diff options
Diffstat (limited to '22492.txt')
| -rw-r--r-- | 22492.txt | 11251 |
1 files changed, 11251 insertions, 0 deletions
diff --git a/22492.txt b/22492.txt new file mode 100644 index 0000000..46ab0aa --- /dev/null +++ b/22492.txt @@ -0,0 +1,11251 @@ +The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des +neuen Continents. Band 1. by Alexander von Humboldt + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1. + +Author: Alexander von Humboldt + +Release Date: September 3, 2007 [Ebook #22492] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1.*** + + + + + +Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. +Band 1. + + +by Alexander von Humboldt + + + + +Edition 01 , (September 3, 2007) + + + + + + In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff. + + Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers. + + Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache. + + ------------------ + + 1865 + + ------------------ + + Erster Band + + + + + +CONTENTS + + +Vorwort +Erstes Kapitel +Zweites Kapitel +Drittes Kapitel +Viertes Kapitel +Fuenftes Kapitel +Sechstes Kapitel +Siebentes Kapitel +Achtes Kapitel + + + + + + +VORWORT + + +Einem wissenschaftlichen Reisenden kann es wohl nicht verargt werden, wenn +er eine vollstaendige Uebersetzung seiner Arbeiten jeder auch noch so +geschmackvollen Abkuerzung derselben vorzieht. Bouquer´s und La Condamine´s +mehr als hundertjaehrige Quartbaende werden noch heute mit grosser Theilnahme +gelesen; und da jeder Reisende gewissermassen den Zustand der +Wissenschaften seiner Zeit, oder vielmehr die Gesichtpunkte darstellt, +welche von dem Zustande des Wissens seiner Zeit abhangen, so ist das +wissenschaftliche Interesse um so lebendiger, als die Epoche der +Darstellung der Jetztzeit naeher liegt. Damit aber die lebendige +Darstellung des Geschehenen weniger unterbrochen werde, habe ich das +Material, durch welches allgemeine kosmische Resultate begruendet werden, +in besonderen Zugaben ueber stuendliche Barometer-Veraenderungen, Neigung der +Magnetnadel und Intensitaet der magnetischen Erdkraft zusammengedraengt. Die +Absonderung solcher und anderer Zugaben hat allerdings, und ohne grossen +Nachtheil, zu Abkuerzungen in der Uebersetzung des Originaltextes der Reise +Anlass geben koennen. Diese Betrachtung war auch geeignet mich bald mit dem +Unternehmen zu versoehnen, einem groesseren Kreise gebildeter Leser, die +bisher mehr mit der Natur als mit scientifischen Wissen befreundet waren, +einen etwas *abgekuerzten Text der Reise in die Tropen-Gegenden des Neuen +Continents* darzubieten. Die Buchhandlung, welche aus edler, ich setze +gern hinzu angeerbter Freundschaft meinen Arbeiten eine so lange und +sorgfaeltige Pflege geschenkt hat, hat mich aufgefordert diese neue +Ausgabe, welche einem vielseitig unterrichteten Gelehrten, Herrn +Bibliothekar Professor _Dr._ *Hauff* anvertraut ist, nicht bloss, so viel +mein Uralter und meine gesunkenen Kraefte es erlauben, zu revidiren, +sondern auch mit Zusaetzen und Berichtigungen zu bereichern. Die +Naturwissenschaft ist, wie die Natur selbst, in ewigem *Werden* und +Wechsel begriffen. Seit der Herausgabe des ersten Bandes der Reise sind +jetzt 45 Jahre verflossen. Die Berichtigungen muessten also zahlreich seyn: +in geognostischer Hinsicht wegen Bezeichnung der Gebirgs-Formationen und +der metamorphosirten Gebirge, des wohlthaetigen Einflusses der Chemie auf +die Geognosie, wie in allem, was anbetrifft die Vertheilung der Waerme auf +dem Erdkoerper und die Ursach der verschiedenen Kruemmung monatlicher +Isothermen (nach Dove´s meisterhaften Arbeiten). Die durch die neue +Ausgabe veranlasste Erweiterung des Kreises wissenschaftlicher Anregung +kann ich nur freudig begruessen; denn in dem Entwickelungsgange physischer +Forschungen wie in dem der politischen Institutionen ist Stillstand durch +unvermeidliches Verhaengnis an den Anfang eines verderblichen +*Rueckschrittes* geknuepft. + +Es wuerde mir dazu eine innige Freude seyn noch zu erleben, wie die +Unternehmer es hoffen, dass meine in den Jahren freudig aufstrebender +Jugend ausgefuehrte Reise, deren einer Genosse, mein theurer Freund, *Aime +Bonpland*, bereits, im hohen Alter, dahingegangen ist, in unserer eigenen +schoenen Sprache von demselben deutschen Volke mit einigem Vergnuegen +gelesen werde, welches mehr denn zwei Menschenalter hindurch mich in +meinen wissenschaftlichen Bestrebungen und meiner Laufbahn durch ein +eifriges Wohlwollen beglueckt und selbst meinen spaetesten Arbeiten durch +seine partheiische Theilnahme eine Rechtfertigung gewaehrt hat. + +*Berlin*, 26. Maerz 1859. + +*Alexander v. Humboldt.* + + + + + +ERSTES KAPITEL + + + Vorbereitungen -- Abreise von Spanien -- Aufenthalt auf den + Kanarischen Inseln + + +Wenn eine Regierung eine jener Fahrten auf dem Weltmeer anordnet, durch +welche die Kenntniss des Erdballes erweitert und die physischen +Wissenschaften gefoerdert werden, so stellt sich ihrem Vorhaben keinerlei +Hinderniss entgegen. Der Zeitpunkt der Abfahrt und der Plan der Reise +koennen eingehalten werden, sobald die Schiffe ausgeruestet und die +Astronomen und Naturforscher, welche unbekannte Meere befahren sollen, +gewaehlt sind. Die Inseln und Kuesten, deren Produkte die Seefahrer kennen +lernen sollen, liegen ausserhalb des Bereiches der staatlichen Bewegungen +Europas. Wenn laengere Kriege die Freiheit zur See beschraenken, so stellen +die kriegfuehrenden Maechte gegenseitig Paesse aus; der Hass zwischen Volk und +Volk tritt zurueck, wenn es sich von der Foerderung des Wissens handelt, das +die gemeine Sache der Voelker ist. + +Anders, wenn nur ein Privatmann auf seine Kosten eine Reise in das Innere +eines Festlandes unternimmt, das Europa in sein System von Kolonien +gezogen hat. Wohl mag sich der Reisende einen Plan entwerfen, wie er ihm +fuer seine wissenschaftlichen Zwecke und bei den staatlichen Verhaeltnissen +der zu bereisenden Laender die angemessenste scheint; er mag sich die +Mittel verschaffen, die ihm fern vom Heimathland auf Jahre die +Unabhaengigkeit sicher, aber gar oft widersetzen sich unvorhergesehene +Hindernisse seinem Vorhaben, wenn er eben meint, es ausfuehren zu koennen. +Nicht leicht hat aber ein Reisender mit so vielen Schwierigkeiten zu +kaempfen gehabt als ich vor meiner Abreise nach dem spanischen Amerika. +Gern waere ich darueber weggegangen und haette meine Reisebeschreibungen mit +der Besteigung des Pic von Tenerifa begonnen, wenn nicht das Fehlschlagen +meiner ersten Plaene auf die Richtung meiner Reise nach der Rueckkehr vom +Orinoko bedeutenden Einfluss geaeussert haette. Ich gebe daher eine fluechtige +Schilderung dieser Vorgaenge, die fuer die Wissenschaft von keinem Belang +sind, von denen ich aber wuenschen muss, dass sie richtig beurteilt werden. +Da nun einmal die Neugier des Publikums sich haeufig mehr an die Person des +Reisenden als an seine Werke heftet, so sind auch die Umstaende, unter +denen ich meine ersten Reiseplaene entworfen, ganz schief aufgefasst +worden.(1) + +Von frueher Jugend auf lebte in mir der sehnliche Wunsch, ferne, von +Europaeern wenig besuchte Laender bereisen zu duerfen. Dieser Drang ist +bezeichnend fuer einen Zeitpunkt im Leben, wo dieses vor uns liegt wie ein +schrankenloser Horizont, wo uns nichts so sehr anzieht als starke +Gemuethsbewegung und Bilder physischer Faehrlichkeiten. In einem Lande +aufgewachsen, das in keinem unmittelbaren Verkehr mit den Kolonien in +beiden Indien steht, spaeter in einem fern von der Meereskueste gelegenen, +durch starken Bergbau beruehmten Gebirge lebend, fuehlte ich den Trieb zur +See und zu weiten Fahrten immer maechtiger in mir werden. Dinge, die wir +nur aus den lebendigen Schilderungen der Reisenden kennen, haben ganz +besonderen Reiz fuer uns; Alles in Entlegenheit undeutlich Umrissene +besticht unsere Einbildungskraft; Genuesse, die uns nicht erreichbar sind, +scheinen uns weit lockender, als was uns im engen Kreise des buergerlichen +Lebens bietet. Die Lust am Botanisiren, das Studium der Geologie, ein +Ausflug nach Holland, England und Frankreich in Gesellschaft eines +beruehmten Mannes, Georg Forsters, dem das Glueck geworden war, Capitaen Cook +auf seiner zweiten Reise um die Welt zu begleiten, trugen dazu bei, den +Reiseplaenen, die ich schon mit achtzehn Jahren gehegt, Gestalt und Ziel zu +geben. Wenn es mich noch immer in die schoenen Laender des heissen Erdguertels +zog, so war es jetzt nicht mehr der Drang nach einem aufregenden +Wanderleben, es war der Trieb, eine wilde, grossartige, an mannichfaltigen +Naturprodukten reiche Natur zu sehen, die Aussicht, Erfahrungen zu +sammeln, welche die Wissenschaften foerderten. Meine Verhaeltnisse +gestatteten mir damals nicht, Gedanken zu verwirklichen, die mich so +lebhaft beschaeftigten, und ich hatte sechs Jahre Zeit, mich zu den +Beobachtungen, die ich in der Neuen Welt anzustellen gedachte, +vorzubereiten, mehrere Laender Europas zu bereisen und die Kette der +Hochalpen zu untersuchen, deren Bau ich in der Folge mit den Anden von +Quito und Peru vergleichen konnte. Da ich zu verschiedenen Zeiten mit +Instrumenten von verschiedener Construction arbeitete, waehlte ich am Ende +diejenigen, die mir als die genauesten und dabei auf dem Transport +dauerhaftesten erschienen; ich fand Gelegenheit, Messungen, die nach den +strengsten Methoden vor genommen wurden, zu wiederholen, und lernte so +selbststaendig die Grenzen der Irrthuemer kennen, auf die ich gefasst seyn +musste. + +Im Jahre 1795 hatte ich einen Teil von Italien bereist, aber die +vulkanischen Striche in Neapel und Sizilien nicht besuchen koennen. Ungern +haette ich Europa verlassen, ohne Vesuv, Stromboli und Aetna gesehen zu +haben; ich sah ein, um zahlreiche geologische Erscheinungen, namentlich in +der Trappformation, richtig aufzufassen, musste ich mich mit den +Erscheinungen, wie noch taetige Vulkane sie bieten, naeher bekannt gemacht +haben. Ich entschloss mich daher im November 1797, wieder nach Italien zu +gehen. Ich hielt mich lange in Wien auf, wo die ausgezeichneten Sammlungen +und die Freundlichkeit Jacquins und Josephs van der Schott mich in meinen +vorbereitenden Studien ausnehmend foerderten; ich durchzog mit Leopold von +Buch, von dem seitdem ein treffliches Werk ueber Lappland erschienen ist, +mehrere Teile des Salzburger Landes und Steiermark, Laender, die fuer den +Geologen und Landschaftsmaler gleich viel Anziehendes haben; als ich aber +ueber die Tiroler Alpen gehen wollte, sah ich mich durch den in ganz +Italien ausgebrochenen Krieg genoetigt, den Plan der Reise nach Neapel +aufzugeben. + +Kurz zuvor hatte ein leidenschaftlicher Kunstfreund, der bereits die +Kuesten Illyriens und Griechenlands als Alter thumsforscher besucht hatte, +mir den Vorschlag gemacht, ihn auf einer Reise nach Oberegypten zu +begleiten. Der Ausflug sollte nur acht Monate dauern; geschickte Zeichner +und astronomische Werkzeuge sollten uns begleiten, und so wollten wir den +Nil bis Assuan hinaufgehen und den zwischen Tentyris und den Cataracten +gelegenen Teil des Said genau untersuchen. Ich hatte bis jetzt bei meinen +Planen nie ein aussertropisches Land im Auge gehabt, dennoch konnte ich der +Versuchung nicht widerstehen, Laender zu besuchen, die in der Geschichte +der Kultur eine so bedeutende Rolle spielen. Ich nahm den Vorschlag an, +aber unter der ausdruecklichen Bedingung, dass ich bei der Rueckkehr nach +Alexandrien allein durch Syrien und Palaestina weiter reisen duerfte. Sofort +richtete ich meine Studien nach dem neuen Plane ein, was mir spaeter zu +gute kam, als es sich davon handelte, die rohen Denkmale der Mexicaner mit +denen der Voelker der Alten Welt zu vergleichen. Ich hatte die nahe +Aussicht, mich nach Egypten einzuschiffen, da noethigten mich die +eingetretenen politischen Verhaeltnisse, eine Reise aufzugeben, die mir so +grossen Genuss versprach. Im Orient standen die Dinge so, dass ein einzelner +Reisender gar keine Aussicht hatte, dort Studien machen zu koennen, welche +selbst in den ruhigsten Zeiten von den Regierungen mit misstrauischen Augen +angesehen werden. + +Zur selben Zeit war in Frankreich eine Entdeckungsreise in die Suedsee +unter dem Befehl des Kapitaens Baudin im Werk. Der urspruengliche Plan war +grossartig, kuehn und haette verdient, unter umsichtiger Leitung ausgefuehrt +zu werden. Man wollte die spanischen Besitzungen in Suedamerika von der +Muendung des Rio de la Plata bis zum Koenigreich Quito und der Landenge von +Panama besuchen. Die zwei Corvetten sollten sofort ueber die Inselwelt des +Stillen Meeres nach Neuholland gelangen, die Kuesten desselben von +Vandiemensland bis Nuytsland untersuchen, bei Madagaskar anlegen und ueber +das Kap der guten Hoffnung zurueckkehren. Ich war nach Paris gekommen, als +man sich eben zu dieser Reise zu ruesten begann. Der Charakter des Kapitaens +Baudin war eben nicht geeignet, mir Vertrauen einzufloessen; der Mann hatte +meinen Freund, den jungen Botaniker van der Schott, nach Brasilien +gebracht, und der Wiener Hof war dabei schlecht mit ihm zufrieden gewesen; +da ich aber mit eigenen Mitteln nie eine so weite Reise unternehmen und +ein so schoenes Stueck der Welt haette kennen lernen koennen, so entschloss ich +mich, auf gutes Glueck die Expedition mitzumachen. Ich erhielt Erlaubniss, +mich mit meinen Instrumenten auf einer der Corvetten, die nach der Suedsee +gehen sollten, einzuschiffen, und machte nur zur Bedingung, dass ich mich +von Kapitaen Baudin trennen duerfte, wo und wann es mir beliebte. Michaux, +der bereits Persien und einen Teil von Nordamerika besucht hatte, und +Bonpland, dem ich mich anschloss, und der mir seitdem aufs innigste +befreundet geblieben, sollten die Reise als Naturforscher mitmachen. + +Ich hatte mich einige Monate lang darauf gefreut, an einer so grossen und +ehrenvollen Unternehmung Theil nehmen zu duerfen, da brach der Krieg in +Deutschland und Italien von neuen aus, so dass die franzoesische Regierung +die Geldmittel, die sie zu der Entdeckungsreise angewiesen, zurueckzog und +dieselbe auf unbestimmte Zeit verschob. Mit Kummer sah ich alle meine +Aussichten vernichtet, ein einziger Tag hatte dem Plane, den ich fuer +mehrere Lebensjahre entworfen, ein Ende gemacht; da beschloss ich nur so +bald als moeglich, wie es auch sey, von Europa wegzukommen, irgend etwas zu +unternehmen, das meinen Unmuth zerstreuen koennte. + +Ich wurde mit einen schwedischen Konsul, Skioeldebrand, bekannt, der dem +Dey von Algier Geschenke von seiten seines Hofes zu ueberbringen hatte und +durch Paris kam, um sich in Marseille einzuschiffen. Dieser achtenswerthe +Mann war lange auf der afrikanischen Kueste angestellt gewesen, und da er +bei der algerischen Regierung gut angeschrieben war, konnte er fuer mich +auswirken, dass ich den Theil der Atlaskette bereisen durfte, auf den sich +die bedeutenden Untersuchungen Desfontaines nicht erstreckt hatten. Er +schickte jedes Jahr ein Fahrzeug nach Tunis, auf dem die Pilger nach Mekka +gingen, und er versprach mir, mich auf diesem Wege nach Egypten zu +befoerdern. Ich besann mich keinen Augenblick, eine so gute Gelegenheit zu +benutzen, und ich meinte nunmehr den Plan, den ich vor meiner Reise nach +Frankreich entworfen, sofort ausfuehren zu koennen. Bis jetzt hatte kein +Mineralog die hohe Bergkette untersucht, die in Marokko bis zur Grenze des +ewigen Schnees aufsteigt. Ich konnte darauf rechnen, dass ich, nachdem ich +in den Alpenstrichen der Berberei einiges fuer die Wissenschaft gethan, in +Egypten bei den bedeutenden Gelehrten, die seit einigen Monaten zum +Institut von Cairo zusammengetreten waren, dasselbe Entgegenkommen fand, +das mir in Paris in so reichem Masse zu Theil geworden. Ich ergaenzte rasch +meine Sammlung von Instrumenten und verschaffte mir die Werke ueber die zu +bereisenden Laender. Ich nahm Abschied von meinem Bruder, der durch Rath +und Beispiel meine Geistesrichtung hatte bestimmen helfen. Er billigte die +Beweggruende meines Entschlusses, Europa zu verlassen; eine geheime Stimme +sagte uns, dass wir uns wieder sehen wuerden. Diese Hoffnung hat uns nicht +betrogen, und sie linderte den Schmerz einer langen Trennung. Ich verliess +Paris mit den Entschluss, mich nach Algier und Egypten einzuschiffen, und +wie nun einmal der Zufall in allen Menschenleben regiert, ich sah bei der +Rueckkehr vom Amazonenstrom und aus Peru meinen Bruder wieder, ohne das +Festland von Afrika betreten zu haben. + +Die schwedische Fregatte, welche Skioeldebrand nach Algier ueberfuehren +sollte, wurde zu Marseille in den letzten Tagen Oktobers erwartet. +Bonpland und ich begaben uns um diese Zeit dahin, und eilten um so mehr, +da wir waehrend der Reise immer besorgten, zu spaet zu kommen und das Schiff +zu versaeumen. Wir ahnten nicht, welche neuen Widerwaertigkeiten uns +zunaechst bevorstanden. + +Skioeldebrand war so ungeduldig als wir, seinen Bestimmungsort zu +erreichen. Wir bestiegen mehrmals am Tage den Berg Notre Dame de la Garde, +von dem man weit ins Mittelmeer hinausblickt. Jedes Segel, das am Horizont +sichtbar wurde, setzte uns in Aufregung; aber nachdem wir zwei Monate in +grosser Unruhe vergeblich geharrt, ersahen wir aus den Zeitungen, dass die +schwedische Fregatte, die uns ueberfuehren sollte, in einem Sturm an den +Kuesten von Portugal stark gelitten und in den Hafen von Cadiz habe +einlaufen muessen, um ausgebessert zu werden. Privatbriefe bestaetigten die +Nachricht, und es war gewiss, dass der Jaramas -- so hiess die Fregatte -- vor +dem Fruehjahr nicht nach Marseille kommen konnte. + +Wir konnten es nicht ueber uns gewinnen, bis dahin in der Provence zu +bleiben. Das Land, zumal das Klima, fanden wir herrlich; aber der Anblick +des Meeres mahnte uns fortwaehrend an unsere zertruemmerten Hoffnungen. Auf +einem Ausflug nach Hyeres und Toulon fanden wir in letzterem Hafen die +Fregatte Boudeuse, die Bougainville auf seiner Reise um die Welt befehligt +hatte. Ich hatte mich zu Paris, als ich mich ruestete, die Expedititon des +Kapitaens Baudin mitzumachen, des besonderen Wohlwollens des beruehmten +Seefahrers zu erfreuen gehabt. Nur schwer vermochte ich zu schildern, was +ich beim Anblick des Schiffes empfand, das Commerson auf die Inseln der +Suedsee gebracht. Es gibt Stimmungen, in denen sich ein Schmerzgefuehl in +alle unsere Empfindungen mischt. + +Wir hielten immer noch am Gedanken fest, uns an die afrikanische Kueste zu +begeben, und dieser zaehe Entschluss waere uns beinahe verderblich geworden. +Im Hafen von Marseille lag zur Zeit ein kleines ragusanisches Fahrzeug, +bereit nach Tunis unter Segel zu gehen. Dies schien uns eine guenstige +Gelegenheit; wir kamen ja auf diese Weise in die Naehe von Egypten und +Syrien. Wir wurden mit dem Kapitaen wegen der Ueberfahrtspreises einig; am +folgenden Tage sollten wir unter Segel gehen, aber die Abreise verzoegerte +sich gluecklicherweise durch einen an sich ganz unbedeutenden Umstand. Das +Vieh, das uns als Proviant auf der Ueberfahrt dienen sollte, war in der +grossen Kajuete untergebracht. Wir verlangten, dass zur Bequemlichkeit der +Reisenden und zur sicheren Unterbringung unserer Instrumente das +Notwendigste vorgekehrt werde. Allermittelst erfuhr man in Marseille, dass +die tunesische Regierung die in der Berberei niedergelassenen Franzosen +verfolge, und dass alle aus franzoesischen Haefen ankommenden Personen ins +Gefaengnis geworfen wuerden. Durch diese Kunde entgingen wir einer grossen +Gefahr; wir mussten die Ausfuehrung unserer Plaene verschieben und +entschlossen uns, den Winter in Spanien zuzubringen, in der Hoffnung, uns +im naechsten Fruehjahr, wenn anders die politischen Zustaende im Orient es +gestatteten, in Cartagena oder in Cadiz einschiffen zu koennen. + +Wir reisten durch Katalonien und das Koenigreich Valencia nach Madrid. Wir +besuchten auf dem Wege die Truemmer Tarragonas und des alten Sagunt, +machten von Barcelona aus einen Ausflug auf den Montserrat, dessen hoch +aufragende Gipfel von Einsiedlern bewohnt sind, und der durch die +Contraste eines kraeftigen Pflanzenwuchses und nackter, oeder Felsmassen ein +eigenthuemliches Landschaftsbild bietet. Ich fand Gelegenheit, durch +astronomische Rechnung die Lage mehrerer fuer die Geographie Spaniens +wichtiger Punkte zu bestimmen; ich mass mittels des Barometers die Hoehe des +Centralplateaus und stellte einige Beobachtungen ueber die Inclination der +Magnetnadel und die Intensitaet der magnetischen Kraft an. Die Ergebnisse +dieser Beobachtungen sind die sich erschienen, und ich verbreite mich hier +nicht weiter ueber die Naturbeschaffenheit eines Landes, in dem ich mich +nur ein halbes Jahr aufhielt, und das in neuerer Zeit von so vielen +unterrichteten Maennern bereist worden ist. + +Zu Madrid angelangt, fand ich bald Ursache, mir Glueck dazu zu wuenschen, +dass wir uns entschlossen, die Halbinsel zu besuchen. Der Baron Forell, +saechsischer Gesandter am spanischen Hofe, kam mir auf eine Weise entgegen, +die meinen Zwecken sehr foerderlich wurde. Er verband mit ausgebreiteten +mineralogischen Kenntnissen das regste Interesse fuer Unternehmungen zur +Foerderung der Wissenschaft. Er bedeutete mir, dass ich unter der Verwaltung +eines aufgeklaerten Ministers, des Ritters Don Mariano Luis de Urquijo, +Aussicht habe, auf meine Kosten im Inneren des spanischen Amerika reisen +zu duerfen. Nach all den Widerwaertigkeiten, die ich erfahren, besann ich +mich keinen Augenblick, diesen Gedanken zu ergreifen. + +Im Maerz 1799 wurde ich dem Hofe von Aranjuez vorgestellt. Der Koenig nahm +mich aeusserst wohlwollend auf. Ich entwickelte die Gruende, die mich +bewogen, eine Reise in den neuen Kontinent und auf die Philippinen zu +unternehmen, und reichte dem Staatssecretaer eine darauf bezuegliche +Denkschrift ein. Der Ritter d'Urquijo unterstuetzte mein Gesuch und raeumte +alle Schwierigkeiten aus dem Wege. Der Minister handelte hierbei desto +grossmuethiger, da ich in gar keiner persoenlichen Beziehung zu ihn stand. +Der Eifer, mit dem er fortwaehrend meine Absichten unterstuetzte, hatte +keinen anderen Beweggrund als seine Liebe zu den Wissenschaften. Es wird +mir zu angenehmen Pflicht, in diesem Werke der Dienste, die er mir +erwiesen, dankbar zu gedenken. + +Ich erhielt zwei Paesse, den einen vom ersten Staatsecretaer, den anderen +vom Rath von Indien. Nie war einem Reisenden mit der Erlaubniss, die man +ihm ertheilte, mehr zugestanden worden, nie hatte die spanische Regierung +einem Fremden groesseres Vertrauen bewiesen. Um alle Bedenken zu beseitigen, +welche die Vicekoenige oder Generalcapitaene, als Vertreter der koeniglichen +Gewalt in Amerika, hinsichtlich des Zweckes und Wesens meiner +Beschaeftigungen erheben koennten, hiess es im Pass der _primera secretaria de +estado:_ "ich sey ermaechtigt, mich meiner physikalischen und geodaetischen +Instrumente mit voller Freiheit zu bedienen; ich duerfe in allen spanischen +Besitzungen astronomische Beobachtungen anstellen, die Hoehen der Berge +messen, die Erzeugnisse des Bodens sammeln und alle Operationen ausfuehren, +die ich zur Foerderung der Wissenschaft gut finde". Diese Befehle von +Seiten des Hofes wurden genau befolgt, auch nachdem infolge der Ereignisse +Don D´Urquijo vom Ministerium hatte abtreten muessen. Ich meinerseits war +bemueht, diese sich nie verleugnende Freundlichkeit zu erwidern. Ich +uebergab waehrend meines Aufenthaltes in Amerika den Statthaltern der +Provinzen Abschriften des von mir gesammelten Materials ueber die +Geographie und Statistik der Colonien, das dem Mutterlande von einigen +Werth seyn konnte. Dem von mir vor meiner Abreise gegebenen Versprechen +gemaess uebermachte ich dem naturhistorischen Cabinet zu Madrid mehrere +geologische Sammlungen. Da der Zweck unserer Reise ein rein +wissenschaftlicher war, so hatten Bonpland und ich das Glueck, uns das +Wohlwollen der Colonisten wie der mit der Verwaltung dieser weiten +Landstriche betrauten Europaeer zu erwerben. In den fuenf Jahren, waehrend +wir den neuen Continent durchzogen, sind wir niemals einer Spur von +Misstrauen begegnet. Mit Freude spreche ich es hier aus; unter den +haertesten Entbehrungen, im Kampfe mit einer wilden Natur, haben wir uns +nie ueber menschliche Ungerechtigkeit zu beklagen gehabt. + +Verschiedene Gruende haetten uns eigentlich bewegen sollen, noch laenger in +Spanien zu verweilen. Abbe Cavanilles, ein Mann gleich geistreich wie +mannigfaltig unterrichtet; Nee, der mit Haenke die Expedition Malaspinas +als Botaniker mitgemacht und allein eine der groessten Kraeutersammlungen, +die man je in Europa gesehen, zusammengebracht hat; Don Casimir Ortega, +Abbe Pourret und die gelehrten Verfasser der Flora von Peru, Ruiz und +Pavon, stellten uns ihre reichen Sammlungen zur unbeschraenkten Verfuegung. +Wir untersuchten zum Theil die mexicanischen Pflanzen, die von Sesse, +Mocino und Cervantes entdeckt worden, und von denen Abbildungen an das +naturhistorische Museum zu Madrid gelangt waren. In dieser grossen Anstalt, +die unter der Leitung Clavijos stand, des Herausgebers einer gefaelligen +Uebersetzung der Werke Buffons, fanden wir allerdings keine geologischen +Suiten aus den Cordilleren; aber Proust, der sich durch die grosse +Genauigkeit seiner chemischen Arbeiten bekannt gemacht hat, und ein +ausgezeichneter Mineralog, Hergen, gaben uns interessante Nachweisungen +ueber verschiedene mineralische Substanzen Amerikas. Mit bedeutendem Nutzen +haetten wir uns wohl noch laenger mit den Naturprodukten der Laender +beschaeftigt, die das Ziel unserer Forschungen waren, aber es draengte uns +zu sehr, von der Verguenstigung, die der Hof uns gewaehrt, Gebrauch zu +machen, als dass wir unsere Abreise haetten verschieben koennen. Seit einen +Jahr war ich so vielen Hindernissen begegnet, dass ich es kaum glauben +konnte, dass mein sehnlichster Wunsch endlich in Erfuellung gehen sollte. + +Wir verliessen Madrid gegen die Mitte Mais. Wir reisten durch einen Theil +von Altcastilien, durch das Koenigreich Leon und Galizien nach Corunna, wo +wir uns nach der Insel Cuba einschiffen sollten. Der Winter war streng und +lang gewesen, und jetzt genossen wir auf der Reise der milden +Fruehlingstemperatur, die schon so weit gegen Sued gewoehnlich nur den +Monaten Mai und April eigen ist. Schnee bedeckte noch die hohen +Granitgipfel der Guadarama; aber in den tiefen Thaelern Galiziens, welche +an die malerischen Landschaften der Schweiz und Tirols erinnern, waren +alle Felsen mit Cistus in voller Bluethe und baumartigem Heidekraut +ueberzogen. Man ist froh, wenn man die castilische Hochebene hinter sich +hat, welche fast ganz von Pflanzenwuchs entbloest und wo es im Winter +empfindlich kalt, im Sommer drueckend heiss ist. Nach den wenigen +Beobachtungen, die ich selbst anstellen konnte, besteht das Innere +Spaniens aus einer weiten Ebene, die 300 Toisen (584 Meter) ueber dem +Spiegel des Meeres mit secundaeren Gebirgsbildungen, Sandstein, Gips, +Steinsalz, Jurakalk bedeckt ist; das Klima von Castilien ist weit kaelter +als das von Toulon oder Genua; die mittlere Temperatur errecht kaum 15 +Grad der hunderttheiligen Scale. Man wundert sich, dass unter der Breite +von Calabrien, Thessalien und Kleinasien die Orangenbaeume im Freien nicht +mehr fortkommen. Die Hochebene in der Mitte des Landes ist umgeben von +einer tiefgelegenen, schmalen Zone, wo an mehreren Punkten Chamaerops, der +Dattelbaum, das Zuckerrohr, die Banane und viele Spanien und dem +noerdlichen Afrika gemeinsame Pflanzen vorkommen, ohne vom Winterfrost zu +leiden. Unter dem 36 - 40. Grad der Breite betraegt die mittlere Temperatur +17 - 20 Grad, und durch den Verein von Verhaeltnissen, die hier nicht +aufgezaehlt werden koennen, ist dieser glueckliche Landstrich der vornehmste +Sitz des Gewerbfleisses und der Geistesbildung geworden. + +Kommt man im Koenigreich Valencia von der Kueste des Mittelmeeres gegen die +Hochebene von Mancha und Castilien herauf, so meint man, tief im Land, in +weithin gestreckten schroffen Abhaengen die alte Kueste der Halbinsel vor +sich zu haben. Dieses merkwuerdige Phaenomen erinnert an die Sagen der +Samothracier und andere geschichtliche Zeugnisse, welche darauf +hinzuweisen scheinen, dass durch den Ausbruch der Wasser aus den +Dardanellen das Becken des Mittelmeeres erweitert und der suedliche Theil +Europas zerrissen und vom Mittelmeer verschlungen worden ist. Nimmt man +an, diese Sagen seyen keine geologischen Traeume, sondern beruhen wirklich +auf der Erinnerung an eine uralte Umwaelzung, so haette die spanische +Centralebene dem Anprall der gewaltigen Fluthen widerstanden, bis die +Wasser durch die zwischen den Saeulen des Hercules sich bildende Meerende +abflossen, so dass der Spiegel des Mittelmeeres allmaehlig sank und +einerseits Niederegypten, andererseits die fruchtbaren Ebenen von +Tarragena, Valencia und Murcia trocken gelegt wurden. Was mit der Bildung +dieses Meeres zusammenhaengt, dessen Daseyn von so bedeutendem Einfluss auf +die fruehesten Culturbewegungen der Menschheit war, ist von ganz besonderem +Interesse. Man koennte denken, Spanien, das sich als ein Vorgebirge +inmitten der Meere darstellt, verdanke seine Erhaltung seinem +hochgelegenen Boden; ehe man aber auf solche theoretische Vorstellungen +Gewicht legt, muesste man erst die Bedenken beseitigen, die sich gegen die +Durchbrechung so vieler Daemme erheben, muesste man wahrscheinlich zu machen +suchen, dass das Mittelmeer einst in mehrere abgeschlossene Becken getheilt +gewesen, dere alte Grenzen durch Sicilien und die Insel Candia angedeutet +scheinen. Die Loesung dieser Probleme soll uns hier nicht beschaeftigen, wir +beschraenken uns darauf, auf den auffallenden Contrast in der Gestaltung +des Landes am oestlichen und am westlichen Ende Europas aufmerksam zu +machen. Zwischen den baltischen und dem schwarzen Meer erhebt sich das +Land gegenwaertig kaum fuenfzig Toisen ueber den Spiegel des Oceans, waehrend +die Hochebene von Mancha, wenn sie zwischen den Quellen des Niemen und des +Dnieper laege, sich als eine Gebirgsgruppe von bedeutender Hoehe darstellen +wuerde. Es ist hoechst anziehend, auf die Ursachen zurueckzugehen, durch +welche die Oberflaeche unseres Planeten umgestaltet worden seyn man; +sicherer ist es aber, sich an diejenigen Seiten der Erscheinungen zu +halten, welche der Beobachtung und Messung des Forschers zugaenglich sind. + +Zwischen Astorga und Corunna, besonders von Lugo an, werden die Berge +allmaehlich hoeher. Die secundaeren Gebirgsbildungen verschwinden mehr und +mehr, und die Uebergangsgebirgsarten, die sie abloesen, verkuenden die Naehe +des Urgebirgs. Wir sahen ansehnliche Berge aufgebaut aus altem Sandstein, +den die Mineralogen der Freiberger Schule als Grauwacke und +Grauwackenschiefer auffuehren. Ich weiss nicht, ob diese Formation, die im +suedlichen Europa nicht haeufig vorkommt, auch in andern Strichen Spaniens +aufgefunden worden ist. Eckige Bruchstuecke von lydischem Stein, die in den +Thaelern am Boden liegen, schienen uns darauf zu deuten, dass die Grauwacke +dem Uebergangsschiefer aufgelagert ist. Bei Corunna selbst erheben sich +Granitgipfel, die bis zum Cap Ortegal fortstreichen. Diese Granite, welche +einst mit denen in Bretagne und Wales in Zusammenhang gestanden haben +moegen, sind vielleicht die Truemmer einer von den Fluthen zertruemmerten und +verschlungenen Bergkette. Schoene grosse Feldspathkrystalle sind fuer dieses +Gestein charakteristisch, Zinnstein ist darin eingesprengt, und von den +Galiciern wird darauf ein muehsamer, wenig ergiebiger Bergbau betrieben. + +In Corunna angelangt, fanden wir den Hafen von zwei englischen Fregatten +und einem Linienschiff blokirt. Diese Fahrzeuge sollten den Verkehr +zwischen dem Mutterland und den Colonien in Amerika unterbrechen; den von +Corunna, nicht von Cadiz lief damals jeden Monat ein Paketboot _(Correo +maritimo)_ nach der Havana aus und alle zwei Monate ein anderes nach +Buenos Aires oder der Muendung des la Plata. Ich werde spaeter den Zustand +der Posten auf dem neuen Continent genau beschreiben; hier nur so viel, +dass seit dem Ministerium des Grafen Florida Blanca der Dienst der +"Landcouriere" so gut eingerichtet ist, dass Einer in Paraquay oder in der +Provinz Jaen de Bracamoros nur durch sie ziemlich regelmaessig mit Einem in +Neumexiko oder an der Kueste von Neukalifornien correspondiren kann, also +so weit, als es von Paris nach Siam oder von Wien an das Cap der Guten +Hoffnung ist. Ebenso gelangt ein Brief, den man in einer kleinen Stadt in +Aragonien zur Post gibt, nach Chili oder in die Missionen am Orinoko, wenn +nur der Name des Coregimiento oder Bezirks, in dem das betreffende +indianische Dorf liegt, genau angegeben ist. Mit Vergnuegen verweilt der +Gedanke bei Einrichtungen, die fuer eine der groessten Wohlthaten der Cultur +der neueren Zeit gelten koennen. Die Einrichtung der Curiere zur See und im +inneren Lande hat das Band zwischen den Kolonien unter sich und mit dem +Mutterlande enger geknuepft. Der Gedankenaustausch wurde dadurch +beschleunigt, die Beschwerden der Colonisten drangen leichter nach Europa +und die Staatsgewelt konnte hin und wieder Bedrueckungen ein Ende machen, +die sonst aus so weiter Ferne nie zu ihrer Kenntniss gelangt waeren. + +Der Minister hatte uns ganz besonders dem Brigadier Don Rafael Clavijo +empfohlen, der seit kurzem die Oberaufsicht ueber den Seeposten hatte. +Dieser Officier, bekannt als ausgezeichneter Schiffsbauer, war in Corunna +mit der Einrichtung neuer Werfte beschaeftigt. Er bot Allem auf, um uns den +Aufenthalt im Hafen angenehm zu machen, und gab uns den Rat, uns auf der +Corvette *Pizarro* [Nach dem spanischen Sprachgebrauch war der Pizarro +eine leichte Fregatte _(Fregata lijera)_.] einzuschiffen, die nach der +Havana und Mexico ging. Dieses Fahrzeug, das die Post fuer Juni an Bord +hatte, sollte mit der Alcudia segeln, dem Paketboot fuer den Mai, das wegen +der Blokade seit drei Wochen nicht hatte auslaufen koennen. Der Pizarro +galt fuer keinen guten Segler, aber durch einen gluecklichen Zufall war er +vor kurzem auf seiner langen Fahrt von Rio de la Plata nach Corunna den +kreuzenden englischen Fahrzeugen entgangen. Clavijo liess an Bord der +Korvette Einrichtungen treffen, dass wir unsere Instrumente aufstellen und +waehrend der Ueberfahrt unsere chemischen Versuche ueber die atmosphaerische +Luft vornehmen konnten. Der Capitaen des Pizarro erhielt Befehl, bei +Tenerifa so lange anzulegen, dass wir den Hafen von Orotava besuchen und +den Gipfel des Pic besteigen koennten. + +Die Einschiffung verzoegerte sich nur zehn Tage, dennoch kam uns der +Aufenthalt gewaltig lang vor. Wir benutzten die Zeit, die Pflanzen +einzulegen, die wir in den schoenen, noch von keinem Naturforscher +betretenen Thaelern Galiciens gesammelt; wir untersuchten die Tange und +Weichthiere, welche die Fluth von Nordwest her in Menge an den Fuss des +steilen Felsen wirft, auf dem der Wachtturm des Herkules steht. Dieser +Thurm, auch "der eiserne Thurm" genannt, wurde im Jahre 1788 restauriert. +Er ist 92 Fuss [30 m] hoch, seine Mauern sind 4 und einen halben Fuss +[1,46 m] dick, und nach seiner Bauart ist er unzweifelhaft ein Werk der +Roemer. Eine in der Naehe der Fundamente gefundene Inschrift, von der ich +durch Herrn de Labordes Gefaelligkeit eine Abschrift besitze, besagt, der +Thurm sey von Cajus Servius Lupus, Architekten der Stadt *Aqua Flavia* +(Chaves), erbaut und dem Mars geweiht. Warum heisst der eiserne Thurm der +Herkulesthurm? Sollten ihn die Roemer auf den Truemmern eines griechischen +oder phoenicischen Bauwerkes errichtet haben? Wirklich behauptet Strabo, +Galizien, das Land der Gallaeci, sey von griechischen Colonien bevoelkert +gewesen. Nach einer Angabe des Asklepiades von Myrlaea in seiner Geographie +von Spanien haetten sich nach einer alten Sage die Gefaehrten des Herkules +in diesen Landstrichen niedergelassen. [Die Phoenicier und die Griechen +besuchten die Kuesten von Galizien _(Gallaecia)_ wegen des Handels mit +Zinn, das sie von hier wie von den Cassiteridischen Inseln bezogen.] + +Die Hoehen von Ferrol und Corunna sind an derselben Bai gelegen, so dass ein +Schiff, das bei schlimmem Wetter gegen das Land getrieben wird, je nach +der Richtung des Windes, im einen oder im anderen Hafen vor Anker gehen +kann. Ein solcher Vortheil ist unschaetzbar in Strichen, wo die See fast +bestaendig hoch geht, wie zwischen den Vorgebirgen Ortegal und Finisterre, +den Vorgebirgen Trileucum und Artabrum der algen Geographen. Ein enger, +von steilen Granitfelsen gebildeter Canal fuehrt in das weite Becken von +Ferrol. In ganz Europa findet sich kein zweiter Ankerplatz, der so +merkwuerdig weit ins Land hineinschnitte. Dieser enge, geschlaengelte Pass, +durch den die Schiffe in den Hafen gelangen, sieht aus, als waere er durch +eine Fluth oder durch wiederholte Stoesse heftiger Erdbeben eingerissen. In +der Neuen Welt, an der Kueste von Neuandalusien, hat die _Laguna des +Opisco_, der "Bischofsee", genau dieselbe Gestalt wie der Hafen von +Ferrol. Die auffallendsten geologischen Erscheinungen wiederholen sich auf +den Festlaendern an weit entlegenen Punkten, und der Forscher, der +Gelegenheit gehabt, verschiedene Welttheile zu sehen, erstaunt ueber die +durchgehende Gleichfoermigkeit im Ausschnitt der Kuesten, im krummen Zug der +Thaeler, im Anblick der Berge und ihrer Gruppirung. Das zufaellige +Zusammentreffen derselben Ursachen musste allerorten dieselben Wirkungen +hervorbringen, und mitten aus der Mannigfaltigkeit der Natur tritt uns in +der Anordnung der todten Stoffe, wie in der Organisation der Pflanzen und +Thiere, eine gewisse Uebereinstimmung in Bau und Gestaltung eingegen. + +Auf der Ueberfahrt von Corunna nach Ferrol machten wir ueber einer Untiefe +beim "weissen Signal," in der Bai, die nach d'Anville der _portus magnus_ +der Alten war, mittels einer Thermometersonde mit Ventilen einige +Beobachtungen ueber die Temperatur der See und ueber die Abnahme der Waerme +in den ueber einander gelagerten Wasserschichten. Ueber der Bank zeigte das +Instrument an der Meeresflaeche 12 deg.5 bis 13 deg.3 Grad der hunderttheiligen +Scale, waehrend ringsumher, wo das Meer sehr tief war, der Thermometer bei +12 deg.8 Lufttemperatur auf 15 deg. - 15 deg.3 stand. Der beruehmte Franklin und +Jonathan Williams, der Verfasser des zu Philadelphia erschienenen Werkes +"_thermometric Navigation,_" haben zuerst die Physiker darauf aufmerksam +gemacht, wie abweichend sich die Temperaturverhaeltnisse der See ueber +Untiefen gestalten, sowie in der Zone warmer Wasserstroeme, die aus dem +Meerbusen von Mexico zur Bank von Neufoundland und hinueber an die +Nordkuesten von Europa sich erstreckt. Die Beobachtung, dass sich die Naehe +einer Sandbank durch ein rasches Sinken der Temperatur an der Meeresflueche +verkuendet, ist nicht nur fuer die Physik von Wichtigkeit, sie kann auch fuer +Sicherheit der Schiffahrt von grosser Bedeutung werden. Allerdings wird man +ueber dem Thermometer das Senkblei nicht aus der Hand legen; aber +Beobachtungen, wie ich sie im Verlauf dieser Reisebeschreibung anfuehren +werde, thun zur Genuege dar, dass ein Temperaturwechsel, den die +unvollkommensten Instrumente anzeigen, die Gefahr verkuendet, lange bevor +das Schiff ueber der Untiefe anlangt. In solchen Faellen mag die Abnahme der +Meerestemperatur den Schiffer veranlassen, zum Senkblei zu greifen in +Strichen, wo er sich vollkommen sicher duenkte. Auf die physischen Ursachen +dieser verwickelten Erscheinungen kommen wir anderswo zurueck. Hier sey nur +erwaehnt, dass die niedrigere Temperatur des Wassers ueber den Untiefen +grossentheils daher ruehrt, dass es sich mit tieferen Wasserschichten mischt, +welche laengs der Abhaenge der Bank zur Meeresoberflaeche aufsteigen. + +Eine Aufregung des Meeres von Nordwest her unterbrach unsere Versuche ueber +die Meerestemperatur in der Bai von Ferrol. Die Wellen gingen so hoch, +weil auf offener See ein heftiger Wind geweht hatte, in dessen Folge die +englischen Schiffe sich hatten von der Kueste entfernen muessen. Man wollte +die Gelegenheit zum Auslaufen benutzen; man schiffte alsbald unsere +Instrumente, unsere Buecher, unser ganzes Gepaecke ein; aber der Westwind +wurde immer staerker und man konnte die Anker nicht lichten. Wir benutzten +den Aufschub, um an unsere Freunde in Deutschland und Frankreich zu +schreiben. Der Augenblick, wo man zum erstenmal von Europa scheidet, hat +etwas Ergreifendes. Wenn man sich noch so bestimmt vergegenwaertigt, wie +stark der Verkehr zwischen den beiden Welten ist, wie leicht man bei den +grossen Fortschritten der Schifffahrt ueber den atlantischen Ocean gelangt, +der, der Suedsee gegenueber, ein nicht sehr breiter Meeresarm ist, das +Gefuehl, mit dem man zum erstenmal eine weite Seereise antritt, hat immer +etwas tief Aufregendes. Es gleicht keiner der Empfindungen, die uns von +frueher Jugend auf bewegt haben. Getrennt von den Wesen, an denen unser +Herz haengt, im Begriff, gleichsam den Schritt in ein neues Leben zu thun, +ziehen wir uns unwillkuehrlich in uns selbst zusammen und ueber uns kommt +ein Gefuehl des Alleinseyns, wie wir es nie empfunden. + +Unter den Briefen, die ich kurz vor unserer Einschiffung schrieb, befand +sich einer, der fuer die Richtung unserer Reise und den Verlauf unserer +spaeteren Forschungen sehr folgereich wurde. Als ich Paris verliess, um die +Kueste von Afrika zu besuchen, schien die Entdeckungsreise in die Suedsee +auf mehrere Jahre verschoben. Ich hatte mit Kapitaen Baudin die Verabredung +getroffen, dass ich, wenn er wider Vermuthen die Reise frueher antreten +koennte und ich davon Kenntniss bekaeme, von Algier aus in einen +franzoesischen oder spanischen Hafen eilen wolle, um die Expedition +mitzumachen. Im Begriff, in die Neue Welt abzugehen, wiederholte ich jetzt +dieses Versprechen. Ich schrieb Kapitaen Baudin, wenn die Regierung in auch +jetzt noch den Weg um Cap Horn nehmen lassen wolle, so werde ich mich +bemuehen, mit ihm zusammenzutreffen, in Montevideo, in Chili, in Lima, wo +immer er in den spanischen Kolonien anlegen moechte. Treu dieser Zusage, +aenderte ich meinen Reiseplan, sobald die amerikanischen Blaetter im Jahre +1801 die Nachricht brachten, die franzoesische Expedition sey von Havre +abgegangen, um von Ost nach West die Welt zu umsegeln. Ich miethete ein +kleines Fahrzeug und ging von Batabano auf der Insel Cuba nach Portobelo +und von da ueber die Landenge an die Kueste der Suedsee. In Folge einer +falschen Zeitungsnachricht haben Bonpland und ich ueber 800 Meilen [Unter +Meilen ohne Beisatz sind immer franzoesische Lieues zu verstehen.] [3600 +km] in einem Lande gemacht, das wir gar nicht hatten bereisen wollen. Erst +in Quito erfuhren wir durch einen Brief Delambres, des bestaendigen +Secretaers der ersten Classe des Institutes, dass Kapitaen Baudin um das Kap +der Guten Hoffnung gegangen und die West- und Ostkueste Amerikas gar nicht +beruehrt habe. Nicht ohne ein Gefuehl von Wehmut gedenke ich einer +Expedition, die mehrfach in mein Leben eingreift, und die kuerzlich von +einem Gelehrten [Peron, der nach langen schmerzlichen Leiden im 35. Jahre +der Wissenschaft entrissen wurde.] beschrieben worden ist, den die Menge +der Entdeckungen, welche die Wissenschaft ihm dankt, und der aufopfernde +Muth, den er auf seiner Laufbahn unter den haertesten Entbehrungen und +Leiden bewiesen, gleich hoch stellen. + +Ich hatte auf die Reise nach Spanien nicht meine ganze Sammlung +physikalischer, geodaetischer und astronomischer Werzeuge mitnehmen koennen; +ich hatte die Doubletten in Marselle in Verwahrung gegeben und wollte sie, +sobald ich Gelegenheit gefunden haette, an die Kueste der Berberei zu +gelangen, nach Algier oder Tunis nachkommen lassen. In ruhigen Zeiten ist +Reisenden sehr zu rathen, dass sie sich nicht mit allen ihren Instrumenten +beladen; man laesst sie besser nachkommen, um nach einigen Jahren +diejenigen, zu ersetzen, die durch den Gebrauch oder auf dem Transport +gelitten haben. Diese Vorsicht erscheint besonders dann geboten, wenn man +zahlreiche Punkte durch rein chronometrische Mittel zu bestimmen hat. Aber +waehrend eines Seekriegs thut man klug, seine Instrumente, Handschriften +und Sammlungen fortwaehrend bei sich zu haben. Wie wichtig dies ist, haben +traurige Erfahrungen mir bewiesen. Unser Aufenthalt zu Madrid und Corunna +war zu kurz, als dass ich den meteorologischen Apparat, den ich in +Marseille gelassen, haette von dort kommen lassen koennen. Nach unserer +Rueckkehr vom Orinoko gab ich Auftrag, mir denselben nach der Havana zu +schicken, aber ohne Erfolg; weder diese Apparat, noch die achromatischen +Fernroehren und der Thermometer von Arnold, die ich in London bestellt, +sind mir in Amerika zugekommen. + +Getrennt von unseren Instrumenten, die sich an Bord der Corvette befanden, +brachten wir noch zwei Tage in Corunna zu. Ein dichter Nebel, der den +Horizont bedeckte verkuendete endlich die sehnlich erwartete Aenderung des +Wetters. Am 4. Juni abends drehte sich der Wind nach Nordost, welche +Windrichtung an der Kueste von Galizien in der schoenen Jahreszeit fuer sehr +bestaendig gilt. Am fuenften ging der Pizarro wirklich unter Segel, obgleich +wenige Stunden zuvor die Nachricht angelangt war, eine englische Escadre +sey vom Wachtposten Sisarga signalisirt worden und scheine nach der +Muendung des Tajo zu segeln. Die Leute, welche unsere Corvette die Anker +lichten sahen, aeusserten laut, ehe drei Tage vergehen, seyen wir +aufgebracht und mit dem Schiffe, dessen Los wir teilen muessten, auf dem +Wege nach Lissabon. Diese Prophezeiung beunruhigte uns um so mehr, als wir +in Madrid Mexicaner kennengelernt hatten, die sich dreimal in Cadiz nach +Veracruz eingeschifft hatten, jedesmal aber fast unmittelbar vor dem Hafen +aufgebracht worden und ueber Portugal nach Spanien zurueckgekehrt waren. + +Um zwei Uhr nachmittags war der Pizarro unter Segel. Der Canal, durch den +man aus dem Hafen von Corunna faehrt, ist lang und schmal; da er sich gegen +Nord oeffnet und der Wind uns entgegen war, mussten wir acht kleine Schlaege +machen, von denen drei so gut wie verloren waren. Gewendet wurde immer +aeusserst langsam, und einmal, unter dem Fort St. Amarro, schwebten wir in +Gefahr, da uns die Stroemung sehr nahe an die Klippen trieb, an denen sich +das Meer mit Ungestuem bricht. Unsere Blicke hingen am Schloss St. Antonio, +wo damals der unglueckliche Malaspina als Staatsgefangener sass. Im +Augenblick, da wir Europa verliessen, um Laender zu besuchen, welche dieser +bedeutende Forscher mit so vielem Erfolg bereist hat, haette ich mit meinen +Gefaehrten gern bei einem minder traurigen Gegenstande verweilt. + +Um sechs ein halb Uhr kamen wir am Thurm des Herkules vorueber, von dem +oben die Rege war, der Corunna als Leuchtthurm dient, und auf dem man seit +aeltesten Zeiten ein Steinkohlenfeuer unterhaelt. Der Schein dieses Feuers +steht in schlechtem Verhaeltnis mit dem schoenen stattlichen Bauwerk; es ist +so schwach, dass die Schiffe es erst gewahr werden, wenn sie bereits Gefahr +laufen zu stranden. Bei Einbruch der Nacht wurde die See sehr unruhig und +der Wind bedeutend frischer. Wir steuerten gegen Nordwest, um nicht den +englischen Fregatten zu begegnen, die, wie man glaubte, in diesen Strichen +kreuzten. Gegen neun Uhr sahen wir das Licht in einer Fischerhuette von +Sisarga, das letzte, was uns von der Kueste von Europa zu Gesicht kam. Mit +der zunehmenden Entfernung verschmolz der schwache Schimmer mit dem Licht +der Sterne, die am Horizont aufgingen, und unwillkuerlich blieben unsere +Blicke daran haengen. Dergleichen Eindruecke vergisst einer nie, der in einem +Alter, wo die Empfindung noch ihre volle Tiefe und Kraft besitzt, eine +weite Seereise angetreten hat. Welche Erinnerungen werden in der +Einbildungskraft wach, wenn so ein leuchtender Punkt in finsterer Nacht, +der von Zeit zu Zeit aus den bewegten Wellen aufblitzt, die Kueste des +Heimatlandes bezeichnet! + +Wir mussten die Segel einziehen. Wir segelten zehn Knoten in der Stunde, +obgleich die Corvette nicht zum Schnellsegeln gebaut war. Um sechs Uhr +morgens wurde das Schlingern so heftig, dass die kleine Bramstange brach. +Der Unfall hatte indessen keine schlimmen Folgen. Wir brauchten zu +Ueberfahrt von Corunna nach den Canarien dreizehn Tage, und dies war lang +genug, um uns in so stark befahrenen Strichen wie die Kuesten von Portugal +der Gefahr auszusetzen, auf englische Schiffe zu stossen. Die ersten drei +Tage zeigte sich kein Segel am Horizont, und dies beruhigte nachgerade +unsere Mannschaft, die sich auf kein Gefecht einlassen konnte. + +Am 7. liefen wir ueber den Parallelkreis von Cap Finisterre. Die Gruppe von +Granitfelsen, die dieses Vorgebirge, wie das Vorgebirge Torianes und den +Berg Corcubion bilden, heisst Sierra de Torinona. Das Cap Finisterre ist +niedriger als das Land umher, aber die Torinona ist auf hoher See 76,5 km +weit sichtbar, woraus folgt, dass die hoechsten Gipfel derselben nicht unter +582 m hoch seyn koennen. + +Am 8. bei Sonnenuntergang wurde von den Masten ein englisches Convoi +signalisiert, das gegen Suedost an der Kueste hinsteuerte. Ihm zu entgehen, +wichen wir die Nacht hindurch aus unserem Curs. Damit durften wir in der +grossen Cajuete kein Licht mehr haben, um nicht von weitem bemerkt zu +werden. Diese Vorsicht, die an Bord aller Kauffahrer beobachtet wird und +in dem Reglement fuer die Paketboote der koeniglichen Marine vorgeschrieben +ist, brachte uns toedtliche Langeweile auf den vielen Ueberfahrten, die wir +in fuenf Jahren gemacht hatten. Wir mussten uns fortwaehrend der +Blendlaternen bedienen, um die Temperatur des Meerwassers zu beobachten +oder an der Theilung der astronomischen Instrumente die Zahlen abzulesen. +In der heissen Zone, wo die Daemmerung nur einige Minuten dauert, ist man +unter diesen Umstaenden schon um sechs Uhr abends ausser Thaetigkeit gesetzt. +Dies war fuer mich um so verdriesslicher, als ich vermoege meiner +Constitution nie seekrank wurde, und so oft ich an Bord eines Schiffes +war, immer grossen Trieb zur Arbeit fuehlte. + +Eine Fahrt von der spanischen Kueste nach den Canarien und von da nach +Suedamerika bietet wenig Bemerkenswerthes, zumal in der guten Jahreszeit. +Es ist weniger Gefahr dabei, als oft bei der Ueberfahrt ueber die grossen +Schweizer Seen. Ich theile daher hier nur die allgemeinen Ergebnisse +meiner magnetischen und meteorologischen Versuche in diesem Meeresstriche +mit. + +Am 9. Juni, unter 39 deg. 50' der Breite und 16 deg. 10' westlicher Laenge vom +Meridian der Pariser Sternwarte, fingen wir an die Wirkung der grossen +Stroemung zu spueren, welche von den azorischen Inseln nach der Meerenge von +Gibraltar und nach den canarischen Inseln geht. Indem ich den Punkt, den +mir der Gang der Berthoud´schen Seeuhr angab, mit des Steuermanns +Schaetzung verglich, konnte ich die kleinsten Aenderungen in der Richtung +und Geschwindigkeit der Stroemungen bemerken. Zwischen dem 37. und +30. Breitengrade wurde das Schiff in vierundzwanzig Stunden zuweilen +18 bis 26 Meilen nach Ost getrieben. Anfaenglich war die Richtung des +Stromes Ost 1/4 Suedost, aber in der Naehe der Meerenge wurde sie genau Ost. +Capitan Macintosh und einer der gebildetsten Seefahrer unserer Zeit, Sir +Erasmus Gower, haben die Veraenderungen beobachtet, welche in diese +Bewegung des Wassers zu verschiedenen Zeiten des Jahres eintreten. Es +kommt nicht selten vor, dass Schiffer, welche die canarischen Inseln +besuchen, sich an der Kueste von Lancerota befinden, waehrend sie meinten an +Teneriffa landen zu koennen. Baugainville befand sich auf seiner Ueberfahrt +vom Cap Finisterre nach den Canarien im Angesicht der Insel Ferro um +4 Grade weiter nach Ost, als seine Rechnung ihm ergab. + +Gemeinhin erklaert man die Stroemung, die sich zwischen den azorischen +Inseln, der Suedkueste von Portugal und den Canarien merkbar macht, daraus, +dass das Wasser des atlantischen Oceans durch die Meerenge von Gibraltar +einen Zug nach Osten erhalte. De Fleurieu behauptet sogar in den +Anmerkungen zur Reise des Capitaen Marchand, der Umstand, dass das +Mittelmeer durch die Verdunstung mehr Wasser verliere, als die Fluesse +einwerfen, bringe im benachbarten Weltmeer eine Bewegung hervor, und der +Einfluss der Meerenge sey sechshundert Meilen [2700 km] weit auf offener +See zu spueren. Bei aller Hochachtung, die ich einem Seefahrer schuldig +bin, dessen mit Recht sehr geschaetzten Werken ich viel zu danken habe, muss +es mir gestattet seyn, diesen wichtigen Gegenstand aus einem weit +allgemeineren Gesichtspunkte zu betrachten. + +Wirft man einen Blick auf das atlantische Meer oder das tiefe Thal, das +die Westkuesten von Europa und Afrika von den Ostkuesten des neuen Continent +trennt, so bemerkt man in der Bewegung der Wasser entgegengesetzte +Richtungen. Zwischen den Wendekreisen, namentlich zwischen der +afrikanischen Kueste am Senegal und dem Meere der Antillen, geht die +allgemeine, den Seefahrern am laengsten bekannte Stroemung fortwaehrend von +Morgen nach Abend. Dieselbe wird mit dem Namen *Aequinoctialstrom* +bezeichnet. Die mittlere Geschwindigkeit derselben unter verschiedenen +Breiten ist sich im Atlantischen Ozean und in der Suedsee ungefaehr gleich. +Man kann sie auf 9 bis 10 Meilen [40 bis 45 km] in 24 Stunden, somit auf +0,59 bis 0,65 Fuss [0,18 bis 0,21 m] in der Secunde schaetzen(2). Die +Geschwindigkeit, mit der die Wasser in diesen Strichen nach Westen +stroemen, ist etwa ein Viertheil von der der meisten grossen europaeischen +Fluesse. Diese der Umdrehung des Erdballes entgegengesetzte Bewegung des +Oceans haengt mit jenem Phaenomen wahrscheinlich nur insofern zusammen, als +durch die Umdrehung der Erde die Polarwinde, welche in den unteren +Luftschichten die kalte Luft aus den hohen Breiten dem Aequator zufuehren, +in Passatwinde umgewandelt werden. Der Aequinoctialstrom ist die Folge der +allgemeinen Bewegung, in welche die Meeresflaeche durch die Passatwinde +versetzt wird, und lokale Schwankungen im Zustande der Luft bleiben ohne +merkbaren Einfluss auf die Staerke und die Geschwindigkeit der Stroemung. + +Im Canal, den der atlantische Ocean zwischen Guyana und Guinea auf 20 bis +23 Laengengrade, vom 8. oder 9. bis zum 2. oder 3. Grad noerdlicher Breite +gegraben hat, wo die Passatwinde haeufig durch Winde aus Sued ode +Sued-Sued-West unterbrochen werden, ist die Richtung des Aequinoctialstroms +weniger constant. Der afrikanischen Kueste zu werden die Schiffe nach +Suedost fortgetrieben, waehrend der Allerheiligenbai und dem Vorgebirge +St. Augustin zu, denen die Schiffe, die nach der Muendung des La Plata +steuern, nicht gerne nahe kommen, der allgemeine Zug der Wasser durch eine +besondere Stroemung maskirt ist. Letztere Stroemung ist vom Cap St. Roch bis +zur Insel Trinidad fuehlbar, sie ist gegen Nordwest gerichtet mit einer +Geschwindigkeit von einem bis anderthalb Fuss in der Secunde. + +Der Aequinoctialstrom ist, wenn auch schwach, sogar jenseits des +Wendekreises des Krebses unter 26 und 28 Grad der Breite fuehlbar. Im +weiten Becken des atlantischen Oceans, sieben- bis achthundert Meilen von +der afrikanischen Kueste, beschleunigt sich der Lauf der europaeischen +Schiffe, welche nach den Antillen gehen, ehe sie in die heisse Zone +gelangen. Weiter gegen Nord, unter dem 28. bis 35. Grad, zwischen den +Parallelkreisen von Teneriffe und Ceuta, unter 46 bis 48 Grad der Laenge, +bemerkt man keine constante Bewegung; denn eine 140 Meilen breite Zone +trennt den Aequinoktialstrom, der nach West geht, von der grossen +Wassermasse, die nach Ost stroemt und sich durch auffallend hohe Temperatur +auszeichnet. Auf diese Wassermasse, bekannt unter dem Namen *Golfstrom* +(_Golfstream_), sind die Physiker seit 1776 durch Franklins und Sir +Charles Blagdens schoene Beobachtungen aufmerksam geworden. Da in neuerer +Zeit amerikanische und englsiche Seefahrer eifrig bemueht sind, die +Richtung desselben zu ermitteln, so muessen wir weiter ausholen, um ienen +allgemeinen Gesichtspunkt fuer das Phaenomen zugewinnen. + +Der Aequinoctialstrom treibt die Wasser des atlantischen Oceans an die +Kuesten der Moskito-Indianer und von Honduras. Der von Sued nach Nord +gestreckte neue Continent haelt diese Stroemung auf wie ein Damm. Die +Gewaesser erhalten zuerst die Richtung nach Nordwest, gelangen durch die +Meerenge zwischen Cap Catoche und Cap. St. Antonio in den Meerbusen von +Mexico, und folgen den Kruemmungen der mexicanischen Kueste von Vera-Cruz +zur Muendung des Rio del Norte, und von da zur Muendung des Mississippi und +denUntiefen westwaerts von der Ostspitze von Florida. Nach dieser grossen +Drehung nach West, Nord, Ost und Sued nimmt die Stroemung wieder die +Richtung nach Nord und draengt sich mit Ungestuem in den Canal von Bahama. +Dort habe ich im Mai 1804, unter 26 und 27 Grad der Breite, eine +Geschwindigkeit von 80 Meilen in 24 Stunden, also von 5 Fuss in der Secunde +beobachtet, obgleich gerade ein sehr starker Nordwind wehte. Beim Ausgang +des Canals von Bahama, unter dem Parallel von Cap Canaveral, kehr sich der +Golfstrom oder Strom von Florida nach Nordost. Er gleicht hier einem +reissenden Strome und erreicht zuweilen die Geschwindigkeit von fuenf Meilen +in der Stunde. Der Steuermann kann, sobald er den Rand der Stroemung +erreicht, mit ziemlicher Sicherheit annehmen, um was er sich in seiner +Schaetzung geirrt, und wie weit er noch nach New-York, Philadelphia oder +Charlestown hat; die hohe Temperatur des Wassers, sein starker Salzgehalt, +die indigoblaue Farbe und die schwimmenden Massen Tang, endlich die im +Winter sehr merkbare Erhoehung der Lufttemperatur geben den Golfstrom zu +erkennen. Gegen Norden nimmt seine Geschwindigkeit ab, waehrend seine +Breite zunimmt und die Gewaesser sich abkuehlen. Zwischen Cayo Biscaino und +der Bank von Bahama ist er nur 15 Meilen, unter 281/2 Grad Breite schon 17, +und unter dem Parallel von Charlestown, Cap Henlopen gegenueber, 40 bis +50 Meilen breit. Wo die Stroemung am schmalsten ist, erreicht sie eine +Geschwindigkeit von 3 bis 4 Meilen in der Stunde, weiter nach Norden zu +betraegt dieselbe nur noch eine Meile. Die Gewaesser des mexicanischen +Meerbusens behalten auf ihrem gewaltigen Zuge nach Nordost ihre hohe +Temperatur dermassen, dass ich unter 40 und 41 Grad der Breite noch 22 deg. 5 +(18 deg. Reaumur) beobachtete, waehrend ausserhalb des Stroms das Wasser an der +Oberflaeche kaum 17 deg. 5 (14 deg. R.) warm war. Unter der Breite von New-York und +Oporto zeigt somit der Golfstrom dieselbe Temperatur wie die tropischen +Meere unter 18 Grad Breite, also unter der Breite von Portorico und der +Inseln des gruenen Vorgebirgs. + +Vom Hafen von Boston an und unter dem Meridian von Halifax, unter +14 deg. 25' der Breite und 67 deg. der Laenge, erreicht der Strom gegen +80 Seemeilen Breite. Hier kehrt er sich auf einmal nach Ost, so dass sein +westlicher Rand bei der Umbiegung zur noerdlichen Grenze der bewegten +Wasser wird und er an der Spitze der grossen Bank von Neufoundland +wegstreicht, die Bolney sinnreich die Barre an der Muendung dieses +ungeheurn Meerstroms nennt. Hoechst auffallend ist der Abstand zwischen der +Temperatur des kalten Wassers ueber dieser Bank und der Waerme der Gewaesser +der heissen Zone, die durch den Golfstrom nach Norden getrieben werden; +jene betrug nach meinen Beobachtungen 8 deg.7 - 10 (7 - 8 deg. R.), diese +21 - 22 deg.5 (17 - 18 deg. R.). In diesen Strichen ist die Waerme im Meere hoechst +sonderbar vertheilt: die Gewaesser der Bank sind um 9 deg.4 kaelter als das +benachbarte Meer, und dieses ist um 3 deg. kaelter als der Strom. Diese Zonen +koennen ihre Temperaturen nicht ausgleichen, weil jede ihre eigene +Waermequelle oder einen Grund der Waermeerniedrigung hat, und beide Momente +bestaendig fortwirken.(3) + +Von der Bank von Neufoundland, oder vom 52. Grad der Breite bis zu den +Azoren bleibt der Golfstrom nach Ost oder Ost-Sued-Ost gerichtet. Noch +immer wirkt hier in den Gewaessern der Stoss nach, den sie tausend Meilen +von da in der Meerende von Florida, zwischen der Insel Cuba und den +Untiefen der Schildkroeteninseln, erhalten haben. Diese Entfernung ist das +Doppelte von der Laenge des Laufs des Amazonenstromes von Jaen oder dem Pass +von Manseriche zum Gran-Para. Im Meridian der Inseln Corvo und Flores, der +westlichsten der Gruppe der Azoren, nimmt die Stroemung eine Meeresstrecke +von 160 Meilen in der Breite ein. Wenn die Schiffe auf der Rueckreise aus +Suedamerika nach Europa diese beiden Inseln aufsuchen, um ihre Laenge zu +berichtigen, so gewahren sie immer deutlich den Zug des Wassers nach +Suedost. Umter 33 Grad der Breite rueckt der tropische Aequinoctialstrom dem +Golfstrom sehr nahe. In diesem Striche des Weltmeeres kann man an Einem +Tage aus den Gewaessern, die nach West laufen, in diejenigen gelangen, die +nach Suedost oder Ost-Sued-Ost stroemen. + +Von den Azoren an nimmt der Strom von Florida seine Richtung gegen die +Meerenge von Gibraltar, die Insel Madera und die Gruppe der Canarien. Die +Pforte bei den Saeulen des Herkules beschleunigt ohne Zweifel den Zug des +Wassers gegen Ost. Und in diesem Sinne mag man mit Recht behaupten, die +Meerenge, durch welche Mittelmeer und Atlantischer Ozean zusammenhaengen, +aeussere ihren Einfluss auf sehr weite Ferne; sehr wahrscheinlich wuerden +aber, auch wenn die Meerenge nicht bestaende, Fahrzeuge, die nach Teneriffa +segeln, dennoch nach Suedost getrieben, und zwar infolge eines Anstosses, +dessen Ursprung man an den Kuesten der neuen Welt zu suchen hat. Im weiten +Meeresbecken pflanzen sich alle Bewegungen fort, gerade wie im Luftmeer. +Verfolgt man die Stroemungen rueckwaerts zu ihren fernen Quellen, gibt man +sich Rechenschaft von dem Wechsel in ihrer Geschwindigkeit, warum sie bald +abnimmt, wie zwischen dem Canal von Bahama und der Bank von Neufoundland, +bald wieder waechst, wie in der Naehe der Meerenge von Gibraltar und bei den +canarischen Inseln, so kann man nicht darueber im Zweifel seyn, dass +dieselbe Ursache, welche die Gewaesser im Meerbusen von Mexiko herumdreht, +sie auch bei der Insel Madera in Bewegung setzt. + +Suedlich von letztgenannter Insel laesst sich die Stroemung in ihrer Richtung +nach Suedost und Sued-Sued-Ost gegen die Kueste von Afrika zwischen Cap Cantin +und Cap Bojador verfolgen. In diesen Strichen sieht sich ein Schiff bei +stillem Wetter nahe an der Kueste, wenn es sich nach der nicht berichtigten +Schaetzung noch weit davon entfernt glaubt. Ist die Oeffnung bei Gibraltar +die Ursache der Bewegung des Wassers, warum hat dann die Stroemung suedlich +von der Meerenge nicht die entgegengesetzte Richtung? Im Gegentheil aber +geht sie unter dem 25. und 26. Grad der Breite erst grade nach Sued und +dann nach Suedwest. Cap Blanc, nach Cap Verd das am weitesten sich +hinausstreckende Vorgebirge, scheint Einfluss auf diese Richtung zu aeussern, +und unter der Breite desselben mischen sich die Wasser, deren Bewegung wir +von der Kueste von Honduras bis zur afrikanischen verfolgt haben, mit dem +grossen tropischen Strom, um den Lauf von Morgen nach Abend von neuem zu +beginnen. Wir haben oben bemerkt, dass mehrere hundert Kilometer westwaerts +von den Canarien der eigenthuemliche Zug der Aequinoktialgewaesser schon in +der gemaessigten Zone, von 28. und 29. Breitengrad an, bemerklich wird; aber +im Meridian der Insel Ferro kommen sie Schiffe suedwaerts bis zum Wendekreis +des Krebses, ehe sie sich nach Schaetzung ostwaerts von ihrer wahren Laenge +befinden. + +Wie nun aber die noerdliche Grenze des tropischen Stroms und der +Passatwinde nach den Jahreszeiten sich verschiebt, so zeigt sich auch der +Golfstrom nach Stellung und Richtung veraenderlich. Diese Schwankungen sind +besonders auffallend vom 28. Breitegrad bis zur grossen Band von +Neufoundland, ebenso zwischen dem 48. Grad westlicher Laenge von Paris und +dem Meridian der Azoren. Die wechselnden Winde in der gemaessigten Zone und +das Schmelzen des Eises am Nordpol von wo in den Monaten Juli und August +eine bedeutende Masse suessen Wassers nach Sueden abfliesst, erscheinen als +die vornehmsten Ursachen, aus welchen sich in diesen hohen Breiten Staerke +und Richtung des Golfstoms veraendern. + +Wir haben gesehen, dass zwischen dem 11. und 43. Grad der Breite die +Gewaesser des atlantischen Oceans mittelst Stroemungen fortwaehrend im Kreise +umhergefuehrt werden. Angenommen, ein Wassertheilchen gelange zu derselben +Stelle zurueck, von der es ausgegangen, so laesst sich, nach dem, was wir bis +jetzt von der Geschwindigkeit der Stroemungen wissen, berechnen, dass es zu +seinem 3800 Meilen langen Umlauf zwei Jahre und zehn Monate brauchte. Ein +Fahrzeug, bei dem man von der Wirkung des Windes absaehe, gelangte in +dreizehn Monaten von den canarischen Inseln an die Kueste von Caracas. Es +brauchte zehn Monate, um im Meerbusen von Mexico herum zu kommen und um zu +den Untiefen der Schildkroeteninseln gegenueber vom Hafen von Havana zu +gelangen, aber nur vierzig bis fuenfzig Tage vom Eingang der Meerenge von +Florida bis Neufoundland. Die Geschwindigkeit der ruecklaeufigen Stroemung +von jener Bank bis an die Kueste von Afrika ist schwer zu schaetzen; nimmt +man sie im Mittel auf 7 oder 8 Meilen in vierundzwanzig Stunden an, so +ergeben sich fuer diese letzte Strecke zehn bis elf Monate. Solches sind +die Wirkungen des langsamen, aber regelmaessigen Zuges, der die Gewaesser des +Oceans herumfuehrt. Das Wasser des Amazonenstroms braucht von Tomependa bis +zum Gran-Para etwa fuenfundvierzig Tage. + +Kurz vor meiner Ankunft auf Teneriffa hatte das Meer auf der Rhede von +Santa Cruz einen Stamm der _Cedrela odorata_, noch mit der Rinde, +ausgeworfen. Dieser amerikanischen Baum waechst nur unter den Tropen oder +in den zunaechst angrenzenden Laendern. Er war ohne Zweifel an der Kueste von +Terra Firma oder Honduras abgerissen worden. Die Beschaffenheit des Holzes +und der Flechten auf der Rinde zeigte augenscheinlich, dass der Stamm nicht +etwa von einem der unterseeischen Waelder herruehrte, welche durch alte +Erdumwaelzungen in die Floetzgebilde noerdlicher Laender eingebettet worden +sind. Waere der Cedrelastamm, statt bei Teneriffa ans Land geworfen zu +werden, weiter nach Sueden gelangt, so waere er wahrscheinlich rings um den +ganzen atlantischen Ocean gefuehrt worden und mittels des allgemeinen +tropischen Stroms wieder in sein Heimathland gelangt. Diese Vermuthung +wird durch einen aelteren Fall unterstuetzt, dessen Abbe Viera in seiner +allgemeinen Geschichte der Canarien erwaehnt. Im Jahre 1770 wurde ein mit +Getreide beladenes Fahrzeug, das von der Insel Lancerota nach Santa Cruz +auf Teneriffa gehen sollte, auf die hohe See getrieben, als sich niemand +von der Mannschaft an Bord befand. Der Zug der Gewaesser von Morgen nach +Abend fuehrte es nach Amerika, wo es an der Kueste von Guyana bei Caracas +strandete. + +Zu einer Zeit, wo die Schifffahrtskunst noch wenig entwickelt war, bot der +Golfstrom dem Geiste eines Christoph Columbus sichere Anzeichen vom Daseyn +westwaerts gelegener Laender. Zwei Leichname, die nach ihrer Koerperlichkeit +einem unbekannten Menschenstamme angehoerten, wurden gegen Ende des +15. Jahrhunderts bei den azorischen Inseln ans Land geworfen. Ungefaehr um +dieselbe Zeit fand Columbus Schwager, Peter Borrea, Statthalter von Porto +Santo, am Strande dieser Insel maechtige Stuecke Bambusrohr, die von der +Stroemung und den Westwinden angeschwemmt worden waren. Diese Leichname und +diese Rohre machten den genuesischen Seemann aufmerksam; er errieth, dass +beide von einem gegen West gelegenen Festlande herruehren mussten. Wir +wissen jetzt, dass in der heissen Zone die Passatwinde und der tropische +Strom sich jeder Wellenbewegung in der Richtung der Umdrehung der Erde +widersetzen. Erzeugnisse der neuen Welt koennen in die alte Welt nur in +hohen Breiten und in der Richtung des Stroms von Florida gelangen. Haeufig +werden Fruechte verschiedener Baeume der Antillen an den Kuesten der Inseln +Ferro und Gomera angetrieben. Vor der Entdeckung von Amerika glaubten die +Canarier, diese Fruechte kommen von der bezauberten Insel St. Borondon, die +nach den Seemannsmaerchen und gewissen Sagen westwaerts in einem Striche des +Oceans liegen sollte, der bestaendig in Nebel gehuellt sey. + +Mit dieser Uebersicht der Stroemungen im Atlantischen Meere wollte ich +hauptsaechlich darthun, dass der Zug der Gewaesser gegen Suedost, von Kap +St. Vincent zu den canarischen Inseln, eine Wirkung der allgemeinen +Bewegung ist, in der sich die Oberflaeche des Ozeans an seinem Westende +befindet. Wir erwaehnen daher nur kurz des Arms des Golfstroms, der unter +dem 45. und 50. Grad der Breite, bei der Bank Bonnet Flamand, von Suedwest +nach Nordost gegen die Kuesten von Europa gerichtet ist. Diese Abtheilung +des Stromes wird sehr reissend, wenn der Wind lange aus West geblasen hat. +Gleich dem, der an Ferro und Gomera vorueberstreicht, wirft er alle Jahre +an die Westkuesten von Irland und Norwegen Fruechte von Baeumen, welche dem +heissen Erdstrich Amerikas eigenthuemlich sind. Am Strande der Hebriden +findet man Samen von _Mimosa scandens_, _Dolichos urens_, _Guilandina +bonduc_, und verschiedener anderer Pflanzen von Jamaika, Cuba und dem +benachbarten Festland. Die Stroemung treibt nicht selten wohl erhaltene +Faesser mit franzoesischen Wein an, von Schiffen, die im Meere der Antillen +Schiffbruch gelitten. Neben diesen Beispielen von den weiten Wanderungen +der Gewaechse stehen andere, welche die Einbildungskraft beschaeftigen. Die +Truemmer des englischen Schiffes Tilbury, das bei Jamaika verbrannt war, +wurden an der schottischen Kueste gefunden. In denselben Strichen kommen +zuweilen verschiedene Arten von Schildkroeten vor, welche das Meer der +Antillen bewohnen. Hat der Westwind lange angehalten, so entsteht in den +hohen Breiten eine Stroemung, die von den Kuesten von Groenland und Labrador +bis nordwaerts von Schottland gerade nach Ost-Sued-Ost gerichtet ist. Wie +Wallace berichtet, gelangten zweimal, in den Jahren 1682 und 1864, +amerikanische Wilde vom Stamme der Eskimos, die ein Sturm in ihren Canoes +aus Fellen auf die hohe See verschlagen, mittels der Stroemung zu den +orcadischen Inseln. Dieser letztere Fall verdient um so mehr +Aufmerksamkeit, als man daraus ersieht, wie zu einer Zeit, wo die +Schifffahrt noch in ihrer Kindheit war, die Bewegung der Gewaesser des +Oceans ein Mittel werden konnte, um die verschiedenen Menschenstaemme ueber +die Erde zu verbreiten. + +Das Wenige, was wir bis jetzt ueber die wahre Lage und die Breite des +Golfstroms, so wie ueber die Fortsetzung desselben gegen die Kuesten von +Europa und Afrika wissen, ist die Frucht der zufaelligen Beobachtung +einiger unterrichteten Maenner, welche in verschiedenen Richtungen ueber das +atlantische Meer gefahren sind. Da die Kenntiss der Stroemungen zu Abkuerzung +der Seefahrten wesentlich beitragen kann, so waere es von so grossem Belang +fuer die praktische Seemannskunst, als wissenschaftlich von Interesse, wenn +Schiffe mit vorzueglichen Chronometern im Meerbusen von Mexico und im +noerdlichen Ocean zwischen dem 30. und 54. Grad der Breite kreuzten, ganz +eigens zu dem Zweck, um zu ermitteln, in welchem Abstand sich der +Golfstrom in den verschiedenen Jahreszeiten und unter dem Einfluss der +verschiedenen Winde suedlich von der Muendung des Mississippi und ostwaerts +von den Vorgebirgen Hatteras und Codd haelt. Dieselben koennten zu +untersuchen haben, ob der grosse Strom von Florida bestaendig am oestlichen +Ende der Bank von Neufoundland hinstreicht, und unter welchem Parallel +zwischen dem 32. und 40. Grad westlicher Laenge die Gewaesser, die von Ost +nach West stroemen, denen, welche die umgekehrte Richtung haben, am +naechsten gerueckt sind. Die Loesung der letzteren Frage ist desto wichtiger, +als die meisten Fahrzeuge, welche von den Antillen oder vom Cap der guten +Hoffnung nach Europa zurueckgehen, die bezeichneten Striche befahren. Neben +der Richtung und Geschwindigkeit der Stroemungen koennte sich eine solche +Expedition mit Beobachtungen ueber die Meerestemperatur, ueber die Linien +ohne Abweichung, die Inclination der Magnetnadel und die Intensitaet der +magnetischen Kraft beschaeftigen. Beobachtungen dieser Art erhalten einen +hohen Werth, wenn der Punkt, wo sie angestellt worden, astronomisch +bestimmt ist. Auch in den von Europaeern am starksten besuchten Meeren, +weit von jeder Kueste, kann ein unterrichteten Seemann der Wissenschaft +wichtige Dienste leisten. Die Entdeckung einer unbewohnten Inselgruppe ist +von geringerem Interesse, als die Kenntniss der Gesetze, welche um eine +Menge vereinzelter Thatsachen das einigende Band schlingen. + +Denkt man den Ursachen der Stroemungen nach, so erkennt man, dass sie viel +haeufiger vorkommen muessen, als man gemeiniglich glaubt. Die Gewaesser des +Meeres koennen durch gar mancherlei in Bewegung gesetzt werden, durch einen +aeussern Anstoss, durch Verschiedenheiten in Temperatur und Salzgehalt, durch +das zeitweise, Schmelzen des Polareises, endlich durch das ungleiche Maass +der Verdunstung unter verschiedenen Breiten. Bald wirken mehrere dieser +Ursachen zum selben Effekt zusammen, bald bringen sie entgegengesetzte +Effekte hervor. Schwache, aber bestaendig in einem gnazen Erdguertel wehende +Winde, wie die Passatwinde, bedingen eine Bewegung vorwaerts, wie wir sie +selbst bei den staerksten Stuermen nicht beobachten, weil diese auf ein +kleines Gebiet beschraenkt sind. Wenn in einer grossen Wassermasse die +Wassertheilchen an der Oberflaeche specifisch verschieden schwer werden, so +bildet sich an der Flaeche ein Strom dem Punkte zu, wo das Wasser am +kaeltesten ist, oder am meisten salzsaures Natron, schwefelsauren Kalk und +schwefelsaure oder salzsaure Bittererde enthaelt. In den Meeren unter den +Wendekreisen zeigt der Thermometer in grossen Tiefen nicht mehr als +7 - 8 Grad der hunterttheiligen Scale. Diess ergibt sich aus zahlreichen +Beobachtungen des Commodore Ellis und Perons. Da in diesen Strichen die +Lufttemperatur nie unter 19 - 20 Grad sinkt, so kann das Wasser einen dem +Gefrierpunkt und dem Maximum der Dichtigkeit des Wassers so nahe gerueckten +Kaeltegrad nicht an der Oberflaeche angenommen haben. Die Existenz solcher +kalten Wasserschichten in niedern Breiten weist somit auf einen Strom hin, +der in der Tiefe von den Polen zum Aequator geht; sie weist ferner darauf +hin, dass die Salze, welche das specifische Gewicht des Wassers veraendern, +im Ocean so vertheilt sind, dass sie die von der Verschiedenheit im +Waermegrad abhaengigen Wirkungen nicht aufheben. + +Bedenkt man, dass in Folge der Umdrehung der Erde die Wassertheilchen je +nach der Breite eine verschiedene Geschwindigkeit haben, so sollte man +voraussetzen, dass jede von Sued nach Nord gehende Stroemung zugleich nach +Ost, die Gewaesser dagegen, die vom Pol zum Aequator stroemen, nach West +abgelenken muessten. Man sollte ferner glauben, dass diese Neigung den +tropischen Strom bis zu einem gewissen Grad einerseits verlangsamen, +andererseits dem Polarstrom, der sich im Juli und August, wenn das Eis +schmilzt, unter der Breite der Bank von Neufoundland und weiter nordwaerts +regelmaessig einstellt, eine andere Richtung geben muesste. Sehr alte +nautische Beobachtungen, die ich bestaetigen Gelegenheit hatte, indem ich +die vom Chronometer angegebene Laenge mit der Schaetzung des Schiffers +verglich, widersprechen diesen theoretischen Annahmen. In beiden +Hemisphaeren weichen die Polarstroeme, wenn sie merkbar sind, ein wenig nach +Ost ab; und nach unserer Ansicht ist der Grund dieser Erscheinung in der +Bestaendigkeit der in hohen Breiten herrschenden Westwinde zu suchen. +Ueberdiess bewegen sich die Wassertheilchen nicht mit derselben +Geschwindigkeit wie die Lufttheilchen, und die staerksten Meerestroemungen, +die wir kennen, legen nur 8 bis 9 Fuss in der Secunde zurueck; es ist +demnach hoechst wahrscheinlich, dass das Wasser, indem es durch verschiedene +Breiten geht, die denselben entsprechende Geschwindigkeit annimmt, und dass +die Umdrehung der Erde ohne Einfluss auf die Richtung der Stroemungen +bleibt. + +Der verschiedene Druck, dem die Meeresflaeche in Folge der wechselnden +Schwere der Luft unterliegt, erscheint als eine weitere Ursache der +Bewegung, die besonders ins Auge zu fassen ist. Es ist bekannt, dass die +Schwankungen des Barometers im Allgemeinen nicht gleichzeitig an zwei +auseinanderliegenden, im selben Niveau befindlichen Punkten eintreten. +Wenn am einen dieser Punkte der Barometer einige Linien tiefer steht als +am andern, so wird sich dort das Wasser in Folge des geringeren Luftdrucks +erheben, und diese oertliche Anschwellung wird andauern, bis durch den Wind +das Gleichgewicht der Luft wiederhergestellt ist. Nach Bauchers Ansicht +ruehren die Schwankungen im Spiegel des Genfer Sees, die sogenannten +"Seiches", eben davon her. In der heissen Zone koennen die stuendlichen +Schwankungen des Barometers kleine Schwingungen an der Meeresflaeche +hervorbringen, da der Meridian von 4 Uhr, der dem Minimum des Luftdrucks +entspricht, zwischen den Meridianen von 21 und 11 Uhr liegt, wo das +Quecksilber am hoechsten steht; aber diese Schwingungen, wenn sie ueberhaupt +merkbar sind, koennen keine Bewegung in horizontaler Richtung zur Folge +haben. + +Ueberall wo eine solche durch die Ungleichheit im specifischen Gewicht der +Wassertheile entsteht, bildet sich ein doppelter Strom, ein oberer und ein +unterer, die entgegengesetzte Richtungen haben. Daher ist in den meisten +Meerengen wie in den tropischen Meeren, welche die kalten Gewaesser der +Polarregionen aufnehmen, die ganze Wassermasse bis zu bedeutender Tiefe in +Bewegung. Wir wissen nicht, ob es sich eben so verhaelt, wenn die +Vorwaertsbewegung, die man nicht mit dem Wellenschlag verwechseln darf, +Folge eines aeussern Anstosses ist. De Fleurien fuehrt in seinem Bericht ueber +die Expedition der Isis mehrere Thatsachen an, die darauf hinweisen, dass +das Meer in der Tiefe weit weniger ruhig ist, als die Physiker gewoehnlich +annehmen. Ohne hier auf eine Untersuchung einzugehen, jmit der wir uns in +der Folge zu beschaeftigen haben werden, bemerken wir nur, dass, wenn der +aeussere Anstoss ein andauernder ist, wie bei den Passatwinden, durch die +gegenseitige Reibung der Wassertheilchen die Bewegung nothwendig von +Meeresflaeche sich auf die tieferen Wasserschichten fortpflanzen muss. Eine +solche Fortpflanzung nehmen auch die Seefahrer beim Golfstrom schon lange +an; auf die Wirkungen derselben scheint ihnen die grosse Tiefe hinzudeuten, +welche das Meer aller Orten zeigt, wo der Strom von Florida durchgeht, +sogar mitten in den Sandbaenken an den Nordkuesten der Vereinigten Staaten. +Dieser ungeheure Strom warmen Wassers hat, nachdem er in fuenfzig Tagen vom +24. bis 45. Grad der Breite 450 Meilen zurueckgelegt, trotz der bedeutenden +Winterkaelte in der gemaessigten Zone, kaum 3 - 4 Grad von seiner +urspruenglichen Temperatur unter den Tropen verloren. Die Groesse der Masse +und der Umstand, dass das Wasser ein schlechter Waermeleiter ist, machen, +dass die Abkuehlung nicht rascher erfolgt. Wenn sich somit der Golfstrom auf +dem Boden des atlantischen Oceans ein Bett gegraben hat, und wenn seine +Gewaesser bis in betraechtliche Tiefen in Bewegung sind, so muessen sie auch +in ihren untern Schichten eine hoehere Temperatur behalten, als unter +derselben Breite Meeresstriche ohne Stroemungen und Untiefen zeigen. Diese +Fragen sind nur durch unmittelbare Beobachtungen mittelst des Senkbleis +mit Thermometer zu loesen. + +Sir Erasmus Gower bemerkt, auf der Ueberfahrt von England nach den +canarischen Inseln gerathe man in die Stroemung und dieselbe treibe vom +39. Breitegrade an die Schiffe nach Suedost. Auf unerer Fahrt von Corunna +nach Suedamerika machte sich der Einfluss dieses Zugs der Wasser noch weiter +noerdlich merkbar. Vom 37. zum 30. Grad war die Abweichung sehr ungleich; +sie betrub taeglich im Mittel zwoelf Meilen, das heisst usnere Corvette wurde +in sechs Tagen um 72 Seemeilen gegen Ost abgetrieben. Als wir auf 140 +Meilen (Lieues) Entfernung den Parallel der Meerenge von Gibraltar +schnitten, hatten wir Gelegenheit zur Beobachtung, dass in diesen Strichen +das Maximum der Geschwindigkeit nicht der Oeffnung der Meerenge selbst +entspricht, sondern einem noerdlicher gelegenen Punkte in der Verlaengerung +einer Linie, die man durch die Meerenge und Cap Vincent zieht. Diese Linie +laeuft von der Gruppe der azorischen Inseln bis zum Cap Cantin parallel mit +der Richtung der Gewaesser. Es ist ferner zu bemerken, und der Umstand ist +fuer die Physiker, die sich mit der Bewegung der Fluessigkeiten +beschaeftigen, nicht ohne Interesse, dass in diesem Stueck des ruecklaeufigen +Stromes, in einer Breite von 120 bis 140 Meilen, nicht die ganze +Wassermasse dieselbe Geschwindigkeit, noch dieselbe Richtung hat. Bei ganz +ruhiger See zeigen sich an der Oberflaeche schmale Streifen, kleinen Baechen +gleich, in denen das Wasser mit einem fuer das Ohr des geuebten Schiffers +wohl hoerbaren Geraeusch hinstroemit. Am 13. Juni, unter 34 deg. 35' noerdlicher +Breite, befanden wir uns mitten unter einer Menge solcher Strombetten. Wir +konnten die Richtung derselben mit dem Compass aufnehmen: die einen liefen +nach Nordost, anderen nach Ost-Nord-Ost, trotz dem, dass der allgemeine Zug +der See, wie die Vergleichung der Schaetzung mit der chronometrischen Laenge +angab, fortwaehrend nach Suedost gieng. Sehr haeufig sieht man eine stehende +Wassermasse von Wasserfaeden durchzogen, die nach verschiedenen Richtungen +stroemen; solches kann man taeglich an der Oberflaeche unserer Landseen +beobachten, aber seltener bemerkt man solch partielle Bewegungen kleiner +Wassertheile in Folge lokaler Ursachen mitten in einem Meeresstrome, der +sich ueber ungeheure Raeume erstreckt und sich immer in derselben Richtung, +wenn auch nicht mit bedeutender Geschwindigkeit fortbewegt. Die sich +kreuzenden Stroemungen beschaeftigen unsere Einbildungskraft, wie der +Wellenschlag, weil diese Bewegungen, die den Ocean in bestaendiger Unruhe +erhalten, sich zu durchdringen scheinen. + +Wir fuhren am Cap Vincent, das aus Besalt besteht, auf mehr als 80 Meilen +[360 km] Entfernung vorueber. Auf 15 Meilen [67,5 km] erkennt man es nicht +mehr deutlich, aber die Foya von Monchique, ein Granitberg in der Naehe des +Caps, soll, wie die Steuerleute behaupten, auf 26 Meilen [117 km] in See +sichtbar seyn. Verhaelt es sich wirklich so, so ist die Foya 700 Toisen +(1363 Meter) hoch, also 116 Toisen (225 Meter) hoeher als der Vesuv. Es ist +auffallend, dass die portugiesische Regierung kein Feuer auf einem Punkte +unterhaelt, nach dem sich alle vom Cap der guten Hoffnung und vom Cap Horn +kommenden Schiffe richten muessen; nach keinem anderen Punkte wird mit so +viel Ungeduld ausgeschaut, bis er in Sicht kommt. Die Feuer auf dem Turm +des Herkules und am Cap Spichel sind so schwach und so wenig weit +sichtbar, dass man sie gar nicht rechnen kann. Dazu waere das +Capuzinerkloster, das auf Kap Vincent steht, ganz der geeignete Platz zu +einem Leuchtturm mit sich drehendem Feuer, wie zu Cadix und an der +Garonnemuendung. + +Seit unserer Abfahrt von Corunna und bis zum 36. Breitegrad hatten wir +ausser Meerschwalben und einigen Delphinen fast kein lebendes Wesen +gesehen. Umsonst sahen wir uns nach Tangen und Weichthieren um. Am +11. Juni aber hatten wir ein Schauspiel, das uns hoechlich ueberraschte, das +wir aber spaeter in der Suedsee haeufig genossen. Wir gelangten in einen +Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Medusen bedeckt war. Das +Schiff stand beinahe still, aber die Weichtiere zogen gegen Suedost, +viermal rascher als die Stroemung. Ihr Vorueberzug waehrte beinahe +dreiviertel Stunden, und dann sahen wir nur noch einzelne Individuen dem +grossen Haufen, wie wandermuede, nachziehen. Kommen diese Thiere vom Grunde +des Meeres, das in diesen Strichen wohl mehrere tausend Toisen tief ist? +oder machen sie in Schwaermen weite Zuege? Wie man weiss, lieben die +Weichthiere die Untiefen, und wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem +Wasserspiegel, welche Kapitaen Vobonne im Jahr 1732 nordwaerts von der Insel +Porto Santo gesehen haben will, wirklich vorhanden sind, so laesst sich +annehmen, dass diese ungeheure Masse von Medusen dorther kam, denn wir +befanden uns nur 28 Meilen [126 km] von jenen Klippen. Wir erkannten neben +der _Medusa aurita_ von Baster und der _M. pelagica_ von Bosc mit acht +Tentakeln _(Pelagia denticulata, Peron)_ eine dritte Art, die sich der +_M. hysocella_ naehert, die Vandelli an der Muendung des Tajo gefunden hat. +Sie ist ausgezeichnet durch die braungelbe Farbe und dadurch, dass die +Tentakeln laenger sind als der Koerper. Manche dieser Meernesseln hatten +vier Zoll [10 cm] im Durchmesser; ihr fast metallischer Glanz, ihre +violett und purpurn schillernde Faerbung hob sich vom Blau der See aeusserst +angenehm ab. + +Unter den Medusen fand Bonpland Buendel der _Dagysa notata_, eines +Weichthiers von sonderbarem Bau, das Sir Joseph Banks zuerst kennen +gelernt hat. Es sind kleine gallertartige Saecke, durchsichtig, +walzenfoermig, zuweilen vieleckig, 13 Linien [3 mm] lang, 2 - 3 [0,5 bis +0,7 mm] im Durchmesser. Diese Saecke sind an beiden Enden offen. An der +einen Oeffnung zeigt sich eine durchsichtige Blase mit einem gelben Fleck. +Diese Cylinder sind der Laenge nach aneinander geklebt wie Bienenzellen und +bilden 6 - 8 Zoll [16 bis 21 cm] lange Schnuere. Umsonst versuchte ich die +galvanische Elektricitaet an diesen Weichthieren; sie brachte keine +Zusammenziehung hervor. Die Gattung _Dagysa_, die zur Zeit von Cooks +erster Reise zuerst aufgestellt wurde, scheint zu den Salpen zu gehoeren. +Auch die Salpen wandern in Schwaermen, wobei sie sich zu Schnueren an +einander haengen, wie wir bei der _Dagysa_ gesehen. + +Am 13. Juni Morgens unter 34 deg. 33' Breite sahen wir wieder bei vollkommen +ruhiger See grosse Haufen des letzterwaehnten Thiers vorbeitreiben. Bei +Nacht machten wir die Beobachtung, dass alle drei Medusenarten, die wir +gefangen, nur leuchteten, wenn man sie ganz leicht anstiess. Diese +Eigenschaft kommt also nicht der von Forskael in seiner _Fauna Aegytiaca_ +beschriebenen _Medusa noctiluca_ allein zu, die Gmelin mit der _Medusa +pelagica_ Loeflings vereinigt, obgleich sie rote Tentakeln und braune +Koerperwarzen hat. Legt man eine sehr reizbare Meduse auf einen Zinnteller +und schlaegt mit irgendeinem Metall an den Teller, so wird das Tier schon +durch die leichte Schwingung des Zinns leuchtend. Galvanisirt man Medusen, +so zeigt sich zuweilen der phosphorische Schein im Moment, wo man die +Kette schliesst, wenn auch die Excitatoren die Organe des Tieres nicht +unmittelbar beruehren. Die Finger, mit denen man es beruehrt, bleiben ein +paar Minuten leuchtend, wie man dies auch beobachtet, wenn man das Gehaeuse +der Pholaden zerbricht. Reibt man Holz mit dem Koerper einer Meduse und +leuchtet die geriebene Stelle nicht mehr, so erscheint der Schimmer +wieder, wenn man mit der trockenen Hand ueber das Holz faehrt. Ist derselbe +wieder verschwunden, so laesst er sich nicht noch einmal hervorrufen, wenn +auch die geriebene Stelle noch feucht und klebrig ist. Wie wirkt in diesem +Falle die Reibung oder der Stoss? Die Frage ist schwer zu beantworten. Ruft +etwa eine kleine Temperaturerhoehung den Schein hervor, oder kommt er +wieder, weil man die Oberflaeche erneuert und so die Theile des Thiers, +welche den Phosphorwasserstoff entbinden, mit dem Sauerstoff der +atmosphaerischen Luft in Beruehrung bringt? Ich habe durch Versuche, die im +Jahre 1797 veroeffentlicht worden, dargethan, dass Scheinholz in reinem +Wasserstoff und Stickstoff nicht mehr leuchtet, und dass der Schein +wiederkehrt, sobald man die kleinste Blase Sauerstoff in das Gas treten +laesst. Diese Thatsachen, deren wir in der Folge noch mehrere anfuehren +werden, bahnen uns den Weg zur Erklaerung des Meerleuchtens und des +besonderen Umstandes, dass das Erscheinen des Lichtschimmers mit dem +Wellenschlag in Zusammenhang steht. + +Zwischen Madera und der afrikanischen Kueste hatten wir gelinde Winde oder +Windstille, wodurch ich mich bei den magnetischen Versuchen, mit denen ich +mich bei der Ueberfahrt beschaeftigte, sehr gefoerdert sah. Wir wurden nicht +satt, die Pracht der Naechte zu bewundern; nichts geht ueber die Klarheit +und Heiterkeit des afrikanischen Himmels. Wir wunderten uns ueber die +ungeheure Menge Sternschnuppen, die jeden Augenblick niedergingen. Je +weiter wir nach Sueden kamen, desto haeufiger wurden sie, besonders bei den +canarischen Inseln. Ich glaube auf meinen Reisen die Beobachtung gemacht +zu haben, dass diese Feuermeteore ueberhaupt in manchen Landstrichen +haeufiger vorkommen und glaenzender sind als in anderen. Nie sah ich ihrer +so viele als in der Naehe der Vulkane der Provinz Quito und in der Suedsee +an der vulkanischen Kueste von Guatimala. Der Einfluss, den Oertlichkeit, +Klima und Jahreszeit auf die Bildung der Sternschnuppen zu haben scheinen, +trennt diese Classe von Meteoren von den Aerolithen, die wahrscheinlich +dem Weltraume ausserhalb unseres Luftkreises angehoeren. Nach den +uebereinstimmenden Beobachtungen von Benzenberg und Brandes erscheinen in +Europa viele Sternschnuppen nicht mehr als 30,000 Toisen [58 470 m] ueber +der Erde. Man hat sogar eine gemessen, die nur 14,000 Toisen [27 280 m] +hoch war. Es waere zu wuenschen, dass dergleichen Messungen, die nur +annaehernde Resultate ergeben koennen, oefters wiederholt wuerden. In den +heissen Landstrichen, besonders unter den Tropen, zeigen die Sternschnuppen +einen Schweif, der noch 12 bis 15 Secunden fortleuchtet; ein andermal ist +es, als platzten sie und zerstieben in mehrere Lichtfunken, und im +allgemeinen sind sie viel weiter unten in der Luft als im noerdlichen +Europa. Man sieht sie nur bei heiterem, blauen Himmel, und unter einer +Wolke ist wohl noch nie eine beobachtet worden. Haeufig haben die +Sternschnuppen ein paar Stunden lang eine und dieselbe Richtung, und dies +ist dann die Richtung des Windes. In der Bucht von Neapel haben Gay-Lussac +und ich Lichterscheinungen beobachtet, die denen, welche mich bei meinem +langen Aufenthalt in Mexiko und Quito beschaeftigten, sehr aehnlich waren. +Das Wesen dieser Meteore haengt vielleicht ab von der Beschaffenheit von +Boden und Luft, gleich gewissen Erscheinungen von Luftspiegelung und +Strahlenbrechung an der Erdoberflaeche, wie sie an den Kuesten von Calabrien +und Sicilien vorkommen. + +Wir bekamen auf unserer Fahrt weder die Inseln Desiertas noch Madera zu +Gesicht. Gerne haette ich die Laenge dieser Inseln berichtigt und von den +vulkanischen Bergen nordwaerts von Funchal Hoehenwinkel genommen. De Borda +berichtet, man sehe diese Berge auf 20 Meilen [90 km], was nur auf eine +Hoehe von 414 Toisen (806 Meter) hinweise; wir wissen aber, dass nach +neueren Messungen der hoechste Gipfel von Madera 5167 englische Fuss oder +807 Toisen [1573 m] hoch ist. Die kleinen Inseln Desiertas und Salvages, +auf denen man Orseille und _Mesembryanthemum crystallinum_ sammelt, haben +nicht 200 Toisen senkrechter Haehe. Es scheint mir von Nutzen, die +Seefahrer auf dergleichen Bestimmungen hinzweisen, weil sich mittelst +einer Methode, deren in dieser Reisebeschreibung oefter Erwaehnung geschieht +und deren sich Borda, Lord Mulgrave, de Rossel und Don Cosme Churruca auf +ihren Reisen mit Erfolg bedient haben, durch Hoehenwinkel, die man mit +guten Reflexionsinstrumenten nimmt, mit hinlaenglicher Genauigkeit +ermitteln laesst, wie weit sich das Schiff von einem Vorgebirge oder von +einer gebirgigen Insel befindet. + +Als wir 40 Meilen [180 km] ostwaerts von Madera waren, setzte sich eine +Schwalbe auf die Marsstenge. Sie war so muede, dass sie sich leicht fangen +liess. Es war eine Rauchschwalbe _(Hierundo rustica, Lin.)