oder auf galvanische Berührung einen Frosch
+sich bewegen sahen, so mußte man sich wohl herbeilassen, auf oft
+verworrene Fragen Auskunft zu geben und stundenlang dieselben Versuche zu
+wiederholen.
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+So ging es uns fünf ganze Jahre, so oft wir uns an einem Orte aufhielten,
+wo man in Erfahrung gebracht hatte, daß wir Mikroskope, Fernrohre oder
+elektromotorische Apparate besitzen. Dergleichen Auftritte wurden meist
+desto angreifender, je verworrener die Begriffe waren, welche die Besucher
+von Astronomie und Physik hatten, welche Wissenschaften in den spanischen
+Colonien den sonderbaren Titel: »neue Philosophie,« _nueva filosofia_
+führen. Die Halbgelehrten sahen mit einer gewissen Geringschätzung auf uns
+herab, wenn sie hörten, daß sich unter unsern Büchern weder das _spectac1e
+de la nature_ vom Abbé Pluche, noch der _cours de physique_ von Sigand la
+Fond, noch das Wörterbuch von Valmont de Bomare befanden. Diese drei Werke
+und der _traité d’économie politique_ von Baron Bielfeld sind die
+bekanntesten und geachtetsten fremden Bücher im spanischen Amerika von
+Caracas und Chili bis Guatimala und Nordmexico. Man gilt nur dann für
+gelehrt, wenn man die Uebersetzungen derselben recht oft citiren kann, und
+nur in den großen Hauptstädten, in Lima, Santa Fe de Bogota und Mexico,
+fangen die Namen Haller, Cavendish und Lavoisier an jene zu verdrängen,
+deren Ruf seit einem halben Jahrhundert populär geworden ist.
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+Die Neugierde, mit der die Menschen sich mit den Himmelserscheinungen und
+verschiedenen naturwissenschaftlichen Gegenständen abgeben, äußert sich
+ganz anders bei altcivilisirten Völkern als da, wo die Geistesentwicklung
+noch geringe Fortschritte gemacht hat. In beiden Fällen finden sich in den
+höchsten Ständen viele Personen, die den Wissenschaften ferne stehen; aber
+in den Colonien und bei jungen Völkern ist die Wißbegier keineswegs müßig
+und vorübergehend, sondern entspringt aus dem lebendigen Trieb, sich zu
+belehren; sie äußert sich so arglos und naiv, wie sie in Europa nur in
+früher Jugend auftritt.
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+Erst am 28. Juli konnte ich eine ordentliche Reihe astronomischer
+Beobachtungen beginnen, obgleich mir viel daran lag, die Länge, wie sie
+Louis Berthouds Chronometer angab, kennen zu lernen. Der Zufall wollte,
+daß in einem Lande, wo der Himmel beständig rein und klar ist, mehrere
+Nächte sternlos waren. Zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den
+Meridian zog jeden Tag ein Gewitter aus und es wurde mir schwer
+rorrespondirende Sonnenhöhen zu erhalten, obgleich ich in verschiedenen
+Intervallen drei, vier Gruppen aufnahm. Die vom Chronometer angegebene
+Länge von Cumana differirte nur um 4 Secunden Zeit von der, welche ich
+durch Himmelsbeobachtungen gefunden, und doch hatte unsere Ueberfahrt
+einundvierzig Tage gewährt und bei der Besteigung des Pic von Teneriffa
+war der Chronometer starken Temperaturwechseln ausgesetzt gewesen.
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+Aus meinen Beobachtungen in den Jahren 1799 und 1800 ergibt sich als
+Gesammtresultat, daß der große Platz von Cumana unter 10° 27’ 52" der
+Breite und 66° 30’ 2" der Länge liegt. Die Bestimmung der Länge gründet
+sich auf den Uebertrag der Zeit, aus Monddistanzen, auf die
+Sonnenfinsterniß vom 28. Oktober 1799 und aus zehn Immersionen der
+Jupiterstrabanten, verglichen mit in Europa angestellten Beobachtungen.
+Sie weicht nur um sehr weniges von der ab, die Fidalgo vor mir, aber durch
+rein chronometrische Mittel gefunden. Unsere älteste Karte des neuen
+Continents, die von Diego Ribeiro, Geographen Kaiser Carls des Fünften,
+setzt Cumana unter 9° 30’ Breite, was um 58 Minuten von der wahren Breite
+abweicht und einen halben Grad von der, die Jefferys in seinem im
+Jahr 1794 herausgegebenen »Amerikanischen Steuermann« angibt. Dreihundert
+Jahre lang zeichnete man die ganze Küste von Paria zu weit südlich, weil
+in der Nähe der Insel Trinidad die Strömungen nach Nord gehen und die
+Schiffer nach der Angabe des Logs weiter gegen Süd zu seyn glauben, als
+sie wirklich sind.
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+Am 17. August machte ein Hof oder eine Lichtkrone um den Mond den
+Einwohnern viel zu schaffen. Man betrachtete es als Vorboten eines starken
+Erdstoßes, denn nach der Volksphysik stehen alle ungewöhnlichen
+Erscheinungen in unmittelbarem Zusammenhang. Die farbigen Kreise um den
+Mond sind in den nördlichen Ländern weit seltener als in der Provence, in
+Italien und Spanien. Sie zeigen sich, und dieß ist auffallend, bei reinem
+Himmel, wenn das gute Wetter sehr beständig scheint. In der heißen Zone
+sieht man fast jede Nacht schöne prismatische Farben, selbst bei der
+größten Trockenheit. Zuweilen habe ich zwischen dem 15. Grad der Breite
+und dem Aequator sogar um die Venus kleine Höfe gesehen; man konnte
+Purpur, Orange und Violett unterscheiden; aber um Sirius, Canopus und
+Achernar habe ich niemals Farben gesehen.
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+Während der Mondhof in Cumana zu sehen war, zeigte der Hygrometer große
+Feuchtigkeit an; die Wasserdünste schienen aber so vollkommen aufgelöst,
+oder vielmehr so elastisch und gleichförmig verbreitet, daß sie der
+Durchsichtigkeit der Luft keinen Eintrag thaten. Der Mond ging nach einem
+Gewitterregen hinter dem Schlosse San Antonio auf. Wie er am Horizont
+erschien, sah man zwei Kreise, einen großen, weißlichen von 44 Grad
+Durchmesser und einen kleinen, der in allen Farben des Regenbogens glänzte
+und 1 Grad 43 Minuten breit war. Der Himmelsraum zwischen beiden Kronen
+war dunkelblau. Bei 40 Grad Höhe verschwanden sie, ohne daß die
+meteorologischen Instrumente die geringste Veränderung in den niedern
+Luftregionen anzeigten. Die Erscheinung hatte nichts Auffallendes außer
+der großen Lebhaftigkeit der Farben, neben dem Umstand, daß nach Messungen
+mit einem Ramsden¿schen Sextanten die Mondscheibe nicht ganz in der Mitte
+der Höfe stand. Ohne die Messung hätte man glauben können, diese
+Excentricität rühre von der Projection der Kreise auf die scheinbare
+Concavität des Himmels her. Die Form der Höfe und die Farben, welche in
+der Luft unter den Tropen beim Mondlicht zu Tage kommen, verdienen es von
+den Physikern von Neuem in den Kreis der Beobachtungen gezogen zu werden.
+In Mexico habe ich bei vollkommen klarem Himmel breite Streifen in den
+Farben des Regenbogens über das Himmelsgewölbe und gegen die Mondscheibe
+hin zusammenlaufen sehen; dieses merkwürdige Meteor erinnert an das von
+Cotes im Jahr 1716 beschriebene.
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+Wenn unser Haus in Cumana für die Beobachtung des Himmels und der
+meteorologischen Vorgänge sehr günstig gelegen war, so mußten wir dagegen
+zuweilen bei Tage etwas ansehen, was uns empörte. Der große Platz ist zum
+Teil mit Bogengängen umgeben, über denen eine lange hölzerne Galerie
+hinläuft, wie man sie in allen heißen Ländern sieht. Hier wurden die
+Schwarzen verkauft, die von der afrikanischen Küste herüberkommen. Unter
+allen europäischen Regierungen war die von Dänemark die erste und lange
+die einzige, die den Sklavenhandel abgeschafft hat, und dennoch waren die
+ersten Sklaven, die wir aufgestellt sahen, auf einem dänischen
+Sklavenschiff gekommen. Der gemeine Eigennutz, der mit Menschenpflicht,
+Nationalehre und den Gesetzen des Vaterlandes im Streite liegt, läßt sich
+durch nichts in seinen Speculationen stören.
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+Die zum Verkauf ausgesetzten Sklaven waren junge Leute von fünfzehn bis
+zwanzig Jahren. Man lieferte ihnen jeden Morgen Kokosöl, um sich den
+Körper damit einzureiben und die Haut glänzend schwarz zu machen. Jeden
+Augenblick erschienen Käufer und schätzten nach der Beschaffenheit der
+Zähne Alter und Gesundheitszustand der Sklaven; sie rissen ihnen den Mund
+auf, ganz wie es auf dem Pferdemarkt geschieht. Dieser entwürdigende
+Brauch schreibt sich aus Afrika her, wie die getreue Schilderung zeigt,
+die Cervantes nach langer Gefangenschaft bei den Mauren in einem seiner
+Theaterstücke [_El trado de Argel._] vom Verkauf der Christensklaven in
+Algier entwirft. Es ist ein empörender Gedanke, daß es noch heutigen Tages
+auf den Antillen spanische Ansiedler gibt, die ihre Sklaven mit dem
+Glüheisen zeichnen, um sie wieder zu erkennen, wenn sie entlaufen. So
+behandelt man Menschen, die anderen Menschen die Mühe des Säens, Ackerns
+und Erntens ersparen [_La Bruyère, Charactères cap. XI._].
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+Je tieferen Eindruck der erste Verkauf von Negern in Cumana auf uns
+gemacht hatte, desto mehr wünschten wir uns Glück, daß wir uns bei einem
+Volk und auf einem Continent befanden, wo ein solches Schauspiel sehr
+selten vorkommt und die Zahl der Sklaven im Allgemeinen höchst unbedeutend
+ist. Dieselbe betrug im Jahr 1800 in den Provinzen Cumana und Barcelona
+nicht über sechstausend, während man zur selben Zeit die
+Gesammtbevölkerung auf hundert und zehntausend schätzte. Der Handel mit
+afrikanischen Sklaven, den die spanischen Gesetze niemals begünstigt
+haben, ist jetzt völlig bedeutungslos auf Küsten, wo im sechzehnten
+Jahrhundert der Handel mit amerikanischen Sklaven schauerlich lebhaft war.
+Macarapan, früher Amaracapana genannt, Cumana, Araya und besonders
+Neu-Cadix, das auf dem Eiland Cubagua angelegt worden war, konnten damals
+für Comptoirs gelten, die zur Betreibung des Sklavenhandels errichtet
+waren. Girolamo Benzoni aus Mailand, der im Alter von zweiundzwanzig
+Jahren nach Terra Firma gekommen war, machte im Jahr 1542 an den Küsten
+von Bordones, Cariaco und Paria Raubzüge mit, bei denen unglückliche
+Eingeborene weggeschleppt wurden. Er erzählt sehr naiv und oft mit einem
+Gefühlsausdruck, wie er bei den Geschichtschreibern jener Zeit selten
+vorkommt, von den Grausamkeiten, die er mit angesehen. Er sah die Sklaven
+nach Neu-Cadix bringen, wo sie mit dem Glüheisen auf Stirne und Armen
+gezeichnet und den Beamten der Krone der Quint entrichtet wurde. Aus
+diesem Hafen wurden sie nach Haiti oder St. Domingo geschickt, nachdem sie
+mehrmals die Herren gewechselt, nicht weil sie verkauft wurden, sondern
+weil die Soldaten mit Würfeln um sie spielten.
+
+Unser erster Ausflug galt der Halbinsel Araya und jenen ehemals durch
+Sklavenhandel und die Perlenfischerei vielberufenen Landstrichen. Am
+19. August gegen zwei Uhr nach Mitternacht schifften wir uns bei der
+indischen Vorstadt auf dem Manzanares ein. Unser Hauptzweck bei dieser
+kleinen Reise war, die Trümmer des alten Schlosses von Araya zu besehen,
+die Salzwerke zu besuchen und auf den Bergen, welche die schmale Halbinsel
+Maniquarez bilden, einige geologische Untersuchungen anzustellen. Die
+Nacht war köstlich kühl, Schwärme leuchtender Insekten [_Elater
+noctilucus._] glänzten in der Luft, auf dem mit Sesuvium bedeckten Boden
+und in den Mimosenbüschen am Fluß. Es ist bekannt, wie häufig die
+Leuchtwürmer in Italien und im ganzen mittaglichen Europa sind; aber ihr
+malerischer Eindruck ist gar nicht zu vergleichen mit den zahllosen
+zerstreuten, sich hin und her bewegenden Lichtpunkten, welche im heißen
+Erdstrich der Schmuck der Nächte sind, wo einem ist, als ob das
+Schauspiel, welches das Himmelsgewölbe bietet, sich auf der Erde, auf der
+ungeheuren Ebene der Grasfluren wiederholte.
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+Als wir Fluß abwärts an die Pflanzungen oder *Charas* kamen, sahen wir
+Freudenfeuer, die Neger angezündet hatten. Leichter, gekräuselter Rauch
+stieg zu den Gipfeln der Palmen auf und gab der Mondscheibe einen
+röthlichen Schein. Es war Sonntag Nacht und die Sklaven tanzten zur
+rauschenden, eintönigen Musik einer Guitarre. Der Grundzug im Charakter
+der afrikanischen Völker von schwarzer Rasse ist ein unerschöpfliches Maß
+von Beweglichkeit und Frohsinn. Nachdem er die Woche über hart gearbeitet,
+tanzt und musicirt der Sklave am Feiertage dennoch lieber, als daß er
+ausschläft. Hüten wir uns, über diese Sorglosigkeit, diesen Leichtsinn
+hart zu urteilen, wird ja doch dadurch ein Leben voll Entbehrung und
+Schmerz versüßt.
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+Die Barke, in der wir über den Meerbusen von Cariaco fuhren, war sehr
+geräumig. Man hatte große Jaguarfelle ausgebreitet, damit wir bei Nacht
+ruhen könnten. Noch waren wir nicht zwei Monate in der heißen Zone, und
+bereits waren unsere Organe so empfindlich für den kleinsten
+Temperaturwechsel, daß wir vor Frost nicht schlafen konnten. Zu unserer
+Verwunderung sahen wir, daß der hunderttheilige Thermometer auf 21°,8
+stand. Dieser Umstand, der allen, die lange in beiden Indien gelebt haben,
+wohl bekannt ist, verdient von den Physiologen beachtet zu werden. Boucher
+erzählt, auf dem Gipfel der _Montagne Pelée_ auf Martiniques [der Berg ist
+nach verschiedenen Angaben zwischen 666 und 736 Toisen hoch] haben er und
+seine Begleiter vor Frost gebebt, obgleich die Wärme noch 21 ½ Grad
+betrug. In der anziehenden Reisebeschreibung des Capitän Bligh, der in
+Folge einer Meuterei an Bord des Schiffes Bounty zwölfhundert Meilen in
+einer offenen Schaluppe zurücklegen mußte, liest man, daß er zwischen dem
+zehnten und zwölften Grad südlicher Breite weit mehr vom Frost als vom
+Hunger gelitten.(44) Im Januar 1803, bei unserem Aufenthalt in Guayaquil,
+sahen wir die Eingeborenen sich über Kälte beklagen und sich zudecken,
+wenn der Thermometer auf 23°,8 fiel, während sie bei 30°,5 die Hitze
+erstickend fanden. Es brauchte nicht mehr als sieben bis acht Grad, um die
+entgegengesetzten Empfindungen von Frost und Hitze zu erzeugen, weil an
+diesen Küsten der Südsee die gewöhnliche Lufttemperatur 28° beträgt. Die
+Feuchtigkeit, mit der sich die Leitungsfähigkeit der Lust für den
+Wärmestoff ändert, spielt bei diesen Empfindungen eine große Rolle. Im
+Hafen von Guayaquil, wie überall in der heißen Zone auf tief gelegenem
+Boden, kühlt sich die Lust nur durch Gewitterregen ab, und ich habe
+beobachtet, daß, während der Thermometer auf 23°,8 fällt, der Deluc’sche
+Hygrometer auf 50–52 Grad stehen bleibt; dagegen steht er auf 37 bei einer
+Temperatur von 30°,5. In Cumana hört man bei starken Regengüssen in den
+Straßen schreien: _"Que hielo! Estoy emparamado!"_(45) und doch fällt der
+dem Regen ausgesetzte Thermometer nur auf 21°,5. Aus allen diesen
+Beobachtungen geht hervor, daß man zwischen den Wendekreisen auf Ebenen,
+wo die Lufttemperatur bei Tag fast beständig über 27° ist, bei Nacht das
+Bedürfniß fühlt, sich zuzudecken, so oft bei feuchter Luft der Thermometer
+um 4–5½ Grad fällt.
+
+Gegen acht Uhr Morgens stiegen wir an der Landspitze von Araya bei der
+»Neuen Saline« ans Land. Ein einzelnes Haus steht auf einer kahlen Ebene
+neben einer Batterie von drei Kanonen, auf die sich seit Zerstörung des
+Forts St. Jakob die Verteidigung dieser Küste beschränkt. Der
+Salineninspektor bringt sein Leben in einer Hängematte zu, in der er den
+Arbeitern seine Befehle erteilt, und eine _Lancha del rey_ (königliche
+Barke) führt ihm jede Woche von Cumana seine Lebensmittel zu. Man wundert
+sich, daß bei einem Salzwert, das früher bei den Engländern, Holländern
+und anderen Seemächten Eifersucht erregte, kein Dorf oder auch nur ein Hof
+liegt. Kaum findet man am Ende der Landspitze von Araya ein paar armselige
+indianische Fischerhütten.
+
+Man übersieht von hier aus zugleich das Eiland Cubagua, die hohen
+Berggipfel von Margarita, die Trümmer des Schlosses St. Jakob, den Cerro
+de la Vela und das Kalkgebirge des Brigantin, das gegen Süden den Horizont
+begrenzt. Wie reich die Halbinsel Araya an Kochsalz ist, wurde schon
+Alonso Niño bekannt, als er im Jahr 1499 in Colombo’s, Djeda’s und Amerigo
+Vespucci’s Fußstapfen diese Länder besuchte. Obgleich die Eingeborenen
+Amerikas unter allen Völkern des Erdballes am wenigsten Salz verbrauchen,
+weil sie fast allein von Pflanzenkost leben, scheinen doch bereits die
+Guaykari im Ton- und Salzboden der *Punta Arenas* gegraben zu haben.
+Selbst die jetzt die *neuen* genannten Salzwerke, am Ende des Vorgebirgs
+Araya, waren schon in der frühsten Zeit in Gang. Die Spanier, die sich
+zuerst auf Cubagua und bald nachher auf der Küste von Cumana
+niedergelassen hatten, beuteten schon zu Anfang des sechzehnten
+Jahrhunderts die Salzsümpfe aus, die sich als Lagunen nordwestlich vom
+Cerro de la Vela hinziehen. Da das Vorgebirge Araya damals keine ständige
+Bevölkerung hatte, machten sich die Holländer den natürlichen Reichtum des
+Bodens zunutze, den sie für ein Gemeingut aller Nationen ansahen.
+Heutzutage hat jede Kolonie ihre eigenen Salzwerke und die
+Schiffahrtskunst ist so weit fortgeschritten, daß die Cadizer Handelsleute
+mit geringen Kosten spanisches und portugiesisches Salz 1900 Meilen
+[8500 km] weit in die östliche Halbkugel senden können, um Montevideo und
+Buenos Aires mit ihrem Bedarf für das Einsalzen zu versorgen. Solche
+Vortheile waren zur Zeit der Eroberung unbekannt; die Industrie in den
+Colonien war damals noch so weit zurück, dass das Salz von Araya mit
+großen Kosten nach den Antillen, nach Carthagena und Portobelo verschifft
+wurde. Im Jahr 1605 schickte der Madrider Hof bewaffnete Fahrzeuge nach
+Punta Araya, mit dem Befehl, daselbst auf Station zu liegen und die
+Holländer mit Gewalt zu vertreiben. Diese fuhren nichts desto weniger fort
+heimlich Salz zu holen, bis man im Jahr 1622 bei den Salzwerken ein Fort
+errichtete, das unter dem Namen _Castillo de Santiago_ oder _Real Fuerza
+de Araya_ berühmt geworden ist.
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+Die großen Salzsümpfe sind auf den ältesten spanischen Karten bald als
+Bucht, bald als Lagune angegeben. Laet, der seinen _Orbis novus_ im Jahr
+1633 schrieb und sehr gute Nachrichten von diesen Küsten hatte, sagt sogar
+ausdrücklich, die Lagune sey von der See durch eine über der Fluthhöhe
+gelegene Landenge getrennt gewesen. Im Jahr 1726 zerstörte ein
+außerordentliches Ereigniß die Saline von Araya und machte das Fort, das
+über eine Million harter Piaster gekostet hatte, unnütz. Man spürte einen
+heftigen Windstoß, eine große Seltenheit in diesen Strichen, wo die See
+meist nicht unruhiger ist als das Wasser unserer Flüsse; die Fluth drang
+weit ins Land hinein und durch den Einbruch des Meeres wurde der Salzsee
+in einen mehrere Meilen langen Meerbusen verwandelt. Seitdem hat man
+nördlich von der Hügelkette, welche das Schloß von der Nordküste der
+Halbinsel trennt, künstliche Behälter oder Kasten angelegt. Der
+Salzverbrauch war in den Jahren 1799 und 1800 in den beiden Provinzen
+Cumana und Barcelona zwischen neun und zehn tausend Fanegas, jede zu
+sechzehn Arrobas oder vier Centnern. Dieser Verbrauch ist sehr
+beträchtlich, und es ergeben sich dabei, wenn man 50,000 Indianer
+abrechnet, die nur sehr wenig Salz verzehren, sechzig Pfund auf den Kopf.
+In Frankreich rechnet man, nach Necker, nur zwölf bis vierzehn Pfund, und
+der Unterschied rührt daher, daß man so viel Salz zum Einsalzen braucht.
+Das gesalzene Ochsenfleisch, *Tasajo* genannt, ist im Handel von Barcelona
+der vornehmste Ausfuhrartikel. Von neun bis zehn tausend Fanegas Salz,
+welche die beiden Provinzen zusammen liefern, kommen nur dreitausend vom
+Salzwerk von Araya; das übrige wird bei Morro de Barcelona, Pozuelos,
+Piritu und im *Golfo triste* aus Meerwasser gewonnen. In Mexico liefert
+der einzige Salzsee *Pennon Blanco* jährlich über 250,000 Fanegas unreines
+Salz.
+
+Die Provinz Caracas hat schöne Salzwerke bei den Klippen los Noquez; das
+früher aus der kleinen Insel Tortuga gelegene ist auf Befehl der
+spanischen Regierung zerstört worden. Man grub einen Kanal, durch den das
+Meer zu den Salzsümpfen dringen konnte. Andere Nationen, die auf den
+kleinen Antillen Colonien haben, besuchten diese unbewohnte Insel, und der
+Madrider Hof fürchtete in seiner argwöhnischen Politik, das Salzwerk von
+Tortuga möchte Veranlassung zu einer festen Niederlassung werden, wodurch
+dem Schleichhandel mit Terra Firma Vorschub geleistet würde. Die Salzwerke
+von Araya werden erst seit dem Jahr 1792 von der Regierung selbst
+betrieben. Bis dahin waren sie in den Händen indianischer Fischer, die
+nach Belieben Salz bereiteten und verkauften, wofür sie der Regierung nur
+die mäßige Summe von 300 Piastern bezahlten. Der Preis der Fanega war
+damals vier Realen; [In dieser Reisebeschreibung sind alle Preise in
+harten Piastern und Silberrealen, _reales de plata_ ausgedrückt. Acht
+Realen gehen auf einen harten Piaster oder 105 Sous französischen Geldes.]
+aber das Salz war sehr unrein, grau, und enthielt sehr viel salzsaure und
+schwefelsaure Bittererde. Da zudem die Ausbeutung von Seiten der Arbeiter
+äußerst unregelmäßig betrieben wurde, so fehlte es oft an Salz zum
+Einsalzen des Fleisches und der Fische, das in diesen Ländern für den
+Fortschritt des Gewerbfleißes von großem Belang ist, da das indianische
+niedere Volk und die Sklaven von Fischen und etwas *Tasajo* leben. Seit
+die Provinz Cumana unter der Intendauz von Caracas steht, besteht die
+Salzregie, und die Fanega, welche die Guayqueries für einen halben Piaster
+verkauften, kostet anderthalb Piaster. Für diese Preiserhöhung leistet nur
+geringen Ersatz, daß das Salz reiner ist und daß die Fischer und
+Colonisten es das ganze Jahr im Ueberfluß beziehen können. Die
+Salinenverwaltung von Araya brachte im Jahr 1799 dem Schatze 8000 Piaster
+jährlich ein. Aus diesen statistischen Notizen geht hervor, daß die
+Salzbereitung in Araya, als Industriezweig betrachtet, von keinem großen
+Belang ist.
+
+Der Thon, aus dem zu Araya das Salz gewonnen wird, kommt mit dem
+*Salzthon* überein, der in Berchtesgaden und in Südamerika in Zipaquira
+mit dem Steinsalz vorkommt. Das salzsaure Natron ist in diesem Thon nicht
+in sichtbaren Theilchen eingesprengt, aber sein Vorhandenseyn läßt sich
+leicht bemerklich machen. Wenn man die Masse mit Regenwasser netzt und der
+Sonne aussetzt, schießt das Salz in großen Krystallen an. Die Lagune
+westlich vom Schloß Santiago zeigt alle Erscheinungen, wie sie von
+Lepechin, Gmelin und Pallas in den sibirischen Salzseen beobachtet worden
+sind. Sie nimmt übrigens nur das Regenwasser auf, das durch die
+Thonschichten durchsickert und sich am tiefsten Punkte der Halbinsel
+sammelt. So lange die Lagune den Spaniern und Holländern als Salzwerk
+diente, stand sie mit der See in keiner Verbindung; neuerdings hat man nun
+diese Verbindung wieder aufgehoben, indem man an der Stelle, wo das Meer
+im Jahr 1726 eingebrochen war, einen Faschinendamm anlegte. Nach großer
+Trockenheit werden noch jetzt vom Boden der Lagune drei bis vier Kubikfuß
+große Klumpen krystallisirten, sehr reinen salzsauren Natrons
+heraufgefördert. Das der brennenden Sonne ausgesetzte Salzwasser des Sees
+verdunstet an der Oberfläche; in der gesättigten Lösung bilden sich
+Salzkrusten, sinken zu Boden, und da Kristalle von derselben
+Zusammensetzung und der gleichen Gestalt einander anziehen, so wachsen die
+kristallinischen Massen von Tag zu Tag an. Man beobachtet im Allgemeinen,
+daß das Wasser überall, wo sich Lachen im Thonboden gebildet haben,
+salzhaltig ist. Im neuen Salzwerk bei den Batterien von Araya leitet man
+allerdings das Meerwasser in die Kasten, wie in den Salzsümpfen im
+mittäglichen Frankreich; aber auf der Insel Margarita bei Pampadar wird
+das Salz nur dadurch bereitet, daß man süßes Wasser den salzhaltigen Thon
+auslaugen läßt.
+
+Das Salz, das in Thonbildungen enthalten ist, darf nicht verwechselt
+werden mit dem Salz, das im Sand am Meeresufer vorkommt, und das an den
+Küsten der Normandie ausgebeutet wird. Diese beiden Erscheinungen haben,
+aus geologischen Gesichtspunkt betrachtet, so gut wie nichts mit einander
+gemein. Ich habe salzhaltigen Thon am Meeresspiegel, bei Punta Araya, und
+in 2000 Toisen Höhe in den Cordilleren von Neugrenada gesehen. Wenn
+derselbe am erstgenannten Ort unter einer Muschelbreccie von sehr neuer
+Bildung liegt, so tritt er dagegen bei Ischl in Oesterreich als mächtige
+Schicht im Alpenkalk auf, der, obgleich gleichfalls jünger als die
+Existenz organischer Wesen auf der Erde, doch sehr alt ist, wie die vielen
+Gebirgsglieder zeigen, die ihm aufgelagert sind. Wir wollen nicht in
+Zweifel ziehen, daß das reine [das von Wieliczka und Peru] oder mit
+salzhaltigem Thon vermengte Steinsalz [das von Hallein, Ischl und
+Zipaquira] der Niederschlag eines alten Meeres seyn könne; alles weist
+aber darauf hin, daß es sich unter Naturverhältnissen gebildet hat, die
+sehr bedeutend abweichen mußten von denen, unter welchen die jetzigen
+Meere in Folge allmähliger Verdunstung hie und da ein paar Körner
+salzsauren Natrons im Ufersande niederschlagen. Wie der Schwefel und die
+Steinkohle sehr weit auseinander liegenden Formationen angehören, kommt
+auch das Steinsalz bald im Uebergangsgips, bald im Alpenkalk, bald in
+einem mit sehr neuem Muschelsandstein bedeckten Salzthon (Punta Araya),
+bald in einem Gips vor, der jünger ist als die Kreide.
+
+Das neue Salzwerk von Araya besteht aus fünf Behältern oder Kasten, von
+denen die größten eine regelmäßige Form und 2300 Quadrattoisen Oberfläche
+haben. Die mittlere Tiefe beträgt acht Zoll. Man bedient sich sowohl des
+Regenwassers, das sich durch Einsickerung am tiefsten Punkt der Ebene
+sammelt, als des Meerwassers, das durch Kanäle hereingeleitet wird, wenn
+der Wind die See an die Küste treibt. Dieses Salzwerk ist nicht so günstig
+gelegen wie die Lagune. Das Wasser, das in die letztere fällt, kommt von
+stärker geneigten Abhängen und hat ein größeres Bodenstück ausgelaugt. Die
+Indianer pumpen mit der Hand das Meerwasser aus einem Hauptbehälter in die
+Kasten. Leicht ließe sich indessen der Wind als Triebkraft benützen, da
+der Seewind fortwährend stark aus die Küste bläst. Man hat nie daran
+gedacht, weder die bereits ausgelangte Erde wegzuschaffen, noch Schachte
+im Salzthon niederzutreiben, um Schichten aufzusuchen, die reicher an
+salzsaurem Natron sind. Die Salzarbeiter klagen meist über Regenmangel,
+und beim neuen Salzwerk scheint es mir schwer auszumitteln, welches
+Quantum von Salz allein auf Rechnung des Seewassers kommt. Die
+Eingeborenen schätzen es aus ein Sechstheil des ganzen Ertrags. Die
+Verdunstung ist sehr stark und wird durch den beständigen Luftzug
+gesteigert; das Salz wird aber auch am achtzehnten bis zwanzigsten Tage,
+nachdem man die Behälter gefüllt, ausgezogen. Wir fanden (am 19. August um
+3 Uhr Nachmittags) die Temperatur des Salzwassers in den Kasten 32°,5,
+während die Luft im Schatten 27°,2 und der Sand an der Küste in sechs Zoll
+Tiefe 42°,5 zeigte. Wir tauchten den Thermometer in die See und sahen ihn
+zu unserer Ueberraschung nur auf 23° steigen. Diese niedrige Temperatur
+rührt vielleicht von den Untiefen her, welche die Halbinsel Araya und die
+Insel Margarita umgeben, und an deren Abfällen sich tiefere
+Wasserschichten mit den oberflächlichen vermischen.
+
+Obgleich das salzsaure Natron aus der Halbinsel Araya nicht so sorgfältig
+bereitet wird als in den europäischen Salzwerken, ist es dennoch reiner
+und enthält weniger salzsaure und schwefelsaure Erden. Wir wissen nicht,
+ob diese Reinheit dem Antheil von Salz, den das Meer liefert,
+zuzuschreiben ist; denn wenn auch die Menge der im Meerwasser gelösten
+Salze höchst wahrscheinlich unter allen Himmelsstrichen dieselbe ist,(46)
+so weiß man doch nicht, ob auch das Verhältnis zwischen dem salzsauren
+Natron, der salzsauren und schwefelsauren Bittererde und dem
+schwefelsauren und kohlensauren Kalk sich gleich bleibt.
+
+Nachdem wir die Salinen besehen und unsere geodätischen Arbeiten beendet
+hatten, brachen wir gegen Abend auf, um einige Meilen weiterhin in einer
+indianischen Hütte bei den Trümmern des Schlosses von Araya die Nacht zu
+zuzubringen. Unsere Instrumente und unseren Mundvorrat schickten wir
+voraus; denn wenn wir von der großen Hitze und der Reverberation des
+Bodens erschöpft waren, spürten wir in diesen Ländern nur abends und in
+der Morgenkühle Eßlust. Wir wandten uns nach Süd und gingen zuerst über
+die kahle mit Salzton bedeckte Ebene und dann über zwei aus Sandstein
+bestehende Hügelketten, zwischen denen die Lagune liegt. Die Nacht
+überraschte uns, während wir einen schmalen Pfad verfolgten, der
+einerseits vom Meer, andererseits von senkrechten Felswänden begrenzt ist.
+Die Flut war im raschen Steigen und engte unseren Weg mit jedem Schritt
+mehr ein. Am Fuße des alten Schlosses von Araya angelangt lag ein
+Naturbild mit einem melancholischen, romantischen Anstrich vor uns, und
+doch wurde weder durch die Kühle des finsteren Forstes, noch durch die
+Großartigkeit der Pflanzengestalten die Schönheit der Trümmer gehoben. Sie
+liegen auf einem kahlen, dürren Berge, mit Agaven, Säulenkaktus und
+Mimosen bewachsen und gleichen nicht sowohl einem Werke von Menschenhand,
+als vielmehr Felsmassen, die in den ältesten Umwälzungen des Erdballes
+zertrümmert worden.
+
+Wir wollten Halt machen, um das großartige Schauspiel zu genießen und den
+Untergang der Venus zu beobachten, deren Scheibe von Zeit zu Zeit zwischen
+dem Gemäuer des Schlosses erschien; aber der Mulatte, der uns als Führer
+diente, wollte verdursten und drang lebhaft in uns, umzukehren. Er hatte
+längst gemerkt, daß wir uns verirrt hatten, und da er hoffte, durch die
+Furcht auf uns zu wirken, sprach er beständig von Tigern und
+Klapperschlangen. Giftige Reptilien sind allerdings beim Schlosse Araya
+sehr häufig, und erst vor kurzem waren beim Eingang des Dorfes Maniquarez
+zwei Jaguars erlegt worden. Nach den aufbehaltenen Fellen waren sie nicht
+viel kleiner als die ostindischen Tiger. Vergeblich führten wir unserem
+Führer zu Gemüt, daß diese Tiere an einer Küste, wo die Ziegen ihnen
+reichliche Nahrung bieten, keinen Menschen anfallen; wir mußten nachgeben
+und hingehen, woher wir gekommen waren. Nachdem wir drei Viertelstunden
+über einen von der steigenden Flut bedeckten Strand gegangen, stieß der
+Neger zu uns, der unsern Mundvorrath getragen hatte; da er uns nicht
+kommen sah, war er unruhig geworden und uns entgegengegangen. Er führte
+uns durch ein Gebüsch von Fackeldisteln zu der Hütte einer indianischen
+Familie. Wir wurden mit der herzlichen Gastfreundschaft aufgenommen, die
+man in diesen Ländern bei Menschen aller Kasten findet. Von außen war die
+Hütte, in der wir unsere Hängematten befestigten, sehr sauber; wir fanden
+daselbst Fische, Bananen u. dgl. Und, was im heißen Landstrich über die
+ausgesuchtesten Speisen geht, vortreffliches Wasser.
+
+Des anderen Tages bei Sonnenaufgang sahen wir, daß die Hütte, in der wir
+die Nacht zugebracht, zu einem Haufen kleienr Wohnungen am Ufer des
+Salzsees gehörte. Es sind dies die schwachen Ueberbleibsel eines
+ansehnlichen Dorfes, das sich einst um das Schloß gebildet. Die Trümmer
+einer Kirche waren halb im Sand begraben und mit Strauchwerk bewachsen.
+Nachdem im Jahre 1762 das Schloß von Araya, um die Unterhaltungskosten der
+Besatzung zu sparen, gänzlich zerstört worden war, zogen sich die in der
+Umgegend angesiedelten Indianer und Farbigen allmählich nach Maniquarez,
+Cariaco und in die indianische Vorstadt von Cumana. Nur wenige blieben aus
+Anhänglichkeit an den Heimathboden am wilden, öden Ort. Diese armen Leute
+leben vom Fischfang, der an den Küsten und auf dem Untiefen in der Nähe
+äußerst ergiebig ist. Sie schienen mit ihrem Loos zufrieden und fanden die
+Frage seltsam, warum sie keine Gärten hätten unsd keine nutzbaren Gewächse
+bauten. »Unsere Gärten,« sagten sie, »sind drüben über der Meerenge; wir
+bringen Fische nach Cumana und verschaffen uns dafür Bananen, Cocosnüsse
+und Manioc.« Diese Wirtschaft, die der Trägheit zusagt, ist in Maniquarez
+und auf der ganzen Halbinsel Araya Brauch. Der Hauptreichtum der Einwohner
+besteht in Ziegen, die sehr groß und schön sind. Sie laufen frei umher wie
+die Ziegen auf dem Pic von Tenerifa; sie sind völlig verwildert und man
+zeichnet sie wie die Maultiere, weil sie nach Aussehen, Farbe und
+Zeichnung nicht zu unterscheiden wären. Die wilden Ziegen sind hellbraun
+und nicht verschiedenfarbig wie die zahmen. Wenn ein Colonist auf der Jagd
+eine Ziege schießt, die nicht seine eigene ist, so bringt er sie sogleich
+dem Nachbar, dem sie gehört. Zwei Tage lang hörten wir als von einer
+selten vorkommenden Niederträchtigkeit davon sprechen, daß einem Einwohner
+von Maniquarez eine Ziege abhanden gekommen, und daß wahrscheinlich eine
+Familie in der Nachbarschaft sich güthlich damit gethan habe. Dergleichen
+Züge, die für große Sittenreinheit beim gemeinen Volk sprechen, kommen
+häufig auch in Neu-Mexiko, in Canada und in den Ländern westlich von den
+Aleghanys vor.
+
+Unter den Farbigen, deren Hütten um den Salzsee stehen, befand sich ein
+Schuhmacher von castilianischem Blute. Er nahm uns mit dem Ernst und der
+Selbstgefälligkeit auf, die unter diese Himmelsstrichen fast allen Leuten
+eigen sind, die sich für besonders begabt halten. Er war eben daran, die
+Sehne seines Bogens zu spannen und Pfeile zu spitzen, um Vögel zu
+schießen. Sein Gewerbe als Schuster konnte in einem Lande, wo die meisten
+Leute barfuß gehen, nicht viel eintragen; er beschwerte sich auch, daß das
+europäische Pulver so teuer sey und ein Mann wie er zu denselben Waffen
+greifen müsse wie die Indianer. Der Mann war das gelehrte Orakel des
+Dorfs; er wußte, wie sich das Salz durch den Einfluß der Sonne und des
+Vollmonds bildet, er kannte die Vorzeichen der Erdbeben, die Merkmale, wo
+sich Gold und Silber im Boden finden, und die Arzneipflanzen, die er, wie
+alle Colonisten von Chili bis Californien, in heiße und kalte [reizende
+oder schwächende, sthenische oder asthenische nach Browns System]
+eintheilte. Er hatte die geschichtlichen Ueberlieferungen des Landes
+gesammelt, und gab uns interessante Notizen über die Perlen von Cubagua,
+welchen Luxusartikel er höchst wegwerfend behandelte. Um uns zu zeigen,
+wie bewandert er in der heiligen Schrift sey, führte er wohlgefällig den
+Spruch Hiobs an, daß Weisheit höher zu wägen ist denn Perlen. Seine
+Philosophie ging nicht über den engen Kreis der Lebensbedürfnisse hinaus.
+Ein derber Esel, der eine tüchtige Ladung Bananen an den Landungsplatz
+tragen könnte, war das höchste Ziel seiner Wünsche.
