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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:52:30 -0700 |
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diff --git a/22517-h/22517-h.htm b/22517-h/22517-h.htm new file mode 100644 index 0000000..fa9e318 --- /dev/null +++ b/22517-h/22517-h.htm @@ -0,0 +1,3913 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, by Klabund + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } + + h1 { text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + } + + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + + p.newpart { margin-top: 10em; } + + p.newsection { margin-top: 3em; } + + p.newpart:first-letter, + p.newsection:first-letter { float: left; + clear: left; + margin: -0.1em 0.1em 0 0; + padding: 0; + line-height: 1em; + font-size: 250%; + } + + hr { margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + .hr65 { width: 65%; } + + .titlepage { text-align: center; line-height: 2em; } + + .g { letter-spacing: 0.2em; font-style: normal; } + + .f { font-family: sans-serif; font-size: 80%; } + + .right {text-align: right;} + + .center {text-align: center;} + + .pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: smaller; + text-align: right; + letter-spacing: 0; + } /* page numbers */ + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + + .notes { background-color: #eeeeee; color: #000; padding-top: .5em; padding-bottom: .5em; + padding-right: 1em; padding-left: 1em; border: 1px solid black; + margin-left: 15%; margin-right: 15%; margin-top: 80px; margin-bottom: 2em; + } + + ins.correction {text-decoration: none; border-bottom: thin dotted red;} + + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, by Klabund + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde + Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart + +Author: Klabund + +Release Date: September 5, 2007 [EBook #22517] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Constanze Hofmann and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div class="notes"> +<p>Anmerkung zur Transkription:</p> +<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen. Die korrigierten Stellen sind im +Text mit einer roten Linie gekennzeichnet, der <ins class="correction" title="so wie hier"> +Originaltext</ins> erscheint beim +Überfahren mit der Maus.</p></div> + +<p class="titlepage g">Nummer 12 der<br /> +Zellenbücherei</p> + +<hr class="hr65" /> + +<p class="titlepage g">Copyright 1922 by<br /> +Dürr & Weber m. b. H.<br /> +Leipzig<br /> +*</p> + +<p class="titlepage">Dritte, vom Autor neu durchgesehene und überarbeitete +Auflage<br /> +20.–30. <span class="g">Tausend</span></p> + +<hr class="hr65" /> + +<p class="titlepage g" style="font-size: larger;">Klabund</p> + +<h1>Deutsche Literaturgeschichte +in einer Stunde</h1> + +<p class="titlepage" style="font-weight: bold; font-size: 150%;">Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart</p> + +<div class="center"> + <img src="images/titel.png" + alt="Scherenschnitt - Lesender am Tisch sitzend" + title="" /> +</div> + +<p class="titlepage g">1922<br /> +Dürr & Weber m. b. H. * Leipzig</p> + +<p class="newpart">Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische +noch philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch +einer kurzen, volkstümlichen, lebendigen Darstellung der +deutschen Dichtung. Die Dichtung eines Volkes beruht auf +dem Eigentümlichsten, was ein Volk haben kann: seiner +Sprache. In diesem Sinne wird und soll sie immer »völkisch« +sein. Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der +tief in der deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone +aber den allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine +deutsche Erde. Der Himmel aber ist allen Völkern gemeinsam.</p> + +<p>Blüten vom Baum der deutschen Dichtung mögen vom +Winde da- und dorthin getragen werden. Zu Früchten reifen +werden nur die, die am Baum bleiben. Sie werden im Herbst +geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird ein ganzes +Volk sich an ihnen erquicken.</p> + +<p class="newsection">Jener germanische Jüngling, der einsam im Eichenwald +am Altare Wodans niedersinkend, von ihm, der jeglichen +Wunsch zu erfüllen vermag, in halbartikuliertem Gebetruf, +singend, schreiend, die Geliebte sich erflehte, dessen Worte, ihm +selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen sich banden, die +seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche Dichter.</p> + +<p>Wie eine Blüte brach ihm das Herz in einer Nacht auf, daß +es der Sonne entgegenglühte, eine Schwestersonne. Daß er +dem Sonnengott sich als geringerer Brudergott verwandt +<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +fühlte, daß er Worte fand in seinem Munde wie nie zuvor. +Unbewußtes ward bewußt. Liebe machte den Stummen beredt. +Er sang einen heiligen Gesang. Er neigte sich dem Gott, er +neigte sich der Geliebten, er versank vor sich selbst. Himmel, +Erde, Mensch verschmolz in seinem Gedicht. Die Sehnsucht +wurde Wort, das Wort wurde Erfüllung. Aller Dichtung Urbeginn +ist die Liebe. Der Weg zur Liebe führt durch Haß und +Kampf und Schmerz. Der Urmensch sang den Haß gegen den +Feind, den Feind seines Gottes und Räuber seines Weibes. +Er singt den Schmerz seiner im Weltall verlorenen einsamen +Seele, die dahinfliegt wie ein Meervogel über den Ozean, und +nur die Sonne ist ihre Hoffnung. In ihr verehrt er Gottes +Auge, das ihn beglänzt, jeden Tag neu, nach fürchterlicher +Nacht. Und er sieht auch in sich die ewige Nacht, aus der er +nur immer kurz zu Dämmerung und Helle erwacht, und seine +Sehnsucht sucht die Nacht immer mehr mit Licht zu erfüllen. +Und das Licht zeigt ihm den langen mühseligen Weg des +Menschen, welcher aus Finsternis und Sumpf emporführt zu +Licht und Gebirg, bis über die Wolken, bis an Gottes Thron +selbst.</p> + +<p class="newsection">Eines der ältesten deutschen Sprachdenkmäler ist das +<em class="g">Wessobrunner Gebet</em>, um 800 entstanden, voll +großer Anschauung und starker dichterischer Kraft. Karls +des Großen Biograph <em class="g">Einhart</em> († 840) erzählt, daß +Karl der Große alle alten Sagen habe aufschreiben lassen. +Leider haben seine frömmelnden Nachfolger, von <ins class="correction" title="unverständdigen">unverständigen</ins> +Pfaffen aufgereizt, dafür gesorgt, daß derlei »heidnisches« +Zeug ausgerottet wurde, wo es sich zeigte. Unersetzbares +ist verloren gegangen. Als Ersatz werden uns blasse, versifizierte +Heiligenlegenden und Christusgeschichten aufgetischt. +Unter den Nachfolgern Karls des Großen blüht, begünstigt +von den Priestern, die lateinische Poesie. Da wir nur von der +<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +deutschen Dichtung, dem deutschen Wort sprechen wollen, gehört +sie nicht in unsere Betrachtung. Die deutsche Sprache +wurde höchstens dazu verwandt, um dem Laien heilige Texte +zu übersetzen.</p> + +<p>Das stolzeste Epos der Deutschen ist das <em class="g">Nibelungenlied</em> +(um 1210). Die sagenhafte deutsche Urzeit ersteht in den +Rittern der Völkerwanderung noch einmal. Jeder der Helden: +Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held seiner Zeit, aber +mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben. »Welch +ein Gemälde der menschlichen Schicksale stellt uns das Lied der +Nibelungen auf«, schreibt A. W. von Schlegel. »Mit einer +jugendlichen Liebeswerbung hebt es an, dann verwegene Abenteuer, +Zauberkünste, ein leichtsinniger, aber gelungener Betrug. +Bald verfinstert sich der Schauplatz; gehässige Leidenschaften +mischen sich ein, eine ungeheure Freveltat wird verübt. +Lange bleibt sie ungestraft; die Vergeltung droht von +ferne und rückt in mahnenden Weissagungen näher; endlich +wird sie vollbracht. Ein unentfliehbares Verhängnis verwickelt +Schuldige und Unschuldige in den allgemeinen Fall, eine Heldenwelt +bricht in Trümmer.« Haben wir nicht alle das +Nibelungenlied am eigenen Leib und an eigener Seele verspürt? +Ein unentfliehbares Schicksal hat uns, Schuldige und +Unschuldige, in den allgemeinen Fall verwickelt, und eine +Welt ist in Trümmer gebrochen.</p> + +<p>Das <em class="g">Gudrunlied</em> (um 1230) klingt sanfter, bürgerlicher, +versöhnender aus. Zwar stehen auch hier Gewalttat und +Schande am Anfang. Aber das Lied endet heiter mit einer +vierfachen Hochzeit und hellen Blicken in eine rosenrote Zukunft, +da kein Haß und kein Kampf mehr sein wird.</p> + +<p class="newsection">Der Minnesang war von Vaganten und fahrenden Sängern +gepflegt und in Volksliedern von Mund zu Mund +gegangen, ehe sich, unter dem romanischen Einfluß der Troubadoure, +<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +die deutschen Dichter seiner annahmen und die Frau +als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Thron setzten, +wie man ihn auf mittelalterlichen Miniaturen der Madonna +mit dem Jesuskinde weihte. Von Österreich nahm der Minnesang +seinen Anfang. Der von Kürenberg sang um 1150 +das Lied vom Falken, den er sich mehr denn ein Jahr gezähmt +und der ihm dann »in anderiu lant« entflog. Ein Spielmann, +genannt der <em class="g">Spervogel</em> († 1180), dichtete die ersten lehrhaften +Sprüche und Fabeln, z. B. vom Wolf, der in ein Kloster +ging und ein geistlich Leben führen wollte. Im Kloster vertraute +man ihm das Hüten der Schafe an. Die Nutzanwendung +braucht man einem Menschen heutiger Zeit nicht besonders +nahe zu legen. Derartige Wölfe – und derartige Schafe +sind leider heute verbreiteter denn je.</p> + +<p>Von 1160–1230 ritt Herr <em class="g">Walter von der Vogelweide</em> +durch die Welt. Er kam von Tirol, dort, wo die Berge +das Eisacktal vom Himmel abschließen, wo man den Himmel +in der eigenen Brust suchen muß. Er trieb seinen mageren, +schlecht genährten Klepper durchs Burgtor von Wien, und die +Ritter neigten sich vor ihm. Im Bischofssitz von Passau erklang +sein Gelächter, das er dem Bischof wie eine Handvoll +Haselnüsse an den tonsurierten Kopf warf. Dem heiligen +Vater in Rom war er aus deutschem Herzen feindlich gesinnt: +er sah, politischer Denker der er war, daß die Päpste sehr +diesseitige römische Politik und Diplomatie trieben, der die +deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen zeigten. Er stand +auf der Wartburg und sah hinab auf das thüringische und +deutsche Land. Wie blühte der Frühling, wie sangen die +Amseln! Unter einem Wacholderstrauch lagen zwei Liebende. +Unter der Linde stand ein fahrender Geiger und geigte zum +Tanz. Ein schönes Fräulein lächelte seitwärts, selbstvergessen. +Da lächelte Walter von der Vogelweide. Er bückte sich und +wand in Eile mit <ins class="correction" title="geschicken">geschickten</ins> Fingern einen Kranz aus Butterblumen, +die zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe blühten, +<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +nahm den Kranz, sprang zu dem errötenden Mädchen, +verneigte sich und sprach:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nehmt, Fraue, diesen Kranz,<br /></span> +<span class="i0">So zieret ihr den Tanz<br /></span> +<span class="i0">Mit schönen Blumen, die am Haupt ihr tragt.<br /></span> +</div></div> + +<p>Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend, +strich den Bogen. Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter +tanzte mit dem Fräulein. Sie hieß Maria wie die Mutter +Gottes selber und war ihm Gottesmutter, Gottesschwester, +Gottestochter all in eins.</p> + +<p>Mit Friedrich dem Zweiten ritt Walter von der Vogelweide +1227 auf den <ins class="correction" title="Kreuzzeug">Kreuzzug</ins>. Er haßte die Pfaffen und den falschen +Gott in Rom. Er wollte den wahren Gott von Angesicht +zu Angesicht sehen. Er sang den Kreuzfahrern das Kreuzlied. +Und am heiligen Grab sank er ins Knie: Jetzt erst bin +ich beseligt, da mein sündig Auge die heilige Erde betrachten +darf.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Dahin kam ich, wo den Pfad<br /></span> +<span class="i0">Gott als Mensch betreten hat.<br /></span> +</div></div> + +<p>Ernst und wie von einer Wolke beschattet, kehrte er aus dem +heiligen Lande heim. Es war Frühling in ihm gewesen, als +er auszog. Palästina war sein Sommer geworden. Nun sah +er Herbst und Verwesung, Elend und Bitternis überall. Die +Nebelkrähen hingen in Schwärmen über dem deutschen Land. +Und in Würzburg war es, wo er, den Blick auf den fließenden +Main gerichtet, sein letztes Gebet dichtete: jene schönste +Elegie deutscher Sprache: Owê war sint verswunden alliu +miniu jâr! Im Lorenzgarten, vor der Pforte des neuen Münsters, +wurde das Sterbliche von Walter von der Vogelweide +1230 bestattet. Die letzte Zeit vor seinem Tode hielt er sich +von den Menschen fern: er stand stundenlang am Main und +fütterte die Vögel und die Fische mit Brotkrumen. Und in +seinem Testament bestimmte er, daß aus seiner Hinterlassenschaft +<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span> +mehrere Säcke Körner zu kaufen seien und daß auf seinem +Grabe die Vögel stets Körner und Wasser vorfinden +sollten.</p> + +<p>Noch im Tode wollte er seinem Namen Ehre machen: sein +Grab noch sollte den Vögeln eine Weide sein. Lest seine +Liebeslieder, ihr Liebenden! Klausner Schwermut, weise uns +die Kapelle seiner Melancholie! Wo im kahlen Winter ein +frierender Vogel hungrig an eure Fensterscheiben pickt: gebt +ihm zu fressen, gedenkt des Herren von der Vogelweide! Solange +die deutsche Dichtung besteht, wird sein Name unvergessen +sein. Her Walther von der Vogelweide, swer des vergaez', +der taet mir leide, rief 1300 Hugo von Trimberg über +sein Grab.</p> + +<p class="newsection">Die Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Klöstern. +Schwester <em class="g">Mechthild v. Magdeburg</em> (1212 +bis 1294) schrieb ihr Buch vom fließenden Licht der Gottheit: +voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren Ekstasen sah +sie Jesus als schönen Jüngling (Schöner Jüngling, mich +lüstet dein) ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Bräutigam +zur Braut, und ihre himmlischen Sprüche sind wie irdische +Liebeslieder. Ihre Gottesminne (Eia, liebe Gottesminne, umhalse +stets die Seele mein!) war der Gottesminne des Wolfram +tief verwandt. Die reine Minne (nicht jene höfische oder +ritterliche oder bäurische Minne) galt ihr als oberstes Prinzip. +»Dies Buch ist begonnen in der Minne, es soll auch enden in +der Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig, noch so schön, +noch so stark, noch also vollkommen als die Minne.« Mechthild +von Magdeburg ist trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die +Wollust des Fleisches. Jesus ist ihr zärtliches Gespiel und sie +seine Tänzerin. <em class="g">Meister Eckhard</em> (1260–1327, gestorben +<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +in Köln), ihr mystischer Bruder, verhält sich zu ihr wie ein +Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war +ein Schweben und Ja-sagen, das seine ein tief in sich Beruhen +und ein Ent-sagen. Er liebte das Leid um des Leides willen: +jeder Schmerz war ihm eine Station zum Paradies. Er riß +die Wunden, die in ihm verheilen oder verharschen wollten, +künstlich wieder auf: daß nur sein Blut fließe. Seine Gedanken +scheinen verschleiert, ja manche haben dunkle Kapuzen +übers Haupt gezogen und sind unerkennbar. Sein Buch der +göttlichen Tröstung ist ein Trostbuch für die, die am Tode und +am Leben leiden. Ein Trostbuch rechter Art will auch der +»Ackermann aus Böhmen« sein, den <em class="g">Johannes von Saaz</em> +1400 in die Welt schickte. Der Dichter kleidet seine Trostschrift +in die Form eines Zwiegesprächs zwischen einem Witwer und +dem Tod. Der Witwer fordert vor Gericht (dem Gottesgericht) +sein Weib von dem Räuber und Mörder Tod zurück. +»Schrecklicher Mörder aller Menschen, Ihr Tod, Euch sei geflucht! +Gott, der Euch schuf, hasse Euch; Unheils Häufung +treffe Euch; Unglück hause bei Euch mit Macht; ganz entehret +bleibt für immer!« so beginnt der Kläger seine Klage. Und +der Tod antwortet: »Du fragst, wer wir sind: wir sind Gottes +Hand, der Herr Tod, ein gerecht schaffender Mäher. Braune, +rote, grüne, blaue, graue, gelbe und jeder Art glänzende +Blumen und Gras hauen wir nacheinander nieder, ihres +Glanzes, ihrer Kraft und Vorzüge ungeachtet. Sieh, das heißt +Gerechtigkeit.« In immer verzweifelteren Ausbrüchen pocht der +Mensch, aller Menschheit Abgesandter, an das Rätsel des +Todes, der ihm sinnlos wie ein Mäher im Herbst unter den +Menschen zu hausen scheint, das Glück des Liebenden und die +Tat des Künstlers, die Stellung des Königs nicht achtet, bis +Gott selbst das Urteil spricht: »Kläger, habe die Ehre, du Tod +aber, habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem Tode sein Leben, +den Leib der Erde, die Seele uns zu geben verpflichtet.«</p> + +<p class="newsection">Mit +<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +den Minnesängern wurde die deutsche Literatur +sich ihrer bewußt. Zwar gab es noch nicht das Wort, +aber der Begriff war vorhanden. Die öffentliche Kritik trat +auf: es waren die Fürsten, die als Mäzene das erste Recht der +Beurteilung für sich in Anspruch nahmen. Die Themen, die +<em class="g">Hartmann von Aue</em> († 1215) in seinen kleinen Epen +anschlägt, sind von schönster Intensität: in »Gregorius« überträgt +er den Ödipusstoff auf ein mittelalterliches Milieu. Gregorius +liebt und heiratet unwissentlich seine eigene Mutter. +Als er die Schande erfährt, sucht er die Sünde zu sühnen, indem +er sich prometheisch an einen Felsen schmieden läßt. Nach +siebzehn Jahren unerhörter Qual erlösen ihn die Römer; er +wird von ihnen im Triumph ob seiner Heiligkeit auf den verwaisten +Papstthron erhoben und spricht, unfehlbar geworden +durch sein titanisches Leid, die eigene Mutter ihrer Schuld +ledig.</p> + +<p>Im »Armen Heinrich« bemächtigt sich Hartmann eines deutschen +Stoffes. Ein Ritter wird vom Aussatz befallen. Ein +Mittel nur gibt es, ihn zu retten: das Blut einer unberührten +Jungfrau. Aus Liebe zu ihm erbietet sich ein Mädchen, +für ihn zu sterben. Aber der arme Heinrich nimmt das Opfer +nicht an: trotz teuflischer Versuchung. Da erbarmt sich auf +Flehen des Mädchens Gott der Liebenden: er macht den armen +Heinrich gesund und zum reichen Heinrich durch den Besitz der +Geliebten.</p> + +<p>Ein jüngerer Zeitgenosse von Hartmann ist <em class="g">Wolfram +von Eschenbach</em> (etwa 1170–1250), ein Bayer aus Eschenbach +bei Ansbach. Er war ein armer Teufel wie Walter von +der Vogelweide, mit dem er am Hofe des Landgrafen von +Thüringen öfter zusammentraf. Als er 1217 dem Hofleben für +immer den Rücken wandte, und auf sein kleines Gut heim zu +Weib und Kind ritt, vollzog er eine symbolische Handlung. Er +kehrte wirklich heim: zu sich, in sich. Er hatte die höfische +Minne, die schon einen eigenen Komment entwickelte, dessen +<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +Verstöße unnachsichtlich geahndet wurden, von Herzen satt und +sehnte sich nach einem einfachen, ungezierten Wort aus unverzerrtem +Frauenmund. Nach Lippen, die ohne Anfragung +einer Etikette auf den seinen lagen, nach einem Herzen, das +ihm herzlich zugetan war. Nach einem Kinde, das nicht »Fräulein« +oder »junger Herr« tituliert wurde, sondern mit dem er +reiten und jagen und spielen durfte wie mit sich selbst. Er +hatte 1200–1210 in 24810 Versen im »Parzival« den Ritterroman +der Deutschen geschaffen, er hatte ihnen den Spiegel +vorgehalten. Aber es war schon eine vergangene edlere Zeit, +die sich in ihm spiegelte. Der Dichter ist oft nur der Vollstrecker +des letzten Willens einer Epoche, der er schon längst +nicht mehr angehört. Der Stoff ist französischen und provenzalischen +Vorbildern entnommen. Die Idee der Erlösung: +christlich. Aber der Leidens- und Freudensweg, den Parzival +gehen muß, seine Entwicklung vom ahnungsvollen, aber +ahnungslosen Kind zum seiner Seele bewußten Mann ist ganz +Wolframsche Prägung. Er ist den Weg des Knaben Parzival +selbst gegangen.</p> + +<p><em class="g">Gottfried von Straßburg</em> (um 1210), Wolframs +größter Zeitgenosse, war auch sein größter Gegner. Er fand +den Parzival dunkel und verworren, ohne einheitliche Handlung +und stellenweise schwer verständlich. Im Tristan stellte +er dem Parzival sein Ritterepos gegenüber: von einer leidenschaftlichen +Klarheit des Themas und der Formulierung und +trotz der Leidenschaft nicht ohne Zierlichkeit und Zartheit. Er +hatte von seinem Standpunkt mit der Beurteilung des Parzival +recht. In Wolfram und Gottfried spitzten sich, wie später +bei Goethe und Schiller, zwei dichterische Typen bis ins Polare +zu: der Pathetiker und der Erotiker. Wolfram-Schiller, das +besagt: Kampf, Forderung, Dornenweg, Verblendung und Erlösung, +Gottesminne, Jenseits. Goethe-Gottfried, das heißt: +Sein, Genuß, selbst des Schmerzes, Blumenpfad, Sonnenblendung, +Glanz und Erfüllung: Menschenminne, Diesseits.</p> + +<p class="newsection">Während +<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +die von Walter, Gottfried usw. geschaffene Kunstdichtung +entartete, erlebte die deutsche Volksdichtung, +das Volkslied und das Märchen, im 15. und 16. Jahrhundert +ihre üppigste Blüte. Die schönsten der von Herder, Arnim +und Brentano, Erk und Böhme später aufgezeichneten Volkslieder +sind damals entstanden. Die Dichter der von den Gebrüder +Grimm gesammelten Kinder- und Hausmärchen wandelten +als Gumpelmänner, Vagabunden und Gott weiß was +durch die deutschen Lande. Ihnen waren Tier und Blume, +Berg und Teich wie Bruder und Schwester vertraut. Sie hatten +kein ander Bett als die Erde, keine andere Decke als die +Sternendecke des Himmels. Ein verlassener Ameisenhaufen +war ihr Kopfkissen. Eichhörnchen hüteten ihren Schlaf, und +der war voll von Träumen wie ein Kirschbaum im Juni voll +von Kirschen. Da gaben sich der Froschkönig, die Bremer +Stadtmusikanten, der Teufel mit den drei goldenen Haaren, +der Räuberhauptmann, Frau Holle, Daumerling, Doktor Allwissend, +das kluge Schneiderlein, der Vogel Greif und viele +andere wunderliche und seltsame Wesen ihr heimliches Stelldichein. +Und der Vogel Greif schnaufte: »Ich rieche, rieche +Menschenfleisch …«, aber dann ließ er sich doch von seiner Frau +übertölpeln (wie listig sind die Frauen, wenn sie lügen!). Die +neidische und eitle Königin befragte den Spiegel an der +Wand:</p> + +<div class="poem stanza"> +<span class="i0">Spieglein, Spieglein an der Wand,<br /></span> +<span class="i0">Wer ist die schönste im ganzen Land?<br /></span> +</div> + +<p>Und der Spiegel antwortete:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Frau Königin, Ihr seid die schönste hier.<br /></span> +<span class="i0">Aber Sneewittchen über den Bergen<br /></span> +<span class="i0">Bei den sieben Zwergen<br /></span> +<span class="i0">Ist noch tausendmal schöner als Ihr.<br /></span> +</div></div> + +<p>Auf einem Lindenbaum saß ein Vogel, der sang in einem fort:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Kywitt, kywitt,<br /></span> +<span class="i0">wat vörn schöön Vagel bün ick …<br /></span> +</div></div> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +Aber dieser Vogel war kein richtiger Vogel. Es war ein +Mensch, der sich nach seinem Tod in einen Vogel verwandelt +hatte. Denn wir Menschen sterben nicht. Das Volkslied und +das Volksmärchen läßt unsere Seele wandern. Vogel und +Blume können wir werden: ja Blume auf unserem eigenen +Grabe, dann kommt wohl die Geliebte, begießt uns mit Tränen, +oder sie pflückt und drückt uns, Veilchen oder Lilie, an den +Busen. Sind wir aber böse, so werden wir verflucht und verzaubert +in Werwölfe. Die Wurzeln von Märchen und Volkslied +gehen bis tief in die heidnische Vorzeit zurück, da des +Menschen Frömmigkeit vom Diesseits, seine Augen von Sonne, +Himmel und der weiten, weiten Welt ganz erfüllt waren. Ihm +war der Tod nur eine andere Art des Lebens. Verwandlung. +Eine Tür fällt ins Schloß, und eine andere geht auf. Auf Tag +folgt Nacht, aber wieder Tag. Er war nicht zerrissen in Leib +und Seele. Die waren eins. Die Märchen und Lieder sind +so bunt wie die Natur selbst. Wie die Sonne über Gerechte +und Ungerechte scheint, so fühlt der Dichter mit allen seinen +Kreaturen, auch den erbärmlichsten. Irgendein armseliger +Straßenräuber (der arme Schwartenhals) steht ihm so nahe +wie die zwei Königskinder, die zueinander nicht kommen konnten, +»das Wasser war viel zu tief«. Goethe ist ohne das deutsche +Volkslied, Volksmärchen, Volksepos nicht zu denken. Er steht +auf den Schultern von tausend anonymen Autoren, die kommen +mußten, damit er kommen konnte. Im 15. und 16. Jahrhundert +wurde der Grundstock gelegt zu jenem Gebäude des +18. Jahrhunderts voll vollendeter Klassizität, das den Namen +Goethe tragen sollte. Aber auch Matthias Claudius, Clemens +Brentano, Eichendorff, Heine haben mit den Bausteinen gearbeitet, +die jene bescheidenen Männer schichteten. Vielleicht +sind ihre Werke der lauterste Ausdruck des deutschen Kunstwillens +und des deutschen Geistes, der dann am tiefsten ist, +wenn er aus dem Unbewußten steigt, dann am reinsten, wenn +er aus den dunkelsten Quellen schöpft. Diese Dichter ohne +<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +Namen tragen den Himmel in ihren Händen, aber sie stehen +mit beiden Beinen fest auf der Erde.