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+The Project Gutenberg EBook of Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte, by Various
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte
+
+Author: Various
+
+Translator: Ferdinand Löwe
+
+Release Date: September 5, 2007 [EBook #22516]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHSTNISCHE MÄRCHEN. ZWEITE HÄLFTE ***
+
+
+
+
+Produced by Taavi Kalju and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
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+Estnische Märchen.
+
+
+_Aufgezeichnet von_
+
+Friedrich Kreutzwald.
+
+
+_Aus dem Estnischen übersetzt_
+
+von
+
+F. Löwe,
+
+ehem. Bibliothekar a. d. Petersb. Akademie der Wissenschaften,
+corresp. Mitglied der gelehrten estnischen Gesellschaft zu Dorpat.
+
+
+_Zweite Hälfte._
+
+
+Dorpat.
+
+_Verlag von C. Mattiesen._
+
+1881.
+
+
+
+Von der Censur gestattet. -- Dorpat, den 12. März 1881
+
+
+Druck von C. Mattiesen in Dorpat 1881.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Dr. Friedrich _Kreutzwald_, der hochverdiente Kenner und Erforscher der
+estnischen Sprache, erhielt von der finnischen Literaturgesellschaft in
+Helsingfors den ehrenvollen Auftrag, eine Sammlung von estnischen
+Märchen herauszugeben. Die Sammlung (Eesti rahwa ennemuistesed juttud)
+erschien im Jahre 1866 in Helsingfors im Verlage der
+Literaturgesellschaft; sie umfaßt auf 368 Seiten 43 größere und 18
+kleinere Stücke. Mit Bewilligung der finnischen Gesellschaft und des
+Herrn Dr. Kreutzwald hat Herr F. _Löwe_ die Märchen übersetzt. Die erste
+Hälfte wurde schon im Jahre 1869 veröffentlicht (Halle. Verlag der
+Buchhandlung des Waisenhauses 1869, 366 S. 8^o); die zweite Hälfte wird
+erst jetzt den Kennern und Liebhabern der Volkspoesie dargebracht; es
+hat lange Zeit gewährt, ehe die mancherlei Schwierigkeiten, welche dem
+Erscheinen der Märchen-Uebersetzung sich entgegenstellten, überwunden
+werden konnten.
+
+Die Leser werden in den vorliegenden estnischen Märchen mancherlei
+Bekanntes finden; Reminiscenzen an die Kinderjahre und an die
+Grimm'schen Märchen werden bei Manchem auftauchen. Unzweifelhaft sind
+viele der estnischen Märchen entlehnt. An solchen Entlehnungen sind die
+Esten nicht ärmer als andere Völker, und es gewährt ein eigenthümliches
+Interesse, mehr oder minder anderswo bekannte Stoffe in ihrer estnischen
+Einkleidung zu betrachten. Allein nicht blos die Freude an der
+poetischen Behandlung der einzelnen Märchen ist es, was uns auffordert,
+denselben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es knüpft sich eine ganze
+Anzahl rein ethnographischer und historischer Fragen an die Betrachtung
+ihres Inhalts. -- -- Sicher ist es, daß, wenn wir die estnischen Märchen
+betrachten, wir es mit den Einflüssen der verschiedensten Zeiten und
+Völker zu thun haben. -- Manche Züge weisen unverkennbar auf _litauische_
+Berührungen hin, andere zahlreichere und wohl auch jüngere auf _russische_
+Elemente. Da die Küstenstriche Estlands und namentlich die zunächst
+liegenden Inseln _schwedische_ Bevölkerung gehabt und zum Theil auch noch
+gegenwärtig haben, ist der letzteren nebst manchem Märchen auch mancher
+aus der ältesten Zeit stammende Mythus entnommen. Aber auch die neueste
+Zeit hat aus der Kinderstube der _deutschen_ Familie sowohl in der Stadt
+als auf dem Lande so manche Märchen in die Bauerhütte verpflanzt. Nicht
+minder haben die aus dem Kriegsdienst heimkehrenden Esten so manche
+Erzählung, die sie früher im schwedischen und später im russischen Heere
+vernommen hatten, den hörlustigen Leuten in der Heimath zugetragen
+(Vergl. A. Schiefner im Vorwort zu der ersten Hälfte der Uebersetzung
+der estnischen Märchen).
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Seite
+ 1. Baumling und Borkling 1-4
+ 2. Des Nebelberges König 4-9
+ 3. Die schnellfüßige Königstochter 9-23
+ 4. Loppi und Lappi 23-26
+ 5. Der Pathe der Grottennymphen 26-36
+ 6. Seltene Weibestreue 36-49
+ 7. Aschen-Trine 49-57
+ 8. Reichlich vergoltene Wohlthat 57-60
+ 9. Die Stiefmutter 61-67
+10. Klugmann in der Tasche 67-80
+11. Der zaubermächtige Krebs und das unersättliche Weib 81-88
+12. Der Findling 88-95
+13. Wie sieben Schneider in den Türkenkrieg zogen 95-106
+14. Der Glücksrubel 106-118
+15. Der närrische Ochsenverkauf 118-123
+16. Der mildherzige Holzhacker 123-127
+17. Die nächtlichen Kirchengänger 128-135
+18. Des Schützen abhanden gekommenes Glück 135-142
+19. Der aus Gefahr erlöste Königssohn wird der Retter seiner Brüder 142-152
+20. _Localsagen._
+ a. Warum Reval niemals fertig werden darf 152-153
+ b. Der Gerbleder-Verkäufer 153-154
+ c. Das Fräulein von Borkholm 154-155
+ d. Der winselnde Fußknöchel 155-158
+ e. Der von der Stelle gerückte See 158-161
+ f. Die Kaufmannstocher von Narva 161-163
+ g. Wo Narva's früherer Reichthum liegt 163-164
+ h. Das Mädchen von Waskjalasild 164-165
+ i. Emmujärw und Wirtsjärw 165-167
+ k. Die Tochter des Strandbewohners von Tolsburg 167-168
+ l. Die Steindenkmale der Hungersnoth 168-169
+ m. Der Herren von Pahlen Schutzgeist 169-171
+ n. Der aus den Klauen eines Adlers gerettete Königssohn 171-172
+ o. Die Meermaid und der Herr von Pahlen 172-174
+ p. Der Kapellenbau 174-174
+ q. Ein Herr von Pahlen rettet Reval aus Feindeshand 174-175
+ r. Der Frauen von Pahlen Todesboten 175-175
+ s. Der Heimgänger-Schütze 175-178
+
+
+
+
+1. Baumling und Borkling.
+
+
+Einem geizigen Wirthe machte es unaufhörlich Aerger und Kummer, daß
+Knechte und Mägde nicht bei ihm aushielten. Obwohl er nicht mehr Arbeit
+von ihnen verlangte als andere Wirthe, so fand doch _der_ Unterschied
+statt, daß er seinen Dienstleuten nicht soviel zu essen gab, daß sie
+satt werden konnten. Hatte einer das Hundeleben ein viertel oder halbes
+Jahr ertragen, so zwang ihn Hunger, wieder davon zu laufen; und als es
+endlich in der Runde umher bekannt geworden war, warum das Gesinde nicht
+blieb, da wurde es dem knauserigen Wirthe ganz unmöglich, noch Bedienung
+zu bekommen. Weit in Allentacken[1] lebte ein berühmter Weiser, zu dem
+eilte der Wirth sich Raths zu erholen, brachte ihm einen Sack voll Geld
+und andere Geschenke und fragte bei ihm an: ob es nicht möglich sei,
+Knecht und Magd zu finden, die sich mit weniger Nahrung begnügten und
+den Wirth nicht kapp und kahl fräßen. Der Weise erwiderte: »Möglich ist
+das Ding wohl, allein es geht über meine Kraft, da mußt du zum alten[2]
+Wirthe gehen, der dir allein helfen kann.« Darauf gab er weitere
+Anleitung, wie der Mann an drei Donnerstagen Abends, kurz vor
+Mitternacht, einen schwarzen Hasen im Sacke, auf den Kreuzweg gehen und
+dort pfeifen müsse, damit der alte Wirth komme. »Versuche dann selbst,
+wie ihr Handels eins werdet,« sagte der Weise, »ich kann hier nicht
+weiter helfen. Aber laß dich nicht betrügen.« Als der Mann fragte, wo er
+einen schwarzen Hasen her kriegen solle, hieß ihn der Weise eine
+schwarze Katze mitnehmen.
+
+Als nun der nächste Donnerstag gekommen war, steckte der Wirth die Katze
+in den Sack und ging auf den Kreuzweg, obwohl ihm etwas bänglich zu
+Muthe war. Er pfiff und wartete, aber es kam Niemand. Endlich pfiff er
+noch einmal und dachte dabei: wenn er jetzt nicht kommt, so habe ich den
+Weg umsonst gemacht. Da erhob sich in der Luft ein Geräusch, als ob ein
+Blasebalg in der Schmiede getreten würde, dann sah er eine dunkle Masse
+oben in der Luft schweben und eine Stimme fragte: »Was willst du,
+Brüderchen?« -- »Ich habe einen schwarzen Hasen zu verkaufen,« erwiderte
+der Mann. »Komm nächsten Donnerstag, ich habe heute keine Zeit, mit dir
+einen Handel zu machen,« sagte die Stimme und damit entschwand auch die
+dunkle Masse den Blicken des hinaufschauenden. Der Mann war wohl etwas
+verdrießlich, daß er den Weg umsonst gemacht hatte, allein was half's,
+Höheren gegenüber muss ein geringer Mann immer geduldig sein. Den
+zweiten Donnerstag ging die Sache etwas besser von Statten. Gleich auf
+sein erstes Pfeifen erschien ein altes Männchen mit einem Schultersack
+und fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann antwortete wieder:
+»Ich habe einen schwarzen Hasen zu verkaufen.« »Was kostet er?« fragte
+der fremde Alte. Der Mann erwiderte: »Ich verlange für den Hasen weiter
+nichts als einen Knecht und eine Magd, die mir dienen, aber mich nicht
+kapp und kahl fressen.« »Auf wie viele Jahre willst du den Vertrag
+abschließen?« fragte der _alte_ Wirth. »Meinethalben auf die Zeit meines
+Lebens,« gab der Bauer zur Antwort. Aber der Fremde bedeutete ihn, daß
+dies durchaus nicht angehe und daß sie keinen andern Vertrag miteinander
+abschließen könnten als auf sieben oder zweimal sieben Jahre. »So komme
+nächsten Donnerstag, und bringe deinen schwarzen Hasen mit, ich werde
+dir dann einen Knecht und eine Magd bringen, denen du weder Speise noch
+Trank zu geben brauchst, nur mußt du sie bei der Hitze des Nachts zum
+Weichen in's Wasser legen, sonst welken sie und sind nicht mehr im
+Stande zu arbeiten.«
+
+Der Mann war am Abend des dritten Donnerstags wieder am Kreuzwege und
+pfiff, worauf der _alte_ Wirth sogleich erschien, aber allein, weder ein
+Knecht noch eine Magd waren mitgekommen. »Du mußt mir von deinem
+Ringfinger drei Tropfen Blut[3] zur Festmachung des Vertrages geben,
+damit du nicht zurücktreten kannst,« sagte der Fremde. Der Mann fragte,
+wo denn der Knecht und die Magd wären. »Im Sacke« erwiderte der _alte_
+Wirth. Da nun der Schultersack nur klein war, fürchtete der Bauer einen
+Betrug. Der Fremde, welcher dessen Gedanken zu errathen schien, sagte:
+»Ich betrüge dich nicht!« Dann ergriff er den Sack und warf einen Quast
+von der Größe einer Hedekunkel heraus, indem er sagte: »Hier ist dein
+Knecht!« Ein langer breitschult'riger Mann stand sofort neben dem alten
+Papa. Ein zweiter Quast flog aus dem Sacke und es war ein Mädchen daraus
+geworden. »Deine Diener sind hier, sie werden nicht zu essen verlangen,
+sagte der Fremde. »Jetzt gieb mir die Blutstropfen zur Besiegelung und
+den schwarzen Hasen, dann kannst du nach Hause gehen.« Der Mann that wie
+verlangt und fragte zuletzt, wie denn die neuen Diener wohl hießen. »Des
+Knechtes Name ist _Baumling_ und der Magd Name ist _Borkling_,« sagte der
+_alte_ Wirth, steckte den vermeintlichen Hasen in den Sack und ging seiner
+Wege! Der Bauer aber ging mit seinem Gesinde heim.
+
+Der Knecht und die Magd thaten Tag für Tag vom Morgen bis zum Abend ihre
+Arbeit, ohne jemals Nahrung zu fordern, was den Wirth sehr erfreute, und
+wenn sie manchmal an einem heißen Sommertage zu welken schienen, so
+wurden sie zur Nacht eingeweicht und waren am andern Morgen so frisch
+und stark wie zuvor. Der geizige Wirth scharrte nun jedes Jahr immer
+mehr Geld zusammen, weil er seinem Gesinde weder Brot zu geben noch Lohn
+zu zahlen brauchte. So waren endlich zwei mal sieben Jahre beinah
+vorüber gegangen, nur noch einige Wochen fehlten. Dem Wirthe kam die
+Sorge, daß er die Diener verlieren könnte, darum dachte er hin und her,
+wie es wohl möglich wäre die Frist zu verlängern.
+
+Eines Morgens war er aufgestanden und sah, daß Knecht und Magd noch
+nicht bei der Arbeit waren. Er meinte, sie schliefen noch auf dem Boden
+und kletterte auf der Leiter hinauf. Aber da war Niemand zu finden. Auf
+der Stelle, wo sie geschlafen hatten, fand er einen verfaulten
+Baumstumpf und ein Häuflein Birkenrinde. Da wurde es ihm plötzlich klar,
+was die Namen des Knechts und der Magd bedeutet hatten; ohne Zweifel
+waren die Beiden durch Zauber aus Holz und Bork gemacht. Eben wollte er
+die Treppe wieder hinunter steigen, als eine Hand ihn an der Gurgel
+packte und ihn auf dem Flecke erwürgte. Die Frau fand später auf dem
+Rande des Bodens nichts weiter als drei Blutstropfen. Als sie in die
+Klete (Vorrathskammer) ging, nahm sie wahr, daß die Kornkasten leer
+waren und die Geldkiste nur mit welken Birkenblättern angefüllt. So war
+mit einem Male alle Habe dahin und die verwittwete Frau starb vor
+Kummer ebenfalls; doch erfuhr sie nichts davon, daß der alte Bursche den
+Wirth, der ihm aus Geiz seine Seele verkauft, erdrosselt hatte. Diesen
+Lohn hatte nun der geizige Mann davon, daß er seinen Reichthum
+frevelnder Weise zusammengescharrt hatte.
+
+[Fußnote 1: Die Bucht an der Ostsee westlich vom Lauf der Narowa. L.]
+
+[Fußnote 2: Identisch mit dem in dem ersten Bande häufig vorkommenden
+»alten Burschen« (dem Bösen). L.]
+
+[Fußnote 3: Vgl. Bd. 1, S. 67. Anm. L.]
+
+
+
+
+2. Des Nebelberges König.
+
+
+Es waren einmal Dorfkinder auf Nachthütung im Walde, die Nacht war kalt
+und neblicht, so daß auch am Feuer die erstarrte Hand nicht mehr warm
+werden wollte. Da sagte eins der Mädchen, das einen aufgeweckten Geist
+hatte: ich will lieber ein Stück Weges laufen, das wird mir mehr Wärme
+geben als das Sitzen am Feuer. Mit diesen Worten sprang es auf und lief
+davon. Die andern lachten hinter ihr her und sagten: sie wird wohl bald
+zurück kommen! Aber der kleine Flüchtling kam nicht zurück. Als die
+Morgenröthe schon am Himmel stand, fingen sie an das verschwundene
+Mädchen zu rufen, erhielten aber von keiner Seite her eine Antwort. Die
+Kinder meinten nun, sie müsse wohl in's Dorf gegangen sein. Als man aber
+heim kam, war die Vermißte nirgends zu finden. Die Aeltern gingen in den
+Wald, ihre Tochter zu suchen; umsonst aber strichen sie über einen
+halben Tag lang von einem Flecke zum andern, sie fanden keine Spur von
+ihr. Da dachten sie mit Schrecken daran, daß wilde Thiere das Mädchen
+getödtet haben könnten. Sorgenvoll und betrübt gingen sie gegen Abend
+wieder nach Hause.
+
+Das verloren gegangene Kind war schon eine Strecke weit von den übrigen
+abgekommen, als es an eine Bergspitze gelangte, auf der ein kleines
+Feuer brannte, weiter konnte es durch den dichten Nebel nichts sehen.
+Das Kind dachte, seine Gefährten seien da am Feuer, kletterte den Berg
+hinan und sah, daß ein graubärtiger einäugiger Mann ausgestreckt am
+Feuer lag und es mit einem Eisenstecken schürte. Das Kind erschrack und
+wollte zurück, aber der Alte hatte es schon bemerkt und rief in strengem
+Tone: »Bleibe stehen, oder ich werfe den Eisenstecken nach dir! Zwar
+habe ich nur ein einziges Auge, aber das ist eben so sicher wie die
+Hand, so daß ich niemals mein Ziel verfehle!« -- Das Kind blieb zitternd
+stehen. Der Alte hieß es näher kommen, und als das Mädchen furchtsam
+zögerte, stand er auf, nahm es bei der Hand und sagte: »Komm und wärme
+dich!« Das Mädchen mußte nun wohl, wenn auch zitternd und bebend,
+mitgehen. Der Alte nahm Weißbrot aus seinem Schultersack und gab es dem
+Kinde zu essen. Dann klopfte er mit dem Eisenstecken auf den Rasen und
+alsbald standen zwei hübsche Mädchen am Feuer, als wären sie aus der
+Erde hervorgewachsen. Es dauerte nicht lange, so hatten sich die Kinder
+miteinander befreundet, spielten und trieben Kurzweil am Feuer, der Alte
+aber hatte das Auge geschlossen, als schliefe er.
+
+Als die Morgenröthe heraufstieg, trat ein altes Mütterchen heran und
+sprach zum Dorfkinde: Heute mußt du bei unseren Kindern zu Gast bleiben
+und auch die nächste Nacht hier schlafen, dann schicke ich dich wieder
+nach Hause. -- Obwohl sich nun das Dorfkind anfangs geängstigt hatte, so
+war es dort bald mit den andern Kindern so bekannt geworden, daß es
+weder Furcht noch Heimweh mehr empfand. Der Tag verging ihnen spielend,
+und Abends wurden die Kinder miteinander zur Ruhe gelegt. Den andern
+Morgen aber kam ein junges Frauenzimmer und sprach zum Dorfkinde: »Du
+mußt heute nach Hause gehen, denn deine Eltern haben deinetwegen großen
+Kummer, sie glauben du seist gestorben.« Mit diesen Worten führte sie
+das Kind an der Hand, bis sie aus dem Walde heraus kamen. Dann sagte die
+Führerin: Von dem, was du gestern und vorige Nacht gehört und gesehen
+hast, darfst du kein Wörtchen zu Hause reden, sage nur, du habest dich
+im Walde verirrt. Darauf gab sie dem Kinde eine kleine silberne Spange
+und sagte: Wenn dich die Lust anwandeln sollte, wieder einmal zu uns zu
+Gast zu kommen, so hauche nur auf diese Spange, so findest du schon den
+Weg zu uns!« Das Kind steckte die Spange in die Tasche und dachte auf
+dem Wege zum Dorfe daran, was wohl die Eltern von der Sache halten
+würden, da sie ihnen die Wahrheit nicht gestehen dürfe. In der Dorfgasse
+gingen zwei Männer an ihr vorüber, welche sie nicht kannte. Als sie in
+des Vaters Hofthor trat, schien ihr der Ort gänzlich fremd; wo vorher
+nichts gestanden hatte, da wuchsen jetzt Aepfelbäume, an denen schöne
+Früchte hingen. Auch das Haus erschien ihr fremd. Da trat ein fremder
+Mann aus der Thür, schüttelte wie verwundert den Kopf und sagte, so daß
+das Mädchen auf dem Hofe es hörte: »Ein fremdes Dorfmädchen ist auf
+unserem Hofe.« Das Mädchen erschien die Sache wie ein Traum, doch trat
+sie einige Schritte näher, bis sie an die Thürschwelle kam. Als sie in's
+Zimmer hineinsah, erblickte sie den Vater, der auf der Ofenbank saß;
+eine fremde Frau und ein junger Mann saßen neben ihm, aber dem Vater
+waren Bart und Haupthaar ganz grau geworden. »Guten Morgen, Vater!«
+sagte die Tochter, »wo ist die Mutter?« -- »Die Mutter, die Mutter?«
+rief die fremde Frau zusammenfahrend. »Hilf Gott! bist du der verlorenen
+Tiu Geist, oder bist du ein lebendiges Geschöpf wie wir? Ist es denn
+möglich, daß unser liebes Kind, das uns vor sieben Jahren verstarb, zum
+zweiten Male in's Leben zurück kommt?« Tiu konnte aus dieser Rede nicht
+klug werden. Da erhob sich die fremde Frau von der Bank, streifte Tiu's
+Hemdärmel auf, fand auf der Handwurzel eine kleine Brandnarbe und rief
+dann aus, das Mädchen umhalsend: »Unsere Tiu, unser für todt beweintes
+Kind, das vor sieben Jahren im Walde verloren ging.« »Das kann ja nicht
+sein,« erwiderte Tiu, »ich bin nur eine Nacht und einen Tag von euch weg
+gewesen, oder zwei Nächte und einen Tag«[4].
+
+Jetzt gab es beiderseits genug sich zu wundern; Tiu sah nun deutlich,
+daß sie länger weg gewesen war als sie selbst glaubte, denn sie war
+jetzt schon etwas größer als ihre Mutter, und Vater und Mutter waren
+gealtert. Gern hätte sie den Eltern erzählt, was ihr begegnet war,
+allein sie durfte ja nicht. Endlich sagte sie, ich hatte mich verirrt
+und war unter fremde Leute gerathen. Der Eltern Freude über ihr
+wiedergefundenes Kind war so groß, daß sie nicht weiter nachforschten,
+wo es denn gewesen sei.
+
+Den andern Abend aber, als Vater und Mutter schlafen gegangen waren,
+ließ es der Tiu keine Ruhe mehr, sie zog die Spange aus der Tasche und
+hauchte darauf, um Auskunft darüber zu erlangen, was für ein wundersames
+Ereigniß sich mit ihr zugetragen. Alsbald fand sie sich wieder am Feuer
+auf dem Berge, und auch der einäugige Alte war wieder da. -- »Lieber
+alter Papa!« bat Tiu, »gieb mir Auskunft darüber, was mit mir
+vorgegangen ist.« Der Alte erwiderte lachend: »Plappern ist
+Weibersache!« klopfte mit seinem Stecken auf den Rasen, und das junge
+Frauenzimmer, welches Tiu nach Hause geleitet und ihr die Spange
+geschenkt hatte, stand vor ihr. Sie nahm Tiu bei der Hand und führte sie
+einige Schritte vom Feuer weg; dort sagte sie: Da du dir zu Hause nichts
+hast merken lassen, will ich dir mehr verrathen. Der alte Papa am Feuer
+ist des Nebelberges König, die alte Mutter, welche du die erste Nacht
+gesehen hast, ist die Rasenmutter[5], und wir sind ihre Töchter. Ich
+will dir jetzt eine noch schönere bunte Spange geben, sage zu Hause, du
+habest sie gefunden. Willst du uns sehen, so hauche nur wieder auf die
+Spange. Heute darf ich dir nichts weiter sagen, aber sei verschwiegen,
+so wirst du künftig mehr von uns zu hören bekommen. Jetzt geh' nach
+Hause, ehe die Eltern aus dem Schlafe erwachen.
+
+Als sie am Morgen erwachte, hielt sie das in der Nacht Geschehene für
+einen Traum, aber die schöne Spange auf ihrer Brust bewies ihr, daß sie
+nicht geträumt hatte. Indeß war ihr das Leben im Dorfe so fremd
+geworden, daß sie häufig Abends, wenn die Eltern schlafen gegangen
+waren, auf ihre Spange hauchte und sich dadurch, wie sie wünschte, auf
+den Nebelberg versetzte. Am Tage war sie meist verdrießlich, weil sie
+sich nach ihrem nächtlichen Glücke sehnte und somit wenig Ruhe hatte.
+Als der Herbst kam, fanden sich viele Freier ein; aber sie wies sie ab,
+endlich vor Weihnacht wurde mit dem jungen Manne, welchen sie bei ihrer
+Rückkehr auf des Vaters Hofe gesehen hatte, Branntwein[6] getrunken.
+
+Der Bräutigam blieb als Schwiegersohn im Hause, denn die Eltern waren
+beide schon betagt.
+
+Im nächsten Jahre brachte Tiu ein Töchterchen zur Welt, es war ein sehr
+schönes Kind, konnte aber doch der Mutter Herz nicht ausfüllen. Sie
+sehnte sich stets nach dem Nebelberge zurück und wäre gern hingezogen,
+wenn sie das Kind hätte allein lassen können. Als aber die Tochter
+sieben Jahr alt geworden war, kam eine Nacht, wo die Mutter ihr
+Verlangen nicht mehr zurückdrängen konnte, sie hauchte auf die Spange
+und sah sich auf den Nebelberg versetzt. Der Rasenmutter Töchter kamen
+ihr mit Freudengeschrei entgegen. »Warum bist du so lange weg
+geblieben?« fragten sie. Tiu sagte mit thränenden Augen, daß es ihr
+nicht möglich gewesen sei zu kommen, wiewohl ihr das Herz großes
+Verlangen danach getragen habe. Des Nebelberges König muß uns helfen,
+sagten darauf die Mädchen und baten Tiu, nach zwei Wochen wieder zu
+kommen und ihr Töchterchen mitzubringen. Tiu versprach es zu thun, wenn
+es möglich wäre.
+
+Als aber die Zeit herangekommen war, schlief das Kind so ruhig an des
+Vaters Seite, daß die Frau nicht das Herz hatte, es mit sich zu nehmen,
+sie ging deßhalb, indem sie sich der Spange bediente, allein. Der alte
+König des Nebelberges lag beim Scheine des Feuers am Boden, und sagte
+als er Tiu erblickte: »Du bist heute zur unglücklichen Stunde ohne dein
+Kind hergekommen, und es wird dir große Qual daraus erwachsen. Doch
+kannst du zu guter Letzt noch eine vergnügte Nacht feiern, ehe deine
+Leidenstage beginnen.« Bei diesen Worten klopfte er mit dem Eisenstecken
+auf den Rasen, und sofort erschienen der Rasenmutter Töchter, nahmen Tiu
+mit sich und feierten ein schönes Fest miteinander.
+
+Inzwischen war daheim der Mann erwacht und als er die Frau nicht im
+Bette fand, stand er auf und suchte sie auf dem Hofe. Auch hier fand er
+keine Spur der Verschwundenen. Da entbrannte im Manne der Zorn, denn er
+glaubte die Frau sei irgendwo auf bösen Wegen, darum legte er sich nicht
+wieder hin, sondern ging sofort zu einem Weisen des Dorfes, ihm den Fall
+zu erzählen, und ihn um Rath fragen. Als der Weise sich aus einem
+Weinglase Aufschluß verschafft hatte, sagte er: »Mit deinem Weibe steht
+es nicht wie es sein soll, sie geht des Nachts als Wärwolf[7] um, und
+hat das gewiß schon lange getrieben, nur daß du es bis heute nicht
+bemerkt hast. Wenn sie nach Hause kommt, mußt du sie sogleich vor
+Gericht stellen.«
+
+Der Mann fand, als er nach Hause kam, die Frau an der Seite des Kindes
+ruhig im Bette schlafen, er weckte sie indeß nicht, um sie über ihren
+nächtlichen Gang auszufragen, sondern ging vor Gericht, wie der Weise
+gewollt hatte. Die Frau wurde vorgefordert. Sie weigerte sich Auskunft
+darüber zu geben, wo sie vergangene Nacht gewesen sei, wollte auch nicht
+gestehen, wo sie früher als Kind sieben Jahre lang sich verborgen
+gehalten, und sagte nur: Meine Seele ist schuldlos, mehr kann ich nicht
+sagen. Auch später wollte sie ihr Geheimniß nicht verrathen, so daß
+endlich der Spruch gefällt wurde: das Weib ist eine Hexe, ein Wärwolf
+und sonstige Uebelthäterin, deßhalb muß sie den Feuertod sterben. Es
+wurde dann ein großer Scheiterhaufen errichtet, an welchen man das arme
+Weib festband, worauf er angezündet wurde. Als aber die Flamme eben
+aufloderte, fiel so dichter Nebel, daß man die Hand vor Augen nicht
+sehen konnte[8]. Als später die Sonnenstrahlen den Nebel aufsogen, fand
+man den Scheiterhaufen noch unversehrt, das Weib aber war nirgends zu
+finden, es war als ob sie im Nebel zerflossen wäre. -- Des Nebelberges
+König hatte sie gerettet.
+
+Wiewohl nun Tiu jetzt auf dem Nebelberge gute Tage hatte, so fand ihr
+Herz doch keinen Frieden, sondern sehnte sich nach dem zurückgebliebenen
+Kinde. Hätte ich mein Töchterlein hier -- so seufzte sie oft -- dann
+könnte ich glücklich leben, so aber ist das halbe Herz immer bei dem
+Kinde im Dorfe, und die andere Hälfte lebt in Trauer. Des Nebelberges
+König errieth ihre geheimen Gedanken und ließ einst bei Nacht das
+Töchterlein aus dem Dorfe zur Mutter bringen. Da waren beide, Mutter und
+Tochter, vollkommen glücklich und sehnten sich nach nichts mehr. Die
+Dorfleute und der Mann glaubten, daß die, in einen Wärwolf verwandelte
+Frau das Kind bei Nacht fortgenommen habe. Der Mann freite eine andere
+Frau, aber weder seine eigene Wirthschaft noch die der anderen Höfe
+nahmen so guten Fortgang wie sonst; allsommerlich litten sie Schaden
+durch Dürre, das Getreide und Gras verdarben, weil der erfrischende
+Nachtthau nicht auf den Strich fiel, den die Leute bewohnten. Des
+Nebelberges König war zornig darüber, daß sie sein Pflegekind hatten
+umbringen wollen.
+
+[Fußnote 4: Sterblichen im Elfen- oder Feenlande verfließt die Zeit,
+ihnen unbewußt, mit reißender Geschwindigkeit. S. Köhler's Anm. zu Bd.
+1, S. 364. L.]
+
+[Fußnote 5: Vgl. Bd. 1, S. 89 Anm. und S. 104 Anm., sowie S. 30. An
+letzterer Stelle heißen die im Mondschein badenden Jungfrauen der
+Waldelfen und der »Rasenmutter Töchter«. Wenn in unserem Märchen der
+König des Nebelberges der Gemahl der Rasenmutter heißt, so möchte eine
+ursprüngliche Identität desselben mit den »Waldelfen« angenommen werden
+können. L.]
+
+[Fußnote 6: S. Bd. 1, S. 83 Anm. 2. L.]
+
+[Fußnote 7: Ehstn. liba hunt, eigentlich läufische Wölfin, soll nach
+dem Aberglauben das neunte Junge eines Wolfes sein, besonders gefräßig
+und gefährlich, mit spitzer Schnauze, welches die Thiere von hinten
+anfällt und ihnen das Eingeweide herausreißt (Wiedemann,
+Ehstnisch-Deutsches Wörterb. S. V). Hier ist es offenbar Wärwolf, d. h.
+Mannwolf. Vgl. über diesen Aberglauben _Rußwurm_ Eibofolke S. 360. L.]
+
+[Fußnote 8: Wörtlich: Daß man nicht vor seinen Füßen sehen konnte. L.]
+
+
+
+
+3. Die schnellfüßige Königstochter.
+
+
+Es war einmal eine sehr schöne und schmucke Königstochter, die aller
+Orten berühmt war, denn es kamen gar viele Freier zu ihr, von Morgen und
+Abend, von Mittag und Mitternacht her, so daß oftmals die ganze Woche
+durch der Hof von den Pferden der Bewerber nicht leer wurde. Aber das
+Freien ward den Männern nicht so leicht wie unseren Zeitgenossen, die,
+wenn sie auch manchmal an _einem_ Morgen vor sieben Thüren anklopfen
+müssen[9], doch dabei den Hals nicht verlieren. Mit der schmucken
+Königstochter war das aber anders und es durfte keinen Freier, der seine
+Bewerbung anbringen wollte, an gehörigem Muthe fehlen. Die königliche
+Maid hatte nämlich sehr schnelle Füße, und darum ihrem Vater fest
+versichert, sie werde nicht eher heirathen, als bis sie einen Freier
+fände, der eben so schnellfüßig sei, so daß er mit ihr nicht nur um die
+Wette, sondern ihr auch noch ein Stück vorbeilaufen könne. Nun, das
+hätte weiter nichts geschadet, wenn mit dem Wettlauf nicht noch eine
+andere Bedingung verbunden gewesen wäre, nämlich, daß jeder Freier,
+dessen Schritte die der Jungfrau nicht überholen könnten, sofort sein
+Leben verlieren sollte. Wohl muß man sich wundern, daß trotzdem immer
+noch junge Männer von vornehmer Geburt sich fanden, welche das
+gefährliche Wagestück unternahmen, obgleich noch keiner einen besseren
+Lohn erhalten hatte als den, daß sein erstarrter Körper um einen Kopf
+kürzer gemacht wurde. Die abgehauenen Köpfe wurden dann jedesmal,
+gleichsam ihnen selbst zum Spott und andern zum Schrecken, auf lange
+Stangen vor des Königs Behausung aufgespießt. Mancher kluge Mann mochte
+nun wohl meinen, daß in den auf ihren Stangen steckenden Köpfen doch
+nicht viel Hirn und Witz gewesen sein könne, da sie thöricht genug
+gewesen, ihre Haut so billig zu Markte zu tragen. Aber dergleichen kluge
+Leute vergessen, daß manchem jungen Manne das feurige Blut die ruhige
+Besinnung aufzehrt. Man erlebte nun freilich, daß die zur Abschreckung
+aufgesteckten Köpfe die gute Wirkung hatten, das unaufhörliche Zuströmen
+von Freiern zu verringern, daß sie auch manchen Ankömmling vor der
+Pforte noch zur Umkehr bewogen, ehe er das Glücksspiel versuchte.
+Gleichwohl stellte sich immer noch von Zeit zu ein und der andere Thor
+ein, der nicht wieder nach Hause kam, sondern seinen Kopf den Raben zum
+Futter ließ.
+
+Jetzt hatten schon so lange keine Hufe von Freier tragenden Rossen den
+Weg zum Königssitze gestampft, daß die Leute schon anfingen zu hoffen,
+diese unsinnigen Fahrten würden gar nicht mehr vorkommen, als mit einem
+Male ein von Sehnsucht getriebener Königssohn aus weiter Ferne her sich
+abermals auf den Weg machte. Dieser Freier war aber ein gar schlauer
+Mann und hatte deshalb schon daheim ein paar Jahre oder noch länger
+seine Beine täglich im Laufen geübt. Jetzt verstand er seine Sache aus
+dem Grunde, denn in dem ganzen Königreiche, welches sein Vater
+beherrschte, war unter Männern und Weibern Niemand, den der Königssohn
+nicht im Lauf überholt hätte. Wenn er trotzdem mit Kutsche und Pferden
+auf die Freite fuhr, so wollte er einmal dadurch den Leuten seinen
+Reichthum zeigen, und dann auch seinen Beinen Ruhe gönnen, damit sie
+nicht noch vor dem Wettlauf ermüdeten. Einen halben Scheffel Gold nahm
+der Jüngling für die Wegekost mit; dasselbe wurde, als wäre es ein
+Hafersack, hinten auf der Kutsche festgebunden. Der Königssohn war auf
+seiner Freierfahrt noch nicht weit gekommen, da sieht er von weitem ein
+Menschenbild im Fluge herankommen, wie von Vogelfittigen getragen und
+nach wenig Augenblicken saust auch der Schnellfuß wie der Wind an der
+Kutsche vorbei. »Halt still, halt still!« schreit der Königssohn aus
+Leibeskräften, damit das Ohr des Windfüßigen es vernehme. Alsbald hält
+der Mann seinen Lauf an und bleibt stehen, um zu hören, weshalb er
+gerufen wird. Da erst wird der Königssohn gewahr, daß dem Läufer an
+beiden Füßen ein Mühlstein hängt. Dieser seltsame Umstand läßt die
+Laufkraft des Mannes in des Königssohn Augen noch gewaltiger erscheinen,
+darum fragt er: »Weshalb hast du die Mühlsteine an den Füßen?« »Meine
+Füße würden sonst im schnellen Laufe nicht am Boden haften«, erwidert
+der Mann -- »und ich könnte unversehens wer weiß wohin gerathen, wenn
+die Füße keine schwerere Last zu tragen hätten als bloß den Körper.«
+
+Der Königssohn denkt alsbald, einen solchen Mann könnte ich in Dienst
+nehmen, wer weiß wie die Sache geht, vielleicht kann ich einen
+Stellvertreter zum Wettlauf stellen, falls ich selber nicht gewiß wäre
+durchzukommen. »Hast du nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« fragte
+er den Mann. »Warum nicht, wenn wir Handels einig werden. Was versprecht
+ihr mir denn für Lohn?« Der Königssohn erwidert: »Alle Tage frisches
+Essen und Trinken, soviel dein Herz begehrt, schöne vollständige Sommer-
+und Winterkleidung und einen Stof[10] Gold als Jahreslohn.«
+
+Der Mann war damit zufrieden und der Königssohn hieß ihn sich hinter der
+Kutsche auf den Goldsack zu setzen. »Wozu?« fragte der Mann. »Glaubt
+ihr, daß eure Pferde schnellere und stärkere Beine haben als ich? Seid
+unbesorgt, ich werde ihnen immer voraus sein.« So zogen sie denn weiter.
+
+Nach einer Weile sieht der Königssohn einen Mann am Wege sitzen, der
+eine Flinte an die Wange gelegt hatte, als ob er auf irgend einen Vogel
+ziele. Aber wie scharf auch der Königssohn und seine Diener nach allen
+Seiten hin spähten, sahen sie doch weder auf der Erde noch in der Luft
+irgend etwas, worauf der Schütze hätte zielen können. »Was thust du
+da,« fragte der Königssohn. Der Schütze wies mit der Hand, als wollte er
+zu verstehen geben, sprecht kein Wort, ihr verscheucht mir den Vogel.
+»Was machst du da?« fragt der Königssohn zum zweiten, und als keine
+Antwort erfolgte zum dritten Male. »Seid still«, sagte der Schütze mit
+leiser Stimme, »bis ich euch Antwort gebe, ich muß erst den Vogel
+herunterschießen.« Nach einem Weilchen ließ sich ein Paff hören, worauf
+der Schütze sogleich aufstand und also sprach: »Ich habe den Vogel,
+jetzt kann ich euch Antwort geben. Schon eine Weile kreiste eine Mücke
+um den Thurm der Stadt Babylon und wollte sich auf den Thurmknopf
+niederlassen; ich konnte das aber nicht dulden, denn die Mücke ist zehn
+Liespfund schwer, sie hätte die feine Knopfspitze beschädigen können,
+deshalb schoß ich den Feind nieder.« Der Königssohn fragt verwundert:
+»Wie kannst du denn so weit sehen?« -- »Was für eine winzige Weite ist
+das«, lacht der Mann, »mein Auge reicht viel weiter.« »Wartet ein
+wenig,« ruft der schnellfüßige Läufer dazwischen, »ich will hin und
+sehen, ob der Mann aufgeschnitten, oder die Wahrheit gesagt hat.« Mit
+diesen Worten war er auf und davon wie der Wind, und nach einigen
+Augenblicken hatte ihn der Königssohn aus dem Gesicht verloren.
+
+Einen solchen Schützen könnte ich wohl auch einmal irgendwo brauchen,
+denkt der Königssohn und geht sogleich daran, den Vertrag abzuschließen.
+»Willst du zu mir als Diener kommen?« fragt er den scharfsichtigen
+Schützen. »Warum nicht«, erwidert der Mann, »wenn wir Handels einig
+werden können. Was versprecht ihr mir als Löhnung?« Der Königssohn sagt:
+»Täglich frisches Essen und Trinken, soviel das Herz begehrt,
+vollständige schöne Kleidung für Sommer- und Winterbedarf, und einen
+Stof Gold als Jahreslohn.« Der Schütze war damit einverstanden, und eben
+langte auch der Schnellfuß wieder von Babylon an, auf dem Rücken die
+heruntergeschossene große Mücke, die ihm gar nicht lästig war. Der
+scharfsichtige Schütze setzte sich hinter der Kutsche auf den Goldsack
+und man fuhr wieder weiter.
+
+Sie waren noch nicht viel weiter gefahren, da sah der Königssohn, der,
+wie kluge Leute pflegen, Augen und Ohren überall hatte, am Wege einen
+Mann, der auf der Erde lag und das Ohr an den Boden hielt, als wollte er
+erlauschen; des Mannes Ohr war röhrenförmig gestaltet und drei Klaftern
+lang. »Was machst du da?« fragte der Königssohn. Der Horchende
+erwiderte: »In der Stadt Rom sind gerade jetzt fünf Könige versammelt,
+die heimlich über einen Krieg rathschlagen; ich wollte nun eben hören,
+ob der Krieg auch uns berühren wird.« Der Königssohn fragte verwundert:
+»Wie kannst du in so weiter Ferne hören?« Der Mann erwiderte: »Das ist
+nun gerade nicht weit, mein Ohr reicht noch weiter, es kann wohl kaum
+irgendwo auf der Welt etwas gesprochen werden, was nicht an mein Ohr
+dringen würde, wenn ich anders Lust hätte, von allem leeren
+Weibergeschwätz Kenntniß zu nehmen.« Der Königssohn dachte gleich bei
+sich, wer weiß ob eines solchen Mannes Beistand nicht manchmal nöthig
+werden kann, und fragte den Ohrenmann: »Hättest du nicht Lust in meinen
+Dienst zu treten?« »Warum nicht -- erwiderte der Ohrenmann -- wenn wir
+Handels einig werden. Was versprecht ihr mir denn zum Jahreslohn?« Der
+Königssohn gab zur Antwort: »Täglich frisches Essen und Trinken, soviel
+dein Herz begehrt, vollständige schöne Kleidung und einen Stof Gold
+jährlichen Lohn.« Der Ohrenmann war damit sehr zufrieden, worauf der
+Handel geschlossen wurde. Der Mann drehte seine lange Ohrröhre zusammen,
+damit sie den Boden nicht berührte, setzte sich neben dem
+Scharfsichtigen auf den Goldsack hinter der Kutsche und so fuhren sie
+weiter.
+
+Sie waren wieder eine Strecke Wegs gefahren, als sie auf einen großen
+Wald stießen. Schon eine Weile vorher, ehe der Wald sich vor ihnen
+aufthat, hatte der Königssohn bemerkt, wie seltsam einzelne Wipfel von
+Zeit zu Zeit klafterhoch über die andern Bäume des Waldes sich empor
+hoben und dann plötzlich wieder ganz verschwanden. Er fragte seine
+Diener, was die Sache zu bedeuten habe, aber keiner konnte ihm darüber
+Aufschluß geben. Stand Jemand am Baume und hieb ihn mit der Axt um, so
+konnte der Baum wohl, sobald er zu Boden fiel, dem Gesichte
+entschwinden, aber wie ein Baum erst den Wipfel ein Paar Klafter hoch
+gen Himmel streckt, bevor er niederfällt, das konnte menschlicher
+Verstand nicht erklären. Allgemach betraten nun unsere Wanderer den Wald
+und hier sollten sie denn glücklicher Weise durch eigene Anschauung
+erfahren, wie es mit dem wunderbaren Emporsteigen der Bäume zuging. Sie
+waren noch gar nicht lange im Waldesdickicht gefahren, als sie den
+Baumlupfer gerade bei der Arbeit erblickten. Ein Mann nämlich wählte
+sich einen passenden Baum aus, trat dann darauf zu, packte mit beiden
+Fäusten den Stamm und zog ihn sammt den Wurzeln aus dem Boden, als wäre
+es ein Kohlkopf oder eine Steckrübe gewesen. Als er sah, daß die Kutsche
+hielt, unterbrach er die Arbeit und trat einige Schritte näher, weil er
+meinte, der in der prächtigen Kutsche fahrende Herr könnte wohl des
+Waldes Eigenthümer sein, der ihm zu wehren komme. Deswegen sagte er
+demüthig: »Geehrter Herr! nehmt es nicht für ungut, wenn ich ohne
+Erlaubniß etwas mageres Kleinholz aus eurem Walde genommen habe, das
+größere habe ich nicht angerührt; die Mutter wollte Brei kochen und
+schickte mich deshalb in den Wald, daß ich eine Tracht Holz nach Hause
+brächte, um Feuer unter den Grapen zu machen. Ich wollte eben noch
+einige Stücke zulegen, und mich dann auf den Weg machen, als ihr
+herbeikamt.« Der Königssohn wunderte sich sehr über des Mannes Stärke,
+doch dachte er, ich will mich Spaßes halber als den Herrn des Waldes
+geberden, bis ich seine Kraft noch besser erprobe, deshalb sagte er zum
+Baumlupfer: »Ich wehre dir nicht, nimm meinetwegen noch einen viel
+stämmigeren Baum dazu.« Mit vergnügtem Gesicht schritt der Mann zurück,
+packte sofort einen Baum den er mit den Händen nicht umspannen konnte
+und riß ihn krach! aus dem Boden heraus. »Hast du nicht Lust in meinen
+Dienst zu treten?« fragte der Königssohn. »Warum nicht, wenn wir Handels
+einig werden«, erwiderte der Mann. »Was für einen Jahreslohn versprecht
+ihr mir denn?« Der Königssohn erwiderte: »Jeden Tag frisches Essen und
+Trinken, soviel das Herz begehrt, vollständige Kleidung und jährlich
+einen Stof Gold.« Der Mann kratzte sich hinter den Ohren, als wäre er in
+Betreff des Lohnes noch unentschlossen, sagte dann aber: »Gönnet mir nur
+erst noch soviel Zeit, daß ich die Tracht Holz der Mutter bringe und ihr
+zugleich sage, wohin ich gehe, sie könnte sonst bis zum Sterben warten,
+dann eile ich sogleich zurück.« Nachdem er die Erlaubniß erhalten, nahm
+er das ausgerissene Holz auf, ging raschen Schrittes von dannen und kam
+auch ohne viel Zeitverlust zurück. Der Königssohn war vergnügt, daß er
+wieder einen Knecht gewonnen hatte, dessen Hülfe ihm in unerwarteter
+Gefahr zu Statten kommen konnte.
+
+Man hatte den Wald schon längst im Rücken und war ein gutes Stück im
+offenen Felde weiter gefahren; in weiter Ferne erblickte man eine Stadt
+und eine Strecke diesseits der Stadt sieben Windmühlen, welche sämmtlich
+auf einer Seite des Weges in einer Reihe neben einander standen. Der
+Königssohn, welcher scharf auf Alles achtete was vorging, bemerkte
+sogleich, daß die Flügel sämmtlicher Windmühlen sich drehten, obwohl die
+Luft ringsum so ruhig war, daß kein Blättchen und Federchen sich rührte.
+Weiter fahrend spürte er dann plötzlich einen heftigen Wind, wie aus
+einer Röhre oder wie er aus einem Mauerloch zuweilen in's Gemach dringt,
+nachdem er sich aber einige Schritte von der Stelle entfernt hatte,
+hörte der Wind eben so plötzlich wieder auf. Der Königssohn ließ die
+Blicke überall umher schweifen, gewahrte aber lange nichts
+Absonderliches, woraus er auf den Winderzeuger hätte schließen können.
+Als sie nur noch einige Feld Weges vom Stadtthor entfernt waren, sieht
+der Königssohn plötzlich einen Mann von mittlerem Wuchse, der, die Füße
+gegen einen großen Stein gestemmt und den Leib etwas rückwärts gebogen,
+eine ganz eigenthümliche Arbeit zu verrichten schien. Der Königssohn
+ließ halten und fragte den fremden Mann: »Was machst du da, Brüderchen?«
+Der Mann erwiderte: »Was soll ich armer Schlucker machen? Da ich
+nirgends einen besseren Dienst fand, der mich hätte ernähren können,
+mußte ich nothgedrungen das Amt übernehmen, bei stillem Wetter, wenn
+kein Wind geht, die Stadtmühlen durch Blasen in Gang zu bringen. Aber
+kann ich mir mit diesem dummen Geschäft wohl Geld verdienen? Kaum so
+viel, daß ich nicht Hungers sterbe.« »Ist es dir denn ein so leichtes
+Geschäft, die Mühlen durch Blasen in Gang zu bringen?« fragte der
+Königssohn. »Nun«, erwiderte der Mann, »das könnt ihr mit eigenen Augen
+sehen. Mein Mund bleibt immer geschlossen und mit den Fingern drücke ich
+ein Nasenloch zu, damit nicht zuviel Wind entsteht, weil sonst die
+Windmühlenflügel sammt der Mühle in die Luft fliegen würden.« »Hast du
+nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« fragte der Königssohn. »Warum
+nicht«, erwiderte der Mühlenbläser, »wenn wir Handels einig werden und
+ihr mir soviel gebt, daß ich nicht länger Hunger zu leiden brauche. Was
+für einen Lohn versprecht ihr mir, wenn ich zu euch in Dienst treten
+soll?« Der Königssohn erwiderte: »Was ich den andern Knechten gebe, das
+sollst du auch bekommen. Alle Tage frisches Essen und Trinken, soviel
+dein Herz begehrt, schöne vollständige Kleidung und obendrein noch einen
+ganzen Stof Gold als Jahreslohn.« Der Windbläser sagte mit fröhlicher
+Miene: »Damit kann sich ein Mann schon begnügen, bis er einmal zufällig
+etwas Besseres findet. Es sei so, schlagen wir ein! Den Mann am Wort,
+den Stier am Horn, sagt ein alter Spruch.« Der Königssohn nahm den neuen
+Knecht mit und zog dann mit seinen vier Dienern der Königsstadt zu, um
+Glück oder Unglück zu erproben: mochte er nun des schönen Mädchens
+Gemahl werden, oder seinen Kopf auf die Stange liefern.
+
+Als er in die Königsstadt kam, ließ er für sich und seine Diener in dem
+besten Gasthof Wohnung nehmen und befahl dem Wirthe noch ausdrücklich,
+den Dienern reichliches Essen und Trinken zu geben, jeglichem was er
+selber wünsche. Eine Hand voll Gold auf den Tisch werfend, sagte der
+Königssohn: »Nimm das Wenige als Handgeld, wenn wir wieder scheiden, so
+werde ich schon noch zulegen, was fehlt.« Dann befahl er, Schneider und
+Schuster aus der ganzen Stadt zusammenzurufen, die seinen Dienern
+stattliche Gewänder fertigen sollten, denn obwohl jeglicher in dem was
+seines Amtes war vortrefflich Bescheid wußte, so war doch keinem deshalb
+ein besseres Gefieder gewachsen, so daß man an ihnen recht bestätigt
+finden konnte, was ein altes Wort sagt: »Neun Gewerbe, das zehnte
+Hunger«, oder: »Einem schönen Singvogel ist nicht immer ein hübscher
+Rock gewachsen!«
+
+Der schnellfüßigen Jungfrau Vater, der alte König, hatte indeß schon
+durch's Gerücht von der Pracht und dem Reichthum des neuen Freiers
+gehört, noch ehe der Jüngling selbst vor ihm erschien, was erst am
+dritten Tage geschah. Die schönen Kleider und Schuhe für die Diener
+waren nicht früher fertig geworden. Als der alte König den stattlichen,
+blühenden Jüngling erblickt hatte, sagte er mit väterlicher Huld:
+»Lasset, werther Freund, diesen Wettlauf lieber unversucht; wären eure
+Füße auch noch so geschwind, so könntet ihr doch nichts gegen meine
+Tochter ausrichten, da sie Füße hat wie Flügel. Mich dauert euer junges
+Leben, das ihr unnütz hingeben wollt.« Der Freier erwidert: »Geehrter
+König! ich höre von den Leuten, daß, wenn Jemand nicht selbst mit eurer
+Tochter um die Wette laufen wolle, es ihm gestattet sei, seinen Diener
+oder Lohnknecht zu schicken.« -- »Das ist allerdings wahr«, erwiderte
+der König, aber aus solch' einem Gehülfen erwächst auch nicht der
+geringste Nutzen. Bleibt der Gehülfe zurück, so wird nicht sein Kopf
+genommen, sondern der eurige muss dafür haften und wird vom Rumpfe
+getrennt und auf die Stange gesteckt werden.« Der Königssohn sann eine
+Weile nach und sagte dann mit Entschlossenheit: »Sei es denn so. Einer
+meiner Diener soll das Glück versuchen und mein Haupt soll, wenn er
+Unglück hat, büßen. Ich bin einmal in dieser Angelegenheit von Hause
+gekommen, und ehe ich, ohne die Sache verrichtet zu haben, zurückgehe
+und mich zum Gespött der Leute mache, verliere ich lieber meinen Kopf.
+Besser daß die Leute den todten Kopf auf der Stange als den lebenden
+Mann verspotten.« Wiewohl der alte König noch gar viel redete und den
+Freier mit aller Macht von seinem Vorhaben abzubringen suchte, so half
+es doch nichts, sondern er mußte endlich nachgeben. Der Wettlauf sollte
+am nächsten Tage vor sich gehen. Als der Königssohn fortgegangen war,
+sprach der Vater zu seiner Tochter Worte, die der langohrige Mann im
+Gasthof erhorchte und dem Königssohne wiedersagte: »Liebes Kind, du hast
+bis zum heutigen Tage viel junge Männer in's Verderben gestürzt, was mir
+schon oftmals das Herz betrübte. Aber keiner von den hingeopferten
+Freiern war so sehr nach meinem Sinne, wie der junge Königssohn, der
+morgen die Kraft seiner Beine im Wettlaufe mit dir erproben will, er ist
+ein blühender Mann und von kluger Rede. Aus Liebe zu mir hemme morgen
+die Schnelligkeit deiner Füße, damit der Freier oder sein Diener dich
+besiege und ich endlich einen Schwiegersohn bekomme, der nach meinem
+Tode das Reich erbe, da ich keinen Sohn habe.« -- »Was?« erwiderte die
+Königstochter, während ihr Antlitz vor Stolz und Zorn sich röthete,
+»soll ich um eines Burschen willen die Stärke meiner Füße verleugnen, um
+dadurch unter die Haube zu kommen? Nein durchaus nicht, lieber bleibe
+ich zeitlebens eine alte Jungfer. Wer hat ihn hergetrieben? Ich habe ihn
+nicht gerufen, so wenig als Diejenigen, welche vor ihm hierher gekommen
+sind. In unserem Walde wächst noch Holz genug, um seinen thörichten Kopf
+und alle, die von seines Gleichen, zu tragen, wenn man sie an die Luft
+stellt, damit sie ihre tolle Hitze abkühlen. Gefällt euch der Freier, so
+schickt ihn lieber wieder heim, ehe er den Lauf versucht, aber von mir
+hoffet auf keine Barmherzigkeit für ihn. Wer nicht hören will, muß
+fühlen.« Der König sah, daß seine Tochter in diesem Stücke
+unerschütterlich sei und gab allen weiteren Widerspruch auf.
+
+Darnach, als der Ohrenmann dem Königssohne dies Gespräch erzählt hatte,
+trat der schnellfüßige Diener in's Zimmer und sagte: »Ich schäme mich,
+so vor den Leuten mit meinen Mühlsteinen herumzulaufen, kaufet lieber
+sechs Ochsenfelle, lasset daraus einen Ranzen machen, dann kaufet noch
+zur Beschwerung für den Ranzen so viel Eisen als meine Fußsteine wiegen,
+so ist Alles in Ordnung; die Leute werden mich für einen reisenden
+Handwerksburschen halten.« Der Königssohn erfüllte ohne Widerrede des
+Mannes Verlangen, ließ Felle und Eisen kaufen, soviel für nöthig
+erachtet wurde, und den andern Morgen war der Ranzen bei Zeiten fertig.
+Der Mann nahm den Ranzen auf den Rücken und setzte sich in Gang, obwohl
+die ungewohnte Last auf dem Rücken den Füßen anfangs etwas fremd vorkam;
+sie wollten sich an diese weiter abliegende Fessel nicht recht kehren,
+bis sie sich allmählich auch dieser Hemmung fügen lernten.
+
+Auf dem für den Wettlauf bestimmten Platze hatte sich eine unzählige
+Menge Volks versammelt; die Einen lachten über den Ranzenmann, die
+Andern sagten: »Ein Vernünftiger ist darauf bedacht, wenn er laufen
+will, die überflüssigen Kleider abzulegen, diesem Manne aber ist es
+nicht eingefallen auch nur den Ranzen von sich zu thun.« Der Ohrenmann
+meldete diese Reden sofort dem Königssohne; aber der Läufer achtete
+ihrer nicht. Zur Rennbahn war eine Gasse von der Länge einer Meile
+abgesteckt und zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, die den Laufenden
+Schutz gegen die brennende Sonnenhitze gaben. Am Ende der Gasse
+sprudelte eine kleine Quelle ihr Wasser aus dem Boden hervor. Es war
+festgesetzt, daß die Wettlaufenden mit einer leeren Flasche an die
+Quelle laufen und dort die Flasche mit Wasser füllen sollten, und wer
+dann beim Zurücklaufen, sei es um einen oder zwei Schritte, vor dem
+Andern wieder eintreffe, der solle der Sieger sein. Als nun die
+Königstochter und des Freiers schnellfüßiger Diener auf das gegebene
+Zeichen gleichzeitig ausliefen, dauerte es nicht gar lange, so war der
+Ranzenmann wie der Wind an der Jungfrau vorüber, lief zur Quelle, füllte
+die Flasche und trat den Rücklauf an. Auf dem halben Wege kam ihm die
+Königstochter, die noch erst zur Quelle lief, entgegen. »Halt ein wenig
+an, Brüderchen!« bat die Königstochter, »ich habe mir den Fuß etwas
+verstaucht. Gieb mir aus deiner Flasche ein paar Tropfen Wasser auf den
+Fuß und verschnaufe, dann gehen wir wieder vorwärts.« »Meinethalben«,
+sagte der Mann, »ich habe ja keine Eile; ich bleibe, wenn ihr wollt,
+hier sitzen, bis ihr von der Quelle zurückkommt, dann laufen wir mit
+einander weiter.« Als er aber niedersaß um auszuruhen, und keinen Betrug
+fürchtete, hielt ihm die Königstochter, als ob sie ihm schmeicheln
+wollte, ein Schlafkraut unter die Nase, so daß er sofort in Schlaf fiel.
+Dann nahm ihm die Jungfrau die gefüllte Flasche aus der Hand und trat
+hinkend den Rücklauf an. Der Augenmann sah den Vorfall, nahm seine
+Flinte und schoß von einem Baume einen Zweig so geschickt herunter, daß
+derselbe dem Schnellfuß auf die Nase fiel und ihn aus dem Schlafe
+weckte. Zu seinem Schrecken findet der Mann eine leere Flasche und
+sieht, daß die Maid schon eine Strecke auf dem Rückwege voraus ist.
+Jetzt strengte er seine Füße an, daß Fersen Funken sprühten, flog zum
+zweiten Male zur Quelle, füllte die Flasche und sauste dann wie der Wind
+zurück. Richtig überholte er die Königstochter schon, als immer noch
+eine gute Wegstrecke bis zum Ziel übrig war und langte einige
+Augenblicke vor ihr an. So war der Sieg dem Freier geblieben, der
+diesmal seinen Kopf nicht auf die Stange verkauft hatte; die
+Königstochter aber ging in zornigem Muthe nach Hause, denn solch' einen
+Possen hatte sie noch in ihrem Leben nicht erfahren, daß irgend ein
+menschliches Wesen raschere Füße gehabt hätte als sie selber. Der
+Königssohn begab sich mit seinen Dienern in den Gasthof, ließ ein
+prächtiges Mahl anrichten und machte dem Läufer ein reiches Geschenk,
+desgleichen auch dem Schützen, der den Läufer zu rechter Zeit aufgeweckt
+hatte. Gleichwohl vermochte der Lärm des Gelages nicht das Gehör des
+Ohrenmannes zu verwirren, daß er nicht vernommen hätte, was derweil im
+Königshause zwischen Vater und Tochter gesprochen wurde. »Jetzt, liebes
+Kind!« sagte der König, »mußt du dich vermählen, da hilft nichts mehr,
+deiner Füße Schnelligkeit ist durch einen Schnelleren überwunden. Ich
+bin darüber ganz froh, denn erstens werden nun keine Männer mehr
+ankommen und zweitens erhalte ich einen Schwiegersohn, der in allen
+Stücken nach meinem Sinne ist.« Der König wollte noch weiter sprechen,
+aber da lösten sich plötzlich der Tochter Zungenbänder, welche der Zorn
+bis dahin gefesselt hatte und nun stürzte aus dem schönen Munde die Rede
+wie der Wasserfall auf's Mühlrad, so daß der König nicht im Stande war
+noch etwas weiter vorzubringen. Da Niemand vermöchte, diese Rede Wort
+für Wort wiederzugeben, so will ich nur in Kürze den Kern derselben
+mittheilen. Die Tochter betheuerte mit den eindringlichsten Worten, wenn
+der Vater sie mit Gewalt verheirathen wolle, so würde sie wohl vorher
+ihr Leben lassen können, aber die Frau des Mannes zu werden, der durch
+seinen Diener zufällig über sie gesiegt habe, dazu solle keine Macht der
+Erde sie zwingen. Als endlich das Zünglein der Tochter schon müde wurde
+und der König wieder ein und das andere Wort dazwischen werfen konnte,
+versuchte er es bald mit Drohungen, bald mit Schmeichelworten, aber
+Alles vergebens. »Meinethalben,« rief die Tochter aus, »mögt ihr ihm das
+halbe Königreich als Abfindung anbieten, aber zur Frau wird er mich
+nicht bekommen so lange Leben in mir ist.« Der Königssohn wurde sehr
+verdrießlich, als der Ohrenmann diese Reden gemeldet hatte. Aber der
+Baumlupfer sagte: »Betrübt euch darüber doch nicht, Mädchen giebt es auf
+der Welt mehr als so eine Königstochter meint, und auch noch schönere
+und feinere als sie ist. Verlanget aus des Königs Schatzkammer so viel
+Gold, wie ein Mann in einem Sacke auf seinem Rücken fortbringen kann,
+als Abfindungspreis, und lasset die Tochter in Ruhe, bis sie mit all'
+ihrer Habe verschimmelt, so daß Niemand mehr kommt sie anzusehen,
+geschweige denn zu freien.« Der Rath war nach des Königssohnes
+Geschmack, deshalb sagte er am andern Morgen, als er aus des alten
+Königs Munde vernommen, was ihm der Ohrenmann schon gestern berichtet
+hatte: »So mag es denn meinetwegen mit der Freite sein Bewenden haben.
+Ich will mich mit euch vertragen, wenn ihr mir aus eurer Schatzkammer
+soviel Gold und Goldeswerth zum Ersatz für meine weite Reise
+versprecht, als ein Mann in einem Sacke auf dem Rücken forttragen
+kann.« Der König versprach das ohne Weigern, und war noch froh, daß er
+so wohlfeilen Kaufes davon kam, denn hätte der Jüngling das halbe
+Königreich zur Abfindung gefordert, er hätte es hingeben müssen, so aber
+kam er mit einem Sack voll Gold los. Der König dachte in seinem Sinn:
+ich hielt den jungen Mann für gescheidter als er ist, aber er kennt das
+Gewicht des Goldes nicht, von dem doch der allerstärkste Mann nicht viel
+tragen kann. So trennten sich die Männer, beide mit dem abgeschlossenen
+Handel sehr zufrieden.
+
+Im Gasthofe sagte der Baumlupfer zum Königssohne: »Jetzt schicket Diener
+in die Stadt und lasset sämmtliches Segeltuch, das in den Buden zu
+finden ist, aufkaufen, dann bringet fünfzig Schneidergesellen zusammen
+und lasset aus dem Segeltuch einen sechsdoppelten Sack nähen, so lang
+und breit als der Stoff reichen will. Mit diesem Sacke will ich aus der
+Schatzkammer das Lösegeld holen, das euch zum Ersatz für die Jungfrau
+dienen soll.« Der Königssohn that also und versprach den Bockreitern
+reichen Lohn, wenn sie die Nacht durch den Sack bis zum Morgen fertig
+nähen würden. Wenn nun, wie man sagt, schon der Meisterin Bratenschüssel
+auf dem Ofenherd[11] die Nadel des Schneiders beflügelt, so kann man
+leicht denken, um wie viel mehr der vom Königssohne verheißene Lohn dies
+that. Die Schneider stichelten die ganze Nacht am Segeltuch und jeder
+war nur darauf bedacht, seine Augen vor dem Nebenmann zu hüten, damit
+ihm dessen Nadel in ihrem Schwung nicht in's Auge fahre. Etwas vor
+Mittmorgen (9 Uhr) hatten die Männer den Sack fertig und fast alle Nähte
+waren doppelt genäht. Die Schneider erhielten den Arbeitslohn und noch
+so viel Trinkgeld obendrein, daß sie dafür, obwohl die Arbeit nur eine
+Nacht gedauert hatte, drei Tage lang in der Herberge Gelage halten
+konnten. Der Baumlupfer nahm dann seinen Sack auf den Rücken und ging
+damit nach des Königs Schatzkammer zum Schatzmeister, um die Füllung des
+leeren Sackes zu verlangen. Als der Schatzmeister den grundlos tiefen
+Sack erblickte, sagte er spottend: »Du hast wohl den rechten Weg
+verfehlt, Brüderchen, du wolltest sicher in irgend eine Kaffscheune, für
+das Geld hätte es eines solchen Sackes wahrhaftig nicht bedurft.« Der
+Sackmann erwiderte: »Nun, der Sack wird über den frei bleibenden Rand
+nicht trauern [12], auch kann ich nicht mehr hinein thun, als ich im
+Stande bin fortzutragen.« So mit einander sprechend, waren sie bis zur
+Schatzkammer gekommen. Als die Thüren aufgeschlossen waren und die
+Goldtonnen alle zum Vorschein kamen, sagte der Schatzmeister: »Was
+meinst du, getrauest du dir wohl daraus den Sack zu füllen und dann vom
+Platze zu bringen?« Der Sackmann erwiderte: »Du wirst ja sehen; wer kann
+eine Sache als sicher rühmen, ehe er sie versucht hat? Mein Herr hatte,
+als er herkam, die feste Hoffnung, mit einer jungen Frau zurückzufahren,
+bekommt aber nun keinen besseren Lohn als ein Säckchen voll Geld. Nun,
+Geld ist oft besser als ein böses Weib.« Der Schatzmeister sagte
+höhnisch: »Schade, daß du keine Schaufel mitgebracht hast, das würde die
+Arbeit abkürzen, denn mit der Hand den Sack zu füllen ist doch
+langweilig, zumal wenn der Sack so groß ist.« Der Baumlupfer entgegnete:
+»Mein seliger Vater sagte oftmals scherzweise: Wenn ein Mann weder Kanne
+noch Schöpfkelle hat, so muß er entweder aus dem Rande des Kübels oder
+aus dem Spundloch abschlürfen.« Mit diesen Worten hob er die erste
+Goldtonne auf wie ein Körbchen voll Daunen, bat, die Oeffnung des Sackes
+auseinander zu halten und schüttete dann das Geld hinein, daß es
+klirrte. Jetzt wurde dem Schatzmeister schon bange, als es aber der
+zweiten und dritten Tonne nicht besser erging, da wurde das Männlein
+bleich wie eine getünchte Wand. Nach einer Weile waren alle Goldtonnen
+geleert, der Sack war aber noch nicht einmal zur Hälfte voll. Der Träger
+fragte: »Hat euer König denn keinen größeren Schatz?« »Gold in Barren
+findet sich noch hinten in Kasten, es ist aber eben noch nicht geprägt.«
+»Nun her damit!« sagte der Baumlupfer und leerte die Kasten ebenso rein
+aus wie vorher die Tonnen. Als dann alle Ecken und Winkel leer waren,
+nahm er den Sack auf den Rücken und schritt zurück nach dem Gasthofe.