+
+Nach einer langen Rede über die Eitelkeit menschlicher Herrlichkeit zog er
+aus einer Ledertasche sehr kleine und trübe Perlen und drang uns dieselben
+auf. Zugleich hieß er uns, es in unsere Schreibtafel aufzuzeichnen, daß
+ein armer Schuster von Araya, aber ein weißer Mann und von edlem
+castilischen Blute, uns etwas habe schenken können, das drüben über dem
+Meer für eine große Kostbarkeit gelte. Ich komme dem Versprechen, das ich
+dem braven Manne gab, etwas spät nach und freue mich, dabei bemerken zu
+können, daß seine Uneigennützigkeit ihm nicht gestattete, irgend eine
+Vergütung anzunehmen. An der Perlenküste sieht es allerdings so armselig
+aus, wie im »Gold- und Diamantenland,« in Choco und Brasilien; aber mit
+dem Elend paart sich hier nicht die zügellose Gewinnsucht, wie sie durch
+Schätze des Mineralreichs erzeugt wird.
+
+Die Perlenmuschel ist auf den Untiefen, sie sich von Kap Paria zum Kap
+Vela erstrecken, sehr häufig. Die Insel Margarita, Cubagua, Coche, Punta
+Araya und die Mündung des Rio la Hacha waren im sechzehnten Jahrhundert
+berühmt, wie im Altertum der Persische Meerbusen und die Insel Taprobante.
+[_Strabo lib. XV. Plinius Lib. IX, c. 35, Lib. XII, c. 18. Solinus,
+Polyhistor c. 68_; besonders _Athenaeus, Deipnosoph. Lib. III, c. 45._] Es
+ist nicht richtig, wie mehrere Geschichtsschreiber behaupten, daß die
+Eingeborenen Amerikas die Perlen als Luxusartikel nicht gekannt haben
+sollen. Die Spanier, die zuerst an Terra Firma landeten, sahen bei den
+Wilden Hals- und Armbänder, und bei den zivilisierten Völkern in Mexiko
+und Peru waren Perlen von schöner Form ungemein gesucht. Ich habe die
+Basaltbüste einer mexikanischen Priesterin bekanntgemacht, [Humboldt,
+_Atlas pittoresque_ Tafel 1 und 2.] deren Kopfputz, der auch sonst mit der
+*Calantica* der Isisköpfe Aehnlichkeit hat, mit Perlen besetzt ist. Las
+Casas und Benzoni erzählen, und zwar nicht ohne Uebertreibung, wie grausam
+man mit den Indianern und Negwern umging, die man zur Perlenfischerei
+brauchte. In der ersten Zeit der Eroberung lieferte die Insel Coche allein
+1500 Mark Perlen monatlich. Der *Quint*, den die königlichen Beamten vom
+Ertrag an Perlen erhoben, belief sich auf 15,000 Dukaten, nach dem
+damaligen Werth der Metalle und in Betracht des starken Schmuggels eine
+sehr bedeutende Summe. Bis zum Jahre 1530 scheint sich der Werth der nach
+Europa gesendeten Perlen im Jahresdurchschnitt auf mehr als 800,000
+Piaster belaufen zu haben. Um zu ermessen, von welcher Bedeutung dieser
+Handelszweig in Sevilla, Toledo, Antwerpen und Genua seyn mochte, muß man
+bedenken, daß zur selben Zeit alle Bergwerke Amerikas nicht zwei Millionen
+Piaster lieferten und daß die Flotte Ovandos für unermeßlich reich galt,
+weil sie gegen 2600 Mark Silber führte.
+
+Die Perlen waren desto gesuchter, da der asiatische Luxus auf zwei gerade
+entgegengesetzten Wegen nach Europa gedrungen war, von Konstantinopel her,
+wo die Paläologen reich mit Perlen gestickte Kleider trugen, und von
+Granada her, wo die maurischen Könige saßen, an deren Hof der ganze
+asiatische Prunk herrschte. Die ostindischen Perlen waren geschätzter als
+die westindischen; indessen kamen doch die letzteren in der ersten Zeit
+nach der Entdeckung von Amerika in Menge in den Handel. In Italien wie in
+Spanien wurde die Insel Cubagua das Ziel zahlreicher
+Handelsunternehmungen. Benzoni erzählt, was einem gewissen Ludwig
+Lampagnano begegnete, dem Karl der Fünfte das Privilegium ertheilt hatte,
+mit fünf »Caravelen« an die Küste von Cumana zu gehen und Perlen zu
+fischen. Die Ansiedler schickten ihn mit der kecken Antwort heim, der
+Kaiser gehe mit etwas, das nicht sein gehöre, allzu freigebig um; es stehe
+ihm nicht das Recht zu, über Austern zu verfügen, die auf dem Meeresboden
+leben.
+
+Gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts nahm die Perlenfischerei rasch
+ab, und nach Laets Angabe(47) hatte sie im Jahr 1633 längst aufgehört.
+Durch den Gewerbfleiß der Venediger, welche die echten Perlen täuschen
+nachmachten, und den starken Gebrauch der geschnittenen Diamanten [Das
+Schneiden der Diamanten wurde im Jahre 1456 von Ludwig de Berquen
+erfunden; in allgemeinen Gebrauch kam es aber erst im folgenden
+Jahrhundert.] wurden die Fischereien in Cubagua weniger einträglich.
+Zugleich wurden die Perlenmuscheln seltener, nicht wie man nach der
+Volkssage glaubt, weil die Tiere vom Geräusch der Ruder verscheucht
+wurden, sondern, weil man im Unverstand die Muscheln zu Tausenden
+abgerissen und so ihrer Fortpflanzung Einhalt getan hatte. Die
+Perlenmuschel ist noch von zarterer Constitution als die meisten andern
+kopflosen Weichthiere. Auf der Insel Ceylon, wo in der Bucht von
+Condeatchy die Perlenfischerei sechshundert Taucher beschäftigt und der
+jährliche Ertrag über eine halbe Million steigt, hat man das Thier
+vergeblich auf andere Küstenpunkte zu verpflanzen gesucht. Die Regierung
+gestattet die Fischerei nur einen Monat lang, während man in Cubagua die
+Muschelbank das ganze Jahr hindurch ausbeutete. Um sich eine Vorstellung
+davon zu machen, in welchem Maße die Taucher unter diesem Thiergeschlecht
+aufräumen, muß man bedenken, daß manches Fahrzeug in zwei, drei Wochen
+über 35,000 Muscheln aufnimmt. Das Thier lebt nur neun bis zehn Jahre und
+die Perlen fangen erst im vierten Jahre an zum Vorschein zu kommen. In
+10,000 Muscheln ist oft nicht Eine werthvolle Perle. Nach der Sage
+öffneten die Fischer auf der Bank bei der Insel Margarita die Muscheln
+Stück für Stück; auf Ceylon schüttet man die Thiere aus und läßt sie
+faulen, und um die Perlen zu gewinnen, welche nicht an den Schalen hängen,
+wascht man die Haufen thierischen Gewebes aus, gerade wie man in den Minen
+den Sand auswascht, der Gold- oder Zinngeschiebe oder Diamanten enthält.
+
+Gegenwärtig bringt das spanische Amerika nur noch die Perlen in den
+Handel, die aus dem Meerbusen von Panama und von der Mündung des Rio de la
+Hacha kommen. Auf den Untiefen um Cubagua, Coche und Margarita ist die
+Fischerei aufgegeben, wie an der californischen Küste.(48) Man glaubt in
+Cumana, die Perlenmuschel habe sich nach zweihundertjähriger Ruhe wieder
+bedeutend vermehrt [Im Jahr 1812 sind bei Margarita einige Versuche
+gemacht worden, die Perlenfischerei wieder aufzunehmen], und man fragt
+sich, warum die Perlen, die man jetzt in Muscheln findet, die an den
+Fischnetzen hängen bleiben [Die Einwohner von Araya verkaufen zuweilen
+solche kleine Perlen an die Kaufleute von Cumana. Der gewöhnliche Preis
+ist ein Piaster für das Dutzend.], so klein sind und so wenig Glanz haben,
+während man bei der Ankunft der Spanier sehr schöne bei den Indianern
+fand, die doch schwerlich darnach tauchten. Diese Frage ist desto schwerer
+zu beantworten da wir nicht wissen, ob etwa Erdbeben die Beschaffenheit
+des Seebodens verändert haben, oder ob Richtungsänderungen in
+untermeerischen Strömen auf die Temperatur des Wassers oder auf die
+Häufigkeit gewisser Weichthiere, von denen sich die Muscheln nähren,
+Einfluß geäußert haben.
+
+Am 20. Morgens führte uns der Sohn unseres Wirths, ein sehr kräftiger
+Indianer, über den Barigon und Caney ins Dorf Maniquarez. Es waren vier
+Stunden Weges. Durch das Rückprallen der Sonnenstrahlen vom Sand stieg der
+Thermometer auf 31.3°. Die Säulenkaktus, die am Wege stehen, geben der
+Landschaft einen grünen Schein, ohne Kühle und Schatten zu bieten. Unser
+Führer setzte sich, ehe er eine Meile [5 km] gegangen war, jeden
+Augenblick nieder. Im Schatten eines schönen Tamarindenbaumes bei den
+Casas de la Vela wollte er sich gar niederlegen, um den Anbruch der Nacht
+abzuwarten. Ich hebe diesen Charakterzug hervor, da er einem überall
+entgegentritt, so oft man mit den Indianern reist, und zu den irrigsten
+Vorstellungen von der Körperverfassung der verschiedenen Menschenracen
+Anlaß gegeben hat. Der kupferfarbene Eingeborene, der besser als der
+reisende Europäer an die glühende Hitze des Himmelsstriches gewöhnt ist,
+beklagt sich nur deshalb mehr darüber, weil ihn kein Reiz antreibt. Geld
+ist keine Lockung für ihn, und hat er sich je einmal durch Gewinnsucht
+verführen lassen, so reut ihn sein Entschluß, sobald er auf dem Wege ist.
+Derselbe Indianer aber, der sich beklagt, wenn man ihm beim Botanisieren
+eine Pflanzenbüchse zu tragen gibt, treibt einen Kahn gegen die rascheste
+Strömung und rudert so vierzehn bis fünfzehn Stunden in einem fort, weil
+er sich zu den Seinen zurücksehnt. Will man die Muskelkraft der Völker
+richtig schätzen lernen, muß man sie ¿ unter Umständen beobachten, wo ihre
+Handlungen durch einen gleich kräftigen Willen bestimmt werden.
+
+Wir besahen in der Nähe die Trümmer des Schlosses Santiago, das durch
+seine ausnehmend feste Bauart merkwürdig ist. Die Mauern aus behauenen
+Steinen sind fünf Fuß dick; man mußte sie mit Minen sprengen; man sieht
+noch Mauerstücke von sieben-, achthundert Quadratfuß, die kaum einen Riß
+zeigen. Unser Führer zeigte uns eine Cisterne (_el aljibe_), die dreißig
+Fuß tief ist und, obgleich ziemlich schadhaft, den Bewohnern der Halbinsel
+Araya Wasser liefert. Diese Cisterne wurde im Jahr 1681 vom Statthalter
+Don Juan Padilla Guardiola vollendet, demselben, der in Cumana das kleine
+Fort Santa Maria gebaut hat. Da der Behälter mit einem Gewölbe im
+Rundbogen geschlossen ist, so bleibt das Wasser darin frisch und sehr gut.
+Conserven, die den Kohlenwasserstoff zersetzen und zugleich Würmern und
+Insekten zum Aufenthalt dienen, bilden sich nicht darin. Jahrhunderte lang
+hatte man geglaubt, die Halbinsel Araya habe gar keine Quellen süßen
+Wassers, aber im Jahr 1797 haben die Einwohner von Maniquarez nach langem
+vergeblichem Suchen doch solches gefunden.
+
+Als wir über die kahlen Hügel am Vorgebirge Cirial gingen, spürten wir
+einen starken Bergölgeruch. Der Wind kam vom Orte her, wo die
+Bergölquellen liegen, deren schon die ersten Beschreibungen dieser Länder
+erwähnen. — Das Töpfergeschirr von Maniquarez ist seit unvordenklicher
+Zeit berühmt, und dieser Industriezweig ist ganz in den Händen der
+Indianerweiber. Es wird noch gerade so fabriziert wie vor der Eroberung.
+Dieses Verfahren ist einerseits eine Probe vom Zustand der Künste in ihrer
+Kindheit und andererseits von der Starrheit der Sitten, die allen
+eingeborenen Völkern Amerikas als ein Charakterzug eigen ist. In
+dreihundert Jahren konnte die Töpferscheibe keinen Eingang auf einer Küste
+finden, die von Spanien nur dreißig bis vierzig Tagreisen zur See entfernt
+ist. Die Eingeborenen haben eine dunkle Vorstellung davon, daß es ein
+solches Werkzeug gibt, und sie würden sich desselben bedienen, wenn man
+ihnen das Muster in die Hand gäbe. Die Thongruben sind eine halbe Meile
+östlich von Maniquarez. Dieser Thon ist das Zersetzungsprodukt eines durch
+Eisenoxyd roth gefärbten Glimmerschiefers. Die Indianerinnen nehmen
+vorzugsweise solchen, der viel Glimmer enthält. Sie formen mit großem
+Geschick Gefäße von zwei bis drei Fuß Durchmesser mit sehr regelmäßiger
+Krümmung. Da sie den Brennofen nicht kennen, so schichten sie Strauchwerk
+von Desmanthus, Cassia und baumartiger Capparis um die Töpfe und brennen
+sie in freier . Luft. Weiter westwärts von der Thongrube liegt die
+Schlucht der *Mina* (Bergwerk). Nicht lange nach der Eroberung sollen
+venetianische Goldschürfer dort Gold aus dem Glimmerschiefer gewonnen
+haben. Dieses Metall scheint hier nicht auf Quarzgängen vorzukommen,
+sondern im Gestein eingesprengt zu seyn, wie zuweilen im Granit und Gneiß.
+
+Wir trafen in Maniquarez Kreolen, die von einer Jagdpartie auf Cubagua
+kamen. Die Hirsche von der kleinen Art sind auf diesem unbewohnten Eilande
+so häufig, daß man täglich drei und vier schießen kann. Ich weiß nicht,
+wie die Thiere hinübergekommen sind; denn Laet und andere Chronisten des
+Landes, die von der Gründung von Neucadix berichten, sprechen nur von der
+Menge Kaninchen auf der Insel. Der *Venado* auf Cubagua gehört zu einer
+der vielen kleinen amerikanischen Hirscharten, die von den Zoologen lange
+unter dem allgemeinen Namen _Cervus Americanus_ zusammengeworfen wurden.
+Er scheint mir nicht identisch mit der _Biche des Savanes_ von Guadeloupe
+oder dem *Guazuti* in Paraguay, der auch in Rudeln lebt. Sein Fell ist auf
+dem Rücken rothbraun, am Bauche weiß; es ist gefleckt, wie beim Axis. In
+den Ebenen am Cari zeigte man uns als eine große Seltenheit in diesen
+heißen Ländern eine weiße Spielart. Es war eine Hirschkuh von der Größe
+des europäischen Rehs und von äußerst zierlicher Gestalt. *Albinos* kommen
+in der Neuen Welt sogar unter den Tigern vor. Azara sah einen Jaguar, auf
+dessen ganz weißem Fell man nur hier und da gleichsam einen Schatten von
+den runden Flecken sah.
+
+Für den merkwürdigsten, man kann sagen für den wunderbarsten aller
+Naturkörper auf der Küste von Araya gilt beim Volke der *Augenstein*,
+_Piedra de los ojos_. Dieses Gebilde aus Kalkerde ist in aller Munde; nach
+der Volksphysik ist es ein Stein und ein Thier zugleich. Man findet es im
+Sande, und da rührt es sich nicht; nimmt man es aber einzeln auf und legt
+es auf eine ebene Fläche, z. B. auf einen Zinn- oder Fayence-Teller, so
+bewegt es sich, sobald man es durch Citronsaft reizt. Steckt man es ins
+Auge, so dreht sich das angebliche Tier um sich selbst und schiebt jeden
+fremden Körper heraus, der zufällig ins Auge geraten ist. Auf der neuen
+Saline und im Dorfe Maniquarez brachte man uns solche Augensteine zu
+Hunderten, und die Eingeborenen machten uns den Versuch mit dem Citronsaft
+eifrig vor. Man wollte uns Sand in die Augen bringen, damit wir uns selbst
+von der Wirksamkeit des Mittels überzeugten. Wir sahen alsbald, daß diese
+Steine die dünnen, porösen Deckel kleiner einschaliger Muscheln sind. Sie
+haben 1–4 Linien Durchmesser; die eine Fläche ist eben, die andere
+gewölbt. Diese Kalkdeckel brausen mit Zitronensaft auf und rücken von der
+Stelle, indem sich die Kohlensäure entwickelt. In Folge ähnlicher Reaction
+bewegt sich zuweilen das Brod im Backofen auf wagerechter Fläche, was in
+Europa zum Volksglauben an bezauberte Oefen Anlaß gegeben hat. Die
+_pietras de los ojos_ wirken, wenn man sie ins Auge schiebt, wie die
+kleinen Perlen und verschiedene runde Samen, deren sich die Wilden in
+Amerika bedienen, um den Thränenfluß zu steigern. Diese Erklärungen waren
+aber gar nicht nach dem Geschmack der Einwohner von Araya. Die Natur
+erscheint dem Menschen desto größer, je geheimnißvoller sie ist, und die
+Volksphysik weist alles von sich, was einfach ist.
+
+Ostwärts von Maniquarez an der Südküste liegen nahe an einander drei
+Landzungen, genannt Punta de Soto, Punta de la Brea und Punta Guaratarito.
+In dieser Gegend besteht der Meeresboden offenbar aus Glimmerschiefer, und
+aus dieser Gebirgsart entspringt bei Punta de la Brea, aber achtzig Fuß
+vom Ufer, eine *Naphthaquelle*, deren Geruch sich weit in die Halbinsel
+hinein verbreitet. Man mußte bis zum halben Leibe ins Wasser gehen, um die
+interessante Erscheinung in der Nähe zu beobachten. Das Wasser ist mit
+_Zostera_ bedeckt, und mitten in einer sehr großen Bank dieses Gewächses
+sieht man einen freien runden Fleck von drei Fuß Durchmesser, auf dem
+einzelne Massen von _Ulva lactuca_ schwimmen. Hier kommen die Quellen zu
+Tag. Der Boden des Meerbusens ist mit Sand bedeckt, und das Bergöl, das
+durchsichtig und von gelber Farbe der eigentlichen Naphtha nahe kommt,
+sprudelt stoßweise unter Entwicklung von Luftblasen hervor. Stampft man
+den Boden mit den Füßen fest, so sieht man die kleinen Quellen wegrücken.
+Die Naphtha bedeckt das Meer über tausend Fuß [320 m] weit. Nimmt man an,
+daß das Fallen der Schichten sich gleich bleibt, so muß der
+Glimmerschiefer wenige Toisen unter dem Sande liegen.
+
+Der Salzthon von Araya enthält festes, zerreibliches Bergöl. Dieses
+geologische Verhältniß zwischen salzsaurem Natron und Erdpech kommt in
+allen Steinsalzgruben und bei allen Salzquellen vor; aber als ein höchst
+merkwürdiger Fall erscheint das Vorkommen einer Naphtaquelle in einer
+Urgebirgsart. Alle bis jetzt bekannten gehören secundären Formationen an,
+und dieser Umstand schien für die Annahme zu sprechen, daß alles
+mineralische Harz Produkt der Zersetzung von Pflanzen und Thieren oder des
+Brandes der Steinkohlen sey. Auf der Halbinsel Araya aber fließt Naphtha
+aus dem Urgebirge selbst, und diese Erscheinung wird noch bedeutender,
+wenn man bedenkt, daß in diesem Urgebirge der Herd des unterirdischen
+Feuers ist, daß man am Rande brennender Krater zuweilen Naphthageruch
+bemerkt, und daß die meisten heißen Quellen Amerikas aus Gneis und
+Glimmerschiefer hervorbrechen.
+
+Nachdem wir uns in der Umgegend von Maniquarez umgesehen, bestiegen wir
+ein Fischerboot, um nach Cumana zurückzukehren. Nichts zeigt so deutlich,
+wie ruhig die See in diesen Strichen ist, als die Kleinheit und der
+schlechte Zustand dieser Kähne, die ein sehr hohes Segel führen. Der Kahn,
+den wir ausgesucht hatten, weil er noch am wenigsten beschädigt war,
+zeigte sich so leck, daß der Sohn des Steuermannes fortwährend mit einer
+Tutuma, der Frucht der _Crescentia cujete_, das Wasser ausschöpfen mußte.
+Es kommt im Meerbusen von Cariaco, besonders nordwärts von der Halbinsel
+Araya, nicht selten vor, daß die mit Kokosnüssen beladenen Piroguen
+umschlagen, wenn sie zu nahe am Winde gerade gegen den Wellenschlag
+steuern. Vor solchen Unfällen fürchten sich aber nur Reisende, die nicht
+gut schwimmen können; denn wird die Pirogue von einem indianischen Fischer
+mit seinem Sohne geführt, so dreht der Vater den Kahn wieder um und macht
+sich daran, das Wasser hinauszuschaffen, während der Sohn schwimmend die
+Kokosnüsse zusammenholt. In weniger als einer Viertelstunde ist die
+Pirogue wieder unter Segel, ohne daß der Indianer in seinem
+unerschöpflichen Gleichmut eine Klage hätte hören lassen.
+
+Die Einwohner von Araya, die wir auf der Rückkehr vom Orinoco noch einmal
+besuchten, haben nicht vergessen, daß ihre Halbinsel einer der Punkte ist,
+wo sich am frühesten Castilianer niedergelassen. Sie sprechen gerne von
+der Perlenfischerei, von den Ruinen des Schlosses Santiago, das, wie sie
+hoffen, einst wieder aufgebaut wird, überhaupt von dem, was sie den
+ehemaligen Glanz des Landes nennen. In China und Japan gilt alles, was man
+erst seit zweitausend Jahren kennt, für neue Erfindung; in den
+europäischen Niederlassungen erscheint ein Ereigniß, das dreihundert
+Jahre, bis zur Entdeckung von Amerika hinausreicht, als ungemein alt.
+Dieser Mangel an alter Ueberlieferung, der den jungen Völkern in den
+Vereinigten Staaten wie in den spanischen und portugiesischen Besitzungen
+eigen ist, verdient alle Beachtung. Er hat nicht nur etwas Peinliches für
+den Reisenden, der sich dadurch um den höchsten Genuß der Einbildungskraft
+gebracht sieht, er äußert auch seinen Einfluß auf die mehr oder minder
+starken Bande, die den Colonisten an den Boden fesseln, auf dem er wohnt,
+an die Gestalt der Felsen, die seine Hütte umgeben, an die Bäume, in deren
+Schatten seine Wiege gestanden.
+
+Bei den Alten, z. B. bei Phöniziern und Griechen, gingen Ueberlieferungen
+und geschichtliches Bewußtseyn des Volks vom Mutterland auf die Colonien
+über, erbten dort von Geschlecht zu Geschlecht fort und äußerten
+fortwährend den besten Einfluß auf Geist, Sitten und Politik der
+Ansiedler. Das Klima in jenen ersten Niederlassungen über dem Meere war
+vom Klima des Mutterlandes nicht sehr verschieden. Die Griechen in
+Kleinasien und aus Sicilien entfremdeten sich nicht den Einwohnern von
+Argos, Athen und Corinth, von denen abzustammen ihr Stolz war. Große
+Uebereinstimmuug in Sitte und Brauch that das ihrige dazu, eine Verbindung
+zu befestigen, die sich auf religiöse und politische Interessen gründete.
+Häufig opferten die Colonien die Erstlinge ihrer Ernten in den Tempeln der
+Mutterstädte, und wenn durch einen unheilvollen Zufall das heilige Feuer
+auf den Altären von Hestia erloschen war, so schickte man von hinten in
+Jonien nach Griechenland und ließ es aus den Prytaneen wieder holen.
+Ueberall, in Cyrenaica wie an den Ufern des Sees Mäotis, erhielten sich
+die alten Ueberlieserungen des Mutterlandes. Andere Erinnerungen, die
+gleich mächtig zur Einbildungskraft sprechen, hafteten an den Colonien
+selbst. Sie hatten ihre heiligen Haine, ihre Schutzgottheiten, ihren
+lokalen Mythenkreis; sie hatten, was den Dichtungen der frühesten
+Zeitalter Leben und Dauer verleiht, ihre Dichter, deren Ruhm selbst über
+das Mutterland Glanz verbreitete.
+
+Dieser und noch mancher andern Vortheile entbehren die heutigen
+Ansiedlungen. Die meisten wurden in einem Landstrich gegründet, wo Klima,
+Naturprodukte, der Anblick des Himmels und der Landschaft ganz anders sind
+als in Europa. Wenn auch der Ansiedler Bergen, Flüssen, Thälern Namen
+beilegt, die an vaterländische Landschaften erinnern, diese Namen
+verlieren bald ihren Reiz und sagen den nachkommenden Geschlechtern nichts
+mehr. In fremdartiger Naturumgebung erwachsen aus neuen Bedürfnissen
+andere Sitten; die geschichtlichen Erinnerungen verblassen allmählich, und
+die sich erhalten, knüpfen sich fortan gleich Phantasiegebilden weder an
+einen bestimmten Ort, noch an eine bestimmte Zeit. Der Ruhm Don Pelagio’s
+und des Cid Campeador ist bis in die Gebirge und Wälder Amerikas
+gedrungen; dem Volk kommen je zuweilen diese glorreichen Namen auf die
+Zunge, aber sie schweben seiner Seele vor wie Wesen aus einer idealen
+Welt, aus dem Dämmer der Fabelzeit.
+
+Der neue Himmel, das ganz veränderte Klima, die physische Beschaffenheit
+des Landes wirken weit stärker auf die gesellschaftlichen Zustände in den
+Colonien ein, als die gänzliche Trennung vom Mutterland. Die Schifffahrt
+hat im neuerer Zeit solche Fortschritte gemacht, daß die Mündungen des
+Orinoco und Rio de la Plata näher bei Spanien zu liegen scheinen, als
+einst der Phasis und Tartessus von den griechischen und phönicischen
+Küsten. Man kann auch die Bemerkung machen, daß sich in gleich weit von
+Europa entfernten Ländern Sitten und Ueberlieferungen desselben im
+gemäßigten Erdstrich und auf dem Rücken der Gebirge unter dem Aequator
+mehr erhalten haben, als in den Tiefländern der heißen Zone. Die
+Aehnlichkeit der Naturumgebung trägt in gewissem Grad dazu bei, innigere
+Beziehungen zwischen den Colonisten und dem Mutterland aufrecht zu
+erhalten. Dieser Einfluß physischer Ursachen auf die Zustände jugendlicher
+gesellschaftlicher Vereine tritt besonders auffallend hervor, wenn es sich
+von Gliedern desselben Volksstannnes handelt, die sich noch nicht lange
+getrennt haben. Durchreist man die neue Welt, so meint man überall da, wo
+das Klima den Anbau des Getreides gestattet, mehr Ueberlieferungen, einem
+lebendigeren Andenken an das Mutterlaud zu begegnen. In dieser Beziehung
+kommen Pennsylvanien, Neu-Mexico und Chili mit den hochgelegenen Plateaus
+von Quito und Neuspanien überein, die mit Eichen und Fichten bewachsen
+sind.
+
+Bei den Alten waren die Geschichte, die religiösen Vorstellungen und die
+physische Beschaffenheit des Landes durch unauslösliche Bande verknüpft.
+Um die Landschaften und die alten bürgerlichen Stürme des Mutterlandes zu
+vergessen, hätte der Ansiedler auch dem von seinen Voreltern überlieferten
+Götterglauben entsagen müssen. Bei den neueren Völkern hat die Religion,
+so zu sagen, keine Localfarbe mehr. Das Christenthum hat den Kreis der
+Vorstellungen erweitert, es hat alle Völker darauf hingewiesen, daß sie
+Glieder Einer Familie sind, aber eben damit hat es das Nationalgefühl
+geschwächt; es hat in beiden Welten die uralten Ueberlieferungen des
+Morgenlandes verbreitet, neben denen, die ihm eigenthümlich angehören.
+Völker von ganz verschiedener Herkunft und völlig abweichender Mundart
+haben damit gemeinschaftliche Erinnerungen erhalten, und wenn durch die
+Missionen in einem großen Theil des neuen Festlandes die Grundlagen der
+Cultur gelegt worden sind, so haben eben damit die christlichen
+kosmogonischen und religiösen Vorstellungen ein merkbares Uebergewicht
+über die rein nationalen Erinnerungen erhalten.
+
+Noch mehr: die amerikanischen Colonien sind fast durchaus in Ländern
+angelegt, wo die dahingegangenen Geschlechter kaum eine Spur ihres Daseyns
+hinterlassen haben. Nordwärts vom Rio Gila, an den Usern des Missouri, auf
+den Ebenen, die sich im Osten der Anden ausbreiten, gehen die
+Ueberlieferungen nicht über ein Jahrhundert hinauf. In Peru, in Guatimala
+und in Mexico sind allerdings Trümmer von Gebäuden, historische Malereien
+und Bildwerke Zeugen der alten Kultur der Eingeborenen; aber in einer
+ganzen Provinz findet man kaum ein paar Familien, die einen klaren Begriff
+von der Geschichte der Incas und der mexikanischen Fürsten haben. Der
+Eingeborene hat seine Sprache, seine Tracht und seinen Volkscharakter
+behalten; aber mit dem Aufhören des Gebrauches der Quippus und der
+symbolischen Malereien, durch die Einführung des Christentums und andere
+Umstände, die ich anderswo auseinander gesetzt, sind die geschichtlichen
+und religiösen Ueberlieferungen allmählich untergegangen. Andererseits
+sieht der Ansiedler von europäischer Abkunft verächtlich auf alles herab,
+was sich auf die unterworfenen Völker bezieht. Er sieht sich in die Mitte
+gestellt zwischen die frühere Geschichte des Mutterlandes und die seines
+Geburtslandes, und die eine ist ihm so gleichgültig wie die andere; in
+einem Klima, wo bei dem geringen Unterschied der Jahreszeiten der Ablauf
+der Jahre fast unmerklich wird, überläßt er sich ganz dem Genusses der
+Gegenwart und wirft selten einen Blick in Vergangene Zeiten.
+
+Aber auch welch ein Abstand zwischen der eintönigen Geschichte neuerer
+Niederlassungen und dem lebenvollen Bilde, das Gesetzgebung, Sitten und
+politische Stürme der alten Colonien darbieten! Ihre durch abweichende
+Regierungsformen verschieden gefärbte geistige Bildung machte nicht selten
+die Eifersucht der Mutterländer rege. Durch diesen glücklichen Wetteifer
+gelangten Kunst und Literatur in Jonien, Großgriechenland und Sicilien zur
+herrlichsten Entwicklung. Heutzutage dagegen haben die Colonien weder eine
+eigene Geschichte noch eine eigene Literatur. Die in der neuen Welt haben
+fast nie mächtige Nachbarn gehabt, und die gesellschaftlichen Zustände
+haben sich immer nur allgemach umgewandelt. Des politischen Lebens bar,
+haben diese Handels- und Ackerbaustaaten an den großen Welthändeln immer
+nur passiven Antheil genommen.
+
+Die Geschichte der neuen Kolonien hat nur zwei merkwürdige Ereignisse
+aufzuweisen, ihre Gründung und ihre Trennung vom Mutterlande. Da Erstere
+ist reich an Erinnerungen, die sich wesentlich an die von den Colonisten
+bewohnten Länder knüpfen; aber statt Bilder des friedlichen Fortschrittes
+des Gewerbefleißes und der Entwickelung der Gesetzgebung in den Kolonien
+vorzuführen, erzählt diese Geschichte nur von verübtem Unrecht und von
+Gewaltthaten. Welchen Reiz können jene außerordentlichen Zeiten haben, wo
+die Spanier unter Carls V. Regierung mehr Mut als sittliche Kraft
+entwickelten, und die ritterliche Ehre wie der kriegerische Ruhm durch
+Fanatismus und Golddurst befleckt wurden? Die Colonisten sind von sanfter
+Gemüthsart, sie sind durch ihre Lage den Nationalvorurtheilen enthoben,
+und so wissen sie die Thaten bei der Eroberung nach ihrem wahren Werthe zu
+schätzen. Die Männer, die sich damals ausgezeichnet, sind Europäer, sind
+Krieger des Mutterlandes. In den Augen des Colonisten sind sie Fremde,
+denn drei Jahrhunderte haben hingereicht, die Bande des Blutes aufzulösen.
+Unter den "Konquistadoren" waren sicher rechtschaffene und edle Männer,
+aber sie verschwinden in der Masse und konnten der allgemeinen Verdammnis
+nicht entgehen.
+
+Ich glaube hiermit die hauptsächlichsten Ursachen angegeben zu haben, aus
+denen in den heutigen Kolonien die Nationalerinnerungen sich verlieren,
+ohne daß andere, auf das nunmehr bewohnte Land sich beziehende, würdig in
+ihre Stelle träten. Dieser Umstand, wir können es nicht genug wiederholen,
+äußert einen bedeutenden Einfluß auf die ganze Lage der Ansiedler. In der
+stürmevollen Zeit einer staatlichen Wiedergeburt sehen sie sich auf sich
+selbst gestellt, und es ergeht ihnen, wie einem Volke, das es verschmähte,
+seine Geschichtsbücher zu befragen und aus den Unfällen vergangner
+Jahrhunderte Lehren der Weisheit zu schöpfen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 44 Die Mannschaft der Schaluppe wurde häufig von den Wellen durchnäßt;
+ wir wissen aber, daß unter dieser Breite die Temperatur des
+ Meerwassers nicht unter 23° seyn kann, und daß die durch Verdunstung
+ entstehende Abkühlung in Nächten, wo die Lufttemperaur selten über
+ 25° steigt, nur unbeträchtlich ist.
+
+ 45 "Welche Eiseskälte. Ich friere, als wäre ich auf dem Rücken der
+ Berge!" [Das provincielle Wort _emparamarse_ läßt sich nur durch
+ lange Umschreibung wiedergeben. _Paramo_, peruanisch _Puna_ ist ein
+ Name, den man auf allen Karten des spanischen Amerikas findet. Er
+ bedeutet in den Colonien weder eine Wüste noch eine »_lande_«,
+ sondern einen gebirgigen, mit verkrüppelten Bäumen bewachsenen, den
+ Winden ausgesetzten Landstrich, wo es beständig naßkalt ist. In der
+ heißen Zone liegen die Paramos gewöhnlich 1600–2000 Toisen hoch. Es
+ fällt häufig Schnee, der nur ein paar Stunden liegen bleibt; denn
+ man darf die Worte _Paramo_ und _Puna_ nicht, wie es den Geographen
+ häufig begegnet, mit dem Wort _Nevado_ peruanisch _Ritticapa_
+ verwechseln, was einen zur Linie des ewigen Schnees emporragenden
+ Berg bedeutet. Diese Begriffe sind für die Geologie und die
+ Pflanzengeographie sehr wichtig, weil man in Ländern, wo noch kein
+ Berggipfel gemessen ist, eine richtige Vorstellung von der
+ *geringsten Höhe* erhält, zu der sich die Cordilleren erheben, wenn
+ man die Worte _Paramo_ und _Nevado_ aussucht. Da die Paramos fast
+ beständig in kalten, dichten Nebel gehüllt sind, so sagt das Volk in
+ Santa Fe und Mexico: _cae un paramito_, wenn ein feiner Regen fällt
+ und die Lufttemperatur bedeutend abnimmt. Aus _Paramo_ hat man
+ _emparamarse_ gemacht, d. h. frieren, als wäre man auf dem Rücken
+ der Anden.
+
+ 46 Mit Ausnahme der Binnenmeere und der Länder, wo sich Polargletscher
+ bilden. Dieses Sichgleichbleiben des Salzgehaltes des Meeres
+ erinnert an die noch weit größere Gleichförmigkeit der Vertheilnng
+ des Sauerstoffs im Luftmeer. In beiden Elementen wird das
+ Gleichgewicht in der Lösung oder im Gemenge durch Strömungen
+ hergestellt und erhalten.
+
+ 47 »_Insularum Cubaguae et Coches quondam fuit dignitos, quum unionum
+ captura floreret, nunc, illa deficiente, obscura admodum fama_«
+ Laet. Nov. Orbis, p. 669. Dieser sorgfältige Compilater sagt, wo er
+ von der Punta Araya spricht, weiter, das Land sey dergestalt in
+ Vergessenheit gerathen, »_ut vix ulla alia Americae meridionalis
+ pars hodie obscurior sit_«
+
+ 48 Es wundert mich, auf unsern Reisen nirgends gehört zu haben, daß in
+ Südamerika Perlen in Süßwassermuscheln gefunden worden wären, und
+ doch kommen manche Arten der Gattung _Unio_ in den peruanischen
+ Flüssen in großer Menge vor.
+
+
+
+
+
+SECHSTES KAPITEL
+
+
+ Die Berge von Neuandalusien — Das Tal von Cumanacoa — Der Gipfel
+ des Cocollar — Missionen der Chaymasindianer
+
+
+Unserem ersten Ausflug auf die Halbinsel Araya folgte bald ein zweiter und
+lehrreicherer ins Innere des Gebirges zu den Missionen der
+Chaymasindianer. Gegenstände von mannigfaltiger Anziehungskraft sollten
+uns dort in Anspruch nehmen. Wir betraten jetzt ein mit Wäldern bedecktes
+Land; wir sollten ein Kloster besuchen, das im Schatten von Palmen und
+Baumfarnen in einem engen Thale liegt, wo man, mitten im heißen Erdstrich,
+köstliche Kühle genießt. In den benachbarten Bergen gibt es dort Höhlen,
+welchen von Tausenden von Nachtvögeln bewohnt sind, und was noch
+lebendiger zur Einbildungskraft spricht als alle Wunder der physischen
+Welt, jenseits dieser Berge lebt ein vor Kurzem noch nomadisches Volk,
+kaum aus dem Naturzustande getreten, wild, jedoch nicht barbarisch,
+geistesbeschränkt, nicht weil es lange versunken war, sondern weil es eben
+nichts weiß. Zu diesen so mächtig anziehenden Gegenständen kamen noch
+geschichtliche Erinnerungen. Am Vorgebirge Paria sah Kolumbus zuerst das
+Festland; hier laufen die Täler aus, die bald von den kriegerischen,
+menschenfressenden Caraiben, bald von den zivilisierten Handelsvölkern
+Europas verwüstet wurden. Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wurden
+die unglücklichen Einwohner auf den Küsten von Carupano, Macarapas und
+Caracas behandelt, wie zu unsrer Zeit die Einwohner der Küste von Guinea.
+Bereits wurden die Antillen angebaut und man führte dort die Gewächse der
+Alten Welt ein; aber in Terra Firma kam es lange zu keienr ordentlichen
+und planmäßigen Niederlassung. Die Spanier besuchten die Küste nur, um
+sich mit Gewalt oder im Tauschhandel Sklaven, Perlen, Goldkörner und
+Farbholz zu verschaffen. Durch den Schein gewaltigen Religionseifers
+meinte man diese unersättliche Habsucht in eine höhere Sphäre zu heben. So
+hat jedes Jahrhundert seine eigene geistige und sittliche Farbe.
+
+Der Handel mit den kupferfarbigen Eingebornen führte zu denselben
+Unmenschlichkeiten wie der Negerhandel; er hatte auch dieselben Folgen,
+Sieger und Unterworfene verwilderten dadurch. Von Stunde an wurden die
+Kriege unter den Eingeborenen häufiger; die Gefangenen wurden aus dem
+innern Lande an die Küste geschleppt und an die Weißen verkauft, die sie
+auf ihren Schiffen fesselten. Und doch waren die Spanier damals und noch
+lange nachher eines der civilisirtesten Völker Europas. Ein Abglanz der
+Herrlichkeit, in der in Italien Kunst und Literatur blühten, hatte sich
+über alle Völker verbreitet, deren Sprache dieselbe Quelle hat wie die
+Sprache Dantes und Petrarcas. Man sollte glauben, in dieser mächtigen
+geistigen Entwicklung, bei solch erhabenem Schwung der Einbildungskraft
+hätten sich die Sitten sänftigen müssen. Aber jenseits der Meere, überall,
+wo der Golddurst zum Mißbrauch der Gewalt führt, haben die europäischen
+Völker in allen Abschnitten der Geschichte denselben Charakter entwickelt.