_. Was mag einen +Vogel veranlassen, in dieser Jahreszeit und bei stiller Luft so weit zu +fliegen? Bei d´Entrecasteaux´ Expedition sah man gleichfalls eine +Rauchschwalbe 60 Meilen [270 km] weit vom weissen Vorgebirge; das war aber +Ende Oktobers, und Labillardiere war der Meinung, sie komme eben aus +Europa. Wir befuhren diese Striche im Juni, und seit langer Zeit hatte +kein Sturm das Meer aufgeruehrt. Ich betone den letzteren Umstand, weil +kleine Voegel, sogar Schmetterlinge zuweilen durch heftige Winde auf die +hohe See verschlagen werden, wie wir es in der Suedsee, westwaerts von der +Kueste von Mexiko, beobachten konnten. + +Der Pizarro hatte Befehl, bei der Insel Lanzarota, einer der sieben grossen +Canarien, anzulegen, um sich zu erkundigen, ob die Englaender die Rhede von +Santa Cruz auf Teneriffa blokirten. Seit dem 15. Juni war man im Zweifel, +welchen Weg man einschlagen sollte. Bis jetzt hatten die Steuerleute, die +mit den Seeuhren nicht recht umzugehen wussten, keine grossen Stuecke auf die +Laenge gehalten, die ich fast immer zweimal des Tags bestimmte, indem ich +zum Uebertrag der Zeit Morgens und Abends Stundenwinkel aufnahm. Endlich +am 16. Juni, um neun Uhr morgens, als wir schon unter 20 deg. 26' der Breite +waren, aenderte der Capitaen den Curs und steuerte gegen Ost. Da zeigte sich +bald, wie genau Louis Berthouds Chronometer war; um 2 Uhr nachmittags kam +Land in Sicht, das wie eine kleine Wolke am Horizont erschien. Um fuenf +Uhr, bei niedriger stehender Sonne, lag die Insel Lanzarota so deutlich +vor uns, dass ich den Hoehenwinkel eines Kegelberges messen konnte, der +majestaetisch die anderen Gipfel ueberragt und den wir fuer den grossen Vulkan +hielten, der in der Nacht vom ersten September 1730 so grosse Verwuestungen +angerichtet hat. + +Die Stroemung trieb uns schneller gegen die Kueste, als wir wuenschten. Im +Hinfahren sahen wir zuerst die Insel Fortaventura, bekannt durch die +vielen Kameele(4), die darauf leben, und bald darauf die kleine Insel +Lobos im Canal zwischen Fortaventura und Lancerota. Wir brachten die Nacht +zum Theil auf dem Verdeck zu. Der Mond beschien die vulkanischen Gipfel +von Lanzerota, deren mit Asche bedeckten Abhaenge wie Silber schimmerten. +Antares glaenzte nahe der Mondscheibe, die nur wenige Grad ueber dem +Horizont stand. Die Nacht war wunderbar heiter und frisch. Obgleich wir +nicht weit von der afrikanischen Kueste und der Grenze der heissen Zone +waren, zeigte der hunderttheilige Thermometer nicht mehr als 18 deg.. Es war, +als ob das Leuchten des Meeres die in der Luft verbreitete Lichtmasse +vermehrte. Zum erstenmal konnte ich an einem zweizoelligen Sextanten von +Troughton mit sehr feiner Theilung den Nonius ablesen, ohne mit einer +Kerze an den Rand zu leuchten. Mehrere unserer Reisegefaehrten waren +Canarier; gleich allen Einwohnern der Insel priesen sie enthusiastisch die +Schoenheit ihres Landes. Nach Mitternacht zogen hinter dem Vulkan schwere +Wolken auf und bedeckten hin und wieder den Mond und das schoene Sternbild +des Scorpion. Wir sahen am Ufer Feuer hin und her tragen. Es waren +wahrscheinlich Fischer, die sich zur Fahrt ruesteten. Wir hatten auf der +Reise fortwaehrend in den alten spanischen Reisebeschreibungen gelesen, und +diese sich hin und her bewegenden Lichter erinnerten uns an die, welche +Pedro Guttierez, ein Page der Koenigin Isabella, in der denkwuerdigen Nacht, +da die neue Welt entdeckt wurde, auf der Guanahani sah. + +Am 17. Morgens war der Horizont nebligt und der Himmel leicht umzogen. +Desto schaerfer traten die Berge von Lanzerota in ihren Umrissen hervor. +Die Feuchtigkeit erhoeht die Durchsichtigkeit der Luft und rueckt zugleich +scheinbar die Gegenstaende naeher. Diese Erscheinung ist jedem bekannt, der +Gelegenheit gehabt hat, an Orten, wo man die Ketten der Hochalpen oder der +Anden sieht, hygrometrische Betrachtungen anzustellen. Wir liefen, mit dem +Senkblei in der Hand, durch den Canal zwischen den Inseln Alegranza und +Montana Clara. Wir untersuchten den Archipel kleiner Eilande noerdlich von +Lanzerota, die sowohl auf der sonst sehr genauen Karte von de Fleurieu, +als auf der Karte, die zur Reise der Fregatte Flora gehoert, so schlecht +gezeichnet sind. Die auf Befehl des Herrn de Castries i. J. 1786 +veroeffentlichte Karte des Atlantischen Oceans hat dieselben irrigen +Angaben. Da die Stroemungen in diesen Strichen ausnehmend rasch sind, so +mag die fuer die Sicherheit der Schiffahrt nicht unwichtige Bemerkung hier +stehen, dass die Lage der fuenf kleinen Inseln Alegranza, Clara, Graciosa, +Roca del Este und Infierno nur auf der Karte der canarischen Inseln von +Borda und im Atlas von Tofino genau angegeben ist, welcher letztere sich +dabei an die Beobachtungen von Don Jose Varela hielt, die mit denen der +Fregatte Boussole ziemlich uebereinstimmen. + +Inmitten dieses Archipels, den Schiffe, die nach Teneriffa gehen, selten +befahren, machte die Gestaltung der Kuesten den eigenthuemlichsten Eindruck +auf uns. Wir glaubten uns in die euganaeischen Berge im Vincentinischen +oder an die Ufer des Rheins bei Bonn versetzt (Siebengebirge). Die +Gestaltung der organischen Wesen wechselt nach den Klimaten, und diese +erstaunliche Mannigfaltigkeit gibt dem Studium der Vertheilung der +Pflanzen und Thiere seinen Hauptreiz; aber die Gebirgsarten, die +vielleicht frueher gebildet worden, als die Ursachen, von welchen die +Abstufung der Klimate abhaengt, in Wirksamkeit getreten, sind in beiden +Hemisphaeren die naemlichen. Die Porphyre, welche glasigen Feldspath oder +Hornblende einschliessen, die Phonolithe (Werners Porphyrschiefer), +Gruensteine, Mandelsteine und Basalte zeigen fast so constante Formen wie +in der Auvergne, im boehmischen Mittelgebirge wie in Mexiko und an den +Ufern des Ganges erkennt man die Trappformation am symmetrischen Bau der +Berge, an den gestutzten, bald einzeln stehenden, bald zu Gruppen +vereinigten Kegeln, an den Plateaux, die an beiden Enden mit einer runden +niedrigen Kuppe gekroent sind. + +Der ganze westliche Theil von Lanzerota, den wir in der Naehe sahen, hat +ganz das Ansehen eines in neuester Zeit von vulkanischem Feuer verwuesteten +Landes. Alles ist schwarz, duerr, von Dammerde entbloesst. Wir erkannten mit +dem Fernrohr Basalt in ziemlich duennen, stark fallenden Schichten. Mehrere +Huegel gleichen dem Monte nuovo bei Neapel oder den Schlacken- und +Aschenhuegeln, welche am Fusse des Vulkanes Jorullo in Mexiko in Einer Nacht +aus dem berstenden Boden emporgestiegen sind. Nach Abbe Viera wurde auch +im Jahre 1730 mehr als die Haelfte der Insel voellig umgewandelt. Der "grosse +Vulkan", dessen wir oben erwaehnt, und der bei den Eingeborenen der Vulkan +von *Temanfaya* heisst, verheerte das fruchtbarste und bestangebaute +Gebiet; neun Doerfer wurden durch die Lavastroeme voellig zerstoert. Ein +heftiges Erdbeben war der Katastrophe vorangegangen, und gleich starke +Stoesse wurden noch mehrere Jahre nachher gespuert. Letztere Erscheinung ist +um so auffallender, je seltener sie nach einem Ausbruch ist, wenn einmal +nach dem Ausfluss der geschmolzenen Stoffe die elastischen Daempfe durch den +Krater haben entweichen koennen. Der Gipfel des grossen Vulkanes ist ein +runder, nicht genau kegelfoermiger Huegel. Nach den Hoehenwinkeln, die ich in +verschiedenen Abstaenden genommen, scheint seine absolute Hoehe nicht viel +ueber 300 Toisen [580 m] zu betragen. Die benachbarten kleinen Berge und +die der Inseln Alegranza und Clara sind kaum 100 bis 120 Toisen [95 bis +134 m] hoch. Man wundert sich, dass Gipfel, die sich auf hoher See so +imposant darstellen, nicht hoeher seyn sollten. Aber nichts ist so unsicher +als unser Urtheil ueber die Groesse der Winkel, unter denen uns Gegenstaende +ganz nahe am Horizont erscheinen. Einer Taeuschung derart ist es +zuzuschreiben, wenn vor den Messungen de Churrucas und Galeanos am Cap +Pilar die Berge an der Magellanschen Meerenge und des Feuerlandes bei den +Seefahrern fuer ungemein hoch galten. + +Die Insel Lanzerota hiess frueher *Titeroigotra*. Bei der Ankunft der +Spanier zeichneten sich die Bewohner vor den anderen Canariern durch +Merkmale hoeherer Kultur aus. Sie hatten Haeuser aus behauenen Steinen, +waehrend die Guanchen auf Teneriffa, als wahre Troglodyten, in Hoehlen +wohnten. Auf Lanzerota herrschte zu jener Zeit ein seltsamer Gebrauch, der +nur bei den Tibetanern vorkommt. [In Tibet ist uebrigens die Vielmaennerei +nicht so haeufig, als man glaubt, und von der Priesterschaft missbilligt.] +Eine Frau hatte mehrere Maenner, welche in der Ausuebung der Rechte des +Familienhauptes wechselten. Der eine Ehemann war als solcher nur waehrend +eines Mondumlaufs anerkannt, sofort uebernahm ein anderer das Amt und jener +trat in das Hausgesinde zurueck. Es ist zu bedauern, dass wir von den +Geistlichen im Gefolge Johanns von Bethencourt, welche die Geschichte der +Eroberung der Canarien geschrieben haben, nicht mehr von den Sitten eines +Volkes erfahren, bei dem so sonderbare Braeuche herrschten. Im fuenfzehnten +Jahrhundert bestanden auf der Insel Lanzerota zwei kleine voneinander +unabhaengige Staaten, die durch eine Mauer geschieden waren, dergleichen +man auch in Schottland, in Peru und in China findet, Denkmaeler, die den +Nationalhass ueberleben. + +Wegen des Windes mussten wir zwischen den Inseln Alegranza und Montana +Clara durchfahren. Da Niemand am Bord der Corvette je in diesem Canal +gewesen war, so musste das Senkblei ausgeworfen werden. Wir fanden Grund +bei 25 und 32 Faden [45 bis 60 m]. Mit dem Senkbleu wurde eine organische +Substanz von so sonderbarem Bau aufgezogen, dass wir lange nicht wussten, ob +wir sie fuer einen Zoophyten oder fuer eine Tangart halten sollten. Auf +einem braeunlichen, drei Zoll langen Stiel sitzen runde lappige Blaetter mit +gezahntem Rand. Sie sind hellgruen, lederartig und gestreift wie die +Blaetter der Adianten und des _Ginkgo biloba_. Ihre Flaeche ist mit steifen, +weisslichen Haaren bedeckt; vor der Entwicklung sind die concav und in +einander geschachtelt. Wir konnten keine Spur von willkuehrlicher Bewegung, +von Irritabilitaet daran bemerken, auch nicht als wir es mit dem +Galvanismus versuchten. Der Stiel ist nicht holzig, sondern besteht aus +einem hornartigen Stoff, gleich der Achse der Gorgonen. Da Stickstoff und +Phosphor in Menge in verschiedenen cryptogamischen Gewaechsen nachgewiesen +sind, so waere nichts dabei herausgekommen, wenn wur auf chemischem Wege +haette ermitteln wollen, ob dieser organische Koerper dem Pflanzen- oder dem +Thierreich angehoere. Da er einigen Seepflanzen mit Adiantenblaettern sehr +nahe kommt, so stellten wir ihn vorlaeufig zu den Tangen und nannten ihn +_Fucus vitifolius_. Die Haare, mit denen das Gewaechs bedeckt ist, kommen +bei vielen andern Tangen vor. Allerdings zeigte das Blatt, als es frisch +aus der See unter dem Mikroscop untersucht wurde, nicht die druesigen +Koerper in Haeufchen oder die dunkeln Punkte, welche bei den Gattungen +_Ulva_ und _Fucus_ die Fructificationen enthalten; aber wie oft findet man +Tange, die vermoege ihrer Entwicklungsstufe in ihrem durchsichtigen +Paranchym noch keine Spur von Koernern zeigen. + +Ich haette diese Einzelheiten, die in die beschreibende Naturgeschichte +gehoeren, hier uebergangen, wenn sich nicht am Fucus mit weinblattaehnlichen +Blaettern ein physiologische Erscheinung von allgemeinerem Interesse +beobachten liesse. Unser Seetang hatte, an Madreporen befestigt, 192 Fuss +tief am Meeresboden vegetirt, und doch waren seine Blaetter so gruen wie +unsere Graeser. Nach de Bouguers Versuchen(5) wird das Licht, das durch 180 +Fuss Wasser hindurchgeht, im Verhaeltniss von 1 zu 1477,8 geschwaecht. Der +Tang von Alegranza ist also ein neuer Beweis fuer den Satz, dass Gewaechse im +Dunkeln vegetiren koennen, ohne farblos zu werden. Die noch in den Zwiebeln +eingeschlossenen Keime mancher Liliengewaechse, der Embryo der Malven, der +Rhamnoiden, der Pistazie, der Mistel und des Citronenbaums, die Zweige +mancher unterirdischen Pflanzen, endlich die Gewaechse, die man in +Erzgruben findet, wo die umgebende Luft Wasserstoff oder viel Stickstoff +enthaelt, sind gruen ohne Lichtgenuss. Diese Thatsachen berechtigen zu der +Annahme, dass der Kohlenwasserstoff, der das Parenchym dunkler oder heller +gruen faerbt, je nachdem der Kohlenstoff in der Verbindung vorherrscht, sich +nicht bloss unter dem Einfluss der Sonnenstrahlen im Gewebe der Gewaechse +bildet. + +Turner, der so viel fuer die Familie der Tange geleistet hat, und viele +andere bedeutende Botaniker sind der Ansicht, die Tange, die man an der +Meeresflaeche findet, und die unter dem 23. und 35. Grad der Breite und dem +32. der Laenge sich dem Seefahrer als eine weite ueberschwemmte Wiese +darstellen, wachsen urspruenglich auf dem Meeresgrund und schwimmen an der +Oberflaeche nur im ausgebildeten Zustand, nachdem sie von den Wellen +losgerissen worden. Ist dem wirklich so, so ist nicht zu laeugnen, dass die +Familie der Seealgen grosse Schwierigkeiten macht, wenn man am Glauben +festhaelt, dass Farblosigkeit die nothwendige Folge des Mangels an Licht +ist; denn wie sollte man voraussetzen koennen, dass so viele Arten von +Ulvaceen und Dictyoteen mit gruenen Stengeln und Blaettern auf Gestein +unmittelbar unter der Meeresflaeche gewachsen sind? + +Nach den Angaben eines alten portugiesischen Wegweisers meinte der Capitaen +des Pizarro sich einem kleinen Fort noerdlich von Teguise, dem Hauptort von +Lancerota, gegenueber zu befinden. Man hielt einen Basaltfelsen fuer ein +Kastell, man salutirte es durch Aufhissen der spanischen Flagge und warf +das Boot aus, um sich durch einen Officier beim Commandanten des +vermeintlichen Forts erkundigen zu lassen, ob die Englaender in der +Umgegend kreuzten. Wir wunderten uns nicht wenig, als wir vernahmen, dass +das Land, das wir fuer einen Theil der Kueste von Lanzerota gehalten, die +kleine Insel Graciosa sey und dass es auf mehrere Kilometer in der Runde +keinen bewohnten Ort gebe. + +Wir benutzten das Boot, um ans Land zu gehen, das den Schlusspunkt einer +weiten Bai bildete. Ganz unbeschreiblich ist das Gefuehl des +Naturforschers, der zum erstenmal einen aussereuropaeischen Boden betritt. +Die Aufmerksamkeit wird von so vielen Gegenstaenden in Anspruch genommen, +dass man sich von seinen Empfindungen kaum Rechenschaft zu geben vermag. +Bei jedem Schritt glaubt man einen neuen Naturkoerper vor sich zu haben, +und in der Aufregung erkennt man haeufig Dinge nicht wieder, die in unseren +botanischen Gaerten und naturgeschichtlichen Sammlungen zu den gemeinsten +gehoeren. 100 Toisen [ca. 200 m] vom Ufer sahen wir einen Mann mit der +Angelruthe fischen. Man fuhr im Boot auf ihn zu, aber er ergriff die +Flucht und versteckte sich hinter Felsen. Die Matrosen hatten Muehe, seiner +habhaft zu werden. Der Anblick der Corvette, der Kanonendonner am +einsamen, jedoch zuweilen von Kapern besuchten Orte, das Landen des +Bootes, Alles hatte dem armen Fischer Angst eingejagt. Wir erfuhren von +ihm, die kleine Insel Graciosa, an der wir gelandet, sey von Lanzerota +durch einen engen Canal, el Rio genannt, getrennt. Er erbot sich, uns in +den Hafen los Colorados zu fuehren, wo wir uns hinsichtlich der Blokade von +Tenerifa erkundigen koennten; da er aber zugleich versicherte, seit +mehreren Wochen kein Fahrzeug auf offener See gesehen zu haben, so +beschloss der Kapitaen, geradezu nach Santa Cruz zu steuern. + +Das kleine Stueck der Insel Graciosa, das wir kennengelernt, gleicht den +aus Laven aufgebauten Vorgebirgen bei Neapel zwischen Portici und Torre +del Greco. Die Felsen sind nackt, ohne Baeume und Gebuesche, meist ohne Spur +von Dammerde. Einige Flechten, Variolarien, Leprarien, Urceolarien, kamen +hin und wieder auf dem Basalt vor. Laven, die nicht mit vulkanischer Asche +bedeckt sind, bleiben Jahrhunderte ohne eine Spur von Vegetation. Auf dem +afrikanischen Boden hemmt die grosse Hitze und die lange Trockenheit die +Entwicklung der cryptogamischen Gewaechse. + +Mit Sonnenuntergang schifften wir uns wieder ein und gingen unter Segel, +aber er Wind war zu schwach, als dass wir unseren Weg nach Teneriffa haetten +fortsetzen koennen. Die See war ruhig; ein roethlicher Dunst umzog den +Horizont und liess alle Gegenstaende groesser erscheinen. In solcher +Einsamkeit, ringsum so viele unbewohnte Eilande, schwelgten wir lange im +Anblick einer wilden, grossartigen Natur. Die schwarzen Berge von Graciosa +zeigten fuenf, sechshundert Fuss [160 bis 200 m] hohe senkrechte Waende. Ihre +Schatten, die auf die Meeresflaeche fielen, gaben der Landschaft einen +schwermuethigen Charakter. Gleich den Truemmern eines gewaltigen Gebaeudes +stiegen Basaltfelsen aus dem Wasser auf. Ihr Dasein mahnte uns an die weit +entlegene Zeit, wo unterseeische Vulkane neue Inseln emporhoben oder die +Festlaender zertruemmerten. Alles umher verkuendete Verwuestung und +Unfruchtbarkeit; aber einen freundlicheren Anblick bot im Hintergrunde des +Bildes die Kueste von Lanzerota. In einer engen Schlucht, zwischen zwei mit +verstreuten Baumgruppen gekroenten Huegeln, zog sich ein kleiner bebauter +Landstrich hin. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten das zur Ernte +reife Korn. Selbst die Wueste belebt sich, sobald man den Spuren der +arbeitsamen Menschenhand begegnet. + +Wir versuchten aus der Bucht herauszukommen, und zwar durch den Canal +zwischen Alegranza und Montana Clara, durch den wir ohne Schwierigkeit +hereingelangt waren, um an der Nordspitze von Graciosa ans Land zu gehen. +Da der Wind sehr flau wurde, so trieb uns die Stroemung nahe zu einem Riff, +an dem sich die See ungestuem brach, und das die alten Karten als +"Infierno" bezeichneten. Als wir das Riff auf zwei Kabellaengen vom +Vordertheil der Corvette vor uns hatten, sahen wir, dass es eine drei, vier +Klafter [5,8 bis 7,8 m] hohe Lavakuppe ist, voll Hoehlungen und bedeckt mit +Schlacken, die den Coaks [Koks] oder der schwammigen Masse der +entschwefelten Steinkohle aehnlich ist. Wahrscheinlich ist die Klippe +Infierno(6) welche die neueren Karten _Roca del Oeste_ (westlicher Fels) +nennen, durch das vulkanische Feuer emporgehoben. Sie kann sogar frueher +weit hoeher gewesen seyn; denn die "neue Insel" der Azoren, die zu +wiederholten malen aus dem Meere gestiegen, in den Jahren 1638 und 1719, +war 354 Fuss [115 m] hoch [Im Jahre 1720 war die Insel auf 7 - 8 Meilen +(31 bis 36 km) sichtbar. In denselben Strichen ist im Jahre 1811 wieder +eine Insel erschienen.] geworden, als sie im Jahre 1728 so gaenzlich +verschwand, dass man da, wo sie gestanden das Meer 80 Faden [146 m] tief +fand. Meine Ansicht vom Ursprung der Basaltkuppe Infierno wird durch ein +Ereigniss bestaetigt, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in derselben +Gegend beobachtet wurde. Beim Ausbruch des Vulkanes Temanfaya erhoben sich +vom Meeresboden zwei pyramidale Huegel von steiniger Lava und verschmolzen +nach und nach mit der Insel Lanzerota. + +Da der schwache Wind und die Stroemung uns aus dem Canal von Alegranza +nicht herauskommen liessen, beschloss man, waehrend der Nacht zwischen der +Insel Clara und der _Roca del Oeste_ zu kreuzen. Diess haette beinahe sehr +schlimme Folgen fuer uns gehabt. Es ist gefaehrlich, sich bei Windstille in +der Naehe dieses Riffes aufzuhalten, gegen das die Stroemung ausnehmend +stark hinzieht. Um Mitternacht fingen wir an, die Wirkung der Stroemung +gewahr zu werden. Die nahe vor uns senkrecht aus dem Wasser aufsteigenden +Felsmassen benahmen uns den wenigen Wind, der wehte; die Corvette +gehorchte dem Steuer fast nicht mehr und jeden Augenblick fuerchtete man zu +stranden. Es ist schwer begreiflich, wie eine einzelne Basaltkuppe mitten +im weiten Weltmeer das Wasser in solche Aufregung versetzen kann. Diese +Erscheinungen, welche die volle Aufmerksamkeit der Physiker verdienen, +sind uebrigens den Seefahrern wohl bekannt; sie treten in der Suedsee, +namentlich im kleinen Archipel der Galapagos-inseln, in furchtbarem +Massstab auf. Der Temperaturunterschied zwischen der Fluessigkeit und der +Felsmasse vermag den Zug der Stroemung zu ihnen hin nicht zu erklaeren, und +wie sollte man es glaublich finden, dass sich das Wasser am Fusse der +Klippen in die Tiefe stuerzt, und dass bei diesem fortwaehrenden Zug nach +unten die Wassertheilchen den entstehenden leeren Raum auszufuellen suchen +(7)? + +Am 18. Morgens wurde der Wind etwas frischer, und so gelang es uns, aus +dem Canal zu kommen. Wir kamen dem Infierno noch einmal sehr nahe, und +jetzt bemerkten wir im Gestein grosse Spalten, durch welche wahrscheinlich +die Gase entwichen, als die Basaltkuppe emporgehoben wurde. Wir verloren +die kleinen Inseln Alegranza, Montana Clara und Graciosa aus dem Gesicht. +Sie scheinen nie von Guanchen bewohnt gewesen zu seyn und man besucht sie +jetzt nur, um Orseille dort zu sammeln; diese Pflanze ist uebrigens weniger +gesucht, seit so viele andere Flechtenarten aus dem noerdlichen Europa +kostbare Farbstoffe liefern. Montana Clara ist beruehmt weger der schoenen +Canarienvoegel, die dort vorkommen. Der Gesang dieser Voegel wechselt nach +Schwaermen, wie ja auch bei uns der Gesang der Finken in zwei benachbarten +Landstrichen haeufig ein anderer ist. Auf Montana Clara gibt es auch +Ziegen, zum Beweis, dass das Eiland im Inneren nicht so oede ist als die +Kueste, die wir gesehen. Der Name Alegranza kommt her von "La Joyeuse", wie +die ersten Eroberer der Canarien, zwei normaennische Barone, Jean de +Bethencourt und Gadifer de Salle, die Insel benannten. Es war der erste +Punkt, wo sie gelandet. Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen auf der +Insel Graciosa, von der wir ein kleines Stueck gesehen, beschlossen sie, +sich der benachbarten Insel Lanzerota zu bemaechtigen, und wurden von +Guadarfia, dem Haeuptling der Guanchen, so gastfreundlich empfangen, wie +Cortez im Palast Montezumas. Der Hirtenkoenig, der keine anderen Schaetze +hatte als seine Ziegen, wurde so schmaehlich verraten, wie der mexikanische +Sultan. + +Wir fuhren an den Kuesten von Lanzerota, Lobos und Fortaventura hin. Die +zweite scheint frueher mit den andern zusammengehangen zuhaben. Diese +geologische Hypothese wurde schon im siebzehnten Jahrhundert von einem +Franziskaner, Juan Galindo, aufgestellt. Er war sogar der Ansicht, Koenig +Juba habe nur sechs canarische Inseln genannt, weil zu seiner Zeit drei +derselben nur Eine gebildet. Ohne auf diese unwahrscheinliche Hypothese +einzugehen, haben gelehrte Geographen den Archipel der Canarien fuer die +beiden Inseln Innonia, die Inseln Rivaria, Ombrios, Canaria und Capraria +der Alten erklaert. + +Da der Horizont dunstig war, konnten wir auf der ganzen Ueberfahrt von +Lanzerota nach Teneriffa des Gipfels des Pik de Teyde nicht ansichtig +werden. Ist der Vulkan wirklich 1905 Toisen [3712 m] hoch, wie Bordas +letzte trigonometrische Messung angibt, so muss sein Gipfel auf 43 +Seemeilen [80 km] zu sehen sey, das Auge am Meeresspiegel angenommen und +die Refraction gleich 0,079 der Entfernung. Man hat in Zweifel gezogen, ob +der Pic zwischen Lanzerota und Fortaventura, der nach Varelas Karte 2 deg. 29' +oder gegen 50 Meilen (Lieues) davon entfernt ist, je gesehen worden sey. +Der Punkt scheint indessen durch einige Offiziere der koeniglich spanischen +Marine entschieden worden zu seyn; ich habe an Bord der Corvette Pizarro +ein Schifftagebuch in Haenden gehabt, in dem stand, der Pic von Tenerifa +sey in 135 Seemeilen [250 km] Entfernung beim suedlichen Vorgebirg von +Lanzerota, genannt Pichiguera, gesehen worden, und zwar erschien der +Gipfel unter einem so grossen Winkel, dass der Beobachter, Don Manuel +Bazuti, glaubt, der Vulkan haette noch 9 Meilen weiter weg gesehen werden +koennen. Das war im September, gegen Abend, bei sehr feuchtem Wetter. +Rechnet man 15 Fuss als Erhoehung des Auges ueber der See, so finde ich, dass +man, um die Erscheinung zu erklaeren, eine Refraction gleich 0,158 des +Bogens anzunehmen hat, was fuer die gemaessigte Zone nicht ausserordentlich +viel ist. Nach den Beobachtungen des Generals Roy schwanken in England die +Refractionen zwischen 1/20 und 1/3, und wenn es wahr ist, dass sie an der +Kueste von Afrika diese aeussersten Grenzen erreichen, woran ich sehr +zweifle, so koennte unter gewissen Umstaenden der Pic vom Verdeck eines +Schiffes auf 61 Seemeilen gesehen werden. + +Seeleute, die haeufig diese Striche befahren und ueber die Ursachen der +Naturerscheinungen nachdenken, wundern sich, dass der Pic de Teyde und der +der Azoren(8) zuweilen in sehr grosser Entfernung zum Vorschein kommen, ein +andermal in weit groesserer Naehe nicht sichtbar sind, obgleich der Himmel +klar erscheint und der Horizont nicht dunstig ist. Diese Umstaende +verdienen die Aufmerksamkeit des Physikers um so mehr, als viele Fahrzeuge +auf der Rueckreise nach Europa mit Ungeduld des Erscheinens dieser Berge +harren, um ihre Laenge danach zu berichtigen, und sie sich wieder davon +entfernt glauben, als sie in Wahrheit sind, wenn sie sie bei hellem Wetter +in Entfernungen, wo die Sehwinkel schon sehr bedeutend seyn mussten, nicht +sehen koennen. Der Zustand der Atmosphaere hat den bedeutendsten Einfluss auf +die Sichtbarkeit ferner Gegenstaende. Im Allgemeinen laesst sich annehmen, +dass der Pic von Tenerifa im Juli und August, bei sehr warmem, trockenem +Wetter, ziemlich selten sehr weit gesehen wird, dass er dagegen im Januar +und Februar, bei leicht bedecktem Himmel und unmittelbar nach oder einige +Stunden vor einem starken Regen in ausserordentlich grosser Entfernung zu +Gesicht kommt. Die Durchsichtigkeit der Luft scheint, wie schon oben +bemerkt, in erstaunlichem Maasse erhoeht zu werden, wenn eine gewisse Menge +Wasser gleichfoermig in derselben verbreitet ist. Zudem darf man sich nicht +wundern, wenn man den Pic de Teyde seltener sehr weit sieht, als die +Gipfel der Anden, die ich so lange Zeit habe beobachten koennen. Der Pic +ist nicht so hoch als der Theil des Atlas, an dessen Abhang die Stadt +Marocco liegt, und nicht wie dieser mit ewigem Schnee bedeckt. Der *Piton* +oder *Zuckerhut*, der die oberste Spitze des Pics bildet, wirft allerdings +vieles Licht zurueck, weil der aus dem Krater ausgeworfene Bimsstein von +weisslicher Farbe ist; aber dieser kleine abgestutzte Kegel misst nur ein +Zwanzigtheil der ganzen Hoehe. Die Waende des Vulkans sind entweder mit +schwarzen, verschlackten Lavabloecken oder mit einem kraeftigen +Pflanzenwuchse bedeckt, dessen Masse um so weniger Licht zurueckwirft, als +die Baumblaetter voneinander durch Schatten getrennt sind, die einen +groesseren Umfang haben als die beleuchteten Theile. + +Daraus geht hervor, dass der Pic von Tenerifa, abgesehen vom *Piton*, zu +den Bergen gehoert, die man, wie Bouguer sich ausdrueckt, auf weite +Entfernung nur *negativ* sieht, weil sie das Licht auffangen, das von der +aeussersten Grenze des Luftkreises zu uns gelangt, und wir ihr Daseyn nur +gewahr werden, weil das Licht in der sie umgebenden Luft und das , welches +die Lufttheilchen zwischen dem Berge und dem Auge des Beobachters +fortpflanzen, von verschiedener Intensitaet sind. [Aus den Versuchen +desselben Beobachters geht hervor, dass, wenn dieser Unterschi8ed fuer +unsere Organe merkbar werden und der Berg sich deutlich vom Himmel abheben +soll, das eine Licht wenigstens um ein Sechzigtheil staerker seyn muss als +das andere.] Entfernt man sich von der Insel Teneriffa, so bleibt der +Piton oder Zuckerhut ziemlich lange *positiv* sichtbar, weil er weisses +Licht reflektirt und sich vom Himmel hell abhebt; da aber dieser Kegel nur +80 Toisen [156 m] hoch und an der Spizte 40 Toisen [78 m] breit ist, so +hat man neuerdings die Frage aufgeworfen, ob er bei so unbedeutender Masse +auf weiter als 40 Meilen sichtbar seyn kann, und ob es nicht +wahrscheinlicher ist, dass man in See den Pic erst dann als ein Woelkchen +ueber dem Horizont gewahr wird, wenn bereits die Basis des Piton +heraufzuruecken beginnt. Nimmt man die mittlere Breite des Zuckerhutes zu +100 Toisen [200 m] an, so findet man, dass der kleine Kegel in 40 Meilen +Entfernung in horizontaler Richtung noch unter einem Winkel von mehr als 3 +Minuten erscheint. Dieser Winkel ist gross genug, um einen Gegenstand +sichtbar zu machen, und wenn der Piton betraechtlich hoeher waere, als in der +Basis breit, so duerfte der Winkel in horizontaler Richtung noch kleiner +seyn, und der Gegenstand machte doch noch einen Eindruck auf unsere +Organe; aus mikrometrischen Beobachtungen geht hervor, dass eine Minute nur +dann die Grenze der Sichtbarkeit ist, wenn die Gegenstaende nach allen +Richtungen von gleichem Durchmesser sind, Man erkennt in einer weiten +Ebene einzelne Baumstaemme mit blossem Auge, obgleich der Sehwinkel nur 25 +Secunden betraegt. + +Da die Sichtbarkeit eines Gegenstandes, der sich dunkelfarbig abhebt, von +der Lichtmenge abhaengt, die auf zwei Linien zum Auge gelangen, deren eine +am Berg endet, waehrend die andere bis zur Grenze des Luftmeers fortlaeuft, +so folgt daraus, dass, je weiter man vom Gegenstand wegrueckt, desto kleiner +der Unterschiede wird zwischen Licht der umgebenden Luft und dem Licht der +vor dem Berg befindlichen Luftschichten. Daher kommt, dass nicht sehr hohe +Berggipfel, wenn sie sich ueber dem Horizont zu zeigen anfangen, anfangs +dunkler erscheinen als Gipfel, die man auf sehr grosse Entfernung sieht. +Ebenso haengt die Sichtbarkeit von Bergen, die man nur negativ gewahr wird, +nicht allein vom Zustand der untern Luftschichten ab, auf die unsere +meteorologischen Beobachtungen beschraenkt sind, sondern auch von der +Durchsichtigkeit und der physischen Beschaffenheit der hoeheren Regionen; +denn das Bild hebt sich desto besser ab, je staerker das Licht in der Luft, +das von den Grenzen der Atmosphaere herkommt, urspruenglich ist, oder je +weniger Verlust es auf seinem Durchgang erlitten hat. Dieser Umstand macht +es bis zu einem gewissen Grade erklaerlich, warum bei gleich heiterem +Himmel, bei ganz gleichem Thermometer- und Hygrometerstand nahe an der +Erdoberflaeche, der Pic auf Schiffen, die gleich weit davon entfernt sind, +des einemal sichtbar ist, das anderemal nicht. Wahrscheinlich wuerde man +sogar den Vulkan nicht haeufiger sehen koennen, wenn die Hoehe des +Aschenkegels, an dessen Spitze sich die Krateroeffnung befindet, ein +Viertheil der ganzen Berghoehe waere, wies es beim Vesuv der Fall ist. Die +Asche, zu Pulver zerriebener Bimsstein, wirft das Licht nicht so stark +zurueck als der Schnee der Anden. Sie macht, dass der Berg bei sehr grossem +Abstand sich nicht hell, sondern weit schwaecher dunkelfarbig abhebt. Sie +traegt so zu sagen dazu bei, die Antheile des in der Luft verbreiteten +Lichtes, deren veraenderliche Unterschiede einen Gegenstand mehr oder +weniger deutlich sichtbar machen, auszugleichen. Kahle Kalkgebirge, mit +Granitsand bedeckte Berggipfel, die hohen Savannen der Kordilleren, [_Los +Pajonales_, von _paja_, Gras. So heisst die Zone der grasartigen Gewaechse, +welche unter der Region des ewigen Schnees liegt.] die goldgelb sind, +treten allerdings in geringer Entfernung deutlicher hervor als +Gegenstaende, die man negativ sieht; aber nach der Theorie besteht eine +gewisse Grenze, jenseits welcher diese letzteren sich bestimmter vom Blau +des Himmels abheben. + +Bei den colossalen Berggipfeln von Quito und Peru, die ueber die Grenze des +ewigen Schnees hinausragen, wirken alle guenstigen Umstaende zusammen, um +sie unter sehr kleinen Winkeln sichtbar zu machen. Wir haben oben gesehen, +dass der abgestumpfte Gipfel des Pic von Tenerifa nur gegen 300 Toisen +[580 m] Durchmesser hat. Nach den Messungen, die ich im Jahre 1803 zu +Riobamba angestellt, ist die Kuppe des Chimborazo 153 Toisen [298 m] unter +der Spitze, also an einer Stelle, die 1300 Toisen [2533 m] hoeher liegt als +der Pik, noch 673 Toisen (1312 Meter) breit. Ferner nimmt die Zone des +ewigen Schnees ein Viertheil der ganzen Berghoehe ein, und die Basis dieser +Zone ist, von der Suedsee gesehen, 3437 Toisen (6700 Meter) breit. Obgleich +aber der Chimborazo um zwei Drittel hoeher ist als der Pic, sieht man ihn +doch wegen der Kruemmung der Erde nur 38 1/3 Meilen weiter. Wenn er im +Hafen von Guayaquil am Ende der Regenzeit am Horizont auftaucht, glaenzt +sein Schnee so stark, dass man glauben sollte, er muesste sehr weit in der +Suedsee sichtbar seyn. Glaubwuerdige Schiffer haben mich versichtert, sie +haben ihn bei der Klippe Muerto, suedwestlich von der Insel Puna, auf 47 +Meilen [211,5 km] gesehen. So oft er noch weiter gesehen worden, sind die +Angaben unzuverlaessig, weil die Beobachter ihrer Laenge nicht gewiss waren. + +Das in der Luft verbreitete Licht erhoeht, indem es auf die Berge faellt, +die Sichtbarkeit derer, die positiv sichtbar sind; die Staerke desselben +vermindert im Gegentheil die Sichtbarkeit von Gegenstaenden, die, wie der +Pic von Teneriffa und der der Azoren, sich dunkelfarbig abheben. Bouguer +hat auf theoretischem Wege gefunden, dass nach der Beschaffenheit unserer +Atmosphaere Berge negativ nicht weiter als auf 35 Meilen gesehen werden +koennen. Die Erfahrung -- und diese Bemerkung ist wichtig -- widerspricht +dieser Rechnung. Der Pik von Tenerifa ist haeufig auf 36, 38, sogar auf 40 +Meilen gesehen worden. Noch mehr, auf der Fahrt nach den Sandwichsinseln +hat man den Gipfel des Mowna-Roa(9) und zwar zu einer Zeit, wo kein Schnee +darauf lag, dicht am Horizont auf 53 Meilen gesehen. Dies ist bis jetzt +das auffallendste bekannte Beispiel von der Sichtbarkeit eines Berges, und +was noch merkwuerdiger ist, es handelt sich dabei von einem Gegenstand, der +nur negativ sichtbar ist. + +Ich glaubte diese Bemerkungen am Ende dieses Capitels zusammenstellen zu +sollen, weil sie sich auf eines der wichtigsten Probleme der Optik +beziehen, auf die Schwaechung der Lichtstrahlen bei ihrem Durchgang durch +die Schichten der Luft, und zugleich nicht ohne praktischen Nutzen sind. +Die Vulkane Teneriffas und der Azoren, die Sierra Nevada von St. Martha, +der Pic von Orizaba, die Silla bei Caracas, Mowna-Roa und der +St. Eliasberg liegen vereinzelt in weiten Meeresstrecken oder auf den +Kuesten der Continente, und dienen so dem Seefahrer, der die Mittel nicht +hat, um den Ort des Schiffes durch Sternbeobachtungen zu bestimmen, +gleichsam als Bojen im Fahrwasser. Alles, was mit der Erkennbarkeit dieser +natuerlichen Bojen zusammenhaengt, ist fuer die Sicherheit der Schifffahrt +von Belang. + + ------------------ + + + + + + 1 Ich muss hier bemerken, dass ich von einem Werke in sechs Baenden, das + unter dem seltsamen Titel: "Reise um die Welt und in Suedamerika, von + A. v. Humboldt, erschienen bei Vollmer in Hamburg", niemals Kenntniss + genommen habe. Diese in meinem Namen verfasste Reisebeschreibung + scheint nach in den Tageblaettern gegebenen Nachrichten und nach + einzelnen Abhandlungen, die ich in der ersten Classe des + franzoesischen Institutes gelesen, zusammengeschrieben zu seyn. Um + das Publikum aufmerksam zu machen, hielt es der Kompilator fuer + angemessen, einer Reise in einige Laender des neuen Kontinentes den + anziehenderen Titel einer "Reise um die Welt" zu geben. + + 2 Ich habe die Beobachtungen, die ich in beiden Hemisphaeren + anzustellen Gelegenheit gehabt, mit denen zusammengestellt, die in + den Werken von Cook, Laperouse, d´Entrecasteur, Vancouver, + Macartney, Krusenstern und Marchand gegeben sind, und darnach + schwankt die Geschwindigkeit der allgemeinen Stroemung unter den + Tropen zwischen 5 und 18 Meilen in 24 Stunden, somit zwischen + 0,3 und 1,2 Fuss in der Secunde. + + 3 Wenn es sich von der Meerestemperatur handelt, hat man sorgfaeltig + vier ganz gesonderte Erscheinungen zu unterscheiden: 1) die + Temperatur des Wassers an der Oberflaeche unter verschiedenen + Breiten, das Meer als ruhig angenommen; 2) die Abnahme der Waerme in + den ueber eineander gelagerten Wasserschichten; 3) den Einfluss der + Untiefen auf die Temperatur des Meeres; 4) die Temperatur der + Stroemungen, die mit constanter Geschwindigkeit die Gewaesser der + einen Zone durch ruhenden Gewaesser der andern hindurchfuehren. + + 4 Diese Kameele, die zum Feldbau dienen und deren Fleisch man im Lange + zuweilen eingesalzen isst, lebten hier nicht vor der Eroberung der + Inseln durch die Bethencourts. Im sechzehnten Jahrhundert hatten + sich die Esel auf Fortaventura dergestalt vermehrt, dass sie + verwildert waren und man Jagd auf sie machen musste. Man schoss ihrer + mehrere tausend, damit die Ernten nicht zu Grunde gingen. Die Pferde + auf Fortaventura sind von berberischer Rasse und ausgezeichnet + schoen. + + 5 In 32 Faden Tiefe kann der Fucus nur von einem Lichte beleuchtet + gewesen seyn, das 203mal staerker ist als das Mondlicht, also gleich + der Haelfte des Lichts, das eine Talgkerze auf 1 Fuss Entfernung + verbreitet. Nach meinen direkten Versuchen wird aber das _Lepidium + saticum_ beim glaenzenden Lichte zweier Argandschen Lampen kaum + merkbar gruen. + + 6 Ich bemerke hier, dass diese Klippe schon auf der beruehmten + venetianischen Karte des Andrea Bianco angegeben ist, dass aber mit + dem Namen Infierno, wie auch auf der aeltesten Karte des Picigano, + Teneriffa bezeichnet ist, wahrscheinlich, weil die Guanchen den Pic + als den Eingang der Hoelle ansahen. + + 7 Mit Verwunderung liest man in einem sonst ganz nuetzlichen, unter den + Seeleuten sehr verbreiteten Buche, in der neunten Ausgabe des + _Practical Navigator_ von Hamilton Moore, p. 200, in Folge der + Massenattractien oder der allgemeinen Schwere komme ein Fahrzeug + schwer von der Kueste weg und werde die Schaluppe einer Fregatte von + dieser selbst angezogen. + + 8 Die Hoehe dieses Pics betraegt nach de Fleurien 1100 Toisen [2144 m], + nach Ferrer 1238 [2413], nach Tofino 1260 [2457], aber diese Maasse + sind nur annaehernde Schaetzungen. Der Capitaen des Pizarro, Don Manuel + Cagigal, hat mir aus seinem Tagebuch bewiesen, dass er den Pic der + Azoren auf 37 Meilen Entfernung gesehen hat, zu einer Zeit, wo er + seiner Laenge wenigstens bis auf 2 Minuten gewiss war. Der Vulkan + wurde in Sued 4 deg. Ost gesehen, so dass der Irrthum in der Laenge auf die + Schaetzung der Entfernung nur ganz unbedeutenden Einfluss haben + konnte. Indessen war der Winkel, unter dem der Pic der Azoren + erschien, so gross, dass Cagigal der Meinung ist, der Vulkan muesse auf + mehr als 40 oder 42 Lieues zu sehen seyn. Der Abstand von 37 Lieues + setzt eine Hoehe von 1431 Toisen [2789 m] voraus. + + 9 Der Mowna-Roa auf den Sandwichsinseln ist nach Marchand ueber 2598 + Toisen hoch, nach King 2577, aber diese Messungen sind, trotz ihrer + zufaelligen Uebereinstimmung, keineswegs auf zuverlaessigem Wege + erzielt. Es ist eine ziemlich auffallende Erscheinung, dass ein + Berggipfel unter 19 deg. Breite, der wahrscheinlich ueber 2500 Toisen + hoch ist, von Schnee ganz entbloesst wird. Die starke Abplattung des + Mowna-Roa, der *Mesa* der alten spanischen Karten, seine vereinzelte + Lage im Weltmeer und die Haeufigkeit gewisser Winde, die durch den + aufsteigenden Strom abgelenkt, in schiefer Richtung wehen, moegen die + vornehmsten Ursachen seyn. Es laesst sich nicht wohl annehmen, dass + sich Capitaen Marchand in der Schaetzung des Abstandes, in dem er am + 10. Oktober 1791 den Gipfel des Mowna-Roa sah, bedeutend geirrt + habe. Er hatte die Insel O-Whyhee erst am 7. Abends verlassen, und + nach der Bewegung der Gewaesser und den Mondsbeobachtungen am + 10. betrug die Entfernung wahrscheinlich sogar noch mehr als 53 + Meilen. Ueberdiess berichtet ein erfahrner Seemann, de Fleurien, dass + der Pic von Teneriffa selbst bei nicht ganz klarem Wetter auf 35 bis + 36 Meilen zu sehen sey. + + + + + +ZWEITES KAPITEL + + + Aufenthalt auf Teneriffa -- Reise von Santa Cruz nach Orotava -- + Besteigung des Pics + + +Von unserer Abreise von Graciosa an war der Horizont fortwaehrend so +dunstig, dass trotz der ansehnlichen Hoehe der Berge Canarias _(Isla de la +gran Canaria)_ die Insel erst am 19. Abends in Sicht kam. Sie ist die +Kornkammer des Archipels der "glueckseligen Inseln", und man behauptet, was +fuer ein Land ausserhalb der Tropen sehr auffallend ist, in einigen Strichen +erhalte man zwei Getreideernten im Jahre, eine im Februar, die andere im +Juni. Canaria ist noch nie von einem unterrichteten Mineralogen besucht +worden; sie verdiente es aber um so mehr, als mir ihre in parallen Ketten +streichenden Berge von ganz andrem Charakter schienen, als die Gipfel von +Lancerota und Teneriffa. Nichts ist fuer den Geologen anziehender als die +Beobachtung, wie sich an einem bestimmten Punkte die vulkanischen +Bildungen zu den Urgebirgen und den securdaeren Gebirgen verhalten. Sind +einmal die canarischen Inseln in allen ihren Gebirgsgliedern erforscht, so +wird sich zeigen, dass man zu voreilig die Bildung der ganzen Gruppe einer +Hebung durch unterseeische Feuerausbrueche zugeschrieben hat. + +Am 19. Morgens sahen wir den Berggipfel Naga (_Punta de Naga_, _Anaga_ +oder _Nago_), aber der Pik von Teneriffa blieb fortwaehrend unsichtbar. Das +Land trat nur undeutlich hervor, ein dicker Nebel verwischte alle Umrisse. +Als wir uns der Rhede von Santa Cruz naeherten, bemerkten wir, dass der +Nebel, vom Winde getrieben, auf uns zukam. Das Meer war sehr unruhig, wie +fast immer in diesen Strichen. Wir warfen Anker, nachdem wir mehrmals das +Senkblei ausgeworfen; denn der Nebel war so dicht, dass man kaum auf ein +paar Kabellaengen sah. Aber eben da man anfing den Platz zu salutiren, +zerstreute sich der Nebel voellig, und da erschien der Pic de Teyde in +einem freien Stueck Himmel ueber den Wolken, und die ersten Strahlen der +Sonne, die fuer uns noch nicht aufgegangen war, beleuchteten den Gipfel des +Vulkanes. Wir eilten eben aufs Vordertheil der Corvette, um dieses +herrlichen Schauspiels zu geniessen, da signalisirte man vier englische +Schiffe, die ganze nahe an unseren Hintertheile auf der Seite lagen. Wir +waren in ihnen vorbeigesegelt, ohne dass sie uns bemerkt hatten, und +derselbe Nebel, der uns den Anblick des Pic entzogen, hatte uns der Gefahr +entrueckt, nach Europa zurueckgebracht zu werden. Wohl waere es fuer +Naturforscher ein grosser Schmerz gewesen, die Kueste von Teneriffa von +weitem gesehen zu haben, und einen von Vulkanen zerruetteten Boden nicht +betreten zu duerfen. + +Alsbald hoben wir den Anker und der Pizarro naeherte sich so viel moeglich +dem Fort, um unter den Schutz desselben zu kommen. Hier auf dieser Rhede, +als zwei Jahre vor unserer Ankunft die Englaender zu landen versuchten, riss +eine Kanonenkugel Admiral Nelson den Arm ab (im Juli 1797). Der +Generalstatthalter der canarischen Inseln [Don Andres de Perlasca.] +schickte an den Capitaen der Corvette den Befehl, alsbald die +Staatsdepechen fuer die Statthalter der Colonien, das Geld an Bord und die +Post ans Land schaffen zu lassen. Die englischen Schiffe entfernten sich +von der Rhede; sie hatten tags zuvor auf das Paketboot Alcadia Jagd +gemacht, das wenige Tage vor uns von Corunna abgegangen war. Es hatte in +den Hafen von Palmas auf Canaria einlaufen muessen, und mehrere Passagiere, +die in einer Schaluppe nach Santa Cruz auf Teneriffa fuhren, waren +gefangen worden. + +Die Lage dieser Stadt hat grosse Aehnlichkeit mit der von Guayra, dem +besuchtesten Hafen der Provinz Caracas. An beiden Orten ist die Hitze aus +denselben Ursachen sehr gross; aber von aussen erscheint Santa Cruz +truebseliger. Auf einem oeden, sandigen Strande stehen blendend weisse Haeuser +mit platten Daechern und Fenstern ohne Glas vor einer schwarzen senkrechten +Felsmauer ohne allen Pflanzenwuchs. Ein huebscher Hafendamm aus gehauenen +Steinen und der oeffentliche, mit Pappeln besetzte Spaziergang bringen die +einzige Abwechselung in das eintoenige Bild. Von Santa Cruz aus nimmt sich +der Pic weit weniger malerisch aus als im Hafen von Orotava. Dort ergreift +der Gegensatz zwischen einer lachenden, reich bebauten Ebene und der +wilden Physiognomie des Vulkanes. Von den Palmen- und Bananengruppen am +Strande bis zu der Region der Arbutus, der Lorbeeren und Pinien ist das +vulkanische Gestein mit kraeftigem Pflanzenwuchs bedeckt. Man begreift, wie +sogar Voelker, welche unter dem schoenen Himmel von Griechenland und Italien +wohnen, im oestlichen Teil von Teneriffa eine der glueckseligen Inseln +gefunden zu haben meinten. Die Ostkueste dagegen, an der Santa Cruz liegt, +traegt ueberall den Stempel der Unfruchtbarkeit. Der Gipfel des Pics ist +nicht oeder als das Vorgebirge aus basaltischer Lava, das der Punta de Naga +zulaeuft und wo Fettpflanzen in den Ritzen des Gesteines eben erst den +Grund zu einstiger Dammerde legen. ImHaven von Orotava erscheint die +Spitze des Zuckerhutes unter einem Winkel von 16 1/2 deg., waehrend auf dem +Hafendamm von Santa Cruz der Winkel kaum 4 deg. 36' betraegt. [Der Spitze des +Vulkans ist von Orotava etwa 8600, von Santa Cruz 22,500 Toisen entfernt.] + +Trotz diesem Unterschied, und obgleich am letzteren Orte der Vulkan kaum +so weit ueber den Horizont aufsteigt, als der Vesuv, vom Molo von Neapel +aus gesehen, so ist dennoch der Anblick des Pics, wenn man ihn vor Anker +auf der Rhede zum erstenmal sieht, aeusserst grossartig. Wir sahen nur den +Zuckerhut; sein Kegel hob sich vom reinsten Himmelsblau ab, waehrend +schwarze dicke Wolken den uebrigen Berg bis auf 1800 Toisen [3500 m] Hoehe +einhuellten. Der Bimsstein, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, warf +ein roethliches Licht zurueck, dem aehnlich, das haeufig die Gipfel der +Hochalpen faerbt. Allmaehlich ging dieser Schimmer in das blendendste Weiss +ueber, und es ging uns wie den meisten Reisenden, wir meinten, der Pic sey +noch mit Schnee bedeckt und wir werden nur mit grosser Muehe an den Rand des +Kraters gelangen koennen. + +Wir haben in der Cordillere der Anden die Beobachtung gemacht, dass +Kegelberge, wie der Cotopaxi und der Tungurahua, sich oefter unbewoelkt +zeigen als Berge, deren Krone mit vielen kleinen Unebenheiten besetzt ist, +wie der Antisana und der Pichincha; aber der Pic von Teneriffa ist, trotz +seiner Kegelgestalt, einen grossen Theil des Jahres in Dunst gehuellt, und +zuweilen sieht man ihn auf der Rhede von Santa Cruz mehrere Wochen lang +nicht ein einzigesmal. Die Erscheinung erklaert sich ohne Zweifel daraus, +dass er westwaerts von einem grossen Festland und ganz isoliert im Meere +liegt. Die Schiffer wissen recht gut, dass selbst die kleinsten, +niedrigsten Eilande die Wolken anziehen und festhalten. Ueberdiess erfolgt +die Waermeabgabe ueber den Ebenen Afrika's und ueber der Meeresflaeche in +verschiedenem Verhaeltniss, und die Luftschichten, welche die Passatwinde +herfuehren, kuehlen sich immer mehr ab, je weiter sie gegen Wesst gelangen. +Die Luft, die ueber dem hiessen Wuestensand ausnehmend trochen war, +schwaengert sich rasch, sobald sie mit der Meeresflaeche oder mit der Luft, +die auf dieser Flaeche ruht, in Beruehrung kommt. Man sieht also leicht, +warum die Duenste in Luftschichten sichtbar werden, die, vom Festland +weggefuehrt, nicht mehr die Temperatur haben, bei der sie sich mit Wasser +gesaettigt hatten. Zudem haelt die bedeutende Masse eines frei aus dem +atlantischen Meere aufsteigenden Berges die Wolken auf, welche der Wind +der hohen See zutreibt. + +Lange und mit Ungeduld warteten wir auf die Erlaubnis von seiten des +Statthalters, ans Land gehen zu duerfen. Ich nuetzte die Zeit, um die Laenge +des Hafendammes von Santa Cruz zu bestimmen und die Inclination der +Magnetnadel zu beobachten. Der Chronometer von Louis Berthoud gab jene zu +18 deg. 33' 10" an. Diese Bestimmung weicht um 3-4 Bogenminuten von derjenigen +ab, die sich aus den alten Beobachtungen von Fleurieu, Pingre, Borda, +Vancouver und la Peyrouse ergibt. Guenot hatte uebrigens gleichfalls +18 deg. 33' 36" gefunden und der unglueckliche Capitaen Blight 18 deg. 34' 30". Die +Genauigkeit meines Ergebnisses wurde drei Jahre darauf bei der Expedition +des Ritters Krusenstern bestaetigt: man fand fuer Santa Cruz 16 deg. 12' 45" +westlich von Greenwich, folglich 18 deg. 33' 0" westlich von Paris. Diese +Angaben zeigen, dass die Laengen, welche Capitaen Cook fuer Teneriffa und das +Cap der guten Hoffnung annahm, viel zu weit westlich sind. Derselbe +Seefahrer hatte im Jahr 1799 die magnetische Inclination gleich 61 deg. 52' +gefunden. Bonpland und ich fanden 62 deg. 24', was mit dem Resultat +uebereinstimmt, das de Rossel bei d'Entrecasteaux's Expedition im Jahr 1791 +erhielt. Die Declination der Nadel schwankt um mehrere Grade, je nachdem +man sie auf dem Hafendamm oder an verschiedenen Punkten nordwaerts laengs +des Gestades beobachtet. Diese Schwankungen koennen ein einem von +vulkanischem Gestein umgebenen Orte nicht befremden. Ich habe mit +Gay-Lussac die Beobachtung gemacht, dass am Abhang des Vesuvs und im Innern +des Kraters die Intensitaet der magnetischen Kraft durch die Naehe der Laven +modicirt wird. + +Nachdem die Leute, die zu uns an Bord gekommen waren, um sich nach +politischen Neuigkeiten zu erkundigen, uns mit ihren vielerlei Fragen +geplagt hatten, stiegen wir endlich ans Land. Das Boot wurde sogleich zur +Corvette zurueckgeschickt, weil die auf der Rhede sehr gefaehrliche Brandung +es leicht haette am Hafendamm zertruemmern koennen. Das erste, was uns zu +Gesicht kam, war ein hochgewachsenes, sehr gebraeuntes, schlecht +gekleidetes Frauenzimmer, das die *Capitana* hiess. Hinter ihr kamen einige +andere in nicht anstaendigerem Aufzug; sie bestuermten uns mit der Bitte, an +Bord des Pizarro gehend zu duerfen, was ihnen natuerlich nicht bewilligt +wurde. In diesem von Europaeern so stark besuchten Hafen ist die +Ausschweifung diszipliniert. Die Capitana ist von ihresgleichen als +Anfuehrerin gewaehlt, und sie hat grosse Gewalt ueber sie. Sie laesst nichts +geschehen, was sich mit dem Dienst auf den Schiffen nicht vertraegt, sie +fordert die Matrosen auf, zur rechten Zeit an Bord zurueckzukehren, und die +Officiere wenden sich an sie, wenn man fuerchtet, dass sich einer von der +Mannschaft versteckt habe, um auszureissen. + +Als wir die Strassen von Santa Cruz betraten, kam es uns zum Ersticken heiss +vor, und doch stand der Thermometer nur auf 25 Grad. Wenn man lange +Seeluft geathmet hat, fuehlt man sich unbehaglich, so oft man ans Land +geht, nicht weil jene Luft mehr Sauerstoff enthaelt als die Luft am Land, +wie man irrthuemlich behauptet hat, sondern weil sie weniger mit den +Gasgemischen geschwaengert ist, welche die thierischen und Pflanzenstoffe +und die Dammerde, die sich aus ihrer Zersetzung bildet, fortwaehrend in den +Luftkreis entbinden. Miasmen, welche sich der chemischen Analyse +entziehen, wirken gewaltig auf die Organe, zumal wenn sie nicht schon seit +laengerer Zeit denselben Reizen ausgesetzt gewesen sind. + +Santa Cruz de Tenerifa, das Anaza der Guanchen, ist eine ziemlich huebsche +Stadt mit 8000 Einwohnern. Mir ist die Menge von Moenchen und +Weltgeistlichen, welche die Reisenden in allen Laendern unter spanischem +Zepter sehen zu muessen glauben, gar nicht aufgefallen. Ich halte mich auch +nicht damit auf, die Kirchen zu beschreiben, die Bibliothek der +Dominicaner, die kaum ein paar hundert Baende zaehlt, den Hafendamm, wo die +Einwohnerschaft Abends zusammenkommt, um der Kuehle zu geniessen, und das +beruehmte dreissig Fuss [10 m] hohe Denkmal aus carrarischen Marmor, geweiht +unserer lieben Frau von Candelaria, zum Gedaechtniss ihrer wunderbaren +Erscheinung zu Chimisay bei Guimar im Jahre 1362. Der Hafen von Santa Cruz +ist eigentlich ein grosses Caravanserai auf dem Wege nach Amerika und +Indien. Fast alle Reisebeschreibungen beginnen mit einer Beschreibung von +Madeira und Teneriffa, und wenn die Naturgeschichte dieser Inseln der +Forschung noch ein ungeheures Feld bietet, so laesst dagegen die Topographie +der kleinen Staedte Funchal, Santa Cruz, Laguna und Orotava fast nichts zu +wuenschen uebrig. + +Die Empfehlungen des Madrider Hofes verschafften uns auf den Canarien, wie +in allen anderen spanischen Besitzungen, die befriedigendste Aufnahme. Vor +allem ertheilte uns der Generalcapitaen die Erlaubniss, die Insel zu +bereisen. Der Oberst Armiaga, Befehlshaber eines Infanterieregimentes, +nahm uns in seinem Hause auf und ueberhaeufte uns mit Hoeflichkeit. Wir +wurden nicht muede, in seinem Garten im Freien gezogene Gewaechse zu +bewundern, die wir bis jetzt nur in Treibhaeusern gesehen hatten, den +Bananenbaum, den Melonenbaum, die _Poinciana pulcherrima_ und andere. Das +Klima der Canarien ist indessen nicht warm genug, um den aechten _Platano +arton_ mit dreieckiger, sieben bis acht Zoll langer Frucht, der eine +mittlere Temperatur von etwa 24 Graden verlangt und selbst nicht im Thale +von Caracas fortkommt, reif werden zu lassen. Die Bananen auf Teneriffa +sind die, welche die spanischen Colonisten *Camburis* oder *Guineos* und +*Dominicos* nennen. Der Camburi, der am wenigsten vom Frost leidet, wird +sogar in Malaga mit Erfolg gebaut [Die mittlere Temperatur dieser Stadt +betraegt nur 18 deg..]; aber die Fruechte, die man zuweilen zu Cadix sieht, +kommen von den Canarien auf Schiffen, welche die Ueberfahrt in drei, vier +Tagen machen. Die Musa, die allen Voelkern der heissen Zone bekannt ist, und +die man bis jetzt nirgends wild gefunden hat, variiert meist in ihren +Fruechten, wie unsere Apfel- und Birnenbaeume. Diese Varietaeten, welche die +meisten Botaniker verwechseln, obgleich sie sehr verschiedene Klimate +verlangen, sind durch lange Cultur constant geworden. + +Am Abend machten wir eine botanische Excursion nach dem Fort Passo Alto +laengs der Basaltfelsen, welche das Vorgebirge Naga bilden. Wir waren mit +unserer Ausbeute sehr schlecht zufrieben, denn die Trockenheit und der +Staub hatten die Vegetation so ziemlich vernichtet. _Cacalia Kleinia_, +_Euphorbia canariensis_ und sehr verschiedene andere Fettpflanzen, welche +ihre Nahrung vielmehr aus der Luft als aus dem Boden ziehen, auf dem sie +wachsen, mahnten uns durch ihren Habitus daran, dass diese Inseln Afrika +angehoeren, und zwar dem duerrsten Striche dieses Festlandes. + +Der Capitaen der Corvette hatte zwar den Befehl, so lange zu verweilen, dass +wir die Spitze des Pics besteigen koennten, wenn anders der Schnee es +gestattete; man gab uns aber zu erkennen, wegen der Blockade der +englischen Schiffe duerften wir nur auf einen Aufenthalt von vier, fuenf +Tagen rechnen. Wir eilten demnach, in den Hafen von Orotava zu kommen, der +am Westabhang des Vulkans liegt, und wo wir Fuehrer zu finden sollten. In +Santa Cruz konnte ich Niemanden auffinden, der den Pic bestiegen gehabt +haette, und ich wunderte mich nicht darueber. Die merkwuerdigsten Dinge haben +desto weniger Reiz fuer uns, je naeher sie uns sind, und ich kannte +Schaffhauser, welche den Rheinfall niemals in der Naehe gesehen hatten. + +Am 20. Juni vor Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg nach Villa de la +Laguna, die 350 Toisen [682 m] ueber dem Hafen von Santa Cruz liegt. Wir +konnten diese Hoehenangabe nicht verificiren, denn wegen der Brandung +hatten in der Nacht nicht an Bord gehen koennen, um Barometer und +Inclinationscompass zu holen. Da wir voraussahen, dass wir bei unserer +Besteigung des Pic sehr wuerden eilen muessen, so war es uns ganz lieb, dass +die Instrumente, die uns in unbekannteren Laendern dienen sollten, hier +keiner Gefahr aussetzen konnten. Der Weg nach Laguna hinauf laeuft an der +rechten Seite eines Baches oder *Barranco* hin, der in der Regenzeit +schoene Faelle bildet; er ist schmal und vielfach gewunden. Nach meiner +Rueckkehr habe ich gehoert, Herr von Perlasca habe hier eine neue Strasse +anlegen lassen, auf der Wagen fahren koennen. Bei der Stadt begegneten uns +weisse Kameele, die sehr leicht beladen schienen. Diese Thiere werden +vorzugsweise dazu gebraucht, die Waaren von der Douane in die Magazine der +Kaufleute zu schaffen. Man ladet ihnen gewoehnlich zwei Kisten Havanazucker +auf, die zusammen 900 Pfund wiegen, man kann aber die Ladung bis auf 13 +Zentner oder 52 castilische Arrobas steigern. Auf Teneriffa sind die +Kameele nicht sehr haeufig, waehrend ihrer auf Lanzerota und Fortaventura +viele Tausende sind. Diese Inseln liegen Afrika naeher und kommen daher +auch in Klima und Vegetation mehr mit diesem Continent ueberein. Es ist +sehr auffallend, dass dieses nuetzliche Thier, das sich in Suedamerika +fortpflanzt, dies auf Teneriffa fast nie thut. Nur im fruchtbaren Distrikt +von Adexe, wo die bedeutendsten Zuckerrohrpflanzungen sind, hat man die +Kameele zuweilen Junge werfen sehen. Diese Lastthiere, wie die Pferde, +sind im fuenfzehnten Jahrhundert durch die normaennischen Eroberer auf den +Canarien eingefuehrt worden. Die Guanchen kannten sie nicht, und dies +erklaert sich wohl leicht daraus, dass ein so gewaltiges Thier schwer auf +schwachen Fahrzeugen zu transportiren ist, ohne dass man die Guanchen als +die Ueberreste der Bevoelkerung der Atlantis zu betrachten und zu glauben +braucht, sie gehoeren einer anderen Rasse an als die Westafrikaner. + +Der Huegel, auf dem die Stadt San Christobal de la Laguna liegt, gehoert dem +System von Basaltgebirgen an, die, unabhaengig vom System neuerer +vulkanischer Gebirgsarten, einen weiten Guertel um den Pic von Teneriffa +bilden. Der Basalt von Laguna ist nicht saeulenfoermig, sondern zeigt nicht +sehr dicke Schichten, die nach Ost unter einem Winkel von 30 - 40 Grad +fallen. Nirgends hat er das Ansehen eines Lavastroms, der an den Abhaengen +der Pics ausgebrochen waere. Hat der gegenwaertige Vulkan diese Basalte +hervorgebracht, so muss man annehmen, wie bei den Gesteinen, aus denen die +Somma neben dem Vesuv besteht, dass sie in Folge eines unterseeischen +Ausbruchs gebildet sind, wobei die weiche Masse wirklich geschichtet +wurde. Ausser einigen baumartigen Euphorbien, _Cacalia Kleinia_ und +Fackeldisteln (Cactus), welche auf den Canarien, wie im suedlichen Europa +und auf dem afrikanischen Festland verwildert sind, waechst nichts auf +diesem duerren Gestein. Unsere Maulthiere glitten jeden Augenblick auf +stark geneigten Steinlagern aus. Indessen sahen wir die Ueberreste eines +alten Pflasters. Bei jedem Schritt stoesst man in den Colonien auf Spuren +der Thatkraft, welche die spanische Nation im sechzehnten Jahrhundert +entwickelt hat. + +Je naeher wir Laguna kamen, desto kuehler wurde die Luft, und dies thut um +so wohler, da es in Santa Cruz zum Ersticken heiss ist. Da widrige +Eindruecke unsere Organe staerker angreifen, so ist der Temperaturwechsel +auf dem Rueckweg von Laguna zum Hafen noch auffallender; man meint, man +naehere sich der Muendung eines Schmelzofens. Man hat dieselbe Empfindung, +wenn man an der Kueste von Caracas vom Berg Avila zum Hafen von Guayra +niedersteigt. Nach dem Gesetz der Waermeabnahme machen in dieser Breite 350 +Toisen Hoehe nur drei bis vier Grad Temperaturunterschied. Die Hitze, +welche dem Reisenden so laestig wird, wenn er Santa Cruz de Teneriffa oder +Guayra betritt, ist daher wohl dem Rueckprallen der Waerme von den Felsen +zuzuschreiben, an welche beide Staedte sich lehnen. + +Die fortwaehrende Kuehle, die in Laguna herrscht, macht die Stadt fuer die +Canarier zu einem koestlichen Aufenthaltsort. Auf einer kleinen Ebene, +umgeben von Gaerten, am Fusse eines Huegels, den Lorbeeren, Myrten und +Erdbeerbaeume kroenen, ist die Hauptstadt von Teneriffa wirklich ungemein +freundlich gelegen. Sie liegt keineswegs, wie man nach meheren +Reiseberichten glauben sollte, an einem See. Das Regenwasser bildet hier +periodisch einen weiten Sumpf, und der Geolog, der ueberall in der Natur +vielmehr einen frueheren Zustand der Dinge als den gegenwaertigen im Auge +hat, zweifelt nicht daran, dass die ganze Ebene ein grosses ausgetrockenetes +Becken ist. Laguna ist in seinem Wohlstand herabgekommen, seit die +Seitenausbrueche des Vulkans den Hafen von Garachico zerstoert haben und +Santa Cruz der Haupthandelsplatz der Inseln geworden ist; es zaehlt nur +noch 9000 Einwohner, worunter gegen 400 Moenche in sechs Kloestern. Manche +Reisende behaupten, die Haelfte der Bevoelkerung bestehe aus Kuttentraegern. +Die Stadt ist mit zahlreichen Windmuehlen umgeben, ein Wahrzeichen des +Getreidebaus in diesem hochgelegenen Striche. Ich bemerke bei dieser +Gelegenheit, dass die naehrenden Grasarten den Guanchen bekannt waren. Das +Korn hiess auf Teneriffa _tano_, auf Lanzerota _triffa_; die Gerste hiess +auf Canaria _aramotanoque_, auf Lanzerota _tamosen_. Geroestetes +Gerstenmehl _(gofio)_ und Ziegenmilch waren die vornehmsten Nahrungsmittel +dieses Volkes, ueber dessen Ursprung so viele systematische Traeumereien +ausgeheckt worden sind. Diese Nahrung weist bestimmt darauf hin, dass die +Guanchen zu den Voelkern der alten Welt gehoerten, wohl selbst zur +caucasischen Race, und nicht, wie die andern Atlanten [Ich lasse mich hier +auf keine Verhandlung ueber die Existenz der Atlantis ein und erwaehne nur, +dass nach Diodor von Sicilien die Atlanten die Cerealien nicht kannten, +weil sie von der uebrigen Menschheit getrennt worden, bevor ueberhaupt +Getreide gebaut wurde.], zu den Volksstaemmen der neuen Welt; die letzteren +kannten vor der Ankunft der Europaeer weder Getreide, noch Milch, noch +Kaese. + +Eine Menge Capellen, von den Spaniern _ermitas_ genannt, liegen um die +Stadt Laguna. Umgeben von immergruenen Baeumen auf kleinen Anhoehen, erhoehen +diese Capellen, wie ueberall den malerischen Reiz der Landschaft. Das +Innere der Stadt entspricht dem Aeussern durchaus nicht. Die Haeuser sind +solid gebaut, aber sehr alt und die Strassen oede. Der Botaniker hat +uebrigens nicht zudauern, dass die Haeuser so alt sind. Daecher und Mauern +sind bedeckt mit _Sempervivum canariense_ und dem zierlichen +_Trichomanes_, dessen alle Reisende gedenken; die haeufigen Nebel geben +diesen Gewaechsen Unterhalt. + +Anderson, der Naturforscher bei Capitaen Cooks dritter Reise, gibt den +europaeischen Aerzten den Rath, ihre Kranken nach Teneriffa zu schicken, +keineswegs auf der Ruecksicht, welche manche Heilkuenstler die entlegendsten +Baeder waehlen laesst, sondern wegen der ungemeinen Milde und Gleichmaessigkeit +des Klimas der Canarien. Der Boden der Inseln steigt amphitheatralisch auf +und zeigt, gleich Peru und Mexico, wenn auch in kleinerem Maassstab, alle +Klimate, von afrikanischer Hitze bis zum Froste der Hochalpen. Santa Cruz, +der Hafen von Orotava, die Stadt desselben Namens und Laguna sind vier +Orte, deren mittlere Temperaturen eine abnehmende Reihe darstellen. Das +suedliche Europa bietet nicht dieselben Vortheile, weil der Wechsel der +Jahreszeiten sich noch zu stark fuehlbar macht. Teneriffa dagegen, +gleichsam an der Pforte der Tropen und doch nur wenige Tagereisen von +Spanien, hat schon ein gut Theil der Herrlichkeit aufzuweisen, mit der die +Natur die Laender zwischen den Wendekreisen ausgestattet. Im Pflanzenreich +treten bereits mehrere der schoensten und grossartigsten Gestalten auf, die +Bananen und die Palmen. Wer Sinn fuer Naturschoenheit hat, findet auf dieser +koestlichen Insel noch kraeftigere Heilmittel als das Klima. Kein Ort der +Welt scheint mir geeigneter, die Schwermuth zu bannen und einen +schmerzlich ergriffenen Gemuethe den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa +und Madeia. Und solches wirkt nicht allein die herrliche Lage und die +reine Luft, sondern vor allem das Nichtvorhandensein der Sklaverei, deren +Anblick einen in beiden Indien so tief empoert, wie ueberall, wohin +europaeische Colonisten ihre sogenannte Aufklaerung und ihre Industrie +getragen haben. + +Im Winter ist das Klima von Laguna sehr nebligt und die Einwohner beklagen +sich haeufig ueber Frost. Man hin indessen nie schneien sehen, woraus man +schliessen sollte, dass die mittlere Temperatur der Stadt ueber 18 deg.,7 +(15 deg. R.) betraegt, das heisst mehr als in Neapel. Fuer streng kann dieser +Schluss nicht gelten; denn im Winter haengt die Erkaeltung der Wolken weniger +von der mittleren Temperatur des ganzen Jahres ab als vielmehr von der +augenblicklichen Erniedrigung der Waerme, der ein Ort vermoege seiner +besondern Lage ausgesetzt ist. Die mittlere Temperatur der Hauptstadt von +Mexico ist z. B. nur 16 deg.,8 (13 deg.,5 R.), und doch hat man in hundert Jahren +nur ein einziges mal schneien sehen, waehrend es im suedlichen Europa und in +Afrika noch an Orten schneit, die ueber 19 Grad mittlere Temperatur haben. + +Wegen der Naehe des Meeres ist das Klima von Laguna im Winter milder, als +es nach der Meereshoehe seyn sollte. Herr Broussonet hat sogar, wie ich mit +Verwunderung hoerte, mitten in der Stadt, im Garten des Marquis von Nava, +Brotfruchtbaeume _(Artocarpus incisa)_ und Zimmtbaeume _(Laurus cinnamomum)_ +angepflanzt. Diese koestlichen Gewaechse der Suedsee und Ostindiens wurden +hier einheimisch, wie auch in Orotava. Sollte dieser Versuch nicht +beweisen, dass der Brotfruchtbaum in Calabrien, auf Sicilien und in Grenada +fortkaeme? Der Anbau des Kaffeebaumes ist in Laguna nicht in gleichem Maasse +gelungen, wenn auch die Fruechte bei Tegueste und zwischen dem Hafen von +Orotava und dem Dorfe San Juan de la Rambla reif werden. Wahrscheinlich +sind oertliche Verhaeltnisse, vielleicht die Beschaffenheit des Bodens und +die Winde, die in der Bluethezeit wehen, daran Schuld. In andern Laendern, +z. B. bei Neapel, traegt der Kaffeebaum ziemlich reichlich Fruechte, +obgleich die mittlere Temperatur kaum ueber 18 Grad der hunderttheiligen +Scale betraegt. + +Auf Teneriffa ist die mittlere Hoehe, in der jaehrlich Schnee faellt, noch +niemals bestimmt worden. Solches ist mittelst barometrischer Messung +leicht auszufuehren, es ist aber bis jetzt fast in allen Erdstrichen +versaeumt worden; und doch ist diese Bestimmung von grossem Belang fuer den +Ackerbau in den Colonien und fuer die Meteorologie, und ganz so wichtig als +das Hoehenmaass der untern Grenze des ewigen Schnees. Ich stelle die +Ergebnisse meiner betreffenden Beobachtungen in folgender Uebersicht +zusammen. + +Diese Tafel gibt nur das Durchschnittsverhaeltniss, das heisst die +Erscheinungen, wie sie sich im ganzen Jahre zeigen. Besondere Lokalitaeten +koennen Ausnahmen herbeifuehren. So schneit es zuweilen, wenn auch sehr +selten, in Neapel, Lissabon, sogar in Malaga, also noch unter dem 37. Grad +der Breite, und wie schon bemerkt, hat man Schnee in der Stadt Mexiko +fallen sehen, die 1173 Toisen [2286 m] ueber dem Meere liegt. Dies war seit +mehreren Jahrhunderten nicht vorgekommen, und das Ereigniss trat gerade am +Tage ein, da die Jesuiten vertrieben wurden, und wurde vom Volke natuerlich +dieser Gewaltmaassregel zugeschrieben. Noch ein auffallenderes Beispiel +bietet das Klima von Valladolid, der Hauptstadt der Provinz Mechoacan. +Nach meinen Messungen liegt diese Stadt unter 19 deg. 41' der Breite nur +tausend Toisen hoch; dennoch waren daselbst wenige Jahre vor meiner +Ankunft in Neuspanien die Strassen mehrere Stunden lang mit Schnee bedeckt. + +Auch auf Teneriffa hat man an einem Orte ueber Esperanza de la Laguna, +dicht bei der Stadt dieses Namens, in deren Gaerten Brotbaeume wachsen, +schneien sehen. Dieser ausserordentliche Fall wurde Broussonet von sehr +alten Leuten erzaehlt. Die _Erica arborea_, die _Mirica Faya_ und _Arbutus +callycarpa_ litten nicht durch den Schnee; aber alle Schweine, die im +Freien waren, kamen dadurch um. Diese Beobachtung ist fuer die +Pflanzenphysiologie von Wichtigkeit. In heissen Laendern sind die Gewaechse +so kraeftig, dass ihnen der Frost weniger schadet, wenn er nur nicht lange +anhaelt. Ich habe auf der Insel Cuba den Bananenbaum an Orten angebaut +gesehen, wo der hunderttheilige Thermometer auf 7 Grad, ja zuweilen fast +auf den Gefrierpunkt faellt. In Italien und Spanien gehen Orangen- und +Dattelbaeume nicht zu Grunde, wenn es auch bei Nacht zwei Grad Kaelte hat. +Im Allgemeinen macht man beim Garten- und Landbau die Bemerkung, dass +Pflanzen in fruchtbarem Boden weniger zaertlich und somit auch fuer +ungewoehnlich niedrige Temperaturgrade weniger empfindlich sind, als +solche, die in einem Erdreich wachsen, dass ihnen nur wenig Nahrungssaefte +bietet(10) + +Zwischen der Stadt Laguna, und dem Hafen von Orotava und der Westkueste von +Teneriffa kommt man zuerst durch ein huegligtes Land mit schwarzer +thonigter Dammerde, in der man hin und wieder kleine Augitkrystalle +findet. Wahrscheinlich reisst das Wasser diese Krystalle vom anstehenden +Gestein ab, wie zu Frascati bei Rom. Leider entziehen eisenhaltige +Floetzschichten den Boden der geologischen Untersuchung. Nur in einigen +Schluchten kommen saeulenfoermige, etwas gebogene Basalte zu Tag, und +darueber sehr neue, den vulkanischen Tuffen aehnliche Mengsteine. In +denselben sind Bruchstuecke des unterliegenden Basalts eingeschlossen, und +wie versichert wird, finden sich Versteinerungen von Seethieren darin; +ganz dasselbe kommt im Vicentinischen bei Montechio maggiore vor. + +Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land, +von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe +im heissen Erdguertel Landschaften gesehen, wo die Natur grossartiger ist, +reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer +des Orinoko, die Cordilleren in Peru und die schoenen Thaeler von Mexiko +durchwandert, muss ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so +anziehendes, durch die Vertheilung von Gruen und Felsmassen so harmonisches +Gemaelde vor mir gehabt zu haben. + +Das Meeresufer schmuecken Dattelpalmen und Cocosnussbaeume; weiter oben +stechen Bananengebuesche von Drachenbaeumen ab, deren Stamm man ganz richtig +mit einem Schlangenleib vergleicht. Die Abhaenge sind mit Reben bepflanzt, +die sich um sehr hohe Spaliere ranken. Mit Bluethen bedeckte Orangenbaeume, +Myrten und Cypressen umgeben Capellen, welche die Andacht auf +freistehenden Huegeln errichtet hat. Ueberall sind die Grundstuecke durch +Hecken von Agave und Cactus eingefriedigt. Unzaehlige kryptogamische +Gewaechse, zumal Farne, bekleiden die Mauern, die von kleinen klaren +Wasserquellen feucht erhalten werden. Im Winter, waehrend der Vulkan mit +Eis und Schnee bedeckt ist, geniesst man in diesem Landstrich eines ewigen +Fruehlings. Sommers, wenn der Tag sich neigt, bringt der Seewind angenehme +Kuehlung. Die Bevoelkerung der Kueste ist hier sehr stark; sie erscheint noch +groesser, weil Haeuser und Gaerten zerstreut liegen, was den Reiz der +Landschaft noch erhoeht. Leider steht der Wohlstand der Bewohner weder mit +ihrem Fleisse, noch mit der Fuelle der Natur im Verhaeltniss. Die das Land +bauen, sind meist nicht Eigenthuemer desselben; die Frucht ihrer Arbeit +gehoert dem Adel, und das Lehnssystem, das so lange ganz Europa ungluecklich +gemacht hat, laesst noch heute das Volk der Canarien zu keiner Bluethe +gelangen. + +Von Tegueste und Tacoronte bis zum Dorfe San Juan de la Rambla, beruehmt +durch seinen trefflichen Malvasier, ist die Kueste wie ein Garten angebaut. +Ich moechte sie mit der Umgegend von Capua oder Valencia vergleichen, nur +ist die Westseite von Teneriffa unendlich schoener wegen der Naehe des Pics, +der bei jedem Schritt wieder eine andere Ansicht bietet. Der Anblick +dieses Berges ist nicht allein wegen seiner imposanten Masse anziehend; er +beschaeftigt lebhaft des Geist und laesst uns den geheimnisvollen Quellen der +vulkanischen Kraefte nachdenken. Seit Tausenden von Jahren ist kein +Lichtschimmer auf der Spitze des Piton gesehen worden, aber ungeheure +Seitenausbrueche, deren letzter im Jahre 1798 erfolgte, beweisen die +fortwaehrende Thaetigkeit eines nicht erloeschenden Feuers. Der Anblick eines +Feuerschlundes mitten in einem fruchtbaren Lande mit reichem Anbau hat +indessen etwas Niederschlagendes. Die Geschichte des Erdballes lehrt uns, +dass die Vulkane wieder zerstoeren, was sie in einer langen Reihe von +Jahrhunderten aufgebaut. Inseln, welche die unterirdischen Feuer ueber die +Fluthen emporgehoben, schmuecken sich allmaehlich mit reichem, lachenden +Gruen; aber gar oft werden diese neuen Laender durch dieselben Kraefte +zerstoert, durch die sie vom Boden des Ozeans ueber seine Flaeche gelangt +sind. Vielleicht waren Eilande, die jetzt nichts sind als Schlacken- und +Aschenhaufen, einst so fruchtbar als die Gelaende von Tacoronte und Sauzal. +Wohl den Laendern, wo der Mensch dem Boden, auf dem er wohnt, nicht +misstrauen darf! + +Auf unserem Wege zum Hafen von Orotava kamen wir durch die huebschen Doerfer +Matanza und Victoria. Diese beiden Namen findet man in allen spanischen +Colonien neben einander; sie machen einen widrigen Eindruck in einem +Lande, wo alles Ruhe und Frieden atmet. *Matanza* bedeutet Schlachtbank, +Blutbad, und schon das Wort deutet an, um welchen Preis der Sieg erkauft +worden. In der neuen Welt weist er gewoehnlich auf eine Niederlage der +Eingeborenen hin; auf Teneriffa bezeichnet Matanza den Ort, wo die Spanier +von denselben Guanchen geschlagen wurden, die man bald auf den spanischen +Maerkten als Sklaven verkaufte. + +Ehe wir nach Orotava kamen, besuchten wir den botanischen Garten nicht +weit vom Hafen. Wir trafen da den franzoesischen Viceconsul Legros, der oft +auf der Spitze des Pic gewesen war und an dem wir einen vortrefflichen +Fuehrer fanden. Er hatte mit Capitaen Baudin eine Fahrt nach Antillen +gemacht, durch die der Pariser Pflanzengarten ansehnlich bereichert worden +ist. Ein furchtbarer Sturm, den Ledru in seiner Reise nach Portorico +beschreibt, zwang das Fahrzeug bei Teneriffa anzulegen, und das herrliche +Klima der Insel brachte Legros zu dem Enschluss, sich hier niederzulassen. +Ihm verdankt die gelehrte Welt Europa's die ersten genauen Nachrichten +ueber den grossen Seitenausbruch des Pics, den man sehr uneigentlich den +Ausbruch des Vulkans von Chahorra nennt. [Am 8. Juni 1798.] + +Die Anlage eines botanischen Gartens auf Teneriffa ist ein sehr +gluecklicher Gedanke, da derselbe sowohl fuer die wissenschaftliche Botanik +als fuer die Einfuehrung nuetzlicher Gewaechse in Europa sehr foerderlich +werden kann. Die erste Idee eines solchen verdankt man dem Marquis von +Nava (Marquis von Villanueva del Prado), einem Mann, der Poivre an die +Seite gestellt zu werden verdient und im Triebe, das Gute zu foerdern, von +seinem Vermoegen den edelsten Gebrauch gemacht hat. Mit ungeheuren Kosten +liess er den Huegel von Durasno, der amphitheatralisch aufsteigt, abheben, +und im Jahr 1795 machte man mit den Anpflanzungen den Anfang. Nava war der +Ansicht, dass die Canarien, vermoege des midlen Klimas und der +geographischen Lage, der geeignetste Punkt seyen, um die Naturprodukte +beider Indien zu acclimatisiren, um die Gewaechse aufzunehmen, die sich +allmaehlich an die niedrigere Temperatur des suedlichen Europa gewoehnen +sollen. Asiatisch, afrikanische, suedamerikanische Pflanzen gelangen leicht +in den Garten bei Orotava, um den Chinabaum [Ich meine die Chinaarten, die +in Peru und im Koenigreich Neu-Grenada auf dem Ruecken der Cordilleren, +zwischen 1000 und 1500 Toisen Meereshoehe an Orten wachsen, wo der +Thermometer bei Tag zwischen 9 und 10 Grad, bei Nacht zwischen 3 und 4 +Grad steht. Die orangegelbe Quinquina _(Cinchona lancifolia)_ ist weit +weniger empfindlich als die rothe _(C. oblongifolia)_] in Sicilien, +Portugal oder Grenada einzufuehren, muesste man ihn zuerst in Durasno oder +Laguna anbauen und dann erst die Schoesslinge der canarischen China nach +Europa verpflanzen. In besseren Zeiten, wo kein Seekrieg mehr den Verkehr +in Fesseln schlaegt, kann der Garten in Teneriffa auch fuer die starken +Pflanzensendungen aus Indien nach Europa von Bedeutung werden. Diese +Gewaechse gehen haeufig, ehe sie unsere Kuesten erreichen, zu Grunde, weil +sie auf der langen Ueberfahrt eine mit Salzwasser geschwaengerte Luft +athmen muessen. Im Garten von Orotava faenden sie eine Pflege und ein Klima, +wobei sie sich erholen koennten. Da die Unterhaltung des botanischen +Gartens von Jahr zu Jahr kostspieliger wurde, trat der Marquis denselben +der Regierung ab. Wir fanden daselbst einen geschickten Gaertner, einen +Schueler Aitons, des Vorstehers des koeniglichen Gartens zu Kew. Der Boden +steigt in Terrassen auf und wird von einer natuerlichen Quelle bewaessert. +Man hat die Aussicht auf die Insel Palma, die wie ein Castell aus dem +Meere emporsteigt. Wir fanden aber nicht viele Pflanzen hier: man hatte, +wo Gattungen fehlten, Etiketten aufgesteckt, mit auf Gerathewohl aus +Linnes _systema vegetabilium_ genommen schienen. Diese Anordnung der +Gewaechse nach den Classen des Sexualsystems, die man leider auch in +manchen europaeischen Gaerten findet, ist dem Anbau sehr hinderlich. In +Durasno wachsen Proteen, der Gojavabaum, der Jambusenbaum, die Chirimoya +aus Peru, [_Annona Cherimolia_ Lamarck.] Mimosen und Heliconien im Freien. +Wir pflueckten reife Samen von mehreren schoenen Glycinearten aus +Neuholland, welche der Gouverneur von Cumana, Emparan, mit Erfolg +angepflanzt hat und die seitdem auf den suedamerikanischen Kuesten wild +geworden sind. + +Wir kamen sehr spaet in den Hafen von Orotava, [_Puerto de la Cruz_. Der +einzige schoene Hafen der Canarien ist der von San Sebastiano auf der Insel +Gomera.] wenn man anders diesen Namen einer Rhede geben kann, auf der die +Fahrzeuge unter Segel gehen muessen, wenn der Wind stark aus Nordwest +blaest. Man kann nicht von Orotova sprechen, ohne die Freunde der +Wissenschaft an Cologan zu erinnern, dessen Haus von jeher den Reisenden +aller Nationen offen stand. Mehrere Glieder dieser achtungswerthen Familie +sind in London und Paris erzogen worden. Don Bernardo Cologan ist bei +gruendlichen, mannigfaltigen Kenntnissen der feurigste Patriot. Man ist +freudig ueberrascht, auf einer Inselgruppe an der Kueste von Afrika der +liebenswuerdigen Geselligkeit, der edlen Wissbegierde, dem Kunstsinn zu +begegnen, die man ausschliesslich in einem kleinen Theile von Europa zu +Hause glaubt. + +Gerne haetten wir einige Zeit in Cologans Hause verweilt und mit ihm in der +Umgegend von Orotava die herrlichen Punkte San Juan de la Rambla und +Rialexo de Abaxo besucht. Aber auf einer Reise wie die, welche ich +angetreten, kommt man selten dazu, der Gegenwart zu geniessen. Die quaelende +Besorgniss, nicht ausfuehren zu koennen, was man den andern Tag vorhat, +erhaelt einen in bestaendiger Unruhe. Leidenschaftliche Natur- und +Kunstfreunde sind auf der Reise durch die Schweiz oder Italien in ganz +aehnlicher Gemuethsverfassung; da sie die Gegenstaende, die Interesse fuer sie +haben, immer nur zum kleinsten Theil sehen koennen, so wird ihnen der Genuss +durch die Opfer verbitternt, die sie auf jedem Schritt zu bringen haben. + +Bereits am 21. Morgens waren wir auf dem Weg nach dem Gipfel des Vulkans. +Legros, dessen zuvorkommende Gefaelligkeit wir nicht genug loben koennen, +der Secretaer des franzoesischen Consulats zu Santa Cruz und der englische +Gaertner von Durasno teilten mit uns die Beschwerden der Reise. Der Tag war +nicht sehr schoen, und der Gipfel des Pic, den man in Orotava fast immer +sieht, von Sonnenaufgang bis zehn Uhr in dicke Wolken gehuellt. Ein +einziger Weg fuehrt auf den Vulkan durch Villa de Orotava, die Ginsterebene +und das Malpays, derselbe, den Pater Feullee, Borda, Labillardiere, Barrow +eingeschlagen, und ueberhaupt alle Reisenden, die sich nur kurze Zeit in +Teneriffa aufhalten konnten. Wenn man den Pic besteigt, ist es gerade, wie +wenn man das Chamounithal oder den Aetna besucht: man muss seinen Fuehrern +nachgehen und man bekommt nur zu sehen, was schon andere Reisende gesehen +und beschrieben haben. + +Der Contrast zwischen der Vegetation in diesem Striche von Teneriffa und +der in der Umgegend von Santa Cruz ueberraschte uns angenehm. Beim kuehlen, +feuchten Klima war der Boden mit schoenem Gruen bedeckt, waehrend auf dem Weg +von Santa Cruz nach Laguna die Pflanzen nichts als Huelsen hatten, aus +denen bereits der Samen ausgefallen war. Beim Hafen von Orotava wird der +kraeftige Pflanzenwuchs den geologischen Beobachtungen hinderlich. Wir +kamen an zwei kleinen glockenfoermigen Huegeln vorueber. Beobachtungen am +Vesuv und in der Auvergne weisen darauf hin, dass dergleichen runde +Erhoehungen von Seitenausbruechen des grossen Vulkans herruehren. Der Huegel +Montannitta de la Villa scheint wirklich einmal Lava ausgeworfen zu haben; +nach den Ueberlieferungen der Guanchen fand dieser Ausbruch im Jahr 1430 +statt. Der Obest Franqui versicherte Borda, man sehe noch deutlich, wo die +geschmolzenen Stoffe hervorquollen, und die Asche, die den Boden ringsum +bedecke, sey noch nicht fruchtbar. [Ich entnehme diese Notiz einer +interessanten Handschrift, die jetzt in Paris im _Depot des cartes de la +Marine_ aufgewahrt wird. Sie fuehrt den Titel. _Resume des operations +geographiques des cotes d´Espagne et de Portugal sur l´Ocean, d´une partie +des cotes occidentales de l´Afrique et des iles Canaries, par le chevalier +de Borda._ Es ist dies die Handschrift, von der de Fleurien in seinen +Noten zu Marchands Reise spricht und die mir Borda zum Theil schon vor +meiner Abreise mitgetheilt hatte. Ich habe wichtige, noch nicht +veroeffentlichte Beobachtungen daraus ausgezogen.] Ueberall, wo das Gestein +zu Tag ausgeht, fanden wir basaltartigen Mandelstein (Werner) und +Bimssteinconglomerat, in dem Rapilli oder Bruchstuecke von Bimsstein +eingeschlosen sind. Letztere Formation hat Aehnlichkeit mit dem Tuff von +Pausilipp und mit den Puzzolanschichten, die ich im Thal von Quito, am +Fusse des Vulkans Pichincha, gefunden habe. Der Mandelstein hat +langgezogene Poren, wie die obern Lavaschichten des Vesuv. Es scheint diess +darauf hinzudeuten, dass eine elastische Fluessigkeit durch die geschmolzene +Materie durchgegangen ist. Trotz diesen Uebereinstimmungen muss ich noch +einmal bemerken, dass ich in der ganzen unteren Region des Pics von +Tenerifa auf der Seite gegen Orotava keinen Lavastrom, ueberhaupt keinen +vulkanischen Ausbruch gesehen habe, der scharf begrenzt waere. Regenguesse +und Ueberschwemmungen wandeln die Erdoberflaeche um, und wenn zahlreiche +Lavastroeme sich vereinigen und ueber eine Ebene ergiessen, wie ich es am +Vesuv im _Atrio dei Cavalli_ gesehen, so verschmelzen sie in einander und +nehmen das Ansehen wirklich geschichteter Bildungen an. + +Villa de Orotava macht schon von weitem einen guten Eindruck durch die +Fuelle der Gewaesser, die auf den Ort zueilen und durch die Hauptstrassen +fliessen. Die Quelle _Aqua mansa_, in zwei grosse Becken gefasst, treibt +mehrere Muehlen und wird dann in die Weingaerten des anliegenden Gelaendes +geleitet. Das Klima in der *Villa* ist noch kuehler als am Hafen, da dort +von morgens zehn Uhr ein starker Wind weht. Das Wasser, das sich bei +hoeherer Temperatur in der Luft aufgeloest hat, schlaegt sich haeufig nieder, +und dadurch wird das Klima sehr nebligt. Die Villa liegt etwa 160 Toisen +(312 Meter) ueber dem Meer, also zweihundert Toisen niedriger als Laguna; +man bemerkt auch, dass dieselben Pflanzen an letzterem Orte einen Monat +spaeter bluehen. + +Orotava, das alte Taoro der Guanchen, liegt am steilen Abhang eines +Huegels; die Strassen schienen uns oede, die Haeuser, solid gebaut, aber +truebselig anzusehen, gehoeren fast durch einem Adel, der fuer sehr stolz +gilt und sich selbst anspruchsvoll als _dozo casas_ bezeichnet. Wir kamen +an einer sehr hohen, mit einer Menge schoener Farn bewachsenen +Wasserleitung vorueber. Wir besuchten mehrere Gaerten, in denen die +Obstbaeume des noerdlichen Europas neben Orangen, Granatbaeumen und +Dattelpalmen stehen. Man versicherte uns, letztere tragen hier so wenig +Fruechte als in Terra Firma an der Kueste von Cumana. Obgleich wir den +Drachenbaum in Herrn Franquis Garten aus Reiseberichten kannten, so setzte +uns seine ungeheure Dicke dennoch in Erstaunen. Man behauptet, der Stamm +dieses Baumes, der in mehreren sehr alten Urkunden erwaehnt wird, weil er +als Grenzmarke eines Feldes diente, sey schon im fuenfzehnten Jahrhundert +so ungeheuer dick gewesen wie jetzt. Seine Hoehe schaetzten wir auf 50 bis +60 Fuss [16 bis 19,5 m]; sein Umfang nahe ueber den Wurzeln betraegt 45 Fuss +[14,6 m]. Weiter oben konnten wir nicht messen, aber Sir Georg Staunton +hat gefunden, dass zehn Fuss [3,25 m] ueber dem Boden der Stamm noch zwoelf +englische Fuss [3,90 m] im Durchmesser hat, was gut mit Bordas Angabe +uebereinstimmt, der den mittleren Umfang zu 33 Fuss 8 Zoll [10,93 m] angibt. +Der Stamm theilt sich in viele Aeste, die kronleuchterartig aufwaerts ragen +und an den Spitzen Blaetterbueschel tragen, aehnlich der Yucca im Tale von +Mexiko. Durch diese Theilung in Aeste unterscheidet sich sein Habitus +wesentlich von der der Palmen. + +Unter den organischen Bildungen ist dieser Baum, neben der Adansonie oder +Baobab in Senegal, ohne Zweifel einer der aeltesten Bewohner unseres +Erdballs. Die Baobabs werden indessen noch dickder als der Drachenbaum von +Villa d´Orotava. Man kennt welche, die an der Wurzel 34 Fuss Durchmesser +haben, wobei sie nicht hoeher sind als 50 bis 60 Fuss(11). Man muss aber +bedenken, dass die Adansonia, wie die Ochroma und alle Gewaechse aus der +Familie der Bombaceen, viel schneller waechst(12) als der Drachenbaum, der +sehr langsam zunimmt. Der in Herrn Franqui's Garten traegt noch jedes Jahr +Blueten und Fruechte. Sein Anblick mahnt lebhaft an "die ewige Jugend der +Natur" [_Aristoteles de longit. vitae. cap. 6._], die eine unerschoepfliche +Quelle von Bewegung und Leben ist. + +Der Drachenbaum, der nur in den angebauten Strichen der Canarien, auf +Madera und Porto Santo vorkommt, ist eine merkwuerdige Erscheinung in +Beziehung auf die Wanderung der Gewaechse. Auf dem Kontinent und Afrika(13) +ist er nirgends wild gefunden worden, und Ostindien ist sein eigentliches +Vaterland. Auf welchem Wege ist der Baum nach Teneriffa verpflanzt worden, +wo er gar nicht haeufig vorkommt? Ist sein Daseyn ein Beweis dafuer, dass in +sehr entlegener Zeit die Guanchen mit andern, mit asiatischen Voelkern in +Verkehr gestanden haben? + +Von Villa da Orotava gelangten wir auf einem schmalen steinigen Pfad durch +einen schoenen Kastanienwald _(el Monte de Castanos)_ in eine Gegend, die +mit einigen Lorbeerarten und der baumartigen Heide bewachsen ist. Der +Stamm der letzteren wird hier ausnehmend dick, und die Bluethen, mit denen +der Strauch einen grossen Teil des Jahres bedeckt ist, stechen angenehm ab +von den Bluethen des _Hypericum canariense_, das in dieser Hoehe sehr haeufig +vorkommt. Wir machten unter einer schoenen Tanne halt, um uns mit Wasser zu +versehen. Dieser Platz ist im Lande unter dem Namen _Pino del Dornajito_ +bekannt; seine Meereshoehe betraegt nach Borda´s barometrischer Messung 522 +Toisen [1017 m]. Man hat da eine prachtvolle Aussicht auf das Meer und die +ganze Westseite der Insel. Beim _Pino del Dornajito_, etwas rechts vom Weg +sprudelt eine ziemlich reiche Quelle; wir tauchten ein Thermometer hinein, +es fiel auf 15 deg.,4. Hundert Toisen davon ist eine andere eben so klare +Quelle. Nimmt man an, dass diese Gewaesser ungefaehr die mittlere Waerme des +Orts, wo sie zu Tage kommen, anzeigen, so findet man als absolute Hoehe des +Platzes 520 Toisen, die mittlere Temperatur der Kueste zu 21 deg. und unter +dieser Zone eine Abnahme der Waerme um einen Grad auf 93 Toisen angenommen. +Man duerfte sich nicht wundern, wenn diese Quelle etwas unter der mittleren +Lufttemperatur bliebe, weil sich sich wahrscheinlich weiter oben am Pic +bildet, und vielleicht sogar mit den kleinen unterirdischen Gletschern +zusammenhaengt, von denen weiterhin die Rede seyn wird. Die eben erwaehnte +Uebereinstimmung der barometrischen und der thermometrischen Messung ist +desto auffallender, als im Allgemeinen, wie ich anderwaerts ausgefuehrt, [So +hat Hunter in den blauen Bergen auf Jamaica die Quellen immer kaelter +gefunden, als sie nach der Hoehe, in der sie zu Tage kommen, seyn sollten.] +in Gebirgslaendern mit steilen Haengen die Quellen eine zu rasche +Waermeabnahme anzeigen, weil sie kleine Wasseradern aufnehmen, die in +verschiedenen Hoehen in den Boden gelangen, und somit ihre Temperatur das +Mittel aus dem Temperaturen dieser Adern ist. Die Quellen des Dornajito +sind im Lande beruehmt; als ich dort war, kannte man auf dem Weg zum Gipfel +des Vulkans keine andere. Quellenbildung setzt eine gewisse Regelmaessigkeit +im Streichen und Fallen der Schichten voraus. Auf vulkanischem Boden +verschluckt das loecherige, zerklueftete Gestein das Regenwasser und laesst es +in grosse Tiefen versinken. Deshalb sind die Canarien groesstentheils so +duerr, trotzdem dass ihre Berge so ansehnlich sind und der Schiffer +fortwaehrend gewaltige Wolkenmassen ueber dem Archipel gelagert sieht. + +Vom Pino del Dornajito bis zum Krater zieht sich der Weg bergan, aber +durch kein einziges Thal mehr; denn die kleinen Schluchten _(Barancos)_ +verdienen diesen Namen nicht. Geologisch betrachtet, ist die ganze Insel +Teneriffa nichts als ein Berg, dessen fast eifoermige Grundflaeche sich +gegen Nordost verlaengert, und der mehrere Systeme vulkanischer, zu +verschiedenen Zeiten gebildeter Gebirgsarten aufzuweisen hat. Was man im +Lande fuer besondere Vulkane ansieht, wie der *Chahorra* oder *Montana +Colorada* und die *Urca*, das sind nur Huegel, die sich