</p> + +<p class="newsection">Die Entwicklung des Menschengeschlechtes geht in Wellenbewegungen +vor sich, wobei Wellenberg und Wellental +einander folgen und der Scheitelpunkt des Wellenberges sich +nur langsam erhöht. Mit Walter von der Vogelweide, Gottfried +von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und dem Nibelungenliede +hatte die junge deutsche Dichtung eine Höhe erreicht, +von der sie bald kläglich wieder abstürzen sollte. Das +Rittertum zerfiel und mit dem Rittertum die Ritterpoesie. +Teils artete sie in allegorische Spielerei, teils in aufgeblasene +Geckigkeit aus. Die Dichtung floh barfüßig und barhäuptig +auf die Landstraße und fristete im Munde der Fahrenden von +Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus ihr Leben. Ins 15. und +16. Jahrhundert fällt die Blütezeit des deutschen Volksliedes. +Zuweilen nahm sie ein Kloster auf, Dann sangen die Nonnen +ein Lied, wie das geistliche Trinklied der Nonnen am +Niederrhein. Zuweilen fand sie Unterschlupf bei braven Bürgersleuten. +Das Bürgertum war im Aufstieg begriffen. Es +gab wohlhabende Bürger, deren Söhne sich das Dichten leisten +konnten. Sie meinten, die Dichtung würde sich hinter dem +Ofen, in der Wärme, in dem Dunst satter Behäbigkeit recht +wohl fühlen. Sie stopften ihr den Magen mit allerlei guten +Dingen, aber sie taten des Guten zuviel, daß sie erbrach. Von +der graziösen Handhabung der Sprache durch Meister wie Gottfried +oder Walter blieb nicht viel übrig. Der Rhythmus +fiel auseinander – was Hebung, was Senkung –, man +zählte einfach die Silben zusammen. Aus dem Minnesang +erwuchs der Meistergesang. Der Tiroler <em class="g">Oswald +v. Wolkenstein</em> († 1445) versuchte noch einmal den ritterlichen +Pegasus aufzuzäumen. Er brach unter ihm zusammen; +<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +seine Zeitgenossen nahmen das Zaumzeug und schnitten +die Flügel von dem verendenden Tier. Sie klebten sie ihren +plumpen Dorf- und Stadtgäulen an und bildeten sich nun ein, +sie würden fliegen. Die ritterliche Rüstung schepperte als viel +zu groß um ihre dürren Glieder. Auch wagten sie, ihrer Unzulänglichkeit +irgendwie bewußt, schon nicht mehr einzeln als +Individualisten aufzutreten. Sie dichteten kollektiv gleich in +ganzen Gruppen, Gilden und Vereinen. Sie imitierten die +Form ohne den Geist. Diese Form ist lehr- und lernbar. Man +wird, wie beim Handwerk, erst Dichterlehrling, dann Dichtergeselle, +dann Dichtermeister. Wobei Dichter- und Bäckermeister +oft dasselbe sind. Aber die Brote geraten ihnen besser als die +Gedichte. In den Meistersingerschulen wurde nach der Tabulatur +das Dichter-Abc gelehrt. Um 1450 wurde die erste +Meistersingerschule in Augsburg gegründet. Wenige Jahre +später finden sie sich in fast allen größeren Städten. Sie +fechten Wettkämpfe miteinander aus. Sie überbieten sich in +der Erfindung verschrobener und gekünstelter Versmaße. Der +Vollender und Überwinder des Meistersanges ist <em class="g">Hans Sachs</em>, +geboren 1494 in Nürnberg, das eine der berühmtesten Meistersingerschulen +sein eigen nannte. Hans Sachs war Schuhmacherlehrling, +als ihm der Weber Nunnenbeck die Anfangsgründe +der Meistersingerkunst beibrachte. Er ging wie ein rechter +Schuster auf die Wanderschaft, kehrte, nachdem er so viele +Erfahrungen gesammelt als er Schuhe besohlt hatte, 1519 in +seine Heimat zurück, die durch Peter Vischer und Albrecht +Dürer zu einem Haupt- und Vorort deutscher Kultur geworden +war. Seine eigentlichen Meistergesänge (über 4000) sind +unbedeutend, da und dort überraschen sie durch ein +originelles Bild oder eine witzige Wendung. Freier entfaltet +sich sein Talent schon in seinen Sprüchen (etwa +1800), die in ihren kurzen Reimpaaren klingen, als +wären sie mit dem Schusterhammer zusammengeklopft. +Hans Sachs war einer der ersten, die sich in Nürnberg zu +<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +Luther bekannten. Einzigartig zeigt er sich in seinen (über +1000) Schwänken und Fastnachtsspielen. Sein Humor ist der +Humor der deutschen Seele. Seinen Witz hat er aus seiner +Handwerksburschenzeit bis in sein 82. Jahr hinübergerettet. +Er hat es in seinen Schwänken auf moralische Wirkung +abgesehen, aber diese moralische Wirkung erstickt in einem +Gelächter oder tritt zurück hinter dem Wie der Darstellung. +Wir nehmen die Menschen aus seiner Hand entgegen +wie aus Gottes Hand: so wie sie sind: gut und böse. Wie +langweilig wäre die Welt, wenn alle Menschen brav wären +und alle eine moralische, einheitliche graue Tugenduniform +trügen. (Gott selber würde sich zu Tode langweilen und kurz +vor seinem Tode noch den Teufel neu erschaffen.) Wenn es +nur noch Hasen auf der Welt gäbe und keinen Fuchs mehr, +der den Hasen frißt, und keinen Jäger, der sie beide schießt +und sich den Hasen braten läßt! Dies nur nebenbei zu Hans +Sachs.</p> + +<p class="newsection">Die Welt krachte damals in allen Fugen. Die ersten +Wehen der Reformation kündeten eine neue Ära an. +<em class="g">Sebastian Brant</em> aus Straßburg (1458–1521) hatte als +Sohn eines Gastwirtes früh offene Augen für die Lächerlichkeiten +und Laster seiner Mitmenschen bekommen. In Übergangszeiten, +wo die Begriffe schwanken und wie Karten eines Kartenspieles +durcheinandergemischt werden, pflegen sich alle närrischen +Eitelkeiten der Menschheit wie in einem konkaven +Spiegel noch ins Breite zu verzerren und zu vergröbern. +Sebastian Brant studierte Recht – ohne es irgendwo zu finden. +Er promovierte an der Universität Basel. 1494 erschien sein +»Narrenschiff«. Auf dieses hatte er alle Narren zu Gast +gebeten, die er nur auftreiben konnte. Aber das Schiff erwies +sich als zu klein. Die Säufer, die Gecken, die Spieler, die +<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span> +Kirchenschänder, die Geizhälse, Wucherer, Studenten, Ehebrecher, +Huren füllten es bis an den Rand. Auch du, lieber +Leser, und ich, wenn wir nur ein wenig in uns gehen und +nachdenken: wir befinden uns unter jenen Narren. Sebastian +Brant hat uns, fünfhundert Jahre, bevor wir geboren wurden, +trefflich abkonterfeit. Aber es ist ein Bild, das wir uns nicht +hinter den Spiegel stecken oder unserer Base zum Geburtstag +schenken werden. – Zwanzig Jahre nach dem Narrenschiff legte +Knecht Rupprecht 1519 den Deutschen die erste Ausgabe des +Volksbuches von Tyll Eulenspiegel auf den Weihnachtstisch. +Die hatten eine Freude wie wohl seit hundert Jahren nicht +über ein Buch. Noch im 16. Jahrhundert erschienen achtzehn +deutsche Ausgaben; es wurde sofort ins Vlämische, Niederländische, +Englische und Französische übersetzt. Woher dieser +spontane Erfolg? Brants Narrenschiff war eine mehr oder +weniger literarische Angelegenheit gewesen, im Eulenspiegel +sah und lachte das Volk sich wieder einmal selber ins Gesicht. +In allen Fastnachtskomödien war er ja schon als Kasperle oder +Hanswurst figürlich aufgetreten, hier hatte man seine in wohlgesetzte +Worte gebrachte Biographie des komischen Heldenlebens. +Eulenspiegel, der ernsthafte Schalk, ist die Typisierung +der einen Seite des deutschen Ideals, dessen andere Seite (ob +Rück- oder Vorderseite der Medaille bleibe dahingestellt) den +Doktor Faust, titanischen Ringer um die letzten Probleme, +zeigt. Eulenspiegel tritt auf als Richter der Menschheit: er +richtet sie mit einem schiefen Zucken seines Mundes, mit der +sofortigen Realisierung ihrer Ideen, deren Wert und Möglichkeit +dadurch <span class="f" lang="la" xml:lang="la">ad absurdum</span> geführt werden. Er ist zugleich leicht- und +tiefsinnig. Seine Späße exemplifizieren das Chaos. Sie +dozieren bis zur Brutalität das Bibelwort: Der Mensch ist +aus Dreck gemacht. Das Urbild des Tyll Eulenspiegel hat wirklich +gelebt. Chroniken berichten von seinem 1350 zu Mölln +erfolgten Tode, wo noch heute sein Grabstein gezeigt wird. +Vorher waren schon Schwankbücher wie <em class="g">Jörg Wickrams</em> +<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> +»Rollwagenbüchlein« oder des Bruders <em class="g">Johannes Pauli</em> +»Schimpf und Ernst« (1522) Mode geworden: Bücher, die +heitere oder moralische Anekdoten erzählten, die sich nicht um +einen einzelnen Narren gruppierten: die damalige Reiselektüre, +auf den Rollwagen mitzunehmen. Wobei zu bemerken +ist, daß diese Reiselektüre unendlich gehaltvoller war als die +heute verbreitete. Bruder Johannes Pauli ist ein belesener und +witziger Mann, der ausgezeichnet zu erzählen vermag und unsere +Stratz und Höcker überragt wie ein Kirchturm eine verkrüppelte +Kiefer. Da liest man folgendes: »Man zog einmal aus in einen +Krieg mit großen Büchsen und mit viel Gewehren, wie es denn +Sitte ist; da stund ein Narr da und fragte, was Lebens das +wäre? Man sprach: Die ziehen in den Krieg! Der Narr sprach: +Was tut man im Krieg? Man sprach: Man verbrennt Dörfer +und gewinnt Städte und verdirbt Wein und Korn und schlägt +einander tot. Der Narr sprach: Warum geschieht das? Sie +sprachen: Damit man Frieden mache! Da sprach der Narr: +Es wäre besser, man machte vorher Frieden, damit solcher +Schaden vermieden bliebe. Wenn es mir nachginge, so würde +ich vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach; darum +so bin ich witziger als Eure Herren.« Hätten wir Deutschen vor +dem Kriege Johannes Pauli als Reiselektüre gelesen an Stelle +von Walter Bloems »Eisernem Jahr«: vielleicht wäre es nicht +zum Kriege gekommen, und wir hätten uns dieses Narren +Meinung zu Herzen genommen.</p> + +<p class="newsection"><em class="g">Luther</em> wurde 1483 in Eisleben als Sohn eines herrischen +Vaters geboren. Er verbrachte seine Jugend mißmutig, +störrisch, verprügelt, und richtete schon früh sein Auge von der +Misere außen nach innen. Sein Vater hat ihn hart geschlagen: +daß er wie ein Stein oder ein Stück Holz schien. Aber hinter +der harten Schale verbarg sich ein weicher und süßer Kern. +Sein »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, +<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +Amen!« wird immer ein Fanfarenruf aller aufrechten Männer +sein. Sein Reformationswerk war eine historische Notwendigkeit. +Aber die Historie wandelt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, +von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Bismarcks Werk schien +auf Felsen gegründet: wenige Jahrzehnte genügten, es zu +unterhöhlen, bis es 1918 mit einem gewaltigen Krach zusammenstürzte. +Auch über Luthers Reformation ist das letzte +Urteil von der Geschichte noch nicht gefällt. Unsere heutige +evangelische Kirche spricht in ihrer aufklärerischen, kahlen, +gottlosen Nüchternheit nicht für eine lange Dauer. Die Zeit +will wieder fromm werden. Luther war ein religiöser Mensch, +die Lutheraner sind theologische Dogmatiker oder rationalistische +Moralisten. Sie bezweifeln das Wunder, wollen Natur- und +Kirchengeschichte unter denselben Pfaffenhut bringen: aber +wer das Wunder bezweifelt, bezweifelt Gott selbst. Luther +hat die damalige Christenheit, unterstützt von der humanistischen +Vorrevolution des Geistes, von der römischen Knechtschaft +befreit, aber er hat den Deutschen den schlechtesten Dienst +erwiesen, als er in den Bauernkriegen Partei für die Fürsten +ergriff und durch seine sophistische Auslegung der Bibel im +monarchistischen Sinne (»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers +ist … es ist euch eine Obrigkeit gesetzt von Gott, der sollt ihr +untertan sein …«) die Deutschen unter die absolute Tyrannei +der Fürsten brachte und Tyrannei und Sklaverei nun gar noch +ethisch zu fundieren trachtete. Hier trieb der einst in seiner +Jugend vom Vater in ihm gezüchtete und herangeprügelte +Autoritätswahn häßliche Blüten. Daß der »Untertan« den +Deutschen noch heute so tief im Blute steckt, daß selbst die +Revolution 1918 ihn nicht auszuroden vermochte, das ist nicht +zum wenigsten auf die Philosophen des Staatsrechts und des +Machtwahns: Bismarck, Hegel, Luther zurückzuführen. Luther +aber war ihr bedeutendster und also verderblichster Vertreter. +Erscheint seine historische Stellung in mindestens zweifelhaftem +Lichte, so ist seine Stellung in der deutschen Literatur +<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +eindeutig fest und steil gefügt. Die Bedeutung der Lutherschen, +1534 vollendeten Bibelübersetzung kann nicht überschätzt +werden. Es ist, als hätte Luther die neue deutsche Sprache +überhaupt erst geschaffen. Aus so mangelhaften Vorlagen wie +der sächsischen Kanzleisprache und der obersächsischen Mundart +zimmerte er wie ein Geigenbauer jenes klingende Instrument, +auf dem entzückt und berauscht wir heute noch spielen dürfen. +Er aber war der Töne Meister wie Arion: und wenn er +sprach, dann schwieg die Nachtigall, dann hob der Esel lauschend +den behaarten Kopf – dann verstummten selbst die Humanisten +mit ihrem lateinischen Geplauder, und Ulrich von Hutten +konnte auf einmal deutsch statt lateinisch denken und dichten. +»Ich hab's gewagt.« Die deutsche Sprache war den gelehrten +Herren bisher zu grobschlächtig gewesen für ihre Spitzfindigkeiten. +Sie wollten nichts mit dem Pöbel gemein haben, und +es war ihnen gerade recht, daß man sie in der Menge nicht +verstand. Nun aber hörten sie erstaunt, gleichsam zum erstenmal, +den Klang der deutschen Sprache. Das war wie Möwenschrei +über der Elbe, wie Amselsang im Frühling, wie Herbstwind +in den Sandsteinfelsen, wie Quellengeriesel im Eichenwald. +Und einer nach dem andern tat sein in Schweinsleder +gebundenes lateinisches und griechisches Lexikon in den Bücherschrank +zurück und legte die Luthersche Bibel auf den Schreibtisch +und fand darin sein Morgen- und sein Abendgebet. Auch +Luthers Flugschriften, wie »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, +flogen durch das Land, und in Kirchen und auf +Straßen sang es: »Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein«. +Und sie, die tumben Bauern, die im Vertrauen auf seine Lehre +und ihren Lehrer sie in die Tat umzusetzen versuchten (denn +was ist die Idee ohne die Tat? Das ist wie Seele ohne Leib, +wie Duft ohne Blume): sie starben, als sie von ihm verlassen +wurden, hingeschlachtet von den Schwerthieben der Söldner, +mit dem Ruf: »Ein feste Burg ist unser Gott …« Luthers +kernige und fröhliche Tischreden, die von seinen Freunden aufgezeichnet +<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +wurden, beweisen, was für ein großer Redner er +war. Er steckte damit wohl alle heutigen <ins class="correction" title="Volkstribünen">Volkstribunen</ins> in die +Tasche: nur schade, daß er selber kein Volks-, sondern ein +Fürstentribun war.</p> + +<p class="newsection">Luther starb 1546 in Eisleben. Von seiner geistlichen Lyrik +nahm das evangelische Kirchenlied seinen Anfang. Ihre +schönsten geistlichen Lieder verdankt die evangelische Kirche +<em class="g">Paul Gerhard</em> (1607–1676, starb in Lübben als Prediger). +Ein einfaches Gemüt paart sich mit einem streitbaren Gotteseifer +und einem unbeirrbaren poetischen Formgefühl. Wir +alle, die wir Evangelische (ach! keine Evangelisten mehr …) +sind, haben als Kinder diese Gedichte in der Konfirmationsstunde +auswendig gelernt und in der kahlen Dorfkirche gesungen. +In ihnen durfte sich das kindliche Gemüt Gott wahrhaft +nah fühlen. Die Musik dieser Verse strich uns, wenn der +lahme Küster die Orgel spielte, wie mit Vaterhänden über die +Stirn, und unsere kindlichen Sorgen beschwichtigte das singende +Geständnis, das unsere Lippen hauchten: Ich weiß, daß ein +Erlöser lebt … Abends aber, wenn nach des Tages Arbeit +wir mit Vater und Mutter und mit den Knechten und Mägden +vor der Tür in der lauen Sommerluft saßen, eine Kuh verschlafen +im Stalle muhte, die Hühner auf der Stange hockten, +den Kopf im Gefieder, dann stimmte mein Großvater an, und +wir fielen alle leise ein:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nun ruhen alle Wälder,<br /></span> +<span class="i0">Vieh, Menschen, Städt' und Felder …<br /></span> +</div></div> + +<p>Von der lutherischen zur katholischen Kirche trat <em class="g">Angelus +Silesius</em> (aus Breslau, 1624–1677), der cherubinische +Wandersmann, über. Er schrieb nach seiner Bekehrung jene +mystischen Zweizeiler, in denen die »ägyptische Plage« des +Dreißigjährigen Krieges einen so prägnanten, überaktuellen +Ausdruck fand.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +Um diese Zeit begann Magister Opitz (aus Bunzlau, 1597 +bis 1639) seine lehrhafte Tätigkeit. Es ist heute leicht, sich +über eine Menge seiner Unarten und Albernheiten lustig zu +machen: sein Verdienst um die Hebung des allgemeinen +Niveaus kann nicht bestritten werden. Ohne Opitz kein Gottsched, +ohne Gottsched kein Herder, ohne Herder kein Goethe.</p> + +<p><em class="g">Paul Fleming</em> (aus dem sächsischen Erzgebirge, 1609 +bis 1640) wandelte als Planet im Gefolge der Opitzschen Sonne. +Aber es sollte ihm gelingen, eigene Bahnen zu finden und sie zu +überstrahlen. Seine zärtliche Liebe zu Elsabe schenkte der +deutschen Dichtung einige ihrer schönsten Liebesgedichte. Fabrikanten +von protestantischen Gesangbüchern haben es sich nicht +nehmen lassen, ihre dogmatische Giftmischerkunst daran zu +versuchen und umgekehrt, wie einst Christus, Wein in Wasser +zu verwandeln. Sie setzten nämlich für Elsabe Jesus, und +wenn im Liede Elsabe ihr Jawort gibt, so modeln sie das in: +»Jesus gibt sein Ja auch drein«. Zu dieser Verballhornung +hat Jesus sicher sein Ja nicht drein gegeben. Er wird im +Himmel sanft gelächelt haben, denn er kennt seine Pfaffenheimer.</p> + +<p class="newsection">In der Lyrik der Schlesier <em class="g">Hofmann von Hofmannswaldau</em> +(1617–1679) und <em class="g">Daniel Caspar von +Lohenstein</em> (1635–1683) spielt Venus, prunkvoll aufgeputzt, +eine triumphierende Rolle. Wenn sie, wie zuweilen +bei Hofmannswaldau, vom Venuswagen steigt, ihr überladenes +Geschmeide abtut und ein hübsches Breslauer +Bürgermädchen wird, braunhaarig, braunäugig, rotwangig: +da wird sie uns lieb und vertraut, wir +setzen uns gern zu ihr ins <ins class="correction" title="Grab">Gras</ins> und lassen uns ein ihr zu +Ehr und Preis verfertigtes Lied des Herrn von Hofmannswaldau +mit leiser Stimme ins Ohr singen. Caspar von Lohenstein +<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span> +huldigte seinerseits neben der Venus den Göttern Mars +und Mors. Er schrieb schwulstige Tragödien von schauerlicher +Blutrünstigkeit. Der Entfaltung der Sitten und der Entwicklung +der Tugend war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges +nicht gerade günstig. Im großen und im kleinen wurde geplündert, +gemordet und vergewaltigt. Der Fürst vergewaltigte +das Land, der Landsknecht die Bauernmagd. Zum Besten des +Vaterlandes und zu höherer Ehre Gottes wurden die abscheulichsten +Taten getan. Der Wiener Hofkapuziner <em class="g">Abraham +a Santa Clara</em> (1644–1709) wetterte in seinen Reden und +Predigten mit <ins class="correction" title="Sentorstimme">Stentorstimme</ins> und einem gewaltigen Aufwand +an schnurrigem Pathos gegen die Sittenlosigkeit, wobei er +wenig genug ausrichtete. Der Elsässer <em class="g">Moscherosch</em> (1601 +bis 1669) malte in seinen »Gesichten Philanders von Sittewald« +die Verrottung der Zeit, die ihre höchste dichterische +Formung in <em class="g">Christoph von Grimmelshausens</em> +(aus Hessen, 1625–1676) »Abenteuerlichem Simplizissimus« +fand. Neben dem Grübler Faust, dem weisen Narren Eulenspiegel +kann man den reinen Toren Parsival als die dritte Verkörperung +der deutschen Seele ansprechen. Parsival heißt bei +Grimmelshausen Simplizissimus. Alle die vielfältigen Anfechtungen +besiegt und überwindet die einfältige Seele, die groß +und einfach in sich selber ruht, wie eine Perle in der Muschel. +Der Hintergrund des Romans ist das zerrissene und zertretene +Deutschland des Dreißigjährigen Krieges. <em class="g">Andreas Gryphius</em> +(aus Großglogau, 1616–1664) erlebte das allgemeine +Elend seiner Zeit am eigenen Leibe und an eigener Seele nicht +typisch wie Grimmelshausen, sondern individuell: und es gelang +ihm, es bis zur reinsten lyrischen Gestaltung zu verklären. Das +Leitmotiv seiner Gedichte ist das christliche Symbol von der +Vergänglichkeit des Menschen und der Eitelkeit alles Irdischen. +Dieses ursprünglich religiöse und fast kirchlich-dogmatische +Gefühl vertieft sich in seinen Sonetten grandios künstlerisch +zur Weltanschauung einer erschütternden Resignation und +<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +eines erhaben schmerzlichen Pessimismus. Die grauenvolle +Zeit, die in dem Krieg und in dem Frieden, in dem wir heute +gezwungen sind zu leben und zu sterben, eine Parallele findet, +duldete keines fröhlichen Weltfreundes rosenroten Optimismus. +<span class="f" lang="la" xml:lang="la">Vanitas! Vanitatum vanitas!</span> Es ist alles eitel. Daß auch +der Seelen Schatz so vielen abgezwungen – dies ist die +bitterste Erfahrung, die uns auch der große Krieg von 1914 +bis 1918 gelehrt hat. Lüge, Heuchelei, Mammonismus und +Materialismus haben die Seelen regiert, und wo ist jemand, +der da sprechen kann, daß die seine im Schwertertanz ums +goldene Kalb ganz frei davon geblieben? Stoßt das goldene +Kalb vom Sockel und setzt eine weiße Marmorstatue der Göttin +der Liebe, der Welt- und Gott- und Menschenliebe an seiner +statt und nehmt euch bei den Händen und schlingt um das +Denkmal wie mit Rosenketten den Frühlingsreigen einer besseren +Zeit. – Elegie und Ironie wohnen nahe beieinander. In +Gryphius' Lustspiel <span class="f" lang="la" xml:lang="la">»Horribilicribrifax«</span> schwingt er spöttischen +Mundes die Geißel über Halbbildung und Phrasentum, die +sich als Folge der Überschätzung alles Militärischen besonders +beim Offiziersstand bemerkbar machten. Der aufschneiderische +Maulheld <span class="f" lang="la" xml:lang="la">Horribilicribrifax</span> ist eine köstliche Figur, die man +heute noch leibhaftig herumlaufen sehen kann. – Einen bürgerlichen +Maulhelden nahm sich <em class="g">Christian Reuter</em>, ein +Leipziger Student (geboren 1665), eine unstete Vagantennatur, +die irgendwo im Elend verdarb und starb, zum Vorbild; es ist +der Signor Eustachius Schelmuffski, dessen wahrhaftige, kuriose +und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande +auf das vollkommenste und akkurateste er an den Tag gab. +Diese lügenhafte Reisegeschichte, die Schelmuffski über Schweden, +die Bretagne, Rom bis nach Indien führt (sie ist dem +hochgeborenen großen Mogul dem Älteren, weltberühmten +Könige oder vielmehr Kaiser in Indien gewidmet …), ist +einer der besten komischen Romane der Deutschen und nebenbei +ein ergötzlicher Zeitspiegel. Auch Gryphius und Grimmelshausen +<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +spiegelten die Zeit. Sehen wir in ihren Zeitspiegel, +steigt die Träne ins Lid.</p> + +<p class="newsection">Wie ein Sturmwind braust <em class="g">Johann Christian +Günther</em> (aus Striegau, 1695–1723), der Götterbote +einer neuen Zeit, in die deutsche Dichtung. Er schmiedete +ihr die Waffen, mit denen sie später unter Goethe den himmlischen +Sieg erfechten sollte. Was wäre der Sturm und Drang +ohne Günther? Was Goethe ohne Günther geworden? Er war +sein Vorläufer, sein Johannes, der ihm die Wege bereitete. Wie +in Frankreich der Vagant François Villon, so steht in Deutschland +der ahasverische Wanderer Johann Christian Günther, +Student und Vagabund, der Unstete, der Schweifende, am Anfang +der neuen Dichtung. Nur wer den Mut zu Ab- und Seitenwegen +hat, der wird auch neue Wege finden. Darum sind alle +diese Pfadfinder von schwankender Menschlichkeit und durchweg, +wenn auch nicht immoralisch, so doch amoralisch gerichtet. Sie +sind verdammt, Lasten und Laster einer Generation vorweg zu +nehmen und zu schleppen, die nach ihnen kommt. Diese hat +ihre Freiheit der Unfreiheit, ihre schwebende Leichtigkeit der +stampfenden Schwere jener zu danken. Jene sind wie Stiere, +diese wie Sonnenadler. Der junge Goethe als Student in +Leipzig: das ist eine wörtliche Neuauflage des jungen Günther. +Der nie ein alter Günther werden sollte, denn er starb im +28. Jahre an einem Blutsturz. Diesen Blutsturz erlebte auch +Goethe in Leipzig: aber er überstand ihn und ging gekräftigt +aus der Krise hervor. Günther hatte sein Blut verströmt. +Sein junges Leben und Dichten ist ein Verbrennen und Verbluten. +Er ist der erste Dichter, der sich bewußt außerhalb +der bürgerlichen Gesellschaft stellt, und der dadurch jenen +latenten Konflikt mit seinem starrköpfigen Vater heraufbeschwor, +der nicht wenig zu seiner Erbitterung und Verbitterung +und zu seinem vorzeitigen Zusammenbruch beigetragen hat. +<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span> +Gar so leicht wurde es dem Kinde nicht, von selbst gehen zu +lernen in einer Welt, die sich ihm feindlich gegenüberstellte, +und die Ablösung von der Nabelschnur, die ihn in den Eltern +mit dem Bürgertum verband, geschah nicht ohne Krämpfe und +Schmerzen. Er hatte Feinde »ringsum«. Seine wilde Leier +wünschten Tausende ins Feuer, »denn sie rasselt allzuscharf«. +Wie ein von allen gemiedener räudiger Hund lief er durch +Deutschlands Straßen. Da übermannte ihn die Verzweiflung, +daß er zu sterben wünschte, weil Leonore selbst ihn verlassen. +Aber er reißt sich wieder empor, die Tränen versiegen, die +Faust ballt sich:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich will hoffen, Hoffnung siegt.