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Treitschke + + + + + +INHALT + + +Die Gründung des Deutschen Zollvereins. + Vorwort + 1. Maaßen und das neue Preußische Zollgesetz. + 2. Der Kampf gegen das preußische Zollgesetz und der erste preußische + Zollvertrag. + 3. Der Kampf um das preußische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen. + 4. Die Darmstädter Zollkonferenzen. + 5. Motzs deutsche Handelspolitik. + 6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine. + a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._ + b) _Der preußisch-hessische und der bayrisch-württembergische + Zollverein._ + c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._ + d) _Preußens Sieg. Preußisch-Bayrischer Handelsvertrag._ + 7. Der Deutsche Zollverein. + a) _Kurhessens Beitritt._ + b) _Beitritt des Süddeutschen Zollvereins._ + c) _Anschluß von Sachsen und Thüringen._ + d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._ + Register. + + + + + + +DIE GRÜNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS. + + + + +Vorwort + + +Ein Quellenbuch mit Urkunden, Briefen und sonstigen Aktenstücken zur +Geschichte des Deutschen Zollvereins dürfte auf allgemeines Interesse kaum +rechnen und müßte bei der Länge der Zeit, über die sich die Verhandlungen +hinschleppten, nur ein kümmerlicher Torso sein, der niemand gefiele. +Dagegen darf die klassische Darstellung, die Heinrich v. Treitschke in +seiner Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert dieser größten Schöpfung +der Friedensregierung Friedrich Wilhelms III. gewidmet hat, selbst den +Wert einer Quelle beanspruchen, da sie auf einem umfassenden Studium aller +in Betracht kommenden Akten und Briefwechsel beruht, von denen die +wenigsten der wissenschaftlichen Forschung bisher durch den Druck +zugänglich gemacht sind. + +Im folgenden sind die in Betracht kommenden Kapitel der Deutschen +Geschichte mit geringen Auslassungen, die vom Leser wohl nirgends als +Lücken empfunden werden dürften, mit freundlich gewährter Erlaubnis der +Verlagsbuchhandlung zu einer Einheit zusammengefaßt und wirken in dieser +Form fast wuchtiger als in der Verstreuung über drei dicke Bände, wie sie +der chronologische Aufbau des alle Seiten des deutschen Lebens +umspannenden Werkes mit sich bringt. Sie reden eine so eindringliche +Sprache von einer jammervollen Vergangenheit deutschen Kleinlebens, daß +man nur wünschen kann, daß die Stimme des tapferen Rufers im Streit für +nationale Einigung auch weiterhin gehört werde, nachdem ihn selbst schon +seit Jahren der kühle Rasen deckt. + +_Leipzig,_ 19. Mai 1913. + +*Horst Kohl.* + + + + +1. Maaßen und das neue Preußische Zollgesetz. + + +In dem Sturm und Drang der großen Reformperiode war für die Umgestaltung +des alten preußischen Akzisewesens wenig geschehen; man hatte sich +begnügt, dem flachen Lande mehrere städtische Steuern aufzulegen und in +Altpreußen die Einfuhr fremder Fabrikwaren gegen eine Akzise von 8 1⁄3 +Prozent des Wertes zu gestatten. Daneben bestanden in den alten Provinzen +noch 67 verschiedene Tarife, nahezu 3000 Warenklassen umfassend; außerdem +die kursächsische Generalakzise im Herzogtum Sachsen, das schwedische +Zollwesen in Neuvorpommern, in den Rheinlanden endlich seit Aufhebung der +napoleonischen Douanen ein schlechterdings anarchischer Zustand. Und diese +unerträgliche Belästigung des Verkehrs gewährte doch, da eine geordnete +Grenzbewachung noch fehlte, keinen Schutz gegen das Ausland. Auch in dem +chaotischen Geldwesen zeigte sich die Abhängigkeit des verarmten Staates +von den Fremden: in Posen und Pommern mußten 48, in den Provinzen links +von der Elbe 71 fremde Geldsorten amtlich anerkannt und tarifiert werden. +Schon längst bemerkte der König mit Besorgnis, wie schwer der gesetzliche +Sinn des Volkes durch die Fortdauer des überlebten Prohibitivsystems +geschädigt wurde. Seit die bürgerlichen Gewerbe auf dem platten Lande sich +ansiedelten, nahm der Schmuggel einen ungeheuren Aufschwung. Im Jahre 1815 +versteuerte jeder Materialwarenladen der alten Provinzen täglich nur zwei +Pfund Kaffee. + +Auch die unhaltbaren Verhältnisse an der Ostgrenze mahnten zu rascher Tat. +Sobald Preußen, Polen und Rußland im März 1816 zu Warschau wegen der +Ausführung des Wiener Vertrages vom 3. Mai 1815 zu verhandeln begannen, +stellte sich bald heraus, daß Hardenberg in Wien von dem Fürsten +Czartoryski überlistet worden war. Die scheinbar so harmlosen Bestimmungen +des Vertrags über die freie Durchfuhr und den freien Verkehr mit den +Landeserzeugnissen aller vormals polnischen Landschaften legten dem +preußischen Staate fast nur Pflichten auf, da sein Gebiet das +Durchfuhrland bildete. Um der Abrede buchstäblich zu genügen, hätte +Preußen seine polnischen Provinzen von dem übrigen Staatsgebiete durch +eine Zollinie trennen müssen, während Rußland, dem Vertrage zuwider, seine +alte Zollgrenze, die das polnische Litauen von Warschau abschied, +unverändert ließ und auch Österreich sich keineswegs geneigt zeigte, +seinen polnischen Kronlanden handelspolitische Selbständigkeit +zuzugestehen. Die polnischen Unterhändler sahen in dem Vertrage ein +willkommenes Mittel, um durch die Ansiedlung von Handelsagenten und +Kommissionären ihre nationale Propaganda in Preußens polnische Gebiete +hineinzutragen. Sie erdreisteten sich, der Krone Preußen geradezu die +unbeschränkte Souveränität über Danzig zu bestreiten, und stellten so +übermütige Forderungen, daß der König mit einer entschiedenen Ablehnung +antwortete, als Zar Alexander nach seiner Gewohnheit versuchte, die +Ansprüche der Polen durch einen zärtlichen Freundesbrief zu unterstützen. +Der unerquickliche Verlauf dieser Verhandlungen zwang zu dem Entschlusse, +die polnischen Landschaften den übrigen Provinzen des Ostens völlig +gleichzustellen. Auf der anderen Seite lehrten die Frankfurter +Erfahrungen, daß ein Bundeszollgesetz ganz unmöglich war und Preußen +mithin zunächst im eigenen Hause Ordnung schaffen mußte. + +Im Jahre 1816 erfolgten die ersten vorbereitenden Schritte. Das Verbot der +Geldausfuhr ward aufgehoben, das Salzregal in allen Provinzen gleichmäßig +eingeführt; dann sprach die Verordnung vom 11. Juni die Aufhebung der +Wasser-, Binnen- und Provinzialzölle als Grundsatz aus und verhieß die +Einführung eines allgemeinen und einfachen Grenzzollsystems. Zu Anfang des +folgenden Jahres war der Entwurf für das neue Zollgesetz beendigt. Sobald +aber von den reformatorischen Absichten des Entwurfs Einiges ruchbar ward, +erscholl der Notschrei der geängstigten Produzenten weithin durch das +Land. Leidenschaftliche Eingaben der Baumwoll- und Kattunfabrikanten aus +Schlesien und Berlin, die doch allesamt unter der bestehenden Unordnung +schwer litten, bestätigten die alte Wahrheit, daß die Selbstsucht der +Menschen der schlimmste Feind ihres eigenen Interesses ist. Der Lärm ward +so bedrohlich, daß der König für nötig hielt, zunächst eine +Spezialkommission mit der Prüfung dieser Vorstellungen zu beauftragen. +Hier errang die alte friderizianische Schule noch einmal die Oberhand. Der +Vorsitzende, Oberpräsident v. Heydebreck, betrachtete als höchste Aufgabe +der Handelspolitik »das Numeraire dem Lande zu konservieren«; die Mehrheit +beschloß, der Krone die Wiederherstellung des Verbotsystems, wie es bis +zum Jahre 1806 bestanden, anzuraten. Aber zugleich mit diesem Bericht ging +auch ein geharnischtes Minderheitsgutachten ein, verfaßt von Staatsrat +Kunth, dem Erzieher der Gebrüder Humboldt, einem selbstbewußten Vertreter +des altpreußischen Beamtenstolzes, der das gute Recht der Bureaukratie +oftmals gegen die aristokratische Geringschätzung seines Freundes Stein +verteidigte. Mit den Zuständen des Fabrikwesens aus eigener Anschauung +gründlich vertraut, lebte und webte er in den Gedanken der neuen +Volkswirtschaftslehre. »Eigentum und Freiheit, darin liegt alles; es gibt +nichts anderes« — so lautete sein Kernspruch. Als das ärgste Gebrechen der +preußischen Industrie erschien ihm die erstaunlich mangelhafte Bildung der +meisten Fabrikanten, eine schlimme Frucht des Übergewichts der gelehrten +Klassen, welche nur durch den Einfluß des auswärtigen Wettbewerbs +allmählich beseitigt werden konnte; waren doch selbst unter den ersten +Fabrikherren Berlins viele, die kaum notdürftig ihren Namen zu schreiben +vermochten. + +Kunths Gutachten fand im Staatsrate fast ungeteilte Zustimmung; es ließ +sich nicht mehr verkennen, daß die Aufhebung der Handelsverbote nur die +notwendige Ergänzung der Reformen von 1808 bildete. Als das Plenum des +Staatsrats am 3. Juli über das Zollgesetz beriet, sprachen die politischen +Gegner Gneisenau und Schuckmann einmütig für die Befreiung des Verkehrs. +Oberpräsident Merckel und Geh. Rat Ferber, ein aus dem sächsischen Dienste +herübergekommener trefflicher Nationalökonom, führten aus, daß dem +Notstande des Gewerbefleißes in Schlesien und Sachsen nur durch die +Freiheit zu begegnen sei; und zuletzt stimmten von 56 Anwesenden nur drei +gegen das Gesetz: Heydebreck, Ladenberg und Geh Rat Beguelin. Am 1. August +genehmigte der König von Karlsbad aus »das Prinzip der freien Einfuhr für +alle Zukunft«. Nun folgten neue peinliche Verhandlungen, da es anfangs +unmöglich schien, die neue Ordnung gleichzeitig in den beiden Hälften des +Staatsgebiets einzuführen. Endlich, am 26. Mai 1818, kam das Zollgesetz +für die gesamte Monarchie zustande. + +Sein Verfasser war der Generaldirektor Karl Georg _Maaßen_(1), ein Beamter +von umfassenden Kenntnissen, mit Leib und Seele in den Geschäften lebend, +ein Mann, der hinter kindlich anspruchslosen Umgangsformen den kühnen Mut +des Reformers, eine tiefe und freie Auffassung des sozialen Lebens +verbarg. Aus Cleve gebürtig, hatte er zuerst als preußischer Beamter in +seiner Heimat, dann eine Zeitlang im bergischen Staatsdienste die +Großindustrie des Niederrheins, nachher bei der Potsdamer Regierung die +Volkswirtschaft des Nordostens kennen und also die Theorien Adam +Smiths(2), denen er von frühauf huldigte, durch vielseitige praktische +Erfahrung zu ergänzen gelernt. So ging er auch beim Entwerfen des +Zollgesetzes nicht von einer fertigen Doktrin aus, sondern von drei +Gesichtspunkten der praktischen Staatskunst. Die Aufgabe war: zunächst in +der gesamten Monarchie durch Befreiung des inneren Verkehrs eine lebendige +Gemeinschaft der Interessen zu begründen, sodann dem Staate neue +Einnahmequellen zu eröffnen, endlich dem heimischen Gewerbefleiß einen +mächtigen Schutz gegen die englische Übermacht zu gewähren und ihm doch +den heilsamen Stachel des ausländischen Wettbewerbs nicht gänzlich zu +nehmen. Wo die Wünsche der Industrie den Ansprüchen der Staatskassen +widersprachen, da mußte das Interesse der Finanzen vorgehen; dies gebot +die Bedrängnis des Staatshaushalts. + +Die beiden ersten Paragraphen des Gesetzes verkündigten die Freiheit der +Ein-, Aus- und Durchfuhr für den ganzen Umfang des Staates. Damit wurde +die volle Hälfte des nichtösterreichischen Deutschlands zu einem freien +Marktgebiete vereinigt, zu einer wirtschaftlichen Gemeinschaft, welche, +wenn sie die Probe bestand, sich auch über die andere Hälfte der Nation +erweitern konnte. Denn die schroffsten Gegensätze unseres vielgestaltigen +sozialen Lebens lagen innerhalb der preußischen Grenzen. War es möglich, +Posen und das Rheinland ohne Schädigung ihrer wirtschaftlichen Eigenart +derselben wirtschaftlichen Gesetzgebung zu unterwerfen, so war schon +erwiesen, daß diese Gesetze mit einigen Änderungen auch für Baden und +Hannover genügen mußten. Preußen hatte sich — so sagte Maaßen oftmals — +genau die nämlichen Fragen vorzulegen wie alle die anderen deutschen +Staaten, welche ernstlich nach Zolleinheit verlangten, und konnte, wegen +der Mannigfaltigkeit seiner wirtschaftlichen Interessen, leichter als jene +die richtige Antwort finden. Aber die Ausführung des Gedankens, die +Verlegung der Zölle an die Grenzen des Staates war in Preußen schwieriger +als in irgendeinem anderen Reiche; sie erschien zuerst vielen ganz +unausführbar. Man sollte eine Zollinie von 1073 Meilen bewachen, je eine +Grenzmeile auf kaum fünf Geviertmeilen des Staatsgebiets, und zwar unter +den denkbar ungünstigsten Verhältnissen, da die kleinen deutschen Staaten, +die mit dem preußischen Gebiete im Gemenge lagen, zumeist noch kein +geordnetes Zollwesen besaßen, ja sogar den Schmuggel grundsätzlich +begünstigten. Solche Bedrängnis veranlaßte die preußischen Finanzmänner +zur Aufstellung eines einfachen übersichtlichen Tarifs, der die Waren in +wenige große Klassen einordnete. Eine umfängliche, verwickelte Zollrolle, +wie sie in England oder Frankreich bestand, erforderte ein zahlreiches +Beamtenpersonal, das in Preußen den Ertrag der Zölle verschlungen hätte. +Durch denselben Grund wurde Maaßen bewogen, die Erhebung der Zölle nach +dem Gewichte der Waren vorzuschlagen, während in allen anderen Staaten das +von der herrschenden Theorie allein gebilligte System der Wertzölle galt. +Die Abstufung der Zölle nach dem Werte würde die Kosten der Zollverwaltung +unverhältnismäßig erhöht haben; zudem lag in der hohen Besteuerung +kostbarer Waren eine starke Versuchung zum Schmuggelhandel, welche ein +Staat von so schwer zu bewachenden Grenzen nicht ertragen konnte. + +Auch in der großen Prinzipienfrage der Handelspolitik gab die Rücksicht +auf die Finanzen den Ausschlag. Der Staat hatte die Wahl zwischen zwei +Wegen. Man konnte entweder nach Englands und Frankreichs Beispiel +Prohibitivzölle einführen, um diese sodann als Unterhandlungsmittel gegen +die Westmächte zu benutzen und also Zug um Zug durch Differentialzölle zur +Erleichterung des Verkehrs zu gelangen; oder man wagte sogleich in Preußen +ein System mäßiger Zölle zu gründen, in der Hoffnung, daß die Natur der +Dinge die großen Nachbarreiche dereinst in dieselbe Bahn drängen werde. +Maaßen fand den Mut, den letzteren Weg zu wählen, vornehmlich, weil der +zweifelhafte Ertrag aus hohen Schutzzöllen dem Bedürfnis der Staatskassen +nicht genügen konnte. Verboten wurde allein die Einfuhr von Salz und +Spielkarten; die Rohstoffe blieben in der Regel abgabenfrei oder einem +ganz niedrigen Zolle unterworfen. Von den Manufakturwaren sollte ein +mäßiger Schutzzoll erhoben werden, nicht über 10 Prozent, ungefähr der +üblichen Schmuggelprämie entsprechend. Die Kolonialwaren dagegen +unterlagen einem ergiebigen Finanzzolle, bis zu 20 Prozent, da Preußen an +seiner leicht zu bewachenden Seegrenze die Mittel besaß, diese Produkte +wirksam zu besteuern. + +Dies freieste und reifste staatswirtschaftliche Gesetz des Zeitraums wich +von den herrschenden Vorurteilen so weit ab, daß man im Auslande anfangs +über die gutmütige Schwäche der preußischen Doktrinäre spottete. Den +Staatsmännern der absoluten Monarchie fällt ein undankbares +entsagungsvolles Los. Wie laut preist England heute seinen William +Huskisson(3), *one of the world’s great spirits*; alle gesitteten Völker +bewundern die Freihandelsreden des großen Britten. Der Name Maaßens aber +ist bis zur Stunde in seinem eigenen Vaterlande nur einem engen +Gelehrtenkreise vertraut. _Und doch hat die große Freihandelsbewegung +unseres Jahrhunderts nicht in England, sondern in Preußen ihren ersten +bahnbrechenden Erfolg errungen._ Das wiederhergestellte französische +Königtum hielt in dem Tarife von 1816 die strengen napoleonischen +Prohibitivzölle gegen fremde Fabrikwaren hartnäckig fest. Die Selbstsucht +der Emigranten fügte noch schwere Zölle auf die Erzeugnisse des Landbaues, +namentlich auf Schlachtvieh und Wolle, hinzu. Auch in England war nur ein +Teil des Handelsstandes für die Lehren der Verkehrsfreiheit gewonnen. Noch +stand der Grundherr treu zu den hohen Kornzöllen, der Reeder zu Cromwells +Navigationsakte(4), der Fabrikant zu dem harten Prohibitivsysteme; noch +urteilte die Mehrzahl der Gebildeten wie einst Burke(5) über Adam Smith: +solche abstrakte Theorien sind gut genug für das stille Katheder von +Glasgow(6). Erst das kühne Vorgehen der Berliner Staatsmänner ermutigte +die englischen Freihändler, mit ihrer Meinung herauszurücken. Auf das +»glänzende Beispiel, welches Preußen der Welt gegeben«, berief sich die +freihändlerische Petition der Londoner City, welche Baring im Mai 1820 dem +Parlamente übergab. An Preußen dachte Huskisson, als er seinen berühmten +Satz aufstellte: »Der Handel ist nicht Zweck, er ist das Mittel, Wohlstand +und Behagen unter den Völkern zu verbreiten« und seinem Volke zurief: +»Dies Land kann nicht still stehen, während andere Länder vorschreiten in +Bildung und Gewerbefleiß«. + +Den freihändlerischen Ansichten der preußischen Staatsmänner genügte das +neue Gesetz nicht völlig. Man ahnte im Finanzministerium wohl, daß der +weitaus größte Teil des Zollertrags allein von den gangbarsten +Kolonialwaren aufgebracht werden und die Staatskasse von anderen Zöllen +nur