+Das herrliche Jahrhundert Leos X. trat in der neuen Welt mit einer
+Grausamkeit auf, wie man sie nur den finstersten Jahrhunderten zutrauen
+sollte. Man wundert sich aber nicht so sehr über das entsetzliche Bild der
+Eroberung von Amerika, wenn man daran denkt, was trotz der Segnungen einer
+menschlicheren Gesetzgebung noch jetzt auf den Westküsten von Afrika
+vorgeht.
+
+Der Sklavenhandel hatte dank den von Karl V. zur Geltung gebrachten
+Gundsätzen auf Terra Firma längst aufgehört; aber die Conquistadoren
+setzten ihre Streifzüge ins Land fort, und damit den kleinen Krieg, der
+die amerikanische Bevölkerung herabbrachte, dem Nationalhaß immer frische
+Nahrung gab, auf lange Zeit die Keime der Cultur erstickte. Es war Pflicht
+der Religion, daß sie der Menschheit einigen Trost brachte für die Greuel,
+die in iherem Namen verübt worden; sie führte für die Eingeborenen das
+Wort vor dem Richterstuhl der Könige, sie widersetzte sich den
+Gewalttätigkeiten der Pfründeninhaber, sie vereinigte umherziehende Stämme
+zu den kleinen Gemeinden, die man *Missionen* nennt und die der
+Entwickelung des Ackerbaues Vorschub leisten. So haben sich allmählich,
+aber in gleichförmiger, planmäßiger Entwicklung jene großen mönchischen
+Niederlassungen gebildet, jenes merkwürdige Regiment, das immer darauf
+hinausgeht, sich abzuschließen, und Länder, die vier und fünfmal größer
+sind als Frankreich, den Mönchsorden unterwirft.
+
+Einrichtungen, die trefflich dazu dienten, dem Blutvergießen Einhalt zu
+thun und den ersten Grund zur gesellschaftlichen Entwicklung zu legen,
+sind in der Folge dem Fortschritt derselben hindelich geworden. Die
+Abschließung hatte zur Folge, daß die Indianer so ziemlich blieben, was
+sie waren, als ihre zerstreuten Hütten noch nicht um das Haus des
+Missionars beisammen lagen. Ihre Zahl hat ansehnlich zugenommen,
+keineswegs aber ihr geistiger Gesichtskreis.
+
+Sie haben mehr und mehr von der Charakterstärke und der natürlichen
+Lebendigkeit eingebüßt, die aus allen Stufen menschlicher Entwicklung die
+edlen Früchte der Unabhängigkeit sind. Man hat Alles bei ihnen, sogar die
+unbedeutendsten Verrichtungen des häuslichen Lebens, der unabänderlichen
+Regel unterworfen, und so hat man sie gehorsam gemacht, zugleich aber auch
+dumm. Ihr Lebensunterhalt ist meist gesicherter, ihre Sitten sind milder
+geworden; aber der Zwang und das trübselige Einerlei des Missionsregiments
+lastet auf ihnen und ihr düsteres, verschlossenes Wesen verräth, wie
+ungern sie die Freiheit der Ruhe zum Opfer gebracht haben. Die Mönchszucht
+innerhalb der Klostermauern entzieht zwar dem Staate nützliche Bürger,
+indessen mag sie immerhin hie und da Leidenschaften zur Ruhe bringen,
+große Schmerzen lindern, der geistigen Vertiefung förderlich seyn; aber in
+die Wildnisse der neuen Welt verpflanzt, auf alle Beziehungen des
+bürgerlichen Lebens angewendet, muß sie desto verderblicher wirken, je
+länger sie andauert. Sie hält von Geschlecht zu Geschlecht die geistige
+Entwicklung nieder, sie hemmt den Verkehr unter den Völkern, sie weist
+Alles ab, was die Seele erhebt und den Vorstellungskreis erweitert. Aus
+allen diesen Ursachen zusammen verharren die Indianer in den Missionen in
+einem Zustand von Uncultur, der Stillstand heißen müßte, wenn nicht auch
+die menschlichen Vereine denselben Gesetzen gehorchten, wie die
+Entwicklung des menschlichen Geistes überhaupt, wenn sie nicht
+Rückschritte machten, eben weil sie nicht fortschreiten.
+
+Am 4. September um 5 Uhr morgens brachen wir zu unserem Ausflug zu den
+Chaymas-Indianern und in die hohe Gebirgsgruppe von Neu-Andalusien auf.
+Man hatte uns geraten, wegen der sehr beschwerlichen Wege unser Gepäck
+möglichst zu beschränken. Zwei Lasttiere reichten auch hin, unseren
+Mundvorrat, unsere Instrumente und das nötige Papier zum Pflanzentrocknen
+zu tragen. In derselben Kiste waren ein Sextant, ein Inclinationscompaß,
+ein Apparat zur Ermittlung der magnetischen Declination, Thermometer und
+ein Saussure’scher Hygrometer. Auf diese Jnstrumente beschränkten wir uns
+bei kleineren Ausflügen immer. Mit dem Barometer mußte noch vorsichtiger
+umgegangen werden, als mit dem Chronometer, und ich bemerke hier, daß kein
+Instrument dem Reisenden mehr Last und Sorge macht. Wir ließen ihn in den
+fünf Jahren von einem Führer tragen, der uns zu Fuß begleitete, aber
+selbst diese ziemlich kostspielige Vorsicht schützte ihn nicht immer vor
+Beschädigung. Nachdem wir die Zeiten von Ebbe und Fluth im Luftmeere genau
+beobachtet, das heißt die Stunden, zu denen der Barometer unter den Tropen
+täglich regelmäßig steigt und fällt, sahen wir ein, daß wir das Relief des
+Landes mittelst des Barometers würden aufnehmen können, ohne
+correspondirende Beobachtungen in Cumana zu Hülfe zu nehmen. Die größten
+Schwankungen im Luftdruck betragen in diesem Klima an der Küste nur
+1–1,3 Linien, und hat man ein einziges mal, an welchem Ort und zu welcher
+Stunde es sey, die Quecksilberhöhe beobachtet, so lassen sich mit
+ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Abweichungen von diesem Stand das ganze
+Jahr hindurch und zu allen Stunden des Tages und der Nacht angeben. Es
+ergibt sich daraus, daß im heißen Erdstrich durch den Mangel an
+correspondirenden Beobachtungen nicht leicht Fehler entstehen können, die
+mehr als 12–15 Toisen ausmachen, was wenig zu bedeuten hat, wenn es sich
+von geologischen Aufnahmen, oder vom Einfluß der Höhe auf das Klima und
+die Vertheilung der Gewächse handelt.
+
+Der Morgen war köstlich kühl. Der Weg oder vielmehr der Fußpfad nach
+Cumanacoa führt am rechten Ufer des Manzanares hin über das
+Kapuzinerhospiz, das in einem kleinen Gehölze von Gayacbäumen und
+baumartigen Capparis liegt. Nachdem wir von Cumana aufgebrochen, hatten
+wir auf dem Hügel von San Francisco in der kurzen Morgendämmerung eine
+weite Aussicht über die See, über die mit goldgelb blühender Bava
+[_Zygophyllum arboreum, Jacq._] bedeckte Ebene und die Berge des
+Brigantin. Es fiel uns auf, wie nahe uns die Cordillere gerückt schien,
+bevor die Scheibe der ausgehenden Sonne den Horizont erreicht hatte. Das
+Blau der Berggipfel ist dunkler, ihre Umrisse erscheinen schärfer, ihre
+Massen treten deutlicher hervor, so lange nicht die Durchsichtigkeit der
+Luft durch die Dünste beeinträchtigt wird, die Nachts in den Thälern
+lagern und im Maaße, als die Luft sich zu erwärmen beginnt, in die Höhe
+steigen.
+
+Beim Hospiz Divina Pastora wendet sich der Weg nach Nordost und läuft zwei
+Meilen über einen baumlosen Landstrich, der früher Seeboden war. Man
+findet hier nicht nur Cactus, Büsche des cistusblätterigen Tribulus und
+die schöne purpurfarbige Euphorbie, die in Havana unter dem seltsamen
+Namen _Dictamno real_ gezogen wird, sondern auch _Aviceunia_, _Allionia_,
+_Peruvium_, _Thalinum_ und die meisten Portulaceen, die am Golf von
+Cariaco vorkommen. Diese geographische Vertheilung der Gewächse weist, wie
+es scheint, auf den Umriß der alten Küste hin und spricht dafür, daß, wie
+oben bemerkt worden, die Hügel, an deren Südabhang wir hinzogen, einst
+eine durch einen Meeresarm vom Festland getrennte Insel bildeten.
+
+Nach zwei Stunden Weges gelangten wir an den Fuß der hohen Bergkette im
+Inneren, die vom Brigantin bis zum Cerro de San Lorenzo von Ost nach West
+streicht. Hier beginnen neue Gebirgsarten und damit ein anderer Habitus
+des Pflanzenwuchses. Alles erhält einen großartigeren, malerischeren
+Charakter. Der quellenreiche Boden ist nach allen Richtungen von
+Wasserfäden durchzogen. Bäume von riesiger Höhe, mit Schlinggewächsen
+bedeckt, steigen aus den Schluchten empor; ihre schwarze, von der
+Sonnengluth und vom Sauerstoff der Luft verbrannte Rinde sticht ab vom
+frischen Grün der Pothos und der Dracontien, deren lederartige glänzende
+Blätter nicht selten mehrere Fuß lang sind. Es ist nicht anders, als ob
+unter den Tropen die parasitischen Monocotyledonen die Stelle des Mooses
+und der Flechten unserer nördlichen Landstriche verträten. Je weiter wir
+kamen, desto mehr erinnerten uns die Gesteinmassen sowohl nach Gestalt als
+Gruppierung an Schweizer und Tiroler Landschaften. In diesen
+amerikanischen Alpen wachsen noch in bedeutenden Höhen Helikonien,
+Cosstus, Maranta und andere Pflanzen aus der Familie der Canna-Arten, die
+in der Nähe der Küste nur niedrige, feuchte Orte aufsuchen. So kommt es,
+daß die heiße Erdzone und das nördliche Europa die interessante
+Eigentümlichkeit gemein haben, daß in einer beständig mit Wasserdampf
+erfüllten Luft, wie auf einem vom schmelzenden Schnee durchfeuchteten
+Boden die Vegetation in den Gebirgen ganz den Charakter einer
+Sumpfvegetation zeigt.
+
+Wir kamen in der Schlucht los Frailes und zwischen Cuesta de Caneyes und
+dem Rio Guriental an Hütten vorbei, die von Mestizen bewohnt sind. Jede
+Hütte liegt mitten in einem Gehege, das Bananenbäume, Melonenbäume,
+Zuckerrohr und Mais einfriedigt. Man müßte sich wundern, wie klein diese
+Flecke urbar gemachten Landes sind, wenn man nicht bedächte, daß ein mit
+Pisang angepflanzter Morgen Landes gegen zwanzigmal mehr Nahrungsstoff
+liefert, als die gleiche mit Getreide bestellte Fläche. In Europa bedecken
+unsere nahrhaften Grasarten, Weizen, Gerste, Roggen, weite Landstrecken;
+überall, wo die Völker sich von Cerealien nähren, stoßen die bebauten
+Grundstücke nothwendig an einander. Anders in der heißen Zone, wo der
+Mensch sich Gewächse aneignen konnte, die ihm weit reichere und frühere
+Ernten liefern. In diesen gesegneten Landstrichen entspricht die
+unermeßliche Fruchtbarkeit des Bodens der Gluthhitze und der Feuchtigkeit
+der Lust. Ein kleines Stück Boden, auf dem Bananenbäume, Manioc, Yams und
+Mais stehen, ernährt reichlich eine zahlreiche Bevölkerung. Daß die Hütten
+einsam im Walde zerstreut liegen, wird für den Reisenden ein Merkmal der
+Ueberfülle der Natur; oft reicht ein ganz kleiner Fleck urbaren Landes für
+den Bedarf mehrerer Familien hin.
+
+Diese Betrachtungen über den Ackerbau in heißen Landstrichen erinnern von
+selbst daran, welch inniger Verband zwischen dem Umfang des urbar
+gemachten Landes und dem gesellschaftlichen Fortschritt besteht. So groß
+die Fülle der Lebensmittel ist, die dieser Reichthum des Bodens, die
+strotzende Kraft der organischen Natur hervorbringt, dennoch wird die
+Culturentwicklung der Völker dadurch niedergehalten. In einem milden,
+gleichförmigen Klima kennt der Mensch kein anderes dringendes Bedürfniß
+als das der Nahrung. Nur wenn dieses Bedürfniß sich geltend macht, fühlt
+er sich zur Arbeit getrieben, und man sieht leicht ein, warum sich im
+Schooße des Ueberflusses, im Schatten von Bananen- und Brodfruchtbäumen,
+die Geistesfähigkeiten nicht so rasch entwickeln als unter einem strengen
+Himmel, in der Region der Getreidearten, wo unser Geschlecht in ewigem
+Kampf mit den Elementen liegt. Wirft man einen Blick auf die von
+ackerbautreibenden Völkern bewohnten Länder, so sieht man, daß die
+bebauten Grundstücke durch Wald von einander getrennt bleiben oder
+unmittelbar an einander stoßen, und daß solches nicht nur von der Höhe der
+Bevölkerung, sondern auch von der Wahl der Nahrungsgewächse bedingt wird.
+In Europa schätzen wir die Zahl der Einwohner nach der Ausdehnung des
+urbaren Landes; unter den Tropen dagegen, im heißesten und feuchtesten
+Striche von Südamerika, scheinen sehr stark bevölkerte Provinzen beinahe
+wüste zu liegen, weil der Mensch zu seinem Lebensunterhalt nur wenige
+Morgen bebaut.
+
+Diese Umstände, die alle Aufmerksamkeit verdienen, geben sowohl der
+physischen Gestaltung des Landes als dem Charakter der Bewohner ein
+eigenes Gepräge; beide erhalten dadurch in ihrem ganzen Wesen etwas
+Wildes, Rohes, wie es zu einer Natur paßt, deren ursprüngliche
+Physiognomie durch die Kunst noch nicht verwischt ist. Ohne Nachbarn, fast
+ohne allen Verkehr mit Menschen, erscheint jede Ansiederfamilie wie ein
+vereinzelter Volksstamm. Diese Vereinzelung hemmt den Fortschritt der
+Kultur, die sich nur in dem Maaß entwickeln kann, als der Menschenverein
+zahlreicher wird und die Bande zwischen den einzelnen sich fester knüpfen
+und vervielfältigen; die Einsamkeit entwickelt aber auch und stärkt im
+Menschen das Gefühl der Unabhängigkeit und Freiheit; sie nährt jenen
+Stolz, der von jeher die Völker von castilianischem Blute ausgezeichnet
+hat.
+
+Dieselben Ursachen, deren mächtiger Einfluß uns weiterhin noch oft
+beschäftigen wird, haben zur Folge, daß dem Boden, selbst in den am
+stärksten bevölkerten Ländern des tropischen Amerika, der Anstrich von
+Wildheit erhalten bleibt, der in gemäßigten Klimaten sich durch den
+Getreidebau verliert. Unter den Tropen nehmen die ackerbauenden Völker
+weniger Raum ein; die Herrschaft des Menschen reicht nicht so weit; er
+tritt nicht als unumschränkter Gebieter auf, der die Bodenoberfläche nach
+Gefallen modelt, sondern wie ein flüchtiger Gast, der in Ruhe des Segens
+der Natur genießt. In der Umgegend der volkreichsten Städte starrt der
+Boden noch immer von Wäldern oder ist mit einem dichten Pflanzenfilz
+überzogen, den niemals eine Pflugschar zerrissen hat. Die wildwachsenden
+Pflanzen beherrschen noch durch ihre Masse die angebauten Gewächse und
+bestimmen allein den Charakter der Landschaft. Allem Vermuthen nach wird
+dieser Zustand nur äußerst langsam einem andern Platz machen. Wenn in
+unsern gemäßigten Landstrichen es besonders der Getreidebau ist, der dem
+urbaren Lande einen so trübselig eintönigen Anstrich gibt, so erhält sich,
+aller Wahrscheinlichkeit nach, in der heißen Zone selbst bei zunehmender
+Bevölkerung die Großartigkeit der Pflanzengestalten, das Gepräge einer
+jungfräulichen, ungezähmten Natur, wodurch diese so unendlich anziehend
+und malerisch wird. So werden denn, in Folge einer merkwürdigen
+Verknüpfung physischer und moralischer Ursachen, durch Wahl und Ertrag der
+Nahrungsgewächse drei wichtige Momente vorzugsweise bestimmt: das
+gesellige Beisammenleben der Familien oder ihre Vereinzelung, der raschere
+oder langsamere Fortschritt der Cultur, und die Physiognomie der
+Landschaft.
+
+Je tiefer wir in den Wald hineinkamen, desto mehr zeigte uns das
+Barometer, daß der Boden mehr anstieg. Die Baumstämme boten uns hier einen
+ganz eigenen Anblick; eine Grasart mit quirlförmigen Zweigen klettert,
+gleich einer Liane, acht, zehn Fuß [2,6 bis 3,25 m hoch] und bildet über
+dem Wege Gewinde, die sich im Luftzuge schaukeln. Gegen drei Uhr
+nachmittags hielten wir auf einer kleinen Hochebene an, *Quetepe* genannt,
+die etwa 190 Toisen [370 m] über dem Meere liegt. Es stehen hier einige
+Hütten an einer Quelle, deren Wasser bei den Eingeborenen als sehr kühl
+und gesund berühmt ist. Wir fanden das Wasser wirklich ausgezeichnet; es
+zeigte 22,5° der hundertteiligen Scale (18° R.), während das Thermometer
+an der Luft auf 28,7° stand. Die Quellen, die von benachbarten höheren
+Bergen herabkommen, geben häufig eine zu rasche Abnahme der Luftwärme an.
+Nimmt man als mittlere Temperatur des Wassers an der Küste von Cumana 26°
+an, so folgt daraus, wenn nicht andere lokale Ursachen auf die Temperatur
+der Quellen Einfluß äußern, daß die Quelle von Quetepe sich erst in mehr
+als 350 Toifen absoluter Höhe so bedeutend abkühlt. Da hier von Quellen
+die Rede ist, die in der heißen Zone in der Ebene oder in unbedeutender
+Höhe zu Tage kommen, so sey bemerkt, daß nur in Ländern, wo die mittlere
+Sommertemperatur von der durchschnittlichen des ganzen Jahres bedeutend
+abweicht, die Einwohner in der heißesten Jahreszeit sehr kaltes
+Quellwasser trinken können. Die Lappen bei Umeo und Sörsele, unter dem 65.
+Breitegrad, erfrischen sich an Quellen, deren Temperatur im August kaum
+2 bis 3 Grad über dem Frierpunkt steht, während bei Tage die Luftwärme im
+Schatten auf 26 oder 27 Grad steigt. In unsern gemäßigten Landstrichen, in
+Frankreich und Deutschland, ist der Abstand zwischen der Luft und den
+Quellen niemals über 16–17 Grad, und unter den Tropen steigt er selten auf
+6–7 Grad. Man gibt sich leicht Rechenschaft von diesen Erscheinungen, wenn
+man weiß, daß die Temperatur in der Tiefe des Bodens und die der
+unterirdischen Quellen fast ganz übereinkonnnt mit der mittleren
+Jahrestemperatur der Luft, und daß diese von der mittleren Sommerwärme
+desto mehr abweicht, je mehr man sich vom Aequator entfernt. — Die
+magnetische Inclination war in Quetepe 40°,7 der hunderttheiligen Scale,
+der Cyanometer gab das Blau des Himmels im Zenith nur zu 84° an, ohne
+Zweifel weil die Regenzeit seit mehreren Tagen begonnen und die Luft
+bereits Wasserdunst aufgenommen hatte.
+
+Auf einem Sandsteinhügel über der Quelle hatten wir eine prachtvolle
+Aussicht auf das Meer, das Vorgebirge Macanao und die Halbinsel
+Maniquarez. Ein ungeheurer Wald breitete sich zu unseren Füßen bis zum
+Ocean hinab; die Baumwipfel, mit Lianen behangen, mit langen
+Blüthenbüscheln gekrönt, bildeten einen ungeheuren grünen Teppich, dessen
+tiefdunkle Färbung das Licht in der Luft noch glänzender erscheinen ließ.
+Dieser Anblick ergriff uns um so mehr, da uns hier zum erstenmal die
+Vegetation der Tropen in ihrer Massenhaftigkeit entgegentrat. Auf dem
+Hügel von Quetepe, unter den Stämmen von _Malpighia corolloboefolia_ mit
+stark lederartigen Blättern, in Gebüschen von _Polygala montana_, brachen
+wir die ersten Melastomen, namentlich die schöne Art, die unter dem Namen
+_Melastoma rufescens_ beschrieben worden. Dieser Aussichtspunkt wird uns
+lange in Gedächtnis bleiben; der Reisende behält die Orte lieb, wo er
+zuerst ein Pflanzengeschlecht angetroffen, das er bis dahin nie wild
+wachsend gesehen.
+
+Weiter gegen Südwest wird der Boden dürr und sandig; wir erstiegen eine
+ziemlich hohe Berggruppe, welche die Küste von den großen Ebenen oder
+Savannen an den Ufern des Orinoko trennt. Der Teil dieser Berggruppe,
+durch den der Weg nach Cumanacoa läuft, ist pflanzenlos und fällt gegen
+Nord und Süd steil ab. Er führt den Namen *Imposible*, weil man meint, bei
+einer feindlichen Landung würden die Einwohner von Cumana auf diesem
+Gebirgskamm eine Zufluchtsstätte finden. Wir kamen kurz vor
+Sonnenuntergang auf dem Gipfel an, und ich konnte eben noch ein paar
+Stundenwinkel aufnehmen, um mittelst des Chronometers die Länge des Orts
+zu bestimmen.
+
+Die Aussicht auf dem Imposible ist noch schöner und weiter als auf der
+Ebene Quetepe. Deutlich konnten wir mit bloßem Auge den abgestutzten
+Gipfel des Brigantin, dessen geographische Lage genau zu kennen so wichtig
+wäre, den Landungsplatz und die Rhede von Cumana sehen. Die Felsenküste
+von Araya lag nach ihrer ganzen Länge vor uns. Besonders fiel uns die
+merkwürdige Bildung eines Hafens auf, den man _Laguna grande_ oder _Laguna
+de Obispo_ nennt. Ein weites, von hohen Bergen umgebenes Becken steht
+durch einen schmalen Canal, durch den nur Ein Schiff fahren kann, mit dem
+Meerbusen von Cariaco in Verbindung. In diesem Hafen, den Fidalgo genau
+aufgenommen hat, könnten mehrere Geschwader neben einander ankern. Es ist
+ein völlig einsamer Ort, den nur einmal im Jahr die Fahrzeuge besuchen,
+welche Maulthiere nach den Antillen bringen. Hinten in der Bucht liegen
+einige Weiden. Unser Blick verfolgte die Windungen des Meeresarms, der
+sich wie ein Fluß durch senkrechte, kahle Felsen sein Bett gegraben hat.
+Dieser merkwürdige Anblick erinnert an die phantastische Landschaft, die
+Leonardo da Vinci aus dem Hintergrund seines berühmten Bildnisses der
+Joconda [Mona Lisa, Gattin des Francesco del Gioconde] angebracht hat.
+
+Wir konnten mit dem Chronometer den Moment beobachten, in dem die
+Sonnenscheibe den Meereshorizont berührte. Die erste Berührung fand statt
+um 6 Uhr 8 Minuten 13 Secunden, die zweite um 6 Uhr 10 Min. 26 Sec.
+mittlere Zeit. Diese Beobachtung, die für die Theorie der irdischen
+Strahlenbrechung nicht ohne Belang ist, wurde auf dem Gipfel des Berges in
+296 Toisen absoluter Höhe angestellt. Mit dem Untergang der Sonne trat
+eine sehr rasche Abkühlung der Luft ein. Drei Minuten nach der letzten
+scheinbaren Berührung der Scheibe mit dem Meereshorizont fiel das
+Thermometer plötzlich von 25,2° auf 21,3°. Wurde diese auffallende
+Abkühlung etwa durch einen aufsteigenden Strom bewirkt? Die Luft war
+indessen ruhig und kein wagrechter Luftzug zu bemerken.
+
+Die Nacht brachten wir in einem Hause zu, wo ein Militärposten von acht
+Mann unter einem spanischen Unteroffizier liegt. Es ist ein Hospiz, das
+neben einem Pulvermagazin liegt und wo der Reisende alle Bequemlichkeit
+findet. Dasselbe Commando bleibt fünf bis sechs Monate lang auf dem Berg.
+Man nimmt dazu vorzugsweise Soldaten, die *Chacras* oder Pflanzungen in
+der Gegend haben. Als nach der Einnahme der Insel Trinidad durch die
+Engländer im Jahr 1797 der Stadt Cumana ein Angriff drohte, flüchteten
+sich viele Einwohner nach Cumanacoa und brachten ihre werthvollste Habe in
+Schuppen unter, die man in der Eile auf dem Gipfel des Imposible
+aufgeschlagen. Man war entschlossen, bei einem plötzlichen feindlichen
+Ueberfall nach kurzem Widerstand das Schloß San Antonio aufzugeben und die
+ganze Kriegsmacht der Provinz um den Berg zusammenzuziehen, der als der
+Schlüssel der Llanos anzusehen ist. Die kriegerischen Ereignisse, deren
+Schauplatz nach der seitdem eingetretenen politischen Umwälzung diese
+Gegend wurde, haben bewiesen, wie richtig jener erste Plan berechnet war.
+
+Der Gipfel des Imposible ist, soweit meine Beobachtung reicht, mit einem
+quarzigen, versteinerungslosen Sandstein bedeckt. Die Schichten desselben
+streichen hier wie auf dem Rücken der benachbarten Berge ziemlich
+regelmäßig von Nord-Nord-Ost nach Süd-Süd-West. Diese Richtung ist auch im
+Urgebirge der Halbinsel Araya und längs der Küste von Venezuela die
+häufigste. Am nördlichen Abhang des Imposible, bei Peñas Negras, kommt aus
+dem Sandstein, der mit Schieferthon wechsellagert, eine starke Quelle zu
+Tag. Man sieht an diesem Punkt von Nordwest nach Südost streichende,
+zerbrochene, fast senkrecht ausgerichtete Schichten.
+
+Die Llaneros, das heißt die Bewohner der Ebenen, schicken ihre Produkte,
+namentlich Mais, Leder und Vieh über den Imposible in den Hafen von
+Cumana. Wir sahen rasch hintereinander Indianer oder Mulatten mit
+Maulthieren ankommen. Der einsame Ort erinnerte mich lebhaft an die
+Nächte, die ich oben auf dem St. Gotthard zugebracht. Es brannte an
+mehreren Stellen in den weiten Waldungen um den Berg. Die röthlichen, halb
+in ungeheure Rauchwolken gehüllten Flammen gewährten das großartigste
+Schauspiel. Die Einwohner zünden die Wälder an, um die Weiden zu
+verbessern und das Unterholz zu vertilgen, unter dem das Gras erstickt,
+das hierzulande schon selten genug ist. Häufig entstehen auch ungeheure
+Waldbrände durch die Unvorsichtigkeit der Indianer, die auf ihren Zügen
+die Feuer, an denen sie gekocht haben, nicht auslöschen. Durch diese
+Zufälle sind auf dem Wege von Cumana nach Cumanacoa die alten Bäume
+seltener geworden; und die Einwohner machen die richtige Bemerkung, daß an
+verschiedenen Orten der Provinz die Trockenheit zugenommen habe, nicht
+allein weil der Boden durch die vielen Erdbeben von Jahr zu Jahr mehr
+zerklüftet wird, sondern auch weil er nicht mehr so stark bewaldet ist wie
+zur Zeit der Eroberung.
+
+Ich stand Nachts auf, um die Breite des Orts nach dem Durchgang Fomahaults
+durch den Meridian zu bestimmen. Es war Mitternacht; ich starrte vor
+Kälte, wie unser Führer, und doch stand der Thermometer noch auf 19°,7
+(15° R.). In Cumana sah ich ihn nie unter 21° fallen; aber das Haus auf
+dem Imposible, in dem wir die Nacht zubrachten, lag auch 258 Toisen über
+dem Meeresspiegel. Bei der Casa de la Polvora beobachtete ich die
+Inclination der Magnetnadel; sie war gleich 40°,5. Die Zahl der
+Schwingungen in zehn Minuten Zeit betrug 233; die Intensität der
+magnetischen Kraft hatte somit zwischen der Küste und dem Berg zugenommen,
+was vielleicht von eisenschüssigem Gestein herrührte, das die auf dem
+Alpenkalk gelagerten Sandsteinschichten enthalten mochten.
+
+Am 5. September vor Sonnenaufgang brachen wir vom Imposible auf. Der Weg
+abwärts ist für Lasttiere sehr gefährlich; der Pfad ist meist nur 15 Zoll
+[40 cm] breit und läuft beiderseits an Abgründen hin. Im Jahr 1797 hatte
+man sehr zweckmäßig beschlossen, von St. Fernando bis an den Berg eine
+gute Straße anzulegen. Die Straße war sogar zu einem Drittheil bereits
+fertig; leider hatte man damit in der Ebene am Fuß des Imposible begonnen,
+und das schwierigste Stück des Wegs wurde gar nicht in Angriff genommen.
+Die Arbeit gerieth aus einer der Ursachen ins Stocken, aus denen aus allen
+Fortschrittsprojekten in den spanischen Colonien nichts wird. Verschiedene
+Civilbehörden nahmen das Recht in Anspruch, die Arbeit mit zu leiten. Das
+Volk bezahlte geduldig den Zoll für einen Weg, der gar nicht da war, bis
+der Statthalter von Cumana den Mißbrauch abstellte.
+
+Wenn man vom Imposible herabkommt, sieht man den Alpenkalk unter dem
+Sandstein wieder zum Vorschein kommen. Da die Schichten meist nach Süd und
+Südost fallen, so kommen am Südabhang des Berges sehr viele Quellen zu
+Tag. In der Regenzeit werden diese Quellen zu reißenden Bergströmen, die
+im Schatten von Hura, Cuspa und Cecropia mit silberglänzenden Blättern
+niederstürzen.
+
+Die *Cuspa*, die in der Umgegend von Cumana und Bordones ziemlich häufig
+vorkommt, ist ein den europäischen Botanikern noch unbekannter Baum. Er
+diente lange nur als Bauholz uns seit dem Jahre 1797 unter dem Namen
+Cascarilla oder Quinquina von Neuandalusien berühmt geworden. Sein Stamm
+wird kaum 15 bis 20 Fuß [5 bis 6,5 m] hoch; seine wechselständigen Blätter
+sind glatt, ganzrandig, eiförmig. Seine sehr dünne, blaßgelbe Rinde ist
+ein ausgezeichnetes Fiebermittel; dieselbe hat sogar mehr Bitterkeit als
+die Rinden der echten Cinchonen, aber diese Bitterkeit ist nicht so
+unangenehm. Die Cuspa wird mit sehr guten Erfolg als weingeistiger Extrakt
+und als wässeriger Aufguß sowohl bei Wechselfiebern als bei bösartigen
+Fiebern gegeben. Emparan, der Statthalter von Cumana, hat den Aerztn in
+Cadiz einen ansehnlichen Vorrat davon geschickt, und nach den kürzlichen
+Mittheilungen Don Pedro Francos, Pharmaceuten am Militärspital zu Cumana,
+hat man in Europa die Cuspa für fast ebenso wirksam erklärt, als die
+Quinquina von Santa Fe. Man behauptet, in Pulverform gereicht, habe sie
+vor letzterer den Vorzug, da sie bei Kranken mit geschwächtem Unterleib
+den Magen weniger angreife.
+
+Als wir aus der Schlucht, die sich am Imposible hinabzieht, herauskamen,
+betraten wir einen dichten Wald, durch den eine Menge kleiner Flüsse
+laufen, die man leicht durchwatet. Wir machten die Bemerkung, daß die
+Cecropia, die durch die Stellung ihrer Aeste und den schlanken Stamm an
+den Palmenhabitus erinnert, je nachdem der Boden dürr oder sumpfig ist,
+mehr oder weniger silberfarbige Blätter treibt. Wir sahen Stämme, deren
+Laub auf beiden Seiten ganz grün war. Die Wurzeln dieser Bäume waren unter
+Büschen von Dorstenia versteckt, die nur feuchte, schattige Orte liebt.
+Mitten im Wald, an den Ufern des Rio Erdeño, findet man, wie am Südabhang
+des Cocollar, Melonenbäume und Orangenbäume mit großen süßen Früchten wild
+wachsend. Es sind wahrscheinlich Ueberbleibsel einiger Conucas oder
+indianischer Pflanzungen; denn auch der Orangenbaum kann in diesen
+Landstrichen nicht zu den ursprünglich hier heimischen Gewächsen gerechnet
+werden, so wenig wie der Pisang, der Melonenbaum, der Mais, der Manioc und
+so viele andere nutzbare Gewächse, deren eigentliche Heimat wir nicht
+kennen, obgleich sie den Menschen seit uralter Zeit auf seinen Wanderungen
+begleitet haben.
+
+Wenn ein eben aus Europa angekommener Reisender zum erstenmal die Wälder
+Südamerikas betritt, so hat er ein ganz unerwartetes Naturbild vor sich.
+Alles was er sieht, erinnert nur entfernt an die Schilderungen, welche
+berühmte Schriftsteller an den Ufern des Mississippi, in Florida und in
+andern gemäßigten Ländern der neuen Welt entworfen haben. Bei jedem
+Schritt fühlt er, daß er sich nicht an den Grenzen der heißen Zone
+befindet, sondern mitten darin, nicht auf einer der antillischen Inseln,
+sondern auf einem gewaltigen Continent, wo Alles riesenhaft ist, Berge,
+Ströme und Pflanzenmassen. Hat er Sinn für landschaftliche Schönheit, so
+weiß er sich von seinen mannigfaltigen Empfindungen kaum Rechenschaft zu
+geben. Er weiß nicht zu sagen, was mehr sein Staunen erregt, die
+feierliche Stille der Einsamkeit oder die Schönheit der einzelnen
+Gestalten und ihrer Kontraste oder die Kraft und die Fülle des
+vegetabilischen Lebens. Es ist als hätte der mit Gewächsen überladene
+Boden gar nicht Raum genug zu ihrer Entwicklung. Ueberall verstecken sich
+die Baumstämme hinter einen grünen Teppich, und wollte man all die
+Orchideen, die Pfeffer- und Pothosarten, die auf einem einzigen
+Heuschreckenbaum oder amerikanischen Feigenbaum [_Ficus gigantea._]
+wachsen, sorgsam verpflanzen, so würde ein ganzes Stück Land damit
+bedeckt. Durch diese wunderliche Aufeinanderfolge erweitern die Wälder,
+wie die Fels und Gebirgswände, den Bereich der organischen Natur. —
+Dieselben Lianen, die am Boden kriechen, klettern zu den Baumwipfeln empor
+und schwingen sich, mehr als hundert Fuß [30 m] hoch, vom einen zum
+anderen. So kommt es, daß, da die Schmarotzergewächse sich überall
+durcheinander wirren, der Botaniker Gefahr läuft, Blüten, Früchte und
+Laub, die verschiedenen Arten gehören, zu verwechseln.
+
+Wir wanderten einige Stunden im Schatten dieser Wölbungen, durch die man
+kaum hin und wieder den blauen Himmel sieht. Er schien mir um so tiefer
+indigoblau, da das Grün der tropischen Gewächse meist einen sehr
+kräftigen, ins Bräunliche spiegelnde Ton hat. Zerstreute Felsmassen waren
+mit einem großen Baumfarn bewachsen, der sich vom _Polypodium arboreum_
+der Antillen wesentlich unterscheidet. Hier sahen wir zum erstenmal jene
+Nester in Gestalt von Flaschen oder kleinen Taschen, die an den Aesten der
+niedrigsten Bäume aufgehängt sind. Es sind Werke des bewunderungswürdigen
+Bautriebes der Drosseln, deren Gesang sich mit dem heiseren Geschrei der
+Papageien und Aras mischte. Die letzteren, die wegen der lebhaften Farben
+ihres Gefieders allgemein bekannt sind, flogen nur paarweise, während die
+eigentlichen Papageien in Schwärmen von mehreren hundert Stück
+umherfliegen. Man muß in diesen Ländern, besonders in den heißen Thälern
+der Anden gelebt haben, um es für möglich zu halten, daß zuweilen das
+Geschrei dieser Vögel das Brausen der Bergströme, die von Fels zu Fels
+stürzen, übertönt.
+
+Eine starke Meile vor dem Dorfe San Fernando kamen wir aus dem Walde
+heraus. Ein schmaler Fußpfad führt auf mehreren Umwegen in ein offenes,
+aber ausnehmend feuchtes Land. Unter dem gemäßigten Himmelsstrich hätten
+unter solchen Umständen Gräser und Riedgräser einen weiten Wiesenteppich
+gebildet; hier wimmelte der Boden von Wasserpflanzen mit pfeilförmigen
+Blättern, besonders von Canna-Arten, unter denen wir die prachtvollen
+Blüthen der Costus, der Thalien und Heliconien erkannten. Diese saftigen
+Gewächse werden acht bis zehn Fuß hoch, und wo sie dicht beisammen stehen,
+könnten sie in Europa für kleine Wälder gelten. Das herrliche Bild eines
+Wiesgrundes und eines mit Blumen durchwirkten Rasens ist den niedern
+Landstrichen der heißen Zone fast ganz fremd und findet sich nur auf den
+Hochebenen der Anden wieder.
+
+Bei San Fernando war die Verdunstung unter den Strahlen der Sonne so
+stark, daß wir, da wir sehr leicht gekleidet waren, durchnäßt wurden, wie
+in einem Dampfbade. Am Wege wuchs eine Art Bambusrohr, das die Indianer
+Jagua oder Guadua nennen und das über vierzig Fuß [13 m] hoch wird. Nichts
+kann zierlicher sein als diese baumartige Grasart. Form und Stellung der
+Blätter geben ihr ein Ansehen von Leichtigkeit, das mit dem hohen Wuchs
+angenehm kontrastiert. Der glatte, glänzende Stamm der Jagua ist meist den
+Bauchufern zugeneigt und schwankt beim leisesten Luftzuge hin und her. So
+hoch auch das Rohr [_Arundo donax_] im mittäglichen Europa wächst, so gibt
+es doch keinen Begriff vom Aussehen der baumartigen Gräser, und wollte ich
+nur meine eigene Erfahrung sprechen lassen, so möchte ich behaupten, daß
+von allen Pflanzengestalten unter den Tropen keine die Einbildungskraft
+des Reisenden mehr anregt als der Bambus und der Baumfarn.
+
+Die ostindischen Bambus, die _calumets des hauts_ [_Bambusa_, oder
+vielmehr _Nestus alpina_] der Insel Bourbon, der Guaduas Südamerikas,
+vielleicht sogar die riesenhaften Arundinarien an den Ufern des
+Mississippi, gehören derselben Pflanzengruppe an. In Amerika sind aber die
+Bambusanen nicht so häufig, als man gewöhnlich glaubt. In den Sümpfen sind
+auf den großen unter Wasser stehenden Ebenen am untern Orinoco, am Apure
+und Atabapo fehlen sie fast ganz, wogegen sie im Nordwesten, in Neugrenada
+und im Königreich Quito mehrere Meilen lange dichte Wälder bilden. Der
+westliche Abhang der Anden erscheint als ihre eigentliche Heimath, und was
+ziemlich auffallend ist, wir haben sie nicht nur in tiefen, kaum über dem
+Meer gelegenen Landstrichen, sondern auch in den hohen Thälern der
+Cordilleren bis in 860 Toisen Meereshöhe angetroffen.
