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+The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
+neuen Continents. Band 1. by Alexander von Humboldt
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
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+Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1.
+
+Author: Alexander von Humboldt
+
+Release Date: September 3, 2007 [Ebook #22492]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1.***
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+Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents.
+Band 1.
+
+
+by Alexander von Humboldt
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+Edition 01 , (September 3, 2007)
+
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+
+ In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.
+
+ Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.
+
+ Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.
+
+ ------------------
+
+ 1865
+
+ ------------------
+
+ Erster Band
+
+
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+
+
+CONTENTS
+
+
+Vorwort
+Erstes Kapitel
+Zweites Kapitel
+Drittes Kapitel
+Viertes Kapitel
+Fuenftes Kapitel
+Sechstes Kapitel
+Siebentes Kapitel
+Achtes Kapitel
+
+
+
+
+
+
+VORWORT
+
+
+Einem wissenschaftlichen Reisenden kann es wohl nicht verargt werden, wenn
+er eine vollstaendige Uebersetzung seiner Arbeiten jeder auch noch so
+geschmackvollen Abkuerzung derselben vorzieht. Bouquer´s und La Condamine´s
+mehr als hundertjaehrige Quartbaende werden noch heute mit grosser Theilnahme
+gelesen; und da jeder Reisende gewissermassen den Zustand der
+Wissenschaften seiner Zeit, oder vielmehr die Gesichtpunkte darstellt,
+welche von dem Zustande des Wissens seiner Zeit abhangen, so ist das
+wissenschaftliche Interesse um so lebendiger, als die Epoche der
+Darstellung der Jetztzeit naeher liegt. Damit aber die lebendige
+Darstellung des Geschehenen weniger unterbrochen werde, habe ich das
+Material, durch welches allgemeine kosmische Resultate begruendet werden,
+in besonderen Zugaben ueber stuendliche Barometer-Veraenderungen, Neigung der
+Magnetnadel und Intensitaet der magnetischen Erdkraft zusammengedraengt. Die
+Absonderung solcher und anderer Zugaben hat allerdings, und ohne grossen
+Nachtheil, zu Abkuerzungen in der Uebersetzung des Originaltextes der Reise
+Anlass geben koennen. Diese Betrachtung war auch geeignet mich bald mit dem
+Unternehmen zu versoehnen, einem groesseren Kreise gebildeter Leser, die
+bisher mehr mit der Natur als mit scientifischen Wissen befreundet waren,
+einen etwas *abgekuerzten Text der Reise in die Tropen-Gegenden des Neuen
+Continents* darzubieten. Die Buchhandlung, welche aus edler, ich setze
+gern hinzu angeerbter Freundschaft meinen Arbeiten eine so lange und
+sorgfaeltige Pflege geschenkt hat, hat mich aufgefordert diese neue
+Ausgabe, welche einem vielseitig unterrichteten Gelehrten, Herrn
+Bibliothekar Professor _Dr._ *Hauff* anvertraut ist, nicht bloss, so viel
+mein Uralter und meine gesunkenen Kraefte es erlauben, zu revidiren,
+sondern auch mit Zusaetzen und Berichtigungen zu bereichern. Die
+Naturwissenschaft ist, wie die Natur selbst, in ewigem *Werden* und
+Wechsel begriffen. Seit der Herausgabe des ersten Bandes der Reise sind
+jetzt 45 Jahre verflossen. Die Berichtigungen muessten also zahlreich seyn:
+in geognostischer Hinsicht wegen Bezeichnung der Gebirgs-Formationen und
+der metamorphosirten Gebirge, des wohlthaetigen Einflusses der Chemie auf
+die Geognosie, wie in allem, was anbetrifft die Vertheilung der Waerme auf
+dem Erdkoerper und die Ursach der verschiedenen Kruemmung monatlicher
+Isothermen (nach Dove´s meisterhaften Arbeiten). Die durch die neue
+Ausgabe veranlasste Erweiterung des Kreises wissenschaftlicher Anregung
+kann ich nur freudig begruessen; denn in dem Entwickelungsgange physischer
+Forschungen wie in dem der politischen Institutionen ist Stillstand durch
+unvermeidliches Verhaengnis an den Anfang eines verderblichen
+*Rueckschrittes* geknuepft.
+
+Es wuerde mir dazu eine innige Freude seyn noch zu erleben, wie die
+Unternehmer es hoffen, dass meine in den Jahren freudig aufstrebender
+Jugend ausgefuehrte Reise, deren einer Genosse, mein theurer Freund, *Aime
+Bonpland*, bereits, im hohen Alter, dahingegangen ist, in unserer eigenen
+schoenen Sprache von demselben deutschen Volke mit einigem Vergnuegen
+gelesen werde, welches mehr denn zwei Menschenalter hindurch mich in
+meinen wissenschaftlichen Bestrebungen und meiner Laufbahn durch ein
+eifriges Wohlwollen beglueckt und selbst meinen spaetesten Arbeiten durch
+seine partheiische Theilnahme eine Rechtfertigung gewaehrt hat.
+
+*Berlin*, 26. Maerz 1859.
+
+*Alexander v. Humboldt.*
+
+
+
+
+
+ERSTES KAPITEL
+
+
+ Vorbereitungen -- Abreise von Spanien -- Aufenthalt auf den
+ Kanarischen Inseln
+
+
+Wenn eine Regierung eine jener Fahrten auf dem Weltmeer anordnet, durch
+welche die Kenntniss des Erdballes erweitert und die physischen
+Wissenschaften gefoerdert werden, so stellt sich ihrem Vorhaben keinerlei
+Hinderniss entgegen. Der Zeitpunkt der Abfahrt und der Plan der Reise
+koennen eingehalten werden, sobald die Schiffe ausgeruestet und die
+Astronomen und Naturforscher, welche unbekannte Meere befahren sollen,
+gewaehlt sind. Die Inseln und Kuesten, deren Produkte die Seefahrer kennen
+lernen sollen, liegen ausserhalb des Bereiches der staatlichen Bewegungen
+Europas. Wenn laengere Kriege die Freiheit zur See beschraenken, so stellen
+die kriegfuehrenden Maechte gegenseitig Paesse aus; der Hass zwischen Volk und
+Volk tritt zurueck, wenn es sich von der Foerderung des Wissens handelt, das
+die gemeine Sache der Voelker ist.
+
+Anders, wenn nur ein Privatmann auf seine Kosten eine Reise in das Innere
+eines Festlandes unternimmt, das Europa in sein System von Kolonien
+gezogen hat. Wohl mag sich der Reisende einen Plan entwerfen, wie er ihm
+fuer seine wissenschaftlichen Zwecke und bei den staatlichen Verhaeltnissen
+der zu bereisenden Laender die angemessenste scheint; er mag sich die
+Mittel verschaffen, die ihm fern vom Heimathland auf Jahre die
+Unabhaengigkeit sicher, aber gar oft widersetzen sich unvorhergesehene
+Hindernisse seinem Vorhaben, wenn er eben meint, es ausfuehren zu koennen.
+Nicht leicht hat aber ein Reisender mit so vielen Schwierigkeiten zu
+kaempfen gehabt als ich vor meiner Abreise nach dem spanischen Amerika.
+Gern waere ich darueber weggegangen und haette meine Reisebeschreibungen mit
+der Besteigung des Pic von Tenerifa begonnen, wenn nicht das Fehlschlagen
+meiner ersten Plaene auf die Richtung meiner Reise nach der Rueckkehr vom
+Orinoko bedeutenden Einfluss geaeussert haette. Ich gebe daher eine fluechtige
+Schilderung dieser Vorgaenge, die fuer die Wissenschaft von keinem Belang
+sind, von denen ich aber wuenschen muss, dass sie richtig beurteilt werden.
+Da nun einmal die Neugier des Publikums sich haeufig mehr an die Person des
+Reisenden als an seine Werke heftet, so sind auch die Umstaende, unter
+denen ich meine ersten Reiseplaene entworfen, ganz schief aufgefasst
+worden.(1)
+
+Von frueher Jugend auf lebte in mir der sehnliche Wunsch, ferne, von
+Europaeern wenig besuchte Laender bereisen zu duerfen. Dieser Drang ist
+bezeichnend fuer einen Zeitpunkt im Leben, wo dieses vor uns liegt wie ein
+schrankenloser Horizont, wo uns nichts so sehr anzieht als starke
+Gemuethsbewegung und Bilder physischer Faehrlichkeiten. In einem Lande
+aufgewachsen, das in keinem unmittelbaren Verkehr mit den Kolonien in
+beiden Indien steht, spaeter in einem fern von der Meereskueste gelegenen,
+durch starken Bergbau beruehmten Gebirge lebend, fuehlte ich den Trieb zur
+See und zu weiten Fahrten immer maechtiger in mir werden. Dinge, die wir
+nur aus den lebendigen Schilderungen der Reisenden kennen, haben ganz
+besonderen Reiz fuer uns; Alles in Entlegenheit undeutlich Umrissene
+besticht unsere Einbildungskraft; Genuesse, die uns nicht erreichbar sind,
+scheinen uns weit lockender, als was uns im engen Kreise des buergerlichen
+Lebens bietet. Die Lust am Botanisiren, das Studium der Geologie, ein
+Ausflug nach Holland, England und Frankreich in Gesellschaft eines
+beruehmten Mannes, Georg Forsters, dem das Glueck geworden war, Capitaen Cook
+auf seiner zweiten Reise um die Welt zu begleiten, trugen dazu bei, den
+Reiseplaenen, die ich schon mit achtzehn Jahren gehegt, Gestalt und Ziel zu
+geben. Wenn es mich noch immer in die schoenen Laender des heissen Erdguertels
+zog, so war es jetzt nicht mehr der Drang nach einem aufregenden
+Wanderleben, es war der Trieb, eine wilde, grossartige, an mannichfaltigen
+Naturprodukten reiche Natur zu sehen, die Aussicht, Erfahrungen zu
+sammeln, welche die Wissenschaften foerderten. Meine Verhaeltnisse
+gestatteten mir damals nicht, Gedanken zu verwirklichen, die mich so
+lebhaft beschaeftigten, und ich hatte sechs Jahre Zeit, mich zu den
+Beobachtungen, die ich in der Neuen Welt anzustellen gedachte,
+vorzubereiten, mehrere Laender Europas zu bereisen und die Kette der
+Hochalpen zu untersuchen, deren Bau ich in der Folge mit den Anden von
+Quito und Peru vergleichen konnte. Da ich zu verschiedenen Zeiten mit
+Instrumenten von verschiedener Construction arbeitete, waehlte ich am Ende
+diejenigen, die mir als die genauesten und dabei auf dem Transport
+dauerhaftesten erschienen; ich fand Gelegenheit, Messungen, die nach den
+strengsten Methoden vor genommen wurden, zu wiederholen, und lernte so
+selbststaendig die Grenzen der Irrthuemer kennen, auf die ich gefasst seyn
+musste.
+
+Im Jahre 1795 hatte ich einen Teil von Italien bereist, aber die
+vulkanischen Striche in Neapel und Sizilien nicht besuchen koennen. Ungern
+haette ich Europa verlassen, ohne Vesuv, Stromboli und Aetna gesehen zu
+haben; ich sah ein, um zahlreiche geologische Erscheinungen, namentlich in
+der Trappformation, richtig aufzufassen, musste ich mich mit den
+Erscheinungen, wie noch taetige Vulkane sie bieten, naeher bekannt gemacht
+haben. Ich entschloss mich daher im November 1797, wieder nach Italien zu
+gehen. Ich hielt mich lange in Wien auf, wo die ausgezeichneten Sammlungen
+und die Freundlichkeit Jacquins und Josephs van der Schott mich in meinen
+vorbereitenden Studien ausnehmend foerderten; ich durchzog mit Leopold von
+Buch, von dem seitdem ein treffliches Werk ueber Lappland erschienen ist,
+mehrere Teile des Salzburger Landes und Steiermark, Laender, die fuer den
+Geologen und Landschaftsmaler gleich viel Anziehendes haben; als ich aber
+ueber die Tiroler Alpen gehen wollte, sah ich mich durch den in ganz
+Italien ausgebrochenen Krieg genoetigt, den Plan der Reise nach Neapel
+aufzugeben.
+
+Kurz zuvor hatte ein leidenschaftlicher Kunstfreund, der bereits die
+Kuesten Illyriens und Griechenlands als Alter thumsforscher besucht hatte,
+mir den Vorschlag gemacht, ihn auf einer Reise nach Oberegypten zu
+begleiten. Der Ausflug sollte nur acht Monate dauern; geschickte Zeichner
+und astronomische Werkzeuge sollten uns begleiten, und so wollten wir den
+Nil bis Assuan hinaufgehen und den zwischen Tentyris und den Cataracten
+gelegenen Teil des Said genau untersuchen. Ich hatte bis jetzt bei meinen
+Planen nie ein aussertropisches Land im Auge gehabt, dennoch konnte ich der
+Versuchung nicht widerstehen, Laender zu besuchen, die in der Geschichte
+der Kultur eine so bedeutende Rolle spielen. Ich nahm den Vorschlag an,
+aber unter der ausdruecklichen Bedingung, dass ich bei der Rueckkehr nach
+Alexandrien allein durch Syrien und Palaestina weiter reisen duerfte. Sofort
+richtete ich meine Studien nach dem neuen Plane ein, was mir spaeter zu
+gute kam, als es sich davon handelte, die rohen Denkmale der Mexicaner mit
+denen der Voelker der Alten Welt zu vergleichen. Ich hatte die nahe
+Aussicht, mich nach Egypten einzuschiffen, da noethigten mich die
+eingetretenen politischen Verhaeltnisse, eine Reise aufzugeben, die mir so
+grossen Genuss versprach. Im Orient standen die Dinge so, dass ein einzelner
+Reisender gar keine Aussicht hatte, dort Studien machen zu koennen, welche
+selbst in den ruhigsten Zeiten von den Regierungen mit misstrauischen Augen
+angesehen werden.
+
+Zur selben Zeit war in Frankreich eine Entdeckungsreise in die Suedsee
+unter dem Befehl des Kapitaens Baudin im Werk. Der urspruengliche Plan war
+grossartig, kuehn und haette verdient, unter umsichtiger Leitung ausgefuehrt
+zu werden. Man wollte die spanischen Besitzungen in Suedamerika von der
+Muendung des Rio de la Plata bis zum Koenigreich Quito und der Landenge von
+Panama besuchen. Die zwei Corvetten sollten sofort ueber die Inselwelt des
+Stillen Meeres nach Neuholland gelangen, die Kuesten desselben von
+Vandiemensland bis Nuytsland untersuchen, bei Madagaskar anlegen und ueber
+das Kap der guten Hoffnung zurueckkehren. Ich war nach Paris gekommen, als
+man sich eben zu dieser Reise zu ruesten begann. Der Charakter des Kapitaens
+Baudin war eben nicht geeignet, mir Vertrauen einzufloessen; der Mann hatte
+meinen Freund, den jungen Botaniker van der Schott, nach Brasilien
+gebracht, und der Wiener Hof war dabei schlecht mit ihm zufrieden gewesen;
+da ich aber mit eigenen Mitteln nie eine so weite Reise unternehmen und
+ein so schoenes Stueck der Welt haette kennen lernen koennen, so entschloss ich
+mich, auf gutes Glueck die Expedition mitzumachen. Ich erhielt Erlaubniss,
+mich mit meinen Instrumenten auf einer der Corvetten, die nach der Suedsee
+gehen sollten, einzuschiffen, und machte nur zur Bedingung, dass ich mich
+von Kapitaen Baudin trennen duerfte, wo und wann es mir beliebte. Michaux,
+der bereits Persien und einen Teil von Nordamerika besucht hatte, und
+Bonpland, dem ich mich anschloss, und der mir seitdem aufs innigste
+befreundet geblieben, sollten die Reise als Naturforscher mitmachen.
+
+Ich hatte mich einige Monate lang darauf gefreut, an einer so grossen und
+ehrenvollen Unternehmung Theil nehmen zu duerfen, da brach der Krieg in
+Deutschland und Italien von neuen aus, so dass die franzoesische Regierung
+die Geldmittel, die sie zu der Entdeckungsreise angewiesen, zurueckzog und
+dieselbe auf unbestimmte Zeit verschob. Mit Kummer sah ich alle meine
+Aussichten vernichtet, ein einziger Tag hatte dem Plane, den ich fuer
+mehrere Lebensjahre entworfen, ein Ende gemacht; da beschloss ich nur so
+bald als moeglich, wie es auch sey, von Europa wegzukommen, irgend etwas zu
+unternehmen, das meinen Unmuth zerstreuen koennte.
+
+Ich wurde mit einen schwedischen Konsul, Skioeldebrand, bekannt, der dem
+Dey von Algier Geschenke von seiten seines Hofes zu ueberbringen hatte und
+durch Paris kam, um sich in Marseille einzuschiffen. Dieser achtenswerthe
+Mann war lange auf der afrikanischen Kueste angestellt gewesen, und da er
+bei der algerischen Regierung gut angeschrieben war, konnte er fuer mich
+auswirken, dass ich den Theil der Atlaskette bereisen durfte, auf den sich
+die bedeutenden Untersuchungen Desfontaines nicht erstreckt hatten. Er
+schickte jedes Jahr ein Fahrzeug nach Tunis, auf dem die Pilger nach Mekka
+gingen, und er versprach mir, mich auf diesem Wege nach Egypten zu
+befoerdern. Ich besann mich keinen Augenblick, eine so gute Gelegenheit zu
+benutzen, und ich meinte nunmehr den Plan, den ich vor meiner Reise nach
+Frankreich entworfen, sofort ausfuehren zu koennen. Bis jetzt hatte kein
+Mineralog die hohe Bergkette untersucht, die in Marokko bis zur Grenze des
+ewigen Schnees aufsteigt. Ich konnte darauf rechnen, dass ich, nachdem ich
+in den Alpenstrichen der Berberei einiges fuer die Wissenschaft gethan, in
+Egypten bei den bedeutenden Gelehrten, die seit einigen Monaten zum
+Institut von Cairo zusammengetreten waren, dasselbe Entgegenkommen fand,
+das mir in Paris in so reichem Masse zu Theil geworden. Ich ergaenzte rasch
+meine Sammlung von Instrumenten und verschaffte mir die Werke ueber die zu
+bereisenden Laender. Ich nahm Abschied von meinem Bruder, der durch Rath
+und Beispiel meine Geistesrichtung hatte bestimmen helfen. Er billigte die
+Beweggruende meines Entschlusses, Europa zu verlassen; eine geheime Stimme
+sagte uns, dass wir uns wieder sehen wuerden. Diese Hoffnung hat uns nicht
+betrogen, und sie linderte den Schmerz einer langen Trennung. Ich verliess
+Paris mit den Entschluss, mich nach Algier und Egypten einzuschiffen, und
+wie nun einmal der Zufall in allen Menschenleben regiert, ich sah bei der
+Rueckkehr vom Amazonenstrom und aus Peru meinen Bruder wieder, ohne das
+Festland von Afrika betreten zu haben.
+
+Die schwedische Fregatte, welche Skioeldebrand nach Algier ueberfuehren
+sollte, wurde zu Marseille in den letzten Tagen Oktobers erwartet.
+Bonpland und ich begaben uns um diese Zeit dahin, und eilten um so mehr,
+da wir waehrend der Reise immer besorgten, zu spaet zu kommen und das Schiff
+zu versaeumen. Wir ahnten nicht, welche neuen Widerwaertigkeiten uns
+zunaechst bevorstanden.
+
+Skioeldebrand war so ungeduldig als wir, seinen Bestimmungsort zu
+erreichen. Wir bestiegen mehrmals am Tage den Berg Notre Dame de la Garde,
+von dem man weit ins Mittelmeer hinausblickt. Jedes Segel, das am Horizont
+sichtbar wurde, setzte uns in Aufregung; aber nachdem wir zwei Monate in
+grosser Unruhe vergeblich geharrt, ersahen wir aus den Zeitungen, dass die
+schwedische Fregatte, die uns ueberfuehren sollte, in einem Sturm an den
+Kuesten von Portugal stark gelitten und in den Hafen von Cadiz habe
+einlaufen muessen, um ausgebessert zu werden. Privatbriefe bestaetigten die
+Nachricht, und es war gewiss, dass der Jaramas -- so hiess die Fregatte -- vor
+dem Fruehjahr nicht nach Marseille kommen konnte.
+
+Wir konnten es nicht ueber uns gewinnen, bis dahin in der Provence zu
+bleiben. Das Land, zumal das Klima, fanden wir herrlich; aber der Anblick
+des Meeres mahnte uns fortwaehrend an unsere zertruemmerten Hoffnungen. Auf
+einem Ausflug nach Hyeres und Toulon fanden wir in letzterem Hafen die
+Fregatte Boudeuse, die Bougainville auf seiner Reise um die Welt befehligt
+hatte. Ich hatte mich zu Paris, als ich mich ruestete, die Expedititon des
+Kapitaens Baudin mitzumachen, des besonderen Wohlwollens des beruehmten
+Seefahrers zu erfreuen gehabt. Nur schwer vermochte ich zu schildern, was
+ich beim Anblick des Schiffes empfand, das Commerson auf die Inseln der
+Suedsee gebracht. Es gibt Stimmungen, in denen sich ein Schmerzgefuehl in
+alle unsere Empfindungen mischt.
+
+Wir hielten immer noch am Gedanken fest, uns an die afrikanische Kueste zu
+begeben, und dieser zaehe Entschluss waere uns beinahe verderblich geworden.
+Im Hafen von Marseille lag zur Zeit ein kleines ragusanisches Fahrzeug,
+bereit nach Tunis unter Segel zu gehen. Dies schien uns eine guenstige
+Gelegenheit; wir kamen ja auf diese Weise in die Naehe von Egypten und
+Syrien. Wir wurden mit dem Kapitaen wegen der Ueberfahrtspreises einig; am
+folgenden Tage sollten wir unter Segel gehen, aber die Abreise verzoegerte
+sich gluecklicherweise durch einen an sich ganz unbedeutenden Umstand. Das
+Vieh, das uns als Proviant auf der Ueberfahrt dienen sollte, war in der
+grossen Kajuete untergebracht. Wir verlangten, dass zur Bequemlichkeit der
+Reisenden und zur sicheren Unterbringung unserer Instrumente das
+Notwendigste vorgekehrt werde. Allermittelst erfuhr man in Marseille, dass
+die tunesische Regierung die in der Berberei niedergelassenen Franzosen
+verfolge, und dass alle aus franzoesischen Haefen ankommenden Personen ins
+Gefaengnis geworfen wuerden. Durch diese Kunde entgingen wir einer grossen
+Gefahr; wir mussten die Ausfuehrung unserer Plaene verschieben und
+entschlossen uns, den Winter in Spanien zuzubringen, in der Hoffnung, uns
+im naechsten Fruehjahr, wenn anders die politischen Zustaende im Orient es
+gestatteten, in Cartagena oder in Cadiz einschiffen zu koennen.
+
+Wir reisten durch Katalonien und das Koenigreich Valencia nach Madrid. Wir
+besuchten auf dem Wege die Truemmer Tarragonas und des alten Sagunt,
+machten von Barcelona aus einen Ausflug auf den Montserrat, dessen hoch
+aufragende Gipfel von Einsiedlern bewohnt sind, und der durch die
+Contraste eines kraeftigen Pflanzenwuchses und nackter, oeder Felsmassen ein
+eigenthuemliches Landschaftsbild bietet. Ich fand Gelegenheit, durch
+astronomische Rechnung die Lage mehrerer fuer die Geographie Spaniens
+wichtiger Punkte zu bestimmen; ich mass mittels des Barometers die Hoehe des
+Centralplateaus und stellte einige Beobachtungen ueber die Inclination der
+Magnetnadel und die Intensitaet der magnetischen Kraft an. Die Ergebnisse
+dieser Beobachtungen sind die sich erschienen, und ich verbreite mich hier
+nicht weiter ueber die Naturbeschaffenheit eines Landes, in dem ich mich
+nur ein halbes Jahr aufhielt, und das in neuerer Zeit von so vielen
+unterrichteten Maennern bereist worden ist.
+
+Zu Madrid angelangt, fand ich bald Ursache, mir Glueck dazu zu wuenschen,
+dass wir uns entschlossen, die Halbinsel zu besuchen. Der Baron Forell,
+saechsischer Gesandter am spanischen Hofe, kam mir auf eine Weise entgegen,
+die meinen Zwecken sehr foerderlich wurde. Er verband mit ausgebreiteten
+mineralogischen Kenntnissen das regste Interesse fuer Unternehmungen zur
+Foerderung der Wissenschaft. Er bedeutete mir, dass ich unter der Verwaltung
+eines aufgeklaerten Ministers, des Ritters Don Mariano Luis de Urquijo,
+Aussicht habe, auf meine Kosten im Inneren des spanischen Amerika reisen
+zu duerfen. Nach all den Widerwaertigkeiten, die ich erfahren, besann ich
+mich keinen Augenblick, diesen Gedanken zu ergreifen.
+
+Im Maerz 1799 wurde ich dem Hofe von Aranjuez vorgestellt. Der Koenig nahm
+mich aeusserst wohlwollend auf. Ich entwickelte die Gruende, die mich
+bewogen, eine Reise in den neuen Kontinent und auf die Philippinen zu
+unternehmen, und reichte dem Staatssecretaer eine darauf bezuegliche
+Denkschrift ein. Der Ritter d'Urquijo unterstuetzte mein Gesuch und raeumte
+alle Schwierigkeiten aus dem Wege. Der Minister handelte hierbei desto
+grossmuethiger, da ich in gar keiner persoenlichen Beziehung zu ihn stand.
+Der Eifer, mit dem er fortwaehrend meine Absichten unterstuetzte, hatte
+keinen anderen Beweggrund als seine Liebe zu den Wissenschaften. Es wird
+mir zu angenehmen Pflicht, in diesem Werke der Dienste, die er mir
+erwiesen, dankbar zu gedenken.
+
+Ich erhielt zwei Paesse, den einen vom ersten Staatsecretaer, den anderen
+vom Rath von Indien. Nie war einem Reisenden mit der Erlaubniss, die man
+ihm ertheilte, mehr zugestanden worden, nie hatte die spanische Regierung
+einem Fremden groesseres Vertrauen bewiesen. Um alle Bedenken zu beseitigen,
+welche die Vicekoenige oder Generalcapitaene, als Vertreter der koeniglichen
+Gewalt in Amerika, hinsichtlich des Zweckes und Wesens meiner
+Beschaeftigungen erheben koennten, hiess es im Pass der _primera secretaria de
+estado:_ "ich sey ermaechtigt, mich meiner physikalischen und geodaetischen
+Instrumente mit voller Freiheit zu bedienen; ich duerfe in allen spanischen
+Besitzungen astronomische Beobachtungen anstellen, die Hoehen der Berge
+messen, die Erzeugnisse des Bodens sammeln und alle Operationen ausfuehren,
+die ich zur Foerderung der Wissenschaft gut finde". Diese Befehle von
+Seiten des Hofes wurden genau befolgt, auch nachdem infolge der Ereignisse
+Don D´Urquijo vom Ministerium hatte abtreten muessen. Ich meinerseits war
+bemueht, diese sich nie verleugnende Freundlichkeit zu erwidern. Ich
+uebergab waehrend meines Aufenthaltes in Amerika den Statthaltern der
+Provinzen Abschriften des von mir gesammelten Materials ueber die
+Geographie und Statistik der Colonien, das dem Mutterlande von einigen
+Werth seyn konnte. Dem von mir vor meiner Abreise gegebenen Versprechen
+gemaess uebermachte ich dem naturhistorischen Cabinet zu Madrid mehrere
+geologische Sammlungen. Da der Zweck unserer Reise ein rein
+wissenschaftlicher war, so hatten Bonpland und ich das Glueck, uns das
+Wohlwollen der Colonisten wie der mit der Verwaltung dieser weiten
+Landstriche betrauten Europaeer zu erwerben. In den fuenf Jahren, waehrend
+wir den neuen Continent durchzogen, sind wir niemals einer Spur von
+Misstrauen begegnet. Mit Freude spreche ich es hier aus; unter den
+haertesten Entbehrungen, im Kampfe mit einer wilden Natur, haben wir uns
+nie ueber menschliche Ungerechtigkeit zu beklagen gehabt.
+
+Verschiedene Gruende haetten uns eigentlich bewegen sollen, noch laenger in
+Spanien zu verweilen. Abbe Cavanilles, ein Mann gleich geistreich wie
+mannigfaltig unterrichtet; Nee, der mit Haenke die Expedition Malaspinas
+als Botaniker mitgemacht und allein eine der groessten Kraeutersammlungen,
+die man je in Europa gesehen, zusammengebracht hat; Don Casimir Ortega,
+Abbe Pourret und die gelehrten Verfasser der Flora von Peru, Ruiz und
+Pavon, stellten uns ihre reichen Sammlungen zur unbeschraenkten Verfuegung.
+Wir untersuchten zum Theil die mexicanischen Pflanzen, die von Sesse,
+Mocino und Cervantes entdeckt worden, und von denen Abbildungen an das
+naturhistorische Museum zu Madrid gelangt waren. In dieser grossen Anstalt,
+die unter der Leitung Clavijos stand, des Herausgebers einer gefaelligen
+Uebersetzung der Werke Buffons, fanden wir allerdings keine geologischen
+Suiten aus den Cordilleren; aber Proust, der sich durch die grosse
+Genauigkeit seiner chemischen Arbeiten bekannt gemacht hat, und ein
+ausgezeichneter Mineralog, Hergen, gaben uns interessante Nachweisungen
+ueber verschiedene mineralische Substanzen Amerikas. Mit bedeutendem Nutzen
+haetten wir uns wohl noch laenger mit den Naturprodukten der Laender
+beschaeftigt, die das Ziel unserer Forschungen waren, aber es draengte uns
+zu sehr, von der Verguenstigung, die der Hof uns gewaehrt, Gebrauch zu
+machen, als dass wir unsere Abreise haetten verschieben koennen. Seit einen
+Jahr war ich so vielen Hindernissen begegnet, dass ich es kaum glauben
+konnte, dass mein sehnlichster Wunsch endlich in Erfuellung gehen sollte.
+
+Wir verliessen Madrid gegen die Mitte Mais. Wir reisten durch einen Theil
+von Altcastilien, durch das Koenigreich Leon und Galizien nach Corunna, wo
+wir uns nach der Insel Cuba einschiffen sollten. Der Winter war streng und
+lang gewesen, und jetzt genossen wir auf der Reise der milden
+Fruehlingstemperatur, die schon so weit gegen Sued gewoehnlich nur den
+Monaten Mai und April eigen ist. Schnee bedeckte noch die hohen
+Granitgipfel der Guadarama; aber in den tiefen Thaelern Galiziens, welche
+an die malerischen Landschaften der Schweiz und Tirols erinnern, waren
+alle Felsen mit Cistus in voller Bluethe und baumartigem Heidekraut
+ueberzogen. Man ist froh, wenn man die castilische Hochebene hinter sich
+hat, welche fast ganz von Pflanzenwuchs entbloest und wo es im Winter
+empfindlich kalt, im Sommer drueckend heiss ist. Nach den wenigen
+Beobachtungen, die ich selbst anstellen konnte, besteht das Innere
+Spaniens aus einer weiten Ebene, die 300 Toisen (584 Meter) ueber dem
+Spiegel des Meeres mit secundaeren Gebirgsbildungen, Sandstein, Gips,
+Steinsalz, Jurakalk bedeckt ist; das Klima von Castilien ist weit kaelter
+als das von Toulon oder Genua; die mittlere Temperatur errecht kaum 15
+Grad der hunderttheiligen Scale. Man wundert sich, dass unter der Breite
+von Calabrien, Thessalien und Kleinasien die Orangenbaeume im Freien nicht
+mehr fortkommen. Die Hochebene in der Mitte des Landes ist umgeben von
+einer tiefgelegenen, schmalen Zone, wo an mehreren Punkten Chamaerops, der
+Dattelbaum, das Zuckerrohr, die Banane und viele Spanien und dem
+noerdlichen Afrika gemeinsame Pflanzen vorkommen, ohne vom Winterfrost zu
+leiden. Unter dem 36 - 40. Grad der Breite betraegt die mittlere Temperatur
+17 - 20 Grad, und durch den Verein von Verhaeltnissen, die hier nicht
+aufgezaehlt werden koennen, ist dieser glueckliche Landstrich der vornehmste
+Sitz des Gewerbfleisses und der Geistesbildung geworden.
+
+Kommt man im Koenigreich Valencia von der Kueste des Mittelmeeres gegen die
+Hochebene von Mancha und Castilien herauf, so meint man, tief im Land, in
+weithin gestreckten schroffen Abhaengen die alte Kueste der Halbinsel vor
+sich zu haben. Dieses merkwuerdige Phaenomen erinnert an die Sagen der
+Samothracier und andere geschichtliche Zeugnisse, welche darauf
+hinzuweisen scheinen, dass durch den Ausbruch der Wasser aus den
+Dardanellen das Becken des Mittelmeeres erweitert und der suedliche Theil
+Europas zerrissen und vom Mittelmeer verschlungen worden ist. Nimmt man
+an, diese Sagen seyen keine geologischen Traeume, sondern beruhen wirklich
+auf der Erinnerung an eine uralte Umwaelzung, so haette die spanische
+Centralebene dem Anprall der gewaltigen Fluthen widerstanden, bis die
+Wasser durch die zwischen den Saeulen des Hercules sich bildende Meerende
+abflossen, so dass der Spiegel des Mittelmeeres allmaehlig sank und
+einerseits Niederegypten, andererseits die fruchtbaren Ebenen von
+Tarragena, Valencia und Murcia trocken gelegt wurden. Was mit der Bildung
+dieses Meeres zusammenhaengt, dessen Daseyn von so bedeutendem Einfluss auf
+die fruehesten Culturbewegungen der Menschheit war, ist von ganz besonderem
+Interesse. Man koennte denken, Spanien, das sich als ein Vorgebirge
+inmitten der Meere darstellt, verdanke seine Erhaltung seinem
+hochgelegenen Boden; ehe man aber auf solche theoretische Vorstellungen
+Gewicht legt, muesste man erst die Bedenken beseitigen, die sich gegen die
+Durchbrechung so vieler Daemme erheben, muesste man wahrscheinlich zu machen
+suchen, dass das Mittelmeer einst in mehrere abgeschlossene Becken getheilt
+gewesen, dere alte Grenzen durch Sicilien und die Insel Candia angedeutet
+scheinen. Die Loesung dieser Probleme soll uns hier nicht beschaeftigen, wir
+beschraenken uns darauf, auf den auffallenden Contrast in der Gestaltung
+des Landes am oestlichen und am westlichen Ende Europas aufmerksam zu
+machen. Zwischen den baltischen und dem schwarzen Meer erhebt sich das
+Land gegenwaertig kaum fuenfzig Toisen ueber den Spiegel des Oceans, waehrend
+die Hochebene von Mancha, wenn sie zwischen den Quellen des Niemen und des
+Dnieper laege, sich als eine Gebirgsgruppe von bedeutender Hoehe darstellen
+wuerde. Es ist hoechst anziehend, auf die Ursachen zurueckzugehen, durch
+welche die Oberflaeche unseres Planeten umgestaltet worden seyn man;
+sicherer ist es aber, sich an diejenigen Seiten der Erscheinungen zu
+halten, welche der Beobachtung und Messung des Forschers zugaenglich sind.
+
+Zwischen Astorga und Corunna, besonders von Lugo an, werden die Berge
+allmaehlich hoeher. Die secundaeren Gebirgsbildungen verschwinden mehr und
+mehr, und die Uebergangsgebirgsarten, die sie abloesen, verkuenden die Naehe
+des Urgebirgs. Wir sahen ansehnliche Berge aufgebaut aus altem Sandstein,
+den die Mineralogen der Freiberger Schule als Grauwacke und
+Grauwackenschiefer auffuehren. Ich weiss nicht, ob diese Formation, die im
+suedlichen Europa nicht haeufig vorkommt, auch in andern Strichen Spaniens
+aufgefunden worden ist. Eckige Bruchstuecke von lydischem Stein, die in den
+Thaelern am Boden liegen, schienen uns darauf zu deuten, dass die Grauwacke
+dem Uebergangsschiefer aufgelagert ist. Bei Corunna selbst erheben sich
+Granitgipfel, die bis zum Cap Ortegal fortstreichen. Diese Granite, welche
+einst mit denen in Bretagne und Wales in Zusammenhang gestanden haben
+moegen, sind vielleicht die Truemmer einer von den Fluthen zertruemmerten und
+verschlungenen Bergkette. Schoene grosse Feldspathkrystalle sind fuer dieses
+Gestein charakteristisch, Zinnstein ist darin eingesprengt, und von den
+Galiciern wird darauf ein muehsamer, wenig ergiebiger Bergbau betrieben.
+
+In Corunna angelangt, fanden wir den Hafen von zwei englischen Fregatten
+und einem Linienschiff blokirt. Diese Fahrzeuge sollten den Verkehr
+zwischen dem Mutterland und den Colonien in Amerika unterbrechen; den von
+Corunna, nicht von Cadiz lief damals jeden Monat ein Paketboot _(Correo
+maritimo)_ nach der Havana aus und alle zwei Monate ein anderes nach
+Buenos Aires oder der Muendung des la Plata. Ich werde spaeter den Zustand
+der Posten auf dem neuen Continent genau beschreiben; hier nur so viel,
+dass seit dem Ministerium des Grafen Florida Blanca der Dienst der
+"Landcouriere" so gut eingerichtet ist, dass Einer in Paraquay oder in der
+Provinz Jaen de Bracamoros nur durch sie ziemlich regelmaessig mit Einem in
+Neumexiko oder an der Kueste von Neukalifornien correspondiren kann, also
+so weit, als es von Paris nach Siam oder von Wien an das Cap der Guten
+Hoffnung ist. Ebenso gelangt ein Brief, den man in einer kleinen Stadt in
+Aragonien zur Post gibt, nach Chili oder in die Missionen am Orinoko, wenn
+nur der Name des Coregimiento oder Bezirks, in dem das betreffende
+indianische Dorf liegt, genau angegeben ist. Mit Vergnuegen verweilt der
+Gedanke bei Einrichtungen, die fuer eine der groessten Wohlthaten der Cultur
+der neueren Zeit gelten koennen. Die Einrichtung der Curiere zur See und im
+inneren Lande hat das Band zwischen den Kolonien unter sich und mit dem
+Mutterlande enger geknuepft. Der Gedankenaustausch wurde dadurch
+beschleunigt, die Beschwerden der Colonisten drangen leichter nach Europa
+und die Staatsgewelt konnte hin und wieder Bedrueckungen ein Ende machen,
+die sonst aus so weiter Ferne nie zu ihrer Kenntniss gelangt waeren.
+
+Der Minister hatte uns ganz besonders dem Brigadier Don Rafael Clavijo
+empfohlen, der seit kurzem die Oberaufsicht ueber den Seeposten hatte.
+Dieser Officier, bekannt als ausgezeichneter Schiffsbauer, war in Corunna
+mit der Einrichtung neuer Werfte beschaeftigt. Er bot Allem auf, um uns den
+Aufenthalt im Hafen angenehm zu machen, und gab uns den Rat, uns auf der
+Corvette *Pizarro* [Nach dem spanischen Sprachgebrauch war der Pizarro
+eine leichte Fregatte _(Fregata lijera)_.] einzuschiffen, die nach der
+Havana und Mexico ging. Dieses Fahrzeug, das die Post fuer Juni an Bord
+hatte, sollte mit der Alcudia segeln, dem Paketboot fuer den Mai, das wegen
+der Blokade seit drei Wochen nicht hatte auslaufen koennen. Der Pizarro
+galt fuer keinen guten Segler, aber durch einen gluecklichen Zufall war er
+vor kurzem auf seiner langen Fahrt von Rio de la Plata nach Corunna den
+kreuzenden englischen Fahrzeugen entgangen. Clavijo liess an Bord der
+Korvette Einrichtungen treffen, dass wir unsere Instrumente aufstellen und
+waehrend der Ueberfahrt unsere chemischen Versuche ueber die atmosphaerische
+Luft vornehmen konnten. Der Capitaen des Pizarro erhielt Befehl, bei
+Tenerifa so lange anzulegen, dass wir den Hafen von Orotava besuchen und
+den Gipfel des Pic besteigen koennten.
+
+Die Einschiffung verzoegerte sich nur zehn Tage, dennoch kam uns der
+Aufenthalt gewaltig lang vor. Wir benutzten die Zeit, die Pflanzen
+einzulegen, die wir in den schoenen, noch von keinem Naturforscher
+betretenen Thaelern Galiciens gesammelt; wir untersuchten die Tange und
+Weichthiere, welche die Fluth von Nordwest her in Menge an den Fuss des
+steilen Felsen wirft, auf dem der Wachtturm des Herkules steht. Dieser
+Thurm, auch "der eiserne Thurm" genannt, wurde im Jahre 1788 restauriert.
+Er ist 92 Fuss [30 m] hoch, seine Mauern sind 4 und einen halben Fuss
+[1,46 m] dick, und nach seiner Bauart ist er unzweifelhaft ein Werk der
+Roemer. Eine in der Naehe der Fundamente gefundene Inschrift, von der ich
+durch Herrn de Labordes Gefaelligkeit eine Abschrift besitze, besagt, der
+Thurm sey von Cajus Servius Lupus, Architekten der Stadt *Aqua Flavia*
+(Chaves), erbaut und dem Mars geweiht. Warum heisst der eiserne Thurm der
+Herkulesthurm? Sollten ihn die Roemer auf den Truemmern eines griechischen
+oder phoenicischen Bauwerkes errichtet haben? Wirklich behauptet Strabo,
+Galizien, das Land der Gallaeci, sey von griechischen Colonien bevoelkert
+gewesen. Nach einer Angabe des Asklepiades von Myrlaea in seiner Geographie
+von Spanien haetten sich nach einer alten Sage die Gefaehrten des Herkules
+in diesen Landstrichen niedergelassen. [Die Phoenicier und die Griechen
+besuchten die Kuesten von Galizien _(Gallaecia)_ wegen des Handels mit
+Zinn, das sie von hier wie von den Cassiteridischen Inseln bezogen.]
+
+Die Hoehen von Ferrol und Corunna sind an derselben Bai gelegen, so dass ein
+Schiff, das bei schlimmem Wetter gegen das Land getrieben wird, je nach
+der Richtung des Windes, im einen oder im anderen Hafen vor Anker gehen
+kann. Ein solcher Vortheil ist unschaetzbar in Strichen, wo die See fast
+bestaendig hoch geht, wie zwischen den Vorgebirgen Ortegal und Finisterre,
+den Vorgebirgen Trileucum und Artabrum der algen Geographen. Ein enger,
+von steilen Granitfelsen gebildeter Canal fuehrt in das weite Becken von
+Ferrol. In ganz Europa findet sich kein zweiter Ankerplatz, der so
+merkwuerdig weit ins Land hineinschnitte. Dieser enge, geschlaengelte Pass,
+durch den die Schiffe in den Hafen gelangen, sieht aus, als waere er durch
+eine Fluth oder durch wiederholte Stoesse heftiger Erdbeben eingerissen. In
+der Neuen Welt, an der Kueste von Neuandalusien, hat die _Laguna des
+Opisco_, der "Bischofsee", genau dieselbe Gestalt wie der Hafen von
+Ferrol. Die auffallendsten geologischen Erscheinungen wiederholen sich auf
+den Festlaendern an weit entlegenen Punkten, und der Forscher, der
+Gelegenheit gehabt, verschiedene Welttheile zu sehen, erstaunt ueber die
+durchgehende Gleichfoermigkeit im Ausschnitt der Kuesten, im krummen Zug der
+Thaeler, im Anblick der Berge und ihrer Gruppirung. Das zufaellige
+Zusammentreffen derselben Ursachen musste allerorten dieselben Wirkungen
+hervorbringen, und mitten aus der Mannigfaltigkeit der Natur tritt uns in
+der Anordnung der todten Stoffe, wie in der Organisation der Pflanzen und
+Thiere, eine gewisse Uebereinstimmung in Bau und Gestaltung eingegen.
+
+Auf der Ueberfahrt von Corunna nach Ferrol machten wir ueber einer Untiefe
+beim "weissen Signal," in der Bai, die nach d'Anville der _portus magnus_
+der Alten war, mittels einer Thermometersonde mit Ventilen einige
+Beobachtungen ueber die Temperatur der See und ueber die Abnahme der Waerme
+in den ueber einander gelagerten Wasserschichten. Ueber der Bank zeigte das
+Instrument an der Meeresflaeche 12 deg.5 bis 13 deg.3 Grad der hunderttheiligen
+Scale, waehrend ringsumher, wo das Meer sehr tief war, der Thermometer bei
+12 deg.8 Lufttemperatur auf 15 deg. - 15 deg.3 stand. Der beruehmte Franklin und
+Jonathan Williams, der Verfasser des zu Philadelphia erschienenen Werkes
+"_thermometric Navigation,_" haben zuerst die Physiker darauf aufmerksam
+gemacht, wie abweichend sich die Temperaturverhaeltnisse der See ueber
+Untiefen gestalten, sowie in der Zone warmer Wasserstroeme, die aus dem
+Meerbusen von Mexico zur Bank von Neufoundland und hinueber an die
+Nordkuesten von Europa sich erstreckt. Die Beobachtung, dass sich die Naehe
+einer Sandbank durch ein rasches Sinken der Temperatur an der Meeresflueche
+verkuendet, ist nicht nur fuer die Physik von Wichtigkeit, sie kann auch fuer
+Sicherheit der Schiffahrt von grosser Bedeutung werden. Allerdings wird man
+ueber dem Thermometer das Senkblei nicht aus der Hand legen; aber
+Beobachtungen, wie ich sie im Verlauf dieser Reisebeschreibung anfuehren
+werde, thun zur Genuege dar, dass ein Temperaturwechsel, den die
+unvollkommensten Instrumente anzeigen, die Gefahr verkuendet, lange bevor
+das Schiff ueber der Untiefe anlangt. In solchen Faellen mag die Abnahme der
+Meerestemperatur den Schiffer veranlassen, zum Senkblei zu greifen in
+Strichen, wo er sich vollkommen sicher duenkte. Auf die physischen Ursachen
+dieser verwickelten Erscheinungen kommen wir anderswo zurueck. Hier sey nur
+erwaehnt, dass die niedrigere Temperatur des Wassers ueber den Untiefen
+grossentheils daher ruehrt, dass es sich mit tieferen Wasserschichten mischt,
+welche laengs der Abhaenge der Bank zur Meeresoberflaeche aufsteigen.
+
+Eine Aufregung des Meeres von Nordwest her unterbrach unsere Versuche ueber
+die Meerestemperatur in der Bai von Ferrol. Die Wellen gingen so hoch,
+weil auf offener See ein heftiger Wind geweht hatte, in dessen Folge die
+englischen Schiffe sich hatten von der Kueste entfernen muessen. Man wollte
+die Gelegenheit zum Auslaufen benutzen; man schiffte alsbald unsere
+Instrumente, unsere Buecher, unser ganzes Gepaecke ein; aber der Westwind
+wurde immer staerker und man konnte die Anker nicht lichten. Wir benutzten
+den Aufschub, um an unsere Freunde in Deutschland und Frankreich zu
+schreiben. Der Augenblick, wo man zum erstenmal von Europa scheidet, hat
+etwas Ergreifendes. Wenn man sich noch so bestimmt vergegenwaertigt, wie
+stark der Verkehr zwischen den beiden Welten ist, wie leicht man bei den
+grossen Fortschritten der Schifffahrt ueber den atlantischen Ocean gelangt,
+der, der Suedsee gegenueber, ein nicht sehr breiter Meeresarm ist, das
+Gefuehl, mit dem man zum erstenmal eine weite Seereise antritt, hat immer
+etwas tief Aufregendes. Es gleicht keiner der Empfindungen, die uns von
+frueher Jugend auf bewegt haben. Getrennt von den Wesen, an denen unser
+Herz haengt, im Begriff, gleichsam den Schritt in ein neues Leben zu thun,
+ziehen wir uns unwillkuehrlich in uns selbst zusammen und ueber uns kommt
+ein Gefuehl des Alleinseyns, wie wir es nie empfunden.
+
+Unter den Briefen, die ich kurz vor unserer Einschiffung schrieb, befand
+sich einer, der fuer die Richtung unserer Reise und den Verlauf unserer
+spaeteren Forschungen sehr folgereich wurde. Als ich Paris verliess, um die
+Kueste von Afrika zu besuchen, schien die Entdeckungsreise in die Suedsee
+auf mehrere Jahre verschoben. Ich hatte mit Kapitaen Baudin die Verabredung
+getroffen, dass ich, wenn er wider Vermuthen die Reise frueher antreten
+koennte und ich davon Kenntniss bekaeme, von Algier aus in einen
+franzoesischen oder spanischen Hafen eilen wolle, um die Expedition
+mitzumachen. Im Begriff, in die Neue Welt abzugehen, wiederholte ich jetzt
+dieses Versprechen. Ich schrieb Kapitaen Baudin, wenn die Regierung in auch
+jetzt noch den Weg um Cap Horn nehmen lassen wolle, so werde ich mich
+bemuehen, mit ihm zusammenzutreffen, in Montevideo, in Chili, in Lima, wo
+immer er in den spanischen Kolonien anlegen moechte. Treu dieser Zusage,
+aenderte ich meinen Reiseplan, sobald die amerikanischen Blaetter im Jahre
+1801 die Nachricht brachten, die franzoesische Expedition sey von Havre
+abgegangen, um von Ost nach West die Welt zu umsegeln. Ich miethete ein
+kleines Fahrzeug und ging von Batabano auf der Insel Cuba nach Portobelo
+und von da ueber die Landenge an die Kueste der Suedsee. In Folge einer
+falschen Zeitungsnachricht haben Bonpland und ich ueber 800 Meilen [Unter
+Meilen ohne Beisatz sind immer franzoesische Lieues zu verstehen.] [3600
+km] in einem Lande gemacht, das wir gar nicht hatten bereisen wollen. Erst
+in Quito erfuhren wir durch einen Brief Delambres, des bestaendigen
+Secretaers der ersten Classe des Institutes, dass Kapitaen Baudin um das Kap
+der Guten Hoffnung gegangen und die West- und Ostkueste Amerikas gar nicht
+beruehrt habe. Nicht ohne ein Gefuehl von Wehmut gedenke ich einer
+Expedition, die mehrfach in mein Leben eingreift, und die kuerzlich von
+einem Gelehrten [Peron, der nach langen schmerzlichen Leiden im 35. Jahre
+der Wissenschaft entrissen wurde.] beschrieben worden ist, den die Menge
+der Entdeckungen, welche die Wissenschaft ihm dankt, und der aufopfernde
+Muth, den er auf seiner Laufbahn unter den haertesten Entbehrungen und
+Leiden bewiesen, gleich hoch stellen.
+
+Ich hatte auf die Reise nach Spanien nicht meine ganze Sammlung
+physikalischer, geodaetischer und astronomischer Werzeuge mitnehmen koennen;
+ich hatte die Doubletten in Marselle in Verwahrung gegeben und wollte sie,
+sobald ich Gelegenheit gefunden haette, an die Kueste der Berberei zu
+gelangen, nach Algier oder Tunis nachkommen lassen. In ruhigen Zeiten ist
+Reisenden sehr zu rathen, dass sie sich nicht mit allen ihren Instrumenten
+beladen; man laesst sie besser nachkommen, um nach einigen Jahren
+diejenigen, zu ersetzen, die durch den Gebrauch oder auf dem Transport
+gelitten haben. Diese Vorsicht erscheint besonders dann geboten, wenn man
+zahlreiche Punkte durch rein chronometrische Mittel zu bestimmen hat. Aber
+waehrend eines Seekriegs thut man klug, seine Instrumente, Handschriften
+und Sammlungen fortwaehrend bei sich zu haben. Wie wichtig dies ist, haben
+traurige Erfahrungen mir bewiesen. Unser Aufenthalt zu Madrid und Corunna
+war zu kurz, als dass ich den meteorologischen Apparat, den ich in
+Marseille gelassen, haette von dort kommen lassen koennen. Nach unserer
+Rueckkehr vom Orinoko gab ich Auftrag, mir denselben nach der Havana zu
+schicken, aber ohne Erfolg; weder diese Apparat, noch die achromatischen
+Fernroehren und der Thermometer von Arnold, die ich in London bestellt,
+sind mir in Amerika zugekommen.
+
+Getrennt von unseren Instrumenten, die sich an Bord der Corvette befanden,
+brachten wir noch zwei Tage in Corunna zu. Ein dichter Nebel, der den
+Horizont bedeckte verkuendete endlich die sehnlich erwartete Aenderung des
+Wetters. Am 4. Juni abends drehte sich der Wind nach Nordost, welche
+Windrichtung an der Kueste von Galizien in der schoenen Jahreszeit fuer sehr
+bestaendig gilt. Am fuenften ging der Pizarro wirklich unter Segel, obgleich
+wenige Stunden zuvor die Nachricht angelangt war, eine englische Escadre
+sey vom Wachtposten Sisarga signalisirt worden und scheine nach der
+Muendung des Tajo zu segeln. Die Leute, welche unsere Corvette die Anker
+lichten sahen, aeusserten laut, ehe drei Tage vergehen, seyen wir
+aufgebracht und mit dem Schiffe, dessen Los wir teilen muessten, auf dem
+Wege nach Lissabon. Diese Prophezeiung beunruhigte uns um so mehr, als wir
+in Madrid Mexicaner kennengelernt hatten, die sich dreimal in Cadiz nach
+Veracruz eingeschifft hatten, jedesmal aber fast unmittelbar vor dem Hafen
+aufgebracht worden und ueber Portugal nach Spanien zurueckgekehrt waren.
+
+Um zwei Uhr nachmittags war der Pizarro unter Segel. Der Canal, durch den
+man aus dem Hafen von Corunna faehrt, ist lang und schmal; da er sich gegen
+Nord oeffnet und der Wind uns entgegen war, mussten wir acht kleine Schlaege
+machen, von denen drei so gut wie verloren waren. Gewendet wurde immer
+aeusserst langsam, und einmal, unter dem Fort St. Amarro, schwebten wir in
+Gefahr, da uns die Stroemung sehr nahe an die Klippen trieb, an denen sich
+das Meer mit Ungestuem bricht. Unsere Blicke hingen am Schloss St. Antonio,
+wo damals der unglueckliche Malaspina als Staatsgefangener sass. Im
+Augenblick, da wir Europa verliessen, um Laender zu besuchen, welche dieser
+bedeutende Forscher mit so vielem Erfolg bereist hat, haette ich mit meinen
+Gefaehrten gern bei einem minder traurigen Gegenstande verweilt.
+
+Um sechs ein halb Uhr kamen wir am Thurm des Herkules vorueber, von dem
+oben die Rege war, der Corunna als Leuchtthurm dient, und auf dem man seit
+aeltesten Zeiten ein Steinkohlenfeuer unterhaelt. Der Schein dieses Feuers
+steht in schlechtem Verhaeltnis mit dem schoenen stattlichen Bauwerk; es ist
+so schwach, dass die Schiffe es erst gewahr werden, wenn sie bereits Gefahr
+laufen zu stranden. Bei Einbruch der Nacht wurde die See sehr unruhig und
+der Wind bedeutend frischer. Wir steuerten gegen Nordwest, um nicht den
+englischen Fregatten zu begegnen, die, wie man glaubte, in diesen Strichen
+kreuzten. Gegen neun Uhr sahen wir das Licht in einer Fischerhuette von
+Sisarga, das letzte, was uns von der Kueste von Europa zu Gesicht kam. Mit
+der zunehmenden Entfernung verschmolz der schwache Schimmer mit dem Licht
+der Sterne, die am Horizont aufgingen, und unwillkuerlich blieben unsere
+Blicke daran haengen. Dergleichen Eindruecke vergisst einer nie, der in einem
+Alter, wo die Empfindung noch ihre volle Tiefe und Kraft besitzt, eine
+weite Seereise angetreten hat. Welche Erinnerungen werden in der
+Einbildungskraft wach, wenn so ein leuchtender Punkt in finsterer Nacht,
+der von Zeit zu Zeit aus den bewegten Wellen aufblitzt, die Kueste des
+Heimatlandes bezeichnet!
+
+Wir mussten die Segel einziehen. Wir segelten zehn Knoten in der Stunde,
+obgleich die Corvette nicht zum Schnellsegeln gebaut war. Um sechs Uhr
+morgens wurde das Schlingern so heftig, dass die kleine Bramstange brach.
+Der Unfall hatte indessen keine schlimmen Folgen. Wir brauchten zu
+Ueberfahrt von Corunna nach den Canarien dreizehn Tage, und dies war lang
+genug, um uns in so stark befahrenen Strichen wie die Kuesten von Portugal
+der Gefahr auszusetzen, auf englische Schiffe zu stossen. Die ersten drei
+Tage zeigte sich kein Segel am Horizont, und dies beruhigte nachgerade
+unsere Mannschaft, die sich auf kein Gefecht einlassen konnte.
+
+Am 7. liefen wir ueber den Parallelkreis von Cap Finisterre. Die Gruppe von
+Granitfelsen, die dieses Vorgebirge, wie das Vorgebirge Torianes und den
+Berg Corcubion bilden, heisst Sierra de Torinona. Das Cap Finisterre ist
+niedriger als das Land umher, aber die Torinona ist auf hoher See 76,5 km
+weit sichtbar, woraus folgt, dass die hoechsten Gipfel derselben nicht unter
+582 m hoch seyn koennen.
+
+Am 8. bei Sonnenuntergang wurde von den Masten ein englisches Convoi
+signalisiert, das gegen Suedost an der Kueste hinsteuerte. Ihm zu entgehen,
+wichen wir die Nacht hindurch aus unserem Curs. Damit durften wir in der
+grossen Cajuete kein Licht mehr haben, um nicht von weitem bemerkt zu
+werden. Diese Vorsicht, die an Bord aller Kauffahrer beobachtet wird und
+in dem Reglement fuer die Paketboote der koeniglichen Marine vorgeschrieben
+ist, brachte uns toedtliche Langeweile auf den vielen Ueberfahrten, die wir
+in fuenf Jahren gemacht hatten. Wir mussten uns fortwaehrend der
+Blendlaternen bedienen, um die Temperatur des Meerwassers zu beobachten
+oder an der Theilung der astronomischen Instrumente die Zahlen abzulesen.
+In der heissen Zone, wo die Daemmerung nur einige Minuten dauert, ist man
+unter diesen Umstaenden schon um sechs Uhr abends ausser Thaetigkeit gesetzt.
+Dies war fuer mich um so verdriesslicher, als ich vermoege meiner
+Constitution nie seekrank wurde, und so oft ich an Bord eines Schiffes
+war, immer grossen Trieb zur Arbeit fuehlte.
+
+Eine Fahrt von der spanischen Kueste nach den Canarien und von da nach
+Suedamerika bietet wenig Bemerkenswerthes, zumal in der guten Jahreszeit.
+Es ist weniger Gefahr dabei, als oft bei der Ueberfahrt ueber die grossen
+Schweizer Seen. Ich theile daher hier nur die allgemeinen Ergebnisse
+meiner magnetischen und meteorologischen Versuche in diesem Meeresstriche
+mit.
+
+Am 9. Juni, unter 39 deg. 50' der Breite und 16 deg. 10' westlicher Laenge vom
+Meridian der Pariser Sternwarte, fingen wir an die Wirkung der grossen
+Stroemung zu spueren, welche von den azorischen Inseln nach der Meerenge von
+Gibraltar und nach den canarischen Inseln geht. Indem ich den Punkt, den
+mir der Gang der Berthoud´schen Seeuhr angab, mit des Steuermanns
+Schaetzung verglich, konnte ich die kleinsten Aenderungen in der Richtung
+und Geschwindigkeit der Stroemungen bemerken. Zwischen dem 37. und
+30. Breitengrade wurde das Schiff in vierundzwanzig Stunden zuweilen
+18 bis 26 Meilen nach Ost getrieben. Anfaenglich war die Richtung des
+Stromes Ost 1/4 Suedost, aber in der Naehe der Meerenge wurde sie genau Ost.
+Capitan Macintosh und einer der gebildetsten Seefahrer unserer Zeit, Sir
+Erasmus Gower, haben die Veraenderungen beobachtet, welche in diese
+Bewegung des Wassers zu verschiedenen Zeiten des Jahres eintreten. Es
+kommt nicht selten vor, dass Schiffer, welche die canarischen Inseln
+besuchen, sich an der Kueste von Lancerota befinden, waehrend sie meinten an
+Teneriffa landen zu koennen. Baugainville befand sich auf seiner Ueberfahrt
+vom Cap Finisterre nach den Canarien im Angesicht der Insel Ferro um
+4 Grade weiter nach Ost, als seine Rechnung ihm ergab.
+
+Gemeinhin erklaert man die Stroemung, die sich zwischen den azorischen
+Inseln, der Suedkueste von Portugal und den Canarien merkbar macht, daraus,
+dass das Wasser des atlantischen Oceans durch die Meerenge von Gibraltar
+einen Zug nach Osten erhalte. De Fleurieu behauptet sogar in den
+Anmerkungen zur Reise des Capitaen Marchand, der Umstand, dass das
+Mittelmeer durch die Verdunstung mehr Wasser verliere, als die Fluesse
+einwerfen, bringe im benachbarten Weltmeer eine Bewegung hervor, und der
+Einfluss der Meerenge sey sechshundert Meilen [2700 km] weit auf offener
+See zu spueren. Bei aller Hochachtung, die ich einem Seefahrer schuldig
+bin, dessen mit Recht sehr geschaetzten Werken ich viel zu danken habe, muss
+es mir gestattet seyn, diesen wichtigen Gegenstand aus einem weit
+allgemeineren Gesichtspunkte zu betrachten.
+
+Wirft man einen Blick auf das atlantische Meer oder das tiefe Thal, das
+die Westkuesten von Europa und Afrika von den Ostkuesten des neuen Continent
+trennt, so bemerkt man in der Bewegung der Wasser entgegengesetzte
+Richtungen. Zwischen den Wendekreisen, namentlich zwischen der
+afrikanischen Kueste am Senegal und dem Meere der Antillen, geht die
+allgemeine, den Seefahrern am laengsten bekannte Stroemung fortwaehrend von
+Morgen nach Abend. Dieselbe wird mit dem Namen *Aequinoctialstrom*
+bezeichnet. Die mittlere Geschwindigkeit derselben unter verschiedenen
+Breiten ist sich im Atlantischen Ozean und in der Suedsee ungefaehr gleich.
+Man kann sie auf 9 bis 10 Meilen [40 bis 45 km] in 24 Stunden, somit auf
+0,59 bis 0,65 Fuss [0,18 bis 0,21 m] in der Secunde schaetzen(2). Die
+Geschwindigkeit, mit der die Wasser in diesen Strichen nach Westen
+stroemen, ist etwa ein Viertheil von der der meisten grossen europaeischen
+Fluesse. Diese der Umdrehung des Erdballes entgegengesetzte Bewegung des
+Oceans haengt mit jenem Phaenomen wahrscheinlich nur insofern zusammen, als
+durch die Umdrehung der Erde die Polarwinde, welche in den unteren
+Luftschichten die kalte Luft aus den hohen Breiten dem Aequator zufuehren,
+in Passatwinde umgewandelt werden. Der Aequinoctialstrom ist die Folge der
+allgemeinen Bewegung, in welche die Meeresflaeche durch die Passatwinde
+versetzt wird, und lokale Schwankungen im Zustande der Luft bleiben ohne
+merkbaren Einfluss auf die Staerke und die Geschwindigkeit der Stroemung.
+
+Im Canal, den der atlantische Ocean zwischen Guyana und Guinea auf 20 bis
+23 Laengengrade, vom 8. oder 9. bis zum 2. oder 3. Grad noerdlicher Breite
+gegraben hat, wo die Passatwinde haeufig durch Winde aus Sued ode
+Sued-Sued-West unterbrochen werden, ist die Richtung des Aequinoctialstroms
+weniger constant. Der afrikanischen Kueste zu werden die Schiffe nach
+Suedost fortgetrieben, waehrend der Allerheiligenbai und dem Vorgebirge
+St. Augustin zu, denen die Schiffe, die nach der Muendung des La Plata
+steuern, nicht gerne nahe kommen, der allgemeine Zug der Wasser durch eine
+besondere Stroemung maskirt ist. Letztere Stroemung ist vom Cap St. Roch bis
+zur Insel Trinidad fuehlbar, sie ist gegen Nordwest gerichtet mit einer
+Geschwindigkeit von einem bis anderthalb Fuss in der Secunde.
+
+Der Aequinoctialstrom ist, wenn auch schwach, sogar jenseits des
+Wendekreises des Krebses unter 26 und 28 Grad der Breite fuehlbar. Im
+weiten Becken des atlantischen Oceans, sieben- bis achthundert Meilen von
+der afrikanischen Kueste, beschleunigt sich der Lauf der europaeischen
+Schiffe, welche nach den Antillen gehen, ehe sie in die heisse Zone
+gelangen. Weiter gegen Nord, unter dem 28. bis 35. Grad, zwischen den
+Parallelkreisen von Teneriffe und Ceuta, unter 46 bis 48 Grad der Laenge,
+bemerkt man keine constante Bewegung; denn eine 140 Meilen breite Zone
+trennt den Aequinoktialstrom, der nach West geht, von der grossen
+Wassermasse, die nach Ost stroemt und sich durch auffallend hohe Temperatur
+auszeichnet. Auf diese Wassermasse, bekannt unter dem Namen *Golfstrom*
+(_Golfstream_), sind die Physiker seit 1776 durch Franklins und Sir
+Charles Blagdens schoene Beobachtungen aufmerksam geworden. Da in neuerer
+Zeit amerikanische und englsiche Seefahrer eifrig bemueht sind, die
+Richtung desselben zu ermitteln, so muessen wir weiter ausholen, um ienen
+allgemeinen Gesichtspunkt fuer das Phaenomen zugewinnen.
+
+Der Aequinoctialstrom treibt die Wasser des atlantischen Oceans an die
+Kuesten der Moskito-Indianer und von Honduras. Der von Sued nach Nord
+gestreckte neue Continent haelt diese Stroemung auf wie ein Damm. Die
+Gewaesser erhalten zuerst die Richtung nach Nordwest, gelangen durch die
+Meerenge zwischen Cap Catoche und Cap. St. Antonio in den Meerbusen von
+Mexico, und folgen den Kruemmungen der mexicanischen Kueste von Vera-Cruz
+zur Muendung des Rio del Norte, und von da zur Muendung des Mississippi und
+denUntiefen westwaerts von der Ostspitze von Florida. Nach dieser grossen
+Drehung nach West, Nord, Ost und Sued nimmt die Stroemung wieder die
+Richtung nach Nord und draengt sich mit Ungestuem in den Canal von Bahama.
+Dort habe ich im Mai 1804, unter 26 und 27 Grad der Breite, eine
+Geschwindigkeit von 80 Meilen in 24 Stunden, also von 5 Fuss in der Secunde
+beobachtet, obgleich gerade ein sehr starker Nordwind wehte. Beim Ausgang
+des Canals von Bahama, unter dem Parallel von Cap Canaveral, kehr sich der
+Golfstrom oder Strom von Florida nach Nordost. Er gleicht hier einem
+reissenden Strome und erreicht zuweilen die Geschwindigkeit von fuenf Meilen
+in der Stunde. Der Steuermann kann, sobald er den Rand der Stroemung
+erreicht, mit ziemlicher Sicherheit annehmen, um was er sich in seiner
+Schaetzung geirrt, und wie weit er noch nach New-York, Philadelphia oder
+Charlestown hat; die hohe Temperatur des Wassers, sein starker Salzgehalt,
+die indigoblaue Farbe und die schwimmenden Massen Tang, endlich die im
+Winter sehr merkbare Erhoehung der Lufttemperatur geben den Golfstrom zu
+erkennen. Gegen Norden nimmt seine Geschwindigkeit ab, waehrend seine
+Breite zunimmt und die Gewaesser sich abkuehlen. Zwischen Cayo Biscaino und
+der Bank von Bahama ist er nur 15 Meilen, unter 281/2 Grad Breite schon 17,
+und unter dem Parallel von Charlestown, Cap Henlopen gegenueber, 40 bis
+50 Meilen breit. Wo die Stroemung am schmalsten ist, erreicht sie eine
+Geschwindigkeit von 3 bis 4 Meilen in der Stunde, weiter nach Norden zu
+betraegt dieselbe nur noch eine Meile. Die Gewaesser des mexicanischen
+Meerbusens behalten auf ihrem gewaltigen Zuge nach Nordost ihre hohe
+Temperatur dermassen, dass ich unter 40 und 41 Grad der Breite noch 22 deg. 5
+(18 deg. Reaumur) beobachtete, waehrend ausserhalb des Stroms das Wasser an der
+Oberflaeche kaum 17 deg. 5 (14 deg. R.) warm war. Unter der Breite von New-York und
+Oporto zeigt somit der Golfstrom dieselbe Temperatur wie die tropischen
+Meere unter 18 Grad Breite, also unter der Breite von Portorico und der
+Inseln des gruenen Vorgebirgs.
+
+Vom Hafen von Boston an und unter dem Meridian von Halifax, unter
+14 deg. 25' der Breite und 67 deg. der Laenge, erreicht der Strom gegen
+80 Seemeilen Breite. Hier kehrt er sich auf einmal nach Ost, so dass sein
+westlicher Rand bei der Umbiegung zur noerdlichen Grenze der bewegten
+Wasser wird und er an der Spitze der grossen Bank von Neufoundland
+wegstreicht, die Bolney sinnreich die Barre an der Muendung dieses
+ungeheurn Meerstroms nennt. Hoechst auffallend ist der Abstand zwischen der
+Temperatur des kalten Wassers ueber dieser Bank und der Waerme der Gewaesser
+der heissen Zone, die durch den Golfstrom nach Norden getrieben werden;
+jene betrug nach meinen Beobachtungen 8 deg.7 - 10 (7 - 8 deg. R.), diese
+21 - 22 deg.5 (17 - 18 deg. R.). In diesen Strichen ist die Waerme im Meere hoechst
+sonderbar vertheilt: die Gewaesser der Bank sind um 9 deg.4 kaelter als das
+benachbarte Meer, und dieses ist um 3 deg. kaelter als der Strom. Diese Zonen
+koennen ihre Temperaturen nicht ausgleichen, weil jede ihre eigene
+Waermequelle oder einen Grund der Waermeerniedrigung hat, und beide Momente
+bestaendig fortwirken.(3)
+
+Von der Bank von Neufoundland, oder vom 52. Grad der Breite bis zu den
+Azoren bleibt der Golfstrom nach Ost oder Ost-Sued-Ost gerichtet. Noch
+immer wirkt hier in den Gewaessern der Stoss nach, den sie tausend Meilen
+von da in der Meerende von Florida, zwischen der Insel Cuba und den
+Untiefen der Schildkroeteninseln, erhalten haben. Diese Entfernung ist das
+Doppelte von der Laenge des Laufs des Amazonenstromes von Jaen oder dem Pass
+von Manseriche zum Gran-Para. Im Meridian der Inseln Corvo und Flores, der
+westlichsten der Gruppe der Azoren, nimmt die Stroemung eine Meeresstrecke
+von 160 Meilen in der Breite ein. Wenn die Schiffe auf der Rueckreise aus
+Suedamerika nach Europa diese beiden Inseln aufsuchen, um ihre Laenge zu
+berichtigen, so gewahren sie immer deutlich den Zug des Wassers nach
+Suedost. Umter 33 Grad der Breite rueckt der tropische Aequinoctialstrom dem
+Golfstrom sehr nahe. In diesem Striche des Weltmeeres kann man an Einem
+Tage aus den Gewaessern, die nach West laufen, in diejenigen gelangen, die
+nach Suedost oder Ost-Sued-Ost stroemen.
+
+Von den Azoren an nimmt der Strom von Florida seine Richtung gegen die
+Meerenge von Gibraltar, die Insel Madera und die Gruppe der Canarien. Die
+Pforte bei den Saeulen des Herkules beschleunigt ohne Zweifel den Zug des
+Wassers gegen Ost. Und in diesem Sinne mag man mit Recht behaupten, die
+Meerenge, durch welche Mittelmeer und Atlantischer Ozean zusammenhaengen,
+aeussere ihren Einfluss auf sehr weite Ferne; sehr wahrscheinlich wuerden
+aber, auch wenn die Meerenge nicht bestaende, Fahrzeuge, die nach Teneriffa
+segeln, dennoch nach Suedost getrieben, und zwar infolge eines Anstosses,
+dessen Ursprung man an den Kuesten der neuen Welt zu suchen hat. Im weiten
+Meeresbecken pflanzen sich alle Bewegungen fort, gerade wie im Luftmeer.
+Verfolgt man die Stroemungen rueckwaerts zu ihren fernen Quellen, gibt man
+sich Rechenschaft von dem Wechsel in ihrer Geschwindigkeit, warum sie bald
+abnimmt, wie zwischen dem Canal von Bahama und der Bank von Neufoundland,
+bald wieder waechst, wie in der Naehe der Meerenge von Gibraltar und bei den
+canarischen Inseln, so kann man nicht darueber im Zweifel seyn, dass
+dieselbe Ursache, welche die Gewaesser im Meerbusen von Mexiko herumdreht,
+sie auch bei der Insel Madera in Bewegung setzt.
+
+Suedlich von letztgenannter Insel laesst sich die Stroemung in ihrer Richtung
+nach Suedost und Sued-Sued-Ost gegen die Kueste von Afrika zwischen Cap Cantin
+und Cap Bojador verfolgen. In diesen Strichen sieht sich ein Schiff bei
+stillem Wetter nahe an der Kueste, wenn es sich nach der nicht berichtigten
+Schaetzung noch weit davon entfernt glaubt. Ist die Oeffnung bei Gibraltar
+die Ursache der Bewegung des Wassers, warum hat dann die Stroemung suedlich
+von der Meerenge nicht die entgegengesetzte Richtung? Im Gegentheil aber
+geht sie unter dem 25. und 26. Grad der Breite erst grade nach Sued und
+dann nach Suedwest. Cap Blanc, nach Cap Verd das am weitesten sich
+hinausstreckende Vorgebirge, scheint Einfluss auf diese Richtung zu aeussern,
+und unter der Breite desselben mischen sich die Wasser, deren Bewegung wir
+von der Kueste von Honduras bis zur afrikanischen verfolgt haben, mit dem
+grossen tropischen Strom, um den Lauf von Morgen nach Abend von neuem zu
+beginnen. Wir haben oben bemerkt, dass mehrere hundert Kilometer westwaerts
+von den Canarien der eigenthuemliche Zug der Aequinoktialgewaesser schon in
+der gemaessigten Zone, von 28. und 29. Breitengrad an, bemerklich wird; aber
+im Meridian der Insel Ferro kommen sie Schiffe suedwaerts bis zum Wendekreis
+des Krebses, ehe sie sich nach Schaetzung ostwaerts von ihrer wahren Laenge
+befinden.
+
+Wie nun aber die noerdliche Grenze des tropischen Stroms und der
+Passatwinde nach den Jahreszeiten sich verschiebt, so zeigt sich auch der
+Golfstrom nach Stellung und Richtung veraenderlich. Diese Schwankungen sind
+besonders auffallend vom 28. Breitegrad bis zur grossen Band von
+Neufoundland, ebenso zwischen dem 48. Grad westlicher Laenge von Paris und
+dem Meridian der Azoren. Die wechselnden Winde in der gemaessigten Zone und
+das Schmelzen des Eises am Nordpol von wo in den Monaten Juli und August
+eine bedeutende Masse suessen Wassers nach Sueden abfliesst, erscheinen als
+die vornehmsten Ursachen, aus welchen sich in diesen hohen Breiten Staerke
+und Richtung des Golfstoms veraendern.
+
+Wir haben gesehen, dass zwischen dem 11. und 43. Grad der Breite die
+Gewaesser des atlantischen Oceans mittelst Stroemungen fortwaehrend im Kreise
+umhergefuehrt werden. Angenommen, ein Wassertheilchen gelange zu derselben
+Stelle zurueck, von der es ausgegangen, so laesst sich, nach dem, was wir bis
+jetzt von der Geschwindigkeit der Stroemungen wissen, berechnen, dass es zu
+seinem 3800 Meilen langen Umlauf zwei Jahre und zehn Monate brauchte. Ein
+Fahrzeug, bei dem man von der Wirkung des Windes absaehe, gelangte in
+dreizehn Monaten von den canarischen Inseln an die Kueste von Caracas. Es
+brauchte zehn Monate, um im Meerbusen von Mexico herum zu kommen und um zu
+den Untiefen der Schildkroeteninseln gegenueber vom Hafen von Havana zu
+gelangen, aber nur vierzig bis fuenfzig Tage vom Eingang der Meerenge von
+Florida bis Neufoundland. Die Geschwindigkeit der ruecklaeufigen Stroemung
+von jener Bank bis an die Kueste von Afrika ist schwer zu schaetzen; nimmt
+man sie im Mittel auf 7 oder 8 Meilen in vierundzwanzig Stunden an, so
+ergeben sich fuer diese letzte Strecke zehn bis elf Monate. Solches sind
+die Wirkungen des langsamen, aber regelmaessigen Zuges, der die Gewaesser des
+Oceans herumfuehrt. Das Wasser des Amazonenstroms braucht von Tomependa bis
+zum Gran-Para etwa fuenfundvierzig Tage.
+
+Kurz vor meiner Ankunft auf Teneriffa hatte das Meer auf der Rhede von
+Santa Cruz einen Stamm der _Cedrela odorata_, noch mit der Rinde,
+ausgeworfen. Dieser amerikanischen Baum waechst nur unter den Tropen oder
+in den zunaechst angrenzenden Laendern. Er war ohne Zweifel an der Kueste von
+Terra Firma oder Honduras abgerissen worden. Die Beschaffenheit des Holzes
+und der Flechten auf der Rinde zeigte augenscheinlich, dass der Stamm nicht
+etwa von einem der unterseeischen Waelder herruehrte, welche durch alte
+Erdumwaelzungen in die Floetzgebilde noerdlicher Laender eingebettet worden
+sind. Waere der Cedrelastamm, statt bei Teneriffa ans Land geworfen zu
+werden, weiter nach Sueden gelangt, so waere er wahrscheinlich rings um den
+ganzen atlantischen Ocean gefuehrt worden und mittels des allgemeinen
+tropischen Stroms wieder in sein Heimathland gelangt. Diese Vermuthung
+wird durch einen aelteren Fall unterstuetzt, dessen Abbe Viera in seiner
+allgemeinen Geschichte der Canarien erwaehnt. Im Jahre 1770 wurde ein mit
+Getreide beladenes Fahrzeug, das von der Insel Lancerota nach Santa Cruz
+auf Teneriffa gehen sollte, auf die hohe See getrieben, als sich niemand
+von der Mannschaft an Bord befand. Der Zug der Gewaesser von Morgen nach
+Abend fuehrte es nach Amerika, wo es an der Kueste von Guyana bei Caracas
+strandete.
+
+Zu einer Zeit, wo die Schifffahrtskunst noch wenig entwickelt war, bot der
+Golfstrom dem Geiste eines Christoph Columbus sichere Anzeichen vom Daseyn
+westwaerts gelegener Laender. Zwei Leichname, die nach ihrer Koerperlichkeit
+einem unbekannten Menschenstamme angehoerten, wurden gegen Ende des
+15. Jahrhunderts bei den azorischen Inseln ans Land geworfen. Ungefaehr um
+dieselbe Zeit fand Columbus Schwager, Peter Borrea, Statthalter von Porto
+Santo, am Strande dieser Insel maechtige Stuecke Bambusrohr, die von der
+Stroemung und den Westwinden angeschwemmt worden waren. Diese Leichname und
+diese Rohre machten den genuesischen Seemann aufmerksam; er errieth, dass
+beide von einem gegen West gelegenen Festlande herruehren mussten. Wir
+wissen jetzt, dass in der heissen Zone die Passatwinde und der tropische
+Strom sich jeder Wellenbewegung in der Richtung der Umdrehung der Erde
+widersetzen. Erzeugnisse der neuen Welt koennen in die alte Welt nur in
+hohen Breiten und in der Richtung des Stroms von Florida gelangen. Haeufig
+werden Fruechte verschiedener Baeume der Antillen an den Kuesten der Inseln
+Ferro und Gomera angetrieben. Vor der Entdeckung von Amerika glaubten die
+Canarier, diese Fruechte kommen von der bezauberten Insel St. Borondon, die
+nach den Seemannsmaerchen und gewissen Sagen westwaerts in einem Striche des
+Oceans liegen sollte, der bestaendig in Nebel gehuellt sey.
+
+Mit dieser Uebersicht der Stroemungen im Atlantischen Meere wollte ich
+hauptsaechlich darthun, dass der Zug der Gewaesser gegen Suedost, von Kap
+St. Vincent zu den canarischen Inseln, eine Wirkung der allgemeinen
+Bewegung ist, in der sich die Oberflaeche des Ozeans an seinem Westende
+befindet. Wir erwaehnen daher nur kurz des Arms des Golfstroms, der unter
+dem 45. und 50. Grad der Breite, bei der Bank Bonnet Flamand, von Suedwest
+nach Nordost gegen die Kuesten von Europa gerichtet ist. Diese Abtheilung
+des Stromes wird sehr reissend, wenn der Wind lange aus West geblasen hat.
+Gleich dem, der an Ferro und Gomera vorueberstreicht, wirft er alle Jahre
+an die Westkuesten von Irland und Norwegen Fruechte von Baeumen, welche dem
+heissen Erdstrich Amerikas eigenthuemlich sind. Am Strande der Hebriden
+findet man Samen von _Mimosa scandens_, _Dolichos urens_, _Guilandina
+bonduc_, und verschiedener anderer Pflanzen von Jamaika, Cuba und dem
+benachbarten Festland. Die Stroemung treibt nicht selten wohl erhaltene
+Faesser mit franzoesischen Wein an, von Schiffen, die im Meere der Antillen
+Schiffbruch gelitten. Neben diesen Beispielen von den weiten Wanderungen
+der Gewaechse stehen andere, welche die Einbildungskraft beschaeftigen. Die
+Truemmer des englischen Schiffes Tilbury, das bei Jamaika verbrannt war,
+wurden an der schottischen Kueste gefunden. In denselben Strichen kommen
+zuweilen verschiedene Arten von Schildkroeten vor, welche das Meer der
+Antillen bewohnen. Hat der Westwind lange angehalten, so entsteht in den
+hohen Breiten eine Stroemung, die von den Kuesten von Groenland und Labrador
+bis nordwaerts von Schottland gerade nach Ost-Sued-Ost gerichtet ist. Wie
+Wallace berichtet, gelangten zweimal, in den Jahren 1682 und 1864,
+amerikanische Wilde vom Stamme der Eskimos, die ein Sturm in ihren Canoes
+aus Fellen auf die hohe See verschlagen, mittels der Stroemung zu den
+orcadischen Inseln. Dieser letztere Fall verdient um so mehr
+Aufmerksamkeit, als man daraus ersieht, wie zu einer Zeit, wo die
+Schifffahrt noch in ihrer Kindheit war, die Bewegung der Gewaesser des
+Oceans ein Mittel werden konnte, um die verschiedenen Menschenstaemme ueber
+die Erde zu verbreiten.
+
+Das Wenige, was wir bis jetzt ueber die wahre Lage und die Breite des
+Golfstroms, so wie ueber die Fortsetzung desselben gegen die Kuesten von
+Europa und Afrika wissen, ist die Frucht der zufaelligen Beobachtung
+einiger unterrichteten Maenner, welche in verschiedenen Richtungen ueber das
+atlantische Meer gefahren sind. Da die Kenntiss der Stroemungen zu Abkuerzung
+der Seefahrten wesentlich beitragen kann, so waere es von so grossem Belang
+fuer die praktische Seemannskunst, als wissenschaftlich von Interesse, wenn
+Schiffe mit vorzueglichen Chronometern im Meerbusen von Mexico und im
+noerdlichen Ocean zwischen dem 30. und 54. Grad der Breite kreuzten, ganz
+eigens zu dem Zweck, um zu ermitteln, in welchem Abstand sich der
+Golfstrom in den verschiedenen Jahreszeiten und unter dem Einfluss der
+verschiedenen Winde suedlich von der Muendung des Mississippi und ostwaerts
+von den Vorgebirgen Hatteras und Codd haelt. Dieselben koennten zu
+untersuchen haben, ob der grosse Strom von Florida bestaendig am oestlichen
+Ende der Bank von Neufoundland hinstreicht, und unter welchem Parallel
+zwischen dem 32. und 40. Grad westlicher Laenge die Gewaesser, die von Ost
+nach West stroemen, denen, welche die umgekehrte Richtung haben, am
+naechsten gerueckt sind. Die Loesung der letzteren Frage ist desto wichtiger,
+als die meisten Fahrzeuge, welche von den Antillen oder vom Cap der guten
+Hoffnung nach Europa zurueckgehen, die bezeichneten Striche befahren. Neben
+der Richtung und Geschwindigkeit der Stroemungen koennte sich eine solche
+Expedition mit Beobachtungen ueber die Meerestemperatur, ueber die Linien
+ohne Abweichung, die Inclination der Magnetnadel und die Intensitaet der
+magnetischen Kraft beschaeftigen. Beobachtungen dieser Art erhalten einen
+hohen Werth, wenn der Punkt, wo sie angestellt worden, astronomisch
+bestimmt ist. Auch in den von Europaeern am starksten besuchten Meeren,
+weit von jeder Kueste, kann ein unterrichteten Seemann der Wissenschaft
+wichtige Dienste leisten. Die Entdeckung einer unbewohnten Inselgruppe ist
+von geringerem Interesse, als die Kenntniss der Gesetze, welche um eine
+Menge vereinzelter Thatsachen das einigende Band schlingen.
+
+Denkt man den Ursachen der Stroemungen nach, so erkennt man, dass sie viel
+haeufiger vorkommen muessen, als man gemeiniglich glaubt. Die Gewaesser des
+Meeres koennen durch gar mancherlei in Bewegung gesetzt werden, durch einen
+aeussern Anstoss, durch Verschiedenheiten in Temperatur und Salzgehalt, durch
+das zeitweise, Schmelzen des Polareises, endlich durch das ungleiche Maass
+der Verdunstung unter verschiedenen Breiten. Bald wirken mehrere dieser
+Ursachen zum selben Effekt zusammen, bald bringen sie entgegengesetzte
+Effekte hervor. Schwache, aber bestaendig in einem gnazen Erdguertel wehende
+Winde, wie die Passatwinde, bedingen eine Bewegung vorwaerts, wie wir sie
+selbst bei den staerksten Stuermen nicht beobachten, weil diese auf ein
+kleines Gebiet beschraenkt sind. Wenn in einer grossen Wassermasse die
+Wassertheilchen an der Oberflaeche specifisch verschieden schwer werden, so
+bildet sich an der Flaeche ein Strom dem Punkte zu, wo das Wasser am
+kaeltesten ist, oder am meisten salzsaures Natron, schwefelsauren Kalk und
+schwefelsaure oder salzsaure Bittererde enthaelt. In den Meeren unter den
+Wendekreisen zeigt der Thermometer in grossen Tiefen nicht mehr als
+7 - 8 Grad der hunterttheiligen Scale. Diess ergibt sich aus zahlreichen
+Beobachtungen des Commodore Ellis und Perons. Da in diesen Strichen die
+Lufttemperatur nie unter 19 - 20 Grad sinkt, so kann das Wasser einen dem
+Gefrierpunkt und dem Maximum der Dichtigkeit des Wassers so nahe gerueckten
+Kaeltegrad nicht an der Oberflaeche angenommen haben. Die Existenz solcher
+kalten Wasserschichten in niedern Breiten weist somit auf einen Strom hin,
+der in der Tiefe von den Polen zum Aequator geht; sie weist ferner darauf
+hin, dass die Salze, welche das specifische Gewicht des Wassers veraendern,
+im Ocean so vertheilt sind, dass sie die von der Verschiedenheit im
+Waermegrad abhaengigen Wirkungen nicht aufheben.
+
+Bedenkt man, dass in Folge der Umdrehung der Erde die Wassertheilchen je
+nach der Breite eine verschiedene Geschwindigkeit haben, so sollte man
+voraussetzen, dass jede von Sued nach Nord gehende Stroemung zugleich nach
+Ost, die Gewaesser dagegen, die vom Pol zum Aequator stroemen, nach West
+abgelenken muessten. Man sollte ferner glauben, dass diese Neigung den
+tropischen Strom bis zu einem gewissen Grad einerseits verlangsamen,
+andererseits dem Polarstrom, der sich im Juli und August, wenn das Eis
+schmilzt, unter der Breite der Bank von Neufoundland und weiter nordwaerts
+regelmaessig einstellt, eine andere Richtung geben muesste. Sehr alte
+nautische Beobachtungen, die ich bestaetigen Gelegenheit hatte, indem ich
+die vom Chronometer angegebene Laenge mit der Schaetzung des Schiffers
+verglich, widersprechen diesen theoretischen Annahmen. In beiden
+Hemisphaeren weichen die Polarstroeme, wenn sie merkbar sind, ein wenig nach
+Ost ab; und nach unserer Ansicht ist der Grund dieser Erscheinung in der
+Bestaendigkeit der in hohen Breiten herrschenden Westwinde zu suchen.
+Ueberdiess bewegen sich die Wassertheilchen nicht mit derselben
+Geschwindigkeit wie die Lufttheilchen, und die staerksten Meerestroemungen,
+die wir kennen, legen nur 8 bis 9 Fuss in der Secunde zurueck; es ist
+demnach hoechst wahrscheinlich, dass das Wasser, indem es durch verschiedene
+Breiten geht, die denselben entsprechende Geschwindigkeit annimmt, und dass
+die Umdrehung der Erde ohne Einfluss auf die Richtung der Stroemungen
+bleibt.
+
+Der verschiedene Druck, dem die Meeresflaeche in Folge der wechselnden
+Schwere der Luft unterliegt, erscheint als eine weitere Ursache der
+Bewegung, die besonders ins Auge zu fassen ist. Es ist bekannt, dass die
+Schwankungen des Barometers im Allgemeinen nicht gleichzeitig an zwei
+auseinanderliegenden, im selben Niveau befindlichen Punkten eintreten.
+Wenn am einen dieser Punkte der Barometer einige Linien tiefer steht als
+am andern, so wird sich dort das Wasser in Folge des geringeren Luftdrucks
+erheben, und diese oertliche Anschwellung wird andauern, bis durch den Wind
+das Gleichgewicht der Luft wiederhergestellt ist. Nach Bauchers Ansicht
+ruehren die Schwankungen im Spiegel des Genfer Sees, die sogenannten
+"Seiches", eben davon her. In der heissen Zone koennen die stuendlichen
+Schwankungen des Barometers kleine Schwingungen an der Meeresflaeche
+hervorbringen, da der Meridian von 4 Uhr, der dem Minimum des Luftdrucks
+entspricht, zwischen den Meridianen von 21 und 11 Uhr liegt, wo das
+Quecksilber am hoechsten steht; aber diese Schwingungen, wenn sie ueberhaupt
+merkbar sind, koennen keine Bewegung in horizontaler Richtung zur Folge
+haben.
+
+Ueberall wo eine solche durch die Ungleichheit im specifischen Gewicht der
+Wassertheile entsteht, bildet sich ein doppelter Strom, ein oberer und ein
+unterer, die entgegengesetzte Richtungen haben. Daher ist in den meisten
+Meerengen wie in den tropischen Meeren, welche die kalten Gewaesser der
+Polarregionen aufnehmen, die ganze Wassermasse bis zu bedeutender Tiefe in
+Bewegung. Wir wissen nicht, ob es sich eben so verhaelt, wenn die
+Vorwaertsbewegung, die man nicht mit dem Wellenschlag verwechseln darf,
+Folge eines aeussern Anstosses ist. De Fleurien fuehrt in seinem Bericht ueber
+die Expedition der Isis mehrere Thatsachen an, die darauf hinweisen, dass
+das Meer in der Tiefe weit weniger ruhig ist, als die Physiker gewoehnlich
+annehmen. Ohne hier auf eine Untersuchung einzugehen, jmit der wir uns in
+der Folge zu beschaeftigen haben werden, bemerken wir nur, dass, wenn der
+aeussere Anstoss ein andauernder ist, wie bei den Passatwinden, durch die
+gegenseitige Reibung der Wassertheilchen die Bewegung nothwendig von
+Meeresflaeche sich auf die tieferen Wasserschichten fortpflanzen muss. Eine
+solche Fortpflanzung nehmen auch die Seefahrer beim Golfstrom schon lange
+an; auf die Wirkungen derselben scheint ihnen die grosse Tiefe hinzudeuten,
+welche das Meer aller Orten zeigt, wo der Strom von Florida durchgeht,
+sogar mitten in den Sandbaenken an den Nordkuesten der Vereinigten Staaten.
+Dieser ungeheure Strom warmen Wassers hat, nachdem er in fuenfzig Tagen vom
+24. bis 45. Grad der Breite 450 Meilen zurueckgelegt, trotz der bedeutenden
+Winterkaelte in der gemaessigten Zone, kaum 3 - 4 Grad von seiner
+urspruenglichen Temperatur unter den Tropen verloren. Die Groesse der Masse
+und der Umstand, dass das Wasser ein schlechter Waermeleiter ist, machen,
+dass die Abkuehlung nicht rascher erfolgt. Wenn sich somit der Golfstrom auf
+dem Boden des atlantischen Oceans ein Bett gegraben hat, und wenn seine
+Gewaesser bis in betraechtliche Tiefen in Bewegung sind, so muessen sie auch
+in ihren untern Schichten eine hoehere Temperatur behalten, als unter
+derselben Breite Meeresstriche ohne Stroemungen und Untiefen zeigen. Diese
+Fragen sind nur durch unmittelbare Beobachtungen mittelst des Senkbleis
+mit Thermometer zu loesen.
+
+Sir Erasmus Gower bemerkt, auf der Ueberfahrt von England nach den
+canarischen Inseln gerathe man in die Stroemung und dieselbe treibe vom
+39. Breitegrade an die Schiffe nach Suedost. Auf unerer Fahrt von Corunna
+nach Suedamerika machte sich der Einfluss dieses Zugs der Wasser noch weiter
+noerdlich merkbar. Vom 37. zum 30. Grad war die Abweichung sehr ungleich;
+sie betrub taeglich im Mittel zwoelf Meilen, das heisst usnere Corvette wurde
+in sechs Tagen um 72 Seemeilen gegen Ost abgetrieben. Als wir auf 140
+Meilen (Lieues) Entfernung den Parallel der Meerenge von Gibraltar
+schnitten, hatten wir Gelegenheit zur Beobachtung, dass in diesen Strichen
+das Maximum der Geschwindigkeit nicht der Oeffnung der Meerenge selbst
+entspricht, sondern einem noerdlicher gelegenen Punkte in der Verlaengerung
+einer Linie, die man durch die Meerenge und Cap Vincent zieht. Diese Linie
+laeuft von der Gruppe der azorischen Inseln bis zum Cap Cantin parallel mit
+der Richtung der Gewaesser. Es ist ferner zu bemerken, und der Umstand ist
+fuer die Physiker, die sich mit der Bewegung der Fluessigkeiten
+beschaeftigen, nicht ohne Interesse, dass in diesem Stueck des ruecklaeufigen
+Stromes, in einer Breite von 120 bis 140 Meilen, nicht die ganze
+Wassermasse dieselbe Geschwindigkeit, noch dieselbe Richtung hat. Bei ganz
+ruhiger See zeigen sich an der Oberflaeche schmale Streifen, kleinen Baechen
+gleich, in denen das Wasser mit einem fuer das Ohr des geuebten Schiffers
+wohl hoerbaren Geraeusch hinstroemit. Am 13. Juni, unter 34 deg. 35' noerdlicher
+Breite, befanden wir uns mitten unter einer Menge solcher Strombetten. Wir
+konnten die Richtung derselben mit dem Compass aufnehmen: die einen liefen
+nach Nordost, anderen nach Ost-Nord-Ost, trotz dem, dass der allgemeine Zug
+der See, wie die Vergleichung der Schaetzung mit der chronometrischen Laenge
+angab, fortwaehrend nach Suedost gieng. Sehr haeufig sieht man eine stehende
+Wassermasse von Wasserfaeden durchzogen, die nach verschiedenen Richtungen
+stroemen; solches kann man taeglich an der Oberflaeche unserer Landseen
+beobachten, aber seltener bemerkt man solch partielle Bewegungen kleiner
+Wassertheile in Folge lokaler Ursachen mitten in einem Meeresstrome, der
+sich ueber ungeheure Raeume erstreckt und sich immer in derselben Richtung,
+wenn auch nicht mit bedeutender Geschwindigkeit fortbewegt. Die sich
+kreuzenden Stroemungen beschaeftigen unsere Einbildungskraft, wie der
+Wellenschlag, weil diese Bewegungen, die den Ocean in bestaendiger Unruhe
+erhalten, sich zu durchdringen scheinen.
+
+Wir fuhren am Cap Vincent, das aus Besalt besteht, auf mehr als 80 Meilen
+[360 km] Entfernung vorueber. Auf 15 Meilen [67,5 km] erkennt man es nicht
+mehr deutlich, aber die Foya von Monchique, ein Granitberg in der Naehe des
+Caps, soll, wie die Steuerleute behaupten, auf 26 Meilen [117 km] in See
+sichtbar seyn. Verhaelt es sich wirklich so, so ist die Foya 700 Toisen
+(1363 Meter) hoch, also 116 Toisen (225 Meter) hoeher als der Vesuv. Es ist
+auffallend, dass die portugiesische Regierung kein Feuer auf einem Punkte
+unterhaelt, nach dem sich alle vom Cap der guten Hoffnung und vom Cap Horn
+kommenden Schiffe richten muessen; nach keinem anderen Punkte wird mit so
+viel Ungeduld ausgeschaut, bis er in Sicht kommt. Die Feuer auf dem Turm
+des Herkules und am Cap Spichel sind so schwach und so wenig weit
+sichtbar, dass man sie gar nicht rechnen kann. Dazu waere das
+Capuzinerkloster, das auf Kap Vincent steht, ganz der geeignete Platz zu
+einem Leuchtturm mit sich drehendem Feuer, wie zu Cadix und an der
+Garonnemuendung.
+
+Seit unserer Abfahrt von Corunna und bis zum 36. Breitegrad hatten wir
+ausser Meerschwalben und einigen Delphinen fast kein lebendes Wesen
+gesehen. Umsonst sahen wir uns nach Tangen und Weichthieren um. Am
+11. Juni aber hatten wir ein Schauspiel, das uns hoechlich ueberraschte, das
+wir aber spaeter in der Suedsee haeufig genossen. Wir gelangten in einen
+Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Medusen bedeckt war. Das
+Schiff stand beinahe still, aber die Weichtiere zogen gegen Suedost,
+viermal rascher als die Stroemung. Ihr Vorueberzug waehrte beinahe
+dreiviertel Stunden, und dann sahen wir nur noch einzelne Individuen dem
+grossen Haufen, wie wandermuede, nachziehen. Kommen diese Thiere vom Grunde
+des Meeres, das in diesen Strichen wohl mehrere tausend Toisen tief ist?
+oder machen sie in Schwaermen weite Zuege? Wie man weiss, lieben die
+Weichthiere die Untiefen, und wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem
+Wasserspiegel, welche Kapitaen Vobonne im Jahr 1732 nordwaerts von der Insel
+Porto Santo gesehen haben will, wirklich vorhanden sind, so laesst sich
+annehmen, dass diese ungeheure Masse von Medusen dorther kam, denn wir
+befanden uns nur 28 Meilen [126 km] von jenen Klippen. Wir erkannten neben
+der _Medusa aurita_ von Baster und der _M. pelagica_ von Bosc mit acht
+Tentakeln _(Pelagia denticulata, Peron)_ eine dritte Art, die sich der
+_M. hysocella_ naehert, die Vandelli an der Muendung des Tajo gefunden hat.
+Sie ist ausgezeichnet durch die braungelbe Farbe und dadurch, dass die
+Tentakeln laenger sind als der Koerper. Manche dieser Meernesseln hatten
+vier Zoll [10 cm] im Durchmesser; ihr fast metallischer Glanz, ihre
+violett und purpurn schillernde Faerbung hob sich vom Blau der See aeusserst
+angenehm ab.
+
+Unter den Medusen fand Bonpland Buendel der _Dagysa notata_, eines
+Weichthiers von sonderbarem Bau, das Sir Joseph Banks zuerst kennen
+gelernt hat. Es sind kleine gallertartige Saecke, durchsichtig,
+walzenfoermig, zuweilen vieleckig, 13 Linien [3 mm] lang, 2 - 3 [0,5 bis
+0,7 mm] im Durchmesser. Diese Saecke sind an beiden Enden offen. An der
+einen Oeffnung zeigt sich eine durchsichtige Blase mit einem gelben Fleck.
+Diese Cylinder sind der Laenge nach aneinander geklebt wie Bienenzellen und
+bilden 6 - 8 Zoll [16 bis 21 cm] lange Schnuere. Umsonst versuchte ich die
+galvanische Elektricitaet an diesen Weichthieren; sie brachte keine
+Zusammenziehung hervor. Die Gattung _Dagysa_, die zur Zeit von Cooks
+erster Reise zuerst aufgestellt wurde, scheint zu den Salpen zu gehoeren.
+Auch die Salpen wandern in Schwaermen, wobei sie sich zu Schnueren an
+einander haengen, wie wir bei der _Dagysa_ gesehen.
+
+Am 13. Juni Morgens unter 34 deg. 33' Breite sahen wir wieder bei vollkommen
+ruhiger See grosse Haufen des letzterwaehnten Thiers vorbeitreiben. Bei
+Nacht machten wir die Beobachtung, dass alle drei Medusenarten, die wir
+gefangen, nur leuchteten, wenn man sie ganz leicht anstiess. Diese
+Eigenschaft kommt also nicht der von Forskael in seiner _Fauna Aegytiaca_
+beschriebenen _Medusa noctiluca_ allein zu, die Gmelin mit der _Medusa
+pelagica_ Loeflings vereinigt, obgleich sie rote Tentakeln und braune
+Koerperwarzen hat. Legt man eine sehr reizbare Meduse auf einen Zinnteller
+und schlaegt mit irgendeinem Metall an den Teller, so wird das Tier schon
+durch die leichte Schwingung des Zinns leuchtend. Galvanisirt man Medusen,
+so zeigt sich zuweilen der phosphorische Schein im Moment, wo man die
+Kette schliesst, wenn auch die Excitatoren die Organe des Tieres nicht
+unmittelbar beruehren. Die Finger, mit denen man es beruehrt, bleiben ein
+paar Minuten leuchtend, wie man dies auch beobachtet, wenn man das Gehaeuse
+der Pholaden zerbricht. Reibt man Holz mit dem Koerper einer Meduse und
+leuchtet die geriebene Stelle nicht mehr, so erscheint der Schimmer
+wieder, wenn man mit der trockenen Hand ueber das Holz faehrt. Ist derselbe
+wieder verschwunden, so laesst er sich nicht noch einmal hervorrufen, wenn
+auch die geriebene Stelle noch feucht und klebrig ist. Wie wirkt in diesem
+Falle die Reibung oder der Stoss? Die Frage ist schwer zu beantworten. Ruft
+etwa eine kleine Temperaturerhoehung den Schein hervor, oder kommt er
+wieder, weil man die Oberflaeche erneuert und so die Theile des Thiers,
+welche den Phosphorwasserstoff entbinden, mit dem Sauerstoff der
+atmosphaerischen Luft in Beruehrung bringt? Ich habe durch Versuche, die im
+Jahre 1797 veroeffentlicht worden, dargethan, dass Scheinholz in reinem
+Wasserstoff und Stickstoff nicht mehr leuchtet, und dass der Schein
+wiederkehrt, sobald man die kleinste Blase Sauerstoff in das Gas treten
+laesst. Diese Thatsachen, deren wir in der Folge noch mehrere anfuehren
+werden, bahnen uns den Weg zur Erklaerung des Meerleuchtens und des
+besonderen Umstandes, dass das Erscheinen des Lichtschimmers mit dem
+Wellenschlag in Zusammenhang steht.
+
+Zwischen Madera und der afrikanischen Kueste hatten wir gelinde Winde oder
+Windstille, wodurch ich mich bei den magnetischen Versuchen, mit denen ich
+mich bei der Ueberfahrt beschaeftigte, sehr gefoerdert sah. Wir wurden nicht
+satt, die Pracht der Naechte zu bewundern; nichts geht ueber die Klarheit
+und Heiterkeit des afrikanischen Himmels. Wir wunderten uns ueber die
+ungeheure Menge Sternschnuppen, die jeden Augenblick niedergingen. Je
+weiter wir nach Sueden kamen, desto haeufiger wurden sie, besonders bei den
+canarischen Inseln. Ich glaube auf meinen Reisen die Beobachtung gemacht
+zu haben, dass diese Feuermeteore ueberhaupt in manchen Landstrichen
+haeufiger vorkommen und glaenzender sind als in anderen. Nie sah ich ihrer
+so viele als in der Naehe der Vulkane der Provinz Quito und in der Suedsee
+an der vulkanischen Kueste von Guatimala. Der Einfluss, den Oertlichkeit,
+Klima und Jahreszeit auf die Bildung der Sternschnuppen zu haben scheinen,
+trennt diese Classe von Meteoren von den Aerolithen, die wahrscheinlich
+dem Weltraume ausserhalb unseres Luftkreises angehoeren. Nach den
+uebereinstimmenden Beobachtungen von Benzenberg und Brandes erscheinen in
+Europa viele Sternschnuppen nicht mehr als 30,000 Toisen [58 470 m] ueber
+der Erde. Man hat sogar eine gemessen, die nur 14,000 Toisen [27 280 m]
+hoch war. Es waere zu wuenschen, dass dergleichen Messungen, die nur
+annaehernde Resultate ergeben koennen, oefters wiederholt wuerden. In den
+heissen Landstrichen, besonders unter den Tropen, zeigen die Sternschnuppen
+einen Schweif, der noch 12 bis 15 Secunden fortleuchtet; ein andermal ist
+es, als platzten sie und zerstieben in mehrere Lichtfunken, und im
+allgemeinen sind sie viel weiter unten in der Luft als im noerdlichen
+Europa. Man sieht sie nur bei heiterem, blauen Himmel, und unter einer
+Wolke ist wohl noch nie eine beobachtet worden. Haeufig haben die
+Sternschnuppen ein paar Stunden lang eine und dieselbe Richtung, und dies
+ist dann die Richtung des Windes. In der Bucht von Neapel haben Gay-Lussac
+und ich Lichterscheinungen beobachtet, die denen, welche mich bei meinem
+langen Aufenthalt in Mexiko und Quito beschaeftigten, sehr aehnlich waren.
+Das Wesen dieser Meteore haengt vielleicht ab von der Beschaffenheit von
+Boden und Luft, gleich gewissen Erscheinungen von Luftspiegelung und
+Strahlenbrechung an der Erdoberflaeche, wie sie an den Kuesten von Calabrien
+und Sicilien vorkommen.
