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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 01:52:30 -0700
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+ The Project Gutenberg eBook of Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, by Klabund
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+<pre>
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+Project Gutenberg's Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, by Klabund
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde
+ Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart
+
+Author: Klabund
+
+Release Date: September 5, 2007 [EBook #22517]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Constanze Hofmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<div class="notes">
+<p>Anmerkung zur Transkription:</p>
+<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen. Die korrigierten Stellen sind im
+Text mit einer roten Linie gekennzeichnet, der <ins class="correction" title="so wie hier">
+Originaltext</ins> erscheint beim
+&Uuml;berfahren mit der Maus.</p></div>
+
+<p class="titlepage g">Nummer 12 der<br />
+Zellenb&uuml;cherei</p>
+
+<hr class="hr65" />
+
+<p class="titlepage g">Copyright 1922 by<br />
+D&uuml;rr &amp; Weber m.&nbsp;b.&nbsp;H.<br />
+Leipzig<br />
+*</p>
+
+<p class="titlepage">Dritte, vom Autor neu durchgesehene und &uuml;berarbeitete
+Auflage<br />
+20.&ndash;30. <span class="g">Tausend</span></p>
+
+<hr class="hr65" />
+
+<p class="titlepage g" style="font-size: larger;">Klabund</p>
+
+<h1>Deutsche Literaturgeschichte
+in einer Stunde</h1>
+
+<p class="titlepage" style="font-weight: bold; font-size: 150%;">Von den &auml;ltesten Zeiten bis zur Gegenwart</p>
+
+<div class="center">
+ <img src="images/titel.png"
+ alt="Scherenschnitt - Lesender am Tisch sitzend"
+ title="" />
+</div>
+
+<p class="titlepage g">1922<br />
+D&uuml;rr &amp; Weber m.&nbsp;b.&nbsp;H. * Leipzig</p>
+
+<p class="newpart">Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische
+noch philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch
+einer kurzen, volkst&uuml;mlichen, lebendigen Darstellung der
+deutschen Dichtung. Die Dichtung eines Volkes beruht auf
+dem Eigent&uuml;mlichsten, was ein Volk haben kann: seiner
+Sprache. In diesem Sinne wird und soll sie immer &raquo;v&ouml;lkisch&laquo;
+sein. Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der
+tief in der deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone
+aber den allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine
+deutsche Erde. Der Himmel aber ist allen V&ouml;lkern gemeinsam.</p>
+
+<p>Bl&uuml;ten vom Baum der deutschen Dichtung m&ouml;gen vom
+Winde da- und dorthin getragen werden. Zu Fr&uuml;chten reifen
+werden nur die, die am Baum bleiben. Sie werden im Herbst
+geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird ein ganzes
+Volk sich an ihnen erquicken.</p>
+
+<p class="newsection">Jener germanische J&uuml;ngling, der einsam im Eichenwald
+am Altare Wodans niedersinkend, von ihm, der jeglichen
+Wunsch zu erf&uuml;llen vermag, in halbartikuliertem Gebetruf,
+singend, schreiend, die Geliebte sich erflehte, dessen Worte, ihm
+selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen sich banden, die
+seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche Dichter.</p>
+
+<p>Wie eine Bl&uuml;te brach ihm das Herz in einer Nacht auf, da&szlig;
+es der Sonne entgegengl&uuml;hte, eine Schwestersonne. Da&szlig; er
+dem Sonnengott sich als geringerer Brudergott verwandt
+<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+f&uuml;hlte, da&szlig; er Worte fand in seinem Munde wie nie zuvor.
+Unbewu&szlig;tes ward bewu&szlig;t. Liebe machte den Stummen beredt.
+Er sang einen heiligen Gesang. Er neigte sich dem Gott, er
+neigte sich der Geliebten, er versank vor sich selbst. Himmel,
+Erde, Mensch verschmolz in seinem Gedicht. Die Sehnsucht
+wurde Wort, das Wort wurde Erf&uuml;llung. Aller Dichtung Urbeginn
+ist die Liebe. Der Weg zur Liebe f&uuml;hrt durch Ha&szlig; und
+Kampf und Schmerz. Der Urmensch sang den Ha&szlig; gegen den
+Feind, den Feind seines Gottes und R&auml;uber seines Weibes.
+Er singt den Schmerz seiner im Weltall verlorenen einsamen
+Seele, die dahinfliegt wie ein Meervogel &uuml;ber den Ozean, und
+nur die Sonne ist ihre Hoffnung. In ihr verehrt er Gottes
+Auge, das ihn begl&auml;nzt, jeden Tag neu, nach f&uuml;rchterlicher
+Nacht. Und er sieht auch in sich die ewige Nacht, aus der er
+nur immer kurz zu D&auml;mmerung und Helle erwacht, und seine
+Sehnsucht sucht die Nacht immer mehr mit Licht zu erf&uuml;llen.
+Und das Licht zeigt ihm den langen m&uuml;hseligen Weg des
+Menschen, welcher aus Finsternis und Sumpf emporf&uuml;hrt zu
+Licht und Gebirg, bis &uuml;ber die Wolken, bis an Gottes Thron
+selbst.</p>
+
+<p class="newsection">Eines der &auml;ltesten deutschen Sprachdenkm&auml;ler ist das
+<em class="g">Wessobrunner Gebet</em>, um 800 entstanden, voll
+gro&szlig;er Anschauung und starker dichterischer Kraft. Karls
+des Gro&szlig;en Biograph <em class="g">Einhart</em> (&dagger;&nbsp;840) erz&auml;hlt, da&szlig;
+Karl der Gro&szlig;e alle alten Sagen habe aufschreiben lassen.
+Leider haben seine fr&ouml;mmelnden Nachfolger, von <ins class="correction" title="unverst&auml;nddigen">unverst&auml;ndigen</ins>
+Pfaffen aufgereizt, daf&uuml;r gesorgt, da&szlig; derlei &raquo;heidnisches&laquo;
+Zeug ausgerottet wurde, wo es sich zeigte. Unersetzbares
+ist verloren gegangen. Als Ersatz werden uns blasse, versifizierte
+Heiligenlegenden und Christusgeschichten aufgetischt.
+Unter den Nachfolgern Karls des Gro&szlig;en bl&uuml;ht, beg&uuml;nstigt
+von den Priestern, die lateinische Poesie. Da wir nur von der
+<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+deutschen Dichtung, dem deutschen Wort sprechen wollen, geh&ouml;rt
+sie nicht in unsere Betrachtung. Die deutsche Sprache
+wurde h&ouml;chstens dazu verwandt, um dem Laien heilige Texte
+zu &uuml;bersetzen.</p>
+
+<p>Das stolzeste Epos der Deutschen ist das <em class="g">Nibelungenlied</em>
+(um 1210). Die sagenhafte deutsche Urzeit ersteht in den
+Rittern der V&ouml;lkerwanderung noch einmal. Jeder der Helden:
+Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held seiner Zeit, aber
+mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben. &raquo;Welch
+ein Gem&auml;lde der menschlichen Schicksale stellt uns das Lied der
+Nibelungen auf&laquo;, schreibt A.&nbsp;W. von Schlegel. &raquo;Mit einer
+jugendlichen Liebeswerbung hebt es an, dann verwegene Abenteuer,
+Zauberk&uuml;nste, ein leichtsinniger, aber gelungener Betrug.
+Bald verfinstert sich der Schauplatz; geh&auml;ssige Leidenschaften
+mischen sich ein, eine ungeheure Freveltat wird ver&uuml;bt.
+Lange bleibt sie ungestraft; die Vergeltung droht von
+ferne und r&uuml;ckt in mahnenden Weissagungen n&auml;her; endlich
+wird sie vollbracht. Ein unentfliehbares Verh&auml;ngnis verwickelt
+Schuldige und Unschuldige in den allgemeinen Fall, eine Heldenwelt
+bricht in Tr&uuml;mmer.&laquo; Haben wir nicht alle das
+Nibelungenlied am eigenen Leib und an eigener Seele versp&uuml;rt?
+Ein unentfliehbares Schicksal hat uns, Schuldige und
+Unschuldige, in den allgemeinen Fall verwickelt, und eine
+Welt ist in Tr&uuml;mmer gebrochen.</p>
+
+<p>Das <em class="g">Gudrunlied</em> (um 1230) klingt sanfter, b&uuml;rgerlicher,
+vers&ouml;hnender aus. Zwar stehen auch hier Gewalttat und
+Schande am Anfang. Aber das Lied endet heiter mit einer
+vierfachen Hochzeit und hellen Blicken in eine rosenrote Zukunft,
+da kein Ha&szlig; und kein Kampf mehr sein wird.</p>
+
+<p class="newsection">Der Minnesang war von Vaganten und fahrenden S&auml;ngern
+gepflegt und in Volksliedern von Mund zu Mund
+gegangen, ehe sich, unter dem romanischen Einflu&szlig; der Troubadoure,
+<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+die deutschen Dichter seiner annahmen und die Frau
+als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Thron setzten,
+wie man ihn auf mittelalterlichen Miniaturen der Madonna
+mit dem Jesuskinde weihte. Von &Ouml;sterreich nahm der Minnesang
+seinen Anfang. Der von K&uuml;renberg sang um 1150
+das Lied vom Falken, den er sich mehr denn ein Jahr gez&auml;hmt
+und der ihm dann &raquo;in anderiu lant&laquo; entflog. Ein Spielmann,
+genannt der <em class="g">Spervogel</em> (&dagger;&nbsp;1180), dichtete die ersten lehrhaften
+Spr&uuml;che und Fabeln, z.&nbsp;B. vom Wolf, der in ein Kloster
+ging und ein geistlich Leben f&uuml;hren wollte. Im Kloster vertraute
+man ihm das H&uuml;ten der Schafe an. Die Nutzanwendung
+braucht man einem Menschen heutiger Zeit nicht besonders
+nahe zu legen. Derartige W&ouml;lfe &ndash; und derartige Schafe
+sind leider heute verbreiteter denn je.</p>
+
+<p>Von 1160&ndash;1230 ritt Herr <em class="g">Walter von der Vogelweide</em>
+durch die Welt. Er kam von Tirol, dort, wo die Berge
+das Eisacktal vom Himmel abschlie&szlig;en, wo man den Himmel
+in der eigenen Brust suchen mu&szlig;. Er trieb seinen mageren,
+schlecht gen&auml;hrten Klepper durchs Burgtor von Wien, und die
+Ritter neigten sich vor ihm. Im Bischofssitz von Passau erklang
+sein Gel&auml;chter, das er dem Bischof wie eine Handvoll
+Haseln&uuml;sse an den tonsurierten Kopf warf. Dem heiligen
+Vater in Rom war er aus deutschem Herzen feindlich gesinnt:
+er sah, politischer Denker der er war, da&szlig; die P&auml;pste sehr
+diesseitige r&ouml;mische Politik und Diplomatie trieben, der die
+deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen zeigten. Er stand
+auf der Wartburg und sah hinab auf das th&uuml;ringische und
+deutsche Land. Wie bl&uuml;hte der Fr&uuml;hling, wie sangen die
+Amseln! Unter einem Wacholderstrauch lagen zwei Liebende.
+Unter der Linde stand ein fahrender Geiger und geigte zum
+Tanz. Ein sch&ouml;nes Fr&auml;ulein l&auml;chelte seitw&auml;rts, selbstvergessen.
+Da l&auml;chelte Walter von der Vogelweide. Er b&uuml;ckte sich und
+wand in Eile mit <ins class="correction" title="geschicken">geschickten</ins> Fingern einen Kranz aus Butterblumen,
+die zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe bl&uuml;hten,
+<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+nahm den Kranz, sprang zu dem err&ouml;tenden M&auml;dchen,
+verneigte sich und sprach:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nehmt, Fraue, diesen Kranz,<br /></span>
+<span class="i0">So zieret ihr den Tanz<br /></span>
+<span class="i0">Mit sch&ouml;nen Blumen, die am Haupt ihr tragt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend,
+strich den Bogen. Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter
+tanzte mit dem Fr&auml;ulein. Sie hie&szlig; Maria wie die Mutter
+Gottes selber und war ihm Gottesmutter, Gottesschwester,
+Gottestochter all in eins.</p>
+
+<p>Mit Friedrich dem Zweiten ritt Walter von der Vogelweide
+1227 auf den <ins class="correction" title="Kreuzzeug">Kreuzzug</ins>. Er ha&szlig;te die Pfaffen und den falschen
+Gott in Rom. Er wollte den wahren Gott von Angesicht
+zu Angesicht sehen. Er sang den Kreuzfahrern das Kreuzlied.
+Und am heiligen Grab sank er ins Knie: Jetzt erst bin
+ich beseligt, da mein s&uuml;ndig Auge die heilige Erde betrachten
+darf.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Dahin kam ich, wo den Pfad<br /></span>
+<span class="i0">Gott als Mensch betreten hat.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Ernst und wie von einer Wolke beschattet, kehrte er aus dem
+heiligen Lande heim. Es war Fr&uuml;hling in ihm gewesen, als
+er auszog. Pal&auml;stina war sein Sommer geworden. Nun sah
+er Herbst und Verwesung, Elend und Bitternis &uuml;berall. Die
+Nebelkr&auml;hen hingen in Schw&auml;rmen &uuml;ber dem deutschen Land.
+Und in W&uuml;rzburg war es, wo er, den Blick auf den flie&szlig;enden
+Main gerichtet, sein letztes Gebet dichtete: jene sch&ouml;nste
+Elegie deutscher Sprache: Ow&ecirc; war sint verswunden alliu
+miniu j&acirc;r! Im Lorenzgarten, vor der Pforte des neuen M&uuml;nsters,
+wurde das Sterbliche von Walter von der Vogelweide
+1230 bestattet. Die letzte Zeit vor seinem Tode hielt er sich
+von den Menschen fern: er stand stundenlang am Main und
+f&uuml;tterte die V&ouml;gel und die Fische mit Brotkrumen. Und in
+seinem Testament bestimmte er, da&szlig; aus seiner Hinterlassenschaft
+<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+mehrere S&auml;cke K&ouml;rner zu kaufen seien und da&szlig; auf seinem
+Grabe die V&ouml;gel stets K&ouml;rner und Wasser vorfinden
+sollten.</p>
+
+<p>Noch im Tode wollte er seinem Namen Ehre machen: sein
+Grab noch sollte den V&ouml;geln eine Weide sein. Lest seine
+Liebeslieder, ihr Liebenden! Klausner Schwermut, weise uns
+die Kapelle seiner Melancholie! Wo im kahlen Winter ein
+frierender Vogel hungrig an eure Fensterscheiben pickt: gebt
+ihm zu fressen, gedenkt des Herren von der Vogelweide! Solange
+die deutsche Dichtung besteht, wird sein Name unvergessen
+sein. Her Walther von der Vogelweide, swer des vergaez',
+der taet mir leide, rief 1300 Hugo von Trimberg &uuml;ber
+sein Grab.</p>
+
+<p class="newsection">Die Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Kl&ouml;stern.
+Schwester <em class="g">Mechthild v.&nbsp;Magdeburg</em> (1212
+bis 1294) schrieb ihr Buch vom flie&szlig;enden Licht der Gottheit:
+voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren Ekstasen sah
+sie Jesus als sch&ouml;nen J&uuml;ngling (Sch&ouml;ner J&uuml;ngling, mich
+l&uuml;stet dein) ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Br&auml;utigam
+zur Braut, und ihre himmlischen Spr&uuml;che sind wie irdische
+Liebeslieder. Ihre Gottesminne (Eia, liebe Gottesminne, umhalse
+stets die Seele mein!) war der Gottesminne des Wolfram
+tief verwandt. Die reine Minne (nicht jene h&ouml;fische oder
+ritterliche oder b&auml;urische Minne) galt ihr als oberstes Prinzip.
+&raquo;Dies Buch ist begonnen in der Minne, es soll auch enden in
+der Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig, noch so sch&ouml;n,
+noch so stark, noch also vollkommen als die Minne.&laquo; Mechthild
+von Magdeburg ist trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die
+Wollust des Fleisches. Jesus ist ihr z&auml;rtliches Gespiel und sie
+seine T&auml;nzerin. <em class="g">Meister Eckhard</em> (1260&ndash;1327, gestorben
+<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+in K&ouml;ln), ihr mystischer Bruder, verh&auml;lt sich zu ihr wie ein
+Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war
+ein Schweben und Ja-sagen, das seine ein tief in sich Beruhen
+und ein Ent-sagen. Er liebte das Leid um des Leides willen:
+jeder Schmerz war ihm eine Station zum Paradies. Er ri&szlig;
+die Wunden, die in ihm verheilen oder verharschen wollten,
+k&uuml;nstlich wieder auf: da&szlig; nur sein Blut flie&szlig;e. Seine Gedanken
+scheinen verschleiert, ja manche haben dunkle Kapuzen
+&uuml;bers Haupt gezogen und sind unerkennbar. Sein Buch der
+g&ouml;ttlichen Tr&ouml;stung ist ein Trostbuch f&uuml;r die, die am Tode und
+am Leben leiden. Ein Trostbuch rechter Art will auch der
+&raquo;Ackermann aus B&ouml;hmen&laquo; sein, den <em class="g">Johannes von Saaz</em>
+1400 in die Welt schickte. Der Dichter kleidet seine Trostschrift
+in die Form eines Zwiegespr&auml;chs zwischen einem Witwer und
+dem Tod. Der Witwer fordert vor Gericht (dem Gottesgericht)
+sein Weib von dem R&auml;uber und M&ouml;rder Tod zur&uuml;ck.
+&raquo;Schrecklicher M&ouml;rder aller Menschen, Ihr Tod, Euch sei geflucht!
+Gott, der Euch schuf, hasse Euch; Unheils H&auml;ufung
+treffe Euch; Ungl&uuml;ck hause bei Euch mit Macht; ganz entehret
+bleibt f&uuml;r immer!&laquo; so beginnt der Kl&auml;ger seine Klage. Und
+der Tod antwortet: &raquo;Du fragst, wer wir sind: wir sind Gottes
+Hand, der Herr Tod, ein gerecht schaffender M&auml;her. Braune,
+rote, gr&uuml;ne, blaue, graue, gelbe und jeder Art gl&auml;nzende
+Blumen und Gras hauen wir nacheinander nieder, ihres
+Glanzes, ihrer Kraft und Vorz&uuml;ge ungeachtet. Sieh, das hei&szlig;t
+Gerechtigkeit.&laquo; In immer verzweifelteren Ausbr&uuml;chen pocht der
+Mensch, aller Menschheit Abgesandter, an das R&auml;tsel des
+Todes, der ihm sinnlos wie ein M&auml;her im Herbst unter den
+Menschen zu hausen scheint, das Gl&uuml;ck des Liebenden und die
+Tat des K&uuml;nstlers, die Stellung des K&ouml;nigs nicht achtet, bis
+Gott selbst das Urteil spricht: &raquo;Kl&auml;ger, habe die Ehre, du Tod
+aber, habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem Tode sein Leben,
+den Leib der Erde, die Seele uns zu geben verpflichtet.&laquo;</p>
+
+<p class="newsection">Mit
+<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+den Minnes&auml;ngern wurde die deutsche Literatur
+sich ihrer bewu&szlig;t. Zwar gab es noch nicht das Wort,
+aber der Begriff war vorhanden. Die &ouml;ffentliche Kritik trat
+auf: es waren die F&uuml;rsten, die als M&auml;zene das erste Recht der
+Beurteilung f&uuml;r sich in Anspruch nahmen. Die Themen, die
+<em class="g">Hartmann von Aue</em> (&dagger;&nbsp;1215) in seinen kleinen Epen
+anschl&auml;gt, sind von sch&ouml;nster Intensit&auml;t: in &raquo;Gregorius&laquo; &uuml;bertr&auml;gt
+er den &Ouml;dipusstoff auf ein mittelalterliches Milieu. Gregorius
+liebt und heiratet unwissentlich seine eigene Mutter.
+Als er die Schande erf&auml;hrt, sucht er die S&uuml;nde zu s&uuml;hnen, indem
+er sich prometheisch an einen Felsen schmieden l&auml;&szlig;t. Nach
+siebzehn Jahren unerh&ouml;rter Qual erl&ouml;sen ihn die R&ouml;mer; er
+wird von ihnen im Triumph ob seiner Heiligkeit auf den verwaisten
+Papstthron erhoben und spricht, unfehlbar geworden
+durch sein titanisches Leid, die eigene Mutter ihrer Schuld
+ledig.</p>
+
+<p>Im &raquo;Armen Heinrich&laquo; bem&auml;chtigt sich Hartmann eines deutschen
+Stoffes. Ein Ritter wird vom Aussatz befallen. Ein
+Mittel nur gibt es, ihn zu retten: das Blut einer unber&uuml;hrten
+Jungfrau. Aus Liebe zu ihm erbietet sich ein M&auml;dchen,
+f&uuml;r ihn zu sterben. Aber der arme Heinrich nimmt das Opfer
+nicht an: trotz teuflischer Versuchung. Da erbarmt sich auf
+Flehen des M&auml;dchens Gott der Liebenden: er macht den armen
+Heinrich gesund und zum reichen Heinrich durch den Besitz der
+Geliebten.</p>
+
+<p>Ein j&uuml;ngerer Zeitgenosse von Hartmann ist <em class="g">Wolfram
+von Eschenbach</em> (etwa 1170&ndash;1250), ein Bayer aus Eschenbach
+bei Ansbach. Er war ein armer Teufel wie Walter von
+der Vogelweide, mit dem er am Hofe des Landgrafen von
+Th&uuml;ringen &ouml;fter zusammentraf. Als er 1217 dem Hofleben f&uuml;r
+immer den R&uuml;cken wandte, und auf sein kleines Gut heim zu
+Weib und Kind ritt, vollzog er eine symbolische Handlung. Er
+kehrte wirklich heim: zu sich, in sich. Er hatte die h&ouml;fische
+Minne, die schon einen eigenen Komment entwickelte, dessen
+<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+Verst&ouml;&szlig;e unnachsichtlich geahndet wurden, von Herzen satt und
+sehnte sich nach einem einfachen, ungezierten Wort aus unverzerrtem
+Frauenmund. Nach Lippen, die ohne Anfragung
+einer Etikette auf den seinen lagen, nach einem Herzen, das
+ihm herzlich zugetan war. Nach einem Kinde, das nicht &raquo;Fr&auml;ulein&laquo;
+oder &raquo;junger Herr&laquo; tituliert wurde, sondern mit dem er
+reiten und jagen und spielen durfte wie mit sich selbst. Er
+hatte 1200&ndash;1210 in 24810 Versen im &raquo;Parzival&laquo; den Ritterroman
+der Deutschen geschaffen, er hatte ihnen den Spiegel
+vorgehalten. Aber es war schon eine vergangene edlere Zeit,
+die sich in ihm spiegelte. Der Dichter ist oft nur der Vollstrecker
+des letzten Willens einer Epoche, der er schon l&auml;ngst
+nicht mehr angeh&ouml;rt. Der Stoff ist franz&ouml;sischen und provenzalischen
+Vorbildern entnommen. Die Idee der Erl&ouml;sung:
+christlich. Aber der Leidens- und Freudensweg, den Parzival
+gehen mu&szlig;, seine Entwicklung vom ahnungsvollen, aber
+ahnungslosen Kind zum seiner Seele bewu&szlig;ten Mann ist ganz
+Wolframsche Pr&auml;gung. Er ist den Weg des Knaben Parzival
+selbst gegangen.</p>
+
+<p><em class="g">Gottfried von Stra&szlig;burg</em> (um 1210), Wolframs
+gr&ouml;&szlig;ter Zeitgenosse, war auch sein gr&ouml;&szlig;ter Gegner. Er fand
+den Parzival dunkel und verworren, ohne einheitliche Handlung
+und stellenweise schwer verst&auml;ndlich. Im Tristan stellte
+er dem Parzival sein Ritterepos gegen&uuml;ber: von einer leidenschaftlichen
+Klarheit des Themas und der Formulierung und
+trotz der Leidenschaft nicht ohne Zierlichkeit und Zartheit. Er
+hatte von seinem Standpunkt mit der Beurteilung des Parzival
+recht. In Wolfram und Gottfried spitzten sich, wie sp&auml;ter
+bei Goethe und Schiller, zwei dichterische Typen bis ins Polare
+zu: der Pathetiker und der Erotiker. Wolfram-Schiller, das
+besagt: Kampf, Forderung, Dornenweg, Verblendung und Erl&ouml;sung,
+Gottesminne, Jenseits. Goethe-Gottfried, das hei&szlig;t:
+Sein, Genu&szlig;, selbst des Schmerzes, Blumenpfad, Sonnenblendung,
+Glanz und Erf&uuml;llung: Menschenminne, Diesseits.</p>
+
+<p class="newsection">W&auml;hrend
+<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+die von Walter, Gottfried usw. geschaffene Kunstdichtung
+entartete, erlebte die deutsche Volksdichtung,
+das Volkslied und das M&auml;rchen, im 15. und 16. Jahrhundert
+ihre &uuml;ppigste Bl&uuml;te. Die sch&ouml;nsten der von Herder, Arnim
+und Brentano, Erk und B&ouml;hme sp&auml;ter aufgezeichneten Volkslieder
+sind damals entstanden. Die Dichter der von den Gebr&uuml;der
+Grimm gesammelten Kinder- und Hausm&auml;rchen wandelten
+als Gumpelm&auml;nner, Vagabunden und Gott wei&szlig; was
+durch die deutschen Lande. Ihnen waren Tier und Blume,
+Berg und Teich wie Bruder und Schwester vertraut. Sie hatten
+kein ander Bett als die Erde, keine andere Decke als die
+Sternendecke des Himmels. Ein verlassener Ameisenhaufen
+war ihr Kopfkissen. Eichh&ouml;rnchen h&uuml;teten ihren Schlaf, und
+der war voll von Tr&auml;umen wie ein Kirschbaum im Juni voll
+von Kirschen. Da gaben sich der Froschk&ouml;nig, die Bremer
+Stadtmusikanten, der Teufel mit den drei goldenen Haaren,
+der R&auml;uberhauptmann, Frau Holle, Daumerling, Doktor Allwissend,
+das kluge Schneiderlein, der Vogel Greif und viele
+andere wunderliche und seltsame Wesen ihr heimliches Stelldichein.
+Und der Vogel Greif schnaufte: &raquo;Ich rieche, rieche
+Menschenfleisch &hellip;&laquo;, aber dann lie&szlig; er sich doch von seiner Frau
+&uuml;bert&ouml;lpeln (wie listig sind die Frauen, wenn sie l&uuml;gen!). Die
+neidische und eitle K&ouml;nigin befragte den Spiegel an der
+Wand:</p>
+
+<div class="poem stanza">
+<span class="i0">Spieglein, Spieglein an der Wand,<br /></span>
+<span class="i0">Wer ist die sch&ouml;nste im ganzen Land?<br /></span>
+</div>
+
+<p>Und der Spiegel antwortete:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Frau K&ouml;nigin, Ihr seid die sch&ouml;nste hier.<br /></span>
+<span class="i0">Aber Sneewittchen &uuml;ber den Bergen<br /></span>
+<span class="i0">Bei den sieben Zwergen<br /></span>
+<span class="i0">Ist noch tausendmal sch&ouml;ner als Ihr.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Auf einem Lindenbaum sa&szlig; ein Vogel, der sang in einem fort:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Kywitt, kywitt,<br /></span>
+<span class="i0">wat v&ouml;rn sch&ouml;&ouml;n Vagel b&uuml;n ick &hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+Aber dieser Vogel war kein richtiger Vogel. Es war ein
+Mensch, der sich nach seinem Tod in einen Vogel verwandelt
+hatte. Denn wir Menschen sterben nicht. Das Volkslied und
+das Volksm&auml;rchen l&auml;&szlig;t unsere Seele wandern. Vogel und
+Blume k&ouml;nnen wir werden: ja Blume auf unserem eigenen
+Grabe, dann kommt wohl die Geliebte, begie&szlig;t uns mit Tr&auml;nen,
+oder sie pfl&uuml;ckt und dr&uuml;ckt uns, Veilchen oder Lilie, an den
+Busen. Sind wir aber b&ouml;se, so werden wir verflucht und verzaubert
+in Werw&ouml;lfe. Die Wurzeln von M&auml;rchen und Volkslied
+gehen bis tief in die heidnische Vorzeit zur&uuml;ck, da des
+Menschen Fr&ouml;mmigkeit vom Diesseits, seine Augen von Sonne,
+Himmel und der weiten, weiten Welt ganz erf&uuml;llt waren. Ihm
+war der Tod nur eine andere Art des Lebens. Verwandlung.
+Eine T&uuml;r f&auml;llt ins Schlo&szlig;, und eine andere geht auf. Auf Tag
+folgt Nacht, aber wieder Tag. Er war nicht zerrissen in Leib
+und Seele. Die waren eins. Die M&auml;rchen und Lieder sind
+so bunt wie die Natur selbst. Wie die Sonne &uuml;ber Gerechte
+und Ungerechte scheint, so f&uuml;hlt der Dichter mit allen seinen
+Kreaturen, auch den erb&auml;rmlichsten. Irgendein armseliger
+Stra&szlig;enr&auml;uber (der arme Schwartenhals) steht ihm so nahe
+wie die zwei K&ouml;nigskinder, die zueinander nicht kommen konnten,
+&raquo;das Wasser war viel zu tief&laquo;. Goethe ist ohne das deutsche
+Volkslied, Volksm&auml;rchen, Volksepos nicht zu denken. Er steht
+auf den Schultern von tausend anonymen Autoren, die kommen
+mu&szlig;ten, damit er kommen konnte. Im 15. und 16. Jahrhundert
+wurde der Grundstock gelegt zu jenem Geb&auml;ude des
+18. Jahrhunderts voll vollendeter Klassizit&auml;t, das den Namen
+Goethe tragen sollte. Aber auch Matthias Claudius, Clemens
+Brentano, Eichendorff, Heine haben mit den Bausteinen gearbeitet,
+die jene bescheidenen M&auml;nner schichteten. Vielleicht
+sind ihre Werke der lauterste Ausdruck des deutschen Kunstwillens
+und des deutschen Geistes, der dann am tiefsten ist,
+wenn er aus dem Unbewu&szlig;ten steigt, dann am reinsten, wenn
+er aus den dunkelsten Quellen sch&ouml;pft. Diese Dichter ohne
+<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+Namen tragen den Himmel in ihren H&auml;nden, aber sie stehen
+mit beiden Beinen fest auf der Erde.</p>
+
+<p class="newsection">Die Entwicklung des Menschengeschlechtes geht in Wellenbewegungen
+vor sich, wobei Wellenberg und Wellental
+einander folgen und der Scheitelpunkt des Wellenberges sich
+nur langsam erh&ouml;ht. Mit Walter von der Vogelweide, Gottfried
+von Stra&szlig;burg, Wolfram von Eschenbach und dem Nibelungenliede
+hatte die junge deutsche Dichtung eine H&ouml;he erreicht,
+von der sie bald kl&auml;glich wieder abst&uuml;rzen sollte. Das
+Rittertum zerfiel und mit dem Rittertum die Ritterpoesie.
+Teils artete sie in allegorische Spielerei, teils in aufgeblasene
+Geckigkeit aus. Die Dichtung floh barf&uuml;&szlig;ig und barh&auml;uptig
+auf die Landstra&szlig;e und fristete im Munde der Fahrenden von
+Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus ihr Leben. Ins 15. und
+16. Jahrhundert f&auml;llt die Bl&uuml;tezeit des deutschen Volksliedes.
+Zuweilen nahm sie ein Kloster auf, Dann sangen die Nonnen
+ein Lied, wie das geistliche Trinklied der Nonnen am
+Niederrhein. Zuweilen fand sie Unterschlupf bei braven B&uuml;rgersleuten.