geringen Vorteil ziehen würde. Aber man sah auch, daß jedem +Steuersystem durch die Gesinnung der Steuerpflichtigen feste Schranken +gezogen sind; die öffentliche Meinung jener Tage würde der Regierung nie +verziehen haben, wenn sie den Kaffee besteuert, den Tee frei gelassen +hätte. Maaßen verwarf jede einseitige Begünstigung eines Zweiges der +Produktion, er rechnete auf das Ineinandergreifen von Ackerbau, Gewerbe +und Handel und betrachtete die Schutzzölle nur als einen Notbehelf, um die +deutsche Industrie allmählich zu Kräften kommen zu lassen. Schon bei der +ersten Revision des Tarifs im Jahre 1821 tat man einen Schritt weiter im +Sinne des Freihandels, vereinfachte den Tarif und setzte mehrere Zölle +herab. Während das Gesetz von 1818 für die westlichen Provinzen einen +eigenen Tarif mit etwas niedrigeren Sätzen aufgestellt hatte, fiel jetzt +der Unterschied zwischen den Provinzen hinweg; die Zollrolle von 1812 +bildete in Form und Einrichtung die Grundlage für alle späteren Tarife des +Zollvereins. + +Derweil der Staatsrat diese Reform zum Abschluß brachte, erging sich die +unreife nationalökonomische Bildung der Zeit in widersprechenden Klagen. +Die Massen meinten die Verteuerung des Lebensunterhalts nicht ertragen zu +können, die Fabrikanten sahen »dem englischen Handelsdespotismus« Tür und +Tor geöffnet und bestürmten den Thron abermals mit so verzweifelten +Bittschriften, daß der König, obwohl selbst mit Maaßens Plänen ganz +einverstanden, doch eine nochmalige Prüfung des schon unterschriebenen +Gesetzes befahl. Erst am 1. September 1818 wurde das Zollgesetz +veröffentlicht, erst zu Neujahr 1819 traten die neuen Grenzzollämter in +Tätigkeit. Am 8. Februar 1819 erschien das ergänzende Gesetz über die +Besteuerung des Konsums inländischer Erzeugnisse, wonach nur Wein, Bier, +Branntwein und Tabaksblätter einer Steuer unterlagen, die ohne +unmittelbare Belästigung der Verzehrer von den Produzenten zu erheben war. + +Die neue Gesetzgebung hielt im ganzen sehr glücklich die Mitte zwischen +Handelsfreiheit und Zollschutz. Nur nach einer Richtung hin wich sie +auffällig ab von den Grundsätzen des gemäßigten Freihandels: sie belastete +den Durchfuhrhandel unverhältnismäßig schwer. Der Zentner Transitgut +zahlte im Durchschnitt einen halben Taler Zoll, auf einzelnen wichtigen +Handelsstraßen noch weit mehr — sicherlich eine sehr drückende Last für +ordinäre Güter, zumal wenn sie das preußische Gebiet mehrmals berührten. +Die nächste Veranlassung zu dieser Härte lag in dem Bedürfnis der +Finanzen. Preußen beherrschte einige der wichtigsten Handelsstraßen +Mitteleuropas: die Verbindung Hollands mit dem Oberlande, die alten +Absatzwege des polnischen Getreides, den Verkehr Leipzigs mit der See, mit +Polen, mit Frankfurt. Man berechnete, daß die volle Hälfte der in Preußen +eingehenden Waren dem Durchfuhrhandel angehörte. Die erschöpfte +Staatskasse war nicht in der Lage, diesen einzigen Vorteil, den ihr die +unglückliche langgestreckte Gestalt des Gebiets gewährte, aus der Hand zu +geben. Überdies stimmten alle Kenner des Mautwesens überein in der für +jene Zeit wohlbegründeten Meinung, daß nur durch Besteuerung der Durchfuhr +der finanzielle Ertrag des Grenzzollsystems gesichert werden könne. Gab +man den Transit völlig frei, so wurde dem Unterschleif Tür und Tor +geöffnet, ein ungeheurer Schmuggelhandel von Hamburg, Frankfurt, Leipzig +her geradezu herausgefordert, das ganze Gelingen der Reform in Frage +gestellt. Die unbillige Höhe der Durchfuhrzölle aber und das zähe +Festhalten der Regierung an diesen für die deutschen Nachbarlande +unleidlichen Sätzen erklärt sich nur aus politischen Gründen. Der +Transitzoll diente dem Berliner Kabinett als ein wirksames +Unterhandlungsmittel, um die deutschen Kleinstaaten zum Anschluß an die +preußische Handelspolitik zu bewegen. + +Von jenem Traumbilde einer gesamtdeutschen Handelspolitik, das während des +Wiener Kongresses den preußischen Bevollmächtigten vorgeschwebt hatte, war +man in Berlin längst zurückgekommen. Die Unmöglichkeit solcher Pläne ergab +sich nicht bloß aus der Nichtigkeit der Bundesverfassung, sondern auch aus +den inneren Verhältnissen der Bundesstaaten. Hardenberg(7) wußte, daß der +Wiener Hof an seinem altväterlichen Provinzialzollsystem nichts ändern +wollte und seine nichtdeutschen Kronländer einem Bundeszollwesen +schlechterdings nicht unterordnen konnte. Aber auch das übrige Deutschland +bewahrte noch viele Trümmer aus der schmählichen kosmopolitischen Epoche +unserer Vergangenheit. Noch war Hannover von England, Schleswig-Holstein +von Dänemark abhängig, noch stand Luxemburg in unmittelbarer +geographischer Verbindung mit dem niederländischen Gesamtstaate. Wie war +ein gesamtdeutsches Zollwesen denkbar, so lange diese Fremdherrschaft +währte? Auch die Verfassung mehrerer Bundesstaaten bot unübersteigliche +Hindernisse. Die preußische Zollreform ruhte auf dem Gedanken des gemeinen +Rechts. Wer durfte erwarten, daß der mecklenburgische Adel auf seine +Zollfreiheit, der sächsische auf die mit den ständischen Privilegien fest +verkettete Generalakzise verzichten würde, so lange die ständische +Oligarchie in diesen Landen ungestört herrschte? Wie war es möglich, die +preußischen Zölle, welche die Einheit des Staatshaushalts voraussetzten, +in Hannover einzuführen, wo noch die Königliche Domänenkasse und die +ständische Steuerkasse selbständig nebeneinander standen? Das Zollwesen +hing überdies eng zusammen mit der Besteuerung des inländischen Konsums; +nur wenn die Kleinstaaten sich entschlossen, das System ihrer indirekten +Steuern auf preußischen Fuß zu setzen oder doch dem preußischen Muster +anzunähern, war eine ehrliche Gegenseitigkeit, eine dauernde +Zollgemeinschaft zwischen ihnen möglich. Und ließ sich solche +Opferwilligkeit erwarten in jenem Augenblick, da der Rheinbund und das +Ränkespiel des Wiener Kongresses den selbstsüchtigen Dünkel der Dynastien +krankhaft aufgeregt und jeder Scham entwöhnt hatten? Selbst jene Staaten, +denen redlicher Wille nicht fehlte, konnten gar nicht sofort auf die +harten Zumutungen eingehen, welche Preußen ihnen stellen mußte, um sich +den Ertrag seiner Zölle zu sichern. Man mußte, so gestand Eichhorn(8) +späterhin, sich erst orientieren in der veränderten Lage, die +nationalökonomischen Bedürfnisse des eigenen Landes und die zur Deckung +der Staatsausgaben notwendigen Opfer überschlagen; bevor man hierüber ins +Klare gekommen, konnte man sich von einer gemeinsamen Beratung keinen +Erfolg versprechen, am wenigsten von einer Beratung für ganz Deutschland +am Bundestag. + +Wie die Dinge lagen, mußte Preußen selbständig vorgehen, ohne jede +schonende Rücksicht für die deutschen Nachbarn. Unter den gemütlichen +Leuten herrschte die Ansicht vor, Preußen solle die Binnengrenzen gegen +Deutschland offen halten und allein an den Grenzen gegen das Ausland Zölle +erheben. Der kindische Vorschlag hätte, ausgeführt, jede Grenzbewachung +unmöglich gemacht, die finanziellen wie die volkswirtschaftlichen Zwecke +der Zollreform völlig vereitelt. Selbst eine mildere Besteuerung deutscher +Produkte war unausführbar. Gerade die deutschen Kleinstaaten mit ihren +verzwickten, mangelhaft oder gar nicht bewachten Grenzen mußten der +preußischen Staatskasse als die gefährlichsten Gegner erscheinen. +Ursprungszeugnisse, von solchen Behörden ausgestellt, boten den genauen +Rechnern der Berliner Bureaus keine genügende Sicherheit. Jede +Erleichterung, die an diesen Grenzen eintrat, ermutigte den Unterschleif, +so lange nicht eine geordnete Zollverwaltung in den kleinen Nachbarstaaten +bestand. Noch mehr: gewährte Preußen den deutschen Staaten Begünstigungen, +so griff das Ausland unfehlbar zu Retorsionen(9), und der Staat wurde +allmählich in ein Differentialzollsystem hineingetrieben, das den +Absichten seiner Staatsmänner schnurstracks zuwiderlief. Differentialzölle +erschienen dem Finanzministerium noch weit bedenklicher als Schutzzölle, +da diese den Verkehr belasteten zugunsten der einheimischen, jene zum +Vorteil der ausländischen Produzenten. + +Es war nicht anders: sollte das neue Zollsystem überhaupt ins Leben +treten, so mußten alle nichtpreußischen Waren zuvörderst auf gleichem Fuß +behandelt werden. Allerdings wurden dadurch die deutschen Nachbarn sehr +hart getroffen. Sie waren gewohnt, einen schwunghaften Schmuggelhandel +nach Preußen hinüber zu führen; jetzt trat die strenge Grenzbewachung +dazwischen. Die Zollinien an den Grenzen der neuen Provinzen störten +vielfach altgewohnten Verkehr. Das Königreich Sachsen litt schwer, als die +preußischen Zollschranken dicht vor den Toren Leipzigs aufgerichtet +wurden. Die kleinen rheinischen Lande sahen nahe vor Augen das beginnende +Erstarken der preußischen Volkswirtschaft; was drüben ein Segen, ward +hüben zur Last. Begreiflich genug, daß gerade in der unmittelbaren +Nachbarschaft Preußens die Mißstimmung überhand nahm. Auch die Einrichtung +der Gewichtszölle war für die deutschen Nachbarstaaten unverhältnismäßig +lästig, da das Ausland zumeist feinere, Deutschland gröbere Waren in +Preußen einzuführen pflegte. + +Indes, wenn es nicht anging, den Kleinstaaten sofort Begünstigungen zu +gewähren, so war doch die Zollreform von Haus aus darauf berechnet, die +deutschen Nachbarn nach und nach in den preußischen Zollverband +hineinzuziehen. »Die Unmöglichkeit einer Vereinigung für den ganzen Bund +erkennend, suchte Preußen durch Separatverträge sich diesem Ziele zu +nähern« — mit diesen kurzen und erschöpfenden Worten hat Eichhorn zehn +Jahre später den Grundgedanken der preußischen Handelspolitik bezeichnet. +Die Zerstückelung seines Gebietes zwang den Staat, deutsche Politik zu +treiben, machte ihm auf die Dauer unmöglich, sich selbst genügsam +abzuschließen, seine Verwaltung zu ordnen ohne Verständigung mit den +deutschen Nachbarlanden. Ein großer Teil der thüringischen Besitzungen +Preußens, 41 Geviertmeilen, mußte vorderhand aus der Zollinie +ausgeschlossen bleiben. Es war eine unabweisbare Notwendigkeit, die +Zollschranken mindestens so weit hinauszuschieben, daß das gesamte +Staatsgebiet gleichmäßig besteuert werden konnte. In dem Zollgesetz selber +(§ 5) war die Absicht erklärt, durch Handelsverträge den wechselseitigen +Verkehr zu befördern. Die harte Besteuerung der Durchfuhr gab diesem Winke +fühlbaren Nachdruck. Noch bestimmter sprach sich Hardenberg über die +Absicht des Gesetzes aus, schon ehe es in Kraft trat. Als die Fabrikanten +von Rheidt und anderen rheinischen Plätzen den Staatskanzler um +Beseitigung der deutschen Binnenzölle baten, gab er die Antwort (3. Juni +1818): die Vorteile, welche aus der Vereinigung mehrerer deutscher Staaten +zu einem gemeinschaftlichen Fabrik- und Handelssystem hervorgehen können, +seien der Regierung nicht unbekannt; mit steter Rücksicht hierauf sei der +Plan des Königs zur Reife gediehen. »Es liegt ganz im Geiste dieses +Planes, ebensowohl auswärtige Beschränkungen des Handels zu erwidern, als +Willfährigkeit zu vergelten und nachbarliches Anschließen an ein +gemeinsames Interesse zu befördern«. Ebenso erklärte er den Elberfeldern: +die preußischen Zollinien sollten dazu dienen, »eine allgemeine Ausdehnung +oder sonstige Vereinigung vorzubereiten«. + +Damit wurde deutlich angekündigt, daß der Staat, der seit langem das +Schwert des alten Kaisertums führte, jetzt auch die handelspolitischen +Reformgedanken der Reichspolitik des sechzehnten Jahrhunderts wieder +aufnahm und bereit war, der Nation nach und nach die Einheit des +wirtschaftlichen Lebens zu schaffen, welche ihr im ganzen Verlaufe ihrer +Geschichte immer gefehlt hatte. Er dachte dies Ziel, das sich nicht mit +einem Sprunge erjagen ließ, schrittweis, in bedachtsamer Annäherung, durch +Verträge von Staat zu Staat zu erreichen. Mars und Merkur sind die +Gestirne, welche in diesem Jahrhundert der Arbeit das Geschick der Staaten +vornehmlich bestimmen. _Das Heerwesen und die Handelspolitik der +Hohenzollern bildeten fortan die beiden Rechtstitel, auf denen Preußens +Führerstellung in Deutschland ruhte._ Und diese Handelspolitik war +ausschließlich das Werk der Krone und ihres Beamtentums. Sie begegnete, +auch als ihre letzten Ziele sich späterhin völlig enthüllten, regelmäßig +dem verblendeten Widerstande der Nation. Im Zeitalter der Reformation war +die wirtschaftliche Einigung unseres Vaterlandes an dem Widerstande der +Reichsstädte gescheitert; im 19. Jahrhundert ward sie recht eigentlich +gegen den Willen der Mehrzahl der Deutschen von neuem begonnen und +vollendet. + +Im Kampfe gegen das preußische Zollgesetz hielten alle deutschen Parteien +zusammen, Kotzebues Wochenblatt so gut wie Ludens Nemesis. Vergeblich +widerlegte J. G. Hoffmann(10) in der Preußischen Staatszeitung mit +überlegener Sachkenntnis das fast durchweg wertlose nationalökonomische +Gerede der Presse. Dieselben Schutzzöllner, die um Hilfe riefen für die +deutsche Industrie, schalten zugleich über die unerschwinglichen Sätze des +preußischen Tarifs, der doch jenen Schutz gewährte. Dieselben Liberalen, +die den Bundestag als einen völlig unbrauchbaren Körper verspotteten, +forderten von dieser Behörde eine schöpferische handelspolitische Tat. +Wenn Hoffmann nachwies, daß das neue Gesetz eine Wohltat für Deutschland +sei, so erwiderten Pölitz, Krug und andere sächsische Publizisten, kein +Staat habe das Recht, seinen Nachbarn Wohltaten aufzudrängen. Alberne +Jagdgeschichten wurden mit der höchsten Bestimmtheit wiederholt und von +der Unwissenheit der Leser begierig geglaubt. Da hatte ein armer Höker aus +dem Reußischen, als er seinen Schubkarren voll Gemüse zum Leipziger +Wochenmarkt fuhr, einen Taler Durchfuhrzoll an die preußische Maut zahlen +müssen — nur schade, daß Preußen von solchen Waren gar keinen Zoll erhob. +Auch die Sentimentalität ward gegen Preußen ins Feld geführt; sie findet +sich ja bei den Deutschen immer ein, wenn ihnen die Gedanken ausgehen. Da +war gleich am ersten Tage, als das unselige Gesetz in Kraft trat, ein +Zollbeamter zu Langensalza von einem gothaischen Patrioten im Rausche +heiligen Zornes erstochen worden; der Mann hatte sich aber selbst +entleibt. Da hieß es wehmütig, König Friedrich Wilhelm hege wohl +menschenfreundliche Absichten, aber »finanzielle Rücksichten vergiften die +besten Maßregeln«; für die harte Notwendigkeit dieser finanziellen +Rücksichten hatte man kein Auge. Die ersehnte Einheit des deutschen +Marktes — darüber bestand unter den liberalen Patrioten kein Streit — +konnte nur gelingen, wenn die bereits vollzogene Einigung der Hälfte +Deutschlands wieder zerstört wurde. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. +II, 211 ff. — Die Anmerkungen sind vom Herausgeber beigefügt. + + ------------------ + + + + + 1 Geb. 23. August 1769, gest. 2. November 1834. + + 2 Adam Smith, geb. 1723, gest. 1790, ist als der Begründer der neueren + Nationalökonomie zu betrachten; er vertrat die Lehre, daß es in + wirtschaftlichen Dingen Aufgabe des Staates sei, das freie Spiel der + wirtschaftlichen Kräfte durch Beseitigung entgegenstehender + Hemmnisse zu fördern. + + 3 Geb. 11. März 1770, gest. am 15. September 1830 an den schweren + Verletzungen, die er sich bei Eröffnung der zwischen Liverpool und + Manchester erbauten Eisenbahn dadurch zuzog, daß er beim Einsteigen + unter die Räder fiel. Im Ministerium Canning war er Staatssekretär + für die Kolonien. + + 4 Die Navigationsakte vom 9. Oktober 1651 gestattete die Einfuhr von + Waren aus Afrika, Asien und Amerika nur unter englischer Flagge, die + Einfuhr von europäischen Waren nur durch englische Schiffe oder + Schiffe des erzeugenden Landes. Damit wurde der holländische + Zwischenhandel ausgeschaltet. Erst 1849 wurde die Akte aufgehoben. + + 5 Edmund Burke, geb. 1729, gest. 9. Juli 1797, hervorragender + englischer Politiker und Staatsmann. + + 6 Adam Smith war von 1751 ab eine Reihe von Jahren als Professor der + Logik und der Moral an der Universität zu Glasgow tätig. + + 7 Karl August, Fürst von Hardenberg, geb. 31. Mai 1750, gest. 26. Nov. + 1822, seit Juni 1810 bis an seinen Tod preußischer Staatskanzler. + + 8 Joh. Albrecht Friedrich Eichhorn, geb. 2. März 1779, gest. 16. + Januar 1856, war als Direktor der zweiten Abteilung des Ministeriums + des Äußeren besonders für die Entwicklung des Zollvereins tätig. Von + 1840–48 kämpfte er als Kultusminister für die Erhaltung der + kirchlichen Rechtgläubigkeit gegen die freiheitlichen Bestrebungen + der Lichtfreunde. + + 9 Zwangsmaßregeln. + + 10 Joh. Gottfr. Hoffmann, geb. 19. Juli 1765, gest. 12. November 1847, + hervorragender Nationalökonom und Begründer der wissenschaftlichen + Statistik. + + + + +2. Der Kampf gegen das preußische Zollgesetz und der erste preußische +Zollvertrag. + + +Alles historische Werden entspringt der beständigen Wechselwirkung +zwischen dem bewußten Menschenwillen und den gegebenen Zuständen. Wie die +Vernunft, die in den Dingen liegt, nur durch die Willenskraft eines +großen, die Zeichen der Zeit verstehenden Mannes verwirklicht werden kann, +so finden auch die Sünden und Irrtümer der Politiker ihre Schranke an dem +Charakter der Staaten, an der Macht der Ideen, die sich im Verlauf der +Geschichte angesammelt haben. Schwer hatte die Krone Preußen gefehlt, als +sie in Karlsbad(11) sich den lebendigen Kräften des jungen Jahrhunderts +entgegenstemmte; und doch war dieser Staat modern von Grund aus, er konnte +sich der neuen Zeit nicht gänzlich entfremden und begann eben jetzt eine +Reform seines Haushalts, welche ihn befähigte, in seiner wirtschaftlichen +Entwicklung alle anderen deutschen Staaten zu überflügeln. Nachgiebig bis +zur Selbstvergessenheit war Hardenberg in Teplitz(12) allen Wünschen +Österreichs entgegengekommen, der Glaube an die unbedingte +Interessengemeinschaft der beiden Großmächte beherrschte ihn ganz und gar; +und doch war der Gegensatz der beiden Mächte in einer alten Geschichte +begründet und, so lange die Machtfrage der deutschen Zukunft ungelöst +blieb, durch menschlichen Willen nicht mehr beizulegen. Fast in dem +nämlichen Augenblicke, da der Berliner Hof sich gänzlich der Führung +Österreichs zu überlassen schien, tat er wieder einen Schritt vorwärts auf +den Bahnen der friderizianischen Politik und begann die deutschen +Nachbarlande in seine Zollgemeinschaft aufzunehmen. Es war ein winziger, +nach dem Maße der Gegenwart fast lächerlicher Erfolg, aber der +unscheinbare Beginn einer Staatskunst, welche die deutschen Staaten durch +das Band wirtschaftlicher Interessen unlösbar an Preußen ketten und die +Befreiung von Österreich vorbereiten sollte. + +Seit das preußische Zollgesetz in Kraft gesetzt und den kleinen Nachbarn +zunächst nur durch seine Härten fühlbar wurde, erhob sich überall mit +erneuter Stärke der Ruf nach Aufhebung aller Binnenmauten, und es begann +eine leidenschaftliche Agitation für die deutsche Handelseinheit, der +Vorläufer und das Vorbild der späteren Kämpfe um die politische Einheit. +Die ganze Nation schien einig in einem großen Gedanken; gleichwohl gingen +die Ansichten über die Mittel und Wege nach allen Richtungen auseinander, +und das einzige, was retten konnte, der Anschluß an die schon vorhandene +Einheit des preußischen Marktgebietes, ward in unseliger Verblendung so +lange verschmäht, bis schließlich nur die bittere Not das Unvermeidliche +erzwang. + +Gleich nach dem Frieden begann eine regelmäßige Einwanderung in das +verarmte Preußen einzuströmen, etwa halb so stark als der Überschuß der +Geburten; sie bestand überwiegend aus jungen Leuten der deutschen +Nachbarschaft, die in dem Lande der sozialen Freiheit ihr Glück suchten. +Als nunmehr die Binnenzölle in der Monarchie hinwegfielen, da ließen sich +die Vorteile, welche der preußische Geschäftsmann aus seinem ausgedehnten +freien Markt zog, zumal an den Grenzplätzen bald mit Händen greifen: so +siedelte ein Teil der Bingener Weinhändler auf das preußische Ufer der +Nahe über, da die Preise in Preußen oft dreimal höher standen als auf dem +überfüllten hessischen Markte. Das Beamtentum der kleinen Höfe war noch +gewöhnt an das Zunftwesen, an die Erschwerung der Niederlassung und der +Heiraten, an die tausend Quälereien einer kleinlichen sozialen +Gesetzgebung; von der Überlegenheit der preußischen Handelspolitik ahnte +man hier noch gar nichts. Manchem wohlmeinenden Beamten in Sachsen und +Thüringen erschienen die preußischen Steuergesetze als eine überflüssige +fiskalische Härte, weil sein eigener Staat für das Heerwesen nur Geringes +leistete, also mit bescheidenen Einnahmen auskommen konnte. So entstand +unter dem Schutze der kleinen Höfe an den preußischen Binnengrenzen ein +Krieg aller gegen alle, ein heilloser Zustand, von dem wir heute kaum noch +eine Vorstellung haben. Das Volk verwilderte durch das schlechte Handwerk +des Schwärzens. In die zollfreien Packhöfe, welche überall dem preußischen +Gebiete nahe lagen, traten alltäglich handfeste braune Gesellen, die +Jacken auf Rücken und Schultern ganz glatt gescheuert, manch einem schaute +das Messer aus dem Gürtel; dann packten sie die schweren Warenballen auf, +ein landesfürstlicher Mautwächter gab ihnen das Geleite bis zur Grenze und +ein Helf Gott mit auf den bösen Weg. Der kleine Mann hörte sich nicht satt +an den wilden Abenteuern verwegener Schmuggler, die das heutige Geschlecht +nur noch aus altmodischen Romanen und Jugendschriften kennt. Also gewöhnte +sich unser treues Volk die Gesetze zu mißachten. Jener wüste Radikalismus, +der allmählich in den Kleinstaaten überhand nahm, ward von den kleinen +Höfen selber gepflegt: durch die Sünden der Demagogenjagd wie durch die +Frivolität dieser Handelspolitik. + +Als die Urheber solchen Unheils galten allgemein nicht die Kleinstaaten, +die den Schmuggel begünstigten, sondern Preußen, das ihn ernsthaft +verfolgte; nicht jene Höfe, die an ihren unsauberen fiskalischen Kniffen, +ihren veralteten unbrauchbaren Zollordnungen träge festhielten, sondern +Preußen, das sein Steuersystem neu gestaltet und gemildert hatte. Unfähig, +die Lebensbedingungen eines großen Staates zu verstehen, stellten die +kleinen Höfe alles Ernstes die Forderung, Preußen müsse jene reiflich +erwogene, in alle Zweige des Gemeinwesens tief einschneidende Reform +sofort wieder rückgängig machen, noch bevor sie die Probe der Erfahrung +bestanden hatte — und halb Deutschland stimmte dem törichten Ansinnen zu. + +Außerhalb der preußischen Beamtenkreise wagten in diesen ersten Jahren nur +zwei namhafte Schriftsteller das Werk Maaßens unbedingt zu verteidigen. +Der unermüdliche Benzenberg(13) bewährte in seinem Buche »über Preußens +Geldhaushalt und neues Steuersystem« wieder einmal seinen praktischen +Takt. Im Verkehr mit Hardenberg hatte er gelernt, den Staatshaushalt von +oben, vom Standpunkt der Regierenden zu betrachten. Er wußte, daß jede +ernsthafte Kritik eines Steuersystems beginnen muß mit der Frage: welche +Ausgaben dem Staate unerläßlich seien? — einer Frage, die von den meisten +Publizisten jener Zeit gar nicht berührt wurde. So gelingt ihm +nachzuweisen, daß Preußen seiner Zolleinkünfte nicht entbehren könne. Er +scheut sich nicht, das Wehrgesetz und die neuen Steuergesetze als die +größten Wohltaten der jüngsten Epoche Friedrich Wilhelms III. zu loben; er +verlangt, daß man sie gegen jeden Widerstand aufrecht halte, fordert die +Nachbarstaaten auf, der Einladung des Königs zu folgen und mit Preußen +wegen gegenseitiger Aufhebung der Zölle zu verhandeln. Dem Traumgebilde +der Bundeszölle geht er hart zu Leibe. Er richtet an F. List(14) (August +1819) einen offenen Brief und fragt, wie denn der Bundestag, »der keine +Art von Legislation hat«, eine solche Reform schaffen oder gar die +Zollverwaltung leiten solle? und sei denn die Aufhebung der Binnenmauten +möglich ohne gleichmäßige Besteuerung des inneren Konsums? Die Stimme des +nüchternen Mannes verhallte in dem allgemeinen Toben; war er doch längst +schon den Liberalen verdächtig, weil er ein offenes Auge für die Eigenart +des preußischen Staates besaß. + +Auch einer der tüchtigsten Kaufleute Deutschlands, E. W. Arnoldi in +Gotha(15), begrüßte das preußische Zollgesetz schon im Januar 1819 als den +ersten Keim eines Vereins aller deutschen Staaten. Nur herzhaft +eingeschlagen in die dargebotene Hand: — so sprach er sich im Allgemeinen +Anzeiger aus — Preußen stellt ja den Grundsatz der Gegenseitigkeit an die +Spitze seines Gesetzes und erklärt sich bereit zu Verträgen mit den +Nachbarn. Der treffliche Mann hatte einst in Hamburg noch zu den Füßen des +alten Büsch(16) gesessen und sich dort eine freie Ansicht vom Welthandel +gebildet, welche der binnenländischen Kleinlebigkeit der Mehrzahl seiner +Standesgenossen noch ganz fremd war. Ihn wurmte die kindliche Unmündigkeit +dieser Geschäftswelt, die so gar nichts tat, um sich das Joch einer +widersinnigen Handelsgesetzgebung vom Nacken zu schütteln. Schon seit +Jahren trug er sich mit dem Gedanken eines Bundes der deutschen +Fabrikanten zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen. Dann stiftete er +in seiner Vaterstadt unter dem Namen Innungshalle eine Handelskammer und +eine rasch aufblühende Handelsschule. Endlich fand er ein weites Gebiet +fruchtbarer Tätigkeit in dem Versicherungswesen, das noch ganz in der +Botmäßigkeit des Auslandes stand. Fast an allen größeren deutschen Plätzen +unterhielt der mächtige Londoner Phönix seine Agenturen und beutete die +Deutschen durch unbillige Prämien aus, da die kleinen heimischen +Versicherungsgesellschaften, die in einzelnen Städten des Nordens +bestanden, ihre Wirksamkeit auf die Vaterstadt beschränkten. Da wendete +sich Arnoldi (1819) an die Nation mit der Frage, wie lange sie noch ihr +Geld in die englische Sparbüchse legen wolle, und entwarf den Plan für +eine deutsche, das gesamte Vaterland umfassende, auf Gegenseitigkeit +beruhende Feuerversicherungsbank. Zwei Jahre darauf trat diese Anstalt zu +Gotha ins Leben, der erste Anfang der großartigen Entwicklung unseres +nationalen Versicherungswesens. Der allgemeine Haß gegen Englands +Handelsherrschaft kam dem kühnen Unternehmer zustatten. Überall im +Binnenlande schalt man auf England und die Hansestädte, die den +Süddeutschen nur als englische Kontore galten; der wieder erwachende +Napoleonskultus und die französischen Sympathien der Liberalen des Südens +wurden durch solche erregte Stimmungen gefördert. Über die Waffen +freilich, welche den deutschen Gewerbefleiß vor einer erdrückenden +ausländischen Mitwerbung sichern konnten, hatten die wenigsten auch nur +nachgedacht. Nur soviel schien allen unzweifelhaft, daß sämtliche neu +eingeführte Zölle sofort wieder aufgehoben und die im Artikel 19 der +Bundesakte verheißene Verkehrsfreiheit durch den Bundestag angeordnet +werden müsse. + +Selbst jener hochherzige, geistvolle Agitator, der mit dem ganzen Ungestüm +seiner Tatkraft gegen die Binnenmauten auftrat, auch Friedrich List, +teilte den allgemeinen Irrtum. Wie Görres(17) einst im Rheinischen Merkur +die Idee der politischen Macht und Einheit des Vaterlandes vertrat, so +verfocht List die Idee der handelspolitischen Einheit — eine verwandte +Natur, feurig, hochbegeistert, ein Meister der bewegten Rede, voll tiefer +und echter Leidenschaft, leicht hingerissen zu phantastischen Verirrungen. +Ein echter Reichsstädter, war er im freiheitsstolzen Reutlingen +aufgewachsen, unter ewigen Händeln mit den württembergischen Schreibern; +er zählte zu jenen geborenen Kämpfern, denen das Schicksal immer neuen +Hader sendet, auch wenn sie den Streit nicht suchen. Seine Mutter, seinen +einzigen Bruder sah er plötzlich sterben infolge der Roheit brutaler +Beamten; und als er dann selber einige Jahre in der geisttötenden +Scheintätigkeit der württembergischen Schreibstuben verbracht hatte, da +ward sein Haß gegen die Herrschaft des rheinbündischen Beamtentums +grenzenlos, und er setzte sich zum Ziele seines Lebens, den Bürger und +Bauersmann zur Selbsttätigkeit zu erwecken, ihn aufzuklären über seine +nächsten Interessen, die Volkswirtschaftslehre von den Formeln des +Katheders zu befreien und sie die Sprache des Volkes reden zu lassen. +Schon durch die Geburt ein Deutscher schlechtweg, gleich dem Reichsritter +Stein, ging er mit seinen kühnen Entwürfen sogleich über die Grenzen der +schwäbischen Heimat hinaus, so daß er den verschwiegerten und +verschwägerten Württembergern bald als ein wildfremder Störenfried +verdächtig wurde: eine neue Zeit handelspolitischer Größe, dauerhafter als +einst die Herrlichkeit der Hansa, sollte dem deutschen Vaterlande tagen. +Eine seltene Kunst, die Massen zu befeuern und zu erregen, stand ihm zu +Gebote, ein agitatorisches Talent, dessengleichen unsere an großen +Demagogen so arme Geschichte seither nur noch zweimal, in Robert Blum(18) +und Lassalle(19) gesehen hat. Im April 1819 stiftete List mit mehreren +Industriellen der Kleinstaaten, Miller aus Immenstadt, Schnell aus +Nürnberg, E. Weber aus Gera den Verein deutscher Kaufleute und +Fabrikanten, dem sich bald die Mehrzahl der großen Firmen in Süd- und +Mitteldeutschland anschloß, und legte rasch entschlossen seine Tübinger +Professur nieder, da die württembergische Regierung das Amt eines +Konsulenten des Handelsvereins als unverträglich mit der Beamtenwürde +betrachtete. + +Der neue Handelsverein richtete sogleich an den Bundestag eine Bittschrift +um Ausführung des Artikels 19, Beseitigung aller Binnenmauten und Erlaß +eines deutschen Zollgesetzes, das den Zöllen des Auslandes mit strengen +Retorsionen begegnen sollte, bis sich ganz Europa über allgemeine +Handelsfreiheit verständigt hätte — denn noch bekannte sich List, gleich +den meisten Süddeutschen jener Zeit, im Grundsatz zu den Lehren des +Freihandels. In Frankfurt abgewiesen, bestürmte List sodann die Höfe, die +Geschäftsmänner und wen nicht sonst mit seinen Gesuchen, geißelte in +seiner Zeitschrift dem »Organ des deutschen Handels- und Gewerbestandes«, +unermüdlich und unerbittlich die Gebrechen deutscher Handelspolitik. Also +hat er in rastloser Arbeit mehr als irgendeiner der Zeitgenossen dazu +beigetragen, daß die Überzeugung von der Unhaltbarkeit des Bestehenden +tief in die Nation drang. Große verwegene Träume, die erst das lebende +Geschlecht in Erfüllung gehen sieht, regten sich in seinem stürmischen +Kopfe: er dachte an eine gemeinsame Gewerbegesetzgebung, an ein deutsches +Postwesen, an nationale Industrieausstellungen, er hoffte die romantischen +Kaiserträume des jungen Geschlechts durch die Arbeit der praktischen +nationalen Politik zu verdrängen und sah die Zeit voraus, da eine freie +Verfassung, ein deutsches Parlament aus der Handelseinheit hervorgehen +würde. Als der Schöpfer des Zollvereins, wie er selber im Übermaß seines +Selbstgefühls sich genannt hat, kann List gleichwohl keinem Unbefangenen +gelten. + +Ein klares Programm, einen bestimmten, durchgebildeten politischen +Gedanken aufzustellen und festzuhalten, lag überhaupt nicht in der Weise +der Patrioten jener Zeit. Nur im Innern der süddeutschen Mittelstaaten +begann die konstitutionelle Bewegung bereits feste, deutlich +ausgesprochene Parteimeinungen hervorzurufen. Wer über den deutschen +Gesamtstaat schrieb, begnügte sich noch immer, der elenden Gegenwart ein +leuchtendes Idealbild gegenüberzuhalten und dann im raschen Wechsel +Einfälle und Winke für den praktischen Staatsmann hinzuwerfen. Wie Görres +im Rheinischen Merkur ein ganzes Geschwader deutscher Verfassungspläne +harmlos veröffentlichte, so eilte auch List in jähen Sprüngen von einem +Plane zum andern über. Bald will er die deutschen Bundesmauten an eine +Aktiengesellschaft verpachten; bald soll Deutschland sich anschließen an +das österreichische Prohibitivsystem; dann überfällt ihn wieder die +Ahnung, ob nicht Preußen den Weg zur Einheit zeigen werde. In seiner +Eingabe an den Bundestag gestand er: »Man wird unwillkürlich auf den +Gedanken geleitet, die liberale preußische Regierung, die der Lage ihrer +Länder nach vollkommene Handelsfreiheit vor allen andern wünschen muß, +hege die große Absicht, durch dieses Zollsystem die übrigen Staaten +Deutschlands zu veranlassen, endlich wegen einer völligen Handelsfreiheit +sich zu vergleichen. Diese Vermutung wird fast zur Gewißheit, wenn man die +Erklärung der preußischen Regierung berücksichtigt, daß sie sich geneigt +finden lasse, mit Nachbarstaaten besondere Handelsverträge zu schließen«. +Leider vermochte der Leidenschaftliche nicht an dieser einfach richtigen +Erkenntnis festzuhalten. Er war ein Gegner der preußischen Handelspolitik, +soweit aus seinem unsteten Treiben überhaupt eine vorherrschende Ansicht +erkennbar wird; denn nach allen Abschweifungen lenkte er immer wieder auf +jenen Weg zurück, welchen Preußen längst als unmöglich erkannt hatte, auf +die Idee der Bundeszölle. Von den preußischen Zuständen besaß List nur +sehr mangelhafte Kenntnis; sein Verein ward durch die Hoffnung auf baldige +Wiederaufhebung des preußischen Zollgesetzes zusammengehalten und besaß +Korrespondenten in allen größeren deutschen Staaten, aber, bezeichnend +genug, keinen in Preußen. + +Nur der Zauber, der an dem Namen Deutschland haftete, erklärt das Rätsel, +daß so viele wackere und einsichtige Männer noch immer auf eine +Handelspolitik des Deutschen Bundes hoffen konnten. Seinerseits hatte der +Bundestag alles getan, um die Schwärmer zu enttäuschen. Die +Berichterstattung über Lists Bittschrift wurde dem Hannoveraner +Martens(20) übertragen, der gleich den meisten dieser »deutschen +Großbritannier« die englische Handelsherrschaft auf deutschem Boden +hocherfreulich fand. Mit dem ganzen Feuereifer polizeilicher Seelenangst +fragte er zunächst, woher dieser Verein das Recht nehme, sich zum +Vertreter des deutschen Handelsstandes