an den Pic anlehnen +und seine Pyramide maskiren. Der grosse Vulkan, dessen Seitenausbrueche +maechtige Vorgebirge gebildet haben, liegt indessen nicht genau in der +Mitte der Insel, und diese Eigenthuemlichkeit im Bau erscheint weniger +auffallend, wenn man sich erinnert, dass nach der Ansicht eines +ausgezeichneten Mineralogen (Cordier) vielleicht nicht der kleine Krater +im Piton die Hauptrolle bei den Umwaelzungen der Insel Teneriffa gespielt +hat. Auf die Region der baumartigen Heiden, *Monte Verde* genannt, folgt +die der Farn. Nirgends in der gemaessigten Zone habe ich _Pteris_, +_Blechnum_ und _Asplenium_ in solcher Menge gesehen; indessen hat keines +dieser Gewaechse den Wuchs der Baumfarn, die in Suedamerika, in fuenf, +sechshundert Toisen Hoehe, ein Hauptschmuck der Waelder sind. Die Wurzel der +_Pteris aquilina_ dient den Bewohnern von Palma und Gomera zur Nahrung; +sie zerreiben sie zu Pulver und mischen ein wenig Gerstenmehl darunter. +Dieses Gemisch wird geroestet und heisst *Gofio*; ein so rohes +Nahrungsmittel ist ein Beweis dafuer, wie elend das niedere Volk auf den +Canarien lebt. + +Der Monte Verde wird von mehreren kleinen, sehr duerren Schluchten +(_canadas_) durchzogen. Ueber der Region der Farn kommt man durch ein +Gehoelz von Wachholderbaeumen (_cedro_) und Tannen, das durch die Stuerme +sehr gelitten hat. An diesen Ort, den einige Reisende _la Caravela_ nenne, +will Edens [Die Reise wurde im August 1715 gemacht. Carabela heisst ein +Fahrzeug mit lateinischen Segeln. Die Tannen vom Pic dienten frueher als +Mastholz und die koenigliche Marine liess im Monte Verde schlagen.] kleine +Flammen gesehen haben, die er nach den physikalischen Begriffen seiner +Zeit schwefligten Ausduenstungen zuschreibt, die sich von selbst entzuenden. +Es ging immer aufwaerts bis zum Felsen *Gayta* oder *Portillo*; hinter +diesem Engpass, zwischen zwei Basalthuegeln, betritt man die grosse Ebene des +Ginsters (_los Llanos del Retama_). Bei Laperouses Expedition hatte +Manneron den Pic bis zu dieser etwa 1400 Toisen ueber dem Meere gelegenen +Ebene gemessen, er hatte aber wegen Wassermangels und des ueblen Willens +der Fuehrer die Messung nicht bis zum Gipfel des Vulkans fortsetzen koennen. +Das Ergebniss dieser zu zwei Drittheilen vollendeten Operation ist leider +nicht nach Europa gelangt, und so ist das Geschaeft von der Kueste an noch +einmal vorzunehmen. + +Wir brauchten gegen zwei und eine halbe Stunde, um ueber die Ebene des +Ginsters zu kommen, die nichts ist als ein ungeheures Sandmeer. Trotz der +hohen Lage zeigte hier der hunderttheilige Thermometer gegen +Sonnenuntergang 13 deg.,8, das heisst 3 deg.,7 mehr als mitten am Tage auf dem +Monte Verde. Dieser hoehere Waermegrad kann nur von der Strahlung des Bodnes +und von der weiten Ausdehnung der Hochebene herruehren. Wir litten sehr +vom erstickenden Bimsstaub, in den wir fortwaehrend gehuellt waren. Mitten +in der Ebene stehen Buesche von *Retama*, dem _Spartium nubigenum_ +d´Aitons. Dieser schoene Strauch, den de Martiniere [Einer der Botaniker, +die auf Laperouses Seereise umkamen.] in Languedoc, wo Feuermaterial +selten ist, einzufuehren raeth, wird neun Fuss hoch, er ist mit +wohlriechenden Bluethen bedeckt, und die Ziegenjaeger, denen wir unterwegs +begegneten, hatten ihre Strohhuete damit geschmueckt. Die dunkelbraunen +Ziegen des Pics gelten fuer Leckerbissen; sie naehren sich von den Blaettern +des Spartium und sind in diesen Einoeden seit unvordenklicher Zeit +verwildert. Man hat sie sogar nach Madera verpflanzt, wo sie geschaetzter +sind, als die Ziegen aus Europa. + +Bis zum Felsen Gayta, das heisst bis zum Anfang der grossen Ebene des +Ginsters ist der Pic von Teneriffa mit schoenem Pflanzenwuchs ueberzogen, +und nichts weist auf Verwuestungen in neuerer Zeit hin. Man meint einen +Vulkan zu besteigen, dessen Feuer so lange erloschen ist, wie das des +Monte Cavo bei Rom. Kaum hat man die mit Bimsstein bedeckte Ebene +betreten, so nimmt die Landschaft einen ganz anderen Charakter an; bei +jedem Schritt stoesst man auf ungeheure Obsidianbloecke, die der Vulkan +ausgeworfen. Alles ringsum ist oed und still; ein paar Ziegen und Kaninchen +sind die einzigen Bewohner dieser Hochebene. Das unfruchtbare Stueck des +Pics misst ueber zehn Quadratmeilen, und da die unteren Regionen, von ferne +gesehen, in Verkuerzung erscheinen, so stellt sich die ganze Insel als ein +ungeheurer Haufen verbrannten Gesteins dar, um den sich die Vegetation nur +wie ein schmaler Guertel zieht. + +Ueber der Region des _Spartium nubigenum_ kamen wir durch enge Schruende +und kleine, sehr alte, vom Regenwasser ausgespuelte Schluchten zuerst auf +ein hoeheres Plateau und dann an den Ort, wo wir die Nacht zubringen +sollten. Dieser Platz, der mehr als 1530 Toisen [2982 m] ueber der Kueste +liegt, heisst _Estancia de los Ingleses_(14), ohne Zweifel, weil frueher die +Englaender den Pik am haeufigsten besuchten. Zwei ueberhaengende Felsen bilden +eine Art Hoehle, die Schutz gegen den Wind bietet. Bis zu diesem Ort, der +bereits hoeher liegt als der Gipfel des Canigu, kann man auf Maulthieren +gelangen; viele Neugierige, die beim Abgang von Orotava den Kraterrand +erreichen zu koennen glaubten, bleiben daher hier liegen. Obgleich es +Sommer war und der schoene afrikanische Himmel ueber uns, hatten wir doch in +der Nacht von der Kaelte zu leiden. Der Thermometer fiel auf 5 Grad. +Unsere Fuehrer machten ein grosses Feuer von duerren Zweigen der Retama an. +Ohne Zelt und Maentel lagerten wir uns auf Haufen verbrannten Gesteins, und +die Flammen und der Rauch, die der Wind bestaendig gegen uns her trieb, +wurden uns sehr laestig. Wir hatten noch nie eine Nacht in so bedeutender +Hoehe zugebracht, und ich ahnte damals nicht, dass wir einst in Staedten +wohnen wuerden, die hoeher liegen als die Spitze des Vulkans, den wir morgen +vollends besteigen sollten. Je tiefer die Temperatur sank, desto mehr +bedeckte sich der Pic mit dicken Wolken. Bei Nacht stockt der Zug des +Stroms, der den Tag ueber den Ebenen in die hohen Luftregionen aufsteigt, +und im Maasse als sich die Luft abkuehlt, nimmt auch ihre das Wasser +aufloesende Kraft ab. Ein sehr starker Nordwird jagte die Wolken; von Zeit +zu Zeit brach der Mond durch das Gewoelk und seine Scheibe glaenzte auf tief +dunkelblauen Grunde; im Angesicht des Vulkans hatte diese naechtliche Scene +etwas wahrhaft Grossartiges. Der Pic verschwand bald gaenzlich im Nebel, +bald erschien er unheimlich nahe gerueckt und warf wie eine ungeheure +Pyramode seinen Schatten auf die Wolken unter uns. + +Gegen drei Uhr morgens brachen wir beim trueben Schein einiger Kienfackeln +nach der Spitze des Piton auf. Man beginnt die Besteigung an der +Nordostseite, wo der Abhang ungemein steil ist, und wir gelangten nach +zwei Stunden auf ein kleines Plateau, das seiner isolirten Lage wegen +_Alta Vista_ heisst. Hier halten sich auch die _Neveros_ auf, das heisst die +Eingeborenen, die gewerbsmaessig Eis und Schnee suchen und in den +benachbarten Staedten verkaufen. Ihre Maulthiere, die das Klettern mehr +gewoehnt sind, als die, welche man den Reisenden gibt, gehen bis zur Alta +Vista und die Neveros muessen den Schnee dahin auf dem Ruecken tragen. Ueber +diesem Punkte beginnt das *Malpays*, wie man in Mexiko, in Peru und +ueberall, wo es Vulkane gibt, einen von Dammerde entbloessten und mit +Lavabruchstuecken bedeckten Landstrich nennt. + +Wir bogen rechts von Wege am, um die *Eishoehle* zu besehen, die in 1728 +Toisen [3367 m] Hoehe liegt, also unter der Grenze des ewigen Schnees in +dieser Breite. Wahrscheinlich ruehrt die Kaelte, die in dieser Hoehle +herrscht, von denselben Ursachen her, aus denen sich das Eis in den +Gebirgsspalten des Jura und der Pyrenaeen erhaelt, und ueber welche die +Ansichten der Physiker noch ziemlich auseinander gehen(15). Die natuerliche +Eisgrube des Pics hat uebrigens nicht jene senkrechten Oeffnungen, durch +welche die warme Luft entweichen kann, waehrend die kalte Luft am Boden +ruhig liegen bleibt. Das Eis scheint sich hier durch starke Anhaeufung zu +erhalten, und weil der Process des Schmelzens durch die bei rascher +Verdunstung erzeugte Kaelte verlangsamt wird. Dieser kleine unterirdische +Gletscher liegt an einem Ort, dessen mittlere Temperatur schwerlich unter +3 deg. betraegt, und er wird nicht, wie die eigentlichen Gletscher der Alpen, +vom Schneewasser gespeist, das von den Berggipfeln herabkommt. Waehrend des +Winters fuellt sich die Hoehle mit Schnee und Eis, und da die Sonnenstrahlen +nicht ueber den Eingang hinaus eindringen, so ist die Sommerwaerme nicht im +Stande, den Behaelter zu leeren. Die Bildung einer natuerlichen Eisgrube +haengt also nicht sowohl von der absoluten Hoehe der Felsspalte und der +mittleren Temperatur der Luftschicht, in der sie sich befindet, als von +der Masse des Schnees, der hineinkommt, und von der geringen Wirkung der +warmen Winde im Sommer. Die im Innern eines Berges eingeschlossene Luft +ist schwer von der Stelle zu bringen, wie man am Monte Testaccio in Rom +sieht, dessen Temperatur von der der umgebenden Luft so bedeutend +abweicht. Wir werden in der Folge sehen, dass am Chimborazo ungeheure +Eismassen unter dem Sand liegen, und zwar, wie auf dem Pic von Teneriffa, +weit unter der Grenze des ewigen Schnees. + +Bei der Eishoehe _(Cueva del Hielo)_ stellten bei Laperouses Seereise +Lamanon und Monges ihren Versuch ueber die Temperatur des siedenden Wassers +an. Sie fanden dieselbe 88 deg.,7, waehrend der Barometer auf 19 Zoll 1 Linie +stand. Im Koenigreich Neugranada, bei der Capelle Guadeloupe in der Naehe +von Santa Fe de Bogota, sah ich das Wasser bei 89 deg.,9 unter einem Luftdruck +von 19 Zoll 1,9 Linien sieden. Zu Tambores, in der Provinz Popayan, fand +Caldas 89 deg.,5 fuer die Temperatur des siedenden Wassers bei einen +Barometerstand von 18 Zoll 11,6 Linien. Nach diesen Ergebnissen koennte man +vermuthen, dass bei Lamanons Versuch das Wasser das Maximum seiner +Temperatur nicht ganz erreicht hatte. + +Der Tag brach an, als wir die Eishoehle verliessen. Da beobachteten wir in +der Daemmerung eine Erscheinung, die auf hohen Bergen haeufig ist, die aber +bei der Lage des Vulkanes, auf dem wir uns befanden, besonders auffallend +hervortrat. Eine weisse flockige Wolkenschicht entzog das Meer und die +niedrigeren Regionen der Insel unseren Blicken. Die Schicht schien nicht +ueber 800 Toisen [1560 m] hoch; die Wolken waren so gleichmaessig verbreitet +und lagen so genau in Einer Flaeche, dass sie sich ganz wie eine ungeheure +mit Schnee bedeckte Ebene darstellten. Die colossale Pyramide des Piks, +die vulkanischen Gipfel von Lanzerota, Forteventura und Palma ragten wie +Klippen aus dem weiten Dunstmeer empor. Ihre dunkle Faerbung stach grell +vom Weiss der Wolken ab. + +Waehrend wir auf den zertruemmerten Laven des Malpays emporklommen, wobei +wir oft die Haende zu Huelfe nehmen mussten, beobachteten wir eine +merkwuerdige optische Erscheinung. Wir glaubten gegen Ost kleine Raketen in +die Luft steigen zu sehen. Leuchtende Punkte, 7 - 8 Grad ueber dem +Horizont, schienen sich zuerst senkrecht aufwaerts zu bewegen, aber +allmaehlich ging die Bewegung in eine waagrechte Oszillation ueber, die acht +Minuten anhielt. Unsere Reisegefaehrten, sogar die Fuehrer aeusserten ihre +Verwunderung ueber die Erscheinung, ohne dass wir sie darauf aufmerksam zu +machen brauchten. Auf den ersten Blick glaubten wir, diese sich hin und +her bewegenden Lichtpunkte seyen die Vorlaeufer eines neuen Ausbruchs des +grossen Vulkanes von Lanzerota. Wir erinnerten uns, dass Bouquer und La +Condamine bei der Besteigung des Vulkans Pichincha den Ausbruch des +Cotopaxi mit angesehen hatten; aber die Taeuschung dauerte nicht lange, und +wir sahen, dass die Lichtpunkte die durch die Duenste vergroesserten Bilder +verschiedener Sterne waren. Die Bilder standen periodisch still, dann +schienen sie senkrecht aufzusteigen, sich zur Seite abwaerts zu bewegen und +wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Diese Bewegung dauerte eine bis zwei +Secunden. Wir hatten keine Mittel zur Hand, um die Groesse der seitlichen +Verrueckung genau zu messen, aber den Lauf eines Lichtpunktes konnten wir +ganz gut beobachten. Er erschien doppelt durch Luftspiegelung und liess +keine leuchtende Spur hinter sich. Als ich im Fernrohr eines kleinen +Troughtonschen Sextanten die Sterne mit einen hohen Berggipfel auf +Lanzerota in Contact brachte, konnte ich sehen, dass die Oscillation +bestaendig gegen denselben Punkt hinging, naemlich gegen das Stueck des +Horizontes, wo die Sonnenscheibe erscheinen sollte, und dass, abgesehen von +der Declinationsbewegung des Sterns, das Bild immer an denselben Fleck +zurueckkehrte. Diese scheinbaren seitlichen Refractionen hoerten auf, lange +bevor die Sterne vor dem Tageslicht gaenzlich verschwanden. Ich habe hier +genau wiedergegeben, was wir in der Daemmerung beobachteten, versuche aber +keine Erklaerung der auffallenden Erscheinung, die ich schon vor zwoelf +Jahren in Zachs astronomischem Tagebuch bekannt gemacht habe. Die Bewegung +der Dunstblaeschen in Folge des Sonnenaufgangs, die Mischung verschiedener, +in Temperatur und Dichtigkeit sehr von einander abweichenden Luftschichten +haben ohne Zweifel zu der Verrueckung der Gestirne in horizontaler Richtung +das ihrige beigetragen. Etwas Aehnliches sind wohl die starken +Schwankungen der Sonnenscheibe, wenn eben den Horizont beruehrt; aber diese +Schwankungen betragen selten mehr als zwanzig Secunden, waehrend die +seitliche Bewegung der Sterne, wie wir sie auf dem Pic in mehr als 1800 +Toisen Hoehe beobachteten, ganz gut mit blossem Auge zu bemerken, und +auffallender war als alle Erscheinungen, die man bis jetzt als Wirkungen +der Brechung des Sternlichts angesehen hat. Ich war bei Sonnenaufgang und +die ganze Nacht in 2100 Toisen Hoehe auf dem Ruecken der Anden, in Antisana, +konnte aber nichts gewahr werden, was mit jenem Phaenomen uebereingekommen +waere. + +Ich wuenschte in so bedeutender Hoehe wie die, welche wir am Pic von +Teneriffa erreicht hatten, den Moment des Sonnenaufganges genau zu +beobachten. Kein mit Instrumenten versehener Reisender hatte noch eine +solche Beobachtung angestellt. Ich hatte ein Fernrohr und ein Chronometer, +dessen Gang mir sehr genau bekannt war. Der Himmelsstrich, wo die +Sonnenscheibe erscheinen sollte, war dunstfrei. Wir sahen den obersten +Rand um 4 Uhr 48' 55" wahrer Zeit, und, was ziemlich auffallend ist, der +erste Lichtpunkt der Scheibe beruehrte unmittelbar die Grenze des +Horizonts; wir sahen demnach den wahren Horizont, das heisst einen Strich +Meers auf mehr als 43 Meilen Entfernung. Die Rechnung ergibt, dass unter +dieser Breite in der Ebene die Sonne um 5 Uhr 1 Minute 50 Secunden, oder +11 Minuten 51,3 Secunden spaeter als auf dem Pic haette anfangen sonnen +aufzugehen. Der beobachete Unterschied betrug 12 Minuten 55 Secunden, und +diess kommt ohne Zweifel von der Ungewissheit hinsichtlich der +Refractionsverhaeltnisse fuer einen Abstand vom Zenith, wofuer keine +Beobachtungen vorliegen(16). + +Wir wunderten uns, wie ungemein langsam der untere Rand der Sonne sich vom +Horizont zu loesen schien. Dieser Rand wurde erst um 4 Uhr 56 Min. 56 Sec. +sichtbar. Die stark abgeplattete Sonnenscheibe war scharf begrenzt; es +zeigte sich waehrend des Aufgangs weder ein doppeltes Bild noch eine +Verlaengerung des untern Randes. Der Sonnenaufgang dauerte dreimal laenger, +als wir in dieser Breite haetten erwarten sollen, und so ist anzunehmen, +dass eine sehr gleichfoermig verbreitete Dunstschicht den wahren Horizont +verdeckte und der aufsteigenden Sonne nachrueckte. Trotz des Schwankens der +Sterne, das wir vorhin im Osten beobachtet, kann man die Langsamkeit des +Sonnenaufgangs nicht wohl einer ungewoehnlich starken Brechung der vom +Meereshorizont zu uns gelangenden Strahlen zuschrieben; denn, wie le +Gentil es taeglich in Pondichery und ich oeffers in Cumana beobachet haben, +erniedrigt sich der Horizont gerade bei Sonnenaufgang, weil die Temperatur +der Luftschicht unmittelbar auf der Meeresflaeche sich erhoeht. + +Der Weg, den wir uns durch das Malpays bahnen mussten, ist aeusserst +ermuedend. Der Abhang ist steil und die Lavabloecke wichen unter unseren +Fuessen. Ich kann dieses Stueck des Weges nur mit den *Moraenen* der Alpen +vergleichen, jenen Haufen von Rollsteinen, welche am untern Ende der +Gletscher liegen; die Lavatruemmer auf dem Pic haben aber scharfe Kanten +und lassen oft Luecken, in die man Gefahr laeuft bis zum halben Koerper zu +fallen Leider trug die Faulheit und der ueble Wille unserer Fuehrer viel +dazu bei, uns das Aufsteigen sauer zu machen; sie glichen weder den +Fuehrern im Chamounithal noch jenen gewandten Guanchen, von denen die Sage +geht, dass sie ein Kaninchen oder eine wilde Ziege im Laufe fingen. Unsere +canarischen Fuehrer waren traeg zum Verzweifeln: sie hatten tags zuvor uns +bereden wollen, nicht ueber die Station bei den Felsen hinaufzugehen; sie +setzten sich alle zehn Minuten nieder, um auszuruhen; sie warfen hinter +uns die Handstuecke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfaeltig gesammelt +hatten, weg, und es kam heraus, dass noch keiner auf dem Gipfel des +Vulkanes gewesen war. + +Nach dreistuendigem Marsch erreichten wir das Ende des Malpays bei einer +kleinen Ebene, _la Rambleta_ genannt; aus ihrem Mittelpunkte steigt der +Piton oder Zuckerhut empor. Gegen Orotava zu gleicht der Berg jenen +Treppenpyramiden in Fejoum und in Mexiko, denn die Plateaus der Retama und +die Rambleta bilden zwei Stockwerke, deren ersteres viermal hoeher ist als +letzteres. Nimmt man die ganze Hoehe des Piks zu 1904 Toisen [3710 m] an, +so liegt die Rambleta 1820 Toisen [3546 m] ueber dem Meere. Hier befinden +sich die Luftloecher, welche bei den Eingeborenen *Nasenloecher des Piks* +(_Narices des Pico_) heissen. Aus mehreren Spalten im Gestein dringen hier +in Absaetzen warme Wasserduenste; wir sahen den Thermometer darin auf 43 deg.,2 +steigen; Labillardiere hatte acht Jahre vor uns diese Daempfe 53 deg.,7 heiss +gefunden, ein Unterschied, der vielleicht nicht sowohl auf eine Abnahme +der vulkanischen Thaetigkeit als auf einen lokalen Wechsel in der Erhitzung +der Bergwaende hindeutet. Die Daempfe sind geruchlos und scheinen reines +Wasser. Kurz vor dem grossen Ausbruch des Vesuv im Jahr 1806 beobachteten +Gay-Lussac und ich, dass das Wasser, das in Dampfform aus dem Innern des +Kraters kommt, Lackmuspapier nicht roethete. Ich kann uebrigens der kuehnen +Hypothese mehrerer Physiker nicht beistimmen, wornach die *Nasloecher des +Pic* als die Muendungen eines ungeheuren Destillierapparates, dessen Boden +unter der Meeresflaeche liegt, zu betrachten seyn sollen. Seit man die +Vulkane sorgfaeltiger beobachetet und der Hang zum Wunderbaren sich in +geologischen Buechern weniger bemerkbar macht, faengt man an den +unmittelbaren bestaendigen Zusammenhang zwischen dem Meer und den Herden +des vulkanischen Feuers mit Recht stark in Zweifel zu ziehen(17). Diese +durchaus nicht auffallende Erscheinung erklaert sich wohl sehr einfach. Der +Pic ist einen Theil des Jahres mit Schnee bedeckt; wir selbst fanden noch +welchen auf der kleinen Ebene Rambleta; ja Odonell und Armstrong haben im +Jahre 1806 im Malpays eine sehr starke Quelle entdeckt, und zwar hundert +Toisen ueber der Eishoehle, die vielleicht zum Theil von dieser Quelle +gespeist wird. Alles weist also darauf hin, dass der Pic von Teneriffa, +gleich den Vulkanen der Anden und der Inzel Lucon, im Inneren grosse +Hoehlungen hat, die mit atmosphaerischem Wasser gefuellt sind, das einfach +durchgesickert ist. Die Wasserdaempfe, welche die Nasloecher und die Spalten +im Krater ausstossen, sind nichts als dieses selbe Wasser, das durch die +Waende, ueber die es fliesst, erhitzt wird. + +Wir hatten jetzt noch den steilsten Theil des Berges, der die Spitze +bildet, den Piton, zu ersteigen. Der Abhang dieses kleinen, mit +vulkanischer Asche und Bimssteinstuecken bedeckten Kegels ist so schroff, +dass es fast unmoeglich waere, auf den Gipfel zu gelangen, wenn man nicht +einem alten Lavastrom nachginge, der aus dem Krater geflossen scheint und +dessen Truemmer dem Zahn der Zeit getrotzt haben. Diese Truemmer bilden eine +verschlackte Felswand, die sich mitten durch die lose Asche hinzieht. Wir +erstiegen den Piton, indem wir uns an diesen Schlacken anklammerten, die +scharfe Kanten haben und, halb verwittert, wie sie sind, uns nicht selten +in der Hand blieben. Wir brauchten gegen eine halbe Stunde, um einen Huegel +zu ersteigen, dessen senkrechte Hoehe kaum 90 Toisen [175 m] betraegt. Der +Vesuv, der dreimal niedriger ist als der Vulkan auf Teneriffa, laeuft in +einen fast dreimal hoeheren Aschenkegel aus, der aber nicht so steil und +zugaenglicher ist. Unter allen Vulkanen, die ich besucht, ist nur der +Jorullo in Mexiko noch schwerer zu besteigen, weil der ganze Berg mit +loser Asche bedeckt ist. + +Wenn der Zuckerhut mit Schnee bedeckt ist, wie bei Eintritt des Winters, +so kann die Steilheit des Anhanges den Reisenden in die groesste Gefahr +bringen. Le Gros zeigte uns die Stelle, wo Kapitaen Baudin auf seiner Reise +nach Teneriffa beinahe ums Leben gekommen waere. Muthig hatte er gegen Ende +Dezembers 1797 mit den Naturforschern Advenier, Mauger und Riedle die +Besteigung des Gipfels des Vulkans unternommen. In der halben Hoehe des +Kegels fiel er und rollte bis zur kleinen Ebene Rambleta hinunter; zum +Glueck machte ein mit Schnee bedeckter Lavahaufen, dass er nicht noch weiter +mit beschleunigter Geschwindigkeit hinabflog. Wie man mir versichert, ist +ein Reisender, der den mit festem Rasen bedeckten Abhang des Col de Balme +hinabgerollt war, erstickt gefunden worden. + +Auf der Spitze des Piton angelangt, wunderten wir uns nicht wenig, dass wir +kaum Platz fanden, bequem niederzusitzen. Wir standen vor einer kleinen +kreisfoermigen Mauer aus porphyrartiger Lava mit Pechsteinbasis; diese +Mauer hinterte uns, in den Krater hinabzusehen. [La Caldera oder der +Kessel des Pics. Der Name erinnert an die *Oules* der Pyrenaeen.] Der Wind +blies so heftig aus West, dass wir uns kaum auf den Beinen halten konnten. +Es war acht Uhr morgens und wir waren starr vor Kaelte, obgleich der +Thermometer etwas ueber dem Gefrierpunkt stand. Seit lange waren wir an +eine sehr hohe Temperatur gewoehnt, und der trockene Wind steigerte das +Frostgefuehl, weil er die kleine Schicht warmer und feuchter Luft, welche +sich durch die Hautausduenstung um uns her bildete, fortwaehrend wegfuehrte. + +Der Krater des Pic hat, was den Rand betrifft, mit den Kratern der meisten +anderen Vulkane, die ich besucht, z. B. mit dem des Vesuvs, des Jorullo +und Pipincha, keine Aehnlichkeit. Bei diesen behaelt der Piton seine +Kegelgestalt bis zum Gipfel; der ganze Abhang ist im selben Winkel geneigt +und gleichfoermig mit einer Schicht sehr fein zertheilten Bimssteins +bedeckt; hat man die Spitze dieser drei Vulkane erreicht, so blickt man +frei bis auf den Boden des Schlunds. Der Pic von Teneriffa und der +Cotopaxi dagegen sind ganz anders gebaut; auf ihrer Spitze laeuft +kreisfoermig ein Kamm oder eine Mauer um den Krater; von ferne stellt sich +diese Mauer wie ein kleiner Cylinder auf einem abgestutzten Kegel dar. +Beim Cotopaxi erkennt man dieses eigenthuemliche Bauwerk ueber 2000 Toisen +weit mit blossem Auge, wesshalb auch noch kein Mensch bis zum Krater dieses +Vulkans gekommen ist. Beim Pik von Tenerifa ist der Kamm, der wie eine +Brustwehr um den Krater laeuft, so hoch, dass er gar nicht zur *Caldera* +gelangen liesse, wenn sich nicht gegen Ost eine Luecke darin befaende, die +von einem sehr alten Lavaerguss herzuruehren scheint. Durch diese Luecke +stiegen wir auf den Boden des Trichters hinab, der elliptisch ist; die +grosse Achse laeuft von Nordwest nach Suedost, etwa Nord 35 deg. Ost. Die groesste +Breite der Oeffnung schaetzten wir auf 300 Fuss [97 m], die kleinste auf 200 +Fuss [65 m]. Diese Angaben stimmen ziemlich mit den Messungen von Berguin, +Verela und Borda; nach diesen Reisenden messen die zwei Axen 40 und 30 +Toisen. [Cordier, der den Gipfel des Pics vier Jahre nach mir besucht hat, +schaetzt die grosse Axe auf 65 Toisen. Lamanon gibt dafuer 50 T. an, Odonnell +aber gibt dem Krater 550 Baras (236 Toisen) Umfang.] + +Man sieht leicht ein, dass die Groesse eines Kraters nicht allein von der +Hoehe und der Masse des Berges abhaengt, dessen Hauptoeffnung er bildet. +Seine Weite steht sogar selten im Verhaeltniss mit der Intensitaet des +vulkanischen Feuers oder der Thaetigkeit des Vulkans. Beim Vesuv, der gegen +den Pik von Teneriffa nur ein Huegel ist, hat der Krater einen fuenfmal +groesseren Durchmesser. Bedenkt man, dass sehr hohe Vulkane aus ihrem Gipfel +weniger Stoffe auswerfen als aus Seitenspalten, so koennte man versucht +seyn anzunehmen, dass, je niedriger die Vulkane sind, ihre Krater, bei +gleicher Kraft und Thaetigkeit, desto groesser seyn muessten. Allerdings gibt +es ungeheure Vulkane in den Anden, die nur sehr kleine Oeffnungen haben, +und man koennte es als ein geologisches Gesetz hinstellen, dass die +colossalsten Berge auf ihren Gipfeln nur Krater von geringem Umfang haben, +wenn sich nicht in den Cordilleren mehrere Beispiele [Die grossen Vulkane +Cotopaxi und Rucupichincha haben nach meinen Messungen Krater mit +Diametern von mehr als 500 und 700 Toisen.] des gegentheiligen Verhaltens +faenden. Ich werde im Verfolg Gelegenheit finden, zahlreiche Thatsachen +anzufuehren, welche einst auf das, was man den aeussern Bau der Vulkane +nennen kann, einiges Licht werfen koennten. Dieser Bau ist so mannigfaltig +als die vulkanischen Erscheinungen selbst, und will man sich zu +geologischen Vorstellungen erheben, die der Groesse der Natur wuerdig sind, +so muss man die Meinung aufgeben, als ob alle Vulkane nach dem Muster des +Vesuv, des Stromboli und des Aetna gebaut waeren. + +Die aeusseren Raender der *Caldera* sind beinahe senkrecht; sie stellen sich +ungefaehr dar wie die Somma, vom Atrio dei Cavalli aus gesehen. Wir stiegen +auf den Boden des Kraters auf einen Streif zerbrochener Laven, der zu der +Luecke in der Umfassungsmauer hinauflaeuft. Hitze war nur ueber einigen +Spalten zu spueren, aus denen Wasserdampf mit einem eigenthuemlichen Sumsen +stroemte. Einige dieser Luftloecher oder Spalten befinden sich aeusserhalb des +Kraterumfanges, am aeusseren Rand der Bruestung, welche den Krater umgibt. +Ein in dieselben gebrachter Thermometer stieg rasch auf 68 und 75 Grad. Er +zeigte ohne Zweifel eine noch hoehere Temperatur an; aber wir konnten das +Instrument erst ansehen, nachdem wir es herausgezogen, wollten wir uns +nicht die Haende verbrennen. Cordier hat mehrere Spalten gefunden, in denen +die Hitze der des siedenden Wassers gleich war. Man koennte glauben, diese +Daempfe, die stossweise hervorkommen, enthalten Salzsaeure oder +Schwefelsaeure; laesst man sie aber an einem kalten Koerper sich verdichten, +zeigen sie keinen besondern Geschmack, und die Versuche mehrerer Physiker +mit Reagentien beweisen, dass die Fumarolen des Pic nur reines Wasser +aushauchen; diese Erscheinung, die mit meinen Beobachtungen im Krater des +Jorullo uebereinstimmt, verdient desto mehr Aufmerksamkeit, als Salzsaeure +in den meisten Vulkanen in grosser Menge vorkommt und Bauquelin sogar in +den porphyraehnlichen Laven von Sarcouy in der Auvergne Salzsaeure gefunden +hat. + +Ich habe an Ort und Stelle die Ansicht des inneren Kraterrandes +gezeichnet, wie er sich darstellt, wenn man durch die gegen Ort gelegene +Luecke hinabsteigt. Nichts merkwuerdiger als diese Aufeinanderlagerung von +Lavaschichten, die Kruemmungen zeigen, wie der Alpenkalkstein. Diese +ungeheuren Baenke sind bald wagrecht, bald geneigt und wellenfoermig +gewunden, und Alles weist darauf hin, dass einst die ganze Masse fluessig +war, und dass mehrere stoerende Ursachen zusammenwirkten, um jedem Strom +seine bestimmte Richtung zu geben. An der obenumlaufenden Mauer sieht man +das seltsame Astwerk, wie man es an der entschwefelten Steinkohle +beobachtet. Der noerdliche Rand ist der hoechste; gegen Suedwest erniedrigt +sich die Mauer bedeutend und am aeussersten Rand ist eine ungeheure +verschlackte Lavamasse angebacken. Gegen West ist das Gestein +durchbrochen, und durch eine weite Spalte sieht man den Meereshorizont. +Vielleicht hat die Gewalt der elastischen Daempfe im Moment, wo die im +Krater aufgestiegene Lava ueberquoll, hier durchgerissen. + +Das Innere des Trichters weist darauf hin, dass der Vulkan seit +Jahrtausenden nur noch aus seinen Seiten Feuer gespieen hat. Diese +Behauptung gruendet sich nicht darauf, weil sich am Boden der Caldera keine +grossen Oeffnungen zeigen, wie man erwarten koennte. Die Physiker, die die +Natur selbst beobachtet haben, wissen, dass viele Vulkane in der +Zwischenzeit zweier Ausbrueche ausgefuellt und fast erloschen scheinen, dass +sich dann aber im vulkanischen Schlund Schichten sehr rauher, klingender +und glaenzender Schlacken finden. Man bemerkt kleine Erhoehungen, +Auftreibungen durch die elastischen Daempfe, kleine Schlacken- und +Aschenkegel, unter denen die Oeffnungen liegen. Der Krater des Pic von +Teneriffa zeigt keiens dieser Merkmale; sein Boden ist nicht im Zustand +geblieben, wie ein Ausbruch ihn zuruecklaesst. Durch den Zahn der Zeit und +den Einfluss der Daempfe sind die Waende abgebroeckelt und haben das Becken +mit grossen Bloecken steinigter Lava bedeckt. + +Man gelangt gefahrlos auf den Boden des Kraters. Bei einem Vulkan, dessen +Hauptthaetigkeit dem Gipfel zu geht, wie beim Vesuv, wechselt die Tiefe des +Kraters vor und nach jedem Ausbruch; auf dem Pic von Teneriffa dagegen +scheint die Tiefe seit langer Zeit sich gleichgeblieben zu seyn. Edens +schaetzte sie im Jahre 1715 auf 115 Fuss [37 m], Cordier im J. 1803 auf 110 +[35,5 m]. Nach dem Augenmaass haette ich geglaubt, dass der Trichter nicht +einmal so tief waere. In seinem jetzigen Zustand ist er eigentlich eine +Solfatara; er ist ein weites Feld fuer interessante Beobachtungen, aber +imposant ist sein Anblick nicht. Grossartig wird der Punkt nur durch die +Hoehe ueber dem Meeresspiegel, durch die tiefe Stille in dieser Region, +durch den unermesslichen Erdraum, den das Auge auf der Spitze des Berges +ueberblickt. + +Die Besteigung des Vulkans von Teneriffa ist nicht nur dadurch anziehend, +dass sie uns so reichen Stoff fuer wissenschaftliche Forschung liefert; sie +ist es noch weit mehr dadurch, dass sie den, der Sinn hat fuer die Groesse der +Natur, eine Fuelle malerischer Reize bietet. Solche Empfindungen zu +schildern, ist eine schwere Aufgabe; sie regen uns desto tiefer auf, da +sie etwas Unbestimmtes haben, wie es die Unermesslichkeit des Raums und die +Groesse, Neuheit und Mannigfaltigkeit der uns umgebenden Gegenstaende mit +sich bringen. Wenn ein Reisender die hohen Berggipfel unseres Erdballs, +die Cataracten der grossen Stroeme, die gewundenen Thaeler der Anden zu +beschreiben hat, so laeuft er Gefahr den Leser durch den eintoenigen +Ausdruck seiner Bewunderung zu ermueden. Es scheint mir den Zwecken, die +ich bei dieser Reisebeschreibung im Auge habe, angemessener, den +eigenthuemlichen Charakter zu schildern, der jeden Landstrich auszeichnet. +Man lehrt die Physiognomie einer Landschaft deste besser kennen, je +genauer man die einzelnen Zuege auffasst, sie unter einander vergleicht und +so auf dem Wege der Analysis den Quellen der Genuesse nachgeht, die uns das +grosse Naturgemaelde bietet. + +Die Reisenden wissen aus Erfahrung, dass man auf der Spitze hoher Berge +selten eine so schoene Aussicht hat und so mannigfaltige malerische Effekte +beobachtet als auf den Gipfeln von der Hoehe des Vesuvs, des Rigi, des Puy +de Dome. Colossale Berge wie der Chimborazo, der Antisana oder der +Montblanc haben eine so grosse Masse, dass man die mit reichem Pflanzenwuchs +bedeckten Ebenen nur in grosser Entfernung sieht und ein blaeulicher Duft +gleichfoermig auf der ganzen Landschaft liegt. Durch seine schlanke Gestalt +und seine eigenthuemliche Lage vereinigt nun der Pic von Teneriffa die +Vortheile niedrigerer Gipfel mit denen, wie sehr bedeutende Hoehen sie +bieten. Man ueberblickt auf seiner Spitze nicht allein einen ungeheuren +Meereshorizont, der ueber die hoechsten Berge der benachbarten Inseln +hinaufreicht, man sieht auch die Waelder von Teneriffa und die bewohnten +Kuestenstriche so nahe, dass noch Umrisse und Farben in den schoensten +Contrasten hervortreten. Es ist als ob der Vulkan die kleine Insel, die +ihm zur Grundlage dient, erdrueckte; er steigt aus dem Schoosse des Meeres +dreimal hoeher auf, als die Wolken im Sommer ziehen. Wenn sein seit +Jahrhunderten halb erloschener Krater Feuergarben auswuerfe wie der +Stromboli der aeolischen Inseln, so wuerde der Pik von Tenerifa dem Schiffer +in einem Umkreis von mehr als 260 Meilen als Leuchtthurm dienen. + +Wir lagerten uns am aeussern Rande des Kraters und blickten zuerst nach +Nordwest, wo die Kuesten mit Doerfern und Weilern geschmueckt sind. Vom Winde +fortwaehrend hin und her getriebene Dunstmassen zu unser Fuessen boten uns +das mannigfaltigste Schauspiel. Eine ebene Wolkenschicht zwischen uns den +tiefen Regionen der Insel, dieselbe, von der oben die Rede war, war da und +dort durch die kleinen Luftstroeme durchbrochen, welche nachgerade die von +der Sonne erwaermte Erdoberflaeche zu uns heraufsandte. Der Hafen von +Orotava, die darin ankernden Schiffe, die Gaerten und Weinberge um die +Stadt wurden durch eine Oeffnung sichtbar, welche jeden Augenblick groesser +zu werden schien. Aus diesen einsamen Regionen blickten wir nieder in eine +bewohnte Welt; wir ergoetzten uns am lebhaften Contrast zwischen den duerren +Flanken des Pics, seinen mit Schlacken bedeckten steilen Abhaengen, seinen +pflanzenlosen Plateaus, und dem lachtenden Anblick des bebauten Landes; +wir sahen, wie sich die Gewaechse nach der mit der Hoehe abnehmenden +Temperatur in Zonen vertheilen. Unter dem Piton beginnen Flechten die +verschlackten, glaenzenden Laven zu ueberziehen; ein Veilchen [_Viola +cheiranthifolia_], das der _Viola decumbens_ nahe steht, geht am Abhang +des Vulkans bis zu 1740 Toisen [3390 m] Hoehe, hoeher nicht allein als die +andern krautartigen Gewaechse, sondern sogar hoeher als die Graeser, welche +in den Alpen und auf dem Ruecken der Kordilleren unmittelbar an die +Gewaechse aus der Familie der Kryptogamen stossen. Mit Bluethen bedechte +Retamabuesche schmuecken die kleinen, von den Regenstroemen eingerissenen und +durch die Seitenausbrueche verstopften Thaeler; unter der Retama folgt die +Region der Farn und auf diese die der baumartigen Heiden. Waelder von +Lorbeeren, Rhamnus und Erdbeerbaeumen liegen zwischen den Heidekraeutern und +den mit Reben und Obstbaeumen bepflanzten Gelaenden. Ein reicher gruener +Teppich breitet sich von der Ebene der Ginster und der Zone der +Alpenkraeuter bis zu den Gruppen von Dattelpalmen und Musen, deren Fuss das +Weltmeer zu bespuelen scheint. Ich deute hier nur die Hauptzuege dieser +Pflanzenkarte an; im Folgenden gebe ich einiges Naehere ueber die +Pflanzengeographie der Insel Teneriffa. + +Dass auf der Spitze des Pics die Doerfchen, Weinberge und Gaerten an der +Kueste einem so nahe gerueckt scheinen, dazu traegt die erstaunliche +Durchsichtigkeit der Luft viel bei. Trotz der bedeutenden Entfernung +erkannten wir nicht nur die Haeuser, die Baumstaemme, das Takelwerk der +Schiffe, wir sahen auch die reiche Pflanzenwelt der Ebenen in den +lebhaftesten Farben glaenzen. Diese Erscheinung ist nicht allein dem hohen +Standpunkt zuzuschreiben, sie deutet auf eine eigenthuemliche +Beschaffenheit der Luft in den heissen Laendern. Unter allen Zonen erscheint +ein Gegenstand, der sich auf dem Meeresspiegel befindet und von dem die +Lichtstrahlen in wagrechter Richtung ausgehen, weniger lichtstark, als +wenn man ihn vom Gipfel eines Berges sieht, wohin die Wasserdaempfe durch +Luftschichten von abnehmender Dichtigkeit gelangen. Gleich auffallende +Unterschiede werden vom Einfluss der Klimate bedingt; der Spiegel eines +Sees oder eines breiten Flusses glaenzt bei gleicher Entfernung weniger, +wenn man ihn vom Kamme der Schweizer Hochalpen, als wenn man ihn vom +Gipfel der Cordilleren von Peru oder Mexico sieht. Je reiner und heiterer +die Luft ist, desto vollstaendiger wird das Licht bei seinem Durchgang +geschwaecht. Wenn man von der Suedsee her auf die Hochebene von Quito oder +Antisana kommt, so wundert man sich in den ersten Tagen, wie nahe gerueckt +Gegenstaende erscheinen, die sieben, acht Meilen entfernt sind. Der Pic von +Teyde geniesst nur zwar nicht des Vortheils, unter den Tropen zu liegen, +aber die Trockenheit der Luftsaeulen, welche fortwaehrend ueber den +benachbarten afrikanischen Ebenen aufsteigen und die die Westwinde rasch +herbeifuehren, verleiht der Luft der canarischen Inseln eine +Durchsichtigkeit, hinter der nicht nur die Luft Neapels und Siziliens, +sondern vielleicht sogar der klare Himmel Perus und Quitos zurueckstehen. +Auf dieser Durchsichtigkeit beruht vornehmlich die Pracht der Landschaften +unter den Tropen; sie hebt den Glanz der Farben der Gewaechse und steigert +die magische Wirkung ihrer Harmonien und ihrer Contraste. Wenn eine grosse, +um die Gegenstaende verbreitete Lichtmasse in gewissen Stunden des Tages +die aeussern Sinne ermuedet, so wird der Bewohner suedlicher Klimate durch +moralische Genuesse dafuer entschaedigt. Schwung und Klarheit der Gedanken, +innerliche Heiterkeit entsprechen der Durchsichtigkeit der umgebenden +Luft. Man erhaelt diese Eindruecke, ohne die Grenzen von Europa zu +ueberschreiten; ich berufe mich auf die Reisenden, welche jene durch die +Wunder des Gedankens und der Kusnt verherrlichten Laender gesehen haben, +die gluecklichen Himmelsstriche Griechenlands und Italiens. + +Umsonst verlaengerten wir unseren Aufenthalt auf dem Gipfel des Pics, des +Moments harrend, wo wir den ganzen Archipel der glueckseligen Inseln(18) +wuerden uebersehen koennen. Wir sahen zu unseren Fuessen Palma, Gomera und die +Grosse Canaria. Die Berge von Lanzerota, die bei Sonnenaufgang dunstfrei +gewesen waren, huellten sich bald wieder in dichte Wolken. Nur die +gewoehnliche Refraction vorausgesetzt, uebersieht das Auge bei hellen Wetter +vom Gipfel des Vulkans ein Stueck Erdoberflaeche von 5700 Quadratmeilen +[115000 qkm], also so viel als ein Viertheil der Oberflaeche Spaniens. Oft +ist die Frage aufgeworfen worden, ob man von dieser ungeheurn Pyramide die +afrikanische Kueste sehen koenne. Aber die naechsten Striche dieser Kueste +sind 2 Grad 49 Minuten im Bogen, oder 56 Meilen [252 km] entfernt; da nun +der Gesichtshalbmesser des Horizonts des Pics 1 Grad 47 Minuten betraegt, +so kann Cap Bojador nur sichtbar werden, wenn man ihm 200 Toisen +Meereshoehe gibt. Wiir wissen gar nicht, wie hoch die Schwarzen Berge bei +Cap Bojador sind, sowie der Pic suedlich von diesem Vorgebirge, den die +Seefahrer Penon grade nennen. Waere der Gipfel des Vulkans von Teneriffa +zugaenglicher, so liessen sich dort ohne Zweifel bei gewissen Windrichtungen +die Wirkungen ungewoehnlicher Refraction beobachten. Liest man die Berichte +spanischer und portugiesischer Schriftsteller ueber die Existenz der +fabelhaften Insel San Borondon oder Antilia, so sieht man, dass in diesen +Strichen vorzueglich der feuchte West-Sued-Westwind Luftspiegelungen zur +Folge hat;(19) indessen wollen wir nicht mit Viera glauben, "dass durch das +Spiel der irdischen Refraction die Inseln des gruenen Vorgebirges, ja sogar +die Apalachen in Amerika den Bewohnern der Canarien sichtbar werden +koennen." + +Die Kaelte, die wir auf dem Gipfel des Pics empfanden, war fuer die +Jahreszeit sehr bedeutend. Der hunderttheilige Thermometer(20) zeigte +entfernt vom Boden und von den Fumarolen, die heisse Daempfe ausstossen, im +Schatten 2 deg.,7. Der Wind war West, also dem entgegengesetzt, der einen +grossen Teil des Jahres Teneriffa die heisse Luft zufuehrt, die ueber den +gluehenden Wuesten Afrikas aufsteigt. Da die Temperatur im Hafen von +Orotava, nach Herrn Savagis Beobachtung, 22 deg.,8 war, so nahm die Waerme auf +94 Toisen Hoehe um einen Grad ab. Dieses Ergebniss stimmt vollkommen mit dem +ueberein, was Lamanon und Saussure auf den Spitzen des Pics und des Aetna, +obwohl in sehr verschiedenen Jahreszeiten, beobachtet haben. [Lamanons +Beobachtung ergiebt einen Grad auf 99 Toisen, obgleich die Temperatur des +Pics um 9 deg. von der von uns beobachteten abwich. Am Aetna fand Saussure die +Abnahme gleich 91 Toisen.] Die schlanke Gestalt dieser Berge bietet den +Vortheil, dass man die Temperatur zweier Luftschichten fast senkrecht ueber +einander beobachten kann, und in dieser Beziehung gleichen die +Beobachtungen, die man bei der Besteigung des Vulkans von Teneriffa macht, +denen, die man bei einer Auffahrt im Luftballon machen kann. Es ist +indessen zu bemerken, dass die See wegen ihrer Durchsichtigkeit und wegen +der Verdunstung weniger Waerme den hohen Luftschichten zusendet als die +Ebenen; daher ist es auf vom Meer umgebenen Berggipfeln im Sommer kaelter +als auf Bergen mitten im Lande; dieses Moment hat aber nur geringen +Einfluss auf die Abnahme der Luftwaerme, da die Temperatur der tiefen +Regionen in der Naehe des Meeres gleichfalls eine niedrigere ist. + +Anders verhaelt es sich mit dem Einflusse der Windrichtung und der +Geschwindigkeit des aufsteigenden Stroms; letzterer erhoeht nicht selten +die Temperatur der hoechsten Berge in erstaunlichem Grade. Am Abhang des +Antisana im Koenigreich Quito sah ich in 2837 Toisen Hoehe den Thermometer +auf 19 deg. stehen; Labillardiere beobachtete am Kraterrand des Pic von +Teneriffa 18 deg.,7, wobei er alle erdenkliche Vorsicht gebraucht hatte, um +den Einfluss zufaelliger Ursachen auszuschliessen. Da die Temperatur der +Rhede von Santa Cruz zur selben Zeit 28 deg. war, so betrug der Unterschied +zwischen der Luft an der Kueste und der auf dem Pic 9 deg.,3 statt 20 deg., die +einer Waermeabnahme von einem Grad auf 94 Toisen entsprechen. Ich finde im +Schiffstagebuch von l´Entrecasteaux´s Expedition, dass damals in Santa Cruz +der Wind Sued-Sued-Ost war. Vielleicht wehte derselbe Wind staerker in den +hohen Luftregionen; vielleicht trieb er in schiefer Richtung die warme +Luft vom nahen Festlande der Spitze des Piton zu. Labillardieres +Besteigung fand zudem am 17. Oktober 1791 statt, und in den Schweizer +Alpen hat man die Beobachtung gemacht, dass der Temperaturunterschied +zwischen Berg und Tiefland im Herbst geringer ist als im Sommer. Alle +diese Schwankungen im Mass der Temperaturabnahme haben auf die Messungen +mittelst des Barometers nur insofern Einfluss, als die Abnahme in den +dazwischenliegenden Schichten nicht gleichfoermig ist, und von der +arithmetischen gleichmaessigen Progression, wie die angewandten Formeln sie +annehmen, abweicht. + +Wir wurden auf dem Gipfel des Pics nicht muede, die Farbe des blauen +Himmelsgewoelbes zu bewundern. Ihre Intensitaet im Zenith schien uns gleich +41 deg. des Cyanometers. Man weiss nach Saussures Versuchen, dass diese +Intensitaet mit der Verduennung der Luft zunimmt, und dass dasselbe +Instrument zu selben Zeit bei der Priorei von Chamouni 39 deg. und auf der +Spitze des Montblanc 40 deg. zeigte. Dieser Berg ist um 540 Toisen hoeher als +der Vulkan von Teneriffa, und wenn trotz diesem Unterschied auf ersterem +das Himmelsblau nicht so dunkel ist, so ruehrt dies wohl von der +Trockenheit der afrikanischen Luft und der Naehe der heissen Zone her. + +Wir fingen am Kraterrand Luft auf, um sie auf der Fahrt nach Amerika +chemisch zu zerlegen. Die Flasche war so gut verschlossen, dass, als wir +sie nach zehn Tagen oeffneten, das Wasser mit Gewalt hineindrang. Nach +mehreren Versuchen mit Salpetergas in der engen Roehre des Fontanaschen +Eudiometers enthielt die Luft im Krater neun Hunderttheile weniger +Sauerstoff als die Seeluft; ich gebe aber wenig auf dieses Resultat, da +die Methode jetzt fuer ziemlich unzuverlaessig gilt. Der Krater des Pics hat +so wenig Tiefe und die Luft darin erneuert sich so leicht, dass schwerlich +mehr Stickstoff darin ist als an der Kueste. Wir wissen ueberdem aus +Gay-Lussacs und Theodor Saussures Versuchen, dass die Luft in den hoechsten +Luftregionen wie in den tiefsten 0,21 Sauerstoff enthaelt.(21) + +Wir sahen auf dem Gipfel des Pics keine Spur von Psora, Lecidium oder +andern Crytogamen, kein Insekt flatterte in der Luft. Indessen findet man +hie und da ein hautfluegligtes Insekt an den Schwefelmassen angeklebt, die +von schwefligter Saeure feucht sind und die Oeffnungen der Fumarolen +auskleiden. Es sind Bienen, die wahrscheinlich die Bluethen des _Spartium +nubigenum_ aufgesucht hatten und vom Winde schief aufwaerts in diese Hoehe +getrieben worden waren, wie die Schmetterlinge, welche Ramond auf dem +Gipfel des Mont-Perdu gefunden. Die letzteren gehen durch die Kaelte zu +Grunde, waehrend die Bienen auf dem Pic geroestet werden, wenn sie +unvorsichtig den Spalten, an denen sie sich waermen wollen, zu nahe kommen. + +Trotz dieser Waerme, die man am Rande des Kraters unter den Fuessen spuert, +ist der Aschenkegel im Winter mehrere Monate mit Schnee bedeckt. +Wahrscheinlich bilden sich unter der Schneehaube grosse Hoehlungen, aehnlich +denen unter den Gletschern in der Schweiz, die bestaendig eine niedrigere +Temperatur haben als der Boden, auf dem sie ruhen. Der heftige kalte Wind, +der seit Sonnenaufgang blies, zwang uns, am Fusse des Piton Schutz zu +suchen. Haende und Gesicht waren uns erstarrt, waehrend unsere Stiefel auf +dem Boden, auf den wir den Fuss setzten, verbrannten. In wenigen Minuten +waren wir am Fuss des Zuckerhuts, den wir so muehsam erklommen, und diese +Geschwindigkeit war zum Theil unwillkuerlich, da man haeufig in der Asche +hinunterrutscht. Ungern schieden wir von dem einsamen Ort, wo sich die +Natur in ihrer ganzen Grossartigkeit vor uns aufthut; wir hofften die +canarischen Inseln noch einmal besuchen zu koennen, aber aus dem Plan wurde +nichts, wie aus so vielen, die wir damals entwarfen. + +Wir gingen langsam durch das Malpays; auf losen Lavabloecken tritt man +nicht sicher auf. Der Station bei den Felsen zu wird der Weg abwaerts +aeusserst beschwerlich; der dichte kurze Rasen ist so glatt, dass man sich +bestaendig nach hinten ueberbeugen muss, um nicht zu stuerzen. Auf der +sandigen Ebene der Retama zeigte der Thermometer 22 deg.,5, und diess schien +uns nach dem Frost, der uns auf dem Gipfel geschuettelt, eine erstickende +Hitze. Wir hatten gar kein Wasser; die Fuehrer hatten nicht allein den +kleinen Vorrath Malvasier, den wir der freundlichen Vorsage Cologans +verdankten, heimlich getrunken, sondern sogar die Wassergefaesse zerbrochen. +Zum Glueck war die Flasche mit der Kraterluft unversehrt geblieben. + +In der schoenen Region der Farn und der baumartigen Heiden genossen wir +endlich einiger Kuehlung. Eine dicke Wolkenschicht huellte uns ein; sie +hielt sich in 600 Toisen Hoehe ueber der Niederung. Waehrend wir durch diese +Schicht kamen, hatten wir Gelegenheit, eine Erscheinung zu beobachten, die +uns spaeter am Abhang der Cordilleren oefters vorgekommen ist. Kleine +Luftstroeme trieben Wolkenstreifen mit verschiedener Geschwindigkeit nach +entgegengesetzten Richtungen. Diess nahm sich aus, als ob in einer grossen +stehenden Wassermasse kleine Wasserstroeme sich rasch nach allen Seiten +bewegten. Diese theilweise Bewegung der Wolken ruehrt wahrscheinlich von +sehr verschiedenen Ursachen her, und man kann sich denken, dass der Anstoss +dazu sehr weit her kommen mag. Man kann den Grund in den kleinen +Unebenheiten des Bodens suchen, die mehr oder weniger Waerme strahlen, in +einem auf irgend einem chemischen Process beruhenden Temperaturunterschied, +oder endlich in einer starken elektrischen Ladung der Dunstblaeschen. + +In der Naehe der Stadt Orotava trafen wir grosse Schwaerme von Canarienvoegeln +[_Fringilla Canaria_. La Caille erzaehlt in seiner Reisebeschreibung nach +dem Cap, auf der Insel Salvage faenden sich diese Voegel in so ungeheurer +Menge, dass man in einer gewissen Jahreszeit nicht umhergehen koenne, ohne +Eier zu zertreten.] Diese in Europa so wohl bekannten Voegel waren ziemlich +gleichfoermig gruen, einige auf dem Ruecken gelblich; ihr Schlag glich dem +der zahmen Canarienvoegel, man bemerkt indessen, dass die, welche auf der +Insel Gran Canaria und auf dem kleinen Eiland Monte Clara bei Lanzerota +gefanden werden, einen staerkeren und zugleich harmonischeren Schlag haben. +In allen Himmelsstrichen hat jeder Schwarm derselben Vogelart seine eigene +Sprache. Die gelben Canarienvoegel sind eine Spielart, die in Europa +entstanden ist, und die, welche wir zu Orotava und Santa Cruz de Teneriffa +in Kaefigen sahen, waren in Cadix und anderen spanischen Haefen gekauft. +Aber der Vogel der canarischen Inseln, der von allen den schoensten Gesang +hat, ist in Europa unbekannt, der Capirote, der so sehr die Freiheit +liebt, dass er sich niemals zaehmen liess. Ich bewunderte seinen weichen, +melodischen Schlag in einem Garten bei Orotava, konnte ihn aber nicht nahe +genug zu Gesicht bekommen, um zu bestimmen, welcher Gattung sie angehoert. +Was die Papageien betrifft, die man beim Aufenthalt des Kapitaen Cook auf +Teneriffa gesehen haben will, so existiren sie nur in Reiseberichten, die +einander abschreiben. Es gibt auf den Canarien wieder Papageien noch +Affen, und obgleich erstere in der neuen Welt bis Nordcarolina wandern, so +glaube ich doch kaum, dass in der alten ueber dem 28sten Grad noerdlicher +Breite welche vorkommen. + +Wir kamen, als der Tag sich neigte, im Hafen von Orotava an und erhielten +daselbst die unerwartete Nachricht, dass der Pizarro erst in der Nach vom +24. zum 25. unter Segel gehen werde. Haetten wir auf diesen Aufschub +rechnen koennen, so waeren wir entweder laenger auf dem Pic geblieben(22) +oder haetten einen Ausflug nach dem Vulkan Chahorra gemacht. Den folgenden +Tag durchstreiften wir die Umgegend von Orotava. Da fuehlten wir recht, dass +der Aufenthalt auf Teneriffa nicht bloss fuer den Naturforscher von +Interesse ist; man findet in Orotava Liebhaber von Literatur und Musik, +welche den Reiz europaeischer Gesellschaft in diese fernen Himmelsstriche +verpflanzt haben. In dieser Beziehung haben die canarischen Inseln mit den +uebrigen spanischen Kolonien, Havanna ausgenommen, wenig gemein. + +Am Vorabend des Johannistages wohnten wir einem laendlichen Feste in Herrn +Littles Garten bei. Dieser Handelsmann, der den Canarien bei der letzten +Getreidetheuerung bedeutende Dienste erwiesen, hat einen mit vulkanischen +Truemmern bedeckten Huegel angepflanzt und an diesem koestlichen Punkt einen +englischen Garten angelegt, wo man eine herrliche Aussicht auf die +Pyramide des Pics, auf die Doerfer an der Kueste und die Insel Palme hat, +welche die weite Meeresflaeche begrenzt. Ich kann diese Aussicht nur mit +der in den Golfen von Neapel und Genua vergleichen, aber hinsichtlich der +Grossartigkeit der Massen und der Fuelle des Pflanzenwuchses steht Orotave +ueber beiden. Bei Einbruch der Nacht bot uns der Abhang des Vulkans auf +einmal ein eigenthuemliches Schauspiel. Nach einem Brauch, den ohne Zweifel +die Spanier eingefuehrt hatten, obgleich er an sich uralt ist, hatten die +Hirten die Johannisfeuer angezuendet. Die zerstreuten Lichtmassen, die vom +Winde gejagten Rauchsaeulen hoben sich an den Seiten des Pics vom +Dunkelgruen der Waelder ab. Freudengeschrei drang aus der Ferne zu uns +herueber, und schien der einzige Laut, der die Stille der Natur an jenen +einsamen Orten unterbrach. + +Die Familie Cologan besitzt ein Landhaus naeher an der Kueste als das eben +beschriebene. Der Name, den ihm der Eigenthuemer gegeben, bezeichnet den +Eindruck, den dieser Landsitz macht. Das Haus *la Paz* hatte zudem noch +besonderes Interesse fuer uns. Borda, dessen Tod wir bedauerten, hatte hier +bei seiner letzten Reise nach den Canarien gewohnt. Auf einer kleinen +Ebene in der Naehe hat er die Standlinie zur Messung der Hoehe des Pics +abgesteckt. Bei dieser trigonometrischen Messung diente der grosse +Drachenbaum von Orotava als Signal. Wollte einmal ein unterrichteter +Reisender eine genauere Messung des Vulkans mittelst astronomischer +Repetitionskreise vornehmen, so muesste er die Standlinie nicht bei Orotava, +sondern bei *los Silos*, an einem Orte, *Bante* genannt, messen; nach +Broussonet ist keine Ebene in der Naehe des Pics so gross wie diese. Wir +botanisirten bei la Paz und fanden in Menge das _Lichen roccella_ auf +basaltischem, von der See bespuelten Gestein. Die Orseille der Canarien ist +ein sehr alter Handelsartikel; man bezieht aber das Moos weniger von +Teneriffa als von den unbewohnten Inseln Salvage, Graciosa, Alagranza, +sogar von Canaria und Hierro. + +Am 24. Juni Morgens verliessen wir den Hafen von Orotava; in Laguna +speisten wir beim franzoesischen Consul. Er hatte die Gefaelligkeit, die +Besorgung der geologischen Sammlungen zu uebernehmen, die wir dem +Naturaliencabinett des Koenigs von Spanien uebermachten. Als wir vor der +Stadt auf die Rhede hinausblickten, sahen wir zu unserem Schreck den +Pizarro, unsere Corvette, unter Segel. Im Hafen angelangt, erfuhren wir, +er lavire mit wenigen Segeln, uns erwartend. Die englischen bei Teneriffa +stationirten Schiffe waren verschwunden, und wir hatten keinen Augenblick +zu verlieren, um aus diesen Strichen wegzukommen. Wir schifften uns allein +ein; unsere Reisegefaehrten waren Canarier gewesen, die nicht mit nach +Amerika gingen. + +Ehe wir den Archipel der Canarien verlassen, werfen wir einen Blick auf +die Geschichte des Landes. + +Vergeblich sehen wir uns im Periplus des Hanno und dem des Scylax nach den +ersten schriftlichen Urkunden ueber die Ausbrueche des Pics von Teneriffa +um. Diese Seefahrer hielten sich aengstlich an die Kuesten, sie liefen jeden +Abend in eine Bay und ankerten, uns so konnten sie nichts von einem Vulkan +wissen, der 56 Meilen vom Festland von Afrika liegt. Hanno berichtet +indessen von leuchtenden Stroemen, die sich in das Meer zu ergiessen +schienen; jede Nacht haben sich auf der Kueste viele Feuer gezeigt, und der +grosse Berg, der *Goetterwagen* genannt, habe Feuergarben ausgeworfen, die +bis zu den Wolken aufgestiegen. Aber dieser Berg, nordwaerts von der Insel +der Gorillas,(23) bildete das Westende der Atlaskette, und es ist zudem +sehr zweifelhaft, ob die von Hanno bemerkten Feuer wirklich von einem +vulkanischen Ausbruch herruehrten, oder von dem bei so vielen Voelkern +herrschenden Brauch, die Waelder und das duerre Gras der Savannen +anzuzuenden. In neuester Zeit waren ja auch die Naturforscher, welche die +Expedition unter Controadmiral d´Entrecasteaux mitmachten, ihrer Sache +nicht gewiss, als sie die Insel Amsterdam mit dickem Rauch bedeckt sahen. +Auf der Kueste von Caracas sah ich mehrere Naechte hinter einander roethliche +Feuerstreifen von brennendem Grase, die sich taeuschend wie Lavastroeme +ausnahmen, die von den Bergen herabkamen und sich in mehrere Arme +theilten. + +Obgleich in den Reisetagebuechern des Hanno und des Scylax, so weit sie uns +erhalten sind, keine Stelle vorkommt, die sich mit einigen Schein von +Recht auf die canarischen Inseln beziehen liesse, ist es doch sehr +wahrscheinlich, dass die Carthager und auch die Phoenicier den Pic von +Teneriffa gekannt haben. [Einer der angesehensten deutschen Gelehrten, +Heeren, haelt die glueckseligen Inseln Diodors von Sicilien fuer Madera und +Porto Santo.] Zu Platos und Aristoteles Zeit waren dunkle Geruechte davon +zu den Griechen gedrungen, nach deren Vorstellung die ganze Kueste von +Afrika jenseits der Saeulen des Hercules von vulkanischem Feuer verheert +war.(24) Die Inseln der Seligen, die man Anfangs im Norden, jenseits der +riphaeischen Gebirge bei den Hyperboraeern [Die Vorstellung vom Glueck, der +hohen Kultur und dem Reichthum der Bewohner des Nordens hatten die +Griechen, die indischen Voelker und die Mexicaner mit einander gemein.], +spaeter suedwaerts von Cyrenaica gesucht hatte, wurden nach Westen verlegt, +dahin, wo die den Alten bekannte Welt ein Ende hatte. Was man glueckselige +Inseln nannte, war lange ein schwankender Begriff, wie der Name *Dorado* +bei den ersten Eroberern Amerikas. Man versetzte das Glueck an das Ende der +Welt, wie man den lebhaftesten Geistesgenuss in einer idealen Welt jenseits +der Grenzen der Wirklichkeit sucht. + +Es ist nicht zu verwundern, dass vor Aristoteles die griechischen +Geographen keine genaue Kenntniss von den canarischen Inseln und ihren +Vulkanen hatten. Das einzige Volk, das weit nach West und Nord die See +befuhr, die Carthager, fanden ihren Vortheil dabei, wenn sie diese +entlegenen Landstriche in den Schleier des Geheimnisses huellten. Der +carthagische Senat duldete keine Auswanderung Einzelner und ersah diese +Inseln als Zufluchtsort in Zeiten der Unruhe und politischen Unfaelle; so +sollten fuer die Carthager seyn, was der freie Boden von Amerika fuer die +Europaeer bei ihren buergerlichen und religioesen Zwistigkeiten geworden ist. + +Die Roemer wurden erst achtzig Jahre vor Octavians Regierung naeher mit den +canarischen Inseln bekannt. Ein blosser Privatmann wollte den Gedanken +verwirklichen, den der carthagische Senat mit weiser Vorsicht gefasst. Nach +seiner Niederlage durch Sylla sucht Sertorius, muede des Waffenlaerms, eine +sichere, ruhige Zufluchtsstaette. Er waehlt die glueckseligen Inseln, von +denen man ihm an den Kuesten von Baetika eine reizende Schilderung entwirft. +Er sammelt sorgfaeltig, was ihm von Reisenden an Nachrichten zukommt; aber +in den wenigen Stuecken dieser Nachrichten, die auf uns gekommen sind, und +in den umstaendlicheren Beschreibungen des Sebosus und des Juba ist niemals +von Vulkanen und vulkanischen Ausbruechen die Rede. Kaum erkennt man die +Insel Teneriffa und den Schnee, der im Winter die Spitze des Pics bedeckt, +am Namen *Nivaria*, der einer der glueckseligen Inseln beigelegt wird. Man +koennte darnach annehmen, dass der Vulkan damals kein Feuer gespien habe, +wenn sich aus dem Stillschweigen von Schriftstellern etwas schliessen +liesse, von denen wir nichts besitzen als Bruchstuecke und trockene +Namenverzeichnisse. Umsonst sucht der Physiker in der Geschichte Urkunden +ueber die aeltesten Ausbrueche des Pics; er findet nirgends welche ausser in +der Sprache der Guanchen, in der das Wort "Echeyde"(25) zugleich die Hoelle +und den Vulkan von Teneriffa bedeutete. + +Die aelteste schriftliche Nachricht von der Thaetigkeit des Vulkans, die ich +habe auffinden koennen, kommt aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts. +Sie findet sich in der Reisebeschreibung(26) des Aloysio Cadamusto, der im +Jahr 1505 auf den Canarien landete. Dieser Reisende war nicht selbst Zeuge +eines Ausbruchs, er versichert aber bestimmt, der Berg brenne fortwaehrend +gleich dem Aetna und das Feuer sey von Christen gesehen worden, die als +Sklaven der Guanchen auf Teneriffa lebten. Der Pic befand sich also damals +nicht im Zustand der Ruhe wie jetzt, denn es ist sicher, dass kein +Reisender und kein Einwohner von Teneriffa der Muendung des Pics von weitem +sichtbaren Rauch, geschweige denn Flammen, hat entsteigen sehen. Es waere +vielleicht zu wuenschen, dass der Schlund der *Caldera* sich weiter oeffnete, +die Seitenausbrueche wuerden damit weniger heftig und die ganze Inselgruppe +hatte weniger von Erdbeben zu leiden. + +Ich habe zu Orotava die Frage besprechen hoeren, ob anzunehmen sey, dass der +Krater des Pics im Lauf der Jahrhunderte wieder in Thaetigkeit treten +werde. In einer so zweifelhaften Sache kann man sich nur an die Analogie +halten. Nun war nach Braccinis Bericht im Jahr 1611 der Krater des Vesuvs +im Innern mit Gebuesch bewachsen. Alles verkuendete die tiefste Ruhe, und +dennoch warf derselbe Schlund, der sich in ein schattiges Thal verwandeln +zu wollen schien, zwanzig Jahre spaeter Feuersaeulen und ungeheure Massen +Asche aus. Der Vesuv wurde im Jahr 1631 wieder so thaetig, als er im Jahr +1500 gewesen war. So koennte moeglicherweise auch der Krater des Pics sich +eines Tags wieder umwandeln. Er ist jetzt eine Solfatare, aehnlich der +friedlichen Solfatare von Puzzuoli; aber sie ist auf der Spitze eines noch +thaetigen Vulkans gelegen. + +Die Ausbrueche des Pics waren seit zweihundert Jahren sehr selten, und +solche lange Pausen scheinen charakteristisch fuer sehr hohe Vulkane. Der +kleinste von allen, der Stromboli, ist fast in bestaendiger Thaetigkeit. +Beim Vesuv sind die Ausbrueche seltener, indessen haeufiger als beim Aetna +und dem Pic von Teneriffa. Die colossalen Gipfel der Anden, der Cotopaxi +und der Tungurahua speien kaum einmal im Jahrhundert Feuer. Bei thaetigen +Vulkanen scheint die Haeufigkeit der Ausbrueche im umgekehrten Verhaeltniss +mit der Hoehe und der Masser derselben zu stehen. So schien auch der Pic +nach zwei und neunzig Jahren erloschen, als im Jahr 1792 der letzte +Ausbruch durch eine Seitenoeffnung im Berg Chahorra erfolgte. In diesem +Zeitraum hat der Vesuv sechzehnmal Feuer gespieen. + +Ich habe anderwo ausgefuehrt, dass der genze gebirgigte Theil des +Koenigreichs Quito anzusehen ist als ein ungeheurer Vulkan von 700 +Quadratmeilen Oberflaeche, der aus verschiedenen Kegeln mit eigenen Namen, +Cotopaxi, Tungurahua, Pichincha, Feuer speit. Ebenso ruht die ganze Gruppe +der canarischen Inseln gleichsam auf Einem untermeerischen Vulkan. Das +Feuer brach sich bald durch diese, bald durch jene der Inseln Bahn. Nur +Teneriffa traegt in seiner Mitte eine ungeheure Pyramide mit einem Krater +auf der Spitze, die in jahrhundertlangen Perioden aus ihren Seiten +Lavastroeme ergiesst. Auf den andern Inseln haben die verschiedenen +Ausbrueche an verschiedenen Stellen stattgefunden, und man findet dort +keinen vereinzelnten Berg, an den die vulkanische Thaetigkeit gebunden +waere. Die von uralten Vulkanen gebildete Basaltrinde scheint dort aller +Orten unterhoehlt, und die Lavastroeme, die auf Lanzerota und Palma +ausgebrochen sind, kommen geologisch durchaus mit dem Ausbruch ueberein, +der im Jahr 1301 auf der Insel Ischia durch die Tuffe des Epomeo erfolgte. + +Es folgt hier die Liste der Ausbrueche, deren Andenken sich bei den +Geschichtschreibern der Insel seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts +erhalten hat. + +*Jahr 1558.* -- Am 15. April. Zur selben Zeit wurde Teneriffa zum erstenmal +von der aus der Levante eingeschleppten Pest verheert. Ein Vulkan oeffnet +sich auf der Insel Palma, nahe einer Quelle im _Partido de los Llanos_. +Ein Berg steigt aus dem Boden; auf der Spitze bildet sich ein Krater, der +einen hundert Toisen breiten und ueber 2500 Toisen langen Lavastrom +ergiesst. Die Lava stuerzt sich ins Meer, und durch die Erhitzung des +Wassers gehen die Fische in weitem Umkreis zu Grunde. [Dieselbe +Erscheinung wiederholte sich 1811 bei den Azoren, als der Vulkan Sabrina +auf dem Meeresboden ausbrach. Das calcinirte Skelett eines Haifisches +wurde im erloschenen, mit Wasser gefuellten Krater gefunden.] + +*Jahr 1646.* -- Am 13. November thut sich ein Schlund auf der Insel Palma +bei Tigalate auf; zwei andere bilden sich am Meeresufer. Die Laven, die +sich aus diesen Spalten ergiessen, machen die beruehmte Quelle Foncaliente +oder Fuente Santa versiegen, deren Mineralwasser Kranke sogar aus Europa +herbeizog. Nach einer Volkssage wurde dem Ausbruch durch ein seltsames +Mittel Einhalt geboten. Das Bild unserer lieben Frau zum Schnee wurde aus +Santa Cruz an den Schlund des Vulkans gebracht, und alsbald fiel eine so +ungeheure Masse Schnee, dass das Feuer dadurch erlosch. In den Anden von +Quito wollen die Indianer die Bemerkung gemacht haben, dass die Thaetigkeit +der Vulkane durch vieles einsickerndes Schneewasser gesteigert wird. + +*Jahr 1677.* -- Dritter Ausbruch auf der Insel Palma. Der Berg las Cabras +wirft aus einer Menge kleienr Oeffnungen, die sich nacheinander bilden, +Schlacken und Asche aus. + +*Jahr 1704.* -- Am 31. December. Der Pic von Teneriffa macht einen +Seitenausbruch in der Ebene les Infantes, oberhalb Ocore, im Bezirk +Guimar. Furchtbare Erdbeben gingen dem Ausbruch voran. Am 5. Januar 1705 +thut sich ein zweiter Schlund in der Schlucht Almerchiga, eine Meile von +Icore auf. Die Lava ist so stark, dass sie das ganze Thal Fasnia oder Areza +ausfuellt. Dieser zweite Schlund hoert am 13. Januar zu speien auf. Ein +dritter bildet sich am 2. Februar in der Canada de Araso. Die Lava in drei +Stroemen bedroht das Dorf Guimar, wird aber im Thal Melosar durch einen +Felsgrat aufgehalten, der einen unuebersteiglichen Damm bildet. Waehrend +dieser Ausbrueche spuert die Stadt Orotava, die nur einen schmaler Damm von +den neuen Schluenden trennt, starke Erdstoesse. + +*Jahr 1706.* -- Am 5. Mai. Ein weiterer Seitenausbruch des Pics von +Teneriffa. Der Schlund bricht ab suedlich vom Hafen von Garachico, damls +dem schoensten und besuchtesten der Insel. Die volkreiche, wohlhabende +Stadt hatte eine malerische Lage am Saum eines Lorbeerwaldes. Zwei +Lavastroeme zerstoeren sie in wenigen Stunden; kein Haus blieb stehen. Der +Hafen, der schon im Jahr 1645 gelitten hatte, weil ein Hochwasser viel +Erdreich hineingefuehrt, wurde so ausgefuellt, dass die sich aufthuermenden +Laven in der Mitte seines Umfangs ein Vorgebirge bildeten. Ueberall, rings +um Garachico, wurde das Erdreich voellig umgewandelt. Aus der Ebene stiegen +Huegel auf, die Quellen blieben aus, und Felsmassen wurden durch die +haeufigen Erdstoesse der Dammerde und des Pflanzenwuchses beraubt und blieben +nackst stehen. Nur die Fischer liessen nicht vom heimathlichen Boden. +Muthig, wie die Einwohner von Torre del Greco, erbauten sie wieder ein +Doerfchen auf Schlackenhaufen und dem verglasten Gestein. + +*Jahr 1730.* -- Am 1. September. Eine der furchtbarsten Catastrophen +zerstoert den Landungsplatz der Insel Lancerota. Ein neuer Vulkan bildet +sich bei Temenfaya. Die Lavastroeme und die Erdstoesse, welche den Ausbruch +begleiten, zerstoeren eine Menge Doerfer, worunter die alten Flecken der +Guanchen Tingafa, Macintase und Guatisca. Die Stoesse dauern bis 1736 fort, +und die Bewohner von Lancerota fluechten sich grossen Theils auf die Insel +Fortanventra. Waehrend dieses Ausbruchs, von dem schon im vorigen Capitel +die Rede war, sieht man eine dicke Rauchsaeule aus der See aufsteigen. +Pyramidalische Felsen erheben sich ueber der Meeresflaeche, die Klippen +werden immer groesser und verschmelzen allmaehlich mit der Insel selbst. + +*Jahr 1798.* -- Am 9. Juni. Seitenausbruch des Pics von Teneriffa, am +Abhang des Berges Charhorra oder Venge, [Der Abhang des Berges Venge, auf +dem Ausbruch stattfand, heisst Chazajane.] an einem voellig unbebauten Ort. +Dieser Berg, der sich an den Pic anlehnt, galt von jeher fuer eine +erloschenen Vulkan. Er besteht zwar aus festen Gebirgsarten, verhaelt sich +aber doch zum Pic wie der Monte Rosso, der im Jahr 1661 aufstieg, oder die +_boche nueve_, die im Jahr 1794 aufbrachen, zum Aetna und zum Vesuv. Der +Ausbruch des Chahorra waehrte drei Monate und sechs Tage. Die Lava und die +Schlacken wurden aus vier Muendungen in Einer Reihe ausgeworfen. Die drei +bis vier Toisen hoch aufgethuermte Lava legte drei Fuss in der Stunde +zurueck. Da dieser Ausbruch nur ein Jahr vor meiner Ankunft auf Teneriffa +erfolgt war, so war der Eindruck desselben bei den Einwohnern noch sehr +lebhaft. Ich sah bei Herrn le Gros in Durasno eine von ihm an Ort und +Stelle entworfene Zeichnung der Oeffnungen des Chahorra. Don Bernardo +Cologan hat diese Oeffnungen, acht Tage nachdem sie aufgebrochen, besucht +und die Haupterscheinungen bei dem Ausbruch in einem Aufsatz beschrieben, +von dem er mir eine Abschrift mittheilte, um sie meiner Reisebeschreibung +einzuverleiben. Seitdem sind dreizehn Jahre verflossen; Bory St. Vincent +ist mir mit der Veroeffentlichung des Aufsatzes zuvorgekommen, und so +verweise ich den Leser auf sein interessantes Werk: _Essai sur les iles +fortunees._ Ich beschraenke mich hier darauf, Einiges ueber die Hoehe +mitzutheilen, zu der sehr ansehnliche Felstuecke aus den Oeffnungen des +Chahorra emporgeschleudert wurden. Cologan zaehlte waehrend des Falls der +Steine 12-15 Secunden, [Cologan bemerkt, der Fall habe sogar ueber 15 +Sekunden gedauert, weil er den Stein mit dem Auge nicht verfolgen konnte, +bis er auffiel.] das heisst er fing im Moment zu zaehlen an, wo sie ihre +hoechste Hoehe erreicht hatten. Aus dieser interessanten Beobachtung geht +hervor, dass die Felstuecke aus der Oeffnung ueber dreitausend Fuss hoch +geschleudert wurden. + +Alle in dieser chronologischen Uebersicht verzeichneten Ausbrueche gehoeren +den drei Inseln Palma, Teneriffa und Lancerota an. Wahrscheinlich sind vor +dem sechzehnten Jahrhundert die uebrigen Inseln auch vom vulkanischen Feuer +heimgesucht worden. Nach mit mitgetheilten unbestimmten Notizen laege +mitten auf der Insel Ferro ein erloschener Vulkan und ein anderer auf der +Grossen Canaria bei Arguineguin. Es waere aber wichtig zu erfahren, ob sich +an der Kalkformation von Fortaventura oder am Granit und Glimmerschiefer +von Gomera Spuren des unterirdischen Feuers zeigen. + +Die rein seitliche vulkanische Thaetigkeit des Pics von Teneriffa ist +geologisch um so merkwuerdiger, als sie dazu beitraegt, die Berge, die sich +an den Hauptvulkan anlehnen, isolirt erscheinen zu lassen. Allerdings +kommen auch beim Aetna und beim Vesuv die grossen Lavastroeme auch nicht aus +dem Krater selbst, und die Masse geschmolzener Stoffe steht meist im +umgekehrten Verhaeltniss mit der Hoehe, in der sich die Spalte bildet, welche +die Lava auswirft. Aber beim Vesuv und Aetna endet ein Seitenausbruch +immer damit, dass der Krater, das heisst die eigentliche Spitze des Bergs, +Feuer und Asche auswirft. Beim Pic von Teneriffa ist solches seit +Jahrhunderten nicht vorgekommen. Auch beim letzten Ausbruch im Jahr 1798 +blieb der Krater vollkommen unthaetig. Sein Grund hat sich nicht gesenkt, +waehrend nach Leopolds von Buch scharfsinniger Bemerkung beim Vesuv die +groessere oder geringere Tiefe des Kraters fast ein untruegliches Zeichen +ist, ob ein neuer Ausbruch bevorsteht oder nicht. + +Werfen wir jetzt einen Blick darauf, wie einst geschmolzenen Felsmassen +des Pics, wie die Basalte und Mandelsteine sich allmaehlich mit einer +Pflanzendecke ueberzogen haben, wie die Gewaechse an den steilen Abhaengen +des Vulkans vertheilt sind, welcher Charakter der Pflanzenwelt der +canarischen Inseln zukommt. + +Im noerdlichen Theile des gemaessigten Erdstrichs bedecken cryptogamische +Gewaechse zuerst die steinigte Erdrinde. Auf die Flechten und Moose, deren +Lauf sich unter dem Schnee entwickelt, folgen grasartige und anderen +phanerogame Pflanzen. Anders an den Grenzen des heissen Erdstrichs und +zwischen den Tropen selbst. Allerdings findet man dort, was auch manche +Reisende sagen moegen, nicht allein auf den Bergen, sondern auch an +feuchten, schattigen Orten Funarien, Dicranum- und Bryumarten; unter den +zahlreichen Arten dieser Gattungen befinden sich mehrere, die zugleich in +Lappland, auf dem Pic von Teneriffa und in den blauen Bergen auf Jamaica +vorkommen; im Allgemeinen aber beginnt die Vegetation in den Laendern in +der Naehe der Tropen nicht mit Flechten und Moosen. Auf den Canarien, wie +in Guinea und an den Felsenkuesten von Peru, sind es die Saftpflanzen, die +den Grund zur Dammerde legen, Gewaechse, deren mit unzaehligen Oeffnungen +und Hautgefaessen versehenen Blaetter der umgebenden Luft des darin +aufgeloeste Wasser entziehen. Sie wachsen in den Ritzen des vulkanischen +Gesteins und bilden gleichsam die erste vegetabilische Schicht, womit sich +die Lavastroeme ueberziehen. Ueberall wo die Laven verschlackt sind oder +eine glaenzende Oberflaeche haben, wie die Basaltkuppen im Norden von +Lancerota, entwickelt sich die Vegetation ungemein langsam darauf, und es +vergehen mehrere Jahrhunderte, bis Buschwerk darauf waechst. Nur wenn die +Lava mit Tuff und Asche bedeckt ist, verliert sich auf vulkanischen +Eilanden die Kahlheit, die sich in der erstene Zeit nach ihrer Bildung +auszeichnet, und schmuecken sie sich mit einer ueppigen glaenzenden +Pflanzendecke. + +In seinem gegenwaertigen Zustand zeigt die Insel Teneriffa oder das +*Chinerfe* [Aus *Chinerfe* haben die Europaeer durch Corruption +*Tschineriffe*, *Teneriffa* gemacht.] der Guanchen fuenf Pflanzenzonen, die +man bezeichnen kann als die Regionen der Weinreben, der Lorbeeren, der +Fichten, der Retama, der Graeser. Diese Zonen liegen am steilen Abhang des +Pics wie Stockwerke ueber einander und haben 1750 Toisen senkrechte Hoehe, +waehrend 15 Grad weiter gegen Norden in den Pyrenaeen der Schnee bereits zu +1300-1400 Toisen absoluter Hoehe herabreicht. Wenn auf Teneriffa die +Pflanzen nicht bis zum Gipfel des Vulkans vordringen, so ruehrt dies nicht +daher, weil ewiges Eis(27) und die Kaelte der umgebenden Luft ihnen +unuebersteigliche Grenzen setzen: vielmehr lassen die verschlackten Laven +des Malpays und der duerre, zerriebene Bimsstein des Piton die Gewaechse +nicht an den Kraterrand gelangen. + +Die *erste Zone*, die der Reben, erstreckt sich vom Meeresufer bis in +2-300 Toisen Hoehe; sie ist die am staerksten bewohnte und die einzige, wo +der Boden sorgfaeltig bebaut ist. In dieser tiefen Lage, im Hafen von +Orotava und ueberall, wo die Winde freien Zutritt haben, haelt sich der +hunderttheilige Thermometer im Winter, im Januar und Februar, um Mittag +auf 15-17 deg.; im Sommer steigt die Hitze nicht ueber 25 oder 26 deg., ist also um +5-6 deg. geringer als die groesste Hitze, die jaehrlich in Paris, Berlin und +St. Petersburg eintritt. Diess ergibt sich aus den Beobachtungen Savaggi´s +in den Jahren 1795-1799. Die mittlere Temperatur der Kueste von Teneriffa +scheint wenigstens 21 deg. (16 deg.,8 R.) zu seyn, und ihr Klima steht in der +Mitte zwischen dem von Neapel und dem heissen Erdstrichs. Auf der Insel +Madera sind die mittleren Temperaturen des Januar und des August, nach +Heberden, 17 deg.,7 und 23 deg.,8, in Rom dagegen 5 deg.,6 und 26 deg.,1. Aber so aehnlich +sich die Klimate von Madera und Teneriffa sind, kommen doch die Gewaechse +er ersteren Insel im Allgemeinen in Europa leichter fort als die von +Teneriffa. Der _Cheiranthus longifolius_ von Orotava z. B. erfriert in +Marseille, wie de Candolle beobachtet hat, waehrend der _Cheiranthus +mutabilis_ von Madera dort im Freien ueberwintert. Die Sommerhitze dauert +auf Madera nicht so lang als auf Teneriffa. + +In der Region der Reben kommen vor acht Arten baumartiger Euphorbien, +Mesembryanthemum-Arten, die vom Cap der guten Hoffnung bis zum Peloponnes +verbreitet sind, die _Cacalia Kleinia_, der Drachenbaum, und andere +Gewaechse, die mit ihrem nackten, gewundenen Stamm, mit den saftigen +Blaettern und der blaugruenen Faerbung den Typus der Vegetation Afrikas +tragen. In dieser Zone werden der Dattelbaum, der Bananenbaum, der +Zuckerrohr, der indische Feigenbaum, _Arum colocasia_, dessen Wurzel dem +gemeinen Volk ein nahrhaftes Mehl liefert, der Oelbaum, die europaeischen +Obstarten, der Weinstock und die Getreidearten gebaut. Das Korn wird von +Ende Maerz bis Anfang Mai geschnitten, und man hat mit dem Anbau des +Otaheite´schen Brodbaums, des Zimmtbaums von den Molukken, des Kaffeebaums +aus Arabien und des Cacaobaums aus Amerika gelungene Versuche gemacht. Auf +mehreren Punkten der Kueste hat das Land ganz den Charakter einer +tropischen Landschaft. Chamaerops und der Dattelbaum kommen auf der +fruchtbaren Ebene von Murviedro, an der Kueste von Genua und in der +Provence bei Antibes unter 39-44 Grad der Breite ganz gut fort; einige +Dattelbaeume wachsen sogar innerhalb der Mauern von Rom und dauern in einer +Temperatur von 2 deg.,5 unter dem Gefrierpunkt aus. Wenn aber dem suedlichen +Europa nur erst ein geringes Theil von Schaetzen zugetheilt ist, welche die +Natur in der Region der Palmen ausstreut, so ist die Insel Teneriffa, die +unter derselben Breite liegt wie Egypten, das suedliche Persion und +Florida, bereits mit denselben Pflanzengestalten geschmueckt, welche den +Landschaften in der Naehe des Aequators ihre Grossartigkeit verleihen. + +Bei der Musterung der Sippen einheimischer Gewaechse vermisst man ungern die +Baeume mit den zartgefiederten Blaettern und die baumartigen Graeser. Keine +Art der zahlreichen Familie der Sensitiven ist auf ihrer Wanderung zum +Archipel der Canarien vorgedrungen, waehrend sie auf beiden Continenten bis +zum 38. und 40. Breitegrad vorkommen. In Amerika ist die _Schrankchia +uncinata_ Wildenows [_Mimosa horridula, Michaux_] bis hinauf in die Waelder +von Virginien verbreitet; in Afrika waechst die _Acacia gummifera_ auf den +Huegeln bei Mogador, in Asien, westwaerts vom caspischen Meer, hat v. +Biberstein die Ebenen von Ehyrvan mit _Acacia stephaniana_ bedeckt +gesehen. Wenn man die Pflanzen von Lancerota und Fortaventura, die der +Kueste von Marocco am naechsten liegen, genauer untersuchte, koennten sich +doch unter so vielen Gewaechsen der afrikanischen Flora leicht ein paar +Mimosen finden. + +Die *zweite Zone*, die der Lorbeeren, begreift den bewaldeten Strich von +Teneriffa; es ist diess auch die Region der Quellen, die aus dem immer +frischen, feuchten Rasen sprudeln. Herrliche Waelder kroenen die an den +Vulkan sich lehnenden Huegel Hier wachsen vier Lorbeerarten [_Laurus +indica, L. foetens, L. nobilis_ und _L. Til._. Zwischen diesen Baeumen +wachsen _Aridisia excelsa_, _Rhamnus glandulosus_, _Erica arborea_, _Erica +Texo._], eine der _Quercus Turneri_ aus den Bergen Tibets nahestehende +Eiche, [_Quercus Canariensis, Broussonet._] die _Visnea Mocanera_, die +_Myrica Faya_ der Azoren, ein einheimischer Olivenbaum (_Olea excelsa_), +der groesste Baum in dieser Zone, zwei Arten _Sideroxylon_ mit ausnehmend +schoenem Laub, _Arbutus callycarpa_ und andere immergruene Baume aus der +Familie der Myrten. Winden und ein vom europaeischen sehr verschiedener +Epheu (_Hedera canariensis_) ueberziehen die Lorbeerstaemme, und zu ihren +Fuessen wuchern zahllose Farn, [_Woodwardia radicans, Asplenium palmatum, +A. canariense, A. latifolium, Nothalaena subcurdata, Trichomanes +canariensis, T. speciosus_ und _Davallia canariensis_.] von denen nur drei +Arten [Zwei _Acrostichum_ und das _Ophyoglossum lusitanicum_.] schon in +der Regin der Reben vorkommen. Auf dem mit Moosen und zartem Grad +ueberzogenen Boden prangen ueberall die Bluethen der _Campanula aurea_, des +_Chrysanthemum pinnatifidum_, der _Mentha canariensis_ und mehrerer +strauchartiger Hypericumarten [_Hypericum canariense_, _H. floribundum_ +und _H. glandulosum._]. Pflanzungen von wilden und geimpften Kastanien +bilden einen weiten Guertel um das Gebiet der Quellen, welches das gruenste +und lieblichste von allen ist. + +Die *dritte Zone* beginnt in 900 Toisen absoluter Hoehe, da wo die letzten +Gebuesche von Erdbeerbaeumen, _Myrica Faya_ und des schoenen Heidekrauts +stehen, das bei den Eingeborenen Texo heisst. Diese 400 Toisen breite Zone +besteht ganz aus einem maechtigen Fichtenwald, in dem auch Broussonets +_Juniperus Cedro_ vorkommt. Die Fichten haben sehr lange, ziemlich steife +Blaetter, deren zuweilen zwei, meist aber drei in einer Scheide stecken. Da +wir ihre Fruechte nicht untersuchen konnten, wissen wir nicht, ob diese +Art, die im Wuchs der schottischen Fichte gleicht, sich wirklich von den +achtzehn Fichtenarten unterscheidet, die wir bereits in der alten Welt +kennen. Nach der Ansicht eines beruehmten Botanikers, dessen Reisen die +Pflanzengeographie Europas sehr gefoerdert haben, de Candolle, +unterscheidet sich die Fichte von Teneriffa sowohl von der _Pinus +atlantica_ in den Bergen bei Mogador, als von der Fichte von Aleppo,(28) +die dem Becken des mittellaendischen Meeres angehoert und nicht ueber die +Saeulen des Herkules hinauszugehen scheint. Die letzten Fichten fanden wir +am Pic etwa in 1200 Toisen Hoehe ueber dem Meer. In den Cordilleren von +Neuspanien, im heissen Erdstrich, gehen die mexicanischen Fichten bis zu +2000 Toisen Hoehe. So sehr auch die verschiedenen Arten einer und derselben +Pflanzengattung im Bau uebereinkommen, so verlangt doch jede zu ihrem +Fortkommen einen bestimmten Grad von Waerme und Verduennung der umgebenden +Luft. Wenn in den gemaessigten Landstrichen und ueberall, wo Schnee faellt, +die constante Bodenwaerme etwas hoeher ist als die mittlere Lufttemperatur, +so ist anzunehmen, dass in der Hoehe des Portillo die Wurzeln der Fichten +ihre Nahrung aus einem Boden ziehen, in dem in einer gewissen Tiefe der +Thermometer hoechstens auf 9 bis 10 Grad steigt. + +Die *vierte und fuenfte Zone*, die der Retama und der Graeser, liegen so +hoch wie die unzugaenglichsten Gipfel der Pyrenaeen. Es ist diess der oede +Landstrich der Insel, wo Haufen von Bimsstein, Obsidian und zertruemmerter +Lava wenig Pflanzenwuchs aufkommen lassen. Schon oben war von den +bluehenden Bueschen des Alpenginsters _(Spartium nubigenum)_ die Rede, +welche Oasen in einem weiten Aschenmeer bilden. Zwei krautartige Gewaechse, +_Scrophularia glabrata_ und _Viola cheiranthifolia_, gehen weiter hinauf +bis ins Malpays. Ueber einem vom der afrikanischen Sonne ausgebrannten +Rasen bedeckt die _Cladonia paschalis_ duerre Strecken; die Hirten zuenden +sie haeufig an, wobei sich dann das Feuer sehr weit verbreitet. Dem Gipfel +des Pic zu arbeiten Urceolarien und andere Flechten an der Zersetzung des +verschlackten Gesteins, und so erweitert sich auf von Vulkanen verheerten +Eilanden Floras Reich durch die nie stockende Thaetigkeit organischer +Kraefte. + +Ueberblicken wir die Vegetationszonen von Teneriffa, so sehen wir, dass die +ganze Insel als ein Wald von Lorbeeren, Erdbeerbaeumen und Fichten +erscheint, der kaum an seinen Raendern von Menschen urbar gemacht ist, und +in der Mitte ein nacktes steinigtes Gebiet umschliesst, das weder zum +Ackerbau noch zur Weide taugt. Nach Broussonets Bemerkung laesst sich der +Archipel der Canarien in zwei Gruppen theilen. Die erste begreift +Lancerota und Fortaventura, die zweite Teneriffa, Canaria, Gomera, Ferro +und Palma. Beide weichen im Habitus ihrer Vegetation bedeutend von +einander ab. Die ostwaerts gelegenen Inseln, Lancerota und Fortaventura, +haben weite Ebenen und nur niedrige Berge; sie sind fast quellen los, und +diese Eilande haben noch mehr als die andern die Charakter vom Continent +getrennter Laender. Die Winde wehen hier in derselben Richtung und zu +denselben Zeiten; _Euphorbia mauritanica_, _Atropa frutescens_ und +_Sonchus arborescens_ wuchern im losen Sand und dienen wie in Afrika den +Kameelen als Futter. Auf der westlichen Gruppe der Canarien ist das Land +hoeher, staerker bewaltet, und besser von Quellen bewaessert. + +Auf dem ganzen Archipel finden sich zwar mehrere Gewaechse, die auch in +Portugal(29), in Spanien, auf den Azoren und im nordwestlichen Afrika +vorkommen, aber viele Arten und selbst einige Gattungen sind Teneriffa, +Porto-Santo und Madera eigenthuemlich, unter andern _Mocanera_, _Plocama_, +_Bosea_, _Canarina_, _Drusa_, _Pittosporum_.Ein Typus, der sich als ein +noerdlicher ansprechen laesst, der der Kreuzbluethen, [Von den wenigen +Cruciferen in der Flora von Teneriffa fuehren wir an: _Cheiranthus +longifolius_, _Ch. frutescens_, _Ch. scoparis,_ _Erysimum bicorne_, +_Crambe strigosa_, _C. laevigata_.] ist auf den Canarien schon weit +seltener als in Spanien und Griechenland. Weiter nach Sueden, im tropischen +Landstrich beider Continente, wo die mittlere Lufttemperatur ueber 22 deg. ist, +verschwinden die Kreuzbluethen fast gaenzlich. + +Eine Frage, die fuer die Geschichte der fortschreitenden Entwicklung des +organischen Lebens auf dem Erdball von grosser Bedeutung erscheint, ist in +neuerer Zeit viel besprochen worden, naemlich, ob polymorphe Gewaechse auf +vulkanischen Inseln haeufiger sind als anderswo? Die Vegetation von +Teneriffa unterstuetzt keineswegs die Annahme, dass die Natur auf +neugebildetem Boden in Pflanzenformen weniger streng festhaelt. Broussonet, +der sich so lang auf den Canarien aufgehalten, versichert, veraenderlich +Gewaechse seyen nicht haeufiger als im suedlichen Europa. Wenn auf der Inseln +Bourbon so viele polymorphe Arten vorkommen, sollte dies nicht vielmehr +von der Beschaffenheit Bodens und des Klimas herruehren, als davon, dass die +Vegetation jung ist? + +Wohl darf ich mir schmeicheln, mit dieser Naturskizze von Teneriffa +einiges Licht ueber Gegenstaende verbreitet zu haben, die bereits von so +vielen Reisenden besprochen worden sind; indessen glaube ich, dass die +Naturgeschichte dieses Archipels der Forschung noch ein weites Feld +darbietet. Die Leiter der wissenschaftlichen Entdeckungsfahrten, wie sie +England, Frankreich, Spanien, Daenemark und Russland zu ihrem Ruhme +unternommen, haben meist zu sehr geeilt, von den Canaren wegzukommen. Sie +dachten, da diese Inseln so nahe bei Europa liegen, muessten sie genau +beschrieben seyn; sie haben vergessen, dass das Innere von Neuholland +geologisch nicht unbekannter ist als die Gebirgsarten von Lancerota und +Gomera, Porto-Santo und Terceira. So viele Gelehrte bereisen Jahr fuer Jahr +ohne bestimmten Zweck die besuchtesten Laender Europas. Es waere +wuenschenswerth, dass einer und der andere, den aechte Liebe zur Wissenschaft +beseelt und dem die Verhaeltnisse eine mehrjaehrige Reise gestatten, den +Archipel der Azoren, Madera, die Canarien, die Inseln des gruenen +Vorgebirgs und die Nordwestkueste von Afrika bereiste. Nur wenn man die +atlantischen Inseln und das benachbarte Festland nach den selben +Gesichtspunkten untersucht und die Beobachtungen zusammenstellt, gelangt +man zur genauen Kenntniss der geologischen Verhaeltnisse und der Verbreitung +der Thiere und Gewaechse. + +Bevor ich die alte Welt verlasse und in die neue uebersetze, habe ich einen +Gegenstand zu beruehren, der allgmeineres Interesse bietet, weil der sich +auf die Geschichte der Menschheit und die historischen Verhaengnisse +bezieht, durch welche ganze Volkssstaemme vom Erdboden verschwunden sind. +Auf Cuba, St. Domingo, Jamaica fragt man sich, wo die Ureinwohner dieser +Laender hingekommen sind; auf Teneriffa fragt man sich, was aus den +Guanchen geworden ist, deren in Hoehlen versteckte, vertrocknete Mumien +ganz allein der Vernichtung entgangen sind. Im fuenfzehnten Jahrhundert +holten fast alle Handelsvoelker, besonders aber die Spanier und +Portugiesen, Sklaven von den Canarien, wie man sie jetzt von der Kueste von +Guinea holt. [Die spanischen Geschichtsschreiber sprechen von Fahrten, +welche die Hugenotten von La Rochelle unternommen haben sollen, um +Guanchensklaven zu holen. Ich kann dies nicht glauben, da diese Fahrten +nach dem Jahr 1530 fallen muessten.] Die christliche Religion, die in ihren +Anfaengen die menschliche Freiheit so maechtig foerderte, musste der +europaeischen Habsucht als Vorwand dienen. Jedes Individuum, das gefangen +wurde, ehe es getauft war, verfiel der Sklaverei. Zu jener Zeit hatte man +noch nicht zu beweisen gesucht, dass der Neger ein Mittelding zwischen +Mensch und Thier ist; der gebraeunte Guanche und der afrikanische Neger +wurden auf dem Markte zu Sevilla mit einander verkauft, und man stritt +nicht ueber die Frage, ob nur Menschen mit schwarzer Haut und Wollhaar der +Sklaverei verfallen sollen. + +Auf dem Archipel der Canarien bestanden mehrere kleine, einander feindlich +gegenueber stehende Staaten. Oft war dieselbe Insel zwei unabhaengigen +Fuersten unterworfen, wie in der Suedsee und ueberall, wo die Cultur noch auf +tiefer Stufe steht. Die Handelsvoelker befolgten damals hier dieselbe +arglistige Politik, wie jetzt auf den Kuesten von Afrika: sie leisteten den +Buergerkriegen Vorschub. So wurde ein Guanche Eigenthum des andern, und +dieser verkaufte jenen den Europaeern; manche zogen den Tod der Sklaverei +vor und toedteten sich und ihre Kinder. So hatte die Bevoelkerung der +Canarien durch den Sklavenhandel, durch die Menschenraeuberei der Piraten, +besonders aber durch lange blutige Zwiste bereits starke Verluste +erlitten, als Alonso de Lugo sie vollends eroberte. Den Ueberrest der +Guanchen raffte im Jahr 1494 groesstentheils die beruehmte Pest, die +sogenannte *Modorra* hin, die man den vielen Leichen zuschrieb, welche die +Spanier nach der Schlacht bei Laguna hatten frei liegen lassen. Wenn ein +halb wildes Volk, das man um sein Eigenthum gebracht, im selben Lande +neben einer civilisirten Nation leben muss, so sucht es sich in den +Gebirgen und Waeldern zu isoliren. Inselbewohner haben keine andere +Zuflucht, und so war denn das herrliche Volk der Guanchen zu Anfang des +siebzehnten Jahrhunderts so gut wie ausgerottet; ausser ein paar alten +Maennern in Candelaria und Guimar gab es keine mehr. + +Es ist ein troestlicher Gedanke, dass die Weissen es nicht immer verschmaeht +haben, sich mit den Eingeborenen zu vermischen; aber die heutigen +Canarier, die bei den Spaniers schlechtweg *Islenos* heissen, haben +triftige Gruende, eine solche Mischung in Abrede zu ziehen. In einer langen +Geschlechtsfolge verwischen sich die charakteristischen Merkmale der +Racen, und da die Nachkommen der Andalusier, die sich auf Teneriffa +niedergelassen, selbst von ziemlich dunkler Gesichtsfarbe sind, so kann +die Hautfarbe der Weissen durch die Kreuzung der Racen nicht merkbar +veraendert worden seyn. Es ist Thatsache, dass gegenwaertig kein Eingeborener +von reiner Race mehr lebt, und sonst ganz wahrheitsliebende Reisende sind +im Irrthum, wenn sie glauben, bei der Besteigung des Pics schlanke, +schnellfuessige Guanchen zu Fuehrern gehabt zu haben. Allerdings wollen +einige canarische Familien vom letzten Hirtenkoenig von Guimar abstammen, +aber diese Ansprueche haben wenig Grund; sie werden von Zeit zu Zeit wieder +laut, wenn einer aus dem Volk, der brauner ist als seine Landsleute, Lust +bekommt, sich um eine Officiersstelle im Dienste des Koenigs von Spanien +umzuthun. + +Kurz nach der Entdeckung von Amerika, als Spanien den Gipfel seines Ruhms +erstiegen hatte, war es Brauch, die sanfte Gemuethsart der Guanchen zu +ruehmen, wie man in unserer Zeit die Unschuld der Bewohner von Otaheiti +gepriesen hat. Bei beiden Bildern ist das Colorit glaenzender als wahr. +Wenn die Voelker, erschoepft durch geistige Genuesse, in der Verfeinerung der +Sitten nur Keime der Entartung vor sich sehen, so finden sie einen eigenen +Reiz in der Vorstellung, dass in weit entlegenen Laendern, beim Daemmerlicht +der Cultur, in der Bildung begriffene Menschenvereine eines reinen, +ungestoerten Glueckes geniessen. Diesem Gefuehl verdankt Tacitus zum Theil den +Beifall, der ihm geworden, als der den Roemern, den Unterthanen der +Caesaren, die Sitten der Germanen schilderte. Dasselbe Gefuehl gibt den +Beschreibungen der Reisenden, die seit dem Ende des verflossenen +Jahrhunderts die Inseln des stillen Oceans besucht haben, den +unbeschreiblichen Reiz. + +Die Einwohner der zuletzt genannten Inseln, die man wohl zu stark +gepriesen hat und die einst Menschenfresser waren, haben in mehr als einer +Beziehung Aehnlichkeit mit den Guanchen von Teneriffa. Beide sehen wir +unter dem Joche eines feudalen Regiments seufzen, und bei den Guanchen war +diese Staatsform, welche so leicht Kriege herbeifuehrt und sie nicht enden +laesst, durch die Religion geheiligt. Die Priester sprachen zum Volk: +"Achaman, der grosse Geist, hat zuerst die Edlen, die Achimenceys, +geschaffen und ihnen alle Ziegen in der Welt zugetheilt. Nach den Edeln +hat Achaman das gemeine Volk geschaffen, die Achicaxnas; dieses juengere +Geschlecht nahm sich heraus, gleichfalls Ziegen zu verlangen; aber das +hoechste Wesen erwiederte, das Volk sey dazu da, den Edeln dienstbar zu +seyn, und habe kein Eigenthum noethig." Eine solche Ueberlieferung musste +den reichen Vasallen der Hirtenkoenige ungemein behagen; auch stand dem +Faycan oder Oberpriester das Recht zu, in den Adelstand zu erheben, und +ein Gesetz verordnete, dass jeder Achimencey, der sich herbeiliesse, eine +Ziege mit eigenen Haenden zu melken, seines Adels verlustig seyn sollte. +Ein solches Gesetz erinnert keineswegs an die Sitteneinfalt des +homerischen Zeitalters. Es befremdet, wenn man schon bei den Anfaengen der +Cultur die nuetzliche Beschaeftigung mit Ackerbau und Viehzucht mit +Verachtung gebrandmarkt sieht. + +Die Guanchen waren beruehmt durch ihren hohen Wuchs; sie erschienen als die +Patagonen der alten Welt und die Geschichtschreiber uebertrieben ihre +Muskelkraft, wie man vor Bougainvilles und Cordobas Reisen dem Volksstamm +am Suedende von Amerika eine colossale Koerpergroesse zuschrieb. Mumien von +Guanchen habe ich nur in den europaeischen Cabinetten gesehen; zur Zeit +meiner Reise waren sie auf Teneriffa sehr selten; man muesste sie aber in +Menge finden, wenn man die Grabhoehlen, die am oestlichen Abhang des Pics +zwischen Arico und Guimar in den Fels gehauen sind, bergmaennisch +aufbrechen liesse. Diese Mumien sind so stark vertrocknet, dass ganze Koerper +mit der Haut oft nicht mehr als sechs bis sieben Pfund wiegen, das heisst +ein Drittheil weniger als das Skelett eines gleich grossen Individuums, von +dem man eben das Muskelfleisch abgenommen hat. Die Schaedelbildung aehnelt +einigermassen der der weissen Race der alten Egypter, und die Schneidezaehne +sind auch bei den Guanchen stumpf, wie bei den Mumien vom Nil. Aber diese +Zahnform ist rein kuenstlich und bei genauerer Untersuchung der Kopfbildung +der alten Guanchen haben geuebte Anatomen [Blumenbach, _Decas quinta +collectionis craniorum diversarum gentium illustrium._] gefunden, dass sie +im Jochbein un dim Unterkiefer von den aegyptischen Mumien bedeutend +abweicht. Oeffnet man Mumien von Guanchen, so findet man Ueberbleibsel +aromatischer Kraeuter, unter denen immer das _Chenopodium ambrosioides_ +vorkommt; zuweilen sind die Leichen mit Schnueren geschmueckt, an denen +kleine Scheiben aus gebrannter Erde haengen, die als Zahlzeichen gedient zu +haben scheinen und die mt den Quippos der Peruaner, Mexicaner und Chinesen +Aehnlichkeit haben. + +Da im Allgemeinen die Bevoelkerung von Inseln den umwandelnden Einfluessen, +wie sie Folgen von Wanderungen sind, weniger ausgesetzt ist als die +Bevoelkerung der Festlaender, so laesst sich annehmen, dass der Archipel der +Canarien zur Zeit der Carthager und Griechen vom selben Menschenstamm +bewohnt war, den die normaennischen und spanischen Eroberer vorfanden. Das +einzige Denkmal, das einiges Licht auf die Herkunft der Guanchen werfen +kann, ist ihre Sprache; leider sind uns aber davon nur etwa hundert +fuenfzig Worte aufbehalten, die zum Theil dasselbe in der Mundart der +verschiedenen Inseln bedeuten. Ausser diesen Worten, die man sorgfaeltig +gesammelt, hat man in den Namen vieler Doerfer, Huegel und Thaeler wichtige +Sprachreste vor sich. Die Guanchen, wie Basken, Hindus, Peruvianer und +alle sehr alten Voelker, benannten die Oertlichkeiten nach der +Beschaffenheit des Bodens, den sie bebauten, nach der Gestalt der Felsen, +deren Hoehlen ihnen als Wohnstaetten dienten, nach den Baumarten, welche die +Quellen beschatteten. + +Man war lange der Meinung, die Sprache der Guanchen habe keine +Aehnlichkeit mit den lebenden Sprachen; aber seit die Sprachforscher durch +Hornemanns Reise und durch die scharfsinnigen Untersuchungen von Marsden +und Ventura auf die Berbern aufmerksam geworden sind, die, gleich den +slavischen Voelkern, in Nordafrika ueber eine ungeheure Strecke verbreitet +sind, hat man gefunden, dass in der Sprache der Guanchen und in den +Mundarten von Chilha und Gebali mehrere Worte gleiche Wurzeln haben. + +Wir fuehren folgende Beispiele an: + ++-------------+----------------+----------------+ +| | Guanchisch | Berberisch | ++-------------+----------------+----------------+ +| Himmel, | *Tigo*, | *Tigot.