+Das B&uuml;rgertum war im Aufstieg begriffen. Es
+gab wohlhabende B&uuml;rger, deren S&ouml;hne sich das Dichten leisten
+konnten. Sie meinten, die Dichtung w&uuml;rde sich hinter dem
+Ofen, in der W&auml;rme, in dem Dunst satter Beh&auml;bigkeit recht
+wohl f&uuml;hlen. Sie stopften ihr den Magen mit allerlei guten
+Dingen, aber sie taten des Guten zuviel, da&szlig; sie erbrach. Von
+der grazi&ouml;sen Handhabung der Sprache durch Meister wie Gottfried
+oder Walter blieb nicht viel &uuml;brig. Der Rhythmus
+fiel auseinander &ndash; was Hebung, was Senkung &ndash;, man
+z&auml;hlte einfach die Silben zusammen. Aus dem Minnesang
+erwuchs der Meistergesang. Der Tiroler <em class="g">Oswald
+v.&nbsp;Wolkenstein</em> (&dagger;&nbsp;1445) versuchte noch einmal den ritterlichen
+Pegasus aufzuz&auml;umen. Er brach unter ihm zusammen;
+<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+seine Zeitgenossen nahmen das Zaumzeug und schnitten
+die Fl&uuml;gel von dem verendenden Tier. Sie klebten sie ihren
+plumpen Dorf- und Stadtg&auml;ulen an und bildeten sich nun ein,
+sie w&uuml;rden fliegen. Die ritterliche R&uuml;stung schepperte als viel
+zu gro&szlig; um ihre d&uuml;rren Glieder. Auch wagten sie, ihrer Unzul&auml;nglichkeit
+irgendwie bewu&szlig;t, schon nicht mehr einzeln als
+Individualisten aufzutreten. Sie dichteten kollektiv gleich in
+ganzen Gruppen, Gilden und Vereinen. Sie imitierten die
+Form ohne den Geist. Diese Form ist lehr- und lernbar. Man
+wird, wie beim Handwerk, erst Dichterlehrling, dann Dichtergeselle,
+dann Dichtermeister. Wobei Dichter- und B&auml;ckermeister
+oft dasselbe sind. Aber die Brote geraten ihnen besser als die
+Gedichte. In den Meistersingerschulen wurde nach der Tabulatur
+das Dichter-Abc gelehrt. Um 1450 wurde die erste
+Meistersingerschule in Augsburg gegr&uuml;ndet. Wenige Jahre
+sp&auml;ter finden sie sich in fast allen gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten. Sie
+fechten Wettk&auml;mpfe miteinander aus. Sie &uuml;berbieten sich in
+der Erfindung verschrobener und gek&uuml;nstelter Versma&szlig;e. Der
+Vollender und &Uuml;berwinder des Meistersanges ist <em class="g">Hans Sachs</em>,
+geboren 1494 in N&uuml;rnberg, das eine der ber&uuml;hmtesten Meistersingerschulen
+sein eigen nannte. Hans Sachs war Schuhmacherlehrling,
+als ihm der Weber Nunnenbeck die Anfangsgr&uuml;nde
+der Meistersingerkunst beibrachte. Er ging wie ein rechter
+Schuster auf die Wanderschaft, kehrte, nachdem er so viele
+Erfahrungen gesammelt als er Schuhe besohlt hatte, 1519 in
+seine Heimat zur&uuml;ck, die durch Peter Vischer und Albrecht
+D&uuml;rer zu einem Haupt- und Vorort deutscher Kultur geworden
+war. Seine eigentlichen Meisterges&auml;nge (&uuml;ber 4000) sind
+unbedeutend, da und dort &uuml;berraschen sie durch ein
+originelles Bild oder eine witzige Wendung. Freier entfaltet
+sich sein Talent schon in seinen Spr&uuml;chen (etwa
+1800), die in ihren kurzen Reimpaaren klingen, als
+w&auml;ren sie mit dem Schusterhammer zusammengeklopft.
+Hans Sachs war einer der ersten, die sich in N&uuml;rnberg zu
+<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+Luther bekannten. Einzigartig zeigt er sich in seinen (&uuml;ber
+1000) Schw&auml;nken und Fastnachtsspielen. Sein Humor ist der
+Humor der deutschen Seele. Seinen Witz hat er aus seiner
+Handwerksburschenzeit bis in sein 82. Jahr hin&uuml;bergerettet.
+Er hat es in seinen Schw&auml;nken auf moralische Wirkung
+abgesehen, aber diese moralische Wirkung erstickt in einem
+Gel&auml;chter oder tritt zur&uuml;ck hinter dem Wie der Darstellung.
+Wir nehmen die Menschen aus seiner Hand entgegen
+wie aus Gottes Hand: so wie sie sind: gut und b&ouml;se. Wie
+langweilig w&auml;re die Welt, wenn alle Menschen brav w&auml;ren
+und alle eine moralische, einheitliche graue Tugenduniform
+tr&uuml;gen. (Gott selber w&uuml;rde sich zu Tode langweilen und kurz
+vor seinem Tode noch den Teufel neu erschaffen.) Wenn es
+nur noch Hasen auf der Welt g&auml;be und keinen Fuchs mehr,
+der den Hasen fri&szlig;t, und keinen J&auml;ger, der sie beide schie&szlig;t
+und sich den Hasen braten l&auml;&szlig;t! Dies nur nebenbei zu Hans
+Sachs.</p>
+
+<p class="newsection">Die Welt krachte damals in allen Fugen. Die ersten
+Wehen der Reformation k&uuml;ndeten eine neue &Auml;ra an.
+<em class="g">Sebastian Brant</em> aus Stra&szlig;burg (1458&ndash;1521) hatte als
+Sohn eines Gastwirtes fr&uuml;h offene Augen f&uuml;r die L&auml;cherlichkeiten
+und Laster seiner Mitmenschen bekommen. In &Uuml;bergangszeiten,
+wo die Begriffe schwanken und wie Karten eines Kartenspieles
+durcheinandergemischt werden, pflegen sich alle n&auml;rrischen
+Eitelkeiten der Menschheit wie in einem konkaven
+Spiegel noch ins Breite zu verzerren und zu vergr&ouml;bern.
+Sebastian Brant studierte Recht &ndash; ohne es irgendwo zu finden.
+Er promovierte an der Universit&auml;t Basel. 1494 erschien sein
+&raquo;Narrenschiff&laquo;. Auf dieses hatte er alle Narren zu Gast
+gebeten, die er nur auftreiben konnte. Aber das Schiff erwies
+sich als zu klein. Die S&auml;ufer, die Gecken, die Spieler, die
+<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>
+Kirchensch&auml;nder, die Geizh&auml;lse, Wucherer, Studenten, Ehebrecher,
+Huren f&uuml;llten es bis an den Rand. Auch du, lieber
+Leser, und ich, wenn wir nur ein wenig in uns gehen und
+nachdenken: wir befinden uns unter jenen Narren. Sebastian
+Brant hat uns, f&uuml;nfhundert Jahre, bevor wir geboren wurden,
+trefflich abkonterfeit. Aber es ist ein Bild, das wir uns nicht
+hinter den Spiegel stecken oder unserer Base zum Geburtstag
+schenken werden. &ndash; Zwanzig Jahre nach dem Narrenschiff legte
+Knecht Rupprecht 1519 den Deutschen die erste Ausgabe des
+Volksbuches von Tyll Eulenspiegel auf den Weihnachtstisch.
+Die hatten eine Freude wie wohl seit hundert Jahren nicht
+&uuml;ber ein Buch. Noch im 16. Jahrhundert erschienen achtzehn
+deutsche Ausgaben; es wurde sofort ins Vl&auml;mische, Niederl&auml;ndische,
+Englische und Franz&ouml;sische &uuml;bersetzt. Woher dieser
+spontane Erfolg? Brants Narrenschiff war eine mehr oder
+weniger literarische Angelegenheit gewesen, im Eulenspiegel
+sah und lachte das Volk sich wieder einmal selber ins Gesicht.
+In allen Fastnachtskom&ouml;dien war er ja schon als Kasperle oder
+Hanswurst fig&uuml;rlich aufgetreten, hier hatte man seine in wohlgesetzte
+Worte gebrachte Biographie des komischen Heldenlebens.
+Eulenspiegel, der ernsthafte Schalk, ist die Typisierung
+der einen Seite des deutschen Ideals, dessen andere Seite (ob
+R&uuml;ck- oder Vorderseite der Medaille bleibe dahingestellt) den
+Doktor Faust, titanischen Ringer um die letzten Probleme,
+zeigt. Eulenspiegel tritt auf als Richter der Menschheit: er
+richtet sie mit einem schiefen Zucken seines Mundes, mit der
+sofortigen Realisierung ihrer Ideen, deren Wert und M&ouml;glichkeit
+dadurch <span class="f" lang="la" xml:lang="la">ad absurdum</span> gef&uuml;hrt werden. Er ist zugleich leicht- und
+tiefsinnig. Seine Sp&auml;&szlig;e exemplifizieren das Chaos. Sie
+dozieren bis zur Brutalit&auml;t das Bibelwort: Der Mensch ist
+aus Dreck gemacht. Das Urbild des Tyll Eulenspiegel hat wirklich
+gelebt. Chroniken berichten von seinem 1350 zu M&ouml;lln
+erfolgten Tode, wo noch heute sein Grabstein gezeigt wird.
+Vorher waren schon Schwankb&uuml;cher wie <em class="g">J&ouml;rg Wickrams</em>
+<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>
+&raquo;Rollwagenb&uuml;chlein&laquo; oder des Bruders <em class="g">Johannes Pauli</em>
+&raquo;Schimpf und Ernst&laquo; (1522) Mode geworden: B&uuml;cher, die
+heitere oder moralische Anekdoten erz&auml;hlten, die sich nicht um
+einen einzelnen Narren gruppierten: die damalige Reiselekt&uuml;re,
+auf den Rollwagen mitzunehmen. Wobei zu bemerken
+ist, da&szlig; diese Reiselekt&uuml;re unendlich gehaltvoller war als die
+heute verbreitete. Bruder Johannes Pauli ist ein belesener und
+witziger Mann, der ausgezeichnet zu erz&auml;hlen vermag und unsere
+Stratz und H&ouml;cker &uuml;berragt wie ein Kirchturm eine verkr&uuml;ppelte
+Kiefer. Da liest man folgendes: &raquo;Man zog einmal aus in einen
+Krieg mit gro&szlig;en B&uuml;chsen und mit viel Gewehren, wie es denn
+Sitte ist; da stund ein Narr da und fragte, was Lebens das
+w&auml;re? Man sprach: Die ziehen in den Krieg! Der Narr sprach:
+Was tut man im Krieg? Man sprach: Man verbrennt D&ouml;rfer
+und gewinnt St&auml;dte und verdirbt Wein und Korn und schl&auml;gt
+einander tot. Der Narr sprach: Warum geschieht das? Sie
+sprachen: Damit man Frieden mache! Da sprach der Narr:
+Es w&auml;re besser, man machte vorher Frieden, damit solcher
+Schaden vermieden bliebe. Wenn es mir nachginge, so w&uuml;rde
+ich vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach; darum
+so bin ich witziger als Eure Herren.&laquo; H&auml;tten wir Deutschen vor
+dem Kriege Johannes Pauli als Reiselekt&uuml;re gelesen an Stelle
+von Walter Bloems &raquo;Eisernem Jahr&laquo;: vielleicht w&auml;re es nicht
+zum Kriege gekommen, und wir h&auml;tten uns dieses Narren
+Meinung zu Herzen genommen.</p>
+
+<p class="newsection"><em class="g">Luther</em> wurde 1483 in Eisleben als Sohn eines herrischen
+Vaters geboren. Er verbrachte seine Jugend mi&szlig;mutig,
+st&ouml;rrisch, verpr&uuml;gelt, und richtete schon fr&uuml;h sein Auge von der
+Misere au&szlig;en nach innen. Sein Vater hat ihn hart geschlagen:
+da&szlig; er wie ein Stein oder ein St&uuml;ck Holz schien. Aber hinter
+der harten Schale verbarg sich ein weicher und s&uuml;&szlig;er Kern.
+Sein &raquo;Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir,
+<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+Amen!&laquo; wird immer ein Fanfarenruf aller aufrechten M&auml;nner
+sein. Sein Reformationswerk war eine historische Notwendigkeit.
+Aber die Historie wandelt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert,
+von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Bismarcks Werk schien
+auf Felsen gegr&uuml;ndet: wenige Jahrzehnte gen&uuml;gten, es zu
+unterh&ouml;hlen, bis es 1918 mit einem gewaltigen Krach zusammenst&uuml;rzte.
+Auch &uuml;ber Luthers Reformation ist das letzte
+Urteil von der Geschichte noch nicht gef&auml;llt. Unsere heutige
+evangelische Kirche spricht in ihrer aufkl&auml;rerischen, kahlen,
+gottlosen N&uuml;chternheit nicht f&uuml;r eine lange Dauer. Die Zeit
+will wieder fromm werden. Luther war ein religi&ouml;ser Mensch,
+die Lutheraner sind theologische Dogmatiker oder rationalistische
+Moralisten. Sie bezweifeln das Wunder, wollen Natur- und
+Kirchengeschichte unter denselben Pfaffenhut bringen: aber
+wer das Wunder bezweifelt, bezweifelt Gott selbst. Luther
+hat die damalige Christenheit, unterst&uuml;tzt von der humanistischen
+Vorrevolution des Geistes, von der r&ouml;mischen Knechtschaft
+befreit, aber er hat den Deutschen den schlechtesten Dienst
+erwiesen, als er in den Bauernkriegen Partei f&uuml;r die F&uuml;rsten
+ergriff und durch seine sophistische Auslegung der Bibel im
+monarchistischen Sinne (&raquo;Gebt dem Kaiser, was des Kaisers
+ist &hellip; es ist euch eine Obrigkeit gesetzt von Gott, der sollt ihr
+untertan sein &hellip;&laquo;) die Deutschen unter die absolute Tyrannei
+der F&uuml;rsten brachte und Tyrannei und Sklaverei nun gar noch
+ethisch zu fundieren trachtete. Hier trieb der einst in seiner
+Jugend vom Vater in ihm gez&uuml;chtete und herangepr&uuml;gelte
+Autorit&auml;tswahn h&auml;&szlig;liche Bl&uuml;ten. Da&szlig; der &raquo;Untertan&laquo; den
+Deutschen noch heute so tief im Blute steckt, da&szlig; selbst die
+Revolution 1918 ihn nicht auszuroden vermochte, das ist nicht
+zum wenigsten auf die Philosophen des Staatsrechts und des
+Machtwahns: Bismarck, Hegel, Luther zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Luther
+aber war ihr bedeutendster und also verderblichster Vertreter.
+Erscheint seine historische Stellung in mindestens zweifelhaftem
+Lichte, so ist seine Stellung in der deutschen Literatur
+<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+eindeutig fest und steil gef&uuml;gt. Die Bedeutung der Lutherschen,
+1534 vollendeten Bibel&uuml;bersetzung kann nicht &uuml;bersch&auml;tzt
+werden. Es ist, als h&auml;tte Luther die neue deutsche Sprache
+&uuml;berhaupt erst geschaffen. Aus so mangelhaften Vorlagen wie
+der s&auml;chsischen Kanzleisprache und der obers&auml;chsischen Mundart
+zimmerte er wie ein Geigenbauer jenes klingende Instrument,
+auf dem entz&uuml;ckt und berauscht wir heute noch spielen d&uuml;rfen.
+Er aber war der T&ouml;ne Meister wie Arion: und wenn er
+sprach, dann schwieg die Nachtigall, dann hob der Esel lauschend
+den behaarten Kopf &ndash; dann verstummten selbst die Humanisten
+mit ihrem lateinischen Geplauder, und Ulrich von Hutten
+konnte auf einmal deutsch statt lateinisch denken und dichten.
+&raquo;Ich hab's gewagt.&laquo; Die deutsche Sprache war den gelehrten
+Herren bisher zu grobschl&auml;chtig gewesen f&uuml;r ihre Spitzfindigkeiten.
+Sie wollten nichts mit dem P&ouml;bel gemein haben, und
+es war ihnen gerade recht, da&szlig; man sie in der Menge nicht
+verstand. Nun aber h&ouml;rten sie erstaunt, gleichsam zum erstenmal,
+den Klang der deutschen Sprache. Das war wie M&ouml;wenschrei
+&uuml;ber der Elbe, wie Amselsang im Fr&uuml;hling, wie Herbstwind
+in den Sandsteinfelsen, wie Quellengeriesel im Eichenwald.
+Und einer nach dem andern tat sein in Schweinsleder
+gebundenes lateinisches und griechisches Lexikon in den B&uuml;cherschrank
+zur&uuml;ck und legte die Luthersche Bibel auf den Schreibtisch
+und fand darin sein Morgen- und sein Abendgebet. Auch
+Luthers Flugschriften, wie &raquo;Von der Freiheit eines Christenmenschen&laquo;,
+flogen durch das Land, und in Kirchen und auf
+Stra&szlig;en sang es: &raquo;Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein&laquo;.
+Und sie, die tumben Bauern, die im Vertrauen auf seine Lehre
+und ihren Lehrer sie in die Tat umzusetzen versuchten (denn
+was ist die Idee ohne die Tat? Das ist wie Seele ohne Leib,
+wie Duft ohne Blume): sie starben, als sie von ihm verlassen
+wurden, hingeschlachtet von den Schwerthieben der S&ouml;ldner,
+mit dem Ruf: &raquo;Ein feste Burg ist unser Gott &hellip;&laquo; Luthers
+kernige und fr&ouml;hliche Tischreden, die von seinen Freunden aufgezeichnet
+<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>
+wurden, beweisen, was f&uuml;r ein gro&szlig;er Redner er
+war. Er steckte damit wohl alle heutigen <ins class="correction" title="Volkstrib&uuml;nen">Volkstribunen</ins> in die
+Tasche: nur schade, da&szlig; er selber kein Volks-, sondern ein
+F&uuml;rstentribun war.</p>
+
+<p class="newsection">Luther starb 1546 in Eisleben. Von seiner geistlichen Lyrik
+nahm das evangelische Kirchenlied seinen Anfang. Ihre
+sch&ouml;nsten geistlichen Lieder verdankt die evangelische Kirche
+<em class="g">Paul Gerhard</em> (1607&ndash;1676, starb in L&uuml;bben als Prediger).
+Ein einfaches Gem&uuml;t paart sich mit einem streitbaren Gotteseifer
+und einem unbeirrbaren poetischen Formgef&uuml;hl. Wir
+alle, die wir Evangelische (ach! keine Evangelisten mehr &hellip;)
+sind, haben als Kinder diese Gedichte in der Konfirmationsstunde
+auswendig gelernt und in der kahlen Dorfkirche gesungen.
+In ihnen durfte sich das kindliche Gem&uuml;t Gott wahrhaft
+nah f&uuml;hlen. Die Musik dieser Verse strich uns, wenn der
+lahme K&uuml;ster die Orgel spielte, wie mit Vaterh&auml;nden &uuml;ber die
+Stirn, und unsere kindlichen Sorgen beschwichtigte das singende
+Gest&auml;ndnis, das unsere Lippen hauchten: Ich wei&szlig;, da&szlig; ein
+Erl&ouml;ser lebt &hellip; Abends aber, wenn nach des Tages Arbeit
+wir mit Vater und Mutter und mit den Knechten und M&auml;gden
+vor der T&uuml;r in der lauen Sommerluft sa&szlig;en, eine Kuh verschlafen
+im Stalle muhte, die H&uuml;hner auf der Stange hockten,
+den Kopf im Gefieder, dann stimmte mein Gro&szlig;vater an, und
+wir fielen alle leise ein:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun ruhen alle W&auml;lder,<br /></span>
+<span class="i0">Vieh, Menschen, St&auml;dt' und Felder &hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Von der lutherischen zur katholischen Kirche trat <em class="g">Angelus
+Silesius</em> (aus Breslau, 1624&ndash;1677), der cherubinische
+Wandersmann, &uuml;ber. Er schrieb nach seiner Bekehrung jene
+mystischen Zweizeiler, in denen die &raquo;&auml;gyptische Plage&laquo; des
+Drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieges einen so pr&auml;gnanten, &uuml;beraktuellen
+Ausdruck fand.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+Um diese Zeit begann Magister Opitz (aus Bunzlau, 1597
+bis 1639) seine lehrhafte T&auml;tigkeit. Es ist heute leicht, sich
+&uuml;ber eine Menge seiner Unarten und Albernheiten lustig zu
+machen: sein Verdienst um die Hebung des allgemeinen
+Niveaus kann nicht bestritten werden. Ohne Opitz kein Gottsched,
+ohne Gottsched kein Herder, ohne Herder kein Goethe.</p>
+
+<p><em class="g">Paul Fleming</em> (aus dem s&auml;chsischen Erzgebirge, 1609
+bis 1640) wandelte als Planet im Gefolge der Opitzschen Sonne.
+Aber es sollte ihm gelingen, eigene Bahnen zu finden und sie zu
+&uuml;berstrahlen. Seine z&auml;rtliche Liebe zu Elsabe schenkte der
+deutschen Dichtung einige ihrer sch&ouml;nsten Liebesgedichte. Fabrikanten
+von protestantischen Gesangb&uuml;chern haben es sich nicht
+nehmen lassen, ihre dogmatische Giftmischerkunst daran zu
+versuchen und umgekehrt, wie einst Christus, Wein in Wasser
+zu verwandeln. Sie setzten n&auml;mlich f&uuml;r Elsabe Jesus, und
+wenn im Liede Elsabe ihr Jawort gibt, so modeln sie das in:
+&raquo;Jesus gibt sein Ja auch drein&laquo;. Zu dieser Verballhornung
+hat Jesus sicher sein Ja nicht drein gegeben. Er wird im
+Himmel sanft gel&auml;chelt haben, denn er kennt seine Pfaffenheimer.</p>
+
+<p class="newsection">In der Lyrik der Schlesier <em class="g">Hofmann von Hofmannswaldau</em>
+(1617&ndash;1679) und <em class="g">Daniel Caspar von
+Lohenstein</em> (1635&ndash;1683) spielt Venus, prunkvoll aufgeputzt,
+eine triumphierende Rolle. Wenn sie, wie zuweilen
+bei Hofmannswaldau, vom Venuswagen steigt, ihr &uuml;berladenes
+Geschmeide abtut und ein h&uuml;bsches Breslauer
+B&uuml;rgerm&auml;dchen wird, braunhaarig, braun&auml;ugig, rotwangig:
+da wird sie uns lieb und vertraut, wir
+setzen uns gern zu ihr ins <ins class="correction" title="Grab">Gras</ins> und lassen uns ein ihr zu
+Ehr und Preis verfertigtes Lied des Herrn von Hofmannswaldau
+mit leiser Stimme ins Ohr singen. Caspar von Lohenstein
+<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>
+huldigte seinerseits neben der Venus den G&ouml;ttern Mars
+und Mors. Er schrieb schwulstige Trag&ouml;dien von schauerlicher
+Blutr&uuml;nstigkeit. Der Entfaltung der Sitten und der Entwicklung
+der Tugend war die Zeit des Drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieges
+nicht gerade g&uuml;nstig. Im gro&szlig;en und im kleinen wurde gepl&uuml;ndert,
+gemordet und vergewaltigt. Der F&uuml;rst vergewaltigte
+das Land, der Landsknecht die Bauernmagd. Zum Besten des
+Vaterlandes und zu h&ouml;herer Ehre Gottes wurden die abscheulichsten
+Taten getan. Der Wiener Hofkapuziner <em class="g">Abraham
+a Santa Clara</em> (1644&ndash;1709) wetterte in seinen Reden und
+Predigten mit <ins class="correction" title="Sentorstimme">Stentorstimme</ins> und einem gewaltigen Aufwand
+an schnurrigem Pathos gegen die Sittenlosigkeit, wobei er
+wenig genug ausrichtete. Der Els&auml;sser <em class="g">Moscherosch</em> (1601
+bis 1669) malte in seinen &raquo;Gesichten Philanders von Sittewald&laquo;
+die Verrottung der Zeit, die ihre h&ouml;chste dichterische
+Formung in <em class="g">Christoph von Grimmelshausens</em>
+(aus Hessen, 1625&ndash;1676) &raquo;Abenteuerlichem Simplizissimus&laquo;
+fand. Neben dem Gr&uuml;bler Faust, dem weisen Narren Eulenspiegel
+kann man den reinen Toren Parsival als die dritte Verk&ouml;rperung
+der deutschen Seele ansprechen. Parsival hei&szlig;t bei
+Grimmelshausen Simplizissimus. Alle die vielf&auml;ltigen Anfechtungen
+besiegt und &uuml;berwindet die einf&auml;ltige Seele, die gro&szlig;
+und einfach in sich selber ruht, wie eine Perle in der Muschel.
+Der Hintergrund des Romans ist das zerrissene und zertretene
+Deutschland des Drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieges. <em class="g">Andreas Gryphius</em>
+(aus Gro&szlig;glogau, 1616&ndash;1664) erlebte das allgemeine
+Elend seiner Zeit am eigenen Leibe und an eigener Seele nicht
+typisch wie Grimmelshausen, sondern individuell: und es gelang
+ihm, es bis zur reinsten lyrischen Gestaltung zu verkl&auml;ren. Das
+Leitmotiv seiner Gedichte ist das christliche Symbol von der
+Verg&auml;nglichkeit des Menschen und der Eitelkeit alles Irdischen.
+Dieses urspr&uuml;nglich religi&ouml;se und fast kirchlich-dogmatische
+Gef&uuml;hl vertieft sich in seinen Sonetten grandios k&uuml;nstlerisch
+zur Weltanschauung einer ersch&uuml;tternden Resignation und
+<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+eines erhaben schmerzlichen Pessimismus. Die grauenvolle
+Zeit, die in dem Krieg und in dem Frieden, in dem wir heute
+gezwungen sind zu leben und zu sterben, eine Parallele findet,
+duldete keines fr&ouml;hlichen Weltfreundes rosenroten Optimismus.
+<span class="f" lang="la" xml:lang="la">Vanitas! Vanitatum vanitas!</span> Es ist alles eitel. Da&szlig; auch
+der Seelen Schatz so vielen abgezwungen &ndash; dies ist die
+bitterste Erfahrung, die uns auch der gro&szlig;e Krieg von 1914
+bis 1918 gelehrt hat. L&uuml;ge, Heuchelei, Mammonismus und
+Materialismus haben die Seelen regiert, und wo ist jemand,
+der da sprechen kann, da&szlig; die seine im Schwertertanz ums
+goldene Kalb ganz frei davon geblieben? Sto&szlig;t das goldene
+Kalb vom Sockel und setzt eine wei&szlig;e Marmorstatue der G&ouml;ttin
+der Liebe, der Welt- und Gott- und Menschenliebe an seiner
+statt und nehmt euch bei den H&auml;nden und schlingt um das
+Denkmal wie mit Rosenketten den Fr&uuml;hlingsreigen einer besseren
+Zeit. &ndash; Elegie und Ironie wohnen nahe beieinander. In
+Gryphius' Lustspiel <span class="f" lang="la" xml:lang="la">&raquo;Horribilicribrifax&laquo;</span> schwingt er sp&ouml;ttischen
+Mundes die Gei&szlig;el &uuml;ber Halbbildung und Phrasentum, die
+sich als Folge der &Uuml;bersch&auml;tzung alles Milit&auml;rischen besonders
+beim Offiziersstand bemerkbar machten. Der aufschneiderische
+Maulheld <span class="f" lang="la" xml:lang="la">Horribilicribrifax</span> ist eine k&ouml;stliche Figur, die man
+heute noch leibhaftig herumlaufen sehen kann. &ndash; Einen b&uuml;rgerlichen
+Maulhelden nahm sich <em class="g">Christian Reuter</em>, ein
+Leipziger Student (geboren 1665), eine unstete Vagantennatur,
+die irgendwo im Elend verdarb und starb, zum Vorbild; es ist
+der Signor Eustachius Schelmuffski, dessen wahrhaftige, kuriose
+und sehr gef&auml;hrliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande
+auf das vollkommenste und akkurateste er an den Tag gab.
+Diese l&uuml;genhafte Reisegeschichte, die Schelmuffski &uuml;ber Schweden,
+die Bretagne, Rom bis nach Indien f&uuml;hrt (sie ist dem
+hochgeborenen gro&szlig;en Mogul dem &Auml;lteren, weltber&uuml;hmten
+K&ouml;nige oder vielmehr Kaiser in Indien gewidmet &hellip;), ist
+einer der besten komischen Romane der Deutschen und nebenbei
+ein erg&ouml;tzlicher Zeitspiegel. Auch Gryphius und Grimmelshausen
+<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+spiegelten die Zeit. Sehen wir in ihren Zeitspiegel,
+steigt die Tr&auml;ne ins Lid.</p>
+
+<p class="newsection">Wie ein Sturmwind braust <em class="g">Johann Christian
+G&uuml;nther</em> (aus Striegau, 1695&ndash;1723), der G&ouml;tterbote
+einer neuen Zeit, in die deutsche Dichtung. Er schmiedete
+ihr die Waffen, mit denen sie sp&auml;ter unter Goethe den himmlischen
+Sieg erfechten sollte. Was w&auml;re der Sturm und Drang
+ohne G&uuml;nther? Was Goethe ohne G&uuml;nther geworden? Er war
+sein Vorl&auml;ufer, sein Johannes, der ihm die Wege bereitete. Wie
+in Frankreich der Vagant Fran&ccedil;ois Villon, so steht in Deutschland
+der ahasverische Wanderer Johann Christian G&uuml;nther,
+Student und Vagabund, der Unstete, der Schweifende, am Anfang
+der neuen Dichtung. Nur wer den Mut zu Ab- und Seitenwegen
+hat, der wird auch neue Wege finden. Darum sind alle
+diese Pfadfinder von schwankender Menschlichkeit und durchweg,
+wenn auch nicht immoralisch, so doch amoralisch gerichtet. Sie
+sind verdammt, Lasten und Laster einer Generation vorweg zu
+nehmen und zu schleppen, die nach ihnen kommt. Diese hat
+ihre Freiheit der Unfreiheit, ihre schwebende Leichtigkeit der
+stampfenden Schwere jener zu danken. Jene sind wie Stiere,
+diese wie Sonnenadler. Der junge Goethe als Student in
+Leipzig: das ist eine w&ouml;rtliche Neuauflage des jungen G&uuml;nther.
+Der nie ein alter G&uuml;nther werden sollte, denn er starb im
+28. Jahre an einem Blutsturz. Diesen Blutsturz erlebte auch
+Goethe in Leipzig: aber er &uuml;berstand ihn und ging gekr&auml;ftigt
+aus der Krise hervor. G&uuml;nther hatte sein Blut verstr&ouml;mt.
+Sein junges Leben und Dichten ist ein Verbrennen und Verbluten.
+Er ist der erste Dichter, der sich bewu&szlig;t au&szlig;erhalb
+der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft stellt, und der dadurch jenen
+latenten Konflikt mit seinem starrk&ouml;pfigen Vater heraufbeschwor,
+der nicht wenig zu seiner Erbitterung und Verbitterung
+und zu seinem vorzeitigen Zusammenbruch beigetragen hat.
+<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>
+Gar so leicht wurde es dem Kinde nicht, von selbst gehen zu
+lernen in einer Welt, die sich ihm feindlich gegen&uuml;berstellte,
+und die Abl&ouml;sung von der Nabelschnur, die ihn in den Eltern
+mit dem B&uuml;rgertum verband, geschah nicht ohne Kr&auml;mpfe und
+Schmerzen. Er hatte Feinde &raquo;ringsum&laquo;. Seine wilde Leier
+w&uuml;nschten Tausende ins Feuer, &raquo;denn sie rasselt allzuscharf&laquo;.
+Wie ein von allen gemiedener r&auml;udiger Hund lief er durch
+Deutschlands Stra&szlig;en. Da &uuml;bermannte ihn die Verzweiflung,
+da&szlig; er zu sterben w&uuml;nschte, weil Leonore selbst ihn verlassen.
+Aber er rei&szlig;t sich wieder empor, die Tr&auml;nen versiegen, die
+Faust ballt sich:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich will hoffen, Hoffnung siegt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und abends, auf der Dorfstra&szlig;e, wenn er ein sch&ouml;nes M&auml;dchen
+am Zaun stehen sah, konnte er wieder l&auml;cheln. Er l&auml;chelte
+und lachte ihr und sang ihr zu:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sch&ouml;nen Kindern Liebe singen<br /></span>
+<span class="i0">Ist das Amt der Poesie,<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>und reichte ihr galant den Arm und spazierte mit ihr in den
+Wald oder auf den Kirchhof, und auf den Gr&auml;bern der Toten
+bl&uuml;hten die K&uuml;sse der Lebenden und Liebenden wie Jasmin und
+Tulipan.</p>
+
+<p>Gelangt er bei seiner Wanderung in eine Universit&auml;tsstadt,
+versammelt er eine Genossenschaft junger trunkener Menschen
+um sich und singt ihnen das sch&ouml;nste deutsche Studentenlied:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Bruder, la&szlig;t uns lustig sein,<br /></span>
+<span class="i0">Weil der Fr&uuml;hling w&auml;hret &hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Sein Lorbeer gr&uuml;nt, wie er selber sang, auf die Nachwelt hin.