aufzuwerfen, und überließ es den +hohen Regierungen, auf ihre beteiligten Untertanen ein wachsames Auge zu +richten. Zur Sache selbst brachte er nicht viel mehr vor als eine +drastische Schilderung der ungeheueren Schwierigkeiten, welche sich, seit +die deutschen Staaten souverän geworden, der Handelseinheit +entgegenstellten (24. Mai). Einige Bundesgesandte wünschten mindestens die +Einsetzung einer Kommission; aber dann hätten ja die Bittsteller wähnen +können, dieser Schritt sei auf ihre Veranlassung geschehen! Um einer so +frevelhaften Mißdeutung vorzubeugen, beschloß die Bundesversammlung nur, +daß man sich späterhin einmal mit dem Artikel 19 beschäftigen wolle. +Einige Wochen nachher (22. Juli) erinnerten die Ernestinischen Höfe den +Bundestag nochmals an den unglücklichen Artikel; Lists Freund, E. Weber, +und die Fabrikanten des Thüringer Waldes ließen ihnen keine Ruhe. Diesmal +ergingen sich Baden, Württemberg, beide Hessen und die Ernestiner in +wohlgemeinten, aber auch sehr wohlfeilen Reden zum Preise der deutschen +Verkehrsfreiheit und begeisterten die Versammlung dermaßen, daß sie +nunmehr wirklich beschloß, nach den Ferien, also 1820, solle eine +Kommission eingesetzt werden. Das war die Hilfe, welche Deutschlands +Handel in Frankfurt zu erwarten hatte. Der preußische Gesandte(21) aber +fand es mit Recht unbegreiflich, daß diese Versammlung sichs zutraue, so +schwierige Arbeiten auch nur in die Hand zu nehmen. + +Trotz solcher Erfahrungen sollten noch viele Jahre vergehen, bis die +Unausführbarkeit der leeren Versprechungen des Artikels 19 allgemein +erkannt wurde. Mit großer Hartnäckigkeit hielt namentlich die badische +Regierung an dem Traumbilde des Bundeszollwesens fest; ihr +langgestrecktes, auf die Durchfuhr angewiesenes Land litt unter dem Jammer +der Binnenmauten besonders schwer, und nicht ohne Besorgnis betrachtete +Minister Berstett(22) die wachsende Erbitterung im Volke. Der beschränkte +Mann hoffte durch wirtschaftliches Gedeihen die Nation mit ihrer +schimpflichen Zersplitterung zu versöhnen, ihr »einen materiellen Ersatz +für den Verlust mancher chimärischen, aber liebgewordenen Ideen« zu geben. +Darum empfahl er auf den Karlsbader Konferenzen in einer langen +Denkschrift (15. August) die Einführung eines Bundes- Douanensystems, das +für 30 Millionen Menschen freien Verkehr schaffen müsse; über die große +Frage, wie es möglich sein sollte, Hannover, Holstein, Luxemburg, Deutsch- +Österreich einem nationalen Zollwesen einzufügen, ging das überaus +unklare, widerspruchsvolle Schriftstück schweigend hinweg. Metternich(23) +wurde durch diesen Antrag, welchem Österreich sich schlechterdings nicht +fügen konnte, unangenehm überrascht und versuchte sogar, die Kompetenz des +Bundes in Zweifel zu ziehen. »Der Handel — so behauptete er —, seine +Ausdehnung wie seine Beschränkung gehört zu den ersten Befugnissen der +Souveränität«. Zur Mißhandlung der Universitäten, von denen die Bundesakte +kein Wort sagte, war der Bund nach der k. k. Doktrin unzweifelhaft befugt; +aber die Verkehrsfreiheit, welche der Bundesvertrag ausdrücklich in +Aussicht stellte, verstieß gegen die Souveränität der Bundesstaaten. +Drastischer konnte das Verhältnis der Hofburg zu den Lebensfragen der +deutschen Nation unmöglich bezeichnet werden. Auf das wiederholte +Andrängen Badens und Württembergs erklärte sich der österreichische +Staatsmann zuletzt doch bereit, die Zollfrage auf die Tagesordnung der +bevorstehenden Wiener Konferenzen zu setzen. Er wußte wohl, was von +solchen Beratungen zu erwarten sei. + +Unterdessen hatte auch der beste Kopf unter den badischen Finanzmännern, +Nebenius(24), seine Gedanken über die Bedingungen der deutschen +Verkehrsfreiheit in einer geistvollen Denkschrift niedergelegt, einer +Privatarbeit, welche zwar niemals, auch nicht mittelbar, auf die +Entwicklung des Zollvereins irgendeinen Einfluß ausgeübt hat, aber durch +Klarheit und Bestimmtheit alles übertraf, was damals von Privatleuten über +deutsche Handelspolitik geschrieben wurde. Der gelehrte Verfasser der +badischen Konstitution errang sich schon in jenen Jahren durch seine +Schrift über die englische Staatswirtschaft ein wissenschaftliches +Ansehen, das späterhin, seit dem Erscheinen seines Werkes »der öffentliche +Kredit« noch höher stieg; dies klassische Buch kann niemals ganz veralten, +es wird, wie Ricardos(25) Werke, dem angehenden Nationalökonomen immer +unschätzbar bleiben als eine Schule strengen methodischen Denkens. Auch +seine um Neujahr 1819 verfaßte handelspolitische Denkschrift verrät +überall den sicheren Blick des gewiegten Kenners. Sie wurde im April 1819 +vertraulich den badischen Landtagsmitgliedern mitgeteilt und dann im +Winter den Wiener Konferenzen durch Berstett als ein beachtenswertes +Privatgutachten überreicht. Maaßen freilich, Klewiz(26) und die anderen +Urheber des preußischen Zollgesetzes konnten aus den Ratschlägen des +badischen Staatsmannes nichts lernen. Für sie war das Richtige in seiner +Denkschrift nicht neu, das Neue nicht richtig. + +Die Denkschrift tritt, in den behutsam schonenden Formen, welche Nebenius +liebte, entschieden gegen das preußische Zollgesetz auf. Sie hebt die +Übelstände dieses Systems scharf heraus, ohne die Lichtseiten zu erwähnen. +Sie stellt den Satz hin: »kein deutscher Staat, Österreich ausgenommen, +vermag sein Gebiet gegen überwiegende fremde Konkurrenz wirksam zu +schützen« — eine Behauptung, welche Preußens Staatsmänner soeben durch die +Tat zu widerlegen begannen. Die Urheber des Gesetzes vom 26. Mai gingen +aus von den Bedürfnissen des preußischen Staatshaushalts, Nebenius hebt an +mit der Betrachtung der Leiden des deutschen Verkehrs. Darum steht jenen +die finanzielle, diesem der staatswirtschaftliche Gesichtspunkt obenan. +Darum wollen jene die allmähliche Erweiterung des preußischen Zollwesens +unter den Bedingungen, welche das Interesse der preußischen Finanzen +vorschreibt. Nebenius hingegen fordert, ganz im Sinne der +Durchschnittsmeinung der Zeit, ein System deutscher Bundeszölle, eine vom +Bundestage abhängige Zollverwaltung. Er will mithin genau das Gegenteil +der Politik, welche den wirklichen Zollverein geschaffen hat; der erste +Schritt auf dem von Nebenius vorgeschlagenen Wege mußte offenbar zur +Aufhebung des preußischen Zollgesetzes führen, also gerade die Grundlage +des späteren Zollvereins vernichten. Der handelspolitische Kampf jener +Jahre bewegte sich um die eine Frage: soll das preußische Zollgesetz +aufrecht bleiben oder nicht? Und in diesem Streite stand Nebenius auf der +Seite der Irrenden. Will man eine Denkschrift, welche also den leitenden +politischen Gedanken der preußischen Handelspolitik bekämpft, als den +bahnbrechenden Vorläufer des Zollvereins preisen, so muß man, kraft +derselben Logik, auch Großdeutsche und Kleindeutsche für +Gesinnungsgenossen erklären. Beide Parteien erstrebten bekanntlich die +deutsche Einheit, nur leider auf entgegengesetzten Wegen. + +Der staatsmännische Sinn des geistvollen Badeners steht keineswegs auf +gleicher Höhe mit seiner volkswirtschaftlichen Einsicht. Er hegt wohl +Zweifel, ob Österreich dem Zollverein beitreten könne, zu einem sicheren +Schluß gelangt er dennoch nicht. Noch im Jahre 1835 hat er den Eintritt +Österreichs für möglich gehalten; dann werde der Zollverein »den schönsten +aller Märkte bilden«. Die schwerwiegenden politischen Gründe, welche einen +solchen Gedanken für Preußen unannehmbar machten, sind ihm niemals klar +geworden. Ebenso wenig will er begreifen, warum Preußen als eine +europäische Macht die Selbständigkeit seiner Zollverwaltung unbedingt +aufrecht halten mußte; er verlangte eine in der Hand des Bundes +zentralisierte Zollverwaltung, die Mautbeamten sollen allein dem Bunde +vereidigt werden. Auch bei der Erörterung von Nebenfragen vermag er nicht +immer hinauszublicken über den engen Gesichtskreis seines heimischen +Kleinstaates. So will er, mit wenigen Ausnahmen, die gesamte Zollerhebung +allein an den Grenzen stattfinden lassen, weil, nach der Ansicht des +badischen Beamtentums, diese Einrichtung dem Grenzlande Baden besonderen +Vorteil bringen sollte. Maaßen dagegen ließ in allen größeren preußischen +Plätzen Packhöfe und Zollstellen errichten, da ohne solche Erleichterung +ein schwunghafter Speditionshandel offenbar nicht gedeihen konnte. + +Neben diesen Irrtümern der Denkschrift steht freilich eine lange Reihe +tief durchdachter, praktisch brauchbarer Vorschläge, doch ist kein +einziger darunter, welchen das preußische Kabinett nicht schon damals +gekannt und angewendet hätte. Mit großer Klarheit entwickelt Nebenius den +Satz, daß ohne Zollgemeinschaft die Freiheit des Verkehrs nicht möglich +sei. Dieser Gedanke, der uns heute trivial und selbstverständlich +erscheint, war der Diplomatie der Kleinstaaten jener Zeit völlig neu. Den +Berliner Staatsmännern war er wohlbekannt; denn nur jenen Staaten, die +sich dem preußischen Zollsystem einfügen wollten, hatte Preußen freien +Verkehr angeboten. Ebenso tief durchdacht waren die Grundzüge des +Zolltarifs, welche Nebenius entwarf. Er will mäßige Finanzzölle namentlich +auf die Gegenstände allgemeinen Gebrauchs, auf die Kolonialwaren legen; +die dem heimischen Gewerbefleiß notwendigen Rohstoffe gibt er frei, die +Fabrikwaren schützt er durch Zölle, die ungefähr der üblichen +Schmuggelprämie entsprechen; feindselige Schritte des Auslandes sollen mit +Repressalien erwidert werden. Treffliche Gedanken, ohne Frage; aber als +Nebenius schrieb, war bereits der preußische Tarif veröffentlicht, der +durchaus auf denselben Grundsätzen beruhte. Selbständiges Nachdenken hatte +den Süddeutschen genau auf dieselben staatswirtschaftlichen Ideen geführt, +welche Eichhorn oftmals als den Eckstein des preußischen Systems +bezeichnete: »Freiheit, Reziprozität, Ausschließung der Prohibition.« War +es nicht ein seltsames Zeichen der allgemeinen Unklarheit jener Tage, daß +ein so ungewöhnlicher Geist so dicht heranstreifte an die Ideen des +preußischen Zollsystems und doch nicht einmal die Frage aufwarf, ob nicht +der Bau der deutschen Handelseinheit auf dem festen Grunde dieses Systems +aufgerichtet werden sollte? — Nebenius stellt ferner den Grundsatz auf, +daß die Verteilung der Zolleinnahmen nach der Kopfzahl der Bevölkerung +erfolgen solle. Aber als seine Denkschrift in Berlin bekannt wurde, da +hatte Preußen denselben folgenschweren Gedanken schon in einem +Staatsvertrage praktisch durchgesetzt. Er erörtert sodann, die +Zollgemeinschaft sei unmöglich, wenn nicht auch der innere Konsum nach +gleichen Grundsätzen besteuert werde; bis dies Ziel erreicht sei, müsse +man sich mit Übergangsabgaben behelfen. Auch diese Einsicht bestand in +Berlin schon längst; eben weil Eichhorn und Maaßen die weit abweichenden +Steuersysteme der Nachbarstaaten kannten, wollten sie nicht zu einer +vorschnellen Einigung die Hand bieten. Sie wußten desgleichen so gut wie +Nebenius, daß es genüge, einen Zollvertrag für einige Jahre abzuschließen; +gleich ihm hofften sie zuversichtlich, der unermeßliche Segen der +Verkehrsfreiheit werde die Wiederaufhebung eines einmal geschlossenen +Zollvereins verhindern … + +Nebenius galt in der Diplomatie allgemein als ein bedeutender Kopf und als +ein höchst unbequemer Unterhändler. Er zählte zu jenen stillen +Gelehrtennaturen, die unter schmuckloser Hülle ein sehr reizbares +Selbstgefühl hegen, den Widerspruch ungern, noch schwerer die Widerlegung +ertragen. Weit entfernt von der lauten Prahlsucht Friedrich Lists, war er +doch mitnichten gesonnen, sein Licht hinter den Scheffel zu stellen. Er +gab wohl zu, kein einzelner Mann könne als Urheber des Zollvereins gelten. +Doch er rühmte sich, seine Denkschrift habe den Gedanken eines allgemeinen +Zollverbandes zum ersten Male entwickelt, sie habe, bis auf einen einzigen +Irrtum, die Verfassung des späteren Zollvereins im voraus richtig +gezeichnet. Er übersah, daß dieser einzige Irrtum gerade die Lebensfrage +der deutschen Handelspolitik betraf; er übersah nicht minder, daß der +beste Teil seiner Denkschrift lediglich als Wunsch aussprach, was Preußen +durch die Tat schon vollzogen hatte. Ihm gebührt nur das große Verdienst, +daß er, gleichzeitig mit den preußischen Staatsmännern und unabhängig von +ihnen, für einige wichtige Fragen deutscher Handelspolitik die rechte +Lösung erdachte; jedoch die entscheidende Frage: »Bundeszölle oder +Anschluß an das preußische System?« wurde in Berlin richtig, von Nebenius +falsch beantwortet … + +Eine klare Vorstellung von dem Handelsbunde, der anderthalb Jahrzehnte +später ins Leben trat, hegte im Jahre 1819 noch niemand. »Die Idee hatte +sich noch gar nicht entwickelt«, pflegte Eichhorn späterhin zu sagen. Der +Aufzug des großen Gewebes war bereits ausgespannt. Es bestand das +preußische Zollsystem, es bestand der ausgesprochene Wille Preußens, dies +System zu erweitern und den deutschen Nachbarn ohne Kleinsinn reichlichen +Anteil an den gemeinsamen Zolleinkünften zu gewähren. Noch fehlte der +Einschlag. Es fehlte der gute Wille der Nachbarstaaten; es fehlte hüben +wie drüben ein deutlicher Begriff von den losen und lockeren bündischen +Formen, welche allein einen dauernden Handelsbund zwischen eifersüchtigen +souveränen Staaten — dies noch niemals gewagte Unternehmen — ermöglichen +konnten. Jenen guten Willen hat nachher die Not gezeitigt. Diese +Verfassungsformen des Zollvereins sind nicht von Nebenius, noch von +irgendeinem Denker im voraus ersonnen worden, da die Theorie solche +Aufgaben niemals lösen kann; sie sind gefunden worden auf den Wegen +praktischer Politik, durch Verhandlungen und gegenseitige Zugeständnisse +zwischen den deutschen Staaten. Der badische Denker schrieb als ein +unverantwortlicher Privatmann, er durfte kühn sofort die Einheit des +ganzen Vaterlandes ins Auge fassen. Er hat an diesem Ideale unverbrüchlich +festgehalten, und weil er so hohen Flug nahm, verfiel er auf den +unmöglichen Plan der Bundeszölle. Preußens Staatsmänner hatten ein +köstliches Gut zu hüten: die schwer errungene und noch immer hart bedrohte +handelspolitische Einheit ihres Staates. Sie mußten sich von den +Schwärmern bald des zaghaften Kleinsinns, bald des selbstzufriedenen +Dünkels zeihen lassen, und indem sie bedachtsam auf dem Bestehenden +fortbauten, erreichten sie das hohe Ziel. — + +Zur rechten Stunde fanden die Urheber des preußischen Zollgesetzes einen +mächtigen diplomatischen Bundesgenossen an dem neuen Referenten für die +deutschen Angelegenheiten, J. A. F. Eichhorn, den sein Chef Graf +Bernstorff auf dem Gebiete der Handelspolitik völlig frei schalten ließ. +Unter den Helden der Arbeit, welche in müden Tagen die großen +Überlieferungen Preußens mutig aufrecht hielten, in friedlichem Schaffen +den Grund legten für seine neue Größe, steht Eichhorn in vorderster Reihe. +Sein ganzer Lebensgang hatte ihn vorbereitet auf die Rolle des friedlichen +Bändigers der Kleinstaaterei. Im Löwensteinischen Wertheim war er +aufgewachsen, an der lieblichen Ecke des Maintales und des Taubergrundes, +so recht im Herzen der verkommenen Staatenwelt des alten Reichs, und sein +tagelang blieb es ihm unvergeßlich, wie er dort noch den Boten des +Reichskammergerichts in seiner altfränkischen Tracht die Befehle von +Kaiser und Reich hatte vollstrecken sehen. Begeistert von den Taten +Friedrichs, war er dann gen Norden gegangen, um dem Staate seiner Wahl zu +dienen, und auch an ihm bewährte sich, daß Preußen die wärmste Liebe bei +jenen Deutschen findet, die sich dies Gefühl erst erarbeitet haben. Er +mußte in Cleve den Zusammenbruch der preußischen Herrschaft, dann in +Hannover 1806 die fiskalischen Künste einer kleinlichen Annexionspolitik +mit ansehen und ward trotz alledem nicht irr an seinem Staate. Dann nahm +er teil an Schills abenteuerlichem Zuge und trat zu Berlin mit Stein und +Gneisenau, mit (W. v.) Humboldt, Altenstein(27), Kircheisen(28) in +vertrauten Verkehr; sie alle ließen den unbekannten jungen Fremdling +sofort als einen Ebenbürtigen gelten. Ein Schüler Spittlers(29), gründlich +und vielseitig gebildet, ward er als erster Syndikus der Berliner +Universität auch persönlich mit der gelehrten Welt näher bekannt; mit +Schleiermacher(30) verband den tief religiösen Mann eine treue +Freundschaft, der großen Theologenfamilie der Sack gehörte er durch seine +Heirat an. Die Zeiten des Befreiungskrieges verlebte er gehobenen Herzens +erst als Offizier in Blüchers Stabe, dann als Mitglied von Steins +Zentralverwaltung; hier fand er reiche Gelegenheit, den kleinen deutschen +Regierungen bis in das Innerste der Seele zu blicken. Unerschüttert trug +er die Begeisterung jener großen Jahre hinüber in die stille Zeit des +Friedens. + +Als er in seinem vierzigsten Jahre die wichtige Stellung im Auswärtigen +Amte erhielt, da beseelte ihn die Hoffnung, eine solche Verbindung, wie +sie einst unter der Zentralverwaltung nur zeitweilig, unfertig, unbeliebt +bestanden hatte, auf die Dauer zu begründen, die deutschen Staaten durch +die Bande des Rechts, des Vertrauens, des Interesses für immer an die +Krone Preußen anzuschließen. Dies galt ihm als die Vollendung, als die +Läuterung der Träume von 1813. Er erkannte in dem Artikel 19 der +Bundesakte »die gutgemeinte Absicht der deutschen Fürsten, daß, +unbeschadet ihrer Souveränität, den deutschen Untertanen die Wohltat eines +gemeinsamen Vaterlandes gewährt werden müsse«, und er traute seinem +Preußen die Kraft zu, die dem Bunde fehlte, diese Wohltat eines +Vaterlandes den Deutschen zu spenden. Neben der schneidigen Kühnheit, die +man oft an den großen Epochen unserer Geschichte bewundert hat, übersieht +man leicht jene kalte, zähe, ausdauernde Geduld, welche der preußischen +Staatskunst in den endlos langweiligen Händeln deutscher Kleinstaaterei +zur anderen Natur geworden war. Wohl keiner unserer Staatsmänner hat diese +altpreußische Tugend mit solcher Meisterschaft geübt wie Eichhorn. Da +watet der geistvolle Mann jahraus jahrein durch den zähen Schlamm +armseliger Verhandlungen, die schon beim Durchlesen körperlichen Ekel +erregen. Nichts schwächt ihm die Frische des Geistes; immer bleibt ihm der +Gedanke gegenwärtig, welch großes Ziel hinter den kleinen Händeln winkt; +immer wieder rafft sich sein gebrechlicher Körper nach schweren +Krankheitsanfällen zu rastloser Tätigkeit auf. Überall hat er seine Augen; +wie der Arzt am Krankenbette überwacht er die Stimmung der kleinen Höfe, +ihre Bosheit, ihre Selbstsucht, ihre ratlose Torheit. Zuweilen hilft er +sich mit einem scharfen Witz über die Langeweile hinaus. »Was wohl die +herzoglich sächsischen Häuser beabsichtigen? — schreibt er einmal — Ja, +wenn sie es nur selber wüßten!