* | ++-------------+----------------+----------------+ +| Milch, | *Aho*, | *Acho.* | ++-------------+----------------+----------------+ +| Gerste, | *Temasen* | *Tomzeen.* | ++-------------+----------------+----------------+ +| Korb, | *Carianas* | *Carian.* | ++-------------+----------------+----------------+ +| Wasser, | *Aenum* | *Anan.* | ++-------------+----------------+----------------+ + +Ich glaube nicht, dass diese Sprachaehnlichkeit ein Beweis fuer gemeinsamen +Ursprung ist; aber sie deutet darauf hin, dass die Guanchen in alter Zeit +in Verkehr standen mit den Berbern, einem Gebirgsvolk, zu dem die +Numidier, Getuler und Garamanten verschmolzen sind und das vom Ostende des +Atlas durch das Harudje und Fezzan bis zur Oase von Syuah und Audjelah +sich ausbreitet. Die Eingeborenen der Canarien nannten sich Guanchen, von +*Guan*, Mensch, wie die Tongusen sich *Pye* und *Donky* nennen, welche +Worte dasselbe bedeuten, wie Guan. Indessen sind die Voelker, welche die +Berbersprache sprechen, nicht alle desselben Stammes, und wenn Scylax in +seinem Periplus die Einwohner von Cerne als ein Hirtenvolk von hohem Wuchs +mit langen Haaren beschreibt, so erinnert diess an die koerperlichen +Eigenschaften der canarischen Guanchen. + +Je genauer man die Sprachen aus philosophischem Gesichtspunkte untersucht, +desto mehr zeigt sich, dass keine ganz allein steht; diesen Anschein wuerde +auch die Sprache der Guanchen(30) noch weniger haben, wenn man von ihrem +Mechanismus und ihrem grammatischen Bau etwas wuesste, Elemente, welche von +groesserer Bedeutung sind als Wortform und Gleichlaut. Es verhaelt sich mit +gewissen Mundarten wie mit den organischen Bildungen, die sich in der +Reihe der natuerlichen Familien nirgends unterbringen lassen. Sie stehen +nur scheinbar so vereinzelt da; der Schein schwindet, so bald man eine +groessere Masse von Bildungen ueberblickt, wo dann die vermittelnden Glieder +hervortreten. + +Gelehrt, die ueberall, wo es Mumien, Hieroglyphen und Pyramiden gibt, +Egypten sehen, sind vielleicht der Ansicht, das Geschlecht Typhons und die +Guanchen stehen in Zusammenhang mittelst der Berbern, aechter Atlanten, zu +denen die Tibbos und Tuarycks der Wueste gehoeren. [Hornemanns Reise von +Cairo nach Mourzouk.] Es genuegt hier aber an der Bemerkung, dass eine +solche Annahme durch keinerlei Aehnlichkeit zwischen der Berbersprache und +dem Coptischen, das mit Recht fuer ein Ueberbleibsel des alten Egyptischen +gilt, unterstuetzt wird. + +Das Volk, das die Guanchen verdraengt hat, stammt von Spaniern und zu einem +sehr kleinen Theil von Normannen ab. Obgleich diese beiden Volksstaemme +drei Jahrhunderte lang demselben Klima ausgesetzt gewesen sind, zeichnet +sich dennoch der letztere durch weissere Haut aus. Die Nachkommen der +Normannen wohnen im Thal Taganana zwischen Punte de Naga und Punta de +Hidalgo. Die Namen Grandville und Dampierre kommen in diesem Bezirke noch +ziemlich haeufig vor. Die Canarier sind ein redliches, maessiges und +religioeses Volk; zu Haus zeigen sie aber weniger Betriebsamkeit als in +fremden Laendern. Ein unruhiger Unternehmungsgeist treibt diese Insulaner, +wie die Biscayer und Catalanen, auf die Philippinen, auf die Marianen, und +in Amerika ueberall hin, wo es spanische Colonien gibt, von Chili und dem +la Plata bis nach Neumexico. Ihnen verdankt man grossentheils die +Fortschritte des Ackerbaus in den Colonien. Der ganze Archipel hat kaum +160,000 Einwohner, und der *Islenos* sind vielleicht in der neuen Welt +mehr als in ihrer alten Heimath. + ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +| | hatte auf Q. | i. J. | Einwohner | auf die Q.M. | +| | Seemeilen | | | | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Teneriffa | 73 | 1790 | 70,000, | 958 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Fortaventura | 63 | 1790 | 9,000, | 142 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Die grosse | 60 | 1790 | 50,000, | 833 | +|Canaria | | | | | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Palma | 27 | 1790 | 22,600, | 837 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Lancerota | 26 | 1790 | 10,000, | 384 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Gomera | 14 | 1790 | 7,400, | 528 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ +|Ferro | 7 | 1790 | 5,000, | 714 | ++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+ + +An Wein werden auf Teneriffa geerntet 20-24,000 Pipes, worunter 5000 +Malvasier; jaehrliche Ausfuhr von Wein 8-9000 Pipes; Gesammt-Getreideernte +des Archipels 54,000 Fanegas zu hundert Pfund. In gemeinen Jahren reicht +diese Ernte aus zum Unterhalt der Einwohner, die grossentheils von Mais, +Kartoffeln und Bohnen (_Frisoles_) leben. Der Anbau des Zuckerrohrs und +der Baumwolle ist von geringem Belang, und die vornehmsten Handelsartikel +sind Wein, Branntwein, Orseille und Soda. Bruttoeinnahme der Regierung, +die Tabakspacht eingerechnet, 240,000 Piaster. + +Auf nationaloekonomische Eroerterungen ueber die Wichtigkeit der canarischen +Inseln fuer die Handelsvoelker Europas lasse ich mich nicht ein. Ich +beschaeftigte mich waehrend meines Aufenthalts zu Caracas und in der Havana +lange mit statistischen Untersuchungen ueber die spanischen Colonien, ich +stand in genauer Verbindung mit Maennern, die auf Teneriffe bedeutende +Aemter bekleidet, und so hatte ich Gelegenheit, viele Angaben ueber den +Handel von Santa Cruz und Orotava zu sammeln. Da aber mehrere Gelehrte +nach mir die Canarien besucht haben, standen ihnen dieselben Quellen zu +Gebot, und ich entferne ohne Bedenken aus meinem Tagebuch, was in Werken, +die vor dem meinigen erschienen sind, genau verzeichnet steht. Ich +beschraenke mich hier auf einige Bemerkungen, mit denen die Schildung, die +ich vom Archipel der Canarien entworfen, geschlossen seyn mag. + +Es ergeht diesen Inseln, wie Egypten, der Krimm und so vielen Laendern, +welche von Reisenden, welche in Contrasten Wirkung suchen, ueber das Maass +gepriesen oder heruntergesetzt worden sind. Die einen schildern von +Orotava aus, wo sie ans Land gestiegen, Teneriffa als einen Garten der +Hesperiden; sie koennen das milde Klima, den fruchtbaren Boden, den reichen +Anbau nicht genug ruehmen; andere, die sich in Santa Cruz aufhalten mussten, +sahen in den glueckseligen Inseln nichts als ein kahles, duerres, von einem +elenden, geistesbeschraenkten Volke bewohntes Land. Wir haben gefunden, dass +die Natur auf diesem Archipelagus, wie in den meisten gebirgigen und +vulkanischen Laendern, ihre Gaben sehr ungleich vertheilt hat. Die +canarischen Inseln leiden im Allgemeinen an Wassermangel; aber wo sich +Quellen finden, wo kuenstlich bewaessert wird oder haeufig Regen faellt, da +ist auch der Boden ausnehmend fruchtbar. Das niedere Volk ist fleissig, +aber es entwickelt seine Thaetigkeit ungleich mehr in fernen Colonien als +auf Teneriffa selbst, wo dieselbe auf Hindernisse stoesst, die eine kluge +Verwaltung allmaehlich aus dem Wege raeumen koennte. Die Auswanderung wird +abnehmen, wenn man sich entschliesst, das unangebaute Grundeigenthum des +Staats unter der Einwohnerschaft zu vertheilen, die Laendereien, welche zu +den Majoraten der grossen Familien gehoeren, zu verkaufen und allmaehlich die +Feudalrechte abzuschaffen. + +Die gegenwaertige Bevoelkerung der Canarien erscheint allerdings +unbedeutend, wenn man sie mit der Bevoelkerung mancher europaeischen Laender +vergleicht. Die Insel Madera, deren fleissige Bewohner einen fast von +Pflanzenerde entbloessten Felsen bebauen, ist siebenmal kleiner als +Teneriffa, und doch doppelt so stark bevoelkert; aber die Schriftsteller, +die sich darin gefallen, die Entvoelkerung der spanischen Colonien mit so +grellen Farben zu schildern und den Grund davon in der kirchlichen +Hierarchie suchen, uebersehen, dass ueberall seit der Regierung Philipps V. +die Zahl der Einwohner in mehr oder minder rascher Zunahme begriffen ist. +Bereits ist auf den Canaren die Bevoelkerung relativ staerker als in beiden +Castilien, in Estremadure und in Schottland. Alle Inseln zusammengerueckt +stellen ein Gebirgsland dar, das um ein Siebentheil weniger Flaecheninhalt +hat als die Insel Corsica und doch gleich viel Einwohner zaehlt. + +Obgleich die Inseln Fortaventura und Lancerota, die am schlechtesten +bevoelkert sind, Getreide ausfuehren, waehrend Teneriffa gewoehnlich nicht +zwei Drittheile seines Bedarfs erzeugt, so darf man doch daraus nicht den +Schluss ziehen, dass auf letzterer Insel die Bevoelkerung aus Mangel an +Lebensmitteln nicht zunehmen koennte. Die canarischen Inseln sind noch auf +lange vor den Uebeln der Ueberbevoelkerung bewahrt, deren Ursachen Mathus +so sicher und scharfsinnig entwickelt hat. Das Elend des Volks ist um +vieles gelindert worden, seit der Kartoffelbau eingefuehrt ist und man +angefangen hat mehr Mais als Gerste und Weizen zu bauen. + +Die Bewohner der Canarien sind ihrem Charakter nach ein Gebirgsvolk und +ein Inselvolk zugleich. Will man sie richtig beurtheilen, muss man sie +nicht nur in ihrer Heimath sehen, wo ihr Fleiss auf gewaltige Hemmnisse +stoesst; man muss sie beobachten in den Steppen der Provinz Caracas, auf dem +Ruecken der Anden, auf den gluehenden Ebenen der Philippinen, ueberall wo +sie, einsam in unbewohnten Laendern, Gelegenheit finden die Kraft und die +Thaetigkeit zu entwickeln, welcher der wahre Reichthum des Colonisten sind. + +Die Canarier gefallen sich darin, ihr Land als einen Theil des +europaeischen Spaniens zu betrachten, und sie haben auch wirklich die +castilianische Literatur bereichert. Die Namen Clavigo (Verfasser des +*Pensador*), Viera, Yriarte und Betancourt sind in Wissenschaft und +Literatur mit Ehren genannt; das canarische Volk besietzt die lebhafte +Einbildungskraft, die den Bewohnern von Andalusien und Grenada eigen ist, +und es ist zu hoffen, dass die glueckseligen Inseln, wo der Mensch wie +ueberall die Segnungen und die harte Hand der Natur empfindet, dereinst +einen eingebornen Dichter finden, der sie wuerdig besingt. + + ------------------ + + + + + + 10 Die Schwaeche der Lebenskraft zeigt sich an den Maulbeerbaeumen, die + auf magerem sandigen Boden in der Naehe des baltischen Meeres gezogen + werden. Die Spaetfroeste thun ihnen weit weher als den Maulbeerbaeumen + in Piemont. In Italien bringt ein Frost von 5 Grad unter dem + Gefrierpunkt kraeftige Orangenbaeume nicht um. Diese Baeume, die + weniger empfindlich sind als Citronen, erfrieren nach Galesio erst + bei -10 deg. der hunderttheiligen Scale. + + 11 Adanson wundert sich, dass die Baobabs nicht von andern Reisenden + beschrieben worden seyen. Ich finde in der Sammlung des Grynaeus, dass + schon Aloysio Cadamosto vom hohen Alter dieser ungeheuren Baeume + spricht, die er im Jahr 1504 gesehen, und von denen er ganz richtig + sagt: _"eminentia altitudinis non quadrat magnitudini." + Cadam. navig. c. 42_. Am Senegeal und bei Praya auf den Cap + Verdischen Inseln haben Adanson und Staunton Adansonien gesehen, + deren Stamm 56 bis 60 Fuss im Umfang hatte. Den Baobab mit 34 Fuss + Durchmesser hat Golberry im Thal der zwei Gagnack gesehen. + + 12 Ebenso verhaelt es sich mit den Platanen _(Platanus occidentalis)_, + die Michaux zu Marietta am Ufer des Ohio gemessen hat und die 20 Fuss + ueber dem Boden noch 15 7/10 Fuss im Durchmesser hatten. Die Taxus, + die Kastanien, die Eichen, die Platanen, die kahlen Cypressen, die + Bombax, die Mimosen, die Caesalpinen, die Hymenaeen und die + Drachenbaeume sind, wie mir scheint, die Gewaechse, bei denen in + verschiedenen Klimaten Faelle von so ausserordentlichem Wachsthum + vorkommen. Eine Eiche, die zugelcih mit gallischen Helmen im Jahr + 1809 in den Torfgruben im Departement der Somme beim Dorf Aseux, + sieben Lieues von Abbeville, gefunden wurde, gibt dem Drachenbaum + von Orotava in der Dicke nichts nach. Nach Angabe von Traullee hatt + der Stamm der Eiche 14 Fuss Durchmesser. + + 13 Schousboue (Flora von Marocco) erwaehnt seiner nicht einmal unter den + cultivirten Pflanzen, waehrend er doch vom Cactus, von der Agave und + der Yucca spricht. Die Gestalt des Drachenbaumes kommt verschiedenen + Arten der Gattung Dracaena am Cap der Guten Hoffnung, in China und + auf Neuseeland zu; aber in der neuen Welt vertritt die Yucca die + Stelle derselben; denn die _Dracaena borealis_ d'Aitons ist eine + _Convallaria_, deren Habitus sie auch hat. Der im Handel unter dem + Namen Drachenblut bekannte adstringierende Saft kommt nach unseren + Untersuchungen an Ort und Stelle von verschiedenen amerikanischen + Pflanzen, die nicht derselben Gattung angehoeren, unter denen sich + einige Lianen befinden. In Laguna verfertigt man in Nonnenkloestern + Zahnstocher, die mit dem Saft des Drachenbaumes gefaerbt sind, und + die man uns sehr anpries, weil sie das Zahnfleische conserviren + sollten. + + 14 Diese Benennung war schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts im + Brauch. Edens, der alle spanischen Woerter verdreht, wie noch heute + die meisten Reisenden, nennt sie *Stancha*; es ist Bordas *Station + des rochers*, wie aus den daselbst beobachteten Barometerhoehen + hervorgeht. Diese Hoehen waren nach Cordier im Jahr 1803 19 Zoll 9,5 + Linien, und nach Borda und Varela im Jahr 1776 19 Zoll 9,8 Linien, + waehrend er Barometer zu Orotava bis auf eine Linie ebenso hoch + stand. + + 15 In den meisten Erdhoehlen, z. B. in der von Saint George, zwischen + Riort und Rolle, bildet sich an den Kalksteinwaenden selbst im Sommer + eine duenne Schichte durchsichtigen Eises. Pictet hat die Beobachtung + gemacht, dass der Thermometer alsdann in der Luft der Hoehle nicht + unter 2 - 3 deg. steht, so dass man das Frieren des Wassers einer + oertlichen, sehr raschen Verdunstung zuzuschreiben hat. + + 16 In der Rechung wurden fuer 91 deg. 54' scheinbaren Abstands vom Zenith + 57' 7" Refraction angenommen. Die Sonne erscheint bei ihrem Aufgang + auf dem Pic von Teneriffa um so viel frueher, als sie braucht, um + einen Bogen von 1 deg. 54' zurueckzulegen. Fuer den Gipfel des Chimborazo + nimmt dieser Bogen nur um 41' zu. Die Alten hatten so uebertriebenen + Vorstellungen von der Beschleunigung des Sonnenaufgangs auf dem + Gipfel hoher Berge, dass sie behaupteten, die Sonne sey auf dem Berg + Athos drei Stunden frueher sichtbar, als am Ufer des aegeischen + Meeres. (Strabo Buch VII.) Und doch ist der Athos nach Delambre nur + 713 Toisen hoch. + + 17 Diese Frage ist mit grossem Scharfsinn von Breislack in seiner + _Introduzzione alle Geologia_ eroertert. Der Cotopaxi und der + Popocatepetl, die ich im Jahr 1804 Rauch und Asche auswerfen sah, + liegen weiter vom grossen Ocean und dem Meere der Antillen als + Grenoble vom Mittelmeer und Orleans vom atlantischen Meer. Man kann + es allerdings nicht als einen blossen Zufall ansehen, dass man keinen + thaetigen Vulkan entdeckt hat, der ueber 40 Seemeilen von der + Meereskueste laege; aber die Hypothese, nach der das Meerwasser von + den Vulkanen aufgesogen, destillirt und zersetzt wuerde, scheint mit + sehr zweifelhaft. + + 18 Von allen kleinen canarischen Inseln ist nur die Rocca del Este vom + Pic auch bei hellem Wetter nicht zu sehen. Sie liegt 3 deg.,5 ab, + Salvage dagegen nur 2 deg. 1'. Die Insel Madera, die 4 deg. 29' entfernt + ist, waere nur dann zu sehen, wenn ihre Berge ueber 3000 Toisen hoch + waeren. + + 19 "_La refraction de par todo._" Wir haben schon oben bemerkt, dass die + amerikanischen Fruechte, welche das Meer haeufig an die Kuesten von + Ferro und Gomera wirft, frueher fuer Gewaechse der Insel San Borondon + gehalten wurden. Dieses Land, das nach der Volkssage von einen + Erzbischof und sechs Bischoefen regiert wurde, und das, nach Pater + Feijoos Ansicht, das auf einer Nebelschicht projicirte Bild der + Insel Ferro ist, wurde im sechzehnten Jahrhundert vom Koenig von + Portugal Ludwig Perdigon geschenkt, als dieser sich zur Eroberung + desselben ruestete. + + 20 Nach Odonell und Armstrong stand auf dem Gipfel des Pics am + 2. August 1806 um acht Uhr Morgnes der Thermometer im Schatten auf + 13 deg.,8, in der Sonne auf 20 deg.,5; Unterschied oder Wirkung der + Sonne: 6 deg.,7. + + 21 Im Merz 1805 fingen Gay-Lussac und ich beim Hospiz auf dem Mont + Cenis in einer stark elektrisch geladenen Wolke Luft auf und + zerlegten sie im Volta´schen Eudometer. Sie enthielt keinen + Wasserstoff und nicht um 0,002 weniger Sauerstoff als die Pariser + Luft, die wir in hermetisch verschlossenen Flaschen bei uns hatten. + + 22 Da viele Reisende, welche bei Santa Cruz de Teneriffa anlegen, die + Besteigung des Pics unterlassen, weil sie nicht wissen, wie viel + Zeit man dazu braucht, so sind die folgenden Angaben wohl nicht + unwillkommen. Wenn man bis zum Haltpunkt der Englaender sich der + Maulthiere bedient, braucht man von Orotava aus zur Besteigung des + Pics und zur Rueckkehr in den Hafen 21 Stunden; naemlich von Orotava + zum Pino del Dornajito 3 Stunden, von da zur Felsenstation 6, von da + nach der Caldera 3 1/2. Fuer die Rueckkehr rechne ich 9 Stunden. Es + handelt sich dabei nur von der Zeit, die man unterwegs zubringt, + keineswegs von der, die man auf die Untersuchung der Produkte des + Pic oder zum Ausruhen verwendet. In einem halben Tag gelangt man von + Santa Cruz de Teneriffa nach Orotava. + + 23 Auf dieser Insel sah der carthaginensische Feldherr zum erstenmal + eine grosse menschenaehnliche Affenart, die Gorillas. Er beschreibt + sie als durchaus behaarte Weiber, und als hoechst boesartig, weil sie + sich mit Naegeln und Zaehnen wehrten. Er ruehmt sich, ihrer drei die + Haut abgezogen zu haben, um sie mitzunehmen. Gosselin verlegt die + Insel der Gorillas an die Muendung des Flusses Nun, aber nach dieser + Annahme muesste der Sumpf, in dem Hanno eine Menge Elephanten weiden + sah, unter 351/2 Grad Breite liegen, beinahe am Nordende von Afrika. + +_ 24 Aristoteles, Mirab. Auscultat._ Solinus sagt vom Atlas: _vertex + semper nivalis lucet nocturnis ignibus_; aber dieser Atlas ist + gleich dem Berge Meru der Hindus ein aus richtigen Begriffen und + mythischen Fictionen zusammengesetztes Ding, und lag nicht auf einer + der hesperischen Inseln, wie Abbe Viera und nach ihm verschiedene + Reisende annehmen, die den Pic von Teneriffa beschreiben. Die + folgenden Stellen lassen keinen Zweifel hierueber: Herodot IV, 184. + Strabo XVII. Mela III, 10. Plinius V, 1. Solinus I, 24, sogar Diodor + von Sicilien III. + + 25 Der Berg hiess auch *Aya-dyrma*, in welchem Wort Horn (_de Origin. + Americ. p._ 155 und 185) den alten Namen des Atlas findet, der nach + Strabo, Plinius und Solinus *Dyris* war. Diese Ableitung ist hoechst + zweifelhaft; lagt man auf die Vokale mehr Werth, als sie bei den + orientalischen Voelkern haben, so findet man *Dyris* fast ganz in + *Daran*, wie die arabischen Geographen den oestlichen Theil des + Atlasgebirges nennen. + +_ 26 Non silendum puto de insula Teneriffa quae et eximie colitur et + inter orbis insulas est eminentior. Nam coelo sereno eminus + conspicitur, adeo ut qui absunt ab ea ad leucas hispanas sexaginta + vel septuaginta, non difficulter eam intueantur. Quod cernatur a + longe id efficit acuminatus lapis adamantinus, instar pyramidis, in + medio. Qui metiti sunt lapidem ajunt altitudine leucarum quindecim + mensuram excedere ab imo ad summum verticem. Is lapis jugiter + flagrat, instar Aetnae montis; id affirmant nostri Christiani qui + capti aliquando haec animadvertere. __Al. Cadamusti__ Navigatio ad + terras incognitas c. 8._ + + 27 Obgleich der Pic von Teneriffa sich nur in den Wintermonaten mit + Schnee bedeckt, koennte der Vulkan doch die seiner Breite + entsrpechende Schneegrenze erreichen, und wenn er Sommers ganz + schneefrei ist, so koennte diess nur von der freien Lage des Berges in + der weiten See, von der Haeufigkeit aufsteigender sehr warmer Winde + oder von der hohen Temperatur der Asche des Piton herruehren.. Beim + gegenwaertigen Stand unserer Kenntnisse lassen sich diese Zweifel + nicht heben. Vom Parallel der Berge Mexicos bis zum Parallel der + Pyrenaeen und der Alpen, zwischen dem 20. und dem 45. Grad ist die + Curve des ewigen Schnees durch keine direkte Messung bestimmt + worden, und da sich durch die wenigen Punkte, welche uns unter 0 deg., + 20 deg., 45 deg., 62 deg. und 71 deg. noerdlicher Breite bekannt sind, unendliche + viele Curven ziehen lassen, so kann die Beobachtung nur sehr + mangelhaft durch Rechnung ergaenzt werden. Ohne es bestimmt zu + behaupten, kann man als wahrscheinlich annehmen, dass unter 28 deg. 17' + die Schneegrenze ueber 1900 Toisen liegt. Vom Auquator an, wo der + Schnee mit 2460 Toisen, also etwa in der Hoehe des Montblanc beginnt, + bis zum 20. Breitegrad, also bis zur Grenze des heissen Erdstrichs, + rueckt der Schnee nur 100 Toisen herab; laesst sich demnach annehmen, + dass 8 Grad weiter in einem Klima, das fast noch durchaus als ein + tropisches erscheint, der Schnee schon 400 Toisen tiefer stehen + sollte? Selbst vorausgesetzt, der Schnee rueckte vom 20. bis zum + 45. Breitegrad in arithmetischer Progression herab, was den + Beobachtungen widerspricht, so finge der ewige Schnee unter der + Breite des Pic erst bei 2050 Toisen ueber der Meeresflaeche an, somit + 550 Toisen hoeher als in den Pyrenaeen und in der Schweiz. Dieses + Ergebniss wird noch durch andere Beobachtungen unterstuetzt. Die + mittlere Temperatur der Luftschicht, mit der der Schnee im Sommer in + Beruehrung kommt, ist in den Alpen ein paar Grad unter, unter dem + Aequator ein paar Grad ueber dem Gefrierpunkt. Angenommen, unter 281/2 + Grad sey die Temperatur gleich Null, so ergibt sich nach dem Gesetz + der Waermeabnahme, auf 98 Toisen einen Grad gerechnet, das der Schnee + in 2058 Toisen ueber einer Ebene mit einer mittleren Temperatur von + 21 deg., wie sie der Kueste von Teneriffa zukommt, lieben bleiben muss. + Diese Zahl stimmt fast ganz mit der, welche sich bei der Annahme + einer arithmetischen Progression ergibt. Einer der Hochgipfel der + Sierra de Nevada de Grenada, der Pico de Beleta, dessen absolute + Hoehe 1781 Toisen betraegt, ist bestaendig mit Schnee bedeckt; da aber + die untere Grenze des Schnees hier nicht gemessen worden ist, so + traegt dieser Berg, der unter 37 deg. 10' der Breite liegt, zur Loesung + des vorliegenden Problems nichts bei. Durch die Lage des Vulkans von + Teneriffa mitten auf einer nicht grossen Insel kann die Curve des + ewigen Schnees schwerlich hinaufgeschoben werden. Wenn die Winter + auf Inseln weniger streng sind, so sind dagegen auch die Sommer + weniger heiss, und die Hoehe des Schnees haengt nicht sowohl von der + ganzen mittleren Jahrestemperatur als vielmehr von der mittlere + Waerme der Sommermonate ab. Auf dem Aetna beginnt der Schnee schon + bei 1500 Toisen oder selbst etwas tiefer, was bei einem unter 371/2 deg. + der Breite gelegenen Gipfel ziemlich auffallend erscheint. In der + Naehe des Polarkreises, wo die Sommerhitze durch den fortwaehrend aus + dem Meere aufsteigenden Nebel gemildert wird, zeigt sich der + Unterschied zwischen Inseln oder Kuesten und dem inneren Lande hoechst + auffallend. Auf Island z. B. ist auf dem Osterjoeckull, unter 65 deg. der + Breite, die Grenze des ewigen Schnees in 482, in Norwegen dagegen, + unter 67 deg., fern von der Kueste in 600 Toisen Hoehe, und doch sind hier + die Winter ungleich strenger, folglich die mittlere Jahrestemperatur + geringer als in Island. Nach diesen Angaben erscheint es als + wahrscheinlich, dass Bouquer und Saussure im Irrthum sind, wenn sie + annehmen, dass der Pic von Teneriffa die untere Grenze des ewigen + Schrees erreiche. Unter 28 deg. 17' der Breite ergeben sich fuer diese + Grenze wenigstens 1950 Toisen, selbst wenn man sie zwischen dem + Aetna und den Bergen von Mexico durch Interpolation berechnet. + Dieser Punkt wird vollstaendig ins Reine gebracht werden, wenn einmal + der westliche Theil des Atlas gemessen ist, wo bei Marocco unter 311/2 + Grad Breite ewiger Schnee liegt. + +_ 28 Pinus halepensis._ Nach de Candolles Bemerkung hiesse diese Fichte, + die in Portugal fehlt und am Abhang von Frankreicht und Spanien + gegen das Mittelmeer in Italien, in Kleinasien und in der Barbarei + vorkommt besser _Pinus mediterranea._ Sie ist der herrschende Baum + in den Fichtenwaeldern des suedoestlichen Frankreichs, wo sie von Gonan + und Gerard mit der _Pinus sylvestris_ verwechselt worden ist. + + 29 Willdenow und ich haben unter den Pflanzen vom Pic von Teneriffa das + schoene _Satyrium diphyllum_ (_Orchis cordata, Willd._) erkannt, die + Link in Portugal gefunden. Die Canarien haben nicht die _Dicksonia + Culcita_, den einzigen Baumfarn, der unter 39 deg. der Breite vorkommt, + wohl aber _Asplenium palmatun_ und _Myrica Faya_ mit der Flora der + Azoren gemein. Letzterer Baum findet sich in Portugal wild, + Hofmannsegg hat sehr alte Staemme gesehen, es bleibt aber + zweifelhaft, ob er in diesen Theil unseres Continents einheimisch + oder eingefuehrt ist. Denkt man ueber die Wanderungen der Gewaechse + nach zieht man in Betracht, dass es geologisch moeglich ist, dass + Portugal, die Azoren, die Canarien und die Atlaskette einst durch + nunmehr im Meer versunkene Laender zusammengehangen habe, so + erscheint das Vorkommen der _Myrica Facya_ im westlichen Europa zum + mindestens ebenso auffallend, als wenn die Fichte von Aleppe auf den + Azoren vorkaeme. + + 30 Nach Vaters Untersuchungen zeigt die Sprache der Guanchen folgende + Aehnlichkeiten mit den Sprachen weit aus einander gelegener Voelker: + Hund bei den Huronen in Amerika _aguienon_, bei den Guanchen aguyan; + *Mensch* bei den Peruanern _cari_, bei den Guanchen _coran_; *Koenig* + bei den Mandingos in Afrika _monso_, bei den Guanchen _monsey_. Der + Name der Insel Gomera kommt um Worte Gomer zum Vorschein, das der + Name eines Berberstammes ist. (*Vater*, Untersuchungen ueber Amerika, + S. 170.) Die Guanchischen Worte _alcorac_, Gott, und _almogaron_, + Tempel, scheinen arabischen Ursprungs, wenigstens bedeutet in + letzterer Sprache _almoharram_ *heilig*. + + + + + +DRITTES KAPITEL + + + Ueberfahrt von Teneriffa an die Kueste von Suedamerika -- Ankunft in + Cumana + + +Am 25. Juni Abends verliessen wir die Rhede von Santa Cruz und schlugen den +Weg nach Suedamerika ein. Es wehte stark aus Nordost und das Meer schlug in +Folge der Gegenstroemungen kurze gedraengte Wellen. Die canarischen Inseln, +auf deren hohen Bergen ein roethlicher Duft lag, verloren wir bald aus dem +Gesicht. Nur der Pic zeigte sich von Zeit zu Zeit in Blinken, +wahrscheinlich, weil der in der hohen Luftregion herrschende Wind dann und +wann die Wolken um den Piton verjagte. Zum erstenmal empfanden wir, +welchen lebhaften Eindruck der Anblick von Laendern an der Grenze des +heissen Erdguertels, wo die Natur so reich, so grossartig und so wundervoll +auftritt, auf unser Gemueth macht. Wir hatten nur kurze Zeit auf Teneriffa +verweilt, und doch schieden wir von der Insel, als haetten wir lange dort +gelebt. + +Unsere Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, dem oestlichsten Hafen von +Terra Firma, war so schoen als je eine. Wir schnitten den Wendekreis des +Krebses am 27., und obgleich der *Pizarro* eben kein guter Segler war, +legten wir doch den neunhundert Meilen [4050 km] langen Weg von Kueste von +Afrika zur Kueste der neuen Welt in zwanzig Tagen zurueck. Wir fuhren auf 50 +Meilen [225 km] westwaerts am Vorgebirge Bojador, am weissen Vorgebirge und +an den Inseln des gruenen Vorgebirges vorueber. Ein paar Landvoegel, der der +starke Wind auf die hohe See verschlagen, zogen uns einige Tage nach. +Haetten wir nicht unsere Laenge mittelst der Seeuhren genau gekannt, so +waeren wir versucht gewesen zu glauben, wir seyen ganz nahe der +afrikanischen Kueste. + +Unser Weg war derselbe, den seit Kolumbus erster Reise alle Fahrzeuge nach +den Antillen einschlagen. Vom Parallel von Madera bis zum Wendekreis nimmt +dabei die Breite rasch ab, waehrend man an Laenge fast nichts zulegt; hat +man die Zone des bestaendigen Passatwindes erreicht, so faehrt man von Ost +nach West auf einer ruhigen, friedlichen See, die bei den spanischen +Seefahrern _el Golfo de las Damas_ heisst. Wie alle, welche diese Striche +befahren, machten auch wir die Beobachtung, dass, je weiter man gegen +Westen rueckt, der Passat, der Anfangs Ost-Nord-Ost war, immer mehr Ostwind +wird. + +Hadley(31) hat in einer beruehmten Abhandlung die Theorie des Passats +entwickelt, wie sie gemeiniglich angenommen ist, aber die Erscheinung ist +eine weit verwickeltere, als die meisten Physiker glauben. Im atlantischen +Ocean ist die Laenge wie die Abweichung der Sonne von Einfluss auf die +Richtung und die Grenzen der Passatwinde. Dem neun Continent zu gehen sie +in beiden Halbkugeln 8 bis 9 Grad ueber den Wendekreis hinauf, waehrend in +der Naehe von Afrika die veraenderlichen Winde weit ueber den 28. oder +27. Grad hinunter herrschen. Es ist im Interesse der Meteorologie und der +Schifffahrt zu bedauern, dass die Veraenderungen, denen die Luftstroemungen +unter den Tropen im stillen Ocean unterliegen, weit weniger bekannt sind +als das Verhalten derselben Stroeme in einem engeren Meeresbecken, wo die +nicht weit auseinander liegenden Kuesten von Guinea und Brasilien ihre +Einfluesse geltend machen. Die Schiffer wissen seit Jahrhunderten, dass im +atlantischen Ocean der Aequator nicht mit der Linie zusammenfaellt, welche +die Passatwinde aus Nordort und die aus Suedost scheidet. Diese Linie +liegt, nach Hadley richtiger Beobachtung, unter dem 3. bis 4. Grad +noerdlicher Breite, und wenn ihre Lage daher ruehrt, dass die Sonne in der +noerdlichen Halbkugel laenger verweilt, so weist sie darauf hin, dass die +Temperaturen der beiden Halbkugeln [Nimmt man mit Aepinus an, dass die +suedliche Halbkugel nur um 1/14 kaelter ist als die noerdliche, so ergibt die +Rechnung fuer die noerdliche Grenze des Ost-Sued-Ost-Passats 1 deg. 28'.] sich +verhalten wie 11 zu 9. In der Folge, wenn von der Luft ueber der Suedsee die +Rede ist, werden wir sehen, dass westwaerts von Amerika der Suedost-Passat +nicht so weit ueber den Aequator hinausreicht als im atlantischen Ocean. +Der Unterschied in der Luftstroemung dem Aequator zu vom einen und vom +andern Pol her kann ja nicht unter allen Laengengraden derselbe seyn, das +heisst auf Punkten der Erdkugel, wo die Festlaender sehr verschieden breit +sind und sich mehr oder minder weit gegen die Pole erstrecken. + +Es ist bekannt, dass auf der Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, wie von +Acapulco nach den Philippinen, die Matrosen fast keine Hand an die Segel +zu legen brauchen. Man faehrt in diesen Strichen, als ginge es auf einem +Flusse hinunter, und es ist zu glauben, dass es kein gewagtes Unternehmen +waere, die Fahrt mit einer Schaluppe ohne Verdeck zu machen. Weiter +westwaerts aber, an der Kueste von St. Marta und im Meerbusen von Mexico +weht der Wind sehr stark und macht die See sehr unruhig.(32) + +Je weiter wir uns von der afrikanischen Kueste entfernten, desto schwaecher +wurde der Wind; oft blieb er einige Stunden ganz aus, und diese +Windstillen wurden regelmaessig durch elektrische Erscheinungen +unterbrochen. Schwarze, dichte, scharf umrissene Wolken zogen sich im Ost +zusammen; man konnte meinen, es sey eine Boe im Anzug und man werde die +Marssegel einreffen muessen, aber nicht lange, so erhob sich der Wind +wieder, es fielen einige schwere Regentropfen und das Gewitter verzog +sich, ohne dass man hatte donnern hoeren. Es war interessant, waehrend dessen +die Wirkung schwarzer Wolken zu beobachten, die einzeln und sehr tief +durch das Zenith liefen. Man spuerte, wie der Wind allmaehlig staerker oder +schwaecker wurde, je nachdem die kleinen Haufen von Dunstblaeschen sich +naeherten oder entfernten, ohne dass die Elektrometer mit langer +Metallstange und brennendem Docht in den untern Luftschichten eine +Aenderung in der elektrischen Spannung anzeigten. Mittels solcher kleinen, +mit Windstillen wechselnden Boeen gelangt man in den Monaten Juni und Juli +von den canarischen Inseln nach den Antillen oder an die Kuesten von +Suedamerika. Im heissen Erdstrich loesen sich die meteorologischen Vorgaenge +aeusserst regelmaessig ab, und das Jahr 1803 wird in den Annalen der +Schifffahrt lange denkwuerdig bleiben, weil mehrere Schiffe, die von Cadix +nach Cumana gingen, unter 14 deg. der Laenge und 48 deg. der Breite umlegen mussten, +weil mehrere Tage lang ein heftiger Wind aus Nord-Nord-West blies. Welch +bedeutende Stoerung im regelmaessigen Lauf der Luftstroemungen muss man +annehmen, um sich von einem solchen Gegenwind Rechenschaft zu geben, der +ohne Zweifel auch den regelmaessigen Gang des Barometers in seiner +stuendlichen Schwankung gestoert haben wird! + +Einige spanische Seefahrer haben neuerlich einen andern Weg nach den +Antillen und zur Kueste von Terra Firma als den von Christoph Columbus +zuerst eingeschlagenen zur Sprache gebracht. Sie schlagen vor, man sollte +nicht gerade nach Sued steuern, um den Passat aufzusuchen, sondern auf +einer Diagonale zwischen Cap St. Vincent und Amerika in Laenge und Breite +zugleich vorruecken. Dieser Weg, der die Fahrt abkuerzt, da man den +Wendekreis etwa 20 deg. westwaerts vom Punkte schneidet, wo ohn die Schiffe +gewoehnlich schneiden, ist von Admiral Gravina mehreremale mit Glueck +eingeschlagen worden. Dieser erfahrene Seemann, der in der Schlacht von +Trafalgar einen ruehmlichen Tod fand, kam im Jahr 1802 auf diesem schiefen +Wege mehrere Tage vor der franzoesischen Flotte nach St. Domingo, obgleich +er zufolge eines Befehls des Madrider Hofs mit seinem Geschwader im Hafen +von Ferrel hatte einlaufen und sich dort eine Zeitlang aufhalten muessen. + +Diese neue Verfahren kuerzt die Ueberfahrt von Cadix nach Cumana etwa um +ein Zwanzigtheil ab; da man aber erst unter dem 40. Grad der Laenge die +Tropen betritt, so laeuft man Gefahr, laenger mit den veraenderlichen Winden +zu thun zu haben, die bald aus Sued, bald aus Suedwest blasen. Beim alten +Verfahren wird der Nachtheil, dass man einen laengeren Weg macht, dadruch +ausgeglichen, dass man sicher ist, in den Passat zu gelangen und ihn auf +einem groesseren Stueck der Ueberfarht benuetzen zu koennen. Waehrend meines +Aufenthalt in den spanischen Colonien sah ich mehrere Kauffahrer an +kommen, die aus Furcht vor Kapern den schiefen Weg eingeschlagen hatten +und ausnehmend rasch heruebergekommen waren; nur nach wiederholten +Versuchen wird man sich bestimmt ueber einen Punkt aussprechen koennen, der +zum mindesten so wichtig ist als die Wahl des Meridians, auf dem man bei +der Fahrt nach Buenos Ayres oder Cap Horn den Aequator schneiden soll. + +Nichts geht ueber die Pracht und die Milde des Klimas im tropischen +Weltmeer. Waehrend der Passatwind stark blies, stand der Thermometer bei +Tage auf 23-24 Grad, bei Nacht zwischen 22 und 22,5. Um den Reiz dieser +gluecklichen Erdstriche in der Naehe des Aequators voll zu empfinden, muss +man in rauher Jahreszeit von Acapulco oder von den Kuesten von Chili nach +Europa gesegelt haben. Welcher Abstand zwischen den stuermischen Meeren in +noerdlichen Breiten und diesen Strichen, wo in der Natur ewige Ruhe +herrscht! Wenn die Rueckfahrt aus Mexiko oder Suedamerika nach den +spanischen Kuesten zu kurz und so angenehm waere als die Reise aus der alten +in die neue Welt, so waere die Zahl der Europaeer, die sich in den Kolonien +niedergelassen, lange nicht so gross, als sie jetzt ist. Das Meer, in dem +die Azoren und die Bermuden liegen, durch das man kommt, wenn man in hohen +Breiten nach Europa zurueckfaehrt, fuehrt bei den Spanier den seltsamen Namen +_Golfe de las Yeguas_. [Der Meerbusen der Stuten.] Colonisten, die an die +See nicht gewoehnt sind, und lange einsam in den Waeldern von Guyana, in den +Savanen von Caracas oder auf den Cordilleren von Peru gelebt haben, +fuerchten sich vor dem Seestrich bei den Bermuden mehr als jetzt die +Bewohner von Lima vor der Fahrt um Cap Horn. Sie uebertreiben in der +Einbildung die Gefahren einer Ueberfahrt, die nur im Winter bedenktlich +ist. Sie verschieben es von Jahr zu Jahr, ein Vorhaben auszufuehren, das +ihnen gewagt erscheint, und meist ueberrascht sie der Tod, waehrend sie sich +zur Rueckreise ruesten. + +Noerdlich von den Inseln des Gruenen Vorgebirges stiessen wir auf grosse +Buendel schwimmenden Tangs. Es war die tropische Seetraube, _Fucus natans_, +die nur bis zu 40 deg. noerdlicher und suedlicher Breite auf dem Gestein unter +dem Meeresspiegel waechst. Diese Algen schienen hier, wie suedwestlich von +der Bank von Neufoundland, das Vorhandenseyn der Stroemungen anzuzeigen. +Die Seestriche, wo viel einzelner Tag vorkommt, und die mit Seegewaechsen +bedeckten Strecken, welche Columbus mit grossen Wiesen vergleicht und die +der Mannschaft der Santa Maria unter 42 deg. der Laenge Schrecken einjagten, +sind nicht mit einander zu verwechseln. Durch die Vergleichung vieler +Schiffstagebuecher habe ich mich ueberzeugt, dass es im Becken des noerdlichen +Atlantischen Oceans zwei solcher mit Algen bedeckten Strecken gibt, die +nichts miteinander zu tun haben. Die groesste derselben(33) liegt etwas +westlich vom Meridian von Fayal, einer der azorischen Inseln, zwischen +35 und 36 deg. der Breite. Die Meerestemperatur betraegt in diesem Strich +16 bis 20 Grad, und die Nordostwinde, die dort zuweilen sehr stark sind, +treiben schwimmende Tanginseln in tiefe Breiten, bis zum 24., ja bis zum +20. Grad. Die Schiffe, die von Montevideo und vom Kap der guten Hoffnung +nach Europa zurueckfahren, kommen ueber diese Fucusbank, die nach den +spanischen Schiffern von den kleinen Antillen und von den canarischen +Inseln gleich weit entfernt ist; die Ungeschicktesten koennen darnach ihre +Laenge berichtigen. Die zweite Fucusbank ist wenig bekannt; sie liegt unter +22 und 26 deg. der Breite, 80 Seemeilen [148 km] westlich vom Meridian der +Bahamainseln, und ist von weit geringerer Ausdehnung. Man stoesst auf sie +auf der Fahrt von den Caycosinseln nach den Bermuden. + +Allerdings kennt man Tangarten mit 800 Fuss [260 m] langen Stengeln [_Fucus +giganteus_, _Forster_ oder _Laminaria pyrifera_, _Lamouroux_.], und diese +Cryptogamen der hohen See wachsen sehr rasch; dennoch ist kein Zweifel +darueber, dass in den oben beschriebenen Strichen die Tange keinesweg am +Meeresboden haften, sondern in einzelnen Buendeln auf dem Wasser schwimmen. +In diesem Zustand koennen diese Gewaechse nicht viel laenger fortvegetiren +als ein vom Stamm abgerissener Baumast. Will man sich Rechenschaft davon +geben, wie es kommt, dass bewegliche Massen sich seit Jahrhunderten an +denselben Stellen befinden, so muss man annehmen, dass sie vom Gestein +73 bis 92 m unter der Meeresflaeche herkommen und der Nachwuchs fortwaehrend +wieder ersetzt, was die tropische Stroemung wegreisst. Diese Stroemung fuehrt +die tropische Seetraube in hohe Breiten, an die Kuesten von Norwegen und +Frankreich, und die Algen werden suedwaerts von den Azoren keineswegs vom +*Golfstrom* zusammengetrieben, wie manche Seeleute meinen. Es waere zu +wuenschen, dass die Schiffer in diesen mit Pflanzen bedeckten Strichen +haeufiger das Senkblei auswaerfen; man versichert, hollaendische Seeleute +haben mittelst Leinen aus Seidenfaeden zwischen der Bank von Neufoundland +und der schottischen Kueste eine Reihe von Untiefen gefunden. + +Wie und wodurch die Algen in Tiefen, in denen nach der allgemeinen Annahme +das Meer wenig bewegt ist, losgerissen werden, darueber ist man noch nicht +im Klaren. Wir wissen nur nach den schoenen Beobachtungen von Lamouroux, +dass die Algen zwar vor der Entwicklung ihrer Fructificationen ausnehmend +fest am Gestein haengen, dagegen nach dieser Zeit oder in der Jahreszeit, +wo bei ihnen wie bei den Landpflanzen die Vegetation stockt, sehr leicht +abzureissen sind. Fische und Weichthiere, welche die Stengel der Tange +benagen, moegen wohl auch dazu beitragen, sie von ihren Wurzeln zu loesen. + +Vom 22. Breitengrad an fanden wir die Meeresflaeche mit fliegenden Fischen +[_Exocoetus volitans._] bedeckt; sie schnellten sich fuenfzehn, ja achtzehn +Fuss [4,5, ja 6 m] in die Hoehe und fielen auf den Oberlauf nieder. Ich +scheue mich nicht, hier gleichfalls einen Gegenstand zu beruehren, von dem +die Reisenden so viel sprechen, als von Delphinen und Haifischen, von der +Seekrankheit und dem Leuchten des Meeres. Alle diese Dinge bieten den +Physikern noch lange Stoff genug zu anziehenden Beobachtungen, wenn sie +sich ganz besonders damit beschaeftigen. Die Natur ist eine unerschoepfliche +Quelle der Forschung, und im Mass, als die Wissenschaft vorschreitet, +bietet sie dem, der sie recht zu befragen weiss, immer wieder eine neue +Seite, von der er sie bis jetzt nicht betrachtet hatte. + +Ich erwaehne der fliegenden Fische, um die Naturkundigen auf die ungeheure +Groesse ihrer Schwimmblase aufmerksam zu machen, die bei einem 6,4 Zoll +langen Fisch 3,6 Zoll lang und 0,9 breit ist und 31/2 Kubikzoll [60 ml] Luft +enthaelt. Die Blase nimmt ueber die Haelfte vom Koerperinhalt des Thieres ein, +und traegt somit wahrscheinlich dazu bei, dass es so leicht ist. Man koennte +sagen, dieser Luftbehaelter diese ihm vielmehr zum Fliegen als zum +Schwimmen, denn die Versuche, die Provenzal und ich angestellt, beweisen, +dass dieses Organ selbst bei den Arten, die damit versehen sind, zu der +Bewegung an die Wasserflaeche herauf nicht durchaus nothwendig ist. Bei +einem jungen 5,0 Zoll langen Exocoetus bot jede der Brustflossen, die als +Fluegen diesen, der Luft bereits eine Oberflaeche von 3 7/10 Quadratzoll +dar. Wir haben gefunden, dass die neun Nervenstraenge, die zu den zwoelf +Strahlen dieser Flossen verlaufen, fast dreimal dicker sind als die Nerven +der Bauchflossen. Wenn man die ersteren Nerven galvanisch reizt, so gehen +die Strahlen, welche die Haut der Brustflossen tragen, fuenfmal kraeftiger +auseinander, als die der andern Flossen, wenn man sie mit denselben +Metallen galvanisirt. Der Fisch kann sich ab er auch zwanzig Fuss [6,5 m] +weit wagrecht fortschnellen, ehe er mit der Spitze seiner Flossen die +Meeresflaeche wieder beruehrt. Man hat diese Bewegung und die eines flachen +Steines, der auffallend und wieder abprallend ein paar Fuss hoch ueber die +Wellen huepft, ganz richtig zusammengestellt. So ausnehmend rasch die +Bewegung ist, kann man doch deutlich sehen, dass das Thier waehrend des +Sprungs die Luft schlaegt, das heisst, dass es die Brustflossen abwechselnd +ausbreitet und einzieht. Dieselbe Bewegung beobachtet man am fliegenden +Seescorpion auf den japanischen Fluessen, der gleichfalls eine grosse +Schwimmblase hat, waehrend sie den meisten Seescorpionen, die nicht +fliegen, fehlt [_Scorpaena porcus_, _S. scrofa_, _S. dactyloptera_, +Delaroche.]. Die Exocoetus koennen, wie die meisten Kiementhiere, ziemlich +lange und mittelst derselben Organe im Wasser und in der Luft athmen, das +heisst der Luft wie dem Wasser den darin enthaltenen Sauerstoff entziehen. +Sie bringen einen grossen Theil ihres Lebens in der Luft zu, aber ihr +elendes Leben wird ihnen dadurch nicht leichter gemacht. Verlassen sie das +Meer, um den gefraessigen Goldbrassen zu entgehen, so begegnen sie in der +Luft den Fregatten, Albatrossen und andern Voegeln, die sie im Flug +erschnappen. So werden an den Ufern des Orinoco Rudel von Cabiais, [_Cavia +Capybara._ L.] wenn sie vor den Krokodilen aus dem Wasser fluechten, am +Ufer die Beute der Jaguars. + +Ich bezweifle indessen, dass sich die fliegenden Fische allein um der +Verfolgung ihrer Feinde zu entgehen, aus dem Wasser schnellen. Gleich den +Schwalben schiessen sie zu Tausenden Fort, gerade aus und immer gegen die +Richtung der Wellen. In unsern Himmelsstrichen sieht man haeufig am Ufer +eines klaren, von der Sonne beschienenen Flusses einzeln stehende Fische, +die somit nichts zu fuerchten haben koennen, sich ueber die Wasserflaeche +schnellen, als machte es ihnen Vergnuegen, Luft zu athmen. Warum sollte +dieses Spiel nicht noch haeufiger und laenger bei den Exocoetus vorkommen, +die vermoege der Form ihrer Brustflossen und ihres geringen specifischen +Gewichtes sich sehr leicht in der Luft halten? Ich fordere die Forscher +auf, zu untersuchen, ob andere fliegende Fische, z. B. _Exocoetus +exiliens_, _Trigla volitans_ und _T. horundo_ auch so grosse Schwimmblasen +haben wie der tropische Exocoetus. Dieser geht mit dem warmen Wasser des +Golfstroms nach Norden. Die Schiffsjungen schneiden ihm zum Spass ein Stueck +der Brustflossen ab und behaupten, diese wachsen wieder, was mir mit den +bei andern Fischfamilien gemachten Beobachtungen nicht zu stimmen scheint. + +Zur Zeit, da ich von Paris abreiste, hatten die Versuche, welche +_Dr._ Broddelt in Jamaica mit der Luft in der Schwimmblase des +Schwertfisches angestellt, einige Physiker zur Annahme veranlasst, dass +unter den Tropen dieses Organ bei den Seefischen reines Sauerstoffgas +enthalte. Auch ich hatte diese Vorstellung, und so war ich ueberrascht, als +ich in der Schwimmblase des Exocoetus nur 0,04 Sauerstoff auf 0,94 +Stickstoff und 0,02 Kohlensaeure fand. Der Antheil des letzteren Gases, der +mittelst der Absorption durch Kalkwasser in graduirten Roehren gemessen +wurde, [Anthracometer, gekruemmte Roehren mit einer grossen Kugel.] schien +constanter als der des Sauerstoffs, von dem einige Exemplare fast noch +einmal so viel zeigten. Nach Biots, Cosigliachi´s und Delaroche´s +interessanten Beobachtungen muss man annehmen, dass der von Broddelt secirte +Schwertfisch in grossen Meerestiefen gelebt habe, wo manche Fische bis zu +94 Procent Sauerstoff in ihrer Schwimmblase zeigen. + +Am 1. Juli, unter 17 deg. 42' der Breite und 34 deg. 21' der Laenge stiessen wir auf +die Truemmer eines Wrackes. Wir konnten einen Mastbaum sehen, der mit +schwimmendem Tang ueberzogen war. In einem Strich, wo die See bestaendig +ruhig ist, konnte das Fahrzeug nicht Schiffbruch gelitten haben. +Vielleicht dass diese Truemmer aus den noerdlichen stuermischen Meeren kamen, +und infolge der merkwuerdigen Drehung, welche die Wasser des Atlantischen +Meeres in der noerdlichen Halbkugel erleiden, wieder zum Fleck +zurueckwanderte, wo das Schiff zugrunde gegangen. + +Am dritten und vierten fuhren wir ueber den Theil des Oceans, wo die Karten +die Bank des Maalstroms verzeichne; mit Einbruch der Nacht aenderte man den +Curs, um einer Gefahr auszuweichen, deren Vorhandenseyn so zweifelhaft +ist, als das der Inseln Fonseco und Santa Anna.(34) Es waere wohl klueger +gewesen, den Curs beizubehalten. Die alten Seekarten wimmeln von +sogenannten wachenden Klippen, die zum Theil allerdings vorhanden sind, +groesstentheils aber sich von optischen Taeuschungen herschreiben, die auf +der See haeufiger sind als im Binnenland. Die Lage der wirklich +gefaehrlichen Punkte ist meist wie auf Gerathewohl angegeben; sie waren von +Schiffern gesehen worden, die ihre Laenge nur auf ein paar Grade kannten, +und meist kann man sicher darauf rechnen, keine Klippen zu finden, wenn +man den Punkten zusteuert, wo sie auf den Karten angegeben sind. Als wir +dem vorgeblichen Maalstrom nahe waren, konnten wir am Wasser keine andere +Bewegung bemerken, als ein Stroemung nach Nordwest, die uns nicht so viel +in Laenge zuruecklegen liess, als wir gewuenscht haetten. Die Staerke dieser +Stroemung nimmt zu, je naeher man dem neuen Continente kommt; sie wird durch +die Bildung der Kuesten von Brasilien und Guyana abgelenkt, nicht durch die +Gewaesser des Orinoco und des Amazonenstroms, wie manche Physiker +behaupten. + +Seit unserem Eintritt in die heisse Zone wurden wir nicht muede, in jeder +Nacht die Schoenheit des suedlichen Himmels zu bewundern, an dem, je weiter +wir nach Sueden vorrueckten, immer neue Sternbilder vor unseren Blicken +aufstiegen. Ein sonderbares, bis jetzt ganz unbekanntes Gefuehl wird in +einem rege, wenn man dem Aequator zu, und namentlich beim Uebergang aus +der einen Halbkugel in die andere, die Sterne, die man von Kindheit auf +kennt, immer tiefer hinabruecken und endlich verschwinden sieht. Nichts +mahnt den Reisenden so auffallend an die ungeheure Entfernung seiner +Heimath, als der Anblick eines neuen Himmels. Die Gruppirung der grossen +Sterne, einige zerstreute Nebelflecke, die an Glanz mit der Milchstrasse +wetteifern, Strecken, die sich durch ihr tiefes Schwarz auszeichnen, geben +dem Suedhimmel eine ganz eigenthuemliche Physiognomie. Dieses Schauspiel +regt selbst die Einbildungskraft von Menschen auf, die den physischen +Wissenschaften sehr ferne stehen und zum Himmelsgewoebe aufblicken, wie man +eine schoene Landschaft oder eine grossartige Aussicht bewundert. Man +braucht kein Botaniker zu seyn, um schon am Anblick der Pflanzenwelt den +heissen Erdstrich zu erkennen, und wer auch keine astronomischen Kenntnisse +hat, wer von Flamsteads und Lacaille's Himmelskarten nichts weiss, fuehlt, +dass er nicht in Europa ist, wenn er das ungeheure Sternbild des Schiffs +oder die leuchtenden Magellanschen Wolken am Horizont aufsteigen sieht. +Erde und Himmel, Allem in den Aequinoctiallaendern drueckt sich der Stempel +des Fremdartigen auf. + +Die niedrigen Luftregionen waren seit einigen Tage mit Dunst erfuellt. Erst +in der Nacht vom vierten zum fuenften Juli, unter 16 deg. Breite, sahen wir das +suedliche Kreuz zum erstenmal deutlich; es war stark geneigt und erschien +von Zeit zu Zeit zwischen den Wolken, deren Mittelpunkt, wenn das +Wetterleuchten dadurch hinzuckte, wie Silberlicht aufflammte. Wenn es +einem Reisenden gestattet ist, von seinen persoenlichen Empfindungen zu +sprechen, so darf ich sagen, dass ich in dieser Nacht einen der Traeume +meiner fruehesten Jugend in Erfuellung gehen sah. + +Wenn man anfaengt geographische Karten zu betrachten und Schilderungen der +Seefahrer zu lesen, so fuehlt man fuer gewisse Laender und gewisse Klimate +eine Art Vorliebe, von der man sich in reiferem Alter keine Rechenschaft +zu geben vermag. Eindruecke der Art aeussern einen nicht ungebedeutenden +Einfluss auf unsere Entschluesse, und wie instinkmaessig suchen wir +Gegenstaenden, die schon so lange eine geheime Anziehungskraft fuer uns +gehabt, wirklich nahe zu kommen. Als ich mich mit dem Himmel beschaeftigte, +nicht um Astronomie zu treiben, sondern nur um die Sterne kennen zu +lernen, empfand ich eine bange Unruhe, die Menschen, die ein sitzendes +Leben lieben, ganz fremd ist. Der Hoffnung entsagen zu sollen, jemals jene +herrlichen Sternbilder am Suedpol zu erblicken, das schien mit sehr hart. +Im ungeduldigen Drange, die Aequatoriallaender kennen zu lernen, konnte ich +nicht die Augen zum Sterngewoelbe aufschlagen, ohne an das suedliche Kreuz +zu denken und mir die erhabenen Verse Dante's vorzusagen, welche sich nach +den beruehmtesten Auslegern auf jenes Sternbild beziehen:(35) + +Jo mi volsi a man destra e posi mente +All´ altro polo, e vidi quattro stelle, +Non viste mai fuor ch´ alla prima gente. + +Goder parea lo ciel di lor fiammelle, +O settentrional vedovo sito, +Pio che privato se di mirar quelle! + +Unsere Freude beim Erscheinen des suedlichen Kreuzes wurde lebhaft von +denjenigen unter der Mannschaft getheilt, die in den Colonien gelebt +hatten. In der Meereseinsamkeit begruesst man einen Stern wie einen Freund, +von dem man lange Zeit getrennt gewesen. Bei den Portugiesen und Spaniern +steigert sich diese gemuethliche Theilnahme noch durch besondere Gruende: +religioeses Gefuehl zieht sie zu einem Sternbild hin, dessen Gestalt an das +Wahrzeichen des Glaubens mahnt, das ihre Vaeter in den Einoeden der neuen +Welt aufgepflanzt. + +Da die zwei grossen Sterne, welche Spitze und Fuss des Kreuzes bezeichnen, +ungefaehrt dieselbe Rectascension haben, so muss das Sternbild, wenn es +durch den Meridian geht, fast senkrecht stehen. Dieser Umstand ist allen +Voelkern jenseits des Wendekreises und in der suedlichen Halbkugel bekannt. +Man hat sich gemerkt, zu welcher Zeit bei Nacht in den verschiedenen +Jahreszeiten das suedliche Kreuz aufrecht oder geneigt ist. Es ist eine +Uhr, die sehr regelmaessig etwa vier Minuten im Tag vorgeht, und an keiner +anderen Sterngruppe laesst sich die Zeit mit blossem Auge so genau +beobachten. Wie oft haben wir unsere Fuehrer in den Savannen von Venezuela +oder in der Wueste zwischen Lima und Truxillo sagen hoeren: "Mitternacht ist +vorueber, das Kreuz faengt an sich zu neigen!" Wie oft haben wir uns bei +diesen Worten an den ruehrenden Auftritt erinnert, wo Paul und Virginie an +der Quelle des Faecherpalmenflusses zum letztenmale mit einander sprechen +und der Greis beim Anblick des suedlichen Kreuzes sie mahnt, dass es Zeit +sey zu scheiden! + +Die letzten Tage unserer Ueberfahrt waren nicht so guenstig, als das milde +Klima und die ruhige See hoffen liessen. Nicht die Gefahren der See stoerten +uns in unserem Genusse, aber der Keim eines boesartigen Fiebers entwickelte +sich unter uns, je naeher wir den Antillen kamen. Im Zwischendeck war es +furchtbar heiss und der Raum sehr beschraenkt. Seit wir den Wendekreis +ueberschritten, stand der Thermometer auf 34 bis 36 Grad. Zwei Matrosen, +mehrere Passagiere und, was ziemlich auffallend ist, zwei Neger von der +Kueste von Guinea und ein Mulattenkind wurden von einer Krankheit befallen, +die epidemisch zu werden drohte. Die Symptome waren nicht bei allen +Kranken gleich bedenklich; mehrere aber, und gerade die kraeftigsten, +delirirten schon am zweiten Tage und die Kraefte lagen voellig darnieder. +Bei der Gleichgueltigkeit, mit der an Bord der Paketboote alles behandelt +wird, was mit der Fuehrung des Schiffes und der Schnelligkeit der +Ueberfahrt nichts zu thun hat, dachte der Kapitaen nicht daran, gegen die +Gefahr, die uns bedrohte, die gemeinsten Mittel vorzukehren. Es wurde +nicht geraeuchert, und ein unwissender, phlegmatischer galicischer Wundarzt +verordnete Aderlaessen, weil er das Fieber der sogenannten Schaerfe und +Verderbnis des Blutes zuschrieb. Es war keine Unze Chinarinde an Bord, und +wir hatten vergessen, beim Einschiffen uns selbst damit zu versehen; +unsere Instrumente hatten uns mehr Sorge gemacht als unsere Gesundheit, +und wir hatten unbedachterweise vorausgesetzt, dass es an Bord eines +spanischen Schiffes nicht an peruanischer Fieberrinde fehlen koenne. + +Am achten Juli genas ein Matrose, der schon in den letzten Zuegen lag, +durch einen Zufall, der der Erwaehnung wohl werth ist. Seine Haengematte war +so befestigt, dass zwischen seinen Gesicht und dem Deck keine zehn Zoll +[26 cm] Raum blieben. In dieser Lage konnte man ihm unmoeglich die +Sakramente reichen; nach dem Brauch auf den spanischen Schiffen haette das +Allerheiligste mit brennenden Kerzen herbeigebracht werden und die ganze +Mannschaft dabei seyn muessen. Man schaffte daher den Kranken an einen +luftigen Ort bei der Lucke, wo man aus Segeln und Flaggen ein kleines +viereckiges Gemach hergestellt hatte. Hier sollte er liegen bis zu seinem +Tode, den man nahe glaubte; aber kaum war er aus einer uebermaessig heissen, +stockenden, mit Miasmen erfuellten Luft in eine kuehlere, reinere, +fortwaehrend erneuerte gebracht, so kam er allmaehlich aus seiner Betaeubung +zu sich. Mit dem Tage, da er aus dem Zwischendeck fortgeschafft worden, +fing die Genesung an, und wie denn in der Arzneikunde dieselben Thatsachen +zu Stuetzen der entgegengesetzten Systeme werden, so wurde unser Arzt durch +diesen Fall von Wiedergenesung in seiner Ansicht von der Entzuendung des +Bluts und von der Nothwendigkeit des Eingreifens durch Aderlaessen, +abfuehrende und asthenische Mittel aller Art bestaerkt. Wir bekamen bald die +verderblichen Folgen dieser Behandlung zu sehen und sehnten uns mehr als +je nach dem Augenblick, wo wir die Kueste Amerikas betreten koennte. + +Seit mehreren Tagen war die Schaetzung der Steuerleute um 1 deg. 12' von der +Laenge abgewichen, die mir mein Chronometer angab. Dieser Unterschied +ruehrte weniger von der allgemeinen Stroemung her, die ich den +"Rotationsstrom" genannte habe, als von dem eigenthuemlichen Zuge des +Wassers nach Nordwest, von der Kueste von Brasilien gegen die kleinen +Antillen, wodurch die Ueberfahrt von Cayenne nach der Insel Guadeloupe +abgekuerzt wird.(36) Am zwoelften Juli glaubte ich ankuendigen zu koennen, dass +Tags darauf vor Sonnenaufgang Land in Sicht seyn werde. Wir befanden uns +jetzt nach meinen Beobachtungen unter 10 deg. 46' der Breite und 60 deg. 54' +westlicher Laenge. Einige Reihen Mondsbeobachtungen bestaetigten die Angabe +des Chronometers; aber wir wussten besser, wo sich die Corvette befand, als +wo das Land lag, dem unser Curs zuging und das auf den franzoesischen, +spanischen und englischen Karten so verschieden angegeben ist. Die aus den +genauen Beobachtungen von Churruca, Fidalgo und Noguera sich ergebenden +Laengen waren damals noch nicht bekannt gemacht. + +Die Steuerleute verliessen sich mehr auf das Log als auf den Gang eines +Chronometers; sie laechelten zu der Behauptung, dass bald Land in Sicht +kommen muesse, und glaubten, man habe noch zwei, drei Tage zu fahren. Es +gereichte mir daher zu grosser Befriedigung, als ich am dreizehnten gegen +sechs Uhr Morgens hoerte, man sehe von den Masten ein sehr hohes Land, +jedoch wegen des Nebels, der darauf lag, nur undeutlich. Es windete sehr +stark und die See war sehr unruhig. Es regnete hie und da in grossen +Tropfen und Alles deutete auf ungestuemes Wetter. Der Capitaen des Pizarro +hatte beabsichtigt, durch den Canal zwischen Tabago und Trinidad zu +laufen, und da er wusste, dass unsere Corvette sehr langsam wendete, so +fuerchtete er gegen Sueden unter dem Wind und der Muendung des Dragon nahe zu +kommen. Wir waren allerdings unserer Laenge sicherer als der Breite, da +seit dem elften keine Beobachtung um Mittag gemacht worden war. Nach +doppelten Hoehen, die ich nach Douwes Methode am Morgen aufgenommen hatte, +befanden wir uns in 11 deg. 6' 50", somit 15 Minuten weiter nach Nord als nach +der Schaetzung. Die Gewalt, mit der der grosse Orinocostrom seine Gewaesser +in den Ocean ergiesst, mag in diesen Strichen immerhin den Zug der +Stroemungen steigern; wenn man aber behauptet, bis auf 60 Meilen von der +Muendung des Orinoco habe das Meerwasser eine andere Farbe und sey weniger +gesalzen, so ist diess ein Maehrchen der Kuestenpiloten. Der Einfluss der +maechtigsten Stroeme Amerikas, des Amazonenstroms, des la Plata, des +Orinoco, des Mississippi, des Magdalenenstroms, ist in dieser Beziehung in +weit engere Grenzen eingeschlossen, als man gemeiniglich glaubt. + +Obgleich das Ergebnis der doppelten Sonnenhoehen hinlaenglich bewies, dass +das hohe Land, das am Horizont aufstieg, nicht Trinidad war, sondern +Tabago, steuerte der Capitaen dennoch nach Nord-Nord-West fort, um letztere +Insel aufzusuchen, die sogar auf Bordas schoener Karte des atlantischen +Oceans fuenf Minuten zu weit suedlich gesetzt ist. Man sollte kaum glauben, +dass an Kuesten, welche von allen Handelsvoelkern besucht werden, so +auffallende Irrthuemer in der Breite sich Jahrhunderte lang erhalten +koennten. Ich habe diesen Gegenstand anderswo besprochen, und so bemerke +ich hier nur, dass sogar auf der neuesten Karte von Westindien von +Arrowsmith, die im Jahr 1803, also lange nach Churrucas Beobachtungen +erschienen ist, die Breiten der verschiedenen Vorgebirge von Tabago und +Trinidad um 6-11 Minuten falsch angegeben sind. + +Durch die Beobachtung der Sonnenhoehe um Mittag wurde die Breite, wie ich +sie nach Douwes Verfahren erhalten, vollkommen bestaetigt. Es blieb kein +Zweifel mehr ueber den Schiffsort den Inseln gegenueber, und man beschloss, +um das noerdliche Vorgebirge von Tabago zu laufen, zwischen dieser Insel +und la Grenada durchzugehen und auf einen Hafen der Insel Margarita +loszusteuern. In diesen Strichen liefen wir jeden Augenblick Gefahr, von +Kapern aufgebracht zu werden, aber zu unserem Glueck war die See sehr +unruhig und ein kleiner, englischer Kutter ueberholte uns, ohne uns nur +anzurufen. Bonpland und mir war vor einem solchen Unfall weniger bang, +seit wir so nahe am amerikanischen Festland sicher waren, dass wir nicht +nach Europa zurueckgebracht wurden. + +Der Anblick der Insel Tabago ist hoechst malerisch. Es ist ein sorgfaeltig +bebauter Felsklumpen. Des blendende Weiss des Gesteines sticht angenehm vom +Gruen zerstreuter Baumgruppen ab. Sehr hohe cylindrische Fackeldisteln +kroenen die Bergkaemme und geben der tropischen Landschaft einen ganz +eigenen Charakter. Schon ihr Anblick sagt dem Reisenden, dass er eine +amerikanische Kueste vor sich hat: denn die Cactus gehoeren ausschliesslich +der neuen Welt an, wie die Heidekraeuter der alten. Der nordoestliche Theil +der Insel Tabago ist der gebirgigste, nach den Hoehenwinkeln, die ich mit +dem Sextanten genommen, scheinen indessen die hoechsten Gipfel an der Kueste +nicht ueber 140-150 Toisen [270 bis 290 m] hoch zu seyn. Am suedlichen +Vorgebirge senkt sich das Land und laeuft in die "Sandspitze" aus, die nach +meiner Rechnung unter 10 deg. 20' 13" der Breite und 62 deg. 47' 30" der Laenge +liegt. Wir sahen mehrere Felsen ueber dem Wasserspiegel, an denen sich die +See mit Ungestuem brach, und beobachteten grosse Regelmaessigkeit in der +Neigung und dem Streichen der Schichten, die unter einem Winkel von 60 deg. +nach Suedost fallen. Es waere zu wuenschen dass ein geuebter Mineralog die +grossen und kleinen Antillen von der Kueste von Paria bis zum Vorgebirge von +Florida bereiste und die ehemalige, durch Stroemungen, Erderschuetterungen +und Vulkane auseinander gerissene Bergkette untersuchte. + +Wir waren eben um das Nordcap von Tabago und die kleine Insel St. Giles +gelaufen, als man vom Mastkorb ein feindliches Geschwader signalisirte. +Wir wendeten sogleich und die Passagiere wurden unruhig, da mehrere ihr +kleines Vermoegen in Waaren gesteckt hatten, die sie in den spanischen +Colonien zu verwerthen gedachten. Das Geschwader schien sich nicht zu +ruehren, und es zeigte sich bald, dass man eine Menge einzelner Klippen fuer +Segel angesehen hatte. + +Wir fuhren ueber die Untiefe zwischen Tabago und la Grenada. Die Farbe der +See war nicht merkbar veraendert, aber ein paar Zoll unter der Oberflaeche +zeigte der Thermometer nur 23 deg., waehrend er ostwaerts auf hoher See unter +derselben Breite und gleichfalls an der Meeresflaeche auf 25 deg.,6 stand. +Trotz der Stroemung zeigte die geringe Temperatur des Wassers die Untiefe +an, die nur auf wenigen Karten angegeben ist. Nach Sonnenuntergang wurde +der Wind schwaecher, und je naeher der Mond zum Zenith rueckte, desto mehr +klaerte sich der Himmel auf. In dieser und in den folgenden Naechten fielen +wieder sehr viele Sternschnuppen; gegen Nord zeigten sie sich nicht so +haeufig als gegen Sued, ueber Terra Firma, an deren Kueste wir jetzt +hinzufahren anfingen. Diese Vertheilung weist darauf hin, dass diese +Meteore, ueber deren Wesen wir noch so sehr im Unklaren sind, zum Theil von +oertlichen Ursachen abhaengig seyn moegen. + +Am 14. bei Sonnenaufgang kam die Bocca de Dragon in Sicht. Wir konnten die +Insel Chacachacarreo sehen, das westlichste der Eilande zwischen dem +Vorgebirge Paria und dem nordwestlichen Vorgebirge von Trinidad. Fuenf +Meilen von der Kueste, bei der *Punte de la Baca*, wurden wir gewahr, dass +eine eigenthuemliche Stroemung die Corvette nach Sued trieb. Durch den Zug +des Wassers, das aus der Bocca de Dragon kommt, und durch die Bewegung von +Ebbe und Fluth entsteht eine Gegenstroemung. Man warf das Senkblei aus und +fand 36-43 Faden Tiefe ueber einem Grund von gruenlichem, sehr feinem Thon. +Nach Dampiers Grundsaetzen haetten wir in der Naehe einer von sehr hohen, +steil aufsteigenden Gebirgen gebildeten Kueste keine so geringe Meerestiefe +erwartet. Wir lotheten fort bis zum _Cabo de tres puntas_ und fanden +ueberall erhoehten Meeresgrund, dessen Umriss das Streichen der ehemaligen +Meereskueste zu bezeichnen scheint. Die Temperatur des Meeres war hier +23-24 Grad, somit 1,5 bis 2 Grad niedriger als auf hoher See, das heisst +jenseits der Raender der Bank. + +Das _Cabo de tres puntas_, von Columbus selbst so benannt [Im +August 1598.], liegt nach meinen Beobachtungen unter 65 deg. 4' 5" der Laenge. +Es erschien uns um so hoeher, da seine gezackten Gipfel in Wolken gehuellt +waren. Das ganze Ansehen der Berge von Paria, ihre Farbe und besonders +ihre meist runden Umrisse liessen uns vermuthen, dass die Kueste aus Granit +bestehe; die Folge zeigte aber, wie sehr man sich, selbst wenn man sein +Lebenlang in Gebirgen gereist ist, irren kann, wenn man ueber die +Beschaffenheit der Gebirgsart aus der Ferne urtheilt. + +Wir benuetzten eine Windstille, die ein paar Stunden anhielt, um die +Intensitaet der magnetischen Kraft beim _Cabo de tres puntas_ genau zu +bestimmen. Wir fanden sie groesser als auf hoher See ostwaerts von Tabago, im +Verhaeltniss von 257 zu 229. Waehrend der Windstille trieb uns die Stroemung +rasch nach West. Ihre Geschwindigkeit betrug 3 Meilen in der Stunde; sie +nahm zu, je naeher wir dem Meridian der *Testigos* kamen, eines Haufens von +Klippen, die aus der weiten See aufsteigen. Als der Mond unterging, +bedeckte sich der Himmel mit Wolken, der Wind wurde wieder staerker und es +stuerzte ein Platzregen nieder, wie sie dem heissen Erdstrich eigen sind und +wir auf unsern Zuegen im Binnenlande sie so oft durchgemacht haben. + +Die an Bord des Pizarro ausgebrochene Seuche breitete sich rasch aus, seit +wir uns nahe der Kueste von Terra Firma befanden; der Thermometer stand bei +Nacht regelmaessig zwischen 22 und 23 deg., bei Tag zwischen 24 und 27 deg.. Die +Congestionen gegen den Kopf, die ausnehmende Trockenheit der Haut, das +Daniederliegen der Kraefte, alle Symptome wurden immer bedenklicher; wir +waren aber so ziemlich am Ziele unserer Fahrt, und so hofften wir alle +Kranke genesen zu sehen, wenn man sie an der Insel Margarita oder im Hafen +von Cumana, die fuer sehr gesund gelten, ans Land bringen koennte. + +Diese Hoffnung ging nicht ganz in Erfuellung. Der juengste Passagier bekam +das boesartige Fieber und unterlag ihm, blieb aber zum Glueck das einzige +Opfer. Es war ein junger Asturier von neunzehn Jahren, der einzige Sohn +einer armen Wittwe. Mehrere Umstaende machten den Tod des junge Mannes, aus +dessen Gesicht viel Gefuehl und grosse Gutmuethigkeit sprachen, ergreifend +fuer uns. Er war mit Widerstreben zu Schiffe gegangen; er hatte seine +Mutter durch den Ertrag seiner Arbeit unterstuetzen wollen, aber diese +hatte ihre Liebe und den eigenen Vortheil dem Gedanken zum Opfer gebracht, +dass ihr Sohn, wenn er in die Colonien ginge, bei einem reichen Verwandten, +der auf Cuba lebte, sein Glueck machen koennte. Der unglueckliche junge Mann +verfiel rasch in Betaeubung, redete dazwischen irre und starb am dritten +Tage der Krankheit. Das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen rafft in Vera +Cruz nicht leicht die Kranken so furchtbar schnell dahin. Ein anderer, +noch juengerer Asturier wich keinen Augenblick vom Bette des Kranken und +bekam, was ziemlich auffallend ist, die Krankheit nicht. Er wollte mit +seinem Landsmann nach San Jago de Cuba gehen und sich dort von ihm im +Hause des Verwandten einfuehren lassen, auf den sie ihre ganze Hoffnung +gesetzt hatten. Es war herzzerreissend, wie der, welcher den Freund +ueberlebte, sich seinem tiefen Schmerze ueberliess und die unseligen +Ratschlaege verwuenschte, die ihn in ein fernes Land getrieben, wo er nun +allein und verlassen dastand. + +Wir standen beisammen auf dem Verdeck in trueben Gedanken. Es war kein +Zweifel mehr, das Fieber, das an Bord herrschte, hatte seit einigen Tagen +einen boesartigen Charakter angenommen. Unsere Blicke hingen an einer +gebirgigen, wuesten Kueste, auf die zuweilen ein Mondstrahl durch die Wolken +fiel. Die leise bewegte See leuchtete in schwachem phosphorischen Schein; +man hoerte nichts als das eintoenige Geschrei einiger grosser Seevoegel, die +das Land zu suchen schienen. Tiefe Ruhe herrschte ringsum am einsamen Ort; +aber diese Ruhe der Natur stand im Widerspiel mit den schmerzlichen +Gefuehlen in unserer Brust. Gegen acht Uhr wurde langsam die Todtenglocke +gelaeutet; bei diesem Trauerzeichen brachen die Matrosen ihre Arbeit ab und +liessen sich zu kurzem Gebet auf die Kniee nieder, eine ergreifende +Handlung, die an die Zeiten gemahnt, wo die ersten Christen sich als +Glieder Einer Familie betrachteten, und die auch jetzt noch die Menschen +im Gefuehl gemeinsamen Ungluecks einander naeher bringt. In der Nacht +schaffte man die Leiche des Asturiers auf das Verdeck, und auf die +Vorstellung des Priesters wurde er erst nach Sonnenaufgang ins Meer +geworfen, damit man die Leichenfeier nach dem Gebrauch der roemischen +Kirche vornehmen konnte. Kein Mann an Bord, den nicht das Schicksal des +jungen Mannes ruehrte, den wir noch vor wenigen Tagen frisch und gesund +gesehen hatten. + +Der eben erzaehlte Vorfall zeigte uns, wie gefaehrlich dieses boesartige oder +atactische Fieder sey, und wenn die langen Windstillen die Ueberfahrt von +Cumana nach Havana verzoegerten, so musste man besorgen, dass es viele Opfer +fordern koennte. An Bord eines Kriegsschiffs oder eines Transportschiffs +machen einige Todesfaelle gewoehnlich nicht mehr Eindruck, als wenn man in +einer volkreichen Stadt einem Leichenzug begegnet. Anders an Bord eines +Paketboots mit kleiner Mannschaft, wo zwischen Menschen, die dasselbe +Reiseziel haben, sich naehere Beziehungen knuepfen. Die Passagiere auf dem +Pizarro spuerten zwar noch nichts von den Vorboten der Krankheit, +beschlossen aber doch, das Fahrzeug am naechsten Landungsplatz zu verlassen +und die Ankunft eines andern Postschiffes zu erwarten, um ihren Weg nach +Cuba oder Mexico fortzusetzen. Sie betrachteten das Zwischendeck des +Schiffes als einen Herd der Ansteckung, und obgleich es mir keineswegs +erwiesen schien, dass das Fieber durch Beruehrung anstecke, hielt ich es +doch durch die Vorsicht geraten, in Cumana ans Land zu gehen. Es schien +mir wuenschenswerth, Neuspanien erst nach einem laengeren Aufenthalt an den +Kuesten von Venezuela und Paria zu besuchen, wo der unglueckliche Loeffling +nur sehr wenige naturgeschichtliche Beobachtungen hatte machen koennen. Wir +brannten vor Verlangen, die herrlichen Gewaechse, die Bose und Bredemeyer +auf ihrer Reise in Terra Firma gesammelt und die eine Zierde der +Gewaechshaeuser zu Schoenbrunn und Wien sind, auf ihrem heimathlichen Boden +zu sehen. Es haette uns sehr wehe getan, in Cumana oder Guayra zu landen, +ohne das Innere eines von den Naturforschern so wenig betretenen Landes zu +betreten. + +Der Entschluss, den wir in der Nacht vom vierzehnten auf den fuenfzehnten +Juli fassten, aeusserte einen gluecklichen Einfluss auf den Verfolg unserer +Reisen. Statt einiger Wochen verweilten wir ein ganzes Jahr in Terra +Firma; ohne die Seuche an Bord des Pizarro waeren wir nie an den Orinoco, +an den Cassiquiare und an die Grenze der portugiesischen Besitzungen am +Rio Negro gekommen. Vielleicht verdanken wir es auch dieser unserer +Reiserichtung, dass wir waehrend eines so langen Aufenthaltes in den +Aequinoctiallaendern so gesund blieben. + +Bekanntlich schweben die Europaeer in den ersten Monaten, nachdem sie unter +den gluehenden Himmel der Tropen versetzt worden, in sehr grosser Gefahr. +Sie betrachten sich als acclimatisirt, wenn sie die Regenzeit auf den +Antillen, in Vera Cruz oder Carthagena ueberstanden haben. Diese Meinung +ist nicht unbegruendet, obgleich es nicht an Beispielen fehlt, dass Leute, +die bei der ersten Epidemie des gelben Fiebers durchgekommen, in einem der +folgenden Jahre Opfer der Seuche werden. Die Faehigkeit, sich zu +acclimatisieren, scheint im umgekehrten Verhaeltniss zu stehen mit dem +Unterschied zwischen der mittleren Temperatur der heissen Zone und der des +Geburtslandes des Reisenden oder Colonisten, der das Klima wechselt, weil +die Lufttemperatur den maechtigsten Einfluss auf die Reizbarkeit und die +Vitalitaet der Organe aeussert. Ein Preusse, ein Pole, ein Schwede sind mehr +gefaehrdet, wenn sie auf die Inseln oder nach Terra Firma kommen, als ein +Spanier, ein Italiener und selbst ein Bewohner des suedlichen Frankreichs. +Fuer die nordischen Voelker betraegt der Unterschied in der mittleren +Temperatur 19-21 Grad, fuer die suedlichen nur 9-10. Wir waren so gluecklich, +die Zeit, in der der Europaeer nach der Landung die groesste Gefahr laeuft, im +ausnehmend heissen, aber sehr trockenen Klima von Cumana zu verleben, einer +Stadt, die fuer sehr gesund gilt. Haetten wir unsern Weg nach Vera Cruz +fortgesetzt, so haetten wir leicht das Loos mehrerer Passagiere des +Paketboots *Aleudia* theilen koennen, das mit dem *Pizarro* in die Havana +kam, als eben das *schwarze Erbrechen* auf Cuba und an der Ostkueste von +Mexico schreckliche Verheerungen anrichtete. + +Am 15. Morgens, ungefaehr gegenueber dem kleinen Berge St. Joseph, waren wir +von einer Menge schwimmenden Tangs umgeben. Die Stengel desselben hatten +die sonderbaren, wie Blumenkelche und Federbuesche gestalteten Anhaenge, wie +sie Don Hypolite Ruiz auf seiner Rueckkehr aus Chili beobachtet und in +einer besondern Abhandlung als die Geschlechtsorgane des _Fucus natans_ +beschrieben hat. Ein gluecklicher Zufall setzte uns in den Stand, eine +Beobachtung zu berichtigen, die sich nur Einmal der Naturforschung +dargeboten hatte. Die Buendel Tang, welche Bonpland aufgefischt hatte, +waren durchaus identisch mit den Exemplaren, die wir der Gefaelligkeit der +gelehrten Verfasser der peruanischen Flora verdankten. Als wir beide unter +dem Mikroscop untersuchten, fanden wir, dass diese angeblichen +Befruchtungswerkzeuge, diese Pistille und Staubfaeden eine neue Gattung +Pflanzenthiere aus der Familie der Ceratophyten seyen. Die Kelche, welche +Ruiz fuer Pistille hielt, entspringen aus hornartigen, abgeplatteten +Stielen, die so fest mit der Substand des Fucus zusammenhaengen, dass man +sie gar wohl fuer blosse Rippen halten koennte; aber mit einem sehr duennen +Messer gelingt es, sie abzuloesen, ohne das Parenchym zu verletzen. Die +nicht gegliederten Stiele sind Anfangs schwarzbraun, werden aber, wenn sie +vertrocknen, weiss und zerreiblich. In diesen Zustand brausen sie mit +Saeuren auf, wie die kalkigte Substanz der Sertularia, deren Spitzen mit +den Kelchen des von Ruiz beobachteten Fucus Aehnlichkeit haben. In der +Suedsee, auf der Ueberfahrt von Guayaquil nach Acapulco, haben wir an der +tropischen Seetraube dieselben Anhaengsel gefunden, und eine sehr +sorgfaeltige Untersuchung ueberzeugte uns, dass sich hier ein Zoophyt an den +Tang heftet, wie der Epheu den Baumstamm umschlingt. Die unter dem Namen +weiblicher Bluethen beschriebenen Organe sind ueber zwei Linien lang, und +schon diese Groesse haette den Gedanken an wahrhafte Pistille nicht aufkommen +lassen sollen. + +Die Kueste von Paria zieht sich nach West fort und bildet eine nicht sehr +hohe Felsmauer mit abgerundeten Gipfeln und wellenfoermigen Umrissen. Es +dauerte lange, bis wir die hohe Kueste der Insel Margarita zu sehen +bekamen, wo wir einlaufen sollten, um hinsichtlich der englischen Kreuzer, +und ob es gefaehrlich sey, bei Guayra anzulegen, Erkundigung einzuziehen. +Sonnenhoehen, die wir unter sehr guenstigen Umstaengen genommen, hatten uns +gezeigt, wie unrichtig damals selbst die gesuchtesten Seekarten waren. Am +15. Morgens, wo wir uns nach dem Chronometer unter 66 deg. 1' 15" der Laenge +befanden, waren wir noch nicht im Meridian der Insel St. Margarita, +waehrend wir nach der verkleinerten Karte des atlantischen Oceans ueber das +westliche sehr hohe Vorgebirge der Insel, das unter 66 deg. 0' der Laenge +gesetzt ist, bereits haetten hinaus seyn sollen. Die Kuesten von Terra Firma +wurden vor Fidalgos, Nogueras und Tiscars, und ich darf wohl hinzufuegen, +vor meinen astronomischen Beobachtungen in Cumana, so unrichtig +gezeichnet, dass fuer die Schifffahrt daraus haetten Gefahren erwachsen +koennen, wenn nicht das Meer in diesen Strichen bestaendig ruhig waere. Ja +die Fehler in der Breite waren noch groesser als die in der Laenge, denn die +Kueste von Neuandalusien laeuft westwaerts vom _Capo de tres Puntas_ 15-20 +Meilen weiter nach Norden, als auf den vor dem Jahr 1800 erschienenen +Karten angegeben ist. + +Gegen elf Uhr Morgens kam uns ein sehr niedriges Eiland zu Gesicht, auf +dem sich einige Sandduenen erhoben. Durch das Fernrohr liess sich keine Spur +von Bewohnern oder von Anbau entdecken. Hin und wieder standen +cylindrische Cactus wie Kandelaber. Der fast pflanzenlose Boden schien +sich wellenfoermig zu bewegen infolge der starken Brechung, welche die +Sonnenstrahlen erleiden, wenn sie durch Luftschichten hindurchgehen, die +auf einer stark erhitzten Flaeche aufliegen. Die Luftspiegelung macht, dass +in allen Zonen Wuesten und sandiger Strand sich wie bewegte See ausnehmen. + +Das flache Land, das wir vor uns hatten, stimmte schlecht zu der +Vorstellung, die wir uns von der Insel Margarita gemacht. Waehrend man +beschaeftigt war, die Angaben der Karten zu vergleichen, ohne sie in +Uebereinstimmung bringen zu koennen, signalisirte man vom Mast einige +kleine Fischerboote. Der Capitaen des Pizarro rief sie durch einen +Kanonenschuss herbei; aber ein solches Zeichen dient zu nichts in Laendern, +wo der Schwache, wenn er dem Starken begegnet, glaubt sich nur auf +Vergewaltigungen gefasst machen zu muessen. Die Boote ergriffen die Flucht +nach Westen zu, und wir sahen uns hier in derselben Verlegenheit, wie bei +unserer Ankunft auf den Canarien vor der kleinen Insel Graciosa. Niemand +an Bord war je in der Gegend am Land gewesen. So ruhig die See war, so +schien doch die Naehe eines kaum ein paar Fuss hohen Eilandes +Vorsichtsmassregeln zu erheischen. Man steuerte nicht weiter dem Lande zu, +und warf eilends den Anker aus. + +Kuesten, aus der Ferne gesehen, verhalten sich wie Wolken, in denen jeder +Beobachter die Gegenstaende erblickt, die seine Einbildungskraft +beschaeftigen. Da unsere Aufnahmen und die Angabe des Chronometers mit den +Karten, die uns zur Hand waren, im Widerspruch standen, so verlor man sich +in eitlen Muthmassungen. Die einen hielten Sandhaufen fuer Indianerhuetten +und deuteten auf den Punkt, wo nach ihnen das Fort Pampatar liegen musste; +andere sahen die Ziegenheerden, welche im duerren Thal von San Juan so +haeufig sind; sie zeigten die hohen Berge von Macanao, die ihnen halb in +Wolken gehuellt schienen. Der Capitaen beschloss einen Steuermann ans Land zu +schicken; man legte Hand an, um die Schaluppe ins Wasser zu lassen, da das +Boot auf der Rhede von Santa Cruz durch die Brandung stark gelitten hatte. +Da die Kueste ziemlich fern war, konnte die Rueckfahrt zur Corvette +schwierig werden, wenn der Wind Abends stark wurde. + +Als wir uns eben anschickten, ans Land zu gehen, sah man zwei Piroguen an +der Kueste hinfahren. Man rief sie durch einen zweiten Kanonenschuss an, und +obgleich man die Flagge von Castilien aufgezogen hatte, kamen sie doch nur +zoegernd herbei. Diese Piroguen waren, wie alle der Eingeborenen, aus Einem +Baumstamm, und in jeder befanden sich achtzehn Indianer vom Stamme der +Guayqueries [Guaykari], nackt bis zum Guertel und von hohem Wuchs. Ihr +Koerperbau zeugte von grosser Muskelkraft und ihre Hautfarbe war ein +Mittelding zwischen braun und kupferroth. Von weitem, wie sie unbeweglich +dasassen und sich vom Horizont abhoben, konnte man sie fuer Bronzestatuen +halten. Diess war uns um so auffallender, da es so wenig dem Begriff +entsprach, den wir uns nach manchen Reiseberichten von der eigenthuemlichen +Koerperbildung und der grossen Koerperschwaeche der Eingeborenen gemacht +hatten. Wir machten in der Folge die Erfahrung, und brauchten deshalb die +Grenzen der Provinz Cumana nicht zu ueberschreiten, wie auffallend die +Guayqueries aeusserlich von den Chaymas und den Caraiben verschieden sind. +So nahe alle Voelker Amerikas miteinander verwandt scheinen, da sie ja +derselben Race angehoeren, so unterscheiden sich doch die Staemme nicht +selten bedeutend im Koerperwuchs, in der mehr oder weniger dunkeln +Hautfarbe, im Blick, aus dem den einen Seelenruhe und Sanftmuth, bei +andern ein unheimliches Mittelding von Truebsinn und Wildheit spricht. + +Sobald die Piroguen so nahe waren, dass man die Indianer spanisch anrufen +konnte, verloren sie ihr Misstrauen und fuhren geradezu an Bord. Wir +erfuhren von ihnen, das niedrige Eiland, bei dem wir geankert, sey die +Insel Coche, die immer unbewohnt gewesen und an der die spanischen +Schiffe, die aus Europa kommen, gewoehnlich weiter noerdlich zwischen +derselben und der Insel Margarita durchgehen, um im Hafen von Pampatar +einen Lootsen einzunehmen. Unbekannt in der Gegend, waren wir in den Canal +suedlich von Coche gerathen, und da die englischen Kreuzer sich damals +haeufig in diesen Strichen zeigten, hatten uns die Indianer fuer ein +feindliches Fahrzeug angesehen. Die suedliche Durchfahrt hat allerdings +bedeutende Vortheile fuer Schiffe, die von Cumana nach Barcelona gehen; sie +hat weniger Wassertiefe als die noerdliche, weit schmalere Durchfahrt, aber +man laeuft nicht Gefahr aufzufahren, wenn man sich nahe an den Inseln Lobos +und Moros del Tunal haelt. Der Canal zwischen Coche und Margarita wird +durch die Untiefen am nordwestlichen Vorgebirge von Coche und durch die +Bank an der Punte de Mangles eingeengt. + +Die Guayqueries gehoeren zum Stamm civilisirter Indianer, welche auf den +Kuesten von Margarita und in den Vorstaedten von Cumana wohnen. Nach den +Caraiben des spanischen Guyana sind sie der schoenste Menschenschlag in +Terra Firma. Sie geniessen verschiedener Vorrechte, da sie seit der ersten +Zeit der Eroberung sich als treue Freunde der Castilianer bewaehrt haben. +Der Koenig von Spanien nennt sie daher auch in seinen Handschreiben "seine +lieben, edlen und getreuen Guayqueries". Die Indianer, auf die wir in den +zwei Piroguen gestossen, hatten den Hafen von Cumana in der Nacht +verlassen. Sie wollten Bauholz in den Cedrowaeldern [_Cedrela odorata_ +Linne] holen, die sich vom Cap San Jose bis ueber die Muendung des Rio +Carupano hinaus erstrecken. Sie gaben uns frische Cocosnuesse und einige +Fische von der Gattung _Choetodon_, deren Farben wir nicht genug bewundern +konnten. Welche Schaetze enthielten in unseren Augen die Kaehne der armen +Indianer! Ungeheure Vijaoblaetter [_Heliconia bihai._] bedeckten +Bananenbueschel; der Schuppenpanzer eines Tatou [Armadill, _Dasypus_, +_Cachicamo_], die Frucht der _Crescentia cujete_, die den Eingeborenen als +Trinkgefaesse dienen, Naturkoerper, die in den europaeischen Cabinetten zu den +gemeinsten gehoeren, hatten ungemeinen Reiz fuer uns, weil sie uns lebhaft +daran mahnten, dass wir uns im heissen Erdguertel befanden und das +laengstersehnte Ziel erreicht hatten. + +Der *Patron* einer der Piroguen erbot sich, an Bord des Pizarro zu +bleiben, um uns als Lootse zu dienen. Der Mann empfahl sich durch sein +ganzes Wesen; er war ein scharfsinniger Beobachter und hatte sich in +lebhafter Wissbegier mit den Meeresprodukten wie mit den einheimischen +Gewaechsen abgegeben. Ein gluecklicher Zufall fuegte es, dass der erste +Indianer, dem wir bei unserer Landung begegneten, der Mann war, dessen +Bekanntschaft unseren Reisezwecken aeusserst foerderlich wurde. Mit Vergnuegen +schreibe ich in dieser Erzaehlung den Namen Carlos del Pino nieder, so hiess +der Mann, der uns sechzehn Monate lang auf unseren Zuegen laengs der Kuesten +und im inneren Lande begleitet hat. + +Gegen Abend liess der Capitaen der Corvette den Anker lichten. Bevor wir die +Untiefe oder den _Placer_ bei Coche verliessen, bestimmte ich die Laenge des +oestlichen Vorgebirges der Insel und fand sie 66 deg. 11' 53". Westwaerts +steuernd hatten wir bald die kleine Insel Cubagua vor uns, die jetzt ganz +oede ist, frueher aber durch Perlenfischerei beruehmt war. Hier hatten die +Spanier unmittelbar nach Columbus und Ojedas Reisen eine Stadt unter dem +Namen Neucadix gegruendet, von der keine Spur mehr vorhanden ist. Zu Anfang +des sechzehnten Jahrhunderts waren die Perlen von Cubagua in Sevilla und +Toledo, wie auf den grossen Messen von Augsburg und Bruegge bekannt. Da +Neucadix kein Wasser hatte, so musste man es an der benachbarten Kueste aus +dem Manzanaresflusse holen, obgleich man es, ich weiss nicht warum, +beschuldigte, dass es Augenentzuendungen verursache. Die Schriftsteller +jener Zeit sprechen alle vom Reichthum der ersten Ansiedler und vom Luxus, +den sie getrieben; jetzt erheben sich Duenen von Flugsand auf der +unbewohnten Kueste und der Name Cubagua ist auf unseren Karten kaum +verzeichnet. + +In diesem Striche angelangt, sahen wir die hohen Berge von Kap Macanao im +Westen der Insel Margarita majestaetisch am Horizont aufsteigen. Nach den +Hoehenwinkeln, die wir in 18 Meilen Entfernung nahmen, moegen diese Gipfel +500-600 Toisen absolute Hoehe haben. Nach Louis Berthoud´s Chronometer +liegt Cap Macanao unter 66 deg. 47' 5" Laenge. Ich nahm die Felsen am Ende des +Vorgebirges auf, nicht die sehr niedrige Landzunge, die nach West +fortstreicht und sich in eine Untiefe verliert. Die Laenge, die ich fuer +Macanao gefunden, und die, welche ich oben fuer die Ostspitze der Insel +Coche angegeben, weichen von Fidalgos Beobachtungen nur um 4 Zeitsecunden +ab. + +Der Wind war sehr schwach; der Capitaen hielt es fuer rathsamer, bis zu +Tagesanbruch zu laviren. Er scheute sich, bei Nacht in den Hafen von +Cumana einzulaufen, und ein ungluecklicher Zufall, der vor kurzem eben hier +vorgekommen war, schien diese