<br /></span> +</div></div> + +<p>Und abends, auf der Dorfstraße, wenn er ein schönes Mädchen +am Zaun stehen sah, konnte er wieder lächeln. Er lächelte +und lachte ihr und sang ihr zu:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Schönen Kindern Liebe singen<br /></span> +<span class="i0">Ist das Amt der Poesie,<br /></span> +</div></div> + +<p>und reichte ihr galant den Arm und spazierte mit ihr in den +Wald oder auf den Kirchhof, und auf den Gräbern der Toten +blühten die Küsse der Lebenden und Liebenden wie Jasmin und +Tulipan.</p> + +<p>Gelangt er bei seiner Wanderung in eine Universitätsstadt, +versammelt er eine Genossenschaft junger trunkener Menschen +um sich und singt ihnen das schönste deutsche Studentenlied:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Bruder, laßt uns lustig sein,<br /></span> +<span class="i0">Weil der Frühling währet …<br /></span> +</div></div> + +<p>Sein Lorbeer grünt, wie er selber sang, auf die Nachwelt hin. +<ins class="correction" title="Seine">Sein</ins> Name dringt durch Sturm und Wetter der Ewigkeit ins +Heiligtum.</p> + +<p class="newsection">Mit Günther gleichaltrig ist der Ostpreuße <em class="g">Johann +Christoph Gottsched</em> (1700–1766), der der deutschen +Literatur mit professoraler Weisheit und deutend erhobenem +<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span> +Zeigefinger: dies darfst du! und: dies darfst du nicht! +auf die Beine helfen wollte. Ich weiß nicht, ob er Günther gekannt +hat. Jedenfalls hätten ihn seine Wildheit und sein Feuer +bestürzt und erschreckt. Er war für das Manierliche und Moralische. +Bürgerlich-wohlanständig, klar, deutlich und nüchtern hatte +die Poesie zu sein. In seinem »Versuch einer kritischen Dichtkunst +für die Deutschen« stellte er eine enge und beschränkte +Theorie auf und verlangte mit der Geste eines Diktators, daß +sich jeder Dichter – immer mal wieder – strikt danach zu +richten habe, ansonst der Herr Lehrer ihm eine Fünf ins +Büchel schreibe. Das Wichtige an Gottscheds dramaturgischen +Leistungen ist das Wagnis, das Experiment. Andere erst +sollten aus seinen Erfahrungen lernen. Der Liebling des +Lesepublikums wurde <em class="g">Christian Fürchtegott Gellert</em> +(aus Sachsen, 1715–1769). Denn er vereinigte die damaligen +Richtungen harmonisch in sich: Gottscheds Steifheit, Bodmers +»moralische« Phantasie, Hallers gebirgiges Barock und eine +milde pietistische Frömmigkeit, die seit Gerhard und Gryphius +aus der deutschen Dichtung nicht verschwunden war. Zu seiner +Volkstümlichkeit trug nicht wenig ein ehrenfester, lauterer +Charakter bei. In ihm durfte das Bürgertum sein Ideal +sehen: selbst Friedrich der Große, der in seiner Schrift »Von +der deutschen Literatur« vor der deutschen Dichtung absolut +keinen Respekt zeigte, verneigte sich huldigend vor dem kleinen +Leipziger Professor der Beredsamkeit und Moral. Seine +Fabeln, Erzählungen und geistlichen Lieder plätschern sacht +und sanft daher, hie und da mit einem Schuß gutmütiger +Bosheit versehen, gerade so boshaft, daß es nicht weh tut. +Weh tun wollte diese personifizierte Güte niemandem. Er +war nicht nur ein Fürchtegott, sondern auch ein Fürchtemensch +und Fürchtetier. Daß das Tier in ihm wie in jedem Menschen +lebendig war, beweist eine in mancher Fabel durchbrechende +Lüsternheit, die zu unterdrücken seine ganze moralische Kraft +notwendig war. Denn er war zu krank, um einer animalischen +<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +Lust recht und wahrhaft leben zu können wie <em class="g">Friedrich von +Hagedorn</em> (aus Hamburg, 1708–1754), der Anführer einer +ganzen Schar galanter Herren, die in erster Linie Kavaliere, +in zweiter erst Dichter sein wollten und die Anbetung der +Muse und der geliebten Frau höchst zweckmäßig vereinten.</p> + +<p class="newsection">Auf dem Wege über die Romanen waren Horaz und Anakreon +zu den Deutschen gekommen. Bei dieser Wanderung +hatten sie manches von ihren ursprünglichen Reizen verloren +und manches an neuen Reizen hinzubekommen. Anakreon war +in Frankreich ein leichtfertiger, eleganter Schürzenjäger, Horaz +im Gefolge der päpstlichen Höfe ein überaus witziger, wohlbeleibter, +immer leicht angetrunkener Domherr geworden, dem +ein Kranz voll Weinlaub die Tonsur verdeckte, und bei dem +die schönen Damen von Rom und Ravenna gern und willig +beichteten, denn er sprach sie lächelnd von vornherein aller +Sünden ledig. Anakreon und Horaz sind die Väter des +französischen und des deutschen Rokoko: die griechischen Götter, +nach französischer Mode aufgeputzt, Eros und Silen führten +den trunkenen Reihen der Poeten, die sich griechische Namen +gaben, wie Damon oder Bathyll, und ihrer liebreizenden +Schäferinnen: Phyllis oder Chloe gerufen. Das ländliche +Leben wurde Mode. Aber es war nur ein Aufputz. Die +Damen frisierten sich als Bäuerinnen, ihr Herz war von der +Natur recht weit entfernt, jede Berührung mit der wahren +Natur und ihrer Derbheit erschreckte sie. Sie kleideten sich in +Hirtenkleider, die ein Pariser Modekünstler entworfen hatte, +und hüteten auf wohlgepflegten Wiesen kurz geschorene, weiß +gewaschene, saubere Lämmchen, mit rosa Bändern am Hals +und einer kleinen Glocke daran. Und die Hirtenstäbe der +Herren waren mit Silber und Gold besetzt. Die anakreontische +Lyrik beginnt, ungeschickt angeschlagen, schon bei den Pegnitzschäfern +<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +in Nürnberg um 1644 zu erklingen, einer der +sogenannten Sprachgesellschaften, die im Anschluß an die +Meistersingerschulen entstanden. Die Dichter dieser Gesellschaft, +zu denen auch der gute <em class="g">Philipp Harsdörffer</em> gehört, +der Erfinder des »Nürnberger Trichters« (mit dem er den bedauernswerten +Zeitgenossen die Poesie künstlich eintrichtern +wollte), führten je einen Hirtennamen und als Symbol je +eine Blume im Dichterwappen. Hagedorn und seine Kameraden +sind begabter als ihre Vorläufer im 17. Jahrhundert. +Die Hainbündler, die Stürmer und Dränger, der junge Goethe: +sie konnten lange nicht von den hier angeschlagenen Tönen loskommen. +Aber außer Goethe gelang es noch einem Lyriker, +seiner im Walde der Anakreontik geschnitzten Flöte eigene +Töne zu entlocken: <em class="g">Johann Georg Jacobi</em> (aus Düsseldorf, +1740–1814). »Ihm war die Grazie (– übrigens das Lieblingswort +der Epoche! –), die so mancher Anakreontiker sich +mühsam anlernen mußte, angeboren« heißt es im Vorwort +zu seinen »Sämtlichen Werken«. Verse wie die »An ein sterbendes +Kind« gerichteten, sind rhythmisch so kühn und neu, daß +sie von Goethe sein könnten.</p> + +<p>Gottfried Keller hat in seiner Novelle »Der Landvogt von +Greifensee« ein reizendes Bild von einem ländlichen Fest gemalt, +das der Zürcherische Dichter <em class="g">Salomon Geßner</em> +(1730–1788) auf seinem Landhaus im Sihlwald seinen Freunden +gibt. Dieser Salomon Geßner ist der Schöpfer der deutschen +Idylle. Sein Talent ist begrenzt, aber innerhalb der Grenzen +seines Talents bewegt er sich mit vollendeter Sicherheit und +Anmut. Er gehört zu den allerliebenswürdigsten Erscheinungen +der deutschen Dichtung. Geßner war einmal eine +europäische Berühmtheit. Es wird nicht besser werden in der +Welt, ehe es Geßner nicht wieder ist. Wir werden erst dann +den ewigen Frieden haben, wenn arkadische Dichter wie er +wahrhaft populär geworden sind.</p> + +<p class="newsection">Ist +<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +Opitz als Privatdozent, Gottsched als außerordentlicher +Professor der deutschen Literatur anzusprechen, so darf man +<em class="g">Gotthold Ephraim Lessing</em> (geboren zu Kamenz, +1729) den Titel eines ordentlichen Professors und vortragenden +Rates mit dem Prädikat Exzellenz nicht vorenthalten. Er +ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm langweilen. +Aber er ist auch nicht der beschwingte Genius und Fackelträger, +zu dem man ihn hat empordichten wollen. Ernst, behutsam und +bedächtig suchte er mit seiner Laterne das Dunkel der deutschen +Dichtung zu erhellen, und es gelang ihm, über viele +dämmerige und nachtschwarze Stellen Licht und Erkenntnis +zu verbreiten. Das besorgte er besonders mit seinen »Briefen, +die neueste Literatur betreffend«. Da rief er Shakespeare, +den Zauberer aus dem Wunderland der Wirklichkeit, zum +Zeugen auf gegen Gottscheds Schablonenidealität. Da hob +er den Mythos von Faust ans Licht, entdeckte entzückt das +deutsche Volkslied und einen verschollenen Poeten wie Friedrich +von Logau. Die Schrift Laokoon oder über die Grenzen der +Malerei und Poesie hat zu seiner Zeit alarmierender gewirkt +als heute in den Primen der Gymnasien. Die klare Unterscheidung +von den Möglichkeiten, von Harmonie und Differenz +zwischen Malerei und Poesie tat dazumal bitter not. Denn +die sogenannte beschreibende und malende Poesie, von Opitz +eingeführt, von Haller, Matthisson und vielen minderen fortgeführt, +drohte in ihren Auswüchsen die gerade nur erst hügeligen +Ansätze einer neuen Dichtung völlig zu verflachen. Indem +er die Plastik als räumlich, die Dichtung als zeitlich (nicht +im historischen Sinne) bedingt definierte, eröffnete er auch +Perspektiven auf Raum und Zeit, auf Traum und Ewigkeit +schlechthin. Er rief den Dichtern zu: Nicht rasten! Nicht ruhen! +Ruhe, Beharrung ist das Zeichen der bildenden Kunst. Ihr +müßt, berlinisch gesprochen, Leben in die Bude bringen. <span class="f" lang="fr" xml:lang="fr">En +avant!</span> Vorwärts! Attacke! Professor Lessing gerät hier in +Feuer. Auch in der »Hamburgischen Dramaturgie« (1767 bis +<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> +1769) zeigt er sich reichlich temperamentvoll, wie er mit den +französischen Klassikern herumfährt, daß ihnen nur so der Puder +aus den Perücken fährt. Er restituiert Aristoteles und versetzt +die wahre tragische Handlung in die Seele des Menschen. Den +Regeln, die er in der Hamburgischen Dramaturgie aufgestellt, +versucht er in einigen Dramen nachzuleben. In »Miß Sarah +Sampson« wagt er schon 1755 das Drama von jeder Staatsaktion +zu entkleiden und steigt ins gut, ins schlecht bürgerliche +Milieu hinab. Er wollte beweisen, daß nicht bloß eine Prinzessin, +sondern auch ein einfaches Bürgermädchen seine Tragödie +erleben kann. Die französischen Klassiker reservierten +prinzipiell das Tragische den Herren und Damen vom Hofe +und den Göttern. In »Minna von Barnhelm« haben wir, +trotz mancher Schwächen im einzelnen, eine wirkliche Dichtung. +Professor Lessing lege seinen ersten Titel ab und sei Dichter +Lessing genannt. Mit dem Prinzen von Homburg ist +der Major von Tellheim einer der wenigen sympathischen preußischen +Charaktere in der deutschen Literatur. In »Emilia +Galotti« tritt Lessing unter der Maske des Odoardo als Richter +den Fürsten seiner Zeit entgegen. Und sei hier nicht mehr +Dichter, sondern Richter Lessing genannt. In »Nathan dem +Weisen« faßt Lessing seine drei bisherigen Berufe noch einmal +zusammen: hier ist er der Philosoph, der Dichter, der +Richter. Hier predigt er die allgemeine Toleranz, die große +Liebe. Der christliche Tempelherr, der Mohammedaner Saladin +und der Jude Nathan feiern den Bruderbund der Menschheit. +Die gute Idee ist nichts ohne die gute Tat. Gut denken +heiße: gut sein. Zwei Jahre nach der Vollendung des Nathan +vollendete sich Lessing selbst.</p> + +<p class="newsection">Das Größte an <em class="g">Klopstock</em> (aus Quedlinburg, 1724 bis +1803) ist sein patriarchalisches Pathos. Es scheint, als +hätte er schon Schulpforta mit neunzehn Jahren als Patriarch +und Weltmeister verlassen. In seiner Abschiedsrede klingt das +<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +hohe Bewußtsein einer erlauchten Berufung. Ich will, so rief er, +der Milton der Deutschen werden! – Und er ist es geworden. +Alles, was er gewollt hat, hat er gekonnt. Wie ein Priester +hat er seines Amtes gewaltet. Und wenn er, seine Bardengesänge, +die <span class="f">Bardiete</span>, singend, den deutschen Göttern opferte, +war das Gotteshaus gefüllt mit andächtigen Jünglingen und +Jungfrauen, die in ihm den Stellvertreter des deutschen Gottes +auf Erden, den deutschen Papst, sahen. Er goß den deutschen +Wein in griechische Pokale: in seinen »Oden«, die die fremde +Form vergessen lassen, so deutsch sind sie. Er ist spröder als +Hölderlin und unserem Empfinden schwerer zugänglich – +aber die Bekanntschaft mit ihm wiegt Dutzende heutiger Lyriker +auf. Seine zuchtvolle Strenge könnte der heutigen Auflösung +gut tun. Die jungen Dichter könnten von ihm lernen, vorausgesetzt, +daß sie überhaupt etwas lernen wollen. Der Meister +Klopstock fühlte sich zeitlebens als »der Lehrling der Griechen«. +Sein episches Hauptwerk ist der »Messias«, ein Gedicht von +Sünde und Erlösung in zwanzig hexametrischen Gesängen. Es +schildert den Weg des Gottessohnes vom Himmel durch die +Hölle zur Erde und wieder zum Himmel: am schönsten in +seinen hymnischen und lyrischen Stellen. Hin und wieder +verleitet ihn das priesterliche Ornat zu zeremoniellen Gesten +und oratorischen Phrasen.</p> + +<p class="newsection">Zwei seelische Richtungen suchten um die Mitte des 18. Jahrhunderts +einander den Rang streitig zu machen: eine +schwärmerische und eine rebellische. Die schwärmerische ging +von Klopstock und seinem Gefolge: dem Hainbund (Hölty, +Voß, Matthisson, dem Schweizer Salis-Seewis, Claudius) aus; +die zweite blühte aus wilden Studentenkameradschaften empor, +und ihr Meister hieß Johann Christian Günther. Sie selber +aber nannten sich nach einem »Sturm und Drang« (1776) +betitelten Drama eines der ihren, des Maximilian Klinger: +<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> +Stürmer und Dränger. Klinger war ein Freund Goethes, +und aus ihrem Kreise ist, betreut von Herders wachsamem +Auge, der Stürmer und Dränger hervorgegangen, der sie alle +überstürmen und zurückdrängen sollte: Goethe. Wie die Bruderbünde +der heutigen jungen Dichter hatten sowohl die +Hainbündler wie die Stürmer und Dränger die Brüderlichkeit, +die Weltumarmung, die Menschlichkeit auf ihre Fahnen +geschrieben, und Freundschaft galt ihnen als ein heiliges Wort. +Die bedeutendsten Mitglieder des Hainbundes waren <em class="g">Johann +Heinrich Voß</em> aus Mecklenburg (1751 bis 1826) +und <em class="g">Ludwig Hölty</em>, der 1776 im jugendlichen Alter von +achtundzwanzig Jahren starb, der Apollo und Adonis des Bundes: +gepriesen als der Liebling der Götter. Voß, der später die +Redaktion des Bundesorganes, des Göttinger Musenalmanachs, +übernahm, darf eigenen dichterischen Wert höchstens als Idylliker +(Luise, Der siebzigste Geburtstag) beanspruchen. Zu den harmlosen, +aber hübschen <ins class="correction" title="Hexamenten">Hexametern</ins> war er angeregt worden durch +Übersetzungen der Homerschen Odyssee (1781) und Ilias, die +an Wert und Wirkung den Herderschen Stimmen der +Völker in Liedern nicht nachstehen und den Blick der Deutschen +auf das griechische Heldenepos lenkten. Wenn Achilles und Hektor +in Deutschland so volkstümliche Figuren geworden sind wie +Siegfried und Hagen, wenn Zeus und Hera in der Götterwelt +Wodan und Freya den Rang streitig machen, so ist's das Verdienst +von Voß, dem Ganymed, der lockige Schenke, im olympischen +Saale dafür einen besonderen Humpen Nektar kredenzen +möge!</p> + +<p class="newsection">Im Pantheon des Hainbundes standen die Hermen von +Ossian, Klopstock und Herder, dagegen erscholl an die +Adresse <em class="g">Wielands</em> (1733–1813, aus Oberholzheim) in +jeder Bundessitzung ein dreifach kräftiges Pereat. Dieser +<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +war in ihren Augen ein allzu ungezogener Liebling der Grazien. +Seine charmanten Frivolitäten, sein graziöser, klingender +Stil, spielend wie eine Wasserkunst im Schlosse irgendeines +Rokokofürsten, fanden nicht Gnade vor ihren Augen. Sie +ziehen ihn der Sittenlosigkeit, der Undeutschheit und traten +seine Dichtungen mit Füßen oder verfertigten sich aus seinen +reizenden Perioden Fidibusse, mit denen sie ihre Knasterpfeifen +entzündeten, und Don Sylvio von Rosalva, der Jüngling +Agathon und die zärtliche Musarion gingen wehklagend und +seufzend in Flammen auf. Hatten die Hainbündler recht, dem +armen Wieland so übel mitzuspielen? Doch wohl nicht. Im +Grunde war er ihnen verwandter als sie ahnen oder fühlen +konnten. Auch er war ein Schwärmer wie sie – aber er +ging nicht wie sie durch eine, er ging durch tausend Schwärmereien +hindurch und war vom Pietisten bis zum Wollüstling, +vom Hetärenpriester bis zum Anbeter der mütterlichen Frau +so ziemlich alles, was man sein kann. Was seine vielen +Wandlungen verklärt: er war alles mit der gleichen Leidenschaft +und Wahrhaftigkeit. Als Lyriker hatten die Hainbündler +für Wielands Kunst der Erzählung kein Verständnis. +Sein großer Roman »Agathon« (1766), die Entwicklung eines +Menschen zu sich selbst, in einem stark stilisierten Altgriechenland +sich begebend, wird immer ein Markstein in der Entwicklung +der deutschen Prosadichtung sein, die auch durch den +komischen Roman »Die Abderiten« (1780), eine Verspottung +des Spießertums, Bereicherung empfing. Goethe weihte von +allen Schriften Wielands dem Heldenepos »Oberon« (1780) +den Lorbeer, und zwar im wörtlichsten Sinne: nach seinem +Erscheinen sandte er ihm einen Lorbeerkranz. Der »Oberon« +ist das erste Werk, das man neben Mahler Müllers »Genoveva« +den Auftakt der Romantik noch mitten in der Klassik +nennen könnte. Abendland und Morgenland gehe so phantastisch +ineinander über wie die wirkliche und die Geisterwelt.</p> + +<p class="newsection">Unter +<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +den Hainbündlern waren einige, die zwar nominell +ihm nahestanden, innerlich aber dem Sturm und Drang +zugerechnet werden müssen. Unter ihnen ist vor allem <em class="g">Gottfried +August Bürger</em> (1747–1794, aus Ballenstedt) zu +nennen, dessen titanischem Wollen (wie den meisten Stürmern +und Drängern) nur ein sehr menschliches Gelingen beschieden +war. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen +schwebte er zwischen Himmel und Erde, bis ihn die Erde +gnädig in ihren Schoß zurücknahm. Er war ihr einer ihrer +liebsten, aber auch unglücklichsten Söhne. Seine Lieder an +Molly sind von einer rasenden Leidenschaftlichkeit, der die +Zügel durchgehen wie einem wildgewordenen Hengste. Vollkommen +bewährte er sich in seinen Balladen. Auch die Legende +von »Münchhausens wunderbaren Reisen« (1786) muß ihm +herzlich gedankt werden, so wie wir dankbar bei dieser Gelegenheit +des alten <em class="g">Musäus</em> (1735–1787) gedenken müssen, +der die Volksmärchen der Deutschen, darunter die Schnurren +vom grobschlächtigen, schlesischen Waldgott Rübezahl damals +grade sammelte und nacherzählte.</p> + +<p class="newsection">Waren die Hainbündler mehr besinnlich und lyrisch, so +waren die Stürmer und Dränger mehr sinnlich und +dramatisch, heute würde man sagen: mehr politisch, mehr +aktivistisch gerichtet. Sie litten unter der sozialen und politischen +Ungerechtigkeit des Zeitalters. Das Motto Schillers, +das er über »Die Räuber« setzte: <span class="f" lang="la" xml:lang="la">In tyrannos!</span> kann man über +die ganze Richtung setzen. Die Stürmer und Dränger waren +die deutschen Vorläufer und Brüder der französischen Revolutionäre +von 1789. Wie Wilhelm II. dem Erwachen der deutschen +Dichtung aus dem patriotischen Winterschlaf nach dem +siegreichen Krieg von 1870/71 zur Selbstbesinnung, zur Erhebung, +zur Vergeistigung von seinem Standpunkt mit dem +größten Recht mißtrauisch gegenüberstand – denn einer Revolution +<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span> +des Geistes pflegt eine solche der Tat auf dem Fuß +zu folgen: so standen die damaligen Souveräne dem Ansturm +der Stürmer ablehnend und erbittert gegenüber, denn es ging +ums Gottesgnadentum, es ging um Autokratie oder Demokratie +schon damals. Es handelte sich darum, ob die deutschen +Fürsten ihre Untertanen als Schlachtenfutter nach Amerika +verkaufen könnten wie ein Stück Vieh, um aus dem Erlös ihre +fetten Huren und lasterhaften Gelage zu bestreiten, oder ob +der Mensch ein Mensch wie sie, ob es nicht unvergängliche +»Menschenrechte« gäbe, die niemand wagen dürfe anzutasten, +der nicht ein Hundsfott oder Lump sein wolle. In den »Räubern« +und in »Kabale und Liebe« zog Schiller gegen die Tyrannen +vom Leder. Und es ist nicht zu verwundern, wenn Karl +Eugen von Württemberg sich dieser Richtung gegenüber ähnlich +äußerte wie später Wilhelm II.: »Die ganze Richtung paßt +mir nicht!« Schiller wurde 1782 vierzehn Tage in »Schutzhaft« +genommen; als der Fürst ihm wenig später überhaupt untersagte, +weiterhin »Komödie« zu schreiben, machte Schiller dieser +Komödie ein Ende und floh aus Württemberg ins Ausland. +Sein Gesinnungsgenosse, der Schwabe <em class="g">Christian Schubart</em> +(1739 bis 1791), mußte die Auflehnung gegen die +Tyrannei mit einer zehnjährigen Gefangenschaft auf dem +Hohenasperg büßen. Er schleuderte den Fürsten die Verse der +»Fürstengruft« wie Pfeile entgegen.</p> + +<p><em class="g">Jakob Reinhold Lenz</em> (aus Seßwegen, 1751–1792) +schrieb sein Drama »Die Soldaten«, in dem er die Immoralität +des Soldatenlebens attackierte. Sein Leben wie sein Dichten +zerrann ihm wie Wasser zwischen den Händen. Die Erscheinung +Goethes blendete ihn, so daß er die Welt der Erscheinungen +nicht mehr zu sehen vermochte und einer utopischen +Welt verfiel, die halbe Wahrheit und ganze Dichtung nicht +mehr auseinanderzuhalten verstand. Wäre er nur der Lenz +geblieben, der er war! Vielleicht, daß er zu einem fruchtbaren +Sommer gereift wäre! Aber er wollte ein Goethe werden.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +<em class="g">Maximilian Klinger</em> (aus Frankfurt, 1752–1831), +dessen eines Drama der Bewegung den Namen gab, war eine +bedächtigere Natur, obgleich seine Dramen selbst aus allen +Fugen zu gehen scheinen. Im reiferen Alter resigniert er. +In seinen »Betrachtungen« sind aus den Ungetümen und +Unholden, die die Fürsten im Sturm und Drang waren, +schwache Menschen geworden wie wir alle. In der Tendenz +steht der Satiriker <em class="g">Georg Christoph Lichtenberg</em> +(aus Darmstadt, 1742–1799) den Stürmern nahe, besonders in +seinen geistvollen politischen Bemerkungen.</p> + +<p>Als der eigentliche Prosaiker der Richtung muß <em class="g">Wilhelm +Heinse</em> (1749–1803) betrachtet werden. Sein Renaissanceroman +»Ardinghello und die glückseligen Inseln« predigt die +Idee der Kraft, der Schönheit, der leiblichen und seelischen +Nacktheit, der Scham- und Hüllenlosigkeit. Geschrieben in +einem bezaubernden Stil, dessen Wohlklang nur noch von +Geßner in seinen Idyllen und später von Jean Paul erreicht +wird, bezaubert er auch durch die amoralische Anmut seiner +Gestalten und durch die tropisch bunte Ausmalung des Schauplatzes. +Der Starke hat Recht. Aber er siegt nicht durch seine +Stärke, durch rohe Gewalt allein: sie muß sich mit Natürlichkeit, +mit Geist, der Mut muß sich mit Anmut paaren. Heinses +Genie war eine brünstige Flamme. Aber wer feuersicher ist +(und nur der sollte sich ins Feuer wagen), der wird gestählt +und gefestigt durch sie hindurchgehen.