+<ins class="correction" title="Seine">Sein</ins> Name dringt durch Sturm und Wetter der Ewigkeit ins
+Heiligtum.</p>
+
+<p class="newsection">Mit G&uuml;nther gleichaltrig ist der Ostpreu&szlig;e <em class="g">Johann
+Christoph Gottsched</em> (1700&ndash;1766), der der deutschen
+Literatur mit professoraler Weisheit und deutend erhobenem
+<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+Zeigefinger: dies darfst du! und: dies darfst du nicht!
+auf die Beine helfen wollte. Ich wei&szlig; nicht, ob er G&uuml;nther gekannt
+hat. Jedenfalls h&auml;tten ihn seine Wildheit und sein Feuer
+best&uuml;rzt und erschreckt. Er war f&uuml;r das Manierliche und Moralische.
+B&uuml;rgerlich-wohlanst&auml;ndig, klar, deutlich und n&uuml;chtern hatte
+die Poesie zu sein. In seinem &raquo;Versuch einer kritischen Dichtkunst
+f&uuml;r die Deutschen&laquo; stellte er eine enge und beschr&auml;nkte
+Theorie auf und verlangte mit der Geste eines Diktators, da&szlig;
+sich jeder Dichter &ndash; immer mal wieder &ndash; strikt danach zu
+richten habe, ansonst der Herr Lehrer ihm eine F&uuml;nf ins
+B&uuml;chel schreibe. Das Wichtige an Gottscheds dramaturgischen
+Leistungen ist das Wagnis, das Experiment. Andere erst
+sollten aus seinen Erfahrungen lernen. Der Liebling des
+Lesepublikums wurde <em class="g">Christian F&uuml;rchtegott Gellert</em>
+(aus Sachsen, 1715&ndash;1769). Denn er vereinigte die damaligen
+Richtungen harmonisch in sich: Gottscheds Steifheit, Bodmers
+&raquo;moralische&laquo; Phantasie, Hallers gebirgiges Barock und eine
+milde pietistische Fr&ouml;mmigkeit, die seit Gerhard und Gryphius
+aus der deutschen Dichtung nicht verschwunden war. Zu seiner
+Volkst&uuml;mlichkeit trug nicht wenig ein ehrenfester, lauterer
+Charakter bei. In ihm durfte das B&uuml;rgertum sein Ideal
+sehen: selbst Friedrich der Gro&szlig;e, der in seiner Schrift &raquo;Von
+der deutschen Literatur&laquo; vor der deutschen Dichtung absolut
+keinen Respekt zeigte, verneigte sich huldigend vor dem kleinen
+Leipziger Professor der Beredsamkeit und Moral. Seine
+Fabeln, Erz&auml;hlungen und geistlichen Lieder pl&auml;tschern sacht
+und sanft daher, hie und da mit einem Schu&szlig; gutm&uuml;tiger
+Bosheit versehen, gerade so boshaft, da&szlig; es nicht weh tut.
+Weh tun wollte diese personifizierte G&uuml;te niemandem. Er
+war nicht nur ein F&uuml;rchtegott, sondern auch ein F&uuml;rchtemensch
+und F&uuml;rchtetier. Da&szlig; das Tier in ihm wie in jedem Menschen
+lebendig war, beweist eine in mancher Fabel durchbrechende
+L&uuml;sternheit, die zu unterdr&uuml;cken seine ganze moralische Kraft
+notwendig war. Denn er war zu krank, um einer animalischen
+<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>
+Lust recht und wahrhaft leben zu k&ouml;nnen wie <em class="g">Friedrich von
+Hagedorn</em> (aus Hamburg, 1708&ndash;1754), der Anf&uuml;hrer einer
+ganzen Schar galanter Herren, die in erster Linie Kavaliere,
+in zweiter erst Dichter sein wollten und die Anbetung der
+Muse und der geliebten Frau h&ouml;chst zweckm&auml;&szlig;ig vereinten.</p>
+
+<p class="newsection">Auf dem Wege &uuml;ber die Romanen waren Horaz und Anakreon
+zu den Deutschen gekommen. Bei dieser Wanderung
+hatten sie manches von ihren urspr&uuml;nglichen Reizen verloren
+und manches an neuen Reizen hinzubekommen. Anakreon war
+in Frankreich ein leichtfertiger, eleganter Sch&uuml;rzenj&auml;ger, Horaz
+im Gefolge der p&auml;pstlichen H&ouml;fe ein &uuml;beraus witziger, wohlbeleibter,
+immer leicht angetrunkener Domherr geworden, dem
+ein Kranz voll Weinlaub die Tonsur verdeckte, und bei dem
+die sch&ouml;nen Damen von Rom und Ravenna gern und willig
+beichteten, denn er sprach sie l&auml;chelnd von vornherein aller
+S&uuml;nden ledig. Anakreon und Horaz sind die V&auml;ter des
+franz&ouml;sischen und des deutschen Rokoko: die griechischen G&ouml;tter,
+nach franz&ouml;sischer Mode aufgeputzt, Eros und Silen f&uuml;hrten
+den trunkenen Reihen der Poeten, die sich griechische Namen
+gaben, wie Damon oder Bathyll, und ihrer liebreizenden
+Sch&auml;ferinnen: Phyllis oder Chloe gerufen. Das l&auml;ndliche
+Leben wurde Mode. Aber es war nur ein Aufputz. Die
+Damen frisierten sich als B&auml;uerinnen, ihr Herz war von der
+Natur recht weit entfernt, jede Ber&uuml;hrung mit der wahren
+Natur und ihrer Derbheit erschreckte sie. Sie kleideten sich in
+Hirtenkleider, die ein Pariser Modek&uuml;nstler entworfen hatte,
+und h&uuml;teten auf wohlgepflegten Wiesen kurz geschorene, wei&szlig;
+gewaschene, saubere L&auml;mmchen, mit rosa B&auml;ndern am Hals
+und einer kleinen Glocke daran. Und die Hirtenst&auml;be der
+Herren waren mit Silber und Gold besetzt. Die anakreontische
+Lyrik beginnt, ungeschickt angeschlagen, schon bei den Pegnitzsch&auml;fern
+<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+in N&uuml;rnberg um 1644 zu erklingen, einer der
+sogenannten Sprachgesellschaften, die im Anschlu&szlig; an die
+Meistersingerschulen entstanden. Die Dichter dieser Gesellschaft,
+zu denen auch der gute <em class="g">Philipp Harsd&ouml;rffer</em> geh&ouml;rt,
+der Erfinder des &raquo;N&uuml;rnberger Trichters&laquo; (mit dem er den bedauernswerten
+Zeitgenossen die Poesie k&uuml;nstlich eintrichtern
+wollte), f&uuml;hrten je einen Hirtennamen und als Symbol je
+eine Blume im Dichterwappen. Hagedorn und seine Kameraden
+sind begabter als ihre Vorl&auml;ufer im 17. Jahrhundert.
+Die Hainb&uuml;ndler, die St&uuml;rmer und Dr&auml;nger, der junge Goethe:
+sie konnten lange nicht von den hier angeschlagenen T&ouml;nen loskommen.
+Aber au&szlig;er Goethe gelang es noch einem Lyriker,
+seiner im Walde der Anakreontik geschnitzten Fl&ouml;te eigene
+T&ouml;ne zu entlocken: <em class="g">Johann Georg Jacobi</em> (aus D&uuml;sseldorf,
+1740&ndash;1814). &raquo;Ihm war die Grazie (&ndash; &uuml;brigens das Lieblingswort
+der Epoche! &ndash;), die so mancher Anakreontiker sich
+m&uuml;hsam anlernen mu&szlig;te, angeboren&laquo; hei&szlig;t es im Vorwort
+zu seinen &raquo;S&auml;mtlichen Werken&laquo;. Verse wie die &raquo;An ein sterbendes
+Kind&laquo; gerichteten, sind rhythmisch so k&uuml;hn und neu, da&szlig;
+sie von Goethe sein k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Gottfried Keller hat in seiner Novelle &raquo;Der Landvogt von
+Greifensee&laquo; ein reizendes Bild von einem l&auml;ndlichen Fest gemalt,
+das der Z&uuml;rcherische Dichter <em class="g">Salomon Ge&szlig;ner</em>
+(1730&ndash;1788) auf seinem Landhaus im Sihlwald seinen Freunden
+gibt. Dieser Salomon Ge&szlig;ner ist der Sch&ouml;pfer der deutschen
+Idylle. Sein Talent ist begrenzt, aber innerhalb der Grenzen
+seines Talents bewegt er sich mit vollendeter Sicherheit und
+Anmut. Er geh&ouml;rt zu den allerliebensw&uuml;rdigsten Erscheinungen
+der deutschen Dichtung. Ge&szlig;ner war einmal eine
+europ&auml;ische Ber&uuml;hmtheit. Es wird nicht besser werden in der
+Welt, ehe es Ge&szlig;ner nicht wieder ist. Wir werden erst dann
+den ewigen Frieden haben, wenn arkadische Dichter wie er
+wahrhaft popul&auml;r geworden sind.</p>
+
+<p class="newsection">Ist
+<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+Opitz als Privatdozent, Gottsched als au&szlig;erordentlicher
+Professor der deutschen Literatur anzusprechen, so darf man
+<em class="g">Gotthold Ephraim Lessing</em> (geboren zu Kamenz,
+1729) den Titel eines ordentlichen Professors und vortragenden
+Rates mit dem Pr&auml;dikat Exzellenz nicht vorenthalten. Er
+ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm langweilen.
+Aber er ist auch nicht der beschwingte Genius und Fackeltr&auml;ger,
+zu dem man ihn hat empordichten wollen. Ernst, behutsam und
+bed&auml;chtig suchte er mit seiner Laterne das Dunkel der deutschen
+Dichtung zu erhellen, und es gelang ihm, &uuml;ber viele
+d&auml;mmerige und nachtschwarze Stellen Licht und Erkenntnis
+zu verbreiten. Das besorgte er besonders mit seinen &raquo;Briefen,
+die neueste Literatur betreffend&laquo;. Da rief er Shakespeare,
+den Zauberer aus dem Wunderland der Wirklichkeit, zum
+Zeugen auf gegen Gottscheds Schablonenidealit&auml;t. Da hob
+er den Mythos von Faust ans Licht, entdeckte entz&uuml;ckt das
+deutsche Volkslied und einen verschollenen Poeten wie Friedrich
+von Logau. Die Schrift Laokoon oder &uuml;ber die Grenzen der
+Malerei und Poesie hat zu seiner Zeit alarmierender gewirkt
+als heute in den Primen der Gymnasien. Die klare Unterscheidung
+von den M&ouml;glichkeiten, von Harmonie und Differenz
+zwischen Malerei und Poesie tat dazumal bitter not. Denn
+die sogenannte beschreibende und malende Poesie, von Opitz
+eingef&uuml;hrt, von Haller, Matthisson und vielen minderen fortgef&uuml;hrt,
+drohte in ihren Ausw&uuml;chsen die gerade nur erst h&uuml;geligen
+Ans&auml;tze einer neuen Dichtung v&ouml;llig zu verflachen. Indem
+er die Plastik als r&auml;umlich, die Dichtung als zeitlich (nicht
+im historischen Sinne) bedingt definierte, er&ouml;ffnete er auch
+Perspektiven auf Raum und Zeit, auf Traum und Ewigkeit
+schlechthin. Er rief den Dichtern zu: Nicht rasten! Nicht ruhen!
+Ruhe, Beharrung ist das Zeichen der bildenden Kunst. Ihr
+m&uuml;&szlig;t, berlinisch gesprochen, Leben in die Bude bringen. <span class="f" lang="fr" xml:lang="fr">En
+avant!</span> Vorw&auml;rts! Attacke! Professor Lessing ger&auml;t hier in
+Feuer. Auch in der &raquo;Hamburgischen Dramaturgie&laquo; (1767 bis
+<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>
+1769) zeigt er sich reichlich temperamentvoll, wie er mit den
+franz&ouml;sischen Klassikern herumf&auml;hrt, da&szlig; ihnen nur so der Puder
+aus den Per&uuml;cken f&auml;hrt. Er restituiert Aristoteles und versetzt
+die wahre tragische Handlung in die Seele des Menschen. Den
+Regeln, die er in der Hamburgischen Dramaturgie aufgestellt,
+versucht er in einigen Dramen nachzuleben. In &raquo;Mi&szlig; Sarah
+Sampson&laquo; wagt er schon 1755 das Drama von jeder Staatsaktion
+zu entkleiden und steigt ins gut, ins schlecht b&uuml;rgerliche
+Milieu hinab. Er wollte beweisen, da&szlig; nicht blo&szlig; eine Prinzessin,
+sondern auch ein einfaches B&uuml;rgerm&auml;dchen seine Trag&ouml;die
+erleben kann. Die franz&ouml;sischen Klassiker reservierten
+prinzipiell das Tragische den Herren und Damen vom Hofe
+und den G&ouml;ttern. In &raquo;Minna von Barnhelm&laquo; haben wir,
+trotz mancher Schw&auml;chen im einzelnen, eine wirkliche Dichtung.
+Professor Lessing lege seinen ersten Titel ab und sei Dichter
+Lessing genannt. Mit dem Prinzen von Homburg ist
+der Major von Tellheim einer der wenigen sympathischen preu&szlig;ischen
+Charaktere in der deutschen Literatur. In &raquo;Emilia
+Galotti&laquo; tritt Lessing unter der Maske des Odoardo als Richter
+den F&uuml;rsten seiner Zeit entgegen. Und sei hier nicht mehr
+Dichter, sondern Richter Lessing genannt. In &raquo;Nathan dem
+Weisen&laquo; fa&szlig;t Lessing seine drei bisherigen Berufe noch einmal
+zusammen: hier ist er der Philosoph, der Dichter, der
+Richter. Hier predigt er die allgemeine Toleranz, die gro&szlig;e
+Liebe. Der christliche Tempelherr, der Mohammedaner Saladin
+und der Jude Nathan feiern den Bruderbund der Menschheit.
+Die gute Idee ist nichts ohne die gute Tat. Gut denken
+hei&szlig;e: gut sein. Zwei Jahre nach der Vollendung des Nathan
+vollendete sich Lessing selbst.</p>
+
+<p class="newsection">Das Gr&ouml;&szlig;te an <em class="g">Klopstock</em> (aus Quedlinburg, 1724 bis
+1803) ist sein patriarchalisches Pathos. Es scheint, als
+h&auml;tte er schon Schulpforta mit neunzehn Jahren als Patriarch
+und Weltmeister verlassen. In seiner Abschiedsrede klingt das
+<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+hohe Bewu&szlig;tsein einer erlauchten Berufung. Ich will, so rief er,
+der Milton der Deutschen werden! &ndash; Und er ist es geworden.
+Alles, was er gewollt hat, hat er gekonnt. Wie ein Priester
+hat er seines Amtes gewaltet. Und wenn er, seine Bardenges&auml;nge,
+die <span class="f">Bardiete</span>, singend, den deutschen G&ouml;ttern opferte,
+war das Gotteshaus gef&uuml;llt mit and&auml;chtigen J&uuml;nglingen und
+Jungfrauen, die in ihm den Stellvertreter des deutschen Gottes
+auf Erden, den deutschen Papst, sahen. Er go&szlig; den deutschen
+Wein in griechische Pokale: in seinen &raquo;Oden&laquo;, die die fremde
+Form vergessen lassen, so deutsch sind sie. Er ist spr&ouml;der als
+H&ouml;lderlin und unserem Empfinden schwerer zug&auml;nglich &ndash;
+aber die Bekanntschaft mit ihm wiegt Dutzende heutiger Lyriker
+auf. Seine zuchtvolle Strenge k&ouml;nnte der heutigen Aufl&ouml;sung
+gut tun. Die jungen Dichter k&ouml;nnten von ihm lernen, vorausgesetzt,
+da&szlig; sie &uuml;berhaupt etwas lernen wollen. Der Meister
+Klopstock f&uuml;hlte sich zeitlebens als &raquo;der Lehrling der Griechen&laquo;.
+Sein episches Hauptwerk ist der &raquo;Messias&laquo;, ein Gedicht von
+S&uuml;nde und Erl&ouml;sung in zwanzig hexametrischen Ges&auml;ngen. Es
+schildert den Weg des Gottessohnes vom Himmel durch die
+H&ouml;lle zur Erde und wieder zum Himmel: am sch&ouml;nsten in
+seinen hymnischen und lyrischen Stellen. Hin und wieder
+verleitet ihn das priesterliche Ornat zu zeremoniellen Gesten
+und oratorischen Phrasen.</p>
+
+<p class="newsection">Zwei seelische Richtungen suchten um die Mitte des 18. Jahrhunderts
+einander den Rang streitig zu machen: eine
+schw&auml;rmerische und eine rebellische. Die schw&auml;rmerische ging
+von Klopstock und seinem Gefolge: dem Hainbund (H&ouml;lty,
+Vo&szlig;, Matthisson, dem Schweizer Salis-Seewis, Claudius) aus;
+die zweite bl&uuml;hte aus wilden Studentenkameradschaften empor,
+und ihr Meister hie&szlig; Johann Christian G&uuml;nther. Sie selber
+aber nannten sich nach einem &raquo;Sturm und Drang&laquo; (1776)
+betitelten Drama eines der ihren, des Maximilian Klinger:
+<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>
+St&uuml;rmer und Dr&auml;nger. Klinger war ein Freund Goethes,
+und aus ihrem Kreise ist, betreut von Herders wachsamem
+Auge, der St&uuml;rmer und Dr&auml;nger hervorgegangen, der sie alle
+&uuml;berst&uuml;rmen und zur&uuml;ckdr&auml;ngen sollte: Goethe. Wie die Bruderb&uuml;nde
+der heutigen jungen Dichter hatten sowohl die
+Hainb&uuml;ndler wie die St&uuml;rmer und Dr&auml;nger die Br&uuml;derlichkeit,
+die Weltumarmung, die Menschlichkeit auf ihre Fahnen
+geschrieben, und Freundschaft galt ihnen als ein heiliges Wort.
+Die bedeutendsten Mitglieder des Hainbundes waren <em class="g">Johann
+Heinrich Vo&szlig;</em> aus Mecklenburg (1751 bis 1826)
+und <em class="g">Ludwig H&ouml;lty</em>, der 1776 im jugendlichen Alter von
+achtundzwanzig Jahren starb, der Apollo und Adonis des Bundes:
+gepriesen als der Liebling der G&ouml;tter. Vo&szlig;, der sp&auml;ter die
+Redaktion des Bundesorganes, des G&ouml;ttinger Musenalmanachs,
+&uuml;bernahm, darf eigenen dichterischen Wert h&ouml;chstens als Idylliker
+(Luise, Der siebzigste Geburtstag) beanspruchen. Zu den harmlosen,
+aber h&uuml;bschen <ins class="correction" title="Hexamenten">Hexametern</ins> war er angeregt worden durch
+&Uuml;bersetzungen der Homerschen Odyssee (1781) und Ilias, die
+an Wert und Wirkung den Herderschen Stimmen der
+V&ouml;lker in Liedern nicht nachstehen und den Blick der Deutschen
+auf das griechische Heldenepos lenkten. Wenn Achilles und Hektor
+in Deutschland so volkst&uuml;mliche Figuren geworden sind wie
+Siegfried und Hagen, wenn Zeus und Hera in der G&ouml;tterwelt
+Wodan und Freya den Rang streitig machen, so ist's das Verdienst
+von Vo&szlig;, dem Ganymed, der lockige Schenke, im olympischen
+Saale daf&uuml;r einen besonderen Humpen Nektar kredenzen
+m&ouml;ge!</p>
+
+<p class="newsection">Im Pantheon des Hainbundes standen die Hermen von
+Ossian, Klopstock und Herder, dagegen erscholl an die
+Adresse <em class="g">Wielands</em> (1733&ndash;1813, aus Oberholzheim) in
+jeder Bundessitzung ein dreifach kr&auml;ftiges Pereat. Dieser
+<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+war in ihren Augen ein allzu ungezogener Liebling der Grazien.
+Seine charmanten Frivolit&auml;ten, sein grazi&ouml;ser, klingender
+Stil, spielend wie eine Wasserkunst im Schlosse irgendeines
+Rokokof&uuml;rsten, fanden nicht Gnade vor ihren Augen. Sie
+ziehen ihn der Sittenlosigkeit, der Undeutschheit und traten
+seine Dichtungen mit F&uuml;&szlig;en oder verfertigten sich aus seinen
+reizenden Perioden Fidibusse, mit denen sie ihre Knasterpfeifen
+entz&uuml;ndeten, und Don Sylvio von Rosalva, der J&uuml;ngling
+Agathon und die z&auml;rtliche Musarion gingen wehklagend und
+seufzend in Flammen auf. Hatten die Hainb&uuml;ndler recht, dem
+armen Wieland so &uuml;bel mitzuspielen? Doch wohl nicht. Im
+Grunde war er ihnen verwandter als sie ahnen oder f&uuml;hlen
+konnten. Auch er war ein Schw&auml;rmer wie sie &ndash; aber er
+ging nicht wie sie durch eine, er ging durch tausend Schw&auml;rmereien
+hindurch und war vom Pietisten bis zum Woll&uuml;stling,
+vom Het&auml;renpriester bis zum Anbeter der m&uuml;tterlichen Frau
+so ziemlich alles, was man sein kann. Was seine vielen
+Wandlungen verkl&auml;rt: er war alles mit der gleichen Leidenschaft
+und Wahrhaftigkeit. Als Lyriker hatten die Hainb&uuml;ndler
+f&uuml;r Wielands Kunst der Erz&auml;hlung kein Verst&auml;ndnis.
+Sein gro&szlig;er Roman &raquo;Agathon&laquo; (1766), die Entwicklung eines
+Menschen zu sich selbst, in einem stark stilisierten Altgriechenland
+sich begebend, wird immer ein Markstein in der Entwicklung
+der deutschen Prosadichtung sein, die auch durch den
+komischen Roman &raquo;Die Abderiten&laquo; (1780), eine Verspottung
+des Spie&szlig;ertums, Bereicherung empfing. Goethe weihte von
+allen Schriften Wielands dem Heldenepos &raquo;Oberon&laquo; (1780)
+den Lorbeer, und zwar im w&ouml;rtlichsten Sinne: nach seinem
+Erscheinen sandte er ihm einen Lorbeerkranz. Der &raquo;Oberon&laquo;
+ist das erste Werk, das man neben Mahler M&uuml;llers &raquo;Genoveva&laquo;
+den Auftakt der Romantik noch mitten in der Klassik
+nennen k&ouml;nnte. Abendland und Morgenland gehe so phantastisch
+ineinander &uuml;ber wie die wirkliche und die Geisterwelt.</p>
+
+<p class="newsection">Unter
+<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+den Hainb&uuml;ndlern waren einige, die zwar nominell
+ihm nahestanden, innerlich aber dem Sturm und Drang
+zugerechnet werden m&uuml;ssen. Unter ihnen ist vor allem <em class="g">Gottfried
+August B&uuml;rger</em> (1747&ndash;1794, aus Ballenstedt) zu
+nennen, dessen titanischem Wollen (wie den meisten St&uuml;rmern
+und Dr&auml;ngern) nur ein sehr menschliches Gelingen beschieden
+war. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen
+schwebte er zwischen Himmel und Erde, bis ihn die Erde
+gn&auml;dig in ihren Scho&szlig; zur&uuml;cknahm. Er war ihr einer ihrer
+liebsten, aber auch ungl&uuml;cklichsten S&ouml;hne. Seine Lieder an
+Molly sind von einer rasenden Leidenschaftlichkeit, der die
+Z&uuml;gel durchgehen wie einem wildgewordenen Hengste. Vollkommen
+bew&auml;hrte er sich in seinen Balladen. Auch die Legende
+von &raquo;M&uuml;nchhausens wunderbaren Reisen&laquo; (1786) mu&szlig; ihm
+herzlich gedankt werden, so wie wir dankbar bei dieser Gelegenheit
+des alten <em class="g">Mus&auml;us</em> (1735&ndash;1787) gedenken m&uuml;ssen,
+der die Volksm&auml;rchen der Deutschen, darunter die Schnurren
+vom grobschl&auml;chtigen, schlesischen Waldgott R&uuml;bezahl damals
+grade sammelte und nacherz&auml;hlte.</p>
+
+<p class="newsection">Waren die Hainb&uuml;ndler mehr besinnlich und lyrisch, so
+waren die St&uuml;rmer und Dr&auml;nger mehr sinnlich und
+dramatisch, heute w&uuml;rde man sagen: mehr politisch, mehr
+aktivistisch gerichtet. Sie litten unter der sozialen und politischen
+Ungerechtigkeit des Zeitalters. Das Motto Schillers,
+das er &uuml;ber &raquo;Die R&auml;uber&laquo; setzte: <span class="f" lang="la" xml:lang="la">In tyrannos!</span> kann man &uuml;ber
+die ganze Richtung setzen. Die St&uuml;rmer und Dr&auml;nger waren
+die deutschen Vorl&auml;ufer und Br&uuml;der der franz&ouml;sischen Revolution&auml;re
+von 1789. Wie Wilhelm&nbsp;II. dem Erwachen der deutschen
+Dichtung aus dem patriotischen Winterschlaf nach dem
+siegreichen Krieg von 1870/71 zur Selbstbesinnung, zur Erhebung,
+zur Vergeistigung von seinem Standpunkt mit dem
+gr&ouml;&szlig;ten Recht mi&szlig;trauisch gegen&uuml;berstand &ndash; denn einer Revolution
+<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>
+des Geistes pflegt eine solche der Tat auf dem Fu&szlig;
+zu folgen: so standen die damaligen Souver&auml;ne dem Ansturm
+der St&uuml;rmer ablehnend und erbittert gegen&uuml;ber, denn es ging
+ums Gottesgnadentum, es ging um Autokratie oder Demokratie
+schon damals. Es handelte sich darum, ob die deutschen
+F&uuml;rsten ihre Untertanen als Schlachtenfutter nach Amerika
+verkaufen k&ouml;nnten wie ein St&uuml;ck Vieh, um aus dem Erl&ouml;s ihre
+fetten Huren und lasterhaften Gelage zu bestreiten, oder ob
+der Mensch ein Mensch wie sie, ob es nicht unverg&auml;ngliche
+&raquo;Menschenrechte&laquo; g&auml;be, die niemand wagen d&uuml;rfe anzutasten,
+der nicht ein Hundsfott oder Lump sein wolle. In den &raquo;R&auml;ubern&laquo;
+und in &raquo;Kabale und Liebe&laquo; zog Schiller gegen die Tyrannen
+vom Leder. Und es ist nicht zu verwundern, wenn Karl
+Eugen von W&uuml;rttemberg sich dieser Richtung gegen&uuml;ber &auml;hnlich
+&auml;u&szlig;erte wie sp&auml;ter Wilhelm&nbsp;II.: &raquo;Die ganze Richtung pa&szlig;t
+mir nicht!&laquo; Schiller wurde 1782 vierzehn Tage in &raquo;Schutzhaft&laquo;
+genommen; als der F&uuml;rst ihm wenig sp&auml;ter &uuml;berhaupt untersagte,
+weiterhin &raquo;Kom&ouml;die&laquo; zu schreiben, machte Schiller dieser
+Kom&ouml;die ein Ende und floh aus W&uuml;rttemberg ins Ausland.
+Sein Gesinnungsgenosse, der Schwabe <em class="g">Christian Schubart</em>
+(1739 bis 1791), mu&szlig;te die Auflehnung gegen die
+Tyrannei mit einer zehnj&auml;hrigen Gefangenschaft auf dem
+Hohenasperg b&uuml;&szlig;en. Er schleuderte den F&uuml;rsten die Verse der
+&raquo;F&uuml;rstengruft&laquo; wie Pfeile entgegen.</p>
+
+<p><em class="g">Jakob Reinhold Lenz</em> (aus Se&szlig;wegen, 1751&ndash;1792)
+schrieb sein Drama &raquo;Die Soldaten&laquo;, in dem er die Immoralit&auml;t
+des Soldatenlebens attackierte. Sein Leben wie sein Dichten
+zerrann ihm wie Wasser zwischen den H&auml;nden. Die Erscheinung
+Goethes blendete ihn, so da&szlig; er die Welt der Erscheinungen
+nicht mehr zu sehen vermochte und einer utopischen
+Welt verfiel, die halbe Wahrheit und ganze Dichtung nicht
+mehr auseinanderzuhalten verstand. W&auml;re er nur der Lenz
+geblieben, der er war! Vielleicht, da&szlig; er zu einem fruchtbaren
+Sommer gereift w&auml;re! Aber er wollte ein Goethe werden.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+<em class="g">Maximilian Klinger</em> (aus Frankfurt, 1752&ndash;1831),
+dessen eines Drama der Bewegung den Namen gab, war eine
+bed&auml;chtigere Natur, obgleich seine Dramen selbst aus allen
+Fugen zu gehen scheinen. Im reiferen Alter resigniert er.
+In seinen &raquo;Betrachtungen&laquo; sind aus den Unget&uuml;men und
+Unholden, die die F&uuml;rsten im Sturm und Drang waren,
+schwache Menschen geworden wie wir alle. In der Tendenz
+steht der Satiriker <em class="g">Georg Christoph Lichtenberg</em>
+(aus Darmstadt, 1742&ndash;1799) den St&uuml;rmern nahe, besonders in
+seinen geistvollen politischen Bemerkungen.</p>
+
+<p>Als der eigentliche Prosaiker der Richtung mu&szlig; <em class="g">Wilhelm
+Heinse</em> (1749&ndash;1803) betrachtet werden. Sein Renaissanceroman
+&raquo;Ardinghello und die gl&uuml;ckseligen Inseln&laquo; predigt die
+Idee der Kraft, der Sch&ouml;nheit, der leiblichen und seelischen
+Nacktheit, der Scham- und H&uuml;llenlosigkeit. Geschrieben in
+einem bezaubernden Stil, dessen Wohlklang nur noch von
+Ge&szlig;ner in seinen Idyllen und sp&auml;ter von Jean Paul erreicht
+wird, bezaubert er auch durch die amoralische Anmut seiner
+Gestalten und durch die tropisch bunte Ausmalung des Schauplatzes.
+Der Starke hat Recht. Aber er siegt nicht durch seine
+St&auml;rke, durch rohe Gewalt allein: sie mu&szlig; sich mit Nat&uuml;rlichkeit,
+mit Geist, der Mut mu&szlig; sich mit Anmut paaren. Heinses
+Genie war eine br&uuml;nstige Flamme. Aber wer feuersicher ist
+(und nur der sollte sich ins Feuer wagen), der wird gest&auml;hlt
+und gefestigt durch sie hindurchgehen.</p>
+
+<p class="newsection"><em class="g">Johann Gottfried Herder</em> (1744&ndash;1803, ein geborener
+Ostpreu&szlig;e) ist einer der Lehrmeister der Deutschen.
+W&auml;ren die Lehr- und Schulmeister der Deutschen alle geartet
+wie er: was lie&szlig;e sich aus ihnen machen! Aber der Teufel
+stopft ihnen Wachs in die Ohren und verklebt ihre Augen mit
+Pech; also da&szlig; sie taub und blind dem ersten besten Eselstreiber
+folgen, der sie in den Abgrund f&uuml;hrt. &Uuml;ber der festen Grundlage
+<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>
+einer allgemeinen, philosophischen und philologischen Bildung
+w&ouml;lbte sich bei Herder in den Gewittern seiner Zeit der
+Regenbogen eines gro&szlig;en Geistes und eines hellen Herzens.
+Auf einer Reise nach Paris lernte er Diderot, einen der geistigen
+Urheber der Franz&ouml;sischen Revolution, kennen. In
+Stra&szlig;burg geschah jene denkw&uuml;rdige Begegnung mit Goethe:
+der schw&auml;rmerische J&uuml;ngling empfing aus dem Munde des gereiften
+und gelehrten Mannes den m&auml;chtigsten Ansporn, die
+liebevollste Leitung. Herder war ein Denker des Gef&uuml;hls.