Vorsicht zu gebieten. Ein Paketboot hatte +Anker geworfen, ohne die Laternen auf dem Hintertheil anzuzuenden; man +hielt es fuer ein feindliches Fahrzeug und die Batterien von Cumana gaben +Feuer darauf. Dem Capitaen des Postschiffes wurde ein Bein weggerissen und +er starb wenige Tage darauf in Cumana. + +Wir brachten die Nacht zum Theil auf dem Verdeck zu. Der indianische +Lootse unterhielt uns von den Thieren und Gewaechsen seines Landes. Wir +hoerten zu unserer grossen Freude, wenige Meilen von der Kueste sey ein +gebirgiger, von Spaniern bewohnter Landstrich, wo empfindliche Kaelte +herrsche, und auf den Ebenen kommen zwei sehr verschiedene Krokodile +[_Crocodilus acutus_ und _C. Bava_.] vor, ferner Boas, elektrische Aale +[_Gymnotus electricus_, _Temblador_.] und mehrere Tigerarten. Obgleich die +Worte *Bava*, *Cachicamo* und *Temblador* uns ganz unbekannt waren, liess +uns die naive Beschreibung der Gestalt und der Sitten der Thiere alsbald +die Arten erkennen, welche die Creolen so benennen. Wir dachten nicht +daran, dass diese Thiere ueber ungeheure Landstriche zerstreut sind, und +hofften, sie gleich in den Waeldern bei Cumana beobachten zu koennen. Nichts +reizt die Neugierde des Naturkundigen mehr als der Bericht von den Wundern +eines Landes, das er betreten soll. + +Am 16. Juli 1799, bei Tagesanbruch, lag eine gruene, malerische Kueste vor +uns. Die Berge von Neuandalusien begrenzten, halb von Wolken verschleiert, +nach Sueden den Horizont. Die Stadt Cumana mit ihrem Schloss erschien +zwischen Gruppen von Cocosbaeumen. Um neun Uhr morgens, ein und vierzig +Tage nach unserer Abfahrt von Corunna, gingen wir im Hafen vor Anker. Die +Kranken schleppten sich auf das Verdeck um sich am Anblick eines Landes zu +laben, wo ihre Leiden ein Ende finden sollten. + + ------------------ + + + + + + 31 Dass fortwaehrend ein oberer Luftstrom vom Aequator zu den Polen und + ein unterer von den Polen zum Aequator geht, diess ist, die Arago + dargethan hat, schon von Hooke erkannt worden. Seine Ideen hierueber + entwickelte der beruehmte englische Physiker in einer Rede vom Jahr + 1686. "Ich glaube," fuegt er hinzu, "dass sich mehrere Erscheinungen + in der Luft und auf dem Meere, namentlich die Winde, aus + Polarstroemen erklaeren lassen." Hadley fuehrt diese interessante + Stelle nicht an; andererseits nimmt Hooke, wo er auf die Passatwinde + selbst zu sprechen kommt, Galileis unrichtige Theorie an, nach der + sich die Erde und die Luft mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen + sollen. + + 32 Die spanischen Seeleute nennen die sehr starken Passatwinde in + Cartagena _los brisotes de la Santa Martha_ und im Meerbusen von + Mexico _las brizas pardas_. Bei letzteren Winden ist der Himmel grau + und umwoelkt. + + 33 Phoenicische Fahrzeuge scheinen in "in 30 Tagen Schiffahrt und mit + dem Ostwind" zum *Grasmeer* gekommen zu seyn, das bei den Spaniern + und Portugiesen _Mar de Sargazo_ heisst. Ich habe anderswo dargetan, + dass diese Stelle im Buche des Aristoteles "_De Mirabilibus_" sich + nicht wohl, wie eine aehnliche Stelle im Periplus des Scylax, auf die + Kueste von Afrika beziehen kann. Setzt man voraus, dass das Gras + bedeckte Meer, das die phoenicischen Schiffe in ihrem Lauf aufhielt, + das _Mar de Sargazo_ gar, so braucht man nicht anzunehmen, dass die + Alten im Atlantischen Meer ueber den 30. Grad westlicher Laenge vom + Meridian von Paris hinausgekommen seyen. + + 34 Die Karten von Jefferys und Van-Keulen geben vier Inseln an, die + nichts als eingebildete Gefahren sind: die Inseln Garca und Santa + Anna, westlich von den Azoren, die gruene Insel (unter 14 deg. 52' + Breite, 28 deg. 30' Laenge) und die Insel Fonseco (unter 13 deg. 15' Breite, + 57 deg. 10' Laenge). Wie kann man an die Existenz von vier Inseln in von + Tausenden von Schiffen befahrenen Strichen glauben, da von so vielen + kleinen Riffen und Untiefen, die seit hundert Jahren von + leichtglaeubien Schiffern angegeben worden sind, sich kaum zwei oder + drei bewahrheitet haben? Was die allgemeine Frage betrifft, mit + welchen Grade von Wahrscheinlichkeit sich annehmen laesst, dass + zwischen Europa und Amerika eine auf eine Meile sichtbare Insel + werde entdeckt werden, so koennte man sie einer strengen Rechnung + unterwerfen, wenn man die Zahl der Fahrzeuge kennte, die seit + dreihundert Jahren jaehrlich das atlantische Meer befahren, und wenn + man dabei die ungleiche Vertheilung der Fahrzeuge in verschiedenen + Strichen beruechsichtigte. Befaende sich der Maalstrom, nach + Van-Keulens Angabe unter 16 deg. Breite und 39 deg. 30' Laenge, so waeren wir + am 4. Juli darueber weggefahren. + + 35 Rechts an des andern Poles Firmament + Boten sich dar vier Sterne meinen Blicken, + Die nur dem ersten Paar zu schaun vergoennt. + + Ihr Schimmer schien den Himmel zu entzuecken: + O mitternaecht´ger Bogen, so verwaist, + Weil du an ihnen nie dich kannst erquicken! + + (Nach Kannegiessers Uebersetzung). + + 36 Im atlantischen Meere ist ein Strich, wo das Wasser immer milchigt + erscheint, obgleich die See dort sehr tief ist. Diese merkwuerdige + Erscheinung zeigt sich unter der Breite der Insel Dominica und etwa + unter 57 deg. der Laenge. Sollte an diesem Punkt, noch oestlicher als + Barbados, ein versunkenes vulkanisches Eiland unter dem Meerespiegel + liegen? + + + + + +VIERTES KAPITEL + + + Erster Auftenthalt in Cumana. -- Die Ufer des Manzanares + + +Wir waren am 16. Juli mit Tagesanbruch auf dem Ankerplatz, gegenueber der +Muendung des Rio Manzanares, angelangt, konnten uns aber erst spaet am +Morgen ausschiffen, weil wir den Besuch der Hafenbeamten abwarten mussten. +Unsere Blicke hingen an den Gruppen von Cocosbaeumen, die das Ufer saeumten +und deren ueber sechzig Fuss [20 m] hohe Staemme die Landschaft beherrschten. +Die Ebene war bedeckt mit Bueschen von Cassien, Capparis und den +baumartigen Mimosen, die gleich den Pinien Italiens ihre Zweige +schirmartig ausbreiten. Die gefiederten Blaetter der Palmen hoben sich von +einem Himmelsblau ab, das keine Spur von Dunst truebte. Die Sonne stieg +rasch zum Zenith auf; ein blendendes Licht war in der Luft verbreitet und +lag auf den weisslichen Huegeln mit zerstreuten cylindrischen Cactus und auf +dem ewig ruhigen Meere, dessen Ufer von Alcatras [Ein brauner Pelikan von +der Groesse des Schwans. _Pelicanus fuscus_, _Linne_.], Reihern und Flamingo +bevoelkert sind. Das glaenzende Tageslicht, die Kraft der Pflanzenfarben, +die Gestalten der Gewaechse, das bunte Gefieder der Voegel, alles trug den +grossartigen Stempel der tropischen Natur. + +Cumana, die Hauptstadt von Neuandalusien, liegt eine Meile [4,5 km] vom +Landungsplatz oder der Batterie _de la Bocca_, bei der wir ans Land +gestiegen, nachdem wir ueber die Barre des Manzanares gefahren. Wir hatten +ueber eine weite Ebene [_El Salado_] zu gehen, die zwischen der Vorstadt +der Guayqueries und der Kueste liegt. Die starke Hitze wurde durch die +Strahlung des zum Theil pflanzenlosen Bodens noch gesteigert. Der +hunderttheilige Thermometer, in den weissen Sand gesteckt, zeigte 37 deg.,7. In +kleinen Salzwasserlachen stand er auf 30 deg.,5, waehrend im Hafen von Cumana +die Temperatur des Meeres an der Oberflaeche meist 25 deg.,2 bis 26 deg.,3 betraegt. +Die erste Pflanze, die wir auf dem amerikanischen Festland pflueckten, war +die _Avicennia tomentosa_ (_Mangle prieto_), die hier kaum zwei Fuss hoch +wird. Dieser Strauch, das _Sesuvium_, die gelbe _Gomphrena_ und die Cactus +bedecken den mit salzsaurem Natron geschwaengerten Boden; sie gehoeren zu +den wenigen Pflanzen, die, wie die europaeischen Heiden, gesellig leben, +und dergleichen in der heissen Zone nur am Meeresufer und auf den hohen +Plateaus der Anden vorkommen. Nicht weniger interessant ist die die +cumanische Avicennia durch eine andere Eigenthuemlichkeit: diese Pflanze +gehoert dem Gestade und der Kueste von Malabar gemeinschaftlich an. + +Der indische Lootse fuehrte uns durch seinen Garten, der viel mehr einem +Gehoelz als einem bebauten Lande glich. Er zeigte uns als Beweis der +Fruchtbarkeit des Klimas einen Kaesebaum _(Bombax heptaphyllum)_, dessen +Stamm im vierten Jahre bereits gegen dritthalb Fuss [75 cm] Durchmesser +hatte. Wir haben an Ufern des Orinoco und des Magdalenenflusses die +Beobachtung gemacht, dass die Bombax, die Carolineen, die Ochromen und +andere Baeume aus der Familie der Malven ausnehmend rasch wachsen. Ich +glaube aber doch, dass die Angabe des Indianers ueber das Alter des +Kaesebaumes etwas uebertrieben war; denn in der gemaessigten Zone, auf dem +feuchten und warmen Boden Nordamerikas zwischen dem Mississippi und den +Aleghanis werden die Baeume in zehn Jahren nicht ueber einen Fuss [32 cm] +dick, und das Wachsthum ist dort im Allgemeinen nur um ein Fuenftheil +rascher als in Europa, selbst wenn man zum Vergleich die Platane, den +Tulpenbaum und _Cupressus disticha_ waehlt, die zwischen neun und fuenfzehn +Fuss [3 und 4,5 m] dick werden. Im Garten des Lootsen am Gestade von Cumana +sahen wir auch zum erstenmal einen *Guama*(37) voll Bluethen, deren +zahlreiche Staubfaeden sich durch ihre ungemeine Laenge und ihren +Silberglanz auszeichnen. Wir gingen durch die Vorstadt der Indianer, deren +Strassen geradlinigt und mit kleinen, ganz neuen Haeusern von sehr +freundlichem Ansehen besetzt sind. Dieser Stadttheil war infolge des +Erdbebens, das Cumana anderthalb Jahre vor unserer Ankunft zerstoert hatte, +eben erst neu aufgebaut worden. Kaum waren wir auf einer hoelzernen Bruecke +ueber den Manzanares gegangen, in dem hier Bava oder Krokodile von der +kleinen Art vorkommen, begegneten uns ueberall die Spuren dieser +schrecklichen Katastrophe; neue Gebaeude erhoben sich auf den Truemmern der +alten. + +Wir wurden vom Capitaen des Pizarro zum Statthalter der Provinz, Don +Vicente Emparan, gefuehrt, um ihm die Paesse zu ueberreichen, die das +Staatssecretariat uns ausgestellt. Er empfing uns mit der Offenheit und +edlen Einfachheit, die von jeher Zuege des baskischen Volkscharakters +waren. Ehe er zum Statthalter von Portobelo und Cumana ernannt wurde, +hatte er sich als Schiffscapitaen in der koeniglichen Marine ausgezeichnet. +Sein Name erinnert an einen der merkwuerdigsten und traurigsten Vorfaelle in +der Geschichte der Seekriege. Nach dem letzten Bruch zwischen Spanien und +England schlugen sich zwei Brueder des Statthalters Emparan bei Nacht vor +dem Hafen von Cadix mit ihren Schiffen, weil jeder das andere Schiff fuer +ein feindliches hielt. Der Kampf war so furchtbar, dass beide Schiffe fast +zugleich sanken. Nur ein sehr kleiner Theil der beiderseitigen Mannschaft +wurde gerettet, und die beiden Brueder hatten das Unglueck, einander kurz +vor ihrem Tode zu erkennen. + +Der Statthalter von Cumana aeusserte sich sehr zufrieden ueber unseren +Entschluss, uns eine Zeitlang in Neuandalusien aufzuhalten, das zu jener +Zeit in Europa kaum dem Namen nach bekannt war, und das in seinen Gebirgen +und an den Ufern seiner zahlreichen Stroeme der Naturforschung das reichste +Feld der Beobachtung bietet. Der Statthalter zeigte uns mit einheimischen +Pflanzen gefaerbte Baumwolle und schoene Moebeln ganz aus einheimischen +Hoelzern; er interessirte sich lebhaft fuer alle physischen Wissenschaften +und fragte uns zu unserer grossen Verwunderung, ob wir nicht glaubten, dass +die Luft unter dem schoenen tropischen Himmel weniger Stickstoff +_(azotico)_ enthalte als in Spanien, oder ob, wenn das Eisen hierzulande +rascher oxydire, dies allein von der groesseren Feuchtigkeit herruehre, die +der Haarhygrometer anzeige. Dem Reisenden kann der Name des Vaterlandes, +wenn er ihn auf einer fernen Kueste aussprechen hoert, nicht lieblicher in +den Ohren klingen, als uns hier die Worte Stickstoff, Eisenoxyd, +Hygrometer. Wir wussten, dass wir, trotz der Befehle des Hofs und der +Empfehlung eines maechtigen Ministers, bei unserem Aufenthalt in den +spanischen Colonien mit zahllosen Unannehmlichkeiten zu kaempfen haben +wuerden, wenn es uns nicht gelang, bei den Regenten dieser ungeheuren +Landstrecken besondere Theilnahme fuer uns zu wecken. Emparan war ein zu +warmer Freund der Wissenschaft, um es seltsam zu finden, dass wir so weit +hergekommen, um Pflanzen zu sammeln und die Lage gewisser Oertlichkeiten +astronomisch zu bestimmen. Er argwoehnte keine andern Beweggruende unserer +Reise als die in unseren Paessen angegebenen, und die oeffentlichen Beweise +von Achtung, die er uns waehrend unseren langen Aufenthaltes in seinem +Regierungsbezirke gegeben, haben Grosses dazu beigetragen, uns ueberall in +Suedamerika eine freundliche Aufnahme zu verschaffen. + +Am Abend liessen wir unsere Instrumente ausschiffen und fanden zu unserer +Befriedigung keines beschaedigt. Wir mietheten ein geraeumiges, fuer die +astronomischen Beobachtungen guenstig gelegenes Haus. Man genoss darin, wenn +der Suedwind wehte, einer angenehmen Kuehle; die Fenster waren ohne +Scheiben, nicht einmal mit Papier bezogen, das in Cumana meist statt des +Glases dient. Saemmtliche Passagiere des Pizarro verliessen das Schiff, aber +die vom boesartigen Fieber Befallenen genasen sehr langsam. Wir sahen +welche, die nach einem Monat, trotz der guten Pflege, die ihnen von ihren +Landsleuten geworden, noch erschrecklich blass und mager waren. In den +Spanischen Colonien ist die Gastfreundschaft so gross, dass ein Europaeer, +kaeme er auch ohne Empfehlung und ohne Geldmittel an, so ziemlich sicher +auf Unterstuetzung rechnen kann, wenn er krank in irgend einem Hafen ans +Land geht. Die Catalonier, Galizier und Biscayer stehen im staerksten +Verkehr mit Amerika. Sie bilden dort gleichsam drei gesonderte +Corporationen, die auf die Sitten, den Gewerbsfleiss und den Handel der +Colonien bedeutenden Einfluss haben. Der aermste Einwohner von Siges oder +Vigo ist sicher, im Hause eines catalonischen oder galizischen *Pulpero* +(Kraemer) Aufnahme zu finden, ob er nun nach Chile oder nach Mexiko oder +auf die Philippinen kommt. Ich habe die ruehrendsten Beispiele gesehen, wie +fuer unbekannte Menschen ganze Jahre lang unverdrossen gesorgt wird. Man +kann hoeren, Gastfreundschaft sey leicht zu ueben in einem herrlichen Klima, +wo es Nahrungsmittel im Ueberfluss gibt, wo die einheimischen Gewaechse +wirksame Heilmittel liefern, und der Kranke in seiner Haengematte unter +einem Schuppen das noethige Obdach findet. Soll man aber die Ueberlast, +welche die Ankunft eines Fremden, dessen Gemuethsart man nicht kennt, einer +Familie verursacht, fuer nichts rechnen? und die Beweise gefuehlvoller +Theilnahme, die aufopfernde Sorgfalt der Frauen, die Geduld, die waehrend +einer langen, schweren Wiedergenesung nimmer ermuedet, soll man von dem +allen absehen? Man will die Beobachtung gemacht haben, dass, vielleicht mit +Ausnahme einiger sehr volkreichen Staedte, seit den ersten Niederlassungen +spanischer Ansiedler in der neuen Welt die Gastfreundschaft nicht merkbar +abgenommen habe. Der Gedanke thut wehe, dass diess allerdings anders werden +muss, wenn einmal Bevoelkerung und Industrie in den Colonien rascher +zunehmen, und wenn sich auf der Stufe gesellschaftlicher Eintwicklung, die +man als vorgeschrittene Kultur zu bezeichnen pflegt, die alte +castilianische Offenheit allmaehlich verliert. + +Unter den Kranken, die in Cumana an Land kamen, befand sich ein Neger, der +einige Tage nach unserer Ankunft in Raserei verfiel; er starb in diesem +klaeglichen Zustand, obgleich sein Herr, ein siebzigjaehriger Mann, der +Europa verlassen hatte, um in San Blas, am Eingang des Golfs von +Californien, eine neue Heimath zu suchen, ihm alle erdenkliche Pflege +hatte zu Theil werden lassen. Ich erwaehne dieses Falls, um zu zeigen, dass +zuweilen Menschen, die im heissen Erdstrich geboren sind, aber in einem +gemaessigten Klima gelebt haben, den verderblichen Einfluessen der tropischen +Hitze erliegen. Der Neger war ein junger Mensch von achtzehn Jahren, sehr +kraeftig und auf der Kueste von Guinea geboren. Durch mehrjaehrigen +Aufenthalt auf der Hochebene von Castilien hatte aber seine Constitution +den Grad von Reizbarkeit erhalten, der die Miasmen der heissen Zone fuer die +Bewohner noerdlicher Laenger so gefaehrlich macht. + +Der Boden, auf dem die Stadt Cumana liegt, gehoert einer geologisch sehr +interessanten Bildung an. Da mir aber seit meiner Rueckkehr nach Europa +einige Reisende mit der Beschreibung von Kuestenstrichen, die sie nach mir +besucht, zuvorgekommen sind, so beschraenke ich mich hier auf Bemerkungen, +die ausserhalb des Kreises ihrer Beobachtungen fallen. Die Kette der +Kalkalpen des Brigantin und Tataraqual streicht von Ost nach West vom +Gipfel *Imposible* bis zum Hafen von Mochima und nach Campanario. In einer +sehr fernen Zeit scheint das Meer diesen Gebirgsdamm von der Felsen kueste +von Araya und Maniquarez getrennt zu haben. Der weite Golf von Cariaco ist +durch einen Einbruch des Meeres entstanden, und ohne Zweifel stand damals +an der Suedkueste das ganze mit salzsaurem Natron getraenkte Land, durch das +der Manzanares laeuft, unter Wasser. Ein Blick auf den Stadtplan von Cumana +laesst diese Thatsache so unzweifelhaft erscheinen, als dass die Becken von +Paris, Oxford und Wien einst Meerboden gewesen. Das Meer zog sich langsam +zurueck und legte das weite Gestade trocken, auf dem sich eine Huegelgruppe +erhebt, die aus Gips und Kalkstein von der neuesten Bildung besteht. + +Die Stadt Cumana lehnt sich an diese Huegel, die einst ein Eiland im Golf +von Cariaco waren. Das Stueck der Ebene norwaerts von der Stadt heisst "der +kleine Strand" (_Plaga chica_); sie dehnt sich gegen Ost bis zur Punta +Delgada aus, und hier bezeichnet ein enges mit _Gomphrena flava_ bedecktes +Thal den Punkt, wo einst der Durchbruch der Gewaesser stattfand. Dieses +Tal, dessen Eingang durch kein Aussenwerk vertheidigt wird, erscheint als +der Punkt, von wo der Platz einem Angriff am meisten ausgesetzt ist. Der +Feind kann in voller Sicherheit zwischen der *Punta Arenas del Barigon* +und der Muendung des Manzanares durchgehen, wo die See 40-50 [73-91 m] und +weiter nach Suedost sogar 87 Faden [159 m] tief ist. Er kann an der *Punta +Delgada* landen und das Fort St. Antonio und die Stadt Cumana im Ruecken +angreifen, ohne dass er vom Feuer der westlichen Batterien auf der Playa +Chica an der Muendung des Stroms und beim *Cerro Colorado* etwas zu +fuerchten haette. + +Der Huegel aus Kalkstein, den wir, wie oben bemerkt, als eine Insel im +ehemaligen Golf betrachten, ist mit Fackeldisteln bedeckt. Manche davon +sind 30-40 Fuss [10-13 m] hoch und ihr mit Flechten bedeckter, in mehrere +Aeste kronleuchterartig getheilter Stamm nimmt sich hoechst seltsam aus. +Bei Maniquarez an der Punta Araya massen wir einen Cactus, dessen Stamm +ueber vier Fuss neun Zoll [1,54 m] Umfang hatte. Ein Europaeer, der nur die +Fackeldisteln unserer Gewaechshaeuser kennt, wundert sich, wenn er sieht, +dass das Holz dieses Gewaechses mit dem Alter sehr hart wird, dass es +Jahrhunderte lang der Luft und Feuchtigkeit widersteht, und dass es die +Indianer von Cumana vorzugsweise zu Rudern und Tuerschwellen verwenden. +Nirgends in Suedamerika kommen die Gewaechse aus der Familie der Nopaleen +haeufiger vor als in Cumana, Coro, Curacao und auf der Insel Margarita. Nur +dort koennte der Botaniker nach langem Aufenthalt eine Monographie der +Cactus schreiben, die nicht in Hinsicht auf Bluethen und Fruechte, aber nach +der Form des gegliederten Stamms, nach der Zahl der Graeten und der +Stellung der Stacheln ausnehmend viele Varietaeten bilden. Wir werden in +der Folge sehen, wie diese Gewaechse, die fuer ein heisses, trockenes Klima, +wie das Egyptens und Californiens, charakteristisch sind, immer mehr +verschwinden, wenn man von Terra Firma ins Innere des Landes kommt. + +Die Cactusgebuesche spielen auf duerrem Boden in Suedamerika dieselbe Rolle +wie in unseren noerdlichen Laendern die mit Binsen und Hydrocharideen +bewachsenen Brueche. Ein Ort, wo stachlichte Cactus von hohem Wuchs in +Reihen stehen, gilt fast fuer undurchdringlich. Solche Stellen, *Tunales* +genannt, halten nicht allein den Eingeborenen auf, der bis zum Guertel +nackt ist, sie sind ebensosehr von den Staemmen gefuerchtet, die ganz +bekleidet gehen. Auf unsern einsamen Spaziergaengen versuchten wir es +manchmal in den *Tunal* einzudringen, der die Spitze des Schlossberges +kroent und durch den zum Theil ein Fussweg fuehrt. Hier liesse sich der Bau +dieses sonderbaren Gewaechses an Tausenden von Exemplaren beobachten. +Zuweilen wurden wir von der Nacht ueberrascht, denn in diesem Klima gibt es +fast keine Daemmerung. Unsere Lage war dann desto bedenklicher, da der +*Cascabel* oder die Klapperschlange, der *Coral* und andere Schlangen mit +Giftzaehnen zur Legezeit solche heissen trockenen Orte aufsuchen, um ihre +Eier in den Sand zu legen. + +Das Schloss St. Antonio liegt auf der westlichen Spitze des Huegels, aber +nicht auf dem hoechsten Punkt; es wird gegen Osten von einer nicht +befestigten Hoehe beherrscht. Der *Tunal* gilt hier und ueberall in den +spanischen Niederlassungen fuer ein nicht unwichtiges militaerisches +Vertheidigungsmittel. Wo man Erdwerke anlegt, suchen die Ingenieurs recht +viele stachlichte Fackeldisteln darauf anzubringen und ihr Wachsthum zu +befoerdern, wie man auch die Krokodile in den Wassergraeben der festen +Plaetze hegt. In einem Klima, wo die organische Natur eine so gewaltige +Triebkraft hat, zieht der Mensch fleischfressende Reptilien und mit +furchtbaren Stacheln bewehrte Gewaechse zu seiner Vertheidigung herbei. + +Das Schloss St. Antonio, wo man an Festtagen die Flagge von Castilien +aufzieht, liegt nur 30 Toisen [58,5 m] ueber dem Wasserspiegel des +Meerbusens von Cariaco. Auf seinem kahlen Kalkhuegel beherrscht es die +Stadt und liegt, wenn man in den Hafen einfaehrt, hoechst malerisch da. Es +hebt sich hell von der dunkeln Wand der Gebirge ab, deren Gipfel bis zur +Schneeregion aufsteigen und deren duftiges Blau mit dem Himmelsblau +verschmilzt. Geht man vom Fort St. Antonio gegen Suedwest herab, so kommt +man am Abhang desselben Felsen zu den Truemmern des alten Schlosses Santa +Maria. Dies ist ein herrlicher Punkt, um gegen Sonnenuntergang des kuehlen +Seewindes und der Aussicht auf den Meerbusen zu geniessen. Die hohen +Berggipfel der Insel Margarita erscheinen ueber der Felsenkueste der +Landenge von Araya; gegen Westen mahnen die kleinen Inseln Caracas, +Picuito und Boracha an die Katastrophe, durch welche die Kueste von Terra +Firma zerrissen worden ist. Diese Eilande gleichen Festungswerken, und da +die Sonne die untern Luftschichten, die See und das Erdreich ungleich +erwaermt, so erscheinen ihre Spitzen infolge der Luftspiegelung +hinaufgezogen, wie die Enden der grossen Vorgebirge der Kueste. Mit +Vergnuegen verfolgt man bei Tage diese wechseln den Erscheinungen; bei +Einbruch der Nacht sieht man dann, wie die in der Luft schwebenden +Gesteinmassen sich wieder auf ihre Grundlage niedersenken, und das +Gestirn, das der organischen Natur Leben verleiht, scheint durch die +veraenderliche Beugung seiner Strahlen den starren Fels vom Fleck zu ruecken +und duerre Sandebenen wellenfoermig zu bewegen. + +Die eigentliche Stadt Cumana liegt zwischen dem Schlosse St. Antonio und +den kleinen Fluessen Manzanares und Santa Catalina. Das durch die Arme des +ersteren Flusses gebildete Delta ist ein fruchtbares Land, bewachsen mit +Mammea, Achra, Bananen und anderen Gewaechsen, die in den Gaerten oder +*Charas* der Indianer gebaut werden. Die Stadt hat kein ausgezeichnetes +Gebaeude aufzuweisen, und bei der Haeufigkeit von Erdbeben wird sie +schwerlich je welche haben. Starke Erdstoesse kommen zwar im selben Jahre in +Cumana nicht so haeufig vor als in Quito, wo durch praechtige, sehr hohe +Kirchen stehen; aber die Erdbeben in Quito sind nur scheinbar so heftig, +und in Folge der eigenthuemlichen Beschaffenheit des Bodens und der Art der +Bewegung stuerzt kein Gebaeude ein. In Cumana, wie in Lima und mehreren +anderen Staedten, die weit von den Schluenden thaetiger Vulkane liegen, wird +die Reihe schwacher Erdstoesse nach Ablauf vieler Jahre leicht durch groessere +Katastrophen unterbrochen, die in ihren Wirkungen dener einer springenden +Mine aehnlich sind. Wir werden oefters Gelegenheit haben, auf diese +Erscheinungen zurueckzukommen, zu deren Erklaerung so viele eitle Theorien +ersonnen worden sind, und fuer die man eine Classification gefunden zu +haben glaubte, wenn man senkrechte und wagrechte Bewegungen, stossende und +wellenfoermige Bewegungen annahm.(38) + +Die Vorstaedte von Cumana sind fast so stark bevoelkert wie die alte Stadt. +Es sind ihrer drei: Die der *Serritos* auf dem Wege nach der Plaga chica, +wo einige schoene Tamarindenbaeume stehen, die suedoestlich gelegene, San +Francisco genannt, und die grosse Vorstadt der Guayqueries. Der Name dieses +Indianerstammes war vor der Eroberung ganz unbekannt. Die Eingeborenen, +die denselben jetzt fuehren, gehoerten frueher zu der Nation der Guaraunos, +die nur noch auf dem Sumpfboden zwischen den Armen des Orinoco lebt. Alte +Maenner versicherten mich, die Sprache ihrer Vorfahren sey eine Mundart des +Guaraunosprache gewesen, aber seit hundert Jahren gebe es in Cumana und +auf Margarita keinen Eingeborenen vom Stamme mehr, der etwas anderes +spreche als castilianisch. + +Das Wort *Guayqueries* verdankt, gerade wie die Worte *Peru* und +*Peruaner*, seinen Ursprung einem blossen Missverstaendnisse. Als die +Begleiter des Columbus an der Insel Margarita hinfuhren, auf deren +Nordkueste noch jetzt der am hoechsten stehende Theil dieser Nation wohnt, +stiessen sie auf einige Eingeborene, die Fische harpunirten, indem sie +einen mit einer sehr feinen Spitze versehenen, an einen Strick gebundenen +Stock gegen sie schleuderten. Sie fragten sie in haytischer Sprache, wie +sie hiessen: die Indianer aber meinten, die Fremden erkundigten sich nach +den Harpunen aus dem harten, schweren Holz der Macanapalme und +antworteten: *Guaike*, *Guaike*, das heisst: spitziger Stock. Die +Guayqueries, ein gewandtes, civilisirtes Fischervolk, unterscheiden sich +jetzt auffallend von den wilden Guaraunos am Orinoco, die ihre Huetten an +den Staemmen der Morichepalme aufhaengen. + +Die Bevoelkerung von Cumana ist in der neuesten Zeit viel zu hoch angegeben +worden. Im Jahre 1800 schaetzten sie Ansiedler, die in nationaloekonomischen +Untersuchungen wenig Bescheid wissen, auf 20,000 Seelen, wogegen +koenigliche bei der Landesregierung angestellte Beamte meinten, die Stadt +samt den Vorstaedten habe nicht 12,000. Depons gibt in seinem schaetzbaren +Werk ueber die Provinz Caracas der Stadt im Jahre 1802 gegen 28,000 +Einwohner; andere geben im Jahr 1810 30,000 an. Wenn man bedenkt, wie +langsam die Bevoelkerung in Terra Firma zunimmt, und zwar nicht auf dem +Land, sondern in den Staedten, so laesst sich bezweifeln, dass Cumana bereits +um ein Drittheil volkreicher seyn sollte als Vera Cruz, der vornehmste +Hafen des Koenigreichs Neuspanien. Es laesst sich auch leicht darthun, dass im +Jahr 1802 die Bevoelkerung kaum ueber 18,000 bis 19,000 Seelen betrug. Es +waren mir verschiedene Notizen ueber die statistischen Verhaeltnisse des +Landes zu Hand, welche die Regierung hatte zusammenstellen lassen, als die +Frage verhandelt wurde, ob die Einkuenfte aus der Tabakspacht durch eine +Personalsteuer ersetzt werden koennten, und ich darf mir schmeicheln, dass +meine Schaetzung auf ziemlich sichern Grundlagen ruht. + +Eine im Jahr 1792 vorgenommene Zaehlung ergab fuer die Stadt Cumana, ihre +Vorstaedte und die einzelnen Haeuser auf eine Meile in der Runde nur 10,740 +Einwohner. Ein Schatzbeamter, Don Manuel Navarete, versichert, dass man +sich bei dieser Zaehlung hoechstens um ein Drittheil oder ein Viertheil +geirrt haben koenne. Vergleicht man die jaehrlichen Taufregister, so macht +sich von 1792 bis 1800 nur eine geringe Zunahme bemerklich. Die Weiber +sind allerdings sehr fruchtbar, besonders die eingeborenen, aber wenn auch +die Pocken im Lande noch unbekannt sind, so ist doch die Sterblichkeit +unter den kleinen Kindern furchtbar gross, weil sie in voelliger +Verwahrlosung aufwachsen und die ueble Gewohnheit haben, unreife, +unverdauliche Fruechte zu geniessen. Die Zahl der Geburten betraegt im +Durchschnitt 520 bis 600, was auf eine Bevoelkerung von hoechstens 16,800 +Seelen schliessen laesst. Man kann versichert seyn, dass saemmtliche +Indianerkinder getauft und in das Taufregister der Pfarre eingetragen +sind, und nimmt man an, die Bevoelkerung sey im Jahr 1800 26,000 Seelen +stark gewesen, so kaeme auf dreiundvierzig Koepfe nur Eine Geburt, waehrend +sich die Geburten zur Gesammtbevoelkerung in Frankreich wie 28 zu 100 und +in den tropischen Strichen von Mexico wie 17 zu 100 verhalten. + +Vermuthlich wird sich die indianische Vorstadt allmaehlich bis zum +Landungsplatz ausdehnen, da die Flaeche, auf der noch keine Haeuser oder +Huetten stehen, hoechstens 340 Toisen lang ist. Dem Strande zu ist die Hitze +etwas weniger drueckend als in der Altstadt, wo wegen des Zurueckprallens +der Sonnenstrahlen vom Kalkboden und der Naehe des Berges St. Antonio die +Temperatur der Luft ungemein hoch steigt. In der Vorstadt der Guayqueries +haben die Seewinde freien Zutritt, der Boden ist Thon und damit, wie man +glaubt, den heftigen Stoessen der Erdbeben weniger ausgesetzt, als die +Haeuser, die sich an die Felsen und Huegel am rechten Ufer des Manzanares +lehnen. + +Bei der Muendung des kleinen Flusses Santa Catalina ist der Saum des Ufers +mit sogenannten Wurzeltraegern [_Rhizophora Mangle._] besetzt; aber diese +*Manglares* sind nicht gross genug, um der Salubritaet der Luft in Cumana +Eintrag zu thun. Im uebrigen ist die Ebene theils kahl, theils bedeckt mit +Bueschen von _Sesubium portulacastrum_, _Gomphrena flava_, _Gomphrena +myrtifolia_, _Talinum cuspidatum_, _Talinum cumanense_ und _Portulaca +lanuginosa_. Unter diesen krautartigen Gewaechsen erheben sich da und dort +die _Avicennia tomentosa_, die _Scoparia dulcus_, eine strauchartige +Mimose mit sehr reizbaren Blaettern, besonders aber Cassien, deren in +Suedamerika so viele vorkommen, dass wir auf unsern Reisen mehr als dreissig +neue Arten zusammengebracht haben. + +Geht man zur indischen Vorstadt hinaus und am Fluss gegen Sued hinauf, so +kommt man zuerst an ein Cactusgebuesch und dann an einen wunderschoenen +Platz, den Tamarindenbaeume, Brasilienholzbaeume, Bombax und andere durch +ihr Laub und ihre Bluethen ausgezeichnete Gewaechse beschatten. Der Boden +bietet hier gute Weide, und Melkereien, aus Rohr erbaut, liegen zerstreut +zwischen den Baumgruppen. Die Milch bleibt frisch, wenn man nicht in der +Frucht des Flaschenkuerbisbaums, die ein Gewebe aus sehr dichten Holzfasern +ist, sondern in poroesen Thongefaessen von Maniquarez aufbewahrt. In Folge +eines in noerdlichen Laendern herrschenden Vorurtheils habe ich geglaubt, in +der heissen Zone geben die Kuehe keine sehr fette Milch; aber der Aufenthalt +in Cumana, besonders aber die Reise ueber die weiten mit Graesern und +krautartigen Mimosen bewachsenen Ebenen von Calabozo haben mich belehrt, +dass sich die Wiederkaeuer Europas vollkommen an das heisseste Klima +gewoehnen, wenn sie nur Wasser und gutes Futter finden. Die +Milchwirthschaft ist in den Provinzen Neuandalusien, Barcelona und +Venezuela ausgezeichnet, und haeufig ist die Butter auf den Ebenen der +heissen Zone besser als auf dem Ruecken der Anden, wo fuer die Alppflanzen +die Temperatur in keiner Jahreszeit hoch genug ist und sie daher weniger +aromatisch sind als auf den Pyrenaeen, auf den Bergen Estremaduras und +Griechenlands. + +Den Einwohnern Cumanas ist die Kuehlung durch den Seewind lieber als der +Blick ins Gruene, und so kennen sie fast keinen andern Spaziergang als den +grossen Strand. Die Castilianer, denen man nachsagt, sie seyen im +allgemeinen keine Freunde von Baeumen und Vogelgesang, haben ihre Sitten +und ihre Vorurtheile in die Colonien mitgenommen. In Terra Firma, Mexico +und Peru sieht man selten einen Eingeborenen einen Baum pflanzen allein in +der Absicht, sich Schatten zu schaffen, und mit Ausnahme der Umgegend der +grossen Hauptstaedte weiss man in diesen Laendern so gut wie nichts von +Alleen. Die duerre Ebene von Cumana zeigt nach starken Regenguessen eine +merkwuerdige Erscheinung. Der durchnaesste, von den Sonnenstrahlen erhitzte +Boden verbreitet jenen Bisamgeruch, der in der heissen Zone Thieren der +verschiedensten Klassen gemein ist, dem Jaguar, den kleinen Arten von +Tigerkatzen, dem Cabiai [_Cavia capybara_, _Linne_], Galinazogeier +[_Vultur aura_, _Linne_], dem Krokodil, den Vipern und Klapperschlangen. +Die Gase, die das Vehikel dieses Aromas sind, scheinen sich nur in dem +Maasse zu entwickeln, als der Boden, der die Reste zahlloser Reptilien, +Wuermer und Insekten enthaelt, sich mit Wasser schwaengert. Ich habe +indianische Kinder vom Stamme der Chaymas achtzehn Zoll lange und sieben +Linien breite [40 cm lange und 15 mm breite] Scolopender oder Tausendfuesse +aus dem Boden ziehen und verzehren sehen. Wo man den Boden aufgraebt, muss +man staunen ueber die Massen organischer Stoffe, die wechselnd sich +entwickeln, sich umwandeln oder zersetzen. Die Natur scheint in diesen +Himmelsstrichen kraftvoller, fruchtbarer, man moechte sagen mit dem Leben +verschwenderischer. + +Am Strande und bei den Melkereien, von denen eben die Rede war, hat man, +besonders bei Sonnenaufgang, eine sehr schoene Aussicht auf die Gruppe +hoher Kalkberge. Da diese Gruppe im Hause, wo wir wohnten, nur unter einem +Winkel von drei Grad erscheint, diente sie mir lange dazu, die +Veraenderungen in der irdischen Refraction mit den meteorologischen +Veraenderungen in der irdischen Refraction zu vergleichen. Die Gewitter +bilden sich mitten in dieser Cordillere, und man sieht von weitem, wie die +dicken Wolken sich in starken Regen aufloesen, waehrend in Cumana sechs bis +acht Monate lang kein Tropfen faellt. Der hoechste Gipfel der Bergkette, der +sogenannte Brigantin, nimmt sich hinter dem Brito und dem Tetaraqual +hoechst malerisch aus. Sein Name ruehrt her von der Gestalt eines sehr +tiefen Thals an seinem noerdlichen Abhang, das dem Inneren eines Schiffes +gleicht. Der Gipfel des Bergs ist fast ganz kahl und abgeplattet, wie der +Gipfel des Mawna-Roa auf den Sandwichinseln; es ist eine senkrechte Wand, +oder, um mich des bezeichnenderen Ausdruckes der spanischen Schiffer zu +bedienen, ein Tisch, eine _mesa_. Diese eigenthuemliche Bildung und die +symmetrische Lage einiger Kegel, die den Brigantin umgeben, brachten mich +anfaenglich auf die Vermuthung, dass diese Berggruppe, die ganz aus +Kalkstein besteht, Glieder der Basalt- oder Trappformation enthalten +moechte. + +Der Statthalter von Cumana hatte im Jahr 1797 muthige Maenner ausgeschickt, +die das voellig unbewohnte Land untersuchen und einen geraden Weg nach +Neu-Barcelona ueber den Gipfel der *Mesa* eroeffnen sollten. Man vermuthete +mit Recht, dieser Weg werde kuerzer und fuer die Gesundheit der Reisenden +nicht so gefaehrlich seyn als der laengs der Kueste, den die Couriere von +Caracas einschlagen; aber alle Bemuehungen, ueber die Bergkette zu kommen +waren fruchtlos. In diesen Laendern Amerikas, wie in Neuholland(39) im +Westen von Sidney, bietet nicht sowohl die Hoehe der Cordilleren als die +Gestaltung des Gesteins schwer zu besiegende Hindernisse. Durch das von +den Gebirgen im Innern und dem suedlichen Abhang des *Cerro de San Antonio* +gebildete Laengenthal fliesst der Manzanares. In der ganzen Umgegend von +Cumana ist diess der einzige ganz bewaldete Landstrich; er heisst die *Ebene +der Charas*, [*Chacra*, verdorben *Chara*, heisst eine von einem Garten +umgebene Huette.] wegen der vielen Pflanzungen, welche die Einwohner seit +einigen Jahren den Fluss entlang versucht haben. Ein schmaler Pfad fuehrt +vom Huegel von San Francisco durch den Forst zum Kapuzinerhospiz, einem +hoechst angenehmen Landhaus, das die aragonesischen Moenche fuer alte +entkraeftete Missionaere, die ihres Amtes nicht mehr walten koennen, gebaut +haben. Gegen Ost werden die Waldbaeume immer kraeftiger und man sieht hier +und da einen Affen [Der gemeine *Machi* oder Heulaffe.], die sonst in der +Gegend sehr selten sind. Zu den Fuessen der Capparis, Bauhinien und des +Zygophyllum mit goldgelben Bluethen breitet sich ein Teppich vom Bromelien +[Chihuchihue, aus der Familie der Ananas.] aus, deren Geruch und deren +kuehles Laub die Klapperschlangen hieher ziehen. + +Der Manzanares hat sehr klares Wasser und zum Glueck nichts mit dem +Madrider Manzanares gemein, der unter seiner praechtigen Bruecke noch +schmaeler erscheint. Er entspringt, wie alle Fluesse Neuandalusiens, in +einem Striche der Savanen (Llanos), der unter dem Namen der Plateaus von +Jonoro, Amana und Guanipa bekannt ist und beim indianischen Dorfe San +Fernando die Gewaesser des Rio Juanillo aufnimmt. Man hat der Regierung +oefter, aber immer vergeblich, den Vorschlag gemacht, beim ersten *Ipure* +ein Wehr bauen zu lassen, um die Ebene der Charas kuenstlich zu bewaessern, +denn der Boden ist trotz seiner scheinbaren Duerre ausnehmend fruchtbar, +sobald Feuchtigkeit zu der herrschenden Hitze hinzukommt. Die Landleute, +die im Allgemeinen in Cumana nicht wohlhabend sind, sollten nach und nach +die Auslagen fuer die Schleusse ersetzen. Bis das Projekt in Ausfuehrung +kommt, hat man Schoepfraeder, durch Maulthiere getriebene Pumpen und andere +sehr unvollkommene Wasserwerke angelegt. + +Die Ufer des Manzanares sind sehr freundlich, von Mimosen, Erythrina, +Ceiba und anderen Baeumen von riesenhaftem Wuchs beschattet. Ein Fluss, +dessen Temperatur zur Zeit des Hochwassers auf 22 deg. faellt, waehrend der +Thermometer der Luft auf 30-33 deg. steht, ist eine unschaetzbare Wohltat in +einem Lande, wo das ganze Jahr eine furchtbare Hitze herrscht und man den +Trieb hat, mehrere Male des Tages zu baden. Die Kinder bringen sozusagen +einen Teil ihres Lebens im Wasser zu; alle Einwohner, selbst die +weiblichen Glieder der reichsten Familien, koennen schwimmen, und in einem +Lande, wo der Mensch dem Naturstande noch so nahe ist, hat man sich, wenn +man morgens einander begegnet, nichts Wichtigeres zu fragen, als ob der +Fluss heute kuehler sey als gestern. Man hat verschiedene Bademethoden. So +besuchten wir jeden Abend eine Zirkel sehr achtungswerter Personen in der +Vorstadt der Guaykari. Da stellte man bei schoenem Mondschein Stuehle ins +Wasser; Maenner und Frauen waren leicht bekleidet, wie in manchen Baedern +des noerdlichen Europas, und die Familie und die Fremden blieben ein paar +Stunden im Flusse sitzen, rauchten Cigarren dazu und unterhielten sich +nach Landessitte von der ungemeinen Trockenheit der Jahreszeit, vom +starken Regenfall in den benachbarten Distrikten, besonders aber vom +Luxus, den die Damen in Cumana den Damen in Caracas und Havana zum Vorwurf +machen. Durch die *Bavas* oder kleinen Krokodile, die jetzt sehr selten +sind und den Menschen nahe kommen, ohne anzugreifen, liess sich die +Gesellschaft durchaus nicht stoeren. Diese Tiere sind drei bis vier Fuss +[1 bis 1,3 m] lang; wir haben nie eines im Manzanares gesehen, wohl aber +Delphine, die zuweilen bei Nacht im Flusse heraufkommen und die Badenden +erschrecken, wenn sie durch ihre Luftloecher Wasser spritzen. + +Der Hafen von Cumana ist eine Reede, welche die Flotten von ganz Europa +aufnehmen koennte. Der ganze Meerbusen von Cariaco, der sechsunddreissig +Semeilen [67 km] lang und sechs bis acht [11 bis 15 km] breit ist, bietet +vortrefflichen Ankergrund. Der Grosse Ozean an der Kueste von Peru kann +nicht stiller und ruhiger seyn als das Meer der Antillen von Portocabello +an, namentlich aber vom Vorgebirge Codera bis zur Landspitze von Paria. +Von den Stuermen bei den Antillischen Inseln spuert man nie etwas in diesem +Strich, wo man in Schaluppen ohne Verdeck das Meer befaehrt. Die einzige +Gefahr im Hafen von Cumana ist eine Untiefe, *Baxo del Morro roxo*, die +von West nach Ost 900 Toisen [1750 m] lang ist und so steil abfaellt, dass +man dicht dabei ist, ehe man sie gewahr wird. + +Ich habe die Lage von Cumana etwas ausfuehrlich beschrieben, weil es mir +wichtig schien, eine Gegend kennenzulernen, die seit Jahrhunderten der +Herd der fruchtbarsten Erdbeben war. Ehe wir von diesen ausserordentlichen +Erscheinungen sprechen, erscheint es mir als zweckmaessig, die verschiedenen +Zuege des von mir entworfenen Naturbildes zusammenzufassen. + +Die Stadt liegt am Fusse eines kahlen Huegels und wird von einem Schlosse +beherrscht. Kein Glockenturm, keine Kuppel faellt von weitem dem Reisenden +ins Auge, nur einige Tamarinden-, Kokosnuss- und Dattelstaemme erheben sich +ueber die Haeuser mit platten Daechern. Die Ebene ringsum, besonders dem +Meere zu ist truebselig, staubig und duerr, wogegen ein frischer, kraeftiger +Pflanzenwuchs von weitem den geschlaengelten Lauf des Flusses bezeichnet, +der die Stadt von den Vorstaedten, die Bevoelkerung von europaeischer und +gemischter Abkunft von den kupferfarbenen Eingeborenen trennt. Der +freistehende, kahle, weisse Schlossberg San Antonio wirft zugleich eine +grosse Masse Licht und strahlender Waerme zurueck; er besteht aus Breccien, +deren Schichten versteinerte Seetiere einschliessen. In weiter Ferne gegen +Sueden streicht dunkel ein maechtiger Gebirgszug hin. Dies sind die hohen +Kalkalpen von Neuandalusien, wo dem Kalk Sandsteine und andere neuere +Bildungen aufgelagert sind. Majestaetische Waelder bedecken diese Kordillere +im innern Land und haengen durch ein bewaldetes Tal mit dem nackten, +tonigen und salzhaltigen Boden zusamen, auf dem Cumana liegt. Einige Voegel +von bedeutender Groesse tragen zur eigentuemlichen Physiognomie des Landes +bei. Am Gestade und am Meerbusen sieht man Scharen von Fischreihern und +Alcatras, sehr plumpen Voegeln, die gleich den Schwaenen mit gehobenen +Fluegeln ueber das Wasser gleiten. Naeher bei den Wohnstaetten der Menschen +sind Tausende von Galinazogeiern, wahre Chakals unter dem Gefieder, +rastlos beschaeftigt, tote Tiere zu suchen. Ein Meerbusen, auf dessen +Grunde heisse Quellen vorkommen, trennt die sekundaeren Gebirgsbildungen vom +primitiven Schiefergebirge der Halbinsel Araya. Beide Kuesten werden von +einem ruhigen, blauen, bestaendig vom selben Winde leicht bewegten Meere +bespuelt. Ein reiner, trockener Himmel, an dem nur bei Sonnenaufgaug +leichtes Gewoelk aufzieht, ruht auf der See, auf der baumlosen Halbinsel +und der Ebene von Cumana, waehrend man zwischen den Berggipfeln im Inneren +Gewitter sich bilden, sich zusammenziehen und in fruchtbaren Regenguessen +sich entladen sieht. So zeigen denn an diesen Kuesten, wie am Fusse der +Anden, Himmel und Erde scharfe Gegensaetze von Heiterkeit und Bewoelkung, +von Trockenheit und gewaltigen Wasserguessen, von voelliger Kahlheit und +ewig neu sprossendem Gruen. Auf dem neuen Continent unterscheiden sich die +Niederungen an der See von den Gebirgslaendern im Innern so scharf, wie die +Ebenen Unteraegyptens von den hochgelegenen Plateaus Abyssiniens. + +Zu den Zuegen, welche, wie oben angedeutet, der Kuestenstrich von +Neu-Andalusien und der von Peru gemein haben, kommt nun noch, dass die +Erdbeben dort wie hier gleich haeufig sind, und dass die Natur fuer diese +Erscheinungen beidemal dieselben Grenzen einzuhalten scheint. Wir selbst +haben in Cumana sehr starke Erdstoesse gespuert, eben war man daran, die vor +kurzem eingestuerzten Gebaeude wieder aufzurichten, und so hatten wir +Gelegenheit, uns an Ort und Stelle ueber die Vorgaenge bei der furchtbaren +Katastrophe vom 14. Dezember 1797 genau zu erkundigen. Diese Angaben +werden um so mehr Interesse haben, da die Erdbeben bisher weniger aus +physischem und geologischem Gesichtspunkt, als vielmehr nur wegen ihrer +schrecklichen Folgen fuer die Bevoelkerung und fuer das allgemeine Wohl ins +Auge gefasst worden sind. + +Es ist eine an der Kueste von Cumana und auf der Insel Margarita sehr +verbreitete Meinung, dass der Meerbusen von Cariaco sich infolge der +Zertruemmerung des Landes und eines gleichzeitigen Einbruches des Meeres +gebildet habe. Die Erinnerung an diese gewaltige Umwaelzung hatte sich +unter den Indianern bis zum Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts erhalten, +und wie erzaehlt wird, sprachen die Eingeborenen bei der dritten Reise des +Christoph Kolumbus davon wie von einem ziemlich neuen Ereignis. Im Jahre +1530 wurden die Bewohner der Kuesten von Paria und Cumana durch neue +Erdstoesse erschreckt. Das Meer stuerzte ueber das Land her, und das kleine +Fort, das Jakob Castellon bei Neutoledo gebaut hatte, wurde gaenzlich +zerstoert. Zugleich bildete sich eine ungeheure Spalte in den Bergen von +Cariaco, am Ufer des Meerbusens dieses Namens, und eine gewaltige Masse +Salzwasser, mit Asphalt vermischt, sprang aus dem Glimmerschiefer hervor. +Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts waren die Erdbeben sehr haeufig, und +nach den Ueberlieferungen, die sich in Cumana erhalten haben, +ueberschwemmte das Meer oefter den Strand und stieg 15-20 Toisen [30-39 m] +hoch an. Die Einwohner fluechteten sich auf den Cerro de San Antonio und +auf den Huegel, auf dem jetzt das kleine Kloster San Francisco steht. Man +glaubt sogar, infolge dieser haeufigen Ueberschwemmungen habe man das an +den Berg gelehnte Stadtviertel angelegt, das zum Teil auf dem Anhang +desselben liegt. + +Da es keine Chronik von Cumana gibt, und da sich wegen der bestaendigen +Verheerungen der Termiten oder weissen Ameisen in den Archiven keine +Urkunde befindet, die ueber 150 Jahre hinaufreicht, so weiss man nicht +genau, wann diese fruehen Erdbeben stattgefunden haben. Man weiss nur, dass +naeher unserer Zeit das Jahr 1766 fuer die Ansiedler das entsetzlichste und +zugleich fuer die Naturgeschichte des Landes merkwuerdigste gewesen ist. +Seit fuenfzehn Monaten hatte eine Trockenheit geherrscht, wie sie zuweilen +auch auf den Inseln des Gruenen Vorgebirges beobachtet wird, als am +21. Oktober 1766 die Stadt Cumana von Grund aus zerstoert wurde. Das +Gedaechtnis dieses Tages wird alljaehrlich mit einem Gottesdienst und einer +feierlichen Prozession begangen. In wenigen Minuten stuerzten saemtliche +Haeuser zusammen. An verschiedenen Orten der Provinz tat sich die Erde auf +und spie nach Schwefel riechendes Wasser aus. Diese Ausbrueche waren +besonders haeufig auf einer Ebene, die sich gegen Casanay, zwei Meilen +oestlich von Cumana hinzieht, und die unter dem Namen *terra de hueca*, +_hohler Boden_, bekannt ist, weil sie ueberall von warmen Quellen +unterhoehlt zu seyn scheint. Waehrend der Jahre 1766 und 1767 lagerten die +Einwohner von Cumana in den Strassen und begannen mit dem Wiederaufbau +ihrer Haeuser erst, als sich die Erdbeben nur noch alle Monate +wiederholten. Hier auf der Kueste traten damals dieselben Erscheinungen +ein, die man auch im Koenigreich Quito unmittelbar nach der grossen +Katastrophe vom 4. Februar 1797 beobachtet hat. Waehrend sich der Boden +bestaendig wellenfoermig bewegte, war es, als wollte sich die Luft im Wasser +aufloesen. Durch ungeheure Regenguesse schwollen die Fluesse an; das Jahr war +ausnehmend fruchtbar, und die Indianer, deren leichten Huetten die +staerksten Erdstoesse nichts anhaben, feierten nach einen uralten Aberglauben +durch festlichen Tanz den Untergang der Welt und ihre bevorstehende +Wiedergeburt. + +Nach der Ueberlieferung waren beim Erdbeben von 1766, wie bei einem andern +sehr merkwuerdigen im Jahr 1794, die Stoesse blosse wagerechte wellenfoermige +Bewegungen; erst am Unglueckstage des 14. Dezember 1797 spuerte man in +Cumana zum erstenmal eine hebende Bewegung von unten nach oben. Ueber vier +Fuenftheile der Stadt wurden damals voellig zerstoert, und der Stoss, der von +einem starken unterirdischen Getoese begleitet war, glich, wie in Riobamba, +der Explosion einer in grosser Tiefe angelegten Mine. Zum Glueck ging dem +heftigen Stoss eine leichte wellenfoermige Bewegung voraus, so dass die +meisten Bewohner sich auf die Strasse fluechten konnten, und von denen, die +eben in den Kirchen waren, nur wenige das Leben verloren. Man glaubt in +Cumana allgemein, die verheerendsten Erdbeben werden durch ganz schmale +Schwingungen des Bodens und durch ein Sausen angekuendigt, und Leuten, die +an solche Vorfaelle gewoehnt sind, entgeht solches nicht. In diesem +verhaengnisvollen Augenblicke hoert man ueberall den Ruf: _Misericordia! +tembla, tembla!_ [Erbarmen! sie (die Erde) bebt! sie bebt!] und es kommt +selten vor, dass ein blinder Laerm durch einen Eingeborenen veranlasst wird. +Die Aengstlichen achten auf das Benehmen der Hunde, Ziegen und Schweine. +Die letzteren, die einen ausnehmend scharfen Geruch haben und gewoehnt sind +im Boden zu wuehlen, verkuenden die Naehe der Gefahr durch Unruhe und +Geschrei. Wir lassen es dahingestellt, ob sie das unterirdische Getoese +zuerst hoeren, weil sie naeher am Boden sind, er ob etwa Gase, die der Erde +entsteigen, auf ihre Organe wirken. Dass letzteres moeglich ist, laesst sich +nicht laeugnen. Als ich mich in Peru aufhielt, wurde ein Fall beobachtet, +der mit diesen Erscheinungen zusammenhaengt und der schon oefters +vorgekommen war. Nach starken Erdstoessen wurde das Gras af den Savanen von +Tucuman ungesund; es brach eine Viehseuche aus und viele Stuecke scheinen +durch die boesen Duenste, die der Boden ausstiess, betaeubt oder erstickt +worden zu seyn. + +In Cumana spuerte man eine halbe Stunde vor der grossen Katastrophe am +14. Dezember 1797 am Klosterberg von San Francisco einen starken +Schwefelgeruch. Am selben Orte war das unterirdische Getoese, das von +Suedost nach Suedwest fortzurollen schien, am staerksten. Zugleich sah man am +Ufer des Manzanares, beim Hospiz der Kapuziner und im Meerbusen von +Cariaco bei Mariguitar Flammen aus dem Boden schlagen. Wir werden in der +Folge sehen, dass letztere in nicht vulkanischen Laendern so auffallende +Erscheinung in den aus Alpenkalk bestehenden Gebirgen bei Cumanacao, im +Thale des Rio Bordones, auf der Insel Margarita und mitten in dn Savanen +oder *LLanos* von Neu-Andalusien ziemlich haeufig ist. In diesen Savanen +steigen Feuergarben zu bedeutender Hoehe auf; man kann sie Stunden lang an +den duerrsten Orten beobachten, und man versichert, wenn man den Boden, dem +der brennbare Stoff entstroemt, untersuche, sey keinerlei Spale darin zu +bemerken. Dieses Feuer, das an die Wasserstoffquellen oder *Salse* in +Modena und an die Irrlichter unserer Suempfe erinnert, zuendet das Gras +nicht an, wahrscheinlich weil die Saeule des sich entbindenden Gases mit +Stickstoff und Kohlensaeure vermengt ist und nicht bis zum Boden herab +brennt. Das Volk, da uebrigens hier zu Land nicht so aberglaeubisch ist als +in Spanien, nennt diese roethlichen Flammen seltsamerweise "die Seele des +Tyrannen Aguirre;" Lopez d'Aguirre soll naemlich, von Gewisensbissen +gefoltert, in dem Lande umgehen, das er mit seinen Verbrechen +befleckt.(40) + +Durch das grosse Erdbeben von 1797 ist die Untiefe an der Muendung des Rio +Bordones in ihrem Umriss veraendert worden. Aehnliche Hebungen sind bei der +voelligen Zerstoerung Cumanas im Jahr 1766 bobachtet worden. Die Punta +Delgada an der Westkueste des Meerbusens von Cariaco wurde damals bedeutend +groesser, und im Rio Guarapiche beim Dorfe Maturin entstand eine Klippe, +wobei ohne Zweifel der Boden des Flusses durch elastische Fluessigkeiten +zerrissen und emporgehoben wurde. + +Wir verfolgen die lokalen Veraenderungen, welche die verschiedenen Erdbeben +in Cumana hervorgebracht, nicht weiter. Dem Plane dieses Werkes +entsprechend suchen wir vielmehr die Ideen unter allgemeine Gesichtspunkte +zu bringen und alles, was mit diesen schrecklichen und zugleich so schwer +zu erklaerenden Vorgaengen zusammenhaengt, in Einen Rahmen zusammenzufassen. +Wenn Naturforscher, welche die Schweizer Alpen oder die Kuesten Lapplands +besuchen, unsere Kenntniss von den Gletschern und dem Nordlicht erweitern, +so laesst sich von Einem, der das spanische Amerika bereist hat, erwarten, +dass er sein Hauptaugenmerk auf Vulkane und Erdbeben gerichtet haben werde. +Jeder Strich des Erdballs liefert der Forschung eigenthuemliche Stoffe, und +wenn wi nicht hoffen duerfen, die Ursachen der Naturerscheinungen zu +ergruenden, so muessen wir wenigstens versuchen, die Gesetze derselben +kennen zu lernen und durch Vergleichung zahlreicher Thatsachen das +Gemeinsame und immer Wiederkehrende vom Veraenderlichen und Zufaelligen zu +unterscheiden. + +Die grossen Erdbeben, die nach einer langen Reihe kleiner Stoesse eintreten, +scheinen in Cumana nichts Periodisches zu haben. Man hat sie nach achtzig, +nach hundert und manchmal nach nicht dreissig Jahren sich wiederholen +sehen, waehrend an der Kueste von Peru, z. B. in Lima, die Epochen, die +jedesmal durch die gaenzliche Zerstoerung der Stadt bezeichnet werden, +unverkennbar mit einer gewissen Regelmaessigkeit eintreten. Dass die +Einwohner selbst an einen solchen Typus glauben, ist auch vom besten +Einfluss auf die oeffentliche Ruhe und die Erhaltung des Gewerbefleisses. Man +nimmt allgemein an, dass es ziemlich lange Zeit braucht, bis dieselben +Ursachen wieder mit derselben Gewalt wirken koennen; aber dieser Schluss ist +nur dann richtig, wenn man die Erdstoesse als lokale Erscheinungen auffasst, +wenn man unter jedem Punkt des Erdballes, der grossen Erschuetterungen +ausgesetzt ist, einen besonderen Herd annimmt. Ueberall, wo sich neue +Gebaeude auf den Truemmern der alten erhoben, hoert man Leute, die nicht +bauen wollen, aeussern, auf die Zerstoerung Lissabons am ersten November 1755 +sey bald eine zweite, gleich schreckliche gefolgt, am 31. Maerz 1761. + +Nach einer uralten, auch in Cumana, Acapulco und Lima sehr verbreiteten +Meinung [_Ariostoteles, Meteorologica, Lib. II. Seneca, Quaest. natur., +Lib. VI, c. 12._] stehen die Erdbeben und der Zustand der Luft vor dem +Eintreten derselben sichtbar in Zusammenhang. An der Kueste von +Neu-Andalusien wird man aengstlioch, wenn bei grosser Hitze und nach langer +Trockenheit der Seewind auf einmal aufhoert und der im Zenith reine +wolkenlose Himmel sich bis zu sechs, acht Grad ueber dem Horizont mit einem +roethlichen Duft ueberzieht. Diese Vorzeichen sind indessen sehr unsicher +und wenn man sich nachher alle Vorgaenge im Luftkreis zur Zeit der +staerksten Erschuetterungen vergegenwaertigt, so zeigt sich, dass heftige +Stoesse so gut bei feuchtem als bei trockenem Wetter, so gut bei starkem +Wind als bei drueckend schwueler stiller Luft eintreten koennen. Nach den +vielen Erdbeben, die ich noerdlich vom Aequator, auf dem Festland und in +Meeresbecken, an der Kueste und in 4870 m Hoehe erlebt, will es mir +scheinen, als ob die Schwingungen des Bodens und der vorgehende Zustand +der Luft im allgemeinen nicht viel miteinander zu tun haetten. Dieser +Ansicht sind auch viele gebildete Maenner in den spanischen Kolonien, deren +Erfahrung sich, wo nicht auf ein groesseres Stueck der Erdoberflaeche, so doch +auf eine laengere Reihe von Jahren erstreckt. In europaeischen Laendern +dagegen, wo Erdbeben im Verhaeltniss zu Amerika selten vorkommen, sind sie +Physiker geneigt, die Schwingungen des Bodens und irgend ein Meteor, das +zufaellig zur selben Zeit erscheint, in nahe Beziehung zu bringen. So +glaubt man in Italien an einen Zusammenhang zwischen dem Sirocco und +Erdbeben, und in London sah man das haeufige Vorkommen von Sternschnuppen +und jene Suedlichter, die seitdem von Dalton oefters beobachtet worden sind, +als die Vorlaeufer der Erdstoesse an, die man im Jahr 1748 bis zum Jahr 1756 +spuerte. + +An den Tagen, wo die Erde durch starke Stoesse erschuettert wird, zeigt sich +unter den Tropen keine Stoerung in der regelmaessigen stuendlichen Schwankung +des Barometers. Ich habe mich in Cumana, Lima und Riobamba hievon +ueberzeugt; auf diesen Umstand sind die Physiker umso mehr aufmerksam zu +machen, als man auf St. Domingo in der Stadt Cap Francais unmittelbar vor +dem Erdbeben von 1770 den Wasserbarometer um 21/2 Zoll will haben fallen +sehen [Dieses Fallen entspricht nur zwei Linien Quecksilber.]. So erzaehlt +man auch bei der Zerstoerung von Oran habe sich ein Apotheker mit seiner +Familie gerettet, weil er wenige Minuten vor der Katastrophe zufaellig auf +seinen Barometer gesehen und bemerkt habe, dass das Quecksilber auffallend +stark falle. Ich weiss nicht, ob dieser Behauptung Glauben zu schenken ist; +da es fast unmoeglich ist, waehrend der Stoesse selbst, die Schwankungen im +Luftdruck zu beobachten, so muss man sich begnuegen, auf den Barometer vor +oder nach dem Vorfall zu sehen. Im gemaessigten Erdstrich aeussern die +Nordlichter nicht immer Einfluss auf die Declination der Magnetnadel und +die Intensitaet der magnetischen Kraft; so wirken vielleicht die Erdbeben +nicht gleichmaessig auf die us umgebende Luft. + +Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, dass in weiter Ferne von den +Schluenden taetiger Vulkane der durch Erdstoesse geborstene und erschuetterte +Boden zuweilen Gase in die Luft ausstroemen laesst. Wie schon oben angefuehrt, +brachen in Cumana aus dem trockensten Boden Flammen und mit schweflichter +Saeure vermischte Daempfe hervor. An anderen Orten spie ebendaselbst der +Boden Wasser und Erdpech aus. In Riobamba bricht eine brennbare +Schlammasse, *Moya* genannt, aus Spalten, die sich wieder schliessen, und +tuermt sich zu ansehnlichen Huegeln auf. Sieben Meilen [31 km] von Lissabon, +bei Colares, sah man waehrend des furchtbaren Erdbebens vom 1. November +1755 Flammen und eine dicke Rauchsaeule aus der Felswand bei Alvidras und +nach einigen Augenzeugen aus dem Meere selbst hervorbrechen. Der Rauch +dauerte mehrere Tage und wurde desto staerker, je lauter das unterirdische +Getoese war, das die Stoesse begleitete. + +In die Atmosphaere ausstroemende elastische Fluessigkeiten koennen lokal auf +den Barometer wirken, freilich nicht durch ihre Masse, die im Verhaeltnis +zur ganzen Luftmasse sehr unbedeutend ist, sondern weil sich, sobald ein +grosser Ausbruch erfolgt, wahrscheinlich ein aufsteigender Strom bildet, +der den Luftdruck vermindert. Ich bin geneigt, anuzunehmen, dass bei den +meisten Erdbeben der erschuetterte Boden nichts von sich gibt, und dass, +wenn wirklich Gase und Daempfe ausstroemen, diess weit nicht so oft vor den +Stoessen, als waehrend derselben und hernach stattfindet. Aus diesem +letzteren Umstand erklaert sich eine Erscheinung, die schwerlich +abzulaeugnen ist, ich meine den raethselhaften Einfluss, den die Erdbeben im +tropischen Amerika auf das Klima und den Eintritt der nassen und der +trockenen Jahreszeit aeussern. Wenn die Erde erst im Moment der +Erschuetterung selbst eine Veraenderung in der Luft hervorbringt, so sieht +man ein, warum so selten ein auffallender meteorologischer Vorgang als +Vorbote dieser grossen Umwaelzungen in der Natur erscheint. + +Fuer die Annahme, dass bei den Erdbeben in Cumana elastische Fluessigkeiten +durch die Erdoberflaeche zu entweichen suchen, scheint das furchtbare +Getoese zu sprechen, das man waehrend der Erdstoesse auf der Ebene der +*Charas* am Rande der Brunnen vernimmt. Zuweilen werden Wasser und Sand +ueber 6,5 m hoch emporgeschleudert. Aehnliche Erscheinungen entgingen schon +dem Scharfsinn der Alten nicht, die in den Laendern Griechenlands und +Kleinasiens wohnten, wo es sehr viele Hoehlen, Erdspalten und unterirdische +Stroeme gibt. Das gleichfoermige Walten der Natur erzeugt allerorten +dieselben Vorstellungen ueber die Ursachen der Erdbeben und ueber die +Mittel, durch welche der Mensch, der so leicht das Mass seiner Kraefte +vergisst, die Wirkungen der Ausbrueche aus der Tiefe mildern zu koennen +meint. Was ein grosser roemischer Naturforscher vom Nutzen der Brunnen und +Hoehlen sagt,(41) wiederholen in der Neuen Welt die unwissendsten Indianer +in Quito, wenn sie den Reisenden die *Guaicos* oder Hoehlen am Pichincha +zeigen. + +Das unterirdische Getoese, das bei Erdbeben so haeufig vorkommt, ist meist +ausser Verhaeltniss mit der Kraft der Erdstoesse. In Cumana geht es denselben +immer zuvor, waehrend man in Quito und neuerdings in Caracas und auf den +Antillen, nachdem die Stoesse laengst aufgehoert haben, einen Donner wie vom +Feuer einer Batterie gehoert hat. Eine dritte Classe dieser Erscheinungen, +und die merkwuerdigste von allen ist das Monate lang fortwaehrende +unterirdische Donnerrollen, ohne dass dabei die geringste Wellenbewegung +des Bodens zu spueren waere. + +In allen den Erdbeben ausgesetzten Laendern sieht man als die Veranlassung +und den Herd der Erdstoesse den Punkt an, wo, wahrscheinlich in Folge einer +eigenthuemlichen Anordnung der Gesteinschichten, die Wirkungen am +auffallendsten sind. So glaubt man in Cumana, der Schlossberg von San +Antonio besonders aber der Huegel, auf dem das Kloster San Francisco liegt, +enthalten eine ungeheure Masse Schwefel und andere brennbare Stoffe. Man +vergisst, dass die Geschwindigkeit, mit der sich die Schwingungen auf grosse +Entfernung, sogar ueber das Becken des Oceans fortpflanzen, deutlich darauf +hinweist, dass der Mittelpunkt der Bewegung von der Erdoberflaeche sehr weit +entfernt ist. Ohne Zweifel aus demselben Grunde sind die Erdbeben nicht an +gewisse Gebirgsarten gebunden, wie manche Physiker behaupten, sondern alle +sind vielmehr gleich geeignet, die Bewegung fortzupflanzen. Um nicht den +Kreis meiner eigenen Erfahrung zu ueberschreiten, nenne ich nur die Granite +von Lima und Acapulco, den Gneis von Caracas, den Glimmerschiefer der +Halbinsel Araya, den Urgebirgsschiefer von Tepecuacuilco in Mexico, die +secundaeren Kalksteine des Apennins, Spaniens und Neu-Andalusiens, endlich +die Trapp-Porphyre der Provinzen Quito und Popayan. An allen diesen Orten +wird der Boden haeufig durch die heftigsten Stoesse erschuettert; aber +zuweilen werden in derselben Gebirgsart die obenauf gelagerten Schichten +zu einem unueberwindlichen Hinderniss fuer die Fortpflanzung der Bewegung. So +sah man schon in den saechsischen Erzgruben die Bergleute wegen Bebungen, +die sie empfunden, erschrocken ausfahren, waehrend man an der Erdoberflaeche +nichts davon gespuert hatte. + +Wenn nun auch in den weitentlegensten Laendern die Urgebirge, die +secundaeren und die vulkanischen Gebirgsarten an den krampfhaften Zuckungen +des Erdballs in gleichem Masse theilnehmen nehmen, so laesst sich doch nicht +in Abrede ziehen, dass in einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich gewisse +Gebirgsarten die Fortpflanzung der Stoesse hemmen. In Cumana z. B. wurden +vor der grossen Katastrophe im Jahr 1797 die Erdbeben nur laengs der aus +Kalk bestehenden Suedkueste des Meerbusens von Cariaco bis zur Stadt dieses +Namens gespuert, waehrend auf der Halbinsel Araya und im Dorfe Maniquarez +der Boden an denselben Bewegungen keinen Theil nahm. Die Bewohner dieser +Nordkueste, die aus Glimmerschiefer besteht, bauten ihre Huetten auf +unerschuetterlichem Boden; ein 3000-4000 Toisen breiter Meerbusen lag +zwischen ihnen und einer durch die Erdbeben mit Truemmern bedeckten und +verwuesteten Ebene. Mit dieser auf die Erfahrung von Jahrhunderten gebauten +Sicherheit ist es vorbei: mit dem 14. December 1797 scheinen sich im +Innern der Erde neue Verbindungswege geoeffnet zu haben. Jetzt empfindet +man es in Araya nicht nur, wenn in Cumana der Boden bebt, das Vorgebirge +aus Glimmerschiefer ist seinerseits zum Mittelpunkt von Bewegungen +geworden. Bereits wird zuweilen im Dorfe Maniquarez der Boden stark +erschuettert, waehrend man an der Kueste von Cumana der tiefsten Ruhe +geniesst, und doch ist der Meerbusen von Cariaco nur 60-80 Faden tief. + +Man will beobachtet haben, dass auf dem Festlande wie auf den Inseln die +West- und Suedkuesten den Stoessen am meisten ausgesetzt seyen. Diese +Beobachtung sieht im Zusammenhang mit den Ideen hinsichtlich der Lage der +grossen Gebirgsketten und der Richtung ihrer steilsten Abhaenge, wie sie +sich schon lange in der Geologie geltend gemacht haben; das Vorhandenseyn +der Cordillere von Caracas und die Haeufigkeit der Erdbeben an den Ost- und +Nordkuesten von Terra Firma, im Meerbusen von Paria, in Carupano, Cariaco +und Cumana beweisen, wie wenig begruendet jene Ansicht ist. + +In Neu-Andalusien, wie in Chili und Peru, gehen die Erdstoesse den Kuesten +nach und nicht weit ins Innere des Landes hinein. Dieser Umstand weist, +wie wir bald sehen werden, darauf hin, dass die Ursachen der Erdbeben und +der vulkanischen Ausbrueche in engem Verbande stehen. Wuerde der Boden an +den Kuesten desshalb staerker erschuettert, weil diese die am tiefsten +gelegenen Punkte des Landes sind, warum waeren dann in den Savanen oder +Prairien, die kaum acht oder zehn Toisen ueber dem Meeresspiegel liegen, +die Stoesse nicht eben so oft und eben so stark zu fuehlen? + +Die Erdbeben in Cumana sind mit denen auf den kleinen Antillen verkettet, +und man hat sogar vermutet, sie koennten mit den vulkanischen Erscheinungen +in den Kordilleren der Anden in einigem Zusammenhang stehen. Am +11. Februar 1797 erlitt der Boden der Provinz Quito eine Umwaelzung, durch +die, trotz der sehr schwachen Bevoelkerung des Landes, gegen 40,000 +Eingeborene unter den Truemmern ihrer Haeuser begraben wurden, in Erdspalten +stuerzten oder in den ploetzlich neu gebildeten Seen ertranken. Zur selben +Zeit wurden die Bewohner der oestlichen Antillen durch Erdstoesse erschreckt, +die erst nach acht Monaten aufhoerten, als der Vulkan auf Guadeloupe +Bimssteine, Asche und Wolken von Schwefeldaempfen ausstiess. Auf diesen +Ausbruch vom 29. September, waehrenddessen man lange anhaltendes +unterirdisches Bruellen hoerte, folgte am 14. Dezember das grosse Erdbeben +von Cumana. Ein anderer Vulkan der Antillen, der auf St. Vincent, hat +seitdem ein neues Beispiel solcher Wechselbeziehungen geliefert. Er hatte +seit 1718 kein Feuer mehr gespieen, als er im Jahre 1812 wieder auswarf. +Die gaenzliche Zerstoerung der Stadt Caracas erfolgte 34 Tage vor diesem +Ausbruch, und starke Bodenschwingungen wurden sowohl auf den Inseln als an +den Kuesten von Terra Firma gespuert. + +Man hat laengst die Bemerkung gemacht, dass die Wirkungen grosser Erdbeben +sich ungleich weiter verbreiten als die Erscheinungen der taetigen Vulkane. +Beobachtet man in Italien die Umwaelzungen des Erdbodens, betrachtet man +die Reihe der Ausbrueche des Vesuv und des Aetna genau, so entdeckt man, so +nahe auch diese Berge beieinander liegen, kaum Spuren gleichzeitiger +Taetigkeit. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, dass bei den beiden +letzten Erdbeben von Lissabon(42) das Meer bis in die Neue Welt hinueber in +Aufregung geriet, z. B. bei der Insel Barbados, die ueber 5400 km von der +Kueste von Portugal liegt. + +Verschiedene Tatsachen weisen darauf hin, dass die Erdbeben und die +vulkanischen Ausbrueche(43) in engem ursaechlichen Zusammenhang stehen. In +Pasto hoerten wir, die schwarze dicke Rauchsaeule, die im Jahre 1797 seit +mehreren Monaten dem Vulkan in der Naehe dieser Stadt entstiegen war, sey +zur selben Stunde verschwunden, wo sechzig Meilen [270 km] gegen Sued die +Staedte Riobamba, Hambata und Tacunga durch einen ungeheuren Stoss ueber den +Haufen geworfen wurden. Setzt man sich im Inneren eines brennenden Kraters +neben die Huegel, die sich durch die Schlacken- und Aschenauswuerfe bilden, +so fuehlt man mehrere Sekunden vor jedem einzelnen Ausbruch die Bewegung +des Bodens. Wir haben dies im Jahre 1805 auf dem Vesuv beobachtet, waehrend +der Berg gluehende Schlacken auswarf: wir waren im Jahre 1802 Zeugen +diesselben Vorganges gewesen, als wir am Rande des ungeheuren Kraters des +Pichincha standen, aus dem uebrigens eben nur schweflig saure Daempfe +aufstiegen. + +Alles weist darauf hin, dass das eigentlich Wirksame bei den Erdbeben darin +besteht, dass elastische Fluessigkeiten einen Ausweg suchen, um sich in der +Luft zu verbreiten. An den Kuesten der Suedsee pflanzt sich diese Wirkung +oft fast augenblicklich sechshundert Meilen [2700 km] weit, von Chile bis +zum Meerbusen von Guayaquil fort, und zwar scheinen, was sehr merkwuerdig +ist, die Erdstoesse desto staerker zu seyn, je weiter ein Ort von den +thaetigen Vulkanen abliegt. Die mit Floetzen von sehr neuer Bildung +bedeckten Granitberge Calabriens, die aus Kalk bestehende Kette des +Apennins, die Grafschaft Perigord, die Kuesten von Spanien und Portugal, +die von Peru und Terra Firma liefern deutliche Belege fuer diese +Behauptung. Es ist als wuerde die Erde desto staerker erschuettert, je +weniger die Bodenflaeche Oeffnungen hat, die mit den Hoehlungen im Innern in +Verbindung stehen. In Neapel und Messina, am Fuss des Cotopaxi und des +Tunguragua fuerchtet man die Erdbeben nur, so lange nicht Rauch und Feuer +aus der Muendung der Vulkane bricht. Ja im Koenigreich Quito brachte die +grosse Katastrophe von Riobamba, von der oben die Rede war, mehrere +unterrichtete Maenner auf den Gedanken, dass das unglueckliche Land wohl +nicht so oft verwuestet wuerde, wenn das unterirdische Feuer den Porphyrdom +des Chimborazo durchbrechen koennte und dieser kolossale Berg sich wieder +in einen thaetigen Vulkan verwandelte. Zu allen Zeiten haben analoge +Thatsachen zu denselben Hypothesen gefuehrt. Die Griechen, die, wie wir, +die Schwingungen des Bodens der Spannung elastischer Fluessigkeiten +zuschrieben, fuehrten zur Bekraeftigung ihrer Ansicht an, dass die Erdbeben +auf der Insel Euboea gaenzlich aufgehoert haben, seit sich aus der Ebene von +Lelante eine Erdspalte gebildet. + +Wir haben versucht, am Schluss dieses Kapitels die allgemeinen +Erscheinungen zusammenzustellen, welche die Erdbeben unter verschiedenen +Himmelsstrichen begleiten. Wir haben gezeigt, dass die unterirdischen +Meteore so festen Gesetzen unterliegen, wie die Mischung der Gase, die +unsern Luftkreis bilden. Wir haben uns aller Betrachtungen ueber das Wesen +der chemischen Agentien enthalten, die als Ursachen der grossen Umwaelzungen +erscheinen, welche die Erdoberflaeche von Zeit zu Zeit erleidet. Es sey +hier nur daran erinnert, dass diese Ursachen in ungeheuren Tiefen liegen, +und dass man sie in den Erdbildungen zu suchen hat, die wir Urgebirge +nennen, wohl gar unter der erdigen, oxydierten Kruste, in Tiefen, wo die +halbmetallischen Grundlagen der Kieselerde, der Kalkerde, der Soda und der +Pottasche gelagert sind. + +Man hat in neuester Zeit den Versuch gemacht, die Erscheinungen der +Vulkane und Erdbeben als Wirkungen des Galvanismus aufzufassen, der sich +bei eigenthuemlicher Anordnung ungleichartiger Erdschichten entwickeln +soll. Es laesst sich nicht laeugnen, dass haeufig, wenn im Verlauf einiger +Stunden starke Erdstoesse auf einander folgen, die elektrische Spannung der +Luft im Augenblick, wo der Boden am staerksten erschuettert wird, merkbar +zunimmt; um aber diese Erscheinung zu erklaeren, braucht man seine Zuflucht +nicht zu einer Hypothese zu nehmen, die in geradem Widerspruch steht mit +allem, was bis jetzt ueber den Bau unseres Planeten und die Anordnung +seiner Erdschichten beobachtet worden ist. + + ------------------ + + + + + +_ 37 Inga spuria_. Die weissen Staubfaeden, 60 bis 70 an der Zahl, sitzen + an einer gruenlichen Blumenkrone, haben Seidenglanz und an der Spitze + einen gelben Staubbeutel. Die Bluethe der Guama ist 18 Linien [4 cm] + lang. Dieser schoene Baum, der am liebsten an feuchten Orten waechst, + wird zwischen 8 und 10 Toisen [15,5 und 19,5 m] hoch. + + 38 Diese Eintheilung schreibt sich schon aus der Zeit des Posidonius + her. Es ist die _succusio_ und die _inclinatio_ des Seneca + (_Quaestiones naturales. Lib. VI. c. 21_). Aber schon der Scharfsinn + der Alten machte die Bemerkung, dass die Art und Weise der Erdstoesse + viel zu veraenderlich ist, als dass man sie unter solche vermeintliche + Gesetze bringen koennte. (Plato bei Plutarch _de placit. Philos. + L. III. c. 15._) + + 39 Die blauen Berge in Neuholland, die Berge von Carmathen und + Landsdown, sind bei hellem Wetter auf 50 Meilen nicht mehr sichtbar. + Nimmt man den Hoehenwinkel zu einem halben Grad an, so haetten diese + Berge etwa 620 Toisen absoluter Hoehe. + + 40 Wenn das Volk in Cumana und auf der Insel Margarita von _el tirano_ + spricht, so ist immer der schaendliche Lopez d'Aguirre gemeint, der + im Jahr 1560 sich am Aufstand Fernandos de Guzman gegen den + Statthalter von Omegua und Dorado, Pedro de Ursua, betheiligtwe, und + sich nachher selbst _traidor_, Verraether, nannte. + + 41 Plinius: _In puteis est remedium, quale et crebi specus praebent: + conceptum enim spiritum exhalant, quod in certis notatur oppidis, + quae minus quatiuntur, crebis ad eluviem cuniculus cavata (Plin. + L. II. c. 82)._ Noch gegenwaertig glaubt man in der Hauptstadt von + St. Domingo, dass die Brunnen die Kraft der Erdstoesse schwaechen. Ich + bemerke bei dieser Gelegenheit, dass die Erklaerung, die Seneca von + den Erdbeben gibt (_Natur. Quaest. Lib. VI. c. 4_ bis _31_), den + Keim alles dessen enthaelt, was in unserer Zeit ueber die Wirkung + elastischer, im Inneren des Erdballes eingeschlossener Daempfe gesagt + worden ist. + + 42 Am 1. November 1755 und 31. Maerz 1761. Beim ersteren Erdbeben + ueberschwemmte das Meer in Europa die Kuesten von Schweden, England + und Spanien, in Amerika die Inseln Antiqua, Barbados und Martinique. + Auf Barbados, wo die Flut gewoehnlich nur 24-28 Zoll [640 bis 746 mm] + hoch steigt, stieg das Wasser in der Bucht von Carlisle zwanzig Fuss + [6,5 m] hoch. Es wurde zugleich "tintenschwarz", ohne Zweifel, weil + sich der Asphalt, der im Meerbusen von Cariaco, wie bei der Insel + Trinidad, auf dem Meeresboden haeufig vorkommt, mit dem Wasser + vermengt hatte. Auf den Antillen und auf mehreren Schweizer Seen + wurde eine auffallende Bewegung des Wassers sechs Stunden vor dem + ersten Stoss, den man in Lissabon spuerte, beobachtet. In Cadiz sah + man auf acht Meilen [36 km] weit aus der offenen See einen sechzig + Fuss [20 m] hohen Wasserberg anruecken; er stuerzte sich auf die Kueste + und zerstoerte eine Menge Gebaeude, aehnlich wie die achtzig Fuss [56 m] + hohe Flutwelle, die am 9. Juni 1586 beim Erdbeben von Lima den Hafen + von Callao ueberschwemmte. In Amerika hatte man auf dem Ontariosee + seit Oktober 1755 eine starke Aufregung des Wassers beobachtet. + Diese Erscheinungen weisen darauf hin, dass auf ungeheure Strecken + hin unterirdische Verbindungen bestehen. Bei der Zusammenstellung + der meist weit auseinanderliegenden Zeitpunkte, in denen Lima und + Guatemala voellig zerstoert wurden, glaubte man hin und wieder die + Bemerkung zu machen, als ob sich eine Wirkung langsam den + Kordilleren entlang geaeussert haette, bald von Nord nach Sued, bald von + Sued nach Nord. Ich gebe hier vier dieser auffallenden Zeitpunkte: + + +----------------------+---------------------+ + |Mexiko | Peru | + +----------------------+---------------------+ + |(Breite 13 deg. 32´ Nord) | (Breite 12 deg. 6´ Sued) | + +----------------------+---------------------+ + |30. Nov. 1577, | 17. Juni 1578, | + +----------------------+---------------------+ + |4. Maerz 1679, | 17. Juni 1678, | + +----------------------+---------------------+ + |12. Febr. 1689, | 10. Okt. 1688, | + +----------------------+---------------------+ + |27. Sept. 1717, | 8. Febr. 1716. | + +----------------------+---------------------+ + + Ich gestehe, wenn die Erdstoesse nicht gleichzeitig sind, oder doch + kurz nacheinander folgen, so erscheint die angebliche Fortpflanzung + der Bewegung sehr zweifelhaft. + + 43 Dieser ursaechliche Zusammenhang, den schon die Alten erkannten, + beschaeftigte die Geister nach der Entdeckung von Amerika wieder sehr + lebhaft. Diese Entdeckung vergnuegte nicht allein die Neugier der + Menschen durch neue Naturprodukte, sie erweiterte auch ihre + Vorstelluugen von der physischen Beschaffenheit der Laender, von den + Spielarten des Menschengeschlechts und von den Wanderungen der + Voelker. Man kann die Beschreibungen der aeltesten spanischen + Reisenden, namentlich die des Jesuiten Acosta, nicht lesen, ohne + jeden Augenblick freudig zu staunen, wie maechtig der Anblick eines + grossen Festlandes, die Betrachtung einer wundervollen Natur und die + Beruehrung mit Menschen von anderer Race auf die Geistesentwicklung + in Europa gewirkt haben. Der Keim sehr vieler physikalischer + Wahrheiten ist in den Schriften des sechzehnten Jahrhunderts + niedergelegt, und dieser Keim haette Fruechte getragen, waere er nicht + durch Fanatismus und Aberglauben erstickt worden. + + + + + +FUeNFTES KAPITEL + + + Die Halbinsel Araya -- Salzsuempfe -- Die Truemmer des Schlosses + Santiago + + +Die ersten Wochen unseres Aufenthaltes in Cumana verwendeten wir dazu, +unsere Instrumente zu berichtigen, in der Umgegend zu botanisieren und die +Spuren des Erdbebens vom 14. Dezember 1797 zu beobachten. Die +Mannigfaltigkeit der Gegenstaende, die uns zumal in Anspruch nahmen, liess +uns nur schwer den Weg zu geordneten Studien und Beobachtungen finden. +Wenn unsere ganze Umgebung den lebhaftesten Reiz fuer uns hatte, so machten +dagegen unsere Instrumente die Neugier der Einwohnerschaft rege. Wir +wurden sehr durch Besuche von der Arbeit abgezogen, und wollte man nicht +Leute vor den Kopf stossen, die so seelevergnuegt durch einen Dollond die +Sonnenflecken betrachteten oder auf galvanische Beruehrung einen Frosch +sich bewegen sahen, so musste man sich wohl herbeilassen, auf oft +verworrene Fragen Auskunft zu geben und stundenlang dieselben Versuche zu +wiederholen. + +So ging es uns fuenf ganze Jahre, so oft wir uns an einem Orte aufhielten, +wo man in Erfahrung gebracht hatte, dass wir Mikroskope, Fernrohre oder +elektromotorische Apparate besitzen. Dergleichen Auftritte wurden meist +desto angreifender, je verworrener die Begriffe waren, welche die Besucher +von Astronomie und Physik hatten, welche Wissenschaften in den spanischen +Colonien den sonderbaren Titel: "neue Philosophie," _nueva filosofia_ +fuehren. Die Halbgelehrten sahen mit einer gewissen Geringschaetzung auf uns +herab, wenn sie hoerten, dass sich unter unsern Buechern weder das _spectac1e +de la nature_ vom Abbe Pluche, noch der _cours de physique_ von Sigand la +Fond, noch das Woerterbuch von Valmont de Bomare befanden. Diese drei Werke +und der _traite d'economie politique_ von Baron Bielfeld sind die +bekanntesten und geachtetsten fremden Buecher im spanischen Amerika von +Caracas und Chili bis Guatimala und Nordmexico. Man gilt nur dann fuer +gelehrt, wenn man die Uebersetzungen derselben recht oft citiren kann, und +nur in den grossen Hauptstaedten, in Lima, Santa Fe de Bogota und Mexico, +fangen die Namen Haller, Cavendish und Lavoisier an jene zu verdraengen, +deren Ruf seit einem halben Jahrhundert populaer geworden ist. + +Die Neugierde, mit der die Menschen sich mit den Himmelserscheinungen und +verschiedenen naturwissenschaftlichen Gegenstaenden abgeben, aeussert sich +ganz anders bei altcivilisirten Voelkern als da, wo die Geistesentwicklung +noch geringe Fortschritte gemacht hat. In beiden Faellen finden sich in den +hoechsten Staenden viele Personen, die den Wissenschaften ferne stehen; aber +in den Colonien und bei jungen Voelkern ist die Wissbegier keineswegs muessig +und voruebergehend, sondern entspringt aus dem lebendigen Trieb, sich zu +belehren; sie aeussert sich so arglos und naiv, wie sie in Europa nur in +frueher Jugend auftritt. + +Erst am 28. Juli konnte ich eine ordentliche Reihe astronomischer +Beobachtungen beginnen, obgleich mir viel daran lag, die Laenge, wie sie +Louis Berthouds Chronometer angab, kennen zu lernen. Der Zufall wollte, +dass in einem Lande, wo der Himmel bestaendig rein und klar ist, mehrere +Naechte sternlos waren. Zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den +Meridian zog jeden Tag ein Gewitter aus und es wurde mir schwer +rorrespondirende Sonnenhoehen zu erhalten, obgleich ich in verschiedenen +Intervallen drei, vier Gruppen aufnahm. Die vom Chronometer angegebene +Laenge von Cumana differirte nur um 4 Secunden Zeit von der, welche ich +durch Himmelsbeobachtungen gefunden, und doch hatte unsere Ueberfahrt +einundvierzig Tage gewaehrt und bei der Besteigung des Pic von Teneriffa +war der Chronometer starken Temperaturwechseln ausgesetzt gewesen. + +Aus meinen Beobachtungen in den Jahren 1799 und 1800 ergibt sich als +Gesammtresultat, dass der grosse Platz von Cumana unter 10 deg. 27' 52" der +Breite und 66 deg. 30' 2" der Laenge liegt. Die Bestimmung der Laenge gruendet +sich auf den Uebertrag der Zeit, aus Monddistanzen, auf die +Sonnenfinsterniss vom 28. Oktober 1799 und aus zehn Immersionen der +Jupiterstrabanten, verglichen mit in Europa angestellten Beobachtungen. +Sie weicht nur um sehr weniges von der ab, die Fidalgo vor mir, aber durch +rein chronometrische Mittel gefunden. Unsere aelteste Karte des neuen +Continents, die von Diego Ribeiro, Geographen Kaiser Carls des Fuenften, +setzt Cumana unter 9 deg. 30' Breite, was um 58 Minuten von der wahren Breite +abweicht und einen halben Grad von der, die Jefferys in seinem im +Jahr 1794 herausgegebenen "Amerikanischen Steuermann" angibt. Dreihundert +Jahre lang zeichnete man die ganze Kueste von Paria zu weit suedlich, weil +in der Naehe der Insel Trinidad die Stroemungen nach Nord gehen und die +Schiffer nach der Angabe des Logs weiter gegen Sued zu seyn glauben, als +sie wirklich sind. + +Am 17. August machte ein Hof oder eine Lichtkrone um den Mond den +Einwohnern viel zu schaffen. Man betrachtete es als Vorboten eines starken +Erdstosses, denn nach der Volksphysik stehen alle ungewoehnlichen +Erscheinungen in unmittelbarem Zusammenhang. Die farbigen Kreise um den +Mond sind in den noerdlichen Laendern weit seltener als in der Provence, in +Italien und Spanien. Sie zeigen sich, und diess ist auffallend, bei reinem +Himmel, wenn das gute Wetter sehr bestaendig scheint. In der heissen Zone +sieht man fast jede Nacht schoene prismatische Farben, selbst bei der +groessten Trockenheit. Zuweilen habe ich zwischen dem 15. Grad der Breite +und dem Aequator sogar um die Venus kleine Hoefe gesehen; man konnte +Purpur, Orange und Violett unterscheiden; aber um Sirius, Canopus und +Achernar habe ich niemals Farben gesehen. + +Waehrend der Mondhof in Cumana zu sehen war, zeigte der Hygrometer grosse +Feuchtigkeit an; die Wasserduenste schienen aber so vollkommen aufgeloest, +oder vielmehr so elastisch und gleichfoermig verbreitet, dass sie der +Durchsichtigkeit der Luft keinen Eintrag thaten. Der Mond ging nach einem +Gewitterregen hinter dem Schlosse San Antonio auf. Wie er am Horizont +erschien, sah man zwei Kreise, einen grossen, weisslichen von 44 Grad +Durchmesser und einen kleinen, der in allen Farben des Regenbogens glaenzte +und 1 Grad 43 Minuten breit war. Der Himmelsraum zwischen beiden Kronen +war dunkelblau. Bei 40 Grad Hoehe verschwanden sie, ohne dass die +meteorologischen Instrumente die geringste Veraenderung in den niedern +Luftregionen anzeigten. Die Erscheinung hatte nichts Auffallendes ausser +der grossen Lebhaftigkeit der Farben, neben dem Umstand, dass nach Messungen +mit einem Ramsden?schen Sextanten die Mondscheibe nicht ganz in der Mitte +der Hoefe stand. Ohne die Messung haette man glauben koennen, diese +Excentricitaet ruehre von der Projection der Kreise auf die scheinbare +Concavitaet des Himmels her. Die Form der Hoefe und die Farben, welche in +der Luft unter den Tropen beim Mondlicht zu Tage kommen, verdienen es von +den Physikern von Neuem in den Kreis der Beobachtungen gezogen zu werden. +In Mexico habe ich bei vollkommen klarem Himmel breite Streifen in den +Farben des Regenbogens ueber das Himmelsgewoelbe und gegen die Mondscheibe +hin zusammenlaufen sehen; dieses merkwuerdige Meteor erinnert an das von +Cotes im Jahr 1716 beschriebene. + +Wenn unser Haus in Cumana fuer die Beobachtung des Himmels und der +meteorologischen Vorgaenge sehr guenstig gelegen war, so mussten wir dagegen +zuweilen bei Tage etwas ansehen, was uns empoerte. Der grosse Platz ist zum +Teil mit Bogengaengen umgeben, ueber denen eine lange hoelzerne Galerie +hinlaeuft, wie man sie in allen heissen Laendern sieht. Hier wurden die +Schwarzen verkauft, die von der afrikanischen Kueste herueberkommen. Unter +allen europaeischen Regierungen war die von Daenemark die erste und lange +die einzige, die den Sklavenhandel abgeschafft hat, und dennoch waren die +ersten Sklaven, die wir aufgestellt sahen, auf einem daenischen +Sklavenschiff gekommen. Der gemeine Eigennutz, der mit Menschenpflicht, +Nationalehre und den Gesetzen des Vaterlandes im Streite liegt, laesst sich +durch nichts in seinen Speculationen stoeren. + +Die zum Verkauf ausgesetzten Sklaven waren junge Leute von fuenfzehn bis +zwanzig Jahren. Man lieferte ihnen jeden Morgen Kokosoel, um sich den +Koerper damit einzureiben und die Haut glaenzend schwarz zu machen. Jeden +Augenblick erschienen Kaeufer und schaetzten nach der Beschaffenheit der +Zaehne Alter und Gesundheitszustand der Sklaven; sie rissen ihnen den Mund +auf, ganz wie es auf dem Pferdemarkt geschieht. Dieser entwuerdigende +Brauch schreibt sich aus Afrika her, wie die getreue Schilderung zeigt, +die Cervantes nach langer Gefangenschaft bei den Mauren in einem seiner +Theaterstuecke [_El trado de Argel._] vom Verkauf der Christensklaven in +Algier entwirft. Es ist ein empoerender Gedanke, dass es noch heutigen Tages +auf den Antillen spanische Ansiedler gibt, die ihre Sklaven mit dem +Glueheisen zeichnen, um sie wieder zu erkennen, wenn sie entlaufen. So +behandelt man Menschen, die anderen Menschen die Muehe des Saeens, Ackerns +und Erntens ersparen [_La Bruyere, Characteres cap. XI._]. + +Je tieferen Eindruck der erste Verkauf von Negern in Cumana auf uns +gemacht hatte, desto mehr wuenschten wir uns Glueck, dass wir uns bei einem +Volk und auf einem Continent befanden, wo ein solches Schauspiel sehr +selten vorkommt und die Zahl der Sklaven im Allgemeinen hoechst unbedeutend +ist. Dieselbe betrug im Jahr 1800 in den Provinzen Cumana und Barcelona +nicht ueber sechstausend, waehrend man zur selben Zeit die +Gesammtbevoelkerung auf hundert und zehntausend schaetzte. Der Handel mit +afrikanischen Sklaven, den die spanischen Gesetze niemals beguenstigt +haben, ist jetzt voellig bedeutungslos auf Kuesten, wo im sechzehnten +Jahrhundert der Handel mit amerikanischen Sklaven schauerlich lebhaft war. +Macarapan, frueher Amaracapana genannt, Cumana, Araya und besonders +Neu-Cadix, das auf dem Eiland Cubagua angelegt worden war, konnten damals +fuer Comptoirs gelten, die zur Betreibung des Sklavenhandels errichtet +waren. Girolamo Benzoni aus Mailand, der im Alter von zweiundzwanzig +Jahren nach Terra Firma gekommen war, machte im Jahr 1542 an den Kuesten +von Bordones, Cariaco und Paria Raubzuege mit, bei denen unglueckliche +Eingeborene weggeschleppt wurden. Er erzaehlt sehr naiv und oft mit einem +Gefuehlsausdruck, wie er bei den Geschichtschreibern jener Zeit selten +vorkommt, von den Grausamkeiten, die er mit angesehen. Er sah die Sklaven +nach Neu-Cadix bringen, wo sie mit dem Glueheisen auf Stirne und Armen +gezeichnet und den Beamten der Krone der Quint entrichtet wurde. Aus +diesem Hafen wurden sie nach Haiti oder St. Domingo geschickt, nachdem sie +mehrmals die Herren gewechselt, nicht weil sie verkauft wurden, sondern +weil die Soldaten mit Wuerfeln um sie spielten. + +Unser erster Ausflug galt der Halbinsel Araya und jenen ehemals durch +Sklavenhandel und die Perlenfischerei vielberufenen Landstrichen. Am +19. August gegen zwei Uhr nach Mitternacht schifften wir uns bei der +indischen Vorstadt auf dem Manzanares ein. Unser Hauptzweck bei dieser +kleinen Reise war, die Truemmer des alten Schlosses von Araya zu besehen, +die Salzwerke zu besuchen und auf den Bergen, welche die schmale Halbinsel +Maniquarez bilden, einige geologische Untersuchungen anzustellen. Die +Nacht war koestlich kuehl, Schwaerme leuchtender Insekten [_Elater +noctilucus._] glaenzten in der Luft, auf dem mit Sesuvium bedeckten Boden +und in den Mimosenbueschen am Fluss. Es ist bekannt, wie haeufig die +Leuchtwuermer in Italien und im ganzen mittaglichen Europa sind; aber ihr +malerischer Eindruck ist gar nicht zu vergleichen mit den zahllosen +zerstreuten, sich hin und her bewegenden Lichtpunkten, welche im heissen +Erdstrich der Schmuck der Naechte sind, wo einem ist, als ob das +Schauspiel, welches das Himmelsgewoelbe bietet, sich auf der Erde, auf der +ungeheuren Ebene der Grasfluren wiederholte. + +Als wir Fluss abwaerts an die Pflanzungen oder *Charas* kamen, sahen wir +Freudenfeuer, die Neger angezuendet hatten. Leichter, gekraeuselter Rauch +stieg zu den Gipfeln der Palmen auf und gab der Mondscheibe einen +roethlichen Schein. Es war Sonntag Nacht und die Sklaven tanzten zur +rauschenden, eintoenigen Musik einer Guitarre. Der Grundzug im Charakter +der afrikanischen Voelker von schwarzer Rasse ist ein unerschoepfliches Mass +von Beweglichkeit und Frohsinn. Nachdem er die Woche ueber hart gearbeitet, +tanzt und musicirt der Sklave am Feiertage dennoch lieber, als dass er +ausschlaeft. Hueten wir uns, ueber diese Sorglosigkeit, diesen Leichtsinn +hart zu urteilen, wird ja doch dadurch ein Leben voll Entbehrung und +Schmerz versuesst. + +Die Barke, in der wir ueber den Meerbusen von Cariaco fuhren, war sehr +geraeumig. Man hatte grosse Jaguarfelle ausgebreitet, damit wir bei Nacht +ruhen koennten. Noch waren wir nicht zwei Monate in der heissen Zone, und +bereits waren unsere Organe so empfindlich fuer den kleinsten +Temperaturwechsel, dass wir vor Frost nicht schlafen konnten. Zu unserer +Verwunderung sahen wir, dass der hunderttheilige Thermometer auf 21 deg.,8 +stand. Dieser Umstand, der allen, die lange in beiden Indien gelebt haben, +wohl bekannt ist, verdient von den Physiologen beachtet zu werden. Boucher +erzaehlt, auf dem Gipfel der _Montagne Pelee_ auf Martiniques [der Berg ist +nach verschiedenen Angaben zwischen 666 und 736 Toisen hoch] haben er und +seine Begleiter vor Frost gebebt, obgleich die Waerme noch 21 1/2 Grad +betrug. In der anziehenden Reisebeschreibung des Capitaen Bligh, der in +Folge einer Meuterei an Bord des Schiffes Bounty zwoelfhundert Meilen in +einer offenen Schaluppe zuruecklegen musste, liest man, dass er zwischen dem +zehnten und zwoelften Grad suedlicher Breite weit mehr vom Frost als vom +Hunger gelitten.