+
+Das Zuschließen machte dem Schatzmeister diesmal keine Sorge, darum lief
+er, wie von einer Bremse gestochen, dem Könige das Unglück zu melden.
+Der alte König erschrak nicht minder, als er den Vorfall hörte, ließ
+die Tochter holen und rief: »Sieh nun, was für ein Unglück deine
+halsstarrige Widersetzlichkeit angerichtet hat. Aller Geldvorrath ist
+dahin, der Freier hat mich kapp und kahl gemacht wie eine Kirchenmaus.
+Was für ein König bin ich jetzt? Ein Herrscher ohne Geld hat weder Hand
+noch Fuß, seinen Feinden die Spitze zu bieten. Wenn die Soldaten hören,
+dass ich nichts mehr habe, um ihnen ihre Löhnung zu zahlen, so laufen
+sie auseinander.« Da sagte die Tochter: »So kann die Sache nicht
+bleiben; wir müssen mit List oder Gewalt ihnen den Schatz wieder zu
+entreißen suchen.« Aber noch ehe sie Zeit hatten, irgend eine List zu
+versuchen, kam schon Botschaft, daß der Königssohn die Stadt verlassen
+habe. »Jetzt müssen wir Gewalt brauchen«, sagte die Tochter. »Lasset
+augenblicklich das ganze Heer zusammenrufen und dem spitzbübischen
+Freier nachjagen, der ja doch mit seiner schweren Last nicht schnell
+vorwärts kommen kann.« Der Befehl wurde sofort vollzogen. Am andern Tage
+war das Heer beisammen; man brach auf, dem das Geld fortführenden Manne
+nachzusetzen, voran die Reiterei, darauf das Fußvolk und zuletzt der
+König mit seiner Tochter in einer Kutsche. Ein Drittel des Goldes aus
+dem Schatze, der dem feindlichen Freier wieder abgenommen werden sollte,
+wurde den Kriegsleuten zum Geschenke versprochen, damit sie desto
+hitziger verfolgen möchten.
+
+Der Königssohn war mit seinem Schatze schon eine gute Strecke vorwärts
+gekommen, denn der sechsfache Geldsack hemmte des Trägers Schritte
+nirgends; auf jede andere Weise freilich wäre es schlechterdings
+unmöglich gewesen, die schwere Last fortzubringen. Zugvieh hätte man
+wohl für gutes Geld soviel kaufen können, als die Schwere der Last
+erforderte, aber woher ein Fuhrwerk nehmen, das unter dem Gewichte nicht
+gebrochen wäre? Der Schatzträger war eben über einen hohen Berg gekommen
+und hatte sich am Fuße desselben unter einem Busche niedergelassen, um
+auszuruhen, als der Mann mit den langen Ohren ihnen Alles erzählte, was
+hinter ihnen in der Königsstadt angezettelt und vorgenommen wurde. Der
+Augenmann hatte vom Kamm des Berges aus das nachsetzende Heer deutlich
+erblickt -- darum schlug dem Königssohne das Herz doch etwas bänglich.
+Aber der Windbläser sagte: »wir müssen uns etwas weiter vom Berge
+entfernen, damit, wenn die Truppen herankommen, der Windstoß meines
+Mundes sie um so sicherer treffen kann.« So gingen die Männer weiter,
+bis sie einen passenden Ort gefunden hatten. Als nun der Augenmann
+meldete, daß die voranziehende Reiterschar den Kamm des Berges schon
+erreicht hätte, begann der Windmann zu blasen. Und hast du nicht
+gesehen! als hätte ein Wirbelwind leichten Staub und Schutt vom Berge in
+die Höhe gefegt, so flogen Mann und Roß bis in die Wolken und fielen
+dann nieder, so daß kein Glied bei dem andern blieb. Ganz eben so flog
+dann auch das Fußvolk in die Luft, so daß zuletzt nichts weiter übrig
+blieb, als die Kutsche, in welcher der alte König mit seiner
+schnellfüßigen Tochter saß. »Soll ich sie auch auffliegen lassen?«
+fragte der Windmann. Aber der Königssohn verbot es ihm, indem er sagte:
+»Versuchen wir es noch einmal in Güte.« Darauf fuhr er in seiner Kutsche
+auf den Berg zurück, dem Könige entgegen, grüßte höflich und sagte:
+»Jetzt seid ihr auf einmal zum armen Manne geworden, ihr habt weder
+Schatz noch Heer, was für ein König könnt ihr da sein? Versprecht mir
+eure Tochter zur Frau, so hat alle Trübsal ein Ende.« Weder der alte
+König noch die halsstarrige, schnellfüßige Tochter konnten sich jetzt
+länger widersetzen, sondern gaben ihre Zustimmung. Darauf sagte der
+Königssohn zu seinem Schwiegervater: »Seid ohne Sorge, den Schatz lasse
+ich sofort zurücktragen, und unter einer weisen Regierung wird die
+Bevölkerung rasch zunehmen, so daß die Plätze derer, welche heute in die
+Luft flogen, wieder aufgefüllt werden. Bis dahin aber, daß die Jugend
+heranwächst, werden meine starken Diener das Reich beschützen, von denen
+der eine mit seinem Auge die kleinste Mücke in der Wolke gewahr wird,
+der andere mit seinem Ohr das Niesen einer Maus hundert Klafter tief in
+der Erde hört, der dritte mit seiner Stärke alles Gold und Silber einer
+Schatzkammer auf dem Rücken davonträgt und der vierte mit seinem Munde
+jedes Heer in die Luft blasen kann.«
+
+Man zog dann in die Königsstadt zurück, wo ein prachtvolles
+Hochzeitsfest begangen wurde, das vier Wochen dauerte; der Schwiegersohn
+aber blieb im Hause des alten Königs und wurde nach dessen Tode
+Beherrscher des Reichs.
+
+[Fußnote 9: Wörtlich: Durch sieben Feuerstellen gehen. L.]
+
+[Fußnote 10: Ein Stof ist gleich einer halben Kanne; (3/4 Stof = 1
+Bouteille). L.]
+
+[Fußnote 11: Keris, Hitzherd. Der Ofen ist doppelt; die untere
+Abtheilung enthält das Feuer und ist halb in der Erde; oben hat er ein
+durchbrochenes Gewölbe und eine Lage feuerbeständiger Geröllsteine
+(kerise kiwid), die von der Flamme umspielt werden und Wärme absorbieren
+und bewahren. Diese Steine werden als Rost zum Braten benutzt, so wie
+zum Dampfbade, indem man Wasser darauf gießt. Vgl. _Bertram_, Wagien,
+Dorp. 1868, S. 20 und _Blumberg_, Quellen und Realien des Kalewipoeg 1869.
+In den Verhandlungen der gel. estn. Gesellsch. zu Dorpat Bd. 5, Heft 4.
+L.]
+
+[Fußnote 12: Sprichwörtliche Redensart, die überall angewandt wird, wo
+man der Bemerkung, daß ein Gefäß größer sei als der dafür bestimmte
+Inhalt, entgegnen will. Nach Kreutzwald's gef. Mittheilung. L.]
+
+
+
+
+4. Loppi und Lappi.
+
+
+Es lebte einmal ein armer Käthner mit seiner Frau in einer einsamen
+Hütte abseits vom Dorfe. Der Mann hieß Loppi und das Weib Lappi. Es
+schien als wären die Beiden zum Unglück geboren, denn es wollte ihnen
+gar nichts gelingen. Gott hatte ihnen in den früheren Jahren ihrer Ehe
+auch Kinder geschenkt, es war aber keines derselben leben geblieben, das
+den Eltern eine Stütze im Alter hätte sein können. Wie zwei dürre
+Baumstümpfe saßen Mann und Frau alle Abend auf der Ofenbank, und da lief
+ihnen oft ohne Grund die Galle über und es gab Zank. Wie bekannt, sucht
+der Mensch im Verdruß meist die eigene Schuld auf den Nächsten zu wälzen
+und oft auch da, wo menschliche Bosheit nicht im Spiele war, dennoch
+andern Menschen die Ursache des Unglücks aufzubürden. So konnte man
+nicht selten den Loppi im Aerger sagen hören: »Hätte ich nur das Glück
+gehabt, eine bessere Frau zu bekommen, was hätte mir da gefehlt, ich
+könnte heute ein reicher Mann sein.« Aber Lappi hatte eine beflügeltere
+Zunge, die gegen _ein_ Wort des Mannes gleich Dutzende bereit hatte. Wenn
+also der Mann Worte wie die angeführten wieder vorbringen wollte, so kam
+er nicht weit über den Anfang hinaus, vielmehr belferte Lappi flugs
+dagegen: »Da seh' Einer den Lumpenkerl! Wenn ich in meiner kindsmäßigen
+Einfalt keinen besseren Mann zu wählen wußte, so ist das freilich zum
+Theil meine Schuld, aber ich glaube auch sicherlich, daß nur Hexenkünste
+im Stande waren mich zu bethören, und der Teufel mag wissen, was du mir
+heimlich in's Essen oder Trinken gethan hast, bis mein Sinn sich dir
+zuwandte. An Freiern hat es mir nicht gefehlt, und wärest du
+abgerissener Gesell mir nicht zum Unglück in den Wurf gekommen, so
+könnte ich heute als Dame am gedeckten Tische sitzen. Um dich
+nichtsnutzigen Menschen muß ich jetzt Hunger und Kummer leiden, bis der
+Tod mich erlöst. Daß alle unsere Kinder gestorben sind, daran bist du
+auch schuld, da du weder für Weib noch für Kind zu sorgen wußtest« --
+und so floß der einmal losgelassene Redestrom noch lange weiter und
+hörte oft nicht eher auf, als bis der Mann ihr mit der Faust das Maul
+stopfte.
+
+So saß eines Abends das Ehepaar der Hütte wieder zankend auf der
+Ofenbank, als eine stattliche Frau in Kleidern von deutschem Schnitt
+eintrat und durch ihr Erscheinen des Weibes Zungenwerk plötzlich zum
+Stehen und des Mannes gehobenen Arm zum Sinken brachte. Nachdem sie
+freundlich gegrüßt, sagte die Fremde: »Ihr seid arme Schlucker und habt
+bis heute viel Noth zu leiden gehabt; aber nach dreien Tagen wird alle
+Noth mit einem Male aufhören; darum haltet Frieden im Hause und saget
+selber, was für ein Loos ihr euch als das beste wünschen wollt. Ich bin
+nicht, was ich euch scheine, ein menschliches, sondern ein höheres
+Wesen, das die Wünsche der Menschen vermöge göttlicher Kraft in
+Erfüllung gehen lassen kann. Drei Tage habt ihr Zeit zu überlegen und
+_drei_ Wünsche dürft ihr aussprechen, hinsichtlich der Lage oder der guten
+Gabe, die ihr begehrt. Dann sprechet eure Wünsche nur aus, sie werden
+sich in demselben Augenblicke durch geheime Kraft verwirklichen. Aber
+seid gescheidt, daß ihr euch nicht etwa unnütze Dinge herbeiwünschet.«
+Nach diesen Worten grüßte die stattliche Frau abermals und war wie der
+Blitz zur Thür hinaus. Loppi und Lappi, welche ihren Zank vergessen
+hatten, starrten jetzt sprachlos auf die Thür, zu der die
+Wundererscheinung hereingekommen und durch die sie wieder verschwunden
+war; endlich sagte der Mann: »Legen wir uns zur Ruhe; wir haben drei
+Tage Zeit zu überlegen, und wollen sie weislich anwenden, damit wir uns
+das allerbeste Glücksloos wünschen mögen.« Allein obgleich ihnen drei
+Tage Bedenkzeit vergönnt waren, so verbrachten sie doch schon über die
+Hälfte derselben Nacht unter der Last der Gedanken und überlegten,
+welcher Wunsch wohl der allerbeste wäre. O, was für ein köstlicher
+Friede jetzt drei Tage ununterbrochen in der Hütte wohnte! Loppi und
+Lappi waren andere Menschen geworden, sprachen freundlich mit einander
+und suchten einander an den Augen abzusehen, was Jegliches verlangte.
+Den größten Theil des Tages saßen Beide stumm im Winkel und überlegten,
+was sie wünschen sollten. Am dritten Tage, nach Tisch, ging Loppi in's
+Dorf, wo den Morgen ein Schwein geschlachtet war und der Wurstkessel
+gerade auf dem Feuer stehen mußte. Er nahm von Hause den Butternapf
+sammt Deckel und wollte des Nachbars Frau um etwas Wurstwasser bitten,
+Abends seinen Kohl darin zu kochen. Loppi dachte, wenn der Magen mit
+guter Speise gefüllt ist, so kommen dem Menschen gleich bessere
+Gedanken. Als er wieder heim kam, stellte er den Kohl auf's Feuer, damit
+die Speise zu rechter Zeit auf den Tisch käme.
+
+Als nun die Abendstunde und mit ihr die Zeit herangekommen war, die
+Wünsche kund zu thun, dampfte die Schüssel mit Kohlsuppe auf dem Tische
+und Mann und Frau setzten sich zum Essen -- zugleich sollten sie nun
+auch ihre Wünsche sich vollziehen lassen. Sie hatten schon manchen
+Löffel von dem schmackhaften Süppchen hinuntergebracht, da sagte Lappi
+vergnügt: »Gott sei gedankt für das schöne Süppchen, davon kann der
+Mensch schon satt werden; aber noch viel besser würde die Suppe
+schmecken, wenn nur auch eine Wurst dabei wäre!« -- Bums! fiel von der
+Zimmerdecke eine große Wurst mitten auf den Tisch. Mann und Frau waren
+ein Weilchen über das Geschenk so erschreckt, daß es ihnen nicht einfiel
+sich der Wurst sofort zu bemächtigen. Loppi merkte, daß mit der Wurst
+der erste Wunsch in Erfüllung gegangen war, und das brachte ihn so auf,
+daß er mit vollem Munde rief: »Daß dich der Böse hole und dir die Wurst
+an die Nase setze! wenn --« Aber das arme Männlein konnte vor Schrecken
+nicht weiter sprechen, denn die Wurst hing der Lappi schon an der Nase;
+und zwar nicht mehr als wirkliche Wurst, sondern als ein mit der Nase
+aus einer und derselben Wurzel hervorgewachsenes Stück Fleisch. Was
+jetzt thun? Zwei Wünsche waren schon verpufft und der zweite hatte
+obendrein die Nase der Frau so verunstaltet, daß sie sich nicht getrauen
+konnte, den Leuten unter die Augen zu treten. Immerhin blieb noch ein
+Wunsch und der war noch nicht ausgesprochen: mit diesem konnten sie
+kluger Weise Alles zum Guten wenden. Aber die arme Lappi hatte in diesem
+Augenblicke keinen sehnlicheren Wunsch als den, daß ihre Nase von der
+langen Wurst befreit würde, darum sprach sie diesen Wunsch aus und die
+Wurst war verschwunden. Jetzt war es mit den drei Wünschen vorbei und
+Loppi und Lappi mußten wieder wie früher armselig in ihrer Hütte leben.
+Wohl warteten sie eine Zeit lang darauf, daß die schöne Frau
+wiederkomme, allein die theure Fremde erschien nicht mehr. Wer ein
+unerwartetes Glück nicht gleich beim Schopf oder Zipfel[13] zu fassen
+und festzuhalten weiß, der hat es verscherzt.
+
+[Fußnote 13: Estnisch: »beim Schwanz oder Horne.« L.]
+
+
+
+
+5. Die Pathe der Grottennymphen.
+
+
+Einmal war ein junges Weib in den Wald gegangen, um Beeren zu pflücken.
+Ihr Körbchen war gerade voll und sie wollte eben wieder nach Hause
+gehen, als ihr plötzlich unter den Bäumen eine Gestalt in die Augen
+fiel, die von Ferne einem Menschen ähnelte. Als das Weib näher ging,
+fand es ein junges Frauenzimmer mit bleichem Antlitz, Mund und Wangen
+blutig, ohnmächtig unter einem Busche liegend. Unsere junge Frau eilte
+zur nahen Quelle, schüttete die gepflückten Beeren in die Schürze und
+füllte das Körbchen mit kaltem Wasser, womit sie Augen und Schläfen der
+Jungfrau wusch, bis diese aus ihrer Ohnmacht erwachte, die Augen weit
+öffnete und befremdet um sich blickte. Als sie ein fremdes Weib an ihrer
+Seite fand, erschrak sie anfangs, aber bald vergingen Schrecken und
+Furcht; sie faßte das junge Weib freundlich bei der Hand, dankte und
+sagte: »Deine Güte hat heute mein Leben aus großer Gefahr gerettet! Wer
+weiß, was aus mir geworden wäre, wenn du dich nicht meiner erbarmt
+hättest: Der schlimmste Feind unseres Geschlechts, der alte
+Waldesvater[14], begegnete mir heute zufällig und schlug mich halb todt,
+sodaß ich bewußtlos hinsank. Ohne deine Hülfe wäre ich wohl hier am
+Platze geblieben! Heute kann ich dir keine größere Belohnung geben als
+den Ring, den ich dir hier an den Finger stecke. Siehe, jetzt sind wir
+bis an unser Lebensende eng mit einander verbunden[15]! Wenn du das, was
+du jetzt unter dem Herzen trägst, einst zur Welt bringst, dann mußt du
+mich zu Gevatter bitten und mich sammt meinen beiden jüngeren Schwestern
+aufnehmen, wenn wir selbdritt zur Taufe kommen. Halte reinen Mund und
+laß gegen Niemand ein Wörtchen von dem heutigen Vorfalle verlauten:
+sollte man dich über den Ring befragen, so sage, du habest ihn im Walde
+gefunden.« Mit diesen Worten hatte sie den goldenen Ring von ihrem
+Finger gezogen und an den Finger des jungen Weibes gesteckt. Dieses bot
+ihr jetzt Erdbeeren aus der Schürze, die Jungfrau nahm das freundlich an
+und verzehrte über die Hälfte. »Du hast mich heute aus der Ohnmacht
+erweckt, mir Hunger und Durst gestillt -- diese Wohltaten will ich
+dereinst an deiner Tochter vergelten, wenn sie in meine Jahre kommt und
+heirathet.« Unter fernerem freundlichen Gespräch waren sie aus dem Walde
+in's Freie gekommen, wo die dann Jungfrau Abschied nahm und sich wieder
+in den Wald zurückwandte. Die Frau wollte erst noch Beeren pflücken, um
+ihr Körbchen wieder voll zu machen, aber der Tag neigte sich schon, und
+als sie die übrig gebliebenen Beeren aus der Schürze in den Korb
+schüttete, wurde derselbe gehäuft voll. Das schien ihr wunderbar, hatte
+sie doch mit eigenen Augen gesehen, daß die Jungfrau über die Hälfte der
+Beeren verzehrt hatte. Aber ihr Erstaunen sollte noch wachsen, als sie
+nach Hause kam. Als sie nämlich die Beeren aus dem Korbe in die Schüssel
+schüttete, fand sie die untere Hälfte mit Silbergeld angefüllt. Was
+hatte das zu bedeuten? Da die Jungfrau ihr verboten hatte, von dem, was
+im Walde mit dem Ringe geschehen war, zu sprechen, so meinte die Frau
+auch die Sache mit dem Gelde geheim halten zu müssen. Sie legte also das
+Geld auf den Boden ihrer Truhe zwischen zusammengerollte Leinwandpacken,
+um daran in bösen Tagen einen Nothpfennig zu haben.
+
+Ein halbes Jahr nach der beschriebenen Beerenlese war sie in die Wochen
+gekommen und hatte ein Töchterlein zur Welt gebracht. Als der Tag des
+Tauffestes herankam, machte es der Mutter schwere Sorge, daß sie der
+fremden Jungfrau Wohnort nicht erfragt hatte. Sie wußte nun nicht, wohin
+die Botschaft senden. Der Taufgäste Schlitten hielten vor der Thür, mit
+den Fiemerstangen zur Pforte gekehrt -- man wollte eben in die Kirche
+fahren. Die Mutter schaute mit thränenden Augen auf des Kindes Trägerin,
+bedauernd, daß die fremde Jungfrau nicht eingeladen war. Da hört sie vom
+Hofe her Glockengeklingel, und siehe! ein hübscher deutscher Schlitten
+mit zwei Pferden fährt zur Pforte herein; drei in Pelze gehüllte
+Frauenzimmer sitzen im Schlitten. »Ihr seid schon auf dem Wege zur
+Kirche«, -- ruft eine der Jungfrauen aus dem Schlitten heraus --
+»verliert keine Zeit. Unser Kutscher wendet und dann fahren wir mit
+einander zur Kirche; wir können die Mutter des Täuflings begrüßen, wenn
+wir zurückkommen.« -- Obwohl nun die Wöchnerin drinnen diese Worte nicht
+hörte, so dachte sie doch gleich, daß die drei Fremden im deutschen
+Schlitten Niemand anders sein könnten als die schon früher angemeldeten
+Gevatterinnen, denen aber keine weitere Einladung geworden war. Das
+Herz, am Morgen noch so kummervoll, wollte ihr jetzt vor Freude
+springen! Doch that es ihr leid, daß die lieben Gäste trockenen Mundes
+vom Taufhause zur Kirche gefahren waren und sie konnte die Rückfahrt
+kaum abwarten, um ihnen den geziemenden Imbiß vorzusetzen. Zum Glück
+ahnte ihre Seele nichts von dem Streite, den indessen in der Kirche die
+Gevatterinnen wegen des dem Kinde beizulegenden Namens hatten. Als der
+Prediger fragte, was dem Kinde für ein Name beigelegt werden solle,
+antwortete eine der fremden Jungfrauen: »_Masikas_« (Erdbeere)! -- »Wie
+sagtet ihr?« -- fragte der Prediger -- »Marie oder Martha oder Margret?«
+-- »_Masikas_« war abermals die Antwort. Der Vater des Kindes und die
+Gevattern sahen sich einander verwundert an und Niemand wußte, was er
+von der Sache halten sollte. Der Geistliche aber sagte streng: »Ich
+bitte, macht hier keine Späße, saget ernsthaft, was für einen Namen das
+Kind bekommt, oder ich taufe es mit einem Christennamen, ohne euch
+weiter zu befragen.« Jetzt wurden auch der Jungfrau Wangen roth vor Zorn
+und sie erwiderte mit gehörigem Nachdruck: »Gott hat die Menschen, die
+Thiere und die Pflanzen auf die Erde gesetzt, aber keinem Geschöpfe hat
+er Namen gegeben, sondern das haben die Menschen gethan. Wer darf mir
+verwehren, dem Kinde einen Taufnamen beilegen zu lassen nach meinem
+Gefallen?« -- »Glaubt ihr mir mit Gewalt beizukommen?« fragte der
+Prediger nicht minder erzürnt. »Wenn ihr mich so leicht zu beherrschen
+vermeint, so will ich euch erstens in's Gedächtniß zurückrufen, wer ich
+bin, und zweitens auch fragen, wer ihr seid, und ob ich euch überhaupt
+ordnungsmäßig als Pathe des Kindes annehmen darf?« -- Ohne ein Wort zu
+sagen, zog die stolze Jungfrau ein Blatt Papier aus dem Busen und gab es
+dem Prediger zu lesen. Dieser wurde, als er es las, bleich wie der Tod
+und stammelte mit erschreckter Stimme: »Verzeiht, verzeiht, geehrte
+hochgeborene --« allein die Jungfrau hob drohend den Finger und sagte:
+»Still, still! taufet das Kindlein, wir haben weiter nichts zu reden!«
+-- Der Geistliche taufte das Kind und gab ihm den Namen _Masikas_, doch
+zitterten dem Manne die Hände, während er die heilige Handlung vollzog.
+Die stolze Jungfrau hatte das Kind über die Taufe gehalten und dann dem
+Geistlichen eine Goldmünze und dem Küster einen silbernen Rubel
+eingehändigt, was die anderen Gevattern deutlich gesehen hatten. Alsdann
+fuhr man zum Taufhause zurück. Unterwegs berechneten die Bauerfrauen,
+wie groß wohl das Pathengeschenk für Mutter und Kind ausfallen möge, da
+schon so reichliche Taufgebühren bezahlt worden waren.
+
+Im Festhause angekommen, ging die stolze Jungfrau sofort die Taufmutter
+zu begrüßen, fiel ihr um den Hals, streichelte ihre Wangen und sagte,
+mit dem Finger auf die anderen Jungfrauen deutend: »Meine jüngeren
+Schwestern, die ich zur Taufe mitzubringen versprochen hatte. Wir
+geloben dir alle drei, für dein Töchterlein zu sorgen, falls Gott dich
+aus dieser Welt abrufen sollte, ehe noch das Kind herangewachsen ist.«
+Sodann händigte jede der Jungfrauen der Mutter des Kindes ein goldenes
+Schächtelchen ein mit den Worten: »In diesem Schächtelchen sind die
+Pathengeschenke für's Töchterchen, zeige sie Niemandem, du selbst kannst
+sie schon besehen, aber verliere die kostbaren Dinge nicht.« Wohl bat
+man jetzt die vornehmen Jungfrauen, sie möchten sich zu Tisch setzen, um
+sich zu stärken, aber sie wollten weder essen noch trinken, sondern
+verließen nach herzlichem Abschiede von der Mutter das Fest und fuhren
+in ihrem prächtigen Schlitten davon.
+
+Die Gäste brannten vor Begier zu erfahren, wer die stolzen Jungfrauen
+gewesen, und was wohl in den goldenen Schächtelchen enthalten wäre.
+Dieses Verlangen konnte ihnen freilich Niemand befriedigen. Selbst der
+Vater des Kindes wurde unruhig, als er nach dem Aufbruch der Taufgäste
+von seiner Frau keine nähere Auskunft erhielt. Er wollte nicht glauben,
+was ihm seine Frau der Wahrheit gemäß versicherte, nämlich daß ihr die
+wunderbaren Fremden eben so unbekannt seien wie allen Uebrigen. Einige
+Tage später ging er heimlich an die Truhe, um die Goldschächtelchen zu
+besehen, damit er erführe, was für ein kostbarer Schatz in der goldenen
+Hülle stecke. Er fand nichts weiter als drei kleine Steinchen[16] in
+jeder Schachtel. Obgleich er über diesen Fund einigermaßen verwundert
+war, sprach er doch gegen Niemand davon.
+
+Die kleine _Masikas_ war sieben Jahre alt geworden, als ihre Mutter
+plötzlich schwer erkrankte, so daß man schon nach einigen Tagen keine
+Hoffnung mehr haben konnte. Die Kranke sehnte sich, vor ihrem Tode noch
+das heilige Abendmahl zu nehmen, und so wurde der Geistliche
+herbeschieden. Diesem erzählte sie, was ihr vor der Geburt ihrer Tochter
+im Walde mit der fremden Jungfrau begegnet war. Der Geistliche tröstete
+sie: »Darüber sei ruhig! aus diesem Zusammentreffen kann deiner Seele
+kein Schaden erwachsen, und auch deiner Tochter wegen kannst du ruhig
+sterben, die Gevatterinnen werden für die Erziehung derselben schon
+Sorge tragen.« Nachdem sie Gottes Gnadenmahl, Brot und Wein, genossen
+hatte, segnete sie ihr Töchterlein, nahm Abschied und entschlief. Am
+Tage nach der Begräbnißfeier kam die vornehme Gevatterin und wollte ihre
+Pathe als Pflegling mit sich nehmen; aber der Wittwer mochte sich von
+der Tochter nicht trennen und bat, sie ihm zur Freude und zum Troste
+noch zu lassen. Auf sein Bitten wurde ihm das Kind gelassen, aber die
+Jungfrau sagte: »Eine von uns Schwestern wird jeden Tag kommen, nach der
+kleinen Masikas zu sehen.« So geschah es auch wirklich; täglich kam eine
+Jungfrau, um das mutterlose Kind zu sehen, und brachte ihm schöne
+Kleider, süße Kuchen und vielerlei hübsche Spielsachen.
+
+Nach einem Jahre beschloß der Wittwer eine andere Frau zu nehmen. Drei
+Tage vor der Hochzeit kam die älteste der Jungfrauen und sagte: »Masikas
+darf nicht länger bei dir bleiben, ich will sie heute mit mir nehmen. Du
+bekommst wohl eine zweite Frau und kannst mit der Zeit wieder Vater
+werden, aber Masikas findet keine zweite Mutter wieder. Alles was wir
+bis jetzt der Pathe geschenkt haben, bleibe dir und deiner jungen Frau,
+nur die drei goldenen Schachteln, welche wir am Tauffeste dem Kinde
+schenkten, muß ich mitnehmen.« Der Mann sträubte sich zwar nach Kräften
+dagegen, allein es half ihm nichts. Weinend bat die kleine Masikas: »Ich
+will zur Taufmutter gehen!« und der Vater mußte endlich nachgeben. Er
+ging der geheimnißvollen Jungfrau eine Strecke weit nach, um zu sehen,
+wo denn ihre Behausung liege, die ja doch nicht sehr entfernt sein
+konnte, da täglich eine der Jungfrauen gekommen war, nach dem Kinde zu
+sehen. Die vornehme Jungfrau schritt, das Kind an der Hand, auf jenen
+Wald zu, in welchen die verstorbene Mutter als junge Frau gegangen war
+um Beeren zu pflücken, und wo sie das erste Mal mit der Jungfrau
+zusammengetroffen war. Als die Jungfrau nun mit dem Kind an einen großen
+Felsblock gelangt war, der am Saume des Waldes frei dalag, entschwand
+sie plötzlich den Blicken des nachsehenden Mannes, als wäre sie unter
+die Erde gesunken. Zwar eilte der Mann an den Ort, ging viele Male um
+den Stein herum, suchte nach Fußstapfen und stampfte von Zeit zu Zeit
+mit der Ferse gegen den Boden, ob er nicht eine glückliche Stelle finde;
+aber alle Mühe war vergeblich, weder das Kind noch die Taufmutter bekam
+er zu sehen. In Gesellschaft seiner jungen Frau vergaß er dann
+allmählich das Töchterlein seiner verstorbenen Frau.
+
+Wir müssen jetzt von dem Lebenslaufe der kleinen Masikas erzählen.
+Unweit des bezeichneten Felsblockes lag drei Spannen tief unter dem
+Rasen eine Fliese, eine Klafter breit und anderthalb Klafter lang, die
+sich beim richtigen Drauftreten wie eine Kellerluke aufthat, den
+Ankömmling hereinließ und dann augenblicklich wieder zufiel. Das geschah
+mit so wunderbarer Geschwindigkeit, daß, wer von weitem zusah, nicht
+daraus klug ward, sondern meinte, daß der noch eben sichtbare Mensch
+plötzlich entweder unter den Boden gesunken oder unsichtbar in die Luft
+gefahren sei. Bestärkt wurde man in dieser Meinung noch dadurch, daß
+nirgends ein Streifen oder sonst eine Spur auf dem Rasen zurückblieb,
+vielmehr war die Rasendecke wie aus einem Stücke gegossen. Unter der
+Fliesendecke befand sich eine breite, aus edlem Gestein gehauene Treppe,
+welche weiter in die Tiefe führte. Die Stufen hinabsteigend, gelangte
+die kleine Masikas mit ihrer Taufmutter auf einen schönen Hof, in
+welchem ein aus Glas aufgeführtes Gebäude stand; das war die Wohnung der
+Jungfrauen, man nannte sie den Sitz der Grottennymphen[17]. Hier
+befanden sich viele dienende Frauenzimmer, welche allerlei feine
+weibliche Handarbeit fertigten. Auch die kleine Masikas wurde in solchen
+Handarbeiten unterrichtet, wiewohl sie sonst nicht wie eine Dienerin
+gehalten, sondern wie ein verwöhntes deutsches Kind, dem es an nichts
+fehlt, aufgezogen wurde. Ihre Taufmütter sorgten für sie und liebten sie
+mit mütterlicher Zärtlichkeit. So erreichte sie das Alter von sechzehn
+Jahren und war nun zu einer schönen Jungfrau aufgeblüht.
+
+Da sagte eines Tages die älteste Taufmutter zu ihr: »Meine liebe
+Masikas! Die Zeit ist da, wo wir uns trennen müssen. Hoffen wir aber von
+der Güte unseres Gottes, daß die Trennung nicht lange dauern werde. Wenn
+alles glücklich abläuft, so kommen wir wieder zusammen und dann kann uns
+nichts mehr trennen, als der Tod. Zwei treue Diener und deine drei
+goldenen Schächtelchen mußt du mitnehmen; in den Schächtelchen findest
+du alle Bedürfnisse, deren du auf der langen Reise nicht entrathen
+kannst.« Nachdem sie dem Mädchen noch mancherlei Unterweisung in Betreff
+der Reise ertheilt, eröffnete sie ihr zuletzt, daß sie nach drei Tagen
+aufbrechen müsse. Wohl empfand Masikas großes Herzeleid, aber nicht
+geringer war die Betrübniß der Taufmütter, als die Stunde des Scheidens
+kam. Sie wollten in Thränen zerfließen, als sie ihre Pathe umarmten und
+ihr Kuß auf Kuß gaben. Endlich wurden die beiden Diener gerufen,
+bejahrte Männer, welche Masikas vorher nie gesehen hatte, und es wurde
+ihnen bedeutet, daß sie das Mädchen auf der Reise zu beschützen hätten.
+So machte man sich denn auf den Weg; Masikas trug das kleine Körbchen,
+in welchem sich die goldenen Schächtelchen befanden.
+
+Sie waren eine Weile im Walde vorwärts gegangen und des Mädchens
+Abschiedsthränen waren trocken geworden, da sagte der eine ihrer
+Begleiter: »Wir können nun doch den langen Weg nicht zu Fuße
+zurücklegen.« Masikas fragte: »wo sollen wir denn Pferde hernehmen?« Der
+Mann erwiderte: »Pferde und sonstige Reisebedürfnisse stecken in eurem
+Korbe in den goldenen Schächtelchen.« Masikas sah ihn zweifelhaft an,
+als wollte sie den Sinn dieser Spottrede herausbringen. Aber der Mann
+sagte ganz ernsthaft: »Nehmt ein Steinchen aus dem Schächtelchen, so
+werden wir alsbald Wagen und Pferde haben.« Obgleich das Mädchen keinen
+Glauben daran hatte, that sie doch nach des Mannes Geheiß, nahm eins der
+Steinchen, wie es ihr gerade in die Finger kam und übergab es dem Manne.
+Dieser blies drei Mal darauf und sagte: »Kutsche mit vier Pferden
+vorgefahren!« Augenblicklich stand die Kutsche mit den Pferden da.
+Masikas ward als Herrschaft in die Kutsche gesetzt, der eine Mann setzte
+sich als Kutscher auf den Bock, der andere als Lakai hinten auf, und
+dann ging die Reise rasch vorwärts. Die Sonne stand schon hoch im
+Mittag, als der Kutscher fragte, ob sie nicht Appetit verspüre. Masikas
+erwiderte: »wir haben keinen Mundvorrath von Hause mitgenommen!« »Aber
+doch die Steinchen,« -- versetzte der Lakai hinter der Kutsche -- »gebt
+nur wieder eins her!« Masikas reichte ein Steinchen hin, der Mann blies
+wieder darauf und rief: »Her gedeckter Tisch mit Speisen!« --
+Augenblicklich stand ein gedeckter Tisch mit köstlichen Speisen vor
+Masikas. Sie aß sich satt und gab dann den Dienern soviel sie begehrten.
+Darauf blies der Mann abermals auf den Tisch und plötzlich verschwand
+Alles und das Steinchen flog der Masikas in die Hand zurück. Am Abend
+ging es mit dem Nachtessen ebenso, und darauf wurde ein anderes
+Steinchen in ein Bett mit Kissen verwandelt, auf welchem das Fräulein
+die Nacht über von der Anstrengung der Reise ausruhte. Ganz so geschah
+es die folgenden Tage, so daß es ihnen an nichts mangelte -- nur wurde
+der Masikas auf der weiten Reise die Zeit lang; sie wünschte sich
+weibliche Gesellschaft. Mehr zum Spaße als in Absicht nahm sie ein
+Steinchen zwischen die Finger, blies darauf wie sie es bei den Männern
+gesehen, und rief: »Zofe herbei!« Augenblicklich saß ein feines Mädchen
+neben ihr. Warum hätte Masikas nun nicht in der schönen Kutsche weiter
+fahren mögen, da sie vom Morgen bis zum Abend sich angenehm unterhalten
+konnte!
+
+Als man eines Morgens vom Nachtlager aufbrach, sagte der Kutscher zu
+Masikas: »Heute kommen wir zum Hofe eines berühmten Weisen; da müsset
+ihr hineingehen und genau darauf achten was für Anweisung der alte Weise
+euch geben wird. Seinem Geheiße müssen wir in allen Stücken nachkommen,
+sonst wird es mit dem, was wir vorhaben nichts. Eins der Steinchen müßt
+ihr heute zum Geschenk für den Weisen verwenden, damit wir freundlich
+aufgenommen und gut berathen werden.« -- Noch vor Abend langten sie bei
+dem Weisen an; die Männer mußten ihm einen schweren, halb mit Silber,
+halb mit Gold gefüllten Sack bringen, der aus einem der Steinchen
+hervorgerufen war. Der Weise sagte, nachdem er die Hand der Masikas
+betrachtet hatte: »Eure Reise führt morgen in einen dichten Wald, und da
+werden euch drei Thiere entgegenkommen, erstens eine Hirschkuh, dann ein
+alter Wolf und endlich ein Bär. Suchet diese wilden Thiere zu locken, so
+daß sie an sich kommen lassen und leget dann jedem derselben sein
+Zeichen an, damit ihr sie das nächste Mal erkennet, wenn ihr wieder mit
+ihnen zusammentrefft. Der Hirschkuh legt einen seidenen Gürtel an und
+dem Wolfe einen ledernen Riemen um den Hals, dem Bären aber steckt euren
+Ring, der euch aus eurer seligen Mutter Habe noch geblieben ist, an die
+Vorderpfote. Nach drei Tagen wird eine gräuliche wüthende Schlange auf
+euch eindringen, da könnt ihr euch nicht anders retten, als daß ihr ein
+Steinchen in einen Nord-Adler verwandelt und euch sammt euren Dienern
+auf den Rücken desselben setzet, er wird euch mit Windesschnelle bis
+unter die Wolken hinauftragen, wohin die Schlange euch nicht folgen
+kann. Kutsche und Pferde wird sie allerdings verschlingen, aber das
+schadet euch weiter nichts. Dieser Bissen wird auch ihr letzter sein,
+sie verendet sieben Tage darauf und dann kommen Pferde und Wagen wieder
+aus ihrem Rachen heraus. Was weiter geschieht, bleibe jetzt noch
+ungesagt, denn auch euren Taufmüttern in der Grotte wird Glück zu Theil
+werden.«
+
+Am anderen Tage kamen unsere Reisenden in einen dichten Wald, wo sich
+Alles so begab, wie es der Weise vorausgesagt hatte. Zuerst kam ihnen
+die Hirschkuh, sodann der alte Wolf und zuletzt ein Bär entgegen.
+Masikas lockte die Thiere eins nach dem anderen zu sich und heftete dann
+jedem sein Zeichen an: der Hirschkuh einen blauen Seidengürtel, dem
+Wolfe einen Lederriemen um den Hals, und dem Bären steckte sie ihren von
+der Mutter ererbten Ring an die Vorderpfote. Der Bär leckte ihr wie zum
+Danke die Hand und lief brummend in den Wald zurück. Viel gräßlicher
+war, was ihnen nach drei Tagen begegnete. Schon von weitem hörte man ein
+Sausen und Rauschen als würde das schwerste Heufuder am Boden
+hingeschleift. Endlich wurde des Schlangenkönigs[18] Kopf mit goldener
+Krone sichtbar, aber in demselben Augenblicke hatte Masikas ein
+Steinlein in einen Nord-Adler verwandelt, setzte sich mit ihren drei
+Dienern auf seinen Rücken und der Vogel trug sie hoch in die Lüfte. Von
+da oben sahen sie, wie die ungeheure Schlange Wagen und Pferde
+hinunterschluckte, als wären es junge Mäuslein gewesen. Sieben Tage flog
+der Nord-Adler mit seiner Last in Wolkenhöhe weiter; die Nächte schlief
+er auf dem Wolkenrande[19] und die auf seinem Rücken Sitzenden litten an
+Nichts Mangel, da ihnen die Steinchen in den Goldschächtelchen der
+Masikas alles gewährten was sie brauchten.
+
+Am Morgen des siebenten Tages ließ sich der Nord-Adler mit seiner Last
+nieder. Sie kamen gerade dazu, als die Pferde sammt dem Wagen aus dem
+Rachen des todten Schlangenkönigs wieder herausfuhren. Während sie
+dieses Wunder noch anstaunten, sahen sie einen alten Mann und eine alte
+Frau in prächtigen königlichen Gewändern herantreten. Der Mann trug
+einen ledernen Riemen und die Frau einen blauen Seidengürtel, und beide
+Stücke erkannte Masikas sofort als diejenigen, welche sie dem Wolfe und
+der Hirschkuh umgethan hatte. Bald darauf nahte sich auch ein blühender
+Jüngling, an dessen Finger der Ring glänzte, den Masikas dem Bären
+gegeben. Der Fremde Alte sagte: »Dank dir, Masikas, theures Glückskind!
+du hast uns aus langer Gefangenschaft erlöst. Ich war vor siebenhundert
+Jahren ein reicher König im Südlande, hier steht meine Gemahlin und dort
+mein Sohn; unsere drei Töchter sind dahin. Der böse Schlangenkönig des
+Nordens überwältigte mein Reich und verschlang alle meine Unterthanen.
+Mich verwandelte er in einen Wolf, meine Gemahlin in eine Hirschkuh und
+meinen Sohn in einen Bären. Wohin die Töchter gekommen sind, habe ich
+nicht erfahren, möglich, daß die Schlange sie gefressen hat.« -- Masikas
+vermuthete sogleich, daß ihre Pathen aus der Grotte die verschwundenen
+Töchter sein könnten, aber sie wollte nichts sagen bis sich ihre
+Vermuthung bestätigen würde, damit die Freude der Eltern desto größer
+wäre. Sie ließ nun aus einem Steinchen eine zweite Kutsche entstehen, in
+welche sich der König nebst Gemahlin und Sohn setzten, und dann machte
+man sich auf den Heimweg. Schon am dritten Morgen kamen ihnen die Pathen
+der Masikas entgegen. Aber wer vermöchte der Eltern und der Töchter
+Freude zu schildern, als sie nach siebenhundertjähriger Trennung sich
+plötzlich wieder zusammenfanden! Des Königs Sohn nahm dann die Masikas
+zu seiner Gemahlin und wurde Herrscher im Reiche seines Vaters, da
+dieser seines Alters wegen nicht mehr selbst regieren wollte. Auch die
+drei Töchter vermählten sich mit der Zeit, aber Niemand hat je aus ihrem
+Munde gehört, wohin ihre Goldschächtelchen mit den Steinchen gekommen
+und wo dieselben schließlich geblieben seien.
+
+[Fußnote 14: Die Vorstellung vom Waldgotte ist in der finnischen
+Mythologie reich ausgebildet, wo er am häufigsten unter dem Namen _Tapio_
+vorkommt und an der Spitze einer großen Hofhaltung (Tapiola) stehend
+gedacht wird. Er erscheint als ein alter Mann mit dunkelbraunem Barte,
+mit einem hohen Hut aus Föhrennadeln und einem Pelz aus Baummoos. Die
+hohe Verehrung, die ihm geweiht wird, theilt er mit seiner Gemahlin
+Miellikki. Wenn die Jagd ungünstig ausfällt, zürnt Tapio, der oft auch
+Waldgreis, Tapiola's (Tapioheim's) Alter heißt und zuweilen als
+Erdenwirth, Waldkönig, Gabenspender ja als erster Gott und großer
+Schöpfer oder Spender bezeichnet wird, so daß man an den späteren
+griechischen Pan erinnert wird. Spuren der Verehrung dieses Gottes sind
+wohl in dem Feste metsa- oder metsiku-pidu, das noch bis zum Ende des
+vorigen Jahrhunderts in Estland gebräuchlich war, erhalten. Es wurde
+nämlich eine (am Tage Mariä Verkündigung angefertigte) große Strohpuppe
+auf eine lange Stange gesteckt, im Dorfe unter Gesang herumgetragen und
+dann in den Wald gebracht und auf einen Baum gestellt. Ein wildes
+ausgelassenes Fest schloß sich an. Vgl. Castrén, Vorles. über finn.
+Mythol. S. 92 ff. Boecler-Kreutzwald: Der Esten Gebräuche, S. 12-13,
+81-82 L.]
+
+[Fußnote 15: Wörtlich: »verlobt«. L.]
+
+[Fußnote 16: Vgl. d. Anm. zur ersten Hälfte S. 84. L.]
+
+[Fußnote 17: Kiwi-alused, wörtlich: die unter dem Steine Befindlichen.
+L.]
+
+[Fußnote 18: Vgl. Bd. 1, S. 26. L.]
+
+[Fußnote 19: Vgl. Bd. 1, S. 128. L.]
+
+
+
+
+6. Seltene Weibestreue.
+
+
+Vormals lebte ein unermeßlich reicher junger Kaufmann, der neun hundert
+neun und neunzig Schiffe hatte, welche unaufhörlich Waaren weithin in
+fremde Länder führten und von da wieder andere Waaren oder baares Geld
+dem Schiffsherrn zurückbrachten. Um das Tausend voll zu machen, ließ er
+noch ein neues Schiff bauen. Als das Schiff fertig war und eben vom
+Stapel gelassen werden sollte, geschah es zufällig, daß ein Hebebaum den
+Schiffsherrn streifte und seine Hose vom Querl bis zum Beinling aufriß.
+Nun ist für einen reichen Mann eine geplatzte Hose eine viel schlimmere
+Sache als für einen Armen, an welchem dergleichen nicht besonders
+auffällt -- während der Allen wohlbekannte Kaufherr fürchten mußte, daß
+die Leute ihre Blicke auf nichts anderes mehr richten würden, als auf
+seine zerrissenen Hosen. Deshalb erkundigte er sich angelegentlich nach
+dem Wege zum nächsten Bockreiter, der den Schaden wieder gut machen
+könnte. Man wies ihn in ein Quergäßchen in der Nähe des Hafens, wo ein
+Schneider wohnte. Der kleine Nadelkönig besah den Schaden durch seine
+große Brille, ließ durch seinen Lehrburschen dem Kaufherrn die Hosen
+herunterziehen und gab diesem einen langen weiten Rock zur Bedeckung,
+bis die Hosen wieder zugenäht wären. Und damit dem Herrn die Zeit nicht
+lang würde, bat der Schneider ihn, sich so lange in ein anderes Gemach
+zu seinen Töchtern zu verfügen. Gott hatte den kleinen Bockreiter mit
+drei sehr schönen Töchtern gesegnet, von denen namentlich die jüngste
+eben so stattlich von Ansehn als zierlich in ihrem Wesen war. Des
+Kaufmannes Herz war alsbald dem jüngsten Täubchen des Schneiders
+zugeflogen und die Freundschaft war schon geschlossen, ehe noch die
+Hosen zusammengenäht waren. Als dann des Schneiders Bursche mit dem
+ausgebesserten Kleidungsstück eintrat, ärgerte sich der Kaufmann über
+die geschwinden Finger, die ihm nicht mehr Zeit gegönnt hatten, sich mit
+der holden Jungfrau angenehm zu unterhalten. Nachdem er die Hosen
+wieder angezogen und dem Meister eine reichliche Bezahlung eingehändigt
+hatte, ging er noch einmal in das Zimmer der Töchter, um Abschied zu
+nehmen und zugleich die Jungfrauen in sein Haus einzuladen, wo nach zwei
+Wochen ein prächtiges Fest stattfinden würde. Die Mädchen dankten für
+die Ehre der freundlichen Einladung, fügten aber mit Bedauern hinzu, daß
+sie nicht so schöne Kleider anzulegen hätten, wie für ein solches Fest
+erforderlich wäre. »Die Kleider seien meine Sorge,« erwiderte der
+Kaufmann -- »und somit bleibt es dabei, daß ich euch am genannten Tage
+unter meinem Dache empfange.«
+
+Nach Hause gekommen, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als vierzehn
+Stück des allerschönsten Seidenzeuges aus seinem Laden auszusuchen und
+den Töchtern des Schneiders zuzuschicken, die er dabei ersuchen ließ,
+sie möchten sich selbdritt aus jedem Stücke einen Anzug machen lassen,
+so daß jede vierzehn eigene Anzüge hätte, denn das Fest würde vierzehn
+Tage währen und da müßten die drei Schwestern jeden Tag ein anderes
+Kleid und zwar jedesmal alle drei von dem gleichen Stücke haben. Jetzt
+flogen einmal die Nadeln in der Stadt; in zwei Wochen sollten zwei und
+vierzig seidene Damenkleider mit Spitzen, Bändern und Besätzen fertig
+genäht sein und sollten auch den Mädchen passen wie angegossen, so daß
+nirgends eine fehlerhafte Falte zum Vorschein käme. Und wirklich wurde
+die Arbeit in der genannten Zeit fertig, denn der reiche Kaufmann zahlte
+doppelten Lohn für die rasche Förderung der Arbeit.
+
+Als nun am ersten Abend des Bockreiters Töchter so reich geschmückt auf
+dem Feste des jungen Kaufmanns erschienen, da machten viele Fräulein und
+Demoisellen lange Gesichter, vor Neid darüber, daß sie keine so schönen
+Kleider hatten. Ihr Neid stieg mit jedem Tage, als des Schneiders
+Töchter jeden Abend in einem andern neuen Anzuge erschienen. Was aber
+den Neid der weiblichen Gesellschaft noch höher entflammte, war der
+Umstand, daß der reiche Kaufmann Niemanden so freundlich aufnahm, als
+des Schneiders Töchter. Am vierzehnten Abende, am Schluß des Festes,
+schenkte der Kaufmann der jüngsten Tochter des Schneiders eine schwere
+Goldkette und einen goldenen mit Edelsteinen besetzten Ring, der auf
+mehrere Tausend Rubel geschätzt wurde. Mit diesem Liebespfand hatte er
+sich der Jungfrau verlobt. Vier Wochen später wurde die glänzende
+Hochzeit ausgerichtet, worauf des Schneiders jüngste Tochter, jetzt die
+Frau eines reichen Mannes, dessen stattliches Haus bezog.
+
+Bosheit und Neid über das unerwartete Glück der Schneiderstochter machte
+die Leute in der Stadt fuchswild; aber den größten Verdruß davon hatte
+ein verarmter Graf, dessen nicht unter die Haube gekommene Schwester
+gern dem Kaufmann ihre Hand gereicht und ihm statt der Mitgift den Glanz
+ihrer vornehmen Geburt in's Haus gebracht hätte; es wäre dann auch wohl
+in den leeren Beutel des Bruders manches Goldstück aus dem Vermögen des
+reichen Schwagers gefallen. Die Heirath des Kaufmanns hatte beider
+Hoffnung zunichte gemacht, was ihm der Graf nicht verzeihen konnte; er
+sann also im Stillen darüber nach, wie er die Verschmähung seiner
+Schwester an des Schneiders Eidam rächen könnte. Der Kaufmann pflegte
+des Abends ein Wirthshaus zu besuchen, um sich mit seinen Bekannten die
+Zeit zu vertreiben; hier traf er auch manchmal mit dem Grafen zusammen.
+Eines Abends setzte dieser dem Kaufmann einen Floh in's Ohr, indem er
+folgendermaßen zu reden anhub: »Ihr habt ein gar hübsches junges Weib zu
+Hause, ich wundere mich, wie ihr euch getraut, Abends von Hause zu gehen
+und die junge Frau allein zu lassen. Glaubt ihr denn an Weibestreue? Es
+ist sicherlich noch nirgends in der Welt vorgekommen, daß ein hübsches
+Weib ihrem Manne treu geblieben wäre.« Der Kaufmann erwiderte: »Ihr
+verläumdet meine Frau aus Neid; aber wie könntet ihr eure Rede wahr
+machen, wenn ich euch nach Beweisen fragen würde?« -- Der Graf machte
+sich sogleich anheischig, seine Worte wahr zu machen, wenn ihm der
+Kaufmann erlauben würde, die junge Dame öfter zu besuchen. Der Kaufmann
+erzürnte ob des Grafen unverschämten Rede mehr, als er sich merken ließ;
+gleichwohl war sein Sinn zweifelhaft geworden und er machte endlich mit
+dem Grafen eine Wette, kraft welcher sein großes Vermögen dem Grafen
+zufallen sollte, wenn dieser die schmachvolle Bezüchtigung wahr machen
+könnte. Die Frau durfte natürlich von der Wette nichts erfahren. Nachdem
+die Uebereinkunft vor Zeugen geschlossen war, sollte der Graf nun sein
+Glück versuchen.
+
+Als der Kaufmann Abends nach Hause kam, sagte er seiner jungen Frau, er
+müsse auf längere Zeit in Geschäften verreisen und könne wohl erst nach
+einigen Wochen von der langen Reise zurück sein. Alle Geschäfte des
+Hauses wolle er bis dahin dem Herrn Grafen anvertrauen, der deshalb noch
+heute einziehen werde. Die Frau äußerte, mitreisen zu dürfen, als ihr
+aber der Mann dies abschlug, sagte sie: »Thut was ihr wollt, ich muß mit
+Allem zufrieden sein.« Als der Kaufmann am andern Morgen noch manches,
+auf die Wette Bezügliche insgeheim mit dem Grafen besprochen hatte,
+machte er sich auf den Weg, von den Thränen der jungen Frau begleitet.
+
+Die große Reise ging freilich diesmal nicht weit; der Kaufmann hatte
+sich in der Vorstadt eine Wohnung gemiethet, wo er still wie eine Maus
+lebte, aber immer die Ohren gespitzt hielt, den Nachrichten über die
+junge Frau zu lauschen. Das keusche Weib hatte sich nach dem Scheiden
+des Mannes in ihre Kammer zurückgezogen, fest entschlossen, so lange der
+Mann von Hause fern sein würde, nirgends hin zu Gaste zu gehen, noch
+irgend Jemand als Gast aufzunehmen, mit Ausnahme ihrer eigenen
+Schwestern. Dadurch hoffte sie alles leere Geschwätz der Leute
+abzuschneiden. Armes Geschöpf, das die Fallstricke nicht ahnte, welche
+man ihr legte! Ihre Nahrung ließ sie sich täglich durch die Magd in ihre
+Kammer bringen, und wenn sie Sonntags in die Kirche ging, mußte das
+Mädchen sie jedesmal begleiten. -- Nach einem Vierteljahre lief von dem
+Manne ein Brief ein, des Inhalts, daß das Geschäft sich weit mehr in die
+Länge ziehe, als er vorausgesetzt habe, weshalb es ihm durchaus nicht
+möglich sei, den Zeitpunkt seiner Rückkehr anzugeben. Diesen Brief
+übergab der Graf der Frau nicht, sondern setzte einen andern falschen
+Brief auf, worin der Kaufmann das lustige herrliche Leben in der Fremde
+rühmte und zuletzt der Frau rieth, sich mit dem Herrn Grafen die Zeit zu
+vertreiben, damit ihr das Warten nicht langweilig werde. Die Frau
+schrieb der Wahrheit gemäß zurück: »Ich lebe allein in meiner stillen
+Kammer, und mich verlangt auch nicht nach einem Gesellschafter, der mir
+die Zeit vertreibe, sondern ich bitte nur alle Tage Gott, daß er euch
+glücklich heimkehren lasse, meine Sehnsucht zu stillen.« Auch diese
+Antwort kam dem Kaufmann nie zu Gesicht; der Graf schrieb wieder einen
+Lügenbrief, als von der Frau herrührend, worin sie sich rühmte, daß sie
+alle Tage entweder in die Stadt zu Gaste gehe, oder zu Hause Gäste
+empfange, oder auch in des Herrn Grafen Gesellschaft die Zeit verbringe,
+so daß sie niemals Sehnsucht nach ihrem Manne empfunden habe. Diesen
+ruchlosen Betrug verübte der Graf jedesmal, wenn Mann und Frau sich
+einander schrieben, denn er verstand anderer Leute Handschrift so
+künstlich nachzumachen, daß die Eheleute nicht dahinter kamen. Als
+endlich der Kaufmann schrieb, er hoffe binnen einigen Wochen wieder nach
+Hause zu kommen, da unterschlug der Herr Graf diesen Brief und ließ das
+falsche Gerücht aussprengen, daß der Kaufmann in der Fremde sein Ende
+gefunden habe. Die arme sich für eine Wittwe haltende Frau weinte und
+jammerte bitterlich; ließ die Wände des Gemachs mit schwarzem Zeuge
+beschlagen, legte Trauerkleider an und ließ nicht einmal ihre Schwestern
+zum Besuch kommen; zur Kirche aber ging sie jeden Sonntag nach wie vor.
+
+Alle List und Betrügerei, die der Graf bis jetzt angewandt, war
+vergeblich gewesen, es war ihm nicht möglich geworden, mit des Kaufmanns
+Frau zusammen zu kommen oder eine nähere Verbindung anzuknüpfen; ebenso
+wenig hatte er ein Beweisstück, auf welches er die Frau hätte
+bezichtigen können. Da entschloß er sich, es noch einmal mit List zu
+versuchen. Er ließ eines Tages die Frau durch ihr Mädchen bitten, sie
+möchte eine Kleiderkiste über Nacht in ihrer Kammer verwahren, bis er
+sie am nächsten Morgen wieder wegbringen lasse, denn es sei sonst
+nirgends im Hause Raum für eine Kiste. Die Frau, welche sich keiner
+Arglist versah, willigte ein. Der Graf war aber selber heimlich in die
+Kiste geschlüpft und auf diese Weise in die Kammer der Frau gelangt.
+Beim Schlafengehen hatte die Frau eine goldene Kette vom Halse genommen
+und auf den Tisch vor dem Bette gelegt; es war die Kette, die der Mann
+ihr bei der Verlobung geschenkt hatte, deshalb trug sie dieselbe Kette
+täglich am Halse. Als sie in der Nacht ruhig schlief, kroch der Graf
+ganz sachte aus der Kiste, raffte die goldene Kette vom Tische, steckte
+sie in die Tasche und eilte sich wieder in die Kiste zu verstecken, mit
+welcher er dann später fortgetragen wurde. -- Die gestohlene Kette
+sollte dem Kaufmanne bezeugen, daß seine Frau die Ehe gebrochen und die
+Kette als Liebespfand geschenkt habe. Als die Frau am Morgen aufstand,
+hatte sie in ihrem Herzenskummer der goldenen Kette nicht weiter Acht
+gehabt, wiewohl sie sonst immer des geliebten Mannes Geschenk umzulegen
+pflegte.
+
+Als sie am Nachmittag zufällig zum Fenster hinaus auf die Straße sieht,
+sieht sie den für todt gehaltenen Gatten zurückkommen. Augenblicklich
+reißt sie die schwarzen Trauerbehänge von den Wänden, läuft in
+Freudenthränen ausbrechend ihrem Eheherrn entgegen und fällt ihm um den
+Hals. Der Kaufmann, fremd und kalt wie Eis, giebt keine frohe Regung zu
+erkennen, da er die Freude der Frau für ein trügerisches Blendwerk hält;
+der Herr Graf hatte ihm einen Floh in's Ohr gesetzt, der ihm keine Ruhe
+mehr ließ. Die Frau wollte sogleich in die Küche eilen, um für den von
+der Reise kommenden Gemahl Speise zu bereiten, allein dieser wehrte es
+ihr, da er selber für das Abendessen sorgen wolle.
+
+Als die Zeit dazu herangekommen war, wurde eine hölzerne Schüssel mit
+einem Mehlbrei aufgetragen, in welchem zwei hölzerne Löffel staken. Die
+Frau machte große Augen und wußte nicht, was sie davon halten solle. Der
+Kaufmann aber sagte mit bekümmertem Ernste: »Heut' Abend wollen wir uns
+aus der Breischüssel zum letzten Male satt essen, denn das ist Alles,
+was mir von meinem großen Vermögen geblieben ist. Morgen sind wir
+Bettler, die nicht das Stück Brot haben.« Weinend bat die Frau, ihr zu
+sagen, durch welches unvermuthete Unglück sie mit einem Male arm
+geworden wären. »Dieses Unglück hast du selbst verursacht,« -- erwiderte
+der Mann -- »deine Versündigung gegen die eheliche Treue hat uns so weit
+gebracht, daß wir zum Bettelstabe greifen müssen. Wo ist deine goldene
+Kette, die ich dir als Verlobungspfand schenkte?« Erst jetzt bemerkte
+die Frau, daß die Kette sich nicht an ihrem Halse befand; sie sprang
+erschreckt vom Tische auf und lief in ihre Kammer, die vergessene Kette
+zu holen, fand sie aber dort nicht. Sie wollte jetzt die Kette suchen,
+aber der Kaufmann hinderte es und sagte: »Laß nur die leeren Grimassen,
+womit du mich zu täuschen suchst! Ich weiß, daß du selbst die Kette
+verschenkt hast, die jetzt dein Galan besitzt.« Was konnte da der Frau
+ihr Leugnen helfen und ihre Vertheidigung? Der ruchlose Graf fand mit
+seiner goldenen Kette überall mehr Glauben, denn die Menschen glauben
+viel leichter das Böse als das Gute; konnte er doch auch vor Gericht
+seine Worte durch dieses Beweisstück erhärten und obendrein beschwören,
+daß er eine Nacht in der Kammer der Frau zugebracht habe. -- Ohne also
+auf die Vertheidigung der Frau weiter Rücksicht zu nehmen, fällte das
+Gericht schließlich den Spruch: die ehebrecherische Frau solle auf einem
+Schiffe in die hohe See hinaus gefahren und dort vom Schiffe in's Meer
+geworfen werden den Fischen zur Speise. Der Kaufmann aber solle zur
+Strafe für seine leichtsinnige Wette und Andern zur Abschreckung auf
+Lebenszeit in's Gefängniß gesetzt werden. Ueber den leichtsinnigen Mann
+hatte das Gericht ein angemessenes Urtheil gesprochen, allein der
+schuldlosen Frau fügte das weltliche Gesetz schweres Unrecht zu. Dem
+Grafen wurde das Vermögen des reichen Kaufherrn zuerkannt. Dieser
+Unglückliche erbat für seine Gattin noch die einzige Gnade, daß sie vor
+der Ertränkung in ein getheertes Gewand eingenäht würde, und daß ihr
+zwanzig in den Gürtel eingenähte Golddukaten mitgegeben würden, damit
+die Leute bei dem an's Land geworfenen Leichnam das Geld fänden und ihm
+dafür ein Grab bereiteten. Das Gericht gewährte diese Bitte.
+
+So wurde der einst reiche Kaufherr in Ketten in's Gefängniß gebracht,
+während seine unschuldige Gattin auf einem Schiffe viele Meilen weit in
+die See geführt und dann über Bord geworfen wurde. Das aus getheertem
+Zeuge gemachte Obergewand blähte sich hoch auf wie eine Blase und hielt
+die unglückliche Frau über Wasser. Die unbarmherzigen Schiffsleute
+riefen lachend: »Mit der Zeit wird das Wasser schon seine Beute
+schlucken!« kehrten um und dachten nicht weiter an das arme Geschöpf,
+das wie eine wilde Gans auf den Wellen dahin schwamm.
+
+Gottes Wege waren nicht die der irrenden Menschen. Seine Huld ließ nicht
+zu, daß ein schuldloses Wesen in der Tiefe des Meeres versinke, sondern
+wies auf wunderbare Weise den Weg der Rettung. Die Meereswellen mußten
+die in ein getheertes Gewand eingenähte Frau drei Tage und drei Nächte
+auf dem Rücken tragen und endlich in einem fernen fremden Lande an's
+Ufer schleudern. -- Obgleich die Frau sehr ermüdet war, als sie auf's
+Trockene kam, vergaß sie doch nicht, Gott, der sie aus Todesnöthen
+errettet hatte, für seine wunderbare Hülfe zu danken. Dann warf sie sich
+auf den Rasen, um zu schlafen, sich von der durch das lange Treiben auf
+dem Wasser verursachten Erschöpfung zu erholen und ihre Lebenskraft für
+die kommenden Tage neu zu stärken. Noch hatte sie die Augenlider nicht
+geschlossen, als sie zwei Raben auf hohem Fichtenwipfel so reden hörte:
+»Da liegt jetzt« -- sagte der erste Vogel -- »ein unglückliches
+Geschöpfchen am Strande, welches die kurzsichtigen Menschen ausgestoßen
+haben. Die Arme wird hier, wo keine Menschen wohnen, doch zuletzt
+umkommen, obwohl sie sich gar leicht retten könnte.« -- »Wie denn?«
+fragte der andere Vogel. »Siehe,« erwiderte der erste Plauderer --
+»obgleich die Arme sehr ermüdet scheint, sollte sie doch ihre letzte
+Kraft zusammen nehmen und rechts am Ufer weiter gehen, da wohnt ein
+frommer Dorfgeistlicher, der sie freundlich aufnehmen und ihren
+ermatteten Körper stärken würde. Hat sie sich dann einige Tage ausgeruht
+und ihre Kräfte erfrischt, dann könnte sie in die große Stadt gehen, die
+nicht weit von da liegt und wo die Leute Mangel an Wasser leiden, weil
+ein böser Zauberer vor vielen hundert Jahren alle unterirdischen
+Wasseradern festgemacht hat, so daß in die Brunnen kein Wasser kommt,
+als was die Regenschauer dem Schooße der Wolken entlocken. Und doch wäre
+es eine Kleinigkeit, den Bewohnern der Stadt Trinkwasser zu schaffen.«
+»Wie denn das?« fragte der andere Rabe. »Sieh nur,« erwiderte der erste
+-- »mitten auf dem Markte liegt ein großer grauer Granitblock, welcher
+alle Quelladern deckt und schließt. Es bedürfte weiter keiner Arbeit,
+als diesen Verschluß-Block heben zu lassen, dann würden die Quellen aus
+der Tiefe reichliches Naß ergießen. Und derjenige könnte reichen Lohn
+verdienen, welcher der Stadt Wasser verschaffte. -- Aber diese arme Frau
+könnte noch mehr Ehre und Glück finden, wenn sie in die Königsstadt
+ginge und dort des Königs einzigen Sohn gesund machte, den bis jetzt
+weder Doctoren noch Wundärzte heilen konnten. So liegt der arme Jüngling
+schon sieben Jahre im Bette und findet nirgends Hülfe, weil menschlicher
+Verstand seine Krankheit nicht erkennen kann. Und doch könnte der
+Königssohn leicht gesunden, wenn ihm die rechte Arznei gegeben würde.«
+»Was für Kräuter könnten denn seinem Uebel abhelfen?« fragte der andere
+Vogel. »Es wäre eine Kleinigkeit, ihn gesund zu machen« -- ließ sich der
+Sprecher weiter vernehmen. -- »Es wäre dazu nichts weiter erforderlich,
+als in der Domkirche an die dritte Bank, rechts vom Altare, zu gehen und
+dort die Diele aufzubrechen, unter welcher ein Mäusenest liegt. Wenn das
+Nest sammt den Jungen herausgenommen, in einem Grapen oder Kessel
+gekocht, und die Flüssigkeit dann durch ein Tuch geseiht und in Flaschen
+gegossen würde, so wäre die Arznei fertig[20]. Jeden Morgen und Abend
+ein Löffel voll von dem Mäusekraft-Trank dem Kranken eingegeben und mit
+derselben Flüssigkeit die Brust eingerieben, würde den Kranken in
+einigen Tagen gesund machen.« -- Wohl sehr schade ist es, daß in unseren
+Tagen weder Stadt- noch Land-Aerzte die Vogelsprache verstehen, welche
+sie manches Mal auf den richtigen Weg bringen könnte, wenn ihr eigener
+Kopf ihnen nicht mehr aushelfen will. Und auch manchem eingebildeten
+Naseweis, der menschliche Belehrung verschmäht, könnten durch die Rede
+der Vögel vernünftigere Gedanken in sein einfältiges Gehirn kommen. --
+Doch fahren wir jetzt in unserer Erzählung fort.