</p> + +<p class="newsection"><em class="g">Johann Gottfried Herder</em> (1744–1803, ein geborener +Ostpreuße) ist einer der Lehrmeister der Deutschen. +Wären die Lehr- und Schulmeister der Deutschen alle geartet +wie er: was ließe sich aus ihnen machen! Aber der Teufel +stopft ihnen Wachs in die Ohren und verklebt ihre Augen mit +Pech; also daß sie taub und blind dem ersten besten Eselstreiber +folgen, der sie in den Abgrund führt. Über der festen Grundlage +<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span> +einer allgemeinen, philosophischen und philologischen Bildung +wölbte sich bei Herder in den Gewittern seiner Zeit der +Regenbogen eines großen Geistes und eines hellen Herzens. +Auf einer Reise nach Paris lernte er Diderot, einen der geistigen +Urheber der Französischen Revolution, kennen. In +Straßburg geschah jene denkwürdige Begegnung mit Goethe: +der schwärmerische Jüngling empfing aus dem Munde des gereiften +und gelehrten Mannes den mächtigsten Ansporn, die +liebevollste Leitung. Herder war ein Denker des Gefühls. +Manchmal schlägt der Blitz der apriorischen Logik in seinen +Gedankenwald, ihn und uns belehrend, daß die Bäume nicht +in den Himmel wachsen. Aber um den verkohlten Stamm +schlingen sich liebend und lieblich die reinsten Gefühle, die +weißesten Winden. Sein »Briefwechsel über Ossian und die +Lieder alter Völker« (1773) bedeutet weniger durch die aufgestellten +Thesen (Unterschied zwischen Kunst- und Volksdichtung), +als durch die flammende Liebe, die hier und anderswo in +seinen Schriften die Wissenschaft durchlodert. Sein Aufruf, +die alten Volkslieder zu sammeln, war eines der wichtigsten +Manifeste des deutschen achtzehnten Jahrhunderts. Er ist +der Schöpfer dieses Wortes: Volkslied. 1778–79 durfte er +in seinen Volksliedern (»Stimmen der Völker in Liedern«) +dem deutschen Volk ein prachtvolles Dokument der Volkslieder +aller Zeiten und Zonen vorlegen: die fremdländischen Lieder in +Übertragungen von ihm selbst. Schon vorher war er in den +Fragmenten über die neuere deutsche Literatur gegen Affekt- und +Effekthascherei gegen die französische und griechische +Mode aufgetreten und hatte das Rousseausche »Zurück zur +Natur!« für die deutsche Dichtung formuliert: »Zurück zur +Natürlichkeit! Zu den Quellen deutscher Sprache und deutschen +Volkstums! Die Kunstdichtung kann nur auf dem Acker +der Volksdichtung gedeihen. Zerstört die gläsernen Treibhäuser, +und laßt das freie Wetter über die Blüten eures Geistes +brausen! Welche Blüte darin umkommt, die ist nicht wert, +<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +daß sie geblüht hat.« – 1777 kam Herder auf Goethes Veranlassung +als Generalsuperintendent nach Weimar. Hier schrieb +er, von Goethes Gedankenarbeit kameradschaftlich unterstützt, +die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, den +ersten groß angelegten Versuch, die Geschichtswissenschaft aus +einer Statistik von blutrünstigen Raub- und Eroberungskriegen +und den Daten der erlauchten Herrscher zu einer Geisteswissenschaft, +zu einer Wissenschaft vom Werden und Wesen der +Menschheit zu erweitern. Eine Kapitelüberschrift wie diese: +Die Erde als Stern – wieviel besagt und beleuchtet sie schon +im Gegensatz etwa zu: König Otto der Faule (1430–1450), +der üblichen Überschrift der in Deutschland so beliebten monarchistischen +Geschichtsschreibung. – Die letzten Lebensjahre Herders +verbitterte seine Entfremdung von Goethe und Schiller: +in Schiller befehdete er den Schüler Kants, in Goethe sah er +sich selber strahlend überwunden. Als er die Augen schloß, +setzten sie ihm auf seinen Grabstein seinen Wahlspruch, den +ewigen Wahlspruch aller Jünglinge (Herder war auch als +Greis ein Jüngling geblieben): Licht! Liebe! Leben!</p> + +<p class="newsection"><em class="g">Friedrich Schiller</em> (1759–1805) ist der Dichter der +Jugend. Denn er ist ein revolutionärer Dichter. Und die +Jugend wird gegenüber einem konservativen oder stagnierenden +Alter immer revolutionär gesinnt sein. In den »Räubern« +wird jemand aus Verzweiflung über die Schlechtigkeit +der Welt zum schlechten Kerl: um den Teufel mit Beelzebub +auszutreiben. Wäre dieses Drama heute geschrieben, man +würde es ein bolschewistisches Drama nennen. (Schiller war +Ehrenbürger der Französischen Revolution, der er als Idee +begeistert huldigte, und von der er sich später, als die Realität +weit hinter der Idee zurückblieb, – wie es in Revolutionen +immer zu sein pflegt – angewidert wegwandte.) Diese +Räuber wollen die ganze Welt zugrunde richten, um auf den +<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> +Trümmern eine neue, bessere Welt zu erbauen. Karl Moor +schreitet in mancherlei Verwandlungen durch Schillers Werke. +Er ist Fiesco, der Verschwörer, der sich den Mantel des +Monarchen um die Schulter schlägt. Er ist Ferdinand, der +gegen die konventionelle Despotie und die Despotie der Konvention +rebelliert. In Carlos und Marquis Posa hat sich der +geistige Revolutionär dupliziert. Verteidigen die »Räuber« +noch die Eventualität eines gewalttätigen Umsturzes, so erscheint +»Don Carlos« dagegen auch in der Sprache durch seine +Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution. +Von innen heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsbürger +und Menschen erneuert werden. »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit« +– aus dem freien Gedanken wird die freie Tat +sprießen. Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium der +Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck +gemacht. Kants ethische Maximen, besonders der kategorische +Imperativ, werden in seinen späteren Gedichten und Dramen +immer wieder illustriert und paraphrasiert, die oft nur um der +ethischen Forderung willen geschrieben scheinen. Zwölf Jahre +nach dem Don Carlos, im Jahre 1799, vollendete Schiller den +Wallenstein: die Schicksalstragödie des Herrscherwillens. Der +Schatten des aufsteigenden Bonaparte fiel über das Werk. +Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber <span class="f" lang="fr" xml:lang="fr">faute de mieux</span>. Er +kann einen Größeren, einen Mächtigeren nicht vertragen: denn +er fühlt in sich das Prinzip der Macht rechtmäßig verkörpert. +Er fällt durch den Verrat seines Freundes Piccolomini. In +den drei Teilen vom »Wallenstein« ist Schillers Werk gegipfelt. +Den vielen männlichen Rebellen in Schillers Dramen tritt +eine Revolutionärin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche +Typ des Revolutionärs, deren Aktion sich zur Passion wandelt, +die die revolutionäre Tat durch ein revolutionäres Herz ersetzt. +Nach Maria Stuart (1800) wendet sich Schiller noch einem +weiblichen Helden zu: der Jungfrau von Orleans, der Verkörperung +religiöser Vaterlandsliebe. Im »Tell«, seinem letzten +<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +Drama, gestaltet Schiller die Idee der »Freiheit« und nimmt +noch einmal die Partei der »Unterdrückten aller Länder«. Es +berührt sich in mehr als einem Punkt mit seinem Erstlingsdrama, +den »Räubern«. Keine philologische oder moralische +Spitzfindigkeit wird übrigens darüber wegtäuschen können, +daß dieses Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord +verteidigt, ja verherrlicht, und keines dürfte sich besser +für eine Festvorstellung, vor Terroristen gegeben, eignen. Der +individuelle Terror findet hier seine glänzendste Gloriole. – +Tell scheint mir eine aus der Tiefe von Schillers Unterbewußtsein +getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen Geßler (Herzog +Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des deutschen +Duodeztyrannen, den tödlichen Pfeil richtet, um sich endgültig +von ihm zu befreien … Als Lyriker steht Schiller hinter dem +von ihm verkannten Hölderlin, hinter Goethe, Günther, Eichendorff +zurück. Seine Gedankenlyrik gibt mehr Gedanken als +Lyrik. Als Balladendichter darf er hohen Rang beanspruchen. +Seine Größe liegt in seinen Dramen. Man hüte sich, ihn weder +zu über- noch zu unterschätzen. Unschuldig schuldig ist er an +jener Kriegervereinspathetik, die sich, besonders seit 1870, in die +geschwellte Brust warf und Schillersche Formen und Schillersches +Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden füllte. Gegenüber +solcher »Idee«lichkeit kann die Goethesche »Sach«lichkeit nur +heilsam wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat.</p> + +<p class="newsection">Um diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen, +aber mit der Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste +verwachsen, zwei der liebenswürdigsten deutschen Dichter, die +man, wie die siamesischen Zwillinge, immer nur zusammen +nennen kann: <em class="g">Matthias Claudius</em> (1740–1815), der +»Wandsbecker Bote«, und <em class="g">Johann Peter Hebel</em> (1760 +bis 1826), der »Rheinische Hausfreund«. In der Gesamtausgabe +der Schriften des »Wandsbecker Boten« befindet sich am +<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +Eingang eine Zeichnung von Freund Hein, dem Tod. Obgleich +die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist der Tod gar nicht schrecklich +anzusehen, streng, aber freundlich steht er da. Mit Freund +Hein verkehrte Claudius auf vertrautem Fuße. Er war ihm +der Freund Hein trotz aller Schmerzen, aller Dunkelheiten, die +er bringt. Sein »Abendlied« gehört zu den deutschesten deutschen +Gedichten. Sein »Rheinweinlied«: das trunkenste Trinklied. +Schon in der Schule haben wir uns mit Claudius befreundet +wie mit einem guten alten Onkel, als er uns die +lustige Geschichte erzählte vom Riesen Goliath und dem Zwerg +David und von Urian, welcher die weite Reise machte. <em class="g">Johann +Peter Hebel</em>, Volksfreund und Volksdichter wie +er, ist sein jüngerer Bruder. Ich kenne keinen Schriftsteller +in Deutschland, der zu erzählen weiß wie der ehemalige +Theologieprofessor Johann Peter Hebel. Gewiß er predigt +Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es +einfacher und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht +und geschrieben werden kann. Und die Moral, die er einer +schönen Geschichte anhängt, wie nebensächlich ist sie und nur +als Schlußpunkt von Bedeutung! Die Hauptsache ist ihm der +Mensch oder das Ding »an sich«, das er betrachtet, formt und +schmerzlich sinnend oder lächelnd in seinen Vortrag stellt. Wir +sind alle wie Kinder vor ihm, und wenn wir in der Dämmerung +in den Himmel sehen und die Sterne hervorkommen: +die Venus oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen, und +wir ihn fragen: »Vater, was ist mit den Sternen und mit dem +Himmel?« – dann wird er uns über die Haare streicheln und +leise sprechen: »Der Himmel ist ein großes Buch über die göttliche +Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel +darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die +Sterne sind die goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist +arabisch, man kann es nicht verstehen, wenn man keinen Dolmetscher +hat …« Ein solcher Dolmetscher ist uns der rheinische +Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel.</p> + +<p class="newsection">Wenn +<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span> +<em class="g">Goethe</em> (geboren 1749 in Frankfurt) heute +lebte, würden ihn die kritischen Anwälte der jüngsten +deutschen Dichtung wegen seiner Vielseitigkeit der »Gesinnungslosigkeit« +zeihen. Er schrieb nebeneinander am Werther, +am Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er trug die größten +Gegensätze in sich, aber es war ihm gegeben, sie alle bis +zur Reife auszutragen. Er erkannte die Notwendigkeit und +Größe des deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte Erhabenheit +einer pindarischen Ode oder die nüchterne Trunkenheit +eines Horaz. Er bewegte sich in der Gedankenwelt eines +Plato, die alle Dinge auf eine Uridee zurückführt, so sicher wie +in den Wäldern Spinozas, welcher lehrte, vor jedem Baum, +vor jeder Blume, vor jedem Käfer anbetend ins Knie zu sinken, +denn »Gott ist in ihnen und über ihnen und durch sie wie +in mir und über mir und durch mich«. Zucht und Gebundenheit +der Antike, das über-alle-Grenzen-Schweifen der deutschen +Volksseele, Dionysos und Faust, Eros und Eulenspiegel durchdrangen +sich in ihm zu höherer Einheit. An seiner Wiege haben +die neun Musen wie die sieben Schwaben Pate gestanden. Er +brauchte nur »Tischlein, deck dich!« rufen wie in dem deutschen +Märchen, so war der Tisch des Lebens für ihn gedeckt. Er war +der glücklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an jedem +Tage, in jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich +selbst und seinem Ziele einig. Es gab kein Schwanken in ihm. +Immer schritt er festen und schlanken Schrittes, Ephebe und +Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz der Welt gerichtet. +Seine Fähigkeit, Leid und Schmerz von sich abzustoßen, da sie +seine klaren Teiche nur trüben konnten, in denen so rein sich +Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalität gegen +sich und seine Mitmenschen. Er mußte sich ganz behaupten. +Er handelte in Notwehr. Im Alter nahm er eine künstlich konzipierte +Steifheit zu Hilfe, um jene Menschen von sich fernzuhalten, +die ihn seiner selbst beraubten. Es war jene hochmütige +Geheimratsgeste, von der so manche Besucher seines +<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +Hauses in ihren Briefen und Tagebüchern entsetzt und enttäuscht +erzählen. Er saß wie Archimedes im Garten auf einer +Bank und zeichnete mit einem Stock im Sande seine Kreise, die +niemand stören durfte als der Wind oder der Regen. Denn +diese waren Naturkräfte wie er.</p> + +<p>In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle. +Seine Männerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel, +Tischbein usw. waren trotz betonter Herzlichkeit oder +Interessiertheit doch nur Episoden. Von allen Männern, die +seinen Weg kreuzten, ist für uns Nachlebende der getreue +Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein Sekretär und +Famulus, in seinen »Gesprächen mit Goethe« uns die lebendigste +und persönlichste Darstellung seines Wesens und Wirkens +hinterlassen hat. Goethes Genie fand seine Befruchtung +und Erlösung aber immer erst durch die Genien der Frauen, +die er liebte. Sie sind die unbewußten Mithelferinnen an seinem +Werk, das deutsche Volk hat alle Ursache, sich vor ihnen +in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen und sogenannten +Literarhistorikern, die sich nicht schämen, Schmutz auf sie zu +werfen, gebieterisch die Tür zu weisen. Kätchen Schönkopf, +seine Leipziger Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel, +aber launisch wie ein Papagei, Friederike Brion, die +elegische Sesenheimer Pfarrerstochter; die blonde Charlotte +Buff, Braut seines Freundes Kestner, der wir den zärtlichen +Briefroman »Werther« verdanken; die wie aus einer griechischen +Gemme geschnittene Frau von Stein, die glücklichste und +unglücklichste Liebe seines Lebens, die treue und gute Christiane +Vulpius, der er so wacker seinerseits die Treue hielt, +allen Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er, +der Minister, als Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die +er endlich, längst nachdem sie ihm einen Sohn geboren, dankbar +zu seiner rechtmäßigen Gattin machte und die ihm unendlich +mehr bedeutet hat als eine oberflächliche Literarhistorik +wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer Herzlichkeit. +<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span> +Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen +Namenlosen, die er liebte, die Frauen in Thüringen, in der +Schweiz, in Italien. Und endlich die Suleika des »Westöstlichen +Diwans«, die den alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie +der Leidenschaft entflammte. Welch ein Reigen von Frauen! +Wir wollen keine geringer achten, auch jene namenlosen nicht, +ihnen allen sei der Kranz des Lorbeers auf die schönen Stirnen +gedrückt.</p> + +<p>Im deutschen Sängerkrieg auf der Wartburg hat Goethe +sich den ersten Preis ersungen: im Drama durch »Faust« und +»Iphigenie«, in der Prosa durch »Wilhelm Meister« und die +»Wahlverwandtschaften«, in der Lyrik durch »Ganymed«, +»Wanderers Nachtlied«, »An den Mond«, die »Trilogie der +Leidenschaft« und vieles andere. Er beherrschte die konträrsten +Stile. Sang wie ein Kind zu Kindern:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich komme bald, ihr goldnen Kinder!<br /></span> +</div></div> + +<p>Und, aus dämonischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelmänner +und Elfen aus einem tieftiefen Brunnen, so tief wie +der Brunnen auf der Burg von Nürnberg, dessen Ende wir +nicht sehen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Sieh, die Sonne sinkt!<br /></span> +<span class="i0">Eh sie sinkt, eh mich Greisen<br /></span> +<span class="i0">ergreift im Moore Nebelduft;<br /></span> +<span class="i0">entzahnte Kiefer schnattern<br /></span> +<span class="i0">und das schlotternde Gebein –<br /></span> +<span class="i0">Trunkener vom letzten Strahl,<br /></span> +<span class="i0">reiß mich, ein Feuermeer<br /></span> +<span class="i0">mir im schäumenden Aug',<br /></span> +<span class="i0">mich Geblendeten, Taumelnden,<br /></span> +<span class="i0">in der Hölle nächtliches Tor.<br /></span> +</div></div> + +<p>Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet, +und ich wette, wenn ich es einem Dichter der jüngsten +Generation vorlese, einem meiner nächsten Brüder, und er +<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +kennt das Gedicht nicht zufällig (er wird es nicht kennen: denn +sie kennen weder Goethe, noch Geßner, noch Matthias Claudius, +noch Gryphius, noch Günther, noch Walter von der Vogelweide +mehr), kurz, ich meine: er wird erschüttert das Gedicht für +einen Gipfel der expressionistischen Lyrik erklären (während +ihm die Verse: »Ich komme bald, ihr goldnen Kinder« nur ein +mitleidiges Lächeln entlocken), und er wird auf Werfel +als Verfasser raten. Der Expressionismus, das heißt: +die Ekstase als These, der Schrei des Herzens als oberstes +Prinzip, und in der Form: das Schleudern erratischer Blöcke, +das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe, Hölderlin, +Klopstock schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen: +Pindar, Li-taipe –!) Auch eine beliebte Spielart des heutigen +Dichters, der politische Dichter, findet sich schon vorgebildet +1770 in einem Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis +»An die Unterdrückten aller Länder«, das Hasenclever geschrieben +haben könnte (ganz zu schweigen von der politischen +Dichtung der 48er Jahre, von der noch die Rede sein wird):</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ihr Märtyrer für Menschenwürde,<br /></span> +<span class="i0">Vertraut der Wahrheit und der Zeit.<br /></span> +<span class="i0">Vergänglich ist des Druckes Bürde,<br /></span> +<span class="i0">Doch ewig die Gerechtigkeit!<br /></span> +</div></div> + +<p>Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem +auch für den Teil des heutigen Lesepublikums, der der +jüngsten Dichtung mit Achselzucken, Lächeln und Überhebung +gegenübersteht, unter Berufung auf den klassischen Maßstab. +Dieser Maßstab ist falsch. Die heutige Dichtung der Expressionisten +ist nicht unverständlicher oder absonderlicher als +irgendein hymnisches oder ekstatisches Gedicht von Goethe, mit +dessen Grundformen sie sich berührt. Dutzend ihrer Einzelerscheinungen +sind läppisch oder unerfreulich. Dies darf nicht +hindern anzuerkennen, daß ihr Kern so echt ist wie der jeder +echten Dichtung. Daß sie als Reaktion auf den Mechanismus +und Rationalismus der Zeit vor dem Kriege historisch notwendig +<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +war und ist. Und daß sie die Unterstützung durch das +Volk braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in +einem Wellental. Nur dann wird auch die deutsche Dichtung, +die zweifellos seit der tristen Zeit von 70 wieder im Aufschreiten +ist, zu einem neuen Gipfel kommen, der jenseits von +Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen wird, +wenn sie getragen wird von Förderung und Zuruf der Mitlebenden, +vom Vertrauen und Verständnis des Volkes. <ins class="correction" title="Den">Denn</ins> +wo eins das andere nicht mehr begreift, da geraten sie beide +auf Irrwege. Lest Bücher, Deutsche, lest die Bücher eurer +Dichter, und ihr werdet glücklicher und manchmal glücklich +werden. Und vergeßt nicht die Bücher jener Dichter zu lesen, +die in eurer Zeit, die eure Zeit leben: der Jungen, die sich +nach eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen euer herzliches +Mitgefühl die alternde Brust wärmt.</p> + +<p>Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr +zurück. Immer wieder wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang +zu ihr ist wie ein Heimweg ins Vaterhaus. Mit dem vielleicht +herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied des Türmers, sind +wir mitten im »Faust«, der rundesten Ballung, der beseeltesten +Verdichtung des deutschen Wesens. Durch dieses Drama +schreitet der Dichter selbst in tausend Gestalten: er ist der +junge Doktor Faust, der im sinnierenden Gespräch Sonntags +vor dem Straßburger Tor spaziert, und doch die Augen so +weit offen hat, die hübschen Sonntagsmädchen zu betrachten. +Es ist Goethe, der mit seinen Kommilitonen Frosch und +Brander im Leipziger Ratskeller soff, bis er unter den Tisch +fiel. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verführt, der der +Walpurgisnächte viele in Thüringen und im Harz erlebte, +der als Minister am Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der +endlich als Philemon einen Greisenabend beschließen darf in +der seligen Gewißheit, daß er die Ernte bis zum letzten Halm +in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust ist die Idee des +Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er empor +<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +ins Licht. Mögen Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer +auf dem steilen Wege straucheln: nur nicht müde werden, +nicht nachlassen, aufwärts, vorwärts, aufwärts. Der Weg – +das ist das Ziel. Der Wille – das ist der Zweck.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wer immer strebend sich bemüht,<br /></span> +<span class="i0">den können wir erlösen,<br /></span> +</div></div> + +<p>singen die Engel in der höheren Sphäre, Fausts Unsterbliches +tragend. Wer je auf einer Puppenbühne, wie sie in den +bayrischen Messen noch umherziehen, das alte Puppenspiel +vom Doktor Faust in fast ursprünglicher Form gesehen hat, +wird wissen, wieviel Goethe ihm stofflich und kompositorisch +verdankte. Er hat den Kasperl, im Puppenspiel Diener des +Faust, aus seinem Spiel eliminiert und seine Rolle Mephistopheles +übertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel +künstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl) +und Faust: den komischen und tragischen Charakter des deutschen +Wesens nebeneinander zu stellen: ist ein Beweis für die +naive Genialität des Puppenspieldichters, der seinerseits auf +dem 1587 erschienenen Volksbuch von Doktor Faust und den +Fastnachtsspielen des Mittelalters fußt. – In »Götz von +Berlichingen« (1773 erschienen) schrieb Goethe nach shakespeareschem +Muster das erste Szenendrama und löste den +strengen Aktbau eines Lessing in viele lebendige Einzelszenen, +deren Lichter in der Schlußszene zu einer großen Flamme zusammenlohen. +Der »Egmont« (1788 erschienen) zeigt Verwandtschaft +mit dem Götz in Szenenführung und Charakterisierung. +Durch seine sittliche Kraft erhebt sich der Unterlegene +(Egmont) über den tyrannischen Sieger (Alba). Die +Liebe Egmonts zu einem kleinen Bürgermädchen anticipiert +die Liebe Goethes zu Christiane. In dem opernhaften letzten +Bilde erscheint ihm auf dem Wege zum Schaffot die Geliebte, +die Insignien der beiden hehrsten Ideale: Liebe und Freiheit, +in ihren Händen haltend. – Neben dem Faust gebührt der +»Iphigenie« unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das +<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +Gretchen im Faust ist ein einfaches Kind voll unbewußter +Reinheit und Jungfräulichkeit, in <ins class="correction" title="Iphigene">Iphigenie</ins> wird die Reinheit +sich bewußt und lauterster Wille und durchdachteste und +durchfühlteste Wahrheit. Lieber Arges leiden als Böses auch +nur denken, auch das Beste nicht durch Lüge erreichen wollen: +ist das thematische Motiv. Sprachlich ist das Werk von der +ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die schönsten Jamben +der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter +je einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie mögen zuerst +die Iphigenie lesen, und sie werden es schamvoll bleiben +lassen. Das Drama »Tasso« ist der »Iphigenie« benachbart: +stilistisch und geistig. Die Handlung soll an einem mittelalterlichen +Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht eigentlich +im Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren +seiner eigenen Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht +aus einer dunklen Ecke seines Gefühlslebens. »Iphigenie« +und »Tasso« wurden von der Nation ziemlich kühl aufgenommen: +die Revolution in Frankreich hielt die Welt in +fieberhafter Spannung. Wir haben schon längst wieder eine +neue Revolution, die jener an Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung +des Bürgers, die 1789 erfolgte, soll die Befreiung des +Arbeiters folgen. Aber alle Revolutionen überdauern wird +das heilige Lächeln der Iphigenie und der Schrei des Dichters +im Tasso:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,<br /></span> +<span class="i0">Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.