(44) Im Januar 1803, bei unserem Aufenthalt in Guayaquil, +sahen wir die Eingeborenen sich ueber Kaelte beklagen und sich zudecken, +wenn der Thermometer auf 23 deg.,8 fiel, waehrend sie bei 30 deg.,5 die Hitze +erstickend fanden. Es brauchte nicht mehr als sieben bis acht Grad, um die +entgegengesetzten Empfindungen von Frost und Hitze zu erzeugen, weil an +diesen Kuesten der Suedsee die gewoehnliche Lufttemperatur 28 deg. betraegt. Die +Feuchtigkeit, mit der sich die Leitungsfaehigkeit der Lust fuer den +Waermestoff aendert, spielt bei diesen Empfindungen eine grosse Rolle. Im +Hafen von Guayaquil, wie ueberall in der heissen Zone auf tief gelegenem +Boden, kuehlt sich die Lust nur durch Gewitterregen ab, und ich habe +beobachtet, dass, waehrend der Thermometer auf 23 deg.,8 faellt, der Deluc'sche +Hygrometer auf 50-52 Grad stehen bleibt; dagegen steht er auf 37 bei einer +Temperatur von 30 deg.,5. In Cumana hoert man bei starken Regenguessen in den +Strassen schreien: _"Que hielo! Estoy emparamado!"_(45) und doch faellt der +dem Regen ausgesetzte Thermometer nur auf 21 deg.,5. Aus allen diesen +Beobachtungen geht hervor, dass man zwischen den Wendekreisen auf Ebenen, +wo die Lufttemperatur bei Tag fast bestaendig ueber 27 deg. ist, bei Nacht das +Beduerfniss fuehlt, sich zuzudecken, so oft bei feuchter Luft der Thermometer +um 4-51/2 Grad faellt. + +Gegen acht Uhr Morgens stiegen wir an der Landspitze von Araya bei der +"Neuen Saline" ans Land. Ein einzelnes Haus steht auf einer kahlen Ebene +neben einer Batterie von drei Kanonen, auf die sich seit Zerstoerung des +Forts St. Jakob die Verteidigung dieser Kueste beschraenkt. Der +Salineninspektor bringt sein Leben in einer Haengematte zu, in der er den +Arbeitern seine Befehle erteilt, und eine _Lancha del rey_ (koenigliche +Barke) fuehrt ihm jede Woche von Cumana seine Lebensmittel zu. Man wundert +sich, dass bei einem Salzwert, das frueher bei den Englaendern, Hollaendern +und anderen Seemaechten Eifersucht erregte, kein Dorf oder auch nur ein Hof +liegt. Kaum findet man am Ende der Landspitze von Araya ein paar armselige +indianische Fischerhuetten. + +Man uebersieht von hier aus zugleich das Eiland Cubagua, die hohen +Berggipfel von Margarita, die Truemmer des Schlosses St. Jakob, den Cerro +de la Vela und das Kalkgebirge des Brigantin, das gegen Sueden den Horizont +begrenzt. Wie reich die Halbinsel Araya an Kochsalz ist, wurde schon +Alonso Nino bekannt, als er im Jahr 1499 in Colombo's, Djeda's und Amerigo +Vespucci's Fussstapfen diese Laender besuchte. Obgleich die Eingeborenen +Amerikas unter allen Voelkern des Erdballes am wenigsten Salz verbrauchen, +weil sie fast allein von Pflanzenkost leben, scheinen doch bereits die +Guaykari im Ton- und Salzboden der *Punta Arenas* gegraben zu haben. +Selbst die jetzt die *neuen* genannten Salzwerke, am Ende des Vorgebirgs +Araya, waren schon in der fruehsten Zeit in Gang. Die Spanier, die sich +zuerst auf Cubagua und bald nachher auf der Kueste von Cumana +niedergelassen hatten, beuteten schon zu Anfang des sechzehnten +Jahrhunderts die Salzsuempfe aus, die sich als Lagunen nordwestlich vom +Cerro de la Vela hinziehen. Da das Vorgebirge Araya damals keine staendige +Bevoelkerung hatte, machten sich die Hollaender den natuerlichen Reichtum des +Bodens zunutze, den sie fuer ein Gemeingut aller Nationen ansahen. +Heutzutage hat jede Kolonie ihre eigenen Salzwerke und die +Schiffahrtskunst ist so weit fortgeschritten, dass die Cadizer Handelsleute +mit geringen Kosten spanisches und portugiesisches Salz 1900 Meilen +[8500 km] weit in die oestliche Halbkugel senden koennen, um Montevideo und +Buenos Aires mit ihrem Bedarf fuer das Einsalzen zu versorgen. Solche +Vortheile waren zur Zeit der Eroberung unbekannt; die Industrie in den +Colonien war damals noch so weit zurueck, dass das Salz von Araya mit +grossen Kosten nach den Antillen, nach Carthagena und Portobelo verschifft +wurde. Im Jahr 1605 schickte der Madrider Hof bewaffnete Fahrzeuge nach +Punta Araya, mit dem Befehl, daselbst auf Station zu liegen und die +Hollaender mit Gewalt zu vertreiben. Diese fuhren nichts desto weniger fort +heimlich Salz zu holen, bis man im Jahr 1622 bei den Salzwerken ein Fort +errichtete, das unter dem Namen _Castillo de Santiago_ oder _Real Fuerza +de Araya_ beruehmt geworden ist. + +Die grossen Salzsuempfe sind auf den aeltesten spanischen Karten bald als +Bucht, bald als Lagune angegeben. Laet, der seinen _Orbis novus_ im Jahr +1633 schrieb und sehr gute Nachrichten von diesen Kuesten hatte, sagt sogar +ausdruecklich, die Lagune sey von der See durch eine ueber der Fluthhoehe +gelegene Landenge getrennt gewesen. Im Jahr 1726 zerstoerte ein +ausserordentliches Ereigniss die Saline von Araya und machte das Fort, das +ueber eine Million harter Piaster gekostet hatte, unnuetz. Man spuerte einen +heftigen Windstoss, eine grosse Seltenheit in diesen Strichen, wo die See +meist nicht unruhiger ist als das Wasser unserer Fluesse; die Fluth drang +weit ins Land hinein und durch den Einbruch des Meeres wurde der Salzsee +in einen mehrere Meilen langen Meerbusen verwandelt. Seitdem hat man +noerdlich von der Huegelkette, welche das Schloss von der Nordkueste der +Halbinsel trennt, kuenstliche Behaelter oder Kasten angelegt. Der +Salzverbrauch war in den Jahren 1799 und 1800 in den beiden Provinzen +Cumana und Barcelona zwischen neun und zehn tausend Fanegas, jede zu +sechzehn Arrobas oder vier Centnern. Dieser Verbrauch ist sehr +betraechtlich, und es ergeben sich dabei, wenn man 50,000 Indianer +abrechnet, die nur sehr wenig Salz verzehren, sechzig Pfund auf den Kopf. +In Frankreich rechnet man, nach Necker, nur zwoelf bis vierzehn Pfund, und +der Unterschied ruehrt daher, dass man so viel Salz zum Einsalzen braucht. +Das gesalzene Ochsenfleisch, *Tasajo* genannt, ist im Handel von Barcelona +der vornehmste Ausfuhrartikel. Von neun bis zehn tausend Fanegas Salz, +welche die beiden Provinzen zusammen liefern, kommen nur dreitausend vom +Salzwerk von Araya; das uebrige wird bei Morro de Barcelona, Pozuelos, +Piritu und im *Golfo triste* aus Meerwasser gewonnen. In Mexico liefert +der einzige Salzsee *Pennon Blanco* jaehrlich ueber 250,000 Fanegas unreines +Salz. + +Die Provinz Caracas hat schoene Salzwerke bei den Klippen los Noquez; das +frueher aus der kleinen Insel Tortuga gelegene ist auf Befehl der +spanischen Regierung zerstoert worden. Man grub einen Kanal, durch den das +Meer zu den Salzsuempfen dringen konnte. Andere Nationen, die auf den +kleinen Antillen Colonien haben, besuchten diese unbewohnte Insel, und der +Madrider Hof fuerchtete in seiner argwoehnischen Politik, das Salzwerk von +Tortuga moechte Veranlassung zu einer festen Niederlassung werden, wodurch +dem Schleichhandel mit Terra Firma Vorschub geleistet wuerde. Die Salzwerke +von Araya werden erst seit dem Jahr 1792 von der Regierung selbst +betrieben. Bis dahin waren sie in den Haenden indianischer Fischer, die +nach Belieben Salz bereiteten und verkauften, wofuer sie der Regierung nur +die maessige Summe von 300 Piastern bezahlten. Der Preis der Fanega war +damals vier Realen; [In dieser Reisebeschreibung sind alle Preise in +harten Piastern und Silberrealen, _reales de plata_ ausgedrueckt. Acht +Realen gehen auf einen harten Piaster oder 105 Sous franzoesischen Geldes.] +aber das Salz war sehr unrein, grau, und enthielt sehr viel salzsaure und +schwefelsaure Bittererde. Da zudem die Ausbeutung von Seiten der Arbeiter +aeusserst unregelmaessig betrieben wurde, so fehlte es oft an Salz zum +Einsalzen des Fleisches und der Fische, das in diesen Laendern fuer den +Fortschritt des Gewerbfleisses von grossem Belang ist, da das indianische +niedere Volk und die Sklaven von Fischen und etwas *Tasajo* leben. Seit +die Provinz Cumana unter der Intendauz von Caracas steht, besteht die +Salzregie, und die Fanega, welche die Guayqueries fuer einen halben Piaster +verkauften, kostet anderthalb Piaster. Fuer diese Preiserhoehung leistet nur +geringen Ersatz, dass das Salz reiner ist und dass die Fischer und +Colonisten es das ganze Jahr im Ueberfluss beziehen koennen. Die +Salinenverwaltung von Araya brachte im Jahr 1799 dem Schatze 8000 Piaster +jaehrlich ein. Aus diesen statistischen Notizen geht hervor, dass die +Salzbereitung in Araya, als Industriezweig betrachtet, von keinem grossen +Belang ist. + +Der Thon, aus dem zu Araya das Salz gewonnen wird, kommt mit dem +*Salzthon* ueberein, der in Berchtesgaden und in Suedamerika in Zipaquira +mit dem Steinsalz vorkommt. Das salzsaure Natron ist in diesem Thon nicht +in sichtbaren Theilchen eingesprengt, aber sein Vorhandenseyn laesst sich +leicht bemerklich machen. Wenn man die Masse mit Regenwasser netzt und der +Sonne aussetzt, schiesst das Salz in grossen Krystallen an. Die Lagune +westlich vom Schloss Santiago zeigt alle Erscheinungen, wie sie von +Lepechin, Gmelin und Pallas in den sibirischen Salzseen beobachtet worden +sind. Sie nimmt uebrigens nur das Regenwasser auf, das durch die +Thonschichten durchsickert und sich am tiefsten Punkte der Halbinsel +sammelt. So lange die Lagune den Spaniern und Hollaendern als Salzwerk +diente, stand sie mit der See in keiner Verbindung; neuerdings hat man nun +diese Verbindung wieder aufgehoben, indem man an der Stelle, wo das Meer +im Jahr 1726 eingebrochen war, einen Faschinendamm anlegte. Nach grosser +Trockenheit werden noch jetzt vom Boden der Lagune drei bis vier Kubikfuss +grosse Klumpen krystallisirten, sehr reinen salzsauren Natrons +heraufgefoerdert. Das der brennenden Sonne ausgesetzte Salzwasser des Sees +verdunstet an der Oberflaeche; in der gesaettigten Loesung bilden sich +Salzkrusten, sinken zu Boden, und da Kristalle von derselben +Zusammensetzung und der gleichen Gestalt einander anziehen, so wachsen die +kristallinischen Massen von Tag zu Tag an. Man beobachtet im Allgemeinen, +dass das Wasser ueberall, wo sich Lachen im Thonboden gebildet haben, +salzhaltig ist. Im neuen Salzwerk bei den Batterien von Araya leitet man +allerdings das Meerwasser in die Kasten, wie in den Salzsuempfen im +mittaeglichen Frankreich; aber auf der Insel Margarita bei Pampadar wird +das Salz nur dadurch bereitet, dass man suesses Wasser den salzhaltigen Thon +auslaugen laesst. + +Das Salz, das in Thonbildungen enthalten ist, darf nicht verwechselt +werden mit dem Salz, das im Sand am Meeresufer vorkommt, und das an den +Kuesten der Normandie ausgebeutet wird. Diese beiden Erscheinungen haben, +aus geologischen Gesichtspunkt betrachtet, so gut wie nichts mit einander +gemein. Ich habe salzhaltigen Thon am Meeresspiegel, bei Punta Araya, und +in 2000 Toisen Hoehe in den Cordilleren von Neugrenada gesehen. Wenn +derselbe am erstgenannten Ort unter einer Muschelbreccie von sehr neuer +Bildung liegt, so tritt er dagegen bei Ischl in Oesterreich als maechtige +Schicht im Alpenkalk auf, der, obgleich gleichfalls juenger als die +Existenz organischer Wesen auf der Erde, doch sehr alt ist, wie die vielen +Gebirgsglieder zeigen, die ihm aufgelagert sind. Wir wollen nicht in +Zweifel ziehen, dass das reine [das von Wieliczka und Peru] oder mit +salzhaltigem Thon vermengte Steinsalz [das von Hallein, Ischl und +Zipaquira] der Niederschlag eines alten Meeres seyn koenne; alles weist +aber darauf hin, dass es sich unter Naturverhaeltnissen gebildet hat, die +sehr bedeutend abweichen mussten von denen, unter welchen die jetzigen +Meere in Folge allmaehliger Verdunstung hie und da ein paar Koerner +salzsauren Natrons im Ufersande niederschlagen. Wie der Schwefel und die +Steinkohle sehr weit auseinander liegenden Formationen angehoeren, kommt +auch das Steinsalz bald im Uebergangsgips, bald im Alpenkalk, bald in +einem mit sehr neuem Muschelsandstein bedeckten Salzthon (Punta Araya), +bald in einem Gips vor, der juenger ist als die Kreide. + +Das neue Salzwerk von Araya besteht aus fuenf Behaeltern oder Kasten, von +denen die groessten eine regelmaessige Form und 2300 Quadrattoisen Oberflaeche +haben. Die mittlere Tiefe betraegt acht Zoll. Man bedient sich sowohl des +Regenwassers, das sich durch Einsickerung am tiefsten Punkt der Ebene +sammelt, als des Meerwassers, das durch Kanaele hereingeleitet wird, wenn +der Wind die See an die Kueste treibt. Dieses Salzwerk ist nicht so guenstig +gelegen wie die Lagune. Das Wasser, das in die letztere faellt, kommt von +staerker geneigten Abhaengen und hat ein groesseres Bodenstueck ausgelaugt. Die +Indianer pumpen mit der Hand das Meerwasser aus einem Hauptbehaelter in die +Kasten. Leicht liesse sich indessen der Wind als Triebkraft benuetzen, da +der Seewind fortwaehrend stark aus die Kueste blaest. Man hat nie daran +gedacht, weder die bereits ausgelangte Erde wegzuschaffen, noch Schachte +im Salzthon niederzutreiben, um Schichten aufzusuchen, die reicher an +salzsaurem Natron sind. Die Salzarbeiter klagen meist ueber Regenmangel, +und beim neuen Salzwerk scheint es mir schwer auszumitteln, welches +Quantum von Salz allein auf Rechnung des Seewassers kommt. Die +Eingeborenen schaetzen es aus ein Sechstheil des ganzen Ertrags. Die +Verdunstung ist sehr stark und wird durch den bestaendigen Luftzug +gesteigert; das Salz wird aber auch am achtzehnten bis zwanzigsten Tage, +nachdem man die Behaelter gefuellt, ausgezogen. Wir fanden (am 19. August um +3 Uhr Nachmittags) die Temperatur des Salzwassers in den Kasten 32 deg.,5, +waehrend die Luft im Schatten 27 deg.,2 und der Sand an der Kueste in sechs Zoll +Tiefe 42 deg.,5 zeigte. Wir tauchten den Thermometer in die See und sahen ihn +zu unserer Ueberraschung nur auf 23 deg. steigen. Diese niedrige Temperatur +ruehrt vielleicht von den Untiefen her, welche die Halbinsel Araya und die +Insel Margarita umgeben, und an deren Abfaellen sich tiefere +Wasserschichten mit den oberflaechlichen vermischen. + +Obgleich das salzsaure Natron aus der Halbinsel Araya nicht so sorgfaeltig +bereitet wird als in den europaeischen Salzwerken, ist es dennoch reiner +und enthaelt weniger salzsaure und schwefelsaure Erden. Wir wissen nicht, +ob diese Reinheit dem Antheil von Salz, den das Meer liefert, +zuzuschreiben ist; denn wenn auch die Menge der im Meerwasser geloesten +Salze hoechst wahrscheinlich unter allen Himmelsstrichen dieselbe ist,(46) +so weiss man doch nicht, ob auch das Verhaeltnis zwischen dem salzsauren +Natron, der salzsauren und schwefelsauren Bittererde und dem +schwefelsauren und kohlensauren Kalk sich gleich bleibt. + +Nachdem wir die Salinen besehen und unsere geodaetischen Arbeiten beendet +hatten, brachen wir gegen Abend auf, um einige Meilen weiterhin in einer +indianischen Huette bei den Truemmern des Schlosses von Araya die Nacht zu +zuzubringen. Unsere Instrumente und unseren Mundvorrat schickten wir +voraus; denn wenn wir von der grossen Hitze und der Reverberation des +Bodens erschoepft waren, spuerten wir in diesen Laendern nur abends und in +der Morgenkuehle Esslust. Wir wandten uns nach Sued und gingen zuerst ueber +die kahle mit Salzton bedeckte Ebene und dann ueber zwei aus Sandstein +bestehende Huegelketten, zwischen denen die Lagune liegt. Die Nacht +ueberraschte uns, waehrend wir einen schmalen Pfad verfolgten, der +einerseits vom Meer, andererseits von senkrechten Felswaenden begrenzt ist. +Die Flut war im raschen Steigen und engte unseren Weg mit jedem Schritt +mehr ein. Am Fusse des alten Schlosses von Araya angelangt lag ein +Naturbild mit einem melancholischen, romantischen Anstrich vor uns, und +doch wurde weder durch die Kuehle des finsteren Forstes, noch durch die +Grossartigkeit der Pflanzengestalten die Schoenheit der Truemmer gehoben. Sie +liegen auf einem kahlen, duerren Berge, mit Agaven, Saeulenkaktus und +Mimosen bewachsen und gleichen nicht sowohl einem Werke von Menschenhand, +als vielmehr Felsmassen, die in den aeltesten Umwaelzungen des Erdballes +zertruemmert worden. + +Wir wollten Halt machen, um das grossartige Schauspiel zu geniessen und den +Untergang der Venus zu beobachten, deren Scheibe von Zeit zu Zeit zwischen +dem Gemaeuer des Schlosses erschien; aber der Mulatte, der uns als Fuehrer +diente, wollte verdursten und drang lebhaft in uns, umzukehren. Er hatte +laengst gemerkt, dass wir uns verirrt hatten, und da er hoffte, durch die +Furcht auf uns zu wirken, sprach er bestaendig von Tigern und +Klapperschlangen. Giftige Reptilien sind allerdings beim Schlosse Araya +sehr haeufig, und erst vor kurzem waren beim Eingang des Dorfes Maniquarez +zwei Jaguars erlegt worden. Nach den aufbehaltenen Fellen waren sie nicht +viel kleiner als die ostindischen Tiger. Vergeblich fuehrten wir unserem +Fuehrer zu Gemuet, dass diese Tiere an einer Kueste, wo die Ziegen ihnen +reichliche Nahrung bieten, keinen Menschen anfallen; wir mussten nachgeben +und hingehen, woher wir gekommen waren. Nachdem wir drei Viertelstunden +ueber einen von der steigenden Flut bedeckten Strand gegangen, stiess der +Neger zu uns, der unsern Mundvorrath getragen hatte; da er uns nicht +kommen sah, war er unruhig geworden und uns entgegengegangen. Er fuehrte +uns durch ein Gebuesch von Fackeldisteln zu der Huette einer indianischen +Familie. Wir wurden mit der herzlichen Gastfreundschaft aufgenommen, die +man in diesen Laendern bei Menschen aller Kasten findet. Von aussen war die +Huette, in der wir unsere Haengematten befestigten, sehr sauber; wir fanden +daselbst Fische, Bananen u. dgl. Und, was im heissen Landstrich ueber die +ausgesuchtesten Speisen geht, vortreffliches Wasser. + +Des anderen Tages bei Sonnenaufgang sahen wir, dass die Huette, in der wir +die Nacht zugebracht, zu einem Haufen kleienr Wohnungen am Ufer des +Salzsees gehoerte. Es sind dies die schwachen Ueberbleibsel eines +ansehnlichen Dorfes, das sich einst um das Schloss gebildet. Die Truemmer +einer Kirche waren halb im Sand begraben und mit Strauchwerk bewachsen. +Nachdem im Jahre 1762 das Schloss von Araya, um die Unterhaltungskosten der +Besatzung zu sparen, gaenzlich zerstoert worden war, zogen sich die in der +Umgegend angesiedelten Indianer und Farbigen allmaehlich nach Maniquarez, +Cariaco und in die indianische Vorstadt von Cumana. Nur wenige blieben aus +Anhaenglichkeit an den Heimathboden am wilden, oeden Ort. Diese armen Leute +leben vom Fischfang, der an den Kuesten und auf dem Untiefen in der Naehe +aeusserst ergiebig ist. Sie schienen mit ihrem Loos zufrieden und fanden die +Frage seltsam, warum sie keine Gaerten haetten unsd keine nutzbaren Gewaechse +bauten. "Unsere Gaerten," sagten sie, "sind drueben ueber der Meerenge; wir +bringen Fische nach Cumana und verschaffen uns dafuer Bananen, Cocosnuesse +und Manioc." Diese Wirtschaft, die der Traegheit zusagt, ist in Maniquarez +und auf der ganzen Halbinsel Araya Brauch. Der Hauptreichtum der Einwohner +besteht in Ziegen, die sehr gross und schoen sind. Sie laufen frei umher wie +die Ziegen auf dem Pic von Tenerifa; sie sind voellig verwildert und man +zeichnet sie wie die Maultiere, weil sie nach Aussehen, Farbe und +Zeichnung nicht zu unterscheiden waeren. Die wilden Ziegen sind hellbraun +und nicht verschiedenfarbig wie die zahmen. Wenn ein Colonist auf der Jagd +eine Ziege schiesst, die nicht seine eigene ist, so bringt er sie sogleich +dem Nachbar, dem sie gehoert. Zwei Tage lang hoerten wir als von einer +selten vorkommenden Niedertraechtigkeit davon sprechen, dass einem Einwohner +von Maniquarez eine Ziege abhanden gekommen, und dass wahrscheinlich eine +Familie in der Nachbarschaft sich guethlich damit gethan habe. Dergleichen +Zuege, die fuer grosse Sittenreinheit beim gemeinen Volk sprechen, kommen +haeufig auch in Neu-Mexiko, in Canada und in den Laendern westlich von den +Aleghanys vor. + +Unter den Farbigen, deren Huetten um den Salzsee stehen, befand sich ein +Schuhmacher von castilianischem Blute. Er nahm uns mit dem Ernst und der +Selbstgefaelligkeit auf, die unter diese Himmelsstrichen fast allen Leuten +eigen sind, die sich fuer besonders begabt halten. Er war eben daran, die +Sehne seines Bogens zu spannen und Pfeile zu spitzen, um Voegel zu +schiessen. Sein Gewerbe als Schuster konnte in einem Lande, wo die meisten +Leute barfuss gehen, nicht viel eintragen; er beschwerte sich auch, dass das +europaeische Pulver so teuer sey und ein Mann wie er zu denselben Waffen +greifen muesse wie die Indianer. Der Mann war das gelehrte Orakel des +Dorfs; er wusste, wie sich das Salz durch den Einfluss der Sonne und des +Vollmonds bildet, er kannte die Vorzeichen der Erdbeben, die Merkmale, wo +sich Gold und Silber im Boden finden, und die Arzneipflanzen, die er, wie +alle Colonisten von Chili bis Californien, in heisse und kalte [reizende +oder schwaechende, sthenische oder asthenische nach Browns System] +eintheilte. Er hatte die geschichtlichen Ueberlieferungen des Landes +gesammelt, und gab uns interessante Notizen ueber die Perlen von Cubagua, +welchen Luxusartikel er hoechst wegwerfend behandelte. Um uns zu zeigen, +wie bewandert er in der heiligen Schrift sey, fuehrte er wohlgefaellig den +Spruch Hiobs an, dass Weisheit hoeher zu waegen ist denn Perlen. Seine +Philosophie ging nicht ueber den engen Kreis der Lebensbeduerfnisse hinaus. +Ein derber Esel, der eine tuechtige Ladung Bananen an den Landungsplatz +tragen koennte, war das hoechste Ziel seiner Wuensche. + +Nach einer langen Rede ueber die Eitelkeit menschlicher Herrlichkeit zog er +aus einer Ledertasche sehr kleine und truebe Perlen und drang uns dieselben +auf. Zugleich hiess er uns, es in unsere Schreibtafel aufzuzeichnen, dass +ein armer Schuster von Araya, aber ein weisser Mann und von edlem +castilischen Blute, uns etwas habe schenken koennen, das drueben ueber dem +Meer fuer eine grosse Kostbarkeit gelte. Ich komme dem Versprechen, das ich +dem braven Manne gab, etwas spaet nach und freue mich, dabei bemerken zu +koennen, dass seine Uneigennuetzigkeit ihm nicht gestattete, irgend eine +Verguetung anzunehmen. An der Perlenkueste sieht es allerdings so armselig +aus, wie im "Gold- und Diamantenland," in Choco und Brasilien; aber mit +dem Elend paart sich hier nicht die zuegellose Gewinnsucht, wie sie durch +Schaetze des Mineralreichs erzeugt wird. + +Die Perlenmuschel ist auf den Untiefen, sie sich von Kap Paria zum Kap +Vela erstrecken, sehr haeufig. Die Insel Margarita, Cubagua, Coche, Punta +Araya und die Muendung des Rio la Hacha waren im sechzehnten Jahrhundert +beruehmt, wie im Altertum der Persische Meerbusen und die Insel Taprobante. +[_Strabo lib. XV. Plinius Lib. IX, c. 35, Lib. XII, c. 18. Solinus, +Polyhistor c. 68_; besonders _Athenaeus, Deipnosoph. Lib. III, c. 45._] Es +ist nicht richtig, wie mehrere Geschichtsschreiber behaupten, dass die +Eingeborenen Amerikas die Perlen als Luxusartikel nicht gekannt haben +sollen. Die Spanier, die zuerst an Terra Firma landeten, sahen bei den +Wilden Hals- und Armbaender, und bei den zivilisierten Voelkern in Mexiko +und Peru waren Perlen von schoener Form ungemein gesucht. Ich habe die +Basaltbueste einer mexikanischen Priesterin bekanntgemacht, [Humboldt, +_Atlas pittoresque_ Tafel 1 und 2.] deren Kopfputz, der auch sonst mit der +*Calantica* der Isiskoepfe Aehnlichkeit hat, mit Perlen besetzt ist. Las +Casas und Benzoni erzaehlen, und zwar nicht ohne Uebertreibung, wie grausam +man mit den Indianern und Negwern umging, die man zur Perlenfischerei +brauchte. In der ersten Zeit der Eroberung lieferte die Insel Coche allein +1500 Mark Perlen monatlich. Der *Quint*, den die koeniglichen Beamten vom +Ertrag an Perlen erhoben, belief sich auf 15,000 Dukaten, nach dem +damaligen Werth der Metalle und in Betracht des starken Schmuggels eine +sehr bedeutende Summe. Bis zum Jahre 1530 scheint sich der Werth der nach +Europa gesendeten Perlen im Jahresdurchschnitt auf mehr als 800,000 +Piaster belaufen zu haben. Um zu ermessen, von welcher Bedeutung dieser +Handelszweig in Sevilla, Toledo, Antwerpen und Genua seyn mochte, muss man +bedenken, dass zur selben Zeit alle Bergwerke Amerikas nicht zwei Millionen +Piaster lieferten und dass die Flotte Ovandos fuer unermesslich reich galt, +weil sie gegen 2600 Mark Silber fuehrte. + +Die Perlen waren desto gesuchter, da der asiatische Luxus auf zwei gerade +entgegengesetzten Wegen nach Europa gedrungen war, von Konstantinopel her, +wo die Palaeologen reich mit Perlen gestickte Kleider trugen, und von +Granada her, wo die maurischen Koenige sassen, an deren Hof der ganze +asiatische Prunk herrschte. Die ostindischen Perlen waren geschaetzter als +die westindischen; indessen kamen doch die letzteren in der ersten Zeit +nach der Entdeckung von Amerika in Menge in den Handel. In Italien wie in +Spanien wurde die Insel Cubagua das Ziel zahlreicher +Handelsunternehmungen. Benzoni erzaehlt, was einem gewissen Ludwig +Lampagnano begegnete, dem Karl der Fuenfte das Privilegium ertheilt hatte, +mit fuenf "Caravelen" an die Kueste von Cumana zu gehen und Perlen zu +fischen. Die Ansiedler schickten ihn mit der kecken Antwort heim, der +Kaiser gehe mit etwas, das nicht sein gehoere, allzu freigebig um; es stehe +ihm nicht das Recht zu, ueber Austern zu verfuegen, die auf dem Meeresboden +leben. + +Gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts nahm die Perlenfischerei rasch +ab, und nach Laets Angabe(47) hatte sie im Jahr 1633 laengst aufgehoert. +Durch den Gewerbfleiss der Venediger, welche die echten Perlen taeuschen +nachmachten, und den starken Gebrauch der geschnittenen Diamanten [Das +Schneiden der Diamanten wurde im Jahre 1456 von Ludwig de Berquen +erfunden; in allgemeinen Gebrauch kam es aber erst im folgenden +Jahrhundert.] wurden die Fischereien in Cubagua weniger eintraeglich. +Zugleich wurden die Perlenmuscheln seltener, nicht wie man nach der +Volkssage glaubt, weil die Tiere vom Geraeusch der Ruder verscheucht +wurden, sondern, weil man im Unverstand die Muscheln zu Tausenden +abgerissen und so ihrer Fortpflanzung Einhalt getan hatte. Die +Perlenmuschel ist noch von zarterer Constitution als die meisten andern +kopflosen Weichthiere. Auf der Insel Ceylon, wo in der Bucht von +Condeatchy die Perlenfischerei sechshundert Taucher beschaeftigt und der +jaehrliche Ertrag ueber eine halbe Million steigt, hat man das Thier +vergeblich auf andere Kuestenpunkte zu verpflanzen gesucht. Die Regierung +gestattet die Fischerei nur einen Monat lang, waehrend man in Cubagua die +Muschelbank das ganze Jahr hindurch ausbeutete. Um sich eine Vorstellung +davon zu machen, in welchem Masse die Taucher unter diesem Thiergeschlecht +aufraeumen, muss man bedenken, dass manches Fahrzeug in zwei, drei Wochen +ueber 35,000 Muscheln aufnimmt. Das Thier lebt nur neun bis zehn Jahre und +die Perlen fangen erst im vierten Jahre an zum Vorschein zu kommen. In +10,000 Muscheln ist oft nicht Eine werthvolle Perle. Nach der Sage +oeffneten die Fischer auf der Bank bei der Insel Margarita die Muscheln +Stueck fuer Stueck; auf Ceylon schuettet man die Thiere aus und laesst sie +faulen, und um die Perlen zu gewinnen, welche nicht an den Schalen haengen, +wascht man die Haufen thierischen Gewebes aus, gerade wie man in den Minen +den Sand auswascht, der Gold- oder Zinngeschiebe oder Diamanten enthaelt. + +Gegenwaertig bringt das spanische Amerika nur noch die Perlen in den +Handel, die aus dem Meerbusen von Panama und von der Muendung des Rio de la +Hacha kommen. Auf den Untiefen um Cubagua, Coche und Margarita ist die +Fischerei aufgegeben, wie an der californischen Kueste.(48) Man glaubt in +Cumana, die Perlenmuschel habe sich nach zweihundertjaehriger Ruhe wieder +bedeutend vermehrt [Im Jahr 1812 sind bei Margarita einige Versuche +gemacht worden, die Perlenfischerei wieder aufzunehmen], und man fragt +sich, warum die Perlen, die man jetzt in Muscheln findet, die an den +Fischnetzen haengen bleiben [Die Einwohner von Araya verkaufen zuweilen +solche kleine Perlen an die Kaufleute von Cumana. Der gewoehnliche Preis +ist ein Piaster fuer das Dutzend.], so klein sind und so wenig Glanz haben, +waehrend man bei der Ankunft der Spanier sehr schoene bei den Indianern +fand, die doch schwerlich darnach tauchten. Diese Frage ist desto schwerer +zu beantworten da wir nicht wissen, ob etwa Erdbeben die Beschaffenheit +des Seebodens veraendert haben, oder ob Richtungsaenderungen in +untermeerischen Stroemen auf die Temperatur des Wassers oder auf die +Haeufigkeit gewisser Weichthiere, von denen sich die Muscheln naehren, +Einfluss geaeussert haben. + +Am 20. Morgens fuehrte uns der Sohn unseres Wirths, ein sehr kraeftiger +Indianer, ueber den Barigon und Caney ins Dorf Maniquarez. Es waren vier +Stunden Weges. Durch das Rueckprallen der Sonnenstrahlen vom Sand stieg der +Thermometer auf 31.3 deg.. Die Saeulenkaktus, die am Wege stehen, geben der +Landschaft einen gruenen Schein, ohne Kuehle und Schatten zu bieten. Unser +Fuehrer setzte sich, ehe er eine Meile [5 km] gegangen war, jeden +Augenblick nieder. Im Schatten eines schoenen Tamarindenbaumes bei den +Casas de la Vela wollte er sich gar niederlegen, um den Anbruch der Nacht +abzuwarten. Ich hebe diesen Charakterzug hervor, da er einem ueberall +entgegentritt, so oft man mit den Indianern reist, und zu den irrigsten +Vorstellungen von der Koerperverfassung der verschiedenen Menschenracen +Anlass gegeben hat. Der kupferfarbene Eingeborene, der besser als der +reisende Europaeer an die gluehende Hitze des Himmelsstriches gewoehnt ist, +beklagt sich nur deshalb mehr darueber, weil ihn kein Reiz antreibt. Geld +ist keine Lockung fuer ihn, und hat er sich je einmal durch Gewinnsucht +verfuehren lassen, so reut ihn sein Entschluss, sobald er auf dem Wege ist. +Derselbe Indianer aber, der sich beklagt, wenn man ihm beim Botanisieren +eine Pflanzenbuechse zu tragen gibt, treibt einen Kahn gegen die rascheste +Stroemung und rudert so vierzehn bis fuenfzehn Stunden in einem fort, weil +er sich zu den Seinen zuruecksehnt. Will man die Muskelkraft der Voelker +richtig schaetzen lernen, muss man sie ? unter Umstaenden beobachten, wo ihre +Handlungen durch einen gleich kraeftigen Willen bestimmt werden. + +Wir besahen in der Naehe die Truemmer des Schlosses Santiago, das durch +seine ausnehmend feste Bauart merkwuerdig ist. Die Mauern aus behauenen +Steinen sind fuenf Fuss dick; man musste sie mit Minen sprengen; man sieht +noch Mauerstuecke von sieben-, achthundert Quadratfuss, die kaum einen Riss +zeigen. Unser Fuehrer zeigte uns eine Cisterne (_el aljibe_), die dreissig +Fuss tief ist und, obgleich ziemlich schadhaft, den Bewohnern der Halbinsel +Araya Wasser liefert. Diese Cisterne wurde im Jahr 1681 vom Statthalter +Don Juan Padilla Guardiola vollendet, demselben, der in Cumana das kleine +Fort Santa Maria gebaut hat. Da der Behaelter mit einem Gewoelbe im +Rundbogen geschlossen ist, so bleibt das Wasser darin frisch und sehr gut. +Conserven, die den Kohlenwasserstoff zersetzen und zugleich Wuermern und +Insekten zum Aufenthalt dienen, bilden sich nicht darin. Jahrhunderte lang +hatte man geglaubt, die Halbinsel Araya habe gar keine Quellen suessen +Wassers, aber im Jahr 1797 haben die Einwohner von Maniquarez nach langem +vergeblichem Suchen doch solches gefunden. + +Als wir ueber die kahlen Huegel am Vorgebirge Cirial gingen, spuerten wir +einen starken Bergoelgeruch. Der Wind kam vom Orte her, wo die +Bergoelquellen liegen, deren schon die ersten Beschreibungen dieser Laender +erwaehnen. -- Das Toepfergeschirr von Maniquarez ist seit unvordenklicher +Zeit beruehmt, und dieser Industriezweig ist ganz in den Haenden der +Indianerweiber. Es wird noch gerade so fabriziert wie vor der Eroberung. +Dieses Verfahren ist einerseits eine Probe vom Zustand der Kuenste in ihrer +Kindheit und andererseits von der Starrheit der Sitten, die allen +eingeborenen Voelkern Amerikas als ein Charakterzug eigen ist. In +dreihundert Jahren konnte die Toepferscheibe keinen Eingang auf einer Kueste +finden, die von Spanien nur dreissig bis vierzig Tagreisen zur See entfernt +ist. Die Eingeborenen haben eine dunkle Vorstellung davon, dass es ein +solches Werkzeug gibt, und sie wuerden sich desselben bedienen, wenn man +ihnen das Muster in die Hand gaebe. Die Thongruben sind eine halbe Meile +oestlich von Maniquarez. Dieser Thon ist das Zersetzungsprodukt eines durch +Eisenoxyd roth gefaerbten Glimmerschiefers. Die Indianerinnen nehmen +vorzugsweise solchen, der viel Glimmer enthaelt. Sie formen mit grossem +Geschick Gefaesse von zwei bis drei Fuss Durchmesser mit sehr regelmaessiger +Kruemmung. Da sie den Brennofen nicht kennen, so schichten sie Strauchwerk +von Desmanthus, Cassia und baumartiger Capparis um die Toepfe und brennen +sie in freier . Luft. Weiter westwaerts von der Thongrube liegt die +Schlucht der *Mina* (Bergwerk). Nicht lange nach der Eroberung sollen +venetianische Goldschuerfer dort Gold aus dem Glimmerschiefer gewonnen +haben. Dieses Metall scheint hier nicht auf Quarzgaengen vorzukommen, +sondern im Gestein eingesprengt zu seyn, wie zuweilen im Granit und Gneiss. + +Wir trafen in Maniquarez Kreolen, die von einer Jagdpartie auf Cubagua +kamen. Die Hirsche von der kleinen Art sind auf diesem unbewohnten Eilande +so haeufig, dass man taeglich drei und vier schiessen kann. Ich weiss nicht, +wie die Thiere hinuebergekommen sind; denn Laet und andere Chronisten des +Landes, die von der Gruendung von Neucadix berichten, sprechen nur von der +Menge Kaninchen auf der Insel. Der *Venado* auf Cubagua gehoert zu einer +der vielen kleinen amerikanischen Hirscharten, die von den Zoologen lange +unter dem allgemeinen Namen _Cervus Americanus_ zusammengeworfen wurden. +Er scheint mir nicht identisch mit der _Biche des Savanes_ von Guadeloupe +oder dem *Guazuti* in Paraguay, der auch in Rudeln lebt. Sein Fell ist auf +dem Ruecken rothbraun, am Bauche weiss; es ist gefleckt, wie beim Axis. In +den Ebenen am Cari zeigte man uns als eine grosse Seltenheit in diesen +heissen Laendern eine weisse Spielart. Es war eine Hirschkuh von der Groesse +des europaeischen Rehs und von aeusserst zierlicher Gestalt. *Albinos* kommen +in der Neuen Welt sogar unter den Tigern vor. Azara sah einen Jaguar, auf +dessen ganz weissem Fell man nur hier und da gleichsam einen Schatten von +den runden Flecken sah. + +Fuer den merkwuerdigsten, man kann sagen fuer den wunderbarsten aller +Naturkoerper auf der Kueste von Araya gilt beim Volke der *Augenstein*, +_Piedra de los ojos_. Dieses Gebilde aus Kalkerde ist in aller Munde; nach +der Volksphysik ist es ein Stein und ein Thier zugleich. Man findet es im +Sande, und da ruehrt es sich nicht; nimmt man es aber einzeln auf und legt +es auf eine ebene Flaeche, z. B. auf einen Zinn- oder Fayence-Teller, so +bewegt es sich, sobald man es durch Citronsaft reizt. Steckt man es ins +Auge, so dreht sich das angebliche Tier um sich selbst und schiebt jeden +fremden Koerper heraus, der zufaellig ins Auge geraten ist. Auf der neuen +Saline und im Dorfe Maniquarez brachte man uns solche Augensteine zu +Hunderten, und die Eingeborenen machten uns den Versuch mit dem Citronsaft +eifrig vor. Man wollte uns Sand in die Augen bringen, damit wir uns selbst +von der Wirksamkeit des Mittels ueberzeugten. Wir sahen alsbald, dass diese +Steine die duennen, poroesen Deckel kleiner einschaliger Muscheln sind. Sie +haben 1-4 Linien Durchmesser; die eine Flaeche ist eben, die andere +gewoelbt. Diese Kalkdeckel brausen mit Zitronensaft auf und ruecken von der +Stelle, indem sich die Kohlensaeure entwickelt. In Folge aehnlicher Reaction +bewegt sich zuweilen das Brod im Backofen auf wagerechter Flaeche, was in +Europa zum Volksglauben an bezauberte Oefen Anlass gegeben hat. Die +_pietras de los ojos_ wirken, wenn man sie ins Auge schiebt, wie die +kleinen Perlen und verschiedene runde Samen, deren sich die Wilden in +Amerika bedienen, um den Thraenenfluss zu steigern. Diese Erklaerungen waren +aber gar nicht nach dem Geschmack der Einwohner von Araya. Die Natur +erscheint dem Menschen desto groesser, je geheimnissvoller sie ist, und die +Volksphysik weist alles von sich, was einfach ist. + +Ostwaerts von Maniquarez an der Suedkueste liegen nahe an einander drei +Landzungen, genannt Punta de Soto, Punta de la Brea und Punta Guaratarito. +In dieser Gegend besteht der Meeresboden offenbar aus Glimmerschiefer, und +aus dieser Gebirgsart entspringt bei Punta de la Brea, aber achtzig Fuss +vom Ufer, eine *Naphthaquelle*, deren Geruch sich weit in die Halbinsel +hinein verbreitet. Man musste bis zum halben Leibe ins Wasser gehen, um die +interessante Erscheinung in der Naehe zu beobachten. Das Wasser ist mit +_Zostera_ bedeckt, und mitten in einer sehr grossen Bank dieses Gewaechses +sieht man einen freien runden Fleck von drei Fuss Durchmesser, auf dem +einzelne Massen von _Ulva lactuca_ schwimmen. Hier kommen die Quellen zu +Tag. Der Boden des Meerbusens ist mit Sand bedeckt, und das Bergoel, das +durchsichtig und von gelber Farbe der eigentlichen Naphtha nahe kommt, +sprudelt stossweise unter Entwicklung von Luftblasen hervor. Stampft man +den Boden mit den Fuessen fest, so sieht man die kleinen Quellen wegruecken. +Die Naphtha bedeckt das Meer ueber tausend Fuss [320 m] weit. Nimmt man an, +dass das Fallen der Schichten sich gleich bleibt, so muss der +Glimmerschiefer wenige Toisen unter dem Sande liegen. + +Der Salzthon von Araya enthaelt festes, zerreibliches Bergoel. Dieses +geologische Verhaeltniss zwischen salzsaurem Natron und Erdpech kommt in +allen Steinsalzgruben und bei allen Salzquellen vor; aber als ein hoechst +merkwuerdiger Fall erscheint das Vorkommen einer Naphtaquelle in einer +Urgebirgsart. Alle bis jetzt bekannten gehoeren secundaeren Formationen an, +und dieser Umstand schien fuer die Annahme zu sprechen, dass alles +mineralische Harz Produkt der Zersetzung von Pflanzen und Thieren oder des +Brandes der Steinkohlen sey. Auf der Halbinsel Araya aber fliesst Naphtha +aus dem Urgebirge selbst, und diese Erscheinung wird noch bedeutender, +wenn man bedenkt, dass in diesem Urgebirge der Herd des unterirdischen +Feuers ist, dass man am Rande brennender Krater zuweilen Naphthageruch +bemerkt, und dass die meisten heissen Quellen Amerikas aus Gneis und +Glimmerschiefer hervorbrechen. + +Nachdem wir uns in der Umgegend von Maniquarez umgesehen, bestiegen wir +ein Fischerboot, um nach Cumana zurueckzukehren. Nichts zeigt so deutlich, +wie ruhig die See in diesen Strichen ist, als die Kleinheit und der +schlechte Zustand dieser Kaehne, die ein sehr hohes Segel fuehren. Der Kahn, +den wir ausgesucht hatten, weil er noch am wenigsten beschaedigt war, +zeigte sich so leck, dass der Sohn des Steuermannes fortwaehrend mit einer +Tutuma, der Frucht der _Crescentia cujete_, das Wasser ausschoepfen musste. +Es kommt im Meerbusen von Cariaco, besonders nordwaerts von der Halbinsel +Araya, nicht selten vor, dass die mit Kokosnuessen beladenen Piroguen +umschlagen, wenn sie zu nahe am Winde gerade gegen den Wellenschlag +steuern. Vor solchen Unfaellen fuerchten sich aber nur Reisende, die nicht +gut schwimmen koennen; denn wird die Pirogue von einem indianischen Fischer +mit seinem Sohne gefuehrt, so dreht der Vater den Kahn wieder um und macht +sich daran, das Wasser hinauszuschaffen, waehrend der Sohn schwimmend die +Kokosnuesse zusammenholt. In weniger als einer Viertelstunde ist die +Pirogue wieder unter Segel, ohne dass der Indianer in seinem +unerschoepflichen Gleichmut eine Klage haette hoeren lassen. + +Die Einwohner von Araya, die wir auf der Rueckkehr vom Orinoco noch einmal +besuchten, haben nicht vergessen, dass ihre Halbinsel einer der Punkte ist, +wo sich am fruehesten Castilianer niedergelassen. Sie sprechen gerne von +der Perlenfischerei, von den Ruinen des Schlosses Santiago, das, wie sie +hoffen, einst wieder aufgebaut wird, ueberhaupt von dem, was sie den +ehemaligen Glanz des Landes nennen. In China und Japan gilt alles, was man +erst seit zweitausend Jahren kennt, fuer neue Erfindung; in den +europaeischen Niederlassungen erscheint ein Ereigniss, das dreihundert +Jahre, bis zur Entdeckung von Amerika hinausreicht, als ungemein alt. +Dieser Mangel an alter Ueberlieferung, der den jungen Voelkern in den +Vereinigten Staaten wie in den spanischen und portugiesischen Besitzungen +eigen ist, verdient alle Beachtung. Er hat nicht nur etwas Peinliches fuer +den Reisenden, der sich dadurch um den hoechsten Genuss der Einbildungskraft +gebracht sieht, er aeussert auch seinen Einfluss auf die mehr oder minder +starken Bande, die den Colonisten an den Boden fesseln, auf dem er wohnt, +an die Gestalt der Felsen, die seine Huette umgeben, an die Baeume, in deren +Schatten seine Wiege gestanden. + +Bei den Alten, z. B. bei Phoeniziern und Griechen, gingen Ueberlieferungen +und geschichtliches Bewusstseyn des Volks vom Mutterland auf die Colonien +ueber, erbten dort von Geschlecht zu Geschlecht fort und aeusserten +fortwaehrend den besten Einfluss auf Geist, Sitten und Politik der +Ansiedler. Das Klima in jenen ersten Niederlassungen ueber dem Meere war +vom Klima des Mutterlandes nicht sehr verschieden. Die Griechen in +Kleinasien und aus Sicilien entfremdeten sich nicht den Einwohnern von +Argos, Athen und Corinth, von denen abzustammen ihr Stolz war. Grosse +Uebereinstimmuug in Sitte und Brauch that das ihrige dazu, eine Verbindung +zu befestigen, die sich auf religioese und politische Interessen gruendete. +Haeufig opferten die Colonien die Erstlinge ihrer Ernten in den Tempeln der +Mutterstaedte, und wenn durch einen unheilvollen Zufall das heilige Feuer +auf den Altaeren von Hestia erloschen war, so schickte man von hinten in +Jonien nach Griechenland und liess es aus den Prytaneen wieder holen. +Ueberall, in Cyrenaica wie an den Ufern des Sees Maeotis, erhielten sich +die alten Ueberlieserungen des Mutterlandes. Andere Erinnerungen, die +gleich maechtig zur Einbildungskraft sprechen, hafteten an den Colonien +selbst. Sie hatten ihre heiligen Haine, ihre Schutzgottheiten, ihren +lokalen Mythenkreis; sie hatten, was den Dichtungen der fruehesten +Zeitalter Leben und Dauer verleiht, ihre Dichter, deren Ruhm selbst ueber +das Mutterland Glanz verbreitete. + +Dieser und noch mancher andern Vortheile entbehren die heutigen +Ansiedlungen. Die meisten wurden in einem Landstrich gegruendet, wo Klima, +Naturprodukte, der Anblick des Himmels und der Landschaft ganz anders sind +als in Europa. Wenn auch der Ansiedler Bergen, Fluessen, Thaelern Namen +beilegt, die an vaterlaendische Landschaften erinnern, diese Namen +verlieren bald ihren Reiz und sagen den nachkommenden Geschlechtern nichts +mehr. In fremdartiger Naturumgebung erwachsen aus neuen Beduerfnissen +andere Sitten; die geschichtlichen Erinnerungen verblassen allmaehlich, und +die sich erhalten, knuepfen sich fortan gleich Phantasiegebilden weder an +einen bestimmten Ort, noch an eine bestimmte Zeit. Der Ruhm Don Pelagio's +und des Cid Campeador ist bis in die Gebirge und Waelder Amerikas +gedrungen; dem Volk kommen je zuweilen diese glorreichen Namen auf die +Zunge, aber sie schweben seiner Seele vor wie Wesen aus einer idealen +Welt, aus dem Daemmer der Fabelzeit. + +Der neue Himmel, das ganz veraenderte Klima, die physische Beschaffenheit +des Landes wirken weit staerker auf die gesellschaftlichen Zustaende in den +Colonien ein, als die gaenzliche Trennung vom Mutterland. Die Schifffahrt +hat im neuerer Zeit solche Fortschritte gemacht, dass die Muendungen des +Orinoco und Rio de la Plata naeher bei Spanien zu liegen scheinen, als +einst der Phasis und Tartessus von den griechischen und phoenicischen +Kuesten. Man kann auch die Bemerkung machen, dass sich in gleich weit von +Europa entfernten Laendern Sitten und Ueberlieferungen desselben im +gemaessigten Erdstrich und auf dem Ruecken der Gebirge unter dem Aequator +mehr erhalten haben, als in den Tieflaendern der heissen Zone. Die +Aehnlichkeit der Naturumgebung traegt in gewissem Grad dazu bei, innigere +Beziehungen zwischen den Colonisten und dem Mutterland aufrecht zu +erhalten. Dieser Einfluss physischer Ursachen auf die Zustaende jugendlicher +gesellschaftlicher Vereine tritt besonders auffallend hervor, wenn es sich +von Gliedern desselben Volksstannnes handelt, die sich noch nicht lange +getrennt haben. Durchreist man die neue Welt, so meint man ueberall da, wo +das Klima den Anbau des Getreides gestattet, mehr Ueberlieferungen, einem +lebendigeren Andenken an das Mutterlaud zu begegnen. In dieser Beziehung +kommen Pennsylvanien, Neu-Mexico und Chili mit den hochgelegenen Plateaus +von Quito und Neuspanien ueberein, die mit Eichen und Fichten bewachsen +sind. + +Bei den Alten waren die Geschichte, die religioesen Vorstellungen und die +physische Beschaffenheit des Landes durch unausloesliche Bande verknuepft. +Um die Landschaften und die alten buergerlichen Stuerme des Mutterlandes zu +vergessen, haette der Ansiedler auch dem von seinen Voreltern ueberlieferten +Goetterglauben entsagen muessen. Bei den neueren Voelkern hat die Religion, +so zu sagen, keine Localfarbe mehr. Das Christenthum hat den Kreis der +Vorstellungen erweitert, es hat alle Voelker darauf hingewiesen, dass sie +Glieder Einer Familie sind, aber eben damit hat es das Nationalgefuehl +geschwaecht; es hat in beiden Welten die uralten Ueberlieferungen des +Morgenlandes verbreitet, neben denen, die ihm eigenthuemlich angehoeren. +Voelker von ganz verschiedener Herkunft und voellig abweichender Mundart +haben damit gemeinschaftliche Erinnerungen erhalten, und wenn durch die +Missionen in einem grossen Theil des neuen Festlandes die Grundlagen der +Cultur gelegt worden sind, so haben eben damit die christlichen +kosmogonischen und religioesen Vorstellungen ein merkbares Uebergewicht +ueber die rein nationalen Erinnerungen erhalten. + +Noch mehr: die amerikanischen Colonien sind fast durchaus in Laendern +angelegt, wo die dahingegangenen Geschlechter kaum eine Spur ihres Daseyns +hinterlassen haben. Nordwaerts vom Rio Gila, an den Usern des Missouri, auf +den Ebenen, die sich im Osten der Anden ausbreiten, gehen die +Ueberlieferungen nicht ueber ein Jahrhundert hinauf. In Peru, in Guatimala +und in Mexico sind allerdings Truemmer von Gebaeuden, historische Malereien +und Bildwerke Zeugen der alten Kultur der Eingeborenen; aber in einer +ganzen Provinz findet man kaum ein paar Familien, die einen klaren Begriff +von der Geschichte der Incas und der mexikanischen Fuersten haben. Der +Eingeborene hat seine Sprache, seine Tracht und seinen Volkscharakter +behalten; aber mit dem Aufhoeren des Gebrauches der Quippus und der +symbolischen Malereien, durch die Einfuehrung des Christentums und andere +Umstaende, die ich anderswo auseinander gesetzt, sind die geschichtlichen +und religioesen Ueberlieferungen allmaehlich untergegangen. Andererseits +sieht der Ansiedler von europaeischer Abkunft veraechtlich auf alles herab, +was sich auf die unterworfenen Voelker bezieht. Er sieht sich in die Mitte +gestellt zwischen die fruehere Geschichte des Mutterlandes und die seines +Geburtslandes, und die eine ist ihm so gleichgueltig wie die andere; in +einem Klima, wo bei dem geringen Unterschied der Jahreszeiten der Ablauf +der Jahre fast unmerklich wird, ueberlaesst er sich ganz dem Genusses der +Gegenwart und wirft selten einen Blick in Vergangene Zeiten. + +Aber auch welch ein Abstand zwischen der eintoenigen Geschichte neuerer +Niederlassungen und dem lebenvollen Bilde, das Gesetzgebung, Sitten und +politische Stuerme der alten Colonien darbieten! Ihre durch abweichende +Regierungsformen verschieden gefaerbte geistige Bildung machte nicht selten +die Eifersucht der Mutterlaender rege. Durch diesen gluecklichen Wetteifer +gelangten Kunst und Literatur in Jonien, Grossgriechenland und Sicilien zur +herrlichsten Entwicklung. Heutzutage dagegen haben die Colonien weder eine +eigene Geschichte noch eine eigene Literatur. Die in der neuen Welt haben +fast nie maechtige Nachbarn gehabt, und die gesellschaftlichen Zustaende +haben sich immer nur allgemach umgewandelt. Des politischen Lebens bar, +haben diese Handels- und Ackerbaustaaten an den grossen Welthaendeln immer +nur passiven Antheil genommen. + +Die Geschichte der neuen Kolonien hat nur zwei merkwuerdige Ereignisse +aufzuweisen, ihre Gruendung und ihre Trennung vom Mutterlande. Da Erstere +ist reich an Erinnerungen, die sich wesentlich an die von den Colonisten +bewohnten Laender knuepfen; aber statt Bilder des friedlichen Fortschrittes +des Gewerbefleisses und der Entwickelung der Gesetzgebung in den Kolonien +vorzufuehren, erzaehlt diese Geschichte nur von veruebtem Unrecht und von +Gewaltthaten. Welchen Reiz koennen jene ausserordentlichen Zeiten haben, wo +die Spanier unter Carls V. Regierung mehr Mut als sittliche Kraft +entwickelten, und die ritterliche Ehre wie der kriegerische Ruhm durch +Fanatismus und Golddurst befleckt wurden? Die Colonisten sind von sanfter +Gemuethsart, sie sind durch ihre Lage den Nationalvorurtheilen enthoben, +und so wissen sie die Thaten bei der Eroberung nach ihrem wahren Werthe zu +schaetzen. Die Maenner, die sich damals ausgezeichnet, sind Europaeer, sind +Krieger des Mutterlandes. In den Augen des Colonisten sind sie Fremde, +denn drei Jahrhunderte haben hingereicht, die Bande des Blutes aufzuloesen. +Unter den "Konquistadoren" waren sicher rechtschaffene und edle Maenner, +aber sie verschwinden in der Masse und konnten der allgemeinen Verdammnis +nicht entgehen. + +Ich glaube hiermit die hauptsaechlichsten Ursachen angegeben zu haben, aus +denen in den heutigen Kolonien die Nationalerinnerungen sich verlieren, +ohne dass andere, auf das nunmehr bewohnte Land sich beziehende, wuerdig in +ihre Stelle traeten. Dieser Umstand, wir koennen es nicht genug wiederholen, +aeussert einen bedeutenden Einfluss auf die ganze Lage der Ansiedler. In der +stuermevollen Zeit einer staatlichen Wiedergeburt sehen sie sich auf sich +selbst gestellt, und es ergeht ihnen, wie einem Volke, das es verschmaehte, +seine Geschichtsbuecher zu befragen und aus den Unfaellen vergangner +Jahrhunderte Lehren der Weisheit zu schoepfen. + + ------------------ + + + + + + 44 Die Mannschaft der Schaluppe wurde haeufig von den Wellen durchnaesst; + wir wissen aber, dass unter dieser Breite die Temperatur des + Meerwassers nicht unter 23 deg. seyn kann, und dass die durch Verdunstung + entstehende Abkuehlung in Naechten, wo die Lufttemperaur selten ueber + 25 deg. steigt, nur unbetraechtlich ist. + + 45 "Welche Eiseskaelte. Ich friere, als waere ich auf dem Ruecken der + Berge!" [Das provincielle Wort _emparamarse_ laesst sich nur durch + lange Umschreibung wiedergeben. _Paramo_, peruanisch _Puna_ ist ein + Name, den man auf allen Karten des spanischen Amerikas findet. Er + bedeutet in den Colonien weder eine Wueste noch eine "_lande_", + sondern einen gebirgigen, mit verkrueppelten Baeumen bewachsenen, den + Winden ausgesetzten Landstrich, wo es bestaendig nasskalt ist. In der + heissen Zone liegen die Paramos gewoehnlich 1600-2000 Toisen hoch. Es + faellt haeufig Schnee, der nur ein paar Stunden liegen bleibt; denn + man darf die Worte _Paramo_ und _Puna_ nicht, wie es den Geographen + haeufig begegnet, mit dem Wort _Nevado_ peruanisch _Ritticapa_ + verwechseln, was einen zur Linie des ewigen Schnees emporragenden + Berg bedeutet. Diese Begriffe sind fuer die Geologie und die + Pflanzengeographie sehr wichtig, weil man in Laendern, wo noch kein + Berggipfel gemessen ist, eine richtige Vorstellung von der + *geringsten Hoehe* erhaelt, zu der sich die Cordilleren erheben, wenn + man die Worte _Paramo_ und _Nevado_ aussucht. Da die Paramos fast + bestaendig in kalten, dichten Nebel gehuellt sind, so sagt das Volk in + Santa Fe und Mexico: _cae un paramito_, wenn ein feiner Regen faellt + und die Lufttemperatur bedeutend abnimmt. Aus _Paramo_ hat man + _emparamarse_ gemacht, d. h. frieren, als waere man auf dem Ruecken + der Anden. + + 46 Mit Ausnahme der Binnenmeere und der Laender, wo sich Polargletscher + bilden. Dieses Sichgleichbleiben des Salzgehaltes des Meeres + erinnert an die noch weit groessere Gleichfoermigkeit der Vertheilnng + des Sauerstoffs im Luftmeer. In beiden Elementen wird das + Gleichgewicht in der Loesung oder im Gemenge durch Stroemungen + hergestellt und erhalten. + + 47 "_Insularum Cubaguae et Coches quondam fuit dignitos, quum unionum + captura floreret, nunc, illa deficiente, obscura admodum fama_" + Laet. Nov. Orbis, p. 669. Dieser sorgfaeltige Compilater sagt, wo er + von der Punta Araya spricht, weiter, das Land sey dergestalt in + Vergessenheit gerathen, "_ut vix ulla alia Americae meridionalis + pars hodie obscurior sit_" + + 48 Es wundert mich, auf unsern Reisen nirgends gehoert zu haben, dass in + Suedamerika Perlen in Suesswassermuscheln gefunden worden waeren, und + doch kommen manche Arten der Gattung _Unio_ in den peruanischen + Fluessen in grosser Menge vor. + + + + + +SECHSTES KAPITEL + + + Die Berge von Neuandalusien -- Das Tal von Cumanacoa -- Der Gipfel + des Cocollar -- Missionen der Chaymasindianer + + +Unserem ersten Ausflug auf die Halbinsel Araya folgte bald ein zweiter und +lehrreicherer ins Innere des Gebirges zu den Missionen der +Chaymasindianer. Gegenstaende von mannigfaltiger Anziehungskraft sollten +uns dort in Anspruch nehmen. Wir betraten jetzt ein mit Waeldern bedecktes +Land; wir sollten ein Kloster besuchen, das im Schatten von Palmen und +Baumfarnen in einem engen Thale liegt, wo man, mitten im heissen Erdstrich, +koestliche Kuehle geniesst. In den benachbarten Bergen gibt es dort Hoehlen, +welchen von Tausenden von Nachtvoegeln bewohnt sind, und was noch +lebendiger zur Einbildungskraft spricht als alle Wunder der physischen +Welt, jenseits dieser Berge lebt ein vor Kurzem noch nomadisches Volk, +kaum aus dem Naturzustande getreten, wild, jedoch nicht barbarisch, +geistesbeschraenkt, nicht weil es lange versunken war, sondern weil es eben +nichts weiss. Zu diesen so maechtig anziehenden Gegenstaenden kamen noch +geschichtliche Erinnerungen. Am Vorgebirge Paria sah Kolumbus zuerst das +Festland; hier laufen die Taeler aus, die bald von den kriegerischen, +menschenfressenden Caraiben, bald von den zivilisierten Handelsvoelkern +Europas verwuestet wurden. Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wurden +die ungluecklichen Einwohner auf den Kuesten von Carupano, Macarapas und +Caracas behandelt, wie zu unsrer Zeit die Einwohner der Kueste von Guinea. +Bereits wurden die Antillen angebaut und man fuehrte dort die Gewaechse der +Alten Welt ein; aber in Terra Firma kam es lange zu keienr ordentlichen +und planmaessigen Niederlassung. Die Spanier besuchten die Kueste nur, um +sich mit Gewalt oder im Tauschhandel Sklaven, Perlen, Goldkoerner und +Farbholz zu verschaffen. Durch den Schein gewaltigen Religionseifers +meinte man diese unersaettliche Habsucht in eine hoehere Sphaere zu heben. So +hat jedes Jahrhundert seine eigene geistige und sittliche Farbe. + +Der Handel mit den kupferfarbigen Eingebornen fuehrte zu denselben +Unmenschlichkeiten wie der Negerhandel; er hatte auch dieselben Folgen, +Sieger und Unterworfene verwilderten dadurch. Von Stunde an wurden die +Kriege unter den Eingeborenen haeufiger; die Gefangenen wurden aus dem +innern Lande an die Kueste geschleppt und an die Weissen verkauft, die sie +auf ihren Schiffen fesselten. Und doch waren die Spanier damals und noch +lange nachher eines der civilisirtesten Voelker Europas. Ein Abglanz der +Herrlichkeit, in der in Italien Kunst und Literatur bluehten, hatte sich +ueber alle Voelker verbreitet, deren Sprache dieselbe Quelle hat wie die +Sprache Dantes und Petrarcas. Man sollte glauben, in dieser maechtigen +geistigen Entwicklung, bei solch erhabenem Schwung der Einbildungskraft +haetten sich die Sitten saenftigen muessen. Aber jenseits der Meere, ueberall, +wo der Golddurst zum Missbrauch der Gewalt fuehrt, haben die europaeischen +Voelker in allen Abschnitten der Geschichte denselben Charakter entwickelt. +Das herrliche Jahrhundert Leos X. trat in der neuen Welt mit einer +Grausamkeit auf, wie man sie nur den finstersten Jahrhunderten zutrauen +sollte. Man wundert sich aber nicht so sehr ueber das entsetzliche Bild der +Eroberung von Amerika, wenn man daran denkt, was trotz der Segnungen einer +menschlicheren Gesetzgebung noch jetzt auf den Westkuesten von Afrika +vorgeht. + +Der Sklavenhandel hatte dank den von Karl V. zur Geltung gebrachten +Gundsaetzen auf Terra Firma laengst aufgehoert; aber die Conquistadoren +setzten ihre Streifzuege ins Land fort, und damit den kleinen Krieg, der +die amerikanische Bevoelkerung herabbrachte, dem Nationalhass immer frische +Nahrung gab, auf lange Zeit die Keime der Cultur erstickte. Es war Pflicht +der Religion, dass sie der Menschheit einigen Trost brachte fuer die Greuel, +die in iherem Namen veruebt worden; sie fuehrte fuer die Eingeborenen das +Wort vor dem Richterstuhl der Koenige, sie widersetzte sich den +Gewalttaetigkeiten der Pfruendeninhaber, sie vereinigte umherziehende Staemme +zu den kleinen Gemeinden, die man *Missionen* nennt und die der +Entwickelung des Ackerbaues Vorschub leisten. So haben sich allmaehlich, +aber in gleichfoermiger, planmaessiger Entwicklung jene grossen moenchischen +Niederlassungen gebildet, jenes merkwuerdige Regiment, das immer darauf +hinausgeht, sich abzuschliessen, und Laender, die vier und fuenfmal groesser +sind als Frankreich, den Moenchsorden unterwirft. + +Einrichtungen, die trefflich dazu dienten, dem Blutvergiessen Einhalt zu +thun und den ersten Grund zur gesellschaftlichen Entwicklung zu legen, +sind in der Folge dem Fortschritt derselben hindelich geworden. Die +Abschliessung hatte zur Folge, dass die Indianer so ziemlich blieben, was +sie waren, als ihre zerstreuten Huetten noch nicht um das Haus des +Missionars beisammen lagen. Ihre Zahl hat ansehnlich zugenommen, +keineswegs aber ihr geistiger Gesichtskreis. + +Sie haben mehr und mehr von der Charakterstaerke und der natuerlichen +Lebendigkeit eingebuesst, die aus allen Stufen menschlicher Entwicklung die +edlen Fruechte der Unabhaengigkeit sind. Man hat Alles bei ihnen, sogar die +unbedeutendsten Verrichtungen des haeuslichen Lebens, der unabaenderlichen +Regel unterworfen, und so hat man sie gehorsam gemacht, zugleich aber auch +dumm. Ihr Lebensunterhalt ist meist gesicherter, ihre Sitten sind milder +geworden; aber der Zwang und das truebselige Einerlei des Missionsregiments +lastet auf ihnen und ihr duesteres, verschlossenes Wesen verraeth, wie +ungern sie die Freiheit der Ruhe zum Opfer gebracht haben. Die Moenchszucht +innerhalb der Klostermauern entzieht zwar dem Staate nuetzliche Buerger, +indessen mag sie immerhin hie und da Leidenschaften zur Ruhe bringen, +grosse Schmerzen lindern, der geistigen Vertiefung foerderlich seyn; aber in +die Wildnisse der neuen Welt verpflanzt, auf alle Beziehungen des +buergerlichen Lebens angewendet, muss sie desto verderblicher wirken, je +laenger sie andauert. Sie haelt von Geschlecht zu Geschlecht die geistige +Entwicklung nieder, sie hemmt den Verkehr unter den Voelkern, sie weist +Alles ab, was die Seele erhebt und den Vorstellungskreis erweitert. Aus +allen diesen Ursachen zusammen verharren die Indianer in den Missionen in +einem Zustand von Uncultur, der Stillstand heissen muesste, wenn nicht auch +die menschlichen Vereine denselben Gesetzen gehorchten, wie die +Entwicklung des menschlichen Geistes ueberhaupt, wenn sie nicht +Rueckschritte machten, eben weil sie nicht fortschreiten. + +Am 4. September um 5 Uhr morgens brachen wir zu unserem Ausflug zu den +Chaymas-Indianern und in die hohe Gebirgsgruppe von Neu-Andalusien auf. +Man hatte uns geraten, wegen der sehr beschwerlichen Wege unser Gepaeck +moeglichst zu beschraenken. Zwei Lasttiere reichten auch hin, unseren +Mundvorrat, unsere Instrumente und das noetige Papier zum Pflanzentrocknen +zu tragen. In derselben Kiste waren ein Sextant, ein Inclinationscompass, +ein Apparat zur Ermittlung der magnetischen Declination, Thermometer und +ein Saussure'scher Hygrometer. Auf diese Jnstrumente beschraenkten wir uns +bei kleineren Ausfluegen immer. Mit dem Barometer musste noch vorsichtiger +umgegangen werden, als mit dem Chronometer, und ich bemerke hier, dass kein +Instrument dem Reisenden mehr Last und Sorge macht. Wir liessen ihn in den +fuenf Jahren von einem Fuehrer tragen, der uns zu Fuss begleitete, aber +selbst diese ziemlich kostspielige Vorsicht schuetzte ihn nicht immer vor +Beschaedigung. Nachdem wir die Zeiten von Ebbe und Fluth im Luftmeere genau +beobachtet, das heisst die Stunden, zu denen der Barometer unter den Tropen +taeglich regelmaessig steigt und faellt, sahen wir ein, dass wir das Relief des +Landes mittelst des Barometers wuerden aufnehmen koennen, ohne +correspondirende Beobachtungen in Cumana zu Huelfe zu nehmen. Die groessten +Schwankungen im Luftdruck betragen in diesem Klima an der Kueste nur +1-1,3 Linien, und hat man ein einziges mal, an welchem Ort und zu welcher +Stunde es sey, die Quecksilberhoehe beobachtet, so lassen sich mit +ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Abweichungen von diesem Stand das ganze +Jahr hindurch und zu allen Stunden des Tages und der Nacht angeben. Es +ergibt sich daraus, dass im heissen Erdstrich durch den Mangel an +correspondirenden Beobachtungen nicht leicht Fehler entstehen koennen, die +mehr als 12-15 Toisen ausmachen, was wenig zu bedeuten hat, wenn es sich +von geologischen Aufnahmen, oder vom Einfluss der Hoehe auf das Klima und +die Vertheilung der Gewaechse handelt. + +Der Morgen war koestlich kuehl. Der Weg oder vielmehr der Fusspfad nach +Cumanacoa fuehrt am rechten Ufer des Manzanares hin ueber das +Kapuzinerhospiz, das in einem kleinen Gehoelze von Gayacbaeumen und +baumartigen Capparis liegt. Nachdem wir von Cumana aufgebrochen, hatten +wir auf dem Huegel von San Francisco in der kurzen Morgendaemmerung eine +weite Aussicht ueber die See, ueber die mit goldgelb bluehender Bava +[_Zygophyllum arboreum, Jacq._] bedeckte Ebene und die Berge des +Brigantin. Es fiel uns auf, wie nahe uns die Cordillere gerueckt schien, +bevor die Scheibe der ausgehenden Sonne den Horizont erreicht hatte. Das +Blau der Berggipfel ist dunkler, ihre Umrisse erscheinen schaerfer, ihre +Massen treten deutlicher hervor, so lange nicht die Durchsichtigkeit der +Luft durch die Duenste beeintraechtigt wird, die Nachts in den Thaelern +lagern und im Maasse, als die Luft sich zu erwaermen beginnt, in die Hoehe +steigen. + +Beim Hospiz Divina Pastora wendet sich der Weg nach Nordost und laeuft zwei +Meilen ueber einen baumlosen Landstrich, der frueher Seeboden war. Man +findet hier nicht nur Cactus, Buesche des cistusblaetterigen Tribulus und +die schoene purpurfarbige Euphorbie, die in Havana unter dem seltsamen +Namen _Dictamno real_ gezogen wird, sondern auch _Aviceunia_, _Allionia_, +_Peruvium_, _Thalinum_ und die meisten Portulaceen, die am Golf von +Cariaco vorkommen. Diese geographische Vertheilung der Gewaechse weist, wie +es scheint, auf den Umriss der alten Kueste hin und spricht dafuer, dass, wie +oben bemerkt worden, die Huegel, an deren Suedabhang wir hinzogen, einst +eine durch einen Meeresarm vom Festland getrennte Insel bildeten. + +Nach zwei Stunden Weges gelangten wir an den Fuss der hohen Bergkette im +Inneren, die vom Brigantin bis zum Cerro de San Lorenzo von Ost nach West +streicht. Hier beginnen neue Gebirgsarten und damit ein anderer Habitus +des Pflanzenwuchses. Alles erhaelt einen grossartigeren, malerischeren +Charakter. Der quellenreiche Boden ist nach allen Richtungen von +Wasserfaeden durchzogen. Baeume von riesiger Hoehe, mit Schlinggewaechsen +bedeckt, steigen aus den Schluchten empor; ihre schwarze, von der +Sonnengluth und vom Sauerstoff der Luft verbrannte Rinde sticht ab vom +frischen Gruen der Pothos und der Dracontien, deren lederartige glaenzende +Blaetter nicht selten mehrere Fuss lang sind. Es ist nicht anders, als ob +unter den Tropen die parasitischen Monocotyledonen die Stelle des Mooses +und der Flechten unserer noerdlichen Landstriche vertraeten. Je weiter wir +kamen, desto mehr erinnerten uns die Gesteinmassen sowohl nach Gestalt als +Gruppierung an Schweizer und Tiroler Landschaften. In diesen +amerikanischen Alpen wachsen noch in bedeutenden Hoehen Helikonien, +Cosstus, Maranta und andere Pflanzen aus der Familie der Canna-Arten, die +in der Naehe der Kueste nur niedrige, feuchte Orte aufsuchen. So kommt es, +dass die heisse Erdzone und das noerdliche Europa die interessante +Eigentuemlichkeit gemein haben, dass in einer bestaendig mit Wasserdampf +erfuellten Luft, wie auf einem vom schmelzenden Schnee durchfeuchteten +Boden die Vegetation in den Gebirgen ganz den Charakter einer +Sumpfvegetation zeigt. + +Wir kamen in der Schlucht los Frailes und zwischen Cuesta de Caneyes und +dem Rio Guriental an Huetten vorbei, die von Mestizen bewohnt sind. Jede +Huette liegt mitten in einem Gehege, das Bananenbaeume, Melonenbaeume, +Zuckerrohr und Mais einfriedigt. Man muesste sich wundern, wie klein diese +Flecke urbar gemachten Landes sind, wenn man nicht bedaechte, dass ein mit +Pisang angepflanzter Morgen Landes gegen zwanzigmal mehr Nahrungsstoff +liefert, als die gleiche mit Getreide bestellte Flaeche. In Europa bedecken +unsere nahrhaften Grasarten, Weizen, Gerste, Roggen, weite Landstrecken; +ueberall, wo die Voelker sich von Cerealien naehren, stossen die bebauten +Grundstuecke nothwendig an einander. Anders in der heissen Zone, wo der +Mensch sich Gewaechse aneignen konnte, die ihm weit reichere und fruehere +Ernten liefern. In diesen gesegneten Landstrichen entspricht die +unermessliche Fruchtbarkeit des Bodens der Gluthhitze und der Feuchtigkeit +der Lust. Ein kleines Stueck Boden, auf dem Bananenbaeume, Manioc, Yams und +Mais stehen, ernaehrt reichlich eine zahlreiche Bevoelkerung. Dass die Huetten +einsam im Walde zerstreut liegen, wird fuer den Reisenden ein Merkmal der +Ueberfuelle der Natur; oft reicht ein ganz kleiner Fleck urbaren Landes fuer +den Bedarf mehrerer Familien hin. + +Diese Betrachtungen ueber den Ackerbau in heissen Landstrichen erinnern von +selbst daran, welch inniger Verband zwischen dem Umfang des urbar +gemachten Landes und dem gesellschaftlichen Fortschritt besteht. So gross +die Fuelle der Lebensmittel ist, die dieser Reichthum des Bodens, die +strotzende Kraft der organischen Natur hervorbringt, dennoch wird die +Culturentwicklung der Voelker dadurch niedergehalten. In einem milden, +gleichfoermigen Klima kennt der Mensch kein anderes dringendes Beduerfniss +als das der Nahrung. Nur wenn dieses Beduerfniss sich geltend macht, fuehlt +er sich zur Arbeit getrieben, und man sieht leicht ein, warum sich im +Schoosse des Ueberflusses, im Schatten von Bananen- und Brodfruchtbaeumen, +die Geistesfaehigkeiten nicht so rasch entwickeln als unter einem strengen +Himmel, in der Region der Getreidearten, wo unser Geschlecht in ewigem +Kampf mit den Elementen liegt. Wirft man einen Blick auf die von +ackerbautreibenden Voelkern bewohnten Laender, so sieht man, dass die +bebauten Grundstuecke durch Wald von einander getrennt bleiben oder +unmittelbar an einander stossen, und dass solches nicht nur von der Hoehe der +Bevoelkerung, sondern auch von der Wahl der Nahrungsgewaechse bedingt wird. +In Europa schaetzen wir die Zahl der Einwohner nach der Ausdehnung des +urbaren Landes; unter den Tropen dagegen, im heissesten und feuchtesten +Striche von Suedamerika, scheinen sehr stark bevoelkerte Provinzen beinahe +wueste zu liegen, weil der Mensch zu seinem Lebensunterhalt nur wenige +Morgen bebaut. + +Diese Umstaende, die alle Aufmerksamkeit verdienen, geben sowohl der +physischen Gestaltung des Landes als dem Charakter der Bewohner ein +eigenes Gepraege; beide erhalten dadurch in ihrem ganzen Wesen etwas +Wildes, Rohes, wie es zu einer Natur passt, deren urspruengliche +Physiognomie durch die Kunst noch nicht verwischt ist. Ohne Nachbarn, fast +ohne allen Verkehr mit Menschen, erscheint jede Ansiederfamilie wie ein +vereinzelter Volksstamm. Diese Vereinzelung hemmt den Fortschritt der +Kultur, die sich nur in dem Maass entwickeln kann, als der Menschenverein +zahlreicher wird und die Bande zwischen den einzelnen sich fester knuepfen +und vervielfaeltigen; die Einsamkeit entwickelt aber auch und staerkt im +Menschen das Gefuehl der Unabhaengigkeit und Freiheit; sie naehrt jenen +Stolz, der von jeher die Voelker von castilianischem Blute ausgezeichnet +hat. + +Dieselben Ursachen, deren maechtiger Einfluss uns weiterhin noch oft +beschaeftigen wird, haben zur Folge, dass dem Boden, selbst in den am +staerksten bevoelkerten Laendern des tropischen Amerika, der Anstrich von +Wildheit erhalten bleibt, der in gemaessigten Klimaten sich durch den +Getreidebau verliert. Unter den Tropen nehmen die ackerbauenden Voelker +weniger Raum ein; die Herrschaft des Menschen reicht nicht so weit; er +tritt nicht als unumschraenkter Gebieter auf, der die Bodenoberflaeche nach +Gefallen modelt, sondern wie ein fluechtiger Gast, der in Ruhe des Segens +der Natur geniesst. In der Umgegend der volkreichsten Staedte starrt der +Boden noch immer von Waeldern oder ist mit einem dichten Pflanzenfilz +ueberzogen, den niemals eine Pflugschar zerrissen hat. Die wildwachsenden +Pflanzen beherrschen noch durch ihre Masse die angebauten Gewaechse und +bestimmen allein den Charakter der Landschaft. Allem Vermuthen nach wird +dieser Zustand nur aeusserst langsam einem andern Platz machen. Wenn in +unsern gemaessigten Landstrichen es besonders der Getreidebau ist, der dem +urbaren Lande einen so truebselig eintoenigen Anstrich gibt, so erhaelt sich, +aller Wahrscheinlichkeit nach, in der heissen Zone selbst bei zunehmender +Bevoelkerung die Grossartigkeit der Pflanzengestalten, das Gepraege einer +jungfraeulichen, ungezaehmten Natur, wodurch diese so unendlich anziehend +und malerisch wird. So werden denn, in Folge einer merkwuerdigen +Verknuepfung physischer und moralischer Ursachen, durch Wahl und Ertrag der +Nahrungsgewaechse drei wichtige Momente vorzugsweise bestimmt: das +gesellige Beisammenleben der Familien oder ihre Vereinzelung, der raschere +oder langsamere Fortschritt der Cultur, und die Physiognomie der +Landschaft. + +Je tiefer wir in den Wald hineinkamen, desto mehr zeigte uns das +Barometer, dass der Boden mehr anstieg. Die Baumstaemme boten uns hier einen +ganz eigenen Anblick; eine Grasart mit quirlfoermigen Zweigen klettert, +gleich einer Liane, acht, zehn Fuss [2,6 bis 3,25 m hoch] und bildet ueber +dem Wege Gewinde, die sich im Luftzuge schaukeln. Gegen drei Uhr +nachmittags hielten wir auf einer kleinen Hochebene an, *Quetepe* genannt, +die etwa 190 Toisen [370 m] ueber dem Meere liegt. Es stehen hier einige +Huetten an einer Quelle, deren Wasser bei den Eingeborenen als sehr kuehl +und gesund beruehmt ist. Wir fanden das Wasser wirklich ausgezeichnet; es +zeigte 22,5 deg. der hundertteiligen Scale (18 deg. R.), waehrend das Thermometer +an der Luft auf 28,7 deg. stand. Die Quellen, die von benachbarten hoeheren +Bergen herabkommen, geben haeufig eine zu rasche Abnahme der Luftwaerme an. +Nimmt man als mittlere Temperatur des Wassers an der Kueste von Cumana 26 deg. +an, so folgt daraus, wenn nicht andere lokale Ursachen auf die Temperatur +der Quellen Einfluss aeussern, dass die Quelle von Quetepe sich erst in mehr +als 350 Toifen absoluter Hoehe so bedeutend abkuehlt. Da hier von Quellen +die Rede ist, die in der heissen Zone in der Ebene oder in unbedeutender +Hoehe zu Tage kommen, so sey bemerkt, dass nur in Laendern, wo die mittlere +Sommertemperatur von der durchschnittlichen des ganzen Jahres bedeutend +abweicht, die Einwohner in der heissesten Jahreszeit sehr kaltes +Quellwasser trinken koennen. Die Lappen bei Umeo und Soersele, unter dem 65. +Breitegrad, erfrischen sich an Quellen, deren Temperatur im August kaum +2 bis 3 Grad ueber dem Frierpunkt steht, waehrend bei Tage die Luftwaerme im +Schatten auf 26 oder 27 Grad steigt. In unsern gemaessigten Landstrichen, in +Frankreich und Deutschland, ist der Abstand zwischen der Luft und den +Quellen niemals ueber 16-17 Grad, und unter den Tropen steigt er selten auf +6-7 Grad. Man gibt sich leicht Rechenschaft von diesen Erscheinungen, wenn +man weiss, dass die Temperatur in der Tiefe des Bodens und die der +unterirdischen Quellen fast ganz uebereinkonnnt mit der mittleren +Jahrestemperatur der Luft, und dass diese von der mittleren Sommerwaerme +desto mehr abweicht, je mehr man sich vom Aequator entfernt. -- Die +magnetische Inclination war in Quetepe 40 deg.,7 der hunderttheiligen Scale, +der Cyanometer gab das Blau des Himmels im Zenith nur zu 84 deg. an, ohne +Zweifel weil die Regenzeit seit mehreren Tagen begonnen und die Luft +bereits Wasserdunst aufgenommen hatte. + +Auf einem Sandsteinhuegel ueber der Quelle hatten wir eine prachtvolle +Aussicht auf das Meer, das Vorgebirge Macanao und die Halbinsel +Maniquarez. Ein ungeheurer Wald breitete sich zu unseren Fuessen bis zum +Ocean hinab; die Baumwipfel, mit Lianen behangen, mit langen +Bluethenbuescheln gekroent, bildeten einen ungeheuren gruenen Teppich, dessen +tiefdunkle Faerbung das Licht in der Luft noch glaenzender erscheinen liess. +Dieser Anblick ergriff uns um so mehr, da uns hier zum erstenmal die +Vegetation der Tropen in ihrer Massenhaftigkeit entgegentrat. Auf dem +Huegel von Quetepe, unter den Staemmen von _Malpighia corolloboefolia_ mit +stark lederartigen Blaettern, in Gebueschen von _Polygala montana_, brachen +wir die ersten Melastomen, namentlich die schoene Art, die unter dem Namen +_Melastoma rufescens_ beschrieben worden. Dieser Aussichtspunkt wird uns +lange in Gedaechtnis bleiben; der Reisende behaelt die Orte lieb, wo er +zuerst ein Pflanzengeschlecht angetroffen, das er bis dahin nie wild +wachsend gesehen. + +Weiter gegen Suedwest wird der Boden duerr und sandig; wir erstiegen eine +ziemlich hohe Berggruppe, welche die Kueste von den grossen Ebenen oder +Savannen an den Ufern des Orinoko trennt. Der Teil dieser Berggruppe, +durch den der Weg nach Cumanacoa laeuft, ist pflanzenlos und faellt gegen +Nord und Sued steil ab. Er fuehrt den Namen *Imposible*, weil man meint, bei +einer feindlichen Landung wuerden die Einwohner von Cumana auf diesem +Gebirgskamm eine Zufluchtsstaette finden. Wir kamen kurz vor +Sonnenuntergang auf dem Gipfel an, und ich konnte eben noch ein paar +Stundenwinkel aufnehmen, um mittelst des Chronometers die Laenge des Orts +zu bestimmen. + +Die Aussicht auf dem Imposible ist noch schoener und weiter als auf der +Ebene Quetepe. Deutlich konnten wir mit blossem Auge den abgestutzten +Gipfel des Brigantin, dessen geographische Lage genau zu kennen so wichtig +waere, den Landungsplatz und die Rhede von Cumana sehen. Die Felsenkueste +von Araya lag nach ihrer ganzen Laenge vor uns. Besonders fiel uns die +merkwuerdige Bildung eines Hafens auf, den man _Laguna grande_ oder _Laguna +de Obispo_ nennt. Ein weites, von hohen Bergen umgebenes Becken steht +durch einen schmalen Canal, durch den nur Ein Schiff fahren kann, mit dem +Meerbusen von Cariaco in Verbindung. In diesem Hafen, den Fidalgo genau +aufgenommen hat, koennten mehrere Geschwader neben einander ankern. Es ist +ein voellig einsamer Ort, den nur einmal im Jahr die Fahrzeuge besuchen, +welche Maulthiere nach den Antillen bringen. Hinten in der Bucht liegen +einige Weiden. Unser Blick verfolgte die Windungen des Meeresarms, der +sich wie ein Fluss durch senkrechte, kahle Felsen sein Bett gegraben hat. +Dieser merkwuerdige Anblick erinnert an die phantastische Landschaft, die +Leonardo da Vinci aus dem Hintergrund seines beruehmten Bildnisses der +Joconda [Mona Lisa, Gattin des Francesco del Gioconde] angebracht hat. + +Wir konnten mit dem Chronometer den Moment beobachten, in dem die +Sonnenscheibe den Meereshorizont beruehrte. Die erste Beruehrung fand statt +um 6 Uhr 8 Minuten 13 Secunden, die zweite um 6 Uhr 10 Min. 26 Sec. +mittlere Zeit. Diese Beobachtung, die fuer die Theorie der irdischen +Strahlenbrechung nicht ohne Belang ist, wurde auf dem Gipfel des Berges in +296 Toisen absoluter Hoehe angestellt. Mit dem Untergang der Sonne trat +eine sehr rasche Abkuehlung der Luft ein. Drei Minuten nach der letzten +scheinbaren Beruehrung der Scheibe mit dem Meereshorizont fiel das +Thermometer ploetzlich von 25,2 deg. auf 21,3 deg.. Wurde diese auffallende +Abkuehlung etwa durch einen aufsteigenden Strom bewirkt? Die Luft war +indessen ruhig und kein wagrechter Luftzug zu bemerken. + +Die Nacht brachten wir in einem Hause zu, wo ein Militaerposten von acht +Mann unter einem spanischen Unteroffizier liegt. Es ist ein Hospiz, das +neben einem Pulvermagazin liegt und wo der Reisende alle Bequemlichkeit +findet. Dasselbe Commando bleibt fuenf bis sechs Monate lang auf dem Berg. +Man nimmt dazu vorzugsweise Soldaten, die *Chacras* oder Pflanzungen in +der Gegend haben. Als nach der Einnahme der Insel Trinidad durch die +Englaender im Jahr 1797 der Stadt Cumana ein Angriff drohte, fluechteten +sich viele Einwohner nach Cumanacoa und brachten ihre werthvollste Habe in +Schuppen unter, die man in der Eile auf dem Gipfel des Imposible +aufgeschlagen. Man war entschlossen, bei einem ploetzlichen feindlichen +Ueberfall nach kurzem Widerstand das Schloss San Antonio aufzugeben und die +ganze Kriegsmacht der Provinz um den Berg zusammenzuziehen, der als der +Schluessel der Llanos anzusehen ist. Die kriegerischen Ereignisse, deren +Schauplatz nach der seitdem eingetretenen politischen Umwaelzung diese +Gegend wurde, haben bewiesen, wie richtig jener erste Plan berechnet war. + +Der Gipfel des Imposible ist, soweit meine Beobachtung reicht, mit einem +quarzigen, versteinerungslosen Sandstein bedeckt. Die Schichten desselben +streichen hier wie auf dem Ruecken der benachbarten Berge ziemlich +regelmaessig von Nord-Nord-Ost nach Sued-Sued-West. Diese Richtung ist auch im +Urgebirge der Halbinsel Araya und laengs der Kueste von Venezuela die +haeufigste. Am noerdlichen Abhang des Imposible, bei Penas Negras, kommt aus +dem Sandstein, der mit Schieferthon wechsellagert, eine starke Quelle zu +Tag. Man sieht an diesem Punkt von Nordwest nach Suedost streichende, +zerbrochene, fast senkrecht ausgerichtete Schichten. + +Die Llaneros, das heisst die Bewohner der Ebenen, schicken ihre Produkte, +namentlich Mais, Leder und Vieh ueber den Imposible in den Hafen von +Cumana. Wir sahen rasch hintereinander Indianer oder Mulatten mit +Maulthieren ankommen. Der einsame Ort erinnerte mich lebhaft an die +Naechte, die ich oben auf dem St. Gotthard zugebracht. Es brannte an +mehreren Stellen in den weiten Waldungen um den Berg. Die roethlichen, halb +in ungeheure Rauchwolken gehuellten Flammen gewaehrten das grossartigste +Schauspiel. Die Einwohner zuenden die Waelder an, um die Weiden zu +verbessern und das Unterholz zu vertilgen, unter dem das Gras erstickt, +das hierzulande schon selten genug ist. Haeufig entstehen auch ungeheure +Waldbraende durch die Unvorsichtigkeit der Indianer, die auf ihren Zuegen +die Feuer, an denen sie gekocht haben, nicht ausloeschen. Durch diese +Zufaelle sind auf dem Wege von Cumana nach Cumanacoa die alten Baeume +seltener geworden; und die Einwohner machen die richtige Bemerkung, dass an +verschiedenen Orten der Provinz die Trockenheit zugenommen habe, nicht +allein weil der Boden durch die vielen Erdbeben von Jahr zu Jahr mehr +zerklueftet wird, sondern auch weil er nicht mehr so stark bewaldet ist wie +zur Zeit der Eroberung. + +Ich stand Nachts auf, um die Breite des Orts nach dem Durchgang Fomahaults +durch den Meridian zu bestimmen. Es war Mitternacht; ich starrte vor +Kaelte, wie unser Fuehrer, und doch stand der Thermometer noch auf 19 deg.,7 +(15 deg. R.). In Cumana sah ich ihn nie unter 21 deg. fallen; aber das Haus auf +dem Imposible, in dem wir die Nacht zubrachten, lag auch 258 Toisen ueber +dem Meeresspiegel. Bei der Casa de la Polvora beobachtete ich die +Inclination der Magnetnadel; sie war gleich 40 deg.,5. Die Zahl der +Schwingungen in zehn Minuten Zeit betrug 233; die Intensitaet der +magnetischen Kraft hatte somit zwischen der Kueste und dem Berg zugenommen, +was vielleicht von eisenschuessigem Gestein herruehrte, das die auf dem +Alpenkalk gelagerten Sandsteinschichten enthalten mochten. + +Am 5. September vor Sonnenaufgang brachen wir vom Imposible auf. Der Weg +abwaerts ist fuer Lasttiere sehr gefaehrlich; der Pfad ist meist nur 15 Zoll +[40 cm] breit und laeuft beiderseits an Abgruenden hin. Im Jahr 1797 hatte +man sehr zweckmaessig beschlossen, von St. Fernando bis an den Berg eine +gute Strasse anzulegen. Die Strasse war sogar zu einem Drittheil bereits +fertig; leider hatte man damit in der Ebene am Fuss des Imposible begonnen, +und das schwierigste Stueck des Wegs wurde gar nicht in Angriff genommen. +Die Arbeit gerieth aus einer der Ursachen ins Stocken, aus denen aus allen +Fortschrittsprojekten in den spanischen Colonien nichts wird. Verschiedene +Civilbehoerden nahmen das Recht in Anspruch, die Arbeit mit zu leiten. Das +Volk bezahlte geduldig den Zoll fuer einen Weg, der gar nicht da war, bis +der Statthalter von Cumana den Missbrauch abstellte. + +Wenn man vom Imposible herabkommt, sieht man den Alpenkalk unter dem +Sandstein wieder zum Vorschein kommen. Da die Schichten meist nach Sued und +Suedost fallen, so kommen am Suedabhang des Berges sehr viele Quellen zu +Tag. In der Regenzeit werden diese Quellen zu reissenden Bergstroemen, die +im Schatten von Hura, Cuspa und Cecropia mit silberglaenzenden Blaettern +niederstuerzen. + +Die *Cuspa*, die in der Umgegend von Cumana und Bordones ziemlich haeufig +vorkommt, ist ein den europaeischen Botanikern noch unbekannter Baum. Er +diente lange nur als Bauholz uns seit dem Jahre 1797 unter dem Namen +Cascarilla oder Quinquina von Neuandalusien beruehmt geworden. Sein Stamm +wird kaum 15 bis 20 Fuss [5 bis 6,5 m] hoch; seine wechselstaendigen Blaetter +sind glatt, ganzrandig, eifoermig. Seine sehr duenne, blassgelbe Rinde ist +ein ausgezeichnetes Fiebermittel; dieselbe hat sogar mehr Bitterkeit als +die Rinden der echten Cinchonen, aber diese Bitterkeit ist nicht so +unangenehm. Die Cuspa wird mit sehr guten Erfolg als weingeistiger Extrakt +und als waesseriger Aufguss sowohl bei Wechselfiebern als bei boesartigen +Fiebern gegeben. Emparan, der Statthalter von Cumana, hat den Aerztn in +Cadiz einen ansehnlichen Vorrat davon geschickt, und nach den kuerzlichen +Mittheilungen Don Pedro Francos, Pharmaceuten am Militaerspital zu Cumana, +hat man in Europa die Cuspa fuer fast ebenso wirksam erklaert, als die +Quinquina von Santa Fe. Man behauptet, in Pulverform gereicht, habe sie +vor letzterer den Vorzug, da sie bei Kranken mit geschwaechtem Unterleib +den Magen weniger angreife. + +Als wir aus der Schlucht, die sich am Imposible hinabzieht, herauskamen, +betraten wir einen dichten Wald, durch den eine Menge kleiner Fluesse +laufen, die man leicht durchwatet. Wir machten die Bemerkung, dass die +Cecropia, die durch die Stellung ihrer Aeste und den schlanken Stamm an +den Palmenhabitus erinnert, je nachdem der Boden duerr oder sumpfig ist, +mehr oder weniger silberfarbige Blaetter treibt. Wir sahen Staemme, deren +Laub auf beiden Seiten ganz gruen war. Die Wurzeln dieser Baeume waren unter +Bueschen von Dorstenia versteckt, die nur feuchte, schattige Orte liebt. +Mitten im Wald, an den Ufern des Rio Erdeno, findet man, wie am Suedabhang +des Cocollar, Melonenbaeume und Orangenbaeume mit grossen suessen Fruechten wild +wachsend. Es sind wahrscheinlich Ueberbleibsel einiger Conucas oder +indianischer Pflanzungen; denn auch der Orangenbaum kann in diesen +Landstrichen nicht zu den urspruenglich hier heimischen Gewaechsen gerechnet +werden, so wenig wie der Pisang, der Melonenbaum, der Mais, der Manioc und +so viele andere nutzbare Gewaechse, deren eigentliche Heimat wir nicht +kennen, obgleich sie den Menschen seit uralter Zeit auf seinen Wanderungen +begleitet haben. + +Wenn ein eben aus Europa angekommener Reisender zum erstenmal die Waelder +Suedamerikas betritt, so hat er ein ganz unerwartetes Naturbild vor sich. +Alles was er sieht, erinnert nur entfernt an die Schilderungen, welche +beruehmte Schriftsteller an den Ufern des Mississippi, in Florida und in +andern gemaessigten Laendern der neuen Welt entworfen haben. Bei jedem +Schritt fuehlt er, dass er sich nicht an den Grenzen der heissen Zone +befindet, sondern mitten darin, nicht auf einer der antillischen Inseln, +sondern auf einem gewaltigen Continent, wo Alles riesenhaft ist, Berge, +Stroeme und Pflanzenmassen. Hat er Sinn fuer landschaftliche Schoenheit, so +weiss er sich von seinen mannigfaltigen Empfindungen kaum Rechenschaft zu +geben. Er weiss nicht zu sagen, was mehr sein Staunen erregt, die +feierliche Stille der Einsamkeit oder die Schoenheit der einzelnen +Gestalten und ihrer Kontraste oder die Kraft und die Fuelle des +vegetabilischen Lebens. Es ist als haette der mit Gewaechsen ueberladene +Boden gar nicht Raum genug zu ihrer Entwicklung. Ueberall verstecken sich +die Baumstaemme hinter einen gruenen Teppich, und wollte man all die +Orchideen, die Pfeffer- und Pothosarten, die auf einem einzigen +Heuschreckenbaum oder amerikanischen Feigenbaum [_Ficus gigantea._] +wachsen, sorgsam verpflanzen, so wuerde ein ganzes Stueck Land damit +bedeckt. Durch diese wunderliche Aufeinanderfolge erweitern die Waelder, +wie die Fels und Gebirgswaende, den Bereich der organischen Natur. -- +Dieselben Lianen, die am Boden kriechen, klettern zu den Baumwipfeln empor +und schwingen sich, mehr als hundert Fuss [30 m] hoch, vom einen zum +anderen. So kommt es, dass, da die Schmarotzergewaechse sich ueberall +durcheinander wirren, der Botaniker Gefahr laeuft, Blueten, Fruechte und +Laub, die verschiedenen Arten gehoeren, zu verwechseln. + +Wir wanderten einige Stunden im Schatten dieser Woelbungen, durch die man +kaum hin und wieder den blauen Himmel sieht. Er schien mir um so tiefer +indigoblau, da das Gruen der tropischen Gewaechse meist einen sehr +kraeftigen, ins Braeunliche spiegelnde Ton hat. Zerstreute Felsmassen waren +mit einem grossen Baumfarn bewachsen, der sich vom _Polypodium arboreum_ +der Antillen wesentlich unterscheidet. Hier sahen wir zum erstenmal jene +Nester in Gestalt von Flaschen oder kleinen Taschen, die an den Aesten der +niedrigsten Baeume aufgehaengt sind. Es sind Werke des bewunderungswuerdigen +Bautriebes der Drosseln, deren Gesang sich mit dem heiseren Geschrei der +Papageien und Aras mischte. Die letzteren, die wegen der lebhaften Farben +ihres Gefieders allgemein bekannt sind, flogen nur paarweise, waehrend die +eigentlichen Papageien in Schwaermen von mehreren hundert Stueck +umherfliegen. Man muss in diesen Laendern, besonders in den heissen Thaelern +der Anden gelebt haben, um es fuer moeglich zu halten, dass zuweilen das +Geschrei dieser Voegel das Brausen der Bergstroeme, die von Fels zu Fels +stuerzen, uebertoent. + +Eine starke Meile vor dem Dorfe San Fernando kamen wir aus dem Walde +heraus. Ein schmaler Fusspfad fuehrt auf mehreren Umwegen in ein offenes, +aber ausnehmend feuchtes Land. Unter dem gemaessigten Himmelsstrich haetten +unter solchen Umstaenden Graeser und Riedgraeser einen weiten Wiesenteppich +gebildet; hier wimmelte der Boden von Wasserpflanzen mit pfeilfoermigen +Blaettern, besonders von Canna-Arten, unter denen wir die prachtvollen +Bluethen der Costus, der Thalien und Heliconien erkannten. Diese saftigen +Gewaechse werden acht bis zehn Fuss hoch, und wo sie dicht beisammen stehen, +koennten sie in Europa fuer kleine Waelder gelten. Das herrliche Bild eines +Wiesgrundes und eines mit Blumen durchwirkten Rasens ist den niedern +Landstrichen der heissen Zone fast ganz fremd und findet sich nur auf den +Hochebenen der Anden wieder. + +Bei San Fernando war die Verdunstung unter den Strahlen der Sonne so +stark, dass wir, da wir sehr leicht gekleidet waren, durchnaesst wurden, wie +in einem Dampfbade. Am Wege wuchs eine Art Bambusrohr, das die Indianer +Jagua oder Guadua nennen und das ueber vierzig Fuss [13 m] hoch wird. Nichts +kann zierlicher sein als diese baumartige Grasart. Form und Stellung der +Blaetter geben ihr ein Ansehen von Leichtigkeit, das mit dem hohen Wuchs +angenehm kontrastiert. Der glatte, glaenzende Stamm der Jagua ist meist den +Bauchufern zugeneigt und schwankt beim leisesten Luftzuge hin und her. So +hoch auch das Rohr [_Arundo donax_] im mittaeglichen Europa waechst, so gibt +es doch keinen Begriff vom Aussehen der baumartigen Graeser, und wollte ich +nur meine eigene Erfahrung sprechen lassen, so moechte ich behaupten, dass +von allen Pflanzengestalten unter den Tropen keine die Einbildungskraft +des Reisenden mehr anregt als der Bambus und der Baumfarn. + +Die ostindischen Bambus, die _calumets des hauts_ [_Bambusa_, oder +vielmehr _Nestus alpina_] der Insel Bourbon, der Guaduas Suedamerikas, +vielleicht sogar die riesenhaften Arundinarien an den Ufern des +Mississippi, gehoeren derselben Pflanzengruppe an. In Amerika sind aber die +Bambusanen nicht so haeufig, als man gewoehnlich glaubt. In den Suempfen sind +auf den grossen unter Wasser stehenden Ebenen am untern Orinoco, am Apure +und Atabapo fehlen sie fast ganz, wogegen sie im Nordwesten, in Neugrenada +und im Koenigreich Quito mehrere Meilen lange dichte Waelder bilden. Der +westliche Abhang der Anden erscheint als ihre eigentliche Heimath, und was +ziemlich auffallend ist, wir haben sie nicht nur in tiefen, kaum ueber dem +Meer gelegenen Landstrichen, sondern auch in den hohen Thaelern der +Cordilleren bis in 860 Toisen Meereshoehe angetroffen. + +Der Weg mit dem Bambusgebuesch zu beiden Seiten fuehrte uns zum kleinen +Dorfe San Fernando, das auf einer schmalen, von sehr steilen +Kalksteinwaenden umgebenen Ebene liegt. Es war die erste Mision, die wir in +Amerika betraten.