« Und nach allem Jammer, den ihm die +Kleinfürsten zu kosten geben, bewahrt er ihnen doch Achtung und +Wohlwollen, kommt bereitwillig, mit bundesfreundlicher Gesinnung, jedem +billigen Wunsche entgegen. Oftmals schlugen die schmutzigen Wellen der +Demagogenverfolgung gegen seinen ehrlichen Namen an; er blieb sich selber +treu, trat tapfer ein für seine verfolgten Freunde und behauptete sich +doch im Vertrauen des Königs. Dann hat Fürst Metternich viele Jahre +hindurch alle seine schlechten Künste spielen lassen gegen den verhaßten +Patrioten, der in Wien als der böse Dämon Preußens galt. Zugleich schmähte +die liberale Presse auf den Servilen. Er aber trug gelassen Stein auf +Stein zu dem unscheinbaren Bau deutscher Handelseinheit und duldete +schweigend die Unbilden der öffentlichen Meinung, denn jeder Versuch einer +lauten Rechtfertigung wäre sein sicherer Sturz gewesen. Nachher kam doch +eine Zeit, da mindestens die Höfe sein Verdienst erkannten; sämtliche +Orden des Deutschen Bundes, nur kein österreichischer, wurden dem +anspruchslosen Geheimen Rate verliehen, und die Staatsschriften der +dankbaren Zollverbündeten priesen ihn als »die Seele des preußischen +Ministeriums«. Die Nation aber erfuhr niemals ganz, was sie ihm schuldete. + +Seine Hoffnung war, das preußische Zollsystem durch Verträge mit den +deutschen Nachbarstaaten allmählich zu erweitern. Für die Formen und +Grenzen dieser Erweiterung hat er nicht im Voraus einen festen Plan +entworfen; er stellte sie, da er die Schwierigkeit des Unternehmens +richtig würdigte, dem unberechenbaren Gange der Ereignisse anheim. Die +Frage, ob Preußens Zollschranken dereinst am Main oder am Bodensee stehen +würden, war im Jahre 1819 noch nicht praktisch; sie konnte den Leiter der +preußisch-deutschen Politik vielleicht in seinen Träumen, sie durfte ihn +nicht bei seiner Arbeit beschäftigen. Nur das eine war ihm sicher, daß das +neue Zollsystem aufrecht bleiben, den festen Kern bilden müsse für die +Neugestaltung des deutschen Verkehrs. Er verlangte freie Hand für Preußens +Handelspolitik, wies von diesem Gebiete die Einmischung Österreichs +entschieden zurück. Aber jede Feindseligkeit gegen die Hofburg lag ihm +fern; der Gedanke, den Deutschen Bund von Österreich abzutrennen, blieb +ihm, dem Konservativen, der in den Ideen von 1813 lebte, völlig fremd. +Noch als Greis hat er Radowitzs Unionspläne als unausführbare Träume +bekämpft. — + +Einen widerwärtigen Übelstand, der sofort beseitigt werden mußte, bot die +Lage der zahlreichen Enklaven. Die Zollinien wurden alsbald soweit +vorgeschoben, daß sie die anhaltischen Herzogtümer fast ganz und auch +einen Teil der kleinen thüringischen Gebiete, die mit Preußen im Gemenge +lagen, umfaßten. Alle nach diesen Ländern eingeführten Waren unterlagen +ohne weiteres den preußischen Einfuhrzöllen. Erst nachdem die neue +Grenzbewachung in Kraft getreten, ließ Eichhorn zu Anfang 1819 diesen +Staaten die Einladung zugehen, mit dem Berliner Kabinett wegen des +Zollwesens zu verhandeln. Der König sei bereit, nach billiger Übereinkunft +den Landesherren der eingeschlossenen Gebiete das Einkommen zu überweisen, +das seinen Staatskassen aus den Enklaven zufließe. Dies kurz angebundene +Verfahren, das in den Papieren des Finanzministeriums als »unser +Enklavensystem« bezeichnet ward, mußte allerdings die kleinen Höfe +befremden; doch die Notwendigkeit gebot, diesen Nachbarn zu zeigen, daß +sie in ihrer Handelspolitik von Preußen abhängig seien. Nur gutmütige +Schwäche konnte das Gelingen der großen Zollreform abhängen lassen von der +vorausgehenden Zustimmung eines Dutzends kleiner Herren, die nach +deutscher Fürstenweise allein für die Beredsamkeit vollendeter Tatsachen +empfänglich waren. Lediglich die Eitelkeit der Nachbarfürsten ward +gekränkt; den wirtschaftlichen Interessen der Enklaven gereichte Preußens +Vorgehen offenbar zum Segen. Eine selbständige Handelspolitik blieb in +diesen armseligen Gebietstrümmern ja doch undenkbar. Das Gedeihen ihrer +Volkswirtschaft wurde sofort vernichtet, wenn Preußen sie von seinem +Zollsystem ausschloß und sie mit seinen Schlagbäumen rings umstellte; auch +der Handel innerhalb der Provinz Sachsen erlitt ärgerliche Störung, wenn +alle durch das Anhaltische oder das Schwarzburgische gehenden Waren +verbleit und der Kontrolle der Zollämter unterworfen werden mußten. Ebenso +wenig durfte Preußen den Verkehr der Enklaven völlig unbeaufsichtigt +lassen. Was diese Ländchen selbst an Zolleinkünften aufbrachten, bildete +freilich nur den achtzigsten Teil der preußischen Zolleinnahmen; doch +durch den Schmuggel konnten sie den Finanzen Preußens hochgefährlich +werden. + +Durch die heilsame Rücksichtslosigkeit der Berliner Finanzmänner erhielten +die Enklaven freien Verkehr auf dem preußischen Markte, ihre Staatskassen +die Zusage eines gesicherten reichlichen Einkommens, das sie aus eigener +Kraft niemals erwerben konnten. Die preußische Regierung handelte in gutem +Glauben; sie war bereit, ihr eigenes Enklavensystem auch gegen preußisches +Gebiet anwenden zu lassen; mehrmals erklärte sie, wenn ein süddeutscher +Zollverein zustande komme, so müsse der enklavierte Kreis Wetzlar sich +diesem Zollsystem unterwerfen. Ganz unhaltbar war vollends die von den +gekränkten Kleinfürsten oft wiederholte Anklage, Preußens Enklavensystem +verletze das Völkerrecht. Alle nach den Enklaven bestimmten Waren +unterlagen von Rechts wegen den preußischen Durchfuhrzöllen; und wenn der +Berliner Hof für gut fand, die Transitabgaben auf gewissen Straßen bis zur +Höhe der Einfuhrzölle hinaufzuschrauben, so ließ sich rechtlich dawider +nichts einwenden. + +Indem Eichhorn die Kleinstaaten einlud zu freundnachbarlichen Verträgen +über die Behandlung der Enklaven, erklärte er zugleich die +Bereitwilligkeit des Königs, auch über den Anschluß nichtenklavierter +Gebiete zu verhandeln. Er betonte den nationalen Charakter des +Zollgesetzes, er hob hervor, dies Gesetz sei im Sinne des Artikels 19 der +Bundesakte gedacht, sei bestimmt, zunächst in einem Teile von Deutschland +die Binnenmauten aufzuheben, sodann auch anderen Bundesstaaten den +Anschluß zu erleichtern; der König verdiene den Dank der Bundesgenossen, +da er begonnen habe, den deutschen Markt von der Herrschaft des Auslandes +zu befreien. An dieser nationalen Richtung hat Preußens Handelspolitik +seitdem unerschütterlich festgehalten; die in späteren Jahren oft +auftauchenden Vorschläge, etwa Belgien oder die Schweiz in den Zollverein +aufzunehmen, wurden in Berlin stets kurzerhand zurückgewiesen. _Nicht +kosmopolitische Verkehrsfreiheit war Preußens Ziel, sondern die +Handelseinheit des Vaterlandes._ Der König, sagt eine von Bernstorff +unterzeichnete Note an das Kollegium der Geheimen Räte zu Gotha (vom +13. Juni 1819), beabsichtige durch das Gesetz vom 26. Mai »hauptsächlich +den Handel mit außerdeutschen Landeserzeugnissen zu besteuern und die +Mitbewerbung außerdeutscher Fabriken von Ihren Staaten und von denjenigen +Ländern abzuwehren, welche sich hierin an Ihre Maßregeln anschließen +wollen.« Er hege »den lebhaften Wunsch, die nur zur Besteuerung +außerdeutscher Verbrauchsartikel und zum Schutze der preußischen +Landesindustrie gegen die außerdeutschen Fabriken ergriffenen Maßregeln +bundesverwandten deutschen Staaten, soweit es ihre Lage irgend gestattet, +nicht zum Nachteil gereichen zu lassen.« Hierauf rät die Note, einen +thüringischen Handelsverein zu bilden, der alsdann mit Preußen in +Zollverbindung treten solle; sie zeichnet also genau den Weg vor, welcher +14 Jahre später zu der handelspolitischen Vereinigung Preußens und +Thüringens geführt hat. + +Im selben Sinne versicherte die Staatszeitung amtlich, »daß Preußen schon +seiner Lage wegen, mehr aber noch, weil die Vereinigung des +Einzelinteresses der deutschen Bundesstaaten zu einem Gesamtinteresse für +Preußen vorzüglich wünschenswert sei, zu dem Plane einer völligen +Handelsfreiheit zwischen den Bundesstaaten die Hand zu bieten am ehesten +geneigt sei, und daß es am liebsten die Schwierigkeiten gehoben sehen +werde, die sich der Ausführung entgegenzustellen schienen.« Und als gegen +Weihnachten 1819 Abgeordnete des Listschen Vereins nach Berlin kamen, um +die Regierung für einen deutschen Mautverband zu gewinnen, da erhielten +sie von Hardenberg und drei Ministern die Versicherung: »daß die +preußische Regierung, weit entfernt, durch einseitige Maßregeln den +Wohlstand der deutschen Nachbarstaaten untergraben zu wollen, sich freuen +würde, wenn alle Regierungen Deutschlands über die Grundsätze eines +gemeinschaftlichen, die Wohlfahrt aller Teile fördernden Handelssystems +sich vereinigen könnten, wozu die preußische Regierung sehr gern die Hände +bieten werde, um ihrerseits mitzuwirken, daß dem ganzen Deutschland die +Wohltat eines freien, auf Gerechtigkeit gegründeten Handels zuteil werde. +Es ist ihnen aber auch nicht verhehlt worden, daß der Zustand und die +Verfassung der einzelnen deutschen Staaten noch keineswegs zu gemeinsamen +Anordnungen vorbereitet erscheine; wozu auch besonders gehöre, daß die +gemeinsamen Anordnungen in einem gemeinsamen Sinne von allen gehalten +würden. Die Sache scheine daher jetzt nur darauf zu führen, daß einzelne +Staaten, welche sich durch den jetzigen Zustand beschwert glaubten, mit +denjenigen Bundesmitgliedern, von denen nach ihrer Meinung die Beschwerden +veranlaßt werden, sich zu vereinigen suchten und daß auf diesem Wege +übereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weitergeleitet würden, +welche den Zweck hätten, die inneren Scheidewände mehr und mehr wegfallen +zu lassen.« + +Damit war rund und nett der Grundgedanke einer nationalen Handelspolitik +ausgesprochen, welche bei der Nichtigkeit des Bundestages die einzig +mögliche war. Deutlicher als Preußen sprach, konnte eine Regierung über +noch unfertige Entwürfe schlechterdings nicht reden. Aber in der +epidemischen Verblendung, die nunmehr über die öffentliche Meinung +hereinbrach, in dem donnernden Lärm der Anklagen, die auf das +absolutistische Preußen herniederprasselten, wurden die offenkundigen +Worte und Taten des Berliner Kabinetts völlig vergessen. Man redete sich +hinein in den Wahn, daß Preußen sich selbstgefällig von dem großen +Vaterlande absondere. Alles schalt auf den Berliner Hochmut und +Partikularismus, am lautesten jene kleinen Höfe, welche das Enklavensystem +ertragen mußten. Selbst Karl August von Weimar betrachtete es als eine +höchst anmaßende Zumutung, daß er seine rings von Preußen umschlossenen +Ämter Allstedt und Oldisleben dem preußischen Zollsystem einfügen sollte, +und ließ dem Berliner Hofe schreiben: »Eine strenge Durchführung des +Gesetzes vom 26. Mai scheint mit dem Geiste und den Grundsätzen der +Bundesakte so wenig in Einklang zu stehen, daß nicht zu bezweifeln steht, +es werde diese Angelegenheit Gegenstand der nächsten Verhandlungen des +Bundestages werden und S. K. Majestät von Preußen als Bundesfürst selbst +geruhen, konziliatorische Anträge deshalb an den Bund gelangen zu lassen.« + +Auf so naive Vorschläge konnte Eichhorn sich nicht einlassen. Er durfte +das Zollwesen der Provinz Sachsen nicht dem Belieben Österreichs und der +Bundestagsmehrheit preisgeben, sondern gab sich der Hoffnung hin, die +Erkenntnis des eigenen Vorteils würde die kleinen thüringischen Dynasten +bestimmen, auf das Anerbieten Preußens einzugehen und ihre enklavierten +Gebietsteile durch Verträge dem preußischen Zollsystem anzuschließen. In +der Tat wendeten sich die kleinen Nachbarn allesamt sogleich an den +Berliner Hof, aber nur, um zu fordern, daß Preußen sein Enklavensystem +alsbald wieder aufhebe; wie dies möglich sein sollte, wußten sie freilich +nicht anzugeben. Besonders hart fühlte sich der wohlmeinende Fürst Anton +Günther von Schwarzburg-Sondershausen getroffen. Die Hauptmasse seines +Reiches, die Unterherrschaft mit der Hauptstadt, ein Land von fast 30000 +Einwohnern, war von preußischem Gebiet umschlossen und dem preußischen +Zollwesen einverleibt; da die Krone Preußen als Rechtsnachfolgerin von +Kursachsen hier überdies das Postregal und einige andere Hoheitsrechte +ausübte, so blieb dem Fürsten von seiner teueren Souveränität allerdings +wenig übrig. Mit dringenden Bitten mußten also erst der vielgeplagte +gemeinsame thüringische Gesandte General Lestocq, dann das Sondershausener +Geheime Konsilium selbst den preußischen Hof bestürmen um »Zurücknahme +einer Anordnung, in welche man schwarzburg-sonderhausenscherseits sich nie +zu fügen entschlossen ist.« + +Minister Klewiz erwiderte verbindlich, durch einen Vertrag könne die +Angelegenheit ohne Schwierigkeit geordnet werden; er gewährte auch dem +Fürsten freundnachbarlich Freipässe für die Verzehrung seines Hofhalts, +aber eine Abänderung des Gesetzes schlug er rundweg ab, da die Gefahr des +Schmuggels aus den kleinen Nachbarlanden gar zu groß sei. In Sondershausen +wollte man den Wink nicht verstehen. Mehrere Monate hindurch wurde die +preußische Regierung immer von neuem mit der Anfrage belästigt, ob sie nun +endlich bereit sei, eine Verfügung aufzuheben, welche so gröblich in die +Rechte der Sondershausener Souveränität eingreife. Der Fürst selber +richtete an den König die »devoteste Bitte«, ihn »durch einen neuen Beweis +Allerhöchstdero allgemein verehrter und gepriesener Liberalität und +Großmut zum unbegrenztesten und devotesten Danke zu verpflichten.