<br /></span> +</div></div> + +<p>Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder +Rasse, sondern um die Befreiung des Menschen. Goethe selber +war kein politischer Mensch in des Wortes strengster Bedeutung. +In »Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren«, dem groß angelegten +Sittengemälde seiner Zeit, wird das Verhältnis des +Menschen zum Staat oder Staatsbegriff nicht einmal gestreift. +Das Theater steht im Mittelpunkt des Interesses. Der Held +entwickelt sich vom Theater zum Leben hin, vom Schein zum +<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +Sein. Zarte und zärtliche Frauen, wie Philine und Mignon, +begleiten und befördern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in +ihrer berstenden Fülle das prosaische Seitenstück zum Faust +bilden, so die »Wahlverwandtschaften« in ihrer Gedrungenheit +und klaren Kürze das Seitenstück zur Iphigenie.</p> + +<p>Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre +am 22. März 1832.</p> + +<p class="newsection">Mit Heinse und Geßner bildet <em class="g">Jean Paul</em> (aus Wunsiedel, +1763–1825) das Triumvirat der romantischen +Prosadichter, von dem die heute lebenden Deutschen so gut +wie keine Ahnung mehr haben: sonst wären sie bescheidener in +ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit sie's +gebracht. Jean Paul ist der größte unter den dreien, und +einer der <ins class="correction" title="größtei">größten</ins> deutschen Dichter überhaupt. Freilich, es +ist nicht leicht, zu ihm zu gelangen. Er hat sein Schloß mit +Dornenhecken, Fallgruben und Selbstschüssen umgeben. Sein +Park ist von üppiger Wildnis. Gepflegte, glatte Wege gibt +es da nicht. Rehe grasen vor seinen Fenstern. Und die +Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner +Schulter sitzt, wenn er schreibt, eine Dohle. An den Wänden +hängen Spinnweben. Nachts, wenn er im Garten wandelt, ist +der Mond sein Gefährte. Seine Gefährtinnen sind Elfen, die +ihn umspielen und deren schönste ihn menschlich liebt wie +ein Mensch einen Menschen. Sie heißt Liane. Und da der +Mond nun zum Zenith steigt und die Bäume von seinem +Glanze tropfen, winkt sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden, +vergehen strahlend im Mondstrahl. Sie zieht den +Dichter ins Moos hinab, wo die Leuchtkäfer zwischen ihren +Küssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und die Sonne +steigt herauf. Wie eine rote Rose erblüht sie zwischen den +Narzissen der Morgendämmerung.</p> + +<p>Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der +berühmteste, geliebteste und beliebteste deutsche Dichter. +<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +Zu seinen Füßen saßen die schönsten Frauen, und sie seufzten +und zerdrückten heimliche Tränen in den Wimpern, wenn er +ihnen aus seinem »Titan« und aus dem »Siebenkäs« vorlas +mit tönender Stimme oder zu ihnen über das Immergrün +unserer Gefühle sprach. Aber nicht nur die Damen lauschten +ihm. Er hatte bei aller Empfindlichkeit das sichere Bewußtsein +der Grenzen unserer Empfindungen, und der ewige +Zwiespalt zwischen Wahrheit und Wirklichkeit, er war auch +ihm offenbar. Er überbrückte ihn mit seinem Lächeln und +seinem Gelächter. Seine komischen Erzählungen geben Kunde +davon. Jean Paul war ein glücklicher Mensch. Das Leben +und die Liebe und der Ruhm, er genoß sie in vollen Zügen. +Seinem lyrischen Bruder im Geiste: <em class="g">Friedrich Hölderlin</em> +(aus Lauffen am Neckar 1770–1843), genannt der Unglückliche, +blieb alles dies versagt. Mit vollen Segeln wollte er +über die Wogen der Welt segeln.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wünscht ich der Helden einer zu sein,<br /></span> +<span class="i0">Und dürfte es frei bekennen,<br /></span> +<span class="i0">So wär ich ein Seeheld.<br /></span> +</div></div> + +<p>Aber zerfetzt trieb sein Segel zurück. Er war zu schwach +gewesen. Und höhnisch sauste um seine Stirne der Sturm. +Wer kannte ihn? Wer wußte, wer er war? Schiller protegierte +ihn so lange, als er schillerisch dichtete. Als er begann, +seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich von ihm. Im +»Hyperion« blättert Hölderlin sein inneres Leben vor uns +auf. Er litt unendlich: unter seiner Liebe zu Diotima, unter +seinem Haß gegen die Gegenwart. Ganz schwang er sich aus +ihr und lebte nur als Vergangener oder Zukünftiger. Sein +Volk begriff ihn nicht. Bittere Worte fand er für die Deutschen, +die bittersten, die ihnen wohl je von einem Deutschen +aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten Briefe +des Hyperion an Bellarmin). Als Hölderlin 1803 aus Bordeaux +zurückkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, +erschien er den Freunden verwirrt und auseinandergefallen. +<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> +Er gab über das Erlebnis, das ihn wie mit einem Eisenhammer +auf die Stirn geschlagen hatte, keine Auskunft. +Diotima starb zehn Tage nach seiner Rückkehr. Er mag im +medizinischen Sinne wahnsinnig geworden sein. Er hat aber +immer eine tiefe Klarheit des Gefühls bewahrt und behalten. +Es war ihm einfach der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit der +Realität verband. Er schwebte in den Wolken und wußte von +dieser Erde nur noch gerade soviel, wie ein verklärter Geist, +der von ihr erlöst und nun auf eigenem Gestirn wandelt. +Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnszeit gehören +zum Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen +Lyrik entsprossen ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion.</p> + +<p class="newsection">Als die Klassiker ihre Tempelbauten errichteten, da kroch +nach und nach viel Winde und Efeu die dorischen Säulen +empor: viel Epigonentum, das den steilen Weg zum Himmel, +den sie gestemmt, benutzen wollte. Es gab aber auch Zimmerer +und Maurer, die bauten trotzig ihre profanen Häuser neben +die Hallen der Hehren; können wir's nicht im großen, so +wollen wir's ihnen im kleinen gleich tun und wenigstens im +kleinen eigen sein. Oder sie bauten, wie die Klassiker nach +oben in den Himmel, nach unten in die Erde hinein: sie rissen +die Erde auf und legten Stollen und Gänge an: das Geheimnis +des Dunkels und des Halbdunkels wurde entdeckt. Jene waren +Sonnen-, diese Goldsucher. Bei diesen Bergwerksarbeiten +gelangten sie dann nebenher zu allen möglichen Erkenntnissen, +die sie nicht gesucht hatten, die ihnen in den Schoß fielen. +Sie lernten das Leben der unterirdischen Tiere, der Engerlinge +und Maulwürfe, beobachten und kamen an den Ursprung +mancher Wurzel. Dann und wann trafen sie mit ihrem +Spaten auf ein historisches oder prähistorisches Skelett. Sie +brachten es ans Licht und suchten es zu bestimmen. Und wenn +sie auch keine Entdeckung machten wie Goethe mit seinem +Kieferknochen: sie entdeckten die Lebendigkeit des Todes. Der +<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> +Tod war ihnen, Novalis lernte es beim Tod seiner Braut, +der mädchenhaften Sophie von Kühn, begreifen, kein rein +tragisches Problem mehr: schicksalhaft verhängt, konnte er +selbst den Überlebenden beseligen; wie er den Toten vollendete, +dem Überlebenden auch zur Vollendung dienen. Die Menschen, +die dem Leben von der anderen Seite beizukommen suchten, +das waren Romantiker. Es ist klar, daß diese Umkehrung +der Erdkugel, dies Auf-den-Kopf-Stellen der Dinge und Begriffe, +dies die Sterne auf die Erde Herunterholen in der +extremsten Fassung zum Paradoxon einerseits, zur Anbetung +des Fragmentes anderseits führen mußte. Weder Tieck +noch Brentano sind der Versuchung überspitzter Experimente +entgangen. Einzig Novalis und Eichendorff, jener der edelste +und zarteste, dieser der kräftigste Schoß am Strauch der +Romantik, haben sich zur Vollendung entwickelt. Der Hang, +mit sich selber und den anderen Zwiesprache zu halten, mußte +zur ernsten und heiteren Geselligkeit führen, bei der die +Frauen – wie sollte es anders sein? – das große +und das kleine Wort führten. Ohne <em class="g">Bettina von Arnim</em> +und <em class="g">Rahel Varnhagen von Ense</em> ist die Romantik +nicht zu Ende zu denken. Aus den Tiefen der deutschen Volkspoesie +hoben <em class="g">Arnim</em> (aus Berlin, 1781–1831) und <em class="g">Brentano</em> +(aus Ehrenbreitstein, 1778–1842) jene wundervollen +Volkslieder, die sie in des »Knaben Wunderhorn« sammelten. +Sie selber freuten sich wie Kinder daran – und Kinder waren +alle Romantiker irgendwie und irgendwo, abgesehen von den +würdigen Brüdern Schlegel, den wissenschaftlichen Verfechtern +der Theorie und (manchmal) Spiegelfechterei. Bettina-Goethes +»Briefwechsel mit einem Kinde« ist ein typisches +Produkt des romantischen Geistes: halb wahr, halb erfunden, +Dichtung und Wahrheit, tief echt – und dennoch da und dort, +der Wahrheit zuliebe – verlogen. Arnim und Brentano +machte es einen Heidenspaß, in des »Knaben Wunderhorn« +eigene Gedichte einzuschmuggeln. Wie Kinder erzählten sie +<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span> +sich auch mit Vorliebe Märchen oder ließen sie sich von den Gebrüdern +<em class="g">Grimm</em> (»Deutsche Kinder- und Hausmärchen«) erzählen +und schrieben Märchendramen. Im Märchen und im +kleinen Liede gelang ihnen ihr Schönstes, wenngleich sie auch im +Romane rühmliche Leistungen aufzuweisen haben. Sie träumten +so gern und sangen sich gegenseitig mit <ins class="correction" title="ihrem">ihren</ins> Wiegenliedern +in Schlaf. Und in ihren Schlaf tutete der Nachtwächter +Bonaventura: schön und schauerlich. Aber sie hörten ihn +längst nicht mehr. In ihren Träumen klagte die Flöte. Die +kühlen Brunnen rauschten. Golden wehten die Töne nieder. +– Hatte man ausgeschlafen und ausgeträumt, ritt man am +Morgen in die Landschaft, speiste draußen in einem Dorf zu +Mittag, tanzte mit den Dorfschönen und traf sich abends zu +gelehrtem Gespräch mit den Schlegels. Man disputierte +über die Shakespeareübersetzung <em class="g">August Wilhelm von +Schlegels</em> (aus Hannover, 1767–1845) oder über <em class="g">Friedrich +von Schlegels</em> (1772–1829) »Sprache und Weisheit +der Inder«. Friedrich Schlegel sprach mit Feuereifer über die +östlichen Kulturprobleme, aber er hörte es nicht gern, wenn +man ihn an seinen erotischen Roman »Lucinde« erinnerte. +Ganz in der katholischen Welt ging <em class="g">Novalis</em> (Friedrich v. Hardenberg +aus Wiederstedt, 1772–1801) auf. Ihm war die +Geliebte gleichbedeutend mit der Madonna.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich sehe dich in tausend Bildern,<br /></span> +<span class="i0">Maria, lieblich ausgedrückt.<br /></span> +</div></div> + +<p>In den »Hymnen an die Nacht«, der wahren Göttin der Romantik +– die Klassiker hatten den Tag geliebt und gepriesen, +die Sonne war ihr Symbol, das Symbol der Romantiker: der +Mond – gab Novalis sein Tiefstes.</p> + +<p class="newsection">Eichendorff und Hölderlin sind Nord- und Südpol der deutschen +Lyrik. Goethe ihre Erdmitte. Hölderlin: ein Einziger +unter den Deutschen, der hieratische Priester der heiligsten +Empfängnis, der strengsten Verkündigung: Kind und +<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +Greis. Anfang und Ende. Goethe: der Mann, gewaltig schreitend, +Flamme und Tuba. Eichendorff: das deutsche All im +Regenbogen. Herz des Jünglings im Sommerabend wie +eine erste und letzte Rose ausbrechend: durchblühend die Nacht +bis zum Morgenrot. Eichendorff: das Volkslied. Goethe: die +Trilogie der Leidenschaft des geistigen Menschen. Hölderlin: +der Gottgesang. Wohl über ein halbes Hundert der schönsten +deutschen Gedichte ist der schwärmenden, unbeirrbaren Einfalt +des ewigen Jünglings <em class="g">Eichendorff</em> (1788 geboren auf +Schloß Rubowitz in Schlesien, gestorben 1857) gelungen. Darunter +ein Dutzend der allervollkommensten: »Zwielicht«, +»Abend«, »Nachtgruß« – so sind sie überschrieben. Es ist die +deutsche Sommernacht, welche zu tönen beginnt:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nacht ist wie ein stilles Meer,<br /></span> +<span class="i0">Lust und Leid und Liebesklagen<br /></span> +<span class="i0">Kommen so verworren her<br /></span> +<span class="i0">In dem linden Wellenschlagen.<br /></span> +</div></div> + +<p>Am Fenster lehnt ein junger Mensch und sieht hinaus in den +milden Mond: der schwebt wie eine goldene Träne an seinen +Wimpern. Da klingt aus weiter Ferne der Ton eines Posthornes +– zwei junge Gesellen wandeln schattenhaft vorbei. –</p> + +<p>Neben dem schlesischen Junker wurde auch ein preußischer +Junker: <em class="g">Heinrich v. Kleist</em> (aus Frankfurt a. O., 1777 +bis 1811), vom romantischen Geist ergriffen. Eine Beziehung +zwischen der märkischen Sandheide und dem romantischen +Märchenland scheint sich kaum zu finden. Kleist fand sie, indem +er das Märchen realisierte. Den Traum verwirklichte. Nüchtern +raste. Einen Rausch der Sachlichkeit empfand. Die +Phantasie entzauberte. Bei ihm rauscht kein Brunnen in der +verschlafenen Sommernacht: sondern ein Krug geht zum +Wasser – bis er bricht. (»Der zerbrochene Krug.«) Den intellektuellen +Frauen der Romantiker stellt er jene süße, kindliche, +unwissende, reine Gestalt des Käthchens von Heilbronn +gegenüber: die liebt, weil sie lieben muß. Die unerschütterlich +<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +an ihr Herz glaubt, das Gott ihr verliehen, und die gekrönt +war, längst ehe sie gekrönt ward. Welch ein Gegensatz zwischen +ihr und der rasenden Amazone Penthesilea, die den Pelion auf +den Offa türmen will, um den Himmel zu erreichen. Aber +ihre Kraft erweist sich als zu schwach. Die Berge +bröckeln aus ihrer Hand, und schließlich stürzen sie donnernd +über ihr zusammen. Es ist die Tragödie der grenzenlosen +Forderung: alles oder nichts. Es ist die Tragödie des Menschen, +der über sich hinaus will, aber niemals über sich hinaus +kann. Penthesilea ringt mit den Göttern Griechenlands. Der +»Prinz von Homburg« mit dem preußischen Gotte der Disziplin. +Pflichterfüllung bis zum äußersten war dem Homburgischen +Prinzen gesetzt. Er hat sie verletzt und soll den Tod erleiden. +Zuerst erscheint ihm der Tod als etwas Unfaßbares, er bricht +unter der Last der Furcht zusammen: aber es gelingt ihm, +sich emporzureißen, und das Gesetz der inneren Pflicht erkennend, +sich ihm freiwillig zu beugen. Er wird aus einem +unfreien zu einem freien Menschen. Die Todesnähe bringt +ihm das wahre Leben der sittlichen Notwendigkeit nahe. Er +hat den Tod in sich überwunden, so braucht er nicht mehr zu +sterben.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,<br /></span> +<span class="i0">Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.<br /></span> +</div></div> + +<p>In die Hermannschlacht hat Kleist seinen Napoleonshaß +gegossen. Wie flüssiges Feuer durchbraust er das +Drama. Er schäumt wie ein Wolf von den Lefzen auf der +Jagd nach dem napoleonischen Fuchs. Napoleon ist ihm der +Inbegriff der Tyrannei, der Ungerechtigkeit – und nichts ertrug +Kleist weniger. In seinen lyrischen Haßgesängen +(Germania und ihre Kinder usw.) hat er alle Lissauers des +Weltkrieges an Blutdurst, Rachsucht und inbrünstigem Haß +gigantisch übertroffen. Dieser pathologische Haßausbruch ist +nur aus Kleist's empörten und verwundetem Gerechtigkeitsgefühl +zu verstehen. Auch sein Michael Kohlhaas, der Held +<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +der gewaltigsten deutschen Novelle, wird aus verletztem Rechtsgefühl +zum Mörder.</p> + +<p>Vom Märchen zum Traum, vom Traum zu den Geistererscheinungen +ist nur ein Schritt. Bei Geistern und Gespenstern +kannte sich vortrefflich der genialistische <em class="g">E. Th. A. Hoffmann</em> +(aus Königsberg, 1776–1822) aus. In der Komposition +von Erzählungen hat er in Deutschland so leicht nicht +seinesgleichen. Vor dem Schlafengehen soll man sie nicht +lesen. Man hat leicht eine schlaflose Nacht und kommt am +Ende dazu, sich vor sich selbst zu fürchten. Solche Dämonen +beschwört der unheimliche Zauberer aus unserer eigenen +Brust heraus.</p> + +<p class="newsection">Von Österreich, dem deutschen Sprachgebiet an der Donau, +haben wir seit der Zeit der Minnesänger wenig mehr gehört. +Jetzt beginnt's auch in und um Wien wieder lebendig zu +werden. Sie präferieren die bunte Gaudi der Romantik. Geister +und Zwerge mitten zwischen den Menschen, das ist noch was, +das laß ich mir gefallen. Gehen Sie mir mit dem Wallenstein! +Mit solchen Leuten haben wir immer Pech. (Vide: +Conrad Hötzendorff.) Ein Geistertheater auf dem Prater, das +ist billiger, kostet kein Blut und unterhält und belehrt gleichzeitig. +<em class="g">Ferdinand Raimund</em> (1790 bis 1865) schrieb +den Wienern solch scharmantes Geistertheater: »Der Alpenkönig +und der Menschenfeind.« Und des biederen und klugen +<em class="g">Nestroy</em> (1802–1862) Volksstücke! Das ist <ins class="correction" title="Oesterreichertum">Österreichertum</ins>, +herzlich und ironisch, von der besten Seite. <em class="g">Franz Grillparzer</em> +(1791–1872) nahm das österreichische Problem (in +»König Ottokars Glück und Ende«, »Ein treuer Diener seines +Herrn«, »Ein Bruderzwist in Habsburg«) tragischer. Stofflich +ein Romantiker, stilistisch eher ein Klassiker zu nennen, teilte +er seine Stoffe zwischen Österreich und Hellas (Sappho, eine +Dichtertragödie, dem Tasso nicht unebenbürtig – Das goldene +Vließ – Des Meeres und der Liebe Wellen, die holdeste +<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +deutsche Liebestragödie). Der tschechischen Mythologie entnahm +er sein tiefstes Werk: Libussa, den alten Gegensatz zwischen +Natur und Kultur behandelnd. Sein unerfülltes Liebesleben +mit der ewigen Braut, mit der er rang wie mit der +Muse selbst, hat viele Quellen in ihm verschüttet, die vielleicht +aufgesprudelt wären, wenn er am eigenen Leibe und eigener +Seele Eros zu tiefst verspürt hätte.</p> + +<p>Elegisch beschließt die österreichische Romantik <em class="g">Nikolaus +Lenau</em> (1802–1850), ein Deutschungar. Er starb wie Hölderlin +im Wahnsinn, nachdem er, mit dem Herzen eines Zigeuners +und dem Munde eines Deutschen, die melancholischen +Lieder der Steppe und der Schilfteiche gesungen.</p> + +<p class="newsection">Die Dichter der Befreiungskriege <em class="g">Theodor Körner</em> +aus Dresden, (1791–1813, »Leier und Schwert«), <em class="g">Max +v. Schenkendorf</em> (aus Tilsit, von 1783–1817), <em class="g">Ernst +Moritz Arndt</em> (von Rügen, 1769–1860) und viele andere +standen bei den Monarchen und ihren Lakaien, den Lesebuchfabrikanten, +lange in großem Ansehen. Ihre soldatische Lyrik +diente nämlich dazu, die wahren Motive und vor allem den +Schlußeffekt der »Befreiungskriege« zu verschleiern. In den +Gedichten kämpfte der Soldat für Weib und Kind, für Heimat +und Herd, für die heiligsten Güter der Nation, in Wahrheit +jedoch für die Restitution der schwärzesten Reaktion, der Napoleon, +Erbe der Französischen Revolution und ein liberaler +Geist gegen die mittelalterlich verträumten oder verbohrten +deutschen Fürsten, beinahe ein Ende bereitet hatte. Dem Ende +mit Schrecken (1806) folgte seit 1813 der Schrecken ohne Ende. +Das Versprechen der Verfassung wurde nicht gehalten. Selbst +die erprobtesten Patrioten, wie Turnvater Jahn und E. M. +Arndt gerieten in Auflehnung und Empörung. Sie forderten +das unverjährte Recht der Pressefreiheit und Verfassung und +hielten der aufsteigenden Jugend, die sich besonders betrogen +glaubte, denn um sie, um ihre Zukunft ging es, tapfer die +<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +Stange. Die freiheitliche Bewegung der Jugend sammelte +sich in der Burschenschaft und fand ihren imposanten Ausdruck +im Wartburgfest (1817). Sie wurde bald verboten und Männer +wie Arndt und Jahn verhaftet. Arndt wurde seiner +Professur entsetzt. Was ist aus der deutschen Studentenschaft, +der Burschenschaft, einst Träger des revolutionären deutschen +Gedankens, geworden! Und was hat Deutschland zu gewärtigen, +wenn seine Jugend nicht erwacht?</p> + +<p class="newsection">Das Umsichgreifen der europäischen und insbesondere der +deutschen Reaktion seit dem Ende der »Freiheits«kriege +rief die deutsche Jugend auf den Plan zum Kampf um die +persönliche und allgemeine Freiheit. Das »junge Deutschland« +stand auf und schleuderte von seiner Schleuder wie weiland +David Kiesel und Steine gegen den Goliath der Reaktion. +Der aber stand fest und lachte dröhnend, und der Kieselregen +war ihm wie Mückenschwärmen. Hin und wieder packte er sich +einen kleinen David und setzte ihn hinter Festungsmauern. +Das »junge Deutschland« ist viel angegriffen worden: mit +Recht und Unrecht. Dichterisch sind die Leistungen der politischen +Lyriker um 48 meist recht armselig, <em class="g">Herwegh</em> (aus +Stuttgart, 1817–1875) einzig schwingt sich über die andern +empor »wie eine eiserne Lerche« (Heine). Aber man packte +sie nicht bei der Achillesferse ihrer dichterischen Leistung, man +griff sie dort an, wo sie unangreifbar waren: in der Gesinnung. +Die politische Lyrik der heutigen Zeit: des heutigen »jungen +Deutschland«: Ehrenstein, Becher, Hasenclever, hat viele +Ähnlichkeit in den Tendenzen mit der damaligen, wenngleich +sie im Formalen gewichtiger geworden ist. Auch sie bieten +im Künstlerischen viele Angriffspunkte. Aber man hüte sich, +wie eine gewisse Kritik auch heute es übt, sie ihrer Gesinnung +wegen im Dichterischen zu beanstanden. Da sind sie wie jene +unantastbar. Die besten politischen Gedichte haben die gedichtet, +die, wie Platen und Heine, auch »nebenbei«, nämlich +<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +in der Hauptsache, reine Lyriker waren. Sie opferten weder +das Herz noch die gestaltende Kraft der politischen These und +Phrase. Die Dichtung untersteht der reinen Vernunft, jener +Göttin, die im absoluten Bezirke unbezwinglich thront. Politik +und Kunst können sich mischen, gewiß. Ihre Vereinigung +zum Gesetz erhoben, heißt Un-ding und Un-sinn zur Un-tat +zwingen. Der Dichter hat die Pflicht, Politiker zu werden: +vermöge seiner geistigen und moralischen Kräfte, angesichts +seiner Stellung im Horizont der Menschheit. Er hat aber +auch die Pflicht, Dichter zu bleiben, d. h. mythischer Diener +der Wörtlichkeit und Künder des reinen Klanges. Herwegh +ist gewiß eine respektable Erscheinung, aber nur von 48er +Ideologien, von dem Symbol des politischen Dichters als des +Dichters schlechthin gefangene Schwarmgeister werden in ihm +einen großen Dichter sehen. Er war ein kleiner Dichter, aber +immerhin ein Dichter. In seinen Versen rauscht die schwarzrotgoldene +Fahne und klirren die Sensen aufrührerischer +Bauern. Historisch sind die 48er Lyriker als die Träger des +Revolutionsgedankens von größter Bedeutung. Alle Revolutionen +sind mehr oder weniger von Literaten gemacht worden. +Jahre und oft Jahrzehnte schon vor der Explosion begannen +sie, Bomben zu legen und zu minieren. Das menschlich +wie dichterisch fortreißendste Revolutionslied stammt von +<em class="g">Heinrich Heine</em> (aus Düsseldorf, 1797–1856): »Die +schlesischen Weber«:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i2">Im düstern Auge keine Träne,<br /></span> +<span class="i0">Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:<br /></span> +<span class="i0">Deutschland, wir weben dein Leichentuch,<br /></span> +<span class="i0">Wir weben hinein den dreifachen Fluch:<br /></span> +<span class="i2">Wir weben, wir weben!