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+The Project Gutenberg EBook of Die Gründung des Deutschen Zollvereins by
+Heinrich von Treitschke
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
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+
+Title: Die Gründung des Deutschen Zollvereins
+
+Author: Heinrich von Treitschke
+
+Release Date: October, 20 2007 [Ebook #23065]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRÜNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS***
+
+
+
+
+
+Die Gründung des Deutschen Zollvereins
+
+
+by Heinrich von Treitschke
+
+
+
+
+Edition 01 , (October, 20 2007)
+
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+
+ Die Gründung des
+ Deutschen Zollvereins
+
+
+
+ Dargestellt von
+
+ Heinrich v. Treitschke
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Die Gründung des Deutschen Zollvereins.
+ Vorwort
+ 1. Maaßen und das neue Preußische Zollgesetz.
+ 2. Der Kampf gegen das preußische Zollgesetz und der erste preußische
+ Zollvertrag.
+ 3. Der Kampf um das preußische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen.
+ 4. Die Darmstädter Zollkonferenzen.
+ 5. Motzs deutsche Handelspolitik.
+ 6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine.
+ a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._
+ b) _Der preußisch-hessische und der bayrisch-württembergische
+ Zollverein._
+ c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._
+ d) _Preußens Sieg. Preußisch-Bayrischer Handelsvertrag._
+ 7. Der Deutsche Zollverein.
+ a) _Kurhessens Beitritt._
+ b) _Beitritt des Süddeutschen Zollvereins._
+ c) _Anschluß von Sachsen und Thüringen._
+ d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._
+ Register.
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+DIE GRÜNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS.
+
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+
+
+Vorwort
+
+
+Ein Quellenbuch mit Urkunden, Briefen und sonstigen Aktenstücken zur
+Geschichte des Deutschen Zollvereins dürfte auf allgemeines Interesse kaum
+rechnen und müßte bei der Länge der Zeit, über die sich die Verhandlungen
+hinschleppten, nur ein kümmerlicher Torso sein, der niemand gefiele.
+Dagegen darf die klassische Darstellung, die Heinrich v. Treitschke in
+seiner Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert dieser größten Schöpfung
+der Friedensregierung Friedrich Wilhelms III. gewidmet hat, selbst den
+Wert einer Quelle beanspruchen, da sie auf einem umfassenden Studium aller
+in Betracht kommenden Akten und Briefwechsel beruht, von denen die
+wenigsten der wissenschaftlichen Forschung bisher durch den Druck
+zugänglich gemacht sind.
+
+Im folgenden sind die in Betracht kommenden Kapitel der Deutschen
+Geschichte mit geringen Auslassungen, die vom Leser wohl nirgends als
+Lücken empfunden werden dürften, mit freundlich gewährter Erlaubnis der
+Verlagsbuchhandlung zu einer Einheit zusammengefaßt und wirken in dieser
+Form fast wuchtiger als in der Verstreuung über drei dicke Bände, wie sie
+der chronologische Aufbau des alle Seiten des deutschen Lebens
+umspannenden Werkes mit sich bringt. Sie reden eine so eindringliche
+Sprache von einer jammervollen Vergangenheit deutschen Kleinlebens, daß
+man nur wünschen kann, daß die Stimme des tapferen Rufers im Streit für
+nationale Einigung auch weiterhin gehört werde, nachdem ihn selbst schon
+seit Jahren der kühle Rasen deckt.
+
+_Leipzig,_ 19. Mai 1913.
+
+*Horst Kohl.*
+
+
+
+
+1. Maaßen und das neue Preußische Zollgesetz.
+
+
+In dem Sturm und Drang der großen Reformperiode war für die Umgestaltung
+des alten preußischen Akzisewesens wenig geschehen; man hatte sich
+begnügt, dem flachen Lande mehrere städtische Steuern aufzulegen und in
+Altpreußen die Einfuhr fremder Fabrikwaren gegen eine Akzise von 8 1⁄3
+Prozent des Wertes zu gestatten. Daneben bestanden in den alten Provinzen
+noch 67 verschiedene Tarife, nahezu 3000 Warenklassen umfassend; außerdem
+die kursächsische Generalakzise im Herzogtum Sachsen, das schwedische
+Zollwesen in Neuvorpommern, in den Rheinlanden endlich seit Aufhebung der
+napoleonischen Douanen ein schlechterdings anarchischer Zustand. Und diese
+unerträgliche Belästigung des Verkehrs gewährte doch, da eine geordnete
+Grenzbewachung noch fehlte, keinen Schutz gegen das Ausland. Auch in dem
+chaotischen Geldwesen zeigte sich die Abhängigkeit des verarmten Staates
+von den Fremden: in Posen und Pommern mußten 48, in den Provinzen links
+von der Elbe 71 fremde Geldsorten amtlich anerkannt und tarifiert werden.
+Schon längst bemerkte der König mit Besorgnis, wie schwer der gesetzliche
+Sinn des Volkes durch die Fortdauer des überlebten Prohibitivsystems
+geschädigt wurde. Seit die bürgerlichen Gewerbe auf dem platten Lande sich
+ansiedelten, nahm der Schmuggel einen ungeheuren Aufschwung. Im Jahre 1815
+versteuerte jeder Materialwarenladen der alten Provinzen täglich nur zwei
+Pfund Kaffee.
+
+Auch die unhaltbaren Verhältnisse an der Ostgrenze mahnten zu rascher Tat.
+Sobald Preußen, Polen und Rußland im März 1816 zu Warschau wegen der
+Ausführung des Wiener Vertrages vom 3. Mai 1815 zu verhandeln begannen,
+stellte sich bald heraus, daß Hardenberg in Wien von dem Fürsten
+Czartoryski überlistet worden war. Die scheinbar so harmlosen Bestimmungen
+des Vertrags über die freie Durchfuhr und den freien Verkehr mit den
+Landeserzeugnissen aller vormals polnischen Landschaften legten dem
+preußischen Staate fast nur Pflichten auf, da sein Gebiet das
+Durchfuhrland bildete. Um der Abrede buchstäblich zu genügen, hätte
+Preußen seine polnischen Provinzen von dem übrigen Staatsgebiete durch
+eine Zollinie trennen müssen, während Rußland, dem Vertrage zuwider, seine
+alte Zollgrenze, die das polnische Litauen von Warschau abschied,
+unverändert ließ und auch Österreich sich keineswegs geneigt zeigte,
+seinen polnischen Kronlanden handelspolitische Selbständigkeit
+zuzugestehen. Die polnischen Unterhändler sahen in dem Vertrage ein
+willkommenes Mittel, um durch die Ansiedlung von Handelsagenten und
+Kommissionären ihre nationale Propaganda in Preußens polnische Gebiete
+hineinzutragen. Sie erdreisteten sich, der Krone Preußen geradezu die
+unbeschränkte Souveränität über Danzig zu bestreiten, und stellten so
+übermütige Forderungen, daß der König mit einer entschiedenen Ablehnung
+antwortete, als Zar Alexander nach seiner Gewohnheit versuchte, die
+Ansprüche der Polen durch einen zärtlichen Freundesbrief zu unterstützen.
+Der unerquickliche Verlauf dieser Verhandlungen zwang zu dem Entschlusse,
+die polnischen Landschaften den übrigen Provinzen des Ostens völlig
+gleichzustellen. Auf der anderen Seite lehrten die Frankfurter
+Erfahrungen, daß ein Bundeszollgesetz ganz unmöglich war und Preußen
+mithin zunächst im eigenen Hause Ordnung schaffen mußte.
+
+Im Jahre 1816 erfolgten die ersten vorbereitenden Schritte. Das Verbot der
+Geldausfuhr ward aufgehoben, das Salzregal in allen Provinzen gleichmäßig
+eingeführt; dann sprach die Verordnung vom 11. Juni die Aufhebung der
+Wasser-, Binnen- und Provinzialzölle als Grundsatz aus und verhieß die
+Einführung eines allgemeinen und einfachen Grenzzollsystems. Zu Anfang des
+folgenden Jahres war der Entwurf für das neue Zollgesetz beendigt. Sobald
+aber von den reformatorischen Absichten des Entwurfs Einiges ruchbar ward,
+erscholl der Notschrei der geängstigten Produzenten weithin durch das
+Land. Leidenschaftliche Eingaben der Baumwoll- und Kattunfabrikanten aus
+Schlesien und Berlin, die doch allesamt unter der bestehenden Unordnung
+schwer litten, bestätigten die alte Wahrheit, daß die Selbstsucht der
+Menschen der schlimmste Feind ihres eigenen Interesses ist. Der Lärm ward
+so bedrohlich, daß der König für nötig hielt, zunächst eine
+Spezialkommission mit der Prüfung dieser Vorstellungen zu beauftragen.
+Hier errang die alte friderizianische Schule noch einmal die Oberhand. Der
+Vorsitzende, Oberpräsident v. Heydebreck, betrachtete als höchste Aufgabe
+der Handelspolitik »das Numeraire dem Lande zu konservieren«; die Mehrheit
+beschloß, der Krone die Wiederherstellung des Verbotsystems, wie es bis
+zum Jahre 1806 bestanden, anzuraten. Aber zugleich mit diesem Bericht ging
+auch ein geharnischtes Minderheitsgutachten ein, verfaßt von Staatsrat
+Kunth, dem Erzieher der Gebrüder Humboldt, einem selbstbewußten Vertreter
+des altpreußischen Beamtenstolzes, der das gute Recht der Bureaukratie
+oftmals gegen die aristokratische Geringschätzung seines Freundes Stein
+verteidigte. Mit den Zuständen des Fabrikwesens aus eigener Anschauung
+gründlich vertraut, lebte und webte er in den Gedanken der neuen
+Volkswirtschaftslehre. »Eigentum und Freiheit, darin liegt alles; es gibt
+nichts anderes« — so lautete sein Kernspruch. Als das ärgste Gebrechen der
+preußischen Industrie erschien ihm die erstaunlich mangelhafte Bildung der
+meisten Fabrikanten, eine schlimme Frucht des Übergewichts der gelehrten
+Klassen, welche nur durch den Einfluß des auswärtigen Wettbewerbs
+allmählich beseitigt werden konnte; waren doch selbst unter den ersten
+Fabrikherren Berlins viele, die kaum notdürftig ihren Namen zu schreiben
+vermochten.
+
+Kunths Gutachten fand im Staatsrate fast ungeteilte Zustimmung; es ließ
+sich nicht mehr verkennen, daß die Aufhebung der Handelsverbote nur die
+notwendige Ergänzung der Reformen von 1808 bildete. Als das Plenum des
+Staatsrats am 3. Juli über das Zollgesetz beriet, sprachen die politischen
+Gegner Gneisenau und Schuckmann einmütig für die Befreiung des Verkehrs.
+Oberpräsident Merckel und Geh. Rat Ferber, ein aus dem sächsischen Dienste
+herübergekommener trefflicher Nationalökonom, führten aus, daß dem
+Notstande des Gewerbefleißes in Schlesien und Sachsen nur durch die
+Freiheit zu begegnen sei; und zuletzt stimmten von 56 Anwesenden nur drei
+gegen das Gesetz: Heydebreck, Ladenberg und Geh Rat Beguelin. Am 1. August
+genehmigte der König von Karlsbad aus »das Prinzip der freien Einfuhr für
+alle Zukunft«. Nun folgten neue peinliche Verhandlungen, da es anfangs
+unmöglich schien, die neue Ordnung gleichzeitig in den beiden Hälften des
+Staatsgebiets einzuführen. Endlich, am 26. Mai 1818, kam das Zollgesetz
+für die gesamte Monarchie zustande.
+
+Sein Verfasser war der Generaldirektor Karl Georg _Maaßen_(1), ein Beamter
+von umfassenden Kenntnissen, mit Leib und Seele in den Geschäften lebend,
+ein Mann, der hinter kindlich anspruchslosen Umgangsformen den kühnen Mut
+des Reformers, eine tiefe und freie Auffassung des sozialen Lebens
+verbarg. Aus Cleve gebürtig, hatte er zuerst als preußischer Beamter in
+seiner Heimat, dann eine Zeitlang im bergischen Staatsdienste die
+Großindustrie des Niederrheins, nachher bei der Potsdamer Regierung die
+Volkswirtschaft des Nordostens kennen und also die Theorien Adam
+Smiths(2), denen er von frühauf huldigte, durch vielseitige praktische
+Erfahrung zu ergänzen gelernt. So ging er auch beim Entwerfen des
+Zollgesetzes nicht von einer fertigen Doktrin aus, sondern von drei
+Gesichtspunkten der praktischen Staatskunst. Die Aufgabe war: zunächst in
+der gesamten Monarchie durch Befreiung des inneren Verkehrs eine lebendige
+Gemeinschaft der Interessen zu begründen, sodann dem Staate neue
+Einnahmequellen zu eröffnen, endlich dem heimischen Gewerbefleiß einen
+mächtigen Schutz gegen die englische Übermacht zu gewähren und ihm doch
+den heilsamen Stachel des ausländischen Wettbewerbs nicht gänzlich zu
+nehmen. Wo die Wünsche der Industrie den Ansprüchen der Staatskassen
+widersprachen, da mußte das Interesse der Finanzen vorgehen; dies gebot
+die Bedrängnis des Staatshaushalts.
+
+Die beiden ersten Paragraphen des Gesetzes verkündigten die Freiheit der
+Ein-, Aus- und Durchfuhr für den ganzen Umfang des Staates. Damit wurde
+die volle Hälfte des nichtösterreichischen Deutschlands zu einem freien
+Marktgebiete vereinigt, zu einer wirtschaftlichen Gemeinschaft, welche,
+wenn sie die Probe bestand, sich auch über die andere Hälfte der Nation
+erweitern konnte. Denn die schroffsten Gegensätze unseres vielgestaltigen
+sozialen Lebens lagen innerhalb der preußischen Grenzen. War es möglich,
+Posen und das Rheinland ohne Schädigung ihrer wirtschaftlichen Eigenart
+derselben wirtschaftlichen Gesetzgebung zu unterwerfen, so war schon
+erwiesen, daß diese Gesetze mit einigen Änderungen auch für Baden und
+Hannover genügen mußten. Preußen hatte sich — so sagte Maaßen oftmals —
+genau die nämlichen Fragen vorzulegen wie alle die anderen deutschen
+Staaten, welche ernstlich nach Zolleinheit verlangten, und konnte, wegen
+der Mannigfaltigkeit seiner wirtschaftlichen Interessen, leichter als jene
+die richtige Antwort finden. Aber die Ausführung des Gedankens, die
+Verlegung der Zölle an die Grenzen des Staates war in Preußen schwieriger
+als in irgendeinem anderen Reiche; sie erschien zuerst vielen ganz
+unausführbar. Man sollte eine Zollinie von 1073 Meilen bewachen, je eine
+Grenzmeile auf kaum fünf Geviertmeilen des Staatsgebiets, und zwar unter
+den denkbar ungünstigsten Verhältnissen, da die kleinen deutschen Staaten,
+die mit dem preußischen Gebiete im Gemenge lagen, zumeist noch kein
+geordnetes Zollwesen besaßen, ja sogar den Schmuggel grundsätzlich
+begünstigten. Solche Bedrängnis veranlaßte die preußischen Finanzmänner
+zur Aufstellung eines einfachen übersichtlichen Tarifs, der die Waren in
+wenige große Klassen einordnete. Eine umfängliche, verwickelte Zollrolle,
+wie sie in England oder Frankreich bestand, erforderte ein zahlreiches
+Beamtenpersonal, das in Preußen den Ertrag der Zölle verschlungen hätte.
+Durch denselben Grund wurde Maaßen bewogen, die Erhebung der Zölle nach
+dem Gewichte der Waren vorzuschlagen, während in allen anderen Staaten das
+von der herrschenden Theorie allein gebilligte System der Wertzölle galt.
+Die Abstufung der Zölle nach dem Werte würde die Kosten der Zollverwaltung
+unverhältnismäßig erhöht haben; zudem lag in der hohen Besteuerung
+kostbarer Waren eine starke Versuchung zum Schmuggelhandel, welche ein
+Staat von so schwer zu bewachenden Grenzen nicht ertragen konnte.
+
+Auch in der großen Prinzipienfrage der Handelspolitik gab die Rücksicht
+auf die Finanzen den Ausschlag. Der Staat hatte die Wahl zwischen zwei
+Wegen. Man konnte entweder nach Englands und Frankreichs Beispiel
+Prohibitivzölle einführen, um diese sodann als Unterhandlungsmittel gegen
+die Westmächte zu benutzen und also Zug um Zug durch Differentialzölle zur
+Erleichterung des Verkehrs zu gelangen; oder man wagte sogleich in Preußen
+ein System mäßiger Zölle zu gründen, in der Hoffnung, daß die Natur der
+Dinge die großen Nachbarreiche dereinst in dieselbe Bahn drängen werde.
+Maaßen fand den Mut, den letzteren Weg zu wählen, vornehmlich, weil der
+zweifelhafte Ertrag aus hohen Schutzzöllen dem Bedürfnis der Staatskassen
+nicht genügen konnte. Verboten wurde allein die Einfuhr von Salz und
+Spielkarten; die Rohstoffe blieben in der Regel abgabenfrei oder einem
+ganz niedrigen Zolle unterworfen. Von den Manufakturwaren sollte ein
+mäßiger Schutzzoll erhoben werden, nicht über 10 Prozent, ungefähr der
+üblichen Schmuggelprämie entsprechend. Die Kolonialwaren dagegen
+unterlagen einem ergiebigen Finanzzolle, bis zu 20 Prozent, da Preußen an
+seiner leicht zu bewachenden Seegrenze die Mittel besaß, diese Produkte
+wirksam zu besteuern.
+
+Dies freieste und reifste staatswirtschaftliche Gesetz des Zeitraums wich
+von den herrschenden Vorurteilen so weit ab, daß man im Auslande anfangs
+über die gutmütige Schwäche der preußischen Doktrinäre spottete. Den
+Staatsmännern der absoluten Monarchie fällt ein undankbares
+entsagungsvolles Los. Wie laut preist England heute seinen William
+Huskisson(3), *one of the world’s great spirits*; alle gesitteten Völker
+bewundern die Freihandelsreden des großen Britten. Der Name Maaßens aber
+ist bis zur Stunde in seinem eigenen Vaterlande nur einem engen
+Gelehrtenkreise vertraut. _Und doch hat die große Freihandelsbewegung
+unseres Jahrhunderts nicht in England, sondern in Preußen ihren ersten
+bahnbrechenden Erfolg errungen._ Das wiederhergestellte französische
+Königtum hielt in dem Tarife von 1816 die strengen napoleonischen
+Prohibitivzölle gegen fremde Fabrikwaren hartnäckig fest. Die Selbstsucht
+der Emigranten fügte noch schwere Zölle auf die Erzeugnisse des Landbaues,
+namentlich auf Schlachtvieh und Wolle, hinzu. Auch in England war nur ein
+Teil des Handelsstandes für die Lehren der Verkehrsfreiheit gewonnen. Noch
+stand der Grundherr treu zu den hohen Kornzöllen, der Reeder zu Cromwells
+Navigationsakte(4), der Fabrikant zu dem harten Prohibitivsysteme; noch
+urteilte die Mehrzahl der Gebildeten wie einst Burke(5) über Adam Smith:
+solche abstrakte Theorien sind gut genug für das stille Katheder von
+Glasgow(6). Erst das kühne Vorgehen der Berliner Staatsmänner ermutigte
+die englischen Freihändler, mit ihrer Meinung herauszurücken. Auf das
+»glänzende Beispiel, welches Preußen der Welt gegeben«, berief sich die
+freihändlerische Petition der Londoner City, welche Baring im Mai 1820 dem
+Parlamente übergab. An Preußen dachte Huskisson, als er seinen berühmten
+Satz aufstellte: »Der Handel ist nicht Zweck, er ist das Mittel, Wohlstand
+und Behagen unter den Völkern zu verbreiten« und seinem Volke zurief:
+»Dies Land kann nicht still stehen, während andere Länder vorschreiten in
+Bildung und Gewerbefleiß«.
+
+Den freihändlerischen Ansichten der preußischen Staatsmänner genügte das
+neue Gesetz nicht völlig. Man ahnte im Finanzministerium wohl, daß der
+weitaus größte Teil des Zollertrags allein von den gangbarsten
+Kolonialwaren aufgebracht werden und die Staatskasse von anderen Zöllen
+nur geringen Vorteil ziehen würde. Aber man sah auch, daß jedem
+Steuersystem durch die Gesinnung der Steuerpflichtigen feste Schranken
+gezogen sind; die öffentliche Meinung jener Tage würde der Regierung nie
+verziehen haben, wenn sie den Kaffee besteuert, den Tee frei gelassen
+hätte. Maaßen verwarf jede einseitige Begünstigung eines Zweiges der
+Produktion, er rechnete auf das Ineinandergreifen von Ackerbau, Gewerbe
+und Handel und betrachtete die Schutzzölle nur als einen Notbehelf, um die
+deutsche Industrie allmählich zu Kräften kommen zu lassen. Schon bei der
+ersten Revision des Tarifs im Jahre 1821 tat man einen Schritt weiter im
+Sinne des Freihandels, vereinfachte den Tarif und setzte mehrere Zölle
+herab. Während das Gesetz von 1818 für die westlichen Provinzen einen
+eigenen Tarif mit etwas niedrigeren Sätzen aufgestellt hatte, fiel jetzt
+der Unterschied zwischen den Provinzen hinweg; die Zollrolle von 1812
+bildete in Form und Einrichtung die Grundlage für alle späteren Tarife des
+Zollvereins.
+
+Derweil der Staatsrat diese Reform zum Abschluß brachte, erging sich die
+unreife nationalökonomische Bildung der Zeit in widersprechenden Klagen.
+Die Massen meinten die Verteuerung des Lebensunterhalts nicht ertragen zu
+können, die Fabrikanten sahen »dem englischen Handelsdespotismus« Tür und
+Tor geöffnet und bestürmten den Thron abermals mit so verzweifelten
+Bittschriften, daß der König, obwohl selbst mit Maaßens Plänen ganz
+einverstanden, doch eine nochmalige Prüfung des schon unterschriebenen
+Gesetzes befahl. Erst am 1. September 1818 wurde das Zollgesetz
+veröffentlicht, erst zu Neujahr 1819 traten die neuen Grenzzollämter in
+Tätigkeit. Am 8. Februar 1819 erschien das ergänzende Gesetz über die
+Besteuerung des Konsums inländischer Erzeugnisse, wonach nur Wein, Bier,
+Branntwein und Tabaksblätter einer Steuer unterlagen, die ohne
+unmittelbare Belästigung der Verzehrer von den Produzenten zu erheben war.
+
+Die neue Gesetzgebung hielt im ganzen sehr glücklich die Mitte zwischen
+Handelsfreiheit und Zollschutz. Nur nach einer Richtung hin wich sie
+auffällig ab von den Grundsätzen des gemäßigten Freihandels: sie belastete
+den Durchfuhrhandel unverhältnismäßig schwer. Der Zentner Transitgut
+zahlte im Durchschnitt einen halben Taler Zoll, auf einzelnen wichtigen
+Handelsstraßen noch weit mehr — sicherlich eine sehr drückende Last für
+ordinäre Güter, zumal wenn sie das preußische Gebiet mehrmals berührten.
+Die nächste Veranlassung zu dieser Härte lag in dem Bedürfnis der
+Finanzen. Preußen beherrschte einige der wichtigsten Handelsstraßen
+Mitteleuropas: die Verbindung Hollands mit dem Oberlande, die alten
+Absatzwege des polnischen Getreides, den Verkehr Leipzigs mit der See, mit
+Polen, mit Frankfurt. Man berechnete, daß die volle Hälfte der in Preußen
+eingehenden Waren dem Durchfuhrhandel angehörte. Die erschöpfte
+Staatskasse war nicht in der Lage, diesen einzigen Vorteil, den ihr die
+unglückliche langgestreckte Gestalt des Gebiets gewährte, aus der Hand zu
+geben. Überdies stimmten alle Kenner des Mautwesens überein in der für
+jene Zeit wohlbegründeten Meinung, daß nur durch Besteuerung der Durchfuhr
+der finanzielle Ertrag des Grenzzollsystems gesichert werden könne. Gab
+man den Transit völlig frei, so wurde dem Unterschleif Tür und Tor
+geöffnet, ein ungeheurer Schmuggelhandel von Hamburg, Frankfurt, Leipzig
+her geradezu herausgefordert, das ganze Gelingen der Reform in Frage
+gestellt. Die unbillige Höhe der Durchfuhrzölle aber und das zähe
+Festhalten der Regierung an diesen für die deutschen Nachbarlande
+unleidlichen Sätzen erklärt sich nur aus politischen Gründen. Der
+Transitzoll diente dem Berliner Kabinett als ein wirksames
+Unterhandlungsmittel, um die deutschen Kleinstaaten zum Anschluß an die
+preußische Handelspolitik zu bewegen.
+
+Von jenem Traumbilde einer gesamtdeutschen Handelspolitik, das während des
+Wiener Kongresses den preußischen Bevollmächtigten vorgeschwebt hatte, war
+man in Berlin längst zurückgekommen. Die Unmöglichkeit solcher Pläne ergab
+sich nicht bloß aus der Nichtigkeit der Bundesverfassung, sondern auch aus
+den inneren Verhältnissen der Bundesstaaten. Hardenberg(7) wußte, daß der
+Wiener Hof an seinem altväterlichen Provinzialzollsystem nichts ändern
+wollte und seine nichtdeutschen Kronländer einem Bundeszollwesen
+schlechterdings nicht unterordnen konnte. Aber auch das übrige Deutschland
+bewahrte noch viele Trümmer aus der schmählichen kosmopolitischen Epoche
+unserer Vergangenheit. Noch war Hannover von England, Schleswig-Holstein
+von Dänemark abhängig, noch stand Luxemburg in unmittelbarer
+geographischer Verbindung mit dem niederländischen Gesamtstaate. Wie war
+ein gesamtdeutsches Zollwesen denkbar, so lange diese Fremdherrschaft
+währte? Auch die Verfassung mehrerer Bundesstaaten bot unübersteigliche
+Hindernisse. Die preußische Zollreform ruhte auf dem Gedanken des gemeinen
+Rechts. Wer durfte erwarten, daß der mecklenburgische Adel auf seine
+Zollfreiheit, der sächsische auf die mit den ständischen Privilegien fest
+verkettete Generalakzise verzichten würde, so lange die ständische
+Oligarchie in diesen Landen ungestört herrschte? Wie war es möglich, die
+preußischen Zölle, welche die Einheit des Staatshaushalts voraussetzten,
+in Hannover einzuführen, wo noch die Königliche Domänenkasse und die
+ständische Steuerkasse selbständig nebeneinander standen? Das Zollwesen
+hing überdies eng zusammen mit der Besteuerung des inländischen Konsums;
+nur wenn die Kleinstaaten sich entschlossen, das System ihrer indirekten
+Steuern auf preußischen Fuß zu setzen oder doch dem preußischen Muster
+anzunähern, war eine ehrliche Gegenseitigkeit, eine dauernde
+Zollgemeinschaft zwischen ihnen möglich. Und ließ sich solche
+Opferwilligkeit erwarten in jenem Augenblick, da der Rheinbund und das
+Ränkespiel des Wiener Kongresses den selbstsüchtigen Dünkel der Dynastien
+krankhaft aufgeregt und jeder Scham entwöhnt hatten? Selbst jene Staaten,
+denen redlicher Wille nicht fehlte, konnten gar nicht sofort auf die
+harten Zumutungen eingehen, welche Preußen ihnen stellen mußte, um sich
+den Ertrag seiner Zölle zu sichern. Man mußte, so gestand Eichhorn(8)
+späterhin, sich erst orientieren in der veränderten Lage, die
+nationalökonomischen Bedürfnisse des eigenen Landes und die zur Deckung
+der Staatsausgaben notwendigen Opfer überschlagen; bevor man hierüber ins
+Klare gekommen, konnte man sich von einer gemeinsamen Beratung keinen
+Erfolg versprechen, am wenigsten von einer Beratung für ganz Deutschland
+am Bundestag.
+
+Wie die Dinge lagen, mußte Preußen selbständig vorgehen, ohne jede
+schonende Rücksicht für die deutschen Nachbarn. Unter den gemütlichen
+Leuten herrschte die Ansicht vor, Preußen solle die Binnengrenzen gegen
+Deutschland offen halten und allein an den Grenzen gegen das Ausland Zölle
+erheben. Der kindische Vorschlag hätte, ausgeführt, jede Grenzbewachung
+unmöglich gemacht, die finanziellen wie die volkswirtschaftlichen Zwecke
+der Zollreform völlig vereitelt. Selbst eine mildere Besteuerung deutscher
+Produkte war unausführbar. Gerade die deutschen Kleinstaaten mit ihren
+verzwickten, mangelhaft oder gar nicht bewachten Grenzen mußten der
+preußischen Staatskasse als die gefährlichsten Gegner erscheinen.
+Ursprungszeugnisse, von solchen Behörden ausgestellt, boten den genauen
+Rechnern der Berliner Bureaus keine genügende Sicherheit. Jede
+Erleichterung, die an diesen Grenzen eintrat, ermutigte den Unterschleif,
+so lange nicht eine geordnete Zollverwaltung in den kleinen Nachbarstaaten
+bestand. Noch mehr: gewährte Preußen den deutschen Staaten Begünstigungen,
+so griff das Ausland unfehlbar zu Retorsionen(9), und der Staat wurde
+allmählich in ein Differentialzollsystem hineingetrieben, das den
+Absichten seiner Staatsmänner schnurstracks zuwiderlief. Differentialzölle
+erschienen dem Finanzministerium noch weit bedenklicher als Schutzzölle,
+da diese den Verkehr belasteten zugunsten der einheimischen, jene zum
+Vorteil der ausländischen Produzenten.
+
+Es war nicht anders: sollte das neue Zollsystem überhaupt ins Leben
+treten, so mußten alle nichtpreußischen Waren zuvörderst auf gleichem Fuß
+behandelt werden. Allerdings wurden dadurch die deutschen Nachbarn sehr
+hart getroffen. Sie waren gewohnt, einen schwunghaften Schmuggelhandel
+nach Preußen hinüber zu führen; jetzt trat die strenge Grenzbewachung
+dazwischen. Die Zollinien an den Grenzen der neuen Provinzen störten
+vielfach altgewohnten Verkehr. Das Königreich Sachsen litt schwer, als die
+preußischen Zollschranken dicht vor den Toren Leipzigs aufgerichtet
+wurden. Die kleinen rheinischen Lande sahen nahe vor Augen das beginnende
+Erstarken der preußischen Volkswirtschaft; was drüben ein Segen, ward
+hüben zur Last. Begreiflich genug, daß gerade in der unmittelbaren
+Nachbarschaft Preußens die Mißstimmung überhand nahm. Auch die Einrichtung
+der Gewichtszölle war für die deutschen Nachbarstaaten unverhältnismäßig
+lästig, da das Ausland zumeist feinere, Deutschland gröbere Waren in
+Preußen einzuführen pflegte.
+
+Indes, wenn es nicht anging, den Kleinstaaten sofort Begünstigungen zu
+gewähren, so war doch die Zollreform von Haus aus darauf berechnet, die
+deutschen Nachbarn nach und nach in den preußischen Zollverband
+hineinzuziehen. »Die Unmöglichkeit einer Vereinigung für den ganzen Bund
+erkennend, suchte Preußen durch Separatverträge sich diesem Ziele zu
+nähern« — mit diesen kurzen und erschöpfenden Worten hat Eichhorn zehn
+Jahre später den Grundgedanken der preußischen Handelspolitik bezeichnet.
+Die Zerstückelung seines Gebietes zwang den Staat, deutsche Politik zu
+treiben, machte ihm auf die Dauer unmöglich, sich selbst genügsam
+abzuschließen, seine Verwaltung zu ordnen ohne Verständigung mit den
+deutschen Nachbarlanden. Ein großer Teil der thüringischen Besitzungen
+Preußens, 41 Geviertmeilen, mußte vorderhand aus der Zollinie
+ausgeschlossen bleiben. Es war eine unabweisbare Notwendigkeit, die
+Zollschranken mindestens so weit hinauszuschieben, daß das gesamte
+Staatsgebiet gleichmäßig besteuert werden konnte. In dem Zollgesetz selber
+(§ 5) war die Absicht erklärt, durch Handelsverträge den wechselseitigen
+Verkehr zu befördern. Die harte Besteuerung der Durchfuhr gab diesem Winke
+fühlbaren Nachdruck. Noch bestimmter sprach sich Hardenberg über die
+Absicht des Gesetzes aus, schon ehe es in Kraft trat. Als die Fabrikanten
+von Rheidt und anderen rheinischen Plätzen den Staatskanzler um
+Beseitigung der deutschen Binnenzölle baten, gab er die Antwort (3. Juni
+1818): die Vorteile, welche aus der Vereinigung mehrerer deutscher Staaten
+zu einem gemeinschaftlichen Fabrik- und Handelssystem hervorgehen können,
+seien der Regierung nicht unbekannt; mit steter Rücksicht hierauf sei der
+Plan des Königs zur Reife gediehen. »Es liegt ganz im Geiste dieses
+Planes, ebensowohl auswärtige Beschränkungen des Handels zu erwidern, als
+Willfährigkeit zu vergelten und nachbarliches Anschließen an ein
+gemeinsames Interesse zu befördern«. Ebenso erklärte er den Elberfeldern:
+die preußischen Zollinien sollten dazu dienen, »eine allgemeine Ausdehnung
+oder sonstige Vereinigung vorzubereiten«.
+
+Damit wurde deutlich angekündigt, daß der Staat, der seit langem das
+Schwert des alten Kaisertums führte, jetzt auch die handelspolitischen
+Reformgedanken der Reichspolitik des sechzehnten Jahrhunderts wieder
+aufnahm und bereit war, der Nation nach und nach die Einheit des
+wirtschaftlichen Lebens zu schaffen, welche ihr im ganzen Verlaufe ihrer
+Geschichte immer gefehlt hatte. Er dachte dies Ziel, das sich nicht mit
+einem Sprunge erjagen ließ, schrittweis, in bedachtsamer Annäherung, durch
+Verträge von Staat zu Staat zu erreichen. Mars und Merkur sind die
+Gestirne, welche in diesem Jahrhundert der Arbeit das Geschick der Staaten
+vornehmlich bestimmen. _Das Heerwesen und die Handelspolitik der
+Hohenzollern bildeten fortan die beiden Rechtstitel, auf denen Preußens
+Führerstellung in Deutschland ruhte._ Und diese Handelspolitik war
+ausschließlich das Werk der Krone und ihres Beamtentums. Sie begegnete,
+auch als ihre letzten Ziele sich späterhin völlig enthüllten, regelmäßig
+dem verblendeten Widerstande der Nation. Im Zeitalter der Reformation war
+die wirtschaftliche Einigung unseres Vaterlandes an dem Widerstande der
+Reichsstädte gescheitert; im 19. Jahrhundert ward sie recht eigentlich
+gegen den Willen der Mehrzahl der Deutschen von neuem begonnen und
+vollendet.
+
+Im Kampfe gegen das preußische Zollgesetz hielten alle deutschen Parteien
+zusammen, Kotzebues Wochenblatt so gut wie Ludens Nemesis. Vergeblich
+widerlegte J. G. Hoffmann(10) in der Preußischen Staatszeitung mit
+überlegener Sachkenntnis das fast durchweg wertlose nationalökonomische
+Gerede der Presse. Dieselben Schutzzöllner, die um Hilfe riefen für die
+deutsche Industrie, schalten zugleich über die unerschwinglichen Sätze des
+preußischen Tarifs, der doch jenen Schutz gewährte. Dieselben Liberalen,
+die den Bundestag als einen völlig unbrauchbaren Körper verspotteten,
+forderten von dieser Behörde eine schöpferische handelspolitische Tat.
+Wenn Hoffmann nachwies, daß das neue Gesetz eine Wohltat für Deutschland
+sei, so erwiderten Pölitz, Krug und andere sächsische Publizisten, kein
+Staat habe das Recht, seinen Nachbarn Wohltaten aufzudrängen. Alberne
+Jagdgeschichten wurden mit der höchsten Bestimmtheit wiederholt und von
+der Unwissenheit der Leser begierig geglaubt. Da hatte ein armer Höker aus
+dem Reußischen, als er seinen Schubkarren voll Gemüse zum Leipziger
+Wochenmarkt fuhr, einen Taler Durchfuhrzoll an die preußische Maut zahlen
+müssen — nur schade, daß Preußen von solchen Waren gar keinen Zoll erhob.
+Auch die Sentimentalität ward gegen Preußen ins Feld geführt; sie findet
+sich ja bei den Deutschen immer ein, wenn ihnen die Gedanken ausgehen. Da
+war gleich am ersten Tage, als das unselige Gesetz in Kraft trat, ein
+Zollbeamter zu Langensalza von einem gothaischen Patrioten im Rausche
+heiligen Zornes erstochen worden; der Mann hatte sich aber selbst
+entleibt. Da hieß es wehmütig, König Friedrich Wilhelm hege wohl
+menschenfreundliche Absichten, aber »finanzielle Rücksichten vergiften die
+besten Maßregeln«; für die harte Notwendigkeit dieser finanziellen
+Rücksichten hatte man kein Auge. Die ersehnte Einheit des deutschen
+Marktes — darüber bestand unter den liberalen Patrioten kein Streit —
+konnte nur gelingen, wenn die bereits vollzogene Einigung der Hälfte
+Deutschlands wieder zerstört wurde.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert.
+II, 211 ff. — Die Anmerkungen sind vom Herausgeber beigefügt.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+ 1 Geb. 23. August 1769, gest. 2. November 1834.
+
+ 2 Adam Smith, geb. 1723, gest. 1790, ist als der Begründer der neueren
+ Nationalökonomie zu betrachten; er vertrat die Lehre, daß es in
+ wirtschaftlichen Dingen Aufgabe des Staates sei, das freie Spiel der
+ wirtschaftlichen Kräfte durch Beseitigung entgegenstehender
+ Hemmnisse zu fördern.
+
+ 3 Geb. 11. März 1770, gest. am 15. September 1830 an den schweren
+ Verletzungen, die er sich bei Eröffnung der zwischen Liverpool und
+ Manchester erbauten Eisenbahn dadurch zuzog, daß er beim Einsteigen
+ unter die Räder fiel. Im Ministerium Canning war er Staatssekretär
+ für die Kolonien.
+
+ 4 Die Navigationsakte vom 9. Oktober 1651 gestattete die Einfuhr von
+ Waren aus Afrika, Asien und Amerika nur unter englischer Flagge, die
+ Einfuhr von europäischen Waren nur durch englische Schiffe oder
+ Schiffe des erzeugenden Landes. Damit wurde der holländische
+ Zwischenhandel ausgeschaltet. Erst 1849 wurde die Akte aufgehoben.
+
+ 5 Edmund Burke, geb. 1729, gest. 9. Juli 1797, hervorragender
+ englischer Politiker und Staatsmann.
+
+ 6 Adam Smith war von 1751 ab eine Reihe von Jahren als Professor der
+ Logik und der Moral an der Universität zu Glasgow tätig.
+
+ 7 Karl August, Fürst von Hardenberg, geb. 31. Mai 1750, gest. 26. Nov.
+ 1822, seit Juni 1810 bis an seinen Tod preußischer Staatskanzler.
+
+ 8 Joh. Albrecht Friedrich Eichhorn, geb. 2. März 1779, gest. 16.
+ Januar 1856, war als Direktor der zweiten Abteilung des Ministeriums
+ des Äußeren besonders für die Entwicklung des Zollvereins tätig. Von
+ 1840–48 kämpfte er als Kultusminister für die Erhaltung der
+ kirchlichen Rechtgläubigkeit gegen die freiheitlichen Bestrebungen
+ der Lichtfreunde.
+
+ 9 Zwangsmaßregeln.
+
+ 10 Joh. Gottfr. Hoffmann, geb. 19. Juli 1765, gest. 12. November 1847,
+ hervorragender Nationalökonom und Begründer der wissenschaftlichen
+ Statistik.
+
+
+
+
+2. Der Kampf gegen das preußische Zollgesetz und der erste preußische
+Zollvertrag.
+
+
+Alles historische Werden entspringt der beständigen Wechselwirkung
+zwischen dem bewußten Menschenwillen und den gegebenen Zuständen. Wie die
+Vernunft, die in den Dingen liegt, nur durch die Willenskraft eines
+großen, die Zeichen der Zeit verstehenden Mannes verwirklicht werden kann,
+so finden auch die Sünden und Irrtümer der Politiker ihre Schranke an dem
+Charakter der Staaten, an der Macht der Ideen, die sich im Verlauf der
+Geschichte angesammelt haben. Schwer hatte die Krone Preußen gefehlt, als
+sie in Karlsbad(11) sich den lebendigen Kräften des jungen Jahrhunderts
+entgegenstemmte; und doch war dieser Staat modern von Grund aus, er konnte
+sich der neuen Zeit nicht gänzlich entfremden und begann eben jetzt eine
+Reform seines Haushalts, welche ihn befähigte, in seiner wirtschaftlichen
+Entwicklung alle anderen deutschen Staaten zu überflügeln. Nachgiebig bis
+zur Selbstvergessenheit war Hardenberg in Teplitz(12) allen Wünschen
+Österreichs entgegengekommen, der Glaube an die unbedingte
+Interessengemeinschaft der beiden Großmächte beherrschte ihn ganz und gar;
+und doch war der Gegensatz der beiden Mächte in einer alten Geschichte
+begründet und, so lange die Machtfrage der deutschen Zukunft ungelöst
+blieb, durch menschlichen Willen nicht mehr beizulegen. Fast in dem
+nämlichen Augenblicke, da der Berliner Hof sich gänzlich der Führung
+Österreichs zu überlassen schien, tat er wieder einen Schritt vorwärts auf
+den Bahnen der friderizianischen Politik und begann die deutschen
+Nachbarlande in seine Zollgemeinschaft aufzunehmen. Es war ein winziger,
+nach dem Maße der Gegenwart fast lächerlicher Erfolg, aber der
+unscheinbare Beginn einer Staatskunst, welche die deutschen Staaten durch
+das Band wirtschaftlicher Interessen unlösbar an Preußen ketten und die
+Befreiung von Österreich vorbereiten sollte.
+
+Seit das preußische Zollgesetz in Kraft gesetzt und den kleinen Nachbarn
+zunächst nur durch seine Härten fühlbar wurde, erhob sich überall mit
+erneuter Stärke der Ruf nach Aufhebung aller Binnenmauten, und es begann
+eine leidenschaftliche Agitation für die deutsche Handelseinheit, der
+Vorläufer und das Vorbild der späteren Kämpfe um die politische Einheit.
+Die ganze Nation schien einig in einem großen Gedanken; gleichwohl gingen
+die Ansichten über die Mittel und Wege nach allen Richtungen auseinander,
+und das einzige, was retten konnte, der Anschluß an die schon vorhandene
+Einheit des preußischen Marktgebietes, ward in unseliger Verblendung so
+lange verschmäht, bis schließlich nur die bittere Not das Unvermeidliche
+erzwang.
+
+Gleich nach dem Frieden begann eine regelmäßige Einwanderung in das
+verarmte Preußen einzuströmen, etwa halb so stark als der Überschuß der
+Geburten; sie bestand überwiegend aus jungen Leuten der deutschen
+Nachbarschaft, die in dem Lande der sozialen Freiheit ihr Glück suchten.
+Als nunmehr die Binnenzölle in der Monarchie hinwegfielen, da ließen sich
+die Vorteile, welche der preußische Geschäftsmann aus seinem ausgedehnten
+freien Markt zog, zumal an den Grenzplätzen bald mit Händen greifen: so
+siedelte ein Teil der Bingener Weinhändler auf das preußische Ufer der
+Nahe über, da die Preise in Preußen oft dreimal höher standen als auf dem
+überfüllten hessischen Markte. Das Beamtentum der kleinen Höfe war noch
+gewöhnt an das Zunftwesen, an die Erschwerung der Niederlassung und der
+Heiraten, an die tausend Quälereien einer kleinlichen sozialen
+Gesetzgebung; von der Überlegenheit der preußischen Handelspolitik ahnte
+man hier noch gar nichts. Manchem wohlmeinenden Beamten in Sachsen und
+Thüringen erschienen die preußischen Steuergesetze als eine überflüssige
+fiskalische Härte, weil sein eigener Staat für das Heerwesen nur Geringes
+leistete, also mit bescheidenen Einnahmen auskommen konnte. So entstand
+unter dem Schutze der kleinen Höfe an den preußischen Binnengrenzen ein
+Krieg aller gegen alle, ein heilloser Zustand, von dem wir heute kaum noch
+eine Vorstellung haben. Das Volk verwilderte durch das schlechte Handwerk
+des Schwärzens. In die zollfreien Packhöfe, welche überall dem preußischen
+Gebiete nahe lagen, traten alltäglich handfeste braune Gesellen, die
+Jacken auf Rücken und Schultern ganz glatt gescheuert, manch einem schaute
+das Messer aus dem Gürtel; dann packten sie die schweren Warenballen auf,
+ein landesfürstlicher Mautwächter gab ihnen das Geleite bis zur Grenze und
+ein Helf Gott mit auf den bösen Weg. Der kleine Mann hörte sich nicht satt
+an den wilden Abenteuern verwegener Schmuggler, die das heutige Geschlecht
+nur noch aus altmodischen Romanen und Jugendschriften kennt. Also gewöhnte
+sich unser treues Volk die Gesetze zu mißachten. Jener wüste Radikalismus,
+der allmählich in den Kleinstaaten überhand nahm, ward von den kleinen
+Höfen selber gepflegt: durch die Sünden der Demagogenjagd wie durch die
+Frivolität dieser Handelspolitik.
+
+Als die Urheber solchen Unheils galten allgemein nicht die Kleinstaaten,
+die den Schmuggel begünstigten, sondern Preußen, das ihn ernsthaft
+verfolgte; nicht jene Höfe, die an ihren unsauberen fiskalischen Kniffen,
+ihren veralteten unbrauchbaren Zollordnungen träge festhielten, sondern
+Preußen, das sein Steuersystem neu gestaltet und gemildert hatte. Unfähig,
+die Lebensbedingungen eines großen Staates zu verstehen, stellten die
+kleinen Höfe alles Ernstes die Forderung, Preußen müsse jene reiflich
+erwogene, in alle Zweige des Gemeinwesens tief einschneidende Reform
+sofort wieder rückgängig machen, noch bevor sie die Probe der Erfahrung
+bestanden hatte — und halb Deutschland stimmte dem törichten Ansinnen zu.
+
+Außerhalb der preußischen Beamtenkreise wagten in diesen ersten Jahren nur
+zwei namhafte Schriftsteller das Werk Maaßens unbedingt zu verteidigen.
+Der unermüdliche Benzenberg(13) bewährte in seinem Buche »über Preußens
+Geldhaushalt und neues Steuersystem« wieder einmal seinen praktischen
+Takt. Im Verkehr mit Hardenberg hatte er gelernt, den Staatshaushalt von
+oben, vom Standpunkt der Regierenden zu betrachten. Er wußte, daß jede
+ernsthafte Kritik eines Steuersystems beginnen muß mit der Frage: welche
+Ausgaben dem Staate unerläßlich seien? — einer Frage, die von den meisten
+Publizisten jener Zeit gar nicht berührt wurde. So gelingt ihm
+nachzuweisen, daß Preußen seiner Zolleinkünfte nicht entbehren könne. Er
+scheut sich nicht, das Wehrgesetz und die neuen Steuergesetze als die
+größten Wohltaten der jüngsten Epoche Friedrich Wilhelms III. zu loben; er
+verlangt, daß man sie gegen jeden Widerstand aufrecht halte, fordert die
+Nachbarstaaten auf, der Einladung des Königs zu folgen und mit Preußen
+wegen gegenseitiger Aufhebung der Zölle zu verhandeln. Dem Traumgebilde
+der Bundeszölle geht er hart zu Leibe. Er richtet an F. List(14) (August
+1819) einen offenen Brief und fragt, wie denn der Bundestag, »der keine
+Art von Legislation hat«, eine solche Reform schaffen oder gar die
+Zollverwaltung leiten solle? und sei denn die Aufhebung der Binnenmauten
+möglich ohne gleichmäßige Besteuerung des inneren Konsums? Die Stimme des
+nüchternen Mannes verhallte in dem allgemeinen Toben; war er doch längst
+schon den Liberalen verdächtig, weil er ein offenes Auge für die Eigenart
+des preußischen Staates besaß.
+
+Auch einer der tüchtigsten Kaufleute Deutschlands, E. W. Arnoldi in
+Gotha(15), begrüßte das preußische Zollgesetz schon im Januar 1819 als den
+ersten Keim eines Vereins aller deutschen Staaten. Nur herzhaft
+eingeschlagen in die dargebotene Hand: — so sprach er sich im Allgemeinen
+Anzeiger aus — Preußen stellt ja den Grundsatz der Gegenseitigkeit an die
+Spitze seines Gesetzes und erklärt sich bereit zu Verträgen mit den
+Nachbarn. Der treffliche Mann hatte einst in Hamburg noch zu den Füßen des
+alten Büsch(16) gesessen und sich dort eine freie Ansicht vom Welthandel
+gebildet, welche der binnenländischen Kleinlebigkeit der Mehrzahl seiner
+Standesgenossen noch ganz fremd war. Ihn wurmte die kindliche Unmündigkeit
+dieser Geschäftswelt, die so gar nichts tat, um sich das Joch einer
+widersinnigen Handelsgesetzgebung vom Nacken zu schütteln. Schon seit
+Jahren trug er sich mit dem Gedanken eines Bundes der deutschen
+Fabrikanten zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen. Dann stiftete er
+in seiner Vaterstadt unter dem Namen Innungshalle eine Handelskammer und
+eine rasch aufblühende Handelsschule. Endlich fand er ein weites Gebiet
+fruchtbarer Tätigkeit in dem Versicherungswesen, das noch ganz in der
+Botmäßigkeit des Auslandes stand. Fast an allen größeren deutschen Plätzen
+unterhielt der mächtige Londoner Phönix seine Agenturen und beutete die
+Deutschen durch unbillige Prämien aus, da die kleinen heimischen
+Versicherungsgesellschaften, die in einzelnen Städten des Nordens
+bestanden, ihre Wirksamkeit auf die Vaterstadt beschränkten. Da wendete
+sich Arnoldi (1819) an die Nation mit der Frage, wie lange sie noch ihr
+Geld in die englische Sparbüchse legen wolle, und entwarf den Plan für
+eine deutsche, das gesamte Vaterland umfassende, auf Gegenseitigkeit
+beruhende Feuerversicherungsbank. Zwei Jahre darauf trat diese Anstalt zu
+Gotha ins Leben, der erste Anfang der großartigen Entwicklung unseres
+nationalen Versicherungswesens. Der allgemeine Haß gegen Englands
+Handelsherrschaft kam dem kühnen Unternehmer zustatten. Überall im
+Binnenlande schalt man auf England und die Hansestädte, die den
+Süddeutschen nur als englische Kontore galten; der wieder erwachende
+Napoleonskultus und die französischen Sympathien der Liberalen des Südens
+wurden durch solche erregte Stimmungen gefördert. Über die Waffen
+freilich, welche den deutschen Gewerbefleiß vor einer erdrückenden
+ausländischen Mitwerbung sichern konnten, hatten die wenigsten auch nur
+nachgedacht. Nur soviel schien allen unzweifelhaft, daß sämtliche neu
+eingeführte Zölle sofort wieder aufgehoben und die im Artikel 19 der
+Bundesakte verheißene Verkehrsfreiheit durch den Bundestag angeordnet
+werden müsse.
+
+Selbst jener hochherzige, geistvolle Agitator, der mit dem ganzen Ungestüm
+seiner Tatkraft gegen die Binnenmauten auftrat, auch Friedrich List,
+teilte den allgemeinen Irrtum. Wie Görres(17) einst im Rheinischen Merkur
+die Idee der politischen Macht und Einheit des Vaterlandes vertrat, so
+verfocht List die Idee der handelspolitischen Einheit — eine verwandte
+Natur, feurig, hochbegeistert, ein Meister der bewegten Rede, voll tiefer
+und echter Leidenschaft, leicht hingerissen zu phantastischen Verirrungen.
+Ein echter Reichsstädter, war er im freiheitsstolzen Reutlingen
+aufgewachsen, unter ewigen Händeln mit den württembergischen Schreibern;
+er zählte zu jenen geborenen Kämpfern, denen das Schicksal immer neuen
+Hader sendet, auch wenn sie den Streit nicht suchen. Seine Mutter, seinen
+einzigen Bruder sah er plötzlich sterben infolge der Roheit brutaler
+Beamten; und als er dann selber einige Jahre in der geisttötenden
+Scheintätigkeit der württembergischen Schreibstuben verbracht hatte, da
+ward sein Haß gegen die Herrschaft des rheinbündischen Beamtentums
+grenzenlos, und er setzte sich zum Ziele seines Lebens, den Bürger und
+Bauersmann zur Selbsttätigkeit zu erwecken, ihn aufzuklären über seine
+nächsten Interessen, die Volkswirtschaftslehre von den Formeln des
+Katheders zu befreien und sie die Sprache des Volkes reden zu lassen.
+Schon durch die Geburt ein Deutscher schlechtweg, gleich dem Reichsritter
+Stein, ging er mit seinen kühnen Entwürfen sogleich über die Grenzen der
+schwäbischen Heimat hinaus, so daß er den verschwiegerten und
+verschwägerten Württembergern bald als ein wildfremder Störenfried
+verdächtig wurde: eine neue Zeit handelspolitischer Größe, dauerhafter als
+einst die Herrlichkeit der Hansa, sollte dem deutschen Vaterlande tagen.
+Eine seltene Kunst, die Massen zu befeuern und zu erregen, stand ihm zu
+Gebote, ein agitatorisches Talent, dessengleichen unsere an großen
+Demagogen so arme Geschichte seither nur noch zweimal, in Robert Blum(18)
+und Lassalle(19) gesehen hat. Im April 1819 stiftete List mit mehreren
+Industriellen der Kleinstaaten, Miller aus Immenstadt, Schnell aus
+Nürnberg, E. Weber aus Gera den Verein deutscher Kaufleute und
+Fabrikanten, dem sich bald die Mehrzahl der großen Firmen in Süd- und
+Mitteldeutschland anschloß, und legte rasch entschlossen seine Tübinger
+Professur nieder, da die württembergische Regierung das Amt eines
+Konsulenten des Handelsvereins als unverträglich mit der Beamtenwürde
+betrachtete.
+
+Der neue Handelsverein richtete sogleich an den Bundestag eine Bittschrift
+um Ausführung des Artikels 19, Beseitigung aller Binnenmauten und Erlaß
+eines deutschen Zollgesetzes, das den Zöllen des Auslandes mit strengen
+Retorsionen begegnen sollte, bis sich ganz Europa über allgemeine
+Handelsfreiheit verständigt hätte — denn noch bekannte sich List, gleich
+den meisten Süddeutschen jener Zeit, im Grundsatz zu den Lehren des
+Freihandels. In Frankfurt abgewiesen, bestürmte List sodann die Höfe, die
+Geschäftsmänner und wen nicht sonst mit seinen Gesuchen, geißelte in
+seiner Zeitschrift dem »Organ des deutschen Handels- und Gewerbestandes«,
+unermüdlich und unerbittlich die Gebrechen deutscher Handelspolitik. Also
+hat er in rastloser Arbeit mehr als irgendeiner der Zeitgenossen dazu
+beigetragen, daß die Überzeugung von der Unhaltbarkeit des Bestehenden
+tief in die Nation drang. Große verwegene Träume, die erst das lebende
+Geschlecht in Erfüllung gehen sieht, regten sich in seinem stürmischen
+Kopfe: er dachte an eine gemeinsame Gewerbegesetzgebung, an ein deutsches
+Postwesen, an nationale Industrieausstellungen, er hoffte die romantischen
+Kaiserträume des jungen Geschlechts durch die Arbeit der praktischen
+nationalen Politik zu verdrängen und sah die Zeit voraus, da eine freie
+Verfassung, ein deutsches Parlament aus der Handelseinheit hervorgehen
+würde. Als der Schöpfer des Zollvereins, wie er selber im Übermaß seines
+Selbstgefühls sich genannt hat, kann List gleichwohl keinem Unbefangenen
+gelten.
+
+Ein klares Programm, einen bestimmten, durchgebildeten politischen
+Gedanken aufzustellen und festzuhalten, lag überhaupt nicht in der Weise
+der Patrioten jener Zeit. Nur im Innern der süddeutschen Mittelstaaten
+begann die konstitutionelle Bewegung bereits feste, deutlich
+ausgesprochene Parteimeinungen hervorzurufen. Wer über den deutschen
+Gesamtstaat schrieb, begnügte sich noch immer, der elenden Gegenwart ein
+leuchtendes Idealbild gegenüberzuhalten und dann im raschen Wechsel
+Einfälle und Winke für den praktischen Staatsmann hinzuwerfen. Wie Görres
+im Rheinischen Merkur ein ganzes Geschwader deutscher Verfassungspläne
+harmlos veröffentlichte, so eilte auch List in jähen Sprüngen von einem
+Plane zum andern über. Bald will er die deutschen Bundesmauten an eine
+Aktiengesellschaft verpachten; bald soll Deutschland sich anschließen an
+das österreichische Prohibitivsystem; dann überfällt ihn wieder die
+Ahnung, ob nicht Preußen den Weg zur Einheit zeigen werde. In seiner
+Eingabe an den Bundestag gestand er: »Man wird unwillkürlich auf den
+Gedanken geleitet, die liberale preußische Regierung, die der Lage ihrer
+Länder nach vollkommene Handelsfreiheit vor allen andern wünschen muß,
+hege die große Absicht, durch dieses Zollsystem die übrigen Staaten
+Deutschlands zu veranlassen, endlich wegen einer völligen Handelsfreiheit
+sich zu vergleichen. Diese Vermutung wird fast zur Gewißheit, wenn man die
+Erklärung der preußischen Regierung berücksichtigt, daß sie sich geneigt
+finden lasse, mit Nachbarstaaten besondere Handelsverträge zu schließen«.
+Leider vermochte der Leidenschaftliche nicht an dieser einfach richtigen
+Erkenntnis festzuhalten. Er war ein Gegner der preußischen Handelspolitik,
+soweit aus seinem unsteten Treiben überhaupt eine vorherrschende Ansicht
+erkennbar wird; denn nach allen Abschweifungen lenkte er immer wieder auf
+jenen Weg zurück, welchen Preußen längst als unmöglich erkannt hatte, auf
+die Idee der Bundeszölle. Von den preußischen Zuständen besaß List nur
+sehr mangelhafte Kenntnis; sein Verein ward durch die Hoffnung auf baldige
+Wiederaufhebung des preußischen Zollgesetzes zusammengehalten und besaß
+Korrespondenten in allen größeren deutschen Staaten, aber, bezeichnend
+genug, keinen in Preußen.
+
+Nur der Zauber, der an dem Namen Deutschland haftete, erklärt das Rätsel,
+daß so viele wackere und einsichtige Männer noch immer auf eine
+Handelspolitik des Deutschen Bundes hoffen konnten. Seinerseits hatte der
+Bundestag alles getan, um die Schwärmer zu enttäuschen. Die
+Berichterstattung über Lists Bittschrift wurde dem Hannoveraner
+Martens(20) übertragen, der gleich den meisten dieser »deutschen
+Großbritannier« die englische Handelsherrschaft auf deutschem Boden
+hocherfreulich fand. Mit dem ganzen Feuereifer polizeilicher Seelenangst
+fragte er zunächst, woher dieser Verein das Recht nehme, sich zum
+Vertreter des deutschen Handelsstandes aufzuwerfen, und überließ es den
+hohen Regierungen, auf ihre beteiligten Untertanen ein wachsames Auge zu
+richten. Zur Sache selbst brachte er nicht viel mehr vor als eine
+drastische Schilderung der ungeheueren Schwierigkeiten, welche sich, seit
+die deutschen Staaten souverän geworden, der Handelseinheit
+entgegenstellten (24. Mai). Einige Bundesgesandte wünschten mindestens die
+Einsetzung einer Kommission; aber dann hätten ja die Bittsteller wähnen
+können, dieser Schritt sei auf ihre Veranlassung geschehen! Um einer so
+frevelhaften Mißdeutung vorzubeugen, beschloß die Bundesversammlung nur,
+daß man sich späterhin einmal mit dem Artikel 19 beschäftigen wolle.
+Einige Wochen nachher (22. Juli) erinnerten die Ernestinischen Höfe den
+Bundestag nochmals an den unglücklichen Artikel; Lists Freund, E. Weber,
+und die Fabrikanten des Thüringer Waldes ließen ihnen keine Ruhe. Diesmal
+ergingen sich Baden, Württemberg, beide Hessen und die Ernestiner in
+wohlgemeinten, aber auch sehr wohlfeilen Reden zum Preise der deutschen
+Verkehrsfreiheit und begeisterten die Versammlung dermaßen, daß sie
+nunmehr wirklich beschloß, nach den Ferien, also 1820, solle eine
+Kommission eingesetzt werden. Das war die Hilfe, welche Deutschlands
+Handel in Frankfurt zu erwarten hatte. Der preußische Gesandte(21) aber
+fand es mit Recht unbegreiflich, daß diese Versammlung sichs zutraue, so
+schwierige Arbeiten auch nur in die Hand zu nehmen.
+
+Trotz solcher Erfahrungen sollten noch viele Jahre vergehen, bis die
+Unausführbarkeit der leeren Versprechungen des Artikels 19 allgemein
+erkannt wurde. Mit großer Hartnäckigkeit hielt namentlich die badische
+Regierung an dem Traumbilde des Bundeszollwesens fest; ihr
+langgestrecktes, auf die Durchfuhr angewiesenes Land litt unter dem Jammer
+der Binnenmauten besonders schwer, und nicht ohne Besorgnis betrachtete
+Minister Berstett(22) die wachsende Erbitterung im Volke. Der beschränkte
+Mann hoffte durch wirtschaftliches Gedeihen die Nation mit ihrer
+schimpflichen Zersplitterung zu versöhnen, ihr »einen materiellen Ersatz
+für den Verlust mancher chimärischen, aber liebgewordenen Ideen« zu geben.
+Darum empfahl er auf den Karlsbader Konferenzen in einer langen
+Denkschrift (15. August) die Einführung eines Bundes- Douanensystems, das
+für 30 Millionen Menschen freien Verkehr schaffen müsse; über die große
+Frage, wie es möglich sein sollte, Hannover, Holstein, Luxemburg, Deutsch-
+Österreich einem nationalen Zollwesen einzufügen, ging das überaus
+unklare, widerspruchsvolle Schriftstück schweigend hinweg. Metternich(23)
+wurde durch diesen Antrag, welchem Österreich sich schlechterdings nicht
+fügen konnte, unangenehm überrascht und versuchte sogar, die Kompetenz des
+Bundes in Zweifel zu ziehen. »Der Handel — so behauptete er —, seine
+Ausdehnung wie seine Beschränkung gehört zu den ersten Befugnissen der
+Souveränität«. Zur Mißhandlung der Universitäten, von denen die Bundesakte
+kein Wort sagte, war der Bund nach der k. k. Doktrin unzweifelhaft befugt;
+aber die Verkehrsfreiheit, welche der Bundesvertrag ausdrücklich in
+Aussicht stellte, verstieß gegen die Souveränität der Bundesstaaten.
+Drastischer konnte das Verhältnis der Hofburg zu den Lebensfragen der
+deutschen Nation unmöglich bezeichnet werden. Auf das wiederholte
+Andrängen Badens und Württembergs erklärte sich der österreichische
+Staatsmann zuletzt doch bereit, die Zollfrage auf die Tagesordnung der
+bevorstehenden Wiener Konferenzen zu setzen. Er wußte wohl, was von
+solchen Beratungen zu erwarten sei.
+
+Unterdessen hatte auch der beste Kopf unter den badischen Finanzmännern,
+Nebenius(24), seine Gedanken über die Bedingungen der deutschen
+Verkehrsfreiheit in einer geistvollen Denkschrift niedergelegt, einer
+Privatarbeit, welche zwar niemals, auch nicht mittelbar, auf die
+Entwicklung des Zollvereins irgendeinen Einfluß ausgeübt hat, aber durch
+Klarheit und Bestimmtheit alles übertraf, was damals von Privatleuten über
+deutsche Handelspolitik geschrieben wurde. Der gelehrte Verfasser der
+badischen Konstitution errang sich schon in jenen Jahren durch seine
+Schrift über die englische Staatswirtschaft ein wissenschaftliches
+Ansehen, das späterhin, seit dem Erscheinen seines Werkes »der öffentliche
+Kredit« noch höher stieg; dies klassische Buch kann niemals ganz veralten,
+es wird, wie Ricardos(25) Werke, dem angehenden Nationalökonomen immer
+unschätzbar bleiben als eine Schule strengen methodischen Denkens. Auch
+seine um Neujahr 1819 verfaßte handelspolitische Denkschrift verrät
+überall den sicheren Blick des gewiegten Kenners. Sie wurde im April 1819
+vertraulich den badischen Landtagsmitgliedern mitgeteilt und dann im
+Winter den Wiener Konferenzen durch Berstett als ein beachtenswertes
+Privatgutachten überreicht. Maaßen freilich, Klewiz(26) und die anderen
+Urheber des preußischen Zollgesetzes konnten aus den Ratschlägen des
+badischen Staatsmannes nichts lernen. Für sie war das Richtige in seiner
+Denkschrift nicht neu, das Neue nicht richtig.
+
+Die Denkschrift tritt, in den behutsam schonenden Formen, welche Nebenius
+liebte, entschieden gegen das preußische Zollgesetz auf. Sie hebt die
+Übelstände dieses Systems scharf heraus, ohne die Lichtseiten zu erwähnen.
+Sie stellt den Satz hin: »kein deutscher Staat, Österreich ausgenommen,
+vermag sein Gebiet gegen überwiegende fremde Konkurrenz wirksam zu
+schützen« — eine Behauptung, welche Preußens Staatsmänner soeben durch die
+Tat zu widerlegen begannen. Die Urheber des Gesetzes vom 26. Mai gingen
+aus von den Bedürfnissen des preußischen Staatshaushalts, Nebenius hebt an
+mit der Betrachtung der Leiden des deutschen Verkehrs. Darum steht jenen
+die finanzielle, diesem der staatswirtschaftliche Gesichtspunkt obenan.
+Darum wollen jene die allmähliche Erweiterung des preußischen Zollwesens
+unter den Bedingungen, welche das Interesse der preußischen Finanzen
+vorschreibt. Nebenius hingegen fordert, ganz im Sinne der
+Durchschnittsmeinung der Zeit, ein System deutscher Bundeszölle, eine vom
+Bundestage abhängige Zollverwaltung. Er will mithin genau das Gegenteil
+der Politik, welche den wirklichen Zollverein geschaffen hat; der erste
+Schritt auf dem von Nebenius vorgeschlagenen Wege mußte offenbar zur
+Aufhebung des preußischen Zollgesetzes führen, also gerade die Grundlage
+des späteren Zollvereins vernichten. Der handelspolitische Kampf jener
+Jahre bewegte sich um die eine Frage: soll das preußische Zollgesetz
+aufrecht bleiben oder nicht? Und in diesem Streite stand Nebenius auf der
+Seite der Irrenden. Will man eine Denkschrift, welche also den leitenden
+politischen Gedanken der preußischen Handelspolitik bekämpft, als den
+bahnbrechenden Vorläufer des Zollvereins preisen, so muß man, kraft
+derselben Logik, auch Großdeutsche und Kleindeutsche für
+Gesinnungsgenossen erklären. Beide Parteien erstrebten bekanntlich die
+deutsche Einheit, nur leider auf entgegengesetzten Wegen.
+
+Der staatsmännische Sinn des geistvollen Badeners steht keineswegs auf
+gleicher Höhe mit seiner volkswirtschaftlichen Einsicht. Er hegt wohl
+Zweifel, ob Österreich dem Zollverein beitreten könne, zu einem sicheren
+Schluß gelangt er dennoch nicht. Noch im Jahre 1835 hat er den Eintritt
+Österreichs für möglich gehalten; dann werde der Zollverein »den schönsten
+aller Märkte bilden«. Die schwerwiegenden politischen Gründe, welche einen
+solchen Gedanken für Preußen unannehmbar machten, sind ihm niemals klar
+geworden. Ebenso wenig will er begreifen, warum Preußen als eine
+europäische Macht die Selbständigkeit seiner Zollverwaltung unbedingt
+aufrecht halten mußte; er verlangte eine in der Hand des Bundes
+zentralisierte Zollverwaltung, die Mautbeamten sollen allein dem Bunde
+vereidigt werden. Auch bei der Erörterung von Nebenfragen vermag er nicht
+immer hinauszublicken über den engen Gesichtskreis seines heimischen
+Kleinstaates. So will er, mit wenigen Ausnahmen, die gesamte Zollerhebung
+allein an den Grenzen stattfinden lassen, weil, nach der Ansicht des
+badischen Beamtentums, diese Einrichtung dem Grenzlande Baden besonderen
+Vorteil bringen sollte. Maaßen dagegen ließ in allen größeren preußischen
+Plätzen Packhöfe und Zollstellen errichten, da ohne solche Erleichterung
+ein schwunghafter Speditionshandel offenbar nicht gedeihen konnte.
+
+Neben diesen Irrtümern der Denkschrift steht freilich eine lange Reihe
+tief durchdachter, praktisch brauchbarer Vorschläge, doch ist kein
+einziger darunter, welchen das preußische Kabinett nicht schon damals
+gekannt und angewendet hätte. Mit großer Klarheit entwickelt Nebenius den
+Satz, daß ohne Zollgemeinschaft die Freiheit des Verkehrs nicht möglich
+sei. Dieser Gedanke, der uns heute trivial und selbstverständlich
+erscheint, war der Diplomatie der Kleinstaaten jener Zeit völlig neu. Den
+Berliner Staatsmännern war er wohlbekannt; denn nur jenen Staaten, die
+sich dem preußischen Zollsystem einfügen wollten, hatte Preußen freien
+Verkehr angeboten. Ebenso tief durchdacht waren die Grundzüge des
+Zolltarifs, welche Nebenius entwarf. Er will mäßige Finanzzölle namentlich
+auf die Gegenstände allgemeinen Gebrauchs, auf die Kolonialwaren legen;
+die dem heimischen Gewerbefleiß notwendigen Rohstoffe gibt er frei, die
+Fabrikwaren schützt er durch Zölle, die ungefähr der üblichen
+Schmuggelprämie entsprechen; feindselige Schritte des Auslandes sollen mit
+Repressalien erwidert werden. Treffliche Gedanken, ohne Frage; aber als
+Nebenius schrieb, war bereits der preußische Tarif veröffentlicht, der
+durchaus auf denselben Grundsätzen beruhte. Selbständiges Nachdenken hatte
+den Süddeutschen genau auf dieselben staatswirtschaftlichen Ideen geführt,
+welche Eichhorn oftmals als den Eckstein des preußischen Systems
+bezeichnete: »Freiheit, Reziprozität, Ausschließung der Prohibition.« War
+es nicht ein seltsames Zeichen der allgemeinen Unklarheit jener Tage, daß
+ein so ungewöhnlicher Geist so dicht heranstreifte an die Ideen des
+preußischen Zollsystems und doch nicht einmal die Frage aufwarf, ob nicht
+der Bau der deutschen Handelseinheit auf dem festen Grunde dieses Systems
+aufgerichtet werden sollte? — Nebenius stellt ferner den Grundsatz auf,
+daß die Verteilung der Zolleinnahmen nach der Kopfzahl der Bevölkerung
+erfolgen solle. Aber als seine Denkschrift in Berlin bekannt wurde, da
+hatte Preußen denselben folgenschweren Gedanken schon in einem
+Staatsvertrage praktisch durchgesetzt. Er erörtert sodann, die
+Zollgemeinschaft sei unmöglich, wenn nicht auch der innere Konsum nach
+gleichen Grundsätzen besteuert werde; bis dies Ziel erreicht sei, müsse
+man sich mit Übergangsabgaben behelfen. Auch diese Einsicht bestand in
+Berlin schon längst; eben weil Eichhorn und Maaßen die weit abweichenden
+Steuersysteme der Nachbarstaaten kannten, wollten sie nicht zu einer
+vorschnellen Einigung die Hand bieten. Sie wußten desgleichen so gut wie
+Nebenius, daß es genüge, einen Zollvertrag für einige Jahre abzuschließen;
+gleich ihm hofften sie zuversichtlich, der unermeßliche Segen der
+Verkehrsfreiheit werde die Wiederaufhebung eines einmal geschlossenen
+Zollvereins verhindern …
+
+Nebenius galt in der Diplomatie allgemein als ein bedeutender Kopf und als
+ein höchst unbequemer Unterhändler. Er zählte zu jenen stillen
+Gelehrtennaturen, die unter schmuckloser Hülle ein sehr reizbares
+Selbstgefühl hegen, den Widerspruch ungern, noch schwerer die Widerlegung
+ertragen. Weit entfernt von der lauten Prahlsucht Friedrich Lists, war er
+doch mitnichten gesonnen, sein Licht hinter den Scheffel zu stellen. Er
+gab wohl zu, kein einzelner Mann könne als Urheber des Zollvereins gelten.