(49) Die Haeuser oder vielmehr Huetten der Chaymasindianer +sind weit auseinander gerueckt und nicht von Gaerten umgeben. Die breiten +geraden Strassen schneiden sich unter rechten Winkeln; die sehr duennen, +unsoliden Waende bestehen aus Letten oder Lianenzweigen. Die gleichfoermige +Bauart, das ernste schweigsame Wesen der Einwohner, die ausnehmende +Reinlichkeit in den Haeusern, alles erinnert an die Gemeinden der +maehrischen Brueder. Jede indianische Familie baut draussen vor dem Dorfe +ausser ihren eigenen Garten den *Conuco de la comunidad*. In diesem +arbeiten die Erwachsenen beider Geschlechter morgens und abends je eine +Stunde. In den Missionen, die der Kueste zu liegen, ist der Gemeindegarten +meist eine Zucker- oder Indigoplantage, welcher der Missionar vorsteht, +und deren Ertrag, wenn das Gesetz streng befolgt wird, nur zur Erhaltung +der Kirche und zur Anschaffung von Paramenten verwendet werden darf. Auf +dem grossen Platze mitten im Dorfe stehen die Kirche, die Wohnung des +Missionars und das bescheidene Gebaeude, das pomphaft *Case des Rey*, +"koenigliches Haus", betitelt wird. Es ist eine foermliche Karawanserei, wo +die Reisenden Obdach finden, und, wie wir oft erfahren, eine wahre Wohltat +in einem Lande, wo das Wort Wirtshaus noch unbekannt ist. Die _Casas des +Rey_ findet man in allen spanischen Kolonien, und man koennte meinen, sie +seyen eine Nachahmung der nach dem Gesetze Manco-Capacs errichteten +*Tambos* in Peru. + +Wir waren an die Ordensleute, die den Missionen der Chaymas-Indianer +vorstehen, durch ihren Syndicus in Cumana empfohlen. Diese Empfehlung kam +uns desto mehr zu statten, als die Missionaere, sey es aus Besorgniss fuer +die Sittlichkeit ihrer Pfarrkinder, oder um die moenchische Zucht der +zudringlichen Neugier Fremder zu entziehen, oft an einer alten Verordnung +festhalten, nach welcher kein Weisser weltlichen Standes sich laenger als +eine Nacht in einem indianischen Dorfe aufhalten darf. Will man in den +spanischen Missionen angenehm reisen, so darf man sich meist nicht allein +auf den Pass des Madrider Staatssecretariats oder der Civilbehoerden +verlassen, man muss sich mit Empfehlungen geistlicher Behoerden versehen; am +wirksamsten sind die der Gardians der Kloester und der in Rom residirenden +Ordensgenerale, vor denen die Missionare weit mehr Respekt haben als vor +den Bischoefen. Die Missionen bilden, ich sage nicht nach ihren +urspruenglichen canonischen Satzungen, aber thatsaechlich eine so ziemlich +unabhaengige Hierarchie fuer sich, die in ihren Ansichten selten mit der +Weltgeistlichkeit uebereinstimmt. + +Der Missionar von San Fernando war ein sehr bejahrter, aber noch sehr +kraeftiger und munterer Kapuziner aus Aragon. Seine bedeutende +Koerperrundung, sein guter Humor, sein Interesse fuer Gefechte und +Belagerungen stimmten schlecht zu der Vorstellung, die man sich im Norden +vom schwaermerischen Truebsinn und dem beschaulichen Leben der Missionare +macht. So viel ihm auch eine Kuh zu tun gab, die des anderen Tages +geschlachtet werden sollte, empfing uns doch der alte Ordensmann ganz +freundlich und erlaubte uns, unsere Haengematten in einem Gange seines +Hauses zu befestigen. Er sass den groessten Teil des Tages ueber in einem +grossen Armstuhle von rotem Holz und beklagte sich bitter ueber die Traegheit +und Unwissenheit seiner Landsleute. Er richtete tausenderlei Fragen an uns +ueber den eigentlichen Zweck unserer Reise, die ihm sehr gewagt und zum +wenigsten ganz unnuetz schien. Hier wie am Orinoco wurde es uns sehr +beschwerlich, dass sich die Spanier mitten in den Waeldern Amerikas fuer die +Kriege und politischer Stuerme der alten Welt immer noch so lebhaft +interessiren. + +Unser Missionaer schien uebrigens mit seiner Stellung vollkommen zufrieden. +Er behandelte die Indianer gut, er sah die Mission gedeihen, er pries in +begeisterten Worten das Wasser, die Bananen, die Milch des Landes. Als er +unsere Instrumente, unsere Buecher und getrockneten Pflanzen sah, konnte er +sich eines boshaften Laechelns nicht enthalten, und er gestand mit der in +diesem Klima landesueblichen Naivitaet, von allen Genuessen dieses Lebens, +den Schlaf nicht ausgenommen, sey doch gutes Kuhfleisch, *carne de vaca*, +der koestlichste; die Sinnlichkeit quillt eben ueberall ueber, wo es an +geistiger Beschaeftigung fehlt. Oft bat uns unser Wirth, mit ihm die Kuh zu +besuchen, die er eben gekauft hatte, und am andern Tage bei Tagesanbruch +mussten wir sie nach Landessitte schlachten sehen; man machte ihr einen +Schnitt durch die Haeckse, ehe man ihr das breite Messer in die Halswirbel +stiess. So widrig dieses Geschaeft war, so lernten wir dabei doch die +ausnehmende Fertigkeit der Chaymas kennen, deren acht in weniger als +zwanzig Minuten das Thier in kleine Stuecke zerlegten. Die Kuh hatte nur +sieben Piaster gekostet, und diess galt fuer sehr viel. Am selben Tag hatte +der Missionar einem Soldaten aus Cumana, der ihm nach mehreren +vergeblichen Versuchen endlich am Fuss die Ader geschlagen, achtzehn +Piaster bezahlt. Dieser Fall, so unbedeutend er scheint, zeigt recht +auffallend, wie hoch in uncultivirten Laendern die Arbeit dem Werth der +Naturprodukte gegenueber im Preise steht. + +Die Mission San Fernando wurde zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts an der +Stelle gegruendet, wo die kleinen Fluesse Manzanares und Lucasperez sich +vereinigen. Eine Feuersbrunst, welche die Kirche und die Huetten der +Indianer in Asche legte, gab den Anlass, dass die Kapuziner das Dorf an dem +schoenen Punkt, wo es jetzt liegt, wieder aufbauten. Die Zahl der Familien +ist auf hundert gestiegen, und der Missionar machte gegen uns die +Bemerkung, dass der Brauch, die jungen Leute im dreizehnten oder +vierzehnten Jahre zu verheirathen, zu dieser raschen Zunahme der +Bevoelkerung viel beitrage. Er zog in Abrede, dass die Chaymas-Indianer so +frueh altern, als die Europaeer gewoehnlich glauben. Das Regierungswesen in +diesen indianischen Gemeinden ist uebrigens sehr verwickelt; sie haben +ihren Gobernador, ihre Alguazils Majors und ihre Milizoffiziere, und diese +Beamten sind lauter kupferfarbene Eingeborene. Die Schuetzencompagnie hat +ihre Fahnen und uebt sich mit Bogen und Pfeilen im Zielschiessen; es ist die +Buergerwehr des Landes. Solch kriegerische Anstalten und einem rein +moenchischen Regiment kamen uns sehr seltsam vor. + +In der Nacht vom fuenften September und am andern Morgen lag ein dicker +Nebel, und doch waren wir nur hundert Toisen ueber dem Meeresspiegel. Bevor +wir aufbrachen, mass ich geometrisch den grossen Kalkberg, der achthundert +Toisen suedlich von San Fernando liegt und nach Norden steil abfaellt. Sein +Gipfel ist nur 215 Toisen hoeher als der grosse Dorfplatz, aber kahle +Felsmassen, die sich aus der dichten Pflanzendecke erheben, geben ihm +etwas sehr Grossartiges. + +Der Weg von San Fernando nach Cumana fuehrt ueber kleine Pflanzungen durch +ein offenes feuchtes Tal. Wir wateten durch viele Baeche. Im Schatten stand +das Thermometer nicht ueber 30 deg., wir waren ab er unmittelbar den +Sonnenstrahlen ausgesetzt, weil die Bambus am Wege nur wenig Schutz +gewaehren, und wir hatten stark von der Hitze zu leiden. Wir kamen durch +das Dorf Arenas, das von Indianers desselben Stammes wie die von San +Fernando bewohnt ist; aber Arenas ist keine Mission mehr; die Eingeborenen +stehen unter einem Pfarrer und sind nicht so nackt und kultivierter als +jene. Ihre Kirche ist im Lande wegen einiger rohen Malereien bekannt; auf +einem schmalen Fries sind Guerteltiere, Kaimane, Jaguare und andere Tiere +der Neuen Welt abgebildet. + +In diesem Dorfe wohnt ein Landmann Namens Francisco Lozano, der eine +physiologische Merkwuerdigkeit ist, und der Fall macht Eindruck auf die +Einbildungskraft, wenn er auch den bekannten Gesetzen der organischen +Natur vollkommen entspricht. Der Mann hat einen Sohn mit seiner eigenen +Milch aufgezogen. Die Mutter war krank geworden, da nahm der Vater das +Kind, um es zu beruhigen, zu sich ins Bett und drueckte es an die Brust. +Lozano, damals zweiundreissig Jahre alt, hatte es bis dahin nicht bemerkt, +dass er Milch gab, aber infolge der Reizung der Brustwarze, an der das Kind +saugte, schoss die Milch ein. Dieselbe war fett und sehr suess. Der Vater war +nicht wenig erstaunt, als seine Brust schwoll, und saeugte fortan das Kind +fuenf Monate lang zwei-, dreimal des Tages. Seine Nachbarn wurden +aufmerksam auf ihn, er dachte aber nicht daran, die Neugierde auszubeuten, +wie er wohl in Europa getan haette. Wir sahen das Protokoll, das ueber den +merkwuerdigen Fall aufgenommen worden. Augenzeugen desselben leben noch, +und sie versicherten uns, der Knabe habe waehrend des Stillens nichts +bekommen als die Milch des Vaters. Lozano war nicht zu Hause, als wir die +Missionen bereisten, besuchte uns aber in Cumana. Er kam mit seinem Sohne, +der schon 13 bis 14 Jahre als war. Bonpland untersuchte die Brust des +Vaters genau und fand sie runzlig, wie bei Weibern, die gesaeugt haben. Er +bemerkte, dass besonders die linke Brust sehr ausgedehnt war, und Lozano +erklaerte dies aus dem Umstande, dass niemals beide Brueste gleich viel Milch +gegeben. Der Statthalter Don Vicente Emparan hat eine ausfuehrliche +Beschreibung des Falles nach Cadiz geschickt. + +Es kommt bei Menschen und Thieren nicht gar selten vor, dass die Brust +maennlicher Individuen Milch enthaelt, und das Klima scheint auf diese mehr +oder weniger reichliche Absonderung keinen merkbaren Einfluss zu aeussern. +Die Alten erzaehlen von der Milch der Boecke aus Lemnos und Corsica; Noch in +neuester Zeit war in Hannover ein Bock, der jahrelang einen Tag um den +anderen gemolken wurde und mehr Milch gab als die Ziegen. Unter den +Merkmalen der vermeintlichen Schwaechlichkeit der Amerikaner fuehren die +Reisenden auch auf, dass die Maenner Milch in den Bruesten haben [Man hat +sogar alles Ernstes behauptet, in einem Teile Brasiliens werden die Kinder +von den Maennern, nicht von den Weibern gesaeugt.]. Es ist indessen hoechst +unwahrscheinlich, dass solches bei einem ganzen Volksstamm in irgend einem +der heutigen Reisenden unbekannten Landstriche Amerikas beobachtet worden +sein sollte, und ich kann versichern, dass der Fall gegenwaertig in der +Neuen Welt nicht haeufiger vorkommt als in der Alten. Der Landmann in +Arenas, dessen Geschichte wir soeben erzaehlt, ist nicht vom kupferfarbenen +Stamm der Chaymas, er ist ein Weisser von europaeischem Blut. Ferner haben +Petersburger Anatomen die Beobachtung gemacht, dass Milch in den Bruesten +der Maenner beim niederen russischen Volke weit haeufiger vorkommt, als bei +suedlicheren Voelkern, und die Russen haben nie fuer schwaechlich und weibisch +gegolten. + +Es gibt unter den mancherlei Spielarten unseres Geschlechts eine, bei der +der Busen zur Zeit der Mannbarkeit einen ansehnlichen Umfang erhaelt. +Lozano gehoerte nicht dazu, und er versicherte uns wiederholt, erst durch +die Reizung der Brust in Folge des Saugens sey bei ihm die Milch gekommen. +Dadurch wird bestaetigt, was die Alten beobachtet haben: "Maenner, die etwas +Milch haben, geben ihrer in Menge, sobald man an den Bruesten saugt." +[_Aristoteles, Historia animalium. Lib. III. c. 20_] Diese sonderbare +Wirkung eines Nervenreizes war den griechischen Schaefern bekannt; die auf +dem Berge Oeta rieben den Ziegen, die noch nicht geworfen hatten, die +Euter mit Nesseln, um die Milch herbeizulocken. + +Ueberblickt man die Lebenserscheinungen in ihrer Gesammtheit, so zeigt +sich, dass keine ganz fuer sich allein steht. In allen Jahrhunderten werden +Beispiele erzaehlt von jungen, nicht mannbaren Maedchen oder von bejahrten +Weibern mit eingeschrumpften Bruesten, welche Kinder saeugten. Bei Maennern +kommt solches weit seltener vor, und nach vielem Suchen habe ich kaum zwei +oder drei Faelle finden koennen. Einer wird vom veronesischen Anatomen +Alexander Benedictus angefuehrt, der am Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts +lebte. Er erzaehlt, ein Syrier habe nach dem Tode der Mutter sein Kind, um +es zu beschwichtigen, an die Brust gedrueckt. Sofort schoss die Milch so +stark ein, dass der Vater sein Kind allein saeugen konnte. Andere Beispiele +werden von Santorellus, Feria und Robert, Bischof von Cork, berichtet. Da +die meisten dieser Faelle ziemlich entlegenen Zeiten angehoeren, ist es von +Interesse fuer die Physiologie, dass die Erscheinung zu unserer Zeit +bestaetigt werden konnte. Sie haengt uebrigens genau mit dem Streit ueber die +Endursachen zusammen. Dass auch der Mann Brueste hat, ist den Philosophen +lange ein Stein des Anstosses gewesen, und noch neuerdings hat man geradezu +behauptet: "Die Natur habe die Faehigkeit zu saeugen dem einen Geschlecht +versagt, weil diese Faehigkeit gegen die Wuerde des Mannes waere." + +In der Naehe der Stadt Cumanacoa wird der Boden ebener und das Thal nach +und nach weiter. Die kleine Stadt liegt auf einer kahlen, fast +kreisrunden, von hohen Bergen umgebenen Ebene und nimmt sich von aussen +sehr truebselig aus. Die Bevoelkerung ist kaum 2300 Seelen stark; zur Zeit +des Vaters Caulin im Jahr 1753 betrug sie nur 600. Die Haeuser sind sehr +niedrig, unsolid und, drei oder vier ausgenommen, saemmtlich aus Holz. Wir +brachten indessen unsere Instrumente ziemlich gut beim Verwalter der +Tabaksregie, Don Juan Sanchez, unter, einem liebenswuerdigen, geistig sehr +regsamen Mann. Er hatte uns eine geraeumige, bequeme Wohnung einrichten +lassen; wir blieben vier Tage hier und er liess sich nicht abhalten, uns +auf allen unsern Ausfluegen zu begleiten. + +Cumanacoa wurde im Jahre 1717 von Domingo Arias gegruendet, als er von +einem Kriegszuge zurueckkam, den er an die Muendung des Guarapiche +unternommen, um eine von franzoesischen Freibeutern begonnene Niederlassung +zu zerstoeren. Die Stadt hiess anfangs San Baltazar de las Arias, aber der +indische Name verdraengte jenen, wie der Name Caracas den Namen Santiago de +Leon, den man noch haeufig auf unseren Karten sieht, in Vergessenheit +gebracht hat. + +Als wir den Barometer oeffneten, sahen wir zu unserer Ueberraschung das +Quecksilber kaum 7,3 Linien tiefer stehen als an der Kueste, und doch +schien das Instrument in ganz gutem Stand. Die Ebene, oder vielmehr das +Plateau, auf dem Cumanacoa steht; liegt nicht mehr als 104 Toisen ueber dem +Meeresspiegel, und diess ist drei oder viermal weniger, als man in Cumana +glaubt, weil man dort von der Kaelte in Cumanacoa die uebertriebensten +Vorstellungen hat. Aber der klimatische Unterschied zwischen zwei so nahen +Orten ruehrt vielleicht weniger von der hohen Lage des letzteren her als +von oertlichen Verhaeltnissen, wozu wir rechnen, dass die Waelder sehr nahe, +die niedergehenden Luftstroeme, wie in allen eingeschlossenen Thaelern, +haeufig, die Regenniederschlaege und die Nebel sehr stark sind, wodurch +einen grossen Theil des Jahres hindurch die unmittelbare Wirkung der +Sonnenstrahlen geschwaecht wird. Da die Waermeabnahme unter den Tropen und +Sommers in der gemaessigten Zone ungefaehr gleich ist, so sollte der geringe +Hoehenunterschied von 100 Toisen nur einen Unterschied in der mittleren +Temperatur von 1 bis 11/2 Grad verursachen; wir werden aber bald sehen, dass +derselbe ueber vier Grad betraegt. Dieses kuehle Klima faellt um so mehr auf, +da es noch in der Stadt Carthago, in Tomependa am Ufer des Amazonenstroms +und in den Thaelern von Aragua, westwaerts von Caracas, sehr heiss ist, +lauter Orte, die in 200-480 Toisen absoluter Meereshoehe liegen. In der +Ebene wie im Gebirge laufen die Linien gleicher Waerme (Isothermen) nicht +immer dem Aequator oder der Erdoberflaeche parallel, und darin besteht eben +die grosse Aufgabe der Meteorologie, den Lauf dieser Linien zu ermitteln +und durch alle von oertlichen Ursachen bedingte Abweichungen hindurch die +constanten Gesetze der Waermevertheilung zu erfassen. + +Der Hafen von Cumana liegt von Cumanacoa nur etwa sieben Seemeilen. Am +ersteren Orte regnet es fast nie, waehrend an letzterem die Regenzeit sechs +bis sieben Monate dauert. Die trockene Jahreszeit waehrt in Cumanacoa von +der Winter- bis zur Sommer- Tag- und Nachtgleiche. Strichregen sind im +April, Mai und Juni ziemlich haeufig; spaeter wird es wieder sehr trocken, +vom Sommersolstitium bis Ende August; nunmehr tritt die eigentliche +Regenzeit ein, die bis zum November anhaelt und in der das Wasser in +Stroemen vom Himmel giesst. Nach der Breite von Cumanacoa geht die Sonne das +einemal am 16. April, das anderemal am 27. August durch das Zenith, und +aus dem eben Angefuehrten geht hervor, dass diese beiden Durchgaenge mit dem +Eintreten der grossen Regenniederschlaege und der starken elektrischen +Entladungen zusammenfallen. + +Unser erster Aufenthalt in den Missionen fiel in die Regenzeit. Jede Nacht +war der Himmel mit schweren Wolken wie mit einem dichten Schleier umzogen, +und nur durch Ritzen im Gewoelk konnte ich ein paar Sternbeobachtungen +anstellen. Das Thermometer stand auf 18,5-20 deg. (14 deg.,8-16 deg. R.), und dies ist +in der heissen Zone und fuer das Gefuehl des Reisenden, der von der Kueste +herkommt, bedeutend kuehl. In Cumana sah ich die Temperatur bei Nacht +niemals unter 21 deg. sinken. Der Delucsche Hygrometer zeigte in Cumanacoa +85 deg., und, was auffallend ist, sobald das Gewoelk sich zerstreute und die +Sterne in ihrer ganzen Pracht leuchteten, ging das Instrument aus 55 deg. +zurueck. Gegen Morgen nahm die Temperatur wegen der starken Verdunstung nur +langsam zu und noch um zehn Uhr war sie nicht ueber 21 deg.. Am heissesten ist +es von Mittag bis drei Uhr, wo dann der Thermometer auf 26-27 deg. steht. Zur +Zeit der groessten Hitze, etwa zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne +durch den Meridian, zog fast regelmaessig ein Gewitter auf, das auch zum +Ausbruch kam. Dicke, schwarze, sehr niedrig ziehende Wolken loesten sich in +Regen auf; diese Guesse dauerten zwei bis drei Stunden, und waehrend +derselben fiel der Thermometer um 5-6 Grad. Gegen fuenf Uhr hoerte der Regen +ganz auf, die Sonne kam aber bis zum Untergang nicht leicht zum Vorschein +und der Hygrometer ging dem Trockenpunkte zu; aber um acht oder neun Uhr +Abends waren wir schon wieder in eine dicke Wolkenschicht gehuellt. Dieser +Witterungswechsel erfolgt, wie man uns versicherte, durchaus gesetzmaessig +Monate lang einen Tag wie den andern, und doch laesst sich nicht der +geringste Luftzug spueren. Nach vergleichenden Beobachtungen muss ich +annehmen, dass es in Cumanacoa bei Nacht um 2-3, bei Tag um 4-5 Grad kuehler +ist als in Cumana. Diese Unterschiede sind sehr bedeutend, und wenn man +statt meteorologischer Instrumente nur sein Gefuehl befragte, so wuerde man +sie fuer noch bedeutender halten. + +Die Vegetation auf der Ebene um die Stadt ist sehr einfoermig, aber infolge +der grossen Feuchtigkeit der Luft ungemein frisch. Ihre +Haupteigentuemlichkeiten sind ein baumartiges Solanum, das 13 m hoch wird, +die _Urtica baccifera_ und eine neue Art der Gattung _Guettarda_. Der +Boden ist sehr fruchtbar und er waere auch leicht zu bewaessern, wenn man +von den vielen Baechen, deren Quellen das ganze Jahr nicht versiegen, +Kanaele zoege. Das wichtigste Erzeugnis ist der Tabak, und nur diesem +verdankt es die kleine, schlecht gebaute Stadt, wenn sie einen gewissen +Ruf hat. Seit der Einfuehrung der Pacht (_Estanco real de Tabaco_) im Jahre +1779 ist der Tabaksbau in der Provinz Cumana fast ganz auf Cumanacoa +beschraenkt. Die ganze Tabaksernte muss an die Regierung verkauft werden, +und um dem Schmuggel zu steuern, oder vielmehr nur ihn einzuschraenken, +liess man geradezu nur an einem Punkte Tabak bauen. Aufseher streifen durch +das Land; sie zerstoeren jede Anpflanzung, die sie ausserhalb der zum Bau +angewiesenen Distrikte finden, und geben die Ungluecklichen an, die es +wagen, selbstgemachte Cigarren zu rauchen. Diese Aufseher sind meist +Spanier und fast eben so grob wie die Menschen, die in Europa dieses +Handwerk treiben. Diese Grobheit hat nicht wenig dazu beigetragen, den Hass +zwischen den Colonien und dem Mutterland zu schueren. + +Nach dem Tabak auf der Insel Cuba und dem vom Rio Negro hat der Cumana am +meisten Arom. Er uebertrifft allen aus Neuspanien und der Provinz Varinas. +Wir theilen Einiges ueber den Bau desselben mit, weil er sich wesentlich +vom Tabaksbau in Virginien unterscheidet. Schon der Umstand, dass im Thale +von Cumanacoa die Gewaechse aus der Familie der Solaneen so ausnehmend +stark entwickelt sind, besonders die vielen Arten von _Solanum +arborescens_, von _Aquartia_ und _Cestrum_ weisen darauf hin, dass hier der +Boden fuer den Tabaksbau sehr geeignet seyn muss. Die Aussaat wird im +September vorgenommen; zuweilen wartet man damit bis zum Dezember, was +aber fuer den Ausfall der Ernte nicht so gut ist. Die Wurzelblaetter zeigen +sich am achten Tage; man bedeckt die jungen Pflanzen mit grossen +Heliconien- und Bananenblaettern, um sie der unmittelbaren Einwirkung der +Sonne zu entziehen, und reutet das Unkraut, das unter den Tropen furchtbar +schnell aufschiesst, sorgfaeltig aus. Der Tabak wird sofort einen und einen +halben Monat, nachdem der Samen aufgegangen, in einen fetten, gut +gelockerten Boden versetzt. Die Pflanzen werden in geraden Reihen drei, +vier Fuss voneinander gesteckt; man jaetet sie fleissig und koepft den +Hauptstengel mehrmals, bis blaeulich gruene Flecken auf den Blaettern als +Wahrzeichen der *Reife* sich zeigen. Im vierten Monat faengt man an sie +abzunehmen, und diese erste Ernte ist in wenigen Tagen vorueber. Besser +waere es, die Blaetter nacheinander abzunehmen, so wie sie trocken werden. +In guten Jahren schneiden die Pflanzer den Stock, wenn der vier Fuss hoch +ist, ab, und der Wurzelschoss treibt so rasch neue Blaetter, dass sie schon +am 13. oder 14. Tage geerntet werden koennen. Diese haben sehr lockeres +Zellgewebe; sie enthalten mehr Wasser, mehr Eiweiss und weniger von dem +scharfen, fluechtigen, im Wasser schwer loeslichen Stoff, an den die +eigenthuemlich reizende Wirkung des Tabaks gebunden scheint. + +Der Tabak wird in Cumanacoa nach dem Verfahren behandelt, das bei den +Spaniern _de cura seca_ heisst. Man haengt die Blaetter an Cocuizafasern +[_Agave americana_] auf, loest die Rippen ab und dreht sie zu Straengen. Der +zubereitete Tabak sollte im Juni in die koeniglichen Magazine geschafft +werden, aber aus Faulheit und weil sie dem Bau des Mais und des Maniok +mehr Aufmerksamkeit schenken, machen die Leute den Tabak selten vor August +fertig. Begreiflich verlieren die Blaetter an Arom, wenn sie zu lange der +feuchten Luft ausgesetzt bleiben. Der Verwalter laesst den Tabak sechzig +Tage unberuehrt in den koeniglichen Magazinen liegen; dann schneidet man die +Buendel auf, um die Qualitaet zu pruefen. Findet der Verwalter den Tabak gut +zubereitet, so bezahlt er dem Pflanzer fuer die Aroba von fuenfundzwanzig +Pfund drei Piaster. Dasselbe Gewicht wird auf Rechnung der Krone fuer zwoelf +einen halben Piaster wieder verkauft. Der faule (_potrido_) Tabak, d. h. +der noch einmal gegaehrt hat, wird oeffentlich verbrannt, und der Pflanzer, +der von der koeniglichen Pacht Vorschuesse erhalten hat, kommt +unwiderruflich um die Fruechte seiner langen Arbeit. Wir sahen auf dem +grossen Platz Haufen von fuenfhundert Arobas vernichten, aus denen man in +Europa sicher Schnupftabak gemacht haette. + +Der Boden von Cumanacoa eignet sich fuer diesen Culturzweig so +ausgezeichnet, dass der Tabak ueberall, wo der Same Feuchtigkeit findet, +wildwaechst. So kommt er beim Cerro del Cuchivano und bei der Hoehle von +Caripe vor. In Cumanacoa, wie in den benachbarten Distrikten von Aricagua +und San Lorenzo, wird uebrigens nur die Tabaksart mit grossen sitzenden +Blaettern, der sogenannte virginische Tabak [_Nicotiana tabacum_] gebaut. +Ganz unbekannt ist der Tabak mit gestielten Blaettern [_Nicotiana +rustica_], der eigentliche *Yetl* der alten Mexicaner, den man in +Deutschland sonderbarerweise tuerkischen Tabak nennt. + +Waere der Tabaksbau frei, so koennte die Provinz Cumana einen grossen Theil +von Europa damit versehen; ja, andere Distrikte scheinen sich fuer die +Erzeugung dieser Colonialwaare ganz so gut zu eignen wie das Thal von +Cumanacoa, wo der uebermaessige Regen nicht selten dem Arom der Blaetter +Eintrag thut. Gegenwaertig, wo der Tabaksbau auf ein paar Quadratmeilen +beschraenkt ist, betraegt der ganze Ertrag der Ernte nur 6000 Arobas. Die +beiden Provinzen Cumana und Barcelona verbrauchen aber 12,000, und der +Ausfall wird aus dem spanischen Guyana gedeckt. In der Gegend von +Cumanacoa geben sich im Durchschnitt nur 1500 Personen mit dem Tabaksbau +ab, lauter Weisse; die Eingeborenen vom Stamme der Chaymas lassen sich +durch Aussicht auf Gewinn selten dazu verlocken, auch haelt es die Pacht +nicht fuer gerathen, denselben Vorschuesse zu machen. + +Beschaeftigt man sich mit der Geschichte unserer Culturpflanzen, so sieht +man mit Ueberraschung, dass vor der Eroberung der Gebrauch des Tabaks ueber +den groessten Theil von Amerika verbreitet war, waehrend man die Kartoffel +weder in Mexico, noch auf den Antillen kannte, wo sie doch in gebirgigen +Lagen sehr gut fortkommt. Ferner wurde in Portugal schon im Jahr 1559 +Tabak gebaut, waehrend die Kartoffel erst am Ende des siebzehnten und zu +Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in den europaeischen Ackerbau ueberging. +Letzteres Gewaechs, das fuer das Wohl der menschlichen Gesellschaft so +bedeutsam geworden ist, hat sich auf beiden Continenten weit langsamer +verbreitet, als ein Produkt, das nur fuer einen Luxusartikel gelten kann. + +Das wichtigste Produkt nach dem Tabak ist im Thale von Cumanacoa der +Indigo. Die Pflanzungen in Cumanacoa, San Fernando und Arenas liefern eine +Waare, die im Handel noch geschaetzter ist als der Indigo von Caracas; er +kommt an Glanz und Fuelle der Farbe oft dem Indigo von Guatimala nahe. Aus +letzterer Provinz ist der Samen von _Indigofera Anil_ die neben +_Indigofera tinctoria_ gebaut wird, zuerst auf die Kueste von Cumana +gekommen. Da im Thale von Cumanacoa sehr viel Regen faellt, so gibt eine +vier Fuss hohe Pflanze nicht mehr Farbstoff als eine dreimal kleinere in +den trockenen Thaelern von Aragua, westlich von der Stadt Caracas. + +Alle Indigofabriken, die wir gesehen, sind nach demselben Plane +eingerichtet. Zwei Weichkuepen, in denen das Kraut "faulen" soll, stehen +neben einander. Jede misst fuenfzehn Quadratfuss und ist zwei einen halben +Fuss tief. Aus diesen obern Kufen laeuft die Fluessigkeit in die +Stampfkasten, zwischen denen die Wassermuehle angebracht ist. Der Baum des +grossen Rades laeuft zwischen diesen Kasten durch, und an ihm sitzen an +langen Stielen die Loeffel zum Stampfen. Aus einer weiten Abseihekuepe kommt +der farbhaltige Bodensatz in die Trockenkasten und wird daselbst auf +Brettern aus Brasilholz ausgebreitet, die mittelst kleiner Rollen unter +Dach gebracht werden koennen, wenn unerwartet Regen eintritt. Diese +geneigten, sehr niedrigen Daecher geben den Trockenkasten von weitem das +Ansehen von Treibhaeusern. Im Thale von Cumanacoa verlaeuft die Gaehrung des +Krauts, das man "faulen" laesst, ungemein rasch. Sie waehrt meist nicht +laenger als vier bis fuenf Stunden. Diess kann nur von der Feuchtigkeit des +Klimas herruehren und daher, dass waehrend der Entwicklung der Pflanze die +Sonne nicht scheint. Ich glaube auf meinen Reisen die Bemerkung gemacht zu +haben, dass je trockener das Klima ist, die Kufe um so langsamer arbeitet +und die Stengel zugleich desto mehr Indigo aus der niedersten +Oxydationsstufe enthalten. In der Provinz Caracas, wo 562 Cubikfuss locker +aufgeschichteten Krautes 35 bis 40 Pfund trockenen Indigo geben, kommt die +Fluessigkeit erst nach zwanzig, dreissig oder fuenfunddreissig Stunden in die +Stampfe. Wahrscheinlich erhielten die Einwohner von Cumanacoa mehr +Farbestoff aus dem Kraut, wenn sie dasselbe laenger in der ersten Kufe +weichen liessen. Ich habe waehrend meines Aufenthalts in Cumana den etwas +schweren kupferfarbigen Indigo von Cumanacoa und den von Caracas zur +Vergleichung in Schwefelsaeure aufgeloest, und die Aufloesung des ersteren +schien mir weit satter blau. + +Trotz der ausgezeichneten Beschaffenheit der Produkte und der +Fruchtbarkeit des Bodens ist der Landbau in Cumanacoa noch voellig in der +Kindheit. Arenas, San Fernando und Cumanacoa bringen in den Handel nur +3000 Pfund Indigo, der im Lande 4500 Piaster werth ist. Es fehlt an +Menschenhaenden und die schwache Bevoelkerung nimmt durch die Auswanderung +in die Llanos taeglich ab. Diese unermesslichen Savanen naehren den Menschen +reichlich, weil sich das Vieh dort so leicht vermehrt, waehrend der Indigo- +und Tabaksbau viel Sorge und Muehe macht. Der Ertrag des letzteren ist +desto unsicherer, da die Regenzeit bald laenger, bald kuerzer dauert. Die +Pflanzer sind von der koeniglichen Pacht, die ihnen Vorschuesse macht, +voellig abhaengig, und hier, wie in Georgien und Virginien, baut man lieber +Nahrungsgewaechse als Tabak. Man hatte neuerdings der Regierung den +Vorschlag gemacht, auf koenigliche Kosten fuenfhundert Neger anzuschaffen +und sie den Pflanzern abzugeben, die im Stande waeren, in zwei oder drei +Jahren den Ankaufspreis abzutragen. Dadurch hoffte man die jaehrliche +Tabaksernte auf 15,000 Arobas zu bringen. Zu meiner Freude habe ich viele +Grundeigenthuemer sich gegen dieses Projekt aussprechen hoeren. Es stand +nicht zu hoffen, dass man, nach dem Vorgang mancher Provinzen der +Vereinigten Staaten, nach einer gewissen Reihe von Jahren den Schwarzen +oder ihren Nachkommen die Freiheit schenken wuerde; desto bedenklicher +schien es, zumal nach den entsetzlichen Vorgaengen auf St. Domingo, die +Sklavenbevoelkerung in Terra Firma zu vermehren. Weise Politik hat nicht +selten dieselben Folgen, wie die edelsten und seltensten Regungen der +Gerechtigkeit und Menschenliebe. + +Die mit Hoefen und Indigo- und Tabakspflanzungen bedeckte Ebene von +Cumanacoa ist von Bergen umgeben, die besonders gegen Sued hoeher ansteigen +und fuer den Physiker und den Geologen gleich interessant sind. Alles weist +darauf hin, dass das Thal ein alter Seeboden ist; auch fallen die Berge, +welche einst das Ufer desselben bildeten, dem See zu senkrecht ab. Der See +hatte nur Arenas zu einen Abfluss. Beim Graben von Hausfundamenten stiess +man bei Cumanacoa auf Schichten von Geschieben, mit kleinen zweischaligen +Muscheln darunter. Nach der Angabe mehrerer glaubwuerdiger Personen sind +sogar vor mehr als dreissig Jahren hinten in der Schlucht San Juanillo zwei +ungeheure Schenkelknochen gefunden worden, die vier Fuss lang waren und +ueber dreissig Pfund wogen. Die Indianer hielten sie, wie noch heute das +Volk in Europa, fuer Riesenknochen, waehrend die Halbgelehrten im Lande, die +das Privilegium haben, Alles zu erklaeren, alles Ernstes versicherten, es +seyen Naturspiele und keiner grossen Beachtung werth. Diese Leute beriefen +sich bei ihrer Behauptung auf den Umstand, dass menschliche Gebeine im +Boden von Cumanacoa sehr rasch vermodern. Zum Schmuck der Kirchen am +Allerseelentag laesst man Schaedel aus den Kirchhoefen an der Kueste kommen, wo +der Boden mit Salzen geschwaengert ist. Die vermeintlichen Riesenknochen +wurden nach Cumana gebracht. Ich habe mich dort vergeblich darnach +umgesehen; aber nach den fossilen Knochen, die ich aus andern Strichen +Suedamerikas heimgebracht und die von Cuvier genau untersucht worden, +gehoerten die riesigen Schenkelknochen von Cumanacoa wahrscheinlich einer +ausgestorbenen Elephantenart an. Es kann befremden, dass dieselben in so +geringer Hoehe ueber dem gegenwaertigen Wasserspiegel gefunden worden; denn +es ist sehr merkwuerdig, dass die fossilen Reste von Mastodonten und +Elephanten, die ich aus den tropischen Laendern von Mexico, Neugrenada, +Quito und Peru mitgebracht, nicht in tief gelegenen Strichen (wo in +gemaessigten Zonen Megatherien am Rio Luxan(50) und in Virginien, grosse +Mastodonten am Ohio und fossile Elephanten am Susquehanna vorkommen), +sondern auf den in sechshundert bis vierzehnhundert Fuss Hoehe gelegenen +Hochebenen erhoben wurden. + +Als wir dem suedlichen Rand des Beckens von Cumanacoa zugingen, sahen wir +den Turimiquiri vor uns liegen. Eine ungeheure Felswand, das Ueberbleibsel +eines alten Kuestenstrichs, steigt mitten im Walde empor. Weiter nach West, +beim Cerro del Cuchivano, erscheint die Bergkette wie durch ein Erdbeben +aus einander gerissen. Die Spalte ist ueber hundert fuenfzig Toisen breit +und von senkrechten Felsen umgeben. Tief beschattet von den Baeumen, deren +verschlungene Zweige nicht Raum haben sich auszubreiten, nahm sich die +Spalte aus wie eine durch einen Erdfall entstandene Grube. Ein Bach, der +Rio Juagua, laeuft durch die Spalte, die ungemein malerisch ist und Risco +del Cuchivano heisst. Der kleine Fluss entspringt sieben Meilen weit gegen +Suedwest am Fusse des Brigantin und bildet schoene Faelle, ehe er in die Ebene +von Cumanacoa auslaeuft. + +Wir besuchten oefters einen kleinen Hof, Conuco de Bermudez, dem Erdspalt +von Cuchivano gegenueber. Man baut hier auf feuchtem Boden Bananen, Tabak +und mehrere Arten von Baumwollenbaeumen, besonders die, deren Wolle +nanking-gelb ist und die auf der Insel Margarita so haeufig vorkommt. Der +Eigenthuemer sagte uns, der Erdspalt sey von Jaguars bewohnt. Diese Thiere +bringen den Tag in Hoehlen zu und schleichen bei Nacht um die Wohnungen. Da +sie reichliche Nahrung haben, werden sie bis sechs Fuss lang. Ein solcher +Tiger hatte im verflossenen Jahr ein zum Hof gehoeriges Pferd verzehrt. Er +schleppte seine Beute bei hellem Mondschein ueber die Savane unter einen +ungeheur dicken Ceibabaum. Vom Winseln des verendenden Pferdes erwachten +die Sklaven im Hofe. Sie rueckten mitten in der Nacht aus, bewaffnet mit +Spiessen und *Machetes*(51). Der Tiger lag auf seiner Beute und liess sie +ruhig herankommen; er erlag erst nach langem hartnaeckigem Widerstand. +Dieser Fall und viele andere, von denen wir an Ort und Stelle Kunde +erhielten, zeigt, dass der grosse Jaguar [_Felis Onca, Linne_, die Buffon +_panthere oillee_ nennt und in Afrika zu Hause glaubt. Wir werden spaeter +Gelegenheit haben, auf diesen fuer die Zoologie und Thiergeographie +wichtigen Punkt zurueckzukommen.] von Terra Firma, wie der Jaguarete in +Paraguay und der eigentliche asiatische Tiger, vor dem Menschen nicht +fliehen, wenn ihm dieser zu Leibe geht und die Zahl der Angreifenden ihn +nicht scheu macht. Die Zoologen wissen jetzt, dass Buffon die groesste +amerikanische Katzenart ganz falsch beurtheilt hat. Was der beruehmte +Schriftsteller von der Feigheit der Tiger der neuen Welt sagt, gilt nur +von den kleinen Ocelots, oder Pantherkatzen, und wir werden bald sehen, +dass am Orinoco der aechte amerikanische Jaguar sich zuweilen ins Wasser +stuerzt, um die Indianer in ihren Piroguen anzugreifen. + +Dem Hofe Bermudez gegenueber liegen die Oeffnungen zweier geraeumigen Hoehlen +im Erdspalt des Cuchivano; von Zeit zu Zeit schlagen Flammen daraus empor, +die man bei Nacht sehr weit sieht. Die benachbarten Berge sind dann davon +beleuchtet, und nach der Hoehe der Felsen, ueber welche diese brennenden +Duenste hinanfreichen, waere man versucht zu glauben, dass sie mehrere +hundert Fuss hoch werden. Beim letzten grossen Erdbeben in Cumana war diese +Erscheinung von einem unterirdischen dumpfen, anhaltenden Getoese +begleitet. Sie kommt vorzueglich in der Regenzeit vor, und die Besitzer der +dem Berge Cuchivano gegenueber liegenden Pflanzungen versichern, die +Flammen zeigen sich seit dem December 1797 haeufiger. + +Auf einer botanischen Excursion nach Rinconada versuchten wir vergeblich +in die Spalte einzudringen. Wir haetten die Felsen, die in ihrem Schosse die +Ursachen dieses merkwuerdigen Feuers zu bergen schienen, gerne naeher +untersucht; aber die ueppige Vegetation, die in einander geschlungenen +Lianen und Dornstraeucher liessen uns nicht vorwaerts kommen. Zum Glueck +nahmen die Bewohner des Thals lebhaften Antheil an unsern Forschungen, +nicht sowohl weil sie sich vor einem vulkanischen Ausbruch fuerchteten, als +weil sie sich in den Kopf gesetzt hatten, der Risco del Cuchivano enthalte +eine Goldgrube. Es half nichts, dass wir ihnen auseinandersetzten, warum +wir an Gold im Muschelkalk nicht glauben koennten; sie wollten einmal +wissen, "was der deutsche Bergmann vom Reichthum des Erzgangs halte." Seit +Karls des Fuenften Zeit und seit die Welser, die Alsinger und Sailer in +Coro und Caracas als Statthalter gesessen, hat sich in Terra Firma im Volk +der Glaube an das besondere bergmaennische Geschick der Deutschen erhalten. +Wohin ich in Suedamerika kam, ueberall, sobald man erfuhr, wo ich hersey, +zeigte man mir Muster von Erzen. In den Colonien ist jeder Franzose ein +Arzt, jeder Deutsche ein Bergmann. + +Die Pflanzer bahnten mit ihren Sklaven einen Weg durch den Wald bis zum +ersten Fall des Rio Juagua, und am 10. September machten wir unsern +Ausflug nach dem Risco del Cuchivano. Kaum hatten wir die Schlucht +betreten, so merkten wir, dass Tiger in der Naehe waren, sowohl an einem +frisch zerrissenen Stachelschwein, als am Gestank ihres Kothes, der dem +der europaeischen Katze gleicht. Zur Vorsicht gingen die Indianer nach dem +Hof zurueck und brachten Hunde von sehr kleiner Race mit. Man behauptet, +wenn man dem Jaguar auf schmalem Pfad begegne, springe er zuerst auf den +Hund los, nicht auf den Menschen. Wir stiegen nicht am Ufer des Baches, +sondern an der Felswand ueber dem Wasser hinauf. Man geht an einem zwei-, +dreihundert Fuss tiefen Abgrund hin auf einem ganz schmalen Vorsprung, wie +auf dem Wege von Grindelwald am Mettenberg hin zum grossen Gletscher. Wird +der Vorsprung so schmal, dass man nicht mehr weiss, wohin man den Fuss setzen +soll, so steigt man zum Bach hinunter, watet durch oder laesst sich von +einem Sklaven hinueber tragen, und klimmt an der andern Bergwand weiter. +Das Niederklettern ist ziemlich muehselig, und man darf sich nicht auf die +Lianen verlassen, die wie grosse Stricke von den Baumgipfeln niederhaengen. +Die Ranken- und Schmarotzergewaechse haengen nur locker an den Aesten, die +sie umschlingen; ihre Stengel haben zusammen ein ganz ansehnliches +Gewicht, und wenn man auf abschuessigem Boden sich mit dem Koerper an Lianen +haengt, laeuft man Gefahr eine ganze gruene Laube niederzureissen. Je weiter +wir kamen, desto dichter wurde die Vegetation. An mehreren Stellen hatten +die Baumwurzeln, die in die Spalten zwischen den Schichten hineingewachsen +waren, das Kalkgestein zersprengt. Wir konnten kaum die Pflanzen +fortbringen, die wir bei jedem Schritte aufnahmen. Die Cannas, die +Heliconien mit schoenen purpurnen Bluethen, die Costus und andere Gewaechse +aus der Familie der Amomeen werden hier acht bis zehn Fuss hoch. Ihr helles +frisches Gruen, ihr Seidenglanz und ihr strotzendes Fleisch stechen grell +ab vom braeunlichen Ton der Baumfarn mit dem zartgefiederten Laub. Die +Indianer hieben mit ihren grossen Messern Kerben in die Baumstaemme und +machten uns auf die Schoenheit der rothen und goldgelben Hoelzer aufmerksam, +die einst bei unsern Moebelschreinern und Drehern sehr gesucht seyn werden. +Sie zeigten uns ein Gewaechs mit zusammengesetzter Bluethe, das zwanzig Fuss +hoch ist (_Eupatorium laevigatum, Lamarck_), die sogenannte *Rose von +Belveria* (_Brownea racemosa_), beruehmt wegen ihrer herrlichen +purpurrothen Bluethen, und das einheimische *Drachenblut*, eine noch nicht +beschriebene Art Croton, deren rother adstringirender Saft zur Staerkung +des Zahnfleisches gebraucht wird. Sie unterschieden die Arten durch den +Geruch, besonders aber durch Kauen der Holzfasern. Zwei Eingeborene, denen +man dasselbe Holz zu kauen gibt, sprechen, meist ohne sich zu besinnen, +denselben Namen aus. Wir konnten uebrigens von den scharfen Sinnen unserer +Fuehrer nicht viel Nutzen ziehen; denn wie soll man zu Blaettern, Bluethen +oder Fruechten gelangen, die auf Staemmen wachsen, deren ersten Aeste +fuenfzig, sechzig Fuss ueber dem Boden sind? Mit Ueberraschung sieht man in +dieser Schlucht die Baumrinde, sogar den Boden mit Moosen und Flechten +ueberzogen. Diese Cryptogamen sind hier so haeufig wie im Norden. Die +feuchte Luft und der Mangel an direktem Sonnenlicht beguenstigen ihre +Entwicklung, und doch betraegt die Temperatur bei Tag 25, bei Nacht +19 Grad. + +Die angebliche Goldgrube von Cuchivano, die wir untersuchen sollten, ist +nichts als ein Loch, das man in eine der schwarzen, an Schwefelkies +reichen Mergelschichten im Kalk zu graben angefangen. Das Loch liegt auf +der rechten Seite des Rio Inagua an einem Punkt, wohin man vorsichtig +klettern muss, weil der Bach hier ueber acht Fuss tief ist. Der Schwefelkies +ist hell goldgelb und man sieht ihm nicht an, dass er Kupfer enthaelt. Die +Mergelschicht, in der er vorkommt, streicht ueber den Bach hinueber. Das +Wasser spuelt die metallisch glaenzenden Koerner aus, und desshalb glaubt das +Volk, der Bach fuehre Gold. Man erzaehlt, nach dem grossen Erdbeben im +Jahr 1766 habe das Wasser des Inagua so viel Gold gefuehrt, dass Maenner, +"die weit her gekommen, und von denen man nicht gewusst, wo sie zu Hause +seyen," Goldwaeschen angelegt haetten; sie seyen aber bei Nacht und Nebel +verschwunden, nachdem sie eine Menge Gold gesammelt. Es braucht keines +Beweises, dass diess ein Maehrchen ist; die Kiese in den Quarzgaengen des +Glimmerschiefers sind allerdings sehr oft goldhaltig; aber nichts +berechtigt bis jetzt zur Annahme, dass der Schwefelkies im Mergelschiefer +des Alpenkalks gleichfalls Gold enthalte. Einige direkte Versuche auf +nassem Weg, die ich waehrend meines Aufenthalts in Caracas angestellt, thun +dar, dass der Schwefelkies von Cuchivano durchaus nicht goldhaltig ist. +Unsern Fuehrern behagte mein Unglaube sehr schlecht; ich hatte gut sagen, +aus dieser angeblichen Goldgrube koennte man hoechstens Alaun und +Eisenvitriol gewinnen; sie lasen nichtsdestoweniger heimlich jedes +Stueckchen Schwefelkies auf, das sie im Wasser glaenzen sahen. Je aermer ein +Land an Erzgruben ist, desto leichter wird es in der Einbildung der +Einwohner, die Schaetze aus dem Schosse der Erde zu holen. Wie viele Zeit +haben wir auf unserer fuenfjaehrigen Reise verloren, um auf das dringende +Verlangen unserer Wirthe Schluchten zu untersuchen, in denen +schwefelkieshaltige Schichten seit Jahrhunderten den stolzen Namen _Minas +de Oro_ fuehren! Wie oft sahen wir laechelnd zu, wenn Leute aller Staende, +Beamte, Dorfgeistliche, ernste Missionaere mit unermuedlicher Geduld +Hornblende oder gelben Glimmer zerstiessen, um mittelst Quecksilbers das +Gold auszuziehen! Die leidenschaftliche Gier, mit der man nach Erzen +sucht, erscheint doppelt auffallend in einem Lande, wo man den Boden kaum +umzuwenden braucht, um ihm reiche Ernten zu entlocken. + +Nachdem wir den Schwefelkies am Rio Juagua untersucht, gingen wir weiter +in der Schlucht hinauf, die sich wie ein enger, von sehr hohen Baeumen +beschatteter Kanal fortzieht. Nach sehr beschwerlichem Marsch und ganz +durchnaesst, weil wir so oft ueber den Bach gegangen waren, langten wir am +Fuss der Hoehlen des Cuchivano an, aus denen man vor einigen Jahren die +Flammen hatte brechen sehen. Achthundert Toisen hoch steigt senkrecht eine +Felswand auf. In einem Landstrich, wo der ueppige Pflanzenwuchs ueberall den +Boden und das Gestein bedeckt, kommt es selten vor, dass ein grosser Berg in +senkrechtem Durchschnitt seine Schichten zeigt. Mitten in diesem +Durchschnitt, leider dem Menschen unzugaenglich, liegen die Spalten, die zu +zwei Hoehlen fuehren. Sie sollen von denselben Nachtvoegeln bewohnt seyn, die +wir bald in der Cueva del Guacharo bei Caripe werden kennen lernen. + +Wir ruhten am Fuss der Hoehlen aus. Hier sah man die Flammen hervorkommen, +welche in den letzten Jahren haeufiger geworden sind. Unsere Fuehrer und der +Paechter, ein verstaendiger, mit den Oertlichkeiten der Provinz wohl +bekannter Mann, verhandelten nach der Weise der Creolen ueber die Gefahr, +der die Stadt Cumanacoa ausgesetzt waere, wenn der Cuchivano ein thaetiger +Vulkan wuerde, _se veniesse a reventar_. Es schien ihnen unzweifelhast, dass +seit dem grossen Erdbeben von Quito und Cumana im Jahr 1797 Neu-Andalusien +vom unterirdischen Feuer immer mehr unterhoehlt werde. Sie brachten die +Flammen zur Sprache, die man in Cumana hatte aus dem Boden schlagen sehen, +und die Stoesse, die man jetzt an Orten empfindet, wo man frueher nichts von +Erdbeben wusste. Sie erinnerten daran, dass man in Macarapan seit einigen +Monaten oefters Schwefelgeruch spuere. Auf diese und aehnliche Erscheinungen, +die uns damals in ihrem Munde auffielen, gruendeten sie Prophezeiungen, die +fast saemmtlich in Erfuellung gegangen sind. Entsetzliche Zerstoerungen haben +im Jahr 1812 in Caracas stattgefunden, zum Beweis, welch gewaltige Unruhe +im Nordosten von Terra Firma in der Natur herrscht. + +Was ist wohl aber die Ursache der feurigen Erscheinungen, die man am +Cuchivano beobachtet? Ich weiss wohl, dass man zuweilen die Luftsaeule, die +ueber der Muendung brennender Vulkane aufsteigt, in hellem Lichte glaenzen +sieht. Dieser Lichtschein, den man von brennendem Wasserstoffgas +herleitet, wurde von Chillo aus auf dem Gipfel des Cotopaxi zu einer Zeit +beobachtet, wo der Berg ziemlich ruhig schien. Ich weiss, dass die Alten +erzaehlen, auf dem _Mons Albanus_ bei Rom, dem heutigen _Monte cavo_ sey +zuweilen bei Nacht Feuer gesehen worden; aber der _Mons albanus_ ist ein +erst in neuerer Zeit erloschener Vulkan, der noch zu Catos Zeit Rapilli +auswarf [_Albano monte biduum continenter lapidibus pluit. Livius +XXV. 7._], waehrend der Cuchivano ein Kalkberg ist in einer Gegend, wo weit +und breit keine Trappbildungen vorkommen. Kann man jene Flammen etwa +daraus erklaeren, dass das Wasser, wenn es mit den Kiesen im Mergelschiefer +in Beruehrung kommt, zersetzt wird? Ist das Feuer, das aus den Hoehlen des +Cuchivano kommt, brennendes Wasserstoffgas? Das Wasser, das durch den +Kalkstein sickert und durch die Schwefelschichten zersetzt wird, und die +Erdbeben von Cumana, die Lager gediegenen Schwefels bei Carupano und die +schwefligt sauren Daempfe, die man zuweilen in den Savanen spuert: zwischen +all dem liesse sich leicht ein Zusammenhang denken; es ist auch nicht zu +bezweifeln, dass, wenn sich bei der starken Affinitaet zwischen dem +Eisenoxyd und den Erden bei hoher Temperatur Wasser ueber Schwefelkiesen +zersetzt, die Entbindung von Wasserstoffgas erfolgen kann, welche mehrere +neuere Geologen eine so wichtige Rolle spielen lassen. Aber bei +vulkanischen Ausbruechen tritt weit constanter schwefligte Saeure auf als +Wasserstoff, und der Geruch, den man zuweilen bei starken Erdstoessen +verspuert, ist vorzugsweise der Geruch von schwefligter Saeure. Ueberblickt +man die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben im Ganzen, bedenkt +man, in welch ungeheuren Entfernungen sich die Stoesse unter dem Meeresboden +fortpflanzen, so laesst man bald Erklaerungen fallen, die von unbedeutenden +Schichten von Schwefelkies und bituminoesem Mergel ausgehen. Nach meiner +Ansicht koennen die Stoesse, die man in der Provinz Cunana so haeufig spuert, +so wenig den zu Tag ausgehenden Gebirgsarten zugeschrieben werden, als die +Stoesse, welche die Apenninen erschuettern, Asphaltadern oder brennenden +Erdoelquellen. Alle diese Erscheinungen haengen von allgemeineren, fast +haette ich gesagt, tiefer liegenden Ursachen her, und der Herd der +vulkanischen Wirkungen ist nicht in den secundaeren Gebirgsbildungen, aus +denen die aeussere Erdrinde besteht, sondern in sehr bedeutender Tiefe unter +der Oberflaeche in den Urgebirgsarten zu suchen. Je weiter die Geologie +fortschreitet, desto mehr sieht man ein, wie wenig man mit den Theorien +ausrichtet, die sich auf wenige, rein oertliche Beobachtungen gruenden. + +Nach Meridianhoehen des suedlichen Fisches, die ich in der Nacht vom +7. September beobachtet, liegt Cumanacoa unter 10 deg. 16' 11" der Breite; die +Angabe der geschaetztesten Karten ist also um 1/4 Grad unrichtig. Die Neigung +der Magnetnadel fand ich gleich 42 deg.,60 und die Intensitaet der magnetischen +Kraft gleich 228 Schwingungen in zehn Zeitminuten; die Intensitaet war +demnach um neun Schwingungen oder 1/25 geringer als in Ferrol. + +Am zwoelften setzten wir unsere Reise nach dem Kloster Caripe, dem Hauptort +der Chaymas-Missionen, fort. Wir zogen der geraden Strasse den Umweg ueber +die Berge Cocollar und Turimiquiri vor, die nicht viel hoeher sind als der +Jura. Der Weg laeuft zuerst ostwaerts drei Meilen ueber die Hochebene von +Cumanacoa, den alten Seeboden, und biegt dann nach Sued ab. Wir kamen durch +das kleine indianische Dorf Aricagua, das von bewaldeten Huegeln umgeben +sehr freundlich daliegt. Von hier an ging es bergauf und wir hatten ueber +vier Stunden zu steigen. Dieses Stueck des Weges ist sehr angreifend; man +setzt zweiundzwanzigmal ueber den Pututucuar, ein reissendes Bergwasser voll +Kalksteinbloecken. Hat man auf der _Cuesta del Cocollar_ zweitausend Fuss +Meereshoehe erreicht, so sieht man zu seiner Ueberraschung fast keine +Waelder, oder auch nur grosse Baeume mehr. Man geht ueber eine ungeheure, mit +Graesern bewachsene Hochebene. Nur Mimosen mit halbkugeliger Krone und drei +bis vier Fuss hohem Stamm unterbrechen die oede Einfoermigkeit der Savanen. +Ihre Aeste sind gegen den Boden geneigt oder breiten sich schirmartig aus. +Ueberall, wo Abhaenge oder halb mit Erde bedeckte Gesteinmassen sich +zeigen, breitet die Clusia oder der Cupey mit den grossen Nymphaeenbluethen +sein herrliches Gruen aus. Die Wurzeln dieses Baums haben zuweilen acht +Zoll Durchmesser und gehen oft schon fuenfzehn Fuss ueber dem Boden vom +Stamme ab. + +Nachdem wir noch lange bergan gestiegen waren, kamen wir auf einer kleinen +Ebene zum _Hato del Cocollar_. Es ist diess ein Hof, der 408 Toisen hoch +ganz allein auf dem Plateau liegt. In dieser Einsamkeit blieben wir drei +Tage, vortrefflich verpflegt von dem Eigenthuemer [Don Mathias Yturburi, +ein geborener Biscayer], der vom Hafen von Cumana an unser Begleiter +gewesen war. Wir fanden daselbst bei der reichen Weide Milch, +vortreffliches Fleisch und vor allem ein herrliches Klima. Bei Tag stieg +der hunderttheilige Thermometer nicht ueber 22 oder 23 Grad, kurz vor +Sonnenuntergang fiel er auf 19 und bei Nacht zeigte er kaum 14. Bei Nacht +war es daher um sieben Grad kuehler als an der Kueste, was, da die Hochebene +des Cocollar nicht so hoch liegt, als die Stadt Caracas, wiederum auf eine +ausnehmend rasche Waermeabnahme hinweist. + +So weit das Auge reicht, sieht man auf dem hohen Punkt nichts als kahle +Savanen; nur hin und wieder tauchen aus den Schluchten kleine Baumgruppen +auf, und trotz der scheinbaren Einfoermigkeit der Vegetation findet man +ausnehmend viele sehr interessante Pflanzen. Wir fuehren hier nur an eine +prachtvolle Lobelia mit purpurnen Bluethen, die _Brownea coccinea_ die ueber +hundert Fuss hoch wird, und vor allen den *Pejoa*, der im Lande beruehmt +ist, weil seine Blaetter, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt, einen +koestlichen aromatischen Geruch von sich geben. Was uns aber am meisten am +einsamen Ort entzueckte, das war die Schoenheit und Stille der Naechte. Der +Eigenthuemer des Hofes blieb mit uns wach. Er schien sich daran zu weiden, +wie Europaeer, die eben erst unter die Tropen gekommen, sich nicht genug +wundern konnten ueber die frische Fruehlingsluft, deren man nach +Sonnenuntergang hier aus den Bergen geniesst. In jenen fernen Laendern, wo +der Mensch die Gaben der Natur noch voll zu schaetzen weiss, preist der +Grundeigenthuemer das Wasser seiner Quelle, den gesunden Wind, der um den +Huegel weht, und dass es keine schaedlichen Insekten gibt, wie wir in Europa +uns der Vorzuege unseres Wohnhauses oder des malerischen Effekts unserer +Pflanzungen ruehmen. + +Unser Wirth war mit einer Mannschaft, die an der Kueste des Meerbusens von +Paria Holzschlaege fuer die spanische Marine einrichten sollte, in die neue +Welt gekommen. In den grossen Mahagoni-, Cedrela- und Brasilholzwaeldern, +die um das Meer der Antillen her liegen, dachte man die groessten Staemme +auszusuchen, sie im Groben so zuzuhauen, wie man sie zum Schiffsbau +braucht, und sie jaehrlich auf die Werfte von Caraques bei Cadix zu +schicken. Aber weisse, nicht acclimatisirte Maenner mussten der anstrengenden +Arbeit, der Sonnengluth und der ungesunden Luft der Waelder erliegen. +Dieselben Luefte, welche mit den Wohlgeruechen der Bluethen, Blaetter und +Hoelzer geschwaengert sind, fuehren auch den Keim der Aufloesung in die +Organe. Boesartige Fieber rafften mit den Zimmerleuten der koeniglichen +Marine die Aufseher der neuen Anstalt weg, und die Bucht, der die ersten +Spanier wegen des truebseligen, wilden Aussehens der Kueste den Namen +_"Golfo triste"_ gegeben, wurde das Grab der europaeischen Seeleute. Unser +Wirth hatte das seltene Glueck, diesen Gefahren zu entgehen; nachdem er den +groessten Theil der Seinigen hatte hinsterben sehen, zog er weit weg von der +Kueste auf die Berge des Cocollar. Ohne Nachbarschaft, im ungestoerten +Besitz eines Savanenstrichs von fuenf Meilen, geniesst er hier der +Unabhaengigkeit, wie die Vereinzelung sie gewaehrt, und der Heiterkeit des +Gemueths, wie sie schlichten Menschen eigen ist, die in reiner, staerkender +Luft leben. + +Nichts ist dem Eindruck majestaetischer Ruhe zu vergleichen, den der +Anblick des gestirnten Himmels an diesem einsamen Ort in einem hinterlaesst. +Blickten wir bei Einbruch der Nacht hinaus ueber die Prairien, die bis zunm +Horizont fortstreichen, ueber die gruen bewachsene, sanft gewellte +Hochebene, so war es uns, gerade wie in den Steppen am Orinoco, als saehen +wir weit weg das gestirnte Himmelsgewoelbe auf dem Ocean ruhen. Der Baum, +unter dem wir sassen, die leuchtenden Insekten, die in der Luft tanzten, +die glaenzenden Sternbilder im Sueden, Alles mahnte uns daran, wie weit wir +von der Heimatherde waren. Und wenn nun, inmitten dieser fremdartigen +Natur, aus einer Schlucht heraus das Schellengelaeute einer Kuh oder das +Bruellen des Stieres zu unsern Ohren drang, dann sprang mit einemmal der +Gedanke an die Heimath ins uns auf. Es war, als hoerten wir aus weiter, +weiter Ferne Stimmen, die ueber das Weltmeer herueber riefen und uns mit +Zauberkraft aus einer Hemisphaere in die andere versetzten. So wunderbar +beweglich ist die Einbildungskraft des Menschen, die ewige Quelle seiner +Freuden und seiner Schmerzen! + +In der Morgenkuehle machten wir uns auf, den Turimiquiri zu besteigen. So +heisst der Gipfel des Cocollar, der mit dem Brigantin nur Einen +Gebirgsstock bildet, welcher bei den Eingeborenen frueher Sierra de los +Tageres hiess. Man macht einen Theil des Wegs auf Pferden, die frei in den +Savanen laufen, zum Theil aber an den Sattel gewoehnt sind. So plump ihr +Aussehen ist, klettern sie doch ganz flink den schluepfrigsten Rasen +hinaus. Wir machten zuerst bei einer Quelle Halt, die nicht aus dem +Kalkstein, sondern noch aus einer Schichte quarzigen Sandsteins kommt. +Ihre Temperatur war 21 deg., also um 1 deg.,5 geringer als die der Quelle von +Quetepe; der Hoehenunterschied betraegt aber auch gegen 220 Toisen. +Ueberall, wo der Sandstein zu Tage kommt, ist der Boden eben und bildet +gleichsam kleine Plateaus, die wie Stufen ueber einander liegen. Bis zu +700 Toisen und sogar darueber ist der Berg, wie alle in der Nachbarschaft, +nur mit Graesern bewachsen. In Cumana schreibt man den Umstand, dass keine +Baeume mehr vorkommen, der grossen Hoehe zu; vergegenwaertigt man sich aber +die Vertheilung doer Gewaechse in den Cordilleren der heissen Zone, so sieht +man, dass die Berggipfel in Neu-Andalusien lange nicht zu der obern +Baumgrenze hinaufreichen, die in dieser Breite mindestens 1600 Toisen hoch +liegt. Ja der kurze Rasen zeigt sich auf dem Cocollar stellenweise sogar +schon bei 350 Toisen ueber dem Meer und man kann auf demselben bis zu +1000 Toisen Hoehe gehen; weiter hinauf, ueber diesem mit Graesern bedeckten +Guertel, befindet sich auf dem Menschen fast unzugaenglichen Gipfeln ein +Waeldchen von Cedrela, Javillos(52) und Mahagonibaeumen. Nach diesen lokalen +Verhaeltnissen muss man annehmen, dass die Bergsavanen des Cocollar und +Turimiquiri ihre Entstehung nur der verderblichen Sitte der Eingeborenen +verdanken, die Waelder anzuzuenden, die sie in Weideland verwandeln wollen. +Jetzt, da Graeser und Alppflanzen seit dreihundert Jahren den Boden mit +einem dicken Filz ueberzogen haben, koennen die Baumsamen sich nicht mehr im +Boden befestigen und keimen, obgleich Wind und Voegel sie fortwaehrend von +entlegenen Waeldern in die Savanen heruebertragen. + +Das Klima auf diesen Bergen ist so mild, dass beim Hofe auf dem Cocollar +der Baumwollenbaum, der Kaffeebaum, sogar das Zuckerrohr gut fortkommen. +Trotz aller Behauptungen der Einwohner an der Kueste ist unter dem 10. Grad +der Breite auf Bergen, die kaum hoeher sind als der Mont d'Or und der Puy +de Dome, niemals Reif gesehen worden. Die Weiden auf dem Turimiquiri +nehmen an Guete ab, je hoeher sie liegen. Ueberall, wo zerstreute Felsmassen +Schatten bieten, kommen Flechten und verschiedene europaeische Moose vor. +_Melastoma xanthostachis_ und ein Strauch (_Palicourea rigida_), dessen +grosse lederartige Blaetter im Wind wie Pergament rauschen, wachsen hie und +da in der Savane. Aber die Hauptzierde des Rasens ist ein Liliengewaechs +mit goldgelber Bluethe, die _Marica martinicensis_. Man findet sie in den +Provinzen Cumana und Caracas meist erst in 400 bis 500 Toisen Hoehe. Die +Gebirgsarten des Turimiquiri sind ein Alpenkalk, aehnlich dem bei +Cumanacoa, und ziemlich duenne Schichten Mergel und quarziger Sandstein. Im +Kalkstein sind Klumpen von braunem Eisenoxyd und Spatheisen eingesprengt. +An mehreren Stellen habe ich ganz deutlich beobachtet, dass der Sandstein +dem Kalk nicht nur aufgelagert ist, sondern dass beide nicht selten in +Wechsellagerung vorkommen. + +Man unterscheidet im Lande den abgerundeten Gipfel des Turimiquiri und die +spitzen Pics oder *Cucuruchos*, die dicht bewaldet sind und wo es viele +Tiger gibt, auf die man wegen des grossen und schoenen Fells Jagd macht. Den +runden begrasten Gipfel fanden wir 707 Toisen hoch. Von diesem Gipfel +laeuft nun nach West ein steiler Felskamm aus, der eine Seemeile von jenem +durch eine ungeheure Spalte unterbrochen ist, die gegen den Meerbusen von +Cariaco hinunterlaeuft. An der Stelle, wo der Kamm haette weiter laufen +sollen, erheben sich zwei Bergspitzen aus Kalkstein, von denen die +noerdliche die hoehere ist. Diess ist der eigentliche Cucurucho de +Turimiquiri, der fuer hoeher gilt als der Brigantin, der den Schiffern, die +der Kueste von Cumana zusteuern, so wohl bekannt ist. Nach Hoehenwinkeln und +einer ziemlich kurzen Standlinie, die wir auf dem abgerundeten kahlen +Gipfel zogen, massen wir den Spitzberg oder Cucurucho und fanden ihn +350 Toisen hoeher als unsern Standort, so dass seine absolute Hoehe ueber +1050 Toisen betraegt. + +Man geniesst auf dem Turimiquiri einer der weitesten und malerischsten +Aussichten. Vom Gipfel bis hinunter zum Meer liegen Bergketten vor einem, +die parallel von Ost nach West streichen und Laengenthaeler zwischen sich +haben. Da in letztere eine Menge kleiner, von den Bergwassern ausgespuelter +Thaeler unter rechtem Winkel muenden, so stellen sich die Seitenketten als +Reihen gleich vieler bald abgerundeter, bald kegelfoermiger Hoehen dar. Bis +zum Imposible sind die Berghaenge meist ziemlich sanft; weiterhin werden +die Abfaelle sehr steil und streichen hinter einander fort bis zum Ufer des +Meerbusens von Cariaco. Die Umrisse dieser Gebirgsmassen erinnern an die +Ketten des Jura, und die einzige Ebene, die sich darin findet, ist das +Thal von Cumanacoa. Es ist als saehe man in einen Trichter hinunter, auf +dessen Boden unter zerstreuten Baumgruppen das indianische Dorf Aricagua +erscheint. Gegen Nord hob sich eine schmale Landzunge, die Halbinsel +Araya, braun vom Meere ab, das, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, +ein glaenzendes Licht zurueckwarf. Jenseits der Halbinsel begrenzte den +Horizont das Vorgebirge Macanao, dessen schwarzes Gestein gleich einem +ungeheuren Bollwerk aus dem Wasser aufsteigt. + +Der Hof auf dem Cocollar am Fusse des Turimiquiri liegt unter 10 deg. 9' 32" +der Breite. Die Inclination der Magnetnadel fand ich gleich 42 deg. 10'. Die +Nadel schwang 220mal in zehn Zeitminuten. Die im Kalk liegenden +Brauneisensteinmassen moegen die Intensitaet der magnetischen Kraft um ein +Weniges steigern. + +Am 14. September gingen wir vom Cocollar zur Mission San Antonio hinunter. +Der Weg fuehrt Anfangs ueber Savanen, die mit grossen Kalksteinbloecken +uebersaeet sind, und dann betritt man dichten Wald. Nachdem man zwei sehr +steile Berggraete ueberstiegen, hat man ein schoenes Thal vor sich, das fuenf +Meilen lang fast durchaus von Ost nach West streicht. In diesem Thale +liegen die Missionen San Antonio und Guanaguana. Erstere ist beruehmt wegen +einer kleinen Kirche aus Backsteinen, in ertraeglichem Styl, mit zwei +Thuermen und dorischen Saeulen. Sie gilt in der Umgegend fuer ein Wunder. Der +Gardian der Kapuziner wurde mit diesem Kirchenbau in nicht ganz zwei +Sommern fertig, obgleich er nur Indianer aus seinem Dorfe dabei verwendet +hatte. Die Saeulencapitaele, die Gesimse und ein mit Sonnen und Arabesken +gezierter Fries wurden aus mit Ziegelmehl vermischtem Thon modellirt. +Wundert man sich, an der Grenze Lapplands Kirchen im reinsten griechischen +Styl [In Skelestar bei Torneo. S. Buch, Reise in Norwegen] anzutreffen, so +ueberraschen einen dergleichen erste Kunstversuche noch mehr in einem +Erdstrich, wo noch Alles den Stempel menschlicher Urzustaende traegt und von +den Europaeern erst seit etwa vierzig Jahren der Grund zu kuenftiger Cultur +gelegt wurde. Der Statthalter der Provinz missbilligte es, dass in Missionen +mit solchem Luxus gebaut werde, und zum grossen Leidwesen der Moenche wurde +die Kirche nicht ausgebaut. Die Indianer von San Antonio sind weit +entfernt, solches gleichfalls zu beklagen; sie sind insgeheim mit dem +Spruche des Statthalters vollkommen einverstanden, weil er ihrer +natuerlichen Traegheit behagt. Sie machen sich eben so wenig aus +architektonischen Ornamenten als einst die Eingeborenen in den +Jesuitenmissionen in Paraguay. + +Ich hielt mich in der Mission San Antonio nur auf, um auf den Barometer zu +sehen und ein paar Sonnenhoehen zu nehmen. Der grosse Platz liegt 216 Toisen +ueber Cumana. Jenseits des Dorfs durchwateten wir die Fluesse Colorado und +Guarapiche, die beide in den Bergen des Cocollar entspringen und weiter +unten, ostwaerts, sich vereinigen. Der Colorado hat eine sehr starke +Stroennmg und wird bei seiner Muendung breiter als der Rhein; der Guarapiche +ist, nachdem er den Rio Areo aufgenommen, ueber fuenf und zwanzig Faden +tief. An seinen Ufern waechst eine ausnehmend schoene Grasart, die ich zwei +Jahre spaeter, als ich den Magdalenenstrom hinausfuhr, gezeichnet habe. Der +Halm mit zweizeiligen Blaettern wird 15 bis 20 Fuss hoch. Unsere Maulthiere +konnten sich durch den dicken Morast auf dem schmalen ebenen Weg kaum +durcharbeiten. Es goss in Stroemen vom Himmel; der ganze Wald erschien in +Folge des starken anhaltenden Regens wie Ein Sumpf. + +Gegen Abend langten wir in der Mission Guanaguana an, die so ziemlich in +derselben Hoehe liegt, wie das Dorf San Antonio. Es that sehr noth, dass wir +uns trockneten. Der Missionaer nahm uns sehr herzlich auf. Es war ein alter +Mann, der, wie es schien, seine Indianer sehr verstaendig behandelte. Das +Dorf steht erst seit dreissig Jahren am jetzigen Fleck, frueher lag es +weiter nach Sueden und lehnte sich an einen Huegel. Man wundert sich, mit +welcher Leichtigkeit man die Wohnsitze der Indianer verlegt. Es gibt in +Suedamerika Doerfer, die in weniger als einem halben Jahrhundert dreimal den +Ort gewechselt haben. Den Eingeborenen knuepfen so schwache Bande an den +Boden, auf dem er wohnt, dass er den Befehl, sein Haus abzureissen und es +anderswo wieder aufzubauen, gleichmuethig aufnimmt. Ein Dorf wechselt +seinen Platz wie ein Lager. Wo es nur Thon, Rohr, Palmblaetter und +Heliconienblaetter gibt, ist die Huette in wenigen Tagen wieder fertig. +Diesen gewaltsamen Aenderungen liegt oft nichts zu Grunde als die Laune +eines frisch aus Spanien angekommenen Missionaers, der meint, die Mission +sey dem Fieber ausgesetzt oder liege nicht luftig genug. Es ist +vorgekommen, dass ganze Doerfer mehrere Stunden weit verlegt wurden, bloss +weil der Moench die Aussicht aus seinem Hause nicht schoen oder weit genug +fand. + +Guanaguana hat noch keine Kirche. Der alte Geistliche, der schon seit +dreissig Jahren in den Waeldern Amerikas lebte, aeusserte gegen uns, die +Gemeindegelder, d. h. der Ertrag der Arbeit der Indianer, muessten zuerst +zum Bau des Missionshauses, dann zum Kirchenbau und endlich fuer die +Kleidung der Indianer verwendet werden. Er versicherte in wichtigem Ton, +von dieser Ordnung duerfe unter keinem Vorwand abgegangen werden. Nun, die +Indianer, die lieber ganz nackt gehen als die leichtesten Kleider tragen, +koennen gut warten, bis die Reihe an sie kommt. Die geraeumige Wohnung des +*Padre* war eben fertig geworden, und wir bemerkten zu unserer +Ueberraschung, dass das Haus, das ein plattes Dach hatte, mit einer Menge +Kaminen wie mit Thuermchen geziert war. Sie sollten, belehrte uns unser +Wirth, ihn an sein geliebtes Heimathland, und in der tropischen Hitze an +die aragonesischen Winter erinnern. Die Indianer in Guanaguana bauen +Baumwolle fuer sich, fuer die Kirche und fuer den Missionaer. Der Ertrag gilt +als Gemeindeeigenthum und mit den Gemeindegeldern werden die Beduerfnisse +des Geistlichen und die Kosten des Gottesdienstes bestritten. Die +Eingeborenen haben hoechst einfache Vorrichtungen, um den Samen von der +Baumwolle zu trennen. Es sind hoelzerne Cylinder von sehr kleinem +Durchmesser, zwischen denen die Baumwolle durchlaeuft und die man wie +Spinnraeder mit dem Fusse umtreibt. Diese hoechst mangelhaften Maschinen +leisten indessen gute Dienste und man faengt in den andern Missionen an sie +nachzuahmen. Ich habe anderswo, in meinem Werke ueber Mexico, auseinander +gesetzt, wie sehr die Sitte, die Baumwolle mit dem Samen zu verkaufen, den +Transport in den spanischen Colonien erschwert, wo alle Waaren auf +Maulthieren in die Seehaefen kommen. Der Boden ist in Guanaguana eben so +fruchtbar wie im benachbarten Dorfe Aricagua, das gleichfalls seinen +indianischen Namen behalten hat. Eine *Almuda* (1850 Quadrattoisen) traegt +in guten Jahren 25-30 Fanegas Mais, die Fanega zu hundert Pfund. Aber hier +wie ueberall, wo der Segen der Natur die Entwicklung der Industrie hemmt, +macht man nur ganz wenige Morgen Landes urbar, und kein Mensch denkt +daran, mit dem Anbau der Nahrungspflanzen zu wechseln. Die Indianer in +Guanaguana erzaehlten mir als etwas Ungewoehnliches, im verflossenen Jahr +seyen sie, ihre Weiber und Kinder drei Monate lang _al monte_ gewesen, das +heisst, sie seyen in den benachbarten Waeldern umhergezogen, um sich von +saftigen Pflanzen, von Palmkohl, von Farnwurzeln und wilden Baumfruechten +zu naehren. Sie sprachen von diesem Nomadenleben keineswegs wie von einem +Nothstand. Nur der Missionaer hatte dabei zu leiden gehabt, weil das Dorf +ganz verlassen stand und die Gemeindegenossen, als sie aus den Waeldern +wieder heim kamen, weniger lenksam waren als zuvor. + +Das schoene Thal von Guanaguana laeuft gegen Ost in die Ebenen von Punzere +und Terecen aus. Gerne haetten wir diese Ebenen besucht, um die Quellen von +Bergoel zwischen den Fluessen Guarapiche und Areo zu untersuchen; aber die +Regenzeit war foermlich eingetreten, und wir hatten taeglich vollauf zu +thun, um die gesammelten Pflanzen zu trocknen und aufzubewahren. Der Weg +von Guanaguana nach dem Dorfe Punzere fuehrt entweder ueber San Felix, oder +ueber Caycara und Guahuta, wo sich ein *Hato* (Hof fuer Viehzucht) der +Missionaere befindet. An letzterem Orte findet man, nach dem Bericht der +Indianer, grosse Schwefelmassen, nicht in Gips oder Kalkstein, sondern in +geringer Tiefe unter der Flaeche des Bodens in Thonschichten. Dieses +auffallende Vorkommen scheint Amerika eigenthuemlich; wir werden demselben +im Koenigreich Quito und in Neugrenada wieder begegnen. Vor Punzere sieht +man in den Savanen Saeckchen von Seidengewebe an den niedrigsten Baumaesten +haengen. Es ist diess die _seda silvestre_ oder einheimische wilde Seide, +die einen schoenen Glanz hat, aber sich sehr rauh anfuehlt. Der +Nachtschmetterling, der sie spinnt, kommt vielleicht mit denen in den +Provinzen Gnanaxuato und Antioquia ueberein, die gleichfalls wilde Seide +liefern. Im schoenen Walde von Punzere kommen zwei Baeume vor, die unter den +Namen Curucay und Canela bekannt sind; ersterer liefert ein von den +*Pinches* oder indianischen Zauberern sehr gesuchtes Harz, der zweite hat +Blaetter, die nach aechtem Ceylonzimmt riechen. Von Punzere laeuft der Weg +ueber Terecen und Neu-Palencia, das eine neue Niederlassung von Canariern +ist, nach dem Hafen San Juan, der am rechten Ufer des Rio Areo liegt, und +man muss in einer Pirogue ueber diesen Fluss setzen, wenn man zu den +beruehmten Bergoelquellen von Buen Pastor gehen will. Man beschrieb sie uns +als kleine Schachte oder Trichter, die sich von selbst im sumpfigen Boden +gebildet haben. Diese Erscheinung erinnert an den Asphaltsee oder +*Chapapote* auf der Insel Trinidad, der in gerader Linie von Buen Pastor +nur 35 Seemeilen entfernt ist. + +Nachdem wir eine Weile mit dem Verlangen gekaempft, den Guarapiche hinunter +in den _Golfo triste_ zu fahren, wandten wir uns gerade den Bergen zu. Die +Thaeler von Guanaguana und Caripe sind durch eine Art Damm oder Grat aus +Kalkstein, der unter dem Namen _Cuchilla de Guanaguana_ weit und breit +beruehmt ist, von einander getrennt [Im ganzen spanischen Amerika bedeutet +_cuchilla_ Messerklinge, einen Bergkamm mit sehr steilen Abhaengen.]. Wir +fanden den Uebergang beschwerlich, weil wir damals noch nicht in den +Cordilleren gereist waren, aber so gefaehrlich, als man ihn in Cumana +schildert, ist er keineswegs. Allerdings ist der Weg an mehreren Stellen +nur 14 oder 15 Zoll breit; der Bergsattel, ueber den er weglaeuft, ist mit +kurzem, sehr glattem Rasen bedeckt, die Abhaenge zu beiden Seiten sind +ziemlich jaeh, und wenn der Reisende fiele, koennte er auf dem Grase sieben, +achthundert Fuss hinunterrollen. Indessen sind die Bergseiten vielmehr nur +starke Boeschungen als eigentliche Abgruende, und die Maulthiere hier zu +Lande haben einen so sichern Gang, dass man sich ihnen ruhig anvertrauen +kann. Ihr Benehmen ist ganz wie das der Saumthiere in der Schweiz und in +den Pyrenaeen. Je wilder ein Land ist, desto feinfuehliger und schaerfer +witternd wird der Instinkt der Hausthiere. Spueren die Maulthiere eine +Gefahr, so bleiben sie stehen und wenden den Kopf hin und her, bewegen die +Ohren auf und ab; man sieht, sie ueberlegen, was zu thun sey. Sie kommen +langsam zum Entschluss, aber derselbe faellt immer richtig aus, wenn er frei +ist, das heisst, wenn ihn der Reisende nicht unvorsichtigerweise stoert oder +uebereilt. Wenn man in den Anden sechs, sieben Monate auf entsetzlichen +Wegen durch die von den Bergwassern zerrissenen Gebirge zieht, da +entwickelt sich die Intelligenz der Reitpferde und Lastthiere auf wahrhaft +erstaunliche Weise. Man kann auch die Gebirgsbewohner sagen hoeren: "Ich +gebe Ihnen nicht das Maulthier, das den bequemsten Schritt hat, sondern +das vernuenftigste, _la mas racional_." Dieses Wort aus dem Munde des +Volks, die Frucht langer Erfahrung, widerlegt das System, das in den +Thieren nur belebte Maschinen sieht, wohl besser als alle Beweisfuehrung +der speculativen Philosophie. + +Auf dem hoechsten Punkt des Kammes oder der Cuchilla von Guanaguana +angelangt, hatten wir eine interessante Fernsicht. Wir uebersahen mit Einem +Blick die weiten Prairien oder Savanen von Maturin und am Rio Tigre, den +Spitzberg Turimiquiri und zahllose parallel streichende Bergketten, die +von weitem einer wogenden See gleichen. Gegen Nordost oeffnet sich das +Thal, in dem das Kloster Caripe liegt. Sein Anblick ist um so einladender, +als es bewaldet ist und so von den kahlen, nur mit Gras bewachsenen Bergen +umher freundlich absticht. Wir fanden die absolute Hoehe der Cuchilla +gleich 548 Toisen; sie liegt also 329 Toisen ueber dem Missionshaus von +Guanaguana. + +Steigt man auf sehr krummem Pfade vom Bergkamme nieder, so betritt man +bald ein ganz bewaldetes Land. Der Boden ist mit Moos und einer neuen Art +Drosera bedeckt, die im Wuchs der Drosera unserer Alpen gleicht. Je naeher +man dem Kloster Caripe kommt, desto dichter wird der Wald, desto ueppiger +die Vegetation. Alles bekommt einen andern Charakter, sogar die +Gebirgsart, in der wir von Punta Delgada an gewesen waren. Die +Kalksteinschichten werden duenner; sie bilden Mauern, Gesimse und Thuerme +wie in Peru, im Pappenheimschen und bei Dicow in Gallizien. Es ist nicht +mehr Alpenkalk, sondern eine Formation, welche jenem uebergelagert ist, +analog dem Jurakalk. + +Der Weg von der Cuchilla herab ist bei weitem nicht so lang als der +hinaus. Wir fanden, dass das Thal von Caripe 200 Toisen hoeher liegt als das +Thal von Guanaguana. Ein Bergzug von unbedeutender Breite trennt zwei +Becken; das eine ist koestlich kuehl, das andere als furchtbar heiss +verrufen. Solchen Contrasten begegnet man in Mexico, in Neu-Grenada und +Peru haeufig, aber im Nordosten von Suedamerika sind sie selten. Unter allen +hochgelegenen Thaelern in Neu-Andalusien ist auch nur das von Caripe +[absolute Hoehe des Klosters 412 Toisen] sehr stark bewohnt. In einer +Provinz mit schwacher Bevoelkerung, wo die Gebirge weder eine sehr +bedeutende Masse, noch ausgedehnte Hochebenen haben, findet der Mensch +wenig Anlass, aus den Ebenen wegzuziehen und sich in gemaessigteren +Gebirgsstrichen niederzulassen. + + ------------------ + + + + + + 49 In den spanischen Kolonien heisst *Mision* oder *Pueblo de Mision* + ein Anzahl Wohnungen um eine Kirche herum, wo ein Missionar, der + Ordensgeistlicher ist, den Gottesdienst versieht. Die indianischen + Doerfer, die unter der Obhut von Pfarrers stehen, heissen *Pueblos de + Doctrina*. Man unterscheidet noch weiter den *Cura doctrinero*, den + Pfarrer einer indianischen Gemeinde, und den *Cura rector*, den + Pfarrer eines von Weissen oder Farbigen bewohnten Dorfes. + + 50 Das virginische Megatherium ist der Megalonyx Jeffersons. Alle diese + ungeheuren Knochen, die man *auf den Ebenen* der neuen Welt, + noerdlich oder suedlich vom Aequator gefunden, gehoeren nicht der + heissen, sondern der gemaessigten Zone an. Andererseits macht Pallas + die Bemerkung, dass in Sibirien, also auch noerdlich vom Wendekreis, + fossile Knochen in den gebirgigen Landestheilen gar nicht vorkommen. + Diese eng mit einander verknuepften Thatsachen scheinen den Weg zur + Auffindung eines wichtigen geologischen Gesetzes zu bahnen. + + 51 Grosse Messer mit sehr langen Klingen, aehnlich den Jagdmessern. In + der heissen Zone geht man nicht ohne *Machete* in den Wald, sowohl um + die Lianen und Baumaeste abzuhauen, die einem den Weg sperren, als um + sich gegen wilde Thiere zu vertheidigen. + +_ 52 Hura crepitans_, aus der Familie der Euphorbien. Dieser Baum wird + ungeheuer dick; im Thal von Curiepe zwischen Cap Codera und Caracas + mass Bonpland Kufen aus Javilloholz, die vierzehn Fuss lang und acht + breit waren. Diese Kufen aus Einem Stueck dienen zur Aufbewahrung des + Guarapo oder Zuckerrohrsasts und der Melasse. Die Samen des Javillo + sind ein starkes Gift, und die Milch, die aus dem Bluethenstengel + quillt, wenn man ihn abbricht, hat uns oft Augenschmerz verursacht, + wenn zufaellig auch nur ein ganz klein wenig davon zwischen die + Augenlider kam. + + + + + +SIEBENTES KAPITEL + + + Das Kloster Caripe -- Die Hoehle des Guacharo -- Nachtvoegel + + +Eine Allee von Perseabaeumen fuehrte uns zum Hospiz der aragonesischen +Kapuziner. Bei einem Kreuz aus Brasilholz mitten auf einem grossen Platz +machten wir Halt. Das Kreuz ist von Baenken umgeben, wo die kranken und +schwachen Moenche ihren Rosenkranz beten. Das Kloster lehnt sich an eine +ungeheure, senkrechte, dicht bewachsene Felswand. Das blendend weisse +Gestein blickt nur hin und wieder hinter dem Laube vor. Man kann sich kaum +eine malerischere Lage denken; sie erinnerte mich lebhaft an die Thaeler +der Grafschaft Derby und an die hoehlenreichen Berge bei Muggendorf in +Franken. An die Stelle der europaeischen Buchen und Ahorne treten hier die +grossartigeren Gestalten der Ceiba und der Praga- und Irassepalmen. +Unzaehlige Quellen brechen aus den Bergwaenden, die das Becken von Caripe +kreisfoermig umgeben und deren gegen Sued steil abfallende Haenge tausend Fuss +hohe Profile bilden. Diese Quellen kommen meist aus Spalten oder engen +Schluchten hervor. Die Feuchtigkeit, die sie verbreiten, befoerdert das +Wachsthum der grossen Baeume, und die Eingeborenen, welche einsame Orte +lieben, legen ihre *Conucos* laengs dieser Schluchten an. Bananen und +Melonenbaeume stehen hier um Gebuesche von Baumfarn. Dieses Durcheinander +von cultivirten und wilden Gewaechsen gibt diesen Punkten einen +eigenthuemlichen Reiz. An den nackten Bergseiten erkennt man die Stellen, +wo Quellen zu Tage kommen, schon von weitem an den dichten Massen von +Gruen, die anfangs am Gestein zu haengen scheinen und sich dann den +Windungen der Baeche nach ins Thal hinunter ziehen. + +Wir wurden von den Moenchen im Hospiz mit der groessten Zuvorkommenheit +aufgenommen. Der Pater Gardian war nicht zu Hause; aber er war von unserem +Abgang von Cumana in Kenntniss gesetzt und hatte Alles aufgeboten, um uns +den Aufenthalt angenehm zu machen. Das Hospiz hat einen innern Hof mit +einem Kreuzgang, wie die spanischen Kloester. Dieser geschlossene Raum war +sehr bequem fuer uns, um unsere Instrumente unterzubringen und zu +beobachten. Wir trafen im Kloster zahlreiche Gesellschaft: junge, vor +Kurzem aus Europa angekommene Moenche sollten eben in die Missionen +vertheilt werden, waehrend alte kraenkliche Missionaere in der scharfen +gesunden Gebirgsluft von Caripe Genesung suchten. Ich wohnte in der Zelle +des Gardians, in der sich eine ziemlich ansehnliche Buechersammlung befand. +Ich fand hier zu meiner Ueberraschung neben Feijos _teatro critico_ und +den "erbaulichen Briefen" auch Abbe Nollets "_traite d'electricite_." Der +Fortschritt in der geistigen Entwicklung ist, sollte man da meinen, sogar +in den Waeldern Amerikas zu spueren. Der juengste Kapuziner von der letzten +Mission(53) hatte eine spanische Uebersetzung von Chaptals Chemie +mitgebracht. Er gedachte dieses Werk in der Einsamkeit zu studiren, in der +er fortan fuer seine uebrige Lebenszeit sich selbst ueberlassen seyn sollte. +Ich glaube kaum, dass bei einem jungen Moenche, der einsam am Ufer des Rio +Tigre lebt, der Wissenstrieb wach und rege bleibt; aber so viel ist sicher +und gereicht dem Geist des Jahrhunderts zur Ehre, dass wir bei unserern +Aufenthalt in den Kloestern und Missionen Amerikas nie eine Spur von +Unduldsamkeit wahrgenommen haben. Die Moenche in Caripe wussten wohl, dass +ich im protestantischen Deutschland zu Hause war. Mit den Befehlen des +Madrider Hofes in der Hand, hatte ich keinen Grund, ihnen ein Geheimniss +daraus zu machen; aber niemals that irgend ein Zeichen von Misstrauen, +irgend eine unbescheidene Frage, irgend ein Versuch, eine Controverse +anzuknuepfen, dem wohlthuenden Eindruck der Gastfreundschaft, welche die +Moenche mit so viel Herzlichkeit und Offenheit uebten, auch nur den +geringsten Eintrag. Wir werden weiterhin untersuchen, woher diese +Duldsamkeit der Missionare ruehrt und wie weit sie geht. + +Das Kloster liegt an einem Orte, der in alter Zeit Areocuar hiess. Seine +Meereshoehe ist ungefaehr dieselbe wie die der Stadt Caracas oder des +bewohnten Strichs in den blauen Bergen von Jamaica. Auch ist die mittlere +Temperatur dieser drei Punkte, die alle unter den Tropen liegen, so +ziemlich dieselbe. In Caripe fuehlt man das Beduerfniss, sich Nachts +zuzudecken, besonders bei Sonnenaufgang. Wir sahen den hunderttheiligen +Thermometer um Mitternacht zwischen 16 und 171/2 Grad (12 deg.,8-14 R.) stehen, +Morgens zwischen 19 und 20. Gegen ein Uhr Nachmittags stand er nur auf 21 deg. +bis 22 deg.,5. Es ist diess eine Temperatur, bei der die Gewaechse der heissen +Zone noch wohl gedeihen; gegenueber der uebermaessigen Hitze auf den Ebenen +bei Cumana koennte man sie eine Fruehlingstemperatur nennen. Das Wasser, das +man in poroesen Thongesaessen dem Luftzug aussetzt, kuehlt sich in Caripe +waehrend der Nacht auf 13 deg. ab. Ich brauche nicht zu bemerken, dass solches +Wasser einem fast eiskalt vorkommt, wenn man in Einem Tage entweder von +der Kueste oder von den gluehenden Savanen von Terezen ins Kloster kommt und +daher gewoehnt ist, Flusswasser zu trinken, das meist 25-26 deg. (20-20 deg.,8 R.) +warm ist. + +Die mittlere Temperatur des Thals von Caripe scheint, nach der des Monats +September zu schliessen, 18 deg.,5 zu seyn. Nach den Beobachtungen, die man in +Cumana gemacht, weicht unter dieser Zone die Temperatur des Septembers von +der des ganzen Jahres kaum um einen halben Grad ab. Die mittlere +Temperatur von Caripe ist gleich der des Monats Juni zu Paris, wo uebrigens +die groesste Hitze 10 Grad mehr betraegt als an den heissesten Tagen in +Caripe. Da das Kloster nur 400 Toisen ueber dem Meere liegt, so faellt es +auf, wie rasch die Waerme von der Kueste an abnimmt. Wegen der dichten +Waelder koennen die Sonnenstrahlen nicht vom Boden abprallen, und dieser ist +feucht und mit einem dicken Gras- und Moosfilz bedeckt. Bei anhaltend +nebligter Witterung ist von Sonnenwirkung ganze Tage lang nichts zu spueren +und gegen Einbruch der Nacht wehen frische Winde von der Sierra del +Guacharo ins Thal herunter. + +Die Erfahrung hat ausgewiesen, dass das gemaessigte Klima und die leichte +Luft des Orts dem Anbau des Kaffeebaums, der bekanntlich hohe Lagen liebt, +sehr foerderlich sind. Der Superior der Kapuziner, ein thaetiger, +aufgeklaerter Mann, hat in seiner Provinz diesen neuen Kulturzweig +eingefuehrt. Man baute frueher Indigo in Caripe, aber die Pflanze, die +starke Hitze verlangt, lieferte hier so wenig Farbstoff, dass man es +aufgab. Wir fanden im Gemeinde-Conuco viele Kuechenkraeuter, Mais, +Zuckerrohr und fuenftausend Kaffeestaemme, die eine reiche Ernte +versprachen. Die Moenche hofften in wenigen Jahren ihrer dreimal so viel zu +haben. Man sieht auch hier wieder, wie die geistliche Hierarchie ueberall, +wo sie es mit den Anfaengen der Cultur zu thun hat, in derselben Richtung +ihre Thaetigkeit entwickelt. Wo die Kloester es noch nicht zum Reichthum +gebracht haben, auf dem neuen Continent wie in Gallien, in Syrien wie im +noerdlichen Europa, ueberall wirken sie hoechst vortheilhaft auf die +Urbarmachung des Bodens und die Einfuehrung fremdlaendischer Gewaechse. In +Caripe stellt sich der Gemeinde-Conuco als ein grosser schoener Garten dar. +Die Eingeborenen sind gehalten, jeden Morgen von sechs bis zehn Uhr darin +zu arbeiten. Die Alcaden und Alguazils von indianischem Blut fuehren dabei +die Aufsicht. Es sind das die hohen Staatsbeamten, die allein einen Stock +tragen duerfen und vom Superior des Klosters angestellt werden. Sie legen +auf jenes Recht sehr grosses Gewicht. Ihr pedantischer, schweigsamer Ernst, +ihre kalte, geheimnissvolle Miene, der Eifer, mit dem sie in der Kirche und +bei den Gemeindeversammlungen repraesentiren, kommt den Europaeern hoechst +lustig vor. Wir waren an diese Zuege im Charakter des Indianers noch nicht +gewoehnt, fanden sie aber spaeter gerade so am Orinoco, in Mexico und Peru +bei Voelkern von sehr verschiedenen Sitten und Sprachen. Die Alcaden kamen +alle Tage ins Kloster, nicht sowohl um mit den Moenchen ueber +Angelegenheiten der Mission zu verhandeln, als unter dem Vorwand, sich +nach dem Befinden der kuerzlich angekommenen Reisenden zu erkundigen. Da +wir ihnen Branntwein gaben, wurden die Besuche haeufiger, als die +Geistlichen gerne sahen. + +So lange wir uns in Caripe und in den andern Missionen der Chaymas +aufhielten, sahen wir die Indianer ueberall milde behandeln. Im Allgemeinen +schien uns in den Missionen der aragonesischen Kapuziner grundsaetzlich +eine Ordnung und eine Zucht zu herrschen, wie sie leider in der neuen Welt +selten zu finden sind. Missbraeuche, die mit dem allgemeinen Geist aller +kloesterlichen Anstalten zusammenhaengen, duerfen dem einzelnen Orden nicht +zur Last gelegt werden. Der Gardian des Klosters Verkauft den Ertrag des +Gemeinde-Conuco, und da alle Indianer darin arbeiten, so haben auch alle +gleichen Theil am Gewinn. Mais, Kleidungsstuecke, Ackergeraethe, und, wie +man versichert, zuweilen auch Geld werden unter ihnen vertheilt. Diese +Moenchsanstalten haben, wie ich schon oben bemerkt, Aehnlichkeit mit den +Gemeinden der maehrischen Brueder; sie foerdern die Entwicklung in der +Bildung begriffener Menschenvereine, und in den katholischen Gemeinden, +die man Missionen nennt, wird die Unabhaengigkeit der Familien und die +Selbststaendigkeit der Genossenschaftsglieder mehr geachtet, als in den +protestantischen Gemeinden nach Zinzendorfs Regel. + +Am beruehmtesten ist das Thal von Caripe, neben der ausnehmenden Kuehle des +Klimas, durch die grosse *Cueva* oder Hoehle des *Guacharo*. In einem Lande, +wo man so grossen Hang zum Wunderbaren hat, ist eine Hoehle, aus der ein +Strom entspringt und in der Tausende von Nachtvoegeln leben, mit deren Fett +man in den Missionen kocht, natuerlich ein unerschoepflicher Gegenstand der +Unterhaltung und des Streits. Kaum hat daher der Fremde in Cumana den Fuss +ans Land gesetzt, so hoert er zum Ueberdruss vom Augenstein von Araya, vom +Landmann in Arenas, der sein Kind gesaeugt, und von der Hoehle des Guacharo, +die mehrere Meilen lang seyn soll. Lebhafte Theilnahme an +Naturmerkwuerdigkeiten erhaelt sich ueberall, wo in der Gesellschaft kein +Leben ist, wo in truebseliger Eintoenigkeit die alltaeglichen Vorkommnisse +sich abloesen, bei denen die Neugierde keine Nahrung findet. + +Die Hoehle, welche die Einwohner eine "Fettgrube" nennen, liegt nicht im +Thal von Caripe selbst, sondern drei kleine Meilen vom Kloster gegen +West-Sued-West. Sie muendet in einem Seitenthale aus, das der *Sierra des +Guacharo* zulaeuft. Am 18. September brachen wir nach der Sierra auf, +begleitet von den indianischen Alcaden und den meisten Ordensmaennern des +Klosters. Ein schmaler Pfad fuehrte zuerst anderthalb Stunden lang suedwaerts +ueber eine lachende, schoen beraste Ebene, dann wandten wir uns westwaerts an +einem kleinen Flusse hinauf, der aus der Hoehle hervorkommt. Man geht drei +Viertelstunden lang aufwaerts bald im Wasser, das nicht tief ist, bald +zwischen dem Fluss und einer Felswand, auf sehr schluepfrigem, morastigem +Boden. Zahlreiche Erdfaelle, umherliegende Baumstaemme, ueber welche die +Maulthiere nur schwer hinueber kommen, die Rankengewaechse am Boden machen +dieses Stueck des Weges sehr ermuedend. Wir waren ueberrascht, hier, kaum +500 Toisen ueber dem Meere, eine Kreuzbluethe zu finden, den _Raphanus +pinnatus_. Man weiss, wie selten Arten dieser Familie unter den Tropen +sind; sie haben gleichsam einen *nordischen Typus*, und auf diesen waren +wir hier auf dem Plateau von Caripe, in so geringer Meereshoehe, nicht +gefasst. + +Wenn man am Fuss des hohen Guacharoberges nur noch vierhundert Schritte von +der Hoehle entfernt ist, sieht man den Eingang noch nicht. Der Bach laeuft +durch eine Schlucht, die das Wasser eingegraben, und man geht unter einem +Felsenueberhang, so dass man den Himmel gar nicht sieht. Der Weg schlaengelt +sich mit dem Fluss und bei der letzten Biegung steht man auf einmal vor der +ungeheuren Muendung der Hoehle. Der Anblick hat etwas Grossartiges selbst fuer +Augen, die mit der malerischen Scenerie der Hochalpen vertraut sind. Ich +hatte damals die Hoehlen am Pic von Derbyshire gesehen, wo man, in einem +Rachen ausgestreckt, unter einem zwei Fuss hohen Gewoelbe ueber einen +unterirdischen Fluss setzt. Ich hatte die schoene Hoehle von Treshemienshiz +in den Karpathen befahren, ferner die Hoehlen im Harz und in Franken, die +grosse Grabstaetten sind fuer die Gebeine von Tigern, Hyaenen und Baeren, die +so gross waren, wie unsere Pferde. Die Natur gehorcht unter allen Zonen +unabaenderlichen Gesetzen in der Vertheilung der Gebirgsarten, in der +aeusseren Gestaltung der Berge, selbst in den gewaltsamen Veraenderungen, +welche die aeussere Rinde unseres Planeten erlitten hat. Nach dieser grossen +Einfoermigkeit konnte ich glauben, die Hoehle von Caripe werde im Aussehen +von dem, was ich der Art auf meinen frueheren Reisen beobachtet, eben nicht +sehr abweichen; aber die Wirklichkeit uebertraf meine Erwartung weit. Wenn +einerseits alle Hoehlen nach ihrer ganzen Bildung, durch den Glanz der +Stalaktiten, in allem, was die unorganisches Natur betrifft, auffallende +Aehnlichkeit mit einander haben, so gibt andererseits der grossartige +tropische Pflanzenwuchs der Muendung eines solchen Erdlochs einen ganz +eigenen Charakter. + +Die Cueva del Guacharo oeffnet sich im senkrechten Profil eines Felsen. Der +Eingang ist nach Sued gekehrt; es ist eine Woelbung achtzig Fuss breit und +siebzig hoch, also bis auf ein Fuenftheil so hoch als die Colonnade des +Louvre. Auf dem Fels ueber der Grotte stehen riesenhafte Baeume. Der Mamei +und der Genipabaum mit breiten glaenzenden Blaettern strecken ihre Aeste +gerade gen Himmel, waehrend die des Courbaril und der Erythrina sich +ausbreiten und ein dichtes gruenes Gewoelbe bilden. Pothos mit saftigen +Stengeln, Oxalis und Orchideen von seltsamem Bau [Ein _Dendrobium_ mit +goldgelber, schwarzgefleckter, drei Zoll langer Bluethe] wachsen in den +duerrsten Felsspalten, waehrend vom Winde geschaukelte Rankengewaechse sich +vor dem Eingang der Hoehle zu Gewinden verschlingen. Wir sahen in diesen +Blumengewinden eine violette Bignonie, das purpurfarbige Dolichos und zum +erstenmal die prachtvolle Solandra, deren orangegelbe Bluethe eine ueber +vier Zoll lange fleischige Roehre hat. Es ist mit dem Eingang der Hoehlen, +wie mit der Ansicht der Wasserfaelle; der Hauptreiz besteht in der mehr +oder weniger grossartigen Umgebung, die den Charakter der Landschaft +bestimmt. Welcher Contrast zwischen der Cueva de Caripe und den Hoehlen im +Norden, die von Eichen und duestern Lerchen beschattet sind! + +Aber diese Pflanzenpracht schmueckt nicht allein die Aussenseite des +Gewoelbes, sie dringt sogar in den Vorhof der Hoehle ein. Mit Erstaunen +sahen wir, dass achtzehn Fuss hohe praechtige Heliconien mit Pisangblaettern, +Pragapalmen und baumartige Arumarten die Ufer des Baches bis unter die +Erde saeumten. Die Vegetation zieht sich in die Hoehle von Caripe hinein, +wie in die tiefen Felsspalten in den Anden, in denen nur ein Daemmerlicht +herrscht, und sie hoert erst 30-40 Schritte vom Eingang auf. Wir massen den +Weg mittelst eines Stricks und waren gegen vier hundert dreissig Fuss weit +gegangen, ehe wir noethig hatten die Fackeln anzuzuenden. Das Tageslicht +dringt so weit ein, weil die Hoehle nur Einen Gang bildet, der sich in +derselben Richtung von Suedost nach Nordwest hineinzieht. Da wo das Licht +zu verschwinden anfaengt, hoert man das heisere Geschrei der