<br /></span> +</div></div> + +<p>Um keinen deutschen Dichter ist so heftig der Kampf der Meinungen +entbrannt wie um Heine. Man hob ihn in den höchsten +Himmel. Stieß ihn in die tiefste Hölle. Man bleibe +in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier war sein Platz und +<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> +wird es immer sein als der eines tapferen Soldaten des Geistes +und eines eigen- und einzigartigen Liedersängers. Er +gehört mit Goethe, Eichendorff, Mörike zu den Meistern des +deutschen Liedes: jener besonderen, dem Volksmunde entnommenen +deutschen Dichtform, einer Form, wie sie die Romanen +nicht kennen. Schmerz und Lust, Tod und Liebe sind die +einfachsten Themen seiner einfachen Lieder. Laßt nur auf +Schmerz sich Herz, auf Tod sich Morgenrot reimen: es sind +die schönsten Reime, die man dazu finden kann. Man braucht +sie gar nicht erst zu suchen, sie sind schon da: sie sind als Reimpaare +in der deutschen Sprache und im deutschen Herzen zur +Welt gekommen. Aber Heine singt nicht immer so einfache +Lieder. Zuweilen wird es ihm unerträglich, daß jemand +Fremdes aus seiner Seele lauscht. Er zerreißt die Saiten und +die Töne plötzlich. Dissonanzen schrillen. Oder er nimmt +gar die Laute und schlägt sie dem philisterhaften Greise, der +ihn wie Susanne im Bade in seiner Nacktheit belauscht, auf +den hohlen Schädel und um die Ohren. Diese ironischen Gedichte, +gegen den Philister überhaupt und den Philister in der +eigenen Brust gerichtet, gehören zu den merkwürdigsten +Expressionen des menschlichen Pessimismus. Mit <em class="g">Ludwig +Börne</em> (aus Frankfurt, 1786–1837) und <em class="g">Karl Gutzkow</em> +(aus Berlin, 1811–1878) bekämpfte Heinrich Heine von Paris +aus, wohin er aus dem gastlichen Deutschland geflüchtet war, +»die Tyrannen und Philister«. Diesen Kampf vom Ausland +her (man warf ihm, genau wie während des Weltkrieges den +deutschen Emigranten in der Schweiz, vor, daß er mit vergifteten +Pfeilen Deutschland in den Rücken schieße) hat man ihm besonders +übel genommen, und ganz besonders übel seine Stellung +zu den Hohenzollern. Er erwies sich aber in seinen politischen +Bemerkungen und Schriften (»Französische Zustände« usw.) +als Politiker von untrüglichem Instinkt und adlersicherem +Blick. Man höre, wie er in der »Lutezia« die europäische Zukunft +beurteilt. Er prophezeit ein großes »Spektakelstück«, +<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span> +den »gräßlichsten Zerstörungskrieg« zwischen Deutschland und +England–Frankreich–Rußland. »Doch das wäre nur der +erste Akt des großen Spektakelstückes, gleichsam das Vorspiel. +Der zweite Akt ist die europäische, die Weltrevolution, der +große Zweikampf der Besitzlosen mit der Aristokratie des Besitzes, +und da wird weder von Nationalität, noch von Religion +die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nämlich die +Erde, und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden …«</p> + +<p>Heine war nicht nur Dichter, er war vor allem Schriftsteller. +Als solcher hat er unter- und überirdisch eine Wirkung ausgeübt, +die nicht leicht überschätzt werden kann. Er ist der Prototyp +des Zeitungskorrespondenten: der erste europäische +Journalist und Feuilletonist. Daß seine Wirkung nicht nur +heilsam war: wollen wir's ihm ankreiden oder nicht vielmehr +seinen törichten und anmaßenden Epigonen? Freilich, auch er ist +gestrauchelt: in so mancher seiner privaten Polemiken (gegen +Platen z. B.). Er hat dies und vieles mehr gebüßt in seiner +»Matratzengruft« in jahrelangen Leiden, die ihn ans Bett fesselten +und zum langsamen Tode verurteilten. Er nannte sich +selber der »Arme Lazarus«. Und unter den Lazarusgedichten +finden sich seine echtesten und ergreifendsten Gedichte. Alle seine +Schmerzen legte er in ihnen bloß. Er war schon lange des +Lebens müde geworden. Die vielen Frauen, die ihn geliebt +hatten, waren von ihm gegangen. Geblieben war bei ihm sein +»dickes Weib Mathilde« und eine kleine letzte Freundin: die +Mouche, wie er sie nannte, die Fliege. Aber sie vermochte nur +selbst zu fliegen, ihm selber konnte sie das Fliegen nicht mehr +beibringen. Er war so sterbensmüde geworden:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser – freilich<br /></span> +<span class="i0">Das Beste wäre nie geboren sein.<br /></span> +</div></div> + +<p>Und oft sprach er vor sich hin, wenn niemand ihn hörte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Der Tod, das ist die kühle Nacht,<br /></span> +<span class="i0">Das Leben ist der schwüle Tag,<br /></span> +<span class="i0">Es dunkelt schon, mich schläfert …<br /></span> +</div></div> + +<p class="newsection">Über +<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +den sogenannten schwäbischen Dichterkreis sind wir mit +Heine einer Meinung. Die schwäbischen Dichter, <ins class="correction" title="unzähbar">unzählbar</ins> +wie der Straßenstaub in Stuttgart, zeichnen sich durch +eine betonte Philisterhaftigkeit aus. Wenn ihrer trefflichen, +wohlgerundeten Gattin sonntags die Klöße oder die Spätzle +nicht recht gerieten, dann ziehen sie die Stirne kraus, die Adern +schwellen, und auf dem Kopf die Nachtmütze zittert vor Erregung. +Sie laufen erregt durchs Zimmer und stolpern wohl +über die Quasten und Bommeln ihres Schlafrockes. Und +sind erst beruhigt, wenn Mutter die Pfeife stopft und einen +extra guten Kaffee zum Nachtisch kocht. Da schwellen die +Adern ab, die Nachtmütze beruhigt sich. Die Jüngste bringt +ein blaues Schreibheft von Vaters Schreibtisch, die Älteste +Tinte und Gänsekiel. Und, bewacht und betreut von den +Seinen, beginnt Vater zu dichten. <em class="g">Ludwig Uhland</em> +(1787–1862) ist in Tübingen geboren, und der Geist dieser +kleinen Wald- und Universitätsstadt war der seine. Ernste +Wissenschaftlichkeit in den grauen Hörsälen, das heitere Spiel +der Wolken und Winde über den bebäumten und wiesengrünen +Hügeln. Und wie in den Gasthäusern der Dörfer rings um +die Studentenstadt die Rapiere der schlagenden Verbindungen +klirrten, so stand Ludwig Uhland ewig auf der Mensur für +»das gute alte Recht« des Volkes, für Deutschtum und Demokratie +gegen die kleinliche Tyrannei der kleinen Fürsten. Er +wurde 1848 als Vertreter der demokratisch-großdeutschen Fraktion +in das Frankfurter Parlament gewählt, nachdem er +schon 1833 seine Tübinger Professur für deutsche Literatur +wegen politischer Differenzen mit der württembergischen Regierung +niedergelegt hatte. Seine eigentliche poetische Produktion +fällt in die erste Hälfte seines Lebens. Da sang er jene +schönen Lieder, die längst in den Volksmund übergegangen +sind: »Ich hatt' einen Kameraden« und Balladen wie »Das +Glück von Edenhall«. Als Balladendichter ist neben Uhland der +Schlesier <em class="g">Moritz Graf Strachwitz</em> (1822–1847) hervorzuheben, +<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> +der mit Günther, Büchner, Hauff zu jener edlen +Reihe jung verstorbener deutscher Dichterjünglinge gehört, +die der schwärmerischen Liebe ihres Volkes immer gewiß +sein werden. Die Ballade nach der komischen Seite hin bearbeitete +in lustigen gereimten Schwänken der weinselige +<em class="g">August Kopisch</em> (1799–1853), dessen »Heinzelmännchen« +wir als Kinder mit brennenden Augen, dessen »Historie von +Noah« wir als Studenten mit weinfeuchten Augen lasen. Der +alte Kopisch saß mit seiner roten Nase in unserer Korona auf +dem Schloßberg von Heidelberg, hob mit der einen Hand den +goldgefüllten Römer, mit der anderen den Zeigefinger und +sprach warnend: »Trinkt kein Wasser, Kinder! Ihr kennt die +Geschichte von der Sintflut? Trinkt kein Wasser,</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">dieweil darin ersäufet sind<br /></span> +<span class="i0">all sündhaft Vieh und Menschenkind …«<br /></span> +</div></div> + +<p>Daß der leichtblütige und leichtsinnige Kopisch der beste Freund +des schwermütigen und schwerblütigen Grafen <em class="g">Platen</em> (aus +Ansbach, 1796–1835) war, mag nachdenklich stimmen. Aber +vielleicht hatte Platen Kopisch nötig wie Kopisch – den Wein. +Um sich in der Misere seines Lebens mit Heiterkeiten hin und +wieder zu betrinken. Platens Schicksal war die Männerfreundschaft +und Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn zu +finden. Seiner inbrünstigen Sehnsucht nach einem Echo seines +Herzens verdanken wir die schönsten deutschen Sonette. In +Syrakus ist er gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im Arme +des endlich gefundenen Götterjünglings.</p> + +<p class="newsection">Es gibt ein Wort: Nur wer wahrhaft schlecht gewesen ist, +kann wahrhaft gut werden. Buddha selber muß in einem +früheren Leben einmal ein Mörder gewesen sein. Niemand +sehnt sich so brennend nach Erlösung wie der Unreine, der +Verfehmte, wie der Verbrecher, der seines Verbrechens sich bewußt +wird. <em class="g">Friedrich Hebbel</em>, ein Bauernsohn aus +Dithmarschen (1813–1860), war vielleicht das, was man +<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +einen bösen Menschen nennt. Von Dämonen gehetzt brach er, +ein verhungerter Wolf, an dem man jede Rippe einzeln zählen +konnte, in die Lämmerweide der deutschen Dichtung ein. +Jedes Mittel war ihm recht, seinen geistigen Hunger zu stillen. +Er schlug Eide in den Wind und verriet Frauen, die ihn +liebten, und ohne die er krepiert wäre – um der Idee zu +dienen. Er war ein armer Schächer, ans Kreuz dieses Lebens +geschlagen. Er häufte Schuld auf Schuld – und wußte darum +und litt darunter. Die erschütterndste Tragödie, die er +schrieb, ist sein Leben. Wir leben es erschüttert mit, während +wir die Dramen, die er schrieb, nur staunend respektieren. +Lieben können wir den Menschen Hebbel. Den Dichter wollen +wir ehrfurchtsvoll salutieren. Am liebenswürdigsten zeigt er +sich noch in seinen Gedichten. Es ist psychologisch beachtenswert, +daß Hebbel selbst seine Lyrik für seine bedeutendste dichterische +Leistung hielt. Er selbst konnte wohl gedanklich, aber +gefühlsmäßig mit seiner wie ein Eisengerüst konstruierten +Dramatik nicht mit. Seine Logik überspitzte sich (in Maria +Magdalena, in Agnes Bernauer). Er verfolgte ein Problem +noch über seine Lösung hinaus und bewies dadurch, daß ihm +das Problem an sich wichtiger war als das Leben, welches die +Probleme stellt. Seine Dramen sind alle irgendwie erstaunlich, +man muß, wie der Wärter im zoologischen Garten auf +sonderbare Tiere, mit dem Stock darauf zeigen. Seine +Nibelungentrilogie ist eine Monstrosität. Der Vollendung am +nächsten kommt vielleicht sein Jugendwerk »Judith«, in dem +das Problem des Zwiespalts zwischen Neigung und Pflicht, +zwischen Sinnlichkeit und Sinn, zwischen ethischer Forderung +und menschlicher Schwäche klar gestellt und klar beantwortet +wird. Die Witwe von Bethulia nahm eine Aufgabe auf sich, +der sie als Mensch zwar, doch nicht als Weib gewachsen war. +Das ist ihre Tragik. Hebbel nahm eine Aufgabe auf sich, der +er als Denker zwar, doch nicht als Dichter gewachsen war. +Das ist seine Tragik. Sein Antipode, aus ähnlich niederem +<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +Milieu entwachsen, <em class="g">Christian Dietrich Grabbe</em> +(1801–1836), Sohn eines Zuchthausaufsehers in Detmold, +wollte weniger – aber konnte mehr. Er empfing seine ersten +Eindrücke, wenn er im Zuchthause spielte und die Gefangenen +wurden zum Spaziergang an die frische Luft geführt. +Zwei und zwei, zwischen grauen Mauern, den grauen Himmel +über sich, umschritten sie schweigend in ihren Anstaltskleidern +das vorgeschriebene Kreisrund, bis die Zeit erfüllet ward. +Seine Dramenhelden: der Herzog von Gothland, Napoleon, +Hannibal, haben alle etwas von Zuchthäuslern, die an den +Stäben ihres Gefängnisses rütteln: vergeblich. Der Zwiespalt +zwischen Idee und Wirklichkeit scheint unentrinnbar. +Der hehrste und heiligste Wille wird in den Staub gezogen: +Achilleus schleift Hektors Leiche an seinem Wagen um die +Mauern von Troja … Immer fällt Hektor, der Anwalt der +reinen Idee, und immer siegt Achilleus, grobschlächtig und +protzig, weil er die Macht und die realen Dinge hinter sich +hat. Die tiefste Tragödie freilich spielt sich im Herzen des +Menschen ab. Grabbes Stauffendramen (Heinrich VI., Barbarossa), +vor allem aber Napoleon und Hannibal nähern sich +der durch Faust und Wallenstein bezirkten großen Tragödie. +Dieser Hannibal ist ein ungeheuerlicher Bursche. Eine riesige +Termite, die in der winzigen Ameisenwelt, ein Held, der unter +den Händlern zugrunde gehen muß. In »Don Juan und Faust« +machte Grabbe den kühnen Versuch, den germanischen und den +romanischen Typus nebeneinanderzustellen. Sein Lustspiel +»Scherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung«, in dem der +Autor voll romantischer Ironie höchstpersönlich nicht ohne +tiefere Bedeutung auftritt, bildet in seiner bäuerlichen und +teuflischen Derbheit ein Gegenstück zu <em class="g">Georg Büchners</em> +zartem und schwankem Schwank »Leonce und Lena« mit +seinen zerbrechlichen Figuren und Kontroversen. Georg Büchner +(aus dem Darmstädtischen, 1813–1837) konnte aber auch anders +als sanft lächeln oder vertrottelt disputieren. Wie einen +<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> +erratischen Block schleuderte er sein französisches Revolutionsdrama +»Dantons Tod« von sich. Auch in seiner von Gutzkow +überlieferten Gestalt (die Urform ging verloren) gehört es +zu den mächtigsten deutschen Dramen: hier ist erstmalig, +wie später erst wieder bei Gerhart Hauptmanns »Webern«, +ein ganzes Volk der Held. St. Just, Robespierre, Danton +sind seine Exponenten. Den Streit aller Revolutionen zwischen +Individualismus und Kommunismus entscheidet der einzige +Richter, der ihn zu entscheiden vermag: der Tod. Er lenkt die +Guillotine, die heute Dantons Haupt frißt, die morgen das +Haupt Robespierres fressen wird, bis übermorgen Napoleon +sie von der Bühne des Welttheaters entfernt. Für eine +Weile … Er hat andere Requisiten und Maschinen, die nicht +weniger exakt und blutig arbeiten: Kanonen und Mitrailleusen. +– Im Wozzek, der Fragment geblieben ist, knüpft +Büchner an Lenz an (dem er eine schöne Novelle gewidmet hat). +Die bürgerliche Tragödie, die Hebbel mit der Maria Magdalena +schreiben wollte, sie gelang, selbst im Fragment, Büchner +mit seinem Wozzek. Vom Wozzek läuft die Tradition zu +Wedekind, der von niemand mehr gelernt hat als von diesem +Büchnerschen Aphorismus. Auch als politischer Revolutionär +ist Büchner von eminenter Bedeutung. Seine Botschaft »Friede +den Hütten. Krieg den Palästen!« ist das flammendste deutsche +revolutionäre Manifest überhaupt. Büchner starb zehn Jahre +zu früh. Er wäre der gegebene Führer der 48er Revolution +geworden. Er wurde nur vierundzwanzig Jahre alt. Ein Jahrhundert +hat der Heldentod des Jünglings Theodor Körner, der +ein guter Soldat, aber ein schlechter Trompeter war, das +Heldenleben des Jünglings Georg Büchner völlig verdunkelt.</p> + +<p class="newsection"><em class="g">Heinrich Laube</em> (aus Sprottau, 1806–1884) schlug die +dramatische Pauke, daß einem Hören und Sehen verging. +Sein »Graf Essex« war das erste Theaterstück, das ich als Knabe +<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +auf der Schmierenbühne einer märkischen Kleinstadt sah. Niemals +mehr hat ein Drama einen solchen Eindruck auf mich gemacht. +Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker +sitzen und höre auf einem vom Bäcker geborgten blechernen +Kuchenteller zwölfmal die Stunde des Gerichtes schlagen. Alle +Schauer jagen mir im Gedächtnis daran über den Rücken, +und ich drücke den vereinigten Geistern von Laube und Essex +pietätvoll und gerührt die Hand. Zu meinen erfreulichsten +Jugenderinnerungen aus dem Gebiete der Literatur gehören +auch <em class="g">Willibald Alexis</em> (aus Breslau, 1798–1871), in +den Schullesebüchern immer mit dem homerischen Beinamen +»der Vortreffliche« geehrt, welcher nicht undichterische historische +Romane aus meiner engeren Heimat schrieb: »Die Hosen des +Herrn von Bredow«, »Der Roland von Berlin«, und <em class="g">Wilhelm +Hauff</em> (aus Stuttgart, 1802–1827), in den Schullesebüchern +ein wenig zärtlich, aber auch ein wenig von oben +herab, »der Jugendliche« genannt. Zu der Geste des Von-oben-herab +ist bei ihm nun keine Veranlassung. Er ist kein +großer Dichter: zu den Klassikern haben ihn nur die Fabrikanten +von Klassikerliteratur gemacht: denen genügen Schiller, +Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die Brautpaare +verlangen beim Heiraten zur Komplettierung ihrer Wohnungseinrichtung +eine ganze Klassikerausstattung: dazu gehören denn +auch vor allen Dingen Theodor Körner und eine ganze Anzahl +völlig unmöglicher und verstaubter alter Herren, wie Gaudy, +Gutzkow usw. Hauff ist nun ganz und gar nicht verstaubt. +Er ist kein großer Dichter, aber ein Erzähler +von prachtvoller novellistischer Begabung, wie seine +Märchen und Novellen beweisen. Ein Glanzstück unserer +novellistischen Poesie gelang einem Franzosen: <em class="g">Adalbert +v. Chamisso</em> (aus der Champagne, 1781–1838) mit seinem +Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen Schatten verkauft +hat. Peter Schlemihl ist eine sinnbildliche und sprichwörtliche +<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span> +Figur geworden. Ich weiß allerdings nicht, ob er auf meine +Mitbürger noch viel Eindruck macht. Sie sind ja längst gewohnt, +nicht nur ihren Schatten, sondern auch den Schatten ihres +Schattens, und die Sonne, die den Schatten hervorruft, zu +verkaufen. Ja, sie verkaufen sogar Peter Schlemihls wundersame +Geschichte, statt sie einem jeden gratis ins Haus zu +bringen, als Luxusdruck zu 300 Mark und mehr. Armer +Schlemihl! Hättest du zur Subskription auf dich selbst einladen +können: du hättest deinen Schatten nicht zu verkaufen brauchen! +Aber du hast es eben nicht verstanden, dein Geschäftsinteresse +wahrzunehmen. Dies verstand auch <em class="g">Adalbert +Stifter</em> nicht (aus dem Böhmerwald, 1805–1868), der zarte +Pastelle und gestrichelte Federzeichnungen nach der Natur auf +kleine weiße Blätter malte und zeichnete. Die Blätter sammelte +er und gab ihnen dann (wie wenig geschäftstüchtig war er +doch!) so unscheinbare Namen wie: »Studien«. Wer in den +Sommerferien in den bayerischen Wald reist und läßt Stifters +Erzählungen, vor allem den Hochwald, zu Hause, der verdient +es nicht, Sommerferien im bayerischen Wald zu erleben. Reist +er aber nach Westfalen, so muß er sich den »Oberhof« von +<em class="g">Karl Immermann</em> (aus Magdeburg, 1796–1840) in +den Rucksack stecken, oder, falls er über Zeitbedingtes hinwegzulesen +versteht, den ganzen »Münchhausen«. Auch darf er +von Immermann die tiefsinnige Mythe »Merlin«, die Tragödie +des Widerspruchs, nicht vergessen. Wenn der dem Dichter +hoffentlich geneigte Leser auch den Widerspruch nicht lösen +sollte – was tut's? Begreift er Goethes »Geheimnisse«? Oder +Hölderlins letzte Gedichte? Oder die Oden von Pindar? Muß +denn alles so verständlich sein wie ein Gespräch über die +teuren Zeiten im Kaufmannsladen? Nicht jeder ist ein Alexander, +nicht jeder vermag den Gordischen Knoten derart gewalttätig +mit dem Schwert zu lösen, und manchmal tut's nicht +einmal gut, die Lösung mit dem Schwert, meine ich, wie +<span class="f" lang="la" xml:lang="la">exempla docent</span>.</p> + +<p class="newsection">Abseits +<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +von allen Zeitstürmen saß in Kleversulzbach in +Schwaben unter der Pfarrhauslinde, behaglich seine lange +Pfeife rauchend, im bunt geblümten Schlafrock mit den goldenen +Quasten: <em class="g">Eduard Mörike</em> (1804–1875). Wie +Büchner von Körner, so ist sein helles Gestirn von der Wolke +eines Geibel beschattet worden, und bis ans Ende des 19. Jahrhunderts +haben wenige gewußt, was hinter dem biederen +Pfarrer von Kleversulzbach steckt. <em class="g">Ferdinand Freiligrath</em> +(aus Detmold, 1810–1876), und <em class="g">Friedrich +Rückert</em> (aus Schweinfurt, 1788–1866), um noch die besten +zu nennen, blendeten die deutsche Leserwelt mit ihrer Exotik +voll ungewöhnlichen lyrischen Farbenreichtums. Der Allerweltsepigone +Geibel und die Geibelepigonen versüßlichten den +Geschmack des deutschen Publikums vollends, so daß es an +einem klaren Trunk, wie ihn Mörike kredenzte, keinen Geschmack +mehr fand. Zu alledem schrien dem deutschen Volk die politischen +Dichter noch die Ohren voll, Herwegh an der Spitze, +bescheiden wie sie immer sind, traten sie trompetend vor ihre +Jahrmarktsbude und schrien: »Nur immer hereinspaziert, +meine Herrschaften! Wir haben die einzig echte, die einzig +wahre, die politische Kunst gepachtet!« Sie hatten eine Menge +Zulauf. Auch Freiligraths wohlassortierte Menagerie, in +welcher der Wüstenkönig, der Löwe, die Hauptattraktion bildete, +und wo ein waschechter Mohrenkönig an der Kasse saß, wurde +überlaufen. Der Blumenstand, an dem die Muse selbst +Mörikes Feldblumen oder auch Rosen und Nelkensträuße feilhielt, +wurde nicht beachtet. Eduard Mörike hatte mit einer +Paraphrase des Wilhelm Meister: dem Roman Maler Nolten, +begonnen, der nicht ohne Eindruck blieb. Mit Gottes Wort, +das Gott ihm selber in den Mund gelegt, mit seinen Gedichten +predigte der Kleversulzbacher Pfarrer lange tauben Ohren. +Seine Verse sind nicht gemeißelt wie die Hölderlinschen, nicht +in der Trunkenheit herausgebrüllt wie die Güntherschen, nicht +ziseliert wie die Heineschen, geflötet wie die Platenschen: sie +<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> +fielen wie reife Früchte vom Baum in seinen Pfarrhausgarten. +Sie sind nicht erkünstelt, nicht erzwungen: sie sind rund und +vollendet und duften wie reife Äpfel. Der Sonnenblume +gleich stand sein Gemüt offen. Er brauchte in seiner friedlichen +Seele keine Schlachten zu schlagen wie Hebbel. Nur +schwach schwankte die Schale zwischen Lieben und Leiden. +Seine Phantastik schweift milde wie ein Sommervogel in seinen +Erzählungen (Mozart auf der Reise nach Prag) und +Märchen. Er erschreckt nie. Seine Schauergeschichten machen +lächeln. Und wenn er dunkel ist, so ist er dunkel wie eine +Sommernacht in Kleversulzbach, warm und besternt, und wir +wissen, daß die Morgenröte nicht fern ist. Dann werden wir +mit dem Kleversulzbacher Pfarrherrn und seinem Küster auf +den Kirchturm steigen.</p> + +<p class="newsection">Die Schweizer hatten sich mit dem Fabeldichter Ulrich +Boner, mit Bodmer, Breitinger und vor allem mit +Geßner schon vorteilhaft in die deutsche Literatur eingeführt, +als sie mit <em class="g">Jeremias Gotthelf</em> (aus Murten, 1797 +bis 1854) einen Haupttreffer machten. Was sind das für Kerle, +die Schweizer Bauern und Bäuerinnen des Pfarrers Bitzius +aus dem Emmental. Auf angeerbter Scholle sitzen sie: +derb, treuherzig, fromm. Kein Falsch ist an ihnen und kein +Flitter. Ihr Wort: eine Enzianblüte im Gebirge. Die Schweizer +können aber nicht nur bäuerisch derb, sie können auch +städtisch, <span class="f" lang="fr" xml:lang="fr">à la mode</span> oder historisch gekleidet daherstolziert kommen, +wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer beweisen.</p> + +<p><em class="g">Gottfried Keller</em> (aus Zürich, 1819–1890) läßt seinen +»Grünen Heinrich« in der Tracht aufmarschieren, die +Grimmelshausen, Heinse, Goethe in die deutsche Literatur +eingeführt haben: jeder mit etwas anderem Schnitt. Das +Problem der Entwicklung beherrscht den »Grünen Heinrich« +auf seinen tausend Seiten: so gut wie Simplex, wie Ardinghello, +<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span> +wie Wilhelm Meister ist er auf dem Wege zu sich selbst. +Der Weg, der zu einem selbst führt, ist nun nicht so bequem +wie die Chausseen bei Kopenhagen, wo alle fünf Minuten, an +jeder Wegbiegung, eine Tafel steht: nach da und nach da und +nach da: man kann nicht fehlgehen. Wie steht es hingegen mit +den Wegen zu sich? Da gerät man auf allerlei Nebenpfade, +in Gestrüpp, Wolfsgruben, auf fremden Besitz, und man muß +froh sein, wenn man schließlich am Abend die Herberge findet +und auf der harten Ofenbank schlafen darf. Man weiß manchmal +wirklich nicht, ob man das Rechte trifft, wenn man z. B. +Maler- und Anstreicherlehrling wird. Und schließlich wendet +sich doch alles zum Rechten, denn man bringt von der Malerei +ein unverlierbares Gut im Felleisen heim: die Kraft der +lebendigen <ins class="correction" title="Anschaung">Anschauung</ins> aller Dinge. Es kommt für den Dichter +nicht darauf an, die Gedanken zu Ende zu denken, +sondern auch den Erscheinungen bis ins Herz zu sehen, sie zu +durchschauen. Als wäre der Mensch ein Stück Glas. Solches +konnte Gottfried Keller. Und weil er eine so klare Anschauung +von den Menschen hatte, deshalb gerieten sie in seinen Novellen +so klar und durchsichtig. Diese Novellen, gesammelt in +den Büchern »Die Leute von Seldwyla«, »Sieben Legenden«, +»Züricher Novellen«, »Das Sinngedicht« – bedeuten einen +Gipfel deutscher Erzählerkunst. Wer als Erzähler ihn wieder +erreichen will, der muß hoch und mühsam klettern – da wird es +nicht so bequem hinaufgehen wie auf den Rigi, das ist schon +mehr eine Matterhornbesteigung. Gottfried Keller hat ein vollkommenes +Gedicht, das Gedicht vom alten Pan im Walde, +geschrieben. Sein Landsmann <em class="g">Heinrich Leuthold</em> deren +drei oder vier, sein anderer Landsmann <em class="g">C. F. Meyer</em> (aus +Zürich, 1825–1898) deren viele. Hat Gottfried Keller typisch +schweizerische Züge in seinem Wesen und Dichten, so wird man +bei Meyer trotz manchen schweizerischen Stoffes (der Roman +»Jürg Jenatsch«) vergebens danach suchen. Seine Landsmannschaft +ist undeutlich und unbestimmt. Er hat sich selbst als +<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +Statue eines Dichters nach einem Idealbild konstruiert. Er +führte das Leben einer steinernen Statuette: ganz Marmor, +ganz Glanz. Vierzig Jahre war C. F. Meyer, als er sein erstes +Buch, ein kleines Buch Gedichte, veröffentlichte. Er hat +mit seinen Gedichten sein Bestes gegeben, ungeachtet mancher +schönen Novelle. Die Gedichte sind von einer leidenschaftlichen +Liebe zur Form erfüllt. Genug konnte ihm nie und +nimmermehr genügen. Ihm zitterte eine Flamme im Busen, +die er mit heiliger Scheu hütete.