+
+Nachdem die unglückliche Frau die Raben-Weisheit vernommen hatte,
+schlief sie ein. Auf wunderbare Weise ließ Gottes Güte ihrem Körper im
+Schlaf neue Kraft zuströmen; obwohl sie drei Tage ohne einen Bissen
+Nahrung gewesen war, fühlte sie doch beim Erwachen weder Müdigkeit noch
+Hunger. Der klugen Vögel Zwiegespräch fiel ihr alsbald ein; doch konnte
+sie sich nicht klar machen, ob sie das wachend oder träumen erlebt habe.
+Da ihr aber nichts Besseres übrig blieb, wollte sie es mit dem
+angegebenen Wege versuchen. Mit größter Mühe erreichte sie vor Abend des
+Predigers Haus, wo die guten Menschen sie freundlich aufnahmen und
+pflegten. Nach einigen Tagen fühlte sie sich stark genug, weiter zu
+wandern. Der Prediger und die Hausleute baten sie, noch einige Tage bei
+ihnen zu Gaste zu bleiben, denn sie war ihnen allen lieb geworden; aber
+sie wollte ihnen nicht länger zur Last fallen, sondern dankte für die
+genossene Wohlthat, nahm Abschied und macht sich dann auf den Weg, um
+der Anleitung der Vögel gemäß ihr Glück weiter zu versuchen. Da die
+Wegweisung der Raben sich das erste Mal bewährt hatte, so richtete sie
+ihre Schritte nach der wasserbedürftigen Stadt. Da fiel es ihr ein, daß,
+wenn sie in Weiberkleidern die Stadt beträte, die Leute wohl nicht viel
+von ihrer Einsicht halten würden. In der guten alten Zeit duldete man
+noch nicht das Gegacker der Henne, wie in unseren Tagen, wo der Hahn
+wohl selber rühmt, wie hübsch sein Schätzchen schon gesungen, als es
+erst drei Spannen hoch war, weshalb er das sangreiche junge Huhn selbst
+auf den Markt trägt und ruft: »Kommt und hört, wie hübsch mein Hühnchen
+singt.«
+
+Die Frau kaufte sich also Mannskleider und gab sich das Ansehn eines
+Mannes. Sie schnitt ihre langen Haare kurz am Kopfe ab, zog einen Rock
+an, band einen rothen Gürtel um die Hüften und zog das bunte Hemd über
+die Hosen, so daß sie ganz wie ein Russe aussah. Als sie nach einigen
+Tagen in die Stadt kam und in einem Wirthshause ein Quartier bezog, fand
+sie auf dem Eßtische mancherlei Getränke, Branntweine und Weine, Bier
+und Meth, aber kein Tropfen Wasser war zu sehen. Sie bat, man möge ihr
+ein Glas Wasser bringen. »Geehrter Herr, ihr könnt in unserer Stadt alle
+Arten von Getränk haben, um euren Durst zu löschen, aber frisches Wasser
+können wir euch auch um den höchsten Preis nicht geben: Wasser müssen
+wir in der heißen Zeit von weitem herführen, wie eben jetzt, wo Gott
+keinen Regen giebt.« »Warum lasset ihr keine Brunnen graben?« fragte die
+als Mann verkleidete Frau. Der Gastwirth erwiderte: »Brunnen haben wir
+von Alters her genug gegraben, aber es kommt kein anderes Wasser hinein
+als was der Regen hineinbringt. Unsere Obrigkeit hat schon Unsummen
+daran gewendet, und hat auch demjenigen eine große Belohnung verheißen,
+der Wasser in die Brunnen leiten würde, aber wenn auch von überall her
+viel geschickte Brunnenmeister kamen, um ihr Glück zu versuchen, so hat
+doch keiner von ihnen Wasseradern gefunden.« -- Die Frau sagte: »Die
+Sache scheint sehr wunderbar! Ich will Nachmittags in eurer Stadt
+umhergehen, vielleicht finde ich zufällig Pflanzen, welche auf eine
+Wasserader weisen.« »Das wird wohl vergebliche Mühe sein,« -- meinte der
+Gastwirth -- »doch könnt ihr ja immerhin euer Heil versuchen.«
+
+Die Kaufmannsfrau schlenderte nun aus einer Straße in die andere, bis
+sie auf den Markt kam. Da fand sie den großen grauen Granitblock, wie
+es die Raben in ihrem Gespräche angegeben hatten; und da nun so die
+beiden ersten Verkündigungen wahr geworden waren, so wuchs ihr der Muth,
+den Wasserkerker zu erschließen. Sie ging zum Oberhaupt der Stadt, gab
+sich für einen Brunnenmeister aus und versprach der Stadt Wasser zu
+schaffen, wenn man ihr soviel Arbeiter und Werkzeuge geben würde, wie es
+die Sachlage erfordere. Das Stadtoberhaupt aber bedachte, welchen
+Geldaufwand die fruchtlose Arbeit schon verursacht hatte und sprach
+deshalb die Bitte aus, den vergeblichen Versuch lieber zu unterlassen.
+Der Brunnenmeister ließ sich aber nicht so leicht irre machen, sondern
+sagte: »Gebt mir fünfzig oder sechzig Arbeiter und die nöthigen
+Werkzeuge, wie Stangen, Stricke und dergleichen, so mache ich mich
+verbindlich, eurer Stadt soviel Wasser zu schaffen, daß Menschen und
+Thiere genug haben.« -- Das Stadtoberhaupt verlangte jetzt ein Pfand von
+solchem Werthe, daß es alle Ausgaben decke, wenn die Arbeit den
+verheißenen Nutzen nicht bringe. Die Frau entgegnete: »Geld habe ich
+jetzt gerade nicht soviel, um das Pfand zu hinterlegen, aber ich mache
+mich anheischig, für jeden Arbeiter fünfzig, oder wenn ihr wollt,
+hundert Tage zu arbeiten, wenn ich euch das versprochene Wasser nicht
+liefere. Falls ich aber meine Versprechungen erfülle, dann zahlt ihr mir
+die Belohnung, welche ihr für die Auffindung von Wasser öffentlich
+ausgeboten habt.« Auf diese Bedingung hin wurde der Vertrag geschlossen.
+
+Nachdem die Vorbereitungen beendigt waren, begab sich die Frau mit
+fünfzig Arbeitern auf den Markt: eine ungeheure Volksmenge zog
+hinterdrein, um das Wunderwerk mit anzusehen. Die Frau Meister ließ
+zuerst hart um den Block herum Gräben ziehen, dann starke Balken als
+Hebel unter den Block schieben, Stricke mit dem einen Ende an die Balken
+befestigen, mit dem andern um den Block legen, und als nun die Männer
+auf das gegebene Zeichen mit einem Male aus Leibeskräften anzogen und
+aufwanden, ging der Block in die Höhe. Und o Wunder! zischend ergoß sich
+ein breiter Wasserstrahl unter dem Blocke hervor. -- Freudengeschrei
+erscholl aus dem Munde von Tausenden. Das Stadtoberhaupt und die anderen
+obrigkeitlichen Personen traten näher und füllten Becher und Kannen mit
+frischen Wasser, das klar, kühl und erquickend war. Alle, die das Wasser
+schmeckten, rühmten es einstimmig und die klugen Doctoren erklärten, es
+sei der Gesundheit sehr zuträglich. Da nun der Brunnenmeister sein
+Versprechen erfüllt hatte, wurde ihm die für das Auffinden von Wasser
+ausgesetzte Belohnung unweigerlich ausgezahlt und überdies folgten ihm
+die Dankes- und Segenswünsche der Bewohner nach.
+
+Jetzt brauchte die Frau nicht mehr zu Fuße zu gehn, sondern konnte in
+einer Kutsche mit sechs Pferden fahren, wenn sie wollte. Sie fuhr
+alsbald in die Königsstadt. Als sie mit Dank gegen Gott dessen gedachte,
+wie der Vögel Anleitung sie unverhofft auf den Weg des Glückes geführt
+hatte, beschloß sie zugleich sich andere Kleider zu besorgen, weil denn
+doch die russische Bauerkleidung für einen Doctor nicht paßte. Sie ließ
+ihr Haar anders ordnen und kaufte sich einen Anzug, wie ihn die
+städtischen Aerzte zu tragen pflegen. Als sie dann nach einigen Tagen
+die Residenz des Königs erreichte, miethete sie in einem vornehmen
+Gasthof eine Wohnung und gab sich für einen Arzt aus, der aus weiter
+Ferne gekommen sei.
+
+Die Ankunft eines berühmten Arztes aus weiter Ferne drang rasch zu des
+Königs Ohren. Er schickte seine Diener in den Gasthof und ließ den
+Doctor zu seinem kranken Sohne bitten. Als der Doctor kam, redete er ihn
+so an: »Ich bin ein großer König, aber bei allem Ansehn und Reichthum
+ein unglücklicher Vater. Mein einziger Sohn siecht schon sieben Jahre
+lang auf dem Krankenlager dahin und Niemand kann ihm helfen; obgleich
+die berühmtesten Ärzte meines Landes und fremder Länder die
+verschiedensten Arzeneimittel versucht haben, konnten sie doch sein
+Uebel nicht heilen. Mit tiefem Kummer sehe ich, wie mein liebes Kind mit
+jedem Tage rascher dem Grabe sich nähert.« Der neue Arzt bat, den
+Kranken sehen zu dürfen, worauf er in dessen Gemach geführt wurde. Der
+kranke Königssohn im Bette sah mehr einem Schatten als einem
+menschlichen Wesen ähnlich; daß er athmete, war das einzige
+Lebenszeichen, sonst hätte man ihn für eine Leiche halten können. Der
+Doctor sagte: »Weil sich die Krankheit so sehr in die Länge gezogen hat,
+ist die Behandlung sehr schwierig geworden, doch gebe ich die Hoffnung
+noch nicht ganz auf.« Er versprach dann die nöthigen Arzeneien zu
+bereiten und nach einigen Tagen die Behandlung zu beginnen.
+
+Am andern Tage ging der vermeintliche Doctor, die herrliche Domkirche zu
+besehen, wie denn jeder Fremde diese schönste Zierde der Stadt in
+Augenschein nimmt. Nachdem er die Kirche von außen und von innen
+genugsam betrachtet hatte, zählte er die dritte Bank rechts vom Altar
+ab, brach die Diele auf, fand dort das von dem Raben angegebene
+Mäusenest mit den Jungen, band Alles in sein Schnupftuch, brachte die
+Diele wieder in Ordnung und eilte in seine Wohnung zurück. Hier machte
+er sich in aller Stille daran, den Gesundheitstrank zu kochen, und ließ
+ihn dann ein Weile stehen, ehe er die Flüssigkeit durch ein Tuch seihte,
+worauf er sie in eine Flasche goß. Nach einigen Tagen ging er wieder zum
+kranken Königssohn, gab ihm einen Löffel voll von dem Krafttrank ein und
+rieb ihm die Brust damit. Die Kraft des Wundertranks war so stark, daß
+der Kranke um Mittag zu essen verlangte und ihm auch die vorgesetzte
+Speise zum ersten Male schmeckte. Der König war über das Verlangen nach
+Speise anfangs erschrocken; er hielt dasselbe für ein krampfhaftes und
+meinte, die Todesstunde sei gekommen, in welcher zuweilen die schwersten
+Kranken Eßlust zeigen. Da aber der weibliche Doctor nichts dagegen
+hatte, so wurde des Kranken Begehr erfüllt. Als der Königssohn nach dem
+Essen einige Stunden geschlafen hatte, war sein Aussehen beim Erwachen
+freundlicher und er sagte, daß er sich stärker fühle. Schon am andern
+Tage richtete er sich allein im Bette auf, am sechsten Tage aber fühlte
+er sich stark genug, aufzustehen und sich auf einem Stuhle
+niederzulassen.
+
+Während er so saß, fielen seine Blicke häufig auf den jungen Doctor, den
+der alte König nicht eher ziehen lassen wollte, als bis der Sohn sich
+vollständig erholt habe. Eines Tages sagte der Königssohn seufzend zum
+Doctor: »Es thut mir herzlich leid, daß Gott euch nicht ein Frauenzimmer
+hat werden lassen. Mir ist in meinem Leben noch kein schöneres Antlitz
+vorgekommen als das eurige -- ich würde euch gewiß freien, wenn ihr ein
+Weib wäret.« Der Doctor erwiderte: »Seid zufrieden mit dem, was Gott
+gemacht hat, und danket ihm dafür, daß ihr von schwerer Krankheit
+genesen seid. Ihr könnt euch jetzt, da ihr wohlauf seid, jeden Tag aus
+den edelsten Geschlechtern eine Lebensgefährtin wählen.«
+
+Des Königs Freude über die glückliche Wiederherstellung seines Sohnes
+war grenzenlos. Er hätte dem Arzte gern das Zehnfache der versprochenen
+Belohnung gezahlt -- der Arzt aber lehnte diese Gnade ab und verlangte
+keinen größeren Lohn als ein Stück Land in der Gegend des Reiches, wo
+seine Geburtsstadt stand, und wo der Gatte gefangen saß, wenn ihn der
+Tod nicht befreit hatte. Die Bitte wurde nicht nur ohne Weiteres
+zugestanden, sondern der König befahl auch, die Grenzen des geschenkten
+Landstriches so weit auszudehnen, daß beinahe der vierte Theil des
+Reiches an Land und Leuten des Doctors Erbeigenthum wurde. Nach einigen
+Tagen war die Schenkungsurkunde gerichtlich ausgestellt und mit dem
+königlichen Insiegel bekräftigt. Dann verließ der neue Grundeigenthümer
+des Königs Palast, nahm dankend Abschied und schlug den Weg nach seinem
+künftigen Wohnsitz ein.
+
+Als sich die Frau demselben näherte, fielen ihr mancherlei Gedanken und
+Gefühle schwer auf's Herz, wenn sie sich die Vergangenheit zurückrief
+und überdachte, wie sie als Kind in Dürftigkeit aufgewachsen, dann
+plötzlich im Hause des Kaufmanns reich gewesen sei, und endlich solche
+Trübsal erlebt habe. Doch Reichthum und Trübsal waren ohne ihre Schuld
+über sie gekommen, und ihr Gewissen fühlte sich nicht beschwert. -- Sie
+trug noch immer männliche Kleidung und wollte sie auch nicht eher
+ablegen und sich zu erkennen geben, als bis Alles geordnet wäre. Vor
+ihrem früherem Hause ließ sie die Kutsche halten und durch einen Diener
+anfragen, ob sie da wohl auf einige Tage eine Wohnung miethen könne. Der
+gegenwärtige Besitzer, der uns wohlbekannte Graf, obwohl jetzt durch
+schnöden Betrug steinreich geworden, war doch äußerst geldgierig und
+suchte, wo er konnte, seinen Mammon zu vermehren. Er war darum gleich
+bereit, dem reichen fremden Herrn eine Wohnung zu vermiethen, als ihm
+der hohe Preis, den er unverschämter Weise forderte, unweigerlich
+zugestanden wurde.
+
+Die Frau legte am folgenden Tage eine reiche Männerkleidung an und
+erschien vor der Obrigkeit, wo sie den königlichen Schenkungsbrief
+vorzeigte und sich als Grundherrn zu erkennen gab. Man kann leicht
+denken, daß der neue Gebieter mit großer Ehrerbietung und
+Unterwürfigkeit empfangen wurde. Sein erster Befehl lautete dahin, den
+vormals reichen Kaufmann, der vor Jahren wegen leichtsinnigen Wettens
+in's Gefängniß gesetzt worden, sowie den Grafen, der dessen Vermögen
+erhalten, desgleichen die Magd, welche damals bei der Frau des Kaufmanns
+gedient habe und jetzt beim Grafen diene -- diese drei Personen
+vorzuführen. Der Befehl wurde sofort vollzogen.
+
+Der in der langen Haft schwach und bleich gewordene Kaufmann hatte schon
+graues Haar bekommen und einen langen Bart, der ihm bis zur halben Brust
+reichte. Hände und Füße waren gefesselt und ein zerfetztes Gewand
+bedeckte seinen Leib. Der Herr Graf trat stolzen Schrittes in den
+Gerichtssaal; für ihn, den reichen, hochgeborenen Mann, gab es wohl
+keinen Grund zur Furcht. Der neue Grundherr befahl sogleich, dem bis
+dahin gefangen gehaltenen Kaufmanne die Fesseln abzunehmen und sie dem
+Grafen anzulegen. Obwohl die Gerichtsherren einander verwundert ansahen,
+wagte doch keiner ein Wort gegen die Anordnung des gebietenden
+Grundherrn vorzubringen. Jetzt fragte die in Männerkleidung dastehende
+Frau den Grafen: »Bekennet, wie ist damals die goldene Kette der
+Kaufmannsfrau in eure Hände gekommen?« Der Graf erwiderte mit
+schamloser Frechheit: »Die Frau schenkte mir die Kette als
+Liebespfand.« -- Darauf wurde die Magd in Ketten gelegt und in's Verhör
+genommen; sie sollte erklären, wie es sich mit der Kette verhalte. Die
+erschrockene Magd deckte nun den ganzen Betrug auf. Hierauf fällte das
+Gericht den Spruch, daß der Graf und die Magd auf Lebenszeit in's
+Gefängniß kommen sollten und zwar wurden sie in denselben Thurm
+gebracht, in welchem der Kaufmann bis jetzt gesessen hatte.
+
+Nachdem so die Uebelthäter ihren verdienten Lohn erhalten hatten,
+entfernte sich die Frau, legte ihre Frauenkleider an und gab sich ihrem
+Manne zu erkennen. Der Kaufmann bereute voll Scham sein Vergehen und
+wagte nicht zu seiner Frau, die er ohne ihr Verschulden verstoßen und in
+den Tod geschickt hatte, die Augen aufzuheben. Die liebende Frau aber,
+welche ihrem Manne die am Altare gelobte Treue stets rein bewahrt hatte,
+verzieh ihm all' sein Unrecht. Darauf segnete der Geistliche ihre Ehe
+zum zweiten Male ein und es wurde eine stattlichere Hochzeit gefeiert
+als die erste war. Aber der Vater der Frau, der alte Schneider, schlief
+schon im Grabe und hatte den Freudentag, wo seine verläumdete Tochter
+wieder zu Ehren kam, nicht mehr erleben sollen. Vom Tage der zweiten
+Hochzeit an lebte das Paar glücklich bis an's Ende und dem Kaufmann
+stieg niemals wieder ein Zweifel an der Treue seiner Frau auf. Und
+glücklich darf man den Mann preisen, der eine fromme Frau gewonnen hat,
+deren Leben so klar dahinfließt, wie ein Quellbach, auf dessen Grunde
+nicht Schlamm noch Schutt gefunden wird.
+
+[Fußnote 20: Nach Kreutzwald's gef. briefl. Mittheilung gilt bei den
+Esten Mäusedreck mit Honig als Hausmittel gegen die Bräune, sowie eine
+frisch abgezogene Mausehaut gegen nässende Flechte. L.]
+
+
+
+
+7. Aschen-Trine.
+
+
+Einmal lebte ein reicher Mann mit seiner Frau und einer einzigen
+Tochter, welche die Eltern mehr als ihren Augapfel liebten, und deshalb
+auf's zärtlichste erzogen; und die gute Tochter war dieser Liebe werth.
+Die Mutter hatte einst einen Traum gehabt, aus dem sie auf ein schweres
+Mißgeschick schloß, und sie hätte viel darum gegeben, wenn Jemand ihr
+den Traum richtig hätte deuten können. Aber noch ehe sie einen klugen
+Traumdeuter fand, erkrankte sie schwer an einer Brustentzündung und
+fühlte schon am andern Tage ihre Todesstunde herannahen. Der Mann war
+fortgegangen um Aerzte zu holen, da rief die Frau ihr Töchterchen an
+ihr Bett, streichelte ihm die Wangen und sagte mit betrübter Miene: »Der
+Himmel ruft mich aus dieser Welt ab zur Ruhe; ich muß in's Grab und dich
+Lämmchen zurücklassen. Dein Vater und ein anderer höherer im Himmel
+werden für dich Sorge tragen, und mein mütterliches Auge wird von jener
+Welt her über dich wachen. Wenn du ein frommes und gutes Kind bleibst,
+so werden unsere Herzen ewig vereinigt bleiben, denn auch Tod und Grab
+können die Liebesbande zwischen Mutter und Kind nicht zerreißen. Pflanze
+auf meinem Grabhügel zum Schmuck eine Eberesche, damit die Vögel im
+Herbste Beeren darauf finden und dir gutes dafür erweisen, wenn du keine
+andern Freunde mehr haben solltest. Sollte dein Herz einmal einen
+heimlichen Wunsch hegen, dann schüttle den Wipfel der Eberesche, damit
+ich Kunde davon erhalte; oder sollten bittere Stunden in dein Leben
+treten, dann schlüpfe unter den Schatten der Eberesche, welche dich
+trostreich aufnehmen wird wie der Schooß einer Mutter und deinem
+betrübten Herzen Erquickung bringen wird.« Nicht lange darnach und noch
+ehe der Vater von seinem Gange nach dem Arzte zurück war, schlossen sich
+die Augen der guten Mutter auf immer. Das Töchterchen weinte bitterlich
+und wollte weder bei Tage noch bei Nacht aus der Nähe der Todten
+weichen, bis der Mutter kalter Leichnam in den Sarg gelegt und zu Grabe
+getragen wurde. Die Tochter pflanzte eine Eberesche auf das Grab, grub
+die Wurzeln in die Erde und feuchtete sie mit ihren Thränen; und als
+später das Naß der Wolke dazu kam, wuchs der Baum in die Höhe, daß es
+eine Lust war zu sehen. Das Kind setzte sich gar oft unter diesen der
+Mutter geweihten Baum, der ihm jetzt der liebste Platz auf Erden
+geworden war.
+
+Den nächsten Herbst ging der Vater wieder auf die Freite und brachte
+nach einigen Wochen eine neue Heerdeskönigin in's Haus. Allein er hatte
+nicht daran gedacht, beim Freien _darauf_ zu sehen, ob die Frau auch eine
+Mutter für seine Tochter werden könne. -- Zwar wird es einem vermöglichen
+Wittwer nicht schwer, eine Frau zu bekommen, aber selten ist der Fall,
+daß die Waise in ihr eine Mutter findet. -- Die Stiefmutter hatte zwei
+Töchter aus ihrer ersten Ehe; sie brachte dieselben mit in's Haus und da
+Blut doch immer dicker ist als Wasser, so war es selbstverständlich, daß
+des Mannes Tochter auf keine goldenen Tage zu hoffen hatte. -- Die
+Mutter achtete ihre Töchter für golden, des Mannes Tochter für irden,
+und als die Goldtöchter das sahen, faßten sie auch flugs den Gedanken:
+wir sind die Gebieterinnen, sie ist unsere Sclavin! Da indessen ein
+neuer Besen immer gut fegt, so zeigte die neuvermählte Wittwe ihrer
+Stieftochter in den ersten Tagen nach der Hochzeit ein freundliches
+Gesicht, und dasselbe thaten zum Schein ihre beiden Töchter -- aber die
+Freundlichkeit kam nicht von Herzen. Ihre Herzen waren hart und voll von
+Stolz und Tücke und anderen sündhaften Regungen, so daß darin für den
+Keim der Liebe kein Raum blieb, sich zu entfalten. Der armen Tochter des
+Mannes wurde das Leben von Tag zu Tag saurer gemacht, aber der Vater
+hatte weder Augen zu sehen noch ein Herz, seines Kindes Leid zu fühlen.
+»Was hat sich die unnütze Brotratte[21] im Zimmer umherzutreiben!« sagte
+die Stiefmutter. »Ist nicht in der Küche am Heerde Platz genug? Die
+Traghölzer um den Hals und Wasser vom Brunnen geholt, dann in den Stall,
+an den Back- und Wasch-Trog! Wer Brot essen will, muß seinen Bissen auch
+verdienen können.« Dazu prahlten die Töchter noch: »Ja, sie soll unsere
+Leib-Magd sein.« Darauf wurden der Waise alle guten Kleider weggenommen,
+die Truhe der verstorbenen Mutter wurde geleert, aller Putz den Töchtern
+der Stiefmutter ausgeliefert und der Tochter des Mannes ein alter grauer
+Kittel angezogen, in welchem sie vom Morgen bis zum Abend, mit Asche und
+Staub bedeckt, die häusliche Arbeit thun mußte. Da sie nun weder glatt
+gekämmt, noch sauber sein konnte, so schalten die Stiefmutter und die
+Stiefschwestern sie _Aschen-Trine_. Sie fügten der Waise Leid und Verdruß
+zu, wo sie nur konnten und machten sie auch heimlich beim Vater
+schlecht, so daß das Kind auch bei ihm keine Hülfe fand, wenn es ihm
+einmal seine Noth klagte. Aschen-Trine duldete lange Zeit schweigend,
+sie weinte und betete, ging aber nicht zu der auf der Mutter Grab
+gepflanzten Eberesche, um ihres Herzens Kummer auszuschütten. Da begab
+es sich, als sie eines Tages am Bache Wäsche spülte, daß eine Elster vom
+Wipfel eines Baumes herunter sprach: »Thörichtes Kind, thörichtes Kind!
+Warum gehst du nicht zur Eberesche, Klage zu führen und um Rath zu
+bitten, wie du dir deine schwere Lage erleichtern könntest.« -- Diese
+Worte riefen ihr die letzte Rede der sterbenden Mutter in's Gedächtniß
+zurück und sie beschloß, so bald als möglich ihre Bitte bei der
+Eberesche anzubringen. Bei Tage war es ganz unmöglich, aber in der
+Nacht, wo die andern schliefen, stand sie heimlich vom Lager auf, zog
+sich an, ging zum Grabe der Mutter, setzte sich auf den Grabhügel und
+begann die Eberesche zu schütteln. Ein Stimmchen fragte: »Ist dein Herz
+noch rein und fromm wie sonst, oder bist du schon in Sünde verfallen?«
+Trine erwiderte: »Gott allein sieht und erforscht des Herzens Trachten,
+soviel meine Seele weiß, lastet keine Sünde auf ihr.« Jetzt fühlte sie,
+als ob unsichtbare Hände ihr Haupt und Wangen streichelten, die Stimme
+aber rief im Säuseln der Luft: »Wenn dein Leben gar zu dornig wird und
+du mit der Arbeit nicht mehr fertig werden kannst, dann rufe dir Hahn
+und Henne zu Hülfe!« Das Mädchen konnte anfangs nicht recht begreifen,
+was für Helfer ihr diese Hausvögel werden könnten; auf dem Heimwege aber
+fiel ihr ein, wie die Halbschwestern ihr oft zum Schabernack die Erbsen
+und Linsen in die Asche streuten, aus welcher sie dann Korn für Korn
+heraussuchen mußte, um Speise zu kochen. Da wollte sie doch einmal
+Spaßes halber versuchen, ob nicht die Schnäbel der bezeichneten Helfer
+ihr die zeitraubende Arbeit erleichtern könnten.
+
+Inzwischen hatte der König ein prächtiges Fest vorbereitet und
+überallhin Boten ausgesandt, welche im ganzen Reiche öffentlich kund
+machen und auf Wegen und Stegen ausrufen sollten: daß alle jungen
+blühenden Mädchen zwischen sechzehn und zwanzig Jahren zum Freudenfeste
+des Königs kommen sollten, welches drei Tage hinter einander dauern
+würde, weil sein einziger Sohn gesonnen sei zu freien, und sich aus der
+Mädchenschaar diejenige auszusuchen, welche ihm die hübscheste und
+verständigste zu sein dünkte. O du liebe Zeit! Was hob da für ein
+Treiben an überall! Zum Glück war nicht befohlen worden, die Taufscheine
+mitzubringen, so daß auch diejenigen hinkommen konnten, ihr Glück zu
+versuchen, die schon eine Kleinigkeit über die Zwanzig hinaus
+geschritten waren.
+
+Der Aschen-Trine Stiefschwestern, die Goldtöchterchen der Mutter,
+sollten beide auf des Königs Fest gehen; da hatte denn die Waise vom
+Morgen bis zum Abend zu thun: sie wusch und plättete Kleider, nähte
+neuen Putz und mußte dabei noch alle übrigen häuslichen Geschäfte
+besorgen. Und als ob es daran noch nicht genug wäre, warf die ältere
+Stiefschwester eine Schüssel voll Linsen in die Asche und rief: »Lies
+sie heraus und setze sie auf's Feuer!« Zum Glück fiel der Trine die am
+Grabe der Mutter erhaltene Weisung ein, darum sagte sie:
+
+ »Hähnelein und Hennelein!
+ Kommt die Linsen lesen fein!«
+
+Augenblicklich waren die gerufenen Hülfsarbeiter da und begannen zu
+lesen und in kurzer Zeit hatten sie die letzten Körner aus der Asche
+gescharrt und mit ihren Schnäbeln in die Schüssel gethan. Als dann der
+erste Tag des Festes anbrach, mußte Aschen-Trine die Schwestern
+schmücken, ihren Kopf kämmen, ihr Antlitz waschen und sie prächtig
+ankleiden, wofür sie zum Danke nur Schimpfreden und mehr als eine
+Maulschelle erhielt, so daß ihr Augen und Ohren brannten. Aschen-Trine
+ertrug den Frevel geduldig und seufzte nur zuweilen zum Himmel auf; als
+aber die Stiefschwestern nun auf's Fest gegangen waren und sie allein
+mit der Stiefmutter zu Hause geblieben war, da stieg ein heißes
+Verlangen in ihrem Herzen auf, welches ihr die Thränen in die Augen
+trieb. Sie wäre auch gar gern zum Feste gegangen, wenn sie Erlaubniß
+erhalten oder Kleider gehabt hätte, in denen sie sich unter die andern
+Gäste hätte mischen können.
+
+Als sie sich recht satt geweint und dadurch den ersten Kummer
+beschwichtigt hatte, nahm sie den Strickstrumpf zur Hand und setze sich
+auf die kleine Bank am Heerde, wo ihr das Herz allmählich wieder leicht
+wurde. Sie gedachte der verstorbenen Mutter und bat Gott, ihr auch einst
+die Ruhe im Grabe zu verleihen, so lange sie aber noch hier im Staube
+wandle, gelobte sie Alles fromm zu dulden, bis sie einst in einer
+besseren Welt wieder in den Armen der Mutter ruhen werde. Plötzlich
+hörte sie ihren Namen rufen; als sie aber die Augen aufschlug, sah sie
+Niemanden. Nach einer Weile sagte das unsichtbare Stimmchen: »Geh und
+schüttle die Eberesche!« Aschen-Trine eilte das Geheiß zu erfüllen.
+Nachdem sie den Baum ein paar Mal geschüttelt hatte, wurde es hell und
+auf dem Wipfel saß ein ellenhohes Frauenbild in Goldgewändern, ein
+kleines Körbchen in der einen und ein goldenes Stäbchen in der anderen
+Hand. Die kleine Fremde fragte das Mädchen nach diesem und jenem, wie es
+ihr bis jetzt ergangen sei, und als sie Bescheid erhalten, ließ sie sich
+zur Erde nieder. Sie streichelte der Waise die Wangen und sagte
+tröstend: »Binnen kurzem wirst du bessere Tage erleben, du mußt aber
+heute auf des Königs Fest gehen.« Aschen-Trine sah sie ungläubig an und
+hielt die Rede für Spott.
+
+Das kleine Frauenzimmer nahm jetzt ein Hühnerei aus dem Korbe und
+berührte es mit dem goldenen Stäbchen -- sofort stand eine schöne
+Kutsche auf dem Rasen. Dann nahm sie wieder sechs junge Mäuse heraus,
+und verwandelte sie in sechs schöne isabellfarbene Pferde, welche vor
+die Kutsche gespannt wurden. Aus einem schwarzen Käfer wurde dann ein
+Kutscher gemacht und zwei bunte Schmetterlinge wurden in Diener
+verwandelt. Diese baten Aschen-Trine, sich in die Kutsche zu setzen und
+auf des Königs Fest zu fahren. Wie durfte aber die Waise in schmutzigen
+Kleidern zum Feste kommen? Die kleine Zauberin, oder was sie sonst sein
+mochte, berührte mit ihrem Goldstäbchen Trinen's Kopf und siehe!
+augenblicklich war sie zum stattlichsten deutschen Fräulein geworden,
+das man nur sehen konnte; ihre alten schlechten Kleider waren in einen
+kostbaren Anzug verwandelt, der ganz aus Sammt und Seide bestand und von
+Gold und Silber schimmerte. Am schönsten aber war ein goldener Kranz auf
+dem Haupte, der von Edelsteinen funkelte, die wie die Sterne am Himmel
+glänzten.
+
+Die kleine Zauberin mahnte: »Fahre jetzt zum Feste und genieße mit den
+Andern alles Wohlsein und Vergnügen, damit das Andenken an die
+vergangenen Leidenstage in deinem Herzen erlösche und die Freude darin
+aufdämmere. Wenn aber der Hahn um Mitternacht drei Mal kräht, dann
+darfst du keinen Augenblick länger bleiben, sondern mußt nach Hause
+eilen, als ob es dir auf den Nägeln brenne[22]. Sonst hört die
+Zauberkraft auf, und Kutsche, Pferde, Kutscher, Diener und du selbst
+verwandeln sich wieder in das, was sie vorher waren. Darum vergiß meine
+Mahnung nicht, sonst geräthst du in Schande und verscherzest dein
+Glück.«
+
+Aschen-Trine versprach die Zeit genau in Obacht zu nehmen; setzte sich
+in die Kutsche und fuhr in gestrecktem Galopp auf des Königs Fest. Als
+sie aber in den Festsaal trat, war es als ob die Sonne aufgegangen wäre,
+so daß alle andern Fräulein und Damen neben ihr erbleichten, wie der
+Mond und die Sterne in der lichten Morgenröthe. Die Stiefschwestern
+erkannten sie zwar nicht in dieser Pracht und Schönheit, aber doch
+drohte ihr Herz vor Neid zu bersten. Der Sohn des Königs hatte für keine
+Andere mehr Auge noch Ohr, sondern wollte der Aschen-Trine keinen
+Augenblick von der Seite weichen; mit ihr unterhielt er sich auf's
+Angenehmste, mit ihr scherzte und tanzte er, als ob sonst Niemand weiter
+im Saale wäre. Auch der alte König und seine Gemahlin beeiferten sich
+dem stattlichen Fräulein, an dem sie eine Schwiegertochter zu bekommen
+hofften, alle Ehre zu erweisen. Aschen-Trine war wie im Himmel, so daß
+die Freude ihr nicht Zeit ließ, an irgend etwas Anderes zu denken, als
+das Glück des Augenblickes zu genießen. Beinahe hätte sie die Mahnung
+der kleinen Zauberin gänzlich vergessen, hätte nicht der Hahnenschrei um
+Mitternacht sie aufgescheucht und angetrieben nach Hause zu eilen. Als
+sie den Saal verließ, krähte der Hahn schon zum zweiten Male, aber ehe
+sie sich in die Kutsche setzen konnte, hatte er zum dritten Male
+gerufen. In demselben Augenblicke verschwanden aber auch Kutscher,
+Pferde und Diener, als wären sie in die Erde gesunken; Aschen-Trine
+fühlte sich wieder in ihren alten schmutzigen staubigen Kleidern und
+eilte nun in vollem Laufe nach Hause -- mit solcher Hast, daß ihr der
+Kopf rauchte und der Schweiß von den Wangen troff. Sie warf sich dann
+auf ihr Lager am Heerde, dachte an die schmeichelhafte Ehre, welche ihr
+im Hause des Königs erwiesen worden und konnte lange den Schlaf nicht
+finden. Endlich entschlummerte sie und schlief ruhig bis zum Morgen,
+obwohl bunte Träume das glückselige Fest ihr wieder vor Augen brachten.
+
+Die Stiefschwestern waren erst gegen Mittag erwacht, so sehr hatte das
+Fest sie ermüdet. Als sie aus dem Bette stiegen, mußte Aschen-Trine sie
+waschen, anziehen und kämmen, wobei sie von nichts Anderem sprachen, als
+von dem gestrigen Feste beim Könige und von dem unbekannten fremden
+Fräulein, dessen Schönheit, Pracht und zierlicher Anstand die andern so
+sehr überstrahlt hatten, daß von dem Augenblicke an, wo sie über die
+Schwelle getreten war, des Königssohnes Augen sich nicht mehr von ihr
+gewendet hatten. War sie überhaupt eines sterblichen Menschen Kind
+gewesen, so konnte sie nur eines steinreichen Königes Tochter, etwa aus
+Land Kungla[23] sein. Als sie fortgegangen, sei der Königssohn mißmuthig
+geworden, und habe nicht mehr getanzt, noch mit irgend Jemand sich
+unterhalten. Der Aschen-Trine hüpfte das Herz vor Freude, als sie
+solches vernahm, sie brachte deshalb dreimal mehr Zeit als gewöhnlich
+damit zu, ihre Stiefschwestern anzukleiden und achtete weder ihre
+Schimpfreden noch ihre Schläge: Alles glitt von ihr ab wie Wasser, das
+auf eine Gans gegossen wird. Am Heerde hatte sie den Tag über keinen
+andern Gedanken als an das gestern genossene Vergnügen und an den
+Königssohn, der -- sie zweifelte kaum -- ein Auge auf sie geworfen
+hatte.
+
+Als nun am Abend die Stiefschwestern wieder zum Feste gingen, blieb
+Aschen-Trine ruhig zu Hause und ging auch nicht wieder die Eberesche zu
+schütteln, da sie Alles der Fürsorge des himmlischen Vaters überlassen
+wollte. Noch vor Mitternacht kamen die Schwestern von des Königes Fest
+zurück und sprachen davon, daß der Königssohn die Flügel habe hängen
+lassen, mit Niemanden getanzt noch gesprochen, sondern nur unverwandten
+Blickes nach der Thür gesehen habe, ob nicht das Fräulein von gestern
+wieder kommen würde. Der König hatte deshalb erklärt, sein Sohn sei
+unwohl und der dritte Tag des Festes könne nicht gefeiert werden.
+
+Wir haben vergessen zu erwähnen, daß Aschen-Trine bei ihrem raschen
+Ausbruch aus dem Festsaale einen ihrer goldenen Schuhe draußen an der
+Schwelle verloren hatte. Am andern Morgen hatte der Königssohn den
+verlorenen Schuh gefunden und die Hoffnung gefaßt, dadurch dem Mädchen
+auf die Spur zu kommen. Seine Sehnsucht ließ ihm nicht Tag noch Nacht
+Ruhe; er wäre eher in den Tod gegangen, als daß er die unbekannte fremde
+Dame für immer aufgegeben hätte, aber wo sollte er sein Liebchen finden?
+-- Nach einigen Tagen ertheilte er Befehl, in Stadt und Land überall zu
+verkünden, daß es sein fester Entschluß sei, diejenige Jungfrau zu
+seiner Gemahlin zu machen, deren Fuß in den zurückgelassenen goldenen
+Schuh passen würde. Auf diesen Ruf eilten nun alle jungen Mädchen
+herbei, ihr Heil zu versuchen, ob ihr Fuß so gebaut sei, daß er sie zur
+Gemahlin des Königssohnes machen könne.
+
+In dem schönsten der Gemächer des Königssohnes stand der hübsche goldene
+Schuh auf einem seidenen Kissen; dahin wurden die Mädchen, hoch und
+nieder, eine nach der andern geführt, damit jegliche den Schuh anpassen
+könne. Aber der Einen war der Schuh zu lang, der Andern wieder zu kurz,
+der Dritten zu eng, so daß keiner Einzigen Fuß hineinpaßte. Manche Zehe
+und manche Hacke mußte Pein leiden, ohne daß es half. Eines Tages waren
+auch Aschen-Trine's Stiefschwestern hingegangen, ihr Glück zu versuchen.
+Nach ihrer Meinung hatten sie so kleine Füße, daß ihnen schon der
+Frauenschuh[24] hätte passen müssen. Darum schoben, stopften, drückten
+und stießen sie mit Gewalt den Fuß in den goldenen Schuh, daß das Blut
+unter den Zehen durchschien. Aber alle ihre Mühe war umsonst. Die
+jüngere Schwester sagte mit Nasenrümpfen: »Das ist ein dummer Schuh, den
+man zum Schabernack gemacht hat und in den kein menschlicher Fuß
+hineingeht.« Im nächsten Augenblicke schon sollte ihre Rede Lügen
+gestraft werden.
+
+Groß war nämlich der Schwestern Erstaunen, als plötzlich die Thür
+aufging und -- Aschen-Trine eintrat, in ihrem alltäglichen mit Staub und
+Asche bedeckten Anzuge, den sie immer am Heerde trug. Zornig gaben die
+Schwestern Befehl, das schmutzige Ding hinauszuwerfen, aber noch ehe
+Jemand diesem Befehl nachkommen konnte, hatte Aschen-Trine schon ihren
+Fuß in den goldenen Schuh gesteckt, der ihr paßte wie angegossen. Und
+ehe die Zuschauer noch Zeit hatten, sich von ihrem Erstaunen zu erholen,
+begab sich etwas noch Seltsameres vor ihren Augen. Das Gemach erfüllte
+sich plötzlich mit dichtem Nebel, so daß man keinen Schritt weit vor
+sich sehen konnte. Aus dem Nebel schimmerte dann plötzlich etwas wie ein
+helles Feuer hervor, und aus diesem entwickelte sich die glänzende
+Gestalt der kleinen Zauberin; sie berührte mit dem Goldstäbchen
+Aschen-Trine, deren geringe Hülle mit Gedankenschnelle von ihr abfiel,
+so daß sie als die leuchtende Jungfrau da stand, welche an jenem ersten
+Festabend dem Königssohne als die lieblichste von allen erschienen war.
+Dieser stürzte nun jauchzend auf die schöne Jungfrau zu und umarmte sie
+mit den Worten: »Diese Jungfrau hat Gott mir zur Gefährtin geschaffen.«
+
+Die kleine Zauberin, oder wer sie sein mochte, schenkte der Aschen-Trine
+eine so große Mitgift, daß man sie fuhrenweise in die Stadt bringen
+mußte, wo dann ein prächtiges Hochzeitsfest gefeiert wurde, welches
+einen vollen Monat dauerte. So war aus der verachteten Waise die
+Gemahlin eines Königssohnes geworden. Ihre Stiefschwestern wollten vor
+Neid bersten, daß die Aschen-Trine sich so hoch über sie erhoben hatte
+-- Aschen-Trine, welche sie bis dahin schlimmer als den Hofhund gehalten
+hatten. Aber Aschen-Trinen's gutes Herz mochte ihnen nicht Böses mit
+Bösem vergelten, sondern verzieh ihnen all' ihr Unrecht, ja sie that
+ihnen noch obendrein Gutes, als sie nach des Schwiegervaters Tode
+Königin geworden war.
+
+Obwohl sie nun schon längst unter dem Rasen ruht, so lebt doch ihr
+Andenken noch ungeschwächt im Munde des Volkes, und sie wird gepriesen
+als die beste und auch als die schönste der Königinnen.
+
+[Fußnote 21: Wörtlich: das ungelegene Brotwiesel. L.]
+
+[Fußnote 22: Wörtlich: als ob Feuer in deiner Tasche brenne. L.]
+
+[Fußnote 23: S. Bd. 1, S. 102, Anm. 2. L.]
+
+[Fußnote 24: Cypripedium Calceolus. L.]
+
+
+
+
+8. Reichlich vergoltene Wohlthat[25].
+
+
+Brennende Sonnenhitze drohete einen Gewitterregen; rasch suchte deshalb
+ein junger Bauer die Schwaden auf der Wiese zusammenzunehmen, damit das
+trockene Heu noch vor Ausbruch des Regens bedeckt würde. Als er nach
+rasch abgethaner Arbeit sich auf den Heimweg machte, stieg am südlichen
+Himmel schon dunkles Gewölk auf und kam rasch näher. Der junge Mann
+beschleunigte seine Schritte, um noch vor dem Regen nach Hause zu
+kommen. Am Saume des Waldes gewahrte er einen fremden Mann, dessen Haupt
+an einen Baumstamm gelehnt war, in so tiefem Schlafe, daß der nahende
+Donner ihn nicht erweckte. Dies Männlein könnte heute ärger bethaut
+werden, als ihm lieb wäre, wenn ich es nicht wecke -- dachte der Bauer
+und trat näher. »Höre Brüderchen!« rief er und schüttelte den
+Schlafenden an der Schulter. »Wenn du nicht einen Pelz wie eine
+Gänsehaut anhast, so spring' auf und suche Schutz vor dem Regen; ein
+schweres Gewitter ist im Anzuge.« Der fremde Mann sprang erschrocken auf
+die Füße und sagte: »Dank dir, tausend Dank, Bauersmann, für dein gut
+gemeintes Aufwecken!« Dann fühlte er hastig in seinen Taschen herum, als
+suchte er nach Geld, um es als Belohnung anzubieten. Da er aber in den
+leeren Taschen nichts fand, wandte er sich halb beschämt wieder zum
+Bauer und sagte: »Zum Unglück habe ich gerade nichts in der Tasche, was
+ich dir als Belohnung bieten könnte, aber doch soll dir deine Belohnung
+nicht vorenthalten bleiben. Ich habe gewaltige Eile, wenn ich mich vor
+dem drohenden Regenguß retten will; achte deshalb auf, was ich dir kurz
+sagen will und behalte es wohl. Nach zwei Jahren wird man dich zum
+Kriegsdienst nehmen und du wirst in ein Reiterregiment eingestellt
+werden. Eine Zeit lang wirst du mit dem Heere von einem Orte zum andern
+ziehen, bis ihr endlich im Norden, in Finnland, in Quartier kommt. Eines
+Tages wird dir das Herz von Heimweh schwer werden, wenn gerade an dir
+die Reihe ist, die Pferde auf die Weide zu führen. Eine kleine Strecke
+weit von deinem Standquartier, auf einer weiten Rasenfläche, wird eine
+krumm gewachsene Birke dir in's Auge fallen. Tritt an die Birke heran,
+klopfe drei Mal unten auf den Stamm und frage: ist der _Krumme_ zu Hause?
+Dann wirst du den Lohn für die heute mir erwiesene Wohlthat empfangen.
+Und nun Gott befohlen!« -- Damit eilte er davon und war in kurzer Zeit
+den Augen des Bauers entschwunden. Dieser sah ihm mit spöttischem
+Kopfschütteln nach und ging dann rasch nach Hause. Als er beim Ausbruch
+des Regens sein Haus erreicht hatte, war der Fremde sammt seinen
+Prophezeiungen vergessen.
+
+Gleichwohl begab sich später etwas, was den ersten Theil der
+Prophezeiung wahr machte: der junge Bauer wurde nach zwei Jahren zum
+Soldaten genommen und der Reiterei zugetheilt. Man sollte meinen, daß
+ihm dieses Begegniß das Zusammentreffen mit dem fremden Manne in's
+Gedächtniß zurückgerufen hätte, aber dem war nicht also, vielmehr schien
+jener Tag gänzlich aus seiner Erinnerung geschwunden. Er war nun schon
+eine Zeit lang mit seinem Regimente von einem Ort zum andern gezogen und
+endlich, nachdem er über vier Jahre lang Kronsbrot gegessen hatte, im
+nördlichen Finnland in's Quartier gekommen. Hier in der Fremde, fern von
+Hause und von den lieben Seinigen, wurde ihm das Herz oft schwer, und
+die Sehnsucht preßte ihm Thränen aus, wenn er allein über seine Gedanken
+brütete. Eines Tages traf ihn die Reihe, die Pferde auf die Weide zu
+führen. Als er nun wieder so allein und mißmuthig auf dem Felde da saß
+und seine sehnsüchtigen Gedanken in die Heimath wandern ließ, trafen
+seine Augen zufällig auf eine krumm gewachsene Birke, die nicht weit von
+ihm stand. Da wurde ihm wunderbarer Weise mit einem Male fröhlich zu
+Muthe, die Tage seiner Kindheit und Jugend stiegen lebendig in seiner
+Erinnerung auf, und auch der Ort, wo er sich befand, schien ihm längst
+bekannt, wiewohl er sich keine klare Rechenschaft darüber geben konnte,
+ob er dieses Bekanntsein träumend oder wachend empfinde. Als er sich mit
+der Hand die Stirn rieb, gleichsam um sein Gedächtniß zu wecken, fiel
+ihm plötzlich die Begegnung mit dem fremden Manne deutlich wieder ein,
+wie ein Sonnenstrahl aus dichtem Gewölk bricht. Das Zusammennehmen der
+Schwaden, die drohend aufsteigende Gewitterwolke, der fremde Schläfer am
+Waldessaum und dessen bedeutungsvolle Prophezeiung -- Alles stand vor
+ihm, als wäre es erst gestern geschehen. Als er nun alle seine
+Lebensschicksale bis heute im Geiste durchflog, fand er, daß die
+Prophezeiung eingetroffen war. Was kann mir denn der Versuch schaden,
+daß ich zur Birke gehe und an ihren Stamm klopfe? dachte der Mann.
+Einmal weiß doch hier Niemand, weshalb ich es thue und dann sieht mich
+ja auch jetzt kein Mensch, der mich später wegen meines närrischen
+Beginnens verspotten könnte.
+
+So denkend, näherte er sich der Birke und sah sich eine Weile nach allen
+Seiten um, ob in der Nähe nichts Störendes zu erblicken sei; dann faßte
+er sich rasch ein Herz und klopfte dreimal leise an den Stamm, während
+seine Zunge halb widerstrebend fragte: »Ist der _Krumme_ zu Hause?« Es kam
+keine Antwort. Der Kriegsmann fühlte seinen Mut wachsen, klopfte noch
+einmal stärker, so daß der Stamm wiederhallte und rief mit starker
+Stimme: »Ist der _Krumme_ zu Hause?«
+
+In der Birke erhob sich ein Geräusch und plötzlich stand der fremde
+Mann vor ihm, wie vom Winde hergeblasen. »Nun, mein Lieber!« sagte er
+freundlich -- »es ist sehr gut, daß du mir mein Versprechen in's
+Gedächtniß zurückgerufen hast. Ich glaubte, du habest ganz vergessen,
+was ich dir einst sagte, und es wäre mir sehr leid gewesen, wenn es mir
+deshalb nicht möglich geworden wäre, dir meine Schuld abzutragen.
+Kinder, he!« rief er in die Birke hinein: »wer von euch kann am
+schnellsten sein?« -- »Ich« -- erwiderte eine Stimme -- »kann so schnell
+sein, wie der Vogel fliegt.« -- »Schon gut,« sagte der Krumme, »aber wer
+kann noch schneller sein?« Ein andere Stimme erwiderte: »Ich kann mit
+dem Winde um die Wette laufen!« -- »Wollen wir sehen ob ein anderer noch
+schneller sein kann« -- sagte der Alte und fragte dann zum dritten Male.
+Darauf erwiderte ein feines Stimmchen: »Vater, ich kann so schnell sein,
+wie der menschliche Gedanke!«[26] »Komm, mein Sohn,« rief der Krumme --
+»dich kann ich heute gerade brauchen.« Darauf stellte er einen
+mannshohen, mit Gold- und Silbermünzen gefüllten Sack vor den Kriegsmann
+hin, faßte diesen am Hute und sagte: »Kriegsmann und Hut auseinander!
+und Mann und Sack nach Hause!« Augenblicklich fühlte der Reitersmann,
+wie sein Hut ihm vom Kopfe flog, als er sich aber umsah, wo der Hut
+hingekommen sei -- fand er sich plötzlich daheim in Mitte der Seinigen
+und der gewaltige Geldsack stand neben ihm auf dem Boden. Anfangs hielt
+er das Begegniß für einen Traum, bis er sich endlich überzeugte, daß
+sein Glück ein wirkliches sei.
+
+Da kein Mensch auf ihn als einen Ausreißer fahndete, so kam er endlich
+auf die Vermuthung, daß der abhanden gekommene Hut an seiner Statt im
+Dienste geblieben sei. Vor seinem Tode erzählte er die wunderbare
+Begebenheit seinen Kindern und sprach dabei die Meinung aus: da das
+geschenkte Geld ihm Glück gebracht habe -- so könne der Geber kein böser
+Geist gewesen sein.
+
+[Fußnote 25: Vgl. Boecler u. Kreutzwald S. 112. Der fremde Mann, der
+Krumme, ist nach der Aussage desjenigen der Kreutzwald die Sage
+mittheilte, der _Baumelf_. Vgl. auch Bd. 1, S. 60, Anm. L.]
+
+[Fußnote 26: Man vgl. das Lessingsche Fragment des »Faust«. Die
+Schnelligkeit des menschlichen Gedankens nimmt hier die fünfte Stufe ein
+-- die siebente und höchste Stufe ist -- der Uebergang vom Guten zum
+Bösen. (Faust spricht mit den sieben schnellen Geistern der Hölle.)
+Lessings sämmtl. Schriften, Berl. 1827, Bd. 28, S. 174. L.]
+
+
+
+
+9. Die Stiefmutter[27].
+
+
+Ein noch junger Wittwer hatte zum zweiten Male gefreit, dabei aber seine
+Augen zu Hause vergessen, so daß er ein gar tückisches Weib in's Haus
+gebracht hatte. Ein wahres Hundeleben hatte bei ihr das Töchterchen der
+ersten Frau, welches zwei Jahre alt nachgeblieben war, wie ein Lämmlein.
+Als die Stiefmutter dann selber ein Töchterchen zur Welt gebracht hatte,
+ging es dem Stiefkinde vollends gar jämmerlich. Dennoch ertrug das arme
+mutterlose Geschöpfchen alles Bittere und Schwere, und klagte seine Noth
+Niemanden, als oftmals unter Thränen seinem Gott im Himmel. -- Die
+schlaue böse Stiefmutter wußte vor den Leuten ihre Bosheit zu verstecken
+und geberdete sich so, daß Unkundige glauben konnten, sie verhätschele
+ihre Stieftochter mehr, als ihre eigene leibliche Tochter. Gingen die
+Töchter Sonntags zur Kirche oder sonst wohin auf Besuch, so sah man
+stets die Stieftochter hübscher angezogen als das eigene Kind. Es wohnte
+aber in der Nachbarschaft eine kluge alte Kinderbesprecherin,[28] welche
+die Sache durchschaute und recht gut wußte, wie es der Stieftochter zu
+Hause ging, wenn keine Zuschauer da waren. Wenn diese Alte zuweilen hin
+kam, so streichelte sie heimlich dem Stiefkinde Kopf und Wangen und
+sagte: »Harre aus und hoffe! es bricht schon noch einmal eine bessere
+Zeit für dich an.« Dem Wartenden aber wird die Zeit lang; und als Jahr
+auf Jahr verstrich, ohne ein besseres Leben herbeizuführen, kam die
+Waise zu der Ansicht, daß das Dorfmütterchen ihr nur leere Worte
+vorgeschwatzt habe.
+
+Beide Töchter waren herangewachsen, da kam eines Morgens ein Freier auf
+den Hof. Aber zum Verdruß der Mutter begehrte der Mann nicht ihre eigene
+Tochter, sondern die Stieftochter zur Frau. Die Mutter sagte: »Meine
+Töchter sind beide noch sehr jung, und ihr Nacken ist noch zu schwach
+für das Joch der Ehe[29]; ich will sie nicht so früh verheirathen.« Der
+Mann mochte aber nicht mehr lange warten und man kam endlich überein,
+daß er nach einem halben Jahre mit dem (Freier-) Branntwein wieder
+kommen solle. Die Mutter dachte bei sich: vielleicht gelingt es mir, die
+Sache so zu wenden, daß er dennoch meine Tochter zum Weibe nimmt. Als
+nun der Freier nach einem halben Jahre wieder kam, hatte die Mutter den
+Anzug der Töchter vertauscht und beide so an den Spinnrocken gesetzt,
+daß der in die Stube Tretende nur ihren Rücken erblickte. Der Branntwein
+wurde angenommen und freundlich sagte die Mutter: »Wohlan, lieber
+Freier, wenn das alte Wort Wahrheit redet, so muß das Herz dich zu
+deinem Liebchen ziehen, ohne daß du es siehest. Sage mir jetzt: welche
+von den beiden Spinnerinnen ist dein Schatz?« Der Freier schritt alsbald
+gerade auf den Rocken der Stieftochter zu sagte: »Die Schale ist wohl
+anders aber der Kern steckt doch hier in meinem Schatze.« So mußte denn
+der Freierbranntwein getrunken werden und obgleich der Mutter das Herz
+vor heißem Zorne zu springen drohte, zeigte sie doch dem Freier ein
+freundliches Gesicht. Als der aber fort war, fiel sie ärger als ein
+Hagelwetter über die arme Stieftochter her, die -- so meinte die Frau --
+dem Bräutigam heimlich ein Zeichen gegeben habe.
+
+Am Hochzeitsmorgen putzte sie ihre eigene Tochter mit prächtigen
+Kleidern heraus und hüllte ihr das Gesicht in seidene Tücher ein, so daß
+kaum die Nasenspitze frei blieb, weshalb auch weder Bräutigam noch
+Hochzeitsgäste den Betrug merkten. Die Stelle der Tochter durfte aber
+nicht leer bleiben, deshalb hatte sie eine Strohpuppe gemacht, derselben
+die Kleider ihrer Tochter angezogen und sie an den Heerd gesetzt, so daß
+sie die Gäste glauben sollten, ihr Kind bleibe zu Hause und koche für
+die Hochzeitsgäste, während die Stiefschwester in der Kirche dem Manne
+angetraut werde. Die arme Stieftochter saß aber inzwischen in der
+Riege[30] in einer alten umgestülpten und mit vielem Geröll bedeckten
+Tonne, wie eine Maus in der Falle.
+
+Der Hochzeitstag war noch nicht weit, als die alte Nachbarin dem Mädchen
+zu Hülfe eilte, es aus seinem Gefängniß befreite und ihm befahl dem Zuge
+hurtig nachzulaufen, um in der Kirche die Traurede des Geistlichen
+anzuhören, auf dem Wege zur Kirche aber sangen des Bräutigams
+Schlittensohlen unaufhörlich:
+
+ »Liebchen stöhnet unterem Faß,
+ Hühnchen seufzet unterm Deckel,
+ Zieht dein Pferd doch eine Fremde
+ Ja ein Unhold fährt im Schlitten.«
+
+Der Bräutigam fragte: Was denn die Schlittensohlen so wunderlich
+quiekten? Schlau erwiderte die Schwiegermutter:
+
+ »Schlittensohle tanzt zur Hochzeit
+ Und das Krummholz knarrt vor Freude.«
+
+Die aus dem Fasse befreite Stieftochter lief so rasch sie konnte dem
+Hochzeitszuge zur Kirche nach, aber freilich waren die Beine der Rosse
+viel flinker, so daß sie die Hochzeitsgäste nicht mehr einholen konnte.
+Als sie in die Kirche trat, waren die Ringe schon gewechselt. Was jetzt
+beginnen? Alle Hoffnung war geschwunden. Weinend verließ die betrogene
+und verachtete Braut die Kirche und setzte sich am Wege nieder, wo der
+Hochzeitszug von der Kirche her vorbeifahren mußte. Dort sang sie, als
+der Zug vorbeikam:
+
+ »Haltet, haltet, Hochzeitsgäste,
+ Weile, weile, lieber Bräut'gam!
+ Hast 'ne Fremde mitgenommen
+ Hast dein Hühnchen ja verloren!«
+
+Der Bräutigam fragte wieder, was der Gesang zu bedeuten habe und die
+Schwiegermutter erwiderte: »Ein ungebetener Gast singt albernes Zeug!«
+Aber die Sache schien doch dem Bräutigam durchaus nicht so albern; er
+ließ darum halten, und wollte selbst gehen um zu forschen, was diese
+Posse zu bedeuten habe. Aber der Brautvater schalt ihn und sagte: »Mache
+dich doch nicht zum Gespötte vor den Leuten! Wer wird wenn es zur Freite
+oder zur Hochzeit geht, auf Hundegebell hören? Deinen Schatz hast du im
+Schlitten, jetzt fahre nach Hause ehe die Würste und Kuchen kalt
+werden.« Aber das verachtete Mädchen war hinten auf den Tritt eines der
+Schlitten gesprungen und fuhr so mit den Anderen nach Hause. Als der Zug
+still hielt, bis des Bräutigams Genossen die Bierkannen aus dem Hause
+holten[31], schlüpfte das Mädchen vom Schlitten herunter, setzte sich
+unter einen Wachholderbusch und sang wieder ihren Vers:
+
+ »Haltet, haltet, liebe Gäste,
+ Weile, weile, lieber Bräut'gam!
+ Dir im Schlitten sitzt 'ne Wölfin --,
+ Hühnchen unter dem Wachholder.«
+
+Dem Bräutigam schwoll das Herz vor Unmuth, er wollte jetzt der Sache auf
+den Grund kommen, aber die Mutter und der Brautvater wehrten ihm
+sogleich: »Höre nicht auf das dumme Geschwätz von Eindringlingen, du
+machst dich nur zum Gespötte vor den Leuten!« So unsicher auch der
+Bräutigam geworden war, wagte er doch nicht, das Wort älterer Leute in
+den Wind zu schlagen.
+
+Als man in's Hochzeitshaus gekommen war, wurde die junge Frau aus dem
+Schlitten gehoben und an den Tisch geführt, aber die Tücher wurden ihr
+nicht vom Kopf genommen, so daß der Bräutigam den Betrug nicht gewahr
+werden konnte. Als man sich zum Essen gesetzt hatte, sang das verachtete
+Kind hinter der Thür:
+
+ »Bräutigamchen ist betrogen
+ Hat ein fremdes Theil bekommen!«
+
+Die Schwiegermutter sprang zornig vom Tische auf und sagte: »Jagt mir
+die unverschämten Schmarotzer von der Schwelle!« Aber die Stieftochter
+flüchtete auf den Boden, wo sie so lange warten wollte, bis das junge
+Paar in die Schlafkammer geführt würde. Dem Bräutigam schmeckte weder
+Speise noch Trank mehr, ihn hatten die seltsamen Sänge, die er
+wiederholt vernommen, ganz verstimmt.
+
+Da die junge Frau keine Brüste hatte, wie sie ihrem Geschlechte eigen
+sind, so hatte ihr die Mutter Büschel von Hede unter's Hemd in den Busen
+gestopft. Als nun die Gäste zur Ruhe gingen und auch das junge Paar sich
+in's Schlafgemach begab, sang das bekannte Stimmchen wieder vor dem
+Fenster:
+
+ »Bräutigamchen, liebes Bürschlein!
+ Auf der Brust sind Büschel Hede;
+ Hede giebt dem Kind nicht Nahrung,
+ Noch dem Manne seine Freude.«
+
+Der Bräutigam stand unschlüssig, das Herz war ihm frostiger als ein
+Februarmorgen, als aber die junge Frau eingeschlummert war, eilte er
+sich zu überzeugen, ob der Gesang Wahrheit oder Lüge verkündet habe, und
+siehe! in der That fand sich Hede am Busen statt der Brüste. Jetzt wurde
+dem Männlein der Betrug klar, doch sagte er Niemandem ein Wörtchen
+davon, sondern machte heimlich einen Anschlag, den Frevel zu ahnden. Als
+er andern Tages mit der jungen Frau nach Hause fuhr, fand er am Flusse
+ein Loch im Eise, hielt das Pferd an und that als ob er es tränken
+wolle, packte dann plötzlich die junge Frau bei den Haaren, schleppte
+sie bis an den Rand des Loches und stieß sie dort Kopf unten Füße oben
+unter's Eis. »Besser unbeweibt leben als eine Hedekunkel umarmen,«
+dachte der Mann und fuhr seiner Wege.
+
+Als er am Abend nach Hause kam, fand er zu seiner Ueberraschung sein
+Schätzchen schon vor der Kammer; die alte Nachbarin hatte es heimlich
+dahin geschafft. Der Mann war mit dem Tausche sehr zufrieden, that aber
+keinem Menschen kund, was ihm auf der Hochzeit begegnet war, sondern
+lebte ruhig und glücklich mit seiner jungen Frau weiter.
+
+Ueber ein Jahr später, als die junge Haubenträgerin schon gesegneten
+Leibes gewesen war, und gerade ihr erstes Kind schaukelte, wollte die
+Stiefmutter ihr einen Besuch machen; sie hatte nichts von der
+Vertauschung der Frauen erfahren, sondern meinte, ihre eigene Tochter
+sei die Gattin des Mannes. Daß die Stieftochter sich nach der Hochzeit
+nicht mehr hatte blicken lassen, fand die Mutter ganz natürlich. »Das
+Mädchen hat ein Haar im Hochzeithalten gefunden« -- dachte sie -- »und
+weiß schon im Voraus, wie der Feuerbrand auf ihrem Rücken tanzen würde,
+wenn sie wieder käme.«
+
+Als sie auf der Fahrt zum Schwiegersohn an das Flußufer kam, wo im
+verflossenen Winter der Mann die ihm angetraute Frau ertränkt hatte,
+fand sie eine hübsche Teichrose[32] auf dem Wasser blühen. Die Mutter
+wollte das Blümlein herausziehen und ihrer Tochter mitbringen, daß sie
+sich daran ergötze. Als sie aber die Hand danach ausstreckte, hörte sie
+ein Tönen -- ob es aus der Luft oder dem Wasser kam, konnte sie nicht
+recht unterscheiden, aber Gesang ließ sich also vernehmen:
+
+ »Laß das Blümlein ungepflücket,
+ Nimmer brich das blüh'nde Röslein:
+ Es entsproß aus deiner Tochter,
+ Es erwuchs aus deinem Liebling,
+ Aus dem trauten Herzenspüppchen.«
+
+Die Mutter erschrak über das, was sie vernommen; sie wußte nichts
+besseres zu thun, als einen Weisen aufzusuchen, dessen Zauberkraft das
+Töchterchen aus der Blumenhaft befreien könne. Mit Hülfe dieses Weisen
+erhielt denn auch die Teichrose ihre Menschengestalt zurück und so kam
+die Mutter wieder zu ihrer verlorenen Tochter, und fuhr mit ihr nach
+Hause zurück. Hier begann sie mit sich zu Rathe zu gehen, wie der
+Schwiegersohn, der ihr theures Kind im Flusse ertränkt hatte, am besten
+zu bestrafen wäre. Nachdem sie lange fruchtlos hin und her gesonnen
+hatte, ging sie wieder zum Weisen und bat ihm um Hülfe. Der Weise
+versprach, die Tochter in eine Katze zu verwandeln und so in den Hof des
+Schwiegersohnes zu schicken, dort sollte die Katze bei Nacht in aller
+Stille dem Kinde der Stiefschwester die Kehle dermaßen zerkratzen, daß
+das Kind nicht wieder aufwachen würde. Aber die alte
+Kinderbeschwichtigerin, welche eine nicht minder verschlagene Zauberin
+war, lief voraus in des Schwiegersohnes Hof, wo sie noch vor der Katze
+ankam; sie unterrichtete die Frau und sagte: »Wenn die fremde Katze am
+Abend in die Stube kommt, so gieb ihr Milch zu lecken, streichle sie und
+locke sie auf deinen Schooß. Alsdann versenge ihr mit heißer Asche
+Krallen und Pfoten und wirf sie zur Thür hinaus.« Die junge Frau
+erfüllte genau die Vorschrift des Dorfmütterchens und hörte dann noch
+eine gute Weile, wie die Katze draußen schmerzlich wimmerte.