+Doch er rühmte sich, seine Denkschrift habe den Gedanken eines allgemeinen
+Zollverbandes zum ersten Male entwickelt, sie habe, bis auf einen einzigen
+Irrtum, die Verfassung des späteren Zollvereins im voraus richtig
+gezeichnet. Er übersah, daß dieser einzige Irrtum gerade die Lebensfrage
+der deutschen Handelspolitik betraf; er übersah nicht minder, daß der
+beste Teil seiner Denkschrift lediglich als Wunsch aussprach, was Preußen
+durch die Tat schon vollzogen hatte. Ihm gebührt nur das große Verdienst,
+daß er, gleichzeitig mit den preußischen Staatsmännern und unabhängig von
+ihnen, für einige wichtige Fragen deutscher Handelspolitik die rechte
+Lösung erdachte; jedoch die entscheidende Frage: »Bundeszölle oder
+Anschluß an das preußische System?« wurde in Berlin richtig, von Nebenius
+falsch beantwortet …
+
+Eine klare Vorstellung von dem Handelsbunde, der anderthalb Jahrzehnte
+später ins Leben trat, hegte im Jahre 1819 noch niemand. »Die Idee hatte
+sich noch gar nicht entwickelt«, pflegte Eichhorn späterhin zu sagen. Der
+Aufzug des großen Gewebes war bereits ausgespannt. Es bestand das
+preußische Zollsystem, es bestand der ausgesprochene Wille Preußens, dies
+System zu erweitern und den deutschen Nachbarn ohne Kleinsinn reichlichen
+Anteil an den gemeinsamen Zolleinkünften zu gewähren. Noch fehlte der
+Einschlag. Es fehlte der gute Wille der Nachbarstaaten; es fehlte hüben
+wie drüben ein deutlicher Begriff von den losen und lockeren bündischen
+Formen, welche allein einen dauernden Handelsbund zwischen eifersüchtigen
+souveränen Staaten — dies noch niemals gewagte Unternehmen — ermöglichen
+konnten. Jenen guten Willen hat nachher die Not gezeitigt. Diese
+Verfassungsformen des Zollvereins sind nicht von Nebenius, noch von
+irgendeinem Denker im voraus ersonnen worden, da die Theorie solche
+Aufgaben niemals lösen kann; sie sind gefunden worden auf den Wegen
+praktischer Politik, durch Verhandlungen und gegenseitige Zugeständnisse
+zwischen den deutschen Staaten. Der badische Denker schrieb als ein
+unverantwortlicher Privatmann, er durfte kühn sofort die Einheit des
+ganzen Vaterlandes ins Auge fassen. Er hat an diesem Ideale unverbrüchlich
+festgehalten, und weil er so hohen Flug nahm, verfiel er auf den
+unmöglichen Plan der Bundeszölle. Preußens Staatsmänner hatten ein
+köstliches Gut zu hüten: die schwer errungene und noch immer hart bedrohte
+handelspolitische Einheit ihres Staates. Sie mußten sich von den
+Schwärmern bald des zaghaften Kleinsinns, bald des selbstzufriedenen
+Dünkels zeihen lassen, und indem sie bedachtsam auf dem Bestehenden
+fortbauten, erreichten sie das hohe Ziel. —
+
+Zur rechten Stunde fanden die Urheber des preußischen Zollgesetzes einen
+mächtigen diplomatischen Bundesgenossen an dem neuen Referenten für die
+deutschen Angelegenheiten, J. A. F. Eichhorn, den sein Chef Graf
+Bernstorff auf dem Gebiete der Handelspolitik völlig frei schalten ließ.
+Unter den Helden der Arbeit, welche in müden Tagen die großen
+Überlieferungen Preußens mutig aufrecht hielten, in friedlichem Schaffen
+den Grund legten für seine neue Größe, steht Eichhorn in vorderster Reihe.
+Sein ganzer Lebensgang hatte ihn vorbereitet auf die Rolle des friedlichen
+Bändigers der Kleinstaaterei. Im Löwensteinischen Wertheim war er
+aufgewachsen, an der lieblichen Ecke des Maintales und des Taubergrundes,
+so recht im Herzen der verkommenen Staatenwelt des alten Reichs, und sein
+tagelang blieb es ihm unvergeßlich, wie er dort noch den Boten des
+Reichskammergerichts in seiner altfränkischen Tracht die Befehle von
+Kaiser und Reich hatte vollstrecken sehen. Begeistert von den Taten
+Friedrichs, war er dann gen Norden gegangen, um dem Staate seiner Wahl zu
+dienen, und auch an ihm bewährte sich, daß Preußen die wärmste Liebe bei
+jenen Deutschen findet, die sich dies Gefühl erst erarbeitet haben. Er
+mußte in Cleve den Zusammenbruch der preußischen Herrschaft, dann in
+Hannover 1806 die fiskalischen Künste einer kleinlichen Annexionspolitik
+mit ansehen und ward trotz alledem nicht irr an seinem Staate. Dann nahm
+er teil an Schills abenteuerlichem Zuge und trat zu Berlin mit Stein und
+Gneisenau, mit (W. v.) Humboldt, Altenstein(27), Kircheisen(28) in
+vertrauten Verkehr; sie alle ließen den unbekannten jungen Fremdling
+sofort als einen Ebenbürtigen gelten. Ein Schüler Spittlers(29), gründlich
+und vielseitig gebildet, ward er als erster Syndikus der Berliner
+Universität auch persönlich mit der gelehrten Welt näher bekannt; mit
+Schleiermacher(30) verband den tief religiösen Mann eine treue
+Freundschaft, der großen Theologenfamilie der Sack gehörte er durch seine
+Heirat an. Die Zeiten des Befreiungskrieges verlebte er gehobenen Herzens
+erst als Offizier in Blüchers Stabe, dann als Mitglied von Steins
+Zentralverwaltung; hier fand er reiche Gelegenheit, den kleinen deutschen
+Regierungen bis in das Innerste der Seele zu blicken. Unerschüttert trug
+er die Begeisterung jener großen Jahre hinüber in die stille Zeit des
+Friedens.
+
+Als er in seinem vierzigsten Jahre die wichtige Stellung im Auswärtigen
+Amte erhielt, da beseelte ihn die Hoffnung, eine solche Verbindung, wie
+sie einst unter der Zentralverwaltung nur zeitweilig, unfertig, unbeliebt
+bestanden hatte, auf die Dauer zu begründen, die deutschen Staaten durch
+die Bande des Rechts, des Vertrauens, des Interesses für immer an die
+Krone Preußen anzuschließen. Dies galt ihm als die Vollendung, als die
+Läuterung der Träume von 1813. Er erkannte in dem Artikel 19 der
+Bundesakte »die gutgemeinte Absicht der deutschen Fürsten, daß,
+unbeschadet ihrer Souveränität, den deutschen Untertanen die Wohltat eines
+gemeinsamen Vaterlandes gewährt werden müsse«, und er traute seinem
+Preußen die Kraft zu, die dem Bunde fehlte, diese Wohltat eines
+Vaterlandes den Deutschen zu spenden. Neben der schneidigen Kühnheit, die
+man oft an den großen Epochen unserer Geschichte bewundert hat, übersieht
+man leicht jene kalte, zähe, ausdauernde Geduld, welche der preußischen
+Staatskunst in den endlos langweiligen Händeln deutscher Kleinstaaterei
+zur anderen Natur geworden war. Wohl keiner unserer Staatsmänner hat diese
+altpreußische Tugend mit solcher Meisterschaft geübt wie Eichhorn. Da
+watet der geistvolle Mann jahraus jahrein durch den zähen Schlamm
+armseliger Verhandlungen, die schon beim Durchlesen körperlichen Ekel
+erregen. Nichts schwächt ihm die Frische des Geistes; immer bleibt ihm der
+Gedanke gegenwärtig, welch großes Ziel hinter den kleinen Händeln winkt;
+immer wieder rafft sich sein gebrechlicher Körper nach schweren
+Krankheitsanfällen zu rastloser Tätigkeit auf. Überall hat er seine Augen;
+wie der Arzt am Krankenbette überwacht er die Stimmung der kleinen Höfe,
+ihre Bosheit, ihre Selbstsucht, ihre ratlose Torheit. Zuweilen hilft er
+sich mit einem scharfen Witz über die Langeweile hinaus. »Was wohl die
+herzoglich sächsischen Häuser beabsichtigen? — schreibt er einmal — Ja,
+wenn sie es nur selber wüßten!« Und nach allem Jammer, den ihm die
+Kleinfürsten zu kosten geben, bewahrt er ihnen doch Achtung und
+Wohlwollen, kommt bereitwillig, mit bundesfreundlicher Gesinnung, jedem
+billigen Wunsche entgegen. Oftmals schlugen die schmutzigen Wellen der
+Demagogenverfolgung gegen seinen ehrlichen Namen an; er blieb sich selber
+treu, trat tapfer ein für seine verfolgten Freunde und behauptete sich
+doch im Vertrauen des Königs. Dann hat Fürst Metternich viele Jahre
+hindurch alle seine schlechten Künste spielen lassen gegen den verhaßten
+Patrioten, der in Wien als der böse Dämon Preußens galt. Zugleich schmähte
+die liberale Presse auf den Servilen. Er aber trug gelassen Stein auf
+Stein zu dem unscheinbaren Bau deutscher Handelseinheit und duldete
+schweigend die Unbilden der öffentlichen Meinung, denn jeder Versuch einer
+lauten Rechtfertigung wäre sein sicherer Sturz gewesen. Nachher kam doch
+eine Zeit, da mindestens die Höfe sein Verdienst erkannten; sämtliche
+Orden des Deutschen Bundes, nur kein österreichischer, wurden dem
+anspruchslosen Geheimen Rate verliehen, und die Staatsschriften der
+dankbaren Zollverbündeten priesen ihn als »die Seele des preußischen
+Ministeriums«. Die Nation aber erfuhr niemals ganz, was sie ihm schuldete.
+
+Seine Hoffnung war, das preußische Zollsystem durch Verträge mit den
+deutschen Nachbarstaaten allmählich zu erweitern. Für die Formen und
+Grenzen dieser Erweiterung hat er nicht im Voraus einen festen Plan
+entworfen; er stellte sie, da er die Schwierigkeit des Unternehmens
+richtig würdigte, dem unberechenbaren Gange der Ereignisse anheim. Die
+Frage, ob Preußens Zollschranken dereinst am Main oder am Bodensee stehen
+würden, war im Jahre 1819 noch nicht praktisch; sie konnte den Leiter der
+preußisch-deutschen Politik vielleicht in seinen Träumen, sie durfte ihn
+nicht bei seiner Arbeit beschäftigen. Nur das eine war ihm sicher, daß das
+neue Zollsystem aufrecht bleiben, den festen Kern bilden müsse für die
+Neugestaltung des deutschen Verkehrs. Er verlangte freie Hand für Preußens
+Handelspolitik, wies von diesem Gebiete die Einmischung Österreichs
+entschieden zurück. Aber jede Feindseligkeit gegen die Hofburg lag ihm
+fern; der Gedanke, den Deutschen Bund von Österreich abzutrennen, blieb
+ihm, dem Konservativen, der in den Ideen von 1813 lebte, völlig fremd.
+Noch als Greis hat er Radowitzs Unionspläne als unausführbare Träume
+bekämpft. —
+
+Einen widerwärtigen Übelstand, der sofort beseitigt werden mußte, bot die
+Lage der zahlreichen Enklaven. Die Zollinien wurden alsbald soweit
+vorgeschoben, daß sie die anhaltischen Herzogtümer fast ganz und auch
+einen Teil der kleinen thüringischen Gebiete, die mit Preußen im Gemenge
+lagen, umfaßten. Alle nach diesen Ländern eingeführten Waren unterlagen
+ohne weiteres den preußischen Einfuhrzöllen. Erst nachdem die neue
+Grenzbewachung in Kraft getreten, ließ Eichhorn zu Anfang 1819 diesen
+Staaten die Einladung zugehen, mit dem Berliner Kabinett wegen des
+Zollwesens zu verhandeln. Der König sei bereit, nach billiger Übereinkunft
+den Landesherren der eingeschlossenen Gebiete das Einkommen zu überweisen,
+das seinen Staatskassen aus den Enklaven zufließe. Dies kurz angebundene
+Verfahren, das in den Papieren des Finanzministeriums als »unser
+Enklavensystem« bezeichnet ward, mußte allerdings die kleinen Höfe
+befremden; doch die Notwendigkeit gebot, diesen Nachbarn zu zeigen, daß
+sie in ihrer Handelspolitik von Preußen abhängig seien. Nur gutmütige
+Schwäche konnte das Gelingen der großen Zollreform abhängen lassen von der
+vorausgehenden Zustimmung eines Dutzends kleiner Herren, die nach
+deutscher Fürstenweise allein für die Beredsamkeit vollendeter Tatsachen
+empfänglich waren. Lediglich die Eitelkeit der Nachbarfürsten ward
+gekränkt; den wirtschaftlichen Interessen der Enklaven gereichte Preußens
+Vorgehen offenbar zum Segen. Eine selbständige Handelspolitik blieb in
+diesen armseligen Gebietstrümmern ja doch undenkbar. Das Gedeihen ihrer
+Volkswirtschaft wurde sofort vernichtet, wenn Preußen sie von seinem
+Zollsystem ausschloß und sie mit seinen Schlagbäumen rings umstellte; auch
+der Handel innerhalb der Provinz Sachsen erlitt ärgerliche Störung, wenn
+alle durch das Anhaltische oder das Schwarzburgische gehenden Waren
+verbleit und der Kontrolle der Zollämter unterworfen werden mußten. Ebenso
+wenig durfte Preußen den Verkehr der Enklaven völlig unbeaufsichtigt
+lassen. Was diese Ländchen selbst an Zolleinkünften aufbrachten, bildete
+freilich nur den achtzigsten Teil der preußischen Zolleinnahmen; doch
+durch den Schmuggel konnten sie den Finanzen Preußens hochgefährlich
+werden.
+
+Durch die heilsame Rücksichtslosigkeit der Berliner Finanzmänner erhielten
+die Enklaven freien Verkehr auf dem preußischen Markte, ihre Staatskassen
+die Zusage eines gesicherten reichlichen Einkommens, das sie aus eigener
+Kraft niemals erwerben konnten. Die preußische Regierung handelte in gutem
+Glauben; sie war bereit, ihr eigenes Enklavensystem auch gegen preußisches
+Gebiet anwenden zu lassen; mehrmals erklärte sie, wenn ein süddeutscher
+Zollverein zustande komme, so müsse der enklavierte Kreis Wetzlar sich
+diesem Zollsystem unterwerfen. Ganz unhaltbar war vollends die von den
+gekränkten Kleinfürsten oft wiederholte Anklage, Preußens Enklavensystem
+verletze das Völkerrecht. Alle nach den Enklaven bestimmten Waren
+unterlagen von Rechts wegen den preußischen Durchfuhrzöllen; und wenn der
+Berliner Hof für gut fand, die Transitabgaben auf gewissen Straßen bis zur
+Höhe der Einfuhrzölle hinaufzuschrauben, so ließ sich rechtlich dawider
+nichts einwenden.
+
+Indem Eichhorn die Kleinstaaten einlud zu freundnachbarlichen Verträgen
+über die Behandlung der Enklaven, erklärte er zugleich die
+Bereitwilligkeit des Königs, auch über den Anschluß nichtenklavierter
+Gebiete zu verhandeln. Er betonte den nationalen Charakter des
+Zollgesetzes, er hob hervor, dies Gesetz sei im Sinne des Artikels 19 der
+Bundesakte gedacht, sei bestimmt, zunächst in einem Teile von Deutschland
+die Binnenmauten aufzuheben, sodann auch anderen Bundesstaaten den
+Anschluß zu erleichtern; der König verdiene den Dank der Bundesgenossen,
+da er begonnen habe, den deutschen Markt von der Herrschaft des Auslandes
+zu befreien. An dieser nationalen Richtung hat Preußens Handelspolitik
+seitdem unerschütterlich festgehalten; die in späteren Jahren oft
+auftauchenden Vorschläge, etwa Belgien oder die Schweiz in den Zollverein
+aufzunehmen, wurden in Berlin stets kurzerhand zurückgewiesen. _Nicht
+kosmopolitische Verkehrsfreiheit war Preußens Ziel, sondern die
+Handelseinheit des Vaterlandes._ Der König, sagt eine von Bernstorff
+unterzeichnete Note an das Kollegium der Geheimen Räte zu Gotha (vom
+13. Juni 1819), beabsichtige durch das Gesetz vom 26. Mai »hauptsächlich
+den Handel mit außerdeutschen Landeserzeugnissen zu besteuern und die
+Mitbewerbung außerdeutscher Fabriken von Ihren Staaten und von denjenigen
+Ländern abzuwehren, welche sich hierin an Ihre Maßregeln anschließen
+wollen.« Er hege »den lebhaften Wunsch, die nur zur Besteuerung
+außerdeutscher Verbrauchsartikel und zum Schutze der preußischen
+Landesindustrie gegen die außerdeutschen Fabriken ergriffenen Maßregeln
+bundesverwandten deutschen Staaten, soweit es ihre Lage irgend gestattet,
+nicht zum Nachteil gereichen zu lassen.« Hierauf rät die Note, einen
+thüringischen Handelsverein zu bilden, der alsdann mit Preußen in
+Zollverbindung treten solle; sie zeichnet also genau den Weg vor, welcher
+14 Jahre später zu der handelspolitischen Vereinigung Preußens und
+Thüringens geführt hat.
+
+Im selben Sinne versicherte die Staatszeitung amtlich, »daß Preußen schon
+seiner Lage wegen, mehr aber noch, weil die Vereinigung des
+Einzelinteresses der deutschen Bundesstaaten zu einem Gesamtinteresse für
+Preußen vorzüglich wünschenswert sei, zu dem Plane einer völligen
+Handelsfreiheit zwischen den Bundesstaaten die Hand zu bieten am ehesten
+geneigt sei, und daß es am liebsten die Schwierigkeiten gehoben sehen
+werde, die sich der Ausführung entgegenzustellen schienen.« Und als gegen
+Weihnachten 1819 Abgeordnete des Listschen Vereins nach Berlin kamen, um
+die Regierung für einen deutschen Mautverband zu gewinnen, da erhielten
+sie von Hardenberg und drei Ministern die Versicherung: »daß die
+preußische Regierung, weit entfernt, durch einseitige Maßregeln den
+Wohlstand der deutschen Nachbarstaaten untergraben zu wollen, sich freuen
+würde, wenn alle Regierungen Deutschlands über die Grundsätze eines
+gemeinschaftlichen, die Wohlfahrt aller Teile fördernden Handelssystems
+sich vereinigen könnten, wozu die preußische Regierung sehr gern die Hände
+bieten werde, um ihrerseits mitzuwirken, daß dem ganzen Deutschland die
+Wohltat eines freien, auf Gerechtigkeit gegründeten Handels zuteil werde.
+Es ist ihnen aber auch nicht verhehlt worden, daß der Zustand und die
+Verfassung der einzelnen deutschen Staaten noch keineswegs zu gemeinsamen
+Anordnungen vorbereitet erscheine; wozu auch besonders gehöre, daß die
+gemeinsamen Anordnungen in einem gemeinsamen Sinne von allen gehalten
+würden. Die Sache scheine daher jetzt nur darauf zu führen, daß einzelne
+Staaten, welche sich durch den jetzigen Zustand beschwert glaubten, mit
+denjenigen Bundesmitgliedern, von denen nach ihrer Meinung die Beschwerden
+veranlaßt werden, sich zu vereinigen suchten und daß auf diesem Wege
+übereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weitergeleitet würden,
+welche den Zweck hätten, die inneren Scheidewände mehr und mehr wegfallen
+zu lassen.«
+
+Damit war rund und nett der Grundgedanke einer nationalen Handelspolitik
+ausgesprochen, welche bei der Nichtigkeit des Bundestages die einzig
+mögliche war. Deutlicher als Preußen sprach, konnte eine Regierung über
+noch unfertige Entwürfe schlechterdings nicht reden. Aber in der
+epidemischen Verblendung, die nunmehr über die öffentliche Meinung
+hereinbrach, in dem donnernden Lärm der Anklagen, die auf das
+absolutistische Preußen herniederprasselten, wurden die offenkundigen
+Worte und Taten des Berliner Kabinetts völlig vergessen. Man redete sich
+hinein in den Wahn, daß Preußen sich selbstgefällig von dem großen
+Vaterlande absondere. Alles schalt auf den Berliner Hochmut und
+Partikularismus, am lautesten jene kleinen Höfe, welche das Enklavensystem
+ertragen mußten. Selbst Karl August von Weimar betrachtete es als eine
+höchst anmaßende Zumutung, daß er seine rings von Preußen umschlossenen
+Ämter Allstedt und Oldisleben dem preußischen Zollsystem einfügen sollte,
+und ließ dem Berliner Hofe schreiben: »Eine strenge Durchführung des
+Gesetzes vom 26. Mai scheint mit dem Geiste und den Grundsätzen der
+Bundesakte so wenig in Einklang zu stehen, daß nicht zu bezweifeln steht,
+es werde diese Angelegenheit Gegenstand der nächsten Verhandlungen des
+Bundestages werden und S. K. Majestät von Preußen als Bundesfürst selbst
+geruhen, konziliatorische Anträge deshalb an den Bund gelangen zu lassen.«
+
+Auf so naive Vorschläge konnte Eichhorn sich nicht einlassen. Er durfte
+das Zollwesen der Provinz Sachsen nicht dem Belieben Österreichs und der
+Bundestagsmehrheit preisgeben, sondern gab sich der Hoffnung hin, die
+Erkenntnis des eigenen Vorteils würde die kleinen thüringischen Dynasten
+bestimmen, auf das Anerbieten Preußens einzugehen und ihre enklavierten
+Gebietsteile durch Verträge dem preußischen Zollsystem anzuschließen. In
+der Tat wendeten sich die kleinen Nachbarn allesamt sogleich an den
+Berliner Hof, aber nur, um zu fordern, daß Preußen sein Enklavensystem
+alsbald wieder aufhebe; wie dies möglich sein sollte, wußten sie freilich
+nicht anzugeben. Besonders hart fühlte sich der wohlmeinende Fürst Anton
+Günther von Schwarzburg-Sondershausen getroffen. Die Hauptmasse seines
+Reiches, die Unterherrschaft mit der Hauptstadt, ein Land von fast 30000
+Einwohnern, war von preußischem Gebiet umschlossen und dem preußischen
+Zollwesen einverleibt; da die Krone Preußen als Rechtsnachfolgerin von
+Kursachsen hier überdies das Postregal und einige andere Hoheitsrechte
+ausübte, so blieb dem Fürsten von seiner teueren Souveränität allerdings
+wenig übrig. Mit dringenden Bitten mußten also erst der vielgeplagte
+gemeinsame thüringische Gesandte General Lestocq, dann das Sondershausener
+Geheime Konsilium selbst den preußischen Hof bestürmen um »Zurücknahme
+einer Anordnung, in welche man schwarzburg-sonderhausenscherseits sich nie
+zu fügen entschlossen ist.«
+
+Minister Klewiz erwiderte verbindlich, durch einen Vertrag könne die
+Angelegenheit ohne Schwierigkeit geordnet werden; er gewährte auch dem
+Fürsten freundnachbarlich Freipässe für die Verzehrung seines Hofhalts,
+aber eine Abänderung des Gesetzes schlug er rundweg ab, da die Gefahr des
+Schmuggels aus den kleinen Nachbarlanden gar zu groß sei. In Sondershausen
+wollte man den Wink nicht verstehen. Mehrere Monate hindurch wurde die
+preußische Regierung immer von neuem mit der Anfrage belästigt, ob sie nun
+endlich bereit sei, eine Verfügung aufzuheben, welche so gröblich in die
+Rechte der Sondershausener Souveränität eingreife. Der Fürst selber
+richtete an den König die »devoteste Bitte«, ihn »durch einen neuen Beweis
+Allerhöchstdero allgemein verehrter und gepriesener Liberalität und
+Großmut zum unbegrenztesten und devotesten Danke zu verpflichten.« Alles
+war vergeblich; die untertänige Form konnte über den anmaßenden Inhalt der
+Bittschriften nicht täuschen. Dann kam der Kanzler v. Weise selbst nach
+Berlin, ein wackerer alter Herr, der im Verein mit seinem Sohne, dem
+Geheimen Rat, das Sondershausener Ländchen patriarchalisch regierte. Auch
+er richtete nichts aus.
+
+Mittlerweile hatte sich Vizepräsident v. Motz(31) in Erfurt des Streites
+angenommen. Er kannte alle Herzensgeheimnisse der Kleinstaaterei, da sein
+Regierungsbezirk mit fast einem Dutzend kleiner Landesherrschaften im
+Gemenge lag; er war mit den beiden Weise als guter Nachbar vertraut
+geworden und erwarb sich jetzt um Deutschlands werdende Handelseinheit,
+die ihm bald noch Größeres verdanken sollte, sein erstes Verdienst, indem
+er den Freunden vorstellte, wie kindisch es sei, an einer Zollhoheit
+festzuhalten, die doch niemals in Wirksamkeit treten konnte. Der
+kunstsinnige Fürst wünschte längst, im freundlichen Tale der Wipper ein
+Sondershausener Nationaltheater zu gründen, aber die Mittel fehlten;
+schloß er sich dem preußischen Zollwesen an, so war ihm aus der Not
+geholfen. Diese Erwägung wirkte.
+
+Gegen Ende September erschien der alte Weise wieder in Berlin, und da er
+diesmal ernstlich verhandeln wollte, so ward er mit großer Freundlichkeit
+aufgenommen. Maaßen und Hoffmann führten die Unterhandlung, unter
+beständiger Rücksprache mit Eichhorn. Noch unbekannt mit der Nebeniusschen
+Denkschrift, stellte Hoffmann zuerst den Gedanken auf: das einfachste sei
+doch, die gemeinsamen Zolleinnahmen ohne fiskalische Kleinlichkeit nach
+der Volkszahl zu verteilen. Damit war jener Bevölkerungsmaßstab gefunden,
+der allen späteren Zollverträgen Preußens zur Grundlage gedient hat. Weise
+ging sofort auf das günstige Anerbieten ein, und am 25. Oktober 1819 wurde
+der _erste Zollanschlußvertrag_ unterzeichnet, kraft dessen der Fürst von
+Sondershausen »unbeschadet seiner landesherrlichen Hoheitsrechte« seine
+Unterherrschaft dem preußischen Zollgesetz unterwarf und dafür nach dem
+Maßstabe der Bevölkerung seinen Anteil an den Zolleinnahmen — vorläufig
+eine Bauschsumme von 15000 Talern — erhielt. Eine Mitwirkung bei der
+Zollgesetzgebung wurde dem kleinen Verbündeten nicht zugestanden; er mußte
+die Handelsverträge Preußens und alle anderen Änderungen, welche das
+Finanzministerium beschloß, einfach annehmen. Im übrigen waren seine
+Hoheitsrechte sorgsam, fast ängstlich gewahrt; selbst die
+Steuervisitationen auf schwarzburgischem Gebiet sollten nur durch die
+fürstlichen Beamten vollzogen werden.
+
+Im Wippertale herrschte laute Freude. Der Fürst dankte tief gerührt für
+dies neue Zeichen königlicher Hochherzigkeit; nun konnte er endlich sein
+berühmtes Rauchtheater eröffnen, wo er mit den Bürgern seiner Residenz um
+die Wette den Musen des Dramas und der Rauchkunst huldigte. Finanziell
+betrachtet, war das Abkommen unzweifelhaft ein Löwenvertrag zugunsten
+Sondershausens; Preußen brachte um des politischen Zweckes willen ein
+Geldopfer, denn das wenig bemittelte Thüringer Bergländchen verzehrte von
+den einträglichsten Zollartikeln, den Kolonialwaren, weit weniger als der
+Durchschnitt der östlichen Provinzen.
+
+Um so berechtigter schien die Erwartung, daß die übrigen Kleinen dem
+Beispiel Sondershausens folgen würden. Im Eingange des Vertrags hatte der
+König nochmals erklären lassen, daß er bereit sei, ähnliche Abkommen mit
+anderen Bundesfürsten zu schließen. Rudolstadt begann schon zu verhandeln.
+Auch mit Braunschweig, Weimar, Gotha dachte Hoffmann binnen kurzem ins
+Reine zu kommen, und bereits ging er mit seinen Entwürfen über die
+Grundsätze des Enklavensystems hinaus. Die unglückliche zerrissene Gestalt
+seines Gebietes zwang den preußischen Staat, auch wenn er auf alle
+Eroberungspläne verzichtete, mindestens zum handelspolitischen Ehrgeiz; er
+konnte sein Steuersystem kaum durchführen, wenn er nicht außer den
+Enklaven auch noch einige nur halb umschlossene Nachbarlandschaften seinem
+Zollgesetze unterwarf. Da lag Anhalt-Bernburg, das auf eine kleine Strecke
+Weges nicht an Preußen grenzte und also gewissenhaft als Ausland behandelt
+wurde. Was war der Dank? Ein ungeheuerer Schmuggel, der von Monat zu Monat
+anwuchs und die Zolleinnahme der Provinz Sachsen zu verschlingen drohte.
+Schon im Oktober wurden 4023 Zentner zumeist Kolonialwaren, in die
+anhaltischen Harzstädtchen bei Ballenstedt eingeführt, um alsbald spurlos
+zu verschwinden. Mindestens dies Vorland, meinte Hoffmann, müsse sogleich
+in die Zollinie eintreten; werde der Vertrag mit Sondershausen nur erst
+bekannt, dann könnten sich die kleinen Nachbarn nicht länger mehr wider
+ihren eigenen Vorteil sträuben.
+
+Die Hoffnung trog. Jener Zollvertrag, der uns heute so selbstverständlich
+erscheint, sollte während mehrerer Jahre der einzige bleiben. Kaum ward er
+ruchbar, so erscholl an allen Höfen ein Schrei des Zornes. Fürst Anton
+Günther mußte von seinen durchlauchtigen Genossen ernste Vorwürfe hören,
+weil er das Kleinod der Souveränität so würdelos preisgegeben; die anderen
+kleinen Nachbarn, die seinem Vorgange bereits folgen wollten, traten,
+eingeschüchtert durch die allgemeine Entrüstung, von den Verhandlungen
+zurück. An die Spitze der Gegner Preußens stellte sich der Herzog von
+Cöthen. Der erklärte im Namen der kleinen Fürsten: »freiwillig können und
+werden sie sich nicht unterwerfen, wenn sie nicht die heiligsten Pflichten
+gegen ihre Untertanen, gegen ihre Häuser und gegen ihre eigene Ehre
+verletzen wollen«; dann forderte er getrost, Preußen solle ihm einen fünf
+Stunden breiten Streifen zollfreien Gebiets bis zur sächsischen Grenze zur
+Verfügung stellen, damit das Haus Anhalt freien Zugang zum Welthandel
+erlange. Gemütlich lauernd und im Stillen schürend, stand hinter den
+erbitterten Kleinen der treue Bundesgenosse Preußens, Österreich. Die Höfe
+beschlossen insgeheim, auf den Wiener Konferenzen mit vereinter Kraft die
+Aufhebung des preußischen Zollgesetzes durchzusetzen; nur wenn der
+vorhandene Anfang deutscher Zolleinheit vom Erdboden verschwand, konnte
+der Bundestag die nationale Handelspolitik begründen! Und an dieser
+Raserei partikularistischer Leidenschaft nahm die gesamte Nation außerhalb
+Preußens teil. Alle die Lieder und Reden zum Preise der deutschen Einheit
+waren vergessen, sobald Preußen sich anschickte, den Deutschen »die
+Wohltat eines gemeinsamen Vaterlandes zu gewähren«.
+
+Preußens Staatsmänner hatten gehofft, schon in dem ersten Jahre, da das
+neue Gesetz bestand, einige der deutschen Nachbarn für die Politik der
+praktischen deutschen Einheit zu gewinnen. Jetzt sahen sie sich in die
+Verteidigung zurückgeworfen. Der siegreiche Kampf um die Behauptung, dann
+um die Erweiterung des Zollgebiets blieb auf Jahre hinaus die wichtigste
+Aufgabe der preußischen Staatskunst. Durch die friedlichen Eroberungen
+dieses Kampfes hat König Friedrich Wilhelm gesühnt, was in Karlsbad
+gefehlt war, und die Marksteine gesetzt für das neue Deutschland. Er war
+der rechte Mann für dies unscheinbare und doch so folgenschwere Werk
+deutscher Geduld. Gleichmütig und immer bei der Sache, treu und
+beharrlich, von einer Rechtschaffenheit, die jedes Mißtrauen entwaffnete,
+stets bereit, dem bekehrten Gegner mit aufrichtigem Wohlwollen
+entgegenzukommen — so hat er nach und nach die Trümmer Deutschlands
+befreit aus den Banden eigener Torheit und ausländischer Ränke, den Weg
+bereitend für größere Zeiten. Die Gegenwart aber soll nicht undankbarer
+sein, als Friedrich der Große war, der von dem glanzlosen Arbeitsleben
+seines Vaters sagte: »Der Kraft der Eichel danken wir den Schatten des
+Eichbaums, der uns deckt.«
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. II, 607ff.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+ 11 Aug./Sept. 1819 tagte zu Karlsbad unter Metternichs Vorsitz ein
+ Kongreß der deutschen Minister zur Beratung gemeinsamer Maßregeln
+ gegen die demagogischen Umtriebe. Das Ergebnis waren die Karlsbader
+ Beschlüsse, die der Bundestag am 20. September einstimmig
+ genehmigte.
+
+ 12 Am 29. Juli 1819 hatte der österreichische Staatskanzler Metternich
+ in Teplitz mit Friedrich Wilhelm III. eine geheime Unterredung, in
+ welcher er den König von Preußen bestimmte, auf die Einführung einer
+ Volksvertretung in modernem Sinne zu verzichten. Am 1. August
+ unterzeichneten Hardenberg und Metternich eine Publikation über die
+ »Grundsätze, nach welchen die Höfe von Österreich und Preußen in den
+ innern Angelegenheiten des Deutschen Bundes zu verfahren
+ entschlossen sind«.
+
+ 13 Joh. Friedrich Benzenberg, geb. 5. Mai 1777, gest. 8. Juni 1846;
+ 1805 zum Professor der Physik am Lyceum zu Düsseldorf ernannt, ging
+ er 1810 nach der Schweiz, kehrte aber nach Napoleons Sturz nach
+ Deutschland zurück und widmete sich schriftstellerischer Tätigkeit.
+
+ 14 Friedrich List, geb. 6. August 1789, gest. durch Selbstmord 30.
+ November 1846, Nationalökonom, der in seinen Schriften den Gedanken
+ vertrat, daß eine jede Nation vor allem ihre eigenen Hilfsquellen
+ zum höchsten Grade der Selbständigkeit und harmonischen Entwicklung
+ bringen, die eingeborene Industrie durch Schutz nötigenfalls
+ unterstützen und den nationalen Zweck einer dauernden Entwicklung
+ produktiver Kräfte überall dem pekuniären Vorteil einzelner
+ vorziehen müsse.
+
+ 15 Ernst Wilh. Arnoldi, geb. 21. Mai 1778. gest. 27. Mai 1841.
+
+ 16 Joh. Georg Büsch, geb. 3. Januar 1728, gest. 5. Aug. 1800, gründete
+ 1767 in Hamburg eine Handelsakademie.
+
+ 17 Joseph v. Görres, geb. 25. Januar 1776, gest. 29. Januar 1848, ein
+ Publizist, der anfangs für die Revolution, nachmals für das
+ »Deutschtum« begeistert, schließlich im Ultramontanismus einen Halt
+ suchte und mit Fanatismus gegen den Protestantismus kämpfte.
+
+ 18 Robert Blum, geb. 10. November 1807, erschossen am 9. November 1848
+ in Wien, wohin er sich im Vertrauen auf seine Unverletzlichkeit als
+ Mitglied des Frankfurter Parlaments begeben hatte, um den
+ aufständischen Wienern eine Beifallsadresse der Frankfurter
+ Parteigenossen zu überbringen. Als Führer einer Elitekompagnie am
+ Kampfe beteiligt, wurde er verhaftet und durch ein Kriegsgericht zum
+ Tode verurteilt.
+
+ 19 Ferd. Lassalle, geb. 11. April 1825, gest. 31. August 1864,
+ sozialistischer Agitator, Gründer des Allg. Deutschen
+ Arbeitervereins.
+
+ 20 Georg Friedrich v. Martens, geb. 22. Februar 1756, gest. 21. Februar
+ 1821, seit 1816 hannöv. Bundestagsgesandter.
+
+ 21 Graf Aug. Fried. Ferd. v. d. Goltz, geb. 20. Juli 1765, gest. 17.
+ Januar 1832, von 1816–1824 preußischer Bundestagsgesandter, nachher
+ Oberhofmarschall.
+
+ 22 Wilh. Ludw. Leop. Reinhard Freiherr v. Berstett, geb. 1769, gest. 6.
+ Februar 1837, 1816 badischer Bundestagsgesandter, von 1817 bis 1831
+ badischer Minister des Auswärtigen.
+
+ 23 Klemens Fürst v. Metternich, geb. 15. Mai 1773, gest. 11. Juni 1859,
+ österreichischer Minister seit 1809, seit Mai 1821 bis 13. März 1848
+ Staatkanzler, Hauptträger der Reaktion in Österreich und
+ Deutschland.
+
+ 24 Karl Friedrich Nebenius, geb. 29. September 1785, gest. 8. Juni
+ 1857, Verfasser der badischen Verfassungsurkunde vom 22. August 1818
+ und zweimal Minister des Innern.
+
+ 25 David Ricardo, geb. 19. April 1778, gest. 11. September 1823, engl.
+ Nationalökonom, der als Schüler von Adam Smith die Lehre vom
+ Freihandel publizistisch vertrat. Seine Gedanken über das Verhältnis
+ zwischen Erzeugungskosten der Waren und Verkaufspreis und über das
+ Verhältnis zwischen Arbeitsleistung und Arbeitslohn sind von Marx
+ und Lassalle weiter entwickelt worden.
+
+ 26 Wilh. Anton v. Klewiz, geb. 1. August 1760, gest. 26. Juli 1838, von
+ 1817–1824 preußischer Finanzminister, von 1824–1837 Oberpräsident
+ der Provinz Sachsen.
+
+ 27 Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, geb. 7. Oktober 1770, gest.
+ 14. Mai 1840, seit 1817 Minister für geistlichen Unterricht und
+ Medizinalangelegenheiten, Reorganisator des preußischen Volks- und
+ höheren Schulwesens.
+
+ 28 Friedrich Leopold v. Kircheisen, geb. 24. Juni 1746, gest. 18. März
+ 1825, von 1810 ab preußischer Justizminister.
+
+ 29 Ludwig Freiherr v. Spittler, geb. 10. November 1752, gest. 14. März
+ 1810, wurde 1779 als Professor der Philosophie nach Göttingen
+ berufen, 1806 zum Minister in Württemberg ernannt und zum Kurator
+ der Universität Tübingen.
+
+ 30 Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, geb. 21. November 1768, gest.
+ 12. Februar 1834, Prediger an der Berliner Dreifaltigkeitskirche und
+ Professor an der Universität.
+
+ 31 Fried. Christ. Adolf v. Motz, geb. 18. November 1775, gest. 30. Juni
+ 1830, ursprünglich im Dienste des Königs von Westfalen tätig, trat
+ nach Napoleons Sturz in preußische Dienste über. 1817 zum
+ Präsidenten der Erfurter Regierung ernannt, ward er 1821
+ provisorisch, 1824 definitiv Oberpräsident von Sachsen, 1825 Geh.
+ Staats- und Finanzminister.
+
+
+
+
+3. Der Kampf um das preußische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen.
+
+
+Als Hardenberg seine Weisungen (für die nach Wien berufene
+Ministerkonferenz) an Bernstorff(32) erteilte, schärfte er ihm noch einmal
+ein, daß ein Bundeszollwesen bei dem gegenwärtigen Zustande der deutschen
+Staaten unmöglich sei. Sodann wiederholte er ihm wörtlich, was er
+gleichzeitig den Abgesandten des Listschen Handelsvereins antwortete und
+durch die Staatszeitung veröffentlichen ließ: »Man kann daher die Sache
+nur darauf zurückführen, daß einzelne Staaten, welche durch den jetzigen
+Zustand sich beschwert glauben, mit denjenigen Bundesgliedern, woher nach
+ihrer Meinung die Beschwerde kommt, sich zu vereinigen suchen, und daß so
+übereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weiter geleitet werden,
+welche den Zweck haben, die inneren Scheidewände mehr und mehr fallen zu
+lassen.« So war das handelspolitische Programm der preußißschen Regierung
+nochmals klar und unzweideutig ausgesprochen. Indem sie an ihrem
+Zollgesetze festhielt, erklärte sie sich bereit, anderen Bundesstaaten
+durch freie Verträge den Zollanschluß oder Handelserleichterungen zu
+gewähren; aber sie sah auch ein — und hierin lag ihre Überlegenheit — daß
+alle Klagen wider die Binnenmauten müßige Reden blieben, solange die
+deutschen Staaten sich über ein gemeinsames Zollgesetz nicht einigen
+konnten.
+
+Auf lebhaften Widerspruch war Bernstorff von vornherein gefaßt; er wußte
+wohl, wie unfaßbar diese nüchternen handelspolitischen Gedanken, die heute
+jedem geläufig sind, der großen Mehrzahl der deutschen Höfe noch
+erschienen. Der leidenschaftliche Ausbruch »gehässiger Vorurteile«, den er
+in Wien erleben mußte, übertraf doch seine schlimmsten Erwartungen. Die
+naive volkswirtschaftliche Unwissenheit der Epoche feierte auf den
+Konferenzen ihre Saturnalien; fast die gesamte deutsche Diplomatie lief
+Sturm wider das preußische Zollgesetz. Sobald auf die Fragen des Handels
+die Rede kam, verschob sich die Stellung der Parteien vollständig. Der
+preußische Bevollmächtigte, der fast in allen andern Fragen die Mehrheit
+der Versammlung nach sich zog, stand in den handelspolitischen Beratungen
+ebenso vereinsamt wie in den militärischen, er erschien wie der
+Störenfried der deutschen Einigkeit. Dieselben Höfe, die überall sonst den
+Wirkungskreis des Bundes ängstlich zu beschränken suchten, hofften durch
+einen rechtswidrigen Bundesbeschluß jene segensreiche Reform, welche dem
+preußischen Deutschland den freien Verkehr geschenkt hatte, wieder
+umzustoßen. Von Mund zu Mund ging die sophistische Behauptung, das
+preußische Gesetz verstoße wider den Artikel 19 der Bundesakte, der nichts
+weiter enthielt als die Zusage, daß der Bundestag wegen des Handels und
+Verkehrs »in Beratung treten« solle.
+
+Preußens böser Genius, so ließen sich selbst Wohlmeinende vernehmen, hat
+dies unglückliche Gesetz geschaffen, das ihm überall Zutrauen und
+Zuneigung verscherzt; Preußen wird es dereinst noch bereuen! Und seltsam,
+die Angriffe der entrüsteten Vorkämpfer deutscher Handelsfreiheit
+richteten sich ausschließlich gegen Preußen, obgleich auch andere
+Bundesstaaten des gleichen Frevels schuldig waren. Bayern hatte soeben
+(22. Juli 1819), wie Preußen, ein neues Zollgesetz verkündigt, aber
+niemand eiferte dawider. Vollends das österreichische Prohibitivsystem
+belastete nicht nur alle Waren ungleich härter als das preußische Gesetz,
+es verbot sogar einzelne deutsche Erzeugnisse gänzlich, namentlich die
+Franken- und Rheinweine. Keiner unter den deutschen Ministern nahm daran
+Anstoß. Metternich sagte kurzweg zu Berstett: »Ich betrachte Österreich
+als gar nicht in der Handelsfrage befangen«, und der badische Staatsmann
+nahm diese Erklärung ohne Widerspruch als selbstverständlich hin. Also
+ward gerade durch den leidenschaftlichen Eifer der Kleinen bewiesen, wie
+fest ihre Interessen mit Preußen verkettet waren, wie lose mit Österreich.
+Einige der kleinen Minister vertraten den Gedanken der Bundeszölle: so
+Fritsch(33), dem sein Großherzog befohlen hatte, die Verlegung aller
+Zollinien an die Bundesgrenze zu fordern, so Berstett, der noch immer der
+Meinung blieb, durch die Verkündigung allgemeiner Verkehrsfreiheit werde
+der Bund am sichersten die Unzufriedenheit der Nation beschwichtigen.
+Andere wollten nur den Verkehr mit deutschen Produkten frei lassen, und
+diese so wenig wie jene wußten die Mittel zur Ausführung ihres Planes
+anzugeben: gegen das Ausland, meinte Berstett gemütlich, möge jeder
+Bundesstaat seine Zölle nach Belieben anordnen, genug, wenn im Innern
+Deutschlands die Mauten hinwegfielen. Zu diesen ehrlichen Enthusiasten
+gesellten sich einige Bundesgenossen, die ihre unlauteren Hintergedanken
+kaum verbargen. Der Herzog von Coburg(34) erschien selbst in Wien, um
+durch sein Veto den Abschluß der Bundeskriegsverfassung zu vereiteln,
+falls ihm nicht unbeschränkte Verkehrsfreiheit gewährt würde; doch da die
+Konferenz das Bundesmilitärgesetz nicht ins reine brachte, so ward der
+feine Plan zu Schanden. Noch dreister trat Marschall(35) auf. Der witterte
+mit dem Instinkt des Hasses, daß die neue Zollgesetzgebung, das Werk der
+»demagogischen Subalternen« in den Berliner Bureaus, dem preußischen
+Staate vielleicht dereinst die Hegemonie im Norden verschaffen könne;
+durch ihre Vernichtung dachte er zugleich diesen Staat des Unheils zu
+demütigen und der Schlange der Revolution das Haupt zu zertreten.
+
+Ähnliche Gesinnungen hegte der Kasseler Hof, der bereits, ohne eine
+Verständigung mit dem Nachbarstaate auch nur zu versuchen, den Zollkrieg
+gegen Preußen eröffnet hatte. Durch ein Gesetz vom 17. September 1819
+wurde die Ein- und Durchfuhr vieler preußischer Waren verboten oder mit
+schweren Zöllen belegt. Der Mehrbetrag der erhöhten Abgaben sollte
+verwendet werden zum Besten der hessischen Gewerbetreibenden, welche das
+preußische Zollgesetz an den Bettelstab gebracht habe — ein Versprechen,
+das der geizige Kurfürst(36) selbstverständlich niemals einlöste. In
+Berlin dachte man anfangs an Retorsionen. Der König aber hielt sich streng
+an die Zusage, daß die preußischen Zölle vornehmlich die außerdeutschen
+Waren treffen sollten, und wollte feindselige Schritte gegen deutsche
+Staaten, wenn irgend möglich, vermeiden. Auch ein Gutachten des
+Finanzministeriums gelangte zu dem Schlusse, die hessischen Retorsionen
+seien für Hessen überaus schädlich, für Preußen ungefährlich, also »nur
+der Form wegen zu bekämpfen«. Der Gesandte in Kassel sprach sich in diesem
+Sinne vertraulich gegen den Kurfürsten aus. Unterdessen ließ Preußen die
+Köln-Berliner Kunststraße über Höxter und Paderborn, mit Umgehung des
+hessischen Gebiets, ausbauen. Der Verkehr des Nordostens mit dem Süden zog
+sich von Hanau hinweg nach Würzburg, die hessischen Straßen begannen zu
+veröden. Der Kurfürst mußte seine Kampfzölle wieder herabsetzen und harrte
+nun um so ungeduldiger auf einen Bundesbeschluß, der die Zollinien des
+unangreifbaren Nachbarn zerstören sollte.
+
+Unter den Widersachern Preußens verstand doch keiner eine so urwüchsig
+grobe Sprache zu führen wie der Herzog Ferdinand von Köthen, ein eitler,
+nichtiger Mensch, der im Jahre 1806 wegen erwiesener Unfähigkeit den
+preußischen Kriegsdienst hatte verlassen müssen und jetzt persönlich an
+die Donau eilte, um »die Mediatisierung des uralten Hauses Anhalt«
+abzuwenden. Die wirkliche Herrin seines Ländchens war seine Gemahlin
+Julia, eine geborene Gräfin Brandenburg, Halbschwester des Königs von
+Preußen, eine Dame von Geist und Bildung, unermeßlich stolz auf ihre
+fürstliche Würde, den katholisierenden Lehren der romantischen Schule
+eifrig zugetan. Da Metternich den Wert einer solchen Bundesgenossin wohl
+zu würdigen wußte, so hatte er Adam Müller(37) beauftragt, neben dem
+Leipziger Konsulate auch das Amt des österreichischen Geschäftsträgers an
+den anhaltischen Höfen zu bekleiden, und der gefeierte Publizist der
+ultramontanen Partei wurde der romantischen Herzogin bald ein
+unentbehrlicher Ratgeber. Müller haßte seine preußische Heimat mit dem
+ganzen Ingrimm des Konvertiten. Seinem erfinderischen Kopfe entsprang der
+Plan zu einem großen Gaunerstücke kleinfürstlicher Staatskunst, das die
+preußische Zollgesetzgebung von innen heraus durchlöchern und mindestens
+für die Provinz Sachsen unmöglich machen sollte. Das Köthensche Land wurde
+einige Stunden weit von der Elbe durchflossen, und die Elbe zählte zu den
+konventionellen Flüssen, denen der Wiener Kongreß die »vollkommene
+Freiheit der Schiffahrt« zugesagt hatte. Welch eine glänzende Aussicht
+eröffnete sich also für die Machtstellung Köthens, wenn die Konferenz sich
+bewegen ließ, die Freiheit der Elbe sofort und unbedingt von Bundes wegen
+einzuführen! Dann konnte der Herzog, obgleich sein Land von preußischem
+Gebiete umschlossen war, eine selbständige europäische Handelspolitik
+beginnen, er konnte die Freiheit der Elbschiffahrt mißbrauchen, um im
+Herzen des preußischen Staates dem Schleichhandel eine große Freistätte zu
+eröffnen, den gehaßten Nachbarstaat mit geschmuggelten Waren zu
+überschwemmen und ihn vielleicht zur Änderung seines Zollsystems zu
+zwingen. Begierig ging der kleine Herr auf diese freundnachbarlichen
+Gedanken ein; Gewissensbedenken berührten ihn nicht, und den Unterschied
+von Macht und Ohnmacht vermochte er nicht zu begreifen. Die wiederholten
+wohlwollenden Einladungen zum freiwilligen Anschluß an das preußische
+Zollsystem hatte er sämtlich schroff abgefertigt, in jenem pöbelhaft
+schreienden Tone, der allen Schriftstücken dieses Hofes gemein war.
+»Anhalt — so erklärte er stolz — kann seine Rettung nur suchen in dem
+allgemeinen europäischen völkerrechtlichen Staatenverein und in den
+Hilfsmitteln, welche ihm seine geographische Lage an großen Strömen
+darbietet.«
+
+Mehr oder minder eifrig klagten auch die meisten übrigen Bevollmächtigten
+wider die Selbstsucht des Staates, der allein dem Ideale der deutschen
+Handelseinheit im Wege stehe. Nur die Hansestädte, befriedigt mit ihrer
+kosmopolitischen Handelsstellung, wiesen jeden Versuch gemeinsamer
+deutscher Handelspolitik kühl zurück. Auch Zentner(38) zeichnete sich
+wieder durch kluge Besonnenheit aus; dem gestaltlosen Traumbilde einer
+allgemeinen Verkehrsfreiheit, deren Bedingungen noch niemand kannte,
+wollte er das neue bayrische Zollgesetz nicht opfern. Metternich aber ließ
+mit schlecht verhehlter Schadenfreude die Kleinen wider Preußen lärmen.
+Meisterhaft verstand der Wiener Hof, die Angst vor dem preußischen
+Ehrgeiz, die allen Kleinstaaten in den Gliedern lag, je nach Umständen für
+seine Zwecke auszubeuten. Im Oktober hatte Graf Bombelles(39) auf
+ausdrücklichen Befehl des Kaisers Franz dem Großherzog von Weimar(40)
+gedroht: wenn man die Karlsbader Beschlüsse nicht überall streng ausführe,
+dann müßten die beiden Großmächte aus dem Bunde ausscheiden, und dann
+würde der Kaiser sich genötigt sehen, seinem preußischen Alliierten »in
+Deutschland eine erweiterte Stellung zu verschaffen«. Ebenso unbedenklich
+benutzte Metternich jetzt die Eifersucht der Kleinen, um Preußens
+Handelspolitik zu bekämpfen. Freilich durfte er nicht wagen, die Gegner
+seines unentbehrlichen Bundesgenossen offen zu unterstützen, zumal da er
+selber an dem österreichischen Zollwesen nicht das Mindeste ändern wollte.
+Unter der Hand jedoch ermutigte er die Ergrimmten und flüsterte ihnen zu,
+das preußische Zollgesetz sei das Werk einer Partei, deren Zwecke mit
+»treuem Bundessinn« nichts gemein hätten. Als handelspolitischen Ratgeber
+hatte er sich den Urheber der anhaltischen Schleichhandelspläne, Adam
+Müller, nach Wien kommen lassen.
+
+Die Nation war über das Problem der Zolleinheit noch ebenso wenig ins
+Klare gekommen wie ihre Staatsmänner. Von dem politischen Ergebnis der
+Konferenzen erwartete sie, nach den Karlsbader Erfahrungen, nichts
+Erfreuliches; nur die Aufhebung der Binnenmauten und namentlich der
+preußischen Zollinien erschien allen Parteien als ein bescheidener Wunsch,
+der bei einigem guten Willen der Regierungen leicht erfüllt werden konnte.
+Eine Flugschrift »Freimütige Worte eines Deutschen aus Anhalt« sprach mit
+drastischen Worten aus, was nahezu alle Nichtpreußen über die Berliner
+Handelspolitik dachten. Der offenbar wohlmeinende Verfasser fand es
+ehrenrührig, daß man die von preußischem Gebiete umschlossenen Staaten als
+Enklaven bezeichne, und schlechthin rechtswidrig, daß Preußen von
+»Fremden« Steuern erhebe; das Strafurteil der öffentlichen Meinung müsse
+der Sache »der Wahrheit und des Rechts« unfehlbar zum Siege verhelfen.
+
+Als Wortführer der Kaufleute und Gewerbtreibenden fand sich F. List mit
+seinen Getreuen J. J. Schnell und E. Weber auf den Konferenzen ein und
+legte eine Denkschrift vor, deren hochgemutes patriotisches Pathos
+inmitten der engherzigen partikularistischen Interessenpolitik der Wiener
+Versammlung wildfremd erschien. Mit der Einheit der Nation — so führte er
+in beredten Worten aus — sei die vollkommene Unabhängigkeit der
+Einzelstaaten nicht vereinbar; der Bund müsse den 30 Millionen Deutschen
+den Segen des freien Verkehrs schaffen und also in Wahrheit ein Bund der
+Deutschen werden. Und was war der praktische Vorschlag, der diesen
+begeisterten Worten folgte? List verlangte, daß die deutschen Staaten ihre
+Zölle an eine Aktiengesellschaft verpachten sollten, und machte sich
+anheischig, die Aktien unterzubringen; diese Gesellschaft würde das
+deutsche Bundeszollwesen begründen und den Regierungen alle Sorge um
+lästige Einzelheiten abnehmen! Seltsam doch, in welche holden
+Selbsttäuschungen der feurige Patriot sich einwiegte. Er behauptete,
+Preußen sei geneigt, sein Zollgesetz aufzugeben, obgleich man ihm soeben
+von Berlin aus amtlich das Gegenteil versichert hatte. Er sah sich von der
+Wiener Polizei argwöhnisch beobachtet und schrieb in die Heimat: »wir sind
+von allen Seiten mit Spionen umgeben, bei einem Spion einquartiert, von
+einem Spion bedient«; er wußte, daß Metternich in der Konferenz erklärt
+hatte, mit den Individuen, welche sich für die Vertreter des deutschen
+Handelsstandes ausgäben, könne man sich auf keine Verhandlungen einlassen,
+da der Bundestag bereits den Deutschen Handelsverein als ein
+gesetzwidriges und unzulässiges Unternehmen verurteilt habe. Das alles
+beirrte ihn nicht in seiner rührenden Zuversicht. Als nun gar Adam Müller
+eine Denkschrift Lists über deutsche Industrieausstellungen wohlwollend
+begutachtete und Kaiser Franz in einer Audienz dem unverwüstlichen
+Agitator versicherte, seine Regierung werde gern das Wohl des deutschen
+Vaterlandes fördern, da wähnte er sich schon fast am Ziele: »Aller Augen
+sind nunmehr auf die Kaiserlich österreichische Regierung gerichtet. Wie
+würde sich nicht Österreichs edelmütiger menschenfreundlicher Kaiser die
+Völker deutscher Zunge aufs neue verbinden, wenn ihnen so große Wohltat
+von seinen Händen käme!« Als auch diese Täuschung schwand, warf er seine
+Hoffnungen auf die süddeutschen Höfe und meinte, seine Sache habe durch
+die Verzögerung nur gewonnen. So klammerte sich der edle Patriot an jeden
+Strohhalm; nur das preußische Zollgesetz, das dereinst der Eckstein
+unserer wirtschaftlichen Einheit werden sollte, erschien ihm, wie der
+gesamten Nation, als der Quell des Verderbens.
+
+In der Konferenz eröffnete Marschall den Kampf durch eine Denkschrift vom
+8. Januar, welche den preußischen Staat mit so grobem Unglimpf überhäufte,
+daß Bernstorff sie dem Verfasser zurückgab. Durch die neuen
+Zolleinrichtungen, hieß es da, würden die Eigentumsrechte von
+Hunderttausenden angegriffen, das Eigentum und der Besitz vermindert. Dann
+forderte der Nassauer getrost: Aufhebung aller seit dem Jahre 1814 neu
+eingeführten Mauten und sofortige Vollziehung der Beschlüsse des Wiener
+Kongresses über die Flußschiffahrt; im übrigen volle Freiheit für jeden
+deutschen Staat, die Zölle gegen das Ausland willkürlich festzusetzen,
+wenn er nur keine Binnenmauten errichte. Daß der letztere Vorschlag einen
+plumpen Widerspruch enthielt, daß kein Einzelstaat sich gegen das Ausland
+schützen konnte, wenn seine deutschen Binnengrenzen unbewacht blieben —
+diese handgreifliche Wahrheit war dem nassauischen Staatsmanne ganz
+entgangen; er sprach wie der Blinde von den Farben, da sein Ländchen gar
+keine Grenzzölle besaß.
+
+Dann wiederholte Berstett seine alten Klagen gegen die Binnenmauten und
+verteilte unter den Genossen jene gedankenreiche Denkschrift von Nebenius
+über die Bundeszölle; bei ruhiger Prüfung mußten jedoch alle die
+Unmöglichkeit einer Bundeszollverwaltung zugestehen, und der badische
+Minister selbst ließ den Plan seines geistvollen Untergebenen fallen.
+Darauf neue wütende Ausfälle Marschalls, so grob und ungeschlacht, daß
+Bernstorff beim Schluß der Konferenzen dem Bundesgesandten schrieb: »es
+würde unter der Würde unseres höchsten Hofes sein, diesem in keiner
+Hinsicht achtungswerten Manne irgendeine gegen seine Person gerichtete
+Empfindlichkeit zu äußern«, Goltz möge sich also dem nassauischen Kollegen
+gleichgültig fern halten. Nunmehr protestierte auch Fritsch im Namen der
+Thüringer wider Preußens Enklavensystem und verlangte, jedem Produzenten
+müsse gestattet werden, seine Erzeugnisse überall in Deutschland frei
+abzusetzen, jedem Konsumenten, seinen Bedarf auf dem nächsten Wege zu
+beziehen. Dazwischen hinein fuhr der Köthener Herzog, dessen anmaßendes
+Benehmen Bernstorff nicht grell genug schildern konnte, mit wiederholten
+geharnischten Verwahrungen. Er klagte, man lasse ihn alle Lasten des
+preußischen Zollwesens tragen, nicht die Vorteile, während es doch
+lediglich an ihm lag, auf Preußens Anerbietungen einzugehen und auch der
+Vorteile teilhaftig zu werden. Er drohte die auswärtigen Garanten der
+Bundesakte anzurufen zum Schutze der »über allem Angriff erhabenen Sache«
+des uralten Hauses Anhalt. Schließlich verweigerte er geradezu der
+Schlußakte seine Unterschrift, wenn ihm der Bund nicht die »freie
+Kommunikation mit Europa« sicherstellte: »so lange die Herzöge von Anhalt
+sich in einer drückenden unfreiwilligen Zinsbarkeit gegen einen mächtigen
+Nachbarstaat befinden, kann für dieses alte Fürstenhaus keine Bundesakte
+und also auch keine Schlußakte existieren.«
+
+Inmitten dieses Gezänks bewahrte Graf Bernstorff vornehme Ruhe und
+aufrichtigen Freimut. Er beklagte laut, daß die Bundesakte durch ihre
+allgemeinen Versprechungen unerfüllbare Erwartungen geweckt habe. Fest und
+stolz wies der preußische Minister jede ehrenrührige Zumutung zurück: von
+der Aufhebung des neuen Gesetzes könne gar nicht die Rede sein. Zugleich
+wiederholte er unermüdlich in immer neuen Umschreibungen die in der
+Staatszeitung veröffentlichten Gedanken. Es sei »unmöglich, eine solche
+Einigung anders als durch allmähliche Vorbereitung und die mühsamste
+Ausgleichung streitender Interessen bewirkt zu sehen«. Nur Verträge
+zwischen den Einzelstaaten könnten dem wirtschaftlichen Elend steuern.
+»Geschieht dieses im Süden wie im Norden von Deutschland, und werden diese
+Versuche unter der Mitwirkung und Pflege des Bundes gemacht, so läßt es
+sich wohl denken, daß man auf diesem freilich langsamen, aber vielleicht
+einzig möglichen Wege dahin gelangen werde, die jetzt bestehenden
+Scheidewände aus dem Wege zu räumen und in Beziehung auf Handel und
+Verkehr diejenige Einheit der Gesetzgebung und Verwaltung hervorzubringen,
+welche ein Verein nebeneinander bestehender freier und besonderer Staaten,
+wie ihn der Deutsche Bund bildet, irgend zulassen kann.« Auf die
+Schmähungen des Kötheners bemerkte er trocken, daß in Dresden bereits seit
+mehreren Monaten eine Konferenz der Elbuferstaaten tage; dort allein sei
+der Ort, die Frage der freien Elbschiffahrt zum Austrage zu bringen.
+
+Wahrlich, ein historischer Augenblick! Der große Kampf zweier
+Jahrhunderte, der alte unversöhnliche Gegensatz österreichischer und
+preußisch-deutscher Politik erneuerte sich in diesen unscheinbaren
+Händeln, noch ohne daß die Kämpfer den tiefen Sinn des Streites begriffen
+… Die ganze Zukunft deutscher Politik hing daran, daß Preußens verständige
+Redlichkeit triumphierte über dies Bündnis der Unklarheit und der Lüge.
+Und Preußen siegte.
+
+Da die Gegner nur in ihrem Hasse, nicht in irgendeinem positiven Gedanken
+übereinstimmten, so errang Bernstorff bereits am 10. Februar einen
+durchschlagenden Erfolg in dem handelspolitischen Ausschusse der
+Konferenz; er bewog den Ausschuß, seine Anträge auf einige »mehr
+vorbereitende als entscheidende, keinen künftigen bundesförderlichen
+Beschlüssen vorgreifende Bestimmungen zu beschränken«. Der Ausschuß
+beantragte demnach lediglich, daß der Bundestag, dem Artikel 19 gemäß, die
+Beförderung des Handels als einen der Hauptgegenstände seiner Tätigkeit
+ansehen solle. Nur über die Freiheit des Getreidehandels, welche Preußen
+schon vor drei Jahren in Frankfurt befürwortet hatte, schienen jetzt alle
+Teile endlich einig, und der Ausschuß schlug vor, die Frage durch
+schleunige Vereinbarung zu erledigen. Als diese Anträge am 4. März in der
+Konferenz zur Verlesung kamen, da brach, sobald der Name des Bundestags
+erklang, einer der Anwesenden in lautes Lachen aus, und die ganze
+Versammlung stimmte fröhlich ein. Und diese Staatsmänner, die ihr Urteil
+über die Leistungsfähigkeit des Bundestages so unzweideutig bekundeten,
+hatten sich soeben noch vermessen, das preußische Zollgesetz durch einen
+Bundesbeschluß aufzuheben! Die Anträge des Ausschusses wurden angenommen,
+und um auch den widerspenstigen Köthener zu gewinnen, fügte man noch ein
+Separatprotokoll hinzu, kraft dessen die beteiligten Staaten sich
+verpflichteten, die Beschlüsse des Wiener Kongresses über die
+Flußschiffahrt unverbrüchlich zu halten, die Verhandlungen deshalb tätig
+zu betreiben.
+
+Über die Freiheit des Getreidehandels setzte man ebenfalls ein besonderes
+Protokoll auf, aber Metternich vereitelte schließlich auch diesen einzigen
+heilsamen Plan, in dem sich alle Parteien zusammenfanden. Er schob die
+Entscheidung immer wieder hinaus, und als die Konferenz endlich zum
+Beschlusse schreiten wollte, da war Kaiser Franz, zum lebhaften Bedauern
+seines Ministers, bereits nach Prag abgereist. Arglos meldete Bernstorff
+einige Tage später, die Erwiderung Sr. Majestät sei noch immer nicht
+eingetroffen. Die Konferenz mußte auseinandergehen, ohne das Protokoll
+abzuschließen. Erst gegen Mitte Juni lief die österreichische Antwort beim
+Bundestage ein. Der gute Kaiser, der sich gegen F. List so väterlich über
+das Wohl des deutschen Vaterlandes geäußert hatte, meinte jetzt trocken:
+das Wiener Protokoll »sei eigentlich nur bestimmt, die Veranlassung zur
+weiteren Entwickelung der darin ausgesprochenen Grundsätze zu geben«; man
+brauche also nicht förmlich darüber abzustimmen, sondern solle nur
+sogleich die vorbehaltene Beratung am Bundestage beginnen. Dies geschah
+denn auch. In einem salbungsvollen Präsidialvortrage feierte Buol(41) die
+Reize des freien Getreidehandels; seine Worte waren aber so allgemein
+gehalten, daß selbst der harmlose Goltz sofort bemerkte, Österreich hege
+Hintergedanken. Darauf beriet der Bundestag mit gewohnter Emsigkeit
+weiter, und nach einem Vierteljahr (5. Oktober) beschloß er, zunächst
+Nachrichten über den Stand der Gesetzgebung in den Einzelstaaten
+einzuholen. Der freie Getreidehandel verschwand in jenem geheimnisvollen
+Schlunde, in dessen Tiefen die ewig unvollendeten Bundesbeschlüsse
+gebettet lagen. Das waren Österreichs Liebesdienste zum Besten der
+deutschen Verkehrsfreiheit. —
+
+Der Verlauf der Konferenzen selbst bestätigte durchweg, was Bernstorff
+vorhergesagt: daß ein Bund ohne politische Einheit keine gemeinsame
+Handelspolitik treiben könne. Angesichts dieser Erfahrungen begannen
+einige der süddeutschen Staatsmänner sich doch endlich mit den Ratschlägen
+Bernstorffs zu befreunden. Eingepreßt zwischen den Mautlinien Frankreichs,
+Österreichs, Preußens, vermochte die Volkswirtschaft des Oberlandes kaum
+mehr zu atmen, zumal da noch keiner der süddeutschen Staaten, außer
+Bayern, ein geordnetes Zollwesen besaß. Die Frage ließ sich nicht mehr
+abweisen, ob man nicht zunächst versuchen solle, diese zerstückelten
+Gebiete in einem handelspolitischen Sonderbunde zu vereinigen, also genau
+dasselbe zu tun, was man soeben dem preußischen Staate als
+Bundesfriedensbruch vorgeworfen hatte. Den ersten Anstoß zu solchen Plänen
+gab der wackere du Thil; noch späterhin pflegte der Darmstädter Hof sich
+dieses Verdienstes gern zu rühmen. Aber erst durch Berstetts rührige
+Tätigkeit gewann der Gedanke Leben. Der Badener hegte, wie du Thil, die
+ehrliche Hoffnung, daß aus diesem Sonderbunde »nach und nach ein Ganzes«
+hervorgehen werde; indes dachte er auch an Retorsionen gegen die
+preußischen Zölle und gab eine kurz abweisende Antwort, als Bernstorff ihm
+versicherte, mit einem süddeutschen Zollverein werde Preußen gern
+Handelsverträge abschließen. Auch Marschall ließ sich auf den Plan nur
+ein, weil er erwartete, daß Süddeutschland nunmehr mit vereinter Kraft den
+Zollkrieg gegen Preußen eröffnen werde. Württemberg endlich spielte mit
+Triasplänen und hoffte, den politischen Bund des konstitutionellen »reinen
+Deutschlands« aus dem Handelsverein hervorgehen zu sehen — ein Gedanke,
+der weder in München noch in Darmstadt Anklang fand.
+
+Bei solcher Verschiedenheit der politischen Absichten konnte Berstett nach
+langwierigen vertraulichen Beratungen nur einen bescheidenen Erfolg
+erreichen. Am 19. Mai verpflichteten sich die beiden süddeutschen
+Königreiche, Baden, Darmstadt, Nassau und die thüringischen Staaten, noch
+im Laufe des Jahres Bevollmächtigte nach Darmstadt zu senden, welche dort
+auf Grund einer unverbindlichen Punktation über die Bildung eines
+süddeutschen Zollvereins verhandeln sollten. Mehr wollte der vorsichtige
+Zentner, der sein bayrisches Zollgesetz behüten mußte, schlechterdings
+nicht versprechen. Immerhin war jetzt doch ein Weg betreten, der aus dem
+Elend der Binnenmauten vielleicht hinausführen konnte. Die liberale Presse
+begrüßte dankbar die patriotische Tat ihrer Lieblinge. Der allzeit
+vertrauensvolle List sah das Ideal der deutschen Zolleinheit bereits
+nahezu verwirklicht, und als er bald darauf nach Frankfurt kam, fand er
+seinen Gönner Wangenheim(42) in einem Rausche des Entzückens: so trug das
+reine Deutschland der gesamten Nation doch endlich die Fackel voran!