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Daß sie brenne rein und ungekränkt.<br /></span> +<span class="i0">Denn ich weiß, es wird der ungetreue<br /></span> +<span class="i0">Wächter lebend in die Gruft gesenkt.<br /></span> +</div></div> + +<p>Von den Göttern, die er oft zu sich zu Gaste lud, waren ihm +Bacchus und Silen die liebsten.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">In der schattendunklen Laube gab Silen, der weise, Stunde,<br /></span> +<span class="i0">Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem Munde,<br /></span> +<span class="i0">Lieblich lauschend.<br /></span> +</div></div> + +<p>Und sein schönstes, sein wildestes Symbol fand C. F. Meyer +in der Veltlinertraube.</p> + +<p>Es ist dem Trifolium Spitteler, Nietzsche, George zu danken, +daß die deutsche Sprache in den achtziger Jahren nicht +völlig unter die Räder der naturalistischen Bier- und Leiterwagen +kam. <em class="g">Carl Spitteler</em> (aus Liestal, geboren 1845) +sagte mit seinem »Prometheus und Epimetheus« der Wirklichkeit, +die sich verwirkt hatte, die Fehde an. Leider +wurde er selbst in seinen nächsten Werken aus einem Prometheus, +einem Fackelbringer, ein Epimetheus, ein Mensch der +Verwirrung und des Dunkels, denn in »Conrad, der Leutnant« +und »Imago« tut er es den schlechtesten Naturalisten und +Psychologisten gleich. Daß der bedeutendste Psychologe der +Gegenwart, Professor Freud in Wien, seine Zeitschrift nach +der »Imago« nannte, ist zuviel der Ehre für dieses ganz +analytische, aber der Synthese völlig ermangelnde Buch. Jeder +Dichter, Herr Professor Freud, ist instinktiv Psychoanalytiker. +<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +Aber hier beginnt erst der Weg und der Wille zum Psychosynthetiker. +Im »Olympischen Frühling«, dem großen griechischen +Epos, hat Spitteler sein bestes Selbst wiedergefunden. +Er fand das Reich Apollos, das Reich, »das nicht von dieser +Welt ist«. – Von jüngeren Schweizern sind zu nennen: der +früh (1919) verstorbene <em class="g">Karl Stamm</em>, ein Lyriker von +vielen Graden, der zarte Idylliker <em class="g">Robert Walser</em>, der +religiös vergrübelte <em class="g">Albert Steffen</em> (geb. 1874), Romandichter +theosophischer Richtung.</p> + +<p class="newsection">Eine in ihrer verbohrten Problematik Hebbel geschwisterte +Natur ist <em class="g">Otto Ludwig</em> (aus Eisfeld, 1813–1865). +Er sah sich zeitlebens im Schatten Shakespeares stehen und +kam deshalb nur in seinem biblischen Trauerspiel »Die Makkabäer« +und in seinen Novellen über ihn hinaus, in denen er +als antizipierter Dostojewski und Zola erscheint. Es könnte +nicht schaden, wenn – über Dostojewski – Otto Ludwigs +Prosa nicht vergessen würde. Sie ist der feierlichen Auferstehung +wert. Wird <em class="g">Gustav Freytag</em> (aus Kreuzburg, +1816–1895) aus der Gruft der Vergessenheit auferstehen? +Vielleicht mit seinem bürgerlich-soliden Roman »Soll und +Haben«, worin jedem Charakter sorgsam sein Debet und +Kredit zuerteilt ist. Des Mecklenburgers <em class="g">Fritz Reuters</em> +(1810–1874) humoriges und herzliches Plattdeutsch ist leider +nur einem engen Kreise von Deutschen verständlich. (»Ut mine +Stromtid.«) <em class="g">Wilhelm Raabes</em> (aus Escherhausen, 1831 +bis 1910) ernster Humor, seine bedächtige Menschenfreundlichkeit, +seine bittersüße Melancholie, wird deutschen Herzen als +eine deutsche Angelegenheit immer lieb und vertraut sein. Für +Wilhelm Raabe gibt es kein besseres Epitheton als dies ohne +jeden Nationalismus gesagte: deutsch. »Der Hungerpastor«, +»Der Schüdderump«, »Horracker« werden bleiben wie des +Friesen <em class="g">Theodor Storm</em> (1817–1888) rosenblätterige +Novellen: Immensee, Pole Popenspäler, Der Schimmelreiter +<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +und die kleine Erzählung »Im Saal« – eines der frühesten +und schönsten Gebilde Storms, das er im Revolutionsjahr 1848 +ersann. Die Sehnsucht nach der guten friedlichen Zeit, der +wir sonst zu trauen gar nicht geneigt sind, wird, wenn wir +sie lesen, übermächtig in uns. Früher – ja, das war freilich +eine stille, bescheidene Zeit: »Die Menschen waren damals noch +höflicher gegeneinander. Das <ins class="correction" title="Disputierten">Disputieren</ins> und Schreien galt +in einer feinen Gesellschaft für sehr unziemlich. Wer seine +Nase in die Politik steckte, den hießen wir einen Kannegießer, +und war's ein Schuster, so ließ man die Stiefel bei seinem +Nachbar machen. Die Dienstmädchen hießen noch alle Stine +und Trine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande … +Aber was wollt ihr denn?« fuhr die alte Großmutter fort, +»wollt ihr alle mitregieren?« Ja, Großmutter, das wollen +wir nun freilich, und darum sind wir auch alle so unglücklich +und ruhlos, so hin und her gerissen zwischen Stern und Erde, +so kriegerisch und friedlich zugleich.</p> + +<p><em class="g">Paul Heyse</em> ist im Strom der Zeiten schon versunken, +so tief versunken wie <em class="g">Geibel</em> (aus Lübeck, 1815–1884), der +einst so hochgefeierte. Geibel wollte 1871 mit seinen »Heroldsrufen« +eine große Zeit einrufen. Aber Krieg und Sieg von +1870/71 hatten für die deutsche Dichtung und Kultur eine katastrophale +Wirkung. Die Heroldsrufe riefen einem Zeitalter, +das in niedrigstem Materialismus, größtem Größenwahn, in +Goldsucherei, Aufgeblasenheit (aufgeblasen wie ein Jahrmarktsschwein) +und Chauvinismus seinesgleichen suchte. Hohenzollernsch +patentierter, mehr oder weniger gereimter Patriotismus +von Geibel und seinen Nachbetern und Nachtretern lyrisch, +von <em class="g">Wildenbruch</em>, selbst einem abseitigen Hohenzollernsproß, +dramatisch aufgeputzt, von Julius Wolff in seinen +Ritterromanen in die große Vergangenheit projiziert, aus ihr +eine große Gegenwart und große Zukunft abstrahierend (wie +sprach doch Wilhelm II. einst? »Ich führe euch herrlichen Zeiten +entgegen …«), süßlich gesabberte Lyrik der Baumbäche und +<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +Bodenstedter, eine unechte flache Erzählerkunst – das waren +die ersten kulturellen Früchte der Einigung des deutschen +Volkes. Fast zwei Jahrzehnte hat das deutsche Volk diese +Limonadensuppen in sich hineingesoffen, während ihm der +frische Trunk der echten Dichtung, den ihnen Mörike, Raabe, +Leuthold, C. F. Meyer, Fontane spendeten, nicht recht munden +wollte. Einzig <em class="g">Theodor Fontane</em> (aus Neuruppin, 1819 +bis 1898) brachte es zu einiger Berühmtheit, nicht aber wegen +seiner großen Kunst der Milieu- und Menschenschilderung, +sondern wegen seiner stofflichen Vorwürfe, die er meist dem +Leben des märkischen Adels entnahm. Niemand hat das Gute +und Edle, was im spezifisch-junkerlichen Typus steckt: die starre +Pflichterfüllung, das karge, wie hinter geschlossenen Türen +geführte Gefühlsleben, das moralisch-märkische Pathos reiner +glorifiziert und geschildert als Fontane im »Stechlin«. Auch +das alte Berlin der siebziger und achtziger Jahre fand in ihm +seinen berufenen Schilderer. Wer sich vom heutigen Berlin +entsetzt abwendet, versäume nicht, dem Fontaneschen einen +Besuch abzustatten. Er wird entzückt aus diesem Berlin, das +<ins class="correction" title="unwiderbringlich">unwiederbringlich</ins> dahin ist, zurückkehren. Das Gelungenste und +<ins class="correction" title="geformteste">Geformteste</ins> in Fontanes Romanen sind die Frauengestalten: +Cecile und Effi Briest wandeln in einem Reigen mit Mignon +und Philine, Liane und Toni Häusler.</p> + +<p class="newsection">Otto Ludwig und Theodor Fontane im Erzählerischen, Hebbel +und Anzengruber im Dramatischen, Leuthold im Lyrischen, +sind die Vorläufer und Fanfarenbläser der Bewegung, +die man als die naturalistische bezeichnet hat. Es ist zu bemerken, +daß Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus, +Futurismus nur Hilfsworte sind, um Begriffen und Bewegungen, +Ideen und Wallungen beizukommen. Wo der +Ismus aufhört, da fängt der Dichter erst an, denn letzten +Grundes macht die Einzelseele, nicht die Massenpsyche oder +-psychose erst den Dichter zum Dichter. Jeder Mensch hat eine +<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> +bestimmte seelische Richtung, in der er läuft, und wer in derselben +Richtung geht, den begrüßt er als seinen Weggenossen +mit besonderer Herzlichkeit. Nun gibt es aber viele Wege. +Viele Wege führen nach Rom: ins Heiligtum der Kunst, in +den Tempel des Gottes. Es ist Überheblichkeit, den Weg, den +ein anderer geht, von vornherein als einen falschen zu bezeichnen +und Hohn und Gelächter ihm nachzurufen. Als Maßstab +der Kritik darf nur die Qualität gelten: der Zusammenhang +des relativen mit dem absoluten Prinzip. Ein guter +naturalistischer Roman ist mir lieber als ein schlechter expressionistischer +und umgekehrt. – Was wollte der Naturalismus? +Er entstand als kraftvolle Gegenbewegung gegen die unwahre +und unechte Afterkunst, wie sie seit 1870 in Deutschland zur +herrschenden geworden war. Er lehnte allen Historismus, alle +idealisierende Stilisierung ab: wollte nur lebenswahr sein und +forderte an Stelle einer Verhüllung der Natur ihre Entschleierung +bis zur letzten Nacktheit. Er wollte die Natur abschreiben, +die natürlichen Dinge natürlich darstellen. Wenn +der Naturalismus die Imitation der Natur vielfach zur These +erhob, so beging er natürlich <span class="f" lang="la" xml:lang="la">a priori</span> einen Denkfehler. Eine +Nachahmung der Natur kann es nicht geben: immer tritt ja +der Gestaltende mit einem subjektiven Willen an sie heran. +Einzig der Buddha, der völlig Objektivierte, könnte auch ein +vollkommener Naturalist sein: aber er würde es wiederum +nicht sein, weil ihm der Wille zur Gestaltung von vornherein +abgeht. Er will nichts. Der naturalistische Dichter aber wollte +doch etwas: nämlich die Natur darstellen. Wo ein persönlicher +Wille ist, ist schon ein persönlicher Stil. So ist denn als +ästhetisches Gesetz nur eine Spielart des Naturalismus: der +Impressionismus zu diskutieren. Der Impressionismus will, +daß die Seele wie eine Braut sich hinlagere, damit die Natur +liebend einströme mit Fluß und Wolke, Stern und Falter. +Der Expressionismus, die Gegenbewegung gegen den Impressionismus, +fordert programmatisch: schleudere deine Seele +<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span> +aus dir heraus in die weite Welt, hinauf in den hohen Himmel: +so erst wirst du ganz wahr sein. Der Impressionismus predigt +die Wahrheit des Seins, der Expressionismus die Wahrheit +der Seele. Es ist klar, daß auf einer höheren Ebene diese +Forderungen sich in einem Schnittpunkt berühren: da, wo +Sein und Seele, Erde und Himmel eins geworden sind. Im +Formalen äußert sich der Gegensatz der beiden Strömungen +derart: beim Impressionismus: Analyse des Geistes, Synthese +der Form. Beim Expressionismus: Synthese des Geistes, +Analyse der Form. – Die Naturalisten waren für Deutschland +die Entdecker des Proletariers als »Gegenstand« der dichterischen +Betrachtung: da ihrer Betrachtung ja auch das Niederste +und Unterste wert erschien. Aber der Proletarier, der arme +Mensch, der ärmste Mensch, blieb ihnen eben doch nur »Gegenstand«. +Erst die politischen und expressionistischen Dichter der +jüngsten Generation haben den entscheidenden Schritt vollzogen, +indem sie sich mit dem Proletarier identifizierten. Die +proletarische Lyrik der <em class="g">Henckell</em> (geboren 1864), <em class="g">Mackay</em> +(geboren 1864) – Mackays Roman »Der Schwimmer« ist eine +der besten Prosaleistungen des Naturalismus – usw. wirkt denn +auch ziemlich zahm bürgerlich. In <em class="g">Arno Holz</em>' (aus Rastenburg, +geboren 1863) »Buch der Zeit« klingt sie kräftiger. +Dessen eigentliche Bedeutung liegt aber nicht darin, sondern +in seinem romantischen Buche »Phantasus«, mit dem er zwar +keine Revolution der Lyrik, wie er meinte, eingeleitet und +eingeläutet hat, aber die wesentliche Stimme seiner eigenen +Lyrik fand. Diejenigen, bei denen der Naturalismus ein +totes Dogma wurde, sind, manche noch lebendigen Leibes, +gestorben. Des romantischen Naturalisten <em class="g">Max Halbe</em> +bestes Werk ist eine kleine Novelle: Frau Meseck. +Am Leben blieb der unverwüstliche, kräftige <em class="g">Detlev von +Liliencron</em> (aus Kiel, 1844–1909), der lyrische Husar, +der niederdeutsche Feuerreiter. In der plattdeutschen Lyrik +exzellierte <em class="g">Klaus Groth</em> (aus Dithmarschen, 1819–1899), +<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +der Dichter des »Quickborn«, in bodenständigen österreichischen +Bauerndramen <em class="g">Ludwig Anzengruber</em> (aus Wien, 1839 +bis 1889). Vom Naturalismus kam, ihn überflügelte bald +mit silbernen Flügeln: <em class="g">Gerhart Hauptmann</em> (geboren +1862 in Salzbrunn). Wie ein Baum zieht er seine Säfte aus +der schlesischen Erde, aber seine Krone ragt in den Himmel, +und sein Gezweig überschattet hundert Naturalisten. Mit +der Weißglut seines Willens hat er die naturalistische Theorie +durchschmolzen. Keine konstruierten Maschinen, keine Homunkulusse +durchwandeln die Welt seines Dramas: Menschen voll +Blut und Sehnsucht, arme, elende Menschen, geprügelt wie +Hunde von der Peitsche des Schicksals, hungernd und frierend, +hungernd nach Brot und Licht, frierend an den kalten, steinernen +Herzen der Mitmenschen, Menschen, die in einer ewigen +Dämmerung »vor Sonnenaufgang« leben, »einsame Menschen«, +zu denen selten genug der Ton der »versunkenen Glocke« +herauftönt, Menschen, die einzeln nicht leben dürfen wie die +schlesischen Weber, die ein Klumpen blutendes, zuckendes Stück +Fleisch sind, Menschen, die fried- und ruhelos das Labyrinth +des Daseins durchirren, bis eine sanfte Frau auch mit ihnen +einmal das »Friedensfest« feiert. Wie sind die zu beneiden, +die, wie Hannele, so früh von dieser schmutzigen Erde zum +Himmel fahren dürfen! Daß sie Kinder bekommen, zeugen +und gebären – wie furchtbar! Wer will den ersten Stein auf +»Rose Bernd« werfen? Wer stürzt nicht weinend in sich zusammen, +wenn der brave, ehrliche »Fuhrmann Henschel«, +zwischen Schuld und Unschuld schwankend, sich erhängt? Alle +Gestalten Hauptmanns sind Narren in Christo, wie der religiöse +Schwärmer Emanuel Quint, der im neu erwachenden +religiösen und sektiererischen Leben der Zeit noch eine Rolle +spielen wird.</p> + +<p class="newsection">Wie die Geibelperiode in Empfindelei und Süßlichkeit, +so artete der Naturalismus schließlich in Krafthuberei, +törichte Brutalität und Apotheose des Misthaufens aus. Süßigkeit +<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span> +des Wortes, Sinnlichkeit der Seele: die Schönheit verfiel +dem Fluch der Lächerlichkeit. Es ist das Verdienst von +Friedrich Nietzsche und Stefan George, das deutsche Wort in +barbarischer Epoche bewahrt und in heiligen Hainen Anbetung +und Weihrauch der tönenden Gottheit dargebracht zu haben. +<em class="g">Friedrich Nietzsche</em> (1844–1900) ist mit der musikalischen +und rhythmischen Prosa seines »Zarathustra« der Lehrmeister +der jungen und jüngsten Dichtung geworden. Als Lyriker gehört +er zu den edelsten deutschen Lyrikern. »Frei« war Nietzsches +Kunst geheißen, »fröhlich« seine Wissenschaft. Alle seine +Lieder sind trunkene Lieder. Ob er sie singt in Venedigs +brauner Nacht an der Rialtobrücke oder sie von San Marco +gleich Taubenschwärmen ins Blau hinaufsendet und wieder +zurücklockt, ihnen noch einen Reim ins Gefieder zu hängen. +Oder ob in Sils Maria ihn, der wartend sitzt, ganz nur Spiel, +ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel, der Schatten +Zarathustras grüßt. Ob im Herbst, in der Ebene, die ersten +grauen Krähen ihn überfliegen und ihn mahnen, daß der +Winter naht.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Aus unbekannten Mündern bläst's mich an,<br /></span> +<span class="i0">– Die große Kühle kommt …<br /></span> +</div></div> + +<p>Er wurde einsam. Immer einsamer. Und alle seine Lieder +sang er schließlich nur noch sich selber zu, »damit er seine +letzte Einsamkeit ertrüge«.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;<br /></span> +<span class="i0">Und sprech ich – niemand spricht zu mir.<br /></span> +</div></div> + +<p>War die Natur Nietzsches eine Kreuzung aus Dionysos und +Ahasver, die trotz aller Schmerzen die Ewigkeit, zu der sie verdammt +war, lieben mußte, eine wilde, tobende Natur, die +lieber brüllte als seufzte oder zwitscherte, – so ist <em class="g">Stefan +George</em> (geboren 1868 in Büdesheim) der strenge Priester +der Gelassenheit und Gebundenheit, der Verkünder asketischer +Lüste, maß- und zuchtvoll. Auch der verkündet wie Nietzsche +eine Kunst, die jenseits von Gut und Böse wirkt, er steht den +<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> +moralischen Forderungen eines Teiles der jungen Generation +ferner als fern.</p> + +<p>»Du sprichst mir nicht von Sünde oder Sitte.« In einem +seiner ersten Gedichte versteigt er sich bis zur <ins class="correction" title="Apothese">Apotheose</ins> der +Ausschweifung: im Heliogabal. Aber immer reiner klärt sich +seine Welt: bis das Jahr der Seele herrlich sichtbar wird, der +Teppich des Lebens sich vor ihm breitet, der Engel ihm den +Weg weist und der Stern des Bundes magisch erblinkt. Stefan +George begann als Fackelträger des reinen Wortes in einer +Zeit, die das Wort verunreinigte und beschmutzte, er schritt fort +und schreitet weiter als ein Flammenträger des reinen Sinnes +in einer Zeit, die verschwelt und rauchig loht, die zu Baal und +Beelzebub betet, die kein Sonnengold, nur ein Geldgold kennt, +die alles »zweckmäßig« einrichtet und als Ziel die Zweckmäßigkeit +postuliert oder die Ziellosigkeit an sich. Die geistige und +moralische Begriffe verwechselt und ein politisches Parteiprogramm +von Spinozas Ethik nicht zu unterscheiden vermag. +Sie hat auch bei George gebändigte Leidenschaft mit Temperamentlosigkeit, +die Gebärde des echten Priesters mit den Tingeltangelallüren +ihrer geistigen Charlatane, die gekonnte Kunst +mit gemachter Mache verwechselt. Sei's. Die Weltgeschichte +ist auch das Weltgedicht: einige der schönsten Strophen dieses +Gedichtes hat Stefan George gesungen.</p> + +<p>Aus dem Kreise Georges sind als Dichter von Rang <em class="g">Hugo +von Hofmannsthal</em> (geb. 1874 in Wien) und <em class="g">Rainer +Maria Rilke</em> (geb. in Prag 1875) hervorgegangen. Hofmannsthal +ist der Dichter bezaubernder kleiner Versdramen. +Er führt ein Skelett, das mit blühenden Rosen behängt ist, +im Wappen. Rilke ist ein Mönch, der statt der grauen Kutte +eine purpurrote trägt, die Seligkeit des Himmels liebt, aber +die Freuden der Welt nicht verachtet.</p> + +<p>Die »ersten Hergereisten«, die der kommenden deutschen +Dichtergeneration die neuen Lieder lehrten, waren Nietzsche +und George. <em class="g">Alfred Mombert</em> (geboren 1872 in Karlsruhe) +<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> +und <em class="g">Theodor Däubler</em> (geboren 1876 in Triest) +gehören zu den ersten, die sie lernten. Mombert schrieb metaphysische +Dramen und Gedichte, Däubler das diesseitige Epos +»Nordlicht«, eine Kosmogenie voll von Schwelgerei und Orgie +des Wortes und des Reimes. <em class="g">Richard Dehmel</em> (aus <ins class="correction" title="den">dem</ins> +Spreewald, 1863–1920) hält sein Gesicht den romantischen Gestirnen +zugewandt. Die goldene Kette der deutschen Lyrik ist +ohne ihn nicht denkbar, er ist ein kostbares Glied in ihr, deren +Anfang Walter von der Vogelweide, deren vorläufiges Ende +Franz Werfel hält. Er hat die Tradition der deutschen Lyrik +über eine Zeit der Verfahrenheit und Traditionslosigkeit hinübergerettet. +Als alles tot und trübe schien. Er hat der deutschen +Lyrik das Liebeslied neu geschenkt: Das dunkle Du, +das dunkle Ich, die durch die Nacht sich suchen – und sich +finden.</p> + +<p><em class="g">Christian Morgenstern</em> (aus München, 1871–1915) +schuf in seinen »Palmström«gedichten eine grotesk-philosophische +Lyrik eigenster Prägung, die besonders dem menschlichen und +vermenschlichten Tier zu Leib und Seele rückt. Da erscheint +ein Steinochs, der sich von menschlicher Gehirne Heu nährt. +Auf schwärmt am Horizont ergrauter Kasernenhöfe der sagenhafte +E. P. V. (auch Exerzierplatzvogel genannt). Wir sind +hoch und heiter beglückt, daß es ihn und Palmströms und +v. Korfs fundamentale Melancholie – immerhin – +noch gibt. Schade, daß ich beim neuerlichen Quellenstudium +für diese kleine Literaturgeschichte v. Korfs glänzende Erfindung +nicht benutzen konnte, welcher, weil er schnell und viel +lesen mußte, eine Brille erfand,</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">deren Energien<br /></span> +<span class="i0">ihm den Text zusammenziehn.<br /></span> +<span class="i0">Beispielsweise dies Gedicht<br /></span> +<span class="i0">läse, so bebrillt, man – nicht!<br /></span> +<span class="i0">Dreiunddreißig seinesgleichen<br /></span> +<span class="i0">gäben erst – ein – – Fragezeichen!<br /></span> +</div></div> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sind +<em class="g">Wilhelm Buschs</em>, des genialen Malerdichters (1832 +bis 1908) und Morgenstern's Nachfahren.</p> + +<p class="newsection">Die deutsche Frauendichtung beginnt, nachdem sie seit Mechtild +v. Magdeburg jahrhundertelang den Dornröschenschlaf +geschlafen, wieder aufzuleben mit der Westfälin <em class="g">Annette +v. Droste-Hülshoff</em> (1797–1848), die freilich +für den ersten Blick gar nichts Frauliches an sich hat. Ihre +Formen sind streng, herb, ihr Gang ist straff, ihre Miene leicht +verdüstert: wie ein halb heller Tag auf der westfälischen Heide, +wenn Erde und Himmel die Plätze vertauscht haben, und die +roten Heidekrautblüten wie Sterne, die Wolken wie braune +Ackerschollen sind. Auf ihr müdes Haupt gaukelte selten ein +süßes Lachen.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Liebe Stimme säuselt und träuft<br /></span> +<span class="i0">Wie die Lindenblüt' auf ein Grab …<br /></span> +</div></div> + +<p>Herb wie ihr lyrischer Stil ist ihr Prosastil in der Novelle +»Die Judenbuche«. <em class="g">Marie v. Ebner-Eschenbach</em> (aus +Mähren, 1830–1916) besitzt ein Talent von großer Weite der +Empfindung, das formal eng begrenzt ist. <em class="g">Ricarda Huch</em> +(geboren 1864 in Braunschweig) suchte ihre Themen im +Risorgimento und im Dreißigjährigen Krieg. <em class="g">Enrica von +Handel-Mazetti</em> (geboren 1871 in Wien) schrieb historische +Romane mit katholisierendem Einschlag. Die deutsche +Frauenlyrik der jüngsten Zeit gipfelt in <em class="g">Else Lasker-Schüler</em> +(geboren 1876 in Elberfeld). Wer fühlte sich nicht +als ewiger Jude und sänke vor Jehova ins Knie, wenn sie ihre +hebräischen Lieder singt? Wenn sie ihre Verse in einen alten +Tibetteppich verwebt? <em class="g">Emmy Hennings</em> gab in kleinen +Versen (»Die letzte Freude«) und in kleiner Prosa (»Das Gefängnis«) +eine Autobiographie des weiblichen Vaganten. +<em class="g">Eleonore Kalkowska</em> ließ im Krieg den Rauch des +Frauenopfers steigen. Sie schreitet vom Gedicht zum Drama.