+
+Wir bekamen auf unserer Fahrt weder die Inseln Desiertas noch Madera zu
+Gesicht. Gerne haette ich die Laenge dieser Inseln berichtigt und von den
+vulkanischen Bergen nordwaerts von Funchal Hoehenwinkel genommen. De Borda
+berichtet, man sehe diese Berge auf 20 Meilen [90 km], was nur auf eine
+Hoehe von 414 Toisen (806 Meter) hinweise; wir wissen aber, dass nach
+neueren Messungen der hoechste Gipfel von Madera 5167 englische Fuss oder
+807 Toisen [1573 m] hoch ist. Die kleinen Inseln Desiertas und Salvages,
+auf denen man Orseille und _Mesembryanthemum crystallinum_ sammelt, haben
+nicht 200 Toisen senkrechter Haehe. Es scheint mir von Nutzen, die
+Seefahrer auf dergleichen Bestimmungen hinzweisen, weil sich mittelst
+einer Methode, deren in dieser Reisebeschreibung oefter Erwaehnung geschieht
+und deren sich Borda, Lord Mulgrave, de Rossel und Don Cosme Churruca auf
+ihren Reisen mit Erfolg bedient haben, durch Hoehenwinkel, die man mit
+guten Reflexionsinstrumenten nimmt, mit hinlaenglicher Genauigkeit
+ermitteln laesst, wie weit sich das Schiff von einem Vorgebirge oder von
+einer gebirgigen Insel befindet.
+
+Als wir 40 Meilen [180 km] ostwaerts von Madera waren, setzte sich eine
+Schwalbe auf die Marsstenge. Sie war so muede, dass sie sich leicht fangen
+liess. Es war eine Rauchschwalbe _(Hierundo rustica, Lin.)_. Was mag einen
+Vogel veranlassen, in dieser Jahreszeit und bei stiller Luft so weit zu
+fliegen? Bei d´Entrecasteaux´ Expedition sah man gleichfalls eine
+Rauchschwalbe 60 Meilen [270 km] weit vom weissen Vorgebirge; das war aber
+Ende Oktobers, und Labillardiere war der Meinung, sie komme eben aus
+Europa. Wir befuhren diese Striche im Juni, und seit langer Zeit hatte
+kein Sturm das Meer aufgeruehrt. Ich betone den letzteren Umstand, weil
+kleine Voegel, sogar Schmetterlinge zuweilen durch heftige Winde auf die
+hohe See verschlagen werden, wie wir es in der Suedsee, westwaerts von der
+Kueste von Mexiko, beobachten konnten.
+
+Der Pizarro hatte Befehl, bei der Insel Lanzarota, einer der sieben grossen
+Canarien, anzulegen, um sich zu erkundigen, ob die Englaender die Rhede von
+Santa Cruz auf Teneriffa blokirten. Seit dem 15. Juni war man im Zweifel,
+welchen Weg man einschlagen sollte. Bis jetzt hatten die Steuerleute, die
+mit den Seeuhren nicht recht umzugehen wussten, keine grossen Stuecke auf die
+Laenge gehalten, die ich fast immer zweimal des Tags bestimmte, indem ich
+zum Uebertrag der Zeit Morgens und Abends Stundenwinkel aufnahm. Endlich
+am 16. Juni, um neun Uhr morgens, als wir schon unter 20 deg. 26' der Breite
+waren, aenderte der Capitaen den Curs und steuerte gegen Ost. Da zeigte sich
+bald, wie genau Louis Berthouds Chronometer war; um 2 Uhr nachmittags kam
+Land in Sicht, das wie eine kleine Wolke am Horizont erschien. Um fuenf
+Uhr, bei niedriger stehender Sonne, lag die Insel Lanzarota so deutlich
+vor uns, dass ich den Hoehenwinkel eines Kegelberges messen konnte, der
+majestaetisch die anderen Gipfel ueberragt und den wir fuer den grossen Vulkan
+hielten, der in der Nacht vom ersten September 1730 so grosse Verwuestungen
+angerichtet hat.
+
+Die Stroemung trieb uns schneller gegen die Kueste, als wir wuenschten. Im
+Hinfahren sahen wir zuerst die Insel Fortaventura, bekannt durch die
+vielen Kameele(4), die darauf leben, und bald darauf die kleine Insel
+Lobos im Canal zwischen Fortaventura und Lancerota. Wir brachten die Nacht
+zum Theil auf dem Verdeck zu. Der Mond beschien die vulkanischen Gipfel
+von Lanzerota, deren mit Asche bedeckten Abhaenge wie Silber schimmerten.
+Antares glaenzte nahe der Mondscheibe, die nur wenige Grad ueber dem
+Horizont stand. Die Nacht war wunderbar heiter und frisch. Obgleich wir
+nicht weit von der afrikanischen Kueste und der Grenze der heissen Zone
+waren, zeigte der hunderttheilige Thermometer nicht mehr als 18 deg.. Es war,
+als ob das Leuchten des Meeres die in der Luft verbreitete Lichtmasse
+vermehrte. Zum erstenmal konnte ich an einem zweizoelligen Sextanten von
+Troughton mit sehr feiner Theilung den Nonius ablesen, ohne mit einer
+Kerze an den Rand zu leuchten. Mehrere unserer Reisegefaehrten waren
+Canarier; gleich allen Einwohnern der Insel priesen sie enthusiastisch die
+Schoenheit ihres Landes. Nach Mitternacht zogen hinter dem Vulkan schwere
+Wolken auf und bedeckten hin und wieder den Mond und das schoene Sternbild
+des Scorpion. Wir sahen am Ufer Feuer hin und her tragen. Es waren
+wahrscheinlich Fischer, die sich zur Fahrt ruesteten. Wir hatten auf der
+Reise fortwaehrend in den alten spanischen Reisebeschreibungen gelesen, und
+diese sich hin und her bewegenden Lichter erinnerten uns an die, welche
+Pedro Guttierez, ein Page der Koenigin Isabella, in der denkwuerdigen Nacht,
+da die neue Welt entdeckt wurde, auf der Guanahani sah.
+
+Am 17. Morgens war der Horizont nebligt und der Himmel leicht umzogen.
+Desto schaerfer traten die Berge von Lanzerota in ihren Umrissen hervor.
+Die Feuchtigkeit erhoeht die Durchsichtigkeit der Luft und rueckt zugleich
+scheinbar die Gegenstaende naeher. Diese Erscheinung ist jedem bekannt, der
+Gelegenheit gehabt hat, an Orten, wo man die Ketten der Hochalpen oder der
+Anden sieht, hygrometrische Betrachtungen anzustellen. Wir liefen, mit dem
+Senkblei in der Hand, durch den Canal zwischen den Inseln Alegranza und
+Montana Clara. Wir untersuchten den Archipel kleiner Eilande noerdlich von
+Lanzerota, die sowohl auf der sonst sehr genauen Karte von de Fleurieu,
+als auf der Karte, die zur Reise der Fregatte Flora gehoert, so schlecht
+gezeichnet sind. Die auf Befehl des Herrn de Castries i. J. 1786
+veroeffentlichte Karte des Atlantischen Oceans hat dieselben irrigen
+Angaben. Da die Stroemungen in diesen Strichen ausnehmend rasch sind, so
+mag die fuer die Sicherheit der Schiffahrt nicht unwichtige Bemerkung hier
+stehen, dass die Lage der fuenf kleinen Inseln Alegranza, Clara, Graciosa,
+Roca del Este und Infierno nur auf der Karte der canarischen Inseln von
+Borda und im Atlas von Tofino genau angegeben ist, welcher letztere sich
+dabei an die Beobachtungen von Don Jose Varela hielt, die mit denen der
+Fregatte Boussole ziemlich uebereinstimmen.
+
+Inmitten dieses Archipels, den Schiffe, die nach Teneriffa gehen, selten
+befahren, machte die Gestaltung der Kuesten den eigenthuemlichsten Eindruck
+auf uns. Wir glaubten uns in die euganaeischen Berge im Vincentinischen
+oder an die Ufer des Rheins bei Bonn versetzt (Siebengebirge). Die
+Gestaltung der organischen Wesen wechselt nach den Klimaten, und diese
+erstaunliche Mannigfaltigkeit gibt dem Studium der Vertheilung der
+Pflanzen und Thiere seinen Hauptreiz; aber die Gebirgsarten, die
+vielleicht frueher gebildet worden, als die Ursachen, von welchen die
+Abstufung der Klimate abhaengt, in Wirksamkeit getreten, sind in beiden
+Hemisphaeren die naemlichen. Die Porphyre, welche glasigen Feldspath oder
+Hornblende einschliessen, die Phonolithe (Werners Porphyrschiefer),
+Gruensteine, Mandelsteine und Basalte zeigen fast so constante Formen wie
+in der Auvergne, im boehmischen Mittelgebirge wie in Mexiko und an den
+Ufern des Ganges erkennt man die Trappformation am symmetrischen Bau der
+Berge, an den gestutzten, bald einzeln stehenden, bald zu Gruppen
+vereinigten Kegeln, an den Plateaux, die an beiden Enden mit einer runden
+niedrigen Kuppe gekroent sind.
+
+Der ganze westliche Theil von Lanzerota, den wir in der Naehe sahen, hat
+ganz das Ansehen eines in neuester Zeit von vulkanischem Feuer verwuesteten
+Landes. Alles ist schwarz, duerr, von Dammerde entbloesst. Wir erkannten mit
+dem Fernrohr Basalt in ziemlich duennen, stark fallenden Schichten. Mehrere
+Huegel gleichen dem Monte nuovo bei Neapel oder den Schlacken- und
+Aschenhuegeln, welche am Fusse des Vulkanes Jorullo in Mexiko in Einer Nacht
+aus dem berstenden Boden emporgestiegen sind. Nach Abbe Viera wurde auch
+im Jahre 1730 mehr als die Haelfte der Insel voellig umgewandelt. Der "grosse
+Vulkan", dessen wir oben erwaehnt, und der bei den Eingeborenen der Vulkan
+von *Temanfaya* heisst, verheerte das fruchtbarste und bestangebaute
+Gebiet; neun Doerfer wurden durch die Lavastroeme voellig zerstoert. Ein
+heftiges Erdbeben war der Katastrophe vorangegangen, und gleich starke
+Stoesse wurden noch mehrere Jahre nachher gespuert. Letztere Erscheinung ist
+um so auffallender, je seltener sie nach einem Ausbruch ist, wenn einmal
+nach dem Ausfluss der geschmolzenen Stoffe die elastischen Daempfe durch den
+Krater haben entweichen koennen. Der Gipfel des grossen Vulkanes ist ein
+runder, nicht genau kegelfoermiger Huegel. Nach den Hoehenwinkeln, die ich in
+verschiedenen Abstaenden genommen, scheint seine absolute Hoehe nicht viel
+ueber 300 Toisen [580 m] zu betragen. Die benachbarten kleinen Berge und
+die der Inseln Alegranza und Clara sind kaum 100 bis 120 Toisen [95 bis
+134 m] hoch. Man wundert sich, dass Gipfel, die sich auf hoher See so
+imposant darstellen, nicht hoeher seyn sollten. Aber nichts ist so unsicher
+als unser Urtheil ueber die Groesse der Winkel, unter denen uns Gegenstaende
+ganz nahe am Horizont erscheinen. Einer Taeuschung derart ist es
+zuzuschreiben, wenn vor den Messungen de Churrucas und Galeanos am Cap
+Pilar die Berge an der Magellanschen Meerenge und des Feuerlandes bei den
+Seefahrern fuer ungemein hoch galten.
+
+Die Insel Lanzerota hiess frueher *Titeroigotra*. Bei der Ankunft der
+Spanier zeichneten sich die Bewohner vor den anderen Canariern durch
+Merkmale hoeherer Kultur aus. Sie hatten Haeuser aus behauenen Steinen,
+waehrend die Guanchen auf Teneriffa, als wahre Troglodyten, in Hoehlen
+wohnten. Auf Lanzerota herrschte zu jener Zeit ein seltsamer Gebrauch, der
+nur bei den Tibetanern vorkommt. [In Tibet ist uebrigens die Vielmaennerei
+nicht so haeufig, als man glaubt, und von der Priesterschaft missbilligt.]
+Eine Frau hatte mehrere Maenner, welche in der Ausuebung der Rechte des
+Familienhauptes wechselten. Der eine Ehemann war als solcher nur waehrend
+eines Mondumlaufs anerkannt, sofort uebernahm ein anderer das Amt und jener
+trat in das Hausgesinde zurueck. Es ist zu bedauern, dass wir von den
+Geistlichen im Gefolge Johanns von Bethencourt, welche die Geschichte der
+Eroberung der Canarien geschrieben haben, nicht mehr von den Sitten eines
+Volkes erfahren, bei dem so sonderbare Braeuche herrschten. Im fuenfzehnten
+Jahrhundert bestanden auf der Insel Lanzerota zwei kleine voneinander
+unabhaengige Staaten, die durch eine Mauer geschieden waren, dergleichen
+man auch in Schottland, in Peru und in China findet, Denkmaeler, die den
+Nationalhass ueberleben.
+
+Wegen des Windes mussten wir zwischen den Inseln Alegranza und Montana
+Clara durchfahren. Da Niemand am Bord der Corvette je in diesem Canal
+gewesen war, so musste das Senkblei ausgeworfen werden. Wir fanden Grund
+bei 25 und 32 Faden [45 bis 60 m]. Mit dem Senkbleu wurde eine organische
+Substanz von so sonderbarem Bau aufgezogen, dass wir lange nicht wussten, ob
+wir sie fuer einen Zoophyten oder fuer eine Tangart halten sollten. Auf
+einem braeunlichen, drei Zoll langen Stiel sitzen runde lappige Blaetter mit
+gezahntem Rand. Sie sind hellgruen, lederartig und gestreift wie die
+Blaetter der Adianten und des _Ginkgo biloba_. Ihre Flaeche ist mit steifen,
+weisslichen Haaren bedeckt; vor der Entwicklung sind die concav und in
+einander geschachtelt. Wir konnten keine Spur von willkuehrlicher Bewegung,
+von Irritabilitaet daran bemerken, auch nicht als wir es mit dem
+Galvanismus versuchten. Der Stiel ist nicht holzig, sondern besteht aus
+einem hornartigen Stoff, gleich der Achse der Gorgonen. Da Stickstoff und
+Phosphor in Menge in verschiedenen cryptogamischen Gewaechsen nachgewiesen
+sind, so waere nichts dabei herausgekommen, wenn wur auf chemischem Wege
+haette ermitteln wollen, ob dieser organische Koerper dem Pflanzen- oder dem
+Thierreich angehoere. Da er einigen Seepflanzen mit Adiantenblaettern sehr
+nahe kommt, so stellten wir ihn vorlaeufig zu den Tangen und nannten ihn
+_Fucus vitifolius_. Die Haare, mit denen das Gewaechs bedeckt ist, kommen
+bei vielen andern Tangen vor. Allerdings zeigte das Blatt, als es frisch
+aus der See unter dem Mikroscop untersucht wurde, nicht die druesigen
+Koerper in Haeufchen oder die dunkeln Punkte, welche bei den Gattungen
+_Ulva_ und _Fucus_ die Fructificationen enthalten; aber wie oft findet man
+Tange, die vermoege ihrer Entwicklungsstufe in ihrem durchsichtigen
+Paranchym noch keine Spur von Koernern zeigen.
+
+Ich haette diese Einzelheiten, die in die beschreibende Naturgeschichte
+gehoeren, hier uebergangen, wenn sich nicht am Fucus mit weinblattaehnlichen
+Blaettern ein physiologische Erscheinung von allgemeinerem Interesse
+beobachten liesse. Unser Seetang hatte, an Madreporen befestigt, 192 Fuss
+tief am Meeresboden vegetirt, und doch waren seine Blaetter so gruen wie
+unsere Graeser. Nach de Bouguers Versuchen(5) wird das Licht, das durch 180
+Fuss Wasser hindurchgeht, im Verhaeltniss von 1 zu 1477,8 geschwaecht. Der
+Tang von Alegranza ist also ein neuer Beweis fuer den Satz, dass Gewaechse im
+Dunkeln vegetiren koennen, ohne farblos zu werden. Die noch in den Zwiebeln
+eingeschlossenen Keime mancher Liliengewaechse, der Embryo der Malven, der
+Rhamnoiden, der Pistazie, der Mistel und des Citronenbaums, die Zweige
+mancher unterirdischen Pflanzen, endlich die Gewaechse, die man in
+Erzgruben findet, wo die umgebende Luft Wasserstoff oder viel Stickstoff
+enthaelt, sind gruen ohne Lichtgenuss. Diese Thatsachen berechtigen zu der
+Annahme, dass der Kohlenwasserstoff, der das Parenchym dunkler oder heller
+gruen faerbt, je nachdem der Kohlenstoff in der Verbindung vorherrscht, sich
+nicht bloss unter dem Einfluss der Sonnenstrahlen im Gewebe der Gewaechse
+bildet.
+
+Turner, der so viel fuer die Familie der Tange geleistet hat, und viele
+andere bedeutende Botaniker sind der Ansicht, die Tange, die man an der
+Meeresflaeche findet, und die unter dem 23. und 35. Grad der Breite und dem
+32. der Laenge sich dem Seefahrer als eine weite ueberschwemmte Wiese
+darstellen, wachsen urspruenglich auf dem Meeresgrund und schwimmen an der
+Oberflaeche nur im ausgebildeten Zustand, nachdem sie von den Wellen
+losgerissen worden. Ist dem wirklich so, so ist nicht zu laeugnen, dass die
+Familie der Seealgen grosse Schwierigkeiten macht, wenn man am Glauben
+festhaelt, dass Farblosigkeit die nothwendige Folge des Mangels an Licht
+ist; denn wie sollte man voraussetzen koennen, dass so viele Arten von
+Ulvaceen und Dictyoteen mit gruenen Stengeln und Blaettern auf Gestein
+unmittelbar unter der Meeresflaeche gewachsen sind?
+
+Nach den Angaben eines alten portugiesischen Wegweisers meinte der Capitaen
+des Pizarro sich einem kleinen Fort noerdlich von Teguise, dem Hauptort von
+Lancerota, gegenueber zu befinden. Man hielt einen Basaltfelsen fuer ein
+Kastell, man salutirte es durch Aufhissen der spanischen Flagge und warf
+das Boot aus, um sich durch einen Officier beim Commandanten des
+vermeintlichen Forts erkundigen zu lassen, ob die Englaender in der
+Umgegend kreuzten. Wir wunderten uns nicht wenig, als wir vernahmen, dass
+das Land, das wir fuer einen Theil der Kueste von Lanzerota gehalten, die
+kleine Insel Graciosa sey und dass es auf mehrere Kilometer in der Runde
+keinen bewohnten Ort gebe.
+
+Wir benutzten das Boot, um ans Land zu gehen, das den Schlusspunkt einer
+weiten Bai bildete. Ganz unbeschreiblich ist das Gefuehl des
+Naturforschers, der zum erstenmal einen aussereuropaeischen Boden betritt.
+Die Aufmerksamkeit wird von so vielen Gegenstaenden in Anspruch genommen,
+dass man sich von seinen Empfindungen kaum Rechenschaft zu geben vermag.
+Bei jedem Schritt glaubt man einen neuen Naturkoerper vor sich zu haben,
+und in der Aufregung erkennt man haeufig Dinge nicht wieder, die in unseren
+botanischen Gaerten und naturgeschichtlichen Sammlungen zu den gemeinsten
+gehoeren. 100 Toisen [ca. 200 m] vom Ufer sahen wir einen Mann mit der
+Angelruthe fischen. Man fuhr im Boot auf ihn zu, aber er ergriff die
+Flucht und versteckte sich hinter Felsen. Die Matrosen hatten Muehe, seiner
+habhaft zu werden. Der Anblick der Corvette, der Kanonendonner am
+einsamen, jedoch zuweilen von Kapern besuchten Orte, das Landen des
+Bootes, Alles hatte dem armen Fischer Angst eingejagt. Wir erfuhren von
+ihm, die kleine Insel Graciosa, an der wir gelandet, sey von Lanzerota
+durch einen engen Canal, el Rio genannt, getrennt. Er erbot sich, uns in
+den Hafen los Colorados zu fuehren, wo wir uns hinsichtlich der Blokade von
+Tenerifa erkundigen koennten; da er aber zugleich versicherte, seit
+mehreren Wochen kein Fahrzeug auf offener See gesehen zu haben, so
+beschloss der Kapitaen, geradezu nach Santa Cruz zu steuern.
+
+Das kleine Stueck der Insel Graciosa, das wir kennengelernt, gleicht den
+aus Laven aufgebauten Vorgebirgen bei Neapel zwischen Portici und Torre
+del Greco. Die Felsen sind nackt, ohne Baeume und Gebuesche, meist ohne Spur
+von Dammerde. Einige Flechten, Variolarien, Leprarien, Urceolarien, kamen
+hin und wieder auf dem Basalt vor. Laven, die nicht mit vulkanischer Asche
+bedeckt sind, bleiben Jahrhunderte ohne eine Spur von Vegetation. Auf dem
+afrikanischen Boden hemmt die grosse Hitze und die lange Trockenheit die
+Entwicklung der cryptogamischen Gewaechse.
+
+Mit Sonnenuntergang schifften wir uns wieder ein und gingen unter Segel,
+aber er Wind war zu schwach, als dass wir unseren Weg nach Teneriffa haetten
+fortsetzen koennen. Die See war ruhig; ein roethlicher Dunst umzog den
+Horizont und liess alle Gegenstaende groesser erscheinen. In solcher
+Einsamkeit, ringsum so viele unbewohnte Eilande, schwelgten wir lange im
+Anblick einer wilden, grossartigen Natur. Die schwarzen Berge von Graciosa
+zeigten fuenf, sechshundert Fuss [160 bis 200 m] hohe senkrechte Waende. Ihre
+Schatten, die auf die Meeresflaeche fielen, gaben der Landschaft einen
+schwermuethigen Charakter. Gleich den Truemmern eines gewaltigen Gebaeudes
+stiegen Basaltfelsen aus dem Wasser auf. Ihr Dasein mahnte uns an die weit
+entlegene Zeit, wo unterseeische Vulkane neue Inseln emporhoben oder die
+Festlaender zertruemmerten. Alles umher verkuendete Verwuestung und
+Unfruchtbarkeit; aber einen freundlicheren Anblick bot im Hintergrunde des
+Bildes die Kueste von Lanzerota. In einer engen Schlucht, zwischen zwei mit
+verstreuten Baumgruppen gekroenten Huegeln, zog sich ein kleiner bebauter
+Landstrich hin. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten das zur Ernte
+reife Korn. Selbst die Wueste belebt sich, sobald man den Spuren der
+arbeitsamen Menschenhand begegnet.
+
+Wir versuchten aus der Bucht herauszukommen, und zwar durch den Canal
+zwischen Alegranza und Montana Clara, durch den wir ohne Schwierigkeit
+hereingelangt waren, um an der Nordspitze von Graciosa ans Land zu gehen.
+Da der Wind sehr flau wurde, so trieb uns die Stroemung nahe zu einem Riff,
+an dem sich die See ungestuem brach, und das die alten Karten als
+"Infierno" bezeichneten. Als wir das Riff auf zwei Kabellaengen vom
+Vordertheil der Corvette vor uns hatten, sahen wir, dass es eine drei, vier
+Klafter [5,8 bis 7,8 m] hohe Lavakuppe ist, voll Hoehlungen und bedeckt mit
+Schlacken, die den Coaks [Koks] oder der schwammigen Masse der
+entschwefelten Steinkohle aehnlich ist. Wahrscheinlich ist die Klippe
+Infierno(6) welche die neueren Karten _Roca del Oeste_ (westlicher Fels)
+nennen, durch das vulkanische Feuer emporgehoben. Sie kann sogar frueher
+weit hoeher gewesen seyn; denn die "neue Insel" der Azoren, die zu
+wiederholten malen aus dem Meere gestiegen, in den Jahren 1638 und 1719,
+war 354 Fuss [115 m] hoch [Im Jahre 1720 war die Insel auf 7 - 8 Meilen
+(31 bis 36 km) sichtbar. In denselben Strichen ist im Jahre 1811 wieder
+eine Insel erschienen.] geworden, als sie im Jahre 1728 so gaenzlich
+verschwand, dass man da, wo sie gestanden das Meer 80 Faden [146 m] tief
+fand. Meine Ansicht vom Ursprung der Basaltkuppe Infierno wird durch ein
+Ereigniss bestaetigt, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in derselben
+Gegend beobachtet wurde. Beim Ausbruch des Vulkanes Temanfaya erhoben sich
+vom Meeresboden zwei pyramidale Huegel von steiniger Lava und verschmolzen
+nach und nach mit der Insel Lanzerota.
+
+Da der schwache Wind und die Stroemung uns aus dem Canal von Alegranza
+nicht herauskommen liessen, beschloss man, waehrend der Nacht zwischen der
+Insel Clara und der _Roca del Oeste_ zu kreuzen. Diess haette beinahe sehr
+schlimme Folgen fuer uns gehabt. Es ist gefaehrlich, sich bei Windstille in
+der Naehe dieses Riffes aufzuhalten, gegen das die Stroemung ausnehmend
+stark hinzieht. Um Mitternacht fingen wir an, die Wirkung der Stroemung
+gewahr zu werden. Die nahe vor uns senkrecht aus dem Wasser aufsteigenden
+Felsmassen benahmen uns den wenigen Wind, der wehte; die Corvette
+gehorchte dem Steuer fast nicht mehr und jeden Augenblick fuerchtete man zu
+stranden. Es ist schwer begreiflich, wie eine einzelne Basaltkuppe mitten
+im weiten Weltmeer das Wasser in solche Aufregung versetzen kann. Diese
+Erscheinungen, welche die volle Aufmerksamkeit der Physiker verdienen,
+sind uebrigens den Seefahrern wohl bekannt; sie treten in der Suedsee,
+namentlich im kleinen Archipel der Galapagos-inseln, in furchtbarem
+Massstab auf. Der Temperaturunterschied zwischen der Fluessigkeit und der
+Felsmasse vermag den Zug der Stroemung zu ihnen hin nicht zu erklaeren, und
+wie sollte man es glaublich finden, dass sich das Wasser am Fusse der
+Klippen in die Tiefe stuerzt, und dass bei diesem fortwaehrenden Zug nach
+unten die Wassertheilchen den entstehenden leeren Raum auszufuellen suchen
+(7)?
+
+Am 18. Morgens wurde der Wind etwas frischer, und so gelang es uns, aus
+dem Canal zu kommen. Wir kamen dem Infierno noch einmal sehr nahe, und
+jetzt bemerkten wir im Gestein grosse Spalten, durch welche wahrscheinlich
+die Gase entwichen, als die Basaltkuppe emporgehoben wurde. Wir verloren
+die kleinen Inseln Alegranza, Montana Clara und Graciosa aus dem Gesicht.
+Sie scheinen nie von Guanchen bewohnt gewesen zu seyn und man besucht sie
+jetzt nur, um Orseille dort zu sammeln; diese Pflanze ist uebrigens weniger
+gesucht, seit so viele andere Flechtenarten aus dem noerdlichen Europa
+kostbare Farbstoffe liefern. Montana Clara ist beruehmt weger der schoenen
+Canarienvoegel, die dort vorkommen. Der Gesang dieser Voegel wechselt nach
+Schwaermen, wie ja auch bei uns der Gesang der Finken in zwei benachbarten
+Landstrichen haeufig ein anderer ist. Auf Montana Clara gibt es auch
+Ziegen, zum Beweis, dass das Eiland im Inneren nicht so oede ist als die
+Kueste, die wir gesehen. Der Name Alegranza kommt her von "La Joyeuse", wie
+die ersten Eroberer der Canarien, zwei normaennische Barone, Jean de
+Bethencourt und Gadifer de Salle, die Insel benannten. Es war der erste
+Punkt, wo sie gelandet. Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen auf der
+Insel Graciosa, von der wir ein kleines Stueck gesehen, beschlossen sie,
+sich der benachbarten Insel Lanzerota zu bemaechtigen, und wurden von
+Guadarfia, dem Haeuptling der Guanchen, so gastfreundlich empfangen, wie
+Cortez im Palast Montezumas. Der Hirtenkoenig, der keine anderen Schaetze
+hatte als seine Ziegen, wurde so schmaehlich verraten, wie der mexikanische
+Sultan.
+
+Wir fuhren an den Kuesten von Lanzerota, Lobos und Fortaventura hin. Die
+zweite scheint frueher mit den andern zusammengehangen zuhaben. Diese
+geologische Hypothese wurde schon im siebzehnten Jahrhundert von einem
+Franziskaner, Juan Galindo, aufgestellt. Er war sogar der Ansicht, Koenig
+Juba habe nur sechs canarische Inseln genannt, weil zu seiner Zeit drei
+derselben nur Eine gebildet. Ohne auf diese unwahrscheinliche Hypothese
+einzugehen, haben gelehrte Geographen den Archipel der Canarien fuer die
+beiden Inseln Innonia, die Inseln Rivaria, Ombrios, Canaria und Capraria
+der Alten erklaert.
+
+Da der Horizont dunstig war, konnten wir auf der ganzen Ueberfahrt von
+Lanzerota nach Teneriffa des Gipfels des Pik de Teyde nicht ansichtig
+werden. Ist der Vulkan wirklich 1905 Toisen [3712 m] hoch, wie Bordas
+letzte trigonometrische Messung angibt, so muss sein Gipfel auf 43
+Seemeilen [80 km] zu sehen sey, das Auge am Meeresspiegel angenommen und
+die Refraction gleich 0,079 der Entfernung. Man hat in Zweifel gezogen, ob
+der Pic zwischen Lanzerota und Fortaventura, der nach Varelas Karte 2 deg. 29'
+oder gegen 50 Meilen (Lieues) davon entfernt ist, je gesehen worden sey.
+Der Punkt scheint indessen durch einige Offiziere der koeniglich spanischen
+Marine entschieden worden zu seyn; ich habe an Bord der Corvette Pizarro
+ein Schifftagebuch in Haenden gehabt, in dem stand, der Pic von Tenerifa
+sey in 135 Seemeilen [250 km] Entfernung beim suedlichen Vorgebirg von
+Lanzerota, genannt Pichiguera, gesehen worden, und zwar erschien der
+Gipfel unter einem so grossen Winkel, dass der Beobachter, Don Manuel
+Bazuti, glaubt, der Vulkan haette noch 9 Meilen weiter weg gesehen werden
+koennen. Das war im September, gegen Abend, bei sehr feuchtem Wetter.
+Rechnet man 15 Fuss als Erhoehung des Auges ueber der See, so finde ich, dass
+man, um die Erscheinung zu erklaeren, eine Refraction gleich 0,158 des
+Bogens anzunehmen hat, was fuer die gemaessigte Zone nicht ausserordentlich
+viel ist. Nach den Beobachtungen des Generals Roy schwanken in England die
+Refractionen zwischen 1/20 und 1/3, und wenn es wahr ist, dass sie an der
+Kueste von Afrika diese aeussersten Grenzen erreichen, woran ich sehr
+zweifle, so koennte unter gewissen Umstaenden der Pic vom Verdeck eines
+Schiffes auf 61 Seemeilen gesehen werden.
+
+Seeleute, die haeufig diese Striche befahren und ueber die Ursachen der
+Naturerscheinungen nachdenken, wundern sich, dass der Pic de Teyde und der
+der Azoren(8) zuweilen in sehr grosser Entfernung zum Vorschein kommen, ein
+andermal in weit groesserer Naehe nicht sichtbar sind, obgleich der Himmel
+klar erscheint und der Horizont nicht dunstig ist. Diese Umstaende
+verdienen die Aufmerksamkeit des Physikers um so mehr, als viele Fahrzeuge
+auf der Rueckreise nach Europa mit Ungeduld des Erscheinens dieser Berge
+harren, um ihre Laenge danach zu berichtigen, und sie sich wieder davon
+entfernt glauben, als sie in Wahrheit sind, wenn sie sie bei hellem Wetter
+in Entfernungen, wo die Sehwinkel schon sehr bedeutend seyn mussten, nicht
+sehen koennen. Der Zustand der Atmosphaere hat den bedeutendsten Einfluss auf
+die Sichtbarkeit ferner Gegenstaende. Im Allgemeinen laesst sich annehmen,
+dass der Pic von Tenerifa im Juli und August, bei sehr warmem, trockenem
+Wetter, ziemlich selten sehr weit gesehen wird, dass er dagegen im Januar
+und Februar, bei leicht bedecktem Himmel und unmittelbar nach oder einige
+Stunden vor einem starken Regen in ausserordentlich grosser Entfernung zu
+Gesicht kommt. Die Durchsichtigkeit der Luft scheint, wie schon oben
+bemerkt, in erstaunlichem Maasse erhoeht zu werden, wenn eine gewisse Menge
+Wasser gleichfoermig in derselben verbreitet ist. Zudem darf man sich nicht
+wundern, wenn man den Pic de Teyde seltener sehr weit sieht, als die
+Gipfel der Anden, die ich so lange Zeit habe beobachten koennen. Der Pic
+ist nicht so hoch als der Theil des Atlas, an dessen Abhang die Stadt
+Marocco liegt, und nicht wie dieser mit ewigem Schnee bedeckt. Der *Piton*
+oder *Zuckerhut*, der die oberste Spitze des Pics bildet, wirft allerdings
+vieles Licht zurueck, weil der aus dem Krater ausgeworfene Bimsstein von
+weisslicher Farbe ist; aber dieser kleine abgestutzte Kegel misst nur ein
+Zwanzigtheil der ganzen Hoehe. Die Waende des Vulkans sind entweder mit
+schwarzen, verschlackten Lavabloecken oder mit einem kraeftigen
+Pflanzenwuchse bedeckt, dessen Masse um so weniger Licht zurueckwirft, als
+die Baumblaetter voneinander durch Schatten getrennt sind, die einen
+groesseren Umfang haben als die beleuchteten Theile.
+
+Daraus geht hervor, dass der Pic von Tenerifa, abgesehen vom *Piton*, zu
+den Bergen gehoert, die man, wie Bouguer sich ausdrueckt, auf weite
+Entfernung nur *negativ* sieht, weil sie das Licht auffangen, das von der
+aeussersten Grenze des Luftkreises zu uns gelangt, und wir ihr Daseyn nur
+gewahr werden, weil das Licht in der sie umgebenden Luft und das , welches
+die Lufttheilchen zwischen dem Berge und dem Auge des Beobachters
+fortpflanzen, von verschiedener Intensitaet sind. [Aus den Versuchen
+desselben Beobachters geht hervor, dass, wenn dieser Unterschi8ed fuer
+unsere Organe merkbar werden und der Berg sich deutlich vom Himmel abheben
+soll, das eine Licht wenigstens um ein Sechzigtheil staerker seyn muss als
+das andere.] Entfernt man sich von der Insel Teneriffa, so bleibt der
+Piton oder Zuckerhut ziemlich lange *positiv* sichtbar, weil er weisses
+Licht reflektirt und sich vom Himmel hell abhebt; da aber dieser Kegel nur
+80 Toisen [156 m] hoch und an der Spizte 40 Toisen [78 m] breit ist, so
+hat man neuerdings die Frage aufgeworfen, ob er bei so unbedeutender Masse
+auf weiter als 40 Meilen sichtbar seyn kann, und ob es nicht
+wahrscheinlicher ist, dass man in See den Pic erst dann als ein Woelkchen
+ueber dem Horizont gewahr wird, wenn bereits die Basis des Piton
+heraufzuruecken beginnt. Nimmt man die mittlere Breite des Zuckerhutes zu
+100 Toisen [200 m] an, so findet man, dass der kleine Kegel in 40 Meilen
+Entfernung in horizontaler Richtung noch unter einem Winkel von mehr als 3
+Minuten erscheint. Dieser Winkel ist gross genug, um einen Gegenstand
+sichtbar zu machen, und wenn der Piton betraechtlich hoeher waere, als in der
+Basis breit, so duerfte der Winkel in horizontaler Richtung noch kleiner
+seyn, und der Gegenstand machte doch noch einen Eindruck auf unsere
+Organe; aus mikrometrischen Beobachtungen geht hervor, dass eine Minute nur
+dann die Grenze der Sichtbarkeit ist, wenn die Gegenstaende nach allen
+Richtungen von gleichem Durchmesser sind, Man erkennt in einer weiten
+Ebene einzelne Baumstaemme mit blossem Auge, obgleich der Sehwinkel nur 25
+Secunden betraegt.
+
+Da die Sichtbarkeit eines Gegenstandes, der sich dunkelfarbig abhebt, von
+der Lichtmenge abhaengt, die auf zwei Linien zum Auge gelangen, deren eine
+am Berg endet, waehrend die andere bis zur Grenze des Luftmeers fortlaeuft,
+so folgt daraus, dass, je weiter man vom Gegenstand wegrueckt, desto kleiner
+der Unterschiede wird zwischen Licht der umgebenden Luft und dem Licht der
+vor dem Berg befindlichen Luftschichten. Daher kommt, dass nicht sehr hohe
+Berggipfel, wenn sie sich ueber dem Horizont zu zeigen anfangen, anfangs
+dunkler erscheinen als Gipfel, die man auf sehr grosse Entfernung sieht.
+Ebenso haengt die Sichtbarkeit von Bergen, die man nur negativ gewahr wird,
+nicht allein vom Zustand der untern Luftschichten ab, auf die unsere
+meteorologischen Beobachtungen beschraenkt sind, sondern auch von der
+Durchsichtigkeit und der physischen Beschaffenheit der hoeheren Regionen;
+denn das Bild hebt sich desto besser ab, je staerker das Licht in der Luft,
+das von den Grenzen der Atmosphaere herkommt, urspruenglich ist, oder je
+weniger Verlust es auf seinem Durchgang erlitten hat. Dieser Umstand macht
+es bis zu einem gewissen Grade erklaerlich, warum bei gleich heiterem
+Himmel, bei ganz gleichem Thermometer- und Hygrometerstand nahe an der
+Erdoberflaeche, der Pic auf Schiffen, die gleich weit davon entfernt sind,
+des einemal sichtbar ist, das anderemal nicht. Wahrscheinlich wuerde man
+sogar den Vulkan nicht haeufiger sehen koennen, wenn die Hoehe des
+Aschenkegels, an dessen Spitze sich die Krateroeffnung befindet, ein
+Viertheil der ganzen Berghoehe waere, wies es beim Vesuv der Fall ist. Die
+Asche, zu Pulver zerriebener Bimsstein, wirft das Licht nicht so stark
+zurueck als der Schnee der Anden. Sie macht, dass der Berg bei sehr grossem
+Abstand sich nicht hell, sondern weit schwaecher dunkelfarbig abhebt. Sie
+traegt so zu sagen dazu bei, die Antheile des in der Luft verbreiteten
+Lichtes, deren veraenderliche Unterschiede einen Gegenstand mehr oder
+weniger deutlich sichtbar machen, auszugleichen. Kahle Kalkgebirge, mit
+Granitsand bedeckte Berggipfel, die hohen Savannen der Kordilleren, [_Los
+Pajonales_, von _paja_, Gras. So heisst die Zone der grasartigen Gewaechse,
+welche unter der Region des ewigen Schnees liegt.] die goldgelb sind,
+treten allerdings in geringer Entfernung deutlicher hervor als
+Gegenstaende, die man negativ sieht; aber nach der Theorie besteht eine
+gewisse Grenze, jenseits welcher diese letzteren sich bestimmter vom Blau
+des Himmels abheben.
+
+Bei den colossalen Berggipfeln von Quito und Peru, die ueber die Grenze des
+ewigen Schnees hinausragen, wirken alle guenstigen Umstaende zusammen, um
+sie unter sehr kleinen Winkeln sichtbar zu machen. Wir haben oben gesehen,
+dass der abgestumpfte Gipfel des Pic von Tenerifa nur gegen 300 Toisen
+[580 m] Durchmesser hat. Nach den Messungen, die ich im Jahre 1803 zu
+Riobamba angestellt, ist die Kuppe des Chimborazo 153 Toisen [298 m] unter
+der Spitze, also an einer Stelle, die 1300 Toisen [2533 m] hoeher liegt als
+der Pik, noch 673 Toisen (1312 Meter) breit. Ferner nimmt die Zone des
+ewigen Schnees ein Viertheil der ganzen Berghoehe ein, und die Basis dieser
+Zone ist, von der Suedsee gesehen, 3437 Toisen (6700 Meter) breit. Obgleich
+aber der Chimborazo um zwei Drittel hoeher ist als der Pic, sieht man ihn
+doch wegen der Kruemmung der Erde nur 38 1/3 Meilen weiter. Wenn er im
+Hafen von Guayaquil am Ende der Regenzeit am Horizont auftaucht, glaenzt
+sein Schnee so stark, dass man glauben sollte, er muesste sehr weit in der
+Suedsee sichtbar seyn. Glaubwuerdige Schiffer haben mich versichtert, sie
+haben ihn bei der Klippe Muerto, suedwestlich von der Insel Puna, auf 47
+Meilen [211,5 km] gesehen. So oft er noch weiter gesehen worden, sind die
+Angaben unzuverlaessig, weil die Beobachter ihrer Laenge nicht gewiss waren.
+
+Das in der Luft verbreitete Licht erhoeht, indem es auf die Berge faellt,
+die Sichtbarkeit derer, die positiv sichtbar sind; die Staerke desselben
+vermindert im Gegentheil die Sichtbarkeit von Gegenstaenden, die, wie der
+Pic von Teneriffa und der der Azoren, sich dunkelfarbig abheben. Bouguer
+hat auf theoretischem Wege gefunden, dass nach der Beschaffenheit unserer
+Atmosphaere Berge negativ nicht weiter als auf 35 Meilen gesehen werden
+koennen. Die Erfahrung -- und diese Bemerkung ist wichtig -- widerspricht
+dieser Rechnung. Der Pik von Tenerifa ist haeufig auf 36, 38, sogar auf 40
+Meilen gesehen worden. Noch mehr, auf der Fahrt nach den Sandwichsinseln
+hat man den Gipfel des Mowna-Roa(9) und zwar zu einer Zeit, wo kein Schnee
+darauf lag, dicht am Horizont auf 53 Meilen gesehen. Dies ist bis jetzt
+das auffallendste bekannte Beispiel von der Sichtbarkeit eines Berges, und
+was noch merkwuerdiger ist, es handelt sich dabei von einem Gegenstand, der
+nur negativ sichtbar ist.
+
+Ich glaubte diese Bemerkungen am Ende dieses Capitels zusammenstellen zu
+sollen, weil sie sich auf eines der wichtigsten Probleme der Optik
+beziehen, auf die Schwaechung der Lichtstrahlen bei ihrem Durchgang durch
+die Schichten der Luft, und zugleich nicht ohne praktischen Nutzen sind.
+Die Vulkane Teneriffas und der Azoren, die Sierra Nevada von St. Martha,
+der Pic von Orizaba, die Silla bei Caracas, Mowna-Roa und der
+St. Eliasberg liegen vereinzelt in weiten Meeresstrecken oder auf den
+Kuesten der Continente, und dienen so dem Seefahrer, der die Mittel nicht
+hat, um den Ort des Schiffes durch Sternbeobachtungen zu bestimmen,
+gleichsam als Bojen im Fahrwasser. Alles, was mit der Erkennbarkeit dieser
+natuerlichen Bojen zusammenhaengt, ist fuer die Sicherheit der Schifffahrt
+von Belang.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 1 Ich muss hier bemerken, dass ich von einem Werke in sechs Baenden, das
+ unter dem seltsamen Titel: "Reise um die Welt und in Suedamerika, von
+ A. v. Humboldt, erschienen bei Vollmer in Hamburg", niemals Kenntniss
+ genommen habe. Diese in meinem Namen verfasste Reisebeschreibung
+ scheint nach in den Tageblaettern gegebenen Nachrichten und nach
+ einzelnen Abhandlungen, die ich in der ersten Classe des
+ franzoesischen Institutes gelesen, zusammengeschrieben zu seyn. Um
+ das Publikum aufmerksam zu machen, hielt es der Kompilator fuer
+ angemessen, einer Reise in einige Laender des neuen Kontinentes den
+ anziehenderen Titel einer "Reise um die Welt" zu geben.
+
+ 2 Ich habe die Beobachtungen, die ich in beiden Hemisphaeren
+ anzustellen Gelegenheit gehabt, mit denen zusammengestellt, die in
+ den Werken von Cook, Laperouse, d´Entrecasteur, Vancouver,
+ Macartney, Krusenstern und Marchand gegeben sind, und darnach
+ schwankt die Geschwindigkeit der allgemeinen Stroemung unter den
+ Tropen zwischen 5 und 18 Meilen in 24 Stunden, somit zwischen
+ 0,3 und 1,2 Fuss in der Secunde.
+
+ 3 Wenn es sich von der Meerestemperatur handelt, hat man sorgfaeltig
+ vier ganz gesonderte Erscheinungen zu unterscheiden: 1) die
+ Temperatur des Wassers an der Oberflaeche unter verschiedenen
+ Breiten, das Meer als ruhig angenommen; 2) die Abnahme der Waerme in
+ den ueber eineander gelagerten Wasserschichten; 3) den Einfluss der
+ Untiefen auf die Temperatur des Meeres; 4) die Temperatur der
+ Stroemungen, die mit constanter Geschwindigkeit die Gewaesser der
+ einen Zone durch ruhenden Gewaesser der andern hindurchfuehren.
+
+ 4 Diese Kameele, die zum Feldbau dienen und deren Fleisch man im Lange
+ zuweilen eingesalzen isst, lebten hier nicht vor der Eroberung der
+ Inseln durch die Bethencourts. Im sechzehnten Jahrhundert hatten
+ sich die Esel auf Fortaventura dergestalt vermehrt, dass sie
+ verwildert waren und man Jagd auf sie machen musste. Man schoss ihrer
+ mehrere tausend, damit die Ernten nicht zu Grunde gingen. Die Pferde
+ auf Fortaventura sind von berberischer Rasse und ausgezeichnet
+ schoen.
+
+ 5 In 32 Faden Tiefe kann der Fucus nur von einem Lichte beleuchtet
+ gewesen seyn, das 203mal staerker ist als das Mondlicht, also gleich
+ der Haelfte des Lichts, das eine Talgkerze auf 1 Fuss Entfernung
+ verbreitet. Nach meinen direkten Versuchen wird aber das _Lepidium
+ saticum_ beim glaenzenden Lichte zweier Argandschen Lampen kaum
+ merkbar gruen.
+
+ 6 Ich bemerke hier, dass diese Klippe schon auf der beruehmten
+ venetianischen Karte des Andrea Bianco angegeben ist, dass aber mit
+ dem Namen Infierno, wie auch auf der aeltesten Karte des Picigano,
+ Teneriffa bezeichnet ist, wahrscheinlich, weil die Guanchen den Pic
+ als den Eingang der Hoelle ansahen.
+
+ 7 Mit Verwunderung liest man in einem sonst ganz nuetzlichen, unter den
+ Seeleuten sehr verbreiteten Buche, in der neunten Ausgabe des
+ _Practical Navigator_ von Hamilton Moore, p. 200, in Folge der
+ Massenattractien oder der allgemeinen Schwere komme ein Fahrzeug
+ schwer von der Kueste weg und werde die Schaluppe einer Fregatte von
+ dieser selbst angezogen.
+
+ 8 Die Hoehe dieses Pics betraegt nach de Fleurien 1100 Toisen [2144 m],
+ nach Ferrer 1238 [2413], nach Tofino 1260 [2457], aber diese Maasse
+ sind nur annaehernde Schaetzungen. Der Capitaen des Pizarro, Don Manuel
+ Cagigal, hat mir aus seinem Tagebuch bewiesen, dass er den Pic der
+ Azoren auf 37 Meilen Entfernung gesehen hat, zu einer Zeit, wo er
+ seiner Laenge wenigstens bis auf 2 Minuten gewiss war. Der Vulkan
+ wurde in Sued 4 deg. Ost gesehen, so dass der Irrthum in der Laenge auf die
+ Schaetzung der Entfernung nur ganz unbedeutenden Einfluss haben
+ konnte. Indessen war der Winkel, unter dem der Pic der Azoren
+ erschien, so gross, dass Cagigal der Meinung ist, der Vulkan muesse auf
+ mehr als 40 oder 42 Lieues zu sehen seyn. Der Abstand von 37 Lieues
+ setzt eine Hoehe von 1431 Toisen [2789 m] voraus.
+
+ 9 Der Mowna-Roa auf den Sandwichsinseln ist nach Marchand ueber 2598
+ Toisen hoch, nach King 2577, aber diese Messungen sind, trotz ihrer
+ zufaelligen Uebereinstimmung, keineswegs auf zuverlaessigem Wege
+ erzielt. Es ist eine ziemlich auffallende Erscheinung, dass ein
+ Berggipfel unter 19 deg. Breite, der wahrscheinlich ueber 2500 Toisen
+ hoch ist, von Schnee ganz entbloesst wird. Die starke Abplattung des
+ Mowna-Roa, der *Mesa* der alten spanischen Karten, seine vereinzelte
+ Lage im Weltmeer und die Haeufigkeit gewisser Winde, die durch den
+ aufsteigenden Strom abgelenkt, in schiefer Richtung wehen, moegen die
+ vornehmsten Ursachen seyn. Es laesst sich nicht wohl annehmen, dass
+ sich Capitaen Marchand in der Schaetzung des Abstandes, in dem er am
+ 10. Oktober 1791 den Gipfel des Mowna-Roa sah, bedeutend geirrt
+ habe. Er hatte die Insel O-Whyhee erst am 7. Abends verlassen, und
+ nach der Bewegung der Gewaesser und den Mondsbeobachtungen am
+ 10. betrug die Entfernung wahrscheinlich sogar noch mehr als 53
+ Meilen. Ueberdiess berichtet ein erfahrner Seemann, de Fleurien, dass
+ der Pic von Teneriffa selbst bei nicht ganz klarem Wetter auf 35 bis
+ 36 Meilen zu sehen sey.
+
+
+
+
+
+ZWEITES KAPITEL
+
+
+ Aufenthalt auf Teneriffa -- Reise von Santa Cruz nach Orotava --
+ Besteigung des Pics
+
+
+Von unserer Abreise von Graciosa an war der Horizont fortwaehrend so
+dunstig, dass trotz der ansehnlichen Hoehe der Berge Canarias _(Isla de la
+gran Canaria)_ die Insel erst am 19. Abends in Sicht kam. Sie ist die
+Kornkammer des Archipels der "glueckseligen Inseln", und man behauptet, was
+fuer ein Land ausserhalb der Tropen sehr auffallend ist, in einigen Strichen
+erhalte man zwei Getreideernten im Jahre, eine im Februar, die andere im
+Juni. Canaria ist noch nie von einem unterrichteten Mineralogen besucht
+worden; sie verdiente es aber um so mehr, als mir ihre in parallen Ketten
+streichenden Berge von ganz andrem Charakter schienen, als die Gipfel von
+Lancerota und Teneriffa. Nichts ist fuer den Geologen anziehender als die
+Beobachtung, wie sich an einem bestimmten Punkte die vulkanischen
+Bildungen zu den Urgebirgen und den securdaeren Gebirgen verhalten. Sind
+einmal die canarischen Inseln in allen ihren Gebirgsgliedern erforscht, so
+wird sich zeigen, dass man zu voreilig die Bildung der ganzen Gruppe einer
+Hebung durch unterseeische Feuerausbrueche zugeschrieben hat.
+
+Am 19. Morgens sahen wir den Berggipfel Naga (_Punta de Naga_, _Anaga_
+oder _Nago_), aber der Pik von Teneriffa blieb fortwaehrend unsichtbar. Das
+Land trat nur undeutlich hervor, ein dicker Nebel verwischte alle Umrisse.
+Als wir uns der Rhede von Santa Cruz naeherten, bemerkten wir, dass der
+Nebel, vom Winde getrieben, auf uns zukam. Das Meer war sehr unruhig, wie
+fast immer in diesen Strichen. Wir warfen Anker, nachdem wir mehrmals das
+Senkblei ausgeworfen; denn der Nebel war so dicht, dass man kaum auf ein
+paar Kabellaengen sah. Aber eben da man anfing den Platz zu salutiren,
+zerstreute sich der Nebel voellig, und da erschien der Pic de Teyde in
+einem freien Stueck Himmel ueber den Wolken, und die ersten Strahlen der
+Sonne, die fuer uns noch nicht aufgegangen war, beleuchteten den Gipfel des
+Vulkanes. Wir eilten eben aufs Vordertheil der Corvette, um dieses
+herrlichen Schauspiels zu geniessen, da signalisirte man vier englische
+Schiffe, die ganze nahe an unseren Hintertheile auf der Seite lagen. Wir
+waren in ihnen vorbeigesegelt, ohne dass sie uns bemerkt hatten, und
+derselbe Nebel, der uns den Anblick des Pic entzogen, hatte uns der Gefahr
+entrueckt, nach Europa zurueckgebracht zu werden. Wohl waere es fuer
+Naturforscher ein grosser Schmerz gewesen, die Kueste von Teneriffa von
+weitem gesehen zu haben, und einen von Vulkanen zerruetteten Boden nicht
+betreten zu duerfen.
+
+Alsbald hoben wir den Anker und der Pizarro naeherte sich so viel moeglich
+dem Fort, um unter den Schutz desselben zu kommen. Hier auf dieser Rhede,
+als zwei Jahre vor unserer Ankunft die Englaender zu landen versuchten, riss
+eine Kanonenkugel Admiral Nelson den Arm ab (im Juli 1797). Der
+Generalstatthalter der canarischen Inseln [Don Andres de Perlasca.]
+schickte an den Capitaen der Corvette den Befehl, alsbald die
+Staatsdepechen fuer die Statthalter der Colonien, das Geld an Bord und die
+Post ans Land schaffen zu lassen. Die englischen Schiffe entfernten sich
+von der Rhede; sie hatten tags zuvor auf das Paketboot Alcadia Jagd
+gemacht, das wenige Tage vor uns von Corunna abgegangen war. Es hatte in
+den Hafen von Palmas auf Canaria einlaufen muessen, und mehrere Passagiere,
+die in einer Schaluppe nach Santa Cruz auf Teneriffa fuhren, waren
+gefangen worden.
+
+Die Lage dieser Stadt hat grosse Aehnlichkeit mit der von Guayra, dem
+besuchtesten Hafen der Provinz Caracas. An beiden Orten ist die Hitze aus
+denselben Ursachen sehr gross; aber von aussen erscheint Santa Cruz
+truebseliger. Auf einem oeden, sandigen Strande stehen blendend weisse Haeuser
+mit platten Daechern und Fenstern ohne Glas vor einer schwarzen senkrechten
+Felsmauer ohne allen Pflanzenwuchs. Ein huebscher Hafendamm aus gehauenen
+Steinen und der oeffentliche, mit Pappeln besetzte Spaziergang bringen die
+einzige Abwechselung in das eintoenige Bild. Von Santa Cruz aus nimmt sich
+der Pic weit weniger malerisch aus als im Hafen von Orotava. Dort ergreift
+der Gegensatz zwischen einer lachenden, reich bebauten Ebene und der
+wilden Physiognomie des Vulkanes. Von den Palmen- und Bananengruppen am
+Strande bis zu der Region der Arbutus, der Lorbeeren und Pinien ist das
+vulkanische Gestein mit kraeftigem Pflanzenwuchs bedeckt. Man begreift, wie
+sogar Voelker, welche unter dem schoenen Himmel von Griechenland und Italien
+wohnen, im oestlichen Teil von Teneriffa eine der glueckseligen Inseln
+gefunden zu haben meinten. Die Ostkueste dagegen, an der Santa Cruz liegt,
+traegt ueberall den Stempel der Unfruchtbarkeit. Der Gipfel des Pics ist
+nicht oeder als das Vorgebirge aus basaltischer Lava, das der Punta de Naga
+zulaeuft und wo Fettpflanzen in den Ritzen des Gesteines eben erst den
+Grund zu einstiger Dammerde legen. ImHaven von Orotava erscheint die
+Spitze des Zuckerhutes unter einem Winkel von 16 1/2 deg., waehrend auf dem
+Hafendamm von Santa Cruz der Winkel kaum 4 deg. 36' betraegt. [Der Spitze des
+Vulkans ist von Orotava etwa 8600, von Santa Cruz 22,500 Toisen entfernt.]
+
+Trotz diesem Unterschied, und obgleich am letzteren Orte der Vulkan kaum
+so weit ueber den Horizont aufsteigt, als der Vesuv, vom Molo von Neapel
+aus gesehen, so ist dennoch der Anblick des Pics, wenn man ihn vor Anker
+auf der Rhede zum erstenmal sieht, aeusserst grossartig. Wir sahen nur den
+Zuckerhut; sein Kegel hob sich vom reinsten Himmelsblau ab, waehrend
+schwarze dicke Wolken den uebrigen Berg bis auf 1800 Toisen [3500 m] Hoehe
+einhuellten. Der Bimsstein, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, warf
+ein roethliches Licht zurueck, dem aehnlich, das haeufig die Gipfel der
+Hochalpen faerbt. Allmaehlich ging dieser Schimmer in das blendendste Weiss
+ueber, und es ging uns wie den meisten Reisenden, wir meinten, der Pic sey
+noch mit Schnee bedeckt und wir werden nur mit grosser Muehe an den Rand des
+Kraters gelangen koennen.
+
+Wir haben in der Cordillere der Anden die Beobachtung gemacht, dass
+Kegelberge, wie der Cotopaxi und der Tungurahua, sich oefter unbewoelkt
+zeigen als Berge, deren Krone mit vielen kleinen Unebenheiten besetzt ist,
+wie der Antisana und der Pichincha; aber der Pic von Teneriffa ist, trotz
+seiner Kegelgestalt, einen grossen Theil des Jahres in Dunst gehuellt, und
+zuweilen sieht man ihn auf der Rhede von Santa Cruz mehrere Wochen lang
+nicht ein einzigesmal. Die Erscheinung erklaert sich ohne Zweifel daraus,
+dass er westwaerts von einem grossen Festland und ganz isoliert im Meere
+liegt. Die Schiffer wissen recht gut, dass selbst die kleinsten,
+niedrigsten Eilande die Wolken anziehen und festhalten. Ueberdiess erfolgt
+die Waermeabgabe ueber den Ebenen Afrika's und ueber der Meeresflaeche in
+verschiedenem Verhaeltniss, und die Luftschichten, welche die Passatwinde
+herfuehren, kuehlen sich immer mehr ab, je weiter sie gegen Wesst gelangen.
+Die Luft, die ueber dem hiessen Wuestensand ausnehmend trochen war,
+schwaengert sich rasch, sobald sie mit der Meeresflaeche oder mit der Luft,
+die auf dieser Flaeche ruht, in Beruehrung kommt. Man sieht also leicht,
+warum die Duenste in Luftschichten sichtbar werden, die, vom Festland
+weggefuehrt, nicht mehr die Temperatur haben, bei der sie sich mit Wasser
+gesaettigt hatten. Zudem haelt die bedeutende Masse eines frei aus dem
+atlantischen Meere aufsteigenden Berges die Wolken auf, welche der Wind
+der hohen See zutreibt.
+
+Lange und mit Ungeduld warteten wir auf die Erlaubnis von seiten des
+Statthalters, ans Land gehen zu duerfen. Ich nuetzte die Zeit, um die Laenge
+des Hafendammes von Santa Cruz zu bestimmen und die Inclination der
+Magnetnadel zu beobachten. Der Chronometer von Louis Berthoud gab jene zu
+18 deg. 33' 10" an. Diese Bestimmung weicht um 3-4 Bogenminuten von derjenigen
+ab, die sich aus den alten Beobachtungen von Fleurieu, Pingre, Borda,
+Vancouver und la Peyrouse ergibt. Guenot hatte uebrigens gleichfalls
+18 deg. 33' 36" gefunden und der unglueckliche Capitaen Blight 18 deg. 34' 30". Die
+Genauigkeit meines Ergebnisses wurde drei Jahre darauf bei der Expedition
+des Ritters Krusenstern bestaetigt: man fand fuer Santa Cruz 16 deg. 12' 45"
+westlich von Greenwich, folglich 18 deg. 33' 0" westlich von Paris. Diese
+Angaben zeigen, dass die Laengen, welche Capitaen Cook fuer Teneriffa und das
+Cap der guten Hoffnung annahm, viel zu weit westlich sind. Derselbe
+Seefahrer hatte im Jahr 1799 die magnetische Inclination gleich 61 deg. 52'
+gefunden. Bonpland und ich fanden 62 deg. 24', was mit dem Resultat
+uebereinstimmt, das de Rossel bei d'Entrecasteaux's Expedition im Jahr 1791
+erhielt. Die Declination der Nadel schwankt um mehrere Grade, je nachdem
+man sie auf dem Hafendamm oder an verschiedenen Punkten nordwaerts laengs
+des Gestades beobachtet. Diese Schwankungen koennen ein einem von
+vulkanischem Gestein umgebenen Orte nicht befremden. Ich habe mit
+Gay-Lussac die Beobachtung gemacht, dass am Abhang des Vesuvs und im Innern
+des Kraters die Intensitaet der magnetischen Kraft durch die Naehe der Laven
+modicirt wird.
+
+Nachdem die Leute, die zu uns an Bord gekommen waren, um sich nach
+politischen Neuigkeiten zu erkundigen, uns mit ihren vielerlei Fragen
+geplagt hatten, stiegen wir endlich ans Land. Das Boot wurde sogleich zur
+Corvette zurueckgeschickt, weil die auf der Rhede sehr gefaehrliche Brandung
+es leicht haette am Hafendamm zertruemmern koennen. Das erste, was uns zu
+Gesicht kam, war ein hochgewachsenes, sehr gebraeuntes, schlecht
+gekleidetes Frauenzimmer, das die *Capitana* hiess. Hinter ihr kamen einige
+andere in nicht anstaendigerem Aufzug; sie bestuermten uns mit der Bitte, an
+Bord des Pizarro gehend zu duerfen, was ihnen natuerlich nicht bewilligt
+wurde. In diesem von Europaeern so stark besuchten Hafen ist die
+Ausschweifung diszipliniert. Die Capitana ist von ihresgleichen als
+Anfuehrerin gewaehlt, und sie hat grosse Gewalt ueber sie. Sie laesst nichts
+geschehen, was sich mit dem Dienst auf den Schiffen nicht vertraegt, sie
+fordert die Matrosen auf, zur rechten Zeit an Bord zurueckzukehren, und die
+Officiere wenden sich an sie, wenn man fuerchtet, dass sich einer von der
+Mannschaft versteckt habe, um auszureissen.
+
+Als wir die Strassen von Santa Cruz betraten, kam es uns zum Ersticken heiss
+vor, und doch stand der Thermometer nur auf 25 Grad. Wenn man lange
+Seeluft geathmet hat, fuehlt man sich unbehaglich, so oft man ans Land
+geht, nicht weil jene Luft mehr Sauerstoff enthaelt als die Luft am Land,
+wie man irrthuemlich behauptet hat, sondern weil sie weniger mit den
+Gasgemischen geschwaengert ist, welche die thierischen und Pflanzenstoffe
+und die Dammerde, die sich aus ihrer Zersetzung bildet, fortwaehrend in den
+Luftkreis entbinden. Miasmen, welche sich der chemischen Analyse
+entziehen, wirken gewaltig auf die Organe, zumal wenn sie nicht schon seit
+laengerer Zeit denselben Reizen ausgesetzt gewesen sind.
+
+Santa Cruz de Tenerifa, das Anaza der Guanchen, ist eine ziemlich huebsche
+Stadt mit 8000 Einwohnern. Mir ist die Menge von Moenchen und
+Weltgeistlichen, welche die Reisenden in allen Laendern unter spanischem
+Zepter sehen zu muessen glauben, gar nicht aufgefallen. Ich halte mich auch
+nicht damit auf, die Kirchen zu beschreiben, die Bibliothek der
+Dominicaner, die kaum ein paar hundert Baende zaehlt, den Hafendamm, wo die
+Einwohnerschaft Abends zusammenkommt, um der Kuehle zu geniessen, und das
+beruehmte dreissig Fuss [10 m] hohe Denkmal aus carrarischen Marmor, geweiht
+unserer lieben Frau von Candelaria, zum Gedaechtniss ihrer wunderbaren
+Erscheinung zu Chimisay bei Guimar im Jahre 1362. Der Hafen von Santa Cruz
+ist eigentlich ein grosses Caravanserai auf dem Wege nach Amerika und
+Indien. Fast alle Reisebeschreibungen beginnen mit einer Beschreibung von
+Madeira und Teneriffa, und wenn die Naturgeschichte dieser Inseln der
+Forschung noch ein ungeheures Feld bietet, so laesst dagegen die Topographie
+der kleinen Staedte Funchal, Santa Cruz, Laguna und Orotava fast nichts zu
+wuenschen uebrig.
+
+Die Empfehlungen des Madrider Hofes verschafften uns auf den Canarien, wie
+in allen anderen spanischen Besitzungen, die befriedigendste Aufnahme. Vor
+allem ertheilte uns der Generalcapitaen die Erlaubniss, die Insel zu
+bereisen. Der Oberst Armiaga, Befehlshaber eines Infanterieregimentes,
+nahm uns in seinem Hause auf und ueberhaeufte uns mit Hoeflichkeit. Wir
+wurden nicht muede, in seinem Garten im Freien gezogene Gewaechse zu
+bewundern, die wir bis jetzt nur in Treibhaeusern gesehen hatten, den
+Bananenbaum, den Melonenbaum, die _Poinciana pulcherrima_ und andere. Das
+Klima der Canarien ist indessen nicht warm genug, um den aechten _Platano
+arton_ mit dreieckiger, sieben bis acht Zoll langer Frucht, der eine
+mittlere Temperatur von etwa 24 Graden verlangt und selbst nicht im Thale
+von Caracas fortkommt, reif werden zu lassen. Die Bananen auf Teneriffa
+sind die, welche die spanischen Colonisten *Camburis* oder *Guineos* und
+*Dominicos* nennen. Der Camburi, der am wenigsten vom Frost leidet, wird
+sogar in Malaga mit Erfolg gebaut [Die mittlere Temperatur dieser Stadt
+betraegt nur 18 deg..]; aber die Fruechte, die man zuweilen zu Cadix sieht,
+kommen von den Canarien auf Schiffen, welche die Ueberfahrt in drei, vier
+Tagen machen. Die Musa, die allen Voelkern der heissen Zone bekannt ist, und
+die man bis jetzt nirgends wild gefunden hat, variiert meist in ihren
+Fruechten, wie unsere Apfel- und Birnenbaeume. Diese Varietaeten, welche die
+meisten Botaniker verwechseln, obgleich sie sehr verschiedene Klimate
+verlangen, sind durch lange Cultur constant geworden.
+
+Am Abend machten wir eine botanische Excursion nach dem Fort Passo Alto
+laengs der Basaltfelsen, welche das Vorgebirge Naga bilden. Wir waren mit
+unserer Ausbeute sehr schlecht zufrieben, denn die Trockenheit und der
+Staub hatten die Vegetation so ziemlich vernichtet. _Cacalia Kleinia_,
+_Euphorbia canariensis_ und sehr verschiedene andere Fettpflanzen, welche
+ihre Nahrung vielmehr aus der Luft als aus dem Boden ziehen, auf dem sie
+wachsen, mahnten uns durch ihren Habitus daran, dass diese Inseln Afrika
+angehoeren, und zwar dem duerrsten Striche dieses Festlandes.
+
+Der Capitaen der Corvette hatte zwar den Befehl, so lange zu verweilen, dass
+wir die Spitze des Pics besteigen koennten, wenn anders der Schnee es
+gestattete; man gab uns aber zu erkennen, wegen der Blockade der
+englischen Schiffe duerften wir nur auf einen Aufenthalt von vier, fuenf
+Tagen rechnen. Wir eilten demnach, in den Hafen von Orotava zu kommen, der
+am Westabhang des Vulkans liegt, und wo wir Fuehrer zu finden sollten. In
+Santa Cruz konnte ich Niemanden auffinden, der den Pic bestiegen gehabt
+haette, und ich wunderte mich nicht darueber. Die merkwuerdigsten Dinge haben
+desto weniger Reiz fuer uns, je naeher sie uns sind, und ich kannte
+Schaffhauser, welche den Rheinfall niemals in der Naehe gesehen hatten.
+
+Am 20. Juni vor Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg nach Villa de la
+Laguna, die 350 Toisen [682 m] ueber dem Hafen von Santa Cruz liegt. Wir
+konnten diese Hoehenangabe nicht verificiren, denn wegen der Brandung
+hatten in der Nacht nicht an Bord gehen koennen, um Barometer und
+Inclinationscompass zu holen. Da wir voraussahen, dass wir bei unserer
+Besteigung des Pic sehr wuerden eilen muessen, so war es uns ganz lieb, dass
+die Instrumente, die uns in unbekannteren Laendern dienen sollten, hier
+keiner Gefahr aussetzen konnten. Der Weg nach Laguna hinauf laeuft an der
+rechten Seite eines Baches oder *Barranco* hin, der in der Regenzeit
+schoene Faelle bildet; er ist schmal und vielfach gewunden. Nach meiner
+Rueckkehr habe ich gehoert, Herr von Perlasca habe hier eine neue Strasse
+anlegen lassen, auf der Wagen fahren koennen. Bei der Stadt begegneten uns
+weisse Kameele, die sehr leicht beladen schienen. Diese Thiere werden
+vorzugsweise dazu gebraucht, die Waaren von der Douane in die Magazine der
+Kaufleute zu schaffen. Man ladet ihnen gewoehnlich zwei Kisten Havanazucker
+auf, die zusammen 900 Pfund wiegen, man kann aber die Ladung bis auf 13
+Zentner oder 52 castilische Arrobas steigern. Auf Teneriffa sind die
+Kameele nicht sehr haeufig, waehrend ihrer auf Lanzerota und Fortaventura
+viele Tausende sind. Diese Inseln liegen Afrika naeher und kommen daher
+auch in Klima und Vegetation mehr mit diesem Continent ueberein. Es ist
+sehr auffallend, dass dieses nuetzliche Thier, das sich in Suedamerika
+fortpflanzt, dies auf Teneriffa fast nie thut. Nur im fruchtbaren Distrikt
+von Adexe, wo die bedeutendsten Zuckerrohrpflanzungen sind, hat man die
+Kameele zuweilen Junge werfen sehen. Diese Lastthiere, wie die Pferde,
+sind im fuenfzehnten Jahrhundert durch die normaennischen Eroberer auf den
+Canarien eingefuehrt worden. Die Guanchen kannten sie nicht, und dies
+erklaert sich wohl leicht daraus, dass ein so gewaltiges Thier schwer auf
+schwachen Fahrzeugen zu transportiren ist, ohne dass man die Guanchen als
+die Ueberreste der Bevoelkerung der Atlantis zu betrachten und zu glauben
+braucht, sie gehoeren einer anderen Rasse an als die Westafrikaner.
+
+Der Huegel, auf dem die Stadt San Christobal de la Laguna liegt, gehoert dem
+System von Basaltgebirgen an, die, unabhaengig vom System neuerer
+vulkanischer Gebirgsarten, einen weiten Guertel um den Pic von Teneriffa
+bilden. Der Basalt von Laguna ist nicht saeulenfoermig, sondern zeigt nicht
+sehr dicke Schichten, die nach Ost unter einem Winkel von 30 - 40 Grad
+fallen. Nirgends hat er das Ansehen eines Lavastroms, der an den Abhaengen
+der Pics ausgebrochen waere. Hat der gegenwaertige Vulkan diese Basalte
+hervorgebracht, so muss man annehmen, wie bei den Gesteinen, aus denen die
+Somma neben dem Vesuv besteht, dass sie in Folge eines unterseeischen
+Ausbruchs gebildet sind, wobei die weiche Masse wirklich geschichtet
+wurde. Ausser einigen baumartigen Euphorbien, _Cacalia Kleinia_ und
+Fackeldisteln (Cactus), welche auf den Canarien, wie im suedlichen Europa
+und auf dem afrikanischen Festland verwildert sind, waechst nichts auf
+diesem duerren Gestein. Unsere Maulthiere glitten jeden Augenblick auf
+stark geneigten Steinlagern aus. Indessen sahen wir die Ueberreste eines
+alten Pflasters. Bei jedem Schritt stoesst man in den Colonien auf Spuren
+der Thatkraft, welche die spanische Nation im sechzehnten Jahrhundert
+entwickelt hat.
+
+Je naeher wir Laguna kamen, desto kuehler wurde die Luft, und dies thut um
+so wohler, da es in Santa Cruz zum Ersticken heiss ist. Da widrige
+Eindruecke unsere Organe staerker angreifen, so ist der Temperaturwechsel
+auf dem Rueckweg von Laguna zum Hafen noch auffallender; man meint, man
+naehere sich der Muendung eines Schmelzofens. Man hat dieselbe Empfindung,
+wenn man an der Kueste von Caracas vom Berg Avila zum Hafen von Guayra
+niedersteigt. Nach dem Gesetz der Waermeabnahme machen in dieser Breite 350
+Toisen Hoehe nur drei bis vier Grad Temperaturunterschied. Die Hitze,
+welche dem Reisenden so laestig wird, wenn er Santa Cruz de Teneriffa oder
+Guayra betritt, ist daher wohl dem Rueckprallen der Waerme von den Felsen
+zuzuschreiben, an welche beide Staedte sich lehnen.
+
+Die fortwaehrende Kuehle, die in Laguna herrscht, macht die Stadt fuer die
+Canarier zu einem koestlichen Aufenthaltsort. Auf einer kleinen Ebene,
+umgeben von Gaerten, am Fusse eines Huegels, den Lorbeeren, Myrten und
+Erdbeerbaeume kroenen, ist die Hauptstadt von Teneriffa wirklich ungemein
+freundlich gelegen. Sie liegt keineswegs, wie man nach meheren
+Reiseberichten glauben sollte, an einem See. Das Regenwasser bildet hier
+periodisch einen weiten Sumpf, und der Geolog, der ueberall in der Natur
+vielmehr einen frueheren Zustand der Dinge als den gegenwaertigen im Auge
+hat, zweifelt nicht daran, dass die ganze Ebene ein grosses ausgetrockenetes
+Becken ist. Laguna ist in seinem Wohlstand herabgekommen, seit die
+Seitenausbrueche des Vulkans den Hafen von Garachico zerstoert haben und
+Santa Cruz der Haupthandelsplatz der Inseln geworden ist; es zaehlt nur
+noch 9000 Einwohner, worunter gegen 400 Moenche in sechs Kloestern. Manche
+Reisende behaupten, die Haelfte der Bevoelkerung bestehe aus Kuttentraegern.
+Die Stadt ist mit zahlreichen Windmuehlen umgeben, ein Wahrzeichen des
+Getreidebaus in diesem hochgelegenen Striche. Ich bemerke bei dieser
+Gelegenheit, dass die naehrenden Grasarten den Guanchen bekannt waren. Das
+Korn hiess auf Teneriffa _tano_, auf Lanzerota _triffa_; die Gerste hiess
+auf Canaria _aramotanoque_, auf Lanzerota _tamosen_. Geroestetes
+Gerstenmehl _(gofio)_ und Ziegenmilch waren die vornehmsten Nahrungsmittel
+dieses Volkes, ueber dessen Ursprung so viele systematische Traeumereien
+ausgeheckt worden sind. Diese Nahrung weist bestimmt darauf hin, dass die
+Guanchen zu den Voelkern der alten Welt gehoerten, wohl selbst zur
+caucasischen Race, und nicht, wie die andern Atlanten [Ich lasse mich hier
+auf keine Verhandlung ueber die Existenz der Atlantis ein und erwaehne nur,
+dass nach Diodor von Sicilien die Atlanten die Cerealien nicht kannten,
+weil sie von der uebrigen Menschheit getrennt worden, bevor ueberhaupt
+Getreide gebaut wurde.], zu den Volksstaemmen der neuen Welt; die letzteren
+kannten vor der Ankunft der Europaeer weder Getreide, noch Milch, noch
+Kaese.
+
+Eine Menge Capellen, von den Spaniern _ermitas_ genannt, liegen um die
+Stadt Laguna. Umgeben von immergruenen Baeumen auf kleinen Anhoehen, erhoehen
+diese Capellen, wie ueberall den malerischen Reiz der Landschaft. Das
+Innere der Stadt entspricht dem Aeussern durchaus nicht. Die Haeuser sind
+solid gebaut, aber sehr alt und die Strassen oede. Der Botaniker hat
+uebrigens nicht zudauern, dass die Haeuser so alt sind. Daecher und Mauern
+sind bedeckt mit _Sempervivum canariense_ und dem zierlichen
+_Trichomanes_, dessen alle Reisende gedenken; die haeufigen Nebel geben
+diesen Gewaechsen Unterhalt.
+
+Anderson, der Naturforscher bei Capitaen Cooks dritter Reise, gibt den
+europaeischen Aerzten den Rath, ihre Kranken nach Teneriffa zu schicken,
+keineswegs auf der Ruecksicht, welche manche Heilkuenstler die entlegendsten
+Baeder waehlen laesst, sondern wegen der ungemeinen Milde und Gleichmaessigkeit
+des Klimas der Canarien. Der Boden der Inseln steigt amphitheatralisch auf
+und zeigt, gleich Peru und Mexico, wenn auch in kleinerem Maassstab, alle
+Klimate, von afrikanischer Hitze bis zum Froste der Hochalpen. Santa Cruz,
+der Hafen von Orotava, die Stadt desselben Namens und Laguna sind vier
+Orte, deren mittlere Temperaturen eine abnehmende Reihe darstellen. Das
+suedliche Europa bietet nicht dieselben Vortheile, weil der Wechsel der
+Jahreszeiten sich noch zu stark fuehlbar macht. Teneriffa dagegen,
+gleichsam an der Pforte der Tropen und doch nur wenige Tagereisen von
+Spanien, hat schon ein gut Theil der Herrlichkeit aufzuweisen, mit der die
+Natur die Laender zwischen den Wendekreisen ausgestattet. Im Pflanzenreich
+treten bereits mehrere der schoensten und grossartigsten Gestalten auf, die
+Bananen und die Palmen. Wer Sinn fuer Naturschoenheit hat, findet auf dieser
+koestlichen Insel noch kraeftigere Heilmittel als das Klima. Kein Ort der
+Welt scheint mir geeigneter, die Schwermuth zu bannen und einen
+schmerzlich ergriffenen Gemuethe den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa
+und Madeia. Und solches wirkt nicht allein die herrliche Lage und die
+reine Luft, sondern vor allem das Nichtvorhandensein der Sklaverei, deren
+Anblick einen in beiden Indien so tief empoert, wie ueberall, wohin
+europaeische Colonisten ihre sogenannte Aufklaerung und ihre Industrie
+getragen haben.
+
+Im Winter ist das Klima von Laguna sehr nebligt und die Einwohner beklagen
+sich haeufig ueber Frost. Man hin indessen nie schneien sehen, woraus man
+schliessen sollte, dass die mittlere Temperatur der Stadt ueber 18 deg.,7
+(15 deg. R.) betraegt, das heisst mehr als in Neapel. Fuer streng kann dieser
+Schluss nicht gelten; denn im Winter haengt die Erkaeltung der Wolken weniger
+von der mittleren Temperatur des ganzen Jahres ab als vielmehr von der
+augenblicklichen Erniedrigung der Waerme, der ein Ort vermoege seiner
+besondern Lage ausgesetzt ist. Die mittlere Temperatur der Hauptstadt von
+Mexico ist z. B. nur 16 deg.,8 (13 deg.,5 R.), und doch hat man in hundert Jahren
+nur ein einziges mal schneien sehen, waehrend es im suedlichen Europa und in
+Afrika noch an Orten schneit, die ueber 19 Grad mittlere Temperatur haben.
+
+Wegen der Naehe des Meeres ist das Klima von Laguna im Winter milder, als
+es nach der Meereshoehe seyn sollte. Herr Broussonet hat sogar, wie ich mit
+Verwunderung hoerte, mitten in der Stadt, im Garten des Marquis von Nava,
+Brotfruchtbaeume _(Artocarpus incisa)_ und Zimmtbaeume _(Laurus cinnamomum)_
+angepflanzt. Diese koestlichen Gewaechse der Suedsee und Ostindiens wurden
+hier einheimisch, wie auch in Orotava. Sollte dieser Versuch nicht
+beweisen, dass der Brotfruchtbaum in Calabrien, auf Sicilien und in Grenada
+fortkaeme? Der Anbau des Kaffeebaumes ist in Laguna nicht in gleichem Maasse
+gelungen, wenn auch die Fruechte bei Tegueste und zwischen dem Hafen von
+Orotava und dem Dorfe San Juan de la Rambla reif werden. Wahrscheinlich
+sind oertliche Verhaeltnisse, vielleicht die Beschaffenheit des Bodens und
+die Winde, die in der Bluethezeit wehen, daran Schuld. In andern Laendern,
+z. B. bei Neapel, traegt der Kaffeebaum ziemlich reichlich Fruechte,
+obgleich die mittlere Temperatur kaum ueber 18 Grad der hunderttheiligen
+Scale betraegt.
+
+Auf Teneriffa ist die mittlere Hoehe, in der jaehrlich Schnee faellt, noch
+niemals bestimmt worden. Solches ist mittelst barometrischer Messung
+leicht auszufuehren, es ist aber bis jetzt fast in allen Erdstrichen
+versaeumt worden; und doch ist diese Bestimmung von grossem Belang fuer den
+Ackerbau in den Colonien und fuer die Meteorologie, und ganz so wichtig als
+das Hoehenmaass der untern Grenze des ewigen Schnees. Ich stelle die
+Ergebnisse meiner betreffenden Beobachtungen in folgender Uebersicht
+zusammen.
+
+Diese Tafel gibt nur das Durchschnittsverhaeltniss, das heisst die
+Erscheinungen, wie sie sich im ganzen Jahre zeigen. Besondere Lokalitaeten
+koennen Ausnahmen herbeifuehren. So schneit es zuweilen, wenn auch sehr
+selten, in Neapel, Lissabon, sogar in Malaga, also noch unter dem 37. Grad
+der Breite, und wie schon bemerkt, hat man Schnee in der Stadt Mexiko
+fallen sehen, die 1173 Toisen [2286 m] ueber dem Meere liegt. Dies war seit
+mehreren Jahrhunderten nicht vorgekommen, und das Ereigniss trat gerade am
+Tage ein, da die Jesuiten vertrieben wurden, und wurde vom Volke natuerlich
+dieser Gewaltmaassregel zugeschrieben. Noch ein auffallenderes Beispiel
+bietet das Klima von Valladolid, der Hauptstadt der Provinz Mechoacan.
+Nach meinen Messungen liegt diese Stadt unter 19 deg. 41' der Breite nur
+tausend Toisen hoch; dennoch waren daselbst wenige Jahre vor meiner
+Ankunft in Neuspanien die Strassen mehrere Stunden lang mit Schnee bedeckt.
+
+Auch auf Teneriffa hat man an einem Orte ueber Esperanza de la Laguna,
+dicht bei der Stadt dieses Namens, in deren Gaerten Brotbaeume wachsen,
+schneien sehen. Dieser ausserordentliche Fall wurde Broussonet von sehr
+alten Leuten erzaehlt. Die _Erica arborea_, die _Mirica Faya_ und _Arbutus
+callycarpa_ litten nicht durch den Schnee; aber alle Schweine, die im
+Freien waren, kamen dadurch um. Diese Beobachtung ist fuer die
+Pflanzenphysiologie von Wichtigkeit. In heissen Laendern sind die Gewaechse
+so kraeftig, dass ihnen der Frost weniger schadet, wenn er nur nicht lange
+anhaelt. Ich habe auf der Insel Cuba den Bananenbaum an Orten angebaut
+gesehen, wo der hunderttheilige Thermometer auf 7 Grad, ja zuweilen fast
+auf den Gefrierpunkt faellt. In Italien und Spanien gehen Orangen- und
+Dattelbaeume nicht zu Grunde, wenn es auch bei Nacht zwei Grad Kaelte hat.
+Im Allgemeinen macht man beim Garten- und Landbau die Bemerkung, dass
+Pflanzen in fruchtbarem Boden weniger zaertlich und somit auch fuer
+ungewoehnlich niedrige Temperaturgrade weniger empfindlich sind, als
+solche, die in einem Erdreich wachsen, dass ihnen nur wenig Nahrungssaefte
+bietet(10)
+
+Zwischen der Stadt Laguna, und dem Hafen von Orotava und der Westkueste von
+Teneriffa kommt man zuerst durch ein huegligtes Land mit schwarzer
+thonigter Dammerde, in der man hin und wieder kleine Augitkrystalle
+findet. Wahrscheinlich reisst das Wasser diese Krystalle vom anstehenden
+Gestein ab, wie zu Frascati bei Rom. Leider entziehen eisenhaltige
+Floetzschichten den Boden der geologischen Untersuchung. Nur in einigen
+Schluchten kommen saeulenfoermige, etwas gebogene Basalte zu Tag, und
+darueber sehr neue, den vulkanischen Tuffen aehnliche Mengsteine. In
+denselben sind Bruchstuecke des unterliegenden Basalts eingeschlossen, und
+wie versichert wird, finden sich Versteinerungen von Seethieren darin;
+ganz dasselbe kommt im Vicentinischen bei Montechio maggiore vor.
+
+Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land,
+von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe
+im heissen Erdguertel Landschaften gesehen, wo die Natur grossartiger ist,
+reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer
+des Orinoko, die Cordilleren in Peru und die schoenen Thaeler von Mexiko
+durchwandert, muss ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so
+anziehendes, durch die Vertheilung von Gruen und Felsmassen so harmonisches
+Gemaelde vor mir gehabt zu haben.
+
+Das Meeresufer schmuecken Dattelpalmen und Cocosnussbaeume; weiter oben
+stechen Bananengebuesche von Drachenbaeumen ab, deren Stamm man ganz richtig
+mit einem Schlangenleib vergleicht. Die Abhaenge sind mit Reben bepflanzt,
+die sich um sehr hohe Spaliere ranken. Mit Bluethen bedeckte Orangenbaeume,
+Myrten und Cypressen umgeben Capellen, welche die Andacht auf
+freistehenden Huegeln errichtet hat. Ueberall sind die Grundstuecke durch
+Hecken von Agave und Cactus eingefriedigt. Unzaehlige kryptogamische
+Gewaechse, zumal Farne, bekleiden die Mauern, die von kleinen klaren
+Wasserquellen feucht erhalten werden. Im Winter, waehrend der Vulkan mit
+Eis und Schnee bedeckt ist, geniesst man in diesem Landstrich eines ewigen
+Fruehlings. Sommers, wenn der Tag sich neigt, bringt der Seewind angenehme
+Kuehlung. Die Bevoelkerung der Kueste ist hier sehr stark; sie erscheint noch
+groesser, weil Haeuser und Gaerten zerstreut liegen, was den Reiz der
+Landschaft noch erhoeht. Leider steht der Wohlstand der Bewohner weder mit
+ihrem Fleisse, noch mit der Fuelle der Natur im Verhaeltniss. Die das Land
+bauen, sind meist nicht Eigenthuemer desselben; die Frucht ihrer Arbeit
+gehoert dem Adel, und das Lehnssystem, das so lange ganz Europa ungluecklich
+gemacht hat, laesst noch heute das Volk der Canarien zu keiner Bluethe
+gelangen.
+
+Von Tegueste und Tacoronte bis zum Dorfe San Juan de la Rambla, beruehmt
+durch seinen trefflichen Malvasier, ist die Kueste wie ein Garten angebaut.
+Ich moechte sie mit der Umgegend von Capua oder Valencia vergleichen, nur
+ist die Westseite von Teneriffa unendlich schoener wegen der Naehe des Pics,
+der bei jedem Schritt wieder eine andere Ansicht bietet. Der Anblick
+dieses Berges ist nicht allein wegen seiner imposanten Masse anziehend; er
+beschaeftigt lebhaft des Geist und laesst uns den geheimnisvollen Quellen der
+vulkanischen Kraefte nachdenken. Seit Tausenden von Jahren ist kein
+Lichtschimmer auf der Spitze des Piton gesehen worden, aber ungeheure
+Seitenausbrueche, deren letzter im Jahre 1798 erfolgte, beweisen die
+fortwaehrende Thaetigkeit eines nicht erloeschenden Feuers. Der Anblick eines
+Feuerschlundes mitten in einem fruchtbaren Lande mit reichem Anbau hat
+indessen etwas Niederschlagendes. Die Geschichte des Erdballes lehrt uns,
+dass die Vulkane wieder zerstoeren, was sie in einer langen Reihe von
+Jahrhunderten aufgebaut. Inseln, welche die unterirdischen Feuer ueber die
+Fluthen emporgehoben, schmuecken sich allmaehlich mit reichem, lachenden
+Gruen; aber gar oft werden diese neuen Laender durch dieselben Kraefte
+zerstoert, durch die sie vom Boden des Ozeans ueber seine Flaeche gelangt
+sind. Vielleicht waren Eilande, die jetzt nichts sind als Schlacken- und
+Aschenhaufen, einst so fruchtbar als die Gelaende von Tacoronte und Sauzal.
+Wohl den Laendern, wo der Mensch dem Boden, auf dem er wohnt, nicht
+misstrauen darf!
+
+Auf unserem Wege zum Hafen von Orotava kamen wir durch die huebschen Doerfer
+Matanza und Victoria. Diese beiden Namen findet man in allen spanischen
+Colonien neben einander; sie machen einen widrigen Eindruck in einem
+Lande, wo alles Ruhe und Frieden atmet. *Matanza* bedeutet Schlachtbank,
+Blutbad, und schon das Wort deutet an, um welchen Preis der Sieg erkauft
+worden. In der neuen Welt weist er gewoehnlich auf eine Niederlage der
+Eingeborenen hin; auf Teneriffa bezeichnet Matanza den Ort, wo die Spanier
+von denselben Guanchen geschlagen wurden, die man bald auf den spanischen
+Maerkten als Sklaven verkaufte.
+
+Ehe wir nach Orotava kamen, besuchten wir den botanischen Garten nicht
+weit vom Hafen. Wir trafen da den franzoesischen Viceconsul Legros, der oft
+auf der Spitze des Pic gewesen war und an dem wir einen vortrefflichen
+Fuehrer fanden. Er hatte mit Capitaen Baudin eine Fahrt nach Antillen
+gemacht, durch die der Pariser Pflanzengarten ansehnlich bereichert worden
+ist. Ein furchtbarer Sturm, den Ledru in seiner Reise nach Portorico
+beschreibt, zwang das Fahrzeug bei Teneriffa anzulegen, und das herrliche
+Klima der Insel brachte Legros zu dem Enschluss, sich hier niederzulassen.
+Ihm verdankt die gelehrte Welt Europa's die ersten genauen Nachrichten
+ueber den grossen Seitenausbruch des Pics, den man sehr uneigentlich den
+Ausbruch des Vulkans von Chahorra nennt. [Am 8. Juni 1798.]
+
+Die Anlage eines botanischen Gartens auf Teneriffa ist ein sehr
+gluecklicher Gedanke, da derselbe sowohl fuer die wissenschaftliche Botanik
+als fuer die Einfuehrung nuetzlicher Gewaechse in Europa sehr foerderlich
+werden kann. Die erste Idee eines solchen verdankt man dem Marquis von
+Nava (Marquis von Villanueva del Prado), einem Mann, der Poivre an die
+Seite gestellt zu werden verdient und im Triebe, das Gute zu foerdern, von
+seinem Vermoegen den edelsten Gebrauch gemacht hat. Mit ungeheuren Kosten
+liess er den Huegel von Durasno, der amphitheatralisch aufsteigt, abheben,
+und im Jahr 1795 machte man mit den Anpflanzungen den Anfang. Nava war der
+Ansicht, dass die Canarien, vermoege des midlen Klimas und der
+geographischen Lage, der geeignetste Punkt seyen, um die Naturprodukte
+beider Indien zu acclimatisiren, um die Gewaechse aufzunehmen, die sich
+allmaehlich an die niedrigere Temperatur des suedlichen Europa gewoehnen
+sollen. Asiatisch, afrikanische, suedamerikanische Pflanzen gelangen leicht
+in den Garten bei Orotava, um den Chinabaum [Ich meine die Chinaarten, die
+in Peru und im Koenigreich Neu-Grenada auf dem Ruecken der Cordilleren,
+zwischen 1000 und 1500 Toisen Meereshoehe an Orten wachsen, wo der
+Thermometer bei Tag zwischen 9 und 10 Grad, bei Nacht zwischen 3 und 4
+Grad steht. Die orangegelbe Quinquina _(Cinchona lancifolia)_ ist weit
+weniger empfindlich als die rothe _(C. oblongifolia)_] in Sicilien,
+Portugal oder Grenada einzufuehren, muesste man ihn zuerst in Durasno oder
+Laguna anbauen und dann erst die Schoesslinge der canarischen China nach
+Europa verpflanzen. In besseren Zeiten, wo kein Seekrieg mehr den Verkehr
+in Fesseln schlaegt, kann der Garten in Teneriffa auch fuer die starken
+Pflanzensendungen aus Indien nach Europa von Bedeutung werden. Diese
+Gewaechse gehen haeufig, ehe sie unsere Kuesten erreichen, zu Grunde, weil
+sie auf der langen Ueberfahrt eine mit Salzwasser geschwaengerte Luft
+athmen muessen. Im Garten von Orotava faenden sie eine Pflege und ein Klima,
+wobei sie sich erholen koennten. Da die Unterhaltung des botanischen
+Gartens von Jahr zu Jahr kostspieliger wurde, trat der Marquis denselben
+der Regierung ab. Wir fanden daselbst einen geschickten Gaertner, einen
+Schueler Aitons, des Vorstehers des koeniglichen Gartens zu Kew. Der Boden
+steigt in Terrassen auf und wird von einer natuerlichen Quelle bewaessert.
+Man hat die Aussicht auf die Insel Palma, die wie ein Castell aus dem
+Meere emporsteigt. Wir fanden aber nicht viele Pflanzen hier: man hatte,
+wo Gattungen fehlten, Etiketten aufgesteckt, mit auf Gerathewohl aus
+Linnes _systema vegetabilium_ genommen schienen. Diese Anordnung der
+Gewaechse nach den Classen des Sexualsystems, die man leider auch in
+manchen europaeischen Gaerten findet, ist dem Anbau sehr hinderlich. In
+Durasno wachsen Proteen, der Gojavabaum, der Jambusenbaum, die Chirimoya
+aus Peru, [_Annona Cherimolia_ Lamarck.] Mimosen und Heliconien im Freien.
+Wir pflueckten reife Samen von mehreren schoenen Glycinearten aus
+Neuholland, welche der Gouverneur von Cumana, Emparan, mit Erfolg
+angepflanzt hat und die seitdem auf den suedamerikanischen Kuesten wild
+geworden sind.
+
+Wir kamen sehr spaet in den Hafen von Orotava, [_Puerto de la Cruz_. Der
+einzige schoene Hafen der Canarien ist der von San Sebastiano auf der Insel
+Gomera.] wenn man anders diesen Namen einer Rhede geben kann, auf der die
+Fahrzeuge unter Segel gehen muessen, wenn der Wind stark aus Nordwest
+blaest. Man kann nicht von Orotova sprechen, ohne die Freunde der
+Wissenschaft an Cologan zu erinnern, dessen Haus von jeher den Reisenden
+aller Nationen offen stand. Mehrere Glieder dieser achtungswerthen Familie
+sind in London und Paris erzogen worden. Don Bernardo Cologan ist bei
+gruendlichen, mannigfaltigen Kenntnissen der feurigste Patriot. Man ist
+freudig ueberrascht, auf einer Inselgruppe an der Kueste von Afrika der
+liebenswuerdigen Geselligkeit, der edlen Wissbegierde, dem Kunstsinn zu
+begegnen, die man ausschliesslich in einem kleinen Theile von Europa zu
+Hause glaubt.
+
+Gerne haetten wir einige Zeit in Cologans Hause verweilt und mit ihm in der
+Umgegend von Orotava die herrlichen Punkte San Juan de la Rambla und
+Rialexo de Abaxo besucht. Aber auf einer Reise wie die, welche ich
+angetreten, kommt man selten dazu, der Gegenwart zu geniessen. Die quaelende
+Besorgniss, nicht ausfuehren zu koennen, was man den andern Tag vorhat,
+erhaelt einen in bestaendiger Unruhe. Leidenschaftliche Natur- und
+Kunstfreunde sind auf der Reise durch die Schweiz oder Italien in ganz
+aehnlicher Gemuethsverfassung; da sie die Gegenstaende, die Interesse fuer sie
+haben, immer nur zum kleinsten Theil sehen koennen, so wird ihnen der Genuss
+durch die Opfer verbitternt, die sie auf jedem Schritt zu bringen haben.
+
+Bereits am 21. Morgens waren wir auf dem Weg nach dem Gipfel des Vulkans.
+Legros, dessen zuvorkommende Gefaelligkeit wir nicht genug loben koennen,
+der Secretaer des franzoesischen Consulats zu Santa Cruz und der englische
+Gaertner von Durasno teilten mit uns die Beschwerden der Reise. Der Tag war
+nicht sehr schoen, und der Gipfel des Pic, den man in Orotava fast immer
+sieht, von Sonnenaufgang bis zehn Uhr in dicke Wolken gehuellt. Ein
+einziger Weg fuehrt auf den Vulkan durch Villa de Orotava, die Ginsterebene
+und das Malpays, derselbe, den Pater Feullee, Borda, Labillardiere, Barrow
+eingeschlagen, und ueberhaupt alle Reisenden, die sich nur kurze Zeit in
+Teneriffa aufhalten konnten. Wenn man den Pic besteigt, ist es gerade, wie
+wenn man das Chamounithal oder den Aetna besucht: man muss seinen Fuehrern
+nachgehen und man bekommt nur zu sehen, was schon andere Reisende gesehen
+und beschrieben haben.
+
+Der Contrast zwischen der Vegetation in diesem Striche von Teneriffa und
+der in der Umgegend von Santa Cruz ueberraschte uns angenehm. Beim kuehlen,
+feuchten Klima war der Boden mit schoenem Gruen bedeckt, waehrend auf dem Weg
+von Santa Cruz nach Laguna die Pflanzen nichts als Huelsen hatten, aus
+denen bereits der Samen ausgefallen war. Beim Hafen von Orotava wird der
+kraeftige Pflanzenwuchs den geologischen Beobachtungen hinderlich. Wir
+kamen an zwei kleinen glockenfoermigen Huegeln vorueber. Beobachtungen am
+Vesuv und in der Auvergne weisen darauf hin, dass dergleichen runde
+Erhoehungen von Seitenausbruechen des grossen Vulkans herruehren. Der Huegel
+Montannitta de la Villa scheint wirklich einmal Lava ausgeworfen zu haben;
+nach den Ueberlieferungen der Guanchen fand dieser Ausbruch im Jahr 1430
+statt. Der Obest Franqui versicherte Borda, man sehe noch deutlich, wo die
+geschmolzenen Stoffe hervorquollen, und die Asche, die den Boden ringsum
+bedecke, sey noch nicht fruchtbar. [Ich entnehme diese Notiz einer
+interessanten Handschrift, die jetzt in Paris im _Depot des cartes de la
+Marine_ aufgewahrt wird. Sie fuehrt den Titel. _Resume des operations
+geographiques des cotes d´Espagne et de Portugal sur l´Ocean, d´une partie
+des cotes occidentales de l´Afrique et des iles Canaries, par le chevalier
+de Borda._ Es ist dies die Handschrift, von der de Fleurien in seinen
+Noten zu Marchands Reise spricht und die mir Borda zum Theil schon vor
+meiner Abreise mitgetheilt hatte. Ich habe wichtige, noch nicht
+veroeffentlichte Beobachtungen daraus ausgezogen.] Ueberall, wo das Gestein
+zu Tag ausgeht, fanden wir basaltartigen Mandelstein (Werner) und
+Bimssteinconglomerat, in dem Rapilli oder Bruchstuecke von Bimsstein
+eingeschlosen sind. Letztere Formation hat Aehnlichkeit mit dem Tuff von
+Pausilipp und mit den Puzzolanschichten, die ich im Thal von Quito, am
+Fusse des Vulkans Pichincha, gefunden habe. Der Mandelstein hat
+langgezogene Poren, wie die obern Lavaschichten des Vesuv. Es scheint diess
+darauf hinzudeuten, dass eine elastische Fluessigkeit durch die geschmolzene
+Materie durchgegangen ist. Trotz diesen Uebereinstimmungen muss ich noch
+einmal bemerken, dass ich in der ganzen unteren Region des Pics von
+Tenerifa auf der Seite gegen Orotava keinen Lavastrom, ueberhaupt keinen
+vulkanischen Ausbruch gesehen habe, der scharf begrenzt waere. Regenguesse
+und Ueberschwemmungen wandeln die Erdoberflaeche um, und wenn zahlreiche
+Lavastroeme sich vereinigen und ueber eine Ebene ergiessen, wie ich es am
+Vesuv im _Atrio dei Cavalli_ gesehen, so verschmelzen sie in einander und
+nehmen das Ansehen wirklich geschichteter Bildungen an.
+
+Villa de Orotava macht schon von weitem einen guten Eindruck durch die
+Fuelle der Gewaesser, die auf den Ort zueilen und durch die Hauptstrassen
+fliessen. Die Quelle _Aqua mansa_, in zwei grosse Becken gefasst, treibt
+mehrere Muehlen und wird dann in die Weingaerten des anliegenden Gelaendes
+geleitet. Das Klima in der *Villa* ist noch kuehler als am Hafen, da dort
+von morgens zehn Uhr ein starker Wind weht. Das Wasser, das sich bei
+hoeherer Temperatur in der Luft aufgeloest hat, schlaegt sich haeufig nieder,
+und dadurch wird das Klima sehr nebligt. Die Villa liegt etwa 160 Toisen
+(312 Meter) ueber dem Meer, also zweihundert Toisen niedriger als Laguna;
+man bemerkt auch, dass dieselben Pflanzen an letzterem Orte einen Monat
+spaeter bluehen.
+
+Orotava, das alte Taoro der Guanchen, liegt am steilen Abhang eines
+Huegels; die Strassen schienen uns oede, die Haeuser, solid gebaut, aber
+truebselig anzusehen, gehoeren fast durch einem Adel, der fuer sehr stolz
+gilt und sich selbst anspruchsvoll als _dozo casas_ bezeichnet. Wir kamen
+an einer sehr hohen, mit einer Menge schoener Farn bewachsenen
+Wasserleitung vorueber. Wir besuchten mehrere Gaerten, in denen die
+Obstbaeume des noerdlichen Europas neben Orangen, Granatbaeumen und
+Dattelpalmen stehen. Man versicherte uns, letztere tragen hier so wenig
+Fruechte als in Terra Firma an der Kueste von Cumana. Obgleich wir den
+Drachenbaum in Herrn Franquis Garten aus Reiseberichten kannten, so setzte
+uns seine ungeheure Dicke dennoch in Erstaunen. Man behauptet, der Stamm
+dieses Baumes, der in mehreren sehr alten Urkunden erwaehnt wird, weil er
+als Grenzmarke eines Feldes diente, sey schon im fuenfzehnten Jahrhundert
+so ungeheuer dick gewesen wie jetzt. Seine Hoehe schaetzten wir auf 50 bis
+60 Fuss [16 bis 19,5 m]; sein Umfang nahe ueber den Wurzeln betraegt 45 Fuss
+[14,6 m]. Weiter oben konnten wir nicht messen, aber Sir Georg Staunton
+hat gefunden, dass zehn Fuss [3,25 m] ueber dem Boden der Stamm noch zwoelf
+englische Fuss [3,90 m] im Durchmesser hat, was gut mit Bordas Angabe
+uebereinstimmt, der den mittleren Umfang zu 33 Fuss 8 Zoll [10,93 m] angibt.
+Der Stamm theilt sich in viele Aeste, die kronleuchterartig aufwaerts ragen
+und an den Spitzen Blaetterbueschel tragen, aehnlich der Yucca im Tale von
+Mexiko. Durch diese Theilung in Aeste unterscheidet sich sein Habitus
+wesentlich von der der Palmen.
+
+Unter den organischen Bildungen ist dieser Baum, neben der Adansonie oder
+Baobab in Senegal, ohne Zweifel einer der aeltesten Bewohner unseres
+Erdballs. Die Baobabs werden indessen noch dickder als der Drachenbaum von
+Villa d´Orotava. Man kennt welche, die an der Wurzel 34 Fuss Durchmesser
+haben, wobei sie nicht hoeher sind als 50 bis 60 Fuss(11). Man muss aber
+bedenken, dass die Adansonia, wie die Ochroma und alle Gewaechse aus der
+Familie der Bombaceen, viel schneller waechst(12) als der Drachenbaum, der
+sehr langsam zunimmt. Der in Herrn Franqui's Garten traegt noch jedes Jahr
+Blueten und Fruechte. Sein Anblick mahnt lebhaft an "die ewige Jugend der
+Natur" [_Aristoteles de longit. vitae. cap. 6._], die eine unerschoepfliche
+Quelle von Bewegung und Leben ist.
+
+Der Drachenbaum, der nur in den angebauten Strichen der Canarien, auf
+Madera und Porto Santo vorkommt, ist eine merkwuerdige Erscheinung in
+Beziehung auf die Wanderung der Gewaechse. Auf dem Kontinent und Afrika(13)
+ist er nirgends wild gefunden worden, und Ostindien ist sein eigentliches
+Vaterland. Auf welchem Wege ist der Baum nach Teneriffa verpflanzt worden,
+wo er gar nicht haeufig vorkommt? Ist sein Daseyn ein Beweis dafuer, dass in
+sehr entlegener Zeit die Guanchen mit andern, mit asiatischen Voelkern in
+Verkehr gestanden haben?
+
+Von Villa da Orotava gelangten wir auf einem schmalen steinigen Pfad durch
+einen schoenen Kastanienwald _(el Monte de Castanos)_ in eine Gegend, die
+mit einigen Lorbeerarten und der baumartigen Heide bewachsen ist. Der
+Stamm der letzteren wird hier ausnehmend dick, und die Bluethen, mit denen
+der Strauch einen grossen Teil des Jahres bedeckt ist, stechen angenehm ab
+von den Bluethen des _Hypericum canariense_, das in dieser Hoehe sehr haeufig
+vorkommt. Wir machten unter einer schoenen Tanne halt, um uns mit Wasser zu
+versehen. Dieser Platz ist im Lande unter dem Namen _Pino del Dornajito_
+bekannt; seine Meereshoehe betraegt nach Borda´s barometrischer Messung 522
+Toisen [1017 m]. Man hat da eine prachtvolle Aussicht auf das Meer und die
+ganze Westseite der Insel. Beim _Pino del Dornajito_, etwas rechts vom Weg
+sprudelt eine ziemlich reiche Quelle; wir tauchten ein Thermometer hinein,
+es fiel auf 15 deg.,4. Hundert Toisen davon ist eine andere eben so klare
+Quelle. Nimmt man an, dass diese Gewaesser ungefaehr die mittlere Waerme des
+Orts, wo sie zu Tage kommen, anzeigen, so findet man als absolute Hoehe des
+Platzes 520 Toisen, die mittlere Temperatur der Kueste zu 21 deg. und unter
+dieser Zone eine Abnahme der Waerme um einen Grad auf 93 Toisen angenommen.