+Manchmal schl&auml;gt der Blitz der apriorischen Logik in seinen
+Gedankenwald, ihn und uns belehrend, da&szlig; die B&auml;ume nicht
+in den Himmel wachsen. Aber um den verkohlten Stamm
+schlingen sich liebend und lieblich die reinsten Gef&uuml;hle, die
+wei&szlig;esten Winden. Sein &raquo;Briefwechsel &uuml;ber Ossian und die
+Lieder alter V&ouml;lker&laquo; (1773) bedeutet weniger durch die aufgestellten
+Thesen (Unterschied zwischen Kunst- und Volksdichtung),
+als durch die flammende Liebe, die hier und anderswo in
+seinen Schriften die Wissenschaft durchlodert. Sein Aufruf,
+die alten Volkslieder zu sammeln, war eines der wichtigsten
+Manifeste des deutschen achtzehnten Jahrhunderts. Er ist
+der Sch&ouml;pfer dieses Wortes: Volkslied. 1778&ndash;79 durfte er
+in seinen Volksliedern (&raquo;Stimmen der V&ouml;lker in Liedern&laquo;)
+dem deutschen Volk ein prachtvolles Dokument der Volkslieder
+aller Zeiten und Zonen vorlegen: die fremdl&auml;ndischen Lieder in
+&Uuml;bertragungen von ihm selbst. Schon vorher war er in den
+Fragmenten &uuml;ber die neuere deutsche Literatur gegen Affekt- und
+Effekthascherei gegen die franz&ouml;sische und griechische
+Mode aufgetreten und hatte das Rousseausche &raquo;Zur&uuml;ck zur
+Natur!&laquo; f&uuml;r die deutsche Dichtung formuliert: &raquo;Zur&uuml;ck zur
+Nat&uuml;rlichkeit! Zu den Quellen deutscher Sprache und deutschen
+Volkstums! Die Kunstdichtung kann nur auf dem Acker
+der Volksdichtung gedeihen. Zerst&ouml;rt die gl&auml;sernen Treibh&auml;user,
+und la&szlig;t das freie Wetter &uuml;ber die Bl&uuml;ten eures Geistes
+brausen! Welche Bl&uuml;te darin umkommt, die ist nicht wert,
+<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+da&szlig; sie gebl&uuml;ht hat.&laquo; &ndash; 1777 kam Herder auf Goethes Veranlassung
+als Generalsuperintendent nach Weimar. Hier schrieb
+er, von Goethes Gedankenarbeit kameradschaftlich unterst&uuml;tzt,
+die &raquo;Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit&laquo;, den
+ersten gro&szlig; angelegten Versuch, die Geschichtswissenschaft aus
+einer Statistik von blutr&uuml;nstigen Raub- und Eroberungskriegen
+und den Daten der erlauchten Herrscher zu einer Geisteswissenschaft,
+zu einer Wissenschaft vom Werden und Wesen der
+Menschheit zu erweitern. Eine Kapitel&uuml;berschrift wie diese:
+Die Erde als Stern &ndash; wieviel besagt und beleuchtet sie schon
+im Gegensatz etwa zu: K&ouml;nig Otto der Faule (1430&ndash;1450),
+der &uuml;blichen &Uuml;berschrift der in Deutschland so beliebten monarchistischen
+Geschichtsschreibung. &ndash; Die letzten Lebensjahre Herders
+verbitterte seine Entfremdung von Goethe und Schiller:
+in Schiller befehdete er den Sch&uuml;ler Kants, in Goethe sah er
+sich selber strahlend &uuml;berwunden. Als er die Augen schlo&szlig;,
+setzten sie ihm auf seinen Grabstein seinen Wahlspruch, den
+ewigen Wahlspruch aller J&uuml;nglinge (Herder war auch als
+Greis ein J&uuml;ngling geblieben): Licht! Liebe! Leben!</p>
+
+<p class="newsection"><em class="g">Friedrich Schiller</em> (1759&ndash;1805) ist der Dichter der
+Jugend. Denn er ist ein revolution&auml;rer Dichter. Und die
+Jugend wird gegen&uuml;ber einem konservativen oder stagnierenden
+Alter immer revolution&auml;r gesinnt sein. In den &raquo;R&auml;ubern&laquo;
+wird jemand aus Verzweiflung &uuml;ber die Schlechtigkeit
+der Welt zum schlechten Kerl: um den Teufel mit Beelzebub
+auszutreiben. W&auml;re dieses Drama heute geschrieben, man
+w&uuml;rde es ein bolschewistisches Drama nennen. (Schiller war
+Ehrenb&uuml;rger der Franz&ouml;sischen Revolution, der er als Idee
+begeistert huldigte, und von der er sich sp&auml;ter, als die Realit&auml;t
+weit hinter der Idee zur&uuml;ckblieb, &ndash; wie es in Revolutionen
+immer zu sein pflegt &ndash; angewidert wegwandte.) Diese
+R&auml;uber wollen die ganze Welt zugrunde richten, um auf den
+<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>
+Tr&uuml;mmern eine neue, bessere Welt zu erbauen. Karl Moor
+schreitet in mancherlei Verwandlungen durch Schillers Werke.
+Er ist Fiesco, der Verschw&ouml;rer, der sich den Mantel des
+Monarchen um die Schulter schl&auml;gt. Er ist Ferdinand, der
+gegen die konventionelle Despotie und die Despotie der Konvention
+rebelliert. In Carlos und Marquis Posa hat sich der
+geistige Revolution&auml;r dupliziert. Verteidigen die &raquo;R&auml;uber&laquo;
+noch die Eventualit&auml;t eines gewaltt&auml;tigen Umsturzes, so erscheint
+&raquo;Don Carlos&laquo; dagegen auch in der Sprache durch seine
+Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution.
+Von innen heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsb&uuml;rger
+und Menschen erneuert werden. &raquo;Sire, geben Sie Gedankenfreiheit&laquo;
+&ndash; aus dem freien Gedanken wird die freie Tat
+sprie&szlig;en. Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium der
+Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck
+gemacht. Kants ethische Maximen, besonders der kategorische
+Imperativ, werden in seinen sp&auml;teren Gedichten und Dramen
+immer wieder illustriert und paraphrasiert, die oft nur um der
+ethischen Forderung willen geschrieben scheinen. Zw&ouml;lf Jahre
+nach dem Don Carlos, im Jahre 1799, vollendete Schiller den
+Wallenstein: die Schicksalstrag&ouml;die des Herrscherwillens. Der
+Schatten des aufsteigenden Bonaparte fiel &uuml;ber das Werk.
+Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber <span class="f" lang="fr" xml:lang="fr">faute de mieux</span>. Er
+kann einen Gr&ouml;&szlig;eren, einen M&auml;chtigeren nicht vertragen: denn
+er f&uuml;hlt in sich das Prinzip der Macht rechtm&auml;&szlig;ig verk&ouml;rpert.
+Er f&auml;llt durch den Verrat seines Freundes Piccolomini. In
+den drei Teilen vom &raquo;Wallenstein&laquo; ist Schillers Werk gegipfelt.
+Den vielen m&auml;nnlichen Rebellen in Schillers Dramen tritt
+eine Revolution&auml;rin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche
+Typ des Revolution&auml;rs, deren Aktion sich zur Passion wandelt,
+die die revolution&auml;re Tat durch ein revolution&auml;res Herz ersetzt.
+Nach Maria Stuart (1800) wendet sich Schiller noch einem
+weiblichen Helden zu: der Jungfrau von Orleans, der Verk&ouml;rperung
+religi&ouml;ser Vaterlandsliebe. Im &raquo;Tell&laquo;, seinem letzten
+<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+Drama, gestaltet Schiller die Idee der &raquo;Freiheit&laquo; und nimmt
+noch einmal die Partei der &raquo;Unterdr&uuml;ckten aller L&auml;nder&laquo;. Es
+ber&uuml;hrt sich in mehr als einem Punkt mit seinem Erstlingsdrama,
+den &raquo;R&auml;ubern&laquo;. Keine philologische oder moralische
+Spitzfindigkeit wird &uuml;brigens dar&uuml;ber wegt&auml;uschen k&ouml;nnen,
+da&szlig; dieses Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord
+verteidigt, ja verherrlicht, und keines d&uuml;rfte sich besser
+f&uuml;r eine Festvorstellung, vor Terroristen gegeben, eignen. Der
+individuelle Terror findet hier seine gl&auml;nzendste Gloriole. &ndash;
+Tell scheint mir eine aus der Tiefe von Schillers Unterbewu&szlig;tsein
+getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen Ge&szlig;ler (Herzog
+Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des deutschen
+Duodeztyrannen, den t&ouml;dlichen Pfeil richtet, um sich endg&uuml;ltig
+von ihm zu befreien &hellip; Als Lyriker steht Schiller hinter dem
+von ihm verkannten H&ouml;lderlin, hinter Goethe, G&uuml;nther, Eichendorff
+zur&uuml;ck. Seine Gedankenlyrik gibt mehr Gedanken als
+Lyrik. Als Balladendichter darf er hohen Rang beanspruchen.
+Seine Gr&ouml;&szlig;e liegt in seinen Dramen. Man h&uuml;te sich, ihn weder
+zu &uuml;ber- noch zu untersch&auml;tzen. Unschuldig schuldig ist er an
+jener Kriegervereinspathetik, die sich, besonders seit 1870, in die
+geschwellte Brust warf und Schillersche Formen und Schillersches
+Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden f&uuml;llte. Gegen&uuml;ber
+solcher &raquo;Idee&laquo;lichkeit kann die Goethesche &raquo;Sach&laquo;lichkeit nur
+heilsam wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat.</p>
+
+<p class="newsection">Um diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen,
+aber mit der Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste
+verwachsen, zwei der liebensw&uuml;rdigsten deutschen Dichter, die
+man, wie die siamesischen Zwillinge, immer nur zusammen
+nennen kann: <em class="g">Matthias Claudius</em> (1740&ndash;1815), der
+&raquo;Wandsbecker Bote&laquo;, und <em class="g">Johann Peter Hebel</em> (1760
+bis 1826), der &raquo;Rheinische Hausfreund&laquo;. In der Gesamtausgabe
+der Schriften des &raquo;Wandsbecker Boten&laquo; befindet sich am
+<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+Eingang eine Zeichnung von Freund Hein, dem Tod. Obgleich
+die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist der Tod gar nicht schrecklich
+anzusehen, streng, aber freundlich steht er da. Mit Freund
+Hein verkehrte Claudius auf vertrautem Fu&szlig;e. Er war ihm
+der Freund Hein trotz aller Schmerzen, aller Dunkelheiten, die
+er bringt. Sein &raquo;Abendlied&laquo; geh&ouml;rt zu den deutschesten deutschen
+Gedichten. Sein &raquo;Rheinweinlied&laquo;: das trunkenste Trinklied.
+Schon in der Schule haben wir uns mit Claudius befreundet
+wie mit einem guten alten Onkel, als er uns die
+lustige Geschichte erz&auml;hlte vom Riesen Goliath und dem Zwerg
+David und von Urian, welcher die weite Reise machte. <em class="g">Johann
+Peter Hebel</em>, Volksfreund und Volksdichter wie
+er, ist sein j&uuml;ngerer Bruder. Ich kenne keinen Schriftsteller
+in Deutschland, der zu erz&auml;hlen wei&szlig; wie der ehemalige
+Theologieprofessor Johann Peter Hebel. Gewi&szlig; er predigt
+Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es
+einfacher und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht
+und geschrieben werden kann. Und die Moral, die er einer
+sch&ouml;nen Geschichte anh&auml;ngt, wie nebens&auml;chlich ist sie und nur
+als Schlu&szlig;punkt von Bedeutung! Die Hauptsache ist ihm der
+Mensch oder das Ding &raquo;an sich&laquo;, das er betrachtet, formt und
+schmerzlich sinnend oder l&auml;chelnd in seinen Vortrag stellt. Wir
+sind alle wie Kinder vor ihm, und wenn wir in der D&auml;mmerung
+in den Himmel sehen und die Sterne hervorkommen:
+die Venus oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen, und
+wir ihn fragen: &raquo;Vater, was ist mit den Sternen und mit dem
+Himmel?&laquo; &ndash; dann wird er uns &uuml;ber die Haare streicheln und
+leise sprechen: &raquo;Der Himmel ist ein gro&szlig;es Buch &uuml;ber die g&ouml;ttliche
+Allmacht und G&uuml;te, und stehen viel bew&auml;hrte Mittel
+darin gegen den Aberglauben und gegen die S&uuml;nde, und die
+Sterne sind die goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist
+arabisch, man kann es nicht verstehen, wenn man keinen Dolmetscher
+hat &hellip;&laquo; Ein solcher Dolmetscher ist uns der rheinische
+Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel.</p>
+
+<p class="newsection">Wenn
+<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+<em class="g">Goethe</em> (geboren 1749 in Frankfurt) heute
+lebte, w&uuml;rden ihn die kritischen Anw&auml;lte der j&uuml;ngsten
+deutschen Dichtung wegen seiner Vielseitigkeit der &raquo;Gesinnungslosigkeit&laquo;
+zeihen. Er schrieb nebeneinander am Werther,
+am Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er trug die gr&ouml;&szlig;ten
+Gegens&auml;tze in sich, aber es war ihm gegeben, sie alle bis
+zur Reife auszutragen. Er erkannte die Notwendigkeit und
+Gr&ouml;&szlig;e des deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte Erhabenheit
+einer pindarischen Ode oder die n&uuml;chterne Trunkenheit
+eines Horaz. Er bewegte sich in der Gedankenwelt eines
+Plato, die alle Dinge auf eine Uridee zur&uuml;ckf&uuml;hrt, so sicher wie
+in den W&auml;ldern Spinozas, welcher lehrte, vor jedem Baum,
+vor jeder Blume, vor jedem K&auml;fer anbetend ins Knie zu sinken,
+denn &raquo;Gott ist in ihnen und &uuml;ber ihnen und durch sie wie
+in mir und &uuml;ber mir und durch mich&laquo;. Zucht und Gebundenheit
+der Antike, das &uuml;ber-alle-Grenzen-Schweifen der deutschen
+Volksseele, Dionysos und Faust, Eros und Eulenspiegel durchdrangen
+sich in ihm zu h&ouml;herer Einheit. An seiner Wiege haben
+die neun Musen wie die sieben Schwaben Pate gestanden. Er
+brauchte nur &raquo;Tischlein, deck dich!&laquo; rufen wie in dem deutschen
+M&auml;rchen, so war der Tisch des Lebens f&uuml;r ihn gedeckt. Er war
+der gl&uuml;cklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an jedem
+Tage, in jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich
+selbst und seinem Ziele einig. Es gab kein Schwanken in ihm.
+Immer schritt er festen und schlanken Schrittes, Ephebe und
+Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz der Welt gerichtet.
+Seine F&auml;higkeit, Leid und Schmerz von sich abzusto&szlig;en, da sie
+seine klaren Teiche nur tr&uuml;ben konnten, in denen so rein sich
+Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalit&auml;t gegen
+sich und seine Mitmenschen. Er mu&szlig;te sich ganz behaupten.
+Er handelte in Notwehr. Im Alter nahm er eine k&uuml;nstlich konzipierte
+Steifheit zu Hilfe, um jene Menschen von sich fernzuhalten,
+die ihn seiner selbst beraubten. Es war jene hochm&uuml;tige
+Geheimratsgeste, von der so manche Besucher seines
+<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+Hauses in ihren Briefen und Tageb&uuml;chern entsetzt und entt&auml;uscht
+erz&auml;hlen. Er sa&szlig; wie Archimedes im Garten auf einer
+Bank und zeichnete mit einem Stock im Sande seine Kreise, die
+niemand st&ouml;ren durfte als der Wind oder der Regen. Denn
+diese waren Naturkr&auml;fte wie er.</p>
+
+<p>In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle.
+Seine M&auml;nnerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel,
+Tischbein usw. waren trotz betonter Herzlichkeit oder
+Interessiertheit doch nur Episoden. Von allen M&auml;nnern, die
+seinen Weg kreuzten, ist f&uuml;r uns Nachlebende der getreue
+Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein Sekret&auml;r und
+Famulus, in seinen &raquo;Gespr&auml;chen mit Goethe&laquo; uns die lebendigste
+und pers&ouml;nlichste Darstellung seines Wesens und Wirkens
+hinterlassen hat. Goethes Genie fand seine Befruchtung
+und Erl&ouml;sung aber immer erst durch die Genien der Frauen,
+die er liebte. Sie sind die unbewu&szlig;ten Mithelferinnen an seinem
+Werk, das deutsche Volk hat alle Ursache, sich vor ihnen
+in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen und sogenannten
+Literarhistorikern, die sich nicht sch&auml;men, Schmutz auf sie zu
+werfen, gebieterisch die T&uuml;r zu weisen. K&auml;tchen Sch&ouml;nkopf,
+seine Leipziger Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel,
+aber launisch wie ein Papagei, Friederike Brion, die
+elegische Sesenheimer Pfarrerstochter; die blonde Charlotte
+Buff, Braut seines Freundes Kestner, der wir den z&auml;rtlichen
+Briefroman &raquo;Werther&laquo; verdanken; die wie aus einer griechischen
+Gemme geschnittene Frau von Stein, die gl&uuml;cklichste und
+ungl&uuml;cklichste Liebe seines Lebens, die treue und gute Christiane
+Vulpius, der er so wacker seinerseits die Treue hielt,
+allen Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er,
+der Minister, als Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die
+er endlich, l&auml;ngst nachdem sie ihm einen Sohn geboren, dankbar
+zu seiner rechtm&auml;&szlig;igen Gattin machte und die ihm unendlich
+mehr bedeutet hat als eine oberfl&auml;chliche Literarhistorik
+wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer Herzlichkeit.
+<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen
+Namenlosen, die er liebte, die Frauen in Th&uuml;ringen, in der
+Schweiz, in Italien. Und endlich die Suleika des &raquo;West&ouml;stlichen
+Diwans&laquo;, die den alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie
+der Leidenschaft entflammte. Welch ein Reigen von Frauen!
+Wir wollen keine geringer achten, auch jene namenlosen nicht,
+ihnen allen sei der Kranz des Lorbeers auf die sch&ouml;nen Stirnen
+gedr&uuml;ckt.</p>
+
+<p>Im deutschen S&auml;ngerkrieg auf der Wartburg hat Goethe
+sich den ersten Preis ersungen: im Drama durch &raquo;Faust&laquo; und
+&raquo;Iphigenie&laquo;, in der Prosa durch &raquo;Wilhelm Meister&laquo; und die
+&raquo;Wahlverwandtschaften&laquo;, in der Lyrik durch &raquo;Ganymed&laquo;,
+&raquo;Wanderers Nachtlied&laquo;, &raquo;An den Mond&laquo;, die &raquo;Trilogie der
+Leidenschaft&laquo; und vieles andere. Er beherrschte die kontr&auml;rsten
+Stile. Sang wie ein Kind zu Kindern:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich komme bald, ihr goldnen Kinder!<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und, aus d&auml;monischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelm&auml;nner
+und Elfen aus einem tieftiefen Brunnen, so tief wie
+der Brunnen auf der Burg von N&uuml;rnberg, dessen Ende wir
+nicht sehen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sieh, die Sonne sinkt!<br /></span>
+<span class="i0">Eh sie sinkt, eh mich Greisen<br /></span>
+<span class="i0">ergreift im Moore Nebelduft;<br /></span>
+<span class="i0">entzahnte Kiefer schnattern<br /></span>
+<span class="i0">und das schlotternde Gebein &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Trunkener vom letzten Strahl,<br /></span>
+<span class="i0">rei&szlig; mich, ein Feuermeer<br /></span>
+<span class="i0">mir im sch&auml;umenden Aug',<br /></span>
+<span class="i0">mich Geblendeten, Taumelnden,<br /></span>
+<span class="i0">in der H&ouml;lle n&auml;chtliches Tor.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet,
+und ich wette, wenn ich es einem Dichter der j&uuml;ngsten
+Generation vorlese, einem meiner n&auml;chsten Br&uuml;der, und er
+<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+kennt das Gedicht nicht zuf&auml;llig (er wird es nicht kennen: denn
+sie kennen weder Goethe, noch Ge&szlig;ner, noch Matthias Claudius,
+noch Gryphius, noch G&uuml;nther, noch Walter von der Vogelweide
+mehr), kurz, ich meine: er wird ersch&uuml;ttert das Gedicht f&uuml;r
+einen Gipfel der expressionistischen Lyrik erkl&auml;ren (w&auml;hrend
+ihm die Verse: &raquo;Ich komme bald, ihr goldnen Kinder&laquo; nur ein
+mitleidiges L&auml;cheln entlocken), und er wird auf Werfel
+als Verfasser raten. Der Expressionismus, das hei&szlig;t:
+die Ekstase als These, der Schrei des Herzens als oberstes
+Prinzip, und in der Form: das Schleudern erratischer Bl&ouml;cke,
+das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe, H&ouml;lderlin,
+Klopstock schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen:
+Pindar, Li-taipe &ndash;!) Auch eine beliebte Spielart des heutigen
+Dichters, der politische Dichter, findet sich schon vorgebildet
+1770 in einem Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis
+&raquo;An die Unterdr&uuml;ckten aller L&auml;nder&laquo;, das Hasenclever geschrieben
+haben k&ouml;nnte (ganz zu schweigen von der politischen
+Dichtung der 48er Jahre, von der noch die Rede sein wird):</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ihr M&auml;rtyrer f&uuml;r Menschenw&uuml;rde,<br /></span>
+<span class="i0">Vertraut der Wahrheit und der Zeit.<br /></span>
+<span class="i0">Verg&auml;nglich ist des Druckes B&uuml;rde,<br /></span>
+<span class="i0">Doch ewig die Gerechtigkeit!<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem
+auch f&uuml;r den Teil des heutigen Lesepublikums, der der
+j&uuml;ngsten Dichtung mit Achselzucken, L&auml;cheln und &Uuml;berhebung
+gegen&uuml;bersteht, unter Berufung auf den klassischen Ma&szlig;stab.
+Dieser Ma&szlig;stab ist falsch. Die heutige Dichtung der Expressionisten
+ist nicht unverst&auml;ndlicher oder absonderlicher als
+irgendein hymnisches oder ekstatisches Gedicht von Goethe, mit
+dessen Grundformen sie sich ber&uuml;hrt. Dutzend ihrer Einzelerscheinungen
+sind l&auml;ppisch oder unerfreulich. Dies darf nicht
+hindern anzuerkennen, da&szlig; ihr Kern so echt ist wie der jeder
+echten Dichtung. Da&szlig; sie als Reaktion auf den Mechanismus
+und Rationalismus der Zeit vor dem Kriege historisch notwendig
+<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+war und ist. Und da&szlig; sie die Unterst&uuml;tzung durch das
+Volk braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in
+einem Wellental. Nur dann wird auch die deutsche Dichtung,
+die zweifellos seit der tristen Zeit von 70 wieder im Aufschreiten
+ist, zu einem neuen Gipfel kommen, der jenseits von
+Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen wird,
+wenn sie getragen wird von F&ouml;rderung und Zuruf der Mitlebenden,
+vom Vertrauen und Verst&auml;ndnis des Volkes. <ins class="correction" title="Den">Denn</ins>
+wo eins das andere nicht mehr begreift, da geraten sie beide
+auf Irrwege. Lest B&uuml;cher, Deutsche, lest die B&uuml;cher eurer
+Dichter, und ihr werdet gl&uuml;cklicher und manchmal gl&uuml;cklich
+werden. Und verge&szlig;t nicht die B&uuml;cher jener Dichter zu lesen,
+die in eurer Zeit, die eure Zeit leben: der Jungen, die sich
+nach eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen euer herzliches
+Mitgef&uuml;hl die alternde Brust w&auml;rmt.</p>
+
+<p>Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr
+zur&uuml;ck. Immer wieder wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang
+zu ihr ist wie ein Heimweg ins Vaterhaus. Mit dem vielleicht
+herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied des T&uuml;rmers, sind
+wir mitten im &raquo;Faust&laquo;, der rundesten Ballung, der beseeltesten
+Verdichtung des deutschen Wesens. Durch dieses Drama
+schreitet der Dichter selbst in tausend Gestalten: er ist der
+junge Doktor Faust, der im sinnierenden Gespr&auml;ch Sonntags
+vor dem Stra&szlig;burger Tor spaziert, und doch die Augen so
+weit offen hat, die h&uuml;bschen Sonntagsm&auml;dchen zu betrachten.
+Es ist Goethe, der mit seinen Kommilitonen Frosch und
+Brander im Leipziger Ratskeller soff, bis er unter den Tisch
+fiel. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verf&uuml;hrt, der der
+Walpurgisn&auml;chte viele in Th&uuml;ringen und im Harz erlebte,
+der als Minister am Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der
+endlich als Philemon einen Greisenabend beschlie&szlig;en darf in
+der seligen Gewi&szlig;heit, da&szlig; er die Ernte bis zum letzten Halm
+in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust ist die Idee des
+Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er empor
+<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+ins Licht. M&ouml;gen Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer
+auf dem steilen Wege straucheln: nur nicht m&uuml;de werden,
+nicht nachlassen, aufw&auml;rts, vorw&auml;rts, aufw&auml;rts. Der Weg &ndash;
+das ist das Ziel. Der Wille &ndash; das ist der Zweck.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer immer strebend sich bem&uuml;ht,<br /></span>
+<span class="i0">den k&ouml;nnen wir erl&ouml;sen,<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>singen die Engel in der h&ouml;heren Sph&auml;re, Fausts Unsterbliches
+tragend. Wer je auf einer Puppenb&uuml;hne, wie sie in den
+bayrischen Messen noch umherziehen, das alte Puppenspiel
+vom Doktor Faust in fast urspr&uuml;nglicher Form gesehen hat,
+wird wissen, wieviel Goethe ihm stofflich und kompositorisch
+verdankte. Er hat den Kasperl, im Puppenspiel Diener des
+Faust, aus seinem Spiel eliminiert und seine Rolle Mephistopheles
+&uuml;bertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel
+k&uuml;nstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl)
+und Faust: den komischen und tragischen Charakter des deutschen
+Wesens nebeneinander zu stellen: ist ein Beweis f&uuml;r die
+naive Genialit&auml;t des Puppenspieldichters, der seinerseits auf
+dem 1587 erschienenen Volksbuch von Doktor Faust und den
+Fastnachtsspielen des Mittelalters fu&szlig;t. &ndash; In &raquo;G&ouml;tz von
+Berlichingen&laquo; (1773 erschienen) schrieb Goethe nach shakespeareschem
+Muster das erste Szenendrama und l&ouml;ste den
+strengen Aktbau eines Lessing in viele lebendige Einzelszenen,
+deren Lichter in der Schlu&szlig;szene zu einer gro&szlig;en Flamme zusammenlohen.
+Der &raquo;Egmont&laquo; (1788 erschienen) zeigt Verwandtschaft
+mit dem G&ouml;tz in Szenenf&uuml;hrung und Charakterisierung.
+Durch seine sittliche Kraft erhebt sich der Unterlegene
+(Egmont) &uuml;ber den tyrannischen Sieger (Alba). Die
+Liebe Egmonts zu einem kleinen B&uuml;rgerm&auml;dchen anticipiert
+die Liebe Goethes zu Christiane. In dem opernhaften letzten
+Bilde erscheint ihm auf dem Wege zum Schaffot die Geliebte,
+die Insignien der beiden hehrsten Ideale: Liebe und Freiheit,
+in ihren H&auml;nden haltend. &ndash; Neben dem Faust geb&uuml;hrt der
+&raquo;Iphigenie&laquo; unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das
+<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+Gretchen im Faust ist ein einfaches Kind voll unbewu&szlig;ter
+Reinheit und Jungfr&auml;ulichkeit, in <ins class="correction" title="Iphigene">Iphigenie</ins> wird die Reinheit
+sich bewu&szlig;t und lauterster Wille und durchdachteste und
+durchf&uuml;hlteste Wahrheit. Lieber Arges leiden als B&ouml;ses auch
+nur denken, auch das Beste nicht durch L&uuml;ge erreichen wollen:
+ist das thematische Motiv. Sprachlich ist das Werk von der
+ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die sch&ouml;nsten Jamben
+der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter
+je einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie m&ouml;gen zuerst
+die Iphigenie lesen, und sie werden es schamvoll bleiben
+lassen. Das Drama &raquo;Tasso&laquo; ist der &raquo;Iphigenie&laquo; benachbart:
+stilistisch und geistig. Die Handlung soll an einem mittelalterlichen
+Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht eigentlich
+im Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren
+seiner eigenen Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht
+aus einer dunklen Ecke seines Gef&uuml;hlslebens. &raquo;Iphigenie&laquo;
+und &raquo;Tasso&laquo; wurden von der Nation ziemlich k&uuml;hl aufgenommen:
+die Revolution in Frankreich hielt die Welt in
+fieberhafter Spannung. Wir haben schon l&auml;ngst wieder eine
+neue Revolution, die jener an Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung
+des B&uuml;rgers, die 1789 erfolgte, soll die Befreiung des
+Arbeiters folgen. Aber alle Revolutionen &uuml;berdauern wird
+das heilige L&auml;cheln der Iphigenie und der Schrei des Dichters
+im Tasso:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,<br /></span>
+<span class="i0">Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder
+Rasse, sondern um die Befreiung des Menschen. Goethe selber
+war kein politischer Mensch in des Wortes strengster Bedeutung.
+In &raquo;Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren&laquo;, dem gro&szlig; angelegten
+Sittengem&auml;lde seiner Zeit, wird das Verh&auml;ltnis des
+Menschen zum Staat oder Staatsbegriff nicht einmal gestreift.
+Das Theater steht im Mittelpunkt des Interesses. Der Held
+entwickelt sich vom Theater zum Leben hin, vom Schein zum
+<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>
+Sein. Zarte und z&auml;rtliche Frauen, wie Philine und Mignon,
+begleiten und bef&ouml;rdern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in
+ihrer berstenden F&uuml;lle das prosaische Seitenst&uuml;ck zum Faust
+bilden, so die &raquo;Wahlverwandtschaften&laquo; in ihrer Gedrungenheit
+und klaren K&uuml;rze das Seitenst&uuml;ck zur Iphigenie.</p>
+
+<p>Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre
+am 22. M&auml;rz 1832.</p>
+
+<p class="newsection">Mit Heinse und Ge&szlig;ner bildet <em class="g">Jean Paul</em> (aus Wunsiedel,
+1763&ndash;1825) das Triumvirat der romantischen
+Prosadichter, von dem die heute lebenden Deutschen so gut
+wie keine Ahnung mehr haben: sonst w&auml;ren sie bescheidener in
+ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit sie's
+gebracht. Jean Paul ist der gr&ouml;&szlig;te unter den dreien, und
+einer der <ins class="correction" title="gr&ouml;&szlig;tei">gr&ouml;&szlig;ten</ins> deutschen Dichter &uuml;berhaupt. Freilich, es
+ist nicht leicht, zu ihm zu gelangen. Er hat sein Schlo&szlig; mit
+Dornenhecken, Fallgruben und Selbstsch&uuml;ssen umgeben. Sein
+Park ist von &uuml;ppiger Wildnis. Gepflegte, glatte Wege gibt
+es da nicht. Rehe grasen vor seinen Fenstern. Und die
+Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner
+Schulter sitzt, wenn er schreibt, eine Dohle. An den W&auml;nden
+h&auml;ngen Spinnweben. Nachts, wenn er im Garten wandelt, ist
+der Mond sein Gef&auml;hrte. Seine Gef&auml;hrtinnen sind Elfen, die
+ihn umspielen und deren sch&ouml;nste ihn menschlich liebt wie
+ein Mensch einen Menschen. Sie hei&szlig;t Liane. Und da der
+Mond nun zum Zenith steigt und die B&auml;ume von seinem
+Glanze tropfen, winkt sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden,
+vergehen strahlend im Mondstrahl. Sie zieht den
+Dichter ins Moos hinab, wo die Leuchtk&auml;fer zwischen ihren
+K&uuml;ssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und die Sonne
+steigt herauf. Wie eine rote Rose erbl&uuml;ht sie zwischen den
+Narzissen der Morgend&auml;mmerung.</p>
+
+<p>Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der
+ber&uuml;hmteste, geliebteste und beliebteste deutsche Dichter.