+
+Am folgenden Tage wurde in der Nachbarschaft ruchbar, daß die Tochter,
+welche in Katzengestalt gegangen war, plötzlich schwer krank geworden
+sei, so daß sie nicht aufstehen konnte. Hände und Füße waren in Lappen
+gewickelt, aber welcherlei Schaden sie genommen hatte, das erfuhr
+Niemand, da Mutter und Tochter über den bösen Vorfall schwiegen. Die
+Mutter aber sann Tag und Nacht auf nichts weiter, als wie sie dem
+Schwiegersohne und der Stieftochter Schlimmes zufügen könnte. Sie
+dachte: wenn der Weise _mich_ in ein Thier verwandelt, so wird die Sache
+besser gehen: ich werde ihnen die verbrannten Hände und Füße meiner
+Tochter mit Zinsen heimzahlen. Der Zauberer verwandelte sie in einen
+Hund, schlug heimlich des Schwiegersohnes Hund todt, balgte ihn ab und
+zog die Haut über die zum Hunde umgewandelte Mutter, so daß des
+Schwiegersohnes Hausgesinde das Thier für den eigenen Hund halten
+sollte. Aber die Kinderbeschwichtigerin war wieder schneller; sie lief
+auf des Schwiegersohnes Hof und sagte: »Euer Hofhund droht toll zu
+werden, er läuft umher und sucht Menschen und Thiere zu beißen. Drum
+haltet ihn fest, wenn er den Abend nach Hause kommt, legt ihm einen
+Strick um und schlagt ihn die Zähne aus dem Maule, schneidet ihm auch
+die Ohren ab, dann wird Niemand ihn zu fürchten haben.« Der Mann that
+nach der Zauberin Geheiß, zerschmetterte dem Hunde die Zähne mit einem
+Steine, schnitt ihm die Ohren glatt vom Kopfe und trieb ihn dann hinaus.
+Man hörte draußen noch lange das Schmerzgeheul des Hundes.
+
+Den andern Morgen aber lag die in Hundsgestalt umgegangene
+Schwiegermutter schwer krank im Bette, der Mund geschwollen und blutig,
+die Ohren in Tücher gewickelt. Weder Mutter noch Tochter hatten jetzt
+noch Lust zum dritten Male ihr Heil zu versuchen, obwohl sie im Stillen
+hin und her dachten, wie sie einmal dem Tochter- und Schwestermann Alles
+heimzahlen könnten. Sie versprachen dann dem Weisen eine sehr große
+Belohnung und zahlten ihm den dritten Theil als Handgeld voraus, damit
+er ohne ihr Zuthun selber die Züchtigung vollstrecken möge. Wohl
+versuchte jetzt der Weise allerlei List und Ränke, aber die
+zauberkundige Kinderbeschwichtigerin machte alle seine Künste zu nichte,
+so daß der Alte endlich froh war, nur mit heilen Gliedmaßen davon zu
+kommen.
+
+Die ohne Trauung in die Ehe getretene Stieftochter lebte bis an ihr Ende
+glücklich mit ihrem Manne. Gott hatte ihnen fünf Kinder gegeben, die
+alle schon ihr Geschäft hatten, als ihre Eltern aus dieser Welt
+schieden. Von der Stiefmutter und ihrer eigenen Tochter hat man nie
+wieder etwas gehört.
+
+[Fußnote 27: Vgl. das in manchen Zügen verwandte Märchen 15 im ersten
+Bande: »Rõugutaja's Tochter« und m. Anm. daselbst. L.]
+
+[Fußnote 28: Vgl. Anm. zu Bd. 1, S. 203. L.]
+
+[Fußnote 29: Wörtlich: ihr Hals kann die Haube noch nicht tragen.]
+
+[Fußnote 30: Dresch- oder Darrscheune. L.]
+
+[Fußnote 31: Vgl. Boecler-Kreutzwald, S. 30. Der letztere sagt hier:
+»Der Brautzug macht etwa eine Werst vor dem festlichen Hochzeitshause
+halt, damit die Frauen ihre Toilette ordnen können, während einer von
+den Bräutigams-Buben vorausreiten und den Zug anmelden muß. Bald sprengt
+der eilende Bote zurück, mit einer hohen Bierkanne beladen, aus der
+zuerst das Brautpaar, dann sämmtliche Gäste getränkt werden. Den Rest
+trinkt der Ueberbringer selbst mit Wohlbehagen, damit er einen Sohn
+erzeuge, wenn er einst in den Ehestand treten wird. »Wer den Bodensatz
+trinkt, bekommt einen Sohn« ist Sprichwort.« L.]
+
+[Fußnote 32: Vgl. Bd. 1, S. 13. L.]
+
+
+
+
+10. Klugmann in der Tasche.
+
+
+Ein junger Mann hatte sich einst auf einer Wanderung an einem großen
+Steine niedergelassen um sein Mittagsbrot zu essen, und nachdem er sich
+gesättigt hatte, streckte er seine müden Glieder der Länge nach auf den
+Rasen aus, das Haupt an den Stein lehnend. Im Schlafe wurde er von
+närrischen Träumen geweckt, es war, als ob ein leises summendes
+Stimmchen ihm unaufhörlich in's Ohr sang, aber was noch wunderlicher
+war, auch beim Erwachen verstummte das Gesumme nicht, sondern dauerte
+noch fort. Es kam dem Manne vor, als wenn das Stimmchen aus dem Steine
+oder unter demselben hervordränge. Lauschend legte er das Ohr an den
+Stein und vernahm deutlich, daß das Gesumme da heraus kam. Als er
+schärfer hinhorchte, konnte er auch allmählich die Worte verstehen:
+»Glückskind! befreie mich aus der ewig langen Gefangenschaft! Schon
+siebenhundert Jahre dulde ich durch Zaubermacht hier schwere Pein, die
+gleichwohl meinem Leben kein Ende macht. Du bist bei Sonnenaufgang am
+Himmelfahrtstage zur Welt gekommen und du allein kannst mich aus dem
+Kerker befreien, wenn du nur den guten Willen hast zu helfen.« Der junge
+Mann antwortete zweifelnden Sinnes: »Wer weiß, ob die Kraft mit dem
+Willen gleichen Schritt hält! Erzähle mir erst dein Unglück
+ausführlicher und dann gieb mir an, was ich zu deiner Rettung
+unternehmen kann?«
+
+Das verborgene Stimmchen sagte: »Schneide da, wo drei Hofgüter
+zusammenstoßen, einen Ebereschenzweig von Fingersdicke und Spannenlänge,
+nimm eine Handvoll Bärlapp und Hexenkraut[33], zünde Alles zusammen an
+und beräuchere damit, indem du neun Mal gegen den Sonnenlauf um den
+Stein wandelst, den ganzen Stein, so daß auch kein Fleckchen vom Geruche
+unberührt bleibt: dann werden sich die Pforten meines Kerkers aufthun,
+so daß ich wieder an's Tageslicht treten und an die Luft kommen kann.
+Mein Dank für deine Wohlthat soll grenzenlos sein, du sollst durch mich
+ein großer Herr werden.«
+
+Der Mann stand eine Weile nachdenklich, dann sagte er: »Dem Nächsten in
+der Noth zu helfen, ist eines jeden Christenmenschen Pflicht, und wenn
+ich in diesem Augenblicke auch nicht wissen kann, ob du ein guter oder
+böser Geist bist, so will ich dich dennoch aus deiner Noth befreien.
+Aber bevor ich das thue, mußt du mir feierlich geloben, daß für keinen
+Christenmenschen aus deiner Freiwerdung Schaden entstehen wird.« Der im
+Stein Gefangene gelobte dies eidlich und wiederholte seine
+Versprechungen in Bezug auf den Rettungslohn. Jetzt ging der Mann in den
+Wald, um die erforderlichen Hölzer und Kräuter zum Räuchern zu suchen.
+Zum Glücke wußte er einen Ort, der nicht allzuweit entfernt war und wo
+die Grenzen von drei Landgütern zusammenstießen. Dennoch dauerte das
+Aufsuchen der erforderlichen Dinge bis zum Mittag des andern Tages, so
+daß er erst kurz vor Abend zurück kam.
+
+Bald nach Sonnenuntergang begann er mit der Beräucherung des Steines,
+ging der Vorschrift gemäß neun Mal gegen Morgen um den Stein herum und
+trug Sorge, daß auch nicht der kleinste Fleck unberäuchert blieb. Als er
+eben den neunten Umgang beendigt hatte, erscholl ein plötzlicher Krach,
+als ob der Erdboden geborsten wäre, in demselben Augenblick hob sich der
+große Stein und stieg drei Klafter hoch empor. Ein Männlein sprang wie
+der Wind aus der Grube heraus und lief spornstreichs davon. Er war noch
+nicht fünf Schritt weit gekommen, so fiel der Stein in seine Vertiefung
+zurück, den Retter und Geretteten mit Staub und Schutt bedeckend. Dann
+kam der Gerettete auf seinen Retter zu, umarmte ihn dankend und wollte
+ihm Hände und Füße küssen, was aber der junge Mann nicht zuließ. Beide
+setzten sich nun am Steine auf den Rasen nieder und das befreite
+Männlein begann folgendermaßen seine Lebensgeschichte zu erzählen:
+
+»Ich war zu meiner Zeit ein sehr berühmter Zauberer, that den Leuten
+viel Gutes und erhielt dafür reichliche Bezahlung. Ich heilte Menschen
+und Thiere, wenn ihnen etwas zustieß; ebenso vereitelte ich die
+schädlichen Werke böser Hexen. Deßwegen haßten mich diese und fürchteten
+mich wie das Feuer, weil ich ihnen in allen Stücken überlegen war. Sie
+pflogen unter einander vielfältig Rath, wie sie mir Fallstricke legen
+könnten, aber meine Kunst machte alle ihre Anschläge zu Schanden, so daß
+mir kein Schaden daraus erwuchs. Endlich legten sie eine Menge Geld
+zusammen, schickten damit einen verschlagenen Boten nach Nordland und
+ließen von da einen starken Mona-Zauberer[34] zu Hülfe kommen. Dieser
+Schelm bemächtigte sich meiner mehr durch List als durch Gewalt, stahl
+mir heimlich meine Zauberwerkzeuge und sperrte mich unter dem Steine da
+ein, wo ich so lange Zeit Pein leiden sollte, bis ein Glücksfall einen
+Mann herführen würde, der am Himmelfahrtsmorgen bei Sonnenaufgang
+geboren worden. Siebenhundert Jahre hatte ich umsonst auf diesen
+glücklichen Augenblick gewartet, da kamst du her, erhörtest liebreich
+meine Bitten und wurdest mein Befreier. Dank, unendlichen Dank dir für
+diese Wohlthat; so lange meine Lebenstage dauern, will ich dir danken.
+Ich will dir ohne Lohn Tag und Nacht dienen, alle meine Stärke und
+Klugheit zu deiner Beglückung aufwenden, bis ich dich so hoch erhoben
+habe, als ein Sterblicher nur steigen kann. Erst wenn ich dir dieses
+Gelöbniß erfüllt habe, will ich dich mir selbst zu Hülfe rufen, um mit
+deinem Beistande meinem Feinde seine Bosheit zu vergelten, sollte ein
+glücklicher Zufall ihn mir vor Augen bringen. Bis zu dem Tage will ich
+mich vor den Augen der Menschen verborgen halten, damit meine Feinde
+nichts von meiner Befreiung erfahren. Ich vermag durch Zauberkraft mich
+in jede beliebige Gestalt zu verwandeln, sie sei groß oder klein. Um dir
+nun nicht beschwerlich zu fallen, will ich mich in einen Floh verwandeln
+und in deiner Hosentasche wohnen. Wenn du irgend je meiner Hülfe und
+meines Rathes bedarfst, so komme ich aus der Tasche hervor und springe
+dir hinter's Ohr, um dir zu rathen, was du vornehmen sollst. Um meinen
+Lebensunterhalt darfst du dir keine Sorge machen: ich habe siebenhundert
+Jahre ohne Nahrung unter dem Steine zugebracht, was sollte mir denn in
+freier Luft und im Sonnenschein fehlen? Jetzt wollen wir uns schlafen
+legen und morgen früh mit einander aufbrechen, um unser Glück zu
+versuchen.«
+
+Als der Geist oder Zauberer -- oder wer er sonst sein mochte -- seine
+Erzählung beendet hatte, nahm der junge Mann ein wenig Abendbrot zu sich
+und legte sich zur Ruhe. Als er am andern Morgen erwachte, stand die
+Sonne schon hoch über dem Horizont, aber der Gefährte von gestern Abend
+war nirgends zu sehen. Noch im Schlafe befangen, wußte der junge Mann
+nicht, was er von der Sache halten sollte: ob die gestrigen Ereignisse
+ihm wirklich begegnet, oder blos ein nächtliches Traumgesicht gewesen
+seien? Nachdem er gefrühstückt, wollte er sich eben auf den Weg machen,
+als drei Wandrer desselben Wegs daher kamen. Sie waren gekleidet wie
+Handwerksburschen und trugen lederne Ranzen an Riemen auf dem Rücken.
+Plötzlich fühlte unser junger Freund ein Kitzeln hinter dem Ohr und es
+drang ihm wie ein feines Mückengesumme in's Gehirn: »Berede die
+Wanderer, sich auszuruhen und erkunde von ihnen, wohin sie wollen.«
+Jetzt erst fiel es ihm ein, welch' ein Abkommen sein Gefährte mit ihm
+getroffen durch das Versprechen, sich in der Hosentasche aufzuhalten und
+sein Rathgeber zu sein. Die gestrigen Ereignisse waren also kein Traum
+gewesen.
+
+Der Flohträger trat nun grüßend auf die Herankommenden zu, und lud sie
+freundlich ein, am Steine niederzusitzen, um dann selbviert mit einander
+weiter zu gehen, falls sie einen und denselben Weg hätten. Die
+wandernden Handwerksburschen erzählten ihm dann, was für ein großes
+Unglück in der Königsstadt vor einigen Tagen sich begeben habe, da des
+Königs einzige Tochter beim Baden im Flusse ertrunken sei, und obwohl
+das Wasser dort gar keine Tiefe habe, so sei doch unmöglich den Leichnam
+aufzufinden, so daß es den Anschein habe, als sei die Königstochter im
+Wasser zerflossen. Der Flohträger fühlte wiederum das bekannte Kitzeln
+und sein heimlicher Rathgeber summte ihm in's Ohr: »Gehe mit ihnen, du
+kannst dort dein Glück machen.« Der Hörer that, wie ihm geheißen und
+gesellte sich ihnen zu.
+
+Als sie schon eine gute Strecke zurückgelegt hatten, führte ihr Weg sie
+durch einen dichten Kiefernwald, wo ein alter zerfetzter Kober am Rande
+eines Grabens auf der Landstraße lag. Der Ohrkitzler sagte: »Nimm den
+alten Kober auf, er wird euch auf der Reise von Nutzen sein!« Wenn
+gleich der Mann dieser Versicherung kaum Glauben schenkte, hob er doch
+den fast auseinanderfallenden Kober auf, hing ihn um und sagte
+scherzend: »Der Mensch muß nichts verachten, was er zufällig am Wege
+findet, wer weiß, was uns der Koberfetzen für Nutzen bringen kann.« Die
+Gefährten erwiderten lachend: »Unserthalben nimm ihn, wenn du magst,
+wenigstens wird ein leerer Kober deine Schultern nicht ermüden.« Wohl
+sollten sie einige Stunden später die geheime Kraft des Kobers kennen
+lernen und dem Manne danken, der das verachtete Ding aufgehoben hatte.
+
+Die brennende Mittagssonne hatte den Männern zum Dampfen heiß gemacht;
+sie setzten sich unter einen breiten astreichen Baum um auszuruhen und
+wollten eben einen Bissen Brot zu sich nehmen, wie ihn jeder in seinem
+Sacke mit sich führte, als der Ohrkitzler seinem Wirthe zuraunte:
+»Befiehl dem Kober, euch zu essen zu geben!« -- Der Mann dachte: will er
+_mich_ zum Besten haben, warum soll ich Andere verschonen? ich will ihnen
+auch einen Possen spielen. Er nahm den Koberfetzen vom Halse, stellte
+ihn vor sich auf den Rasen hin, klopfte mit seinem Stocke darauf und
+rief: »Koberchen! Koberchen! schaff uns Speise!« Hat man auf der Welt
+etwas Wunderbareres gesehen oder gehört, als was jetzt geschah? Aus dem
+Spaße wurde sofort Ernst. Anstatt des Kobers stand ein kleiner mit
+weißem Leinen gedeckter Eßtisch da, der war ganz mit vollen Schüsseln
+besetzt, vier Löffel lagen daneben; und was für Leckerbissen gab es da!
+Eine Suppe von frischem Fleische, Schweinebraten, Würste, Kuchen von
+gebeuteltem Mehle, dann zur Löschung des Durstes Flaschen mit Bier, Wein
+und Meth. Die Männer griffen ungebeten zu, als säßen sie an einer
+Hochzeitstafel, denn all' ihr Lebtage hatten sie keine besseren Gerichte
+gekostet. Als sie satt waren und Keines mehr Speise und Trank begehrte,
+verschwand der Tisch so plötzlich, wie er gekommen war und blieb nichts
+zurück, als der alte Kober. Hatten die drei anfangs den Koberträger
+verlacht, so hätte jetzt jeder gern das kostbare Geschenk auf den Rücken
+genommen, so daß schon ein Zank darüber auszubrechen drohte. Da sagte
+der Finder: »Ich habe das schlechte Ding aufgehoben, darum bin ich auch
+berechtigt, mich für den Eigenthümer zu halten.« Die andern wagten
+nicht, seine Behauptung Lügen zu strafen, sondern mußten den Kober
+seinem Finder überlassen. Doch sollte der Nahrungsspender nicht mehr so
+wie früher am Halse getragen werden, sondern einer der Wanderer, ein
+gelernter Schneider, nahm Nadel und Zwirn aus seinem Ranzen und machte
+aus einem Brotsacke einen Ueberzug für den Kober, in welchen dieser
+vorsichtig eingehüllt wurde, damit er unterwegs nicht beschädigt würde.
+
+Als die Männer einige Stunden nach der Mittagsmahlzeit geruht hatten,
+machten sie sich wieder auf den Weg. Ein gesättigter Magen und ein von
+Hoffnung gehobenes Herz sind die allererheiterndsten Begleiter auf der
+Wanderung. Das sah man auch an unseren Wanderern, welche singend und
+scherzend dahin zogen. Am Abend wurde unter einem Gebüsche eine
+Lagerstelle für die Nacht bereitet, und das Koberchen gab ihnen, wie am
+Mittage, reichlich Speise und Trank. Beim Schlafengehen machte es den
+Männern die meiste Sorge, wie sie während der Nacht den Kober hüten
+sollten, daß keine Diebsfinger daran kämen. Endlich wurde ausgemacht,
+daß alle vier ihre Köpfe auf den Kober nebeneinander legen sollten, so
+daß der eine seine Füße nach Süden, der andere nach Norden, der dritte
+nach Osten und der vierte nach Westen streckte. Der Finder befestigte
+außerdem noch das eine Ende seines Gurts an den Kober und das andere an
+seine linke Hand, so daß er augenblicklich fühlen mußte, wenn man etwa
+den Kober abschneiden wollte. Obgleich nun ihr Nahrungsspender[35] gar
+nicht besser gehütet sein konnte, so wurden doch die Männer oft durch
+unruhige Träume aus dem Schlafe geweckt, und da war es immer eines Jeden
+erste Bewegung, mit der Hand nach dem Kober zu fassen, um zu sehen, ob
+das kostbare Ding noch da sei.
+
+Als sie am Morgen aufstanden, bereitete ihnen das Koberchen auf ihr
+Geheiß ihr Frühstück. Und so herrlich ging es Tag für Tag weiter, bis
+sie nach einer Woche in die Königsstadt kamen. Hier flüsterte der
+Ohrenbläser seinem Retter in's Ohr, daß ein böser Nix die verschwundene
+Königstochter in seinen Schlupfwinkel gebracht habe -- er wolle ihn aber
+dahin führen, wo die Jungfrau verborgen gehalten werde.
+
+Zuvor aber hieß er den Mann vor den König treten und diesem melden, er
+habe sich zu dem Versuche entschlossen, die verschwundene Königstochter
+aus dem Flusse zu holen. Für den Fall aber, daß ihm dabei ein Unglück
+zustieße, so daß er nicht mit dem Leben davon käme, solle der König
+geloben, die Hälfte des Lohnes seinen, des Unglücklichen, Eltern zu
+schicken und die andere Hälfte unter die Armen der Stadt zu vertheilen.
+Obwohl nun der König nicht die geringste Hoffnung hatte, nach so langer
+Zeit noch eine Spur der verstorbenen Tochter wiederzufinden, nahm er
+dennoch des jungen Mannes Anerbieten freundlich an und versprach mit dem
+Lohne so zu verfahren, wie jener gewünscht. Am folgenden Tage sollte der
+Versuch unternommen werden. Als unser Freund das Haus des Königs
+verließ, summte der Ohrenkitzler: »Fange dir heut Abend drei Krebse, die
+werden dir den Weg zeigen.« Der Mann that, wie geboten.
+
+Am folgenden Tage strömte das Volk in dichten Schaaren[36] an's Ufer, wo
+der Mann in den Fluß gehen sollte, um die verschwundene Königstochter zu
+suchen, und auch der König selbst kam in Begleitung vieler Großen, um
+den Versuch mit anzusehen. Dann wurden die Zofen gerufen um die Stelle
+zu zeigen, wo des Königs Tochter untergegangen sei, denn die Mädchen
+hatten an jenem Tage am Ufer gesessen und den unglücklichen Vorfall mit
+angesehen. Soviel begriff Jedermann augenblicklich, daß man an der
+bezeichneten Stelle nicht ertrinken konnte; die Tiefe betrug nicht ganz
+drei Fuß, der Grund war fest und die Strömung schwach. Wenn man etwa
+dreihundert Schritt weiter hinab ging, so stieß man allerdings auf eine
+Tiefe, aber wie konnte die Königstochter so weit abwärts gekommen sein?
+Mit natürlichen Dingen konnte es hier nicht zugegangen sein. Der
+Rathgeber summte dem Manne in's Ohr: »Laß heimlich einen Krebs frei und
+gieb Acht, wohin er geht.« Der Mann befolgte das Gebot ungesäumt, that
+als wollte er mit der Hand die Wassertiefe messen und ließ, ohne daß die
+Leute es merkten, einen Krebs in's Wasser. Der Krebs schwamm zwanzig
+Schritt flußabwärts, wandte sich dann plötzlich links und verschwand in
+der Uferwand. Ganz denselben Weg nahmen der zweite und dritte Krebs.
+Jetzt summte der Rathgeber dem Manne in's Ohr: »den Weg wissen wir nun,
+dahin müssen wir. Schlage dreimal mit der linken Ferse auf's Ufer und
+dann spring kopfüber in's Wasser, so werden wir wohl an's Ziel kommen.«
+Der Mann that, wie ihm geboten war, stampfte dreimal das Ufer und sprang
+dann kopfüber in den Fluß, so daß über ihm der Schaum zusammenschlug.
+Das Volk harrte schweigend der Dinge, die nun kommen würden.
+
+In der Uferwand fand der Mann die Mündung eines Schlupfwinkels, in die
+ein menschlicher Körper leicht hineinkriechen konnte. »Krieche in die
+Höhle!« rief der Rathgeber. Als der Mann ein Weilchen mühsam vorwärts
+gekrochen war, wurde der dunkle Gang auf einmal weit genug, daß er
+aufrecht gehen konnte. Der Rathgeber trieb ihn an, dreist
+vorzuschreiten, da Unheil nicht zu befürchten sei. Eine Strecke
+weiterhin dämmerte ein schwacher Schimmer auf, bis sich endlich der Mann
+wieder in voller Helligkeit befand. Da stand auf weitem grünen Plane vor
+ihm, noch über eine halbe Werst weit, ein großes, aus blauem Steine
+aufgeführtes Wohnhaus. »Merke auf das, was ich dir jetzt sagen will --
+sprach der Rathgeber -- und führe Alles pünktlich aus, sonst kannst du
+die Königstochter nicht aus ihrem Kerker befreien. Sie lebt dort in dem
+blauen Hause des Nixen. Zwei Bären halten Tag und Nacht Wache vor der
+Pforte, so daß kein lebendes Wesen heraus noch hinein kann. Diese
+Wächter müssen wir kirre machen. Nimm also, wenn wir hinkommen, dein
+Koberchen und gebiete ihm, sich in einen Bienenstock zu verwandeln.
+Diesen wirf den Bären vor und dann schlüpfe hinter ihrem Rücken in's
+Haus. Dort werde ich dir weitere Anleitung geben.« Als der Mann an die
+Pforte kam, hörte er das Brummen der Bären und da wurde ihm schon bange,
+als er aber die häßlichen Thiere durch die Spalte erblickt hatte, sank
+ihm das Herz vollends in die Hosen. Doch nahm er das Koberchen von der
+Schulter und gebot ihm, zum Bienenstocke zu werden. Augenblicklich stand
+ein großer Bienenstock vor ihm, so schwer, das der Mann ihn nicht heben
+konnte. Die Bären aber hatten den Geruch des Honigs gewittert, stießen
+die Pforte selber auf und stürmten auf den Bienenstock los, so daß sie
+gar nicht Zeit hatten, den Mann zu bemerken. Dieser eilte hinter ihrem
+Rücken in den Hof und von da flugs in die Hausthür, die glücklicherweise
+nicht verschlossen war. Dann sagte der Rathgeber: »Vor der Kammer rechts
+steckt ein goldener Schlüssel, drehe denselben im Schlosse um und stecke
+ihn in die Tasche, so kann der alte Nix nicht heraus. In der Kammer
+links, vor welcher ein silberner Schlüssel steckt, sitzt die
+Königstochter gefangen, die du befreien mußt.«
+
+Als der Mann den goldenen Schlüssel umgedreht hatte, hörte er in der
+Kammer ein so gräßliches Gebrülle, daß die Wände erbebten! Er aber
+steckte den Schüssel in die Tasche und eilte an die Thür, in welcher der
+silberne Schlüssel stak. Als er die Thür geöffnet hatte, erblickte er
+die Königstochter, die traurig, in halb sitzender Stellung, auf einem
+Bette ruhte. Beim Anblick des fremden Mannes erschrak sie, als er aber
+erklärt hatte, er sei gekommen, sie aus ihrem Gefängniß zu befreien,
+sprang sie freudig vom Bette auf. Der Jüngling sagte: »Wir dürfen hier
+nicht länger weilen, sondern müssen uns sofort auf den Weg machen, ehe
+die Bären mit ihrem Bienenstocke fertig werden.« Dann nahm er die
+Königstochter bei der Hand und führte sie vor die Thür. Die mit dem
+Bienenstock beschäftigten Bären achteten der Kommenden nicht. Auf den
+Zehen leise tretend, kamen sie hinter den Bären zur Pforte hinaus. Der
+Mann verschloß die Pforte von außen, damit die Bären nicht heraus
+könnten und machte sich dann eilends davon. Der Rathgeber summte ihm
+in's Ohr: »Rufe das Koberchen zurück!« Da rief der Mann: »Koberchen,
+Koberchen! komm heim!« Flugs hing das Koberchen an seinem Halse. Als sie
+an den Höhleneingang kamen, sagte der Jüngling zur Königstochter:
+»Fürchtet weder das Dunkel, noch weiterhin die Enge des Weges, wir
+gelangen nach kurzer Zeit wieder an's Tageslicht. Wenn wir in's Wasser
+kommen, so machet die Augen fest zu, bis ich euch an's Ufer getragen
+habe.« Als er vorwärts schritt, fand er den Hohlweg nach dem Flusse zu
+viel breiter als vorhin, so daß beide bequem durch konnten. Im Flusse
+umfaßte er die Königstochter mit beiden Armen und trug sie an den
+trockenen Strand.
+
+Die meisten Zuschauer waren schon nach Hause gegangen, weil sie die
+Hoffnung auf die Rückkehr des Suchenden aufgegeben hatten. Der König und
+die ihm näher stehenden Großen waren aber noch am Ufer geblieben und
+besprachen das unglückliche Ereigniß, als plötzlich zwei Köpfe auf der
+Oberfläche des Wassers sichtbar wurden. Wer vermöchte die Freude des
+Königs und der Leute zu beschreiben, als statt des erwarteten todten
+Körpers die Jungfrau frisch und gesund an's Ufer kam. Der König fiel
+bald seiner Tochter, bald ihrem Retter um den Hals, und vergoß
+Freudenthränen und mit ihm weinte der umstehende Haufe. Als aber die
+Freudenbotschaft mit der Schnelligkeit des Windes sich in der Stadt
+verbreitet hatte, strömten die Menschen zu Tausenden herbei, um das
+Wunder zu sehen. Auf des Königs Geheiß mußte der Retter seiner Tochter
+im königlichen Schlosse Wohnung nehmen, wo ihm ein königlicher Lohn
+ausgezahlt wurde; dreimal so viel als bedungen war.
+
+Als sich der junge Mann am Abend in seinem Prachtbett schlafen legen
+wollte, summte der Ohrenkitzler: »Du darfst hier nur ein Paar Tage
+bleiben, dann müssen wir wieder weiter ziehen, denn du bist nun mit
+einem Male zum reichen Manne geworden. Ich glaube, daß dich der König
+mit der Zeit zum Schwiegersohne nehmen würde, was ich dir aber nicht
+empfehlen darf. Du bist noch jung und unreif und würdest für eine solche
+Ehre nicht taugen. Wollen wir lieber noch in der Welt umherstreifen, bis
+du älter und klüger wirst.« Wiewohl dieser Rath dem jungen Manne nicht
+sehr mundete, bedachte er doch noch zu seinem Glücke, daß ihm bisher
+alle Vorschriften des kleinen Klugmanns in seiner Tasche Nutzen
+gebracht hatten; darum wollte er auch jetzt dem Wunsche seines
+Rathgebers nachkommen.
+
+Der König und seine Tochter baten nun allerdings den Befreier, er möge
+auf längere Zeit bei ihnen als Gast bleiben, aber der Jüngling wollte
+sich ihren Bitten nicht fügen, weil ihm der Ohrenkitzler anders gerathen
+hatte. Als reicher Mann brauchte er nun nicht mehr zu Fuße zu gehen,
+sondern konnte, wenn er wollte, in einer prächtigen Kutsche fahren. Da
+er jedoch keine Eile hatte und das Koberchen alle Tage die nöthige
+Nahrung bot, so schweifte er meist in gewohnter Weise, mehr auf eigenen
+als auf Rosses Beinen umher. Eines Tages ruhte er gerade von einem
+Marsche aus, da kitzelte es ihn wieder hinter dem Ohre und das Stimmchen
+summte: »Man verfolgt dich und möchte dir das Koberchen mit Gewalt
+entreißen, denn deine früheren Gefährten haben den Leuten in der Stadt
+von dem wunderbaren Kostgeber erzählt und alle Welt möchte ihn besitzen.
+Brich dir von einem Eichbaum einen tüchtigen Knüttel, so lang, daß er
+bequem im Kober Platz hat, höhle dann das eine Ende aus und gieße
+geschmolzenes Blei hinein, so wirst du einen wackeren Bundesgenossen
+gegen deine Feinde haben.« Der Mann kam diesem Geheiß nach, machte sich
+den Knüttel zurecht und steckte ihn in den Kober. Am Mittmorgen des
+folgenden Tages, als unser Freund gerade durch einen dichten Wald ging,
+sprangen zehn Männer hinter Bäumen hervor und wollten ihn berauben. Der
+Ohrenkitzler summte ihm in's Ohr: »Rufe den Knüttel aus dem Kober!« Der
+Mann that es und siehe, welch' ein Wunder da geschah! Der Knüttel wurde
+stracks lebendig, sprang aus dem Kober und begann die Feinde
+durchzubläuen, bis sie nach kurzer Zeit mit blutigem Rücken davon liefen
+und dann viele Tage an ihren Wunden zu bähen hatten, bis sie heilten.
+
+An einem schönen Sommerabende kam unser Wanderer in ein großer Dorf, wo
+das junge Volk sich gerade auf dem Anger erlustigte. Da schaukelten sich
+junge Frauen und Mädchen unter Gesang auf der Dorfschaukel, während
+Andere nach der Sackpfeife sich auf dem glatten Rasen im Tanze drehten.
+Plötzlich fühlte unser Freund, der dem Treiben zusah, das Kitzeln hinter
+dem Ohre und das Stimmchen summte: »Zur glücklichen Stunde sind wir
+hierher gekommen, weil nämlich mein Feind an der Lustbarkeit Theil
+nimmt. Wenn der Plan, den ich mir ausgesonnen, gelingt und du deinen
+Pact dabei geschickt auszuführen weißt, so werden wir heute seiner
+habhaft und ich kann ihm den verdienten Lohn mit Zinsen heimzahlen.
+Betrachte dir genau die Schaar der Mädchen, du findest darunter eine,
+die statt der Perlen ein hübsches buntes fingerdickes Band um den Hals
+geschlungen hat. Dieses Mädchen mußt du zum Tanze auffordern, im
+schnellsten Drehen ihr buntes Band packen und es augenblicklich entzwei
+reißen, ohne dich darum zu kümmern, ob du das Mädchen dabei erwürgen
+könntest! Ihr Leben ist zäher als das einer Katze und wird von deinem
+Zerren nicht erlöschen.«
+
+Der Mann gesellte sich sogleich zu den tanzenden Mädchen, aber es
+dauerte eine Weile, ehe er die Bandträgerin herausgefunden hatte; es war
+eine lange, kraushaarige Dirne, welcher die Bursche nicht viel Zeit zum
+Ausruhen gönnten. Als der Gebieter des in seiner Tasche steckenden
+Zauberers einen Augenblick erspäht hatte, wo das Mädchen aus dem Arme
+eines Tänzers frei geworden war, forderte er es zum Tanze auf. Mitten im
+raschesten Tanz ergriff er mit der rechten Hand das bunte Halsband und
+riß es entzwei, so daß die Stücke weit auseinander flogen. Ein
+gräuliches Wehgeheul -- und das Mädchen war verschwunden. Die Leute
+erschraken über das häßliche Geschrei und sahen dann, wie ein grauer
+Mann mit einem Ziegenbart in großer Eile in den Wald hinein lief, ein
+anderer etwas längerer Mann aber dem Flüchtigen hart auf den Fersen war,
+so daß jener schwerlich hoffen konnte, zu entkommen. Die Entfernung und
+die Abenddämmerung entzogen Beide den Augen der Anwesenden, weßhalb nach
+einer Weile die jungen Leute die Lustbarkeit fortsetzten, als ob keine
+Unterbrechung eingetreten wäre.
+
+Unser Freund sah dem Treiben des jungen Volkes noch eine Weile zu und
+ging dann fürbaß, um ein ruhiges Nachtlager aufzusuchen. Nicht gar weit
+vom Dorfe hörte er Jemanden mit raschen Schritten hinter sich herkommen.
+Als er sich umsah, erblickte er einen ihm unbekannten fremden Mann.
+»Warte Brüderchen!« rief der fremde Mann. »Ich gehe mit dir. Kennst du
+mich nicht mehr?« -- Eine kurze Frist hat hingereicht, mich zum starken
+Manne zu zeitigen, der dir fremd geworden ist, und doch bin ich noch
+dein Schuldner dafür, daß du mich aus dem siebenhundertjährigen Kerker
+befreit und heute meinen schlimmsten Feind in meine Gewalt gebracht
+hast, so daß ich nicht mehr in deiner Hosentasche mich zu verstecken
+brauche.« Darauf erzählte er seinem Retter, wie er seinen Feind im Walde
+in Fesseln gelegt habe, welche ihm das Entrinnen unmöglich machten, weil
+mit dem zerrissenen Zauberbande, das eine lebendige Schlange gewesen,
+all' seine Wunderkraft auf einmal ein Ende genommen. Er wollte jetzt den
+Feind noch manchen Tag durchwalken lassen, bis er den Ort angeben
+werde, wo er vor siebenhundert Jahren drei Königstöchter und einen
+unermeßlichen Schatz verborgen habe. »Wenn wir die Jungfrauen auffinden
+und es dir gelingt, sie aus ihrem Zauberschlafe zu erwecken, so wirst du
+ein überaus reicher und glücklicher Mann werden.« Als er damit seine
+umständliche Erzählung geschlossen hatte, speisten sie mit einander aus
+dem Kober und legten sich dann zur Ruhe.
+
+Am andern Morgen gingen sie in den Wald, um nach dem gefangenen Zauberer
+zu sehen. Da stand das unglückliche Männlein, Hände und Füße mit starken
+Stricken zusammengebunden und einen starken Klotz zwischen den Knien, so
+daß er sich wie ein Igel krümmte und sich nicht von der Stelle rühren
+konnte. Der siegreiche Zauberer rief gebieterisch: »Knüttel aus dem
+Kober!« Alsbald sprang der Knüttel dem gebundenen Manne auf den Rücken
+und begann ihn durchzudreschen, als wollte er alle Glieder zu Brei
+stampfen. Der Hexenmeister bat um Gnade und versprach zu bekennen. Als
+er nun aber nach den Königstöchtern und dem Schatze befragt wurde, sagte
+er, er habe den Ort schon lange vergessen. Da wurde denn der Knüttel
+abermals beordert, an die Arbeit zu gehen! Da der Hexenvater nun alle
+Hoffnung auf Entrinnen fahren lassen mußte, nannte er endlich den Ort,
+wo die Königstöchter und der Schatz verborgen seien. Der Zauberer sagte:
+»Bis wir sie aufgefunden haben, mußt du mein Gefangener bleiben, doch
+darf ich dich nicht hier lassen, wo dich zufällig der Eine oder der
+Andere finden und aus Barmherzigkeit deine Bande lösen könnte.« Mit
+diesen Worten nahm er das Männlein wie eine Hedekunkel auf den Rücken
+und trug es an die Mündung einer Schlucht, in welche er es hinunter
+schleuderte, daß die Knochen krachten. »Da warte unsere Rückkehr ab,«
+spottete der Zauberer. Seinem Gefährten eröffnete er dann, daß sie, da
+der genannte Ort zu weit entfernt sei, nur durch Zauberkraft dahin
+gelangen könnten und sich des Kobers als Fuhrwerks bedienen müßten. Auf
+seinen Befehl verwandelte sich der Kober in ein kleines Boot, auf dessen
+Boden gerade zwei Männer Platz genug hatten, zu sitzen oder ausgestreckt
+zu schlafen. Das Boot hatte auf beiden Seiten Flügel von zwei Klafter
+Länge. Als die Männer sich eingesetzt hatten, erhob sich das Boot mit
+ihnen bis zu der Höhe der untersten Wolkenschicht und nahm seinen Flug
+gen Süden. Speise und Trank gab ihnen das fliegende Boot täglich auf des
+Zauberers Befehl nicht minder als das frühere Koberchen: sie litten also
+an nichts Mangel, noch weniger wurden sie müde in ihrem fliegenden
+Schiffchen, das Tag und Nacht unaufhaltsam weiter eilte.
+
+Die Luftfahrer waren auf diese Weise schon über eine Woche südwärts
+gezogen, als der Zauberer dem Boote befahl, sich niederzulassen. Dies
+geschah auf einer weiten, brennenden Sandwüste, wo nichts weiter zu
+sehen war, als einige Steinhaufen von einer alten Ofenstelle. Der
+Zauberer verwandelte jetzt das Boot wieder in den Kober und hing diesen
+seinem Gefährten mit den Worten um: »Du hast noch einige Tagereisen vor
+dir, ich darf dich aber nicht begleiten.« Darauf entfernte er den am
+Fuße eines Mauerstücks liegenden Sand und nach einem Weilchen kam eine
+Fallthür zum Vorschein. Als er diese aufhob, wurde eine Treppe sichtbar.
+Jetzt fing der Zauberer eine große Schmeißfliege, und that sie in ein
+Schächtelchen, das der Mann in seinen Busen stecken mußte. Dazu gab ihm
+der Zauberer die Belehrung: »Wenn du gefragt wirst, wer die eine oder
+die andere Königstochter sei, dann entlaß die Schmeißfliege aus dem
+Schächtelchen und gieb Acht, zu welcher sie hinfliegt. Die dadurch von
+ihr angezeigte Jungfrau kannst du dreist für diejenige ausgeben, nach
+welcher man dich gefragt hat.« Darauf hin machte der Mann sich auf den
+Weg, mochte es nun wohl oder übel ablaufen.
+
+Er war nach seiner Rechnung schon mehrere Stunden[37] auf der finsteren
+Treppe hinuntergestiegen, als er Ermüdung und Hunger verspürte. Er
+setzte sich auf eine Stufe, stärkte sich mit Speise und Trank, ruhte
+einige Stunden und ging wieder weiter. Nach kurzer Zeit traf ein
+Lichtschimmer sein Auge und nach einer halben Stunde befand er sich auf
+einem ihm fremden Platze, wo ein stattliches Königshaus sich zeigte. Der
+Mann schritt darauf zu. Vor dem Eingange kam ein kleiner Alter mit
+grauem Haupt und Bart ihm entgegen und sagte: »Komm nur, Brüderchen, und
+versuche dein Heil! Wenn du mir richtig angeben kannst, welche des
+Königs jüngste Tochter ist, so fasse sie nur bei der Hand und die
+Schlafenden werden sofort erwachen. Wenn du dich aber irrst, so fällst
+du in denselben Schlaf, wie sie.« Als der Mann nun eintrat, nahm er das
+Schächtelchen aus dem Busen und folgte dem Alten, bis sie zur dritten
+Kammer kamen. Da schliefen auf prächtigem Seidenbette drei herrliche
+Jungfrauen, die, man mochte sie noch so genau betrachten, einander so
+ähnlich sahen, daß nicht das geringste Merkmal verrieth, welche von
+ihnen die jüngste und welche die älteste sei. Als der Mann die
+Schläferinnen eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, ohne dadurch
+Gewißheit zu erlangen, ließ er die Schmeißfliege aus dem Schächtelchen
+heraus. Die Fliege flog einige Male im Zimmer umher und ließ sich dann
+auf die Stirn der in der Mitte liegenden Jungfrau nieder. Nun trat der
+Mann näher, faßte die Jungfrau bei der Hand und sagte: »Das ist die
+jüngste Schwester.« Augenblicklich erwachten die Königstöchter und
+erhoben sich und die jüngste fiel ihrem Retter um den Hals mit den
+Worten: »Liebster Bräutigam, sei willkommen, der du uns aus dem langen
+Zauberschlafe erweckt hast! Aber jetzt müssen wir nach Hause eilen.«
+
+Auf dem Rückwege fand unser Freund die frühere Treppe nicht mehr,
+sondern nachdem sie eine Weile tastend in der finstern Höhle ihren Weg
+gesucht hatten, drang helles Tageslicht herein. Anstatt der vorigen
+Sandwüste lagen schöne mit Gras und Blumen bedeckte Wiesen da und statt
+des alten Gemäuers ein stattliches Königsschloß mit einer großen Stadt.
+Der Zauberer trat ihnen entgegen, nahm seinen Befreier bei der Hand und
+führte ihn etwas abseits an eine Stelle, wo ein kleiner klarer Teich im
+Schatten eines Gebüsches lag. »Blicke in's Wasser,« gebot der Zauberer.
+Als der Jüngling es that, besorgte er, daß seine eigenen Augen ihm ein
+Blendwerk vorspiegelten. Sein Antlitz war wohl noch das frühere, aber
+der prächtige königliche Anzug von Seide, Sammet und Gold war ein ganz
+anderer. »Wer hat mir das auf meinen Leib geschafft?« fragte der
+Jüngling. Der Zauberer erwiderte: »Das war des Koberchens letzte Arbeit
+für dich. Fortan wirst du weder seiner noch meiner Hülfe mehr bedürfen,
+weil du binnen einigen Tagen zum Schwiegersohne des Königs und später,
+wenn der Alte seine müden Augen geschlossen hat, statt seiner zum Könige
+erhoben wirst. Damit hoffe ich dir meine Schuld abgetragen zu haben.« --
+»Mehr als tausendfach!« rief der Mann freudig aus, worauf sie Abschied
+nahmen und sich trennten.
+
+Nach einigen Tagen war die Hochzeit des königlichen Schwiegersohnes und
+als nach einem Jahre der König zu Grabe getragen war, wurde der
+Schwiegersohn König und muß noch gegenwärtig regieren, wenn ihn der Tod
+nicht zu seiner Ruhestätte gebracht hat.
+
+[Fußnote 33: Kaetise rohu, wörtlich: Kraut gegen den bösen Blick. L.]
+
+[Fußnote 34: Vgl. Bd. 1, S. 25. Anm. L.]
+
+[Fußnote 35: Wörtlich: Brotvater. L.]
+
+[Fußnote 36: Wörtlich: wie Hagel. L.]
+
+[Fußnote 37: Wörtlich: Ueber einen Zwischenraum zwischen zwei
+Mahlzeiten. Der Este (der Arbeiter) rechnet solcher Mahlzeiten drei: vom
+Aufstehen bis acht Uhr, von da bis zwei Uhr, und von da bis zum Abend.
+S. Wiedemann, Wörterb. s. o. L.]
+
+
+
+
+11. Der zaubermächtige Krebs und das unersättliche Weib[38].
+
+
+Mann und Weib gingen eines Morgens früh zum Heuen und arbeiteten bis
+eilf Uhr, dann sagte die Frau zum Manne: »Geh, fang' im Fluß Krebse oder
+Fische, was dir gerade aufstößt, damit wir Zukost haben.« Obgleich der
+Mann von der Arbeit müde war, unterstand er sich doch nicht sich zu
+sträuben, weil, wie das ja oft der Fall ist, das Weib die Hosen anhatte.
+-- Als er an den Fluß gekommen war, zog er gleich aus der ersten tiefen
+Stelle einen Krebs von der Größe eines Fausthandschuhes heraus. Was für
+ein Glücksfang, dachte der Mann -- einen größeren Krebs haben meine
+Augen solange ich lebe nicht gesehen. Aber in demselben Augenblicke
+überfiel ihn ein Schrecken, als der Krebs mit deutlicher Menschensprache
+anhub zu bitten: »Laß mich frei, Goldbrüderchen! Bei der brennenden
+Hitze war ich in meinem Schlupfloch eingeschlafen, so daß ich deine
+Annäherung nicht eher merkte, als bis deine Finger meine Scheeren schon
+gepackt hatten. Mein mehr als hundertjähriges Fleisch, zäher als
+Wolfsfleisch, würde dir doch nicht schmecken. Was für Nutzen hättest du
+von meinem Tode? Ueberdies bin ich ein durch böse Zauberkraft in einen
+Krebs verwandelter Mensch!« Der Mann erwiderte verwundert: »Lieb'
+Brüderchen Krebs, nimm es nicht übel, wenn ich deine Bitte nicht zu
+erfüllen wage. Ich für mein Theil würde dich gleich frei lassen, hätte
+ich nur nicht eine böse Frau, die mir arg mitspielen würde, wenn ich mit
+leeren Händen nach Hause käme und noch obendrein berichten müßte, daß
+ich schon einen großen Krebs hatte und den Glücksfang wieder aus den
+Händen ließ.« »Nun« -- sagte der Krebs -- »am Ende brauchtest du das der
+Frau ja nicht zu erzählen.« Der Mann kratzte sich hinter'm Ohr und sagte
+dann mit scheuer Geberde: »Wüßtest du nur, Brüderchen, wie listig meine
+Frau ist und wie sie mir alle Geheimnisse abzupressen weiß, so würdest
+du anders sprechen. Was sie mit glatten Schmeichelworten nicht aus mir
+herausbringt, das entreißt sie mir mit Tücke, so daß es mir ganz
+unmöglich ist, etwas vor ihr verborgen zu halten.« Der Krebs erwiderte
+lachend: »Ich sehe wohl, lieber Freund, daß du zu der Zunft derjenigen
+gehörst, die nach der Frauen Pfeife tanzen müssen, und ich bedauere dich
+deßhalb von ganzem Herzen. Da dir aber das bloße Bedauern nichts helfen
+würde, so will ich dafür sorgen, daß ich dir für meine Freilassung Gaben
+spende, mit denen du die Bosheit der Frau besänftigen kannst. Obwohl ich
+dir gegenüber klein erscheine, bin ich dir dennoch an Macht weit
+überlegen.« Der Mann stand eine Weile zweifelnd und erwiderte endlich:
+»Ja, wenn du das möglich machtest, daß ich wegen deiner Freilassung
+keinen Verdruß mit der Frau hätte, so würde ich dich augenblicklich
+freigeben.« Der Krebs fragte: »Welche Art Fisch ißt deine Frau wohl am
+liebsten?« -- Der Mann erwiderte: »Das weiß ich selber nicht, aber ich
+glaube, es käme darauf gar nicht an, wenn ich ihr nur überhaupt frische
+Fische bringen könnte, und nicht mit leeren Händen zurück käme.« Da hieß
+ihn der Krebs den Hut am Ufer niedersetzen und rief dann: »Hut voll
+Fische!« Wer hat je etwas Wunderbareres auf der Welt gesehen? Des Mannes
+Hut war augenblicklich gehäuft voll von Fischen. »An diesem kleinen
+Stückchen erkennst du meine Macht,« sagte der Krebs -- »und du kannst
+jetzt mit dem eben gehörten Spruche deinen Hut alle Tage füllen. Sollte
+dir noch ein anderer Wunsch in den Sinn kommen, so mußt du mich zu Hülfe
+rufen, um die Erfüllung desselben zu bewirken; rufe nur in Fluß hinein:
+
+ »Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
+ Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
+
+so erscheine ich sofort. Aber ich möchte dir einschärfen, wenn du
+gescheidt sein willst, sage deinem Weibe nichts von dem heutigen Vorfall
+-- es würde dir mehr Schaden als Nutzen bringen.« -- Der Mann versprach,
+so weit als möglich, das Geheimniß vor seinem Weibe zu bewahren, dankte
+dem Krebse für die frischen Fische und für die erhaltene Zusage, ließ
+ihn dann in den Fluß zurück und eilte frohen Schrittes und Herzens zu
+seiner Frau.
+
+Das Antlitz der Alten heiterte sich auf, als sie den reichen Fang des
+Mannes gewahr wurde, sie weidete die Fische sofort aus, streute Salz
+darauf und stellte sie im Grapen auf's Feuer. So viel Schmeichel- und
+Liebkosungsworte wie heute, hatte der Mann lange nicht aus dem Munde
+seiner Frau vernommen. »Sieh nur, Lieberchen, was du für Glück hast,
+wenn du thust wie ich wünsche,« sagte die Frau, während sie ihre Fische
+verzehrte. Die Woche hindurch verfloß ihnen die Zeit in Freude und
+Friede, ganz wie in den ersten Tagen nach der Hochzeit; der Mann brachte
+täglich einen Hut voll Fische aus dem Flusse, und Beide ließen sich's
+schmecken. Am Sonntag Mittag aber rümpfte die Frau zum ersten Male die
+Nase und sagte: »Na, was ist das für ein Teufelskram! Kannst du mir denn
+keine bessere Speise mehr auf den Tisch bringen, als diese lumpigen
+Fische? Sie sind mir zum Ekel geworden, ich kann sie nicht mehr in den
+Mund nehmen!«
+
+Der Mann fragte, was sie denn statt der Fische wohl haben möchte, und
+die Frau erwiderte: »eine frische Fleischbrühe und Schweinefleisch
+würden mir am besten munden.« Der Mann versprach zwar, ihr Verlangen am
+nächsten Tage zu befriedigen, allein es wurde ihm doch nicht gut zu
+Muth, wenn er überlegte, ob der Krebs auch im Stande sein werde, den
+Wunsch des Weibes zu erfüllen.
+
+Als er am andern Tage mit Sonnenaufgang an's Ufer des Flusses kam, rief
+er schüchtern:
+
+ »Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
+ Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
+
+Augenblicklich streckte der Krebs seine Scheren an's Ufer und fragte:
+»Was willst du Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für mein Theil
+hätte weiter kein Begehren, aber meiner Frau schmecken die frischen
+Fische nicht mehr, sie sehnt sich nach anderer Speise.« Der Krebs lachte
+und fragte, was für Speise die Frau denn haben möchte, und sagte, als er
+das Verlangen der Frau vernommen: »Geh heim, klopfe alle Morgen drei Mal
+mit dem kleinen Finger an den Eßtisch, und rufe dabei: Frische
+Fleischbrühe und Schweinefleisch zu Mittag auf den Tisch! so sollst du
+die gewünschte Speise erhalten; aber ich bitte dich, werde nicht zum
+Knecht der Gelüste deines Weibes, du könntest es einmal später bereuen,
+wenn keine Reue mehr hilft.« Der Mann that den andern Tag, wie ihn der
+Krebs gelehrt hatte. Ganz nach Befehl standen zu Mittag die verlangten
+Speisen auf dem Tische. Wiederum war dieselbe Freundlichkeit im Hause
+wie am ersten Fischtage; die Frau war sanft wie ein Täubchen und suchte
+dem Manne Alles an den Augen abzusehen, um es ihm recht zu machen. Noch
+war die Woche indeß nicht ganz herum, da rümpfte das Weibel wieder die
+Nase und sagte: »Verfluchte Geschichte! wer Henker kann alle Tage
+frische Fleischbrühe und Schweinefleisch essen. Mir ist es nicht
+möglich, denn es widersteht dem Magen.« Demüthig fragte der Mann: »Sage
+mir, Liebchen, was du denn haben möchtest?« Die Frau antwortete:
+»Gänsebraten und süßen Kuchen!«
+
+Dem Manne sank wohl der Muth, als er sich wieder zum Flusse aufmachen
+sollte, denn er fürchtete den Krebs durch das ewige Bitten zu erzürnen;
+dennoch wagte er nicht das Geheiß der Frau unerfüllt zu lassen, weil es
+sonst leicht Feuer unter'm Dach hätte geben können. Nachdem er eine
+Weile am Ufer hin und her gewandelt war, rief er endlich mit
+schüchterner Stimme:
+
+ »Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
+ Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
+
+Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und
+fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für mein
+Theil hätte weiter kein Begehren, aber meiner Frau schmeckt die frische
+Fleischbrühe nebst Schweinefleisch nicht mehr, sondern sie verlangt nach
+anderer Speise.« Der Krebs fragte, was denn die Frau haben möchte und
+sagte, als er es gehört hatte: »Geh nur heim, deiner Frau Wünsche sollen
+alsbald erfüllt werden, ohne daß du dabei weitere Anstalten zu treffen
+brauchst.« Als nun am anderen Tage Mittag herankam, schaute der Mann
+oftmals mit ängstlichem Blicke auf den Eßtisch, ob des Krebses Zusage
+auch wohl in Erfüllung gehen werde? Und je höher die Sonne stieg, desto
+tiefer sank des Mannes Hoffnung, da der Tisch noch immer leer blieb. Nun
+siehe das Wunder! Zur bestimmten Zeit standen Gänsebraten und süße
+Kuchen auf dem Tische. Die Frau war ganz glücklich; die Schmeichelworte
+liebster Mann, Goldmann, kamen häufiger über ihre Lippen als am ersten
+Tage nach der Hochzeit. Abends beim Schlafengehen hatte sie dann den
+Mann so lange geliebkoset und umschmeichelt, bis er ihr den Vorfall mit
+dem Krebse erzählt hatte. »Was fehlt uns nun noch«, sagte die Frau --
+»wenn wir einen solchen Helfer haben? Wir wollen jetzt einmal ein
+besseres Leben führen. Schon längst sind mir diese Bauerkleider
+widerwärtig und wünschte ich mir einen stattlicheren Anzug; geh und
+schaffe mir Damenkleider.« Der Mann versuchte zwar Widerstand zu
+leisten, indem er sagte, er wisse nicht, ob der Krebs dergleichen
+hervorzubringen vermöge -- aber die Frau ließ ihren Einfall nicht
+fahren, sondern setzte dem Manne Tag für Tag so lange zu, bis sie ihn
+bewog an den Fluß zu gehen. Da der Mann weder Tag noch Nacht mehr Ruhe
+hatte, ging er eines Morgens an den Fluß mit dem festen Vorsatze: kann
+der Krebs mein Begehr nicht erfüllen, so ersäufe ich mich im Flusse.
+
+Nachdem er eine Weile unschlüssig am Ufer auf und abgegangen war, faßte
+er sich endlich ein Herz und rief mit schüchterner Stimme:
+
+ »Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
+ Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
+
+Der Krebs streckte augenblicklich seine schwarzen Scheren an's Ufer und
+fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für meinen
+Theil hätte weiter kein Begehren, aber meines Weibes Wünsche nehmen kein
+Ende; obwohl jetzt alle Tage Gänsebraten und süße Kuchen auf dem Tische
+stehen, so ist sie doch mit den guten Bissen nicht mehr zufrieden.« »Was
+will sie denn?« fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: »Prächtige
+Damenkleider statt ihrer eigenen Lumpen!« Der Krebs lachte und sagte:
+»Geh heim, deines Weibes Wunsch soll vollständig erfüllt werden.« Der
+Mann dankte dem Krebs für sein gütiges Versprechen und machte sich auf
+den Heimweg, sehr vergnügt über das leichte Gelingen dessen, was er
+besorgen sollte. Schon an der Hofthür kam ihm seine Frau in stattlichen
+Kleidern entgegen, die er im ersten Augenblicke nicht kannte, bald aber
+als seine eigene, zur Dame erhobene Frau erkennen mußte. Jetzt lebten
+sie einmal im Glücke: alle Tage Gänsebraten und süße Kuchen auf dem
+Tische und die Frau mit stattlichen Damenkleidern angethan. Zu Ende der
+Woche sagte die Frau eines Abends zum Manne: »Ich habe mir die Sache hin
+und her überlegt und gefunden, daß unser Leben auf diese Weise nicht
+fortgehen kann. Stattliche Damenkleider, Gänsebraten und süße Kuchen
+vertragen sich nicht mehr mit einer Bauernhütte, der Krebs muß uns einen
+Gutshof schaffen, in welchem ich, Tag aus Tag ein, wie eine gnädige Frau
+wohnen kann.« Zwar sträubte sich der Mann auf alle Weise, weil er
+glaubte, daß der Krebs ein solches Verlangen übel nehmen könnte, aber
+die Frau gab ihre eigensinnige Grille nicht auf, sondern quälte den Mann
+so lange, bis er sich endlich fügte.
+
+Mit schwerem Herzen und unmuthigen Schritten ging der Mann den andern
+Morgen an den Fluß; oftmals stand er still und sann darüber nach, wie er
+sich wohl dieser schlimmen Aufgabe entziehen könnte; da ihm aber kein
+besserer Rath kam, mußte er doch endlich seinen mächtigen Helfer angehen
+und rief:
+
+ »Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
+ Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
+
+Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und
+fragte:
+
+»Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für meinen Theil
+hätte weiter kein Begehren, aber meine Frau hat trotz ihrer guten Kost
+und ihrer Damenkleider keine Ruhe mehr und quält mich alle Tage wie der
+böse Feind, daß ich deine Hülfe anrufen soll.« Als der Krebs hörte, daß
+die Frau abermals Wünsche hege, fragte er, was sie denn nun wieder
+Neues wolle? Der Mann berichtete, daß die Frau nach einem prächtigen
+Gutshof und nach dem Titel einer gnädigen Frau Verlangen trage und
+bekannte zuletzt, daß er ihr eines Abends sein Zusammentreffen mit dem
+Krebs erzählt habe. »O du Armer!« rief der Krebs, »dann hast du deinem
+Glücke und deinem Frieden ein Ende gemacht! Deines Weibes Wünsche werden
+dir keine Ruhe lassen, bis ihr all' euer jetziges Glück wieder eingebüßt
+habt. Dennoch magst du dieses Mal ruhig nach Hause gehen, deines Weibes
+Begehr soll vollständig erfüllt werden.«
+
+Als der Mann vom Flusse nach Hause kam, glaubte er sich verirrt zu
+haben, weil er seine frühere Hütte nicht mehr vorfand und die ganze
+umliegende Gegend ihm fremd vorkam. Ein stattliches Hofgut lang vor ihm,
+mitten in einem schönen Nutzgarten, und während er noch zweifelnd
+dastand und nicht wußte, was er thun sollte, kam ihm eine stattliche
+Dame in seidenen Kleidern entgegen. An der Stimme erkannte er seine
+angetraute Gattin, die ihn zärtlich umarmte und sagte: »Jetzt sind meine
+Wünsche befriedigt; ich danke dir und deinem Helfer dem Krebse!« Der
+Mann wußte nicht, was er vor Freuden anfangen sollte; jetzt hatte er
+eine Frau, die ihn lieb und werth hielt. Um die Speisen hatten sie keine
+Sorgen mehr, da die Köche jeden Tag herbeischaffen mußten, was der
+gnädigen Frau Herz begehrte. Ein besseres Loos konnte einem Menschen
+nirgends auf Erden zu Theil werden.
+
+Dennoch fand das unersättliche Herz der Frau keine Ruhe, vielmehr begann
+sie nach eigen Wochen den Mann wiederum zu quälen, er möchte sie mit
+Hülfe des mächtigen Krebses zur Königin erheben. Der Mann sträubte sich
+aus allen Kräften, aber es half nichts, denn die Frau summte ihm Nacht
+und Tag ihre Gelüste nach der königlichen Würde in's Ohr und ließ ihm
+nirgends Ruhe. Wohl ächzte und seufzte das arme Männchen und kratzte
+sich hinter den Ohren, da er sich aber nicht anders zu helfen wußte, so
+mußte er endlich gehen, um beim Krebse Hülfe zu suchen.
+
+Als er an den Fluß kam, war er mehr todt als lebendig; er versuchte
+mehrmals seinen Helfer zu rufen, aber die Zunge versagte ihm den Dienst.
+Endlich gelang es ihm jedoch, die Worte hervorzustottern:
+
+ »Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
+ Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
+
+Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und
+fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann antwortete schüchtern:
+»Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehren, aber meinem Weibe will
+der Stand einer gnädigen Frau auf ihrem Hofsitz nicht mehr behagen.« Der
+Krebs fragte: »Was für einen Stand wünscht sie sich denn?« Der Mann
+erwiderte: »Meine Frau will Königin werden.« »Oho!« rief der Krebs,
+»indeß da ich einmal dein Schuldner bin, will ich dieses Mal noch deinem
+Weibe den Willen thun. Geh heim, deines Weibes Wunsch soll in Erfüllung
+gehen.«
+
+Wie der Krebs es verheißen hatte, so fand der Mann, als er nach Hause
+kam, seine Frau zur Königin erhöht. Knechte, Diener und Zofen gab es zu
+Dutzenden und alle mußten der neuen Königin Befehle vollziehen. Gott sei
+gedankt! dachte der Mann, jetzt werde ich einmal Ruhe haben, denn das
+höchste Begehr meines Weibes ist erfüllt; dazu auf Schritt und Tritt
+soviel Dienerschaft, daß sie es gar nicht merkt, wenn ich abseits gehe,
+um nach all' der Mühe und Noth auszuruhen.
+
+Ueber ein paar Monate verstrichen der Frau in ihrer königlichen Würde
+gar angenehm, so daß kein Wunsch sie mehr plagte. Eines Tages aber ließ
+sie ihren Mann rufen und sagte: »Ich habe nicht länger Lust, Königin zu
+sein, sondern will noch höher steigen! Darin müssen du und dein Helfer,
+der Krebs, mir behülflich sein.« Der Mann fragte: »Was willst du denn
+noch, wenn die königliche Würde dir nicht frommt?« Die Frau erwiderte:
+»ich will Gott werden!« Der Mann erschrak dermaßen, daß er eine Zeit
+lang kein Wort hervorbringen konnte, dann legte er sich auf's Bitten und
+als all sein Bitten nichts half, fuhr er endlich heraus: »Mach' was du
+willst, aber diese Bitte werde ich dem Krebse nicht vorlegen.« »Sieh den
+Lausangel!« rief das Weib zornig, »darfst du dich mir widersetzen, die
+ich deine angetraute Frau und obendrein noch Königin bin! Augenblicklich
+erfülle meinen Befehl, oder ich lasse dir das Leben nehmen!«
+
+Der Mann dachte: sterben müssen wir Alle, gleichviel wie ich um's Leben
+komme, ob durch meine böse Frau, oder durch den Krebs, ich will den
+Befehl vollziehen. So denkend, machte er sich mit kecken Schritten auf,
+aber je näher er dem Flusse kam, desto kürzer wurden des Männleins
+Schritte. Endlich faßte er sich ein Herz und rief:
+
+ »Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
+ Schwarzer Mann aus dem Schlupfloch!«
+
+Ringsum blieb Alles still, weder der Krebs noch ein lebendes Wesen ließ
+sich blicken. Es rief noch ein Mal, ebenso fruchtlos, endlich rief er
+zum dritten Male. Da streckte der Krebs erst die eine dann die andere
+Scheere, langsam an's Ufer und fragte: »Was willst du von mir?« Der Mann
+sagte: »Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehr aber meine zur
+Königin erhobene Frau läßt mir nirgends Ruhe.« »Was begehrt sie denn
+noch?« fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: »Sie will Gott werden.«
+Zornig versetzte der Krebs: »In den Schweinestall alle Beide! Deine Frau
+ist toll und du bist noch schlimmer als toll, weil du nach ihrer Pfeife
+tanzest.«
+
+Der Mann hatte eine Empfindung, als ob der Boden unter seinen Füßen
+erschüttert würde. Als er sich prüfend umsah, wurde er weder Fluß noch
+Krebs gewahr, etwas weiterhin stand eine Hütte im Freien. Als der Mann
+darauf zuging, fand er einen Schweinestall und seine Frau in elenden
+Lumpen im Winkel auf schmutzigem Stroh am Boden. Da mußten sie bis an
+ihr Ende wohnen und des alten Wortes gedenken: »Allzu scharf macht
+schartig.«
+
+[Fußnote 38: Neben dem analogen deutschen Märchen in der Grimmschen
+Sammlung vgl. man die höchst charakteristische Behandlung desselben
+Stoffes in dem »Märchen vom Fischer und der Fischerin« von _Puschkin_. Aus
+dem Russ. in der Bibl. ausl. Classiker, von E. _Löwe_. Bändchen 107.
+Hildburgh. 1870. L.]
+
+
+
+
+12. Der Findling.
+
+
+Eine Frau fand an einem Sonntag Morgen, als sie zur Kirche ging, im
+Walde ein Knäblein, das etwa zwei Jahre sein konnte. Das Kind weinte
+bitterlich vor Hunger und wußte nichts darüber zu sagen, von wo und wie
+es hier in den Wald gekommen. Der feine Anzug schien dafür zu sprechen,
+daß das Knäblein vornehmer Leute Kind sei. Die Frau nahm es auf, brachte
+es in ihr Haus, reichte ihm Nahrung und machte sich dann wieder auf zur
+Kirche, wo sie zu erfahren hoffte, wohin das gefundene Knäblein gehöre.
+
+Als sie aber weder an diesem Sonntage noch an dem folgenden in den
+benachbarten Kirchen über die Eltern oder Verwandten des Kindes durch
+Kundmachung von der Kanzel Auskunft erhielt, so beschloß sie, im
+Einverständniß mit ihrem Manne, das Knäblein als Pflegekind zu sich zu
+nehmen; es schien ein aufgewecktes Geschöpf zu sein und konnte deshalb,
+wenn Gott ihm Leben und Gesundheit schenkte, ihnen zur Freude
+aufwachsen. Sie hatte zwar selbst schon sechs Kinder, so daß der
+Pflegling als siebente Brotratte in's Haus kam; aber Gott segnete ihren
+Acker und ihre Herde, so daß sie alle Kleidung und Nahrung fanden und
+Keines Mangel litt.
+
+Als der Pflegling zum jungen Manne herangewachsen war, sprach er eines
+Tages zu seinen Pflegeltern: »Ich danke euch für alle eure Liebe und
+Wohlthat, aber jetzt ist für mich die Zeit gekommen, in der Welt
+umherzustreifen. Vielleicht glückt es mir, irgendwo einen Dienst zu
+finden, der mir mehr Lohn bringt, als für meine geringen Bedürfnisse
+aufgeht, dann erstatte ich euch, was ihr für meine Erziehung aufgewandt
+habt, obwohl ich niemals im Stande sein werde, euch eure Liebe zu
+vergelten.« So nahm er Abschied, warf den Brotsack über und eilte fort.