+Man duerfte sich nicht wundern, wenn diese Quelle etwas unter der mittleren
+Lufttemperatur bliebe, weil sich sich wahrscheinlich weiter oben am Pic
+bildet, und vielleicht sogar mit den kleinen unterirdischen Gletschern
+zusammenhaengt, von denen weiterhin die Rede seyn wird. Die eben erwaehnte
+Uebereinstimmung der barometrischen und der thermometrischen Messung ist
+desto auffallender, als im Allgemeinen, wie ich anderwaerts ausgefuehrt, [So
+hat Hunter in den blauen Bergen auf Jamaica die Quellen immer kaelter
+gefunden, als sie nach der Hoehe, in der sie zu Tage kommen, seyn sollten.]
+in Gebirgslaendern mit steilen Haengen die Quellen eine zu rasche
+Waermeabnahme anzeigen, weil sie kleine Wasseradern aufnehmen, die in
+verschiedenen Hoehen in den Boden gelangen, und somit ihre Temperatur das
+Mittel aus dem Temperaturen dieser Adern ist. Die Quellen des Dornajito
+sind im Lande beruehmt; als ich dort war, kannte man auf dem Weg zum Gipfel
+des Vulkans keine andere. Quellenbildung setzt eine gewisse Regelmaessigkeit
+im Streichen und Fallen der Schichten voraus. Auf vulkanischem Boden
+verschluckt das loecherige, zerklueftete Gestein das Regenwasser und laesst es
+in grosse Tiefen versinken. Deshalb sind die Canarien groesstentheils so
+duerr, trotzdem dass ihre Berge so ansehnlich sind und der Schiffer
+fortwaehrend gewaltige Wolkenmassen ueber dem Archipel gelagert sieht.
+
+Vom Pino del Dornajito bis zum Krater zieht sich der Weg bergan, aber
+durch kein einziges Thal mehr; denn die kleinen Schluchten _(Barancos)_
+verdienen diesen Namen nicht. Geologisch betrachtet, ist die ganze Insel
+Teneriffa nichts als ein Berg, dessen fast eifoermige Grundflaeche sich
+gegen Nordost verlaengert, und der mehrere Systeme vulkanischer, zu
+verschiedenen Zeiten gebildeter Gebirgsarten aufzuweisen hat. Was man im
+Lande fuer besondere Vulkane ansieht, wie der *Chahorra* oder *Montana
+Colorada* und die *Urca*, das sind nur Huegel, die sich an den Pic anlehnen
+und seine Pyramide maskiren. Der grosse Vulkan, dessen Seitenausbrueche
+maechtige Vorgebirge gebildet haben, liegt indessen nicht genau in der
+Mitte der Insel, und diese Eigenthuemlichkeit im Bau erscheint weniger
+auffallend, wenn man sich erinnert, dass nach der Ansicht eines
+ausgezeichneten Mineralogen (Cordier) vielleicht nicht der kleine Krater
+im Piton die Hauptrolle bei den Umwaelzungen der Insel Teneriffa gespielt
+hat. Auf die Region der baumartigen Heiden, *Monte Verde* genannt, folgt
+die der Farn. Nirgends in der gemaessigten Zone habe ich _Pteris_,
+_Blechnum_ und _Asplenium_ in solcher Menge gesehen; indessen hat keines
+dieser Gewaechse den Wuchs der Baumfarn, die in Suedamerika, in fuenf,
+sechshundert Toisen Hoehe, ein Hauptschmuck der Waelder sind. Die Wurzel der
+_Pteris aquilina_ dient den Bewohnern von Palma und Gomera zur Nahrung;
+sie zerreiben sie zu Pulver und mischen ein wenig Gerstenmehl darunter.
+Dieses Gemisch wird geroestet und heisst *Gofio*; ein so rohes
+Nahrungsmittel ist ein Beweis dafuer, wie elend das niedere Volk auf den
+Canarien lebt.
+
+Der Monte Verde wird von mehreren kleinen, sehr duerren Schluchten
+(_canadas_) durchzogen. Ueber der Region der Farn kommt man durch ein
+Gehoelz von Wachholderbaeumen (_cedro_) und Tannen, das durch die Stuerme
+sehr gelitten hat. An diesen Ort, den einige Reisende _la Caravela_ nenne,
+will Edens [Die Reise wurde im August 1715 gemacht. Carabela heisst ein
+Fahrzeug mit lateinischen Segeln. Die Tannen vom Pic dienten frueher als
+Mastholz und die koenigliche Marine liess im Monte Verde schlagen.] kleine
+Flammen gesehen haben, die er nach den physikalischen Begriffen seiner
+Zeit schwefligten Ausduenstungen zuschreibt, die sich von selbst entzuenden.
+Es ging immer aufwaerts bis zum Felsen *Gayta* oder *Portillo*; hinter
+diesem Engpass, zwischen zwei Basalthuegeln, betritt man die grosse Ebene des
+Ginsters (_los Llanos del Retama_). Bei Laperouses Expedition hatte
+Manneron den Pic bis zu dieser etwa 1400 Toisen ueber dem Meere gelegenen
+Ebene gemessen, er hatte aber wegen Wassermangels und des ueblen Willens
+der Fuehrer die Messung nicht bis zum Gipfel des Vulkans fortsetzen koennen.
+Das Ergebniss dieser zu zwei Drittheilen vollendeten Operation ist leider
+nicht nach Europa gelangt, und so ist das Geschaeft von der Kueste an noch
+einmal vorzunehmen.
+
+Wir brauchten gegen zwei und eine halbe Stunde, um ueber die Ebene des
+Ginsters zu kommen, die nichts ist als ein ungeheures Sandmeer. Trotz der
+hohen Lage zeigte hier der hunderttheilige Thermometer gegen
+Sonnenuntergang 13 deg.,8, das heisst 3 deg.,7 mehr als mitten am Tage auf dem
+Monte Verde. Dieser hoehere Waermegrad kann nur von der Strahlung des Bodnes
+und von der weiten Ausdehnung der Hochebene herruehren. Wir litten sehr
+vom erstickenden Bimsstaub, in den wir fortwaehrend gehuellt waren. Mitten
+in der Ebene stehen Buesche von *Retama*, dem _Spartium nubigenum_
+d´Aitons. Dieser schoene Strauch, den de Martiniere [Einer der Botaniker,
+die auf Laperouses Seereise umkamen.] in Languedoc, wo Feuermaterial
+selten ist, einzufuehren raeth, wird neun Fuss hoch, er ist mit
+wohlriechenden Bluethen bedeckt, und die Ziegenjaeger, denen wir unterwegs
+begegneten, hatten ihre Strohhuete damit geschmueckt. Die dunkelbraunen
+Ziegen des Pics gelten fuer Leckerbissen; sie naehren sich von den Blaettern
+des Spartium und sind in diesen Einoeden seit unvordenklicher Zeit
+verwildert. Man hat sie sogar nach Madera verpflanzt, wo sie geschaetzter
+sind, als die Ziegen aus Europa.
+
+Bis zum Felsen Gayta, das heisst bis zum Anfang der grossen Ebene des
+Ginsters ist der Pic von Teneriffa mit schoenem Pflanzenwuchs ueberzogen,
+und nichts weist auf Verwuestungen in neuerer Zeit hin. Man meint einen
+Vulkan zu besteigen, dessen Feuer so lange erloschen ist, wie das des
+Monte Cavo bei Rom. Kaum hat man die mit Bimsstein bedeckte Ebene
+betreten, so nimmt die Landschaft einen ganz anderen Charakter an; bei
+jedem Schritt stoesst man auf ungeheure Obsidianbloecke, die der Vulkan
+ausgeworfen. Alles ringsum ist oed und still; ein paar Ziegen und Kaninchen
+sind die einzigen Bewohner dieser Hochebene. Das unfruchtbare Stueck des
+Pics misst ueber zehn Quadratmeilen, und da die unteren Regionen, von ferne
+gesehen, in Verkuerzung erscheinen, so stellt sich die ganze Insel als ein
+ungeheurer Haufen verbrannten Gesteins dar, um den sich die Vegetation nur
+wie ein schmaler Guertel zieht.
+
+Ueber der Region des _Spartium nubigenum_ kamen wir durch enge Schruende
+und kleine, sehr alte, vom Regenwasser ausgespuelte Schluchten zuerst auf
+ein hoeheres Plateau und dann an den Ort, wo wir die Nacht zubringen
+sollten. Dieser Platz, der mehr als 1530 Toisen [2982 m] ueber der Kueste
+liegt, heisst _Estancia de los Ingleses_(14), ohne Zweifel, weil frueher die
+Englaender den Pik am haeufigsten besuchten. Zwei ueberhaengende Felsen bilden
+eine Art Hoehle, die Schutz gegen den Wind bietet. Bis zu diesem Ort, der
+bereits hoeher liegt als der Gipfel des Canigu, kann man auf Maulthieren
+gelangen; viele Neugierige, die beim Abgang von Orotava den Kraterrand
+erreichen zu koennen glaubten, bleiben daher hier liegen. Obgleich es
+Sommer war und der schoene afrikanische Himmel ueber uns, hatten wir doch in
+der Nacht von der Kaelte zu leiden. Der Thermometer fiel auf 5 Grad.
+Unsere Fuehrer machten ein grosses Feuer von duerren Zweigen der Retama an.
+Ohne Zelt und Maentel lagerten wir uns auf Haufen verbrannten Gesteins, und
+die Flammen und der Rauch, die der Wind bestaendig gegen uns her trieb,
+wurden uns sehr laestig. Wir hatten noch nie eine Nacht in so bedeutender
+Hoehe zugebracht, und ich ahnte damals nicht, dass wir einst in Staedten
+wohnen wuerden, die hoeher liegen als die Spitze des Vulkans, den wir morgen
+vollends besteigen sollten. Je tiefer die Temperatur sank, desto mehr
+bedeckte sich der Pic mit dicken Wolken. Bei Nacht stockt der Zug des
+Stroms, der den Tag ueber den Ebenen in die hohen Luftregionen aufsteigt,
+und im Maasse als sich die Luft abkuehlt, nimmt auch ihre das Wasser
+aufloesende Kraft ab. Ein sehr starker Nordwird jagte die Wolken; von Zeit
+zu Zeit brach der Mond durch das Gewoelk und seine Scheibe glaenzte auf tief
+dunkelblauen Grunde; im Angesicht des Vulkans hatte diese naechtliche Scene
+etwas wahrhaft Grossartiges. Der Pic verschwand bald gaenzlich im Nebel,
+bald erschien er unheimlich nahe gerueckt und warf wie eine ungeheure
+Pyramode seinen Schatten auf die Wolken unter uns.
+
+Gegen drei Uhr morgens brachen wir beim trueben Schein einiger Kienfackeln
+nach der Spitze des Piton auf. Man beginnt die Besteigung an der
+Nordostseite, wo der Abhang ungemein steil ist, und wir gelangten nach
+zwei Stunden auf ein kleines Plateau, das seiner isolirten Lage wegen
+_Alta Vista_ heisst. Hier halten sich auch die _Neveros_ auf, das heisst die
+Eingeborenen, die gewerbsmaessig Eis und Schnee suchen und in den
+benachbarten Staedten verkaufen. Ihre Maulthiere, die das Klettern mehr
+gewoehnt sind, als die, welche man den Reisenden gibt, gehen bis zur Alta
+Vista und die Neveros muessen den Schnee dahin auf dem Ruecken tragen. Ueber
+diesem Punkte beginnt das *Malpays*, wie man in Mexiko, in Peru und
+ueberall, wo es Vulkane gibt, einen von Dammerde entbloessten und mit
+Lavabruchstuecken bedeckten Landstrich nennt.
+
+Wir bogen rechts von Wege am, um die *Eishoehle* zu besehen, die in 1728
+Toisen [3367 m] Hoehe liegt, also unter der Grenze des ewigen Schnees in
+dieser Breite. Wahrscheinlich ruehrt die Kaelte, die in dieser Hoehle
+herrscht, von denselben Ursachen her, aus denen sich das Eis in den
+Gebirgsspalten des Jura und der Pyrenaeen erhaelt, und ueber welche die
+Ansichten der Physiker noch ziemlich auseinander gehen(15). Die natuerliche
+Eisgrube des Pics hat uebrigens nicht jene senkrechten Oeffnungen, durch
+welche die warme Luft entweichen kann, waehrend die kalte Luft am Boden
+ruhig liegen bleibt. Das Eis scheint sich hier durch starke Anhaeufung zu
+erhalten, und weil der Process des Schmelzens durch die bei rascher
+Verdunstung erzeugte Kaelte verlangsamt wird. Dieser kleine unterirdische
+Gletscher liegt an einem Ort, dessen mittlere Temperatur schwerlich unter
+3 deg. betraegt, und er wird nicht, wie die eigentlichen Gletscher der Alpen,
+vom Schneewasser gespeist, das von den Berggipfeln herabkommt. Waehrend des
+Winters fuellt sich die Hoehle mit Schnee und Eis, und da die Sonnenstrahlen
+nicht ueber den Eingang hinaus eindringen, so ist die Sommerwaerme nicht im
+Stande, den Behaelter zu leeren. Die Bildung einer natuerlichen Eisgrube
+haengt also nicht sowohl von der absoluten Hoehe der Felsspalte und der
+mittleren Temperatur der Luftschicht, in der sie sich befindet, als von
+der Masse des Schnees, der hineinkommt, und von der geringen Wirkung der
+warmen Winde im Sommer. Die im Innern eines Berges eingeschlossene Luft
+ist schwer von der Stelle zu bringen, wie man am Monte Testaccio in Rom
+sieht, dessen Temperatur von der der umgebenden Luft so bedeutend
+abweicht. Wir werden in der Folge sehen, dass am Chimborazo ungeheure
+Eismassen unter dem Sand liegen, und zwar, wie auf dem Pic von Teneriffa,
+weit unter der Grenze des ewigen Schnees.
+
+Bei der Eishoehe _(Cueva del Hielo)_ stellten bei Laperouses Seereise
+Lamanon und Monges ihren Versuch ueber die Temperatur des siedenden Wassers
+an. Sie fanden dieselbe 88 deg.,7, waehrend der Barometer auf 19 Zoll 1 Linie
+stand. Im Koenigreich Neugranada, bei der Capelle Guadeloupe in der Naehe
+von Santa Fe de Bogota, sah ich das Wasser bei 89 deg.,9 unter einem Luftdruck
+von 19 Zoll 1,9 Linien sieden. Zu Tambores, in der Provinz Popayan, fand
+Caldas 89 deg.,5 fuer die Temperatur des siedenden Wassers bei einen
+Barometerstand von 18 Zoll 11,6 Linien. Nach diesen Ergebnissen koennte man
+vermuthen, dass bei Lamanons Versuch das Wasser das Maximum seiner
+Temperatur nicht ganz erreicht hatte.
+
+Der Tag brach an, als wir die Eishoehle verliessen. Da beobachteten wir in
+der Daemmerung eine Erscheinung, die auf hohen Bergen haeufig ist, die aber
+bei der Lage des Vulkanes, auf dem wir uns befanden, besonders auffallend
+hervortrat. Eine weisse flockige Wolkenschicht entzog das Meer und die
+niedrigeren Regionen der Insel unseren Blicken. Die Schicht schien nicht
+ueber 800 Toisen [1560 m] hoch; die Wolken waren so gleichmaessig verbreitet
+und lagen so genau in Einer Flaeche, dass sie sich ganz wie eine ungeheure
+mit Schnee bedeckte Ebene darstellten. Die colossale Pyramide des Piks,
+die vulkanischen Gipfel von Lanzerota, Forteventura und Palma ragten wie
+Klippen aus dem weiten Dunstmeer empor. Ihre dunkle Faerbung stach grell
+vom Weiss der Wolken ab.
+
+Waehrend wir auf den zertruemmerten Laven des Malpays emporklommen, wobei
+wir oft die Haende zu Huelfe nehmen mussten, beobachteten wir eine
+merkwuerdige optische Erscheinung. Wir glaubten gegen Ost kleine Raketen in
+die Luft steigen zu sehen. Leuchtende Punkte, 7 - 8 Grad ueber dem
+Horizont, schienen sich zuerst senkrecht aufwaerts zu bewegen, aber
+allmaehlich ging die Bewegung in eine waagrechte Oszillation ueber, die acht
+Minuten anhielt. Unsere Reisegefaehrten, sogar die Fuehrer aeusserten ihre
+Verwunderung ueber die Erscheinung, ohne dass wir sie darauf aufmerksam zu
+machen brauchten. Auf den ersten Blick glaubten wir, diese sich hin und
+her bewegenden Lichtpunkte seyen die Vorlaeufer eines neuen Ausbruchs des
+grossen Vulkanes von Lanzerota. Wir erinnerten uns, dass Bouquer und La
+Condamine bei der Besteigung des Vulkans Pichincha den Ausbruch des
+Cotopaxi mit angesehen hatten; aber die Taeuschung dauerte nicht lange, und
+wir sahen, dass die Lichtpunkte die durch die Duenste vergroesserten Bilder
+verschiedener Sterne waren. Die Bilder standen periodisch still, dann
+schienen sie senkrecht aufzusteigen, sich zur Seite abwaerts zu bewegen und
+wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Diese Bewegung dauerte eine bis zwei
+Secunden. Wir hatten keine Mittel zur Hand, um die Groesse der seitlichen
+Verrueckung genau zu messen, aber den Lauf eines Lichtpunktes konnten wir
+ganz gut beobachten. Er erschien doppelt durch Luftspiegelung und liess
+keine leuchtende Spur hinter sich. Als ich im Fernrohr eines kleinen
+Troughtonschen Sextanten die Sterne mit einen hohen Berggipfel auf
+Lanzerota in Contact brachte, konnte ich sehen, dass die Oscillation
+bestaendig gegen denselben Punkt hinging, naemlich gegen das Stueck des
+Horizontes, wo die Sonnenscheibe erscheinen sollte, und dass, abgesehen von
+der Declinationsbewegung des Sterns, das Bild immer an denselben Fleck
+zurueckkehrte. Diese scheinbaren seitlichen Refractionen hoerten auf, lange
+bevor die Sterne vor dem Tageslicht gaenzlich verschwanden. Ich habe hier
+genau wiedergegeben, was wir in der Daemmerung beobachteten, versuche aber
+keine Erklaerung der auffallenden Erscheinung, die ich schon vor zwoelf
+Jahren in Zachs astronomischem Tagebuch bekannt gemacht habe. Die Bewegung
+der Dunstblaeschen in Folge des Sonnenaufgangs, die Mischung verschiedener,
+in Temperatur und Dichtigkeit sehr von einander abweichenden Luftschichten
+haben ohne Zweifel zu der Verrueckung der Gestirne in horizontaler Richtung
+das ihrige beigetragen. Etwas Aehnliches sind wohl die starken
+Schwankungen der Sonnenscheibe, wenn eben den Horizont beruehrt; aber diese
+Schwankungen betragen selten mehr als zwanzig Secunden, waehrend die
+seitliche Bewegung der Sterne, wie wir sie auf dem Pic in mehr als 1800
+Toisen Hoehe beobachteten, ganz gut mit blossem Auge zu bemerken, und
+auffallender war als alle Erscheinungen, die man bis jetzt als Wirkungen
+der Brechung des Sternlichts angesehen hat. Ich war bei Sonnenaufgang und
+die ganze Nacht in 2100 Toisen Hoehe auf dem Ruecken der Anden, in Antisana,
+konnte aber nichts gewahr werden, was mit jenem Phaenomen uebereingekommen
+waere.
+
+Ich wuenschte in so bedeutender Hoehe wie die, welche wir am Pic von
+Teneriffa erreicht hatten, den Moment des Sonnenaufganges genau zu
+beobachten. Kein mit Instrumenten versehener Reisender hatte noch eine
+solche Beobachtung angestellt. Ich hatte ein Fernrohr und ein Chronometer,
+dessen Gang mir sehr genau bekannt war. Der Himmelsstrich, wo die
+Sonnenscheibe erscheinen sollte, war dunstfrei. Wir sahen den obersten
+Rand um 4 Uhr 48' 55" wahrer Zeit, und, was ziemlich auffallend ist, der
+erste Lichtpunkt der Scheibe beruehrte unmittelbar die Grenze des
+Horizonts; wir sahen demnach den wahren Horizont, das heisst einen Strich
+Meers auf mehr als 43 Meilen Entfernung. Die Rechnung ergibt, dass unter
+dieser Breite in der Ebene die Sonne um 5 Uhr 1 Minute 50 Secunden, oder
+11 Minuten 51,3 Secunden spaeter als auf dem Pic haette anfangen sonnen
+aufzugehen. Der beobachete Unterschied betrug 12 Minuten 55 Secunden, und
+diess kommt ohne Zweifel von der Ungewissheit hinsichtlich der
+Refractionsverhaeltnisse fuer einen Abstand vom Zenith, wofuer keine
+Beobachtungen vorliegen(16).
+
+Wir wunderten uns, wie ungemein langsam der untere Rand der Sonne sich vom
+Horizont zu loesen schien. Dieser Rand wurde erst um 4 Uhr 56 Min. 56 Sec.
+sichtbar. Die stark abgeplattete Sonnenscheibe war scharf begrenzt; es
+zeigte sich waehrend des Aufgangs weder ein doppeltes Bild noch eine
+Verlaengerung des untern Randes. Der Sonnenaufgang dauerte dreimal laenger,
+als wir in dieser Breite haetten erwarten sollen, und so ist anzunehmen,
+dass eine sehr gleichfoermig verbreitete Dunstschicht den wahren Horizont
+verdeckte und der aufsteigenden Sonne nachrueckte. Trotz des Schwankens der
+Sterne, das wir vorhin im Osten beobachtet, kann man die Langsamkeit des
+Sonnenaufgangs nicht wohl einer ungewoehnlich starken Brechung der vom
+Meereshorizont zu uns gelangenden Strahlen zuschrieben; denn, wie le
+Gentil es taeglich in Pondichery und ich oeffers in Cumana beobachet haben,
+erniedrigt sich der Horizont gerade bei Sonnenaufgang, weil die Temperatur
+der Luftschicht unmittelbar auf der Meeresflaeche sich erhoeht.
+
+Der Weg, den wir uns durch das Malpays bahnen mussten, ist aeusserst
+ermuedend. Der Abhang ist steil und die Lavabloecke wichen unter unseren
+Fuessen. Ich kann dieses Stueck des Weges nur mit den *Moraenen* der Alpen
+vergleichen, jenen Haufen von Rollsteinen, welche am untern Ende der
+Gletscher liegen; die Lavatruemmer auf dem Pic haben aber scharfe Kanten
+und lassen oft Luecken, in die man Gefahr laeuft bis zum halben Koerper zu
+fallen Leider trug die Faulheit und der ueble Wille unserer Fuehrer viel
+dazu bei, uns das Aufsteigen sauer zu machen; sie glichen weder den
+Fuehrern im Chamounithal noch jenen gewandten Guanchen, von denen die Sage
+geht, dass sie ein Kaninchen oder eine wilde Ziege im Laufe fingen. Unsere
+canarischen Fuehrer waren traeg zum Verzweifeln: sie hatten tags zuvor uns
+bereden wollen, nicht ueber die Station bei den Felsen hinaufzugehen; sie
+setzten sich alle zehn Minuten nieder, um auszuruhen; sie warfen hinter
+uns die Handstuecke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfaeltig gesammelt
+hatten, weg, und es kam heraus, dass noch keiner auf dem Gipfel des
+Vulkanes gewesen war.
+
+Nach dreistuendigem Marsch erreichten wir das Ende des Malpays bei einer
+kleinen Ebene, _la Rambleta_ genannt; aus ihrem Mittelpunkte steigt der
+Piton oder Zuckerhut empor. Gegen Orotava zu gleicht der Berg jenen
+Treppenpyramiden in Fejoum und in Mexiko, denn die Plateaus der Retama und
+die Rambleta bilden zwei Stockwerke, deren ersteres viermal hoeher ist als
+letzteres. Nimmt man die ganze Hoehe des Piks zu 1904 Toisen [3710 m] an,
+so liegt die Rambleta 1820 Toisen [3546 m] ueber dem Meere. Hier befinden
+sich die Luftloecher, welche bei den Eingeborenen *Nasenloecher des Piks*
+(_Narices des Pico_) heissen. Aus mehreren Spalten im Gestein dringen hier
+in Absaetzen warme Wasserduenste; wir sahen den Thermometer darin auf 43 deg.,2
+steigen; Labillardiere hatte acht Jahre vor uns diese Daempfe 53 deg.,7 heiss
+gefunden, ein Unterschied, der vielleicht nicht sowohl auf eine Abnahme
+der vulkanischen Thaetigkeit als auf einen lokalen Wechsel in der Erhitzung
+der Bergwaende hindeutet. Die Daempfe sind geruchlos und scheinen reines
+Wasser. Kurz vor dem grossen Ausbruch des Vesuv im Jahr 1806 beobachteten
+Gay-Lussac und ich, dass das Wasser, das in Dampfform aus dem Innern des
+Kraters kommt, Lackmuspapier nicht roethete. Ich kann uebrigens der kuehnen
+Hypothese mehrerer Physiker nicht beistimmen, wornach die *Nasloecher des
+Pic* als die Muendungen eines ungeheuren Destillierapparates, dessen Boden
+unter der Meeresflaeche liegt, zu betrachten seyn sollen. Seit man die
+Vulkane sorgfaeltiger beobachetet und der Hang zum Wunderbaren sich in
+geologischen Buechern weniger bemerkbar macht, faengt man an den
+unmittelbaren bestaendigen Zusammenhang zwischen dem Meer und den Herden
+des vulkanischen Feuers mit Recht stark in Zweifel zu ziehen(17). Diese
+durchaus nicht auffallende Erscheinung erklaert sich wohl sehr einfach. Der
+Pic ist einen Theil des Jahres mit Schnee bedeckt; wir selbst fanden noch
+welchen auf der kleinen Ebene Rambleta; ja Odonell und Armstrong haben im
+Jahre 1806 im Malpays eine sehr starke Quelle entdeckt, und zwar hundert
+Toisen ueber der Eishoehle, die vielleicht zum Theil von dieser Quelle
+gespeist wird. Alles weist also darauf hin, dass der Pic von Teneriffa,
+gleich den Vulkanen der Anden und der Inzel Lucon, im Inneren grosse
+Hoehlungen hat, die mit atmosphaerischem Wasser gefuellt sind, das einfach
+durchgesickert ist. Die Wasserdaempfe, welche die Nasloecher und die Spalten
+im Krater ausstossen, sind nichts als dieses selbe Wasser, das durch die
+Waende, ueber die es fliesst, erhitzt wird.
+
+Wir hatten jetzt noch den steilsten Theil des Berges, der die Spitze
+bildet, den Piton, zu ersteigen. Der Abhang dieses kleinen, mit
+vulkanischer Asche und Bimssteinstuecken bedeckten Kegels ist so schroff,
+dass es fast unmoeglich waere, auf den Gipfel zu gelangen, wenn man nicht
+einem alten Lavastrom nachginge, der aus dem Krater geflossen scheint und
+dessen Truemmer dem Zahn der Zeit getrotzt haben. Diese Truemmer bilden eine
+verschlackte Felswand, die sich mitten durch die lose Asche hinzieht. Wir
+erstiegen den Piton, indem wir uns an diesen Schlacken anklammerten, die
+scharfe Kanten haben und, halb verwittert, wie sie sind, uns nicht selten
+in der Hand blieben. Wir brauchten gegen eine halbe Stunde, um einen Huegel
+zu ersteigen, dessen senkrechte Hoehe kaum 90 Toisen [175 m] betraegt. Der
+Vesuv, der dreimal niedriger ist als der Vulkan auf Teneriffa, laeuft in
+einen fast dreimal hoeheren Aschenkegel aus, der aber nicht so steil und
+zugaenglicher ist. Unter allen Vulkanen, die ich besucht, ist nur der
+Jorullo in Mexiko noch schwerer zu besteigen, weil der ganze Berg mit
+loser Asche bedeckt ist.
+
+Wenn der Zuckerhut mit Schnee bedeckt ist, wie bei Eintritt des Winters,
+so kann die Steilheit des Anhanges den Reisenden in die groesste Gefahr
+bringen. Le Gros zeigte uns die Stelle, wo Kapitaen Baudin auf seiner Reise
+nach Teneriffa beinahe ums Leben gekommen waere. Muthig hatte er gegen Ende
+Dezembers 1797 mit den Naturforschern Advenier, Mauger und Riedle die
+Besteigung des Gipfels des Vulkans unternommen. In der halben Hoehe des
+Kegels fiel er und rollte bis zur kleinen Ebene Rambleta hinunter; zum
+Glueck machte ein mit Schnee bedeckter Lavahaufen, dass er nicht noch weiter
+mit beschleunigter Geschwindigkeit hinabflog. Wie man mir versichert, ist
+ein Reisender, der den mit festem Rasen bedeckten Abhang des Col de Balme
+hinabgerollt war, erstickt gefunden worden.
+
+Auf der Spitze des Piton angelangt, wunderten wir uns nicht wenig, dass wir
+kaum Platz fanden, bequem niederzusitzen. Wir standen vor einer kleinen
+kreisfoermigen Mauer aus porphyrartiger Lava mit Pechsteinbasis; diese
+Mauer hinterte uns, in den Krater hinabzusehen. [La Caldera oder der
+Kessel des Pics. Der Name erinnert an die *Oules* der Pyrenaeen.] Der Wind
+blies so heftig aus West, dass wir uns kaum auf den Beinen halten konnten.
+Es war acht Uhr morgens und wir waren starr vor Kaelte, obgleich der
+Thermometer etwas ueber dem Gefrierpunkt stand. Seit lange waren wir an
+eine sehr hohe Temperatur gewoehnt, und der trockene Wind steigerte das
+Frostgefuehl, weil er die kleine Schicht warmer und feuchter Luft, welche
+sich durch die Hautausduenstung um uns her bildete, fortwaehrend wegfuehrte.
+
+Der Krater des Pic hat, was den Rand betrifft, mit den Kratern der meisten
+anderen Vulkane, die ich besucht, z. B. mit dem des Vesuvs, des Jorullo
+und Pipincha, keine Aehnlichkeit. Bei diesen behaelt der Piton seine
+Kegelgestalt bis zum Gipfel; der ganze Abhang ist im selben Winkel geneigt
+und gleichfoermig mit einer Schicht sehr fein zertheilten Bimssteins
+bedeckt; hat man die Spitze dieser drei Vulkane erreicht, so blickt man
+frei bis auf den Boden des Schlunds. Der Pic von Teneriffa und der
+Cotopaxi dagegen sind ganz anders gebaut; auf ihrer Spitze laeuft
+kreisfoermig ein Kamm oder eine Mauer um den Krater; von ferne stellt sich
+diese Mauer wie ein kleiner Cylinder auf einem abgestutzten Kegel dar.
+Beim Cotopaxi erkennt man dieses eigenthuemliche Bauwerk ueber 2000 Toisen
+weit mit blossem Auge, wesshalb auch noch kein Mensch bis zum Krater dieses
+Vulkans gekommen ist. Beim Pik von Tenerifa ist der Kamm, der wie eine
+Brustwehr um den Krater laeuft, so hoch, dass er gar nicht zur *Caldera*
+gelangen liesse, wenn sich nicht gegen Ost eine Luecke darin befaende, die
+von einem sehr alten Lavaerguss herzuruehren scheint. Durch diese Luecke
+stiegen wir auf den Boden des Trichters hinab, der elliptisch ist; die
+grosse Achse laeuft von Nordwest nach Suedost, etwa Nord 35 deg. Ost. Die groesste
+Breite der Oeffnung schaetzten wir auf 300 Fuss [97 m], die kleinste auf 200
+Fuss [65 m]. Diese Angaben stimmen ziemlich mit den Messungen von Berguin,
+Verela und Borda; nach diesen Reisenden messen die zwei Axen 40 und 30
+Toisen. [Cordier, der den Gipfel des Pics vier Jahre nach mir besucht hat,
+schaetzt die grosse Axe auf 65 Toisen. Lamanon gibt dafuer 50 T. an, Odonnell
+aber gibt dem Krater 550 Baras (236 Toisen) Umfang.]
+
+Man sieht leicht ein, dass die Groesse eines Kraters nicht allein von der
+Hoehe und der Masse des Berges abhaengt, dessen Hauptoeffnung er bildet.
+Seine Weite steht sogar selten im Verhaeltniss mit der Intensitaet des
+vulkanischen Feuers oder der Thaetigkeit des Vulkans. Beim Vesuv, der gegen
+den Pik von Teneriffa nur ein Huegel ist, hat der Krater einen fuenfmal
+groesseren Durchmesser. Bedenkt man, dass sehr hohe Vulkane aus ihrem Gipfel
+weniger Stoffe auswerfen als aus Seitenspalten, so koennte man versucht
+seyn anzunehmen, dass, je niedriger die Vulkane sind, ihre Krater, bei
+gleicher Kraft und Thaetigkeit, desto groesser seyn muessten. Allerdings gibt
+es ungeheure Vulkane in den Anden, die nur sehr kleine Oeffnungen haben,
+und man koennte es als ein geologisches Gesetz hinstellen, dass die
+colossalsten Berge auf ihren Gipfeln nur Krater von geringem Umfang haben,
+wenn sich nicht in den Cordilleren mehrere Beispiele [Die grossen Vulkane
+Cotopaxi und Rucupichincha haben nach meinen Messungen Krater mit
+Diametern von mehr als 500 und 700 Toisen.] des gegentheiligen Verhaltens
+faenden. Ich werde im Verfolg Gelegenheit finden, zahlreiche Thatsachen
+anzufuehren, welche einst auf das, was man den aeussern Bau der Vulkane
+nennen kann, einiges Licht werfen koennten. Dieser Bau ist so mannigfaltig
+als die vulkanischen Erscheinungen selbst, und will man sich zu
+geologischen Vorstellungen erheben, die der Groesse der Natur wuerdig sind,
+so muss man die Meinung aufgeben, als ob alle Vulkane nach dem Muster des
+Vesuv, des Stromboli und des Aetna gebaut waeren.
+
+Die aeusseren Raender der *Caldera* sind beinahe senkrecht; sie stellen sich
+ungefaehr dar wie die Somma, vom Atrio dei Cavalli aus gesehen. Wir stiegen
+auf den Boden des Kraters auf einen Streif zerbrochener Laven, der zu der
+Luecke in der Umfassungsmauer hinauflaeuft. Hitze war nur ueber einigen
+Spalten zu spueren, aus denen Wasserdampf mit einem eigenthuemlichen Sumsen
+stroemte. Einige dieser Luftloecher oder Spalten befinden sich aeusserhalb des
+Kraterumfanges, am aeusseren Rand der Bruestung, welche den Krater umgibt.
+Ein in dieselben gebrachter Thermometer stieg rasch auf 68 und 75 Grad. Er
+zeigte ohne Zweifel eine noch hoehere Temperatur an; aber wir konnten das
+Instrument erst ansehen, nachdem wir es herausgezogen, wollten wir uns
+nicht die Haende verbrennen. Cordier hat mehrere Spalten gefunden, in denen
+die Hitze der des siedenden Wassers gleich war. Man koennte glauben, diese
+Daempfe, die stossweise hervorkommen, enthalten Salzsaeure oder
+Schwefelsaeure; laesst man sie aber an einem kalten Koerper sich verdichten,
+zeigen sie keinen besondern Geschmack, und die Versuche mehrerer Physiker
+mit Reagentien beweisen, dass die Fumarolen des Pic nur reines Wasser
+aushauchen; diese Erscheinung, die mit meinen Beobachtungen im Krater des
+Jorullo uebereinstimmt, verdient desto mehr Aufmerksamkeit, als Salzsaeure
+in den meisten Vulkanen in grosser Menge vorkommt und Bauquelin sogar in
+den porphyraehnlichen Laven von Sarcouy in der Auvergne Salzsaeure gefunden
+hat.
+
+Ich habe an Ort und Stelle die Ansicht des inneren Kraterrandes
+gezeichnet, wie er sich darstellt, wenn man durch die gegen Ort gelegene
+Luecke hinabsteigt. Nichts merkwuerdiger als diese Aufeinanderlagerung von
+Lavaschichten, die Kruemmungen zeigen, wie der Alpenkalkstein. Diese
+ungeheuren Baenke sind bald wagrecht, bald geneigt und wellenfoermig
+gewunden, und Alles weist darauf hin, dass einst die ganze Masse fluessig
+war, und dass mehrere stoerende Ursachen zusammenwirkten, um jedem Strom
+seine bestimmte Richtung zu geben. An der obenumlaufenden Mauer sieht man
+das seltsame Astwerk, wie man es an der entschwefelten Steinkohle
+beobachtet. Der noerdliche Rand ist der hoechste; gegen Suedwest erniedrigt
+sich die Mauer bedeutend und am aeussersten Rand ist eine ungeheure
+verschlackte Lavamasse angebacken. Gegen West ist das Gestein
+durchbrochen, und durch eine weite Spalte sieht man den Meereshorizont.
+Vielleicht hat die Gewalt der elastischen Daempfe im Moment, wo die im
+Krater aufgestiegene Lava ueberquoll, hier durchgerissen.
+
+Das Innere des Trichters weist darauf hin, dass der Vulkan seit
+Jahrtausenden nur noch aus seinen Seiten Feuer gespieen hat. Diese
+Behauptung gruendet sich nicht darauf, weil sich am Boden der Caldera keine
+grossen Oeffnungen zeigen, wie man erwarten koennte. Die Physiker, die die
+Natur selbst beobachtet haben, wissen, dass viele Vulkane in der
+Zwischenzeit zweier Ausbrueche ausgefuellt und fast erloschen scheinen, dass
+sich dann aber im vulkanischen Schlund Schichten sehr rauher, klingender
+und glaenzender Schlacken finden. Man bemerkt kleine Erhoehungen,
+Auftreibungen durch die elastischen Daempfe, kleine Schlacken- und
+Aschenkegel, unter denen die Oeffnungen liegen. Der Krater des Pic von
+Teneriffa zeigt keiens dieser Merkmale; sein Boden ist nicht im Zustand
+geblieben, wie ein Ausbruch ihn zuruecklaesst. Durch den Zahn der Zeit und
+den Einfluss der Daempfe sind die Waende abgebroeckelt und haben das Becken
+mit grossen Bloecken steinigter Lava bedeckt.
+
+Man gelangt gefahrlos auf den Boden des Kraters. Bei einem Vulkan, dessen
+Hauptthaetigkeit dem Gipfel zu geht, wie beim Vesuv, wechselt die Tiefe des
+Kraters vor und nach jedem Ausbruch; auf dem Pic von Teneriffa dagegen
+scheint die Tiefe seit langer Zeit sich gleichgeblieben zu seyn. Edens
+schaetzte sie im Jahre 1715 auf 115 Fuss [37 m], Cordier im J. 1803 auf 110
+[35,5 m]. Nach dem Augenmaass haette ich geglaubt, dass der Trichter nicht
+einmal so tief waere. In seinem jetzigen Zustand ist er eigentlich eine
+Solfatara; er ist ein weites Feld fuer interessante Beobachtungen, aber
+imposant ist sein Anblick nicht. Grossartig wird der Punkt nur durch die
+Hoehe ueber dem Meeresspiegel, durch die tiefe Stille in dieser Region,
+durch den unermesslichen Erdraum, den das Auge auf der Spitze des Berges
+ueberblickt.
+
+Die Besteigung des Vulkans von Teneriffa ist nicht nur dadurch anziehend,
+dass sie uns so reichen Stoff fuer wissenschaftliche Forschung liefert; sie
+ist es noch weit mehr dadurch, dass sie den, der Sinn hat fuer die Groesse der
+Natur, eine Fuelle malerischer Reize bietet. Solche Empfindungen zu
+schildern, ist eine schwere Aufgabe; sie regen uns desto tiefer auf, da
+sie etwas Unbestimmtes haben, wie es die Unermesslichkeit des Raums und die
+Groesse, Neuheit und Mannigfaltigkeit der uns umgebenden Gegenstaende mit
+sich bringen. Wenn ein Reisender die hohen Berggipfel unseres Erdballs,
+die Cataracten der grossen Stroeme, die gewundenen Thaeler der Anden zu
+beschreiben hat, so laeuft er Gefahr den Leser durch den eintoenigen
+Ausdruck seiner Bewunderung zu ermueden. Es scheint mir den Zwecken, die
+ich bei dieser Reisebeschreibung im Auge habe, angemessener, den
+eigenthuemlichen Charakter zu schildern, der jeden Landstrich auszeichnet.
+Man lehrt die Physiognomie einer Landschaft deste besser kennen, je
+genauer man die einzelnen Zuege auffasst, sie unter einander vergleicht und
+so auf dem Wege der Analysis den Quellen der Genuesse nachgeht, die uns das
+grosse Naturgemaelde bietet.
+
+Die Reisenden wissen aus Erfahrung, dass man auf der Spitze hoher Berge
+selten eine so schoene Aussicht hat und so mannigfaltige malerische Effekte
+beobachtet als auf den Gipfeln von der Hoehe des Vesuvs, des Rigi, des Puy
+de Dome. Colossale Berge wie der Chimborazo, der Antisana oder der
+Montblanc haben eine so grosse Masse, dass man die mit reichem Pflanzenwuchs
+bedeckten Ebenen nur in grosser Entfernung sieht und ein blaeulicher Duft
+gleichfoermig auf der ganzen Landschaft liegt. Durch seine schlanke Gestalt
+und seine eigenthuemliche Lage vereinigt nun der Pic von Teneriffa die
+Vortheile niedrigerer Gipfel mit denen, wie sehr bedeutende Hoehen sie
+bieten. Man ueberblickt auf seiner Spitze nicht allein einen ungeheuren
+Meereshorizont, der ueber die hoechsten Berge der benachbarten Inseln
+hinaufreicht, man sieht auch die Waelder von Teneriffa und die bewohnten
+Kuestenstriche so nahe, dass noch Umrisse und Farben in den schoensten
+Contrasten hervortreten. Es ist als ob der Vulkan die kleine Insel, die
+ihm zur Grundlage dient, erdrueckte; er steigt aus dem Schoosse des Meeres
+dreimal hoeher auf, als die Wolken im Sommer ziehen. Wenn sein seit
+Jahrhunderten halb erloschener Krater Feuergarben auswuerfe wie der
+Stromboli der aeolischen Inseln, so wuerde der Pik von Tenerifa dem Schiffer
+in einem Umkreis von mehr als 260 Meilen als Leuchtthurm dienen.
+
+Wir lagerten uns am aeussern Rande des Kraters und blickten zuerst nach
+Nordwest, wo die Kuesten mit Doerfern und Weilern geschmueckt sind. Vom Winde
+fortwaehrend hin und her getriebene Dunstmassen zu unser Fuessen boten uns
+das mannigfaltigste Schauspiel. Eine ebene Wolkenschicht zwischen uns den
+tiefen Regionen der Insel, dieselbe, von der oben die Rede war, war da und
+dort durch die kleinen Luftstroeme durchbrochen, welche nachgerade die von
+der Sonne erwaermte Erdoberflaeche zu uns heraufsandte. Der Hafen von
+Orotava, die darin ankernden Schiffe, die Gaerten und Weinberge um die
+Stadt wurden durch eine Oeffnung sichtbar, welche jeden Augenblick groesser
+zu werden schien. Aus diesen einsamen Regionen blickten wir nieder in eine
+bewohnte Welt; wir ergoetzten uns am lebhaften Contrast zwischen den duerren
+Flanken des Pics, seinen mit Schlacken bedeckten steilen Abhaengen, seinen
+pflanzenlosen Plateaus, und dem lachtenden Anblick des bebauten Landes;
+wir sahen, wie sich die Gewaechse nach der mit der Hoehe abnehmenden
+Temperatur in Zonen vertheilen. Unter dem Piton beginnen Flechten die
+verschlackten, glaenzenden Laven zu ueberziehen; ein Veilchen [_Viola
+cheiranthifolia_], das der _Viola decumbens_ nahe steht, geht am Abhang
+des Vulkans bis zu 1740 Toisen [3390 m] Hoehe, hoeher nicht allein als die
+andern krautartigen Gewaechse, sondern sogar hoeher als die Graeser, welche
+in den Alpen und auf dem Ruecken der Kordilleren unmittelbar an die
+Gewaechse aus der Familie der Kryptogamen stossen. Mit Bluethen bedechte
+Retamabuesche schmuecken die kleinen, von den Regenstroemen eingerissenen und
+durch die Seitenausbrueche verstopften Thaeler; unter der Retama folgt die
+Region der Farn und auf diese die der baumartigen Heiden. Waelder von
+Lorbeeren, Rhamnus und Erdbeerbaeumen liegen zwischen den Heidekraeutern und
+den mit Reben und Obstbaeumen bepflanzten Gelaenden. Ein reicher gruener
+Teppich breitet sich von der Ebene der Ginster und der Zone der
+Alpenkraeuter bis zu den Gruppen von Dattelpalmen und Musen, deren Fuss das
+Weltmeer zu bespuelen scheint. Ich deute hier nur die Hauptzuege dieser
+Pflanzenkarte an; im Folgenden gebe ich einiges Naehere ueber die
+Pflanzengeographie der Insel Teneriffa.
+
+Dass auf der Spitze des Pics die Doerfchen, Weinberge und Gaerten an der
+Kueste einem so nahe gerueckt scheinen, dazu traegt die erstaunliche
+Durchsichtigkeit der Luft viel bei. Trotz der bedeutenden Entfernung
+erkannten wir nicht nur die Haeuser, die Baumstaemme, das Takelwerk der
+Schiffe, wir sahen auch die reiche Pflanzenwelt der Ebenen in den
+lebhaftesten Farben glaenzen. Diese Erscheinung ist nicht allein dem hohen
+Standpunkt zuzuschreiben, sie deutet auf eine eigenthuemliche
+Beschaffenheit der Luft in den heissen Laendern. Unter allen Zonen erscheint
+ein Gegenstand, der sich auf dem Meeresspiegel befindet und von dem die
+Lichtstrahlen in wagrechter Richtung ausgehen, weniger lichtstark, als
+wenn man ihn vom Gipfel eines Berges sieht, wohin die Wasserdaempfe durch
+Luftschichten von abnehmender Dichtigkeit gelangen. Gleich auffallende
+Unterschiede werden vom Einfluss der Klimate bedingt; der Spiegel eines
+Sees oder eines breiten Flusses glaenzt bei gleicher Entfernung weniger,
+wenn man ihn vom Kamme der Schweizer Hochalpen, als wenn man ihn vom
+Gipfel der Cordilleren von Peru oder Mexico sieht. Je reiner und heiterer
+die Luft ist, desto vollstaendiger wird das Licht bei seinem Durchgang
+geschwaecht. Wenn man von der Suedsee her auf die Hochebene von Quito oder
+Antisana kommt, so wundert man sich in den ersten Tagen, wie nahe gerueckt
+Gegenstaende erscheinen, die sieben, acht Meilen entfernt sind. Der Pic von
+Teyde geniesst nur zwar nicht des Vortheils, unter den Tropen zu liegen,
+aber die Trockenheit der Luftsaeulen, welche fortwaehrend ueber den
+benachbarten afrikanischen Ebenen aufsteigen und die die Westwinde rasch
+herbeifuehren, verleiht der Luft der canarischen Inseln eine
+Durchsichtigkeit, hinter der nicht nur die Luft Neapels und Siziliens,
+sondern vielleicht sogar der klare Himmel Perus und Quitos zurueckstehen.
+Auf dieser Durchsichtigkeit beruht vornehmlich die Pracht der Landschaften
+unter den Tropen; sie hebt den Glanz der Farben der Gewaechse und steigert
+die magische Wirkung ihrer Harmonien und ihrer Contraste. Wenn eine grosse,
+um die Gegenstaende verbreitete Lichtmasse in gewissen Stunden des Tages
+die aeussern Sinne ermuedet, so wird der Bewohner suedlicher Klimate durch
+moralische Genuesse dafuer entschaedigt. Schwung und Klarheit der Gedanken,
+innerliche Heiterkeit entsprechen der Durchsichtigkeit der umgebenden
+Luft. Man erhaelt diese Eindruecke, ohne die Grenzen von Europa zu
+ueberschreiten; ich berufe mich auf die Reisenden, welche jene durch die
+Wunder des Gedankens und der Kusnt verherrlichten Laender gesehen haben,
+die gluecklichen Himmelsstriche Griechenlands und Italiens.
+
+Umsonst verlaengerten wir unseren Aufenthalt auf dem Gipfel des Pics, des
+Moments harrend, wo wir den ganzen Archipel der glueckseligen Inseln(18)
+wuerden uebersehen koennen. Wir sahen zu unseren Fuessen Palma, Gomera und die
+Grosse Canaria. Die Berge von Lanzerota, die bei Sonnenaufgang dunstfrei
+gewesen waren, huellten sich bald wieder in dichte Wolken. Nur die
+gewoehnliche Refraction vorausgesetzt, uebersieht das Auge bei hellen Wetter
+vom Gipfel des Vulkans ein Stueck Erdoberflaeche von 5700 Quadratmeilen
+[115000 qkm], also so viel als ein Viertheil der Oberflaeche Spaniens. Oft
+ist die Frage aufgeworfen worden, ob man von dieser ungeheurn Pyramide die
+afrikanische Kueste sehen koenne. Aber die naechsten Striche dieser Kueste
+sind 2 Grad 49 Minuten im Bogen, oder 56 Meilen [252 km] entfernt; da nun
+der Gesichtshalbmesser des Horizonts des Pics 1 Grad 47 Minuten betraegt,
+so kann Cap Bojador nur sichtbar werden, wenn man ihm 200 Toisen
+Meereshoehe gibt. Wiir wissen gar nicht, wie hoch die Schwarzen Berge bei
+Cap Bojador sind, sowie der Pic suedlich von diesem Vorgebirge, den die
+Seefahrer Penon grade nennen. Waere der Gipfel des Vulkans von Teneriffa
+zugaenglicher, so liessen sich dort ohne Zweifel bei gewissen Windrichtungen
+die Wirkungen ungewoehnlicher Refraction beobachten. Liest man die Berichte
+spanischer und portugiesischer Schriftsteller ueber die Existenz der
+fabelhaften Insel San Borondon oder Antilia, so sieht man, dass in diesen
+Strichen vorzueglich der feuchte West-Sued-Westwind Luftspiegelungen zur
+Folge hat;(19) indessen wollen wir nicht mit Viera glauben, "dass durch das
+Spiel der irdischen Refraction die Inseln des gruenen Vorgebirges, ja sogar
+die Apalachen in Amerika den Bewohnern der Canarien sichtbar werden
+koennen."
+
+Die Kaelte, die wir auf dem Gipfel des Pics empfanden, war fuer die
+Jahreszeit sehr bedeutend. Der hunderttheilige Thermometer(20) zeigte
+entfernt vom Boden und von den Fumarolen, die heisse Daempfe ausstossen, im
+Schatten 2 deg.,7. Der Wind war West, also dem entgegengesetzt, der einen
+grossen Teil des Jahres Teneriffa die heisse Luft zufuehrt, die ueber den
+gluehenden Wuesten Afrikas aufsteigt. Da die Temperatur im Hafen von
+Orotava, nach Herrn Savagis Beobachtung, 22 deg.,8 war, so nahm die Waerme auf
+94 Toisen Hoehe um einen Grad ab. Dieses Ergebniss stimmt vollkommen mit dem
+ueberein, was Lamanon und Saussure auf den Spitzen des Pics und des Aetna,
+obwohl in sehr verschiedenen Jahreszeiten, beobachtet haben. [Lamanons
+Beobachtung ergiebt einen Grad auf 99 Toisen, obgleich die Temperatur des
+Pics um 9 deg. von der von uns beobachteten abwich. Am Aetna fand Saussure die
+Abnahme gleich 91 Toisen.] Die schlanke Gestalt dieser Berge bietet den
+Vortheil, dass man die Temperatur zweier Luftschichten fast senkrecht ueber
+einander beobachten kann, und in dieser Beziehung gleichen die
+Beobachtungen, die man bei der Besteigung des Vulkans von Teneriffa macht,
+denen, die man bei einer Auffahrt im Luftballon machen kann. Es ist
+indessen zu bemerken, dass die See wegen ihrer Durchsichtigkeit und wegen
+der Verdunstung weniger Waerme den hohen Luftschichten zusendet als die
+Ebenen; daher ist es auf vom Meer umgebenen Berggipfeln im Sommer kaelter
+als auf Bergen mitten im Lande; dieses Moment hat aber nur geringen
+Einfluss auf die Abnahme der Luftwaerme, da die Temperatur der tiefen
+Regionen in der Naehe des Meeres gleichfalls eine niedrigere ist.
+
+Anders verhaelt es sich mit dem Einflusse der Windrichtung und der
+Geschwindigkeit des aufsteigenden Stroms; letzterer erhoeht nicht selten
+die Temperatur der hoechsten Berge in erstaunlichem Grade. Am Abhang des
+Antisana im Koenigreich Quito sah ich in 2837 Toisen Hoehe den Thermometer
+auf 19 deg. stehen; Labillardiere beobachtete am Kraterrand des Pic von
+Teneriffa 18 deg.,7, wobei er alle erdenkliche Vorsicht gebraucht hatte, um
+den Einfluss zufaelliger Ursachen auszuschliessen. Da die Temperatur der
+Rhede von Santa Cruz zur selben Zeit 28 deg. war, so betrug der Unterschied
+zwischen der Luft an der Kueste und der auf dem Pic 9 deg.,3 statt 20 deg., die
+einer Waermeabnahme von einem Grad auf 94 Toisen entsprechen. Ich finde im
+Schiffstagebuch von l´Entrecasteaux´s Expedition, dass damals in Santa Cruz
+der Wind Sued-Sued-Ost war. Vielleicht wehte derselbe Wind staerker in den
+hohen Luftregionen; vielleicht trieb er in schiefer Richtung die warme
+Luft vom nahen Festlande der Spitze des Piton zu. Labillardieres
+Besteigung fand zudem am 17. Oktober 1791 statt, und in den Schweizer
+Alpen hat man die Beobachtung gemacht, dass der Temperaturunterschied
+zwischen Berg und Tiefland im Herbst geringer ist als im Sommer. Alle
+diese Schwankungen im Mass der Temperaturabnahme haben auf die Messungen
+mittelst des Barometers nur insofern Einfluss, als die Abnahme in den
+dazwischenliegenden Schichten nicht gleichfoermig ist, und von der
+arithmetischen gleichmaessigen Progression, wie die angewandten Formeln sie
+annehmen, abweicht.
+
+Wir wurden auf dem Gipfel des Pics nicht muede, die Farbe des blauen
+Himmelsgewoelbes zu bewundern. Ihre Intensitaet im Zenith schien uns gleich
+41 deg. des Cyanometers. Man weiss nach Saussures Versuchen, dass diese
+Intensitaet mit der Verduennung der Luft zunimmt, und dass dasselbe
+Instrument zu selben Zeit bei der Priorei von Chamouni 39 deg. und auf der
+Spitze des Montblanc 40 deg. zeigte. Dieser Berg ist um 540 Toisen hoeher als
+der Vulkan von Teneriffa, und wenn trotz diesem Unterschied auf ersterem
+das Himmelsblau nicht so dunkel ist, so ruehrt dies wohl von der
+Trockenheit der afrikanischen Luft und der Naehe der heissen Zone her.
+
+Wir fingen am Kraterrand Luft auf, um sie auf der Fahrt nach Amerika
+chemisch zu zerlegen. Die Flasche war so gut verschlossen, dass, als wir
+sie nach zehn Tagen oeffneten, das Wasser mit Gewalt hineindrang. Nach
+mehreren Versuchen mit Salpetergas in der engen Roehre des Fontanaschen
+Eudiometers enthielt die Luft im Krater neun Hunderttheile weniger
+Sauerstoff als die Seeluft; ich gebe aber wenig auf dieses Resultat, da
+die Methode jetzt fuer ziemlich unzuverlaessig gilt. Der Krater des Pics hat
+so wenig Tiefe und die Luft darin erneuert sich so leicht, dass schwerlich
+mehr Stickstoff darin ist als an der Kueste. Wir wissen ueberdem aus
+Gay-Lussacs und Theodor Saussures Versuchen, dass die Luft in den hoechsten
+Luftregionen wie in den tiefsten 0,21 Sauerstoff enthaelt.(21)
+
+Wir sahen auf dem Gipfel des Pics keine Spur von Psora, Lecidium oder
+andern Crytogamen, kein Insekt flatterte in der Luft. Indessen findet man
+hie und da ein hautfluegligtes Insekt an den Schwefelmassen angeklebt, die
+von schwefligter Saeure feucht sind und die Oeffnungen der Fumarolen
+auskleiden. Es sind Bienen, die wahrscheinlich die Bluethen des _Spartium
+nubigenum_ aufgesucht hatten und vom Winde schief aufwaerts in diese Hoehe
+getrieben worden waren, wie die Schmetterlinge, welche Ramond auf dem
+Gipfel des Mont-Perdu gefunden. Die letzteren gehen durch die Kaelte zu
+Grunde, waehrend die Bienen auf dem Pic geroestet werden, wenn sie
+unvorsichtig den Spalten, an denen sie sich waermen wollen, zu nahe kommen.
+
+Trotz dieser Waerme, die man am Rande des Kraters unter den Fuessen spuert,
+ist der Aschenkegel im Winter mehrere Monate mit Schnee bedeckt.
+Wahrscheinlich bilden sich unter der Schneehaube grosse Hoehlungen, aehnlich
+denen unter den Gletschern in der Schweiz, die bestaendig eine niedrigere
+Temperatur haben als der Boden, auf dem sie ruhen. Der heftige kalte Wind,
+der seit Sonnenaufgang blies, zwang uns, am Fusse des Piton Schutz zu
+suchen. Haende und Gesicht waren uns erstarrt, waehrend unsere Stiefel auf
+dem Boden, auf den wir den Fuss setzten, verbrannten. In wenigen Minuten
+waren wir am Fuss des Zuckerhuts, den wir so muehsam erklommen, und diese
+Geschwindigkeit war zum Theil unwillkuerlich, da man haeufig in der Asche
+hinunterrutscht. Ungern schieden wir von dem einsamen Ort, wo sich die
+Natur in ihrer ganzen Grossartigkeit vor uns aufthut; wir hofften die
+canarischen Inseln noch einmal besuchen zu koennen, aber aus dem Plan wurde
+nichts, wie aus so vielen, die wir damals entwarfen.
+
+Wir gingen langsam durch das Malpays; auf losen Lavabloecken tritt man
+nicht sicher auf. Der Station bei den Felsen zu wird der Weg abwaerts
+aeusserst beschwerlich; der dichte kurze Rasen ist so glatt, dass man sich
+bestaendig nach hinten ueberbeugen muss, um nicht zu stuerzen. Auf der
+sandigen Ebene der Retama zeigte der Thermometer 22 deg.,5, und diess schien
+uns nach dem Frost, der uns auf dem Gipfel geschuettelt, eine erstickende
+Hitze. Wir hatten gar kein Wasser; die Fuehrer hatten nicht allein den
+kleinen Vorrath Malvasier, den wir der freundlichen Vorsage Cologans
+verdankten, heimlich getrunken, sondern sogar die Wassergefaesse zerbrochen.
+Zum Glueck war die Flasche mit der Kraterluft unversehrt geblieben.
+
+In der schoenen Region der Farn und der baumartigen Heiden genossen wir
+endlich einiger Kuehlung. Eine dicke Wolkenschicht huellte uns ein; sie
+hielt sich in 600 Toisen Hoehe ueber der Niederung. Waehrend wir durch diese
+Schicht kamen, hatten wir Gelegenheit, eine Erscheinung zu beobachten, die
+uns spaeter am Abhang der Cordilleren oefters vorgekommen ist. Kleine
+Luftstroeme trieben Wolkenstreifen mit verschiedener Geschwindigkeit nach
+entgegengesetzten Richtungen. Diess nahm sich aus, als ob in einer grossen
+stehenden Wassermasse kleine Wasserstroeme sich rasch nach allen Seiten
+bewegten. Diese theilweise Bewegung der Wolken ruehrt wahrscheinlich von
+sehr verschiedenen Ursachen her, und man kann sich denken, dass der Anstoss
+dazu sehr weit her kommen mag. Man kann den Grund in den kleinen
+Unebenheiten des Bodens suchen, die mehr oder weniger Waerme strahlen, in
+einem auf irgend einem chemischen Process beruhenden Temperaturunterschied,
+oder endlich in einer starken elektrischen Ladung der Dunstblaeschen.
+
+In der Naehe der Stadt Orotava trafen wir grosse Schwaerme von Canarienvoegeln
+[_Fringilla Canaria_. La Caille erzaehlt in seiner Reisebeschreibung nach
+dem Cap, auf der Insel Salvage faenden sich diese Voegel in so ungeheurer
+Menge, dass man in einer gewissen Jahreszeit nicht umhergehen koenne, ohne
+Eier zu zertreten.] Diese in Europa so wohl bekannten Voegel waren ziemlich
+gleichfoermig gruen, einige auf dem Ruecken gelblich; ihr Schlag glich dem
+der zahmen Canarienvoegel, man bemerkt indessen, dass die, welche auf der
+Insel Gran Canaria und auf dem kleinen Eiland Monte Clara bei Lanzerota
+gefanden werden, einen staerkeren und zugleich harmonischeren Schlag haben.
+In allen Himmelsstrichen hat jeder Schwarm derselben Vogelart seine eigene
+Sprache. Die gelben Canarienvoegel sind eine Spielart, die in Europa
+entstanden ist, und die, welche wir zu Orotava und Santa Cruz de Teneriffa
+in Kaefigen sahen, waren in Cadix und anderen spanischen Haefen gekauft.
+Aber der Vogel der canarischen Inseln, der von allen den schoensten Gesang
+hat, ist in Europa unbekannt, der Capirote, der so sehr die Freiheit
+liebt, dass er sich niemals zaehmen liess. Ich bewunderte seinen weichen,
+melodischen Schlag in einem Garten bei Orotava, konnte ihn aber nicht nahe
+genug zu Gesicht bekommen, um zu bestimmen, welcher Gattung sie angehoert.
+Was die Papageien betrifft, die man beim Aufenthalt des Kapitaen Cook auf
+Teneriffa gesehen haben will, so existiren sie nur in Reiseberichten, die
+einander abschreiben. Es gibt auf den Canarien wieder Papageien noch
+Affen, und obgleich erstere in der neuen Welt bis Nordcarolina wandern, so
+glaube ich doch kaum, dass in der alten ueber dem 28sten Grad noerdlicher
+Breite welche vorkommen.
+
+Wir kamen, als der Tag sich neigte, im Hafen von Orotava an und erhielten
+daselbst die unerwartete Nachricht, dass der Pizarro erst in der Nach vom
+24. zum 25. unter Segel gehen werde. Haetten wir auf diesen Aufschub
+rechnen koennen, so waeren wir entweder laenger auf dem Pic geblieben(22)
+oder haetten einen Ausflug nach dem Vulkan Chahorra gemacht. Den folgenden
+Tag durchstreiften wir die Umgegend von Orotava. Da fuehlten wir recht, dass
+der Aufenthalt auf Teneriffa nicht bloss fuer den Naturforscher von
+Interesse ist; man findet in Orotava Liebhaber von Literatur und Musik,
+welche den Reiz europaeischer Gesellschaft in diese fernen Himmelsstriche
+verpflanzt haben. In dieser Beziehung haben die canarischen Inseln mit den
+uebrigen spanischen Kolonien, Havanna ausgenommen, wenig gemein.
+
+Am Vorabend des Johannistages wohnten wir einem laendlichen Feste in Herrn
+Littles Garten bei. Dieser Handelsmann, der den Canarien bei der letzten
+Getreidetheuerung bedeutende Dienste erwiesen, hat einen mit vulkanischen
+Truemmern bedeckten Huegel angepflanzt und an diesem koestlichen Punkt einen
+englischen Garten angelegt, wo man eine herrliche Aussicht auf die
+Pyramide des Pics, auf die Doerfer an der Kueste und die Insel Palme hat,
+welche die weite Meeresflaeche begrenzt. Ich kann diese Aussicht nur mit
+der in den Golfen von Neapel und Genua vergleichen, aber hinsichtlich der
+Grossartigkeit der Massen und der Fuelle des Pflanzenwuchses steht Orotave
+ueber beiden. Bei Einbruch der Nacht bot uns der Abhang des Vulkans auf
+einmal ein eigenthuemliches Schauspiel. Nach einem Brauch, den ohne Zweifel
+die Spanier eingefuehrt hatten, obgleich er an sich uralt ist, hatten die
+Hirten die Johannisfeuer angezuendet. Die zerstreuten Lichtmassen, die vom
+Winde gejagten Rauchsaeulen hoben sich an den Seiten des Pics vom
+Dunkelgruen der Waelder ab. Freudengeschrei drang aus der Ferne zu uns
+herueber, und schien der einzige Laut, der die Stille der Natur an jenen
+einsamen Orten unterbrach.
+
+Die Familie Cologan besitzt ein Landhaus naeher an der Kueste als das eben
+beschriebene. Der Name, den ihm der Eigenthuemer gegeben, bezeichnet den
+Eindruck, den dieser Landsitz macht. Das Haus *la Paz* hatte zudem noch
+besonderes Interesse fuer uns. Borda, dessen Tod wir bedauerten, hatte hier
+bei seiner letzten Reise nach den Canarien gewohnt. Auf einer kleinen
+Ebene in der Naehe hat er die Standlinie zur Messung der Hoehe des Pics
+abgesteckt. Bei dieser trigonometrischen Messung diente der grosse
+Drachenbaum von Orotava als Signal. Wollte einmal ein unterrichteter
+Reisender eine genauere Messung des Vulkans mittelst astronomischer
+Repetitionskreise vornehmen, so muesste er die Standlinie nicht bei Orotava,
+sondern bei *los Silos*, an einem Orte, *Bante* genannt, messen; nach
+Broussonet ist keine Ebene in der Naehe des Pics so gross wie diese. Wir
+botanisirten bei la Paz und fanden in Menge das _Lichen roccella_ auf
+basaltischem, von der See bespuelten Gestein. Die Orseille der Canarien ist
+ein sehr alter Handelsartikel; man bezieht aber das Moos weniger von
+Teneriffa als von den unbewohnten Inseln Salvage, Graciosa, Alagranza,
+sogar von Canaria und Hierro.
+
+Am 24. Juni Morgens verliessen wir den Hafen von Orotava; in Laguna
+speisten wir beim franzoesischen Consul. Er hatte die Gefaelligkeit, die
+Besorgung der geologischen Sammlungen zu uebernehmen, die wir dem
+Naturaliencabinett des Koenigs von Spanien uebermachten. Als wir vor der
+Stadt auf die Rhede hinausblickten, sahen wir zu unserem Schreck den
+Pizarro, unsere Corvette, unter Segel. Im Hafen angelangt, erfuhren wir,
+er lavire mit wenigen Segeln, uns erwartend. Die englischen bei Teneriffa
+stationirten Schiffe waren verschwunden, und wir hatten keinen Augenblick
+zu verlieren, um aus diesen Strichen wegzukommen. Wir schifften uns allein
+ein; unsere Reisegefaehrten waren Canarier gewesen, die nicht mit nach
+Amerika gingen.
+
+Ehe wir den Archipel der Canarien verlassen, werfen wir einen Blick auf
+die Geschichte des Landes.
+
+Vergeblich sehen wir uns im Periplus des Hanno und dem des Scylax nach den
+ersten schriftlichen Urkunden ueber die Ausbrueche des Pics von Teneriffa
+um. Diese Seefahrer hielten sich aengstlich an die Kuesten, sie liefen jeden
+Abend in eine Bay und ankerten, uns so konnten sie nichts von einem Vulkan
+wissen, der 56 Meilen vom Festland von Afrika liegt. Hanno berichtet
+indessen von leuchtenden Stroemen, die sich in das Meer zu ergiessen
+schienen; jede Nacht haben sich auf der Kueste viele Feuer gezeigt, und der
+grosse Berg, der *Goetterwagen* genannt, habe Feuergarben ausgeworfen, die
+bis zu den Wolken aufgestiegen. Aber dieser Berg, nordwaerts von der Insel
+der Gorillas,(23) bildete das Westende der Atlaskette, und es ist zudem
+sehr zweifelhaft, ob die von Hanno bemerkten Feuer wirklich von einem
+vulkanischen Ausbruch herruehrten, oder von dem bei so vielen Voelkern
+herrschenden Brauch, die Waelder und das duerre Gras der Savannen
+anzuzuenden. In neuester Zeit waren ja auch die Naturforscher, welche die
+Expedition unter Controadmiral d´Entrecasteaux mitmachten, ihrer Sache
+nicht gewiss, als sie die Insel Amsterdam mit dickem Rauch bedeckt sahen.
+Auf der Kueste von Caracas sah ich mehrere Naechte hinter einander roethliche
+Feuerstreifen von brennendem Grase, die sich taeuschend wie Lavastroeme
+ausnahmen, die von den Bergen herabkamen und sich in mehrere Arme
+theilten.
+
+Obgleich in den Reisetagebuechern des Hanno und des Scylax, so weit sie uns
+erhalten sind, keine Stelle vorkommt, die sich mit einigen Schein von
+Recht auf die canarischen Inseln beziehen liesse, ist es doch sehr
+wahrscheinlich, dass die Carthager und auch die Phoenicier den Pic von
+Teneriffa gekannt haben. [Einer der angesehensten deutschen Gelehrten,
+Heeren, haelt die glueckseligen Inseln Diodors von Sicilien fuer Madera und
+Porto Santo.] Zu Platos und Aristoteles Zeit waren dunkle Geruechte davon
+zu den Griechen gedrungen, nach deren Vorstellung die ganze Kueste von
+Afrika jenseits der Saeulen des Hercules von vulkanischem Feuer verheert
+war.(24) Die Inseln der Seligen, die man Anfangs im Norden, jenseits der
+riphaeischen Gebirge bei den Hyperboraeern [Die Vorstellung vom Glueck, der
+hohen Kultur und dem Reichthum der Bewohner des Nordens hatten die
+Griechen, die indischen Voelker und die Mexicaner mit einander gemein.],
+spaeter suedwaerts von Cyrenaica gesucht hatte, wurden nach Westen verlegt,
+dahin, wo die den Alten bekannte Welt ein Ende hatte. Was man glueckselige
+Inseln nannte, war lange ein schwankender Begriff, wie der Name *Dorado*
+bei den ersten Eroberern Amerikas. Man versetzte das Glueck an das Ende der
+Welt, wie man den lebhaftesten Geistesgenuss in einer idealen Welt jenseits
+der Grenzen der Wirklichkeit sucht.
+
+Es ist nicht zu verwundern, dass vor Aristoteles die griechischen
+Geographen keine genaue Kenntniss von den canarischen Inseln und ihren
+Vulkanen hatten. Das einzige Volk, das weit nach West und Nord die See
+befuhr, die Carthager, fanden ihren Vortheil dabei, wenn sie diese
+entlegenen Landstriche in den Schleier des Geheimnisses huellten. Der
+carthagische Senat duldete keine Auswanderung Einzelner und ersah diese
+Inseln als Zufluchtsort in Zeiten der Unruhe und politischen Unfaelle; so
+sollten fuer die Carthager seyn, was der freie Boden von Amerika fuer die
+Europaeer bei ihren buergerlichen und religioesen Zwistigkeiten geworden ist.
+
+Die Roemer wurden erst achtzig Jahre vor Octavians Regierung naeher mit den
+canarischen Inseln bekannt. Ein blosser Privatmann wollte den Gedanken
+verwirklichen, den der carthagische Senat mit weiser Vorsicht gefasst. Nach
+seiner Niederlage durch Sylla sucht Sertorius, muede des Waffenlaerms, eine
+sichere, ruhige Zufluchtsstaette. Er waehlt die glueckseligen Inseln, von
+denen man ihm an den Kuesten von Baetika eine reizende Schilderung entwirft.
+Er sammelt sorgfaeltig, was ihm von Reisenden an Nachrichten zukommt; aber
+in den wenigen Stuecken dieser Nachrichten, die auf uns gekommen sind, und
+in den umstaendlicheren Beschreibungen des Sebosus und des Juba ist niemals
+von Vulkanen und vulkanischen Ausbruechen die Rede. Kaum erkennt man die
+Insel Teneriffa und den Schnee, der im Winter die Spitze des Pics bedeckt,
+am Namen *Nivaria*, der einer der glueckseligen Inseln beigelegt wird. Man
+koennte darnach annehmen, dass der Vulkan damals kein Feuer gespien habe,
+wenn sich aus dem Stillschweigen von Schriftstellern etwas schliessen
+liesse, von denen wir nichts besitzen als Bruchstuecke und trockene
+Namenverzeichnisse. Umsonst sucht der Physiker in der Geschichte Urkunden
+ueber die aeltesten Ausbrueche des Pics; er findet nirgends welche ausser in
+der Sprache der Guanchen, in der das Wort "Echeyde"(25) zugleich die Hoelle
+und den Vulkan von Teneriffa bedeutete.
+
+Die aelteste schriftliche Nachricht von der Thaetigkeit des Vulkans, die ich
+habe auffinden koennen, kommt aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.
+Sie findet sich in der Reisebeschreibung(26) des Aloysio Cadamusto, der im
+Jahr 1505 auf den Canarien landete. Dieser Reisende war nicht selbst Zeuge
+eines Ausbruchs, er versichert aber bestimmt, der Berg brenne fortwaehrend
+gleich dem Aetna und das Feuer sey von Christen gesehen worden, die als
+Sklaven der Guanchen auf Teneriffa lebten. Der Pic befand sich also damals
+nicht im Zustand der Ruhe wie jetzt, denn es ist sicher, dass kein
+Reisender und kein Einwohner von Teneriffa der Muendung des Pics von weitem
+sichtbaren Rauch, geschweige denn Flammen, hat entsteigen sehen. Es waere
+vielleicht zu wuenschen, dass der Schlund der *Caldera* sich weiter oeffnete,
+die Seitenausbrueche wuerden damit weniger heftig und die ganze Inselgruppe
+hatte weniger von Erdbeben zu leiden.
+
+Ich habe zu Orotava die Frage besprechen hoeren, ob anzunehmen sey, dass der
+Krater des Pics im Lauf der Jahrhunderte wieder in Thaetigkeit treten
+werde. In einer so zweifelhaften Sache kann man sich nur an die Analogie
+halten. Nun war nach Braccinis Bericht im Jahr 1611 der Krater des Vesuvs
+im Innern mit Gebuesch bewachsen. Alles verkuendete die tiefste Ruhe, und
+dennoch warf derselbe Schlund, der sich in ein schattiges Thal verwandeln
+zu wollen schien, zwanzig Jahre spaeter Feuersaeulen und ungeheure Massen
+Asche aus. Der Vesuv wurde im Jahr 1631 wieder so thaetig, als er im Jahr
+1500 gewesen war. So koennte moeglicherweise auch der Krater des Pics sich
+eines Tags wieder umwandeln. Er ist jetzt eine Solfatare, aehnlich der
+friedlichen Solfatare von Puzzuoli; aber sie ist auf der Spitze eines noch
+thaetigen Vulkans gelegen.
+
+Die Ausbrueche des Pics waren seit zweihundert Jahren sehr selten, und
+solche lange Pausen scheinen charakteristisch fuer sehr hohe Vulkane. Der
+kleinste von allen, der Stromboli, ist fast in bestaendiger Thaetigkeit.
+Beim Vesuv sind die Ausbrueche seltener, indessen haeufiger als beim Aetna
+und dem Pic von Teneriffa. Die colossalen Gipfel der Anden, der Cotopaxi
+und der Tungurahua speien kaum einmal im Jahrhundert Feuer. Bei thaetigen
+Vulkanen scheint die Haeufigkeit der Ausbrueche im umgekehrten Verhaeltniss
+mit der Hoehe und der Masser derselben zu stehen. So schien auch der Pic
+nach zwei und neunzig Jahren erloschen, als im Jahr 1792 der letzte
+Ausbruch durch eine Seitenoeffnung im Berg Chahorra erfolgte. In diesem
+Zeitraum hat der Vesuv sechzehnmal Feuer gespieen.
+
+Ich habe anderwo ausgefuehrt, dass der genze gebirgigte Theil des
+Koenigreichs Quito anzusehen ist als ein ungeheurer Vulkan von 700
+Quadratmeilen Oberflaeche, der aus verschiedenen Kegeln mit eigenen Namen,
+Cotopaxi, Tungurahua, Pichincha, Feuer speit. Ebenso ruht die ganze Gruppe
+der canarischen Inseln gleichsam auf Einem untermeerischen Vulkan. Das
+Feuer brach sich bald durch diese, bald durch jene der Inseln Bahn. Nur
+Teneriffa traegt in seiner Mitte eine ungeheure Pyramide mit einem Krater
+auf der Spitze, die in jahrhundertlangen Perioden aus ihren Seiten
+Lavastroeme ergiesst. Auf den andern Inseln haben die verschiedenen
+Ausbrueche an verschiedenen Stellen stattgefunden, und man findet dort
+keinen vereinzelnten Berg, an den die vulkanische Thaetigkeit gebunden
+waere. Die von uralten Vulkanen gebildete Basaltrinde scheint dort aller
+Orten unterhoehlt, und die Lavastroeme, die auf Lanzerota und Palma
+ausgebrochen sind, kommen geologisch durchaus mit dem Ausbruch ueberein,
+der im Jahr 1301 auf der Insel Ischia durch die Tuffe des Epomeo erfolgte.
+
+Es folgt hier die Liste der Ausbrueche, deren Andenken sich bei den
+Geschichtschreibern der Insel seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts
+erhalten hat.
+
+*Jahr 1558.* -- Am 15. April. Zur selben Zeit wurde Teneriffa zum erstenmal
+von der aus der Levante eingeschleppten Pest verheert. Ein Vulkan oeffnet
+sich auf der Insel Palma, nahe einer Quelle im _Partido de los Llanos_.
+Ein Berg steigt aus dem Boden; auf der Spitze bildet sich ein Krater, der
+einen hundert Toisen breiten und ueber 2500 Toisen langen Lavastrom
+ergiesst. Die Lava stuerzt sich ins Meer, und durch die Erhitzung des
+Wassers gehen die Fische in weitem Umkreis zu Grunde. [Dieselbe
+Erscheinung wiederholte sich 1811 bei den Azoren, als der Vulkan Sabrina
+auf dem Meeresboden ausbrach. Das calcinirte Skelett eines Haifisches
+wurde im erloschenen, mit Wasser gefuellten Krater gefunden.]
+
+*Jahr 1646.* -- Am 13. November thut sich ein Schlund auf der Insel Palma
+bei Tigalate auf; zwei andere bilden sich am Meeresufer. Die Laven, die
+sich aus diesen Spalten ergiessen, machen die beruehmte Quelle Foncaliente
+oder Fuente Santa versiegen, deren Mineralwasser Kranke sogar aus Europa
+herbeizog. Nach einer Volkssage wurde dem Ausbruch durch ein seltsames
+Mittel Einhalt geboten. Das Bild unserer lieben Frau zum Schnee wurde aus
+Santa Cruz an den Schlund des Vulkans gebracht, und alsbald fiel eine so
+ungeheure Masse Schnee, dass das Feuer dadurch erlosch. In den Anden von
+Quito wollen die Indianer die Bemerkung gemacht haben, dass die Thaetigkeit
+der Vulkane durch vieles einsickerndes Schneewasser gesteigert wird.
+
+*Jahr 1677.* -- Dritter Ausbruch auf der Insel Palma. Der Berg las Cabras
+wirft aus einer Menge kleienr Oeffnungen, die sich nacheinander bilden,
+Schlacken und Asche aus.
+
+*Jahr 1704.* -- Am 31. December. Der Pic von Teneriffa macht einen
+Seitenausbruch in der Ebene les Infantes, oberhalb Ocore, im Bezirk
+Guimar. Furchtbare Erdbeben gingen dem Ausbruch voran. Am 5. Januar 1705
+thut sich ein zweiter Schlund in der Schlucht Almerchiga, eine Meile von
+Icore auf. Die Lava ist so stark, dass sie das ganze Thal Fasnia oder Areza
+ausfuellt. Dieser zweite Schlund hoert am 13. Januar zu speien auf. Ein
+dritter bildet sich am 2. Februar in der Canada de Araso. Die Lava in drei
+Stroemen bedroht das Dorf Guimar, wird aber im Thal Melosar durch einen
+Felsgrat aufgehalten, der einen unuebersteiglichen Damm bildet. Waehrend
+dieser Ausbrueche spuert die Stadt Orotava, die nur einen schmaler Damm von
+den neuen Schluenden trennt, starke Erdstoesse.
+
+*Jahr 1706.* -- Am 5. Mai. Ein weiterer Seitenausbruch des Pics von
+Teneriffa. Der Schlund bricht ab suedlich vom Hafen von Garachico, damls
+dem schoensten und besuchtesten der Insel. Die volkreiche, wohlhabende
+Stadt hatte eine malerische Lage am Saum eines Lorbeerwaldes. Zwei
+Lavastroeme zerstoeren sie in wenigen Stunden; kein Haus blieb stehen. Der
+Hafen, der schon im Jahr 1645 gelitten hatte, weil ein Hochwasser viel
+Erdreich hineingefuehrt, wurde so ausgefuellt, dass die sich aufthuermenden
+Laven in der Mitte seines Umfangs ein Vorgebirge bildeten. Ueberall, rings
+um Garachico, wurde das Erdreich voellig umgewandelt. Aus der Ebene stiegen
+Huegel auf, die Quellen blieben aus, und Felsmassen wurden durch die
+haeufigen Erdstoesse der Dammerde und des Pflanzenwuchses beraubt und blieben
+nackst stehen. Nur die Fischer liessen nicht vom heimathlichen Boden.
+Muthig, wie die Einwohner von Torre del Greco, erbauten sie wieder ein
+Doerfchen auf Schlackenhaufen und dem verglasten Gestein.
+
+*Jahr 1730.* -- Am 1. September. Eine der furchtbarsten Catastrophen
+zerstoert den Landungsplatz der Insel Lancerota. Ein neuer Vulkan bildet
+sich bei Temenfaya. Die Lavastroeme und die Erdstoesse, welche den Ausbruch
+begleiten, zerstoeren eine Menge Doerfer, worunter die alten Flecken der
+Guanchen Tingafa, Macintase und Guatisca. Die Stoesse dauern bis 1736 fort,
+und die Bewohner von Lancerota fluechten sich grossen Theils auf die Insel
+Fortanventra. Waehrend dieses Ausbruchs, von dem schon im vorigen Capitel
+die Rede war, sieht man eine dicke Rauchsaeule aus der See aufsteigen.
+Pyramidalische Felsen erheben sich ueber der Meeresflaeche, die Klippen
+werden immer groesser und verschmelzen allmaehlich mit der Insel selbst.
+
+*Jahr 1798.* -- Am 9. Juni. Seitenausbruch des Pics von Teneriffa, am
+Abhang des Berges Charhorra oder Venge, [Der Abhang des Berges Venge, auf
+dem Ausbruch stattfand, heisst Chazajane.] an einem voellig unbebauten Ort.
+Dieser Berg, der sich an den Pic anlehnt, galt von jeher fuer eine
+erloschenen Vulkan. Er besteht zwar aus festen Gebirgsarten, verhaelt sich
+aber doch zum Pic wie der Monte Rosso, der im Jahr 1661 aufstieg, oder die
+_boche nueve_, die im Jahr 1794 aufbrachen, zum Aetna und zum Vesuv. Der
+Ausbruch des Chahorra waehrte drei Monate und sechs Tage. Die Lava und die
+Schlacken wurden aus vier Muendungen in Einer Reihe ausgeworfen. Die drei
+bis vier Toisen hoch aufgethuermte Lava legte drei Fuss in der Stunde
+zurueck. Da dieser Ausbruch nur ein Jahr vor meiner Ankunft auf Teneriffa
+erfolgt war, so war der Eindruck desselben bei den Einwohnern noch sehr
+lebhaft. Ich sah bei Herrn le Gros in Durasno eine von ihm an Ort und
+Stelle entworfene Zeichnung der Oeffnungen des Chahorra. Don Bernardo
+Cologan hat diese Oeffnungen, acht Tage nachdem sie aufgebrochen, besucht
+und die Haupterscheinungen bei dem Ausbruch in einem Aufsatz beschrieben,
+von dem er mir eine Abschrift mittheilte, um sie meiner Reisebeschreibung
+einzuverleiben. Seitdem sind dreizehn Jahre verflossen; Bory St. Vincent
+ist mir mit der Veroeffentlichung des Aufsatzes zuvorgekommen, und so
+verweise ich den Leser auf sein interessantes Werk: _Essai sur les iles
+fortunees._ Ich beschraenke mich hier darauf, Einiges ueber die Hoehe
+mitzutheilen, zu der sehr ansehnliche Felstuecke aus den Oeffnungen des
+Chahorra emporgeschleudert wurden. Cologan zaehlte waehrend des Falls der
+Steine 12-15 Secunden, [Cologan bemerkt, der Fall habe sogar ueber 15
+Sekunden gedauert, weil er den Stein mit dem Auge nicht verfolgen konnte,
+bis er auffiel.] das heisst er fing im Moment zu zaehlen an, wo sie ihre
+hoechste Hoehe erreicht hatten. Aus dieser interessanten Beobachtung geht
+hervor, dass die Felstuecke aus der Oeffnung ueber dreitausend Fuss hoch
+geschleudert wurden.
+
+Alle in dieser chronologischen Uebersicht verzeichneten Ausbrueche gehoeren
+den drei Inseln Palma, Teneriffa und Lancerota an. Wahrscheinlich sind vor
+dem sechzehnten Jahrhundert die uebrigen Inseln auch vom vulkanischen Feuer
+heimgesucht worden. Nach mit mitgetheilten unbestimmten Notizen laege
+mitten auf der Insel Ferro ein erloschener Vulkan und ein anderer auf der
+Grossen Canaria bei Arguineguin. Es waere aber wichtig zu erfahren, ob sich
+an der Kalkformation von Fortaventura oder am Granit und Glimmerschiefer
+von Gomera Spuren des unterirdischen Feuers zeigen.
+
+Die rein seitliche vulkanische Thaetigkeit des Pics von Teneriffa ist
+geologisch um so merkwuerdiger, als sie dazu beitraegt, die Berge, die sich
+an den Hauptvulkan anlehnen, isolirt erscheinen zu lassen. Allerdings
+kommen auch beim Aetna und beim Vesuv die grossen Lavastroeme auch nicht aus
+dem Krater selbst, und die Masse geschmolzener Stoffe steht meist im
+umgekehrten Verhaeltniss mit der Hoehe, in der sich die Spalte bildet, welche
+die Lava auswirft. Aber beim Vesuv und Aetna endet ein Seitenausbruch
+immer damit, dass der Krater, das heisst die eigentliche Spitze des Bergs,
+Feuer und Asche auswirft. Beim Pic von Teneriffa ist solches seit
+Jahrhunderten nicht vorgekommen. Auch beim letzten Ausbruch im Jahr 1798
+blieb der Krater vollkommen unthaetig. Sein Grund hat sich nicht gesenkt,
+waehrend nach Leopolds von Buch scharfsinniger Bemerkung beim Vesuv die
+groessere oder geringere Tiefe des Kraters fast ein untruegliches Zeichen
+ist, ob ein neuer Ausbruch bevorsteht oder nicht.
+
+Werfen wir jetzt einen Blick darauf, wie einst geschmolzenen Felsmassen
+des Pics, wie die Basalte und Mandelsteine sich allmaehlich mit einer
+Pflanzendecke ueberzogen haben, wie die Gewaechse an den steilen Abhaengen
+des Vulkans vertheilt sind, welcher Charakter der Pflanzenwelt der
+canarischen Inseln zukommt.
+
+Im noerdlichen Theile des gemaessigten Erdstrichs bedecken cryptogamische
+Gewaechse zuerst die steinigte Erdrinde. Auf die Flechten und Moose, deren
+Lauf sich unter dem Schnee entwickelt, folgen grasartige und anderen
+phanerogame Pflanzen. Anders an den Grenzen des heissen Erdstrichs und
+zwischen den Tropen selbst. Allerdings findet man dort, was auch manche
+Reisende sagen moegen, nicht allein auf den Bergen, sondern auch an
+feuchten, schattigen Orten Funarien, Dicranum- und Bryumarten; unter den
+zahlreichen Arten dieser Gattungen befinden sich mehrere, die zugleich in
+Lappland, auf dem Pic von Teneriffa und in den blauen Bergen auf Jamaica
+vorkommen; im Allgemeinen aber beginnt die Vegetation in den Laendern in
+der Naehe der Tropen nicht mit Flechten und Moosen. Auf den Canarien, wie
+in Guinea und an den Felsenkuesten von Peru, sind es die Saftpflanzen, die
+den Grund zur Dammerde legen, Gewaechse, deren mit unzaehligen Oeffnungen
+und Hautgefaessen versehenen Blaetter der umgebenden Luft des darin
+aufgeloeste Wasser entziehen. Sie wachsen in den Ritzen des vulkanischen
+Gesteins und bilden gleichsam die erste vegetabilische Schicht, womit sich
+die Lavastroeme ueberziehen. Ueberall wo die Laven verschlackt sind oder
+eine glaenzende Oberflaeche haben, wie die Basaltkuppen im Norden von
+Lancerota, entwickelt sich die Vegetation ungemein langsam darauf, und es
+vergehen mehrere Jahrhunderte, bis Buschwerk darauf waechst. Nur wenn die
+Lava mit Tuff und Asche bedeckt ist, verliert sich auf vulkanischen
+Eilanden die Kahlheit, die sich in der erstene Zeit nach ihrer Bildung
+auszeichnet, und schmuecken sie sich mit einer ueppigen glaenzenden
+Pflanzendecke.
+
+In seinem gegenwaertigen Zustand zeigt die Insel Teneriffa oder das
+*Chinerfe* [Aus *Chinerfe* haben die Europaeer durch Corruption
+*Tschineriffe*, *Teneriffa* gemacht.] der Guanchen fuenf Pflanzenzonen, die
+man bezeichnen kann als die Regionen der Weinreben, der Lorbeeren, der
+Fichten, der Retama, der Graeser. Diese Zonen liegen am steilen Abhang des
+Pics wie Stockwerke ueber einander und haben 1750 Toisen senkrechte Hoehe,
+waehrend 15 Grad weiter gegen Norden in den Pyrenaeen der Schnee bereits zu
+1300-1400 Toisen absoluter Hoehe herabreicht. Wenn auf Teneriffa die
+Pflanzen nicht bis zum Gipfel des Vulkans vordringen, so ruehrt dies nicht
+daher, weil ewiges Eis(27) und die Kaelte der umgebenden Luft ihnen
+unuebersteigliche Grenzen setzen: vielmehr lassen die verschlackten Laven
+des Malpays und der duerre, zerriebene Bimsstein des Piton die Gewaechse
+nicht an den Kraterrand gelangen.
+
+Die *erste Zone*, die der Reben, erstreckt sich vom Meeresufer bis in
+2-300 Toisen Hoehe; sie ist die am staerksten bewohnte und die einzige, wo
+der Boden sorgfaeltig bebaut ist. In dieser tiefen Lage, im Hafen von
+Orotava und ueberall, wo die Winde freien Zutritt haben, haelt sich der
+hunderttheilige Thermometer im Winter, im Januar und Februar, um Mittag
+auf 15-17 deg.; im Sommer steigt die Hitze nicht ueber 25 oder 26 deg., ist also um
+5-6 deg. geringer als die groesste Hitze, die jaehrlich in Paris, Berlin und
+St. Petersburg eintritt. Diess ergibt sich aus den Beobachtungen Savaggi´s
+in den Jahren 1795-1799. Die mittlere Temperatur der Kueste von Teneriffa
+scheint wenigstens 21 deg. (16 deg.,8 R.) zu seyn, und ihr Klima steht in der
+Mitte zwischen dem von Neapel und dem heissen Erdstrichs. Auf der Insel
+Madera sind die mittleren Temperaturen des Januar und des August, nach
+Heberden, 17 deg.,7 und 23 deg.,8, in Rom dagegen 5 deg.,6 und 26 deg.,1. Aber so aehnlich
+sich die Klimate von Madera und Teneriffa sind, kommen doch die Gewaechse
+er ersteren Insel im Allgemeinen in Europa leichter fort als die von
+Teneriffa. Der _Cheiranthus longifolius_ von Orotava z. B. erfriert in
+Marseille, wie de Candolle beobachtet hat, waehrend der _Cheiranthus
+mutabilis_ von Madera dort im Freien ueberwintert. Die Sommerhitze dauert
+auf Madera nicht so lang als auf Teneriffa.
+
+In der Region der Reben kommen vor acht Arten baumartiger Euphorbien,
+Mesembryanthemum-Arten, die vom Cap der guten Hoffnung bis zum Peloponnes
+verbreitet sind, die _Cacalia Kleinia_, der Drachenbaum, und andere
+Gewaechse, die mit ihrem nackten, gewundenen Stamm, mit den saftigen
+Blaettern und der blaugruenen Faerbung den Typus der Vegetation Afrikas
+tragen. In dieser Zone werden der Dattelbaum, der Bananenbaum, der
+Zuckerrohr, der indische Feigenbaum, _Arum colocasia_, dessen Wurzel dem
+gemeinen Volk ein nahrhaftes Mehl liefert, der Oelbaum, die europaeischen
+Obstarten, der Weinstock und die Getreidearten gebaut. Das Korn wird von
+Ende Maerz bis Anfang Mai geschnitten, und man hat mit dem Anbau des
+Otaheite´schen Brodbaums, des Zimmtbaums von den Molukken, des Kaffeebaums
+aus Arabien und des Cacaobaums aus Amerika gelungene Versuche gemacht. Auf
+mehreren Punkten der Kueste hat das Land ganz den Charakter einer
+tropischen Landschaft. Chamaerops und der Dattelbaum kommen auf der
+fruchtbaren Ebene von Murviedro, an der Kueste von Genua und in der
+Provence bei Antibes unter 39-44 Grad der Breite ganz gut fort; einige
+Dattelbaeume wachsen sogar innerhalb der Mauern von Rom und dauern in einer
+Temperatur von 2 deg.,5 unter dem Gefrierpunkt aus. Wenn aber dem suedlichen
+Europa nur erst ein geringes Theil von Schaetzen zugetheilt ist, welche die
+Natur in der Region der Palmen ausstreut, so ist die Insel Teneriffa, die
+unter derselben Breite liegt wie Egypten, das suedliche Persion und
+Florida, bereits mit denselben Pflanzengestalten geschmueckt, welche den
+Landschaften in der Naehe des Aequators ihre Grossartigkeit verleihen.
+
+Bei der Musterung der Sippen einheimischer Gewaechse vermisst man ungern die
+Baeume mit den zartgefiederten Blaettern und die baumartigen Graeser. Keine
+Art der zahlreichen Familie der Sensitiven ist auf ihrer Wanderung zum
+Archipel der Canarien vorgedrungen, waehrend sie auf beiden Continenten bis
+zum 38. und 40. Breitegrad vorkommen. In Amerika ist die _Schrankchia
+uncinata_ Wildenows [_Mimosa horridula, Michaux_] bis hinauf in die Waelder
+von Virginien verbreitet; in Afrika waechst die _Acacia gummifera_ auf den
+Huegeln bei Mogador, in Asien, westwaerts vom caspischen Meer, hat v.
+Biberstein die Ebenen von Ehyrvan mit _Acacia stephaniana_ bedeckt
+gesehen. Wenn man die Pflanzen von Lancerota und Fortaventura, die der
+Kueste von Marocco am naechsten liegen, genauer untersuchte, koennten sich
+doch unter so vielen Gewaechsen der afrikanischen Flora leicht ein paar
+Mimosen finden.
+
+Die *zweite Zone*, die der Lorbeeren, begreift den bewaldeten Strich von
+Teneriffa; es ist diess auch die Region der Quellen, die aus dem immer
+frischen, feuchten Rasen sprudeln. Herrliche Waelder kroenen die an den
+Vulkan sich lehnenden Huegel Hier wachsen vier Lorbeerarten [_Laurus
+indica, L. foetens, L. nobilis_ und _L. Til._. Zwischen diesen Baeumen
+wachsen _Aridisia excelsa_, _Rhamnus glandulosus_, _Erica arborea_, _Erica
+Texo._], eine der _Quercus Turneri_ aus den Bergen Tibets nahestehende
+Eiche, [_Quercus Canariensis, Broussonet._] die _Visnea Mocanera_, die
+_Myrica Faya_ der Azoren, ein einheimischer Olivenbaum (_Olea excelsa_),
+der groesste Baum in dieser Zone, zwei Arten _Sideroxylon_ mit ausnehmend
+schoenem Laub, _Arbutus callycarpa_ und andere immergruene Baume aus der
+Familie der Myrten. Winden und ein vom europaeischen sehr verschiedener
+Epheu (_Hedera canariensis_) ueberziehen die Lorbeerstaemme, und zu ihren
+Fuessen wuchern zahllose Farn, [_Woodwardia radicans, Asplenium palmatum,
+A. canariense, A. latifolium, Nothalaena subcurdata, Trichomanes
+canariensis, T. speciosus_ und _Davallia canariensis_.] von denen nur drei
+Arten [Zwei _Acrostichum_ und das _Ophyoglossum lusitanicum_.] schon in
+der Regin der Reben vorkommen. Auf dem mit Moosen und zartem Grad
+ueberzogenen Boden prangen ueberall die Bluethen der _Campanula aurea_, des
+_Chrysanthemum pinnatifidum_, der _Mentha canariensis_ und mehrerer
+strauchartiger Hypericumarten [_Hypericum canariense_, _H. floribundum_
+und _H. glandulosum._]. Pflanzungen von wilden und geimpften Kastanien
+bilden einen weiten Guertel um das Gebiet der Quellen, welches das gruenste
+und lieblichste von allen ist.
+
+Die *dritte Zone* beginnt in 900 Toisen absoluter Hoehe, da wo die letzten
+Gebuesche von Erdbeerbaeumen, _Myrica Faya_ und des schoenen Heidekrauts
+stehen, das bei den Eingeborenen Texo heisst. Diese 400 Toisen breite Zone
+besteht ganz aus einem maechtigen Fichtenwald, in dem auch Broussonets
+_Juniperus Cedro_ vorkommt. Die Fichten haben sehr lange, ziemlich steife
+Blaetter, deren zuweilen zwei, meist aber drei in einer Scheide stecken. Da
+wir ihre Fruechte nicht untersuchen konnten, wissen wir nicht, ob diese
+Art, die im Wuchs der schottischen Fichte gleicht, sich wirklich von den
+achtzehn Fichtenarten unterscheidet, die wir bereits in der alten Welt
+kennen. Nach der Ansicht eines beruehmten Botanikers, dessen Reisen die
+Pflanzengeographie Europas sehr gefoerdert haben, de Candolle,
+unterscheidet sich die Fichte von Teneriffa sowohl von der _Pinus
+atlantica_ in den Bergen bei Mogador, als von der Fichte von Aleppo,(28)
+die dem Becken des mittellaendischen Meeres angehoert und nicht ueber die
+Saeulen des Herkules hinauszugehen scheint. Die letzten Fichten fanden wir
+am Pic etwa in 1200 Toisen Hoehe ueber dem Meer. In den Cordilleren von
+Neuspanien, im heissen Erdstrich, gehen die mexicanischen Fichten bis zu
+2000 Toisen Hoehe. So sehr auch die verschiedenen Arten einer und derselben
+Pflanzengattung im Bau uebereinkommen, so verlangt doch jede zu ihrem
+Fortkommen einen bestimmten Grad von Waerme und Verduennung der umgebenden
+Luft. Wenn in den gemaessigten Landstrichen und ueberall, wo Schnee faellt,
+die constante Bodenwaerme etwas hoeher ist als die mittlere Lufttemperatur,
+so ist anzunehmen, dass in der Hoehe des Portillo die Wurzeln der Fichten
+ihre Nahrung aus einem Boden ziehen, in dem in einer gewissen Tiefe der
+Thermometer hoechstens auf 9 bis 10 Grad steigt.
+
+Die *vierte und fuenfte Zone*, die der Retama und der Graeser, liegen so
+hoch wie die unzugaenglichsten Gipfel der Pyrenaeen. Es ist diess der oede
+Landstrich der Insel, wo Haufen von Bimsstein, Obsidian und zertruemmerter
+Lava wenig Pflanzenwuchs aufkommen lassen. Schon oben war von den
+bluehenden Bueschen des Alpenginsters _(Spartium nubigenum)_ die Rede,
+welche Oasen in einem weiten Aschenmeer bilden. Zwei krautartige Gewaechse,
+_Scrophularia glabrata_ und _Viola cheiranthifolia_, gehen weiter hinauf
+bis ins Malpays. Ueber einem vom der afrikanischen Sonne ausgebrannten
+Rasen bedeckt die _Cladonia paschalis_ duerre Strecken; die Hirten zuenden
+sie haeufig an, wobei sich dann das Feuer sehr weit verbreitet. Dem Gipfel
+des Pic zu arbeiten Urceolarien und andere Flechten an der Zersetzung des
+verschlackten Gesteins, und so erweitert sich auf von Vulkanen verheerten
+Eilanden Floras Reich durch die nie stockende Thaetigkeit organischer
+Kraefte.
+
+Ueberblicken wir die Vegetationszonen von Teneriffa, so sehen wir, dass die
+ganze Insel als ein Wald von Lorbeeren, Erdbeerbaeumen und Fichten
+erscheint, der kaum an seinen Raendern von Menschen urbar gemacht ist, und
+in der Mitte ein nacktes steinigtes Gebiet umschliesst, das weder zum
+Ackerbau noch zur Weide taugt. Nach Broussonets Bemerkung laesst sich der
+Archipel der Canarien in zwei Gruppen theilen. Die erste begreift
+Lancerota und Fortaventura, die zweite Teneriffa, Canaria, Gomera, Ferro
+und Palma. Beide weichen im Habitus ihrer Vegetation bedeutend von
+einander ab. Die ostwaerts gelegenen Inseln, Lancerota und Fortaventura,
+haben weite Ebenen und nur niedrige Berge; sie sind fast quellen los, und
+diese Eilande haben noch mehr als die andern die Charakter vom Continent
+getrennter Laender. Die Winde wehen hier in derselben Richtung und zu
+denselben Zeiten; _Euphorbia mauritanica_, _Atropa frutescens_ und
+_Sonchus arborescens_ wuchern im losen Sand und dienen wie in Afrika den
+Kameelen als Futter. Auf der westlichen Gruppe der Canarien ist das Land
+hoeher, staerker bewaltet, und besser von Quellen bewaessert.
+
+Auf dem ganzen Archipel finden sich zwar mehrere Gewaechse, die auch in
+Portugal(29), in Spanien, auf den Azoren und im nordwestlichen Afrika
+vorkommen, aber viele Arten und selbst einige Gattungen sind Teneriffa,
+Porto-Santo und Madera eigenthuemlich, unter andern _Mocanera_, _Plocama_,
+_Bosea_, _Canarina_, _Drusa_, _Pittosporum_.Ein Typus, der sich als ein
+noerdlicher ansprechen laesst, der der Kreuzbluethen, [Von den wenigen
+Cruciferen in der Flora von Teneriffa fuehren wir an: _Cheiranthus
+longifolius_, _Ch. frutescens_, _Ch. scoparis,_ _Erysimum bicorne_,
+_Crambe strigosa_, _C. laevigata_.] ist auf den Canarien schon weit
+seltener als in Spanien und Griechenland. Weiter nach Sueden, im tropischen
+Landstrich beider Continente, wo die mittlere Lufttemperatur ueber 22 deg. ist,
+verschwinden die Kreuzbluethen fast gaenzlich.
+
+Eine Frage, die fuer die Geschichte der fortschreitenden Entwicklung des
+organischen Lebens auf dem Erdball von grosser Bedeutung erscheint, ist in
+neuerer Zeit viel besprochen worden, naemlich, ob polymorphe Gewaechse auf
+vulkanischen Inseln haeufiger sind als anderswo? Die Vegetation von
+Teneriffa unterstuetzt keineswegs die Annahme, dass die Natur auf
+neugebildetem Boden in Pflanzenformen weniger streng festhaelt. Broussonet,
+der sich so lang auf den Canarien aufgehalten, versichert, veraenderlich
+Gewaechse seyen nicht haeufiger als im suedlichen Europa. Wenn auf der Inseln
+Bourbon so viele polymorphe Arten vorkommen, sollte dies nicht vielmehr
+von der Beschaffenheit Bodens und des Klimas herruehren, als davon, dass die
+Vegetation jung ist?
+
+Wohl darf ich mir schmeicheln, mit dieser Naturskizze von Teneriffa
+einiges Licht ueber Gegenstaende verbreitet zu haben, die bereits von so
+vielen Reisenden besprochen worden sind; indessen glaube ich, dass die
+Naturgeschichte dieses Archipels der Forschung noch ein weites Feld
+darbietet. Die Leiter der wissenschaftlichen Entdeckungsfahrten, wie sie
+England, Frankreich, Spanien, Daenemark und Russland zu ihrem Ruhme
+unternommen, haben meist zu sehr geeilt, von den Canaren wegzukommen. Sie
+dachten, da diese Inseln so nahe bei Europa liegen, muessten sie genau
+beschrieben seyn; sie haben vergessen, dass das Innere von Neuholland
+geologisch nicht unbekannter ist als die Gebirgsarten von Lancerota und
+Gomera, Porto-Santo und Terceira. So viele Gelehrte bereisen Jahr fuer Jahr
+ohne bestimmten Zweck die besuchtesten Laender Europas. Es waere
+wuenschenswerth, dass einer und der andere, den aechte Liebe zur Wissenschaft
+beseelt und dem die Verhaeltnisse eine mehrjaehrige Reise gestatten, den
+Archipel der Azoren, Madera, die Canarien, die Inseln des gruenen
+Vorgebirgs und die Nordwestkueste von Afrika bereiste. Nur wenn man die
+atlantischen Inseln und das benachbarte Festland nach den selben
+Gesichtspunkten untersucht und die Beobachtungen zusammenstellt, gelangt
+man zur genauen Kenntniss der geologischen Verhaeltnisse und der Verbreitung
+der Thiere und Gewaechse.
+
+Bevor ich die alte Welt verlasse und in die neue uebersetze, habe ich einen
+Gegenstand zu beruehren, der allgmeineres Interesse bietet, weil der sich
+auf die Geschichte der Menschheit und die historischen Verhaengnisse
+bezieht, durch welche ganze Volkssstaemme vom Erdboden verschwunden sind.