« Alles +war vergeblich; die untertänige Form konnte über den anmaßenden Inhalt der +Bittschriften nicht täuschen. Dann kam der Kanzler v. Weise selbst nach +Berlin, ein wackerer alter Herr, der im Verein mit seinem Sohne, dem +Geheimen Rat, das Sondershausener Ländchen patriarchalisch regierte. Auch +er richtete nichts aus. + +Mittlerweile hatte sich Vizepräsident v. Motz(31) in Erfurt des Streites +angenommen. Er kannte alle Herzensgeheimnisse der Kleinstaaterei, da sein +Regierungsbezirk mit fast einem Dutzend kleiner Landesherrschaften im +Gemenge lag; er war mit den beiden Weise als guter Nachbar vertraut +geworden und erwarb sich jetzt um Deutschlands werdende Handelseinheit, +die ihm bald noch Größeres verdanken sollte, sein erstes Verdienst, indem +er den Freunden vorstellte, wie kindisch es sei, an einer Zollhoheit +festzuhalten, die doch niemals in Wirksamkeit treten konnte. Der +kunstsinnige Fürst wünschte längst, im freundlichen Tale der Wipper ein +Sondershausener Nationaltheater zu gründen, aber die Mittel fehlten; +schloß er sich dem preußischen Zollwesen an, so war ihm aus der Not +geholfen. Diese Erwägung wirkte. + +Gegen Ende September erschien der alte Weise wieder in Berlin, und da er +diesmal ernstlich verhandeln wollte, so ward er mit großer Freundlichkeit +aufgenommen. Maaßen und Hoffmann führten die Unterhandlung, unter +beständiger Rücksprache mit Eichhorn. Noch unbekannt mit der Nebeniusschen +Denkschrift, stellte Hoffmann zuerst den Gedanken auf: das einfachste sei +doch, die gemeinsamen Zolleinnahmen ohne fiskalische Kleinlichkeit nach +der Volkszahl zu verteilen. Damit war jener Bevölkerungsmaßstab gefunden, +der allen späteren Zollverträgen Preußens zur Grundlage gedient hat. Weise +ging sofort auf das günstige Anerbieten ein, und am 25. Oktober 1819 wurde +der _erste Zollanschlußvertrag_ unterzeichnet, kraft dessen der Fürst von +Sondershausen »unbeschadet seiner landesherrlichen Hoheitsrechte« seine +Unterherrschaft dem preußischen Zollgesetz unterwarf und dafür nach dem +Maßstabe der Bevölkerung seinen Anteil an den Zolleinnahmen — vorläufig +eine Bauschsumme von 15000 Talern — erhielt. Eine Mitwirkung bei der +Zollgesetzgebung wurde dem kleinen Verbündeten nicht zugestanden; er mußte +die Handelsverträge Preußens und alle anderen Änderungen, welche das +Finanzministerium beschloß, einfach annehmen. Im übrigen waren seine +Hoheitsrechte sorgsam, fast ängstlich gewahrt; selbst die +Steuervisitationen auf schwarzburgischem Gebiet sollten nur durch die +fürstlichen Beamten vollzogen werden. + +Im Wippertale herrschte laute Freude. Der Fürst dankte tief gerührt für +dies neue Zeichen königlicher Hochherzigkeit; nun konnte er endlich sein +berühmtes Rauchtheater eröffnen, wo er mit den Bürgern seiner Residenz um +die Wette den Musen des Dramas und der Rauchkunst huldigte. Finanziell +betrachtet, war das Abkommen unzweifelhaft ein Löwenvertrag zugunsten +Sondershausens; Preußen brachte um des politischen Zweckes willen ein +Geldopfer, denn das wenig bemittelte Thüringer Bergländchen verzehrte von +den einträglichsten Zollartikeln, den Kolonialwaren, weit weniger als der +Durchschnitt der östlichen Provinzen. + +Um so berechtigter schien die Erwartung, daß die übrigen Kleinen dem +Beispiel Sondershausens folgen würden. Im Eingange des Vertrags hatte der +König nochmals erklären lassen, daß er bereit sei, ähnliche Abkommen mit +anderen Bundesfürsten zu schließen. Rudolstadt begann schon zu verhandeln. +Auch mit Braunschweig, Weimar, Gotha dachte Hoffmann binnen kurzem ins +Reine zu kommen, und bereits ging er mit seinen Entwürfen über die +Grundsätze des Enklavensystems hinaus. Die unglückliche zerrissene Gestalt +seines Gebietes zwang den preußischen Staat, auch wenn er auf alle +Eroberungspläne verzichtete, mindestens zum handelspolitischen Ehrgeiz; er +konnte sein Steuersystem kaum durchführen, wenn er nicht außer den +Enklaven auch noch einige nur halb umschlossene Nachbarlandschaften seinem +Zollgesetze unterwarf. Da lag Anhalt-Bernburg, das auf eine kleine Strecke +Weges nicht an Preußen grenzte und also gewissenhaft als Ausland behandelt +wurde. Was war der Dank? Ein ungeheuerer Schmuggel, der von Monat zu Monat +anwuchs und die Zolleinnahme der Provinz Sachsen zu verschlingen drohte. +Schon im Oktober wurden 4023 Zentner zumeist Kolonialwaren, in die +anhaltischen Harzstädtchen bei Ballenstedt eingeführt, um alsbald spurlos +zu verschwinden. Mindestens dies Vorland, meinte Hoffmann, müsse sogleich +in die Zollinie eintreten; werde der Vertrag mit Sondershausen nur erst +bekannt, dann könnten sich die kleinen Nachbarn nicht länger mehr wider +ihren eigenen Vorteil sträuben. + +Die Hoffnung trog. Jener Zollvertrag, der uns heute so selbstverständlich +erscheint, sollte während mehrerer Jahre der einzige bleiben. Kaum ward er +ruchbar, so erscholl an allen Höfen ein Schrei des Zornes. Fürst Anton +Günther mußte von seinen durchlauchtigen Genossen ernste Vorwürfe hören, +weil er das Kleinod der Souveränität so würdelos preisgegeben; die anderen +kleinen Nachbarn, die seinem Vorgange bereits folgen wollten, traten, +eingeschüchtert durch die allgemeine Entrüstung, von den Verhandlungen +zurück. An die Spitze der Gegner Preußens stellte sich der Herzog von +Cöthen. Der erklärte im Namen der kleinen Fürsten: »freiwillig können und +werden sie sich nicht unterwerfen, wenn sie nicht die heiligsten Pflichten +gegen ihre Untertanen, gegen ihre Häuser und gegen ihre eigene Ehre +verletzen wollen«; dann forderte er getrost, Preußen solle ihm einen fünf +Stunden breiten Streifen zollfreien Gebiets bis zur sächsischen Grenze zur +Verfügung stellen, damit das Haus Anhalt freien Zugang zum Welthandel +erlange. Gemütlich lauernd und im Stillen schürend, stand hinter den +erbitterten Kleinen der treue Bundesgenosse Preußens, Österreich. Die Höfe +beschlossen insgeheim, auf den Wiener Konferenzen mit vereinter Kraft die +Aufhebung des preußischen Zollgesetzes durchzusetzen; nur wenn der +vorhandene Anfang deutscher Zolleinheit vom Erdboden verschwand, konnte +der Bundestag die nationale Handelspolitik begründen! Und an dieser +Raserei partikularistischer Leidenschaft nahm die gesamte Nation außerhalb +Preußens teil. Alle die Lieder und Reden zum Preise der deutschen Einheit +waren vergessen, sobald Preußen sich anschickte, den Deutschen »die +Wohltat eines gemeinsamen Vaterlandes zu gewähren«. + +Preußens Staatsmänner hatten gehofft, schon in dem ersten Jahre, da das +neue Gesetz bestand, einige der deutschen Nachbarn für die Politik der +praktischen deutschen Einheit zu gewinnen. Jetzt sahen sie sich in die +Verteidigung zurückgeworfen. Der siegreiche Kampf um die Behauptung, dann +um die Erweiterung des Zollgebiets blieb auf Jahre hinaus die wichtigste +Aufgabe der preußischen Staatskunst. Durch die friedlichen Eroberungen +dieses Kampfes hat König Friedrich Wilhelm gesühnt, was in Karlsbad +gefehlt war, und die Marksteine gesetzt für das neue Deutschland. Er war +der rechte Mann für dies unscheinbare und doch so folgenschwere Werk +deutscher Geduld. Gleichmütig und immer bei der Sache, treu und +beharrlich, von einer Rechtschaffenheit, die jedes Mißtrauen entwaffnete, +stets bereit, dem bekehrten Gegner mit aufrichtigem Wohlwollen +entgegenzukommen — so hat er nach und nach die Trümmer Deutschlands +befreit aus den Banden eigener Torheit und ausländischer Ränke, den Weg +bereitend für größere Zeiten. Die Gegenwart aber soll nicht undankbarer +sein, als Friedrich der Große war, der von dem glanzlosen Arbeitsleben +seines Vaters sagte: »Der Kraft der Eichel danken wir den Schatten des +Eichbaums, der uns deckt.« + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. II, 607ff. + + ------------------ + + + + + 11 Aug./Sept. 1819 tagte zu Karlsbad unter Metternichs Vorsitz ein + Kongreß der deutschen Minister zur Beratung gemeinsamer Maßregeln + gegen die demagogischen Umtriebe. Das Ergebnis waren die Karlsbader + Beschlüsse, die der Bundestag am 20. September einstimmig + genehmigte. + + 12 Am 29. Juli 1819 hatte der österreichische Staatskanzler Metternich + in Teplitz mit Friedrich Wilhelm III. eine geheime Unterredung, in + welcher er den König von Preußen bestimmte, auf die Einführung einer + Volksvertretung in modernem Sinne zu verzichten. Am 1. August + unterzeichneten Hardenberg und Metternich eine Publikation über die + »Grundsätze, nach welchen die Höfe von Österreich und Preußen in den + innern Angelegenheiten des Deutschen Bundes zu verfahren + entschlossen sind«. + + 13 Joh. Friedrich Benzenberg, geb. 5. Mai 1777, gest. 8. Juni 1846; + 1805 zum Professor der Physik am Lyceum zu Düsseldorf ernannt, ging + er 1810 nach der Schweiz, kehrte aber nach Napoleons Sturz nach + Deutschland zurück und widmete sich schriftstellerischer Tätigkeit. + + 14 Friedrich List, geb. 6. August 1789, gest. durch Selbstmord 30. + November 1846, Nationalökonom, der in seinen Schriften den Gedanken + vertrat, daß eine jede Nation vor allem ihre eigenen Hilfsquellen + zum höchsten Grade der Selbständigkeit und harmonischen Entwicklung + bringen, die eingeborene Industrie durch Schutz nötigenfalls + unterstützen und den nationalen Zweck einer dauernden Entwicklung + produktiver Kräfte überall dem pekuniären Vorteil einzelner + vorziehen müsse. + + 15 Ernst Wilh. Arnoldi, geb. 21. Mai 1778. gest. 27. Mai 1841. + + 16 Joh. Georg Büsch, geb. 3. Januar 1728, gest. 5. Aug. 1800, gründete + 1767 in Hamburg eine Handelsakademie. + + 17 Joseph v. Görres, geb. 25. Januar 1776, gest. 29. Januar 1848, ein + Publizist, der anfangs für die Revolution, nachmals für das + »Deutschtum« begeistert, schließlich im Ultramontanismus einen Halt + suchte und mit Fanatismus gegen den Protestantismus kämpfte. + + 18 Robert Blum, geb. 10. November 1807, erschossen am 9. November 1848 + in Wien, wohin er sich im Vertrauen auf seine Unverletzlichkeit als + Mitglied des Frankfurter Parlaments begeben hatte, um den + aufständischen Wienern eine Beifallsadresse der Frankfurter + Parteigenossen zu überbringen. Als Führer einer Elitekompagnie am + Kampfe beteiligt, wurde er verhaftet und durch ein Kriegsgericht zum + Tode verurteilt. + + 19 Ferd. Lassalle, geb. 11. April 1825, gest. 31. August 1864, + sozialistischer Agitator, Gründer des Allg. Deutschen + Arbeitervereins. + + 20 Georg Friedrich v. Martens, geb. 22. Februar 1756, gest. 21. Februar + 1821, seit 1816 hannöv. Bundestagsgesandter. + + 21 Graf Aug. Fried. Ferd. v. d. Goltz, geb. 20. Juli 1765, gest. 17. + Januar 1832, von 1816–1824 preußischer Bundestagsgesandter, nachher + Oberhofmarschall. + + 22 Wilh. Ludw. Leop. Reinhard Freiherr v. Berstett, geb. 1769, gest. 6. + Februar 1837, 1816 badischer Bundestagsgesandter, von 1817 bis 1831 + badischer Minister des Auswärtigen. + + 23 Klemens Fürst v. Metternich, geb. 15. Mai 1773, gest. 11. Juni 1859, + österreichischer Minister seit 1809, seit Mai 1821 bis 13. März 1848 + Staatkanzler, Hauptträger der Reaktion in Österreich und + Deutschland. + + 24 Karl Friedrich Nebenius, geb. 29. September 1785, gest. 8. Juni + 1857, Verfasser der badischen Verfassungsurkunde vom 22. August 1818 + und zweimal Minister des Innern. + + 25 David Ricardo, geb. 19. April 1778, gest. 11. September 1823, engl. + Nationalökonom, der als Schüler von Adam Smith die Lehre vom + Freihandel publizistisch vertrat. Seine Gedanken über das Verhältnis + zwischen Erzeugungskosten der Waren und Verkaufspreis und über das + Verhältnis zwischen Arbeitsleistung und Arbeitslohn sind von Marx + und Lassalle weiter entwickelt worden. + + 26 Wilh. Anton v. Klewiz, geb. 1. August 1760, gest. 26. Juli 1838, von + 1817–1824 preußischer Finanzminister, von 1824–1837 Oberpräsident + der Provinz Sachsen. + + 27 Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, geb. 7. Oktober 1770, gest. + 14. Mai 1840, seit 1817 Minister für geistlichen Unterricht und + Medizinalangelegenheiten, Reorganisator des preußischen Volks- und + höheren Schulwesens. + + 28 Friedrich Leopold v. Kircheisen, geb. 24. Juni 1746, gest. 18. März + 1825, von 1810 ab preußischer Justizminister. + + 29 Ludwig Freiherr v. Spittler, geb. 10. November 1752, gest. 14. März + 1810, wurde 1779 als Professor der Philosophie nach Göttingen + berufen, 1806 zum Minister in Württemberg ernannt und zum Kurator + der Universität Tübingen. + + 30 Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, geb. 21. November 1768, gest. + 12. Februar 1834, Prediger an der Berliner Dreifaltigkeitskirche und + Professor an der Universität. + + 31 Fried. Christ. Adolf v. Motz, geb. 18. November 1775, gest. 30. Juni + 1830, ursprünglich im Dienste des Königs von Westfalen tätig, trat + nach Napoleons Sturz in preußische Dienste über. 1817 zum + Präsidenten der Erfurter Regierung ernannt, ward er 1821 + provisorisch, 1824 definitiv Oberpräsident von Sachsen, 1825 Geh. + Staats- und Finanzminister. + + + + +3. Der Kampf um das preußische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen. + + +Als Hardenberg seine Weisungen (für die nach Wien berufene +Ministerkonferenz) an Bernstorff(32) erteilte, schärfte er ihm noch einmal +ein, daß ein Bundeszollwesen bei dem gegenwärtigen Zustande der deutschen +Staaten unmöglich sei. Sodann wiederholte er ihm wörtlich, was er +gleichzeitig den Abgesandten des Listschen Handelsvereins antwortete und +durch die Staatszeitung veröffentlichen ließ: »Man kann daher die Sache +nur darauf zurückführen, daß einzelne Staaten, welche durch den jetzigen +Zustand sich beschwert glauben, mit denjenigen Bundesgliedern, woher nach +ihrer Meinung die Beschwerde kommt, sich zu vereinigen suchen, und daß so +übereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weiter geleitet werden, +welche den Zweck haben, die inneren Scheidewände mehr und mehr fallen zu +lassen.« So war das handelspolitische Programm der preußißschen Regierung +nochmals klar und unzweideutig ausgesprochen. Indem sie an ihrem +Zollgesetze festhielt, erklärte sie sich bereit, anderen Bundesstaaten +durch freie Verträge den Zollanschluß oder Handelserleichterungen zu +gewähren; aber sie sah auch ein — und hierin lag ihre Überlegenheit — daß +alle Klagen wider die Binnenmauten müßige Reden blieben, solange die +deutschen Staaten sich über ein gemeinsames Zollgesetz nicht einigen +konnten. + +Auf lebhaften Widerspruch war Bernstorff von vornherein gefaßt; er wußte +wohl, wie unfaßbar diese nüchternen handelspolitischen Gedanken, die heute +jedem geläufig sind, der großen Mehrzahl der deutschen Höfe noch +erschienen. Der leidenschaftliche Ausbruch »gehässiger Vorurteile«, den er +in Wien erleben mußte, übertraf doch seine schlimmsten Erwartungen. Die +naive volkswirtschaftliche Unwissenheit der Epoche feierte auf den +Konferenzen ihre Saturnalien; fast die gesamte deutsche Diplomatie lief +Sturm wider das preußische Zollgesetz. Sobald auf die Fragen des Handels +die Rede kam, verschob sich die Stellung der Parteien vollständig. Der +preußische Bevollmächtigte, der fast in allen andern Fragen die Mehrheit +der Versammlung nach sich zog, stand in den handelspolitischen Beratungen +ebenso vereinsamt wie in den militärischen, er erschien wie der +Störenfried der deutschen Einigkeit. Dieselben Höfe, die überall sonst den +Wirkungskreis des Bundes ängstlich zu beschränken suchten, hofften durch +einen rechtswidrigen Bundesbeschluß jene segensreiche Reform, welche dem +preußischen Deutschland den freien Verkehr geschenkt hatte, wieder +umzustoßen. Von Mund zu Mund ging die sophistische Behauptung, das +preußische Gesetz verstoße wider den Artikel 19 der Bundesakte, der nichts +weiter enthielt als die Zusage, daß der Bundestag wegen des Handels und +Verkehrs »in Beratung treten« solle. + +Preußens böser Genius, so ließen sich selbst Wohlmeinende vernehmen, hat +dies unglückliche Gesetz geschaffen, das ihm überall Zutrauen und +Zuneigung verscherzt; Preußen wird es dereinst noch bereuen! Und seltsam, +die Angriffe der entrüsteten Vorkämpfer deutscher Handelsfreiheit +richteten sich ausschließlich gegen Preußen, obgleich auch andere +Bundesstaaten des gleichen Frevels schuldig waren. Bayern hatte soeben +(22. Juli 1819), wie Preußen, ein neues Zollgesetz verkündigt, aber +niemand eiferte dawider. Vollends das österreichische Prohibitivsystem +belastete nicht nur alle Waren ungleich härter als das preußische Gesetz, +es verbot sogar einzelne deutsche Erzeugnisse gänzlich, namentlich die +Franken- und Rheinweine. Keiner unter den deutschen Ministern nahm daran +Anstoß. Metternich sagte kurzweg zu Berstett: »Ich betrachte Österreich +als gar nicht in der Handelsfrage befangen«, und der badische Staatsmann +nahm diese Erklärung ohne Widerspruch als selbstverständlich hin. Also +ward gerade durch den leidenschaftlichen Eifer der Kleinen bewiesen, wie +fest ihre Interessen mit Preußen verkettet waren, wie lose mit Österreich. +Einige der kleinen Minister vertraten den Gedanken der Bundeszölle: so +Fritsch(33), dem sein Großherzog befohlen hatte, die Verlegung aller +Zollinien an die Bundesgrenze zu fordern, so Berstett, der noch immer der +Meinung blieb, durch die Verkündigung allgemeiner Verkehrsfreiheit werde +der Bund am sichersten die Unzufriedenheit der Nation beschwichtigen. +Andere wollten nur den Verkehr mit deutschen Produkten frei lassen, und +diese so wenig wie jene wußten die Mittel zur Ausführung ihres Planes +anzugeben: gegen das Ausland, meinte Berstett gemütlich, möge jeder +Bundesstaat seine Zölle nach Belieben anordnen, genug, wenn im Innern +Deutschlands die Mauten hinwegfielen. Zu diesen ehrlichen Enthusiasten +gesellten sich einige Bundesgenossen, die ihre unlauteren Hintergedanken +kaum verbargen. Der Herzog von Coburg(34) erschien selbst in Wien, um +durch sein Veto den Abschluß der Bundeskriegsverfassung zu vereiteln, +falls ihm nicht unbeschränkte Verkehrsfreiheit gewährt würde; doch da die +Konferenz das Bundesmilitärgesetz nicht ins reine brachte, so ward der +feine Plan zu Schanden. Noch dreister trat Marschall(35) auf. Der witterte +mit dem Instinkt des Hasses, daß die neue Zollgesetzgebung, das Werk der +»demagogischen Subalternen« in den Berliner Bureaus, dem preußischen +Staate vielleicht dereinst die Hegemonie im Norden verschaffen könne; +durch ihre Vernichtung dachte er zugleich diesen Staat des Unheils zu +demütigen und der Schlange der Revolution das Haupt zu zertreten. + +Ähnliche Gesinnungen hegte der Kasseler Hof, der bereits, ohne eine +Verständigung mit dem Nachbarstaate auch nur zu