+
+Der Weg mit dem Bambusgebüsch zu beiden Seiten führte uns zum kleinen
+Dorfe San Fernando, das auf einer schmalen, von sehr steilen
+Kalksteinwänden umgebenen Ebene liegt. Es war die erste Mision, die wir in
+Amerika betraten.(49) Die Häuser oder vielmehr Hütten der Chaymasindianer
+sind weit auseinander gerückt und nicht von Gärten umgeben. Die breiten
+geraden Straßen schneiden sich unter rechten Winkeln; die sehr dünnen,
+unsoliden Wände bestehen aus Letten oder Lianenzweigen. Die gleichförmige
+Bauart, das ernste schweigsame Wesen der Einwohner, die ausnehmende
+Reinlichkeit in den Häusern, alles erinnert an die Gemeinden der
+mährischen Brüder. Jede indianische Familie baut draußen vor dem Dorfe
+außer ihren eigenen Garten den *Conuco de la comunidad*. In diesem
+arbeiten die Erwachsenen beider Geschlechter morgens und abends je eine
+Stunde. In den Missionen, die der Küste zu liegen, ist der Gemeindegarten
+meist eine Zucker- oder Indigoplantage, welcher der Missionar vorsteht,
+und deren Ertrag, wenn das Gesetz streng befolgt wird, nur zur Erhaltung
+der Kirche und zur Anschaffung von Paramenten verwendet werden darf. Auf
+dem großen Platze mitten im Dorfe stehen die Kirche, die Wohnung des
+Missionars und das bescheidene Gebäude, das pomphaft *Case des Rey*,
+»königliches Haus«, betitelt wird. Es ist eine förmliche Karawanserei, wo
+die Reisenden Obdach finden, und, wie wir oft erfahren, eine wahre Wohltat
+in einem Lande, wo das Wort Wirtshaus noch unbekannt ist. Die _Casas des
+Rey_ findet man in allen spanischen Kolonien, und man könnte meinen, sie
+seyen eine Nachahmung der nach dem Gesetze Manco-Capacs errichteten
+*Tambos* in Peru.
+
+Wir waren an die Ordensleute, die den Missionen der Chaymas-Indianer
+vorstehen, durch ihren Syndicus in Cumana empfohlen. Diese Empfehlung kam
+uns desto mehr zu statten, als die Missionäre, sey es aus Besorgniß für
+die Sittlichkeit ihrer Pfarrkinder, oder um die mönchische Zucht der
+zudringlichen Neugier Fremder zu entziehen, oft an einer alten Verordnung
+festhalten, nach welcher kein Weißer weltlichen Standes sich länger als
+eine Nacht in einem indianischen Dorfe aufhalten darf. Will man in den
+spanischen Missionen angenehm reisen, so darf man sich meist nicht allein
+auf den Paß des Madrider Staatssecretariats oder der Civilbehörden
+verlassen, man muß sich mit Empfehlungen geistlicher Behörden versehen; am
+wirksamsten sind die der Gardians der Klöster und der in Rom residirenden
+Ordensgenerale, vor denen die Missionare weit mehr Respekt haben als vor
+den Bischöfen. Die Missionen bilden, ich sage nicht nach ihren
+ursprünglichen canonischen Satzungen, aber thatsächlich eine so ziemlich
+unabhängige Hierarchie für sich, die in ihren Ansichten selten mit der
+Weltgeistlichkeit übereinstimmt.
+
+Der Missionar von San Fernando war ein sehr bejahrter, aber noch sehr
+kräftiger und munterer Kapuziner aus Aragon. Seine bedeutende
+Körperrundung, sein guter Humor, sein Interesse für Gefechte und
+Belagerungen stimmten schlecht zu der Vorstellung, die man sich im Norden
+vom schwärmerischen Trübsinn und dem beschaulichen Leben der Missionare
+macht. So viel ihm auch eine Kuh zu tun gab, die des anderen Tages
+geschlachtet werden sollte, empfing uns doch der alte Ordensmann ganz
+freundlich und erlaubte uns, unsere Hängematten in einem Gange seines
+Hauses zu befestigen. Er saß den größten Teil des Tages über in einem
+großen Armstuhle von rotem Holz und beklagte sich bitter über die Trägheit
+und Unwissenheit seiner Landsleute. Er richtete tausenderlei Fragen an uns
+über den eigentlichen Zweck unserer Reise, die ihm sehr gewagt und zum
+wenigsten ganz unnütz schien. Hier wie am Orinoco wurde es uns sehr
+beschwerlich, daß sich die Spanier mitten in den Wäldern Amerikas für die
+Kriege und politischer Stürme der alten Welt immer noch so lebhaft
+interessiren.
+
+Unser Missionär schien übrigens mit seiner Stellung vollkommen zufrieden.
+Er behandelte die Indianer gut, er sah die Mission gedeihen, er pries in
+begeisterten Worten das Wasser, die Bananen, die Milch des Landes. Als er
+unsere Instrumente, unsere Bücher und getrockneten Pflanzen sah, konnte er
+sich eines boshaften Lächelns nicht enthalten, und er gestand mit der in
+diesem Klima landesüblichen Naivität, von allen Genüssen dieses Lebens,
+den Schlaf nicht ausgenommen, sey doch gutes Kuhfleisch, *carne de vaca*,
+der köstlichste; die Sinnlichkeit quillt eben überall über, wo es an
+geistiger Beschäftigung fehlt. Oft bat uns unser Wirth, mit ihm die Kuh zu
+besuchen, die er eben gekauft hatte, und am andern Tage bei Tagesanbruch
+mußten wir sie nach Landessitte schlachten sehen; man machte ihr einen
+Schnitt durch die Häckse, ehe man ihr das breite Messer in die Halswirbel
+stieß. So widrig dieses Geschäft war, so lernten wir dabei doch die
+ausnehmende Fertigkeit der Chaymas kennen, deren acht in weniger als
+zwanzig Minuten das Thier in kleine Stücke zerlegten. Die Kuh hatte nur
+sieben Piaster gekostet, und dieß galt für sehr viel. Am selben Tag hatte
+der Missionar einem Soldaten aus Cumana, der ihm nach mehreren
+vergeblichen Versuchen endlich am Fuß die Ader geschlagen, achtzehn
+Piaster bezahlt. Dieser Fall, so unbedeutend er scheint, zeigt recht
+auffallend, wie hoch in uncultivirten Ländern die Arbeit dem Werth der
+Naturprodukte gegenüber im Preise steht.
+
+Die Mission San Fernando wurde zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts an der
+Stelle gegründet, wo die kleinen Flüsse Manzanares und Lucasperez sich
+vereinigen. Eine Feuersbrunst, welche die Kirche und die Hütten der
+Indianer in Asche legte, gab den Anlaß, daß die Kapuziner das Dorf an dem
+schönen Punkt, wo es jetzt liegt, wieder aufbauten. Die Zahl der Familien
+ist auf hundert gestiegen, und der Missionar machte gegen uns die
+Bemerkung, daß der Brauch, die jungen Leute im dreizehnten oder
+vierzehnten Jahre zu verheirathen, zu dieser raschen Zunahme der
+Bevölkerung viel beitrage. Er zog in Abrede, daß die Chaymas-Indianer so
+früh altern, als die Europäer gewöhnlich glauben. Das Regierungswesen in
+diesen indianischen Gemeinden ist übrigens sehr verwickelt; sie haben
+ihren Gobernador, ihre Alguazils Majors und ihre Milizoffiziere, und diese
+Beamten sind lauter kupferfarbene Eingeborene. Die Schützencompagnie hat
+ihre Fahnen und übt sich mit Bogen und Pfeilen im Zielschießen; es ist die
+Bürgerwehr des Landes. Solch kriegerische Anstalten und einem rein
+mönchischen Regiment kamen uns sehr seltsam vor.
+
+In der Nacht vom fünften September und am andern Morgen lag ein dicker
+Nebel, und doch waren wir nur hundert Toisen über dem Meeresspiegel. Bevor
+wir aufbrachen, maß ich geometrisch den großen Kalkberg, der achthundert
+Toisen südlich von San Fernando liegt und nach Norden steil abfällt. Sein
+Gipfel ist nur 215 Toisen höher als der große Dorfplatz, aber kahle
+Felsmassen, die sich aus der dichten Pflanzendecke erheben, geben ihm
+etwas sehr Großartiges.
+
+Der Weg von San Fernando nach Cumana führt über kleine Pflanzungen durch
+ein offenes feuchtes Tal. Wir wateten durch viele Bäche. Im Schatten stand
+das Thermometer nicht über 30°, wir waren ab er unmittelbar den
+Sonnenstrahlen ausgesetzt, weil die Bambus am Wege nur wenig Schutz
+gewähren, und wir hatten stark von der Hitze zu leiden. Wir kamen durch
+das Dorf Arenas, das von Indianers desselben Stammes wie die von San
+Fernando bewohnt ist; aber Arenas ist keine Mission mehr; die Eingeborenen
+stehen unter einem Pfarrer und sind nicht so nackt und kultivierter als
+jene. Ihre Kirche ist im Lande wegen einiger rohen Malereien bekannt; auf
+einem schmalen Fries sind Gürteltiere, Kaimane, Jaguare und andere Tiere
+der Neuen Welt abgebildet.
+
+In diesem Dorfe wohnt ein Landmann Namens Francisco Lozano, der eine
+physiologische Merkwürdigkeit ist, und der Fall macht Eindruck auf die
+Einbildungskraft, wenn er auch den bekannten Gesetzen der organischen
+Natur vollkommen entspricht. Der Mann hat einen Sohn mit seiner eigenen
+Milch aufgezogen. Die Mutter war krank geworden, da nahm der Vater das
+Kind, um es zu beruhigen, zu sich ins Bett und drückte es an die Brust.
+Lozano, damals zweiundreißig Jahre alt, hatte es bis dahin nicht bemerkt,
+daß er Milch gab, aber infolge der Reizung der Brustwarze, an der das Kind
+saugte, schoß die Milch ein. Dieselbe war fett und sehr süß. Der Vater war
+nicht wenig erstaunt, als seine Brust schwoll, und säugte fortan das Kind
+fünf Monate lang zwei-, dreimal des Tages. Seine Nachbarn wurden
+aufmerksam auf ihn, er dachte aber nicht daran, die Neugierde auszubeuten,
+wie er wohl in Europa getan hätte. Wir sahen das Protokoll, das über den
+merkwürdigen Fall aufgenommen worden. Augenzeugen desselben leben noch,
+und sie versicherten uns, der Knabe habe während des Stillens nichts
+bekommen als die Milch des Vaters. Lozano war nicht zu Hause, als wir die
+Missionen bereisten, besuchte uns aber in Cumana. Er kam mit seinem Sohne,
+der schon 13 bis 14 Jahre als war. Bonpland untersuchte die Brust des
+Vaters genau und fand sie runzlig, wie bei Weibern, die gesäugt haben. Er
+bemerkte, daß besonders die linke Brust sehr ausgedehnt war, und Lozano
+erklärte dies aus dem Umstande, daß niemals beide Brüste gleich viel Milch
+gegeben. Der Statthalter Don Vicente Emparan hat eine ausführliche
+Beschreibung des Falles nach Cadiz geschickt.
+
+Es kommt bei Menschen und Thieren nicht gar selten vor, daß die Brust
+männlicher Individuen Milch enthält, und das Klima scheint auf diese mehr
+oder weniger reichliche Absonderung keinen merkbaren Einfluß zu äußern.
+Die Alten erzählen von der Milch der Böcke aus Lemnos und Corsica; Noch in
+neuester Zeit war in Hannover ein Bock, der jahrelang einen Tag um den
+anderen gemolken wurde und mehr Milch gab als die Ziegen. Unter den
+Merkmalen der vermeintlichen Schwächlichkeit der Amerikaner führen die
+Reisenden auch auf, daß die Männer Milch in den Brüsten haben [Man hat
+sogar alles Ernstes behauptet, in einem Teile Brasiliens werden die Kinder
+von den Männern, nicht von den Weibern gesäugt.]. Es ist indessen höchst
+unwahrscheinlich, daß solches bei einem ganzen Volksstamm in irgend einem
+der heutigen Reisenden unbekannten Landstriche Amerikas beobachtet worden
+sein sollte, und ich kann versichern, daß der Fall gegenwärtig in der
+Neuen Welt nicht häufiger vorkommt als in der Alten. Der Landmann in
+Arenas, dessen Geschichte wir soeben erzählt, ist nicht vom kupferfarbenen
+Stamm der Chaymas, er ist ein Weißer von europäischem Blut. Ferner haben
+Petersburger Anatomen die Beobachtung gemacht, daß Milch in den Brüsten
+der Männer beim niederen russischen Volke weit häufiger vorkommt, als bei
+südlicheren Völkern, und die Russen haben nie für schwächlich und weibisch
+gegolten.
+
+Es gibt unter den mancherlei Spielarten unseres Geschlechts eine, bei der
+der Busen zur Zeit der Mannbarkeit einen ansehnlichen Umfang erhält.
+Lozano gehörte nicht dazu, und er versicherte uns wiederholt, erst durch
+die Reizung der Brust in Folge des Saugens sey bei ihm die Milch gekommen.
+Dadurch wird bestätigt, was die Alten beobachtet haben: »Männer, die etwas
+Milch haben, geben ihrer in Menge, sobald man an den Brüsten saugt.«
+[_Aristoteles, Historia animalium. Lib. III. c. 20_] Diese sonderbare
+Wirkung eines Nervenreizes war den griechischen Schäfern bekannt; die auf
+dem Berge Oeta rieben den Ziegen, die noch nicht geworfen hatten, die
+Euter mit Nesseln, um die Milch herbeizulocken.
+
+Ueberblickt man die Lebenserscheinungen in ihrer Gesammtheit, so zeigt
+sich, daß keine ganz für sich allein steht. In allen Jahrhunderten werden
+Beispiele erzählt von jungen, nicht mannbaren Mädchen oder von bejahrten
+Weibern mit eingeschrumpften Brüsten, welche Kinder säugten. Bei Männern
+kommt solches weit seltener vor, und nach vielem Suchen habe ich kaum zwei
+oder drei Fälle finden können. Einer wird vom veronesischen Anatomen
+Alexander Benedictus angeführt, der am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
+lebte. Er erzählt, ein Syrier habe nach dem Tode der Mutter sein Kind, um
+es zu beschwichtigen, an die Brust gedrückt. Sofort schoß die Milch so
+stark ein, daß der Vater sein Kind allein säugen konnte. Andere Beispiele
+werden von Santorellus, Feria und Robert, Bischof von Cork, berichtet. Da
+die meisten dieser Fälle ziemlich entlegenen Zeiten angehören, ist es von
+Interesse für die Physiologie, daß die Erscheinung zu unserer Zeit
+bestätigt werden konnte. Sie hängt übrigens genau mit dem Streit über die
+Endursachen zusammen. Daß auch der Mann Brüste hat, ist den Philosophen
+lange ein Stein des Anstoßes gewesen, und noch neuerdings hat man geradezu
+behauptet: »Die Natur habe die Fähigkeit zu säugen dem einen Geschlecht
+versagt, weil diese Fähigkeit gegen die Würde des Mannes wäre.«
+
+In der Nähe der Stadt Cumanacoa wird der Boden ebener und das Thal nach
+und nach weiter. Die kleine Stadt liegt auf einer kahlen, fast
+kreisrunden, von hohen Bergen umgebenen Ebene und nimmt sich von außen
+sehr trübselig aus. Die Bevölkerung ist kaum 2300 Seelen stark; zur Zeit
+des Vaters Caulin im Jahr 1753 betrug sie nur 600. Die Häuser sind sehr
+niedrig, unsolid und, drei oder vier ausgenommen, sämmtlich aus Holz. Wir
+brachten indessen unsere Instrumente ziemlich gut beim Verwalter der
+Tabaksregie, Don Juan Sanchez, unter, einem liebenswürdigen, geistig sehr
+regsamen Mann. Er hatte uns eine geräumige, bequeme Wohnung einrichten
+lassen; wir blieben vier Tage hier und er ließ sich nicht abhalten, uns
+auf allen unsern Ausflügen zu begleiten.
+
+Cumanacoa wurde im Jahre 1717 von Domingo Arias gegründet, als er von
+einem Kriegszuge zurückkam, den er an die Mündung des Guarapiche
+unternommen, um eine von französischen Freibeutern begonnene Niederlassung
+zu zerstören. Die Stadt hieß anfangs San Baltazar de las Arias, aber der
+indische Name verdrängte jenen, wie der Name Caracas den Namen Santiago de
+Leon, den man noch häufig auf unseren Karten sieht, in Vergessenheit
+gebracht hat.
+
+Als wir den Barometer öffneten, sahen wir zu unserer Ueberraschung das
+Quecksilber kaum 7,3 Linien tiefer stehen als an der Küste, und doch
+schien das Instrument in ganz gutem Stand. Die Ebene, oder vielmehr das
+Plateau, auf dem Cumanacoa steht; liegt nicht mehr als 104 Toisen über dem
+Meeresspiegel, und dieß ist drei oder viermal weniger, als man in Cumana
+glaubt, weil man dort von der Kälte in Cumanacoa die übertriebensten
+Vorstellungen hat. Aber der klimatische Unterschied zwischen zwei so nahen
+Orten rührt vielleicht weniger von der hohen Lage des letzteren her als
+von örtlichen Verhältnissen, wozu wir rechnen, daß die Wälder sehr nahe,
+die niedergehenden Luftströme, wie in allen eingeschlossenen Thälern,
+häufig, die Regenniederschläge und die Nebel sehr stark sind, wodurch
+einen großen Theil des Jahres hindurch die unmittelbare Wirkung der
+Sonnenstrahlen geschwächt wird. Da die Wärmeabnahme unter den Tropen und
+Sommers in der gemäßigten Zone ungefähr gleich ist, so sollte der geringe
+Höhenunterschied von 100 Toisen nur einen Unterschied in der mittleren
+Temperatur von 1 bis 1½ Grad verursachen; wir werden aber bald sehen, daß
+derselbe über vier Grad beträgt. Dieses kühle Klima fällt um so mehr auf,
+da es noch in der Stadt Carthago, in Tomependa am Ufer des Amazonenstroms
+und in den Thälern von Aragua, westwärts von Caracas, sehr heiß ist,
+lauter Orte, die in 200–480 Toisen absoluter Meereshöhe liegen. In der
+Ebene wie im Gebirge laufen die Linien gleicher Wärme (Isothermen) nicht
+immer dem Aequator oder der Erdoberfläche parallel, und darin besteht eben
+die große Aufgabe der Meteorologie, den Lauf dieser Linien zu ermitteln
+und durch alle von örtlichen Ursachen bedingte Abweichungen hindurch die
+constanten Gesetze der Wärmevertheilung zu erfassen.
+
+Der Hafen von Cumana liegt von Cumanacoa nur etwa sieben Seemeilen. Am
+ersteren Orte regnet es fast nie, während an letzterem die Regenzeit sechs
+bis sieben Monate dauert. Die trockene Jahreszeit währt in Cumanacoa von
+der Winter- bis zur Sommer- Tag- und Nachtgleiche. Strichregen sind im
+April, Mai und Juni ziemlich häufig; später wird es wieder sehr trocken,
+vom Sommersolstitium bis Ende August; nunmehr tritt die eigentliche
+Regenzeit ein, die bis zum November anhält und in der das Wasser in
+Strömen vom Himmel gießt. Nach der Breite von Cumanacoa geht die Sonne das
+einemal am 16. April, das anderemal am 27. August durch das Zenith, und
+aus dem eben Angeführten geht hervor, daß diese beiden Durchgänge mit dem
+Eintreten der großen Regenniederschläge und der starken elektrischen
+Entladungen zusammenfallen.
+
+Unser erster Aufenthalt in den Missionen fiel in die Regenzeit. Jede Nacht
+war der Himmel mit schweren Wolken wie mit einem dichten Schleier umzogen,
+und nur durch Ritzen im Gewölk konnte ich ein paar Sternbeobachtungen
+anstellen. Das Thermometer stand auf 18,5–20° (14°,8–16° R.), und dies ist
+in der heißen Zone und für das Gefühl des Reisenden, der von der Küste
+herkommt, bedeutend kühl. In Cumana sah ich die Temperatur bei Nacht
+niemals unter 21° sinken. Der Delucsche Hygrometer zeigte in Cumanacoa
+85°, und, was auffallend ist, sobald das Gewölk sich zerstreute und die
+Sterne in ihrer ganzen Pracht leuchteten, ging das Instrument aus 55°
+zurück. Gegen Morgen nahm die Temperatur wegen der starken Verdunstung nur
+langsam zu und noch um zehn Uhr war sie nicht über 21°. Am heißesten ist
+es von Mittag bis drei Uhr, wo dann der Thermometer auf 26–27° steht. Zur
+Zeit der größten Hitze, etwa zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne
+durch den Meridian, zog fast regelmäßig ein Gewitter auf, das auch zum
+Ausbruch kam. Dicke, schwarze, sehr niedrig ziehende Wolken lösten sich in
+Regen auf; diese Güsse dauerten zwei bis drei Stunden, und während
+derselben fiel der Thermometer um 5–6 Grad. Gegen fünf Uhr hörte der Regen
+ganz auf, die Sonne kam aber bis zum Untergang nicht leicht zum Vorschein
+und der Hygrometer ging dem Trockenpunkte zu; aber um acht oder neun Uhr
+Abends waren wir schon wieder in eine dicke Wolkenschicht gehüllt. Dieser
+Witterungswechsel erfolgt, wie man uns versicherte, durchaus gesetzmäßig
+Monate lang einen Tag wie den andern, und doch läßt sich nicht der
+geringste Luftzug spüren. Nach vergleichenden Beobachtungen muß ich
+annehmen, daß es in Cumanacoa bei Nacht um 2–3, bei Tag um 4–5 Grad kühler
+ist als in Cumana. Diese Unterschiede sind sehr bedeutend, und wenn man
+statt meteorologischer Instrumente nur sein Gefühl befragte, so würde man
+sie für noch bedeutender halten.
+
+Die Vegetation auf der Ebene um die Stadt ist sehr einförmig, aber infolge
+der großen Feuchtigkeit der Luft ungemein frisch. Ihre
+Haupteigentümlichkeiten sind ein baumartiges Solanum, das 13 m hoch wird,
+die _Urtica baccifera_ und eine neue Art der Gattung _Guettarda_. Der
+Boden ist sehr fruchtbar und er wäre auch leicht zu bewässern, wenn man
+von den vielen Bächen, deren Quellen das ganze Jahr nicht versiegen,
+Kanäle zöge. Das wichtigste Erzeugnis ist der Tabak, und nur diesem
+verdankt es die kleine, schlecht gebaute Stadt, wenn sie einen gewissen
+Ruf hat. Seit der Einführung der Pacht (_Estanco real de Tabaco_) im Jahre
+1779 ist der Tabaksbau in der Provinz Cumana fast ganz auf Cumanacoa
+beschränkt. Die ganze Tabaksernte muß an die Regierung verkauft werden,
+und um dem Schmuggel zu steuern, oder vielmehr nur ihn einzuschränken,
+ließ man geradezu nur an einem Punkte Tabak bauen. Aufseher streifen durch
+das Land; sie zerstören jede Anpflanzung, die sie außerhalb der zum Bau
+angewiesenen Distrikte finden, und geben die Unglücklichen an, die es
+wagen, selbstgemachte Cigarren zu rauchen. Diese Aufseher sind meist
+Spanier und fast eben so grob wie die Menschen, die in Europa dieses
+Handwerk treiben. Diese Grobheit hat nicht wenig dazu beigetragen, den Haß
+zwischen den Colonien und dem Mutterland zu schüren.
+
+Nach dem Tabak auf der Insel Cuba und dem vom Rio Negro hat der Cumana am
+meisten Arom. Er übertrifft allen aus Neuspanien und der Provinz Varinas.
+Wir theilen Einiges über den Bau desselben mit, weil er sich wesentlich
+vom Tabaksbau in Virginien unterscheidet. Schon der Umstand, daß im Thale
+von Cumanacoa die Gewächse aus der Familie der Solaneen so ausnehmend
+stark entwickelt sind, besonders die vielen Arten von _Solanum
+arborescens_, von _Aquartia_ und _Cestrum_ weisen darauf hin, daß hier der
+Boden für den Tabaksbau sehr geeignet seyn muß. Die Aussaat wird im
+September vorgenommen; zuweilen wartet man damit bis zum Dezember, was
+aber für den Ausfall der Ernte nicht so gut ist. Die Wurzelblätter zeigen
+sich am achten Tage; man bedeckt die jungen Pflanzen mit großen
+Heliconien- und Bananenblättern, um sie der unmittelbaren Einwirkung der
+Sonne zu entziehen, und reutet das Unkraut, das unter den Tropen furchtbar
+schnell aufschießt, sorgfältig aus. Der Tabak wird sofort einen und einen
+halben Monat, nachdem der Samen aufgegangen, in einen fetten, gut
+gelockerten Boden versetzt. Die Pflanzen werden in geraden Reihen drei,
+vier Fuß voneinander gesteckt; man jätet sie fleißig und köpft den
+Hauptstengel mehrmals, bis bläulich grüne Flecken auf den Blättern als
+Wahrzeichen der *Reife* sich zeigen. Im vierten Monat fängt man an sie
+abzunehmen, und diese erste Ernte ist in wenigen Tagen vorüber. Besser
+wäre es, die Blätter nacheinander abzunehmen, so wie sie trocken werden.
+In guten Jahren schneiden die Pflanzer den Stock, wenn der vier Fuß hoch
+ist, ab, und der Wurzelschoß treibt so rasch neue Blätter, daß sie schon
+am 13. oder 14. Tage geerntet werden können. Diese haben sehr lockeres
+Zellgewebe; sie enthalten mehr Wasser, mehr Eiweiß und weniger von dem
+scharfen, flüchtigen, im Wasser schwer löslichen Stoff, an den die
+eigenthümlich reizende Wirkung des Tabaks gebunden scheint.
+
+Der Tabak wird in Cumanacoa nach dem Verfahren behandelt, das bei den
+Spaniern _de cura seca_ heißt. Man hängt die Blätter an Cocuizafasern
+[_Agave americana_] auf, löst die Rippen ab und dreht sie zu Strängen. Der
+zubereitete Tabak sollte im Juni in die königlichen Magazine geschafft
+werden, aber aus Faulheit und weil sie dem Bau des Mais und des Maniok
+mehr Aufmerksamkeit schenken, machen die Leute den Tabak selten vor August
+fertig. Begreiflich verlieren die Blätter an Arom, wenn sie zu lange der
+feuchten Luft ausgesetzt bleiben. Der Verwalter läßt den Tabak sechzig
+Tage unberührt in den königlichen Magazinen liegen; dann schneidet man die
+Bündel auf, um die Qualität zu prüfen. Findet der Verwalter den Tabak gut
+zubereitet, so bezahlt er dem Pflanzer für die Aroba von fünfundzwanzig
+Pfund drei Piaster. Dasselbe Gewicht wird auf Rechnung der Krone für zwölf
+einen halben Piaster wieder verkauft. Der faule (_potrido_) Tabak, d. h.
+der noch einmal gegährt hat, wird öffentlich verbrannt, und der Pflanzer,
+der von der königlichen Pacht Vorschüsse erhalten hat, kommt
+unwiderruflich um die Früchte seiner langen Arbeit. Wir sahen auf dem
+großen Platz Haufen von fünfhundert Arobas vernichten, aus denen man in
+Europa sicher Schnupftabak gemacht hätte.
+
+Der Boden von Cumanacoa eignet sich für diesen Culturzweig so
+ausgezeichnet, daß der Tabak überall, wo der Same Feuchtigkeit findet,
+wildwächst. So kommt er beim Cerro del Cuchivano und bei der Höhle von
+Caripe vor. In Cumanacoa, wie in den benachbarten Distrikten von Aricagua
+und San Lorenzo, wird übrigens nur die Tabaksart mit großen sitzenden
+Blättern, der sogenannte virginische Tabak [_Nicotiana tabacum_] gebaut.
+Ganz unbekannt ist der Tabak mit gestielten Blättern [_Nicotiana
+rustica_], der eigentliche *Yetl* der alten Mexicaner, den man in
+Deutschland sonderbarerweise türkischen Tabak nennt.
+
+Wäre der Tabaksbau frei, so könnte die Provinz Cumana einen großen Theil
+von Europa damit versehen; ja, andere Distrikte scheinen sich für die
+Erzeugung dieser Colonialwaare ganz so gut zu eignen wie das Thal von
+Cumanacoa, wo der übermäßige Regen nicht selten dem Arom der Blätter
+Eintrag thut. Gegenwärtig, wo der Tabaksbau auf ein paar Quadratmeilen
+beschränkt ist, beträgt der ganze Ertrag der Ernte nur 6000 Arobas. Die
+beiden Provinzen Cumana und Barcelona verbrauchen aber 12,000, und der
+Ausfall wird aus dem spanischen Guyana gedeckt. In der Gegend von
+Cumanacoa geben sich im Durchschnitt nur 1500 Personen mit dem Tabaksbau
+ab, lauter Weiße; die Eingeborenen vom Stamme der Chaymas lassen sich
+durch Aussicht auf Gewinn selten dazu verlocken, auch hält es die Pacht
+nicht für gerathen, denselben Vorschüsse zu machen.
+
+Beschäftigt man sich mit der Geschichte unserer Culturpflanzen, so sieht
+man mit Ueberraschung, daß vor der Eroberung der Gebrauch des Tabaks über
+den größten Theil von Amerika verbreitet war, während man die Kartoffel
+weder in Mexico, noch auf den Antillen kannte, wo sie doch in gebirgigen
+Lagen sehr gut fortkommt. Ferner wurde in Portugal schon im Jahr 1559
+Tabak gebaut, während die Kartoffel erst am Ende des siebzehnten und zu
+Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in den europäischen Ackerbau überging.
+Letzteres Gewächs, das für das Wohl der menschlichen Gesellschaft so
+bedeutsam geworden ist, hat sich auf beiden Continenten weit langsamer
+verbreitet, als ein Produkt, das nur für einen Luxusartikel gelten kann.
+
+Das wichtigste Produkt nach dem Tabak ist im Thale von Cumanacoa der
+Indigo. Die Pflanzungen in Cumanacoa, San Fernando und Arenas liefern eine
+Waare, die im Handel noch geschätzter ist als der Indigo von Caracas; er
+kommt an Glanz und Fülle der Farbe oft dem Indigo von Guatimala nahe. Aus
+letzterer Provinz ist der Samen von _Indigofera Anil_ die neben
+_Indigofera tinctoria_ gebaut wird, zuerst auf die Küste von Cumana
+gekommen. Da im Thale von Cumanacoa sehr viel Regen fällt, so gibt eine
+vier Fuß hohe Pflanze nicht mehr Farbstoff als eine dreimal kleinere in
+den trockenen Thälern von Aragua, westlich von der Stadt Caracas.
+
+Alle Indigofabriken, die wir gesehen, sind nach demselben Plane
+eingerichtet. Zwei Weichküpen, in denen das Kraut »faulen« soll, stehen
+neben einander. Jede mißt fünfzehn Quadratfuß und ist zwei einen halben
+Fuß tief. Aus diesen obern Kufen läuft die Flüssigkeit in die
+Stampfkasten, zwischen denen die Wassermühle angebracht ist. Der Baum des
+großen Rades läuft zwischen diesen Kasten durch, und an ihm sitzen an
+langen Stielen die Löffel zum Stampfen. Aus einer weiten Abseiheküpe kommt
+der farbhaltige Bodensatz in die Trockenkasten und wird daselbst auf
+Brettern aus Brasilholz ausgebreitet, die mittelst kleiner Rollen unter
+Dach gebracht werden können, wenn unerwartet Regen eintritt. Diese
+geneigten, sehr niedrigen Dächer geben den Trockenkasten von weitem das
+Ansehen von Treibhäusern. Im Thale von Cumanacoa verläuft die Gährung des
+Krauts, das man »faulen« läßt, ungemein rasch. Sie währt meist nicht
+länger als vier bis fünf Stunden. Dieß kann nur von der Feuchtigkeit des
+Klimas herrühren und daher, daß während der Entwicklung der Pflanze die
+Sonne nicht scheint. Ich glaube auf meinen Reisen die Bemerkung gemacht zu
+haben, daß je trockener das Klima ist, die Kufe um so langsamer arbeitet
+und die Stengel zugleich desto mehr Indigo aus der niedersten
+Oxydationsstufe enthalten. In der Provinz Caracas, wo 562 Cubikfuß locker
+aufgeschichteten Krautes 35 bis 40 Pfund trockenen Indigo geben, kommt die
+Flüssigkeit erst nach zwanzig, dreißig oder fünfunddreißig Stunden in die
+Stampfe. Wahrscheinlich erhielten die Einwohner von Cumanacoa mehr
+Farbestoff aus dem Kraut, wenn sie dasselbe länger in der ersten Kufe
+weichen ließen. Ich habe während meines Aufenthalts in Cumana den etwas
+schweren kupferfarbigen Indigo von Cumanacoa und den von Caracas zur
+Vergleichung in Schwefelsäure aufgelöst, und die Auflösung des ersteren
+schien mir weit satter blau.
+
+Trotz der ausgezeichneten Beschaffenheit der Produkte und der
+Fruchtbarkeit des Bodens ist der Landbau in Cumanacoa noch völlig in der
+Kindheit. Arenas, San Fernando und Cumanacoa bringen in den Handel nur
+3000 Pfund Indigo, der im Lande 4500 Piaster werth ist. Es fehlt an
+Menschenhänden und die schwache Bevölkerung nimmt durch die Auswanderung
+in die Llanos täglich ab. Diese unermeßlichen Savanen nähren den Menschen
+reichlich, weil sich das Vieh dort so leicht vermehrt, während der Indigo-
+und Tabaksbau viel Sorge und Mühe macht. Der Ertrag des letzteren ist
+desto unsicherer, da die Regenzeit bald länger, bald kürzer dauert. Die
+Pflanzer sind von der königlichen Pacht, die ihnen Vorschüsse macht,
+völlig abhängig, und hier, wie in Georgien und Virginien, baut man lieber
+Nahrungsgewächse als Tabak. Man hatte neuerdings der Regierung den
+Vorschlag gemacht, auf königliche Kosten fünfhundert Neger anzuschaffen
+und sie den Pflanzern abzugeben, die im Stande wären, in zwei oder drei
+Jahren den Ankaufspreis abzutragen. Dadurch hoffte man die jährliche
+Tabaksernte auf 15,000 Arobas zu bringen. Zu meiner Freude habe ich viele
+Grundeigenthümer sich gegen dieses Projekt aussprechen hören. Es stand
+nicht zu hoffen, daß man, nach dem Vorgang mancher Provinzen der
+Vereinigten Staaten, nach einer gewissen Reihe von Jahren den Schwarzen
+oder ihren Nachkommen die Freiheit schenken würde; desto bedenklicher
+schien es, zumal nach den entsetzlichen Vorgängen auf St. Domingo, die
+Sklavenbevölkerung in Terra Firma zu vermehren. Weise Politik hat nicht
+selten dieselben Folgen, wie die edelsten und seltensten Regungen der
+Gerechtigkeit und Menschenliebe.
+
+Die mit Höfen und Indigo- und Tabakspflanzungen bedeckte Ebene von
+Cumanacoa ist von Bergen umgeben, die besonders gegen Süd höher ansteigen
+und für den Physiker und den Geologen gleich interessant sind. Alles weist
+darauf hin, daß das Thal ein alter Seeboden ist; auch fallen die Berge,
+welche einst das Ufer desselben bildeten, dem See zu senkrecht ab. Der See
+hatte nur Arenas zu einen Abfluß. Beim Graben von Hausfundamenten stieß
+man bei Cumanacoa auf Schichten von Geschieben, mit kleinen zweischaligen
+Muscheln darunter. Nach der Angabe mehrerer glaubwürdiger Personen sind
+sogar vor mehr als dreißig Jahren hinten in der Schlucht San Juanillo zwei
+ungeheure Schenkelknochen gefunden worden, die vier Fuß lang waren und
+über dreißig Pfund wogen. Die Indianer hielten sie, wie noch heute das
+Volk in Europa, für Riesenknochen, während die Halbgelehrten im Lande, die
+das Privilegium haben, Alles zu erklären, alles Ernstes versicherten, es
+seyen Naturspiele und keiner großen Beachtung werth. Diese Leute beriefen
+sich bei ihrer Behauptung auf den Umstand, daß menschliche Gebeine im
+Boden von Cumanacoa sehr rasch vermodern. Zum Schmuck der Kirchen am
+Allerseelentag läßt man Schädel aus den Kirchhöfen an der Küste kommen, wo
+der Boden mit Salzen geschwängert ist. Die vermeintlichen Riesenknochen
+wurden nach Cumana gebracht. Ich habe mich dort vergeblich darnach
+umgesehen; aber nach den fossilen Knochen, die ich aus andern Strichen
+Südamerikas heimgebracht und die von Cuvier genau untersucht worden,
+gehörten die riesigen Schenkelknochen von Cumanacoa wahrscheinlich einer
+ausgestorbenen Elephantenart an. Es kann befremden, daß dieselben in so
+geringer Höhe über dem gegenwärtigen Wasserspiegel gefunden worden; denn
+es ist sehr merkwürdig, daß die fossilen Reste von Mastodonten und
+Elephanten, die ich aus den tropischen Ländern von Mexico, Neugrenada,
+Quito und Peru mitgebracht, nicht in tief gelegenen Strichen (wo in
+gemäßigten Zonen Megatherien am Rio Luxan(50) und in Virginien, große
+Mastodonten am Ohio und fossile Elephanten am Susquehanna vorkommen),
+sondern auf den in sechshundert bis vierzehnhundert Fuß Höhe gelegenen
+Hochebenen erhoben wurden.
+
+Als wir dem südlichen Rand des Beckens von Cumanacoa zugingen, sahen wir
+den Turimiquiri vor uns liegen. Eine ungeheure Felswand, das Ueberbleibsel
+eines alten Küstenstrichs, steigt mitten im Walde empor. Weiter nach West,
+beim Cerro del Cuchivano, erscheint die Bergkette wie durch ein Erdbeben
+aus einander gerissen. Die Spalte ist über hundert fünfzig Toisen breit
+und von senkrechten Felsen umgeben. Tief beschattet von den Bäumen, deren
+verschlungene Zweige nicht Raum haben sich auszubreiten, nahm sich die
+Spalte aus wie eine durch einen Erdfall entstandene Grube. Ein Bach, der
+Rio Juagua, läuft durch die Spalte, die ungemein malerisch ist und Risco
+del Cuchivano heißt. Der kleine Fluß entspringt sieben Meilen weit gegen
+Südwest am Fuße des Brigantin und bildet schöne Fälle, ehe er in die Ebene
+von Cumanacoa ausläuft.
+
+Wir besuchten öfters einen kleinen Hof, Conuco de Bermudez, dem Erdspalt
+von Cuchivano gegenüber. Man baut hier auf feuchtem Boden Bananen, Tabak
+und mehrere Arten von Baumwollenbäumen, besonders die, deren Wolle
+nanking-gelb ist und die auf der Insel Margarita so häufig vorkommt. Der
+Eigenthümer sagte uns, der Erdspalt sey von Jaguars bewohnt. Diese Thiere
+bringen den Tag in Höhlen zu und schleichen bei Nacht um die Wohnungen. Da
+sie reichliche Nahrung haben, werden sie bis sechs Fuß lang. Ein solcher
+Tiger hatte im verflossenen Jahr ein zum Hof gehöriges Pferd verzehrt. Er
+schleppte seine Beute bei hellem Mondschein über die Savane unter einen
+ungeheur dicken Ceibabaum. Vom Winseln des verendenden Pferdes erwachten
+die Sklaven im Hofe. Sie rückten mitten in der Nacht aus, bewaffnet mit
+Spießen und *Machetes*(51). Der Tiger lag auf seiner Beute und ließ sie
+ruhig herankommen; er erlag erst nach langem hartnäckigem Widerstand.
+Dieser Fall und viele andere, von denen wir an Ort und Stelle Kunde
+erhielten, zeigt, daß der große Jaguar [_Felis Onca, Linné_, die Buffon
+_panthère oillée_ nennt und in Afrika zu Hause glaubt. Wir werden später
+Gelegenheit haben, auf diesen für die Zoologie und Thiergeographie
+wichtigen Punkt zurückzukommen.] von Terra Firma, wie der Jaguarete in
+Paraguay und der eigentliche asiatische Tiger, vor dem Menschen nicht
+fliehen, wenn ihm dieser zu Leibe geht und die Zahl der Angreifenden ihn
+nicht scheu macht. Die Zoologen wissen jetzt, daß Buffon die größte
+amerikanische Katzenart ganz falsch beurtheilt hat. Was der berühmte
+Schriftsteller von der Feigheit der Tiger der neuen Welt sagt, gilt nur
+von den kleinen Ocelots, oder Pantherkatzen, und wir werden bald sehen,
+daß am Orinoco der ächte amerikanische Jaguar sich zuweilen ins Wasser
+stürzt, um die Indianer in ihren Piroguen anzugreifen.