+Minder hoffnungsvoll, aber durchaus wohlwollend beurteilte Bernstorff den
+Entschluß der süddeutschen Höfe. Er versicherte Berstett seiner
+Zustimmung; denn gelang es den Mittelstaaten, ihr zerrüttetes
+Verkehrsleben aus eigener Kraft zu ordnen, so blieb für die Zukunft eine
+Verständigung mit Preußen möglich. Seinem König schrieb er: trotz manchen
+feindseligen politischen und staatswirtschaftlichen Hintergedanken bestehe
+für Preußen kein Grund, das Unternehmen zu mißbilligen, zumal da das
+Gelingen noch sehr fraglich scheine.
+
+Der Versuch, das preußische Zollgesetz durch ein Machtgebot des Bundes zu
+vernichten, war gescheitert. Doch unterdessen führte der Köthener Herzog
+seinen Schmuggelkrieg wider die preußischen Mauten wohlgemut weiter und
+hemmte dadurch zugleich die Verhandlungen über die Elbschiffahrt. Wie oft
+hatten einst die Fremden gespottet über die *furiosa dementia*(43) der
+Deutschen, die sich ihre herrlichen Ströme durch ihre Zölle selber
+versperrten! Erst seit Frankreich das linke Rheinufer an sich riß, ward
+dies sprichwörtliche Leiden Deutschlands etwas gelindert. Im Jahre 1804
+wurde statt der alten drückenden Rheinzölle das Rheinoktroi eingeführt,
+das im wesentlichen nur bestimmt war, die Kosten der Strombauten und der
+Leinpfade(44) zu decken, und diese neue Ordnung bewährte sich so gut, daß
+der Wiener Kongreß sie auch für die anderen konventionellen Ströme
+Deutschlands als Regel vorschrieb. Seitdem war die Weserschiffahrt in der
+Tat frei geworden: nach einem langen Streite mit Bremen ließ sich
+Oldenburg durch die Vermittlung des Bundestages bewegen, auf den
+widerrechtlichen Elsflether Zoll endlich zu verzichten (August 1819).
+Schwieriger lagen die Verhältnisse zwischen den zehn Uferstaaten der Elbe.
+Die von W. Humboldt redigierten Artikel 108–116 der Wiener Kongreßakte
+stellten den Grundsatz auf, daß die Schiffahrt auf den konventionellen
+Strömen frei, das will sagen: niemandem verwehrt sein sollte, und
+verpflichteten die Uferstaaten, binnen sechs Monaten Verhandlungen
+einzuleiten, damit die Schiffahrtsabgaben gleichmäßig und unabänderlich,
+ungefähr dem Betrage des Rheinoktrois entsprechend, festgesetzt würden.
+
+Offenbar vermochten diese wohltätigen Verheißungen nur dann ins Leben zu
+treten, wenn die Erhebung der Schiffahrtsabgaben, wie der Artikel 115
+ausdrücklich vorschrieb, von dem Zollwesen der Uferstaaten durchaus
+getrennt blieb und alle Beteiligten durch eine strenge Uferpolizei
+verhinderten, daß die freie Schiffahrt zum Schmuggel in die Nachbarlande
+mißbraucht würde. Nur unter dieser Bedingung konnte Preußen, das jene
+Artikel der Kongreßakte als sein eigenes Werk betrachtete, seine Hand zu
+ihrer Ausführung bieten; wie durfte man — so fragte späterhin eine
+preußische Staatsschrift — einem mächtigen Staate zumuten, »in seinem
+Herzen einen Wurm zu dulden, der seine innere Lebenswurzel annagt?« Nur
+wenn Anhalt, das von der Provinz Sachsen rings umschlossen war, dem
+preußischen Zollsysteme beitrat, konnte die verheißene Freiheit der
+Elbschiffahrt und der rechtmäßige Ertrag der preußischen Einfuhrzölle
+zugleich gesichert werden. Seit der alte Dessauer einst die sämtlichen
+Landgüter seiner Ritterschaft aufgekauft, hatten sich Landbau und
+Forstwirtschaft in den anhaltischen Ländchen unter der sorgsamen Pflege
+ihrer Fürsten glücklich entwickelt; alle seine natürlichen Interessen
+verwiesen dies blühende Gartenland, das der Industrie noch gänzlich
+entbehrte, auf den freien Verkehr mit den benachbarten gewerbereichen
+Bezirken Preußens. Was der Vereinbarung im Wege stand, war allein der
+tolle Souveränitätsdünkel des Herzogs von Köthen und die weiter blickende
+Feindseligkeit seines Ratgebers Adam Müller. Die
+»Anschließungsinsinuationen« des Berliner Kabinetts wies der Herzog empört
+zurück: ob man denn nicht einsehe, so fragte er einmal, »wie schon die
+bloße Unnatur eines solchen Verhältnisses, die Unterordnung eines
+souveränen Fürsten unter die Zolladministration eines benachbarten
+Staates, dem Bestande eines freundschaftlichen Verhältnisses mit der
+Regierung desselben durchaus ungünstig sei!«
+
+Da mit Vernunftgründen bei diesem Hofe nichts auszurichten war, so
+begnügte sich Preußen vorläufig, sein Enklavensystem gegen Anhalt aufrecht
+zu halten. Alle zu Lande nach Anhalt eingehenden Waren wurden dem
+preußischen Eingangszolle unterworfen. Nur den Elbschiffern erlaubte man
+Sicherheit zu stellen für die Zahlung der preußischen Abgaben und
+erstattete ihnen den Betrag zurück, falls der Verbleib der eingeführten
+Waren in Anhalt nachgewiesen wurde.
+
+Schamloser Unterschleif war die Folge dieser Erleichterung. Der
+anhaltische Schleichhandel wuchs von Monat zu Monat, und mit Ungeduld
+erwarteten die preußischen Finanzmänner die vertragsmäßige Regelung dieser
+leidigen Zustände, als endlich im Juni 1819 — viertehalb Jahre nach dem
+Zeitpunkt, welchen der Wiener Kongreß vorgeschrieben — die
+Elbschiffahrtskonferenz in Dresden eröffnet wurde. Dort sprachen Hamburg
+und Österreich eifrig für die Befreiung des Flusses, die ihnen freilich
+nur Vorteil bringen konnte, da die Hansestadt gar keine Schiffahrtsabgaben
+erhob und die hohen böhmischen Elbzölle auf der wenig befahrenen obersten
+Stromstrecke nur geringen Ertrag brachten. Dänemark hingegen, Mecklenburg,
+Anhalt zeigten sich schwierig. Am hartnäckigsten aber verteidigte Hannover
+seinen Besitzstand; denn das welfische Königreich überließ die Sorge wie
+die Kosten für das Fahrwasser der Niederelbe großmütig dem Hamburger
+Senate und erhob dafür in Brunshausen, nahe bei Stade, einige Meilen
+oberhalb der Mündung, seinerseits einen hohen Zoll von allen eingehenden
+Seeschiffen. Sein Bevollmächtigter verwahrte sich feierlich gegen jeden
+Versuch, dies Kleinod der Welfenkrone anzutasten: das sei ein Seezoll, der
+mit der Elbschiffahrt nichts zu schaffen habe, und nimmermehr könne die
+Absicht der Wiener Verheißungen dahin gehen, »die Basis alles
+volkstümlichen Glücks, den Rechtszustand zu erschüttern«. Kein Zureden
+half; die Konferenz mußte den Stader Zoll ganz aus dem Spiele lassen und
+nur den Stromverkehr oberhalb Hamburgs zu erleichtern suchen. Nach
+zweijährigen Verhandlungen, die den preußischen Bevollmächtigen oft der
+Verzweiflung nahe brachten, kam endlich am 23. Juli 1821 die
+Elbschiffahrtsakte zustande, ein dürftiger Vergleich, der in Form und
+Inhalt die Spuren mühseliger Kämpfe verriet; immerhin wurden die
+bestehenden Schiffahrtsabgaben doch etwas herabgesetzt, und der Verkehr
+auf dem Strome begann sich bald zu heben.
+
+Die preußische Regierung behauptete während dieses unleidlichen Gezänks
+durchweg eine versöhnliche Haltung. Sie gab für den Elbverkehr ihre
+Durchfuhrzölle auf, die einen so wesentlichen Bestandteil ihrer
+Handelspolitik bildeten, und war bereit, die Schiffahrtsabgaben noch
+weiter herabzusetzen als die kleinen Nachbarn zugestehen wollten; aber sie
+erklärte auch von vornherein, daß sie eine Schmugglerherberge im Innern
+ihres Staates nicht dulden werde und darum die Elbschiffahrtsakte nur
+unterzeichnen könne, wenn Anhalt sich ihrem Zollwesen anschließe. Ihr
+Bevollmächtigter fügte warnend hinzu: das eigene Interesse der kleinen
+Regierungen gebiete ihnen, das Zollsystem des großen Nachbarstaates zu
+unterstützen, »weil dadurch die zu ihren Gunsten bestehende Zerstückelung
+Deutschlands in ihren nachteiligen Folgen gemildert werden würde«. Wie
+flammte der kleine Köthener Herr auf, als er diese unerhörte Äußerung
+preußischen Übermuts erfuhr und gleichzeitig Bernstorff in einem neuen
+Mahnschreiben an die Köthener Regierung offen aussprach: »die
+norddeutschen Staaten haben den Schutz für ihre Existenz, ihre Wohlfahrt
+und Selbständigkeit und ihre gemeinnützigen Anstalten von Preußen zu
+erwarten«. Der Herzog, der gerade mit seinem königlichen Schwager zugleich
+in Karlsbad verweilte, berichtete sofort alles an Marschall. »Ich
+schmeichle mir, so schrieb er, daß alle Gutgesinnten auf meiner Seite
+stehen und nicht zugeben, daß es Preußen erlaubt wird, sich alles zu
+erlauben. Ob einem Kabinett, das durch einen solchen Mann repräsentiert
+ist, zu trauen ist, lasse ich dahingestellt.« Dann fuhr er höhnisch fort:
+»das Spaßhafteste ist, daß der König mit uns ebenso freundlich als sonst
+ist« — und bat den Nassauer, auch fernerhin auf Wittgenstein(45), »der
+ganz im guten Geiste ist«, wirken zu lassen, damit die Partei, welche das
+Zollgesetz halte, zu Falle komme. Im gleichen Tone antwortete Marschall:
+»Man hat zwar bisher ähnliche Phrasen in dem Munde deutscher Revolutionäre
+gehört, nicht aber in dem eines Repräsentanten eines deutschen Königs.
+Wenn Preußen das nördliche Deutschland und ganz Deutschland schützt, so
+schützt umgekehrt das nördliche Deutschland und ganz Deutschland Preußen.
+Rechte und Verbindlichkeiten sind durchaus wechselseitig. Wer das
+Gegenteil behauptet, verletzt die erste und Hauptgrundlage des Bundes und
+bewegt sich außerhalb des Bundes. Namentlich hat der mächtigste der
+deutschen Bundesstaaten, sowohl im Bunde als in Europa, bei jeder
+Gelegenheit den entgegengesetzten Grundsatz laut ausgesprochen und bei
+jeder Veranlassung geltend gemacht.«
+
+Dieser mächtigste der Bundesstaaten trieb unterdessen sein doppeltes Spiel
+weiter. Metternich, der ebenfalls in Karlsbad anwesend war, hielt zwar,
+auf Preußens Wunsch, einige Unterredungen mit dem Herzog, angeblich, um
+den Streit beizulegen. Aber zur nämlichen Zeit reichte die Köthener
+Regierung eine Klage beim Bundestage ein und forderte die Herausgabe eines
+dem Köthener Kaufmann Friedheim gehörigen Elbschiffes, das beim
+preußischen Zollamte Mühlberg an der Kette lag, weil der Schiffer für den
+Betrag der preußischen Zölle keine Sicherheit stellen wollte. Nachher
+ergab sich — der österreichische Bevollmächtigte Münch in Dresden mußte es
+selber dem preußischen Gesandten [Jordan] eingestehen — daß Adam Müller
+den Friedheim zu seiner Weigerung aufgestiftet hatte, um den Streit vor
+den Bundestag zu bringen.
+
+Da Preußen unerschütterlich blieb, so bequemten sich die drei anhaltischen
+Herzöge schließlich doch zu einem Zugeständnis und versprachen auf der
+Dresdener Konferenz feierlich »zu einem Vereine mit Preußen wegen
+Sicherstellung seiner Landesabgaben auf möglichst ausführbare Weise die
+Hand zu bieten«. Auf dies Fürstenwort vertrauend, hielt König Friedrich
+Wilhelm den Hader nunmehr für abgetan; er ratifizierte die Akte, ließ
+jenes unglückliche Köthener Schiff freigeben, also daß die Klage am
+Bundestage ihren Gegenstand verlor, und Bernstorff lud die anhaltischen
+Höfe nochmals ein, in Berlin wegen der Bedingungen des Zollanschlusses zu
+verhandeln. Aber Monate vergingen, und kein anhaltischer Bevollmächtigter
+erschien. Dem unaufhaltsamen Köthener war es gelungen, seine wohlmeinenden
+Vettern von Dessau und Bernburg(46), die ihr Wort halten wollten, wieder
+umzustimmen; sie hatten ihm versprechen müssen, nicht ohne ihn dem
+preußischen Zollsystem beizutreten, und er war inzwischen mit seinem Adam
+Müller über einen neuen Betrug einig geworden.
+
+Da die Elbschiffahrtsakte im März 1822 in Kraft treten sollte, so
+entschloß sich Minister Klewiz im Januar, das Enklavensystem gegen Anhalt
+vorläufig aufzuheben, was die Finanzpartei in Berlin schon längst
+gefordert, Eichhorn aber, aus Wohlwollen gegen das Nachbarland, bisher
+verhindert hatte. Man umringte demnach die drei Herzogtümer mit
+preußischen Zollstellen; der Elbverkehr dagegen ward, gemäß der Akte,
+freigegeben und Preußen begnügte sich, die nach Anhalt bestimmten Schiffe
+einer Durchsuchung zu unterwerfen. Eben auf diese Vertragstreue Preußens
+hatte Adam Müller seinen sauberen Plan berechnet. Die Durchsuchung der
+Elbschiffe wurde natürlich zu leerem Scheine, sobald man anhaltischerseits
+unredlich verfuhr. Nun taten sich sofort mehrere große englische
+Exportfirmen mit Köthener Kaufleuten zusammen, um den Schleichhandel unter
+dem Schutze des Herzogs in großem Stile zu pflegen. Das gesamte Ländchen
+ward ein Schwärzerwirtshaus, ein Stelldichein für die Gauner und
+Spitzbuben des deutschen Nordens. Die große Mehrzahl der treuen Köthener
+segnete dankbar den Landesherrn, der ihnen billige Waren und reichlichen
+Verdienst beim schmutzigen Handel verschaffte. Wunderbar, wie sich die
+Verzehrungskraft dieses glücklichen Völkchens mit einem Male hob, als wäre
+ein Goldregen über das Land gekommen. Nicht lange, und der anhaltische
+Konsum von ausländischen Waren verhielt sich zu dem preußischen wie
+64 : 1000, der von baumwollenen Waren, die in Preußen hoch verzollt
+wurden, wie 165 : 1000, die Bevölkerung der beiden Lande stand wie
+9 : 1000. Für die Drogen dagegen, welche das preußische Gesetz mit einem
+niedrigen Zoll belegte, zeigten die Anhalter geringere Neigung; hier
+stellte sich das Verhältnis nur wie 13 : 1000. Und bei dieser
+übernatürlichen Konsumtion gingen die herzoglichen Zollbeamten dem Volke
+mit gutem Beispiel voran: der Zollinspektor Klickermann in Dessau bezog,
+wie Preußen aus den Listen seiner Elbzollämter nachwies, in dem einen
+Jahre 1825 für seinen Hausbedarf zollfrei auf dem Strome: 53 Oxhoft Wein,
+4 Oxhoft Rum, 98 Säcke und 1 Faß Kaffee, 13 Säcke Pigment und Pfeffer,
+insgesamt an 1000 Zentner. Mehr denn eine halbe Million Taler im Jahre
+wurden durch den anhaltischen Schleichhandel den preußischen Kassen
+vorenthalten; der Zollertrag in den Provinzen Brandenburg und Sachsen
+stieg nachher, als Anhalt endlich sich dem preußischen System unterworfen
+hatte, bald von 3,135 auf 4,128 Millionen.
+
+Der Besitz einer souveränen Krone ohne Macht entsittlicht auf die Dauer
+ihren Träger. Wie gründlich mußte das Rechtsgefühl der kleinen Höfe, seit
+sie keinen Richter mehr über sich anerkannten, verwüstet sein, wenn dies
+rechtschaffene askanische Haus, das von jeher einer wohlverdienten
+allgemeinen Achtung genoß und so viele seiner tapferen Söhne in die Reihen
+des preußischen Heeres gesendet hatte, sich jetzt unbedenklich
+erdreistete, die Gesetzgebung seines alten treuen Beschützers durch groben
+Unfug zu untergraben! Ein Unglück, daß der ehrwürdige Senior des
+anhaltischen Gesamthauses, der seinem Ländchen unvergeßliche Leopold
+Friedrich Franz von Dessau vor kurzem(47) gestorben war; er würde den
+zweifachen Vertragsbruch schwerlich geduldet haben, denn Anhalt hatte sich
+auf dem Wiener Kongresse zur Unterdrückung des Schleichhandels
+verpflichtet und nachher in Dresden feierlich eine Verständigung mit
+Preußen versprochen.
+
+Um dieser letzteren Verpflichtung scheinbar zu genügen, sendete Herzog
+Ferdinand endlich im Januar 1822 seinen Hofmarschall Sternegg nach Berlin,
+befahl ihm, allein mit Hardenberg zu verhandeln; mit Bernstorff zu
+sprechen, sei unter der Würde des Kötheners. Der Staatskanzler aber zwang
+den Abgesandten kurzweg, sich an das Auswärtige Amt zu wenden, und dort
+stellte sich heraus, daß Sternegg durchaus keine Anerbietungen wegen des
+Zollanschlusses zu bringen, sondern lediglich eine Entschädigungsforderung
+zu überreichen hatte. Der Schaden Köthens betrug, nach dem billigen
+Maßstabe der Kopfzahl angeschlagen, etwa 40 000 Taler für drei Jahre. Der
+Herzog berechnete das Zehnfache und zeigte sich hoch erstaunt, da Preußen
+den Köthener Schmuggel in Gegenrechnung stellte. Nach langen, gereizten
+Erörterungen rückten die Herzöge schließlich mit dem Vorschlage heraus:
+Preußen möge dem enklavierten Anhalt durch einen Gebietsaustausch auf
+ewige Zeiten freien Verkehr mit Sachsen verschaffen, dann seien die drei
+Höfe bereit, sich versuchsweise auf einige Jahre dem preußischen
+Zollsystem anzuschließen. Sofort wies Bernstorff die »unangemessene«
+Zumutung scharf zurück, der Unterhändler mußte abziehen, und Anhalt blieb
+mit preußischen Zollinien umgeben. Aber der Schleichhandel blühte fröhlich
+fort, die Grenzwache Preußens war machtlos gegen den bösen Willen der
+herzoglichen Behörden. Obwohl der Berliner Hof über Adam Müllers Ränke
+genau unterrichtet war, so wollte er doch schlechterdings nicht glauben,
+daß Fürst Metternich das Treiben seines Generalkonsuls billige. Jahrelang
+ertrug der preußische Adler langmütig die Bisse der anhaltischen Maus,
+immer in der Hoffnung, daß die drei Herzöge endlich noch ihr Wort einlösen
+würden.
+
+Und in diesem Streite, der alle Selbstsucht, allen Dünkel, alle Torheit
+der Kleinstaaterei an den Tag brachte, stand die deutsche Presse wie ein
+Mann zu den anhaltischen Schmugglern. Der Schmerzensschrei des freien
+Kötheners war das Wiegenlied der deutschen Handelseinheit, die erst nach
+zwei Menschenaltern auf demselben Elbstrome unter den Weherufen des freien
+Hamburgers ihr letztes Ziel erreichen sollte. Mit einer Verblendung
+ohnegleichen täuschte sich die Bevölkerung der kleinen Staaten, bei jeder
+Wendung dieses wirrenreichen Kampfes, regelmäßig über ihr eigenes und des
+Vaterlandes Wohl, um jedesmal, sobald der gefürchtete Anschluß an Preußen
+endlich vollzogen war, die Notwendigkeit der Änderung nachträglich dankbar
+anzuerkennen. Ebenso regelmäßig verdeckte der Partikularismus seine
+Selbstsucht hinter dem schönen Worte der Freiheit; bald nahm er die
+Freiheit des Handels, bald das freie Selbstbestimmungsrecht der deutschen
+Ströme, bald auch beides zugleich zum Vorwand, und jedesmal ließ sich die
+vom Liberalismus beherrschte öffentliche Meinung durch solche hohle
+Kraftworte verführen.
+
+Die unausrottbaren Vorurteile wider das preußische Zollgesetz wirkten
+zusammen mit jener gedankenlosen Gemütlichkeit, die es unbesehen für
+unedel hält, bei einem Kampfe zwischen Macht und Ohnmacht die Partei des
+Stärkeren zu ergreifen. Und dazu der juristische Formalismus unserer
+politischen Bildung, der gar nicht ahnte, daß im Staatenverkehre das
+formelle Recht nichtig ist, wenn es nicht durch die lebendige Macht
+getragen wird. War denn Köthen nicht ebenso souverän wie Preußen? Wie
+durfte man dieser souveränen Macht einen Zollanschluß zumuten, der ihr
+freilich nur Segen bringen konnte und sich aus ihrer geographischen Lage
+mit unabwendbarer Notwendigkeit ergab, aber ihrem freien
+Selbstbestimmungsrechte widersprach? Und wenn es ihr beliebte, die
+Freiheit der Elbe zur boshaften Schädigung des Nachbarlandes zu gebrauchen
+— in welchem Artikel der Bundesakte war dies denn verboten? Daß Anhalt
+sich durch die Wiener Verträge zur Beseitigung des Schleichhandels
+verbunden hatte, überging man mit Stillschweigen. Bignon(48), der alte
+Anwalt der deutschen Kleinstaaten, trat ebenfalls auf den Kampfplatz mit
+einem offenen Briefe über den preußisch-anhaltischen Streit. Er beklagte
+schmerzlich, daß Frankreich nicht mehr wie sonst vom Niederrhein her des
+Richteramtes über Deutschland warten könne; aber »Frankreich ist von der
+Natur bestimmt, immer zu herrschen, und wenn es das Szepter der Macht
+verloren hat, so hat es doch das Szepter der öffentlichen Meinung
+bewahrt«. Vor dem Szepterträger der öffentlichen Meinung fand Preußen, wie
+billig, keine Gnade. Auf diesem Wege der Usurpationen, rief Bignon, ist
+das Haus der Capetinger einst schrittweis dahin gelangt, die großen
+Vasallen Frankreichs zu vernichten. Treuherzig sprach der deutsche
+Liberale die Warnung des Bonapartisten nach.
+
+Auch die Mehrheit am Bundestage kam der Klage des Köthener Hofes, die
+selbst nach der Freigebung jenes Elbschiffes nicht zurückgezogen wurde,
+bereitwillig entgegen. Umsonst verwahrte sich König Friedrich Wilhelm, als
+er im Sommer 1821 durch Frankfurt kam, mit scharfen Worten wider den
+Vorwurf, daß er Anhalt mediatisieren wolle. Die kleinen Höfe ließen sichs
+nicht ausreden: Preußen wünsche, wie Berstett sich ausdrückte, »seine
+geographische Dünnleibigkeit auf Kosten einiger Kleineren zu arrondieren«.
+Der neu ernannte badische Bundesgesandte Blittersdorff(49) und die
+Klügeren seiner Genossen wußten wohl, wie wenig »bei dem bekannten
+Charakter des Herzogs oder vielmehr der Frau Herzogin« auf ein
+verständiges Abkommen zu rechnen sei; doch sie meinten, »dies sei die
+Gelegenheit für den Bundestag, seine Dauer und Lebenskraft zu erproben«.
+Es galt, Preußen zu demütigen vor einem ohnmächtigen Nachbarn; es galt,
+der norddeutschen Großmacht zu beweisen, daß sie, nach Marschalls Worten,
+ebenso sehr durch Köthen geschützt werde, wie Köthen durch Preußen. Von
+den größeren Bundesstaaten zeigte allein Bayern ein Verständnis für die
+Machtverhältnisse; nachdem die Münchener Regierung soeben selber die
+Schwierigkeiten der Einführung eines neuen Zollsystems kennen gelernt
+hatte, meinte sie doch, daß ein kleiner Unterschied bestehe zwischen einem
+Reiche und einer Enklave. Die anderen beurteilten die Frage nach den
+Gesichtspunkten des Zivilprozesses, und da die Rechtsfrage allerdings
+zweifelhaft lag, so entspann sich am Bundestage eine grimmige Fehde, die
+durch viele Jahre hingeschleppt, den liberalen Zeitungen immer wieder den
+willkommenen Anlaß bot, Preußen als den Friedensbrecher Deutschlands zu
+brandmarken.
+
+Das also war für Preußen das Ergebnis der handelspolitischen Verhandlungen
+in Wien und Dresden. Das neue Zollgesetz war gegen den Widerstand fast
+aller Bundesstaaten unverändert aufrecht geblieben, auch die Freiheit der
+Elbe war notdürftig sicher gestellt, und die alte Ansicht der preußischen
+Regierung, daß der Bund für den deutschen Verkehr schlechterdings nichts
+zu leisten vermöge, hatte sich abermals bestätigt. Aber ebenso fest stand
+auch die Erkenntnis, daß Verhandlungen mit den einzelnen Staaten, bei
+ihrer gegenwärtigen Stimmung, vorläufig ganz aussichtslos waren. Welche
+unbelehrbare Gehässigkeit war dem Grafen Bernstorff entgegengetreten,
+welche anmaßende Sprache hatte er anhören müssen, erst in Wien, dann in
+Dresden! Nach so niederschlagenden Erfahrungen faßte man in Berlin den
+verständigen Entschluß, fortan keine Einladungen mehr ergehen zu lassen,
+sondern gelassen zu warten, bis die Not den kleinen Nachbarn die Augen
+öffne. In diesem Sinne erging an sämtliche Gesandten in Deutschland die
+gemessene Weisung, sich streng zurückzuhalten und auf alle
+handelspolitischen Anfragen lediglich zu antworten: der König habe schon
+im Jahre 1818 sich zu Verhandlungen bereit erklärt, er hege noch immer den
+Wunsch, andere deutsche Staaten mit seinem Zollsysteme zu verbinden, jetzt
+sei es an den Nachbarn, dem guten Willen entgegenzukommen. Eichhorn
+begründete diesen Entschluß mit der Erwägung, daß die Eifersucht der
+Dynastien durch Einladungen erfahrungsgemäß nur gereizt würde: »Solche
+Anträge konnten zugleich als Aufforderungen zur Änderung ihrer inneren
+Staatsgesetzgebung und als ihre Selbständigkeit gefährdende Anmutungen
+mißdeutet werden.« Gegen das tiefeingewurzelte Mißtrauen der kleinen Höfe
+wirkte nur eine Waffe: ruhiger Gleichmut, der die Natur der Dinge für sich
+wirken ließ. Was verschlug es auch, wenn die Presse unablässig über
+Preußens selbstsüchtige Sonderstellung Wehe rief? Von der öffentlichen
+Meinung, die sich noch weit verblendeter zeigte als die Höfe, hatte die
+Handelseinheit des Vaterlandes nichts zu erwarten; Preußens bester
+Bundesgenosse war die wachsende Finanznot der kleinen Staaten.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 29ff.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+ 32 Christian Günther Graf v. Bernstorff, geb. 3. April 1769, gest. 28.
+ März 1835, trat 1818 aus schwedischen Diensten in die preußischen
+ über und wurde Minister des Auswärtigen. 1832 trat er von seinem
+ Amte zurück.
+
+ 33 Karl Wilhelm Freiherr v. Fritsch, geb. 16. Juni 1769, gest. 16.
+ Oktober 1851, war von 1815–1843 Großh. Sächs. Minister.
+
+ 34 Ernst III. seit 12. November 1826, Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha
+ (gest. 29. Januar 1844).
+
+ 35 Vertreter Nassaus am Bundestag.
+
+ 36 Wilhelm I., gest. 27. Februar 1821.
+
+ 37 Adam Müller, geb. 30. Juni 1779, gest. 17. Januar 1829, damals
+ österreichischer Generalkonsul für Sachsen in Leipzig.
+
+ 38 Georg Friedrich Freiherr v. Zentner, geb. 27. August 1752,
+ gest. 20. Oktober 1835, bayrischer Staats- und Justizminister.
+
+ 39 Ludw. Phil. Graf v. Bombelles, geb. 1. Juli 1780, gest. 7. Juli
+ 1843, österr. Diplomat, damals Gesandter in Dresden, nachmals an
+ anderen Höfen.
+
+ 40 Karl August, geb. 3. September 1757, gest. 14. Juni 1828.
+
+ 41 Joh. Rudolf Freiherr v. Buol-Schauenstein, geb. 21. November 1763,
+ gest. 12. Februar 1834, von 1816–1823 Bundespräsidialgesandter,
+ nachher Staatminister und Präsident der Hofkommission.
+
+ 42 Karl August Freiherr v. Wangenheim, geb. 14. März 1773, gest. 19.
+ Juli 1850, von 1817–1823 württembergischer Gesandter am Bundestage.
+
+ 43 Den rasenden Wahnsinn.
+
+ 44 Unter Leinpfaden versteht man die an schiffbaren Wasserläufen
+ angelegten Wege, von denen aus Schiffe mittels einer am Maste
+ befestigten Leine stromaufwärtsgezogen oder »getreidelt« werden
+ (daher auch Treidelwege genannt).
+
+ 45 Wilh. Ludwig Georg Graf zu Sayn-Wittgenstein, geb. 9. Oktober 1770,
+ gest. 11. April 1851, von 1814–1819 Polizeiminister, seitdem
+ Minister des Königlichen Hauses.
+
+ 46 Anhalt zerfiel damals in die 3 Teile Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen,
+ Anhalt-Bernburg. Herzog von A.-Dessau war damals Leopold IV.
+ Friedrich (1817–1871), von A.-Köthen Ferdinand (1818–1830), von
+ A.-Bernburg Alexius Friedr. Christian (1796 bis 1834). Seit 1863 war
+ das ganze anhaltische Gebiet in die Hände Leopolds IV. vereinigt.
+
+ 47 9. August 1817.
+
+ 48 Louis Pierre Baron Bignon, geb. 1771, gest. 5. Januar 1841,
+ franz. Diplomat und Publizist, zeitweilig als französischer
+ Geschäftsträger bzw. bevollmächtigter Minister an deutschen Höfen
+ tätig, nach Belle-Alliance Minister der auswärtigen Angelegenheiten.
+
+ 49 Friedrich Landolin Karl Freiherr v. Blittersdorf, geb. 10. Februar
+ 1792, gest. 16. April 1861, war von 1821–1835 badischer
+ Bundestagsgesandter, danach bis 1843 Minister der auswärtigen
+ Angelegenheiten, von 1843–1848 wieder Bundestagsgesandter.
+
+
+
+
+4. Die Darmstädter Zollkonferenzen.
+
+
+Sehr wichtig wurde die große Handelskonferenz der süddeutschen und einiger
+mitteldeutschen Kleinstaaten, welche, den Wiener Verabredungen gemäß, am
+13. September 1820 in Darmstadt zusammentrat. Auch hier war Wangenheim die
+Unruhe in der Uhr. Unermüdlich kam er von Frankfurt herübergeritten, immer
+zur Vermittlung bereit, gleich befreundet mit dem Schutzzöllner List und
+dem Freihändler Nebenius; denn aus diesem Handelstage mußte unfehlbar der
+politische Bund des reinen Deutschlands hervorgehen. In der Tat blieben
+die Darmstädter Verhandlungen nicht ganz unfruchtbar, obgleich sich Pläne
+und Gegenpläne noch rastlos wie die Blasen im brodelnden Wasserkessel
+übereinander drängten. Sie dienten als ein Läuterungsprozeß, der die
+unbrauchbaren, traumhaften Gedanken aus der deutschen Handelspolitik
+ausschied. Sie boten den Teilnehmern wie dem aufmerksam zuschauenden
+Berliner Hofe die Gelegenheit, die wirtschaftlichen Interessen der
+Bundesstaaten kennen zu lernen, die Bedingungen eines Handelsvereins
+ernstlich zu erwägen. Aber sie lehrten auch durch ihr wiederholtes
+Scheitern, daß ein Zollverein ohne Preußen unmöglich war. Von einem
+binnenländischen Wirtschaftsgebiete, dem die Küste fehlte, konnte niemals
+eine lebensfähige nationale Handelspolitik ausgehen.
+
+Kein Wunder freilich, daß die mißhandelte Nation den ersten Versuch zur
+Beseitigung der Binnenmauten mit Jubel aufnahm. Zahlreiche Dankadressen
+belohnten den hochherzigen Entschluß der Höfe. Badische Landwirte
+bezeugten schon im Voraus dem Minister Berstett: durch die Darmstädter
+Konferenzen sei »der Grund gelegt zu einem glorreichen, einem wahrhaften
+Nationalinstitute«. Sogar jener kluge E. W. Arnoldi in Gotha, der zuerst
+unter den deutschen Geschäftsmännern die nationale Bedeutung des
+preußischen Zollgesetzes erkannt hatte, ließ sich jetzt durch die
+Zeitströmung fortreißen und bat seinen Herzog um Anschließung an die
+süddeutschen Staaten, weil Gotha den Wettbewerb der überlegenen
+preußischen Fabriken nicht ertragen könne. Die Wünsche und Erwartungen des
+Publikums gingen freilich hergebrachtermaßen nach allen Himmelsrichtungen
+auseinander. Der badische Handelsstand verlangte den unbedingten
+Freihandel: mehr als 15 Kreuzer Zoll könne der Zentner Kolonialwaren
+schlechterdings nicht ertragen. Andere ergingen sich in den üblichen
+Ausfällen gegen »jene stolzen Ausländer«. In der bayrischen Kammer
+beantragte der Abgeordnete Köster eine deutsche Nationaltracht aus
+deutschen Stoffen; schon in der Volksschule müsse den Kindern der
+patriotische Abscheu vor ausländischen Waren eingeflößt werden. Die
+Mannheimer Kaufleute dagegen hofften vornehmlich auf harte Zölle wider den
+Frankfurter Handel: der Verein solle anderen Plätzen die Vorteile
+gewähren, welche die stolze Mainstadt ihren ungebührlich großen Kapitalien
+verdanke; den Rheinpreußen müsse er jede Erleichterung versagen, so lange
+nicht der preußische Staat dem Vereine beitrete und der Mehrheit sich
+unterwerfe.
+
+Leider wurde die allgemeine Unklarheit nur vermehrt durch die Schriften
+Lists und seiner Genossen, die sich allmählich ganz in die Irrtümer des
+starren Prohibitivsystems verloren. Miller von Immenstadt forderte in
+einer für die Darmstädter Konferenzen bestimmten Druckschrift (Juli 1821):
+Verbot aller auswärtigen Waren, die wir selbst erzeugen oder durch
+Surrogate ersetzen können; mit der Schweiz und Piemont, mit Holland,
+Hannover, den Hansestädten und Holstein müsse man sich zu verbinden
+suchen; der König von Dänemark werde als treuer deutscher Bundesfürst
+sicherlich geneigt sein, die Schiffe des Vereins mit seinem Danebrog zu
+decken. Das alles im Namen deutscher Ehre und mit dem unvermeidlichen
+patriotischen Pathos! Den Regierungen wurden die zudringlichen Mahnungen
+des Listschen Vereins, der sich auch in Darmstadt wieder durch Sendboten
+vertreten ließ, bald sehr unbequem. Der badische Bevollmächtigte Nebenius
+verbot seinem Sekretär, mit List zu verkehren, sagte dem Agitator ins
+Gesicht, seine Anwesenheit sei überflüssig, errege schlimme Gerüchte. List
+blieb ohne jeden Einfluß auf den Verlauf der Beratungen, und Berstett
+hielt für nötig, seinem Gönner Metternich von vornherein zu beteuern: nur
+das Gebot der Selbsterhaltung, »nicht die einseitigen, trügerischen, von
+einer kleinen Schar eigensüchtiger Fabrikanten ausgegangenen
+Deklamationen« hätten das Darmstädter Unternehmen hervorgerufen.
+
+Die Kabinette selbst waren mit nichten einiger als die öffentliche
+Meinung, denn die verbündeten Staaten bildeten nur scheinbar eine
+geographische Einheit. Sobald man den Geschäften ernsthaft ins Auge sah,
+zeigte sich, daß eine natürliche Gemeinschaft süddeutscher
+Volkswirtschaft, dem Norden gegenüber, nicht bestand. Vielmehr trat wieder
+einmal jene eigentümliche Stellung des Rheinlandes hervor, das so oft
+schon in unserer Geschichte die heilsame Rolle des Vermittlers gespielt
+hat zwischen Nord und Süd. Die kleinen oberrheinischen Staaten waren dem
+rheinischen Tieflande durch stärkere Interessen verbunden als den
+bayrisch-schwäbischen Landen. Nun gar Kurhessen und Thüringen wurden nur
+durch eine politische Schrulle, durch den Haß gegen Preußen, in diese
+süddeutsche Genossenschaft getrieben. Darum verhielt sich der Kasseler Hof
+von vornherein unlustig und ablehnend. Die thüringischen Staaten begannen
+schon 1822 Sonderberatungen in Arnstadt, doch nahmen sie gleichzeitig an
+den Darmstädter Konferenzen teil und belästigten das Berliner Kabinett mit
+nichtssagenden allgemeinen Anfragen — die bare Ratlosigkeit des
+Nichtwollens und Nichtkönnens.
+
+Und welch ein Gegensatz der staatswirtschaftlichen Gesetze und Ansichten!
+In Baden verboten sich hohe Zölle von selbst, weil das gesamte Land nur
+aus Grenzbezirken bestand und die benachbarte Schweiz noch kein geordnetes
+Mautwesen besaß. Die Regierung verstand die günstige Handelslage des
+Staates geschickt auszubeuten, sie begnügte sich mit sehr niedrigen
+Finanzzöllen, welche einen schwunghaften Durchfuhrhandel nach Baden
+lockten und den Staatskassen reichen Ertrag brachten. Die Großindustrie
+konnte unter diesem Systeme freilich nicht Fuß fassen; sie galt im
+Finanzministerium für überflüssig. Auch das Volk vermißte sie nicht, da
+der Freihandel wohlfeile Fabrikwaren vom Auslande brachte. Alle deutschen
+Nachbarn aber klagten laut; denn ein großartiger Schmuggelhandel trieb von
+Baden her, namentlich auf dem Schwarzwalde, sein Unwesen, fand bei der
+Regierung unziemliche Nachsicht; manche häßliche Skandalfälle, so der
+ungeheure Defraudationsprozeß der Firma Renner, erinnerten an Köthensche
+Zustände. In Darmstadt herrschte noch ein veraltetes physiokratisches
+System, das keine Grenzzölle kannte und fast den gesamten Staatsaufwand
+aus direkten Steuern und dem Ertrage der Domänen bestritt; der Mainzer
+Handelsstand, der die Douanen Napoleons noch nicht vergessen konnte,
+beschwor die Regierung, sich vor dieser Pest zu hüten. In Nassau ging das
+herzogliche Domanium mit seinen herrlichen Rebgärten und Mineralwassern
+jedem anderen wirtschaftlichen Interesse vor. Daher hielt Marschall die
+Fabriken für staatsgefährlich, Grenzzölle zum mindesten für bedenklich und
+führte ein Akzisesystem ein, das er den Nachbarn oft als ein
+finanzpolitisches Meisterwerk empfahl. Der mächtige Beamtenstand befand
+sich wohl bei der unnatürlichen Wohlfeilheit des Konsums auf dem engen
+Markte; nach den Produzenten fragte niemand. Bayern dagegen besaß bereits
+in Franken und Schwaben die ersten Anfänge einer aufstrebenden
+Großindustrie; die bayerischen Zölle standen im Durchschnitt etwas
+niedriger als die preußischen, brachten aber geringen Ertrag wegen der
+unverhältnismäßigen Kosten der Grenzbewachung. Der württembergische
+Gewerbefleiß blieb hinter dem bayerischen noch etwas zurück; die
+Stuttgarter Handelspolitik stand daher in der Mitte zwischen dem
+Freihandel der Rheinuferstaaten und den schutzzöllnerischen Wünschen der
+bayrischen Fabrikanten.
+
+So abweichende Richtungen zu versöhnen war unmöglich auf dem engen Raume
+eines süddeutschen Verbandes. Allein ein großes freies Marktgebiet konnte
+die Staaten genugsam entschädigen für die unvermeidlichen Opfer und
+Belästigungen, welche jeder Zollverein anfangs den Genossen auferlegt; und
+diesen einzig ausreichenden Ersatz gewann man nur durch den Anschluß an
+Preußen, der von sämtlichen Teilnehmern grundsätzlich verworfen wurde.
+»Wir alle — so gestand du Thil späterhin selber — strebten ja einzig
+darnach Front gegen Preußen zu machen.« Selbst die politische Eintracht
+der Verbündeten stand auf schwachen Füßen, wie laut auch die Liberalen den
+natürlichen Bund der konstitutionellen Staaten priesen. … Es war ein
+Unglück für die Konferenz, daß ihr mehrere Bundesgesandte als
+Bevollmächtigte angehörten und also auch noch die Ränke und Klatschereien
+der Eschenheimer Gasse in das wüste Durcheinander der Beratungen
+hineinspielten. Du Thil hingegen betrieb die Verhandlungen, wie sein
+greiser Großherzog, mit nüchternem Geschäftsverstande und wollte von
+politischen Hintergedanken nichts hören. Marschall und nach einigem
+Schwanken auch Berstett blieben in dem politischen Fahrwasser der Hofburg.
+Das Münchener Kabinett endlich zeigte keine feste Haltung. Während
+Aretin(50), der erste Bevollmächtigte, in Darmstadt wie in Frankfurt
+vorsichtig den Spuren Wangenheims folgte und Lerchenfeld(51) … den
+süddeutschen Handelsverein ehrlich wünschte, betrachtete Graf Rechberg(52)
+die Darmstädter Konferenz mit Mißtrauen, und der zweite Bevollmächtigte
+Jörres, der ganz von Rechberg abhing, tat unter der Hand das Seinige, um
+die Verhandlungen zu erschweren. Mit zähem Eigensinn hielt jeder Hof seine
+Forderungen fest, obschon im Grunde noch keiner eine durchgebildete
+handelspolitische Überzeugung besaß; jede Nachgiebigkeit erschien wie ein
+Verrat an der eigenen Souveränität. So fehlten alle Vorbedingungen einer
+Verständigung.
+
+Ein prunkendes Aushängeschild für den Verein war rasch gefunden. Die
+Handelspolitik der Verbündeten sollte auf dem
+»staatswirtschaftlich-finanziellen Prinzipe« ruhen — ein schönes Wort, dem
+leider jedes Kabinett einen anderen Sinn unterlegte. Der tüchtigste
+Staatswirt der Versammlung, Nebenius, ward auf du Thils Vorschlag
+beauftragt, einen Entwurf für die Beratungen auszuarbeiten. Voll
+Zuversicht ging er ans Werk; er teilte die allgemeine Ansicht der
+süddeutschen Bureaukratie, daß die Beseitigung der Binnenmauten den
+Partikularismus kräftigen müsse, und schrieb seinem Hofe hoffnungsvoll:
+durch unseren Verein »wird den Einheitspredigern das wichtigste und
+schlagendste Argument siegreich entrissen.« Jedoch der Plan, den er am
+27. November vorlegte, entsprach allein dem badischen Interesse, war für
+alle anderen Staaten unannehmbar. Er schlug ein System sehr niedriger
+Finanzzölle vor, für den Zentner Kolonialwaren 30 Kreuzer bis 2 fl., für
+Fabrikwaren 5 bis 15 fl. — Sätze, welche Aretin viel zu gering fand. Der
+Streit blieb unlösbar, da beide Teile sich auf unwiderlegliche Gründe
+stützten. Ein kleines Zollgebiet bedarf des Freihandels, weil es die
+Kosten scharfer Grenzbewachung nicht tragen kann; doch ebenso gewiß
+genügten die badischen Zölle nicht, um die werdende bayrische Industrie zu
+schützen.
+
+Nebenius wollte ferner alle Zölle an den Grenzen erheben, keine Packhöfe
+dulden, nur die Rheinhäfen außerhalb der Mautlinie liegen lassen. Dahinter
+verbarg sich die Hoffnung der Karlsruher Bureaukratie, Kehl und Mannheim
+zu Hauptstapelplätzen des Vereins zu erheben. Mit Recht erhob Bayern
+lebhaften Widerspruch: nur bei ganz niedrigen Zöllen seien Lagerhäuser
+entbehrlich; auch solle man die Hoffnung auf Frankfurts Beitritt
+festhalten und nicht den natürlichen Mittelpunkt des oberrheinischen
+Speditionshandels zugunsten kleinerer Plätze benachteiligen. In demselben
+Geiste badischer Engherzigkeit war der weitere Antrag, daß den
+Grenzstaaten gestattet werde, von allen Waren, welche der Verein zollfrei
+einlasse, Zölle für ihre eigne Rechnung zu erheben. Sofort widersprachen
+alle rückwärts liegenden Staaten. Auch bei der Verteilung der allgemeinen
+Zolleinnahmen vergaß Nebenius den Vorteil Badens nicht, das allerdings
+unter den Bundesgenossen die reichsten Zolleinkünfte besaß. Er verlangte
+als Maßstab: die Kopfzahl und die Länge der Grenzen, welche jeder Staat zu
+bewachen habe. Ebenso dreist bestand Bayern auf seinem Interesse: man
+müsse einen Durchschnitt suchen aus der Kopfzahl und dem Umfange des
+Gebiets — weil Bayern dünner bevölkert war als die Nachbarlande.
+
+Die gesetzgebende Gewalt wollte Nebenius einer Konferenz von
+Bevollmächtigten anvertrauen, die alljährlich zusammenzutreten und mit
+einfacher Mehrheit zu beschließen hätte. Der Münchener Hof aber war nicht
+geneigt, sich den kleinen Mitverbündeten also zu unterwerfen; Aretin trug
+das Selbstgefühl der Macht rücksichtslos zur Schau und forderte für jede
+halbe Million eine Stimme — das wollte sagen: die Stimmenmehrheit für
+Bayern allein — was wieder von du Thil und den anderen Kleinen als »ein
+allzu naiver Versuch« zurückgewiesen wurde. Die Zollverwaltung endlich
+sollte von einem gemeinsamen Beamtentum geführt, durch eine permanente
+Kommission beaufsichtigt werden. Seltsamerweise erregte diese
+Zentralverwaltung zunächst geringen Anstoß. Die schwäbische Bureaukratie
+sprach sogar lebhaft dafür. Dem allmächtigen Stande der württembergischen
+Schreiber blieb der Verein unheimlich, der so viele Schreiberstellen
+aufzuheben drohte. Indes wenn sich das Unheil nicht abwenden ließ, so
+erschien die Zentralverwaltung als das geringere Übel; sie mußte doch aus
+jedem Staate eine zahlreiche Beamtenschar anstellen. Behielten dagegen die
+Staaten ihre selbständige Zollverwaltung, so hatte Württemberg nur zwei
+Grenzmeilen am Bodensee zu überwachen, und die ganze Herrlichkeit der
+königlichen Mautverwaltung brach zusammen!
+
+Die Verhandlung über jene Streitfragen ward bald gereizt und gehässig.
+Nebenius sprach in seinen Berichten mit sehr ungerechter Bitterkeit über
+die Gegner, die doch vielfach wohlbegründeten Einspruch erhoben. Zudem
+vertrat noch jeder Staat seine eigentümlichen Wünsche. Reuß und Weimar
+wollten das Geleitsgeld für ihre imaginären Harnischreiter nicht ohne
+Entschädigung aufgeben. Der Kurfürst von Hessen weigerte sich, seine
+Transitzölle dem Vereine zu überlassen, forderte zum mindesten ein
+Präzipuum(53) für den starken Konsum französischer Weine, worauf man mit
+der kecken Lüge antwortete, im Oberland werde davon mehr getrunken als in
+Kurhessen. Baden wollte nicht beitreten, wenn nicht sogleich ein
+Handelsvertrag mit der Schweiz abgeschlossen würde. Derweil also die
+Meinungen ziellos durcheinander wogten, hofften mehrere der Kabinette,
+einmal selbst der bayrische Hof, auf Preußens Zutritt! Wiederholt besprach
+man in Darmstadt die Aufnahme der preußischen Rheinlande; dem kreisenden
+Berge dieses Sonderbunds zu Lieb sollte Preußen die schwer erkämpfte
+handelspolitische Einheit seines Gebiets wieder zerreißen! …
+
+Nachdem man sechs Monate auf die bayrischen Instruktionen gewartet,
+erklärte endlich (Juli 1821) der bayrische Bevollmächtigte, sein Hof
+verlange, daß das bestehende bayrische Zollgesetz dem Vereine zur
+Grundlage diene. So begann der trostlose Streit von neuem. Darauf, nach
+anderthalb Jahren, bot sich eine Gelegenheit, die Lebenskraft des Vereines
+zu erproben. Frankreich erließ am 23.–April 1822 ein neues Douanengesetz,
+das die Interessen der oberdeutschen Staaten offenbar feindlich verletzte,
+die wichtigsten Gegenstände der Einfuhr aus Süddeutschland, Schlachtvieh
+und Wolle mit unerschwinglichen Zöllen belegte. Der Schlag traf fast alle
+süddeutschen Lande gleichmäßig; sollte nicht mindestens gegen diesen
+Angriff gemeinsame Abwehr möglich sein? Man verhandelte und verhandelte.
+Baden verbot (17.–Mai) die Weineinfuhr auf seiner Westgrenze; Württemberg
+schloß sich diesen Retorsionen an; mit Bayern war keine Verständigung zu
+erzielen. In seiner Not wendete sich Berstett an Metternich, bat die
+Hofburg um ihre guten Dienste in den Tuilerien. Nach fast zwei Monaten
+(12.–August) erwiderte der Österreicher: »es ist kaum zu erwähnen nötig,
+wie sehr bereit wir sind«, den deutschen Bundesstaaten jede Gefälligkeit
+zu erweisen; aber das französische Gesetz ist das Ergebnis der nationalen
+Meinung und eines »national-ökonomischen Systems, das faktisch das
+Lieblingssystem unserer Zeit geworden ist.« Das war die Hilfe, welche
+Deutschlands Volkswirtschaft von Österreich zu erwarten hatte! Zuletzt
+riefen die unsicheren, vereinzelten Retorsionen der süddeutschen Höfe nur
+einen neuen gehässigen Zank zwischen Bayern und Baden hervor; denn da die
+bayrische Pfalz keine Mauten besaß, so mußte Baden, um die französischen
+Weine wirksam zu treffen, auch die Weineinfuhr vom bayrischen Überrhein
+verbieten, was wieder bayrische Klagen veranlaßte — und so weiter ins
+Unendliche.
+
+Gegen den Herbst 1822 schienen die Verhandlungen wieder vorwärts zu
+rücken. Bayern, ermutigt durch einen drängenden Beschluß seines Landtags,
+legte sich kräftig ins Zeug; der rastlose Wangenheim brachte einen
+Vermittlungsantrag ein, zugunsten der bayrischen Vorschläge. Aber noch
+immer ward man nicht Handels einig, man zerrte herüber und hinüber. Da
+verlor die darmstädtische Regierung die Geduld; sie hatte ihrem Landtage
+baldige Regelung des Zollwesens versprochen und erklärte jetzt (Februar
+1823): wenn man nicht endlich sich vergleiche, so werde Darmstadt für sein
+eignes Haus sorgen.
+
+Die preußische Regierung sah diesen wohlgemeinten aber aussichtslosen
+Verhandlungen gelassen zu, da sie sich mit jedem Jahre mehr von der
+Lebenskraft ihres eigenen Zollgesetzes überzeugte, und ließ sich in ihrer
+kühlen Geringschätzung nicht stören, als die landesüblichen Kraftreden
+wider Preußens Zollsystem auch auf der Darmstädter Konferenz erklangen.
+Eine Denkschrift des Auswärtigen Amtes bemerkte darüber späterhin trocken:
+»Man wählte in Darmstadt Preußen zum Stichblatt, weil man dadurch die
+öffentliche Meinung gewann und seine eigenen Pläne leichter durchsetzen
+konnte.« Metternich hingegen, der den Darmstädter Plänen keinen
+fruchtbaren Gedanken entgegenzustellen wußte, ward der Sorgen nicht ledig.
+Schon vor Eröffnung der Konferenzen ermahnte er Berstett, mindestens den
+Einfluß der Subalternen und der Landstände fern zu halten. Zugleich mußte
+Marschall gegen den Karlsruher Hof den Verdacht äußern, ob vielleicht
+Nebenius selber zu den verkappten Demagogen gehöre. Der badische Minister
+versuchte seinen Gönner zu beschwichtigen und gab an Nebenius gemessene
+Weisung, sich vor allen politischen Nebengedanken zu hüten: »Auch aus dem
+Einfachsten wird Gift gesogen. Rücksichten, die mehr gefühlt als
+bezeichnet werden können, verbieten, den Landtagen irgendwelche Einwirkung
+zu gestatten.« Gleichwohl blieb Metternich argwöhnisch, und sein Marschall
+gestand ihm wehmütig: da der Kaufmann mit seinem beweglichen Kapitale
+leider nicht einem, sondern allen deutschen Staaten angehöre, so könne die
+Handelssache von den Revolutionären allerdings leicht für ihre
+Einheitsträume ausgebeutet werden. Selbst der unverkennbare Mißerfolg der
+Konferenzen beruhigte die Leiter der deutschen hohen Polizei nicht: dieser
+Verschwörer Wangenheim war überall, selbst das badische Land sollte er zu
+Pferde durchstreift haben, um sich mit den liberalen Abgeordneten zu
+besprechen. …
+
+Am 3. Juli 1823 erklärte schließlich du Thil den Austritt seines
+Großherzogs aus der Darmstädter Konferenz, weil Hessen außerstande sei,
+die Ordnung seines Zollwesens noch länger zu verschieben. Nassau folgte
+dem Beispiele. Darauf weigerte sich Bayern, ohne Darmstadt weiter zu
+verhandeln; unter lebhaften gegenseitigen Anklagen ging der Kongreß
+auseinander, nach drei Jahren unerquicklichen Streites. Er scheiterte an
+der Unmöglichkeit, abweichende Interessen in engem Rahmen
+zusammenzuhalten.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 302 ff.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+ 50 Adam Freiherr v. Aretin, geb. 24. August 1769, gest. 16. August
+ 1822, war seit 1817 bayrischer Bundesgesandter.
+
+ 51 Maximilian v. Lerchenfeld, geb. 16. November 1778, gest. 14. Oktober
+ 1843, war von 1817–1825 bayrischer Finanzminister.
+
+ 52 Aloys Graf v. Rechberg und Rothenlöwen, geb. 18. September 1766,
+ gest. 10. März 1849, war bayrischer Minister des Auswärtigen.
+
+ 53 Eine besondere Vergütung.
+
+
+
+
+5. Motzs deutsche Handelspolitik.
+
+
+In das achte Jahr hinein hatte Minister Klewiz sein schweres Amt ertragen,
+mit unwandelbarer Geduld die große Steuerreform aufrecht gehalten wider
+zahllose Angriffe von innen und von außen. Aber das Defizit vermochte er
+nicht zu beseitigen, trotz allen neu angeordneten Ersparnissen; denn er
+begnügte sich mit einer bescheidenen Stellung, die es ihm unmöglich
+machte, den Staatshaushalt vollständig zu übersehen. Er trug vor der Welt
+die Verantwortung für das gesamte Finanzwesen; und gleichwohl verfügte
+Ladenberg(54) mit seiner Generalkontrolle selbständig über alle Ausgaben
+und einen Teil der Einnahmen des Staates. Und dazu noch die unabhängige
+Staatsschuldenverwaltung, bei deren Einsetzung Klewiz nicht einmal befragt
+wurde. Da der Streit der Departements einen vollständigen Etat gar nicht
+mehr zustande kommen ließ, so mußte der Minister schon 1824 die für jedes
+dritte Jahr versprochene Bekanntmachung des Budgets unterlassen. Müde der
+ewigen Reibungen und doch zu schüchtern, um für sich selber die gebührende
+Macht zu fordern, erklärte er im Dezember 1824 dem Könige, unter den
+bestehenden Ressortverhältnissen vermöge er das Gleichgewicht der Finanzen
+nicht herzustellen, und erbat sich nachher die Oberpräsidentenstelle in
+seiner sächsischen Heimat.
+
+Der König ließ darauf (12. Dezember) den vier Präsidenten Schön, Vincke,
+Motz und Schönberg den Entwurf des neuen Etats zusenden mit der Anfrage:
+welche Bedenken sie dawider hätten und welche besonderen Befugnisse sie
+für den künftigen Finanzminister noch verlangten, damit er das
+Gleichgewicht wieder herstellen könne. Jeder der vier sollte antworten,
+als ob er selber zur Übernahme des Finanzministeriums bestimmt sei; keiner
+durfte von der Befragung der anderen etwas erfahren … Nur Motz traf in
+seiner Antwort mit sicherer Hand den eigentlichen Sitz des Übels, den
+Dualismus der Finanzverwaltung. Er forderte für den Minister kurz und gut
+Sitz und Stimme in der Generalkontrolle, so daß auch die Ausgabeetats
+nicht ohne seine Genehmigung zustande kommen könnten; sodann ganz freie
+Hand bei der Auswahl seiner Räte, endlich Zentralisation des Kassenwesens.
+In zwei weiteren Denkschriften … verlangte er ferner die Aufstellung
+völlig zuverlässiger Etats und erklärte sich entschieden gegen die
+Wiedereinführung der Provinzialministerien. Denn neben solchen
+Unterministern sei ein mächtiger Finanzminister unmöglich; dieser müsse
+unmittelbar an der Verwaltung teilnehmen, um »unverbesserliche Mißgriffe,
+Einseitigkeit und Indolenz« zu verhüten: »er kann nicht darauf beschränkt
+bleiben, durch Etats und Verwaltungsnormen nur die Zukunft nach seinen
+Ansichten zu regeln; auch kann es ihm nicht helfen, die Vergangenheit nach
+toten Zahlen zu meistern«. —
+
+Die Entscheidung konnte nicht zweifelhaft sein … Der König entschied sich
+für Motz. Er ahnte in jenem Augenblicke selber nicht, wie segensreich
+dieser Entschluß auf den Gang der deutschen Geschichte einwirken sollte.
+
+Motz stand in seinem 50. Jahre, als er am 1. Juli 1825 sein Amt übernahm,
+der einzige Staatsmann in einem Kabinett von Geschäftsmännern(55). Auch
+dieser Kurhesse war einst, wie Eichhorn, durch den Glanz der
+friderizianischen Zeiten aus seiner kleinstaatlichen Heimat in den
+preußischen Staatsdienst hinübergeführt worden. Eine ungleich glänzendere
+und doch nicht minder gediegene Natur als der stille gelehrte Maaßen,
+tatkräftig, wagelustig, voll kecken Selbstvertrauens, das sich oft in
+beißenden Sarkasmen äußerte, hatte der rüstige Naturalist in einer
+wechselreichen praktischen Laufbahn alle Bücherweisheit verachten gelernt
+und doch verstanden, die lebendigen Ideen der Zeit sich anzueignen … Das
+waren seine frohesten Tage gewesen, da er als junger Landrat auf dem
+Eichsfelde bald zu Pferd bald mit der Jagdflinte auf der Schulter seinen
+Kreis durchstreifte und die Bauern auf ihren Höfen besuchte, selten mit
+Befehlen eingreifend, immer bereit, dem geringen Manne zu zeigen, wie man
+sich selber helfen könne, denn »Selbsttätigkeit entspricht dem energischen
+Charakter des preußischen Volkes.« Dort gewöhnte er sich den Bauernstand
+als den Kern der Nation zu schätzen: »lieber die drückendsten
+Luxusauflagen, lieber wie Pitt alle Elemente besteuern, als den Schweiß
+des Landmanns belasten.« Der Friede von Tilsit zwang ihn, in die Dienste
+des verhaßten Königreichs Westfalen zu treten; er leitete das Steuerwesen
+im Harzdepartement, erschien zweimal als Deputierter bei dem Gaukelspiele
+des Kasseler Landtages und beobachtete voll froher Ahnungen, wie
+unterdessen der preußische Staat die Gedanken echter deutscher Freiheit in
+sich aufnahm. Kaum kam die Kunde von der Leipziger Schlacht, so rief er
+seine Eichsfelder wieder unter die alten Fahnen und war sodann in Halle
+und Fulda bei der Organisation der wiedereroberten Provinzen tätig.
+
+Als Präsident in Erfurt half er nachher, jenen Zollvertrag mit
+Sondershausen abschließen, der so vielen anderen zum Vorbilde dienen
+sollte. Hier in Thüringen trat ihm die ganze Hilflosigkeit der deutschen
+Kleinstaaterei vor Augen. Grenzenlos war seine Verachtung gegen die
+kleinen Höfe. Er kannte ihre Gesinnung genugsam aus den Schicksalen seiner
+eigenen Familie, die unter dem Geize des hessischen Kurfürsten schwer zu
+leiden hatte, und lernte sie noch richtiger schätzen, als der König ihn
+einmal nach Kassel sendete, um die ehelichen Zwistigkeiten im hessischen
+Hause — natürlich ohne Erfolg — zu beschwichtigen. Ein stolzer Preuße von
+Grund aus, freimütig, selbständig in allem, wollte er das Lob Österreichs,
+das in den Beamtenkreisen gesungen wurde, niemals gelten lassen: pfui über
+diese faule, unwissende, unredliche k. k. Verwaltung. Außer Canning(56)
+war Motz der einzige Staatsmann dieser Epoche, der die Hohlheit
+Metternichs völlig durchschaute. Während fast alle anderen preußischen
+Staatsmänner ein stilles Zagen nicht überwinden konnten, blieb diesem
+frischen Geiste die frohe Zuversicht des Jahres 1813 ungeschwächt. »Ein
+guter Krieg wird uns wohl tun, sagte er oft. Aber es muß ein Volkskrieg
+sein, und dann werden wir Kräfte entwickeln, über die man staunen wird.«
+
+Motz wollte die Stein-Hardenbergischen Reformen bis in die letzten
+Konsequenzen vollendet sehen: eine neue Landgemeindeordnung sollte
+ergänzend neben die Städteordnung treten, die Ablösung der Grundlasten
+vollständig ausgeführt, auch die Ausgleichung der Grundsteuer vollzogen
+werden — um der Gerechtigkeit willen, selbst wenn der Staat dabei Verluste
+erlitte …
+
+Während seiner angestrengten Verwaltungstätigkeit in Erfurt und nachher
+als Oberpräsident in Magdeburg entstanden die Denkschriften über die
+Abrundung des preußischen Staatsgebietes, über den Anschluß der kleinen
+Kontingente an das preußische Heer, über die Reform der Verwaltung. Diese
+rasch hingeworfenen Arbeiten zeigen schon sein ganzes Wesen: weiten,
+scharfen Blick, vorurteilsfreien, hochherzigen Patriotismus, aber auch
+einen Zug von genialem Leichtsinn, der notwendig zu seinem Bilde gehört.
+Ohne solche Lust am kecken Wagen und Pläneschmieden hätte er schwerlich
+die Kraft gefunden, in einer Epoche der Ermattung und Entsagung den Neubau
+des deutschen Staates vorzubereiten. Die ihm näher standen, empfingen den
+Eindruck, daß hier eine groß angelegte Natur, ein gedankenreicher,
+unruhiger, überaus produktiver Kopf in allzu engem Wirkungskreise sich
+aufzureiben drohte. Der Mann bedurfte einer großen Tätigkeit, wenn die
+Ideen, die in seinem Geiste gärten, sich abklären, wenn sein starker
+Ehrgeiz und seine frohe Willenskraft sich frei entfalten sollten.
+
+Um das Defizit zu beseitigen, hatte der König den neuen Minister berufen.
+Die glückliche Lösung dieser nächsten Aufgabe bildete zugleich die
+Vorbedingung für das Gelingen der handelspolitischen Pläne, welche Motz
+seit jenem Sondershausener Vertrage nicht mehr aus den Augen verloren
+hatte; nur wenn das Gleichgewicht des Staatshaushalts gesichert war,
+konnte die Krone Zollverträge von zweifelhaftem finanziellem Erfolge
+wagen. In den Kreisen des hohen Beamtentums wurde die Lage der Finanzen
+allgemein sehr ungünstig beurteilt. Hatte man vor sechs Jahren
+schlechterdings nicht glauben wollen, daß in Preußen ein Defizit bestehen
+könne, so hielt man jetzt den Zustand für ganz verzweifelt, weil man die
+Ergiebigkeit der neuen Steuern nicht genau kannte. Motz teilte diese
+düstere Ansicht nicht. Er war überzeugt, das vielbeklagte Defizit sei
+längst nicht mehr vorhanden, wenn nur erst Einheit, Übersicht, Ordnung in
+das Finanzwesen komme; »aber, sagte er später zu seiner Tochter, ich
+hütete mich wohl, Überschüsse zu versprechen, man hätte mich für
+wahnsinnig gehalten.« —
+
+Einen minder mutigen Mann hätte die Lage des Marktes wohl erschrecken
+können. Zur selben Zeit, da Motz ins Amt trat, brach über England eine
+furchtbare Handelskrisis herein, eine der schwersten Erschütterungen,
+welche die Handelsgeschichte kennt. Die Eröffnung des südamerikanischen
+Marktes hatte eine fieberische Spekulation erweckt, welcher nun der
+natürliche Rückschlag folgte: in fünf Vierteljahren stürzten mehr als 70
+Banken und an 3600 Geschäftshäuser zusammen. Auch Deutschland blieb von
+dem Unheil nicht verschont, wie bescheiden auch sein Anteil am Weltverkehr
+noch war: die große Firma Reichenbach in Leipzig und einige der ersten
+Häuser Berlins gingen zugrunde. Doch was bedeutete diese Bedrängnis des
+Geldmarkts neben der namenlosen Not des deutschen Landbaues, die wie alle
+landwirtschaftlichen Krisen ungleich langsamer überwunden wurde? Die
+Hungerjahre waren kaum überstanden, da fielen die Preise aller
+landwirtschaftlichen Erzeugnisse schnell und anhaltend. Die Zollgesetze
+des Auslandes und der elende Zustand der Straßen hemmten die Abfuhr der
+überreichen Ernten; selbst die technischen Fortschritte, welche die
+deutsche Landwirtschaft ihren Lehrern Thaer und Schwerz verdankte, wirkten
+für jetzt nachteilig, da die Konsumtion dem gesteigerten Angebot so rasch
+nicht zu folgen vermochte. Der Wert der Grundstücke sank in manchen
+Landesteilen tiefer als einst zur Zeit des Krieges. Nur die Schäfereien
+behaupteten sich noch; Deutschland allein führte nach England über zweimal
+soviel Wolle aus als alle übrigen Länder zusammen. Aber auch dieser
+Vorteil drohte zu schwinden, seit die Fremden von uns zu lernen begannen,
+deutsche Hirten und Schafe in Rußland, Schweden, Frankreich, Australien
+verwendet wurden. Am härtesten litt das unglückliche Altpreußen; während
+der Kriegsjahre war mehr als die Hälfte seines Viehstandes draufgegangen,
+jetzt stand in einzelnen Gegenden der Tagelohn auf 3 bis 4 Sgr., in
+anderen wurde der Scheffel Roggen für 5 Sgr. ausgeboten. Schöns Schwager,
+Oberst Brünneck, suchte den Nachbarn zu helfen durch die Einführung der
+Schafzucht und anderer technischer Verbesserungen; doch nur wenige waren
+imstande, sich auf neue Unternehmungen einzulassen. Auf die flehentliche
+Bitte der Stände gewährte der König »dieser alten Kernprovinz« abermals
+außerordentliche Unterstützungen: Chausseen wurden gebaut, große
+Getreideankäufe für die Armee angeordnet, auch Magazine angelegt, welche
+den Preis des Scheffels Roggen auf der Höhe von 1 Taler halten sollten.
+
+Dann erlangte Schön(57) noch eine neue Bewilligung von 3 Millionen Taler
+zur Rettung verschuldeter Grundbesitzer. Als guter Patriot wollte er
+vornehmlich die alten, mit der Geschichte des Landes verwachsenen
+Geschlechter im Besitze ihrer Stammgüter erhalten. Dieselbe Meinung
+vertrat sein Freund Stägemann(58) im königlichen Kabinett; der war, obwohl
+ein Anhänger der neuen Volkswirtschaftslehre, doch von jeher der Ansicht
+gewesen, daß durch den Untergang der alten Grundbesitzer der Staat selber
+zugrunde gehe: »es scheint mir ganz simpel, weil ein anderer Staat daraus
+wird«. Aber die bewilligte Summe reichte nicht von fern aus, obwohl sie
+fast den sechszehnten Teil der gesamten Staatseinnahmen ausmachte; zudem
+mußte die große Kreditanstalt der Provinz, die »Landschaft«, der die
+bedrängten Grundherren allesamt verschuldet waren, um jeden Preis vor dem
+Bankrott bewahrt werden, wenn man nicht das ganze Land dem Verderben
+preisgeben wollte. Daher befahl der König auf Schöns Vorschlag (1824), die
+Unterstützungsgelder zwar zunächst zur Rettung der alten
+Grundherrengeschlechter zu verwenden; wenn es aber ganz unmöglich sei,
+eine Familie im Besitze zu erhalten, dann solle sie mit einer notdürftigen
+Pension abgefunden und ihr Stammgut durch die Landschaft unter den Hammer
+gebracht werden.