+Auf Cuba, St. Domingo, Jamaica fragt man sich, wo die Ureinwohner dieser
+Laender hingekommen sind; auf Teneriffa fragt man sich, was aus den
+Guanchen geworden ist, deren in Hoehlen versteckte, vertrocknete Mumien
+ganz allein der Vernichtung entgangen sind. Im fuenfzehnten Jahrhundert
+holten fast alle Handelsvoelker, besonders aber die Spanier und
+Portugiesen, Sklaven von den Canarien, wie man sie jetzt von der Kueste von
+Guinea holt. [Die spanischen Geschichtsschreiber sprechen von Fahrten,
+welche die Hugenotten von La Rochelle unternommen haben sollen, um
+Guanchensklaven zu holen. Ich kann dies nicht glauben, da diese Fahrten
+nach dem Jahr 1530 fallen muessten.] Die christliche Religion, die in ihren
+Anfaengen die menschliche Freiheit so maechtig foerderte, musste der
+europaeischen Habsucht als Vorwand dienen. Jedes Individuum, das gefangen
+wurde, ehe es getauft war, verfiel der Sklaverei. Zu jener Zeit hatte man
+noch nicht zu beweisen gesucht, dass der Neger ein Mittelding zwischen
+Mensch und Thier ist; der gebraeunte Guanche und der afrikanische Neger
+wurden auf dem Markte zu Sevilla mit einander verkauft, und man stritt
+nicht ueber die Frage, ob nur Menschen mit schwarzer Haut und Wollhaar der
+Sklaverei verfallen sollen.
+
+Auf dem Archipel der Canarien bestanden mehrere kleine, einander feindlich
+gegenueber stehende Staaten. Oft war dieselbe Insel zwei unabhaengigen
+Fuersten unterworfen, wie in der Suedsee und ueberall, wo die Cultur noch auf
+tiefer Stufe steht. Die Handelsvoelker befolgten damals hier dieselbe
+arglistige Politik, wie jetzt auf den Kuesten von Afrika: sie leisteten den
+Buergerkriegen Vorschub. So wurde ein Guanche Eigenthum des andern, und
+dieser verkaufte jenen den Europaeern; manche zogen den Tod der Sklaverei
+vor und toedteten sich und ihre Kinder. So hatte die Bevoelkerung der
+Canarien durch den Sklavenhandel, durch die Menschenraeuberei der Piraten,
+besonders aber durch lange blutige Zwiste bereits starke Verluste
+erlitten, als Alonso de Lugo sie vollends eroberte. Den Ueberrest der
+Guanchen raffte im Jahr 1494 groesstentheils die beruehmte Pest, die
+sogenannte *Modorra* hin, die man den vielen Leichen zuschrieb, welche die
+Spanier nach der Schlacht bei Laguna hatten frei liegen lassen. Wenn ein
+halb wildes Volk, das man um sein Eigenthum gebracht, im selben Lande
+neben einer civilisirten Nation leben muss, so sucht es sich in den
+Gebirgen und Waeldern zu isoliren. Inselbewohner haben keine andere
+Zuflucht, und so war denn das herrliche Volk der Guanchen zu Anfang des
+siebzehnten Jahrhunderts so gut wie ausgerottet; ausser ein paar alten
+Maennern in Candelaria und Guimar gab es keine mehr.
+
+Es ist ein troestlicher Gedanke, dass die Weissen es nicht immer verschmaeht
+haben, sich mit den Eingeborenen zu vermischen; aber die heutigen
+Canarier, die bei den Spaniers schlechtweg *Islenos* heissen, haben
+triftige Gruende, eine solche Mischung in Abrede zu ziehen. In einer langen
+Geschlechtsfolge verwischen sich die charakteristischen Merkmale der
+Racen, und da die Nachkommen der Andalusier, die sich auf Teneriffa
+niedergelassen, selbst von ziemlich dunkler Gesichtsfarbe sind, so kann
+die Hautfarbe der Weissen durch die Kreuzung der Racen nicht merkbar
+veraendert worden seyn. Es ist Thatsache, dass gegenwaertig kein Eingeborener
+von reiner Race mehr lebt, und sonst ganz wahrheitsliebende Reisende sind
+im Irrthum, wenn sie glauben, bei der Besteigung des Pics schlanke,
+schnellfuessige Guanchen zu Fuehrern gehabt zu haben. Allerdings wollen
+einige canarische Familien vom letzten Hirtenkoenig von Guimar abstammen,
+aber diese Ansprueche haben wenig Grund; sie werden von Zeit zu Zeit wieder
+laut, wenn einer aus dem Volk, der brauner ist als seine Landsleute, Lust
+bekommt, sich um eine Officiersstelle im Dienste des Koenigs von Spanien
+umzuthun.
+
+Kurz nach der Entdeckung von Amerika, als Spanien den Gipfel seines Ruhms
+erstiegen hatte, war es Brauch, die sanfte Gemuethsart der Guanchen zu
+ruehmen, wie man in unserer Zeit die Unschuld der Bewohner von Otaheiti
+gepriesen hat. Bei beiden Bildern ist das Colorit glaenzender als wahr.
+Wenn die Voelker, erschoepft durch geistige Genuesse, in der Verfeinerung der
+Sitten nur Keime der Entartung vor sich sehen, so finden sie einen eigenen
+Reiz in der Vorstellung, dass in weit entlegenen Laendern, beim Daemmerlicht
+der Cultur, in der Bildung begriffene Menschenvereine eines reinen,
+ungestoerten Glueckes geniessen. Diesem Gefuehl verdankt Tacitus zum Theil den
+Beifall, der ihm geworden, als der den Roemern, den Unterthanen der
+Caesaren, die Sitten der Germanen schilderte. Dasselbe Gefuehl gibt den
+Beschreibungen der Reisenden, die seit dem Ende des verflossenen
+Jahrhunderts die Inseln des stillen Oceans besucht haben, den
+unbeschreiblichen Reiz.
+
+Die Einwohner der zuletzt genannten Inseln, die man wohl zu stark
+gepriesen hat und die einst Menschenfresser waren, haben in mehr als einer
+Beziehung Aehnlichkeit mit den Guanchen von Teneriffa. Beide sehen wir
+unter dem Joche eines feudalen Regiments seufzen, und bei den Guanchen war
+diese Staatsform, welche so leicht Kriege herbeifuehrt und sie nicht enden
+laesst, durch die Religion geheiligt. Die Priester sprachen zum Volk:
+"Achaman, der grosse Geist, hat zuerst die Edlen, die Achimenceys,
+geschaffen und ihnen alle Ziegen in der Welt zugetheilt. Nach den Edeln
+hat Achaman das gemeine Volk geschaffen, die Achicaxnas; dieses juengere
+Geschlecht nahm sich heraus, gleichfalls Ziegen zu verlangen; aber das
+hoechste Wesen erwiederte, das Volk sey dazu da, den Edeln dienstbar zu
+seyn, und habe kein Eigenthum noethig." Eine solche Ueberlieferung musste
+den reichen Vasallen der Hirtenkoenige ungemein behagen; auch stand dem
+Faycan oder Oberpriester das Recht zu, in den Adelstand zu erheben, und
+ein Gesetz verordnete, dass jeder Achimencey, der sich herbeiliesse, eine
+Ziege mit eigenen Haenden zu melken, seines Adels verlustig seyn sollte.
+Ein solches Gesetz erinnert keineswegs an die Sitteneinfalt des
+homerischen Zeitalters. Es befremdet, wenn man schon bei den Anfaengen der
+Cultur die nuetzliche Beschaeftigung mit Ackerbau und Viehzucht mit
+Verachtung gebrandmarkt sieht.
+
+Die Guanchen waren beruehmt durch ihren hohen Wuchs; sie erschienen als die
+Patagonen der alten Welt und die Geschichtschreiber uebertrieben ihre
+Muskelkraft, wie man vor Bougainvilles und Cordobas Reisen dem Volksstamm
+am Suedende von Amerika eine colossale Koerpergroesse zuschrieb. Mumien von
+Guanchen habe ich nur in den europaeischen Cabinetten gesehen; zur Zeit
+meiner Reise waren sie auf Teneriffa sehr selten; man muesste sie aber in
+Menge finden, wenn man die Grabhoehlen, die am oestlichen Abhang des Pics
+zwischen Arico und Guimar in den Fels gehauen sind, bergmaennisch
+aufbrechen liesse. Diese Mumien sind so stark vertrocknet, dass ganze Koerper
+mit der Haut oft nicht mehr als sechs bis sieben Pfund wiegen, das heisst
+ein Drittheil weniger als das Skelett eines gleich grossen Individuums, von
+dem man eben das Muskelfleisch abgenommen hat. Die Schaedelbildung aehnelt
+einigermassen der der weissen Race der alten Egypter, und die Schneidezaehne
+sind auch bei den Guanchen stumpf, wie bei den Mumien vom Nil. Aber diese
+Zahnform ist rein kuenstlich und bei genauerer Untersuchung der Kopfbildung
+der alten Guanchen haben geuebte Anatomen [Blumenbach, _Decas quinta
+collectionis craniorum diversarum gentium illustrium._] gefunden, dass sie
+im Jochbein un dim Unterkiefer von den aegyptischen Mumien bedeutend
+abweicht. Oeffnet man Mumien von Guanchen, so findet man Ueberbleibsel
+aromatischer Kraeuter, unter denen immer das _Chenopodium ambrosioides_
+vorkommt; zuweilen sind die Leichen mit Schnueren geschmueckt, an denen
+kleine Scheiben aus gebrannter Erde haengen, die als Zahlzeichen gedient zu
+haben scheinen und die mt den Quippos der Peruaner, Mexicaner und Chinesen
+Aehnlichkeit haben.
+
+Da im Allgemeinen die Bevoelkerung von Inseln den umwandelnden Einfluessen,
+wie sie Folgen von Wanderungen sind, weniger ausgesetzt ist als die
+Bevoelkerung der Festlaender, so laesst sich annehmen, dass der Archipel der
+Canarien zur Zeit der Carthager und Griechen vom selben Menschenstamm
+bewohnt war, den die normaennischen und spanischen Eroberer vorfanden. Das
+einzige Denkmal, das einiges Licht auf die Herkunft der Guanchen werfen
+kann, ist ihre Sprache; leider sind uns aber davon nur etwa hundert
+fuenfzig Worte aufbehalten, die zum Theil dasselbe in der Mundart der
+verschiedenen Inseln bedeuten. Ausser diesen Worten, die man sorgfaeltig
+gesammelt, hat man in den Namen vieler Doerfer, Huegel und Thaeler wichtige
+Sprachreste vor sich. Die Guanchen, wie Basken, Hindus, Peruvianer und
+alle sehr alten Voelker, benannten die Oertlichkeiten nach der
+Beschaffenheit des Bodens, den sie bebauten, nach der Gestalt der Felsen,
+deren Hoehlen ihnen als Wohnstaetten dienten, nach den Baumarten, welche die
+Quellen beschatteten.
+
+Man war lange der Meinung, die Sprache der Guanchen habe keine
+Aehnlichkeit mit den lebenden Sprachen; aber seit die Sprachforscher durch
+Hornemanns Reise und durch die scharfsinnigen Untersuchungen von Marsden
+und Ventura auf die Berbern aufmerksam geworden sind, die, gleich den
+slavischen Voelkern, in Nordafrika ueber eine ungeheure Strecke verbreitet
+sind, hat man gefunden, dass in der Sprache der Guanchen und in den
+Mundarten von Chilha und Gebali mehrere Worte gleiche Wurzeln haben.
+
+Wir fuehren folgende Beispiele an:
+
++-------------+----------------+----------------+
+| | Guanchisch | Berberisch |
++-------------+----------------+----------------+
+| Himmel, | *Tigo*, | *Tigot.* |
++-------------+----------------+----------------+
+| Milch, | *Aho*, | *Acho.* |
++-------------+----------------+----------------+
+| Gerste, | *Temasen* | *Tomzeen.* |
++-------------+----------------+----------------+
+| Korb, | *Carianas* | *Carian.* |
++-------------+----------------+----------------+
+| Wasser, | *Aenum* | *Anan.* |
++-------------+----------------+----------------+
+
+Ich glaube nicht, dass diese Sprachaehnlichkeit ein Beweis fuer gemeinsamen
+Ursprung ist; aber sie deutet darauf hin, dass die Guanchen in alter Zeit
+in Verkehr standen mit den Berbern, einem Gebirgsvolk, zu dem die
+Numidier, Getuler und Garamanten verschmolzen sind und das vom Ostende des
+Atlas durch das Harudje und Fezzan bis zur Oase von Syuah und Audjelah
+sich ausbreitet. Die Eingeborenen der Canarien nannten sich Guanchen, von
+*Guan*, Mensch, wie die Tongusen sich *Pye* und *Donky* nennen, welche
+Worte dasselbe bedeuten, wie Guan. Indessen sind die Voelker, welche die
+Berbersprache sprechen, nicht alle desselben Stammes, und wenn Scylax in
+seinem Periplus die Einwohner von Cerne als ein Hirtenvolk von hohem Wuchs
+mit langen Haaren beschreibt, so erinnert diess an die koerperlichen
+Eigenschaften der canarischen Guanchen.
+
+Je genauer man die Sprachen aus philosophischem Gesichtspunkte untersucht,
+desto mehr zeigt sich, dass keine ganz allein steht; diesen Anschein wuerde
+auch die Sprache der Guanchen(30) noch weniger haben, wenn man von ihrem
+Mechanismus und ihrem grammatischen Bau etwas wuesste, Elemente, welche von
+groesserer Bedeutung sind als Wortform und Gleichlaut. Es verhaelt sich mit
+gewissen Mundarten wie mit den organischen Bildungen, die sich in der
+Reihe der natuerlichen Familien nirgends unterbringen lassen. Sie stehen
+nur scheinbar so vereinzelt da; der Schein schwindet, so bald man eine
+groessere Masse von Bildungen ueberblickt, wo dann die vermittelnden Glieder
+hervortreten.
+
+Gelehrt, die ueberall, wo es Mumien, Hieroglyphen und Pyramiden gibt,
+Egypten sehen, sind vielleicht der Ansicht, das Geschlecht Typhons und die
+Guanchen stehen in Zusammenhang mittelst der Berbern, aechter Atlanten, zu
+denen die Tibbos und Tuarycks der Wueste gehoeren. [Hornemanns Reise von
+Cairo nach Mourzouk.] Es genuegt hier aber an der Bemerkung, dass eine
+solche Annahme durch keinerlei Aehnlichkeit zwischen der Berbersprache und
+dem Coptischen, das mit Recht fuer ein Ueberbleibsel des alten Egyptischen
+gilt, unterstuetzt wird.
+
+Das Volk, das die Guanchen verdraengt hat, stammt von Spaniern und zu einem
+sehr kleinen Theil von Normannen ab. Obgleich diese beiden Volksstaemme
+drei Jahrhunderte lang demselben Klima ausgesetzt gewesen sind, zeichnet
+sich dennoch der letztere durch weissere Haut aus. Die Nachkommen der
+Normannen wohnen im Thal Taganana zwischen Punte de Naga und Punta de
+Hidalgo. Die Namen Grandville und Dampierre kommen in diesem Bezirke noch
+ziemlich haeufig vor. Die Canarier sind ein redliches, maessiges und
+religioeses Volk; zu Haus zeigen sie aber weniger Betriebsamkeit als in
+fremden Laendern. Ein unruhiger Unternehmungsgeist treibt diese Insulaner,
+wie die Biscayer und Catalanen, auf die Philippinen, auf die Marianen, und
+in Amerika ueberall hin, wo es spanische Colonien gibt, von Chili und dem
+la Plata bis nach Neumexico. Ihnen verdankt man grossentheils die
+Fortschritte des Ackerbaus in den Colonien. Der ganze Archipel hat kaum
+160,000 Einwohner, und der *Islenos* sind vielleicht in der neuen Welt
+mehr als in ihrer alten Heimath.
+
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+| | hatte auf Q. | i. J. | Einwohner | auf die Q.M. |
+| | Seemeilen | | | |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Teneriffa | 73 | 1790 | 70,000, | 958 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Fortaventura | 63 | 1790 | 9,000, | 142 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Die grosse | 60 | 1790 | 50,000, | 833 |
+|Canaria | | | | |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Palma | 27 | 1790 | 22,600, | 837 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Lancerota | 26 | 1790 | 10,000, | 384 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Gomera | 14 | 1790 | 7,400, | 528 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+|Ferro | 7 | 1790 | 5,000, | 714 |
++-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
+
+An Wein werden auf Teneriffa geerntet 20-24,000 Pipes, worunter 5000
+Malvasier; jaehrliche Ausfuhr von Wein 8-9000 Pipes; Gesammt-Getreideernte
+des Archipels 54,000 Fanegas zu hundert Pfund. In gemeinen Jahren reicht
+diese Ernte aus zum Unterhalt der Einwohner, die grossentheils von Mais,
+Kartoffeln und Bohnen (_Frisoles_) leben. Der Anbau des Zuckerrohrs und
+der Baumwolle ist von geringem Belang, und die vornehmsten Handelsartikel
+sind Wein, Branntwein, Orseille und Soda. Bruttoeinnahme der Regierung,
+die Tabakspacht eingerechnet, 240,000 Piaster.
+
+Auf nationaloekonomische Eroerterungen ueber die Wichtigkeit der canarischen
+Inseln fuer die Handelsvoelker Europas lasse ich mich nicht ein. Ich
+beschaeftigte mich waehrend meines Aufenthalts zu Caracas und in der Havana
+lange mit statistischen Untersuchungen ueber die spanischen Colonien, ich
+stand in genauer Verbindung mit Maennern, die auf Teneriffe bedeutende
+Aemter bekleidet, und so hatte ich Gelegenheit, viele Angaben ueber den
+Handel von Santa Cruz und Orotava zu sammeln. Da aber mehrere Gelehrte
+nach mir die Canarien besucht haben, standen ihnen dieselben Quellen zu
+Gebot, und ich entferne ohne Bedenken aus meinem Tagebuch, was in Werken,
+die vor dem meinigen erschienen sind, genau verzeichnet steht. Ich
+beschraenke mich hier auf einige Bemerkungen, mit denen die Schildung, die
+ich vom Archipel der Canarien entworfen, geschlossen seyn mag.
+
+Es ergeht diesen Inseln, wie Egypten, der Krimm und so vielen Laendern,
+welche von Reisenden, welche in Contrasten Wirkung suchen, ueber das Maass
+gepriesen oder heruntergesetzt worden sind. Die einen schildern von
+Orotava aus, wo sie ans Land gestiegen, Teneriffa als einen Garten der
+Hesperiden; sie koennen das milde Klima, den fruchtbaren Boden, den reichen
+Anbau nicht genug ruehmen; andere, die sich in Santa Cruz aufhalten mussten,
+sahen in den glueckseligen Inseln nichts als ein kahles, duerres, von einem
+elenden, geistesbeschraenkten Volke bewohntes Land. Wir haben gefunden, dass
+die Natur auf diesem Archipelagus, wie in den meisten gebirgigen und
+vulkanischen Laendern, ihre Gaben sehr ungleich vertheilt hat. Die
+canarischen Inseln leiden im Allgemeinen an Wassermangel; aber wo sich
+Quellen finden, wo kuenstlich bewaessert wird oder haeufig Regen faellt, da
+ist auch der Boden ausnehmend fruchtbar. Das niedere Volk ist fleissig,
+aber es entwickelt seine Thaetigkeit ungleich mehr in fernen Colonien als
+auf Teneriffa selbst, wo dieselbe auf Hindernisse stoesst, die eine kluge
+Verwaltung allmaehlich aus dem Wege raeumen koennte. Die Auswanderung wird
+abnehmen, wenn man sich entschliesst, das unangebaute Grundeigenthum des
+Staats unter der Einwohnerschaft zu vertheilen, die Laendereien, welche zu
+den Majoraten der grossen Familien gehoeren, zu verkaufen und allmaehlich die
+Feudalrechte abzuschaffen.
+
+Die gegenwaertige Bevoelkerung der Canarien erscheint allerdings
+unbedeutend, wenn man sie mit der Bevoelkerung mancher europaeischen Laender
+vergleicht. Die Insel Madera, deren fleissige Bewohner einen fast von
+Pflanzenerde entbloessten Felsen bebauen, ist siebenmal kleiner als
+Teneriffa, und doch doppelt so stark bevoelkert; aber die Schriftsteller,
+die sich darin gefallen, die Entvoelkerung der spanischen Colonien mit so
+grellen Farben zu schildern und den Grund davon in der kirchlichen
+Hierarchie suchen, uebersehen, dass ueberall seit der Regierung Philipps V.
+die Zahl der Einwohner in mehr oder minder rascher Zunahme begriffen ist.
+Bereits ist auf den Canaren die Bevoelkerung relativ staerker als in beiden
+Castilien, in Estremadure und in Schottland. Alle Inseln zusammengerueckt
+stellen ein Gebirgsland dar, das um ein Siebentheil weniger Flaecheninhalt
+hat als die Insel Corsica und doch gleich viel Einwohner zaehlt.
+
+Obgleich die Inseln Fortaventura und Lancerota, die am schlechtesten
+bevoelkert sind, Getreide ausfuehren, waehrend Teneriffa gewoehnlich nicht
+zwei Drittheile seines Bedarfs erzeugt, so darf man doch daraus nicht den
+Schluss ziehen, dass auf letzterer Insel die Bevoelkerung aus Mangel an
+Lebensmitteln nicht zunehmen koennte. Die canarischen Inseln sind noch auf
+lange vor den Uebeln der Ueberbevoelkerung bewahrt, deren Ursachen Mathus
+so sicher und scharfsinnig entwickelt hat. Das Elend des Volks ist um
+vieles gelindert worden, seit der Kartoffelbau eingefuehrt ist und man
+angefangen hat mehr Mais als Gerste und Weizen zu bauen.
+
+Die Bewohner der Canarien sind ihrem Charakter nach ein Gebirgsvolk und
+ein Inselvolk zugleich. Will man sie richtig beurtheilen, muss man sie
+nicht nur in ihrer Heimath sehen, wo ihr Fleiss auf gewaltige Hemmnisse
+stoesst; man muss sie beobachten in den Steppen der Provinz Caracas, auf dem
+Ruecken der Anden, auf den gluehenden Ebenen der Philippinen, ueberall wo
+sie, einsam in unbewohnten Laendern, Gelegenheit finden die Kraft und die
+Thaetigkeit zu entwickeln, welcher der wahre Reichthum des Colonisten sind.
+
+Die Canarier gefallen sich darin, ihr Land als einen Theil des
+europaeischen Spaniens zu betrachten, und sie haben auch wirklich die
+castilianische Literatur bereichert. Die Namen Clavigo (Verfasser des
+*Pensador*), Viera, Yriarte und Betancourt sind in Wissenschaft und
+Literatur mit Ehren genannt; das canarische Volk besietzt die lebhafte
+Einbildungskraft, die den Bewohnern von Andalusien und Grenada eigen ist,
+und es ist zu hoffen, dass die glueckseligen Inseln, wo der Mensch wie
+ueberall die Segnungen und die harte Hand der Natur empfindet, dereinst
+einen eingebornen Dichter finden, der sie wuerdig besingt.
+
+ ------------------
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+
+
+
+
+ 10 Die Schwaeche der Lebenskraft zeigt sich an den Maulbeerbaeumen, die
+ auf magerem sandigen Boden in der Naehe des baltischen Meeres gezogen
+ werden. Die Spaetfroeste thun ihnen weit weher als den Maulbeerbaeumen
+ in Piemont. In Italien bringt ein Frost von 5 Grad unter dem
+ Gefrierpunkt kraeftige Orangenbaeume nicht um. Diese Baeume, die
+ weniger empfindlich sind als Citronen, erfrieren nach Galesio erst
+ bei -10 deg. der hunderttheiligen Scale.
+
+ 11 Adanson wundert sich, dass die Baobabs nicht von andern Reisenden
+ beschrieben worden seyen. Ich finde in der Sammlung des Grynaeus, dass
+ schon Aloysio Cadamosto vom hohen Alter dieser ungeheuren Baeume
+ spricht, die er im Jahr 1504 gesehen, und von denen er ganz richtig
+ sagt: _"eminentia altitudinis non quadrat magnitudini."
+ Cadam. navig. c. 42_. Am Senegeal und bei Praya auf den Cap
+ Verdischen Inseln haben Adanson und Staunton Adansonien gesehen,
+ deren Stamm 56 bis 60 Fuss im Umfang hatte. Den Baobab mit 34 Fuss
+ Durchmesser hat Golberry im Thal der zwei Gagnack gesehen.
+
+ 12 Ebenso verhaelt es sich mit den Platanen _(Platanus occidentalis)_,
+ die Michaux zu Marietta am Ufer des Ohio gemessen hat und die 20 Fuss
+ ueber dem Boden noch 15 7/10 Fuss im Durchmesser hatten. Die Taxus,
+ die Kastanien, die Eichen, die Platanen, die kahlen Cypressen, die
+ Bombax, die Mimosen, die Caesalpinen, die Hymenaeen und die
+ Drachenbaeume sind, wie mir scheint, die Gewaechse, bei denen in
+ verschiedenen Klimaten Faelle von so ausserordentlichem Wachsthum
+ vorkommen. Eine Eiche, die zugelcih mit gallischen Helmen im Jahr
+ 1809 in den Torfgruben im Departement der Somme beim Dorf Aseux,
+ sieben Lieues von Abbeville, gefunden wurde, gibt dem Drachenbaum
+ von Orotava in der Dicke nichts nach. Nach Angabe von Traullee hatt
+ der Stamm der Eiche 14 Fuss Durchmesser.
+
+ 13 Schousboue (Flora von Marocco) erwaehnt seiner nicht einmal unter den
+ cultivirten Pflanzen, waehrend er doch vom Cactus, von der Agave und
+ der Yucca spricht. Die Gestalt des Drachenbaumes kommt verschiedenen
+ Arten der Gattung Dracaena am Cap der Guten Hoffnung, in China und
+ auf Neuseeland zu; aber in der neuen Welt vertritt die Yucca die
+ Stelle derselben; denn die _Dracaena borealis_ d'Aitons ist eine
+ _Convallaria_, deren Habitus sie auch hat. Der im Handel unter dem
+ Namen Drachenblut bekannte adstringierende Saft kommt nach unseren
+ Untersuchungen an Ort und Stelle von verschiedenen amerikanischen
+ Pflanzen, die nicht derselben Gattung angehoeren, unter denen sich
+ einige Lianen befinden. In Laguna verfertigt man in Nonnenkloestern
+ Zahnstocher, die mit dem Saft des Drachenbaumes gefaerbt sind, und
+ die man uns sehr anpries, weil sie das Zahnfleische conserviren
+ sollten.
+
+ 14 Diese Benennung war schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts im
+ Brauch. Edens, der alle spanischen Woerter verdreht, wie noch heute
+ die meisten Reisenden, nennt sie *Stancha*; es ist Bordas *Station
+ des rochers*, wie aus den daselbst beobachteten Barometerhoehen
+ hervorgeht. Diese Hoehen waren nach Cordier im Jahr 1803 19 Zoll 9,5
+ Linien, und nach Borda und Varela im Jahr 1776 19 Zoll 9,8 Linien,
+ waehrend er Barometer zu Orotava bis auf eine Linie ebenso hoch
+ stand.
+
+ 15 In den meisten Erdhoehlen, z. B. in der von Saint George, zwischen
+ Riort und Rolle, bildet sich an den Kalksteinwaenden selbst im Sommer
+ eine duenne Schichte durchsichtigen Eises. Pictet hat die Beobachtung
+ gemacht, dass der Thermometer alsdann in der Luft der Hoehle nicht
+ unter 2 - 3 deg. steht, so dass man das Frieren des Wassers einer
+ oertlichen, sehr raschen Verdunstung zuzuschreiben hat.
+
+ 16 In der Rechung wurden fuer 91 deg. 54' scheinbaren Abstands vom Zenith
+ 57' 7" Refraction angenommen. Die Sonne erscheint bei ihrem Aufgang
+ auf dem Pic von Teneriffa um so viel frueher, als sie braucht, um
+ einen Bogen von 1 deg. 54' zurueckzulegen. Fuer den Gipfel des Chimborazo
+ nimmt dieser Bogen nur um 41' zu. Die Alten hatten so uebertriebenen
+ Vorstellungen von der Beschleunigung des Sonnenaufgangs auf dem
+ Gipfel hoher Berge, dass sie behaupteten, die Sonne sey auf dem Berg
+ Athos drei Stunden frueher sichtbar, als am Ufer des aegeischen
+ Meeres. (Strabo Buch VII.) Und doch ist der Athos nach Delambre nur
+ 713 Toisen hoch.
+
+ 17 Diese Frage ist mit grossem Scharfsinn von Breislack in seiner
+ _Introduzzione alle Geologia_ eroertert. Der Cotopaxi und der
+ Popocatepetl, die ich im Jahr 1804 Rauch und Asche auswerfen sah,
+ liegen weiter vom grossen Ocean und dem Meere der Antillen als
+ Grenoble vom Mittelmeer und Orleans vom atlantischen Meer. Man kann
+ es allerdings nicht als einen blossen Zufall ansehen, dass man keinen
+ thaetigen Vulkan entdeckt hat, der ueber 40 Seemeilen von der
+ Meereskueste laege; aber die Hypothese, nach der das Meerwasser von
+ den Vulkanen aufgesogen, destillirt und zersetzt wuerde, scheint mit
+ sehr zweifelhaft.
+
+ 18 Von allen kleinen canarischen Inseln ist nur die Rocca del Este vom
+ Pic auch bei hellem Wetter nicht zu sehen. Sie liegt 3 deg.,5 ab,
+ Salvage dagegen nur 2 deg. 1'. Die Insel Madera, die 4 deg. 29' entfernt
+ ist, waere nur dann zu sehen, wenn ihre Berge ueber 3000 Toisen hoch
+ waeren.
+
+ 19 "_La refraction de par todo._" Wir haben schon oben bemerkt, dass die
+ amerikanischen Fruechte, welche das Meer haeufig an die Kuesten von
+ Ferro und Gomera wirft, frueher fuer Gewaechse der Insel San Borondon
+ gehalten wurden. Dieses Land, das nach der Volkssage von einen
+ Erzbischof und sechs Bischoefen regiert wurde, und das, nach Pater
+ Feijoos Ansicht, das auf einer Nebelschicht projicirte Bild der
+ Insel Ferro ist, wurde im sechzehnten Jahrhundert vom Koenig von
+ Portugal Ludwig Perdigon geschenkt, als dieser sich zur Eroberung
+ desselben ruestete.
+
+ 20 Nach Odonell und Armstrong stand auf dem Gipfel des Pics am
+ 2. August 1806 um acht Uhr Morgnes der Thermometer im Schatten auf
+ 13 deg.,8, in der Sonne auf 20 deg.,5; Unterschied oder Wirkung der
+ Sonne: 6 deg.,7.
+
+ 21 Im Merz 1805 fingen Gay-Lussac und ich beim Hospiz auf dem Mont
+ Cenis in einer stark elektrisch geladenen Wolke Luft auf und
+ zerlegten sie im Volta´schen Eudometer. Sie enthielt keinen
+ Wasserstoff und nicht um 0,002 weniger Sauerstoff als die Pariser
+ Luft, die wir in hermetisch verschlossenen Flaschen bei uns hatten.
+
+ 22 Da viele Reisende, welche bei Santa Cruz de Teneriffa anlegen, die
+ Besteigung des Pics unterlassen, weil sie nicht wissen, wie viel
+ Zeit man dazu braucht, so sind die folgenden Angaben wohl nicht
+ unwillkommen. Wenn man bis zum Haltpunkt der Englaender sich der
+ Maulthiere bedient, braucht man von Orotava aus zur Besteigung des
+ Pics und zur Rueckkehr in den Hafen 21 Stunden; naemlich von Orotava
+ zum Pino del Dornajito 3 Stunden, von da zur Felsenstation 6, von da
+ nach der Caldera 3 1/2. Fuer die Rueckkehr rechne ich 9 Stunden. Es
+ handelt sich dabei nur von der Zeit, die man unterwegs zubringt,
+ keineswegs von der, die man auf die Untersuchung der Produkte des
+ Pic oder zum Ausruhen verwendet. In einem halben Tag gelangt man von
+ Santa Cruz de Teneriffa nach Orotava.
+
+ 23 Auf dieser Insel sah der carthaginensische Feldherr zum erstenmal
+ eine grosse menschenaehnliche Affenart, die Gorillas. Er beschreibt
+ sie als durchaus behaarte Weiber, und als hoechst boesartig, weil sie
+ sich mit Naegeln und Zaehnen wehrten. Er ruehmt sich, ihrer drei die
+ Haut abgezogen zu haben, um sie mitzunehmen. Gosselin verlegt die
+ Insel der Gorillas an die Muendung des Flusses Nun, aber nach dieser
+ Annahme muesste der Sumpf, in dem Hanno eine Menge Elephanten weiden
+ sah, unter 351/2 Grad Breite liegen, beinahe am Nordende von Afrika.
+
+_ 24 Aristoteles, Mirab. Auscultat._ Solinus sagt vom Atlas: _vertex
+ semper nivalis lucet nocturnis ignibus_; aber dieser Atlas ist
+ gleich dem Berge Meru der Hindus ein aus richtigen Begriffen und
+ mythischen Fictionen zusammengesetztes Ding, und lag nicht auf einer
+ der hesperischen Inseln, wie Abbe Viera und nach ihm verschiedene
+ Reisende annehmen, die den Pic von Teneriffa beschreiben. Die
+ folgenden Stellen lassen keinen Zweifel hierueber: Herodot IV, 184.
+ Strabo XVII. Mela III, 10. Plinius V, 1. Solinus I, 24, sogar Diodor
+ von Sicilien III.
+
+ 25 Der Berg hiess auch *Aya-dyrma*, in welchem Wort Horn (_de Origin.
+ Americ. p._ 155 und 185) den alten Namen des Atlas findet, der nach
+ Strabo, Plinius und Solinus *Dyris* war. Diese Ableitung ist hoechst
+ zweifelhaft; lagt man auf die Vokale mehr Werth, als sie bei den
+ orientalischen Voelkern haben, so findet man *Dyris* fast ganz in
+ *Daran*, wie die arabischen Geographen den oestlichen Theil des
+ Atlasgebirges nennen.
+
+_ 26 Non silendum puto de insula Teneriffa quae et eximie colitur et
+ inter orbis insulas est eminentior. Nam coelo sereno eminus
+ conspicitur, adeo ut qui absunt ab ea ad leucas hispanas sexaginta
+ vel septuaginta, non difficulter eam intueantur. Quod cernatur a
+ longe id efficit acuminatus lapis adamantinus, instar pyramidis, in
+ medio. Qui metiti sunt lapidem ajunt altitudine leucarum quindecim
+ mensuram excedere ab imo ad summum verticem. Is lapis jugiter
+ flagrat, instar Aetnae montis; id affirmant nostri Christiani qui
+ capti aliquando haec animadvertere. __Al. Cadamusti__ Navigatio ad
+ terras incognitas c. 8._
+
+ 27 Obgleich der Pic von Teneriffa sich nur in den Wintermonaten mit
+ Schnee bedeckt, koennte der Vulkan doch die seiner Breite
+ entsrpechende Schneegrenze erreichen, und wenn er Sommers ganz
+ schneefrei ist, so koennte diess nur von der freien Lage des Berges in
+ der weiten See, von der Haeufigkeit aufsteigender sehr warmer Winde
+ oder von der hohen Temperatur der Asche des Piton herruehren.. Beim
+ gegenwaertigen Stand unserer Kenntnisse lassen sich diese Zweifel
+ nicht heben. Vom Parallel der Berge Mexicos bis zum Parallel der
+ Pyrenaeen und der Alpen, zwischen dem 20. und dem 45. Grad ist die
+ Curve des ewigen Schnees durch keine direkte Messung bestimmt
+ worden, und da sich durch die wenigen Punkte, welche uns unter 0 deg.,
+ 20 deg., 45 deg., 62 deg. und 71 deg. noerdlicher Breite bekannt sind, unendliche
+ viele Curven ziehen lassen, so kann die Beobachtung nur sehr
+ mangelhaft durch Rechnung ergaenzt werden. Ohne es bestimmt zu
+ behaupten, kann man als wahrscheinlich annehmen, dass unter 28 deg. 17'
+ die Schneegrenze ueber 1900 Toisen liegt. Vom Auquator an, wo der
+ Schnee mit 2460 Toisen, also etwa in der Hoehe des Montblanc beginnt,
+ bis zum 20. Breitegrad, also bis zur Grenze des heissen Erdstrichs,
+ rueckt der Schnee nur 100 Toisen herab; laesst sich demnach annehmen,
+ dass 8 Grad weiter in einem Klima, das fast noch durchaus als ein
+ tropisches erscheint, der Schnee schon 400 Toisen tiefer stehen
+ sollte? Selbst vorausgesetzt, der Schnee rueckte vom 20. bis zum
+ 45. Breitegrad in arithmetischer Progression herab, was den
+ Beobachtungen widerspricht, so finge der ewige Schnee unter der
+ Breite des Pic erst bei 2050 Toisen ueber der Meeresflaeche an, somit
+ 550 Toisen hoeher als in den Pyrenaeen und in der Schweiz. Dieses
+ Ergebniss wird noch durch andere Beobachtungen unterstuetzt. Die
+ mittlere Temperatur der Luftschicht, mit der der Schnee im Sommer in
+ Beruehrung kommt, ist in den Alpen ein paar Grad unter, unter dem
+ Aequator ein paar Grad ueber dem Gefrierpunkt. Angenommen, unter 281/2
+ Grad sey die Temperatur gleich Null, so ergibt sich nach dem Gesetz
+ der Waermeabnahme, auf 98 Toisen einen Grad gerechnet, das der Schnee
+ in 2058 Toisen ueber einer Ebene mit einer mittleren Temperatur von
+ 21 deg., wie sie der Kueste von Teneriffa zukommt, lieben bleiben muss.
+ Diese Zahl stimmt fast ganz mit der, welche sich bei der Annahme
+ einer arithmetischen Progression ergibt. Einer der Hochgipfel der
+ Sierra de Nevada de Grenada, der Pico de Beleta, dessen absolute
+ Hoehe 1781 Toisen betraegt, ist bestaendig mit Schnee bedeckt; da aber
+ die untere Grenze des Schnees hier nicht gemessen worden ist, so
+ traegt dieser Berg, der unter 37 deg. 10' der Breite liegt, zur Loesung
+ des vorliegenden Problems nichts bei. Durch die Lage des Vulkans von
+ Teneriffa mitten auf einer nicht grossen Insel kann die Curve des
+ ewigen Schnees schwerlich hinaufgeschoben werden. Wenn die Winter
+ auf Inseln weniger streng sind, so sind dagegen auch die Sommer
+ weniger heiss, und die Hoehe des Schnees haengt nicht sowohl von der
+ ganzen mittleren Jahrestemperatur als vielmehr von der mittlere
+ Waerme der Sommermonate ab. Auf dem Aetna beginnt der Schnee schon
+ bei 1500 Toisen oder selbst etwas tiefer, was bei einem unter 371/2 deg.
+ der Breite gelegenen Gipfel ziemlich auffallend erscheint. In der
+ Naehe des Polarkreises, wo die Sommerhitze durch den fortwaehrend aus
+ dem Meere aufsteigenden Nebel gemildert wird, zeigt sich der
+ Unterschied zwischen Inseln oder Kuesten und dem inneren Lande hoechst
+ auffallend. Auf Island z. B. ist auf dem Osterjoeckull, unter 65 deg. der
+ Breite, die Grenze des ewigen Schnees in 482, in Norwegen dagegen,
+ unter 67 deg., fern von der Kueste in 600 Toisen Hoehe, und doch sind hier
+ die Winter ungleich strenger, folglich die mittlere Jahrestemperatur
+ geringer als in Island. Nach diesen Angaben erscheint es als
+ wahrscheinlich, dass Bouquer und Saussure im Irrthum sind, wenn sie
+ annehmen, dass der Pic von Teneriffa die untere Grenze des ewigen
+ Schrees erreiche. Unter 28 deg. 17' der Breite ergeben sich fuer diese
+ Grenze wenigstens 1950 Toisen, selbst wenn man sie zwischen dem
+ Aetna und den Bergen von Mexico durch Interpolation berechnet.
+ Dieser Punkt wird vollstaendig ins Reine gebracht werden, wenn einmal
+ der westliche Theil des Atlas gemessen ist, wo bei Marocco unter 311/2
+ Grad Breite ewiger Schnee liegt.
+
+_ 28 Pinus halepensis._ Nach de Candolles Bemerkung hiesse diese Fichte,
+ die in Portugal fehlt und am Abhang von Frankreicht und Spanien
+ gegen das Mittelmeer in Italien, in Kleinasien und in der Barbarei
+ vorkommt besser _Pinus mediterranea._ Sie ist der herrschende Baum
+ in den Fichtenwaeldern des suedoestlichen Frankreichs, wo sie von Gonan
+ und Gerard mit der _Pinus sylvestris_ verwechselt worden ist.
+
+ 29 Willdenow und ich haben unter den Pflanzen vom Pic von Teneriffa das
+ schoene _Satyrium diphyllum_ (_Orchis cordata, Willd._) erkannt, die
+ Link in Portugal gefunden. Die Canarien haben nicht die _Dicksonia
+ Culcita_, den einzigen Baumfarn, der unter 39 deg. der Breite vorkommt,
+ wohl aber _Asplenium palmatun_ und _Myrica Faya_ mit der Flora der
+ Azoren gemein. Letzterer Baum findet sich in Portugal wild,
+ Hofmannsegg hat sehr alte Staemme gesehen, es bleibt aber
+ zweifelhaft, ob er in diesen Theil unseres Continents einheimisch
+ oder eingefuehrt ist. Denkt man ueber die Wanderungen der Gewaechse
+ nach zieht man in Betracht, dass es geologisch moeglich ist, dass
+ Portugal, die Azoren, die Canarien und die Atlaskette einst durch
+ nunmehr im Meer versunkene Laender zusammengehangen habe, so
+ erscheint das Vorkommen der _Myrica Facya_ im westlichen Europa zum
+ mindestens ebenso auffallend, als wenn die Fichte von Aleppe auf den
+ Azoren vorkaeme.
+
+ 30 Nach Vaters Untersuchungen zeigt die Sprache der Guanchen folgende
+ Aehnlichkeiten mit den Sprachen weit aus einander gelegener Voelker:
+ Hund bei den Huronen in Amerika _aguienon_, bei den Guanchen aguyan;
+ *Mensch* bei den Peruanern _cari_, bei den Guanchen _coran_; *Koenig*
+ bei den Mandingos in Afrika _monso_, bei den Guanchen _monsey_. Der
+ Name der Insel Gomera kommt um Worte Gomer zum Vorschein, das der
+ Name eines Berberstammes ist. (*Vater*, Untersuchungen ueber Amerika,
+ S. 170.) Die Guanchischen Worte _alcorac_, Gott, und _almogaron_,
+ Tempel, scheinen arabischen Ursprungs, wenigstens bedeutet in
+ letzterer Sprache _almoharram_ *heilig*.
+
+
+
+
+
+DRITTES KAPITEL
+
+
+ Ueberfahrt von Teneriffa an die Kueste von Suedamerika -- Ankunft in
+ Cumana
+
+
+Am 25. Juni Abends verliessen wir die Rhede von Santa Cruz und schlugen den
+Weg nach Suedamerika ein. Es wehte stark aus Nordost und das Meer schlug in
+Folge der Gegenstroemungen kurze gedraengte Wellen. Die canarischen Inseln,
+auf deren hohen Bergen ein roethlicher Duft lag, verloren wir bald aus dem
+Gesicht. Nur der Pic zeigte sich von Zeit zu Zeit in Blinken,
+wahrscheinlich, weil der in der hohen Luftregion herrschende Wind dann und
+wann die Wolken um den Piton verjagte. Zum erstenmal empfanden wir,
+welchen lebhaften Eindruck der Anblick von Laendern an der Grenze des
+heissen Erdguertels, wo die Natur so reich, so grossartig und so wundervoll
+auftritt, auf unser Gemueth macht. Wir hatten nur kurze Zeit auf Teneriffa
+verweilt, und doch schieden wir von der Insel, als haetten wir lange dort
+gelebt.
+
+Unsere Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, dem oestlichsten Hafen von
+Terra Firma, war so schoen als je eine. Wir schnitten den Wendekreis des
+Krebses am 27., und obgleich der *Pizarro* eben kein guter Segler war,
+legten wir doch den neunhundert Meilen [4050 km] langen Weg von Kueste von
+Afrika zur Kueste der neuen Welt in zwanzig Tagen zurueck. Wir fuhren auf 50
+Meilen [225 km] westwaerts am Vorgebirge Bojador, am weissen Vorgebirge und
+an den Inseln des gruenen Vorgebirges vorueber. Ein paar Landvoegel, der der
+starke Wind auf die hohe See verschlagen, zogen uns einige Tage nach.
+Haetten wir nicht unsere Laenge mittelst der Seeuhren genau gekannt, so
+waeren wir versucht gewesen zu glauben, wir seyen ganz nahe der
+afrikanischen Kueste.
+
+Unser Weg war derselbe, den seit Kolumbus erster Reise alle Fahrzeuge nach
+den Antillen einschlagen. Vom Parallel von Madera bis zum Wendekreis nimmt
+dabei die Breite rasch ab, waehrend man an Laenge fast nichts zulegt; hat
+man die Zone des bestaendigen Passatwindes erreicht, so faehrt man von Ost
+nach West auf einer ruhigen, friedlichen See, die bei den spanischen
+Seefahrern _el Golfo de las Damas_ heisst. Wie alle, welche diese Striche
+befahren, machten auch wir die Beobachtung, dass, je weiter man gegen
+Westen rueckt, der Passat, der Anfangs Ost-Nord-Ost war, immer mehr Ostwind
+wird.
+
+Hadley(31) hat in einer beruehmten Abhandlung die Theorie des Passats
+entwickelt, wie sie gemeiniglich angenommen ist, aber die Erscheinung ist
+eine weit verwickeltere, als die meisten Physiker glauben. Im atlantischen
+Ocean ist die Laenge wie die Abweichung der Sonne von Einfluss auf die
+Richtung und die Grenzen der Passatwinde. Dem neun Continent zu gehen sie
+in beiden Halbkugeln 8 bis 9 Grad ueber den Wendekreis hinauf, waehrend in
+der Naehe von Afrika die veraenderlichen Winde weit ueber den 28. oder
+27. Grad hinunter herrschen. Es ist im Interesse der Meteorologie und der
+Schifffahrt zu bedauern, dass die Veraenderungen, denen die Luftstroemungen
+unter den Tropen im stillen Ocean unterliegen, weit weniger bekannt sind
+als das Verhalten derselben Stroeme in einem engeren Meeresbecken, wo die
+nicht weit auseinander liegenden Kuesten von Guinea und Brasilien ihre
+Einfluesse geltend machen. Die Schiffer wissen seit Jahrhunderten, dass im
+atlantischen Ocean der Aequator nicht mit der Linie zusammenfaellt, welche
+die Passatwinde aus Nordort und die aus Suedost scheidet. Diese Linie
+liegt, nach Hadley richtiger Beobachtung, unter dem 3. bis 4. Grad
+noerdlicher Breite, und wenn ihre Lage daher ruehrt, dass die Sonne in der
+noerdlichen Halbkugel laenger verweilt, so weist sie darauf hin, dass die
+Temperaturen der beiden Halbkugeln [Nimmt man mit Aepinus an, dass die
+suedliche Halbkugel nur um 1/14 kaelter ist als die noerdliche, so ergibt die
+Rechnung fuer die noerdliche Grenze des Ost-Sued-Ost-Passats 1 deg. 28'.] sich
+verhalten wie 11 zu 9. In der Folge, wenn von der Luft ueber der Suedsee die
+Rede ist, werden wir sehen, dass westwaerts von Amerika der Suedost-Passat
+nicht so weit ueber den Aequator hinausreicht als im atlantischen Ocean.
+Der Unterschied in der Luftstroemung dem Aequator zu vom einen und vom
+andern Pol her kann ja nicht unter allen Laengengraden derselbe seyn, das
+heisst auf Punkten der Erdkugel, wo die Festlaender sehr verschieden breit
+sind und sich mehr oder minder weit gegen die Pole erstrecken.
+
+Es ist bekannt, dass auf der Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, wie von
+Acapulco nach den Philippinen, die Matrosen fast keine Hand an die Segel
+zu legen brauchen. Man faehrt in diesen Strichen, als ginge es auf einem
+Flusse hinunter, und es ist zu glauben, dass es kein gewagtes Unternehmen
+waere, die Fahrt mit einer Schaluppe ohne Verdeck zu machen. Weiter
+westwaerts aber, an der Kueste von St. Marta und im Meerbusen von Mexico
+weht der Wind sehr stark und macht die See sehr unruhig.(32)
+
+Je weiter wir uns von der afrikanischen Kueste entfernten, desto schwaecher
+wurde der Wind; oft blieb er einige Stunden ganz aus, und diese
+Windstillen wurden regelmaessig durch elektrische Erscheinungen
+unterbrochen. Schwarze, dichte, scharf umrissene Wolken zogen sich im Ost
+zusammen; man konnte meinen, es sey eine Boe im Anzug und man werde die
+Marssegel einreffen muessen, aber nicht lange, so erhob sich der Wind
+wieder, es fielen einige schwere Regentropfen und das Gewitter verzog
+sich, ohne dass man hatte donnern hoeren. Es war interessant, waehrend dessen
+die Wirkung schwarzer Wolken zu beobachten, die einzeln und sehr tief
+durch das Zenith liefen. Man spuerte, wie der Wind allmaehlig staerker oder
+schwaecker wurde, je nachdem die kleinen Haufen von Dunstblaeschen sich
+naeherten oder entfernten, ohne dass die Elektrometer mit langer
+Metallstange und brennendem Docht in den untern Luftschichten eine
+Aenderung in der elektrischen Spannung anzeigten. Mittels solcher kleinen,
+mit Windstillen wechselnden Boeen gelangt man in den Monaten Juni und Juli
+von den canarischen Inseln nach den Antillen oder an die Kuesten von
+Suedamerika. Im heissen Erdstrich loesen sich die meteorologischen Vorgaenge
+aeusserst regelmaessig ab, und das Jahr 1803 wird in den Annalen der
+Schifffahrt lange denkwuerdig bleiben, weil mehrere Schiffe, die von Cadix
+nach Cumana gingen, unter 14 deg. der Laenge und 48 deg. der Breite umlegen mussten,
+weil mehrere Tage lang ein heftiger Wind aus Nord-Nord-West blies. Welch
+bedeutende Stoerung im regelmaessigen Lauf der Luftstroemungen muss man
+annehmen, um sich von einem solchen Gegenwind Rechenschaft zu geben, der
+ohne Zweifel auch den regelmaessigen Gang des Barometers in seiner
+stuendlichen Schwankung gestoert haben wird!
+
+Einige spanische Seefahrer haben neuerlich einen andern Weg nach den
+Antillen und zur Kueste von Terra Firma als den von Christoph Columbus
+zuerst eingeschlagenen zur Sprache gebracht. Sie schlagen vor, man sollte
+nicht gerade nach Sued steuern, um den Passat aufzusuchen, sondern auf
+einer Diagonale zwischen Cap St. Vincent und Amerika in Laenge und Breite
+zugleich vorruecken. Dieser Weg, der die Fahrt abkuerzt, da man den
+Wendekreis etwa 20 deg. westwaerts vom Punkte schneidet, wo ohn die Schiffe
+gewoehnlich schneiden, ist von Admiral Gravina mehreremale mit Glueck
+eingeschlagen worden. Dieser erfahrene Seemann, der in der Schlacht von
+Trafalgar einen ruehmlichen Tod fand, kam im Jahr 1802 auf diesem schiefen
+Wege mehrere Tage vor der franzoesischen Flotte nach St. Domingo, obgleich
+er zufolge eines Befehls des Madrider Hofs mit seinem Geschwader im Hafen
+von Ferrel hatte einlaufen und sich dort eine Zeitlang aufhalten muessen.
+
+Diese neue Verfahren kuerzt die Ueberfahrt von Cadix nach Cumana etwa um
+ein Zwanzigtheil ab; da man aber erst unter dem 40. Grad der Laenge die
+Tropen betritt, so laeuft man Gefahr, laenger mit den veraenderlichen Winden
+zu thun zu haben, die bald aus Sued, bald aus Suedwest blasen. Beim alten
+Verfahren wird der Nachtheil, dass man einen laengeren Weg macht, dadruch
+ausgeglichen, dass man sicher ist, in den Passat zu gelangen und ihn auf
+einem groesseren Stueck der Ueberfarht benuetzen zu koennen. Waehrend meines
+Aufenthalt in den spanischen Colonien sah ich mehrere Kauffahrer an
+kommen, die aus Furcht vor Kapern den schiefen Weg eingeschlagen hatten
+und ausnehmend rasch heruebergekommen waren; nur nach wiederholten
+Versuchen wird man sich bestimmt ueber einen Punkt aussprechen koennen, der
+zum mindesten so wichtig ist als die Wahl des Meridians, auf dem man bei
+der Fahrt nach Buenos Ayres oder Cap Horn den Aequator schneiden soll.
+
+Nichts geht ueber die Pracht und die Milde des Klimas im tropischen
+Weltmeer. Waehrend der Passatwind stark blies, stand der Thermometer bei
+Tage auf 23-24 Grad, bei Nacht zwischen 22 und 22,5. Um den Reiz dieser
+gluecklichen Erdstriche in der Naehe des Aequators voll zu empfinden, muss
+man in rauher Jahreszeit von Acapulco oder von den Kuesten von Chili nach
+Europa gesegelt haben. Welcher Abstand zwischen den stuermischen Meeren in
+noerdlichen Breiten und diesen Strichen, wo in der Natur ewige Ruhe
+herrscht! Wenn die Rueckfahrt aus Mexiko oder Suedamerika nach den
+spanischen Kuesten zu kurz und so angenehm waere als die Reise aus der alten
+in die neue Welt, so waere die Zahl der Europaeer, die sich in den Kolonien
+niedergelassen, lange nicht so gross, als sie jetzt ist. Das Meer, in dem
+die Azoren und die Bermuden liegen, durch das man kommt, wenn man in hohen
+Breiten nach Europa zurueckfaehrt, fuehrt bei den Spanier den seltsamen Namen
+_Golfe de las Yeguas_. [Der Meerbusen der Stuten.] Colonisten, die an die
+See nicht gewoehnt sind, und lange einsam in den Waeldern von Guyana, in den
+Savanen von Caracas oder auf den Cordilleren von Peru gelebt haben,
+fuerchten sich vor dem Seestrich bei den Bermuden mehr als jetzt die
+Bewohner von Lima vor der Fahrt um Cap Horn. Sie uebertreiben in der
+Einbildung die Gefahren einer Ueberfahrt, die nur im Winter bedenktlich
+ist. Sie verschieben es von Jahr zu Jahr, ein Vorhaben auszufuehren, das
+ihnen gewagt erscheint, und meist ueberrascht sie der Tod, waehrend sie sich
+zur Rueckreise ruesten.
+
+Noerdlich von den Inseln des Gruenen Vorgebirges stiessen wir auf grosse
+Buendel schwimmenden Tangs. Es war die tropische Seetraube, _Fucus natans_,
+die nur bis zu 40 deg. noerdlicher und suedlicher Breite auf dem Gestein unter
+dem Meeresspiegel waechst. Diese Algen schienen hier, wie suedwestlich von
+der Bank von Neufoundland, das Vorhandenseyn der Stroemungen anzuzeigen.
+Die Seestriche, wo viel einzelner Tag vorkommt, und die mit Seegewaechsen
+bedeckten Strecken, welche Columbus mit grossen Wiesen vergleicht und die
+der Mannschaft der Santa Maria unter 42 deg. der Laenge Schrecken einjagten,
+sind nicht mit einander zu verwechseln. Durch die Vergleichung vieler
+Schiffstagebuecher habe ich mich ueberzeugt, dass es im Becken des noerdlichen
+Atlantischen Oceans zwei solcher mit Algen bedeckten Strecken gibt, die
+nichts miteinander zu tun haben. Die groesste derselben(33) liegt etwas
+westlich vom Meridian von Fayal, einer der azorischen Inseln, zwischen
+35 und 36 deg. der Breite. Die Meerestemperatur betraegt in diesem Strich
+16 bis 20 Grad, und die Nordostwinde, die dort zuweilen sehr stark sind,
+treiben schwimmende Tanginseln in tiefe Breiten, bis zum 24., ja bis zum
+20. Grad. Die Schiffe, die von Montevideo und vom Kap der guten Hoffnung
+nach Europa zurueckfahren, kommen ueber diese Fucusbank, die nach den
+spanischen Schiffern von den kleinen Antillen und von den canarischen
+Inseln gleich weit entfernt ist; die Ungeschicktesten koennen darnach ihre
+Laenge berichtigen. Die zweite Fucusbank ist wenig bekannt; sie liegt unter
+22 und 26 deg. der Breite, 80 Seemeilen [148 km] westlich vom Meridian der
+Bahamainseln, und ist von weit geringerer Ausdehnung. Man stoesst auf sie
+auf der Fahrt von den Caycosinseln nach den Bermuden.
+
+Allerdings kennt man Tangarten mit 800 Fuss [260 m] langen Stengeln [_Fucus
+giganteus_, _Forster_ oder _Laminaria pyrifera_, _Lamouroux_.], und diese
+Cryptogamen der hohen See wachsen sehr rasch; dennoch ist kein Zweifel
+darueber, dass in den oben beschriebenen Strichen die Tange keinesweg am
+Meeresboden haften, sondern in einzelnen Buendeln auf dem Wasser schwimmen.
+In diesem Zustand koennen diese Gewaechse nicht viel laenger fortvegetiren
+als ein vom Stamm abgerissener Baumast. Will man sich Rechenschaft davon
+geben, wie es kommt, dass bewegliche Massen sich seit Jahrhunderten an
+denselben Stellen befinden, so muss man annehmen, dass sie vom Gestein
+73 bis 92 m unter der Meeresflaeche herkommen und der Nachwuchs fortwaehrend
+wieder ersetzt, was die tropische Stroemung wegreisst. Diese Stroemung fuehrt
+die tropische Seetraube in hohe Breiten, an die Kuesten von Norwegen und
+Frankreich, und die Algen werden suedwaerts von den Azoren keineswegs vom
+*Golfstrom* zusammengetrieben, wie manche Seeleute meinen. Es waere zu
+wuenschen, dass die Schiffer in diesen mit Pflanzen bedeckten Strichen
+haeufiger das Senkblei auswaerfen; man versichert, hollaendische Seeleute
+haben mittelst Leinen aus Seidenfaeden zwischen der Bank von Neufoundland
+und der schottischen Kueste eine Reihe von Untiefen gefunden.
+
+Wie und wodurch die Algen in Tiefen, in denen nach der allgemeinen Annahme
+das Meer wenig bewegt ist, losgerissen werden, darueber ist man noch nicht
+im Klaren. Wir wissen nur nach den schoenen Beobachtungen von Lamouroux,
+dass die Algen zwar vor der Entwicklung ihrer Fructificationen ausnehmend
+fest am Gestein haengen, dagegen nach dieser Zeit oder in der Jahreszeit,
+wo bei ihnen wie bei den Landpflanzen die Vegetation stockt, sehr leicht
+abzureissen sind. Fische und Weichthiere, welche die Stengel der Tange
+benagen, moegen wohl auch dazu beitragen, sie von ihren Wurzeln zu loesen.
+
+Vom 22. Breitengrad an fanden wir die Meeresflaeche mit fliegenden Fischen
+[_Exocoetus volitans._] bedeckt; sie schnellten sich fuenfzehn, ja achtzehn
+Fuss [4,5, ja 6 m] in die Hoehe und fielen auf den Oberlauf nieder. Ich
+scheue mich nicht, hier gleichfalls einen Gegenstand zu beruehren, von dem
+die Reisenden so viel sprechen, als von Delphinen und Haifischen, von der
+Seekrankheit und dem Leuchten des Meeres. Alle diese Dinge bieten den
+Physikern noch lange Stoff genug zu anziehenden Beobachtungen, wenn sie
+sich ganz besonders damit beschaeftigen. Die Natur ist eine unerschoepfliche
+Quelle der Forschung, und im Mass, als die Wissenschaft vorschreitet,
+bietet sie dem, der sie recht zu befragen weiss, immer wieder eine neue
+Seite, von der er sie bis jetzt nicht betrachtet hatte.
+
+Ich erwaehne der fliegenden Fische, um die Naturkundigen auf die ungeheure
+Groesse ihrer Schwimmblase aufmerksam zu machen, die bei einem 6,4 Zoll
+langen Fisch 3,6 Zoll lang und 0,9 breit ist und 31/2 Kubikzoll [60 ml] Luft
+enthaelt. Die Blase nimmt ueber die Haelfte vom Koerperinhalt des Thieres ein,
+und traegt somit wahrscheinlich dazu bei, dass es so leicht ist. Man koennte
+sagen, dieser Luftbehaelter diese ihm vielmehr zum Fliegen als zum
+Schwimmen, denn die Versuche, die Provenzal und ich angestellt, beweisen,
+dass dieses Organ selbst bei den Arten, die damit versehen sind, zu der
+Bewegung an die Wasserflaeche herauf nicht durchaus nothwendig ist. Bei
+einem jungen 5,0 Zoll langen Exocoetus bot jede der Brustflossen, die als
+Fluegen diesen, der Luft bereits eine Oberflaeche von 3 7/10 Quadratzoll
+dar. Wir haben gefunden, dass die neun Nervenstraenge, die zu den zwoelf
+Strahlen dieser Flossen verlaufen, fast dreimal dicker sind als die Nerven
+der Bauchflossen. Wenn man die ersteren Nerven galvanisch reizt, so gehen
+die Strahlen, welche die Haut der Brustflossen tragen, fuenfmal kraeftiger
+auseinander, als die der andern Flossen, wenn man sie mit denselben
+Metallen galvanisirt. Der Fisch kann sich ab er auch zwanzig Fuss [6,5 m]
+weit wagrecht fortschnellen, ehe er mit der Spitze seiner Flossen die
+Meeresflaeche wieder beruehrt. Man hat diese Bewegung und die eines flachen
+Steines, der auffallend und wieder abprallend ein paar Fuss hoch ueber die
+Wellen huepft, ganz richtig zusammengestellt. So ausnehmend rasch die
+Bewegung ist, kann man doch deutlich sehen, dass das Thier waehrend des
+Sprungs die Luft schlaegt, das heisst, dass es die Brustflossen abwechselnd
+ausbreitet und einzieht. Dieselbe Bewegung beobachtet man am fliegenden
+Seescorpion auf den japanischen Fluessen, der gleichfalls eine grosse
+Schwimmblase hat, waehrend sie den meisten Seescorpionen, die nicht
+fliegen, fehlt [_Scorpaena porcus_, _S. scrofa_, _S. dactyloptera_,
+Delaroche.]. Die Exocoetus koennen, wie die meisten Kiementhiere, ziemlich
+lange und mittelst derselben Organe im Wasser und in der Luft athmen, das
+heisst der Luft wie dem Wasser den darin enthaltenen Sauerstoff entziehen.
+Sie bringen einen grossen Theil ihres Lebens in der Luft zu, aber ihr
+elendes Leben wird ihnen dadurch nicht leichter gemacht. Verlassen sie das
+Meer, um den gefraessigen Goldbrassen zu entgehen, so begegnen sie in der
+Luft den Fregatten, Albatrossen und andern Voegeln, die sie im Flug
+erschnappen. So werden an den Ufern des Orinoco Rudel von Cabiais, [_Cavia
+Capybara._ L.] wenn sie vor den Krokodilen aus dem Wasser fluechten, am
+Ufer die Beute der Jaguars.
+
+Ich bezweifle indessen, dass sich die fliegenden Fische allein um der
+Verfolgung ihrer Feinde zu entgehen, aus dem Wasser schnellen. Gleich den
+Schwalben schiessen sie zu Tausenden Fort, gerade aus und immer gegen die
+Richtung der Wellen. In unsern Himmelsstrichen sieht man haeufig am Ufer
+eines klaren, von der Sonne beschienenen Flusses einzeln stehende Fische,
+die somit nichts zu fuerchten haben koennen, sich ueber die Wasserflaeche
+schnellen, als machte es ihnen Vergnuegen, Luft zu athmen. Warum sollte
+dieses Spiel nicht noch haeufiger und laenger bei den Exocoetus vorkommen,
+die vermoege der Form ihrer Brustflossen und ihres geringen specifischen
+Gewichtes sich sehr leicht in der Luft halten? Ich fordere die Forscher
+auf, zu untersuchen, ob andere fliegende Fische, z. B. _Exocoetus
+exiliens_, _Trigla volitans_ und _T. horundo_ auch so grosse Schwimmblasen
+haben wie der tropische Exocoetus. Dieser geht mit dem warmen Wasser des
+Golfstroms nach Norden. Die Schiffsjungen schneiden ihm zum Spass ein Stueck
+der Brustflossen ab und behaupten, diese wachsen wieder, was mir mit den
+bei andern Fischfamilien gemachten Beobachtungen nicht zu stimmen scheint.
+
+Zur Zeit, da ich von Paris abreiste, hatten die Versuche, welche
+_Dr._ Broddelt in Jamaica mit der Luft in der Schwimmblase des
+Schwertfisches angestellt, einige Physiker zur Annahme veranlasst, dass
+unter den Tropen dieses Organ bei den Seefischen reines Sauerstoffgas
+enthalte. Auch ich hatte diese Vorstellung, und so war ich ueberrascht, als
+ich in der Schwimmblase des Exocoetus nur 0,04 Sauerstoff auf 0,94
+Stickstoff und 0,02 Kohlensaeure fand. Der Antheil des letzteren Gases, der
+mittelst der Absorption durch Kalkwasser in graduirten Roehren gemessen
+wurde, [Anthracometer, gekruemmte Roehren mit einer grossen Kugel.] schien
+constanter als der des Sauerstoffs, von dem einige Exemplare fast noch
+einmal so viel zeigten. Nach Biots, Cosigliachi´s und Delaroche´s
+interessanten Beobachtungen muss man annehmen, dass der von Broddelt secirte
+Schwertfisch in grossen Meerestiefen gelebt habe, wo manche Fische bis zu
+94 Procent Sauerstoff in ihrer Schwimmblase zeigen.
+
+Am 1. Juli, unter 17 deg. 42' der Breite und 34 deg. 21' der Laenge stiessen wir auf
+die Truemmer eines Wrackes. Wir konnten einen Mastbaum sehen, der mit
+schwimmendem Tang ueberzogen war. In einem Strich, wo die See bestaendig
+ruhig ist, konnte das Fahrzeug nicht Schiffbruch gelitten haben.
+Vielleicht dass diese Truemmer aus den noerdlichen stuermischen Meeren kamen,
+und infolge der merkwuerdigen Drehung, welche die Wasser des Atlantischen
+Meeres in der noerdlichen Halbkugel erleiden, wieder zum Fleck
+zurueckwanderte, wo das Schiff zugrunde gegangen.
+
+Am dritten und vierten fuhren wir ueber den Theil des Oceans, wo die Karten
+die Bank des Maalstroms verzeichne; mit Einbruch der Nacht aenderte man den
+Curs, um einer Gefahr auszuweichen, deren Vorhandenseyn so zweifelhaft
+ist, als das der Inseln Fonseco und Santa Anna.(34) Es waere wohl klueger
+gewesen, den Curs beizubehalten. Die alten Seekarten wimmeln von
+sogenannten wachenden Klippen, die zum Theil allerdings vorhanden sind,
+groesstentheils aber sich von optischen Taeuschungen herschreiben, die auf
+der See haeufiger sind als im Binnenland. Die Lage der wirklich
+gefaehrlichen Punkte ist meist wie auf Gerathewohl angegeben; sie waren von
+Schiffern gesehen worden, die ihre Laenge nur auf ein paar Grade kannten,
+und meist kann man sicher darauf rechnen, keine Klippen zu finden, wenn
+man den Punkten zusteuert, wo sie auf den Karten angegeben sind. Als wir
+dem vorgeblichen Maalstrom nahe waren, konnten wir am Wasser keine andere
+Bewegung bemerken, als ein Stroemung nach Nordwest, die uns nicht so viel
+in Laenge zuruecklegen liess, als wir gewuenscht haetten. Die Staerke dieser
+Stroemung nimmt zu, je naeher man dem neuen Continente kommt; sie wird durch
+die Bildung der Kuesten von Brasilien und Guyana abgelenkt, nicht durch die
+Gewaesser des Orinoco und des Amazonenstroms, wie manche Physiker
+behaupten.
+
+Seit unserem Eintritt in die heisse Zone wurden wir nicht muede, in jeder
+Nacht die Schoenheit des suedlichen Himmels zu bewundern, an dem, je weiter
+wir nach Sueden vorrueckten, immer neue Sternbilder vor unseren Blicken
+aufstiegen. Ein sonderbares, bis jetzt ganz unbekanntes Gefuehl wird in
+einem rege, wenn man dem Aequator zu, und namentlich beim Uebergang aus
+der einen Halbkugel in die andere, die Sterne, die man von Kindheit auf
+kennt, immer tiefer hinabruecken und endlich verschwinden sieht. Nichts
+mahnt den Reisenden so auffallend an die ungeheure Entfernung seiner
+Heimath, als der Anblick eines neuen Himmels. Die Gruppirung der grossen
+Sterne, einige zerstreute Nebelflecke, die an Glanz mit der Milchstrasse
+wetteifern, Strecken, die sich durch ihr tiefes Schwarz auszeichnen, geben
+dem Suedhimmel eine ganz eigenthuemliche Physiognomie. Dieses Schauspiel
+regt selbst die Einbildungskraft von Menschen auf, die den physischen
+Wissenschaften sehr ferne stehen und zum Himmelsgewoebe aufblicken, wie man
+eine schoene Landschaft oder eine grossartige Aussicht bewundert. Man
+braucht kein Botaniker zu seyn, um schon am Anblick der Pflanzenwelt den
+heissen Erdstrich zu erkennen, und wer auch keine astronomischen Kenntnisse
+hat, wer von Flamsteads und Lacaille's Himmelskarten nichts weiss, fuehlt,
+dass er nicht in Europa ist, wenn er das ungeheure Sternbild des Schiffs
+oder die leuchtenden Magellanschen Wolken am Horizont aufsteigen sieht.
+Erde und Himmel, Allem in den Aequinoctiallaendern drueckt sich der Stempel
+des Fremdartigen auf.
+
+Die niedrigen Luftregionen waren seit einigen Tage mit Dunst erfuellt. Erst
+in der Nacht vom vierten zum fuenften Juli, unter 16 deg. Breite, sahen wir das
+suedliche Kreuz zum erstenmal deutlich; es war stark geneigt und erschien
+von Zeit zu Zeit zwischen den Wolken, deren Mittelpunkt, wenn das
+Wetterleuchten dadurch hinzuckte, wie Silberlicht aufflammte. Wenn es
+einem Reisenden gestattet ist, von seinen persoenlichen Empfindungen zu
+sprechen, so darf ich sagen, dass ich in dieser Nacht einen der Traeume
+meiner fruehesten Jugend in Erfuellung gehen sah.
+
+Wenn man anfaengt geographische Karten zu betrachten und Schilderungen der
+Seefahrer zu lesen, so fuehlt man fuer gewisse Laender und gewisse Klimate
+eine Art Vorliebe, von der man sich in reiferem Alter keine Rechenschaft
+zu geben vermag. Eindruecke der Art aeussern einen nicht ungebedeutenden
+Einfluss auf unsere Entschluesse, und wie instinkmaessig suchen wir
+Gegenstaenden, die schon so lange eine geheime Anziehungskraft fuer uns
+gehabt, wirklich nahe zu kommen. Als ich mich mit dem Himmel beschaeftigte,
+nicht um Astronomie zu treiben, sondern nur um die Sterne kennen zu
+lernen, empfand ich eine bange Unruhe, die Menschen, die ein sitzendes
+Leben lieben, ganz fremd ist. Der Hoffnung entsagen zu sollen, jemals jene
+herrlichen Sternbilder am Suedpol zu erblicken, das schien mit sehr hart.
+Im ungeduldigen Drange, die Aequatoriallaender kennen zu lernen, konnte ich
+nicht die Augen zum Sterngewoelbe aufschlagen, ohne an das suedliche Kreuz
+zu denken und mir die erhabenen Verse Dante's vorzusagen, welche sich nach
+den beruehmtesten Auslegern auf jenes Sternbild beziehen:(35)
+
+Jo mi volsi a man destra e posi mente
+All´ altro polo, e vidi quattro stelle,
+Non viste mai fuor ch´ alla prima gente.
+
+Goder parea lo ciel di lor fiammelle,
+O settentrional vedovo sito,
+Pio che privato se di mirar quelle!
+
+Unsere Freude beim Erscheinen des suedlichen Kreuzes wurde lebhaft von
+denjenigen unter der Mannschaft getheilt, die in den Colonien gelebt
+hatten. In der Meereseinsamkeit begruesst man einen Stern wie einen Freund,
+von dem man lange Zeit getrennt gewesen. Bei den Portugiesen und Spaniern
+steigert sich diese gemuethliche Theilnahme noch durch besondere Gruende:
+religioeses Gefuehl zieht sie zu einem Sternbild hin, dessen Gestalt an das
+Wahrzeichen des Glaubens mahnt, das ihre Vaeter in den Einoeden der neuen
+Welt aufgepflanzt.
+
+Da die zwei grossen Sterne, welche Spitze und Fuss des Kreuzes bezeichnen,
+ungefaehrt dieselbe Rectascension haben, so muss das Sternbild, wenn es
+durch den Meridian geht, fast senkrecht stehen. Dieser Umstand ist allen
+Voelkern jenseits des Wendekreises und in der suedlichen Halbkugel bekannt.
+Man hat sich gemerkt, zu welcher Zeit bei Nacht in den verschiedenen
+Jahreszeiten das suedliche Kreuz aufrecht oder geneigt ist. Es ist eine
+Uhr, die sehr regelmaessig etwa vier Minuten im Tag vorgeht, und an keiner
+anderen Sterngruppe laesst sich die Zeit mit blossem Auge so genau
+beobachten. Wie oft haben wir unsere Fuehrer in den Savannen von Venezuela
+oder in der Wueste zwischen Lima und Truxillo sagen hoeren: "Mitternacht ist
+vorueber, das Kreuz faengt an sich zu neigen!" Wie oft haben wir uns bei
+diesen Worten an den ruehrenden Auftritt erinnert, wo Paul und Virginie an
+der Quelle des Faecherpalmenflusses zum letztenmale mit einander sprechen
+und der Greis beim Anblick des suedlichen Kreuzes sie mahnt, dass es Zeit
+sey zu scheiden!
+
+Die letzten Tage unserer Ueberfahrt waren nicht so guenstig, als das milde
+Klima und die ruhige See hoffen liessen. Nicht die Gefahren der See stoerten
+uns in unserem Genusse, aber der Keim eines boesartigen Fiebers entwickelte
+sich unter uns, je naeher wir den Antillen kamen. Im Zwischendeck war es
+furchtbar heiss und der Raum sehr beschraenkt. Seit wir den Wendekreis
+ueberschritten, stand der Thermometer auf 34 bis 36 Grad. Zwei Matrosen,
+mehrere Passagiere und, was ziemlich auffallend ist, zwei Neger von der
+Kueste von Guinea und ein Mulattenkind wurden von einer Krankheit befallen,
+die epidemisch zu werden drohte. Die Symptome waren nicht bei allen
+Kranken gleich bedenklich; mehrere aber, und gerade die kraeftigsten,
+delirirten schon am zweiten Tage und die Kraefte lagen voellig darnieder.
+Bei der Gleichgueltigkeit, mit der an Bord der Paketboote alles behandelt
+wird, was mit der Fuehrung des Schiffes und der Schnelligkeit der
+Ueberfahrt nichts zu thun hat, dachte der Kapitaen nicht daran, gegen die
+Gefahr, die uns bedrohte, die gemeinsten Mittel vorzukehren. Es wurde
+nicht geraeuchert, und ein unwissender, phlegmatischer galicischer Wundarzt
+verordnete Aderlaessen, weil er das Fieber der sogenannten Schaerfe und
+Verderbnis des Blutes zuschrieb. Es war keine Unze Chinarinde an Bord, und
+wir hatten vergessen, beim Einschiffen uns selbst damit zu versehen;
+unsere Instrumente hatten uns mehr Sorge gemacht als unsere Gesundheit,
+und wir hatten unbedachterweise vorausgesetzt, dass es an Bord eines
+spanischen Schiffes nicht an peruanischer Fieberrinde fehlen koenne.
+
+Am achten Juli genas ein Matrose, der schon in den letzten Zuegen lag,
+durch einen Zufall, der der Erwaehnung wohl werth ist. Seine Haengematte war
+so befestigt, dass zwischen seinen Gesicht und dem Deck keine zehn Zoll
+[26 cm] Raum blieben. In dieser Lage konnte man ihm unmoeglich die
+Sakramente reichen; nach dem Brauch auf den spanischen Schiffen haette das
+Allerheiligste mit brennenden Kerzen herbeigebracht werden und die ganze
+Mannschaft dabei seyn muessen. Man schaffte daher den Kranken an einen
+luftigen Ort bei der Lucke, wo man aus Segeln und Flaggen ein kleines
+viereckiges Gemach hergestellt hatte. Hier sollte er liegen bis zu seinem
+Tode, den man nahe glaubte; aber kaum war er aus einer uebermaessig heissen,
+stockenden, mit Miasmen erfuellten Luft in eine kuehlere, reinere,
+fortwaehrend erneuerte gebracht, so kam er allmaehlich aus seiner Betaeubung
+zu sich. Mit dem Tage, da er aus dem Zwischendeck fortgeschafft worden,
+fing die Genesung an, und wie denn in der Arzneikunde dieselben Thatsachen
+zu Stuetzen der entgegengesetzten Systeme werden, so wurde unser Arzt durch
+diesen Fall von Wiedergenesung in seiner Ansicht von der Entzuendung des
+Bluts und von der Nothwendigkeit des Eingreifens durch Aderlaessen,
+abfuehrende und asthenische Mittel aller Art bestaerkt. Wir bekamen bald die
+verderblichen Folgen dieser Behandlung zu sehen und sehnten uns mehr als
+je nach dem Augenblick, wo wir die Kueste Amerikas betreten koennte.
+
+Seit mehreren Tagen war die Schaetzung der Steuerleute um 1 deg. 12' von der
+Laenge abgewichen, die mir mein Chronometer angab. Dieser Unterschied
+ruehrte weniger von der allgemeinen Stroemung her, die ich den
+"Rotationsstrom" genannte habe, als von dem eigenthuemlichen Zuge des
+Wassers nach Nordwest, von der Kueste von Brasilien gegen die kleinen
+Antillen, wodurch die Ueberfahrt von Cayenne nach der Insel Guadeloupe
+abgekuerzt wird.(36) Am zwoelften Juli glaubte ich ankuendigen zu koennen, dass
+Tags darauf vor Sonnenaufgang Land in Sicht seyn werde. Wir befanden uns
+jetzt nach meinen Beobachtungen unter 10 deg. 46' der Breite und 60 deg. 54'
+westlicher Laenge. Einige Reihen Mondsbeobachtungen bestaetigten die Angabe
+des Chronometers; aber wir wussten besser, wo sich die Corvette befand, als
+wo das Land lag, dem unser Curs zuging und das auf den franzoesischen,
+spanischen und englischen Karten so verschieden angegeben ist. Die aus den
+genauen Beobachtungen von Churruca, Fidalgo und Noguera sich ergebenden
+Laengen waren damals noch nicht bekannt gemacht.
+
+Die Steuerleute verliessen sich mehr auf das Log als auf den Gang eines
+Chronometers; sie laechelten zu der Behauptung, dass bald Land in Sicht
+kommen muesse, und glaubten, man habe noch zwei, drei Tage zu fahren. Es
+gereichte mir daher zu grosser Befriedigung, als ich am dreizehnten gegen
+sechs Uhr Morgens hoerte, man sehe von den Masten ein sehr hohes Land,
+jedoch wegen des Nebels, der darauf lag, nur undeutlich. Es windete sehr
+stark und die See war sehr unruhig. Es regnete hie und da in grossen
+Tropfen und Alles deutete auf ungestuemes Wetter. Der Capitaen des Pizarro
+hatte beabsichtigt, durch den Canal zwischen Tabago und Trinidad zu
+laufen, und da er wusste, dass unsere Corvette sehr langsam wendete, so
+fuerchtete er gegen Sueden unter dem Wind und der Muendung des Dragon nahe zu
+kommen. Wir waren allerdings unserer Laenge sicherer als der Breite, da
+seit dem elften keine Beobachtung um Mittag gemacht worden war. Nach
+doppelten Hoehen, die ich nach Douwes Methode am Morgen aufgenommen hatte,
+befanden wir uns in 11 deg. 6' 50", somit 15 Minuten weiter nach Nord als nach
+der Schaetzung. Die Gewalt, mit der der grosse Orinocostrom seine Gewaesser
+in den Ocean ergiesst, mag in diesen Strichen immerhin den Zug der
+Stroemungen steigern; wenn man aber behauptet, bis auf 60 Meilen von der
+Muendung des Orinoco habe das Meerwasser eine andere Farbe und sey weniger
+gesalzen, so ist diess ein Maehrchen der Kuestenpiloten. Der Einfluss der
+maechtigsten Stroeme Amerikas, des Amazonenstroms, des la Plata, des
+Orinoco, des Mississippi, des Magdalenenstroms, ist in dieser Beziehung in
+weit engere Grenzen eingeschlossen, als man gemeiniglich glaubt.
+
+Obgleich das Ergebnis der doppelten Sonnenhoehen hinlaenglich bewies, dass
+das hohe Land, das am Horizont aufstieg, nicht Trinidad war, sondern
+Tabago, steuerte der Capitaen dennoch nach Nord-Nord-West fort, um letztere
+Insel aufzusuchen, die sogar auf Bordas schoener Karte des atlantischen
+Oceans fuenf Minuten zu weit suedlich gesetzt ist. Man sollte kaum glauben,
+dass an Kuesten, welche von allen Handelsvoelkern besucht werden, so
+auffallende Irrthuemer in der Breite sich Jahrhunderte lang erhalten
+koennten. Ich habe diesen Gegenstand anderswo besprochen, und so bemerke
+ich hier nur, dass sogar auf der neuesten Karte von Westindien von
+Arrowsmith, die im Jahr 1803, also lange nach Churrucas Beobachtungen
+erschienen ist, die Breiten der verschiedenen Vorgebirge von Tabago und
+Trinidad um 6-11 Minuten falsch angegeben sind.
+
+Durch die Beobachtung der Sonnenhoehe um Mittag wurde die Breite, wie ich
+sie nach Douwes Verfahren erhalten, vollkommen bestaetigt. Es blieb kein
+Zweifel mehr ueber den Schiffsort den Inseln gegenueber, und man beschloss,
+um das noerdliche Vorgebirge von Tabago zu laufen, zwischen dieser Insel
+und la Grenada durchzugehen und auf einen Hafen der Insel Margarita
+loszusteuern. In diesen Strichen liefen wir jeden Augenblick Gefahr, von
+Kapern aufgebracht zu werden, aber zu unserem Glueck war die See sehr
+unruhig und ein kleiner, englischer Kutter ueberholte uns, ohne uns nur
+anzurufen. Bonpland und mir war vor einem solchen Unfall weniger bang,
+seit wir so nahe am amerikanischen Festland sicher waren, dass wir nicht
+nach Europa zurueckgebracht wurden.
+
+Der Anblick der Insel Tabago ist hoechst malerisch. Es ist ein sorgfaeltig
+bebauter Felsklumpen. Des blendende Weiss des Gesteines sticht angenehm vom
+Gruen zerstreuter Baumgruppen ab. Sehr hohe cylindrische Fackeldisteln
+kroenen die Bergkaemme und geben der tropischen Landschaft einen ganz
+eigenen Charakter. Schon ihr Anblick sagt dem Reisenden, dass er eine
+amerikanische Kueste vor sich hat: denn die Cactus gehoeren ausschliesslich
+der neuen Welt an, wie die Heidekraeuter der alten. Der nordoestliche Theil
+der Insel Tabago ist der gebirgigste, nach den Hoehenwinkeln, die ich mit
+dem Sextanten genommen, scheinen indessen die hoechsten Gipfel an der Kueste
+nicht ueber 140-150 Toisen [270 bis 290 m] hoch zu seyn. Am suedlichen
+Vorgebirge senkt sich das Land und laeuft in die "Sandspitze" aus, die nach
+meiner Rechnung unter 10 deg. 20' 13" der Breite und 62 deg. 47' 30" der Laenge
+liegt. Wir sahen mehrere Felsen ueber dem Wasserspiegel, an denen sich die
+See mit Ungestuem brach, und beobachteten grosse Regelmaessigkeit in der
+Neigung und dem Streichen der Schichten, die unter einem Winkel von 60 deg.
+nach Suedost fallen. Es waere zu wuenschen dass ein geuebter Mineralog die
+grossen und kleinen Antillen von der Kueste von Paria bis zum Vorgebirge von
+Florida bereiste und die ehemalige, durch Stroemungen, Erderschuetterungen
+und Vulkane auseinander gerissene Bergkette untersuchte.
+
+Wir waren eben um das Nordcap von Tabago und die kleine Insel St. Giles
+gelaufen, als man vom Mastkorb ein feindliches Geschwader signalisirte.
+Wir wendeten sogleich und die Passagiere wurden unruhig, da mehrere ihr
+kleines Vermoegen in Waaren gesteckt hatten, die sie in den spanischen
+Colonien zu verwerthen gedachten. Das Geschwader schien sich nicht zu
+ruehren, und es zeigte sich bald, dass man eine Menge einzelner Klippen fuer
+Segel angesehen hatte.
+
+Wir fuhren ueber die Untiefe zwischen Tabago und la Grenada. Die Farbe der
+See war nicht merkbar veraendert, aber ein paar Zoll unter der Oberflaeche
+zeigte der Thermometer nur 23 deg., waehrend er ostwaerts auf hoher See unter
+derselben Breite und gleichfalls an der Meeresflaeche auf 25 deg.,6 stand.
+Trotz der Stroemung zeigte die geringe Temperatur des Wassers die Untiefe
+an, die nur auf wenigen Karten angegeben ist. Nach Sonnenuntergang wurde
+der Wind schwaecher, und je naeher der Mond zum Zenith rueckte, desto mehr
+klaerte sich der Himmel auf. In dieser und in den folgenden Naechten fielen
+wieder sehr viele Sternschnuppen; gegen Nord zeigten sie sich nicht so
+haeufig als gegen Sued, ueber Terra Firma, an deren Kueste wir jetzt
+hinzufahren anfingen. Diese Vertheilung weist darauf hin, dass diese
+Meteore, ueber deren Wesen wir noch so sehr im Unklaren sind, zum Theil von
+oertlichen Ursachen abhaengig seyn moegen.
+
+Am 14. bei Sonnenaufgang kam die Bocca de Dragon in Sicht. Wir konnten die
+Insel Chacachacarreo sehen, das westlichste der Eilande zwischen dem
+Vorgebirge Paria und dem nordwestlichen Vorgebirge von Trinidad. Fuenf
+Meilen von der Kueste, bei der *Punte de la Baca*, wurden wir gewahr, dass
+eine eigenthuemliche Stroemung die Corvette nach Sued trieb. Durch den Zug
+des Wassers, das aus der Bocca de Dragon kommt, und durch die Bewegung von
+Ebbe und Fluth entsteht eine Gegenstroemung. Man warf das Senkblei aus und
+fand 36-43 Faden Tiefe ueber einem Grund von gruenlichem, sehr feinem Thon.
+Nach Dampiers Grundsaetzen haetten wir in der Naehe einer von sehr hohen,
+steil aufsteigenden Gebirgen gebildeten Kueste keine so geringe Meerestiefe
+erwartet. Wir lotheten fort bis zum _Cabo de tres puntas_ und fanden
+ueberall erhoehten Meeresgrund, dessen Umriss das Streichen der ehemaligen
+Meereskueste zu bezeichnen scheint. Die Temperatur des Meeres war hier
+23-24 Grad, somit 1,5 bis 2 Grad niedriger als auf hoher See, das heisst
+jenseits der Raender der Bank.
+
+Das _Cabo de tres puntas_, von Columbus selbst so benannt [Im
+August 1598.], liegt nach meinen Beobachtungen unter 65 deg. 4' 5" der Laenge.
+Es erschien uns um so hoeher, da seine gezackten Gipfel in Wolken gehuellt
+waren. Das ganze Ansehen der Berge von Paria, ihre Farbe und besonders
+ihre meist runden Umrisse liessen uns vermuthen, dass die Kueste aus Granit
+bestehe; die Folge zeigte aber, wie sehr man sich, selbst wenn man sein
+Lebenlang in Gebirgen gereist ist, irren kann, wenn man ueber die
+Beschaffenheit der Gebirgsart aus der Ferne urtheilt.
+
+Wir benuetzten eine Windstille, die ein paar Stunden anhielt, um die
+Intensitaet der magnetischen Kraft beim _Cabo de tres puntas_ genau zu
+bestimmen. Wir fanden sie groesser als auf hoher See ostwaerts von Tabago, im
+Verhaeltniss von 257 zu 229. Waehrend der Windstille trieb uns die Stroemung
+rasch nach West. Ihre Geschwindigkeit betrug 3 Meilen in der Stunde; sie
+nahm zu, je naeher wir dem Meridian der *Testigos* kamen, eines Haufens von
+Klippen, die aus der weiten See aufsteigen. Als der Mond unterging,
+bedeckte sich der Himmel mit Wolken, der Wind wurde wieder staerker und es
+stuerzte ein Platzregen nieder, wie sie dem heissen Erdstrich eigen sind und
+wir auf unsern Zuegen im Binnenlande sie so oft durchgemacht haben.
+
+Die an Bord des Pizarro ausgebrochene Seuche breitete sich rasch aus, seit
+wir uns nahe der Kueste von Terra Firma befanden; der Thermometer stand bei
+Nacht regelmaessig zwischen 22 und 23 deg., bei Tag zwischen 24 und 27 deg.. Die
+Congestionen gegen den Kopf, die ausnehmende Trockenheit der Haut, das
+Daniederliegen der Kraefte, alle Symptome wurden immer bedenklicher; wir
+waren aber so ziemlich am Ziele unserer Fahrt, und so hofften wir alle
+Kranke genesen zu sehen, wenn man sie an der Insel Margarita oder im Hafen
+von Cumana, die fuer sehr gesund gelten, ans Land bringen koennte.
+
+Diese Hoffnung ging nicht ganz in Erfuellung. Der juengste Passagier bekam
+das boesartige Fieber und unterlag ihm, blieb aber zum Glueck das einzige
+Opfer. Es war ein junger Asturier von neunzehn Jahren, der einzige Sohn
+einer armen Wittwe. Mehrere Umstaende machten den Tod des junge Mannes, aus
+dessen Gesicht viel Gefuehl und grosse Gutmuethigkeit sprachen, ergreifend
+fuer uns. Er war mit Widerstreben zu Schiffe gegangen; er hatte seine
+Mutter durch den Ertrag seiner Arbeit unterstuetzen wollen, aber diese
+hatte ihre Liebe und den eigenen Vortheil dem Gedanken zum Opfer gebracht,
+dass ihr Sohn, wenn er in die Colonien ginge, bei einem reichen Verwandten,
+der auf Cuba lebte, sein Glueck machen koennte. Der unglueckliche junge Mann
+verfiel rasch in Betaeubung, redete dazwischen irre und starb am dritten
+Tage der Krankheit. Das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen rafft in Vera
+Cruz nicht leicht die Kranken so furchtbar schnell dahin. Ein anderer,
+noch juengerer Asturier wich keinen Augenblick vom Bette des Kranken und
+bekam, was ziemlich auffallend ist, die Krankheit nicht. Er wollte mit
+seinem Landsmann nach San Jago de Cuba gehen und sich dort von ihm im
+Hause des Verwandten einfuehren lassen, auf den sie ihre ganze Hoffnung
+gesetzt hatten. Es war herzzerreissend, wie der, welcher den Freund
+ueberlebte, sich seinem tiefen Schmerze ueberliess und die unseligen
+Ratschlaege verwuenschte, die ihn in ein fernes Land getrieben, wo er nun
+allein und verlassen dastand.
+
+Wir standen beisammen auf dem Verdeck in trueben Gedanken. Es war kein
+Zweifel mehr, das Fieber, das an Bord herrschte, hatte seit einigen Tagen
+einen boesartigen Charakter angenommen. Unsere Blicke hingen an einer
+gebirgigen, wuesten Kueste, auf die zuweilen ein Mondstrahl durch die Wolken
+fiel. Die leise bewegte See leuchtete in schwachem phosphorischen Schein;
+man hoerte nichts als das eintoenige Geschrei einiger grosser Seevoegel, die
+das Land zu suchen schienen. Tiefe Ruhe herrschte ringsum am einsamen Ort;
+aber diese Ruhe der Natur stand im Widerspiel mit den schmerzlichen
+Gefuehlen in unserer Brust. Gegen acht Uhr wurde langsam die Todtenglocke
+gelaeutet; bei diesem Trauerzeichen brachen die Matrosen ihre Arbeit ab und
+liessen sich zu kurzem Gebet auf die Kniee nieder, eine ergreifende
+Handlung, die an die Zeiten gemahnt, wo die ersten Christen sich als
+Glieder Einer Familie betrachteten, und die auch jetzt noch die Menschen
+im Gefuehl gemeinsamen Ungluecks einander naeher bringt. In der Nacht
+schaffte man die Leiche des Asturiers auf das Verdeck, und auf die
+Vorstellung des Priesters wurde er erst nach Sonnenaufgang ins Meer
+geworfen, damit man die Leichenfeier nach dem Gebrauch der roemischen
+Kirche vornehmen konnte. Kein Mann an Bord, den nicht das Schicksal des
+jungen Mannes ruehrte, den wir noch vor wenigen Tagen frisch und gesund
+gesehen hatten.
+
+Der eben erzaehlte Vorfall zeigte uns, wie gefaehrlich dieses boesartige oder
+atactische Fieder sey, und wenn die langen Windstillen die Ueberfahrt von
+Cumana nach Havana verzoegerten, so musste man besorgen, dass es viele Opfer
+fordern koennte. An Bord eines Kriegsschiffs oder eines Transportschiffs
+machen einige Todesfaelle gewoehnlich nicht mehr Eindruck, als wenn man in
+einer volkreichen Stadt einem Leichenzug begegnet. Anders an Bord eines
+Paketboots mit kleiner Mannschaft, wo zwischen Menschen, die dasselbe
+Reiseziel haben, sich naehere Beziehungen knuepfen. Die Passagiere auf dem
+Pizarro spuerten zwar noch nichts von den Vorboten der Krankheit,
+beschlossen aber doch, das Fahrzeug am naechsten Landungsplatz zu verlassen
+und die Ankunft eines andern Postschiffes zu erwarten, um ihren Weg nach
+Cuba oder Mexico fortzusetzen. Sie betrachteten das Zwischendeck des
+Schiffes als einen Herd der Ansteckung, und obgleich es mir keineswegs
+erwiesen schien, dass das Fieber durch Beruehrung anstecke, hielt ich es
+doch durch die Vorsicht geraten, in Cumana ans Land zu gehen. Es schien
+mir wuenschenswerth, Neuspanien erst nach einem laengeren Aufenthalt an den
+Kuesten von Venezuela und Paria zu besuchen, wo der unglueckliche Loeffling
+nur sehr wenige naturgeschichtliche Beobachtungen hatte machen koennen. Wir
+brannten vor Verlangen, die herrlichen Gewaechse, die Bose und Bredemeyer
+auf ihrer Reise in Terra Firma gesammelt und die eine Zierde der
+Gewaechshaeuser zu Schoenbrunn und Wien sind, auf ihrem heimathlichen Boden
+zu sehen. Es haette uns sehr wehe getan, in Cumana oder Guayra zu landen,
+ohne das Innere eines von den Naturforschern so wenig betretenen Landes zu
+betreten.
+
+Der Entschluss, den wir in der Nacht vom vierzehnten auf den fuenfzehnten
+Juli fassten, aeusserte einen gluecklichen Einfluss auf den Verfolg unserer
+Reisen. Statt einiger Wochen verweilten wir ein ganzes Jahr in Terra
+Firma; ohne die Seuche an Bord des Pizarro waeren wir nie an den Orinoco,
+an den Cassiquiare und an die Grenze der portugiesischen Besitzungen am
+Rio Negro gekommen. Vielleicht verdanken wir es auch dieser unserer
+Reiserichtung, dass wir waehrend eines so langen Aufenthaltes in den
+Aequinoctiallaendern so gesund blieben.
+
+Bekanntlich schweben die Europaeer in den ersten Monaten, nachdem sie unter
+den gluehenden Himmel der Tropen versetzt worden, in sehr grosser Gefahr.
+Sie betrachten sich als acclimatisirt, wenn sie die Regenzeit auf den
+Antillen, in Vera Cruz oder Carthagena ueberstanden haben. Diese Meinung
+ist nicht unbegruendet, obgleich es nicht an Beispielen fehlt, dass Leute,
+die bei der ersten Epidemie des gelben Fiebers durchgekommen, in einem der
+folgenden Jahre Opfer der Seuche werden. Die Faehigkeit, sich zu
+acclimatisieren, scheint im umgekehrten Verhaeltniss zu stehen mit dem
+Unterschied zwischen der mittleren Temperatur der heissen Zone und der des
+Geburtslandes des Reisenden oder Colonisten, der das Klima wechselt, weil
+die Lufttemperatur den maechtigsten Einfluss auf die Reizbarkeit und die
+Vitalitaet der Organe aeussert. Ein Preusse, ein Pole, ein Schwede sind mehr
+gefaehrdet, wenn sie auf die Inseln oder nach Terra Firma kommen, als ein
+Spanier, ein Italiener und selbst ein Bewohner des suedlichen Frankreichs.
+Fuer die nordischen Voelker betraegt der Unterschied in der mittleren
+Temperatur 19-21 Grad, fuer die suedlichen nur 9-10. Wir waren so gluecklich,
+die Zeit, in der der Europaeer nach der Landung die groesste Gefahr laeuft, im
+ausnehmend heissen, aber sehr trockenen Klima von Cumana zu verleben, einer
+Stadt, die fuer sehr gesund gilt. Haetten wir unsern Weg nach Vera Cruz
+fortgesetzt, so haetten wir leicht das Loos mehrerer Passagiere des
+Paketboots *Aleudia* theilen koennen, das mit dem *Pizarro* in die Havana
+kam, als eben das *schwarze Erbrechen* auf Cuba und an der Ostkueste von
+Mexico schreckliche Verheerungen anrichtete.
+
+Am 15. Morgens, ungefaehr gegenueber dem kleinen Berge St. Joseph, waren wir
+von einer Menge schwimmenden Tangs umgeben. Die Stengel desselben hatten
+die sonderbaren, wie Blumenkelche und Federbuesche gestalteten Anhaenge, wie
+sie Don Hypolite Ruiz auf seiner Rueckkehr aus Chili beobachtet und in
+einer besondern Abhandlung als die Geschlechtsorgane des _Fucus natans_
+beschrieben hat. Ein gluecklicher Zufall setzte uns in den Stand, eine
+Beobachtung zu berichtigen, die sich nur Einmal der Naturforschung
+dargeboten hatte. Die Buendel Tang, welche Bonpland aufgefischt hatte,
+waren durchaus identisch mit den Exemplaren, die wir der Gefaelligkeit der
+gelehrten Verfasser der peruanischen Flora verdankten. Als wir beide unter
+dem Mikroscop untersuchten, fanden wir, dass diese angeblichen
+Befruchtungswerkzeuge, diese Pistille und Staubfaeden eine neue Gattung
+Pflanzenthiere aus der Familie der Ceratophyten seyen. Die Kelche, welche
+Ruiz fuer Pistille hielt, entspringen aus hornartigen, abgeplatteten
+Stielen, die so fest mit der Substand des Fucus zusammenhaengen, dass man
+sie gar wohl fuer blosse Rippen halten koennte; aber mit einem sehr duennen
+Messer gelingt es, sie abzuloesen, ohne das Parenchym zu verletzen. Die
+nicht gegliederten Stiele sind Anfangs schwarzbraun, werden aber, wenn sie
+vertrocknen, weiss und zerreiblich. In diesen Zustand brausen sie mit
+Saeuren auf, wie die kalkigte Substanz der Sertularia, deren Spitzen mit
+den Kelchen des von Ruiz beobachteten Fucus Aehnlichkeit haben. In der
+Suedsee, auf der Ueberfahrt von Guayaquil nach Acapulco, haben wir an der
+tropischen Seetraube dieselben Anhaengsel gefunden, und eine sehr
+sorgfaeltige Untersuchung ueberzeugte uns, dass sich hier ein Zoophyt an den
+Tang heftet, wie der Epheu den Baumstamm umschlingt. Die unter dem Namen
+weiblicher Bluethen beschriebenen Organe sind ueber zwei Linien lang, und
+schon diese Groesse haette den Gedanken an wahrhafte Pistille nicht aufkommen
+lassen sollen.
+
+Die Kueste von Paria zieht sich nach West fort und bildet eine nicht sehr
+hohe Felsmauer mit abgerundeten Gipfeln und wellenfoermigen Umrissen. Es
+dauerte lange, bis wir die hohe Kueste der Insel Margarita zu sehen
+bekamen, wo wir einlaufen sollten, um hinsichtlich der englischen Kreuzer,
+und ob es gefaehrlich sey, bei Guayra anzulegen, Erkundigung einzuziehen.
+Sonnenhoehen, die wir unter sehr guenstigen Umstaengen genommen, hatten uns
+gezeigt, wie unrichtig damals selbst die gesuchtesten Seekarten waren. Am
+15. Morgens, wo wir uns nach dem Chronometer unter 66 deg. 1' 15" der Laenge
+befanden, waren wir noch nicht im Meridian der Insel St. Margarita,
+waehrend wir nach der verkleinerten Karte des atlantischen Oceans ueber das
+westliche sehr hohe Vorgebirge der Insel, das unter 66 deg. 0' der Laenge
+gesetzt ist, bereits haetten hinaus seyn sollen. Die Kuesten von Terra Firma
+wurden vor Fidalgos, Nogueras und Tiscars, und ich darf wohl hinzufuegen,
+vor meinen astronomischen Beobachtungen in Cumana, so unrichtig
+gezeichnet, dass fuer die Schifffahrt daraus haetten Gefahren erwachsen
+koennen, wenn nicht das Meer in diesen Strichen bestaendig ruhig waere. Ja
+die Fehler in der Breite waren noch groesser als die in der Laenge, denn die
+Kueste von Neuandalusien laeuft westwaerts vom _Capo de tres Puntas_ 15-20
+Meilen weiter nach Norden, als auf den vor dem Jahr 1800 erschienenen
+Karten angegeben ist.
+
+Gegen elf Uhr Morgens kam uns ein sehr niedriges Eiland zu Gesicht, auf
+dem sich einige Sandduenen erhoben. Durch das Fernrohr liess sich keine Spur
+von Bewohnern oder von Anbau entdecken. Hin und wieder standen
+cylindrische Cactus wie Kandelaber. Der fast pflanzenlose Boden schien
+sich wellenfoermig zu bewegen infolge der starken Brechung, welche die
+Sonnenstrahlen erleiden, wenn sie durch Luftschichten hindurchgehen, die
+auf einer stark erhitzten Flaeche aufliegen. Die Luftspiegelung macht, dass
+in allen Zonen Wuesten und sandiger Strand sich wie bewegte See ausnehmen.
+
+Das flache Land, das wir vor uns hatten, stimmte schlecht zu der
+Vorstellung, die wir uns von der Insel Margarita gemacht. Waehrend man
+beschaeftigt war, die Angaben der Karten zu vergleichen, ohne sie in
+Uebereinstimmung bringen zu koennen, signalisirte man vom Mast einige
+kleine Fischerboote. Der Capitaen des Pizarro rief sie durch einen
+Kanonenschuss herbei; aber ein solches Zeichen dient zu nichts in Laendern,
+wo der Schwache, wenn er dem Starken begegnet, glaubt sich nur auf
+Vergewaltigungen gefasst machen zu muessen. Die Boote ergriffen die Flucht
+nach Westen zu, und wir sahen uns hier in derselben Verlegenheit, wie bei
+unserer Ankunft auf den Canarien vor der kleinen Insel Graciosa. Niemand
+an Bord war je in der Gegend am Land gewesen. So ruhig die See war, so
+schien doch die Naehe eines kaum ein paar Fuss hohen Eilandes
+Vorsichtsmassregeln zu erheischen. Man steuerte nicht weiter dem Lande zu,
+und warf eilends den Anker aus.
+
+Kuesten, aus der Ferne gesehen, verhalten sich wie Wolken, in denen jeder
+Beobachter die Gegenstaende erblickt, die seine Einbildungskraft
+beschaeftigen. Da unsere Aufnahmen und die Angabe des Chronometers mit den
+Karten, die uns zur Hand waren, im Widerspruch standen, so verlor man sich
+in eitlen Muthmassungen. Die einen hielten Sandhaufen fuer Indianerhuetten
+und deuteten auf den Punkt, wo nach ihnen das Fort Pampatar liegen musste;
+andere sahen die Ziegenheerden, welche im duerren Thal von San Juan so
+haeufig sind; sie zeigten die hohen Berge von Macanao, die ihnen halb in
+Wolken gehuellt schienen. Der Capitaen beschloss einen Steuermann ans Land zu
+schicken; man legte Hand an, um die Schaluppe ins Wasser zu lassen, da das
+Boot auf der Rhede von Santa Cruz durch die Brandung stark gelitten hatte.
+Da die Kueste ziemlich fern war, konnte die Rueckfahrt zur Corvette
+schwierig werden, wenn der Wind Abends stark wurde.
+
+Als wir uns eben anschickten, ans Land zu gehen, sah man zwei Piroguen an
+der Kueste hinfahren. Man rief sie durch einen zweiten Kanonenschuss an, und
+obgleich man die Flagge von Castilien aufgezogen hatte, kamen sie doch nur
+zoegernd herbei. Diese Piroguen waren, wie alle der Eingeborenen, aus Einem
+Baumstamm, und in jeder befanden sich achtzehn Indianer vom Stamme der
+Guayqueries [Guaykari], nackt bis zum Guertel und von hohem Wuchs. Ihr
+Koerperbau zeugte von grosser Muskelkraft und ihre Hautfarbe war ein
+Mittelding zwischen braun und kupferroth. Von weitem, wie sie unbeweglich
+dasassen und sich vom Horizont abhoben, konnte man sie fuer Bronzestatuen
+halten. Diess war uns um so auffallender, da es so wenig dem Begriff
+entsprach, den wir uns nach manchen Reiseberichten von der eigenthuemlichen
+Koerperbildung und der grossen Koerperschwaeche der Eingeborenen gemacht
+hatten. Wir machten in der Folge die Erfahrung, und brauchten deshalb die
+Grenzen der Provinz Cumana nicht zu ueberschreiten, wie auffallend die
+Guayqueries aeusserlich von den Chaymas und den Caraiben verschieden sind.
+So nahe alle Voelker Amerikas miteinander verwandt scheinen, da sie ja
+derselben Race angehoeren, so unterscheiden sich doch die Staemme nicht
+selten bedeutend im Koerperwuchs, in der mehr oder weniger dunkeln
+Hautfarbe, im Blick, aus dem den einen Seelenruhe und Sanftmuth, bei
+andern ein unheimliches Mittelding von Truebsinn und Wildheit spricht.