+<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+Zu seinen F&uuml;&szlig;en sa&szlig;en die sch&ouml;nsten Frauen, und sie seufzten
+und zerdr&uuml;ckten heimliche Tr&auml;nen in den Wimpern, wenn er
+ihnen aus seinem &raquo;Titan&laquo; und aus dem &raquo;Siebenk&auml;s&laquo; vorlas
+mit t&ouml;nender Stimme oder zu ihnen &uuml;ber das Immergr&uuml;n
+unserer Gef&uuml;hle sprach. Aber nicht nur die Damen lauschten
+ihm. Er hatte bei aller Empfindlichkeit das sichere Bewu&szlig;tsein
+der Grenzen unserer Empfindungen, und der ewige
+Zwiespalt zwischen Wahrheit und Wirklichkeit, er war auch
+ihm offenbar. Er &uuml;berbr&uuml;ckte ihn mit seinem L&auml;cheln und
+seinem Gel&auml;chter. Seine komischen Erz&auml;hlungen geben Kunde
+davon. Jean Paul war ein gl&uuml;cklicher Mensch. Das Leben
+und die Liebe und der Ruhm, er geno&szlig; sie in vollen Z&uuml;gen.
+Seinem lyrischen Bruder im Geiste: <em class="g">Friedrich H&ouml;lderlin</em>
+(aus Lauffen am Neckar 1770&ndash;1843), genannt der Ungl&uuml;ckliche,
+blieb alles dies versagt. Mit vollen Segeln wollte er
+&uuml;ber die Wogen der Welt segeln.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">W&uuml;nscht ich der Helden einer zu sein,<br /></span>
+<span class="i0">Und d&uuml;rfte es frei bekennen,<br /></span>
+<span class="i0">So w&auml;r ich ein Seeheld.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Aber zerfetzt trieb sein Segel zur&uuml;ck. Er war zu schwach
+gewesen. Und h&ouml;hnisch sauste um seine Stirne der Sturm.
+Wer kannte ihn? Wer wu&szlig;te, wer er war? Schiller protegierte
+ihn so lange, als er schillerisch dichtete. Als er begann,
+seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich von ihm. Im
+&raquo;Hyperion&laquo; bl&auml;ttert H&ouml;lderlin sein inneres Leben vor uns
+auf. Er litt unendlich: unter seiner Liebe zu Diotima, unter
+seinem Ha&szlig; gegen die Gegenwart. Ganz schwang er sich aus
+ihr und lebte nur als Vergangener oder Zuk&uuml;nftiger. Sein
+Volk begriff ihn nicht. Bittere Worte fand er f&uuml;r die Deutschen,
+die bittersten, die ihnen wohl je von einem Deutschen
+aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten Briefe
+des Hyperion an Bellarmin). Als H&ouml;lderlin 1803 aus Bordeaux
+zur&uuml;ckkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte,
+erschien er den Freunden verwirrt und auseinandergefallen.
+<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>
+Er gab &uuml;ber das Erlebnis, das ihn wie mit einem Eisenhammer
+auf die Stirn geschlagen hatte, keine Auskunft.
+Diotima starb zehn Tage nach seiner R&uuml;ckkehr. Er mag im
+medizinischen Sinne wahnsinnig geworden sein. Er hat aber
+immer eine tiefe Klarheit des Gef&uuml;hls bewahrt und behalten.
+Es war ihm einfach der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit der
+Realit&auml;t verband. Er schwebte in den Wolken und wu&szlig;te von
+dieser Erde nur noch gerade soviel, wie ein verkl&auml;rter Geist,
+der von ihr erl&ouml;st und nun auf eigenem Gestirn wandelt.
+Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnszeit geh&ouml;ren
+zum Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen
+Lyrik entsprossen ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion.</p>
+
+<p class="newsection">Als die Klassiker ihre Tempelbauten errichteten, da kroch
+nach und nach viel Winde und Efeu die dorischen S&auml;ulen
+empor: viel Epigonentum, das den steilen Weg zum Himmel,
+den sie gestemmt, benutzen wollte. Es gab aber auch Zimmerer
+und Maurer, die bauten trotzig ihre profanen H&auml;user neben
+die Hallen der Hehren; k&ouml;nnen wir's nicht im gro&szlig;en, so
+wollen wir's ihnen im kleinen gleich tun und wenigstens im
+kleinen eigen sein. Oder sie bauten, wie die Klassiker nach
+oben in den Himmel, nach unten in die Erde hinein: sie rissen
+die Erde auf und legten Stollen und G&auml;nge an: das Geheimnis
+des Dunkels und des Halbdunkels wurde entdeckt. Jene waren
+Sonnen-, diese Goldsucher. Bei diesen Bergwerksarbeiten
+gelangten sie dann nebenher zu allen m&ouml;glichen Erkenntnissen,
+die sie nicht gesucht hatten, die ihnen in den Scho&szlig; fielen.
+Sie lernten das Leben der unterirdischen Tiere, der Engerlinge
+und Maulw&uuml;rfe, beobachten und kamen an den Ursprung
+mancher Wurzel. Dann und wann trafen sie mit ihrem
+Spaten auf ein historisches oder pr&auml;historisches Skelett. Sie
+brachten es ans Licht und suchten es zu bestimmen. Und wenn
+sie auch keine Entdeckung machten wie Goethe mit seinem
+Kieferknochen: sie entdeckten die Lebendigkeit des Todes. Der
+<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>
+Tod war ihnen, Novalis lernte es beim Tod seiner Braut,
+der m&auml;dchenhaften Sophie von K&uuml;hn, begreifen, kein rein
+tragisches Problem mehr: schicksalhaft verh&auml;ngt, konnte er
+selbst den &Uuml;berlebenden beseligen; wie er den Toten vollendete,
+dem &Uuml;berlebenden auch zur Vollendung dienen. Die Menschen,
+die dem Leben von der anderen Seite beizukommen suchten,
+das waren Romantiker. Es ist klar, da&szlig; diese Umkehrung
+der Erdkugel, dies Auf-den-Kopf-Stellen der Dinge und Begriffe,
+dies die Sterne auf die Erde Herunterholen in der
+extremsten Fassung zum Paradoxon einerseits, zur Anbetung
+des Fragmentes anderseits f&uuml;hren mu&szlig;te. Weder Tieck
+noch Brentano sind der Versuchung &uuml;berspitzter Experimente
+entgangen. Einzig Novalis und Eichendorff, jener der edelste
+und zarteste, dieser der kr&auml;ftigste Scho&szlig; am Strauch der
+Romantik, haben sich zur Vollendung entwickelt. Der Hang,
+mit sich selber und den anderen Zwiesprache zu halten, mu&szlig;te
+zur ernsten und heiteren Geselligkeit f&uuml;hren, bei der die
+Frauen &ndash; wie sollte es anders sein? &ndash; das gro&szlig;e
+und das kleine Wort f&uuml;hrten. Ohne <em class="g">Bettina von Arnim</em>
+und <em class="g">Rahel Varnhagen von Ense</em> ist die Romantik
+nicht zu Ende zu denken. Aus den Tiefen der deutschen Volkspoesie
+hoben <em class="g">Arnim</em> (aus Berlin, 1781&ndash;1831) und <em class="g">Brentano</em>
+(aus Ehrenbreitstein, 1778&ndash;1842) jene wundervollen
+Volkslieder, die sie in des &raquo;Knaben Wunderhorn&laquo; sammelten.
+Sie selber freuten sich wie Kinder daran &ndash; und Kinder waren
+alle Romantiker irgendwie und irgendwo, abgesehen von den
+w&uuml;rdigen Br&uuml;dern Schlegel, den wissenschaftlichen Verfechtern
+der Theorie und (manchmal) Spiegelfechterei. Bettina-Goethes
+&raquo;Briefwechsel mit einem Kinde&laquo; ist ein typisches
+Produkt des romantischen Geistes: halb wahr, halb erfunden,
+Dichtung und Wahrheit, tief echt &ndash; und dennoch da und dort,
+der Wahrheit zuliebe &ndash; verlogen. Arnim und Brentano
+machte es einen Heidenspa&szlig;, in des &raquo;Knaben Wunderhorn&laquo;
+eigene Gedichte einzuschmuggeln. Wie Kinder erz&auml;hlten sie
+<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>
+sich auch mit Vorliebe M&auml;rchen oder lie&szlig;en sie sich von den Gebr&uuml;dern
+<em class="g">Grimm</em> (&raquo;Deutsche Kinder- und Hausm&auml;rchen&laquo;) erz&auml;hlen
+und schrieben M&auml;rchendramen. Im M&auml;rchen und im
+kleinen Liede gelang ihnen ihr Sch&ouml;nstes, wenngleich sie auch im
+Romane r&uuml;hmliche Leistungen aufzuweisen haben. Sie tr&auml;umten
+so gern und sangen sich gegenseitig mit <ins class="correction" title="ihrem">ihren</ins> Wiegenliedern
+in Schlaf. Und in ihren Schlaf tutete der Nachtw&auml;chter
+Bonaventura: sch&ouml;n und schauerlich. Aber sie h&ouml;rten ihn
+l&auml;ngst nicht mehr. In ihren Tr&auml;umen klagte die Fl&ouml;te. Die
+k&uuml;hlen Brunnen rauschten. Golden wehten die T&ouml;ne nieder.
+&ndash; Hatte man ausgeschlafen und ausgetr&auml;umt, ritt man am
+Morgen in die Landschaft, speiste drau&szlig;en in einem Dorf zu
+Mittag, tanzte mit den Dorfsch&ouml;nen und traf sich abends zu
+gelehrtem Gespr&auml;ch mit den Schlegels. Man disputierte
+&uuml;ber die Shakespeare&uuml;bersetzung <em class="g">August Wilhelm von
+Schlegels</em> (aus Hannover, 1767&ndash;1845) oder &uuml;ber <em class="g">Friedrich
+von Schlegels</em> (1772&ndash;1829) &raquo;Sprache und Weisheit
+der Inder&laquo;. Friedrich Schlegel sprach mit Feuereifer &uuml;ber die
+&ouml;stlichen Kulturprobleme, aber er h&ouml;rte es nicht gern, wenn
+man ihn an seinen erotischen Roman &raquo;Lucinde&laquo; erinnerte.
+Ganz in der katholischen Welt ging <em class="g">Novalis</em> (Friedrich v.&nbsp;Hardenberg
+aus Wiederstedt, 1772&ndash;1801) auf. Ihm war die
+Geliebte gleichbedeutend mit der Madonna.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich sehe dich in tausend Bildern,<br /></span>
+<span class="i0">Maria, lieblich ausgedr&uuml;ckt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>In den &raquo;Hymnen an die Nacht&laquo;, der wahren G&ouml;ttin der Romantik
+&ndash; die Klassiker hatten den Tag geliebt und gepriesen,
+die Sonne war ihr Symbol, das Symbol der Romantiker: der
+Mond &ndash; gab Novalis sein Tiefstes.</p>
+
+<p class="newsection">Eichendorff und H&ouml;lderlin sind Nord- und S&uuml;dpol der deutschen
+Lyrik. Goethe ihre Erdmitte. H&ouml;lderlin: ein Einziger
+unter den Deutschen, der hieratische Priester der heiligsten
+Empf&auml;ngnis, der strengsten Verk&uuml;ndigung: Kind und
+<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+Greis. Anfang und Ende. Goethe: der Mann, gewaltig schreitend,
+Flamme und Tuba. Eichendorff: das deutsche All im
+Regenbogen. Herz des J&uuml;nglings im Sommerabend wie
+eine erste und letzte Rose ausbrechend: durchbl&uuml;hend die Nacht
+bis zum Morgenrot. Eichendorff: das Volkslied. Goethe: die
+Trilogie der Leidenschaft des geistigen Menschen. H&ouml;lderlin:
+der Gottgesang. Wohl &uuml;ber ein halbes Hundert der sch&ouml;nsten
+deutschen Gedichte ist der schw&auml;rmenden, unbeirrbaren Einfalt
+des ewigen J&uuml;nglings <em class="g">Eichendorff</em> (1788 geboren auf
+Schlo&szlig; Rubowitz in Schlesien, gestorben 1857) gelungen. Darunter
+ein Dutzend der allervollkommensten: &raquo;Zwielicht&laquo;,
+&raquo;Abend&laquo;, &raquo;Nachtgru&szlig;&laquo; &ndash; so sind sie &uuml;berschrieben. Es ist die
+deutsche Sommernacht, welche zu t&ouml;nen beginnt:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nacht ist wie ein stilles Meer,<br /></span>
+<span class="i0">Lust und Leid und Liebesklagen<br /></span>
+<span class="i0">Kommen so verworren her<br /></span>
+<span class="i0">In dem linden Wellenschlagen.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Am Fenster lehnt ein junger Mensch und sieht hinaus in den
+milden Mond: der schwebt wie eine goldene Tr&auml;ne an seinen
+Wimpern. Da klingt aus weiter Ferne der Ton eines Posthornes
+&ndash; zwei junge Gesellen wandeln schattenhaft vorbei.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Neben dem schlesischen Junker wurde auch ein preu&szlig;ischer
+Junker: <em class="g">Heinrich v.&nbsp;Kleist</em> (aus Frankfurt a.&nbsp;O., 1777
+bis 1811), vom romantischen Geist ergriffen. Eine Beziehung
+zwischen der m&auml;rkischen Sandheide und dem romantischen
+M&auml;rchenland scheint sich kaum zu finden. Kleist fand sie, indem
+er das M&auml;rchen realisierte. Den Traum verwirklichte. N&uuml;chtern
+raste. Einen Rausch der Sachlichkeit empfand. Die
+Phantasie entzauberte. Bei ihm rauscht kein Brunnen in der
+verschlafenen Sommernacht: sondern ein Krug geht zum
+Wasser &ndash; bis er bricht. (&raquo;Der zerbrochene Krug.&laquo;) Den intellektuellen
+Frauen der Romantiker stellt er jene s&uuml;&szlig;e, kindliche,
+unwissende, reine Gestalt des K&auml;thchens von Heilbronn
+gegen&uuml;ber: die liebt, weil sie lieben mu&szlig;. Die unersch&uuml;tterlich
+<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+an ihr Herz glaubt, das Gott ihr verliehen, und die gekr&ouml;nt
+war, l&auml;ngst ehe sie gekr&ouml;nt ward. Welch ein Gegensatz zwischen
+ihr und der rasenden Amazone Penthesilea, die den Pelion auf
+den Offa t&uuml;rmen will, um den Himmel zu erreichen. Aber
+ihre Kraft erweist sich als zu schwach. Die Berge
+br&ouml;ckeln aus ihrer Hand, und schlie&szlig;lich st&uuml;rzen sie donnernd
+&uuml;ber ihr zusammen. Es ist die Trag&ouml;die der grenzenlosen
+Forderung: alles oder nichts. Es ist die Trag&ouml;die des Menschen,
+der &uuml;ber sich hinaus will, aber niemals &uuml;ber sich hinaus
+kann. Penthesilea ringt mit den G&ouml;ttern Griechenlands. Der
+&raquo;Prinz von Homburg&laquo; mit dem preu&szlig;ischen Gotte der Disziplin.
+Pflichterf&uuml;llung bis zum &auml;u&szlig;ersten war dem Homburgischen
+Prinzen gesetzt. Er hat sie verletzt und soll den Tod erleiden.
+Zuerst erscheint ihm der Tod als etwas Unfa&szlig;bares, er bricht
+unter der Last der Furcht zusammen: aber es gelingt ihm,
+sich emporzurei&szlig;en, und das Gesetz der inneren Pflicht erkennend,
+sich ihm freiwillig zu beugen. Er wird aus einem
+unfreien zu einem freien Menschen. Die Todesn&auml;he bringt
+ihm das wahre Leben der sittlichen Notwendigkeit nahe. Er
+hat den Tod in sich &uuml;berwunden, so braucht er nicht mehr zu
+sterben.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,<br /></span>
+<span class="i0">Befreit der Mensch sich, der sich &uuml;berwindet.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>In die Hermannschlacht hat Kleist seinen Napoleonsha&szlig;
+gegossen. Wie fl&uuml;ssiges Feuer durchbraust er das
+Drama. Er sch&auml;umt wie ein Wolf von den Lefzen auf der
+Jagd nach dem napoleonischen Fuchs. Napoleon ist ihm der
+Inbegriff der Tyrannei, der Ungerechtigkeit &ndash; und nichts ertrug
+Kleist weniger. In seinen lyrischen Ha&szlig;ges&auml;ngen
+(Germania und ihre Kinder usw.) hat er alle Lissauers des
+Weltkrieges an Blutdurst, Rachsucht und inbr&uuml;nstigem Ha&szlig;
+gigantisch &uuml;bertroffen. Dieser pathologische Ha&szlig;ausbruch ist
+nur aus Kleist's emp&ouml;rten und verwundetem Gerechtigkeitsgef&uuml;hl
+zu verstehen. Auch sein Michael Kohlhaas, der Held
+<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+der gewaltigsten deutschen Novelle, wird aus verletztem Rechtsgef&uuml;hl
+zum M&ouml;rder.</p>
+
+<p>Vom M&auml;rchen zum Traum, vom Traum zu den Geistererscheinungen
+ist nur ein Schritt. Bei Geistern und Gespenstern
+kannte sich vortrefflich der genialistische <em class="g">E.&nbsp;Th.&nbsp;A. Hoffmann</em>
+(aus K&ouml;nigsberg, 1776&ndash;1822) aus. In der Komposition
+von Erz&auml;hlungen hat er in Deutschland so leicht nicht
+seinesgleichen. Vor dem Schlafengehen soll man sie nicht
+lesen. Man hat leicht eine schlaflose Nacht und kommt am
+Ende dazu, sich vor sich selbst zu f&uuml;rchten. Solche D&auml;monen
+beschw&ouml;rt der unheimliche Zauberer aus unserer eigenen
+Brust heraus.</p>
+
+<p class="newsection">Von &Ouml;sterreich, dem deutschen Sprachgebiet an der Donau,
+haben wir seit der Zeit der Minnes&auml;nger wenig mehr geh&ouml;rt.
+Jetzt beginnt's auch in und um Wien wieder lebendig zu
+werden. Sie pr&auml;ferieren die bunte Gaudi der Romantik. Geister
+und Zwerge mitten zwischen den Menschen, das ist noch was,
+das la&szlig; ich mir gefallen. Gehen Sie mir mit dem Wallenstein!
+Mit solchen Leuten haben wir immer Pech. (Vide:
+Conrad H&ouml;tzendorff.) Ein Geistertheater auf dem Prater, das
+ist billiger, kostet kein Blut und unterh&auml;lt und belehrt gleichzeitig.
+<em class="g">Ferdinand Raimund</em> (1790 bis 1865) schrieb
+den Wienern solch scharmantes Geistertheater: &raquo;Der Alpenk&ouml;nig
+und der Menschenfeind.&laquo; Und des biederen und klugen
+<em class="g">Nestroy</em> (1802&ndash;1862) Volksst&uuml;cke! Das ist <ins class="correction" title="Oesterreichertum">&Ouml;sterreichertum</ins>,
+herzlich und ironisch, von der besten Seite. <em class="g">Franz Grillparzer</em>
+(1791&ndash;1872) nahm das &ouml;sterreichische Problem (in
+&raquo;K&ouml;nig Ottokars Gl&uuml;ck und Ende&laquo;, &raquo;Ein treuer Diener seines
+Herrn&laquo;, &raquo;Ein Bruderzwist in Habsburg&laquo;) tragischer. Stofflich
+ein Romantiker, stilistisch eher ein Klassiker zu nennen, teilte
+er seine Stoffe zwischen &Ouml;sterreich und Hellas (Sappho, eine
+Dichtertrag&ouml;die, dem Tasso nicht unebenb&uuml;rtig &ndash; Das goldene
+Vlie&szlig; &ndash; Des Meeres und der Liebe Wellen, die holdeste
+<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+deutsche Liebestrag&ouml;die). Der tschechischen Mythologie entnahm
+er sein tiefstes Werk: Libussa, den alten Gegensatz zwischen
+Natur und Kultur behandelnd. Sein unerf&uuml;lltes Liebesleben
+mit der ewigen Braut, mit der er rang wie mit der
+Muse selbst, hat viele Quellen in ihm versch&uuml;ttet, die vielleicht
+aufgesprudelt w&auml;ren, wenn er am eigenen Leibe und eigener
+Seele Eros zu tiefst versp&uuml;rt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Elegisch beschlie&szlig;t die &ouml;sterreichische Romantik <em class="g">Nikolaus
+Lenau</em> (1802&ndash;1850), ein Deutschungar. Er starb wie H&ouml;lderlin
+im Wahnsinn, nachdem er, mit dem Herzen eines Zigeuners
+und dem Munde eines Deutschen, die melancholischen
+Lieder der Steppe und der Schilfteiche gesungen.</p>
+
+<p class="newsection">Die Dichter der Befreiungskriege <em class="g">Theodor K&ouml;rner</em>
+aus Dresden, (1791&ndash;1813, &raquo;Leier und Schwert&laquo;), <em class="g">Max
+v.&nbsp;Schenkendorf</em> (aus Tilsit, von 1783&ndash;1817), <em class="g">Ernst
+Moritz Arndt</em> (von R&uuml;gen, 1769&ndash;1860) und viele andere
+standen bei den Monarchen und ihren Lakaien, den Lesebuchfabrikanten,
+lange in gro&szlig;em Ansehen. Ihre soldatische Lyrik
+diente n&auml;mlich dazu, die wahren Motive und vor allem den
+Schlu&szlig;effekt der &raquo;Befreiungskriege&laquo; zu verschleiern. In den
+Gedichten k&auml;mpfte der Soldat f&uuml;r Weib und Kind, f&uuml;r Heimat
+und Herd, f&uuml;r die heiligsten G&uuml;ter der Nation, in Wahrheit
+jedoch f&uuml;r die Restitution der schw&auml;rzesten Reaktion, der Napoleon,
+Erbe der Franz&ouml;sischen Revolution und ein liberaler
+Geist gegen die mittelalterlich vertr&auml;umten oder verbohrten
+deutschen F&uuml;rsten, beinahe ein Ende bereitet hatte. Dem Ende
+mit Schrecken (1806) folgte seit 1813 der Schrecken ohne Ende.
+Das Versprechen der Verfassung wurde nicht gehalten. Selbst
+die erprobtesten Patrioten, wie Turnvater Jahn und E.&nbsp;M.
+Arndt gerieten in Auflehnung und Emp&ouml;rung. Sie forderten
+das unverj&auml;hrte Recht der Pressefreiheit und Verfassung und
+hielten der aufsteigenden Jugend, die sich besonders betrogen
+glaubte, denn um sie, um ihre Zukunft ging es, tapfer die
+<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+Stange. Die freiheitliche Bewegung der Jugend sammelte
+sich in der Burschenschaft und fand ihren imposanten Ausdruck
+im Wartburgfest (1817). Sie wurde bald verboten und M&auml;nner
+wie Arndt und Jahn verhaftet. Arndt wurde seiner
+Professur entsetzt. Was ist aus der deutschen Studentenschaft,
+der Burschenschaft, einst Tr&auml;ger des revolution&auml;ren deutschen
+Gedankens, geworden! Und was hat Deutschland zu gew&auml;rtigen,
+wenn seine Jugend nicht erwacht?</p>
+
+<p class="newsection">Das Umsichgreifen der europ&auml;ischen und insbesondere der
+deutschen Reaktion seit dem Ende der &raquo;Freiheits&laquo;kriege
+rief die deutsche Jugend auf den Plan zum Kampf um die
+pers&ouml;nliche und allgemeine Freiheit. Das &raquo;junge Deutschland&laquo;
+stand auf und schleuderte von seiner Schleuder wie weiland
+David Kiesel und Steine gegen den Goliath der Reaktion.
+Der aber stand fest und lachte dr&ouml;hnend, und der Kieselregen
+war ihm wie M&uuml;ckenschw&auml;rmen. Hin und wieder packte er sich
+einen kleinen David und setzte ihn hinter Festungsmauern.
+Das &raquo;junge Deutschland&laquo; ist viel angegriffen worden: mit
+Recht und Unrecht. Dichterisch sind die Leistungen der politischen
+Lyriker um 48 meist recht armselig, <em class="g">Herwegh</em> (aus
+Stuttgart, 1817&ndash;1875) einzig schwingt sich &uuml;ber die andern
+empor &raquo;wie eine eiserne Lerche&laquo; (Heine). Aber man packte
+sie nicht bei der Achillesferse ihrer dichterischen Leistung, man
+griff sie dort an, wo sie unangreifbar waren: in der Gesinnung.
+Die politische Lyrik der heutigen Zeit: des heutigen &raquo;jungen
+Deutschland&laquo;: Ehrenstein, Becher, Hasenclever, hat viele
+&Auml;hnlichkeit in den Tendenzen mit der damaligen, wenngleich
+sie im Formalen gewichtiger geworden ist. Auch sie bieten
+im K&uuml;nstlerischen viele Angriffspunkte. Aber man h&uuml;te sich,
+wie eine gewisse Kritik auch heute es &uuml;bt, sie ihrer Gesinnung
+wegen im Dichterischen zu beanstanden. Da sind sie wie jene
+unantastbar. Die besten politischen Gedichte haben die gedichtet,
+die, wie Platen und Heine, auch &raquo;nebenbei&laquo;, n&auml;mlich
+<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+in der Hauptsache, reine Lyriker waren. Sie opferten weder
+das Herz noch die gestaltende Kraft der politischen These und
+Phrase. Die Dichtung untersteht der reinen Vernunft, jener
+G&ouml;ttin, die im absoluten Bezirke unbezwinglich thront. Politik
+und Kunst k&ouml;nnen sich mischen, gewi&szlig;. Ihre Vereinigung
+zum Gesetz erhoben, hei&szlig;t Un-ding und Un-sinn zur Un-tat
+zwingen. Der Dichter hat die Pflicht, Politiker zu werden:
+verm&ouml;ge seiner geistigen und moralischen Kr&auml;fte, angesichts
+seiner Stellung im Horizont der Menschheit. Er hat aber
+auch die Pflicht, Dichter zu bleiben, d.&nbsp;h. mythischer Diener
+der W&ouml;rtlichkeit und K&uuml;nder des reinen Klanges. Herwegh
+ist gewi&szlig; eine respektable Erscheinung, aber nur von 48er
+Ideologien, von dem Symbol des politischen Dichters als des
+Dichters schlechthin gefangene Schwarmgeister werden in ihm
+einen gro&szlig;en Dichter sehen. Er war ein kleiner Dichter, aber
+immerhin ein Dichter. In seinen Versen rauscht die schwarzrotgoldene
+Fahne und klirren die Sensen aufr&uuml;hrerischer
+Bauern. Historisch sind die 48er Lyriker als die Tr&auml;ger des
+Revolutionsgedankens von gr&ouml;&szlig;ter Bedeutung. Alle Revolutionen
+sind mehr oder weniger von Literaten gemacht worden.
+Jahre und oft Jahrzehnte schon vor der Explosion begannen
+sie, Bomben zu legen und zu minieren. Das menschlich
+wie dichterisch fortrei&szlig;endste Revolutionslied stammt von
+<em class="g">Heinrich Heine</em> (aus D&uuml;sseldorf, 1797&ndash;1856): &raquo;Die
+schlesischen Weber&laquo;:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i2">Im d&uuml;stern Auge keine Tr&auml;ne,<br /></span>
+<span class="i0">Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Z&auml;hne:<br /></span>
+<span class="i0">Deutschland, wir weben dein Leichentuch,<br /></span>
+<span class="i0">Wir weben hinein den dreifachen Fluch:<br /></span>
+<span class="i2">Wir weben, wir weben!<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Um keinen deutschen Dichter ist so heftig der Kampf der Meinungen
+entbrannt wie um Heine. Man hob ihn in den h&ouml;chsten
+Himmel. Stie&szlig; ihn in die tiefste H&ouml;lle. Man bleibe
+in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier war sein Platz und
+<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+wird es immer sein als der eines tapferen Soldaten des Geistes
+und eines eigen- und einzigartigen Lieders&auml;ngers. Er
+geh&ouml;rt mit Goethe, Eichendorff, M&ouml;rike zu den Meistern des
+deutschen Liedes: jener besonderen, dem Volksmunde entnommenen
+deutschen Dichtform, einer Form, wie sie die Romanen
+nicht kennen. Schmerz und Lust, Tod und Liebe sind die
+einfachsten Themen seiner einfachen Lieder. La&szlig;t nur auf
+Schmerz sich Herz, auf Tod sich Morgenrot reimen: es sind
+die sch&ouml;nsten Reime, die man dazu finden kann. Man braucht
+sie gar nicht erst zu suchen, sie sind schon da: sie sind als Reimpaare
+in der deutschen Sprache und im deutschen Herzen zur
+Welt gekommen. Aber Heine singt nicht immer so einfache
+Lieder. Zuweilen wird es ihm unertr&auml;glich, da&szlig; jemand
+Fremdes aus seiner Seele lauscht. Er zerrei&szlig;t die Saiten und
+die T&ouml;ne pl&ouml;tzlich. Dissonanzen schrillen. Oder er nimmt
+gar die Laute und schl&auml;gt sie dem philisterhaften Greise, der
+ihn wie Susanne im Bade in seiner Nacktheit belauscht, auf
+den hohlen Sch&auml;del und um die Ohren. Diese ironischen Gedichte,
+gegen den Philister &uuml;berhaupt und den Philister in der
+eigenen Brust gerichtet, geh&ouml;ren zu den merkw&uuml;rdigsten
+Expressionen des menschlichen Pessimismus. Mit <em class="g">Ludwig
+B&ouml;rne</em> (aus Frankfurt, 1786&ndash;1837) und <em class="g">Karl Gutzkow</em>
+(aus Berlin, 1811&ndash;1878) bek&auml;mpfte Heinrich Heine von Paris
+aus, wohin er aus dem gastlichen Deutschland gefl&uuml;chtet war,
+&raquo;die Tyrannen und Philister&laquo;. Diesen Kampf vom Ausland
+her (man warf ihm, genau wie w&auml;hrend des Weltkrieges den
+deutschen Emigranten in der Schweiz, vor, da&szlig; er mit vergifteten
+Pfeilen Deutschland in den R&uuml;cken schie&szlig;e) hat man ihm besonders
+&uuml;bel genommen, und ganz besonders &uuml;bel seine Stellung
+zu den Hohenzollern. Er erwies sich aber in seinen politischen
+Bemerkungen und Schriften (&raquo;Franz&ouml;sische Zust&auml;nde&laquo; usw.)
+als Politiker von untr&uuml;glichem Instinkt und adlersicherem
+Blick. Man h&ouml;re, wie er in der &raquo;Lutezia&laquo; die europ&auml;ische Zukunft
+beurteilt. Er prophezeit ein gro&szlig;es &raquo;Spektakelst&uuml;ck&laquo;,
+<span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+den &raquo;gr&auml;&szlig;lichsten Zerst&ouml;rungskrieg&laquo; zwischen Deutschland und
+England&ndash;Frankreich&ndash;Ru&szlig;land. &raquo;Doch das w&auml;re nur der
+erste Akt des gro&szlig;en Spektakelst&uuml;ckes, gleichsam das Vorspiel.
+Der zweite Akt ist die europ&auml;ische, die Weltrevolution, der
+gro&szlig;e Zweikampf der Besitzlosen mit der Aristokratie des Besitzes,
+und da wird weder von Nationalit&auml;t, noch von Religion
+die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, n&auml;mlich die
+Erde, und nur einen Glauben, n&auml;mlich das Gl&uuml;ck auf Erden &hellip;&laquo;</p>
+
+<p>Heine war nicht nur Dichter, er war vor allem Schriftsteller.