+Nachdem er seine Wanderung schon einige Tage gen Süden fortgesetzt
+hatte, kam er eines Tages in einen dichten Wald, aus welchem ein
+schweres Stöhnen an sein Ohr drang. Er horchte eine Weile scharf hin,
+von welcher Seite her das Stöhnen komme und schritt dann, der Stimme
+nachgehend, weiter. Unter einem dichten Gebüsch fand er einen
+verwundeten Alten, dessen Kopf und Gesicht blutete, sowie auch das Moos
+und der Rasen um ihn mit Blut gefärbt waren. Der Alte hatte die Augen
+geschlossen, so daß nur die schweren Athemzüge und das Stöhnen einen
+Beweis dafür gaben, daß noch Leben im Körper sei. Der junge Mann eilte
+nach Wasser und fand in der Nähe ein Rinnsal mit klarem frischen Wasser;
+er füllte davon in seinen Hut und brachte es dem Alten, damit dieser
+durch einen Trunk sich stärke und belebe. Der Alte schluckte begierig
+von dem gebotenen Wasser, gerieth dann in ein starkes Husten und fiel
+endlich unter den Händen des ihm Beistehenden in Ohnmacht. Der junge
+Mann hob ihn auf seine Schultern und trug ihn zur Quelle, wo er dem
+Alten so lange kaltes Wasser über den Kopf goß, bis er aus seiner
+Ohnmacht erwachte und sich wieder erholte. -- Den zerschlagenen Kopf des
+Alten verband er mit seinem Halstuche, reinigte Gesicht, Haare und
+Kleider vom Blute, bereitete dann aus Moos ein weiches Lager und ließ
+den Alten darauf nieder, damit er ausruhe.
+
+Der Alte schlief gleich ein und ruhte über einen halben Tag von der
+durch seine Wunde verursachten Ermattung aus. Der junge Mann saß neben
+ihm und verscheuchte mit einem Baumzweige die Fliegen von dem
+Schlafenden. Endlich öffnete der Alte das eine Auge ein wenig, sah
+seinen Helfer freundlich an und sagte dann: »Von ganzem Herzen danke ich
+dir für das Werk der Barmherzigkeit, das du an mir gethan hast und für
+welches ich diesmal dein Schuldner bleiben muß, weil Räuber mich so kahl
+geplündert haben, wie eine Kirchenmaus. Künftig, wenn wir wieder einmal
+zusammentreffen, hoffe ich dir deine Mühe zu lohnen. Deine Wanderung
+könnte vielleicht länger dauern, als der von Hause mitgenommene
+Brotsack reicht, darum bitte ich dich, stecke mein
+Strömlings-Schächtelchen in den Sack -- es ist Alles, was mir die Räuber
+gelassen haben.« -- Der junge Mann sträubte sich zwar Anfangs, die
+dargebotene Aushülfe anzunehmen, die der Alte doch wohl selber viel
+nöthiger haben könne, allein er mußte endlich nachgeben, als er sah, daß
+der alte Mann seine Weigerung übel nahm. Dieser steckte nun sein
+Schächtelchen in des Jünglings Brotsack mit den Worten: »Ich habe von
+hier nach Hause nicht weit, allein einem Wanderer lauert immer allerlei
+Gefahr auf.« -- Als der Alte dann fortging, mußte der junge Mann sich
+über die Schnelligkeit desselben wundern; je weiter der Alte kam, desto
+beflügelter wurden seine Schritte, so daß er bald wie ein Vogel aus dem
+Gesichtskreise entschwand. Da der junge Mann über einen halben Tag
+geruht hatte, machte er noch ein Stück Weges, bevor er sich zur
+Nachtruhe legte. Als er sich anschickte, sein Brot zu verzehren, kam es
+ihm vor, als wäre dasselbe heute im Sacke größer und zugleich frischer
+geworden. Das geschenkte Schächtelchen war voll gesalzener Strömlinge,
+die dem Manne gar sehr mundeten. Als er den anderen Morgen sein
+Frühstück nahm, fand er das Schächtelchen voll Butter und Mittags wieder
+voll Schweinefleisch. »Gesegnet sei der freundliche Geber!« rief der
+Mann, »der mich mit diesem spendenreichen Schächtelchen beglückt hat!
+Was fehlt mir jetzt auf meiner Wanderung?«
+
+Eines Tages hatte er sich am Wege niedergesetzt, um auszuruhen, da kam
+ein kleiner rother Hund übers Feld zu ihm gelaufen, leckte seine Hand,
+wedelte mit dem Schwanze und packte von Zeit zu Zeit seinen Rockzipfel,
+als wollte er den Mann zum Aufstehen verlocken und ihn irgend wohin
+führen. Der junge Mann sah dem Treiben des Hundes eine Weile zu und
+erhob sich dann, worauf der Hund freudig um ihn herum lief und dann
+wieder den Rockzipfel packte und so den Mann mit sich fortzuziehen
+suchte. Der junge Mann begriff des Hundes stummen Wunsch und folgte ihm
+über das Feld zum Walde hin, der etwa eine halbe Werst entfernt sein
+mochte. Von Zeit zu Zeit blieb der Hund stehen, um zu sehen, ob sein
+Begleiter auch hinter ihm sei. Im Walde fand der junge Mann eine
+Frauensperson, die mit starken Stricken an den Stamm einer Kiefer
+festgebunden war, so daß sie sich nicht rühren konnte; auch hatte sie
+keine andere Körperbedeckung, als ein feines leinenes Hemde. Der Mann
+machte sie sogleich vom Baume los und hörte, daß Räuber sie gänzlich
+ausgeplündert und dann an den Baum gebunden hätten. »Ich kann dir zwar
+keine Frauenkleider geben« -- sagte der Mann -- »aber nimm meinen Rock
+und bedecke dich damit, bis wir unter Menschen kommen und einen besseren
+Anzug finden.« Dankend wickelte sich die Jungfrau in den Rock und ging
+in Begleitung des jungen Mannes weiter; der kleine rothe Hund lief als
+Führer voraus. Abends kamen sie an die Ruinen eines alten Schlosses und
+wollten da ihr Nachtlager aufschlagen, weil sie in der Nähe kein anderes
+Obdach gewahr wurden. Ein Wanderer hatte schon vor ihnen unter demselben
+Mauerwerk sich niedergelassen. Der junge Mann nahm seinen Brotsack zur
+Hand und bat die beiden Andern zu Gast: alle drei aßen sich satt. Nach
+dem Essen erzählte der Fremde, der ein gelernter Schmiedegesell war, daß
+er vorhabe, in die Königsstadt zu gehen, wo gerade Schmiede sehr nöthig
+seien und gut bezahlt würden. Die Jungfrau sagte, sie sei eines
+vornehmen Gutsherrn Tochter, habe ihre Tante besuchen wollen und sei
+Räubern in die Hände gefallen, welche sie gänzlich ausgeplündert und an
+den Baum gebunden hätten, worauf sie mit Kutsche und Pferden davon
+gegangen seien. Nun wurde Rath gehalten, wie man der Jungfrau Kleider
+verschaffe, in denen sie wieder unter die Leute gehen könne; aber Keiner
+von ihnen hatte einen Kopeken in der Tasche und sie fürchteten, daß sie
+Niemand finden würden, der ihnen Kleider leihe. Beim Schlafengehen sah
+der junge Mann, daß der kleine rothe Hund verschwunden sei und fragte
+deshalb die Jungfrau, wo der Hund geblieben wäre. Diese machte große
+Augen und erwiderte: »Ich habe _deinen_ Hund nicht mehr mit Augen gesehen,
+seit wir hierher gekommen sind.« Jetzt war der junge Mann nicht minder
+erstaunt und erzählte, wie er, dem Hunde folgend, den Weg in den Wald
+gefunden und deswegen geglaubt habe, der Hund gehöre der Jungfrau und
+habe ihn zu Hülfe gerufen.
+
+Den andern Morgen gingen der junge Mann und der Schmiedegesell um zu
+versuchen, ob sie irgendwo Kleider für die Jungfrau borgen könnten,
+kamen aber Beide nach Mittag mit leeren Händen zurück. Man legte sich
+Abends mit schwerem Herzen schlafen, da der Plan ganz fehlgeschlagen
+war. Ein freundliches Traumgesicht tröstete die Jungfrau. Sie erlebte im
+Traume, wie ein kleiner alter Mann ihr Kleider und Geld versprach, wenn
+die Männer Muth genug hätten, den andern Tag ein Wagestück zu
+unternehmen. Es seien nämlich in dem alten Gemäuer Keller und in diesen
+befinde sich ein unermeßlicher Schatz. Es stehe den Männern aber ein
+harter Kampf bevor, ehe sie sich im Rücken der Wächter des Schatzes
+bemächtigen könnten. -- Die Jungfrau erzählte am Morgen den Männern
+ihren Traum, der ihr so lebhaft vor den Augen stand, daß sie beim
+Erwachen die Gestalt des alten Mannes noch immer neben sich zu sehen
+glaubte.
+
+Unverweilt gingen die Männer aus, um die Keller zu suchen, die sie auch
+bald fanden; es war aber der Eingang so finster, daß sie ohne Feuer
+nicht die Hand vor Augen sehen konnten. Zum Glücke fand sich das
+getheerte Ende eines Balkens im Sand-und Kalkschutt, das wurde zu
+Brennspänen geschliffen und nun ging man bei Fackelschein den Glücksweg
+zu suchen. Nachdem sie eine Strecke in einem engen Hohlwege fortgegangen
+waren, kamen sie vor eine eiserne Thür, die so fest war, daß sie trotz
+allen Schlagens und Stoßens sich nicht rührte, geschweige denn aufging.
+
+Entmuthigt kehrten die Männer zurück und erzählten ihr Mißgeschick. Der
+Schmiedegesell sagte, daß seine muthigsten Hammerschläge nichts
+ausgerichtet hätten gegen die feste Thür, welche unbeweglich geblieben
+sei, wie eine Felswand. -- Als sie nun selbdritt zu Mittag aßen,
+gesellte sich der kleine Alte zu ihnen und bat um Speise, die ihm
+gereicht wurde. Nachdem er sich gesättigt, sagte er: »Ich habe mit der
+Jungfrau ein Wörtchen zu sprechen, das andere Ohren nicht hören dürfen.«
+Die Jungfrau hatte sofort den Alten als denselben erkannt, von dem sie
+die Nacht so bedeutsam geträumt hatte, sie hatte deshalb nicht die
+mindeste Furcht, sich mit dem Alten von den beiden Andern zu entfernen.
+Als sie im Gemäuer eine einsame Stelle gefunden hatten, sagte der Alte:
+»Ihr werdet die Eisenthür nicht eher sprengen können, als bis ihr drei
+Kröten getödtet und mit ihrem Blute drei kleine Kreuze auf die Thür
+gemacht habt. Geht die Thür dann auf, so müssen die Männer sich brav
+halten, damit sie die Wächter des Schatzes überwältigen. Der Kampf wird
+ihnen nicht leicht werden, aber dafür ist der Lohn auch unermeßlich
+groß. Mehr darf ich dir nicht offenbaren.«
+
+Die Jungfrau erzählte, als sie zurück kam, was sie aus des Alten Munde
+vernommen hatte. Die Männer gingen ungesäumt der Vorschrift des Alten
+gemäß Kröten zu fangen, an denen es hier in den feuchten Kellergruben
+nicht fehlen konnte; auch brauchten sie nicht lange danach zu suchen.
+Der Schmiedegesell nahm nun seinen schweren Hammer, der junge Mann einen
+starken eichenen Knüttel, und so gegen den Feind gerüstet machten sie
+sich zum zweiten Male auf den Weg, in der Hoffnung, jetzt die
+Schatzkammer leer zu machen. -- Sobald die Eisenthür mit dem Krötenblut
+kreuzförmig bestrichen war, sprang sie von selbst auf, so daß die
+Männer ungehindert über die Schwelle und in einen andern Keller treten
+konnten, der beim Fackelschein so geräumig erschien wie eine Kirche.
+Alsbald fuhr ein großer schwarzer Hund[39] mit Gebell auf die Männer los
+und wollte des jüngeren Schenkel packen, aber der Schmiedegesell war
+geschwinder als der Hund und traf mit seinem großen Hammer den Kopf des
+Thieres so gut, daß ein zweiter Schlag nicht mehr nöthig war. Nach einem
+Weilchen kam ein anderer schwarzer Hund, bedeutend größer als der erste,
+der hatte zwei Köpfe und vier Augen. Obwohl ihm der Schmied mit dem
+ersten Schlage einen Kopf herunterschlug, so drang er doch mit dem
+andern um so ärger auf die Männer ein. Des jungen Mannes Knüttel
+splitterte beim Schlagen ohne dem Hunde etwas anzuhaben. Da schwang der
+Schmied seinen Hammer mit aller Macht auf des Hundes Nacken, so daß das
+böse Thier todt zu seinen Füßen niederfiel. Jetzt kam ein dritter noch
+größerer Hund, der drei Köpfe und sechs Augen hatte. Der Schmied schlug
+den einen Kopf ab, und bald darauf den zweiten, worauf der Hund mit dem
+dritten Kopfe davon lief und winselnd den Augen der Männer entschwand.
+Als der Hund fort war, wurde der finstere Keller mit einem Male so hell,
+als wären viele Dutzend Kerzen entzündet worden, obgleich nirgends weder
+Lichter noch Lampen zu erblicken waren.
+
+Als die Männer noch immer voll Verwunderung in die Helle starrten, trat
+hinter der Wand eine junge Dame hervor, herrlicher zu schauen als die
+schönste Blume, in hellseidenen Kleidern und eine fingerdicke goldene
+Kette um den Hals; sie reichte den Männern freundlich die Hand und
+sagte: »Ich danke euch von ganzem Herzen, daß ihr mich aus der Haft
+erlöst habt, in welche ein böser Zauberer mich gebannt hatte.« Dann kam
+eine andere nicht minder schöne Dame hinter der Wand hervor, dankte wie
+die erste und fügte hinzu: »Nun macht auch unsern Schatz frei, der in
+des Hexenmeisters Keller liegt.« Die Männer baten, ihnen den Weg zu
+zeigen und machten sich auf, um die Schatzkammer zu leeren. Die
+Jungfrauen aber fielen einander um den Hals und weinten vor Freuden.
+Dann erzählten sie den Männern, sie seien eines reichen Königs Töchter,
+und von ihrer Stiefmutter, welche den eigenen Kindern den Schatz
+zuwenden wollte, durch Zauberkraft hier eingesperrt und in Hunde
+verwandelt worden, so daß die ältere als einköpfiger, die jüngere als
+zweiköpfiger Hund die Schatzkammer zu hüten hatten. Die Zauberknoten
+seien so geschürzt gewesen, daß sobald ein Sterblicher die Hunde todt
+schlüge, die Königstöchter erlöst wären. In der Schatzkammer, sagten
+sie, lägen Gold und Silber in großen Massen, aber ein durch Zaubermacht
+starker Bär sei als Wächter vor die Thür gestellt. Die Männer hatten
+Muth genug, das grausige Wagestück zu unternehmen; sie kamen deßhalb
+überein, daß der junge Mann mit seinem Knüttel dem Bären in die Augen
+stoßen solle, während der Schmied ihm auf den Rücken springen und von
+dort aus mit seinem Hammer den Kopf bearbeiten werde. Doch zeigte sich
+die Aufgabe viel schwerer, als sie sich vorgestellt hatten, und es
+verging wohl eine Stunde, ehe sie des Feindes Herr wurden. Die Männer
+waren beide blutig gekratzt. Als der Bär zu Boden fiel, erfolgte
+plötzlich ein Krach, als wäre die Erde unter ihren Füßen geborsten. Die
+hintere Mauerwand sank ein und die Männer erblickten jetzt die Kasten,
+welche den Schatz enthielten; neben den mit Gold und Silber gefüllten
+Kasten lagen so viel Spangen und Silberperlen aufgestapelt, daß man
+damit allein schon mehr als _ein_ Pferd hätte beladen können. Ein junger
+Mann in prächtigen Kleidern trat hinter dem Kasten hervor, grüßte und
+dankte für seine Erlösung, auch er war ein Königssohn, welchen ein
+Zauberer in einen Bären verwandelt und als Wächter seines Schatzes
+hingestellt hatte. »Dem Vater im Himmel, der euch hierher geführt hat,
+sei Dank!« -- sagte der Königssohn. »Der alte Zauberer, der die Gestalt
+des dreiköpfigen Hundes angenommen hatte, hat jetzt keine Macht mehr
+über uns, weil ihm die beiden Köpfe, in denen seine stärkste Zauberkraft
+steckte, abgehauen sind. Jetzt wollen wir seinen Schatz unter einander
+theilen, und da wird einem Jeden von uns so viel zufallen, daß er genug
+hat.« Die Königstöchter gaben dem Edelfräulein von ihren Kleidern so
+viel es brauchte, dann wurde die Theilung des Schatzes vorgenommen, mit
+welcher sie über eine Woche zubrachten.
+
+Als die Theilung beendigt war, kam der kleine alte Mann und freute sich,
+daß Alles so gut abgelaufen war. Dann sagte er: »Jetzt darf ich euch
+alle Geheimnisse enthüllen, die bis heute verborgen blieben. Du -- so
+sprach er zu unserem jungen Manne -- bist eben so gut ein Königssohn,
+wie die andern hier Königskinder sind. Böse Menschen stahlen dich als
+Kind aus der Behausung deiner Eltern, denn da du das einzige Kind warst,
+hofften sie durch diesen Frevel nach dem Tode des alten Königs sich der
+Herrschaft bemächtigen zu können. Ich war von deiner Geburt an dein
+Beschützer und trug stets Sorge, daß dir in dem Bauerhause nichts
+schlimmes widerfahre. Wiewohl dein Auge mich nicht sah, war ich doch
+Nacht und Tag um dich. Als du dann später auf die Wanderung gingst,
+wollte ich dein innerstes Herz erforschen, darum verwandelte ich mich in
+den verwundeten Mann, dem du im Walde zu Hülfe kamst, und schenkte dir
+das Strömlings-Schächtelchen, das nie leer werden durfte. In
+Hundsgestalt führte ich dich dann zu der geplünderten Dame und endlich
+in diese Schloßruine, wo das Glück deiner wartete. Jetzt wählt euch
+Jeder eine Lebensgefährtin nach eures Herzens Trieb, denn Reichthümer
+habt ihr ja mehr als genug.«
+
+Darauf freite der aus dem erschlagenen Bären hervorgegangene Königssohn
+die eine und der in der Bauerhütte aufgewachsene Königssohn die andere
+Königstochter; des reichen Gutsherrn Tochter gab Herz und Hand dem
+Schmiedegesellen. Der als Findling aufgewachsene Königssohn schickte
+seinen Pflegeeltern die Hälfte seines Schatzes, so daß diese mit einem
+Male reiche Leute wurden, welche ihren Kindern und Kindeskindern ein
+großes Vermögen vererben konnten.
+
+[Fußnote 39: Vgl. Bd. 1, S. 98 u. 359. L.]
+
+
+
+
+13. Wie sieben Schneider in den Türkenkrieg zogen.
+
+
+Es lebten einmal in alten Zeiten sieben Schneider, denen das Nadeln
+zuwider geworden war: sie wollten höher hinaus. Von manchen tapferen
+Helden hatten sie erzählen hören und dann vernommen, daß im Türkenlande
+ein großer Krieg angebrochen sei und daß wackere Männer dahin gesucht
+würden. Bei dieser Nachricht schwoll unseren Männlein der Kamm, sie
+wollten zu Felde ziehen um sich die Sporen zu verdienen; und redeten
+darum untereinander wie folgt: »Wir stehen wohl auch unsern Mann!
+Bislang haben wir friedlich Löcher in's Zeug gestochen, gehen wir jetzt
+mit stärkerem Spieß des Feindes Leiber zu durchbohren!« Sie ließen sich
+nun einen langen Lanzenschaft aus dem stärksten Eichenholz machen, dann
+vom Schmiede ihre sieben Scheeren zusammenschweißen, zu einer
+Lanzenspitze zurechthämmern und an das Ende des Schafts festklopfen. Ehe
+sie sich auf den Weg machten, wurde geloost, wer von ihnen Obermann
+werden und als Führer[40] vorangehen solle. Als das Loos entschieden
+hatte, stellten sie sich in eine Reihe und nahmen gemeinschaftlich die
+schwere Lanze auf ihre Schultern, weil eben _Einem_ die Last zu schwer
+geworden wäre. Der Erste, der durch's Loos gewählte Hauptmann, der die
+scharfe Spitze der Lanze trug, wurde _Nasenmann_ genannt, weil seine
+Nase den Andern den Weg zeigen sollte. Die fünf Folgenden erhielten die
+Namen: _Einkraftmann_, _Zweikraftmann_, _Dreikraftmann_, _Vierkraftmann_
+und _Fünfkraftmann_, was freilich nicht bedeuten sollte, daß Einer von
+ihnen die Kraft von drei oder vier Männern gehabt hätte, sondern nur
+anzeigen, in welcher Reihenfolge sie marschiren müßten, damit gar keine
+Irrung entstehen könnte. Der Siebente wurde _Schwanzmann_ genannt, weil
+das hintere Ende des Lanzenschafts auf seiner Schulter lag; die
+Kraftmänner aber mußten auch noch abwechselnd den Brotsack tragen, der
+eine ein Drittel des Tages, der andere das zweite Drittel und so weiter
+bis zum sechsten. Ueberdies hatte Jeder ein Preßeisen in der Tasche,
+damit nicht auf offenem Felde der starke Wind sie vom Wege fortblasen
+könnte. Es versteht sich übrigens von selbst, daß die Männer alle eben
+so klug wie beherzt waren, da sie wohl sonst nicht gewagt hätten, eine
+so große Sache zu unternehmen, die ihnen auf jedem Schritte den Tod
+bringen konnte.
+
+So zum Kriege gerüstet zogen alle sieben Männer an einem schönen
+Sommermorgen aus, nahmen zu rechter Zeit Frühstück und Mittagsmahl,
+ruhten dazwischen im Schatten der Gebüsche aus, eilten dann wieder
+weiter und wollten, wenn sie Jemandem begegneten, nach dem besten Wege
+in's Türkenland sich erkundigen. Als sie so über Feld gingen, sah der
+_Nasenmann_ und sahen auch die Andern einen Bauerhof unweit der Straße,
+und es wurde sofort beschlossen zwei Männer auf Kundschaft
+auszuschicken, ob man da nicht noch Mundvorrath für die Reise bekommen
+könnte. _Dreikraftmann_ und _Fünfkraftmann_ gingen hin um nachzusehen. Als
+sie zurück kamen, erzählten sie den Andern, daß sie auf dem Hofe nichts
+weiter gefunden als drei Weiber und einige Kinder, von Männern nirgends
+eine Spur. Der _Nasenmann_ sagte: »Kriegsleute müssen Muth haben, also
+gerade auf den Feind los, und wenn er noch so stark ist!« Die Männer
+stießen ein Freudengeschrei aus und stürmten auf den Bauerhof los. Als
+die Weiber die sieben Männer und die lange Lanze sahen, erschraken sie
+wohl im ersten Augenblick, aber ein Mütterchen, das natürlichen
+Scharfblick besaß, merkte sogleich, was für Männlein die Andringenden
+wären, und sagte deshalb zu den andern Weibern: »Diese Feinde jagen wir
+mit dem Besenstiel zum Hofe hinaus!« -- nahm einen Besenstiel in die
+Hand, während ein andres Weib eine Mistgabel, ein drittes eine
+Brotschaufel ergriff und so stellten sie sich vor die Thür, den Feind
+erwartend. »Halt, Brüderchen!« rief der _Nasenmann_, die Klugheit muß
+zuweilen den übermäßigen Muth zügeln, sonst könnte es Unglück geben; wir
+haben nur _eine_ Waffe, sie aber _drei_ und viele Hunde sind endlich auch
+des Bären Tod. Kehren wir lieber um.« Die Andern fanden des Hauptmanns
+Rath lobenswerth und machten sich deshalb so rasch davon, als ob sie
+Feuer in den Taschen hätten. Als der _Schwanzmann_ nach einiger Zeit es
+wagte, über die Schulter zurückzublicken, sah er, daß ihnen kein Feind
+mehr auf der Ferse sei; da hemmte man den Lauf und zog langsam weiter.
+
+Am Abend gegen Sonnenuntergang flog ein Mistkäfer über die Kriegsmänner
+hin; sie hörten das Gesumme seiner Flügel, welches in der Abendstille so
+fürchterlich klang, daß die Männer schauderten. Der _Nasenmann_ rief:
+»Brüderchen, der Feind kommt über uns, ich höre schon sein Dröhnen!« Mit
+diesen Worten ließ er die Lanzenspitze von der Schulter gleiten und lief
+mit Blitzesschnelle davon. Die Andern dachten: unser Leben ist auch
+nicht zäher als seines! warfen die Lanze von den Schultern und nahmen,
+wie ihr Hauptmann, die Flucht, der eine hierhin, der andere dorthin, wie
+es sich gerade traf. Der _Nasenmann_ hatte eine leere Heuscheune gesehen
+und lief darauf zu, um eine Zufluchtsstätte zu finden; als er aber
+hineinsprang, bemerkte er nicht, daß ein Rechen am Boden lag, der, als
+sein Fuß unversehens die Pflöcke berührte, in die Höhe schnellte und mit
+dem Stiele gegen sein Gesicht schlug. »Habt Erbarmen, oder führt mich
+in's Gefängniß!« -- bat _Nasenmann_ -- »aber laßt mich leben!« er hielt
+nämlich das Anprallen des Stiels für einen Schlag des Feindes. Nach
+einer Weile, als Alles um ihn her still blieb, glaubte er, der Feind
+habe sich zurückgezogen und wagte nun die Scheune zu verlassen.
+Inzwischen hatte nächtliches Dunkel sich über die Gegend gelagert, wo
+sollte er jetzt seine Gefährten auffinden? Sie zu rufen, wagte er nicht,
+denn auch die Feinde hätten seine Stimme hören können. Dieselbe Furcht
+verschloß den andern Männern den Mund, so daß keiner ein Zeichen zu
+geben wagte. _Dreikraftmann_, der in einen Strauch von wilden Rosen
+gerathen war, konnte jedoch das Stechen der Dornen nicht länger
+aushalten, sondern fing an bitterlich zu weinen und den Feind, von
+dessen Lanzenspitzen er sich gequält glaubte, um Gnade zu bitten.
+»Gnade, Gnade, lieben Leute! es wäre schon _an einer_ Lanze übergenug,
+warum stecht ihr mich mit so vielen?« Als die Feinde aber nicht darauf
+hörten, nahm er Reißaus, bis er über den _Schwanzmann_ stolperte und
+hinfiel, aber Beide wagten sich nicht weiter zu rühren, sondern dachten,
+wenn wir still bleiben, halten uns die Feinde für todt. So lagen Beide
+bis zum Morgen, wo sie erst beim Schein der Morgenröthe inne wurden, daß
+sie Freunde seien.
+
+Da nun ringsum nirgends mehr eine Spur vom Feinde zu erblicken war, so
+riefen sie auch den Uebrigen zu, die dann auch einer nach dem andern
+herankamen. Keiner von Allen hatte soviel Schaden genommen, wie
+_Dreikraftmann_, dessen Körper an vielen Stellen zerkratzt war. _Nasenmann_
+sagte: »Ich weiß zwar nicht, wo ich verwundet bin, aber am Blutfluß
+merke ich, daß ich Schaden genommen habe, denn meine Hosen sind voll
+Blut.« Als man nachsah, fand sich, daß das Blut eine bräunlich-gelbe
+Farbe hatte und _Vierkraftmann_ sagte: »Der Geruch ist übler, als der von
+Blut.« _Nasenmann_ ging, seine Hose zu reinigen und dankte seinem Glücke,
+als er sah, daß er nirgends eine Wunde hatte. Darauf beschlossen die
+Männer einmüthig, von ihren ersten Kriegsdrangsalen zu Hause nichts zu
+sagen.
+
+Als die Lanze wieder aufgefunden war, setzten sich Alle nieder, um sich
+durch einen Imbiß zu stärken, ehe sie weiter zögen. Da fiel es dem
+_Nasenmann_ ein, die Kriegsleute zu überzählen, um zu sehen, ob der
+zweimalige Zusammenstoß Verluste gebracht habe? Es fand sich, daß ein
+Mann fehlte; die Andern zählten ebenfalls, Jeder der Reihe nach, und
+Keiner brachte mehr als sechs heraus, der siebente war verschwunden. Sie
+zählten so: Ich bin ich, dann eins, zwei, drei bis zum sechsten. Wer von
+ihnen nun aber verloren gegangen war, konnte Niemand sagen. Endlich kam
+einem von ihnen ein gescheidter Gedanke wie angeblasen. Er sah am Boden
+einen kleinen Misthaufen und sagte zu den Kameraden, wenn jeder seine
+Nase hineinsteckte, so könnte man sehen, wie viel Löcher dadurch
+entstanden wären. Sie thaten es und als man darauf die Nasenspuren
+nachzählte, da fanden sich -- o Freude -- alle sieben; Niemand aber
+konnte begreifen, woher der Irrthum gekommen, daß man beim Zählen nur
+sechs herausgebracht.
+
+Als sie weiter zogen, kamen sie an den Saum eines dichten Waldes, in
+welchen ein schmaler Pfad hineinführte. Hier wurde wieder Rath
+gepflogen, was besser wäre, auf diesem Pfade gerade durch zu marschiren,
+oder den Wald in einer weiten Entfernung zu umgehen. Allein da keiner
+vorher wissen konnte, ob denn auch ein Weg um den Wald herum führe, so
+wurde endlich einmüthig beschlossen, hindurch zu gehen. Der schmale Pfad
+machte ihnen das Weiterkommen sehr beschwerlich, da sie unaufhörlich
+rechts und links mit den Händen die Zweige zur Seite biegen mußten; sie
+konnten deshalb auch nicht weiter sehen, als die Nase reichte. Ohne aber
+auf Hindernisse und Dunkelheit zu achten, schritten sie muthig und
+tapfer vorwärts, so daß sie nicht früher gewahr wurden, daß ein Wolf
+mitten im Wege schlief, als bis _Nasenmann_ schon den Fuß erhoben hatte,
+um darauf zu treten. Als er nun so plötzlich die gräuliche Bestie zu
+seinen Füßen erblickte, rief er voll Schrecken: »Ein Seehund! ein
+Seehund[41]!« und sprang jäh zurück, so daß _Einkraft_-und _Zweikraftmann_
+auf ihre Hintermänner gedrängt wurden und die Männer sämmtlich zu Boden
+fielen, bis auf _Schwanzmann_, der glücklicher Weise aufrecht blieb,
+wodurch die Lanzenspitze auf den Wolf zu fallen kam. Gern hätten die
+Männer sämmtlich die Flucht ergriffen, wenn die vor Schrecken erstarrten
+Beine sie hätten tragen wollen, oder wenn der dichte Wald das
+Durchkommen gestattet hätte. Da also kein Entrinnen möglich war, so
+mußten sie nothgedrungen bleiben und ruhig warten, bis der Seehund einen
+nach dem andern verschlingen würde. _Nasenmann_, welcher am nächsten
+stand, wunderte sich, daß das Raubthier sich nicht vom Flecke rühre und
+klug wie er war, schloß er daraus sofort, daß ihre scharfe Lanze
+dasselbe im Schlafe getödtet habe. Als er näher trat und das Thier
+untersuchte, fand er es entseelt, was freilich nicht von einer durch die
+Männer ihm beigebrachten Wunde herrührte, sondern schon einige Tage
+vorher eingetreten war. _Nasenmann_'s Freude über dieses unerwartete Glück
+war grenzenlos, als er aber über die Schulter blickte und seine
+Gefährten alle mit dem Gesicht auf dem Boden liegend fand, erschrak er
+von neuem, weil er glaubte, daß sie durch sein Zurückprallen sämmtlich
+vom Lanzenschaft durchbohrt seien, so daß sie daran stäken, wie
+Strömlinge an der Stange. Er hub dann so bitterlich an sein Herzweh zu
+klagen, daß der Wald ringsum von seinem Geschrei erscholl. Die Andern
+glaubten anfangs, daß er unter den Griffen des Thieres schreie und
+wagten deshalb nicht, sich vom Fleck zu rühren. Als aber das Geschrei
+andauerte, wurde ihnen soviel klar, daß doch aus dem Bauche des Thieres
+so lautes Schreien nicht an ihr Ohr dringen konnte. Die Dreisteren hoben
+die Köpfe etwas in die Höhe und lugten heimlich von unten herauf, um zu
+entdecken, warum denn ihr Hauptmann so schreie. Sobald sie inne wurden,
+daß der erschlagene Seehund weder Ohren noch Schwanz rührte, und
+_Nasenmann_ unversehrt neben ihm stand, sprangen sie wie der Wind vom
+Boden auf und eilten, sich die seltsame Sache anzusehen. Niemand von
+ihnen war im Geringsten verletzt; daß sie niedergestürzt, war einzig und
+allein deshalb geschehen, damit des gräulichen Thieres Auge sie nicht
+erblicken sollte. Als sie nun zusammen das Unthier, wofür sie den
+Seehund gehalten, zu untersuchen begannen, wo und wie tief ihr
+Schlachtspeer in dasselbe eingedrungen sei, erstaunten sie wohl sehr
+darüber, daß an dem Thiere auch nicht die mindeste Spur einer Wunde
+sichtbar wurde. _Dreikraftmann_ sagte: »Ein Seehund hat doch nicht mehr
+als zwei natürliche Oeffnungen, eine vorn, die andere hinten, jetzt seht
+nach, in welche von beiden ist unsere Lanze eingedrungen?« _Fünfkraftmann_
+war näher getreten und als er mit der Nase an den Seehund rührte, rief
+er: »Oho! Brüderchen! ihr seid auf dem Holzwege! Der Seehund ist schon
+längst krepirt, denn er stinkt!« »Ja,« sagte _Dreikraftmann_, »mir ist
+schon längst ein fauler Geruch, wie von einer sauer gewordenen
+Strömlingstonne, in die Nase gestiegen!«
+
+Die Männer faßten nun einmüthig den klugen Beschluß, dem todten Seehund
+das Fell abzuziehen und dasselbe an der Lanze zu befestigen, damit alle
+Welt daraus ersähe, was für tapfere Thaten sie verrichtet hätten. Den
+Leichnam ließen sie im Walde liegen, indem sie sagten: »Hat er früher
+Rinder und Pferde gefressen, so mögen sie jetzt ihn fressen!«
+
+Da nun aber der Abend hereinbrach und sie noch immer nicht wußten, wie
+weit der Wald sich noch erstrecken möchte, so mußten sie ihren Marsch
+beschleunigen, um vorwärts zu kommen. Nach einer Werst hörte der Wald
+auf und sie kamen an ein Feld, auf dem nichts weiter wuchs, als einiges
+Wachholdergebüsch. »Hier wollen wir zur Nacht bleiben«, sagte _Nasenmann_,
+»denn wir haben heute wie Männer uns gemüht und geplagt.« Während die
+Andern schliefen, sollte immer einer von ihnen abwechselnd Wache halten,
+damit ihnen kein Unheil über den Hals käme.
+
+Mitten in der Nacht, als gerade _Dreikraftmann_ auf Wache stand, vernahm
+er ein schauerliches Getöse, weshalb er sogleich seine Gefährten
+weckte. Die Männer spitzten alle die Ohren und von Zeit zu Zeit erscholl
+es: plumps! plumps! als ob Jemand einen schweren Stein aus einer Höhe zu
+Boden würfe. Einige hielten das Geräusch für so schlimm, daß es die Erde
+unter ihren Füßen erbeben mache. Was konnte das sein? _Nasenmann_ fragte,
+ob einer sich getraue, dem Geräusche nachzugehen, um zu sehen, was es
+sei; aber keiner schien Lust zu haben, solch' ein Wagniß zu unternehmen.
+Endlich sagte _Dreikraftmann_, der manchmal verwickelte Fragen sehr
+scharfsinnig zu lösen wußte: »Ich glaube zu wissen, was das Geräusch zu
+bedeuten hat; des erschlagenen Seehundes Geist geht sicherlich als
+Gespenst[42] um.« Als aber das Geräusch immer näher kam, sagte
+_Schwanzmann_: »Mir fällt etwas ein, wie wir unseres Gespenstes am besten
+Herr werden können. Die Gespenster müssen sich vor wilden Thieren
+fürchten, ich wickele das Fell des erschlagenen Seehundes wie einen Pelz
+um mich und gehe auf allen Vieren dem Geräusch entgegen, dann jage ich
+das Ding gewiß in die Flucht.« Der Anschlag gefiel den Männern, und so
+wurde _Schwanzmann_ in das Seehundsfell gewickelt, und damit er auch sonst
+nicht ohne Schutz gegen Gefahren bleibe, nahmen die Andern die Lanze auf
+die Schultern und gingen in einem Abstand von hundert Schritten hinter
+ihm her. _Schwanzmann_ war noch nicht weit gekommen, da sah er auf dem
+Felde ein gräuliches fünffüßiges Thier, das hatte zwei lange Hörner und
+feurige Augen im Kopfe, die wie Kerzen weithin leuchteten. Wunderlich
+war sein Gang, die beiden Vorderfüße hob es zugleich auf, als wären die
+Beine zusammengewachsen, die Mittelfüße traten einer nach dem andern
+einher, der fünfte Fuß aber schien dazu vorhanden zu sein, daß ihn das
+Thier wie einen Flügel bald links, bald rechts schwinge, wahrscheinlich
+um die Bewegung des schweren Körpers zu erleichtern. Den Kopf hielt das
+Thier am Boden und brauchte ihn wohl dazu, den Körper vorn zu stützen.
+Als unser Freund das Alles gesehen hatte, hielt er es für das
+Gescheidteste, so sacht als möglich zurück zu gehen, ehe das gräßliche
+Thier ihn erblicke. Als die Andern seinen Bericht gehört hatten, wurde
+sogleich beschlossen, das Weite zu suchen, damit das gräuliche Thier sie
+nicht fände. Hätte nicht die Furcht den Augen _Schwanzmann's_ ein
+Blendwerk vorgemacht, so würde er ein Wesen gesehen haben, das weder ihm
+noch den Andern Angst erregt hätte, nämlich ein gekoppeltes Pferd,
+welches diese Nacht auf der Weide graste. Die vermeintlichen Hörner
+waren des Thieres Ohren, der Schwanz sein fünfter Fuß und die feurigen
+Augen hatte ihm die Furcht des Beschauers geschaffen.
+
+Am folgenden Tage ging ihre Reise glücklich von Statten und es stieß
+ihnen weiter kein Hinderniß auf als ein kleiner See, an dessen Ufer sie
+gegen Abend gelangten. Vom hohen Ufer aus gesehen wogte der blaue See
+vor ihren Augen, als ob ein Windstoß über die Wasserfläche hin fahre.
+Die in den Türkenkrieg ziehenden Männer ließen sich am Ufer auf den
+Rasen nieder und hielten Rath, wie sie hinüber kommen sollten, da
+nirgends in der Nähe weder Boot noch Kahn zu sehen war. Hätten sie
+gewußt, daß ihr Sitz nichts weiter als ein Erdhaufen war und der
+vermeintliche See ein Flachsfeld, das gerade mit blauen Blüthen bedeckt
+war[43], so hätte ihnen das Rathschlagen weniger Kopfbrechen gekostet.
+_Nasenmann_ sagte: »Hier hilft alles nichts, über den See müssen wir, wie
+sollten wir sonst nach Türkenland kommen. Hätte einer von uns die Stärke
+des Kalewsohnes, so könnte er uns mit Leichtigkeit über den See an's
+andere Ufer tragen; oder ist Jemand ein tüchtiger Schwimmer, der bringe
+die Andern der Reihe nach über den See auf's Trockne. _Dreikraftmann_
+sagte: »Hast du die Stärke, so sei der Kalewsohn und trage uns durch den
+See, oder bist du ein geschickter Schwimmer, so schwimm' und nimm uns
+mit.« _Fünfkraftmann_ aber, der gerade hinter seinem Rücken stand, stieß
+ihn vom Ufer -- oder richtiger gesprochen: vom Erdhaufen hinunter.
+_Dreikraftmann_ erschrack anfangs nicht wenig, als er aber merkte, daß er
+mit der Nase auf trocknem Rasen lag, fühlte er alsbald wieder Muth in
+sich und rief aus: »wer ein wackerer Mann sein will, der komme mir
+nach!« Da stieß _Nasenmann_ noch zwei Männer vom Ufer und die übrigen
+sprangen von freien Stücken hinunter. Außer einer kleinen Erschütterung
+verspürte Keiner weiteren Schaden, und Alle waren froh, daß das
+Wagestück gelungen war und das gefürchtete Wasser sie nicht naß gemacht
+hatte. Die Lanze aber hatten die Männer am Ufer vergessen und mußten nun
+zurück gehen um ihre Waffe zu holen, weil ein Krieger ohne Lanze
+ebensowenig weiter kommt, als ein Ackersmann ohne Pflug. Da der Abend
+angebrochen und eine geschützte Stelle zur Hand war, so wollten die
+Männer hier übernachten und nach gepflogener Berathung wurde ein Lager
+hergerichtet.
+
+Als die Kriegsmänner sich eben schlafen legen wollten, drang der Feind
+auf sie ein, es war ein Bauer mit einem derben Knüttel auf der Schulter,
+der scheltend heran kam. »Ihr Lumpengesindel!« rief er, »habt ihr nicht
+anderswo Raum euch niederzulassen als auf meinem Flachsfelde! Wartet ihr
+Galgenschwengel! ich will euch den Rücken so blau schlagen wie die
+Flachsblüthen!« -- Die Türkenbekämpfer aber dachten: besser Furcht als
+Reue! und ergriffen die Flucht; kaum daß sie noch so viel Zeit hatten,
+die Lanze mitzunehmen. Sie hätten sich wohl auch zur Wehr setzen können,
+aber der Feind war so plötzlich und mit so wildem Grimm auf sie
+eingestürmt, daß es ihnen nicht beikam den Kampf aufzunehmen. Erst
+nachdem sie einige Werst weit geflohen waren, fiel es ihnen ein, sich
+zur Wehr zu setzen, aber wo sollten sie jetzt den Feind hernehmen? Eben
+so gut hätten sie die Luft greifen können! »Wir hätten ihn ja kurz und
+klein schlagen können,« sagte _Nasenmann_ -- »wenn er uns nicht so
+unvermuthet über den Hals gekommen wäre.« _Dreikraftmann_ sagte: »Und was
+für einen Knüttel führte er! Ich danke meinem Glücke, daß er nicht dazu
+kam, meinen Rücken zu messen, er hätte mir alle Knochen zu Brei
+geschlagen. Aber was meint ihr dazu, Kameraden, wenn wir morgen früh
+unsere Schritte wieder heimwärts lenkten? Wer Teufel weiß, wie weit das
+Türkenland noch sein mag und was für Unglück uns noch zustoßen kann ehe
+wir hinkommen?« Die Andern fanden sogleich, daß _Dreikraftmann's_ Rath gut
+war. »Aber« -- sagte _Nasenmann_: »den Weg, den wir gekommen sind, gehe
+ich nicht zurück, da würden wir wie die Mäuse der Katze in den Rachen
+laufen und unsere Haut zu Markte tragen, weil der Mann mit dem Knüttel
+nicht verfehlen würde uns durchzubläuen.« Alle mußten zugeben, daß
+_Nasenmann_ Recht hatte, und nachdem sie über die halbe Nacht damit
+zugebracht hatte, die Sache nach allen Seiten hin zu erörtern, wurde
+einmüthig beschlossen auf einem andern Wege zurück zu kehren.
+
+Da kamen sie denn nach einigen Tagen an das Ufer eines See's, in welchem
+wirklich Wasser floß, und also nicht blos ein blauer Schimmer der
+Oberfläche sie täuschte. »Das ist also der Peipus-See,« rief
+_Vierkraftmann_, der den Ort sogleich erkannte, »aber hier müssen wir sehr
+vorsichtig sein, weil hier ein gar gräuliches Unthier wohnen soll, ob
+Vierfüßler, Vogel oder Fisch, kann ich nicht mit Sicherheit angeben,
+aber das habe ich aus alter Leute Mund vernommen, daß der Kalewsohn
+selber es nicht bezwungen hat.« _Nasenmann_ stand eine Weile nachdenklich
+und sagte dann: »Wenn sich die Sache wirklich so verhält wie du sagst,
+so müssen wir ihm entgegenziehen und ihm das Garaus machen! Diese That
+wird uns mehr Ehre und Ruhm bringen als ein Kampf gegen die Türken.«
+-- Als sie nun des Waldes ansichtig wurden, in welchem das Unthier seinen
+Aufenthalt haben sollte, da sank ihnen freilich wieder das Herz in die
+Hosen, was übrigens auch andern Wackeren begegnen kann; dennoch wollten
+sie die Heldenthat nicht aufgeben. »Wer kann wissen, ob wir mit dem
+Leben davon kommen,« sagte _Nasenmann_ -- »der Tod kümmert sich nicht um
+des Menschen Alter, sondern rafft dahin, wen er eben packt. Nun wollen
+wir aber nicht mit leerem Magen aus dieser Welt scheiden, darum ihr
+Brüderchen! setzen wir uns nieder und verzehren wir vor unserm Ende noch
+einmal unser Brot, vielleicht (hier stürzten ihm Thränen aus den Augen)
+ist es unsere letzte Mahlzeit.« Da wurde den Männern gar wehmüthig um's
+Herz, als sie ihres Anführers Betrübniß sahen und als sie daran dachten,
+daß wenn das heutige Brot gegessen sei, sie wohl kein neues mehr backen
+würden. Während sie sich so über den Tod unterhielten, versäumte doch
+keiner darüber sich satt zu essen, denn sie meinten, mit vollem Magen
+lasse es sich leichter sterben als mit leerem. Nach dem Essen begannen
+die Männer sich gegen den Feind zu rüsten, wobei es viel Hin- und
+Herreden gab. _Nasenmann_, der bis jetzt immer der erste gewesen war,
+meinte jetzt, er habe dieses Ehrenamt lange genug bekleidet und
+wünschte, daß ein Anderer an seine Stelle träte. Aber die Andern
+sträubten sich dagegen und sagten, es wäre nicht in der Ordnung, wenn
+sie sich vor ihren Vorgesetzten drängen wollten; Muth hätten sie genug,
+nur keinen Körper, der mit ihrem Muthe gleichen Schritt hielte.
+_Dreikraftmann_ meinte, ob es denn nicht das Beste wäre, wenn Einer für
+alle Andern stürbe und der Hauptmann dies auf sich nähme, aber _Nasenmann_
+schrie, daß der Wald wiederhallte: »So haben wir nicht gewettet! Wer
+einen guten Rath zu geben weiß, der hat auch die Pflicht, meine ich,
+selber diesem Rathe gemäß zu handeln!« Nachdem sie noch eine Zeit lang
+gezankt und hin und her gestritten hatten, so einigten sie sich endlich
+dahin, daß Alle gleichzeitig mit der Lanze auf den Feind eindringen
+sollten, nahmen die Lanze auf die Achseln und zogen in alter Weise dem
+Walde zu, wo das böse Unthier hauste. Bevor sie den Wald erreichten,
+mußten sie über ein Blachfeld, da war eine Dame vom Espenhain oder
+gerade heraus gesagt -- ein Hase, der sich eben gesetzt hatte und seine
+langen Ohren emporstreckte. Dieser gräßliche Anblick erschreckte die
+Schneider dergestalt, daß sie sogleich still standen und sich beriethen,
+ob sie vorwärts gehen, gerade auf das gräßliche Unthier losstürmen und
+es mit ihrer langen scharfen Lanze durchbohren sollten, oder ob es nicht
+besser sei, die Flucht zu ergreifen, ehe das Thier über sie herfalle und
+Einen nach dem Andern hinunterschlucke. Da nun _Schwanzmann_ der hinterste
+und durch sechs Mann vor sich geschützt war, so schwoll seine
+Verwegenheit so sehr an, daß er dem _Nasenmann_ zurief: »Stoß den Feind
+nieder, wir helfen ja von hinten nach!« Aber _Nasenmann_ erwiderte: »Du
+hast gut schwatzen, du bist durch Andere gedeckt, wärest du an meiner
+Stelle, so fiele das Herz dir wohl zwanzig Mal in die Hosen.« So
+haderten die Männer eine Weile; Einer gab immer dem Andern Schuld, daß
+man nicht gerade auf den Feind losgehe, Allen aber standen vor Furcht
+die Haare zu Berge wie die Schweinsborsten. Endlich aber rief _Nasenmann_:
+»Gehen wir denn, ihr Männer, gerade drauf los!« kniff die Augen zu und
+stürmte vorwärts, dabei schrie er aus Leibeskräften: »Hurjo! hurjo«!
+worauf der Hase nach dem Walde davonlief. Als _Nasenmann_ nach dem Feinde
+blinzelte und seine Flucht sah, rief er vor Freude: »Er weicht schon, er
+weicht schon, er weicht schon! eben so gut könnte man die Luft greifen!
+Seht, Männer, seht! er läuft wie ein Hase! sollte es nicht gar ein Hase
+sein?« _Dreikraftmann_ sagte: »Ich weiß nicht, Brüderchen, wo du deine
+Augen gelassen hast? das Thier hat die Größe eines Füllens!«
+_Vierkraftmann_ wollte dies berichtigen und meinte, das Thier sei doch
+wohl so hoch wie ein Pferd, _Fünfkraftmann_ sagte: »meinem Auge erscheint
+ein Ochs, mit diesem Thiere verglichen, kleiner als ein junger Hund.«
+_Schwanzmann_ aber meinte, das Thier habe die Höhe eines Heuschobers. So
+konnten die Männer sich lange nicht einigen über die Größe des Thieres,
+das aber mußten sie zuletzt Alle einräumen, daß der Unhold auf den
+ersten Anblick allerdings einen Körper habe, wie ein Hase, jedoch um
+Vieles größer sei als ein Hirsch.
+
+Als nun die Türkenlands-Kämpfer aus der eben beschriebenen Fährlichkeit
+Alle glücklich mit dem Leben und mit gesunden Gliedmaßen davon gekommen
+waren, wurde zur Stärkung ein Imbiß genommen; dann überlegten sie, was
+nun zunächst zu thun sei. Daß sie bislang auf ihrem Zuge mehr als genug
+wackere Thaten vollbracht, welche im Gedächtniß der Nachkommen fortleben
+würden, das fühlte Jeder von ihnen. Und ein Jeglicher war dessen froh,
+daß er an seinem Theile ein Mann gewesen sei, den keine Drangsal vom
+rechten Pfade hatte ablenken können.
+
+Nach langem Rathschlagen wurde beschlossen, wie folgt: »Wer so viele
+Tage lang Hitze und Beschwerden ertragen, wie wir sieben, der hat ein
+volles Recht heimzukehren und fortan unter dem Schatten des Ehren- und
+Ruhmesbaums, welchen vereinte Tapferkeit gepflanzt, die Tage seines
+Alters zu verleben. Lanze und Seehundshaut aber sollen zu ewigem
+Gedächtniß an einem passenden Orte aufgehängt werden, den Nachkommen zur
+Schau, damit alle Schneider Kunde erhalten von den Thaten, welche ihre
+Vorväter auf der Welt verrichteten.«
+
+Ob gegenwärtig noch Ueberbleibsel von dem berühmten Schlachtspeer und
+von der »Seehundshaut« vorhanden sind, weiß ich nicht mit Sicherheit
+anzugeben, was aber männiglich bekannt ist, das ist der Schneider _Muth_
+und _Tapferkeit_. Diese von ihren Vorfahren überkommenen Eigenschaften
+sind das Erbtheil aller Schneider und werden ihnen verbleiben bis an der
+Welt Ende.
+
+[Fußnote 40: Wörtlich: »Nasenmann«. L.]
+
+[Fußnote 41: Mere-karu ist nach Kreutzwald's gef. briefl. Mittheilung
+eine scherzhafte Benennung des Seehundes; Geld- und Tabacksbeutel aus
+Seehundsfell seien sonst bei den Esten sehr gebräuchlich gewesen und
+mere-karu nahast kotid oder pungad genannt worden. Auch die aus
+schwarzgefärbten Fellen junger Seehunde gemachten Pelze, bei
+Arrendatoren und Disponenten sehr beliebt, hießen mere-karu nahast
+kasukad. L.]
+
+[Fußnote 42: Wörtlich: als Heim- oder Wiedergänger. S. über diese Anm.
+zu der letzten der unten folgenden Localsagen von dem
+Wiedergänger-Schützen. L.]
+
+[Fußnote 43: So hielten die Heruler, von den Langobarden besiegt, auf
+der Flucht ein blühendes Leinfeld für einen See, stürzten sich hinein,
+als ob sie schwimmen wollten und wurden so von den nacheilenden Siegern
+ereilt und niedergemacht. Paulus Diaconus I, 20. Auch Goethe bei seinem
+Aufenthalt in Palermo sagt: Man glaubt in den Gründen kleine Teiche zu
+sehen, so schön blaugrün liegen die Leinfelder unten. Vgl. _Hehn_,
+Kulturpflanzen und Hausthiere S. 113. L.]
+
+
+
+
+14. Der Glücksrubel.
+
+
+Einmal lebte ein wohlhabender Bauersmann, der hatte drei Söhne, von
+denen die beiden älteren ganz gescheidte Männer waren; nur der jüngste
+Sohn hatte sich von Kindheit auf etwas einfältig gezeigt, so daß er mit
+keinerlei Arbeit ordentlich zurecht kommen konnte. Als der Vater auf dem
+Todbette lag, redete er so zu seinen Söhnen: »Da meine Lebenstage sich,
+wie ich glaube, zu Ende neigen und ich von dieser Welt abgerufen werde,
+so sollt ihr die Erbschaft dergestalt theilen, daß die beiden älteren
+Brüder das Vermögen zu gleichen Theilen erhalten, und wenn sie wollen
+auch das Ackerland jeder zur Hälfte nehmen. Sollte Einer von Beiden
+wünschen, allein auf dem Hofe zu bleiben, so muß er dem andern Bruder so
+viel Geld auszahlen als das halbe Grundstück werth ist. Du, Peter, mein
+jüngster Sohn, taugst weder zum Hofherrn noch zu Anderer Knecht, darum
+mußt du auswandern und in der weiten Welt dein Glück versuchen. Deine
+Taufmutter schenkte am Tauftage einen alten Silberrubel, den sie
+_Glücksgeld_ nannte und dir mitzugeben hieß, wenn du einmal das elterliche
+Haus verlassen solltest. Sie setzte hinzu: so lange mein Taufsohn den
+Glücksrubel in der Tasche hat, kann er allenthalben leicht durchkommen,
+weil Noth und Elend einem Glückskinde nichts anhaben können. Also nimm
+jetzt die Pathengabe und versuche wie du mit Hülfe derselben
+durchkommst.« -- Am folgenden Tage gab der Vater den Geist auf. Die
+Söhne drückten ihm die Augen zu und begruben ihn. Da die beiden älteren
+Brüder noch Junggesellen waren, so blieben sie beisammen auf ihres
+Vaters Hofe. Sie hängten ihrem jüngeren Bruder einen Brotsack über die
+Schulter, der für einen Mann mindestens eine Woche lang Nahrung
+enthielt, und sagten: »Geh jetzt und suche den Glücksweg!« Peter ging
+pfeifend zur Pforte hinaus und schlug den Weg gen Morgen ein, indem er
+dachte: wenn die Sonne Morgens aufgeht, so giebt sie mir die Richtung
+an, so daß ich nicht zu fürchten brauche mich zu verirren. So lange er
+Vorrath im Brotsack fand, hatte er nicht die geringste Sorge, sondern
+zog singend und pfeifend dahin und kam immer weiter von Hause. Als er
+nach einigen Tagen wieder Mahlzeit hielt, fand er, daß der Sack nun leer
+war, das machte ihm aber weiter keine Noth, da er sich jetzt satt
+gegessen hatte. Als er am nächsten Morgen erwachte, fuhr er mit der Hand
+in den Brotsack -- allein der war eben so leer wie sein Magen. Mit
+schwerem Herzen ging er eine Weile weiter, setzte sich dann nieder um zu
+verschnaufen und überlegte was er jetzt thun solle, um den knurrenden
+Magen zu beschwichtigen. Der Rubel stack zwar unberührt in seiner
+Tasche, aber was konnte ihm der hier helfen, wo Niemand in der Nähe war,
+dem er Brot hätte abkaufen können. Er lehnte das Haupt an einen Stein
+und streckte den Körper auf den Rasen, in der Hoffnung, daß ihm der
+Schlaf vielleicht Rath bringe. Als er erwachte, sah er einen fremden
+alten Mann neben sich sitzen, der einen langen weißen Bart aber nur _ein_
+Auge hatte. Dies Auge stand mitten auf der Stirn über der Nase; da wo
+sonst bei Menschen die Augen stehen, hatte der Alte zwei große Warzen,
+welche wie die Hörner eines Bocklamms aussahen. Drei große schwarze
+Hunde, immer einer größer als der andere, lagen dem Alten zu Füßen.
+
+Der Alte betrachtete mit seinem einen Auge den Peter genau und fragte
+dann: »Bauer, hast du nicht Lust mir die Hunde abzukaufen? Ich lasse sie
+dir wohlfeil.« Peter erwiderte: »Ich habe selber nichts zu brocken noch
+zu beißen, was soll ich den Hunden geben?« Der Alte lachte und sagte:
+»Nun, damit würdest du schon zurecht kommen. Meine Hunde verlangen
+nichts von dir, sondern können dir noch obendrein Nahrung schaffen.«
+»Sind es denn etwa Jagdhunde,« fragte Peter, »die alle Tage Wild fangen
+und so ihrem Herrn den Braten bringen?« Der Alte erwiderte: »Meine Hunde
+sind besser als gewöhnliche Jagdhunde. Wenn du die Katze nicht im Sacke
+kaufen magst, so will ich dir gleich zeigen, welchen Nutzen diese Hunde
+ihrem Herrn bringen.« Er tippte dann dem kleinsten Hunde mit dem Finger
+auf den Kopf und befahl: »Lauf-hol-Essen!« Der Hund sprang auf und lief
+wie der Wind davon, so daß er bald verschwunden war. In weniger als
+einer halben Stunde kam er zurück, einen Handkorb im Maule.
+Unaussprechlich groß war Peters Freude, als er den Korb mit den
+schmackhaftesten Speisen gefüllt fand, Schweinefleisch, frische Fische,
+Würste und Kuchen. Er aß, daß ihm der Leib zu platzen drohte. Dann sagte
+der Alte: »Was übrig bleibt, mußt du den Hunden geben, weil der Korb
+jedesmal geleert werden muß und nicht der kleinste Bissen übrig bleiben
+darf. Petern that es zwar Leid, den Rest den Hunden zu geben, er wagte
+aber nicht sich dem Alten zu widersetzen, dem er es doch verdankte, daß
+er jetzt satt geworden war. Zaghaft sagte er dann: »Den kleinsten Hund
+da würde ich gern kaufen, wenn ich Geld genug hätte, aber mein Vermögen
+besteht im Ganzen aus einem Silberrubel; mehr habe ich nicht hinter Leib
+und Seele. Willst du den Hund um diesen Preis verkaufen, so wollen wir
+den Handel sogleich abschließen.« Der Alte war mit dem gebotenen Preis
+zufrieden, fügte aber hinzu: »Man darf diese Hunde niemals voneinander
+trennen, sonst würde für den Herrn wie für die Hunde Unheil entstehen.
+Wenn du nicht mehr Geld hast als einen Silberrubel, so verkaufe ich dir
+dafür den kleinsten Hund und schenke dir die beiden andern dazu. Du
+wirst mit deinem Kaufe gewiß zufrieden sein. Der erste Hund heißt, wie
+du gehört hast: _Lauf-hol-Essen_, der mittlere heißt: _Reiß-nieder_ und der
+größte: _Brich-Eisen_! Sollte dir irgend etwas zustoßen, wobei du der
+Hunde bedürftest, so rufe nur denjenigen bei Namen, dessen Hülfe du
+gerade brauchst und dein Verlangen wird erfüllt werden. Wie dich der
+kleinste täglich mit Nahrung versorgt, so werden die beiden andern dich
+gegen den Feind schützen.« Dann rief er den Hunden zu: »Hier steht euer
+neuer Herr!« Die Hunde wedelten mit dem Schwanze und leckten Petern die
+Hand, als wollten sie zu erkennen geben, daß sie die Weisung verstanden
+hatten. Beim Abschiede berührte des Alten Finger die Stirn Peter's, es
+durchfuhr ihn plötzlich wie ein Blitz, aber in demselben Augenblicke war
+auch der Alte verschwunden, ob in die Luft zerflossen oder zu Staub
+verweht, das ist Peter'n niemals klar geworden. -- Wunderbarer Weise
+schien es, als hätte des Alten Finger Petern und Alles was vor ihm lag,
+mit einem Male verwandelt -- denn noch nie war ihm die Welt so schön
+erschienen wie jetzt, und zugleich war in ihn selbst ein anderer Geist
+eingezogen. Peter sprach zu sich selbst: »Bisher habe ich wie in einer
+dichten Nebelhülle gelebt, aus welcher ich heute in die Helle getreten
+bin.« Die Hunde sahen ihn klug an und wedelten mit den Schwänzen, als
+wollten sie dadurch andeuten: du hast Recht. Nachdem Peter eine Weile
+über den wunderbaren Vorfall nachgesonnen hatte, machte er sich auf, um
+seine Wanderung fortzusetzen. Als er am Abend zufällig in die Tasche
+griff, fand er seinen Rubel und konnte sich schlechterdings nicht
+erklären, wie das Geld dahin gekommen sei, weil er genau wußte, daß er
+den Rubel für den Hund dem Alten gegeben, und daß dieser das Geld vor
+seinen Augen in die Tasche gesteckt hatte. Wie konnte der Rubel von da
+zurückkommen? Lauf-hol-Essen hatte laut Befehl die Abendmahlzeit geholt,
+welche für den Herrn und seine Hunde hinreichte; eben so ging es am
+andern Morgen. Aber die närrische Geschichte mit dem Gelde wollte Petern
+nicht aus dem Kopfe, er nahm sich darum vor, der Sache auf den Grund zu
+kommen. Er tauschte seinen Rock gegen den besseren eines ihm begegnenden
+Mannes, und gab den Rubel als Aufgeld. Als er eine Meile weiter gegangen
+war, fand er seinen Rubel wieder in seiner Tasche. Jetzt erst merkte er,
+wie die Sache mit dem Rubel stand, der immer wieder in seines Herrn
+Tasche zurück schlüpfte, so oft er auch bei einem Handel ausgegeben
+wurde. Er kaufte sich nun alle Tage Kleider und sonstige Bedürfnisse,
+oder auch allerlei Tand, wie das die Reichen thun, gleichwohl blieb sein
+Pathengeschenk immer in seiner Tasche. Auf welche Weise der Rubel aus
+fremder Hand da hinein kam, das konnte sich der Besitzer freilich nicht
+erklären. Aber er dachte vergnügten Sinnes: ich könnte, wenn ich wollte,
+die ganze Welt durchstreifen, weil es mir nirgends an Nahrung und Geld
+gebräche.
+
+Peter war nun schon eine geraume Zeit von einem Orte zum andern gezogen,
+als er eines Tages auf einen Wald zuschritt; die Hunde hoben die Nasen
+schnuppernd in die Höhe und sahen wieder auf ihren Herrn, als wollten
+sie sagen: hier ist etwas nicht geheuer, sieh dich vor! Peter ging
+weiter und sah, daß die Hunde immer unruhiger wurden, doch konnte er
+nichts Befremdliches entdecken. Da hörte er plötzlich von weitem das
+Geräusch von Rädern, wie wenn ein schweres Fuhrwerk Schritt für Schritt
+heraufkomme. Dann gewahrte er eine Kutsche mit vier schwarzen Pferden
+und es war als ob sie einen Leichenwagen zögen, denn die Kutsche war mit
+schwarzen Decken behangen und auch der Kutscher trug schwarze Kleider.
+Die Pferde ließen Köpfe und Ohren hängen, als empfänden auch sie Trauer.
+Als Peter in's Kutschenfenster hineinlugte, sah er eine junge bleiche
+Dame in schwarzen Trauerkleidern allein in der Kutsche sitzen; sie
+weinte bitterlich und wischte sich von Zeit zu Zeit mit einem feinen
+weißen Tuche die Thränen von den Wangen. Peter fragte den Kutscher, was
+die Sache zu bedeuten habe, erhielt aber keine Antwort. Da fuhr Peter
+ihn heftig an: »Schlingel! willst du die Pferde anhalten und mir
+antworten? Sonst werde ich dir das Maul aufmachen, daß du reden lernst!«
+-- Als der Kutscher den Mann und seine großen Hunde ansah, meinte er
+doch, daß hier nicht zu spaßen sei, hielt die Pferde an und berichtete,
+daß da im Walde ein gräuliches Ungeheuer hause, das halb wie ein
+ungeheurer Bär und halb wieder wie ein Vogel geformt sei, so daß es
+ebenso gut auf der Erde einherschreiten, als fliegen könne. Dieses
+gräuliche Unthier verschlinge ringsum im Königreiche eine große Menge
+Menschen und Thiere und würde schon längst das Land ganz von lebenden
+Wesen entblößt haben, wenn ihm nicht jedes Jahr an einem bestimmten Tage
+eine unschuldige Jungfrau zum Opfer geführt würde, welche das Thier
+augenblicklich herunterschlinge. Der König lasse zu diesem Behuf aus dem
+ganzen Reiche alle unschuldigen sechzehnjährigen Mädchen zusammenkommen
+und unter ihnen das Loos werfen, um zu entscheiden, an welche
+Unglückliche die Reihe zu sterben komme. Diesmal sei das Todesloos auf
+die einzige Tochter des Königs gefallen, welche jetzt dem Thiere zum
+Fraße gebracht werde. Obwohl der König und seine Unterthanen in tiefster
+Betrübniß seien, so könne Niemand der Sache abhelfen oder ihr eine
+andere Wendung geben, weil das Gelöbniß erfüllt werden müsse, ohne
+Rücksicht darauf, ob das Mädchen reich oder arm, hochgeboren oder gering
+sei.« Peter empfand inniges Mitleid, als er des Kutschers Erzählung
+vernommen hatte und die tiefe Traurigkeit der unglücklichen
+Königstochter sah. Er beschloß sogleich, die Jungfrau auf ihrem
+Todeswege zu begleiten. Da nun die Kutsche Schritt für Schritt weiter
+fuhr, folgte Peter mit seinen Hunden nach. Als sie endlich an einen
+hohen Berg kamen, der mitten im Walde stand, hielt der Kutscher die
+Pferde an und bat die Königstochter, auszusteigen, weil sie nun an die
+Grenze gekommen seien, welche Leben und Tod scheide. Ohne ein Wort zu
+verlieren, wie ein Lämmlein, stieg die schöne Königstochter aus der
+Kutsche und ging den Berg hinauf. Peter wollte sofort hinterdrein, aber
+der Kutscher rief: »Bauer! laß die Narrenspossen bleiben! Du kannst dein
+Leben eben so gut einbüßen, wie die Jungfrau und die Sache stände darum
+doch nicht besser.« Peter erwiderte zuversichtlich: »Das ist meine Sache
+und nicht die deinige!« und schritt kühn vorwärts. Die vom Weinen
+geschwollenen Augen der Königstochter blickten wie dankend auf ihn und
+die schwarzen Hunde wedelten fröhlich mit dem Schwanze, als wollten sie
+sagen: das ist braven Mannes Art! -- Sie hatten noch nicht den dritten
+Theil des Berges erklettert, als plötzlich ein Brausen und Tosen sich
+erhob, als ob ein schweres Hagelwetter im Anzuge sei. Vom Kamme des
+Berges herab wälzte sich ein gräßliches Thier, dessen Oberleib
+bärenartig, aber viel höher war, als das größte Pferd; statt der Haare
+bedeckten Schuppen den Körper, zwei krumme Hörner standen am Kopfe und
+zwei lange Flügel am Rücken, fußlange Zähne wie Schweinshauer ragten aus
+dem Rachen hervor, an Vorder- und Hinterpfoten hatte es lange Klauen.