+
+Sobald die Piroguen so nahe waren, dass man die Indianer spanisch anrufen
+konnte, verloren sie ihr Misstrauen und fuhren geradezu an Bord. Wir
+erfuhren von ihnen, das niedrige Eiland, bei dem wir geankert, sey die
+Insel Coche, die immer unbewohnt gewesen und an der die spanischen
+Schiffe, die aus Europa kommen, gewoehnlich weiter noerdlich zwischen
+derselben und der Insel Margarita durchgehen, um im Hafen von Pampatar
+einen Lootsen einzunehmen. Unbekannt in der Gegend, waren wir in den Canal
+suedlich von Coche gerathen, und da die englischen Kreuzer sich damals
+haeufig in diesen Strichen zeigten, hatten uns die Indianer fuer ein
+feindliches Fahrzeug angesehen. Die suedliche Durchfahrt hat allerdings
+bedeutende Vortheile fuer Schiffe, die von Cumana nach Barcelona gehen; sie
+hat weniger Wassertiefe als die noerdliche, weit schmalere Durchfahrt, aber
+man laeuft nicht Gefahr aufzufahren, wenn man sich nahe an den Inseln Lobos
+und Moros del Tunal haelt. Der Canal zwischen Coche und Margarita wird
+durch die Untiefen am nordwestlichen Vorgebirge von Coche und durch die
+Bank an der Punte de Mangles eingeengt.
+
+Die Guayqueries gehoeren zum Stamm civilisirter Indianer, welche auf den
+Kuesten von Margarita und in den Vorstaedten von Cumana wohnen. Nach den
+Caraiben des spanischen Guyana sind sie der schoenste Menschenschlag in
+Terra Firma. Sie geniessen verschiedener Vorrechte, da sie seit der ersten
+Zeit der Eroberung sich als treue Freunde der Castilianer bewaehrt haben.
+Der Koenig von Spanien nennt sie daher auch in seinen Handschreiben "seine
+lieben, edlen und getreuen Guayqueries". Die Indianer, auf die wir in den
+zwei Piroguen gestossen, hatten den Hafen von Cumana in der Nacht
+verlassen. Sie wollten Bauholz in den Cedrowaeldern [_Cedrela odorata_
+Linne] holen, die sich vom Cap San Jose bis ueber die Muendung des Rio
+Carupano hinaus erstrecken. Sie gaben uns frische Cocosnuesse und einige
+Fische von der Gattung _Choetodon_, deren Farben wir nicht genug bewundern
+konnten. Welche Schaetze enthielten in unseren Augen die Kaehne der armen
+Indianer! Ungeheure Vijaoblaetter [_Heliconia bihai._] bedeckten
+Bananenbueschel; der Schuppenpanzer eines Tatou [Armadill, _Dasypus_,
+_Cachicamo_], die Frucht der _Crescentia cujete_, die den Eingeborenen als
+Trinkgefaesse dienen, Naturkoerper, die in den europaeischen Cabinetten zu den
+gemeinsten gehoeren, hatten ungemeinen Reiz fuer uns, weil sie uns lebhaft
+daran mahnten, dass wir uns im heissen Erdguertel befanden und das
+laengstersehnte Ziel erreicht hatten.
+
+Der *Patron* einer der Piroguen erbot sich, an Bord des Pizarro zu
+bleiben, um uns als Lootse zu dienen. Der Mann empfahl sich durch sein
+ganzes Wesen; er war ein scharfsinniger Beobachter und hatte sich in
+lebhafter Wissbegier mit den Meeresprodukten wie mit den einheimischen
+Gewaechsen abgegeben. Ein gluecklicher Zufall fuegte es, dass der erste
+Indianer, dem wir bei unserer Landung begegneten, der Mann war, dessen
+Bekanntschaft unseren Reisezwecken aeusserst foerderlich wurde. Mit Vergnuegen
+schreibe ich in dieser Erzaehlung den Namen Carlos del Pino nieder, so hiess
+der Mann, der uns sechzehn Monate lang auf unseren Zuegen laengs der Kuesten
+und im inneren Lande begleitet hat.
+
+Gegen Abend liess der Capitaen der Corvette den Anker lichten. Bevor wir die
+Untiefe oder den _Placer_ bei Coche verliessen, bestimmte ich die Laenge des
+oestlichen Vorgebirges der Insel und fand sie 66 deg. 11' 53". Westwaerts
+steuernd hatten wir bald die kleine Insel Cubagua vor uns, die jetzt ganz
+oede ist, frueher aber durch Perlenfischerei beruehmt war. Hier hatten die
+Spanier unmittelbar nach Columbus und Ojedas Reisen eine Stadt unter dem
+Namen Neucadix gegruendet, von der keine Spur mehr vorhanden ist. Zu Anfang
+des sechzehnten Jahrhunderts waren die Perlen von Cubagua in Sevilla und
+Toledo, wie auf den grossen Messen von Augsburg und Bruegge bekannt. Da
+Neucadix kein Wasser hatte, so musste man es an der benachbarten Kueste aus
+dem Manzanaresflusse holen, obgleich man es, ich weiss nicht warum,
+beschuldigte, dass es Augenentzuendungen verursache. Die Schriftsteller
+jener Zeit sprechen alle vom Reichthum der ersten Ansiedler und vom Luxus,
+den sie getrieben; jetzt erheben sich Duenen von Flugsand auf der
+unbewohnten Kueste und der Name Cubagua ist auf unseren Karten kaum
+verzeichnet.
+
+In diesem Striche angelangt, sahen wir die hohen Berge von Kap Macanao im
+Westen der Insel Margarita majestaetisch am Horizont aufsteigen. Nach den
+Hoehenwinkeln, die wir in 18 Meilen Entfernung nahmen, moegen diese Gipfel
+500-600 Toisen absolute Hoehe haben. Nach Louis Berthoud´s Chronometer
+liegt Cap Macanao unter 66 deg. 47' 5" Laenge. Ich nahm die Felsen am Ende des
+Vorgebirges auf, nicht die sehr niedrige Landzunge, die nach West
+fortstreicht und sich in eine Untiefe verliert. Die Laenge, die ich fuer
+Macanao gefunden, und die, welche ich oben fuer die Ostspitze der Insel
+Coche angegeben, weichen von Fidalgos Beobachtungen nur um 4 Zeitsecunden
+ab.
+
+Der Wind war sehr schwach; der Capitaen hielt es fuer rathsamer, bis zu
+Tagesanbruch zu laviren. Er scheute sich, bei Nacht in den Hafen von
+Cumana einzulaufen, und ein ungluecklicher Zufall, der vor kurzem eben hier
+vorgekommen war, schien diese Vorsicht zu gebieten. Ein Paketboot hatte
+Anker geworfen, ohne die Laternen auf dem Hintertheil anzuzuenden; man
+hielt es fuer ein feindliches Fahrzeug und die Batterien von Cumana gaben
+Feuer darauf. Dem Capitaen des Postschiffes wurde ein Bein weggerissen und
+er starb wenige Tage darauf in Cumana.
+
+Wir brachten die Nacht zum Theil auf dem Verdeck zu. Der indianische
+Lootse unterhielt uns von den Thieren und Gewaechsen seines Landes. Wir
+hoerten zu unserer grossen Freude, wenige Meilen von der Kueste sey ein
+gebirgiger, von Spaniern bewohnter Landstrich, wo empfindliche Kaelte
+herrsche, und auf den Ebenen kommen zwei sehr verschiedene Krokodile
+[_Crocodilus acutus_ und _C. Bava_.] vor, ferner Boas, elektrische Aale
+[_Gymnotus electricus_, _Temblador_.] und mehrere Tigerarten. Obgleich die
+Worte *Bava*, *Cachicamo* und *Temblador* uns ganz unbekannt waren, liess
+uns die naive Beschreibung der Gestalt und der Sitten der Thiere alsbald
+die Arten erkennen, welche die Creolen so benennen. Wir dachten nicht
+daran, dass diese Thiere ueber ungeheure Landstriche zerstreut sind, und
+hofften, sie gleich in den Waeldern bei Cumana beobachten zu koennen. Nichts
+reizt die Neugierde des Naturkundigen mehr als der Bericht von den Wundern
+eines Landes, das er betreten soll.
+
+Am 16. Juli 1799, bei Tagesanbruch, lag eine gruene, malerische Kueste vor
+uns. Die Berge von Neuandalusien begrenzten, halb von Wolken verschleiert,
+nach Sueden den Horizont. Die Stadt Cumana mit ihrem Schloss erschien
+zwischen Gruppen von Cocosbaeumen. Um neun Uhr morgens, ein und vierzig
+Tage nach unserer Abfahrt von Corunna, gingen wir im Hafen vor Anker. Die
+Kranken schleppten sich auf das Verdeck um sich am Anblick eines Landes zu
+laben, wo ihre Leiden ein Ende finden sollten.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 31 Dass fortwaehrend ein oberer Luftstrom vom Aequator zu den Polen und
+ ein unterer von den Polen zum Aequator geht, diess ist, die Arago
+ dargethan hat, schon von Hooke erkannt worden. Seine Ideen hierueber
+ entwickelte der beruehmte englische Physiker in einer Rede vom Jahr
+ 1686. "Ich glaube," fuegt er hinzu, "dass sich mehrere Erscheinungen
+ in der Luft und auf dem Meere, namentlich die Winde, aus
+ Polarstroemen erklaeren lassen." Hadley fuehrt diese interessante
+ Stelle nicht an; andererseits nimmt Hooke, wo er auf die Passatwinde
+ selbst zu sprechen kommt, Galileis unrichtige Theorie an, nach der
+ sich die Erde und die Luft mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen
+ sollen.
+
+ 32 Die spanischen Seeleute nennen die sehr starken Passatwinde in
+ Cartagena _los brisotes de la Santa Martha_ und im Meerbusen von
+ Mexico _las brizas pardas_. Bei letzteren Winden ist der Himmel grau
+ und umwoelkt.
+
+ 33 Phoenicische Fahrzeuge scheinen in "in 30 Tagen Schiffahrt und mit
+ dem Ostwind" zum *Grasmeer* gekommen zu seyn, das bei den Spaniern
+ und Portugiesen _Mar de Sargazo_ heisst. Ich habe anderswo dargetan,
+ dass diese Stelle im Buche des Aristoteles "_De Mirabilibus_" sich
+ nicht wohl, wie eine aehnliche Stelle im Periplus des Scylax, auf die
+ Kueste von Afrika beziehen kann. Setzt man voraus, dass das Gras
+ bedeckte Meer, das die phoenicischen Schiffe in ihrem Lauf aufhielt,
+ das _Mar de Sargazo_ gar, so braucht man nicht anzunehmen, dass die
+ Alten im Atlantischen Meer ueber den 30. Grad westlicher Laenge vom
+ Meridian von Paris hinausgekommen seyen.
+
+ 34 Die Karten von Jefferys und Van-Keulen geben vier Inseln an, die
+ nichts als eingebildete Gefahren sind: die Inseln Garca und Santa
+ Anna, westlich von den Azoren, die gruene Insel (unter 14 deg. 52'
+ Breite, 28 deg. 30' Laenge) und die Insel Fonseco (unter 13 deg. 15' Breite,
+ 57 deg. 10' Laenge). Wie kann man an die Existenz von vier Inseln in von
+ Tausenden von Schiffen befahrenen Strichen glauben, da von so vielen
+ kleinen Riffen und Untiefen, die seit hundert Jahren von
+ leichtglaeubien Schiffern angegeben worden sind, sich kaum zwei oder
+ drei bewahrheitet haben? Was die allgemeine Frage betrifft, mit
+ welchen Grade von Wahrscheinlichkeit sich annehmen laesst, dass
+ zwischen Europa und Amerika eine auf eine Meile sichtbare Insel
+ werde entdeckt werden, so koennte man sie einer strengen Rechnung
+ unterwerfen, wenn man die Zahl der Fahrzeuge kennte, die seit
+ dreihundert Jahren jaehrlich das atlantische Meer befahren, und wenn
+ man dabei die ungleiche Vertheilung der Fahrzeuge in verschiedenen
+ Strichen beruechsichtigte. Befaende sich der Maalstrom, nach
+ Van-Keulens Angabe unter 16 deg. Breite und 39 deg. 30' Laenge, so waeren wir
+ am 4. Juli darueber weggefahren.
+
+ 35 Rechts an des andern Poles Firmament
+ Boten sich dar vier Sterne meinen Blicken,
+ Die nur dem ersten Paar zu schaun vergoennt.
+
+ Ihr Schimmer schien den Himmel zu entzuecken:
+ O mitternaecht´ger Bogen, so verwaist,
+ Weil du an ihnen nie dich kannst erquicken!
+
+ (Nach Kannegiessers Uebersetzung).
+
+ 36 Im atlantischen Meere ist ein Strich, wo das Wasser immer milchigt
+ erscheint, obgleich die See dort sehr tief ist. Diese merkwuerdige
+ Erscheinung zeigt sich unter der Breite der Insel Dominica und etwa
+ unter 57 deg. der Laenge. Sollte an diesem Punkt, noch oestlicher als
+ Barbados, ein versunkenes vulkanisches Eiland unter dem Meerespiegel
+ liegen?
+
+
+
+
+
+VIERTES KAPITEL
+
+
+ Erster Auftenthalt in Cumana. -- Die Ufer des Manzanares
+
+
+Wir waren am 16. Juli mit Tagesanbruch auf dem Ankerplatz, gegenueber der
+Muendung des Rio Manzanares, angelangt, konnten uns aber erst spaet am
+Morgen ausschiffen, weil wir den Besuch der Hafenbeamten abwarten mussten.
+Unsere Blicke hingen an den Gruppen von Cocosbaeumen, die das Ufer saeumten
+und deren ueber sechzig Fuss [20 m] hohe Staemme die Landschaft beherrschten.
+Die Ebene war bedeckt mit Bueschen von Cassien, Capparis und den
+baumartigen Mimosen, die gleich den Pinien Italiens ihre Zweige
+schirmartig ausbreiten. Die gefiederten Blaetter der Palmen hoben sich von
+einem Himmelsblau ab, das keine Spur von Dunst truebte. Die Sonne stieg
+rasch zum Zenith auf; ein blendendes Licht war in der Luft verbreitet und
+lag auf den weisslichen Huegeln mit zerstreuten cylindrischen Cactus und auf
+dem ewig ruhigen Meere, dessen Ufer von Alcatras [Ein brauner Pelikan von
+der Groesse des Schwans. _Pelicanus fuscus_, _Linne_.], Reihern und Flamingo
+bevoelkert sind. Das glaenzende Tageslicht, die Kraft der Pflanzenfarben,
+die Gestalten der Gewaechse, das bunte Gefieder der Voegel, alles trug den
+grossartigen Stempel der tropischen Natur.
+
+Cumana, die Hauptstadt von Neuandalusien, liegt eine Meile [4,5 km] vom
+Landungsplatz oder der Batterie _de la Bocca_, bei der wir ans Land
+gestiegen, nachdem wir ueber die Barre des Manzanares gefahren. Wir hatten
+ueber eine weite Ebene [_El Salado_] zu gehen, die zwischen der Vorstadt
+der Guayqueries und der Kueste liegt. Die starke Hitze wurde durch die
+Strahlung des zum Theil pflanzenlosen Bodens noch gesteigert. Der
+hunderttheilige Thermometer, in den weissen Sand gesteckt, zeigte 37 deg.,7. In
+kleinen Salzwasserlachen stand er auf 30 deg.,5, waehrend im Hafen von Cumana
+die Temperatur des Meeres an der Oberflaeche meist 25 deg.,2 bis 26 deg.,3 betraegt.
+Die erste Pflanze, die wir auf dem amerikanischen Festland pflueckten, war
+die _Avicennia tomentosa_ (_Mangle prieto_), die hier kaum zwei Fuss hoch
+wird. Dieser Strauch, das _Sesuvium_, die gelbe _Gomphrena_ und die Cactus
+bedecken den mit salzsaurem Natron geschwaengerten Boden; sie gehoeren zu
+den wenigen Pflanzen, die, wie die europaeischen Heiden, gesellig leben,
+und dergleichen in der heissen Zone nur am Meeresufer und auf den hohen
+Plateaus der Anden vorkommen. Nicht weniger interessant ist die die
+cumanische Avicennia durch eine andere Eigenthuemlichkeit: diese Pflanze
+gehoert dem Gestade und der Kueste von Malabar gemeinschaftlich an.
+
+Der indische Lootse fuehrte uns durch seinen Garten, der viel mehr einem
+Gehoelz als einem bebauten Lande glich. Er zeigte uns als Beweis der
+Fruchtbarkeit des Klimas einen Kaesebaum _(Bombax heptaphyllum)_, dessen
+Stamm im vierten Jahre bereits gegen dritthalb Fuss [75 cm] Durchmesser
+hatte. Wir haben an Ufern des Orinoco und des Magdalenenflusses die
+Beobachtung gemacht, dass die Bombax, die Carolineen, die Ochromen und
+andere Baeume aus der Familie der Malven ausnehmend rasch wachsen. Ich
+glaube aber doch, dass die Angabe des Indianers ueber das Alter des
+Kaesebaumes etwas uebertrieben war; denn in der gemaessigten Zone, auf dem
+feuchten und warmen Boden Nordamerikas zwischen dem Mississippi und den
+Aleghanis werden die Baeume in zehn Jahren nicht ueber einen Fuss [32 cm]
+dick, und das Wachsthum ist dort im Allgemeinen nur um ein Fuenftheil
+rascher als in Europa, selbst wenn man zum Vergleich die Platane, den
+Tulpenbaum und _Cupressus disticha_ waehlt, die zwischen neun und fuenfzehn
+Fuss [3 und 4,5 m] dick werden. Im Garten des Lootsen am Gestade von Cumana
+sahen wir auch zum erstenmal einen *Guama*(37) voll Bluethen, deren
+zahlreiche Staubfaeden sich durch ihre ungemeine Laenge und ihren
+Silberglanz auszeichnen. Wir gingen durch die Vorstadt der Indianer, deren
+Strassen geradlinigt und mit kleinen, ganz neuen Haeusern von sehr
+freundlichem Ansehen besetzt sind. Dieser Stadttheil war infolge des
+Erdbebens, das Cumana anderthalb Jahre vor unserer Ankunft zerstoert hatte,
+eben erst neu aufgebaut worden. Kaum waren wir auf einer hoelzernen Bruecke
+ueber den Manzanares gegangen, in dem hier Bava oder Krokodile von der
+kleinen Art vorkommen, begegneten uns ueberall die Spuren dieser
+schrecklichen Katastrophe; neue Gebaeude erhoben sich auf den Truemmern der
+alten.
+
+Wir wurden vom Capitaen des Pizarro zum Statthalter der Provinz, Don
+Vicente Emparan, gefuehrt, um ihm die Paesse zu ueberreichen, die das
+Staatssecretariat uns ausgestellt. Er empfing uns mit der Offenheit und
+edlen Einfachheit, die von jeher Zuege des baskischen Volkscharakters
+waren. Ehe er zum Statthalter von Portobelo und Cumana ernannt wurde,
+hatte er sich als Schiffscapitaen in der koeniglichen Marine ausgezeichnet.
+Sein Name erinnert an einen der merkwuerdigsten und traurigsten Vorfaelle in
+der Geschichte der Seekriege. Nach dem letzten Bruch zwischen Spanien und
+England schlugen sich zwei Brueder des Statthalters Emparan bei Nacht vor
+dem Hafen von Cadix mit ihren Schiffen, weil jeder das andere Schiff fuer
+ein feindliches hielt. Der Kampf war so furchtbar, dass beide Schiffe fast
+zugleich sanken. Nur ein sehr kleiner Theil der beiderseitigen Mannschaft
+wurde gerettet, und die beiden Brueder hatten das Unglueck, einander kurz
+vor ihrem Tode zu erkennen.
+
+Der Statthalter von Cumana aeusserte sich sehr zufrieden ueber unseren
+Entschluss, uns eine Zeitlang in Neuandalusien aufzuhalten, das zu jener
+Zeit in Europa kaum dem Namen nach bekannt war, und das in seinen Gebirgen
+und an den Ufern seiner zahlreichen Stroeme der Naturforschung das reichste
+Feld der Beobachtung bietet. Der Statthalter zeigte uns mit einheimischen
+Pflanzen gefaerbte Baumwolle und schoene Moebeln ganz aus einheimischen
+Hoelzern; er interessirte sich lebhaft fuer alle physischen Wissenschaften
+und fragte uns zu unserer grossen Verwunderung, ob wir nicht glaubten, dass
+die Luft unter dem schoenen tropischen Himmel weniger Stickstoff
+_(azotico)_ enthalte als in Spanien, oder ob, wenn das Eisen hierzulande
+rascher oxydire, dies allein von der groesseren Feuchtigkeit herruehre, die
+der Haarhygrometer anzeige. Dem Reisenden kann der Name des Vaterlandes,
+wenn er ihn auf einer fernen Kueste aussprechen hoert, nicht lieblicher in
+den Ohren klingen, als uns hier die Worte Stickstoff, Eisenoxyd,
+Hygrometer. Wir wussten, dass wir, trotz der Befehle des Hofs und der
+Empfehlung eines maechtigen Ministers, bei unserem Aufenthalt in den
+spanischen Colonien mit zahllosen Unannehmlichkeiten zu kaempfen haben
+wuerden, wenn es uns nicht gelang, bei den Regenten dieser ungeheuren
+Landstrecken besondere Theilnahme fuer uns zu wecken. Emparan war ein zu
+warmer Freund der Wissenschaft, um es seltsam zu finden, dass wir so weit
+hergekommen, um Pflanzen zu sammeln und die Lage gewisser Oertlichkeiten
+astronomisch zu bestimmen. Er argwoehnte keine andern Beweggruende unserer
+Reise als die in unseren Paessen angegebenen, und die oeffentlichen Beweise
+von Achtung, die er uns waehrend unseren langen Aufenthaltes in seinem
+Regierungsbezirke gegeben, haben Grosses dazu beigetragen, uns ueberall in
+Suedamerika eine freundliche Aufnahme zu verschaffen.
+
+Am Abend liessen wir unsere Instrumente ausschiffen und fanden zu unserer
+Befriedigung keines beschaedigt. Wir mietheten ein geraeumiges, fuer die
+astronomischen Beobachtungen guenstig gelegenes Haus. Man genoss darin, wenn
+der Suedwind wehte, einer angenehmen Kuehle; die Fenster waren ohne
+Scheiben, nicht einmal mit Papier bezogen, das in Cumana meist statt des
+Glases dient. Saemmtliche Passagiere des Pizarro verliessen das Schiff, aber
+die vom boesartigen Fieber Befallenen genasen sehr langsam. Wir sahen
+welche, die nach einem Monat, trotz der guten Pflege, die ihnen von ihren
+Landsleuten geworden, noch erschrecklich blass und mager waren. In den
+Spanischen Colonien ist die Gastfreundschaft so gross, dass ein Europaeer,
+kaeme er auch ohne Empfehlung und ohne Geldmittel an, so ziemlich sicher
+auf Unterstuetzung rechnen kann, wenn er krank in irgend einem Hafen ans
+Land geht. Die Catalonier, Galizier und Biscayer stehen im staerksten
+Verkehr mit Amerika. Sie bilden dort gleichsam drei gesonderte
+Corporationen, die auf die Sitten, den Gewerbsfleiss und den Handel der
+Colonien bedeutenden Einfluss haben. Der aermste Einwohner von Siges oder
+Vigo ist sicher, im Hause eines catalonischen oder galizischen *Pulpero*
+(Kraemer) Aufnahme zu finden, ob er nun nach Chile oder nach Mexiko oder
+auf die Philippinen kommt. Ich habe die ruehrendsten Beispiele gesehen, wie
+fuer unbekannte Menschen ganze Jahre lang unverdrossen gesorgt wird. Man
+kann hoeren, Gastfreundschaft sey leicht zu ueben in einem herrlichen Klima,
+wo es Nahrungsmittel im Ueberfluss gibt, wo die einheimischen Gewaechse
+wirksame Heilmittel liefern, und der Kranke in seiner Haengematte unter
+einem Schuppen das noethige Obdach findet. Soll man aber die Ueberlast,
+welche die Ankunft eines Fremden, dessen Gemuethsart man nicht kennt, einer
+Familie verursacht, fuer nichts rechnen? und die Beweise gefuehlvoller
+Theilnahme, die aufopfernde Sorgfalt der Frauen, die Geduld, die waehrend
+einer langen, schweren Wiedergenesung nimmer ermuedet, soll man von dem
+allen absehen? Man will die Beobachtung gemacht haben, dass, vielleicht mit
+Ausnahme einiger sehr volkreichen Staedte, seit den ersten Niederlassungen
+spanischer Ansiedler in der neuen Welt die Gastfreundschaft nicht merkbar
+abgenommen habe. Der Gedanke thut wehe, dass diess allerdings anders werden
+muss, wenn einmal Bevoelkerung und Industrie in den Colonien rascher
+zunehmen, und wenn sich auf der Stufe gesellschaftlicher Eintwicklung, die
+man als vorgeschrittene Kultur zu bezeichnen pflegt, die alte
+castilianische Offenheit allmaehlich verliert.
+
+Unter den Kranken, die in Cumana an Land kamen, befand sich ein Neger, der
+einige Tage nach unserer Ankunft in Raserei verfiel; er starb in diesem
+klaeglichen Zustand, obgleich sein Herr, ein siebzigjaehriger Mann, der
+Europa verlassen hatte, um in San Blas, am Eingang des Golfs von
+Californien, eine neue Heimath zu suchen, ihm alle erdenkliche Pflege
+hatte zu Theil werden lassen. Ich erwaehne dieses Falls, um zu zeigen, dass
+zuweilen Menschen, die im heissen Erdstrich geboren sind, aber in einem
+gemaessigten Klima gelebt haben, den verderblichen Einfluessen der tropischen
+Hitze erliegen. Der Neger war ein junger Mensch von achtzehn Jahren, sehr
+kraeftig und auf der Kueste von Guinea geboren. Durch mehrjaehrigen
+Aufenthalt auf der Hochebene von Castilien hatte aber seine Constitution
+den Grad von Reizbarkeit erhalten, der die Miasmen der heissen Zone fuer die
+Bewohner noerdlicher Laenger so gefaehrlich macht.
+
+Der Boden, auf dem die Stadt Cumana liegt, gehoert einer geologisch sehr
+interessanten Bildung an. Da mir aber seit meiner Rueckkehr nach Europa
+einige Reisende mit der Beschreibung von Kuestenstrichen, die sie nach mir
+besucht, zuvorgekommen sind, so beschraenke ich mich hier auf Bemerkungen,
+die ausserhalb des Kreises ihrer Beobachtungen fallen. Die Kette der
+Kalkalpen des Brigantin und Tataraqual streicht von Ost nach West vom
+Gipfel *Imposible* bis zum Hafen von Mochima und nach Campanario. In einer
+sehr fernen Zeit scheint das Meer diesen Gebirgsdamm von der Felsen kueste
+von Araya und Maniquarez getrennt zu haben. Der weite Golf von Cariaco ist
+durch einen Einbruch des Meeres entstanden, und ohne Zweifel stand damals
+an der Suedkueste das ganze mit salzsaurem Natron getraenkte Land, durch das
+der Manzanares laeuft, unter Wasser. Ein Blick auf den Stadtplan von Cumana
+laesst diese Thatsache so unzweifelhaft erscheinen, als dass die Becken von
+Paris, Oxford und Wien einst Meerboden gewesen. Das Meer zog sich langsam
+zurueck und legte das weite Gestade trocken, auf dem sich eine Huegelgruppe
+erhebt, die aus Gips und Kalkstein von der neuesten Bildung besteht.
+
+Die Stadt Cumana lehnt sich an diese Huegel, die einst ein Eiland im Golf
+von Cariaco waren. Das Stueck der Ebene norwaerts von der Stadt heisst "der
+kleine Strand" (_Plaga chica_); sie dehnt sich gegen Ost bis zur Punta
+Delgada aus, und hier bezeichnet ein enges mit _Gomphrena flava_ bedecktes
+Thal den Punkt, wo einst der Durchbruch der Gewaesser stattfand. Dieses
+Tal, dessen Eingang durch kein Aussenwerk vertheidigt wird, erscheint als
+der Punkt, von wo der Platz einem Angriff am meisten ausgesetzt ist. Der
+Feind kann in voller Sicherheit zwischen der *Punta Arenas del Barigon*
+und der Muendung des Manzanares durchgehen, wo die See 40-50 [73-91 m] und
+weiter nach Suedost sogar 87 Faden [159 m] tief ist. Er kann an der *Punta
+Delgada* landen und das Fort St. Antonio und die Stadt Cumana im Ruecken
+angreifen, ohne dass er vom Feuer der westlichen Batterien auf der Playa
+Chica an der Muendung des Stroms und beim *Cerro Colorado* etwas zu
+fuerchten haette.
+
+Der Huegel aus Kalkstein, den wir, wie oben bemerkt, als eine Insel im
+ehemaligen Golf betrachten, ist mit Fackeldisteln bedeckt. Manche davon
+sind 30-40 Fuss [10-13 m] hoch und ihr mit Flechten bedeckter, in mehrere
+Aeste kronleuchterartig getheilter Stamm nimmt sich hoechst seltsam aus.
+Bei Maniquarez an der Punta Araya massen wir einen Cactus, dessen Stamm
+ueber vier Fuss neun Zoll [1,54 m] Umfang hatte. Ein Europaeer, der nur die
+Fackeldisteln unserer Gewaechshaeuser kennt, wundert sich, wenn er sieht,
+dass das Holz dieses Gewaechses mit dem Alter sehr hart wird, dass es
+Jahrhunderte lang der Luft und Feuchtigkeit widersteht, und dass es die
+Indianer von Cumana vorzugsweise zu Rudern und Tuerschwellen verwenden.
+Nirgends in Suedamerika kommen die Gewaechse aus der Familie der Nopaleen
+haeufiger vor als in Cumana, Coro, Curacao und auf der Insel Margarita. Nur
+dort koennte der Botaniker nach langem Aufenthalt eine Monographie der
+Cactus schreiben, die nicht in Hinsicht auf Bluethen und Fruechte, aber nach
+der Form des gegliederten Stamms, nach der Zahl der Graeten und der
+Stellung der Stacheln ausnehmend viele Varietaeten bilden. Wir werden in
+der Folge sehen, wie diese Gewaechse, die fuer ein heisses, trockenes Klima,
+wie das Egyptens und Californiens, charakteristisch sind, immer mehr
+verschwinden, wenn man von Terra Firma ins Innere des Landes kommt.
+
+Die Cactusgebuesche spielen auf duerrem Boden in Suedamerika dieselbe Rolle
+wie in unseren noerdlichen Laendern die mit Binsen und Hydrocharideen
+bewachsenen Brueche. Ein Ort, wo stachlichte Cactus von hohem Wuchs in
+Reihen stehen, gilt fast fuer undurchdringlich. Solche Stellen, *Tunales*
+genannt, halten nicht allein den Eingeborenen auf, der bis zum Guertel
+nackt ist, sie sind ebensosehr von den Staemmen gefuerchtet, die ganz
+bekleidet gehen. Auf unsern einsamen Spaziergaengen versuchten wir es
+manchmal in den *Tunal* einzudringen, der die Spitze des Schlossberges
+kroent und durch den zum Theil ein Fussweg fuehrt. Hier liesse sich der Bau
+dieses sonderbaren Gewaechses an Tausenden von Exemplaren beobachten.
+Zuweilen wurden wir von der Nacht ueberrascht, denn in diesem Klima gibt es
+fast keine Daemmerung. Unsere Lage war dann desto bedenklicher, da der
+*Cascabel* oder die Klapperschlange, der *Coral* und andere Schlangen mit
+Giftzaehnen zur Legezeit solche heissen trockenen Orte aufsuchen, um ihre
+Eier in den Sand zu legen.
+
+Das Schloss St. Antonio liegt auf der westlichen Spitze des Huegels, aber
+nicht auf dem hoechsten Punkt; es wird gegen Osten von einer nicht
+befestigten Hoehe beherrscht. Der *Tunal* gilt hier und ueberall in den
+spanischen Niederlassungen fuer ein nicht unwichtiges militaerisches
+Vertheidigungsmittel. Wo man Erdwerke anlegt, suchen die Ingenieurs recht
+viele stachlichte Fackeldisteln darauf anzubringen und ihr Wachsthum zu
+befoerdern, wie man auch die Krokodile in den Wassergraeben der festen
+Plaetze hegt. In einem Klima, wo die organische Natur eine so gewaltige
+Triebkraft hat, zieht der Mensch fleischfressende Reptilien und mit
+furchtbaren Stacheln bewehrte Gewaechse zu seiner Vertheidigung herbei.
+
+Das Schloss St. Antonio, wo man an Festtagen die Flagge von Castilien
+aufzieht, liegt nur 30 Toisen [58,5 m] ueber dem Wasserspiegel des
+Meerbusens von Cariaco. Auf seinem kahlen Kalkhuegel beherrscht es die
+Stadt und liegt, wenn man in den Hafen einfaehrt, hoechst malerisch da. Es
+hebt sich hell von der dunkeln Wand der Gebirge ab, deren Gipfel bis zur
+Schneeregion aufsteigen und deren duftiges Blau mit dem Himmelsblau
+verschmilzt. Geht man vom Fort St. Antonio gegen Suedwest herab, so kommt
+man am Abhang desselben Felsen zu den Truemmern des alten Schlosses Santa
+Maria. Dies ist ein herrlicher Punkt, um gegen Sonnenuntergang des kuehlen
+Seewindes und der Aussicht auf den Meerbusen zu geniessen. Die hohen
+Berggipfel der Insel Margarita erscheinen ueber der Felsenkueste der
+Landenge von Araya; gegen Westen mahnen die kleinen Inseln Caracas,
+Picuito und Boracha an die Katastrophe, durch welche die Kueste von Terra
+Firma zerrissen worden ist. Diese Eilande gleichen Festungswerken, und da
+die Sonne die untern Luftschichten, die See und das Erdreich ungleich
+erwaermt, so erscheinen ihre Spitzen infolge der Luftspiegelung
+hinaufgezogen, wie die Enden der grossen Vorgebirge der Kueste. Mit
+Vergnuegen verfolgt man bei Tage diese wechseln den Erscheinungen; bei
+Einbruch der Nacht sieht man dann, wie die in der Luft schwebenden
+Gesteinmassen sich wieder auf ihre Grundlage niedersenken, und das
+Gestirn, das der organischen Natur Leben verleiht, scheint durch die
+veraenderliche Beugung seiner Strahlen den starren Fels vom Fleck zu ruecken
+und duerre Sandebenen wellenfoermig zu bewegen.
+
+Die eigentliche Stadt Cumana liegt zwischen dem Schlosse St. Antonio und
+den kleinen Fluessen Manzanares und Santa Catalina. Das durch die Arme des
+ersteren Flusses gebildete Delta ist ein fruchtbares Land, bewachsen mit
+Mammea, Achra, Bananen und anderen Gewaechsen, die in den Gaerten oder
+*Charas* der Indianer gebaut werden. Die Stadt hat kein ausgezeichnetes
+Gebaeude aufzuweisen, und bei der Haeufigkeit von Erdbeben wird sie
+schwerlich je welche haben. Starke Erdstoesse kommen zwar im selben Jahre in
+Cumana nicht so haeufig vor als in Quito, wo durch praechtige, sehr hohe
+Kirchen stehen; aber die Erdbeben in Quito sind nur scheinbar so heftig,
+und in Folge der eigenthuemlichen Beschaffenheit des Bodens und der Art der
+Bewegung stuerzt kein Gebaeude ein. In Cumana, wie in Lima und mehreren
+anderen Staedten, die weit von den Schluenden thaetiger Vulkane liegen, wird
+die Reihe schwacher Erdstoesse nach Ablauf vieler Jahre leicht durch groessere
+Katastrophen unterbrochen, die in ihren Wirkungen dener einer springenden
+Mine aehnlich sind. Wir werden oefters Gelegenheit haben, auf diese
+Erscheinungen zurueckzukommen, zu deren Erklaerung so viele eitle Theorien
+ersonnen worden sind, und fuer die man eine Classification gefunden zu
+haben glaubte, wenn man senkrechte und wagrechte Bewegungen, stossende und
+wellenfoermige Bewegungen annahm.(38)
+
+Die Vorstaedte von Cumana sind fast so stark bevoelkert wie die alte Stadt.
+Es sind ihrer drei: Die der *Serritos* auf dem Wege nach der Plaga chica,
+wo einige schoene Tamarindenbaeume stehen, die suedoestlich gelegene, San
+Francisco genannt, und die grosse Vorstadt der Guayqueries. Der Name dieses
+Indianerstammes war vor der Eroberung ganz unbekannt. Die Eingeborenen,
+die denselben jetzt fuehren, gehoerten frueher zu der Nation der Guaraunos,
+die nur noch auf dem Sumpfboden zwischen den Armen des Orinoco lebt. Alte
+Maenner versicherten mich, die Sprache ihrer Vorfahren sey eine Mundart des
+Guaraunosprache gewesen, aber seit hundert Jahren gebe es in Cumana und
+auf Margarita keinen Eingeborenen vom Stamme mehr, der etwas anderes
+spreche als castilianisch.
+
+Das Wort *Guayqueries* verdankt, gerade wie die Worte *Peru* und
+*Peruaner*, seinen Ursprung einem blossen Missverstaendnisse. Als die
+Begleiter des Columbus an der Insel Margarita hinfuhren, auf deren
+Nordkueste noch jetzt der am hoechsten stehende Theil dieser Nation wohnt,
+stiessen sie auf einige Eingeborene, die Fische harpunirten, indem sie
+einen mit einer sehr feinen Spitze versehenen, an einen Strick gebundenen
+Stock gegen sie schleuderten. Sie fragten sie in haytischer Sprache, wie
+sie hiessen: die Indianer aber meinten, die Fremden erkundigten sich nach
+den Harpunen aus dem harten, schweren Holz der Macanapalme und
+antworteten: *Guaike*, *Guaike*, das heisst: spitziger Stock. Die
+Guayqueries, ein gewandtes, civilisirtes Fischervolk, unterscheiden sich
+jetzt auffallend von den wilden Guaraunos am Orinoco, die ihre Huetten an
+den Staemmen der Morichepalme aufhaengen.
+
+Die Bevoelkerung von Cumana ist in der neuesten Zeit viel zu hoch angegeben
+worden. Im Jahre 1800 schaetzten sie Ansiedler, die in nationaloekonomischen
+Untersuchungen wenig Bescheid wissen, auf 20,000 Seelen, wogegen
+koenigliche bei der Landesregierung angestellte Beamte meinten, die Stadt
+samt den Vorstaedten habe nicht 12,000. Depons gibt in seinem schaetzbaren
+Werk ueber die Provinz Caracas der Stadt im Jahre 1802 gegen 28,000
+Einwohner; andere geben im Jahr 1810 30,000 an. Wenn man bedenkt, wie
+langsam die Bevoelkerung in Terra Firma zunimmt, und zwar nicht auf dem
+Land, sondern in den Staedten, so laesst sich bezweifeln, dass Cumana bereits
+um ein Drittheil volkreicher seyn sollte als Vera Cruz, der vornehmste
+Hafen des Koenigreichs Neuspanien. Es laesst sich auch leicht darthun, dass im
+Jahr 1802 die Bevoelkerung kaum ueber 18,000 bis 19,000 Seelen betrug. Es
+waren mir verschiedene Notizen ueber die statistischen Verhaeltnisse des
+Landes zu Hand, welche die Regierung hatte zusammenstellen lassen, als die
+Frage verhandelt wurde, ob die Einkuenfte aus der Tabakspacht durch eine
+Personalsteuer ersetzt werden koennten, und ich darf mir schmeicheln, dass
+meine Schaetzung auf ziemlich sichern Grundlagen ruht.
+
+Eine im Jahr 1792 vorgenommene Zaehlung ergab fuer die Stadt Cumana, ihre
+Vorstaedte und die einzelnen Haeuser auf eine Meile in der Runde nur 10,740
+Einwohner. Ein Schatzbeamter, Don Manuel Navarete, versichert, dass man
+sich bei dieser Zaehlung hoechstens um ein Drittheil oder ein Viertheil
+geirrt haben koenne. Vergleicht man die jaehrlichen Taufregister, so macht
+sich von 1792 bis 1800 nur eine geringe Zunahme bemerklich. Die Weiber
+sind allerdings sehr fruchtbar, besonders die eingeborenen, aber wenn auch
+die Pocken im Lande noch unbekannt sind, so ist doch die Sterblichkeit
+unter den kleinen Kindern furchtbar gross, weil sie in voelliger
+Verwahrlosung aufwachsen und die ueble Gewohnheit haben, unreife,
+unverdauliche Fruechte zu geniessen. Die Zahl der Geburten betraegt im
+Durchschnitt 520 bis 600, was auf eine Bevoelkerung von hoechstens 16,800
+Seelen schliessen laesst. Man kann versichert seyn, dass saemmtliche
+Indianerkinder getauft und in das Taufregister der Pfarre eingetragen
+sind, und nimmt man an, die Bevoelkerung sey im Jahr 1800 26,000 Seelen
+stark gewesen, so kaeme auf dreiundvierzig Koepfe nur Eine Geburt, waehrend
+sich die Geburten zur Gesammtbevoelkerung in Frankreich wie 28 zu 100 und
+in den tropischen Strichen von Mexico wie 17 zu 100 verhalten.
+
+Vermuthlich wird sich die indianische Vorstadt allmaehlich bis zum
+Landungsplatz ausdehnen, da die Flaeche, auf der noch keine Haeuser oder
+Huetten stehen, hoechstens 340 Toisen lang ist. Dem Strande zu ist die Hitze
+etwas weniger drueckend als in der Altstadt, wo wegen des Zurueckprallens
+der Sonnenstrahlen vom Kalkboden und der Naehe des Berges St. Antonio die
+Temperatur der Luft ungemein hoch steigt. In der Vorstadt der Guayqueries
+haben die Seewinde freien Zutritt, der Boden ist Thon und damit, wie man
+glaubt, den heftigen Stoessen der Erdbeben weniger ausgesetzt, als die
+Haeuser, die sich an die Felsen und Huegel am rechten Ufer des Manzanares
+lehnen.
+
+Bei der Muendung des kleinen Flusses Santa Catalina ist der Saum des Ufers
+mit sogenannten Wurzeltraegern [_Rhizophora Mangle._] besetzt; aber diese
+*Manglares* sind nicht gross genug, um der Salubritaet der Luft in Cumana
+Eintrag zu thun. Im uebrigen ist die Ebene theils kahl, theils bedeckt mit
+Bueschen von _Sesubium portulacastrum_, _Gomphrena flava_, _Gomphrena
+myrtifolia_, _Talinum cuspidatum_, _Talinum cumanense_ und _Portulaca
+lanuginosa_. Unter diesen krautartigen Gewaechsen erheben sich da und dort
+die _Avicennia tomentosa_, die _Scoparia dulcus_, eine strauchartige
+Mimose mit sehr reizbaren Blaettern, besonders aber Cassien, deren in
+Suedamerika so viele vorkommen, dass wir auf unsern Reisen mehr als dreissig
+neue Arten zusammengebracht haben.
+
+Geht man zur indischen Vorstadt hinaus und am Fluss gegen Sued hinauf, so
+kommt man zuerst an ein Cactusgebuesch und dann an einen wunderschoenen
+Platz, den Tamarindenbaeume, Brasilienholzbaeume, Bombax und andere durch
+ihr Laub und ihre Bluethen ausgezeichnete Gewaechse beschatten. Der Boden
+bietet hier gute Weide, und Melkereien, aus Rohr erbaut, liegen zerstreut
+zwischen den Baumgruppen. Die Milch bleibt frisch, wenn man nicht in der
+Frucht des Flaschenkuerbisbaums, die ein Gewebe aus sehr dichten Holzfasern
+ist, sondern in poroesen Thongefaessen von Maniquarez aufbewahrt. In Folge
+eines in noerdlichen Laendern herrschenden Vorurtheils habe ich geglaubt, in
+der heissen Zone geben die Kuehe keine sehr fette Milch; aber der Aufenthalt
+in Cumana, besonders aber die Reise ueber die weiten mit Graesern und
+krautartigen Mimosen bewachsenen Ebenen von Calabozo haben mich belehrt,
+dass sich die Wiederkaeuer Europas vollkommen an das heisseste Klima
+gewoehnen, wenn sie nur Wasser und gutes Futter finden. Die
+Milchwirthschaft ist in den Provinzen Neuandalusien, Barcelona und
+Venezuela ausgezeichnet, und haeufig ist die Butter auf den Ebenen der
+heissen Zone besser als auf dem Ruecken der Anden, wo fuer die Alppflanzen
+die Temperatur in keiner Jahreszeit hoch genug ist und sie daher weniger
+aromatisch sind als auf den Pyrenaeen, auf den Bergen Estremaduras und
+Griechenlands.
+
+Den Einwohnern Cumanas ist die Kuehlung durch den Seewind lieber als der
+Blick ins Gruene, und so kennen sie fast keinen andern Spaziergang als den
+grossen Strand. Die Castilianer, denen man nachsagt, sie seyen im
+allgemeinen keine Freunde von Baeumen und Vogelgesang, haben ihre Sitten
+und ihre Vorurtheile in die Colonien mitgenommen. In Terra Firma, Mexico
+und Peru sieht man selten einen Eingeborenen einen Baum pflanzen allein in
+der Absicht, sich Schatten zu schaffen, und mit Ausnahme der Umgegend der
+grossen Hauptstaedte weiss man in diesen Laendern so gut wie nichts von
+Alleen. Die duerre Ebene von Cumana zeigt nach starken Regenguessen eine
+merkwuerdige Erscheinung. Der durchnaesste, von den Sonnenstrahlen erhitzte
+Boden verbreitet jenen Bisamgeruch, der in der heissen Zone Thieren der
+verschiedensten Klassen gemein ist, dem Jaguar, den kleinen Arten von
+Tigerkatzen, dem Cabiai [_Cavia capybara_, _Linne_], Galinazogeier
+[_Vultur aura_, _Linne_], dem Krokodil, den Vipern und Klapperschlangen.
+Die Gase, die das Vehikel dieses Aromas sind, scheinen sich nur in dem
+Maasse zu entwickeln, als der Boden, der die Reste zahlloser Reptilien,
+Wuermer und Insekten enthaelt, sich mit Wasser schwaengert. Ich habe
+indianische Kinder vom Stamme der Chaymas achtzehn Zoll lange und sieben
+Linien breite [40 cm lange und 15 mm breite] Scolopender oder Tausendfuesse
+aus dem Boden ziehen und verzehren sehen. Wo man den Boden aufgraebt, muss
+man staunen ueber die Massen organischer Stoffe, die wechselnd sich
+entwickeln, sich umwandeln oder zersetzen. Die Natur scheint in diesen
+Himmelsstrichen kraftvoller, fruchtbarer, man moechte sagen mit dem Leben
+verschwenderischer.
+
+Am Strande und bei den Melkereien, von denen eben die Rede war, hat man,
+besonders bei Sonnenaufgang, eine sehr schoene Aussicht auf die Gruppe
+hoher Kalkberge. Da diese Gruppe im Hause, wo wir wohnten, nur unter einem
+Winkel von drei Grad erscheint, diente sie mir lange dazu, die
+Veraenderungen in der irdischen Refraction mit den meteorologischen
+Veraenderungen in der irdischen Refraction zu vergleichen. Die Gewitter
+bilden sich mitten in dieser Cordillere, und man sieht von weitem, wie die
+dicken Wolken sich in starken Regen aufloesen, waehrend in Cumana sechs bis
+acht Monate lang kein Tropfen faellt. Der hoechste Gipfel der Bergkette, der
+sogenannte Brigantin, nimmt sich hinter dem Brito und dem Tetaraqual
+hoechst malerisch aus. Sein Name ruehrt her von der Gestalt eines sehr
+tiefen Thals an seinem noerdlichen Abhang, das dem Inneren eines Schiffes
+gleicht. Der Gipfel des Bergs ist fast ganz kahl und abgeplattet, wie der
+Gipfel des Mawna-Roa auf den Sandwichinseln; es ist eine senkrechte Wand,
+oder, um mich des bezeichnenderen Ausdruckes der spanischen Schiffer zu
+bedienen, ein Tisch, eine _mesa_. Diese eigenthuemliche Bildung und die
+symmetrische Lage einiger Kegel, die den Brigantin umgeben, brachten mich
+anfaenglich auf die Vermuthung, dass diese Berggruppe, die ganz aus
+Kalkstein besteht, Glieder der Basalt- oder Trappformation enthalten
+moechte.
+
+Der Statthalter von Cumana hatte im Jahr 1797 muthige Maenner ausgeschickt,
+die das voellig unbewohnte Land untersuchen und einen geraden Weg nach
+Neu-Barcelona ueber den Gipfel der *Mesa* eroeffnen sollten. Man vermuthete
+mit Recht, dieser Weg werde kuerzer und fuer die Gesundheit der Reisenden
+nicht so gefaehrlich seyn als der laengs der Kueste, den die Couriere von
+Caracas einschlagen; aber alle Bemuehungen, ueber die Bergkette zu kommen
+waren fruchtlos. In diesen Laendern Amerikas, wie in Neuholland(39) im
+Westen von Sidney, bietet nicht sowohl die Hoehe der Cordilleren als die
+Gestaltung des Gesteins schwer zu besiegende Hindernisse. Durch das von
+den Gebirgen im Innern und dem suedlichen Abhang des *Cerro de San Antonio*
+gebildete Laengenthal fliesst der Manzanares. In der ganzen Umgegend von
+Cumana ist diess der einzige ganz bewaldete Landstrich; er heisst die *Ebene
+der Charas*, [*Chacra*, verdorben *Chara*, heisst eine von einem Garten
+umgebene Huette.] wegen der vielen Pflanzungen, welche die Einwohner seit
+einigen Jahren den Fluss entlang versucht haben. Ein schmaler Pfad fuehrt
+vom Huegel von San Francisco durch den Forst zum Kapuzinerhospiz, einem
+hoechst angenehmen Landhaus, das die aragonesischen Moenche fuer alte
+entkraeftete Missionaere, die ihres Amtes nicht mehr walten koennen, gebaut
+haben. Gegen Ost werden die Waldbaeume immer kraeftiger und man sieht hier
+und da einen Affen [Der gemeine *Machi* oder Heulaffe.], die sonst in der
+Gegend sehr selten sind. Zu den Fuessen der Capparis, Bauhinien und des
+Zygophyllum mit goldgelben Bluethen breitet sich ein Teppich vom Bromelien
+[Chihuchihue, aus der Familie der Ananas.] aus, deren Geruch und deren
+kuehles Laub die Klapperschlangen hieher ziehen.
+
+Der Manzanares hat sehr klares Wasser und zum Glueck nichts mit dem
+Madrider Manzanares gemein, der unter seiner praechtigen Bruecke noch
+schmaeler erscheint. Er entspringt, wie alle Fluesse Neuandalusiens, in
+einem Striche der Savanen (Llanos), der unter dem Namen der Plateaus von
+Jonoro, Amana und Guanipa bekannt ist und beim indianischen Dorfe San
+Fernando die Gewaesser des Rio Juanillo aufnimmt. Man hat der Regierung
+oefter, aber immer vergeblich, den Vorschlag gemacht, beim ersten *Ipure*
+ein Wehr bauen zu lassen, um die Ebene der Charas kuenstlich zu bewaessern,
+denn der Boden ist trotz seiner scheinbaren Duerre ausnehmend fruchtbar,
+sobald Feuchtigkeit zu der herrschenden Hitze hinzukommt. Die Landleute,
+die im Allgemeinen in Cumana nicht wohlhabend sind, sollten nach und nach
+die Auslagen fuer die Schleusse ersetzen. Bis das Projekt in Ausfuehrung
+kommt, hat man Schoepfraeder, durch Maulthiere getriebene Pumpen und andere
+sehr unvollkommene Wasserwerke angelegt.
+
+Die Ufer des Manzanares sind sehr freundlich, von Mimosen, Erythrina,
+Ceiba und anderen Baeumen von riesenhaftem Wuchs beschattet. Ein Fluss,
+dessen Temperatur zur Zeit des Hochwassers auf 22 deg. faellt, waehrend der
+Thermometer der Luft auf 30-33 deg. steht, ist eine unschaetzbare Wohltat in
+einem Lande, wo das ganze Jahr eine furchtbare Hitze herrscht und man den
+Trieb hat, mehrere Male des Tages zu baden. Die Kinder bringen sozusagen
+einen Teil ihres Lebens im Wasser zu; alle Einwohner, selbst die
+weiblichen Glieder der reichsten Familien, koennen schwimmen, und in einem
+Lande, wo der Mensch dem Naturstande noch so nahe ist, hat man sich, wenn
+man morgens einander begegnet, nichts Wichtigeres zu fragen, als ob der
+Fluss heute kuehler sey als gestern. Man hat verschiedene Bademethoden. So
+besuchten wir jeden Abend eine Zirkel sehr achtungswerter Personen in der
+Vorstadt der Guaykari. Da stellte man bei schoenem Mondschein Stuehle ins
+Wasser; Maenner und Frauen waren leicht bekleidet, wie in manchen Baedern
+des noerdlichen Europas, und die Familie und die Fremden blieben ein paar
+Stunden im Flusse sitzen, rauchten Cigarren dazu und unterhielten sich
+nach Landessitte von der ungemeinen Trockenheit der Jahreszeit, vom
+starken Regenfall in den benachbarten Distrikten, besonders aber vom
+Luxus, den die Damen in Cumana den Damen in Caracas und Havana zum Vorwurf
+machen. Durch die *Bavas* oder kleinen Krokodile, die jetzt sehr selten
+sind und den Menschen nahe kommen, ohne anzugreifen, liess sich die
+Gesellschaft durchaus nicht stoeren. Diese Tiere sind drei bis vier Fuss
+[1 bis 1,3 m] lang; wir haben nie eines im Manzanares gesehen, wohl aber
+Delphine, die zuweilen bei Nacht im Flusse heraufkommen und die Badenden
+erschrecken, wenn sie durch ihre Luftloecher Wasser spritzen.
+
+Der Hafen von Cumana ist eine Reede, welche die Flotten von ganz Europa
+aufnehmen koennte. Der ganze Meerbusen von Cariaco, der sechsunddreissig
+Semeilen [67 km] lang und sechs bis acht [11 bis 15 km] breit ist, bietet
+vortrefflichen Ankergrund. Der Grosse Ozean an der Kueste von Peru kann
+nicht stiller und ruhiger seyn als das Meer der Antillen von Portocabello
+an, namentlich aber vom Vorgebirge Codera bis zur Landspitze von Paria.
+Von den Stuermen bei den Antillischen Inseln spuert man nie etwas in diesem
+Strich, wo man in Schaluppen ohne Verdeck das Meer befaehrt. Die einzige
+Gefahr im Hafen von Cumana ist eine Untiefe, *Baxo del Morro roxo*, die
+von West nach Ost 900 Toisen [1750 m] lang ist und so steil abfaellt, dass
+man dicht dabei ist, ehe man sie gewahr wird.
+
+Ich habe die Lage von Cumana etwas ausfuehrlich beschrieben, weil es mir
+wichtig schien, eine Gegend kennenzulernen, die seit Jahrhunderten der
+Herd der fruchtbarsten Erdbeben war. Ehe wir von diesen ausserordentlichen
+Erscheinungen sprechen, erscheint es mir als zweckmaessig, die verschiedenen
+Zuege des von mir entworfenen Naturbildes zusammenzufassen.
+
+Die Stadt liegt am Fusse eines kahlen Huegels und wird von einem Schlosse
+beherrscht. Kein Glockenturm, keine Kuppel faellt von weitem dem Reisenden
+ins Auge, nur einige Tamarinden-, Kokosnuss- und Dattelstaemme erheben sich
+ueber die Haeuser mit platten Daechern. Die Ebene ringsum, besonders dem
+Meere zu ist truebselig, staubig und duerr, wogegen ein frischer, kraeftiger
+Pflanzenwuchs von weitem den geschlaengelten Lauf des Flusses bezeichnet,
+der die Stadt von den Vorstaedten, die Bevoelkerung von europaeischer und
+gemischter Abkunft von den kupferfarbenen Eingeborenen trennt. Der
+freistehende, kahle, weisse Schlossberg San Antonio wirft zugleich eine
+grosse Masse Licht und strahlender Waerme zurueck; er besteht aus Breccien,
+deren Schichten versteinerte Seetiere einschliessen. In weiter Ferne gegen
+Sueden streicht dunkel ein maechtiger Gebirgszug hin. Dies sind die hohen
+Kalkalpen von Neuandalusien, wo dem Kalk Sandsteine und andere neuere
+Bildungen aufgelagert sind. Majestaetische Waelder bedecken diese Kordillere
+im innern Land und haengen durch ein bewaldetes Tal mit dem nackten,
+tonigen und salzhaltigen Boden zusamen, auf dem Cumana liegt. Einige Voegel
+von bedeutender Groesse tragen zur eigentuemlichen Physiognomie des Landes
+bei. Am Gestade und am Meerbusen sieht man Scharen von Fischreihern und
+Alcatras, sehr plumpen Voegeln, die gleich den Schwaenen mit gehobenen
+Fluegeln ueber das Wasser gleiten. Naeher bei den Wohnstaetten der Menschen
+sind Tausende von Galinazogeiern, wahre Chakals unter dem Gefieder,
+rastlos beschaeftigt, tote Tiere zu suchen. Ein Meerbusen, auf dessen
+Grunde heisse Quellen vorkommen, trennt die sekundaeren Gebirgsbildungen vom
+primitiven Schiefergebirge der Halbinsel Araya. Beide Kuesten werden von
+einem ruhigen, blauen, bestaendig vom selben Winde leicht bewegten Meere
+bespuelt. Ein reiner, trockener Himmel, an dem nur bei Sonnenaufgaug
+leichtes Gewoelk aufzieht, ruht auf der See, auf der baumlosen Halbinsel
+und der Ebene von Cumana, waehrend man zwischen den Berggipfeln im Inneren
+Gewitter sich bilden, sich zusammenziehen und in fruchtbaren Regenguessen
+sich entladen sieht. So zeigen denn an diesen Kuesten, wie am Fusse der
+Anden, Himmel und Erde scharfe Gegensaetze von Heiterkeit und Bewoelkung,
+von Trockenheit und gewaltigen Wasserguessen, von voelliger Kahlheit und
+ewig neu sprossendem Gruen. Auf dem neuen Continent unterscheiden sich die
+Niederungen an der See von den Gebirgslaendern im Innern so scharf, wie die
+Ebenen Unteraegyptens von den hochgelegenen Plateaus Abyssiniens.
+
+Zu den Zuegen, welche, wie oben angedeutet, der Kuestenstrich von
+Neu-Andalusien und der von Peru gemein haben, kommt nun noch, dass die
+Erdbeben dort wie hier gleich haeufig sind, und dass die Natur fuer diese
+Erscheinungen beidemal dieselben Grenzen einzuhalten scheint. Wir selbst
+haben in Cumana sehr starke Erdstoesse gespuert, eben war man daran, die vor
+kurzem eingestuerzten Gebaeude wieder aufzurichten, und so hatten wir
+Gelegenheit, uns an Ort und Stelle ueber die Vorgaenge bei der furchtbaren
+Katastrophe vom 14. Dezember 1797 genau zu erkundigen. Diese Angaben
+werden um so mehr Interesse haben, da die Erdbeben bisher weniger aus
+physischem und geologischem Gesichtspunkt, als vielmehr nur wegen ihrer
+schrecklichen Folgen fuer die Bevoelkerung und fuer das allgemeine Wohl ins
+Auge gefasst worden sind.
+
+Es ist eine an der Kueste von Cumana und auf der Insel Margarita sehr
+verbreitete Meinung, dass der Meerbusen von Cariaco sich infolge der
+Zertruemmerung des Landes und eines gleichzeitigen Einbruches des Meeres
+gebildet habe. Die Erinnerung an diese gewaltige Umwaelzung hatte sich
+unter den Indianern bis zum Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts erhalten,
+und wie erzaehlt wird, sprachen die Eingeborenen bei der dritten Reise des
+Christoph Kolumbus davon wie von einem ziemlich neuen Ereignis. Im Jahre
+1530 wurden die Bewohner der Kuesten von Paria und Cumana durch neue
+Erdstoesse erschreckt. Das Meer stuerzte ueber das Land her, und das kleine
+Fort, das Jakob Castellon bei Neutoledo gebaut hatte, wurde gaenzlich
+zerstoert. Zugleich bildete sich eine ungeheure Spalte in den Bergen von
+Cariaco, am Ufer des Meerbusens dieses Namens, und eine gewaltige Masse
+Salzwasser, mit Asphalt vermischt, sprang aus dem Glimmerschiefer hervor.
+Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts waren die Erdbeben sehr haeufig, und
+nach den Ueberlieferungen, die sich in Cumana erhalten haben,
+ueberschwemmte das Meer oefter den Strand und stieg 15-20 Toisen [30-39 m]
+hoch an. Die Einwohner fluechteten sich auf den Cerro de San Antonio und
+auf den Huegel, auf dem jetzt das kleine Kloster San Francisco steht. Man
+glaubt sogar, infolge dieser haeufigen Ueberschwemmungen habe man das an
+den Berg gelehnte Stadtviertel angelegt, das zum Teil auf dem Anhang
+desselben liegt.
+
+Da es keine Chronik von Cumana gibt, und da sich wegen der bestaendigen
+Verheerungen der Termiten oder weissen Ameisen in den Archiven keine
+Urkunde befindet, die ueber 150 Jahre hinaufreicht, so weiss man nicht
+genau, wann diese fruehen Erdbeben stattgefunden haben. Man weiss nur, dass
+naeher unserer Zeit das Jahr 1766 fuer die Ansiedler das entsetzlichste und
+zugleich fuer die Naturgeschichte des Landes merkwuerdigste gewesen ist.
+Seit fuenfzehn Monaten hatte eine Trockenheit geherrscht, wie sie zuweilen
+auch auf den Inseln des Gruenen Vorgebirges beobachtet wird, als am
+21. Oktober 1766 die Stadt Cumana von Grund aus zerstoert wurde. Das
+Gedaechtnis dieses Tages wird alljaehrlich mit einem Gottesdienst und einer
+feierlichen Prozession begangen. In wenigen Minuten stuerzten saemtliche
+Haeuser zusammen. An verschiedenen Orten der Provinz tat sich die Erde auf
+und spie nach Schwefel riechendes Wasser aus. Diese Ausbrueche waren
+besonders haeufig auf einer Ebene, die sich gegen Casanay, zwei Meilen
+oestlich von Cumana hinzieht, und die unter dem Namen *terra de hueca*,
+_hohler Boden_, bekannt ist, weil sie ueberall von warmen Quellen
+unterhoehlt zu seyn scheint. Waehrend der Jahre 1766 und 1767 lagerten die
+Einwohner von Cumana in den Strassen und begannen mit dem Wiederaufbau
+ihrer Haeuser erst, als sich die Erdbeben nur noch alle Monate
+wiederholten. Hier auf der Kueste traten damals dieselben Erscheinungen
+ein, die man auch im Koenigreich Quito unmittelbar nach der grossen
+Katastrophe vom 4. Februar 1797 beobachtet hat. Waehrend sich der Boden
+bestaendig wellenfoermig bewegte, war es, als wollte sich die Luft im Wasser
+aufloesen. Durch ungeheure Regenguesse schwollen die Fluesse an; das Jahr war
+ausnehmend fruchtbar, und die Indianer, deren leichten Huetten die
+staerksten Erdstoesse nichts anhaben, feierten nach einen uralten Aberglauben
+durch festlichen Tanz den Untergang der Welt und ihre bevorstehende
+Wiedergeburt.
+
+Nach der Ueberlieferung waren beim Erdbeben von 1766, wie bei einem andern
+sehr merkwuerdigen im Jahr 1794, die Stoesse blosse wagerechte wellenfoermige
+Bewegungen; erst am Unglueckstage des 14. Dezember 1797 spuerte man in
+Cumana zum erstenmal eine hebende Bewegung von unten nach oben. Ueber vier
+Fuenftheile der Stadt wurden damals voellig zerstoert, und der Stoss, der von
+einem starken unterirdischen Getoese begleitet war, glich, wie in Riobamba,
+der Explosion einer in grosser Tiefe angelegten Mine. Zum Glueck ging dem
+heftigen Stoss eine leichte wellenfoermige Bewegung voraus, so dass die
+meisten Bewohner sich auf die Strasse fluechten konnten, und von denen, die
+eben in den Kirchen waren, nur wenige das Leben verloren. Man glaubt in
+Cumana allgemein, die verheerendsten Erdbeben werden durch ganz schmale
+Schwingungen des Bodens und durch ein Sausen angekuendigt, und Leuten, die
+an solche Vorfaelle gewoehnt sind, entgeht solches nicht. In diesem
+verhaengnisvollen Augenblicke hoert man ueberall den Ruf: _Misericordia!
+tembla, tembla!_ [Erbarmen! sie (die Erde) bebt! sie bebt!] und es kommt
+selten vor, dass ein blinder Laerm durch einen Eingeborenen veranlasst wird.
+Die Aengstlichen achten auf das Benehmen der Hunde, Ziegen und Schweine.
+Die letzteren, die einen ausnehmend scharfen Geruch haben und gewoehnt sind
+im Boden zu wuehlen, verkuenden die Naehe der Gefahr durch Unruhe und
+Geschrei. Wir lassen es dahingestellt, ob sie das unterirdische Getoese
+zuerst hoeren, weil sie naeher am Boden sind, er ob etwa Gase, die der Erde
+entsteigen, auf ihre Organe wirken. Dass letzteres moeglich ist, laesst sich
+nicht laeugnen. Als ich mich in Peru aufhielt, wurde ein Fall beobachtet,
+der mit diesen Erscheinungen zusammenhaengt und der schon oefters
+vorgekommen war. Nach starken Erdstoessen wurde das Gras af den Savanen von
+Tucuman ungesund; es brach eine Viehseuche aus und viele Stuecke scheinen
+durch die boesen Duenste, die der Boden ausstiess, betaeubt oder erstickt
+worden zu seyn.
+
+In Cumana spuerte man eine halbe Stunde vor der grossen Katastrophe am
+14. Dezember 1797 am Klosterberg von San Francisco einen starken
+Schwefelgeruch. Am selben Orte war das unterirdische Getoese, das von
+Suedost nach Suedwest fortzurollen schien, am staerksten. Zugleich sah man am
+Ufer des Manzanares, beim Hospiz der Kapuziner und im Meerbusen von
+Cariaco bei Mariguitar Flammen aus dem Boden schlagen. Wir werden in der
+Folge sehen, dass letztere in nicht vulkanischen Laendern so auffallende
+Erscheinung in den aus Alpenkalk bestehenden Gebirgen bei Cumanacao, im
+Thale des Rio Bordones, auf der Insel Margarita und mitten in dn Savanen
+oder *LLanos* von Neu-Andalusien ziemlich haeufig ist. In diesen Savanen
+steigen Feuergarben zu bedeutender Hoehe auf; man kann sie Stunden lang an
+den duerrsten Orten beobachten, und man versichert, wenn man den Boden, dem
+der brennbare Stoff entstroemt, untersuche, sey keinerlei Spale darin zu
+bemerken. Dieses Feuer, das an die Wasserstoffquellen oder *Salse* in
+Modena und an die Irrlichter unserer Suempfe erinnert, zuendet das Gras
+nicht an, wahrscheinlich weil die Saeule des sich entbindenden Gases mit
+Stickstoff und Kohlensaeure vermengt ist und nicht bis zum Boden herab
+brennt. Das Volk, da uebrigens hier zu Land nicht so aberglaeubisch ist als
+in Spanien, nennt diese roethlichen Flammen seltsamerweise "die Seele des
+Tyrannen Aguirre;" Lopez d'Aguirre soll naemlich, von Gewisensbissen
+gefoltert, in dem Lande umgehen, das er mit seinen Verbrechen
+befleckt.(40)
+
+Durch das grosse Erdbeben von 1797 ist die Untiefe an der Muendung des Rio
+Bordones in ihrem Umriss veraendert worden. Aehnliche Hebungen sind bei der
+voelligen Zerstoerung Cumanas im Jahr 1766 bobachtet worden. Die Punta
+Delgada an der Westkueste des Meerbusens von Cariaco wurde damals bedeutend
+groesser, und im Rio Guarapiche beim Dorfe Maturin entstand eine Klippe,
+wobei ohne Zweifel der Boden des Flusses durch elastische Fluessigkeiten
+zerrissen und emporgehoben wurde.
+
+Wir verfolgen die lokalen Veraenderungen, welche die verschiedenen Erdbeben
+in Cumana hervorgebracht, nicht weiter. Dem Plane dieses Werkes
+entsprechend suchen wir vielmehr die Ideen unter allgemeine Gesichtspunkte
+zu bringen und alles, was mit diesen schrecklichen und zugleich so schwer
+zu erklaerenden Vorgaengen zusammenhaengt, in Einen Rahmen zusammenzufassen.
+Wenn Naturforscher, welche die Schweizer Alpen oder die Kuesten Lapplands
+besuchen, unsere Kenntniss von den Gletschern und dem Nordlicht erweitern,
+so laesst sich von Einem, der das spanische Amerika bereist hat, erwarten,
+dass er sein Hauptaugenmerk auf Vulkane und Erdbeben gerichtet haben werde.
+Jeder Strich des Erdballs liefert der Forschung eigenthuemliche Stoffe, und
+wenn wi nicht hoffen duerfen, die Ursachen der Naturerscheinungen zu
+ergruenden, so muessen wir wenigstens versuchen, die Gesetze derselben
+kennen zu lernen und durch Vergleichung zahlreicher Thatsachen das
+Gemeinsame und immer Wiederkehrende vom Veraenderlichen und Zufaelligen zu
+unterscheiden.
+
+Die grossen Erdbeben, die nach einer langen Reihe kleiner Stoesse eintreten,
+scheinen in Cumana nichts Periodisches zu haben. Man hat sie nach achtzig,
+nach hundert und manchmal nach nicht dreissig Jahren sich wiederholen
+sehen, waehrend an der Kueste von Peru, z. B. in Lima, die Epochen, die
+jedesmal durch die gaenzliche Zerstoerung der Stadt bezeichnet werden,
+unverkennbar mit einer gewissen Regelmaessigkeit eintreten. Dass die
+Einwohner selbst an einen solchen Typus glauben, ist auch vom besten
+Einfluss auf die oeffentliche Ruhe und die Erhaltung des Gewerbefleisses. Man
+nimmt allgemein an, dass es ziemlich lange Zeit braucht, bis dieselben
+Ursachen wieder mit derselben Gewalt wirken koennen; aber dieser Schluss ist
+nur dann richtig, wenn man die Erdstoesse als lokale Erscheinungen auffasst,
+wenn man unter jedem Punkt des Erdballes, der grossen Erschuetterungen
+ausgesetzt ist, einen besonderen Herd annimmt. Ueberall, wo sich neue
+Gebaeude auf den Truemmern der alten erhoben, hoert man Leute, die nicht
+bauen wollen, aeussern, auf die Zerstoerung Lissabons am ersten November 1755
+sey bald eine zweite, gleich schreckliche gefolgt, am 31. Maerz 1761.
+
+Nach einer uralten, auch in Cumana, Acapulco und Lima sehr verbreiteten
+Meinung [_Ariostoteles, Meteorologica, Lib. II. Seneca, Quaest. natur.,
+Lib. VI, c. 12._] stehen die Erdbeben und der Zustand der Luft vor dem
+Eintreten derselben sichtbar in Zusammenhang. An der Kueste von
+Neu-Andalusien wird man aengstlioch, wenn bei grosser Hitze und nach langer
+Trockenheit der Seewind auf einmal aufhoert und der im Zenith reine
+wolkenlose Himmel sich bis zu sechs, acht Grad ueber dem Horizont mit einem
+roethlichen Duft ueberzieht. Diese Vorzeichen sind indessen sehr unsicher
+und wenn man sich nachher alle Vorgaenge im Luftkreis zur Zeit der
+staerksten Erschuetterungen vergegenwaertigt, so zeigt sich, dass heftige
+Stoesse so gut bei feuchtem als bei trockenem Wetter, so gut bei starkem
+Wind als bei drueckend schwueler stiller Luft eintreten koennen. Nach den
+vielen Erdbeben, die ich noerdlich vom Aequator, auf dem Festland und in
+Meeresbecken, an der Kueste und in 4870 m Hoehe erlebt, will es mir
+scheinen, als ob die Schwingungen des Bodens und der vorgehende Zustand
+der Luft im allgemeinen nicht viel miteinander zu tun haetten. Dieser
+Ansicht sind auch viele gebildete Maenner in den spanischen Kolonien, deren
+Erfahrung sich, wo nicht auf ein groesseres Stueck der Erdoberflaeche, so doch
+auf eine laengere Reihe von Jahren erstreckt. In europaeischen Laendern
+dagegen, wo Erdbeben im Verhaeltniss zu Amerika selten vorkommen, sind sie
+Physiker geneigt, die Schwingungen des Bodens und irgend ein Meteor, das
+zufaellig zur selben Zeit erscheint, in nahe Beziehung zu bringen. So
+glaubt man in Italien an einen Zusammenhang zwischen dem Sirocco und
+Erdbeben, und in London sah man das haeufige Vorkommen von Sternschnuppen
+und jene Suedlichter, die seitdem von Dalton oefters beobachtet worden sind,
+als die Vorlaeufer der Erdstoesse an, die man im Jahr 1748 bis zum Jahr 1756
+spuerte.
+
+An den Tagen, wo die Erde durch starke Stoesse erschuettert wird, zeigt sich
+unter den Tropen keine Stoerung in der regelmaessigen stuendlichen Schwankung
+des Barometers. Ich habe mich in Cumana, Lima und Riobamba hievon
+ueberzeugt; auf diesen Umstand sind die Physiker umso mehr aufmerksam zu
+machen, als man auf St. Domingo in der Stadt Cap Francais unmittelbar vor
+dem Erdbeben von 1770 den Wasserbarometer um 21/2 Zoll will haben fallen
+sehen [Dieses Fallen entspricht nur zwei Linien Quecksilber.]. So erzaehlt
+man auch bei der Zerstoerung von Oran habe sich ein Apotheker mit seiner
+Familie gerettet, weil er wenige Minuten vor der Katastrophe zufaellig auf
+seinen Barometer gesehen und bemerkt habe, dass das Quecksilber auffallend
+stark falle. Ich weiss nicht, ob dieser Behauptung Glauben zu schenken ist;
+da es fast unmoeglich ist, waehrend der Stoesse selbst, die Schwankungen im
+Luftdruck zu beobachten, so muss man sich begnuegen, auf den Barometer vor
+oder nach dem Vorfall zu sehen. Im gemaessigten Erdstrich aeussern die
+Nordlichter nicht immer Einfluss auf die Declination der Magnetnadel und
+die Intensitaet der magnetischen Kraft; so wirken vielleicht die Erdbeben
+nicht gleichmaessig auf die us umgebende Luft.
+
+Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, dass in weiter Ferne von den
+Schluenden taetiger Vulkane der durch Erdstoesse geborstene und erschuetterte
+Boden zuweilen Gase in die Luft ausstroemen laesst. Wie schon oben angefuehrt,
+brachen in Cumana aus dem trockensten Boden Flammen und mit schweflichter
+Saeure vermischte Daempfe hervor. An anderen Orten spie ebendaselbst der
+Boden Wasser und Erdpech aus. In Riobamba bricht eine brennbare
+Schlammasse, *Moya* genannt, aus Spalten, die sich wieder schliessen, und
+tuermt sich zu ansehnlichen Huegeln auf. Sieben Meilen [31 km] von Lissabon,
+bei Colares, sah man waehrend des furchtbaren Erdbebens vom 1. November
+1755 Flammen und eine dicke Rauchsaeule aus der Felswand bei Alvidras und
+nach einigen Augenzeugen aus dem Meere selbst hervorbrechen. Der Rauch
+dauerte mehrere Tage und wurde desto staerker, je lauter das unterirdische
+Getoese war, das die Stoesse begleitete.
+
+In die Atmosphaere ausstroemende elastische Fluessigkeiten koennen lokal auf
+den Barometer wirken, freilich nicht durch ihre Masse, die im Verhaeltnis
+zur ganzen Luftmasse sehr unbedeutend ist, sondern weil sich, sobald ein
+grosser Ausbruch erfolgt, wahrscheinlich ein aufsteigender Strom bildet,
+der den Luftdruck vermindert. Ich bin geneigt, anuzunehmen, dass bei den
+meisten Erdbeben der erschuetterte Boden nichts von sich gibt, und dass,
+wenn wirklich Gase und Daempfe ausstroemen, diess weit nicht so oft vor den
+Stoessen, als waehrend derselben und hernach stattfindet. Aus diesem
+letzteren Umstand erklaert sich eine Erscheinung, die schwerlich
+abzulaeugnen ist, ich meine den raethselhaften Einfluss, den die Erdbeben im
+tropischen Amerika auf das Klima und den Eintritt der nassen und der
+trockenen Jahreszeit aeussern. Wenn die Erde erst im Moment der
+Erschuetterung selbst eine Veraenderung in der Luft hervorbringt, so sieht
+man ein, warum so selten ein auffallender meteorologischer Vorgang als
+Vorbote dieser grossen Umwaelzungen in der Natur erscheint.
+
+Fuer die Annahme, dass bei den Erdbeben in Cumana elastische Fluessigkeiten
+durch die Erdoberflaeche zu entweichen suchen, scheint das furchtbare
+Getoese zu sprechen, das man waehrend der Erdstoesse auf der Ebene der
+*Charas* am Rande der Brunnen vernimmt. Zuweilen werden Wasser und Sand
+ueber 6,5 m hoch emporgeschleudert. Aehnliche Erscheinungen entgingen schon
+dem Scharfsinn der Alten nicht, die in den Laendern Griechenlands und
+Kleinasiens wohnten, wo es sehr viele Hoehlen, Erdspalten und unterirdische
+Stroeme gibt. Das gleichfoermige Walten der Natur erzeugt allerorten
+dieselben Vorstellungen ueber die Ursachen der Erdbeben und ueber die
+Mittel, durch welche der Mensch, der so leicht das Mass seiner Kraefte
+vergisst, die Wirkungen der Ausbrueche aus der Tiefe mildern zu koennen
+meint. Was ein grosser roemischer Naturforscher vom Nutzen der Brunnen und
+Hoehlen sagt,(41) wiederholen in der Neuen Welt die unwissendsten Indianer
+in Quito, wenn sie den Reisenden die *Guaicos* oder Hoehlen am Pichincha
+zeigen.
+
+Das unterirdische Getoese, das bei Erdbeben so haeufig vorkommt, ist meist
+ausser Verhaeltniss mit der Kraft der Erdstoesse. In Cumana geht es denselben
+immer zuvor, waehrend man in Quito und neuerdings in Caracas und auf den
+Antillen, nachdem die Stoesse laengst aufgehoert haben, einen Donner wie vom
+Feuer einer Batterie gehoert hat. Eine dritte Classe dieser Erscheinungen,
+und die merkwuerdigste von allen ist das Monate lang fortwaehrende
+unterirdische Donnerrollen, ohne dass dabei die geringste Wellenbewegung
+des Bodens zu spueren waere.
+
+In allen den Erdbeben ausgesetzten Laendern sieht man als die Veranlassung
+und den Herd der Erdstoesse den Punkt an, wo, wahrscheinlich in Folge einer
+eigenthuemlichen Anordnung der Gesteinschichten, die Wirkungen am
+auffallendsten sind. So glaubt man in Cumana, der Schlossberg von San
+Antonio besonders aber der Huegel, auf dem das Kloster San Francisco liegt,
+enthalten eine ungeheure Masse Schwefel und andere brennbare Stoffe. Man
+vergisst, dass die Geschwindigkeit, mit der sich die Schwingungen auf grosse
+Entfernung, sogar ueber das Becken des Oceans fortpflanzen, deutlich darauf
+hinweist, dass der Mittelpunkt der Bewegung von der Erdoberflaeche sehr weit
+entfernt ist. Ohne Zweifel aus demselben Grunde sind die Erdbeben nicht an
+gewisse Gebirgsarten gebunden, wie manche Physiker behaupten, sondern alle
+sind vielmehr gleich geeignet, die Bewegung fortzupflanzen. Um nicht den
+Kreis meiner eigenen Erfahrung zu ueberschreiten, nenne ich nur die Granite
+von Lima und Acapulco, den Gneis von Caracas, den Glimmerschiefer der
+Halbinsel Araya, den Urgebirgsschiefer von Tepecuacuilco in Mexico, die
+secundaeren Kalksteine des Apennins, Spaniens und Neu-Andalusiens, endlich
+die Trapp-Porphyre der Provinzen Quito und Popayan. An allen diesen Orten
+wird der Boden haeufig durch die heftigsten Stoesse erschuettert; aber
+zuweilen werden in derselben Gebirgsart die obenauf gelagerten Schichten
+zu einem unueberwindlichen Hinderniss fuer die Fortpflanzung der Bewegung. So
+sah man schon in den saechsischen Erzgruben die Bergleute wegen Bebungen,
+die sie empfunden, erschrocken ausfahren, waehrend man an der Erdoberflaeche
+nichts davon gespuert hatte.
+
+Wenn nun auch in den weitentlegensten Laendern die Urgebirge, die
+secundaeren und die vulkanischen Gebirgsarten an den krampfhaften Zuckungen
+des Erdballs in gleichem Masse theilnehmen nehmen, so laesst sich doch nicht
+in Abrede ziehen, dass in einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich gewisse
+Gebirgsarten die Fortpflanzung der Stoesse hemmen. In Cumana z. B. wurden
+vor der grossen Katastrophe im Jahr 1797 die Erdbeben nur laengs der aus
+Kalk bestehenden Suedkueste des Meerbusens von Cariaco bis zur Stadt dieses
+Namens gespuert, waehrend auf der Halbinsel Araya und im Dorfe Maniquarez
+der Boden an denselben Bewegungen keinen Theil nahm. Die Bewohner dieser
+Nordkueste, die aus Glimmerschiefer besteht, bauten ihre Huetten auf
+unerschuetterlichem Boden; ein 3000-4000 Toisen breiter Meerbusen lag
+zwischen ihnen und einer durch die Erdbeben mit Truemmern bedeckten und
+verwuesteten Ebene. Mit dieser auf die Erfahrung von Jahrhunderten gebauten
+Sicherheit ist es vorbei: mit dem 14. December 1797 scheinen sich im
+Innern der Erde neue Verbindungswege geoeffnet zu haben. Jetzt empfindet
+man es in Araya nicht nur, wenn in Cumana der Boden bebt, das Vorgebirge
+aus Glimmerschiefer ist seinerseits zum Mittelpunkt von Bewegungen
+geworden. Bereits wird zuweilen im Dorfe Maniquarez der Boden stark
+erschuettert, waehrend man an der Kueste von Cumana der tiefsten Ruhe
+geniesst, und doch ist der Meerbusen von Cariaco nur 60-80 Faden tief.
+
+Man will beobachtet haben, dass auf dem Festlande wie auf den Inseln die
+West- und Suedkuesten den Stoessen am meisten ausgesetzt seyen. Diese
+Beobachtung sieht im Zusammenhang mit den Ideen hinsichtlich der Lage der
+grossen Gebirgsketten und der Richtung ihrer steilsten Abhaenge, wie sie
+sich schon lange in der Geologie geltend gemacht haben; das Vorhandenseyn
+der Cordillere von Caracas und die Haeufigkeit der Erdbeben an den Ost- und
+Nordkuesten von Terra Firma, im Meerbusen von Paria, in Carupano, Cariaco
+und Cumana beweisen, wie wenig begruendet jene Ansicht ist.
+
+In Neu-Andalusien, wie in Chili und Peru, gehen die Erdstoesse den Kuesten
+nach und nicht weit ins Innere des Landes hinein. Dieser Umstand weist,
+wie wir bald sehen werden, darauf hin, dass die Ursachen der Erdbeben und
+der vulkanischen Ausbrueche in engem Verbande stehen. Wuerde der Boden an
+den Kuesten desshalb staerker erschuettert, weil diese die am tiefsten
+gelegenen Punkte des Landes sind, warum waeren dann in den Savanen oder
+Prairien, die kaum acht oder zehn Toisen ueber dem Meeresspiegel liegen,
+die Stoesse nicht eben so oft und eben so stark zu fuehlen?
+
+Die Erdbeben in Cumana sind mit denen auf den kleinen Antillen verkettet,
+und man hat sogar vermutet, sie koennten mit den vulkanischen Erscheinungen
+in den Kordilleren der Anden in einigem Zusammenhang stehen. Am
+11. Februar 1797 erlitt der Boden der Provinz Quito eine Umwaelzung, durch
+die, trotz der sehr schwachen Bevoelkerung des Landes, gegen 40,000
+Eingeborene unter den Truemmern ihrer Haeuser begraben wurden, in Erdspalten
+stuerzten oder in den ploetzlich neu gebildeten Seen ertranken. Zur selben
+Zeit wurden die Bewohner der oestlichen Antillen durch Erdstoesse erschreckt,
+die erst nach acht Monaten aufhoerten, als der Vulkan auf Guadeloupe
+Bimssteine, Asche und Wolken von Schwefeldaempfen ausstiess. Auf diesen
+Ausbruch vom 29. September, waehrenddessen man lange anhaltendes
+unterirdisches Bruellen hoerte, folgte am 14. Dezember das grosse Erdbeben
+von Cumana. Ein anderer Vulkan der Antillen, der auf St. Vincent, hat
+seitdem ein neues Beispiel solcher Wechselbeziehungen geliefert. Er hatte
+seit 1718 kein Feuer mehr gespieen, als er im Jahre 1812 wieder auswarf.
+Die gaenzliche Zerstoerung der Stadt Caracas erfolgte 34 Tage vor diesem
+Ausbruch, und starke Bodenschwingungen wurden sowohl auf den Inseln als an
+den Kuesten von Terra Firma gespuert.
+
+Man hat laengst die Bemerkung gemacht, dass die Wirkungen grosser Erdbeben
+sich ungleich weiter verbreiten als die Erscheinungen der taetigen Vulkane.
+Beobachtet man in Italien die Umwaelzungen des Erdbodens, betrachtet man
+die Reihe der Ausbrueche des Vesuv und des Aetna genau, so entdeckt man, so
+nahe auch diese Berge beieinander liegen, kaum Spuren gleichzeitiger
+Taetigkeit. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, dass bei den beiden
+letzten Erdbeben von Lissabon(42) das Meer bis in die Neue Welt hinueber in
+Aufregung geriet, z. B. bei der Insel Barbados, die ueber 5400 km von der
+Kueste von Portugal liegt.
+
+Verschiedene Tatsachen weisen darauf hin, dass die Erdbeben und die
+vulkanischen Ausbrueche(43) in engem ursaechlichen Zusammenhang stehen. In
+Pasto hoerten wir, die schwarze dicke Rauchsaeule, die im Jahre 1797 seit
+mehreren Monaten dem Vulkan in der Naehe dieser Stadt entstiegen war, sey
+zur selben Stunde verschwunden, wo sechzig Meilen [270 km] gegen Sued die
+Staedte Riobamba, Hambata und Tacunga durch einen ungeheuren Stoss ueber den
+Haufen geworfen wurden. Setzt man sich im Inneren eines brennenden Kraters
+neben die Huegel, die sich durch die Schlacken- und Aschenauswuerfe bilden,
+so fuehlt man mehrere Sekunden vor jedem einzelnen Ausbruch die Bewegung
+des Bodens. Wir haben dies im Jahre 1805 auf dem Vesuv beobachtet, waehrend
+der Berg gluehende Schlacken auswarf: wir waren im Jahre 1802 Zeugen
+diesselben Vorganges gewesen, als wir am Rande des ungeheuren Kraters des
+Pichincha standen, aus dem uebrigens eben nur schweflig saure Daempfe
+aufstiegen.
+
+Alles weist darauf hin, dass das eigentlich Wirksame bei den Erdbeben darin
+besteht, dass elastische Fluessigkeiten einen Ausweg suchen, um sich in der
+Luft zu verbreiten. An den Kuesten der Suedsee pflanzt sich diese Wirkung
+oft fast augenblicklich sechshundert Meilen [2700 km] weit, von Chile bis
+zum Meerbusen von Guayaquil fort, und zwar scheinen, was sehr merkwuerdig
+ist, die Erdstoesse desto staerker zu seyn, je weiter ein Ort von den
+thaetigen Vulkanen abliegt. Die mit Floetzen von sehr neuer Bildung
+bedeckten Granitberge Calabriens, die aus Kalk bestehende Kette des
+Apennins, die Grafschaft Perigord, die Kuesten von Spanien und Portugal,
+die von Peru und Terra Firma liefern deutliche Belege fuer diese
+Behauptung. Es ist als wuerde die Erde desto staerker erschuettert, je
+weniger die Bodenflaeche Oeffnungen hat, die mit den Hoehlungen im Innern in
+Verbindung stehen. In Neapel und Messina, am Fuss des Cotopaxi und des
+Tunguragua fuerchtet man die Erdbeben nur, so lange nicht Rauch und Feuer
+aus der Muendung der Vulkane bricht. Ja im Koenigreich Quito brachte die
+grosse Katastrophe von Riobamba, von der oben die Rede war, mehrere
+unterrichtete Maenner auf den Gedanken, dass das unglueckliche Land wohl
+nicht so oft verwuestet wuerde, wenn das unterirdische Feuer den Porphyrdom
+des Chimborazo durchbrechen koennte und dieser kolossale Berg sich wieder
+in einen thaetigen Vulkan verwandelte. Zu allen Zeiten haben analoge
+Thatsachen zu denselben Hypothesen gefuehrt. Die Griechen, die, wie wir,
+die Schwingungen des Bodens der Spannung elastischer Fluessigkeiten
+zuschrieben, fuehrten zur Bekraeftigung ihrer Ansicht an, dass die Erdbeben
+auf der Insel Euboea gaenzlich aufgehoert haben, seit sich aus der Ebene von
+Lelante eine Erdspalte gebildet.
+
+Wir haben versucht, am Schluss dieses Kapitels die allgemeinen
+Erscheinungen zusammenzustellen, welche die Erdbeben unter verschiedenen
+Himmelsstrichen begleiten. Wir haben gezeigt, dass die unterirdischen
+Meteore so festen Gesetzen unterliegen, wie die Mischung der Gase, die
+unsern Luftkreis bilden. Wir haben uns aller Betrachtungen ueber das Wesen
+der chemischen Agentien enthalten, die als Ursachen der grossen Umwaelzungen
+erscheinen, welche die Erdoberflaeche von Zeit zu Zeit erleidet. Es sey
+hier nur daran erinnert, dass diese Ursachen in ungeheuren Tiefen liegen,
+und dass man sie in den Erdbildungen zu suchen hat, die wir Urgebirge
+nennen, wohl gar unter der erdigen, oxydierten Kruste, in Tiefen, wo die
+halbmetallischen Grundlagen der Kieselerde, der Kalkerde, der Soda und der
+Pottasche gelagert sind.
+
+Man hat in neuester Zeit den Versuch gemacht, die Erscheinungen der
+Vulkane und Erdbeben als Wirkungen des Galvanismus aufzufassen, der sich
+bei eigenthuemlicher Anordnung ungleichartiger Erdschichten entwickeln
+soll. Es laesst sich nicht laeugnen, dass haeufig, wenn im Verlauf einiger
+Stunden starke Erdstoesse auf einander folgen, die elektrische Spannung der
+Luft im Augenblick, wo der Boden am staerksten erschuettert wird, merkbar
+zunimmt; um aber diese Erscheinung zu erklaeren, braucht man seine Zuflucht
+nicht zu einer Hypothese zu nehmen, die in geradem Widerspruch steht mit
+allem, was bis jetzt ueber den Bau unseres Planeten und die Anordnung
+seiner Erdschichten beobachtet worden ist.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+_ 37 Inga spuria_. Die weissen Staubfaeden, 60 bis 70 an der Zahl, sitzen
+ an einer gruenlichen Blumenkrone, haben Seidenglanz und an der Spitze
+ einen gelben Staubbeutel. Die Bluethe der Guama ist 18 Linien [4 cm]
+ lang. Dieser schoene Baum, der am liebsten an feuchten Orten waechst,
+ wird zwischen 8 und 10 Toisen [15,5 und 19,5 m] hoch.
+
+ 38 Diese Eintheilung schreibt sich schon aus der Zeit des Posidonius
+ her. Es ist die _succusio_ und die _inclinatio_ des Seneca
+ (_Quaestiones naturales. Lib. VI. c. 21_). Aber schon der Scharfsinn
+ der Alten machte die Bemerkung, dass die Art und Weise der Erdstoesse
+ viel zu veraenderlich ist, als dass man sie unter solche vermeintliche
+ Gesetze bringen koennte. (Plato bei Plutarch _de placit. Philos.
+ L. III. c. 15._)
+
+ 39 Die blauen Berge in Neuholland, die Berge von Carmathen und
+ Landsdown, sind bei hellem Wetter auf 50 Meilen nicht mehr sichtbar.
+ Nimmt man den Hoehenwinkel zu einem halben Grad an, so haetten diese
+ Berge etwa 620 Toisen absoluter Hoehe.
+
+ 40 Wenn das Volk in Cumana und auf der Insel Margarita von _el tirano_
+ spricht, so ist immer der schaendliche Lopez d'Aguirre gemeint, der
+ im Jahr 1560 sich am Aufstand Fernandos de Guzman gegen den
+ Statthalter von Omegua und Dorado, Pedro de Ursua, betheiligtwe, und
+ sich nachher selbst _traidor_, Verraether, nannte.
+
+ 41 Plinius: _In puteis est remedium, quale et crebi specus praebent:
+ conceptum enim spiritum exhalant, quod in certis notatur oppidis,
+ quae minus quatiuntur, crebis ad eluviem cuniculus cavata (Plin.
+ L. II. c. 82)._ Noch gegenwaertig glaubt man in der Hauptstadt von
+ St. Domingo, dass die Brunnen die Kraft der Erdstoesse schwaechen. Ich
+ bemerke bei dieser Gelegenheit, dass die Erklaerung, die Seneca von
+ den Erdbeben gibt (_Natur. Quaest. Lib. VI. c. 4_ bis _31_), den
+ Keim alles dessen enthaelt, was in unserer Zeit ueber die Wirkung
+ elastischer, im Inneren des Erdballes eingeschlossener Daempfe gesagt
+ worden ist.
+
+ 42 Am 1. November 1755 und 31. Maerz 1761. Beim ersteren Erdbeben
+ ueberschwemmte das Meer in Europa die Kuesten von Schweden, England
+ und Spanien, in Amerika die Inseln Antiqua, Barbados und Martinique.
+ Auf Barbados, wo die Flut gewoehnlich nur 24-28 Zoll [640 bis 746 mm]
+ hoch steigt, stieg das Wasser in der Bucht von Carlisle zwanzig Fuss
+ [6,5 m] hoch. Es wurde zugleich "tintenschwarz", ohne Zweifel, weil
+ sich der Asphalt, der im Meerbusen von Cariaco, wie bei der Insel
+ Trinidad, auf dem Meeresboden haeufig vorkommt, mit dem Wasser
+ vermengt hatte. Auf den Antillen und auf mehreren Schweizer Seen
+ wurde eine auffallende Bewegung des Wassers sechs Stunden vor dem
+ ersten Stoss, den man in Lissabon spuerte, beobachtet. In Cadiz sah
+ man auf acht Meilen [36 km] weit aus der offenen See einen sechzig
+ Fuss [20 m] hohen Wasserberg anruecken; er stuerzte sich auf die Kueste
+ und zerstoerte eine Menge Gebaeude, aehnlich wie die achtzig Fuss [56 m]
+ hohe Flutwelle, die am 9. Juni 1586 beim Erdbeben von Lima den Hafen
+ von Callao ueberschwemmte. In Amerika hatte man auf dem Ontariosee
+ seit Oktober 1755 eine starke Aufregung des Wassers beobachtet.
+ Diese Erscheinungen weisen darauf hin, dass auf ungeheure Strecken
+ hin unterirdische Verbindungen bestehen. Bei der Zusammenstellung
+ der meist weit auseinanderliegenden Zeitpunkte, in denen Lima und
+ Guatemala voellig zerstoert wurden, glaubte man hin und wieder die
+ Bemerkung zu machen, als ob sich eine Wirkung langsam den
+ Kordilleren entlang geaeussert haette, bald von Nord nach Sued, bald von
+ Sued nach Nord. Ich gebe hier vier dieser auffallenden Zeitpunkte:
+
+ +----------------------+---------------------+
+ |Mexiko | Peru |
+ +----------------------+---------------------+
+ |(Breite 13 deg. 32´ Nord) | (Breite 12 deg. 6´ Sued) |
+ +----------------------+---------------------+
+ |30. Nov. 1577, | 17. Juni 1578, |
+ +----------------------+---------------------+
+ |4. Maerz 1679, | 17. Juni 1678, |
+ +----------------------+---------------------+
+ |12. Febr. 1689, | 10. Okt. 1688, |
+ +----------------------+---------------------+
+ |27. Sept. 1717, | 8. Febr. 1716. |
+ +----------------------+---------------------+
+
+ Ich gestehe, wenn die Erdstoesse nicht gleichzeitig sind, oder doch
+ kurz nacheinander folgen, so erscheint die angebliche Fortpflanzung
+ der Bewegung sehr zweifelhaft.
+
+ 43 Dieser ursaechliche Zusammenhang, den schon die Alten erkannten,
+ beschaeftigte die Geister nach der Entdeckung von Amerika wieder sehr
+ lebhaft. Diese Entdeckung vergnuegte nicht allein die Neugier der
+ Menschen durch neue Naturprodukte, sie erweiterte auch ihre
+ Vorstelluugen von der physischen Beschaffenheit der Laender, von den
+ Spielarten des Menschengeschlechts und von den Wanderungen der
+ Voelker. Man kann die Beschreibungen der aeltesten spanischen
+ Reisenden, namentlich die des Jesuiten Acosta, nicht lesen, ohne
+ jeden Augenblick freudig zu staunen, wie maechtig der Anblick eines
+ grossen Festlandes, die Betrachtung einer wundervollen Natur und die
+ Beruehrung mit Menschen von anderer Race auf die Geistesentwicklung
+ in Europa gewirkt haben. Der Keim sehr vieler physikalischer
+ Wahrheiten ist in den Schriften des sechzehnten Jahrhunderts
+ niedergelegt, und dieser Keim haette Fruechte getragen, waere er nicht
+ durch Fanatismus und Aberglauben erstickt worden.
+
+
+
+
+
+FUeNFTES KAPITEL
+
+
+ Die Halbinsel Araya -- Salzsuempfe -- Die Truemmer des Schlosses
+ Santiago
+
+
+Die ersten Wochen unseres Aufenthaltes in Cumana verwendeten wir dazu,
+unsere Instrumente zu berichtigen, in der Umgegend zu botanisieren und die
+Spuren des Erdbebens vom 14. Dezember 1797 zu beobachten. Die
+Mannigfaltigkeit der Gegenstaende, die uns zumal in Anspruch nahmen, liess
+uns nur schwer den Weg zu geordneten Studien und Beobachtungen finden.
+Wenn unsere ganze Umgebung den lebhaftesten Reiz fuer uns hatte, so machten
+dagegen unsere Instrumente die Neugier der Einwohnerschaft rege. Wir
+wurden sehr durch Besuche von der Arbeit abgezogen, und wollte man nicht
+Leute vor den Kopf stossen, die so seelevergnuegt durch einen Dollond die
+Sonnenflecken betrachteten oder auf galvanische Beruehrung einen Frosch
+sich bewegen sahen, so musste man sich wohl herbeilassen, auf oft
+verworrene Fragen Auskunft zu geben und stundenlang dieselben Versuche zu
+wiederholen.
+
+So ging es uns fuenf ganze Jahre, so oft wir uns an einem Orte aufhielten,
+wo man in Erfahrung gebracht hatte, dass wir Mikroskope, Fernrohre oder
+elektromotorische Apparate besitzen. Dergleichen Auftritte wurden meist
+desto angreifender, je verworrener die Begriffe waren, welche die Besucher
+von Astronomie und Physik hatten, welche Wissenschaften in den spanischen
+Colonien den sonderbaren Titel: "neue Philosophie," _nueva filosofia_
+fuehren. Die Halbgelehrten sahen mit einer gewissen Geringschaetzung auf uns
+herab, wenn sie hoerten, dass sich unter unsern Buechern weder das _spectac1e
+de la nature_ vom Abbe Pluche, noch der _cours de physique_ von Sigand la
+Fond, noch das Woerterbuch von Valmont de Bomare befanden. Diese drei Werke
+und der _traite d'economie politique_ von Baron Bielfeld sind die
+bekanntesten und geachtetsten fremden Buecher im spanischen Amerika von
+Caracas und Chili bis Guatimala und Nordmexico. Man gilt nur dann fuer
+gelehrt, wenn man die Uebersetzungen derselben recht oft citiren kann, und
+nur in den grossen Hauptstaedten, in Lima, Santa Fe de Bogota und Mexico,
+fangen die Namen Haller, Cavendish und Lavoisier an jene zu verdraengen,
+deren Ruf seit einem halben Jahrhundert populaer geworden ist.
+
+Die Neugierde, mit der die Menschen sich mit den Himmelserscheinungen und
+verschiedenen naturwissenschaftlichen Gegenstaenden abgeben, aeussert sich
+ganz anders bei altcivilisirten Voelkern als da, wo die Geistesentwicklung
+noch geringe Fortschritte gemacht hat. In beiden Faellen finden sich in den
+hoechsten Staenden viele Personen, die den Wissenschaften ferne stehen; aber
+in den Colonien und bei jungen Voelkern ist die Wissbegier keineswegs muessig
+und voruebergehend, sondern entspringt aus dem lebendigen Trieb, sich zu
+belehren; sie aeussert sich so arglos und naiv, wie sie in Europa nur in
+frueher Jugend auftritt.
+
+Erst am 28. Juli konnte ich eine ordentliche Reihe astronomischer
+Beobachtungen beginnen, obgleich mir viel daran lag, die Laenge, wie sie
+Louis Berthouds Chronometer angab, kennen zu lernen. Der Zufall wollte,
+dass in einem Lande, wo der Himmel bestaendig rein und klar ist, mehrere
+Naechte sternlos waren. Zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den
+Meridian zog jeden Tag ein Gewitter aus und es wurde mir schwer
+rorrespondirende Sonnenhoehen zu erhalten, obgleich ich in verschiedenen
+Intervallen drei, vier Gruppen aufnahm. Die vom Chronometer angegebene
+Laenge von Cumana differirte nur um 4 Secunden Zeit von der, welche ich
+durch Himmelsbeobachtungen gefunden, und doch hatte unsere Ueberfahrt
+einundvierzig Tage gewaehrt und bei der Besteigung des Pic von Teneriffa
+war der Chronometer starken Temperaturwechseln ausgesetzt gewesen.
+
+Aus meinen Beobachtungen in den Jahren 1799 und 1800 ergibt sich als
+Gesammtresultat, dass der grosse Platz von Cumana unter 10 deg. 27' 52" der
+Breite und 66 deg. 30' 2" der Laenge liegt. Die Bestimmung der Laenge gruendet
+sich auf den Uebertrag der Zeit, aus Monddistanzen, auf die
+Sonnenfinsterniss vom 28. Oktober 1799 und aus zehn Immersionen der
+Jupiterstrabanten, verglichen mit in Europa angestellten Beobachtungen.
+Sie weicht nur um sehr weniges von der ab, die Fidalgo vor mir, aber durch
+rein chronometrische Mittel gefunden. Unsere aelteste Karte des neuen
+Continents, die von Diego Ribeiro, Geographen Kaiser Carls des Fuenften,
+setzt Cumana unter 9 deg. 30' Breite, was um 58 Minuten von der wahren Breite
+abweicht und einen halben Grad von der, die Jefferys in seinem im
+Jahr 1794 herausgegebenen "Amerikanischen Steuermann" angibt. Dreihundert
+Jahre lang zeichnete man die ganze Kueste von Paria zu weit suedlich, weil
+in der Naehe der Insel Trinidad die Stroemungen nach Nord gehen und die
+Schiffer nach der Angabe des Logs weiter gegen Sued zu seyn glauben, als
+sie wirklich sind.
+
+Am 17. August machte ein Hof oder eine Lichtkrone um den Mond den
+Einwohnern viel zu schaffen. Man betrachtete es als Vorboten eines starken
+Erdstosses, denn nach der Volksphysik stehen alle ungewoehnlichen
+Erscheinungen in unmittelbarem Zusammenhang. Die farbigen Kreise um den
+Mond sind in den noerdlichen Laendern weit seltener als in der Provence, in
+Italien und Spanien. Sie zeigen sich, und diess ist auffallend, bei reinem
+Himmel, wenn das gute Wetter sehr bestaendig scheint. In der heissen Zone
+sieht man fast jede Nacht schoene prismatische Farben, selbst bei der
+groessten Trockenheit. Zuweilen habe ich zwischen dem 15. Grad der Breite
+und dem Aequator sogar um die Venus kleine Hoefe gesehen; man konnte
+Purpur, Orange und Violett unterscheiden; aber um Sirius, Canopus und
+Achernar habe ich niemals Farben gesehen.
+
+Waehrend der Mondhof in Cumana zu sehen war, zeigte der Hygrometer grosse
+Feuchtigkeit an; die Wasserduenste schienen aber so vollkommen aufgeloest,
+oder vielmehr so elastisch und gleichfoermig verbreitet, dass sie der
+Durchsichtigkeit der Luft keinen Eintrag thaten. Der Mond ging nach einem
+Gewitterregen hinter dem Schlosse San Antonio auf. Wie er am Horizont
+erschien, sah man zwei Kreise, einen grossen, weisslichen von 44 Grad
+Durchmesser und einen kleinen, der in allen Farben des Regenbogens glaenzte
+und 1 Grad 43 Minuten breit war. Der Himmelsraum zwischen beiden Kronen
+war dunkelblau. Bei 40 Grad Hoehe verschwanden sie, ohne dass die
+meteorologischen Instrumente die geringste Veraenderung in den niedern
+Luftregionen anzeigten. Die Erscheinung hatte nichts Auffallendes ausser
+der grossen Lebhaftigkeit der Farben, neben dem Umstand, dass nach Messungen
+mit einem Ramsden?schen Sextanten die Mondscheibe nicht ganz in der Mitte
+der Hoefe stand. Ohne die Messung haette man glauben koennen, diese
+Excentricitaet ruehre von der Projection der Kreise auf die scheinbare
+Concavitaet des Himmels her. Die Form der Hoefe und die Farben, welche in
+der Luft unter den Tropen beim Mondlicht zu Tage kommen, verdienen es von
+den Physikern von Neuem in den Kreis der Beobachtungen gezogen zu werden.
+In Mexico habe ich bei vollkommen klarem Himmel breite Streifen in den
+Farben des Regenbogens ueber das Himmelsgewoelbe und gegen die Mondscheibe
+hin zusammenlaufen sehen; dieses merkwuerdige Meteor erinnert an das von
+Cotes im Jahr 1716 beschriebene.