+Als solcher hat er unter- und &uuml;berirdisch eine Wirkung ausge&uuml;bt,
+die nicht leicht &uuml;bersch&auml;tzt werden kann. Er ist der Prototyp
+des Zeitungskorrespondenten: der erste europ&auml;ische
+Journalist und Feuilletonist. Da&szlig; seine Wirkung nicht nur
+heilsam war: wollen wir's ihm ankreiden oder nicht vielmehr
+seinen t&ouml;richten und anma&szlig;enden Epigonen? Freilich, auch er ist
+gestrauchelt: in so mancher seiner privaten Polemiken (gegen
+Platen z.&nbsp;B.). Er hat dies und vieles mehr geb&uuml;&szlig;t in seiner
+&raquo;Matratzengruft&laquo; in jahrelangen Leiden, die ihn ans Bett fesselten
+und zum langsamen Tode verurteilten. Er nannte sich
+selber der &raquo;Arme Lazarus&laquo;. Und unter den Lazarusgedichten
+finden sich seine echtesten und ergreifendsten Gedichte. Alle seine
+Schmerzen legte er in ihnen blo&szlig;. Er war schon lange des
+Lebens m&uuml;de geworden. Die vielen Frauen, die ihn geliebt
+hatten, waren von ihm gegangen. Geblieben war bei ihm sein
+&raquo;dickes Weib Mathilde&laquo; und eine kleine letzte Freundin: die
+Mouche, wie er sie nannte, die Fliege. Aber sie vermochte nur
+selbst zu fliegen, ihm selber konnte sie das Fliegen nicht mehr
+beibringen. Er war so sterbensm&uuml;de geworden:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser &ndash; freilich<br /></span>
+<span class="i0">Das Beste w&auml;re nie geboren sein.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und oft sprach er vor sich hin, wenn niemand ihn h&ouml;rte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Tod, das ist die k&uuml;hle Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Das Leben ist der schw&uuml;le Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Es dunkelt schon, mich schl&auml;fert &hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p class="newsection">&Uuml;ber
+<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+den sogenannten schw&auml;bischen Dichterkreis sind wir mit
+Heine einer Meinung. Die schw&auml;bischen Dichter, <ins class="correction" title="unz&auml;hbar">unz&auml;hlbar</ins>
+wie der Stra&szlig;enstaub in Stuttgart, zeichnen sich durch
+eine betonte Philisterhaftigkeit aus. Wenn ihrer trefflichen,
+wohlgerundeten Gattin sonntags die Kl&ouml;&szlig;e oder die Sp&auml;tzle
+nicht recht gerieten, dann ziehen sie die Stirne kraus, die Adern
+schwellen, und auf dem Kopf die Nachtm&uuml;tze zittert vor Erregung.
+Sie laufen erregt durchs Zimmer und stolpern wohl
+&uuml;ber die Quasten und Bommeln ihres Schlafrockes. Und
+sind erst beruhigt, wenn Mutter die Pfeife stopft und einen
+extra guten Kaffee zum Nachtisch kocht. Da schwellen die
+Adern ab, die Nachtm&uuml;tze beruhigt sich. Die J&uuml;ngste bringt
+ein blaues Schreibheft von Vaters Schreibtisch, die &Auml;lteste
+Tinte und G&auml;nsekiel. Und, bewacht und betreut von den
+Seinen, beginnt Vater zu dichten. <em class="g">Ludwig Uhland</em>
+(1787&ndash;1862) ist in T&uuml;bingen geboren, und der Geist dieser
+kleinen Wald- und Universit&auml;tsstadt war der seine. Ernste
+Wissenschaftlichkeit in den grauen H&ouml;rs&auml;len, das heitere Spiel
+der Wolken und Winde &uuml;ber den beb&auml;umten und wiesengr&uuml;nen
+H&uuml;geln. Und wie in den Gasth&auml;usern der D&ouml;rfer rings um
+die Studentenstadt die Rapiere der schlagenden Verbindungen
+klirrten, so stand Ludwig Uhland ewig auf der Mensur f&uuml;r
+&raquo;das gute alte Recht&laquo; des Volkes, f&uuml;r Deutschtum und Demokratie
+gegen die kleinliche Tyrannei der kleinen F&uuml;rsten. Er
+wurde 1848 als Vertreter der demokratisch-gro&szlig;deutschen Fraktion
+in das Frankfurter Parlament gew&auml;hlt, nachdem er
+schon 1833 seine T&uuml;binger Professur f&uuml;r deutsche Literatur
+wegen politischer Differenzen mit der w&uuml;rttembergischen Regierung
+niedergelegt hatte. Seine eigentliche poetische Produktion
+f&auml;llt in die erste H&auml;lfte seines Lebens. Da sang er jene
+sch&ouml;nen Lieder, die l&auml;ngst in den Volksmund &uuml;bergegangen
+sind: &raquo;Ich hatt' einen Kameraden&laquo; und Balladen wie &raquo;Das
+Gl&uuml;ck von Edenhall&laquo;. Als Balladendichter ist neben Uhland der
+Schlesier <em class="g">Moritz Graf Strachwitz</em> (1822&ndash;1847) hervorzuheben,
+<span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>
+der mit G&uuml;nther, B&uuml;chner, Hauff zu jener edlen
+Reihe jung verstorbener deutscher Dichterj&uuml;nglinge geh&ouml;rt,
+die der schw&auml;rmerischen Liebe ihres Volkes immer gewi&szlig;
+sein werden. Die Ballade nach der komischen Seite hin bearbeitete
+in lustigen gereimten Schw&auml;nken der weinselige
+<em class="g">August Kopisch</em> (1799&ndash;1853), dessen &raquo;Heinzelm&auml;nnchen&laquo;
+wir als Kinder mit brennenden Augen, dessen &raquo;Historie von
+Noah&laquo; wir als Studenten mit weinfeuchten Augen lasen. Der
+alte Kopisch sa&szlig; mit seiner roten Nase in unserer Korona auf
+dem Schlo&szlig;berg von Heidelberg, hob mit der einen Hand den
+goldgef&uuml;llten R&ouml;mer, mit der anderen den Zeigefinger und
+sprach warnend: &raquo;Trinkt kein Wasser, Kinder! Ihr kennt die
+Geschichte von der Sintflut? Trinkt kein Wasser,</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">dieweil darin ers&auml;ufet sind<br /></span>
+<span class="i0">all s&uuml;ndhaft Vieh und Menschenkind &hellip;&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Da&szlig; der leichtbl&uuml;tige und leichtsinnige Kopisch der beste Freund
+des schwerm&uuml;tigen und schwerbl&uuml;tigen Grafen <em class="g">Platen</em> (aus
+Ansbach, 1796&ndash;1835) war, mag nachdenklich stimmen. Aber
+vielleicht hatte Platen Kopisch n&ouml;tig wie Kopisch &ndash; den Wein.
+Um sich in der Misere seines Lebens mit Heiterkeiten hin und
+wieder zu betrinken. Platens Schicksal war die M&auml;nnerfreundschaft
+und Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn zu
+finden. Seiner inbr&uuml;nstigen Sehnsucht nach einem Echo seines
+Herzens verdanken wir die sch&ouml;nsten deutschen Sonette. In
+Syrakus ist er gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im Arme
+des endlich gefundenen G&ouml;tterj&uuml;nglings.</p>
+
+<p class="newsection">Es gibt ein Wort: Nur wer wahrhaft schlecht gewesen ist,
+kann wahrhaft gut werden. Buddha selber mu&szlig; in einem
+fr&uuml;heren Leben einmal ein M&ouml;rder gewesen sein. Niemand
+sehnt sich so brennend nach Erl&ouml;sung wie der Unreine, der
+Verfehmte, wie der Verbrecher, der seines Verbrechens sich bewu&szlig;t
+wird. <em class="g">Friedrich Hebbel</em>, ein Bauernsohn aus
+Dithmarschen (1813&ndash;1860), war vielleicht das, was man
+<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+einen b&ouml;sen Menschen nennt. Von D&auml;monen gehetzt brach er,
+ein verhungerter Wolf, an dem man jede Rippe einzeln z&auml;hlen
+konnte, in die L&auml;mmerweide der deutschen Dichtung ein.
+Jedes Mittel war ihm recht, seinen geistigen Hunger zu stillen.
+Er schlug Eide in den Wind und verriet Frauen, die ihn
+liebten, und ohne die er krepiert w&auml;re &ndash; um der Idee zu
+dienen. Er war ein armer Sch&auml;cher, ans Kreuz dieses Lebens
+geschlagen. Er h&auml;ufte Schuld auf Schuld &ndash; und wu&szlig;te darum
+und litt darunter. Die ersch&uuml;tterndste Trag&ouml;die, die er
+schrieb, ist sein Leben. Wir leben es ersch&uuml;ttert mit, w&auml;hrend
+wir die Dramen, die er schrieb, nur staunend respektieren.
+Lieben k&ouml;nnen wir den Menschen Hebbel. Den Dichter wollen
+wir ehrfurchtsvoll salutieren. Am liebensw&uuml;rdigsten zeigt er
+sich noch in seinen Gedichten. Es ist psychologisch beachtenswert,
+da&szlig; Hebbel selbst seine Lyrik f&uuml;r seine bedeutendste dichterische
+Leistung hielt. Er selbst konnte wohl gedanklich, aber
+gef&uuml;hlsm&auml;&szlig;ig mit seiner wie ein Eisenger&uuml;st konstruierten
+Dramatik nicht mit. Seine Logik &uuml;berspitzte sich (in Maria
+Magdalena, in Agnes Bernauer). Er verfolgte ein Problem
+noch &uuml;ber seine L&ouml;sung hinaus und bewies dadurch, da&szlig; ihm
+das Problem an sich wichtiger war als das Leben, welches die
+Probleme stellt. Seine Dramen sind alle irgendwie erstaunlich,
+man mu&szlig;, wie der W&auml;rter im zoologischen Garten auf
+sonderbare Tiere, mit dem Stock darauf zeigen. Seine
+Nibelungentrilogie ist eine Monstrosit&auml;t. Der Vollendung am
+n&auml;chsten kommt vielleicht sein Jugendwerk &raquo;Judith&laquo;, in dem
+das Problem des Zwiespalts zwischen Neigung und Pflicht,
+zwischen Sinnlichkeit und Sinn, zwischen ethischer Forderung
+und menschlicher Schw&auml;che klar gestellt und klar beantwortet
+wird. Die Witwe von Bethulia nahm eine Aufgabe auf sich,
+der sie als Mensch zwar, doch nicht als Weib gewachsen war.
+Das ist ihre Tragik. Hebbel nahm eine Aufgabe auf sich, der
+er als Denker zwar, doch nicht als Dichter gewachsen war.
+Das ist seine Tragik. Sein Antipode, aus &auml;hnlich niederem
+<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+Milieu entwachsen, <em class="g">Christian Dietrich Grabbe</em>
+(1801&ndash;1836), Sohn eines Zuchthausaufsehers in Detmold,
+wollte weniger &ndash; aber konnte mehr. Er empfing seine ersten
+Eindr&uuml;cke, wenn er im Zuchthause spielte und die Gefangenen
+wurden zum Spaziergang an die frische Luft gef&uuml;hrt.
+Zwei und zwei, zwischen grauen Mauern, den grauen Himmel
+&uuml;ber sich, umschritten sie schweigend in ihren Anstaltskleidern
+das vorgeschriebene Kreisrund, bis die Zeit erf&uuml;llet ward.
+Seine Dramenhelden: der Herzog von Gothland, Napoleon,
+Hannibal, haben alle etwas von Zuchth&auml;uslern, die an den
+St&auml;ben ihres Gef&auml;ngnisses r&uuml;tteln: vergeblich. Der Zwiespalt
+zwischen Idee und Wirklichkeit scheint unentrinnbar.
+Der hehrste und heiligste Wille wird in den Staub gezogen:
+Achilleus schleift Hektors Leiche an seinem Wagen um die
+Mauern von Troja &hellip; Immer f&auml;llt Hektor, der Anwalt der
+reinen Idee, und immer siegt Achilleus, grobschl&auml;chtig und
+protzig, weil er die Macht und die realen Dinge hinter sich
+hat. Die tiefste Trag&ouml;die freilich spielt sich im Herzen des
+Menschen ab. Grabbes Stauffendramen (Heinrich&nbsp;VI., Barbarossa),
+vor allem aber Napoleon und Hannibal n&auml;hern sich
+der durch Faust und Wallenstein bezirkten gro&szlig;en Trag&ouml;die.
+Dieser Hannibal ist ein ungeheuerlicher Bursche. Eine riesige
+Termite, die in der winzigen Ameisenwelt, ein Held, der unter
+den H&auml;ndlern zugrunde gehen mu&szlig;. In &raquo;Don Juan und Faust&laquo;
+machte Grabbe den k&uuml;hnen Versuch, den germanischen und den
+romanischen Typus nebeneinanderzustellen. Sein Lustspiel
+&raquo;Scherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung&laquo;, in dem der
+Autor voll romantischer Ironie h&ouml;chstpers&ouml;nlich nicht ohne
+tiefere Bedeutung auftritt, bildet in seiner b&auml;uerlichen und
+teuflischen Derbheit ein Gegenst&uuml;ck zu <em class="g">Georg B&uuml;chners</em>
+zartem und schwankem Schwank &raquo;Leonce und Lena&laquo; mit
+seinen zerbrechlichen Figuren und Kontroversen. Georg B&uuml;chner
+(aus dem Darmst&auml;dtischen, 1813&ndash;1837) konnte aber auch anders
+als sanft l&auml;cheln oder vertrottelt disputieren. Wie einen
+<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+erratischen Block schleuderte er sein franz&ouml;sisches Revolutionsdrama
+&raquo;Dantons Tod&laquo; von sich. Auch in seiner von Gutzkow
+&uuml;berlieferten Gestalt (die Urform ging verloren) geh&ouml;rt es
+zu den m&auml;chtigsten deutschen Dramen: hier ist erstmalig,
+wie sp&auml;ter erst wieder bei Gerhart Hauptmanns &raquo;Webern&laquo;,
+ein ganzes Volk der Held. St.&nbsp;Just, Robespierre, Danton
+sind seine Exponenten. Den Streit aller Revolutionen zwischen
+Individualismus und Kommunismus entscheidet der einzige
+Richter, der ihn zu entscheiden vermag: der Tod. Er lenkt die
+Guillotine, die heute Dantons Haupt fri&szlig;t, die morgen das
+Haupt Robespierres fressen wird, bis &uuml;bermorgen Napoleon
+sie von der B&uuml;hne des Welttheaters entfernt. F&uuml;r eine
+Weile &hellip; Er hat andere Requisiten und Maschinen, die nicht
+weniger exakt und blutig arbeiten: Kanonen und Mitrailleusen.
+&ndash; Im Wozzek, der Fragment geblieben ist, kn&uuml;pft
+B&uuml;chner an Lenz an (dem er eine sch&ouml;ne Novelle gewidmet hat).
+Die b&uuml;rgerliche Trag&ouml;die, die Hebbel mit der Maria Magdalena
+schreiben wollte, sie gelang, selbst im Fragment, B&uuml;chner
+mit seinem Wozzek. Vom Wozzek l&auml;uft die Tradition zu
+Wedekind, der von niemand mehr gelernt hat als von diesem
+B&uuml;chnerschen Aphorismus. Auch als politischer Revolution&auml;r
+ist B&uuml;chner von eminenter Bedeutung. Seine Botschaft &raquo;Friede
+den H&uuml;tten. Krieg den Pal&auml;sten!&laquo; ist das flammendste deutsche
+revolution&auml;re Manifest &uuml;berhaupt. B&uuml;chner starb zehn Jahre
+zu fr&uuml;h. Er w&auml;re der gegebene F&uuml;hrer der 48er Revolution
+geworden. Er wurde nur vierundzwanzig Jahre alt. Ein Jahrhundert
+hat der Heldentod des J&uuml;nglings Theodor K&ouml;rner, der
+ein guter Soldat, aber ein schlechter Trompeter war, das
+Heldenleben des J&uuml;nglings Georg B&uuml;chner v&ouml;llig verdunkelt.</p>
+
+<p class="newsection"><em class="g">Heinrich Laube</em> (aus Sprottau, 1806&ndash;1884) schlug die
+dramatische Pauke, da&szlig; einem H&ouml;ren und Sehen verging.
+Sein &raquo;Graf Essex&laquo; war das erste Theaterst&uuml;ck, das ich als Knabe
+<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+auf der Schmierenb&uuml;hne einer m&auml;rkischen Kleinstadt sah. Niemals
+mehr hat ein Drama einen solchen Eindruck auf mich gemacht.
+Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker
+sitzen und h&ouml;re auf einem vom B&auml;cker geborgten blechernen
+Kuchenteller zw&ouml;lfmal die Stunde des Gerichtes schlagen. Alle
+Schauer jagen mir im Ged&auml;chtnis daran &uuml;ber den R&uuml;cken,
+und ich dr&uuml;cke den vereinigten Geistern von Laube und Essex
+piet&auml;tvoll und ger&uuml;hrt die Hand. Zu meinen erfreulichsten
+Jugenderinnerungen aus dem Gebiete der Literatur geh&ouml;ren
+auch <em class="g">Willibald Alexis</em> (aus Breslau, 1798&ndash;1871), in
+den Schulleseb&uuml;chern immer mit dem homerischen Beinamen
+&raquo;der Vortreffliche&laquo; geehrt, welcher nicht undichterische historische
+Romane aus meiner engeren Heimat schrieb: &raquo;Die Hosen des
+Herrn von Bredow&laquo;, &raquo;Der Roland von Berlin&laquo;, und <em class="g">Wilhelm
+Hauff</em> (aus Stuttgart, 1802&ndash;1827), in den Schulleseb&uuml;chern
+ein wenig z&auml;rtlich, aber auch ein wenig von oben
+herab, &raquo;der Jugendliche&laquo; genannt. Zu der Geste des Von-oben-herab
+ist bei ihm nun keine Veranlassung. Er ist kein
+gro&szlig;er Dichter: zu den Klassikern haben ihn nur die Fabrikanten
+von Klassikerliteratur gemacht: denen gen&uuml;gen Schiller,
+Goethe, Kleist aus Gesch&auml;ftsgr&uuml;nden nicht, die Brautpaare
+verlangen beim Heiraten zur Komplettierung ihrer Wohnungseinrichtung
+eine ganze Klassikerausstattung: dazu geh&ouml;ren denn
+auch vor allen Dingen Theodor K&ouml;rner und eine ganze Anzahl
+v&ouml;llig unm&ouml;glicher und verstaubter alter Herren, wie Gaudy,
+Gutzkow usw. Hauff ist nun ganz und gar nicht verstaubt.
+Er ist kein gro&szlig;er Dichter, aber ein Erz&auml;hler
+von prachtvoller novellistischer Begabung, wie seine
+M&auml;rchen und Novellen beweisen. Ein Glanzst&uuml;ck unserer
+novellistischen Poesie gelang einem Franzosen: <em class="g">Adalbert
+v.&nbsp;Chamisso</em> (aus der Champagne, 1781&ndash;1838) mit seinem
+Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen Schatten verkauft
+hat. Peter Schlemihl ist eine sinnbildliche und sprichw&ouml;rtliche
+<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>
+Figur geworden. Ich wei&szlig; allerdings nicht, ob er auf meine
+Mitb&uuml;rger noch viel Eindruck macht. Sie sind ja l&auml;ngst gewohnt,
+nicht nur ihren Schatten, sondern auch den Schatten ihres
+Schattens, und die Sonne, die den Schatten hervorruft, zu
+verkaufen. Ja, sie verkaufen sogar Peter Schlemihls wundersame
+Geschichte, statt sie einem jeden gratis ins Haus zu
+bringen, als Luxusdruck zu 300 Mark und mehr. Armer
+Schlemihl! H&auml;ttest du zur Subskription auf dich selbst einladen
+k&ouml;nnen: du h&auml;ttest deinen Schatten nicht zu verkaufen brauchen!
+Aber du hast es eben nicht verstanden, dein Gesch&auml;ftsinteresse
+wahrzunehmen. Dies verstand auch <em class="g">Adalbert
+Stifter</em> nicht (aus dem B&ouml;hmerwald, 1805&ndash;1868), der zarte
+Pastelle und gestrichelte Federzeichnungen nach der Natur auf
+kleine wei&szlig;e Bl&auml;tter malte und zeichnete. Die Bl&auml;tter sammelte
+er und gab ihnen dann (wie wenig gesch&auml;ftst&uuml;chtig war er
+doch!) so unscheinbare Namen wie: &raquo;Studien&laquo;. Wer in den
+Sommerferien in den bayerischen Wald reist und l&auml;&szlig;t Stifters
+Erz&auml;hlungen, vor allem den Hochwald, zu Hause, der verdient
+es nicht, Sommerferien im bayerischen Wald zu erleben. Reist
+er aber nach Westfalen, so mu&szlig; er sich den &raquo;Oberhof&laquo; von
+<em class="g">Karl Immermann</em> (aus Magdeburg, 1796&ndash;1840) in
+den Rucksack stecken, oder, falls er &uuml;ber Zeitbedingtes hinwegzulesen
+versteht, den ganzen &raquo;M&uuml;nchhausen&laquo;. Auch darf er
+von Immermann die tiefsinnige Mythe &raquo;Merlin&laquo;, die Trag&ouml;die
+des Widerspruchs, nicht vergessen. Wenn der dem Dichter
+hoffentlich geneigte Leser auch den Widerspruch nicht l&ouml;sen
+sollte &ndash; was tut's? Begreift er Goethes &raquo;Geheimnisse&laquo;? Oder
+H&ouml;lderlins letzte Gedichte? Oder die Oden von Pindar? Mu&szlig;
+denn alles so verst&auml;ndlich sein wie ein Gespr&auml;ch &uuml;ber die
+teuren Zeiten im Kaufmannsladen? Nicht jeder ist ein Alexander,
+nicht jeder vermag den Gordischen Knoten derart gewaltt&auml;tig
+mit dem Schwert zu l&ouml;sen, und manchmal tut's nicht
+einmal gut, die L&ouml;sung mit dem Schwert, meine ich, wie
+<span class="f" lang="la" xml:lang="la">exempla docent</span>.</p>
+
+<p class="newsection">Abseits
+<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+von allen Zeitst&uuml;rmen sa&szlig; in Kleversulzbach in
+Schwaben unter der Pfarrhauslinde, behaglich seine lange
+Pfeife rauchend, im bunt gebl&uuml;mten Schlafrock mit den goldenen
+Quasten: <em class="g">Eduard M&ouml;rike</em> (1804&ndash;1875). Wie
+B&uuml;chner von K&ouml;rner, so ist sein helles Gestirn von der Wolke
+eines Geibel beschattet worden, und bis ans Ende des 19. Jahrhunderts
+haben wenige gewu&szlig;t, was hinter dem biederen
+Pfarrer von Kleversulzbach steckt. <em class="g">Ferdinand Freiligrath</em>
+(aus Detmold, 1810&ndash;1876), und <em class="g">Friedrich
+R&uuml;ckert</em> (aus Schweinfurt, 1788&ndash;1866), um noch die besten
+zu nennen, blendeten die deutsche Leserwelt mit ihrer Exotik
+voll ungew&ouml;hnlichen lyrischen Farbenreichtums. Der Allerweltsepigone
+Geibel und die Geibelepigonen vers&uuml;&szlig;lichten den
+Geschmack des deutschen Publikums vollends, so da&szlig; es an
+einem klaren Trunk, wie ihn M&ouml;rike kredenzte, keinen Geschmack
+mehr fand. Zu alledem schrien dem deutschen Volk die politischen
+Dichter noch die Ohren voll, Herwegh an der Spitze,
+bescheiden wie sie immer sind, traten sie trompetend vor ihre
+Jahrmarktsbude und schrien: &raquo;Nur immer hereinspaziert,
+meine Herrschaften! Wir haben die einzig echte, die einzig
+wahre, die politische Kunst gepachtet!&laquo; Sie hatten eine Menge
+Zulauf. Auch Freiligraths wohlassortierte Menagerie, in
+welcher der W&uuml;stenk&ouml;nig, der L&ouml;we, die Hauptattraktion bildete,
+und wo ein waschechter Mohrenk&ouml;nig an der Kasse sa&szlig;, wurde
+&uuml;berlaufen. Der Blumenstand, an dem die Muse selbst
+M&ouml;rikes Feldblumen oder auch Rosen und Nelkenstr&auml;u&szlig;e feilhielt,
+wurde nicht beachtet. Eduard M&ouml;rike hatte mit einer
+Paraphrase des Wilhelm Meister: dem Roman Maler Nolten,
+begonnen, der nicht ohne Eindruck blieb. Mit Gottes Wort,
+das Gott ihm selber in den Mund gelegt, mit seinen Gedichten
+predigte der Kleversulzbacher Pfarrer lange tauben Ohren.
+Seine Verse sind nicht gemei&szlig;elt wie die H&ouml;lderlinschen, nicht
+in der Trunkenheit herausgebr&uuml;llt wie die G&uuml;ntherschen, nicht
+ziseliert wie die Heineschen, gefl&ouml;tet wie die Platenschen: sie
+<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>
+fielen wie reife Fr&uuml;chte vom Baum in seinen Pfarrhausgarten.
+Sie sind nicht erk&uuml;nstelt, nicht erzwungen: sie sind rund und
+vollendet und duften wie reife &Auml;pfel. Der Sonnenblume
+gleich stand sein Gem&uuml;t offen. Er brauchte in seiner friedlichen
+Seele keine Schlachten zu schlagen wie Hebbel. Nur
+schwach schwankte die Schale zwischen Lieben und Leiden.
+Seine Phantastik schweift milde wie ein Sommervogel in seinen
+Erz&auml;hlungen (Mozart auf der Reise nach Prag) und
+M&auml;rchen. Er erschreckt nie. Seine Schauergeschichten machen
+l&auml;cheln. Und wenn er dunkel ist, so ist er dunkel wie eine
+Sommernacht in Kleversulzbach, warm und besternt, und wir
+wissen, da&szlig; die Morgenr&ouml;te nicht fern ist. Dann werden wir
+mit dem Kleversulzbacher Pfarrherrn und seinem K&uuml;ster auf
+den Kirchturm steigen.</p>
+
+<p class="newsection">Die Schweizer hatten sich mit dem Fabeldichter Ulrich
+Boner, mit Bodmer, Breitinger und vor allem mit
+Ge&szlig;ner schon vorteilhaft in die deutsche Literatur eingef&uuml;hrt,
+als sie mit <em class="g">Jeremias Gotthelf</em> (aus Murten, 1797
+bis 1854) einen Haupttreffer machten. Was sind das f&uuml;r Kerle,
+die Schweizer Bauern und B&auml;uerinnen des Pfarrers Bitzius
+aus dem Emmental. Auf angeerbter Scholle sitzen sie:
+derb, treuherzig, fromm. Kein Falsch ist an ihnen und kein
+Flitter. Ihr Wort: eine Enzianbl&uuml;te im Gebirge. Die Schweizer
+k&ouml;nnen aber nicht nur b&auml;uerisch derb, sie k&ouml;nnen auch
+st&auml;dtisch, <span class="f" lang="fr" xml:lang="fr">&agrave; la mode</span> oder historisch gekleidet daherstolziert kommen,
+wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer beweisen.</p>
+
+<p><em class="g">Gottfried Keller</em> (aus Z&uuml;rich, 1819&ndash;1890) l&auml;&szlig;t seinen
+&raquo;Gr&uuml;nen Heinrich&laquo; in der Tracht aufmarschieren, die
+Grimmelshausen, Heinse, Goethe in die deutsche Literatur
+eingef&uuml;hrt haben: jeder mit etwas anderem Schnitt. Das
+Problem der Entwicklung beherrscht den &raquo;Gr&uuml;nen Heinrich&laquo;
+auf seinen tausend Seiten: so gut wie Simplex, wie Ardinghello,
+<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>
+wie Wilhelm Meister ist er auf dem Wege zu sich selbst.
+Der Weg, der zu einem selbst f&uuml;hrt, ist nun nicht so bequem
+wie die Chausseen bei Kopenhagen, wo alle f&uuml;nf Minuten, an
+jeder Wegbiegung, eine Tafel steht: nach da und nach da und
+nach da: man kann nicht fehlgehen. Wie steht es hingegen mit
+den Wegen zu sich? Da ger&auml;t man auf allerlei Nebenpfade,
+in Gestr&uuml;pp, Wolfsgruben, auf fremden Besitz, und man mu&szlig;
+froh sein, wenn man schlie&szlig;lich am Abend die Herberge findet
+und auf der harten Ofenbank schlafen darf. Man wei&szlig; manchmal
+wirklich nicht, ob man das Rechte trifft, wenn man z.&nbsp;B.
+Maler- und Anstreicherlehrling wird. Und schlie&szlig;lich wendet
+sich doch alles zum Rechten, denn man bringt von der Malerei
+ein unverlierbares Gut im Felleisen heim: die Kraft der
+lebendigen <ins class="correction" title="Anschaung">Anschauung</ins> aller Dinge. Es kommt f&uuml;r den Dichter
+nicht darauf an, die Gedanken zu Ende zu denken,
+sondern auch den Erscheinungen bis ins Herz zu sehen, sie zu
+durchschauen. Als w&auml;re der Mensch ein St&uuml;ck Glas. Solches
+konnte Gottfried Keller. Und weil er eine so klare Anschauung
+von den Menschen hatte, deshalb gerieten sie in seinen Novellen
+so klar und durchsichtig. Diese Novellen, gesammelt in
+den B&uuml;chern &raquo;Die Leute von Seldwyla&laquo;, &raquo;Sieben Legenden&laquo;,
+&raquo;Z&uuml;richer Novellen&laquo;, &raquo;Das Sinngedicht&laquo; &ndash; bedeuten einen
+Gipfel deutscher Erz&auml;hlerkunst. Wer als Erz&auml;hler ihn wieder
+erreichen will, der mu&szlig; hoch und m&uuml;hsam klettern &ndash; da wird es
+nicht so bequem hinaufgehen wie auf den Rigi, das ist schon
+mehr eine Matterhornbesteigung. Gottfried Keller hat ein vollkommenes
+Gedicht, das Gedicht vom alten Pan im Walde,
+geschrieben. Sein Landsmann <em class="g">Heinrich Leuthold</em> deren
+drei oder vier, sein anderer Landsmann <em class="g">C.&nbsp;F. Meyer</em> (aus
+Z&uuml;rich, 1825&ndash;1898) deren viele. Hat Gottfried Keller typisch
+schweizerische Z&uuml;ge in seinem Wesen und Dichten, so wird man
+bei Meyer trotz manchen schweizerischen Stoffes (der Roman
+&raquo;J&uuml;rg Jenatsch&laquo;) vergebens danach suchen. Seine Landsmannschaft
+ist undeutlich und unbestimmt. Er hat sich selbst als
+<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+Statue eines Dichters nach einem Idealbild konstruiert. Er
+f&uuml;hrte das Leben einer steinernen Statuette: ganz Marmor,
+ganz Glanz. Vierzig Jahre war C.&nbsp;F. Meyer, als er sein erstes
+Buch, ein kleines Buch Gedichte, ver&ouml;ffentlichte. Er hat
+mit seinen Gedichten sein Bestes gegeben, ungeachtet mancher
+sch&ouml;nen Novelle. Die Gedichte sind von einer leidenschaftlichen
+Liebe zur Form erf&uuml;llt. Genug konnte ihm nie und
+nimmermehr gen&uuml;gen. Ihm zitterte eine Flamme im Busen,
+die er mit heiliger Scheu h&uuml;tete.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Da&szlig; sie brenne rein und ungekr&auml;nkt.<br /></span>
+<span class="i0">Denn ich wei&szlig;, es wird der ungetreue<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;chter lebend in die Gruft gesenkt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Von den G&ouml;ttern, die er oft zu sich zu Gaste lud, waren ihm
+Bacchus und Silen die liebsten.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">In der schattendunklen Laube gab Silen, der weise, Stunde,<br /></span>
+<span class="i0">Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem Munde,<br /></span>
+<span class="i0">Lieblich lauschend.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und sein sch&ouml;nstes, sein wildestes Symbol fand C.&nbsp;F. Meyer
+in der Veltlinertraube.</p>
+
+<p>Es ist dem Trifolium Spitteler, Nietzsche, George zu danken,
+da&szlig; die deutsche Sprache in den achtziger Jahren nicht
+v&ouml;llig unter die R&auml;der der naturalistischen Bier- und Leiterwagen
+kam. <em class="g">Carl Spitteler</em> (aus Liestal, geboren 1845)
+sagte mit seinem &raquo;Prometheus und Epimetheus&laquo; der Wirklichkeit,
+die sich verwirkt hatte, die Fehde an. Leider
+wurde er selbst in seinen n&auml;chsten Werken aus einem Prometheus,
+einem Fackelbringer, ein Epimetheus, ein Mensch der
+Verwirrung und des Dunkels, denn in &raquo;Conrad, der Leutnant&laquo;
+und &raquo;Imago&laquo; tut er es den schlechtesten Naturalisten und
+Psychologisten gleich. Da&szlig; der bedeutendste Psychologe der
+Gegenwart, Professor Freud in Wien, seine Zeitschrift nach
+der &raquo;Imago&laquo; nannte, ist zuviel der Ehre f&uuml;r dieses ganz
+analytische, aber der Synthese v&ouml;llig ermangelnde Buch. Jeder
+Dichter, Herr Professor Freud, ist instinktiv Psychoanalytiker.