+Das gräßliche Raubthier mochte noch einige zwanzig Schritte von der
+Königstochter entfernt sein, als es seine lange Zunge herausstreckte,
+mit welcher es wie eine Schlange die Jungfrau erst stechen wollte, bevor
+es sie verschlang, aber in demselben Augenblicke rief Peter
+unerschrocken: »Beiß-nieder!« Als das Unthier die Stimme des Mannes
+hörte, funkelten seine Augen wie Feuer und sein Athem dampfte wie
+Badstubenbrodem, aber schon war der schwarze Hund, dem Befehle seines
+Herrn gehorchend, mit Blitzesschnelle herangesprungen und im Kampfe mit
+dem Ungeheuer begriffen. Sehr gewandt wußte der Hund sich vor des
+Thieres Rachen und Klauen zu wahren, sprang demselben zwischen den
+Beinen durch unter den Leib, grub sich mit den Zähnen ein und biß so
+lange, bis die Eingeweide aus dem Leibe heraushingen und des Hundes
+Zähne das Herz packten. Da fiel das gräuliche Thier mit der Wucht eines
+Felsens nieder, daß der ganze Berg unter seiner Last bebte und hauchte
+nach kurzer Zeit sein böses Leben aus. Der Hund aber, obwohl er zehnmal
+kleiner war, fraß das Unthier rein auf mit Haut und Haaren, so daß
+nichts weiter übrig blieb als die beiden Hörner und die vier langen
+Hauer. Diese Reste hob Peter auf und steckte sie in seinen Sack. Dann
+eilte er der Königstochter zu Hülfe, welcher Furcht und Schrecken die
+Besinnung geraubt hatten und die ohnmächtig da lag. Peter holte in
+seinem Hute aus der nahen Quelle kaltes Wasser und benetzte damit Stirn
+und Wangen der Jungfrau so lange, bis die Schwäche verging. Wie aus
+einem langen Schlafe erwachend, mußte sie sich eine Weile besinnen, was
+mit ihr geschehen sei, als sie aber das gräßliche Thier nicht mehr
+vorfand, hielt sie sich für gerettet, fiel vor ihrem Retter auf die Knie
+und dankte ihm unter Thränen mit liebreichen Worten. Dann bat sie ihn,
+sich mit ihr in die Kutsche zu setzen und zum Könige zu fahren, um
+seinen verdienten Lohn zu fordern, der ihm sicher nicht kärglich,
+sondern königlich würde gereicht werden. Peter dankte für das
+freundliche Anerbieten und erwiderte dann: »Ich bin noch jung und
+unerfahren, darum getraue ich mich noch nicht vor dem Könige zu
+erscheinen. Ich will mich erst noch länger in der Welt umsehen, und wenn
+der himmlische Vater mir Leben und Gesundheit giebt, da komme ich nach
+drei Jahren zurück.« So trennten sie sich. Die Königstochter setzte sich
+in die Kutsche und fuhr zu ihrem Vater zurück; Peter setzte seine
+Wanderung nach fremden Ländern fort.
+
+Dem Kutscher aber kam ein böser Gedanke. Er hatte das Gespräch mit
+angehört, welches die Königstochter mit Petern geführt hatte und hielt
+es für gerathen, sich selber für den Retter der Königstochter auszugeben
+und den großen Lohn einzustreichen. Als sie nun im Waldesdickicht an
+eine Stelle kamen, wo ein steiler Abhang eine tiefe Schlucht begrenzte,
+stieg er ab und sagte zur Königstochter: »Euer Erretter ist seine Straße
+gezogen und wird sicherlich niemals wiederkehren, um von euch und von
+eurem Vater den Lohn für seine That zu fordern. Ich glaube deshalb, daß
+es eure Pflicht wäre, mir diesen Lohn zu zahlen, weil ich den jungen
+Mann gedungen hatte, euch zu helfen, er wäre sonst nicht erschienen.
+Sagt also eurem Vater, wenn wir heim kommen, daß _ich_ euch aus den Klauen
+des Unthiers gerettet und das Geschöpf der Hölle erschlagen habe, so daß
+es Keinem mehr ein Leid zufügen kann: dann wird mir der Lohn
+ausgezahlt.« Die Königstochter erwiderte: »Das wäre erstens eine
+offenbare Lüge und zweitens ein schweres Unrecht, wenn der Mann, der den
+Lohn verdient hat, ihn einbüßte und ein anderer ihn erhielte, der nichts
+gethan hat. Gott bewahre mich vor einer solchen Sünde!« Der Kutscher
+runzelte die Stirn und rief zornig: »Wohl, es sei denn, wie ihr selber
+wollt! Lebendig sollt ihr aus meiner Hand nicht mehr entkommen! Bereitet
+euch zum Tode!«
+
+Die Königstochter fiel vor ihm auf die Knie nieder und bat um
+Barmherzigkeit, aber das Kieselherz des Bösewichtes kannte kein
+Erbarmen, vielmehr sagte er mit hartem Tone: »Wählet zwischen zwei
+Dingen -- was ihr für besser haltet: entweder ihr sagt eurem Vater, daß
+ich das Unthier erschlagen habe, oder, wenn ihr diese Lüge nicht
+hervorbringen wollt, stürze ich euch den Abhang hinunter in die Tiefe,
+wo euch der Mund auf ewig geschlossen bleibt. Zu Hause sage ich, daß das
+Unthier euch verschlungen hat, wie alle anderen Jungfrauen vor euch, und
+damit ist die Sache aus.« Jetzt sah die Königstochter, daß hier weiter
+keine Hoffnung auf Befreiung war, wenn sie sich dem tückischen Kutscher
+länger widersetzte, darum versprach sie, ihrem Vater die Lüge
+vorzutragen, die ihr der Kutscher angegeben hatte, mußte aber erst mit
+einem schweren Eide betheuern, daß sie diese Lüge auch wirklich als
+Wahrheit aufrecht erhalten und keiner Seele mit einem Worte verrathen
+wolle, was sich heute begeben hatte. Starr vor Angst und Schrecken hatte
+die Königstochter des ruchlosen Mannes Geheiß erfüllt, aber je näher sie
+dem Vaterhause kam, desto schwerer wurde ihr das Herz. Sie konnte aber
+ihren Schwur nicht verletzen, sondern mußte den Kutscher als ihren
+Retter nennen. Grenzenlos war der Einwohnerschaft wie des Königs Freude,
+als die für todt beweinte Jungfrau lebendig und gesund zurückkam und
+zugleich die Nachricht brachte, daß das Unthier vernichtet sei und
+fortan Niemand mehr sich vor demselben zu fürchten brauche. Die
+Trauerkleider wurden jetzt abgethan und statt ihrer Freudengewänder
+angelegt. Der König fiel seiner Tochter weinend um den Hals und konnte
+lange kein Wort hervorbringen; als er endlich die Sprache wiederfand,
+dankte er dem Retter seiner Tochter und reichte ihm die Hand mit den
+Worten: »Dank und Preis dir, geehrter Mann! Du hast nicht nur mein
+einziges Kind aus dem Rachen des Todes befreit, sondern auch das ganze
+Reich aus des schlimmsten Feindes Gewalt erlöst. Für diese große
+Wohlthat will ich dich belohnen und dir meinen theuersten Schatz geben;
+du sollst meines Töchterchens Gemahl und mein Schwiegersohn werden. Da
+aber meine Tochter noch sehr jung ist, so kann die Hochzeit erst nach
+Jahresfrist stattfinden.« Darnach wurde der Kutscher auf's prächtigste
+gekleidet und zum höchsten Range erhoben, wo er denn Tag für Tag in
+großer Ehre und Herrlichkeit lebte, und seines früheren Standes, da er
+ein niederer Diener gewesen war, nicht mehr gedachte.
+
+Anders ließ sich die Sache mit der Königstochter an, welche heftig
+erschrack, als sie vernahm, daß der Vater sie selbst dem Retter zum
+Lohne versprochen. Sie war sehr betrübt und vergoß oft heimlich Thränen.
+Weil aber ihre Zunge durch einen schweren Eid gebunden war, durfte sie
+Niemandem erzählen, wie es sich mit ihrer Rettung verhielt, noch weniger
+aber verlauten lassen, was ihr Herz Nacht und Tag quälte, daß sie
+nämlich nicht ihres geliebten wahren Erretters Lebensgefährtin werden
+konnte. Als das Jahr vorüber war, brachte sie gleich die Bitte vor, man
+möge _noch_ ein Jahr mit der Hochzeit warten; das war freilich nicht nach
+dem Sinne des Bräutigams, er mußte sich aber fügen, da der König seiner
+Tochter die Bitte gewährte. Als aber nach Ablauf des zweiten Jahres die
+Tochter abermals mit der Bitte vor den Vater trat, die Frist
+hinauszuschieben, rief er aus: »Du undankbares Geschöpf! warum willst du
+diesen wackern Mann nicht heirathen, der dich aus dem Rachen des
+Unthiers erlöst und mein ganzes Königreich von einer schweren Geißel
+befreit hat!« Die Tochter war bleich geworden wie der Tod und war dem
+Vater zu Füßen gefallen: sie sagte nichts weiter als: »O wie glücklich
+wäre ich jetzt, wenn das Unthier mich heute vor zwei Jahren verschlungen
+hätte!« Diese, im Tone des Kummers gesprochenen Worte drangen dem Vater
+wie Feuerpfeile durch's Herz, er hob seine Tochter vom Boden auf, nahm
+sie auf seine Kniee und sagte: »Noch einmal, liebes Kind, zum letzten
+Male will ich deiner Bitte Gehör schenken, aber heute über's Jahr kann
+dich keine Macht länger vor der Hochzeit schützen; weil ich dich mit
+meinem Königswort deinem Retter zugesagt habe.« Die Tochter dankte für
+diesen neuen Beweis väterlicher Liebe und hoffte noch immer darauf, daß
+der theure Jüngling, der sie aus den Klauen des Todes errettet hatte,
+sein Versprechen halten und nach drei Jahren zurückkehren werde. Viel
+schneller als sie hoffte und dachte, schwand das dritte Jahr dahin, und
+ging zu Ende, ohne daß von des fremden Mannes Ankunft etwas verlautet
+hätte.
+
+Die Königstochter wußte im Voraus, daß sie von ihrem Vater keine
+Verlängerung der Frist mehr erbitten dürfe, darum sah sie ruhig die
+Vorkehrungen zur Hochzeit mit an, weinte bisweilen in der Stille und
+flehte zu Gott um Hülfe. In der Nacht vor dem für die Hochzeit
+festgesetzten Tage träumte ihr, daß ein alter einäugiger Mann mit grauem
+Barte gekommen war um sie zu trösten. Der Alte hatte gesagt: »sei
+getrost und unverzagt! Einem höheren Auge kann Unrecht nie verborgen
+bleiben, wenn es sich auch menschlicher Kunde entzöge.« Beim Erwachen
+fühlte die Königstochter neue Kraft und Hoffnung im Busen.
+
+Nun geschah es, daß an demselben Tage, wo die Hochzeit der Königstochter
+stattfand und die ganze Stadt deshalb im Festjubel war, daß ein fremder
+Mann mit drei schwarzen Hunden zum Thore hereinkam. Er erkundigte sich,
+warum wohl die Leute so sehr vergnügt seien und erhielt Bescheid, daß
+gerade die Hochzeit der Königstochter gefeiert werde und daß sie den
+Mann heirathe, der sie vor drei Jahren den Zähnen eines gräulichen
+Unthiers entrissen habe. Der Fremde fragte weiter: »Sagt mir doch, wo
+dieser Retter ist?« »Nun« -- war die Antwort -- »wo anders als in des
+Königs Hause, da der Bräutigam ja immer neben der Braut sitzt.« Da rief
+der Fremde zornig: »Laßt mich vor den König, ich will ihm klar machen,
+daß er seine Tochter einem verworfenen Betrüger überliefert. Laßt mich
+mit dem Könige reden!«
+
+Die Wächter an der Pforte des Königshauses glaubten es mit einem
+Verrückten zu thun zu haben, darum nahmen sie ihn fest, legten ihm
+Fesseln an Hände und Füße und warfen ihn dann in ein mit eisernen
+Riegeln wohlverwahrtes Gefängniß, damit die Festfreude nicht durch einen
+Tollen gestört werde. Jetzt sah Peter ein, daß er die Sache wie ein
+Hitzkopf angefaßt hatte und bereute seine Leidenschaft, weil die
+Königstochter nun eines Andern Weib ward, während er im Kerker in Ketten
+sitzen mußte. Da hört er unter dem Fenster des Gefängnisses ein Kratzen
+und Hundegeheul und denkt: meine treuen Hunde wollen zu mir, vielleicht
+kann ich mit ihrer Hülfe befreit werden. Zum Glücke fällt ihm ein, den
+dritten Hund zu Hülfe zu rufen und kaum hat er »Brich-Eisen!«
+herausgebracht, so hat auch schon das größte der schwarzen Thiere seine
+Pfoten an den Eisengittern des Fensters, welche unter der Kraft des
+Hundes wie altes Bandeisen brechen. Der Hund springt zum Fenster herein,
+zernagt seines Herrn Hand- und Fußfesseln, als wäre es Heedegarn, und
+springt dann wieder zum Fenster hinaus, Peter ihm nach. Da ihm so aus
+der Noth geholfen war, überlegt er was weiter zu thun ist, damit die
+Königstochter nicht das Opfer eines Frevels werde. Als er jetzt Hunger
+spürte, rief er den ersten Hund: »Lauf-hol-Essen!« Der Hund lief mit
+Windeseile und kam bald mit einem Handkorbe zurück; die Speisen darin
+waren mit einem feinen weißen Taschentuch bedeckt und ein goldener Ring
+war in den Zipfel des Tuches eingebunden; auf dem Ringe fand Peter den
+Namen der Königstochter eingegraben, und daraus schöpfte sein Herz
+wieder neue Hoffnung.
+
+Die Sache mit dem Tuche und dem Ringe verhielt sich so. Der König saß
+mit seinen vornehmen Gästen bei Tafel, ihm zur Rechten seine Tochter und
+zur Linken der Bräutigam, der vormalige Kutscher, welcher heute durch
+die Trauung Schwiegersohn des Königs werden sollte. Da kommt ein
+schwarzer Hund, einen leeren Korb im Maule, in's Gemach gelaufen,
+gerade auf den Stuhl der Königstochter los, sieht die Jungfrau mit
+bittenden Augen an und leckt ihr die Hand, als wollte er sagen: thut ihr
+mir nicht auch Speise in den Korb? Die Hände der Königstochter geriethen
+vor Herzensfreude in ein leichtes Zittern, denn sie hatte den schönen
+Hund augenblicklich als den ihres Erretters wieder erkannt. Sie nahm
+darum vom Tische Fleisch und Fisch nebst süßem Gebäck und that Alles in
+den Korb; zugleich zog sie ihren Verlobungsring vom Finger, band ihn in
+einen Zipfel ihres Tuches und bedeckte dann mit diesem den Korb. Der
+Hund ging mit dem Korbe davon; die Königstochter aber sagte dem Könige
+einige Worte heimlich in's Ohr, worauf sich der König von der Tafel
+erhob, die Tochter bei der Hand nahm und mit ihr in ein abgelegenes
+Zimmer ging, wohin nach kurzer Zeit auch der Prediger gerufen wurde.
+Diesen fragte der König, ob ein Eid bindend sei, den ein Mensch in
+Todesnoth gezwungener Weise geschworen habe, um dadurch sein Leben aus
+Mörderhand zu retten. Der Prediger erwiderte: »ein abgezwungener Eid,
+den ein Mensch wider sein besseres Wissen und Wollen schwört, hat weder
+nach göttlichen noch nach menschlichen Gesetzen Gültigkeit, weil ein
+solcher Eid eben nichts bedeutet.« Jetzt offenbarte die Königstochter
+ihr Geheimniß und erzählte ausführlich, was ihr heute vor drei Jahren im
+Walde begegnet war. Der König befahl einigen Dienern, die Spur des
+Hundes zu verfolgen und wenn möglich den Herrn desselben ausfindig zu
+machen. -- Diesen Mann sollten sie dann augenblicklich vor den König
+führen. Nach kurzer Zeit war der Mann gefunden und mit seinen drei
+Hunden vor den König gebracht. Die Königstochter erkannte sogleich ihren
+Retter, fiel ihm dankbewegt um den Hals und sagte: »Heute rettet ihr
+mein Leben zum zweiten Male aus der Gewalt eines bösen Thieres! Tausend
+und aber tausend Dank für diese Liebe und Wohlthat!«
+
+Der König begab sich nun mit seiner Tochter wieder zur Tafel und hieß
+Petern so lange warten, bis er ihn rufen lasse. An der Tafel warf der
+König die Frage auf: was für eine Strafe einem Menschen gebühre, der
+eines Andern wackere That verheimliche und dessen verdienten Lohn sich
+zueigne? -- Der vormalige Kutscher dachte, ich will nun zeigen, was ich
+für ein tüchtiger Richter bin, und erwiderte auf des Königs Frage: »Ein
+solcher Uebelthäter verdiente nichts Besseres, als daß ihm ein Mühlstein
+um den Hals gebunden und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.«
+Darauf sagte der König: »Sehr wohl, ein solcher Spruch soll denn auch
+gefällt werden!« und befahl den Fremden in den Saal zu rufen. Als nun
+Peter mit seinen drei schwarzen Hunden eintrat, wurde der Kutscher
+bleich wie eine getünchte Wand, fiel vor dem Könige auf die Kniee und
+bat um Gnade. Der König sagte: »Du ruchloser Frevler hast dir selbst das
+Urtheil gesprochen und sollst nun auch die Strafe erleiden, die du
+angegeben hast. Damit aber unser schönes Hochzeitsfest deinetwegen nicht
+gestört werde, sollst du so lange im Gefängniß sitzen, bis die Hochzeit
+meiner Tochter vorüber ist.« Darauf wurde der Kutscher hinausgeführt, in
+Ketten gelegt und in's Gefängniß geworfen. Jetzt nahm Peter seine
+Beweisstücke aus dem Sacke, nämlich des Unthiers Hörner und Hauer,
+worauf ein lautes Freudengeschrei aus dem Munde der Hochzeitsgäste
+erscholl. Der König befahl Petern sich neben ihn auf des Kutschers Stuhl
+zu setzen und ließ ihn noch an demselben Abende als seinen Schwiegersohn
+mit der Prinzessin trauen. Hauer und Zähne des Unthiers wurden zu ewigem
+Gedächtniß in die königliche Kirche gebracht.
+
+Nach vier Wochen, als die Festlichkeiten beendet waren, erlitt der
+Kutscher die verdiente Strafe, die er selbst angegeben hatte. Eines
+Tages aber trat Peter ehrerbietig vor den König und sagte, als niederer
+Leute Kind sei er jetzt durch ein unerwartetes Glück zum vornehmen Manne
+geworden, allein er habe daheim noch zwei ältere Brüder und bitte
+deshalb den König um Erlaubniß, sie kommen zu lassen, damit er nicht
+allein in Glück und Freude lebe, sondern auch seinen Brüdern das Leben
+leicht machen könne. Der König willigte ein und ließ auf der Stelle
+Befehl ergehen, daß Peter's Brüder herkommen sollten. An dem Tage wo die
+Brüder kamen und Peter sie freundlich empfing, fing der größte der
+schwarzen Hunde an mit menschlicher Zunge zu reden und sagte: »Jetzt ist
+unsere Zeit um, sintemal wir so lange bei dir bleiben mußten, bis wir
+sehen würden, ob du dich in deinem Glücke der Brüder erinnern würdest.
+Dem himmlischen Vater sei Dank! du hast wie ein rechter Mann in allen
+Stücken deine Pflicht gethan.« Plötzlich waren die Hunde in Schwäne
+verwandelt, hoben ihre Flügel und zogen davon. Wohin? das hat bis auf
+den heutigen Tag Niemand weder gehört noch gesehen.
+
+Peter lebte als Königs Eidam in großer Ehre und Pracht, und half seinen
+Brüdern, so daß sie auch mit der Zeit wohlhabende Leute wurden. Den
+Glücksrubel schenkte er seines ältesten Bruders erstem Sohne als
+Pathengeschenk mit den Worten: »Zieht er einst als Jüngling von Hause,
+dann gebt ihm das Pathengeschenk mit auf die Reise, er kann damit
+ebensogut durch die Welt kommen, wie ich durchgekommen bin und mein
+Glück gefunden habe.
+
+
+
+
+15. Der närrische Ochsenverkauf.
+
+
+Ein Bauer hatte drei Söhne: die beiden älteren waren klug genug, der
+dritte aber etwas schwer von Begriffen. Vor seinem Tode traf der Vater
+die Anordnung, daß die älteren Söhne mit einander den Bauerhof
+übernehmen und ihren jüngeren Bruder ernähren sollten, da dieser nicht
+viel Hoffnung gab, daß er sich selber würde ernähren können; der Vater
+sprach ihm daher auch kein größeres Erbtheil zu als einen jungen
+Pflugstier. Da nun aber der Besitzer desselben nichts zu pflügen hatte,
+so nahmen die älteren Brüder wechselweise der eine heute, der andere
+morgen, den Stier ihres jüngeren Bruders zum Pflügen. Es läßt sich
+denken, daß bei solchem täglichen Pflügen kein Ochs gedeiht, zumal wenn
+die Peitsche dem Pflüger und der Ochs einem Andern gehört. Da kommt
+eines Tages zufällig ein Fremder, sieht die Geschichte mit dem Ochsen
+und setzt dem jüngeren Bruder einen Floh[44] in's Ohr, indem er sagt:
+»Meinst du, daß der Ochs vor dem Pfluge gedeiht, wenn du ihn täglich
+fremden Händen überlässest? Sei kein Thor, nimm lieber deinen Ochsen,
+verkaufe ihn auf dem Markte und stecke das Geld in die Tasche, dann
+weißt du was du hast.« Der junge Mann sah ein, daß der Bauer Recht habe,
+nahm seinen Brüdern den Ochsen weg, fütterte ihn bis zum Herbst, band
+ihm dann einen Halfter an seinen Hörnern fest und machte sich auf, den
+Markt zu besuchen. Sein Weg führte durch einen großen Wald und ein
+schneidender Wind blies in die Wipfel, daß sie unaufhörlich hin und her
+schaukelten. Zwei dicht beisammen stehende Bäume streiften einander beim
+Hin- und Herschwanken und verursachten von Zeit zu Zeit ein Gequiek. Der
+Besitzer des Ochsens horcht auf, wieder trifft ein Quiek! sein Ohr, da
+fragt er: »Was? -- fragst du nach meinem Ochsen?« Quiek! tönt es vom
+Wipfel her zurück. Der Mann sagt: »Der Ochs ist mir feil; willst du den
+geforderten Preis zahlen, so nimm ihn.« Quiek! schallte es wieder von
+oben herab. Der Mann fragt weiter: »Willst du funfzig Rubel geben? so
+sind wir Handels einig!« Quiek! ist wieder die Antwort. »Gut,« sagt der
+Mann, »so sei es denn, willst du das Geld gleich zahlen?« -- Die
+Windstöße hörten jetzt eine Weile auf, und darum blieb der Wald ruhig.
+»Oder vielleicht nach einem Jahre?« Quiek! erscholl zur Antwort. »Ganz
+wohl« spricht der Mann, »ich kann warten.« »Aber du Alter mußt
+Bürgschaft leisten, damit ich nicht um das Meinige komme,« so spricht er
+zu einem hohen Baumstumpf, der in seiner Nähe stand, »willst du?« Quiek!
+schallt es zur Antwort. »Mag es denn sein,« -- spricht der Mann --
+»unser Handel ist abgemacht, heute über's Jahr komme ich, mein Geld zu
+heben, und du, Alterchen, gelobst mir dafür zu stehen, daß ich nicht um
+das Meinige komme!« Wiederum: Quiek! Der Mann bindet den verkauften
+Ochsen an den Stamm einer Kiefer, da er den Baum für den Käufer hält und
+kehrt dann nach Hause zurück. Die Brüder fragen, wo er den Ochsen
+gelassen hat. Er erwidert: »Ich habe den Ochsen für funfzig Rubel an
+einen Bauer verkauft.« Wo das Geld sei? »Das Geld wird mir heute über's
+Jahr ausgezahlt, so haben wir es abgemacht,« antwortet der jüngere
+Bruder. »Gewiß hast du dich von einem Schelm betrügen lassen, und wirst
+nicht einmal den Schwanz deines Ochsen wiedersehen, geschweige denn das
+Geld,« sagten die Brüder. Der jüngste aber entgegnet: »Das hat gar keine
+Gefahr. Es ist ein fester Handel und ich habe einen wackeren Bürgen, der
+aus eigener Tasche zahlt, wenn sich der Käufer weigern sollte. Das ist
+aber nicht zu befürchten, es sind beide ehrenwerthe Männer, sie haben
+keinen Kopeken herunter gehandelt, sondern ohne weiteres meinen Preis
+zugestanden.« Namen und Wohnort des Käufers und des Bürgen erfuhren
+jedoch die Brüder nicht und deßhalb besorgten sie nach wie vor, daß ein
+ruchloser Galgenstrick nebst seinem Helfershelfer ihren blödsinnigen
+Bruder betrogen habe. Dieser aber blieb dabei, daß er zur rechten Zeit
+sein Geld erhalten werde.
+
+Nach Verlauf eines Jahres genau an dem Tage wo er vorigen Herbst seinen
+Ochsen verkauft hatte, macht er sich auf, um den Kaufpreis in Empfang zu
+nehmen. Die Luft war ruhig und konnte die Wipfel im Walde nicht in
+Bewegung bringen, darum war auch nirgends Gebrause noch Gequieke zu
+hören. Er geht weiter und findet den Ort, wo er voriges Jahr den Ochsen
+verkaufte, wieder -- auch Käufer und Bürge standen auf demselben Flecke,
+aber der Ochs war nicht mehr zu sehen; vielleicht war er geschlachtet
+oder an einen Dritten verkauft. Der Mann fragt bei der Kiefer an:
+»Willst du mir jetzt meinen Ochsen bezahlen?« Die Kiefer läßt keine
+Silbe verlauten, auch auf die zweite und dritte Anfrage nicht. »Warte,
+Brüderchen!« ruft der Mann -- »ich will dir den Mund öffnen!« rafft einen
+tüchtigen Prügel vom Boden und läßt damit solche Hiebe auf den Stamm der
+Kiefer regnen, daß der ganze Wald von dem Klatschen wiederhallt. Sieh
+da! der Bösewicht erträgt den Schmerz, sagt nichts und bezahlt auch
+nicht. »Auch gut« spricht der Mann. -- »Der Bürge muß mir für die Schuld
+aufkommen und das Geld für den Ochsen hergeben.« »Du siehst, Alter, daß
+der Hund von Käufer nicht zahlen will, also mußt du mich laut Abmachung
+bezahlen. Gieb mir entweder den Ochsen wieder oder funfzig Rubel. Nun,
+was zauderst du noch? Der Mund war schneller im Versprechen als die Hand
+im Bezahlen!« -- Der Stumpf konnte natürlich weder schwarz noch weiß
+reden, aber das setzte den Verkäufer in Feuer und Flammen. »Oho! ihr
+Bösewichter!« rief er zornig -- »ich sehe, ihr seid beide Schurken!« So
+schimpfend schlug er auf den Stumpf los. Plötzlich stürzt der alte
+morsche Stumpf unter seinen wuchtigen Streichen krachend zu Boden. Aber,
+o Wunder! unter den Wurzeln kommt ein großer Geldtopf zum Vorschein, bis
+zum Rande mit Silbergeld angefüllt, das hier vor Alters, wer weiß wann,
+war vergraben worden. »Da seh' einer die Spitzbüberei«! ruft der Mann.
+»Der Käufer war ein Ehrenmann, der dir das Geld einhändigte und du
+wolltest es verleugnen und für dich behalten! Na, dafür hast du jetzt
+den gebührenden Lohn, da ich dich zu Boden geschlagen habe.« -- Dann
+spricht er zur Kiefer: »Nimm's nicht übel, braver Mann, daß ich dir ohne
+Grund eine Tracht voll Prügel aufgeladen habe, aber du hast selbst die
+meiste Schuld, warum thatest du nicht zur rechten Zeit den Mund auf und
+sagtest mir, daß du ihm das Geld gabst, der uns jetzt Beide betrügen
+wollte.« Dann nahm er den Geldtopf auf die Schulter und machte sich auf
+den Heimweg. Die schwere Last zwang ihn, öfters auszuruhen. Unterwegs
+begegnet ihm der Prediger, der fragt: »Was trägst du so Schweres auf dem
+Nacken?« Der Mann erwidert: »Vorigen Herbst verkaufte ich einen Ochsen,
+der Kaufpreis ist mir heute ausgezahlt worden.« Darauf erzählt er
+umständlich, wie der Bürge ihn habe betrügen wollen, weßhalb er ihn auch
+zu Boden geschlagen habe. Der Prediger, der ihn als blödsinnig kannte,
+merkt bald wie die Sache mit dem Gelde eigentlich zugegangen ist,
+zugleich aber denkt er: hat der ein unverhofftes Glück gehabt, so kann
+er mir auch einen und den anderen Rubel verehren. »Gieb mir auch eine
+Handvoll von deinem Reichthum, Brüderchen, so hast du leichter zu
+tragen.« Der Mann wirft ihm eine Handvoll hin: »Da, nimm!« Da sagt der
+Prediger: »Gieb mir noch eine für meine Frau,« der Mann giebt sie,
+ebenso auch für die beiden Töchter, jeglicher ihr Theil. Da die Sache so
+glatt geht, denkt der Prediger, er könne auch für seinen Sohn betteln.
+»Unersättlicher Geizhals« ruft der Mann mit dem Gelde -- »was lügst du?
+Du hast ja gar keinen Sohn! Meinst du vielleicht mir ebenso mitzuspielen
+wie der schuftige Bürge? Warte, ich will dir zeigen, wie man Betrügern
+lohnt!« Mit diesen Worten schlägt er dem Prediger mit dem Geldtopf
+dermaßen vor den Kopf, daß der Topf zerbricht und der Prediger todt
+hinfällt. Unser Freund nimmt seinen Quersack von der Schulter, sammelt
+das Geld vom Boden auf und thut auch das hinein, welches er dem Prediger
+gegeben hatte; dann geht er nach Haus. Groß war am Abend das Erstaunen
+der älteren Brüder, als der von ihnen verspottete Ochsenverkäufer mit
+einem schweren Geldsack in's Zimmer trat, der lauter gutes Silber
+enthielt. Da erzählte er ihnen seine Begegnisse, und wie er erst den
+schurkischen Bürgen und danach den lügenhaften Prediger zu Boden
+geschlagen. Der letztere Fall weckte in den Brüdern die Besorgniß, daß
+sie mit verantwortlich gemacht werden könnten, sie gingen darum
+selbander fort, und brachten in der Dunkelheit des Predigers Leichnam
+heimlich nach Hause, wo sie ihn verbargen, um ihn bei erster Gelegenheit
+in aller Stille zu bestatten, damit die Leute der Sache nicht auf die
+Spur kommen und ihnen die That zuschreiben könnten. Aber ihr jüngster
+Bruder hatte ihren Gängen nachgespürt und den Ort entdeckt, wo sie den
+Prediger hingelegt hatten.
+
+Als nun Frau und Töchter des Predigers sahen, daß derselbe spurlos
+verschwunden war, fürchteten sie, der alte Bursche (Teufel) möchte ihn
+geholt haben und wollten doch ein solches Gerücht nicht aufkommen
+lassen. -- Sie sagten also, der Prediger sei ganz plötzlich verschieden,
+rüsteten einen prächtigen Begräbnißschmaus und legten statt des Todten
+Steine und Stroh in den Sarg. Die älteren Brüder, welche gemerkt hatten,
+daß der jüngste den todten Prediger hinter ihrem Rücken aufgefunden
+hatte, gruben in der Nacht ein Loch und legten den Todten hinein. Da
+aber dennoch zu befürchten war, daß ihres einfältigen Bruders Mund
+unnützes Zeug über sie schwatzen werde, so entschlossen sie sich einen
+Bock zu schlachten, der an derselben Stelle geborgen wurde, wo vorher
+der Todte gelegen hatte. Der Bock wurde mit einem weißen Leintuch
+bedeckt, dabei aber der Kopf dergestalt gelegt, daß der Bart ein wenig
+herausguckte.
+
+Beide älteren Brüder waren zum Begräbniß des Predigers geladen, während
+der jüngste allein zu Hause blieb. Die Langeweile machte das Männlein
+verdrießlich: war er denn etwa schlechter als die anderen, daß er nicht
+zum Gastmahl geladen worden? Dann dachte er: haben sie mich nicht
+gebeten, so will ich ungebeten hingehen und ihnen zeigen, daß ich noch
+mehr Recht habe Theil zu nehmen als die Andern, weil ich ja doch die
+Veranlassung zu dem Gastmahl bin.
+
+Als sich die Gäste nun eben um den Tisch setzten, trat er ein, und
+sagte: »Na, was soll denn das bedeuten? Ihr eßt und trinkt hier, mich
+aber vergeßt ihr einzuladen, der ich doch von Rechtswegen des Mahles
+Meister bin? Oder habt ihr vielleicht, oder haben meine Brüder den
+Prediger todt geschlagen? Keineswegs: denn ich versetzte ihm mit dem
+Geldtopfe einen Schlag an den Kopf für seine schamlose Habgier, da er
+mir durch Lügen mehr Geld abzwacken wollte als ihm ziemte. Erst gab ich
+ihm Geld, dann erhielt er für seine Frau und seine beiden Töchter je
+eine Handvoll für die vier, da wollte er auch noch für seinen Sohn
+haben. Ihr wißt aber so gut wie ich, daß so ein Sohn gar nicht vorhanden
+ist? Für diese unverschämte Lüge schlug ich ihm an den Kopf, obgleich
+ich nicht die Absicht hatte ihn todt zu schlagen, sondern nur für seine
+Habgier und Lüge zu züchtigen. Als meine Brüder ihn später nach Hause
+schafften, war er schon längst todt.«
+
+So sprach der Blödsinnige der drei Brüder auf dem Leichenschmaus des
+Predigers. Obgleich nun die Leute wußten, daß er schwachköpfig war und
+daß man auf seine Reden nicht viel geben könne, so hielten es doch
+Einige für gut, die Sache näher zu prüfen. Die Brüder stellten Alles in
+Abrede und straften ihres Bruders Reden Lügen. Dennoch begab man sich an
+den Ort, wo des Predigers Leichnam angeblich versteckt war, um
+nachzusehen. Der jüngste Bruder ging selber als Führer mit und zwar
+dahin, wo, wie er wußte, die Brüder den Todten versteckt hatten. Als man
+dort angekommen war, fand sich in der That ein todter in ein weißes
+Leintuch gehüllter Körper, dessen weißer Bart unter der Hülle
+hervorragte. Da rief der Führer ganz vergnügt: »Nun seht ihr jetzt? Sie
+haben den Alten schon mit dem Laken zugedeckt, aber der Bart guckt doch
+heraus. Nehmt das Laken fort, so werdet ihr den Prediger finden, den ich
+zu Boden schlug und werdet inne werden, daß mir von Rechtswegen der
+erste Platz an der Gasttafel gebührt!« Man zog die Decke vom Todten weg
+und fand einen -- geschlachteten Bock, dem Hörner und Bart noch nicht
+abgeschnitten waren. Jetzt merkten die Männer, daß der Narr sie -- mit
+oder ohne Absicht -- angeführt hatte, gingen zum Leichenschmause zurück
+und das Gerede vom Todtschlag verstummte. So kam es, daß die Sache mit
+dem im Wald gefundenen Schatz wie auch mit der Tödtung des Predigers bis
+auf den heutigen Tag nicht aufgeklärt worden ist.
+
+[Fußnote 44: Wörtlich: eine Bremse. L.]
+
+
+
+
+16. Der mildherzige Holzhacker[45].
+
+
+Vor Zeiten ging ein Mann in den Wald, Bäume zu fällen. Er kam zur Birke
+und wollte sie umhauen; als die Birke die Axt sah, flehte sie kläglich:
+»Laß mich leben! Ich bin noch jung und habe eine Schaar von Kleinen
+hinter mir, die um meinen Tod weinen würden.« Der Mann ließ sich
+erbitten und kam zur Eiche; er wollte die Eiche umhauen. Als die Eiche
+die Axt sah, flehte sie kläglich: »Laß mich noch leben! ich bin noch
+frisch und stark, meine Eicheln sind alle noch unreif und taugen nicht
+zur Saat. Wo sollen die kommenden Geschlechter den Eichwald hernehmen,
+wenn meine Eicheln zu Grunde gehen?« Der Mann ließ sich erbitten und kam
+zur Esche, sie umzuhauen. Als die Esche die Axt sah, flehte sie
+kläglich: »Laß mich noch leben! Ich bin noch jung und habe erst gestern
+ein junges Weib gefreit, was soll aus der Armen werden, wenn ich falle?«
+Der Mann ließ sich erbitten und kam zum Ahorn, den er umhauen wollte.
+Der Ahorn aber flehte kläglich: »Laß mich noch leben, meine Kinder sind
+noch klein, alle noch unerzogen, was soll aus ihnen werden, wenn ich
+umgehauen werde?« Der Mann ließ sich erbitten und kam zur Erle, die er
+nun umhauen wollte. Als die Erle die Axt sah, flehte sie kläglich: »Laß
+mich leben! ich habe gerade meinen weißen Ueberzug[46] und muß viele
+kleine Geschöpfchen mit meinem Safte ernähren, was soll aus ihnen
+werden, wenn ich umgehauen werde?« Der Mann ließ sich erbitten und kam
+zur Espe; er wollte die Espe umhauen. Die Espe aber flehte kläglich:
+»Laß mich leben! Der Schöpfer hat mich geschaffen, daß ich mit meinen
+Blättern im Winde raschle und Nachts die Frevler auf ihrem bösen Wege
+schrecke. Was sollte aus der Welt werden, wenn ich umgehauen würde?« Der
+Mann ließ sich erbitten, kam zum Faulbaum und wollte ihn umhauen. Als
+der Faulbaum die Axt sah, flehte er kläglich: »Laß mich leben! Ich bin
+noch in Blüthe und muß der Nachtigall Schatten geben, daß sie auf meinen
+Zweigen singe. Wo fänden denn die Leute schönen Vogelsang, wenn die
+gefiederten Sänger unser Land verließen, weil ich umgehauen werde?« Der
+Mann ließ sich erbitten und kam zur Eberesche; er wollte die Eberesche
+umhauen. Die Eberesche aber flehte kläglich: »Laß mich leben! Ich stehe
+jetzt eben in der Blüthe, aus ihr sollen die Beerentrauben entstehen,
+die im Herbst und im Winter den Vögeln Atzung geben müssen. Was sollte
+aus den armen Thierchen werden, wenn ich umgehauen würde?« Der Mann ließ
+sich erbitten und dachte bei sich: wenn mit dem Laubholze nichts
+anzufangen ist, so will ich mein Heil beim Nadelholze versuchen. Er kam
+zur Fichte und wollte sie umhauen. Als die Fichte die Axt sah, fing sie
+gleich an kläglich zu bitten: »Laß mich leben! Ich bin noch jung und
+kräftig und muß Zweige treiben, um Sommers und Winters zu grünen den
+Menschen zur Lust. Wo sollten sie ein schattiges Obdach finden, wenn ich
+umgehauen würde?« Der Mann ließ sich erbitten, kam zur Kiefer und wollte
+die Kiefer umhauen. Aber als die Kiefer die Axt sah, flehte sie
+kläglich: »Laß mich leben! Ich bin noch jung und kräftig und muß mit der
+Fichte zusammen ohne Unterlaß grünen; es wäre Schade, wenn ich umgehauen
+würde.« -- Der Mann ließ sich erbitten, kam zum Wachholder und wollte
+ihn umhauen. Der Wachholder aber flehte kläglich: »Laß mich leben! Ich
+bin der allergrößte Schatz des Waldes und ein Segenspender für Alle,
+weil man mich gegen neun und neunzig Krankheiten brauchen kann. Was
+sollte aus Menschen und Thieren werden, wenn ich umgehauen würde?«
+
+Der Mann läßt sich auf dem Rasen nieder und denkt bei sich: Die Sache
+kommt mir höchst wunderbar vor, jeder Baum hat seine Zunge und hat
+Bittreden auf der Zunge, mit denen er gegen seine Zerstörung sich
+sträubt; was soll ich machen, wenn ich nirgends mehr Bäume finde, die
+sich ruhig umhauen lassen? Mein Herz kann ihren Bitten nicht
+widerstehen. Hätte ich kein Weib daheim, so ginge ich mit leeren Händen
+zurück. Da tritt aus der Tiefe des Waldes her ein alter Mann mit langem
+grauem Barte, angethan mit einem Hemde von Birkenrinde und einem Rocke
+von Fichtenrinde[47] vor unseren Freund hin und fragt: »Was sitzest du
+denn so mißmuthig da auf dem Grase? hat dir Jemand etwas Böses
+zugefügt?« Der Gefragte erwidert: »Wie sollte ich nicht mißmuthig sein?
+Ich nahm heute Morgen meine Axt, ging in den Wald und wollte Nutzholz
+fällen, um es nach Hause zu führen, aber o Wunder! da finde ich
+plötzlich den ganzen Wald belebt, jeder Baum hat seinen Verstand im
+Kopfe und seine Zunge im Munde, und weiß sich mit Bitten zu wahren. In
+mir ist kein Tropfen Blut, der ihrem Flehen zu widerstehen vermöchte.
+Werde aus mir was da wolle, ich kann lebende Bäume nicht zerstören.« Der
+Alte sieht ihn mit freudevollen Blicken an und spricht: »Ich danke dir,
+Bauer, daß du deine Ohren vor dem Flehen meiner Kinder nicht
+verschlossen hast; dir soll aus dieser Mildherzigkeit kein Schade
+erwachsen; ich will sie dir vergelten und Sorge tragen, daß es dir in's
+Künftige an nichts gebreche. Die nicht vergossenen Blutstropfen meiner
+Kinder sollen dir Glück bringen; nicht blos an Brenn- und Nutzholz soll
+es dir niemals fehlen, sondern auch in anderen Dingen soll Segen in dein
+Haus kommen, so daß du fortan nichts weiter zu thun haben wirst, als
+kund zu geben was dein Herz begehrt. Nur mußt du dich hüten, daß deine
+Wünsche das Maß nicht überschreiten, und auch deiner Frau und deinen
+Kindern schärfe ein, daß sie ausschweifende Wünsche bezähmen müssen;
+ihre Wünsche dürfen sich nicht über das Mögliche hinaus erstrecken. Es
+würde sich sonst das erwartete Glück in Unglück verkehren. Da, nimm
+diese Goldruthe und hüte sie wie deinen Augapfel!« Mit diesen Worten gab
+er dem Manne eine Goldruthe, die einige Spannen lang und so dick wie
+eine Stricknadel war, und gab dazu die Belehrung: »Wenn du ein Haus
+aufführen oder sonst eine nothwendige Arbeit vollbringen willst, so geh
+an einen Ameisenhaufen und schwinge deine Ruthe dreimal gegen denselben,
+schlage aber nicht hinein, um den kleinen Geschöpfen nicht zu schaden.
+Dabei befiehl ihnen, was sie thun sollen und du findest den nächsten
+Morgen die Arbeit gethan, wie du sie gewünscht hattest. Begehrst du
+Speise, so nöthige mit der Ruthe den Grapen, daß er dir bereite, was du
+wünschest. Willst du zur Speise noch Naschwerk, so zeige die Goldruthe
+den Bienen und heiße sie an die Arbeit gehen, und sie werden dir mehr
+Honigwaben bringen, als du sammat deinem Hausgesinde verzehren kannst.
+Willst du Saft, so gebiete der Birke und dem Ahorn, sie werden dein
+Gebot alsbald erfüllen. Die Erle wird dir Milch geben, der Wachholder
+Gesundheit bringen, wenn du sie in dieser Art dazu anhältst. Fisch-und
+Fleischgerichte wird dir der Grapen alle Tage kochen, ohne daß du erst
+etwas Lebendes zu tödten brauchtest. Willst du Leinewand, seidene oder
+wollene Kleider, so gebiete den Spinnen, sie werden dir Zeuge weben ganz
+wie du sie wünschest. Dergestalt wird es dir künftighin an nichts
+fehlen, sondern du wirst Alles zur Genüge haben, zum Lohn dafür, daß du
+auf die Bitten meiner Kinder hörtest und sie am Leben ließest. Ich bin
+des _Waldes Vater_[48], den der Schöpfer zum Herrscher über die Bäume
+verordnet hat.« Darauf nahm der Alte Abschied und verschwand vor des
+Mannes Augen.
+
+Der Mann aber hatte eine schlimme Frau, die ihm schon auf dem Hofe
+belfernd wie ein böser Hund entgegen kam, als sie den Mann mit leeren
+Händen aus dem Walde zurückkommen sah. »Wo bleibt das Holz, welches du
+bringen solltest?« schrie das Weib; der Mann erwiderte ruhig: »es bleibt
+im Walde und wächst.« Zornig fuhr das Weib ihn an: »O hätten doch alle
+Birkenreiser sich zu Ruthenbündeln zusammengebunden und dein träges Fell
+gegerbt.« Der Mann schwang heimlich die Goldruthe und sprach, ohne daß
+die Frau es hörte: »Der Wunsch erfülle sich an dir!« Da fing das Weib
+plötzlich an zu schreien: »Ai, ai! ai, ai! o wie weh! ai, ai! das geht
+durch Mark und Bein! ai, ai! Gnade, Gnade!« So schreiend sprang sie von
+einem Ort zum andern, und faßte bald hier, bald dort nach ihrem Leibe,
+als hätte ein schmerzhafter Ruthenstreich die Stelle getroffen. Als der
+Mann glaubte, daß es genug der Strafe sei, gab er der Goldruthe den
+entsprechenden Befehl. An diesem ersten Versuche erkannte er, was für
+ein herrliches Geschenk der Waldesvater ihm gemacht hatte, da ihm in der
+Glücksruthe zugleich eine Zuchtruthe für seine Frau geworden war. -- Er
+hatte auf seinem Hofe eine alte halb verfallene Klete, und wollte darum
+noch selbigen Tages die Kraft der Ameisen im Häuserbau erproben. So ging
+er an den Ameisenhaufen heran, schwang dreimal die Goldruthe und rief:
+»Macht mir eine neue Klete auf dem Hofe!« Als er am andern Morgen
+aufstand, fand er die Klete fertig. Wer konnte wohl jetzt glücklicher
+sein als unser Freund? Die Bereitung der Speise machte ihm nicht die
+geringste Sorge; was das Herz begehrte, das kochte der Kessel sobald es
+ihm befohlen war, trug es auch täglich selber auf den Tisch, so daß die
+Hausleute nichts weiter zu thun hatten als zu essen. Spinnen webten
+ihnen Zeuge, Maulwürfe pflügten ihre Aecker, Ameisen streuten den Samen
+aus und ernteten im Herbste das Korn vom Felde, so daß es der
+Menschenhand nirgends bedurfte. Wenn die Kinnladen des bösen Weibes
+einmal zu arg klapperten oder dem Manne etwas Schlimmes anwünschten, so
+mußte es der Hausdrache jedesmal selber erleiden, weil die Goldruthe
+ihre Schuldigkeit that. Hier seufzt gewiß mancher Ehemann: O! hätte ich
+doch eine solche Goldruthe!
+
+Der Besitzer der Goldruthe hatte seine Lebenstage im Glücke beendigt,
+weil er sich niemals Dinge gewünscht hatte, welche die Grenzen der
+Möglichkeit überschritten. Vor seinem Tode vererbte er die Goldruthe
+seinen Kindern, gab ihnen dieselbe Unterweisung, die er vom Waldesvater
+erhalten hatte und warnte sie vor unmöglichen Wünschen. Die Kinder
+richteten sich danach und brachten ihr Leben nicht minder glücklich zu.
+In der dritten Generation aber geschah es, daß die Ruthe in den Besitz
+eines Mannes kam, der, ohne sich an die Warnung seiner Eltern zu kehren,
+viele unnütze Dinge wünschte und deßhalb die Goldruthe zwecklos bemühte;
+indeß entstand zunächst aus diesen Wünschen noch kein Schade, weil die
+gewünschten Dinge doch wenigstens möglich waren. Der übermüthige Mann
+gab sich aber damit nicht zufrieden sondern vermaß sich, um die Kraft
+der Ruthe auf die Probe zu stellen, Unmögliches zu wünschen. So hatte er
+eines Tages der Goldruthe geboten, die Sonne vom Himmel herunter zu
+holen, damit er einmal seinen Rücken ganz dicht an der Sonne wärmen
+könne. Die Ruthe wollte zwar ihres Herrn Befehl ausführen, da aber das
+Herunterkommen der Sonne ein unmögliches Ding ist, so sandte der
+Schöpfer dem Wünschenden so flammende Strahlen aus der Sonne herab, daß
+er sammt allen Gebäuden verbrannte, ohne daß auch eine Spur davon zurück
+blieb. Ob nun die Glücksruthe im Feuer geschmolzen ist oder nicht --
+Niemand weiß jetzt Ort und Stelle anzugeben, wo man sie zu suchen hätte.
+Auch glaubt man, daß die heißen Sonnenstrahlen, welche an diesem
+unglücklichen Tage herabschossen, die Bäume im Walde dermaßen in
+Schrecken versetzt hatten, daß ihre Zungen gebunden blieben und Niemand
+später ein Wort mehr aus ihrem Munde vernommen hat.
+
+[Fußnote 45: Vgl. zwei von Rußwurm mitgetheilte abweichende Fassungen
+dieses Märchens, die eine schwedisch, die andere estnisch. _Rußwurm_,
+Sagen aus Hapsal &c. 1861. S. 187, 188. Vgl. auch die erste Hälfte
+dieser Märchen S. 60 u. d. Anm. L.]
+
+[Fußnote 46: Von Insecten. L.]
+
+[Fußnote 47: Vgl. eben Märchen 5. Seite 27 Anm. L.]
+
+[Fußnote 48: S. Seite 27. Anm. L.]
+
+
+
+
+17. Die nächtlichen Kirchengänger.
+
+
+Meines Großvaters Vetter lebte als junger Mensch in einem Bauerhofe
+unweit der Kirche, die im Winter nicht ganz zwei Werst entfernt war,
+weil der Weg dann über den gefrorenen Morast führte. An einem
+Weihnachts-Samstag-Abend legten sich die Bewohner des Hofes zeitig
+schlafen, weil sie am ersten Festtag in der Morgenfrühe aufstehen und
+zur Kirche gehen wollten, wo an diesem Tage der Gottesdienst bei
+Kerzenschein gehalten wurde. Der Hofbesitzer erwachte von Allen zuerst,
+ging hinaus um nach dem Wetter zu sehen, und gewahrte, daß die
+Kirchenfenster schon im Lichterglanz strahlten. Als er wieder in's
+Gemach trat, weckte er die Leute aus dem Schlafe: »Steht auf, wir haben
+zu lange gesäumt; die Lichter in der Kirche sind schon angezündet.« Da
+brannte es den Leuten unter den Sohlen, alle sprangen vom Lager auf,
+wuschen sich, und zogen sich an; die Jüngeren machten sich dann zu Fuße
+auf, während die Andern die Pferde anspannten und ihnen nachfuhren. Das
+Nebelwetter gönnte ihnen nicht viel Sternenlicht -- aber die von
+Kerzenlicht erhellte Kirche stand da wie eine geschmückte Jungfrau, und
+war ihnen ein leuchtender Wegweiser. Als sie näher kamen, tönte ihnen
+der Gesang der in der Kirche Befindlichen entgegen; derselbe schien aber
+etwas Fremdartiges zu haben. Die Kirchenthüren standen weit offen und
+die Kirche schien gedrängt voll von Menschen, dennoch war nicht ein
+einziges Gespann in der Nähe zu sehen. Die Männer schritten nun voran,
+in der Hoffnung, doch in dem Gedränge noch irgendwo Platz zu finden
+-- die Weiber gingen hinterdrein. Als die Männer eben an die Kirchenthür
+gekommen waren und den Fuß über die Schwelle setzen wollten, verstummte
+der Gesang und die Lichter erloschen plötzlich, sodaß die Kirche mit
+einem Male stockfinster war[49]. Ein fremder Mann kam ihnen an der
+Kirchenthür entgegen und sagte: »Ihr mit geweihtem Wasser getauften
+Leute habt hier jetzt nichts zu schaffen! jetzt ist _unsere_ Kirchenzeit;
+euer Gottesdienst beginnt erst am Morgen!« -- Die Leute sahen einander
+an und wußten nicht was sie von dem wunderlichen Vorfall halten sollten;
+da wurde die Kirchenthür von innen geschlossen und jetzt war kein
+besserer Rath als wieder nach Hause zu gehen, weil weder Prediger noch
+Küster schon Feuer auf dem Heerde hatten. Der fremde Mann aber nahm
+meines Großvaters Vetter bei der Hand, führte ihn einige Dutzend
+Schritte von den Andern abseits hinter eine Kirchenecke und flüsterte
+ihm zu: »Komm drei Tage vor Johannis-Samstag um Mitternacht hierher, so
+will ich dir den Weg zum Glücke zeigen; aber laß gegen Niemand das
+Geringste von meiner Einladung verlauten, sonst könntest du zu Schaden
+kommen.« Mit diesen Worten war er auch verschwunden. Beim Nachhausegehen
+fiel der Nebel und der Himmel klärte sich auf, so daß die Sterne
+schimmerten, und am Stande derselben erkannten die Männer, daß
+Mitternacht angebrochen sei, was auch der Hahnenschrei ankündigte, der
+ihnen vom Hause her entgegen tönte. Die Aelteren legten sich noch einmal
+zu Bette, während das junge Volk wach blieb, um den Anbruch des Tages zu
+erwarten. Erst nach einigen Stunden war die rechte Kirchenzeit
+angebrochen und man machte sich von Neuem auf. Die Leute erzählten
+später dem einen und dem andern ihrer Bekannten von dem Kirchgange in
+der Weihnachtsnacht, so daß sich die Sache herum sprach und zuletzt auch
+dem Geistlichen zu Ohren kam. Der Geistliche ließ die Männer zu sich
+berufen, fragte sie genau über den Vorfall aus und verbot ihnen dann
+weiter davon zu reden, da ihr vermeintlicher Kirchgang in der
+Weihnachtsnacht nichts weiter gewesen sein könne als ein lebhafter
+Traum. Obgleich nun die Männer ihrerseits das klare Bewußtsein hatten,
+daß sie wirklich zur Kirche gegangen waren und mit wachen Augen die
+Sache erlebt hatten, so mochten sie doch nicht länger mit ihrem Prediger
+streiten, sondern versprachen zu schweigen. Aber was half das jetzt
+noch, da das Gerücht schon nach allen Seiten hin ausgesprengt war und
+sich von Tag zu Tage weiter verbreitete. Eben so gut kannst du die Luft
+greifen, als das einmal losgelassene Gerede der Leute wieder bannen.
+
+Meines Großvaters Vetter war anfangs fest entschlossen den ihm
+angegebenen Glückspfad aufzusuchen, allein je näher die Zeit
+heranrückte, desto mehr sank ihm der Muth. Konnte er doch nicht darüber
+in's Klare kommen, wer der Einladende oder wer die nächtlichen
+Kirchengänger gewesen, und wie weit ein Christenmensch ihnen trauen
+durfte? Ja, wäre es ihm vergönnt gewesen, mit einem andern zuverlässigen
+Manne sich zu berathen, wer weiß ob seine Zweifel nicht geschwunden
+wären, aber daß ihm der fremde Mann eingeschärft hatte, die Sache geheim
+zu halten, machte ihm eben die meiste Pein. Er hatte sich schon mit dem
+Gedanken vertraut gemacht, von dem Versuche abzustehen, als vierzehn
+Tage vor Johanni sich etwas Unerwartetes zutrug, was ihn wieder anderen
+Sinnes machte. Als er nämlich eines Abends nach Sonnenuntergang nach
+Hause ging, fand er ein fremdes altes Mütterchen am Wege sitzen. Der
+Mann grüßte und wollte vorübergehen, aber die Alte fragte ihn, weßhalb
+er denn in so tiefen Gedanken sei, daß er wie im halben Traume
+einhergehe. -- Unser Freund getraute sich nicht die Frage der Alten zu
+beantworten, weil er die Wahrheit nicht sagen _konnte_ und nicht lügen
+_wollte_. Die Alte schien indeß seine Gedanken zu errathen, als sie
+fragte: »Willst du mir nicht deine Hand zeigen, Söhnchen, damit ich sehe
+was dein Herz drückt und ich dir einen guten Rath geben kann?« -- Der
+Mann stand unschlüssig und wußte nicht ob er das Verlangen der Alten
+erfüllen sollte oder nicht. Die Alte aber fuhr freundlich fort: »Fürchte
+nichts! ich will ja nicht in schlimmer Absicht deine Hand besehen; ich
+wünsche nur dein Glück und das kannst du wahrlich brauchen, weil du noch
+jung und unerfahren bist und die größere Hälfte deines Lebens noch vor
+dir hast. Prophezeiung künftiger Geschicke kann dem Menschen bisweilen
+von Nutzen sein; sollte ich in deiner Handfläche etwas finden, was
+besser verborgen bliebe, so werde ich's dir verschweigen.« »Nein, nein!
+Goldmütterchen!« rief meines Großvaters Vetter, »verkünde mir Alles, es
+sei gut oder schlimm, ich werde nicht vor dem erschrecken was mir
+auferlegt ist!« und damit reichte er der Alten die Hand zur
+Besichtigung. Die Alte setzte ihre Brille auf die Nase und begann in
+seiner Hand zu lesen. Die Züge mußten wohl etwas verworren sein, denn
+erst nach geraumer Zeit gab sie dem Wartenden folgenden Bescheid: »Du
+bist ein ausgemachtes Glückskind, dir steht ein großes Glück nahe bevor,
+wenn du gescheidt genug bist, das Glück so bei den Hörnern zu packen,
+daß es dir nicht mehr entrinnen kann. Deine Besorgniß wegen des
+unbekannten Mannes ist grundlos, du kannst ihm dreist vertrauen, weil er
+dein Glück wünscht und keinen Vortheil für sich sucht. Geh ohne Furcht
+dahin, wohin du gerufen wirst, Böses hast du dort nicht zu fürchten. Nur
+dein eigenes Herz kann dir einen Streich spielen; hüte dich vor Bedenken
+und Zweifeln und erfülle zuversichtlich, was weisere Leute dir anrathen.
+Aber wenn du einmal auf die Freite gehst, dann mache deine Augen auf,
+sonst stürzest du in's Unglück. Ein glattes Ei hat oft einen faulen Kern
+und deine Ehestandslinien laufen etwas verworren. Durch Vorsicht kannst
+du dich aus allen Schlingen lösen. Mehr darf ich dir heute nicht sagen,
+aber wenn wir einmal wieder zusammentreffen sollten, wirst du mir sicher
+für meine Anleitung danken.« -- Der Mann griff in seine Tasche, und
+wollte einige Kopeken heraus nehmen, um sie der Alten für ihre Mühe zu
+geben, aber die Alte verstand die Bewegung und rief abwehrend: »Biete
+mir kein Geld an, ich nehme es von Niemandem; ich verkünde alle meine
+Sprüche den Leuten umsonst, weil ihr Glück meine höchste Belohnung ist.«
+Sie erhob sich, nahm Abschied und ging so raschen Schrittes von dannen,
+wie ein junges Mädchen, so daß sie wie der Blitz verschwunden schien.
+Obgleich nun meines Großvaters Vetter die ganze Geschichte mehr für Spaß
+als Ernst nahm, so fühlte er sich doch bedeutend erleichtert, es war
+ihm, als ob ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre, und er war nun fest
+entschlossen, den gewiesenen Glücksweg aufzusuchen.
+
+Drei Tage vor Johannis-Samstag schlug er spät Abends den Weg zur Kirche
+ein, damit er um Mitternacht anlange; je näher er kam, desto unruhiger
+schlug ihm das Herz, es war wie wenn ihm Jemand in's Ohr riefe: »du bist
+nicht auf dem rechten Wege.« Auch hätte nicht viel gefehlt, daß er
+wieder umgekehrt wäre. Da erhob sich ein schöner Gesang in den Lüften
+und er vernahm die Worte:
+
+ »Weiche nicht vom Weg des Glückes,
+ Fürchte nichts und bange nimmer!
+ Dich beschirmen Schutzesgeister.
+ Deiner warten Glückesloose:
+ Weiche nicht vom Weg des Glückes.«
+
+Durch diesen Gesang fühlte er seinen Muth wachsen, ging rascheren
+Schrittes weiter und kam bald an die Kirchenthür, welche geschlossen
+war. Von der linken Seite kam hinter einer Kirchenecke ein fremder Mann
+hervor und sagte: »Vortrefflich, daß du meinem Rufe gefolgt bist; ich
+habe schon eine Weile gewartet und fürchtete, du würdest nicht mehr
+kommen und es würde mir unmöglich werden, weiter mit dir zu reden. Unser
+nächtlicher Weihnachts-Kirchgang[50] findet immer nach je sieben Jahren
+statt; meist zu einer Zeit, wo alle Menschen noch schlafen, weshalb ich
+auch bis jetzt noch Niemanden gefunden habe, dem ich den Glücksweg hätte
+zeigen können. Meine Zeit ist kurz, die Eule ruft mich beim Hahnenschrei
+nach Hause. Gieb genau Acht auf das was ich dich lehre, merke dir jedes
+Wort und handle nach meiner Anweisung. Auf eurem Heuschlag ist eine
+kleine Erhöhung, welche die Leute den Grabhügel nennen; da wachsen drei
+Wachholderbüsche, und unter dem mittleren liegt ein unermeßlicher
+uralter Schatz vergraben: du kannst ihn heben, wenn du dich mit den
+Hütern des Schatzes abzufinden weißt, und zu dem Ende genau so
+verfährst, wie ich dir jetzt sagen will. Verschaffe dir drei schwarze
+Thiere, ein befiedertes und zwei behaarte, schlachte sie den Hütern der
+Geldgrube und trage Sorge, daß von dem Sühnungsblut kein Tropfen
+verloren gehe, vielmehr Alles den Hütern zufließe und ihr Herz für dich
+erweiche. Dann schabe von deiner Brustspange etwas feinen Silberstaub
+auf das Blut, damit der Silberglanz über dem Rasen sich mit demjenigen
+unter dem Rasen begegne und dadurch den Weg zeige. Darauf schneide von
+dem Wachholderbusch eine drei Spannen lange Ruthe, tunke die Spitze
+derselben drei Mal in das Opferblut auf dem Rasen und schreite neun Mal
+von Morgen gegen Abend um den Wachholderbusch herum; nach jedem Umgange
+aber schlage drei Mal mit der Ruthe auf den unter dem Busche
+befindlichen Rasen und bei jedem Schlage rufe: Igrek! Beim neunten
+Umgange wird von unten her Geldgeklapper an dein Ohr schlagen, und wenn
+der Gang beendigt ist, so wird dir Silberglanz entgegen schimmern. Dann
+kniee nieder, lege den Mund an den Rasen und rufe neun Mal _Igrek!_ so
+fängt der Kessel an sich zu heben. Warte dann ruhig bis er heraufsteigt.
+Ehe dies geschieht, wird dir manches Unheimliche zu Gesichte kommen,
+wovor du dich nicht zu fürchten noch zu erschrecken brauchst, weil diese
+Dinge dir nichts Böses zufügen können, wenn du muthig bleibst. Sie haben
+weder Körper noch Seele, sondern sind leere Schattenbilder,
+hervorgerufen um den Muth eines Mannes zu prüfen, ob dieser auch das
+Glück verdient, daß ihm der Schatz ausgeliefert werde. Solltest du bei
+ihrem Anblick die mindeste Furcht zeigen, so kannst du dir nur getrost
+die Hände waschen, weil dann doch von dem Schatze nichts hineinkommen
+wird. Am Abend des Johannis-Samstags, wenn ringsum die Feuer brennen und
+die Leute sich beim Scheine derselben belustigen[51], mußt du mit den
+drei schwarzen Thieren an die Geldgrube gehen. Den dritten Theil des
+gefundenen Geldes mußt du unter die Armen vertheilen, weil du an dem
+Uebrigen noch ganz genug behältst.« Diese Belehrung wiederholte der
+fremde Mann Wort für Wort drei Mal, damit sie sich unserm Freunde
+einprägen und ein Versehen nicht vorkommen sollte. Als beim dritten Male
+eben das letzte Wort aus seinem Munde gekommen war, verkündete des
+Küsters Hahn Mitternacht und alsbald war der Sprechende den Augen des
+Hörenden entschwunden, als wäre er weggeblasen. Ob er in die Luft
+gefahren oder in den Boden gesunken war, darüber konnte der Zeuge keine
+sichere Auskunft geben.