versuchen, den Zollkrieg +gegen Preußen eröffnet hatte. Durch ein Gesetz vom 17. September 1819 +wurde die Ein- und Durchfuhr vieler preußischer Waren verboten oder mit +schweren Zöllen belegt. Der Mehrbetrag der erhöhten Abgaben sollte +verwendet werden zum Besten der hessischen Gewerbetreibenden, welche das +preußische Zollgesetz an den Bettelstab gebracht habe — ein Versprechen, +das der geizige Kurfürst(36) selbstverständlich niemals einlöste. In +Berlin dachte man anfangs an Retorsionen. Der König aber hielt sich streng +an die Zusage, daß die preußischen Zölle vornehmlich die außerdeutschen +Waren treffen sollten, und wollte feindselige Schritte gegen deutsche +Staaten, wenn irgend möglich, vermeiden. Auch ein Gutachten des +Finanzministeriums gelangte zu dem Schlusse, die hessischen Retorsionen +seien für Hessen überaus schädlich, für Preußen ungefährlich, also »nur +der Form wegen zu bekämpfen«. Der Gesandte in Kassel sprach sich in diesem +Sinne vertraulich gegen den Kurfürsten aus. Unterdessen ließ Preußen die +Köln-Berliner Kunststraße über Höxter und Paderborn, mit Umgehung des +hessischen Gebiets, ausbauen. Der Verkehr des Nordostens mit dem Süden zog +sich von Hanau hinweg nach Würzburg, die hessischen Straßen begannen zu +veröden. Der Kurfürst mußte seine Kampfzölle wieder herabsetzen und harrte +nun um so ungeduldiger auf einen Bundesbeschluß, der die Zollinien des +unangreifbaren Nachbarn zerstören sollte. + +Unter den Widersachern Preußens verstand doch keiner eine so urwüchsig +grobe Sprache zu führen wie der Herzog Ferdinand von Köthen, ein eitler, +nichtiger Mensch, der im Jahre 1806 wegen erwiesener Unfähigkeit den +preußischen Kriegsdienst hatte verlassen müssen und jetzt persönlich an +die Donau eilte, um »die Mediatisierung des uralten Hauses Anhalt« +abzuwenden. Die wirkliche Herrin seines Ländchens war seine Gemahlin +Julia, eine geborene Gräfin Brandenburg, Halbschwester des Königs von +Preußen, eine Dame von Geist und Bildung, unermeßlich stolz auf ihre +fürstliche Würde, den katholisierenden Lehren der romantischen Schule +eifrig zugetan. Da Metternich den Wert einer solchen Bundesgenossin wohl +zu würdigen wußte, so hatte er Adam Müller(37) beauftragt, neben dem +Leipziger Konsulate auch das Amt des österreichischen Geschäftsträgers an +den anhaltischen Höfen zu bekleiden, und der gefeierte Publizist der +ultramontanen Partei wurde der romantischen Herzogin bald ein +unentbehrlicher Ratgeber. Müller haßte seine preußische Heimat mit dem +ganzen Ingrimm des Konvertiten. Seinem erfinderischen Kopfe entsprang der +Plan zu einem großen Gaunerstücke kleinfürstlicher Staatskunst, das die +preußische Zollgesetzgebung von innen heraus durchlöchern und mindestens +für die Provinz Sachsen unmöglich machen sollte. Das Köthensche Land wurde +einige Stunden weit von der Elbe durchflossen, und die Elbe zählte zu den +konventionellen Flüssen, denen der Wiener Kongreß die »vollkommene +Freiheit der Schiffahrt« zugesagt hatte. Welch eine glänzende Aussicht +eröffnete sich also für die Machtstellung Köthens, wenn die Konferenz sich +bewegen ließ, die Freiheit der Elbe sofort und unbedingt von Bundes wegen +einzuführen! Dann konnte der Herzog, obgleich sein Land von preußischem +Gebiete umschlossen war, eine selbständige europäische Handelspolitik +beginnen, er konnte die Freiheit der Elbschiffahrt mißbrauchen, um im +Herzen des preußischen Staates dem Schleichhandel eine große Freistätte zu +eröffnen, den gehaßten Nachbarstaat mit geschmuggelten Waren zu +überschwemmen und ihn vielleicht zur Änderung seines Zollsystems zu +zwingen. Begierig ging der kleine Herr auf diese freundnachbarlichen +Gedanken ein; Gewissensbedenken berührten ihn nicht, und den Unterschied +von Macht und Ohnmacht vermochte er nicht zu begreifen. Die wiederholten +wohlwollenden Einladungen zum freiwilligen Anschluß an das preußische +Zollsystem hatte er sämtlich schroff abgefertigt, in jenem pöbelhaft +schreienden Tone, der allen Schriftstücken dieses Hofes gemein war. +»Anhalt — so erklärte er stolz — kann seine Rettung nur suchen in dem +allgemeinen europäischen völkerrechtlichen Staatenverein und in den +Hilfsmitteln, welche ihm seine geographische Lage an großen Strömen +darbietet.« + +Mehr oder minder eifrig klagten auch die meisten übrigen Bevollmächtigten +wider die Selbstsucht des Staates, der allein dem Ideale der deutschen +Handelseinheit im Wege stehe. Nur die Hansestädte, befriedigt mit ihrer +kosmopolitischen Handelsstellung, wiesen jeden Versuch gemeinsamer +deutscher Handelspolitik kühl zurück. Auch Zentner(38) zeichnete sich +wieder durch kluge Besonnenheit aus; dem gestaltlosen Traumbilde einer +allgemeinen Verkehrsfreiheit, deren Bedingungen noch niemand kannte, +wollte er das neue bayrische Zollgesetz nicht opfern. Metternich aber ließ +mit schlecht verhehlter Schadenfreude die Kleinen wider Preußen lärmen. +Meisterhaft verstand der Wiener Hof, die Angst vor dem preußischen +Ehrgeiz, die allen Kleinstaaten in den Gliedern lag, je nach Umständen für +seine Zwecke auszubeuten. Im Oktober hatte Graf Bombelles(39) auf +ausdrücklichen Befehl des Kaisers Franz dem Großherzog von Weimar(40) +gedroht: wenn man die Karlsbader Beschlüsse nicht überall streng ausführe, +dann müßten die beiden Großmächte aus dem Bunde ausscheiden, und dann +würde der Kaiser sich genötigt sehen, seinem preußischen Alliierten »in +Deutschland eine erweiterte Stellung zu verschaffen«. Ebenso unbedenklich +benutzte Metternich jetzt die Eifersucht der Kleinen, um Preußens +Handelspolitik zu bekämpfen. Freilich durfte er nicht wagen, die Gegner +seines unentbehrlichen Bundesgenossen offen zu unterstützen, zumal da er +selber an dem österreichischen Zollwesen nicht das Mindeste ändern wollte. +Unter der Hand jedoch ermutigte er die Ergrimmten und flüsterte ihnen zu, +das preußische Zollgesetz sei das Werk einer Partei, deren Zwecke mit +»treuem Bundessinn« nichts gemein hätten. Als handelspolitischen Ratgeber +hatte er sich den Urheber der anhaltischen Schleichhandelspläne, Adam +Müller, nach Wien kommen lassen. + +Die Nation war über das Problem der Zolleinheit noch ebenso wenig ins +Klare gekommen wie ihre Staatsmänner. Von dem politischen Ergebnis der +Konferenzen erwartete sie, nach den Karlsbader Erfahrungen, nichts +Erfreuliches; nur die Aufhebung der Binnenmauten und namentlich der +preußischen Zollinien erschien allen Parteien als ein bescheidener Wunsch, +der bei einigem guten Willen der Regierungen leicht erfüllt werden konnte. +Eine Flugschrift »Freimütige Worte eines Deutschen aus Anhalt« sprach mit +drastischen Worten aus, was nahezu alle Nichtpreußen über die Berliner +Handelspolitik dachten. Der offenbar wohlmeinende Verfasser fand es +ehrenrührig, daß man die von preußischem Gebiete umschlossenen Staaten als +Enklaven bezeichne, und schlechthin rechtswidrig, daß Preußen von +»Fremden« Steuern erhebe; das Strafurteil der öffentlichen Meinung müsse +der Sache »der Wahrheit und des Rechts« unfehlbar zum Siege verhelfen. + +Als Wortführer der Kaufleute und Gewerbtreibenden fand sich F. List mit +seinen Getreuen J. J. Schnell und E. Weber auf den Konferenzen ein und +legte eine Denkschrift vor, deren hochgemutes patriotisches Pathos +inmitten der engherzigen partikularistischen Interessenpolitik der Wiener +Versammlung wildfremd erschien. Mit der Einheit der Nation — so führte er +in beredten Worten aus — sei die vollkommene Unabhängigkeit der +Einzelstaaten nicht vereinbar; der Bund müsse den 30 Millionen Deutschen +den Segen des freien Verkehrs schaffen und also in Wahrheit ein Bund der +Deutschen werden. Und was war der praktische Vorschlag, der diesen +begeisterten Worten folgte? List verlangte, daß die deutschen Staaten ihre +Zölle an eine Aktiengesellschaft verpachten sollten, und machte sich +anheischig, die Aktien unterzubringen; diese Gesellschaft würde das +deutsche Bundeszollwesen begründen und den Regierungen alle Sorge um +lästige Einzelheiten abnehmen! Seltsam doch, in welche holden +Selbsttäuschungen der feurige Patriot sich einwiegte. Er behauptete, +Preußen sei geneigt, sein Zollgesetz aufzugeben, obgleich man ihm soeben +von Berlin aus amtlich das Gegenteil versichert hatte. Er sah sich von der +Wiener Polizei argwöhnisch beobachtet und schrieb in die Heimat: »wir sind +von allen Seiten mit Spionen umgeben, bei einem Spion einquartiert, von +einem Spion bedient«; er wußte, daß Metternich in der Konferenz erklärt +hatte, mit den Individuen, welche sich für die Vertreter des deutschen +Handelsstandes ausgäben, könne man sich auf keine Verhandlungen einlassen, +da der Bundestag bereits den Deutschen Handelsverein als ein +gesetzwidriges und unzulässiges Unternehmen verurteilt habe. Das alles +beirrte ihn nicht in seiner rührenden Zuversicht. Als nun gar Adam Müller +eine Denkschrift Lists über deutsche Industrieausstellungen wohlwollend +begutachtete und Kaiser Franz in einer Audienz dem unverwüstlichen +Agitator versicherte, seine Regierung werde gern das Wohl des deutschen +Vaterlandes fördern, da wähnte er sich schon fast am Ziele: »Aller Augen +sind nunmehr auf die Kaiserlich österreichische Regierung gerichtet. Wie +würde sich nicht Österreichs edelmütiger menschenfreundlicher Kaiser die +Völker deutscher Zunge aufs neue verbinden, wenn ihnen so große Wohltat +von seinen Händen käme!« Als auch diese Täuschung schwand, warf er seine +Hoffnungen auf die süddeutschen Höfe und meinte, seine Sache habe durch +die Verzögerung nur gewonnen. So klammerte sich der edle Patriot an jeden +Strohhalm; nur das preußische Zollgesetz, das dereinst der Eckstein +unserer wirtschaftlichen Einheit werden sollte, erschien ihm, wie der +gesamten Nation, als der Quell des Verderbens. + +In der Konferenz eröffnete Marschall den Kampf durch eine Denkschrift vom +8. Januar, welche den preußischen Staat mit so grobem Unglimpf überhäufte, +daß Bernstorff sie dem Verfasser zurückgab. Durch die neuen +Zolleinrichtungen, hieß es da, würden die Eigentumsrechte von +Hunderttausenden angegriffen, das Eigentum und der Besitz vermindert. Dann +forderte der Nassauer getrost: Aufhebung aller seit dem Jahre 1814 neu +eingeführten Mauten und sofortige Vollziehung der Beschlüsse des Wiener +Kongresses über die Flußschiffahrt; im übrigen volle Freiheit für jeden +deutschen Staat, die Zölle gegen das Ausland willkürlich festzusetzen, +wenn er nur keine Binnenmauten errichte. Daß der letztere Vorschlag einen +plumpen Widerspruch enthielt, daß kein Einzelstaat sich gegen das Ausland +schützen konnte, wenn seine deutschen Binnengrenzen unbewacht blieben — +diese handgreifliche Wahrheit war dem nassauischen Staatsmanne ganz +entgangen; er sprach wie der Blinde von den Farben, da sein Ländchen gar +keine Grenzzölle besaß. + +Dann wiederholte Berstett seine alten Klagen gegen die Binnenmauten und +verteilte unter den Genossen jene gedankenreiche Denkschrift von Nebenius +über die Bundeszölle; bei ruhiger Prüfung mußten jedoch alle die +Unmöglichkeit einer Bundeszollverwaltung zugestehen, und der badische +Minister selbst ließ den Plan seines geistvollen Untergebenen fallen. +Darauf neue wütende Ausfälle Marschalls, so grob und ungeschlacht, daß +Bernstorff beim Schluß der Konferenzen dem Bundesgesandten schrieb: »es +würde unter der Würde unseres höchsten Hofes sein, diesem in keiner +Hinsicht achtungswerten Manne irgendeine gegen seine Person gerichtete +Empfindlichkeit zu äußern«, Goltz möge sich also dem nassauischen Kollegen +gleichgültig fern halten. Nunmehr protestierte auch Fritsch im Namen der +Thüringer wider Preußens Enklavensystem und verlangte, jedem Produzenten +müsse gestattet werden, seine Erzeugnisse überall in Deutschland frei +abzusetzen, jedem Konsumenten, seinen Bedarf auf dem nächsten Wege zu +beziehen. Dazwischen hinein fuhr der Köthener Herzog, dessen anmaßendes +Benehmen Bernstorff nicht grell genug schildern konnte, mit wiederholten +geharnischten Verwahrungen. Er klagte, man lasse ihn alle Lasten des +preußischen Zollwesens tragen, nicht die Vorteile, während es doch +lediglich an ihm lag, auf Preußens Anerbietungen einzugehen und auch der +Vorteile teilhaftig zu werden. Er drohte die auswärtigen Garanten der +Bundesakte anzurufen zum Schutze der »über allem Angriff erhabenen Sache« +des uralten Hauses Anhalt. Schließlich verweigerte er geradezu der +Schlußakte seine Unterschrift, wenn ihm der Bund nicht die »freie +Kommunikation mit Europa« sicherstellte: »so lange die Herzöge von Anhalt +sich in einer drückenden unfreiwilligen Zinsbarkeit gegen einen mächtigen +Nachbarstaat befinden, kann für dieses alte Fürstenhaus keine Bundesakte +und also auch keine Schlußakte existieren.« + +Inmitten dieses Gezänks bewahrte Graf Bernstorff vornehme Ruhe und +aufrichtigen Freimut. Er beklagte laut, daß die Bundesakte durch ihre +allgemeinen Versprechungen unerfüllbare Erwartungen geweckt habe. Fest und +stolz wies der preußische Minister jede ehrenrührige Zumutung zurück: von +der Aufhebung des neuen Gesetzes könne gar nicht die Rede sein. Zugleich +wiederholte er unermüdlich in immer neuen Umschreibungen die in der +Staatszeitung veröffentlichten Gedanken. Es sei »unmöglich, eine solche +Einigung anders als durch allmähliche Vorbereitung und die mühsamste +Ausgleichung streitender Interessen bewirkt zu sehen«. Nur Verträge +zwischen den Einzelstaaten könnten dem wirtschaftlichen Elend steuern. +»Geschieht dieses im Süden wie im Norden von Deutschland, und werden diese +Versuche unter der Mitwirkung und Pflege des Bundes gemacht, so läßt es +sich wohl denken, daß man auf diesem freilich langsamen, aber vielleicht +einzig möglichen Wege dahin gelangen werde, die jetzt bestehenden +Scheidewände aus dem Wege zu räumen und in Beziehung auf Handel und +Verkehr diejenige Einheit der Gesetzgebung und Verwaltung hervorzubringen, +welche ein Verein nebeneinander bestehender freier und besonderer Staaten, +wie ihn der Deutsche Bund bildet, irgend zulassen kann.« Auf die +Schmähungen des Kötheners bemerkte er trocken, daß in Dresden bereits seit +mehreren Monaten eine Konferenz der Elbuferstaaten tage; dort allein sei +der Ort, die Frage der freien Elbschiffahrt zum Austrage zu bringen. + +Wahrlich, ein historischer Augenblick! Der große Kampf zweier +Jahrhunderte, der alte unversöhnliche Gegensatz österreichischer und +preußisch-deutscher Politik erneuerte sich in diesen unscheinbaren +Händeln, noch ohne daß die Kämpfer den tiefen Sinn des Streites begriffen +… Die ganze Zukunft deutscher Politik hing daran, daß Preußens verständige +Redlichkeit triumphierte über dies Bündnis der Unklarheit und der Lüge. +Und Preußen siegte. + +Da die Gegner nur in ihrem Hasse, nicht in irgendeinem positiven Gedanken +übereinstimmten, so errang Bernstorff bereits am 10. Februar einen +durchschlagenden Erfolg in dem handelspolitischen Ausschusse der +Konferenz; er bewog den Ausschuß, seine Anträge auf einige »mehr +vorbereitende als entscheidende, keinen künftigen bundesförderlichen +Beschlüssen vorgreifende Bestimmungen zu beschränken«. Der Ausschuß +beantragte demnach lediglich, daß der Bundestag, dem Artikel 19 gemäß, die +Beförderung des Handels als einen der Hauptgegenstände seiner Tätigkeit +ansehen solle. Nur über die Freiheit des Getreidehandels, welche Preußen +schon vor drei Jahren in Frankfurt befürwortet hatte, schienen jetzt alle +Teile endlich einig, und der Ausschuß schlug vor, die Frage durch +schleunige Vereinbarung zu erledigen. Als diese Anträge am 4. März in der +Konferenz zur Verlesung kamen, da brach, sobald der Name des Bundestags +erklang, einer der Anwesenden in lautes Lachen aus, und die ganze +Versammlung stimmte fröhlich ein. Und diese Staatsmänner, die ihr Urteil +über die Leistungsfähigkeit des Bundestages so unzweideutig bekundeten, +hatten sich soeben noch vermessen, das preußische Zollgesetz durch einen +Bundesbeschluß aufzuheben! Die Anträge des Ausschusses wurden angenommen, +und um auch den widerspenstigen Köthener zu gewinnen, fügte man noch ein +Separatprotokoll hinzu, kraft dessen die beteiligten Staaten sich +verpflichteten, die Beschlüsse des Wiener Kongresses über die +Flußschiffahrt unverbrüchlich zu halten, die Verhandlungen deshalb tätig +zu betreiben. + +Über die Freiheit des Getreidehandels setzte man ebenfalls ein besonderes +Protokoll auf, aber Metternich vereitelte schließlich auch diesen einzigen +heilsamen Plan, in dem sich alle Parteien zusammenfanden. Er schob die +Entscheidung immer wieder hinaus, und als die Konferenz endlich zum +Beschlusse schreiten wollte, da war Kaiser Franz, zum lebhaften Bedauern +seines Ministers, bereits nach Prag abgereist. Arglos meldete Bernstorff +einige Tage später, die Erwiderung Sr. Majestät sei noch immer nicht +eingetroffen. Die Konferenz mußte auseinandergehen, ohne das Protokoll +abzuschließen. Erst gegen Mitte Juni lief die