Nachtvoegel, +die, wie die Eingeborenen glauben, nur in diesen unterirdischen Raeumen zu +Hause sind. + +Der Guacharo hat die Groesse unserer Huehner, die Stimme der Ziegenmelker und +Procnias, die Gestalt der geierartigen Voegel mit Buescheln steifer Seide um +den krummen Schnabel. Streicht man nach Cuvier die Ordnung der _Picae_ +(Spechte), so ist dieser merkwuerdige Vogel unter die _Passeres_ stellen, +deren Gattungen fast unmerklich in einander uebergehen. Ich habe ihn im +zweiten Band meiner _Observations de zoologie et d'anatomie comparee_ in +einer eigenen Abhandlung unter dem Namen _Steatornis_ (Fettvogel) +beschrieben. Er bildet eine neue Gattung, die sich von _Caprimulgus_ durch +den Umfang der Stimme, durch den ausnehmend starken mit einem doppelten +Zahn versehenen Schnabel, durch den Mangel der Haut zwischen den vorderen +Zehengliedern wesentlich unterscheidet. In der Lebensweise kommt er sowohl +den Ziegenmelkern als den Alpenkraehen [_Corvus Pyrrhocorax_] nahe. Sein +Gefieder ist dunkel graublau, mit kleinen schwarzen Streifen und Tupfen; +Kopf, Fluegel und Schwanz zeigen grosse, weisse, herzfoermige, schwarz +gesaeumte Flecken. Die Augen des Vogels koennen das Tageslicht nicht +ertragen, sie sind blau und kleiner als bei den Ziegenmelkern. Die Fluegel +haben 17-18 Schwungfedern und ihre Spannung betraegt 31/2 Fuss. Der Guacharo +verlaesst die Hoehle bei Einbruch der Nacht, besonders bei Mondschein. Es ist +so ziemlich der einzige koernerfressende Nachtvogel, den wir bis jetzt +kennen; schon der Bau seiner Fuesse zeigt, dass er nicht jagt wie unsere +Eulen. Er frisst sehr harte Samen, wie der Nussheher (_Corvus +cariocatactes_) und der _Pyrrhocorax_. Letzterer nistet auch in +Felsspalten und heisst der "Nachtrabe." Die Indianer behaupten, der +Guacharo gehe weder Insekten aus der Ordnung der Lamellicornia (Kaefern), +noch Nachtschmetterlingen nach, von denen die Ziegenmelker sich naehren. +Man darf nur die Schnaebel des Guacharo und des Ziegenmelkers vergleichen, +um zu sehen, dass ihre Lebensweise ganz verschieden seyn muss. + +Schwer macht man sich einen Begriff vom furchtbaren Laerm, den Tausende +dieser Voegel im dunkeln Innern der Hoehle machen. Er laesst sich nur mit dem +Geschrei unserer Kraehen vergleichen, die in den nordischen Tannenwaeldern +gesellig leben und auf Baeumen nisten, deren Gipfel einander beruehren. Das +gellende durchdringende Geschrei der Guacharos hallt wider vom Felsgewoelbe +und aus der Tiefe der Hoehle kommt es als Echo zurueck. Die Indianer zeigten +uns die Nester der Voegel, indem sie Fackeln an eine lange Stange banden. +Sie stacken 60-70 Fuss hoch ueber unsern Koepfen in trichterfoermigen Loechern, +von denen die Decke wimmelt. Je tiefer man in die Hoehle hinein kommt, je +mehr Voegel das Licht der Copalfackeln aufscheucht, desto staerker wird der +Laerm. Wurde es ein paar Minuten ruhiger um uns her, so erschallte von +weither das Klaggeschrei der Voegel, die in andern Zweigen der Hoehle +nisteten. Die Banden loesten einander im Schreien ordentlich ab. + +Jedes Jahr um Johannistag gehen die Indianer mit Stangen in die Cueva del +Guacharo und zerstoeren die meisten Nester. Man schlaegt jedesmal mehrere +tausend Voegel todt, wobei die Alten, als wollten sie ihre Brut +vertheidigen, mit furchtbarem Geschrei den Indianern um die Koepfe fliegen. +Die Jungen, die zu Boden fallen, werden auf der Stelle ausgeweidet. Ihr +Bauchfell ist stark mit Fett durchwachsen, und eine Fettschicht laeuft vom +Unterleib zum After und bildet zwischen den Beinen des Vogels eine Art +Knopf. Dass koernerfressende Voegel, die dem Tageslicht nicht ausgesetzt sind +und ihre Muskeln wenig brauchen, so fett werden, erinnert an die uralten +Erfahrungen beim Maesten der Gaense und des Viehs. Man weiss, wie sehr +dasselbe durch Dunkelheit und Ruhe befoerdert wird. Die europaeischen +Nachtvoegel sind mager, weil sie nicht wie der Guacharo von Fruechten, +sondern vom duerftigen Ertrag ihrer Jagd leben. Zur Zeit der "Fetternte" +(_cosecha de la manteca_), wie man es in Caripe nennt, bauen sich die +Indianer aus Palmblaettern Huetten am Eingang und im Vorhof der Hoehle. Wir +sahen noch Ueberbleibsel derselben. Hier laesst man das Fett der jungen, +frisch getoedteten Voegel am Feuer aus und giesst es in Thongefaesse. Dieses +Fett ist unter dem Namen Guacharoschmalz oder Oel (_manteca_ oder +_aceite_) bekannt; es ist halbfluessig, hell und geruchlos. Es ist so rein, +dass man es laenger als ein Jahr aufbewahren kann, ohne dass es ranzig wird. +In der Kloesterkueche zu Caripe wurde kein anderes Fett gebraucht als das +aus der Hoehle, und wir haben nicht bemerkt, dass die Speisen irgend einen +unangenehmen Geruch oder Geschmack davon bekaemen. + +Die Menge des gewonnenen Oels steht mit dem Gemetzel, das die Indianer +alle Jahre in der Hoehle anrichten, in keinem Verhaeltniss. Man bekommt, +scheint es, nicht mehr als 150 bis 160 Flaschen (zu 44 Kubikzoll) ganz +reine Manteca; das uebrige weniger helle wird in grossen irdenen Gefaessen +aufbewahrt. Dieser Industriezweig der Eingeborenen erinnert an das Sammeln +des Taubenfetts [Das _pigeon oil_ kommt von der Wandertaube, _Columba +migratoria_.] in Carolina, von dem frueher mehrere tausend Faesser gewonnen +wurden. Der Gebrauch des Guacharofetts ist in Caripe uralt und die +Missionare haben nur die Gewinnungsart geregelt. Die Mitglieder einer +indianischen Familie Namens Morocoymas behaupten von den ersten Ansiedlern +im Thale abzustammen und als solche rechtmaessige Eigenthuemer der Hoehle zu +seyn; sie beanspruchen das Monopol des Fetts, aber in Folge der +Klosterzucht sind ihre Rechte gegenwaertig nur noch Ehrenrechte. Nach dem +System der Missionare haben die Indianer Guacharooel fuer das ewige +Kirchenlicht zu liefern; das Uebrige, so behauptet man, wird ihnen +abgekauft. Wir erlauben uns kein Urtheil weder ueber die Rechtsansprueche +der Morocoymas, noch ueber den Ursprung der von den Moenchen den Indianern +auferlegten Verpflichtung. Es erschiene natuerlich, dass der Ertrag der Jagd +denen gehoerte, die sie anstellen; aber in den Waeldern der neuen Welt, wie +im Schoosse der europaeischen Cultur, bestimmt sich das oeffentliche Recht +darnach, wie sich das Verhaltniss zwischen dem Starken und dem Schwachen, +zwischen dem Eroberer und dem Unterworfenen gestaltet. + +Das Geschlecht der Guacharos ware laengst ausgerottet, wenn nicht mehrere +Umstaende zur Erhaltung desselben zusammenwirkten. Aus Aberglauben wagen +sich die Indianer selten weit in die Hoehle hinein. Auch scheint derselbe +Vogel in benachbarten, aber dem Menschen unzugaenglichen Hoehlen zu nisten. +Vielleicht bevoelkert sich die grosse Hoehle immer wieder mit Colonien, +welche aus jenen kleinen Erdloechern ausziehen; denn die Missionaere +versicherten uns, bis jetzt habe die Menge der Voegel nicht merkbar +abgenommen. Man hat junge Guacharos in den Hafen von Cumana gebracht; sie +lebten da mehrere Tage, ohne zu fressen, da die Koerner, die man ihnen gab, +ihnen nicht zusagten. Wenn man in der Hoehle den jungen Voegeln Kropf und +Magen ausschneidet, findet man mancherlei harte, trockene Samen darin, die +unter dem seltsamen Namen "Guacharosamen" (_semilla del Guacharo_) ein +vielberufenes Mittel gegen Wechselfieber sind. Die Alten bringen diese +Samen den Jungen zu. Man sammelt sie sorgfaeltig und laesst sie den Kranken +in Cariaco und andern tief gelegenen Fieberstrichen zukommen. + +Wir gingen in die Hoehle hinein und am Bache fort, der daraus entspringt. +Derselbe ist 28-30 Fuss breit. Man verfolgt das Ufer, so lange die Huegel +aus Kalkincrustationen diess gestatten; oft, wenn sich der Bach zwischen +sehr hohen Stalaktitenmassen durchschlaengelt, muss man in das Bette selbst +hinunter, das nur zwei Fuss tief ist. Wir hoerten zu unserer Ueberraschung, +diese unterirdische Wasserader sey die Quelle des Rio Caripe, der wenige +Meilen davon, nach seiner Vereinigung mit dem kleinen Rio de Santa Maria, +fuer Piroguen schiffbar wird. Am Ufer des unterirdischen Baches fanden wir +eine Menge Palmholz; es sind Ueberbleibsel der Staemme, auf denen die +Indianer zu den Vogelnestern an der Decke der Hoehle hinaufsteigen. Die von +den Narben der alten Blattstiele gebildeten Ringe dienen gleichsam als +Sprossen einer aufrecht stehenden Leiter. + +Die Hoehle von Caripe behaelt, genau gemessen, auf 472 Meter oder 1458 Fuss +dieselbe Richtung, dieselbe Breite und die anfaengliche Hoehe von 60-70 Fuss. +Ich kenne auf beiden Continenten keine zweite Hoehle von so gleichfoermiger, +regelmaessiger Gestalt. Wir hatten viele Muehe, die Indianer zu bewegen, dass +sie ueber das vordere Stueck hinausgingen, das sie allein jaehrlich zum +Fettsammeln besuchen. Es brauchte das ganze Ansehen der Patres, um sie bis +zu der Stelle zu bringen, wo der Boden rasch unter einem Winkel von +60 Grad ansteigt und der Bach einen kleinen unterirdischen Fall bildet. +Diese von Nachtvoegeln bewohnte Hoehle ist fuer die Indianer ein schauerlich +geheimnissvoller Ort; sie glauben, tief hinten wohnen die Seelen ihrer +Vorfahren. Der Mensch, sagen sie, soll Scheu tragen vor Orten, die weder +von der Sonne, *Zis*, noch vom Monde, *Nuna*, beschienen sind. Zu den +Guacharos gehen, heisst so viel, als zu den Vaetern versammelt werden, +sterben. Daher nahmen auch die Zauberer, *Piaches*, und die Giftmischer, +*Imorons*, ihre naechtlichen Gaukeleien am Eingang der Hoehle vor, um den +Obersten der boesen Geister, *Ivorokiamo*, zu beschwoeren. So gleichen sich +unter allen Himmelsstrichen die aeltesten Mythen der Voelker, vor allen +solche, die sich aus zwei die Welt regierende Kraefte, auf den Aufenthalt +der Seelen nach dem Tod, auf den Lohn der Gerechten und die Strafe der +Boesen beziehen. Die verschiedensten und darunter die rohesten Sprachen +haben gewisse Bilder mit einander gemein, weil diese unmittelbar aus dem +Wesen unseres Denk- und Empfindungsvermoegens fliessen. Finsterniss wird +aller Orten mit der Vorstellung des Todes in Verbindung gebracht. Die +Hoehle von Caripe ist der Tartarus der Griechen, und die Guacharos, die +unter klaeglichem Geschrei ueber dem Wasser flattern, mahnen an die +stygischen Voegel. + +Da wo der Bach den unterirdischen Fall bildet, stellt sich das dem +Hoehleneingang gegenueber liegende, gruen bewachsene Gelaende ungemein +malerisch dar. Man sieht vom Ende eines geraden, 240 Toisen langen Ganges +daraus hinaus. Die Stalaktiten, die von der Decke herabhaengen und in der +Luft schwebenden Saeulen gleichen, heben sich von einem gruenen Hintergrunde +ab. Die Oeffnung der Hoehle erscheint um die Mitte des Tages auffallend +enger als sonst, und wir sahen sie vor uns im glaenzenden Lichte, das +Himmel, Gewaechse und Gestein zumal widerstrahlen. Das ferne Tageslicht +stach grell ab von der Finsterniss, die uns in diesen unterirdischen Raeumen +umgab. Wir hatten unsere Gewehre fast auf Gerathewohl abgeschossen, so oft +wir aus dem Geschrei und dem Fluegelschlagen der Nachtvoegel schliessen +konnten, dass irgendwo recht viele Nester beisammen seyen. Nach mehreren +fruchtlosen Versuchen gelang es Bonpland, zwei Guacharos zu schiessen, die, +vom Fackelschein geblendet, uns nachflatterten. Damit fand ich +Gelegenheit, den Vogel zu zeichnen, der bis dahin den Zoologen ganz +unbekannt gewesen war. Wir erkletterten nicht ohne Beschwerde die +Erhoehung, ueber die der unterirdische Bach herunter kommt. Wir sahen da, +dass die Hoehle sich weiterhin bedeutend verengert, nur noch 40 Fuss hoch ist +und nordostwaerts in ihrer urspruenglichen Richtung, parallel mit dem grossen +Thale des Caripe, fortstreicht. + +In dieser Gegend der Hoehle setzt der Bach eine schwaerzlichte Erde ab, die +grosse Aehnlichkeit hat mit dem Stoff, der in der Muggendorfer Hoehle in +Franken "Opfererde" heisst. Wir konnten nicht ausfindig machen, ob diese +feine, schwammigte Erde durch Spalten im Gestein, die mit dem Erdreich +ausserhalb in Verbindung stehen, hereinfaellt, oder ob sie durch das +Regenwasser, das in die Hoehle dringt, hereingefloetzt wird. Es war ein +Gemisch von Kieselerde, Thonerde und vegetabilischem Detritus. Wir gingen +in dickem Koth bis zu einer Stelle, wo uns zu unserer Ueberraschung, eine +unterirdische Vegetation entgegentrat. Die Samen, welche die Voegel zum +Futter fuer ihre Jungen in die Hoehle bringen, keimen ueberall, wo sie auf +die Dammerde fallen, welche die Kalkincrustationen bedeckt. Vergeilte +Stengel mit ein paar Blattrudimenten waren zum Theil zwei Fuss hoch. Es war +unmoeglich, Gewaechse, die sich durch den Mangel an Licht nach Form, Farbe +und ganzem Habitus voellig umgewandelt hatten, specifisch zu unterscheiden. +Diese Spuren von Organisation im Schosse der Finsterniss reizten gewaltig +die Neugier der Eingeborenen, die sonst so stumpf und schwer anzuregen +sind. Sie betrachteten sie mit stillem, nachdenklichem Ernst, wie er sich +an einem Orte ziemte, der fuer sie solche Schauer hat. Diese unterirdischen +bleichen, formlosen Gewaechse mochten ihnen wie Gespenster erscheinen, die +vom Erdboden hieher gebannt waren. Mich aber erinnerten sie an eine der +gluecklichsten Zeiten meiner fruehen Jugend, an einen langen Aufenthalt in +den Freiberger Erzgruben, wo ich ueber das Vergeilen der Pflanzen Versuche +anstellte, die sehr verschieden ausfielen, je nachdem die Luft rein war +oder viel Wasserstoff und Stickstoff enthielt. + +Mit aller ihrer Autoritaet konnten die Missionaere die Indianer nicht +vermoegen, noch weiter in die Hoehle hinein zu gehen. Je mehr die Decke sich +senkte, desto gellender wurde das Geschrei der Guacharos. Wir mussten uns +der Feigheit unserer Fuehrer gefangen geben und umkehren. Man sah auch +ueberall so ziemlich das Naemliche. Ein Bischof von St. Thomas in Guyana +scheint weiter gekommen zu seyn als wir; er hatte vom Eingang bis zum +Punkt, wo er Halt machte, 2500 Fuss gemessen, und die Hoehle lief noch +weiter sort. Die Erinnerung an diesen Vorfall hat sich im Kloster Caripe +erhalten, nur weiss man den Zeitpunkt nicht genau. Der Bischof hatte sich +mit dicken Kerzen aus weissem spanischem Wachs versehen; wir hatten nur +Fackeln aus Baumrinde und einheimischem Harz. Der dicke Rauch solcher +Fackeln in engem unterirdischem Raum thut den Augen weh und macht das +Athmen beschwerlich. + +Wir gingen dem Bache nach wieder zur Hoehle hinaus. Ehe unsere Augen vom +Tageslicht geblendet wurden, sahen wir vor der Hoehle draussen das Wasser +durch das Laub der Baeume glaenzen. Es war, als stuende weit weg ein Gemaelde +vor uns und die Oeffnung der Hoehle waere der Rahmen dazu. Als wir endlich +heraus waren, setzten wir uns am Bache nieder und ruhten von der +Anstrengung aus. Wir waren froh, dass wir das heisere Geschrei der Voegel +nicht mehr hoerten und einen Ort hinter uns hatten, wo sich mit der +Dunkelheit nicht der wohlthuende Eindruck der Ruhe und Stille paart. Wir +konnten es kaum glauben, dass der Name der Hoehle von Caripe bis jetzt in +Europa voellig unbekannt gewesen seyn sollte. Schon wegen der Guacharos +haette sie beruehmt werden sollen; denn ausser den Bergen von Caripe und +Cumanacoa hat man diese Nachtvoegel bis jetzt nirgends angetroffen. + +Die Missionaere hatten am Eingang der Hoehle ein Mahl zurichten lassen. +Pisang- und Bijaoblaetter, die seidenartig glaenzen, dienten uns, nach +Landessitte als Tischtuch. Wir wurden trefflich bewirthet, sogar mit +geschichtlichen Erinnerungen die so selten sind in Laendern, wo die +Geschlechter einander abloesten, ohne eine Spur ihres Daseyns zu +hinterlassen. Wohlgefaellig erzaehlten uns unsere Wirthe, die ersten +Ordensleute, die in diese Berge gekommen, um das kleine Dorf Santa Maria +zu gruenden, haben einen Monat lang in der Hoehle hier gelebt und auf einem +Stein bei Fackellicht das heilige Messopfer gefeiert. Die Missionaere hatten +am einsamen Orte Schutz gefunden vor der Verfolgung eines Haeuptlings der +Tuapocans, der am Ufer des Rio Caripe sein Lager aufgeschlagen. + +So viel wir uns auch bei den Einwohnern von Caripe, Cumanacoa und Cariaco +erkundigten, wir hoerten nie, dass man in der Hoehle des Guacharo je Knochen +von Fleischfressern oder Knochenbreccien mit Pflanzenfressern gefunden +haette, wie sie in den Hoehlen Deutschlands und Ungarns oder in den Spalten +des Kalksteins bei Gibraltar vorkommen. Die fossilen Knochen der +Megatherien, Elephanten und Mastodonten, welche Reisende aus Suedamerika +mitgebracht, gehoeren saemmtlich dem ausgeschwemmten Land in den Thaelern und +auf hohen Plateans an. Mit Ausnahme des Megalonyx,(54) eines Faulthiers +von der Groesse eines Ochsen, das Jefferson beschrieben, kenne ich bis jetzt +auch nicht Einen Fall, dass in einer Hoehle der neuen Welt ein Thierskelett +gefunden worden waere. Dass diese zoologische Erscheinung hier so ausnehmend +selten ist, erscheint weniger auffallend, wenn man bedenkt, dass es in +Frankreich, England und Italien auch eine Menge Hoehlen gibt, in denen man +nie eine Spur von fossilen Knochen entdeckt hat. + +Die interessanteste Beobachtung, welche der Physiker in den Hoehlen +anstellen kann, ist die genaue Bestimmung ihrer Temperatur. Die Hoehle von +Caripe liegt ungefaehr unter 10 deg. 10' der Breite, also mitten im heissen +Erdguertel, und 506 Toisen ueber dem Spiegel des Wassers im Meerbusen von +Cariaco. Wir fanden im September die Temperatur der Luft im Innern +durchaus zwischen 18 deg.,4 und 18 deg.,9 der hunderttheiligen Scale. Die aeussere +Luft hatte 16 deg.,2. Beim Eingang der Hoehle zeigte der Thermometer an der +Luft 17 deg.,6, aber im Wasser des unterirdischen Bachs bis hinten in der +Hoehle 16 deg.,8. Diese Beobachtungen sind von grosser Bedeutung, wenn man ins +Auge fasst, wie sich zwischen Wasser, Luft und Boden die Waerme ins +Gleichgewicht zu setzen strebt. Ehe ich Europa verliess, beklagten sich die +Physiker noch, dass man so wenig Anhaltspunkte habe, um zu bestimmen, was +man ein wenig hochtrabend *die Temperatur des Erdinnern* heisst, und erst +in neuerer Zeit hat man mit einigem Erfolg an der Loesung dieses grossen +Problems der unterirdischen Meteorologie gearbeitet. Nur die +Steinschichten, welche die Rinde unseres Planeten bilden, sind der +unmittelbaren Forschung zugaenglich, und man weiss jetzt, dass die mittlere +Temperatur dieser Schichten sich nicht nur nach der Breite und der +Meereshoehe veraendert, sondern dass sie auch je nach der Lage des Orts im +Verlauf des Jahrs regelmaessige Schwingungen um die mittlere Temperatur der +benachbarten Luft beschreibt. Die Zeit ist schon fern, wo man sich +wunderte, wenn man in andern Himmelsstrichen in Hoehlen und Brunnen eine +andere Temperatur beobachtete, als in den Kellern der Pariser Sternwarte. +Dasselbe Instrument, das in diesen Kellern 12 Grad zeigt, steigt in +unterirdischen Raeumen auf Madera bei Funchal aus 16 deg.,2, im +St. Josephsbrunnen in Cairo auf 21 deg.,2, in den Grotten der Insel Cuba auf +22-23 Grad. Diese Zunahme ist ungefaehr proportional der Zunahme der +mittleren Lufttemperaturen vom 48. Grad der Breite bis zum Wendekreis. + +Wir haben eben gesehen, dass in der Hoehle des Guacharo das Wasser des +Baches gegen 2 Grad kuehler ist als die umgebende Luft im unterirdischen +Raum. Das Wasser, ob es nun durch das Gestein sickert oder ueber ein +steinigtes Bette fliesst, nimmt unzweifelhaft die Temperatur des Gesteins +oder des Bettes an. Die Luft in der Hoehle dagegen steht nicht still, sie +communicirt mit der Atmosphaere draussen. Und wenn nun auch in der heissen +Zone die Schwankungen in der aeussern Temperatur sehr unbedeutend sind, so +bilden sich dennoch Stroemungen, durch welche die Luftwaerme im Innern +periodische Veraenderungen erleidet. Demnach koennte man die Temperatur des +Wassers, also 16 deg.,8, als die Bodentemperatur in diesen Bergen betrachten, +wenn man sicher waere, dass das Wasser nicht rasch von benachbarten hoeheren +Bergen herabkommt. + +Aus diesen Betrachtungen folgt, dass, wenn man auch keine ganz genauen +Resultate erhaelt, sich doch in jeder Zone *Grenzzahlen* auffinden lassen. +In Caripe, unter den Tropen, ist in 500 Toisen Meereshoehe die mittlere +Temperatur der Erde nicht unter 16 deg.,8; diess geht aus der Messung der +Temperatur des unterirdischen Wassers hervor. So laesst sich nun aber auch +beweisen, dass diese Temperatur des Bodens nicht hoeher seyn kann als 19 deg., +weil die Luft in der Hoehle im September 18 deg.,7 zeigt. Da die mittlere +Luftwaerme im heissesten Monat 19 deg.,5 nicht uebersteigt, so wuerde man sehr +wahrscheinlich zu keiner Zeit des Jahres den Thermometer in der Luft der +Hoehle ueber 19 deg. steigen sehen. Diese Ergebnisse, wie so manche andere, die +wir in dieser Reisebeschreibung mittheilen, moegen fuer sich betrachtet von +geringem Belang scheinen; vergleicht man sie aber mit den kuerzlich von +Leopold von Buch und Wahlenberg unter dem Polarcirkel angestellten +Beobachtungen, so verbreiten sie Licht ueber den Haushalt der Natur im +Grossen und ueber den bestaendigen Waermeaustausch zwischen Luft und Boden zu +Herstellung des Gleichgewichts. Es ist kein Zweifel mehr, dass in Lappland +die feste Erdrinde eine um 3 bis 4 Grad *hoehere* mittlere Temperatur hat +als die Luft. Bringt die Kaelte, welche in den Tiefen des tropischen Meeres +in Folge der Polarstroeme fortwaehrend herrscht, im heissen Erdstrich eine +merkbare Verminderung der Temperatur des Bodens hervor? Ist diese +Temperatur dort *niedriger* als die der Luft? Das wollen wir in der Folge +untersuchen, wenn wir in den hohen Regionen der Cordilleren mehr +Beobachtungen zusammengebracht haben werden. + + ------------------ + + + + + + 53 Ausser den Doerfern, in denen Eingeborene unter der Obhut eines + Geistlichen stehen, nennt man in den spanischen Colonien *Mission* + auch die jungen Moenche, die mit einander aus einem spanischen Hafen + abgehen, um in der neuen Welt oder auf den Philippinen die + Niederlassungen der Ordensgeistlichen zu ergaenzen. Daher der + Ausdruck: "in Cadix eine neue *Mission* holen." + + 54 Der Megalonyx wurde in den Hoehlen von Green-Briar in Virginien + gefunden, 1500 Meilen vom Megatherium, dem er sehr nahe steht und + das so gross war wie ein Nashorn. + + + + + +ACHTES KAPITEL + + + Abreise von Caripe. -- Berg und Wald Santa Maria. -- Die Mission + Catuaro. -- Hafen von Cariaco. + + +Rasch verflossen uns die Tage, die wir im Kapuzinerkloster in den Bergen +von Caripe zubrachten, und doch war unser Leben so einfach als einfoermig. +Von Sonnenaufgang bis Einbruch der Nacht streiften wir durch die +benachbarten Waelder und Berge, um Pflanzen zu sammeln, deren wir nie genug +beisammen haben konnten. Konnten wir des starken Regens wegen nicht weit +hinaus, so besuchten wir die Huetten der Indianer, den Gemeinde-Conuco oder +die Versammlungen, in denen die Alcaden jeden Abend die Arbeiten fuer den +folgenden Tag austheilen. Wir kehrten erst ins Kloster zurueck, wenn uns +die Glocke ins Refectorium an den Tisch der Missionaere rief. Zuweilen +gingen wir mit ihnen frueh Morgens in die Kirche, um der "_Doctrina_" +beizuwohnen, das heisst dem Religionsunterricht der Eingeborenen. Es ist +ein zum wenigsten sehr gewagtes Unternehmen, mit Neubekehrten ueber Dogmen +zu verhandeln, zumal wenn sie des Spanischen nur in geringem Grade maechtig +sind. Andererseits verstehen gegenwaertig die Ordensleute von der Sprache +der Chaymas so gut wie nichts, und die Aehnlichkeit gewisser Laute +verwirrt den armen Indianern die Koepfe so sehr, dass sie sich die +wunderlichsten Vorstellungen machen. Ich gebe nur Ein Beispiel. Wir sahen +eines Tags, wie sich der Missionaer grosse Muehe gab, darzuthun, dass +_infierno_ die Hoelle, und _invierno_ der Winter, nicht dasselbe Ding +seyen, sondern so verschieden wie Hitze und Frost. Die Chaymas kennen +keinen andern Winter als die Regenzeit, und unter der "Hoelle der Weissen" +dachten sie sich einen Ort, wo die Boesen furchtbaren Regenguessen +ausgesetzt seyen. Der Missionaer verlor die Geduld, aber es half Alles +nichts: der erste Eindruck, den zwei aehnliche Consonanten hervorgebracht, +war nicht mehr zu verwischen; im Kopfe der Neophyten waren die +Vorstellungen Regen und Hoelle, _invierno_ und _infierno_, nicht mehr aus +einander zu bringen. + +Nachdem wir fast den ganzen Tag im Freien zugebracht, schrieben wir Abends +im Kloster unsere Beobachtungen und Bemerkungen nieder, trockneten unsere +Pflanzen und zeichneten die, welche nach unserer Ansicht neue Gattungen +bildeten. Die Moenche liessen uns volle Freiheit und wir denken mit +Vergnuegen an einen Aufenthalt zurueck, der so angenehm als fuer unser +Unternehmen foerderlich war. Leider war der bedeckte Himmel in einem Thal, +wo die Waelder ungeheure Wassermassen an die Luft abgeben, astronomischen +Beobachtungen nicht guenstig. Ich blieb Nachts oft lange auf, um den +Augenblick zu benuetzen, wo sich ein Stern vor seinem Durchgang durch den +Meridian zwischen den Wolken zeigen wuerde. Oft zitterte ich vor Frost, +obgleich der Thermometer nie unter 16 Grad fiel. Es ist diess in unserem +Klima die Tagestemperatur gegen Ende Septembers. Die Instrumente blieben +mehrere Stunden im Klosterhof aufgestellt, und fast immer harrte ich +vergebens. Ein paar gute Beobachtungen Fomahaults und Denebs im Schwan +ergaben fuer Caripe 10 deg. 10' 14" Breite, wornach es auf der Karte von Caulin +um 18', auf der von Arrowsmith um 14' unrichtig eingezeichnet ist. + +Der Verdruss, dass der bedeckte Himmel uns die Sterne entzog, war der +einzige, den wir im Thal von Caripe erlebt. Wildheit und Friedlichkeit, +Schwermuth und Lieblichkeit, beides zusammen ist der Charakter der +Landschaft. Inmitten einer so gewaltigen Natur herrscht in unserm Innern +nur Friede und Ruhe. Ja noch mehr, in der Einsamkeit dieser Berge wundert +man sich weniger ueber die neuen Eindruecke, die man bei jedem Schritte +erhaelt, als darueber, dass die verschiedensten Klimate so viele Zuege mit +einander gemein haben. Auf den Huegeln, an die das Kloster sich lehnt, +stehen Palmen und Baumfarn; Abends, wenn der Himmel auf Regen deutet, +schallt das eintoenige Geheul der rothen Bruellaffen durch die Luft, das dem +fernen Brausen des Windes im Walde gleicht. Aber trotz dieser unbekannten +Toene, dieser fremdartigen Gestalten der Gewaechse, all dieser Wunder einer +neuen Welt, laesst doch die Natur den Menschen aller Orten eine Stimme +hoeren, die in vertrauten Lauten zu ihm spricht. Der Rasen am Boden, das +alte Moos und das Farnkraut auf den Baumwurzeln, der Bach, der ueber die +geneigten Kalksteinschichten niederstuerzt, das harmonische Farbenspiel von +Wasser, Gruen und Himmel, Alles ruft dem Reisenden wohlbekannte +Empfindungen zurueck. + +Die Naturschoenheiten dieser Berge nahmen uns voellig in Anspruch, und so +wurden wir erst am Ende gewahr, dass wir den guten gastfreundlichen Moenchen +zur Last fielen. Ihr Vorrath von Wein und Weizenbrod war nur gering, und +wenn auch der eine wie das andere dort zu Lande bei Tisch nur als +Luxusartikel gelten, so machte es uns doch sehr verlegen, dass unsere +Wirthe sie sich selbst versagten. Bereits war unsere Brodration auf ein +Viertheil herabgekommen, und doch noethigte uns der furchtbare Regen, +unsere Abreise noch einige Tage zu verschieben. Wie unendlich lang kam uns +dieser Aufschub vor! wie bange war uns vor der Glocke, die uns ins +Refectorium rief! Das Zartgefuehl der Moenche liess uns recht lebhaft +empfinden, wie ganz anders wir hier daran waren als die Reisenden, die +darueber zu klagen haben, dass man ihnen in den coptischen Kloestern +Ober-Egyptens ihren Mundvorrath entwendet. + +Endlich am 22. September brachen wir auf mit vier Maulthieren, die unsere +Instrumente und Pflanzen trugen. Wir mussten den nordoestlichen Abhang der +Kalkalpen von Neu-Andalusien, die wir als die grosse Kette des Brigantin +und Cocollar bezeichnet, hinunter. Die mittlere Hoehe dieser Kette betraegt +nicht leicht ueber 6-700 Toisen, und sie laesst sich in dieser wie in +geologischer Hinsicht mit dem Jura vergleichen. Obgleich die Berge von +Cumana nicht sehr hoch sind, so ist der Weg hinunter gegen Cariaco zu doch +sehr beschwerlich, ja sogar gefaehrlich. Besonders beruechtigt ist in dieser +Beziehung der Cerro de Santa Maria, an dem die Missionaere hinauf muessen, +wenn sie sich von Cumana in ihr Kloster Caripe begeben. Oft, wenn wir +diese Berge, die Anden von Peru, die Pyrenaeen und die Alpen, dir wir nach +einander besucht, verglichen, wurden wir inne, dass die Berggipfel von der +geringsten Meereshoehe nicht selten die unzugaenglichsten sind. + +Als das Thal von Caripe hinter uns lag, kamen wir zuerst ueber eine +Huegelkette, die nordostwaerts vom Kloster liegt. Der Weg fuehrte immer +bergan ueber eine weite Savane auf die Hochebene *Guardia de San Augustin*. +Hier hielten wir an, um auf den Indianer zu warten, der den Barometer +trug; wir befanden uns in 533 Toisen absoluter Hoehe, etwas hoeher als der +Hintergrund der Hoehle des Guacharo. Die Savanen oder natuerlichen Wiesen, +die den Klosterkuehen eine treffliche Weide bieten, sind voellig ohne Baum +und Buschwerk. Es ist diess das eigentliche Bereich der Monocothyledonen, +denn aus dem Grase erhebt sich nur da und dort eine Agave [_Agave +americana_] (Maguey), deren Bluethenschaft ueber 26 Fuss hoch wird. Auf der +Hochebene von Guardia sahen wir uns wie auf einen alten, vom langen +Aufenthalt des Wassers wagrecht geebneten Seeboden versetzt, Man meint +noch die Kruemmungen des alten Ufers zu erkennen, die vorspringenden +Landzungen, die steilen Klippen, welche Eilande gebildet. Auf diesen +frueheren Zustand scheint selbst die Vertheilung der Gewaechse hinzudeuten. +Der Boden des Beckens ist eine Savane, waehrend die Raender mit +hochstaemmigen Baeumen bewachsen sind. Es ist wahrscheinlich das hoechst +gelegene Thal in den Provinzen Cumana und Venezuela. Man kann bedauern, +dass ein Landstrich, wo man eines gemaessigten Klimas geniesst, und der sich +ohne Zweifel zum Getreidebau eignete, voellig unbewohnt ist. + +Von dieser Ebene geht es fortwaehrend abwaerts bis zum indianischen Dorf +Santa Cruz. Man kommt zuerst ueber einen jaehen, glatten Abhang, den die +Missionaere seltsamerweise das *Fegefeuer* nennen. Er besteht aus +verwittertem, mit Thon bedecktem Schiefersandstein und die Boeschung +scheint furchtbar steil; denn in Folge einer sehr gewoehnlichen optischen +Taeuschung scheint der Weg, wenn man oben auf der Anhoehe hinunter sieht, +unter einem Winkel von mehr als 60 Grad geneigt. Beim Hinabsteigen naehern +die Maulthiere die Hinterbeine den Vorderbeinen, senken das Kreuz und +rutschen auf Gerathewohl hinab. Der Reiter hat nichts zu befahren, wenn er +nur den Zuegel fahren laesst und dem Thiere keinerlei Zwang anthut. An diesem +Punkte sieht man zur Linken die grosse Pyramide des Guacharo. Dieser +Kalksteinkegel nimmt sich sehr malerisch aus, man verliert ihn aber bald +wieder aus dem Gesicht, wenn man den dicken Wald betritt, der unter dem +Namen *Montana de Santa Maria* bekannt ist. Es geht nun sieben Stunden +lang in einem fort abwaerts, und kaum kann man sich einen entsetzlicheren +Weg denken; es ist ein eigentlicher _chemin des echelles,_ eine Art +Schlucht, in der waehrend der Regenzeit die wilden Wasser von Fels zu Fels +abwaerts stuerzen. Die Stufen sind zwei bis drei Fuss hoch, und die armen +Lastthiere messen erst den Raum ab, der erforderlich ist, um die Ladung +zwischen den Baumstaemmen durchzubringen, und springen dann von einem +Felsblock auf den andern. Aus Besorgniss, einen Fehltritt zu thun, bleiben +sie eine Weile stehen, als wollten sie die Stelle untersuchen, und +schieben die vier Beine zusammen wie die wilden Ziegen. Verfehlt das Thier +den naechsten Steinblock, so sinkt es bis zum halben Leib in den weichen, +ockerhaltigen Thon, der die Zwischenraeume der Steine ausfuellt. Wo diese +fehlen, finden Menschen- und Thierbeine Halt an ungeheuren Baumwurzeln. +Dieselben sind oft zwanzig Zoll dick und gehen nicht selten hoch ueber dem +Boden vom Stamme ab. Die Creolen vertrauen der Gewandtheit und dem +gluecklichen Instinkt der Maulthiere so sehr, dass sie auf dem langen, +gefaehrlichen Wege abwaerts im Sattel bleiben. Wir stiegen lieber ab, da wir +Anstrengung weniger scheuten, als jene, und gewoehnt waren langsam vorwaerts +zu kommen, weil wir immer Pflanzen sammelten und die Gebirgsarten +untersuchten. Da unser Chronometer so schonend behandelt werden musste, +blieb uns nicht einmal eine Wahl. + +Der Wald, der den steilen Abhang des Berges von Santa Maria bedeckt, ist +einer der dichtesten, die ich je gesehen. Die Baeume sind wirklich +ungeheuer hoch und dick. Unter ihrem dichten, dunkelgruenen Laub herrscht +bestaendig ein Daemmerlicht, ein Dunkel, weit tiefer als in unsern Tannen-, +Eichen- und Buchenwaeldern. Es ist als koennte die Luft trotz der hohen +Temperatur nicht all das Wasser aufnehmen, das der Boden, das Laub der +Baeume, ihre mit einem uralten Filz von Orchideen, Peperomien und andern +Saftpflanzen bedeckten Staemme ausduensten. Zu den aromatischen Geruechen, +welche Bluethen, Fruechte, sogar das Holz verbreiten, kommt ein anderer, wie +man ihn bei uns im Herbst bei nebligtem Wetter spuert. Wie in den Waeldern +am Orinoco sieht man auch hier, wenn man die Baumwipfel ins Auge fasst, +haeufig Dunststreifen an den Stellen, wo ein paar Sonnenstrahlen durch die +dicke Lust dringen. Unter den majestaetischen Baeumen, die 120 bis 130 Fuss +hoch werden, machten uns die Fuehrer auf den *Curucay* von Terecen +aufmerksam, der ein weisslichtes, fluessiges, starkriechendes Harz gibt. Die +indianischen Voelkerschaften der Cumanagotas und Tagires raeucherten einst +damit vor ihren Goetzen. Die jungen Zweige haben einen angenehmen, aber +etwas zusammenziehenden Geschmack. Nach dem Curucay und ungeheuren, ueber 9 +und 10 Fuss dicken Hymenaeastaemmen nahmen unsere Aufmerksamkeit am meisten +in Anspruch: das Drachenblut (_Croton sanguifluum_), dessen purpurbrauner +Saft an der weissen Rinde herabfliesst; der Farn *Calahuala*, der nicht +derselbe ist wie der in Peru, aber fast eben so heilkraeftig, und die +Irasse-, Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen sehr +schmackhaften "Palmkohl," den wir im Kloster Caripe zuweilen gegessen. Von +diesen Palmen mit gefiederten, stachligten Blaettern stachen die Baumfarn +aeusserst angenehm ab. Einer derselben, _Cyathea speciosa_ wird ueber 35 Fuss +hoch, eine ungeheure Groesse fuer ein Gewaechs aus dieser Familie. Wir fanden +hier und im Thal von Caripe fuenf neue Arten Baumfarn; zu Linnes Zeit +kannten die Botaniker ihrer nicht vier auf beiden Continenten. + +Man bemerkt, dass die Baumfarn im Allgemeinen weit seltener sind als die +Palmen. Die Natur hat ihnen gemaessigte, feuchte, schattige Standorte +angewiesen. Sie scheuen den unmittelbaren Sonnenstrahl, und waehrend der +Pumos, die Corypha der Steppen und andere amerikanische Palmenarten die +kahlen, gluehend heissen Ebenen aussuchen, bleiben die Farn mit Baumstaemmen, +die von weitem wie Palmen aussehen, dem ganzen Wesen cryptogamer Gewaechse +treu. Sie lieben versteckte Plaetze, das Daemmerlicht, eine feuchte, +gemaessigte, stockende Luft. Wohl gehen sie hie und da bis zur Kueste hinab, +aber dann nur im Schutze dichten Schattens. + +Dem Fusse des Berges von Santa Maria zu wurden die Baumfarn immer seltener, +die Palmen haeufiger. Die schoenen Schmetterlinge mit grossen Fluegeln, die +Nymphalen, die ungeheuer hoch fliegen, mehrten sich: Alles deutete darauf, +dass wir nicht mehr weit von der Kueste und einem Landstrich waren, wo die +mittlere Tagestemperatur 28-30 Grad der hunderttheiligen Scale betraegt. + +Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der Guesse, bei denen zuweilen +1 bis 1,3 Zoll Regen an Einem Tage faellt. Die Sonne beschien hin und +wieder die Baumwipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geschuetzt waren, +erstickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner in der Ferne, +die Wolken hingen am Gipfel des hohen Guacharogebirgs, und das klaegliche +Geheul der Araguatos, das wir in Caripe bei Sonnenuntergang so oft gehoert +hatten, verkuendete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten hier zum +erstenmal Gelegenheit, diese Heulaffen in der Naehe zu sehen. Sie gehoeren +zur Gattung _Alouate_ (_Stentor_, Geoffroy), deren verschiedene Arten von +den Zoologen lange verwechselt worden sind. Waehrend die kleinen +amerikanischen Sapajus, die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches, duennes +Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den grossen Affen, den Alouaten und +Marimondas, ans einer grossen Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs +Taschen, in denen sich die Stimme faengt, und wovon zwei, +taubennestfoermige, grosse Aehnlichkeit mit dem untern Kehlkopf der Voegel +haben. Der den Araguatos eigene klaegliche Ton entsteht, wenn die Luft +gewaltsam in die knoecherne Trommel einstroemt. Ich habe diese den Anatomen +nur sehr unvollstaendig bekannten Organe an Ort und Stelle gezeichnet und +die Beschreibung nach meiner Rueckkehr nach Europa bekannt gemacht +[_Observations de zoologie_]. Bedenkt man, wie gross bei den Alouatos die +Knochenschachtel ist und wie viele Heulaffen in den Waeldern von Cumana und +Guyana auf einem einzigen Baum beisammensitzen, so wundert man sich nicht +mehr so sehr ueber die Staerke und den Umfang ihrer vereinigten Stimmen. + +Der Araguato, bei den Tamanacas-Indianern Aravata, bei den Maypures Marave +genannt, gleicht einem jungen Baeren. Er ist vom Scheitel des kleinen, +stark zugespitzten Kopfes bis zum Anfang des Wickelschwanzes drei Fuss +lang; sein Pelz ist dicht und rothbraun von Farbe; auch Brust und Bauch +sind schoen behaart, nicht nackt wie beim _Mono colorado_ oder Bueffons +_Alouate roux_ den wir auf dem Wege von Carthagena nach Santa-Fe de Bogota +genau beobachtet haben. Das Gesicht des Araguato ist blauschwarz, die Haut +desselben fein und gefaltet. Der Bart ist ziemlich lang, und trotz seines +kleinen Gesichtswinkels von nur 30 Grad hat er in Blick und +Gesichtsausdruck so viel Menschenaehnliches als die Marimonda (_Simia +Belzebuth_) und der Kapuziner am Orinoco (_S. chiropotes_). Bei den +Tausenden von Araguatos, die uns in den Provinzen Cumana, Caracas und +Guyana zu Gesicht gekommen, haben wir nie weder an einzelnen Exemplaren, +noch an ganzen Banden einen Wechsel im Rothbraun des Pelzes an Ruecken und +Schultern wahrgenommen. Durch die Farbe unterschiedene Spielarten schienen +mir ueberhaupt bei den Affen nicht so haeufig zu seyn, als die Zoologen +annehmen, und bei den gesellig lebenden Arten sind sie vollends sehr +selten. + +Der Araguato bei Caripe ist eine neue Art der Gattung _Stentor_, die ich +unter dem Namen _Simia ursina_ bekannt gemacht habe. Ich habe ihn lieber +so benannt als nach der Farbe des Pelzes, und zwar desto mehr, da die +Griechen bereits einen stark behaarten Affen unter dem Namen +_Arctopithekos_ kannten. Derselbe unterscheidet sich sowohl vom Uarino +(_Simia Guariba_) als vom _Alouate roux_ (_S. Seniculus_). Blick, Stimme, +Gang, Alles an ihm ist truebselig. Ich habe ganz junge Araguatos gesehen, +die in den Huetten der Indianer aufgezogen wurden; sie spielen nie wie die +kleinen Sagoins, und Lopez del Gomara schildert zu Anfang des sechzehnten +Jahrhunderts ihr ernstes Wesen sehr naiv, wenn er sagt: "*Der Aranata de +los Cumaneses* hat ein Menschengesicht, einen Ziegenbart und eine +gravitaetische Haltung (_honrado gesto_)." Ich habe anderswo die Bemerkung +gemacht, dass die Affen desto truebseliger sind, je mehr Menschenaehnlichkeit +sie haben. Ihre Munterkeit und Beweglichkeit nimmt ab, je mehr sich die +Geisteskraefte bei ihnen zu entwickeln scheinen. + +Wir hatten Halt gemacht, um den Heulaffen zuzusehen, wie sie zu dreissig, +vierzig in einer Reihe von Baum zu Baum auf den verschlungenen wagrechten +Aesten ueber den Weg zogen. Waehrend dieses neue Schauspiel uns ganz in +Anspruch nahm, kam uns ein Trupp Indianer entgegen, die den Bergen von +Caripe zuzogen. Sie waren voellig nackt, wie meistens die Eingeborenen hier +zu Lande. Die ziemlich schwer beladenen Weiber schlossen den Zug; die +Maenner, sogar die kleinsten Jungen, waren alle mit Bogen und Pfeilen +bewaffnet. Sie zogen still, die Augen am Boden, ihres Wegs. Wir haetten +gerne von ihnen erfahren, ob es noch weit nach der Mission Santa Cruz sey, +wo wir uebernachten wollten. Wir waren voellig erschoepft und der Durst +quaelte uns furchtbar. Die Hitze wurde drueckender, je naeher das Gewitter +kam, und wir hatten auf unserem Weg keine Quelle gefunden, um den Durst zu +loeschen. Da die Indianer uns immer _si Padre, no Padre_ zur Antwort gaben, +meinten wir, sie verstehen ein wenig Spanisch. In den Augen der +Eingeborenen ist jeder Weisse ein Moench, ein Pater; denn in den Missionen +zeichnet sich der Geistliche mehr durch die Hautfarbe als durch die Farbe +des Gewandes aus. Wie wir auch den Indianern mit Fragen, wie weit es noch +sey, zusetzten, sie erwiederten offenbar auf gerathewohl _si_ oder _no_, +und wir konnten aus ihren Antworten nicht klug werden. Diess war uns um so +verdriesslicher, da ihr Laecheln und ihr Geberdenspiel verriethen, dass sie +uns gerne gefaellig gewesen waeren, und der Wald immer dichter zu werden +schien. Wir mussten uns trennen; die indianischen Fuehrer, welche die +Chaymassprache verstanden, waren noch weit zurueck, da die beladenen +Maulthiere bei jedem Schritt in den Schluchten stuerzten. + +Nach mehreren Stunden bestaendig abwaerts ueber zerstreute Felsbloecke sahen +wir uns unerwartet am Ende des Waldes von Santa Maria. So weit das Auge +reichte, lag eine Grasflur vor uns, die sich in der Regenzeit frisch +begruent hatte. Links sahen wir in ein enges Thal hinein, das sich dem +Guacharogebirge zuzieht und im Hintergrunde mit dichtem Walde bedeckt ist. +Der Blick streifte ueber die Baumwipfel weg, die 800 Fuss tief unter dem Weg +sich wie ein hingebreiteter, dunkelgruener Teppich ausnahmen. Die +Lichtungen im Walde glichen grossen Trichtern, in denen wir an der +zierlichen Gestalt und den gefiederten Blaettern Praga- und Irassepalmen +erkannten. Vollends malerisch wird die Landschaft dadurch, dass die Sierra +del Guacharo vor einem liegt. Ihr noerdlicher, dem Meerbusen von Cariaco +zugekehrter Abhang ist steil und bildet eine Felsmauer, ein fast +senkrechtes Profil, ueber dreitausend Fuss hoch. Diese Wand ist so schwach +bewachsen, dass man die Linien der Kalkschichten mit dem Auge verfolgen +kann. Der Gipfel der Sierra ist abgeplattet und nur am Ostende erhebt +sich, gleich einer geneigten Pyramide, der majestaetische Pic Guacharo. +Seine Gestalt erinnert an die Aiguilles und Hoerner der Schweizer Alpen +(Schreckhoerner, Finsteraarhorn). Da die meisten Berge mit steilem Abhang +hoeher scheinen, als sie wirklich sind, so ist es nicht zu verwundern, dass +man in den Missionen der Meinung ist, der Guacharo ueberrage den +Turimiquiri und den Brigantin. + +Die Savane, ueber die wir zum indianischen Dorfe Santa Cruz zogen, besteht +aus mehreren sehr ebenen Plateaus, die wie Stockwerke ueber einander +liegen. Diese geologische Erscheinung, die in allen Erdstrichen vorkommt, +scheint darauf hinzudeuten, dass hier lange Zeit Wasserbecken uebereinander +lagen und sich in einander ergossen. Der Kalkstein geht nicht mehr zu Tage +aus; er ist mit einer dicken Schicht Dammerde bedeckt. Wo wir ihn im Walde +von Santa Maria zum letztenmale sahen, fanden wir Nester von Eisenerz +darin, und, wenn wir recht gesehen haben, ein Ammonshorn; es gelang uns +aber nicht, es loszubrechen. Es mass sieben Zoll im Durchmesser. Diese +Beobachtung ist um so interessanter, als wir sonst in diesem Theile von +Suedamerika nirgends einen Ammoniten gesehen haben. Die Mission Santa Cruz +liegt mitten in der Ebene. Wir kamen gegen Abend daselbst an, halb +verdurstet, da wir fast acht Stunden kein Wasser gehabt hatten. Der +Thermometer zeigte 26 Grad; wir waren auch nur noch 190 Toisen ueber dem +Meer. Wir brachten die Nacht in einer der Ajupas zu, die man "Haeuser des +Koenigs" nennt, und die, wie schon oben bemerkt, den Reisenden als *Tombo* +oder Caravanserai dienen. Wegen des Regens war an keine Sternbeobachtung +zu denken, und wir setzten des andern Tags, 23. September, unsern Weg zum +Meerbusen von Cariaco hinunter fort. Jenseits Santa Cruz faengt der dichte +Wald von Neuem an. Wir fanden daselbst unter Melastomenbueschen einen +schoenen Farn mit Blaettern gleich denen der Osmunda, die in der Ordnung der +Polypodiaceen eine neue Gattung (_Polybotria_) bildet. + +Von der Mission Catuaro aus wollten wir ostwaerts ueber Santa Rosalia, +Casanay, San Josef, Carupano, Rio-Carives und den Berg Paria gehen, +erfuhren aber zu unserern grossen Verdruss, dass der starke Regen die Wege +bereits ungangbar gemacht habe und wir Gefahr laufen, unsere frisch +gesammelten Pflanzen zu verlieren. Ein reicher Cacaopflanzer sollte uns +von Santa Rosalia in den Hafen von Carupano begleiten. Wir hatten noch zu +rechter Zeit gehoert, dass er in Geschaeften nach Cumana muesse. So +beschlossen wir denn, uns in Cariaco einzuschiffen und gerade ueber den +Meerbusen, statt zwischen der Insel Margarita und der Landenge Araya +durch, nach Cumana zurueckzufahren. + +Die Mission Catuaro liegt in ungemein wilder Umgebung. Hochstaemmige Baeume +stehen noch um die Kirche her und die Tiger fressen bei Nacht den +Indianern ihre Huehner und Schweine. Wir wohnten beim Geistlichen, einem +Moenche von der Congregation der Observanten, dem die Kapuziner die Mission +uebergeben hatten, weil es ihrem eigenen Orden an Leuten fehlte. Er war ein +Doktor der Theologie, ein kleiner, magerer, fast uebertrieben lebhafter +Mann; er unterhielt uns bestaendig von dem Process, den er mit dem Gardian +seines Klosters fuehrte, von der Feindschaft seiner Ordensbrueder, von der +Ungerechtigkeit der Alcaden, die ihn ohne Ruecksicht auf seine +Standesvorrechte ins Gefaengniss geworfen. Trotz dieser Abenteuer war ihm +leider die Liebhaberei geblieben, sich mit metaphysischen Fragen, wie er +es nannte, zu befassen. Er wollte meine Ansicht hoeren ueber den freien +Willen, ueber die Mittel, die Geister von ihren Koerperbanden frei zu +machen, besonders aber ueber die Thierseelen, lauter Dinge, ueber die er die +seltsamsten Ideen hatte. Wenn man in der Regenzeit sich durch Waelder +durchgearbeitet hat, ist man zu Spekulationen der Art wenig aufgelegt. +Uebrigens war in der kleinen Mission Catuaro Alles ungewoehnlich, sogar das +Pfarrhaus. Es hatte zwei Stockwerke und hatte dadurch zu einem hitzigen +Streit zwischen den weltlichen und geistlichen Behoerden Anlass gegeben. Dem +Gardian der Kapuziner schien es zu vornehm fuer einen Missionaer und er +hatte die Indianer zwingen wollen, es niederzureissen; der Statthalter +hatte kraeftige Einsprache gethan und auch seinen Willen gegen die Moenche +durchgesetzt. Ich erwaehne dergleichen an sich unbedeutende Vorfaelle nur, +weil sie einen Blick in die innere Verwaltung der Missionen werfen lassen, +die keineswegs immer so friedlich ist, als man in Europa glaubt. + +Wir trafen in der Mission Catuaro den Corregidor des Distrikts, einen +liebenswuerdigen, gebildeten Mann. Er gab uns drei Indianer mit, die mit +ihren Machetes vor uns her einen Weg durch den Wald bahnen sollten. In +diesem wenig betretenen Lande ist die Vegetation in der Regenzeit so +ueppig, dass ein Mann zu Pferd auf den schmalen, mit Schlingpflanzen und +verschlungenen Baumaesten bedeckten Fusssteigen fast nicht durchkommt. Zu +unserem grossen Verdruss wollte der Missionaer von Catuaro uns durchaus nach +Cariaco begleiten. Wir konnten es nicht ablehnen; er liess uns jetzt mit +seinen Faseleien ueber die Thierseelen und den menschlichen freien Willen +in Ruhe, er hatte uns aber nunmehr von einem ganz andern, traurigeren +Gegenstand zu unterhalten. Den Unabhaengigkeitsbestrebungen, die im +Jahr 1798 in Caracas beinahe zu einem Ausbruch gefuehrt haetten, war eine +grosse Aufregung unter den Negern zu Coro, Maracaybo und Cariaco +vorangegangen und gefolgt. In letzterer Stadt war ein armer Neger zum Tod +verurtheilt worden, und unser Wirth, der Seelsorger von Catuaro, ging +jetzt hin, um ihm seinen geistlichen Beistand anzubieten. Wie lang kam uns +der Weg vor, auf dem wir uns in Verhandlungen einlassen mussten "ueber die +Nothwendigkeit des Sklavenhandels, ueber die angeborene Boesartigkeit der +Schwarzen, ueber die Segnungen, welche der Race daraus erwachsen, dass sie +als Sklaven unter Christen leben!" + +Gegenueber dem "Code noir" der meisten andern Voelker, welche Besitzungen in +beiden Indien haben, ist die spanische Gesetzgebung unstreitig sehr mild. +Aber vereinzelt, auf kaum urbar gemachtem Boden leben die Neger in +Verhaeltnissen, dass die Gerechtigkeit, weit entfernt sie im Leben kraeftig +schuetzen zu koennen, nicht einmal im Stande ist die Barbareien zu +bestrafen, durch die sie ums Leben kommen. Leitet man eine Untersuchung +ein, so schreibt man den Tod des Sklaven seiner Kraenklichkeit zu, dem +heissen, nassen Klima, den Wunden, die man ihm allerdings beigebracht, die +aber gar nicht tief und durchaus nicht gefaehrlich gewesen. Die buergerliche +Behoerde ist in Allem, was die Haussklaverei angeht, machtlos, und wenn man +ruehmt, wie guenstig die Gesetze wirken, nach denen die Peitsche die und die +Form haben muss und nur so und so viel Streiche *auf einmal* gegeben werden +duerfen, so ist das reine Taeuschung. Leute, die nicht in den Colonien oder +doch nur auf den Antillen gelebt haben, sind meist der Meinung, da es im +Interesse des Herrn liege, dass seine Sklaven ihm erhalten bleiben, muessen +sie desto besser behandelt werden, je weniger ihrer seyen. Aber in Cariaco +selbst, wenige Wochen bevor ich in die Provinz kam, toedtete ein Pflanzer, +der nur acht Neger hatte, ihrer sechs durch unmenschliche Hiebe. Er +zerstoerte muthwillig den groessten Theil seines Vermoegens. Zwei der Sklaven +blieben auf der Stelle todt, mit den vier andern, die kraeftiger schienen, +schiffte er sich nach dem Hafen von Cumana ein, aber sie starben auf der +Ueberfahrt. Vor dieser abscheulichen That war im selben Jahr eine aehnliche +unter gleich empoerenden Umstaenden begangen worden. Solche furchtbare +Unthaten blieben so gut wie unbestraft; der Geist, der die Gesetze macht, +und der, der sie vollzieht, haben nichts mit einander gemein. Der +Statthalter von Cumana war ein gerechter, menschenfreundlicher Mann; aber +die Rechtsformen sind streng vorgeschrieben und die Gewalt des +Statthalters geht nicht so weit, um Missbraeuche abzustellen, die nun einmal +von jedem europaeischen Colonisationssystem untrennbar sind. + +Der Weg durch den Wald von Catuaro ist nicht viel anders als der vom Berge +Santa Maria herab; auch sind die schlimmsten Stellen hier eben so +sonderbar getauft wie dort. Man geht wie in einer engen, durch die +Bergwasser ausgespuelten, mit feinem, zaehem Thon gefuellten Furche dahin. +Bei den jaehsten Abhaengen senken die Maulthiere das Kreuz und rutschen +hinunter; das nennt man nun *Saca-Manteca*, weil der Koth so weich ist wie +*Butter*. Bei der grossen Gewandtheit der einheimischen Maulthiere ist +dieses Hinabgleiten ohne alle Gefahr. Der Weg fuehrt ueber die Felsschichten +herab, die am Ausgehenden Stufen von verschiedener Hoehe bilden, und so ist +es auch hier ein wahrer "chemin des echelles." Weiterhin, wenn man zum +Wald heraus ist, kommt man zum Berge *Buenavista*. Er verdient den Namen, +denn von hier sieht man die Stadt Cariaco in einer weiten, mit +Pflanzungen, Huetten und Gruppen von Cocospalmen bedeckten Ebene. Westwaerts +von Cariaco breitet sich der weite Meerbusen aus, den eine Felsmauer vom +Ocean trennt; gegen Ost zeigen sich, gleich blauen Wolken, die hohen +Gebirge von Areo und Paria. Es ist eine der weitesten, prachtvollsten +Aussichten an der Kueste von Neu-Andalusien. + +Wir fanden in Cariaco einen grossen Theil der Einwohner in ihren +Haengematten krank am Wechselfieber. Diese Fieber werden im Herbst boesartig +und gehen in Ruhren ueber. Bedenkt man, wie ausserordentlich fruchtbar und +feucht die Ebene ist, und welch ungeheure Masse von Pflanzenstoff hier +zersetzt wird, so sieht man leicht, warum die Luft hier nicht so gesund +seyn kann wie ueber dem duerren Boden von Cumana. Nicht leicht finden sich +in der heissen Zone grosse Fruchtbarkeit des Bodens, haeufige, lange dauernde +Wasserniederschlaege, eine ungemein ueppige Vegetation beisammen, ohne dass +diese Vortheile durch ein Klima ausgewogen wuerden, das der Gesundheit der +Weissen mehr oder weniger gefaehrlich wird. Aus denselben Ursachen, welche +den Boden so fruchtbar machen und die Entwicklung der Gewaechse +beschleunigen, entwickeln sich auch Gase aus dem Boden, die sich mit der +Luft mischen und sie ungesund machen. Wir werden oft Gelegenheit haben, +auf die Verknuepfung dieser Erscheinungen zurueckzukommen, wenn wir den +Cacaobau und die Ufer des Orinoco beschreiben, wo es Flecke gibt, an denen +sich sogar die Eingeborenen nur schwer acclimatisiren. Im Thale von +Cariaco haengt uebrigens die Ungesundheit der Luft nicht allein von den eben +erwaehnten allgemeinen Ursachen ab; es machen sich dabei auch lokale +Verhaeltnisse geltend. Es wird nicht ohne Interesse seyn, den Landstrich, +der die Meerbusen von Cariaco und von Paria von einander trennt, naeher zu +betrachten. + +Vom Kalkgebirge des Brigantin und Cocollar laeuft ein starker Ast nach Nord +und haengt mit dem Urgebirg an der Kueste zusammen. Dieser Ast heisst _Sierra +de Meapire_; der Stadt Cariaco zu fuehrt er den Namen _Cerro grande de +Cariaco_. Er schien mir im Durchschnitt nicht ueber 150-200 Toisen hoch; wo +ich ihn untersuchen konnte, besteht er aus dem Kalkstein des Uferstrichs. +Mergel- und Kalkschichten wechseln mit andern, welche Quarzkoerner +enthalten. Wer die Reliefbildung des Landes zu seinem besondern Studium +macht, muss es auffallend finden, dass ein quergelegter Gebirgskamm unter +rechtem Winkel zwei Ketten verbindet, deren eine, suedliche, aus secundaeren +Gebirgsbildungen besteht, waehrend die andere, noerdliche, Urgebirge ist. +Auf dem Gipfel des Cerro de Meapire sieht man das Gebirge einerseits nach +dem Meerbusen von Paria, andererseits nach dem von Cariaco sich abdachen. +Ostwaerts und westwaerts vom Kamm liegt ein niedriger, sumpfiger Boden, der +ohne Unterbrechung fortstreicht, und nimmt man an, dass die beiden +Meerbusen dadurch entstanden sind, dass der Boden durch Erdbeben zerrissen +worden ist und sich gesenkt hat, so muss man voraussetzen, dass der Cerro de +Meapire diesen gewaltsamen Erschuetterungen widerstanden hat, so dass der +Meerbusen von Paria und der von Cariaco nicht zu Einem verschmelzen +konnten. Waere dieser Felsdamm nicht da, so bestuende wahrscheinlich auch +die Landenge nicht. Vom Schlosse Araya bis zum Cap Paria wuerde die ganze +Gebirgsmasse an der Kueste eine schmale, Margarita parallel laufende, +viermal laengere Insel bilden. Diese Ansichten gruenden sich nicht nur auf +unmittelbare Untersuchung des Bodens und die Schluesse aus der +Reliefbildung desselben; schon ein Blick auf die Umrisse der Kuesten und +die geognostische Karte des Landes muss auf dieselben Gedanken bringen. Die +Insel Margarita hat, wie es scheint, frueher mit der Kuestenkette von Araya +durch die Halbinsel Chacopata und die caraibischen Inseln Lobo und Coche +zusammengehangen, wie die Kette noch jetzt mit den Gebirgen des Cocollar +und von Caripe durch den Gebirgskamm Meapire zusammenhaengt. + +Im gegenwaertigen Zustand der Dinge sieht man die feuchten Ebenen, die ost- +und westwaerts vom Kamm streichen und uneigentlich die Thaeler von San +Bonifacio und Cariaco heissen, sich fortwaehrend in das Meer hinaus +verlaengern. Das Meer zieht sich zurueck, und diese Verrueckung der Kueste ist +besonders bei Cumana auffallend. Wenn die Hoehenverhaeltnisse des Bodens +darauf hinweisen, dass die Meerbusen von Cariaco und Paria frueher einen +weit groesseren Umfang hatten, so laesst sich auch nicht in Zweifel ziehen, +dass gegenwaertig das Land sich allmaehlich vergroessert. Bei Cumana wurde im +Jahr 1791 eine Batterie, die sogenannte Bocca, dicht am Meer gebaut, im +Jahr 1799 sahen wir sie weit im Lande liegen. An der Muendung des Rio +Nevari, beim Morro de Nueva Barcelona, zieht sich das Meer noch rascher +zurueck. Diese lokale Erscheinung ruehrt wahrscheinlich von Anschwemmungen +her, deren Zunahmeverhaeltnisse noch nicht gehoerig beobachtet sind. + +Geht man von der Sierra de Meapire, welche die Landenge zwischen den +Ebenen von San Bonifacio und von Cariaco bildet, herab, so kommt man gegen +Ost an den grossen Putacuao, der mit dem Rio Areo in Verbindung steht und +4-5 Meilen breit ist. Das Gebirgsland um dieses Becken ist nur den +Eingeborenen bekannt. Hier kommen die grossen Boas vor, welche die +Chaymas-Indianer *Guainas* nennen, und denen sie einen Stachel unter dem +Schwanz andichten. Geht man von der Sierra Meapire nach West hinunter, so +betritt man zuerst einen "hohlen Boden" (_tierra hueca_), der bei dem +grossen Erdbeben des Jahres 1766 in zaehes Erdoel gehuellten Asphalt auswarf; +weiterhin sieht man eine Unzahl warmer, schwefelwasserstoffhaltiger +Quellen aus dem Boden brechen, und endlich kommt man zum See Campoma, +dessen Ausduenstungen zum Theil die Ungesundheit des Klimas von Cariaco +veranlassen. Die Eingeborenen glauben, der Boden sey desshalb hohl, weil +die warmen Wasser sich hier aufgestaut haben, und nach dem Schall des +Hufschlags scheinen sich die unterirdischen Hoehlungen von West nach Ost +bis Casanay, drei bis viertausend Toisen weit zu erstrecken. Ein Fluesschen, +der Rio Azul, laeuft durch diese Ebenen. Sie sind zerklueftet in Folge von +Erdbeben, die hier einen besondern Herd haben und sich selten bis Cumana +fortpflanzen. Das Wasser des Rio Azul ist kalt und hell; er entspringt am +westlichen Abhang des Meapire, und man glaubt, er sey desshalb so stark, +weil das Gewaesser des Putacuao-Sees auf der andern Seite des Gebirgszugs +durchsickere. Das Fluesschen und die schwefelwasserstoffhaltigen Quellen +ergiessen sich zusammen in die Laguna de Campoma. So heisst ein weites +Sumpfland, das in der trockenen Jahreszeit in drei Becken zerfaellt, die +nordwestlich von der Stadt Cariaco am Ende des Meerbusens liegen. +Uebelriechende Duenste steigen fortwaehrend vom stehenden Sumpfwasser auf. +Sie riechen nach Schwefelwasserstoff und zugleich nach faulen Fischen und +zersetzten Vegetabilien. + +Die Miasmen bilden sich im Thale von Cariaco gerade wie in der roemischen +Campagna; aber durch die tropische Hitze wird ihre verderbliche Kraft +gesteigert. Durch die Lage der Laguna von Campoma wird der Nordwest, der +sehr oft nach Sonnenuntergang weht, den Einwohnern der kleinen Stadt +Cariaco hoechst gefaehrlich. Sein Einfluss unterliegt desto weniger einem +Zweifel, da die Wechselfieber dem Sumpfe zu, der der Hauptherd der faulen +Miasmen ist, immer haeufiger in Nervenfieber uebergehen. Ganze Familien +freier Neger, die an der Nordkueste des Meerbusens von Cariaco kleine +Pflanzungen besitzen, liegen mit Eintritt der Regenzeit siech in ihren +Haengematten. Diese Fieber nehmen den Charakter remittirender boesartiger +Fieber an, wenn man sich, erschoepft von langer Arbeit und starker +Hautansduenstung, dem feinen Regen aussetzt, der gegen Abend haeufig faellt. +Die Farbigen, besonders aber die Creolenneger, widerstehen den +klimatischen Einfluessen mehr als irgend ein anderer Menschenschlag. Man +behandelt die Kranken mit Limonade, mit dem Aufguss von _Scoparia dulcis_, +selten mit Euspare, das heisst mit der Chinarinde von Angostura. + +Im Ganzen ist bei den Epidemien in Cariaco die Sterblichkeit geringer, als +man erwarten sollte. Wenn das Wechselfieber mehrere Jahre hinter einander +einen Menschen befaellt, so greift es den Koerper stark an und bringt ihn +herunter; aber dieser Schwaechezustand, der in ungesunden Gegenden so +haeufig vorkommt, fuehrt nicht zum Tode. Auch ist es merkwuerdig, dass hier, +wie in der roemischen Campagna, der Glaube herrscht, die Luft sey in dem +Masse ungesunder geworden, je mehr Morgen Landes man urbar gemacht. Die +Miasmen, die diesen Ebenen entsteigen, haben indessen nichts gemein mit +jenen, die sich bilden, wenn man einen Wald niederschlaegt und nun die +Sonne eine dicke Schicht abgestorbenen Laubs erhitzt; bei Cariaco ist das +Land kahl und sehr sparsam bewaldet. Soll man glauben, dass frisch +ausgewaehlte und vom Regen durchfeuchtete Dammerde die Luft mehr verderbt +als der dichte Pflanzenfilz, der einen nicht bebauten Boden bedeckt? Zu +diesen oertlichen Ursachen kommen andere, weniger zweifelhafte. Das nahe +Meeresufer ist mit Manglebaeumen, Avicennien und andern Baumarten mit +adstringirender Rinde bedeckt. Alle Tropenbewohner sind mit den +schaedlichen Ausduenstungen dieser Gewaechse bekannt, und man fuerchtet sie +desto mehr, wenn Wurzeln und Stamm nicht immer unter Wasser stehen, +sondern abwechselnd nass und von der Sonne erhitzt werden. Die Manglebaeume +erzeugen Miasmen, weil sie, wie ich anderswo gezeigt habe, einen +thierisch-vegetabilischen, an Gerbstoff gebundenen Stoff enthalten. Man +behauptet, der Kanal, durch den die Laguna de Campoma mit dem Meer +zusammenhaengt, liesse sich leicht erweitern und so dem stehenden Wasser ein +Abfluss verschaffen. Die freien Neger, die das Sumpfland haeufig betreten, +versichern sogar, der Durchstich brauchte gar nicht tief zu seyn, da das +kalte, klare Wasser des Rio Azul sich auf dem Boden des Sees befindet und +man beim Nachgraben aus den untern Schichten trinkbares, geruchloses +Wasser erhaelt. + +Die Stadt Cariaco ist mehreremale von den Caraiben verheert worden. Die +Bevoelkerung hat rasch zugenommen, seit die Provinzialbehoerden, den +Verboten des Madrider Hofs zuwider, nicht selten dem Handel mit fremden +Colonien Vorschub geleistet haben. Sie hat sich in zehn Jahren verdoppelt +und betrug im Jahr 1800 ueber 6000 Seelen. Die Einwohner treiben sehr +fleissig Baumwollenbau; die Baumwolle ist sehr schoen und es werden mehr als +10,000 Centner erzeugt. Die leeren Huelsen der Baumwolle werden sorgsam +verbrannt; wirft man sie in den Fluss, wo sie faulen, so erzeugen sie +Ausduenstungen, die man fuer schaedlich haelt. Der Bau des Cacaobaums hat in +letzter Zeit sehr abgenommen. Dieser koestliche Baum traegt erst im achten +bis zehnten Jahr. Die Frucht ist schwer in Magazinen aufzubewahren, und +nach Jahresfrist "geht sie an," wenn sie noch so sorgfaeltig getrocknet +worden ist. Dieser Nachtheil ist fuer den Colonisten von grossem Belang. Auf +diesen Kuesten ist je nach der Laune eines Ministeriums und dem mehr oder +minder kraeftigen Widerstand der Statthalter der Handel mit den Neutralen +bald verboten, bald mit gewissen Beschraenkungen gestattet. Die Nachfrage +nach einer Waare und die Preise, die sich nach der Nachfrage bestimmen, +unterliegen daher dem raschesten Wechsel. Der Colonist kann sich diese +Schwankungen nicht zu Nutze machen, weil sich der Cacao in den Magazinen +nicht haelt. Die alten Cacaostaemme, die meist nur bis zum vierzigsten Jahre +tragen, sind daher nicht durch junge ersetzt worden. Im Jahr 1792 zaehlte +man ihrer noch 254,000 im Thal von Cariaco und am Ufer des Meerbusens. +Gegenwaertig zieht man andere Culturzweige vor, welche gleich im ersten +Jahr einen Ertrag liefern, und deren Produkte nicht nur nicht so lange aus +sich warten lassen, sondern auch leichter aufzubewahren sind. Solche sind +Baumwolle und Zucker, die nicht der Verderbniss unterliegen wie der Cacao +und sich aufbewahren lassen, so dass man sie im guenstigsten Zeitpunkt +losschlagen kann. Die Umwandlungen, die in Folge der fortschreitenden +Cultur und des Verkehrs mit Fremden Sitten und Charakter der +Kuestenbewohner erlitten, haben anuch bestimmend mitgewirkt, wenn sie jetzt +diesem und jenem Culturzweig den Vorzug geben. Jenes Mass in der sinnlichen +Begierde, jene Geduld, die lange warten kann, jene Gemuethsruhe, welche die +truebselige Eintoenigkeit des einsamen Lebens ertragen laesst, verschwinden +nach und nach aus dem Charakter der Hispano-Amerikaner. Sie werden +unternehmender, leichtsinniger, beweglicher und werfen sich mehr auf +Unternehmungen, die einen raschen Ertrag geben. + +Nur im Innern der Provinz, ostwaerts von der Sierra de Meapire, auf dem +unbebauten Boden von Carupano an durch das Thal San Bonifacio bis zum +Meerbusen von Paria entstehen neue Cacaopflanzungen. Sie werden dort desto +eintraeglicher, je mehr die Luft ueber dem frisch urbar gemachten, von +Waeldern umgebenen Land stockt, je mehr sie mit Wasser und mephitischen +Duensten geschwaengert ist. Hier leben Familienvaeter, welche, treu den alten +Sitten der Colonisten, sich und ihren Kindern langsam, aber sicher +Wohlstand erarbeiten. Sie behelfen sich bei ihrer muehsamen Arbeit mit +einem einzigen Sklaven; sie brechen mit eigener Hand den Boden um, ziehen +die jungen Cacaobaeume im Schatten der Erythrina und der Bananenbaeume, +beschneiden den erwachsenen Baum, vertilgen die Massen von Wuermern und +Insekten, welche Rinde, Blaetter und Bluethen anfallen, legen Abzugsgraeben +an, und unterziehen sich sieben, acht Jahre lang einem elenden Leben, bis +der Cacaobaum anfaengt Ernten zu liefern. Dreissig tausend Staemme sichern +den Wohlstand einer Familie auf anderthalb Generationen. Wenn durch die +Baumwolle und den Kaffee der Bau des Cacao in der Provinz Caracas und im +kleinen Thale von Cariaco beschraenkt worden ist, so hat dagegen letzterer +Zweig der Colonialindustrie im Innern der Provinzen Neubarcelona und +Cumana zugenommen. Warum die Cacaopflanzungen sich von West nach Ost mehr +und mehr ausbreiten, ist leicht einzusehen. Die Provinz Caracas ist die am +fruehesten bebaute; je laenger aber ein Land urbar gemacht ist, desto +baumloser wird es in der heissen Zone, desto duerrer, desto mehr den Winden +ausgesetzt. Dieser Wechsel in der aeussern Natur ist dem Gedeihen des +Cacaobaums hinderlich, und desshalb gehen die Pflanzungen in der Provinz +Caracas ein und haeufen sich dafuer westwaerts auf unberuehrtem, erst kuerzlich +urbar gemachtem Boden. Die Provinz Neu-Andalusien allein erzeugte im +Jahr 1799 18,000-20,000 Fanegas Cacao (zu 40 Piastern die Fanega in +Friedenszeiten), wovon 5000 nach der Insel Trinidad geschmuggelt wurden. +Der Cacao von Cumana ist ohne allen Vergleich besser als der von +Guayaquil. + +Die in Cariaco herrschenden Fieber noethigten uns zu unserem Bedauern, +unsern Aufenthalt daselbst abzukuerzen. Da wir noch nicht recht +acclimatisirt waren, so riethen uns selbst die Colonisten, an die wir +empfohlen waren, uns auf den Weg zu machen. Wir lernten in der Stadt viele +Leute kennen, die durch eine gewisse Leichtigkeit des Benehmens, durch +umfassenderen Ideenkreis und, darf ich hinzusetzen, durch entschiedene +Vorliebe fuer die Regierungssorm der Vereinigten Staaten verriethen, dass +sie viel mit dem Ausland in Verkehr gestanden. Hier hoerten wir zum +erstenmal in diesem Himmelsstriche die Namen Franklin und Washington mit +Begeisterung aussprechen. Neben dem Ausdruck dieser Begeisterung bekamen +wir Klagen zu hoeren ueber den gegenwaertigen Zustand von Neu-Andalusien, +Schilderungen, oft uebertriebene, des natuerlichen Reichthums des Landes, +leidenschaftliche, ungeduldige Wuensche fuer eine bessere Zukunft. Diese +Stimmung musste einem Reisenden ausfallen, der unmittelbarer Zeuge der +grossen politischen Erschuetterungen in Europa gewesen war. Noch gab sich +darin nichts Feindseliges, Gewaltsames, keine bestimmte Richtung zu +erkennen. Gedanken und Ausdruck hatten die Unsicherheit, die, bei den +Voelkern wie beim Einzelnen, als ein Merkmal der halben Bildung, der +voreilig sich entwickeln den Kultur erscheint. Seit die Insel Trinidad +eine englische Colonie geworden ist, hat das ganze oestliche Ende der +Provinz Cumana, zumal die Kueste von Paria und der Meerbusen dieses Namens +ein ganz anderes Gesicht bekommen. Fremde haben sich da niedergelassen und +den Bau des Kaffeebaums, des Baumwollenstrauchs, des otaheitischen +Zuckerrohrs eingefuehrt. In Carupano, im schoenen Thal des Rio Caribe, in +Guire und im neuen Flecken Punta de Pietro gegenueber dem Puerto d'Espana +auf Trinidad hat die Bevoelkerung sehr stark zugenommen. Im _Golfo triste_ +ist der Boden so fruchtbar, dass der Mais jaehrlich zwei Ernten und das +380ste Korn gibt. Die Vereinzelung der Niederlassungen hat dem Handel mit +fremden Colonien Vorschub geleistet, und seit dem Jahr 1797 ist eine +geistige Umwaelzung eingetreten, die in ihren Folgen dem Mutterland noch +lange nicht verderblich geworden waere, haette nicht das Ministerium fort +und fort alle Interessen gekraenkt, alle Wuensche missachtet, Es gibt in den +Streitigkeiten der Colonien mit dem Mutterland, wie fast in allen +Volksbewegnngen, einen Moment, wo die Regierungen, wenn sie nicht ueber den +Gang der menschlichen Dinge voellig verblendet sind, durch kluge, +fuersichtige Maessigung das Gleichgewicht herstellen und den Sturm beschwoeren +koennen. Lassen sie diesen Zeitpunkt voruebergehen, glauben sie durch +physische Gewalt eine moralische Bewegung niederschlagen zu koennen, so +gehen die Ereignisse unaufhaltsam ihren Gang und die Trennung der Colonien +erfolgt mit desto verderblicherer Gewaltsamkeit, wenn das Mutterland +waehrend des Streits seine Monopole und seine fruehere Gewalt wieder eine +Zeitlang hatte aufrecht erhalten koennen. + +Wir schifften uns Morgens sehr frueh ein, in der Hoffnung, die Ueberfahrt +ueber den Meerbusen von Cariaco in Einem Tage machen zu koennen. Das Meer +ist hier nicht unruhiger als unsere grossen Landseen, wenn sie vom Winde +sanft bewegt werden. Es sind vom Landungsplatz nach Cumana nur zwoelf +Seemeilen. Als wir die kleine Stadt Cariaco im Ruecken hatten, gingen wir +westwaerts am Flusse Carenicuar hin, der schnurgerade wie ein kuenstlicher +Kanal durch Gaerten und Baumwollenpflanzungen laeuft. Der ganze, etwas +sumpfige Boden ist aufs sorgsamste angebaut. Waehrend unseres Aufenthalts +in Peru wurde hier auf trockeneren Stellen der Kaffeebau eingefuehrt. Wir +sahen am Flusse indianische Weiber ihr Zeug mit der Frucht des *Parapara* +(_Sapindus saponaria_) waschen. Feine Waesche soll dadurch sehr mitgenommen +werden. Die Schale der Frucht gibt einen starken Schaum und die Frucht ist +so elastisch, dass sie, wenn man sie auf einen Stein wirft, drei, viermal +sieben bis acht Fuss hoch aufspringt. Da sie kugeligt ist, verfertigt man +Rosenkraenze daraus. + +Kaum waren wir zu Schiffe, so hatten wir mit widrigen Winden zu kaempfen. +Es regnete in Stroemen und ein Gewitter brach in der Naehe aus. Schaaren von +Flamingos, Reihern und Cormorans zogen dem Ufer zu. Nur der Alcatras, eine +grosse Pelicanart, fischte ruhig mitten im Meerbusen weiter. Wir waren +unser achtzehn Passagiere, und auf der engen, mit Rohzucker, +Pisangbuescheln und Cocosnuessen ueberladenen Pirogue (Fancha) konnten wir +unsere Instrumente und Sammlungen kaum unterbringen. Der Rand des +Fahrzeugs stand kaum ueber Wasser. Der Meerbusen ist fast ueberall 45-50 +Faden tief, aber am oestlichen Ende bei Curaguaca findet das Senkblei fuenf +Meilen weit nur 3-4 Faden. Hier liegt der Baxo de la Cotua, eine Sandbank, +die bei der Ebbe als Eiland ueber Wasser kommt. Die Piroguen, die +Lebensmittel nach Cumana bringeng stranden manchmal daran, aber immer ohne +Gefahr, weil die See hier niemals hoch geht und scholkt. Wir fuhren ueber +den Strich des Meerbusens, wo auf dem Boden der See heisse Quellen +entspringen. Es war gerade Fluth und daher der Temperaturwechsel weniger +merkbar; auch fuhr unsere Pirogue zu nahe an der Suedkueste hin. Man sieht +leicht, dass man Wasserschichten von verschiedener Temperatur antreffen +muss, je nachdem die See mehr oder minder tief ist, oder je nachdem die +Stroemungen und der Wind die Mischung des warmen Quellwassers und des +Wassers des Golfs befoerdern. Diese heissen Quellen, die, wie behauptet +wird, auf 10,000-12,000 Quadrattoisen die Temperatur der See erhoehen, sind +eine sehr merkwuerdige Erscheinung. Geht man vom Vorgebirge Paria westwaerts +ueber Irapa, _Aguas calientes_, den Meerbusen von Cariaco, den Brigantin +und die Thaeler von Aragua bis zu den Schneegebirgen von Merida, so findet +man auf einer Strecke von mehr als 150 Meilen eine ununterbrochene Reihe +von warmen Quellen. + +Der widrige Wind und der Regen noethigten uns bei Pericantral, einem +kleinen Hofe aus der Suedkueste des Meerbusens, zu landen. Diese ganze, +schoen bewachsene Kueste ist fast ganz unbebaut; man zaehlt kaum +700 Einwohner und ausser dem Dorfe Mariguitar sieht man nichts als +Pflanzungen von Cocosbaeumen, die die Oelbaeume des Landes sind. Diese Palme +waechst in beiden Continenten in einer Zone, wo die mittlere +Jahrestemperatur nicht unter 20 deg. betraegt. Sie ist, wie der Chamaerops im +Becken des Mittelmeers, eine wahre "Kuestenpalme." Sie zieht Salzwasser dem +suessen Wasser vor und kommt im Innern des Landes, wo die Luft nicht mit +Salztheilchen geschwaengert ist, lange nicht so gut fort als auf den +Kuesten. Wenn man in Terra Firma oder in den Missionen am Orinoco +Cocosnussbaeume weit von der See pflanzt, wirft man ein starkes Quantum +Salz, oft einen halben Scheffel, in das Loch, in das die Cocosnuesse gelegt +werden. Unter den Culturgewaechsen haben nur noch das Zuckerrohr, der +Bananenbaum, der Mammei und der Avocatier, gleich dem Cocosnussbaum, die +Eigenschaft, dass sie mit suessem oder mit Salzwasser begossen werden koennen. +Dieser Umstand beguenstigt ihre Verpflanzung, und das Zuckerrohr von der +Kueste gibt zwar einen etwas salzigten Saft, derselbe eignet sich aber, wie +man glaubt, besser zur Branntweindestillation als der Saft aus dem +Binnenlande. + +Im uebrigen Amerika wird der Cocosnussbaum meist nur um die Hoefe gepflanzt, +und zwar um der essbaren Frucht willen; am Meerbusen von Cariaco dagegen +sieht man eigentliche Pflanzungen davon. Man spricht in Cumana von einer +_hacienda de coco_, wie von einer _hacienda de cana_ oder _cacao_. Auf +fruchtbarem, feuchtem Boden faengt der Cocosbaum im vierten Jahre an +reichlich Fruechte zu tragen; auf duerrem Lande dagegen erhaelt man vor dem +zehnten Jahre keine Ernte. Der Baum dauert nicht ueber 80-100 Jahre aus, +und er ist dann im Durchschnitt 70-80 Fuss hoch. Dieses rasche Wachsthum +ist desto ausfallender, da andere Palmen, z. B. der Moriche (_Mauritia +flexuosa_) und die _Palma de Sombrero_ (_Coripha tectorum_), die sehr +lange leben, im sechzigsten Jahr oft erst 14-18 Fuss hoch sind. In den +ersten dreissig bis vierzig Jahren traegt am Meerbusen von Cariaco ein +Cocosbaum jeden Monat einen Bueschel mit 10-14 Fruechten, von denen jedoch +nicht alle reif werden. Man kann im Durchschnitt jaehrlich auf den Baum +100 Nuesse rechnen, die acht Flascos [Der Flasco zu 70-80 Pariser +Cubikzoll] Oel geben. Der Flasco gilt zwei einen halben Silberrealen oder +32 Sous. In der Provence gibt ein dreissigjaehriger Oelbaum zwanzig Pfund +oder sieben Flascos Oel, also etwas weniger als der Cocosbaum. Es gibt im +Meerbusen von Cariaco Haciendas mit 8000-9000 Cocosbaeumen; ihr malerischer +Anblick erinnert an die herrlichen Dattelpflanzungen bei Elche in Murcia, +wo auf einer Quadratmeile ueber 70,000 Palmstaemme bei einander stehen. Der +Cocosbaum traegt nur bis zum dreissigsten bis vierzigsten Jahr reichlich, +dann nimmt der Ertrag ab und ein hundertjaehriger Stamm ist zwar nicht ganz +unfruchtbar, bringt aber sehr wenig mehr ein. In der Stadt Cumana wird +sehr viel Cocosnussoel geschlagen; es ist klar, geruchlos und ein gutes +Brennmaterial. Der Handel damit ist so lebhaft als auf der Westkueste von +Afrika der Handel mit Palmoel, das von _Elays guinneensis_ kommt. Dieses +ist ein Speiseoel. In Cumana sah ich mehr als einmal Piroguen ankommen, die +mit 3000 Cocosnuessen beladen waren. Ein Baum von gutem Ertrag gibt ein +jaehrliches Einkommen von 21/2 Piastern (14 Francs 5 Sous), da aber auf den +_Haciendas de Coco_ Staemme von verschiedenem Alter durch einander stehen, +so wird bei Schaetzungen durch Sachverstaendige das Kapital nur zu +4 Piastern angenommen. + +Wir verliessen den Hof Pericantral erst nach Sonnenuntergang. Die Suedkueste +des Meerbusens in ihrem reichen Pflanzenschmuck bietet den lachendsten +Anblick, die Nordkueste dagegen ist felsigt, nackt und duerr. Trotz des +duerren Bodens und des seltenen Regens, der zuweilen fuenfzehn Monate +ausbleibt, wachsen auf der Halbinsel Araya (wie in der Wueste Canound in +Indien) 30-50 Pfund schwere *Patillas* oder Wassermelonen. In der heissen +Zone ist die Luft etwa zu 9/10 mit Wasserdunst gesaettigt und die +Vegetation erhaelt sich dadurch, dass die Blaetter die wunderbare Eigenschaft +haben, das in der Luft aufgeloeste Wasser einzusaugen. Wir hatten auf der +engen, ueberladenen Pirogue eine recht schlechte Nacht und befanden uns um +drei Uhr Morgens an der Muendung des Rio Manzanares. Wir waren seit +mehreren Wochen an den Anblick der Gebirge, an Gewitterhimmel und finstere +Waelder gewoehnt, und so fielen uns jetzt die Naturverhaeltnisse von Cumana, +der ewig heitere Himmel, der kahle Boden, die Masse des ueberall +zurueckgeworfenen Lichtes doppelt auf. + +Bei Sonnenaufgang sahen wir Tamurosgeier (_Vultur aura_) zu Vierzigen und +Fuenfzigen auf den Cocosnussbaeumen sitzen. Diese Voegel hocken zum Schlafen +in Reihen zusammen, wie die Huehner, und sie sind so traege, dass sie, lange +ehe die Sonne untergeht, aufsitzen und erst wieder erwachen, wenn ihre +Scheibe bereits ueber dem Horizont steht. Es ist, als ob die Baeume mit +gefiederten Blaettern nicht minder traege waeren. Die Mimosen und Tamarinden +schliessen bei heiterem Himmel ihre Blaetter 25-30 Minuten vor +Sonnenuntergang, und sie oeffnen sie am Morgen erst, wenn die Scheibe +bereits eben so lang am Himmel steht. Da ich Sonnen-Auf- und Untergang +ziemlich regelmaessig beobachtete, um das Spiel der Luftspiegelung und der +irdischen Refraction zu verfolgen, so konnte ich auch die Erscheinungen +des Pflanzenschlafs fortwaehrend im Auge behalten. Ich fand sie gerade so +in den Steppen, wo der Blick aus den Horizont durch keine Unebenheit des +Bodens unterbrochen wird. Die sogenannten Sinnpflanzen und andere +Schotengewaechse mit seinen, zarten Blaettern empfinden, scheint es, da sie +den Tag ueber an ein sehr starkes Licht gewoehnt sind, Abends die geringste +Abnahme in der Staerke der Lichtstrahlen, so dass fuer diese Gewaechse, dort +wie bei uns, die Nacht eintritt, bevor die Sonnenscheibe ganz verschwunden +ist. Aber wie kommt es, dass in einem Erdstriche, wo es fast keine +Daemmerung gibt, die ersten Sonnenstrahlen die Blaetter nicht um so staerker +aufregen, da durch die Abwesenheit des Lichts ihre Reizbarkeit gesteigert +worden seyn muss? Laesst sich vielleicht annehmen, dass die Feuchtigkeit, die +sich durch die Erkaltung der Blaetter in Folge der naechtlichen Strahlung +auf dem Parenchym niederschlaegt, die Wirkung der ersten Sonnenstrahlen +hindert? In unsern Himmelsstrichen erwachen die Schotengewaechse mit +reizbaren Blaettern schon ehe die Sonne sich zeigt, in der Morgendaemmerung. + + ------------------ + + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1.*** + + + +CREDITS + + +September 3, 2007 + + Project Gutenberg TEI edition 01 + R. Stephan and K. Stueber + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 22492.txt or 22492.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/2/4/9/22492/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. If you do not charge anything for copies of +this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given away +-- you may do practically *anything* with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +*Please read this before you distribute or use this work.* + +To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + +Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works + + +1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this +agreement, you must cease using and return or destroy all copies of +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee +for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work +and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may +obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set +forth in paragraph 1.E.8. + + +1.B. + + +"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or +associated in any way with an electronic work by people who agree to be +bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can +do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying +with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are +a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you +follow the terms of this agreement and help preserve free future access to +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below. + + +1.C. + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or +PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an individual +work is in the public domain in the United States and you are located in +the United States, we do not claim a right to prevent you from copying, +distributing, performing, displaying or creating derivative works based on +the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of +course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of +promoting free access to electronic works by freely sharing Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for +keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can +easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you +share it without charge with others. + + +1.D. + + +The copyright laws of the place where you are located also govern what you +can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant +state of change. If you are outside the United States, check the laws of +your country in addition to the terms of this agreement before +downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating +derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work. +The Foundation makes no representations concerning the copyright status of +any work in any country outside the United States. + + +1.E. + + +Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + + +1.E.1. + + +The following sentence, with active links to, or other immediate access +to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever +any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase +"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg" +is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or +distributed: + + + This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with + almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away + or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License + included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org + + +1.E.2. + + +If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the +public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with +permission of the copyright holder), the work can be copied and +distributed to anyone in the United States without paying any fees or +charges. If you are redistributing or providing access to a work with the +phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you +must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 +or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + + +1.E.3. + + +If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the +permission of the copyright holder, your use and distribution must comply +with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed +by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the +copyright holder found at the beginning of this work. + + +1.E.4. + + +Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License +terms from this work, or any files containing a part of this work or any +other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}. + + +1.E.5. + + +Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic +work, or any part of this electronic work, without prominently displaying +the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate +access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License. + + +1.E.6. + + +You may convert to and distribute this work in any binary, compressed, +marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word +processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted +on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form. +Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as +specified in paragraph 1.E.1. + + +1.E.7. + + +Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, +copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply +with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + + +1.E.8. + + +You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that + + - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to + the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to + donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 + days following each date on which you prepare (or are legally + required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments + should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4, + "Information about donations to the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation." + + You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License. + You must require such a user to return or destroy all copies of the + works possessed in a physical medium and discontinue all use of and + all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works. + + You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + + You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works. + + +1.E.9. + + +If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic +work or group of works on different terms than are set forth in this +agreement, you must obtain permission in writing from both the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in +Section 3 below. + + +1.F. + + +1.F.1. + + +Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to +identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain +works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these +efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they +may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to, +incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright +or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk +or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot +be read by your equipment. + + +1.F.2. + + +LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of +Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for +damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE +NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH +OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE +FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT +WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, +PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY +OF SUCH DAMAGE. + + +1.F.3. + + +LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this +electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund +of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to +the person you received the work from. If you received the work on a +physical medium, you must return the medium with your written explanation. +The person or entity that provided you with the defective work may elect +to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the +work electronically, the person or entity providing it to you may choose +to give you a second opportunity to receive the work electronically in +lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a +refund in writing without further opportunities to fix the problem. + + +1.F.4. + + +Except for the limited right of replacement or refund set forth in +paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + + +1.F.5. + + +Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the +exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or +limitation set forth in this agreement violates the law of the state +applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make +the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state +law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement +shall not void the remaining provisions. + + +1.F.6. + + +INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark +owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and +any volunteers associated with the production, promotion and distribution +of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs +and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from +any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of +this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect +you cause. + + +Section 2. + + + Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic +works in formats readable by the widest variety of computers including +obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + +Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation's web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are +particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United States. +Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable +effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these +requirements. We do not solicit donations in locations where we have not +received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or +determine the status of compliance for any particular state visit +http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we have +not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against +accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us +with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make any +statements concerning tax treatment of donations received from outside the +United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods +and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including +checks, online payments and credit card donations. To donate, please +visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + +Section 5. + + + General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. + + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. The replaced older file is renamed. +*Versions* based on separate sources are treated as new eBooks receiving +new filenames and etext numbers. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + + http://www.gutenberg.org + + +This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how +to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, +how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email +newsletter to hear about new eBooks. + + + + + + +***FINIS*** +
\ No newline at end of file |