+
+Meines Großvaters Vetter machte sich am folgenden Tage auf, um die drei
+bezeichneten Thiere zu suchen, fand auch glücklich einen schwarzen Hahn
+und eben solchen Hund auf dem Nachbardorfe und fing in der Nacht einen
+Maulwurf; diese Thiere hielt und fütterte er zu Hause, bis die Zeit
+gekommen war, zur Geldgrube zu gehen. Am Abend des Johannis-Samstags,
+als die Sonne untergegangen war und alle Leute aus dem Dorf zum
+Johannisfeuer gegangen waren, steckte er den Maulwurf in den Sack, nahm
+den schwarzen Hahn unter den Arm, band dem schwarzen Hunde einen Strick
+um den Hals, damit er nicht davon liefe und ging dann in aller Stille
+fort, um auf dem Glückswege dem Schatze nachzuspüren. In der hellen
+Sommernacht waren alle Gegenstände deutlich sichtbar. Um Mitternacht
+begann er seine Arbeit angewiesener Maßen, schlachtete erst den Hahn,
+dann den Maulwurf und endlich den Hund, trug Sorge, daß auch der letzte
+Blutstropfen auf den ihm bezeichneten Rasenfleck floß, schabte von
+seiner Brustspange Silberstaub und schüttete ihn auf das Blut, und
+schnitt dann eine drei Spannen lange Wachholderruthe aus dem Busch,
+tunkte die Spitze derselben dreimal in den blutigen Rasen und begann
+darauf den neunmaligen gegen Morgen gewendeten Umgang; schlug auch bei
+jedem Gange dreimal auf den Rasen unter dem Busche und rief bei jedem
+Schlage: »Igrek!« Beim achten Gange schlug Geklapper von Geld an sein
+Ohr und beim neunten schimmerte ihm Silberglanz in's Auge. Da warf er
+sich nach dem neunten Gange auf dem Rasen auf die Knie und rief neunmal
+in den Boden hinein: »Igrek.« Plötzlich stieg unter dem Wachholderbusche
+ein feuerrother Hahn mit goldenem Kamme auf, schlug mit den Flügeln,
+krähte und flog davon. Hinter dem Hahn her schleuderte der Boden dem
+Manne ein Külimit[52] Silbergeld vor die Füße. Dann erschien eine
+feuerrothe Katze mit langen Goldkrallen unter dem Wachholderbusch,
+miaute und rannte davon, hinter ihr spie die Erdöffnung abermals ein
+Külimit Silbergeld dem Manne vor die Füße, was sein Herz mit Freude
+erfüllte. Darauf erhob sich ein feuerrother Hund mit goldenem Kopf und
+Schwanz aus dem Busche, bellte ein paar Mal und lief davon; mehrere
+Külimit Silberrubel flogen hinter ihm her aus dem Boden dem Manne vor
+die Füße. In derselben Weise kamen der Reihe nach ein feuerrother Fuchs
+mit goldenem Schwanz, ein feuerrother Wolf mit zwei goldenen Köpfen, ein
+feuerrother Bär mit drei goldenen Köpfen aus dem Busche und hinter
+jeglichem Thiere wurde eine immer größere Masse Geld auf den Rasen
+geschleudert, hinter dem Bären fielen nach des Mannes Schätzung ein Paar
+Loof (Scheffel) vor ihm nieder, wodurch denn der Haufe schon die Höhe
+eines kleinen Heuschobers (»Sade«) erreichte. Nach dem Verschwinden des
+Bären erhob sich ein Gebrause und Getöse unter dem Busche, als ob
+funfzig Schmiede-Bälge arbeiteten. Dann aber kam aus dem Gebüsche hervor
+ein schauerlicher großer Kopf zum Vorschein, der halb menschliche halb
+thierische Bildung zeigte: das Geschöpf hatte neun fußlange goldene
+Hörner am Kopfe und zwei ellenlange goldene Hauer im Maule. Noch
+schauerlicher als die Gestalt waren die Feuerfunken die wie von
+glühendem Eisen aus Maul und Nasenlöchern sprühten und das Getöse
+verursachten. Der Mann glaubte, die Funken müßten ihn jeden Augenblick
+verbrennen und als jetzt das Ungethüm immer höher heraufstieg und dabei
+den Kopf gegen ihn wandte, ließ ihm das Entsetzen nicht mehr Zeit, sich
+des fremden Mannes Vorschrift in's Gedächtniß zu rufen. Vielmehr ergriff
+meines Großvaters Vetter die Flucht, wobei ihm die Haare am ganzen Leibe
+wie Borsten in die Höhe starrten. Auf der Flucht spürte er noch eine
+Weile des Gespenstes feurigen Athem im Nacken und dankte seinem Glücke,
+daß die Beine ihn nur weiter trugen. Auch hatte er nicht Zeit rückwärts
+zu sehen, da der Feind ihm unaufhörlich auf den Fersen saß und ihm
+jeden Augenblick das Garaus machen konnte. So rannte er aus
+Leibeskräften, daß ihm die Brust zu springen drohte, bis er endlich
+seinen Hof erreichte, wo er wie todt niederfiel. Erst am Morgen weckten
+ihn die Sonnenstrahlen -- ob aus dem Schlafe oder der Ohnmacht, wer
+konnte es wissen? Der Kopf war ihm schwer und betäubt, so daß eine
+geraume Zeit verging, ehe er sich von dem nächtlichen Begegniß klare
+Rechenschaft geben konnte. Dann aber war es sein erstes Geschäft, aus
+der Klete drei sechslofige Säcke zu nehmen und damit zu dem Hügel zu
+gehen, um das in der Nacht auf den Rasen geschleuderte Geld zu sammeln,
+ehe Andere ihm zuvorkämen. Da fand er wohl alle drei Wachholderbüsche an
+der alten Stelle, auch die Leichname der drei geschlachteten Thiere und
+die Wachholderruthe, aber weder Geld noch die leiseste Spur davon, daß
+in der Nacht ein Geldhaufen auf dem Rasen gelegen hatte. Auch war nicht
+das geringste Merkmal von der Oeffnung vorhanden, zu welcher die Thiere
+und das Geld herausgekommen waren. Hätten nicht die Leichname der
+geschlachteten Thiere bekräftigt, was in der Nacht geschehen war, so
+hätte man das Ganze für einen Traum halten können. Sicher war das Geld
+wieder unter die Erde zurückgewandert, wo es vielleicht noch bis heute
+auf einen kühneren Mann wartet, der vor schauerlichen Schattenbildern
+nicht die Flucht ergreift, sondern den Schatz hebt.
+
+Wie es mit der zweiten Vorhersagung der Alten später geworden, ob sie
+wahr oder falsch gewesen, davon weiß ich nichts zu berichten. Wiewohl
+der Vetter meines Großvaters von seinem Schatzhebungs-Versuche oftmals
+sprach, so ließ er doch nie ein Wort von seiner Freite und dem was ihm
+hiebei begegnete, verlauten. Möglich, daß ihm auf seiner ehemaligen
+Laufbahn Manches in die Quere kam, was er Andern nicht mittheilen
+mochte, indem er es vorzog sein Kreuz in Geduld allein zu tragen.
+
+[Fußnote 49: Wörtlich: sackfinster. L.]
+
+[Fußnote 50: Die Esten unterscheiden zwischen wanad jõulud alte
+Weihnacht und uued jõulud neue Weihnacht. Die letzteren sind identisch
+mit Neujahr, so daß in vorchristlicher Zeit das estnische Jahr um
+Weihnacht begonnen haben muß, wie in Skandinavien und Deutschland. Die
+Benennung jõulud kommt dem nord. Julfest zu nahe, als daß man den
+Zusammenhang beider Namen bezweifeln könnte. (Vgl. _Boecler-Kreutzwald_
+der Ehsten abergl. Gebr. S. 92 u. 93. Rußwurm Eibofolke § 340).
+Uebrigens ist in diesem Märchen, wie in manchen andern der Sammlung eine
+gewisse Sympathie für die heidnischen Erinnerungen noch nicht erloschen
+-- ein Bestreben, die heidnischen Anschauungen gegenüber dem
+Christenthum noch nicht ganz fallen zu lassen. Der estnische Landmesser
+J. Lagus in Walk, dem wir die Aufnahme alt-estnischer Gebets- und
+Zauberformeln verdanken, erhielt (1849) über den »Versöhnungsglauben
+oder Taaradienst« folgende Auskunft: Der Versöhnungsglauben oder
+Taaradienst war vor dem Mönchsglauben, und zu des Mönchsglauben Zeit
+ward in den Kirchen in lateinischer Sprache gelesen und die Mönche
+fürchteten des Versöhnungsglaubens Zauberer (Weise) sehr, welche die
+alten Gebete und Opferworte verstanden. Vgl. _Kreutzwald_ und _Neus_, myth.
+und mag. Lieder der Ehsten S. 11 u. 12. L.]
+
+[Fußnote 51: Am Jõulofeste, das zugleich ein Todtenfest, mußte die
+größte Ruhe und Stille beobachtet werden, während im Gegensatze dazu am
+Sommerfest um Johannis Alles seine Freude laut äußerte. S.
+Kreutzwald-Boecler S. 86 u. 87. Vgl. Kreutzwald und Neus myth. und mag.
+Lieder der Ehsten S. 61. L.]
+
+[Fußnote 52: S. Anm. zu Bd. 1, S. 178.]
+
+
+
+
+18. Des Schützen abhanden gekommenes Glück.
+
+
+Es war einmal ein ebenso geschickter als glücklicher Schütze, der
+niemals ohne reiche Beute aus dem Walde zurück kam, mochte es Sommer
+oder Winter sein. Was er in Schußweite zu Gesicht bekam, Vogel oder
+Vierfüßler, das hatte er schon so gut wie in der Tasche, denn nie traf
+seine Ladung in's Blaue, sondern gerade in das Thier hinein, welches er
+tödten wollte. Mit einem Male aber, ich weiß nicht wer ihm den bösen
+Streich gespielt hatte, war des Schützen voriges Glück dahin; Vögel und
+Vierfüßler ergriffen die Flucht schon in weiter Entfernung und kam er
+einmal einem Thiere so nahe, daß seine Flinte es erreichen konnte, so
+ging der Schuß jedes Mal in's Blaue. Der Schütze merkte bald, daß es mit
+seiner Flinte nicht mehr mit rechten Dingen zuging; er reinigte und
+besprach die Flinte auf alle Art, grub sie drei Tage lang unter der
+Thürschwelle ein, über welche die Frauenzimmer schritten[53], aber kein
+Kunststück wollte anschlagen. So war er nun über eine Woche kreuz und
+quer im Walde umhergestreift, hatte täglich manchen Schuß verpufft, aber
+weder Schwanz noch Horn, weder Feder noch Wolle in die Jagdtasche
+geschafft.
+
+Mißmuthig ging er eines Abends, als er aus dem Walde kam, in die
+Schenke, und wollte seine üble Laune durch einen Schluck Branntwein
+vertreiben, aber auch der Branntwein mundete ihm nicht. Da stopfte er
+sich seine Pfeife, legte Feuer darauf und setzte sich an den Tisch um zu
+schmauchen. Als er zufällig die Augen aufschlug, sah er im Winkel am
+Ende des Tisches einen fremden Mann sitzen, der weder eine Pfeife im
+Munde noch einen Bierkrug vor sich stehen hatte, sondern nur mit einem
+Stück Kreide kleine Striche auf den Tisch zog, die er dann und wann
+zählte, worauf er sie wieder auswischte und neue hinmalte, als hätte er
+Gott weiß was für große Kosten zusammen zu rechnen. Als ein Theil des
+Abends so hingegangen war, ließ sich der Schütze einen Krug Bier geben,
+womit er zuweilen die trockne Kehle anfeuchtete; indeß sprach er kein
+Wort, sondern vertrieb sich die Zeit mit seinen Gedanken, wie der Andere
+mit dem Zusammenzählen seiner Striche. Jetzt trat der Schenkwirth aus
+seiner Kammer und fragte: »Ihr Leute, begehrt ihr noch etwas von mir
+oder wollt ihr zur Nacht hier bleiben? wo nicht, so brecht auf, ich will
+den Krug zuschließen und mich schlafen legen.« Der Schütze erwiderte:
+»Brüderchen, laß mich nur noch meine Pfeife stopfen und anzünden, dann
+gehe ich nach Haus.« Als er damit fertig war, nahm er seine Flinte aus
+der Ecke, grüßte und verließ das Zimmer. Ohne ein Wort zu sagen folgte
+ihm der Fremde, der ihn, wie er draußen im Mondschein bemerkte, um mehr
+als Kopfeslänge überragte und auf einem Fuße etwas hinkte. Als der
+Schütze eine Strecke gegangen war, sah er daß der Fremde denselben Weg
+genommen hatte, blieb stehen und fragte: »Haben wir Beide vielleicht
+einen Weg?« Der Fremde erwiderte: »Wohl möglich! mein Weg geht überall
+hin, wo er Fußtapfen vorfindet, mögen sie rechts oder links führen.« Der
+Schütze sagte: »Mein Weg geht gerade nach Haus.« Lachend versetzte der
+Fremde: »Gleichviel, so begleite ich dich ein Stück Weges, denn mein
+Haus ist immer da, wohin ich gerade komme.« Im Weitergehen fragte der
+Schütze, was das für Striche gewesen seien, die sein Begleiter den
+ganzen Abend auf den Tisch gezogen und zusammen gezählt habe. Der Fremde
+antwortete kurz: »Die Geschäfte des heutigen Tages, ich fand daß noch
+eins mangelt und muß darum eilen, vor Mitternacht noch einen Fisch zu
+fangen.« »So seid ihr also ein Fischer?« fragte der Schütze. Der Fremde
+erwiderte: »Je nachdem es sich trifft, bin ich ein Fischer, ein
+Vogelfänger oder was sonst von mir verlangt wird. Es ist mein Loos, daß
+ich immer in anderer Leute Dienst meine Schuhe vertragen muß. Aber sage
+mir, Gesell, warum bist du so verdrießlich, daß dir in der Schenke weder
+Branntwein noch Bier schmecken wollte?« Der Schütze erzählte ihm sein
+Mißgeschick; seine Flinte müsse verhext sein, da weder Vögel noch
+Vierfüßler mehr in Schußweite kommen wollten, und wäre dies auch einmal
+der Fall, so gehe der Schuß jedesmal fehl. Als der Fremde das Unglück
+des Schützen vernommen hatte, sagte er: »Wer deine Flinte verzaubert
+hat, mag wohl zu verschlagen sein, als daß deine Mittel etwas gegen ihn
+ausrichten könnten. Hier ist kein anderer Rath als bei dem alten Wirthe
+Hülfe zu suchen, der allein helfen kann.« Der Schütze fragte: »Wer ist
+der alte Wirth und wo wohnt er? ich höre zum ersten Mal von ihm.« Der
+Fremde erwiderte: »Wer er ist und wo er wohnt, das kann ich dir nicht
+mit Sicherheit sagen, aber ich will dir angeben, wo du mit ihm
+zusammenkommen und ihm deine Noth klagen kannst. Uebermorgen, Donnerstag
+Abend, ist der Mond gerade voll. Geh kurz vor Mitternacht an einen
+Kreuzweg, pfeife drei Mal und warte bis er kommt; die Flinte nimm gleich
+mit. So wie diese jetzt beschaffen ist, kann sie kein Geschöpf tödten,
+und wenn du die Mündung auch dicht daran brächtest. Ich will mich Spaßes
+halber fünf Schritte vor dir hinstellen, lade die Flinte scharf und
+ziele auf mich, nach dem Kopfe, dem Herzen, dem Bauche oder wohin du
+selber willst, du wirst mir keinen Schaden zufügen.« »Aber wenn ich dir
+nun doch Schaden thue?« fragte der Schütze. »Nun, dann ist es meine
+Schuld,« sagte der Fremde -- »und du bist nicht verantwortlich dafür.
+Mache dein Zeichen an der Kugel, damit du sie wieder erkennest.« Der
+Schütze lud seine Flinte mit einer Wolfskugel, auf die er mit den Zähnen
+ein Zeichen machte und stampfte dann die in einen Fettlappen
+eingewickelte Patrone fest. Er dachte bei sich selber: einen
+Nebenmenschen Spaßes halber zu tödten, das wäre wohl Sünde, aber ich
+will ihm einen Denkzettel geben, daß ihm die Lust vergehen soll, ferner
+solche Possen zu treiben. Ich will ihm die Kugel in seinen linken
+Schenkel schicken, sein linker Fuß hinkt ja doch schon. So denkend
+zielte er auf des Fremden Schenkel, eine Spanne hoch über der
+Kniescheibe, so daß die Kugel am Knochen vorbei durch das weiche Fleisch
+gehen mußte. Der Fremde stand fünf Schritt weit unbeweglich. Die Flinte
+knallte -- der Fremde aber trat ihm lachend entgegen und sagte: »Da,
+nimm deine Kugel!« und gab sie dem Schützen zurück. Dieser erkannte
+sofort die von ihm bezeichnete Kugel und sah, daß weder der Mann noch
+sein Kleid Schaden genommen hatten. »Hole Dieser und Jener meine Flinte
+und dich mit!« ruft der Schütze zornig. »Ihr seid entweder beide verhext
+oder der alte Bursche steckt in euch!« Der Fremde erwidert lachend: »ich
+habe dir schon vorhin gesagt, daß deine Flinte, wie sie jetzt beschaffen
+ist, keinem lebenden Wesen schaden kann, sie bedarf eines klügeren
+Arztes, der das kann, was du mit deinen Künsten nicht zu Wege bringst.
+Geh und suche, wie ich dir angegeben habe, übermorgen Abend Hülfe beim
+alten Wirthe.« Während sie noch weiter mit einander sprachen, waren sie
+an die Dorfgasse gekommen und trennten sich dort ohne Abschied, indem
+der Schütze am Zaunwege hin in's Dorf hinein ging, während der Fremde
+auf der Außenseite des Zauns vom Dorfe sich entfernte. Der Schütze hörte
+noch, wie der Fremde vor sich sagte: »Jetzt ist meine Zahl für heute
+voll.«
+
+Am folgenden Tage, Donnerstag Abends, ging der Schütze der erhaltenen
+Anweisung gemäß an den Kreuzweg, um das ihm abhanden gekommene Glück
+wieder zu finden; zwar fröstelte ihm das Herz ein wenig, doch pfiff er
+dreimal und wartete dann was weiter geschehen würde. Von Norden her
+hörte er ein Brausen, als ob ein Hagelwetter im Anzuge sei, dann
+leuchtete es dreimal wie ein Blitz vor seinen Augen und ein kleiner
+alter Mann mit rothem Barte stand vor ihm. _Wie_ der dahin gekommen war,
+ob aus der Luft heruntergeworfen oder aus dem Erdboden herauf gehoben,
+das konnte der Schütze nicht sagen, weil er eben die Ankunft des Alten
+gar nicht bemerkt hatte. Der Alte fragte: »Was willst du von mir, daß du
+mich hergepfiffen hast?« Der Schütze erzählte ihm alles von Anfang bis
+zu Ende, wie ihm die Flinte verhext sei, so daß weder Vierfüßler noch
+Vögel ihr nahe kämen, und falls auch einmal ein Thier in Schußweite
+komme, der Schuß jedesmal fehl gehe. Der Alte sagte: »Wenn ich dir das
+abhanden gekommene Glück wieder schaffen soll, so müssen wir erst
+darüber einig werden, wie lange ich dir dienen soll?« Der Schütze
+erwiderte: »So lange ich lebe.« »Ganz wohl« -- sagte der Alte -- »das
+Glück will ich dir wieder schaffen, aber sieh dich vor, daß großes Glück
+dich nicht übermüthig mache«[54]. Dann griff er in seinen Schultersack,
+nahm eine Hand voll Birkenkätzchen heraus, die er dem Schützen gab, und
+sagte: »Nähe zu Hause ein kleines Säckchen und stecke die Kätzchen da
+hinein. Gehst du in den Wald um Vögel oder Vierfüßler zu schießen, so
+stecke das Säckchen mit den Kätzchen in die Tasche oder in den Busen,
+dann wirst du jedesmal soviel Thiere erlegen wie du willst, auch wird es
+dem Walde nie an Wild mangeln. Was du heute erlegt hast, das ist morgen
+wieder ersetzt, aber hüte dich, den größesten Vogel oder Vierfüßler, der
+den andern immer als Führer voran ist, niederzuschießen, sonst würdest
+du das Glück und zugleich dein Leben einbüßen. Jetzt gieb mir zur
+Besiegelung des Vertrages drei Tropfen von deinem Blute!«[55] Als der
+Schütze das hörte, erschrack er und stand da, zweifelnd was er thun
+sollte. Der Alte, der seine Gedanken wohl errieth, sagte: »Thue was du
+willst, es ist ja hier von keinerlei Zwang die Rede, wir schließen einen
+gütlichen Vertrag. Willst du, wie es in letzter Zeit immer der Fall war,
+ohne Beute nach Hause kehren, so weigere das Blut, wenn du aber Lust
+hast durch die Beute des Waldes zum reichen Manne zu werden, so mußt du
+mir zur Besiegelung des Vertrages die verlangten Blutstropfen geben.«
+Der Schütze nahm seine Passelnadel[56] von der Hutkrämpe, stach damit in
+den Ringfinger der linken Hand und drückte drei Tropfen Blut heraus, mit
+denen der Alte ein Stück Birkenrinde benetzte, das er alsdann in die
+Tasche steckte. Darauf blies er drei Mal auf die Flinte des Schützen und
+sagte mit vergnügter Miene: »Jetzt sind wir miteinander im Reinen,
+deine Flinte ist entzaubert und erlegt was dir vor die Faust kommt. Eine
+Flintenkugel schenke ich dir noch in den Kauf, du kannst damit dem
+Verzauberer deiner Flinte den verdienten Lohn zahlen. Schieße diese
+Kugel ab wohin du willst, und nenne dabei die Körperstelle, in welche
+sie eindringen soll, so geht sie dahin und wäre das Ziel auch Dutzende
+von Meilen von dir entfernt.« Der Schütze nahm die Kugel mit Dank an und
+wollte sich mit einem »Gott befohlen« verabschieden, allein der Alte
+legte ihm die Hand auf den Mund und hieß ihm schweigen. In demselben
+Augenblicke war er dem Schützen ebenso wunderbar aus dem Gesichte
+entschwunden, als er vorher erschienen war. Der Schütze wandte seine
+Schritte heimwärts und wollte am folgenden Tage versuchen, ob die
+Versprechungen des Alten sich als wahr oder falsch erweisen würden.
+Erfüllt sich das Versprechen, dachte der Schütze, so habe ich einen
+wahren Glückshandel gemacht, nur ist es schade, daß ich dem Alten drei
+Blutstropfen verpfändete. Vielleicht findet sich mit der Zeit Rath zu
+einer Aenderung des Vertrags, oder ich ziehe mich durch List aus der
+Schlinge.
+
+Als er nach Hause kam, warf er sich in seinen Kleidern auf's Bett um ein
+paar Stunden zu ruhen; am Morgen früh wollte er in den Wald und
+versuchen, ob die an der Flinte gemachte Kur angeschlagen habe. Ruhiger
+Schlaf kam die ganze Nacht nicht in sein Auge; so oft ihm die Lider
+zufallen wollten, wurden sie immer wieder durch Bilder von
+Vogelschwärmen und Thierheerden aufgerissen, welche lärmend an ihm
+vorüberzogen. Mit anbrechender Morgenröthe sprang er vom Lager auf, lud
+seine Flinte, steckte die Glückskätzchen in die Hosentasche, band die
+Jagdtasche um und wollte ohne Frühstück von Hause gehn; erst auf der
+Schwelle fiel es ihm ein einige Bissen zur Vogeltäuschung[57] zu sich zu
+nehmen. Als er in den Wald kam, stieß ihm ein Schwarm Birkhühner auf,
+dessen Führer größer war als ein Auerhahn. Diesen ließ der Schütze
+unversehrt, er zielte in die Mitte des Schwarms; die Flinte knallte und
+sechs Birkhühner auf einmal fielen auf den einen Schuß vor ihm nieder.
+»Habe Dank! alter Patron!« ruft der Schütze -- »ich sehe, daß du Wort
+gehalten und dein Versprechen wahr gemacht hast.« Da fällt ihm die
+Kugel ein, welche er in den Kauf erhalten hatte um den Verzauberer der
+Flinte damit zu züchtigen; er denkt: ich will dem Frevler seinen
+verdienten Lohn geben und dafür sorgen, daß er sich in's Künftige nicht
+so leicht soll an meine Flinte machen können. Er ladet die Flinte, legt
+die Kugel drauf und sagt: »Dem feindlichen Hexenmeister durch beide
+Schienbeine!« worauf er den Schuß abfeuert. Da er nun für heute keine
+Lust mehr hat, Vögel zu schießen, so hebt er seine sechs Birkhühner vom
+Boden auf und macht sich auf den Heimweg. Als er in's Freie kommt,
+steigt ein Flug Feldhühner dicht vor ihm auf, wiederum ein größeres an
+ihrer Spitze. Der Schütze denkt: Schade, daß ich die Flinte nicht wieder
+lud, sonst hätte ich hier abermals mein Glück versuchen können. Gerade
+als ob sie seine Gedanken errathen hätten, ließen sich die Vögel ein
+paar hundert Schritt weit von ihm nieder. Er ladet die Flinte und geht
+ihnen nach. Die Vögel fliegen wieder auf, der Schütze läßt den Anführer
+vorüber fliegen, feuert in den Schwarm hinein und siehe! ein Dutzend
+Feldhühner fällt zu Boden. »Oho!« -- ruft der Schütze -- »wenn die Sache
+so fortgeht, so darf ich bald nicht anders in den Wald kommen als mit
+Wagen und Pferden, um die erbeutete Ladung Vögel in die Stadt zu
+führen.«
+
+Und wirklich ging die Sache so glücklich weiter; er schickte alle Woche
+eine volle Ladung Vögel zur Stadt auf den Markt, und dennoch schienen
+sie dadurch in den Wäldern nicht weniger zu werden, vielmehr kam es dem
+Schützen vor, als ob sie um so mehr zunähmen, je mehr er ihrer
+vertilgte. Diese leichte Hantierung, die mehr einem Spiele glich, machte
+den Schützen sorglos, und mit der Sorglosigkeit stellte sich die
+Leidenschaft für den Branntwein ein, so daß er sich meistentheils in den
+Schenken umhertrieb und selten Abends nach Hause kam, ohne daß es ihm
+vor den Augen flimmerte. Im trunkenen Muthe hatte er aber zuweilen gegen
+die Anderen mit seinem Vertrage geprahlt, so daß sich das Gerücht
+verbreitete, daß der Schütze habe seine Seele dem alten Burschen
+verkauft. Eines Abends trat der Schütze bei hellem Mondschein aus dem
+Kruge, die geladene Flinte auf der Schulter, und stieß im Freien auf
+einen Trupp Füchse, deren Anführer eine Strecke weit voraus lief und so
+schön war, daß der erhitzte Schütze nicht mehr Zeit fand, sich der
+Bedingungen des Vertrags zu erinnern, welche ihm verboten das größte
+Thier niederzuschießen. Er riß die Flinte an die Wange, zielte und gab
+dem großen Fuchse eine volle Ladung. Augenblicklich fiel -- nicht der
+auf's Korn genommene Fuchs, sondern statt desselben der Schütze selber
+todt zu Boden. Am andern Morgen wurde sein Leichnam etwa eine Werst weit
+vom Dorfe auf dem Felde gefunden: die Flintenkugel war ihm durch's Herz
+gegangen. Daß er sich nicht absichtlich selber getödtet hatte, konnte
+man daraus abnehmen, daß die Flinte eine Strecke weit von ihm gefunden
+wurde, und ihre Mündung von ihm abgekehrt war. Die Dorfbewohner trugen
+ihn nach Hause und gingen daran einen Sarg zu zimmern; dabei wurden sie
+öfter einer schwarzen Katze ansichtig, welche keiner von ihnen früher
+jemals erblickt hatte. Der Todte lag auf dem Tische mit einem weißen
+Laken bedeckt. Als der Sarg fertig war und man den Leichnam hineinlegen
+wollte, hatten die Männer einen neuen Schrecken. Als sie nämlich das
+Laken abnahmen, fand sich der Todte nicht mehr, sondern ein Bund Stroh
+lag statt desselben auf dem Tische und zugleich mit dem Todten war auch
+die große schwarze Katze verschwunden, welche Niemand Anders sein
+konnte, als der alte Bursch selber. Später wurde es ruchbar, daß einem
+nahe wohnenden Zauberer, der lange auf dem Siechbette gelegen hatte,
+beide Beine vom Knie an lahm geworden waren, daß der Mann nicht anders
+als auf zwei Krücken gehen konnte. Diesem Manne hatte sicher die im
+Walde abgeschossene Strafkugel des Schützen die Beine untauglich
+gemacht, zum Lohn dafür, daß er dessen Flinte verhext hatte.
+
+Diese Erzählung macht offenbar, daß wer dem Bösen Blut giebt, ihm auch
+seine Seele verkauft; oder anders ausgedrückt: »Gieb dem Teufel die
+Fingerspitze und er packt deine ganze Hand.«
+
+[Fußnote 53: Vgl. Boecler-Kreutzwald der Ehsten abergl. Gebr., S. 128.
+L.]
+
+[Fußnote 54: Man sieht, daß hier selbst der Böse -- Moral predigt! L.]
+
+[Fußnote 55: S. Anm. zu Bd. 1, S. 67. L.]
+
+[Fußnote 56: »Der altestnische Bauerschuh (pastal oder passel) besteht
+aus einem einzigen länglichen viereckigen Stück Pferde- oder Rindsleder
+von hellgelber Farbe. Vorn wird er spitz zusammengenäht. Der ganze Rand
+ist mit geschnittenen Löchern versehen, durch welche eine lange Schnur
+läuft, die den ganzen Schuh wie einen Beutel zusammenzieht. So bleibt
+nur das Fußblatt unbedeckt. Die Schnur kreuzt sich auf dem Schienbein
+und wird zwischen Wade und Knie befestigt, indem sie so zugleich als
+Strumpfband dient.« _Bertram_, Wagien. S. 74. Der russische Bauerschuh ist
+aus dem Bast der jungen Birke _geflochten_. L.]
+
+[Fußnote 57: Linnu-pete Vogelbetrug, ein Frühstück, das man aus
+Aberglauben im Frühling vor dem Ausgehen genießt, um nicht nüchtern den
+Kuckuck hören zu müssen, weil man sonst taub wird oder in dem Jahre
+stirbt. _Wiedemann_ estnisch-deutsches Wörterb. u. d. u.
+Boecler-Kreutzwald S. 85 vgl. mit S. 140 und mit der Anm. zu Kalewipoeg
+XI, 14. deutsche Ausg. Dorpat, 1861. L.]
+
+
+
+
+19. Der aus Gefahr erlöste Königssohn wird der Retter seines Bruders.
+
+
+In den Tagen der Vorzeit war ein junger König schwer erkrankt, weshalb
+nach allen Seiten hin Boten ausgesandt wurden um Aerzte zu holen. Obwohl
+nun Beschwörer und Zauberer in großer Anzahl zusammen kamen, so konnte
+doch keiner von ihnen des Königs Krankheit heilen. Endlich wurde ein
+berühmter Zauberer aus Nordland geholt, der mit kundigem Blicke des
+Königs Krankheit gleich erkannte, daß nämlich seine Arme vom Finger bis
+zum Ellenbogen von goldfarbigem und seine Beine von der Zehe bis zum
+Knie von silberfarbigem, der Leib aber von indigoblauem Glase sei. Der
+Zauberer sagte: »Gegen dieses Siechthum helfen keine Mittel, keine
+Kräuter, sondern der König muß eine junge Gattin freien, so wird er in
+dreien Tagen gesund. Die Gattin muß aber nach Farbe und Ansehn zur
+Krankheit des Königs passen, sonst ist keine Heilung möglich.« Der König
+gab nun Befehle, im ganzen Reiche nach einer solchen Jungfrau, die seine
+Heilung bewirken könnte, zu suchen. Nach einigen Tagen ergab sich, daß
+eines Kriegshauptmanns jüngste Tochter den Arzt machen könne, weil das
+Mädchen hellgelbes goldenes Haar, schneeweiße silberfarbene Haut und
+blaue Augen habe. Als die Jungfrau vor den König geführt wurde, rief
+dieser aus seinem Bette: »Ich fühle es, diese Arznei wird mich gesund
+machen!« sprang aus dem Bette und befahl alsbald die Hochzeit
+zuzurüsten, die auch noch an demselben Tage gehalten wurde. Am Abend,
+ehe das junge Paar zu Bette ging, trat eine alte Frau, die aus der Hand
+wahrsagte, vor die junge Königin, und bat um Erlaubniß aus der Hand
+derselben zu prophezeien. Nach einer Weile sagte die Alte: »Nach kurzen
+Glückstagen erwarten euch lange Leidenstage um einer bösen Schwester
+willen, aber Gott läßt euch endlich aus eurem Sohne den Retter erstehen.
+Ihr werdet in drei Wochenbetten zwölf Söhne gebären.« Mit diesen Worten
+verschwand die Alte vor den Augen der Königin, als wäre sie in Luft
+zerflossen. Die ältere Schwester aber, welche selber gewünscht hatte des
+Königs Gemahlin zu werden, haßte diese um ihres Glückes willen und nahm
+sich im Stillen vor, ihrer jüngeren Schwester Schaden zuzufügen.
+
+Die junge Königin brachte im ersten Wochenbette sechs Söhne auf einmal
+zur Welt, lauter muntere und gesunde Kinder. Der König war gerade
+damals, als seine Gemahlin in die Wochen kam, von Hause abwesend, darum
+wurde ein Diener abgeschickt, der dem Könige die Botschaft bringen, und
+ein anderer, der den Kindern eine Amme suchen sollte. Die ältere
+Schwester der Königin dang nun um hohen Preis eine Hexenmeisterin,
+welche die Kinder verderben oder heimlich bei Seite schaffen sollte, so
+daß der König deshalb einen Haß auf seine Gemahlin werfen müßte. Die
+Hexenmeisterin verwandelte sich in ein junges Weib und kam wie von
+Ungefähr dem die Amme suchenden Diener entgegen, zu dem sie so sprach:
+»Ich bin schon öfter Amme bei Kindern hochgeborner Deutschen und
+vornehmer Leute gewesen, führt mich also nur zur Frau Königin, weil sie
+nirgends eine bessere Amme finden kann.« So wurde das böse Geschöpf zur
+Königin geführt, deren Seele keine Ahnung davon hatte, daß ihre
+Schwester dieses Weib zu einer Frevelthat gedungen hatte.
+
+Nachts, als die Königin schlief, nahm die alte Hexe heimlich die sechs
+Knaben aus der Wiege, übergab sie dem »alten Burschen« und legte sechs
+junge Hunde an die Stelle der Kinder. Als der König nach Hause kam und
+diese jungen Hunde sah, welche seine Gemahlin, wie man ihm sagte, zur
+Welt gebracht habe, entbrannte er in heißem Zorne, so daß er befahl: die
+Gemahlin sammt den jungen Hunden um's Leben zu bringen. Da aber die
+Königin ein frommes und mildherziges Menschenkind war, so begaben sich
+die Unterthanen in Masse zum Könige, um seine Verzeihung zu erbitten:
+»Um einer einzigen Schuld willen dürfe man doch einen Menschen nicht
+gleich mit dem Tode strafen!« Der König gab ihrer Bitte Gehör und
+verzieh seiner Gattin für dies Mal.
+
+Aber schon im nächsten Wochenbette sollte eine neue Schuld auf die arme
+Frau fallen. Zum Unglück traf es sich, daß der König wiederum in fremden
+Landen war, als für seine Gemahlin die Zeit der Niederkunft herannahte.
+Die Königin brachte drei gesunde Knaben zur Welt, und als man ging den
+Kindern eine Amme zu suchen, kam die Hexenmeisterin wieder des Weges
+daher und bot sich zur Amme an. Damit die Königin sie nicht erkennen und
+abweisen sollte, hatte sie eine andere Gestalt angenommen. Dennoch
+sträubte sich das Herz der Mutter sie zuzulassen, und sie mußte sich
+halb mit Gewalt als Amme aufdrängen. In der Nacht, als die Mutter
+schlief, ging die Vertauschung der Kinder ganz wie das erste Mal vor
+sich: die drei Knaben wurden dem alten Burschen übergeben und statt
+ihrer drei junge Hunde in die Wiege gesetzt. Als der König heimkehrt,
+läßt er die Hunde tödten und will auch seiner Gemahlin das Todesurtheil
+sprechen. Da hebt die Königin unter bitteren Thränen an zu flehen:
+»Meine Seele ist rein von Schuld, wenn ich auch nicht begreife, wie es
+mit der wunderbaren Begebenheit zugeht! Ich sah mit meinen Augen, wie
+ich das erste Mal sechs und das zweite Mal drei gesunde Knaben zur Welt
+brachte, an deren Stelle nachher junge Hunde in der Wiege gefunden
+wurden.« Die ganze Dienerschaft bezeugte die Wahrheit dieser Aussage und
+bat einstimmig um Gnade. Sie sagten: Bei einem so wunderbaren Ereigniß
+muß das irdische Gericht auch ein zweites Mal verzeihen, weil Gott
+allein das Geheimniß durchschauen kann. Sollte aber die Sache zum
+dritten Male vorkommen, dann dürft ihr eurer Gemahlin weiter keine Gnade
+angedeihen lassen, sie muß dann für ihre Schuld büßen.« Der König gab
+der Bitte seiner Frau und seiner Unterthanen abermals Gehör und verzieh.
+
+Im dritten Wochenbette brachte die Königin wiederum drei Knaben zur
+Welt. Die Geburt erfolgte um Mitternacht und da das Gemach dunkel war,
+so nahm die Wöchnerin heimlich einen Knaben und versteckte ihn in den
+Bettkissen, so daß keines Menschen Seele von diesem Kinde eine Ahnung
+hatte. Diejenigen, welche eine Amme suchten, stießen wie das erste und
+zweite Mal auf die Hexenmeisterin, die ihnen aus dem Walde entgegenkam,
+und nahmen sie an. Nächtlicher Weile vertauschte nun die Amme die beiden
+Knaben gegen junge Hunde und brachte die Knaben dem »alten Burschen«.
+Als der König die Hunde erblickte, entbrannte sein Zorn und er befahl
+sie sogleich zu tödten. Da holte die Königin ihren versteckt gehaltenen
+Sohn hervor und sagte: »Alle Kinder die ich geboren habe, glichen
+diesem. Welche Gewalt sie verwandelt hat, ist mir unbekannt.« Aber der
+König fuhr zornig auf: »Wenn mir eilf Knaben zu Schanden geworden sind,
+so verlohnt es sich nicht um dieses einzigen willen die Mutter am Leben
+zu lassen. Besser sie wird sammt dem Kinde umgebracht, damit mir nicht
+abermals ein solcher Verdruß entstehe!« Darauf ließ er die Richter
+zusammenkommen und fragte sie um ihre Meinung, welche Todesart über die
+Frau zu verhängen sei. Die Richter gaben diesen Bescheid: »Es ist
+schrecklich ein menschliches Wesen zu verbrennen, nicht minder
+schrecklich, ihm einen Strick um den Hals zu legen und es am Galgen
+aufzuhängen, noch entsetzlicher aber, es mit dem Schwerte hinzurichten.
+Machen wir lieber ein eisernes Bette mit hohen Kanten, legen Mutter und
+Sohn hinein und lassen Beide in diesem Bette auf's Meer hinausbringen
+und sie dort in die Fluth stürzen.« Dieser Rath gefiel dem Könige, er
+ließ ein eisernes Bett machen, Mutter und Sohn hineinlegen und sie auf
+einem Schiffe weit in's Meer hinausbringen. Als die unglücklichen
+Geschöpfe in ihrem eisernen Bette vom Schiffe in's Meer geworfen wurden,
+ereignete sich das Wunder, daß das Bett nicht auf den Grund sank,
+sondern wie ein leichtes Kissen auf den Wellen schwamm. Gottes Gnade
+wollte sie schützen, damit nicht schuldlose Geschöpfe durch böser
+Menschen Tücke umkämen.
+
+Der Königssohn wuchs im eisernen Bette auf dem Meere zusehends, und
+hatte nach sieben Wochen schon ganz die Gestalt und das Ansehn eines
+Erwachsenen. Die Schiffsleute hatten ihnen, ehe sie zurückfuhren, einen
+Brotsack und ein Milchfäßchen[58] zugeworfen, welche Mutter und Sohn
+wunderbarer Weise ernährten -- denn obwohl sie jeden Tag davon zehrten,
+ging doch weder Speise noch Trank zu Ende. Als der Königssohn nach
+sieben Wochen zu einem jungen Manne herangewachsen war, sagte er eines
+Tages zu seiner Mutter: »Mutter, ich möchte die Glieder strecken!« Die
+Königin erwiderte: »Thu' es noch nicht, lieber Sohn, es würde sonst die
+Fußwand des Bettes sich lösen, wir würden in's Meer fallen und dort
+unser Ende finden.«
+
+Aber der Königssohn sagte nach einigen Tagen wiederum: »Mutter, ich
+möchte die Glieder strecken, weil mir die Füße und Waden von dem ewigen
+Krummliegen weh thun!« Die Mutter wehrte es mit den Worten: »Lieber
+Sohn, strecke die Glieder noch nicht, es könnte großes Unglück über uns
+bringen.« Da rief der Sohn zum dritten Male mit Wehgeschrei: »Ich habe
+große Angst im Herzen und starke Schmerzen in allen Gliedern und kann
+diese Einsperrung nicht länger aushalten. Ich will die Beine
+ausstrecken, komme was da wolle!« Die Mutter erwiderte: »Gleichviel! wo
+der Tod ist, da ist auch das Grab. Strecke deine Glieder soviel du
+willst, damit du die lange Pein los wirst!« Da streckte der Königssohn
+seine Beine kräftig gegen das Fußende des eisernen Bettes, so daß die
+Wand krachend herausfiel. Dennoch aber sanken sie nicht auf den Grund,
+sondern fanden sich auf dem Trocknen, auf einer kleinen Insel. Die
+Königin schlüpfte aus dem Bette, fiel auf die Knie und dankte dem
+himmlischen Vater für die wunderbare Rettung.
+
+Der Königssohn entfernte sich vom Ufer um nachzusehen, ob er irgendwo
+auf der Insel eine Nahrung fände, mit welcher sie ihr Leben fristen
+könnten. Er war eine Strecke Weges gegangen, da kam ihm aus dem Dickicht
+des Waldes ein kleiner alter Mann mit grauem Barte entgegen und bot ihm
+einen Feuerstahl. »Was soll ich damit machen, Goldväterchen?« fragte der
+Königssohn. »Ich habe weder ein Aschenloch noch sonst eine passende
+Stelle, wo ich den Feuerstahl hinlegen könnte.« Der Alte drückte ihm den
+Stahl halb mit Gewalt in die Hand und sagte: »Schlage mit diesem Stahle
+an einem beliebigen Orte Feuer, dann wirst du vollauf zu essen und zu
+trinken haben, soviel dein Herz nur begehrt.« Der Königssohn ging mit
+der unnützen Gabe zu seiner Mutter zurück, die ihn sogleich fragte:
+»Sage mir, wo hast du diesen Feuerstahl her? Du hast ihn doch nicht
+frevelnd Jemandem entwendet?« Der Sohn erwiderte sich gleichsam
+entschuldigend in bittendem Tone: »Werde nicht böse, lieb Mütterchen,
+ein fremder Alter, mit dem ich zufällig im Walde zusammentraf, steckte
+mir den Feuerstahl mit Gewalt in die Hand. Auch sagte er: wenn du mit
+diesem Feuerstahl Feuer anschlägst, so werdet ihr zu essen und zu
+trinken bekommen.« -- Wenn nun auch weder Mutter noch Sohn die geringste
+Hoffnung darauf hatten, so wollte doch der Sohn Spaßes halber den
+Versuch machen. Und sieh einmal! wie die Funken aus dem Steine sprangen,
+stand ein Tisch mit Speisen und Getränken vor ihnen, so daß sie sich nun
+vor Hunger nicht mehr zu fürchten brauchten.
+
+Am folgenden Tage schlenderte der Königssohn wieder im Walde umher und
+abermals begegnete ihm der graubärtige Alte, der wie ein Specht an einem
+hohen Baume herunter kletterte, denn er hatte an Fingern und Zehen
+scharfe Krallen wie eine Katze. Der Alte bot ihm eine Axt; der
+Königssohn wollte sie zwar nicht nehmen, aber der Alte sagte ernsthaft:
+»Sei nicht thöricht! sondern nimm was ich dir aus gutem Herzen gebe!«
+Dann drückte er ihm das scharfe Werkzeug mit Gewalt in die Hand und
+fügte hinzu: »Trage die Axt heim und nöthige sie, dir ein Wohnhaus zu
+zimmern, dann wirst du alsbald ein Obdach haben.« Der Königssohn brachte
+die Axt heim und die Mutter erkundigte sich sogleich wieder, ob sie
+nicht fremdes Eigenthum und gestohlen sei. Als der Sohn ihr mittheilte,
+wie er zu der Axt gekommen sei, fühlte sich die Mutter beruhigt. Darauf
+schaffte der Sohn durch den Feuerstahl Brot und sonstige Speise auf den
+Tisch und sie sättigten sich wie Tags zuvor. Nach dem Essen befahl er
+der Axt: »Zimmere uns ein neues Wohnhaus!« und sofort stand ein hübsches
+neues Haus vor ihnen, als wäre es aus dem Boden aufgeschossen. Mutter
+und Sohn traten über die Schwelle und nahmen darin ihren Aufenthalt.
+
+Nach einigen Tagen zeigte sich auf der Höhe der See ein Schiff. Der
+Königssohn ging dicht an's Ufer, ließ ein weißes Tuch flattern um den
+Schiffsleuten ein Zeichen zu geben und winkte ihnen heranzusegeln; dann
+kaufte er ihnen die ganze reiche Schiffsladung ab und ließ sie an's Land
+bringen. Die Axt ließ, auf Geheiß ihres Herrn, unablässig Haus an Haus
+sich reihen, so daß in kurzer Zeit eine Stadt daraus wurde. Der
+Königssohn aber ließ das Schiff mit Korn füllen und sandte es dann
+zurück in die Heimath. -- Als er darauf wieder im Walde umherstrich,
+begegnete ihm der kleine Alte mit dem langen grauen Barte. Der Alte
+sagte: »Eine Stadt hast du nun wohl fertig, aber Einwohner fehlen der
+Stadt. Da, nimm diesen Ebereschenzweig[59], geh morgen früh an einen
+Ameisenhaufen, klopfe dreimal mit der Ruthe darauf und rufe: »schaffet
+Leute für meine Stadt!« so werden Einwohner genug in die neue Stadt
+kommen. Der Königssohn that am andern Morgen was der Alte ihm geheißen
+und fand, als er zurück kam, alle Häuser der Stadt mit Einwohnern
+angefüllt, denen der Feuerstahl das tägliche Brot schaffte.
+
+Als der Schiffer an's Land gestiegen war, ging er sofort zum Könige und
+erzählte ihm die wunderbare Begebenheit, wie er an eine wüste Insel
+gekommen sei, auf welcher bis dahin kein lebendes Wesen zu finden
+gewesen, während jetzt am Ufer eine prächtige Stadt stehe, deren
+Eigenthümer ihm die Schiffsladung abgekauft, und das Schiff mit Korn
+beladen zurückgesandt habe. »Mein geringer Verstand kann es nicht
+begreifen,« -- so schloß der Schiffer seine Erzählung -- »wie die Stadt
+so plötzlich dahin gekommen ist.« -- Der König erwiderte: »Ich muß
+selber hin, um dieses Wunder zu sehen.« Er hatte sich aber mittlerweile
+des Kriegsobersten älteste Tochter zur Gemahlin erkoren und diese sagte
+jetzt, als sie des Königs Worte hörte: »Es ist nicht nöthig, daß ihr
+dahin geht; nöthiger ist es durch drei Königreiche in _das_ Land zu
+fahren, wo ein prächtiger Brunnen mit goldener Bekleidung und silbernem
+Schwengel steht, eben dort ist auch eine goldene Maurerkelle und eine
+andere silberne daneben.«
+
+Zum Glück hatte der Königssohn diese Rede mit angehört, denn er hatte
+sich mit des Alten Hülfe in einen kleinen Floh verwandelt[60] und saß in
+des Königs Gemach am Fenster, wo Niemand ihn bemerkte. Als er der
+Königin Rede hörte, dachte er: »O! stände doch dieser Brunnen vor meiner
+Stadt, dann käme der König gewiß um ihn anzusehen.« Als er aber heim
+kam, fand er auch wirklich einen solchen Brunnen schon vor der Stadt;
+eine Katze lief an der goldenen Brunnensäule hinauf und bat um Gnade,
+dann kam sie herunter und bat selbst um den Tod.
+
+Nach diesem geschah es wieder, daß ein anderer Schiffer mit seinem
+Schiffe sich der Insel näherte. Der Königssohn rief ihn an's Ufer,
+kaufte ihm die ganze Schiffsladung ab und ließ das Schiff mit Korn
+füllen. Als der Schiffer nach Hause kam, ging er sofort zum Könige, ihm
+den wunderbaren Vorfall zu melden. Als er über die Schwelle trat,
+bemerkte er nicht, daß der Königssohn in Gestalt einer Fliege ihm in
+den Busen geschlüpft war. Der Schiffer erzählte dem Könige, wie er auf
+einer wüsten Insel plötzlich eine sehr schöne Stelle gefunden, wo eine
+herrliche Stadt stehe, deren Häuser von Gold und Silber glänzen, und am
+Thore stehe ein prächtiger Goldbrunnen, der im Sonnenschein funkele. Da
+verlangte es den König selbst hinzugehen, um das Wunder mit eigenen
+Augen zu sehen, aber die Königin that sogleich Einspruch: »Ihr braucht
+nicht dahin zu gehen, viel nöthiger wäre es durch vier Königreiche zu
+fahren, dahin wo die schönen Heuschläge liegen; das Heu schichtet sich
+selber ohne daß Jemand zu mähen oder zu harken braucht, thut sich selber
+auf den Boden und kommt auch wieder herunter, so daß es gar keiner
+Arbeiter bedarf, weder zum Aufspeichern noch zum Herunterwerfen. Und es
+sollen dort drei Könige mit einander Krieg führen; der eine von ihnen
+ist gewaltig, der andere noch viel gewaltiger und der dritte giebt
+vollends seine Macht nicht aus den Händen. Es thäte wohl Noth, dieses
+Kriegsgewühl mit anzusehn.«
+
+Der Königssohn dachte in seinem Sinn: Wenn dergleichen bei meiner Stadt
+sich fände, so käme der König gewiß hin, sich das Wunder zu besehen. So
+wie ihm dieser Gedanke durch den Kopf fuhr, hatte sich auch Alles schon
+so gefügt, denn der graubärtige Alte hatte es bewirkt.
+
+Jetzt zeigte sich nach einigen Tagen abermals ein Schiff auf hoher See,
+der Königssohn lockte es wieder an seine Küste, kaufte die ganze Ladung,
+füllte das Schiff mit Korn bis zum Rande und sandte es zurück. Sich
+selbst aber verwandelte er in eine Stecknadel und that sich in des
+Schiffers Rock. Als der Schiffer nach Hause kam, eilte er zum Könige und
+erzählte von all' den Wundern auf der wüsten Insel. »Dort sind« -- sagte
+der Schiffer -- »so wunderbare Dinge, wie sie sicherlich nirgends sonst
+in der Welt gefunden werden, gold- und silberfarbene Häuser, allerlei
+Goldbrunnen und Heuschläge, welche selber das Heu mähen, aufnehmen, auf
+den Boden bringen und vom Boden wieder herunterwerfen, ohne daß Hülfe
+von Menschenhand erforderlich ist. Ueberdies bekriegen sich dort
+unaufhörlich drei Könige, die einander nicht bezwingen können.« Da
+erwachte in des Königs Brust ein heftiges Verlangen dahin zu gehen und
+mit eigenen Augen diese Wunderdinge zu schauen. Die Königin aber sagte,
+als sie seine Absicht vernahm: »Dahin zu gehen thut nicht Noth, sondern
+vielmehr durch fünf Königreiche zu fahren, wo die elf Männer am Tische
+sitzen, deren Arme bis zum Ellenbogen goldfarben und deren Beine bis
+zum Knie silberfarben sind[61]; diese Dinge sind viel wunderbarer.«
+Dennoch nahm sich der König vor, zur Insel zu fahren um das zu sehen,
+wovon die Schiffsleute ihm erzählt hatten. Die Königin aber widersetzte
+sich hartnäckig und wollte den König nicht ziehen lassen; dagegen sagte
+der König: »Bis heute habe ich zweimal auf euren Widerspruch gehört,
+aber länger habe ich nicht Lust nach eurer Pfeife zu tanzen, sondern
+will nun das dritte Mal meinen Willen durchsetzen. Uebrigens sind ja
+alle eure Angaben falsch gewesen; ich bin überall hingegangen, wohin ihr
+mich gehen hießet, habe aber nirgends auch nur eine Nagelspitze von den
+gerühmten Wunderdingen gefunden.«
+
+Als der Königssohn diese Rede vernommen, eilte er nach Hause und
+erzählte seiner Mutter was er gehört hatte und fragte wo jene elf Männer
+wohl sein könnten. Die Königin muthmaßte sogleich, wie es sich mit den
+elf Männern verhalte, deßwegen buk sie drei Kuchen; zwei derselben
+knetete sie mit Milch aus ihrer Brust, in den Teig des dritten aber that
+sie Gift. Dann unterwies sie ihren Sohn folgendermaßen: »Verfüge dich in
+Gestalt einer Stecknadel auf die Schwelle der Thür, wo die elf Männer zu
+Tische sitzen, und warte bis der Hausherr aus der andern Kammer kommt
+und sich oben am Tische niedersetzt. Wenn sie nun im Begriff sind die
+Mahlzeit zu beginnen, dann verwandle dich in einen Mann und tritt zu
+ihnen ein, grüße sie ehrerbietig und biete ihnen deine Kuchen als
+Gastbrot an. Den Kuchen mit dem Gifte reiche dem Hausherrn ganz, die
+beiden andern brich in elf Theile, lege jeglichem ein Stück auf den
+Tisch und lade sie ein, das Gastbrot zu essen.« Der Sohn vollführte
+Alles wie die Mutter ihm aufgetragen hatte. Der Hausherr aß zuerst von
+seinem Kuchen, aber sowie er einen Bissen hinunter geschluckt hatte,
+barst er mitten von einander[62]. Die jungen Männer erschracken sehr und
+fragten einander: was hat dieser schlimme Vorfall zu bedeuten? Der
+Königssohn aber forderte sie auf, nur dreist zu essen. Doch keiner hatte
+den Muth von dem Kuchen zu kosten, vielmehr sagten sie: »Iß du zuerst,
+so wollen wir dann auch essen.« Er nahm jetzt ein Stück von dem Kuchen,
+aß und die andern aßen nach ihm. Nach dem Essen bat er seine Brüder sich
+zu Gast. Die Brüder fragten: »Auf welche Weise sollen wir gehen? In
+Gestalt von Pferden oder in menschlicher Bildung?«
+
+Er aber unterwies sie: »Laßt uns als Tauben dahin fliegen.« So geschah
+es auch und binnen kurzer Zeit langten sie an.
+
+Am andern Tage nun kam auch der König zur Insel um die Wunderdinge zu
+schauen, von denen er vernommen, und er fand sie alle ganz so wie man
+ihm berichtet hatte. Zuletzt trat er auch in das Haus, in welchem seine
+verstoßene Frau wohnte, die ihm schon auf der Schwelle freundlich
+grüßend entgegenkam. Der König aber erschrack im ersten Augenblicke
+heftig und wußte nicht was er von der Sache denken sollte, ob ein
+Schattenbild der Frau oder ob sie selber leibhaft vor ihm stehe. Da
+sagte die Frau mit holdseliger Rede: »Hier stehen meine zwölf Söhne so
+wie ich sie zur Welt gebracht habe, und nicht als die jungen Hunde,
+welche euch gezeigt wurden.« Jetzt kam auch der wunderthätige Alte und
+erklärte dem Könige umständlich, wie sich Alles begeben und wer die
+Kinder vertauscht habe.
+
+Am andern Morgen fuhr der König mit seiner Frau und seinen zwölf Söhnen
+heim, versteckte sie aber an einem verborgenen Orte und ließ sämmtliche
+Oberrichter zusammenkommen, auch seine gegenwärtige Gemahlin mußte unter
+ihnen Platz nehmen. Dann erzählte der König, was neuerdings einen
+geringen Mann betroffen habe, welches Unrecht man ihm zugefügt habe und
+daß ein naher Blutsverwandter als der Hauptschuldige da stehe. Noch ehe
+die Richter den Mund öffnen konnten, rief die Königin mit zorniger
+Stimme: »Einem solchen Uebelthäter gebührt kein besserer Lohn, als daß
+man ihn in eine große Tonne legt, welche inwendig mit eisernen Stacheln
+versehen sein muß, und daß man die Tonne so lange rollt, bis die
+scharfen Stacheln ihm das Fleisch von den Knochen herunter gerissen
+haben und er unter großen Schmerzen den Geist aufgiebt. Seine
+Helfershelfer müssen von Pferden auseinander gerissen und ihre Glieder
+auf's Rad geflochten werden.« Die Richter billigten einstimmig den
+Ausspruch der Königin.
+
+»Sehr wohl!« sprach der König, befahl die Thüren zu öffnen und die
+Abgesperrten aus ihrem Versteck zu holen. Als aber nun die frühere
+Gemahlin des Königs mit ihren Söhnen eintrat, da wurde die zweite Frau
+todtenbleich; dann warf sie sich dem Könige zu Füßen und bat um Gnade.
+Der König erwiderte mit strengem Antlitz:
+
+»Nicht ich, sondern ihr selbst habt das Urtheil gesprochen; euer Wille
+geschehe!«
+
+Als darauf die ruchlose Frau sammt der Hexenmeisterin den über sie
+verhängten Tod erlitten hatte, nahm der König seine erste Gemahlin
+wieder zu sich, blieb aber nicht da wohnen, sondern begab sich mit ihr
+und seinen Söhnen in die neue Inselstadt, die in jeder Hinsicht viel
+prächtiger war als sein bisheriger Wohnort.
+
+[Fußnote 58: Vgl. die Anm. Bd. 1, S. 84. L.]
+
+[Fußnote 59: Vgl. die Goldruthe in dem Märchen 16 vom mildherzigen
+Holzhacker S. 123. L.]
+
+[Fußnote 60: Vgl. das Märchen 10, Klugmann in der Tasche. L.]
+
+[Fußnote 61: Vgl. oben Märchen 19 S. 142 L.]
+
+[Fußnote 62: Es ist auffällig, daß hier der »alte Bursche« nicht blos
+überlistet und gezüchtigt wird, sondern geradezu umkommt. In den
+Mythologien der meisten Völker und auch in Kalewipoeg kann das böse
+Princip, weil ewig dem Guten widerstrebend, nicht sterben -- mindestens
+nicht vor einer gewaltigen an's Ende der Tage verlegten Katastrophe,
+nach welcher eine neue Weltschöpfung und Weltordnung anhebt. L.]
+
+
+
+
+20. Localsagen.
+
+
+a. Warum Reval niemals fertig werden darf.
+
+Jeden Herbst ein Mal steigt in finsterer Mitternacht ein kleines graues
+Männlein aus dem oberen See, geht den Berg hinunter an das Stadtthor und
+fragt den Thorwächter: »Ist die Stadt schon fertig oder giebt es dort
+noch etwas zu bauen?« In großen Städten pflegt es nun so zu sein, daß
+die Bauarbeit selten feiert, denn wenn auch keine neuen Gebäude
+aufgeführt werden, so giebt es doch aller Orten an den alten zu bessern
+und zu flicken und Sonstiges zu thun, so daß kaum eine Zeit eintritt, wo
+alle Werkleute ruhen. Sollte aber auch einmal alle Arbeit still stehen,
+so darf man doch das dem Seemännlein nicht verrathen. Deßhalb ist von
+der Obrigkeit wegen allen Thorwächtern strenger Befehl gegeben, auf die
+Frage des alten grauen Männleins jedes Mal zu antworten: »Die Stadt ist
+noch lange nicht fertig, viele Gebäude sind erst zur Hälfte aufgeführt,
+und es kann noch manches liebe Jahr währen, bis alle Arbeiten zu Stande
+gekommen sind.« Das fremde alte Männlein schüttelt dann zornig den Kopf,
+murmelt etwas in den Bart, was der Wächter nicht versteht, dreht sich
+rasch um und geht zum oberen See zurück, wo sein bleibender Aufenthalt
+ist. -- Sollte ihm auf seine Frage jemals die Antwort gegeben werden,
+daß es in der fertig gewordenen Stadt nichts mehr zu bauen gebe, so
+würde Reval zur selbigen Stunde ein Ende nehmen, weil der obere See mit
+seiner ganzen Wassermasse vom Laaksberge herab in's Thal stürzen und die
+Stadt, sammt Allem was darinnen ist, ersäufen würde[63].
+
+[Fußnote 63: Die Entstehung dieser Sage erklärt sich durch den Umstand,
+daß der obere See wirklich, bei ungenügender Ableitung oder heftigem
+Sturme die Niederungen Revals überschwemmt. L.]
+
+
+b. Der Gerbleder-Verkäufer.
+
+ »Um Mitternacht der Thorwart fragt:
+ Wer reitet gespenstig durch die Stadt?«
+
+In alter Zeit erblickte man am Laaksberge in mondhellen Nächten oftmals
+einen gepanzerten Mann auf hohem weißen Rosse, der ein Bündel gegerbten
+Leders unter dem Arme trug, welches er den Wanderern, auf die er stieß,
+zum Kauf anbot. Aber Niemand mochte die angebotene Waare kaufen, weil
+ein widriger Geruch wie von Menschen daran haftete, der die Käufer
+abschreckte. Eines Nachts kam ein kleiner alter Mann mit einem
+Ziegenbarte des Weges und fragte: »Was für einen Preis verlangst du für
+deine Felle, Brüderchen?« Der Gepanzerte erwiderte: »Die Ruhe im Grabe,
+die mir bis jetzt nicht gegönnt war.« Der Alte forschte weiter, um
+welcher Schuld willen der stattliche Reiter die Grabesruhe nicht finde
+und wer ihn zwinge hier allnächtlich umherzureiten. Der Gepanzerte gab
+zur Antwort: »Ich war zu meiner Zeit ein berühmter Kriegsmann, mit Namen
+_Pontus_; ich ließ den im Kriege Gefallenen die Häute abziehen, sie gerben
+und dann statt thierischer Felle verwenden, so daß in meinem Hause keine
+anderen Ledersachen zu finden waren als solche, die aus gegerbter
+Menschenhaut gemacht waren. Die Stiefel die ich anhabe, Wamms und Hosen,
+die ich unter dem Panzer trage, ebenso der Sattel, die Zügel und alles
+andere Riemenwerk, was du hier siehst, sind aus gegerbten Menschenhäuten
+gemacht. Vor meinem Tode blieb noch eine Menge von dem gegerbten Leder
+übrig, weil ich ja nun keinerlei Ledergeräth mehr brauchen konnte. Als
+ich an die Pforten jener Welt kam und eben eintreten wollte, rief der
+Thorwächter: »Halt! dich darf ich nicht eher einlassen, als bis du das
+noch unverarbeitete Menschenleder verkauft hast und da es dir nicht
+gestattet ist, bei Tage das Grab zu verlassen, so mußt du dir bei
+nächtlicher Weile Käufer suchen. Reite drum immer von Mitternacht bis
+zum Hahnenschrei in der Nähe des Laaksberges[64] umher, bis du Jemanden
+findest, der dir die gegerbten Häute abnimmt.« Obgleich ich nun schon
+zwei Generationen hindurch den Leuten meine Waare angeboten habe, so
+wollte sie doch Niemand kaufen, weil ihr ein widriger Geruch wie von
+Menschen anhafte.« »Nun« -- erwiderte der Alte -- »um dieses Fehlers
+willen werde ich deine Waare nicht verschmähen. Wenn du dafür keinen
+höheren Preis forderst, als die Erlösung von dem nächtlichen Reiten, so
+wollen wir den Handel durch Handschlag fest machen. Steige vom Pferde
+und komm mit mir.« -- Pontus freute sich daß er einen Käufer gefunden
+hatte, nahm sein Bündel und ging mit dem Alten. Aber der Käufer brachte
+ihn geraden Wegs in die Hölle. Als der Alte an die Schwelle kam, nahm er
+seine wahre Gestalt an -- Hörner am Kopfe und einen Schwanz hinten --
+stieß den Pontus hinein und rief mit gräulicher Stimme: »Ihr von Pontus
+geschundenen Männer, tretet her!« Da kamen schaarenweis Männer ohne Haut
+heran, welche sämmtlich die Hülle für ihr blutiges Fleisch
+zurückforderten. Der alte Höllenwirth aber sagte zähnefletschend: »Zieht
+ihm die Haut vom Leibe und reckt sie alle Tage so lange aus bis ihr
+genug habt, um euer Fleisch und Bein damit zu bedecken.«
+
+[Fußnote 64: Der ostwärts von Reval von Norden nach Süden sich in's
+Land erstreckende Felsrücken. L.]
+
+
+c. Das Fräulein von Borkholm[65].
+
+ »Welch' hellen Schein hat auf dem Teich
+ Der Wächter Nachts gesehen?
+ Ist Volksgedächtniß wohl so reich,
+ daß wir die Mär' verstehen?«
+
+Von einem wunderbaren Feuerschein, der fast allmitternächtlich auf dem
+Borkholmer Teiche zu sehen war, wußten die Leute der Umgegend in alter
+Zeit viel zu erzählen, wie sie es von den Wächtern vernommen hatten. Das
+Feuerchen schoß wie eine brennende Kerze plötzlich aus dem Wasser in die
+Höhe und erlosch wieder nach Verlauf einer Stunde. Wiewohl aber dieses
+Teichfeuer schon von Alters her den Leuten eine bekannte Sache war und
+viele Menschen dasselbe mit eigenen Augen gesehen hatten, so wußte doch
+Niemand genauer anzugeben, wie es sich mit der Sache eigentlich
+verhielt. Endlich fand sich im Kirchspiel Halljal ein Alter, der in
+dieser Beziehung nähere Auskunft geben konnte. Seine Aussage lautete so:
+Viele hundert Jahre vor der Russenzeit lebte in dem festen Schlosse
+_Borkholm_ ein tapferer Ritter, der als lediger Mann die Haushaltung mit
+seiner jungen Schwester führte. Der Ritter mußte als Kriegsmann häufig
+abwesend sein, und so kam es, daß die Schwester mit einem jungen Manne
+eine Freundschaft schloß, die weiter führte als Beide voraussehen
+mochten. Als das Fräulein ihres Zustandes so weit inne wurde, daß sie
+einsah, der Frauenhaube nicht mehr entrathen zu können, entschloß sie
+sich das geschehene Unglück ihrem Bruder zu bekennen. Sie kam eines
+Tages in seine Kammer, warf sich ihm zu Füßen, gestand ihren Fehltritt,
+und bat um Erlaubniß sich mit dem jungen Manne trauen zu lassen. Der
+Bruder stieß sie voller Wuth mit dem Fuße fort wie einen Hund, ließ den
+Verführer seiner Schwester rufen, hieb ihm mit dem Schwerte den Kopf ab,
+so daß das Blut das Fräulein bespritzte, welches vor Entsetzen in
+Ohnmacht fiel. Dann befahl der Ritter, mitten im Teiche ein Loch in's
+Eis zu hauen, schleppte selber seine Schwester bei den Haaren dahin und
+stieß sie lebendig kopfüber unter's Eis; er selbst hielt so lange am
+Rande des Loches Wache, bis das unglückliche Geschöpf rettungslos
+verloren war.
+
+Da aber das unglückliche Fräulein unbußfertig einen gewaltsamen Tod
+hatte erleiden und ohne den Segen der Kirche in ihr nasses Grab sinken
+müssen, so konnte auch ihre Seele darin keine Ruhe finden, sondern der
+ruhelose Geist mußte allnächtlich als Licht auf dem Teiche schimmern. --
+Als dem Prediger diese Erzählung des alten Mannes zu Ohren gekommen war,
+begab er sich eines Tages auf einem Kahne an die Stelle des Teiches, wo
+der nächtliche Feuerschein aufzusteigen pflegte, segnete die Grabstätte
+mit den üblichen Worten ein und verrichtete ein langes Gebet, wodurch
+die Seele des Fräuleins der ewigen Ruhe theilhaftig ward. Späterhin hat
+keines Menschen Auge mehr auf dem Borkholmer Teiche nächtliches Leuchten
+gesehn.
+
+[Fußnote 65: In Wierland, dem nordöstlichen Striche Estlands. L.]
+
+
+d. Der winselnde Fußknöchel.
+
+ »Was erregt sein schrilles Schreien,
+ Was erweckt die Klagelaute?«
+ Kalewipoeg (Einl. 131 u. 132)
+
+Wenn man aus dem _Jõmper_'schen Dorfe Aruküla nach der St.
+Kathrinenkirche[66] geht, so führt der Weg durch eine Schlucht, wo
+vormals, wie sich alte Leute noch deutlich erinnern, bei nächtlicher
+Weile oftmals ein Winseln gehört wurde, welches wie die Klage eines
+gequälten Geschöpfes klang. Mancher Vorübergehende hatte auch in
+mondheller Nacht einen kreiselförmig sich drehenden Gegenstand
+wahrgenommen, von dem das Gewinsel etwa herrühren konnte. Bei Tage fand
+sich am Orte nichts weiter als ein menschlicher Fußknöchel, der
+unbeweglich da stand. Niemand wußte mit Bestimmtheit zu sagen, ob der
+Fußknöchel mit dem nächtlichen Winseln und Drehen etwas gemein habe oder
+nicht. Nun hatte aber ein beherzter junger Mann aus dem Dorfe Aruküla
+keine Ruhe, bis er Klarheit in die Sache brächte. Er war schon einige
+Male stehen geblieben, wenn die Andern erschreckt davon eilten, und da
+hatte er gesehen, daß allerdings die Drehung des Fußknöchels das
+Gewinsel hervorbrachte, weshalb er im Stillen den Vorsatz faßte, der
+Sache völlig auf den Grund zu kommen.