+
+Dem Hofe Bermudez gegenüber liegen die Oeffnungen zweier geräumigen Höhlen
+im Erdspalt des Cuchivano; von Zeit zu Zeit schlagen Flammen daraus empor,
+die man bei Nacht sehr weit sieht. Die benachbarten Berge sind dann davon
+beleuchtet, und nach der Höhe der Felsen, über welche diese brennenden
+Dünste hinanfreichen, wäre man versucht zu glauben, daß sie mehrere
+hundert Fuß hoch werden. Beim letzten großen Erdbeben in Cumana war diese
+Erscheinung von einem unterirdischen dumpfen, anhaltenden Getöse
+begleitet. Sie kommt vorzüglich in der Regenzeit vor, und die Besitzer der
+dem Berge Cuchivano gegenüber liegenden Pflanzungen versichern, die
+Flammen zeigen sich seit dem December 1797 häufiger.
+
+Auf einer botanischen Excursion nach Rinconada versuchten wir vergeblich
+in die Spalte einzudringen. Wir hätten die Felsen, die in ihrem Schoße die
+Ursachen dieses merkwürdigen Feuers zu bergen schienen, gerne näher
+untersucht; aber die üppige Vegetation, die in einander geschlungenen
+Lianen und Dornsträucher ließen uns nicht vorwärts kommen. Zum Glück
+nahmen die Bewohner des Thals lebhaften Antheil an unsern Forschungen,
+nicht sowohl weil sie sich vor einem vulkanischen Ausbruch fürchteten, als
+weil sie sich in den Kopf gesetzt hatten, der Risco del Cuchivano enthalte
+eine Goldgrube. Es half nichts, daß wir ihnen auseinandersetzten, warum
+wir an Gold im Muschelkalk nicht glauben könnten; sie wollten einmal
+wissen, »was der deutsche Bergmann vom Reichthum des Erzgangs halte.« Seit
+Karls des Fünften Zeit und seit die Welser, die Alsinger und Sailer in
+Coro und Caracas als Statthalter gesessen, hat sich in Terra Firma im Volk
+der Glaube an das besondere bergmännische Geschick der Deutschen erhalten.
+Wohin ich in Südamerika kam, überall, sobald man erfuhr, wo ich hersey,
+zeigte man mir Muster von Erzen. In den Colonien ist jeder Franzose ein
+Arzt, jeder Deutsche ein Bergmann.
+
+Die Pflanzer bahnten mit ihren Sklaven einen Weg durch den Wald bis zum
+ersten Fall des Rio Juagua, und am 10. September machten wir unsern
+Ausflug nach dem Risco del Cuchivano. Kaum hatten wir die Schlucht
+betreten, so merkten wir, daß Tiger in der Nähe waren, sowohl an einem
+frisch zerrissenen Stachelschwein, als am Gestank ihres Kothes, der dem
+der europäischen Katze gleicht. Zur Vorsicht gingen die Indianer nach dem
+Hof zurück und brachten Hunde von sehr kleiner Race mit. Man behauptet,
+wenn man dem Jaguar auf schmalem Pfad begegne, springe er zuerst auf den
+Hund los, nicht auf den Menschen. Wir stiegen nicht am Ufer des Baches,
+sondern an der Felswand über dem Wasser hinauf. Man geht an einem zwei-,
+dreihundert Fuß tiefen Abgrund hin auf einem ganz schmalen Vorsprung, wie
+auf dem Wege von Grindelwald am Mettenberg hin zum großen Gletscher. Wird
+der Vorsprung so schmal, daß man nicht mehr weiß, wohin man den Fuß setzen
+soll, so steigt man zum Bach hinunter, watet durch oder läßt sich von
+einem Sklaven hinüber tragen, und klimmt an der andern Bergwand weiter.
+Das Niederklettern ist ziemlich mühselig, und man darf sich nicht auf die
+Lianen verlassen, die wie große Stricke von den Baumgipfeln niederhängen.
+Die Ranken- und Schmarotzergewächse hängen nur locker an den Aesten, die
+sie umschlingen; ihre Stengel haben zusammen ein ganz ansehnliches
+Gewicht, und wenn man auf abschüssigem Boden sich mit dem Körper an Lianen
+hängt, läuft man Gefahr eine ganze grüne Laube niederzureißen. Je weiter
+wir kamen, desto dichter wurde die Vegetation. An mehreren Stellen hatten
+die Baumwurzeln, die in die Spalten zwischen den Schichten hineingewachsen
+waren, das Kalkgestein zersprengt. Wir konnten kaum die Pflanzen
+fortbringen, die wir bei jedem Schritte aufnahmen. Die Cannas, die
+Heliconien mit schönen purpurnen Blüthen, die Costus und andere Gewächse
+aus der Familie der Amomeen werden hier acht bis zehn Fuß hoch. Ihr helles
+frisches Grün, ihr Seidenglanz und ihr strotzendes Fleisch stechen grell
+ab vom bräunlichen Ton der Baumfarn mit dem zartgefiederten Laub. Die
+Indianer hieben mit ihren großen Messern Kerben in die Baumstämme und
+machten uns auf die Schönheit der rothen und goldgelben Hölzer aufmerksam,
+die einst bei unsern Möbelschreinern und Drehern sehr gesucht seyn werden.
+Sie zeigten uns ein Gewächs mit zusammengesetzter Blüthe, das zwanzig Fuß
+hoch ist (_Eupatorium laevigatum, Lamarck_), die sogenannte *Rose von
+Belveria* (_Brownea racemosa_), berühmt wegen ihrer herrlichen
+purpurrothen Blüthen, und das einheimische *Drachenblut*, eine noch nicht
+beschriebene Art Croton, deren rother adstringirender Saft zur Stärkung
+des Zahnfleisches gebraucht wird. Sie unterschieden die Arten durch den
+Geruch, besonders aber durch Kauen der Holzfasern. Zwei Eingeborene, denen
+man dasselbe Holz zu kauen gibt, sprechen, meist ohne sich zu besinnen,
+denselben Namen aus. Wir konnten übrigens von den scharfen Sinnen unserer
+Führer nicht viel Nutzen ziehen; denn wie soll man zu Blättern, Blüthen
+oder Früchten gelangen, die auf Stämmen wachsen, deren ersten Aeste
+fünfzig, sechzig Fuß über dem Boden sind? Mit Ueberraschung sieht man in
+dieser Schlucht die Baumrinde, sogar den Boden mit Moosen und Flechten
+überzogen. Diese Cryptogamen sind hier so häufig wie im Norden. Die
+feuchte Luft und der Mangel an direktem Sonnenlicht begünstigen ihre
+Entwicklung, und doch beträgt die Temperatur bei Tag 25, bei Nacht
+19 Grad.
+
+Die angebliche Goldgrube von Cuchivano, die wir untersuchen sollten, ist
+nichts als ein Loch, das man in eine der schwarzen, an Schwefelkies
+reichen Mergelschichten im Kalk zu graben angefangen. Das Loch liegt auf
+der rechten Seite des Rio Inagua an einem Punkt, wohin man vorsichtig
+klettern muß, weil der Bach hier über acht Fuß tief ist. Der Schwefelkies
+ist hell goldgelb und man sieht ihm nicht an, daß er Kupfer enthält. Die
+Mergelschicht, in der er vorkommt, streicht über den Bach hinüber. Das
+Wasser spült die metallisch glänzenden Körner aus, und deßhalb glaubt das
+Volk, der Bach führe Gold. Man erzählt, nach dem großen Erdbeben im
+Jahr 1766 habe das Wasser des Inagua so viel Gold geführt, daß Männer,
+»die weit her gekommen, und von denen man nicht gewußt, wo sie zu Hause
+seyen,« Goldwäschen angelegt hätten; sie seyen aber bei Nacht und Nebel
+verschwunden, nachdem sie eine Menge Gold gesammelt. Es braucht keines
+Beweises, daß dieß ein Mährchen ist; die Kiese in den Quarzgängen des
+Glimmerschiefers sind allerdings sehr oft goldhaltig; aber nichts
+berechtigt bis jetzt zur Annahme, daß der Schwefelkies im Mergelschiefer
+des Alpenkalks gleichfalls Gold enthalte. Einige direkte Versuche auf
+nassem Weg, die ich während meines Aufenthalts in Caracas angestellt, thun
+dar, daß der Schwefelkies von Cuchivano durchaus nicht goldhaltig ist.
+Unsern Führern behagte mein Unglaube sehr schlecht; ich hatte gut sagen,
+aus dieser angeblichen Goldgrube könnte man höchstens Alaun und
+Eisenvitriol gewinnen; sie lasen nichtsdestoweniger heimlich jedes
+Stückchen Schwefelkies auf, das sie im Wasser glänzen sahen. Je ärmer ein
+Land an Erzgruben ist, desto leichter wird es in der Einbildung der
+Einwohner, die Schätze aus dem Schoße der Erde zu holen. Wie viele Zeit
+haben wir auf unserer fünfjährigen Reise verloren, um auf das dringende
+Verlangen unserer Wirthe Schluchten zu untersuchen, in denen
+schwefelkieshaltige Schichten seit Jahrhunderten den stolzen Namen _Minas
+de Oro_ führen! Wie oft sahen wir lächelnd zu, wenn Leute aller Stände,
+Beamte, Dorfgeistliche, ernste Missionäre mit unermüdlicher Geduld
+Hornblende oder gelben Glimmer zerstießen, um mittelst Quecksilbers das
+Gold auszuziehen! Die leidenschaftliche Gier, mit der man nach Erzen
+sucht, erscheint doppelt auffallend in einem Lande, wo man den Boden kaum
+umzuwenden braucht, um ihm reiche Ernten zu entlocken.
+
+Nachdem wir den Schwefelkies am Rio Juagua untersucht, gingen wir weiter
+in der Schlucht hinauf, die sich wie ein enger, von sehr hohen Bäumen
+beschatteter Kanal fortzieht. Nach sehr beschwerlichem Marsch und ganz
+durchnäßt, weil wir so oft über den Bach gegangen waren, langten wir am
+Fuß der Höhlen des Cuchivano an, aus denen man vor einigen Jahren die
+Flammen hatte brechen sehen. Achthundert Toisen hoch steigt senkrecht eine
+Felswand auf. In einem Landstrich, wo der üppige Pflanzenwuchs überall den
+Boden und das Gestein bedeckt, kommt es selten vor, daß ein großer Berg in
+senkrechtem Durchschnitt seine Schichten zeigt. Mitten in diesem
+Durchschnitt, leider dem Menschen unzugänglich, liegen die Spalten, die zu
+zwei Höhlen führen. Sie sollen von denselben Nachtvögeln bewohnt seyn, die
+wir bald in der Cueva del Guacharo bei Caripe werden kennen lernen.
+
+Wir ruhten am Fuß der Höhlen aus. Hier sah man die Flammen hervorkommen,
+welche in den letzten Jahren häufiger geworden sind. Unsere Führer und der
+Pächter, ein verständiger, mit den Oertlichkeiten der Provinz wohl
+bekannter Mann, verhandelten nach der Weise der Creolen über die Gefahr,
+der die Stadt Cumanacoa ausgesetzt wäre, wenn der Cuchivano ein thätiger
+Vulkan würde, _se veniesse a reventar_. Es schien ihnen unzweifelhast, daß
+seit dem großen Erdbeben von Quito und Cumana im Jahr 1797 Neu-Andalusien
+vom unterirdischen Feuer immer mehr unterhöhlt werde. Sie brachten die
+Flammen zur Sprache, die man in Cumana hatte aus dem Boden schlagen sehen,
+und die Stöße, die man jetzt an Orten empfindet, wo man früher nichts von
+Erdbeben wußte. Sie erinnerten daran, daß man in Macarapan seit einigen
+Monaten öfters Schwefelgeruch spüre. Auf diese und ähnliche Erscheinungen,
+die uns damals in ihrem Munde auffielen, gründeten sie Prophezeiungen, die
+fast sämmtlich in Erfüllung gegangen sind. Entsetzliche Zerstörungen haben
+im Jahr 1812 in Caracas stattgefunden, zum Beweis, welch gewaltige Unruhe
+im Nordosten von Terra Firma in der Natur herrscht.
+
+Was ist wohl aber die Ursache der feurigen Erscheinungen, die man am
+Cuchivano beobachtet? Ich weiß wohl, daß man zuweilen die Luftsäule, die
+über der Mündung brennender Vulkane aufsteigt, in hellem Lichte glänzen
+sieht. Dieser Lichtschein, den man von brennendem Wasserstoffgas
+herleitet, wurde von Chillo aus auf dem Gipfel des Cotopaxi zu einer Zeit
+beobachtet, wo der Berg ziemlich ruhig schien. Ich weiß, daß die Alten
+erzählen, auf dem _Mons Albanus_ bei Rom, dem heutigen _Monte cavo_ sey
+zuweilen bei Nacht Feuer gesehen worden; aber der _Mons albanus_ ist ein
+erst in neuerer Zeit erloschener Vulkan, der noch zu Catos Zeit Rapilli
+auswarf [_Albano monte biduum continenter lapidibus pluit. Livius
+XXV. 7._], während der Cuchivano ein Kalkberg ist in einer Gegend, wo weit
+und breit keine Trappbildungen vorkommen. Kann man jene Flammen etwa
+daraus erklären, daß das Wasser, wenn es mit den Kiesen im Mergelschiefer
+in Berührung kommt, zersetzt wird? Ist das Feuer, das aus den Höhlen des
+Cuchivano kommt, brennendes Wasserstoffgas? Das Wasser, das durch den
+Kalkstein sickert und durch die Schwefelschichten zersetzt wird, und die
+Erdbeben von Cumana, die Lager gediegenen Schwefels bei Carupano und die
+schwefligt sauren Dämpfe, die man zuweilen in den Savanen spürt: zwischen
+all dem ließe sich leicht ein Zusammenhang denken; es ist auch nicht zu
+bezweifeln, daß, wenn sich bei der starken Affinität zwischen dem
+Eisenoxyd und den Erden bei hoher Temperatur Wasser über Schwefelkiesen
+zersetzt, die Entbindung von Wasserstoffgas erfolgen kann, welche mehrere
+neuere Geologen eine so wichtige Rolle spielen lassen. Aber bei
+vulkanischen Ausbrüchen tritt weit constanter schwefligte Säure auf als
+Wasserstoff, und der Geruch, den man zuweilen bei starken Erdstößen
+verspürt, ist vorzugsweise der Geruch von schwefligter Säure. Ueberblickt
+man die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben im Ganzen, bedenkt
+man, in welch ungeheuren Entfernungen sich die Stöße unter dem Meeresboden
+fortpflanzen, so läßt man bald Erklärungen fallen, die von unbedeutenden
+Schichten von Schwefelkies und bituminösem Mergel ausgehen. Nach meiner
+Ansicht können die Stöße, die man in der Provinz Cunana so häufig spürt,
+so wenig den zu Tag ausgehenden Gebirgsarten zugeschrieben werden, als die
+Stöße, welche die Apenninen erschüttern, Asphaltadern oder brennenden
+Erdölquellen. Alle diese Erscheinungen hängen von allgemeineren, fast
+hätte ich gesagt, tiefer liegenden Ursachen her, und der Herd der
+vulkanischen Wirkungen ist nicht in den secundären Gebirgsbildungen, aus
+denen die äußere Erdrinde besteht, sondern in sehr bedeutender Tiefe unter
+der Oberfläche in den Urgebirgsarten zu suchen. Je weiter die Geologie
+fortschreitet, desto mehr sieht man ein, wie wenig man mit den Theorien
+ausrichtet, die sich auf wenige, rein örtliche Beobachtungen gründen.
+
+Nach Meridianhöhen des südlichen Fisches, die ich in der Nacht vom
+7. September beobachtet, liegt Cumanacoa unter 10° 16’ 11" der Breite; die
+Angabe der geschätztesten Karten ist also um ¼ Grad unrichtig. Die Neigung
+der Magnetnadel fand ich gleich 42°,60 und die Intensität der magnetischen
+Kraft gleich 228 Schwingungen in zehn Zeitminuten; die Intensität war
+demnach um neun Schwingungen oder 1/25 geringer als in Ferrol.
+
+Am zwölften setzten wir unsere Reise nach dem Kloster Caripe, dem Hauptort
+der Chaymas-Missionen, fort. Wir zogen der geraden Straße den Umweg über
+die Berge Cocollar und Turimiquiri vor, die nicht viel höher sind als der
+Jura. Der Weg läuft zuerst ostwärts drei Meilen über die Hochebene von
+Cumanacoa, den alten Seeboden, und biegt dann nach Süd ab. Wir kamen durch
+das kleine indianische Dorf Aricagua, das von bewaldeten Hügeln umgeben
+sehr freundlich daliegt. Von hier an ging es bergauf und wir hatten über
+vier Stunden zu steigen. Dieses Stück des Weges ist sehr angreifend; man
+setzt zweiundzwanzigmal über den Pututucuar, ein reißendes Bergwasser voll
+Kalksteinblöcken. Hat man auf der _Cuesta del Cocollar_ zweitausend Fuß
+Meereshöhe erreicht, so sieht man zu seiner Ueberraschung fast keine
+Wälder, oder auch nur große Bäume mehr. Man geht über eine ungeheure, mit
+Gräsern bewachsene Hochebene. Nur Mimosen mit halbkugeliger Krone und drei
+bis vier Fuß hohem Stamm unterbrechen die öde Einförmigkeit der Savanen.
+Ihre Aeste sind gegen den Boden geneigt oder breiten sich schirmartig aus.
+Ueberall, wo Abhänge oder halb mit Erde bedeckte Gesteinmassen sich
+zeigen, breitet die Clusia oder der Cupey mit den großen Nymphäenblüthen
+sein herrliches Grün aus. Die Wurzeln dieses Baums haben zuweilen acht
+Zoll Durchmesser und gehen oft schon fünfzehn Fuß über dem Boden vom
+Stamme ab.
+
+Nachdem wir noch lange bergan gestiegen waren, kamen wir auf einer kleinen
+Ebene zum _Hato del Cocollar_. Es ist dieß ein Hof, der 408 Toisen hoch
+ganz allein auf dem Plateau liegt. In dieser Einsamkeit blieben wir drei
+Tage, vortrefflich verpflegt von dem Eigenthümer [Don Mathias Yturburi,
+ein geborener Biscayer], der vom Hafen von Cumana an unser Begleiter
+gewesen war. Wir fanden daselbst bei der reichen Weide Milch,
+vortreffliches Fleisch und vor allem ein herrliches Klima. Bei Tag stieg
+der hunderttheilige Thermometer nicht über 22 oder 23 Grad, kurz vor
+Sonnenuntergang fiel er auf 19 und bei Nacht zeigte er kaum 14. Bei Nacht
+war es daher um sieben Grad kühler als an der Küste, was, da die Hochebene
+des Cocollar nicht so hoch liegt, als die Stadt Caracas, wiederum auf eine
+ausnehmend rasche Wärmeabnahme hinweist.
+
+So weit das Auge reicht, sieht man auf dem hohen Punkt nichts als kahle
+Savanen; nur hin und wieder tauchen aus den Schluchten kleine Baumgruppen
+auf, und trotz der scheinbaren Einförmigkeit der Vegetation findet man
+ausnehmend viele sehr interessante Pflanzen. Wir führen hier nur an eine
+prachtvolle Lobelia mit purpurnen Blüthen, die _Brownea coccinea_ die über
+hundert Fuß hoch wird, und vor allen den *Pejoa*, der im Lande berühmt
+ist, weil seine Blätter, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt, einen
+köstlichen aromatischen Geruch von sich geben. Was uns aber am meisten am
+einsamen Ort entzückte, das war die Schönheit und Stille der Nächte. Der
+Eigenthümer des Hofes blieb mit uns wach. Er schien sich daran zu weiden,
+wie Europäer, die eben erst unter die Tropen gekommen, sich nicht genug
+wundern konnten über die frische Frühlingsluft, deren man nach
+Sonnenuntergang hier aus den Bergen genießt. In jenen fernen Ländern, wo
+der Mensch die Gaben der Natur noch voll zu schätzen weiß, preist der
+Grundeigenthümer das Wasser seiner Quelle, den gesunden Wind, der um den
+Hügel weht, und daß es keine schädlichen Insekten gibt, wie wir in Europa
+uns der Vorzüge unseres Wohnhauses oder des malerischen Effekts unserer
+Pflanzungen rühmen.
+
+Unser Wirth war mit einer Mannschaft, die an der Küste des Meerbusens von
+Paria Holzschläge für die spanische Marine einrichten sollte, in die neue
+Welt gekommen. In den großen Mahagoni-, Cedrela- und Brasilholzwäldern,
+die um das Meer der Antillen her liegen, dachte man die größten Stämme
+auszusuchen, sie im Groben so zuzuhauen, wie man sie zum Schiffsbau
+braucht, und sie jährlich auf die Werfte von Caraques bei Cadix zu
+schicken. Aber weiße, nicht acclimatisirte Männer mußten der anstrengenden
+Arbeit, der Sonnengluth und der ungesunden Luft der Wälder erliegen.
+Dieselben Lüfte, welche mit den Wohlgerüchen der Blüthen, Blätter und
+Hölzer geschwängert sind, führen auch den Keim der Auflösung in die
+Organe. Bösartige Fieber rafften mit den Zimmerleuten der königlichen
+Marine die Aufseher der neuen Anstalt weg, und die Bucht, der die ersten
+Spanier wegen des trübseligen, wilden Aussehens der Küste den Namen
+_»Golfo triste«_ gegeben, wurde das Grab der europäischen Seeleute. Unser
+Wirth hatte das seltene Glück, diesen Gefahren zu entgehen; nachdem er den
+größten Theil der Seinigen hatte hinsterben sehen, zog er weit weg von der
+Küste auf die Berge des Cocollar. Ohne Nachbarschaft, im ungestörten
+Besitz eines Savanenstrichs von fünf Meilen, genießt er hier der
+Unabhängigkeit, wie die Vereinzelung sie gewährt, und der Heiterkeit des
+Gemüths, wie sie schlichten Menschen eigen ist, die in reiner, stärkender
+Luft leben.
+
+Nichts ist dem Eindruck majestätischer Ruhe zu vergleichen, den der
+Anblick des gestirnten Himmels an diesem einsamen Ort in einem hinterläßt.
+Blickten wir bei Einbruch der Nacht hinaus über die Prairien, die bis zunm
+Horizont fortstreichen, über die grün bewachsene, sanft gewellte
+Hochebene, so war es uns, gerade wie in den Steppen am Orinoco, als sähen
+wir weit weg das gestirnte Himmelsgewölbe auf dem Ocean ruhen. Der Baum,
+unter dem wir saßen, die leuchtenden Insekten, die in der Luft tanzten,
+die glänzenden Sternbilder im Süden, Alles mahnte uns daran, wie weit wir
+von der Heimatherde waren. Und wenn nun, inmitten dieser fremdartigen
+Natur, aus einer Schlucht heraus das Schellengeläute einer Kuh oder das
+Brüllen des Stieres zu unsern Ohren drang, dann sprang mit einemmal der
+Gedanke an die Heimath ins uns auf. Es war, als hörten wir aus weiter,
+weiter Ferne Stimmen, die über das Weltmeer herüber riefen und uns mit
+Zauberkraft aus einer Hemisphäre in die andere versetzten. So wunderbar
+beweglich ist die Einbildungskraft des Menschen, die ewige Quelle seiner
+Freuden und seiner Schmerzen!
+
+In der Morgenkühle machten wir uns auf, den Turimiquiri zu besteigen. So
+heißt der Gipfel des Cocollar, der mit dem Brigantin nur Einen
+Gebirgsstock bildet, welcher bei den Eingeborenen früher Sierra de los
+Tageres hieß. Man macht einen Theil des Wegs auf Pferden, die frei in den
+Savanen laufen, zum Theil aber an den Sattel gewöhnt sind. So plump ihr
+Aussehen ist, klettern sie doch ganz flink den schlüpfrigsten Rasen
+hinaus. Wir machten zuerst bei einer Quelle Halt, die nicht aus dem
+Kalkstein, sondern noch aus einer Schichte quarzigen Sandsteins kommt.
+Ihre Temperatur war 21°, also um 1°,5 geringer als die der Quelle von
+Quetepe; der Höhenunterschied beträgt aber auch gegen 220 Toisen.
+Ueberall, wo der Sandstein zu Tage kommt, ist der Boden eben und bildet
+gleichsam kleine Plateaus, die wie Stufen über einander liegen. Bis zu
+700 Toisen und sogar darüber ist der Berg, wie alle in der Nachbarschaft,
+nur mit Gräsern bewachsen. In Cumana schreibt man den Umstand, daß keine
+Bäume mehr vorkommen, der großen Höhe zu; vergegenwärtigt man sich aber
+die Vertheilung dör Gewächse in den Cordilleren der heißen Zone, so sieht
+man, daß die Berggipfel in Neu-Andalusien lange nicht zu der obern
+Baumgrenze hinaufreichen, die in dieser Breite mindestens 1600 Toisen hoch
+liegt. Ja der kurze Rasen zeigt sich auf dem Cocollar stellenweise sogar
+schon bei 350 Toisen über dem Meer und man kann auf demselben bis zu
+1000 Toisen Höhe gehen; weiter hinauf, über diesem mit Gräsern bedeckten
+Gürtel, befindet sich auf dem Menschen fast unzugänglichen Gipfeln ein
+Wäldchen von Cedrela, Javillos(52) und Mahagonibäumen. Nach diesen lokalen
+Verhältnissen muß man annehmen, daß die Bergsavanen des Cocollar und
+Turimiquiri ihre Entstehung nur der verderblichen Sitte der Eingeborenen
+verdanken, die Wälder anzuzünden, die sie in Weideland verwandeln wollen.
+Jetzt, da Gräser und Alppflanzen seit dreihundert Jahren den Boden mit
+einem dicken Filz überzogen haben, können die Baumsamen sich nicht mehr im
+Boden befestigen und keimen, obgleich Wind und Vögel sie fortwährend von
+entlegenen Wäldern in die Savanen herübertragen.
+
+Das Klima auf diesen Bergen ist so mild, daß beim Hofe auf dem Cocollar
+der Baumwollenbaum, der Kaffeebaum, sogar das Zuckerrohr gut fortkommen.
+Trotz aller Behauptungen der Einwohner an der Küste ist unter dem 10. Grad
+der Breite auf Bergen, die kaum höher sind als der Mont d’Or und der Puy
+de Dome, niemals Reif gesehen worden. Die Weiden auf dem Turimiquiri
+nehmen an Güte ab, je höher sie liegen. Ueberall, wo zerstreute Felsmassen
+Schatten bieten, kommen Flechten und verschiedene europäische Moose vor.
+_Melastoma xanthostachis_ und ein Strauch (_Palicourea rigida_), dessen
+große lederartige Blätter im Wind wie Pergament rauschen, wachsen hie und
+da in der Savane. Aber die Hauptzierde des Rasens ist ein Liliengewächs
+mit goldgelber Blüthe, die _Marica martinicensis_. Man findet sie in den
+Provinzen Cumana und Caracas meist erst in 400 bis 500 Toisen Höhe. Die
+Gebirgsarten des Turimiquiri sind ein Alpenkalk, ähnlich dem bei
+Cumanacoa, und ziemlich dünne Schichten Mergel und quarziger Sandstein. Im
+Kalkstein sind Klumpen von braunem Eisenoxyd und Spatheisen eingesprengt.
+An mehreren Stellen habe ich ganz deutlich beobachtet, daß der Sandstein
+dem Kalk nicht nur aufgelagert ist, sondern daß beide nicht selten in
+Wechsellagerung vorkommen.
+
+Man unterscheidet im Lande den abgerundeten Gipfel des Turimiquiri und die
+spitzen Pics oder *Cucuruchos*, die dicht bewaldet sind und wo es viele
+Tiger gibt, auf die man wegen des großen und schönen Fells Jagd macht. Den
+runden begrasten Gipfel fanden wir 707 Toisen hoch. Von diesem Gipfel
+läuft nun nach West ein steiler Felskamm aus, der eine Seemeile von jenem
+durch eine ungeheure Spalte unterbrochen ist, die gegen den Meerbusen von
+Cariaco hinunterläuft. An der Stelle, wo der Kamm hätte weiter laufen
+sollen, erheben sich zwei Bergspitzen aus Kalkstein, von denen die
+nördliche die höhere ist. Dieß ist der eigentliche Cucurucho de
+Turimiquiri, der für höher gilt als der Brigantin, der den Schiffern, die
+der Küste von Cumana zusteuern, so wohl bekannt ist. Nach Höhenwinkeln und
+einer ziemlich kurzen Standlinie, die wir auf dem abgerundeten kahlen
+Gipfel zogen, maßen wir den Spitzberg oder Cucurucho und fanden ihn
+350 Toisen höher als unsern Standort, so daß seine absolute Höhe über
+1050 Toisen beträgt.
+
+Man genießt auf dem Turimiquiri einer der weitesten und malerischsten
+Aussichten. Vom Gipfel bis hinunter zum Meer liegen Bergketten vor einem,
+die parallel von Ost nach West streichen und Längenthäler zwischen sich
+haben. Da in letztere eine Menge kleiner, von den Bergwassern ausgespülter
+Thäler unter rechtem Winkel münden, so stellen sich die Seitenketten als
+Reihen gleich vieler bald abgerundeter, bald kegelförmiger Höhen dar. Bis
+zum Imposible sind die Berghänge meist ziemlich sanft; weiterhin werden
+die Abfälle sehr steil und streichen hinter einander fort bis zum Ufer des
+Meerbusens von Cariaco. Die Umrisse dieser Gebirgsmassen erinnern an die
+Ketten des Jura, und die einzige Ebene, die sich darin findet, ist das
+Thal von Cumanacoa. Es ist als sähe man in einen Trichter hinunter, auf
+dessen Boden unter zerstreuten Baumgruppen das indianische Dorf Aricagua
+erscheint. Gegen Nord hob sich eine schmale Landzunge, die Halbinsel
+Araya, braun vom Meere ab, das, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet,
+ein glänzendes Licht zurückwarf. Jenseits der Halbinsel begrenzte den
+Horizont das Vorgebirge Macanao, dessen schwarzes Gestein gleich einem
+ungeheuren Bollwerk aus dem Wasser aufsteigt.
+
+Der Hof auf dem Cocollar am Fuße des Turimiquiri liegt unter 10° 9’ 32"
+der Breite. Die Inclination der Magnetnadel fand ich gleich 42° 10’. Die
+Nadel schwang 220mal in zehn Zeitminuten. Die im Kalk liegenden
+Brauneisensteinmassen mögen die Intensität der magnetischen Kraft um ein
+Weniges steigern.
+
+Am 14. September gingen wir vom Cocollar zur Mission San Antonio hinunter.
+Der Weg führt Anfangs über Savanen, die mit großen Kalksteinblöcken
+übersäet sind, und dann betritt man dichten Wald. Nachdem man zwei sehr
+steile Berggräte überstiegen, hat man ein schönes Thal vor sich, das fünf
+Meilen lang fast durchaus von Ost nach West streicht. In diesem Thale
+liegen die Missionen San Antonio und Guanaguana. Erstere ist berühmt wegen
+einer kleinen Kirche aus Backsteinen, in erträglichem Styl, mit zwei
+Thürmen und dorischen Säulen. Sie gilt in der Umgegend für ein Wunder. Der
+Gardian der Kapuziner wurde mit diesem Kirchenbau in nicht ganz zwei
+Sommern fertig, obgleich er nur Indianer aus seinem Dorfe dabei verwendet
+hatte. Die Säulencapitäle, die Gesimse und ein mit Sonnen und Arabesken
+gezierter Fries wurden aus mit Ziegelmehl vermischtem Thon modellirt.
+Wundert man sich, an der Grenze Lapplands Kirchen im reinsten griechischen
+Styl [In Skelestar bei Torneo. S. Buch, Reise in Norwegen] anzutreffen, so
+überraschen einen dergleichen erste Kunstversuche noch mehr in einem
+Erdstrich, wo noch Alles den Stempel menschlicher Urzustände trägt und von
+den Europäern erst seit etwa vierzig Jahren der Grund zu künftiger Cultur
+gelegt wurde. Der Statthalter der Provinz mißbilligte es, daß in Missionen
+mit solchem Luxus gebaut werde, und zum großen Leidwesen der Mönche wurde
+die Kirche nicht ausgebaut. Die Indianer von San Antonio sind weit
+entfernt, solches gleichfalls zu beklagen; sie sind insgeheim mit dem
+Spruche des Statthalters vollkommen einverstanden, weil er ihrer
+natürlichen Trägheit behagt. Sie machen sich eben so wenig aus
+architektonischen Ornamenten als einst die Eingeborenen in den
+Jesuitenmissionen in Paraguay.
+
+Ich hielt mich in der Mission San Antonio nur auf, um auf den Barometer zu
+sehen und ein paar Sonnenhöhen zu nehmen. Der große Platz liegt 216 Toisen
+über Cumana. Jenseits des Dorfs durchwateten wir die Flüsse Colorado und
+Guarapiche, die beide in den Bergen des Cocollar entspringen und weiter
+unten, ostwärts, sich vereinigen. Der Colorado hat eine sehr starke
+Strönnmg und wird bei seiner Mündung breiter als der Rhein; der Guarapiche
+ist, nachdem er den Rio Areo aufgenommen, über fünf und zwanzig Faden
+tief. An seinen Ufern wächst eine ausnehmend schöne Grasart, die ich zwei
+Jahre später, als ich den Magdalenenstrom hinausfuhr, gezeichnet habe. Der
+Halm mit zweizeiligen Blättern wird 15 bis 20 Fuß hoch. Unsere Maulthiere
+konnten sich durch den dicken Morast auf dem schmalen ebenen Weg kaum
+durcharbeiten. Es goß in Strömen vom Himmel; der ganze Wald erschien in
+Folge des starken anhaltenden Regens wie Ein Sumpf.
+
+Gegen Abend langten wir in der Mission Guanaguana an, die so ziemlich in
+derselben Höhe liegt, wie das Dorf San Antonio. Es that sehr noth, daß wir
+uns trockneten. Der Missionär nahm uns sehr herzlich auf. Es war ein alter
+Mann, der, wie es schien, seine Indianer sehr verständig behandelte. Das
+Dorf steht erst seit dreißig Jahren am jetzigen Fleck, früher lag es
+weiter nach Süden und lehnte sich an einen Hügel. Man wundert sich, mit
+welcher Leichtigkeit man die Wohnsitze der Indianer verlegt. Es gibt in
+Südamerika Dörfer, die in weniger als einem halben Jahrhundert dreimal den
+Ort gewechselt haben. Den Eingeborenen knüpfen so schwache Bande an den
+Boden, auf dem er wohnt, daß er den Befehl, sein Haus abzureißen und es
+anderswo wieder aufzubauen, gleichmüthig aufnimmt. Ein Dorf wechselt
+seinen Platz wie ein Lager. Wo es nur Thon, Rohr, Palmblätter und
+Heliconienblätter gibt, ist die Hütte in wenigen Tagen wieder fertig.
+Diesen gewaltsamen Aenderungen liegt oft nichts zu Grunde als die Laune
+eines frisch aus Spanien angekommenen Missionärs, der meint, die Mission
+sey dem Fieber ausgesetzt oder liege nicht luftig genug. Es ist
+vorgekommen, daß ganze Dörfer mehrere Stunden weit verlegt wurden, bloß
+weil der Mönch die Aussicht aus seinem Hause nicht schön oder weit genug
+fand.
+
+Guanaguana hat noch keine Kirche. Der alte Geistliche, der schon seit
+dreißig Jahren in den Wäldern Amerikas lebte, äußerte gegen uns, die
+Gemeindegelder, d. h. der Ertrag der Arbeit der Indianer, müßten zuerst
+zum Bau des Missionshauses, dann zum Kirchenbau und endlich für die
+Kleidung der Indianer verwendet werden. Er versicherte in wichtigem Ton,
+von dieser Ordnung dürfe unter keinem Vorwand abgegangen werden. Nun, die
+Indianer, die lieber ganz nackt gehen als die leichtesten Kleider tragen,
+können gut warten, bis die Reihe an sie kommt. Die geräumige Wohnung des
+*Padre* war eben fertig geworden, und wir bemerkten zu unserer
+Ueberraschung, daß das Haus, das ein plattes Dach hatte, mit einer Menge
+Kaminen wie mit Thürmchen geziert war. Sie sollten, belehrte uns unser
+Wirth, ihn an sein geliebtes Heimathland, und in der tropischen Hitze an
+die aragonesischen Winter erinnern. Die Indianer in Guanaguana bauen
+Baumwolle für sich, für die Kirche und für den Missionär. Der Ertrag gilt
+als Gemeindeeigenthum und mit den Gemeindegeldern werden die Bedürfnisse
+des Geistlichen und die Kosten des Gottesdienstes bestritten. Die
+Eingeborenen haben höchst einfache Vorrichtungen, um den Samen von der
+Baumwolle zu trennen. Es sind hölzerne Cylinder von sehr kleinem
+Durchmesser, zwischen denen die Baumwolle durchläuft und die man wie
+Spinnräder mit dem Fuße umtreibt. Diese höchst mangelhaften Maschinen
+leisten indessen gute Dienste und man fängt in den andern Missionen an sie
+nachzuahmen. Ich habe anderswo, in meinem Werke über Mexico, auseinander
+gesetzt, wie sehr die Sitte, die Baumwolle mit dem Samen zu verkaufen, den
+Transport in den spanischen Colonien erschwert, wo alle Waaren auf
+Maulthieren in die Seehäfen kommen. Der Boden ist in Guanaguana eben so
+fruchtbar wie im benachbarten Dorfe Aricagua, das gleichfalls seinen
+indianischen Namen behalten hat. Eine *Almuda* (1850 Quadrattoisen) trägt
+in guten Jahren 25–30 Fanegas Mais, die Fanega zu hundert Pfund. Aber hier
+wie überall, wo der Segen der Natur die Entwicklung der Industrie hemmt,
+macht man nur ganz wenige Morgen Landes urbar, und kein Mensch denkt
+daran, mit dem Anbau der Nahrungspflanzen zu wechseln. Die Indianer in
+Guanaguana erzählten mir als etwas Ungewöhnliches, im verflossenen Jahr
+seyen sie, ihre Weiber und Kinder drei Monate lang _al monte_ gewesen, das
+heißt, sie seyen in den benachbarten Wäldern umhergezogen, um sich von
+saftigen Pflanzen, von Palmkohl, von Farnwurzeln und wilden Baumfrüchten
+zu nähren. Sie sprachen von diesem Nomadenleben keineswegs wie von einem
+Nothstand. Nur der Missionär hatte dabei zu leiden gehabt, weil das Dorf
+ganz verlassen stand und die Gemeindegenossen, als sie aus den Wäldern
+wieder heim kamen, weniger lenksam waren als zuvor.
+
+Das schöne Thal von Guanaguana läuft gegen Ost in die Ebenen von Punzere
+und Terecen aus. Gerne hätten wir diese Ebenen besucht, um die Quellen von
+Bergöl zwischen den Flüssen Guarapiche und Areo zu untersuchen; aber die
+Regenzeit war förmlich eingetreten, und wir hatten täglich vollauf zu
+thun, um die gesammelten Pflanzen zu trocknen und aufzubewahren. Der Weg
+von Guanaguana nach dem Dorfe Punzere führt entweder über San Felix, oder
+über Caycara und Guahuta, wo sich ein *Hato* (Hof für Viehzucht) der
+Missionäre befindet. An letzterem Orte findet man, nach dem Bericht der
+Indianer, große Schwefelmassen, nicht in Gips oder Kalkstein, sondern in
+geringer Tiefe unter der Fläche des Bodens in Thonschichten. Dieses
+auffallende Vorkommen scheint Amerika eigenthümlich; wir werden demselben
+im Königreich Quito und in Neugrenada wieder begegnen. Vor Punzere sieht
+man in den Savanen Säckchen von Seidengewebe an den niedrigsten Baumästen
+hängen. Es ist dieß die _seda silvestre_ oder einheimische wilde Seide,
+die einen schönen Glanz hat, aber sich sehr rauh anfühlt. Der
+Nachtschmetterling, der sie spinnt, kommt vielleicht mit denen in den
+Provinzen Gnanaxuato und Antioquia überein, die gleichfalls wilde Seide
+liefern. Im schönen Walde von Punzere kommen zwei Bäume vor, die unter den
+Namen Curucay und Canela bekannt sind; ersterer liefert ein von den
+*Pinches* oder indianischen Zauberern sehr gesuchtes Harz, der zweite hat
+Blätter, die nach ächtem Ceylonzimmt riechen. Von Punzere läuft der Weg
+über Terecen und Neu-Palencia, das eine neue Niederlassung von Canariern
+ist, nach dem Hafen San Juan, der am rechten Ufer des Rio Areo liegt, und
+man muß in einer Pirogue über diesen Fluß setzen, wenn man zu den
+berühmten Bergölquellen von Buen Pastor gehen will. Man beschrieb sie uns
+als kleine Schachte oder Trichter, die sich von selbst im sumpfigen Boden
+gebildet haben. Diese Erscheinung erinnert an den Asphaltsee oder
+*Chapapote* auf der Insel Trinidad, der in gerader Linie von Buen Pastor
+nur 35 Seemeilen entfernt ist.