+
+Mit dieser fast unbeschränkten Vollmacht schritt Schön ans Werk. Das
+Schicksal des altpreußischen Adels lag in seiner Hand. Abermals, und noch
+stürmischer, als vor Jahren bei der Verteilung der ersten
+Kriegsentschädigungsgelder, drängte sich alles um die Gunst des
+Beherrschers der Provinz. Er tat sein Bestes, viele wackere Männer vom
+Landadel verdankten allein seiner Fürsorge die Erhaltung ihres Besitzes;
+wo er aber die Lage für hoffnungslos hielt, da ließ er die Landschaft
+unerbittlich zur Subhastation schreiten. So geschah es, daß unter der
+Mitwirkung dieser wohlwollenden Regierung die Grafen Schlieben, die Grafen
+Goltz und viele andere angesehene Adelsgeschlechter von Haus und Hof
+verjagt wurden — die meisten schuldlos, denn der letzte Grund ihrer Not
+lag doch in den patriotischen Opfern der Kriegszeit. Hunderte von
+Landgütern wurden versteigert, einmal ihrer 218 fast zu gleicher Zeit; das
+unmäßige Angebot drückte die Preise so tief herab, daß die Landschaft
+selber nur durch Zuschüsse des Staates sich behaupten konnte. In manchen
+Teilen der Provinz wechselte die volle Hälfte der großen Güter ihren
+Besitzer …
+
+Mit diesen traurigen Wirren hatte der Finanzminister unmittelbar nichts zu
+schaffen, aber an dem Ertrage der Abgaben lernte er die Not der
+Landwirtschaft nur zu gründlich kennen, obwohl der König bei allen seinen
+Unterstützungen streng den Grundsatz einhielt, daß auch dem Bedürftigsten
+niemals ein Nachlaß an den Staatssteuern bewilligt werden dürfe. Um die
+Schwierigkeiten zu bemeistern, wollte Motz zunächst die Lage des
+Staatshaushalts genau übersehen und erneuerte daher seine alte Forderung,
+daß der Finanzminister in der Generalkontrolle Sitz und Stimme haben
+müsse. Der König suchte nach seiner Gewohnheit zu vermitteln, weil er den
+verdienten alten Ladenberg nicht kränken mochte, und ordnete an, der
+Finanzminister solle im Falle der Meinungsverschiedenheit durch einen
+seiner Räte mündlich mit dem Präsidenten der Generalkontrolle
+unterhandeln. Mit einer solchen Halbheit konnte sich Motz nicht zufrieden
+geben; denn zwischen den beiden koordinierten Behörden hatte sich längst
+ein tragikomischer Wettstreit des Amtseifers entsponnen, wie er nur in der
+preußischen Bureaukratie möglich ist. Die Generalkontrolle suchte ihre
+Lebenskraft zu erweisen, indem sie den Etats zahllose lächerliche Monita
+zusetzte, zum Domänenetat allein 91, zum Forstetat 146, und die
+Kalkulatoren des Finanzministeriums erwiderten natürlich mit gleicher
+Münze. Das Gezänk war so unerträglich, daß Motz sich entschloß, den König
+um seine Entlassung zu bitten, wenn ihm seine berechtigte Forderung nicht
+gewährt würde. »Ich kann mich nicht dazu verstehen — schrieb er an Lottum
+— die Rolle zu übernehmen, welche Herr v. Klewiz viele Jahre zum Nachteil
+der Finanzen des Staates ertragen hat.« Ein solches Abschiedsgesuch galt
+nach den Grundsätzen des alten Absolutismus als strafbarer Trotz, und Motz
+selber hielt für nötig, die Versicherung hinzuzufügen: »ich würde der
+Gnade des Königs mich selbst unwürdig erkennen, wenn ich, in Eitelkeit und
+Torheit befangen, mich auf anderem Wege in meiner Dienststelle zu
+konservieren bemüht sein wollte.«
+
+Seit Stein im Frühjahr 1807 aus ähnlichem Anlaß ungnädig entlassen worden,
+hatte kein Minister mehr gewagt, in diesem Tone zu reden; selbst
+Hardenberg hatte nur einmal, als er auf die Zustimmung des Königs sicher
+rechnen konnte, leise mit einem Abgang gedroht. Friedrich Wilhelm brauchte
+auch volle vier Monate, bis er dem neuen Minister sein selbstbewußtes
+Auftreten ganz verzieh. Dann aber hatte er sich durch Lottums Vorträge von
+der Unhaltbarkeit des bestehenden Dualismus gründlich überzeugt, und da er
+seine bureaukratischen Hartköpfe kannte, so ging er nunmehr sogleich weit
+über die Vorschläge des Finanzministers selber hinaus. Am 8. April 1826
+überraschte er diesen durch die willkommene Mitteilung: er denke die
+Generalkontrolle ganz aufzuheben, ihre Geschäfte dem Finanzministerium zu
+übertragen. Am 29. Mai wurde dieser Befehl vollzogen, und Ladenberg mußte
+sich wehmütig mit dem Präsidium der Oberrechnungskammer begnügen. Motz
+aber war jetzt endlich Herr der Lage, und die anderen Minister empfanden
+bald, daß er sich berechtigt hielt, alle Gebiete der Verwaltung scharf zu
+überwachen. Der langsame Altenstein mochte wohl Grund haben, sich über die
+Anmaßung des Finanzministers zu beschweren, denn umständliche
+Bedachtsamkeit reizte den stürmischen Mann leicht; doch über seine
+Kargheit konnte niemand klagen. Den Anforderungen der Kunst und
+Wissenschaft entsprach er, nach dem Maße der vorhandenen Mittel, sehr
+freigebig; als Kamptz(59) ihn wegen der hohen Kosten der Revision des
+Landrechts befragte, erwiderte er nachdrücklich: für ein solches Werk muß
+in Preußen immer Rat geschafft werden.
+
+In jedem Zweige des Finanzwesens spürte man die rüstigen Hände des neuen
+Leiters. Durch eine gründliche Reform der Kassenverwaltung verschaffte er
+sich einen genauen Überblick über alle Bestände. Das Steuerwesen ließ er
+in den Händen Maaßens, des Urhebers der neuen Zollgesetzgebung. Die beiden
+galten in der Beamtenwelt als Nebenbuhler, aber sie wurden Freunde. Maaßen
+fügte sich gern der raschen Entschlossenheit des jüngeren Vorgesetzten,
+und dieser wußte wohl, was er der Umsicht und Sachkenntnis des
+Generalsteuerdirektors verdankte. »Alles mit Maaßen«, sagte er lächelnd,
+wenn ihn der besonnene Freund von einem übereilten Wagnis zurückgehalten
+hatte. Unter Maaßen arbeitete der geistreiche Ludwig Kühne(60), Motzs
+alter Freund von Erfurt her, der Schrecken aller Trägen und Mittelmäßigen;
+wie wußte er seine Leute in Atem zu halten, wenn er ihnen zurief:
+»Dummheit ist eine Gottesgabe, aber sie zu mißbrauchen ist schändlich!«
+
+In den Provinzen war das Steuerwesen bisher von den Regierungen verwaltet
+worden; der König hatte indes bald eingesehen, wie wenig das langsame
+Kollegialsystem sich für diesen Zweig der Verwaltung eignet, und daher
+(1822) zunächst in den beiden westlichen Provinzen das gesamte Steuerwesen
+einem Provinzialsteuerdirektor unterstellt. Diese Einrichtung bewährte
+sich vollständig und wurde durch Motz auch in den übrigen Provinzen
+eingeführt. Die neuen Behörden mußten nach Landesbrauch anfangs oft mit
+der Eifersucht der Regierungen kämpfen, auch das Volk empfing sie mit
+Argwohn, denn der Name der Zöllner hatte einen bösen Klang, in den alten
+Provinzen dachte man noch mit Schrecken an die Regiedirektoren des großen
+Königs. Doch bald lernte man die Pünktlichkeit und schlagfertige Raschheit
+der Steuerbehörden schätzen; am Rhein wurde der Steuerdirektor v. Schütz
+sogar ein volksbeliebter Mann. Jede tiefgreifende Steuerreform bedarf der
+Zeit, um ihren Wert zu erproben. Jetzt hatte die Geschäftswelt sich nach
+und nach an die neuen Abgaben gewöhnt, die Beamten Übung und Sicherheit
+erlangt in den ungewohnten Formen. Auch der Schmuggel begann nachzulassen.
+Etwa um das Jahr l827 konnte die Reform als abgeschlossen und in den
+Volksgewohnheiten festgewurzelt gelten.
+
+Zu ihrer Ergänzung unternahm Motz die Neugestaltung der Domänenverwaltung,
+die unter dem Drucke der großen landwirtschaftlichen Krisis ganz in
+Verwirrung geraten war. Der Minister selbst und der neue Direktor des
+Domänenwesens, Keßler, bereisten persönlich sämtliche Domänen und Forsten
+der Monarchie, überall jubelnd empfangen von der Jägerei und den Pächtern,
+die es kaum fassen konnten, daß die Herren in Berlin sich endlich einmal
+ihrer Not annahmen. Dann überwies Motz, um mit dem alten Jammer
+aufzuräumen, alle Rückstände einer besonderen Verwaltung und schloß für
+das gesamte Domanium neue, billigere Pachtverträge, welche streng
+eingehalten wurden, aber hunderte von Pächtern vor dem Untergange
+bewahrten. Mit der Veräußerung der Domänen verfuhr er sehr vorsichtig; nur
+in Westpreußen und Posen ließ er zahlreiche Vorwerke an deutsche
+Kolonisten veräußern, »um einen selbständigen und der Regierung
+anhänglichen Bauernstand zu bilden«.
+
+Das Beste blieb doch, daß man nun endlich wußte, woran man war. Nach kaum
+drei Jahren, am 30. Mai 1828, konnte Motz dem Monarchen berichten, daß
+statt des gefürchteten Defizits ein reiner Überschuß von 4,4 Millionen
+erzielt worden sei, der sich nach Eingang der Rückstände auf 7,8 Millionen
+steigern müsse; 3,245 Millionen waren bereits bar an den Staatsschatz
+abgeführt, 1,172 Millionen zu außerordentlichen Ausgaben verwendet.
+Dankbar gestand er zu, ohne die großen unter seinem Vorgänger vollzogenen
+Reformen würde er nicht imstande sein, dem König so erfreuliche Ergebnisse
+vorzulegen; aber er durfte sich sagen, nur er habe vermocht, die Ernte
+dieser Saaten einzuheimsen, und er fühlte sich bereits so sicher, daß er
+eine mäßige Verminderung der Klassensteuer vorzuschlagen wagte: die
+Steuerpflichtigkeit sollte fortan zwei Jahre später als bisher, erst mit
+dem sechzehnten Lebensjahre beginnen. Auch fernerhin, so schloß der von L.
+Kühne entworfene Bericht, werden die Grundsätze der Finanzverwaltung
+bleiben: »Sparsamkeit und Ordnung in den gewöhnlichen Ausgaben;
+Bereithaltung der Kräfte, welche der Friede gewährt hat, für die Zeit des
+ersten Krieges; Aufrechterhaltung des Kredits durch Pünktlichkeit;
+Verwendung eines Teiles der Überschüsse als werbendes Kapital für die
+Zukunft für den Gewerbefleiß.«
+
+Seitdem war Motz der Achtung des Königs sicher. Bei Hofe betrachtete man
+ihn als einen Emporkömmling, da sein altes hessisches Adelsgeschlecht im
+preußischen Dienste neu war. Die Partei Wittgensteins [des
+Polizeiministers] witterte bald den Liberalismus des Ministers heraus;
+Lottum aber und die anderen Anhänger der unbedingten Sparsamkeit tadelten
+seinen Leichtsinn, weil er mit den steigenden Einnahmen auch das knappe
+Ausgabenbudget allmählich um etwa 900000 Taler erhöhte. Wagten sich solche
+Vorwürfe aus dem Dunkel heraus, dann rechtfertigte er sich stets freimütig
+vor dem Könige selbst, denn ohne das Vertrauen des Monarchen könne der
+Finanzminister als Aufseher der gesamten inneren Verwaltung nicht bestehen
+…
+
+In den letzten Jahren hatte Preußens Handelspolitik auch den kleinen
+Nachbarn gegenüber nur wenig Erfolge errungen. Die von preußischem Gebiete
+umschlossenen Kleinstaaten waren durch das wüste Geschrei, das sich an den
+Höfen und in der Presse wider das Zollgesetz erhob, gründlich
+eingeschüchtert. Der Fürst von Rudolstadt getraute sich erst nach drei
+Jahren (1822) dem verständigen Beispiele seines Sondershausener Vetters zu
+folgen und mit seiner Unterherrschaft dem preußischen Zollsystem
+beizutreten. Im nächsten Jahre wurden auch zwei weimarische Ämter sowie
+das obere Herzogtum Bernburg in die Zollgemeinschaft aufgenommen, und alle
+Beteiligten befanden sich wohl bei dem freien Verkehr. Aber auf den so oft
+verheißenen Beitritt der gesamten anhaltischen Lande wartete man in Berlin
+noch immer vergeblich. Der Köthener Herzog führte den Schmuggelkrieg gegen
+seinen königlichen Schwager wohlgemut fort, ermutigt durch die
+Einflüsterungen seines Adam Müller und durch das endlose Gezänk am
+Bundestage. Als Müller es gar zu frech trieb, mußte sich Hatzfeldt(61) in
+Wien beschweren. Metternich gab dem Geschäftsträger sofort einen scharfen
+Verweis wegen eines Benehmens, das »den bekanntlich zwischen Österreich
+und Preußen bestehenden so innigen und freundschaftlichen Verhältnissen«
+durchaus widerspreche, und teilte dies Schreiben dem preußischen Hofe
+verbindlich mit. Müllers geheime Weisungen lauteten aber wahrscheinlich
+anders; er ließ sich in seinem Treiben keineswegs stören und fand in der
+jesuitischen Umgebung der Herzogin treue Bundesgenossen. Die
+Wortbrüchigkeit des kleinen Nachbarn mußte den Berliner Hof um so tiefer
+verstimmen, da mittlerweile (1824) die hohenzollernschen Fürstentümer mit
+Württemberg einen Zollvertrag schlossen, genau nach dem Vorbilde der
+preußischen Enklavenverträge. So schlugen die Kleinstaaten sich selber ins
+Angesicht. Dieselben verständigen handelspolitischen Grundsätze, welche
+Wangenheim in Frankfurt der preußischen Regierung als eine Verletzung des
+Völkerrechts vorgeworfen hatte, wurden nun in Schwaben eingeführt, und
+dieselbe liberale Presse, die das preußische Enklavensystem mit
+Schmähungen überhäufte, fand die Anwendung dieses Systems in Württemberg
+hocherfreulich.
+
+Sobald Motz sich in seinem neuen Amte zurecht gefunden hatte, erklärte er
+dem auswärtigen Amte: Preußens Langmut gegen den unredlichen kleinen
+Nachbarhof werde zur Schwäche, man müsse endlich die ganze Strenge des
+Zollgesetzes wider ihn anwenden (Januar 1826). Gleich nachher baten Dessau
+und Bernburg um die Aufnahme einiger Ämter in die Zollgemeinschaft und
+empfingen, auf Motzs Betrieb, die Antwort: mit solchem Stückwerk sei
+nichts getan; wollten die Herzöge mit ihren gesamten Gebieten beitreten,
+so würde man sie willkommen heißen. Nach einiger Zögerung erschienen
+nunmehr zwei anhaltische Unterhändler in Berlin, und mit dem
+bernburgischen, v. Salmuth, einem geistreichen, witzigen Manne, der das
+mönchische Unwesen des Köthener Hofes gründlich verachtete, wurde Motz
+bald handelseins. Noch im Laufe des Sommers erklärte der Herzog von
+Bernburg die Unterwerfung seines gesamten Landes unter das preußische
+Zollgesetz. Acht volle Jahre hatte es also gewährt seit der Verkündigung
+dieses Gesetzes, bis zum erstenmal ein ganzer deutscher Kleinstaat
+beitrat. Der dessauische Bevollmächtigte aber brach die Verhandlungen ab;
+denn unterdessen war Adam Müller von Köthen nach Dessau hinübergekommen,
+angeblich, um in der Mulde zu baden, in Wahrheit, um den Anschluß an
+Preußen zu hintertreiben.
+
+In einem herzbrechenden Klageschreiben sprach Herzog Leopold von Dessau,
+der mit einer Nichte des Königs verheiratet war, dem Oheim sein Bedauern
+aus: schon vor Jahren habe er dem Köthener Vetter versprochen, nicht ohne
+ihn beizutreten. Das preußische Ministerium verlange, »daß die
+enklavierten Staaten fremde Gesetze und Verwaltungsformen unweigerlich
+annehmen müssen. Dies aber, Allergnädigster König, ich wage es
+vertrauensvoll auszusprechen, wollen Allerhöchstdieselben nicht. Preußens
+mächtiger und gerechter Monarch, der im zweiten Artikel der Bundesakte
+Souveränität und Unabhängigkeit garantierte, wird nie gestatten, daß die
+Minister durch strenges Festhalten am Buchstaben des Bundesvertrages den
+Geist, der sichtbar in demselben waltet, ertöten, daß aus dem ersteren ein
+Rechtstitel für faktischen Zwang entlehnt werde. Wenn ich so das kleine,
+auf mich gekommene Erbe meiner Ahnen, das, erhört Gott meine und meiner
+vielgeliebten Gemahlin Gebete, der Urenkel eines Königs aus meiner Hand
+erhalten wird, vor E. K. Maj. Herzen und Allerhöchstihren mir und meiner
+Gemahlin bewiesenen väterlichen Gesinnungen zu verteidigen wage, so fehlt
+es mir dazu nicht an einem näheren Anlaß« — worauf denn eine lange Klage
+über die dem anhaltischen Lande angedrohte »Polizeilinie« folgte. Der
+König aber zeigte sich sehr aufgebracht über die Zweizüngigkeit seines
+Neffen. Er erinnerte ihn daran, daß Preußen die Dresdener
+Elbschiffahrtsakte erst unterzeichnet habe, nachdem die Askanier ihren
+Beitritt zum preußischen Zollsystem förmlich versprochen hätten; er
+forderte ihn auf, dem Beispiel Bernburgs zu folgen, und schloß: »Auch kann
+ich nicht glauben, daß das in Dresden von sämtlichen Herzögen von Anhalt
+gegebene Versprechen einer Einigung durch irgendeine von ihnen späterhin
+gegebene Zusage an Verbindlichkeit zu verlieren vermöchte.« Ein zweites
+Schreiben des Dessauers, das sich abermals auf die hartnäckige Weigerung
+des Köthener Vetters berief, blieb unbeantwortet.
+
+Der König befahl nunmehr, dem Froschmäusekrieg ein Ende zu machen und das
+anhaltische Land mit der gefürchteten »Polizeilinie« zu umgeben, aber
+zugleich die beiden Herzöge nochmals zu Unterhandlungen einzuladen. Im
+März 1827 wurde die Elbe oberhalb und unterhalb Anhalts gesperrt, von den
+eingehenden Schiffen die vorläufige Zahlung der preußischen Zölle
+gefordert unter Vorbehalt der Rückvergütung, falls die Waren wirklich in
+Anhalt verblieben. Sofort sendete der Köthener Herzog einen Leutnant mit
+einem Ultimatum nach Berlin; sei es, daß er einen höheren militärischen
+Würdenträger nicht in seinem Vermögen hatte, oder daß er Preußen verhöhnen
+wollte. Der tapfere Leutnant forderte drohend die Zurücknahme der
+Maßregeln binnen acht Tagen, sonst werde Köthen zu ernsteren Mitteln
+greifen. Natürlich erhielt er keine Antwort; Eichhorn und Heinrich
+v. Bülow(62), Humboldts geistreicher Schwiegersohn, der in diesen
+lächerlichen Händeln sein diplomatisches Talent zuerst bewährte, setzten
+nur einige scharfe Bemerkungen an den Rand des Köthener Ultimatums. Nun
+brachte Köthen *cette affaire ennuyante*, wie Bernstorff zu seufzen
+pflegte, nochmals an den Bundestag. Wieder verteidigte die gesamte Presse
+den unschuldigen Kleinstaat, den hochherzigen Beschützer der Schwärzer und
+der Schwarzen; wieder trat in der Eschenheimer Gasse(63) ein Ausschuß
+zusammen unter dem Vorsitz des k. k. Gesandten. Wieder ward ein Bericht
+zugunsten Köthens erstattet, und wieder mußte der preußische Gesandte(64)
+eine scharfe Erwiderung verlesen. Nagler sagte geradezu, seine Regierung
+sei durch den Kommissionsbericht in der Überzeugung von ihrem Rechte
+unerschütterlich befestigt worden. Bernstorff aber erklärte: »Dazu haben
+sich große Staaten mit den kleinen nicht in einen Verein zusammengetan,
+damit diese nur ihre, bei vernünftigem Gebrauch unantastbare Souveränität
+nach Willkür und jeder überspannten Einbildung ausüben dürfen.« Österreich
+zeigte bei alledem eine sehr zweideutige Haltung. Adam Müller wurde zwar
+auf längere Zeit beurlaubt, doch im übrigen tat die Hofburg gar nichts zur
+Unterstützung Preußens; ihr Gesandter Graf Trauttmansdorff beschwerte sich
+sogar über die angeordneten Zwangsmaßregeln.
+
+Die kleinen Höfe ergriff ein jäher Schrecken, da sie so unsanft an die
+natürlichen Schranken ihrer Souveränität erinnert wurden. In einem
+verzweifelten Briefe fragte Großherzog Georg von Strelitz seinen
+königlichen Schwager, ob er denn wirklich den Bestand des Deutschen Bundes
+gefährden wolle. Friedrich Wilhelm aber ließ sich nicht beirren. Er
+sendete dem Schwager (Juli 1827) eine Denkschrift, welche nochmals die
+ganze Nichtswürdigkeit der anhaltischen Schleichhandelspolitik darstellte,
+und sagte: daraus möge er lernen, »daß das Interesse meiner Untertanen die
+getroffenen Maßregeln gebieterisch erheischte, daß ich dazu vollkommen
+berechtigt war, und daher weder die Aussprüche der Bundesversammlung noch
+das Urteil des Publikums in und außer Deutschland, sondern nur die
+Nachgiebigkeit der anhaltischen Fürsten eine Änderung hervorbringen
+können.« Dann hob er mit seinem geraden Verstande noch einmal den Kern des
+Streites heraus: »E. K. Hoheit wird außerdem einleuchten, daß, wenn sich
+die Interessen eines Staates von 30 bis 40 000 Einwohnern mit denen von 12
+Millionen in Konflikt befinden, es in der Natur der Verhältnisse liegt,
+daß der erstere nachgebe, sobald ihm eine vollständige Entschädigung
+geboten wird. Sollte der Bund die aus einer übel verstandenen Souveränität
+hergeleiteten Anmaßungen kleiner Staaten gegen mächtigere nicht in die
+gehörigen Schranken zurückweisen, so würde für diese das Bundesverhältnis
+bald unerträglich werden und der Bund, wie E. K. H. bemerken, allerdings
+in Gefahr schweben.«
+
+Mittlerweile begannen die beiden bedrängten Kleinfürsten doch zu merken,
+daß sie den ungleichen Kampf nicht durchführen konnten. Sie beschlossen,
+ihr verpfändetes Wort endlich einzulösen, und erklärten sich zu
+Unterhandlungen bereit. Am 17. Juli 1828, nach neunjährigen
+Schmuggelfreuden, _traten Dessau und Köthen dem preußischen Zollsystem
+bei_. Beide Landesherren bedauerten in gefühlvollen Manifesten, ihre
+geliebten Untertanen so schwer belasten zu müssen; der Köthener berief
+sich auf »unabwendbare Umstände«, der aufrichtigere Dessauer — mit jener
+zynischen Gemütlichkeit, die dem deutschen Kleinfürsten nicht verargt wird
+— auf »die Interessen seines Kammerhaushalts«. Alle diese Enklavenverträge
+gewährten den kleinen Höfen einen nach der Volkszahl abgemessenen Anteil
+am Ertrage der preußischen Ein- und Ausfuhrzölle, außerdem noch allerhand
+Ehrenrechte — das Landeswappen neben dem preußischen für die Zollämter und
+was der Eitelkeiten mehr war — aber durchaus keinen Anteil an der
+Zollgesetzgebung. Nur Dessau und Köthen behielten sich das Recht des
+Widerspruchs vor, falls die Grundsätze und Grundlagen des Zollgesetzes
+verändert würden — ein Satz, der glücklicherweise gar nichts bedeutete.
+Ebenso harmlos war die Klausel, wonach Dessau und Bernburg nur für sechs
+Jahre beitreten sollten. Motz und Eichhorn wußten wohl, wie wenig an einen
+Wiederaustritt zu denken sei; so gönnte man den Kleinen das erhebende
+Bewußtsein, daß sie sich nicht für ewige Zeiten unterworfen hätten. In der
+Tat begann in den anhaltischen Ländern der ehrliche Erwerb wieder zu
+gedeihen, und bald fühlte jedermann, die natürliche Ordnung der Dinge sei
+hergestellt.
+
+Noch während diese anhaltischen Händel schwebten, eröffnete sich für
+Preußen plötzlich die Aussicht, auch größere deutsche Staaten in seine
+Zollgemeinschaft aufzunehmen. Gewitzigt durch die niederschlagenden
+Erfahrungen der Wiener Konferenzen, hatte der Berliner Hof während der
+letzten Jahre gelassen abgewartet, ob die Not der Finanzen einen der
+Mittelstaaten bewegen würde, sich freiwillig dem preußischen Zollsystem
+anzuschließen. Eine solche Politik gewährte zugleich den Vorteil, daß
+Preußen verschont blieb vor den unzähligen Zollvereinsplänen, welche
+gleich Nebelgestalten, rasch gebildet und rasch zerfließend, an den
+kleinen Höfen auftauchten und oftmals auch an die preußischen Gesandten
+herantraten. Leichtfertiges Pläneschmieden war von jeher das Vorrecht der
+Ohnmacht. Ein Staat, der eine große nationale Idee vertrat, durfte auf die
+Mückenseigerei nassauischer und meiningischer Staatsdilettanten sich nicht
+einlassen. Ein einziger von Preußen übereilt abgeschlossener Zollvertrag,
+der die Probe nicht bestand und sich wieder auflöste, hätte die Höfe wie
+die Nation vollends abgeschreckt und die preußische Handelspolitik auf
+Jahre hinaus gelähmt. Nur wenn ein Mittelstaat, Dünkel und Mißtrauen
+überwindend, selber in Berlin positive Anerbietungen stellte, dann allein
+ließ sich glauben, daß er durch gewichtige Interessen bestimmt werde und
+ein dauerhafter Bund möglich sei.
+
+Aus dem Ränkespiel Adam Müllers erfuhr man überdies, welche Kräfte an den
+kleinen Höfen ihr Wesen trieben und beschloß daher, alle Verhandlungen
+über Zollsachen nur in Berlin zu führen. Nur in Berlin fanden sich die
+kundigen Fachmänner, deren, und das reiche statistische Material, dessen
+man zur Lösung so vieler verwickelten Einzelfragen bedurfte. Nur hier war
+man leidlich gesichert gegen die Umtriebe der Hofburg, wie gegen die
+Vorurteile der kleinen Dynastien. Der Aufenthalt in einem ernsten
+Gemeinwesen übt immer einen wohltätig ernüchternden Einfluß, und selbst in
+jener stillen Zeit bewährte Preußen diese erziehende Kraft. In den
+Gesandtschaftsberichten läßt sich deutlich verfolgen, wie die kleinen
+Diplomaten stets mit mißtrauischem Zagen den verrufenen Berliner Boden
+betraten und schon nach wenigen Monaten ein unbefangenes, ja wohlwollendes
+Urteil über die preußischen Dinge sich bildeten. Graf Bernstorff blieb mit
+den Gesandten der Mittelstaaten immer auf gutem Fuße, selbst wenn das
+Verhältnis zu den Kabinetten sich trübte.
+
+Sodann lernte man aus dem unglücklichen Verlaufe der Darmstädter
+Zollkonferenzen, daß Zollverhandlungen mit mehreren Staaten zugleich, bei
+der großen Verschiedenheit der Interessen, keinen Erfolg versprechen.
+Seitdem stand in Berlin der Entschluß fest, immer nur mit einem einzelnen
+Staate über Zollfragen zu verhandeln, mit mehreren nur dann, wenn diese
+sich bereits zu einer handelspolitischen Einheit verbunden hätten. Diese
+streng eingehaltene Regel erlitt eine einzige Ausnahme. Die kleinen
+thüringischen Lande konnten vereinzelt weder eine Zollgrenze bewachen,
+noch als Träger eines handelspolitischen Interesses gelten. Darum hatte
+das Berliner Kabinett schon im Jahre 1819 dem Gothaer Hofe die Bildung
+eines thüringischen Vereins empfohlen — ein Vorschlag, dessen Berechtigung
+selbst auf den Darmstädter Konferenzen von dem sachkundigen badischen
+Bevollmächtigten anerkannt wurde. Allen anderen Staaten gegenüber blieb
+der Grundsatz der Einzelverhandlungen aufrecht.
+
+Über die handelspolitischen Pläne der Mittelstaaten war der Berliner Hof
+sehr genau unterrichtet; denn an mehreren der kleinen Höfe bestand eine
+einflußreiche preußische Partei, in München und Stuttgart mindestens ein
+tiefer Groll gegen Österreich, der unseren Geschäftsmännern zustatten kam.
+Dazu der landesübliche Nationalhaß des Nachbars gegen den Nachbar; wie
+ließ sich ein Geheimnis bewahren, wenn heute ein darmstädtischer, morgen
+ein badischer Minister sich gedrungen fühlte, seine gerechte Entrüstung
+über Bayerns oder Württembergs anmaßende Vorschläge in den schweigsamen
+Busen des wohlwollenden preußischen Gesandten aus zuschütten? Der
+Karlsruher Posten diente als die beste Warte, um den Wandel der kleinen
+Gestirne zu beobachten. Die Teilnahme Preußens an dem geplanten
+süddeutschen Zollverein befürwortete in Berlin niemand, weil man ihn für
+hoffnungslos hielt. Dagegen wurde wiederholt und ernstlich die Frage
+erwogen: unter welchen Bedingungen Preußen mit größeren Nachbarstaaten
+einen Zollbund abschließen könne? Klewiz beantwortete sie in einem
+Gutachten vom 27. Juni 1822 dahin: Nur unter drei Bedingungen können wir
+die Nachbarstaaten in unseren Verband aufnehmen. Wir müssen fordern:
+»Annahme unserer Branntweinsteuer und einer angemessenen Biersteuer«, nur
+dann wird der Verkehr aller Schranken ledig. Ferner »ein sehr
+überwiegendes Vorrecht für Preußen bei Bestimmung der Ein-, Aus- und
+Durchgangsabgaben«. Endlich »die Douanenlinie in jenen Ländern muß ganz
+von uns abhängen«, da die bisherige Zollverwaltung der Nachbarstaaten
+keine Bürgschaft gibt für die gewissenhafte Ausführung der Gesetze.
+Begreiflich genug, daß ein preußischer Minister für seinen Staat eine
+solche handelspolitische Hegemonie wünschte. Bald aber erkannte man in
+Berlin, wie wenig die Mittelstaaten gesonnen waren, eine »fremde«
+Verwaltung in ihren Ländern zu ertragen, und stimmte daher seine Ansprüche
+herab.
+
+Im Jahre 1824 verhandelten die drei Ministerien des Auswärtigen, des
+Handels und der Finanzen nochmals über die Frage, »wie sich Preußen bei
+den Zollvereinsunternehmungen zu verhalten habe.« Geh Rat Sotzmann, der
+Sohn des bekannten Geographen, eines der ersten Talente der
+Finanzverwaltung, und H. v. Bülow faßten das Ergebnis der Beratung in
+einer großen Denkschrift zusammen, welche schon mehrere Hauptgrundsätze
+der späteren Zollvereinsverfassung aufstellte. Sie erklärten: der Anschluß
+an Preußen könne auf zwei Wegen erfolgen — entweder durch vollständige
+Unterwerfung, wie sie in Bernburg geschehen sei, oder durch eine freiere
+Verbindung. Einem größeren Staate dürfe nur die letztere zugemutet werden;
+doch müsse er jedenfalls seine Zölle und Konsumtionssteuern den
+preußischen gleichstellen. Der Unterschied von »Zollanschluß« und
+»Zollverein« war also schon damals den preußischen Staatsmännern geläufig,
+wenngleich sie die modernen Schulausdrücke noch nicht gebrauchen. Da der
+Beitritt etwa von Kurhessen »nur soviel Zuwachs bringt als ein einziger
+unserer Regierungsbezirke ausmacht«, so kann der Berliner Hof die
+Entwicklung seines Zollwesens von der Zustimmung eines solchen
+Bundesgenossen nicht unbedingt abhängig machen. Daher soll Preußen sich
+nur auf eine Reihe von Jahren binden, um bei Ablauf der Frist über
+Änderungen und Zusätze sich von neuem zu vereinbaren. Man verzichtet
+mithin auf jedes Vorrecht, erkennt die volle Gleichberechtigung des
+kleinen Bundesgenossen an und behält sich nur das Recht der Kündigung vor,
+als unentbehrliches Gegengewicht. Jeder der beiden Staaten ernennt seine
+Zollbeamten selbst, doch werden sie beiden Regierungen verpflichtet. Der
+Plan, die Grenzbewachung allein in Preußens Hände zu legen, war mithin
+aufgegeben. Nur noch ein kleiner Schritt weiter, und man mußte erkennen,
+daß auch die doppelte Vereidigung der Zollbeamten dem Dünkel der kleinen
+Höfe unerträglich sei, bloß eine gegenseitige Kontrolle der Zollverwaltung
+sich erlangen lasse. Preußen hatte sein letztes Wort noch nicht
+gesprochen; die Denkschrift verhehlte nicht, daß der Berliner Hof gefaßt
+sein müsse auf noch größere Zugeständnisse. »Wird nur der Zweck erreicht —
+die wirkliche Einführung des preußischen Zoll- und
+Konsumtionssteuersystems und die Verfolgung der Kontraventionen —, so kann
+man über Formalitäten, die durch öffentliche Unterordnung der jenseitigen
+Souveränitätsrechte anstößig werden dürften, leichter hinweggehen.« Zum
+Schluß wird ein wichtiger Gedanke entwickelt, den das preußische Kabinett
+fortan getreulich festhielt und weiter verfolgte: Sollte Kurhessen nur
+gegenseitige Eingangsbegünstigungen wünschen, so wäre dies für Preußen,
+wegen unserer höheren Zölle, nicht bloß kostspieliger, sondern auch
+gefährlicher; die völlige Verschmelzung der beiden Zollsysteme bleibt in
+jeder Hinsicht vorzuziehen. — In der Tat, nicht die Höhe der Binnenzölle
+lähmte den deutschen Handel, sondern das Dasein der Binnenmauten selber;
+jede Reform, die nicht an diese Wurzel des Übels die Axt legte, blieb ein
+Mißgriff.
+
+Leider hatten diese verständigen Grundsätze für den Augenblick gar keine
+Wirkung; denn die Verfasser der Denkschrift hielten sich noch buchstäblich
+an das Programm von 18l9. Sie wollten in gerader Linie »von Grenze zu
+Grenze« vorgehen, von dem nächsten Nachbar zu dem entfernteren. Was schien
+auch einfacher als der Plan, zunächst die angrenzenden Staaten zu
+gewinnen, die im unmittelbaren Bereich der preußischen Macht lagen, und
+dann erst zu versuchen, ob das geeinte Norddeutschland vielleicht mit dem
+Süden sich verständigen könne? Und doch war dieser gerade Weg ganz
+ungangbar. Die Denkschrift selber gesteht, daß der allen Neuerungen
+abgeneigte Dresdner Hof sich, schon wegen der Leipziger Messen, dem
+preußischen Zollwesen fernhalten werde. Hannover, als ein Brückenkopf
+Englands, wird gar nicht erwähnt, ebensowenig das dänische Holstein.
+Thüringen »ist auf Preußen angewiesen«, muß sich aber, wie in einem
+besonderen Promemoria ausgeführt wird, zuvörderst zu einem Verein
+zusammentun, der dem preußischen Zollsystem als »Vorland und Deckwerk«
+dienen soll. Darmstadt »grenzt nicht an uns«, selbst sein Oberhessen kann
+nur in Betracht kommen, wenn Kurhessen gleichzeitig beitritt. — Nach
+alledem blieb als nächstes erhebliches Ziel nur der Beitritt von Kurhessen
+samt Waldeck, und sogar dies war unerreichbar, denn der hessische Kurfürst
+zeigte, nachdem er es eine kurze Zeit mit einem verständigen Zollsystem
+versucht hatte, dem großen Nachbarstaate bald wieder die alte
+Gehässigkeit. Solange in Berlin diese Ansichten vorherrschten, die
+offenbar mit dem alten unseligen Gedanken der Mainlinie zusammenhingen,
+ließ sich eine Erweiterung des Zollsystems über die kleinen Enklaven
+hinaus nicht absehen.
+
+Erst durch Motz wurde der Bannkreis dieser norddeutschen Ideen
+durchbrochen. Hierin und in der Beseitigung des Defizits, die eine
+Handelspolitik großen Stils erst ermöglichte, liegt sein bleibendes
+Verdienst. Er zuerst unter den preußischen Staatsmännern verfiel auf die
+Frage: ob nicht in dem wunderlichen Durcheinander unserer Kleinstaaterei
+der Umweg vielleicht rascher zum Ziele führe als die gerade Linie? ob man
+nicht die Nachbarn, die nicht zu überzeugen waren, vielmehr umgehen und
+umklammern müsse? Der kühne Spieler kam mit seinen Bauern auf dem Brette
+nicht vorwärts und ließ darum die Springer vorgehen. Er faßte sich das
+Herz, sobald eine günstige Stunde kam, über Kurhessen und die anderen
+unmittelbaren Nachbarn hinweg den süddeutschen Staaten die Hand zu
+reichen. In einer Zeit, da die amtliche deutsche Welt den ewigen Bund
+zwischen Österreich und Preußen für ein unverbrüchliches Gesetz ansah,
+ging er geradeswegs auf das Ziel los, das gesamte Deutschland mit
+Ausschluß Österreichs durch das unzertrennliche Band wirtschaftlicher
+Interessen unter der Führung Preußens für immer zu vereinigen und also die
+Befreiung von der Herrschaft des Hauses Lothringen vorzubereiten. Sobald
+dieser Entschluß feststand, war das Eis gebrochen. Der steile Weg war
+betreten, der die Handelspolitik Preußens rasch von Erfolg zu Erfolg
+führen sollte.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 453 ff., 477 ff.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+ 54 Philipp v. Ladenberg, geb. 15. August 1769, gest. 11. Februar 1847,
+ seit 1817 Direktor der Generalkontrolle der Staatsausgaben, seit
+ 1823 Chefpräsident der Oberrechnungskammer.
+
+ 55 S. o. S. 42 Anm. 1.
+
+ 56 George Canning, geb. 11. April 1770, gest. 8. August 1827,
+ britischer Staatsmann, Vorkämpfer für liberale Handelspolitik und
+ Gegner der von der heiligen Allianz vertretenen
+ Legitimitätsanschauungen.
+
+ 57 Heinrich Theodor v. Schön, geb. 20. Januar 1773, gest. 23. Juli
+ 1856, seit 1816 Oberpräsident von Westpreußen, von 1824 bis 1842
+ Oberpräsident der gesamten Provinz Preußen, seit 1840 gleichzeitig
+ Staatsminister.
+
+ 58 Friedr. Aug. v. Stägemann, geb. 7. November 1763, gest. 17. Dezember
+ 1840, im Ministerium Stein bis Dezember 1806 vortragender Rat, seit
+ 1809 Geh. Staatsrat im Finanzministerium und Mitarbeiter
+ Hardenbergs, 1817 in den Staatsrat berufen.
+
+ 59 Karl Friedr. Heinrich v. Kamptz, geb. 16. September 1769,
+ gest. 3. November 1849, seit 1824 Direktor im Justizministerium, von
+ 1832–1838 Justizminister, berüchtigt und verhaßt wegen seines Eifers
+ bei Aufspürung demagogischer Umtriebe.
+
+ 60 Ludwig Samuel Kühne, geb. 15. Februar 1786, gest. 3. April 1864,
+ seit 1819 Hilfsarbeiter im Finanzministerium, seit 1820
+ Geh. Finanz-, bzw. Oberfinanzrat. Die Übernahme des
+ Finanzministeriums lehnte Kühne wiederholt ab.
+
+ 61 Franz Ludwig Graf v. Hatzfeldt, geb. 23. November 1756, gest. 3.
+ Februar 1827, war seit 1822 preußischer Gesandter in Wien.
+
+ 62 Heinrich Freiherr v. Bülow, geb. 16. September 1792, gest. 6.
+ Februar 1846, war bis 1827 im Ministerium des Auswärtigen
+ hauptsächlich in den Handelssachen tätig, 1827 wurde er preußischer
+ Gesandter in London, 1842 Minister der auswärtigen Angelegenheiten.
+
+ 63 In der Eschenheimer Gasse zu Frankfurt a. M. befand sich das
+ Taxissche Palais, in dem die Bundesversammlung tagte.
+
+ 64 Karl Ferd. Friedrich v. Nagler, geb. 1770, gest. 13. Juni 1846, der
+ schöpferische Organisator des preußischen Postwesens, war von
+ 1824–1835 preußischer Gesandter am Bundestag.
+
+
+
+
+6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine.
+
+
+
+a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._
+
+
+Als die Darmstädter Konferenzen im Sterben lagen, gaben die kleinen
+thüringischen Staaten die Erklärung ab: wenn man in Darmstadt sich nicht
+vereinige, so sähen sie sich genötigt, einen bereits verabredeten
+bedingten Vertrag auszuführen und »einen in sich geschlossenen
+Handelsstaat« zu bilden — »eine Selbsthilfe, welche das Bild der
+Zwietracht, das Deutschlands Staaten darstellen, zur höchsten Vollendung
+zu bringen gemacht wäre.« Und wahrlich, der Süden bot einen jammervollen
+Anblick nach dem Abbruch der Darmstädter Verhandlungen. Jedes Kabinett
+ging trotzig und verstimmt seines eigenen Weges. Die darmstädtische
+Regierung versuchte noch einmal (Februar 1824), die oberrheinischen Höfe
+zur Annahme gleichförmiger Zollgesetze zu bewegen; da dies mißlang, gab
+sie ihrem Lande eine selbständige Zollordnung, welche, dem Volke verhaßt,
+kaum 80000 Gulden jährlich einbrachte. Der kluge du Thil hatte diesen
+armseligen Ertrag vorhergesehen, er wollte sich aber für künftige
+Zollverträge ein Unterhandlungsmittel sichern. Auch Württemberg führte im
+selben Jahre ein neues Zollgesetz ein, das dem bayrischen nahe stand. Das
+Schmuggelgeschäft in Frankfurt und in Baden blühte wie nie zuvor. Törichte
+Retorsionen belästigten den Verkehr. Als Württemberg mit der Schweiz über
+einen Handelsvertrag verhandelte, sendete Baden sofort einen
+Bevollmächtigten nach Zürich, um den Fortgang des Geschäftes argwöhnisch
+zu beobachten. In der Schweiz herrschte dasselbe Elend germanischer
+Zersplitterung; konkordierende und nicht konkordierende Kantone fanden des
+Haders kein Ende, die Verhandlungen rückten kaum von der Stelle.
+
+Nur der Stuttgarter Hof gab in diesem Zeitraum allgemeiner Zerfahrenheit
+die Triasträume und Zollvereinspläne nicht auf. Der württembergische
+Gesandte in München, Freiherr von Schmitz-Grollenburg, ein rühriger
+Liberaler, gleich seinem Gönner Wangenheim begeistert für den Bund der
+Mindermächtigen, ließ nicht ab, das bayrische Kabinett um Wiederaufnahme
+der Verhandlungen zu bitten. Eine geraume Zeit hindurch fand er keinen
+Anklang; sein Freund Lerchenfeld konnte nicht aufkommen gegen Rechberg,
+der rundweg aussprach, eine gemeinschaftliche Zollgrenze sei entwürdigend
+für die rückwärtsliegenden Staaten. Auch bestand im altbayrischen Volke
+wenig Neigung mehr für die Zollvereinspläne; die öffentliche Meinung
+verlor das Vertrauen zu den immerdar vergeblichen Unterhandlungen.
+
+Immerhin hatten die Darmstädter Beratungen die Lage etwas geklärt.
+Süddeutschland zerfiel in zwei Gruppen. Die beiden Königreiche auf der
+einen, die Rheinuferstaaten auf der anderen Seite, waren sich der
+Gemeinschaft ihrer Interessen bewußt geworden. Eben diese Sonderung zweier
+Gruppen führte dann zu neuen Einigungsversuchen. Baden schloß mit
+Darmstadt (10. September 1824) einen Vertrag, der den eigenen Produkten
+der beiden Staaten einige Erleichterung gewährte, und sendete sodann
+seinen Nebenius zu gleichem Zwecke nach Württemberg. Der badische
+Bevollmächtigte ward in Stuttgart sehr unfreundlich aufgenommen und
+wochenlang hingehalten, da der württembergische Unterhändler stets zur
+unpassenden Stunde unwohl wurde. Gekränkt und verstimmt dachte er schon
+heimzureisen; da erfuhr er endlich, daß Württemberg inzwischen schon eine
+neue geheime Verhandlung mit Bayern begonnen habe. Die Nachricht von dem
+badisch-hessischen Vertrage hatte den Münchener Hof mit schwerer Sorge
+erfüllt. Man fürchtete die Führerschaft im Süden zu verlieren und geriet
+in Unruhe wegen der Rheinpfalz; diese unzufriedene Provinz forderte
+dringend, fast drohend eine Verständigung mit den Rheinuferstaaten, die
+für ihr Handelsinteresse weit wichtiger seien als die altbayrischen Lande.
+Überdies hatte Blittersdorff den unsterblichen Artikel 19 und die
+Handelssache soeben am Bundestage wieder zur Sprache gebracht; und obwohl
+dies nur ein Zeichen der Ratlosigkeit war, so wollte doch Bayern jede
+Einmischung des Bundes abschneiden. So geschah es, daß
+Schmitz-Grollenburgs Anträge jetzt in München einer günstigeren Stimmung
+begegneten. König Max Joseph(65) gestattete, daß der württembergische
+Geheimrat Herzog nach München kam. Während man Nebenius in Stuttgart mit
+leeren Ausflüchten vertröstete, ward an der Isar über einen süddeutschen
+Zollverein verhandelt.
+
+Schon am 4. Oktober 1824 kam dort ein vorläufiger Vertrag zustande; im
+folgenden Monat traten die Bevollmächtigten der beiden Königreiche in
+Stuttgart zusammen, um die Vereinbarung endgültig festzustellen. Gewitzigt
+durch den ziellosen Meinungswirrwar der Darmstädter Konferenzen, zogen
+Bayern und Württemberg diesmal vor, zunächst unter sich ins reine zu
+kommen, dann erst die kleinen Nachbarn zum Beitritt aufzufordern. Ein
+richtiger Gedanke, sicherlich, doch die Heimlichkeit des Verfahrens
+verletzte die oberrheinischen Höfe. In Karlsruhe wie in Darmstadt prahlte
+man gern: wir können Bayerns entbehren, Bayern nicht unser, da wir seine
+Verbindung mit der Rheinpfalz beherrschen. Um so bitterer empfand man das
+rasche Vorgehen des Münchener Hofes. Um »den Prätensionen der königlichen
+Höfe« entgegenzutreten, eilte Berstett nach Frankfurt, besprach sich dort
+mit Marschall. Gleich darauf (19. November 1824) hielten Berstett,
+Nebenius, du Thil und Hoffmann in Heidelberg eine geheime Zusammenkunft,
+welche der badische Minister selber in einem vertrauten Briefe »ein
+Gegengift« gegen die bayrisch-württembergischen Umtriebe nannte.
+
+Das hier vereinbarte Protokoll, dem nachher auch Marschall beitrat, wurde
+bedeutungsvoll für die Geschichte der deutschen Handelspolitik; denn hier
+spielte der Partikularismus seinen höchsten Trumpf aus, er stellte seine
+letzte und schwerste Bedingung auf. Die verbündeten Staaten verpflichteten
+sich, in fester Gemeinschaft vorzugehen und vornehmlich bei dem Verlangen
+zu beharren, daß jeder Staat seine Zollverwaltung selbständig führe; nur
+unter dieser Bedingung sei ein Zollverein möglich. Baden, das doch in Wien
+und in Darmstadt selber eine Zentralverwaltung vorgeschlagen hatte, hielt
+jetzt die entgegengesetzte Forderung am hartnäckigsten fest. Die beiden
+Königreiche hatten ihr Mißtrauen gegen die allzu nachsichtige badische
+Zollverwaltung oft und in verletzender Form ausgesprochen. Der Karlsruher
+Hof fühlte sich dadurch tief gekränkt und — er fürchtete die Anwesenheit
+bayrischer Zollbeamten in seinem bedrohten pfälzischen Gebiete. Wir
+wollen, schrieb Berstett an du Thil, schlechterdings keinen *status in
+statu*(66), kein Funktionieren fremder Beamten in unserem Gebiete; und
+jener antwortete: auch keine Verpflichtung der Zollbehörden für die
+Gemeinschaft, denn sonst könnte der Großherzogliche Zolldirektor dem
+Minister sich widersetzen! Ebenso nachdrücklich erklärte Nebenius: »Die
+Frage ist ganz einfach diese, ob die Untertanen der einzelnen Staaten in
+einem unmittelbaren Verhältnis zu der Gemeinschaft stehen sollen«; hege
+man kein Vertrauen zu der redlichen Verwaltung der Bundesgenossen, dann
+sei ein Zollverein überhaupt undenkbar. Es war einfach die Gesinnung des
+eifersüchtigen Partikularismus, die hier nackt heraustrat. Aber dieser
+Partikularismus blieb die Lebensluft des deutschen Bundesrechts. Der
+badisch-darmstädtische Vorschlag ergab sich folgerecht aus dem Wesen eines
+Staatenbundes. Eine Zentralverwaltung für das Zollwesen ließ sich nur
+denken auf dem Boden eines Bundesstaates, eines Reiches.
+
+Indessen hatten die beiden Königreiche ihren Entwurf festgestellt und die
+oberrheinischen Kabinette zu Verhandlungen über das Beschlossene
+eingeladen. Im Februar 1825 begannen die Stuttgarter Konferenzen — eine
+kläglichere Wiederholung der Darmstädter Verhandlungen, von Haus aus
+verdorben durch Groll und Mißtrauen. Daß Nassau keinen redlichen Willen
+mitbrachte, errieten die preußischen Diplomaten sofort; was ließ sich auch
+von diesem Bevollmächtigten, dem hartköpfigen Partikularisten Röntgen(67)
+erwarten? Die Darmstädtische Regierung begann schon seit langem zu
+bezweifeln, ob ein süddeutscher Verein ihrem Staate nützlich sei. Wein und
+Getreide, für jetzt fast die einzigen wichtigen Ausfuhrartikel des
+Ländchens, fanden ihren Absatz im Norden; und auch wenn der Verein
+zustande kam, blieb Darmstadt nach wie vor ein Grenzland, überall von
+Mauten umstellt. Kurhessen hielt sich den Konferenzen fern. Auch der
+badische Bevollmächtigte Nebenius kam aus unlustig hoffnungsloser Stimmung
+nicht heraus, und erschwerte die Verhandlungen durch seine Reizbarkeit.
+Der bayrisch-württembergische Entwurf nahm das bayrische Zollgesetz zur
+Grundlage, gewährte den beiden Königreichen eine überwiegende Stimmenzahl
+und verteilte die Einnahmen nach der Kopfzahl der Bevölkerung. Hier erhob
+sich ein Streit, der wieder ein scharfes Licht warf auf die Gesinnung der
+kleinen Höfe. Sollte die Bevölkerung berechnet werden nach einer neuen
+Zählung oder auf Grund der provisorischen Bundesmatrikel? Die Matrikel
+diente zum Maßstab für die militärischen Leistungen der Bundesstaaten; als
+man sie zusammen stellte, ergab sich in vielen Kleinstaaten eine
+betrübende Entvölkerung, eine überraschend niedrige Kopfzahl. Jetzt, da
+die Zolleinnahmen nach der Stärke der Bevölkerung verteilt werden sollte,
+beteuerten die kleinen Gesandten wie aus einem Munde: die Matrikel genüge
+längst nicht mehr, die Zahl der Einwohner sei inzwischen zur Freude aller
+Wohlmeinenden wunderbar schnell gewachsen!
+
+Den wichtigsten Streitpunkt bildete doch die Frage nach den Formen der
+Verwaltung. Die königlichen Höfe verlangten durchaus eine
+gemeinschaftliche Zentralverwaltung; sie trauten den Beamten der kleineren
+Staaten nicht. Dem württembergischen Finanzminister schien die getrennte
+Verwaltung schon darum unzulässig, weil dann nur sehr geringe
+Zolleinnahmen unmittelbar in seine Kassen fließen würden; wer bürgte
+dafür, daß die Bundesgenossen ihre Überschüsse pünktlich herauszahlten?
+Gereizt durch solches Mißtrauen, hielten die Minister der Rheinuferstaaten
+abermals eine Zusammenkunft in Mainz (Ende März 1825) und beschlossen,
+fest auf dem Heidelberger Protokoll zu bestehen. Triumphierend erzählte
+Marschall an Berstett, wie überlegen sein Herzog(68) den Kronprinzen von
+Bayern(69) bei einem Besuche in Bieberich abgefertigt habe. »Niemals,
+hatte der stolze Nassauer in heiligem Zorne gerufen, niemals werde ich mir
+von Euch in meinem Lande Gesetze vorschreiben lassen. Meine
+300000 Untertanen sind mir gerade so lieb, wie Euch Eure drei Millionen.
+Ich brauche Euch nicht!« — worauf der Bayer den Austausch
+freundnachbarlicher Gefühle abschloß mit der Beteuerung: »Wir brauchen
+Euch auch nicht!« Zugleich setzte der Karlsruher Hof seinen ergebenen
+Landtag in Bewegung; der geistreiche allezeit partikularistische
+Staatsrechtslehrer Karl Salomon Zachariä(70) kämpfte auf der Rednerbühne
+wider die Anmaßung der königlichen Höfe: »wer ist wohl Herr in seinem
+Hause, wenn er die Herrschaft mit anderen teilt?« Da gaben Bayern und
+Württemberg endlich nach.
+
+Doch alsbald erhob sich ein neuer Zwist: um den Tarif — ein Streit, der
+bei dem grundtiefen Gegensatz der Meinungen zum Bruche führen mußte. Baden
+gab als höchsten Zoll für Kolonialwaren 1½ Gulden zu und hielt dies für
+ein großes Zugeständnis, während Bayern für Kaffee 15 Gulden forderte;
+Wollenwaren dachte Bayern mit 60 Gulden zu belasten, Baden bewilligte nur
+8 Gulden als höchsten Satz für Fabrikate. Vergeblich beschwor Miller von
+Immenstadt den Karlsruher Hof um Nachgiebigkeit; das Prohibitivsystem
+herrsche in der weiten Welt, auch Huskisson könne mit seinen
+freihändlerischen Träumen nicht durchdringen. Berstett blieb fest:
+»Bayern, schrieb er an Marschall, verlangt, daß wir ohne Ersatz alle
+Vorteile unserer geographischen Lage mit ihm teilen. Der König von
+Württemberg stimmt den bayrischen Ansprüchen zu, um sich die Gewogenheit
+einer gewissen Partei zu erhalten«. Im August 1825 erklärte Baden seinen
+Austritt und verkündigte zugleich ein neues Zollgesetz, dessen niedrige
+Sätze allgemeine Freude im Lande erregten. Nassau trat ebenfalls zurück.
+
+Auch diesmal spielten politische Bedenken mit; eine Reise des Königs von
+Württemberg nach Paris erweckte die Besorgnis, ob der Bund der
+Mindermächtigen vielleicht mit französischer Hilfe ins Leben treten solle.
+Nebenius versicherte späterhin, ihm habe in Stuttgart immer der Gedanke an
+Deutschlands künftige Handelseinheit vorgeschwebt; hohe Schutzzölle im
+Süden hätten die spätere Vereinigung mit dem Norden erschweren müssen. Und
+sicherlich, wenn unter dem Schutze der bayrischen Zölle eine jugendliche
+Industrie in Oberdeutschland emporwuchs, so blieb dem früher entwickelten
+preußischen Gewerbefleiß wenig Hoffnung, den süddeutschen Markt für sich
+zu erobern; der preußische Staat verlor mithin den einzigen Vorteil, den
+ihm ein allgemeiner Zollverein, zur Entschädigung für schwere finanzielle
+Opfer, versprach. Gleichwohl ist unverkennbar, daß auch der geistreiche
+badische Staatswirt sich nicht frei hielt von jener allgemeinen
+schwarzsichtigen Verstimmung, welche die trübseligen Stuttgarter
+Konferenzen beherrschte. Von hohen Schutzzöllen war ja gar nicht die Rede.
+Die von Bayern vorgeschlagenen Zölle für Fabrikate standen erheblich unter
+den Sätzen des preußischen Tarifs; die Gefahr, welche Nebenius fürchtete,
+lag zum mindesten noch in der Ferne. Im nächsten Winter hat Bayern noch
+einmal versucht, den Verein ohne Baden und Nassau in Gang zu bringen.
+Freiherr v. Zu Rhein verhandelte in Stuttgart und Darmstadt. Aber die
+Darmstädter Regierung erwiderte, sie könne ohne Kurhessen nicht beitreten.
+Da der Kasseler Hof sich weigerte, so war auch dieser letzte Versuch
+gescheitert.
+
+So hoffnungslos war die Lage, als König Ludwig den Thron bestieg. Groll
+und Erbitterung überall. Selbst der bescheidene Handelsvertrag zwischen
+Baden und Darmstadt war schon nach Jahresfrist wieder erloschen, weil die
+Behörden mit den Ursprungszeugnissen freundnachbarlichen Mißbrauch
+trieben. Nach dem bayrischen Thronwechsel schöpfte König Wilhelm von
+Württemberg wieder frischen Mut. Er richtete im Dezember 1826 einen Brief
+an seinen erlauchten Nachbarn, schlug ihm vor, die abgebrochenen
+Verhandlungen wieder aufzunehmen und zunächst einen
+bayrisch-württembergischen Verein zu stiften. König Ludwig ging darauf
+ein. Da die beiden Staaten schon in Darmstadt und Stuttgart
+zusammengehalten hatten und ihre Zollgesetze nur geringe Unterschiede
+aufwiesen, so nahmen die im folgenden Monat zu München begonnenen
+Verhandlungen günstigen, wenngleich sehr langsamen Fortgang. Am 12. April
+1827 wurde ein Präliminarvertrag unterzeichnet. Man beschloß, »die
+angrenzenden Staaten« zum Beitritt aufzufordern und ihnen zugleich die
+politische Bedeutung dieses rein deutschen Bundes ans Herz zu legen. Der
+werdende Verein war nicht geradezu gegen Preußen gerichtet; er wurde in
+Berlin mit gelassener Ruhe angesehen. Freilich ging aus dem Wortlaut jener
+Verabredung wie aus dem ganzen Verhalten der Bundesgenossen unzweifelhaft
+hervor, daß an Preußens Beitritt nicht entfernt gedacht wurde. Man hoffte
+Macht gegen Macht mit Preußen über Handelserleichterung zu verhandeln und
+wollte im Notfall selbst Retorsionen gegen die preußischen Zölle anwenden.
+Der Verein sollte den Kern des »reinen Deutschlands« bilden, »ein immer
+engeres gegenseitiges Anschließen in allen politischen Beziehungen zur
+unmittelbaren heilsamen Folge haben«, wie das bayrische Kabinett nach
+Stuttgart schrieb.
+
+Indes die angrenzenden Staaten hatten längst verlernt, auf einen
+süddeutschen Verein zu hoffen, und sie fürchteten Bayerns Führung. Am
+15. Mai 1827 besprachen sich Berstett und du Thil nochmals in Heidelberg;
+gleich darauf sendeten die drei oberrheinischen Höfe ablehnende Antworten
+nach München. Berstett erwiderte schroff, Baden wolle nicht eine
+künstliche Industrie durch Schutzzölle großziehen. Der Nassauer Hof ließ
+in Stuttgart seine Verwunderung aussprechen, wie nur Württemberg ein
+solches »Merkantilsystem« annehmen und einem größeren Hofe sich
+unterwerfen könne. Hessen-Darmstadt aber, außerstande, sein drückendes und
+doch unergiebiges Mautwesen länger zu halten, verfeindet mit Kurhessen,
+voll Mißtrauens gegen die süddeutschen Nachbarn, richtete endlich
+bestimmte Anträge nach Berlin. Dergestalt haben jene Münchener
+Verhandlungen die entscheidende Wendung in der Geschichte deutscher
+Handelspolitik herbeigeführt — einen heilsamen Umschwung, den weder König
+Ludwig noch König Wilhelm beabsichtigte.
+
+
+
+b) _Der preußisch-hessische und der bayrisch-württembergische Zollverein._
+
+
+Minister du Thil, der jetzt die Finanzen und die auswärtigen
+Angelegenheiten seines Großherzogtums zugleich leitete, befand sich, wie
+er selbst erzählt, in verzweifelter Stimmung. Die Finanznot stieg, das
+Volk murrte. Die armen Leineweber auf dem Vogelsberge bei Alsfeld hatten
+durch die spanische Revolution ihren Markt verloren, das Hinterland um
+Biedenkopf fand, eingepreßt zwischen preußische Gebiete, keinen Absatz
+mehr für seine Teppiche und Wollwaren, der Mainzer Handelsstand konnte die
+Last der nahen preußischen Zollstellen kaum mehr ertragen. Im Landtage
+verlangten einzelne Stimmen, wie schon vor Jahren der Abgeordnete Perrot,
+eine Verständigung mit Preußen, andere befürworteten den süddeutschen
+Verein. Nur darin war man einig, daß der Staat in seiner vereinsamten
+Stellung nicht bleiben könne; die Kammer sprach die Erwartung aus, daß
+irgendein Zollverein zustande komme, und gab der Regierung freie Hand.
+Großen Eindruck machte auf den Minister eine von dem Fabrikanten Bayer im
+Vogelsberge eingereichte, vom Pfarrer Frank verfaßte gründliche
+Denkschrift, die überzeugend nachwies, daß der Warenzug des Landes
+überwiegend durch Preußen gehe. Darum lehnte du Thil die bayrische
+Einladung ab, obgleich Lerchenfeld zweimal von Frankfurt herüberkam und
+König Ludwig persönlich im Bade Brückenau den hessischen Staatsrat Hofmann
+zu überreden suchte. Immer klarer ward ihm die Erkenntnis, daß nur der
+Beitritt zum preußischen Zollsystem noch retten könne. Es war ein kühner
+Entschluß für den Minister eines Mittelstaates; denn im Grunde waren doch
+alle bisherigen süddeutschen Zollverhandlungen zur Abwehr gegen das
+preußische Zollwesen unternommen worden, und seit dem Köthener Streite
+stand an sämtlichen Höfen die Meinung fest, daß durch eine Verständigung
+mit Preußen die souveräne Würde schimpflich preisgegeben werde. Indes der
+mutige Minister war gewöhnt, die Stimmungen des Tages gering zu schätzen,
+er pflegte in den Landtagsverhandlungen seine selbständige Gesinnung oft
+sehr scharf und nicht ohne verletzende Ironie auszusprechen.
+
+Aber würde Preußen auf den unerwarteten Antrag eingehen? Schon im Sommer
+1825 hatte der Darmstädter Hof einmal in Berlin angefragt, ob Preußen
+geneigt sei, einen Zollverein mit beiden Hessen abzuschließen, und sofort
+eine zustimmende Antwort erhalten. Nachher war Preußen aber wieder
+zurückgetreten, weil Kurhessen sich dem Plane versagte, und damals in
+Berlin noch die Meinung herrschte, die Erweiterung des Zollsystems dürfe
+nur »von Grenze zu Grenze«, von dem näheren Nachbarn zu dem entfernteren
+vorschreiten. Aus dieser Meinung erklärte es sich auch, daß ein halbes
+Jahr darauf eine zweite, sehr unbestimmt gehaltene Anfrage aus Darmstadt
+dahin beantwortet wurde: Verhandlungen mit Darmstadt allein versprächen
+keinen Erfolg, weil das Großherzogtum nicht an Preußen angrenze.
+
+Von den freieren und kühneren Ansichten, welche Motz sich inzwischen
+gebildet hatte, ahnte du Thil nichts. Er fühlte sich des Erfolges so wenig
+sicher, daß er nicht einmal seinen greisen Großherzog(71) zu unterrichten
+wagte, sondern zunächst bei Bernstorff, mit dem er von den Wiener
+Konferenzen her befreundet war, vertraulich anfragte. Bernstorff aber
+kannte die Pläne des Finanzministers ebensowenig wie der Hesse, da er seit
+Jahren die Handelssachen an Eichhorn zu überlassen pflegte, und gab eine
+zaghafte Antwort: finanziellen Gewinn verspreche der Vertrag für Preußen
+nicht, und auf eine unbedingte Unterwerfung des Großherzogtums werde König
+Friedrich Wilhelm selbst nicht eingehen wollen. Erst als du Thil
+erwiderte, an eine Mediatisierung seines Großherzogs denke er auch
+keineswegs, sendete Bernstorff einen zweiten, ermutigenden Brief.
+
+Nunmehr weihte der hessische Minister seinen Großherzog in das Geheimnis
+ein und stellte bei dem preußischen Gesandten v. Maltzan, der trotz
+wiederholter Andeutungen nicht aus seiner Zurückhaltung herausgegangen
+war, am 10. August 1827 die förmliche Anfrage, ob man in Berlin geneigt
+sei, einen geheimen Bevollmächtigten seines Hofes zu empfangen. Die Frage
+lautete noch immer unbestimmt genug, du Thil sprach nur von gegenseitigen
+Handelserleichterungen. Und selbst wenn der bedrängte Darmstädter Hof, wie
+zu erwarten stand, weiter ging und zu einem wirklichen Zollverein die Hand
+bot, welchen Vorteil gewährte ein solcher Bund den Finanzen und der
+Volkswirtschaft Preußens? Der kleine Staat besaß kein zusammenhängendes
+Gebiet, grenzte nur auf drei Stellen, auf wenige Meilen, an preußisches
+Land. Eben jetzt hoffte man in Berlin, die Verträge mit den Enklaven
+endlich zum Abschluß zu bringen; gelang dies, so war ein klarer Gewinn
+erreicht, die Länge der Zollgrenzen verminderte sich von 1073 auf
+992 Meilen. Trat Darmstadt hinzu, so waren wieder 1108 Grenzmeilen zu
+bewachen, während das freie Marktgebiet sich nur um 152 Geviertmeilen
+vergrößerte. Eine sehr beträchtliche Vermehrung des Absatzes preußischer
+Fabrikware stand nicht in Aussicht, da Darmstadt nicht zu den stark
+konsumierenden Ländern zählte. Nur die bergisch-märkische Industrie durfte
+auf Erweiterung ihres Verkehrs rechnen. Im Mosellande dagegen fürchtete
+man die Konkurrenz der rheinhessischen Weine. Den Staatskassen drohte
+geradezu Verlust, wenn die Zolleinkünfte nach der Kopfzahl verteilt
+wurden. Das kleine Nachbarland verzehrte weit weniger Kolonialwaren, hatte
+bisher eine zehnmal niedrigere Zolleinnahme bezogen als Preußen: Darmstadt
+kaum 2½ Sgr., Preußen 24 Sgr. auf den Kopf der Bevölkerung.
+
+Motz war gerade auf einer Dienstreise abwesend, als die Nachrichten aus
+Hessen einliefen. Maaßen aber, der ihn vertrat, durfte als schlichter
+Amtsverweser nur wiederholen, was schon zweimal vom Finanzministerium
+erklärt worden war: er wies die Verhandlungen über Handelserleichterungen
+nicht ab, hielt jedoch einen Zollverein für unmöglich, da Hessen allzu
+sehr zerstückelt sei und ein so weit abweichendes Steuersystem besitze. Im
+Auswärtigen Amte dachte man mutiger. Eichhorn fand es hochbedenklich,
+einen deutschen Bundesgenossen zurückzuweisen, der in ernster Verlegenheit
+sich an Preußen wende; er riet aus politischen Gründen dringend, auf du
+Thils Wünsche einzugehen; nur solle nicht bloß ein Handelsvertrag, sondern
+eine dauernde Verbindung geschlossen werden. Zugleich schrieb
+Otterstedt(72) aus Karlsruhe: daß König Ludwig bei seinem Zollverein
+politische Nebenpläne verfolge, sei offenkundig; jetzt gelte es, Preußens
+Ansehen zu wahren. Er verbürgte sich für du Thils Ehrlichkeit, mahnte
+aber, das strengste Geheimnis bei den Verhandlungen zu bewahren, damit
+nicht Österreich und Bayern vereint in Darmstadt entgegenarbeiteten.
+Unterdessen war Motz heimgekehrt, und sofort trat er mit den Plänen
+heraus, die ihm während der letzten Jahre aufgestiegen waren. Der kühne
+Mann erklärte sich bereit, jetzt den unvorteilhaften Vertrag mit Darmstadt
+zu schließen, weil er hoffte, daß dies Beispiel die mitteldeutschen
+Nachbarn nachziehen werde; auf die niederdeutschen Staaten war ja doch
+nicht zu rechnen. Es ist sehr wichtig, schrieb er dem Minister des
+Auswärtigen, beide Hessen und alle sächsischen Regierungen, auch das
+Königreich, in unser Steuersystem aufzunehmen. »Ich bin auch nicht
+besorgt, daß diese einen anderen Steuerverband wählen werden, weil ihr
+Finanzinteresse nur in einer Verbindung mit uns bedeutend gewinnen und sie
+drückender Finanzsorgen entheben wird. Ich hoffe und wünsche, daß
+Hessen-Darmstadt, dessen Finanzverlegenheit bekannt ist und welches hier
+die richtige Medizin findet, damit den Anfang machen, und die anderen
+genannten Regierungen dann bald nachfolgen werden.«
+
+Während also die Berliner Behörden unter sich berieten, setzten Bayern und
+Württemberg alle Hebel ein, um den Kurfürsten von Hessen für ihren
+werdenden Verein zu gewinnen. Drangen sie durch, so schien die Verbindung
+Darmstadts mit Preußen kaum rätlich. Daher sendete du Thil den Prinzen
+August Wittgenstein nach Kassel, angeblich, wie er Maltzan sagte, um den
+Kurfürsten zu warnen vielleicht auch, um für alle Fälle gedeckt zu
+bleiben. Am Kasseler Hofe überwog der Widerwille gegen den
+konstitutionellen Süden und die Furcht vor jeder Schmälerung der
+Souveränität; Bayerns Bemühungen scheiterten.
+
+Nun erst war das Feld frei. Der König erlaubte den Beginn der
+Verhandlungen und am 6. Januar 1828 erschien Staatsrat Hofmann in Berlin,
+derselbe, der einst bei der Begründung der hessischen Verfassung so
+wirksam mitgeholfen hatte, ein sachkundiger Geschäftsmann, von starkem
+Ehrgeiz, keineswegs unempfindlich für die Vorteile, welche beim Abschluß
+wichtiger Verträge dem Unterhändler zuzufallen pflegen. Der gewandte Mann
+hatte verstanden, zugleich mit den Liberalen ein gutes Einvernehmen zu
+unterhalten und sich im Vertrauen seines Fürsten zu behaupten; mit
+Wangenheim in Freundschaft zu leben, ohne den Großmächten verdächtig zu
+werden. Die handelspolitische Verständigung mit Preußen war ihm seit
+Jahren ein geläufiger Gedanke. In der diplomatischen Welt stritt man sich,
+ob Hofmann in Privatangelegenheiten eines hessischen Prinzen reise, oder
+den Verkauf der Kreuznacher Saline in Berlin vermitteln solle. So durch
+die Hintertür, wie der Dieb in der Nacht, ist diese folgenreiche
+Entscheidung in unsere Geschichte eingetreten. Das Geheimnis war nur zu
+nötig. In Darmstadt wünschten zwar Minister Grolman(73) und Prinz Emil
+aufrichtig die Verständigung mit Preußen; doch die österreichische Partei
+arbeitete in der Stille, ein voreiliges Wort konnte alles verderben.