+<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+Aber hier beginnt erst der Weg und der Wille zum Psychosynthetiker.
+Im &raquo;Olympischen Fr&uuml;hling&laquo;, dem gro&szlig;en griechischen
+Epos, hat Spitteler sein bestes Selbst wiedergefunden.
+Er fand das Reich Apollos, das Reich, &raquo;das nicht von dieser
+Welt ist&laquo;. &ndash; Von j&uuml;ngeren Schweizern sind zu nennen: der
+fr&uuml;h (1919) verstorbene <em class="g">Karl Stamm</em>, ein Lyriker von
+vielen Graden, der zarte Idylliker <em class="g">Robert Walser</em>, der
+religi&ouml;s vergr&uuml;belte <em class="g">Albert Steffen</em> (geb. 1874), Romandichter
+theosophischer Richtung.</p>
+
+<p class="newsection">Eine in ihrer verbohrten Problematik Hebbel geschwisterte
+Natur ist <em class="g">Otto Ludwig</em> (aus Eisfeld, 1813&ndash;1865).
+Er sah sich zeitlebens im Schatten Shakespeares stehen und
+kam deshalb nur in seinem biblischen Trauerspiel &raquo;Die Makkab&auml;er&laquo;
+und in seinen Novellen &uuml;ber ihn hinaus, in denen er
+als antizipierter Dostojewski und Zola erscheint. Es k&ouml;nnte
+nicht schaden, wenn &ndash; &uuml;ber Dostojewski &ndash; Otto Ludwigs
+Prosa nicht vergessen w&uuml;rde. Sie ist der feierlichen Auferstehung
+wert. Wird <em class="g">Gustav Freytag</em> (aus Kreuzburg,
+1816&ndash;1895) aus der Gruft der Vergessenheit auferstehen?
+Vielleicht mit seinem b&uuml;rgerlich-soliden Roman &raquo;Soll und
+Haben&laquo;, worin jedem Charakter sorgsam sein Debet und
+Kredit zuerteilt ist. Des Mecklenburgers <em class="g">Fritz Reuters</em>
+(1810&ndash;1874) humoriges und herzliches Plattdeutsch ist leider
+nur einem engen Kreise von Deutschen verst&auml;ndlich. (&raquo;Ut mine
+Stromtid.&laquo;) <em class="g">Wilhelm Raabes</em> (aus Escherhausen, 1831
+bis 1910) ernster Humor, seine bed&auml;chtige Menschenfreundlichkeit,
+seine bitters&uuml;&szlig;e Melancholie, wird deutschen Herzen als
+eine deutsche Angelegenheit immer lieb und vertraut sein. F&uuml;r
+Wilhelm Raabe gibt es kein besseres Epitheton als dies ohne
+jeden Nationalismus gesagte: deutsch. &raquo;Der Hungerpastor&laquo;,
+&raquo;Der Sch&uuml;dderump&laquo;, &raquo;Horracker&laquo; werden bleiben wie des
+Friesen <em class="g">Theodor Storm</em> (1817&ndash;1888) rosenbl&auml;tterige
+Novellen: Immensee, Pole Popensp&auml;ler, Der Schimmelreiter
+<span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>
+und die kleine Erz&auml;hlung &raquo;Im Saal&laquo; &ndash; eines der fr&uuml;hesten
+und sch&ouml;nsten Gebilde Storms, das er im Revolutionsjahr 1848
+ersann. Die Sehnsucht nach der guten friedlichen Zeit, der
+wir sonst zu trauen gar nicht geneigt sind, wird, wenn wir
+sie lesen, &uuml;berm&auml;chtig in uns. Fr&uuml;her &ndash; ja, das war freilich
+eine stille, bescheidene Zeit: &raquo;Die Menschen waren damals noch
+h&ouml;flicher gegeneinander. Das <ins class="correction" title="Disputierten">Disputieren</ins> und Schreien galt
+in einer feinen Gesellschaft f&uuml;r sehr unziemlich. Wer seine
+Nase in die Politik steckte, den hie&szlig;en wir einen Kannegie&szlig;er,
+und war's ein Schuster, so lie&szlig; man die Stiefel bei seinem
+Nachbar machen. Die Dienstm&auml;dchen hie&szlig;en noch alle Stine
+und Trine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande &hellip;
+Aber was wollt ihr denn?&laquo; fuhr die alte Gro&szlig;mutter fort,
+&raquo;wollt ihr alle mitregieren?&laquo; Ja, Gro&szlig;mutter, das wollen
+wir nun freilich, und darum sind wir auch alle so ungl&uuml;cklich
+und ruhlos, so hin und her gerissen zwischen Stern und Erde,
+so kriegerisch und friedlich zugleich.</p>
+
+<p><em class="g">Paul Heyse</em> ist im Strom der Zeiten schon versunken,
+so tief versunken wie <em class="g">Geibel</em> (aus L&uuml;beck, 1815&ndash;1884), der
+einst so hochgefeierte. Geibel wollte 1871 mit seinen &raquo;Heroldsrufen&laquo;
+eine gro&szlig;e Zeit einrufen. Aber Krieg und Sieg von
+1870/71 hatten f&uuml;r die deutsche Dichtung und Kultur eine katastrophale
+Wirkung. Die Heroldsrufe riefen einem Zeitalter,
+das in niedrigstem Materialismus, gr&ouml;&szlig;tem Gr&ouml;&szlig;enwahn, in
+Goldsucherei, Aufgeblasenheit (aufgeblasen wie ein Jahrmarktsschwein)
+und Chauvinismus seinesgleichen suchte. Hohenzollernsch
+patentierter, mehr oder weniger gereimter Patriotismus
+von Geibel und seinen Nachbetern und Nachtretern lyrisch,
+von <em class="g">Wildenbruch</em>, selbst einem abseitigen Hohenzollernspro&szlig;,
+dramatisch aufgeputzt, von Julius Wolff in seinen
+Ritterromanen in die gro&szlig;e Vergangenheit projiziert, aus ihr
+eine gro&szlig;e Gegenwart und gro&szlig;e Zukunft abstrahierend (wie
+sprach doch Wilhelm&nbsp;II. einst? &raquo;Ich f&uuml;hre euch herrlichen Zeiten
+entgegen &hellip;&laquo;), s&uuml;&szlig;lich gesabberte Lyrik der Baumb&auml;che und
+<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>
+Bodenstedter, eine unechte flache Erz&auml;hlerkunst &ndash; das waren
+die ersten kulturellen Fr&uuml;chte der Einigung des deutschen
+Volkes. Fast zwei Jahrzehnte hat das deutsche Volk diese
+Limonadensuppen in sich hineingesoffen, w&auml;hrend ihm der
+frische Trunk der echten Dichtung, den ihnen M&ouml;rike, Raabe,
+Leuthold, C.&nbsp;F. Meyer, Fontane spendeten, nicht recht munden
+wollte. Einzig <em class="g">Theodor Fontane</em> (aus Neuruppin, 1819
+bis 1898) brachte es zu einiger Ber&uuml;hmtheit, nicht aber wegen
+seiner gro&szlig;en Kunst der Milieu- und Menschenschilderung,
+sondern wegen seiner stofflichen Vorw&uuml;rfe, die er meist dem
+Leben des m&auml;rkischen Adels entnahm. Niemand hat das Gute
+und Edle, was im spezifisch-junkerlichen Typus steckt: die starre
+Pflichterf&uuml;llung, das karge, wie hinter geschlossenen T&uuml;ren
+gef&uuml;hrte Gef&uuml;hlsleben, das moralisch-m&auml;rkische Pathos reiner
+glorifiziert und geschildert als Fontane im &raquo;Stechlin&laquo;. Auch
+das alte Berlin der siebziger und achtziger Jahre fand in ihm
+seinen berufenen Schilderer. Wer sich vom heutigen Berlin
+entsetzt abwendet, vers&auml;ume nicht, dem Fontaneschen einen
+Besuch abzustatten. Er wird entz&uuml;ckt aus diesem Berlin, das
+<ins class="correction" title="unwiderbringlich">unwiederbringlich</ins> dahin ist, zur&uuml;ckkehren. Das Gelungenste und
+<ins class="correction" title="geformteste">Geformteste</ins> in Fontanes Romanen sind die Frauengestalten:
+Cecile und Effi Briest wandeln in einem Reigen mit Mignon
+und Philine, Liane und Toni H&auml;usler.</p>
+
+<p class="newsection">Otto Ludwig und Theodor Fontane im Erz&auml;hlerischen, Hebbel
+und Anzengruber im Dramatischen, Leuthold im Lyrischen,
+sind die Vorl&auml;ufer und Fanfarenbl&auml;ser der Bewegung,
+die man als die naturalistische bezeichnet hat. Es ist zu bemerken,
+da&szlig; Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus,
+Futurismus nur Hilfsworte sind, um Begriffen und Bewegungen,
+Ideen und Wallungen beizukommen. Wo der
+Ismus aufh&ouml;rt, da f&auml;ngt der Dichter erst an, denn letzten
+Grundes macht die Einzelseele, nicht die Massenpsyche oder
+-psychose erst den Dichter zum Dichter. Jeder Mensch hat eine
+<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+bestimmte seelische Richtung, in der er l&auml;uft, und wer in derselben
+Richtung geht, den begr&uuml;&szlig;t er als seinen Weggenossen
+mit besonderer Herzlichkeit. Nun gibt es aber viele Wege.
+Viele Wege f&uuml;hren nach Rom: ins Heiligtum der Kunst, in
+den Tempel des Gottes. Es ist &Uuml;berheblichkeit, den Weg, den
+ein anderer geht, von vornherein als einen falschen zu bezeichnen
+und Hohn und Gel&auml;chter ihm nachzurufen. Als Ma&szlig;stab
+der Kritik darf nur die Qualit&auml;t gelten: der Zusammenhang
+des relativen mit dem absoluten Prinzip. Ein guter
+naturalistischer Roman ist mir lieber als ein schlechter expressionistischer
+und umgekehrt. &ndash; Was wollte der Naturalismus?
+Er entstand als kraftvolle Gegenbewegung gegen die unwahre
+und unechte Afterkunst, wie sie seit 1870 in Deutschland zur
+herrschenden geworden war. Er lehnte allen Historismus, alle
+idealisierende Stilisierung ab: wollte nur lebenswahr sein und
+forderte an Stelle einer Verh&uuml;llung der Natur ihre Entschleierung
+bis zur letzten Nacktheit. Er wollte die Natur abschreiben,
+die nat&uuml;rlichen Dinge nat&uuml;rlich darstellen. Wenn
+der Naturalismus die Imitation der Natur vielfach zur These
+erhob, so beging er nat&uuml;rlich <span class="f" lang="la" xml:lang="la">a priori</span> einen Denkfehler. Eine
+Nachahmung der Natur kann es nicht geben: immer tritt ja
+der Gestaltende mit einem subjektiven Willen an sie heran.
+Einzig der Buddha, der v&ouml;llig Objektivierte, k&ouml;nnte auch ein
+vollkommener Naturalist sein: aber er w&uuml;rde es wiederum
+nicht sein, weil ihm der Wille zur Gestaltung von vornherein
+abgeht. Er will nichts. Der naturalistische Dichter aber wollte
+doch etwas: n&auml;mlich die Natur darstellen. Wo ein pers&ouml;nlicher
+Wille ist, ist schon ein pers&ouml;nlicher Stil. So ist denn als
+&auml;sthetisches Gesetz nur eine Spielart des Naturalismus: der
+Impressionismus zu diskutieren. Der Impressionismus will,
+da&szlig; die Seele wie eine Braut sich hinlagere, damit die Natur
+liebend einstr&ouml;me mit Flu&szlig; und Wolke, Stern und Falter.
+Der Expressionismus, die Gegenbewegung gegen den Impressionismus,
+fordert programmatisch: schleudere deine Seele
+<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>
+aus dir heraus in die weite Welt, hinauf in den hohen Himmel:
+so erst wirst du ganz wahr sein. Der Impressionismus predigt
+die Wahrheit des Seins, der Expressionismus die Wahrheit
+der Seele. Es ist klar, da&szlig; auf einer h&ouml;heren Ebene diese
+Forderungen sich in einem Schnittpunkt ber&uuml;hren: da, wo
+Sein und Seele, Erde und Himmel eins geworden sind. Im
+Formalen &auml;u&szlig;ert sich der Gegensatz der beiden Str&ouml;mungen
+derart: beim Impressionismus: Analyse des Geistes, Synthese
+der Form. Beim Expressionismus: Synthese des Geistes,
+Analyse der Form. &ndash; Die Naturalisten waren f&uuml;r Deutschland
+die Entdecker des Proletariers als &raquo;Gegenstand&laquo; der dichterischen
+Betrachtung: da ihrer Betrachtung ja auch das Niederste
+und Unterste wert erschien. Aber der Proletarier, der arme
+Mensch, der &auml;rmste Mensch, blieb ihnen eben doch nur &raquo;Gegenstand&laquo;.
+Erst die politischen und expressionistischen Dichter der
+j&uuml;ngsten Generation haben den entscheidenden Schritt vollzogen,
+indem sie sich mit dem Proletarier identifizierten. Die
+proletarische Lyrik der <em class="g">Henckell</em> (geboren 1864), <em class="g">Mackay</em>
+(geboren 1864) &ndash; Mackays Roman &raquo;Der Schwimmer&laquo; ist eine
+der besten Prosaleistungen des Naturalismus &ndash; usw. wirkt denn
+auch ziemlich zahm b&uuml;rgerlich. In <em class="g">Arno Holz</em>' (aus Rastenburg,
+geboren 1863) &raquo;Buch der Zeit&laquo; klingt sie kr&auml;ftiger.
+Dessen eigentliche Bedeutung liegt aber nicht darin, sondern
+in seinem romantischen Buche &raquo;Phantasus&laquo;, mit dem er zwar
+keine Revolution der Lyrik, wie er meinte, eingeleitet und
+eingel&auml;utet hat, aber die wesentliche Stimme seiner eigenen
+Lyrik fand. Diejenigen, bei denen der Naturalismus ein
+totes Dogma wurde, sind, manche noch lebendigen Leibes,
+gestorben. Des romantischen Naturalisten <em class="g">Max Halbe</em>
+bestes Werk ist eine kleine Novelle: Frau Meseck.
+Am Leben blieb der unverw&uuml;stliche, kr&auml;ftige <em class="g">Detlev von
+Liliencron</em> (aus Kiel, 1844&ndash;1909), der lyrische Husar,
+der niederdeutsche Feuerreiter. In der plattdeutschen Lyrik
+exzellierte <em class="g">Klaus Groth</em> (aus Dithmarschen, 1819&ndash;1899),
+<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+der Dichter des &raquo;Quickborn&laquo;, in bodenst&auml;ndigen &ouml;sterreichischen
+Bauerndramen <em class="g">Ludwig Anzengruber</em> (aus Wien, 1839
+bis 1889). Vom Naturalismus kam, ihn &uuml;berfl&uuml;gelte bald
+mit silbernen Fl&uuml;geln: <em class="g">Gerhart Hauptmann</em> (geboren
+1862 in Salzbrunn). Wie ein Baum zieht er seine S&auml;fte aus
+der schlesischen Erde, aber seine Krone ragt in den Himmel,
+und sein Gezweig &uuml;berschattet hundert Naturalisten. Mit
+der Wei&szlig;glut seines Willens hat er die naturalistische Theorie
+durchschmolzen. Keine konstruierten Maschinen, keine Homunkulusse
+durchwandeln die Welt seines Dramas: Menschen voll
+Blut und Sehnsucht, arme, elende Menschen, gepr&uuml;gelt wie
+Hunde von der Peitsche des Schicksals, hungernd und frierend,
+hungernd nach Brot und Licht, frierend an den kalten, steinernen
+Herzen der Mitmenschen, Menschen, die in einer ewigen
+D&auml;mmerung &raquo;vor Sonnenaufgang&laquo; leben, &raquo;einsame Menschen&laquo;,
+zu denen selten genug der Ton der &raquo;versunkenen Glocke&laquo;
+herauft&ouml;nt, Menschen, die einzeln nicht leben d&uuml;rfen wie die
+schlesischen Weber, die ein Klumpen blutendes, zuckendes St&uuml;ck
+Fleisch sind, Menschen, die fried- und ruhelos das Labyrinth
+des Daseins durchirren, bis eine sanfte Frau auch mit ihnen
+einmal das &raquo;Friedensfest&laquo; feiert. Wie sind die zu beneiden,
+die, wie Hannele, so fr&uuml;h von dieser schmutzigen Erde zum
+Himmel fahren d&uuml;rfen! Da&szlig; sie Kinder bekommen, zeugen
+und geb&auml;ren &ndash; wie furchtbar! Wer will den ersten Stein auf
+&raquo;Rose Bernd&laquo; werfen? Wer st&uuml;rzt nicht weinend in sich zusammen,
+wenn der brave, ehrliche &raquo;Fuhrmann Henschel&laquo;,
+zwischen Schuld und Unschuld schwankend, sich erh&auml;ngt? Alle
+Gestalten Hauptmanns sind Narren in Christo, wie der religi&ouml;se
+Schw&auml;rmer Emanuel Quint, der im neu erwachenden
+religi&ouml;sen und sektiererischen Leben der Zeit noch eine Rolle
+spielen wird.</p>
+
+<p class="newsection">Wie die Geibelperiode in Empfindelei und S&uuml;&szlig;lichkeit,
+so artete der Naturalismus schlie&szlig;lich in Krafthuberei,
+t&ouml;richte Brutalit&auml;t und Apotheose des Misthaufens aus. S&uuml;&szlig;igkeit
+<span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>
+des Wortes, Sinnlichkeit der Seele: die Sch&ouml;nheit verfiel
+dem Fluch der L&auml;cherlichkeit. Es ist das Verdienst von
+Friedrich Nietzsche und Stefan George, das deutsche Wort in
+barbarischer Epoche bewahrt und in heiligen Hainen Anbetung
+und Weihrauch der t&ouml;nenden Gottheit dargebracht zu haben.
+<em class="g">Friedrich Nietzsche</em> (1844&ndash;1900) ist mit der musikalischen
+und rhythmischen Prosa seines &raquo;Zarathustra&laquo; der Lehrmeister
+der jungen und j&uuml;ngsten Dichtung geworden. Als Lyriker geh&ouml;rt
+er zu den edelsten deutschen Lyrikern. &raquo;Frei&laquo; war Nietzsches
+Kunst gehei&szlig;en, &raquo;fr&ouml;hlich&laquo; seine Wissenschaft. Alle seine
+Lieder sind trunkene Lieder. Ob er sie singt in Venedigs
+brauner Nacht an der Rialtobr&uuml;cke oder sie von San Marco
+gleich Taubenschw&auml;rmen ins Blau hinaufsendet und wieder
+zur&uuml;cklockt, ihnen noch einen Reim ins Gefieder zu h&auml;ngen.
+Oder ob in Sils Maria ihn, der wartend sitzt, ganz nur Spiel,
+ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel, der Schatten
+Zarathustras gr&uuml;&szlig;t. Ob im Herbst, in der Ebene, die ersten
+grauen Kr&auml;hen ihn &uuml;berfliegen und ihn mahnen, da&szlig; der
+Winter naht.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Aus unbekannten M&uuml;ndern bl&auml;st's mich an,<br /></span>
+<span class="i0">&ndash; Die gro&szlig;e K&uuml;hle kommt &hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Er wurde einsam. Immer einsamer. Und alle seine Lieder
+sang er schlie&szlig;lich nur noch sich selber zu, &raquo;damit er seine
+letzte Einsamkeit ertr&uuml;ge&laquo;.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Hoch wuchs ich &uuml;ber Mensch und Tier;<br /></span>
+<span class="i0">Und sprech ich &ndash; niemand spricht zu mir.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>War die Natur Nietzsches eine Kreuzung aus Dionysos und
+Ahasver, die trotz aller Schmerzen die Ewigkeit, zu der sie verdammt
+war, lieben mu&szlig;te, eine wilde, tobende Natur, die
+lieber br&uuml;llte als seufzte oder zwitscherte, &ndash; so ist <em class="g">Stefan
+George</em> (geboren 1868 in B&uuml;desheim) der strenge Priester
+der Gelassenheit und Gebundenheit, der Verk&uuml;nder asketischer
+L&uuml;ste, ma&szlig;- und zuchtvoll. Auch der verk&uuml;ndet wie Nietzsche
+eine Kunst, die jenseits von Gut und B&ouml;se wirkt, er steht den
+<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+moralischen Forderungen eines Teiles der jungen Generation
+ferner als fern.</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst mir nicht von S&uuml;nde oder Sitte.&laquo; In einem
+seiner ersten Gedichte versteigt er sich bis zur <ins class="correction" title="Apothese">Apotheose</ins> der
+Ausschweifung: im Heliogabal. Aber immer reiner kl&auml;rt sich
+seine Welt: bis das Jahr der Seele herrlich sichtbar wird, der
+Teppich des Lebens sich vor ihm breitet, der Engel ihm den
+Weg weist und der Stern des Bundes magisch erblinkt. Stefan
+George begann als Fackeltr&auml;ger des reinen Wortes in einer
+Zeit, die das Wort verunreinigte und beschmutzte, er schritt fort
+und schreitet weiter als ein Flammentr&auml;ger des reinen Sinnes
+in einer Zeit, die verschwelt und rauchig loht, die zu Baal und
+Beelzebub betet, die kein Sonnengold, nur ein Geldgold kennt,
+die alles &raquo;zweckm&auml;&szlig;ig&laquo; einrichtet und als Ziel die Zweckm&auml;&szlig;igkeit
+postuliert oder die Ziellosigkeit an sich. Die geistige und
+moralische Begriffe verwechselt und ein politisches Parteiprogramm
+von Spinozas Ethik nicht zu unterscheiden vermag.
+Sie hat auch bei George geb&auml;ndigte Leidenschaft mit Temperamentlosigkeit,
+die Geb&auml;rde des echten Priesters mit den Tingeltangelall&uuml;ren
+ihrer geistigen Charlatane, die gekonnte Kunst
+mit gemachter Mache verwechselt. Sei's. Die Weltgeschichte
+ist auch das Weltgedicht: einige der sch&ouml;nsten Strophen dieses
+Gedichtes hat Stefan George gesungen.</p>
+
+<p>Aus dem Kreise Georges sind als Dichter von Rang <em class="g">Hugo
+von Hofmannsthal</em> (geb. 1874 in Wien) und <em class="g">Rainer
+Maria Rilke</em> (geb. in Prag 1875) hervorgegangen. Hofmannsthal
+ist der Dichter bezaubernder kleiner Versdramen.
+Er f&uuml;hrt ein Skelett, das mit bl&uuml;henden Rosen beh&auml;ngt ist,
+im Wappen. Rilke ist ein M&ouml;nch, der statt der grauen Kutte
+eine purpurrote tr&auml;gt, die Seligkeit des Himmels liebt, aber
+die Freuden der Welt nicht verachtet.</p>
+
+<p>Die &raquo;ersten Hergereisten&laquo;, die der kommenden deutschen
+Dichtergeneration die neuen Lieder lehrten, waren Nietzsche
+und George. <em class="g">Alfred Mombert</em> (geboren 1872 in Karlsruhe)
+<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+und <em class="g">Theodor D&auml;ubler</em> (geboren 1876 in Triest)
+geh&ouml;ren zu den ersten, die sie lernten. Mombert schrieb metaphysische
+Dramen und Gedichte, D&auml;ubler das diesseitige Epos
+&raquo;Nordlicht&laquo;, eine Kosmogenie voll von Schwelgerei und Orgie
+des Wortes und des Reimes. <em class="g">Richard Dehmel</em> (aus <ins class="correction" title="den">dem</ins>
+Spreewald, 1863&ndash;1920) h&auml;lt sein Gesicht den romantischen Gestirnen
+zugewandt. Die goldene Kette der deutschen Lyrik ist
+ohne ihn nicht denkbar, er ist ein kostbares Glied in ihr, deren
+Anfang Walter von der Vogelweide, deren vorl&auml;ufiges Ende
+Franz Werfel h&auml;lt. Er hat die Tradition der deutschen Lyrik
+&uuml;ber eine Zeit der Verfahrenheit und Traditionslosigkeit hin&uuml;bergerettet.
+Als alles tot und tr&uuml;be schien. Er hat der deutschen
+Lyrik das Liebeslied neu geschenkt: Das dunkle Du,
+das dunkle Ich, die durch die Nacht sich suchen &ndash; und sich
+finden.</p>
+
+<p><em class="g">Christian Morgenstern</em> (aus M&uuml;nchen, 1871&ndash;1915)
+schuf in seinen &raquo;Palmstr&ouml;m&laquo;gedichten eine grotesk-philosophische
+Lyrik eigenster Pr&auml;gung, die besonders dem menschlichen und
+vermenschlichten Tier zu Leib und Seele r&uuml;ckt. Da erscheint
+ein Steinochs, der sich von menschlicher Gehirne Heu n&auml;hrt.
+Auf schw&auml;rmt am Horizont ergrauter Kasernenh&ouml;fe der sagenhafte
+E.&nbsp;P.&nbsp;V. (auch Exerzierplatzvogel genannt). Wir sind
+hoch und heiter begl&uuml;ckt, da&szlig; es ihn und Palmstr&ouml;ms und
+v.&nbsp;Korfs fundamentale Melancholie &ndash; immerhin &ndash;
+noch gibt. Schade, da&szlig; ich beim neuerlichen Quellenstudium
+f&uuml;r diese kleine Literaturgeschichte v.&nbsp;Korfs gl&auml;nzende Erfindung
+nicht benutzen konnte, welcher, weil er schnell und viel
+lesen mu&szlig;te, eine Brille erfand,</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">deren Energien<br /></span>
+<span class="i0">ihm den Text zusammenziehn.<br /></span>
+<span class="i0">Beispielsweise dies Gedicht<br /></span>
+<span class="i0">l&auml;se, so bebrillt, man &ndash; nicht!<br /></span>
+<span class="i0">Dreiunddrei&szlig;ig seinesgleichen<br /></span>
+<span class="i0">g&auml;ben erst &ndash; ein &ndash; &ndash; Fragezeichen!<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>
+Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sind
+<em class="g">Wilhelm Buschs</em>, des genialen Malerdichters (1832
+bis 1908) und Morgenstern's Nachfahren.</p>
+
+<p class="newsection">Die deutsche Frauendichtung beginnt, nachdem sie seit Mechtild
+v.&nbsp;Magdeburg jahrhundertelang den Dornr&ouml;schenschlaf
+geschlafen, wieder aufzuleben mit der Westf&auml;lin <em class="g">Annette
+v.&nbsp;Droste-H&uuml;lshoff</em> (1797&ndash;1848), die freilich
+f&uuml;r den ersten Blick gar nichts Frauliches an sich hat. Ihre
+Formen sind streng, herb, ihr Gang ist straff, ihre Miene leicht
+verd&uuml;stert: wie ein halb heller Tag auf der westf&auml;lischen Heide,
+wenn Erde und Himmel die Pl&auml;tze vertauscht haben, und die
+roten Heidekrautbl&uuml;ten wie Sterne, die Wolken wie braune
+Ackerschollen sind. Auf ihr m&uuml;des Haupt gaukelte selten ein
+s&uuml;&szlig;es Lachen.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Liebe Stimme s&auml;uselt und tr&auml;uft<br /></span>
+<span class="i0">Wie die Lindenbl&uuml;t' auf ein Grab &hellip;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Herb wie ihr lyrischer Stil ist ihr Prosastil in der Novelle
+&raquo;Die Judenbuche&laquo;. <em class="g">Marie v.&nbsp;Ebner-Eschenbach</em> (aus
+M&auml;hren, 1830&ndash;1916) besitzt ein Talent von gro&szlig;er Weite der
+Empfindung, das formal eng begrenzt ist. <em class="g">Ricarda Huch</em>
+(geboren 1864 in Braunschweig) suchte ihre Themen im
+Risorgimento und im Drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieg. <em class="g">Enrica von
+Handel-Mazetti</em> (geboren 1871 in Wien) schrieb historische
+Romane mit katholisierendem Einschlag. Die deutsche
+Frauenlyrik der j&uuml;ngsten Zeit gipfelt in <em class="g">Else Lasker-Sch&uuml;ler</em>
+(geboren 1876 in Elberfeld). Wer f&uuml;hlte sich nicht
+als ewiger Jude und s&auml;nke vor Jehova ins Knie, wenn sie ihre
+hebr&auml;ischen Lieder singt? Wenn sie ihre Verse in einen alten
+Tibetteppich verwebt? <em class="g">Emmy Hennings</em> gab in kleinen
+Versen (&raquo;Die letzte Freude&laquo;) und in kleiner Prosa (&raquo;Das Gef&auml;ngnis&laquo;)
+eine Autobiographie des weiblichen Vaganten.
+<em class="g">Eleonore Kalkowska</em> lie&szlig; im Krieg den Rauch des
+Frauenopfers steigen. Sie schreitet vom Gedicht zum Drama.</p>
+
+<p class="newsection">Man
+<span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>
+hat <em class="g">Frank Wedekind</em> (1864&ndash;1918) einen Bruder
+und Genossen der Lenz, B&uuml;chner, Grabbe genannt. Er
+hatte nicht die selbstverst&auml;ndliche Grazie dieser drei (die Grabbe
+auch im Grausigen bewies). Er war kein Kind der Natur.
+Die Natur war ihm in jeglicher Gestalt verha&szlig;t und widerw&auml;rtig.
+Vor einer sch&ouml;nen Landschaft erfa&szlig;te ihn ein Brechreiz.
+Und er wurde erst wieder beruhigt, wenn er die Berge,
+etwa als ein liebendes Paar in Umarmung, drastisch definieren
+konnte. Er war ganz gewi&szlig; ein Erotomane, dessen moralische
+Komplexe sich bis zum exzessiven Pathos steigern konnten. Er
+war ein genialer Spie&szlig;er &ndash; mit umgekehrtem Vorzeichen.
+Ein erotischer Fr&ouml;mmler. Ein fr&ouml;mmelnder Erotiker. Flagellant,
+Sadist, Masochist aus religi&ouml;ser &Uuml;berzeugung. Ihm war
+das Weib die gro&szlig;e Hure von Babylon und als solche immer
+anbetungsw&uuml;rdig. Er f&uuml;hrte ein Tagebuch aller Z&auml;rtlichkeiten,
+der sanften und der schrecklichen. Er f&uuml;hrte dieses Tagebuch
+gewissenhaft wie ein Oberlehrer. Als Oberlehrer (mit dem
+schlechten Gewissen des ehemaligen Sch&uuml;lers &hellip;) f&uuml;hlt er
+sich auch seinen Gesch&ouml;pfen gegen&uuml;ber: einer Lulu, einer Franziska,
+die zu seiner Liebe, zu seinem Leben emporgepeitscht
+wurden &ndash; um sich dann an ihrem Lehrmeister aufs grausigste
+zu r&auml;chen. In der Verbohrtheit im Problematischen ist er
+Hebbel, in der Technik den St&uuml;rmern und Dr&auml;ngern verwandt:
+diese dramatische Technik der Einzelbilder, Einzelszenen, wie sie
+&raquo;Fr&uuml;hlingserwachen&laquo; einf&uuml;hrt, hat im deutschen Drama neuerdings
+Furore gemacht. Sein Kinderdrama &raquo;Fr&uuml;hlingserwachen&laquo;
+wird bleiben, bleiben wird der &raquo;Marquis von Keith&laquo;,
+der letzte Akt von &raquo;Schlo&szlig; Wetterstein&laquo; und vor allem: &raquo;Lulu&laquo;.