+
+Nachdem wir eine Weile mit dem Verlangen gekämpft, den Guarapiche hinunter
+in den _Golfo triste_ zu fahren, wandten wir uns gerade den Bergen zu. Die
+Thäler von Guanaguana und Caripe sind durch eine Art Damm oder Grat aus
+Kalkstein, der unter dem Namen _Cuchilla de Guanaguana_ weit und breit
+berühmt ist, von einander getrennt [Im ganzen spanischen Amerika bedeutet
+_cuchilla_ Messerklinge, einen Bergkamm mit sehr steilen Abhängen.]. Wir
+fanden den Uebergang beschwerlich, weil wir damals noch nicht in den
+Cordilleren gereist waren, aber so gefährlich, als man ihn in Cumana
+schildert, ist er keineswegs. Allerdings ist der Weg an mehreren Stellen
+nur 14 oder 15 Zoll breit; der Bergsattel, über den er wegläuft, ist mit
+kurzem, sehr glattem Rasen bedeckt, die Abhänge zu beiden Seiten sind
+ziemlich jäh, und wenn der Reisende fiele, könnte er auf dem Grase sieben,
+achthundert Fuß hinunterrollen. Indessen sind die Bergseiten vielmehr nur
+starke Böschungen als eigentliche Abgründe, und die Maulthiere hier zu
+Lande haben einen so sichern Gang, daß man sich ihnen ruhig anvertrauen
+kann. Ihr Benehmen ist ganz wie das der Saumthiere in der Schweiz und in
+den Pyrenäen. Je wilder ein Land ist, desto feinfühliger und schärfer
+witternd wird der Instinkt der Hausthiere. Spüren die Maulthiere eine
+Gefahr, so bleiben sie stehen und wenden den Kopf hin und her, bewegen die
+Ohren auf und ab; man sieht, sie überlegen, was zu thun sey. Sie kommen
+langsam zum Entschluß, aber derselbe fällt immer richtig aus, wenn er frei
+ist, das heißt, wenn ihn der Reisende nicht unvorsichtigerweise stört oder
+übereilt. Wenn man in den Anden sechs, sieben Monate auf entsetzlichen
+Wegen durch die von den Bergwassern zerrissenen Gebirge zieht, da
+entwickelt sich die Intelligenz der Reitpferde und Lastthiere auf wahrhaft
+erstaunliche Weise. Man kann auch die Gebirgsbewohner sagen hören: »Ich
+gebe Ihnen nicht das Maulthier, das den bequemsten Schritt hat, sondern
+das vernünftigste, _la mas racional_.« Dieses Wort aus dem Munde des
+Volks, die Frucht langer Erfahrung, widerlegt das System, das in den
+Thieren nur belebte Maschinen sieht, wohl besser als alle Beweisführung
+der speculativen Philosophie.
+
+Auf dem höchsten Punkt des Kammes oder der Cuchilla von Guanaguana
+angelangt, hatten wir eine interessante Fernsicht. Wir übersahen mit Einem
+Blick die weiten Prairien oder Savanen von Maturin und am Rio Tigre, den
+Spitzberg Turimiquiri und zahllose parallel streichende Bergketten, die
+von weitem einer wogenden See gleichen. Gegen Nordost öffnet sich das
+Thal, in dem das Kloster Caripe liegt. Sein Anblick ist um so einladender,
+als es bewaldet ist und so von den kahlen, nur mit Gras bewachsenen Bergen
+umher freundlich absticht. Wir fanden die absolute Höhe der Cuchilla
+gleich 548 Toisen; sie liegt also 329 Toisen über dem Missionshaus von
+Guanaguana.
+
+Steigt man auf sehr krummem Pfade vom Bergkamme nieder, so betritt man
+bald ein ganz bewaldetes Land. Der Boden ist mit Moos und einer neuen Art
+Drosera bedeckt, die im Wuchs der Drosera unserer Alpen gleicht. Je näher
+man dem Kloster Caripe kommt, desto dichter wird der Wald, desto üppiger
+die Vegetation. Alles bekommt einen andern Charakter, sogar die
+Gebirgsart, in der wir von Punta Delgada an gewesen waren. Die
+Kalksteinschichten werden dünner; sie bilden Mauern, Gesimse und Thürme
+wie in Peru, im Pappenheimschen und bei Dicow in Gallizien. Es ist nicht
+mehr Alpenkalk, sondern eine Formation, welche jenem übergelagert ist,
+analog dem Jurakalk.
+
+Der Weg von der Cuchilla herab ist bei weitem nicht so lang als der
+hinaus. Wir fanden, daß das Thal von Caripe 200 Toisen höher liegt als das
+Thal von Guanaguana. Ein Bergzug von unbedeutender Breite trennt zwei
+Becken; das eine ist köstlich kühl, das andere als furchtbar heiß
+verrufen. Solchen Contrasten begegnet man in Mexico, in Neu-Grenada und
+Peru häufig, aber im Nordosten von Südamerika sind sie selten. Unter allen
+hochgelegenen Thälern in Neu-Andalusien ist auch nur das von Caripe
+[absolute Höhe des Klosters 412 Toisen] sehr stark bewohnt. In einer
+Provinz mit schwacher Bevölkerung, wo die Gebirge weder eine sehr
+bedeutende Masse, noch ausgedehnte Hochebenen haben, findet der Mensch
+wenig Anlaß, aus den Ebenen wegzuziehen und sich in gemäßigteren
+Gebirgsstrichen niederzulassen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 49 In den spanischen Kolonien heißt *Mision* oder *Pueblo de Mision*
+ ein Anzahl Wohnungen um eine Kirche herum, wo ein Missionar, der
+ Ordensgeistlicher ist, den Gottesdienst versieht. Die indianischen
+ Dörfer, die unter der Obhut von Pfarrers stehen, heißen *Pueblos de
+ Doctrina*. Man unterscheidet noch weiter den *Cura doctrinero*, den
+ Pfarrer einer indianischen Gemeinde, und den *Cura rector*, den
+ Pfarrer eines von Weißen oder Farbigen bewohnten Dorfes.
+
+ 50 Das virginische Megatherium ist der Megalonyx Jeffersons. Alle diese
+ ungeheuren Knochen, die man *auf den Ebenen* der neuen Welt,
+ nördlich oder südlich vom Aequator gefunden, gehören nicht der
+ heißen, sondern der gemäßigten Zone an. Andererseits macht Pallas
+ die Bemerkung, daß in Sibirien, also auch nördlich vom Wendekreis,
+ fossile Knochen in den gebirgigen Landestheilen gar nicht vorkommen.
+ Diese eng mit einander verknüpften Thatsachen scheinen den Weg zur
+ Auffindung eines wichtigen geologischen Gesetzes zu bahnen.
+
+ 51 Große Messer mit sehr langen Klingen, ähnlich den Jagdmessern. In
+ der heißen Zone geht man nicht ohne *Machete* in den Wald, sowohl um
+ die Lianen und Baumäste abzuhauen, die einem den Weg sperren, als um
+ sich gegen wilde Thiere zu vertheidigen.
+
+_ 52 Hura crepitans_, aus der Familie der Euphorbien. Dieser Baum wird
+ ungeheuer dick; im Thal von Curiepe zwischen Cap Codera und Caracas
+ maß Bonpland Kufen aus Javilloholz, die vierzehn Fuß lang und acht
+ breit waren. Diese Kufen aus Einem Stück dienen zur Aufbewahrung des
+ Guarapo oder Zuckerrohrsasts und der Melasse. Die Samen des Javillo
+ sind ein starkes Gift, und die Milch, die aus dem Blüthenstengel
+ quillt, wenn man ihn abbricht, hat uns oft Augenschmerz verursacht,
+ wenn zufällig auch nur ein ganz klein wenig davon zwischen die
+ Augenlider kam.
+
+
+
+
+
+SIEBENTES KAPITEL
+
+
+ Das Kloster Caripe — Die Höhle des Guacharo — Nachtvögel
+
+
+Eine Allee von Perseabäumen führte uns zum Hospiz der aragonesischen
+Kapuziner. Bei einem Kreuz aus Brasilholz mitten auf einem großen Platz
+machten wir Halt. Das Kreuz ist von Bänken umgeben, wo die kranken und
+schwachen Mönche ihren Rosenkranz beten. Das Kloster lehnt sich an eine
+ungeheure, senkrechte, dicht bewachsene Felswand. Das blendend weiße
+Gestein blickt nur hin und wieder hinter dem Laube vor. Man kann sich kaum
+eine malerischere Lage denken; sie erinnerte mich lebhaft an die Thäler
+der Grafschaft Derby und an die höhlenreichen Berge bei Muggendorf in
+Franken. An die Stelle der europäischen Buchen und Ahorne treten hier die
+großartigeren Gestalten der Ceiba und der Praga- und Irassepalmen.
+Unzählige Quellen brechen aus den Bergwänden, die das Becken von Caripe
+kreisförmig umgeben und deren gegen Süd steil abfallende Hänge tausend Fuß
+hohe Profile bilden. Diese Quellen kommen meist aus Spalten oder engen
+Schluchten hervor. Die Feuchtigkeit, die sie verbreiten, befördert das
+Wachsthum der großen Bäume, und die Eingeborenen, welche einsame Orte
+lieben, legen ihre *Conucos* längs dieser Schluchten an. Bananen und
+Melonenbäume stehen hier um Gebüsche von Baumfarn. Dieses Durcheinander
+von cultivirten und wilden Gewächsen gibt diesen Punkten einen
+eigenthümlichen Reiz. An den nackten Bergseiten erkennt man die Stellen,
+wo Quellen zu Tage kommen, schon von weitem an den dichten Massen von
+Grün, die anfangs am Gestein zu hängen scheinen und sich dann den
+Windungen der Bäche nach ins Thal hinunter ziehen.
+
+Wir wurden von den Mönchen im Hospiz mit der größten Zuvorkommenheit
+aufgenommen. Der Pater Gardian war nicht zu Hause; aber er war von unserem
+Abgang von Cumana in Kenntniß gesetzt und hatte Alles aufgeboten, um uns
+den Aufenthalt angenehm zu machen. Das Hospiz hat einen innern Hof mit
+einem Kreuzgang, wie die spanischen Klöster. Dieser geschlossene Raum war
+sehr bequem für uns, um unsere Instrumente unterzubringen und zu
+beobachten. Wir trafen im Kloster zahlreiche Gesellschaft: junge, vor
+Kurzem aus Europa angekommene Mönche sollten eben in die Missionen
+vertheilt werden, während alte kränkliche Missionäre in der scharfen
+gesunden Gebirgsluft von Caripe Genesung suchten. Ich wohnte in der Zelle
+des Gardians, in der sich eine ziemlich ansehnliche Büchersammlung befand.
+Ich fand hier zu meiner Ueberraschung neben Feijos _teatro critico_ und
+den »erbaulichen Briefen« auch Abbé Nollets »_traité d’électricité_.« Der
+Fortschritt in der geistigen Entwicklung ist, sollte man da meinen, sogar
+in den Wäldern Amerikas zu spüren. Der jüngste Kapuziner von der letzten
+Mission(53) hatte eine spanische Uebersetzung von Chaptals Chemie
+mitgebracht. Er gedachte dieses Werk in der Einsamkeit zu studiren, in der
+er fortan für seine übrige Lebenszeit sich selbst überlassen seyn sollte.
+Ich glaube kaum, daß bei einem jungen Mönche, der einsam am Ufer des Rio
+Tigre lebt, der Wissenstrieb wach und rege bleibt; aber so viel ist sicher
+und gereicht dem Geist des Jahrhunderts zur Ehre, daß wir bei unserern
+Aufenthalt in den Klöstern und Missionen Amerikas nie eine Spur von
+Unduldsamkeit wahrgenommen haben. Die Mönche in Caripe wußten wohl, daß
+ich im protestantischen Deutschland zu Hause war. Mit den Befehlen des
+Madrider Hofes in der Hand, hatte ich keinen Grund, ihnen ein Geheimniß
+daraus zu machen; aber niemals that irgend ein Zeichen von Mißtrauen,
+irgend eine unbescheidene Frage, irgend ein Versuch, eine Controverse
+anzuknüpfen, dem wohlthuenden Eindruck der Gastfreundschaft, welche die
+Mönche mit so viel Herzlichkeit und Offenheit übten, auch nur den
+geringsten Eintrag. Wir werden weiterhin untersuchen, woher diese
+Duldsamkeit der Missionare rührt und wie weit sie geht.
+
+Das Kloster liegt an einem Orte, der in alter Zeit Areocuar hieß. Seine
+Meereshöhe ist ungefähr dieselbe wie die der Stadt Caracas oder des
+bewohnten Strichs in den blauen Bergen von Jamaica. Auch ist die mittlere
+Temperatur dieser drei Punkte, die alle unter den Tropen liegen, so
+ziemlich dieselbe. In Caripe fühlt man das Bedürfniß, sich Nachts
+zuzudecken, besonders bei Sonnenaufgang. Wir sahen den hunderttheiligen
+Thermometer um Mitternacht zwischen 16 und 17½ Grad (12°,8–14 R.) stehen,
+Morgens zwischen 19 und 20. Gegen ein Uhr Nachmittags stand er nur auf 21°
+bis 22°,5. Es ist dieß eine Temperatur, bei der die Gewächse der heißen
+Zone noch wohl gedeihen; gegenüber der übermäßigen Hitze auf den Ebenen
+bei Cumana könnte man sie eine Frühlingstemperatur nennen. Das Wasser, das
+man in porösen Thongesäßen dem Luftzug aussetzt, kühlt sich in Caripe
+während der Nacht auf 13° ab. Ich brauche nicht zu bemerken, daß solches
+Wasser einem fast eiskalt vorkommt, wenn man in Einem Tage entweder von
+der Küste oder von den glühenden Savanen von Terezen ins Kloster kommt und
+daher gewöhnt ist, Flußwasser zu trinken, das meist 25–26° (20–20°,8 R.)
+warm ist.
+
+Die mittlere Temperatur des Thals von Caripe scheint, nach der des Monats
+September zu schließen, 18°,5 zu seyn. Nach den Beobachtungen, die man in
+Cumana gemacht, weicht unter dieser Zone die Temperatur des Septembers von
+der des ganzen Jahres kaum um einen halben Grad ab. Die mittlere
+Temperatur von Caripe ist gleich der des Monats Juni zu Paris, wo übrigens
+die größte Hitze 10 Grad mehr beträgt als an den heißesten Tagen in
+Caripe. Da das Kloster nur 400 Toisen über dem Meere liegt, so fällt es
+auf, wie rasch die Wärme von der Küste an abnimmt. Wegen der dichten
+Wälder können die Sonnenstrahlen nicht vom Boden abprallen, und dieser ist
+feucht und mit einem dicken Gras- und Moosfilz bedeckt. Bei anhaltend
+nebligter Witterung ist von Sonnenwirkung ganze Tage lang nichts zu spüren
+und gegen Einbruch der Nacht wehen frische Winde von der Sierra del
+Guacharo ins Thal herunter.
+
+Die Erfahrung hat ausgewiesen, daß das gemäßigte Klima und die leichte
+Luft des Orts dem Anbau des Kaffeebaums, der bekanntlich hohe Lagen liebt,
+sehr förderlich sind. Der Superior der Kapuziner, ein thätiger,
+aufgeklärter Mann, hat in seiner Provinz diesen neuen Kulturzweig
+eingeführt. Man baute früher Indigo in Caripe, aber die Pflanze, die
+starke Hitze verlangt, lieferte hier so wenig Farbstoff, daß man es
+aufgab. Wir fanden im Gemeinde-Conuco viele Küchenkräuter, Mais,
+Zuckerrohr und fünftausend Kaffeestämme, die eine reiche Ernte
+versprachen. Die Mönche hofften in wenigen Jahren ihrer dreimal so viel zu
+haben. Man sieht auch hier wieder, wie die geistliche Hierarchie überall,
+wo sie es mit den Anfängen der Cultur zu thun hat, in derselben Richtung
+ihre Thätigkeit entwickelt. Wo die Klöster es noch nicht zum Reichthum
+gebracht haben, auf dem neuen Continent wie in Gallien, in Syrien wie im
+nördlichen Europa, überall wirken sie höchst vortheilhaft auf die
+Urbarmachung des Bodens und die Einführung fremdländischer Gewächse. In
+Caripe stellt sich der Gemeinde-Conuco als ein großer schöner Garten dar.
+Die Eingeborenen sind gehalten, jeden Morgen von sechs bis zehn Uhr darin
+zu arbeiten. Die Alcaden und Alguazils von indianischem Blut führen dabei
+die Aufsicht. Es sind das die hohen Staatsbeamten, die allein einen Stock
+tragen dürfen und vom Superior des Klosters angestellt werden. Sie legen
+auf jenes Recht sehr großes Gewicht. Ihr pedantischer, schweigsamer Ernst,
+ihre kalte, geheimnißvolle Miene, der Eifer, mit dem sie in der Kirche und
+bei den Gemeindeversammlungen repräsentiren, kommt den Europäern höchst
+lustig vor. Wir waren an diese Züge im Charakter des Indianers noch nicht
+gewöhnt, fanden sie aber später gerade so am Orinoco, in Mexico und Peru
+bei Völkern von sehr verschiedenen Sitten und Sprachen. Die Alcaden kamen
+alle Tage ins Kloster, nicht sowohl um mit den Mönchen über
+Angelegenheiten der Mission zu verhandeln, als unter dem Vorwand, sich
+nach dem Befinden der kürzlich angekommenen Reisenden zu erkundigen. Da
+wir ihnen Branntwein gaben, wurden die Besuche häufiger, als die
+Geistlichen gerne sahen.
+
+So lange wir uns in Caripe und in den andern Missionen der Chaymas
+aufhielten, sahen wir die Indianer überall milde behandeln. Im Allgemeinen
+schien uns in den Missionen der aragonesischen Kapuziner grundsätzlich
+eine Ordnung und eine Zucht zu herrschen, wie sie leider in der neuen Welt
+selten zu finden sind. Mißbräuche, die mit dem allgemeinen Geist aller
+klösterlichen Anstalten zusammenhängen, dürfen dem einzelnen Orden nicht
+zur Last gelegt werden. Der Gardian des Klosters Verkauft den Ertrag des
+Gemeinde-Conuco, und da alle Indianer darin arbeiten, so haben auch alle
+gleichen Theil am Gewinn. Mais, Kleidungsstücke, Ackergeräthe, und, wie
+man versichert, zuweilen auch Geld werden unter ihnen vertheilt. Diese
+Mönchsanstalten haben, wie ich schon oben bemerkt, Aehnlichkeit mit den
+Gemeinden der mährischen Brüder; sie fördern die Entwicklung in der
+Bildung begriffener Menschenvereine, und in den katholischen Gemeinden,
+die man Missionen nennt, wird die Unabhängigkeit der Familien und die
+Selbstständigkeit der Genossenschaftsglieder mehr geachtet, als in den
+protestantischen Gemeinden nach Zinzendorfs Regel.
+
+Am berühmtesten ist das Thal von Caripe, neben der ausnehmenden Kühle des
+Klimas, durch die große *Cueva* oder Höhle des *Guacharo*. In einem Lande,
+wo man so großen Hang zum Wunderbaren hat, ist eine Höhle, aus der ein
+Strom entspringt und in der Tausende von Nachtvögeln leben, mit deren Fett
+man in den Missionen kocht, natürlich ein unerschöpflicher Gegenstand der
+Unterhaltung und des Streits. Kaum hat daher der Fremde in Cumana den Fuß
+ans Land gesetzt, so hört er zum Ueberdruß vom Augenstein von Araya, vom
+Landmann in Arenas, der sein Kind gesäugt, und von der Höhle des Guacharo,
+die mehrere Meilen lang seyn soll. Lebhafte Theilnahme an
+Naturmerkwürdigkeiten erhält sich überall, wo in der Gesellschaft kein
+Leben ist, wo in trübseliger Eintönigkeit die alltäglichen Vorkommnisse
+sich ablösen, bei denen die Neugierde keine Nahrung findet.
+
+Die Höhle, welche die Einwohner eine »Fettgrube« nennen, liegt nicht im
+Thal von Caripe selbst, sondern drei kleine Meilen vom Kloster gegen
+West-Süd-West. Sie mündet in einem Seitenthale aus, das der *Sierra des
+Guacharo* zuläuft. Am 18. September brachen wir nach der Sierra auf,
+begleitet von den indianischen Alcaden und den meisten Ordensmännern des
+Klosters. Ein schmaler Pfad führte zuerst anderthalb Stunden lang südwärts
+über eine lachende, schön beraste Ebene, dann wandten wir uns westwärts an
+einem kleinen Flusse hinauf, der aus der Höhle hervorkommt. Man geht drei
+Viertelstunden lang aufwärts bald im Wasser, das nicht tief ist, bald
+zwischen dem Fluß und einer Felswand, auf sehr schlüpfrigem, morastigem
+Boden. Zahlreiche Erdfälle, umherliegende Baumstämme, über welche die
+Maulthiere nur schwer hinüber kommen, die Rankengewächse am Boden machen
+dieses Stück des Weges sehr ermüdend. Wir waren überrascht, hier, kaum
+500 Toisen über dem Meere, eine Kreuzblüthe zu finden, den _Raphanus
+pinnatus_. Man weiß, wie selten Arten dieser Familie unter den Tropen
+sind; sie haben gleichsam einen *nordischen Typus*, und auf diesen waren
+wir hier auf dem Plateau von Caripe, in so geringer Meereshöhe, nicht
+gefaßt.
+
+Wenn man am Fuß des hohen Guacharoberges nur noch vierhundert Schritte von
+der Höhle entfernt ist, sieht man den Eingang noch nicht. Der Bach läuft
+durch eine Schlucht, die das Wasser eingegraben, und man geht unter einem
+Felsenüberhang, so daß man den Himmel gar nicht sieht. Der Weg schlängelt
+sich mit dem Fluß und bei der letzten Biegung steht man auf einmal vor der
+ungeheuren Mündung der Höhle. Der Anblick hat etwas Großartiges selbst für
+Augen, die mit der malerischen Scenerie der Hochalpen vertraut sind. Ich
+hatte damals die Höhlen am Pic von Derbyshire gesehen, wo man, in einem
+Rachen ausgestreckt, unter einem zwei Fuß hohen Gewölbe über einen
+unterirdischen Fluß setzt. Ich hatte die schöne Höhle von Treshemienshiz
+in den Karpathen befahren, ferner die Höhlen im Harz und in Franken, die
+große Grabstätten sind für die Gebeine von Tigern, Hyänen und Bären, die
+so groß waren, wie unsere Pferde. Die Natur gehorcht unter allen Zonen
+unabänderlichen Gesetzen in der Vertheilung der Gebirgsarten, in der
+äußeren Gestaltung der Berge, selbst in den gewaltsamen Veränderungen,
+welche die äußere Rinde unseres Planeten erlitten hat. Nach dieser großen
+Einförmigkeit konnte ich glauben, die Höhle von Caripe werde im Aussehen
+von dem, was ich der Art auf meinen früheren Reisen beobachtet, eben nicht
+sehr abweichen; aber die Wirklichkeit übertraf meine Erwartung weit. Wenn
+einerseits alle Höhlen nach ihrer ganzen Bildung, durch den Glanz der
+Stalaktiten, in allem, was die unorganisches Natur betrifft, auffallende
+Aehnlichkeit mit einander haben, so gibt andererseits der großartige
+tropische Pflanzenwuchs der Mündung eines solchen Erdlochs einen ganz
+eigenen Charakter.
+
+Die Cueva del Guacharo öffnet sich im senkrechten Profil eines Felsen. Der
+Eingang ist nach Süd gekehrt; es ist eine Wölbung achtzig Fuß breit und
+siebzig hoch, also bis auf ein Fünftheil so hoch als die Colonnade des
+Louvre. Auf dem Fels über der Grotte stehen riesenhafte Bäume. Der Mamei
+und der Genipabaum mit breiten glänzenden Blättern strecken ihre Aeste
+gerade gen Himmel, während die des Courbaril und der Erythrina sich
+ausbreiten und ein dichtes grünes Gewölbe bilden. Pothos mit saftigen
+Stengeln, Oxalis und Orchideen von seltsamem Bau [Ein _Dendrobium_ mit
+goldgelber, schwarzgefleckter, drei Zoll langer Blüthe] wachsen in den
+dürrsten Felsspalten, während vom Winde geschaukelte Rankengewächse sich
+vor dem Eingang der Höhle zu Gewinden verschlingen. Wir sahen in diesen
+Blumengewinden eine violette Bignonie, das purpurfarbige Dolichos und zum
+erstenmal die prachtvolle Solandra, deren orangegelbe Blüthe eine über
+vier Zoll lange fleischige Röhre hat. Es ist mit dem Eingang der Höhlen,
+wie mit der Ansicht der Wasserfälle; der Hauptreiz besteht in der mehr
+oder weniger großartigen Umgebung, die den Charakter der Landschaft
+bestimmt. Welcher Contrast zwischen der Cueva de Caripe und den Höhlen im
+Norden, die von Eichen und düstern Lerchen beschattet sind!
+
+Aber diese Pflanzenpracht schmückt nicht allein die Außenseite des
+Gewölbes, sie dringt sogar in den Vorhof der Höhle ein. Mit Erstaunen
+sahen wir, daß achtzehn Fuß hohe prächtige Heliconien mit Pisangblättern,
+Pragapalmen und baumartige Arumarten die Ufer des Baches bis unter die
+Erde säumten. Die Vegetation zieht sich in die Höhle von Caripe hinein,
+wie in die tiefen Felsspalten in den Anden, in denen nur ein Dämmerlicht
+herrscht, und sie hört erst 30–40 Schritte vom Eingang auf. Wir maßen den
+Weg mittelst eines Stricks und waren gegen vier hundert dreißig Fuß weit
+gegangen, ehe wir nöthig hatten die Fackeln anzuzünden. Das Tageslicht
+dringt so weit ein, weil die Höhle nur Einen Gang bildet, der sich in
+derselben Richtung von Südost nach Nordwest hineinzieht. Da wo das Licht
+zu verschwinden anfängt, hört man das heisere Geschrei der Nachtvögel,
+die, wie die Eingeborenen glauben, nur in diesen unterirdischen Räumen zu
+Hause sind.
+
+Der Guacharo hat die Größe unserer Hühner, die Stimme der Ziegenmelker und
+Procnias, die Gestalt der geierartigen Vögel mit Büscheln steifer Seide um
+den krummen Schnabel. Streicht man nach Cuvier die Ordnung der _Picae_
+(Spechte), so ist dieser merkwürdige Vogel unter die _Passeres_ stellen,
+deren Gattungen fast unmerklich in einander übergehen. Ich habe ihn im
+zweiten Band meiner _Observations de zoologie et d’anatomie comparée_ in
+einer eigenen Abhandlung unter dem Namen _Steatornis_ (Fettvogel)
+beschrieben. Er bildet eine neue Gattung, die sich von _Caprimulgus_ durch
+den Umfang der Stimme, durch den ausnehmend starken mit einem doppelten
+Zahn versehenen Schnabel, durch den Mangel der Haut zwischen den vorderen
+Zehengliedern wesentlich unterscheidet. In der Lebensweise kommt er sowohl
+den Ziegenmelkern als den Alpenkrähen [_Corvus Pyrrhocorax_] nahe. Sein
+Gefieder ist dunkel graublau, mit kleinen schwarzen Streifen und Tupfen;
+Kopf, Flügel und Schwanz zeigen große, weiße, herzförmige, schwarz
+gesäumte Flecken. Die Augen des Vogels können das Tageslicht nicht
+ertragen, sie sind blau und kleiner als bei den Ziegenmelkern. Die Flügel
+haben 17–18 Schwungfedern und ihre Spannung beträgt 3½ Fuß. Der Guacharo
+verläßt die Höhle bei Einbruch der Nacht, besonders bei Mondschein. Es ist
+so ziemlich der einzige körnerfressende Nachtvogel, den wir bis jetzt
+kennen; schon der Bau seiner Füße zeigt, daß er nicht jagt wie unsere
+Eulen. Er frißt sehr harte Samen, wie der Nußheher (_Corvus
+cariocatactes_) und der _Pyrrhocorax_. Letzterer nistet auch in
+Felsspalten und heißt der »Nachtrabe.« Die Indianer behaupten, der
+Guacharo gehe weder Insekten aus der Ordnung der Lamellicornia (Käfern),
+noch Nachtschmetterlingen nach, von denen die Ziegenmelker sich nähren.
+Man darf nur die Schnäbel des Guacharo und des Ziegenmelkers vergleichen,
+um zu sehen, daß ihre Lebensweise ganz verschieden seyn muß.
+
+Schwer macht man sich einen Begriff vom furchtbaren Lärm, den Tausende
+dieser Vögel im dunkeln Innern der Höhle machen. Er läßt sich nur mit dem
+Geschrei unserer Krähen vergleichen, die in den nordischen Tannenwäldern
+gesellig leben und auf Bäumen nisten, deren Gipfel einander berühren. Das
+gellende durchdringende Geschrei der Guacharos hallt wider vom Felsgewölbe
+und aus der Tiefe der Höhle kommt es als Echo zurück. Die Indianer zeigten
+uns die Nester der Vögel, indem sie Fackeln an eine lange Stange banden.
+Sie stacken 60–70 Fuß hoch über unsern Köpfen in trichterförmigen Löchern,
+von denen die Decke wimmelt. Je tiefer man in die Höhle hinein kommt, je
+mehr Vögel das Licht der Copalfackeln aufscheucht, desto stärker wird der
+Lärm. Wurde es ein paar Minuten ruhiger um uns her, so erschallte von
+weither das Klaggeschrei der Vögel, die in andern Zweigen der Höhle
+nisteten. Die Banden lösten einander im Schreien ordentlich ab.
+
+Jedes Jahr um Johannistag gehen die Indianer mit Stangen in die Cueva del
+Guacharo und zerstören die meisten Nester. Man schlägt jedesmal mehrere
+tausend Vögel todt, wobei die Alten, als wollten sie ihre Brut
+vertheidigen, mit furchtbarem Geschrei den Indianern um die Köpfe fliegen.
+Die Jungen, die zu Boden fallen, werden auf der Stelle ausgeweidet. Ihr
+Bauchfell ist stark mit Fett durchwachsen, und eine Fettschicht läuft vom
+Unterleib zum After und bildet zwischen den Beinen des Vogels eine Art
+Knopf. Daß körnerfressende Vögel, die dem Tageslicht nicht ausgesetzt sind
+und ihre Muskeln wenig brauchen, so fett werden, erinnert an die uralten
+Erfahrungen beim Mästen der Gänse und des Viehs. Man weiß, wie sehr
+dasselbe durch Dunkelheit und Ruhe befördert wird. Die europäischen
+Nachtvögel sind mager, weil sie nicht wie der Guacharo von Früchten,
+sondern vom dürftigen Ertrag ihrer Jagd leben. Zur Zeit der »Fetternte«
+(_cosecha de la manteca_), wie man es in Caripe nennt, bauen sich die
+Indianer aus Palmblättern Hütten am Eingang und im Vorhof der Höhle. Wir
+sahen noch Ueberbleibsel derselben. Hier läßt man das Fett der jungen,
+frisch getödteten Vögel am Feuer aus und gießt es in Thongefässe. Dieses
+Fett ist unter dem Namen Guacharoschmalz oder Oel (_manteca_ oder
+_aceite_) bekannt; es ist halbflüssig, hell und geruchlos. Es ist so rein,
+daß man es länger als ein Jahr aufbewahren kann, ohne daß es ranzig wird.
+In der Klösterküche zu Caripe wurde kein anderes Fett gebraucht als das
+aus der Höhle, und wir haben nicht bemerkt, daß die Speisen irgend einen
+unangenehmen Geruch oder Geschmack davon bekämen.
+
+Die Menge des gewonnenen Oels steht mit dem Gemetzel, das die Indianer
+alle Jahre in der Höhle anrichten, in keinem Verhältniß. Man bekommt,
+scheint es, nicht mehr als 150 bis 160 Flaschen (zu 44 Kubikzoll) ganz
+reine Manteca; das übrige weniger helle wird in großen irdenen Gefässen
+aufbewahrt. Dieser Industriezweig der Eingeborenen erinnert an das Sammeln
+des Taubenfetts [Das _pigeon oil_ kommt von der Wandertaube, _Columba
+migratoria_.] in Carolina, von dem früher mehrere tausend Fässer gewonnen
+wurden. Der Gebrauch des Guacharofetts ist in Caripe uralt und die
+Missionare haben nur die Gewinnungsart geregelt. Die Mitglieder einer
+indianischen Familie Namens Morocoymas behaupten von den ersten Ansiedlern
+im Thale abzustammen und als solche rechtmäßige Eigenthümer der Höhle zu
+seyn; sie beanspruchen das Monopol des Fetts, aber in Folge der
+Klosterzucht sind ihre Rechte gegenwärtig nur noch Ehrenrechte. Nach dem
+System der Missionare haben die Indianer Guacharoöl für das ewige
+Kirchenlicht zu liefern; das Uebrige, so behauptet man, wird ihnen
+abgekauft. Wir erlauben uns kein Urtheil weder über die Rechtsansprüche
+der Morocoymas, noch über den Ursprung der von den Mönchen den Indianern
+auferlegten Verpflichtung. Es erschiene natürlich, daß der Ertrag der Jagd
+denen gehörte, die sie anstellen; aber in den Wäldern der neuen Welt, wie
+im Schooße der europäischen Cultur, bestimmt sich das öffentliche Recht
+darnach, wie sich das Verhaltniß zwischen dem Starken und dem Schwachen,
+zwischen dem Eroberer und dem Unterworfenen gestaltet.
+
+Das Geschlecht der Guacharos ware längst ausgerottet, wenn nicht mehrere
+Umstände zur Erhaltung desselben zusammenwirkten. Aus Aberglauben wagen
+sich die Indianer selten weit in die Höhle hinein. Auch scheint derselbe
+Vogel in benachbarten, aber dem Menschen unzugänglichen Höhlen zu nisten.
+Vielleicht bevölkert sich die große Höhle immer wieder mit Colonien,
+welche aus jenen kleinen Erdlöchern ausziehen; denn die Missionäre
+versicherten uns, bis jetzt habe die Menge der Vögel nicht merkbar
+abgenommen. Man hat junge Guacharos in den Hafen von Cumana gebracht; sie
+lebten da mehrere Tage, ohne zu fressen, da die Körner, die man ihnen gab,
+ihnen nicht zusagten. Wenn man in der Höhle den jungen Vögeln Kropf und
+Magen ausschneidet, findet man mancherlei harte, trockene Samen darin, die
+unter dem seltsamen Namen »Guacharosamen« (_semilla del Guacharo_) ein
+vielberufenes Mittel gegen Wechselfieber sind. Die Alten bringen diese
+Samen den Jungen zu. Man sammelt sie sorgfältig und läßt sie den Kranken
+in Cariaco und andern tief gelegenen Fieberstrichen zukommen.
+
+Wir gingen in die Höhle hinein und am Bache fort, der daraus entspringt.
+Derselbe ist 28–30 Fuß breit. Man verfolgt das Ufer, so lange die Hügel
+aus Kalkincrustationen dieß gestatten; oft, wenn sich der Bach zwischen
+sehr hohen Stalaktitenmassen durchschlängelt, muß man in das Bette selbst
+hinunter, das nur zwei Fuß tief ist. Wir hörten zu unserer Ueberraschung,
+diese unterirdische Wasserader sey die Quelle des Rio Caripe, der wenige
+Meilen davon, nach seiner Vereinigung mit dem kleinen Rio de Santa Maria,
+für Piroguen schiffbar wird. Am Ufer des unterirdischen Baches fanden wir
+eine Menge Palmholz; es sind Ueberbleibsel der Stämme, auf denen die
+Indianer zu den Vogelnestern an der Decke der Höhle hinaufsteigen. Die von
+den Narben der alten Blattstiele gebildeten Ringe dienen gleichsam als
+Sprossen einer aufrecht stehenden Leiter.
+
+Die Höhle von Caripe behält, genau gemessen, auf 472 Meter oder 1458 Fuß
+dieselbe Richtung, dieselbe Breite und die anfängliche Höhe von 60–70 Fuß.
+Ich kenne auf beiden Continenten keine zweite Höhle von so gleichförmiger,
+regelmäßiger Gestalt. Wir hatten viele Mühe, die Indianer zu bewegen, daß
+sie über das vordere Stück hinausgingen, das sie allein jährlich zum
+Fettsammeln besuchen. Es brauchte das ganze Ansehen der Patres, um sie bis
+zu der Stelle zu bringen, wo der Boden rasch unter einem Winkel von
+60 Grad ansteigt und der Bach einen kleinen unterirdischen Fall bildet.
+Diese von Nachtvögeln bewohnte Höhle ist für die Indianer ein schauerlich
+geheimnißvoller Ort; sie glauben, tief hinten wohnen die Seelen ihrer
+Vorfahren. Der Mensch, sagen sie, soll Scheu tragen vor Orten, die weder
+von der Sonne, *Zis*, noch vom Monde, *Nuna*, beschienen sind. Zu den
+Guacharos gehen, heißt so viel, als zu den Vätern versammelt werden,
+sterben. Daher nahmen auch die Zauberer, *Piaches*, und die Giftmischer,
+*Imorons*, ihre nächtlichen Gaukeleien am Eingang der Höhle vor, um den
+Obersten der bösen Geister, *Ivorokiamo*, zu beschwören. So gleichen sich
+unter allen Himmelsstrichen die ältesten Mythen der Völker, vor allen
+solche, die sich aus zwei die Welt regierende Kräfte, auf den Aufenthalt
+der Seelen nach dem Tod, auf den Lohn der Gerechten und die Strafe der
+Bösen beziehen. Die verschiedensten und darunter die rohesten Sprachen
+haben gewisse Bilder mit einander gemein, weil diese unmittelbar aus dem
+Wesen unseres Denk- und Empfindungsvermögens fließen. Finsterniß wird
+aller Orten mit der Vorstellung des Todes in Verbindung gebracht. Die
+Höhle von Caripe ist der Tartarus der Griechen, und die Guacharos, die
+unter kläglichem Geschrei über dem Wasser flattern, mahnen an die
+stygischen Vögel.
+
+Da wo der Bach den unterirdischen Fall bildet, stellt sich das dem
+Höhleneingang gegenüber liegende, grün bewachsene Gelände ungemein
+malerisch dar. Man sieht vom Ende eines geraden, 240 Toisen langen Ganges
+daraus hinaus. Die Stalaktiten, die von der Decke herabhängen und in der
+Luft schwebenden Säulen gleichen, heben sich von einem grünen Hintergrunde
+ab. Die Oeffnung der Höhle erscheint um die Mitte des Tages auffallend
+enger als sonst, und wir sahen sie vor uns im glänzenden Lichte, das
+Himmel, Gewächse und Gestein zumal widerstrahlen. Das ferne Tageslicht
+stach grell ab von der Finsterniß, die uns in diesen unterirdischen Räumen
+umgab. Wir hatten unsere Gewehre fast auf Gerathewohl abgeschossen, so oft
+wir aus dem Geschrei und dem Flügelschlagen der Nachtvögel schließen
+konnten, daß irgendwo recht viele Nester beisammen seyen. Nach mehreren
+fruchtlosen Versuchen gelang es Bonpland, zwei Guacharos zu schießen, die,
+vom Fackelschein geblendet, uns nachflatterten. Damit fand ich
+Gelegenheit, den Vogel zu zeichnen, der bis dahin den Zoologen ganz
+unbekannt gewesen war. Wir erkletterten nicht ohne Beschwerde die
+Erhöhung, über die der unterirdische Bach herunter kommt. Wir sahen da,
+daß die Höhle sich weiterhin bedeutend verengert, nur noch 40 Fuß hoch ist
+und nordostwärts in ihrer ursprünglichen Richtung, parallel mit dem großen
+Thale des Caripe, fortstreicht.