+
+Der hessische Bevollmächtigte beantragte nur die gegenseitige Herabsetzung
+einer langen Reihe von Zöllen auf ein Zehntel der bisherigen Sätze; als
+unerläßliche Bedingung stellte er den Kernsatz jenes Heidelberger
+Protokolls auf: selbständige Zollverwaltung für Darmstadt. Alsbald trat
+ihm Motz entgegen mit dem Bedenken: Zollerleichterungen seien unfruchtbar,
+weitläufig, gefährlich; Preußen müsse die vollständige Annahme seines
+Zollgesetzes verlangen. Unter solchen Umständen mußten die Verhandlungen
+entweder scheitern oder zu einem Kompromisse führen: zur Bildung eines
+Zollvereins auf Grund des preußischen Zollgesetzes, aber mit selbständiger
+Zollverwaltung für beide Teile. Überraschend schnell, in wenigen Tagen
+wurde die Lösung gefunden, wonach die süddeutschen Kabinette in
+jahrelangen Verhandlungen getrachtet hatten. Am 11. Januar 1828 fand die
+erste förmliche Konferenz im Finanzministerium statt, und hier wurde
+bereits von allen Seiten anerkannt, daß nur eine vollständige Vereinigung
+möglich sei: Darmstadt trat in das preußische Zollsystem ein; Preußen,
+längst bereit »über Formalitäten leicht hinwegzugehen«, gewährte dem
+Verbündeten gleiches Stimmrecht bei Abänderungen der Zollgesetze und eine
+selbständige Zollverwaltung, die aber streng nach preußischem Muster
+eingerichtet werden sollte. Mit diesem Entschlusse war alles Wesentliche
+entschieden. Die nächste Konferenz vom 17. Januar behandelte nur noch
+Detailfragen. Am 24. Januar berichtete Eichhorn dem Könige: der Vertrag
+verspreche allein für Hessen finanzielle und volkswirtschaftliche
+Vorteile, für Preußen dagegen einen großen politischen Gewinn, da die
+kleinen Staaten auf diesem Wege dauernd an uns gefesselt werden. Am
+3. Februar genehmigte der König den Abschluß der Verhandlungen; in seiner
+streng rechtlichen Gesinnung fügte er ausdrücklich die Bedingung hinzu:
+»die deutschen Nachbarstaaten, besonders Baden, dürfen dadurch nicht in
+ihrem Interesse getränkt werden.«
+
+So kam denn am 14. Februar 1828 jener denkwürdige Vertrag zustande, der in
+Wahrheit die Verfassung des deutschen Zollvereins feststellte. Er verhält
+sich zu den späteren Zollvereinsverträgen genau so, wie die Verfassung des
+Norddeutschen Bundes zu der heutigen Reichsverfassung sich verhält. Durch
+den Zutritt anderer, größerer Mittelstaaten haben sich späterhin die
+zentrifugalen Kräfte des Zollvereins erheblich verstärkt; einzelne
+Bestimmungen des Vertrags wurden im föderalistischen Sinne abgeschwächt;
+doch die Fundamente des preußisch-hessischen Vertrags blieben
+unerschüttert. Darmstadt nahm die preußischen Zölle an und gab überdies
+die vertrauliche Zusage, daß auch die wichtigsten preußischen
+Konsumtionssteuern eingeführt werden sollten. Der Kreis Wetzlar tritt
+unter die darmstädtischen, das hessische Hinterland unter die
+westfälischen Zollbehörden. Preußen ernennt einen Rat bei der
+Zolldirektion in Darmstadt, Hessen desgleichen bei der Steuerdirektion zu
+Köln. Beide Staaten beaufsichtigen wechselseitig ihre Hauptzollämter durch
+Kontrolleure; eine Konferenz von Bevollmächtigten verteilt alljährlich die
+gemeinschaftlichen Einnahmen nach Verhältnis der Kopfzahl. Dergestalt war
+die Rechtsgleichheit der Verbündeten, die souveräne Würde des
+darmstädtischen Reiches, mit peinlicher Sorgfalt gewahrt. Die milde
+Kontrolle änderte wenig an der Selbständigkeit der hessischen
+Zollverwaltung; der Verein beruhte im Grunde nur auf gegenseitigem
+Vertrauen. Nach den bisherigen Leistungen kleinstaatlicher Zollverwaltung
+konnten die preußischen Geschäftsmänner einen solchen Vertrag nicht ohne
+ernste Bedenken unterschreiben. Die hessische Regierung aber hat das gute
+Zutrauen gerechtfertigt, sie ließ das neue Zollwesen unter der
+einsichtigen Leitung des Finanzrats Biersack fest und redlich durchführen.
+Diese deutsche Treue, diese ehrenhafte Erfüllung der eingegangenen
+Verbindlichkeiten bildet überhaupt das beste Verdienst, das die
+Mittelstaaten um den Zollverein sich erworben haben; der Abschluß der
+Verträge selbst war nicht eine freie patriotische Tat der kleinen Höfe,
+sondern ein Ergebnis der bitteren Not.
+
+Ebenso streng wurde die Gleichberechtigung der Verbündeten in Sachen der
+Zollgesetzgebung aufrecht erhalten. Der Artikel 4 lautete ursprünglich:
+Abänderungen der Zollgesetze sollen nur in »gegenseitigem Einvernehmen«
+erfolgen, »und es sollen alle diese Veränderungen im Großherzogtum Hessen
+im Namen S. K. H. des Großherzogs verkündigt werden.« Diese Fassung
+erregte in Darmstadt schmerzliches Aufsehen. Prinz Emil selbst eilte zu
+Maltzan, stellte ihm vor: »der Großherzog weiß, daß man in Berlin selbst
+nicht wünscht, daß die großherzogliche Regierung in den Augen des übrigen
+Deutschlands erniedrigt werde.« Eichhorn, der längst verlernt hatte, sich
+über die Weltanschauung deutscher Kleinfürsten zu verwundern, ging auf die
+Bitte ein; er strich jene erniedrigenden Worte, ersetzte sie nachträglich
+durch die Wendung: »und sollen von jeder der beiden Regierungen ihrerseits
+verkündigt werden«. Damit war das europäische Gleichgewicht zwischen
+Preußen und Darmstadt wieder hergestellt.
+
+So bereitwillig die preußischen Staatsmänner in diesen lächerlichen
+Formfragen nachgaben, ebenso schwer fiel ihnen der Entschluß, den Inhalt
+des Artikels 4 selbst anzunehmen. Wann hatte denn jemals eine Großmacht
+ihre Zollgesetzgebung dem guten Willen eines Staates vom dritten Range
+unterworfen? Es war vorauszusehen, daß dieser darmstädtische Vertrag allen
+späteren Zollvereinsverträgen ebenso zum Vorbilde dienen würde, wie der
+Sondershausener Vertrag das Muster gewesen war für alle nachfolgenden
+Enklavenverträge. In jenem Augenblick freilich standen die kleinen
+Kabinette den Ideen des Freihandels sogar noch näher als Preußen. Doch
+konnte dem Scharfblick Motzs und Maaßens nicht entgehen, daß diese
+Parteistellung in einer nahen Zukunft sich gänzlich verschieben würde,
+sobald in Oberdeutschland eine junge Großindustrie entstand. Der
+preußischen Zollgesetzgebung drohte vielleicht Stillstand und
+Verkümmerung, wenn die Mittelstaaten ein Veto erhielten.
+
+Alle diese staatswirtschaftlichen Bedenken mußten verstummen vor den
+glänzenden Aussichten, welche sich der nationalen Politik Preußens
+eröffneten. Darmstadt — so berichtete Eichhorn dem Könige — empfängt durch
+den Vertrag erst die Möglichkeit eines haltbaren Zollsystems. Preußen
+gewinnt die wichtige Position in Mainz, verhindert den süddeutschen
+Sonderbund, in den Norden hinein vorzudringen, und darf mit Sicherheit
+darauf rechnen, daß Hessens Beispiel Nachfolge finden, eine große
+handelspolitische Vereinigung entstehen wird. Nochmals wird sodann dem
+König versichert, daß jede Feindseligkeit gegen deutsche Staaten vermieden
+werden solle. »Die Vereinigung ist von Ew. Maj. Behörden weder gesucht,
+noch weniger durch verführerische Lockungen veranlaßt worden; man hat nur
+Anträge und Vorschläge, welche von der großherzoglichen Regierung
+ausgingen, entgegengenommen.«
+
+Der neue Zollverein sollte bis zum 31. Dezember 1834 dauern und dann,
+sofern keine Kündigung erfolge, auf weitere sechs Jahre verlängert werden.
+Das Recht der Kündigung blieb … die einzige Waffe, um Preußen
+sicherzustellen gegen den Mißbrauch des gleichen Stimmrechts.
+Handelsverträge schloß Preußen allein — denn der Zusatz »unter Mitwirkung
+und Zustimmung Darmstadts« war praktisch wertlos. In allem übrigen bestand
+vollständige Gleichheit der Rechte.
+
+Auch um diesen Vertrag hat sich ein zielloser Prioritätsstreit erhoben.
+Der partikularistische Neid will die Tatsache nicht zugeben, daß die
+Verfassung des Zollvereins in Berlin ersonnen wurde. Man behauptet, der
+preußisch-hessische Verein sei lediglich dem bayrisch-württembergischen
+Verein nachgebildet worden, welcher einige Wochen vorher, am 18. Januar
+1828, zustande kam und ebenfalls das gleiche Stimmrecht, die selbständige
+Zollverwaltung der Bundesgenossen anerkannte. Ein Blick auf die Tages- und
+Jahreszahlen genügt, um dies Märchen zu widerlegen. Der Fundamentalsatz
+der Zollvereinsverfassung, die Parität und Unabhängigkeit der
+Bundesgenossen, wurde in der Konferenz vom 11. Januar zwischen Preußen und
+Darmstadt vereinbart, acht Tage bevor der bayrisch-württembergische
+Vertrag abgeschlossen wurde — in einem Augenblick, da man zu Berlin den
+Gang der Münchener Verhandlungen noch nicht näher kannte. Die neueste aus
+München eingelaufene Nachricht sagte nur: noch bleibe zweifelhaft, ob der
+süddeutsche Verein gemeinsame oder getrennte Zollverwaltung haben solle,
+das letztere sei allerdings wahrscheinlicher. Der Gedanke lag eben in der
+Luft, er ergab sich mit Notwendigkeit aus den fruchtlosen
+Zollverhandlungen der jüngsten Jahre, er wurde von den norddeutschen und
+von den süddeutschen Zollverbündeten gleichzeitig angenommen, ohne daß sie
+voneinander wußten. Im Grunde ist der ganze Streit müßig. Der Entschluß,
+von dem die Zukunft deutscher Handelspolitik abhing, konnte nur in Berlin
+gefaßt werden. Ob Bayern und Württemberg einander die Parität zugestanden,
+war gleichgültig. Doch ob die norddeutsche Großmacht die unerhörte
+Selbstverleugnung finden würde, mit einem Staate dritten Ranges sich
+bescheiden auf eine Linie zu stellen — an dieser Frage hing alles. Sobald
+Preußen diesen Entschluß faßte, war dem Souveränitätsdünkel der kleinen
+Höfe der letzte Vorwand genommen und die Bahn gebrochen für Deutschlands
+Handelseinheit. Dem gewissenhaften Notizensammler soll unvergessen
+bleiben, daß Bayern und Württemberg den »ersten« Zollverein in Deutschland
+gründeten, ihre Verhandlungen etwas früher beendigten als Preußen und
+Darmstadt. Für den Historiker hat die Tatsache geringen Wert. Denn der
+süddeutsche Verein erwies sich als ein verfehlter Versuch und ging bald
+zugrunde; der preußisch-hessische Verein bewährte sich und wuchs. Aus
+diesem, nicht aus jenem, ist der große deutsche Zollverein hervorgegangen.
+
+Eichhorn fühlte, daß die Dinge endlich in Fluß kamen. Voll froher
+Zuversicht richtete er im März an die Gesandtschaften in Deutschland eine
+eingehende Instruktion. Er schildert darin den Gang der preußischen
+Handelspolitik, das System des bewußten, berechneten Abwartens, das so
+gute Früchte getragen habe. Er zeigte sodann, wie mit dem Darmstädter
+Vertrage die entscheidende Wendung eingetreten sei: diese Verhandlungen
+waren besonders darum nützlich, weil sie »die Möglichkeit eines
+gemeinschaftlichen Zollsystems für Staaten, die geographisch unabhängig
+sind, erwiesen. An die Stelle eines dunklen Gefühls, welches früherhin
+eine Vereinigung in einer unbestimmten Richtung suchte, ist eine klare
+Erkenntnis getreten.« Man sieht heute in der Aufnahme der
+staatswirtschaftlichen Grundsätze eines anderen Staates nicht mehr eine
+Verleugnung der Souveranität. Nichtsdestoweniger soll die Diplomatie nach
+wie vor eine ruhig zuwartende Haltung behaupten. Ebenso zuversichtlich
+schrieb Eichhorn an Motz: Unsere Handelspolitik hat sich bewährt und wird
+noch größere Erfolge erringen, wenn wir die Anfragen anderer Staaten
+geduldig abwarten. Der bayrisch-württembergische Verein ist lose und wird
+noch lockerer werden, wenn er wider Erwarten neue Bundesgenossen finden
+sollte.
+
+In der Tat erwies sich in Hessen wie einst in den Enklaven sehr rasch der
+Segen der preußischen Gesetze. Im ersten Augenblick war die Stimmung im
+Lande noch geteilt. Das Starkenburger Land sah den gewohnten kleinen
+Verkehr mit dem Frankfurter Markte mannigfach belästigt, und in der Kammer
+klagten nach deutschem Brauche einzelne Patrioten beweglich über den
+»Löwenvertrag«, welchen Preußens Schlauheit der hessischen Unschuld
+auferlegte. Der Handelsstand in Mainz und Offenbach dagegen sprach der
+Regierung seinen Dank aus, und bald regte sich überall im Lande ein neues
+Leben. Vor kurzem noch hatte man in Berlin geplant, eine Messe in Köln zu
+errichten, die dem Mainzer und Frankfurter Verkehr das Gegengewicht halten
+sollte: jetzt entstand in Offenbach ein schwunghafter Meßverkehr, der
+namentlich im Ledergeschäfte das reiche Frankfurt zu überflügeln begann.
+Die beiden Verbündeten bauten eine große Straße von Paderborn über
+Biedenkopf nach Gießen und weiter südwärts, so daß ein fast zollfreier
+Straßenzug den Neckar mit der Ostsee verband. Nach zwei Jahren war die
+handelspolitische Opposition in den Kammern fast völlig verstummt. Graf
+Lehrbach, der den Minister wegen Landesverrats verklagen wollte, stand
+vereinsamt; der Abgeordnete Schenk aber dankte der Regierung und schloß
+gemütlich: Das einzige Mittel gegen den Wunsch nach politischer Einheit
+ist die Zolleinigung! Mit Selbstgefühl verwies Hofmann auf die günstigen
+Rechnungsabschlüsse und sagte »mit voller Zuversicht dieser auf
+gegenseitige Vorteile gegründeten Verbündung Bestand und Dauer voraus: so
+werden Sie hoffentlich bald dasjenige verwirklicht sehen, was noch vor
+wenigen Jahren zwar Gegenstand Ihrer angelegentlichsten Wünsche war, aber
+nach so vielen vergeblichen Verhandlungen kaum in dem Reiche der
+Möglichkeit zu liegen schien.« Auch in Preußen hielten die Klagen der
+Geschäftswelt, die sich anfangs laut genug erhoben, nicht lange vor.
+Unterdessen hatte der König sein gesamtes thüringisches Gebiet in die
+Zollinie aufgenommen; die Lage der ernestinischen Fürstentümer ward fast
+unerträglich. Es schien undenkbar, daß Kurhessen und Thüringen, also von
+allen Seiten umklammert, ihren törichten Widerstand fortsetzen sollten.
+
+Und doch sollte das Undenkbare geschehen. Auf das erste Gerücht hin
+versuchten allerdings einige Kleinstaaten, sich den Verbündeten zu nähern
+— lediglich in der Absicht, den Inhalt des Vertrages, der noch streng
+geheim gehalten wurde, zu erfahren. Präsident Krafft in Meiningen schrieb
+an Hofmann, bat um Aufklärung, deutete gewichtig an, daß Meiningen
+vielleicht dem hessischen Beispiel folgen werde, wenn man nur die
+Machtstellung dieses Reiches nach Gebühr würdige: »Die Lage des Landes
+Meiningen läßt seinen Wert den geographischen Umfang desselben
+überschreiten, indem mehrere der frequentesten Landstraßen die
+Handelsplätze an den Küsten der Nordsee mit einem bedeutenden Teile des
+südlichen Deutschlands, der Schweiz und Italiens verbinden, und Preußen,
+Bayern und Kurhessen zu seinen wichtigeren Grenznachbarn gehören.« Die
+Meininger Welthandelsstraßen boten unleugbar auf der Landkarte einen sehr
+stattlichen Anblick; gebaut waren sie freilich noch nicht, auch besaß das
+Ländchen durchaus nicht die Mittel, sie jemals zu bauen. Motz, dem die
+Naturgeschichte des deutschen Kleinstaats einen unerschöpflichen Quell der
+Ergötzung bot, sendete das Meininger Schreiben an Hofmann zurück und
+versicherte, die geographische Bedeutung des Herzogtums sei ihm ganz neu;
+dann schloß er wehmütig: »es ist betrübt, wenn solche überspannte Diener
+dazu beitragen, daß dem Souveränitätsdünkel ihrer Fürsten auch noch ein
+Straßendünkel hinzugefügt wird.« Der Vorfall blieb dem klugen Manne
+unvergessen; der Meininger Straßendünkel sollte zur rechten Stunde noch
+eine Rolle spielen in der deutschen Geschichte. Noch durchsichtiger war
+ein diplomatisches Kunststück der freien Stadt Frankfurt. Der alte
+Rothschild erschien bei Otterstedt, um verbindlich anzufragen, ob nicht
+auch Frankfurt mit Preußen einen ähnlichen Vertrag schließen könne. Nun
+wußte alle Welt, daß die Handelspolitik dieser Republik lediglich in einer
+systematischen Pflege des Schmuggels bestand. Der Fühler hatte also nur
+den Zweck, den Senat über die Bedingungen des preußisch-hessischen
+Vertrages zu unterrichten, damit die Frankfurter Schmuggler sich darauf
+einrichten konnten. Selbstverständlich wurde der diplomatische Börsenfürst
+mit einigen allgemeinen Redensarten heimgeschickt.
+
+Unter den deutschen Höfen war nur einer, der den preußisch-hessischen
+Verein mit Freude begrüßte: der badische Hof. Allein durch Preußens
+Beistand konnte Großherzog Ludwig hoffen, seine Pfalz gegen Bayern zu
+behaupten; daher schrieb er an Blittersdorff: »ich freue mich, einen
+Einfluß vermehrt zu sehen, dem ich, besonders im gegenwärtigen Augenblick,
+soviel verdanke«. Zugleich hoffte man in Karlsruhe die Absichten der
+badischen Handelspolitik nunmehr in Süddeutschland durchzusetzen, denn
+seit Darmstadt zu Preußen übergetreten, bildete Baden allein die für
+Bayern unentbehrliche Verbindung zwischen Franken und der Pfalz.
+
+Alle anderen Höfe vernahmen die erste unsichere Kunde aus Berlin mit
+unbeschreiblichem Schrecken; die Nachricht fiel wie eine Bombe in die
+diplomatische Welt. Selbst Blittersdorff, der doch die entgegengesetzten
+Ansichten seines Souveräns kannte, enthielt sich nicht zu jammern über
+»dies Unglück, diesen neuen Beweis preußischer Selbstsucht«: es sei ja
+klar, Preußen wolle nur den hessischen Markt für seine Fabrikate
+ausbeuten, und glaube selber nicht an die Dauer der Verbindung. Was der
+Heißsporn also herauspolterte, war nur der Widerhall der erregten Reden
+der österreichischen Partei am Bundestage. Münch(74) und Langenau(75)
+versicherten entrüstet: jetzt endlich sei Preußens maßlose Herrschsucht
+entlarvt. Vor kurzem noch hatten sie auf den preußischen Hochmut
+gescholten, der jede Verständigung mit den Nachbarn abweise. Am lautesten
+lärmte Marschall über diesen »Unterwerfungsvertrag«, den er ebensowenig
+gelesen hatte wie die anderen aus der österreichischen Sippe. Er traf
+sogleich Anstalten zur Begünstigung des Schmuggels in Bieberich und den
+anderen Rheinhäfen. Der Gedanke, daß Nassau jetzt wie Anhalt zur
+preußischen Enklave werden solle, war seinem Nationalstolze schrecklich.
+Dann ließ er durch die getreue Oberpostamtszeitung die Lüge verbreiten,
+Preußen habe auch Nassau zum Beitritt eingeladen, sei aber stolz
+zurückgewiesen worden. Der untertänige Landtag stimmte der Ansicht des
+Ministers zu, als dieser erklärte: eine Erhöhung der Staatseinnahmen sei
+überflüssig; für Nassaus europäische Politik wie für seine Volkswirtschaft
+könne der Anschluß an Preußen nur gefährlich werden.
+
+Daß Münch und Langenau nicht ohne geheime Weisungen handelten, ließ sich
+leicht erraten. Zum Überfluß sprach Fürst Metternich selbst seine
+Bestürzung in sauersüßen Worten aus. Der preußische Gesandte teilte dem
+österreichischen Staatskanzler eine Denkschrift mit, die sich ausführlich
+über Preußens bisherige Handelspolitik verbreitete. Darauf erwiderte der
+Fürst: »Der Darmstädter Vertrag hat großes Aufsehen erregt, wie ja alles
+in Deutschland mißdeutet wird. Doch ist uns lieb, daß Preußen sich so
+offen ausspricht; mit der Denkschrift bin ich im wesentlichen
+einverstanden. Bayern hat uns kürzlich aufgefordert, den
+preußisch-hessischen Vertrag zu hintertreiben. Wir lehnten ab, da solche
+Verträge eine Konsequenz der Souveränität sind. Ich kann aber nicht
+verhehlen, daß, sobald dergleichen Verbindungen aufhören, bloß aus dem
+administrativen Gesichtspunkt betrachtet zu werden und ihnen eine
+politische Tendenz zugrunde gelegt wird, die Grundgesetze des Bundes ihnen
+entgegenstehen.« Darauf empfahl er dem preußischen Hofe abermals, wie
+einst auf dem Aachener Kongreß, die Vorzüge der k. k. Provinzialmauten:
+wenn man in Preußen Provinzialzölle einführte, so würde man der lästigen
+Zollverträge nicht bedürfen! Mit Entzücken vernahm Motz diese
+Orakelsprüche und schrieb an Eichhorn: »Von den Finanzansichten des
+Fürsten v. Metternich werden wir wohl keinen Gebrauch machen können.
+Dagegen wollen wir nicht bestreiten, daß es in vieler Beziehung für uns
+ohne Nachteil sein wird, wenn er für Österreich bei seinen erleuchteten
+Ansichten beharrt.« Zudem wußte Eichhorn, wie eifrig der k. k. Gesandte in
+Darmstadt der Ratifikation des Vertrages entgegengewirkt hatte; noch im
+Februar war Otterstedt von Karlsruhe hinübergeeilt, um dem
+österreichischen Einfluß die Wage zu halten.
+
+Auch jenes deutsche Kabinett, das damals dem Berliner Hofe am nächsten
+stand, auch Hannover, überraschte durch auffällige Ungezogenheit. Der
+König wollte nicht, daß das befreundete Nachbarland aus dem neuen Verein
+Besorgnis schöpfe. Er befahl daher eine Ausnahme zu machen von der Regel,
+wonach Preußen sich aller handelspolitischen Anerbietungen enthalten
+sollte, und ließ in Hannover einige neue Straßenzüge und bedeutende
+Zollerleichterungen vorschlagen, da nach den Grundsätzen der hannoverschen
+Politik ein wirklicher Zollverein doch nicht zu erwarten stand. Aber diese
+Eröffnungen blieben unerwidert. Das war mehr als Verstimmung; das deutete
+auf feindselige Pläne, die im Dunkeln sich vorbereiteten.
+
+Die öffentliche Meinung zeigte sich, wie immer in der Geschichte des
+Zollvereins, noch verblendeter als die Kabinette, und die Hofburg
+verstand, trotz ihres Hasses gegen den Liberalismus, den liberalen
+Unverstand vortrefflich auszubeuten. In Frankfurt arbeitete unter Münchs
+Augen eine k. k. Korrespondenzenfabrik: mit merkwürdiger Übereinstimmung
+erzählten der Nürnbergische Korrespondent, die Elberfelder Zeitung, das
+Frankfurter Journal von unseligen Darmstädter Industriellen, die Haus und
+Hof verließen, um den preußischen Zöllen zu entgehen. Die Augsburger
+Allgemeine Zeitung ließ sich aus Darmstadt schreiben: man muß heute
+einundzwanzigmal preußisch reden, ehe man einmal hessisch reden darf; das
+unglückliche Land trägt zweifache Lasten, die neuen Mauten und die alten,
+da ja für Wein und Tabak Ausgleichungsabgaben erhoben werden. Auch
+unabhängige Blätter, wie der Altonaer Merkur und die Neue Mainzer Zeitung,
+erzählten die Fabel vom Fuchs, der im Stalle zum Pferde sagte: tritt mich
+nicht, ich will dich auch nicht treten!
+
+Die preußische Regierung konnte sich in den Künsten des literarischen
+Minenkriegs niemals mit Österreich messen; sie begnügte sich, den
+österreichischen Tendenzlügen lehrhafte Berichtigungen in der
+Staatszeitung entgegenzustellen; das unglückliche Blatt krankte aber an
+der Erbsünde aller offiziösen Blätter, der Trockenheit. Auf allgemeine
+Zustimmung konnte in diesem Lande der Kritik kein Schritt der Regierung
+rechnen. Nicht bloß unter den Industriellen zitterten viele vor der
+drohenden Vermehrung der Konkurrenz. Auch eine Schule innerhalb des
+Beamtentums, Schön mit seinen ostpreußischen Freunden, schalt auf diese
+Bummler in Berlin, die daheim nicht Ruhe fänden und auswärts unnütze
+Händel anzettelten.
+
+Am gefährlichsten unter allen Kräften des Widerstandes erschien vorderhand
+die feindselige Haltung des Münchener Hofes. Im Oktober 1827 waren in
+München die Verhandlungen zwischen den beiden süddeutschen Königskronen
+wieder aufgenommen worden. Schmitz-Grollenburg(76) und Armansperg(77)
+betrieben beide das Geschäft mit feurigem Eifer. So kam am 18. Januar 1828
+jener erste deutsche Zollverein zustande. Es erfüllte sich, was in Berlin
+so oft vorausgesagt worden: Tarif und Verwaltungsordnung des neuen Vereins
+kamen den Grundsätzen der preußischen Zollgesetzgebung sehr nahe, weil
+sich den süddeutschen Kronen dieselben Fragen aufdrängten, welche Preußen
+schon durch das Gesetz von 1818 gelöst hatte. Die Zölle auf Fabrikwaren
+standen niedriger als in Preußen, die auf Kolonialwaren etwas höher: vom
+Kaffee erhob Preußen 6 Tlr. 20 Sgr. für den Zentner, Bayern-Württemberg
+15 Gulden für den um etwa 9 Prozent schwereren bayrischen Zentner. Im
+übrigen fast dieselben Regeln wie im preußisch-hessischen Verein:
+getrennte Zollverwaltung unter gegenseitiger Kontrolle, Verteilung der
+Einkünfte nach der Kopfzahl, Grenzzölle und Packhöfe.
+
+Indes die verständige Verfassung konnte den Grundschaden dieses Bundes
+nicht heilen: er war zu klein und darum, wie Eichhorn voraussagte, nicht
+lebensfähig. Wohl stiegen die Zolleinnahmen Württembergs im ersten Jahre
+um 220000 Gulden; der kleinere Bundesgenosse zog selbstverständlich den
+größeren Vorteil aus der Erweiterung des Marktgebiets. Doch betrugen die
+Zolleinnahmen nur 9½ Sgr. auf den Kopf der Bevölkerung, während Preußen
+das Zweiundeinhalbfache, 24 Sgr., einnahm. Die Kosten der Zollverwaltung
+verschlangen mindestens 44 Prozent der Einkünfte; in Bayern war der
+Rohertrag für das Rechnungsjahr 1828–1829: 2,842 Millionen Gulden, der
+Reinertrag nur 1,582 Millionen Gulden. Die geringen Zölle genügten nicht,
+die heimische Industrie wirksam zu schützen, und doch blieb jede Erhöhung
+unmöglich, wenn nicht der gesamte Reingewinn den Staatskassen verloren
+gehen sollte. Am kläglichsten befand sich die bayrische Pfalz. Die
+entlegene Provinz sollte vor der Hand außerhalb der Mautlinien bleiben und
+ihre eigenen Erzeugnisse zollfrei in das Vereinsland einführen, was denn
+sofort französische, badische, rheinpreußische, hessische Fabrikanten zu
+großartigem Schmuggel veranlaßte. Gewichtige Stimmen in der Pfalz
+forderten laut den Anschluß an Preußen; einer der ersten Industriellen der
+Provinz, Geh Rat. Camuzzi, schrieb in diesem Sinne an die Allgemeine
+Zeitung, ward aber von der Firma Cotta abgewiesen.
+
+König Ludwig wollte die Gebrechen des Vereins lange nicht bemerken. Wie
+war er stolz auf seiner Hände Werk, den ersten deutschen Zollverein; wie
+schwelgte er in erhabenen Träumen von historischer Unsterblichkeit. Er
+wollte fortleben im Munde später Geschlechter als der Vollender der *fossa
+Carolina*, jenes Kanales zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer, den
+Karl der Große ersonnen, doch nicht ausgeführt hatte, und beschäftigte
+sich auch mit großen Eisenbahnplänen, seit Franz Baader(78) im
+Nymphenburger Park einen Dampfwagen fahren ließ. »Jetzt sind die
+Zollsysteme der beiden Großmächte nicht mehr furchtbar« — hieß es bei
+Hofe. Schon war ein Unterhändler nach Zürich gesendet, um die Schweiz zum
+Eintritt in den süddeutschen Verein oder doch zu einem Handelsvertrage zu
+bewegen. Niemals hatte Bayerns Gestirn glänzender geleuchtet als im Januar
+1828; niemals zuvor hatte der König eine so stolze Sprache gegen den
+Bundestag geführt. »Die antisozialen, antiföderalistischen Tendenzen der
+bayrischen Politik« traten, wie Blittersdorff klagte, dem
+Präsidialgesandten schroff entgegen. Sofort nach der Unterzeichnung des
+süddeutschen Zollvertrages ging Freiherr v. Zu Rhein nach Darmstadt, um
+das Großherzogtum zum Beitritt einzuladen und ihm die Parität, welche ihm
+die beiden Königreiche bisher verweigert hatten, bedingungslos
+zuzugestehen. War Hessen gewonnen, so mußte das widerhaarige Baden auf
+Gnade oder Ungnade sich ergeben.
+
+Mitten in diese holden Träume fiel niederschmetternd die Kunde von dem
+preußisch-hessischen Vertrag. Durch diesen Verein, das sprang in die
+Augen, verlor der süddeutsche Verein sofort Sinn und Bedeutung. König
+Ludwig sah seine teuersten Hoffnungen zerstört, blieb mehrere Wochen
+hindurch völlig fassungslos. »Nunmehr hab’ ich alle Schritte getan, um
+meine armen Untertanen zu retten!« sagte er verzweifelnd zu
+Schmitz-Grollenburg. In groben Schimpfworten entlud sich sein Groll; er
+schalt laut auf den Verräter Hofmann, erzählte an offener Tafel, Preußen
+habe den Prinzen Emil von Hessen mit 400000 Gulden bestochen. In seinem
+Zorne vergaß er auch wieder seinen »teutschen« Stolz. Solange diese
+kleinen Höfe noch europäische Politik treiben durften, waren auch
+patriotische Fürsten nicht vor argen Verirrungen sicher. Wie Ludwig einst
+als Kronprinz, trotz seines Abscheus gegen Napoleon, mehrmals untertänige
+Briefe an den Schöpfer der bayrischen Königskrone gerichtet und sogar die
+Hoffnung ausgesprochen hatte, sein Sohn Max werde dereinst dem König von
+Rom(79) seine Anhänglichkeit widmen, so hatte er neuerdings um Sponheims
+willen die Hilfe Rußlands angerufen und wendete sich jetzt wieder an das
+gehaßte Frankreich. Den Winter über hatte der Herzog von Dalberg(80) in
+München sein Wesen getrieben; nun fanden seine Einflüsterungen Gehör.
+König Ludwig warnte den französischen Hof vor dem Ehrgeiz Preußens, das
+bereits in Süddeutschland sich festzusetzen suche. Im selben Sinne
+bearbeitete Lerchenfeld zu Frankfurt den alten Reinhard(81). Alsbald
+befahl Minister La Ferronays dem Geschäftsträger in München rührige
+Wachsamkeit gegen die von Preußen her drohende Gefahr; er stellte zugleich
+einige Handelserleichterungen in Aussicht zugunsten der *troisième
+Allemagne*.(82)
+
+Da König Ludwig schon nach wenigen Monaten von seinen leidenschaftlichen
+Verirrungen zurückkam, so wurden diese häßlichen Zettelungen mit dem
+Auslande nachher ganz in Abrede gestellt. Der Hergang ist gleichwohl
+verbürgt durch die übereinstimmenden Zeugnisse von Freund und Feind. Nicht
+allein der preußische Gesandte Küster berichtete darüber ausführlich
+seinem Hofe; der badische Gesandte Fahnenberg meldete ganz dasselbe nach
+Karlsruhe. Der österreichische Gesandte Graf Spiegel warf dem bayrischen
+Minister des Auswärtigen die Anklage ins Gesicht, daß er Frankreich in die
+deutsche Handelspolitik hineinzuziehen suche. Über Lerchenfelds Verhalten
+berichtete Blittersdorff, der ja selber sehr geneigt war, jedes Mittel zu
+gebrauchen zur Vernichtung des preußisch-hessischen Vereins. Die
+Schwenkung der bayrischen Politik nach Frankreich hinüber war bald eine
+der gesamten diplomatischen Welt bekannte Tatsache.
+
+König Ludwig überließ sich eine Zeitlang blindlings dem stürmischen
+Unwillen der verletzten Eitelkeit. Sein Kabinettsrat Grandauer übte
+schlechten Einfluß; auch Freiherr v. d. Tann träumte bayrische
+Großmachtsträume. Nur der alte welterfahrene Minister Zentner sah die
+Dinge ruhiger an. Selbst König Wilhelm von Württemberg blieb nüchtern und
+gleichmütig. Sein Geschäftsverstand war doch stärker als sein Groll gegen
+Preußen; auch mochten ihm die bitteren Erfahrungen der Tage von Verona
+noch unvergessen sein. In einem Gespräche mit du Thil verbarg er zwar
+seine Enttäuschung nicht, gestand aber zu: »früher oder später werden wir
+noch gezwungen sein, Euerem Beispiele zu folgen«. Im selben Sinne erklärte
+sein Minister Beroldingen dem preußischen Gesandten, »daß Württemberg in
+die deutsch-patriotischen Gesinnungen der preußischen Regierung niemals
+auch nur den geringsten Zweifel gesetzt hat und die bestehenden besonderen
+Vereine zugleich als Mittel betrachtet, zu dereinstiger Erreichung des
+gemeinschaftlichen Zweckes in einer allgemeinen Ausdehnung den Weg zu
+bahnen.«
+
+Wie der preußische Staat alles, was er für die Macht und Einheit unseres
+Vaterlandes tat, erkämpfen mußte gegen den Widerstand des Auslandes, so
+ward auch der preußisch-hessische Bund sofort von den Ränken der fremden
+Mächte umsponnen. Im Verein mit Frankreich versuchte Holland Unfrieden zu
+säen zwischen Süd und Nord. Der Minister Verstolck van Soelen machte den
+württembergischen Geschäftsträger aufmerksam auf die Gefahren, welche der
+deutschen Handelsfreiheit und der Unabhängigkeit der Kleinstaaten drohten.
+Der Württemberger, ein verständiger Mann, der seinem preußischen Kollegen,
+dem Grafen Truchseß-Waldburg, alles mitteilte, antwortete treffend: die
+Zölle der fremden Mächte, und nicht zuletzt Hollands, zwingen uns
+Deutsche, uns zu einigen und neue Handelswege zu suchen — worauf Verstolck
+heilig versicherte: die Herabsetzung der niederländischen Zölle stehe nahe
+bevor; für jetzt aber dürfe man nur an den Widerstand gegen den
+gemeinsamen Feind, gegen Preußen denken. Eichhorn, der die holländischen
+Kaufherren aus den endlosen Rheinschiffahrtsverhandlungen genugsam kannte,
+schrieb an den Rand der Depesche: Die Niederlande verfolgen gar keinen
+positiven Zweck, sie wollen nur die weitere Einigung Deutschlands in
+Zollsachen verhindern. In der Tat lud der niederländische Geschäftsträger
+Mollerus den Münchener Hof ein, für den süddeutschen Verein einen
+Handelsvertrag mit Holland abzuschließen, und beteuerte zugleich die gute
+Absicht seines Hofes, sich mit den oberländischen Staaten über Preußen
+hinweg wegen der Rheinzölle zu verständigen. Bestimmte, greifbare
+Vorschläge übergab er nicht; die Absicht war lediglich, Bayern und
+Württemberg von Preußen fernzuhalten. Auch England bezeigte seine
+Unzufriedenheit. Der Präsident des Handelsamts, Charles Grant, beschwerte
+sich bei dem preußischen Gesandten Bülow heftig über die hohen Zölle des
+preußisch-hessischen Vereins und erhielt die kühle Antwort: der Verein
+habe an den preußischen Zöllen gar nichts geändert; doch wisse jedermann,
+daß Preußen freieren handelspolitischen Grundsätzen huldige als England.
+
+Mit diesen Ränken des Auslandes, die bald einen sehr bedrohlichen
+Charakter annahmen, verkettete sich der unselige Sponheimer Handel. König
+Ludwig war, da er sich allerdings auf Österreichs unerfüllte
+Versprechungen berufen konnte, von seinem Rechte auf den Heimfall der
+Pfalz tief überzeugt und fühlte sich schwer beleidigt, als Preußen seinen
+Ansprüchen entgegentrat. Der preußische Gesandte merkte dem König bald an,
+daß er etwas auf dem Herzen habe. Da trafen sich die beiden eines Tages
+auf der Straße. Der König trat auf den Diplomaten zu, ging eine Strecke
+Weges mit ihm und schüttete seinen Zorn aus: »Ich kann nicht genug sagen,
+wie tief es mich geschmerzt, daß gerade Preußen in der badischen Sache
+sich voran und mir gegenübergestellt hat. Anders kann ich das Memoire
+nicht bezeichnen, womit Preußen, ohne mich zu hören, die Initiative gegen
+mich bei den übrigen Höfen ergriffen hat. Bernstorff denkt immer noch an
+das alte Bayern; es ist aber heute ein neues Bayern, ein neuer König.
+Preußen hat nie einen größeren Enthusiasten gehabt als mich. Um so mehr
+hat mich’s gekränkt, daß man sich aus meiner Freundschaft gar nichts
+macht. Will man mich denn nur zum Gegner haben?« Der König ereiferte sich,
+erhob die Stimme, die Vorübergehenden blieben stehen und horchten auf. Der
+Gesandte konnte sich dem schwerhörigen Fürsten nicht verständlich machen,
+geriet in peinliche Verlegenheit, gab seinem Hofe den Rat, man möge den
+Erzürnten beschwichtigen. Augenblicklich ließ sich wenig tun, da König
+Friedrich Wilhelm das gute Recht Badens schlechterdings nicht preisgeben
+wollte. Für die Zukunft war noch nichts verloren. Der heißblütige
+Wittelsbacher blieb auch als Gegner offen und ehrlich; sobald sein Zorn
+verrauchte, konnte man vielleicht wieder anknüpfen, da ihm Deutschlands
+Handelseinheit wirklich am Herzen lag. Vorderhand freilich wirkte der
+Münchener Hof dem preußisch-hessischen Verein offen entgegen; er
+versuchte, durch unentgeltlichen Vorspann und ähnliche kleine Mittel den
+Verkehr von Gießen und Vilbel auf die Linie Hersfeld-Fulda
+hinüberzulocken, verlangte von dem Hause Thurn und Taxis, daß die
+Frankfurt-Aschaffenburger Post über Hanau, nicht mehr durch das
+darmstädtische Gebiet geführt werde usw.
+
+Der entscheidende Kampf entspann sich am Kasseler Hofe; noch einmal wurde
+die kurhessische Handelspolitik verhängnisvoll für das ganze Deutschland.
+Der Großherzog von Hessen hatte die Berliner Verhandlungen nur gutgeheißen
+in der bestimmten Erwartung, daß der Kasseler Vetter seinem Beispiel
+folgen würde. Deshalb blieb der preußisch-hessische Vertrag bis zum Mai
+geheim; denn niemals hätte der Stolz des Kasseler Despoten sich
+entschlossen, einem bereits veröffentlichen Vertrage nachträglich
+beizutreten und also vor der Welt zuzugestehen, daß das minder mächtige
+Darmstadt ihm vorangegangen sei. Hofmann ging noch im Februar, auf der
+Rückreise von Berlin, nach Kassel und meinte die Lage ziemlich günstig zu
+finden. Freiherr v. Meysenbug und andere hohe Beamte, mit denen er
+vertraulich sprach, gaben ihm bereitwillig zu, daß Kurhessen nach
+Darmstadts Beitritt nicht mehr zögern dürfe: nur der Anschluß an Preußen
+könne die zerrüttete Volkswirtschaft retten. Gleichwohl war Hofmann im
+Irrtum; schon nach 24 Stunden mußte er unverrichteter Sache abziehen. »An
+diesem Hofe, schrieb du Thil, sind rationelle Berechnungen nicht
+statthaft.« Hinter und über den Beamten trieb die Reichenbach [Die
+Geliebte des Kurfürsten.] ihr Wesen, die noch immer auf eine
+österreichische Fürstenkrone hoffte.
+
+Auf solchem Boden war den armseligen Künsten der kleinen Höfe die Stätte
+bereitet. Ein Heerlager von amtlichen und geheimen Unterhändlern strömte
+im Frühjahr 1828 zu Kassel zusammen, um den Kurfürsten von Preußen
+fernzuhalten. Aus Bayern erschienen die Geheimen Räte Oberkamp und
+Siebein, der erstere wohlgeschult in dem Ränkespiel der Eschenheimer
+Gasse; auch seinen Freund v. d. Tann schickte König Ludwig hinüber. Für
+Württemberg arbeitete der alte Agitator Miller von Immenstadt, jetzt
+württembergischer Steuerrat. Aus Sachsen kam Freiherr v. Lützerode, aus
+Hannover Kammerrat Lüder, auch Koburg und Meiningen sendeten Unterhändler.
+Dann erschien »zum allgemeinen Schrecken« Präsident v. Porbeck aus
+Arnsberg, um dem Berliner Kabinett über das verworrene Treiben zu
+berichten. Die Darmstädter Regierung erneuerte im März ihren Versuch und
+sendete den Prinzen Wittgenstein, um dem Kurfürsten mitzuteilen: Preußen
+habe eingewilligt, daß der Zutritt Kurhessens zu dem Vertrage vorbehalten
+bleibe und Darmstadt den Antrag stelle; der Großherzog erlaube sich daher
+anzufragen, ob der Kurfürst die Absendung eines Bevollmächtigten
+genehmige. Am 12. März sprach der Kurfürst dem Prinzen seinen
+verbindlichen Dank aus. Doch schon nach drei Tagen schlug der Wind um. Sei
+es, daß Wittgenstein allzu zuversichtlich aufgetreten war, sei es, daß
+Oberkamp und die Reichenbach dem Kurfürsten die Schmach einer Unterwerfung
+unter Preußens Befehle geschildert hatten — genug, am 15. März ließ der
+Finanzminister Schminke ein Schreiben an du Thil abgehen, in jener Tonart,
+die nur in Kassel oder Köthen möglich war: »S. K. Hoheit können nicht ohne
+große Empfindlichkeit wahrnehmen, daß in einem Allerhöchstdemselben und
+Allerhöchstdero Kurstaate durchaus fremden Vertrage von seiten des
+großherzoglichen Hofes Stipulationen in Beziehung auf das Kurfürstentum
+eingegangen sind und eine Initiative ergriffen worden ist, welche das
+Kurhaus in Ansehung des großherzoglichen Hauses sich nicht einmal
+gestattet hat. Allerhöchstdieselben sind nicht davon überzeugt, daß es dem
+Interesse des Kurstaats entsprechend sei, einer solchen Übereinkunft das
+bisherige System aufzuopfern.« Die gröbsten Wendungen hatte der Kurfürst
+eigenhändig in das Schreiben hineingebracht. Bei einer neuen Audienz
+donnerte er Wittgenstein an: »Ich bin Chef des hessischen Hauses;
+Anmaßungen, wie der Großherzog sie sich erlaubt hat, werde ich nicht
+dulden; ich kann die Bitte des Großherzogs nicht gewähren.« Auch
+Wittgensteins Sendung war gescheitert.
+
+Eichhorn ahnte, daß die süddeutschen Kronen die Hände im Spiele gehabt,
+empfahl dem Bundestagsgesandten Nagler und allen Gesandten im Oberlande
+scharfe Aufmerksamkeit auf die Handelspolitik der kleinen Höfe. Zwei
+Tendenzen, schrieb er, wirken uns in Kassel entgegen. Der
+bayrisch-württembergische Verein sucht Kurhessen für sich zu gewinnen; er
+krankt an verkehrten politischen Nebengedanken und ruht auf dem falschen
+Grundsatze, daß die Binnenstaaten von den Küstenländern sich unabhängig
+machen sollen; »mit jeder Ausdehnung verliert das System selbst an innerem
+Halt und Zusammenhang«. Gefährlicher scheint der von einigen thüringischen
+Staaten gehegte Plan, unter Kurhessens Führung einen
+hessisch-thüringischen Zollverein zu bilden, der nach Belieben mit Preußen
+oder mit dem Süden verhandeln könnte — eine Träumerei, »so einladend für
+den Stolz des Kurfürsten, daß er kaum widerstehen wird.«
+
+Nach Wittgensteins Abreise meinten die bayrisch-württembergischen
+Unterhändler ihr Spiel gewonnen. Bayern versprach dem Kurfürsten, seine
+bisherigen Zolleinnahmen zu verbürgen, wenn er dem süddeutschen Verein
+beitrete. Der Kurfürst, als ein geriebener Handelsmann, holte sofort eine
+alte Schuldforderung an das fürstliche Haus Oettingen hervor, welche einst
+Napoleon für Bayern eingezogen hatte; auch diese Sache zu bereinigen war
+Bayern erbötig. Schon bereiste Oberkamp mit einem kurhessischen
+Finanzbeamten die bayrischen Grenzen, um diesem die Einrichtung der Mauten
+zu zeigen. Da griff eine gewandtere Hand ein und betrog die süddeutschen
+Höfe um den Sieg.
+
+Daß Österreich die Erweiterung des preußisch-hessischen Vereins ungern
+sah, war allbekannt. Wenn der österreichische Geschäftsträger in Kassel
+dem Prinzen Wittgenstein zuvorkommend seine Instruktionen zeigte und dort
+zu lesen stand, er solle seinen preußischen Kollegen überall getreulich
+unterstützen, so wußte man in Berlin längst, was von solchen k. k.
+Scherzen zu halten sei. Aber auch der Zollverein der konstitutionellen
+Südstaaten erschien zu Wien hoch gefährlich. Sobald das diplomatische
+Getriebe in Kassel begann, wurde Freiherr v. Hruby, einer der eifrigsten
+und gefährlichsten Feinde Preußens, so recht ein Vertreter des alten
+ferdinandeischen Hochmuts, von Karlsruhe abberufen, in Hannover und Kassel
+als Gesandter beglaubigt. Ihm gelang es, den Kurfürsten zu überzeugen, daß
+auch der Anschluß an Bayern die kurhessische Nationalehre gefährde; »die
+bayrischen Mautritter«, wie der Kurfürst höhnte, empfingen im Mai
+abschlägige Antwort. Und bald erfüllte sich, was ein feiner Kenner der
+hessischen Dinge dem preußischen Gesandten Hänlein vorausgesagt hatte:
+»Kurhessen wird seine ergiebigen Transitzölle zu behalten suchen und am
+liebsten gar nichts an dem Bestehenden ändern. Nur wenn keine
+Verständigung mit der Kurfürstin zustande kommt, wird unser Staat, welcher
+bekanntlich nur aus einer Person besteht, sich aus Ärger vielleicht auf
+die Seite der Gegner Preußens schlagen.«
+
+Dahin war es wirklich gekommen, daß die Zukunft der deutschen
+Handelspolitik zunächst von dem ehelichen Frieden des kurhessischen Hauses
+abhing. Um den Kurfürsten mit seiner Gemahlin zu versöhnen und dann den
+besänftigten Despoten für den Zollverein zu gewinnen, sendete König
+Friedrich Wilhelm den General Natzmer(83) nach Kassel. Motz gab dem
+Unterhändler eine Weisung mit, deren friderizianischer Ton von der matten
+Diplomatensprache jener Zeit gar seltsam abstach. Es war, als hätte der
+tapfere Hesse schon das Jahr 1866 vorausgesehen. Er bemerkt zunächst, die
+Verbindung mit Preußen liege im eigenen Interesse Kurhessens; mit 600000
+Köpfen könne man kein eigenes Zollsystem bilden. Der Anschluß an den
+finanziell unfruchtbaren bayrisch-württembergischen Verein sei für Hessen
+unnatürlich. Dagegen bringt der Anschluß an Preußen: eine bedeutende
+Einnahme von 20–24 Sgr. auf den Kopf; sodann einen großen Markt von
+13 Millionen Einwohnern — denn nicht Verbote, sondern die Freiheit eines
+großen inneren Marktes fördern die Industrie, wie Preußens Beispiel zeigt
+— endlich den Besitz der großen Handelsstraßen. Schließt Kurhessen sich
+nicht an, so muß Preußen eine Straße durch Hannover suchen und den Bremer
+Verkehr nach Süddeutschland von Minden aus zum Rhein leiten. Manche Höfe,
+und namentlich Minister Marschall in Wiesbaden, behaupten zwar, ein
+Zollverein sei eine Verletzung der Souveränität. Aber der Großherzog von
+Hessen ist souverän geblieben, der Vertrag gewährt beiden Teilen gleiche
+Rechte. »In die neueren Ideen von Souveränität ist überhaupt viel
+Schwindel gekommen. Ich frage besonders: ist Kurhessen souveräner in einem
+auf gleiche Souveränität basierten Vertrage mit seinem mächtigsten
+unmittelbaren Nachbarn, oder ist es souveräner ohne solche Verbindung, in
+einer unfreundlichen Stellung diesem mächtigsten unmittelbaren Nachbarn
+gegenüber? Es gibt Verhältnisse, mögen sie auch noch in der Zukunft
+liegen, in welchem Preußen ein feindlich gesinnter Nachbar nützlicher sein
+kann als ein durch feste Verträge verbundener.« Die furchtbare Offenheit
+dieser Sprache war nicht geeignet, den Kurfürsten zu gewinnen. Natzmer
+wurde mit ungeschliffener Grobheit heimgeschickt, und auch Leopold Kühne,
+der zur Unterstützung des Generals nach Kassel und nebenbei nach
+Braunschweig ging, richtete an beiden Orten nichts aus. In solcher Laune,
+tobend gegen seine Gemahlin wie gegen alles, was den preußischen Namen
+trug, war der hessische Despot bereit, den Weisungen Österreichs
+blindlings zu folgen.
+
+Die Hofburg wollte nicht bloß die Erweiterung des preußischen Zollsystems
+verhindern, sie dachte, das System selber zu zerstören, den mühsam
+errungenen ersten Anfang deutscher Handelseinheit zu vernichten; und
+gerade bei den norddeutschen Höfen, welche durch alle ihre natürlichen
+Interessen auf Preußen angewiesen waren, fand diese Absicht Anklang. Der
+dynastische Haß des sächsischen Hofes, der Welfenstolz Hannovers, der
+Grimm des Kurfürsten gegen seinen königlichen Schwager, die Großmannssucht
+des Nassauer Herzogs, die gedankenlose Ängstlichkeit der kleinsten Höfe —
+alle niederträchtigen und alle schwächlichen Elemente des norddeutschen
+Kleinfürstentums vereinigten sich in tiefster Stille zum Kampfe gegen
+Preußen. Gestützt auf Österreich, begünstigt durch den Handelsneid
+Englands, Frankreichs und Hollands, kam der Mitteldeutsche Handelsverein
+zustande — eine der bösartigsten und unnatürlichsten Verschwörungen gegen
+das Vaterland — gleich dem Rheinbunde ein Zeugnis, wessen das deutsche
+Kleinfürstentum fähig war.
+
+
+
+c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._
+
+
+Nirgends erweckte der preußisch-hessische Vertrag schwerere Besorgnisse
+als am Dresdner Hofe. Wie hatte man sich dort so behaglich eingelebt in
+den alten Privilegienwust, wie war es so süß, am Bundestage über die
+deutsche Handelseinheit und die Bundeszölle salbungsvoll zu reden — in der
+frohen Erwartung, daß gar nichts zustande komme, daß man jedes ernsten
+Entschlusses, jeder heilsamen Reform allezeit überhoben bleibe! Jetzt
+erstanden plötzlich dicht an Sachsens Grenzen zwei Zollverbände. Wie nun,
+wenn die augenblickliche Verstimmung des Königs von Bayern verflog, wenn
+die beiden Vereine, die in ihren handelspolitischen Grundsätzen einander
+so nahe standen, sich zu einem verschmolzen: wenn sie auch Thüringen
+gewannen, und also dem Leipziger Handel der Weg zur See ringsum durch
+Zollstellen versperrt wurde? Lauter und lauter erklangen die Klagen der
+Fabrikanten des Erzgebirges; zweimal im Jahre 1828 liefen Petitionen ein,
+die den König beschworen: der Anschluß an Preußen, oder auch an den
+süddeutschen Verein, irgendein Entschluß, der aus der vereinsamten
+Stellung hinausführe, sei unvermeidlich. Der Minister Graf Einsiedel(84),
+der als Eisenwerksbesitzer der Großindustrie näher stand, begann irre zu
+werden an dem alten System. Einer der tüchtigsten jüngeren Beamten,
+Wietersheim(85), schilderte in einer beredten Denkschrift den Notstand der
+Industrie, die Unterlassungssünden der Regierung. König Anton aber hielt,
+wie sein Minister Manteuffel(86), einen Handelsbund mit Preußen für
+unmöglich. Eben in jenen Jahren stand ein alter Lieblingsgedanke der
+albertinischen Politik in voller Blüte. Vor kurzem erst, nach dem
+Aussterben des Hauses Gotha, hatte der König von Sachsen den
+Schiedsrichter und väterlichen Vermittler gespielt zwischen den
+ernestinischen Vettern. Man hoffte in Dresden, eine dauernde Hegemonie
+über die thüringischen Lande zu erlangen. Um so schmerzlicher empfand man
+die Gefahr, daß Thüringen dem preußischen oder dem süddeutschen Verein
+sich anschließen könnte.
+
+Aus solchen Berechnungen entsprang der Plan, einen Gegenzollverein zu
+bilden, der, ohne selbst ein positives handelspolitisches Ziel zu
+verfolgen, nur als ein Keil zwischen die beiden Zollvereine hineindringen,
+ihre Verbindung hindern sollte. Es galt, die ersten Anfänge der
+Handelseinheit zu zerstören, den schmachvollen Zustand deutscher
+Zerrissenheit zu verewigen. Die Träger dieser Politik waren zwei Gebrüder
+Carlowitz, aus einem der ehrenwertesten Häuser des obersächsischen Adels.
+Der Ältere(87), königlich sächsischer Minister, war bis zum vorigen Jahre
+noch Bundestagsgesandter gewesen und stand in der Eschenheimer Gasse in
+lebhaftem Andenken als ein wohlmeinender Geschäftsmann der alten Schule,
+ein pedantischer Vertreter der bekannten kursächsischen Formelseligkeit.
+Der Jüngere(88), jetzt Minister in Gotha, persönlich ebenfalls sehr
+achtungswert, hatte alle die unausrottbaren Vorurteile des kursächsischen
+Adels mit aus der Heimat hinübergenommen. Vergeblich stellten ihm
+gothaische Beamte vor, ihr Ländchen sei auf Preußen angewiesen; der
+verständige Kammerrat Braun rief ihm zu: »Sie handeln als königlich
+sächsischer, nicht als herzoglich sächsischer Staatsmann.« Er blieb dabei,
+»ein neutraler Verein« sei notwendig, »eine achtunggebietende Masse
+zwischen den beiden Zollvereinen stark genug, um beiden Bedingungen zu
+diktieren«. Der Herzog von Gotha ward für die Pläne seines sächsischen
+Ratgebers leicht gewonnen. Er stand mit dem Berliner Hofe auf schlechtem
+Fuße, weil er sein entlegenes Saarland Lichtenberg gegen ein Stück des
+preußischen Thüringens auszutauschen wünschte und König Friedrich Wilhelm
+diese Zumutung noch immer beharrlich abwies. In ihren Mitteln war die
+Koburgische Handelspolitik wenig wählerisch. Aller drei Wochen ging von
+Koburg eine Sendung neu geprägter unterwertiger Münzen nach Lichtenberg;
+von dort überfluteten die unter dünner Silberhülle rötlich schimmernden
+Koburger Sechser das benachbarte süddeutsche Guldenland, und diese
+gewerbsmäßige Falschmünzerei währte jahrelang fort trotz den Beschwerden
+der Nachbarn. Auch am Weimarischen Hofe herrschte augenblicklich eine
+gegen Preußen leidenschaftlich eingenommene Partei, an ihrer Spitze der
+gescheite Minister Schweitzer(89).
+
+So wurde denn ein hochgefährliches Unternehmen gegen Deutschlands
+Handelseinheit in aller Stille eingefädelt, harmlos, gemütlich wie eine
+Carlowitzsche Familienangelegenheit. In den letzten Tagen des März 1828
+trafen sich der Herzog von Gotha, die beiden Carlowitze und Schweitzer auf
+dem Carlowitzschen Familiengute Oberschöna — sie alle noch ohne eine klare
+Vorstellung von den schweren Folgen ihres Beginnens. Wir Deutschen sind
+Gott sei Dank durch unabweisbare Interessen, durch alle Lebensgewohnheiten
+aufeinander angewiesen; jeder Versuch offener Feindseligkeit von Deutschen
+gegen Deutsche erscheint als eine Sünde wider die Natur und bietet darum
+neben der Entrüstung auch der Lachlust ein breites Ziel. In denselben
+Tagen, da in Oberschöna der Zollkrieg gegen Preußen beschlossen wurde,
+verhandelte in Berlin der Weimarische Bevollmächtigte Thon wegen
+freundnachbarlicher Aufhebung der Geleitsgelder. Mochte man den
+preußischen Staat bis in der Hölle tiefste Gründe verwünschen, entbehren
+konnte man ihn nicht. Die in Oberschöna abgeschlossene Punktation besagte:
+Es soll ein Handelsverein geschlossen werden zwischen Sachsen, Kurhessen
+und Thüringen. Die Teilnehmer »werden sich bemühen, den Beitritt der
+übrigen zwischen der preußischen und bayrischen Zollinie gelegenen Lande
+zu erlangen.« Sie verpflichten sich, »einseitig keinem auswärtigen
+Zollsystem beizutreten, noch, ohne Zustimmung des Vereins, mit einem
+Staate, in welchem ein solches System besteht, einen Handels- oder
+Zollvertrag zu schließen.« Sie wollen ihre gegenseitigen Untertanen auf
+gleichem Fuß behandeln und (Artikel 7) die Transitabgaben im Verkehr
+zwischen den Vereinsstaaten nicht über das Maß der sächsischen
+Transitzölle erhöhen. Sechs Monate nach der Konstituierung des Vereins
+soll über gemeinsame Handelsverträge und Retorsionen beraten werden.
+
+Es war ein *pactum de paciscendo*, ein Vertrag ohne positiven Inhalt, eine
+Verpflichtung, vorläufig nichts zu tun, den bestehenden Zustand nur nach
+gemeinsamer Abrede zu verändern. Von einer Zollgemeinschaft zwischen den
+Vereinsstaaten, von irgendwelchen ernsten Reformen war gar nicht die Rede.
+Gleichwohl konnte der »neutrale« Verein dem preußischen Zollsystem
+verderblich werden; er suchte der Handelspolitik Preußens ihre schärfste
+Angriffswaffe, die Durchfuhrzölle, aus der Hand zu winden. Wenn es gelang,
+alle zwischen den preußischen Provinzen eingeklammerten Länder,
+insbesondere die Küstenstaaten, für den Verein zu gewinnen, so nahm die
+gesamte Einfuhr von der See nach dem innern Deutschland ihren Weg durch
+die Vereinslande, da die sächsischen Transitzölle weit niedriger standen
+als die preußischen. Schritt man darauf zu den verabredeten »Retorsionen«,
+wurde die Durchfuhr von Bayern nach Preußen und von einer preußischen
+Provinz zur anderen mit hohen Zöllen belastet, dann war Preußen einer
+reichen Einnahmequelle und seines wirksamsten Unterhandlungsmittels
+zugleich beraubt; nicht bloß die Erweiterung des preußischen Zollsystems
+wurde verhindert, der Bestand des Systems selber ward in Frage gestellt.
+Unter der Maske der Neutralität beschloß man den Zollkrieg. Um nur Preußen
+zu schädigen, verpflichtete sich die sächsische Regierung, ihre eigenen
+Fabriken in wehrlosem Zustande zu lassen, die Industrie des Erzgebirges
+der englischen Konkurrenz völlig preiszugeben. Wahrhaftig, nicht
+patriotische Gesinnung war es, was die kleinen Staaten unseres Nordens
+endlich in den preußisch- deutschen Zollverein führte; kein Mittel, auch
+das verwerflichste nicht, blieb unversucht, das preußische Zollsystem zu
+sprengen; erst nachdem alle Angriffe gescheitert waren, unterwarf man sich
+notgedrungen der deutschen Handelseinheit.
+
+Die Oberschönaer Punktation wurde dem sächsischen Bundestagsgesandten
+Bernhard von Lindenau(90) zugesendet; dort in der Eschenheimer Gasse
+sollten dem »sächsischen Antizollverein«, wie man in Berlin sagte, neue
+Anhänger geworben werden. Eine edle, hochsinnige Gelehrtennatur, ehrlich
+liberal und begeistert für Deutschlands Größe, hatte Lindenau bis vor
+kurzem im gothaischen Ministerium mit Einsicht gewirkt. Er wünschte
+aufrichtig die deutsche Handelseinheit und gestand seinem Darmstädter
+Amtsgenossen in Frankfurt: wäre Kurhessen dem preußischen Verein
+beigetreten, so hätte ich auch für den Beitritt Sachsens und Thüringens
+gestimmt. Nun Kurhessen sich weigerte, hoffte er sein Ziel auf anderem
+Wege zu erreichen: durch einen Bund der norddeutschen Lande, welcher den
+preußischen Staat zur Milderung seines Zollsystems zwingen sollte. Auch er
+krankte an dem Erbfehler der kleinen Diplomatie, er überschätzte die Macht
+seines Staates und sah nicht, daß die preußische Regierung den Versuch,
+ihr Gesetze vorzuschreiben, als offene Feindseligkeit betrachten und sich
+zur Wehre setzen mußte. Also hat der treffliche Mann seinen lauteren
+Idealismus, seine lebhafte ruhelose Tätigkeit eingesetzt für Pläne, die
+der dynastischen Scheelsucht entsprangen, und zwei Jahre lang an einem
+Verein gearbeitet, welchen Stein verächtlich als einen Afterbund
+verdammte. Selbst die Sippschaft höchst unzweideutiger politischer
+Charaktere, welche sich sofort des Oberschönaer Planes bemächtigte,
+öffnete dem sächsischen Staatsmanne nicht die Augen. Münch und Langenau,
+Marschall und Rothschild, alle Stützen der österreichischen Partei warben
+für den Handelsverein. Mehrmals in der Woche kam der Herzog von Nassau zu
+Langenau hinüber, um neue Bundesgenossen zu gewinnen.
+
+Dergestalt war wieder einmal eines jener anmutigen Ränkespiele
+eingeleitet, welche von Zeit zu Zeit die trostlose Langeweile der
+Bundestagsgeschäfte wohltätig unterbrachen. Daß Österreich alle Fäden der
+Verschwörung in seiner Hand hielt, war bald am Bundestage offenkundig. Mit
+gewohnter Treuherzigkeit stellte die Hofburg jede Parteinahme in Abrede.
+Der k. k. Hofrat v. Kreß, der Leiter der österreichischen Handelssachen,
+beteuerte dem preußischen Geschäftsträger feierlich: mit keinem Worte habe
+Osterreich den Anschluß Darmstadts zu verhindern gesucht; er selber habe
+die Korrespondenz geführt und nach Darmstadt geschrieben, sein Hof werde
+sich freuen, wenn Hessen bei dem preußischen Bündnis seinen Vorteil finde.
+Nach den Enthüllungen, die man in Berlin vom Darmstädter Hofe selbst
+erhalten, konnten solche Beteuerungen nur Heiterkeit erregen. Wie
+Österreich zu dem neuen Gegenzollverein stand, das erhellte, wenn anders
+die Frankfurter Gesandtschaftsberichte noch einer Bestätigung bedurften,
+aus einem Briefe Lindenaus, der in Berlin bekannt wurde. »Ich verhandle
+mit Holstein und den Niederlanden, schrieb der sächsische Diplomat an den
+Bundestagsgesandten Leonhardi(91), sowie wir nicht minder der
+Unterstützung des gemeinnützigen, vielversprechenden Unternehmens von
+seiten der österreichischen Regierung, welche dessen Förderung wünscht,
+versichert sein können.« Auch die anderen ausländischen Feinde der
+preußischen Handelspolitik liehen dem Verein ihren Beistand. Graf Reinhard
+versicherte die Vereinsmitglieder der warmen Unterstützung des Pariser
+Kabinetts. Um die Niederlande zu gewinnen, ging Lindenau im Herbst selber
+nach Brüssel und stellte dort vor — er, der Vertreter des Elbuferstaates
+Sachsen: — es sei notwendig, den Rhein und Main wieder zu beleben, die
+durch den Elb- und Weserhandel so schwere Einbuße erlitten hätten, und den
+rheinischen Kolonialwarenhandel Hollands wieder zu der Höhe zu erheben,
+die er im achtzehnten Jahrhundert behauptet. Selber mit seiner deutschen
+Provinz beizutreten, lag freilich nicht in Hollands Absicht; doch warben
+seine Diplomaten in Frankfurt eifrig für den Verein.
+
+Entscheidend wurde die Haltung von England-Hannover. Noch war man in
+London gewohnt, mit dreister Sicherheit auf Deutschlands Zwietracht zu
+rechnen; jede Regung selbständigen Willens in der deutschen Handelspolitik
+galt den Briten als ein Schlag ins eigene Angesicht. Welch’ eine köstliche
+Aussicht, wenn jetzt durch den Gegenzollverein nicht nur die machtlose
+Anarchie des deutschen Zollwesens verewigt, sondern auch den englischen
+Waren gegen mäßige Transitzölle der Weg bis ins Herz von Deutschland
+eröffnet wurde; von dort mochten sie dann durch die Schmuggler nach
+Preußen und Bayern hinübergeschafft werden. Mit Feuereifer ging der
+Gesandte am Bundestage, Addington, auf Lindenaus Ideen ein. Umsonst warnte
+der nüchterne Milbanke, Geschäftsträger bei der Stadt Frankfurt: der
+Verein entbehre jedes positiven Zwecks, könne und werde nicht dauern, der
+deutsche Handel bedürfe schlechterdings einer Reform. Addingtons Meinung
+drang in London durch; allzu verlockend war der Gedanke, den offenen
+hannoverschen Markt, der bisher den englischen Fabriken so unschätzbar
+gewesen, bis an den Main zu erweitern. Die englische Schaluppe Hannover
+folgte wie immer ihrem Schiffe. Graf Münster(92) schalt hinterrücks den
+preußischen Zollverein »eine preußische Reunionskammer«, mußte sich von
+dem preußischen Gesandten Bülow »sein wenig gerades Benehmen« vorwerfen
+lassen. Zugleich bat, wie Bülow von dem Minister Fitzgerald selbst erfuhr,
+der sächsische Gesandte in London um durchgreifende Maßregeln gegen das
+preußische Zollsystem, das dem englischen Handel und der Unabhängigkeit
+der deutschen Staaten gleich verderblich sei. So trat denn Hannover dem
+Verein bei; das Industrieland Sachsen unterwarf sich dem englischen
+Handelsinteresse. Freiherr v. Grote(93), ein fähiger hannoverscher
+Beamter, Preußens geschworener Feind, wurde neben Lindenau die Seele des
+Bundes.
+
+Auch Bremen trat hinzu. Der treffliche Smidt(94) hatte sich allzu tief
+eingelebt in die Träume Wangenheims, der auch jetzt wieder aus seinem
+Koburger Stilleben heraus gegen Preußen arbeitete; er konnte ein
+krankhaftes Mißtrauen gegen den norddeutschen Großstaat nicht überwinden,
+und jetzt, da die reindeutschen Sonderbundspläne sogar von Österreich
+insgeheim unterstützt wurden, gab er sich ihnen unvorsichtiger hin als
+sonst seine Art war. Er wünschte, wie er am Bundestage mehrmals aussprach,
+deutsche Konsulate und eine deutsche Flagge. Doch solange Deutschland noch
+nicht ein nationales Handelsgebiet bildete, war das lockere hannoversche
+Zollwesen für den bremischen Freihandel bequemer als das strenge
+preußische System. Die von dem »neutralen« Verein versprochene
+Erleichterung des Transitverkehrs konnte auf den ersten Blick einen
+hanseatischen Staatsmann allerdings bestechen. Aber auch nur auf den
+ersten Blick. Voreingenommen gegen Preußens Zollsystem, bemerkte Smidt
+nicht, daß die Teilnahme an dem neuen Handelsbunde der überlieferten
+hanseatischen Handelspolitik schnurstracks widersprach; der Verein war in
+Wahrheit nicht neutral, sondern durchaus parteiisch, antipreußisch. Smidt
+dachte so hoch von dem Werte dieser totgeborenen Vereinigung, daß er ihrem
+Urheber, dem Sachsen Carlowitz, das bremische Ehrenbürgerrecht verschaffte
+— eine seltene Auszeichnung, welche seit dem Freiherrn vom Stein kein
+deutscher Staatsmann mehr erlangt hatte. Ruhiger urteilte der Hamburger
+Senat; er lehnte jede Mitwirkung ab, weil Hamburgs Freihafen den
+Interessen des gesamten deutschen Verkehrs zu dienen habe. Die Frankfurter
+großen Firmen dagegen begrüßten mit Jubel die in Aussicht gestellte
+Erleichterung des Durchfuhrhandels, die den landesüblichen Schmuggel
+mächtig fördern mußte; auch waren die Patrizier der stolzen Republik
+längst gewöhnt, den untertänigen Schweif des k. k. Bundesgesandten zu
+bilden. Bürgermeister Thomas und Senator Guaita zusamt dem
+österreichischen Anhang setzten den Beitritt durch, gegen den heftigen
+Widerspruch einer preußischen Partei.