+In ihr und in der kleinen Wendla hat er die nat&uuml;rliche D&auml;monie
+des Weibes gro&szlig; gestaltet. Es ist vielleicht kein Zufall, da&szlig;
+in den vorz&uuml;glichsten Dramen der Epoche Frauen im Mittelpunkt
+der tragischen und komischen Handlung stehen: die Lulu
+im &raquo;Erdgeist&laquo;, Hannele in &raquo;Hanneles Himmelfahrt&laquo;, die
+Wulffen im &raquo;Biberpelz&laquo;, Madame Legros (im gleichnamigen
+<span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>
+Drama von Heinrich Mann) &ndash;, dies beweist, da&szlig; wir in einer
+romantischen Periode leben: Lulu ist die Inkarnation der geschlechtlichen,
+Hannele die der kindlichen, Madame Legros die
+der m&uuml;tterlichen Liebe der Frau. Lulu will irdische Lust,
+Hannele himmlische Liebe, Madame Legros dies- und
+jenseitige Gerechtigkeit. &ndash; <em class="g">Wilhelm Schmidtbonn</em>
+(geboren 1876) behandelte im &raquo;Grafen von Gleichen&laquo; das
+Problem des Mannes zwischen zwei Frauen. Der erste Akt
+geh&ouml;rt zu den besten ersten Akten der deutschen Literatur. Sein
+&raquo;Wunderbaum&laquo;, ein Prosabuch, birgt viele Wunder. <em class="g">Carl
+Sternheim</em> zeichnet in seinen Dramen karikaturistische
+Bilder aus dem b&uuml;rgerlichen Heldenleben: Streber, Schieber,
+sentimentale Kokotten, amusische Dichter, intellektuelle Schweinehunde,
+Auch- und Bauchsozialisten. In seinen Dramen wie
+in seinen Novellen holt er das Letzte virtuos, aber ohne Herz,
+aus der Technik des Wortes. Seine Geschichten laufen ab wie
+Maschinen. Er ist ein Ingenieur der Sprache. <em class="g">Herbert
+Eulenberg</em> (geboren 1876 in M&uuml;hlheim) bemalt seine
+dramatischen Helden und Heldinnen bla&szlig;rosa und bla&szlig;blau.
+Sie gleiten schattenhaft durch eine romantische Kulissenwelt.
+<em class="g">Eduard Stucken</em> (geboren 1865 in Moskau) beschw&ouml;rt
+noch einmal Montsalvatsch und die Gralsritter in klingenden,
+mit Innenreimen geschm&uuml;ckten Versen. Seine Romantrilogie
+&raquo;Die wei&szlig;en G&ouml;tter&laquo; erheischt Respekt. <em class="g">Georg Kaiser</em>
+(geboren 1878 in Magdeburg) pflanzt sich ganz breitspurig
+und heutig vor uns hin. Teufel, ist das ein Leben, das sich da
+vor uns und um uns und in uns abspielt. Aktiengesellschaften
+werden gegr&uuml;ndet aus Menschenliebe, aus Bonhomie, mit
+Ewigkeitsanspr&uuml;chen. Beim &raquo;Brand des Opernhauses&laquo; entz&uuml;nden
+sich alle Leidenschaften. &raquo;Von morgens bis mitternachts&laquo; rollt
+ein ganzes Leben ab via Bankinstitut, Freudenhaus, Park,
+Caf&eacute;, Heilsarmee, um in &raquo;H&ouml;lle, Weg, Erde&laquo; sich als leere
+Leere, parodierte Form, Konjunkturkommunistik zu entschleiern.
+Da ist mir <em class="g">R.&nbsp;John Gorslebens</em> (aus Metz, geb. 1883)
+<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>
+bedenken- und gewissenloser geistiger Abenteurer &raquo;Der Rastaqu&auml;r&laquo;
+schon lieber. Denn der ist ehrlich. <em class="g">Hanns Johsts</em>
+ekstatische Szenerien haben sich zu einem adligen Drama
+&raquo;Der K&ouml;nig&laquo; und zu einem problematischen Gegenwartsroman
+&raquo;Kreuzweg&laquo; edel ausgereift. Georg Kaiser, Sternheim, Eulenberg
+geben in ihren Dramen allerlei indirekte Antworten auf
+direkte Fragen. Das sind alles Passionen, die sich da abspielen.
+<em class="g">Walter Hasenclever</em> (geboren 1890) im &raquo;Sohn&laquo; und
+<em class="g">Ren&eacute; Schickele</em> (aus dem Elsa&szlig;, geboren 1883) in &raquo;Hans
+im Schnakenloch&laquo; gehen zur Aktion, zur These, zur Forderung
+&uuml;ber. Nicht: so seid ihr! Sondern: so sollt ihr sein! So soll
+der Sohn gegen den Vater, der Mensch zwischen den Rassen
+sich entscheiden! Hasenclevers &raquo;Antigone&laquo;, <em class="g">Unruhs</em> &raquo;Ein Geschlecht&laquo;
+sind ebenfalls programmatische &Auml;u&szlig;erungen gegen den
+Krieg, w&auml;hrend Hasenclever in seinem Drama &raquo;Menschen&laquo;
+zur Romantik umkehrt &ndash; den Weg, den noch alle Aktivisten
+werden schreiten m&uuml;ssen (Schickele beschritt ihn im
+&raquo;Glockenturm&laquo;) &ndash;, sich aber nach der anderen Seite purzelbaumartig
+&uuml;berschl&auml;gt und beim &uuml;belsten Text zum Filmdrama
+landet. H&ouml;her steht sein okkultes Spiel &raquo;Jenseits&laquo;.</p>
+
+<p><em class="g">Paul Kornfelds</em> &raquo;Verf&uuml;hrung&laquo; geh&ouml;rt zu den typischen,
+monologischen Dramen des jungen Menschen aus der expressionistischen
+Epoche. (Einige andere: Hanns Johst &raquo;Der junge
+Mensch&laquo;, Walter Hasenclever &raquo;Der Sohn&laquo;, Klabund &raquo;Die
+Nachtwandler&laquo;.) Es ist das Erfreulichste von ihnen. Das
+Problem &raquo;Vater und Sohn&laquo; gestaltet eindrucksvoll in seinem
+gleichnamigen Fridericus-Drama auch <em class="g">Joachim v.&nbsp;d.&nbsp;Goltz</em>.</p>
+
+<p class="newsection">Den sch&ouml;nsten deutschen Roman um 1900 schrieb <em class="g">Friedrich
+Huch</em> mit seinem &raquo;Pitt und Fox&laquo;. Biedermeierliche
+Zartheit und groteske Gotik bl&uuml;hen darin. Pitt ist der gute,
+der entmaterialisierte, Fox der schlechte materialistische
+Deutsche, wie ihn Heinrich Mann sp&auml;ter in seinem Untertan
+Diederich He&szlig;ling so bitterb&ouml;se abkonterfeit hat. <em class="g">Ouckama
+<span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>
+Knoop</em> malte im &raquo;Sebald Soeker&laquo; die Untergangsstimmung
+des Abendlandes, l&auml;ngst ehe sie gef&auml;llige Mode wurde. <em class="g">Hermann
+L&ouml;ns</em> jagte den wilden &raquo;Wehrwolf&laquo; &uuml;ber die Heide.
+Des Schwaben <em class="g">Emil Strau&szlig;</em> (geb. 1866) Kindertrag&ouml;die
+&raquo;Freund Hein&laquo; ist mir unverge&szlig;lich. Der Halkyonier <em class="g">O.&nbsp;E.&nbsp;Hartleben</em>
+(1864&ndash;1905) etablierte sich mit gl&auml;nzend geschriebenen
+ironischen Impressionen. Eine Abart des Impressionismus
+ist der Psychologismus, wie ihn <em class="g">Thomas Mann</em>
+(aus L&uuml;beck, geb. 1875) in seinen ausgezeichneten Romanen und
+Novellen &raquo;Die Buddenbrooks&laquo;, &raquo;Tod in Venedig&laquo; &uuml;bt. Er analysiert
+mit medizinischer Gewissenhaftigkeit die Einzelseele.
+Dem Studium der Massenseele gilt neuerdings seines Bruders
+<em class="g">Heinrich Mann</em> (aus L&uuml;beck, geboren 1871) Bem&uuml;hung.
+Er ist der Dichter der Demokratie geworden in seinen Romanen:
+&raquo;Die kleine Stadt&laquo;, &raquo;Die Armen&laquo;, &raquo;Der Untertan&laquo;. &ndash; &raquo;Die
+kleine Stadt&laquo;, ein italienischer Kleinstadtroman, der schildert,
+wie eine fahrende Theatertruppe eine kleine Stadt revolutioniert,
+ist ein Markstein in der Geschichte des deutschen Romans.
+Seine fr&uuml;heren Italienromane, besonders die prachtvolle Trilogie
+&raquo;Die G&ouml;ttinnen&laquo;, zeigen ihn noch ganz als Apologetiker
+des &Uuml;bermenschen, des Einzelmenschen, des Anarchisten, als
+hymnischen Diener der Sch&ouml;nheit, der Kraft und der sinnlichsten
+Gewalt. Wer, der je der Herzogin von Assy begegnete, k&ouml;nnte
+sie vergessen? Denn sie war ihm Kind, Mutter und Geliebte.</p>
+
+<p><em class="g">Gustav Meyrink</em> (geboren 1868 in Wien) sch&uuml;ttet ein
+Wunderhorn erg&ouml;tzlicher und boshafter Trivialit&auml;ten, &auml;ltestes
+und neuestes Ger&uuml;mpel, &uuml;ber den deutschen Spie&szlig;er aus, der
+mit einem leeren Hirn aufdrapiert wie ein Pfingstochse in
+seinen Geschichten umherwandelt und &raquo;Muh&laquo; und &raquo;B&auml;h&laquo; sagt.
+Von Meyrinks gro&szlig;en Romanen, die allerlei kabbalistische und
+mystische Weltanschauung propagieren, ist der &raquo;Golem&laquo;
+nennenswert. <em class="g">Peter Altenberg</em> (1859&ndash;1918, aus Wien)
+gewinnt seine am&uuml;sante Weltanschauung vom Caf&eacute; Fensterguckerl
+aus. <em class="g">Hermann Bahr</em> (geboren 1863 in Linz) hat
+<span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>
+vom Naturalismus bis zum Expressionismus und Katholizismus
+so ziemlich alle Klassen der Literaturgeschichte absolviert und
+ist &uuml;berall mit der Note 2&ndash;3 versetzt worden. <em class="g">Artur
+Schnitzler</em> (geboren 1862), Dramatiker und Romanzier,
+schrieb zwei vollendete Novellen &raquo;Leutnant Gustl&laquo; und &raquo;Casanovas
+Heimkehr&laquo;. Des Kurl&auml;nder Grafen <em class="g">E.&nbsp;Keyserling</em>
+(1858&ndash;1918) Erz&auml;hlungen begl&uuml;cken schmerzlich wie im Fr&uuml;hherbst
+die bunten fallenden Bl&auml;tter. &Uuml;ber <em class="g">Hermann Hesses</em>
+(geboren 1877 in Calw) Prosadichtungen der ersten Periode
+k&ouml;nnte als Motto der Vers eines Volksliedes stehen, mit dem
+er selbst eines seiner B&uuml;cher betitelt: &raquo;Sch&ouml;n ist die Jugend&laquo;.
+Seine r&uuml;hrendste Figur: der arme und doch so reiche Landstreicher
+Knulp. Mit vierzig Jahren &uuml;berwand und &uuml;bertraf
+er sich selbst in den farbigen und feurigen Zeugnissen einer
+zweiten Jugend: &raquo;Demian&laquo;, Weg und Wesen deutscher Seele
+entschleiernd, und der herrlichen Novelle &raquo;Klein und Wagner&laquo;.
+<em class="g">Wilhelm Sch&auml;fer</em> (geboren 1868 in Ottrau) schuf sich
+in seinen &raquo;Anekdoten&laquo; eine eigene Novellenform in Anlehnung
+an mittelalterliche deutsche und italienische Meister. Sie geh&ouml;ren
+zu den besten Leistungen der deutschen Prosa der
+Gegenwart, die in <em class="g">Jakob Wassermanns</em> (geboren 1873
+in F&uuml;rth) Romanen &raquo;Das G&auml;nsem&auml;nnchen&laquo; und &raquo;Kaspar
+Hauser&laquo; einen ihrer Meister fand. Eine reiche F&uuml;lle lebendigster
+Gestalten, eine ganze gro&szlig;e und kleine Welt wird aus
+der Tiefe ans Licht gehoben. Die Prosa der j&uuml;ngsten Generation,
+mit <em class="g">Kasimir Edschmid</em> (geboren 1890) und
+<em class="g">Alfred D&ouml;blin</em> beginnend, vermag diesen Leistungen
+Gleichwertiges an die Seite zu setzen. Edschmids Novellen
+sind wie in einem Treibhaus gez&uuml;chtete Blumen: bizarr, geistreich,
+gek&uuml;nstelt, voll wilder, aromatischer, zuweilen peinlicher
+D&uuml;fte. Sein Roman: ein tiefer Abstieg. Alfred D&ouml;blin beschw&ouml;rt
+den Schatten Wallensteins und in den &raquo;Drei Spr&uuml;ngen
+des Wang-lun&laquo; einen edlen Rebellen der Schw&auml;che in der Landschaft
+eines ertr&auml;umten China. Der schlesische Russe <em class="g">Arnold
+<span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>
+Ulitz</em> t&uuml;rmt den &raquo;Ararat&laquo;. <em class="g">Klabund</em> (geboren 1891 in
+Crossen a.&nbsp;O.) versuchte im &raquo;Moreau&laquo; den Roman eines Soldaten,
+im &raquo;Mohammed&laquo; den Roman eines Propheten, im
+&raquo;Bracke&laquo; den gotischen Roman eines Eulenspiegel zu gestalten.
+Der &raquo;Dreiklang&laquo; enth&auml;lt das Wesentlichste seiner Lyrik.
+<em class="g">Leonhard Franks</em> (geboren 1882 in W&uuml;rzburg) &raquo;Ursache&laquo;
+ist in Dichtung umgesetzte Freudsche Psychologie. <em class="g">Andreas
+Latzkos</em> (geb. 1876 in Budapest) B&uuml;cher (&raquo;Menschen im
+Krieg&laquo;) und Leonhard Franks &raquo;Der Mensch ist gut&laquo; haben ihr
+Bestes geleistet in der Revolutionierung der Seelen, an welcher
+aber kritische Geister wie <em class="g">Karl Kraus</em> (geboren 1874 in
+Gitschin) und <em class="g">Franz Pfemfert</em> (geboren 1877 in L&ouml;tzen)
+seit Jahren schon viel tieferen Anteil hatten mit &raquo;Fackel&laquo; und
+&raquo;Aktion&laquo;. Jene sind zeitgeschichtlich von gro&szlig;er Bedeutung. Ihr
+dichterischer Wert ist weit geringer. Der Mensch ist nicht gut,
+sondern er will gut werden. Das Moment der Entwicklung ist
+das Entscheidende. Schon Herzeloide erzog ihren Sohn Parsival
+in der Waldeseinsamkeit, damit er vor dem Welt- und Kriegsget&uuml;mmel
+bewahrt sei. Aber alle Abgeschlossenheit half nichts.
+Ein jeder tr&auml;gt ja den Feind in der eigenen Brust. Gegen
+ihn hei&szlig;t's k&auml;mpfen. Man mu&szlig; sich selbst aufs Haupt schlagen.
+Gott und du: das sollen nur Synonyme sein. <span class="f" lang="la" xml:lang="la">Epitheta ornantia</span>
+des einen. Du mu&szlig;t den Heimweg finden: heim zu dir. Auf
+diesem Heimweg durch die Dunkelheit stehen die Dichter an
+den Meilensteinen wie Fackeltr&auml;ger. Von Fackel zu Fackel
+tastest du dich vorw&auml;rts: zum Morgenrot, bis Gottes Herz einst
+&uuml;ber den Bergen aufgeht. Menschen- und Gottesauge werden
+ineinander trinken und wird nur ein Licht und eine Liebe sein.</p>
+
+<p class="newsection">Die Vorl&auml;ufer des lyrischen Expressionismus sind <em class="g">Otto
+zur Linde</em> (geb. 1873 in Essen) und die Charontiker,
+die sich um ihn sammelten. Er schon stellte die These von der
+<span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>
+ekstatischen Unmittelbarkeit auf, blieb aber praktisch im Assoziativen
+stecken. <em class="g">Walter Cal&eacute;</em> (aus Berlin, 1881&ndash;1904)
+starb allzufr&uuml;h. <em class="g">Max Dauthendey</em> (aus W&uuml;rzburg,
+1867&ndash;1918) sang inbr&uuml;nstige Lust- und Liebeslieder. Sein
+hei&szlig;es Blut trieb ihn in die Tropen, aus denen er exotische
+Novellen heimbrachte. Des <em class="g">Wilhelm von Scholz</em> (aus
+Berlin, geb. 1874) Verse spiegeln sich wie Nymphen gern in
+dunklen Teichen, vom Walde &uuml;berwuchert. <em class="g">Alfred Kerr</em>
+(geb. 1867 in Breslau), als Kritiker ein Dichter, als Dichter
+ein Kritiker, hat einer ganzen lyrischen Generation das Gehen,
+die ersten Schritte beigebracht. Der d&auml;monische Naturbursche
+<em class="g">Georg Heym</em> (aus Hirschberg, 1887&ndash;1912) machte dann mit
+der neuen Dichtung ernst. Er krempelte sich dazu die Hemds&auml;rmel
+auf: wie ein Riese schritt er &uuml;ber die D&auml;cher und
+zwischen den Stra&szlig;en Berlins, und allesdies: Mensch, Trambahn,
+Mond, Spelunkenspuk war ihm wie Riesenspielzeug, die
+Stadt wurde ihm zur Landschaft, Berg wurde Haus. Er ertrank
+beim Eislauf, vierundzwanzigj&auml;hrig, im M&uuml;ggelsee.
+Das Grabgeleite gaben ihm Scharen &raquo;fortgeschrittener
+Lyriker&laquo;. Als Georg Heym in den Fluten versunken war,
+stieg aus den im Fr&uuml;hling getauten Wogen wie ein junger
+Meergott, prustend, dampfend in der Sonne, schreiend vor
+Lust am Licht: <em class="g">Franz Werfel</em> (geboren in Prag 1890).
+Er verk&uuml;ndigte das Evangelium des sch&ouml;nen strahlenden Menschen,
+der jedem Wesen, auch dem &auml;rmsten, br&uuml;derlich zugewandt.
+Gewaltig schwingt sein religi&ouml;ses Pathos. Er will
+einer der Propheten des neuen Bundes sein: des Bundes aller
+wahrhaft Menschlichen. Er kniet nieder, unsagbar dem&uuml;tig und
+bu&szlig;willig, mit Unkraut noch und Schlamm f&uuml;hlt er sein Herz
+erf&uuml;llt. Erst nachdem er sich selbst gerichtet, w&auml;chst er zum Richter
+der Menschheit. Er sank hin, er kniete hin, er weinte. Er
+lauschte, er horchte, er h&ouml;rte, er diente. Nun schuf er, nun tr&auml;gt
+er, nun h&auml;lt er wie Christophorus die Erdkugel. Erst sah er die
+Welt &ndash; und siehe, sie war sch&ouml;n &ndash;, da wurde er der Weltfreund.
+<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>
+Dann sah er sich, und siehe, er war h&auml;&szlig;lich. Aber er war. Da
+nahm er sein Sein und trug es zu den anderen. Drei Reiche
+durchwanderte er. Er wird in das vierte gelangen, das sie
+alle drei umfa&szlig;t: das Reich der gl&uuml;ckseligen Gerechtigkeit, der
+Reinheit und Einheit. Er wird &uuml;ber sich selbst &raquo;Gerichtstag&laquo;
+halten. Dann wird sein kriegerisches Wesen sich beruhigend
+l&ouml;sen. Er wird zerrinnen und eine Welle sein, gekr&auml;uselt, entf&uuml;hrt
+und gesp&uuml;lt ins Meer der Vollkommenheit und der
+Vollendung.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Erst wenn ein Mensch zerging<br /></span>
+<span class="i0">In jedem Tier und Ding,<br /></span>
+<span class="i0">Zu lieben er anfing.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Im Gefolge Werfels, des Propheten der Bruderliebe, wandeln
+unz&auml;hlige junge Lyriker, weniger von der bronzenen
+Glocke seiner lyrischen Form anget&ouml;nt (er ist reinste Musik,
+Oboe, Fl&ouml;te: sie sind meist nur Schellentr&auml;ger und Trommler),
+als von seinem Pathos bezwungen. In der Form wenden
+sich viele mehr der Imitation des gro&szlig;en Amerikaners
+Walt Whitman zu, seinen breiten rollenden Rhythmen, die
+brausen wie die Wogen des Atlantischen Ozeans. Walt Whitman
+sang von seinem Buch: Camerado, dies ist kein Buch &ndash;
+wer dies anr&uuml;hrt, r&uuml;hrt einen Menschen an! Dieses Motto
+s&auml;hen die jungen Dichter gern &uuml;ber alle ihre B&uuml;cher: ihre
+Dramen, Verse, romantischen Romane gesetzt. Sie wollen vor
+allem <em class="g">Menschen</em> sein. Und Menschen <em class="g">sein</em>. Wir sind! Wir
+sind! jubeln sie emphatisch mit Werfel. Die Ekstase ist ein
+Kennzeichen ihres Wollens. Von ihr sind die Formen so zerrissen,
+zerhackt, im Winde flatternd. Oft opfern sie das Dichterische
+auf Kosten des Moralischen. Ihre Empfindung ist
+vielfach keine individuelle mehr: ihr Erlebnis ist schon zum
+Kollektiverlebnis geworden. Sie dichten nicht mehr &ndash; sondern
+der Stil dichtet f&uuml;r sie. &ndash; Einen elegischen Nebenspro&szlig;
+Werfels trieb &Ouml;sterreich in <em class="g">Georg Trakl</em> aus Salzburg
+<span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>
+(1887&ndash;1914), dem Dichter der sanften Schwermut, des s&uuml;&szlig;en
+Verzichtes, des violetten Unterganges, dem H&ouml;lderlin unserer
+Zeit. Alle Gedichte Trakls sind herbstliche Landschaften. Immer
+t&ouml;nen leise im Rohr die dunkeln Fl&ouml;ten des Herbstes. In
+<em class="g">Gottfried Benns</em> (aus Mohrin, geb. 1885) Gedichten
+ist dies Ereignis geworden: Hirn wurde Herz, Geist wurde
+Fleisch. Benn steht f&uuml;r sich selbst und auf sich selbst: kein
+Werfel-, kein Whitmanj&uuml;nger: ein Benn. Auch in seinen
+Novellen. <em class="g">Johannes&nbsp;R. Becher</em> (geb. 1890) ruft in seinen
+Gedichten &raquo;An Europa&laquo; zur &raquo;Verbr&uuml;derung&laquo;. Es finden
+sich wundervolle einzelne Verse in seinen B&uuml;chern, die der
+sozialistischen Revolution dienen wollen, aber kaum ein vollendetes
+Gedicht. Der Wille zur These &uuml;berschreit den Willen
+zur Form. Eine krampfhaft geschaffene neue Syntax ist noch
+keine neue Kunstform. <em class="g">Albert Ehrenstein</em> (geb. in
+Wien 1886) schleudert seine Fl&uuml;che gegen die &raquo;rote Zeit&laquo;.
+Europa wird zum Barbarossa. Ein griechisch gerichteter Geist
+zersprengt sich selbst und seine Form in Ha&szlig;ges&auml;ngen. Sein
+Reifstes bleibt die &ouml;sterreichische Novelle Tubutsch: voll ironischer
+Melancholie. Die Arbeiterdichter <em class="g">Barthel</em> (geb. 1884)
+und <em class="g">Br&ouml;ger</em> machen Ans&auml;tze zu einer neuen Volkslyrik,
+der <em class="g">Jakob Kneip</em> in seinen Legenden am n&auml;chsten
+kommt. Es darf nicht verkannt werden: auch hier ist ein
+Weg. Das deutsche Lied, die deutsche Legende, das deutsche
+M&auml;rchen werden wieder einmal auferstehen. Der Expressionismus
+wird verwesen. Eine neue Romantik, eine neue Klassik
+d&auml;mmern empor. Ganz in der Tradition der klassischen
+deutschen Lyrik wandeln der Ostpreu&szlig;e <em class="g">Albrecht
+Schaeffer</em> (geb. 1885) &ndash; auf dessen Romanwerk Helianth
+auch hingewiesen sei &ndash; und der Schwabe <em class="g">Bruno Frank</em>
+(geb. 1887 in Stuttgart), der das Erbe M&ouml;rikes in guter
+junger Hand h&auml;lt. <em class="g">Friedrich Schnack</em> steht mit flammendem
+Edelsteins&auml;bel als lyrischer W&auml;chter am Eingang zum
+kommenden Reich.</p>
+
+<p class="newsection">Der
+<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>
+junge Mensch zwischen 1911 und 1918 war Krieger
+und Revolution&auml;r, Expressionist und Bolschewist. Er ging
+in den Krieg als Revolution&auml;r und in die Revolution als Krieger.
+Er fiel von einem Extrem ins andere: aus der Ekstase in
+die Verzweiflung, und umgekehrt. Er liebte allzu vage die
+Menschheit, ohne noch recht vom Menschen zu wissen. Er ist
+weitsichtig: aber in der N&auml;he vermag er nichts zu sehen. Er
+will <em class="g">alles</em> &ndash; und erreicht <em class="g">nichts</em>. Er ist immer geneigt,
+zu typisieren, zu schematisieren &ndash; ganz wie die verachteten
+Wissenschaftler. Es ist eine dunkle, heilige Ahnung des Kommenden
+in ihm. Aber in der Gegenwart stolpert er unbeholfen
+daher. Er sagt zehnmal nein, ehe er einmal ja sagt. Er schl&auml;gt
+der <ins class="correction" title="herrrschenden">herrschenden</ins> Klasse, wie der Zeichner George Gro&szlig;, in die
+Fratze, aber wenn er zur Herrschaft gelangt, wei&szlig; er auch
+keine anderen Mittel als die der anderen: Terror und Maschinengewehre,
+die Diktatur. Bitterlich, der den Br&auml;utigam von
+Marie ermordet und Ruths Bruder in den Tod treibt, (in
+Kornfelds Verf&uuml;hrung) ist er nicht ein Terrorist? Versucht er
+nicht, mit Gewalt die Welt zu &auml;ndern? Ich glaube nicht an die
+dauernde &Uuml;berzeugungskraft brutaler Gewalt, von welcher
+Seite immer sie sich &auml;u&szlig;ern mag. Wer hat die Welt dauernd
+ver&auml;ndert? Ein Karl der Gro&szlig;e? Ein Napoleon? Ein Bismarck?
+Der chinesische Denker Laotse sagt einmal: &raquo;Das Zarteste
+&uuml;berwindet das H&auml;rteste.&laquo; Wir wollen, symbolisch gesprochen,
+keine Boxer werden wie die Angelsachsen und jedem gleich
+die Faust ins Gesicht pflanzen. Unsere Schw&auml;che wird eines
+Tages unsere St&auml;rke sein. Wir m&uuml;ssen Dschiu-Dschitsu lernen:
+nicht den starren Angriff, sondern die elastische Verteidigung.</p>
+
+<p>Revolutionen, geistige und materielle, schie&szlig;en &uuml;ber das Ziel
+hinaus &ndash;, um nur etwas zu erreichen. Der Expressionismus
+wird einer neuen Romantik und Klassik den Weg bereiten wie
+der Kommunismus einem neuen Gemeinschaftsgef&uuml;hl.</p>
+
+<p class="newsection">Die
+<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>
+Sehnsucht nach Erl&ouml;sung bl&uuml;ht in den kommenden
+Generationen wild auf. Wir wollen erl&ouml;st werden &ndash; von
+der <em class="g">L&uuml;ge</em>. Denn alle Erl&ouml;sung ist nur ein pl&ouml;tzliches Erblicken
+der Wahrheit. Die L&uuml;ge hat ihr Gorgohaupt in den letzten
+Jahren vor dem Kriege und im Kriege selbst widerlich erhoben.
+Aber wenige vermochten sie zu erkennen. Denn sie war geschminkt
+wie eine Hure und mit sch&ouml;nen Kleidern angetan und
+mit Steinen beh&auml;ngt. Das Bild der Welt war, wie es die
+mittelalterlichen Darstellungen zeigen: eine Frau, von vorn
+reizend und wohlgestalt anzusehen &ndash; aber hinten im offenen
+R&uuml;cken voll Schlangengez&uuml;cht und Dreck und Eiter. Mammonismus,
+Militarismus, Materialismus: unter diesen drei Flammenzeichen
+focht der deutsche Gott, der Alliierte von Ro&szlig;bach &ndash;
+und unterlag.</p>
+
+<p>Wir sind nicht auf der Welt, um ungl&uuml;cklich zu sein. Dieser
+gram- und grauenvolle Krieg, in dem wir lebten und starben,
+k&ouml;nnte vor&uuml;bergehend einen M&auml;rtyrerstandpunkt schaffen: als
+sei es &uuml;ber alle Ma&szlig;en edel und tapfer und weise und nat&uuml;rlich
+und dieses Lebens letztes Ziel, zu leiden. Gerechtigkeit!
+Tu von den Augen die Binde und sieh die Erde: bl&uuml;hen nicht
+Blumen, rote und blaue und goldene, zu deinen F&uuml;&szlig;en? Gl&uuml;ht
+nicht das ewige Licht, die Sonne, um deine Stirn wie ein
+Heiligenschein? Taumeln nicht Pfauenauge und Zitronenfalter
+schr&auml;g durch den schreitenden Abend? Pferde springen
+elegant durch die Stra&szlig;en. Wilde Katzen liegen zahm auf den
+bestrahlten Mauern unserer Gef&auml;ngnisse. Und an florentinischer
+Br&uuml;cke tritt, die Augen sch&ouml;n gesenkt, Beatrice dem liebenden
+Dichter entgegen. Sein Herzschlag stockt. Er, der erfahren
+viel und viel erduldet, wei&szlig;: Gl&uuml;ck ist das Ziel der
+Menschheit. Macht die Menschen gl&uuml;cklich, und ihr werdet sie
+besser machen. &Ouml;ffnet ihnen die Augen &uuml;ber den Himmel, die
+Tiere, die Frauen. Und weist ihnen alles dies: gestaltet und
+erhoben, beseligt und erl&ouml;st: in der Kunst, in der Dichtung.
+Noch regiert, obschon Friede geschlossen ist, Mars die Stunde,
+<span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>
+die Minute, die Sekunde. Noch herrscht der Krieg als Prinzip.
+Besiegt ihn, ihr Dichter, kraft eures Wortes, das wirklicher ist
+als manche schnell getane Tat. Besiegt ihn durch eure Waffenlosigkeit,
+durch die Inbrunst eurer Herzen!</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ihr Weiser und Verweser unseres Sch&ouml;nen,<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig;t euch vom Waffenrausch nicht &uuml;bert&ouml;nen.<br /></span>
+<span class="i0">O sorgt, da&szlig; unser Blut nicht rot erstarrt<br /></span>
+<span class="i0">Und seid uns Dom und ewige Gegenwart!<br /></span>
+<span class="i0">Du G&uuml;nther, brauner Packan, bissig bellend,<br /></span>
+<span class="i0">Du H&ouml;lderlin, die sanften Pfeile schnellend,<br /></span>
+<span class="i0">Du M&ouml;rike, vertr&auml;umte Pfarrhauslinde,<br /></span>
+<span class="i0">Du Eichendorff, voll gr&uuml;ner Birkenwinde,<br /></span>
+<span class="i0">Du Heine, deutscher Jude, geistig handelnd,<br /></span>
+<span class="i0">Du Conrad Ferdinand, auf Rhythmen wandelnd,<br /></span>
+<span class="i0">Du Platen, im unsterblichsten Sonette,<br /></span>
+<span class="i0">Du Nietzsche, deutscher Pole, Glockenkette,<br /></span>
+<span class="i0">Und du, o ewige Fr&uuml;h- und Abendr&ouml;te:<br /></span>
+<span class="i0">Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du: <em class="g">Goethe</em>!<br /></span>
+</div></div>
+
+<p style="margin-left: 10%; margin-bottom: 80px;"><span style="margin-left: 16em; font-weight: bold;">(Klabund.)</span></p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Literaturgeschichte in einer
+Stunde, by Klabund
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE ***
+
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+
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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