+
+Wenn unser Haus in Cumana fuer die Beobachtung des Himmels und der
+meteorologischen Vorgaenge sehr guenstig gelegen war, so mussten wir dagegen
+zuweilen bei Tage etwas ansehen, was uns empoerte. Der grosse Platz ist zum
+Teil mit Bogengaengen umgeben, ueber denen eine lange hoelzerne Galerie
+hinlaeuft, wie man sie in allen heissen Laendern sieht. Hier wurden die
+Schwarzen verkauft, die von der afrikanischen Kueste herueberkommen. Unter
+allen europaeischen Regierungen war die von Daenemark die erste und lange
+die einzige, die den Sklavenhandel abgeschafft hat, und dennoch waren die
+ersten Sklaven, die wir aufgestellt sahen, auf einem daenischen
+Sklavenschiff gekommen. Der gemeine Eigennutz, der mit Menschenpflicht,
+Nationalehre und den Gesetzen des Vaterlandes im Streite liegt, laesst sich
+durch nichts in seinen Speculationen stoeren.
+
+Die zum Verkauf ausgesetzten Sklaven waren junge Leute von fuenfzehn bis
+zwanzig Jahren. Man lieferte ihnen jeden Morgen Kokosoel, um sich den
+Koerper damit einzureiben und die Haut glaenzend schwarz zu machen. Jeden
+Augenblick erschienen Kaeufer und schaetzten nach der Beschaffenheit der
+Zaehne Alter und Gesundheitszustand der Sklaven; sie rissen ihnen den Mund
+auf, ganz wie es auf dem Pferdemarkt geschieht. Dieser entwuerdigende
+Brauch schreibt sich aus Afrika her, wie die getreue Schilderung zeigt,
+die Cervantes nach langer Gefangenschaft bei den Mauren in einem seiner
+Theaterstuecke [_El trado de Argel._] vom Verkauf der Christensklaven in
+Algier entwirft. Es ist ein empoerender Gedanke, dass es noch heutigen Tages
+auf den Antillen spanische Ansiedler gibt, die ihre Sklaven mit dem
+Glueheisen zeichnen, um sie wieder zu erkennen, wenn sie entlaufen. So
+behandelt man Menschen, die anderen Menschen die Muehe des Saeens, Ackerns
+und Erntens ersparen [_La Bruyere, Characteres cap. XI._].
+
+Je tieferen Eindruck der erste Verkauf von Negern in Cumana auf uns
+gemacht hatte, desto mehr wuenschten wir uns Glueck, dass wir uns bei einem
+Volk und auf einem Continent befanden, wo ein solches Schauspiel sehr
+selten vorkommt und die Zahl der Sklaven im Allgemeinen hoechst unbedeutend
+ist. Dieselbe betrug im Jahr 1800 in den Provinzen Cumana und Barcelona
+nicht ueber sechstausend, waehrend man zur selben Zeit die
+Gesammtbevoelkerung auf hundert und zehntausend schaetzte. Der Handel mit
+afrikanischen Sklaven, den die spanischen Gesetze niemals beguenstigt
+haben, ist jetzt voellig bedeutungslos auf Kuesten, wo im sechzehnten
+Jahrhundert der Handel mit amerikanischen Sklaven schauerlich lebhaft war.
+Macarapan, frueher Amaracapana genannt, Cumana, Araya und besonders
+Neu-Cadix, das auf dem Eiland Cubagua angelegt worden war, konnten damals
+fuer Comptoirs gelten, die zur Betreibung des Sklavenhandels errichtet
+waren. Girolamo Benzoni aus Mailand, der im Alter von zweiundzwanzig
+Jahren nach Terra Firma gekommen war, machte im Jahr 1542 an den Kuesten
+von Bordones, Cariaco und Paria Raubzuege mit, bei denen unglueckliche
+Eingeborene weggeschleppt wurden. Er erzaehlt sehr naiv und oft mit einem
+Gefuehlsausdruck, wie er bei den Geschichtschreibern jener Zeit selten
+vorkommt, von den Grausamkeiten, die er mit angesehen. Er sah die Sklaven
+nach Neu-Cadix bringen, wo sie mit dem Glueheisen auf Stirne und Armen
+gezeichnet und den Beamten der Krone der Quint entrichtet wurde. Aus
+diesem Hafen wurden sie nach Haiti oder St. Domingo geschickt, nachdem sie
+mehrmals die Herren gewechselt, nicht weil sie verkauft wurden, sondern
+weil die Soldaten mit Wuerfeln um sie spielten.
+
+Unser erster Ausflug galt der Halbinsel Araya und jenen ehemals durch
+Sklavenhandel und die Perlenfischerei vielberufenen Landstrichen. Am
+19. August gegen zwei Uhr nach Mitternacht schifften wir uns bei der
+indischen Vorstadt auf dem Manzanares ein. Unser Hauptzweck bei dieser
+kleinen Reise war, die Truemmer des alten Schlosses von Araya zu besehen,
+die Salzwerke zu besuchen und auf den Bergen, welche die schmale Halbinsel
+Maniquarez bilden, einige geologische Untersuchungen anzustellen. Die
+Nacht war koestlich kuehl, Schwaerme leuchtender Insekten [_Elater
+noctilucus._] glaenzten in der Luft, auf dem mit Sesuvium bedeckten Boden
+und in den Mimosenbueschen am Fluss. Es ist bekannt, wie haeufig die
+Leuchtwuermer in Italien und im ganzen mittaglichen Europa sind; aber ihr
+malerischer Eindruck ist gar nicht zu vergleichen mit den zahllosen
+zerstreuten, sich hin und her bewegenden Lichtpunkten, welche im heissen
+Erdstrich der Schmuck der Naechte sind, wo einem ist, als ob das
+Schauspiel, welches das Himmelsgewoelbe bietet, sich auf der Erde, auf der
+ungeheuren Ebene der Grasfluren wiederholte.
+
+Als wir Fluss abwaerts an die Pflanzungen oder *Charas* kamen, sahen wir
+Freudenfeuer, die Neger angezuendet hatten. Leichter, gekraeuselter Rauch
+stieg zu den Gipfeln der Palmen auf und gab der Mondscheibe einen
+roethlichen Schein. Es war Sonntag Nacht und die Sklaven tanzten zur
+rauschenden, eintoenigen Musik einer Guitarre. Der Grundzug im Charakter
+der afrikanischen Voelker von schwarzer Rasse ist ein unerschoepfliches Mass
+von Beweglichkeit und Frohsinn. Nachdem er die Woche ueber hart gearbeitet,
+tanzt und musicirt der Sklave am Feiertage dennoch lieber, als dass er
+ausschlaeft. Hueten wir uns, ueber diese Sorglosigkeit, diesen Leichtsinn
+hart zu urteilen, wird ja doch dadurch ein Leben voll Entbehrung und
+Schmerz versuesst.
+
+Die Barke, in der wir ueber den Meerbusen von Cariaco fuhren, war sehr
+geraeumig. Man hatte grosse Jaguarfelle ausgebreitet, damit wir bei Nacht
+ruhen koennten. Noch waren wir nicht zwei Monate in der heissen Zone, und
+bereits waren unsere Organe so empfindlich fuer den kleinsten
+Temperaturwechsel, dass wir vor Frost nicht schlafen konnten. Zu unserer
+Verwunderung sahen wir, dass der hunderttheilige Thermometer auf 21 deg.,8
+stand. Dieser Umstand, der allen, die lange in beiden Indien gelebt haben,
+wohl bekannt ist, verdient von den Physiologen beachtet zu werden. Boucher
+erzaehlt, auf dem Gipfel der _Montagne Pelee_ auf Martiniques [der Berg ist
+nach verschiedenen Angaben zwischen 666 und 736 Toisen hoch] haben er und
+seine Begleiter vor Frost gebebt, obgleich die Waerme noch 21 1/2 Grad
+betrug. In der anziehenden Reisebeschreibung des Capitaen Bligh, der in
+Folge einer Meuterei an Bord des Schiffes Bounty zwoelfhundert Meilen in
+einer offenen Schaluppe zuruecklegen musste, liest man, dass er zwischen dem
+zehnten und zwoelften Grad suedlicher Breite weit mehr vom Frost als vom
+Hunger gelitten.(44) Im Januar 1803, bei unserem Aufenthalt in Guayaquil,
+sahen wir die Eingeborenen sich ueber Kaelte beklagen und sich zudecken,
+wenn der Thermometer auf 23 deg.,8 fiel, waehrend sie bei 30 deg.,5 die Hitze
+erstickend fanden. Es brauchte nicht mehr als sieben bis acht Grad, um die
+entgegengesetzten Empfindungen von Frost und Hitze zu erzeugen, weil an
+diesen Kuesten der Suedsee die gewoehnliche Lufttemperatur 28 deg. betraegt. Die
+Feuchtigkeit, mit der sich die Leitungsfaehigkeit der Lust fuer den
+Waermestoff aendert, spielt bei diesen Empfindungen eine grosse Rolle. Im
+Hafen von Guayaquil, wie ueberall in der heissen Zone auf tief gelegenem
+Boden, kuehlt sich die Lust nur durch Gewitterregen ab, und ich habe
+beobachtet, dass, waehrend der Thermometer auf 23 deg.,8 faellt, der Deluc'sche
+Hygrometer auf 50-52 Grad stehen bleibt; dagegen steht er auf 37 bei einer
+Temperatur von 30 deg.,5. In Cumana hoert man bei starken Regenguessen in den
+Strassen schreien: _"Que hielo! Estoy emparamado!"_(45) und doch faellt der
+dem Regen ausgesetzte Thermometer nur auf 21 deg.,5. Aus allen diesen
+Beobachtungen geht hervor, dass man zwischen den Wendekreisen auf Ebenen,
+wo die Lufttemperatur bei Tag fast bestaendig ueber 27 deg. ist, bei Nacht das
+Beduerfniss fuehlt, sich zuzudecken, so oft bei feuchter Luft der Thermometer
+um 4-51/2 Grad faellt.
+
+Gegen acht Uhr Morgens stiegen wir an der Landspitze von Araya bei der
+"Neuen Saline" ans Land. Ein einzelnes Haus steht auf einer kahlen Ebene
+neben einer Batterie von drei Kanonen, auf die sich seit Zerstoerung des
+Forts St. Jakob die Verteidigung dieser Kueste beschraenkt. Der
+Salineninspektor bringt sein Leben in einer Haengematte zu, in der er den
+Arbeitern seine Befehle erteilt, und eine _Lancha del rey_ (koenigliche
+Barke) fuehrt ihm jede Woche von Cumana seine Lebensmittel zu. Man wundert
+sich, dass bei einem Salzwert, das frueher bei den Englaendern, Hollaendern
+und anderen Seemaechten Eifersucht erregte, kein Dorf oder auch nur ein Hof
+liegt. Kaum findet man am Ende der Landspitze von Araya ein paar armselige
+indianische Fischerhuetten.
+
+Man uebersieht von hier aus zugleich das Eiland Cubagua, die hohen
+Berggipfel von Margarita, die Truemmer des Schlosses St. Jakob, den Cerro
+de la Vela und das Kalkgebirge des Brigantin, das gegen Sueden den Horizont
+begrenzt. Wie reich die Halbinsel Araya an Kochsalz ist, wurde schon
+Alonso Nino bekannt, als er im Jahr 1499 in Colombo's, Djeda's und Amerigo
+Vespucci's Fussstapfen diese Laender besuchte. Obgleich die Eingeborenen
+Amerikas unter allen Voelkern des Erdballes am wenigsten Salz verbrauchen,
+weil sie fast allein von Pflanzenkost leben, scheinen doch bereits die
+Guaykari im Ton- und Salzboden der *Punta Arenas* gegraben zu haben.
+Selbst die jetzt die *neuen* genannten Salzwerke, am Ende des Vorgebirgs
+Araya, waren schon in der fruehsten Zeit in Gang. Die Spanier, die sich
+zuerst auf Cubagua und bald nachher auf der Kueste von Cumana
+niedergelassen hatten, beuteten schon zu Anfang des sechzehnten
+Jahrhunderts die Salzsuempfe aus, die sich als Lagunen nordwestlich vom
+Cerro de la Vela hinziehen. Da das Vorgebirge Araya damals keine staendige
+Bevoelkerung hatte, machten sich die Hollaender den natuerlichen Reichtum des
+Bodens zunutze, den sie fuer ein Gemeingut aller Nationen ansahen.
+Heutzutage hat jede Kolonie ihre eigenen Salzwerke und die
+Schiffahrtskunst ist so weit fortgeschritten, dass die Cadizer Handelsleute
+mit geringen Kosten spanisches und portugiesisches Salz 1900 Meilen
+[8500 km] weit in die oestliche Halbkugel senden koennen, um Montevideo und
+Buenos Aires mit ihrem Bedarf fuer das Einsalzen zu versorgen. Solche
+Vortheile waren zur Zeit der Eroberung unbekannt; die Industrie in den
+Colonien war damals noch so weit zurueck, dass das Salz von Araya mit
+grossen Kosten nach den Antillen, nach Carthagena und Portobelo verschifft
+wurde. Im Jahr 1605 schickte der Madrider Hof bewaffnete Fahrzeuge nach
+Punta Araya, mit dem Befehl, daselbst auf Station zu liegen und die
+Hollaender mit Gewalt zu vertreiben. Diese fuhren nichts desto weniger fort
+heimlich Salz zu holen, bis man im Jahr 1622 bei den Salzwerken ein Fort
+errichtete, das unter dem Namen _Castillo de Santiago_ oder _Real Fuerza
+de Araya_ beruehmt geworden ist.
+
+Die grossen Salzsuempfe sind auf den aeltesten spanischen Karten bald als
+Bucht, bald als Lagune angegeben. Laet, der seinen _Orbis novus_ im Jahr
+1633 schrieb und sehr gute Nachrichten von diesen Kuesten hatte, sagt sogar
+ausdruecklich, die Lagune sey von der See durch eine ueber der Fluthhoehe
+gelegene Landenge getrennt gewesen. Im Jahr 1726 zerstoerte ein
+ausserordentliches Ereigniss die Saline von Araya und machte das Fort, das
+ueber eine Million harter Piaster gekostet hatte, unnuetz. Man spuerte einen
+heftigen Windstoss, eine grosse Seltenheit in diesen Strichen, wo die See
+meist nicht unruhiger ist als das Wasser unserer Fluesse; die Fluth drang
+weit ins Land hinein und durch den Einbruch des Meeres wurde der Salzsee
+in einen mehrere Meilen langen Meerbusen verwandelt. Seitdem hat man
+noerdlich von der Huegelkette, welche das Schloss von der Nordkueste der
+Halbinsel trennt, kuenstliche Behaelter oder Kasten angelegt. Der
+Salzverbrauch war in den Jahren 1799 und 1800 in den beiden Provinzen
+Cumana und Barcelona zwischen neun und zehn tausend Fanegas, jede zu
+sechzehn Arrobas oder vier Centnern. Dieser Verbrauch ist sehr
+betraechtlich, und es ergeben sich dabei, wenn man 50,000 Indianer
+abrechnet, die nur sehr wenig Salz verzehren, sechzig Pfund auf den Kopf.
+In Frankreich rechnet man, nach Necker, nur zwoelf bis vierzehn Pfund, und
+der Unterschied ruehrt daher, dass man so viel Salz zum Einsalzen braucht.
+Das gesalzene Ochsenfleisch, *Tasajo* genannt, ist im Handel von Barcelona
+der vornehmste Ausfuhrartikel. Von neun bis zehn tausend Fanegas Salz,
+welche die beiden Provinzen zusammen liefern, kommen nur dreitausend vom
+Salzwerk von Araya; das uebrige wird bei Morro de Barcelona, Pozuelos,
+Piritu und im *Golfo triste* aus Meerwasser gewonnen. In Mexico liefert
+der einzige Salzsee *Pennon Blanco* jaehrlich ueber 250,000 Fanegas unreines
+Salz.
+
+Die Provinz Caracas hat schoene Salzwerke bei den Klippen los Noquez; das
+frueher aus der kleinen Insel Tortuga gelegene ist auf Befehl der
+spanischen Regierung zerstoert worden. Man grub einen Kanal, durch den das
+Meer zu den Salzsuempfen dringen konnte. Andere Nationen, die auf den
+kleinen Antillen Colonien haben, besuchten diese unbewohnte Insel, und der
+Madrider Hof fuerchtete in seiner argwoehnischen Politik, das Salzwerk von
+Tortuga moechte Veranlassung zu einer festen Niederlassung werden, wodurch
+dem Schleichhandel mit Terra Firma Vorschub geleistet wuerde. Die Salzwerke
+von Araya werden erst seit dem Jahr 1792 von der Regierung selbst
+betrieben. Bis dahin waren sie in den Haenden indianischer Fischer, die
+nach Belieben Salz bereiteten und verkauften, wofuer sie der Regierung nur
+die maessige Summe von 300 Piastern bezahlten. Der Preis der Fanega war
+damals vier Realen; [In dieser Reisebeschreibung sind alle Preise in
+harten Piastern und Silberrealen, _reales de plata_ ausgedrueckt. Acht
+Realen gehen auf einen harten Piaster oder 105 Sous franzoesischen Geldes.]
+aber das Salz war sehr unrein, grau, und enthielt sehr viel salzsaure und
+schwefelsaure Bittererde. Da zudem die Ausbeutung von Seiten der Arbeiter
+aeusserst unregelmaessig betrieben wurde, so fehlte es oft an Salz zum
+Einsalzen des Fleisches und der Fische, das in diesen Laendern fuer den
+Fortschritt des Gewerbfleisses von grossem Belang ist, da das indianische
+niedere Volk und die Sklaven von Fischen und etwas *Tasajo* leben. Seit
+die Provinz Cumana unter der Intendauz von Caracas steht, besteht die
+Salzregie, und die Fanega, welche die Guayqueries fuer einen halben Piaster
+verkauften, kostet anderthalb Piaster. Fuer diese Preiserhoehung leistet nur
+geringen Ersatz, dass das Salz reiner ist und dass die Fischer und
+Colonisten es das ganze Jahr im Ueberfluss beziehen koennen. Die
+Salinenverwaltung von Araya brachte im Jahr 1799 dem Schatze 8000 Piaster
+jaehrlich ein. Aus diesen statistischen Notizen geht hervor, dass die
+Salzbereitung in Araya, als Industriezweig betrachtet, von keinem grossen
+Belang ist.
+
+Der Thon, aus dem zu Araya das Salz gewonnen wird, kommt mit dem
+*Salzthon* ueberein, der in Berchtesgaden und in Suedamerika in Zipaquira
+mit dem Steinsalz vorkommt. Das salzsaure Natron ist in diesem Thon nicht
+in sichtbaren Theilchen eingesprengt, aber sein Vorhandenseyn laesst sich
+leicht bemerklich machen. Wenn man die Masse mit Regenwasser netzt und der
+Sonne aussetzt, schiesst das Salz in grossen Krystallen an. Die Lagune
+westlich vom Schloss Santiago zeigt alle Erscheinungen, wie sie von
+Lepechin, Gmelin und Pallas in den sibirischen Salzseen beobachtet worden
+sind. Sie nimmt uebrigens nur das Regenwasser auf, das durch die
+Thonschichten durchsickert und sich am tiefsten Punkte der Halbinsel
+sammelt. So lange die Lagune den Spaniern und Hollaendern als Salzwerk
+diente, stand sie mit der See in keiner Verbindung; neuerdings hat man nun
+diese Verbindung wieder aufgehoben, indem man an der Stelle, wo das Meer
+im Jahr 1726 eingebrochen war, einen Faschinendamm anlegte. Nach grosser
+Trockenheit werden noch jetzt vom Boden der Lagune drei bis vier Kubikfuss
+grosse Klumpen krystallisirten, sehr reinen salzsauren Natrons
+heraufgefoerdert. Das der brennenden Sonne ausgesetzte Salzwasser des Sees
+verdunstet an der Oberflaeche; in der gesaettigten Loesung bilden sich
+Salzkrusten, sinken zu Boden, und da Kristalle von derselben
+Zusammensetzung und der gleichen Gestalt einander anziehen, so wachsen die
+kristallinischen Massen von Tag zu Tag an. Man beobachtet im Allgemeinen,
+dass das Wasser ueberall, wo sich Lachen im Thonboden gebildet haben,
+salzhaltig ist. Im neuen Salzwerk bei den Batterien von Araya leitet man
+allerdings das Meerwasser in die Kasten, wie in den Salzsuempfen im
+mittaeglichen Frankreich; aber auf der Insel Margarita bei Pampadar wird
+das Salz nur dadurch bereitet, dass man suesses Wasser den salzhaltigen Thon
+auslaugen laesst.
+
+Das Salz, das in Thonbildungen enthalten ist, darf nicht verwechselt
+werden mit dem Salz, das im Sand am Meeresufer vorkommt, und das an den
+Kuesten der Normandie ausgebeutet wird. Diese beiden Erscheinungen haben,
+aus geologischen Gesichtspunkt betrachtet, so gut wie nichts mit einander
+gemein. Ich habe salzhaltigen Thon am Meeresspiegel, bei Punta Araya, und
+in 2000 Toisen Hoehe in den Cordilleren von Neugrenada gesehen. Wenn
+derselbe am erstgenannten Ort unter einer Muschelbreccie von sehr neuer
+Bildung liegt, so tritt er dagegen bei Ischl in Oesterreich als maechtige
+Schicht im Alpenkalk auf, der, obgleich gleichfalls juenger als die
+Existenz organischer Wesen auf der Erde, doch sehr alt ist, wie die vielen
+Gebirgsglieder zeigen, die ihm aufgelagert sind. Wir wollen nicht in
+Zweifel ziehen, dass das reine [das von Wieliczka und Peru] oder mit
+salzhaltigem Thon vermengte Steinsalz [das von Hallein, Ischl und
+Zipaquira] der Niederschlag eines alten Meeres seyn koenne; alles weist
+aber darauf hin, dass es sich unter Naturverhaeltnissen gebildet hat, die
+sehr bedeutend abweichen mussten von denen, unter welchen die jetzigen
+Meere in Folge allmaehliger Verdunstung hie und da ein paar Koerner
+salzsauren Natrons im Ufersande niederschlagen. Wie der Schwefel und die
+Steinkohle sehr weit auseinander liegenden Formationen angehoeren, kommt
+auch das Steinsalz bald im Uebergangsgips, bald im Alpenkalk, bald in
+einem mit sehr neuem Muschelsandstein bedeckten Salzthon (Punta Araya),
+bald in einem Gips vor, der juenger ist als die Kreide.
+
+Das neue Salzwerk von Araya besteht aus fuenf Behaeltern oder Kasten, von
+denen die groessten eine regelmaessige Form und 2300 Quadrattoisen Oberflaeche
+haben. Die mittlere Tiefe betraegt acht Zoll. Man bedient sich sowohl des
+Regenwassers, das sich durch Einsickerung am tiefsten Punkt der Ebene
+sammelt, als des Meerwassers, das durch Kanaele hereingeleitet wird, wenn
+der Wind die See an die Kueste treibt. Dieses Salzwerk ist nicht so guenstig
+gelegen wie die Lagune. Das Wasser, das in die letztere faellt, kommt von
+staerker geneigten Abhaengen und hat ein groesseres Bodenstueck ausgelaugt. Die
+Indianer pumpen mit der Hand das Meerwasser aus einem Hauptbehaelter in die
+Kasten. Leicht liesse sich indessen der Wind als Triebkraft benuetzen, da
+der Seewind fortwaehrend stark aus die Kueste blaest. Man hat nie daran
+gedacht, weder die bereits ausgelangte Erde wegzuschaffen, noch Schachte
+im Salzthon niederzutreiben, um Schichten aufzusuchen, die reicher an
+salzsaurem Natron sind. Die Salzarbeiter klagen meist ueber Regenmangel,
+und beim neuen Salzwerk scheint es mir schwer auszumitteln, welches
+Quantum von Salz allein auf Rechnung des Seewassers kommt. Die
+Eingeborenen schaetzen es aus ein Sechstheil des ganzen Ertrags. Die
+Verdunstung ist sehr stark und wird durch den bestaendigen Luftzug
+gesteigert; das Salz wird aber auch am achtzehnten bis zwanzigsten Tage,
+nachdem man die Behaelter gefuellt, ausgezogen. Wir fanden (am 19. August um
+3 Uhr Nachmittags) die Temperatur des Salzwassers in den Kasten 32 deg.,5,
+waehrend die Luft im Schatten 27 deg.,2 und der Sand an der Kueste in sechs Zoll
+Tiefe 42 deg.,5 zeigte. Wir tauchten den Thermometer in die See und sahen ihn
+zu unserer Ueberraschung nur auf 23 deg. steigen. Diese niedrige Temperatur
+ruehrt vielleicht von den Untiefen her, welche die Halbinsel Araya und die
+Insel Margarita umgeben, und an deren Abfaellen sich tiefere
+Wasserschichten mit den oberflaechlichen vermischen.
+
+Obgleich das salzsaure Natron aus der Halbinsel Araya nicht so sorgfaeltig
+bereitet wird als in den europaeischen Salzwerken, ist es dennoch reiner
+und enthaelt weniger salzsaure und schwefelsaure Erden. Wir wissen nicht,
+ob diese Reinheit dem Antheil von Salz, den das Meer liefert,
+zuzuschreiben ist; denn wenn auch die Menge der im Meerwasser geloesten
+Salze hoechst wahrscheinlich unter allen Himmelsstrichen dieselbe ist,(46)
+so weiss man doch nicht, ob auch das Verhaeltnis zwischen dem salzsauren
+Natron, der salzsauren und schwefelsauren Bittererde und dem
+schwefelsauren und kohlensauren Kalk sich gleich bleibt.
+
+Nachdem wir die Salinen besehen und unsere geodaetischen Arbeiten beendet
+hatten, brachen wir gegen Abend auf, um einige Meilen weiterhin in einer
+indianischen Huette bei den Truemmern des Schlosses von Araya die Nacht zu
+zuzubringen. Unsere Instrumente und unseren Mundvorrat schickten wir
+voraus; denn wenn wir von der grossen Hitze und der Reverberation des
+Bodens erschoepft waren, spuerten wir in diesen Laendern nur abends und in
+der Morgenkuehle Esslust. Wir wandten uns nach Sued und gingen zuerst ueber
+die kahle mit Salzton bedeckte Ebene und dann ueber zwei aus Sandstein
+bestehende Huegelketten, zwischen denen die Lagune liegt. Die Nacht
+ueberraschte uns, waehrend wir einen schmalen Pfad verfolgten, der
+einerseits vom Meer, andererseits von senkrechten Felswaenden begrenzt ist.
+Die Flut war im raschen Steigen und engte unseren Weg mit jedem Schritt
+mehr ein. Am Fusse des alten Schlosses von Araya angelangt lag ein
+Naturbild mit einem melancholischen, romantischen Anstrich vor uns, und
+doch wurde weder durch die Kuehle des finsteren Forstes, noch durch die
+Grossartigkeit der Pflanzengestalten die Schoenheit der Truemmer gehoben. Sie
+liegen auf einem kahlen, duerren Berge, mit Agaven, Saeulenkaktus und
+Mimosen bewachsen und gleichen nicht sowohl einem Werke von Menschenhand,
+als vielmehr Felsmassen, die in den aeltesten Umwaelzungen des Erdballes
+zertruemmert worden.
+
+Wir wollten Halt machen, um das grossartige Schauspiel zu geniessen und den
+Untergang der Venus zu beobachten, deren Scheibe von Zeit zu Zeit zwischen
+dem Gemaeuer des Schlosses erschien; aber der Mulatte, der uns als Fuehrer
+diente, wollte verdursten und drang lebhaft in uns, umzukehren. Er hatte
+laengst gemerkt, dass wir uns verirrt hatten, und da er hoffte, durch die
+Furcht auf uns zu wirken, sprach er bestaendig von Tigern und
+Klapperschlangen. Giftige Reptilien sind allerdings beim Schlosse Araya
+sehr haeufig, und erst vor kurzem waren beim Eingang des Dorfes Maniquarez
+zwei Jaguars erlegt worden. Nach den aufbehaltenen Fellen waren sie nicht
+viel kleiner als die ostindischen Tiger. Vergeblich fuehrten wir unserem
+Fuehrer zu Gemuet, dass diese Tiere an einer Kueste, wo die Ziegen ihnen
+reichliche Nahrung bieten, keinen Menschen anfallen; wir mussten nachgeben
+und hingehen, woher wir gekommen waren. Nachdem wir drei Viertelstunden
+ueber einen von der steigenden Flut bedeckten Strand gegangen, stiess der
+Neger zu uns, der unsern Mundvorrath getragen hatte; da er uns nicht
+kommen sah, war er unruhig geworden und uns entgegengegangen. Er fuehrte
+uns durch ein Gebuesch von Fackeldisteln zu der Huette einer indianischen
+Familie. Wir wurden mit der herzlichen Gastfreundschaft aufgenommen, die
+man in diesen Laendern bei Menschen aller Kasten findet. Von aussen war die
+Huette, in der wir unsere Haengematten befestigten, sehr sauber; wir fanden
+daselbst Fische, Bananen u. dgl. Und, was im heissen Landstrich ueber die
+ausgesuchtesten Speisen geht, vortreffliches Wasser.
+
+Des anderen Tages bei Sonnenaufgang sahen wir, dass die Huette, in der wir
+die Nacht zugebracht, zu einem Haufen kleienr Wohnungen am Ufer des
+Salzsees gehoerte. Es sind dies die schwachen Ueberbleibsel eines
+ansehnlichen Dorfes, das sich einst um das Schloss gebildet. Die Truemmer
+einer Kirche waren halb im Sand begraben und mit Strauchwerk bewachsen.
+Nachdem im Jahre 1762 das Schloss von Araya, um die Unterhaltungskosten der
+Besatzung zu sparen, gaenzlich zerstoert worden war, zogen sich die in der
+Umgegend angesiedelten Indianer und Farbigen allmaehlich nach Maniquarez,
+Cariaco und in die indianische Vorstadt von Cumana. Nur wenige blieben aus
+Anhaenglichkeit an den Heimathboden am wilden, oeden Ort. Diese armen Leute
+leben vom Fischfang, der an den Kuesten und auf dem Untiefen in der Naehe
+aeusserst ergiebig ist. Sie schienen mit ihrem Loos zufrieden und fanden die
+Frage seltsam, warum sie keine Gaerten haetten unsd keine nutzbaren Gewaechse
+bauten. "Unsere Gaerten," sagten sie, "sind drueben ueber der Meerenge; wir
+bringen Fische nach Cumana und verschaffen uns dafuer Bananen, Cocosnuesse
+und Manioc." Diese Wirtschaft, die der Traegheit zusagt, ist in Maniquarez
+und auf der ganzen Halbinsel Araya Brauch. Der Hauptreichtum der Einwohner
+besteht in Ziegen, die sehr gross und schoen sind. Sie laufen frei umher wie
+die Ziegen auf dem Pic von Tenerifa; sie sind voellig verwildert und man
+zeichnet sie wie die Maultiere, weil sie nach Aussehen, Farbe und
+Zeichnung nicht zu unterscheiden waeren. Die wilden Ziegen sind hellbraun
+und nicht verschiedenfarbig wie die zahmen. Wenn ein Colonist auf der Jagd
+eine Ziege schiesst, die nicht seine eigene ist, so bringt er sie sogleich
+dem Nachbar, dem sie gehoert. Zwei Tage lang hoerten wir als von einer
+selten vorkommenden Niedertraechtigkeit davon sprechen, dass einem Einwohner
+von Maniquarez eine Ziege abhanden gekommen, und dass wahrscheinlich eine
+Familie in der Nachbarschaft sich guethlich damit gethan habe. Dergleichen
+Zuege, die fuer grosse Sittenreinheit beim gemeinen Volk sprechen, kommen
+haeufig auch in Neu-Mexiko, in Canada und in den Laendern westlich von den
+Aleghanys vor.
+
+Unter den Farbigen, deren Huetten um den Salzsee stehen, befand sich ein
+Schuhmacher von castilianischem Blute. Er nahm uns mit dem Ernst und der
+Selbstgefaelligkeit auf, die unter diese Himmelsstrichen fast allen Leuten
+eigen sind, die sich fuer besonders begabt halten. Er war eben daran, die
+Sehne seines Bogens zu spannen und Pfeile zu spitzen, um Voegel zu
+schiessen. Sein Gewerbe als Schuster konnte in einem Lande, wo die meisten
+Leute barfuss gehen, nicht viel eintragen; er beschwerte sich auch, dass das
+europaeische Pulver so teuer sey und ein Mann wie er zu denselben Waffen
+greifen muesse wie die Indianer. Der Mann war das gelehrte Orakel des
+Dorfs; er wusste, wie sich das Salz durch den Einfluss der Sonne und des
+Vollmonds bildet, er kannte die Vorzeichen der Erdbeben, die Merkmale, wo
+sich Gold und Silber im Boden finden, und die Arzneipflanzen, die er, wie
+alle Colonisten von Chili bis Californien, in heisse und kalte [reizende
+oder schwaechende, sthenische oder asthenische nach Browns System]
+eintheilte. Er hatte die geschichtlichen Ueberlieferungen des Landes
+gesammelt, und gab uns interessante Notizen ueber die Perlen von Cubagua,
+welchen Luxusartikel er hoechst wegwerfend behandelte. Um uns zu zeigen,
+wie bewandert er in der heiligen Schrift sey, fuehrte er wohlgefaellig den
+Spruch Hiobs an, dass Weisheit hoeher zu waegen ist denn Perlen. Seine
+Philosophie ging nicht ueber den engen Kreis der Lebensbeduerfnisse hinaus.
+Ein derber Esel, der eine tuechtige Ladung Bananen an den Landungsplatz
+tragen koennte, war das hoechste Ziel seiner Wuensche.
+
+Nach einer langen Rede ueber die Eitelkeit menschlicher Herrlichkeit zog er
+aus einer Ledertasche sehr kleine und truebe Perlen und drang uns dieselben
+auf. Zugleich hiess er uns, es in unsere Schreibtafel aufzuzeichnen, dass
+ein armer Schuster von Araya, aber ein weisser Mann und von edlem
+castilischen Blute, uns etwas habe schenken koennen, das drueben ueber dem
+Meer fuer eine grosse Kostbarkeit gelte. Ich komme dem Versprechen, das ich
+dem braven Manne gab, etwas spaet nach und freue mich, dabei bemerken zu
+koennen, dass seine Uneigennuetzigkeit ihm nicht gestattete, irgend eine
+Verguetung anzunehmen. An der Perlenkueste sieht es allerdings so armselig
+aus, wie im "Gold- und Diamantenland," in Choco und Brasilien; aber mit
+dem Elend paart sich hier nicht die zuegellose Gewinnsucht, wie sie durch
+Schaetze des Mineralreichs erzeugt wird.
+
+Die Perlenmuschel ist auf den Untiefen, sie sich von Kap Paria zum Kap
+Vela erstrecken, sehr haeufig. Die Insel Margarita, Cubagua, Coche, Punta
+Araya und die Muendung des Rio la Hacha waren im sechzehnten Jahrhundert
+beruehmt, wie im Altertum der Persische Meerbusen und die Insel Taprobante.
+[_Strabo lib. XV. Plinius Lib. IX, c. 35, Lib. XII, c. 18. Solinus,
+Polyhistor c. 68_; besonders _Athenaeus, Deipnosoph. Lib. III, c. 45._] Es
+ist nicht richtig, wie mehrere Geschichtsschreiber behaupten, dass die
+Eingeborenen Amerikas die Perlen als Luxusartikel nicht gekannt haben
+sollen. Die Spanier, die zuerst an Terra Firma landeten, sahen bei den
+Wilden Hals- und Armbaender, und bei den zivilisierten Voelkern in Mexiko
+und Peru waren Perlen von schoener Form ungemein gesucht. Ich habe die
+Basaltbueste einer mexikanischen Priesterin bekanntgemacht, [Humboldt,
+_Atlas pittoresque_ Tafel 1 und 2.] deren Kopfputz, der auch sonst mit der
+*Calantica* der Isiskoepfe Aehnlichkeit hat, mit Perlen besetzt ist. Las
+Casas und Benzoni erzaehlen, und zwar nicht ohne Uebertreibung, wie grausam
+man mit den Indianern und Negwern umging, die man zur Perlenfischerei
+brauchte. In der ersten Zeit der Eroberung lieferte die Insel Coche allein
+1500 Mark Perlen monatlich. Der *Quint*, den die koeniglichen Beamten vom
+Ertrag an Perlen erhoben, belief sich auf 15,000 Dukaten, nach dem
+damaligen Werth der Metalle und in Betracht des starken Schmuggels eine
+sehr bedeutende Summe. Bis zum Jahre 1530 scheint sich der Werth der nach
+Europa gesendeten Perlen im Jahresdurchschnitt auf mehr als 800,000
+Piaster belaufen zu haben. Um zu ermessen, von welcher Bedeutung dieser
+Handelszweig in Sevilla, Toledo, Antwerpen und Genua seyn mochte, muss man
+bedenken, dass zur selben Zeit alle Bergwerke Amerikas nicht zwei Millionen
+Piaster lieferten und dass die Flotte Ovandos fuer unermesslich reich galt,
+weil sie gegen 2600 Mark Silber fuehrte.
+
+Die Perlen waren desto gesuchter, da der asiatische Luxus auf zwei gerade
+entgegengesetzten Wegen nach Europa gedrungen war, von Konstantinopel her,
+wo die Palaeologen reich mit Perlen gestickte Kleider trugen, und von
+Granada her, wo die maurischen Koenige sassen, an deren Hof der ganze
+asiatische Prunk herrschte. Die ostindischen Perlen waren geschaetzter als
+die westindischen; indessen kamen doch die letzteren in der ersten Zeit
+nach der Entdeckung von Amerika in Menge in den Handel. In Italien wie in
+Spanien wurde die Insel Cubagua das Ziel zahlreicher
+Handelsunternehmungen. Benzoni erzaehlt, was einem gewissen Ludwig
+Lampagnano begegnete, dem Karl der Fuenfte das Privilegium ertheilt hatte,
+mit fuenf "Caravelen" an die Kueste von Cumana zu gehen und Perlen zu
+fischen. Die Ansiedler schickten ihn mit der kecken Antwort heim, der
+Kaiser gehe mit etwas, das nicht sein gehoere, allzu freigebig um; es stehe
+ihm nicht das Recht zu, ueber Austern zu verfuegen, die auf dem Meeresboden
+leben.
+
+Gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts nahm die Perlenfischerei rasch
+ab, und nach Laets Angabe(47) hatte sie im Jahr 1633 laengst aufgehoert.
+Durch den Gewerbfleiss der Venediger, welche die echten Perlen taeuschen
+nachmachten, und den starken Gebrauch der geschnittenen Diamanten [Das
+Schneiden der Diamanten wurde im Jahre 1456 von Ludwig de Berquen
+erfunden; in allgemeinen Gebrauch kam es aber erst im folgenden
+Jahrhundert.] wurden die Fischereien in Cubagua weniger eintraeglich.
+Zugleich wurden die Perlenmuscheln seltener, nicht wie man nach der
+Volkssage glaubt, weil die Tiere vom Geraeusch der Ruder verscheucht
+wurden, sondern, weil man im Unverstand die Muscheln zu Tausenden
+abgerissen und so ihrer Fortpflanzung Einhalt getan hatte. Die
+Perlenmuschel ist noch von zarterer Constitution als die meisten andern
+kopflosen Weichthiere. Auf der Insel Ceylon, wo in der Bucht von
+Condeatchy die Perlenfischerei sechshundert Taucher beschaeftigt und der
+jaehrliche Ertrag ueber eine halbe Million steigt, hat man das Thier
+vergeblich auf andere Kuestenpunkte zu verpflanzen gesucht. Die Regierung
+gestattet die Fischerei nur einen Monat lang, waehrend man in Cubagua die
+Muschelbank das ganze Jahr hindurch ausbeutete. Um sich eine Vorstellung
+davon zu machen, in welchem Masse die Taucher unter diesem Thiergeschlecht
+aufraeumen, muss man bedenken, dass manches Fahrzeug in zwei, drei Wochen
+ueber 35,000 Muscheln aufnimmt. Das Thier lebt nur neun bis zehn Jahre und
+die Perlen fangen erst im vierten Jahre an zum Vorschein zu kommen. In
+10,000 Muscheln ist oft nicht Eine werthvolle Perle. Nach der Sage
+oeffneten die Fischer auf der Bank bei der Insel Margarita die Muscheln
+Stueck fuer Stueck; auf Ceylon schuettet man die Thiere aus und laesst sie
+faulen, und um die Perlen zu gewinnen, welche nicht an den Schalen haengen,
+wascht man die Haufen thierischen Gewebes aus, gerade wie man in den Minen
+den Sand auswascht, der Gold- oder Zinngeschiebe oder Diamanten enthaelt.
+
+Gegenwaertig bringt das spanische Amerika nur noch die Perlen in den
+Handel, die aus dem Meerbusen von Panama und von der Muendung des Rio de la
+Hacha kommen. Auf den Untiefen um Cubagua, Coche und Margarita ist die
+Fischerei aufgegeben, wie an der californischen Kueste.(48) Man glaubt in
+Cumana, die Perlenmuschel habe sich nach zweihundertjaehriger Ruhe wieder
+bedeutend vermehrt [Im Jahr 1812 sind bei Margarita einige Versuche
+gemacht worden, die Perlenfischerei wieder aufzunehmen], und man fragt
+sich, warum die Perlen, die man jetzt in Muscheln findet, die an den
+Fischnetzen haengen bleiben [Die Einwohner von Araya verkaufen zuweilen
+solche kleine Perlen an die Kaufleute von Cumana. Der gewoehnliche Preis
+ist ein Piaster fuer das Dutzend.], so klein sind und so wenig Glanz haben,
+waehrend man bei der Ankunft der Spanier sehr schoene bei den Indianern
+fand, die doch schwerlich darnach tauchten. Diese Frage ist desto schwerer
+zu beantworten da wir nicht wissen, ob etwa Erdbeben die Beschaffenheit
+des Seebodens veraendert haben, oder ob Richtungsaenderungen in
+untermeerischen Stroemen auf die Temperatur des Wassers oder auf die
+Haeufigkeit gewisser Weichthiere, von denen sich die Muscheln naehren,
+Einfluss geaeussert haben.
+
+Am 20. Morgens fuehrte uns der Sohn unseres Wirths, ein sehr kraeftiger
+Indianer, ueber den Barigon und Caney ins Dorf Maniquarez. Es waren vier
+Stunden Weges. Durch das Rueckprallen der Sonnenstrahlen vom Sand stieg der
+Thermometer auf 31.3 deg.. Die Saeulenkaktus, die am Wege stehen, geben der
+Landschaft einen gruenen Schein, ohne Kuehle und Schatten zu bieten. Unser
+Fuehrer setzte sich, ehe er eine Meile [5 km] gegangen war, jeden
+Augenblick nieder. Im Schatten eines schoenen Tamarindenbaumes bei den
+Casas de la Vela wollte er sich gar niederlegen, um den Anbruch der Nacht
+abzuwarten. Ich hebe diesen Charakterzug hervor, da er einem ueberall
+entgegentritt, so oft man mit den Indianern reist, und zu den irrigsten
+Vorstellungen von der Koerperverfassung der verschiedenen Menschenracen
+Anlass gegeben hat. Der kupferfarbene Eingeborene, der besser als der
+reisende Europaeer an die gluehende Hitze des Himmelsstriches gewoehnt ist,
+beklagt sich nur deshalb mehr darueber, weil ihn kein Reiz antreibt. Geld
+ist keine Lockung fuer ihn, und hat er sich je einmal durch Gewinnsucht
+verfuehren lassen, so reut ihn sein Entschluss, sobald er auf dem Wege ist.
+Derselbe Indianer aber, der sich beklagt, wenn man ihm beim Botanisieren
+eine Pflanzenbuechse zu tragen gibt, treibt einen Kahn gegen die rascheste
+Stroemung und rudert so vierzehn bis fuenfzehn Stunden in einem fort, weil
+er sich zu den Seinen zuruecksehnt. Will man die Muskelkraft der Voelker
+richtig schaetzen lernen, muss man sie ? unter Umstaenden beobachten, wo ihre
+Handlungen durch einen gleich kraeftigen Willen bestimmt werden.
+
+Wir besahen in der Naehe die Truemmer des Schlosses Santiago, das durch
+seine ausnehmend feste Bauart merkwuerdig ist. Die Mauern aus behauenen
+Steinen sind fuenf Fuss dick; man musste sie mit Minen sprengen; man sieht
+noch Mauerstuecke von sieben-, achthundert Quadratfuss, die kaum einen Riss
+zeigen. Unser Fuehrer zeigte uns eine Cisterne (_el aljibe_), die dreissig
+Fuss tief ist und, obgleich ziemlich schadhaft, den Bewohnern der Halbinsel
+Araya Wasser liefert. Diese Cisterne wurde im Jahr 1681 vom Statthalter
+Don Juan Padilla Guardiola vollendet, demselben, der in Cumana das kleine
+Fort Santa Maria gebaut hat. Da der Behaelter mit einem Gewoelbe im
+Rundbogen geschlossen ist, so bleibt das Wasser darin frisch und sehr gut.
+Conserven, die den Kohlenwasserstoff zersetzen und zugleich Wuermern und
+Insekten zum Aufenthalt dienen, bilden sich nicht darin. Jahrhunderte lang
+hatte man geglaubt, die Halbinsel Araya habe gar keine Quellen suessen
+Wassers, aber im Jahr 1797 haben die Einwohner von Maniquarez nach langem
+vergeblichem Suchen doch solches gefunden.
+
+Als wir ueber die kahlen Huegel am Vorgebirge Cirial gingen, spuerten wir
+einen starken Bergoelgeruch. Der Wind kam vom Orte her, wo die
+Bergoelquellen liegen, deren schon die ersten Beschreibungen dieser Laender
+erwaehnen. -- Das Toepfergeschirr von Maniquarez ist seit unvordenklicher
+Zeit beruehmt, und dieser Industriezweig ist ganz in den Haenden der
+Indianerweiber. Es wird noch gerade so fabriziert wie vor der Eroberung.
+Dieses Verfahren ist einerseits eine Probe vom Zustand der Kuenste in ihrer
+Kindheit und andererseits von der Starrheit der Sitten, die allen
+eingeborenen Voelkern Amerikas als ein Charakterzug eigen ist. In
+dreihundert Jahren konnte die Toepferscheibe keinen Eingang auf einer Kueste
+finden, die von Spanien nur dreissig bis vierzig Tagreisen zur See entfernt
+ist. Die Eingeborenen haben eine dunkle Vorstellung davon, dass es ein
+solches Werkzeug gibt, und sie wuerden sich desselben bedienen, wenn man
+ihnen das Muster in die Hand gaebe. Die Thongruben sind eine halbe Meile
+oestlich von Maniquarez. Dieser Thon ist das Zersetzungsprodukt eines durch
+Eisenoxyd roth gefaerbten Glimmerschiefers. Die Indianerinnen nehmen
+vorzugsweise solchen, der viel Glimmer enthaelt. Sie formen mit grossem
+Geschick Gefaesse von zwei bis drei Fuss Durchmesser mit sehr regelmaessiger
+Kruemmung. Da sie den Brennofen nicht kennen, so schichten sie Strauchwerk
+von Desmanthus, Cassia und baumartiger Capparis um die Toepfe und brennen
+sie in freier . Luft. Weiter westwaerts von der Thongrube liegt die
+Schlucht der *Mina* (Bergwerk). Nicht lange nach der Eroberung sollen
+venetianische Goldschuerfer dort Gold aus dem Glimmerschiefer gewonnen
+haben. Dieses Metall scheint hier nicht auf Quarzgaengen vorzukommen,
+sondern im Gestein eingesprengt zu seyn, wie zuweilen im Granit und Gneiss.
+
+Wir trafen in Maniquarez Kreolen, die von einer Jagdpartie auf Cubagua
+kamen. Die Hirsche von der kleinen Art sind auf diesem unbewohnten Eilande
+so haeufig, dass man taeglich drei und vier schiessen kann. Ich weiss nicht,
+wie die Thiere hinuebergekommen sind; denn Laet und andere Chronisten des
+Landes, die von der Gruendung von Neucadix berichten, sprechen nur von der
+Menge Kaninchen auf der Insel. Der *Venado* auf Cubagua gehoert zu einer
+der vielen kleinen amerikanischen Hirscharten, die von den Zoologen lange
+unter dem allgemeinen Namen _Cervus Americanus_ zusammengeworfen wurden.
+Er scheint mir nicht identisch mit der _Biche des Savanes_ von Guadeloupe
+oder dem *Guazuti* in Paraguay, der auch in Rudeln lebt. Sein Fell ist auf
+dem Ruecken rothbraun, am Bauche weiss; es ist gefleckt, wie beim Axis. In
+den Ebenen am Cari zeigte man uns als eine grosse Seltenheit in diesen
+heissen Laendern eine weisse Spielart. Es war eine Hirschkuh von der Groesse
+des europaeischen Rehs und von aeusserst zierlicher Gestalt. *Albinos* kommen
+in der Neuen Welt sogar unter den Tigern vor. Azara sah einen Jaguar, auf
+dessen ganz weissem Fell man nur hier und da gleichsam einen Schatten von
+den runden Flecken sah.
+
+Fuer den merkwuerdigsten, man kann sagen fuer den wunderbarsten aller
+Naturkoerper auf der Kueste von Araya gilt beim Volke der *Augenstein*,
+_Piedra de los ojos_. Dieses Gebilde aus Kalkerde ist in aller Munde; nach
+der Volksphysik ist es ein Stein und ein Thier zugleich. Man findet es im
+Sande, und da ruehrt es sich nicht; nimmt man es aber einzeln auf und legt
+es auf eine ebene Flaeche, z. B. auf einen Zinn- oder Fayence-Teller, so
+bewegt es sich, sobald man es durch Citronsaft reizt. Steckt man es ins
+Auge, so dreht sich das angebliche Tier um sich selbst und schiebt jeden
+fremden Koerper heraus, der zufaellig ins Auge geraten ist. Auf der neuen
+Saline und im Dorfe Maniquarez brachte man uns solche Augensteine zu
+Hunderten, und die Eingeborenen machten uns den Versuch mit dem Citronsaft
+eifrig vor. Man wollte uns Sand in die Augen bringen, damit wir uns selbst
+von der Wirksamkeit des Mittels ueberzeugten. Wir sahen alsbald, dass diese
+Steine die duennen, poroesen Deckel kleiner einschaliger Muscheln sind. Sie
+haben 1-4 Linien Durchmesser; die eine Flaeche ist eben, die andere
+gewoelbt. Diese Kalkdeckel brausen mit Zitronensaft auf und ruecken von der
+Stelle, indem sich die Kohlensaeure entwickelt. In Folge aehnlicher Reaction
+bewegt sich zuweilen das Brod im Backofen auf wagerechter Flaeche, was in
+Europa zum Volksglauben an bezauberte Oefen Anlass gegeben hat. Die
+_pietras de los ojos_ wirken, wenn man sie ins Auge schiebt, wie die
+kleinen Perlen und verschiedene runde Samen, deren sich die Wilden in
+Amerika bedienen, um den Thraenenfluss zu steigern. Diese Erklaerungen waren
+aber gar nicht nach dem Geschmack der Einwohner von Araya. Die Natur
+erscheint dem Menschen desto groesser, je geheimnissvoller sie ist, und die
+Volksphysik weist alles von sich, was einfach ist.
+
+Ostwaerts von Maniquarez an der Suedkueste liegen nahe an einander drei
+Landzungen, genannt Punta de Soto, Punta de la Brea und Punta Guaratarito.
+In dieser Gegend besteht der Meeresboden offenbar aus Glimmerschiefer, und
+aus dieser Gebirgsart entspringt bei Punta de la Brea, aber achtzig Fuss
+vom Ufer, eine *Naphthaquelle*, deren Geruch sich weit in die Halbinsel
+hinein verbreitet. Man musste bis zum halben Leibe ins Wasser gehen, um die
+interessante Erscheinung in der Naehe zu beobachten. Das Wasser ist mit
+_Zostera_ bedeckt, und mitten in einer sehr grossen Bank dieses Gewaechses
+sieht man einen freien runden Fleck von drei Fuss Durchmesser, auf dem
+einzelne Massen von _Ulva lactuca_ schwimmen. Hier kommen die Quellen zu
+Tag. Der Boden des Meerbusens ist mit Sand bedeckt, und das Bergoel, das
+durchsichtig und von gelber Farbe der eigentlichen Naphtha nahe kommt,
+sprudelt stossweise unter Entwicklung von Luftblasen hervor. Stampft man
+den Boden mit den Fuessen fest, so sieht man die kleinen Quellen wegruecken.
+Die Naphtha bedeckt das Meer ueber tausend Fuss [320 m] weit. Nimmt man an,
+dass das Fallen der Schichten sich gleich bleibt, so muss der
+Glimmerschiefer wenige Toisen unter dem Sande liegen.
+
+Der Salzthon von Araya enthaelt festes, zerreibliches Bergoel. Dieses
+geologische Verhaeltniss zwischen salzsaurem Natron und Erdpech kommt in
+allen Steinsalzgruben und bei allen Salzquellen vor; aber als ein hoechst
+merkwuerdiger Fall erscheint das Vorkommen einer Naphtaquelle in einer
+Urgebirgsart. Alle bis jetzt bekannten gehoeren secundaeren Formationen an,
+und dieser Umstand schien fuer die Annahme zu sprechen, dass alles
+mineralische Harz Produkt der Zersetzung von Pflanzen und Thieren oder des
+Brandes der Steinkohlen sey. Auf der Halbinsel Araya aber fliesst Naphtha
+aus dem Urgebirge selbst, und diese Erscheinung wird noch bedeutender,
+wenn man bedenkt, dass in diesem Urgebirge der Herd des unterirdischen
+Feuers ist, dass man am Rande brennender Krater zuweilen Naphthageruch
+bemerkt, und dass die meisten heissen Quellen Amerikas aus Gneis und
+Glimmerschiefer hervorbrechen.
+
+Nachdem wir uns in der Umgegend von Maniquarez umgesehen, bestiegen wir
+ein Fischerboot, um nach Cumana zurueckzukehren. Nichts zeigt so deutlich,
+wie ruhig die See in diesen Strichen ist, als die Kleinheit und der
+schlechte Zustand dieser Kaehne, die ein sehr hohes Segel fuehren. Der Kahn,
+den wir ausgesucht hatten, weil er noch am wenigsten beschaedigt war,
+zeigte sich so leck, dass der Sohn des Steuermannes fortwaehrend mit einer
+Tutuma, der Frucht der _Crescentia cujete_, das Wasser ausschoepfen musste.
+Es kommt im Meerbusen von Cariaco, besonders nordwaerts von der Halbinsel
+Araya, nicht selten vor, dass die mit Kokosnuessen beladenen Piroguen
+umschlagen, wenn sie zu nahe am Winde gerade gegen den Wellenschlag
+steuern. Vor solchen Unfaellen fuerchten sich aber nur Reisende, die nicht
+gut schwimmen koennen; denn wird die Pirogue von einem indianischen Fischer
+mit seinem Sohne gefuehrt, so dreht der Vater den Kahn wieder um und macht
+sich daran, das Wasser hinauszuschaffen, waehrend der Sohn schwimmend die
+Kokosnuesse zusammenholt. In weniger als einer Viertelstunde ist die
+Pirogue wieder unter Segel, ohne dass der Indianer in seinem
+unerschoepflichen Gleichmut eine Klage haette hoeren lassen.
+
+Die Einwohner von Araya, die wir auf der Rueckkehr vom Orinoco noch einmal
+besuchten, haben nicht vergessen, dass ihre Halbinsel einer der Punkte ist,
+wo sich am fruehesten Castilianer niedergelassen. Sie sprechen gerne von
+der Perlenfischerei, von den Ruinen des Schlosses Santiago, das, wie sie
+hoffen, einst wieder aufgebaut wird, ueberhaupt von dem, was sie den
+ehemaligen Glanz des Landes nennen. In China und Japan gilt alles, was man
+erst seit zweitausend Jahren kennt, fuer neue Erfindung; in den
+europaeischen Niederlassungen erscheint ein Ereigniss, das dreihundert
+Jahre, bis zur Entdeckung von Amerika hinausreicht, als ungemein alt.
+Dieser Mangel an alter Ueberlieferung, der den jungen Voelkern in den
+Vereinigten Staaten wie in den spanischen und portugiesischen Besitzungen
+eigen ist, verdient alle Beachtung. Er hat nicht nur etwas Peinliches fuer
+den Reisenden, der sich dadurch um den hoechsten Genuss der Einbildungskraft
+gebracht sieht, er aeussert auch seinen Einfluss auf die mehr oder minder
+starken Bande, die den Colonisten an den Boden fesseln, auf dem er wohnt,
+an die Gestalt der Felsen, die seine Huette umgeben, an die Baeume, in deren
+Schatten seine Wiege gestanden.
+
+Bei den Alten, z. B. bei Phoeniziern und Griechen, gingen Ueberlieferungen
+und geschichtliches Bewusstseyn des Volks vom Mutterland auf die Colonien
+ueber, erbten dort von Geschlecht zu Geschlecht fort und aeusserten
+fortwaehrend den besten Einfluss auf Geist, Sitten und Politik der
+Ansiedler. Das Klima in jenen ersten Niederlassungen ueber dem Meere war
+vom Klima des Mutterlandes nicht sehr verschieden. Die Griechen in
+Kleinasien und aus Sicilien entfremdeten sich nicht den Einwohnern von
+Argos, Athen und Corinth, von denen abzustammen ihr Stolz war. Grosse
+Uebereinstimmuug in Sitte und Brauch that das ihrige dazu, eine Verbindung
+zu befestigen, die sich auf religioese und politische Interessen gruendete.
+Haeufig opferten die Colonien die Erstlinge ihrer Ernten in den Tempeln der
+Mutterstaedte, und wenn durch einen unheilvollen Zufall das heilige Feuer
+auf den Altaeren von Hestia erloschen war, so schickte man von hinten in
+Jonien nach Griechenland und liess es aus den Prytaneen wieder holen.
+Ueberall, in Cyrenaica wie an den Ufern des Sees Maeotis, erhielten sich
+die alten Ueberlieserungen des Mutterlandes. Andere Erinnerungen, die
+gleich maechtig zur Einbildungskraft sprechen, hafteten an den Colonien
+selbst. Sie hatten ihre heiligen Haine, ihre Schutzgottheiten, ihren
+lokalen Mythenkreis; sie hatten, was den Dichtungen der fruehesten
+Zeitalter Leben und Dauer verleiht, ihre Dichter, deren Ruhm selbst ueber
+das Mutterland Glanz verbreitete.
+
+Dieser und noch mancher andern Vortheile entbehren die heutigen
+Ansiedlungen. Die meisten wurden in einem Landstrich gegruendet, wo Klima,
+Naturprodukte, der Anblick des Himmels und der Landschaft ganz anders sind
+als in Europa. Wenn auch der Ansiedler Bergen, Fluessen, Thaelern Namen
+beilegt, die an vaterlaendische Landschaften erinnern, diese Namen
+verlieren bald ihren Reiz und sagen den nachkommenden Geschlechtern nichts
+mehr. In fremdartiger Naturumgebung erwachsen aus neuen Beduerfnissen
+andere Sitten; die geschichtlichen Erinnerungen verblassen allmaehlich, und
+die sich erhalten, knuepfen sich fortan gleich Phantasiegebilden weder an
+einen bestimmten Ort, noch an eine bestimmte Zeit. Der Ruhm Don Pelagio's
+und des Cid Campeador ist bis in die Gebirge und Waelder Amerikas
+gedrungen; dem Volk kommen je zuweilen diese glorreichen Namen auf die
+Zunge, aber sie schweben seiner Seele vor wie Wesen aus einer idealen
+Welt, aus dem Daemmer der Fabelzeit.
+
+Der neue Himmel, das ganz veraenderte Klima, die physische Beschaffenheit
+des Landes wirken weit staerker auf die gesellschaftlichen Zustaende in den
+Colonien ein, als die gaenzliche Trennung vom Mutterland. Die Schifffahrt
+hat im neuerer Zeit solche Fortschritte gemacht, dass die Muendungen des
+Orinoco und Rio de la Plata naeher bei Spanien zu liegen scheinen, als
+einst der Phasis und Tartessus von den griechischen und phoenicischen
+Kuesten. Man kann auch die Bemerkung machen, dass sich in gleich weit von
+Europa entfernten Laendern Sitten und Ueberlieferungen desselben im
+gemaessigten Erdstrich und auf dem Ruecken der Gebirge unter dem Aequator
+mehr erhalten haben, als in den Tieflaendern der heissen Zone. Die
+Aehnlichkeit der Naturumgebung traegt in gewissem Grad dazu bei, innigere
+Beziehungen zwischen den Colonisten und dem Mutterland aufrecht zu
+erhalten. Dieser Einfluss physischer Ursachen auf die Zustaende jugendlicher
+gesellschaftlicher Vereine tritt besonders auffallend hervor, wenn es sich
+von Gliedern desselben Volksstannnes handelt, die sich noch nicht lange
+getrennt haben. Durchreist man die neue Welt, so meint man ueberall da, wo
+das Klima den Anbau des Getreides gestattet, mehr Ueberlieferungen, einem
+lebendigeren Andenken an das Mutterlaud zu begegnen. In dieser Beziehung
+kommen Pennsylvanien, Neu-Mexico und Chili mit den hochgelegenen Plateaus
+von Quito und Neuspanien ueberein, die mit Eichen und Fichten bewachsen
+sind.
+
+Bei den Alten waren die Geschichte, die religioesen Vorstellungen und die
+physische Beschaffenheit des Landes durch unausloesliche Bande verknuepft.
+Um die Landschaften und die alten buergerlichen Stuerme des Mutterlandes zu
+vergessen, haette der Ansiedler auch dem von seinen Voreltern ueberlieferten
+Goetterglauben entsagen muessen. Bei den neueren Voelkern hat die Religion,
+so zu sagen, keine Localfarbe mehr. Das Christenthum hat den Kreis der
+Vorstellungen erweitert, es hat alle Voelker darauf hingewiesen, dass sie
+Glieder Einer Familie sind, aber eben damit hat es das Nationalgefuehl
+geschwaecht; es hat in beiden Welten die uralten Ueberlieferungen des
+Morgenlandes verbreitet, neben denen, die ihm eigenthuemlich angehoeren.
+Voelker von ganz verschiedener Herkunft und voellig abweichender Mundart
+haben damit gemeinschaftliche Erinnerungen erhalten, und wenn durch die
+Missionen in einem grossen Theil des neuen Festlandes die Grundlagen der
+Cultur gelegt worden sind, so haben eben damit die christlichen
+kosmogonischen und religioesen Vorstellungen ein merkbares Uebergewicht
+ueber die rein nationalen Erinnerungen erhalten.
+
+Noch mehr: die amerikanischen Colonien sind fast durchaus in Laendern
+angelegt, wo die dahingegangenen Geschlechter kaum eine Spur ihres Daseyns
+hinterlassen haben. Nordwaerts vom Rio Gila, an den Usern des Missouri, auf
+den Ebenen, die sich im Osten der Anden ausbreiten, gehen die
+Ueberlieferungen nicht ueber ein Jahrhundert hinauf. In Peru, in Guatimala
+und in Mexico sind allerdings Truemmer von Gebaeuden, historische Malereien
+und Bildwerke Zeugen der alten Kultur der Eingeborenen; aber in einer
+ganzen Provinz findet man kaum ein paar Familien, die einen klaren Begriff
+von der Geschichte der Incas und der mexikanischen Fuersten haben. Der
+Eingeborene hat seine Sprache, seine Tracht und seinen Volkscharakter
+behalten; aber mit dem Aufhoeren des Gebrauches der Quippus und der
+symbolischen Malereien, durch die Einfuehrung des Christentums und andere
+Umstaende, die ich anderswo auseinander gesetzt, sind die geschichtlichen
+und religioesen Ueberlieferungen allmaehlich untergegangen. Andererseits
+sieht der Ansiedler von europaeischer Abkunft veraechtlich auf alles herab,
+was sich auf die unterworfenen Voelker bezieht. Er sieht sich in die Mitte
+gestellt zwischen die fruehere Geschichte des Mutterlandes und die seines
+Geburtslandes, und die eine ist ihm so gleichgueltig wie die andere; in
+einem Klima, wo bei dem geringen Unterschied der Jahreszeiten der Ablauf
+der Jahre fast unmerklich wird, ueberlaesst er sich ganz dem Genusses der
+Gegenwart und wirft selten einen Blick in Vergangene Zeiten.
+
+Aber auch welch ein Abstand zwischen der eintoenigen Geschichte neuerer
+Niederlassungen und dem lebenvollen Bilde, das Gesetzgebung, Sitten und
+politische Stuerme der alten Colonien darbieten! Ihre durch abweichende
+Regierungsformen verschieden gefaerbte geistige Bildung machte nicht selten
+die Eifersucht der Mutterlaender rege. Durch diesen gluecklichen Wetteifer
+gelangten Kunst und Literatur in Jonien, Grossgriechenland und Sicilien zur
+herrlichsten Entwicklung. Heutzutage dagegen haben die Colonien weder eine
+eigene Geschichte noch eine eigene Literatur. Die in der neuen Welt haben
+fast nie maechtige Nachbarn gehabt, und die gesellschaftlichen Zustaende
+haben sich immer nur allgemach umgewandelt. Des politischen Lebens bar,
+haben diese Handels- und Ackerbaustaaten an den grossen Welthaendeln immer
+nur passiven Antheil genommen.
+
+Die Geschichte der neuen Kolonien hat nur zwei merkwuerdige Ereignisse
+aufzuweisen, ihre Gruendung und ihre Trennung vom Mutterlande. Da Erstere
+ist reich an Erinnerungen, die sich wesentlich an die von den Colonisten
+bewohnten Laender knuepfen; aber statt Bilder des friedlichen Fortschrittes
+des Gewerbefleisses und der Entwickelung der Gesetzgebung in den Kolonien
+vorzufuehren, erzaehlt diese Geschichte nur von veruebtem Unrecht und von
+Gewaltthaten. Welchen Reiz koennen jene ausserordentlichen Zeiten haben, wo
+die Spanier unter Carls V. Regierung mehr Mut als sittliche Kraft
+entwickelten, und die ritterliche Ehre wie der kriegerische Ruhm durch
+Fanatismus und Golddurst befleckt wurden? Die Colonisten sind von sanfter
+Gemuethsart, sie sind durch ihre Lage den Nationalvorurtheilen enthoben,
+und so wissen sie die Thaten bei der Eroberung nach ihrem wahren Werthe zu
+schaetzen. Die Maenner, die sich damals ausgezeichnet, sind Europaeer, sind
+Krieger des Mutterlandes. In den Augen des Colonisten sind sie Fremde,
+denn drei Jahrhunderte haben hingereicht, die Bande des Blutes aufzuloesen.
+Unter den "Konquistadoren" waren sicher rechtschaffene und edle Maenner,
+aber sie verschwinden in der Masse und konnten der allgemeinen Verdammnis
+nicht entgehen.
+
+Ich glaube hiermit die hauptsaechlichsten Ursachen angegeben zu haben, aus
+denen in den heutigen Kolonien die Nationalerinnerungen sich verlieren,
+ohne dass andere, auf das nunmehr bewohnte Land sich beziehende, wuerdig in
+ihre Stelle traeten. Dieser Umstand, wir koennen es nicht genug wiederholen,
+aeussert einen bedeutenden Einfluss auf die ganze Lage der Ansiedler. In der
+stuermevollen Zeit einer staatlichen Wiedergeburt sehen sie sich auf sich
+selbst gestellt, und es ergeht ihnen, wie einem Volke, das es verschmaehte,
+seine Geschichtsbuecher zu befragen und aus den Unfaellen vergangner
+Jahrhunderte Lehren der Weisheit zu schoepfen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 44 Die Mannschaft der Schaluppe wurde haeufig von den Wellen durchnaesst;
+ wir wissen aber, dass unter dieser Breite die Temperatur des
+ Meerwassers nicht unter 23 deg. seyn kann, und dass die durch Verdunstung
+ entstehende Abkuehlung in Naechten, wo die Lufttemperaur selten ueber
+ 25 deg. steigt, nur unbetraechtlich ist.
+
+ 45 "Welche Eiseskaelte. Ich friere, als waere ich auf dem Ruecken der
+ Berge!" [Das provincielle Wort _emparamarse_ laesst sich nur durch
+ lange Umschreibung wiedergeben. _Paramo_, peruanisch _Puna_ ist ein
+ Name, den man auf allen Karten des spanischen Amerikas findet. Er
+ bedeutet in den Colonien weder eine Wueste noch eine "_lande_",
+ sondern einen gebirgigen, mit verkrueppelten Baeumen bewachsenen, den
+ Winden ausgesetzten Landstrich, wo es bestaendig nasskalt ist. In der
+ heissen Zone liegen die Paramos gewoehnlich 1600-2000 Toisen hoch. Es
+ faellt haeufig Schnee, der nur ein paar Stunden liegen bleibt; denn
+ man darf die Worte _Paramo_ und _Puna_ nicht, wie es den Geographen
+ haeufig begegnet, mit dem Wort _Nevado_ peruanisch _Ritticapa_
+ verwechseln, was einen zur Linie des ewigen Schnees emporragenden
+ Berg bedeutet. Diese Begriffe sind fuer die Geologie und die
+ Pflanzengeographie sehr wichtig, weil man in Laendern, wo noch kein
+ Berggipfel gemessen ist, eine richtige Vorstellung von der
+ *geringsten Hoehe* erhaelt, zu der sich die Cordilleren erheben, wenn
+ man die Worte _Paramo_ und _Nevado_ aussucht. Da die Paramos fast
+ bestaendig in kalten, dichten Nebel gehuellt sind, so sagt das Volk in
+ Santa Fe und Mexico: _cae un paramito_, wenn ein feiner Regen faellt
+ und die Lufttemperatur bedeutend abnimmt. Aus _Paramo_ hat man
+ _emparamarse_ gemacht, d. h. frieren, als waere man auf dem Ruecken
+ der Anden.
+
+ 46 Mit Ausnahme der Binnenmeere und der Laender, wo sich Polargletscher
+ bilden. Dieses Sichgleichbleiben des Salzgehaltes des Meeres
+ erinnert an die noch weit groessere Gleichfoermigkeit der Vertheilnng
+ des Sauerstoffs im Luftmeer. In beiden Elementen wird das
+ Gleichgewicht in der Loesung oder im Gemenge durch Stroemungen
+ hergestellt und erhalten.
+
+ 47 "_Insularum Cubaguae et Coches quondam fuit dignitos, quum unionum
+ captura floreret, nunc, illa deficiente, obscura admodum fama_"
+ Laet. Nov. Orbis, p. 669. Dieser sorgfaeltige Compilater sagt, wo er
+ von der Punta Araya spricht, weiter, das Land sey dergestalt in
+ Vergessenheit gerathen, "_ut vix ulla alia Americae meridionalis
+ pars hodie obscurior sit_"
+
+ 48 Es wundert mich, auf unsern Reisen nirgends gehoert zu haben, dass in
+ Suedamerika Perlen in Suesswassermuscheln gefunden worden waeren, und
+ doch kommen manche Arten der Gattung _Unio_ in den peruanischen
+ Fluessen in grosser Menge vor.
+
+
+
+
+
+SECHSTES KAPITEL
+
+
+ Die Berge von Neuandalusien -- Das Tal von Cumanacoa -- Der Gipfel
+ des Cocollar -- Missionen der Chaymasindianer
+
+
+Unserem ersten Ausflug auf die Halbinsel Araya folgte bald ein zweiter und
+lehrreicherer ins Innere des Gebirges zu den Missionen der
+Chaymasindianer. Gegenstaende von mannigfaltiger Anziehungskraft sollten
+uns dort in Anspruch nehmen. Wir betraten jetzt ein mit Waeldern bedecktes
+Land; wir sollten ein Kloster besuchen, das im Schatten von Palmen und
+Baumfarnen in einem engen Thale liegt, wo man, mitten im heissen Erdstrich,
+koestliche Kuehle geniesst. In den benachbarten Bergen gibt es dort Hoehlen,
+welchen von Tausenden von Nachtvoegeln bewohnt sind, und was noch
+lebendiger zur Einbildungskraft spricht als alle Wunder der physischen
+Welt, jenseits dieser Berge lebt ein vor Kurzem noch nomadisches Volk,
+kaum aus dem Naturzustande getreten, wild, jedoch nicht barbarisch,
+geistesbeschraenkt, nicht weil es lange versunken war, sondern weil es eben
+nichts weiss. Zu diesen so maechtig anziehenden Gegenstaenden kamen noch
+geschichtliche Erinnerungen. Am Vorgebirge Paria sah Kolumbus zuerst das
+Festland; hier laufen die Taeler aus, die bald von den kriegerischen,
+menschenfressenden Caraiben, bald von den zivilisierten Handelsvoelkern
+Europas verwuestet wurden. Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wurden
+die ungluecklichen Einwohner auf den Kuesten von Carupano, Macarapas und
+Caracas behandelt, wie zu unsrer Zeit die Einwohner der Kueste von Guinea.
+Bereits wurden die Antillen angebaut und man fuehrte dort die Gewaechse der
+Alten Welt ein; aber in Terra Firma kam es lange zu keienr ordentlichen
+und planmaessigen Niederlassung. Die Spanier besuchten die Kueste nur, um
+sich mit Gewalt oder im Tauschhandel Sklaven, Perlen, Goldkoerner und
+Farbholz zu verschaffen. Durch den Schein gewaltigen Religionseifers
+meinte man diese unersaettliche Habsucht in eine hoehere Sphaere zu heben. So
+hat jedes Jahrhundert seine eigene geistige und sittliche Farbe.
+
+Der Handel mit den kupferfarbigen Eingebornen fuehrte zu denselben
+Unmenschlichkeiten wie der Negerhandel; er hatte auch dieselben Folgen,
+Sieger und Unterworfene verwilderten dadurch. Von Stunde an wurden die
+Kriege unter den Eingeborenen haeufiger; die Gefangenen wurden aus dem
+innern Lande an die Kueste geschleppt und an die Weissen verkauft, die sie
+auf ihren Schiffen fesselten. Und doch waren die Spanier damals und noch
+lange nachher eines der civilisirtesten Voelker Europas. Ein Abglanz der
+Herrlichkeit, in der in Italien Kunst und Literatur bluehten, hatte sich
+ueber alle Voelker verbreitet, deren Sprache dieselbe Quelle hat wie die
+Sprache Dantes und Petrarcas. Man sollte glauben, in dieser maechtigen
+geistigen Entwicklung, bei solch erhabenem Schwung der Einbildungskraft
+haetten sich die Sitten saenftigen muessen. Aber jenseits der Meere, ueberall,
+wo der Golddurst zum Missbrauch der Gewalt fuehrt, haben die europaeischen
+Voelker in allen Abschnitten der Geschichte denselben Charakter entwickelt.
+Das herrliche Jahrhundert Leos X. trat in der neuen Welt mit einer
+Grausamkeit auf, wie man sie nur den finstersten Jahrhunderten zutrauen
+sollte. Man wundert sich aber nicht so sehr ueber das entsetzliche Bild der
+Eroberung von Amerika, wenn man daran denkt, was trotz der Segnungen einer
+menschlicheren Gesetzgebung noch jetzt auf den Westkuesten von Afrika
+vorgeht.
+
+Der Sklavenhandel hatte dank den von Karl V. zur Geltung gebrachten
+Gundsaetzen auf Terra Firma laengst aufgehoert; aber die Conquistadoren
+setzten ihre Streifzuege ins Land fort, und damit den kleinen Krieg, der
+die amerikanische Bevoelkerung herabbrachte, dem Nationalhass immer frische
+Nahrung gab, auf lange Zeit die Keime der Cultur erstickte. Es war Pflicht
+der Religion, dass sie der Menschheit einigen Trost brachte fuer die Greuel,
+die in iherem Namen veruebt worden; sie fuehrte fuer die Eingeborenen das
+Wort vor dem Richterstuhl der Koenige, sie widersetzte sich den
+Gewalttaetigkeiten der Pfruendeninhaber, sie vereinigte umherziehende Staemme
+zu den kleinen Gemeinden, die man *Missionen* nennt und die der
+Entwickelung des Ackerbaues Vorschub leisten. So haben sich allmaehlich,
+aber in gleichfoermiger, planmaessiger Entwicklung jene grossen moenchischen
+Niederlassungen gebildet, jenes merkwuerdige Regiment, das immer darauf
+hinausgeht, sich abzuschliessen, und Laender, die vier und fuenfmal groesser
+sind als Frankreich, den Moenchsorden unterwirft.
+
+Einrichtungen, die trefflich dazu dienten, dem Blutvergiessen Einhalt zu
+thun und den ersten Grund zur gesellschaftlichen Entwicklung zu legen,
+sind in der Folge dem Fortschritt derselben hindelich geworden. Die
+Abschliessung hatte zur Folge, dass die Indianer so ziemlich blieben, was
+sie waren, als ihre zerstreuten Huetten noch nicht um das Haus des
+Missionars beisammen lagen. Ihre Zahl hat ansehnlich zugenommen,
+keineswegs aber ihr geistiger Gesichtskreis.
+
+Sie haben mehr und mehr von der Charakterstaerke und der natuerlichen
+Lebendigkeit eingebuesst, die aus allen Stufen menschlicher Entwicklung die
+edlen Fruechte der Unabhaengigkeit sind. Man hat Alles bei ihnen, sogar die
+unbedeutendsten Verrichtungen des haeuslichen Lebens, der unabaenderlichen
+Regel unterworfen, und so hat man sie gehorsam gemacht, zugleich aber auch
+dumm. Ihr Lebensunterhalt ist meist gesicherter, ihre Sitten sind milder
+geworden; aber der Zwang und das truebselige Einerlei des Missionsregiments
+lastet auf ihnen und ihr duesteres, verschlossenes Wesen verraeth, wie
+ungern sie die Freiheit der Ruhe zum Opfer gebracht haben. Die Moenchszucht
+innerhalb der Klostermauern entzieht zwar dem Staate nuetzliche Buerger,
+indessen mag sie immerhin hie und da Leidenschaften zur Ruhe bringen,
+grosse Schmerzen lindern, der geistigen Vertiefung foerderlich seyn; aber in
+die Wildnisse der neuen Welt verpflanzt, auf alle Beziehungen des
+buergerlichen Lebens angewendet, muss sie desto verderblicher wirken, je
+laenger sie andauert. Sie haelt von Geschlecht zu Geschlecht die geistige
+Entwicklung nieder, sie hemmt den Verkehr unter den Voelkern, sie weist
+Alles ab, was die Seele erhebt und den Vorstellungskreis erweitert. Aus
+allen diesen Ursachen zusammen verharren die Indianer in den Missionen in
+einem Zustand von Uncultur, der Stillstand heissen muesste, wenn nicht auch
+die menschlichen Vereine denselben Gesetzen gehorchten, wie die
+Entwicklung des menschlichen Geistes ueberhaupt, wenn sie nicht
+Rueckschritte machten, eben weil sie nicht fortschreiten.
+
+Am 4. September um 5 Uhr morgens brachen wir zu unserem Ausflug zu den
+Chaymas-Indianern und in die hohe Gebirgsgruppe von Neu-Andalusien auf.
+Man hatte uns geraten, wegen der sehr beschwerlichen Wege unser Gepaeck
+moeglichst zu beschraenken. Zwei Lasttiere reichten auch hin, unseren
+Mundvorrat, unsere Instrumente und das noetige Papier zum Pflanzentrocknen
+zu tragen. In derselben Kiste waren ein Sextant, ein Inclinationscompass,
+ein Apparat zur Ermittlung der magnetischen Declination, Thermometer und
+ein Saussure'scher Hygrometer. Auf diese Jnstrumente beschraenkten wir uns
+bei kleineren Ausfluegen immer. Mit dem Barometer musste noch vorsichtiger
+umgegangen werden, als mit dem Chronometer, und ich bemerke hier, dass kein
+Instrument dem Reisenden mehr Last und Sorge macht. Wir liessen ihn in den
+fuenf Jahren von einem Fuehrer tragen, der uns zu Fuss begleitete, aber
+selbst diese ziemlich kostspielige Vorsicht schuetzte ihn nicht immer vor
+Beschaedigung. Nachdem wir die Zeiten von Ebbe und Fluth im Luftmeere genau
+beobachtet, das heisst die Stunden, zu denen der Barometer unter den Tropen
+taeglich regelmaessig steigt und faellt, sahen wir ein, dass wir das Relief des
+Landes mittelst des Barometers wuerden aufnehmen koennen, ohne
+correspondirende Beobachtungen in Cumana zu Huelfe zu nehmen. Die groessten
+Schwankungen im Luftdruck betragen in diesem Klima an der Kueste nur
+1-1,3 Linien, und hat man ein einziges mal, an welchem Ort und zu welcher
+Stunde es sey, die Quecksilberhoehe beobachtet, so lassen sich mit
+ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Abweichungen von diesem Stand das ganze
+Jahr hindurch und zu allen Stunden des Tages und der Nacht angeben. Es
+ergibt sich daraus, dass im heissen Erdstrich durch den Mangel an
+correspondirenden Beobachtungen nicht leicht Fehler entstehen koennen, die
+mehr als 12-15 Toisen ausmachen, was wenig zu bedeuten hat, wenn es sich
+von geologischen Aufnahmen, oder vom Einfluss der Hoehe auf das Klima und
+die Vertheilung der Gewaechse handelt.
+
+Der Morgen war koestlich kuehl. Der Weg oder vielmehr der Fusspfad nach
+Cumanacoa fuehrt am rechten Ufer des Manzanares hin ueber das
+Kapuzinerhospiz, das in einem kleinen Gehoelze von Gayacbaeumen und
+baumartigen Capparis liegt. Nachdem wir von Cumana aufgebrochen, hatten
+wir auf dem Huegel von San Francisco in der kurzen Morgendaemmerung eine
+weite Aussicht ueber die See, ueber die mit goldgelb bluehender Bava
+[_Zygophyllum arboreum, Jacq._] bedeckte Ebene und die Berge des
+Brigantin. Es fiel uns auf, wie nahe uns die Cordillere gerueckt schien,
+bevor die Scheibe der ausgehenden Sonne den Horizont erreicht hatte. Das
+Blau der Berggipfel ist dunkler, ihre Umrisse erscheinen schaerfer, ihre
+Massen treten deutlicher hervor, so lange nicht die Durchsichtigkeit der
+Luft durch die Duenste beeintraechtigt wird, die Nachts in den Thaelern
+lagern und im Maasse, als die Luft sich zu erwaermen beginnt, in die Hoehe
+steigen.
+
+Beim Hospiz Divina Pastora wendet sich der Weg nach Nordost und laeuft zwei
+Meilen ueber einen baumlosen Landstrich, der frueher Seeboden war. Man
+findet hier nicht nur Cactus, Buesche des cistusblaetterigen Tribulus und
+die schoene purpurfarbige Euphorbie, die in Havana unter dem seltsamen
+Namen _Dictamno real_ gezogen wird, sondern auch _Aviceunia_, _Allionia_,
+_Peruvium_, _Thalinum_ und die meisten Portulaceen, die am Golf von
+Cariaco vorkommen. Diese geographische Vertheilung der Gewaechse weist, wie
+es scheint, auf den Umriss der alten Kueste hin und spricht dafuer, dass, wie
+oben bemerkt worden, die Huegel, an deren Suedabhang wir hinzogen, einst
+eine durch einen Meeresarm vom Festland getrennte Insel bildeten.
+
+Nach zwei Stunden Weges gelangten wir an den Fuss der hohen Bergkette im
+Inneren, die vom Brigantin bis zum Cerro de San Lorenzo von Ost nach West
+streicht. Hier beginnen neue Gebirgsarten und damit ein anderer Habitus
+des Pflanzenwuchses. Alles erhaelt einen grossartigeren, malerischeren
+Charakter. Der quellenreiche Boden ist nach allen Richtungen von
+Wasserfaeden durchzogen. Baeume von riesiger Hoehe, mit Schlinggewaechsen
+bedeckt, steigen aus den Schluchten empor; ihre schwarze, von der
+Sonnengluth und vom Sauerstoff der Luft verbrannte Rinde sticht ab vom
+frischen Gruen der Pothos und der Dracontien, deren lederartige glaenzende
+Blaetter nicht selten mehrere Fuss lang sind. Es ist nicht anders, als ob
+unter den Tropen die parasitischen Monocotyledonen die Stelle des Mooses
+und der Flechten unserer noerdlichen Landstriche vertraeten. Je weiter wir
+kamen, desto mehr erinnerten uns die Gesteinmassen sowohl nach Gestalt als
+Gruppierung an Schweizer und Tiroler Landschaften. In diesen
+amerikanischen Alpen wachsen noch in bedeutenden Hoehen Helikonien,
+Cosstus, Maranta und andere Pflanzen aus der Familie der Canna-Arten, die
+in der Naehe der Kueste nur niedrige, feuchte Orte aufsuchen. So kommt es,
+dass die heisse Erdzone und das noerdliche Europa die interessante
+Eigentuemlichkeit gemein haben, dass in einer bestaendig mit Wasserdampf
+erfuellten Luft, wie auf einem vom schmelzenden Schnee durchfeuchteten
+Boden die Vegetation in den Gebirgen ganz den Charakter einer
+Sumpfvegetation zeigt.
+
+Wir kamen in der Schlucht los Frailes und zwischen Cuesta de Caneyes und
+dem Rio Guriental an Huetten vorbei, die von Mestizen bewohnt sind. Jede
+Huette liegt mitten in einem Gehege, das Bananenbaeume, Melonenbaeume,
+Zuckerrohr und Mais einfriedigt. Man muesste sich wundern, wie klein diese
+Flecke urbar gemachten Landes sind, wenn man nicht bedaechte, dass ein mit
+Pisang angepflanzter Morgen Landes gegen zwanzigmal mehr Nahrungsstoff
+liefert, als die gleiche mit Getreide bestellte Flaeche. In Europa bedecken
+unsere nahrhaften Grasarten, Weizen, Gerste, Roggen, weite Landstrecken;
+ueberall, wo die Voelker sich von Cerealien naehren, stossen die bebauten
+Grundstuecke nothwendig an einander. Anders in der heissen Zone, wo der
+Mensch sich Gewaechse aneignen konnte, die ihm weit reichere und fruehere
+Ernten liefern. In diesen gesegneten Landstrichen entspricht die
+unermessliche Fruchtbarkeit des Bodens der Gluthhitze und der Feuchtigkeit
+der Lust. Ein kleines Stueck Boden, auf dem Bananenbaeume, Manioc, Yams und
+Mais stehen, ernaehrt reichlich eine zahlreiche Bevoelkerung. Dass die Huetten
+einsam im Walde zerstreut liegen, wird fuer den Reisenden ein Merkmal der
+Ueberfuelle der Natur; oft reicht ein ganz kleiner Fleck urbaren Landes fuer
+den Bedarf mehrerer Familien hin.
+
+Diese Betrachtungen ueber den Ackerbau in heissen Landstrichen erinnern von
+selbst daran, welch inniger Verband zwischen dem Umfang des urbar
+gemachten Landes und dem gesellschaftlichen Fortschritt besteht. So gross
+die Fuelle der Lebensmittel ist, die dieser Reichthum des Bodens, die
+strotzende Kraft der organischen Natur hervorbringt, dennoch wird die
+Culturentwicklung der Voelker dadurch niedergehalten. In einem milden,
+gleichfoermigen Klima kennt der Mensch kein anderes dringendes Beduerfniss
+als das der Nahrung. Nur wenn dieses Beduerfniss sich geltend macht, fuehlt
+er sich zur Arbeit getrieben, und man sieht leicht ein, warum sich im
+Schoosse des Ueberflusses, im Schatten von Bananen- und Brodfruchtbaeumen,
+die Geistesfaehigkeiten nicht so rasch entwickeln als unter einem strengen
+Himmel, in der Region der Getreidearten, wo unser Geschlecht in ewigem
+Kampf mit den Elementen liegt. Wirft man einen Blick auf die von
+ackerbautreibenden Voelkern bewohnten Laender, so sieht man, dass die
+bebauten Grundstuecke durch Wald von einander getrennt bleiben oder
+unmittelbar an einander stossen, und dass solches nicht nur von der Hoehe der
+Bevoelkerung, sondern auch von der Wahl der Nahrungsgewaechse bedingt wird.
+In Europa schaetzen wir die Zahl der Einwohner nach der Ausdehnung des
+urbaren Landes; unter den Tropen dagegen, im heissesten und feuchtesten
+Striche von Suedamerika, scheinen sehr stark bevoelkerte Provinzen beinahe
+wueste zu liegen, weil der Mensch zu seinem Lebensunterhalt nur wenige
+Morgen bebaut.
+
+Diese Umstaende, die alle Aufmerksamkeit verdienen, geben sowohl der
+physischen Gestaltung des Landes als dem Charakter der Bewohner ein
+eigenes Gepraege; beide erhalten dadurch in ihrem ganzen Wesen etwas
+Wildes, Rohes, wie es zu einer Natur passt, deren urspruengliche
+Physiognomie durch die Kunst noch nicht verwischt ist. Ohne Nachbarn, fast
+ohne allen Verkehr mit Menschen, erscheint jede Ansiederfamilie wie ein
+vereinzelter Volksstamm. Diese Vereinzelung hemmt den Fortschritt der
+Kultur, die sich nur in dem Maass entwickeln kann, als der Menschenverein
+zahlreicher wird und die Bande zwischen den einzelnen sich fester knuepfen
+und vervielfaeltigen; die Einsamkeit entwickelt aber auch und staerkt im
+Menschen das Gefuehl der Unabhaengigkeit und Freiheit; sie naehrt jenen
+Stolz, der von jeher die Voelker von castilianischem Blute ausgezeichnet
+hat.
+
+Dieselben Ursachen, deren maechtiger Einfluss uns weiterhin noch oft
+beschaeftigen wird, haben zur Folge, dass dem Boden, selbst in den am
+staerksten bevoelkerten Laendern des tropischen Amerika, der Anstrich von
+Wildheit erhalten bleibt, der in gemaessigten Klimaten sich durch den
+Getreidebau verliert. Unter den Tropen nehmen die ackerbauenden Voelker
+weniger Raum ein; die Herrschaft des Menschen reicht nicht so weit; er
+tritt nicht als unumschraenkter Gebieter auf, der die Bodenoberflaeche nach
+Gefallen modelt, sondern wie ein fluechtiger Gast, der in Ruhe des Segens
+der Natur geniesst. In der Umgegend der volkreichsten Staedte starrt der
+Boden noch immer von Waeldern oder ist mit einem dichten Pflanzenfilz
+ueberzogen, den niemals eine Pflugschar zerrissen hat. Die wildwachsenden
+Pflanzen beherrschen noch durch ihre Masse die angebauten Gewaechse und
+bestimmen allein den Charakter der Landschaft. Allem Vermuthen nach wird
+dieser Zustand nur aeusserst langsam einem andern Platz machen. Wenn in
+unsern gemaessigten Landstrichen es besonders der Getreidebau ist, der dem
+urbaren Lande einen so truebselig eintoenigen Anstrich gibt, so erhaelt sich,
+aller Wahrscheinlichkeit nach, in der heissen Zone selbst bei zunehmender
+Bevoelkerung die Grossartigkeit der Pflanzengestalten, das Gepraege einer
+jungfraeulichen, ungezaehmten Natur, wodurch diese so unendlich anziehend
+und malerisch wird. So werden denn, in Folge einer merkwuerdigen
+Verknuepfung physischer und moralischer Ursachen, durch Wahl und Ertrag der
+Nahrungsgewaechse drei wichtige Momente vorzugsweise bestimmt: das
+gesellige Beisammenleben der Familien oder ihre Vereinzelung, der raschere
+oder langsamere Fortschritt der Cultur, und die Physiognomie der
+Landschaft.
+
+Je tiefer wir in den Wald hineinkamen, desto mehr zeigte uns das
+Barometer, dass der Boden mehr anstieg. Die Baumstaemme boten uns hier einen
+ganz eigenen Anblick; eine Grasart mit quirlfoermigen Zweigen klettert,
+gleich einer Liane, acht, zehn Fuss [2,6 bis 3,25 m hoch] und bildet ueber
+dem Wege Gewinde, die sich im Luftzuge schaukeln. Gegen drei Uhr
+nachmittags hielten wir auf einer kleinen Hochebene an, *Quetepe* genannt,
+die etwa 190 Toisen [370 m] ueber dem Meere liegt. Es stehen hier einige
+Huetten an einer Quelle, deren Wasser bei den Eingeborenen als sehr kuehl
+und gesund beruehmt ist. Wir fanden das Wasser wirklich ausgezeichnet; es
+zeigte 22,5 deg. der hundertteiligen Scale (18 deg. R.), waehrend das Thermometer
+an der Luft auf 28,7 deg. stand. Die Quellen, die von benachbarten hoeheren
+Bergen herabkommen, geben haeufig eine zu rasche Abnahme der Luftwaerme an.
+Nimmt man als mittlere Temperatur des Wassers an der Kueste von Cumana 26 deg.
+an, so folgt daraus, wenn nicht andere lokale Ursachen auf die Temperatur
+der Quellen Einfluss aeussern, dass die Quelle von Quetepe sich erst in mehr
+als 350 Toifen absoluter Hoehe so bedeutend abkuehlt. Da hier von Quellen
+die Rede ist, die in der heissen Zone in der Ebene oder in unbedeutender
+Hoehe zu Tage kommen, so sey bemerkt, dass nur in Laendern, wo die mittlere
+Sommertemperatur von der durchschnittlichen des ganzen Jahres bedeutend
+abweicht, die Einwohner in der heissesten Jahreszeit sehr kaltes
+Quellwasser trinken koennen. Die Lappen bei Umeo und Soersele, unter dem 65.
+Breitegrad, erfrischen sich an Quellen, deren Temperatur im August kaum
+2 bis 3 Grad ueber dem Frierpunkt steht, waehrend bei Tage die Luftwaerme im
+Schatten auf 26 oder 27 Grad steigt. In unsern gemaessigten Landstrichen, in
+Frankreich und Deutschland, ist der Abstand zwischen der Luft und den
+Quellen niemals ueber 16-17 Grad, und unter den Tropen steigt er selten auf
+6-7 Grad. Man gibt sich leicht Rechenschaft von diesen Erscheinungen, wenn
+man weiss, dass die Temperatur in der Tiefe des Bodens und die der
+unterirdischen Quellen fast ganz uebereinkonnnt mit der mittleren
+Jahrestemperatur der Luft, und dass diese von der mittleren Sommerwaerme
+desto mehr abweicht, je mehr man sich vom Aequator entfernt. -- Die
+magnetische Inclination war in Quetepe 40 deg.,7 der hunderttheiligen Scale,
+der Cyanometer gab das Blau des Himmels im Zenith nur zu 84 deg. an, ohne
+Zweifel weil die Regenzeit seit mehreren Tagen begonnen und die Luft
+bereits Wasserdunst aufgenommen hatte.
+
+Auf einem Sandsteinhuegel ueber der Quelle hatten wir eine prachtvolle
+Aussicht auf das Meer, das Vorgebirge Macanao und die Halbinsel
+Maniquarez. Ein ungeheurer Wald breitete sich zu unseren Fuessen bis zum
+Ocean hinab; die Baumwipfel, mit Lianen behangen, mit langen
+Bluethenbuescheln gekroent, bildeten einen ungeheuren gruenen Teppich, dessen
+tiefdunkle Faerbung das Licht in der Luft noch glaenzender erscheinen liess.
+Dieser Anblick ergriff uns um so mehr, da uns hier zum erstenmal die
+Vegetation der Tropen in ihrer Massenhaftigkeit entgegentrat. Auf dem
+Huegel von Quetepe, unter den Staemmen von _Malpighia corolloboefolia_ mit
+stark lederartigen Blaettern, in Gebueschen von _Polygala montana_, brachen
+wir die ersten Melastomen, namentlich die schoene Art, die unter dem Namen
+_Melastoma rufescens_ beschrieben worden. Dieser Aussichtspunkt wird uns
+lange in Gedaechtnis bleiben; der Reisende behaelt die Orte lieb, wo er
+zuerst ein Pflanzengeschlecht angetroffen, das er bis dahin nie wild
+wachsend gesehen.
+
+Weiter gegen Suedwest wird der Boden duerr und sandig; wir erstiegen eine
+ziemlich hohe Berggruppe, welche die Kueste von den grossen Ebenen oder
+Savannen an den Ufern des Orinoko trennt. Der Teil dieser Berggruppe,
+durch den der Weg nach Cumanacoa laeuft, ist pflanzenlos und faellt gegen
+Nord und Sued steil ab. Er fuehrt den Namen *Imposible*, weil man meint, bei
+einer feindlichen Landung wuerden die Einwohner von Cumana auf diesem
+Gebirgskamm eine Zufluchtsstaette finden. Wir kamen kurz vor
+Sonnenuntergang auf dem Gipfel an, und ich konnte eben noch ein paar
+Stundenwinkel aufnehmen, um mittelst des Chronometers die Laenge des Orts
+zu bestimmen.
+
+Die Aussicht auf dem Imposible ist noch schoener und weiter als auf der
+Ebene Quetepe. Deutlich konnten wir mit blossem Auge den abgestutzten
+Gipfel des Brigantin, dessen geographische Lage genau zu kennen so wichtig
+waere, den Landungsplatz und die Rhede von Cumana sehen. Die Felsenkueste
+von Araya lag nach ihrer ganzen Laenge vor uns. Besonders fiel uns die
+merkwuerdige Bildung eines Hafens auf, den man _Laguna grande_ oder _Laguna
+de Obispo_ nennt. Ein weites, von hohen Bergen umgebenes Becken steht
+durch einen schmalen Canal, durch den nur Ein Schiff fahren kann, mit dem
+Meerbusen von Cariaco in Verbindung. In diesem Hafen, den Fidalgo genau
+aufgenommen hat, koennten mehrere Geschwader neben einander ankern. Es ist
+ein voellig einsamer Ort, den nur einmal im Jahr die Fahrzeuge besuchen,
+welche Maulthiere nach den Antillen bringen. Hinten in der Bucht liegen
+einige Weiden. Unser Blick verfolgte die Windungen des Meeresarms, der
+sich wie ein Fluss durch senkrechte, kahle Felsen sein Bett gegraben hat.
+Dieser merkwuerdige Anblick erinnert an die phantastische Landschaft, die
+Leonardo da Vinci aus dem Hintergrund seines beruehmten Bildnisses der
+Joconda [Mona Lisa, Gattin des Francesco del Gioconde] angebracht hat.
+
+Wir konnten mit dem Chronometer den Moment beobachten, in dem die
+Sonnenscheibe den Meereshorizont beruehrte. Die erste Beruehrung fand statt
+um 6 Uhr 8 Minuten 13 Secunden, die zweite um 6 Uhr 10 Min. 26 Sec.
+mittlere Zeit. Diese Beobachtung, die fuer die Theorie der irdischen
+Strahlenbrechung nicht ohne Belang ist, wurde auf dem Gipfel des Berges in
+296 Toisen absoluter Hoehe angestellt. Mit dem Untergang der Sonne trat
+eine sehr rasche Abkuehlung der Luft ein. Drei Minuten nach der letzten
+scheinbaren Beruehrung der Scheibe mit dem Meereshorizont fiel das
+Thermometer ploetzlich von 25,2 deg. auf 21,3 deg.. Wurde diese auffallende
+Abkuehlung etwa durch einen aufsteigenden Strom bewirkt? Die Luft war
+indessen ruhig und kein wagrechter Luftzug zu bemerken.
+
+Die Nacht brachten wir in einem Hause zu, wo ein Militaerposten von acht
+Mann unter einem spanischen Unteroffizier liegt. Es ist ein Hospiz, das
+neben einem Pulvermagazin liegt und wo der Reisende alle Bequemlichkeit
+findet. Dasselbe Commando bleibt fuenf bis sechs Monate lang auf dem Berg.
+Man nimmt dazu vorzugsweise Soldaten, die *Chacras* oder Pflanzungen in
+der Gegend haben. Als nach der Einnahme der Insel Trinidad durch die
+Englaender im Jahr 1797 der Stadt Cumana ein Angriff drohte, fluechteten
+sich viele Einwohner nach Cumanacoa und brachten ihre werthvollste Habe in
+Schuppen unter, die man in der Eile auf dem Gipfel des Imposible
+aufgeschlagen. Man war entschlossen, bei einem ploetzlichen feindlichen
+Ueberfall nach kurzem Widerstand das Schloss San Antonio aufzugeben und die
+ganze Kriegsmacht der Provinz um den Berg zusammenzuziehen, der als der
+Schluessel der Llanos anzusehen ist. Die kriegerischen Ereignisse, deren
+Schauplatz nach der seitdem eingetretenen politischen Umwaelzung diese
+Gegend wurde, haben bewiesen, wie richtig jener erste Plan berechnet war.
+
+Der Gipfel des Imposible ist, soweit meine Beobachtung reicht, mit einem
+quarzigen, versteinerungslosen Sandstein bedeckt. Die Schichten desselben
+streichen hier wie auf dem Ruecken der benachbarten Berge ziemlich
+regelmaessig von Nord-Nord-Ost nach Sued-Sued-West. Diese Richtung ist auch im
+Urgebirge der Halbinsel Araya und laengs der Kueste von Venezuela die
+haeufigste. Am noerdlichen Abhang des Imposible, bei Penas Negras, kommt aus
+dem Sandstein, der mit Schieferthon wechsellagert, eine starke Quelle zu
+Tag. Man sieht an diesem Punkt von Nordwest nach Suedost streichende,
+zerbrochene, fast senkrecht ausgerichtete Schichten.
+
+Die Llaneros, das heisst die Bewohner der Ebenen, schicken ihre Produkte,
+namentlich Mais, Leder und Vieh ueber den Imposible in den Hafen von
+Cumana. Wir sahen rasch hintereinander Indianer oder Mulatten mit
+Maulthieren ankommen. Der einsame Ort erinnerte mich lebhaft an die
+Naechte, die ich oben auf dem St. Gotthard zugebracht. Es brannte an
+mehreren Stellen in den weiten Waldungen um den Berg. Die roethlichen, halb
+in ungeheure Rauchwolken gehuellten Flammen gewaehrten das grossartigste
+Schauspiel. Die Einwohner zuenden die Waelder an, um die Weiden zu
+verbessern und das Unterholz zu vertilgen, unter dem das Gras erstickt,
+das hierzulande schon selten genug ist. Haeufig entstehen auch ungeheure
+Waldbraende durch die Unvorsichtigkeit der Indianer, die auf ihren Zuegen
+die Feuer, an denen sie gekocht haben, nicht ausloeschen. Durch diese
+Zufaelle sind auf dem Wege von Cumana nach Cumanacoa die alten Baeume
+seltener geworden; und die Einwohner machen die richtige Bemerkung, dass an
+verschiedenen Orten der Provinz die Trockenheit zugenommen habe, nicht
+allein weil der Boden durch die vielen Erdbeben von Jahr zu Jahr mehr
+zerklueftet wird, sondern auch weil er nicht mehr so stark bewaldet ist wie
+zur Zeit der Eroberung.
+
+Ich stand Nachts auf, um die Breite des Orts nach dem Durchgang Fomahaults
+durch den Meridian zu bestimmen. Es war Mitternacht; ich starrte vor
+Kaelte, wie unser Fuehrer, und doch stand der Thermometer noch auf 19 deg.,7
+(15 deg. R.). In Cumana sah ich ihn nie unter 21 deg. fallen; aber das Haus auf
+dem Imposible, in dem wir die Nacht zubrachten, lag auch 258 Toisen ueber
+dem Meeresspiegel. Bei der Casa de la Polvora beobachtete ich die
+Inclination der Magnetnadel; sie war gleich 40 deg.,5. Die Zahl der
+Schwingungen in zehn Minuten Zeit betrug 233; die Intensitaet der
+magnetischen Kraft hatte somit zwischen der Kueste und dem Berg zugenommen,
+was vielleicht von eisenschuessigem Gestein herruehrte, das die auf dem
+Alpenkalk gelagerten Sandsteinschichten enthalten mochten.
+
+Am 5. September vor Sonnenaufgang brachen wir vom Imposible auf. Der Weg
+abwaerts ist fuer Lasttiere sehr gefaehrlich; der Pfad ist meist nur 15 Zoll
+[40 cm] breit und laeuft beiderseits an Abgruenden hin. Im Jahr 1797 hatte
+man sehr zweckmaessig beschlossen, von St. Fernando bis an den Berg eine
+gute Strasse anzulegen. Die Strasse war sogar zu einem Drittheil bereits
+fertig; leider hatte man damit in der Ebene am Fuss des Imposible begonnen,
+und das schwierigste Stueck des Wegs wurde gar nicht in Angriff genommen.
+Die Arbeit gerieth aus einer der Ursachen ins Stocken, aus denen aus allen
+Fortschrittsprojekten in den spanischen Colonien nichts wird. Verschiedene
+Civilbehoerden nahmen das Recht in Anspruch, die Arbeit mit zu leiten. Das
+Volk bezahlte geduldig den Zoll fuer einen Weg, der gar nicht da war, bis
+der Statthalter von Cumana den Missbrauch abstellte.
+
+Wenn man vom Imposible herabkommt, sieht man den Alpenkalk unter dem
+Sandstein wieder zum Vorschein kommen. Da die Schichten meist nach Sued und
+Suedost fallen, so kommen am Suedabhang des Berges sehr viele Quellen zu
+Tag. In der Regenzeit werden diese Quellen zu reissenden Bergstroemen, die
+im Schatten von Hura, Cuspa und Cecropia mit silberglaenzenden Blaettern
+niederstuerzen.
+
+Die *Cuspa*, die in der Umgegend von Cumana und Bordones ziemlich haeufig
+vorkommt, ist ein den europaeischen Botanikern noch unbekannter Baum. Er
+diente lange nur als Bauholz uns seit dem Jahre 1797 unter dem Namen
+Cascarilla oder Quinquina von Neuandalusien beruehmt geworden. Sein Stamm
+wird kaum 15 bis 20 Fuss [5 bis 6,5 m] hoch; seine wechselstaendigen Blaetter
+sind glatt, ganzrandig, eifoermig. Seine sehr duenne, blassgelbe Rinde ist
+ein ausgezeichnetes Fiebermittel; dieselbe hat sogar mehr Bitterkeit als
+die Rinden der echten Cinchonen, aber diese Bitterkeit ist nicht so
+unangenehm. Die Cuspa wird mit sehr guten Erfolg als weingeistiger Extrakt
+und als waesseriger Aufguss sowohl bei Wechselfiebern als bei boesartigen
+Fiebern gegeben. Emparan, der Statthalter von Cumana, hat den Aerztn in
+Cadiz einen ansehnlichen Vorrat davon geschickt, und nach den kuerzlichen
+Mittheilungen Don Pedro Francos, Pharmaceuten am Militaerspital zu Cumana,
+hat man in Europa die Cuspa fuer fast ebenso wirksam erklaert, als die
+Quinquina von Santa Fe. Man behauptet, in Pulverform gereicht, habe sie
+vor letzterer den Vorzug, da sie bei Kranken mit geschwaechtem Unterleib
+den Magen weniger angreife.