+
+In dieser Gegend der Höhle setzt der Bach eine schwärzlichte Erde ab, die
+große Aehnlichkeit hat mit dem Stoff, der in der Muggendorfer Höhle in
+Franken »Opfererde« heißt. Wir konnten nicht ausfindig machen, ob diese
+feine, schwammigte Erde durch Spalten im Gestein, die mit dem Erdreich
+außerhalb in Verbindung stehen, hereinfällt, oder ob sie durch das
+Regenwasser, das in die Höhle dringt, hereingeflötzt wird. Es war ein
+Gemisch von Kieselerde, Thonerde und vegetabilischem Detritus. Wir gingen
+in dickem Koth bis zu einer Stelle, wo uns zu unserer Ueberraschung, eine
+unterirdische Vegetation entgegentrat. Die Samen, welche die Vögel zum
+Futter für ihre Jungen in die Höhle bringen, keimen überall, wo sie auf
+die Dammerde fallen, welche die Kalkincrustationen bedeckt. Vergeilte
+Stengel mit ein paar Blattrudimenten waren zum Theil zwei Fuß hoch. Es war
+unmöglich, Gewächse, die sich durch den Mangel an Licht nach Form, Farbe
+und ganzem Habitus völlig umgewandelt hatten, specifisch zu unterscheiden.
+Diese Spuren von Organisation im Schoße der Finsterniß reizten gewaltig
+die Neugier der Eingeborenen, die sonst so stumpf und schwer anzuregen
+sind. Sie betrachteten sie mit stillem, nachdenklichem Ernst, wie er sich
+an einem Orte ziemte, der für sie solche Schauer hat. Diese unterirdischen
+bleichen, formlosen Gewächse mochten ihnen wie Gespenster erscheinen, die
+vom Erdboden hieher gebannt waren. Mich aber erinnerten sie an eine der
+glücklichsten Zeiten meiner frühen Jugend, an einen langen Aufenthalt in
+den Freiberger Erzgruben, wo ich über das Vergeilen der Pflanzen Versuche
+anstellte, die sehr verschieden ausfielen, je nachdem die Luft rein war
+oder viel Wasserstoff und Stickstoff enthielt.
+
+Mit aller ihrer Autorität konnten die Missionäre die Indianer nicht
+vermögen, noch weiter in die Höhle hinein zu gehen. Je mehr die Decke sich
+senkte, desto gellender wurde das Geschrei der Guacharos. Wir mußten uns
+der Feigheit unserer Führer gefangen geben und umkehren. Man sah auch
+überall so ziemlich das Nämliche. Ein Bischof von St. Thomas in Guyana
+scheint weiter gekommen zu seyn als wir; er hatte vom Eingang bis zum
+Punkt, wo er Halt machte, 2500 Fuß gemessen, und die Höhle lief noch
+weiter sort. Die Erinnerung an diesen Vorfall hat sich im Kloster Caripe
+erhalten, nur weiß man den Zeitpunkt nicht genau. Der Bischof hatte sich
+mit dicken Kerzen aus weißem spanischem Wachs versehen; wir hatten nur
+Fackeln aus Baumrinde und einheimischem Harz. Der dicke Rauch solcher
+Fackeln in engem unterirdischem Raum thut den Augen weh und macht das
+Athmen beschwerlich.
+
+Wir gingen dem Bache nach wieder zur Höhle hinaus. Ehe unsere Augen vom
+Tageslicht geblendet wurden, sahen wir vor der Höhle draußen das Wasser
+durch das Laub der Bäume glänzen. Es war, als stünde weit weg ein Gemälde
+vor uns und die Oeffnung der Höhle wäre der Rahmen dazu. Als wir endlich
+heraus waren, setzten wir uns am Bache nieder und ruhten von der
+Anstrengung aus. Wir waren froh, daß wir das heisere Geschrei der Vögel
+nicht mehr hörten und einen Ort hinter uns hatten, wo sich mit der
+Dunkelheit nicht der wohlthuende Eindruck der Ruhe und Stille paart. Wir
+konnten es kaum glauben, daß der Name der Höhle von Caripe bis jetzt in
+Europa völlig unbekannt gewesen seyn sollte. Schon wegen der Guacharos
+hätte sie berühmt werden sollen; denn außer den Bergen von Caripe und
+Cumanacoa hat man diese Nachtvögel bis jetzt nirgends angetroffen.
+
+Die Missionäre hatten am Eingang der Höhle ein Mahl zurichten lassen.
+Pisang- und Bijaoblätter, die seidenartig glänzen, dienten uns, nach
+Landessitte als Tischtuch. Wir wurden trefflich bewirthet, sogar mit
+geschichtlichen Erinnerungen die so selten sind in Ländern, wo die
+Geschlechter einander ablösten, ohne eine Spur ihres Daseyns zu
+hinterlassen. Wohlgefällig erzählten uns unsere Wirthe, die ersten
+Ordensleute, die in diese Berge gekommen, um das kleine Dorf Santa Maria
+zu gründen, haben einen Monat lang in der Höhle hier gelebt und auf einem
+Stein bei Fackellicht das heilige Meßopfer gefeiert. Die Missionäre hatten
+am einsamen Orte Schutz gefunden vor der Verfolgung eines Häuptlings der
+Tuapocans, der am Ufer des Rio Caripe sein Lager aufgeschlagen.
+
+So viel wir uns auch bei den Einwohnern von Caripe, Cumanacoa und Cariaco
+erkundigten, wir hörten nie, daß man in der Höhle des Guacharo je Knochen
+von Fleischfressern oder Knochenbreccien mit Pflanzenfressern gefunden
+hätte, wie sie in den Höhlen Deutschlands und Ungarns oder in den Spalten
+des Kalksteins bei Gibraltar vorkommen. Die fossilen Knochen der
+Megatherien, Elephanten und Mastodonten, welche Reisende aus Südamerika
+mitgebracht, gehören sämmtlich dem ausgeschwemmten Land in den Thälern und
+auf hohen Plateans an. Mit Ausnahme des Megalonyx,(54) eines Faulthiers
+von der Größe eines Ochsen, das Jefferson beschrieben, kenne ich bis jetzt
+auch nicht Einen Fall, daß in einer Höhle der neuen Welt ein Thierskelett
+gefunden worden wäre. Daß diese zoologische Erscheinung hier so ausnehmend
+selten ist, erscheint weniger auffallend, wenn man bedenkt, daß es in
+Frankreich, England und Italien auch eine Menge Höhlen gibt, in denen man
+nie eine Spur von fossilen Knochen entdeckt hat.
+
+Die interessanteste Beobachtung, welche der Physiker in den Höhlen
+anstellen kann, ist die genaue Bestimmung ihrer Temperatur. Die Höhle von
+Caripe liegt ungefähr unter 10° 10’ der Breite, also mitten im heißen
+Erdgürtel, und 506 Toisen über dem Spiegel des Wassers im Meerbusen von
+Cariaco. Wir fanden im September die Temperatur der Luft im Innern
+durchaus zwischen 18°,4 und 18°,9 der hunderttheiligen Scale. Die äußere
+Luft hatte 16°,2. Beim Eingang der Höhle zeigte der Thermometer an der
+Luft 17°,6, aber im Wasser des unterirdischen Bachs bis hinten in der
+Höhle 16°,8. Diese Beobachtungen sind von großer Bedeutung, wenn man ins
+Auge faßt, wie sich zwischen Wasser, Luft und Boden die Wärme ins
+Gleichgewicht zu setzen strebt. Ehe ich Europa verließ, beklagten sich die
+Physiker noch, daß man so wenig Anhaltspunkte habe, um zu bestimmen, was
+man ein wenig hochtrabend *die Temperatur des Erdinnern* heißt, und erst
+in neuerer Zeit hat man mit einigem Erfolg an der Lösung dieses großen
+Problems der unterirdischen Meteorologie gearbeitet. Nur die
+Steinschichten, welche die Rinde unseres Planeten bilden, sind der
+unmittelbaren Forschung zugänglich, und man weiß jetzt, daß die mittlere
+Temperatur dieser Schichten sich nicht nur nach der Breite und der
+Meereshöhe verändert, sondern daß sie auch je nach der Lage des Orts im
+Verlauf des Jahrs regelmäßige Schwingungen um die mittlere Temperatur der
+benachbarten Luft beschreibt. Die Zeit ist schon fern, wo man sich
+wunderte, wenn man in andern Himmelsstrichen in Höhlen und Brunnen eine
+andere Temperatur beobachtete, als in den Kellern der Pariser Sternwarte.
+Dasselbe Instrument, das in diesen Kellern 12 Grad zeigt, steigt in
+unterirdischen Räumen auf Madera bei Funchal aus 16°,2, im
+St. Josephsbrunnen in Cairo auf 21°,2, in den Grotten der Insel Cuba auf
+22–23 Grad. Diese Zunahme ist ungefähr proportional der Zunahme der
+mittleren Lufttemperaturen vom 48. Grad der Breite bis zum Wendekreis.
+
+Wir haben eben gesehen, daß in der Höhle des Guacharo das Wasser des
+Baches gegen 2 Grad kühler ist als die umgebende Luft im unterirdischen
+Raum. Das Wasser, ob es nun durch das Gestein sickert oder über ein
+steinigtes Bette fließt, nimmt unzweifelhaft die Temperatur des Gesteins
+oder des Bettes an. Die Luft in der Höhle dagegen steht nicht still, sie
+communicirt mit der Atmosphäre draußen. Und wenn nun auch in der heißen
+Zone die Schwankungen in der äußern Temperatur sehr unbedeutend sind, so
+bilden sich dennoch Strömungen, durch welche die Luftwärme im Innern
+periodische Veränderungen erleidet. Demnach könnte man die Temperatur des
+Wassers, also 16°,8, als die Bodentemperatur in diesen Bergen betrachten,
+wenn man sicher wäre, daß das Wasser nicht rasch von benachbarten höheren
+Bergen herabkommt.
+
+Aus diesen Betrachtungen folgt, daß, wenn man auch keine ganz genauen
+Resultate erhält, sich doch in jeder Zone *Grenzzahlen* auffinden lassen.
+In Caripe, unter den Tropen, ist in 500 Toisen Meereshöhe die mittlere
+Temperatur der Erde nicht unter 16°,8; dieß geht aus der Messung der
+Temperatur des unterirdischen Wassers hervor. So läßt sich nun aber auch
+beweisen, daß diese Temperatur des Bodens nicht höher seyn kann als 19°,
+weil die Luft in der Höhle im September 18°,7 zeigt. Da die mittlere
+Luftwärme im heißesten Monat 19°,5 nicht übersteigt, so würde man sehr
+wahrscheinlich zu keiner Zeit des Jahres den Thermometer in der Luft der
+Höhle über 19° steigen sehen. Diese Ergebnisse, wie so manche andere, die
+wir in dieser Reisebeschreibung mittheilen, mögen für sich betrachtet von
+geringem Belang scheinen; vergleicht man sie aber mit den kürzlich von
+Leopold von Buch und Wahlenberg unter dem Polarcirkel angestellten
+Beobachtungen, so verbreiten sie Licht über den Haushalt der Natur im
+Großen und über den beständigen Wärmeaustausch zwischen Luft und Boden zu
+Herstellung des Gleichgewichts. Es ist kein Zweifel mehr, daß in Lappland
+die feste Erdrinde eine um 3 bis 4 Grad *höhere* mittlere Temperatur hat
+als die Luft. Bringt die Kälte, welche in den Tiefen des tropischen Meeres
+in Folge der Polarströme fortwährend herrscht, im heißen Erdstrich eine
+merkbare Verminderung der Temperatur des Bodens hervor? Ist diese
+Temperatur dort *niedriger* als die der Luft? Das wollen wir in der Folge
+untersuchen, wenn wir in den hohen Regionen der Cordilleren mehr
+Beobachtungen zusammengebracht haben werden.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 53 Außer den Dörfern, in denen Eingeborene unter der Obhut eines
+ Geistlichen stehen, nennt man in den spanischen Colonien *Mission*
+ auch die jungen Mönche, die mit einander aus einem spanischen Hafen
+ abgehen, um in der neuen Welt oder auf den Philippinen die
+ Niederlassungen der Ordensgeistlichen zu ergänzen. Daher der
+ Ausdruck: »in Cadix eine neue *Mission* holen.«
+
+ 54 Der Megalonyx wurde in den Höhlen von Green-Briar in Virginien
+ gefunden, 1500 Meilen vom Megatherium, dem er sehr nahe steht und
+ das so groß war wie ein Nashorn.
+
+
+
+
+
+ACHTES KAPITEL
+
+
+ Abreise von Caripe. — Berg und Wald Santa Maria. — Die Mission
+ Catuaro. — Hafen von Cariaco.
+
+
+Rasch verflossen uns die Tage, die wir im Kapuzinerkloster in den Bergen
+von Caripe zubrachten, und doch war unser Leben so einfach als einförmig.
+Von Sonnenaufgang bis Einbruch der Nacht streiften wir durch die
+benachbarten Wälder und Berge, um Pflanzen zu sammeln, deren wir nie genug
+beisammen haben konnten. Konnten wir des starken Regens wegen nicht weit
+hinaus, so besuchten wir die Hütten der Indianer, den Gemeinde-Conuco oder
+die Versammlungen, in denen die Alcaden jeden Abend die Arbeiten für den
+folgenden Tag austheilen. Wir kehrten erst ins Kloster zurück, wenn uns
+die Glocke ins Refectorium an den Tisch der Missionäre rief. Zuweilen
+gingen wir mit ihnen früh Morgens in die Kirche, um der »_Doctrina_«
+beizuwohnen, das heißt dem Religionsunterricht der Eingeborenen. Es ist
+ein zum wenigsten sehr gewagtes Unternehmen, mit Neubekehrten über Dogmen
+zu verhandeln, zumal wenn sie des Spanischen nur in geringem Grade mächtig
+sind. Andererseits verstehen gegenwärtig die Ordensleute von der Sprache
+der Chaymas so gut wie nichts, und die Aehnlichkeit gewisser Laute
+verwirrt den armen Indianern die Köpfe so sehr, daß sie sich die
+wunderlichsten Vorstellungen machen. Ich gebe nur Ein Beispiel. Wir sahen
+eines Tags, wie sich der Missionär große Mühe gab, darzuthun, daß
+_infierno_ die Hölle, und _invierno_ der Winter, nicht dasselbe Ding
+seyen, sondern so verschieden wie Hitze und Frost. Die Chaymas kennen
+keinen andern Winter als die Regenzeit, und unter der »Hölle der Weißen«
+dachten sie sich einen Ort, wo die Bösen furchtbaren Regengüssen
+ausgesetzt seyen. Der Missionär verlor die Geduld, aber es half Alles
+nichts: der erste Eindruck, den zwei ähnliche Consonanten hervorgebracht,
+war nicht mehr zu verwischen; im Kopfe der Neophyten waren die
+Vorstellungen Regen und Hölle, _invierno_ und _infierno_, nicht mehr aus
+einander zu bringen.
+
+Nachdem wir fast den ganzen Tag im Freien zugebracht, schrieben wir Abends
+im Kloster unsere Beobachtungen und Bemerkungen nieder, trockneten unsere
+Pflanzen und zeichneten die, welche nach unserer Ansicht neue Gattungen
+bildeten. Die Mönche ließen uns volle Freiheit und wir denken mit
+Vergnügen an einen Aufenthalt zurück, der so angenehm als für unser
+Unternehmen förderlich war. Leider war der bedeckte Himmel in einem Thal,
+wo die Wälder ungeheure Wassermassen an die Luft abgeben, astronomischen
+Beobachtungen nicht günstig. Ich blieb Nachts oft lange auf, um den
+Augenblick zu benützen, wo sich ein Stern vor seinem Durchgang durch den
+Meridian zwischen den Wolken zeigen würde. Oft zitterte ich vor Frost,
+obgleich der Thermometer nie unter 16 Grad fiel. Es ist dieß in unserem
+Klima die Tagestemperatur gegen Ende Septembers. Die Instrumente blieben
+mehrere Stunden im Klosterhof aufgestellt, und fast immer harrte ich
+vergebens. Ein paar gute Beobachtungen Fomahaults und Denebs im Schwan
+ergaben für Caripe 10° 10’ 14" Breite, wornach es auf der Karte von Caulin
+um 18’, auf der von Arrowsmith um 14’ unrichtig eingezeichnet ist.
+
+Der Verdruß, daß der bedeckte Himmel uns die Sterne entzog, war der
+einzige, den wir im Thal von Caripe erlebt. Wildheit und Friedlichkeit,
+Schwermuth und Lieblichkeit, beides zusammen ist der Charakter der
+Landschaft. Inmitten einer so gewaltigen Natur herrscht in unserm Innern
+nur Friede und Ruhe. Ja noch mehr, in der Einsamkeit dieser Berge wundert
+man sich weniger über die neuen Eindrücke, die man bei jedem Schritte
+erhält, als darüber, daß die verschiedensten Klimate so viele Züge mit
+einander gemein haben. Auf den Hügeln, an die das Kloster sich lehnt,
+stehen Palmen und Baumfarn; Abends, wenn der Himmel auf Regen deutet,
+schallt das eintönige Geheul der rothen Brüllaffen durch die Luft, das dem
+fernen Brausen des Windes im Walde gleicht. Aber trotz dieser unbekannten
+Töne, dieser fremdartigen Gestalten der Gewächse, all dieser Wunder einer
+neuen Welt, läßt doch die Natur den Menschen aller Orten eine Stimme
+hören, die in vertrauten Lauten zu ihm spricht. Der Rasen am Boden, das
+alte Moos und das Farnkraut auf den Baumwurzeln, der Bach, der über die
+geneigten Kalksteinschichten niederstürzt, das harmonische Farbenspiel von
+Wasser, Grün und Himmel, Alles ruft dem Reisenden wohlbekannte
+Empfindungen zurück.
+
+Die Naturschönheiten dieser Berge nahmen uns völlig in Anspruch, und so
+wurden wir erst am Ende gewahr, daß wir den guten gastfreundlichen Mönchen
+zur Last fielen. Ihr Vorrath von Wein und Weizenbrod war nur gering, und
+wenn auch der eine wie das andere dort zu Lande bei Tisch nur als
+Luxusartikel gelten, so machte es uns doch sehr verlegen, daß unsere
+Wirthe sie sich selbst versagten. Bereits war unsere Brodration auf ein
+Viertheil herabgekommen, und doch nöthigte uns der furchtbare Regen,
+unsere Abreise noch einige Tage zu verschieben. Wie unendlich lang kam uns
+dieser Aufschub vor! wie bange war uns vor der Glocke, die uns ins
+Refectorium rief! Das Zartgefühl der Mönche ließ uns recht lebhaft
+empfinden, wie ganz anders wir hier daran waren als die Reisenden, die
+darüber zu klagen haben, daß man ihnen in den coptischen Klöstern
+Ober-Egyptens ihren Mundvorrath entwendet.
+
+Endlich am 22. September brachen wir auf mit vier Maulthieren, die unsere
+Instrumente und Pflanzen trugen. Wir mußten den nordöstlichen Abhang der
+Kalkalpen von Neu-Andalusien, die wir als die große Kette des Brigantin
+und Cocollar bezeichnet, hinunter. Die mittlere Höhe dieser Kette beträgt
+nicht leicht über 6–700 Toisen, und sie läßt sich in dieser wie in
+geologischer Hinsicht mit dem Jura vergleichen. Obgleich die Berge von
+Cumana nicht sehr hoch sind, so ist der Weg hinunter gegen Cariaco zu doch
+sehr beschwerlich, ja sogar gefährlich. Besonders berüchtigt ist in dieser
+Beziehung der Cerro de Santa Maria, an dem die Missionäre hinauf müssen,
+wenn sie sich von Cumana in ihr Kloster Caripe begeben. Oft, wenn wir
+diese Berge, die Anden von Peru, die Pyrenäen und die Alpen, dir wir nach
+einander besucht, verglichen, wurden wir inne, daß die Berggipfel von der
+geringsten Meereshöhe nicht selten die unzugänglichsten sind.
+
+Als das Thal von Caripe hinter uns lag, kamen wir zuerst über eine
+Hügelkette, die nordostwärts vom Kloster liegt. Der Weg führte immer
+bergan über eine weite Savane auf die Hochebene *Guardia de San Augustin*.
+Hier hielten wir an, um auf den Indianer zu warten, der den Barometer
+trug; wir befanden uns in 533 Toisen absoluter Höhe, etwas höher als der
+Hintergrund der Höhle des Guacharo. Die Savanen oder natürlichen Wiesen,
+die den Klosterkühen eine treffliche Weide bieten, sind völlig ohne Baum
+und Buschwerk. Es ist dieß das eigentliche Bereich der Monocothyledonen,
+denn aus dem Grase erhebt sich nur da und dort eine Agave [_Agave
+americana_] (Maguey), deren Blüthenschaft über 26 Fuß hoch wird. Auf der
+Hochebene von Guardia sahen wir uns wie auf einen alten, vom langen
+Aufenthalt des Wassers wagrecht geebneten Seeboden versetzt, Man meint
+noch die Krümmungen des alten Ufers zu erkennen, die vorspringenden
+Landzungen, die steilen Klippen, welche Eilande gebildet. Auf diesen
+früheren Zustand scheint selbst die Vertheilung der Gewächse hinzudeuten.
+Der Boden des Beckens ist eine Savane, während die Ränder mit
+hochstämmigen Bäumen bewachsen sind. Es ist wahrscheinlich das höchst
+gelegene Thal in den Provinzen Cumana und Venezuela. Man kann bedauern,
+daß ein Landstrich, wo man eines gemäßigten Klimas genießt, und der sich
+ohne Zweifel zum Getreidebau eignete, völlig unbewohnt ist.
+
+Von dieser Ebene geht es fortwährend abwärts bis zum indianischen Dorf
+Santa Cruz. Man kommt zuerst über einen jähen, glatten Abhang, den die
+Missionäre seltsamerweise das *Fegefeuer* nennen. Er besteht aus
+verwittertem, mit Thon bedecktem Schiefersandstein und die Böschung
+scheint furchtbar steil; denn in Folge einer sehr gewöhnlichen optischen
+Täuschung scheint der Weg, wenn man oben auf der Anhöhe hinunter sieht,
+unter einem Winkel von mehr als 60 Grad geneigt. Beim Hinabsteigen nähern
+die Maulthiere die Hinterbeine den Vorderbeinen, senken das Kreuz und
+rutschen auf Gerathewohl hinab. Der Reiter hat nichts zu befahren, wenn er
+nur den Zügel fahren läßt und dem Thiere keinerlei Zwang anthut. An diesem
+Punkte sieht man zur Linken die große Pyramide des Guacharo. Dieser
+Kalksteinkegel nimmt sich sehr malerisch aus, man verliert ihn aber bald
+wieder aus dem Gesicht, wenn man den dicken Wald betritt, der unter dem
+Namen *Montana de Santa Maria* bekannt ist. Es geht nun sieben Stunden
+lang in einem fort abwärts, und kaum kann man sich einen entsetzlicheren
+Weg denken; es ist ein eigentlicher _chemin des échelles,_ eine Art
+Schlucht, in der während der Regenzeit die wilden Wasser von Fels zu Fels
+abwärts stürzen. Die Stufen sind zwei bis drei Fuß hoch, und die armen
+Lastthiere messen erst den Raum ab, der erforderlich ist, um die Ladung
+zwischen den Baumstämmen durchzubringen, und springen dann von einem
+Felsblock auf den andern. Aus Besorgniß, einen Fehltritt zu thun, bleiben
+sie eine Weile stehen, als wollten sie die Stelle untersuchen, und
+schieben die vier Beine zusammen wie die wilden Ziegen. Verfehlt das Thier
+den nächsten Steinblock, so sinkt es bis zum halben Leib in den weichen,
+ockerhaltigen Thon, der die Zwischenräume der Steine ausfüllt. Wo diese
+fehlen, finden Menschen- und Thierbeine Halt an ungeheuren Baumwurzeln.
+Dieselben sind oft zwanzig Zoll dick und gehen nicht selten hoch über dem
+Boden vom Stamme ab. Die Creolen vertrauen der Gewandtheit und dem
+glücklichen Instinkt der Maulthiere so sehr, daß sie auf dem langen,
+gefährlichen Wege abwärts im Sattel bleiben. Wir stiegen lieber ab, da wir
+Anstrengung weniger scheuten, als jene, und gewöhnt waren langsam vorwärts
+zu kommen, weil wir immer Pflanzen sammelten und die Gebirgsarten
+untersuchten. Da unser Chronometer so schonend behandelt werden mußte,
+blieb uns nicht einmal eine Wahl.
+
+Der Wald, der den steilen Abhang des Berges von Santa Maria bedeckt, ist
+einer der dichtesten, die ich je gesehen. Die Bäume sind wirklich
+ungeheuer hoch und dick. Unter ihrem dichten, dunkelgrünen Laub herrscht
+beständig ein Dämmerlicht, ein Dunkel, weit tiefer als in unsern Tannen-,
+Eichen- und Buchenwäldern. Es ist als könnte die Luft trotz der hohen
+Temperatur nicht all das Wasser aufnehmen, das der Boden, das Laub der
+Bäume, ihre mit einem uralten Filz von Orchideen, Peperomien und andern
+Saftpflanzen bedeckten Stämme ausdünsten. Zu den aromatischen Gerüchen,
+welche Blüthen, Früchte, sogar das Holz verbreiten, kommt ein anderer, wie
+man ihn bei uns im Herbst bei nebligtem Wetter spürt. Wie in den Wäldern
+am Orinoco sieht man auch hier, wenn man die Baumwipfel ins Auge faßt,
+häufig Dunststreifen an den Stellen, wo ein paar Sonnenstrahlen durch die
+dicke Lust dringen. Unter den majestätischen Bäumen, die 120 bis 130 Fuß
+hoch werden, machten uns die Führer auf den *Curucay* von Terecen
+aufmerksam, der ein weißlichtes, flüssiges, starkriechendes Harz gibt. Die
+indianischen Völkerschaften der Cumanagotas und Tagires räucherten einst
+damit vor ihren Götzen. Die jungen Zweige haben einen angenehmen, aber
+etwas zusammenziehenden Geschmack. Nach dem Curucay und ungeheuren, über 9
+und 10 Fuß dicken Hymenäastämmen nahmen unsere Aufmerksamkeit am meisten
+in Anspruch: das Drachenblut (_Croton sanguifluum_), dessen purpurbrauner
+Saft an der weißen Rinde herabfließt; der Farn *Calahuala*, der nicht
+derselbe ist wie der in Peru, aber fast eben so heilkräftig, und die
+Irasse-, Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen sehr
+schmackhaften »Palmkohl,« den wir im Kloster Caripe zuweilen gegessen. Von
+diesen Palmen mit gefiederten, stachligten Blättern stachen die Baumfarn
+äußerst angenehm ab. Einer derselben, _Cyathea speciosa_ wird über 35 Fuß
+hoch, eine ungeheure Größe für ein Gewächs aus dieser Familie. Wir fanden
+hier und im Thal von Caripe fünf neue Arten Baumfarn; zu Linnés Zeit
+kannten die Botaniker ihrer nicht vier auf beiden Continenten.
+
+Man bemerkt, daß die Baumfarn im Allgemeinen weit seltener sind als die
+Palmen. Die Natur hat ihnen gemäßigte, feuchte, schattige Standorte
+angewiesen. Sie scheuen den unmittelbaren Sonnenstrahl, und während der
+Pumos, die Corypha der Steppen und andere amerikanische Palmenarten die
+kahlen, glühend heißen Ebenen aussuchen, bleiben die Farn mit Baumstämmen,
+die von weitem wie Palmen aussehen, dem ganzen Wesen cryptogamer Gewächse
+treu. Sie lieben versteckte Plätze, das Dämmerlicht, eine feuchte,
+gemäßigte, stockende Luft. Wohl gehen sie hie und da bis zur Küste hinab,
+aber dann nur im Schutze dichten Schattens.
+
+Dem Fuße des Berges von Santa Maria zu wurden die Baumfarn immer seltener,
+die Palmen häufiger. Die schönen Schmetterlinge mit großen Flügeln, die
+Nymphalen, die ungeheuer hoch fliegen, mehrten sich: Alles deutete darauf,
+daß wir nicht mehr weit von der Küste und einem Landstrich waren, wo die
+mittlere Tagestemperatur 28–30 Grad der hunderttheiligen Scale beträgt.
+
+Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der Güsse, bei denen zuweilen
+1 bis 1,3 Zoll Regen an Einem Tage fällt. Die Sonne beschien hin und
+wieder die Baumwipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geschützt waren,
+erstickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner in der Ferne,
+die Wolken hingen am Gipfel des hohen Guacharogebirgs, und das klägliche
+Geheul der Araguatos, das wir in Caripe bei Sonnenuntergang so oft gehört
+hatten, verkündete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten hier zum
+erstenmal Gelegenheit, diese Heulaffen in der Nähe zu sehen. Sie gehören
+zur Gattung _Alouate_ (_Stentor_, Geoffroy), deren verschiedene Arten von
+den Zoologen lange verwechselt worden sind. Während die kleinen
+amerikanischen Sapajus, die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches, dünnes
+Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den großen Affen, den Alouaten und
+Marimondas, ans einer großen Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs
+Taschen, in denen sich die Stimme fängt, und wovon zwei,
+taubennestförmige, große Aehnlichkeit mit dem untern Kehlkopf der Vögel
+haben. Der den Araguatos eigene klägliche Ton entsteht, wenn die Luft
+gewaltsam in die knöcherne Trommel einströmt. Ich habe diese den Anatomen
+nur sehr unvollständig bekannten Organe an Ort und Stelle gezeichnet und
+die Beschreibung nach meiner Rückkehr nach Europa bekannt gemacht
+[_Observations de zoologie_]. Bedenkt man, wie groß bei den Alouatos die
+Knochenschachtel ist und wie viele Heulaffen in den Wäldern von Cumana und
+Guyana auf einem einzigen Baum beisammensitzen, so wundert man sich nicht
+mehr so sehr über die Stärke und den Umfang ihrer vereinigten Stimmen.
+
+Der Araguato, bei den Tamanacas-Indianern Aravata, bei den Maypures Marave
+genannt, gleicht einem jungen Bären. Er ist vom Scheitel des kleinen,
+stark zugespitzten Kopfes bis zum Anfang des Wickelschwanzes drei Fuß
+lang; sein Pelz ist dicht und rothbraun von Farbe; auch Brust und Bauch
+sind schön behaart, nicht nackt wie beim _Mono colorado_ oder Büffons
+_Alouate roux_ den wir auf dem Wege von Carthagena nach Santa-Fe de Bogota
+genau beobachtet haben. Das Gesicht des Araguato ist blauschwarz, die Haut
+desselben fein und gefaltet. Der Bart ist ziemlich lang, und trotz seines
+kleinen Gesichtswinkels von nur 30 Grad hat er in Blick und
+Gesichtsausdruck so viel Menschenähnliches als die Marimonda (_Simia
+Belzebuth_) und der Kapuziner am Orinoco (_S. chiropotes_). Bei den
+Tausenden von Araguatos, die uns in den Provinzen Cumana, Caracas und
+Guyana zu Gesicht gekommen, haben wir nie weder an einzelnen Exemplaren,
+noch an ganzen Banden einen Wechsel im Rothbraun des Pelzes an Rücken und
+Schultern wahrgenommen. Durch die Farbe unterschiedene Spielarten schienen
+mir überhaupt bei den Affen nicht so häufig zu seyn, als die Zoologen
+annehmen, und bei den gesellig lebenden Arten sind sie vollends sehr
+selten.
+
+Der Araguato bei Caripe ist eine neue Art der Gattung _Stentor_, die ich
+unter dem Namen _Simia ursina_ bekannt gemacht habe. Ich habe ihn lieber
+so benannt als nach der Farbe des Pelzes, und zwar desto mehr, da die
+Griechen bereits einen stark behaarten Affen unter dem Namen
+_Arctopithekos_ kannten. Derselbe unterscheidet sich sowohl vom Uarino
+(_Simia Guariba_) als vom _Alouate roux_ (_S. Seniculus_). Blick, Stimme,
+Gang, Alles an ihm ist trübselig. Ich habe ganz junge Araguatos gesehen,
+die in den Hütten der Indianer aufgezogen wurden; sie spielen nie wie die
+kleinen Sagoins, und Lopez del Gomara schildert zu Anfang des sechzehnten
+Jahrhunderts ihr ernstes Wesen sehr naiv, wenn er sagt: »*Der Aranata de
+los Cumaneses* hat ein Menschengesicht, einen Ziegenbart und eine
+gravitätische Haltung (_honrado gesto_).« Ich habe anderswo die Bemerkung
+gemacht, daß die Affen desto trübseliger sind, je mehr Menschenähnlichkeit
+sie haben. Ihre Munterkeit und Beweglichkeit nimmt ab, je mehr sich die
+Geisteskräfte bei ihnen zu entwickeln scheinen.
+
+Wir hatten Halt gemacht, um den Heulaffen zuzusehen, wie sie zu dreißig,
+vierzig in einer Reihe von Baum zu Baum auf den verschlungenen wagrechten
+Aesten über den Weg zogen. Während dieses neue Schauspiel uns ganz in
+Anspruch nahm, kam uns ein Trupp Indianer entgegen, die den Bergen von
+Caripe zuzogen. Sie waren völlig nackt, wie meistens die Eingeborenen hier
+zu Lande. Die ziemlich schwer beladenen Weiber schlossen den Zug; die
+Männer, sogar die kleinsten Jungen, waren alle mit Bogen und Pfeilen
+bewaffnet. Sie zogen still, die Augen am Boden, ihres Wegs. Wir hätten
+gerne von ihnen erfahren, ob es noch weit nach der Mission Santa Cruz sey,
+wo wir übernachten wollten. Wir waren völlig erschöpft und der Durst
+quälte uns furchtbar. Die Hitze wurde drückender, je näher das Gewitter
+kam, und wir hatten auf unserem Weg keine Quelle gefunden, um den Durst zu
+löschen. Da die Indianer uns immer _si Padre, no Padre_ zur Antwort gaben,
+meinten wir, sie verstehen ein wenig Spanisch. In den Augen der
+Eingeborenen ist jeder Weiße ein Mönch, ein Pater; denn in den Missionen
+zeichnet sich der Geistliche mehr durch die Hautfarbe als durch die Farbe
+des Gewandes aus. Wie wir auch den Indianern mit Fragen, wie weit es noch
+sey, zusetzten, sie erwiederten offenbar auf gerathewohl _si_ oder _no_,
+und wir konnten aus ihren Antworten nicht klug werden. Dieß war uns um so
+verdrießlicher, da ihr Lächeln und ihr Geberdenspiel verriethen, daß sie
+uns gerne gefällig gewesen wären, und der Wald immer dichter zu werden
+schien. Wir mußten uns trennen; die indianischen Führer, welche die
+Chaymassprache verstanden, waren noch weit zurück, da die beladenen
+Maulthiere bei jedem Schritt in den Schluchten stürzten.
+
+Nach mehreren Stunden beständig abwärts über zerstreute Felsblöcke sahen
+wir uns unerwartet am Ende des Waldes von Santa Maria. So weit das Auge
+reichte, lag eine Grasflur vor uns, die sich in der Regenzeit frisch
+begrünt hatte. Links sahen wir in ein enges Thal hinein, das sich dem
+Guacharogebirge zuzieht und im Hintergrunde mit dichtem Walde bedeckt ist.
+Der Blick streifte über die Baumwipfel weg, die 800 Fuß tief unter dem Weg
+sich wie ein hingebreiteter, dunkelgrüner Teppich ausnahmen. Die
+Lichtungen im Walde glichen großen Trichtern, in denen wir an der
+zierlichen Gestalt und den gefiederten Blättern Praga- und Irassepalmen
+erkannten. Vollends malerisch wird die Landschaft dadurch, daß die Sierra
+del Guacharo vor einem liegt. Ihr nördlicher, dem Meerbusen von Cariaco
+zugekehrter Abhang ist steil und bildet eine Felsmauer, ein fast
+senkrechtes Profil, über dreitausend Fuß hoch. Diese Wand ist so schwach
+bewachsen, daß man die Linien der Kalkschichten mit dem Auge verfolgen
+kann. Der Gipfel der Sierra ist abgeplattet und nur am Ostende erhebt
+sich, gleich einer geneigten Pyramide, der majestätische Pic Guacharo.
+Seine Gestalt erinnert an die Aiguilles und Hörner der Schweizer Alpen
+(Schreckhörner, Finsteraarhorn). Da die meisten Berge mit steilem Abhang
+höher scheinen, als sie wirklich sind, so ist es nicht zu verwundern, daß
+man in den Missionen der Meinung ist, der Guacharo überrage den
+Turimiquiri und den Brigantin.
+
+Die Savane, über die wir zum indianischen Dorfe Santa Cruz zogen, besteht
+aus mehreren sehr ebenen Plateaus, die wie Stockwerke über einander
+liegen. Diese geologische Erscheinung, die in allen Erdstrichen vorkommt,
+scheint darauf hinzudeuten, daß hier lange Zeit Wasserbecken übereinander
+lagen und sich in einander ergossen. Der Kalkstein geht nicht mehr zu Tage
+aus; er ist mit einer dicken Schicht Dammerde bedeckt. Wo wir ihn im Walde
+von Santa Maria zum letztenmale sahen, fanden wir Nester von Eisenerz
+darin, und, wenn wir recht gesehen haben, ein Ammonshorn; es gelang uns
+aber nicht, es loszubrechen. Es maß sieben Zoll im Durchmesser. Diese
+Beobachtung ist um so interessanter, als wir sonst in diesem Theile von
+Südamerika nirgends einen Ammoniten gesehen haben. Die Mission Santa Cruz
+liegt mitten in der Ebene. Wir kamen gegen Abend daselbst an, halb
+verdurstet, da wir fast acht Stunden kein Wasser gehabt hatten. Der
+Thermometer zeigte 26 Grad; wir waren auch nur noch 190 Toisen über dem
+Meer. Wir brachten die Nacht in einer der Ajupas zu, die man »Häuser des
+Königs« nennt, und die, wie schon oben bemerkt, den Reisenden als *Tombo*
+oder Caravanserai dienen. Wegen des Regens war an keine Sternbeobachtung
+zu denken, und wir setzten des andern Tags, 23. September, unsern Weg zum
+Meerbusen von Cariaco hinunter fort. Jenseits Santa Cruz fängt der dichte
+Wald von Neuem an. Wir fanden daselbst unter Melastomenbüschen einen
+schönen Farn mit Blättern gleich denen der Osmunda, die in der Ordnung der
+Polypodiaceen eine neue Gattung (_Polybotria_) bildet.
+
+Von der Mission Catuaro aus wollten wir ostwärts über Santa Rosalia,
+Casanay, San Josef, Carupano, Rio-Carives und den Berg Paria gehen,
+erfuhren aber zu unserern großen Verdruß, daß der starke Regen die Wege
+bereits ungangbar gemacht habe und wir Gefahr laufen, unsere frisch
+gesammelten Pflanzen zu verlieren. Ein reicher Cacaopflanzer sollte uns
+von Santa Rosalia in den Hafen von Carupano begleiten. Wir hatten noch zu
+rechter Zeit gehört, daß er in Geschäften nach Cumana müsse. So
+beschlossen wir denn, uns in Cariaco einzuschiffen und gerade über den
+Meerbusen, statt zwischen der Insel Margarita und der Landenge Araya
+durch, nach Cumana zurückzufahren.