+
+Territorialen Zusammenhang konnte der Verein nur durch Kurhessen erlangen;
+daher wurden dort die stärksten Hebel eingesetzt. Der jüngere Carlowitz
+selbst erschien im April zu Kassel, bald darauf kam Lindenau. Beide,
+unterstützt durch Hruby, stellten dem Kurfürsten vor, was er am liebsten
+hörte: der neutrale Verein verlange gar keine Änderung in den bestehenden
+Gesetzen Kurhessens; man betrachte dies Land als den Kern des Bundes,
+könne der Sachkenntnis des Kurfürsten nicht entbehren, darum sollten die
+Beratungen über das Grundgesetz unter seinen Augen, in Kassel erfolgen.
+Den Ausschlag gab jedoch die staatsmännische Absicht, dem Schwager in
+Berlin einen derben Possen zu spielen. Durch Kurhessens Beitritt wurde
+Badens Ablehnung mehr als aufgewogen. Lindenau schrieb an Berstett: er
+hoffe auf die Mitwirkung des Karlsruher Hofes um so sicherer, da durch den
+Verein »weder die Selbständigkeit der eigenen Landesverwaltung, noch auch
+deren finanzielle Verhältnisse die mindeste Störung erleiden, sondern nur
+die unveränderte Aufrechterhaltung des *status quo*(95) versichert und
+bezweckt wird.« Der Antrag ward abgelehnt. Mit Bayern verfeindet, von
+süddeutschen und preußischen Vereinslanden rings umschlossen, hatte Baden
+von dem neutralen Verein nichts zu hoffen, von Preußens Zorn alles zu
+fürchten. Bei allen anderen kleinen Höfen fanden Lindenaus Werbungen
+günstiges Gehör. Einige ängstliche thüringische Kabinette wurden gewonnen
+durch die vertrauliche Versicherung, Preußen sei mit der Gründung des
+Vereins einverstanden, eine plumpe Erfindung, die doch Eingang fand, weil
+die preußische Diplomatie sich wie bisher ruhig zurückhielt. Selbst Herzog
+Karl von Braunschweig ging diesmal Hand in Hand mit dem gehaßten jüngeren
+Welfenhause; eine Weisung Metternichs bewog ihn, beizutreten.
+
+Also waren im Laufe des Sommers die sämtlichen zwischen den beiden Hälften
+der preußischen Monarchie eingepreßten Kleinstaaten angeworben für den
+Neutralitätsbund, der sich den Namen »Mitteldeutscher Handelsverein«
+beilegte. Nach jahrelangen vergeblichen Unterhandlungen sah Deutschland
+plötzlich in einem Jahre drei handelspolitische Vereine auftauchen. Nur
+Baden und die niederdeutschen Kleinstaaten östlich der Elbe blieben noch
+isoliert. Triumphierend verkündete ein Artikel der Frankfurter
+Oberpostamtszeitung, der aus Lindenaus Feder stammte, am 25. Juni:
+Sachsen, Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt sind die Schöpfer des
+neuen Vereins, der den Artikel 19 der Bundesakte zur Wahrheit macht und,
+statt neue Zollinien zu schaffen, vielmehr die Handelsfreiheit auf sein
+Banner schreibt. »Daß Ware gegen Ware vertauscht, Freiheit mit Freiheit,
+Gleiches mit Gleichem erwidert werde, das ist Forderung des natürlichen
+Rechts, bei dessen Verkennung und Verweigerung es dem Verein wohl nicht an
+Mitteln fehlen dürfte, das, was recht und billig ist, mit feierlicher
+Kraft geltend zu machen, da er helfen und hemmen, Vorteil und Nachteil zu
+gewähren vermag.« Ein Gebiet von sechs Millionen Seelen gehört ihm, die
+ganze weite Nordseeküste, die größten Stapel- und Handelsplätze
+Deutschlands; die Elbe, den Rhein, den Main, die Weser von allen Zöllen zu
+befreien, liegt allein in seiner Hand!
+
+Wohl mochte man prahlen! Eine so krankhaft unnatürliche Mißbildung war dem
+Partikularismus noch nie zuvor gelungen. In einem weiten Widerhaken
+reichte das Vereinsgebiet von Bremen nach Fulda, dann westwärts zum Rhein,
+gen Osten bis zur schlesischen Grenze, von dem englischen Markt Hannover
+bis zu dem gewerbereichen Sachsen, über einen bunten Länderhaufen,
+welchen, Preußen gegenüber, nur ein gemeinsames Interesse zusammenhielt:
+Angst und Neid. Eben jene norddeutschen Kleinstaaten, welche bisher den
+handelspolitischen Anstrengungen Preußens und Bayern-Württembergs einen
+trägen ablehnenden Widerstand entgegengestellt, redeten plötzlich von
+deutscher Handelsfreiheit. Indes sie den Artikel 19 der Bundesakte im
+Munde führten, verschworen sie sich, die bestehende Zersplitterung
+aufrecht zu halten und den preußischen Durchfuhrhandel zu vernichten. Und
+hinter diesem Bunde standen schirmend Österreich, England, Holland,
+Frankreich! Wenn man in Berlin noch der Belehrung bedurft hätte über die
+feindselige Gesinnung des Mitteldeutschen Vereins, so mußte die
+hinterhaltige Sprache der verbündeten Kabinette jeden Zweifel zerstören.
+In tiefster Stille, ohne die geringste Mitteilung an die preußische
+Gesandtschaft, hatte der Dresdner Hof sein Werk begonnen. Als am
+preußischen Hofe einiges ruchbar wurde, schrieb Graf Einsiedel dem
+Gesandten v. Watzdorf in Berlin, versicherte heilig, Baden sei nicht zum
+Beitritt aufgefordert worden. Doch leider hatte der Karlsruher Hof jenes
+Einladungsschreiben Lindenaus an Berstett dem Berliner Kabinett sogleich
+mitgeteilt. Der Abteilungschef im Auswärtigen Amte bemerkte an den Rand
+der sächsischen Depesche: »Das Gegenteil steht in unseren Akten. Graf
+Bernstorff wird Herrn v. Watzdorf eines Besseren belehren.« Nicht minder
+verdächtig erschien, daß der hannoversche Gesandte in Dresden, v. Reden,
+plötzlich ohne jede Veranlassung ein Schreiben an Bernstorff richtete, um
+inbrünstig zu beteuern, Hannover hege durchaus keine feindseligen
+Absichten gegen Preußen, mißbillige entschieden jenes gehässige Programm
+der Oberpostamtszeitung. Warum solche unerbetene Entschuldigung, wenn man
+sich nicht schuldig fühlte? Späterhin, in einer Denkschrift vom Jahre
+1832, nannte Metternich selbst den Mitteldeutschen Handelsverein
+»versuchsweise zum Schutze gegen das preußische Zollsystem geschaffen«.
+
+Und abermals zeigte die öffentliche Meinung ihre alte unbelehrbare
+Verblendung. In Arnstadt rottete sich das Volk zusammen vor dem Hause des
+Erbprinzen; die Leute drohten auszuwandern, wenn der Fürst nicht fest zu
+dem Mitteldeutschen Verein stehe. Das sächsische Oppositionsblatt »die
+Biene« verteidigte warm die hochherzige Absicht der sächsischen Krone, die
+Unabhängigkeit »unseres Vaterlandes« zu retten; das Erzgebirge müsse ja
+unfehlbar zugrunde gehen, wenn die preußischen Zölle die Getreideeinfuhr
+aus Böhmen verhinderten — diese preußischen Zölle, die den Getreideverkehr
+fast gar nicht belasteten! Weithin erklang der Jubelruf der Liberalen über
+die schmachvolle Niederlage des preußischen Absolutismus: Preußens
+Herrschsucht ist gedemütigt, das Gleichgewicht der Mächte in Deutschland
+wieder hergestellt! Selbst in Bayern und Württemberg, deren eigenes
+Zollsystem doch durch den Mitteldeutschen Verein bedroht wurde,
+verteidigte die Presse den neuen Handelsbund. Der bayrische Hesperus
+donnerte gegen Darmstadt, das einen industriellen Selbstmord begangen, den
+Schwaben und Bayern »einen Teil des Segens edler Fürsten« geraubt habe.
+Die Neckarzeitung begrüßte den Verein als ein Zeugnis der Bundestreue, als
+einen letzten Versuch, die Verheißungen der Bundesakte ins Leben zu
+führen. Sogar innerhalb der bayrischen Regierung fand sich eine Partei
+bereit, die sächsisch-englischen Entwürfe zu unterstützen; Lerchenfeld und
+Oberkamp, die gesamte Bundestagsgesandtschaft König Ludwigs, blieben mit
+Lindenau in vertrautem Verkehr. Nur wenige verstanden den festen
+patriotischen Stolz des Freiherrn vom Stein, der voll Verachtung auf die
+Vasallen der englischen Handelspolitik niederschaute und an Gagern
+schrieb: »es ist den erbärmlichen, neidischen, antinationalen Absichten
+unserer kleinen Kabinette angemessen, sich an das Ausland zu schließen,
+sich lieber von Fremden peitschen zu lassen, als dem allgemeinen
+Nationalinteresse die Befriedigung kleinlichen Neides aufzuopfern.«
+
+Am 21. Mai 1828 hatten die Verbündeten zu Frankfurt einen
+Präliminarvertrag geschlossen. Am 22. August, nachdem unterdessen der
+Verein vollzählig geworden, versammelten sich die Bevollmächtigten in
+Kassel, und schon am 24. September kam der endgültige Vertrag zustande.
+Solche Schnelligkeit der Beratung stach von den Gewohnheiten der
+Staatsmänner des Bundestags auffällig ab; sie bewies deutlich, daß man
+Gefahr im Verzuge glaubte und mehr einen diplomatischen Schachzug als ein
+dauerhaftes Werk beabsichtige. Der Vertrag, in Dresden entworfen, sprach
+die feindselige, aggressive Richtung gegen Preußen noch weit offener aus
+als die Oberschönaer Punktation. Der Verein ist bestimmt, den freien
+Verkehr im Sinne des Artikels 19 der Bundesakte zu befördern und »die
+Vorteile, welche in dieser Hinsicht dem einzelnen Staate durch seine
+geographische Lage und sonst gewährt sind, auf das Ganze zu übertragen,
+auch daneben sich jene Vorteile zu erhalten und sicher zu stellen.« Die
+Verbündeten verpflichten sich, bis zum 31. Dezember 1834 — d. h. bis zu
+dem Zeitpunkte, wo der preußisch-hessische Vertrag ablief — keinem
+auswärtigen Zollverein einseitig beizutreten. Die Straßen sollen in gutem
+Stande erhalten, neue Straßenzüge verabredet werden. Die bestehenden
+Durchfuhrzölle auf Waren, welche für einen Vereinsstaat bestimmt sind,
+dürfen nicht erhöht werden; dagegen steht dem Verein wie jedem
+Vereinsstaate frei, Waren, die aus dem Auslande in das Ausland gehen, mit
+höheren Transitgebühren zu belasten. England-Hannover war es, das diesen
+unzweideutigen Artikel 7 durchgesetzt hatte. Es lag darin die Drohung, den
+Handel zwischen den beiden Hälften der preußischen Monarchie zu zerstören,
+und zugleich eine systematische Begünstigung der englischen Einfuhr. Denn
+da auf Hannovers ausdrückliches Verlangen jedem Vereinsstaate die Befugnis
+eingeräumt wurde, Handelsverträge mit dem Auslande zu schließen, so
+eröffnete sich den englischen Waren über Bremen und Hannover ein fast
+zollfreier Weg nach den Binnenstaaten, welche, wie Sachsen, Thüringen,
+Nassau, Frankfurt, noch kein geordnetes Grenzzollsystem besaßen. Noch
+deutlicher sprach der neunte Artikel, der jedem Vereinsstaate das Recht zu
+einseitigen Retorsionen vorbehielt; Kurhessen hatte diese Bestimmung
+gefordert, und der Kurfürst verstand unter Retorsionen jede gehässige
+Gewalttat wider die Nachbarn. Die einzige wesentliche Wohltat, welche der
+Verein dem Handel brachte, war die Erleichterung des Transits, und sie
+ward erkauft durch schwere Schädigung der heimischen, vornehmlich der
+erzgebirgischen Industrie. Im übrigen dauerten alle bestehenden Akzisen
+und Zölle fort; nur Warenverbote zwischen den Vereinsstaaten waren
+unstatthaft, auch sollten die gewöhnlichen Erzeugnisse des Landbaues nicht
+verzollt werden.
+
+Der Kern des Vertrages blieb die Absicht, auf sechs Jahre hinaus die
+Erweiterung des preußischen Zollsystems zu verhindern und inzwischen
+vielleicht durch Ableitung des Durchfuhrhandels dem Zollwesen Preußens die
+Wurzeln abzugraben. Eine von Marschall und Röntgen verfaßte nassauische
+Denkschrift über das Verhältnis des Vereins zu Preußen und Bayern gibt
+über diese freundnachbarlichen Absichten sicheren Aufschluß. Sie schildert
+beweglich, wie Darmstadt sich »an ein nicht aus seiner Autonomie
+hervorgegangenes System« angeschlossen habe. Allerdings wurden dabei »die
+äußeren Formen der Selbständigkeit gewahrt«, aber das Großherzogtum »hat
+sich während der Dauer des Vertrages jeder materiellen Autonomie begeben,
+kann nur noch eine großmütige Berücksichtigung seiner Wünsche in billigen
+Anspruch nehmen und ist deshalb seiner endlichen Mediatisierung um einen
+bedeutenden Schritt näher gerückt.« Solcher Schwäche gegenüber sind die
+Verbündeten entschlossen, »keine willenlose Hingebung zu zeigen, keine
+nicht aus dem eigenen Bedürfnis hervorgegangene Handelsgesetzgebung«
+anzunehmen. »Das Wesentliche des Kasseler Vertrages liegt in der
+Vereinigung selbst, in dem für sechs Jahre begründeten *non plus
+ultra*(96). Das Wesentliche liegt ferner in dem durch diese sechsjährige
+engere Verbindung begründeten Ablehnungsmotive von Ansinnungen mancher
+Art, denen, wenn sie von übermächtiger Seite ausgehen, der Einzelne und
+Schwächere nicht viel mehr als die Bitte um Schonung entgegenzusetzen
+hat.« Das Wesentliche liegt endlich in der Aussicht, zu einer Verbindung
+mit anderen Staaten »mit Ehren gelangen zu können«. Bayern und Preußen
+haben dasselbe, ja ein größeres Bedürfnis nach einer Annäherung an die
+Vereinsstaaten als diese selbst; daher muß der Verein die
+Verbindungsstraßen zwischen Bayern und Preußen fest in der Hand halten,
+ihre freie Benutzung nur kraft gemeinsamen Beschlusses bewilligen. So wird
+er eine gesetzliche Ordnung mit verhältnismäßig gleichen Rechten für ganz
+Deutschland begründen.
+
+Die Denkschrift schließt mit der pathetischen Frage: »Kann man denn aus
+irgendeinem Grunde auch nur vermuten, daß Preußen die fieberhaften Träume,
+in welchen eine übermütige Partei das ganze nördliche Deutschland nur als
+eine mit Unrecht noch länger vorenthaltene Beute des preußischen Adlers
+erscheinen lassen möchte, irgend teilen oder begünstigen werde?« Naiver
+ließ sich die Seelenangst der Kleinen nicht aussprechen. Nicht irgendein
+positiver Gedanke, sondern allein die Furcht vor Preußens und Bayerns
+Übermacht, der ohnmächtige Wunsch, ein *tertium aliquid*(97) zu bilden,
+wie der alte Gagern(98) sagte, hatte den Mitteldeutschen Verein
+geschaffen. Aber je ratloser man sich fühlte, um so lauter ward gelärmt;
+»es war ein Gegacker, schreibt du Thil, als sei ein großes Werk vollendet
+worden«. Zahllose Orden belohnten alle Teilnehmer der Kasseler Beratung,
+bis zum Kanzlisten herab.
+
+Selbst die einzige Waffe, die man gegen Preußen schwingen konnte, erwies
+sich als unwirksam; den preußischen Durchfuhrhandel zu lähmen war
+unmöglich, solange die Handelsstraßen, welche das preußische Gebiet
+umgehen sollten, noch nicht gebaut waren. Mannigfache Entwürfe wurden zu
+Kassel besprochen; man träumte von neuen Handelswegen dicht neben
+Darmstadts Grenzen, von einem langen Straßenzuge aus Sachsen über
+Altenburg und Gotha nach Kurhessen, der den Verkehr hinwegleiten sollte
+von der großen preußischen Chaussee über Kösen und Eckartsberge. Aber wer
+sollte die Straße bauen? Die verarmten kleinen ernestinischen Staaten
+besaßen nicht die Mittel, die größeren Bundesgenossen wollten kein Geld
+vorschießen. Zudem stieß man überall auf preußisches Gebiet; wie sollte
+die Erfurter Gegend umgangen werden, wo Preußen bereits eine gute Chaussee
+gebaut hatte? Unablässig arbeitete die Diplomatie der Bundesgenossen, um
+Bayern und Württemberg von Preußen fernzuhalten; der hannoversche Gesandte
+Stralenheim in Stuttgart ward nicht müde, den König Wilhelm vor Preußens
+Fallstricken zu warnen. Beharrlich wiederholte der Dresdner Hof, der die
+Führung des Vereins behielt, er sei bereit, Anträge und Vorschläge zur
+Ausbildung des Bundes entgegenzunehmen. Niemand wußte einen möglichen
+Vorschlag. Schon vor der Kasseler Zusammenkunft gestand Lindenau einem
+Frankfurter Amtsgenossen: »die Mehrzahl der Teilnehmer betrachtet den
+Verein als ein Ruhekissen, sie ist froh, daß alles beim alten bleibt.« Nun
+klagten die Thüringer über Sachsens hegemonischen Ehrgeiz, Frankfurt über
+die erdrückenden kurhessischen Mauten. Der Kurfürst, um seinen
+Holzmagazinen höhere Preise zu schaffen, verbot den altgewohnten
+Holzhandel, der aus den hannoverschen Waldgebirgen nach Hessen
+hinübergeführt ward. Die Unmöglichkeit, mit einem solchen Fürsten
+freundnachbarlich auszukommen, lag vor Augen. Fast ein Jahr währten die
+Verhandlungen zwischen den beiden hessischen Häusern wegen der
+Erleichterung einiger Enklaven; da erklärte der Kurfürst: die gegenseitige
+Verpflichtung, die Durchfuhrzölle auf gewissen Straßen nicht zu erhöhen,
+solle allein für Darmstadt, nicht für Kurhessen gelten! Seine Weisungen an
+die Unterhändler fand Maltzan »ausgezeichnet durch naive Unwissenheit und
+despotischen Ton, der Feder eines Rabener(99) würdig«.
+
+Immer schärfer trat der tiefe Gegensatz der handelspolitischen
+Anschauungen innerhalb des Vereins hervor. Die Kaufherren von Frankfurt
+und Bremen forderten unbeschränkten Freihandel, Hannover die Begünstigung
+der englischen Waren. Andere Staaten träumten von neuen Zolllinien; wieder
+andere hofften, die Milderung des preußischen Zollsystems und dann den
+Eintritt in dies System zu erzwingen. Kein einziger Kopf an allen diesen
+kleinen Höfen, der einen klaren Gedanken mit Ausdauer verfolgte; Karl
+August von Weimar war im Juni 1828 gestorben. Bald sonderten sich die
+Küstenlande und die Binnenstaaten in zwei Gruppen. Thüringen und Sachsen
+schlossen einen Separatvertrag, desgleichen Hannover und Oldenburg. Sie
+versprachen ihre gegenseitigen Untertanen im Handelsverkehr auf gleichem
+Fuße zu behandeln usw. — geringfügige Erleichterungen, die in Preußen gar
+nicht nötig waren, da das freiere preußische Zollgesetz zwischen In- und
+Ausländern nicht unterschied. Die einfache in Berlin längst feststehende
+Erkenntnis, daß nur die Beseitigung der Binnenmauten dem deutschen Handel
+aufhelfen könne, war diesen Kabinetten noch nicht aufgegangen. Die
+gedankenlose Trägheit der österreichischen Staatsmänner fühlte sich
+befriedigt von dem Erfolge des Augenblicks. Dem preußischen Zollsystem war
+ein Riegel vorgeschoben, der einige Jahre halten mochte; eine positive
+Ausbildung des Handelsvereins wünschte man in Wien nicht, da jeder Bund im
+Bunde gefährlich schien. Selbstgefällig sagte Münch-Bellinghausen zu
+Blittersdorff: »wie klug hat Österreich gehandelt, die Kollisionen zu
+vermeiden, denen Preußen nicht entgehen wird!« Der weiterblickende Badener
+aber schrieb: Ich war erstaunt über solche Verblendung. Als ob ein
+Stillstand im Völkerleben möglich sei! Als ob der preußisch-hessische
+Verein sich jemals wieder auflösen würde! Österreich allein hat all dies
+Unheil verschuldet, hat nichts getan, um den Artikel 19 der Bundesakte
+auszuführen und uns also den Preußen in die Hände geliefert.
+
+
+
+d) _Preußens Sieg. Preußisch-Bayrischer Handelsvertrag._
+
+
+Nunmehr nahm Preußen den Handschuh auf. Der Berliner Hof hatte den ersten
+Verhandlungen der mitteldeutschen Staaten mit der gewohnten ruhigen
+Zurückhaltung zugesehen. Ein sächsisch-thüringischer Verein war
+unschädlich; erst durch Hannovers Zutritt gewann der Verein eine
+gefährliche Ausdehnung. Man wollte in Berlin nicht glauben, daß dies nahe
+befreundete Kabinett, dem Preußen soeben jene neuen Straßenzüge und
+Handelserleichterungen angeboten hatte, einem gegen Preußen gerichteten
+Bunde sich anschließen werde. Da trat Hannover zu den Verbündeten über,
+während Bernstorff noch eine freundliche Antwort auf sein Anerbieten
+erwartete. Sofort verschwand jeder Zweifel über den Charakter des Vereins.
+Motz in seiner feurig kühnen Weise forderte sogleich, daß man die Gegner
+als Gegner behandle, und erklärte: »Sollte dieser Verein zustande kommen,
+so ist Preußen in der Lage, sein Zollsystem für abgeschlossen zu halten,
+und keineswegs in der Lage, diesen neutralen Verein seiner Absicht gemäß
+unter imponierenden Bedingungen aufzunehmen.«
+
+Obgleich bisher nur dürftige Nachrichten über die Pläne des Vereins
+eingelaufen waren, so erriet der Finanzminister doch auf den ersten Blick,
+daß die Zerstörung des preußischen Durchfuhrhandels in der Absicht der
+Verbündeten liege. Deshalb, fuhr er fort, muß der Transit fortan mehr als
+bisher im Lande gehalten, der Straßenbau rüstig gefördert, namentlich die
+Chaussierung der wichtigen Straße von Magdeburg nach Zeitz rasch vollendet
+werden. Die nach Hannover gerichteten Anerbietungen sind als nicht
+geschehen zu betrachten. Noch entschiedener spricht er in einem Schreiben
+an Bernstorff: »Es ist gewiß ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, daß in
+der Mitte und vorzugsweise im Norden Deutschlands, im Schoße des Deutschen
+Bundes und dennoch unter der Fahne Österreichs, für den ostensibeln Zweck
+einer angeblichen Vervollkommnung der Verhältnisse dieses Bundes eine
+Koalition sich bildet, welche Preußen von ihren Plänen und Beratungen
+ausschließt und auf alle Weise zu erkennen gibt, nicht nur, daß sie eine
+Ausführung und Erweiterung allgemeiner Bundesmaximen auch ohne Preußens
+Teilnahme für möglich hält, sondern auch, daß Preußen eben als störendes
+Prinzip jener Ausführung und Erweiterung zu betrachten, und deshalb die
+Aufstellung einer förmlichen Oppositionsmasse gegen dasselbe anrätlich
+sei«. Darum dürfen wir den Verein nicht ignorieren; wir müssen unser
+gerechtes Befremden aussprechen und den Entschluß, »jeder uns auf
+irgendeine Art kompromittierenden weiteren Entwicklung dieses sonderbaren
+Systems auf angemessene Weise entgegenzutreten«.
+
+Über Österreichs Absichten war der entschlossene Mann längst im klaren. Er
+wußte, daß die k. k. Verpflegungsbeamten in Mainz, um den
+Preußisch-Hessischen Verein zu schädigen, die vertragsmäßige
+Steuerfreiheit der österreichischen Garnison gröblich mißbrauchten, für
+Tabak, Zucker, Bier massenhaft Steuerfreischeine ausgaben, mehr, als ganz
+Rheinhessen verzehren konnte. Er forderte, der Gesandte in Wien solle rund
+heraus erklären: wir lassen uns nicht täuschen durch das Blendwerk, das
+mit dem Artikel 19 getrieben wird, wir lassen uns weder imponieren, noch
+uns mißbrauchen. Am 8. November schrieb er dem Minister des Auswärtigen
+geradezu: »Ob und inwieweit überhaupt auf wahre freundschaftliche
+Verhältnisse von Österreich gegen uns zu rechnen sei, vermag ich nicht zu
+beurteilen. Soviel scheint mir aber sicher zu sein, daß Österreich dem
+übereilt organisierten Deutschen Bunde den Charakter des ehemaligen
+deutschen Fürstenbundes beizulegen und darin die Rolle Friedrichs des
+Großen zu übernehmen denkt.« Österreichs Haltung gegen uns in dem Köthener
+Zollstreit war entschieden feindselig, ohne Österreichs Beistand wäre der
+Mitteldeutsche Verein nie zustande gekommen.
+
+Ein Blick auf diese Aktenstücke genügt, um das Rätsel zu lösen, warum das
+Berliner Kabinett über die geheime Geschichte seiner Handelspolitik
+beharrlich geschwiegen, auch die windigsten Prahlereien der zahlreichen
+geistigen und leiblichen Väter des Zollvereins gelassen ertragen hat. Das
+Bündnis der Ostmächte war nach wie vor der leitende Gedanke der
+auswärtigen Politik des Königs. Brach man mit Österreich, so wurde der
+Deutsche Bund unhaltbar und auch der werdende Zollverein selber in Frage
+gestellt. Für Preußens Diplomatie ergab sich mithin die Aufgabe, durch
+ruhige feste Haltung den Wiener Hof dahin zu bringen, daß er der
+preußischen Handelspolitik nicht geradezu widerstrebte. Preußen räumte der
+Hofburg die Führerstelle ein in dem Schattenspiele des Bundestages und
+verlangte für sich die Leitung der wirklichen Geschäfte deutscher
+Staatskunst. Dies blieb der einzig mögliche Weg nationaler Politik,
+solange man weder den Willen noch die Macht besaß, die kriegerische Aktion
+der friderizianischen Tage zu erneuern. Den deutschen Dualismus zu
+beseitigen, kam dem König nicht zu Sinn; die Absicht war nur, dem
+preußischen Staate im Bereiche der deutschen Politik ein Gebiet
+selbständigen, ungestörten Wirkens zu erobern. Ein solches System setzte
+behutsame Vorsicht und unverbrüchliche Verschwiegenheit voraus; es fiel
+dahin, sobald die Welt erfuhr, wie planmäßig Preußens Handelspolitik
+arbeitete und wie deutlich die besten Köpfe des Kabinetts den Grundsatz
+der Interessen erkannten, der die beiden großen Bundesmächte trennte.
+
+Das Auswärtige Amt ging nicht sofort auf die kampflustige Gesinnung des
+Finanzministers ein. Der König verlangte ruhige, sorgfältige Prüfung,
+damit nicht durch vorschnelles Urteil deutschen Bundesstaaten Unrecht
+geschehe. Sobald nähere Nachrichten einliefen, stimmte Eichhorn der
+Ansicht Motzs bei und erließ eine Instruktion an sämtliche Gesandten in
+Deutschland, welche ausführlich darstellte, wie unberechtigt und
+hoffnungslos das Unternehmen der Mitteldeutschen sei: die Verbündeten
+mögen sich die Frage vorlegen, was ein Verein von sechs Millionen
+Einwohnern, der fast nur Binnenländer umfaßt, bei einem Konflikt mit uns
+gewinnen dürfte, »ob der innere Verkehr nicht ertötet statt belebt und der
+Handel mit dem Auslande nicht beschränkt statt ausgebreitet werden würde«.
+Außerdem erhielt die Wiener Gesandtschaft die Weisung, sich zu beschweren
+über die feindselige Haltung der österreichischen Diplomaten und dem
+Staatskanzler die auf Metternichs Demagogenfurcht berechnete Frage ans
+Herz zu legen: »Sind es nicht hauptsächlich die Absonderungen und
+Trennungen, welche im Handel und Verkehr stattfinden, wodurch eine
+Stimmung des Mißbehagens, der Unzufriedenheit und der Sehnsucht nach einer
+Veränderung unterhalten wird?« Der Gesandte in London ward befehligt,
+entschieden auszusprechen, daß an Verhandlungen mit Hannover vorerst nicht
+mehr zu denken sei: »wir müssen offen gestehen, daß unser Vertrauen auf
+hannoverscher Seite schlecht erwidert worden ist«. Jordan in Dresden
+sollte sein Befremden über die mißtrauische Heimlichkeit der sächsischen
+Politik kundgeben; Grote in Hamburg dem Senate »die Anerkennung seines
+weisen und angemessenen Betragens aussprechen und dabei erklären, man
+hoffe, daß er bei demselben auch verharren werde«.
+
+Zugleich erging an die Regierungen der Grenzbezirke der Befehl, die
+handelspolitischen Maßregeln der Verbündeten, die sich noch immer in
+rätselhaftes Dunkel hüllten, scharf zu beobachten. Hier zeigte sich die
+ganze Unnatur des Mitteldeutschen Vereins. Das Vereinsgebiet lag im
+Bereiche der preußischen Macht, war überall von eingesprengten preußischen
+Gebietsstücken unterbrochen, durch tausend Bande des nachbarlichen
+Verkehrs an Preußen gekettet. Eine Schar von preußischen Postbeamten,
+Floßinspektoren, Schiffahrtsaufsehern lebte in Feindesland, gab sichere
+Nachricht über alles, was auf den Flüssen und Straßen der Verbündeten
+vorging. Die Staatszeitung und Buchholzs Neue Monatsschrift begannen den
+Federkrieg gegen den Handelsverein »Eine Souveränität, die sich durch
+bloße Opposition geltend machen will — rief Buchholz warnend —, steht im
+Widerspruch mit sich selbst und kann nur Niederlagen erfahren.« Auch durch
+Retorsionen wollte Motz den Gegnern zu Leibe gehen; er dachte den
+sächsischen Fabrikanten den Meßrabatt zu entziehen und in Magdeburg eine
+Messe zu errichten. Hier aber widersprach der König; er wollte sein Wort
+halten, auch jetzt noch jede Feindseligkeit gegen deutsche Bundesstaaten
+unterlassen, und ließ den kampflustigen Finanzminister an die Rücksichten
+erinnern, die man dem Deutschen Bunde schulde.
+
+Die offene Sprache der preußischen Diplomatie erweckte allerdings Angst
+und Reue an einigen der kleinsten Höfe. Der Fürst von Sondershausen,
+dessen Unterherrschaft unter dem Schutze des preußischen Zollsystems
+aufblühte, war mit seiner Oberherrschaft dem Handelsverein beigetreten und
+ließ durch sein Geheimes Konsilium das Berliner Kabinett bitten, »diese
+abgedrungene Maßregel nicht übel zu deuten«. Darauf erwiderte das
+Auswärtige Amt: man hoffe, »daß ein pp. Konsilium keinen Augenblick
+darüber im Zweifel sein werde, was in der Wahl zwischen der Festhaltung an
+dem bisher bestehenden Verhältnis mit Preußen und zwischen der Teilnahme
+an einer neuen Verbindung zu tun oder zu lassen sei«. Nun bat der Fürst in
+einem eigenhändigen Briefe den König um Verzeihung und flehte, ihn »mit
+allergnädigster Nachsicht zu beurteilen und der unschätzbaren hohen Gnade
+nicht für unwert zu halten«. Auch der Herzog von Gotha schrieb an
+Wittgenstein (16. Dezember): er erfahre »zu seiner größten Verwunderung«,
+daß Preußen mit dem Handelsvereine nicht einverstanden sei; nimmermehr sei
+ihm in den Sinn gekommen, den preußischen Hof, dessen Gunst so wertvoll,
+zu verletzen.
+
+Gegen die größeren Staaten des Vereins war mit so sanften Mitteln nichts
+auszurichten. Motz behielt doch Recht, da er an Bernstorff schrieb: »Ich
+bin der Meinung, daß andere Rücksichten, welche nicht durch die
+bestehenden Verträge geboten werden, gegen die betreffenden, uns in
+finanzieller Hinsicht nur feindlich gegenüberstehenden Bundesstaaten wohl
+aus den Augen gesetzt werden können, indem der preußische Staat die Macht
+und die Kraft hat, seinen hohen und höchsten Interessen die der
+Bundesstaaten unterzuordnen, und nach den seit 13 Jahren gemachten
+Erfahrungen die Liebe für uns in den Bundesstaaten erst dann zu gewinnen
+sein dürfte, wenn sie mit Furcht und Beachtung der bestehenden
+Verhältnisse vereinigt bleibt.« Der feurige Mann war entschlossen, den
+Handelsverein zu sprengen: gegen offenbare Feindseligkeit reiche die
+Politik des Zuwartens nicht mehr aus. »Wir werden es noch dahin bringen,
+rief er zuversichtlich, daß einzelne Mitglieder des Mitteldeutschen
+Vereins dringend um Aufnahme in den preußischen Verein bitten werden!« Er
+hatte noch im Januar bezweifelt, ob eine Verbindung mit dem soweit
+abgelegenen Bayrisch-Württembergischen Verein rätlich sei; jetzt faßte er
+den glücklichen Gedanken, über den Handelsverein hinweg den süddeutschen
+Königskronen die Hand zu reichen und dergestalt durch einen Bund des
+Nordens mit dem Süden den mitteldeutschen Sonderbund zu zerstören.
+
+Zum Heil für Deutschland erwachten um dieselbe Zeit ähnliche Wünsche in
+München und Stuttgart. Wie laut auch König Ludwig im ersten Zorne wider
+Preußens und Darmstadts Verräterei gescholten hatte, auf die Dauer konnte
+er sich doch nicht verbergen, daß seine eigenen kühnen Pläne gescheitert
+waren. Nachdem Kurhessen zu den Mitteldeutschen übergetreten, war an eine
+Vergrößerung des Süddeutschen Vereins nicht mehr zu denken; der rein
+deutsche Bund unter Wittelsbachs Fahnen blieb ein Traum. Ebensowenig
+konnte der Verein in seiner vereinsamten Stellung verharren. Auch trat,
+wie Metternich vorhergesehen, die alte Abneigung zwischen den beiden
+Königen bald wieder hervor. Die Hoffnung auf einen Handelsverein mit der
+Schweiz ward zunichte an der Zwietracht der Eidgenossen. So blieb den
+oberdeutschen Königen nur die Wahl, entweder mit Preußen oder mit dem
+sächsisch-englischen Verein eine Verbindung zu suchen. Hinter Sachsen und
+Hannover aber stand Österreich; dies allein genügte, um den König von
+Württemberg gegen die mitteldeutschen Verbündeten einzunehmen. Sein neuer
+Finanzminister, Freiherr Karl Varnbüler(100), derselbe, der einst in den
+Vorderreihen der Altrechtler gestanden, bewährte sich als ausgezeichneter
+Geschäftsmann und riet dringend zur Verständigung mit Preußen. Welchen
+nennenswerten handelspolitischen Vorteil, außer der Herabsetzung der
+Durchfuhrzölle, hatten die Mitteldeutschen zu bieten? Wie sollte der
+patriotische König von Bayern sich einlassen in jene unsauberen
+Zettelungen mit Frankreich, England, Holland, welche der Mitteldeutsche
+Verein mit unbeschämter Stirn betrieb? In der ersten Aufwallung des Zornes
+hatte König Ludwig wohl einen Schritt nach Frankreich hinüber getan; ein
+Bündnis mit dem Auslande einzugehen, den deutschen Verkehr dem englischen
+Handelsinteresse zu unterwerfen, lag dem bei all seiner Wunderlichkeit
+grunddeutschen Monarchen ebenso fern wie seinem vertrauten Minister
+Armansperg.
+
+Sobald man in München kaltblütig überlegte, erschien doch selbst Preußens
+Verhalten in dem Sponheimer Handel erklärlich. Die Berliner Regierung war
+ja durch europäische Verträge verpflichtet, Badens Recht zu schützen; sie
+verfuhr, wie König Ludwig selbst zugeben mußte, mit rückhaltloser
+Offenheit; ihr Gesandter suchte durch versöhnliche Sprache den erzürnten
+Fürsten zu beschwichtigen. Preußen schlug jetzt vor, Bayern und Baden
+sollten beiderseits auf ihr Sponheimer Erbrecht verzichten, damit der
+leidige Handel für immer aus der Welt geschafft würde. König Ludwig
+sträubte sich lange, doch fing er an zu begreifen, daß dies der einzige
+Weg sei, um sich mit Anstand aus dem verlorenen Spiele zurückzuziehen.
+Gegen den Spätsommer 1828 begannen der Minister und sein königlicher
+Freund bereits die Frage zu erwägen, ob nicht eine Annäherung an den
+Preußisch-Hessischen Verein unvermeidlich sei. Daß die öffentliche Meinung
+in Bayern dieser Annäherung entschieden widerstrebte, war für die Freunde
+eher ein Stachel als ein Hemmnis. Voll hochfliegender Begeisterung,
+empfänglich für alles Außerordentliche, liebten beide die Welt durch
+unerwartete Entschlüsse zu überraschen. Um so schwerer fiel ihnen, die
+Demütigung ihres Ehrgeizes, den Schiffbruch ihrer reindeutschen Pläne zu
+verwinden. Aber sie vermochten es über sich, das Opfer zu bringen.
+Unabweisbar drängten diese trocknen Geschäftsverhandlungen den näher
+Beteiligten die Einsicht auf, daß die Deutschen doch zueinander gehörten,
+nur durch Mißtrauen, durch Unkenntnis und durch die Selbstsucht, die immer
+der schlimmste Feind des eigenen Vorteils ist, einander verfeindet wurden.
+
+Ganz unerwartet fand sich ein Helfer, der die beginnende Umstimmung am
+Münchener Hofe zu fördern und für Deutschlands große Sache zu verwerten
+verstand. Der Buchhändler Freiherr v. Cotta(101) war als großer
+Geschäftsmann mit Personen und Zuständen des deutschen Nordens näher
+vertraut als das schwäbisch-bayrische Beamtentum, und blickte, wie er
+schon in dem württembergischen Verfassungskampfe bewiesen hatte, auch in
+der Handelssache über die landläufigen süddeutschen Vorurteile weit
+hinaus. Unternehmend und beweglich, befreundet mit Nebenius und anderen
+namhaften Volkswirten in allen Teilen Deutschlands, erkannte er längst,
+daß der süddeutsche Verkehr ohne Preußens freundnachbarlichen Beistand
+niemals gesunden könne, und obgleich ihm viel daran lag, die Gunst
+Metternichs für seine Allgemeine Zeitung nicht zu verlieren, so faßte er
+doch den tapferen Entschluß, als Vermittler aufzutreten. Er besprach sich
+insgeheim mit Armansperg, reiste dann im September 1828 nach Berlin zu dem
+großen Naturforschertage, der also auch für unsere Politik bedeutsam
+werden sollte. Cotta wurde durch Humboldt bei Witzleben(102) und Motz
+eingeführt, sprach dort den Gedanken aus, ob nicht eine Verständigung
+zwischen Bayern und Preußen möglich sei, und fand den günstigsten Empfang.
+Eine überraschende Verwandtschaft der Anschauungen stellte sich heraus.
+Motz bekannte, daß er sich längst mit ähnlichen Absichten getragen habe;
+im Grunde seien es ja doch nur Mißverständnisse, welche bisher zwischen
+den beiden Staaten gestanden. Cotta kehrte heim und schrieb am 20. Oktober
+aus München: er habe des Ministers »gnädige Eröffnungen« den Monarchen in
+München und Stuttgart mitgeteilt; beide seien von der Notwendigkeit des
+Planes überzeugt und hätten bereits die Einladung, dem Mitteldeutschen
+Verein beizutreten, zurückgewiesen. Nunmehr zog Motz das Auswärtige Amt in
+das Geheimnis und erklärte: »Jetzt ist es wünschenswert, einen
+Handelsverein mit Bayern, Württemberg und Baden zu bilden«: der Süden muß
+für eigene Rechnung unsere Zollgrundsätze annehmen, namentlich unsere
+höheren Tarifsätze auf ausländische Waren, also auch auf die Waren des
+Mitteldeutschen Vereins. Solange dieser Verein die vollständige
+Verschmelzung mit dem Süden hindert, müssen Preußen-Hessen und
+Bayern-Württemberg mindestens ihre eigenen Produkte und Fabrikate
+gegenseitig vom Zolle befreien.
+
+Im November eilte der Unterhändler wieder nach Berlin, diesmal mit einer
+förmlichen Beglaubigung versehen, und wurde von dem Könige aufs
+freundlichste aufgenommen. Die Berliner erzählten sich mit untertänigem
+Erstaunen, der einfache Buchhändler sei zur Tafel gezogen worden. Motz gab
+ihm nach längeren Verhandlungen die Punktation des Vertrags mit auf den
+Weg. Triumphierend meldete Cotta am 17. Dezember aus München: »Alles, was
+ich mitbrachte, war hier höchst erfreulich und willkommen«, bei König
+Ludwig wie bei dem Minister Armansperg. »Beide sind von den großartigen
+Ideen ergriffen, die einer Verbindung Preußens mit Bayern und Württemberg
+nach den von Hochdenselben entwickelten Grundsätzen als Leitstern vorgehen
+und zur Richtschnur dienen. Ich sehe schon im Geiste Ihre herrliche Idee
+in kurzer Frist realisiert«. Und am 20. Dezember nochmals: Wird auch Baden
+gewonnen, »so wäre der Grundstein im Süden Deutschlands zu dem Gebäude
+gelegt, das Ihr verehrter König und Sie zum Wohle und Gedeihen
+Deutschlands im Auge haben«.
+
+Motz erwiderte: er hoffe »ein Werk zu begründen, an welchem nicht nur wir
+und unsere Zeitgenossen, sondern auch unsere Nachkommen Freude haben
+werden«. Der Mitteldeutsche Verein müsse offen bekämpft werden, »denn was
+wir gemeinschaftlich suchen, ein soviel möglich allgemeiner Markt in
+Deutschland, wird für Bayern, Württemberg und Preußen durch die Grundsätze
+dieses neutralen Vereins nicht nur befördert, sondern viele diesem
+Verlangen entgegenstehende Hindernisse nur noch mehr stabiliert«.
+Gleichzeitig schrieb er an den Kronprinzen von Preußen, der sich gerade am
+Münchener Hofe aufhielt, enthüllte ihm das Geheimnis der Mission Cottas,
+bat dringend um Unterstützung: der Vertrag sei politisch und
+volkswirtschaftlich hochwichtig, wenngleich die Zolleinnahmen wohl
+zunächst einige Einbußen erleiden würden. Der Prinz, der dem geistreichen
+Minister längst wohl wollte, nahm sich denn auch der Verhandlungen eifrig
+an.
+
+Am 9. Januar 1829 konnte Cotta aus Stuttgart berichten, daß auch König
+Wilhelm die Hauptgrundsätze der preußischen Punktation gebilligt habe, und
+gegen Ende des Monats erschien der Unermüdliche zum drittenmal in Berlin.
+Der preußische Minister verlor zuweilen fast die Geduld bei allen den
+ängstlichen Vorbehalten, welche der süddeutsche Unterhändler stellen
+mußte, und klagte bitterlich über diesen »Hökerkram«. Gegen die
+vollständige Zollbefreiung der eigenen Produkte erhob Bayern Bedenken; man
+fürchtete in München die überlegene rheinische Industrie. Auch mit seinem
+Vorschlage, daß die bayrische Pfalz sofort dem preußischen Zollverein
+beitreten solle, drang Motz nicht durch; der Stolz der bayrischen Krone
+widerstrebte, auch der Münchener Landtag hätte der unerläßlichen
+Abänderung des pfälzischen Steuerwesens niemals zugestimmt. Noch weniger
+war auf Badens Beitritt zu hoffen. Der kleine Staat wollte die günstige
+Gelegenheit benutzen, um seinen Länderbestand für alle Zukunft
+sicherzustellen; er forderte, daß vor den Zollverhandlungen der Sponheimer
+Streit beigelegt werde. Da König Ludwig darauf nicht einging, so erkannte
+das Berliner Kabinett im Laufe des Winters selbst, daß man nicht wohl tue,
+die Verhandlungen noch mehr zu verwickeln, und ließ Baden vorläufig aus
+dem Spiele.
+
+Am 6. März 1829 begannen endlich die amtlichen Verhandlungen in Berlin.
+Die süddeutschen Kronen waren durch ihre Gesandten Luxburg und Blomberg
+vertreten, den Ausschlag gab Cotta, der von beiden Königen Vollmacht
+hatte. Für Preußen erschienen Eichhorn und Schönberg, dazu Motz, Maaßen
+und Finanzrat Windhorn. Auch Hofmann kam aus Darmstadt herüber. Die ersten
+Kräfte der Regierung waren aufgeboten; es galt, die Brücke über den Main
+zu schlagen. Am 27. Mai 1829 wurde der Vertrag unterzeichnet. Preußen-
+Hessen und Bayern-Württemberg versprachen einander bis zum Jahre 1841
+Zollfreiheit für alle inländischen Erzeugnisse der Natur, des
+Gewerbefleißes und der Kunst; nur für eine Reihe wichtiger Fabrikwaren
+sollte, auf Bayerns Andringen, zunächst bloß eine Zollerleichterung um
+25 Prozent eintreten, bis allmählich die völlige Befreiung erfolgen könne.
+Beide Teile verpflichteten sich, ihre Zollsysteme mehr und mehr in
+Übereinstimmung zu bringen; alljährlich sollten Bevollmächtigte
+zusammentreten »zur Befestigung und Erweiterung dieses Vertrags«. Auch ein
+Zollkartell wurde für die Zukunft verabredet. Der Vertrag trug in allem
+den Charakter eines Provisoriums; er begründete die engste Form
+handelspolitischer Vereinigung, die sich erreichen ließ, so lange die
+Länder der Verbündeten nicht in festem geographischen Zusammenhange
+standen. Alle Beteiligten fühlten, daß sie erst im Beginn einer Zeit
+gemeinsamer handelspolitischer Aktion standen; sie verpflichteten sich zu
+Protokoll, Handelsverträge mit solchen Ländern, die an mehrere
+Vereinsstaaten zugleich angrenzten, also vornehmlich mit Baden, nur im
+gemeinsamen Einverständnis abzuschließen.
+
+Unbeirrt durch die Peinlichkeit der Einzelverhandlungen hielt Motz seinen
+Blick fest auf die großen Verhältnisse des Vaterlandes gerichtet; er
+wußte, daß er seinem Staate die Bahn zu einer stolzen Zukunft geöffnet
+hatte. Im Juni sprach er sich gegen den König über die politische
+Bedeutung der geschlossenen Verträge offen aus. Seine Denkschrift wirft
+zuerst einen Rückblick auf die vollendete Unfähigkeit des Bundestags, der
+niemals in förmliche Beratung über die Handelseinheit getreten sei; selbst
+während der Not von 1817 habe man in Frankfurt nur genau soviel getan, »um
+den föderativen Nachbar, im buchstäblichen Sinne des Wortes, nicht
+verhungern zu lassen. Wie konnte dies auch anders sein, da dem Deutschen
+Bunde ein großer Staat an der Spitze steht, der das ihm eigentümliche,
+seit 50 Jahren schon bestehende, seinem privaten Interesse bis daher
+vermeintlich zusagende, mit den Interessen der übrigen Staaten des
+Deutschen Bundes aber nicht vereinbarliche Zoll- und Prohibitivsystem
+aufzugeben nicht gewillt ist; da andere Bundesmitglieder die
+Handelsinteressen ihrer Hauptstaaten denen ihrer Bundeslande unterzuordnen
+nicht gemeint sind, vielmehr letztere, natur- und sachgemäß, an die
+ersteren festgeknüpft haben; und da wieder andere den Gegenstand mehr nur
+aus fiskalischem wie aus staatswirtschaftlichem Gesichtspunkte betrachtet
+wissen wollen? Der Deutsche Bund gab damit ein Beispiel, wie die
+allgemeine Staatengeschichte bis dahin noch keines aufzuweisen hat«; es
+entstand ein Handelskrieg aller gegen alle, »der weit schlimmer war, als
+ein innerer Krieg der Waffen nur je hätte sein können«. Dann erinnert Motz
+an die patriotischen Bestrebungen des deutschen Handelsstandes, an die
+persönlichen Bemühungen der Souveräne von Bayern und Württemberg. Als
+gleichzeitig der Bayrisch-Württembergische und der Preußisch-Hessische
+Verein sich bildeten, lag die Möglichkeit zweier großen Zollvereine für
+ganz Deutschland vor. Da erhob sich unter Österreichs Führung der neutrale
+Verein, der den *status quo*, d. h. das Unerträgliche aufrecht erhalten
+will; er zwang uns, sogleich weiter zu gehen und das große Handelssystem
+zu begründen.
+
+Dies System, fährt die Denkschrift fort, bietet erstens kommerzielle
+Vorteile. Die Verbindung umschließt schon jetzt 20 Millionen Einwohner,
+behauptet also den dritten Platz unter den europäischen Staaten, da
+Österreich kein einiges Machtgebiet bildet; sie wird auf 25 Millionen
+steigen, sobald der Mitteldeutsche Verein wahrnimmt, »daß er ganz und gar
+einen eitlen Zweck verfolgt«, und die süd- und mitteldeutschen Staaten
+nebst Mecklenburg uns beitreten; sie wird auf 27 Millionen steigen, wenn
+auch die anderen Staaten (soweit sie nicht Nebenlande sind), also
+Hannover, Braunschweig, Oldenburg und die Hansestädte eintreten. Der
+innere Verkehr ist wichtiger als der auswärtige Handel, jener schlägt
+dreimal, dieser einmal im Jahre das Kapital um. Manche deutsche Staaten
+erhalten durch das Handelssystem einen zwanzig- bis zweihundertmal
+größeren Markt für ihre Produkte. Dazu kommen zweitens die finanziellen
+Vorteile. Der Satz: »je billiger die Abgabe, desto größer der Ertrag«,
+wird sich auch diesmal bewähren, wenngleich vielleicht die erste
+Übergangszeit einige Ausfälle bringen mag. Wichtiger ist drittens der
+politische Gewinn. »Wenn es staatswissenschaftliche Wahrheit ist, daß
+Zölle nur die Folge politischer Trennung verschiedener Staaten sind, so
+muß es auch Wahrheit sein, daß Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und
+Handelsverbande zugleich auch Einigung zu einem und demselben politischen
+System mit sich führt.«
+
+Nun wird in großen Zügen die friderizianische Politik den Wittelsbachern
+gegenüber geschildert: wie Friedrich den ersten Nichtösterreicher,
+Karl VII., auf den Kaiserthron erhoben, dann durch den bayrischen
+Erbfolgekrieg und den Fürstenbund Bayern dreimal vom Untergange gerettet
+habe. Preußen hat bisher von alledem noch keine Frucht geerntet. Bayerns
+feindselige Haltung zur Zeit des Rheinbundes und der Ansbach-Baireuther
+Händel erklärt sich nur aus »der totalen Verwirrung und Verirrung der
+Staatenpolitik« jener revolutionären Tage. Heute aber kann Preußen kein
+Mißtrauen mehr einflößen, sondern muß wünschen, »mit allen den Staaten,
+die nur von wahrhaft deutschem Interesse geleitet und Preußen mit offenem
+Vertrauen ergeben sind, nicht aber etwa den Besitz deutscher Provinzen
+bloß als Vehikel für Förderung der Interessen ihrer größeren auswärtigen,
+Deutschlands Interessen fremden Staatenkörper zu benutzen streben, in
+jeder Beziehung, politisch und kommerziell, sich recht innig und recht
+enge zu verbinden«. Möglich bleibt doch der für jetzt allerdings »nicht
+leicht gedenkbare« Fall, daß entweder ein allgemeiner Krieg ausbräche,
+oder »daß der Deutsche Bund in seiner jetzigen Gestalt sich einmal
+auflöste und mit Ausschluß aller heterogenen Teile sich neu gestaltete«;
+dann würde unser Handelssystem ungeheuer wichtig werden. Viertens bringt
+uns das Handelssystem eine militärische Verstärkung um 92000 Mann. Bayerns
+Zutritt entschied die Kriege von 1805 und 1806 zu Napoleons Gunsten,
+desgleichen der Rheinbund den Krieg von 1809. Gegen Frankreich können wir
+unser Rheinland nur decken, wenn wir der bayrischen Pfalz sicher sind;
+Österreich aber wird durch den Handelsbund in einem weiten Bogen umfaßt,
+kann von Schlesien und Altbayern her zugleich bedroht werden. Die
+Denkschrift schließt: »In dieser, auf gleichem Interesse und natürlicher
+Grundlage ruhenden und sich notwendig in der Mitte von Deutschland
+erweiternden Verbindung wird erst wieder ein in Wahrheit verbündetes, von
+innen und von außen festes und freies Deutschland unter dem Schutz und
+Schirm von Preußen bestehen. Möge nur das noch Fehlende weiter ergänzt und
+das schon Erworbene mit umsichtiger Sorgfalt noch weiter ausgebildet und
+festgehalten werden!«
+
+So der preußische Finanzminister, ein Jahr vor der Julirevolution, zwei
+Jahre bevor Paul Pfizer(103) den Briefwechsel zweier Deutschen erscheinen
+ließ! Unter allen Äußerungen deutscher Staatsmänner aus jener Zeit ist
+keine, die so entschieden mit der Politik des friedlichen Dualismus
+bricht, die so rund heraussagt: los von Österreich! Und welche Sicherheit
+des Blicks in allem und jedem! Der Mann wußte schon 1829 bis auf einen
+geringfügigen Irrtum ganz genau, in welcher Reihenfolge bis zum Jahre 1866
+die deutschen Staaten dem Zollverein beigetreten sind.
+
+In einem Rundschreiben an ihre Gesandten sprach die preußische Regierung
+offen aus: der Vertrag mit Bayern stelle eine noch engere Vereinigung und
+die allmähliche Verwirklichung der deutschen Handelseinheit in Aussicht.
+Noch blieben am bayrischen Hofe tausend Bedenken zu überwinden. König
+Ludwig, gewöhnt an unbedingte Selbstherrschaft, zürnte heftig, weil seine
+Unterhändler in einigen Punkten ihre Instruktionen überschritten hatten;
+er konnte das alte süddeutsche Mißtrauen gegen die preußischen Kniffe
+nicht überwinden, mäkelte an jedem Worte, fürchtete überall doppelte
+Auslegung. Auch der berühmte Streit über das *Alternat*(104), der in jenen
+Tagen die Mußestunden der Bundestagsgesandten würdig ausfüllte, wirkte
+störend. Die königlichen Höfe wollten den großherzoglichen wohl die
+Gleichberechtigung beim Vortritt, doch nicht bei den Unterschriften
+zugestehen; nach vielem Herzeleid behalf man sich endlich, fertigte nur
+zwei Haupturkunden aus, die eine für Preußen-Hessen, die andere für
+Bayern-Württemberg gemeinsam. Dazu die begreifliche Furcht des Münchener
+Hofes vor der Kleinmeisterei seines Landtags. Cotta bat inständig: »nicht
+zu vergessen, daß wir selbst Vorurteilen fröhnen müssen, um die höheren
+großen Zwecke zu erreichen, besonders den Verein«. In gleichem Sinne
+schrieb Armansperg an Motz: »das gewiß segensreiche Werk, welches durch
+den Handelsvertrag nunmehr in das Leben treten wird, verdankt Deutschland
+größtenteils der Großartigkeit Ihrer Ideen und der tätigen Sorgfalt, womit
+Ew. Exzellenz die Unterhandlungen leiteten und jede Einseitigkeit zu
+entfernen strebten. Wenn dem Geiste Ew. Exzellenz manches, wonach unsere
+Wünsche zielen, kleinlich erscheinen wird, so mögen Sie in Erwägung
+ziehen, daß in den Hallen der Stände manch Kleinliches hauset und nicht
+immer durch die Waffe der Vernunft bekämpft und besiegt werden kann« —
+worauf dann im Interesse der oberpfälzischen Hammerwerke gebeten ward, die
+groben Eisenwaren unter die Ausnahmeartikel zu stellen. Im Laufe des
+Sommers hat Cotta selbst in Brückenau und Friedrichshafen die letzten
+Bedenken der beiden süddeutschen Könige beschwichtigt; sie ratifizierten,
+überhäuften den gewandten Unterhändler mit Gunst. König Wilhelm zeigte
+sich ebenso unbefangen wie sein Minister Varnbüler; von den alten
+cäsarischen Träumen war keine Rede mehr. Dann schickte Preußen zwei seiner
+besten Finanzmänner, Sotzmann und Pochhammer, nach München, um die neuen
+Zolleinrichtungen einführen zu helfen. Die bayrischen Beamten erstaunten,
+soviel Geduld und Schonung bei den verrufenen Preußen zu finden; in
+gemeinsamer ernsthafter Arbeit trat man einander näher.
+
+Nun der schwere Entschluß gefaßt war, segelte König Ludwig sogleich mit
+rastlosem Ungestüm in dem neuen Fahrwasser dahin. Er pries in
+überschwenglichen Worten die Redlichkeit, die Mäßigung, die Größe der
+Ansichten des Berliner Kabinetts, versicherte dem Bildhauer Rauch, wie
+stolz er sei, mit dem Staate Friedrichs Hand in Hand zu gehen, wie
+rechtschaffen und weise König Friedrich Wilhelm sich gehalten habe. Die
+öffentliche Meinung im Süden nahm den Vertrag voll Mißtrauens auf; eine
+Deputation, die dem Könige den Dank der guten Stadt Nördlingen aussprach,
+blieb eine vereinzelte Erscheinung. In den höheren Kreisen des bayrischen
+Beamtentums fühlte man doch, daß endlich nach langen Irrfahrten fester
+Ankergrund gefunden sei. Der Bundestagsgesandte Lerchenfeld erhielt
+strenge Weisung, sich der mitteldeutschen Zettelungen zu enthalten, und
+wirkte fortan zu Frankfurt und Kassel redlich mit seinen preußischen
+Genossen zusammen. Die freieren Köpfe ahnten von vornherein, daß dies
+gesunde naturgemäße Bündnis zwischen den beiden größten deutschen Staaten
+weiter führen mußte. Schon bei den Berliner Verhandlungen hatte Hofmann
+die Frage aufgeworfen, ob nicht Preußens westliche Provinzen mit dem Süden
+sogleich einen wirklichen Zollverein bilden sollten. In dieser unreifen
+Form war der Gedanke für Preußen unannehmbar. Sobald man den Vertrag
+ausführte, zeigte sich jedoch rasch, daß man nicht auf halbem Wege stehen
+bleiben konnte. Die bayrische Rheinpfalz erhielt bayrische Mauten, da man
+sich in München nicht hatte entschließen können, sie dem preußischen
+Zollsystem einzufügen. Das Ergebnis war trostlos: die Provinz brachte im
+Jahre 1830 nur 165000 Gulden an Zöllen auf, während die Grenzbewachung
+248000 Gulden verschlang. Der Landrat der Pfalz bat und klagte; der
+Zustand konnte nicht dauern. Schon im Februar 1830 fragte der unermüdliche
+Cotta bei Hofmann vertraulich an, wie man denn bei vollständiger
+Zollgemeinschaft mit den preußischen Behörden auskomme. Hofmann antwortete
+mit einem warmen Lobe für die preußischen Beamten, die sich zwar anfangs
+sehr mißtrauisch zeigten, nachher aber, sobald sie die Zuverlässigkeit der
+hessischen Verwaltung kennen lernten, ganz umgänglich wurden.
+
+Das Ausland und seine Gesellen, die Mitteldeutschen, sahen mit wachsendem
+Schrecken, wie Preußens Handelspolitik binnen Jahresfrist einen zweiten
+großen Erfolg errang. Vergeblich hatte das sächsische Kabinett noch
+während der Berliner Verhandlungen den Münchener Hof für den
+mitteldeutschen Bund geworben; vergeblich war der Nassauer Röntgen, jener
+alte vielgeschäftige Feind Preußens, nach Stuttgart gereist, um dort
+vorzustellen: Motz, der ruchlos ehrgeizige Kraftmensch, wolle Preußen
+durch die Entfesselung der industriellen Kräfte zur leitenden deutschen
+Macht erheben. In Berlin selbst arbeiteten einige Agenten des
+mitteldeutschen Vereins, so der Frankfurter Senator Guaita. Österreich
+sendete den Hofrat Eichhof nach München, um Bayern durch das Angebot
+einiger geringfügigen Handelserleichterungen von Preußen hinwegzulocken
+und zugleich den König Ludwig zu erinnern, wie feindselig Preußen in der
+Sponheimer Sache gehandelt habe. Münch in Frankfurt versuchte wieder
+einmal, den Darmstädter Hof gegen Hofmann, »dies Werkzeug Preußens«,
+einzunehmen. Die Diplomatie Englands, Frankreichs, Hollands — voran Lord
+Erskine und Graf Rumigny in München — ward nicht müde, vor Preußen zu
+warnen. Von allen fremden Mächten zeigte sich wieder nur Rußland als ein
+treuer Freund Preußens; Anstett in Frankfurt sprach offen und
+nachdrücklich für die Berliner Handelspolitik.
+
+Nach und nach begann doch die vollendete Tatsache ihren Zauber zu üben.
+Wie lange sollte man noch die Klagen der mißhandelten Nation ertragen? Wie
+lange noch sich abquälen an allezeit vergeblichen Sonderbünden, während
+Preußen jede handelspolitische Verhandlung regelmäßig erfolgreich
+hinausführte? Selbst Blittersdorff, der rastlose Parteigänger Österreichs,
+gab nunmehr die Sache Habsburgs fast verloren. Wenn Preußen, so schrieb
+er, alle deutschen Staaten unter seinem Handelssystem vereinigt, dann ist
+Österreich faktisch aus dem Deutschen Bunde hinausgedrängt! Der Verkehr
+wird dadurch nicht zentralisiert, sondern, bei der großen Anzahl unserer
+kleinen Mittelpunkte, überall gleichmäßig belebt werden. Die Gefahren für
+die Souveränität sind geringer in einem großen Zollverein, als wenn man
+versucht, der Zeit in den Weg zu treten. —
+
+Die preußisch-bayrischen Verhandlungen blieben ein Schlag ins Wasser,
+solange der Verkehr zwischen den beiden Staaten den willkürlichen
+»Retorsionen« des mitteldeutschen Vereins unterlag. Die neue Straße von
+Westfalen durch das darmstädtische Gebiet verband nur die westlichen
+Provinzen Preußens mit den Ländern der süddeutschen Bundesgenossen und
+führte überdies in der Frankfurter Gegend einige Stunden lang durch
+mitteldeutsches Vereinsland. Sollte der preußisch-bayrische Bund
+Lebenskraft gewinnen, so war eine zollfreie Straße zwischen den
+Hauptmassen der beiden verbündeten Zollvereine unentbehrlich. Da erinnerte
+sich Motz zur guten Stunde an den Straßendünkel des Meininger Reiches und
+an jenen untertänigen Entschuldigungsbrief des Gothaer Herzogs. Wie nun,
+wenn Preußen dem Meininger Lande die Mittel bot, jene Welthandelsstraße
+zwischen Italien und der Nordsee wirklich zu bauen? Der Wunsch, den
+Verkehr im Lande zu halten, blieb ja der höchste Gedanke, dessen die
+Handelspolitik der Kleinstaaten jener Tage fähig war. Wie oft sind die
+Staatsmänner der Ernestiner nach München oder Berlin geeilt, um durch
+dringende Bitten den Bau einer Umgehungsstraße zu verhindern; wie jammerte
+Frankfurt, da im Frühjahr 1829 ein Spediteur Waren aus der Schweiz nach
+Leipzig über Nürnberg sendete und billigere Fracht berechnete als seine
+Frankfurter Konkurrenten. Diese Straßenpolitik war das beste Rüstzeug des
+Mitteldeutschen Vereins, und Motz beschloß, die Verbündeten mit ihren
+eigenen Waffen zu schlagen. Er eröffnete Verhandlungen mit Meiningen und
+Gotha, noch bevor der bayrische Vertrag abgeschlossen war. Der Herzog von
+Koburg kam selbst nach Berlin. Am 3. Juli 1829 wurde mit Meiningen, tags
+darauf mit Gotha ein Vertrag geschlossen, »um die Hindernisse zu
+beseitigen, die vorzüglich durch örtliche Verhältnisse dem Handel und
+gewerblichen Verkehr entgegenstehen«. Die drei Staaten verpflichteten sich
+gemeinsam, einen großen Straßenzug zu bauen von Langensalza über Gotha
+nach Zelle, von da über Meiningen nach Würzburg und über Suhl,
+Hildburghausen, Lichtenfels nach Bamberg. Preußen schoß den kleinen Herren
+die Gelder vor. Der Durchfuhrhandel auf den neuen Straßen wurde völlig
+freigegeben. Dazu mehrfache Zollerleichterungen und freier nachbarlicher
+Verkehr zwischen Meiningen, Gotha und Preußens thüringischen Enklaven. Es
+war dieselbe Straße quer über den Kamm des Thüringer Waldes, die nachher
+in der Eisenbahnpolitik des Deutschen Reiches noch einmal eine bedeutsame
+Rolle spielen sollte.
+
+Diese beiden unscheinbaren Verträge haben in Wahrheit den Mitteldeutschen
+Verein vernichtet. Denn jetzt erst erhielt der preußisch-bayrische Vertrag
+praktischen Wert. Motz eilte selbst nach Thüringen, um den raschen Ausbau
+der Straßen zu fördern. Sobald dieser zollfreie Straßenzug vollendet war,
+standen die beiden verbündeten Zollvereine in gesicherter geographischer
+Verbindung, ihre völlige Verschmelzung blieb nur noch eine Frage der Zeit.
+Zugleich hatte das Berliner Kabinett mit Mecklenburg den Bau einer neuen
+Straße von Hamburg nach Magdeburg verabredet. Der mächtige Warenzug
+zwischen der Nordsee und der Schweiz ward von Hannover, Kassel und
+Frankfurt hinweggelenkt auf die Straße Magdeburg-Nürnberg. Der
+Mitteldeutsche Verein, der Bayern und Preußen auseinander halten sollte,
+wurde durch einen Meisterstreich der preußischen Diplomatie selber in der
+Mitte zerspalten. Immer wieder drängt sich der Gedanke auf, wieviel
+langsamer der Knoten sich hätte entwirren lassen, wenn ein Reichstag die
+diplomatische Aktion des Berliner Hofes lähmte. Wer diese unterirdische
+Arbeit auf ihren verschlungenen Wegen verfolgt, der muß, wo nicht
+billigen, so doch verstehen, daß ein freier Geist wie Trendelenburg(105),
+damals den preußischen Absolutismus als einen Segen für Deutschland pries.
+
+Preußen vollzog mit jenen zwei Verträgen nur eine Tat erlaubter Kriegslist
+wider erklärte Gegner, und doch keinen feindseligen Schritt, keine
+gehässige Retorsion. Die Niederlage des Mitteldeutschen Vereins war um so
+vollständiger, da niemand das Recht hatte, sich über Preußen zu beklagen.
+Während sonst die Handelspolitik den Feind durch Handelserschwerungen zu
+schlagen sucht, entwaffneten Motz und Eichhorn den Kasseler Sonderbund
+durch die Erleichterung des deutschen Verkehrs; sie konnten sogar den Dank
+der Mitteldeutschen beanspruchen für die Eröffnung einer zollfreien
+Straße. Den beiden thüringischen Fürsten freilich gereichte der Hergang
+nicht zur Ehre. Verlockt durch die Aussicht auf den Besitz einer großen
+Handelsstraße, wurden die Herzöge zu Verrätern an ihren mitteldeutschen
+Verbündeten. Sie verletzten zwar nicht den Wortlaut, doch den Sinn des
+Kasseler Vertrages, der den Bundesgenossen allerdings den Abschluß von
+Handelsverträgen gestattete, aber unzweifelhaft den Zweck verfolgte, die
+Erweiterung des preußischen Zollsystems zu verhindern. Das böse Beispiel
+weckte bald Nachahmung. Der Mitteldeutsche Verein, gegründet durch
+partikularistische Selbstsucht, sollte ein würdiges Ende finden; er sollte
+nach und nach zerbröckeln durch ein frivoles Spiel mit Treu und Glauben.
+
+Zugleich bereitete Motz in diesem tatenreichen Sommer den Mitteldeutschen
+noch eine Überraschung, die ihrem Handel Segen, ihrem Sonderbunde
+Verderben brachte. Er verständigte sich mit den Niederlanden über die
+Rheinschiffahrt und eröffnete also seinen süddeutschen Verbündeten die
+Aussicht auf freien Verkehr mit der Nordsee. Sobald der britische Kaufmann
+seine Waren zollfrei rheinaufwärts bis nach Frankfurt und Mannheim senden
+konnte, mußte England das Interesse an dem Mitteldeutschen Verein
+verlieren, und dem Sonderbunde war eine mächtige Stütze entzogen. —
+
+Nach so gründlichen Niederlagen hätten ernsthafte Staatsmänner den
+Sonderbund als einen verunglückten Versuch sofort aufgeben und eine
+Verständigung mit den überlegenen Zollvereinen des Südens und des Nordens
+suchen müssen. Doch die unverwüstliche Zanksucht dieser kleinen Höfe
+wollte nicht Frieden halten, ihr Dünkel sträubte sich gegen ein
+beschämendes Geständnis. Der sächsische Gesandte in Wien, Graf
+Schulenburg, wußte Wunder zu berichten von den Handelserleichterungen, die
+Metternich in allgemeinen Andeutungen dem Verein versprach; ähnliche
+Zusagen, ebenso unbestimmt gehalten, gab der französische Gesandte Graf
+Fenelon dem Nassauer Hofe. In Hannover lebte ungebrochen der alte
+Welfenstolz; Graf Münster bot alle kleinen Künste auf, um den Meininger
+Herzog durch seine Schwester, die Herzogin von Clarence, von Preußen
+abzuziehen. Im Februar 1829 war Varnhagen von Ense(106) von der
+preußischen Regierung nach Kassel und Bonn gesendet worden, um nochmals
+eine Beilegung des ehelichen Zwistes im kurfürstlichen Hause zu versuchen.
+Er hatte sich des undankbaren Auftrags mit erstaunlichem Ungeschick
+entledigt, bei Hruby, dem grimmigen Feinde Preußens, sich belehren lassen
+über die Lage. Das Ende war, daß die beiden Gatten unversöhnlicher denn je
+einander gegenüberstanden, und der Kurfürst in schäumender Wut seinem
+königlichen Schwager Rache schwur. So geschah es, daß das längst verlorene
+Spiel der Mitteldeutschen noch durch einige Jahre fortgesetzt wurde, bis
+Preußen den Gegnern auch den letzten Stein aus dem Brette geschlagen
+hatte.
+
+Seit dem Juni 1829 tagte in Kassel abermals der Kongreß der
+Mitteldeutschen — ein Bild vollendeter Ratlosigkeit, ohnmächtigen Grolles.