+
+Als wir aus der Schlucht, die sich am Imposible hinabzieht, herauskamen,
+betraten wir einen dichten Wald, durch den eine Menge kleiner Fluesse
+laufen, die man leicht durchwatet. Wir machten die Bemerkung, dass die
+Cecropia, die durch die Stellung ihrer Aeste und den schlanken Stamm an
+den Palmenhabitus erinnert, je nachdem der Boden duerr oder sumpfig ist,
+mehr oder weniger silberfarbige Blaetter treibt. Wir sahen Staemme, deren
+Laub auf beiden Seiten ganz gruen war. Die Wurzeln dieser Baeume waren unter
+Bueschen von Dorstenia versteckt, die nur feuchte, schattige Orte liebt.
+Mitten im Wald, an den Ufern des Rio Erdeno, findet man, wie am Suedabhang
+des Cocollar, Melonenbaeume und Orangenbaeume mit grossen suessen Fruechten wild
+wachsend. Es sind wahrscheinlich Ueberbleibsel einiger Conucas oder
+indianischer Pflanzungen; denn auch der Orangenbaum kann in diesen
+Landstrichen nicht zu den urspruenglich hier heimischen Gewaechsen gerechnet
+werden, so wenig wie der Pisang, der Melonenbaum, der Mais, der Manioc und
+so viele andere nutzbare Gewaechse, deren eigentliche Heimat wir nicht
+kennen, obgleich sie den Menschen seit uralter Zeit auf seinen Wanderungen
+begleitet haben.
+
+Wenn ein eben aus Europa angekommener Reisender zum erstenmal die Waelder
+Suedamerikas betritt, so hat er ein ganz unerwartetes Naturbild vor sich.
+Alles was er sieht, erinnert nur entfernt an die Schilderungen, welche
+beruehmte Schriftsteller an den Ufern des Mississippi, in Florida und in
+andern gemaessigten Laendern der neuen Welt entworfen haben. Bei jedem
+Schritt fuehlt er, dass er sich nicht an den Grenzen der heissen Zone
+befindet, sondern mitten darin, nicht auf einer der antillischen Inseln,
+sondern auf einem gewaltigen Continent, wo Alles riesenhaft ist, Berge,
+Stroeme und Pflanzenmassen. Hat er Sinn fuer landschaftliche Schoenheit, so
+weiss er sich von seinen mannigfaltigen Empfindungen kaum Rechenschaft zu
+geben. Er weiss nicht zu sagen, was mehr sein Staunen erregt, die
+feierliche Stille der Einsamkeit oder die Schoenheit der einzelnen
+Gestalten und ihrer Kontraste oder die Kraft und die Fuelle des
+vegetabilischen Lebens. Es ist als haette der mit Gewaechsen ueberladene
+Boden gar nicht Raum genug zu ihrer Entwicklung. Ueberall verstecken sich
+die Baumstaemme hinter einen gruenen Teppich, und wollte man all die
+Orchideen, die Pfeffer- und Pothosarten, die auf einem einzigen
+Heuschreckenbaum oder amerikanischen Feigenbaum [_Ficus gigantea._]
+wachsen, sorgsam verpflanzen, so wuerde ein ganzes Stueck Land damit
+bedeckt. Durch diese wunderliche Aufeinanderfolge erweitern die Waelder,
+wie die Fels und Gebirgswaende, den Bereich der organischen Natur. --
+Dieselben Lianen, die am Boden kriechen, klettern zu den Baumwipfeln empor
+und schwingen sich, mehr als hundert Fuss [30 m] hoch, vom einen zum
+anderen. So kommt es, dass, da die Schmarotzergewaechse sich ueberall
+durcheinander wirren, der Botaniker Gefahr laeuft, Blueten, Fruechte und
+Laub, die verschiedenen Arten gehoeren, zu verwechseln.
+
+Wir wanderten einige Stunden im Schatten dieser Woelbungen, durch die man
+kaum hin und wieder den blauen Himmel sieht. Er schien mir um so tiefer
+indigoblau, da das Gruen der tropischen Gewaechse meist einen sehr
+kraeftigen, ins Braeunliche spiegelnde Ton hat. Zerstreute Felsmassen waren
+mit einem grossen Baumfarn bewachsen, der sich vom _Polypodium arboreum_
+der Antillen wesentlich unterscheidet. Hier sahen wir zum erstenmal jene
+Nester in Gestalt von Flaschen oder kleinen Taschen, die an den Aesten der
+niedrigsten Baeume aufgehaengt sind. Es sind Werke des bewunderungswuerdigen
+Bautriebes der Drosseln, deren Gesang sich mit dem heiseren Geschrei der
+Papageien und Aras mischte. Die letzteren, die wegen der lebhaften Farben
+ihres Gefieders allgemein bekannt sind, flogen nur paarweise, waehrend die
+eigentlichen Papageien in Schwaermen von mehreren hundert Stueck
+umherfliegen. Man muss in diesen Laendern, besonders in den heissen Thaelern
+der Anden gelebt haben, um es fuer moeglich zu halten, dass zuweilen das
+Geschrei dieser Voegel das Brausen der Bergstroeme, die von Fels zu Fels
+stuerzen, uebertoent.
+
+Eine starke Meile vor dem Dorfe San Fernando kamen wir aus dem Walde
+heraus. Ein schmaler Fusspfad fuehrt auf mehreren Umwegen in ein offenes,
+aber ausnehmend feuchtes Land. Unter dem gemaessigten Himmelsstrich haetten
+unter solchen Umstaenden Graeser und Riedgraeser einen weiten Wiesenteppich
+gebildet; hier wimmelte der Boden von Wasserpflanzen mit pfeilfoermigen
+Blaettern, besonders von Canna-Arten, unter denen wir die prachtvollen
+Bluethen der Costus, der Thalien und Heliconien erkannten. Diese saftigen
+Gewaechse werden acht bis zehn Fuss hoch, und wo sie dicht beisammen stehen,
+koennten sie in Europa fuer kleine Waelder gelten. Das herrliche Bild eines
+Wiesgrundes und eines mit Blumen durchwirkten Rasens ist den niedern
+Landstrichen der heissen Zone fast ganz fremd und findet sich nur auf den
+Hochebenen der Anden wieder.
+
+Bei San Fernando war die Verdunstung unter den Strahlen der Sonne so
+stark, dass wir, da wir sehr leicht gekleidet waren, durchnaesst wurden, wie
+in einem Dampfbade. Am Wege wuchs eine Art Bambusrohr, das die Indianer
+Jagua oder Guadua nennen und das ueber vierzig Fuss [13 m] hoch wird. Nichts
+kann zierlicher sein als diese baumartige Grasart. Form und Stellung der
+Blaetter geben ihr ein Ansehen von Leichtigkeit, das mit dem hohen Wuchs
+angenehm kontrastiert. Der glatte, glaenzende Stamm der Jagua ist meist den
+Bauchufern zugeneigt und schwankt beim leisesten Luftzuge hin und her. So
+hoch auch das Rohr [_Arundo donax_] im mittaeglichen Europa waechst, so gibt
+es doch keinen Begriff vom Aussehen der baumartigen Graeser, und wollte ich
+nur meine eigene Erfahrung sprechen lassen, so moechte ich behaupten, dass
+von allen Pflanzengestalten unter den Tropen keine die Einbildungskraft
+des Reisenden mehr anregt als der Bambus und der Baumfarn.
+
+Die ostindischen Bambus, die _calumets des hauts_ [_Bambusa_, oder
+vielmehr _Nestus alpina_] der Insel Bourbon, der Guaduas Suedamerikas,
+vielleicht sogar die riesenhaften Arundinarien an den Ufern des
+Mississippi, gehoeren derselben Pflanzengruppe an. In Amerika sind aber die
+Bambusanen nicht so haeufig, als man gewoehnlich glaubt. In den Suempfen sind
+auf den grossen unter Wasser stehenden Ebenen am untern Orinoco, am Apure
+und Atabapo fehlen sie fast ganz, wogegen sie im Nordwesten, in Neugrenada
+und im Koenigreich Quito mehrere Meilen lange dichte Waelder bilden. Der
+westliche Abhang der Anden erscheint als ihre eigentliche Heimath, und was
+ziemlich auffallend ist, wir haben sie nicht nur in tiefen, kaum ueber dem
+Meer gelegenen Landstrichen, sondern auch in den hohen Thaelern der
+Cordilleren bis in 860 Toisen Meereshoehe angetroffen.
+
+Der Weg mit dem Bambusgebuesch zu beiden Seiten fuehrte uns zum kleinen
+Dorfe San Fernando, das auf einer schmalen, von sehr steilen
+Kalksteinwaenden umgebenen Ebene liegt. Es war die erste Mision, die wir in
+Amerika betraten.(49) Die Haeuser oder vielmehr Huetten der Chaymasindianer
+sind weit auseinander gerueckt und nicht von Gaerten umgeben. Die breiten
+geraden Strassen schneiden sich unter rechten Winkeln; die sehr duennen,
+unsoliden Waende bestehen aus Letten oder Lianenzweigen. Die gleichfoermige
+Bauart, das ernste schweigsame Wesen der Einwohner, die ausnehmende
+Reinlichkeit in den Haeusern, alles erinnert an die Gemeinden der
+maehrischen Brueder. Jede indianische Familie baut draussen vor dem Dorfe
+ausser ihren eigenen Garten den *Conuco de la comunidad*. In diesem
+arbeiten die Erwachsenen beider Geschlechter morgens und abends je eine
+Stunde. In den Missionen, die der Kueste zu liegen, ist der Gemeindegarten
+meist eine Zucker- oder Indigoplantage, welcher der Missionar vorsteht,
+und deren Ertrag, wenn das Gesetz streng befolgt wird, nur zur Erhaltung
+der Kirche und zur Anschaffung von Paramenten verwendet werden darf. Auf
+dem grossen Platze mitten im Dorfe stehen die Kirche, die Wohnung des
+Missionars und das bescheidene Gebaeude, das pomphaft *Case des Rey*,
+"koenigliches Haus", betitelt wird. Es ist eine foermliche Karawanserei, wo
+die Reisenden Obdach finden, und, wie wir oft erfahren, eine wahre Wohltat
+in einem Lande, wo das Wort Wirtshaus noch unbekannt ist. Die _Casas des
+Rey_ findet man in allen spanischen Kolonien, und man koennte meinen, sie
+seyen eine Nachahmung der nach dem Gesetze Manco-Capacs errichteten
+*Tambos* in Peru.
+
+Wir waren an die Ordensleute, die den Missionen der Chaymas-Indianer
+vorstehen, durch ihren Syndicus in Cumana empfohlen. Diese Empfehlung kam
+uns desto mehr zu statten, als die Missionaere, sey es aus Besorgniss fuer
+die Sittlichkeit ihrer Pfarrkinder, oder um die moenchische Zucht der
+zudringlichen Neugier Fremder zu entziehen, oft an einer alten Verordnung
+festhalten, nach welcher kein Weisser weltlichen Standes sich laenger als
+eine Nacht in einem indianischen Dorfe aufhalten darf. Will man in den
+spanischen Missionen angenehm reisen, so darf man sich meist nicht allein
+auf den Pass des Madrider Staatssecretariats oder der Civilbehoerden
+verlassen, man muss sich mit Empfehlungen geistlicher Behoerden versehen; am
+wirksamsten sind die der Gardians der Kloester und der in Rom residirenden
+Ordensgenerale, vor denen die Missionare weit mehr Respekt haben als vor
+den Bischoefen. Die Missionen bilden, ich sage nicht nach ihren
+urspruenglichen canonischen Satzungen, aber thatsaechlich eine so ziemlich
+unabhaengige Hierarchie fuer sich, die in ihren Ansichten selten mit der
+Weltgeistlichkeit uebereinstimmt.
+
+Der Missionar von San Fernando war ein sehr bejahrter, aber noch sehr
+kraeftiger und munterer Kapuziner aus Aragon. Seine bedeutende
+Koerperrundung, sein guter Humor, sein Interesse fuer Gefechte und
+Belagerungen stimmten schlecht zu der Vorstellung, die man sich im Norden
+vom schwaermerischen Truebsinn und dem beschaulichen Leben der Missionare
+macht. So viel ihm auch eine Kuh zu tun gab, die des anderen Tages
+geschlachtet werden sollte, empfing uns doch der alte Ordensmann ganz
+freundlich und erlaubte uns, unsere Haengematten in einem Gange seines
+Hauses zu befestigen. Er sass den groessten Teil des Tages ueber in einem
+grossen Armstuhle von rotem Holz und beklagte sich bitter ueber die Traegheit
+und Unwissenheit seiner Landsleute. Er richtete tausenderlei Fragen an uns
+ueber den eigentlichen Zweck unserer Reise, die ihm sehr gewagt und zum
+wenigsten ganz unnuetz schien. Hier wie am Orinoco wurde es uns sehr
+beschwerlich, dass sich die Spanier mitten in den Waeldern Amerikas fuer die
+Kriege und politischer Stuerme der alten Welt immer noch so lebhaft
+interessiren.
+
+Unser Missionaer schien uebrigens mit seiner Stellung vollkommen zufrieden.
+Er behandelte die Indianer gut, er sah die Mission gedeihen, er pries in
+begeisterten Worten das Wasser, die Bananen, die Milch des Landes. Als er
+unsere Instrumente, unsere Buecher und getrockneten Pflanzen sah, konnte er
+sich eines boshaften Laechelns nicht enthalten, und er gestand mit der in
+diesem Klima landesueblichen Naivitaet, von allen Genuessen dieses Lebens,
+den Schlaf nicht ausgenommen, sey doch gutes Kuhfleisch, *carne de vaca*,
+der koestlichste; die Sinnlichkeit quillt eben ueberall ueber, wo es an
+geistiger Beschaeftigung fehlt. Oft bat uns unser Wirth, mit ihm die Kuh zu
+besuchen, die er eben gekauft hatte, und am andern Tage bei Tagesanbruch
+mussten wir sie nach Landessitte schlachten sehen; man machte ihr einen
+Schnitt durch die Haeckse, ehe man ihr das breite Messer in die Halswirbel
+stiess. So widrig dieses Geschaeft war, so lernten wir dabei doch die
+ausnehmende Fertigkeit der Chaymas kennen, deren acht in weniger als
+zwanzig Minuten das Thier in kleine Stuecke zerlegten. Die Kuh hatte nur
+sieben Piaster gekostet, und diess galt fuer sehr viel. Am selben Tag hatte
+der Missionar einem Soldaten aus Cumana, der ihm nach mehreren
+vergeblichen Versuchen endlich am Fuss die Ader geschlagen, achtzehn
+Piaster bezahlt. Dieser Fall, so unbedeutend er scheint, zeigt recht
+auffallend, wie hoch in uncultivirten Laendern die Arbeit dem Werth der
+Naturprodukte gegenueber im Preise steht.
+
+Die Mission San Fernando wurde zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts an der
+Stelle gegruendet, wo die kleinen Fluesse Manzanares und Lucasperez sich
+vereinigen. Eine Feuersbrunst, welche die Kirche und die Huetten der
+Indianer in Asche legte, gab den Anlass, dass die Kapuziner das Dorf an dem
+schoenen Punkt, wo es jetzt liegt, wieder aufbauten. Die Zahl der Familien
+ist auf hundert gestiegen, und der Missionar machte gegen uns die
+Bemerkung, dass der Brauch, die jungen Leute im dreizehnten oder
+vierzehnten Jahre zu verheirathen, zu dieser raschen Zunahme der
+Bevoelkerung viel beitrage. Er zog in Abrede, dass die Chaymas-Indianer so
+frueh altern, als die Europaeer gewoehnlich glauben. Das Regierungswesen in
+diesen indianischen Gemeinden ist uebrigens sehr verwickelt; sie haben
+ihren Gobernador, ihre Alguazils Majors und ihre Milizoffiziere, und diese
+Beamten sind lauter kupferfarbene Eingeborene. Die Schuetzencompagnie hat
+ihre Fahnen und uebt sich mit Bogen und Pfeilen im Zielschiessen; es ist die
+Buergerwehr des Landes. Solch kriegerische Anstalten und einem rein
+moenchischen Regiment kamen uns sehr seltsam vor.
+
+In der Nacht vom fuenften September und am andern Morgen lag ein dicker
+Nebel, und doch waren wir nur hundert Toisen ueber dem Meeresspiegel. Bevor
+wir aufbrachen, mass ich geometrisch den grossen Kalkberg, der achthundert
+Toisen suedlich von San Fernando liegt und nach Norden steil abfaellt. Sein
+Gipfel ist nur 215 Toisen hoeher als der grosse Dorfplatz, aber kahle
+Felsmassen, die sich aus der dichten Pflanzendecke erheben, geben ihm
+etwas sehr Grossartiges.
+
+Der Weg von San Fernando nach Cumana fuehrt ueber kleine Pflanzungen durch
+ein offenes feuchtes Tal. Wir wateten durch viele Baeche. Im Schatten stand
+das Thermometer nicht ueber 30 deg., wir waren ab er unmittelbar den
+Sonnenstrahlen ausgesetzt, weil die Bambus am Wege nur wenig Schutz
+gewaehren, und wir hatten stark von der Hitze zu leiden. Wir kamen durch
+das Dorf Arenas, das von Indianers desselben Stammes wie die von San
+Fernando bewohnt ist; aber Arenas ist keine Mission mehr; die Eingeborenen
+stehen unter einem Pfarrer und sind nicht so nackt und kultivierter als
+jene. Ihre Kirche ist im Lande wegen einiger rohen Malereien bekannt; auf
+einem schmalen Fries sind Guerteltiere, Kaimane, Jaguare und andere Tiere
+der Neuen Welt abgebildet.
+
+In diesem Dorfe wohnt ein Landmann Namens Francisco Lozano, der eine
+physiologische Merkwuerdigkeit ist, und der Fall macht Eindruck auf die
+Einbildungskraft, wenn er auch den bekannten Gesetzen der organischen
+Natur vollkommen entspricht. Der Mann hat einen Sohn mit seiner eigenen
+Milch aufgezogen. Die Mutter war krank geworden, da nahm der Vater das
+Kind, um es zu beruhigen, zu sich ins Bett und drueckte es an die Brust.
+Lozano, damals zweiundreissig Jahre alt, hatte es bis dahin nicht bemerkt,
+dass er Milch gab, aber infolge der Reizung der Brustwarze, an der das Kind
+saugte, schoss die Milch ein. Dieselbe war fett und sehr suess. Der Vater war
+nicht wenig erstaunt, als seine Brust schwoll, und saeugte fortan das Kind
+fuenf Monate lang zwei-, dreimal des Tages. Seine Nachbarn wurden
+aufmerksam auf ihn, er dachte aber nicht daran, die Neugierde auszubeuten,
+wie er wohl in Europa getan haette. Wir sahen das Protokoll, das ueber den
+merkwuerdigen Fall aufgenommen worden. Augenzeugen desselben leben noch,
+und sie versicherten uns, der Knabe habe waehrend des Stillens nichts
+bekommen als die Milch des Vaters. Lozano war nicht zu Hause, als wir die
+Missionen bereisten, besuchte uns aber in Cumana. Er kam mit seinem Sohne,
+der schon 13 bis 14 Jahre als war. Bonpland untersuchte die Brust des
+Vaters genau und fand sie runzlig, wie bei Weibern, die gesaeugt haben. Er
+bemerkte, dass besonders die linke Brust sehr ausgedehnt war, und Lozano
+erklaerte dies aus dem Umstande, dass niemals beide Brueste gleich viel Milch
+gegeben. Der Statthalter Don Vicente Emparan hat eine ausfuehrliche
+Beschreibung des Falles nach Cadiz geschickt.
+
+Es kommt bei Menschen und Thieren nicht gar selten vor, dass die Brust
+maennlicher Individuen Milch enthaelt, und das Klima scheint auf diese mehr
+oder weniger reichliche Absonderung keinen merkbaren Einfluss zu aeussern.
+Die Alten erzaehlen von der Milch der Boecke aus Lemnos und Corsica; Noch in
+neuester Zeit war in Hannover ein Bock, der jahrelang einen Tag um den
+anderen gemolken wurde und mehr Milch gab als die Ziegen. Unter den
+Merkmalen der vermeintlichen Schwaechlichkeit der Amerikaner fuehren die
+Reisenden auch auf, dass die Maenner Milch in den Bruesten haben [Man hat
+sogar alles Ernstes behauptet, in einem Teile Brasiliens werden die Kinder
+von den Maennern, nicht von den Weibern gesaeugt.]. Es ist indessen hoechst
+unwahrscheinlich, dass solches bei einem ganzen Volksstamm in irgend einem
+der heutigen Reisenden unbekannten Landstriche Amerikas beobachtet worden
+sein sollte, und ich kann versichern, dass der Fall gegenwaertig in der
+Neuen Welt nicht haeufiger vorkommt als in der Alten. Der Landmann in
+Arenas, dessen Geschichte wir soeben erzaehlt, ist nicht vom kupferfarbenen
+Stamm der Chaymas, er ist ein Weisser von europaeischem Blut. Ferner haben
+Petersburger Anatomen die Beobachtung gemacht, dass Milch in den Bruesten
+der Maenner beim niederen russischen Volke weit haeufiger vorkommt, als bei
+suedlicheren Voelkern, und die Russen haben nie fuer schwaechlich und weibisch
+gegolten.
+
+Es gibt unter den mancherlei Spielarten unseres Geschlechts eine, bei der
+der Busen zur Zeit der Mannbarkeit einen ansehnlichen Umfang erhaelt.
+Lozano gehoerte nicht dazu, und er versicherte uns wiederholt, erst durch
+die Reizung der Brust in Folge des Saugens sey bei ihm die Milch gekommen.
+Dadurch wird bestaetigt, was die Alten beobachtet haben: "Maenner, die etwas
+Milch haben, geben ihrer in Menge, sobald man an den Bruesten saugt."
+[_Aristoteles, Historia animalium. Lib. III. c. 20_] Diese sonderbare
+Wirkung eines Nervenreizes war den griechischen Schaefern bekannt; die auf
+dem Berge Oeta rieben den Ziegen, die noch nicht geworfen hatten, die
+Euter mit Nesseln, um die Milch herbeizulocken.
+
+Ueberblickt man die Lebenserscheinungen in ihrer Gesammtheit, so zeigt
+sich, dass keine ganz fuer sich allein steht. In allen Jahrhunderten werden
+Beispiele erzaehlt von jungen, nicht mannbaren Maedchen oder von bejahrten
+Weibern mit eingeschrumpften Bruesten, welche Kinder saeugten. Bei Maennern
+kommt solches weit seltener vor, und nach vielem Suchen habe ich kaum zwei
+oder drei Faelle finden koennen. Einer wird vom veronesischen Anatomen
+Alexander Benedictus angefuehrt, der am Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts
+lebte. Er erzaehlt, ein Syrier habe nach dem Tode der Mutter sein Kind, um
+es zu beschwichtigen, an die Brust gedrueckt. Sofort schoss die Milch so
+stark ein, dass der Vater sein Kind allein saeugen konnte. Andere Beispiele
+werden von Santorellus, Feria und Robert, Bischof von Cork, berichtet. Da
+die meisten dieser Faelle ziemlich entlegenen Zeiten angehoeren, ist es von
+Interesse fuer die Physiologie, dass die Erscheinung zu unserer Zeit
+bestaetigt werden konnte. Sie haengt uebrigens genau mit dem Streit ueber die
+Endursachen zusammen. Dass auch der Mann Brueste hat, ist den Philosophen
+lange ein Stein des Anstosses gewesen, und noch neuerdings hat man geradezu
+behauptet: "Die Natur habe die Faehigkeit zu saeugen dem einen Geschlecht
+versagt, weil diese Faehigkeit gegen die Wuerde des Mannes waere."
+
+In der Naehe der Stadt Cumanacoa wird der Boden ebener und das Thal nach
+und nach weiter. Die kleine Stadt liegt auf einer kahlen, fast
+kreisrunden, von hohen Bergen umgebenen Ebene und nimmt sich von aussen
+sehr truebselig aus. Die Bevoelkerung ist kaum 2300 Seelen stark; zur Zeit
+des Vaters Caulin im Jahr 1753 betrug sie nur 600. Die Haeuser sind sehr
+niedrig, unsolid und, drei oder vier ausgenommen, saemmtlich aus Holz. Wir
+brachten indessen unsere Instrumente ziemlich gut beim Verwalter der
+Tabaksregie, Don Juan Sanchez, unter, einem liebenswuerdigen, geistig sehr
+regsamen Mann. Er hatte uns eine geraeumige, bequeme Wohnung einrichten
+lassen; wir blieben vier Tage hier und er liess sich nicht abhalten, uns
+auf allen unsern Ausfluegen zu begleiten.
+
+Cumanacoa wurde im Jahre 1717 von Domingo Arias gegruendet, als er von
+einem Kriegszuge zurueckkam, den er an die Muendung des Guarapiche
+unternommen, um eine von franzoesischen Freibeutern begonnene Niederlassung
+zu zerstoeren. Die Stadt hiess anfangs San Baltazar de las Arias, aber der
+indische Name verdraengte jenen, wie der Name Caracas den Namen Santiago de
+Leon, den man noch haeufig auf unseren Karten sieht, in Vergessenheit
+gebracht hat.
+
+Als wir den Barometer oeffneten, sahen wir zu unserer Ueberraschung das
+Quecksilber kaum 7,3 Linien tiefer stehen als an der Kueste, und doch
+schien das Instrument in ganz gutem Stand. Die Ebene, oder vielmehr das
+Plateau, auf dem Cumanacoa steht; liegt nicht mehr als 104 Toisen ueber dem
+Meeresspiegel, und diess ist drei oder viermal weniger, als man in Cumana
+glaubt, weil man dort von der Kaelte in Cumanacoa die uebertriebensten
+Vorstellungen hat. Aber der klimatische Unterschied zwischen zwei so nahen
+Orten ruehrt vielleicht weniger von der hohen Lage des letzteren her als
+von oertlichen Verhaeltnissen, wozu wir rechnen, dass die Waelder sehr nahe,
+die niedergehenden Luftstroeme, wie in allen eingeschlossenen Thaelern,
+haeufig, die Regenniederschlaege und die Nebel sehr stark sind, wodurch
+einen grossen Theil des Jahres hindurch die unmittelbare Wirkung der
+Sonnenstrahlen geschwaecht wird. Da die Waermeabnahme unter den Tropen und
+Sommers in der gemaessigten Zone ungefaehr gleich ist, so sollte der geringe
+Hoehenunterschied von 100 Toisen nur einen Unterschied in der mittleren
+Temperatur von 1 bis 11/2 Grad verursachen; wir werden aber bald sehen, dass
+derselbe ueber vier Grad betraegt. Dieses kuehle Klima faellt um so mehr auf,
+da es noch in der Stadt Carthago, in Tomependa am Ufer des Amazonenstroms
+und in den Thaelern von Aragua, westwaerts von Caracas, sehr heiss ist,
+lauter Orte, die in 200-480 Toisen absoluter Meereshoehe liegen. In der
+Ebene wie im Gebirge laufen die Linien gleicher Waerme (Isothermen) nicht
+immer dem Aequator oder der Erdoberflaeche parallel, und darin besteht eben
+die grosse Aufgabe der Meteorologie, den Lauf dieser Linien zu ermitteln
+und durch alle von oertlichen Ursachen bedingte Abweichungen hindurch die
+constanten Gesetze der Waermevertheilung zu erfassen.
+
+Der Hafen von Cumana liegt von Cumanacoa nur etwa sieben Seemeilen. Am
+ersteren Orte regnet es fast nie, waehrend an letzterem die Regenzeit sechs
+bis sieben Monate dauert. Die trockene Jahreszeit waehrt in Cumanacoa von
+der Winter- bis zur Sommer- Tag- und Nachtgleiche. Strichregen sind im
+April, Mai und Juni ziemlich haeufig; spaeter wird es wieder sehr trocken,
+vom Sommersolstitium bis Ende August; nunmehr tritt die eigentliche
+Regenzeit ein, die bis zum November anhaelt und in der das Wasser in
+Stroemen vom Himmel giesst. Nach der Breite von Cumanacoa geht die Sonne das
+einemal am 16. April, das anderemal am 27. August durch das Zenith, und
+aus dem eben Angefuehrten geht hervor, dass diese beiden Durchgaenge mit dem
+Eintreten der grossen Regenniederschlaege und der starken elektrischen
+Entladungen zusammenfallen.
+
+Unser erster Aufenthalt in den Missionen fiel in die Regenzeit. Jede Nacht
+war der Himmel mit schweren Wolken wie mit einem dichten Schleier umzogen,
+und nur durch Ritzen im Gewoelk konnte ich ein paar Sternbeobachtungen
+anstellen. Das Thermometer stand auf 18,5-20 deg. (14 deg.,8-16 deg. R.), und dies ist
+in der heissen Zone und fuer das Gefuehl des Reisenden, der von der Kueste
+herkommt, bedeutend kuehl. In Cumana sah ich die Temperatur bei Nacht
+niemals unter 21 deg. sinken. Der Delucsche Hygrometer zeigte in Cumanacoa
+85 deg., und, was auffallend ist, sobald das Gewoelk sich zerstreute und die
+Sterne in ihrer ganzen Pracht leuchteten, ging das Instrument aus 55 deg.
+zurueck. Gegen Morgen nahm die Temperatur wegen der starken Verdunstung nur
+langsam zu und noch um zehn Uhr war sie nicht ueber 21 deg.. Am heissesten ist
+es von Mittag bis drei Uhr, wo dann der Thermometer auf 26-27 deg. steht. Zur
+Zeit der groessten Hitze, etwa zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne
+durch den Meridian, zog fast regelmaessig ein Gewitter auf, das auch zum
+Ausbruch kam. Dicke, schwarze, sehr niedrig ziehende Wolken loesten sich in
+Regen auf; diese Guesse dauerten zwei bis drei Stunden, und waehrend
+derselben fiel der Thermometer um 5-6 Grad. Gegen fuenf Uhr hoerte der Regen
+ganz auf, die Sonne kam aber bis zum Untergang nicht leicht zum Vorschein
+und der Hygrometer ging dem Trockenpunkte zu; aber um acht oder neun Uhr
+Abends waren wir schon wieder in eine dicke Wolkenschicht gehuellt. Dieser
+Witterungswechsel erfolgt, wie man uns versicherte, durchaus gesetzmaessig
+Monate lang einen Tag wie den andern, und doch laesst sich nicht der
+geringste Luftzug spueren. Nach vergleichenden Beobachtungen muss ich
+annehmen, dass es in Cumanacoa bei Nacht um 2-3, bei Tag um 4-5 Grad kuehler
+ist als in Cumana. Diese Unterschiede sind sehr bedeutend, und wenn man
+statt meteorologischer Instrumente nur sein Gefuehl befragte, so wuerde man
+sie fuer noch bedeutender halten.
+
+Die Vegetation auf der Ebene um die Stadt ist sehr einfoermig, aber infolge
+der grossen Feuchtigkeit der Luft ungemein frisch. Ihre
+Haupteigentuemlichkeiten sind ein baumartiges Solanum, das 13 m hoch wird,
+die _Urtica baccifera_ und eine neue Art der Gattung _Guettarda_. Der
+Boden ist sehr fruchtbar und er waere auch leicht zu bewaessern, wenn man
+von den vielen Baechen, deren Quellen das ganze Jahr nicht versiegen,
+Kanaele zoege. Das wichtigste Erzeugnis ist der Tabak, und nur diesem
+verdankt es die kleine, schlecht gebaute Stadt, wenn sie einen gewissen
+Ruf hat. Seit der Einfuehrung der Pacht (_Estanco real de Tabaco_) im Jahre
+1779 ist der Tabaksbau in der Provinz Cumana fast ganz auf Cumanacoa
+beschraenkt. Die ganze Tabaksernte muss an die Regierung verkauft werden,
+und um dem Schmuggel zu steuern, oder vielmehr nur ihn einzuschraenken,
+liess man geradezu nur an einem Punkte Tabak bauen. Aufseher streifen durch
+das Land; sie zerstoeren jede Anpflanzung, die sie ausserhalb der zum Bau
+angewiesenen Distrikte finden, und geben die Ungluecklichen an, die es
+wagen, selbstgemachte Cigarren zu rauchen. Diese Aufseher sind meist
+Spanier und fast eben so grob wie die Menschen, die in Europa dieses
+Handwerk treiben. Diese Grobheit hat nicht wenig dazu beigetragen, den Hass
+zwischen den Colonien und dem Mutterland zu schueren.
+
+Nach dem Tabak auf der Insel Cuba und dem vom Rio Negro hat der Cumana am
+meisten Arom. Er uebertrifft allen aus Neuspanien und der Provinz Varinas.
+Wir theilen Einiges ueber den Bau desselben mit, weil er sich wesentlich
+vom Tabaksbau in Virginien unterscheidet. Schon der Umstand, dass im Thale
+von Cumanacoa die Gewaechse aus der Familie der Solaneen so ausnehmend
+stark entwickelt sind, besonders die vielen Arten von _Solanum
+arborescens_, von _Aquartia_ und _Cestrum_ weisen darauf hin, dass hier der
+Boden fuer den Tabaksbau sehr geeignet seyn muss. Die Aussaat wird im
+September vorgenommen; zuweilen wartet man damit bis zum Dezember, was
+aber fuer den Ausfall der Ernte nicht so gut ist. Die Wurzelblaetter zeigen
+sich am achten Tage; man bedeckt die jungen Pflanzen mit grossen
+Heliconien- und Bananenblaettern, um sie der unmittelbaren Einwirkung der
+Sonne zu entziehen, und reutet das Unkraut, das unter den Tropen furchtbar
+schnell aufschiesst, sorgfaeltig aus. Der Tabak wird sofort einen und einen
+halben Monat, nachdem der Samen aufgegangen, in einen fetten, gut
+gelockerten Boden versetzt. Die Pflanzen werden in geraden Reihen drei,
+vier Fuss voneinander gesteckt; man jaetet sie fleissig und koepft den
+Hauptstengel mehrmals, bis blaeulich gruene Flecken auf den Blaettern als
+Wahrzeichen der *Reife* sich zeigen. Im vierten Monat faengt man an sie
+abzunehmen, und diese erste Ernte ist in wenigen Tagen vorueber. Besser
+waere es, die Blaetter nacheinander abzunehmen, so wie sie trocken werden.
+In guten Jahren schneiden die Pflanzer den Stock, wenn der vier Fuss hoch
+ist, ab, und der Wurzelschoss treibt so rasch neue Blaetter, dass sie schon
+am 13. oder 14. Tage geerntet werden koennen. Diese haben sehr lockeres
+Zellgewebe; sie enthalten mehr Wasser, mehr Eiweiss und weniger von dem
+scharfen, fluechtigen, im Wasser schwer loeslichen Stoff, an den die
+eigenthuemlich reizende Wirkung des Tabaks gebunden scheint.
+
+Der Tabak wird in Cumanacoa nach dem Verfahren behandelt, das bei den
+Spaniern _de cura seca_ heisst. Man haengt die Blaetter an Cocuizafasern
+[_Agave americana_] auf, loest die Rippen ab und dreht sie zu Straengen. Der
+zubereitete Tabak sollte im Juni in die koeniglichen Magazine geschafft
+werden, aber aus Faulheit und weil sie dem Bau des Mais und des Maniok
+mehr Aufmerksamkeit schenken, machen die Leute den Tabak selten vor August
+fertig. Begreiflich verlieren die Blaetter an Arom, wenn sie zu lange der
+feuchten Luft ausgesetzt bleiben. Der Verwalter laesst den Tabak sechzig
+Tage unberuehrt in den koeniglichen Magazinen liegen; dann schneidet man die
+Buendel auf, um die Qualitaet zu pruefen. Findet der Verwalter den Tabak gut
+zubereitet, so bezahlt er dem Pflanzer fuer die Aroba von fuenfundzwanzig
+Pfund drei Piaster. Dasselbe Gewicht wird auf Rechnung der Krone fuer zwoelf
+einen halben Piaster wieder verkauft. Der faule (_potrido_) Tabak, d. h.
+der noch einmal gegaehrt hat, wird oeffentlich verbrannt, und der Pflanzer,
+der von der koeniglichen Pacht Vorschuesse erhalten hat, kommt
+unwiderruflich um die Fruechte seiner langen Arbeit. Wir sahen auf dem
+grossen Platz Haufen von fuenfhundert Arobas vernichten, aus denen man in
+Europa sicher Schnupftabak gemacht haette.
+
+Der Boden von Cumanacoa eignet sich fuer diesen Culturzweig so
+ausgezeichnet, dass der Tabak ueberall, wo der Same Feuchtigkeit findet,
+wildwaechst. So kommt er beim Cerro del Cuchivano und bei der Hoehle von
+Caripe vor. In Cumanacoa, wie in den benachbarten Distrikten von Aricagua
+und San Lorenzo, wird uebrigens nur die Tabaksart mit grossen sitzenden
+Blaettern, der sogenannte virginische Tabak [_Nicotiana tabacum_] gebaut.
+Ganz unbekannt ist der Tabak mit gestielten Blaettern [_Nicotiana
+rustica_], der eigentliche *Yetl* der alten Mexicaner, den man in
+Deutschland sonderbarerweise tuerkischen Tabak nennt.
+
+Waere der Tabaksbau frei, so koennte die Provinz Cumana einen grossen Theil
+von Europa damit versehen; ja, andere Distrikte scheinen sich fuer die
+Erzeugung dieser Colonialwaare ganz so gut zu eignen wie das Thal von
+Cumanacoa, wo der uebermaessige Regen nicht selten dem Arom der Blaetter
+Eintrag thut. Gegenwaertig, wo der Tabaksbau auf ein paar Quadratmeilen
+beschraenkt ist, betraegt der ganze Ertrag der Ernte nur 6000 Arobas. Die
+beiden Provinzen Cumana und Barcelona verbrauchen aber 12,000, und der
+Ausfall wird aus dem spanischen Guyana gedeckt. In der Gegend von
+Cumanacoa geben sich im Durchschnitt nur 1500 Personen mit dem Tabaksbau
+ab, lauter Weisse; die Eingeborenen vom Stamme der Chaymas lassen sich
+durch Aussicht auf Gewinn selten dazu verlocken, auch haelt es die Pacht
+nicht fuer gerathen, denselben Vorschuesse zu machen.
+
+Beschaeftigt man sich mit der Geschichte unserer Culturpflanzen, so sieht
+man mit Ueberraschung, dass vor der Eroberung der Gebrauch des Tabaks ueber
+den groessten Theil von Amerika verbreitet war, waehrend man die Kartoffel
+weder in Mexico, noch auf den Antillen kannte, wo sie doch in gebirgigen
+Lagen sehr gut fortkommt. Ferner wurde in Portugal schon im Jahr 1559
+Tabak gebaut, waehrend die Kartoffel erst am Ende des siebzehnten und zu
+Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in den europaeischen Ackerbau ueberging.
+Letzteres Gewaechs, das fuer das Wohl der menschlichen Gesellschaft so
+bedeutsam geworden ist, hat sich auf beiden Continenten weit langsamer
+verbreitet, als ein Produkt, das nur fuer einen Luxusartikel gelten kann.
+
+Das wichtigste Produkt nach dem Tabak ist im Thale von Cumanacoa der
+Indigo. Die Pflanzungen in Cumanacoa, San Fernando und Arenas liefern eine
+Waare, die im Handel noch geschaetzter ist als der Indigo von Caracas; er
+kommt an Glanz und Fuelle der Farbe oft dem Indigo von Guatimala nahe. Aus
+letzterer Provinz ist der Samen von _Indigofera Anil_ die neben
+_Indigofera tinctoria_ gebaut wird, zuerst auf die Kueste von Cumana
+gekommen. Da im Thale von Cumanacoa sehr viel Regen faellt, so gibt eine
+vier Fuss hohe Pflanze nicht mehr Farbstoff als eine dreimal kleinere in
+den trockenen Thaelern von Aragua, westlich von der Stadt Caracas.
+
+Alle Indigofabriken, die wir gesehen, sind nach demselben Plane
+eingerichtet. Zwei Weichkuepen, in denen das Kraut "faulen" soll, stehen
+neben einander. Jede misst fuenfzehn Quadratfuss und ist zwei einen halben
+Fuss tief. Aus diesen obern Kufen laeuft die Fluessigkeit in die
+Stampfkasten, zwischen denen die Wassermuehle angebracht ist. Der Baum des
+grossen Rades laeuft zwischen diesen Kasten durch, und an ihm sitzen an
+langen Stielen die Loeffel zum Stampfen. Aus einer weiten Abseihekuepe kommt
+der farbhaltige Bodensatz in die Trockenkasten und wird daselbst auf
+Brettern aus Brasilholz ausgebreitet, die mittelst kleiner Rollen unter
+Dach gebracht werden koennen, wenn unerwartet Regen eintritt. Diese
+geneigten, sehr niedrigen Daecher geben den Trockenkasten von weitem das
+Ansehen von Treibhaeusern. Im Thale von Cumanacoa verlaeuft die Gaehrung des
+Krauts, das man "faulen" laesst, ungemein rasch. Sie waehrt meist nicht
+laenger als vier bis fuenf Stunden. Diess kann nur von der Feuchtigkeit des
+Klimas herruehren und daher, dass waehrend der Entwicklung der Pflanze die
+Sonne nicht scheint. Ich glaube auf meinen Reisen die Bemerkung gemacht zu
+haben, dass je trockener das Klima ist, die Kufe um so langsamer arbeitet
+und die Stengel zugleich desto mehr Indigo aus der niedersten
+Oxydationsstufe enthalten. In der Provinz Caracas, wo 562 Cubikfuss locker
+aufgeschichteten Krautes 35 bis 40 Pfund trockenen Indigo geben, kommt die
+Fluessigkeit erst nach zwanzig, dreissig oder fuenfunddreissig Stunden in die
+Stampfe. Wahrscheinlich erhielten die Einwohner von Cumanacoa mehr
+Farbestoff aus dem Kraut, wenn sie dasselbe laenger in der ersten Kufe
+weichen liessen. Ich habe waehrend meines Aufenthalts in Cumana den etwas
+schweren kupferfarbigen Indigo von Cumanacoa und den von Caracas zur
+Vergleichung in Schwefelsaeure aufgeloest, und die Aufloesung des ersteren
+schien mir weit satter blau.
+
+Trotz der ausgezeichneten Beschaffenheit der Produkte und der
+Fruchtbarkeit des Bodens ist der Landbau in Cumanacoa noch voellig in der
+Kindheit. Arenas, San Fernando und Cumanacoa bringen in den Handel nur
+3000 Pfund Indigo, der im Lande 4500 Piaster werth ist. Es fehlt an
+Menschenhaenden und die schwache Bevoelkerung nimmt durch die Auswanderung
+in die Llanos taeglich ab. Diese unermesslichen Savanen naehren den Menschen
+reichlich, weil sich das Vieh dort so leicht vermehrt, waehrend der Indigo-
+und Tabaksbau viel Sorge und Muehe macht. Der Ertrag des letzteren ist
+desto unsicherer, da die Regenzeit bald laenger, bald kuerzer dauert. Die
+Pflanzer sind von der koeniglichen Pacht, die ihnen Vorschuesse macht,
+voellig abhaengig, und hier, wie in Georgien und Virginien, baut man lieber
+Nahrungsgewaechse als Tabak. Man hatte neuerdings der Regierung den
+Vorschlag gemacht, auf koenigliche Kosten fuenfhundert Neger anzuschaffen
+und sie den Pflanzern abzugeben, die im Stande waeren, in zwei oder drei
+Jahren den Ankaufspreis abzutragen. Dadurch hoffte man die jaehrliche
+Tabaksernte auf 15,000 Arobas zu bringen. Zu meiner Freude habe ich viele
+Grundeigenthuemer sich gegen dieses Projekt aussprechen hoeren. Es stand
+nicht zu hoffen, dass man, nach dem Vorgang mancher Provinzen der
+Vereinigten Staaten, nach einer gewissen Reihe von Jahren den Schwarzen
+oder ihren Nachkommen die Freiheit schenken wuerde; desto bedenklicher
+schien es, zumal nach den entsetzlichen Vorgaengen auf St. Domingo, die
+Sklavenbevoelkerung in Terra Firma zu vermehren. Weise Politik hat nicht
+selten dieselben Folgen, wie die edelsten und seltensten Regungen der
+Gerechtigkeit und Menschenliebe.
+
+Die mit Hoefen und Indigo- und Tabakspflanzungen bedeckte Ebene von
+Cumanacoa ist von Bergen umgeben, die besonders gegen Sued hoeher ansteigen
+und fuer den Physiker und den Geologen gleich interessant sind. Alles weist
+darauf hin, dass das Thal ein alter Seeboden ist; auch fallen die Berge,
+welche einst das Ufer desselben bildeten, dem See zu senkrecht ab. Der See
+hatte nur Arenas zu einen Abfluss. Beim Graben von Hausfundamenten stiess
+man bei Cumanacoa auf Schichten von Geschieben, mit kleinen zweischaligen
+Muscheln darunter. Nach der Angabe mehrerer glaubwuerdiger Personen sind
+sogar vor mehr als dreissig Jahren hinten in der Schlucht San Juanillo zwei
+ungeheure Schenkelknochen gefunden worden, die vier Fuss lang waren und
+ueber dreissig Pfund wogen. Die Indianer hielten sie, wie noch heute das
+Volk in Europa, fuer Riesenknochen, waehrend die Halbgelehrten im Lande, die
+das Privilegium haben, Alles zu erklaeren, alles Ernstes versicherten, es
+seyen Naturspiele und keiner grossen Beachtung werth. Diese Leute beriefen
+sich bei ihrer Behauptung auf den Umstand, dass menschliche Gebeine im
+Boden von Cumanacoa sehr rasch vermodern. Zum Schmuck der Kirchen am
+Allerseelentag laesst man Schaedel aus den Kirchhoefen an der Kueste kommen, wo
+der Boden mit Salzen geschwaengert ist. Die vermeintlichen Riesenknochen
+wurden nach Cumana gebracht. Ich habe mich dort vergeblich darnach
+umgesehen; aber nach den fossilen Knochen, die ich aus andern Strichen
+Suedamerikas heimgebracht und die von Cuvier genau untersucht worden,
+gehoerten die riesigen Schenkelknochen von Cumanacoa wahrscheinlich einer
+ausgestorbenen Elephantenart an. Es kann befremden, dass dieselben in so
+geringer Hoehe ueber dem gegenwaertigen Wasserspiegel gefunden worden; denn
+es ist sehr merkwuerdig, dass die fossilen Reste von Mastodonten und
+Elephanten, die ich aus den tropischen Laendern von Mexico, Neugrenada,
+Quito und Peru mitgebracht, nicht in tief gelegenen Strichen (wo in
+gemaessigten Zonen Megatherien am Rio Luxan(50) und in Virginien, grosse
+Mastodonten am Ohio und fossile Elephanten am Susquehanna vorkommen),
+sondern auf den in sechshundert bis vierzehnhundert Fuss Hoehe gelegenen
+Hochebenen erhoben wurden.
+
+Als wir dem suedlichen Rand des Beckens von Cumanacoa zugingen, sahen wir
+den Turimiquiri vor uns liegen. Eine ungeheure Felswand, das Ueberbleibsel
+eines alten Kuestenstrichs, steigt mitten im Walde empor. Weiter nach West,
+beim Cerro del Cuchivano, erscheint die Bergkette wie durch ein Erdbeben
+aus einander gerissen. Die Spalte ist ueber hundert fuenfzig Toisen breit
+und von senkrechten Felsen umgeben. Tief beschattet von den Baeumen, deren
+verschlungene Zweige nicht Raum haben sich auszubreiten, nahm sich die
+Spalte aus wie eine durch einen Erdfall entstandene Grube. Ein Bach, der
+Rio Juagua, laeuft durch die Spalte, die ungemein malerisch ist und Risco
+del Cuchivano heisst. Der kleine Fluss entspringt sieben Meilen weit gegen
+Suedwest am Fusse des Brigantin und bildet schoene Faelle, ehe er in die Ebene
+von Cumanacoa auslaeuft.
+
+Wir besuchten oefters einen kleinen Hof, Conuco de Bermudez, dem Erdspalt
+von Cuchivano gegenueber. Man baut hier auf feuchtem Boden Bananen, Tabak
+und mehrere Arten von Baumwollenbaeumen, besonders die, deren Wolle
+nanking-gelb ist und die auf der Insel Margarita so haeufig vorkommt. Der
+Eigenthuemer sagte uns, der Erdspalt sey von Jaguars bewohnt. Diese Thiere
+bringen den Tag in Hoehlen zu und schleichen bei Nacht um die Wohnungen. Da
+sie reichliche Nahrung haben, werden sie bis sechs Fuss lang. Ein solcher
+Tiger hatte im verflossenen Jahr ein zum Hof gehoeriges Pferd verzehrt. Er
+schleppte seine Beute bei hellem Mondschein ueber die Savane unter einen
+ungeheur dicken Ceibabaum. Vom Winseln des verendenden Pferdes erwachten
+die Sklaven im Hofe. Sie rueckten mitten in der Nacht aus, bewaffnet mit
+Spiessen und *Machetes*(51). Der Tiger lag auf seiner Beute und liess sie
+ruhig herankommen; er erlag erst nach langem hartnaeckigem Widerstand.
+Dieser Fall und viele andere, von denen wir an Ort und Stelle Kunde
+erhielten, zeigt, dass der grosse Jaguar [_Felis Onca, Linne_, die Buffon
+_panthere oillee_ nennt und in Afrika zu Hause glaubt. Wir werden spaeter
+Gelegenheit haben, auf diesen fuer die Zoologie und Thiergeographie
+wichtigen Punkt zurueckzukommen.] von Terra Firma, wie der Jaguarete in
+Paraguay und der eigentliche asiatische Tiger, vor dem Menschen nicht
+fliehen, wenn ihm dieser zu Leibe geht und die Zahl der Angreifenden ihn
+nicht scheu macht. Die Zoologen wissen jetzt, dass Buffon die groesste
+amerikanische Katzenart ganz falsch beurtheilt hat. Was der beruehmte
+Schriftsteller von der Feigheit der Tiger der neuen Welt sagt, gilt nur
+von den kleinen Ocelots, oder Pantherkatzen, und wir werden bald sehen,
+dass am Orinoco der aechte amerikanische Jaguar sich zuweilen ins Wasser
+stuerzt, um die Indianer in ihren Piroguen anzugreifen.
+
+Dem Hofe Bermudez gegenueber liegen die Oeffnungen zweier geraeumigen Hoehlen
+im Erdspalt des Cuchivano; von Zeit zu Zeit schlagen Flammen daraus empor,
+die man bei Nacht sehr weit sieht. Die benachbarten Berge sind dann davon
+beleuchtet, und nach der Hoehe der Felsen, ueber welche diese brennenden
+Duenste hinanfreichen, waere man versucht zu glauben, dass sie mehrere
+hundert Fuss hoch werden. Beim letzten grossen Erdbeben in Cumana war diese
+Erscheinung von einem unterirdischen dumpfen, anhaltenden Getoese
+begleitet. Sie kommt vorzueglich in der Regenzeit vor, und die Besitzer der
+dem Berge Cuchivano gegenueber liegenden Pflanzungen versichern, die
+Flammen zeigen sich seit dem December 1797 haeufiger.
+
+Auf einer botanischen Excursion nach Rinconada versuchten wir vergeblich
+in die Spalte einzudringen. Wir haetten die Felsen, die in ihrem Schosse die
+Ursachen dieses merkwuerdigen Feuers zu bergen schienen, gerne naeher
+untersucht; aber die ueppige Vegetation, die in einander geschlungenen
+Lianen und Dornstraeucher liessen uns nicht vorwaerts kommen. Zum Glueck
+nahmen die Bewohner des Thals lebhaften Antheil an unsern Forschungen,
+nicht sowohl weil sie sich vor einem vulkanischen Ausbruch fuerchteten, als
+weil sie sich in den Kopf gesetzt hatten, der Risco del Cuchivano enthalte
+eine Goldgrube. Es half nichts, dass wir ihnen auseinandersetzten, warum
+wir an Gold im Muschelkalk nicht glauben koennten; sie wollten einmal
+wissen, "was der deutsche Bergmann vom Reichthum des Erzgangs halte." Seit
+Karls des Fuenften Zeit und seit die Welser, die Alsinger und Sailer in
+Coro und Caracas als Statthalter gesessen, hat sich in Terra Firma im Volk
+der Glaube an das besondere bergmaennische Geschick der Deutschen erhalten.
+Wohin ich in Suedamerika kam, ueberall, sobald man erfuhr, wo ich hersey,
+zeigte man mir Muster von Erzen. In den Colonien ist jeder Franzose ein
+Arzt, jeder Deutsche ein Bergmann.
+
+Die Pflanzer bahnten mit ihren Sklaven einen Weg durch den Wald bis zum
+ersten Fall des Rio Juagua, und am 10. September machten wir unsern
+Ausflug nach dem Risco del Cuchivano. Kaum hatten wir die Schlucht
+betreten, so merkten wir, dass Tiger in der Naehe waren, sowohl an einem
+frisch zerrissenen Stachelschwein, als am Gestank ihres Kothes, der dem
+der europaeischen Katze gleicht. Zur Vorsicht gingen die Indianer nach dem
+Hof zurueck und brachten Hunde von sehr kleiner Race mit. Man behauptet,
+wenn man dem Jaguar auf schmalem Pfad begegne, springe er zuerst auf den
+Hund los, nicht auf den Menschen. Wir stiegen nicht am Ufer des Baches,
+sondern an der Felswand ueber dem Wasser hinauf. Man geht an einem zwei-,
+dreihundert Fuss tiefen Abgrund hin auf einem ganz schmalen Vorsprung, wie
+auf dem Wege von Grindelwald am Mettenberg hin zum grossen Gletscher. Wird
+der Vorsprung so schmal, dass man nicht mehr weiss, wohin man den Fuss setzen
+soll, so steigt man zum Bach hinunter, watet durch oder laesst sich von
+einem Sklaven hinueber tragen, und klimmt an der andern Bergwand weiter.
+Das Niederklettern ist ziemlich muehselig, und man darf sich nicht auf die
+Lianen verlassen, die wie grosse Stricke von den Baumgipfeln niederhaengen.
+Die Ranken- und Schmarotzergewaechse haengen nur locker an den Aesten, die
+sie umschlingen; ihre Stengel haben zusammen ein ganz ansehnliches
+Gewicht, und wenn man auf abschuessigem Boden sich mit dem Koerper an Lianen
+haengt, laeuft man Gefahr eine ganze gruene Laube niederzureissen. Je weiter
+wir kamen, desto dichter wurde die Vegetation. An mehreren Stellen hatten
+die Baumwurzeln, die in die Spalten zwischen den Schichten hineingewachsen
+waren, das Kalkgestein zersprengt. Wir konnten kaum die Pflanzen
+fortbringen, die wir bei jedem Schritte aufnahmen. Die Cannas, die
+Heliconien mit schoenen purpurnen Bluethen, die Costus und andere Gewaechse
+aus der Familie der Amomeen werden hier acht bis zehn Fuss hoch. Ihr helles
+frisches Gruen, ihr Seidenglanz und ihr strotzendes Fleisch stechen grell
+ab vom braeunlichen Ton der Baumfarn mit dem zartgefiederten Laub. Die
+Indianer hieben mit ihren grossen Messern Kerben in die Baumstaemme und
+machten uns auf die Schoenheit der rothen und goldgelben Hoelzer aufmerksam,
+die einst bei unsern Moebelschreinern und Drehern sehr gesucht seyn werden.
+Sie zeigten uns ein Gewaechs mit zusammengesetzter Bluethe, das zwanzig Fuss
+hoch ist (_Eupatorium laevigatum, Lamarck_), die sogenannte *Rose von
+Belveria* (_Brownea racemosa_), beruehmt wegen ihrer herrlichen
+purpurrothen Bluethen, und das einheimische *Drachenblut*, eine noch nicht
+beschriebene Art Croton, deren rother adstringirender Saft zur Staerkung
+des Zahnfleisches gebraucht wird. Sie unterschieden die Arten durch den
+Geruch, besonders aber durch Kauen der Holzfasern. Zwei Eingeborene, denen
+man dasselbe Holz zu kauen gibt, sprechen, meist ohne sich zu besinnen,
+denselben Namen aus. Wir konnten uebrigens von den scharfen Sinnen unserer
+Fuehrer nicht viel Nutzen ziehen; denn wie soll man zu Blaettern, Bluethen
+oder Fruechten gelangen, die auf Staemmen wachsen, deren ersten Aeste
+fuenfzig, sechzig Fuss ueber dem Boden sind? Mit Ueberraschung sieht man in
+dieser Schlucht die Baumrinde, sogar den Boden mit Moosen und Flechten
+ueberzogen. Diese Cryptogamen sind hier so haeufig wie im Norden. Die
+feuchte Luft und der Mangel an direktem Sonnenlicht beguenstigen ihre
+Entwicklung, und doch betraegt die Temperatur bei Tag 25, bei Nacht
+19 Grad.
+
+Die angebliche Goldgrube von Cuchivano, die wir untersuchen sollten, ist
+nichts als ein Loch, das man in eine der schwarzen, an Schwefelkies
+reichen Mergelschichten im Kalk zu graben angefangen. Das Loch liegt auf
+der rechten Seite des Rio Inagua an einem Punkt, wohin man vorsichtig
+klettern muss, weil der Bach hier ueber acht Fuss tief ist. Der Schwefelkies
+ist hell goldgelb und man sieht ihm nicht an, dass er Kupfer enthaelt. Die
+Mergelschicht, in der er vorkommt, streicht ueber den Bach hinueber. Das
+Wasser spuelt die metallisch glaenzenden Koerner aus, und desshalb glaubt das
+Volk, der Bach fuehre Gold. Man erzaehlt, nach dem grossen Erdbeben im
+Jahr 1766 habe das Wasser des Inagua so viel Gold gefuehrt, dass Maenner,
+"die weit her gekommen, und von denen man nicht gewusst, wo sie zu Hause
+seyen," Goldwaeschen angelegt haetten; sie seyen aber bei Nacht und Nebel
+verschwunden, nachdem sie eine Menge Gold gesammelt. Es braucht keines
+Beweises, dass diess ein Maehrchen ist; die Kiese in den Quarzgaengen des
+Glimmerschiefers sind allerdings sehr oft goldhaltig; aber nichts
+berechtigt bis jetzt zur Annahme, dass der Schwefelkies im Mergelschiefer
+des Alpenkalks gleichfalls Gold enthalte. Einige direkte Versuche auf
+nassem Weg, die ich waehrend meines Aufenthalts in Caracas angestellt, thun
+dar, dass der Schwefelkies von Cuchivano durchaus nicht goldhaltig ist.
+Unsern Fuehrern behagte mein Unglaube sehr schlecht; ich hatte gut sagen,
+aus dieser angeblichen Goldgrube koennte man hoechstens Alaun und
+Eisenvitriol gewinnen; sie lasen nichtsdestoweniger heimlich jedes
+Stueckchen Schwefelkies auf, das sie im Wasser glaenzen sahen. Je aermer ein
+Land an Erzgruben ist, desto leichter wird es in der Einbildung der
+Einwohner, die Schaetze aus dem Schosse der Erde zu holen. Wie viele Zeit
+haben wir auf unserer fuenfjaehrigen Reise verloren, um auf das dringende
+Verlangen unserer Wirthe Schluchten zu untersuchen, in denen
+schwefelkieshaltige Schichten seit Jahrhunderten den stolzen Namen _Minas
+de Oro_ fuehren! Wie oft sahen wir laechelnd zu, wenn Leute aller Staende,
+Beamte, Dorfgeistliche, ernste Missionaere mit unermuedlicher Geduld
+Hornblende oder gelben Glimmer zerstiessen, um mittelst Quecksilbers das
+Gold auszuziehen! Die leidenschaftliche Gier, mit der man nach Erzen
+sucht, erscheint doppelt auffallend in einem Lande, wo man den Boden kaum
+umzuwenden braucht, um ihm reiche Ernten zu entlocken.
+
+Nachdem wir den Schwefelkies am Rio Juagua untersucht, gingen wir weiter
+in der Schlucht hinauf, die sich wie ein enger, von sehr hohen Baeumen
+beschatteter Kanal fortzieht. Nach sehr beschwerlichem Marsch und ganz
+durchnaesst, weil wir so oft ueber den Bach gegangen waren, langten wir am
+Fuss der Hoehlen des Cuchivano an, aus denen man vor einigen Jahren die
+Flammen hatte brechen sehen. Achthundert Toisen hoch steigt senkrecht eine
+Felswand auf. In einem Landstrich, wo der ueppige Pflanzenwuchs ueberall den
+Boden und das Gestein bedeckt, kommt es selten vor, dass ein grosser Berg in
+senkrechtem Durchschnitt seine Schichten zeigt. Mitten in diesem
+Durchschnitt, leider dem Menschen unzugaenglich, liegen die Spalten, die zu
+zwei Hoehlen fuehren. Sie sollen von denselben Nachtvoegeln bewohnt seyn, die
+wir bald in der Cueva del Guacharo bei Caripe werden kennen lernen.
+
+Wir ruhten am Fuss der Hoehlen aus. Hier sah man die Flammen hervorkommen,
+welche in den letzten Jahren haeufiger geworden sind. Unsere Fuehrer und der
+Paechter, ein verstaendiger, mit den Oertlichkeiten der Provinz wohl
+bekannter Mann, verhandelten nach der Weise der Creolen ueber die Gefahr,
+der die Stadt Cumanacoa ausgesetzt waere, wenn der Cuchivano ein thaetiger
+Vulkan wuerde, _se veniesse a reventar_. Es schien ihnen unzweifelhast, dass
+seit dem grossen Erdbeben von Quito und Cumana im Jahr 1797 Neu-Andalusien
+vom unterirdischen Feuer immer mehr unterhoehlt werde. Sie brachten die
+Flammen zur Sprache, die man in Cumana hatte aus dem Boden schlagen sehen,
+und die Stoesse, die man jetzt an Orten empfindet, wo man frueher nichts von
+Erdbeben wusste. Sie erinnerten daran, dass man in Macarapan seit einigen
+Monaten oefters Schwefelgeruch spuere. Auf diese und aehnliche Erscheinungen,
+die uns damals in ihrem Munde auffielen, gruendeten sie Prophezeiungen, die
+fast saemmtlich in Erfuellung gegangen sind. Entsetzliche Zerstoerungen haben
+im Jahr 1812 in Caracas stattgefunden, zum Beweis, welch gewaltige Unruhe
+im Nordosten von Terra Firma in der Natur herrscht.
+
+Was ist wohl aber die Ursache der feurigen Erscheinungen, die man am
+Cuchivano beobachtet? Ich weiss wohl, dass man zuweilen die Luftsaeule, die
+ueber der Muendung brennender Vulkane aufsteigt, in hellem Lichte glaenzen
+sieht. Dieser Lichtschein, den man von brennendem Wasserstoffgas
+herleitet, wurde von Chillo aus auf dem Gipfel des Cotopaxi zu einer Zeit
+beobachtet, wo der Berg ziemlich ruhig schien. Ich weiss, dass die Alten
+erzaehlen, auf dem _Mons Albanus_ bei Rom, dem heutigen _Monte cavo_ sey
+zuweilen bei Nacht Feuer gesehen worden; aber der _Mons albanus_ ist ein
+erst in neuerer Zeit erloschener Vulkan, der noch zu Catos Zeit Rapilli
+auswarf [_Albano monte biduum continenter lapidibus pluit. Livius
+XXV. 7._], waehrend der Cuchivano ein Kalkberg ist in einer Gegend, wo weit
+und breit keine Trappbildungen vorkommen. Kann man jene Flammen etwa
+daraus erklaeren, dass das Wasser, wenn es mit den Kiesen im Mergelschiefer
+in Beruehrung kommt, zersetzt wird? Ist das Feuer, das aus den Hoehlen des
+Cuchivano kommt, brennendes Wasserstoffgas? Das Wasser, das durch den
+Kalkstein sickert und durch die Schwefelschichten zersetzt wird, und die
+Erdbeben von Cumana, die Lager gediegenen Schwefels bei Carupano und die
+schwefligt sauren Daempfe, die man zuweilen in den Savanen spuert: zwischen
+all dem liesse sich leicht ein Zusammenhang denken; es ist auch nicht zu
+bezweifeln, dass, wenn sich bei der starken Affinitaet zwischen dem
+Eisenoxyd und den Erden bei hoher Temperatur Wasser ueber Schwefelkiesen
+zersetzt, die Entbindung von Wasserstoffgas erfolgen kann, welche mehrere
+neuere Geologen eine so wichtige Rolle spielen lassen. Aber bei
+vulkanischen Ausbruechen tritt weit constanter schwefligte Saeure auf als
+Wasserstoff, und der Geruch, den man zuweilen bei starken Erdstoessen
+verspuert, ist vorzugsweise der Geruch von schwefligter Saeure. Ueberblickt
+man die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben im Ganzen, bedenkt
+man, in welch ungeheuren Entfernungen sich die Stoesse unter dem Meeresboden
+fortpflanzen, so laesst man bald Erklaerungen fallen, die von unbedeutenden
+Schichten von Schwefelkies und bituminoesem Mergel ausgehen. Nach meiner
+Ansicht koennen die Stoesse, die man in der Provinz Cunana so haeufig spuert,
+so wenig den zu Tag ausgehenden Gebirgsarten zugeschrieben werden, als die
+Stoesse, welche die Apenninen erschuettern, Asphaltadern oder brennenden
+Erdoelquellen. Alle diese Erscheinungen haengen von allgemeineren, fast
+haette ich gesagt, tiefer liegenden Ursachen her, und der Herd der
+vulkanischen Wirkungen ist nicht in den secundaeren Gebirgsbildungen, aus
+denen die aeussere Erdrinde besteht, sondern in sehr bedeutender Tiefe unter
+der Oberflaeche in den Urgebirgsarten zu suchen. Je weiter die Geologie
+fortschreitet, desto mehr sieht man ein, wie wenig man mit den Theorien
+ausrichtet, die sich auf wenige, rein oertliche Beobachtungen gruenden.
+
+Nach Meridianhoehen des suedlichen Fisches, die ich in der Nacht vom
+7. September beobachtet, liegt Cumanacoa unter 10 deg. 16' 11" der Breite; die
+Angabe der geschaetztesten Karten ist also um 1/4 Grad unrichtig. Die Neigung
+der Magnetnadel fand ich gleich 42 deg.,60 und die Intensitaet der magnetischen
+Kraft gleich 228 Schwingungen in zehn Zeitminuten; die Intensitaet war
+demnach um neun Schwingungen oder 1/25 geringer als in Ferrol.
+
+Am zwoelften setzten wir unsere Reise nach dem Kloster Caripe, dem Hauptort
+der Chaymas-Missionen, fort. Wir zogen der geraden Strasse den Umweg ueber
+die Berge Cocollar und Turimiquiri vor, die nicht viel hoeher sind als der
+Jura. Der Weg laeuft zuerst ostwaerts drei Meilen ueber die Hochebene von
+Cumanacoa, den alten Seeboden, und biegt dann nach Sued ab. Wir kamen durch
+das kleine indianische Dorf Aricagua, das von bewaldeten Huegeln umgeben
+sehr freundlich daliegt. Von hier an ging es bergauf und wir hatten ueber
+vier Stunden zu steigen. Dieses Stueck des Weges ist sehr angreifend; man
+setzt zweiundzwanzigmal ueber den Pututucuar, ein reissendes Bergwasser voll
+Kalksteinbloecken. Hat man auf der _Cuesta del Cocollar_ zweitausend Fuss
+Meereshoehe erreicht, so sieht man zu seiner Ueberraschung fast keine
+Waelder, oder auch nur grosse Baeume mehr. Man geht ueber eine ungeheure, mit
+Graesern bewachsene Hochebene. Nur Mimosen mit halbkugeliger Krone und drei
+bis vier Fuss hohem Stamm unterbrechen die oede Einfoermigkeit der Savanen.
+Ihre Aeste sind gegen den Boden geneigt oder breiten sich schirmartig aus.
+Ueberall, wo Abhaenge oder halb mit Erde bedeckte Gesteinmassen sich
+zeigen, breitet die Clusia oder der Cupey mit den grossen Nymphaeenbluethen
+sein herrliches Gruen aus. Die Wurzeln dieses Baums haben zuweilen acht
+Zoll Durchmesser und gehen oft schon fuenfzehn Fuss ueber dem Boden vom
+Stamme ab.
+
+Nachdem wir noch lange bergan gestiegen waren, kamen wir auf einer kleinen
+Ebene zum _Hato del Cocollar_. Es ist diess ein Hof, der 408 Toisen hoch
+ganz allein auf dem Plateau liegt. In dieser Einsamkeit blieben wir drei
+Tage, vortrefflich verpflegt von dem Eigenthuemer [Don Mathias Yturburi,
+ein geborener Biscayer], der vom Hafen von Cumana an unser Begleiter
+gewesen war. Wir fanden daselbst bei der reichen Weide Milch,
+vortreffliches Fleisch und vor allem ein herrliches Klima. Bei Tag stieg
+der hunderttheilige Thermometer nicht ueber 22 oder 23 Grad, kurz vor
+Sonnenuntergang fiel er auf 19 und bei Nacht zeigte er kaum 14. Bei Nacht
+war es daher um sieben Grad kuehler als an der Kueste, was, da die Hochebene
+des Cocollar nicht so hoch liegt, als die Stadt Caracas, wiederum auf eine
+ausnehmend rasche Waermeabnahme hinweist.
+
+So weit das Auge reicht, sieht man auf dem hohen Punkt nichts als kahle
+Savanen; nur hin und wieder tauchen aus den Schluchten kleine Baumgruppen
+auf, und trotz der scheinbaren Einfoermigkeit der Vegetation findet man
+ausnehmend viele sehr interessante Pflanzen. Wir fuehren hier nur an eine
+prachtvolle Lobelia mit purpurnen Bluethen, die _Brownea coccinea_ die ueber
+hundert Fuss hoch wird, und vor allen den *Pejoa*, der im Lande beruehmt
+ist, weil seine Blaetter, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt, einen
+koestlichen aromatischen Geruch von sich geben. Was uns aber am meisten am
+einsamen Ort entzueckte, das war die Schoenheit und Stille der Naechte. Der
+Eigenthuemer des Hofes blieb mit uns wach. Er schien sich daran zu weiden,
+wie Europaeer, die eben erst unter die Tropen gekommen, sich nicht genug
+wundern konnten ueber die frische Fruehlingsluft, deren man nach
+Sonnenuntergang hier aus den Bergen geniesst. In jenen fernen Laendern, wo
+der Mensch die Gaben der Natur noch voll zu schaetzen weiss, preist der
+Grundeigenthuemer das Wasser seiner Quelle, den gesunden Wind, der um den
+Huegel weht, und dass es keine schaedlichen Insekten gibt, wie wir in Europa
+uns der Vorzuege unseres Wohnhauses oder des malerischen Effekts unserer
+Pflanzungen ruehmen.
+
+Unser Wirth war mit einer Mannschaft, die an der Kueste des Meerbusens von
+Paria Holzschlaege fuer die spanische Marine einrichten sollte, in die neue
+Welt gekommen. In den grossen Mahagoni-, Cedrela- und Brasilholzwaeldern,
+die um das Meer der Antillen her liegen, dachte man die groessten Staemme
+auszusuchen, sie im Groben so zuzuhauen, wie man sie zum Schiffsbau
+braucht, und sie jaehrlich auf die Werfte von Caraques bei Cadix zu
+schicken. Aber weisse, nicht acclimatisirte Maenner mussten der anstrengenden
+Arbeit, der Sonnengluth und der ungesunden Luft der Waelder erliegen.
+Dieselben Luefte, welche mit den Wohlgeruechen der Bluethen, Blaetter und
+Hoelzer geschwaengert sind, fuehren auch den Keim der Aufloesung in die
+Organe. Boesartige Fieber rafften mit den Zimmerleuten der koeniglichen
+Marine die Aufseher der neuen Anstalt weg, und die Bucht, der die ersten
+Spanier wegen des truebseligen, wilden Aussehens der Kueste den Namen
+_"Golfo triste"_ gegeben, wurde das Grab der europaeischen Seeleute. Unser
+Wirth hatte das seltene Glueck, diesen Gefahren zu entgehen; nachdem er den
+groessten Theil der Seinigen hatte hinsterben sehen, zog er weit weg von der
+Kueste auf die Berge des Cocollar. Ohne Nachbarschaft, im ungestoerten
+Besitz eines Savanenstrichs von fuenf Meilen, geniesst er hier der
+Unabhaengigkeit, wie die Vereinzelung sie gewaehrt, und der Heiterkeit des
+Gemueths, wie sie schlichten Menschen eigen ist, die in reiner, staerkender
+Luft leben.
+
+Nichts ist dem Eindruck majestaetischer Ruhe zu vergleichen, den der
+Anblick des gestirnten Himmels an diesem einsamen Ort in einem hinterlaesst.
+Blickten wir bei Einbruch der Nacht hinaus ueber die Prairien, die bis zunm
+Horizont fortstreichen, ueber die gruen bewachsene, sanft gewellte
+Hochebene, so war es uns, gerade wie in den Steppen am Orinoco, als saehen
+wir weit weg das gestirnte Himmelsgewoelbe auf dem Ocean ruhen. Der Baum,
+unter dem wir sassen, die leuchtenden Insekten, die in der Luft tanzten,
+die glaenzenden Sternbilder im Sueden, Alles mahnte uns daran, wie weit wir
+von der Heimatherde waren. Und wenn nun, inmitten dieser fremdartigen
+Natur, aus einer Schlucht heraus das Schellengelaeute einer Kuh oder das
+Bruellen des Stieres zu unsern Ohren drang, dann sprang mit einemmal der
+Gedanke an die Heimath ins uns auf. Es war, als hoerten wir aus weiter,
+weiter Ferne Stimmen, die ueber das Weltmeer herueber riefen und uns mit
+Zauberkraft aus einer Hemisphaere in die andere versetzten. So wunderbar
+beweglich ist die Einbildungskraft des Menschen, die ewige Quelle seiner
+Freuden und seiner Schmerzen!
+
+In der Morgenkuehle machten wir uns auf, den Turimiquiri zu besteigen. So
+heisst der Gipfel des Cocollar, der mit dem Brigantin nur Einen
+Gebirgsstock bildet, welcher bei den Eingeborenen frueher Sierra de los
+Tageres hiess. Man macht einen Theil des Wegs auf Pferden, die frei in den
+Savanen laufen, zum Theil aber an den Sattel gewoehnt sind. So plump ihr
+Aussehen ist, klettern sie doch ganz flink den schluepfrigsten Rasen
+hinaus. Wir machten zuerst bei einer Quelle Halt, die nicht aus dem
+Kalkstein, sondern noch aus einer Schichte quarzigen Sandsteins kommt.
+Ihre Temperatur war 21 deg., also um 1 deg.,5 geringer als die der Quelle von
+Quetepe; der Hoehenunterschied betraegt aber auch gegen 220 Toisen.
+Ueberall, wo der Sandstein zu Tage kommt, ist der Boden eben und bildet
+gleichsam kleine Plateaus, die wie Stufen ueber einander liegen. Bis zu
+700 Toisen und sogar darueber ist der Berg, wie alle in der Nachbarschaft,
+nur mit Graesern bewachsen. In Cumana schreibt man den Umstand, dass keine
+Baeume mehr vorkommen, der grossen Hoehe zu; vergegenwaertigt man sich aber
+die Vertheilung doer Gewaechse in den Cordilleren der heissen Zone, so sieht
+man, dass die Berggipfel in Neu-Andalusien lange nicht zu der obern
+Baumgrenze hinaufreichen, die in dieser Breite mindestens 1600 Toisen hoch
+liegt. Ja der kurze Rasen zeigt sich auf dem Cocollar stellenweise sogar
+schon bei 350 Toisen ueber dem Meer und man kann auf demselben bis zu
+1000 Toisen Hoehe gehen; weiter hinauf, ueber diesem mit Graesern bedeckten
+Guertel, befindet sich auf dem Menschen fast unzugaenglichen Gipfeln ein
+Waeldchen von Cedrela, Javillos(52) und Mahagonibaeumen. Nach diesen lokalen
+Verhaeltnissen muss man annehmen, dass die Bergsavanen des Cocollar und
+Turimiquiri ihre Entstehung nur der verderblichen Sitte der Eingeborenen
+verdanken, die Waelder anzuzuenden, die sie in Weideland verwandeln wollen.
+Jetzt, da Graeser und Alppflanzen seit dreihundert Jahren den Boden mit
+einem dicken Filz ueberzogen haben, koennen die Baumsamen sich nicht mehr im
+Boden befestigen und keimen, obgleich Wind und Voegel sie fortwaehrend von
+entlegenen Waeldern in die Savanen heruebertragen.
+
+Das Klima auf diesen Bergen ist so mild, dass beim Hofe auf dem Cocollar
+der Baumwollenbaum, der Kaffeebaum, sogar das Zuckerrohr gut fortkommen.
+Trotz aller Behauptungen der Einwohner an der Kueste ist unter dem 10. Grad
+der Breite auf Bergen, die kaum hoeher sind als der Mont d'Or und der Puy
+de Dome, niemals Reif gesehen worden. Die Weiden auf dem Turimiquiri
+nehmen an Guete ab, je hoeher sie liegen. Ueberall, wo zerstreute Felsmassen
+Schatten bieten, kommen Flechten und verschiedene europaeische Moose vor.
+_Melastoma xanthostachis_ und ein Strauch (_Palicourea rigida_), dessen
+grosse lederartige Blaetter im Wind wie Pergament rauschen, wachsen hie und
+da in der Savane. Aber die Hauptzierde des Rasens ist ein Liliengewaechs
+mit goldgelber Bluethe, die _Marica martinicensis_. Man findet sie in den
+Provinzen Cumana und Caracas meist erst in 400 bis 500 Toisen Hoehe. Die
+Gebirgsarten des Turimiquiri sind ein Alpenkalk, aehnlich dem bei
+Cumanacoa, und ziemlich duenne Schichten Mergel und quarziger Sandstein. Im
+Kalkstein sind Klumpen von braunem Eisenoxyd und Spatheisen eingesprengt.
+An mehreren Stellen habe ich ganz deutlich beobachtet, dass der Sandstein
+dem Kalk nicht nur aufgelagert ist, sondern dass beide nicht selten in
+Wechsellagerung vorkommen.
+
+Man unterscheidet im Lande den abgerundeten Gipfel des Turimiquiri und die
+spitzen Pics oder *Cucuruchos*, die dicht bewaldet sind und wo es viele
+Tiger gibt, auf die man wegen des grossen und schoenen Fells Jagd macht. Den
+runden begrasten Gipfel fanden wir 707 Toisen hoch. Von diesem Gipfel
+laeuft nun nach West ein steiler Felskamm aus, der eine Seemeile von jenem
+durch eine ungeheure Spalte unterbrochen ist, die gegen den Meerbusen von
+Cariaco hinunterlaeuft. An der Stelle, wo der Kamm haette weiter laufen
+sollen, erheben sich zwei Bergspitzen aus Kalkstein, von denen die
+noerdliche die hoehere ist. Diess ist der eigentliche Cucurucho de
+Turimiquiri, der fuer hoeher gilt als der Brigantin, der den Schiffern, die
+der Kueste von Cumana zusteuern, so wohl bekannt ist. Nach Hoehenwinkeln und
+einer ziemlich kurzen Standlinie, die wir auf dem abgerundeten kahlen
+Gipfel zogen, massen wir den Spitzberg oder Cucurucho und fanden ihn
+350 Toisen hoeher als unsern Standort, so dass seine absolute Hoehe ueber
+1050 Toisen betraegt.
+
+Man geniesst auf dem Turimiquiri einer der weitesten und malerischsten
+Aussichten. Vom Gipfel bis hinunter zum Meer liegen Bergketten vor einem,
+die parallel von Ost nach West streichen und Laengenthaeler zwischen sich
+haben. Da in letztere eine Menge kleiner, von den Bergwassern ausgespuelter
+Thaeler unter rechtem Winkel muenden, so stellen sich die Seitenketten als
+Reihen gleich vieler bald abgerundeter, bald kegelfoermiger Hoehen dar. Bis
+zum Imposible sind die Berghaenge meist ziemlich sanft; weiterhin werden
+die Abfaelle sehr steil und streichen hinter einander fort bis zum Ufer des
+Meerbusens von Cariaco. Die Umrisse dieser Gebirgsmassen erinnern an die
+Ketten des Jura, und die einzige Ebene, die sich darin findet, ist das
+Thal von Cumanacoa. Es ist als saehe man in einen Trichter hinunter, auf
+dessen Boden unter zerstreuten Baumgruppen das indianische Dorf Aricagua
+erscheint. Gegen Nord hob sich eine schmale Landzunge, die Halbinsel
+Araya, braun vom Meere ab, das, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet,
+ein glaenzendes Licht zurueckwarf. Jenseits der Halbinsel begrenzte den
+Horizont das Vorgebirge Macanao, dessen schwarzes Gestein gleich einem
+ungeheuren Bollwerk aus dem Wasser aufsteigt.
+
+Der Hof auf dem Cocollar am Fusse des Turimiquiri liegt unter 10 deg. 9' 32"
+der Breite. Die Inclination der Magnetnadel fand ich gleich 42 deg. 10'. Die
+Nadel schwang 220mal in zehn Zeitminuten. Die im Kalk liegenden
+Brauneisensteinmassen moegen die Intensitaet der magnetischen Kraft um ein
+Weniges steigern.
+
+Am 14. September gingen wir vom Cocollar zur Mission San Antonio hinunter.
+Der Weg fuehrt Anfangs ueber Savanen, die mit grossen Kalksteinbloecken
+uebersaeet sind, und dann betritt man dichten Wald. Nachdem man zwei sehr
+steile Berggraete ueberstiegen, hat man ein schoenes Thal vor sich, das fuenf
+Meilen lang fast durchaus von Ost nach West streicht. In diesem Thale
+liegen die Missionen San Antonio und Guanaguana. Erstere ist beruehmt wegen
+einer kleinen Kirche aus Backsteinen, in ertraeglichem Styl, mit zwei
+Thuermen und dorischen Saeulen. Sie gilt in der Umgegend fuer ein Wunder. Der
+Gardian der Kapuziner wurde mit diesem Kirchenbau in nicht ganz zwei
+Sommern fertig, obgleich er nur Indianer aus seinem Dorfe dabei verwendet
+hatte. Die Saeulencapitaele, die Gesimse und ein mit Sonnen und Arabesken
+gezierter Fries wurden aus mit Ziegelmehl vermischtem Thon modellirt.
+Wundert man sich, an der Grenze Lapplands Kirchen im reinsten griechischen
+Styl [In Skelestar bei Torneo. S. Buch, Reise in Norwegen] anzutreffen, so
+ueberraschen einen dergleichen erste Kunstversuche noch mehr in einem
+Erdstrich, wo noch Alles den Stempel menschlicher Urzustaende traegt und von
+den Europaeern erst seit etwa vierzig Jahren der Grund zu kuenftiger Cultur
+gelegt wurde. Der Statthalter der Provinz missbilligte es, dass in Missionen
+mit solchem Luxus gebaut werde, und zum grossen Leidwesen der Moenche wurde
+die Kirche nicht ausgebaut. Die Indianer von San Antonio sind weit
+entfernt, solches gleichfalls zu beklagen; sie sind insgeheim mit dem
+Spruche des Statthalters vollkommen einverstanden, weil er ihrer
+natuerlichen Traegheit behagt. Sie machen sich eben so wenig aus
+architektonischen Ornamenten als einst die Eingeborenen in den
+Jesuitenmissionen in Paraguay.
+
+Ich hielt mich in der Mission San Antonio nur auf, um auf den Barometer zu
+sehen und ein paar Sonnenhoehen zu nehmen. Der grosse Platz liegt 216 Toisen
+ueber Cumana. Jenseits des Dorfs durchwateten wir die Fluesse Colorado und
+Guarapiche, die beide in den Bergen des Cocollar entspringen und weiter
+unten, ostwaerts, sich vereinigen. Der Colorado hat eine sehr starke
+Stroennmg und wird bei seiner Muendung breiter als der Rhein; der Guarapiche
+ist, nachdem er den Rio Areo aufgenommen, ueber fuenf und zwanzig Faden
+tief. An seinen Ufern waechst eine ausnehmend schoene Grasart, die ich zwei
+Jahre spaeter, als ich den Magdalenenstrom hinausfuhr, gezeichnet habe. Der
+Halm mit zweizeiligen Blaettern wird 15 bis 20 Fuss hoch. Unsere Maulthiere
+konnten sich durch den dicken Morast auf dem schmalen ebenen Weg kaum
+durcharbeiten. Es goss in Stroemen vom Himmel; der ganze Wald erschien in
+Folge des starken anhaltenden Regens wie Ein Sumpf.
+
+Gegen Abend langten wir in der Mission Guanaguana an, die so ziemlich in
+derselben Hoehe liegt, wie das Dorf San Antonio. Es that sehr noth, dass wir
+uns trockneten. Der Missionaer nahm uns sehr herzlich auf. Es war ein alter
+Mann, der, wie es schien, seine Indianer sehr verstaendig behandelte. Das
+Dorf steht erst seit dreissig Jahren am jetzigen Fleck, frueher lag es
+weiter nach Sueden und lehnte sich an einen Huegel. Man wundert sich, mit
+welcher Leichtigkeit man die Wohnsitze der Indianer verlegt. Es gibt in
+Suedamerika Doerfer, die in weniger als einem halben Jahrhundert dreimal den
+Ort gewechselt haben. Den Eingeborenen knuepfen so schwache Bande an den
+Boden, auf dem er wohnt, dass er den Befehl, sein Haus abzureissen und es
+anderswo wieder aufzubauen, gleichmuethig aufnimmt. Ein Dorf wechselt
+seinen Platz wie ein Lager. Wo es nur Thon, Rohr, Palmblaetter und
+Heliconienblaetter gibt, ist die Huette in wenigen Tagen wieder fertig.
+Diesen gewaltsamen Aenderungen liegt oft nichts zu Grunde als die Laune
+eines frisch aus Spanien angekommenen Missionaers, der meint, die Mission
+sey dem Fieber ausgesetzt oder liege nicht luftig genug. Es ist
+vorgekommen, dass ganze Doerfer mehrere Stunden weit verlegt wurden, bloss
+weil der Moench die Aussicht aus seinem Hause nicht schoen oder weit genug
+fand.
+
+Guanaguana hat noch keine Kirche. Der alte Geistliche, der schon seit
+dreissig Jahren in den Waeldern Amerikas lebte, aeusserte gegen uns, die
+Gemeindegelder, d. h. der Ertrag der Arbeit der Indianer, muessten zuerst
+zum Bau des Missionshauses, dann zum Kirchenbau und endlich fuer die
+Kleidung der Indianer verwendet werden. Er versicherte in wichtigem Ton,
+von dieser Ordnung duerfe unter keinem Vorwand abgegangen werden. Nun, die
+Indianer, die lieber ganz nackt gehen als die leichtesten Kleider tragen,
+koennen gut warten, bis die Reihe an sie kommt. Die geraeumige Wohnung des
+*Padre* war eben fertig geworden, und wir bemerkten zu unserer
+Ueberraschung, dass das Haus, das ein plattes Dach hatte, mit einer Menge
+Kaminen wie mit Thuermchen geziert war. Sie sollten, belehrte uns unser
+Wirth, ihn an sein geliebtes Heimathland, und in der tropischen Hitze an
+die aragonesischen Winter erinnern. Die Indianer in Guanaguana bauen
+Baumwolle fuer sich, fuer die Kirche und fuer den Missionaer. Der Ertrag gilt
+als Gemeindeeigenthum und mit den Gemeindegeldern werden die Beduerfnisse
+des Geistlichen und die Kosten des Gottesdienstes bestritten. Die
+Eingeborenen haben hoechst einfache Vorrichtungen, um den Samen von der
+Baumwolle zu trennen. Es sind hoelzerne Cylinder von sehr kleinem
+Durchmesser, zwischen denen die Baumwolle durchlaeuft und die man wie
+Spinnraeder mit dem Fusse umtreibt. Diese hoechst mangelhaften Maschinen
+leisten indessen gute Dienste und man faengt in den andern Missionen an sie
+nachzuahmen. Ich habe anderswo, in meinem Werke ueber Mexico, auseinander
+gesetzt, wie sehr die Sitte, die Baumwolle mit dem Samen zu verkaufen, den
+Transport in den spanischen Colonien erschwert, wo alle Waaren auf
+Maulthieren in die Seehaefen kommen. Der Boden ist in Guanaguana eben so
+fruchtbar wie im benachbarten Dorfe Aricagua, das gleichfalls seinen
+indianischen Namen behalten hat. Eine *Almuda* (1850 Quadrattoisen) traegt
+in guten Jahren 25-30 Fanegas Mais, die Fanega zu hundert Pfund. Aber hier
+wie ueberall, wo der Segen der Natur die Entwicklung der Industrie hemmt,
+macht man nur ganz wenige Morgen Landes urbar, und kein Mensch denkt
+daran, mit dem Anbau der Nahrungspflanzen zu wechseln. Die Indianer in
+Guanaguana erzaehlten mir als etwas Ungewoehnliches, im verflossenen Jahr
+seyen sie, ihre Weiber und Kinder drei Monate lang _al monte_ gewesen, das
+heisst, sie seyen in den benachbarten Waeldern umhergezogen, um sich von
+saftigen Pflanzen, von Palmkohl, von Farnwurzeln und wilden Baumfruechten
+zu naehren. Sie sprachen von diesem Nomadenleben keineswegs wie von einem
+Nothstand. Nur der Missionaer hatte dabei zu leiden gehabt, weil das Dorf
+ganz verlassen stand und die Gemeindegenossen, als sie aus den Waeldern
+wieder heim kamen, weniger lenksam waren als zuvor.
+
+Das schoene Thal von Guanaguana laeuft gegen Ost in die Ebenen von Punzere
+und Terecen aus. Gerne haetten wir diese Ebenen besucht, um die Quellen von
+Bergoel zwischen den Fluessen Guarapiche und Areo zu untersuchen; aber die
+Regenzeit war foermlich eingetreten, und wir hatten taeglich vollauf zu
+thun, um die gesammelten Pflanzen zu trocknen und aufzubewahren. Der Weg
+von Guanaguana nach dem Dorfe Punzere fuehrt entweder ueber San Felix, oder
+ueber Caycara und Guahuta, wo sich ein *Hato* (Hof fuer Viehzucht) der
+Missionaere befindet. An letzterem Orte findet man, nach dem Bericht der
+Indianer, grosse Schwefelmassen, nicht in Gips oder Kalkstein, sondern in
+geringer Tiefe unter der Flaeche des Bodens in Thonschichten. Dieses
+auffallende Vorkommen scheint Amerika eigenthuemlich; wir werden demselben
+im Koenigreich Quito und in Neugrenada wieder begegnen. Vor Punzere sieht
+man in den Savanen Saeckchen von Seidengewebe an den niedrigsten Baumaesten
+haengen. Es ist diess die _seda silvestre_ oder einheimische wilde Seide,
+die einen schoenen Glanz hat, aber sich sehr rauh anfuehlt. Der
+Nachtschmetterling, der sie spinnt, kommt vielleicht mit denen in den
+Provinzen Gnanaxuato und Antioquia ueberein, die gleichfalls wilde Seide
+liefern. Im schoenen Walde von Punzere kommen zwei Baeume vor, die unter den
+Namen Curucay und Canela bekannt sind; ersterer liefert ein von den
+*Pinches* oder indianischen Zauberern sehr gesuchtes Harz, der zweite hat
+Blaetter, die nach aechtem Ceylonzimmt riechen. Von Punzere laeuft der Weg
+ueber Terecen und Neu-Palencia, das eine neue Niederlassung von Canariern
+ist, nach dem Hafen San Juan, der am rechten Ufer des Rio Areo liegt, und
+man muss in einer Pirogue ueber diesen Fluss setzen, wenn man zu den
+beruehmten Bergoelquellen von Buen Pastor gehen will. Man beschrieb sie uns
+als kleine Schachte oder Trichter, die sich von selbst im sumpfigen Boden
+gebildet haben. Diese Erscheinung erinnert an den Asphaltsee oder
+*Chapapote* auf der Insel Trinidad, der in gerader Linie von Buen Pastor
+nur 35 Seemeilen entfernt ist.
+
+Nachdem wir eine Weile mit dem Verlangen gekaempft, den Guarapiche hinunter
+in den _Golfo triste_ zu fahren, wandten wir uns gerade den Bergen zu. Die
+Thaeler von Guanaguana und Caripe sind durch eine Art Damm oder Grat aus
+Kalkstein, der unter dem Namen _Cuchilla de Guanaguana_ weit und breit
+beruehmt ist, von einander getrennt [Im ganzen spanischen Amerika bedeutet
+_cuchilla_ Messerklinge, einen Bergkamm mit sehr steilen Abhaengen.]. Wir
+fanden den Uebergang beschwerlich, weil wir damals noch nicht in den
+Cordilleren gereist waren, aber so gefaehrlich, als man ihn in Cumana
+schildert, ist er keineswegs. Allerdings ist der Weg an mehreren Stellen
+nur 14 oder 15 Zoll breit; der Bergsattel, ueber den er weglaeuft, ist mit
+kurzem, sehr glattem Rasen bedeckt, die Abhaenge zu beiden Seiten sind
+ziemlich jaeh, und wenn der Reisende fiele, koennte er auf dem Grase sieben,
+achthundert Fuss hinunterrollen. Indessen sind die Bergseiten vielmehr nur
+starke Boeschungen als eigentliche Abgruende, und die Maulthiere hier zu
+Lande haben einen so sichern Gang, dass man sich ihnen ruhig anvertrauen
+kann. Ihr Benehmen ist ganz wie das der Saumthiere in der Schweiz und in
+den Pyrenaeen. Je wilder ein Land ist, desto feinfuehliger und schaerfer
+witternd wird der Instinkt der Hausthiere. Spueren die Maulthiere eine
+Gefahr, so bleiben sie stehen und wenden den Kopf hin und her, bewegen die
+Ohren auf und ab; man sieht, sie ueberlegen, was zu thun sey. Sie kommen
+langsam zum Entschluss, aber derselbe faellt immer richtig aus, wenn er frei
+ist, das heisst, wenn ihn der Reisende nicht unvorsichtigerweise stoert oder
+uebereilt. Wenn man in den Anden sechs, sieben Monate auf entsetzlichen
+Wegen durch die von den Bergwassern zerrissenen Gebirge zieht, da
+entwickelt sich die Intelligenz der Reitpferde und Lastthiere auf wahrhaft
+erstaunliche Weise. Man kann auch die Gebirgsbewohner sagen hoeren: "Ich
+gebe Ihnen nicht das Maulthier, das den bequemsten Schritt hat, sondern
+das vernuenftigste, _la mas racional_." Dieses Wort aus dem Munde des
+Volks, die Frucht langer Erfahrung, widerlegt das System, das in den
+Thieren nur belebte Maschinen sieht, wohl besser als alle Beweisfuehrung
+der speculativen Philosophie.
+
+Auf dem hoechsten Punkt des Kammes oder der Cuchilla von Guanaguana
+angelangt, hatten wir eine interessante Fernsicht. Wir uebersahen mit Einem
+Blick die weiten Prairien oder Savanen von Maturin und am Rio Tigre, den
+Spitzberg Turimiquiri und zahllose parallel streichende Bergketten, die
+von weitem einer wogenden See gleichen. Gegen Nordost oeffnet sich das
+Thal, in dem das Kloster Caripe liegt. Sein Anblick ist um so einladender,
+als es bewaldet ist und so von den kahlen, nur mit Gras bewachsenen Bergen
+umher freundlich absticht. Wir fanden die absolute Hoehe der Cuchilla
+gleich 548 Toisen; sie liegt also 329 Toisen ueber dem Missionshaus von
+Guanaguana.
+
+Steigt man auf sehr krummem Pfade vom Bergkamme nieder, so betritt man
+bald ein ganz bewaldetes Land. Der Boden ist mit Moos und einer neuen Art
+Drosera bedeckt, die im Wuchs der Drosera unserer Alpen gleicht. Je naeher
+man dem Kloster Caripe kommt, desto dichter wird der Wald, desto ueppiger
+die Vegetation. Alles bekommt einen andern Charakter, sogar die
+Gebirgsart, in der wir von Punta Delgada an gewesen waren. Die
+Kalksteinschichten werden duenner; sie bilden Mauern, Gesimse und Thuerme
+wie in Peru, im Pappenheimschen und bei Dicow in Gallizien. Es ist nicht
+mehr Alpenkalk, sondern eine Formation, welche jenem uebergelagert ist,
+analog dem Jurakalk.
+
+Der Weg von der Cuchilla herab ist bei weitem nicht so lang als der
+hinaus. Wir fanden, dass das Thal von Caripe 200 Toisen hoeher liegt als das
+Thal von Guanaguana. Ein Bergzug von unbedeutender Breite trennt zwei
+Becken; das eine ist koestlich kuehl, das andere als furchtbar heiss
+verrufen. Solchen Contrasten begegnet man in Mexico, in Neu-Grenada und
+Peru haeufig, aber im Nordosten von Suedamerika sind sie selten. Unter allen
+hochgelegenen Thaelern in Neu-Andalusien ist auch nur das von Caripe
+[absolute Hoehe des Klosters 412 Toisen] sehr stark bewohnt. In einer
+Provinz mit schwacher Bevoelkerung, wo die Gebirge weder eine sehr
+bedeutende Masse, noch ausgedehnte Hochebenen haben, findet der Mensch
+wenig Anlass, aus den Ebenen wegzuziehen und sich in gemaessigteren
+Gebirgsstrichen niederzulassen.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 49 In den spanischen Kolonien heisst *Mision* oder *Pueblo de Mision*
+ ein Anzahl Wohnungen um eine Kirche herum, wo ein Missionar, der
+ Ordensgeistlicher ist, den Gottesdienst versieht. Die indianischen
+ Doerfer, die unter der Obhut von Pfarrers stehen, heissen *Pueblos de
+ Doctrina*. Man unterscheidet noch weiter den *Cura doctrinero*, den
+ Pfarrer einer indianischen Gemeinde, und den *Cura rector*, den
+ Pfarrer eines von Weissen oder Farbigen bewohnten Dorfes.
+
+ 50 Das virginische Megatherium ist der Megalonyx Jeffersons. Alle diese
+ ungeheuren Knochen, die man *auf den Ebenen* der neuen Welt,
+ noerdlich oder suedlich vom Aequator gefunden, gehoeren nicht der
+ heissen, sondern der gemaessigten Zone an. Andererseits macht Pallas
+ die Bemerkung, dass in Sibirien, also auch noerdlich vom Wendekreis,
+ fossile Knochen in den gebirgigen Landestheilen gar nicht vorkommen.
+ Diese eng mit einander verknuepften Thatsachen scheinen den Weg zur
+ Auffindung eines wichtigen geologischen Gesetzes zu bahnen.
+
+ 51 Grosse Messer mit sehr langen Klingen, aehnlich den Jagdmessern. In
+ der heissen Zone geht man nicht ohne *Machete* in den Wald, sowohl um
+ die Lianen und Baumaeste abzuhauen, die einem den Weg sperren, als um
+ sich gegen wilde Thiere zu vertheidigen.
+
+_ 52 Hura crepitans_, aus der Familie der Euphorbien. Dieser Baum wird
+ ungeheuer dick; im Thal von Curiepe zwischen Cap Codera und Caracas
+ mass Bonpland Kufen aus Javilloholz, die vierzehn Fuss lang und acht
+ breit waren. Diese Kufen aus Einem Stueck dienen zur Aufbewahrung des
+ Guarapo oder Zuckerrohrsasts und der Melasse. Die Samen des Javillo
+ sind ein starkes Gift, und die Milch, die aus dem Bluethenstengel
+ quillt, wenn man ihn abbricht, hat uns oft Augenschmerz verursacht,
+ wenn zufaellig auch nur ein ganz klein wenig davon zwischen die
+ Augenlider kam.
+
+
+
+
+
+SIEBENTES KAPITEL
+
+
+ Das Kloster Caripe -- Die Hoehle des Guacharo -- Nachtvoegel
+
+
+Eine Allee von Perseabaeumen fuehrte uns zum Hospiz der aragonesischen
+Kapuziner. Bei einem Kreuz aus Brasilholz mitten auf einem grossen Platz
+machten wir Halt. Das Kreuz ist von Baenken umgeben, wo die kranken und
+schwachen Moenche ihren Rosenkranz beten. Das Kloster lehnt sich an eine
+ungeheure, senkrechte, dicht bewachsene Felswand. Das blendend weisse
+Gestein blickt nur hin und wieder hinter dem Laube vor. Man kann sich kaum
+eine malerischere Lage denken; sie erinnerte mich lebhaft an die Thaeler
+der Grafschaft Derby und an die hoehlenreichen Berge bei Muggendorf in
+Franken. An die Stelle der europaeischen Buchen und Ahorne treten hier die
+grossartigeren Gestalten der Ceiba und der Praga- und Irassepalmen.
+Unzaehlige Quellen brechen aus den Bergwaenden, die das Becken von Caripe
+kreisfoermig umgeben und deren gegen Sued steil abfallende Haenge tausend Fuss
+hohe Profile bilden. Diese Quellen kommen meist aus Spalten oder engen
+Schluchten hervor. Die Feuchtigkeit, die sie verbreiten, befoerdert das
+Wachsthum der grossen Baeume, und die Eingeborenen, welche einsame Orte
+lieben, legen ihre *Conucos* laengs dieser Schluchten an. Bananen und
+Melonenbaeume stehen hier um Gebuesche von Baumfarn. Dieses Durcheinander
+von cultivirten und wilden Gewaechsen gibt diesen Punkten einen
+eigenthuemlichen Reiz. An den nackten Bergseiten erkennt man die Stellen,
+wo Quellen zu Tage kommen, schon von weitem an den dichten Massen von
+Gruen, die anfangs am Gestein zu haengen scheinen und sich dann den
+Windungen der Baeche nach ins Thal hinunter ziehen.
+
+Wir wurden von den Moenchen im Hospiz mit der groessten Zuvorkommenheit
+aufgenommen. Der Pater Gardian war nicht zu Hause; aber er war von unserem
+Abgang von Cumana in Kenntniss gesetzt und hatte Alles aufgeboten, um uns
+den Aufenthalt angenehm zu machen. Das Hospiz hat einen innern Hof mit
+einem Kreuzgang, wie die spanischen Kloester. Dieser geschlossene Raum war
+sehr bequem fuer uns, um unsere Instrumente unterzubringen und zu
+beobachten. Wir trafen im Kloster zahlreiche Gesellschaft: junge, vor
+Kurzem aus Europa angekommene Moenche sollten eben in die Missionen
+vertheilt werden, waehrend alte kraenkliche Missionaere in der scharfen
+gesunden Gebirgsluft von Caripe Genesung suchten. Ich wohnte in der Zelle
+des Gardians, in der sich eine ziemlich ansehnliche Buechersammlung befand.
+Ich fand hier zu meiner Ueberraschung neben Feijos _teatro critico_ und
+den "erbaulichen Briefen" auch Abbe Nollets "_traite d'electricite_." Der
+Fortschritt in der geistigen Entwicklung ist, sollte man da meinen, sogar
+in den Waeldern Amerikas zu spueren. Der juengste Kapuziner von der letzten
+Mission(53) hatte eine spanische Uebersetzung von Chaptals Chemie
+mitgebracht. Er gedachte dieses Werk in der Einsamkeit zu studiren, in der
+er fortan fuer seine uebrige Lebenszeit sich selbst ueberlassen seyn sollte.
+Ich glaube kaum, dass bei einem jungen Moenche, der einsam am Ufer des Rio
+Tigre lebt, der Wissenstrieb wach und rege bleibt; aber so viel ist sicher
+und gereicht dem Geist des Jahrhunderts zur Ehre, dass wir bei unserern
+Aufenthalt in den Kloestern und Missionen Amerikas nie eine Spur von
+Unduldsamkeit wahrgenommen haben. Die Moenche in Caripe wussten wohl, dass
+ich im protestantischen Deutschland zu Hause war. Mit den Befehlen des
+Madrider Hofes in der Hand, hatte ich keinen Grund, ihnen ein Geheimniss
+daraus zu machen; aber niemals that irgend ein Zeichen von Misstrauen,
+irgend eine unbescheidene Frage, irgend ein Versuch, eine Controverse
+anzuknuepfen, dem wohlthuenden Eindruck der Gastfreundschaft, welche die
+Moenche mit so viel Herzlichkeit und Offenheit uebten, auch nur den
+geringsten Eintrag. Wir werden weiterhin untersuchen, woher diese
+Duldsamkeit der Missionare ruehrt und wie weit sie geht.
+
+Das Kloster liegt an einem Orte, der in alter Zeit Areocuar hiess. Seine
+Meereshoehe ist ungefaehr dieselbe wie die der Stadt Caracas oder des
+bewohnten Strichs in den blauen Bergen von Jamaica. Auch ist die mittlere
+Temperatur dieser drei Punkte, die alle unter den Tropen liegen, so
+ziemlich dieselbe. In Caripe fuehlt man das Beduerfniss, sich Nachts
+zuzudecken, besonders bei Sonnenaufgang. Wir sahen den hunderttheiligen
+Thermometer um Mitternacht zwischen 16 und 171/2 Grad (12 deg.,8-14 R.) stehen,
+Morgens zwischen 19 und 20. Gegen ein Uhr Nachmittags stand er nur auf 21 deg.
+bis 22 deg.,5. Es ist diess eine Temperatur, bei der die Gewaechse der heissen
+Zone noch wohl gedeihen; gegenueber der uebermaessigen Hitze auf den Ebenen
+bei Cumana koennte man sie eine Fruehlingstemperatur nennen. Das Wasser, das
+man in poroesen Thongesaessen dem Luftzug aussetzt, kuehlt sich in Caripe
+waehrend der Nacht auf 13 deg. ab. Ich brauche nicht zu bemerken, dass solches
+Wasser einem fast eiskalt vorkommt, wenn man in Einem Tage entweder von
+der Kueste oder von den gluehenden Savanen von Terezen ins Kloster kommt und
+daher gewoehnt ist, Flusswasser zu trinken, das meist 25-26 deg. (20-20 deg.,8 R.)
+warm ist.
+
+Die mittlere Temperatur des Thals von Caripe scheint, nach der des Monats
+September zu schliessen, 18 deg.,5 zu seyn. Nach den Beobachtungen, die man in
+Cumana gemacht, weicht unter dieser Zone die Temperatur des Septembers von
+der des ganzen Jahres kaum um einen halben Grad ab. Die mittlere
+Temperatur von Caripe ist gleich der des Monats Juni zu Paris, wo uebrigens
+die groesste Hitze 10 Grad mehr betraegt als an den heissesten Tagen in
+Caripe. Da das Kloster nur 400 Toisen ueber dem Meere liegt, so faellt es
+auf, wie rasch die Waerme von der Kueste an abnimmt. Wegen der dichten
+Waelder koennen die Sonnenstrahlen nicht vom Boden abprallen, und dieser ist
+feucht und mit einem dicken Gras- und Moosfilz bedeckt. Bei anhaltend
+nebligter Witterung ist von Sonnenwirkung ganze Tage lang nichts zu spueren
+und gegen Einbruch der Nacht wehen frische Winde von der Sierra del
+Guacharo ins Thal herunter.