+
+Die Mission Catuaro liegt in ungemein wilder Umgebung. Hochstämmige Bäume
+stehen noch um die Kirche her und die Tiger fressen bei Nacht den
+Indianern ihre Hühner und Schweine. Wir wohnten beim Geistlichen, einem
+Mönche von der Congregation der Observanten, dem die Kapuziner die Mission
+übergeben hatten, weil es ihrem eigenen Orden an Leuten fehlte. Er war ein
+Doktor der Theologie, ein kleiner, magerer, fast übertrieben lebhafter
+Mann; er unterhielt uns beständig von dem Proceß, den er mit dem Gardian
+seines Klosters führte, von der Feindschaft seiner Ordensbrüder, von der
+Ungerechtigkeit der Alcaden, die ihn ohne Rücksicht auf seine
+Standesvorrechte ins Gefängniß geworfen. Trotz dieser Abenteuer war ihm
+leider die Liebhaberei geblieben, sich mit metaphysischen Fragen, wie er
+es nannte, zu befassen. Er wollte meine Ansicht hören über den freien
+Willen, über die Mittel, die Geister von ihren Körperbanden frei zu
+machen, besonders aber über die Thierseelen, lauter Dinge, über die er die
+seltsamsten Ideen hatte. Wenn man in der Regenzeit sich durch Wälder
+durchgearbeitet hat, ist man zu Spekulationen der Art wenig aufgelegt.
+Uebrigens war in der kleinen Mission Catuaro Alles ungewöhnlich, sogar das
+Pfarrhaus. Es hatte zwei Stockwerke und hatte dadurch zu einem hitzigen
+Streit zwischen den weltlichen und geistlichen Behörden Anlaß gegeben. Dem
+Gardian der Kapuziner schien es zu vornehm für einen Missionär und er
+hatte die Indianer zwingen wollen, es niederzureißen; der Statthalter
+hatte kräftige Einsprache gethan und auch seinen Willen gegen die Mönche
+durchgesetzt. Ich erwähne dergleichen an sich unbedeutende Vorfälle nur,
+weil sie einen Blick in die innere Verwaltung der Missionen werfen lassen,
+die keineswegs immer so friedlich ist, als man in Europa glaubt.
+
+Wir trafen in der Mission Catuaro den Corregidor des Distrikts, einen
+liebenswürdigen, gebildeten Mann. Er gab uns drei Indianer mit, die mit
+ihren Machetes vor uns her einen Weg durch den Wald bahnen sollten. In
+diesem wenig betretenen Lande ist die Vegetation in der Regenzeit so
+üppig, daß ein Mann zu Pferd auf den schmalen, mit Schlingpflanzen und
+verschlungenen Baumästen bedeckten Fußsteigen fast nicht durchkommt. Zu
+unserem großen Verdruß wollte der Missionär von Catuaro uns durchaus nach
+Cariaco begleiten. Wir konnten es nicht ablehnen; er ließ uns jetzt mit
+seinen Faseleien über die Thierseelen und den menschlichen freien Willen
+in Ruhe, er hatte uns aber nunmehr von einem ganz andern, traurigeren
+Gegenstand zu unterhalten. Den Unabhängigkeitsbestrebungen, die im
+Jahr 1798 in Caracas beinahe zu einem Ausbruch geführt hätten, war eine
+große Aufregung unter den Negern zu Coro, Maracaybo und Cariaco
+vorangegangen und gefolgt. In letzterer Stadt war ein armer Neger zum Tod
+verurtheilt worden, und unser Wirth, der Seelsorger von Catuaro, ging
+jetzt hin, um ihm seinen geistlichen Beistand anzubieten. Wie lang kam uns
+der Weg vor, auf dem wir uns in Verhandlungen einlassen mußten »über die
+Nothwendigkeit des Sklavenhandels, über die angeborene Bösartigkeit der
+Schwarzen, über die Segnungen, welche der Race daraus erwachsen, daß sie
+als Sklaven unter Christen leben!«
+
+Gegenüber dem »Code noir« der meisten andern Völker, welche Besitzungen in
+beiden Indien haben, ist die spanische Gesetzgebung unstreitig sehr mild.
+Aber vereinzelt, auf kaum urbar gemachtem Boden leben die Neger in
+Verhältnissen, daß die Gerechtigkeit, weit entfernt sie im Leben kräftig
+schützen zu können, nicht einmal im Stande ist die Barbareien zu
+bestrafen, durch die sie ums Leben kommen. Leitet man eine Untersuchung
+ein, so schreibt man den Tod des Sklaven seiner Kränklichkeit zu, dem
+heißen, nassen Klima, den Wunden, die man ihm allerdings beigebracht, die
+aber gar nicht tief und durchaus nicht gefährlich gewesen. Die bürgerliche
+Behörde ist in Allem, was die Haussklaverei angeht, machtlos, und wenn man
+rühmt, wie günstig die Gesetze wirken, nach denen die Peitsche die und die
+Form haben muß und nur so und so viel Streiche *auf einmal* gegeben werden
+dürfen, so ist das reine Täuschung. Leute, die nicht in den Colonien oder
+doch nur auf den Antillen gelebt haben, sind meist der Meinung, da es im
+Interesse des Herrn liege, daß seine Sklaven ihm erhalten bleiben, müssen
+sie desto besser behandelt werden, je weniger ihrer seyen. Aber in Cariaco
+selbst, wenige Wochen bevor ich in die Provinz kam, tödtete ein Pflanzer,
+der nur acht Neger hatte, ihrer sechs durch unmenschliche Hiebe. Er
+zerstörte muthwillig den größten Theil seines Vermögens. Zwei der Sklaven
+blieben auf der Stelle todt, mit den vier andern, die kräftiger schienen,
+schiffte er sich nach dem Hafen von Cumana ein, aber sie starben auf der
+Ueberfahrt. Vor dieser abscheulichen That war im selben Jahr eine ähnliche
+unter gleich empörenden Umständen begangen worden. Solche furchtbare
+Unthaten blieben so gut wie unbestraft; der Geist, der die Gesetze macht,
+und der, der sie vollzieht, haben nichts mit einander gemein. Der
+Statthalter von Cumana war ein gerechter, menschenfreundlicher Mann; aber
+die Rechtsformen sind streng vorgeschrieben und die Gewalt des
+Statthalters geht nicht so weit, um Mißbräuche abzustellen, die nun einmal
+von jedem europäischen Colonisationssystem untrennbar sind.
+
+Der Weg durch den Wald von Catuaro ist nicht viel anders als der vom Berge
+Santa Maria herab; auch sind die schlimmsten Stellen hier eben so
+sonderbar getauft wie dort. Man geht wie in einer engen, durch die
+Bergwasser ausgespülten, mit feinem, zähem Thon gefüllten Furche dahin.
+Bei den jähsten Abhängen senken die Maulthiere das Kreuz und rutschen
+hinunter; das nennt man nun *Saca-Manteca*, weil der Koth so weich ist wie
+*Butter*. Bei der großen Gewandtheit der einheimischen Maulthiere ist
+dieses Hinabgleiten ohne alle Gefahr. Der Weg führt über die Felsschichten
+herab, die am Ausgehenden Stufen von verschiedener Höhe bilden, und so ist
+es auch hier ein wahrer »chemin des échelles.« Weiterhin, wenn man zum
+Wald heraus ist, kommt man zum Berge *Buenavista*. Er verdient den Namen,
+denn von hier sieht man die Stadt Cariaco in einer weiten, mit
+Pflanzungen, Hütten und Gruppen von Cocospalmen bedeckten Ebene. Westwärts
+von Cariaco breitet sich der weite Meerbusen aus, den eine Felsmauer vom
+Ocean trennt; gegen Ost zeigen sich, gleich blauen Wolken, die hohen
+Gebirge von Areo und Paria. Es ist eine der weitesten, prachtvollsten
+Aussichten an der Küste von Neu-Andalusien.
+
+Wir fanden in Cariaco einen großen Theil der Einwohner in ihren
+Hängematten krank am Wechselfieber. Diese Fieber werden im Herbst bösartig
+und gehen in Ruhren über. Bedenkt man, wie außerordentlich fruchtbar und
+feucht die Ebene ist, und welch ungeheure Masse von Pflanzenstoff hier
+zersetzt wird, so sieht man leicht, warum die Luft hier nicht so gesund
+seyn kann wie über dem dürren Boden von Cumana. Nicht leicht finden sich
+in der heißen Zone große Fruchtbarkeit des Bodens, häufige, lange dauernde
+Wasserniederschläge, eine ungemein üppige Vegetation beisammen, ohne daß
+diese Vortheile durch ein Klima ausgewogen würden, das der Gesundheit der
+Weißen mehr oder weniger gefährlich wird. Aus denselben Ursachen, welche
+den Boden so fruchtbar machen und die Entwicklung der Gewächse
+beschleunigen, entwickeln sich auch Gase aus dem Boden, die sich mit der
+Luft mischen und sie ungesund machen. Wir werden oft Gelegenheit haben,
+auf die Verknüpfung dieser Erscheinungen zurückzukommen, wenn wir den
+Cacaobau und die Ufer des Orinoco beschreiben, wo es Flecke gibt, an denen
+sich sogar die Eingeborenen nur schwer acclimatisiren. Im Thale von
+Cariaco hängt übrigens die Ungesundheit der Luft nicht allein von den eben
+erwähnten allgemeinen Ursachen ab; es machen sich dabei auch lokale
+Verhältnisse geltend. Es wird nicht ohne Interesse seyn, den Landstrich,
+der die Meerbusen von Cariaco und von Paria von einander trennt, näher zu
+betrachten.
+
+Vom Kalkgebirge des Brigantin und Cocollar läuft ein starker Ast nach Nord
+und hängt mit dem Urgebirg an der Küste zusammen. Dieser Ast heißt _Sierra
+de Meapire_; der Stadt Cariaco zu führt er den Namen _Cerro grande de
+Cariaco_. Er schien mir im Durchschnitt nicht über 150–200 Toisen hoch; wo
+ich ihn untersuchen konnte, besteht er aus dem Kalkstein des Uferstrichs.
+Mergel- und Kalkschichten wechseln mit andern, welche Quarzkörner
+enthalten. Wer die Reliefbildung des Landes zu seinem besondern Studium
+macht, muß es auffallend finden, daß ein quergelegter Gebirgskamm unter
+rechtem Winkel zwei Ketten verbindet, deren eine, südliche, aus secundären
+Gebirgsbildungen besteht, während die andere, nördliche, Urgebirge ist.
+Auf dem Gipfel des Cerro de Meapire sieht man das Gebirge einerseits nach
+dem Meerbusen von Paria, andererseits nach dem von Cariaco sich abdachen.
+Ostwärts und westwärts vom Kamm liegt ein niedriger, sumpfiger Boden, der
+ohne Unterbrechung fortstreicht, und nimmt man an, daß die beiden
+Meerbusen dadurch entstanden sind, daß der Boden durch Erdbeben zerrissen
+worden ist und sich gesenkt hat, so muß man voraussetzen, daß der Cerro de
+Meapire diesen gewaltsamen Erschütterungen widerstanden hat, so daß der
+Meerbusen von Paria und der von Cariaco nicht zu Einem verschmelzen
+konnten. Wäre dieser Felsdamm nicht da, so bestünde wahrscheinlich auch
+die Landenge nicht. Vom Schlosse Araya bis zum Cap Paria würde die ganze
+Gebirgsmasse an der Küste eine schmale, Margarita parallel laufende,
+viermal längere Insel bilden. Diese Ansichten gründen sich nicht nur auf
+unmittelbare Untersuchung des Bodens und die Schlüsse aus der
+Reliefbildung desselben; schon ein Blick auf die Umrisse der Küsten und
+die geognostische Karte des Landes muß auf dieselben Gedanken bringen. Die
+Insel Margarita hat, wie es scheint, früher mit der Küstenkette von Araya
+durch die Halbinsel Chacopata und die caraibischen Inseln Lobo und Coche
+zusammengehangen, wie die Kette noch jetzt mit den Gebirgen des Cocollar
+und von Caripe durch den Gebirgskamm Meapire zusammenhängt.
+
+Im gegenwärtigen Zustand der Dinge sieht man die feuchten Ebenen, die ost-
+und westwärts vom Kamm streichen und uneigentlich die Thäler von San
+Bonifacio und Cariaco heißen, sich fortwährend in das Meer hinaus
+verlängern. Das Meer zieht sich zurück, und diese Verrückung der Küste ist
+besonders bei Cumana auffallend. Wenn die Höhenverhältnisse des Bodens
+darauf hinweisen, daß die Meerbusen von Cariaco und Paria früher einen
+weit größeren Umfang hatten, so läßt sich auch nicht in Zweifel ziehen,
+daß gegenwärtig das Land sich allmählich vergrößert. Bei Cumana wurde im
+Jahr 1791 eine Batterie, die sogenannte Bocca, dicht am Meer gebaut, im
+Jahr 1799 sahen wir sie weit im Lande liegen. An der Mündung des Rio
+Nevari, beim Morro de Nueva Barcelona, zieht sich das Meer noch rascher
+zurück. Diese lokale Erscheinung rührt wahrscheinlich von Anschwemmungen
+her, deren Zunahmeverhältnisse noch nicht gehörig beobachtet sind.
+
+Geht man von der Sierra de Meapire, welche die Landenge zwischen den
+Ebenen von San Bonifacio und von Cariaco bildet, herab, so kommt man gegen
+Ost an den großen Putacuao, der mit dem Rio Areo in Verbindung steht und
+4–5 Meilen breit ist. Das Gebirgsland um dieses Becken ist nur den
+Eingeborenen bekannt. Hier kommen die großen Boas vor, welche die
+Chaymas-Indianer *Guainas* nennen, und denen sie einen Stachel unter dem
+Schwanz andichten. Geht man von der Sierra Meapire nach West hinunter, so
+betritt man zuerst einen »hohlen Boden« (_tierra hueca_), der bei dem
+großen Erdbeben des Jahres 1766 in zähes Erdöl gehüllten Asphalt auswarf;
+weiterhin sieht man eine Unzahl warmer, schwefelwasserstoffhaltiger
+Quellen aus dem Boden brechen, und endlich kommt man zum See Campoma,
+dessen Ausdünstungen zum Theil die Ungesundheit des Klimas von Cariaco
+veranlassen. Die Eingeborenen glauben, der Boden sey deßhalb hohl, weil
+die warmen Wasser sich hier aufgestaut haben, und nach dem Schall des
+Hufschlags scheinen sich die unterirdischen Höhlungen von West nach Ost
+bis Casanay, drei bis viertausend Toisen weit zu erstrecken. Ein Flüßchen,
+der Rio Azul, läuft durch diese Ebenen. Sie sind zerklüftet in Folge von
+Erdbeben, die hier einen besondern Herd haben und sich selten bis Cumana
+fortpflanzen. Das Wasser des Rio Azul ist kalt und hell; er entspringt am
+westlichen Abhang des Meapire, und man glaubt, er sey deßhalb so stark,
+weil das Gewässer des Putacuao-Sees auf der andern Seite des Gebirgszugs
+durchsickere. Das Flüßchen und die schwefelwasserstoffhaltigen Quellen
+ergießen sich zusammen in die Laguna de Campoma. So heißt ein weites
+Sumpfland, das in der trockenen Jahreszeit in drei Becken zerfällt, die
+nordwestlich von der Stadt Cariaco am Ende des Meerbusens liegen.
+Uebelriechende Dünste steigen fortwährend vom stehenden Sumpfwasser auf.
+Sie riechen nach Schwefelwasserstoff und zugleich nach faulen Fischen und
+zersetzten Vegetabilien.
+
+Die Miasmen bilden sich im Thale von Cariaco gerade wie in der römischen
+Campagna; aber durch die tropische Hitze wird ihre verderbliche Kraft
+gesteigert. Durch die Lage der Laguna von Campoma wird der Nordwest, der
+sehr oft nach Sonnenuntergang weht, den Einwohnern der kleinen Stadt
+Cariaco höchst gefährlich. Sein Einfluß unterliegt desto weniger einem
+Zweifel, da die Wechselfieber dem Sumpfe zu, der der Hauptherd der faulen
+Miasmen ist, immer häufiger in Nervenfieber übergehen. Ganze Familien
+freier Neger, die an der Nordküste des Meerbusens von Cariaco kleine
+Pflanzungen besitzen, liegen mit Eintritt der Regenzeit siech in ihren
+Hängematten. Diese Fieber nehmen den Charakter remittirender bösartiger
+Fieber an, wenn man sich, erschöpft von langer Arbeit und starker
+Hautansdünstung, dem feinen Regen aussetzt, der gegen Abend häufig fällt.
+Die Farbigen, besonders aber die Creolenneger, widerstehen den
+klimatischen Einflüssen mehr als irgend ein anderer Menschenschlag. Man
+behandelt die Kranken mit Limonade, mit dem Aufguß von _Scoparia dulcis_,
+selten mit Euspare, das heißt mit der Chinarinde von Angostura.
+
+Im Ganzen ist bei den Epidemien in Cariaco die Sterblichkeit geringer, als
+man erwarten sollte. Wenn das Wechselfieber mehrere Jahre hinter einander
+einen Menschen befällt, so greift es den Körper stark an und bringt ihn
+herunter; aber dieser Schwächezustand, der in ungesunden Gegenden so
+häufig vorkommt, führt nicht zum Tode. Auch ist es merkwürdig, daß hier,
+wie in der römischen Campagna, der Glaube herrscht, die Luft sey in dem
+Maße ungesunder geworden, je mehr Morgen Landes man urbar gemacht. Die
+Miasmen, die diesen Ebenen entsteigen, haben indessen nichts gemein mit
+jenen, die sich bilden, wenn man einen Wald niederschlägt und nun die
+Sonne eine dicke Schicht abgestorbenen Laubs erhitzt; bei Cariaco ist das
+Land kahl und sehr sparsam bewaldet. Soll man glauben, daß frisch
+ausgewählte und vom Regen durchfeuchtete Dammerde die Luft mehr verderbt
+als der dichte Pflanzenfilz, der einen nicht bebauten Boden bedeckt? Zu
+diesen örtlichen Ursachen kommen andere, weniger zweifelhafte. Das nahe
+Meeresufer ist mit Manglebäumen, Avicennien und andern Baumarten mit
+adstringirender Rinde bedeckt. Alle Tropenbewohner sind mit den
+schädlichen Ausdünstungen dieser Gewächse bekannt, und man fürchtet sie
+desto mehr, wenn Wurzeln und Stamm nicht immer unter Wasser stehen,
+sondern abwechselnd naß und von der Sonne erhitzt werden. Die Manglebäume
+erzeugen Miasmen, weil sie, wie ich anderswo gezeigt habe, einen
+thierisch-vegetabilischen, an Gerbstoff gebundenen Stoff enthalten. Man
+behauptet, der Kanal, durch den die Laguna de Campoma mit dem Meer
+zusammenhängt, ließe sich leicht erweitern und so dem stehenden Wasser ein
+Abfluß verschaffen. Die freien Neger, die das Sumpfland häufig betreten,
+versichern sogar, der Durchstich brauchte gar nicht tief zu seyn, da das
+kalte, klare Wasser des Rio Azul sich auf dem Boden des Sees befindet und
+man beim Nachgraben aus den untern Schichten trinkbares, geruchloses
+Wasser erhält.
+
+Die Stadt Cariaco ist mehreremale von den Caraiben verheert worden. Die
+Bevölkerung hat rasch zugenommen, seit die Provinzialbehörden, den
+Verboten des Madrider Hofs zuwider, nicht selten dem Handel mit fremden
+Colonien Vorschub geleistet haben. Sie hat sich in zehn Jahren verdoppelt
+und betrug im Jahr 1800 über 6000 Seelen. Die Einwohner treiben sehr
+fleißig Baumwollenbau; die Baumwolle ist sehr schön und es werden mehr als
+10,000 Centner erzeugt. Die leeren Hülsen der Baumwolle werden sorgsam
+verbrannt; wirft man sie in den Fluß, wo sie faulen, so erzeugen sie
+Ausdünstungen, die man für schädlich hält. Der Bau des Cacaobaums hat in
+letzter Zeit sehr abgenommen. Dieser köstliche Baum trägt erst im achten
+bis zehnten Jahr. Die Frucht ist schwer in Magazinen aufzubewahren, und
+nach Jahresfrist »geht sie an,« wenn sie noch so sorgfältig getrocknet
+worden ist. Dieser Nachtheil ist für den Colonisten von großem Belang. Auf
+diesen Küsten ist je nach der Laune eines Ministeriums und dem mehr oder
+minder kräftigen Widerstand der Statthalter der Handel mit den Neutralen
+bald verboten, bald mit gewissen Beschränkungen gestattet. Die Nachfrage
+nach einer Waare und die Preise, die sich nach der Nachfrage bestimmen,
+unterliegen daher dem raschesten Wechsel. Der Colonist kann sich diese
+Schwankungen nicht zu Nutze machen, weil sich der Cacao in den Magazinen
+nicht hält. Die alten Cacaostämme, die meist nur bis zum vierzigsten Jahre
+tragen, sind daher nicht durch junge ersetzt worden. Im Jahr 1792 zählte
+man ihrer noch 254,000 im Thal von Cariaco und am Ufer des Meerbusens.
+Gegenwärtig zieht man andere Culturzweige vor, welche gleich im ersten
+Jahr einen Ertrag liefern, und deren Produkte nicht nur nicht so lange aus
+sich warten lassen, sondern auch leichter aufzubewahren sind. Solche sind
+Baumwolle und Zucker, die nicht der Verderbniß unterliegen wie der Cacao
+und sich aufbewahren lassen, so daß man sie im günstigsten Zeitpunkt
+losschlagen kann. Die Umwandlungen, die in Folge der fortschreitenden
+Cultur und des Verkehrs mit Fremden Sitten und Charakter der
+Küstenbewohner erlitten, haben anuch bestimmend mitgewirkt, wenn sie jetzt
+diesem und jenem Culturzweig den Vorzug geben. Jenes Maß in der sinnlichen
+Begierde, jene Geduld, die lange warten kann, jene Gemüthsruhe, welche die
+trübselige Eintönigkeit des einsamen Lebens ertragen läßt, verschwinden
+nach und nach aus dem Charakter der Hispano-Amerikaner. Sie werden
+unternehmender, leichtsinniger, beweglicher und werfen sich mehr auf
+Unternehmungen, die einen raschen Ertrag geben.
+
+Nur im Innern der Provinz, ostwärts von der Sierra de Meapire, auf dem
+unbebauten Boden von Carupano an durch das Thal San Bonifacio bis zum
+Meerbusen von Paria entstehen neue Cacaopflanzungen. Sie werden dort desto
+einträglicher, je mehr die Luft über dem frisch urbar gemachten, von
+Wäldern umgebenen Land stockt, je mehr sie mit Wasser und mephitischen
+Dünsten geschwängert ist. Hier leben Familienväter, welche, treu den alten
+Sitten der Colonisten, sich und ihren Kindern langsam, aber sicher
+Wohlstand erarbeiten. Sie behelfen sich bei ihrer mühsamen Arbeit mit
+einem einzigen Sklaven; sie brechen mit eigener Hand den Boden um, ziehen
+die jungen Cacaobäume im Schatten der Erythrina und der Bananenbäume,
+beschneiden den erwachsenen Baum, vertilgen die Massen von Würmern und
+Insekten, welche Rinde, Blätter und Blüthen anfallen, legen Abzugsgräben
+an, und unterziehen sich sieben, acht Jahre lang einem elenden Leben, bis
+der Cacaobaum anfängt Ernten zu liefern. Dreißig tausend Stämme sichern
+den Wohlstand einer Familie auf anderthalb Generationen. Wenn durch die
+Baumwolle und den Kaffee der Bau des Cacao in der Provinz Caracas und im
+kleinen Thale von Cariaco beschränkt worden ist, so hat dagegen letzterer
+Zweig der Colonialindustrie im Innern der Provinzen Neubarcelona und
+Cumana zugenommen. Warum die Cacaopflanzungen sich von West nach Ost mehr
+und mehr ausbreiten, ist leicht einzusehen. Die Provinz Caracas ist die am
+frühesten bebaute; je länger aber ein Land urbar gemacht ist, desto
+baumloser wird es in der heißen Zone, desto dürrer, desto mehr den Winden
+ausgesetzt. Dieser Wechsel in der äußern Natur ist dem Gedeihen des
+Cacaobaums hinderlich, und deßhalb gehen die Pflanzungen in der Provinz
+Caracas ein und häufen sich dafür westwärts auf unberührtem, erst kürzlich
+urbar gemachtem Boden. Die Provinz Neu-Andalusien allein erzeugte im
+Jahr 1799 18,000–20,000 Fanegas Cacao (zu 40 Piastern die Fanega in
+Friedenszeiten), wovon 5000 nach der Insel Trinidad geschmuggelt wurden.
+Der Cacao von Cumana ist ohne allen Vergleich besser als der von
+Guayaquil.
+
+Die in Cariaco herrschenden Fieber nöthigten uns zu unserem Bedauern,
+unsern Aufenthalt daselbst abzukürzen. Da wir noch nicht recht
+acclimatisirt waren, so riethen uns selbst die Colonisten, an die wir
+empfohlen waren, uns auf den Weg zu machen. Wir lernten in der Stadt viele
+Leute kennen, die durch eine gewisse Leichtigkeit des Benehmens, durch
+umfassenderen Ideenkreis und, darf ich hinzusetzen, durch entschiedene
+Vorliebe für die Regierungssorm der Vereinigten Staaten verriethen, daß
+sie viel mit dem Ausland in Verkehr gestanden. Hier hörten wir zum
+erstenmal in diesem Himmelsstriche die Namen Franklin und Washington mit
+Begeisterung aussprechen. Neben dem Ausdruck dieser Begeisterung bekamen
+wir Klagen zu hören über den gegenwärtigen Zustand von Neu-Andalusien,
+Schilderungen, oft übertriebene, des natürlichen Reichthums des Landes,
+leidenschaftliche, ungeduldige Wünsche für eine bessere Zukunft. Diese
+Stimmung mußte einem Reisenden ausfallen, der unmittelbarer Zeuge der
+großen politischen Erschütterungen in Europa gewesen war. Noch gab sich
+darin nichts Feindseliges, Gewaltsames, keine bestimmte Richtung zu
+erkennen. Gedanken und Ausdruck hatten die Unsicherheit, die, bei den
+Völkern wie beim Einzelnen, als ein Merkmal der halben Bildung, der
+voreilig sich entwickeln den Kultur erscheint. Seit die Insel Trinidad
+eine englische Colonie geworden ist, hat das ganze östliche Ende der
+Provinz Cumana, zumal die Küste von Paria und der Meerbusen dieses Namens
+ein ganz anderes Gesicht bekommen. Fremde haben sich da niedergelassen und
+den Bau des Kaffeebaums, des Baumwollenstrauchs, des otaheitischen
+Zuckerrohrs eingeführt. In Carupano, im schönen Thal des Rio Caribe, in
+Guire und im neuen Flecken Punta de Pietro gegenüber dem Puerto d’Espana
+auf Trinidad hat die Bevölkerung sehr stark zugenommen. Im _Golfo triste_
+ist der Boden so fruchtbar, daß der Mais jährlich zwei Ernten und das
+380ste Korn gibt. Die Vereinzelung der Niederlassungen hat dem Handel mit
+fremden Colonien Vorschub geleistet, und seit dem Jahr 1797 ist eine
+geistige Umwälzung eingetreten, die in ihren Folgen dem Mutterland noch
+lange nicht verderblich geworden wäre, hätte nicht das Ministerium fort
+und fort alle Interessen gekränkt, alle Wünsche mißachtet, Es gibt in den
+Streitigkeiten der Colonien mit dem Mutterland, wie fast in allen
+Volksbewegnngen, einen Moment, wo die Regierungen, wenn sie nicht über den
+Gang der menschlichen Dinge völlig verblendet sind, durch kluge,
+fürsichtige Mäßigung das Gleichgewicht herstellen und den Sturm beschwören
+können. Lassen sie diesen Zeitpunkt vorübergehen, glauben sie durch
+physische Gewalt eine moralische Bewegung niederschlagen zu können, so
+gehen die Ereignisse unaufhaltsam ihren Gang und die Trennung der Colonien
+erfolgt mit desto verderblicherer Gewaltsamkeit, wenn das Mutterland
+während des Streits seine Monopole und seine frühere Gewalt wieder eine
+Zeitlang hatte aufrecht erhalten können.
+
+Wir schifften uns Morgens sehr früh ein, in der Hoffnung, die Ueberfahrt
+über den Meerbusen von Cariaco in Einem Tage machen zu können. Das Meer
+ist hier nicht unruhiger als unsere großen Landseen, wenn sie vom Winde
+sanft bewegt werden. Es sind vom Landungsplatz nach Cumana nur zwölf
+Seemeilen. Als wir die kleine Stadt Cariaco im Rücken hatten, gingen wir
+westwärts am Flusse Carenicuar hin, der schnurgerade wie ein künstlicher
+Kanal durch Gärten und Baumwollenpflanzungen läuft. Der ganze, etwas
+sumpfige Boden ist aufs sorgsamste angebaut. Während unseres Aufenthalts
+in Peru wurde hier auf trockeneren Stellen der Kaffeebau eingeführt. Wir
+sahen am Flusse indianische Weiber ihr Zeug mit der Frucht des *Parapara*
+(_Sapindus saponaria_) waschen. Feine Wäsche soll dadurch sehr mitgenommen
+werden. Die Schale der Frucht gibt einen starken Schaum und die Frucht ist
+so elastisch, daß sie, wenn man sie auf einen Stein wirft, drei, viermal
+sieben bis acht Fuß hoch aufspringt. Da sie kugeligt ist, verfertigt man
+Rosenkränze daraus.
+
+Kaum waren wir zu Schiffe, so hatten wir mit widrigen Winden zu kämpfen.
+Es regnete in Strömen und ein Gewitter brach in der Nähe aus. Schaaren von
+Flamingos, Reihern und Cormorans zogen dem Ufer zu. Nur der Alcatras, eine
+große Pelicanart, fischte ruhig mitten im Meerbusen weiter. Wir waren
+unser achtzehn Passagiere, und auf der engen, mit Rohzucker,
+Pisangbüscheln und Cocosnüssen überladenen Pirogue (Fancha) konnten wir
+unsere Instrumente und Sammlungen kaum unterbringen. Der Rand des
+Fahrzeugs stand kaum über Wasser. Der Meerbusen ist fast überall 45–50
+Faden tief, aber am östlichen Ende bei Curaguaca findet das Senkblei fünf
+Meilen weit nur 3–4 Faden. Hier liegt der Baxo de la Cotua, eine Sandbank,
+die bei der Ebbe als Eiland über Wasser kommt. Die Piroguen, die
+Lebensmittel nach Cumana bringeng stranden manchmal daran, aber immer ohne
+Gefahr, weil die See hier niemals hoch geht und scholkt. Wir fuhren über
+den Strich des Meerbusens, wo auf dem Boden der See heiße Quellen
+entspringen. Es war gerade Fluth und daher der Temperaturwechsel weniger
+merkbar; auch fuhr unsere Pirogue zu nahe an der Südküste hin. Man sieht
+leicht, daß man Wasserschichten von verschiedener Temperatur antreffen
+muß, je nachdem die See mehr oder minder tief ist, oder je nachdem die
+Strömungen und der Wind die Mischung des warmen Quellwassers und des
+Wassers des Golfs befördern. Diese heißen Quellen, die, wie behauptet
+wird, auf 10,000–12,000 Quadrattoisen die Temperatur der See erhöhen, sind
+eine sehr merkwürdige Erscheinung. Geht man vom Vorgebirge Paria westwärts
+über Irapa, _Aguas calientes_, den Meerbusen von Cariaco, den Brigantin
+und die Thäler von Aragua bis zu den Schneegebirgen von Merida, so findet
+man auf einer Strecke von mehr als 150 Meilen eine ununterbrochene Reihe
+von warmen Quellen.
+
+Der widrige Wind und der Regen nöthigten uns bei Pericantral, einem
+kleinen Hofe aus der Südküste des Meerbusens, zu landen. Diese ganze,
+schön bewachsene Küste ist fast ganz unbebaut; man zählt kaum
+700 Einwohner und außer dem Dorfe Mariguitar sieht man nichts als
+Pflanzungen von Cocosbäumen, die die Oelbäume des Landes sind. Diese Palme
+wächst in beiden Continenten in einer Zone, wo die mittlere
+Jahrestemperatur nicht unter 20° beträgt. Sie ist, wie der Chamärops im
+Becken des Mittelmeers, eine wahre »Küstenpalme.« Sie zieht Salzwasser dem
+süßen Wasser vor und kommt im Innern des Landes, wo die Luft nicht mit
+Salztheilchen geschwängert ist, lange nicht so gut fort als auf den
+Küsten. Wenn man in Terra Firma oder in den Missionen am Orinoco
+Cocosnußbäume weit von der See pflanzt, wirft man ein starkes Quantum
+Salz, oft einen halben Scheffel, in das Loch, in das die Cocosnüsse gelegt
+werden. Unter den Culturgewächsen haben nur noch das Zuckerrohr, der
+Bananenbaum, der Mammei und der Avocatier, gleich dem Cocosnußbaum, die
+Eigenschaft, daß sie mit süßem oder mit Salzwasser begossen werden können.
+Dieser Umstand begünstigt ihre Verpflanzung, und das Zuckerrohr von der
+Küste gibt zwar einen etwas salzigten Saft, derselbe eignet sich aber, wie
+man glaubt, besser zur Branntweindestillation als der Saft aus dem
+Binnenlande.
+
+Im übrigen Amerika wird der Cocosnußbaum meist nur um die Höfe gepflanzt,
+und zwar um der eßbaren Frucht willen; am Meerbusen von Cariaco dagegen
+sieht man eigentliche Pflanzungen davon. Man spricht in Cumana von einer
+_hacienda de coco_, wie von einer _hacienda de caña_ oder _cacao_. Auf
+fruchtbarem, feuchtem Boden fängt der Cocosbaum im vierten Jahre an
+reichlich Früchte zu tragen; auf dürrem Lande dagegen erhält man vor dem
+zehnten Jahre keine Ernte. Der Baum dauert nicht über 80–100 Jahre aus,
+und er ist dann im Durchschnitt 70–80 Fuß hoch. Dieses rasche Wachsthum
+ist desto ausfallender, da andere Palmen, z. B. der Moriche (_Mauritia
+flexuosa_) und die _Palma de Sombrero_ (_Coripha tectorum_), die sehr
+lange leben, im sechzigsten Jahr oft erst 14–18 Fuß hoch sind. In den
+ersten dreißig bis vierzig Jahren trägt am Meerbusen von Cariaco ein
+Cocosbaum jeden Monat einen Büschel mit 10–14 Früchten, von denen jedoch
+nicht alle reif werden. Man kann im Durchschnitt jährlich auf den Baum
+100 Nüsse rechnen, die acht Flascos [Der Flasco zu 70–80 Pariser
+Cubikzoll] Oel geben. Der Flasco gilt zwei einen halben Silberrealen oder
+32 Sous. In der Provence gibt ein dreißigjähriger Oelbaum zwanzig Pfund
+oder sieben Flascos Oel, also etwas weniger als der Cocosbaum. Es gibt im
+Meerbusen von Cariaco Haciendas mit 8000–9000 Cocosbäumen; ihr malerischer
+Anblick erinnert an die herrlichen Dattelpflanzungen bei Elche in Murcia,
+wo auf einer Quadratmeile über 70,000 Palmstämme bei einander stehen. Der
+Cocosbaum trägt nur bis zum dreißigsten bis vierzigsten Jahr reichlich,
+dann nimmt der Ertrag ab und ein hundertjähriger Stamm ist zwar nicht ganz
+unfruchtbar, bringt aber sehr wenig mehr ein. In der Stadt Cumana wird
+sehr viel Cocosnußöl geschlagen; es ist klar, geruchlos und ein gutes
+Brennmaterial. Der Handel damit ist so lebhaft als auf der Westküste von
+Afrika der Handel mit Palmöl, das von _Elays guinneensis_ kommt. Dieses
+ist ein Speiseöl. In Cumana sah ich mehr als einmal Piroguen ankommen, die
+mit 3000 Cocosnüssen beladen waren. Ein Baum von gutem Ertrag gibt ein
+jährliches Einkommen von 2½ Piastern (14 Francs 5 Sous), da aber auf den
+_Haciendas de Coco_ Stämme von verschiedenem Alter durch einander stehen,
+so wird bei Schätzungen durch Sachverständige das Kapital nur zu
+4 Piastern angenommen.
+
+Wir verließen den Hof Pericantral erst nach Sonnenuntergang. Die Südküste
+des Meerbusens in ihrem reichen Pflanzenschmuck bietet den lachendsten
+Anblick, die Nordküste dagegen ist felsigt, nackt und dürr. Trotz des
+dürren Bodens und des seltenen Regens, der zuweilen fünfzehn Monate
+ausbleibt, wachsen auf der Halbinsel Araya (wie in der Wüste Canound in
+Indien) 30–50 Pfund schwere *Patillas* oder Wassermelonen. In der heißen
+Zone ist die Luft etwa zu 9/10 mit Wasserdunst gesättigt und die
+Vegetation erhält sich dadurch, daß die Blätter die wunderbare Eigenschaft
+haben, das in der Luft aufgelöste Wasser einzusaugen. Wir hatten auf der
+engen, überladenen Pirogue eine recht schlechte Nacht und befanden uns um
+drei Uhr Morgens an der Mündung des Rio Manzanares. Wir waren seit
+mehreren Wochen an den Anblick der Gebirge, an Gewitterhimmel und finstere
+Wälder gewöhnt, und so fielen uns jetzt die Naturverhältnisse von Cumana,
+der ewig heitere Himmel, der kahle Boden, die Masse des überall
+zurückgeworfenen Lichtes doppelt auf.
+
+Bei Sonnenaufgang sahen wir Tamurosgeier (_Vultur aura_) zu Vierzigen und
+Fünfzigen auf den Cocosnußbäumen sitzen. Diese Vögel hocken zum Schlafen
+in Reihen zusammen, wie die Hühner, und sie sind so träge, daß sie, lange
+ehe die Sonne untergeht, aufsitzen und erst wieder erwachen, wenn ihre
+Scheibe bereits über dem Horizont steht. Es ist, als ob die Bäume mit
+gefiederten Blättern nicht minder träge wären. Die Mimosen und Tamarinden
+schließen bei heiterem Himmel ihre Blätter 25–30 Minuten vor
+Sonnenuntergang, und sie öffnen sie am Morgen erst, wenn die Scheibe
+bereits eben so lang am Himmel steht. Da ich Sonnen-Auf- und Untergang
+ziemlich regelmäßig beobachtete, um das Spiel der Luftspiegelung und der
+irdischen Refraction zu verfolgen, so konnte ich auch die Erscheinungen
+des Pflanzenschlafs fortwährend im Auge behalten. Ich fand sie gerade so
+in den Steppen, wo der Blick aus den Horizont durch keine Unebenheit des
+Bodens unterbrochen wird. Die sogenannten Sinnpflanzen und andere
+Schotengewächse mit seinen, zarten Blättern empfinden, scheint es, da sie
+den Tag über an ein sehr starkes Licht gewöhnt sind, Abends die geringste
+Abnahme in der Stärke der Lichtstrahlen, so daß für diese Gewächse, dort
+wie bei uns, die Nacht eintritt, bevor die Sonnenscheibe ganz verschwunden
+ist. Aber wie kommt es, daß in einem Erdstriche, wo es fast keine
+Dämmerung gibt, die ersten Sonnenstrahlen die Blätter nicht um so stärker
+aufregen, da durch die Abwesenheit des Lichts ihre Reizbarkeit gesteigert
+worden seyn muß? Läßt sich vielleicht annehmen, daß die Feuchtigkeit, die
+sich durch die Erkaltung der Blätter in Folge der nächtlichen Strahlung
+auf dem Parenchym niederschlägt, die Wirkung der ersten Sonnenstrahlen
+hindert? In unsern Himmelsstrichen erwachen die Schotengewächse mit
+reizbaren Blättern schon ehe die Sonne sich zeigt, in der Morgendämmerung.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1.***
+
+
+
+CREDITS
+
+
+September 3, 2007
+
+ Project Gutenberg TEI edition 01
+ R. Stephan and K. Stüber
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 22492-0.txt or 22492-0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
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+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project
+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+— you may do practically *anything* with public domain eBooks.
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+redistribution.
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
+
+
+1.A.
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+By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+1.B.
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+„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
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+1.C.
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
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+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
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+
+
+1.F.5.
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+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
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+shall not void the remaining provisions.
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+ Information about the Mission of Project Gutenberg™
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+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
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+ Chief Executive and Director
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+Section 4.
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