+Alles tobte wider die Verräter in Meiningen und Gotha, die dem Verein »ein
+wichtiges Objekt« geraubt hatten; man sendete Kommissäre hinüber, um die
+beiden Herzöge zu verwarnen. Alles zitterte vor der freien preußischen
+Handelsstraße Hamburg-Nürnberg. Selbst die patriotische Hoffnung, daß
+Dänemark vielleicht den Bau jener Straße hindern werde, bot keinen Trost;
+denn das kleine Stück holsteinischen Gebiets zwischen Hamburg und der
+mecklenburgischen Grenze konnte leider auf der Elbe umgangen werden! Der
+nassauische Bevollmächtigte Röntgen pflegte auch dem befreundeten
+badischen Hofe Bericht zu erstatten über den Gang der Verhandlungen. Diese
+Berichte wurden von Karlsruhe getreulich der preußischen Regierung
+mitgeteilt; man kannte also in Berlin aus erster Quelle die rettungslose
+Verwirrung des feindlichen Lagers. Schon in einer der ersten Sitzungen
+warf ein Bevollmächtigter die wohlberechtigte naive Frage auf: »worin denn
+eigentlich das materielle Wesen des Vereins bestehe?« Man fühlte, daß man
+»eine Gesamtautonomie gründen müsse, um die eigene Autonomie zu bewahren«.
+Man verlangte nach einem »Gemeingut«, das als Unterhandlungsmittel gegen
+Preußen dienen solle. Die Lächerlichkeit eines Zollvereins ohne gemeinsame
+Zölle begann zwar einzelnen einzuleuchten; selbst Nassau meinte, die
+Vorteile des freien Binnenhandels überwögen unendlich jede Erleichterung
+des ausländischen Verkehrs. Aber, hieß es dawider, »würde der Verein ein
+wirklicher Mautverband, so müßten wir schließlich doch preußische Farbe
+annehmen!« Sechs Kommissionen wurden gebildet, um im Stile des Bundestages
+über alle erdenklichen Fragen der Verkehrspolitik hin und her zu reden.
+Absonderliche patriotische Freude erregte der Vorschlag, den 21 Guldenfuß
+anzunehmen und also »das preußische Geld zu verdrängen«.
+
+Von neuem tauchte der Gedanke auf, mehrere Bünde im Bunde zu bilden —
+zwei, drei oder vier, was verschlug es? Diese politischen Mollusken ließen
+sich doch in jede beliebige Form pressen. Hannover wünschte einen
+Sonderbund der Küstenstaaten. In lehrhafter Denkschrift bewies Smidt von
+Bremen, daß die Vereinsstaaten teils in horizontaler, teils in vertikaler
+Richtung zu den großen deutschen Handelsstraßen lägen; sie möchten also
+zwei oder drei Gruppen bilden. Die freie Stadt Bremen, versteht sich,
+müsse unabhängig bleiben, denn sie »qualifiziert sich von selbst als eine
+Ausnahme von der Regel des Handelsvereins«. Indes begann dem gewiegten
+Handelspolitiker doch unheimlich zu werden; er riet dringend zu
+Verhandlungen mit den beiden anderen Zollvereinen.
+
+Unverhohlen sprach sich die ängstliche Unlust der thüringischen Staaten
+aus. Reuß beantragte sofort Verhandlungen mit Preußen zu eröffnen;
+Meiningen und Gotha drohten, ihres eigenen Weges zu gehen, wenn der Verein
+nicht mit Preußen sich verständige. Geschäftig trugen die Bevollmächtigten
+der kleinen Thüringer dem preußischen Gesandten Hänlein die Geheimnisse
+des Vereins zu. Doch die größeren Staaten Hannover, Sachsen, Hessen,
+Weimar blieben hartnäckig. Die rastlosen Treiber Carlowitz, Grote, Conta
+brachten endlich am 11. Oktober 1829 einen neuen Bundesvertrag zustande.
+Die Verpflichtung, einseitig keinem auswärtigen Zollverein beizutreten,
+wurde verlängert bis zum Jahre 1841, weil der preußisch-bayrische Vertrag
+bis zu diesem Jahre währte. Die Durchfuhrzölle auf den großen, das Ausland
+mit dem Auslande verbindenden Straßen sollten nur nach gemeinsamer
+Verabredung verändert werden. Es lag auf der Hand, daß dieser Artikel
+allein bestimmt war, den Verkehr zwischen Preußen und Bayern zu
+erschweren, die Wiederholung der Gothaer und Meininger Vorgänge zu
+verhindern. Preußen versuchte auch sofort den Beschluß zu hintertreiben.
+Eichhorn schrieb an Bülow in London: »von der kurhessischen Regierung ist
+man schon lange gewohnt, daß sie das Verkehrte tut und keine Verhältnisse
+achtet«; unbegreiflich aber sei Hannovers Verhalten; der Gesandte solle
+daher in London nachdrückliche Beschwerden erheben. Trotzdem ging der
+Beschluß durch, und nach dieser unzweideutigen Feindseligkeit bestimmte
+man in Kassel noch, daß Sachsen, Hannover und Kurhessen im Namen des
+Vereins Verhandlungen mit Preußen eröffnen sollten — jenes Kurhessen, das
+sich in den gröbsten Beleidigungen gegen den Berliner Hof erging!
+
+Im übrigen blieb auch dieser zweite Vertrag nahezu inhaltlos; keine irgend
+erhebliche Verkehrserleichterung war vereinbart. Daher erhob sich sofort
+nach dem Abschlusse des Vertrages überall heftiger Widerstand. Die
+Ratifikation konnte erst im April 1830 erfolgen. Meiningen und Gotha
+versagten ihre Zustimmung. Die reußischen Länder folgten am 9. Dezember
+1829 dem Beispiel ihrer Nachbarn, sie vereinbarten mit Preußen
+Handelserleichterungen und Straßenbauten und versprachen, dem preußischen
+oder dem bayrischen Verein beizutreten, sobald sie ihrer Pflichten gegen
+die Mitteldeutschen ledig seien. Im Frankfurter gesetzgebenden Körper
+fragte man murrend: warum verständige Kaufleute sich verpflichten sollten,
+zwölf Jahre lang nichts zu tun? Einflußreiche Firmen forderten den
+Anschluß an Preußen, selbstverständlich nicht zu gleichem Rechte: das
+mächtige Frankfurt sollte nur »einen Freihafen des preußischen Vereins«
+bilden. Die Stadt litt schwer; Spedition und Fabriken begannen nach
+Offenbach überzusiedeln. Dennoch behauptete die österreichische Partei die
+Oberhand. Sachsen und Weimar, erschreckt durch den schwunghaften
+bayrisch-preußischen Verkehr dicht neben ihren Grenzen, knüpften ihre
+Ratifikation an den Vorbehalt: vom Jahre 1835 müsse ihnen der Austritt
+freistehen, falls bis dahin Preußen und Bayern zu einem Zollverein sich
+verschmolzen hätten. Der rastlose Röntgen reiste von einer preußischen
+Gesandtschaft zur anderen, versuchte sich zu entschuldigen: wer hätte denn
+vor einem Jahre ahnen können, daß Preußen in der orientalischen Frage und
+in den Zollsachen eine so glückliche Rolle spielen würde? Als Maltzan
+allen Anzapfungen nur ein diplomatisches Schweigen entgegensetzte, fuhr
+der beleidigte Nassauer heraus: »Es ist unrecht, auch den kleinsten Feind
+zu mißachten« — worauf jener verbindlich erwiderte: »Also Ihr seid unsere
+Feinde?« Endlich genehmigte Nassau den Vertrag nur mit der Erklärung: als
+unbedingt verpflichtend könne er nicht gelten. So drohten Abfall und
+Verrat von allen Seiten her.
+
+Bei der verblendeten Selbstüberschätzung dieser Kabinette läßt sichs nicht
+leicht entscheiden, ob die drei führenden Mittelstaaten ernstlich hofften,
+Zugeständnisse von Preußen zu erlangen, oder ob sie die Verhandlungen mit
+dem Berliner Hofe lediglich begannen, um ihre unzufriedenen thüringischen
+Bundesgenossen zu beschwichtigen. Genug, das hannöversche
+Kabinettsministerium richtete schon am l4. August an Bernstorff die Frage,
+ob Preußen mit den Verbündeten unterhandeln wolle, und fügte in der
+üblichen hochtrabenden Weise hinzu: »Der Verein sei wohl imstande, solche
+Vorteile anzubieten, welche die Zugeständnisse aufwiegen dürften«. In
+Berlin ergriff man die Gelegenheit, den Mitteldeutschen unumwunden die
+Meinung zu sagen und zugleich den nationalen Sinn der preußischen
+Handelspolitik ausführlicher als je zuvor darzulegen. Ein
+Ministerialschreiben vom 31. Oktober 1829 hielt der hannoverschen
+Regierung ihr gehässiges unaufrichtiges Verfahren vor, schilderte
+drastisch den Handelsverein, der »nichts Gemeinsames habe als das Motiv,
+woraus er entsprang; im übrigen findet man nur ein Aggregat besonderer
+Interessen«. Wesentliche Vorteile hat der Verein uns nicht zu bieten, es
+müßte denn sein, daß er den Verkehr zwischen unseren Provinzen erschweren
+wollte. »Vor dergleichen feindseligen Maßregeln hegt die preußische
+Regierung überhaupt keine Besorgnis.« Mit Hannover allein sind wir bereit
+zu verhandeln, nicht mit einer Mehrzahl grundverschiedener Staaten.
+Preußen hat jetzt, nach den neuesten vorteilhaften Verträgen, noch weniger
+als sonst ein unmittelbares Interesse an solchen Verhandlungen, sondern
+nur das eine Interesse, »daß dadurch eine engere Verbindung zwischen den
+deutschen Völkern begründet und durch diese ein neuer Segen über
+Deutschland und dessen einzelne Staaten verbreitet werde. Wird dabei der
+Grundsatz befolgt, solche gemeinschaftliche Maßregeln zu verabreden,
+wodurch nur in dem eigenen Gebiet bisher bestandene Hemmungen im
+gegenseitigen Verhältnis zueinander aufgehoben und keine neuen zur Störung
+des Verkehrs mit anderen Staaten angeordnet werden, so kann sich niemand
+über eine Vereinigung, welche auf einer solchen Grundlage errichtet wird,
+beschweren. Jede solche Vereinigung bildet vielmehr den Übergang zu einer
+neuen; und in einer solchen praktisch fortschreitenden Entwicklung, welche
+keinem feindseligen Prinzip Raum gibt, läßt sich hoffen, daß allmählich
+das Problem einer gegenseitigen Freiheit des Verkehrs zwischen den
+deutschen Staaten in dem größtmöglichen Umfange, welchen überhaupt die
+Natur der Verhältnisse gestattet, gelöst werde.« Hannover suchte noch
+einige unwahre Entschuldigungen vorzubringen, doch allein mit dem Berliner
+Hofe zu verhandeln, war dem Welfenstolze unmöglich.
+
+Sachsen und Kurhessen unterließen nunmehr jede Anfrage; indes konnte sich
+der Dresdener Hof eine Rechtfertigung seiner Handelspolitik nicht
+versagen. Geh. Rat v. Könneritz(107) — in späteren Jahren als Minister
+eine Säule der hochkonservativen Partei —, verfaßte eine Denkschrift im
+kursächsischen Kurialstile und wiederholte darin die alten hundertmal
+widerlegten Anklagen gegen das preußische Zollsystem. Dann versicherte
+»Man annoch fordersamst«: der Mitteldeutsche Verein sei »eine
+völkerrechtlich vollkommen statthafte und in der Staatengeschichte gar
+nicht ungewöhnliche Übereinkunft mehrerer souveräner Staaten, eine zur
+Rettung der dem hiesigen Lande unentbehrlichen Nahrungszweige, des
+Fabrikwesens und des Handels, notwendig bedungene Maßregel« — und sprach
+sein Befremden aus, daß Preußen dieser unschuldigen Verbindung
+entgegenarbeite. Motz, von Eichhorn befragt, ob eine Verhandlung mit
+Sachsen rätlich sei, erwiderte: »Sachsen gewinnt durch eine
+Zollvereinigung mit Preußen in allen Beziehungen vorzugsweise, und Preußen
+kann dieselbe mehr nur in politischer, weniger in finanzieller Beziehung
+wünschen. Auch die politischen Vorteile sind mehr in der hierdurch
+geförderten Einigung von Deutschland als in dem besonderen Anschluß von
+Sachsen an Preußen zu suchen. Sachsen kann freundlicher, rücksichtsvoller
+Verhandlungen gewärtig sein, wenn es seine mitteldeutschen Verpflichtungen
+aufgibt, deren Dauer den Anschluß an das preußische Zollsystem geradezu
+verhindert. Herr v. Könneritz gehört zu den beschränkten einseitigen
+Köpfen, deren Belehrung, wenn man auch Zeit daran wenden wollte, ebenso
+unfruchtbar bleiben würde als die ganze Idee des Mitteldeutschen Vereins.«
+Darauf verwies das Auswärtige Amt dem Gesandten in Dresden, daß er das
+anmaßende sächsische Schriftstück angenommen habe, und begnügte sich, die
+Beschuldigungen der Denkschrift kurz zu widerlegen.
+
+Unterdessen arbeitete Hannover heimlich an einem Verein der Küstenstaaten.
+Am 27. März 1830 kam zu allgemeiner Überraschung der Eimbecker Vertrag
+zustande, ein Werk Grotes, die Grundlage des späteren norddeutschen
+Steuervereins. Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Kurhessen
+verpflichteten sich, innerhalb des Mitteldeutschen Vereins einen
+Zollverein mit gemeinschaftlichen niedrigen Zöllen zu bilden. Vorderhand
+war alles freilich noch Entwurf. Daß die Küstenstaaten sich zusammentaten,
+erschien nicht ganz unnatürlich; Motz selbst urteilte mild über den
+Eimbecker Vertrag. Hannover war nun einmal unfrei der englischen
+Handelspolitik gegenüber; auch bestand damals weit verbreitet und
+festgewurzelt die Meinung, daß die Volkswirtschaft der Nordseeküste von
+den preußischen Zuständen sehr weit abweiche — ein Vorurteil, das erst
+nach zwei Jahrzehnten überwunden wurde. Um so mehr mußte die Teilnahme des
+Binnenlandes Kurhessen befremden. Die Luft ward schwül in dem
+unglücklichen Lande. Die Reichenbach befürchtete einen Aufstand; irgend
+etwas, stellte sie dem Kurfürsten vor, müsse geschehen, um das mißhandelte
+Volk zu beschwichtigen. Da nun der Kurfürst nicht mit Preußen gehen
+wollte, so schloß er den Eimbecker Vertrag, der mindestens an der
+hannoverschen Grenze Erleichterungen versprach. —
+
+Das war die Lage der deutschen Volkswirtschaft, als die Julirevolution
+hereinbrach, das alte System in den Hauptstaaten des Mitteldeutschen
+Handelsvereins über den Haufen warf und also dem Verein den letzten Stoß
+gab.
+
+Motz selber sollte den vollständigen Sieg seiner Ideen nicht erleben; er
+starb, erst vierundfünfzigjährig, am 30. Juni 1830. Er nahm ins Grab die
+feste Zuversicht, daß Preußens Handelspolitik die eingeschlagenen Bahnen
+nicht mehr verlassen könne; »mein eigenes Departement macht mir am
+wenigsten Sorge«, sagte er oft in seinen letzten Tagen. Wie gänzlich hatte
+sich Preußens deutsche Machtstellung verändert in den fünf Jahren, seit
+dieser Mann den Staatshaushalt leitete! Die ausländische Presse selbst,
+die sonst so gleichgültig an den deutschen Dingen vorüberging, fing schon
+an aufzumerken. Wenn diese Staaten, schrieb der Constitutionnel, schon die
+Einheit ihrer Handelsinteressen erkennen, so werden sie auch bald
+entdecken, daß sie dieselben politischen Interessen haben, und das wird
+ein Sieg sein über Österreich. Die Edinburgh Review aber sagte mit jener
+englischen Bescheidenheit, die sich auch im Lobe nie verleugnet: »Die
+preußische Handelspolitik, die vielleicht der jedes anderen Staates in der
+Welt überlegen ist, verdankt ihren Ursprung wahrscheinlich dem
+Selbstbereicherungstriebe eines absoluten Herrschers.« Vor kurzem noch
+verhaßt und gemieden, war Preußen jetzt mit den bekehrten Kernlanden des
+Rheinbundes zu einem großen nationalen Zwecke verbündet. Das vor zehn
+Jahren von ganz Deutschland bekämpfte preußische Zollgesetz begann bereits
+siegreich vorzudringen, und schon ließ sich voraussehen, daß es seine
+Herrschaft bis zum Bodensee erstrecken würde. In Berlin, nicht mehr in
+Frankfurt und Wien, wurden die großen Geschäfte der Nation erledigt.
+
+Motz hatte in einem kurzen diplomatischen Kriege, der mit seinen fest und
+sicher geleiteten weitverzweigten Verhandlungen an die Entstehung des
+fridericizianischen Fürstenbundes erinnert, nicht bloß den Gegenzollverein
+nahezu gesprengt, sondern auch durch geistige Waffen die Gegner
+geschlagen, den Unsinn des feindlichen Unternehmens dargetan und vor aller
+Welt erwiesen, daß Österreich für die Nöte der Nation nur leere Worte
+hatte, Preußen die heilende Tat. Nicht eine zufällige Verkettung der
+Umstände führte den Süden auf kurze Zeit mit dem Norden zusammen, wie
+einst die Genossen des Fürstenbundes. Die Gemeinschaft, die jetzt sich
+bildete, war unzerstörbar. Sie entsprang den Lebensbedürfnissen eines
+arbeitenden Jahrhunderts, und über ihren unscheinbaren ersten Anfängen
+waltete der freie Geist eines Mannes, der fast allein in müder,
+verdrossener Zeit schon hellen Auges die schlummernden Kräfte des
+germanischen Riesen erkannte, die große Zukunft des »in Wahrheit
+verbündeten Deutschlands« ahnte.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 623ff.
+
+ ------------------
+
+ 65 Maximilian I., Joseph, König von Bayern von 1805–1825, geb. 27. Mai
+ 1756.
+
+ 66 Staat im Staate.
+
+ 67 August v. Röntgen, geb. 10. Juni 1781, gest. 5. August 1865, damals
+ nassauischer Gesandter in München.
+
+ 68 Wilhelm (gest. 20. August 1839).
+
+ 69 Ludwig, seit 13. Oktober 1825 König Ludwig I.
+
+ 70 Karl Salomon Zachariä von Lingenthal, geb. 14. September 1769, gest.
+ 27. März 1843, Professor der Rechte an der Universität Heidelberg,
+ 1825 Mitglied der zweiten badischen Kammer.
+
+ 71 Ludwig I., geb. 14. Juni 1753, gest. 6. April 1830.
+
+ 72 Preußischer Gesandter am badischen Hofe.
+
+ 73 Karl Ludwig Wilhelm v. Grolman, geb. 23. Juli 1775, gest. 14.
+ Februar 1829, Professor der Rechte in Gießen, seit 1819 Minister des
+ Innern und der Justiz.
+
+ 74 Joachim Graf v. Münch-Bellinghausen, geb. 29. September 1786, gest.
+ 3. August 1866, von 1823–1848 österreichischer Bundestagsgesandter.
+
+ 75 Friedrich Karl Gustav Freiherr v. Langenau, österreichischer
+ Feldmarschalleutnant, war von 1817–1827 österreichischer
+ Bevollmächtiger bei der Militärkommission der deutschen
+ Bundesversammlung.
+
+ 76 Philipp Moritz Freiherr v. Schmitz-Grollenburg, geb. 22. Dezember
+ 1765, gest. 27. November 1849, seit 1821 als württembergischer
+ Gesandter in München.
+
+ 77 Joseph Ludwig Graf v. Armansperg, geb. 28. Februar 1787, gest. 3.
+ April 1853, seit 1826 bayrischer Finanzminister.
+
+ 78 So Treitschke. Doch liegt hier eine Verwechslung mit Joseph v.
+ Baader vor, der, geb. 30. September 1763, gest. 20. November 1835,
+ Ingenieur war und um das Eisenbahnwesen in Bayern sich hoch verdient
+ gemacht hat. Sein Bruder Franz v. Baader war in erster Linie
+ Philosoph, beschäftigte sich aber auch mit technischen und
+ naturwissenschaftlichen Studien.
+
+ 79 Napoleons Sohn von Marie Louise, der den Titel eines römischen
+ Königs trug.
+
+ 80 Emmerich Joseph Herzog v. Dalberg, geb. 30. Mai 1773, gest. 27.
+ April 1833, Pair von Frankreich und französischer Gesandter am
+ Turiner Hofe.
+
+ 81 Karl Friedrich Graf Reinhard, Pair von Frankreich, geb. 2. Oktober
+ 1761, gest. 25. Dezember 1837, damals französischer Gesandter am
+ Bundestag.
+
+ 82 Als »drittes Deutschland« bezeichnete man die Mittel- und
+ Kleinstaaten als Gegengewicht gegen Preußen und Österreich.
+
+ 83 Oldwig v. Natzmer, geb. 18. April 1782, gest. 1. Nov. 1861.
+
+ 84 Graf Detlev v. Einsiedel, geb. 12. Oktober 1773, gest. 20. März
+ 1861, von 1813–1830 als Minister ein Gegner aller Reformen.
+
+ 85 Eduard von Wietersheim, geb. 10. September 1787, gest. 16. April
+ 1865, damals Kreishauptmann in Plauen, von 1840–1848 sächsischer
+ Kultusminister.
+
+ 86 Georg August Ernst v. Manteuffel, geb. 26. Oktober 1765, gest. 8.
+ Januar 1842, Präsident des Geh. Finanzkollegiums, seit 1828
+ Konferenzminister, in Sachsen verhaßt wegen seines starren
+ Widerstandes gegen jede Reform.
+
+ 87 Hans Georg v. Carlowitz, geb. 11. Dezember 1772, gest. 18. März
+ 1841, von 1821–1827 Königl. sächsischer Bundestagsgesandter.
+
+ 88 Christoph Anton Ferdinand v. Carlowitz, geb. 6. Juni 1785, gest. 21.
+ Januar 1840.
+
+ 89 Christian Wilhelm Schweitzer, geb. 1. November 1781, gest. 26.
+ Oktober 1856, anfangs Professor der Rechte an den Universitäten
+ Wittenberg und Jena, wurde 1818 ins Ministerium berufen als Geheimer
+ Staatsrat mit Sitz und Stimme im Ministerium, doch ohne ein
+ bestimmtes Departement.
+
+ 90 Bernh. Aug. v. Lindenau, geb. 11. Juni 1779, gest. 12. Mai 1854, von
+ 1827–29 sächs. Bundestagsgesandter, darauf Direktor der
+ Kommerziendeputation, 1830 Kabinettsminister, von 1831 bis 1843
+ Staatsminister. — Vor seinem Eintritt in den Königl. sächs.
+ Staatsdienst war er erst in Sachsen-Gotha-Altenburg tätig, dann nach
+ der Teilung als Landschaftsdirektor in S.-Altenburg. Literarisch ist
+ er durch Arbeiten auf dem Gebiete der Sternkunde hervorgetreten.
+
+ 91 Großherz. hess. Geheimrat und Bundesgesandter für die XVI. Kurie,
+ gest. 6. April 1839.
+
+ 92 Ernst Friedr. Herbert Reichsgraf zu Münster-Ledenburg, geb. 1. März
+ 1766, gest. 20. Mai 1839, von 1805–1831 Minister für die
+ hannöverschen Angelegenheiten am Londoner Hofe.
+
+ 93 Aug. Otto Graf Grote, geb. 19. November 1747, gest. 26. März 1830,
+ hannov. Gesandter in Hamburg.
+
+ 94 Joh. Smidt, geb. 5. November 1773, gest. 7. Mai 1857, anfangs
+ Professor der Geschichte am Bremer *Gymnasium illustre*, dann
+ Syndikus und Ratsherr, war 1821–1849 u. 1852–1857 Bürgermeister.
+
+ 95 des bestehenden Zustandes.
+
+ 96 nicht darüber hinaus.
+
+ 97 irgendein Drittes.
+
+ 98 Hans Christoph Ernst Freiherr v. Gagern, geb. 25. Januar 1766, gest.
+ 22. Oktober 1852, politischer Schriftsteller und einige Jahre als
+ Gesandter für Luxemburg beim Deutschen Bunde tätig.
+
+ 99 Des satirischen Dichters Gottlieb Wilh. Rabener (geb. 1714, gest.
+ 1771).
+
+ 100 Karl Freiherr v. Varnbüler, geb. 12. August 1776, gest. 27. April
+ 1832, württembergischer Finanzminister.
+
+ 101 Joh. Friedrich Cotta, Freiherr v. Cottendorf, geb. 27. April 1764,
+ seit 1787 Chef der Cottaschen Buchhandlung, vielfältig auch in
+ politischen Verhandlungen tätig, gest. 29. Dezember 1832.
+
+ 102 Job von Witzleben, geb. 20. Juli 1783, gest. 9. Juli 1837, preuß.
+ Generalleutnant und als Chef des Militärkabinetts vertrauter
+ Ratgeber des Königs.
+
+ 103 Paul Pfizer, geb. 12. September 1801, gest. 30. Juli 1867, forderte
+ in dem »Briefwechsel zweier Deutschen« Trennung Österreichs von
+ Deutschland und eine Verzichtleistung der kleinen Fürsten auf die
+ Rechte der Souveränität zugunsten Preußens.
+
+ 104 d. h. des Rechtes jedes Teils, bei Abschluß von Verträgen seinen
+ Namen in der für ihn bestimmten Ausfertigung der Vertragsurkunde an
+ erster Stelle aufzuführen.
+
+ 105 Adolf Trendelenburg, geb. 30. November 1802, gest. 24. Januar 1872,
+ Professor der Philosophie an der Universität Berlin und Mitglied der
+ Berliner Akademie der Wissenschaften.
+
+ 106 Karl Aug. Varnhagen v. Ense, geb. 21. Februar 1785, gest.
+ 10. Oktober 1858; erst als Offizier in österreichischen, nachher in
+ russischen Diensten, wurde er 1814 in die preußische Diplomatie
+ berufen und nahm als Hardenbergs Begleiter am Wiener Kongreß teil.
+ Seit 1821 lebte er als Geh. Legationsrat in Berlin, meist
+ literarisch tätig, wurde aber auch gelegentlich zu politischen
+ Sendungen verwandt.
+
+ 107 Julius Traugott v. Könneritz, geb. 1792, gest. 28. Oktober 1866,
+ damals Hof- und Justizrat bei der Landesregierung, von 1821–1846
+ Justizminister.
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+7. Der Deutsche Zollverein.
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+a) _Kurhessens Beitritt._
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+Nach dem Tode Motzs … erhielt sein Freund Maaßen, der Begründer des
+Zollgesetzes, die Leitung des Finanzwesens. Die Wahl des Königs konnte
+keinen würdigeren Mann treffen. Maaßen überragte den Verstorbenen durch
+umfassende Sachkenntnis; klug, gerecht, wohlwollend, verstand er bei den
+Unterhandlungen, sich das Vertrauen der argwöhnischen kleinen Kronen stets
+zu erhalten. Freilich fehlten ihm der kühne Wagemut und der weite
+staatsmännische Blick des Vorgängers; er ließ die Dinge gern an sich
+kommen und hegte nicht wie jener den Ehrgeiz, auf die Leitung der gesamten
+preußischen Politik einzuwirken, obgleich er als der bedeutendste Kopf des
+Ministeriums klar erkannte, wie gemächlich die Mittelmäßigkeit in den
+anderen Departements sich wieder einzunisten begann … So erklärt es sich,
+daß die mühselige Arbeit der handelspolitischen Einigung zwar stetig
+vorwärts schritt, aber zunächst nicht so schnell gefördert wurde, wie man
+wohl erwarten konnte, nachdem Motz Schlag auf Schlag die letzten Enklaven
+aufgenommen, den Zollverein mit Darmstadt, den Handelsvertrag mit
+Bayern-Württemberg abgeschlossen, den feindlichen Handelsverein der
+Mitteldeutschen nahezu zersprengt hatte.
+
+Die Nachspiele der Julirevolution gereichten der preußischen
+Handelspolitik zum Vorteil; sie räumten plötzlich alle die Hemmnisse
+hinweg, welche das alte System in den norddeutschen Mittelstaaten dem
+Zollverbande entgegenstellte. Durch den Untergang der ständischen Anarchie
+in Sachsen, der despotischen Willkür in Hessen war die Verwaltung beider
+Länder den preußischen Institutionen angenähert worden; früher oder später
+mußte die Verständigung erfolgen. In Kurhessen zunächst wurde die
+Morschheit des alten Mautwesens offenbar. Nicht zuletzt die
+wirtschaftliche Not hatte die Volksbewegungen im Herbst 1830
+hervorgerufen. Das Ländchen mit seinen 154 Geviertmeilen besaß 154 Meilen
+Zollgrenze. Frecher als irgendwo auf deutschem Boden gedieh hier der
+Schmuggel; in geschlossenen Scharen zogen die Schwärzer aus, maßen sich
+mit den Zollwächtern in offenem Gefechte. Während die Kosten der
+Zollverwaltung den Ertrag der Eingangsabgaben fast verzehrten, begann
+jetzt auch der ergiebige Durchfuhrzoll zu versiegen, da der Transit sich
+nach der neuen Thüringer Straße hinüberzog. Als die Unruhen ausbrachen,
+verließen alle Mautbeamten im Hanauischen und Fuldischen ihre Amtshäuser;
+Massen fremder Waren strömten unverzollt ins Land, und der Bundesgesandte
+Meyerfeld erklärte dem Bundestage, die Regierung dürfe nicht wagen, die
+Zollämter wieder herzustellen. Entsetzt schrieb Blittersdorff: »Die Mauten
+können leicht für ganz Deutschland ein Losungswort des Aufruhrs werden.«
+
+Doch wie konnte Kurhessen aus dem unerträglichen Notstande heraus? Die
+Regierung war zwiefach gebunden: durch den Mitteldeutschen Handelsverein
+und durch den Eimbecker Vertrag. Jener lag im Sterben, dieser war
+vorderhand noch ein Entwurf, änderte nichts an den Leiden des Landes. Man
+schwankte lange; noch im Herbst 1830 widmete Geh. Rat Meisterlin, einer
+der Urheber des Eimbecker Vertrags, den Landständen eine Flugschrift, die
+den Eintritt in das preußische Zollsystem verwarf, weil Hessens
+Gewerbefleiß die Mitwerbung der überlegenen rheinischen Industrie nicht
+ertragen könne. Die alte Abneigung des Kurfürsten gegen Preußen war nicht
+verflogen, auch schien ihm doch bedenklich, eine zweifache Verflichtung
+ohne weiteres zu brechen. Er wünschte — und mit ihm wohl die Mehrzahl im
+Lande — einen Mautverband des gesamten Deutschlands, der die Sonderbünde
+von selbst aufgehoben hätte. In diesem Sinne mußte Meyerfeld bei dem
+bayrischen Bundestagsgesandten Lerchenfeld vertraulich anfragen. Das
+Münchener Kabinett aber kannte jetzt die handelspolitischen Pläne wie die
+Verhandlungsweise des Berliner Hofes; daher gab Graf Armansperg an
+Lerchenfeld die verständige Weisung: diese Sache sei vorsichtig dahin zu
+lenken, daß sie in Berlin unter Preußens Leitung erledigt werde.
+Gleichwohl konnte der Kurfürst sich noch immer nicht entschließen, mit dem
+verhaßten Preußen und dem so gröblich beleidigten Darmstädter Vetter
+allein zu verhandeln. Noch im folgenden Frühjahr erhielt Meyerfeld den
+Auftrag, die Vereinigung sämtlicher deutscher Mautverbände beim Bundestage
+zu beantragen; da warnte ihn Nagler: niemals werde Preußen einer solchen
+Utopie zustimmen.
+
+Unterdessen hatte Motz, ein Verwandter des preußischen Ministers, das
+hessische Finanzministerium übernommen. Die Anarchie im Zollwesen ward
+unhaltbar; die Kommissäre des Eimbecker Vereins, die in Hannover tagten,
+konnten sich nicht einigen. Motz und sein wackerer Amtsgenosse Schenk zu
+Schweinsberg bewogen endlich den Kurfürsten, daß er die Geheimräte Ries
+und Meisterlin im Juni nach Berlin schickte, um mit Preußen-Darmstadt und
+Bayern-Württemberg zugleich einen Zollverein zu schließen. Doch
+unerbittlich hielt Eichhorn den beiden Bevollmächtigten den alten
+preußischen Grundsatz entgegen: Verhandlungen mit mehreren Staaten
+zugleich sind aussichtslos. Vergeblich sträubte sich der Kurfürst; man
+mußte sich der Forderung des Berliner Hofes fügen, mit Preußen-Darmstadt
+allein verhandeln. In Maaßens Auftrag führte L. Kühne die Unterhandlung.
+Der schlicht bürgerliche kleine Mann erwies sich jetzt schon, wie
+späterhin in allen Geschäften des Zollvereins, als meisterhafter Diplomat.
+Klar und bestimmt, mit überlegener Sachkenntnis und ehrlichem Wollen,
+entwickelte er seine Vorschläge; wenn ihm aber das törichte Mißtrauen der
+Kleinen entgegentrat, dann funkelten seine kleinen scharfen Augen, und er
+fertigte alle Winkelzüge mit schneidenden Sarkasmen ab. Auf die Frage des
+Preußen, ob Kurhessen nicht noch durch die mitteldeutschen Handelsverträge
+gebunden sei, verweigerten die Hessen jede Antwort, weil ihnen das
+Gewissen schlug. Man ging also über diesen wunden Punkt schweigend hinweg.
+Die Kurhessen drängten zur Eile; denn sie befürchteten einen neuen
+Umschwung an ihrem heimischen Hofe, wo Österreich und England-Hannover
+alle Minen springen ließen, und sie wollten, geängstigt durch die nahende
+Cholera, den unheimlichen Boden Berlins schleunigst wieder verlassen.
+Schon am 29. August 1831 war alles beendigt. Um dem
+zollvereinsfreundlichen Könige von Bayern eine Ehre zu erweisen, wurde der
+Vertrag auf den Ludwigstag (25. August) zurückdatiert. Kurhessen trat dem
+preußischen Zollsystem bei, im wesentlichen unter denselben Bedingungen
+wie einst Darmstadt. Der alte Kurfürst ließ diese Demütigung noch über
+sich ergehen, wenige Tage bevor er die Regierung seinem Sohne abtrat. Vor
+sieben Jahren war man in Berlin bereit gewesen, ein erhöhtes Einkommen an
+Kurhessen zu bewilligen; jetzt hatte das Kurfürstentum seinen
+Durchfuhrhandel verloren und durch gehäufte Sünden jeden Anspruch auf
+Begünstigung verscherzt. Hessen mußte sich begnügen mit dem Maßstabe der
+Kopfzahl.
+
+Der Vertrag war für Kurhessen eine politische Notwendigkeit, er rettete
+das Land aus namenlosem Elend. Selbst der Kasseler Landtag wagte nicht zu
+widersprechen. Die mitteldeutschen Verbündeten freilich drohten und
+lärmten. Nicht ohne Grund: Kurhessen hatte in den rohesten Formen seine
+Vertragspflicht gebrochen, ohne auch nur ernstlich eine Verständigung mit
+den alten Bundesgenossen zu versuchen. Für Preußen dagegen war ein klarer
+Gewinn errungen. Wie die Gotha-Meininger Straße den Verkehr mit dem
+Süddeutschen Verein gesichert hatte, so wurde jetzt die lang ersehnte
+Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen hergestellt, der
+Mitteldeutsche Verein noch an einer zweiten Stelle durchbrochen. Während
+in Thüringen die Zollfreiheit der preußischen Durchfuhrstraße den
+mitteldeutschen Verbündeten gefährlich wurde, mußte Kurhessen die höheren
+Transitzölle des preußischen Tarifs einführen. Auf Bayerns dringende
+Vorstellungen setzte Preußen diese hessischen Zölle bald auf die Hälfte
+herab. Eine noch weitergehende Verminderung war vorderhand untunlich; die
+mitteldeutschen Verbündeten, vornehmlich die Frankfurter Kaufleute,
+sollten fühlen, daß sie von Preußen abhingen, und durch heilsamen Druck
+bestärkt werden in ihrer beginnenden Bekehrung.
+
+Durch den Abfall Kurhessens ward der Mitteldeutsche Handelsverein
+vernichtet. Der Liberalismus freilich kam so schnell nicht los von den
+liebgewonnenen Phrasen. In Bayern deklamierte Siebenpfeiffer gegen die
+Maut: sie hätte zur Volkssache werden sollen und ist zur Volksfeindin
+geworden! Stromeyer in Baden schrieb in die gefürchtete Zeitschrift
+»Rheinbayern« einen donnernden Artikel: Die preußische Aristokratenstirne
+wagt es, sich an das Nationalgefühl zu wenden! In Preußen herrscht, härter
+als irgendwo auf der Welt, die eiserne Konsequenz des Merkantilsystems;
+der Mitteldeutsche Verein vertritt die Freiheit. Darum soll Baden
+festhalten an seinem trefflichen liberalen Zollwesen. Dann wird
+Württemberg, das ohnedies durch seine hohe politische Bildung dem
+konstitutionellen Musterstaate nahe steht, und bald auch das
+konstitutionelle Bayern, Sachsen, Kurhessen dem badischen System sich
+anschließen! — Auch einer der edelsten und gelehrtesten Vertreter
+deutscher Wissenschaft brach eine Lanze für den sterbenden Sonderbund.
+Johann Friedrich Böhmer(108) verfaßte das wunderliche Büchlein »das
+Zollwesen in Deutschland geschichtlich beleuchtet«. Der Legitimist des
+heiligen Reiches stellte den kühnen Satz auf, die Zollfreiheit der
+deutschen Flüsse müsse von Recht wegen auch für die Landstraßen gelten. Er
+pries den Mitteldeutschen Verein als »den letzten Versuch, von dem, was
+einstens als gemeines deutsches Recht und Freiheit gegolten, soviel wie
+möglich, wenigstens vertragsweise zu sichern«. Er schalt Preußen den
+»Reichsfeind und Landfriedensbrecher«, warnte die Kleinstaaten, »wie
+leicht sich Einverleibungen der Nachbarländer an Zollangelegenheiten
+knüpfen«, und getröstete sich des schönen Wortes, das vor zwölf Jahren der
+k. k. Präsidialgesandte gesprochen: daß »die hohe Bundesversammlung die
+Beförderung und Erfüllung des deutschen Handels in die Hand nehmen werde!«
+
+Die sächsischen Höfe waren längst nicht mehr in der Lage, solchen
+Schrullen nachzuhängen. Die Not des Haushalts, das laute Murren des Volkes
+zwang sie, demütig bittend in Berlin anzuklopfen. Armselige
+Advokatenkünste mußten vorhalten, um den Vertragsbruch zu beschönigen.
+Meiningen behauptete, der Mitteldeutsche Verein sei durch den Eimbecker
+Vertrag zerrissen worden, er bestehe nicht mehr zu Recht. Der Verrat des
+einen diente dem anderen zum Vorwande; sobald die kleinen Thüringer
+schwankten, berief sich das Dresdner Kabinett auf den Artikel des Kasseler
+Vertrages, wonach die gänzlich vom Auslande umschlossenen Gebietsteile den
+Satzungen des Vereins nicht unterliegen sollten. Das sei jetzt Sachsens
+Fall, wenn Thüringen sich mit Preußen verständige — eine offenbare
+Sophisterei, da jene Klausel sich nur auf entlegene Enklaven bezog. Wollte
+der sächsische Hof ehrenhaft verfahren, so mußte er sofort einen neuen
+Kongreß der mitteldeutschen Verbündeten berufen, dort die Auflösung des
+unhaltbaren Vereins beantragen und dann erst mit Preußen unterhandeln.
+Aber die alte Politik der Winkelzüge, der Halbheit, des Mißtrauens gegen
+Preußen wurde selbst unter dem neuen Ministerium Lindenau nicht sogleich
+aufgegeben. Die sächsische Regierung glaubte, ihre Wünsche in Berlin
+sicherer durchsetzen zu können, wenn sie an dem Gespenste des
+Mitteldeutschen Vereins noch einen Rückhalt hätte; sie begann mit Preußen
+zu verhandeln, noch bevor sie ihrer älteren Verpflichtung entbunden war.
+
+Nachdem das Dresdner Kabinett schon im August 1830 bei den süddeutschen
+Kronen leise angefragt, mußte sich der alte König Anton endlich
+entschließen, an den König von Preußen selber zu schreiben. Er beteuerte,
+daß er längst die Absicht gehabt, mit Preußen in kommerzielle Verbindung
+zu treten »und somit im Sinne des hochwichtigen und wohltätigen Zwecks zu
+handeln, dessen Erreichung von Ew. Majestät bereits seit längerer Zeit
+beabsichtigt wird. Daß diese Verhandlung von Preußen begonnen und
+eingeleitet werde, scheint die notwendige Bedingung des Erfolges zu sein.«
+Lindenau, der im Januar 1831 dies Handschreiben nach Berlin brachte,
+überreichte zugleich eine Denkschrift, worin Sachsen den Entschluß
+aussprach, die Auflösung des Mitteldeutschen Vereins durchzusetzen, »da
+Veranlassung, Zweck und Grund des Vereins nicht mehr vorhanden sind. Das
+Bedürfnis einer bewegten Zeit, die Zuversicht, durch den Antritt einer
+solchen Verhandlung die aufgeregten Gemüter am sichersten zu beruhigen,
+endlich die Hoffnung, daß ein solcher die Mehrzahl der deutschen
+Bundesstaaten umfassender Verband auch auf die größeren Weltereignisse
+einen friedlich besänftigenden Einfluß äußern könne«, ermutigten den
+sächsischen Hof, die Verhandlungen in Berlin zu beginnen.
+
+Noch kläglicher war die Demütigung Weimars. Derselbe Minister Schweitzer
+[S. Fußnote S. 132], der seit Jahren das preußische Zollsystem als den
+Todfeind deutscher Handelsfreiheit bekämpft hatte, versicherte im Juli
+1830 dem Auswärtigen Amte: »daß zur Förderung des von dem König von
+Preußen begonnenen, in seinen Zwecken und seinen Gründen immer klarer
+hervortretenden deutschen Werkes, also zur Förderung eines freien Handels
+und Verkehrs im deutschen Vaterlande von Preußen aus, der Großherzog von
+Weimar im Einverständnis mit dem Königreich Sachsen mit Vergnügen die Hand
+bieten wird.« Dann sang der weimarische Minister Fritsch [S. Fußnote S.
+47] die Totenklage des Sonderbundes: »Auf hinreichende Zeit zur Ausbildung
+des Vereins ist nicht mehr zu rechnen, nachdem die großen welthistorischen
+Ereignisse seit dem 25. Juli 1830 und deren Folgen auf deutschem Boden
+eine weit schleunigere Hilfe notwendig gemacht, man kann sagen, die Übel,
+welche als chronische behandelt werden sollten, in akute verwandelt haben.
+Nur Schaden, nur Verderben könnte es bringen, wenn man sich unter solchen
+Umständen noch gegenseitig beschränken, sich zum Nichtstun verpflichtet
+halten wollte in einer Zeit, welche in allen öffentlichen Dingen ganz
+andere Forderungen stellt. Was uns die Jahre 1829 und 1830 genommen und
+gebracht haben, ließ sich im Jahre 1828 nicht voraussehen, nicht
+vorausahnen. Der Kasseler Verein war und bleibt ein bedeutendes
+Unternehmen, nicht ohne Folgen. Es wird den Stiftern desselben ein
+gerechtes Urteil in der Geschichte um so weniger entgehen, je
+bereitwilliger sie jetzt das Geständnis ablegen und betätigen, daß eine
+ganz neue Zeit uns gekommen ist.«
+
+Friedrich Wilhelm antwortete dem König von Sachsen sehr freundlich, er sei
+bereit, Sachsens Anträge zu erwägen, und sprach sich zugleich offen aus
+über die nationalen Ziele seiner Handelspolitik: »Wiewohl der Abschluß
+dieser Verträge stets nur mit einzelnen Staaten erfolgte, so hatte man
+dennoch dabei nicht ein ausschließliches Interesse der unmittelbar
+Beteiligten im Auge, sondern man verfolgte zugleich den Gesichtspunkt, daß
+die einzelnen Verträge als Mittel dienen möchten, der Freiheit des
+Verkehrs in Deutschland überhaupt eine größere Ausdehnung zu geben.« Dem
+weimarischen Hofe drückte der Minister des Auswärtigen seine Freude aus,
+daß unser Werk auch in den Augen Weimars »immer klarer als ein deutsches
+Werk hervortritt«; dann wiederholte er in schneidenden Ausdrücken die
+hundertmal von Preußen ausgesprochene Ermahnung: die Thüringer sollten
+sich erst unter sich verständigen, bevor Preußen mit ihnen verhandeln
+könne.
+
+Nach solchen Erfolgen stand in Berlin fester denn je die Überzeugung, daß
+der eingeschlagene Weg der Einzelverhandlungen allein zum Ziele führe. Mit
+voller Sicherheit schrieb Bernstorff dem König: »Die Schöpfung eines
+allgemeinen deutschen Zoll- und Handelssystems oder irgendeiner anderen
+bleibenden Institution ähnlicher Natur ist eine Aufgabe, deren Lösung dem
+Bunde solange unmöglich bleiben wird, als derselbe nicht eine andere, von
+der jetzigen ganz verschiedene Organisation besitzt«. Seit dem Zerfall des
+mitteldeutschen Sonderbundes schien die Bahn frei für die vollständige
+Vereinigung der beiden befreundeten Zollvereine des Südens und des
+Nordens. Was sollte jetzt noch hindern, da beide Teile die Unhaltbarkeit
+des bestehenden Zustandes lebhaft empfanden? da die zwischenliegenden
+Staaten nicht mehr feindlich im Wege standen, sondern selbst um ihre
+Aufnahme baten? da das Grundgesetz des preußisch-hessischen Vereins sich
+von selber darbot als die Regel für den großen Verein? Und dennoch mußte
+Preußen wieder und wieder durch den Flugsand waten, der im Wüstenwinde der
+deutschen Kleinstaaterei emporwirbelte. Fast drei Jahre lang, von 1830 bis
+1833, spielte in Berlin, vielfach unterbrochen, eine dreifache Reihe
+mühseliger Verhandlungen: mit Bayern- Württemberg, mit Sachsen, mit den
+thüringischen Staaten; und das Geschäft wäre nie zum Abschluß gelangt,
+wenn man nicht, dem alterprobten Grundsatz getreu, die Unterhandlungen mit
+den einzelnen Gruppen scharf auseinandergehalten hätte. Der Vergleich
+drängt sich unwillkürlich auf: der Deutsche Zollverein ging aus dem
+Preußisch-Hessischen hervor unter ähnlichen Kämpfen und Bedenken, wie
+späterhin das Deutsche Reich aus dem Norddeutschen Bunde. Der Zollverein
+wie der Norddeutsche Bund stieß auf die höchsten Schwierigkeiten erst, als
+die größeren Mittelstaaten, mit ihrem festgewurzelten und nicht ganz
+unberechtigten Partikularismus, mit der Fülle ihrer scheinbar oder
+wirklich abweichenden Interessen in die Verhandlungen eintraten. In
+Versailles, wie 40 Jahre zuvor in Berlin, gebärdeten sich die süddeutschen
+Kronen anfangs, als stände man vor einem Neubau, als sei noch gar kein
+Grundgesetz vorhanden; erst nach langem, peinlichem Zögern erkannten sie
+die im Norden bestehende Ordnung an, doch indem der Bau erweitert wurde,
+lockerte man zugleich das feste Gefüge seiner Mauern.
+
+Der Handelsvertrag zwischen Preußen-Hessen und Bayern- Württemberg war von
+vornherein in der Absicht fortschreitender Erweiterung abgeschlossen. In
+München aber begann die ultramontane Partei, sofort an dem neuen Bunde zu
+zerren und zu nagen. Ihre Führer, Schenk(109), Görres, Ringseis(110),
+standen durch den k. k. Legationsrat Wolff mit der Hofburg im Verkehr; der
+Gesandte in Wien, Graf Bray(111), war für Metternich gewonnen, desgleichen
+neuerdings auch der alte Feldmarschall Wrede.(112) Angesichts dieser
+mächtigen Gegner und der unberechenbaren Launen König Ludwigs hielt
+Bernstorff für nötig, allen Begehren Bayerns soweit als möglich
+entgegenzukommen. Der Münchener Hof wünschte zunächst den Eintritt Badens
+in den bayrisch-württembergischen Verein; denn das badische Gebiet ragte
+als ein trennender Keil zwischen die bayrische Pfalz und die Hauptmasse
+der Vereinslande hinein, und unter dem Schutze der gerühmten Karlsruher
+Freihandelspolitik, die für die Grenzbewachung wenig tat, blühte auf dem
+Schwarzwalde wie am Rheinufer ein gefährlicher Schmuggelhandel. War der
+kränkelnde Süddeutsche Zollverein durch Badens Zutritt neu gekräftigt,
+dann erst sollte — so rechnete König Ludwig — über die völlige
+Verschmelzung der beiden Vereine des Nordens und des Südens verhandelt
+werden …
+
+Eine handelspolitische Verständigung zwischen Bayern und Baden blieb aber
+völlig aussichtslos, solange die beiden Höfe einander noch als Feinde
+betrachteten und König Ludwig seine traumhaften Ansprüche auf badisches
+Gebiet nicht aufgab. Als Großherzog Ludwig starb und sein Nachfolger
+sogleich von allen Mächten anerkannt wurde, da wagte man in München gar
+nicht mehr wie früher zu behaupten, daß mit der Thronbesteigung der
+Hochbergischen Linie das Haus der Zähringer ausgestorben sei. Der
+Wittelsbacher trug seine vorgeblichen Ansprüche auf den »Heimfall« der
+badischen Pfalz stillschweigend zu Grabe. Um so mehr lag ihm daran,
+mindestens durch eine kleine Gebietserweiterung der Welt zu beweisen, daß
+Bayern doch nicht ganz im Unrecht gewesen sei.
+
+Gegen Ende Mai 1830 erschien Armansperg in tiefem Geheimnis zu Berlin und
+bat um Preußens gute Dienste. König Friedrich Wilhelm übernahm die
+Vermittlung, im Verein mit dem König von Württemberg, und ließ den
+badischen Minister Boeckh nach Berlin einladen. Er hoffte nicht nur den
+leidigen Gebietsstreit beizulegen, sondern auch Baden zum Eintritt in den
+Bayrisch-Württembergischen Zollverein zu bewegen. Am 10. Juli brachte
+Bernstorffs versöhnliches Zureden endlich eine Übereinkunft zustande,
+kraft deren Baden dem süddeutschen Verein beizutreten versprach; dafür
+wollten beide Teile auf ihre Sponheimer Erbansprüche verzichten. Um Bayern
+gänzlich zufrieden zu stellen, wurde noch ein geringfügiger
+Gebietsaustausch irgendwo an der badischen Ostgrenze vorbehalten. Damit
+schien der jämmerliche Handel aus der Welt geschafft. Metternich sprach
+bereits allen Teilnehmern seinen Glückwunsch aus, und König Ludwig dankte
+dem preußischen Minister aufs wärmste …
+
+Sobald man jedoch über die Ausführung der Übereinkunft verhandelte,
+verlangte Bayern einen Zuwachs von etwa 20000 Einwohnern und setzte erst
+nach langem Feilschen seine Forderung ein wenig herab; das schöne Wertheim
+vornehmlich, das Heidelberg der Mainlande, erschien dem romantischen
+Wittelsbacher unwiderstehlich verlockend. Der Karlsruher Hof wies jede
+größere Gebietsabtretung entschieden zurück und verschanzte sich hinter
+der gesinnungstüchtigen Entrüstung seines Volkes. Die Stadt Wertheim
+selbst hatte freilich gegen die Abtretung wenig einzuwenden, weil die
+Beamten den Main-Tauberkreis als das badische Sibirien behandelten; auch
+der Fürst Georg von Löwenstein, der dort Hof hielt, wollte sich als treuer
+deutscher Patriot den Herrschaftswechsel wohl gefallen lassen, wenn
+dadurch nur endlich das Elend der Binnenmauten aufgehoben würde. Anders
+empfand die große Mehrzahl der Liberalen; sie dachte von dem Musterlande
+der konstitutionellen Freiheit nicht eine Geviertmeile aufzuopfern, und
+ihr Entschluß stand um so fester, da sie auch den Zollvereinsplänen
+mißtraute. Der Hauptverkehr des langgestreckten Landes ging von Norden
+nach Süden und konnte durch den Anschluß an Bayern-Württemberg wenig
+gewinnen. Man übersah oder wollte übersehen, daß dieser Anschluß nur das
+Mittel bilden sollte zur späteren Vereinigung mit Preußen; unleugbar war
+der bayrische Plan zu fein, zu verwickelt, um sogleich vom Volke
+verstanden zu werden.
+
+Überall in Baden sprach man begeistert von einem gesamtdeutschen
+Zollverbande; denn soviel Boden hatte die Idee der deutschen
+Handelseinheit durch Preußens Siege doch gewonnen, daß niemand mehr sie
+schlechthin zu verwerfen wagte. Freilich benutzten viele badische Liberale
+das schöne Wort vom allgemeinen deutschen Zollverein nur als ein
+Schurzfell, um die Blöße ihrer partikularistischen Selbstsucht zu
+bedecken. Wie behaglich lebte sichs doch unter der badischen
+Handelsfreiheit — auf Kosten der lieben Nachbarn! Mit Stolz sah der
+Badener — so sagte eine Flugschrift des Rastatter Kaufmanns F. Meyer »über
+die Zollverhältnisse Badens« — wie die Nachbarn aus dem Elsaß, aus
+Schwaben, aus der Rheinpfalz in »das wohlfeile, gastfreie« Ländle kamen,
+um dann ihre billigen Einkäufe über die heimatliche Grenze
+hinüberzuschmuggeln. Nimmermehr sollte diese gemütliche Unordnung durch
+eine gewissenhafte Grenzbewachung beseitigt werden. Der Freiburger
+Handelsstand stellte dem Landtage vor: ein Zollverein »wird rechtliche,
+sittlich gute Menschen in eine Rotte von Zöllnern, Schmugglern, Spionen
+und Gaunern verwandeln« — wobei nur verschwiegen ward, daß die große
+Mehrzahl der badischen Geschäfte, zumal die Kolonialwarenhandlungen, dem
+Schleichhandel längst als Herbergen dienten. Noch kräftiger sprach das
+Straßburger Konstitutionelle Deutschland: »Maut, Maut, preußische Maut
+erhalten wir. Unglückliches Vaterland! Im Geheimen, im Dunkel der Nacht
+wird sie dir gegeben! Wehe dir, Kammer von 1831!« Als Großherzog Leopold
+sein Oberland bereiste, wurde er überall dringend gewarnt, und
+Winter(113), der in Fragen der großen Politik immer ratlos war, wagte
+nicht, einer scheinbar so starken Volksüberzeugung zu widersprechen.
+
+So schleppte sich der Zank durch fast anderthalb Jahre dahin. Die beiden
+vermittelnden Höfe boten alle ihre Beredsamkeit auf. Der Berliner sprach
+sanft, der Stuttgarter schroff: denn König Wilhelm sah sein Land
+unmittelbar unter dem badischen Schmuggel leiden, er drohte dem Karlsruher
+Hofe geradezu: Bayern und Württemberg würden »dem bisherigen ganz
+feindseligen Betragen Badens gemeinschaftlich ein jedes Mittel
+entgegensetzen, um nicht mitten in unserem Verein das System einer
+Regierung zu sehen, das mit Vorbedacht Unzufriedenheit und Unruhe in
+unserer so bedenklichen Zeit stiftet«. Ebenso vergeblich schrieb König
+Ludwig selbst in seinem wuchtigsten Partizipialstile an den Großherzog:
+»durch meine letzten Vorschläge habe ich das Äußerste getan, um die
+Sponheimer Angelegenheit zur Ausgleichung zu bringen, von und großem Wert
+ist mir die von Ew. K. Hoheit ausgedrückte Willfährigkeit, damit sie und
+Beitritt zum Zollverein stattfinde, überzeugt, daß fester Wille beides bei
+Ihren Ständen durchsetzen werde«. An diesem festen Willen gebrach es dem
+badischen Hofe gänzlich. Die Minister verteidigten den Zutritt zum
+Süddeutschen Zollverein sehr lau; Welcker(114) tobte mit gewohnter
+Wortfülle gegen die absolute preußische Krone, Rotteck(115) unterstützte
+ihn etwas ruhiger. Die phrasenreichen Verhandlungen gereichten dem
+Musterlandtage wenig zur Ehre; über die volkswirtschaftliche Bedeutung der
+Frage wußten nur einzelne große Geschäftsmänner ein treffendes Wort zu
+sagen, so der liberale Fabrikant Buhl aus Ettlingen und der Tabakshändler
+v. Lotzbeck aus Lahr. Selbst der liberale E. E. Hoffmann, der aus
+Darmstadt herüberkam, um den badischen Parteifanatikern Vernunft zu
+predigen, richtete nichts aus. Schließlich einigte sich der Landtag über
+eines jener unwahren Kompromisse, wie sie der Partikularismus liebt, wenn
+er nichts mehr zu sagen weiß. Beide Kammern verwarfen einstimmig den
+Eintritt in den Süddeutschen Verein und gaben der Regierung Vollmacht,
+über einen gesamtdeutschen Zollverein zu verhandeln (November 1831). Dabei
+konnte sich jeder das Seine denken, denn an die Möglichkeit eines
+Zollvereins mit Österreich, Hannover und Holstein glaubte eigentlich
+niemand mehr. Auch die von Bayern geforderte Gebietsabtretung wurde durch
+die zweite Kammer verworfen, einstimmig, unter brausenden Hochrufen auf
+den Großherzog.
+
+Dem gefeierten Fürsten ward bei dieser Begeisterung seiner getreuen
+Opposition sehr schwül zu Mute. In einem flehentlichen Briefe wendete er
+sich abermals hilfesuchend an Bernstorff … , und wirklich unterzog sich
+der geduldige preußische Minister noch einmal den undankbaren Mühen der
+Vermittlung. König Ludwig aber empfand jenen Beschluß des badischen
+Landtages als eine persönliche Beleidigung; er hielt es für schmachvoll,
+eine Forderung, die schon soviel Staub aufgewirbelt hatte, ohne jede
+Entschädigung fallen zu lassen. An dem ergrimmten Wittelsbacher war jetzt
+jeder Zuspruch verschwendet. Auch der König von Württemberg ließ nach
+einiger Zeit in schnöden Worten erklären, daß er mit dem unbelehrbaren
+badischen Hofe nichts mehr zu schaffen haben wolle. In Berlin urteilte man
+milder, doch die erneuten Verhandlungen blieben fruchtlos. Der königliche
+Dichter in München hinterließ die imaginären Sponheimer Ansprüche seinen
+Nachfolgern als ein heiliges Vermächtnis, untertänigen Historikern als
+einen köstlichen Stoff für bajuvarische Großsprechereien. Also ward Baden,
+früherhin immer ein wackerer Vorkämpfer der deutschen Handelseinheit,
+teils durch die Torheit seiner Kammern teils durch eine seltsame
+diplomatische Verwicklung ganz in das Hintertreffen gedrängt und von den
+entscheidenden Verhandlungen der Zollvereinspolitik mehrere Jahre hindurch
+ausgeschlossen.
+
+
+
+b) _Beitritt des Süddeutschen Zollvereins._
+
+
+Nach alledem war eine Verständigung zwischen Bayern und Baden vorläufig
+undenkbar. Der deutschen Handelseinheit aber kam jener ablehnende Beschluß
+der badischen Kammern seltsamerweise zu gute. Der künstliche Gedanke,
+zunächst den süddeutschen Verein zu vergrößern und dann erst die
+Vereinigung mit dem Norden zu suchen, war fortan beseitigt. Die
+oberdeutschen Königshöfe, außerstande, ihren unergiebigen Sonderbund
+aufrecht zu halten, sahen sich genötigt, statt des Notbehelfs sogleich das
+durchschlagende Mittel zu wählen; sie stellten jetzt bei dem preußischen
+Kabinett den Antrag auf völlige Vereinigung. Im Dezember 1831 wurden die
+Verhandlungen in Berlin eröffnet. Doch sofort ergab sich eine Fülle
+gewichtiger Bedenken. Preußen hatte schon durch die Aufnahme der beiden
+Hessen ein fühlbares finanzielles Opfer gebracht; der Ertrag seiner Zölle,
+der um 1829 gegen 25,3 Sgr. für den Kopf der Bevölkerung abwarf, begann
+bereits zu sinken. Durfte man auch die oberdeutschen Lande, die von
+Kolonialwaren noch weit weniger verzehrten als die beiden Hessen, zu den
+gleichen Bedingungen aufnehmen? Die Finanzpartei in Berlin fürchtete
+schwere Verluste, wie denn in der Tat Preußen im Durchschnitt der Jahre
+1834–1839 nur 22 Sgr. auf den Kopf erhalten hat. Sie verlangte entschieden
+ein Präcipuum zugunsten Preußens; ein Ausfall in den Einnahmen schien
+hochbedenklich in so unruhiger Zeit. Die bayrisch-württembergischen
+Finanzmänner dagegen lebten in dem wunderlichen Wahne, daß die Konsumtion
+im Süden stärker sei als in Preußen; sie meinten schon seltene Großmut zu
+zeigen, wenn sie auch nur die Verteilung nach der Kopfzahl zugeständen.
+
+Die Einführung der preußischen Konsumtionssteuern war in Hessen ohne
+Schwierigkeit erfolgt; Bayern aber sah sich außerstande, seine Malzsteuer
+abzuändern. Während Preußen kaum 1,3 Millionen Taler, 3 Sgr. auf den Kopf,
+durch die Besteuerung des Bieres bezog, gewann Bayern allein in seinem
+rechtsrheinischen Gebiete 5 Millionen Gulden, 21 Sgr. auf den Kopf, und
+aus diesem Ertrage mußte nach der Verfassung die Staatsschuld verzinst
+werden. Unmöglich konnte Preußen seine Biersteuer zu der gleichen Höhe
+hinaufschrauben. Der angestammte Durst ließ sich ebenso wenig in den
+Norden verpflanzen wie die Realgerechtigkeiten der bayrischen Brauer, die
+jenen reichen Steuerertrag erst ermöglichten, aber den Grundsätzen der
+preußischen Gewerbefreiheit widersprachen. Da die gleichmäßige Besteuerung
+der inländischen Konsumtion mithin unausführbar blieb, so bestand die
+preußische Finanzpartei hartnäckig auf der Einführung von
+Ausgleichungsabgaben. Die an sich richtige Meinung, daß jede
+Zollgemeinschaft die annähernde Gleichheit der indirekten Steuern
+voraussetze, war seit dem Jahre 1818 eine der leitenden Ideen der
+preußischen Handelspolitik. Die Berliner Finanzmänner hatten sich so tief
+in diesen Gedanken eingelebt, daß sie ihn alsbald mit fiskalischer Härte
+auf die Spitze trieben. Die Ausgleichungsabgaben sind lange, wesentlich
+durch Preußens Schuld, ein wunder Fleck der Zollgesetze geblieben; sie
+belästigten den Verkehr und brachten geringen Ertrag, auch nachdem sie
+späterhin die rein fiskalische Gestalt der »Übergangsabgaben« annahmen.
+
+Irrte Preußen in dieser Frage, so erhoben auch die Südstaaten höchst
+unbillige Ansprüche. Sie verlangten anfangs eine völlige Umgestaltung des
+Tarifs und fanden namentlich die preußischen Zölle auf Baumwollenwaren
+unerträglich hoch, da sie selbst noch fast gar keine Baumwollspinnereien
+besaßen. Und doch konnte Preußen nicht nachgeben. Sachsens Eintritt stand
+bevor, die preußische Industrie klagte laut über die drohende Mitwerbung
+des Erzgebirges; in solcher Stunde die Zölle herabzusetzen, schien selbst
+dem Freihändler Maaßen nicht ratsam. Auch die von Württemberg geforderte
+Herabsetzung der Zuckerzölle ging nicht durch; die Interessen der mächtig
+aufblühenden Magdeburgischen Rübenzuckerindustrie durften nicht
+preisgegeben werden. Desgleichen die gefürchteten preußischen Transitzölle
+blieben noch unentbehrlich als ein sanfter Wink für die Nachbarn.
+Überhaupt war die Lage des Augenblicks der Vereinfachung des Tarifs
+keineswegs günstig; Preußens Staatsmänner ahnten, daß die süddeutschen
+Höfe in einer nahen Zukunft die Farbe wechseln, mit schutzzöllnerischem
+Eifer auf die Erhöhung der Zölle dringen würden. Lebhafter noch als dieser
+staatswirtschaftliche Kampf entbrannte der »staatsrechtliche Streit«, wie
+man in München zu sagen pflegte. Die verständige Bestimmung der
+preußisch-hessischen Verträge, wonach Preußen in der Regel allein die
+Handelsverträge für den Zollverein schließen sollte, galt dem bayrischen
+und dem württembergischen Hofe als eine schimpfliche Unterwerfung; sie
+forderten unbedingte Gleichheit in allem und jedem.
+
+So mannigfache sachliche Bedenken ins Gleiche zu bringen, konnte nur
+erprobter staatsmännischer Kraft gelingen. Die oberdeutschen Höfe aber
+hatten, töricht genug, zwei junge Subalternbeamte für diese schwierige
+Mission bevollmächtigt, vermutlich nur aus Sparsamkeit. Die Ersparnis
+sollte ihnen teuer zu stehen kommen. Eichhorn hatte an den Unterhändlern
+der Kleinstaaten schon des Wundersamen viel beobachtet; eine
+Persönlichkeit wie dieser württembergische Bevollmächtigte, der Assessor
+Moritz Mohl(116), war ihm noch nicht vorgekommen. Die Diplomatie in Berlin
+konnte nicht genug ihre Verwunderung aussprechen über den ungestümen Mann
+mit der roten Perrücke und den vollgepfropften Aktenmappen: welch eine
+weitschweifige Kleinlichkeit, welche Lust an unfruchtbarem theoretischem
+Streite, welche Fülle unverdauter Gelehrsamkeit, welch ein hartnäckiges
+Mißtrauen gegen Preußen! Der frühreife schwäbische Staatsweise entfaltete
+bereits alle jene Talente, die noch 40 Jahre später den deutschen
+Reichstag bezaubern sollten; L. Kühne nannte ihn »einen eingebildeten
+Narren, der den Bären des Nordlands seine kindische konstitutionelle
+Weisheit zu predigen dachte«. Als Mohl dem einzigen Küstenstaate des
+Zollvereins die Abschließung von Schiffahrtsverträgen verbieten wollte, da
+erwiderte der Preuße: »dann werden wir also einen unserer Ostseehäfen an
+Württemberg abtreten müssen, um die Gleichheit zwischen den Zollgenossen
+herzustellen!« Mit einem solchen Kollegen behaftet, konnte auch der
+bayrische Assessor Bever nichts fördern. Die hochstehenden preußischen
+Staatsmänner fanden es bald unerträglich, mit Subalternen zu verhandeln,
+die bei jeder Kleinigkeit daheim anfragten; und zu allem Unheil begann
+auch wieder der alte Streit der Berliner Departements: Kühne und Eichhorn,
+die doch beide das nämliche wollten, betrachteten einander mit
+gegenseitiger Eifersucht. Also gestalteten sich die Verhandlungen mit dem
+befreundeten Süden wider Erwarten zu einem unerquicklichen Zwist. Im Mai
+1832 brach man sie ab.
+
+Moritz Mohl schrieb nun eine ungeheure Denkschrift und bewies, daß der
+Zollverein mit Preußen den sicheren Untergang Württembergs herbeiführen
+müsse. Ein Menschenalter darauf hat Freiherr v. Varnbüler dies klassische
+Aktenstück der Vergessenheit entrissen, um der Welt den Weitblick des
+Volksmannes zu zeigen. König Wilhelm wünschte nach wie vor den Abschluß,
+selbst Wangenheim hatte einiges gelernt, mahnte aus der Ferne zur
+Verständigung. Doch die große Mehrheit im Lande widerstrebte. Die
+Fabrikanten, die bisher aus der Beherrschung des bayrischen Marktes großen
+Gewinn gezogen, fürchteten die Industrie des Niederrheins, die
+Bequemlichkeit des mächtigen Schreiberstandes zitterte vor der strengen
+preußischen Kontrolle, der gesinnungstüchtige Liberale schlug ein Kreuz
+vor dem Schreckbilde des norddeutschen Absolutismus. Mehr als ein halbes
+Jahr brauchten die süddeutschen Höfe, um sich einen neuen Entschluß zu
+bilden. Unterdessen trieb die Diplomatie Österreichs und der auswärtigen
+Mächte ihr verdecktes Spiel an den Höfen der Mittelstaaten. Eine Zeitlang
+stand die große Sache fast hoffnungslos. Baden tut wohl, alle
+Zollvereinsgedanken vorläufig aufzugeben — sagte der bayrische Minister
+Gise zu dem badischen Gesandten Fahnenberg —, Preußen stellt unerhörte
+Forderungen, verlangt von uns materielle Opfer und die Beschränkung der
+Souveränität, Kurhessen bereut schon den übereilten Anschluß! Zudem
+bestand wenig Freundschaft zwischen den Beamten der beiden Königreiche;
+ein Glück nur, daß Schmitz-Grollenburg, der württembergische Gesandte in
+München, das Vertrauen König Ludwigs besaß und die Fäden nicht gänzlich
+abreißen ließ.
+
+So verging das Jahr in leidiger Verstimmung. Da raffte sich endlich König
+Ludwig auf und ließ am Silvesterabend eine derbe Note an
+Schmitz-Grollenburg schreiben: Der Süddeutsche Verein sei tatsächlich
+aufgelöst, die Wiederaufnahme der preußischen Verhandlungen schlechthin
+unvermeidlich. Zugleich kam vom Berliner Hofe eine ernste Mahnung: wolle
+man zu Ende gelangen, so müsse statt unbrauchbarer Subalternen ein fähiger
+hochgestellter Staatsmann die Unterhandlungen in Berlin führen. Der Rat
+wirkte. Zu Ende Januars l833 wurde der bayrische Finanzminister v. Mieg
+als gemeinsamer Bevollmächtigter der beiden Kronen nach Berlin gesendet:
+ein Jugendfreund König Ludwigs …, ein trefflicher Beamter von großer
+Sachkenntnis und seltener Arbeitskraft, die der König nach seiner Weise
+bis auf den letzten Tropfen auspreßte — in der Handelspolitik sehr frei
+gesinnt, dabei gütig und liebenswürdig, hochgebildet, von feinen
+gewinnenden Formen. Er vermied über Stuttgart zu reisen, weil er der
+pedantischen Schwerfälligkeit der württembergischen Schreiber mißtraute,
+sprach aber unterwegs in Dresden ein, verständigte sich mit den
+sächsischen Finanzmännern und erschien am 6. Februar in der preußischen
+Hauptstadt. Eichhorn und Maaßen kamen ihm herzlich entgegen; es bewährte
+sich wieder … »Preußens seltenes Talent, fremde Staatsmänner in Berlin zu
+gewinnen«. Noch boten sich der Bedenken viele; allein da Preußen auf
+seinen erprobten Tarif, seine festbegründete Zollverwaltung verweisen
+konnte, so blieb nur übrig, die im Norden bestehende Ordnung mit einigen
+Änderungen anzunehmen. Preußen verzichtete auf jedes Präcipuum … Die
+Einnahmen wurden nach der Kopfzahl verteilt; nur für die
+Schiffahrtsabgaben auf der Oder und Weichsel, die ja gar nicht zur
+Zollgemeinschaft gehörten, bezog Preußen eine Bauschsumme. Auch der
+teuerste Herzenswunsch des bayrischen Großmachtsbewußtseins fand
+Erfüllung: jeder Staat erhielt das Recht, Handelsverträge zu schließen,
+lediglich die Verträge mit dem russischen Polen blieben dem preußischen
+Staate vorbehalten. Zum Entgelt für so große Zugeständnisse wagte Mieg, in
+einem Punkte seine Instruktionen zu überschreiten: er bewilligte, daß die
+preußische Zollverwaltung des rascheren Übergangs halber sofort im Süden
+provisorisch eingeführt würde, noch bevor die Zollgemeinschaft in Kraft
+trat.