</p> + +<p class="newsection">Man +<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> +hat <em class="g">Frank Wedekind</em> (1864–1918) einen Bruder +und Genossen der Lenz, Büchner, Grabbe genannt. Er +hatte nicht die selbstverständliche Grazie dieser drei (die Grabbe +auch im Grausigen bewies). Er war kein Kind der Natur. +Die Natur war ihm in jeglicher Gestalt verhaßt und widerwärtig. +Vor einer schönen Landschaft erfaßte ihn ein Brechreiz. +Und er wurde erst wieder beruhigt, wenn er die Berge, +etwa als ein liebendes Paar in Umarmung, drastisch definieren +konnte. Er war ganz gewiß ein Erotomane, dessen moralische +Komplexe sich bis zum exzessiven Pathos steigern konnten. Er +war ein genialer Spießer – mit umgekehrtem Vorzeichen. +Ein erotischer Frömmler. Ein frömmelnder Erotiker. Flagellant, +Sadist, Masochist aus religiöser Überzeugung. Ihm war +das Weib die große Hure von Babylon und als solche immer +anbetungswürdig. Er führte ein Tagebuch aller Zärtlichkeiten, +der sanften und der schrecklichen. Er führte dieses Tagebuch +gewissenhaft wie ein Oberlehrer. Als Oberlehrer (mit dem +schlechten Gewissen des ehemaligen Schülers …) fühlt er +sich auch seinen Geschöpfen gegenüber: einer Lulu, einer Franziska, +die zu seiner Liebe, zu seinem Leben emporgepeitscht +wurden – um sich dann an ihrem Lehrmeister aufs grausigste +zu rächen. In der Verbohrtheit im Problematischen ist er +Hebbel, in der Technik den Stürmern und Drängern verwandt: +diese dramatische Technik der Einzelbilder, Einzelszenen, wie sie +»Frühlingserwachen« einführt, hat im deutschen Drama neuerdings +Furore gemacht. Sein Kinderdrama »Frühlingserwachen« +wird bleiben, bleiben wird der »Marquis von Keith«, +der letzte Akt von »Schloß Wetterstein« und vor allem: »Lulu«. +In ihr und in der kleinen Wendla hat er die natürliche Dämonie +des Weibes groß gestaltet. Es ist vielleicht kein Zufall, daß +in den vorzüglichsten Dramen der Epoche Frauen im Mittelpunkt +der tragischen und komischen Handlung stehen: die Lulu +im »Erdgeist«, Hannele in »Hanneles Himmelfahrt«, die +Wulffen im »Biberpelz«, Madame Legros (im gleichnamigen +<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> +Drama von Heinrich Mann) –, dies beweist, daß wir in einer +romantischen Periode leben: Lulu ist die Inkarnation der geschlechtlichen, +Hannele die der kindlichen, Madame Legros die +der mütterlichen Liebe der Frau. Lulu will irdische Lust, +Hannele himmlische Liebe, Madame Legros dies- und +jenseitige Gerechtigkeit. – <em class="g">Wilhelm Schmidtbonn</em> +(geboren 1876) behandelte im »Grafen von Gleichen« das +Problem des Mannes zwischen zwei Frauen. Der erste Akt +gehört zu den besten ersten Akten der deutschen Literatur. Sein +»Wunderbaum«, ein Prosabuch, birgt viele Wunder. <em class="g">Carl +Sternheim</em> zeichnet in seinen Dramen karikaturistische +Bilder aus dem bürgerlichen Heldenleben: Streber, Schieber, +sentimentale Kokotten, amusische Dichter, intellektuelle Schweinehunde, +Auch- und Bauchsozialisten. In seinen Dramen wie +in seinen Novellen holt er das Letzte virtuos, aber ohne Herz, +aus der Technik des Wortes. Seine Geschichten laufen ab wie +Maschinen. Er ist ein Ingenieur der Sprache. <em class="g">Herbert +Eulenberg</em> (geboren 1876 in Mühlheim) bemalt seine +dramatischen Helden und Heldinnen blaßrosa und blaßblau. +Sie gleiten schattenhaft durch eine romantische Kulissenwelt. +<em class="g">Eduard Stucken</em> (geboren 1865 in Moskau) beschwört +noch einmal Montsalvatsch und die Gralsritter in klingenden, +mit Innenreimen geschmückten Versen. Seine Romantrilogie +»Die weißen Götter« erheischt Respekt. <em class="g">Georg Kaiser</em> +(geboren 1878 in Magdeburg) pflanzt sich ganz breitspurig +und heutig vor uns hin. Teufel, ist das ein Leben, das sich da +vor uns und um uns und in uns abspielt. Aktiengesellschaften +werden gegründet aus Menschenliebe, aus Bonhomie, mit +Ewigkeitsansprüchen. Beim »Brand des Opernhauses« entzünden +sich alle Leidenschaften. »Von morgens bis mitternachts« rollt +ein ganzes Leben ab via Bankinstitut, Freudenhaus, Park, +Café, Heilsarmee, um in »Hölle, Weg, Erde« sich als leere +Leere, parodierte Form, Konjunkturkommunistik zu entschleiern. +Da ist mir <em class="g">R. John Gorslebens</em> (aus Metz, geb. 1883) +<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> +bedenken- und gewissenloser geistiger Abenteurer »Der Rastaquär« +schon lieber. Denn der ist ehrlich. <em class="g">Hanns Johsts</em> +ekstatische Szenerien haben sich zu einem adligen Drama +»Der König« und zu einem problematischen Gegenwartsroman +»Kreuzweg« edel ausgereift. Georg Kaiser, Sternheim, Eulenberg +geben in ihren Dramen allerlei indirekte Antworten auf +direkte Fragen. Das sind alles Passionen, die sich da abspielen. +<em class="g">Walter Hasenclever</em> (geboren 1890) im »Sohn« und +<em class="g">René Schickele</em> (aus dem Elsaß, geboren 1883) in »Hans +im Schnakenloch« gehen zur Aktion, zur These, zur Forderung +über. Nicht: so seid ihr! Sondern: so sollt ihr sein! So soll +der Sohn gegen den Vater, der Mensch zwischen den Rassen +sich entscheiden! Hasenclevers »Antigone«, <em class="g">Unruhs</em> »Ein Geschlecht« +sind ebenfalls programmatische Äußerungen gegen den +Krieg, während Hasenclever in seinem Drama »Menschen« +zur Romantik umkehrt – den Weg, den noch alle Aktivisten +werden schreiten müssen (Schickele beschritt ihn im +»Glockenturm«) –, sich aber nach der anderen Seite purzelbaumartig +überschlägt und beim übelsten Text zum Filmdrama +landet. Höher steht sein okkultes Spiel »Jenseits«.</p> + +<p><em class="g">Paul Kornfelds</em> »Verführung« gehört zu den typischen, +monologischen Dramen des jungen Menschen aus der expressionistischen +Epoche. (Einige andere: Hanns Johst »Der junge +Mensch«, Walter Hasenclever »Der Sohn«, Klabund »Die +Nachtwandler«.) Es ist das Erfreulichste von ihnen. Das +Problem »Vater und Sohn« gestaltet eindrucksvoll in seinem +gleichnamigen Fridericus-Drama auch <em class="g">Joachim v. d. Goltz</em>.</p> + +<p class="newsection">Den schönsten deutschen Roman um 1900 schrieb <em class="g">Friedrich +Huch</em> mit seinem »Pitt und Fox«. Biedermeierliche +Zartheit und groteske Gotik blühen darin. Pitt ist der gute, +der entmaterialisierte, Fox der schlechte materialistische +Deutsche, wie ihn Heinrich Mann später in seinem Untertan +Diederich Heßling so bitterböse abkonterfeit hat. <em class="g">Ouckama +<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> +Knoop</em> malte im »Sebald Soeker« die Untergangsstimmung +des Abendlandes, längst ehe sie gefällige Mode wurde. <em class="g">Hermann +Löns</em> jagte den wilden »Wehrwolf« über die Heide. +Des Schwaben <em class="g">Emil Strauß</em> (geb. 1866) Kindertragödie +»Freund Hein« ist mir unvergeßlich. Der Halkyonier <em class="g">O. E. Hartleben</em> +(1864–1905) etablierte sich mit glänzend geschriebenen +ironischen Impressionen. Eine Abart des Impressionismus +ist der Psychologismus, wie ihn <em class="g">Thomas Mann</em> +(aus Lübeck, geb. 1875) in seinen ausgezeichneten Romanen und +Novellen »Die Buddenbrooks«, »Tod in Venedig« übt. Er analysiert +mit medizinischer Gewissenhaftigkeit die Einzelseele. +Dem Studium der Massenseele gilt neuerdings seines Bruders +<em class="g">Heinrich Mann</em> (aus Lübeck, geboren 1871) Bemühung. +Er ist der Dichter der Demokratie geworden in seinen Romanen: +»Die kleine Stadt«, »Die Armen«, »Der Untertan«. – »Die +kleine Stadt«, ein italienischer Kleinstadtroman, der schildert, +wie eine fahrende Theatertruppe eine kleine Stadt revolutioniert, +ist ein Markstein in der Geschichte des deutschen Romans. +Seine früheren Italienromane, besonders die prachtvolle Trilogie +»Die Göttinnen«, zeigen ihn noch ganz als Apologetiker +des Übermenschen, des Einzelmenschen, des Anarchisten, als +hymnischen Diener der Schönheit, der Kraft und der sinnlichsten +Gewalt. Wer, der je der Herzogin von Assy begegnete, könnte +sie vergessen? Denn sie war ihm Kind, Mutter und Geliebte.</p> + +<p><em class="g">Gustav Meyrink</em> (geboren 1868 in Wien) schüttet ein +Wunderhorn ergötzlicher und boshafter Trivialitäten, ältestes +und neuestes Gerümpel, über den deutschen Spießer aus, der +mit einem leeren Hirn aufdrapiert wie ein Pfingstochse in +seinen Geschichten umherwandelt und »Muh« und »Bäh« sagt. +Von Meyrinks großen Romanen, die allerlei kabbalistische und +mystische Weltanschauung propagieren, ist der »Golem« +nennenswert. <em class="g">Peter Altenberg</em> (1859–1918, aus Wien) +gewinnt seine amüsante Weltanschauung vom Café Fensterguckerl +aus. <em class="g">Hermann Bahr</em> (geboren 1863 in Linz) hat +<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> +vom Naturalismus bis zum Expressionismus und Katholizismus +so ziemlich alle Klassen der Literaturgeschichte absolviert und +ist überall mit der Note 2–3 versetzt worden. <em class="g">Artur +Schnitzler</em> (geboren 1862), Dramatiker und Romanzier, +schrieb zwei vollendete Novellen »Leutnant Gustl« und »Casanovas +Heimkehr«. Des Kurländer Grafen <em class="g">E. Keyserling</em> +(1858–1918) Erzählungen beglücken schmerzlich wie im Frühherbst +die bunten fallenden Blätter. Über <em class="g">Hermann Hesses</em> +(geboren 1877 in Calw) Prosadichtungen der ersten Periode +könnte als Motto der Vers eines Volksliedes stehen, mit dem +er selbst eines seiner Bücher betitelt: »Schön ist die Jugend«. +Seine rührendste Figur: der arme und doch so reiche Landstreicher +Knulp. Mit vierzig Jahren überwand und übertraf +er sich selbst in den farbigen und feurigen Zeugnissen einer +zweiten Jugend: »Demian«, Weg und Wesen deutscher Seele +entschleiernd, und der herrlichen Novelle »Klein und Wagner«. +<em class="g">Wilhelm Schäfer</em> (geboren 1868 in Ottrau) schuf sich +in seinen »Anekdoten« eine eigene Novellenform in Anlehnung +an mittelalterliche deutsche und italienische Meister. Sie gehören +zu den besten Leistungen der deutschen Prosa der +Gegenwart, die in <em class="g">Jakob Wassermanns</em> (geboren 1873 +in Fürth) Romanen »Das Gänsemännchen« und »Kaspar +Hauser« einen ihrer Meister fand. Eine reiche Fülle lebendigster +Gestalten, eine ganze große und kleine Welt wird aus +der Tiefe ans Licht gehoben. Die Prosa der jüngsten Generation, +mit <em class="g">Kasimir Edschmid</em> (geboren 1890) und +<em class="g">Alfred Döblin</em> beginnend, vermag diesen Leistungen +Gleichwertiges an die Seite zu setzen. Edschmids Novellen +sind wie in einem Treibhaus gezüchtete Blumen: bizarr, geistreich, +gekünstelt, voll wilder, aromatischer, zuweilen peinlicher +Düfte. Sein Roman: ein tiefer Abstieg. Alfred Döblin beschwört +den Schatten Wallensteins und in den »Drei Sprüngen +des Wang-lun« einen edlen Rebellen der Schwäche in der Landschaft +eines erträumten China. Der schlesische Russe <em class="g">Arnold +<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> +Ulitz</em> türmt den »Ararat«. <em class="g">Klabund</em> (geboren 1891 in +Crossen a. O.) versuchte im »Moreau« den Roman eines Soldaten, +im »Mohammed« den Roman eines Propheten, im +»Bracke« den gotischen Roman eines Eulenspiegel zu gestalten. +Der »Dreiklang« enthält das Wesentlichste seiner Lyrik. +<em class="g">Leonhard Franks</em> (geboren 1882 in Würzburg) »Ursache« +ist in Dichtung umgesetzte Freudsche Psychologie. <em class="g">Andreas +Latzkos</em> (geb. 1876 in Budapest) Bücher (»Menschen im +Krieg«) und Leonhard Franks »Der Mensch ist gut« haben ihr +Bestes geleistet in der Revolutionierung der Seelen, an welcher +aber kritische Geister wie <em class="g">Karl Kraus</em> (geboren 1874 in +Gitschin) und <em class="g">Franz Pfemfert</em> (geboren 1877 in Lötzen) +seit Jahren schon viel tieferen Anteil hatten mit »Fackel« und +»Aktion«. Jene sind zeitgeschichtlich von großer Bedeutung. Ihr +dichterischer Wert ist weit geringer. Der Mensch ist nicht gut, +sondern er will gut werden. Das Moment der Entwicklung ist +das Entscheidende. Schon Herzeloide erzog ihren Sohn Parsival +in der Waldeseinsamkeit, damit er vor dem Welt- und Kriegsgetümmel +bewahrt sei. Aber alle Abgeschlossenheit half nichts. +Ein jeder trägt ja den Feind in der eigenen Brust. Gegen +ihn heißt's kämpfen. Man muß sich selbst aufs Haupt schlagen. +Gott und du: das sollen nur Synonyme sein. <span class="f" lang="la" xml:lang="la">Epitheta ornantia</span> +des einen. Du mußt den Heimweg finden: heim zu dir. Auf +diesem Heimweg durch die Dunkelheit stehen die Dichter an +den Meilensteinen wie Fackelträger. Von Fackel zu Fackel +tastest du dich vorwärts: zum Morgenrot, bis Gottes Herz einst +über den Bergen aufgeht. Menschen- und Gottesauge werden +ineinander trinken und wird nur ein Licht und eine Liebe sein.</p> + +<p class="newsection">Die Vorläufer des lyrischen Expressionismus sind <em class="g">Otto +zur Linde</em> (geb. 1873 in Essen) und die Charontiker, +die sich um ihn sammelten. Er schon stellte die These von der +<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> +ekstatischen Unmittelbarkeit auf, blieb aber praktisch im Assoziativen +stecken. <em class="g">Walter Calé</em> (aus Berlin, 1881–1904) +starb allzufrüh. <em class="g">Max Dauthendey</em> (aus Würzburg, +1867–1918) sang inbrünstige Lust- und Liebeslieder. Sein +heißes Blut trieb ihn in die Tropen, aus denen er exotische +Novellen heimbrachte. Des <em class="g">Wilhelm von Scholz</em> (aus +Berlin, geb. 1874) Verse spiegeln sich wie Nymphen gern in +dunklen Teichen, vom Walde überwuchert. <em class="g">Alfred Kerr</em> +(geb. 1867 in Breslau), als Kritiker ein Dichter, als Dichter +ein Kritiker, hat einer ganzen lyrischen Generation das Gehen, +die ersten Schritte beigebracht. Der dämonische Naturbursche +<em class="g">Georg Heym</em> (aus Hirschberg, 1887–1912) machte dann mit +der neuen Dichtung ernst. Er krempelte sich dazu die Hemdsärmel +auf: wie ein Riese schritt er über die Dächer und +zwischen den Straßen Berlins, und allesdies: Mensch, Trambahn, +Mond, Spelunkenspuk war ihm wie Riesenspielzeug, die +Stadt wurde ihm zur Landschaft, Berg wurde Haus. Er ertrank +beim Eislauf, vierundzwanzigjährig, im Müggelsee. +Das Grabgeleite gaben ihm Scharen »fortgeschrittener +Lyriker«. Als Georg Heym in den Fluten versunken war, +stieg aus den im Frühling getauten Wogen wie ein junger +Meergott, prustend, dampfend in der Sonne, schreiend vor +Lust am Licht: <em class="g">Franz Werfel</em> (geboren in Prag 1890). +Er verkündigte das Evangelium des schönen strahlenden Menschen, +der jedem Wesen, auch dem ärmsten, brüderlich zugewandt. +Gewaltig schwingt sein religiöses Pathos. Er will +einer der Propheten des neuen Bundes sein: des Bundes aller +wahrhaft Menschlichen. Er kniet nieder, unsagbar demütig und +bußwillig, mit Unkraut noch und Schlamm fühlt er sein Herz +erfüllt. Erst nachdem er sich selbst gerichtet, wächst er zum Richter +der Menschheit. Er sank hin, er kniete hin, er weinte. Er +lauschte, er horchte, er hörte, er diente. Nun schuf er, nun trägt +er, nun hält er wie Christophorus die Erdkugel. Erst sah er die +Welt – und siehe, sie war schön –, da wurde er der Weltfreund. +<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> +Dann sah er sich, und siehe, er war häßlich. Aber er war. Da +nahm er sein Sein und trug es zu den anderen. Drei Reiche +durchwanderte er. Er wird in das vierte gelangen, das sie +alle drei umfaßt: das Reich der glückseligen Gerechtigkeit, der +Reinheit und Einheit. Er wird über sich selbst »Gerichtstag« +halten. Dann wird sein kriegerisches Wesen sich beruhigend +lösen. Er wird zerrinnen und eine Welle sein, gekräuselt, entführt +und gespült ins Meer der Vollkommenheit und der +Vollendung.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Erst wenn ein Mensch zerging<br /></span> +<span class="i0">In jedem Tier und Ding,<br /></span> +<span class="i0">Zu lieben er anfing.<br /></span> +</div></div> + +<p>Im Gefolge Werfels, des Propheten der Bruderliebe, wandeln +unzählige junge Lyriker, weniger von der bronzenen +Glocke seiner lyrischen Form angetönt (er ist reinste Musik, +Oboe, Flöte: sie sind meist nur Schellenträger und Trommler), +als von seinem Pathos bezwungen. In der Form wenden +sich viele mehr der Imitation des großen Amerikaners +Walt Whitman zu, seinen breiten rollenden Rhythmen, die +brausen wie die Wogen des Atlantischen Ozeans. Walt Whitman +sang von seinem Buch: Camerado, dies ist kein Buch – +wer dies anrührt, rührt einen Menschen an! Dieses Motto +sähen die jungen Dichter gern über alle ihre Bücher: ihre +Dramen, Verse, romantischen Romane gesetzt. Sie wollen vor +allem <em class="g">Menschen</em> sein. Und Menschen <em class="g">sein</em>. Wir sind! Wir +sind! jubeln sie emphatisch mit Werfel. Die Ekstase ist ein +Kennzeichen ihres Wollens. Von ihr sind die Formen so zerrissen, +zerhackt, im Winde flatternd. Oft opfern sie das Dichterische +auf Kosten des Moralischen. Ihre Empfindung ist +vielfach keine individuelle mehr: ihr Erlebnis ist schon zum +Kollektiverlebnis geworden. Sie dichten nicht mehr – sondern +der Stil dichtet für sie. – Einen elegischen Nebensproß +Werfels trieb Österreich in <em class="g">Georg Trakl</em> aus Salzburg +<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span> +(1887–1914), dem Dichter der sanften Schwermut, des süßen +Verzichtes, des violetten Unterganges, dem Hölderlin unserer +Zeit. Alle Gedichte Trakls sind herbstliche Landschaften. Immer +tönen leise im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes. In +<em class="g">Gottfried Benns</em> (aus Mohrin, geb. 1885) Gedichten +ist dies Ereignis geworden: Hirn wurde Herz, Geist wurde +Fleisch. Benn steht für sich selbst und auf sich selbst: kein +Werfel-, kein Whitmanjünger: ein Benn. Auch in seinen +Novellen. <em class="g">Johannes R. Becher</em> (geb. 1890) ruft in seinen +Gedichten »An Europa« zur »Verbrüderung«. Es finden +sich wundervolle einzelne Verse in seinen Büchern, die der +sozialistischen Revolution dienen wollen, aber kaum ein vollendetes +Gedicht. Der Wille zur These überschreit den Willen +zur Form. Eine krampfhaft geschaffene neue Syntax ist noch +keine neue Kunstform. <em class="g">Albert Ehrenstein</em> (geb. in +Wien 1886) schleudert seine Flüche gegen die »rote Zeit«. +Europa wird zum Barbarossa. Ein griechisch gerichteter Geist +zersprengt sich selbst und seine Form in Haßgesängen. Sein +Reifstes bleibt die österreichische Novelle Tubutsch: voll ironischer +Melancholie. Die Arbeiterdichter <em class="g">Barthel</em> (geb. 1884) +und <em class="g">Bröger</em> machen Ansätze zu einer neuen Volkslyrik, +der <em class="g">Jakob Kneip</em> in seinen Legenden am nächsten +kommt. Es darf nicht verkannt werden: auch hier ist ein +Weg. Das deutsche Lied, die deutsche Legende, das deutsche +Märchen werden wieder einmal auferstehen. Der Expressionismus +wird verwesen. Eine neue Romantik, eine neue Klassik +dämmern empor. Ganz in der Tradition der klassischen +deutschen Lyrik wandeln der Ostpreuße <em class="g">Albrecht +Schaeffer</em> (geb. 1885) – auf dessen Romanwerk Helianth +auch hingewiesen sei – und der Schwabe <em class="g">Bruno Frank</em> +(geb. 1887 in Stuttgart), der das Erbe Mörikes in guter +junger Hand hält. <em class="g">Friedrich Schnack</em> steht mit flammendem +Edelsteinsäbel als lyrischer Wächter am Eingang zum +kommenden Reich.</p> + +<p class="newsection">Der +<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> +junge Mensch zwischen 1911 und 1918 war Krieger +und Revolutionär, Expressionist und Bolschewist. Er ging +in den Krieg als Revolutionär und in die Revolution als Krieger. +Er fiel von einem Extrem ins andere: aus der Ekstase in +die Verzweiflung, und umgekehrt. Er liebte allzu vage die +Menschheit, ohne noch recht vom Menschen zu wissen. Er ist +weitsichtig: aber in der Nähe vermag er nichts zu sehen. Er +will <em class="g">alles</em> – und erreicht <em class="g">nichts</em>. Er ist immer geneigt, +zu typisieren, zu schematisieren – ganz wie die verachteten +Wissenschaftler. Es ist eine dunkle, heilige Ahnung des Kommenden +in ihm. Aber in der Gegenwart stolpert er unbeholfen +daher. Er sagt zehnmal nein, ehe er einmal ja sagt. Er schlägt +der <ins class="correction" title="herrrschenden">herrschenden</ins> Klasse, wie der Zeichner George Groß, in die +Fratze, aber wenn er zur Herrschaft gelangt, weiß er auch +keine anderen Mittel als die der anderen: Terror und Maschinengewehre, +die Diktatur. Bitterlich, der den Bräutigam von +Marie ermordet und Ruths Bruder in den Tod treibt, (in +Kornfelds Verführung) ist er nicht ein Terrorist? Versucht er +nicht, mit Gewalt die Welt zu ändern? Ich glaube nicht an die +dauernde Überzeugungskraft brutaler Gewalt, von welcher +Seite immer sie sich äußern mag. Wer hat die Welt dauernd +verändert? Ein Karl der Große? Ein Napoleon? Ein Bismarck? +Der chinesische Denker Laotse sagt einmal: »Das Zarteste +überwindet das Härteste.« Wir wollen, symbolisch gesprochen, +keine Boxer werden wie die Angelsachsen und jedem gleich +die Faust ins Gesicht pflanzen. Unsere Schwäche wird eines +Tages unsere Stärke sein. Wir müssen Dschiu-Dschitsu lernen: +nicht den starren Angriff, sondern die elastische Verteidigung.</p> + +<p>Revolutionen, geistige und materielle, schießen über das Ziel +hinaus –, um nur etwas zu erreichen. Der Expressionismus +wird einer neuen Romantik und Klassik den Weg bereiten wie +der Kommunismus einem neuen Gemeinschaftsgefühl.</p> + +<p class="newsection">Die +<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span> +Sehnsucht nach Erlösung blüht in den kommenden +Generationen wild auf. Wir wollen erlöst werden – von +der <em class="g">Lüge</em>. Denn alle Erlösung ist nur ein plötzliches Erblicken +der Wahrheit. Die Lüge hat ihr Gorgohaupt in den letzten +Jahren vor dem Kriege und im Kriege selbst widerlich erhoben. +Aber wenige vermochten sie zu erkennen. Denn sie war geschminkt +wie eine Hure und mit schönen Kleidern angetan und +mit Steinen behängt. Das Bild der Welt war, wie es die +mittelalterlichen Darstellungen zeigen: eine Frau, von vorn +reizend und wohlgestalt anzusehen – aber hinten im offenen +Rücken voll Schlangengezücht und Dreck und Eiter. Mammonismus, +Militarismus, Materialismus: unter diesen drei Flammenzeichen +focht der deutsche Gott, der Alliierte von Roßbach – +und unterlag.</p> + +<p>Wir sind nicht auf der Welt, um unglücklich zu sein. Dieser +gram- und grauenvolle Krieg, in dem wir lebten und starben, +könnte vorübergehend einen Märtyrerstandpunkt schaffen: als +sei es über alle Maßen edel und tapfer und weise und natürlich +und dieses Lebens letztes Ziel, zu leiden. Gerechtigkeit! +Tu von den Augen die Binde und sieh die Erde: blühen nicht +Blumen, rote und blaue und goldene, zu deinen Füßen? Glüht +nicht das ewige Licht, die Sonne, um deine Stirn wie ein +Heiligenschein? Taumeln nicht Pfauenauge und Zitronenfalter +schräg durch den schreitenden Abend? Pferde springen +elegant durch die Straßen. Wilde Katzen liegen zahm auf den +bestrahlten Mauern unserer Gefängnisse. Und an florentinischer +Brücke tritt, die Augen schön gesenkt, Beatrice dem liebenden +Dichter entgegen. Sein Herzschlag stockt. Er, der erfahren +viel und viel erduldet, weiß: Glück ist das Ziel der +Menschheit. Macht die Menschen glücklich, und ihr werdet sie +besser machen. Öffnet ihnen die Augen über den Himmel, die +Tiere, die Frauen. Und weist ihnen alles dies: gestaltet und +erhoben, beseligt und erlöst: in der Kunst, in der Dichtung. +Noch regiert, obschon Friede geschlossen ist, Mars die Stunde, +<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span> +die Minute, die Sekunde. Noch herrscht der Krieg als Prinzip. +Besiegt ihn, ihr Dichter, kraft eures Wortes, das wirklicher ist +als manche schnell getane Tat. Besiegt ihn durch eure Waffenlosigkeit, +durch die Inbrunst eurer Herzen!</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ihr Weiser und Verweser unseres Schönen,<br /></span> +<span class="i0">Laßt euch vom Waffenrausch nicht übertönen.<br /></span> +<span class="i0">O sorgt, daß unser Blut nicht rot erstarrt<br /></span> +<span class="i0">Und seid uns Dom und ewige Gegenwart!<br /></span> +<span class="i0">Du Günther, brauner Packan, bissig bellend,<br /></span> +<span class="i0">Du Hölderlin, die sanften Pfeile schnellend,<br /></span> +<span class="i0">Du Mörike, verträumte Pfarrhauslinde,<br /></span> +<span class="i0">Du Eichendorff, voll grüner Birkenwinde,<br /></span> +<span class="i0">Du Heine, deutscher Jude, geistig handelnd,<br /></span> +<span class="i0">Du Conrad Ferdinand, auf Rhythmen wandelnd,<br /></span> +<span class="i0">Du Platen, im unsterblichsten Sonette,<br /></span> +<span class="i0">Du Nietzsche, deutscher Pole, Glockenkette,<br /></span> +<span class="i0">Und du, o ewige Früh- und Abendröte:<br /></span> +<span class="i0">Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du: <em class="g">Goethe</em>!<br /></span> +</div></div> + +<p style="margin-left: 10%; margin-bottom: 80px;"><span style="margin-left: 16em; font-weight: bold;">(Klabund.)</span></p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Literaturgeschichte in einer +Stunde, by Klabund + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE *** + +***** This file should be named 22517-h.htm or 22517-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/2/5/1/22517/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Constanze Hofmann and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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