+
+In einer mondhellen Nacht machte er sich zur Schlucht auf, hörte schon
+von weitem das Gewinsel und sah, als er näher kam, die wunderliche
+Drehung des Fußknöchels. Er beobachtete eine Zeitlang den närrischen
+Wirbeltanz und überzeugte sich, daß das Winseln tatsächlich von der
+schnellen Umdrehung herrührte. Da sprang er hinzu und packte mit beiden
+Händen den Knöchel, der darin noch zappelte, als wollte er dem dreisten
+Manne mit aller Gewalt entschlüpfen. Aber des starken Mannes
+Lederhandschuhe, in denen eiserne Finger steckten, ließen den
+eingefangenen Gegenstand nicht so leicht wieder los. Allmählich hörte
+das Zappeln des Knöchels auf und plötzlich stand ein fremder Mann, wie
+vom Himmel gefallen, vor unserm Freunde. Der Fremde sprach: »Habe
+tausend Dank für diese Wohlthat, daß du kamst mich von der langen Pein
+zu erlösen, in welcher meine arme Seele bis heute keine Ruhe finden
+konnte. Wohl kamen Leute genug vorbei, aber keiner hatte den Muth den
+tanzenden Knochen in die Hand zu nehmen, wie du gethan hast, wackerer
+Mann. Besorge nun weiter Alles was ich dir angeben werde, damit meine
+müde Seele einmal zur Ruhe komme, dann sollst du einen fürstlichen Lohn
+für deine Mühe erhalten. Morgen früh, wenn die Morgenröthe heraufsteigt,
+grabe da wo wir jetzt stehen, ein Grab von sieben Fuß Tiefe und sechs
+Fuß Länge, lege den Knochen auf den Grund desselben an das östliche Ende
+und dann geh' und bitte den Prediger her, daß er mit Gebet und den bei
+Bestattungen üblichen Segenssprüchen diesen Knochen begrabe, so werde
+ich aus meiner Pein erlöst und finde die ewige Ruhe. Ich war zu meiner
+Zeit ein reicher und großer König in Schwedenland. Uebermuth trieb mich
+an, dieses Land mit Krieg zu überziehen, wo sehr viel unschuldiges Blut
+meinetwegen vergossen wurde; deßhalb mußte ich zur Strafe meiner Sünden
+im Schlachtgewühl an dieser Stelle ein unglückliches Ende finden. Der
+größte Theil des Heeres fiel an diesem Tage mit mir, was verschont
+blieb, ergriff die Flucht, so daß Niemand Zeit behielt, sich um die
+Todten zu kümmern. Die Feinde plünderten mich kapp und kahl und ließen
+mich nackt liegen wie einen Hund. Darnach fraßen wilde Thiere meinen
+Leichnam, so daß nichts übrig blieb als bloß dieser Fußknöchel, der hier
+zum Winseln festgebannt wurde, bis sich Jemand über ihn erbarmen würde,
+so daß dann der Knochen eine Grabstätte und meine Seele Erlösung von der
+Sündenqual fände. Wenn der Fußknöchel nun so wie es sich gebührt
+bestattet und eingesegnet ist, und der Prediger drei Schaufeln Erde auf
+denselben geworfen hat, so schütte das Grab noch nicht mit Erde zu,
+sondern warte bis der Prediger nach Hause gegangen ist. Dann höhle den
+östlichen Rand des Grabes noch einen halben Fuß tiefer aus, so findest
+du den Lohn für deine Mühe. Von dem vorgefundenen Gelde bezahle dem
+Prediger 25 Thaler für die Beerdigung, funfzig Thaler laß unter die
+Kirchenarmen vertheilen, und was dann noch übrig bleibt ist Alles dein,
+und du kannst damit machen was du willst.« Mit diesen Worten war der
+Fremde eben so wunderbar verschwunden, wie er gekommen war.
+
+Unser Freund steckte einen Pflock in den Boden um die Stelle zu
+bezeichnen, wo er das Grab graben sollte, ging dann nach Haus um eine
+Schaufel zu holen und war mit Anbruch der Morgenröthe schon an der
+Arbeit. Der Fußknöchel lag neben dem Pflocke wie er hingelegt worden
+war, ohne sich zu rühren. Um Mittag war das Grab fertig geworden, der
+Mann legte den Fußknöchel hinein und ging dann um den Prediger
+herzubitten, dem er sein nächtliches Erlebniß von Anfang bis zu Ende
+erzählte; doch ließ er nichts von dem Lohn für das Begräbniß verlauten,
+weil er ja selbst noch nicht wußte, ob er etwas finden würde, und nicht
+mit leeren Versprechungen zum Lügner werden wollte. Der Prediger
+wunderte sich wohl gar sehr über das, was er von dem Manne hörte, doch
+sträubte er sich weiter nicht, sondern ging mit ihm, um den ruhelosen
+Menschenknochen nach christlicher Weise zu begraben. Als der Prediger
+nach ertheiltem Segensspruch sich entfernt hatte, grub der Mann laut
+Vorschrift das Grab um einen halben Fuß tiefer aus, da stieß er auf
+einen großen kupfernen Deckel. Als er den Deckel aufbrach, fand er einen
+vier Zuber großen kupfernen Kessel, der bis an den Rand mit schwedischen
+Thalern angefüllt war. Er versuchte den Kessel mittels einer Stange
+hinaufzuheben, es war aber ganz unmöglich: drum stand er von der
+vergeblichen Arbeit ab, zog seinen Rock aus, breitete ihn auf den Boden,
+und that Mal auf Mal soviel Geld darauf, als er auf dem Rücken
+davontragen konnte. Die fortgebrachten Geldhaufen schüttete er etwas
+weiter ab unter's Gebüsch, bis der Kessel gänzlich geleert war; auf dem
+Grunde hatte er noch fast ein halbes Külimit an purem Golde gefunden.
+Den leeren Kessel ließ er an Ort und Stelle, füllte das Grab mit Erde
+auf, glättete die Oberfläche und ging dann um aus dem Dorfe ein Pferd
+zur Fortbringung des Schatzes zu holen. Das Pferd hatte aber zweimal
+schwer zu ziehen, um alles Geld fortzubringen. Jetzt zahlte der
+glückliche Finder dem Prediger den Begräbnißlohn und händigte ihm auch
+funfzig Thaler ein mit der Bitte, sie gleichmäßig unter die Armen des
+Kirchspiels zu vertheilen. Nach einigen Tagen kaufte er sich zwei starke
+Pferde und einen mit Eisen beschlagenen Wagen, lud das Geld darauf und
+zog aus seinem Orte weg. Wohin? Das hat später Niemand vernommen; man
+meint aber, daß er übers Meer, sei es nach Finnland oder nach Schweden
+gezogen war, weil die gefundenen Thaler sämmtlich königlich schwedisches
+Gepräge hatten und dort mehr werth sind als hier zu Lande.
+
+Nach dieser Zeit hat keines Menschen Ohr mehr in der Schlucht das
+Winseln des Fußknöchels gehört, welches, ehe derselbe begraben wurde,
+noch mein Großvater, wenn er vorbeiging, manches Mal vernommen hat.
+
+[Fußnote 66: Bei Wesenberg. L.]
+
+
+e. Der von der Stelle gerückte See.
+
+ »Zeige, Seelein uns'ren Schritten,
+ Deines alten Standes Grenzen.«
+
+Wenn man von dem Städtchen Werro[67] nach Pleskau[68] zu geht, so liegt
+hinter dem siebenten Werstpfahl links von der Landstraße in einer tiefen
+engen Schlucht ein kleiner See zwischen Kieshügeln. Eine halbe Werst
+weiter wenn man hinter der Senkung wieder bergauf kommt, liegt ebenfalls
+links vom Wege eine kleine runde von Kieshügeln eingefaßte Schlucht,
+welche an ihrem Nordrande deutlich erkennen lassen, daß Wasserwellen
+einst hier durchgeflossen sind und die Hügelwand niedergerissen haben.
+Gegen Südost wächst jetzt am Abhange der Schlucht ein hübsches
+Birkenwäldchen, und es werden in demselben ein paar kleine Bauerhöfe
+sichtbar, jenseits welcher am Rande des Waldes vor einigen Jahrzehnten
+ein Schulhaus aufgeführt worden ist. An den hier beschriebenen Ort
+führen uns alte Sagenspuren, von denen wir Nachstehendes melden wollen,
+wie es der Volksmund erzählt.
+
+Vor einigen hundert Jahren lag in der eben bezeichneten Schlucht ein
+kleiner See mit klarem silberfarbigem Wasser zwischen grünen Ufern; wo
+jetzt der Birkenwald steht, erhob sich auf der Steile des Ufers ein
+prächtiger Eichwald, in dessen Schatten ein einzelner schöner Bauerhof
+lag, dessen Aussehn schon von weitem einen wohlhabenden Wirth verrieth.
+An Stelle der umliegenden Höfe, welche jetzt zu beiden Seiten der Straße
+hie und da dem Wanderer sich zeigen, stand in alter Zeit ein
+ausgedehnter Laubwald. Aber kehren wir jetzt zu dem kleinen See zurück,
+in dessen Fläche beim Sonnenschein Eichwald und Bauerhof sich spiegeln
+und dessen Wellen selten gekräuselt sind, weil ihn zwischen seinen hohen
+Ufern das Spiel von Wind und Wetter wenig berührte. Die Bewohner des
+Hofes holten täglich aus dem See das nöthige Trink- und Kochwasser und
+im heißen Sommer erfrischten sie ihre erschlafften Glieder im See. --
+Der höchste und herrlichste Schatz des Hofes aber war des Wirths einzige
+Tochter, die wie ein Kleeblümchen[69] mit fünf kräftigen Brüdern
+zusammen aufwuchs und auf's schönste erblühte, so daß weit und breit
+kein Mädchen zu finden war, das ihr gleich kam. Ihr frommes unschuldiges
+Herz glich auch darin einer Blume, daß sie selbst nicht wußte, welche
+Freude sie durch ihren Liebreiz den Andern, besonders jungen Männern,
+machte. Freier meldeten sich oft genug und von allen Seiten, aber sie
+hatte gar kein Verlangen sich so früh das Ehejoch auf den Nacken legen
+zu lassen. »Zum Heirathen habe ich noch Zeit genug« sprach sie lachend
+zu ihren Eltern und Brüdern, wenn die Freier nach vergeblicher Werbung
+wieder davon ritten.
+
+Eines Tages geschah es, daß ein junger Ritter von vornehmer Geburt auf
+dem Wege von Schloß Kirumpä nach Schloß Neuhausen[70] am Hofe vorbei
+ritt, und die schöne Jungfrau am Ufer des Sees erblickte. Dieser Anblick
+weckte in seinem Herzen ein solches Verlangen, daß er fortan Nacht und
+Tag das Mädchen nicht mehr aus dem Sinne bringen konnte. Als er deßhalb
+nirgends Ruhe fand, schlug er unter dem Vorwande verschiedener Geschäfte
+oftmals den Weg zum Bauerhofe ein, wo denn der Wirth und dessen Söhne
+sich wohl mit ihm unterhielten, das Mädchen ihm aber niemals zu Gesicht
+kam. Da diese List also nicht anschlug, so nahm der junge Ritter zu
+einem andern Mittel seine Zuflucht. Er schlich Tage lang heimlich um
+den See herum, bis er einmal den Augenblick fand, mit der Jungfrau
+allein zu reden und ihr seines Herzens Wünsche kund zu thun. Obwohl nun
+die Jungfrau nicht die geringste Liebe für ihn fühlte, so wagte sie doch
+nicht den ungestümen vornehmen Jüngling rundweg abzuweisen, der, wenn er
+sich so verschmäht sah, ihren Eltern und Brüdern viel Böses zufügen
+konnte. Nothgedrungen mußte sie also die Liebeswerbung des Ritters
+ertragen, wiewohl sie ihm nicht die geringste Annäherung gestattete,
+welche ihre jungfräuliche Ehre hätte beleidigen können. Als die Eltern
+und Brüder die Festigkeit des Mädchens sahen, hatten sie auch nichts
+mehr dagegen, daß der vornehme Fremde fast täglich auf ihren Hof kam; er
+hoffte wohl doch noch einen Augenblick zu erhaschen, wo er das Mädchen
+in seine Liebesnetze verstricken könnte. Auf des Ritters Flehen gab die
+Jungfrau stets die Antwort: »Geehrter Herr! zu eurer Gemahlin taugt
+meines Gleichen nicht, denn ihr seid ein hochstehender Deutscher, ich
+nur eine geringe Bauerntochter, und euer Kebsweib zu werden habe ich
+nicht die mindeste Lust. Es wäre darum nach meinem Dafürhalten das
+Beste, daß ihr mich vergässet und zu euren Standesgenossen
+zurückkehrtet.«
+
+Eines Tages saßen sie wieder beisammen am Ufer unter einer mächtigen
+Eiche, als der Ritter ihr das alte Lied von seiner heißen Liebe wieder
+in die Ohren sang und versicherte, er würde, wenn es möglich wäre,
+lieber zehn Mal sein Leben hingeben als sich vom Liebchen trennen. Das
+Mädchen flehte dagegen: »Spottet meiner nicht länger! ich darf und will
+euren Betheuerungen nicht glauben; es ist eine Laune, die euch
+angeflogen ist und ebenso wieder verfliegen wird. Mit euch Freundschaft
+zu halten widerstrebt meiner Seele. Ihr könnt nimmer Macht über mich
+gewinnen, denn ich kann euch der Wahrheit gemäß sagen, eher lasse ich
+mir das Leben nehmen, als meine Ehre beschimpfen. Zwischen uns darf
+nicht länger Freundschaft sein.« Der Ritter erwiderte: »So gewiß wie
+dieser klare See vor uns seinen Platz nicht verlieren oder von hier an
+eine andere Stelle rücken kann, -- eben so gewiß soll meine Liebe zu dir
+ewig unveränderlich bleiben.« --
+
+Auf diese Weise hatte er noch bis in den Abend hinein das Mädchen an
+sich zu ziehen gesucht, bis er endlich unmuthig nach Hause ging, erzürnt
+über sich selbst und das Mädchen, daß die Sache nicht besser abgelaufen
+war.
+
+Nicht gering war am andern Morgen der Schrecken und das Erstaunen auf
+dem Bauerhofe, als die Leute beim Aufstehen vor die Thür tretend den See
+nicht mehr vorfanden, sondern an Stelle desselben nur Schlamm und
+Schmutz auf feuchtem Sandgrund. Das Mädchen hob, der gestrigen
+Betheuerung des jungen Mannes gedenkend, die Augen gen Himmel, da der
+alte Vater (der Himmelsvater) ihr ein so deutliches Zeichen gegeben. Der
+Ritter aber wagte seitdem nicht mehr seinen Fuß auf den Seehof zu
+setzen, wo die Macht des Himmels seine Betheuerungen so zu Schanden
+gemacht hatte.
+
+[Fußnote 67: In Livland. L.]
+
+[Fußnote 68: Russ. Pskow, am östlichen Süd-Ende des Peipus-See. L.]
+
+[Fußnote 69: Orja-wits, weißer Honigklee (Melilotus vulgaris W.). L.]
+
+[Fußnote 70: In Livland. L.]
+
+
+f. Die Kaufmannstochter von Narva.
+
+In der Stadt Narva war vor Zeiten großer Reichthum, und derselbe wurde
+durch den Handel mit der Kunglainsel[71] und mit andern Ländern jenseits
+des Meeres von Jahr zu Jahr größer. Man erzählt, daß jeden Sommer
+Hunderte von fremden Kauffahrern aus allen Gegenden in den Hafen von
+Narva einliefen, um ausländische Waaren zu bringen und dafür die
+Erzeugnisse unseres Landes zu holen. Von Narva aus nahmen die Waaren
+dann eine doppelte Richtung: ein Theil wurde nach Dorpat verführt, der
+andere, größere über Pleskau nach Rußland; deshalb mußten die Fahrzeuge
+der narvaschen Kaufleute im Sommer ununterbrochen auf dem Flusse und auf
+dem Peipus schiffen, während im Winter die Frachtfuhren über's Eis
+zogen.
+
+Zu der Zeit, wovon die Rede ist, besaß ein Kaufmann in Narva ein so
+bedeutendes Vermögen, daß die großen Kellergewölbe unter seinem Hause
+von der Diele bis zur Decke mit Tonnen Goldes und Silbers angefüllt
+waren. Aber Gott hatte dem reichen Manne nur eine einzige Tochter
+gegeben, die all das Geld nach ihrer Eltern Tode erben sollte. Es läßt
+sich leicht denken, daß es ihr an Freiern nicht fehlte, weil reiche
+Mädchen damals ebenso hoch im Preise standen und ebenso gesucht waren
+wie heutzutage. Die Bewerber um die Hand der reichen Kaufmannstochter
+strömten aus allen Landen herbei, darunter auch Söhne vornehmer Leute,
+aber keines Einzigen Branntwein[72] wurde angenommen. Wie es nicht
+selten geschieht, daß in Heirathsangelegenheiten reiche wie arme
+Mädchen ganz anders denken und ganz andere Wünsche hegen als ihre
+Eltern, so war's auch hier der Fall. Während die Eltern einen reichen
+oder doch einen vornehmen Schwiegersohn wollten, hatte sich ihr
+Töchterchen in der Stille einen Liebsten erwählt, der weder einen großen
+Namen noch Reichthümer noch sonst Etwas besaß, was ihn über die Andern
+hätte erheben können: gleichwohl liebte ihn das reiche Mädchen von
+ganzem Herzen und war fest entschlossen, entweder dieses Jünglings
+Gattin zu werden, oder als alte Jungfer hinter ihren Geldkisten zu
+verwelken. Zwar wußte sie so gut wie ihr Geliebter, daß die reichen
+Eltern einem so lumpigen Freier ihr einziges Kind nicht geben würden;
+allein die Liebenden hofften zuversichtlich, daß irgend ein
+unvorhergesehener Glücksfall ihnen zu Hülfe kommen werde.
+
+Da segelte eines Tages ein stolzer junger Schwedenkönig in den Hafen von
+Narva ein, stieg aus dem Schiffe und begab sich geradeswegs in die
+Wohnung des reichen Kaufmanns -- wie die Leute meinten, um Geld zu
+borgen. Aber nach einigen Stunden war es in der ganzen Stadt bekannt,
+daß der junge König des reichen Kaufmanns Schwiegersohn werden sollte.
+Der hochgeborne stolze Freier war von den Eltern sogleich mit solcher
+Freude empfangen worden, daß es ihnen gar nicht eingefallen war, vor
+Annahme seines Branntweins erst ihre Tochter zu fragen, ob sie diesen
+Bräutigam auch wolle. Das Sträuben und Weinen der Tochter wurde als
+kindische Thorheit verlacht, und ohne darauf Rücksicht zu nehmen,
+verlobten die Eltern ihr Kind dem Könige; die Hochzeit sollte binnen
+einer Woche gefeiert werden.
+
+Einige Tage vor der Hochzeit hatte des Königs Braut noch einmal eine
+heimliche Zusammenkunft mit ihrem früheren Geliebten, dem sie einen
+kostbaren goldenen Ring zum ewigen Andenken schenkte und zugleich
+betheuerte, wenn kein anderer Retter käme, so sollte der Tod sie von dem
+Schwedenkönige befreien. Drohungen dieser Art hatte sie schon zuvor
+ihren Eltern gegenüber wiederholt verlauten lassen, aber man glaubte
+nicht daran und machte sich nicht das Geringste daraus.
+
+Die Hochzeit wurde festlich begangen, aber in das Herz der jungen
+neuvermählten Frau drang keine Freude, vielmehr war sie anzusehen wie
+eine Blume, die im Sonnenbrande verdorrt. Als nun der König gleich nach
+der Hochzeit zu Schiffe gehen und mit seiner Gemahlin nach der Heimath
+segeln wollte, fiel die junge Frau einmal über das andere in Ohnmacht,
+also daß sie halbtodt auf's Schiff getragen wurde. Am andern Tage, als
+das Schiff schon auf hoher See schwamm, legte die junge Frau dieselben
+Festkleider an, in denen sie getraut worden war, und verlangte auf's
+Verdeck, um frische Luft zu schöpfen. Der König führte sie selbst die
+Treppe hinauf; oben ging sie einige Mal auf und nieder und stürzte sich
+alsdann plötzlich, ehe Jemand es hindern konnte, über Bord.
+
+Wohl empfanden die Eltern bitteren Schmerz, als sie die Nachricht von
+dem unglücklichen Ende ihrer Tochter erhielten, aber was konnte das
+jetzt helfen? Den Todten kann all' unsere Reue nicht wieder in's Leben
+zurückrufen.
+
+Man erzählt, daß noch gegenwärtig, wenn der Wind von Schweden her kommt
+und die Wogen peitscht, mitten im Brausen des Sturms ein feines Ohr das
+Klagen und Weinen der jungen Königsfrau vernehmen kann.
+
+[Fußnote 71: Vgl. Bd. 1, S. 102, Anm. 1 und Neus Estnische Volkslieder,
+428 ff; Kreutzwald und Neus, Mythische u. magische Lieder der Esten, 30;
+Verhandlungen der gelehrten Estnischen Gesellschaft zu Dorpat, IV, a,
+48. 164.]
+
+[Fußnote 72: Welchen nach estnischer Sitte der den Freier begleitende
+Brautwerber anbietet.]
+
+
+g. Wo Narva's früherer Reichthum liegt.
+
+In den Tagen, als Narva noch eine reiche Stadt war, zog einst von
+Rußland oder von Polen her der grimmige Feind mit großer Heeresmacht
+heran, um die Stadt einzunehmen und auszuplündern. Zum Glück erhielten
+die Bewohner einige Tage vorher durch ihre Spione Nachricht, so daß sie
+noch Zeit hatten, den größten Theil ihres Goldes und Silbers
+zusammenzuraffen und in der Mündung des Flusses unweit der See zu
+versenken. Darauf wurden die Thore geschlossen und die Schanzen besetzt.
+Mit Proviant war die Stadt so reichlich versehen, daß eine Hungersnoth
+nicht zu besorgen stand; die festen Mauern und Werke rings um die Stadt,
+der tiefe, breite Fluß einerseits und die mit Wasser gefüllten
+Wallgräben andrerseits wehrten den Feind ab, so daß er nicht eindringen
+konnte. Er belagerte die Stadt bis zum Herbst, mußte aber dann
+unverrichteter Sache abziehen. Nach dem Abzuge des Feindes hatten die
+Bürger der Stadt nichts Eiligeres zu thun, als an die Mündung des
+Flusses zu gehen, um ihren Schatz aus seinem Versteck heraufzuholen.
+Unglücklicher Weise aber hatten sie ihn zu nahe am Meere auf den Grund
+des Flusses gesenkt; die heftigen Stürme hatten oftmals die Tiefe
+aufgewühlt und die Geldfässer gegen einander geschüttelt und zerbrochen,
+der vom Meere ausgeworfene Sand aber hatte später Alles bedeckt und
+festgelegt, so daß man nur wenig von dem versenkten Gelde wieder
+erlangte. Der größte Theil dieses Schatzes der Vorzeit ruht bis zum
+heutigen Tage auf dem Grunde des Flusses und des Meeres, und Niemand
+weiß, welchem Glückskinde er einmal in die Hände fallen wird.
+
+
+h.[73] Das Mädchen von Waskjalasild[74].
+
+Vor Zeiten ging einmal an einem freundlichen stillen Sommerabend ein
+frommes Mädchen, sich in einem Bache unweit Waskjalasild zu baden, um
+die von der Hitze des Tages ermatteten Glieder zu stärken. Der Himmel
+war klar, die Luft wehte lind und aus dem nahen Erlengebüsch ertönte die
+Nachtigall. Der Mond stieg am Horizonte auf und blickte liebreich auf
+des Mädchens Kopfband, ihr hellgelbes Haar und ihre rothen Wangen. Der
+Jungfrau Herz war unschuldig, keusch und rein wie Quellwasser, das
+durchsichtig ist bis auf den Grund. Plötzlich fühlte sie in ihrem
+fröhlichem Herzen ein unbekanntes Sehnen sich regen, so daß sie ihren
+Blick nicht mehr vom Antlitz des Mondes wegwenden konnte. Weil sie nun
+so fromm, keusch und unschuldig war, so gewann der Mond sie lieb, und
+nahm sich vor, ihr die geheime Sehnsucht und das Verlangen ihres Herzens
+zu stillen. Aber die fromme Maid trug nur den einen Wunsch im Herzen,
+den sie nicht laut werden zu lassen wagte: aus dieser Welt zu scheiden
+und am hohen Himmel ewig bei dem Monde zu leben. Der Mond errieth auch
+die unausgesprochenen Gedanken ihres Herzens.
+
+Die Luft des lieblichen Abends war wiederum mild und still, die
+Nachtigall flötete im Erlengebüsch durch die Nacht, der Mond schaute in
+den Grund des Baches von Waskjalasild hinab, aber nicht mehr einsam wie
+vorher; der Jungfrau liebes Gesichtchen schaute mit ihm in den Bach
+durch die Wellen hindurch in die Tiefe und blieb von der Zeit an bis auf
+den heutigen Tag immer neben dem Monde sichtbar. Dort am hohen Firmament
+zu wohnen hat das Mägdlein jetzt ihre Freude und Genüge und hegt den
+Wunsch, daß auch andere Mädchen mit ihr dieses Glückes theilhaftig
+werden könnten. Freundlich blickt deshalb ihr Auge in mondheller Nacht
+von oben auf die Erde herab und lockt schmeichelnd die staubgeborenen
+Schwestern zu sich zu Gaste. Da aber nicht eine von ihnen so fromm,
+keusch und unschuldig ist wie sie, so kann auch keine zu ihr hinauf in
+den Mond kommen. Das Mondmägdlein wendet drum von Zeit zu Zeit ihre
+Augen trauernd ab und bedeckt ihr Antlitz mit einem schwarzen Tuche.
+Gleichwohl giebt sie deswegen die Hoffnung nicht auf, vielmehr hofft sie
+immer noch, es werde sich künftig einmal unter ihren irdischen
+Schwestern eine finden, die so fromm, keusch und unschuldig sei, daß der
+Mond sie zu sich rufen könne, um des glückseligen Lebens theilhaftig zu
+werden. Darum wendet die Mondjungfrau von Zeit zu Zeit mit wachsender
+Hoffnung ihre Augen zur Erde nieder, mit freundlichem Lächeln und
+unverhülltem Antlitz, wie an dem seligen Abend, wo sie zum ersten Male
+vom hohen Himmel herab in den Bach von _Waskjalasild_ hinunter schaute.
+Aber auch die besten und verständigsten der staubgeborenen Mädchen sind
+nicht ohne Fehl, und weichen, ehe man sich's versieht, vom rechten Pfade
+ab, und keine von ihnen ist so fromm, keusch und unschuldig, daß sie des
+Mondes Gefährtin werden könnte. Wenn das fromme Mondmädchen dessen inne
+wird, so bemächtigt sich ihrer der Unmuth von Neuem und sie verhüllt ihr
+Gesicht abermals mit dem schwarzen Trauertuche.
+
+[Fußnote 73: Die Esten haben die Vorstellung von den »Mondleuten«. Das
+ist ein unglückliches Ehepaar, welches zur Strafe dafür, daß es am
+Sonntage in die Badstube ging, um zu baden, sammt dem Wasserzuber in den
+Mond versetzt ward, wie im Vollmonde zu sehen. Vgl. Boecler-Kreutzwald
+S. 103, wo auch in der Anm. auf die vorliegende schon im »Inland« Jahrg.
+1, N^o 2, Sp. 26 behandelte Volkssage hingewiesen wird. L.]
+
+[Fußnote 74: Wörtlich: Kupferfußbrücke. L.]
+
+
+i. Emmujärw und Wirtsjärw[75] (Muttersee und Pfützensee).
+
+Nachdem Altvaters Güte dem Menschengeschlecht hier zu Lande Wohnsitze
+bereitet, den Boden gesegnet, daß er ihnen Frucht bringe, die Wälder mit
+Vögeln und Vierfüßern angefüllt hatte, schuf er auch einen See mit
+klarem, kaltem und erquickendem Wasser, aus welchem die Menschen sich
+jederzeit einen stärkenden Trunk holen konnten. Am hohen Ufer des Sees
+wuchsen grüne Eichen- und Lindenwälder, in deren Schatten die schönsten
+Blumen blühten, während in den Wipfeln der Bäume Morgens und Abends
+Vogelsang ertönte, so daß eitel Wonne und Jubel das Menschenherz
+erfüllen mußte. Solch' ein glückliches Loos hatte Altvater's Wille
+seinen Kindern bereitet. Aber dies Glück war nicht von langer Dauer,
+denn die Menschen wurden übermüthig, thaten was ihr böses Herz ihnen
+eingab und wurden endlich so verderbt, daß Altvater länger kein
+Wohlgefallen an ihnen haben konnte; die Ohren sausten ihm, da er
+immerfort von ihrer Bosheit hören mußte. Da sprach Altvater eines Tages:
+»Ich will meine entarteten Kinder für ihre Ruchlosigkeit züchtigen und
+zwar dadurch, daß ich das erquickende Wasser mit sammt dem See ihnen
+entziehe, vielleicht daß die Qual des Durstes sie bessert und allmählich
+auf den rechten Weg zurückführt. Und siehe! eines Tages stieg im Süden
+eine schwarze drohende Gewitterwolke auf, und zog näher und näher, bis
+sie über dem See stand, wo sie gleichsam ausruhte und ihren Rand
+säulenartig zum See hinabstreckte. Plötzlich begann das Wasser des Sees
+zu zischen und zu steigen und sich so lange aufzublähen, bis es, die
+Wolkensäule berührend, mit ihr sich vereinigte: dergestalt verschwand in
+wenig Augenblicken alles Wasser aus dem See bis auf den letzten Tropfen.
+
+Die schwarze Gewitterwolke schwebte mit ihrer Ladung weiter und
+entschwand vor Abend den Blicken der Zuschauer. Das vormalige Becken des
+Sees war leer und es war nur ein sumpfiger Schlamm für Frösche
+zurückgeblieben; aber auch diesen trockneten nach einigen Tagen die
+Sonnenstrahlen und der Wind aus. Jetzt erhob sich groß Geschrei und
+Wehklagen unter den Leuten: der Durst quälte sie, weil sie nirgend mehr
+ein anderes Trinkwasser fanden, als was der Regen in Vertiefungen des
+Bodens sich ansammeln ließ. Allmählich füllten zwar Regenschauer und die
+Schneeschmelzen des Frühlings den früheren Raum des Emmujärw wieder bis
+zum Rande, aber es war weiches Pfützenwasser, was weder den Durst
+hinlänglich stillte noch den Körper zu erquicken vermochte. Die Leute
+legten dem See wie zum Schimpfe den Namen _Wirtsjärw_ (Pfützensee) bei und
+dieser Name ist ihm auch bis auf den heutigen Tag geblieben. Die schönen
+hohen Ufer mit den grünen Laubholzwaldungen und den blühenden Blumen
+sind aus der Umgebung des See's längst verschwunden; an ihrer Stelle
+bildeten sich Moräste, in denen nicht viel Andres wächst, als einige
+kränkliche Kiefern.
+
+Als späterhin des Durstes Pein die frevelnden Menschen etwas gebessert
+hatte und ihre Klagen und Bitten mit jedem Tage wehevoller zu Altvaters
+Ohr emporstiegen, erweichte er sein Herz und erbarmte sich ihrer
+wiederum. Gleichwohl wurde ihnen der frühere See nicht wieder
+zurückgegeben, sondern Altvater ließ überall schmale unterirdische
+Rinnsale entstehen, goß das vormalige Wasser des Emmujärw hinein und
+befahl zugleich dem Wasser so zu fließen, daß es hie und da aus dem
+Boden hervorsprudele, damit die Menschen ihren Durst löschen könnten.
+Damit aber die unterirdischen Wasseradern im Winter nicht zu kalt und im
+Sommer nicht zu heiß würden, ordnete Altvater's Weisheit an, daß im
+Frühling ein Kältestein in die Quellen gelegt werde, der im Herbst
+herausgenommen und zum Winter mit einem Wärmesteine vertauscht wird:
+wodurch bewirkt wird, daß die Quellen niemals gefrieren können -- wie
+sonst Bäche, Flüsse und Seen sich mit Eis bedecken.
+
+[Fußnote 75: Vgl. über diese offenbar mit geogonischen Anschauungen
+zusammenhängende Sage _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S. 8 und _Rußwurm_ Sagen
+aus Hapsal u. s. w., S. 101. Der Wirtsjärw liegt im Felliner Kreise. L.]
+
+
+k. Die Tochter des Strandbewohners von Tolsburg[76].
+
+Am Strande von Tool wohnte vor Zeiten ein unermeßlich reicher Fischer,
+der schon von vielen Geschlechtern Geld und Gut geerbt hatte,
+ungerechnet das, was er selbst zusammengescharrt oder was der
+Hausgeist[77] ihm zugeführt hatte. Er besaß eine einzige Tochter, die
+von außen wohl einem hübschen Blümchen glich, inwendig aber voll Tücke
+war. Der Reichthum ihres Vaters reckte die Nase des Dirnleins so sehr in
+die Höhe, daß es ihrer Meinung nach im ganzen Lande keinen Burschen
+geben konnte, den sie hätte heirathen können. Daran wäre nun auch weiter
+nichts gelegen gewesen, hätte sie nicht selbst die jungen Leute zu sich
+herangelockt und sie dann hinterdrein mit Spott und Schande
+heimgeschickt und vor aller Welt gelästert. In dem Maße freilich, wie
+mit der Zeit die Geschichte der verschmähten Freier überall bekannt
+wurde, hörten endlich auch die Brautfahrten auf, weil die jungen Leute
+dachten: mag die Uebermüthige hinter ihren Geldkasten zur alten Jungfer
+verwelken, an deren Fleisch dann auch nicht einmal ein Wolf mehr
+anbeißt.
+
+So verstrichen ein paar Jahre ruhig, während welcher kein Freier mehr
+erschien. Eines Morgens aber kam ein fremder vornehmer Freier auf einem
+schwarzen Pferde, er selbst von Gold und Silber schimmernd, so daß man
+ihn durchaus für nichts Geringeres als einen Königssohn halten konnte.
+Einen solchen Freier durften nun freilich weder die Eltern noch die
+Tochter verschmähen, vielmehr wurde er mit großen Ehren- und
+Freudenbezeugungen empfangen. Als jedoch der Freier zu Tische gebeten
+wurde, nahm er weder Speise noch Trank in den Mund, sondern bat die
+Braut sich schleunigst anzukleiden und mit ihm in seine Wohnung zu
+kommen, welche nicht weit entfernt sei und wo Hochzeitsschmaus und Gäste
+schon des neuen Paares harreten. Als die Maid sich geschmückt hatte, hob
+der Bräutigam sie auf den Rücken seines Pferdes, schwang sich selbst in
+den Sattel und ritt wie der Wind davon, so daß man von ihm nichts weiter
+gewahr wurde als die Funken, welche des Pferdes Hufe aus den Steinen
+schlugen. Sie erreichten ein freies Feld, wo ein prächtiges steinernes
+Schloß vor ihnen stand, aus welchem ihnen der Festlärm der
+Hochzeitsgäste dumpf entgegentönte. Der Bräutigam sprang vom Pferde,
+half der Braut absteigen, nahm ihren Arm und trat mit ihr in den
+Festsaal. Ein häßliches Hohngelächter, welches dem Mädchen durch Mark
+und Bein drang, empfing die Beiden. Dann erhob sich ein lautes Krachen,
+als ob ein Donnerschlag die Erde zum Bersten gebracht hätte! In
+demselben Augenblicke war das schöne Schloß mit allen Hochzeitsgästen
+wie weggefegt und von Allem keine Spur mehr vorhanden.
+
+Als die umwohnenden Leute auf das Getöse herzueilten, zu sehen was es
+gebe, konnte man nichts weiter entdecken, als einen steinernen Pfosten
+von Menschenhöhe, an dessen oberer Hälfte viele Streifen hinliefen, wie
+Perlenschnüre um einen Hals. So steht der steinerne Pfosten bis zum
+heutigen Tage bei _Karlshof_ vor dem Dorfe _Raudlep_ zum Schreckbild für
+übermüthige Mädchen.
+
+[Fußnote 76: Tolsburg: ein alter ganz herabgekommener Hafenort in der
+Nähe von Port Kunda. L.]
+
+[Fußnote 77: Tont war sonst bei den Esten ein Geist, der dem Hause
+Schätze zubrachte und deshalb auch schlechtweg meddaja d. h. Zuführer
+heißt. Jetzt bedeutet tont ein (gefürchtetes) Gespenst. Die Tonttu kamen
+auch in der finnischen Mythologie in der Bedeutung schützender und
+helfender Hausgeister vor. Das Wort hängt nach alten Autoritäten mit dem
+schwedischen tomtkubbe, tomtkarl, tomtrå-»lar« zusammen. Vgl. noch über
+den, in mancher Beziehung verwandten kratt (schwed. skratt) eine Reihe
+von Sagen bei _Rußwurm_, Sagen aus Hapsal &c., Reval 1861, S. 107-111.
+_Desselben_ Eibofolke Th. 2, S. 241-248. Bd. 1 dieser Märchen, S. 32, Anm.
+1. L.]
+
+
+l. Die Steindenkmale der Hungersnoth[78].
+
+ »_Die_ Männer seien hochgeehrt,
+ Die Volksgedächtniß hält so werth.«
+
+Wer je nach Palms[79] gekommen ist, der hat wohl auch jene Steinhaufen
+gesehen, welche an vielen Orten auf den Gutsfeldern stehen. Wie die
+alten Leute zu erzählen wissen, sind jene Steinhaufen alle zur Zeit
+einer schweren Hungersnoth zusammengetragen worden, was so zuging: Die
+Herren von Pahlen hatten seit unvordenklichen Zeiten die Gewohnheit,
+einen reichen Getreidevorrath in den Gutskleten anzusammeln, auf daß,
+wenn einmal die Leute durch Mißwachs Mangel litten, die Gutsklete sie
+bis zur neuen Ernte ernähren könnte. Da geschah es, daß eines Jahres
+eine so bittere Hungersnoth in Estland herrschte, daß die Leute aller
+Orten hinstarben wie die Fliegen. Wer aber zu seinem Glücke noch soviel
+Kraft hatte, sich nach Palms aufzumachen, der war gerettet. Daher kamen
+hier nach und nach Hunderte von Menschen zusammen, welche der Herr von
+Pahlen aus seiner Klete versorgte und es war ein so reicher Gottessegen
+vorhanden, daß die Kornkasten nicht leer wurden. Obgleich nun der Herr
+dafür keine Arbeit von den Leuten verlangte und sie zu keinerlei
+Leistung anhielt, sondern ihnen aus Erbarmen das Brot gab, so hielten es
+doch die Leute ihrerseits für Pflicht, für den Herrn irgend eine Arbeit
+zum Dank für seine Wohlthat auszuführen. Weil nun die Pahlenschen Felder
+sehr steinig waren, so faßten die Leute einmüthig den Beschluß, alle
+Steine von den Feldern aufzusammeln und in Haufen aufzuthürmen. Diese
+Steinhaufen führen deshalb den Namen: »Steindenkmale der Hungersnoth.«
+Man sagt ferner, daß seit der Zeit bis auf unsere Tage herab die
+Pahlenschen Felder reich gesegnet sind, und wenn auch ringsum Mißwachs
+eintritt, so bleiben diese Felder doch bewahrt, weil die Thränen der
+Hungrigen sie bethaut haben und die Dankgebete der Gesättigten zu Gottes
+Ohr gedrungen sind.
+
+[Fußnote 78: Der Herausgeber, Dr. Kreutzwald, macht zu diesem und den
+folgenden Sagen nachstehende Bemerkung (in estnischer Sprache): »Die
+folgenden alten Erzählungen haben sich als unvergängliche Ehrendenkmale
+für die Erbherren von Palms im Gedächtniß des Volkes erhalten. Meines
+Wissens giebt es hier zu Lande kein anderes Adelsgeschlecht, welchem die
+alten Sagen einen solchen Ehrenkranz geflochten haben, als das
+Geschlecht der Barone Pahlen. Wo Hörige ein derartiges Gedächtniß für
+ihre Herren bewahren, da darf man wohl den Schluß ziehen, daß jene
+Männer Freunde des Volkes waren und daß das Band, welches sie mit dem
+Volke verknüpfte, ein solches war, wie es zwischen Eltern und Kindern
+besteht.« L.]
+
+[Fußnote 79: So heißt das Gut derer von Pahlen. L.]
+
+
+m. Der Herren von Pahlen Schutzgeist.
+
+Schon von Alters her war es den Leuten wohl bekannt, daß die Herren von
+Pahlen einen Schutzgeist hatten, der sie in jeglicher Noth vor Schaden
+hütete. Alle Männer aus dem Geschlechte der Pahlen waren von hohem
+Wuchse und starkem Körperbau, so daß sie immer mindestens um eines
+Kopfes Länge Andere überragten und ihre Schutzgeister waren wieder noch
+um einen Kopf höher als sie selbst. So erzählt man von einem dieser
+Herren, daß seine Höhe derjenigen der gekappten Fichten gleich kam, die
+wie eine Gasse den Gemüsegarten durchschnitten. Wenn er nun unter diesen
+Bäumen lustwandelte, ging der Schutzgeist ihm zur Seite, an
+Gesichtsbildung und Gestalt dem Herrn gleich und auch wie er gekleidet,
+der Kopf aber ragte über die Fichten hinaus. Zuweilen hörte man beide
+auch mit einander reden, aber in einer fremden Sprache, welche kein
+Anderer verstand. Hatte der Herr sich zur Tafel niedergelassen oder
+sonst auf einem Sitze Platz genommen, so kauerte der Geist neben ihm am
+Boden, ohne sich je zu setzen, Nachts aber schlief er mit dem Herrn in
+einem Bette. Doch konnte es immer für einen Ausnahmefall gelten, wenn
+der Geist von anderen Leuten erblickt wurde, meist blieb er fremden
+Augen unsichtbar. Es geschah einmal während einer schweren Pest, daß die
+Seuche die Menschen zu Hunderten hinraffte und die Kranken allerwärts
+darnieder lagen, ohne daß Jemand ihnen zu Hülfe kam. Da ging der Herr
+von Pahlen täglich in den Dörfern umher nach den Kranken zu sehen,
+brachte ihnen Getränk und andere Stärkungen und tröstete sie auf
+jegliche Weise, so daß er den Bedrängten wie ein rettender Engel
+erschien. Auf solchen Gängen wurde sein Schutzgeist immer neben ihm
+erblickt, ein schwarzes Säckchen in der Hand, aus welchem er unablässig
+Nebel ausstreute, so daß sein Herr wie im dichten Nebel dahinschritt.
+Dies geschah, damit die Seuche ihn nicht anstecken könne.
+
+Als derselbige Herr in seiner Jugend Kriegsmann gewesen war, hatte ihm
+weder eine Degenschneide noch eine Flintenkugel etwas anhaben können,
+sondern Beide waren immer von ihm abgeprallt. Wenn er gefragt wurde, ob
+ihm denn die Kugeln nicht weh thäten, so antwortete er lachend: »Ich
+habe nur das Gefühl, als ob mich Jemand mit Wachholderbeeren würfe.« Als
+der Lebensabend des alten Herrn herangekommen war und derselbe aus
+dieser Welt abberufen wurde, war der Schutzgeist von ihm geschieden. In
+der Nacht vor seinem Tode vernahm das ganze Gutsgesinde einen gewaltigen
+Lärm im Waffensaale und es kam ihnen vor, als würden die Waffen von
+einer Wand an die andere geworfen, so daß Wände und Estrich erbebten.
+Niemand hatte Muth genug hinzugehen um das grause Spiel mit anzusehen,
+das bis über Mitternacht dauerte; aber wunderbar war es, daß der kranke
+Herr in seinem Bette nichts von dem Getöse hörte. Als die Diener am
+nächsten Tage im Waffensaal nachsahen, wo nach ihrer Meinung Alles wirr
+durcheinander am Boden liegen mußte, da fanden sie zu ihrem Erstaunen,
+daß jedes Stück an seinem alten Fleck am Nagel hing und auch nicht ein
+einziges Spinngewebe auf den Waffen zerstört war. Das vernommene
+nächtliche Gelärme hatte nichts Anderes zu bedeuten gehabt, als daß es
+den Leuten die Todesstunde des alten Herrn verkünden sollte.
+
+
+n. Der aus den Klauen eines Adlers gerettete Königssohn.
+
+Von einem andern Herrn _von Pahlen_, der in seiner Jugend im Russenheere
+gedient hatte, wird ebenso wie von dem vorher erwähnten erzählt, daß er
+gegen Hieb und Schuß gefeit gewesen sei. Noch in späteren Lebensjahren,
+wo er von seines Tagewerkes Last und Hitze in Palms ausruhte, sollte er
+durch Zufall der Lebensretter eines Königssohnes werden. Er war eines
+Tages auf der Jagd von seinen Begleitern abgekommen und an das Ufer
+eines kleinen Flusses gerathen, da hörte er plötzlich ein seltsames
+Sausen und Brausen in der Luft wie von einer heranfahrenden Hagelwolke.
+Dennoch war, soweit das Auge reichte, der Himmel überall klar, von einer
+Wolke nirgends eine Spur; als aber der Herr schärfer hinsah, bemerkte er
+am südlichen Horizont ein schwarzes Klümpchen, welches rasch näher kam
+und immer mehr aufschwoll -- es war die Ursache des vernommenen
+Geräusches. Zu seinem Erstaunen wurde der Herr gewahr, daß die schwarze
+Masse nichts Anderes war als ein ungeheuer großer Adler; in seinen
+Fängen hing ein Kind, ob todt oder lebendig? wer konnte es wissen. Der
+alte Herr schloß alsbald aus der Beschaffenheit des Adlers, daß es hier
+nicht mit rechten Dingen zugehe, riß einen silbernen Knopf von seinem
+Wamms, stieß ihn in die schon mit Pulver geladene Flinte, zielte und
+schoß auf des Adlers Leib. Der schlimme Vogel ließ das Kind fahren und
+suchte mit furchtbarem Flügelschlage das Weite. Das Kind fiel in den
+Fluß, aber ein auf den Knall der Büchse herzugeeilter Diener sprang dem
+Kinde nach und rettete es glücklich aus der neuen Gefahr. Am Halse des
+Kindes hing an goldener Kette ein kleines goldenes Täfelchen auf welchem
+eingegraben stand, daß das Kind ein Königssohn aus fernen Landen sei.
+Der alte Herr sandte nun das Kind durch zwei zuverlässige Männer den
+Eltern zurück, welche um den Verlust desselben in schwerer Sorge waren.
+Der König bot nun dem Retter seines Kindes reiche Dankesgaben, die
+jedoch der Herr von Pahlen nicht annahm, indem er sagte: für ein
+gerettetes Menschenleben bedarf es keines zeitlichen Lohnes, denn ich
+habe damit nur meine Pflicht gethan. Später ließ er an der Stelle, wo
+das Kind in's Wasser gefallen war, eine Mühle bauen, welche noch
+gegenwärtig die _Adlermühle_ genannt wird, doch besorge ich, daß heut zu
+Tage unter den Besuchern der Mühle nicht Viele sind, welche zu sagen
+wissen, wovon die Mühle ihren Namen erhalten hat.
+
+
+o. Die Meermaid und der Herr von Pahlen.
+
+Vor Zeiten erging sich einmal ein Herr von Pahlen am Strande des Meeres,
+da sah er auf einem Steine eine Jungfrau sitzen, die bitterlich weinte.
+Der Herr trat alsbald näher und fragte sie, was ihr fehle, daß sie so
+bitterlich weine. Die Jungfrau sah ihn eine Weile mit thränenden Augen
+an, seufzte tief auf, antwortete aber nicht. Da streichelte ihr der Herr
+sanft Kopf und Wangen und fragte abermals mit liebreicher Rede: »Sage
+mir deines Herzens Kummer, denn ich frage nicht zum bloßen Zeitvertreib,
+sondern will, wenn irgend möglich, dir helfen und deine Thränen
+trocknen.« Die Jungfrau erwiderte weinend: »Du bist ein sterblicher
+Mensch, darum kannst du mir keine Hülfe bringen, da ich unter einem
+höheren Gesetze stehe, aber da du freundlich gegen mich warst, so will
+ich dir meine Noth klagen. Sieh, ich bin des _Meervaters_[80] einzige
+Tochter und muß seine Befehle unweigerlich ausführen, wenn mir auch das
+Herz zu springen droht und die Thränen mir aus den Augen stürzen. Heute
+morgen erhielt ich den Befehl, vor Abende die Wellen hoch aufschäumen zu
+machen und sie die Nacht durch im Toben zu erhalten. Denke ich daran,
+wie viele Schiffe und Menschen da zu Grunde gehen werden, so kann ich
+mein kummervolles Herz nicht beschwichtigen[81].« Der Herr forschte nun
+weiter, weßhalb der Meeresvater ein so grauenvolles Spiel liebe, welches
+Niemandem Nutzen bringe, worauf das Mädchen erwidertet: »Ich glaube, er
+wirkt die Verzauberung der Wellen lediglich der _Windesmutter_ zum
+Ergötzen, mit welcher er heimlich Freundschaft geschlossen hat und nach
+deren Pfeife er jetzt tanzen muß. Wenn Jemand den Machtring mir vom
+Finger ablösen könnte, so daß es mir unmöglich würde die Wellen zu
+erregen, dann hätte der Vater von mir gar keine Unterstützung, sondern
+müßte die häusliche Arbeit allein vollbringen.« Der Herr bat, den Ring
+besehen zu dürfen, und fand daß derselbe ganz in's Fleisch hinein
+gewachsen war, und daß keine Gewalt ihn abzuziehen vermochte. Nachdem
+nun der Herr den Machtring eine Zeit lang betrachtet hatte, bat er die
+Jungfrau, sie möchte ihm erlauben zu versuchen, ob es nicht möglich sei
+den Ring durchzubeißen. »O, wenn dir das möglich wäre!« rief sie freudig
+-- »dann würde ich dir ewig dankbar sein und dir reichen Lohn für deine
+Mühe zahlen!« Darauf packte der Herr den Ring kräftiglich mit den
+Zähnen, die Jungfrau schrie vor Schmerz auf -- ein Ruck! und der Ring
+war mitten durchgebrochen. Jetzt fiel die Jungfrau dem Herrn um den
+Hals, dankte und reichte ihm den durchgebissenen Ring mit den Worten:
+»Nimm ihn zum Andenken und verliere ihn ja nicht, er wird dir Glück
+bringen. Morgen sollst du den Lohn für deine Mühe empfangen.« Dann ging
+sie singend und hüpfend dem Meere zu, setzte sich auf den Kamm einer
+Welle und schwamm wie eine Wildgans bald so weit, daß der Herr sie aus
+den Augen verlor.
+
+Als der Herr am andern Morgen erwachte und die Augen weit aufthat,
+standen zwei mit starken Eisenreifen beschlagene Tonnen vor seinem
+Bette. Niemand konnte Auskunft darüber geben, wie die Tonnen dahin
+gekommen waren, denn soviel das Gutsgesinde wußte, war keine fremde
+Seele, weder am Abend noch am Morgen da gewesen, und in der Nacht waren
+alle Thüren verschlossen geblieben. Die Tonnen wurden so schwer
+gefunden, daß drei starke Männer sie nicht vom Flecke schieben,
+geschweige denn aufheben konnten. Als man die Deckel aufbrach, fand sich
+daß beide Tonnen bis zum Rande mit Silber gefüllt waren. »Gott sei
+gedankt!« rief der Herr aus -- »jetzt kann ich meines Herzens Sehnsucht
+stillen und den Armen Gutes thun!« Noch selbigen Tages ließ er die Leute
+des Gebiets zusammenrufen und theilte jedem Gesinde eine Handvoll Geld
+aus -- damit erschöpfte er die eine Tonne. Von der andern Tonne schenkte
+er die Hälfte zu Kirchenbauten, die andere Hälfte der Stadt Reval, damit
+ihre Ringmauern verstärkt würden. Daher also stammt der alte Reichthum
+des Pahlenschen Gebiets, der sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.
+
+[Fußnote 80: Offenbar identisch mit dem Bd. 1, S. 12 Anm. besprochenen
+Ahti. Sehr bezeichnend ist die weiterhin vorkommende heimliche
+Freundschaft des Meervaters mit der Windesmutter. L.]
+
+[Fußnote 81: M. vgl. die ähnliche Empfindung der Tochter Prospero's in
+Shakespeares »Sturm«. L.]
+
+
+p. Der Kapellenbau.
+
+Weil die Kathrinenkirche sehr weit war und zur Zeit der schlechten Wege
+der Kirchenbesuch den Leuten sehr schwer fiel, ließ ein Herr von Pahlen
+seinen Gebietsinsassen auf seine Kosten eine Kapelle aufbauen. Als das
+neue Gotteshäuschen fertig war, machte es dem Herrn großen Kummer, daß
+die Kapelle keine Glocke hatte und Glockengießer gab es damals bei uns
+zu Lande nicht. Der Herr betete oftmals zu Gott, er wolle nach seiner
+eigenen Fügung helfen, das halb gebliebene Werk durchzuführen. Da erhob
+sich eines Tages ein heftiger Sturm auf dem Meere und brachte ein mit
+reicher Fracht beladenes Schiff in große Gefahr. Der Schiffer gelobte in
+der höchsten Noth, er wolle, wenn Gott ihnen helfe, lebendig das Ufer zu
+erreichen, der nächsten Kirche zwei Glocken schenken. Nach einigen
+Stunden legte sich der Sturm und das beschädigte Schiff erreichte
+glücklich den Strand von Palms, wo es ausgebessert wurde; die Kapelle
+aber erhielt auf diese Weise zwei schöne Glocken.
+
+
+q. Ein Herr von Pahlen rettet Reval aus Feindeshand[82].
+
+Reval, welches darum das jungfräuliche heißt, weil kein Feind es jemals
+bezwungen hat, war einst einen ganzen Sommer hindurch von einem
+feindlichen Heere umzingelt. Obgleich nun die rings um die Stadt
+laufenden Mauern und Schanzen stark genug waren, den Feind abzuwehren,
+so kam es doch mit der Zeit dahin, daß der Hunger die Bewohner quälte
+und daß bei der von Tage zu Tage wachsenden Noth die Schwächeren schon
+verzweifeln wollten. In dieser Bedrängniß wurde wieder ein _Pahlen_ ihr
+Retter. Listiger Weise ließ er, als wollte er den hungernden Bewohnern
+der Stadt Proviant zuführen, eine Frachtfuhre vom Laaksberge her in die
+Nähe des feindlichen Lagers abgehen, wo denn die mit Lebensmitteln und
+Bier beladenen Wagen sofort festgehalten wurden. Im Lager aber herrschte
+nicht viel weniger Mangel als in der Stadt, weswegen die Kriegsleute
+sich wie hungrige Wölfe auf den Proviant stürzten, so daß Niemand Zeit
+hatte auf die Stadt viel Acht zu geben. Diesen kurzen Zwischenraum
+suchte nun der Herr von Pahlen zur Rettung der Stadt zu benutzen. Er
+ließ zur See einen gemästeten Ochsen nebst einigen Scheffeln Malz
+heimlich in die Stadt bringen. Die Einwohner brauten nun alsbald
+frisches Bier, brachten zur Nachtzeit große Kufen auf die Stadtwälle,
+kehrten sie um und gossen das gährende Bier darauf, so daß der Schaum
+über die Ränder floß. Dann wurde der Stier auf den Wall gelassen, der
+brüllend umher lief und mit den Hörnern die Erde aufwarf. Als nun die
+Feinde die schäumenden Bierfässer und den gemästeten Ochsen gewahr
+wurden, da sank ihnen plötzlich der Muth: »Hol' euch der und jener!«
+riefen die Kriegsleute -- »wer noch soviel Bier brauen und Mastochsen
+auf den Wällen umherlaufen lassen kann, den können wir nicht durch
+Hunger aus der Stadt treiben, vielmehr werden wir noch früher dem Hunger
+verfallen als jene.« Am andern Morgen sah man wie der Feind das Lager
+räumte und den Rückmarsch antrat; Reval aber war wiederum gerettet.
+
+[Fußnote 82: _Rußwurm_, Sagen aus Hapsal &c. S. 28., theilt eine ähnliche
+Geschichte mit, welche die Befreiung des von Polen belagerten Hapsals
+behandelt. L.]
+
+
+r. Der Frauen von Pahlen Todesboten.
+
+Alte Leute erzählen, daß Gott den Frauen von Pahlen das besondere Glück
+verlieh, daß er ihnen jedesmal, wenn das Scheiden aus dieser Welt
+bevorstand, ihre Todesstunde voraus verkünden ließ. Dies geschah so, daß
+sie einige Tage vor ihrem Tode sich selber erblicken mußten, sei es nun,
+daß ihre eigene Gestalt ihnen irgendwo entgegentrat, oder auf demselben
+Stuhle saß, wo sie täglich selbst zu sitzen pflegten oder vor ihren
+Augen schlafend im Bette lag. Hatte eine Frau von Pahlen ihr eigenes
+Bild auf diese Weise erblickt, so wußte sie, daß nach einigen Tagen ihr
+Ende bevorstehe, denn es war mit ihren Müttern und Großmüttern ganz
+ebenso gewesen. -- Einer dieser Frauen war ihr Ebenbild auf der Schwelle
+erschienen und hatte sie mit betrübtem Blicke angesehen. Eine andere
+wollte sich eben zu Tische setzen, als sie sich selbst schon auf ihrem
+Stuhle sitzend gewahrte.
+
+
+s. Der Heimgänger-Schütze[83].
+
+Mein seliger Großvater erinnerte sich aus seinen Kinderjahren, wie noch
+mancher von dem alten Herrn von Kersel zu erzählen wußte, der als
+berühmter Heimgänger-Schütz keine nächtliche Wanderung anders unternahm
+als mit einer Flinte bewaffnet, die mit silbernen Kugeln geladen war.
+Rings um Kersel waren endlich alle diese Nachtgespenster fortgeschafft,
+so daß sich keins derselben mehr getraute, sich vor den Menschen sehen
+zu lassen, aber an andern Orten wurden sie noch häufig gefunden. So hat
+einst der Prediger von Halljal[84] die Hülfe des seligen alten Herrn
+angerufen, weil er, in der Nähe des Kirchhofes wohnend, Nachts keine
+Ruhe hatte. Als der alte Herr hinkam, hatte er die ersten Nächte sehr
+viel zu thun, ehe er dem Kirchhofe Ruhe schaffen konnte. Vier und fünf
+Flintenschüsse wurden fast in jeder mondhellen Nacht vernommen, bis
+endlich dem Schützen diese Vögel nicht mehr zu Gesicht kamen. Nur
+spottete seiner doch noch eine Weile eine lange weibliche Gestalt,
+welche jeden Abend beim ersten Hahnenschrei mitten auf dem Kirchhofe
+über einem Grabe aufstieg, auf den Schuß des Herrn wie ein Nebel
+verschwand, aber nach einigen Augenblicken wieder auf dem alten Flecke
+war. Ein paar Dutzend silberner Kugeln hatte der Herr schon an sie
+verschwendet, ohne dem Feinde beizukommen. Da erschien eines Tages ein
+altes Väterchen vom Strande von Tolsburg[85] und schlug dem Herrn vor,
+das die silbernen Kugeln nicht fürchtende Weibsbild den Wölfen[86]
+entgegen zu jagen, wobei es gewiß sein Ende finden werde. »Ich habe«
+-- sagte der Strandbewohner -- »einen mit Zauberkräutern beräucherten[87]
+Hund, der sie von hier vertreiben und in die Flucht jagen wird, nur
+müssen wir warten bis zum Monat Februar, wo die Wölfe ihre Brunstzeit
+haben und ihrer viele beisammen sind.« -- Da der Herr keinen besseren
+Anschlag gegen den Feind wußte, nahm er den Beistand des Strandbewohners
+mit Dank an, und versprach bis zur angegebenen Zeit zu warten und dann
+mit ihm und dem beräucherten Hunde auf die Jagd gegen die Heimgängerin
+zu ziehen.
+
+In einer mondhellen Februarnacht machte man sich auf, das Werk zu
+vollführen. Einige Werst weit von der Kirche stand eine mit Heu gefüllte
+Scheune. In diese stellte der Strandbewohner einen ihm bekannten
+beherzten Mann mit einer tüchtigen dreizackigen eisernen Gabel zum
+Wächter, damit er die vor den Wölfen die Flucht Nehmende zurückscheuche,
+falls sie einen Zufluchtsort in der Scheune suchen würde. Eine gute
+Stunde vor Mitternacht ging der Herr mit dem Strandbewohner auf den
+Kirchhof, wo die bekannte Gestalt schon vor ihnen auf einem der Gräber
+stand. Der Herr wollte nun zuerst noch ein Mal sein Heil mit der Flinte
+versuchen, weswegen er diese stark lud und drei silberne Kugeln
+hineinthat; dann zielte er gut und schoß los! -- die Gestalt verschwand,
+stand aber im nächsten Augenblicke wieder vor ihnen. Jetzt wurde der
+Hund darauf gehetzt, der die weiße Gestalt alsbald vom Kirchhof
+verscheuchte und gerade nach dem Sumpfe zu trieb. Die Gestalt schwebte
+voraus, der Hund war ihr bellend auf den Fersen. Nicht gar weit vom
+Sumpfe kam eine Wolfsherde daher, es mochten ihrer mindestens zehn Stück
+sein; der Hund kehrte um und die Wölfe waren gleich der Heimgängerin auf
+den Fersen. Aber die weiße Gestalt schien wie Flügel unter den Sohlen zu
+haben, so daß die Wölfe ihr durchaus nicht nachkommen konnten. Drei oder
+vier Schritt vor der Scheune sprang sie wie ein Eichhörnchen mit einem
+Satze durch die obere Thüröffnung in die Scheune, setzte sich auf die
+Schwelle nieder und streckte die Füße hinauf, so daß sie über die Thür
+hinausragten. Nach einiger Zeit langten auch die Wölfe hier an und
+blickten mit glühenden Augen hinauf nach dem Sitze der Heimgängerin,
+konnten aber an der Thür-Wand nicht hinan. Da höhnte sie die
+Heimgängerin! Sie streckte abwechselnd den rechten und den linken Fuß
+den Wölfen hin und rief dabei jedesmal: »Da! nehmt diesen Fuß! da! nehmt
+den andern Fuß! keinen kriegt ihr: beides sind meine Füße[88]!« -- Der
+hinter ihr aufgestellte Wächter sah das Spiel eine Zeit lang mit an,
+packte dann mit beiden Händen die Gabel am Stiel und stieß mit einem
+kräftigen Schlag das Gespenst kopfüber hinunter vor die Wölfe.
+Augenblicklich zerrissen die Wölfe sie, so daß kein Fetzen von ihr
+nachblieb.
+
+Den andern Morgen ging der Herr mit dem Strandbewohner, die Stelle zu
+besehen, wo in der Nacht die Wölfe der Heimgängerin das Garaus gemacht
+hatten, allein sie fanden da keine andere Spur als ein handbreites Stück
+eines feinen leinenen Gewandes und einen goldenen Ring. Als der Herr die
+Inschrift auf der Innenseite des Ringes beobachtete, wurde sein Antlitz
+bleich wie Schnee, denn in dem Ringe stand der Name einer benachbarten
+Gutsfrau. Er fuhr sogleich hin und vernahm von dem Gesinde, daß in
+diesem Augenblicke Niemand von den Herrschaften zu Hause sei. -- Nach
+einigen Tagen aber kehrte der Herr des Gutes in Trauerkleidung allein
+zurück und erzählte, die Frau sei plötzlich in Reval gestorben. Im
+Frühjahr verkaufte er das Gut und zog in die Fremde, aus der er nimmer
+wiederkehren mochte.
+
+Nach dem Wegzug des Herrn lösten sich die Zungen der Leute; man erzählte
+erst im Stillen, dann öffentlich, daß es mit der Frau nicht habe mit
+rechten Dingen zugehen können, denn das ganze Gutsgesinde wußte gar
+wohl, daß sie nicht _eine_ Nacht zu Hause geschlafen hatte, sondern, wenn
+der Herr eingeschlafen war, räucherte sie ihm, wer weiß mit was für
+Kräutern, unter die Nase, und ging dann im weißen Nachtgewande ihrer
+Wege, von denen sie erst gegen Morgen zurückkam. Andere wieder
+erzählten, daß die verstorbene Frau niemals Speise und Trank zu sich
+genommen, sondern, wie von der Luft gelebt habe, wenn sie nicht etwa auf
+ihren nächtlichen Wanderungen irgendwo an einem fremden Orte sich
+gesättigt habe.
+
+[Fußnote 83: Es wurden und werden vielleicht noch an vielen Orten
+Estlands die Todten mit allerlei Dingen ausgestattet, die man als die
+für das Jenseits unentbehrlichsten betrachtet, z. B. Nadel, Zwirn,
+Kopfbürste, Seife und Brot, Branntwein, eine kleine Münze: Kindern legt
+man wohl auch Spielzeug in den Sarg. Solche Verstorbene nun, welche in
+dieser Beziehung vernachlässigt wurden, gehen als nächtliche Heimgänger
+um und werfen den Angehörigen ihre Versäumniß vor. Boecler-Kreutzwald,
+S. 68, 69, 111. Die Inselschweden an den estnischen Küsten wissen von
+bösen Menschen, die aus ihren Gräbern zurückkommen, in den Stuben
+lärmen, sich in allerlei Gestalten verwandeln, Menschen und Thiere
+erschrecken u. s. w. Wenn der Hahn kräht, fliegen sie fort. Diese
+Wiedergänger heißen schwedisch ådelaupas. S. Rußwurm Eibofolke Th. 2, S.
+262 ff, wo eine Menge Sagen und Züge von diesen gespenstischen Wesen
+gesammelt sind: Nach Ernst _Willkomm_ kennt der Inselfriese ebenfalls
+Wiedergänger oder »Gonger«, Menschen, die in den Wellen ihren Tod
+gefunden haben und in Gestalt und Haltung Ertrunkener früheren Bekannten
+am Lande wieder erscheinen. S. dessen: Im Wald und am Gestade. Skizzen
+u. Bilder Thl. 1, S. 173. Vgl. noch Rußwurm, Sagen aus Hapsal, S. 122.
+Hurt, Beiträge zur Kenntniß estn. Sagen und Ueberlieferungen, Dorp.
+1863, S. 21 ff. L.]
+
+[Fußnote 84: In Wierland. L.]
+
+[Fußnote 85: S. oben Anm. zu S. 167. L.]
+
+[Fußnote 86: Diese sollen nach Wiedergängern sehr lecker sein; ein
+schwed. Sprichwort sagt: Ohne die Wölfe wäre die Welt voller Trollen. S.
+_Rußwurm_ Eibofolke, 2, 264. Rußwurm bemerkte auch daselbst, daß der Wolf
+eine dunkle Erinnerung an den Fenriswolf sei, den Bruder der Hel (des
+Todes), der die Seelen verschlingt. L.]
+
+[Fußnote 87: Das Räuchern mit verschiedenen Kräutern wird von den Esten
+in Fällen angewendet, wo man Einwirkungen böser Mächte voraussetzt, z.
+B. wenn eine Kuh nicht ordentlich melkt, vgl. Kreutzwald-Boecler, S. 86
+u. oben Märchen 10, S. 68. Hier ist der Hund gegen solche im Voraus
+gefeit. L.]
+
+[Fußnote 88: Aehnlich neckt der Geist die Wölfe in der von _Rußwurm_
+Eibofolke § 388, 6 (Th. 2, S. 264) beigebrachten Erzählung aus Worms.
+L.]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte, by Various
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHSTNISCHE MÄRCHEN. ZWEITE HÄLFTE ***
+
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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