+
+Am 4. März wurden die hessischen Bevollmächtigten zur ersten
+Plenarversammlung gerufen, am 22. kam der Vertrag zustande: die
+verbündeten Staaten, »in fortgesetzter Fürsorge für die Beförderung der
+Freiheit des Handels zwischen ihren Staaten und hierdurch zugleich in
+Deutschland überhaupt«, bilden einen »Gesamtverein«, der am 1. Januar 1834
+für acht Jahre ins Leben tritt. Das Grundgesetz entsprach im wesentlichen
+den hessischen Verträgen, nur daß die Selbständigkeit der Bundesgenossen
+erheblich verstärkt wurde. Für jede Änderung der Zollgesetze wurde
+Einstimmigkeit der Verbündeten gefordert. Das schlimmste Gebrechen des
+Vereins lag weniger in seinen Satzungen als in der Verschiebung der
+Machtverhältnisse. Durch den Zutritt mehrerer größerer Staaten mit
+gleichem Stimmrecht wurde die freie Tätigkeit der preußifchen
+Handelspolitik unvermeidlich erschwert. Die neuen Rechte dagegen, die man
+den Zutretenden einräumte, schienen bedenklicher als sie waren … Die
+Befugnis, Handelsverträge zu schließen, dies von Bayern mit so
+leidenschaftlichem Eifer erstrebte Kleinod, erwies sich als ein harmloses
+Spielzeug … Preußen allein galt im Auslande als Haupt und Vertreter des
+Zollvereins; daher sind alle irgend wichtigen Handelsverträge durch
+Preußen im Namen des Vereins abgeschlossen worden. Auch die Kontrolle ward
+ermäßigt, auf Bayerns Andringen. Die Verbündeten sendeten bloß
+Vereinsbevollmächtigte zu den Zolldirektionen, Kontrolleure zu den
+Hauptzollämtern der Genossen; eine gegenseitige Visitation des
+Grenzdienstes fand nicht mehr statt. Solche Formen verschlugen wenig; denn
+im Grunde war der Verein auch bisher nur durch wechselseitiges Vertrauen
+und die Macht der Interessen zusammengehalten worden. Die Bundesgenossen
+gelobten einander »unbeschränkte Offenheit« in der Zollverwaltung, und sie
+haben ihr Wort redlich gehalten …
+
+Da Bayern und Württemberg noch immer ihre törichte Sorge vor finanziellen
+Verlusten nicht aufgaben, so wurde in einem geheimen Artikel den
+Verbündeten das Recht vorbehalten, den Verein vor der Zeit zu kündigen,
+falls ihre Zolleinnahmen einen Ausfall von 10 Proz. des bisherigen
+Rohertrags aufwiesen. Maaßen unterschrieb getrosten Mutes; er wußte, daß
+der Vertrag ein Löwenvertrag war zugunsten des Südens, und der Erfolg
+sollte seine Erwartungen noch weit übertreffen. In den Jahren von 1834 bis
+1845 hat der Norden an Bayern 22,29 Millionen Taler, an Württemberg
+10,3 Millionen herausgezahlt, in dem Zeitraum von 1854–1865 empfing Bayern
+vom Norden 34 Millionen. Während der zwei ersten Jahrzehnte des
+Zollvereins haben bei der Abrechnung regelmäßig nur Preußen, Sachsen,
+Frankfurt und Braunschweig herausgezahlt; alle anderen Staaten gewannen.
+Allerdings geben jene großen Zahlen kein ganz zutreffendes Bild, da ein
+Teil der für das Binnenland bestimmten Einfuhr in den Häfen und
+Speditionsplätzen des Nordens verzollt wurde. Deutlicher erhellt der
+unverhältnismäßige Gewinn des Südens aus der Tatsache, daß die
+Verwaltungskosten in Bayern schon während des ersten Jahres von 44 auf 16,
+später auf nahezu 10 Proz. sanken, Bayerns Anteil an dem Kaffeezoll sofort
+auf das Dreifache, bis zum Jahre 1845 auf das Fünffache stieg.
+
+Um auch den leisesten Anschein preußischer Hegemonie zu vermeiden, wurde
+verabredet, daß die alljährlichen Konferenzen der
+Zollvereinsbevollmächtigten nicht mehr, wie im preußisch-hessischen
+Verein, regelmäßig zu Berlin sich versammeln sollten; sie wanderten
+fortan, nach dem Belieben der Verbündeten, von Ort zu Ort, der erste
+Zusammentritt fand in München statt. Streitigkeiten wollte man der
+Entscheidung eines Schiedsrichters unterwerfen, der durch einstimmigen
+Beschluß für jeden einzelnen Fall zu ernennen war. Doch ist ein solcher
+Schiedsspruch niemals angerufen worden — nicht weil die Eintracht
+ungetrübt bestanden hätte, sondern weil der Dünkel der Kleinstaaten den
+freiwilligen Ausgleich der schimpflichen Unterwerfung unter eine fremde
+Gewalt regelmäßig vorzog. Daß Bayern seine Biersteuer behielt, war
+unvermeidlich. Man begnügte sich daher, ein Maximum für die
+Konsumtionssteuern festzusetzen und die allmähliche Annäherung der
+Steuersysteme in Aussicht zu stellen. In einem so lockeren Bunde blieb das
+*liberum veto* [Einspruchsrecht] und das Kündigungsrecht für Preußen
+ebenso unentbehrlich wie für die Kleinstaaten, als ein letztes
+verzweifeltes Mittel, um dem schwerfälligen Körper einen Entschluß zu
+entreißen. Nur die Hoffnung auf einen hohen politischen Gewinn konnte den
+preußischen Hof zu so schweren Opfern, zu einer so weitgehenden Nachsicht
+für die Grillen und Eitelkeiten der Mittelstaaten bestimmen. Mit
+überlegener Geduld erwartete Eichhorn, daß aus den fast lächerlichen
+Formen dieses lockeren Vereins doch eine unlösbare Gemeinschaft der
+Interessen emporwachsen müsse.
+
+Mieg kehrte heim in der festen Erwartung, daß der so überaus vorteilhafte
+Vertrag ihm die Verzeihung für sein eigenmächtiges Vorgehen verbürge. Er
+täuschte sich schwer. König Ludwig konnte selbständigen Willen nicht
+ertragen, empfing den Freund mit bitteren Vorwürfen; daß die preußische
+Zollordnung sofort provisorisch eingeführt werden sollte, schien ihm eine
+Entwürdigung der bayrischen Krone. Der Minister wollte, tief verletzt,
+sein gegebenes Wort nicht zurücknehmen; er forderte und erhielt seine
+Entlassung … Nunmehr nahm der König die Akten an sich, und lange blieb das
+Schicksal des Vertrages zweifelhaft. Miegs Nachfolger, Lerchenfeld,
+erkannte zwar, nachdem er die Papiere eingesehen, die Notwendigkeit des
+Abschlusses, doch rückte er nicht recht mit der Sprache heraus. Fürst
+Öttingen-Wallerstein(117) vollends, der vielgewandte liberalisierende
+Minister, bewies in ausführlicher Denkschrift: kein Zollverein ohne
+Österreich, die preußische Hegemonie ist Bayerns Verderben. Der preußische
+Gesandte hielt schon alles für verloren und schrieb verzweifelnd: nur
+Eichhorn selber könne noch retten. Darauf eilte Eichhorn sofort nach
+München (Juli 1833), gewährte noch das letzte Zugeständnis, gab zu, daß
+kein Provisorium stattfinden solle, seine gewinnende Freundlichkeit
+brachte in wenigen Tagen alles ins reine. Jetzt brach des Königs gute
+Natur wieder durch; er wünschte sich Glück zu der Wiederkehr der
+friderizianischen Tage, ließ eine Denkmünze prägen auf das Gelingen seines
+eigensten Werkes und sagte zu dem Nassauer Röntgen: »Österreich ist ein
+abgeschlossener Staat, mit dem wir wohl Handelsverträge, doch keinen
+Zollverein schließen können; Preußen ist ein Blitz, der mitten durch
+Deutschland hindurchfährt.«
+
+Kaum war die Krone Bayern gewonnen, so begann der Kampf mit dem
+württembergischen Landtage. Die schwäbischen und badischen Liberalen
+hatten sich zu Anfang des Jahres in Pforzheim versammelt und dort
+beschlossen, dem vordringenden preußischen Absolutismus mannhaft zu
+widerstehen. Die Schutzzöllner beweinten den nahen Untergang der
+schwäbischen Industrie; die Partikularsten bewiesen, daß Württembergs
+Absatzwege nach Frankfurt und der Schweiz, nicht nach dem Norden führten;
+manche pessimistische Radikale gönnten dem verhaßten Ministerium nicht ein
+Verdienst, das der Regierung allein gebührte, sie wünschten noch weniger,
+daß ein wichtiger Grund der allgemeinen Unzufriedenheit beseitigt werde.
+Die gemütlichen Leute wollten die geforderten Opfer nur einem
+gesamtdeutschen Verein bringen. Selbst den gemäßigten Liberalen schien es
+hochbedenklich, einer absoluten Krone mittelbare Einwirkung auf den
+württembergischen Haushalt zu gestatten. Zudem wurden die Kammern nur zu
+einer Erklärung über den Vertrag, nicht zu förmlicher Genehmigung
+aufgefordert. Der Landtag empfand bitter seine Ohnmacht. König Wilhelm
+setzte seinen Stolz darein, das Werk hinauszuführen; kein Zweifel, er
+hätte auch ohne die Zustimmung der getreuen Stände den Vertrag vollzogen
+und also den leeren Schein der schwäbischen Verfassungsherrlichkeit vor
+aller Welt erwiesen. Darum wollte selbst Paul Pfizer, der Bewunderer
+Preußens, sich nicht zur Genehmigung entschließen; wenn er zustimmte, so
+verlor er jedes Ansehen unter den Parteigenossen, jede politische
+Wirksamkeit in seiner Heimat. In solchen tragischen Widerspruch war der
+süddeutsche Liberalismus geraten. Endlich, im November, genehmigte der
+Landtag den Vertrag nach harten Kämpfen. Nur einzelne waren überzeugt …,
+die Mehrzahl gab ihr Ja nur aus gedankenlosem Gehorsam; alle Führer der
+Liberalen, Pfizer, Uhland(118), Römer(119), stimmten dawider. Es war ein
+vollständiger Triumph des geschäftskundigen Beamtentums über den
+schwärmenden Liberalismus.
+
+Neue unerquickliche Händel folgten, da nun das preußische Zollwesen durch
+eine gemeinsame Vollziehungskommission im Süden eingeführt wurde. Wie oft
+mußte der preußische Kommissär L. Kühne von den gemütlichen bayrischen
+Beamten bittere Klagen hören über diese verwünschte Berliner Strammheit;
+er bestand darauf, daß in den Grenzbezirken, wo offenkundiger Schmuggel
+blühte, drei Monate lang eine strenge Binnenkontrolle gründlich aufräumte.
+Die unfreie soziale Gesetzgebung der Mittelstaaten fand so leicht nicht
+den Übergang zur preußischen Freiheit … Doch der wesentliche Inhalt des
+Vertrags wurde redlich ausgeführt. Seit in München ein neuer Zolldirektor,
+der verdiente Knorr, ernannt war, arbeitete die Zollverwaltung fest und
+pünktlich. Jeder neue Tag der Erfahrung warb dem Zollverein neue Anhänger
+im Süden; die besseren Köpfe des Liberalismus gestanden beschämt ihren
+Irrtum …
+
+
+
+c) _Anschluß von Sachsen und Thüringen._
+
+
+ _ Die Neujahrsnacht 1834. _
+
+
+Gleichzeitig mit Bayern und Württemberg unterhandelte Sachsen in Berlin.
+Es geschah, wie Motz vorhergesehen: keine der Zollvereinsverhandlungen hat
+den preußischen Staatsmännern schwerere Überwindung gekostet. Gewiß trat
+mit Sachsens Beitritt nur die Natur der Dinge in ihr Recht. Das Erzgebirge
+erhielt wieder ungehemmten Verkehr mit seiner alten Kornkammer, den
+Muldenniederungen in der Provinz Sachsen, Leipzig wieder freie Verfügung
+über seine wichtigsten Handelsstraßen; Macht und Bedeutung des Zollvereins
+stiegen erheblich, sobald eines der ersten Fabrikländer und der größte
+Meßplatz Europas hinzutrat. Gleichwohl war der unmittelbare Vorteil fast
+ausschließlich auf Sachsens Seite; in Preußen erhoben sich ernste
+staatswirtschaftliche und finanzielle Bedenken. Preußen gewann in Sachsen
+nur einen kleinen Markt, der überdies durch seinen eigenen Gewerbefleiß
+schon reichlich versorgt war. Da die Lebenshaltung und demnach der
+Arbeitslohn im Erzgebirge niedriger stand als in irgendeinem anderen
+Industriebezirke, so fürchteten die preußischen Fabriken, vornehmlich die
+Webereien und Druckereien in Schlesien und in der Provinz Sachsen, der
+sächsischen Konkurrenz zu erliegen. Von allen Seiten her wurde das
+Finanzministerium mit Warnungen bestürmt; am Niederrhein rief die erste
+Nachricht von dem Beginn der preußisch- sächsischen Verhandlungen weithin
+im Lande eine starke Aufregung hervor. Die Frage, wie ein großer Meßplatz
+einem Zollsystem sich einfügen lasse, galt noch allgemein als ein fast
+unlösbares Problem; sie war bei den Verhandlungen mit Bayern-Württemberg
+oft erörtert und endlich zur Seite geschoben worden, da man an der
+Verständigung verzweifelte.
+
+An der sächsisch-böhmischen Grenze hatte sich ein ungeheurer Schmuggel
+festgenistet; das Volk nahm den elenden Zustand hin wie eine
+Notwendigkeit, ja wie einen Segen. Selbst Lindenau wagte nach dem Abschluß
+des Zollvereins im Gespräch mit Blittersdorff nur die schüchtern
+zweifelnde Bemerkung: daß der Schmuggel im Erzgebirge jetzt aufhören wird,
+»ist wohl schwerlich ein Unglück«. Die hochherzige Gesinnung des neuen
+Mitregenten, des Prinzen Friedrich August, wurde in Berlin ebenso
+bereitwillig anerkannt, wie die Einsicht der trefflichen Männer, die er in
+sein Kabinett berufen. Doch ein volles Jahr verfloß, bis die Ordnung in
+dem aufgeregten Ländchen sich wieder befestigte; Maaßen fragte besorgt, ob
+eine Regierung, die den schwächlichen Aufläufen in Leipzig und Dresden so
+wenig nachhaltigen Widerstand entgegengestellt, auch den festen Mut
+besitzen werde, die Schmuggelnester im Gebirge auszuheben. Und lehrte denn
+nicht der Gang der Verhandlungen, daß die neue Regierung das alte
+kleinliche Mißtrauen gegen Preußen nicht gänzlich über Bord geworfen
+hatte? Man kam in Berlin nicht los von dem Argwohn, Sachsen würde einen
+Zollverein mit Österreich vorziehen, wenn nur die Hofburg mehr böte als
+leere Redensarten. Wenn König Friedrich Wilhelm keinen deutschen Staat
+locken und einladen wollte, so doch am allerwenigsten diesen sächsischen
+Hof, der als Stifter des Mitteldeutschen Vereins eine so bösartige
+Gehässigkeit zur Schau getragen hatte. Der preußische Konsul Baumgärtner
+empfing einen herben Verweis, als er zu Anfang 1830 eine Flugschrift über
+die Notwendigkeit eines sächsisch-preußischen Zollbundes schrieb und in
+Sachsen verbreitete.
+
+Bis zum Sturze des alten Systems erging sich die sächsische Regierung in
+Umwegen und Künsteleien, nach der alten Gewohnheit der Mittelstaaten. Sie
+fragte in Stuttgart und München an, ob Sachsen nicht dem Süddeutschen
+Verein beitreten könne. Ihr Berliner Geschäftsträger Könneritz richtete an
+Ancillon die Bitte: Preußen möge sofort seinen Tarif zu Sachsens Gunsten
+herabsetzen, da die Verhandlungen über den unmittelbaren Anschluß
+vorderhand noch ausgesetzt werden müßten. Maaßen aber antwortete
+(15. September 1830): »ohne vorhergegangene Vereinigung zu einem
+gegenseitig erleichterten Handelsverkehr« können wir bei der Ordnung
+unseres Tarifs auf dritte Staaten keine Rücksicht nehmen.
+
+Erst das Ministerium Lindenau fand den Mut einzugestehen, was sich mit
+Händen greifen ließ: daß Sachsens Gewerbefleiß ohne Preußens Freundschaft
+untergehen mußte; nahm doch die gesamte überseeische Ausfuhr des Landes
+ihren Weg durch Preußen, desgleichen fast die gesamte Einfuhr der rohen
+Baumwolle. Leider war nur ein Teil der Fabrikanten im Gebirge dem Anschluß
+günstig, das Landvolk und vornehmlich Leipzig wehklagten über das
+hereinbrechende Verderben. Also hat selbst der allzeit patriotische und
+einsichtige Handelsstand der wackeren Pleißestadt, ganz wie späterhin die
+Kaufmannschaft von Frankfurt, Bremen, Hamburg, die unliebsame Wahrheit
+erhärtet, daß der Interessent fast niemals sachverständig ist. Auch der
+große Kaufherr wird zum Krämer, sein Gesichtskreis verengt sich, sobald er
+seinen unmittelbaren Vorteil bedroht wähnt; stolz auf seine persönliche
+Kraft und Freiheit, empfindet er es als eine Anmaßung, eine Beleidigung,
+wenn die Männer des grünen Tisches ihm zumuten, seine altgewohnten
+Geschäftsformen zu ändern, und will nicht zugestehen, daß über große
+handelspolitische Fragen nicht die privatwirtschaftliche Anschauung des
+Kaufmanns, sondern das staatswirtschaftliche Urteil des Staatsmannes zu
+entscheiden hat. Trotz alledem entschloß sich die Regierung gegen
+Jahresschluß zu jener ersten Anfrage in Berlin. Das Ministerium des
+Auswärtigen antwortete (24. Januar 1831): Die Schwierigkeiten scheinen
+sehr groß, die Interessen überaus verschieden; »dennoch ist die Aufgabe so
+gemeinnützig und deutscher Regierungen, welche neben der Sorge für ihre
+Untertanen zugleich die Beförderung des Wohls von ganz Deutschland im Auge
+haben, so entschieden würdig«, daß wir den Versuch wagen wollen. Die
+oberdeutschen Könige, von allem unterrichtet, überließen die Verhandlungen
+vertrauensvoll dem preußischen Hofe; die Überlegenheit der sächsischen
+Industrie, meinte Armansperg zuversichtlich, ist in einem großen Verein
+wenig zu fürchten, auch die schwierige Grenzbewachung muß sich durchführen
+lassen, so man ernstlich will.
+
+Im März 1831 kam der sächsische Finanzminister v. Zeschau(120) nach Berlin
+— neben dem Bayern Mieg, dem Hessen Hofmann und dem Badener Boeckh(121)
+sicherlich der fähigste unter allen den Finanzmännern, mit denen Preußen
+zu verhandeln hatte — tätig und kenntnisreich, ein ritterlicher Charakter,
+schweigsam und bedächtig, noch von seiner preußischen Dienstzeit her mit
+L. Kühne wohl bekannt. Die in Dresden gewünschte Änderung des gesamten
+Tarifs gab er bald auf, gleichwohl ward er mit Maaßen nicht handelseinig.
+Erschreckt durch die Warnungen seiner Fabrikanten, wollte Preußen
+provisorische Schutzzölle zugunsten einiger Fabrikwaren einführen, damit
+die Industrie Zeit behielte, sich auf die Konkurrenz des Erzgebirges zu
+rüsten. Zugleich verlangte man Entschädigung für den drohenden starken
+Verlust an Durchfuhrzöllen. Kühne selbst fand diese Forderungen zu hart;
+aus dem Magdeburgischen gebürtig, betrachtete er die Kursachsen halb als
+seine Landsleute und hielt dem Minister vor: nach der Teilung Sachsens sei
+Preußen schon ehrenhalber verpflichtet, dem Nachbarlande Wohlwollen zu
+zeigen. Als Maaßen in diesen Fragen endlich nachgegeben hatte, erhob sich
+sofort ein neues Hemmnis: die Meßfrage. Frankfurt an der Oder hatte bisher
+für seine Messen einen Zollrabatt genossen, der erst vor kurzem auf
+20 Proz. herabgesetzt war; nun der Eintritt Leipzigs bevorstand, wollte
+Preußen seinen schwer bedrohten kleinen Meßplatz nicht ungünstiger stellen
+als bisher. Die Leipziger Kaufmannschaft dagegen sagte den unfehlbaren
+Verfall ihrer Messen voraus, falls Frankfurt irgendein Vorrecht behalte;
+und »keine Regierung, am wenigsten eine konstitutionelle — schrieb der
+sächsische Bevollmächtigte Wietersheim —, kann einer so ausdrücklichen
+Erklärung der Repräsentanten des gefährdeten Nationalinteresses
+entgegenhandeln«. Auch das Altenburgische Geheime Ministerium sendete ein
+dringendes Mahnungsschreiben nach Berlin — »ohne alle äußere
+Aufforderung«, wie man unschuldig beteuerte —, und schilderte in
+herzbrechenden Worten das furchtbare Schicksal, das dem unglücklichen
+Leipzig drohe.
+
+Da die Verhandlungen sich so ungünstig anließen, so wünschte der
+sächsische Hof, geängstigt durch die fortdauernde Gärung im Lande,
+mindestens einige Handelserleichterungen sofort zu erlangen, falls die
+vollständige Vereinigung nicht möglich sei. Der Prinz-Mitregent selber
+stellte diese Bitte in einem Handschreiben an den König von Preußen
+(11. April 1831). Er gab zu bedenken, daß mit dem gänzlichen Mißlingen
+dieser Verhandlungen »die Ausführung des großen und für die Sicherheit und
+Ruhe Deutschlands begründeten, von Ew. K. Majestät verfolgten Planes, die
+Interessen des Handels und Verkehrs in verschiedenen deutschen Staaten zu
+vereinigen und dadurch zugleich das politische Band zu befestigen,
+gefährdet werden oder mindestens Aufschub erleiden würde. Auch mag ich mir
+selbst nicht verschweigen, daß eine erfolglose Verhandlung in der
+gegenwärtigen Zeit auch hier nicht ohne einen sehr ungünstigen Eindruck
+bleiben würde«. Ein solcher Mittelweg schien aber den besten Köpfen der
+preußischen Regierung kleinlich und nutzlos. Eichhorn bewies in einem
+ausführlichen Gutachten: sofortige Handelserleichterungen würden, nach der
+Lage der Dinge, nur dem preußischen Staate einseitige Opfer auferlegen;
+wolle Sachsen dagegen zu Preußen in ein ähnliches Verhältnis treten, wie
+bisher Bayern und Württemberg, so sei dazu eine vollständige Neugestaltung
+seines Zollsystems erforderlich; warum also nicht sogleich das höchste
+Ziel, den Zollverein, ins Auge fassen? … Die letzten mündlichen
+Verhandlungen erfolgten im Juli, bald nachher stockte auch der
+schriftliche Verkehr. Die deutschen Kabinette begannen zu fürchten, daß
+Sachsen den Plan aufgegeben habe; der Dresdner Hof sah sich um die Wende
+des Jahres genötigt, in einer langen Denkschrift seine Handelspolitik vor
+den oberdeutschen Königen zu verteidigen.
+
+Erst als Bayern und Württemberg ihre Zollvereinsverhandlungen in Berlin
+eröffneten, faßte man sich in Dresden wieder ein Herz. Im März 1832
+erschien Zeschau zum zweitenmal in Berlin. Abermals kam man einen Schritt
+weit vorwärts; Sachsen erklärte sich bereit, das preußische System der
+indirekten Steuern anzunehmen. Doch über die Messen konnte man sich wieder
+nicht verständigen. Nun wirkte auch die Staatsweisheit Moritz Mohls
+lähmend auf Sachsen zurück; ohne die süddeutschen Höfe, die jetzt ihre
+Verhandlungen abbrachen, wollte das Dresdner Kabinett, wie begreiflich,
+nicht beitreten. Im Mai wurde die letzte Beratung gehalten; der Sommer
+verlief in peinlicher Verlegenheit …
+
+Inzwischen beging der sächsische Hof einen schweren politischen Fehler,
+der den schlimmsten Verdacht zu rechtfertigen schien. Hannover hatte am
+Bundestage wieder einmal die Ausführung des Artikels 19 beantragt — in der
+unverhohlenen Absicht, den Gang der preußischen Handelspolitik zu stören.
+Ohne jede Rücksprache mit Preußen, ohne auch nur den Bericht der
+Bundestagskommission abzuwarten, stimmte Sachsen als die erste deutsche
+Regierung dem törichten Antrage zu und erklärte: Höchster Zweck des Bundes
+in Zollsachen ist, dasjenige durch gemeinschaftliche Gesetze zu erreichen,
+was durch Einzelverhandlungen nur schwer zu erreichen ist; sollen in
+Deutschland überhaupt Durchfuhrzölle bestehen, so doch jedenfalls ein
+anderes System als das preußische! — Die Finanzpartei in Berlin klagte
+laut über die offenbare Zweizüngigkeit. Geh. Rat Michaelis fragte in einer
+scharfen Denkschrift: soll diese Sprache des sächsischen
+Bundestagsgesandten etwa die öffentliche Meinung in Sachsen für den
+preußischen Zollverein gewinnen? — Wen konnten auch die nichtigen
+Entschuldigungen überzeugen, die der sächsische Minister Minckwitz seinem
+Berliner Gesandten Watzdorf schrieb (29. November 1832)? Der harmlose Mann
+beteuerte, die Vorgänge in Frankfurt sollten den Berliner Verhandlungen
+»keinen Eintrag tun«! Eichhorn aber, als ein gewiegter Kenner des
+Charakters der kleinen Höfe, mahnte seine erzürnten Amtsgenossen zur
+Geduld: gönnen wir doch den Herren in der Eschenheimer Gasse ihre
+unschuldigen Stilübungen; der Dresdner Hof meint es ehrlich, wenngleich er
+zuweilen einem Anfall von Schwäche unterliegt; noch eine kurze Frist, und
+er kommt wieder zu uns.
+
+Und so geschah es. Im Januar 1833 besprach sich Mieg in Dresden mit
+Zeschau, und als darauf die Berliner Verhandlungen mit Bayern so glücklich
+vorangingen, kam der sächsische Finanzminister (24. März) zum drittenmal
+in die preußische Hauptstadt. Nach kaum acht Tagen (30. März 1833)
+schlossen Eichhorn, Maaßen, Zeschau und Watzdorf den Zollvereinsvertrag,
+der wörtlich mit dem soeben beendigten bayrischen übereinstimmte. Einige
+Separatartikel ordneten den Zustand der Messen. Der Frankfurter Zollrabatt
+blieb etwas ermäßigt bestehen, doch durfte Sachsen seinem Leipzig ähnliche
+Vergünstigungen zuwenden. Der Meßhandel erhielt eine große Erleichterung
+durch die Einrichtung der Meßkontierung; für Leipziger Großhandlungen von
+gutem Rufe wurde sogar ein über die Meßzeiten hinaus fortdauerndes
+Steuerkonto zum Abschreiben eröffnet — eine wichtige Vergünstigung, die
+noch manchen Mißbrauch veranlassen sollte. Auch die Herabsetzung einiger
+Zollsätze, namentlich für Woll- und Baumwollwaren, wurde vereinbart.
+Preußen verpflichtete sich, die Ermäßigung der Elbschiffahrtsabgaben,
+welche Anhalt dem preußischen Elbhandel zugestanden hatte, auch dem
+sächsischen Verkehre zuzuwenden; der gute Vorsatz scheiterte freilich an
+Anhalts Kleinsinn.
+
+Nicht ohne Zagen unterschrieb Maaßen den Vertrag, der den preußischen
+Markt den Fabriken des Erzgebirges eröffnete; von allen seinen Räten
+stimmte ihm nur Kühne unbedingt zu. »Das ist ein schwerer Vertrag — sagte
+er zu Kühne … —, es hätte ihn nicht jeder unterzeichnet.« Die Besorgnis
+des Staatswirts hatte zurücktreten müssen vor den Hoffnungen der
+Politiker. Sachsen stand gerade in den Flitterwochen seines
+konstitutionellen Lebens; der Eintritt dieses Staates mußte die
+öffentliche Meinung günstig stimmen. Leider verging wieder eine geraume
+Frist, bis die deutsche Welt mit der vollendeten Tatsache sich versöhnte.
+Die preußischen Fabrikanten lärmten, die gute Stadt Leipzig überließ sich
+einer maßlosen Verzweiflung. Eine Petition, die der k. k. Konsul Bercks
+geschäftig umhertrug, warnte die Regierung; die Stadtverordneten richteten
+eine dringende Vorstellung nach Dresden. An Zeschaus Wohnung fand sich
+eines Morgens ein Anschlag: »Allhier wird von einem Parvenu, einem
+preußischen Landrat, so sächsischer Finanzminister geworden ist, das Land
+für Geld und Orden an Preußen verkauft.« Der Taumel ergriff jeden Stand
+und jedes Alter. Die Leipziger Schulbuben kauften sich englische
+Farbkästen auf Vorrat, weil sie mit frühreifer handelspolitischer Vorsicht
+befürchteten, das gewohnte Spielzeug werde nunmehr für bürgerliche
+Geldbeutel unerschwinglich werden. Ein Jahr darauf schon begann für die
+Pleißestadt eine neue Epoche glänzender Handelsblüte; das kleine Frankfurt
+wurde durch den überlegenen Nebenbuhler ganz zurückgedrängt, die mächtigen
+Leipziger Firmen lernten bald, den Frankfurter Meßrabatt für sich selber
+zu benutzen. Auch die Klagen der preußischen Fabrikanten verstummten, und
+niemand wollte die warnenden Petitionen unterschrieben haben. Zeschau
+selbst, der Wohltäter Leipzigs, hat freilich von den stolzen Kaufherren
+der Meßstadt niemals irgendeine Genugtuung für so viele Schmähungen
+erhalten.
+
+Während diese verwickelte zweifache Verhandlung in wiederholten Ansätzen
+erledigt wurde, hatte Eichhorns unverwüstliche Geduld zugleich ein drittes
+schwieriges Geschäft zu führen: die Unterhandlungen mit den thüringischen
+Staaten. In Thüringen wie in Sachsen und Kurhessen wurde die beginnende
+Bekehrung gefördert durch den unruhigen Sommer von 1830, durch die Angst
+vor den murrenden Massen. Hier wie in Sachsen hoffte man anfangs, sogleich
+einseitige Handelserleichterungen von Preußen zu erlangen. Der weimarische
+Minister Gersdorff kam im Januar 1831 zugleich mit Lindenau nach Berlin,
+überbrachte ein Handschreiben seines Großherzogs, das um solche
+Vergünstigung bat: »dies würde in einer Periode mannigfacher Aufregungen
+Übelgesinnten einen Vorwand zu schlechten Einwirkungen entnehmen.« Auf
+wiederholte ähnliche Anfragen kleiner thüringischer Höfe antwortete das
+Berliner Kabinett (5. Juli 1831): man sei bereit, über einen Zollverein zu
+verhandeln, doch nur mit allen thüringischen Staaten gemeinsam, und nur
+wenn diese Höfe sich nicht mehr gebunden glaubten an den mitteldeutschen
+Verein. Erst als Kurhessen zu dem preußischen Vereine übergetreten war,
+erklärten die ernestinischen Höfe: der Mitteldeutsche Verein sei
+tatsächlich aufgelöst.
+
+General Lestocq, der vielgeplagte Gesandte, den die thüringischen und
+einige andere kleine Dynasten in Berlin auf gemeinsame Kosten ernährten,
+überreichte am 15. Januar 1832 eine Verbalnote: Preußen möge die
+Initiative ergreifen, ältere bindende Verpflichtungen beständen nicht
+mehr. Weimar drängte am eifrigsten; das Großherzogtum besaß an Gersdorff
+und O. Thon zwei treffliche Verwaltungsbeamte, die wohl einsahen, wo der
+Grund der ewigen Finanznot lag. Spröder verhielt sich Gotha, da hier der
+hergebrachte Schmuggel allgemein als ein Nationalglück betrachtet wurde.
+Maaßen und Eichhorn entwickelten nun ausführlicher den einfachen Gedanken,
+den sie so oft schon ausgesprochen hatten: die verzettelten thüringischen
+Gebiete sollen zunächst unter sich einen Verein mit gemeinsamer
+Zollverwaltung bilden und dann erst als eine geschlossene Einheit in den
+großen Zollverein treten; Preußen will die Kreise Erfurt, Suhl und
+Ziegenrück diesem thüringischen Vereine zuteilen, wird auch dafür sorgen,
+daß Kurhessen sein Schmalkaldener Land hinzugefügt. Zu förmlichen
+Verhandlungen kam es auch jetzt noch nicht; denn Eichhorn hoffte, vorher
+mit Bayern und Württemberg abzuschließen. Diese beiden Höfe fühlten sich
+schon beunruhigt durch die Anfragen der Ernestiner; sie meinten: schließe
+Thüringen früher ab, so sei der Süden auf Gnade und Ungnade dem Belieben
+Preußens überliefert. Darum richteten sie sogar eine Verwahrung an den
+Berliner Hof (15. November 1832): ohne die vorhergehende Zustimmung
+Bayerns und Württembergs dürfe Preußen die Thüringer nicht aufnehmen. Der
+Dresdener Hof, der sich noch immer als das geborene Oberhaupt der
+Ernestiner fühlte, verlangte zu allen Verhandlungen mit seinen
+Stammesvettern zugezogen zu werden. Preußen erwiderte: wir werden Sachsens
+Interessen sorgsam wahren, doch der Zutritt eines sächsischen
+Bevollmächtigten kann die Verhandlungen nur erschweren. Immerhin haben
+diese Bedenken der drei kleinen Königskronen den Beginn der
+Unterhandlungen verzögert.
+
+Erst im Dezember 1832 begannen die Konferenzen mit den Thüringern. Die
+preußischen Staatsmänner schlugen vor, eine Zentralbehörde für das
+thüringische Zollwesen zu bilden. Große Bestürzung; keiner der Kleinen
+wollte eine solche Beschränkung seiner Souveränität zugeben. Da meinten
+die Preußen begütigend: es werde genügen, einen Generalinspektor
+einzusetzen; der müsse freilich in Erfurt wohnen, als dem Mittelpunkte des
+Landes, doch solle er nicht von Preußen, sondern von der thüringischen
+Hauptmacht Weimar ernannt werden. Hiermit schien jeder Widerspruch
+entwaffnet. Wenn Preußen sein Zollwesen einem weimarischen Beamten
+unterstellte, so durfte auch der Reußenstolz und der Gothaerdünkel nicht
+klagen. Gleichwohl erhoben Altenburg und Meiningen neue Bedenken; sie
+konnten sich nicht in den Gedanken finden, daß ihre Verwaltung fremder
+Aufsicht unterliegen solle. Schon war man nahe daran, ohne Meiningen
+abzuschließen. Da drohte Kühne: wenn man die preußischen Beamten als
+Spione betrachte, dann müsse Preußen sein gefürchtetes Enklavensystem
+gegen die kleinen Nachbarn anwenden. Das schlug durch. Am 10. Mai 1833
+wurde der »Zoll- und Handelsverein der thüringischen Staaten« gebildet, am
+folgenden Tage erklärte der neue Verein, der das gesamte System der
+preußischen indirekten Steuern annahm, seinen Zutritt zu dem Deutschen
+Zollvereine. Ein weimarischer Generalbevollmächtigter vertrat die
+Thüringer auf den Konferenzen des Zollvereins, gab in Tarifsachen nur eine
+Gesamtstimme ab; in einigen anderen Fällen sollte er die Meinung jedes
+einzelnen thüringischen Staates gesondert vortragen. Dieser Bund im Bunde,
+welchen Preußens Staatsmänner seit dem Jahre 1819 erstrebt hatten, erwies
+sich als so einfach und naturgemäß, daß niemals, auch nicht in den
+schwersten Krisen des Zollvereins, an die Auflösung des thüringischen
+Vereins gedacht worden ist. —
+
+Also war des großen Werkes schwerster Teil gelungen. Ein unerhörter
+Ordenssegen belohnte die treue Arbeit des Beamtentums; die Jahrgänge der
+deutschen Gesetzsammlungen schwollen zu unförmlichen Bänden an, von allen
+den neuen Verträgen und Gesetzen. Dann kam jene folgenschwere
+Neujahrsnacht des Jahres 1834, die auch den Massen das Nahen einer
+besseren Zeit verkündete. Auf allen Landstraßen Mitteldeutschlands harrten
+die Frachtwagen hochbeladen in langen Zügen vor den Mauthäusern, umringt
+von fröhlich lärmenden Volkshaufen. Mit dem letzten Glockenschlage des
+alten Jahres hoben sich die Schlagbäume; die Rosse zogen an, unter
+Jubelruf und Peitschenknall ging es vorwärts durch das befreite Land. Ein
+neues Glied, fest und unscheinbar, war eingefügt in die lange Kette der
+Zeiten, die den Markgrafenstaat der Hohenzollern hinaufgeführt hat zur
+kaiserlichen Krone. Das Adlerauge des großen Königs blickte aus den
+Wolken, und aus weiter Ferne erklang schon der Schlachtendonner von
+Königgrätz. Glücklicher als sein leidenschaftlicher Freund hat Maaßen die
+Stunde der Genugtuung noch genossen. Er starb am 4. November 1834. Einen
+ebenbürtigen Nachfolger fand er nicht; nur in Eichhorn und den Geheimen
+Räten des Finanzministeriums lebten die Überlieferungen von 1818 fort.
+
+Der erweiterte Handelsbund nahm jetzt den Namen des _Deutschen
+Zollvereins_ an.(122) Aus dem dunstigen Nebel des Deutschen Bundes traten
+schon erkennbar die Umrisse jenes Kleindeutschlands hervor, das dereinst
+den Ruhm und die Macht des Heiligen Römischen Reiches überbieten sollte.
+
+
+
+d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._
+
+
+Die politischen Wirkungen des Zollvereins sind dank der unvergleichlichen
+Schwerfälligkeit des deutschen Staatslebens nicht so rasch und nicht so
+unmittelbar eingetreten, als manche kühne Köpfe meinten. Schon zu Anfang
+der dreißiger Jahre hoffte Hansemann(123), ein Parlament des Zollvereins
+und daraus vielleicht einen Deutschen Reichstag erstehen zu sehen, und wie
+viele andere wohlmeinende Patrioten haben nicht ähnliche Erwartungen an
+den deutschen »Zollstaat« geknüpft. Aber der Handelsbund war kein Staat,
+er bot keinen Ersatz für die mangelnde politische Einheit und konnte noch
+durch Jahrzehnte fortdauern, ohne die Lüge der Bundesverfassung zu
+zerstören. Als Minister du Thil im Jahre 1827 seinem Großherzog den Rat
+gab, jenen entscheidenden Schritt in Berlin zu wagen, da sprach er offen
+aus: Wir dürfen uns darüber nicht täuschen; indem wir den Handelsbund
+schließen, verzichten wir auf die Selbständigkeit unserer auswärtigen
+Politik; bricht ein Krieg aus zwischen Österreich und Preußen, so ist
+Hessen an die preußischen Fahnen gebunden. Desgleichen Dahlmann(124), der
+nach seiner großen und tiefen Art den Zollverein sofort als das einzige
+deutsche Gelingen seit den Befreiungskriegen begrüßte, erklärte
+zuversichtlich, der Handelsbund stelle uns sicher vor der Wiederkehr
+bürgerlicher Kriege. Auch diese Weissagungen sind nicht buchstäblich
+eingetroffen. Der Zollverein hat die oberdeutschen Staaten nicht
+verhindert, die Waffen zu ergreifen gegen Preußen. Und dennoch sollte
+gerade das Jahr 1866 die gewaltige Lebenskraft dieses handelspolitischen
+Bundes erproben. Der rasche Siegeszug der preußischen Fahnen überhob
+Preußen der Mühe, seine wuchtigste Waffe zu schwingen, durch die Aufhebung
+der Zollgemeinschaft die oberdeutschen Höfe sofort zu bekehren.
+
+Das Bewußtsein, daß man zueinander gehöre, daß man sich nicht mehr trennen
+könne von dem großen Vaterlande, war durch die kleinen Erfahrungen jedes
+Tages in alle Lebensgewohnheiten der Nation eingedrungen, und in dieser
+mittelbaren politischen Wirkung liegt der historische Sinn des Zollvereins
+… es ging doch zu Ende mit dem Philistertum der alten Zeit, das an die
+Herrlichkeit der Kleinstaaten kindlich glaubte. Der Geschäftsmann folgte
+mit seinen Gedanken den Warenballen, die er frei durch die deutschen
+Länder sandte, er gewöhnte sich, wie schon längst der Gelehrte, über die
+Grenzen des heimischen Kleinstaates hinauszublicken; sein Auge, vertraut
+mit großen Verhältnissen, sah mit ironischer Gleichgültigkeit auf die
+Kleinheit des engeren Vaterlandes. Der Gedanke selbst, daß die alten
+trennenden Schranken jemals wiederkehren könnten, wurde dem Volke fremd;
+wer einmal in dem Handelsbund stand, gehörte ihm für immer. Eine
+unerbittliche Notwendigkeit stellte nach jeder Krisis die alten Grenzen
+des Zollvereins wieder her; kalte politische Köpfe konnten mit
+mathematischer Sicherheit den Verlauf des Streites im voraus berechnen …
+Der preußische Staat erfüllte, indem er Deutschlands Handelspolitik
+leitete, einen Teil der Pflichten, welche dem Deutschen Bunde oblagen, wie
+er zugleich allein durch sein Heer die Grenzen des Vaterlands sicherte. So
+ist er durch redlichen Fleiß langsam emporgewachsen zur führenden Macht
+des Vaterlandes, und nur weil die europäische Welt es nicht der Mühe wert
+hielt, das Heerwesen und die Handelspolitik Preußens ernstlich kennen zu
+lernen, bemerkte sie nicht das stille Erstarken der Mitte des Festlandes.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. IV, 350ff.
+
+ ------------------
+
+ 108 Joh. Friedr. Böhmer, geb. 22. April 1795, gest. 22. Oktober 1863,
+ hervorragender Forscher, vornehmlich auf dem Gebiete der Geschichte
+ des deutschen Mittelalters.
+
+ 109 Eduard v. Schenk, geb. 10. Oktober 1788, gest. 26. April 1841. Als
+ Protestant geboren, trat er 1817 zur katholischen Kirche über und
+ wurde 1828 Minister der geistl. Angelegenheiten.
+
+ 110 Joh. Nepomuk Ringseis, geb. 16. Mai 1785, gest. 22. Mai 1880, Arzt
+ von Beruf.
+
+ 111 François Gabriel Graf v. Bray, geb. 1765, gest. 1832.
+
+ 112 Karl Philipp Fürst Wrede, geb. 29. April 1767, gest. 12. Dezember
+ 1838.
+
+ 113 Georg Ludwig Winter, geb. 18. Jan. 1778, gest. 17. März 1838, seit
+ 1830 Leiter des Ministeriums des Innern in Baden.
+
+ 114 Karl Theodor Welcker, geb. 29. März 1790, gest. 10. März 1869,
+ Professor der Rechte in Kiel, Heidelberg, Bonn, Freiburg i. Br.,
+ Mitglied der badischen Kammer und einer von den Führern des
+ süddeutschen Liberalismus.
+
+ 115 Karl v. Rotteck, geb. 18. Juli 1775, gest. 26. November 1840,
+ Professor der Geschichte und der Staatswissenschaften an der
+ Universität Freiburg i. Br., von 1831 an Mitglied der 2. badischen
+ Kammer, in der er als gewandter Redner die Gedanken des Liberalismus
+ vertrat.
+
+ 116 Moritz Mohl, geb. 1802, gest. 18. Februar 1888, damals als Assessor
+ bei der Finanzkammer in Reutlingen, seit 1841 Obersteuerrat, 1848
+ Mitglied des Parlaments sowie der Nationalversammlung, seitdem
+ Führer der großdeutschen Partei in der württembergischen Kammer.
+
+ 117 Ludwig Kraft Ernst Fürst zu Öttingen-Wallerstein, geb. 31. Januar
+ 1791, gest. 22. Juni 1870, von 1831 bis 1838 bayrischer Minister des
+ Innern.
+
+ 118 Der Dichter Ludwig Uhland, geb. 26. April 1787, gest. 13. November
+ 1862.
+
+ 119 Friedrich v. Römer, geb. 4. Juni 1794, gest. 11. März 1864, Mitglied
+ der liberalen Opposition in der württembergischen Kammer, deren
+ Präsident er in späteren Jahren war.
+
+ 120 Heinrich Anton v. Zeschau, geb. 4. Februar 1789, gest. 17. März
+ 1870, seit 1822 in sächsischen Diensten, von 1831–1848
+ Finanzminister bzw. Minister des Auswärtigen, von 1851–1869 Minister
+ des Königl. Hauses.
+
+ 121 Christian Friedrich v. Boeckh, geb. 13. August 1777, gest.
+ 21. Dezember 1855, von 1828 bis 1844 badischer Finanzminister.
+
+ 122 Von den noch außerhalb des Zollvereins stehenden Staaten bildeten
+ Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe durch die
+ Verträge vom 1. Mai 1834 und 7. Mai 1836 einen _Steuerverein_, dem
+ auch einige preußische und kurhessische Gebietsteile angeschlossen
+ wurden; Baden, Nassau und Hessen-Homburg traten am 1. Januar 1836,
+ Frankfurt a. M. am 2. Januar 1836 in den Zollverein ein; am
+ 1. Januar 1842 auch Braunschweig und Lippe, am 1. April 1842
+ Luxemburg. Durch Vertrag vom 1. September 1851 kam auch mit dem
+ Steuerverein eine Einigung zustande, die am 1. Januar 1854 den
+ Eintritt desselben in den Zollverein zur Folge hatte.
+
+ 123 David Hansemann, geb. 12. Juli 1790, gest. 4. August 1864,
+ preußischer Staatsmann und publizistischer Schriftsteller, 1848
+ kurze Zeit Finanzminister, nachher bis 1851 Chef der Preußischen
+ Bank.
+
+ 124 Friedrich Christoph Dahlmann, geb. 13. Mai 1785, gest. 5. Dezember
+ 1860, Geschichtsforscher und Politiker.
+
+
+
+
+Register.
+
+
+Addington, englischer Gesandter am Bundestag; 136.
+Akzisewesen, preußisches; 5.
+Alexander I., Zar; 6.
+Alexius Friedrich Christian, Herzog von Anhalt-Bernburg; 62.
+Altenstein, Karl, Freiherr v. Stein zum; 34. 85.
+Alternat, Streit über das A.; 159.
+Altpreußen, Notstand in A.; 82 f.
+Ancillon, Johann Peter Friedrich; 196.
+Anhalt im Kampf gegen das preußische Zollgesetz; 37. 43. 57 ff. 63. 90 ff.
+Anhalt-Bernburg; 43. 62.
+Anhalt-Dessau; 62.
+ — Beitritt von Anhalt-Dessau und Anhalt-Köthen zum Zollverein; 92.
+Anhalt-Köthen; 44. 48 ff. 59 ff. 63.
+v. Anstett, russischer Gesandter am Bundestag; 161.
+Anton, König von Sachsen; 131. 177. 179.
+Anton Günther, Fürst von Schwarzburg-Sondershausen; 41. 42. 43. 44. 150.
+Aretin, Adam Freiherr v.; 72. 73. 74. 75.
+Armansperg, Joh. Ludw., Graf v.; 120. 152. 153. 154. 159. 174. 181. 197.
+Arnoldi, E. W.; 22. 23. 69.
+Arnstadter Beratung der thüringischen Staaten; 70.
+Auguste, Tochter des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen, Kurfürstin
+ von Hessen; 128. 129. 130.
+Baader, Joseph (Franz); 121.
+Baring; 11.
+Baumgärtner, preußischer Konsul; 196.
+Bayer, Fabrikant; 106.
+Bayrisches Zollgesetz vom 22. Juli 1819; 46 f.
+ — Bayrisch-Württembergischer Zollverein 113 f. 151. 181.
+Beguelin, Geheimrat; 8.
+Bernstorff, Christ. Günther, Graf v.; 33. 38. 45. 46. 52. 53. 54. 55. 56.
+ 57. 60. 64. 67. 90. 94. 107. 125. 140. 146. 147. 150. 168.
+ 179. 181. 184.
+Benzenberg, Joh. Friedr.; 21.
+Bercks, österreichischer Konsul in Leipzig; 201.
+Beroldingen, württembergischer Minister; 123.
+Berstett, Wilh. Ludw. Leop. Reinh., Freiherr v., badischer Minister; 28.
+ 29. 47. 53. 56. 57. 69. 70. 72. 75. 76. 100. 101. 102. 103.
+ 105. 138. 140.
+Bever, Assessor; 188.
+Biersack, Finanzrat; 111.
+Blomberg, Freiherr v.; 155.
+Blum, Robert; 24.
+Bignon, Louis Pierre, Baron; 66.
+Blücher, G. v.; 35.
+Blittersdorf, Friedr. Landolin, Freiherr v.; 66. 99. 117. 121. 123. 146.
+ 162. 173. 195.
+Boeckh, badischer Minister; 181.
+Böhmer, Joh. Friedr.; 176.
+Bombelles, Ludw. Phil., Graf. v.; 50.
+Braun, Kammerrat; 132.
+Bray, François Gabriel, Graf v., bayrischer Gesandter in Wien; 180.
+Brünneck, Oberst; 82.
+Buchholz, Publizist; 149.
+Buhl, Fabrikant; 184.
+Bülow, Heinrich v.; 90. 95. 124. 137. 149. 167.
+Bundesakte, Artikel; 19. 23. 25. 27. 28. 35. 38. 46. 53. 54. 99. 139. 140.
+ 142. 146. 147. 199.
+Buol, Joh. Rud., Freiherr v.; 55.
+Burke, Edmund; 11.
+Büsch, Joh. G.; 22.
+Camuzzi, Geheimrat; 121.
+Canning, Georg, engl. Minister.
+ Ministerium; C. 10.
+ Anm. 80.
+Carlowitz, Christoph Anton Ferd. v.; 132. 133. 138.
+Carlowitz, Hans Georg v.; 131. 133. 137. 167.
+Clarence, Herzogin von; 165.
+Conta; 167.
+Cotta, Joh. Friedr., Freiherr C. v. Cottendorf; 153. 154. 155. 159. 160.
+ 161.
+Cromwell, Oliver; 11.
+Czartoriski, Fürst; 6.
+Dahlmann, Friedr. Christoph; 205.
+Dalberg, Emmerich Joseph, Herzog von; 122.
+Darmstädter Zollkonferenzen; 68ff. 98. 100. 101.
+Deutscher Zollverein; 172 ff. 203. 204.
+Du Bos du Thil, Karl Wilh. Heinr. Freiherr v. († 1859)
+ hessen-darmstädtischer Minister; 56. 72. 73. 74. 77. 98. 100.
+ 101. 105. 106. 107. 108. 123. 126. 127. 144. 205.
+Eichhof, österreichischer Hofrat; 161.
+Eichhorn, Joh. Albr. Friedr.; 14. 16. 31. 32. 33 ff. 37. 38. 40. 42. 62.
+ 67. 78. 90. 92. 107. 108. 110. 112. 114. 118. 120. 124. 127.
+ 148. 155. 164. 167. 170. 174. 187. 188. 189. 192. 198. 200.
+ 201. 202. 204.
+Eimbecker Vertrag (27. März 1830) 170 f. 173 f. 177.
+Einsiedel, Detlev, Graf v.; 131. 140.
+Elbschiffahrt, Freiheit der E.; 49. 54. 57.
+Elbschiffahrtsakte (23. Juli 1821); 60. 62. 90.
+Elbuferstaaten, Konferenz der E. in Dresden; 54. 58. 59.
+Elsflether Zoll; 58.
+Emil, Prinz von Hessen; 110. 112. 122.
+Englische Handelskrisis; 81.
+Enklavensystem, preußisches; 37 f. 40. 41. 43. 53. 59. 62. 88.
+Ernst I., Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha; 47. 69. 132. 133. 150. 162.
+ 163.
+Erskine, Lord; 161.
+Eschenheimer Gasse (d. i. Bundestag); 72. 91. 126. 134. 200.
+Fahnenberg, badischer Gesandter in München; 123. 189.
+Fenelon, Graf, französischer Gesandter am Nassauer Hof; 165.
+Ferber, Geheimrat; 7.
+Ferdinand, Herzog von Anhalt- Köthen; 44. 48. 49. 53. 54. 55. 57. 59. 60.
+ 61. 62. 64. 66. 88. 89. 90. 92.
+Fitzgerald, englischer Minister; 137.
+Frank, Pfarrer; 106.
+Franz II., Kaiser von Österreich; 50. 52. 55.
+Freihandel, Preußen als Vorkämpfer des Freihandelsgedankens; 11.
+Friedheim, Kaufmann; 61. 62.
+Friedrich August, Mitregent von Sachsen; 195. 198.
+Friedrich der Große; 34. 45. 148. 157. 160. 204.
+Friedrich Wilhelm I.; 45.
+Friedrich Wilhelm III.; 5. 6. 7. 8. 12. 17. 18. 19. 20. 36. 37. 38. 40.
+ 41. 43. 44 f. 48. 49. 57. 61. 62. 66. 67. 77. 78. 80. 82. 83.
+ 84. 86. 87. 88. 89. 90. 91. 107. 109. 110. 112. 113. 115. 119.
+ 125. 129. 130. 132. 138. 148. 150. 154. 156. 160. 165. 172.
+ 177. 179. 181. 195. 198.
+Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preußen; 154.
+Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Hessen; 175.
+Friedrich Günther, Fürst von Schwarzburg-Rudolfstadt; 88.
+Fritsch, Karl W., Freiherr v., Minister; 47. 53. 178.
+Gagern, Hans Christoph Ernst, Freiherr v.; 141. 144.
+Geldausfuhr. Aufhebung des Verbots der G. in Preußen; 6.
+Generalkontrolle. Aufhebung der G. in Preußen; 84 f.
+Georg, Großherzog von Strelitz; 91.
+Gersdorff, v., sächsisch- weimarischer Minister; 201. 202.
+Gesetz vom 26. Mai 1818; 8 ff. 30. 38. 40.
+Gesetz vom 8. Februar 1819 über die Besteuerung des Konsums inländischer
+ Erzeugnisse; 12.
+Gise, bayrischer Minister; 189.
+Goltz, Aug. Friedr. Ferd., Graf v. d.; 27. 53. 56.
+Goltz, Familie v.; 83.
+Gneisenau; 7. 34.
+Görres, Joseph v.; 24. 26. 180.
+Gothaer Lebensversicherungsbank; 23.
+Grandauer, Kabinettsrat; 123.
+Grant, Charles; 124.
+Grolman, Karl Ludw. Wilhelm v.; 10.
+Grote, Aug. Otto, Graf; 137. 149. 167. 170.
+Guaita, Senator; 138. 161.
+Günther Friedrich Karl I., Fürst von Schwarzburg-Sondershausen; 88.
+Handelsverein, deutscher; 25.
+Hänlein, preußischer Gesandter am kurhessischen Hofe; 128. 167.
+Hansemann, David; 204.
+Hardenberg, Fürst; 6. 13. 14. 19. 21. 39. 45. 64. 84. 165 Anm.
+Hatzfeldt, Franz Ludwig, Graf v.; 88.
+Heidelberger Protokoll; 100. 101. 110.
+Herzog, Geheimrat; 100.
+Hessen-Darmstadt, Zollvertrag mit Preußen; 109 ff.
+Hessen-Kassel, Gesetz vom 17. September 1819; 48.
+ — Beitritt Hessen-Kassels zum preußischen Zollsystem; 175.
+Heydebreck, v., Oberpräsident; 7. 8.
+Hofmann, hessischer Staatsrat; 106. 109. 110. 115. 116. 122. 126. 155.
+ 160. 161.
+Hoffmann, E. E.; 184.
+Hoffmann, J. G.; 17. 18. 42. 43. 100.
+Hohenzollern-Württembergischer Zollverein; 88.
+Hruby, Freiherr v.; 128. 138. 165.
+Humboldt, A. u. W.; 7.
+ — W. v. H.; 34. 58. 90. 153.
+Huskisson, W.; 10. 11. 103.
+Jordan, v., preußischer Gesandter in Dresden; 62. 149. 170.
+Jörres; 72.
+Julia, Gräfin von Brandenburg, Gemahlin des Herzogs Ferdinand von
+ Anhalt-Köthen; 49. 66. 88.
+Juli-Revolution (1830); 171. 173.
+Kamptz, Karl Friedr. Heinr. v.; 85.
+Karl VII. (Albrecht), deutscher Kaiser; 157.
+Karl, Herzog von Braunschweig; 139.
+Karl August, Großherzog von Sachsen-Weimar; 40. 47. 50. 145.
+Karl Friedrich, Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach; 178. 201.
+Karlsbader Beschlüsse (1819); 19. 50.
+Karlsbader Konferenzen (1819) 19. 28. 45.
+ — (1821) 61.
+Kasseler Vertrag 175. 177.
+Keßler, Direktor der Domänen 86.
+Kircheisen, Friedr. Leop. v. 34.
+Klewiz, Wilh. Anton v. 29. 41. 62. 77. 84. 94.
+Klickermann, Zollinspektor 63.
+Knorr, Zolldirektor 194.
+Könneritz, Jul. Traugott v. 169. 170. 196.
+Kotzebue 17.
+Köster, Abgeordneter 69.
+Krafft, Präsident 116.
+Kreß, v., österreichischer Hofrat 135.
+Krug 18.
+Kühne, Leopold 129.
+Kühne, Ludw. Samuel 85. 87. 175. 188.
+Kunth, Staatsrat 7.
+Küster, preußischer Gesandter in München 123. 125. 152. 192. 194. 197.
+ 200. 203.
+Ladenberg, Phil. v. 8. 77. 84. 85.
+La Ferronays, französischer Minister 123.
+Landwirtschaftliche Krisis in Deutschland 81.
+Langenau. Fr. Karl Gustav, Freiherr v. 117. 118. 135.
+Lassalle, Ferd. 25. 29 Anm.
+Lehrbach, Graf 115.
+Leipzig, Schlacht bei L. 79.
+Leonhardi, großherzoglich hessischer Geheimrat 135.
+Leopold III., Friedrich Franz, Herzog von Anhalt-Dessau 64.
+Leopold IV., Friedrich, Herzog von Anhalt-Dessau 62. 89. 90. 92.
+Leopold, Großherzog von Baden 181. 183. 184.
+Leopold von Dessau (der alte Dessauer) 59.
+Lerchenfeld, Maximilian v. 72. 99. 106. 123. 141. 160. 174. 192.
+Lestocq, General 41. 202.
+Lindenau, Bernh. v. 134. 135. 136. 137. 138. 139. 140. 141. 144. 177. 178.
+ 195. 196. 201.
+List, Friedr. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 32. 51. 52. 55. 57. 68. 69. 70.
+Listscher Verein s. Verein deutscher Kaufleute.
+Lottum, Graf 84. 87.
+Lotzbeck, v. 184.
+Löwenstein, Fürst Georg v. 182.
+Luden 17.
+Lüder, Kammerrat 126.
+Ludwig, Großherzog von Baden 117. 181.
+Ludwig I., König von Bayern 102. 104. 105. 106. 108. 121. 122. 123. 125.
+ 126. 130. 141. 151. 152. 153. 154. 155. 159. 160. 161. 175.
+ 181. 182. 183. 184. 185. 189. 192. 193.
+Ludwig I., Großherzog von Hessen 72. 107. 112. 125. 126. 129. 205.
+Lützerode, Freiherr v. 126.
+Luxburg, Graf 155.
+Maaßen, Generaldirektor 8. 9. 10. 11. 12. 21. 29. 31. 32. 42. 79. 85. 108.
+ 112. 155. 172. 175. 187. 189. 191. 195. 196. 197. 202. 204.
+Mainzer Konferenzen 102.
+Maltzan, v. 107. 112. 135. 145. 168.
+Manteuffel, Georg Aug. Ernst v. 131.
+Marschall, Freiherr v., Vertreter Nassaus am Bundestag 47. 52. 53. 56. 61.
+ 66. 71. 72. 76. 100. 102. 117. 129. 134. 143.
+Martens, Georg Friedr. v. 27.
+Marx 29 Anm.
+Maximilian I. Joseph, König von Bayern 100. 122.
+Meisterlin, Geheimer Rat 174.
+Merckel, Oberpräsident 7.
+Metternich, Fürst Klemens 19. 28. 36. 47. 49. 50. 52. 55. 61. 64. 70. 75.
+ 76. 88. 89. 118. 139. 140. 149. 151. 152. 153. 165. 180. 182.
+Meyer, S., Kaufmann 183.
+Meyerfeld, v., kurhessischer Bundestagsgesandter 173. 174.
+Meysenbug, Freiherr v. 126.
+Mieg, v., bayrischer Finanzminister 189. 190. 192. 200.
+Michaelis, Geheimrat 199.
+Milbanke, englischer Geschäftsträger bei der Stadt Frankfurt 136.
+Miller (Immenstadt) 25. 69. 103. 126.
+Minkwitz, Freiherr v., sächsischer Minister 199.
+Mitteldeutscher Handelsverein 130 ff. 139 ff. 148. 149. 151. 153 f. 162.
+ 163. 165. 171. 173. 175 f. 178. 195. 202.
+Mohl, Moritz 187. 188. 199.
+Mollerus, niederländischer Geschäftsträger in München 124.
+Motz, Friedr. Christ. Ad. v. 42. 77. 78 ff. 81. 83. 84. 85. 86. 87. 88.
+ 92. 97. 107. 108. 110. 112. 114. 116. 118. 129. 146. 147. 148.
+ 150. 151. 153. 154. 155. 156. 157. 159. 161. 162. 163. 164.
+ 170. 171. 172. 173. 194.
+Motz, hessischer Finanzminister 174.
+Müller, Adam 49. 50. 52. 59. 62. 63. 64. 88. 89. 91. 93.
+Münch-Bellinghausen, Joachim, Graf v. 62. 117. 118. 119. 135. 146. 161.
+Münster-Ledenburg, Ernst Friedr. Herbert, Reichsgraf 136. 165.
+Nagler, Karl Friedr. v. 91. 127. 174.
+Napoleon I. 71. 122. 128. 158.
+Napoleon, römischer König 122.
+Navigationsakte 11.
+Natzmer, Oldwig v., preußischer General 129.
+Nebenius, Karl Friedr. 29. 30. 31. 32. 33. 42. 53. 68. 70. 72. 73. 74. 76.
+ 99. 100. 101. 102. 103. 104. 153.
+Neujahrsnacht 1834 204.
+Oberkamp, Geheimrat 126. 127. 128. 141.
+Oberschönaer Punktation 133. 134. 142.
+Österreichische Tendenzlügen 119.
+Otterstedt, v., preußischer Gesandter am badischen Hofe 108. 116. 118.
+Öttingen-Wallerstein, Ludwig Kraft Ernst, Fürst zu 192.
+Perrot, Abgeordneter 106.
+Pfizer, Paul 158. 193. 194.
+Phönix, Versicherungsgesellschaft 23.
+Pitt, William 79.
+Pochhammer 160.
+Pölitz 18.
+Porbeck, v., Präsident 126.
+Preußisch-Bayrischer Handelsvertrag 145 ff. 155 ff. 180 f.
+Preußisch-Hessischer Zollverein 109 ff.
+Prohibitivzölle, französische 10. 11.
+Rabener, Gottlieb Wilh. 145.
+Radowitz, Freiherr v. 37.
+Rauch, Christian, Bildhauer 160.
+Rechberg, Aloys, Graf v. R. u. Rothenlöwen 72. 99.
+Reden, v., hannoverscher Gesandter in Dresden 140.
+Reichenbach (Emilie Ortlöpp), Gräfin, Geliebte des Kurfürsten Ludwig II.
+ von Hessen 126. 127. 171.
+Reichenbach, Zusammenbruch der Firma R. in Leipzig 81.
+Reinhard, Karl Friedrich, Graf 122. 136.
+Renner, Defraudationsprozeß der Firma R. 71.
+Rheinischer Merkur 24. 26.
+Rheinoktroi von 1814 58.
+Ricardo, David 29.
+Ries, kurhessischer Geheimrat 174.
+Ringseis, Joh. Nepomuk 180.
+Römer, Friedr. v. 194.
+Röntgen, Aug. v. 101. 143. 161. 166. 168. 193.
+Rothschild, Anselm Meyer, Freiherr v. 116. 134.
+Rotteck, Karl v. 184.
+Rumigny, Graf 161.
+Sachsen, Königreich, Beitritt Ss. zum Zollverein 194 ff. 200.
+Sachsen-Koburg-Gotha, Vertrag Preußens mit S.-K.-G. 163.
+Sachsen-Meiningen, Vertrag Preußens mit S.-M. 163.
+Sachsen-Weimar sucht um Aufnahme in das preußische Zollsystem nach 178.
+Sack 34.
+Salmuth, v. 89.
+Salzregal, Einführung des S.s in Preußen 6.
+Schenk, Abgeordneter 115. 180.
+Schenk zu Schweinsberg 174.
+Schill 34.
+Schleiermacher, Friedr. Ernst Dan. 34.
+Schlieben, Familie der Grafen v. 83.
+Schlußakte 53.
+Schminke, Finanzminister 127.
+Schmitz-Groltenburg, Freiherr v., württembergischer Gesandter in München
+ 99. 120. 122. 189.
+Schmuggel (Schwärzen)
+ an den preußischen Grenzen 20 f. 41. 43. 57 ff. 63. 71. 98. 173. —
+ Auf dem Schwarzwald und am Rhein 181. 183. —
+ An der sächsisch-böhmischen Grenze 195.
+Schmuggelprämie 31.
+Schnell, J. J. (Nürnberg) 25. 51.
+Schön, Präsident 78. 82. 83.
+Schönberg, Präsident 78. 155.
+Schuckmann, Kasp. Friedr. Freih. v. 7.
+Schulenburg, Graf Friedr. Albr. v. d., sächsischer Gesandter in Wien 165.
+Schütz, v., Steuerdirektor 86.
+Schwarzburg-Rudolstadt 43.
+Schwarzburg-Sondershausen und Preußens Zollgesetz 41 ff.
+Schwerer, Ehr. Wilh. 132. 133. 178.
+Schwerz 81.
+Siebein, Geheimrat 126.
+Siebenpfeiffer 176.
+Smidt, Joh., Bürgermeister von Bremen 137. 166.
+Smith, Adam 8. 11. 29 Anm.
+Sotzmann, Geheimrat 95. 160.
+Spiegel, Graf, österreichischer Gesandter in München 123.
+Spittler, Ludw., Freiherr v. 34.
+Sponheimer Handel 125. 152. 155. 161. 181. 183. 185.
+Stader Zoll 60.
+Stägemann, Friedr. Aug. v. 82.
+Stem, Freiherr vom 7. 24. 34. 35. 84. 135. 138. 141.
+Stein-Hardenbergsche Reformen 80.
+Sternegg, v., Hofmarschall 64.
+Steuerverein, Norddeutscher 170.
+Stralenheim, hannoverscher Gesandter in Stuttgart 144.
+Stromeyer 176.
+Stuttgarter Zollkonferenzen 98 ff. 101 ff.
+Süddeutscher Zollverein 56. 57. 72 ff. 181. 184. 185. 189. —
+ Beitritt des S. Z.s zum Preußisch-Hessischen Zollverein 190.
+Tann, Freiherr v. d. 123. 126.
+Teplitzer Besprechungen (1819) 19.
+Thaer 81.
+Thomas, Bürgermeister von Frankfurt a. M. 138.
+Thon, weimarischer Bevollmächtigter 133. 202.
+Thüringen. Beitritt Th.s zum Zollverein 194 ff. 202 ff.
+Thüringischer Handelsverein 39. 94.
+Tilsiter Friede 79.
+Trauttmannsdorf, Graf v., österreichischer Gesandter 91.
+Trendelenburg, Adolf 164.
+Truchseß-Waldburg, Graf 124.
+Uhland, Ludwig 194.
+Varnbüler, Friedr. Gottlob Karl 188.
+Varnbüler, Karl Freiherr v. 151. 160.
+Varnhagen v. Ense, Karl Aug. 165.
+Verein deutscher Kaufleute und Fabrikanten 25. 39. 45. 70.
+Verstolck van Soelm, holländischer Minister 124.
+Vincke, Georg v., Präsident 78.
+Wangenheim, Karl Aug. Freiherr v. 57. 68. 72. 76. 88. 99. 109. 137. 188.
+Watzdorf, Graf v., sächsischer Gesandter in Berlin 140. 199. 200.
+Weber, E. (Gera) 25. 27. 51.
+Weise, v. (Vater), Kanzler 41. 42.
+Weise, v. (Sohn), Geheimer Rat 41. 42.
+Welcker, Karl Theodor 184.
+Wertheim, Verhandlungen wegen Abtretung W.s an Bayern 182.
+Wiener Vertrag vom 3. Mai 1856 6.
+Wiener Konferenzen 28. 29. 44. 45 ff. 93. 107.
+Wiener Kongreß 13. 14. 49. 52. 58. 59. 64.
+Wiener Kongreßakte, Art. 108 bis 116 58.
+Wietersheim, Eduard v. 131. 198.
+Wilhelm I., Kurfürst von Hessen 48.
+Wilhelm II., Kurfürst von Hessen 74. 79. 97. 109. 126. 127. 128. 129. 130.
+ 138. 145. 165. 171. 174.
+Wilhelm, Herzog von Nassau 102. 130. 135.
+Wilhelm I., König von Württemberg 103. 104. 105. 123. 144. 151. 153. 155.
+ 160. 181. 183. 185. 188. 193.
+Windhorn, Finanzrat 155.
+Winter, Georg Ludwig, badischer Minister 183.
+Wittgenstein, Prinz 126. 127. 128.
+Wittgenstein, Wilh. Ludw. Georg, Graf zu Sayn-W. 61. 87. 150.
+Witzleben, Job. v., preußischer Generalleutnant 153.
+Wolfs, österreichischer Legationsrat 180.
+Wrede, Karl Philipp, Fürst 180.
+Zachariä v. Lingenthal, Karl Salomon 103.
+Zentner, Georg Friedr., Freiherr v. 50. 57. 123.
+Zeschau, Heinrich Anton v., sächsischer Finanzminister 197. 199. 200. 201.
+Zollanschlußvertrag mit Schwarzburg-Sondershausen 42.
+Zollgesetz, Maaßens preußisches Z. 6. 8 ff.
+Zoll- und Handelsverein der thüringischen Staaten 203.
+Zu Rhein, Freiherr v. 104. 122.
+
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRÜNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS***
+
+
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+CREDITS
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+October, 20 2007
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+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
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+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
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+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
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+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
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+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
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+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
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+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
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