+
+Die Erfahrung hat ausgewiesen, dass das gemaessigte Klima und die leichte
+Luft des Orts dem Anbau des Kaffeebaums, der bekanntlich hohe Lagen liebt,
+sehr foerderlich sind. Der Superior der Kapuziner, ein thaetiger,
+aufgeklaerter Mann, hat in seiner Provinz diesen neuen Kulturzweig
+eingefuehrt. Man baute frueher Indigo in Caripe, aber die Pflanze, die
+starke Hitze verlangt, lieferte hier so wenig Farbstoff, dass man es
+aufgab. Wir fanden im Gemeinde-Conuco viele Kuechenkraeuter, Mais,
+Zuckerrohr und fuenftausend Kaffeestaemme, die eine reiche Ernte
+versprachen. Die Moenche hofften in wenigen Jahren ihrer dreimal so viel zu
+haben. Man sieht auch hier wieder, wie die geistliche Hierarchie ueberall,
+wo sie es mit den Anfaengen der Cultur zu thun hat, in derselben Richtung
+ihre Thaetigkeit entwickelt. Wo die Kloester es noch nicht zum Reichthum
+gebracht haben, auf dem neuen Continent wie in Gallien, in Syrien wie im
+noerdlichen Europa, ueberall wirken sie hoechst vortheilhaft auf die
+Urbarmachung des Bodens und die Einfuehrung fremdlaendischer Gewaechse. In
+Caripe stellt sich der Gemeinde-Conuco als ein grosser schoener Garten dar.
+Die Eingeborenen sind gehalten, jeden Morgen von sechs bis zehn Uhr darin
+zu arbeiten. Die Alcaden und Alguazils von indianischem Blut fuehren dabei
+die Aufsicht. Es sind das die hohen Staatsbeamten, die allein einen Stock
+tragen duerfen und vom Superior des Klosters angestellt werden. Sie legen
+auf jenes Recht sehr grosses Gewicht. Ihr pedantischer, schweigsamer Ernst,
+ihre kalte, geheimnissvolle Miene, der Eifer, mit dem sie in der Kirche und
+bei den Gemeindeversammlungen repraesentiren, kommt den Europaeern hoechst
+lustig vor. Wir waren an diese Zuege im Charakter des Indianers noch nicht
+gewoehnt, fanden sie aber spaeter gerade so am Orinoco, in Mexico und Peru
+bei Voelkern von sehr verschiedenen Sitten und Sprachen. Die Alcaden kamen
+alle Tage ins Kloster, nicht sowohl um mit den Moenchen ueber
+Angelegenheiten der Mission zu verhandeln, als unter dem Vorwand, sich
+nach dem Befinden der kuerzlich angekommenen Reisenden zu erkundigen. Da
+wir ihnen Branntwein gaben, wurden die Besuche haeufiger, als die
+Geistlichen gerne sahen.
+
+So lange wir uns in Caripe und in den andern Missionen der Chaymas
+aufhielten, sahen wir die Indianer ueberall milde behandeln. Im Allgemeinen
+schien uns in den Missionen der aragonesischen Kapuziner grundsaetzlich
+eine Ordnung und eine Zucht zu herrschen, wie sie leider in der neuen Welt
+selten zu finden sind. Missbraeuche, die mit dem allgemeinen Geist aller
+kloesterlichen Anstalten zusammenhaengen, duerfen dem einzelnen Orden nicht
+zur Last gelegt werden. Der Gardian des Klosters Verkauft den Ertrag des
+Gemeinde-Conuco, und da alle Indianer darin arbeiten, so haben auch alle
+gleichen Theil am Gewinn. Mais, Kleidungsstuecke, Ackergeraethe, und, wie
+man versichert, zuweilen auch Geld werden unter ihnen vertheilt. Diese
+Moenchsanstalten haben, wie ich schon oben bemerkt, Aehnlichkeit mit den
+Gemeinden der maehrischen Brueder; sie foerdern die Entwicklung in der
+Bildung begriffener Menschenvereine, und in den katholischen Gemeinden,
+die man Missionen nennt, wird die Unabhaengigkeit der Familien und die
+Selbststaendigkeit der Genossenschaftsglieder mehr geachtet, als in den
+protestantischen Gemeinden nach Zinzendorfs Regel.
+
+Am beruehmtesten ist das Thal von Caripe, neben der ausnehmenden Kuehle des
+Klimas, durch die grosse *Cueva* oder Hoehle des *Guacharo*. In einem Lande,
+wo man so grossen Hang zum Wunderbaren hat, ist eine Hoehle, aus der ein
+Strom entspringt und in der Tausende von Nachtvoegeln leben, mit deren Fett
+man in den Missionen kocht, natuerlich ein unerschoepflicher Gegenstand der
+Unterhaltung und des Streits. Kaum hat daher der Fremde in Cumana den Fuss
+ans Land gesetzt, so hoert er zum Ueberdruss vom Augenstein von Araya, vom
+Landmann in Arenas, der sein Kind gesaeugt, und von der Hoehle des Guacharo,
+die mehrere Meilen lang seyn soll. Lebhafte Theilnahme an
+Naturmerkwuerdigkeiten erhaelt sich ueberall, wo in der Gesellschaft kein
+Leben ist, wo in truebseliger Eintoenigkeit die alltaeglichen Vorkommnisse
+sich abloesen, bei denen die Neugierde keine Nahrung findet.
+
+Die Hoehle, welche die Einwohner eine "Fettgrube" nennen, liegt nicht im
+Thal von Caripe selbst, sondern drei kleine Meilen vom Kloster gegen
+West-Sued-West. Sie muendet in einem Seitenthale aus, das der *Sierra des
+Guacharo* zulaeuft. Am 18. September brachen wir nach der Sierra auf,
+begleitet von den indianischen Alcaden und den meisten Ordensmaennern des
+Klosters. Ein schmaler Pfad fuehrte zuerst anderthalb Stunden lang suedwaerts
+ueber eine lachende, schoen beraste Ebene, dann wandten wir uns westwaerts an
+einem kleinen Flusse hinauf, der aus der Hoehle hervorkommt. Man geht drei
+Viertelstunden lang aufwaerts bald im Wasser, das nicht tief ist, bald
+zwischen dem Fluss und einer Felswand, auf sehr schluepfrigem, morastigem
+Boden. Zahlreiche Erdfaelle, umherliegende Baumstaemme, ueber welche die
+Maulthiere nur schwer hinueber kommen, die Rankengewaechse am Boden machen
+dieses Stueck des Weges sehr ermuedend. Wir waren ueberrascht, hier, kaum
+500 Toisen ueber dem Meere, eine Kreuzbluethe zu finden, den _Raphanus
+pinnatus_. Man weiss, wie selten Arten dieser Familie unter den Tropen
+sind; sie haben gleichsam einen *nordischen Typus*, und auf diesen waren
+wir hier auf dem Plateau von Caripe, in so geringer Meereshoehe, nicht
+gefasst.
+
+Wenn man am Fuss des hohen Guacharoberges nur noch vierhundert Schritte von
+der Hoehle entfernt ist, sieht man den Eingang noch nicht. Der Bach laeuft
+durch eine Schlucht, die das Wasser eingegraben, und man geht unter einem
+Felsenueberhang, so dass man den Himmel gar nicht sieht. Der Weg schlaengelt
+sich mit dem Fluss und bei der letzten Biegung steht man auf einmal vor der
+ungeheuren Muendung der Hoehle. Der Anblick hat etwas Grossartiges selbst fuer
+Augen, die mit der malerischen Scenerie der Hochalpen vertraut sind. Ich
+hatte damals die Hoehlen am Pic von Derbyshire gesehen, wo man, in einem
+Rachen ausgestreckt, unter einem zwei Fuss hohen Gewoelbe ueber einen
+unterirdischen Fluss setzt. Ich hatte die schoene Hoehle von Treshemienshiz
+in den Karpathen befahren, ferner die Hoehlen im Harz und in Franken, die
+grosse Grabstaetten sind fuer die Gebeine von Tigern, Hyaenen und Baeren, die
+so gross waren, wie unsere Pferde. Die Natur gehorcht unter allen Zonen
+unabaenderlichen Gesetzen in der Vertheilung der Gebirgsarten, in der
+aeusseren Gestaltung der Berge, selbst in den gewaltsamen Veraenderungen,
+welche die aeussere Rinde unseres Planeten erlitten hat. Nach dieser grossen
+Einfoermigkeit konnte ich glauben, die Hoehle von Caripe werde im Aussehen
+von dem, was ich der Art auf meinen frueheren Reisen beobachtet, eben nicht
+sehr abweichen; aber die Wirklichkeit uebertraf meine Erwartung weit. Wenn
+einerseits alle Hoehlen nach ihrer ganzen Bildung, durch den Glanz der
+Stalaktiten, in allem, was die unorganisches Natur betrifft, auffallende
+Aehnlichkeit mit einander haben, so gibt andererseits der grossartige
+tropische Pflanzenwuchs der Muendung eines solchen Erdlochs einen ganz
+eigenen Charakter.
+
+Die Cueva del Guacharo oeffnet sich im senkrechten Profil eines Felsen. Der
+Eingang ist nach Sued gekehrt; es ist eine Woelbung achtzig Fuss breit und
+siebzig hoch, also bis auf ein Fuenftheil so hoch als die Colonnade des
+Louvre. Auf dem Fels ueber der Grotte stehen riesenhafte Baeume. Der Mamei
+und der Genipabaum mit breiten glaenzenden Blaettern strecken ihre Aeste
+gerade gen Himmel, waehrend die des Courbaril und der Erythrina sich
+ausbreiten und ein dichtes gruenes Gewoelbe bilden. Pothos mit saftigen
+Stengeln, Oxalis und Orchideen von seltsamem Bau [Ein _Dendrobium_ mit
+goldgelber, schwarzgefleckter, drei Zoll langer Bluethe] wachsen in den
+duerrsten Felsspalten, waehrend vom Winde geschaukelte Rankengewaechse sich
+vor dem Eingang der Hoehle zu Gewinden verschlingen. Wir sahen in diesen
+Blumengewinden eine violette Bignonie, das purpurfarbige Dolichos und zum
+erstenmal die prachtvolle Solandra, deren orangegelbe Bluethe eine ueber
+vier Zoll lange fleischige Roehre hat. Es ist mit dem Eingang der Hoehlen,
+wie mit der Ansicht der Wasserfaelle; der Hauptreiz besteht in der mehr
+oder weniger grossartigen Umgebung, die den Charakter der Landschaft
+bestimmt. Welcher Contrast zwischen der Cueva de Caripe und den Hoehlen im
+Norden, die von Eichen und duestern Lerchen beschattet sind!
+
+Aber diese Pflanzenpracht schmueckt nicht allein die Aussenseite des
+Gewoelbes, sie dringt sogar in den Vorhof der Hoehle ein. Mit Erstaunen
+sahen wir, dass achtzehn Fuss hohe praechtige Heliconien mit Pisangblaettern,
+Pragapalmen und baumartige Arumarten die Ufer des Baches bis unter die
+Erde saeumten. Die Vegetation zieht sich in die Hoehle von Caripe hinein,
+wie in die tiefen Felsspalten in den Anden, in denen nur ein Daemmerlicht
+herrscht, und sie hoert erst 30-40 Schritte vom Eingang auf. Wir massen den
+Weg mittelst eines Stricks und waren gegen vier hundert dreissig Fuss weit
+gegangen, ehe wir noethig hatten die Fackeln anzuzuenden. Das Tageslicht
+dringt so weit ein, weil die Hoehle nur Einen Gang bildet, der sich in
+derselben Richtung von Suedost nach Nordwest hineinzieht. Da wo das Licht
+zu verschwinden anfaengt, hoert man das heisere Geschrei der Nachtvoegel,
+die, wie die Eingeborenen glauben, nur in diesen unterirdischen Raeumen zu
+Hause sind.
+
+Der Guacharo hat die Groesse unserer Huehner, die Stimme der Ziegenmelker und
+Procnias, die Gestalt der geierartigen Voegel mit Buescheln steifer Seide um
+den krummen Schnabel. Streicht man nach Cuvier die Ordnung der _Picae_
+(Spechte), so ist dieser merkwuerdige Vogel unter die _Passeres_ stellen,
+deren Gattungen fast unmerklich in einander uebergehen. Ich habe ihn im
+zweiten Band meiner _Observations de zoologie et d'anatomie comparee_ in
+einer eigenen Abhandlung unter dem Namen _Steatornis_ (Fettvogel)
+beschrieben. Er bildet eine neue Gattung, die sich von _Caprimulgus_ durch
+den Umfang der Stimme, durch den ausnehmend starken mit einem doppelten
+Zahn versehenen Schnabel, durch den Mangel der Haut zwischen den vorderen
+Zehengliedern wesentlich unterscheidet. In der Lebensweise kommt er sowohl
+den Ziegenmelkern als den Alpenkraehen [_Corvus Pyrrhocorax_] nahe. Sein
+Gefieder ist dunkel graublau, mit kleinen schwarzen Streifen und Tupfen;
+Kopf, Fluegel und Schwanz zeigen grosse, weisse, herzfoermige, schwarz
+gesaeumte Flecken. Die Augen des Vogels koennen das Tageslicht nicht
+ertragen, sie sind blau und kleiner als bei den Ziegenmelkern. Die Fluegel
+haben 17-18 Schwungfedern und ihre Spannung betraegt 31/2 Fuss. Der Guacharo
+verlaesst die Hoehle bei Einbruch der Nacht, besonders bei Mondschein. Es ist
+so ziemlich der einzige koernerfressende Nachtvogel, den wir bis jetzt
+kennen; schon der Bau seiner Fuesse zeigt, dass er nicht jagt wie unsere
+Eulen. Er frisst sehr harte Samen, wie der Nussheher (_Corvus
+cariocatactes_) und der _Pyrrhocorax_. Letzterer nistet auch in
+Felsspalten und heisst der "Nachtrabe." Die Indianer behaupten, der
+Guacharo gehe weder Insekten aus der Ordnung der Lamellicornia (Kaefern),
+noch Nachtschmetterlingen nach, von denen die Ziegenmelker sich naehren.
+Man darf nur die Schnaebel des Guacharo und des Ziegenmelkers vergleichen,
+um zu sehen, dass ihre Lebensweise ganz verschieden seyn muss.
+
+Schwer macht man sich einen Begriff vom furchtbaren Laerm, den Tausende
+dieser Voegel im dunkeln Innern der Hoehle machen. Er laesst sich nur mit dem
+Geschrei unserer Kraehen vergleichen, die in den nordischen Tannenwaeldern
+gesellig leben und auf Baeumen nisten, deren Gipfel einander beruehren. Das
+gellende durchdringende Geschrei der Guacharos hallt wider vom Felsgewoelbe
+und aus der Tiefe der Hoehle kommt es als Echo zurueck. Die Indianer zeigten
+uns die Nester der Voegel, indem sie Fackeln an eine lange Stange banden.
+Sie stacken 60-70 Fuss hoch ueber unsern Koepfen in trichterfoermigen Loechern,
+von denen die Decke wimmelt. Je tiefer man in die Hoehle hinein kommt, je
+mehr Voegel das Licht der Copalfackeln aufscheucht, desto staerker wird der
+Laerm. Wurde es ein paar Minuten ruhiger um uns her, so erschallte von
+weither das Klaggeschrei der Voegel, die in andern Zweigen der Hoehle
+nisteten. Die Banden loesten einander im Schreien ordentlich ab.
+
+Jedes Jahr um Johannistag gehen die Indianer mit Stangen in die Cueva del
+Guacharo und zerstoeren die meisten Nester. Man schlaegt jedesmal mehrere
+tausend Voegel todt, wobei die Alten, als wollten sie ihre Brut
+vertheidigen, mit furchtbarem Geschrei den Indianern um die Koepfe fliegen.
+Die Jungen, die zu Boden fallen, werden auf der Stelle ausgeweidet. Ihr
+Bauchfell ist stark mit Fett durchwachsen, und eine Fettschicht laeuft vom
+Unterleib zum After und bildet zwischen den Beinen des Vogels eine Art
+Knopf. Dass koernerfressende Voegel, die dem Tageslicht nicht ausgesetzt sind
+und ihre Muskeln wenig brauchen, so fett werden, erinnert an die uralten
+Erfahrungen beim Maesten der Gaense und des Viehs. Man weiss, wie sehr
+dasselbe durch Dunkelheit und Ruhe befoerdert wird. Die europaeischen
+Nachtvoegel sind mager, weil sie nicht wie der Guacharo von Fruechten,
+sondern vom duerftigen Ertrag ihrer Jagd leben. Zur Zeit der "Fetternte"
+(_cosecha de la manteca_), wie man es in Caripe nennt, bauen sich die
+Indianer aus Palmblaettern Huetten am Eingang und im Vorhof der Hoehle. Wir
+sahen noch Ueberbleibsel derselben. Hier laesst man das Fett der jungen,
+frisch getoedteten Voegel am Feuer aus und giesst es in Thongefaesse. Dieses
+Fett ist unter dem Namen Guacharoschmalz oder Oel (_manteca_ oder
+_aceite_) bekannt; es ist halbfluessig, hell und geruchlos. Es ist so rein,
+dass man es laenger als ein Jahr aufbewahren kann, ohne dass es ranzig wird.
+In der Kloesterkueche zu Caripe wurde kein anderes Fett gebraucht als das
+aus der Hoehle, und wir haben nicht bemerkt, dass die Speisen irgend einen
+unangenehmen Geruch oder Geschmack davon bekaemen.
+
+Die Menge des gewonnenen Oels steht mit dem Gemetzel, das die Indianer
+alle Jahre in der Hoehle anrichten, in keinem Verhaeltniss. Man bekommt,
+scheint es, nicht mehr als 150 bis 160 Flaschen (zu 44 Kubikzoll) ganz
+reine Manteca; das uebrige weniger helle wird in grossen irdenen Gefaessen
+aufbewahrt. Dieser Industriezweig der Eingeborenen erinnert an das Sammeln
+des Taubenfetts [Das _pigeon oil_ kommt von der Wandertaube, _Columba
+migratoria_.] in Carolina, von dem frueher mehrere tausend Faesser gewonnen
+wurden. Der Gebrauch des Guacharofetts ist in Caripe uralt und die
+Missionare haben nur die Gewinnungsart geregelt. Die Mitglieder einer
+indianischen Familie Namens Morocoymas behaupten von den ersten Ansiedlern
+im Thale abzustammen und als solche rechtmaessige Eigenthuemer der Hoehle zu
+seyn; sie beanspruchen das Monopol des Fetts, aber in Folge der
+Klosterzucht sind ihre Rechte gegenwaertig nur noch Ehrenrechte. Nach dem
+System der Missionare haben die Indianer Guacharooel fuer das ewige
+Kirchenlicht zu liefern; das Uebrige, so behauptet man, wird ihnen
+abgekauft. Wir erlauben uns kein Urtheil weder ueber die Rechtsansprueche
+der Morocoymas, noch ueber den Ursprung der von den Moenchen den Indianern
+auferlegten Verpflichtung. Es erschiene natuerlich, dass der Ertrag der Jagd
+denen gehoerte, die sie anstellen; aber in den Waeldern der neuen Welt, wie
+im Schoosse der europaeischen Cultur, bestimmt sich das oeffentliche Recht
+darnach, wie sich das Verhaltniss zwischen dem Starken und dem Schwachen,
+zwischen dem Eroberer und dem Unterworfenen gestaltet.
+
+Das Geschlecht der Guacharos ware laengst ausgerottet, wenn nicht mehrere
+Umstaende zur Erhaltung desselben zusammenwirkten. Aus Aberglauben wagen
+sich die Indianer selten weit in die Hoehle hinein. Auch scheint derselbe
+Vogel in benachbarten, aber dem Menschen unzugaenglichen Hoehlen zu nisten.
+Vielleicht bevoelkert sich die grosse Hoehle immer wieder mit Colonien,
+welche aus jenen kleinen Erdloechern ausziehen; denn die Missionaere
+versicherten uns, bis jetzt habe die Menge der Voegel nicht merkbar
+abgenommen. Man hat junge Guacharos in den Hafen von Cumana gebracht; sie
+lebten da mehrere Tage, ohne zu fressen, da die Koerner, die man ihnen gab,
+ihnen nicht zusagten. Wenn man in der Hoehle den jungen Voegeln Kropf und
+Magen ausschneidet, findet man mancherlei harte, trockene Samen darin, die
+unter dem seltsamen Namen "Guacharosamen" (_semilla del Guacharo_) ein
+vielberufenes Mittel gegen Wechselfieber sind. Die Alten bringen diese
+Samen den Jungen zu. Man sammelt sie sorgfaeltig und laesst sie den Kranken
+in Cariaco und andern tief gelegenen Fieberstrichen zukommen.
+
+Wir gingen in die Hoehle hinein und am Bache fort, der daraus entspringt.
+Derselbe ist 28-30 Fuss breit. Man verfolgt das Ufer, so lange die Huegel
+aus Kalkincrustationen diess gestatten; oft, wenn sich der Bach zwischen
+sehr hohen Stalaktitenmassen durchschlaengelt, muss man in das Bette selbst
+hinunter, das nur zwei Fuss tief ist. Wir hoerten zu unserer Ueberraschung,
+diese unterirdische Wasserader sey die Quelle des Rio Caripe, der wenige
+Meilen davon, nach seiner Vereinigung mit dem kleinen Rio de Santa Maria,
+fuer Piroguen schiffbar wird. Am Ufer des unterirdischen Baches fanden wir
+eine Menge Palmholz; es sind Ueberbleibsel der Staemme, auf denen die
+Indianer zu den Vogelnestern an der Decke der Hoehle hinaufsteigen. Die von
+den Narben der alten Blattstiele gebildeten Ringe dienen gleichsam als
+Sprossen einer aufrecht stehenden Leiter.
+
+Die Hoehle von Caripe behaelt, genau gemessen, auf 472 Meter oder 1458 Fuss
+dieselbe Richtung, dieselbe Breite und die anfaengliche Hoehe von 60-70 Fuss.
+Ich kenne auf beiden Continenten keine zweite Hoehle von so gleichfoermiger,
+regelmaessiger Gestalt. Wir hatten viele Muehe, die Indianer zu bewegen, dass
+sie ueber das vordere Stueck hinausgingen, das sie allein jaehrlich zum
+Fettsammeln besuchen. Es brauchte das ganze Ansehen der Patres, um sie bis
+zu der Stelle zu bringen, wo der Boden rasch unter einem Winkel von
+60 Grad ansteigt und der Bach einen kleinen unterirdischen Fall bildet.
+Diese von Nachtvoegeln bewohnte Hoehle ist fuer die Indianer ein schauerlich
+geheimnissvoller Ort; sie glauben, tief hinten wohnen die Seelen ihrer
+Vorfahren. Der Mensch, sagen sie, soll Scheu tragen vor Orten, die weder
+von der Sonne, *Zis*, noch vom Monde, *Nuna*, beschienen sind. Zu den
+Guacharos gehen, heisst so viel, als zu den Vaetern versammelt werden,
+sterben. Daher nahmen auch die Zauberer, *Piaches*, und die Giftmischer,
+*Imorons*, ihre naechtlichen Gaukeleien am Eingang der Hoehle vor, um den
+Obersten der boesen Geister, *Ivorokiamo*, zu beschwoeren. So gleichen sich
+unter allen Himmelsstrichen die aeltesten Mythen der Voelker, vor allen
+solche, die sich aus zwei die Welt regierende Kraefte, auf den Aufenthalt
+der Seelen nach dem Tod, auf den Lohn der Gerechten und die Strafe der
+Boesen beziehen. Die verschiedensten und darunter die rohesten Sprachen
+haben gewisse Bilder mit einander gemein, weil diese unmittelbar aus dem
+Wesen unseres Denk- und Empfindungsvermoegens fliessen. Finsterniss wird
+aller Orten mit der Vorstellung des Todes in Verbindung gebracht. Die
+Hoehle von Caripe ist der Tartarus der Griechen, und die Guacharos, die
+unter klaeglichem Geschrei ueber dem Wasser flattern, mahnen an die
+stygischen Voegel.
+
+Da wo der Bach den unterirdischen Fall bildet, stellt sich das dem
+Hoehleneingang gegenueber liegende, gruen bewachsene Gelaende ungemein
+malerisch dar. Man sieht vom Ende eines geraden, 240 Toisen langen Ganges
+daraus hinaus. Die Stalaktiten, die von der Decke herabhaengen und in der
+Luft schwebenden Saeulen gleichen, heben sich von einem gruenen Hintergrunde
+ab. Die Oeffnung der Hoehle erscheint um die Mitte des Tages auffallend
+enger als sonst, und wir sahen sie vor uns im glaenzenden Lichte, das
+Himmel, Gewaechse und Gestein zumal widerstrahlen. Das ferne Tageslicht
+stach grell ab von der Finsterniss, die uns in diesen unterirdischen Raeumen
+umgab. Wir hatten unsere Gewehre fast auf Gerathewohl abgeschossen, so oft
+wir aus dem Geschrei und dem Fluegelschlagen der Nachtvoegel schliessen
+konnten, dass irgendwo recht viele Nester beisammen seyen. Nach mehreren
+fruchtlosen Versuchen gelang es Bonpland, zwei Guacharos zu schiessen, die,
+vom Fackelschein geblendet, uns nachflatterten. Damit fand ich
+Gelegenheit, den Vogel zu zeichnen, der bis dahin den Zoologen ganz
+unbekannt gewesen war. Wir erkletterten nicht ohne Beschwerde die
+Erhoehung, ueber die der unterirdische Bach herunter kommt. Wir sahen da,
+dass die Hoehle sich weiterhin bedeutend verengert, nur noch 40 Fuss hoch ist
+und nordostwaerts in ihrer urspruenglichen Richtung, parallel mit dem grossen
+Thale des Caripe, fortstreicht.
+
+In dieser Gegend der Hoehle setzt der Bach eine schwaerzlichte Erde ab, die
+grosse Aehnlichkeit hat mit dem Stoff, der in der Muggendorfer Hoehle in
+Franken "Opfererde" heisst. Wir konnten nicht ausfindig machen, ob diese
+feine, schwammigte Erde durch Spalten im Gestein, die mit dem Erdreich
+ausserhalb in Verbindung stehen, hereinfaellt, oder ob sie durch das
+Regenwasser, das in die Hoehle dringt, hereingefloetzt wird. Es war ein
+Gemisch von Kieselerde, Thonerde und vegetabilischem Detritus. Wir gingen
+in dickem Koth bis zu einer Stelle, wo uns zu unserer Ueberraschung, eine
+unterirdische Vegetation entgegentrat. Die Samen, welche die Voegel zum
+Futter fuer ihre Jungen in die Hoehle bringen, keimen ueberall, wo sie auf
+die Dammerde fallen, welche die Kalkincrustationen bedeckt. Vergeilte
+Stengel mit ein paar Blattrudimenten waren zum Theil zwei Fuss hoch. Es war
+unmoeglich, Gewaechse, die sich durch den Mangel an Licht nach Form, Farbe
+und ganzem Habitus voellig umgewandelt hatten, specifisch zu unterscheiden.
+Diese Spuren von Organisation im Schosse der Finsterniss reizten gewaltig
+die Neugier der Eingeborenen, die sonst so stumpf und schwer anzuregen
+sind. Sie betrachteten sie mit stillem, nachdenklichem Ernst, wie er sich
+an einem Orte ziemte, der fuer sie solche Schauer hat. Diese unterirdischen
+bleichen, formlosen Gewaechse mochten ihnen wie Gespenster erscheinen, die
+vom Erdboden hieher gebannt waren. Mich aber erinnerten sie an eine der
+gluecklichsten Zeiten meiner fruehen Jugend, an einen langen Aufenthalt in
+den Freiberger Erzgruben, wo ich ueber das Vergeilen der Pflanzen Versuche
+anstellte, die sehr verschieden ausfielen, je nachdem die Luft rein war
+oder viel Wasserstoff und Stickstoff enthielt.
+
+Mit aller ihrer Autoritaet konnten die Missionaere die Indianer nicht
+vermoegen, noch weiter in die Hoehle hinein zu gehen. Je mehr die Decke sich
+senkte, desto gellender wurde das Geschrei der Guacharos. Wir mussten uns
+der Feigheit unserer Fuehrer gefangen geben und umkehren. Man sah auch
+ueberall so ziemlich das Naemliche. Ein Bischof von St. Thomas in Guyana
+scheint weiter gekommen zu seyn als wir; er hatte vom Eingang bis zum
+Punkt, wo er Halt machte, 2500 Fuss gemessen, und die Hoehle lief noch
+weiter sort. Die Erinnerung an diesen Vorfall hat sich im Kloster Caripe
+erhalten, nur weiss man den Zeitpunkt nicht genau. Der Bischof hatte sich
+mit dicken Kerzen aus weissem spanischem Wachs versehen; wir hatten nur
+Fackeln aus Baumrinde und einheimischem Harz. Der dicke Rauch solcher
+Fackeln in engem unterirdischem Raum thut den Augen weh und macht das
+Athmen beschwerlich.
+
+Wir gingen dem Bache nach wieder zur Hoehle hinaus. Ehe unsere Augen vom
+Tageslicht geblendet wurden, sahen wir vor der Hoehle draussen das Wasser
+durch das Laub der Baeume glaenzen. Es war, als stuende weit weg ein Gemaelde
+vor uns und die Oeffnung der Hoehle waere der Rahmen dazu. Als wir endlich
+heraus waren, setzten wir uns am Bache nieder und ruhten von der
+Anstrengung aus. Wir waren froh, dass wir das heisere Geschrei der Voegel
+nicht mehr hoerten und einen Ort hinter uns hatten, wo sich mit der
+Dunkelheit nicht der wohlthuende Eindruck der Ruhe und Stille paart. Wir
+konnten es kaum glauben, dass der Name der Hoehle von Caripe bis jetzt in
+Europa voellig unbekannt gewesen seyn sollte. Schon wegen der Guacharos
+haette sie beruehmt werden sollen; denn ausser den Bergen von Caripe und
+Cumanacoa hat man diese Nachtvoegel bis jetzt nirgends angetroffen.
+
+Die Missionaere hatten am Eingang der Hoehle ein Mahl zurichten lassen.
+Pisang- und Bijaoblaetter, die seidenartig glaenzen, dienten uns, nach
+Landessitte als Tischtuch. Wir wurden trefflich bewirthet, sogar mit
+geschichtlichen Erinnerungen die so selten sind in Laendern, wo die
+Geschlechter einander abloesten, ohne eine Spur ihres Daseyns zu
+hinterlassen. Wohlgefaellig erzaehlten uns unsere Wirthe, die ersten
+Ordensleute, die in diese Berge gekommen, um das kleine Dorf Santa Maria
+zu gruenden, haben einen Monat lang in der Hoehle hier gelebt und auf einem
+Stein bei Fackellicht das heilige Messopfer gefeiert. Die Missionaere hatten
+am einsamen Orte Schutz gefunden vor der Verfolgung eines Haeuptlings der
+Tuapocans, der am Ufer des Rio Caripe sein Lager aufgeschlagen.
+
+So viel wir uns auch bei den Einwohnern von Caripe, Cumanacoa und Cariaco
+erkundigten, wir hoerten nie, dass man in der Hoehle des Guacharo je Knochen
+von Fleischfressern oder Knochenbreccien mit Pflanzenfressern gefunden
+haette, wie sie in den Hoehlen Deutschlands und Ungarns oder in den Spalten
+des Kalksteins bei Gibraltar vorkommen. Die fossilen Knochen der
+Megatherien, Elephanten und Mastodonten, welche Reisende aus Suedamerika
+mitgebracht, gehoeren saemmtlich dem ausgeschwemmten Land in den Thaelern und
+auf hohen Plateans an. Mit Ausnahme des Megalonyx,(54) eines Faulthiers
+von der Groesse eines Ochsen, das Jefferson beschrieben, kenne ich bis jetzt
+auch nicht Einen Fall, dass in einer Hoehle der neuen Welt ein Thierskelett
+gefunden worden waere. Dass diese zoologische Erscheinung hier so ausnehmend
+selten ist, erscheint weniger auffallend, wenn man bedenkt, dass es in
+Frankreich, England und Italien auch eine Menge Hoehlen gibt, in denen man
+nie eine Spur von fossilen Knochen entdeckt hat.
+
+Die interessanteste Beobachtung, welche der Physiker in den Hoehlen
+anstellen kann, ist die genaue Bestimmung ihrer Temperatur. Die Hoehle von
+Caripe liegt ungefaehr unter 10 deg. 10' der Breite, also mitten im heissen
+Erdguertel, und 506 Toisen ueber dem Spiegel des Wassers im Meerbusen von
+Cariaco. Wir fanden im September die Temperatur der Luft im Innern
+durchaus zwischen 18 deg.,4 und 18 deg.,9 der hunderttheiligen Scale. Die aeussere
+Luft hatte 16 deg.,2. Beim Eingang der Hoehle zeigte der Thermometer an der
+Luft 17 deg.,6, aber im Wasser des unterirdischen Bachs bis hinten in der
+Hoehle 16 deg.,8. Diese Beobachtungen sind von grosser Bedeutung, wenn man ins
+Auge fasst, wie sich zwischen Wasser, Luft und Boden die Waerme ins
+Gleichgewicht zu setzen strebt. Ehe ich Europa verliess, beklagten sich die
+Physiker noch, dass man so wenig Anhaltspunkte habe, um zu bestimmen, was
+man ein wenig hochtrabend *die Temperatur des Erdinnern* heisst, und erst
+in neuerer Zeit hat man mit einigem Erfolg an der Loesung dieses grossen
+Problems der unterirdischen Meteorologie gearbeitet. Nur die
+Steinschichten, welche die Rinde unseres Planeten bilden, sind der
+unmittelbaren Forschung zugaenglich, und man weiss jetzt, dass die mittlere
+Temperatur dieser Schichten sich nicht nur nach der Breite und der
+Meereshoehe veraendert, sondern dass sie auch je nach der Lage des Orts im
+Verlauf des Jahrs regelmaessige Schwingungen um die mittlere Temperatur der
+benachbarten Luft beschreibt. Die Zeit ist schon fern, wo man sich
+wunderte, wenn man in andern Himmelsstrichen in Hoehlen und Brunnen eine
+andere Temperatur beobachtete, als in den Kellern der Pariser Sternwarte.
+Dasselbe Instrument, das in diesen Kellern 12 Grad zeigt, steigt in
+unterirdischen Raeumen auf Madera bei Funchal aus 16 deg.,2, im
+St. Josephsbrunnen in Cairo auf 21 deg.,2, in den Grotten der Insel Cuba auf
+22-23 Grad. Diese Zunahme ist ungefaehr proportional der Zunahme der
+mittleren Lufttemperaturen vom 48. Grad der Breite bis zum Wendekreis.
+
+Wir haben eben gesehen, dass in der Hoehle des Guacharo das Wasser des
+Baches gegen 2 Grad kuehler ist als die umgebende Luft im unterirdischen
+Raum. Das Wasser, ob es nun durch das Gestein sickert oder ueber ein
+steinigtes Bette fliesst, nimmt unzweifelhaft die Temperatur des Gesteins
+oder des Bettes an. Die Luft in der Hoehle dagegen steht nicht still, sie
+communicirt mit der Atmosphaere draussen. Und wenn nun auch in der heissen
+Zone die Schwankungen in der aeussern Temperatur sehr unbedeutend sind, so
+bilden sich dennoch Stroemungen, durch welche die Luftwaerme im Innern
+periodische Veraenderungen erleidet. Demnach koennte man die Temperatur des
+Wassers, also 16 deg.,8, als die Bodentemperatur in diesen Bergen betrachten,
+wenn man sicher waere, dass das Wasser nicht rasch von benachbarten hoeheren
+Bergen herabkommt.
+
+Aus diesen Betrachtungen folgt, dass, wenn man auch keine ganz genauen
+Resultate erhaelt, sich doch in jeder Zone *Grenzzahlen* auffinden lassen.
+In Caripe, unter den Tropen, ist in 500 Toisen Meereshoehe die mittlere
+Temperatur der Erde nicht unter 16 deg.,8; diess geht aus der Messung der
+Temperatur des unterirdischen Wassers hervor. So laesst sich nun aber auch
+beweisen, dass diese Temperatur des Bodens nicht hoeher seyn kann als 19 deg.,
+weil die Luft in der Hoehle im September 18 deg.,7 zeigt. Da die mittlere
+Luftwaerme im heissesten Monat 19 deg.,5 nicht uebersteigt, so wuerde man sehr
+wahrscheinlich zu keiner Zeit des Jahres den Thermometer in der Luft der
+Hoehle ueber 19 deg. steigen sehen. Diese Ergebnisse, wie so manche andere, die
+wir in dieser Reisebeschreibung mittheilen, moegen fuer sich betrachtet von
+geringem Belang scheinen; vergleicht man sie aber mit den kuerzlich von
+Leopold von Buch und Wahlenberg unter dem Polarcirkel angestellten
+Beobachtungen, so verbreiten sie Licht ueber den Haushalt der Natur im
+Grossen und ueber den bestaendigen Waermeaustausch zwischen Luft und Boden zu
+Herstellung des Gleichgewichts. Es ist kein Zweifel mehr, dass in Lappland
+die feste Erdrinde eine um 3 bis 4 Grad *hoehere* mittlere Temperatur hat
+als die Luft. Bringt die Kaelte, welche in den Tiefen des tropischen Meeres
+in Folge der Polarstroeme fortwaehrend herrscht, im heissen Erdstrich eine
+merkbare Verminderung der Temperatur des Bodens hervor? Ist diese
+Temperatur dort *niedriger* als die der Luft? Das wollen wir in der Folge
+untersuchen, wenn wir in den hohen Regionen der Cordilleren mehr
+Beobachtungen zusammengebracht haben werden.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+ 53 Ausser den Doerfern, in denen Eingeborene unter der Obhut eines
+ Geistlichen stehen, nennt man in den spanischen Colonien *Mission*
+ auch die jungen Moenche, die mit einander aus einem spanischen Hafen
+ abgehen, um in der neuen Welt oder auf den Philippinen die
+ Niederlassungen der Ordensgeistlichen zu ergaenzen. Daher der
+ Ausdruck: "in Cadix eine neue *Mission* holen."
+
+ 54 Der Megalonyx wurde in den Hoehlen von Green-Briar in Virginien
+ gefunden, 1500 Meilen vom Megatherium, dem er sehr nahe steht und
+ das so gross war wie ein Nashorn.
+
+
+
+
+
+ACHTES KAPITEL
+
+
+ Abreise von Caripe. -- Berg und Wald Santa Maria. -- Die Mission
+ Catuaro. -- Hafen von Cariaco.
+
+
+Rasch verflossen uns die Tage, die wir im Kapuzinerkloster in den Bergen
+von Caripe zubrachten, und doch war unser Leben so einfach als einfoermig.
+Von Sonnenaufgang bis Einbruch der Nacht streiften wir durch die
+benachbarten Waelder und Berge, um Pflanzen zu sammeln, deren wir nie genug
+beisammen haben konnten. Konnten wir des starken Regens wegen nicht weit
+hinaus, so besuchten wir die Huetten der Indianer, den Gemeinde-Conuco oder
+die Versammlungen, in denen die Alcaden jeden Abend die Arbeiten fuer den
+folgenden Tag austheilen. Wir kehrten erst ins Kloster zurueck, wenn uns
+die Glocke ins Refectorium an den Tisch der Missionaere rief. Zuweilen
+gingen wir mit ihnen frueh Morgens in die Kirche, um der "_Doctrina_"
+beizuwohnen, das heisst dem Religionsunterricht der Eingeborenen. Es ist
+ein zum wenigsten sehr gewagtes Unternehmen, mit Neubekehrten ueber Dogmen
+zu verhandeln, zumal wenn sie des Spanischen nur in geringem Grade maechtig
+sind. Andererseits verstehen gegenwaertig die Ordensleute von der Sprache
+der Chaymas so gut wie nichts, und die Aehnlichkeit gewisser Laute
+verwirrt den armen Indianern die Koepfe so sehr, dass sie sich die
+wunderlichsten Vorstellungen machen. Ich gebe nur Ein Beispiel. Wir sahen
+eines Tags, wie sich der Missionaer grosse Muehe gab, darzuthun, dass
+_infierno_ die Hoelle, und _invierno_ der Winter, nicht dasselbe Ding
+seyen, sondern so verschieden wie Hitze und Frost. Die Chaymas kennen
+keinen andern Winter als die Regenzeit, und unter der "Hoelle der Weissen"
+dachten sie sich einen Ort, wo die Boesen furchtbaren Regenguessen
+ausgesetzt seyen. Der Missionaer verlor die Geduld, aber es half Alles
+nichts: der erste Eindruck, den zwei aehnliche Consonanten hervorgebracht,
+war nicht mehr zu verwischen; im Kopfe der Neophyten waren die
+Vorstellungen Regen und Hoelle, _invierno_ und _infierno_, nicht mehr aus
+einander zu bringen.
+
+Nachdem wir fast den ganzen Tag im Freien zugebracht, schrieben wir Abends
+im Kloster unsere Beobachtungen und Bemerkungen nieder, trockneten unsere
+Pflanzen und zeichneten die, welche nach unserer Ansicht neue Gattungen
+bildeten. Die Moenche liessen uns volle Freiheit und wir denken mit
+Vergnuegen an einen Aufenthalt zurueck, der so angenehm als fuer unser
+Unternehmen foerderlich war. Leider war der bedeckte Himmel in einem Thal,
+wo die Waelder ungeheure Wassermassen an die Luft abgeben, astronomischen
+Beobachtungen nicht guenstig. Ich blieb Nachts oft lange auf, um den
+Augenblick zu benuetzen, wo sich ein Stern vor seinem Durchgang durch den
+Meridian zwischen den Wolken zeigen wuerde. Oft zitterte ich vor Frost,
+obgleich der Thermometer nie unter 16 Grad fiel. Es ist diess in unserem
+Klima die Tagestemperatur gegen Ende Septembers. Die Instrumente blieben
+mehrere Stunden im Klosterhof aufgestellt, und fast immer harrte ich
+vergebens. Ein paar gute Beobachtungen Fomahaults und Denebs im Schwan
+ergaben fuer Caripe 10 deg. 10' 14" Breite, wornach es auf der Karte von Caulin
+um 18', auf der von Arrowsmith um 14' unrichtig eingezeichnet ist.
+
+Der Verdruss, dass der bedeckte Himmel uns die Sterne entzog, war der
+einzige, den wir im Thal von Caripe erlebt. Wildheit und Friedlichkeit,
+Schwermuth und Lieblichkeit, beides zusammen ist der Charakter der
+Landschaft. Inmitten einer so gewaltigen Natur herrscht in unserm Innern
+nur Friede und Ruhe. Ja noch mehr, in der Einsamkeit dieser Berge wundert
+man sich weniger ueber die neuen Eindruecke, die man bei jedem Schritte
+erhaelt, als darueber, dass die verschiedensten Klimate so viele Zuege mit
+einander gemein haben. Auf den Huegeln, an die das Kloster sich lehnt,
+stehen Palmen und Baumfarn; Abends, wenn der Himmel auf Regen deutet,
+schallt das eintoenige Geheul der rothen Bruellaffen durch die Luft, das dem
+fernen Brausen des Windes im Walde gleicht. Aber trotz dieser unbekannten
+Toene, dieser fremdartigen Gestalten der Gewaechse, all dieser Wunder einer
+neuen Welt, laesst doch die Natur den Menschen aller Orten eine Stimme
+hoeren, die in vertrauten Lauten zu ihm spricht. Der Rasen am Boden, das
+alte Moos und das Farnkraut auf den Baumwurzeln, der Bach, der ueber die
+geneigten Kalksteinschichten niederstuerzt, das harmonische Farbenspiel von
+Wasser, Gruen und Himmel, Alles ruft dem Reisenden wohlbekannte
+Empfindungen zurueck.
+
+Die Naturschoenheiten dieser Berge nahmen uns voellig in Anspruch, und so
+wurden wir erst am Ende gewahr, dass wir den guten gastfreundlichen Moenchen
+zur Last fielen. Ihr Vorrath von Wein und Weizenbrod war nur gering, und
+wenn auch der eine wie das andere dort zu Lande bei Tisch nur als
+Luxusartikel gelten, so machte es uns doch sehr verlegen, dass unsere
+Wirthe sie sich selbst versagten. Bereits war unsere Brodration auf ein
+Viertheil herabgekommen, und doch noethigte uns der furchtbare Regen,
+unsere Abreise noch einige Tage zu verschieben. Wie unendlich lang kam uns
+dieser Aufschub vor! wie bange war uns vor der Glocke, die uns ins
+Refectorium rief! Das Zartgefuehl der Moenche liess uns recht lebhaft
+empfinden, wie ganz anders wir hier daran waren als die Reisenden, die
+darueber zu klagen haben, dass man ihnen in den coptischen Kloestern
+Ober-Egyptens ihren Mundvorrath entwendet.
+
+Endlich am 22. September brachen wir auf mit vier Maulthieren, die unsere
+Instrumente und Pflanzen trugen. Wir mussten den nordoestlichen Abhang der
+Kalkalpen von Neu-Andalusien, die wir als die grosse Kette des Brigantin
+und Cocollar bezeichnet, hinunter. Die mittlere Hoehe dieser Kette betraegt
+nicht leicht ueber 6-700 Toisen, und sie laesst sich in dieser wie in
+geologischer Hinsicht mit dem Jura vergleichen. Obgleich die Berge von
+Cumana nicht sehr hoch sind, so ist der Weg hinunter gegen Cariaco zu doch
+sehr beschwerlich, ja sogar gefaehrlich. Besonders beruechtigt ist in dieser
+Beziehung der Cerro de Santa Maria, an dem die Missionaere hinauf muessen,
+wenn sie sich von Cumana in ihr Kloster Caripe begeben. Oft, wenn wir
+diese Berge, die Anden von Peru, die Pyrenaeen und die Alpen, dir wir nach
+einander besucht, verglichen, wurden wir inne, dass die Berggipfel von der
+geringsten Meereshoehe nicht selten die unzugaenglichsten sind.
+
+Als das Thal von Caripe hinter uns lag, kamen wir zuerst ueber eine
+Huegelkette, die nordostwaerts vom Kloster liegt. Der Weg fuehrte immer
+bergan ueber eine weite Savane auf die Hochebene *Guardia de San Augustin*.
+Hier hielten wir an, um auf den Indianer zu warten, der den Barometer
+trug; wir befanden uns in 533 Toisen absoluter Hoehe, etwas hoeher als der
+Hintergrund der Hoehle des Guacharo. Die Savanen oder natuerlichen Wiesen,
+die den Klosterkuehen eine treffliche Weide bieten, sind voellig ohne Baum
+und Buschwerk. Es ist diess das eigentliche Bereich der Monocothyledonen,
+denn aus dem Grase erhebt sich nur da und dort eine Agave [_Agave
+americana_] (Maguey), deren Bluethenschaft ueber 26 Fuss hoch wird. Auf der
+Hochebene von Guardia sahen wir uns wie auf einen alten, vom langen
+Aufenthalt des Wassers wagrecht geebneten Seeboden versetzt, Man meint
+noch die Kruemmungen des alten Ufers zu erkennen, die vorspringenden
+Landzungen, die steilen Klippen, welche Eilande gebildet. Auf diesen
+frueheren Zustand scheint selbst die Vertheilung der Gewaechse hinzudeuten.
+Der Boden des Beckens ist eine Savane, waehrend die Raender mit
+hochstaemmigen Baeumen bewachsen sind. Es ist wahrscheinlich das hoechst
+gelegene Thal in den Provinzen Cumana und Venezuela. Man kann bedauern,
+dass ein Landstrich, wo man eines gemaessigten Klimas geniesst, und der sich
+ohne Zweifel zum Getreidebau eignete, voellig unbewohnt ist.
+
+Von dieser Ebene geht es fortwaehrend abwaerts bis zum indianischen Dorf
+Santa Cruz. Man kommt zuerst ueber einen jaehen, glatten Abhang, den die
+Missionaere seltsamerweise das *Fegefeuer* nennen. Er besteht aus
+verwittertem, mit Thon bedecktem Schiefersandstein und die Boeschung
+scheint furchtbar steil; denn in Folge einer sehr gewoehnlichen optischen
+Taeuschung scheint der Weg, wenn man oben auf der Anhoehe hinunter sieht,
+unter einem Winkel von mehr als 60 Grad geneigt. Beim Hinabsteigen naehern
+die Maulthiere die Hinterbeine den Vorderbeinen, senken das Kreuz und
+rutschen auf Gerathewohl hinab. Der Reiter hat nichts zu befahren, wenn er
+nur den Zuegel fahren laesst und dem Thiere keinerlei Zwang anthut. An diesem
+Punkte sieht man zur Linken die grosse Pyramide des Guacharo. Dieser
+Kalksteinkegel nimmt sich sehr malerisch aus, man verliert ihn aber bald
+wieder aus dem Gesicht, wenn man den dicken Wald betritt, der unter dem
+Namen *Montana de Santa Maria* bekannt ist. Es geht nun sieben Stunden
+lang in einem fort abwaerts, und kaum kann man sich einen entsetzlicheren
+Weg denken; es ist ein eigentlicher _chemin des echelles,_ eine Art
+Schlucht, in der waehrend der Regenzeit die wilden Wasser von Fels zu Fels
+abwaerts stuerzen. Die Stufen sind zwei bis drei Fuss hoch, und die armen
+Lastthiere messen erst den Raum ab, der erforderlich ist, um die Ladung
+zwischen den Baumstaemmen durchzubringen, und springen dann von einem
+Felsblock auf den andern. Aus Besorgniss, einen Fehltritt zu thun, bleiben
+sie eine Weile stehen, als wollten sie die Stelle untersuchen, und
+schieben die vier Beine zusammen wie die wilden Ziegen. Verfehlt das Thier
+den naechsten Steinblock, so sinkt es bis zum halben Leib in den weichen,
+ockerhaltigen Thon, der die Zwischenraeume der Steine ausfuellt. Wo diese
+fehlen, finden Menschen- und Thierbeine Halt an ungeheuren Baumwurzeln.
+Dieselben sind oft zwanzig Zoll dick und gehen nicht selten hoch ueber dem
+Boden vom Stamme ab. Die Creolen vertrauen der Gewandtheit und dem
+gluecklichen Instinkt der Maulthiere so sehr, dass sie auf dem langen,
+gefaehrlichen Wege abwaerts im Sattel bleiben. Wir stiegen lieber ab, da wir
+Anstrengung weniger scheuten, als jene, und gewoehnt waren langsam vorwaerts
+zu kommen, weil wir immer Pflanzen sammelten und die Gebirgsarten
+untersuchten. Da unser Chronometer so schonend behandelt werden musste,
+blieb uns nicht einmal eine Wahl.
+
+Der Wald, der den steilen Abhang des Berges von Santa Maria bedeckt, ist
+einer der dichtesten, die ich je gesehen. Die Baeume sind wirklich
+ungeheuer hoch und dick. Unter ihrem dichten, dunkelgruenen Laub herrscht
+bestaendig ein Daemmerlicht, ein Dunkel, weit tiefer als in unsern Tannen-,
+Eichen- und Buchenwaeldern. Es ist als koennte die Luft trotz der hohen
+Temperatur nicht all das Wasser aufnehmen, das der Boden, das Laub der
+Baeume, ihre mit einem uralten Filz von Orchideen, Peperomien und andern
+Saftpflanzen bedeckten Staemme ausduensten. Zu den aromatischen Geruechen,
+welche Bluethen, Fruechte, sogar das Holz verbreiten, kommt ein anderer, wie
+man ihn bei uns im Herbst bei nebligtem Wetter spuert. Wie in den Waeldern
+am Orinoco sieht man auch hier, wenn man die Baumwipfel ins Auge fasst,
+haeufig Dunststreifen an den Stellen, wo ein paar Sonnenstrahlen durch die
+dicke Lust dringen. Unter den majestaetischen Baeumen, die 120 bis 130 Fuss
+hoch werden, machten uns die Fuehrer auf den *Curucay* von Terecen
+aufmerksam, der ein weisslichtes, fluessiges, starkriechendes Harz gibt. Die
+indianischen Voelkerschaften der Cumanagotas und Tagires raeucherten einst
+damit vor ihren Goetzen. Die jungen Zweige haben einen angenehmen, aber
+etwas zusammenziehenden Geschmack. Nach dem Curucay und ungeheuren, ueber 9
+und 10 Fuss dicken Hymenaeastaemmen nahmen unsere Aufmerksamkeit am meisten
+in Anspruch: das Drachenblut (_Croton sanguifluum_), dessen purpurbrauner
+Saft an der weissen Rinde herabfliesst; der Farn *Calahuala*, der nicht
+derselbe ist wie der in Peru, aber fast eben so heilkraeftig, und die
+Irasse-, Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen sehr
+schmackhaften "Palmkohl," den wir im Kloster Caripe zuweilen gegessen. Von
+diesen Palmen mit gefiederten, stachligten Blaettern stachen die Baumfarn
+aeusserst angenehm ab. Einer derselben, _Cyathea speciosa_ wird ueber 35 Fuss
+hoch, eine ungeheure Groesse fuer ein Gewaechs aus dieser Familie. Wir fanden
+hier und im Thal von Caripe fuenf neue Arten Baumfarn; zu Linnes Zeit
+kannten die Botaniker ihrer nicht vier auf beiden Continenten.
+
+Man bemerkt, dass die Baumfarn im Allgemeinen weit seltener sind als die
+Palmen. Die Natur hat ihnen gemaessigte, feuchte, schattige Standorte
+angewiesen. Sie scheuen den unmittelbaren Sonnenstrahl, und waehrend der
+Pumos, die Corypha der Steppen und andere amerikanische Palmenarten die
+kahlen, gluehend heissen Ebenen aussuchen, bleiben die Farn mit Baumstaemmen,
+die von weitem wie Palmen aussehen, dem ganzen Wesen cryptogamer Gewaechse
+treu. Sie lieben versteckte Plaetze, das Daemmerlicht, eine feuchte,
+gemaessigte, stockende Luft. Wohl gehen sie hie und da bis zur Kueste hinab,
+aber dann nur im Schutze dichten Schattens.
+
+Dem Fusse des Berges von Santa Maria zu wurden die Baumfarn immer seltener,
+die Palmen haeufiger. Die schoenen Schmetterlinge mit grossen Fluegeln, die
+Nymphalen, die ungeheuer hoch fliegen, mehrten sich: Alles deutete darauf,
+dass wir nicht mehr weit von der Kueste und einem Landstrich waren, wo die
+mittlere Tagestemperatur 28-30 Grad der hunderttheiligen Scale betraegt.
+
+Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der Guesse, bei denen zuweilen
+1 bis 1,3 Zoll Regen an Einem Tage faellt. Die Sonne beschien hin und
+wieder die Baumwipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geschuetzt waren,
+erstickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner in der Ferne,
+die Wolken hingen am Gipfel des hohen Guacharogebirgs, und das klaegliche
+Geheul der Araguatos, das wir in Caripe bei Sonnenuntergang so oft gehoert
+hatten, verkuendete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten hier zum
+erstenmal Gelegenheit, diese Heulaffen in der Naehe zu sehen. Sie gehoeren
+zur Gattung _Alouate_ (_Stentor_, Geoffroy), deren verschiedene Arten von
+den Zoologen lange verwechselt worden sind. Waehrend die kleinen
+amerikanischen Sapajus, die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches, duennes
+Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den grossen Affen, den Alouaten und
+Marimondas, ans einer grossen Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs
+Taschen, in denen sich die Stimme faengt, und wovon zwei,
+taubennestfoermige, grosse Aehnlichkeit mit dem untern Kehlkopf der Voegel
+haben. Der den Araguatos eigene klaegliche Ton entsteht, wenn die Luft
+gewaltsam in die knoecherne Trommel einstroemt. Ich habe diese den Anatomen
+nur sehr unvollstaendig bekannten Organe an Ort und Stelle gezeichnet und
+die Beschreibung nach meiner Rueckkehr nach Europa bekannt gemacht
+[_Observations de zoologie_]. Bedenkt man, wie gross bei den Alouatos die
+Knochenschachtel ist und wie viele Heulaffen in den Waeldern von Cumana und
+Guyana auf einem einzigen Baum beisammensitzen, so wundert man sich nicht
+mehr so sehr ueber die Staerke und den Umfang ihrer vereinigten Stimmen.
+
+Der Araguato, bei den Tamanacas-Indianern Aravata, bei den Maypures Marave
+genannt, gleicht einem jungen Baeren. Er ist vom Scheitel des kleinen,
+stark zugespitzten Kopfes bis zum Anfang des Wickelschwanzes drei Fuss
+lang; sein Pelz ist dicht und rothbraun von Farbe; auch Brust und Bauch
+sind schoen behaart, nicht nackt wie beim _Mono colorado_ oder Bueffons
+_Alouate roux_ den wir auf dem Wege von Carthagena nach Santa-Fe de Bogota
+genau beobachtet haben. Das Gesicht des Araguato ist blauschwarz, die Haut
+desselben fein und gefaltet. Der Bart ist ziemlich lang, und trotz seines
+kleinen Gesichtswinkels von nur 30 Grad hat er in Blick und
+Gesichtsausdruck so viel Menschenaehnliches als die Marimonda (_Simia
+Belzebuth_) und der Kapuziner am Orinoco (_S. chiropotes_). Bei den
+Tausenden von Araguatos, die uns in den Provinzen Cumana, Caracas und
+Guyana zu Gesicht gekommen, haben wir nie weder an einzelnen Exemplaren,
+noch an ganzen Banden einen Wechsel im Rothbraun des Pelzes an Ruecken und
+Schultern wahrgenommen. Durch die Farbe unterschiedene Spielarten schienen
+mir ueberhaupt bei den Affen nicht so haeufig zu seyn, als die Zoologen
+annehmen, und bei den gesellig lebenden Arten sind sie vollends sehr
+selten.
+
+Der Araguato bei Caripe ist eine neue Art der Gattung _Stentor_, die ich
+unter dem Namen _Simia ursina_ bekannt gemacht habe. Ich habe ihn lieber
+so benannt als nach der Farbe des Pelzes, und zwar desto mehr, da die
+Griechen bereits einen stark behaarten Affen unter dem Namen
+_Arctopithekos_ kannten. Derselbe unterscheidet sich sowohl vom Uarino
+(_Simia Guariba_) als vom _Alouate roux_ (_S. Seniculus_). Blick, Stimme,
+Gang, Alles an ihm ist truebselig. Ich habe ganz junge Araguatos gesehen,
+die in den Huetten der Indianer aufgezogen wurden; sie spielen nie wie die
+kleinen Sagoins, und Lopez del Gomara schildert zu Anfang des sechzehnten
+Jahrhunderts ihr ernstes Wesen sehr naiv, wenn er sagt: "*Der Aranata de
+los Cumaneses* hat ein Menschengesicht, einen Ziegenbart und eine
+gravitaetische Haltung (_honrado gesto_)." Ich habe anderswo die Bemerkung
+gemacht, dass die Affen desto truebseliger sind, je mehr Menschenaehnlichkeit
+sie haben. Ihre Munterkeit und Beweglichkeit nimmt ab, je mehr sich die
+Geisteskraefte bei ihnen zu entwickeln scheinen.
+
+Wir hatten Halt gemacht, um den Heulaffen zuzusehen, wie sie zu dreissig,
+vierzig in einer Reihe von Baum zu Baum auf den verschlungenen wagrechten
+Aesten ueber den Weg zogen. Waehrend dieses neue Schauspiel uns ganz in
+Anspruch nahm, kam uns ein Trupp Indianer entgegen, die den Bergen von
+Caripe zuzogen. Sie waren voellig nackt, wie meistens die Eingeborenen hier
+zu Lande. Die ziemlich schwer beladenen Weiber schlossen den Zug; die
+Maenner, sogar die kleinsten Jungen, waren alle mit Bogen und Pfeilen
+bewaffnet. Sie zogen still, die Augen am Boden, ihres Wegs. Wir haetten
+gerne von ihnen erfahren, ob es noch weit nach der Mission Santa Cruz sey,
+wo wir uebernachten wollten. Wir waren voellig erschoepft und der Durst
+quaelte uns furchtbar. Die Hitze wurde drueckender, je naeher das Gewitter
+kam, und wir hatten auf unserem Weg keine Quelle gefunden, um den Durst zu
+loeschen. Da die Indianer uns immer _si Padre, no Padre_ zur Antwort gaben,
+meinten wir, sie verstehen ein wenig Spanisch. In den Augen der
+Eingeborenen ist jeder Weisse ein Moench, ein Pater; denn in den Missionen
+zeichnet sich der Geistliche mehr durch die Hautfarbe als durch die Farbe
+des Gewandes aus. Wie wir auch den Indianern mit Fragen, wie weit es noch
+sey, zusetzten, sie erwiederten offenbar auf gerathewohl _si_ oder _no_,
+und wir konnten aus ihren Antworten nicht klug werden. Diess war uns um so
+verdriesslicher, da ihr Laecheln und ihr Geberdenspiel verriethen, dass sie
+uns gerne gefaellig gewesen waeren, und der Wald immer dichter zu werden
+schien. Wir mussten uns trennen; die indianischen Fuehrer, welche die
+Chaymassprache verstanden, waren noch weit zurueck, da die beladenen
+Maulthiere bei jedem Schritt in den Schluchten stuerzten.
+
+Nach mehreren Stunden bestaendig abwaerts ueber zerstreute Felsbloecke sahen
+wir uns unerwartet am Ende des Waldes von Santa Maria. So weit das Auge
+reichte, lag eine Grasflur vor uns, die sich in der Regenzeit frisch
+begruent hatte. Links sahen wir in ein enges Thal hinein, das sich dem
+Guacharogebirge zuzieht und im Hintergrunde mit dichtem Walde bedeckt ist.
+Der Blick streifte ueber die Baumwipfel weg, die 800 Fuss tief unter dem Weg
+sich wie ein hingebreiteter, dunkelgruener Teppich ausnahmen. Die
+Lichtungen im Walde glichen grossen Trichtern, in denen wir an der
+zierlichen Gestalt und den gefiederten Blaettern Praga- und Irassepalmen
+erkannten. Vollends malerisch wird die Landschaft dadurch, dass die Sierra
+del Guacharo vor einem liegt. Ihr noerdlicher, dem Meerbusen von Cariaco
+zugekehrter Abhang ist steil und bildet eine Felsmauer, ein fast
+senkrechtes Profil, ueber dreitausend Fuss hoch. Diese Wand ist so schwach
+bewachsen, dass man die Linien der Kalkschichten mit dem Auge verfolgen
+kann. Der Gipfel der Sierra ist abgeplattet und nur am Ostende erhebt
+sich, gleich einer geneigten Pyramide, der majestaetische Pic Guacharo.
+Seine Gestalt erinnert an die Aiguilles und Hoerner der Schweizer Alpen
+(Schreckhoerner, Finsteraarhorn). Da die meisten Berge mit steilem Abhang
+hoeher scheinen, als sie wirklich sind, so ist es nicht zu verwundern, dass
+man in den Missionen der Meinung ist, der Guacharo ueberrage den
+Turimiquiri und den Brigantin.
+
+Die Savane, ueber die wir zum indianischen Dorfe Santa Cruz zogen, besteht
+aus mehreren sehr ebenen Plateaus, die wie Stockwerke ueber einander
+liegen. Diese geologische Erscheinung, die in allen Erdstrichen vorkommt,
+scheint darauf hinzudeuten, dass hier lange Zeit Wasserbecken uebereinander
+lagen und sich in einander ergossen. Der Kalkstein geht nicht mehr zu Tage
+aus; er ist mit einer dicken Schicht Dammerde bedeckt. Wo wir ihn im Walde
+von Santa Maria zum letztenmale sahen, fanden wir Nester von Eisenerz
+darin, und, wenn wir recht gesehen haben, ein Ammonshorn; es gelang uns
+aber nicht, es loszubrechen. Es mass sieben Zoll im Durchmesser. Diese
+Beobachtung ist um so interessanter, als wir sonst in diesem Theile von
+Suedamerika nirgends einen Ammoniten gesehen haben. Die Mission Santa Cruz
+liegt mitten in der Ebene. Wir kamen gegen Abend daselbst an, halb
+verdurstet, da wir fast acht Stunden kein Wasser gehabt hatten. Der
+Thermometer zeigte 26 Grad; wir waren auch nur noch 190 Toisen ueber dem
+Meer. Wir brachten die Nacht in einer der Ajupas zu, die man "Haeuser des
+Koenigs" nennt, und die, wie schon oben bemerkt, den Reisenden als *Tombo*
+oder Caravanserai dienen. Wegen des Regens war an keine Sternbeobachtung
+zu denken, und wir setzten des andern Tags, 23. September, unsern Weg zum
+Meerbusen von Cariaco hinunter fort. Jenseits Santa Cruz faengt der dichte
+Wald von Neuem an. Wir fanden daselbst unter Melastomenbueschen einen
+schoenen Farn mit Blaettern gleich denen der Osmunda, die in der Ordnung der
+Polypodiaceen eine neue Gattung (_Polybotria_) bildet.
+
+Von der Mission Catuaro aus wollten wir ostwaerts ueber Santa Rosalia,
+Casanay, San Josef, Carupano, Rio-Carives und den Berg Paria gehen,
+erfuhren aber zu unserern grossen Verdruss, dass der starke Regen die Wege
+bereits ungangbar gemacht habe und wir Gefahr laufen, unsere frisch
+gesammelten Pflanzen zu verlieren. Ein reicher Cacaopflanzer sollte uns
+von Santa Rosalia in den Hafen von Carupano begleiten. Wir hatten noch zu
+rechter Zeit gehoert, dass er in Geschaeften nach Cumana muesse. So
+beschlossen wir denn, uns in Cariaco einzuschiffen und gerade ueber den
+Meerbusen, statt zwischen der Insel Margarita und der Landenge Araya
+durch, nach Cumana zurueckzufahren.
+
+Die Mission Catuaro liegt in ungemein wilder Umgebung. Hochstaemmige Baeume
+stehen noch um die Kirche her und die Tiger fressen bei Nacht den
+Indianern ihre Huehner und Schweine. Wir wohnten beim Geistlichen, einem
+Moenche von der Congregation der Observanten, dem die Kapuziner die Mission
+uebergeben hatten, weil es ihrem eigenen Orden an Leuten fehlte. Er war ein
+Doktor der Theologie, ein kleiner, magerer, fast uebertrieben lebhafter
+Mann; er unterhielt uns bestaendig von dem Process, den er mit dem Gardian
+seines Klosters fuehrte, von der Feindschaft seiner Ordensbrueder, von der
+Ungerechtigkeit der Alcaden, die ihn ohne Ruecksicht auf seine
+Standesvorrechte ins Gefaengniss geworfen. Trotz dieser Abenteuer war ihm
+leider die Liebhaberei geblieben, sich mit metaphysischen Fragen, wie er
+es nannte, zu befassen. Er wollte meine Ansicht hoeren ueber den freien
+Willen, ueber die Mittel, die Geister von ihren Koerperbanden frei zu
+machen, besonders aber ueber die Thierseelen, lauter Dinge, ueber die er die
+seltsamsten Ideen hatte. Wenn man in der Regenzeit sich durch Waelder
+durchgearbeitet hat, ist man zu Spekulationen der Art wenig aufgelegt.
+Uebrigens war in der kleinen Mission Catuaro Alles ungewoehnlich, sogar das
+Pfarrhaus. Es hatte zwei Stockwerke und hatte dadurch zu einem hitzigen
+Streit zwischen den weltlichen und geistlichen Behoerden Anlass gegeben. Dem
+Gardian der Kapuziner schien es zu vornehm fuer einen Missionaer und er
+hatte die Indianer zwingen wollen, es niederzureissen; der Statthalter
+hatte kraeftige Einsprache gethan und auch seinen Willen gegen die Moenche
+durchgesetzt. Ich erwaehne dergleichen an sich unbedeutende Vorfaelle nur,
+weil sie einen Blick in die innere Verwaltung der Missionen werfen lassen,
+die keineswegs immer so friedlich ist, als man in Europa glaubt.
+
+Wir trafen in der Mission Catuaro den Corregidor des Distrikts, einen
+liebenswuerdigen, gebildeten Mann. Er gab uns drei Indianer mit, die mit
+ihren Machetes vor uns her einen Weg durch den Wald bahnen sollten. In
+diesem wenig betretenen Lande ist die Vegetation in der Regenzeit so
+ueppig, dass ein Mann zu Pferd auf den schmalen, mit Schlingpflanzen und
+verschlungenen Baumaesten bedeckten Fusssteigen fast nicht durchkommt. Zu
+unserem grossen Verdruss wollte der Missionaer von Catuaro uns durchaus nach
+Cariaco begleiten. Wir konnten es nicht ablehnen; er liess uns jetzt mit
+seinen Faseleien ueber die Thierseelen und den menschlichen freien Willen
+in Ruhe, er hatte uns aber nunmehr von einem ganz andern, traurigeren
+Gegenstand zu unterhalten. Den Unabhaengigkeitsbestrebungen, die im
+Jahr 1798 in Caracas beinahe zu einem Ausbruch gefuehrt haetten, war eine
+grosse Aufregung unter den Negern zu Coro, Maracaybo und Cariaco
+vorangegangen und gefolgt. In letzterer Stadt war ein armer Neger zum Tod
+verurtheilt worden, und unser Wirth, der Seelsorger von Catuaro, ging
+jetzt hin, um ihm seinen geistlichen Beistand anzubieten. Wie lang kam uns
+der Weg vor, auf dem wir uns in Verhandlungen einlassen mussten "ueber die
+Nothwendigkeit des Sklavenhandels, ueber die angeborene Boesartigkeit der
+Schwarzen, ueber die Segnungen, welche der Race daraus erwachsen, dass sie
+als Sklaven unter Christen leben!"
+
+Gegenueber dem "Code noir" der meisten andern Voelker, welche Besitzungen in
+beiden Indien haben, ist die spanische Gesetzgebung unstreitig sehr mild.
+Aber vereinzelt, auf kaum urbar gemachtem Boden leben die Neger in
+Verhaeltnissen, dass die Gerechtigkeit, weit entfernt sie im Leben kraeftig
+schuetzen zu koennen, nicht einmal im Stande ist die Barbareien zu
+bestrafen, durch die sie ums Leben kommen. Leitet man eine Untersuchung
+ein, so schreibt man den Tod des Sklaven seiner Kraenklichkeit zu, dem
+heissen, nassen Klima, den Wunden, die man ihm allerdings beigebracht, die
+aber gar nicht tief und durchaus nicht gefaehrlich gewesen. Die buergerliche
+Behoerde ist in Allem, was die Haussklaverei angeht, machtlos, und wenn man
+ruehmt, wie guenstig die Gesetze wirken, nach denen die Peitsche die und die
+Form haben muss und nur so und so viel Streiche *auf einmal* gegeben werden
+duerfen, so ist das reine Taeuschung. Leute, die nicht in den Colonien oder
+doch nur auf den Antillen gelebt haben, sind meist der Meinung, da es im
+Interesse des Herrn liege, dass seine Sklaven ihm erhalten bleiben, muessen
+sie desto besser behandelt werden, je weniger ihrer seyen. Aber in Cariaco
+selbst, wenige Wochen bevor ich in die Provinz kam, toedtete ein Pflanzer,
+der nur acht Neger hatte, ihrer sechs durch unmenschliche Hiebe. Er
+zerstoerte muthwillig den groessten Theil seines Vermoegens. Zwei der Sklaven
+blieben auf der Stelle todt, mit den vier andern, die kraeftiger schienen,
+schiffte er sich nach dem Hafen von Cumana ein, aber sie starben auf der
+Ueberfahrt. Vor dieser abscheulichen That war im selben Jahr eine aehnliche
+unter gleich empoerenden Umstaenden begangen worden. Solche furchtbare
+Unthaten blieben so gut wie unbestraft; der Geist, der die Gesetze macht,
+und der, der sie vollzieht, haben nichts mit einander gemein. Der
+Statthalter von Cumana war ein gerechter, menschenfreundlicher Mann; aber
+die Rechtsformen sind streng vorgeschrieben und die Gewalt des
+Statthalters geht nicht so weit, um Missbraeuche abzustellen, die nun einmal
+von jedem europaeischen Colonisationssystem untrennbar sind.
+
+Der Weg durch den Wald von Catuaro ist nicht viel anders als der vom Berge
+Santa Maria herab; auch sind die schlimmsten Stellen hier eben so
+sonderbar getauft wie dort. Man geht wie in einer engen, durch die
+Bergwasser ausgespuelten, mit feinem, zaehem Thon gefuellten Furche dahin.
+Bei den jaehsten Abhaengen senken die Maulthiere das Kreuz und rutschen
+hinunter; das nennt man nun *Saca-Manteca*, weil der Koth so weich ist wie
+*Butter*. Bei der grossen Gewandtheit der einheimischen Maulthiere ist
+dieses Hinabgleiten ohne alle Gefahr. Der Weg fuehrt ueber die Felsschichten
+herab, die am Ausgehenden Stufen von verschiedener Hoehe bilden, und so ist
+es auch hier ein wahrer "chemin des echelles." Weiterhin, wenn man zum
+Wald heraus ist, kommt man zum Berge *Buenavista*. Er verdient den Namen,
+denn von hier sieht man die Stadt Cariaco in einer weiten, mit
+Pflanzungen, Huetten und Gruppen von Cocospalmen bedeckten Ebene. Westwaerts
+von Cariaco breitet sich der weite Meerbusen aus, den eine Felsmauer vom
+Ocean trennt; gegen Ost zeigen sich, gleich blauen Wolken, die hohen
+Gebirge von Areo und Paria. Es ist eine der weitesten, prachtvollsten
+Aussichten an der Kueste von Neu-Andalusien.
+
+Wir fanden in Cariaco einen grossen Theil der Einwohner in ihren
+Haengematten krank am Wechselfieber. Diese Fieber werden im Herbst boesartig
+und gehen in Ruhren ueber. Bedenkt man, wie ausserordentlich fruchtbar und
+feucht die Ebene ist, und welch ungeheure Masse von Pflanzenstoff hier
+zersetzt wird, so sieht man leicht, warum die Luft hier nicht so gesund
+seyn kann wie ueber dem duerren Boden von Cumana. Nicht leicht finden sich
+in der heissen Zone grosse Fruchtbarkeit des Bodens, haeufige, lange dauernde
+Wasserniederschlaege, eine ungemein ueppige Vegetation beisammen, ohne dass
+diese Vortheile durch ein Klima ausgewogen wuerden, das der Gesundheit der
+Weissen mehr oder weniger gefaehrlich wird. Aus denselben Ursachen, welche
+den Boden so fruchtbar machen und die Entwicklung der Gewaechse
+beschleunigen, entwickeln sich auch Gase aus dem Boden, die sich mit der
+Luft mischen und sie ungesund machen. Wir werden oft Gelegenheit haben,
+auf die Verknuepfung dieser Erscheinungen zurueckzukommen, wenn wir den
+Cacaobau und die Ufer des Orinoco beschreiben, wo es Flecke gibt, an denen
+sich sogar die Eingeborenen nur schwer acclimatisiren. Im Thale von
+Cariaco haengt uebrigens die Ungesundheit der Luft nicht allein von den eben
+erwaehnten allgemeinen Ursachen ab; es machen sich dabei auch lokale
+Verhaeltnisse geltend. Es wird nicht ohne Interesse seyn, den Landstrich,
+der die Meerbusen von Cariaco und von Paria von einander trennt, naeher zu
+betrachten.
+
+Vom Kalkgebirge des Brigantin und Cocollar laeuft ein starker Ast nach Nord
+und haengt mit dem Urgebirg an der Kueste zusammen. Dieser Ast heisst _Sierra
+de Meapire_; der Stadt Cariaco zu fuehrt er den Namen _Cerro grande de
+Cariaco_. Er schien mir im Durchschnitt nicht ueber 150-200 Toisen hoch; wo
+ich ihn untersuchen konnte, besteht er aus dem Kalkstein des Uferstrichs.
+Mergel- und Kalkschichten wechseln mit andern, welche Quarzkoerner
+enthalten. Wer die Reliefbildung des Landes zu seinem besondern Studium
+macht, muss es auffallend finden, dass ein quergelegter Gebirgskamm unter
+rechtem Winkel zwei Ketten verbindet, deren eine, suedliche, aus secundaeren
+Gebirgsbildungen besteht, waehrend die andere, noerdliche, Urgebirge ist.
+Auf dem Gipfel des Cerro de Meapire sieht man das Gebirge einerseits nach
+dem Meerbusen von Paria, andererseits nach dem von Cariaco sich abdachen.
+Ostwaerts und westwaerts vom Kamm liegt ein niedriger, sumpfiger Boden, der
+ohne Unterbrechung fortstreicht, und nimmt man an, dass die beiden
+Meerbusen dadurch entstanden sind, dass der Boden durch Erdbeben zerrissen
+worden ist und sich gesenkt hat, so muss man voraussetzen, dass der Cerro de
+Meapire diesen gewaltsamen Erschuetterungen widerstanden hat, so dass der
+Meerbusen von Paria und der von Cariaco nicht zu Einem verschmelzen
+konnten. Waere dieser Felsdamm nicht da, so bestuende wahrscheinlich auch
+die Landenge nicht. Vom Schlosse Araya bis zum Cap Paria wuerde die ganze
+Gebirgsmasse an der Kueste eine schmale, Margarita parallel laufende,
+viermal laengere Insel bilden. Diese Ansichten gruenden sich nicht nur auf
+unmittelbare Untersuchung des Bodens und die Schluesse aus der
+Reliefbildung desselben; schon ein Blick auf die Umrisse der Kuesten und
+die geognostische Karte des Landes muss auf dieselben Gedanken bringen. Die
+Insel Margarita hat, wie es scheint, frueher mit der Kuestenkette von Araya
+durch die Halbinsel Chacopata und die caraibischen Inseln Lobo und Coche
+zusammengehangen, wie die Kette noch jetzt mit den Gebirgen des Cocollar
+und von Caripe durch den Gebirgskamm Meapire zusammenhaengt.
+
+Im gegenwaertigen Zustand der Dinge sieht man die feuchten Ebenen, die ost-
+und westwaerts vom Kamm streichen und uneigentlich die Thaeler von San
+Bonifacio und Cariaco heissen, sich fortwaehrend in das Meer hinaus
+verlaengern. Das Meer zieht sich zurueck, und diese Verrueckung der Kueste ist
+besonders bei Cumana auffallend. Wenn die Hoehenverhaeltnisse des Bodens
+darauf hinweisen, dass die Meerbusen von Cariaco und Paria frueher einen
+weit groesseren Umfang hatten, so laesst sich auch nicht in Zweifel ziehen,
+dass gegenwaertig das Land sich allmaehlich vergroessert. Bei Cumana wurde im
+Jahr 1791 eine Batterie, die sogenannte Bocca, dicht am Meer gebaut, im
+Jahr 1799 sahen wir sie weit im Lande liegen. An der Muendung des Rio
+Nevari, beim Morro de Nueva Barcelona, zieht sich das Meer noch rascher
+zurueck. Diese lokale Erscheinung ruehrt wahrscheinlich von Anschwemmungen
+her, deren Zunahmeverhaeltnisse noch nicht gehoerig beobachtet sind.
+
+Geht man von der Sierra de Meapire, welche die Landenge zwischen den
+Ebenen von San Bonifacio und von Cariaco bildet, herab, so kommt man gegen
+Ost an den grossen Putacuao, der mit dem Rio Areo in Verbindung steht und
+4-5 Meilen breit ist. Das Gebirgsland um dieses Becken ist nur den
+Eingeborenen bekannt. Hier kommen die grossen Boas vor, welche die
+Chaymas-Indianer *Guainas* nennen, und denen sie einen Stachel unter dem
+Schwanz andichten. Geht man von der Sierra Meapire nach West hinunter, so
+betritt man zuerst einen "hohlen Boden" (_tierra hueca_), der bei dem
+grossen Erdbeben des Jahres 1766 in zaehes Erdoel gehuellten Asphalt auswarf;
+weiterhin sieht man eine Unzahl warmer, schwefelwasserstoffhaltiger
+Quellen aus dem Boden brechen, und endlich kommt man zum See Campoma,
+dessen Ausduenstungen zum Theil die Ungesundheit des Klimas von Cariaco
+veranlassen. Die Eingeborenen glauben, der Boden sey desshalb hohl, weil
+die warmen Wasser sich hier aufgestaut haben, und nach dem Schall des
+Hufschlags scheinen sich die unterirdischen Hoehlungen von West nach Ost
+bis Casanay, drei bis viertausend Toisen weit zu erstrecken. Ein Fluesschen,
+der Rio Azul, laeuft durch diese Ebenen. Sie sind zerklueftet in Folge von
+Erdbeben, die hier einen besondern Herd haben und sich selten bis Cumana
+fortpflanzen. Das Wasser des Rio Azul ist kalt und hell; er entspringt am
+westlichen Abhang des Meapire, und man glaubt, er sey desshalb so stark,
+weil das Gewaesser des Putacuao-Sees auf der andern Seite des Gebirgszugs
+durchsickere. Das Fluesschen und die schwefelwasserstoffhaltigen Quellen
+ergiessen sich zusammen in die Laguna de Campoma. So heisst ein weites
+Sumpfland, das in der trockenen Jahreszeit in drei Becken zerfaellt, die
+nordwestlich von der Stadt Cariaco am Ende des Meerbusens liegen.
+Uebelriechende Duenste steigen fortwaehrend vom stehenden Sumpfwasser auf.
+Sie riechen nach Schwefelwasserstoff und zugleich nach faulen Fischen und
+zersetzten Vegetabilien.
+
+Die Miasmen bilden sich im Thale von Cariaco gerade wie in der roemischen
+Campagna; aber durch die tropische Hitze wird ihre verderbliche Kraft
+gesteigert. Durch die Lage der Laguna von Campoma wird der Nordwest, der
+sehr oft nach Sonnenuntergang weht, den Einwohnern der kleinen Stadt
+Cariaco hoechst gefaehrlich. Sein Einfluss unterliegt desto weniger einem
+Zweifel, da die Wechselfieber dem Sumpfe zu, der der Hauptherd der faulen
+Miasmen ist, immer haeufiger in Nervenfieber uebergehen. Ganze Familien
+freier Neger, die an der Nordkueste des Meerbusens von Cariaco kleine
+Pflanzungen besitzen, liegen mit Eintritt der Regenzeit siech in ihren
+Haengematten. Diese Fieber nehmen den Charakter remittirender boesartiger
+Fieber an, wenn man sich, erschoepft von langer Arbeit und starker
+Hautansduenstung, dem feinen Regen aussetzt, der gegen Abend haeufig faellt.
+Die Farbigen, besonders aber die Creolenneger, widerstehen den
+klimatischen Einfluessen mehr als irgend ein anderer Menschenschlag. Man
+behandelt die Kranken mit Limonade, mit dem Aufguss von _Scoparia dulcis_,
+selten mit Euspare, das heisst mit der Chinarinde von Angostura.
+
+Im Ganzen ist bei den Epidemien in Cariaco die Sterblichkeit geringer, als
+man erwarten sollte. Wenn das Wechselfieber mehrere Jahre hinter einander
+einen Menschen befaellt, so greift es den Koerper stark an und bringt ihn
+herunter; aber dieser Schwaechezustand, der in ungesunden Gegenden so
+haeufig vorkommt, fuehrt nicht zum Tode. Auch ist es merkwuerdig, dass hier,
+wie in der roemischen Campagna, der Glaube herrscht, die Luft sey in dem
+Masse ungesunder geworden, je mehr Morgen Landes man urbar gemacht. Die
+Miasmen, die diesen Ebenen entsteigen, haben indessen nichts gemein mit
+jenen, die sich bilden, wenn man einen Wald niederschlaegt und nun die
+Sonne eine dicke Schicht abgestorbenen Laubs erhitzt; bei Cariaco ist das
+Land kahl und sehr sparsam bewaldet. Soll man glauben, dass frisch
+ausgewaehlte und vom Regen durchfeuchtete Dammerde die Luft mehr verderbt
+als der dichte Pflanzenfilz, der einen nicht bebauten Boden bedeckt? Zu
+diesen oertlichen Ursachen kommen andere, weniger zweifelhafte. Das nahe
+Meeresufer ist mit Manglebaeumen, Avicennien und andern Baumarten mit
+adstringirender Rinde bedeckt. Alle Tropenbewohner sind mit den
+schaedlichen Ausduenstungen dieser Gewaechse bekannt, und man fuerchtet sie
+desto mehr, wenn Wurzeln und Stamm nicht immer unter Wasser stehen,
+sondern abwechselnd nass und von der Sonne erhitzt werden. Die Manglebaeume
+erzeugen Miasmen, weil sie, wie ich anderswo gezeigt habe, einen
+thierisch-vegetabilischen, an Gerbstoff gebundenen Stoff enthalten. Man
+behauptet, der Kanal, durch den die Laguna de Campoma mit dem Meer
+zusammenhaengt, liesse sich leicht erweitern und so dem stehenden Wasser ein
+Abfluss verschaffen. Die freien Neger, die das Sumpfland haeufig betreten,
+versichern sogar, der Durchstich brauchte gar nicht tief zu seyn, da das
+kalte, klare Wasser des Rio Azul sich auf dem Boden des Sees befindet und
+man beim Nachgraben aus den untern Schichten trinkbares, geruchloses
+Wasser erhaelt.
+
+Die Stadt Cariaco ist mehreremale von den Caraiben verheert worden. Die
+Bevoelkerung hat rasch zugenommen, seit die Provinzialbehoerden, den
+Verboten des Madrider Hofs zuwider, nicht selten dem Handel mit fremden
+Colonien Vorschub geleistet haben. Sie hat sich in zehn Jahren verdoppelt
+und betrug im Jahr 1800 ueber 6000 Seelen. Die Einwohner treiben sehr
+fleissig Baumwollenbau; die Baumwolle ist sehr schoen und es werden mehr als
+10,000 Centner erzeugt. Die leeren Huelsen der Baumwolle werden sorgsam
+verbrannt; wirft man sie in den Fluss, wo sie faulen, so erzeugen sie
+Ausduenstungen, die man fuer schaedlich haelt. Der Bau des Cacaobaums hat in
+letzter Zeit sehr abgenommen. Dieser koestliche Baum traegt erst im achten
+bis zehnten Jahr. Die Frucht ist schwer in Magazinen aufzubewahren, und
+nach Jahresfrist "geht sie an," wenn sie noch so sorgfaeltig getrocknet
+worden ist. Dieser Nachtheil ist fuer den Colonisten von grossem Belang. Auf
+diesen Kuesten ist je nach der Laune eines Ministeriums und dem mehr oder
+minder kraeftigen Widerstand der Statthalter der Handel mit den Neutralen
+bald verboten, bald mit gewissen Beschraenkungen gestattet. Die Nachfrage
+nach einer Waare und die Preise, die sich nach der Nachfrage bestimmen,
+unterliegen daher dem raschesten Wechsel. Der Colonist kann sich diese
+Schwankungen nicht zu Nutze machen, weil sich der Cacao in den Magazinen
+nicht haelt. Die alten Cacaostaemme, die meist nur bis zum vierzigsten Jahre
+tragen, sind daher nicht durch junge ersetzt worden. Im Jahr 1792 zaehlte
+man ihrer noch 254,000 im Thal von Cariaco und am Ufer des Meerbusens.
+Gegenwaertig zieht man andere Culturzweige vor, welche gleich im ersten
+Jahr einen Ertrag liefern, und deren Produkte nicht nur nicht so lange aus
+sich warten lassen, sondern auch leichter aufzubewahren sind. Solche sind
+Baumwolle und Zucker, die nicht der Verderbniss unterliegen wie der Cacao
+und sich aufbewahren lassen, so dass man sie im guenstigsten Zeitpunkt
+losschlagen kann. Die Umwandlungen, die in Folge der fortschreitenden
+Cultur und des Verkehrs mit Fremden Sitten und Charakter der
+Kuestenbewohner erlitten, haben anuch bestimmend mitgewirkt, wenn sie jetzt
+diesem und jenem Culturzweig den Vorzug geben. Jenes Mass in der sinnlichen
+Begierde, jene Geduld, die lange warten kann, jene Gemuethsruhe, welche die
+truebselige Eintoenigkeit des einsamen Lebens ertragen laesst, verschwinden
+nach und nach aus dem Charakter der Hispano-Amerikaner. Sie werden
+unternehmender, leichtsinniger, beweglicher und werfen sich mehr auf
+Unternehmungen, die einen raschen Ertrag geben.
+
+Nur im Innern der Provinz, ostwaerts von der Sierra de Meapire, auf dem
+unbebauten Boden von Carupano an durch das Thal San Bonifacio bis zum
+Meerbusen von Paria entstehen neue Cacaopflanzungen. Sie werden dort desto
+eintraeglicher, je mehr die Luft ueber dem frisch urbar gemachten, von
+Waeldern umgebenen Land stockt, je mehr sie mit Wasser und mephitischen
+Duensten geschwaengert ist. Hier leben Familienvaeter, welche, treu den alten
+Sitten der Colonisten, sich und ihren Kindern langsam, aber sicher
+Wohlstand erarbeiten. Sie behelfen sich bei ihrer muehsamen Arbeit mit
+einem einzigen Sklaven; sie brechen mit eigener Hand den Boden um, ziehen
+die jungen Cacaobaeume im Schatten der Erythrina und der Bananenbaeume,
+beschneiden den erwachsenen Baum, vertilgen die Massen von Wuermern und
+Insekten, welche Rinde, Blaetter und Bluethen anfallen, legen Abzugsgraeben
+an, und unterziehen sich sieben, acht Jahre lang einem elenden Leben, bis
+der Cacaobaum anfaengt Ernten zu liefern. Dreissig tausend Staemme sichern
+den Wohlstand einer Familie auf anderthalb Generationen. Wenn durch die
+Baumwolle und den Kaffee der Bau des Cacao in der Provinz Caracas und im
+kleinen Thale von Cariaco beschraenkt worden ist, so hat dagegen letzterer
+Zweig der Colonialindustrie im Innern der Provinzen Neubarcelona und
+Cumana zugenommen. Warum die Cacaopflanzungen sich von West nach Ost mehr
+und mehr ausbreiten, ist leicht einzusehen. Die Provinz Caracas ist die am
+fruehesten bebaute; je laenger aber ein Land urbar gemacht ist, desto
+baumloser wird es in der heissen Zone, desto duerrer, desto mehr den Winden
+ausgesetzt. Dieser Wechsel in der aeussern Natur ist dem Gedeihen des
+Cacaobaums hinderlich, und desshalb gehen die Pflanzungen in der Provinz
+Caracas ein und haeufen sich dafuer westwaerts auf unberuehrtem, erst kuerzlich
+urbar gemachtem Boden. Die Provinz Neu-Andalusien allein erzeugte im
+Jahr 1799 18,000-20,000 Fanegas Cacao (zu 40 Piastern die Fanega in
+Friedenszeiten), wovon 5000 nach der Insel Trinidad geschmuggelt wurden.
+Der Cacao von Cumana ist ohne allen Vergleich besser als der von
+Guayaquil.
+
+Die in Cariaco herrschenden Fieber noethigten uns zu unserem Bedauern,
+unsern Aufenthalt daselbst abzukuerzen. Da wir noch nicht recht
+acclimatisirt waren, so riethen uns selbst die Colonisten, an die wir
+empfohlen waren, uns auf den Weg zu machen. Wir lernten in der Stadt viele
+Leute kennen, die durch eine gewisse Leichtigkeit des Benehmens, durch
+umfassenderen Ideenkreis und, darf ich hinzusetzen, durch entschiedene
+Vorliebe fuer die Regierungssorm der Vereinigten Staaten verriethen, dass
+sie viel mit dem Ausland in Verkehr gestanden. Hier hoerten wir zum
+erstenmal in diesem Himmelsstriche die Namen Franklin und Washington mit
+Begeisterung aussprechen. Neben dem Ausdruck dieser Begeisterung bekamen
+wir Klagen zu hoeren ueber den gegenwaertigen Zustand von Neu-Andalusien,
+Schilderungen, oft uebertriebene, des natuerlichen Reichthums des Landes,
+leidenschaftliche, ungeduldige Wuensche fuer eine bessere Zukunft. Diese
+Stimmung musste einem Reisenden ausfallen, der unmittelbarer Zeuge der
+grossen politischen Erschuetterungen in Europa gewesen war. Noch gab sich
+darin nichts Feindseliges, Gewaltsames, keine bestimmte Richtung zu
+erkennen. Gedanken und Ausdruck hatten die Unsicherheit, die, bei den
+Voelkern wie beim Einzelnen, als ein Merkmal der halben Bildung, der
+voreilig sich entwickeln den Kultur erscheint. Seit die Insel Trinidad
+eine englische Colonie geworden ist, hat das ganze oestliche Ende der
+Provinz Cumana, zumal die Kueste von Paria und der Meerbusen dieses Namens
+ein ganz anderes Gesicht bekommen. Fremde haben sich da niedergelassen und
+den Bau des Kaffeebaums, des Baumwollenstrauchs, des otaheitischen
+Zuckerrohrs eingefuehrt. In Carupano, im schoenen Thal des Rio Caribe, in
+Guire und im neuen Flecken Punta de Pietro gegenueber dem Puerto d'Espana
+auf Trinidad hat die Bevoelkerung sehr stark zugenommen. Im _Golfo triste_
+ist der Boden so fruchtbar, dass der Mais jaehrlich zwei Ernten und das
+380ste Korn gibt. Die Vereinzelung der Niederlassungen hat dem Handel mit
+fremden Colonien Vorschub geleistet, und seit dem Jahr 1797 ist eine
+geistige Umwaelzung eingetreten, die in ihren Folgen dem Mutterland noch
+lange nicht verderblich geworden waere, haette nicht das Ministerium fort
+und fort alle Interessen gekraenkt, alle Wuensche missachtet, Es gibt in den
+Streitigkeiten der Colonien mit dem Mutterland, wie fast in allen
+Volksbewegnngen, einen Moment, wo die Regierungen, wenn sie nicht ueber den
+Gang der menschlichen Dinge voellig verblendet sind, durch kluge,
+fuersichtige Maessigung das Gleichgewicht herstellen und den Sturm beschwoeren
+koennen. Lassen sie diesen Zeitpunkt voruebergehen, glauben sie durch
+physische Gewalt eine moralische Bewegung niederschlagen zu koennen, so
+gehen die Ereignisse unaufhaltsam ihren Gang und die Trennung der Colonien
+erfolgt mit desto verderblicherer Gewaltsamkeit, wenn das Mutterland
+waehrend des Streits seine Monopole und seine fruehere Gewalt wieder eine
+Zeitlang hatte aufrecht erhalten koennen.
+
+Wir schifften uns Morgens sehr frueh ein, in der Hoffnung, die Ueberfahrt
+ueber den Meerbusen von Cariaco in Einem Tage machen zu koennen. Das Meer
+ist hier nicht unruhiger als unsere grossen Landseen, wenn sie vom Winde
+sanft bewegt werden. Es sind vom Landungsplatz nach Cumana nur zwoelf
+Seemeilen. Als wir die kleine Stadt Cariaco im Ruecken hatten, gingen wir
+westwaerts am Flusse Carenicuar hin, der schnurgerade wie ein kuenstlicher
+Kanal durch Gaerten und Baumwollenpflanzungen laeuft. Der ganze, etwas
+sumpfige Boden ist aufs sorgsamste angebaut. Waehrend unseres Aufenthalts
+in Peru wurde hier auf trockeneren Stellen der Kaffeebau eingefuehrt. Wir
+sahen am Flusse indianische Weiber ihr Zeug mit der Frucht des *Parapara*
+(_Sapindus saponaria_) waschen. Feine Waesche soll dadurch sehr mitgenommen
+werden. Die Schale der Frucht gibt einen starken Schaum und die Frucht ist
+so elastisch, dass sie, wenn man sie auf einen Stein wirft, drei, viermal
+sieben bis acht Fuss hoch aufspringt. Da sie kugeligt ist, verfertigt man
+Rosenkraenze daraus.
+
+Kaum waren wir zu Schiffe, so hatten wir mit widrigen Winden zu kaempfen.
+Es regnete in Stroemen und ein Gewitter brach in der Naehe aus. Schaaren von
+Flamingos, Reihern und Cormorans zogen dem Ufer zu. Nur der Alcatras, eine
+grosse Pelicanart, fischte ruhig mitten im Meerbusen weiter. Wir waren
+unser achtzehn Passagiere, und auf der engen, mit Rohzucker,
+Pisangbuescheln und Cocosnuessen ueberladenen Pirogue (Fancha) konnten wir
+unsere Instrumente und Sammlungen kaum unterbringen. Der Rand des
+Fahrzeugs stand kaum ueber Wasser. Der Meerbusen ist fast ueberall 45-50
+Faden tief, aber am oestlichen Ende bei Curaguaca findet das Senkblei fuenf
+Meilen weit nur 3-4 Faden. Hier liegt der Baxo de la Cotua, eine Sandbank,
+die bei der Ebbe als Eiland ueber Wasser kommt. Die Piroguen, die
+Lebensmittel nach Cumana bringeng stranden manchmal daran, aber immer ohne
+Gefahr, weil die See hier niemals hoch geht und scholkt. Wir fuhren ueber
+den Strich des Meerbusens, wo auf dem Boden der See heisse Quellen
+entspringen. Es war gerade Fluth und daher der Temperaturwechsel weniger
+merkbar; auch fuhr unsere Pirogue zu nahe an der Suedkueste hin. Man sieht
+leicht, dass man Wasserschichten von verschiedener Temperatur antreffen
+muss, je nachdem die See mehr oder minder tief ist, oder je nachdem die
+Stroemungen und der Wind die Mischung des warmen Quellwassers und des
+Wassers des Golfs befoerdern. Diese heissen Quellen, die, wie behauptet
+wird, auf 10,000-12,000 Quadrattoisen die Temperatur der See erhoehen, sind
+eine sehr merkwuerdige Erscheinung. Geht man vom Vorgebirge Paria westwaerts
+ueber Irapa, _Aguas calientes_, den Meerbusen von Cariaco, den Brigantin
+und die Thaeler von Aragua bis zu den Schneegebirgen von Merida, so findet
+man auf einer Strecke von mehr als 150 Meilen eine ununterbrochene Reihe
+von warmen Quellen.
+
+Der widrige Wind und der Regen noethigten uns bei Pericantral, einem
+kleinen Hofe aus der Suedkueste des Meerbusens, zu landen. Diese ganze,
+schoen bewachsene Kueste ist fast ganz unbebaut; man zaehlt kaum
+700 Einwohner und ausser dem Dorfe Mariguitar sieht man nichts als
+Pflanzungen von Cocosbaeumen, die die Oelbaeume des Landes sind. Diese Palme
+waechst in beiden Continenten in einer Zone, wo die mittlere
+Jahrestemperatur nicht unter 20 deg. betraegt. Sie ist, wie der Chamaerops im
+Becken des Mittelmeers, eine wahre "Kuestenpalme." Sie zieht Salzwasser dem
+suessen Wasser vor und kommt im Innern des Landes, wo die Luft nicht mit
+Salztheilchen geschwaengert ist, lange nicht so gut fort als auf den
+Kuesten. Wenn man in Terra Firma oder in den Missionen am Orinoco
+Cocosnussbaeume weit von der See pflanzt, wirft man ein starkes Quantum
+Salz, oft einen halben Scheffel, in das Loch, in das die Cocosnuesse gelegt
+werden. Unter den Culturgewaechsen haben nur noch das Zuckerrohr, der
+Bananenbaum, der Mammei und der Avocatier, gleich dem Cocosnussbaum, die
+Eigenschaft, dass sie mit suessem oder mit Salzwasser begossen werden koennen.
+Dieser Umstand beguenstigt ihre Verpflanzung, und das Zuckerrohr von der
+Kueste gibt zwar einen etwas salzigten Saft, derselbe eignet sich aber, wie
+man glaubt, besser zur Branntweindestillation als der Saft aus dem
+Binnenlande.
+
+Im uebrigen Amerika wird der Cocosnussbaum meist nur um die Hoefe gepflanzt,
+und zwar um der essbaren Frucht willen; am Meerbusen von Cariaco dagegen
+sieht man eigentliche Pflanzungen davon. Man spricht in Cumana von einer
+_hacienda de coco_, wie von einer _hacienda de cana_ oder _cacao_. Auf
+fruchtbarem, feuchtem Boden faengt der Cocosbaum im vierten Jahre an
+reichlich Fruechte zu tragen; auf duerrem Lande dagegen erhaelt man vor dem
+zehnten Jahre keine Ernte. Der Baum dauert nicht ueber 80-100 Jahre aus,
+und er ist dann im Durchschnitt 70-80 Fuss hoch. Dieses rasche Wachsthum
+ist desto ausfallender, da andere Palmen, z. B. der Moriche (_Mauritia
+flexuosa_) und die _Palma de Sombrero_ (_Coripha tectorum_), die sehr
+lange leben, im sechzigsten Jahr oft erst 14-18 Fuss hoch sind. In den
+ersten dreissig bis vierzig Jahren traegt am Meerbusen von Cariaco ein
+Cocosbaum jeden Monat einen Bueschel mit 10-14 Fruechten, von denen jedoch
+nicht alle reif werden. Man kann im Durchschnitt jaehrlich auf den Baum
+100 Nuesse rechnen, die acht Flascos [Der Flasco zu 70-80 Pariser
+Cubikzoll] Oel geben. Der Flasco gilt zwei einen halben Silberrealen oder
+32 Sous. In der Provence gibt ein dreissigjaehriger Oelbaum zwanzig Pfund
+oder sieben Flascos Oel, also etwas weniger als der Cocosbaum. Es gibt im
+Meerbusen von Cariaco Haciendas mit 8000-9000 Cocosbaeumen; ihr malerischer
+Anblick erinnert an die herrlichen Dattelpflanzungen bei Elche in Murcia,
+wo auf einer Quadratmeile ueber 70,000 Palmstaemme bei einander stehen. Der
+Cocosbaum traegt nur bis zum dreissigsten bis vierzigsten Jahr reichlich,
+dann nimmt der Ertrag ab und ein hundertjaehriger Stamm ist zwar nicht ganz
+unfruchtbar, bringt aber sehr wenig mehr ein. In der Stadt Cumana wird
+sehr viel Cocosnussoel geschlagen; es ist klar, geruchlos und ein gutes
+Brennmaterial. Der Handel damit ist so lebhaft als auf der Westkueste von
+Afrika der Handel mit Palmoel, das von _Elays guinneensis_ kommt. Dieses
+ist ein Speiseoel. In Cumana sah ich mehr als einmal Piroguen ankommen, die
+mit 3000 Cocosnuessen beladen waren. Ein Baum von gutem Ertrag gibt ein
+jaehrliches Einkommen von 21/2 Piastern (14 Francs 5 Sous), da aber auf den
+_Haciendas de Coco_ Staemme von verschiedenem Alter durch einander stehen,
+so wird bei Schaetzungen durch Sachverstaendige das Kapital nur zu
+4 Piastern angenommen.
+
+Wir verliessen den Hof Pericantral erst nach Sonnenuntergang. Die Suedkueste
+des Meerbusens in ihrem reichen Pflanzenschmuck bietet den lachendsten
+Anblick, die Nordkueste dagegen ist felsigt, nackt und duerr. Trotz des
+duerren Bodens und des seltenen Regens, der zuweilen fuenfzehn Monate
+ausbleibt, wachsen auf der Halbinsel Araya (wie in der Wueste Canound in
+Indien) 30-50 Pfund schwere *Patillas* oder Wassermelonen. In der heissen
+Zone ist die Luft etwa zu 9/10 mit Wasserdunst gesaettigt und die
+Vegetation erhaelt sich dadurch, dass die Blaetter die wunderbare Eigenschaft
+haben, das in der Luft aufgeloeste Wasser einzusaugen. Wir hatten auf der
+engen, ueberladenen Pirogue eine recht schlechte Nacht und befanden uns um
+drei Uhr Morgens an der Muendung des Rio Manzanares. Wir waren seit
+mehreren Wochen an den Anblick der Gebirge, an Gewitterhimmel und finstere
+Waelder gewoehnt, und so fielen uns jetzt die Naturverhaeltnisse von Cumana,
+der ewig heitere Himmel, der kahle Boden, die Masse des ueberall
+zurueckgeworfenen Lichtes doppelt auf.
+
+Bei Sonnenaufgang sahen wir Tamurosgeier (_Vultur aura_) zu Vierzigen und
+Fuenfzigen auf den Cocosnussbaeumen sitzen. Diese Voegel hocken zum Schlafen
+in Reihen zusammen, wie die Huehner, und sie sind so traege, dass sie, lange
+ehe die Sonne untergeht, aufsitzen und erst wieder erwachen, wenn ihre
+Scheibe bereits ueber dem Horizont steht. Es ist, als ob die Baeume mit
+gefiederten Blaettern nicht minder traege waeren. Die Mimosen und Tamarinden
+schliessen bei heiterem Himmel ihre Blaetter 25-30 Minuten vor
+Sonnenuntergang, und sie oeffnen sie am Morgen erst, wenn die Scheibe
+bereits eben so lang am Himmel steht. Da ich Sonnen-Auf- und Untergang
+ziemlich regelmaessig beobachtete, um das Spiel der Luftspiegelung und der
+irdischen Refraction zu verfolgen, so konnte ich auch die Erscheinungen
+des Pflanzenschlafs fortwaehrend im Auge behalten. Ich fand sie gerade so
+in den Steppen, wo der Blick aus den Horizont durch keine Unebenheit des
+Bodens unterbrochen wird. Die sogenannten Sinnpflanzen und andere
+Schotengewaechse mit seinen, zarten Blaettern empfinden, scheint es, da sie
+den Tag ueber an ein sehr starkes Licht gewoehnt sind, Abends die geringste
+Abnahme in der Staerke der Lichtstrahlen, so dass fuer diese Gewaechse, dort
+wie bei uns, die Nacht eintritt, bevor die Sonnenscheibe ganz verschwunden
+ist. Aber wie kommt es, dass in einem Erdstriche, wo es fast keine
+Daemmerung gibt, die ersten Sonnenstrahlen die Blaetter nicht um so staerker
+aufregen, da durch die Abwesenheit des Lichts ihre Reizbarkeit gesteigert
+worden seyn muss? Laesst sich vielleicht annehmen, dass die Feuchtigkeit, die
+sich durch die Erkaltung der Blaetter in Folge der naechtlichen Strahlung
+auf dem Parenchym niederschlaegt, die Wirkung der ersten Sonnenstrahlen
+hindert? In unsern Himmelsstrichen erwachen die Schotengewaechse mit
+reizbaren Blaettern schon ehe die Sonne sich zeigt, in der Morgendaemmerung.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1.***
+
+
+
+CREDITS
+
+
+September 3, 2007
+
+ Project Gutenberg TEI edition 01
+ R. Stephan and K. Stueber
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 22492.txt or 22492.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
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+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
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+
+Section 1.
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+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
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+1.A.
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+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
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+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
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+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+1.B.
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+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
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+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
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+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
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+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
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+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
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+with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
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+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
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+Section 5.
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+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
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