österreichische Antwort beim +Bundestage ein. Der gute Kaiser, der sich gegen F. List so väterlich über +das Wohl des deutschen Vaterlandes geäußert hatte, meinte jetzt trocken: +das Wiener Protokoll »sei eigentlich nur bestimmt, die Veranlassung zur +weiteren Entwickelung der darin ausgesprochenen Grundsätze zu geben«; man +brauche also nicht förmlich darüber abzustimmen, sondern solle nur +sogleich die vorbehaltene Beratung am Bundestage beginnen. Dies geschah +denn auch. In einem salbungsvollen Präsidialvortrage feierte Buol(41) die +Reize des freien Getreidehandels; seine Worte waren aber so allgemein +gehalten, daß selbst der harmlose Goltz sofort bemerkte, Österreich hege +Hintergedanken. Darauf beriet der Bundestag mit gewohnter Emsigkeit +weiter, und nach einem Vierteljahr (5. Oktober) beschloß er, zunächst +Nachrichten über den Stand der Gesetzgebung in den Einzelstaaten +einzuholen. Der freie Getreidehandel verschwand in jenem geheimnisvollen +Schlunde, in dessen Tiefen die ewig unvollendeten Bundesbeschlüsse +gebettet lagen. Das waren Österreichs Liebesdienste zum Besten der +deutschen Verkehrsfreiheit. — + +Der Verlauf der Konferenzen selbst bestätigte durchweg, was Bernstorff +vorhergesagt: daß ein Bund ohne politische Einheit keine gemeinsame +Handelspolitik treiben könne. Angesichts dieser Erfahrungen begannen +einige der süddeutschen Staatsmänner sich doch endlich mit den Ratschlägen +Bernstorffs zu befreunden. Eingepreßt zwischen den Mautlinien Frankreichs, +Österreichs, Preußens, vermochte die Volkswirtschaft des Oberlandes kaum +mehr zu atmen, zumal da noch keiner der süddeutschen Staaten, außer +Bayern, ein geordnetes Zollwesen besaß. Die Frage ließ sich nicht mehr +abweisen, ob man nicht zunächst versuchen solle, diese zerstückelten +Gebiete in einem handelspolitischen Sonderbunde zu vereinigen, also genau +dasselbe zu tun, was man soeben dem preußischen Staate als +Bundesfriedensbruch vorgeworfen hatte. Den ersten Anstoß zu solchen Plänen +gab der wackere du Thil; noch späterhin pflegte der Darmstädter Hof sich +dieses Verdienstes gern zu rühmen. Aber erst durch Berstetts rührige +Tätigkeit gewann der Gedanke Leben. Der Badener hegte, wie du Thil, die +ehrliche Hoffnung, daß aus diesem Sonderbunde »nach und nach ein Ganzes« +hervorgehen werde; indes dachte er auch an Retorsionen gegen die +preußischen Zölle und gab eine kurz abweisende Antwort, als Bernstorff ihm +versicherte, mit einem süddeutschen Zollverein werde Preußen gern +Handelsverträge abschließen. Auch Marschall ließ sich auf den Plan nur +ein, weil er erwartete, daß Süddeutschland nunmehr mit vereinter Kraft den +Zollkrieg gegen Preußen eröffnen werde. Württemberg endlich spielte mit +Triasplänen und hoffte, den politischen Bund des konstitutionellen »reinen +Deutschlands« aus dem Handelsverein hervorgehen zu sehen — ein Gedanke, +der weder in München noch in Darmstadt Anklang fand. + +Bei solcher Verschiedenheit der politischen Absichten konnte Berstett nach +langwierigen vertraulichen Beratungen nur einen bescheidenen Erfolg +erreichen. Am 19. Mai verpflichteten sich die beiden süddeutschen +Königreiche, Baden, Darmstadt, Nassau und die thüringischen Staaten, noch +im Laufe des Jahres Bevollmächtigte nach Darmstadt zu senden, welche dort +auf Grund einer unverbindlichen Punktation über die Bildung eines +süddeutschen Zollvereins verhandeln sollten. Mehr wollte der vorsichtige +Zentner, der sein bayrisches Zollgesetz behüten mußte, schlechterdings +nicht versprechen. Immerhin war jetzt doch ein Weg betreten, der aus dem +Elend der Binnenmauten vielleicht hinausführen konnte. Die liberale Presse +begrüßte dankbar die patriotische Tat ihrer Lieblinge. Der allzeit +vertrauensvolle List sah das Ideal der deutschen Zolleinheit bereits +nahezu verwirklicht, und als er bald darauf nach Frankfurt kam, fand er +seinen Gönner Wangenheim(42) in einem Rausche des Entzückens: so trug das +reine Deutschland der gesamten Nation doch endlich die Fackel voran! +Minder hoffnungsvoll, aber durchaus wohlwollend beurteilte Bernstorff den +Entschluß der süddeutschen Höfe. Er versicherte Berstett seiner +Zustimmung; denn gelang es den Mittelstaaten, ihr zerrüttetes +Verkehrsleben aus eigener Kraft zu ordnen, so blieb für die Zukunft eine +Verständigung mit Preußen möglich. Seinem König schrieb er: trotz manchen +feindseligen politischen und staatswirtschaftlichen Hintergedanken bestehe +für Preußen kein Grund, das Unternehmen zu mißbilligen, zumal da das +Gelingen noch sehr fraglich scheine. + +Der Versuch, das preußische Zollgesetz durch ein Machtgebot des Bundes zu +vernichten, war gescheitert. Doch unterdessen führte der Köthener Herzog +seinen Schmuggelkrieg wider die preußischen Mauten wohlgemut weiter und +hemmte dadurch zugleich die Verhandlungen über die Elbschiffahrt. Wie oft +hatten einst die Fremden gespottet über die *furiosa dementia*(43) der +Deutschen, die sich ihre herrlichen Ströme durch ihre Zölle selber +versperrten! Erst seit Frankreich das linke Rheinufer an sich riß, ward +dies sprichwörtliche Leiden Deutschlands etwas gelindert. Im Jahre 1804 +wurde statt der alten drückenden Rheinzölle das Rheinoktroi eingeführt, +das im wesentlichen nur bestimmt war, die Kosten der Strombauten und der +Leinpfade(44) zu decken, und diese neue Ordnung bewährte sich so gut, daß +der Wiener Kongreß sie auch für die anderen konventionellen Ströme +Deutschlands als Regel vorschrieb. Seitdem war die Weserschiffahrt in der +Tat frei geworden: nach einem langen Streite mit Bremen ließ sich +Oldenburg durch die Vermittlung des Bundestages bewegen, auf den +widerrechtlichen Elsflether Zoll endlich zu verzichten (August 1819). +Schwieriger lagen die Verhältnisse zwischen den zehn Uferstaaten der Elbe. +Die von W. Humboldt redigierten Artikel 108–116 der Wiener Kongreßakte +stellten den Grundsatz auf, daß die Schiffahrt auf den konventionellen +Strömen frei, das will sagen: niemandem verwehrt sein sollte, und +verpflichteten die Uferstaaten, binnen sechs Monaten Verhandlungen +einzuleiten, damit die Schiffahrtsabgaben gleichmäßig und unabänderlich, +ungefähr dem Betrage des Rheinoktrois entsprechend, festgesetzt würden. + +Offenbar vermochten diese wohltätigen Verheißungen nur dann ins Leben zu +treten, wenn die Erhebung der Schiffahrtsabgaben, wie der Artikel 115 +ausdrücklich vorschrieb, von dem Zollwesen der Uferstaaten durchaus +getrennt blieb und alle Beteiligten durch eine strenge Uferpolizei +verhinderten, daß die freie Schiffahrt zum Schmuggel in die Nachbarlande +mißbraucht würde. Nur unter dieser Bedingung konnte Preußen, das jene +Artikel der Kongreßakte als sein eigenes Werk betrachtete, seine Hand zu +ihrer Ausführung bieten; wie durfte man — so fragte späterhin eine +preußische Staatsschrift — einem mächtigen Staate zumuten, »in seinem +Herzen einen Wurm zu dulden, der seine innere Lebenswurzel annagt?« Nur +wenn Anhalt, das von der Provinz Sachsen rings umschlossen war, dem +preußischen Zollsysteme beitrat, konnte die verheißene Freiheit der +Elbschiffahrt und der rechtmäßige Ertrag der preußischen Einfuhrzölle +zugleich gesichert werden. Seit der alte Dessauer einst die sämtlichen +Landgüter seiner Ritterschaft aufgekauft, hatten sich Landbau und +Forstwirtschaft in den anhaltischen Ländchen unter der sorgsamen Pflege +ihrer Fürsten glücklich entwickelt; alle seine natürlichen Interessen +verwiesen dies blühende Gartenland, das der Industrie noch gänzlich +entbehrte, auf den freien Verkehr mit den benachbarten gewerbereichen +Bezirken Preußens. Was der Vereinbarung im Wege stand, war allein der +tolle Souveränitätsdünkel des Herzogs von Köthen und die weiter blickende +Feindseligkeit seines Ratgebers Adam Müller. Die +»Anschließungsinsinuationen« des Berliner Kabinetts wies der Herzog empört +zurück: ob man denn nicht einsehe, so fragte er einmal, »wie schon die +bloße Unnatur eines solchen Verhältnisses, die Unterordnung eines +souveränen Fürsten unter die Zolladministration eines benachbarten +Staates, dem Bestande eines freundschaftlichen Verhältnisses mit der +Regierung desselben durchaus ungünstig sei!« + +Da mit Vernunftgründen bei diesem Hofe nichts auszurichten war, so +begnügte sich Preußen vorläufig, sein Enklavensystem gegen Anhalt aufrecht +zu halten. Alle zu Lande nach Anhalt eingehenden Waren wurden dem +preußischen Eingangszolle unterworfen. Nur den Elbschiffern erlaubte man +Sicherheit zu stellen für die Zahlung der preußischen Abgaben und +erstattete ihnen den Betrag zurück, falls der Verbleib der eingeführten +Waren in Anhalt nachgewiesen wurde. + +Schamloser Unterschleif war die Folge dieser Erleichterung. Der +anhaltische Schleichhandel wuchs von Monat zu Monat, und mit Ungeduld +erwarteten die preußischen Finanzmänner die vertragsmäßige Regelung dieser +leidigen Zustände, als endlich im Juni 1819 — viertehalb Jahre nach dem +Zeitpunkt, welchen der Wiener Kongreß vorgeschrieben — die +Elbschiffahrtskonferenz in Dresden eröffnet wurde. Dort sprachen Hamburg +und Österreich eifrig für die Befreiung des Flusses, die ihnen freilich +nur Vorteil bringen konnte, da die Hansestadt gar keine Schiffahrtsabgaben +erhob und die hohen böhmischen Elbzölle auf der wenig befahrenen obersten +Stromstrecke nur geringen Ertrag brachten. Dänemark hingegen, Mecklenburg, +Anhalt zeigten sich schwierig. Am hartnäckigsten aber verteidigte Hannover +seinen Besitzstand; denn das welfische Königreich überließ die Sorge wie +die Kosten für das Fahrwasser der Niederelbe großmütig dem Hamburger +Senate und erhob dafür in Brunshausen, nahe bei Stade, einige Meilen +oberhalb der Mündung, seinerseits einen hohen Zoll von allen eingehenden +Seeschiffen. Sein Bevollmächtigter verwahrte sich feierlich gegen jeden +Versuch, dies Kleinod der Welfenkrone anzutasten: das sei ein Seezoll, der +mit der Elbschiffahrt nichts zu schaffen habe, und nimmermehr könne die +Absicht der Wiener Verheißungen dahin gehen, »die Basis alles +volkstümlichen Glücks, den Rechtszustand zu erschüttern«. Kein Zureden +half; die Konferenz mußte den Stader Zoll ganz aus dem Spiele lassen und +nur den Stromverkehr oberhalb Hamburgs zu erleichtern suchen. Nach +zweijährigen Verhandlungen, die den preußischen Bevollmächtigen oft der +Verzweiflung nahe brachten, kam endlich am 23. Juli 1821 die +Elbschiffahrtsakte zustande, ein dürftiger Vergleich, der in Form und +Inhalt die Spuren mühseliger Kämpfe verriet; immerhin wurden die +bestehenden Schiffahrtsabgaben doch etwas herabgesetzt, und der Verkehr +auf dem Strome begann sich bald zu heben. + +Die preußische Regierung behauptete während dieses unleidlichen Gezänks +durchweg eine versöhnliche Haltung. Sie gab für den Elbverkehr ihre +Durchfuhrzölle auf, die einen so wesentlichen Bestandteil ihrer +Handelspolitik bildeten, und war bereit, die Schiffahrtsabgaben noch +weiter herabzusetzen als die kleinen Nachbarn zugestehen wollten; aber sie +erklärte auch von vornherein, daß sie eine Schmugglerherberge im Innern +ihres Staates nicht dulden werde und darum die Elbschiffahrtsakte nur +unterzeichnen könne, wenn Anhalt sich ihrem Zollwesen anschließe. Ihr +Bevollmächtigter fügte warnend hinzu: das eigene Interesse der kleinen +Regierungen gebiete ihnen, das Zollsystem des großen Nachbarstaates zu +unterstützen, »weil dadurch die zu ihren Gunsten bestehende Zerstückelung +Deutschlands in ihren nachteiligen Folgen gemildert werden würde«. Wie +flammte der kleine Köthener Herr auf, als er diese unerhörte Äußerung +preußischen Übermuts erfuhr und gleichzeitig Bernstorff in einem neuen +Mahnschreiben an die Köthener Regierung offen aussprach: »die +norddeutschen Staaten haben den Schutz für ihre Existenz, ihre Wohlfahrt +und Selbständigkeit und ihre gemeinnützigen Anstalten von Preußen zu +erwarten«. Der Herzog, der gerade mit seinem königlichen Schwager zugleich +in Karlsbad verweilte, berichtete sofort alles an Marschall. »Ich +schmeichle mir, so schrieb er, daß alle Gutgesinnten auf meiner Seite +stehen und nicht zugeben, daß es Preußen erlaubt wird, sich alles zu +erlauben. Ob einem Kabinett, das durch einen solchen Mann repräsentiert +ist, zu trauen ist, lasse ich dahingestellt.« Dann fuhr er höhnisch fort: +»das Spaßhafteste ist, daß der König mit uns ebenso freundlich als sonst +ist« — und bat den Nassauer, auch fernerhin auf Wittgenstein(45), »der +ganz im guten Geiste ist«, wirken zu lassen, damit die Partei, welche das +Zollgesetz halte, zu Falle komme. Im gleichen Tone antwortete Marschall: +»Man hat zwar bisher ähnliche Phrasen in dem Munde deutscher Revolutionäre +gehört, nicht aber in dem eines Repräsentanten eines deutschen Königs. +Wenn Preußen das nördliche Deutschland und ganz Deutschland schützt, so +schützt umgekehrt das nördliche Deutschland und ganz Deutschland Preußen. +Rechte und Verbindlichkeiten sind durchaus wechselseitig. Wer das +Gegenteil behauptet, verletzt die erste und Hauptgrundlage des Bundes und +bewegt sich außerhalb des Bundes. Namentlich hat der mächtigste der +deutschen Bundesstaaten, sowohl im Bunde als in Europa, bei jeder +Gelegenheit den entgegengesetzten Grundsatz laut ausgesprochen und bei +jeder Veranlassung geltend gemacht.« + +Dieser mächtigste der Bundesstaaten trieb unterdessen sein doppeltes Spiel +weiter. Metternich, der ebenfalls in Karlsbad anwesend war, hielt zwar, +auf Preußens Wunsch, einige Unterredungen mit dem Herzog, angeblich, um +den Streit beizulegen. Aber zur nämlichen Zeit reichte die Köthener +Regierung eine Klage beim Bundestage ein und forderte die Herausgabe eines +dem Köthener Kaufmann Friedheim gehörigen Elbschiffes, das beim +preußischen Zollamte Mühlberg an der Kette lag, weil der Schiffer für den +Betrag der preußischen Zölle keine Sicherheit stellen wollte. Nachher +ergab sich — der österreichische Bevollmächtigte Münch in Dresden mußte es +selber dem preußischen Gesandten [Jordan] eingestehen — daß Adam Müller +den Friedheim zu seiner Weigerung aufgestiftet hatte, um den Streit vor +den Bundestag zu bringen. + +Da Preußen unerschütterlich blieb, so bequemten sich die drei anhaltischen +Herzöge schließlich doch zu einem Zugeständnis und versprachen auf der +Dresdener Konferenz feierlich »zu einem Vereine mit Preußen wegen +Sicherstellung seiner Landesabgaben auf möglichst ausführbare Weise die +Hand zu bieten«. Auf dies Fürstenwort vertrauend, hielt König Friedrich +Wilhelm den Hader nunmehr für abgetan; er ratifizierte die Akte, ließ +jenes unglückliche Köthener Schiff freigeben, also daß die Klage am +Bundestage ihren Gegenstand verlor, und Bernstorff lud die anhaltischen +Höfe nochmals ein, in Berlin wegen der Bedingungen des Zollanschlusses zu +verhandeln. Aber Monate vergingen, und kein anhaltischer Bevollmächtigter +erschien. Dem unaufhaltsamen Köthener war es gelungen, seine wohlmeinenden +Vettern von Dessau und Bernburg(46), die ihr Wort halten wollten, wieder +umzustimmen; sie hatten ihm versprechen müssen, nicht ohne ihn dem +preußischen Zollsystem beizutreten, und er war inzwischen mit seinem Adam +Müller über einen neuen Betrug einig geworden. + +Da die Elbschiffahrtsakte im März 1822 in Kraft treten sollte, so +entschloß sich Minister Klewiz im Januar, das Enklavensystem gegen Anhalt +vorläufig aufzuheben, was die Finanzpartei in Berlin schon längst +gefordert, Eichhorn aber, aus Wohlwollen gegen das Nachbarland, bisher +verhindert hatte. Man umringte demnach die drei Herzogtümer mit +preußischen Zollstellen; der Elbverkehr dagegen ward, gemäß der Akte, +freigegeben und Preußen begnügte sich, die nach Anhalt bestimmten Schiffe +einer Durchsuchung zu unterwerfen. Eben auf diese Vertragstreue Preußens +hatte Adam Müller seinen sauberen Plan berechnet. Die Durchsuchung der +Elbschiffe wurde natürlich zu leerem Scheine, sobald man anhaltischerseits +unredlich verfuhr. Nun taten sich sofort mehrere große englische +Exportfirmen mit Köthener Kaufleuten zusammen, um den Schleichhandel unter +dem Schutze des Herzogs in großem Stile zu pflegen. Das gesamte Ländchen +ward ein Schwärzerwirtshaus, ein Stelldichein für die Gauner und +Spitzbuben des deutschen Nordens. Die große Mehrzahl der treuen Köthener +segnete dankbar den Landesherrn, der ihnen billige Waren und reichlichen +Verdienst beim schmutzigen Handel verschaffte. Wunderbar, wie sich die +Verzehrungskraft dieses glücklichen Völkchens mit einem Male hob, als wäre +ein Goldregen über das Land gekommen. Nicht lange, und der anhaltische +Konsum von ausländischen Waren verhielt sich zu dem preußischen wie +64 : 1000, der von baumwollenen Waren, die in Preußen hoch verzollt +wurden, wie 165 : 1000, die Bevölkerung der beiden Lande stand wie +9 : 1000. Für die Drogen dagegen, welche das preußische Gesetz mit einem +niedrigen Zoll belegte, zeigten die Anhalter geringere Neigung; hier +stellte sich das Verhältnis nur wie 13 : 1000. Und bei dieser +übernatürlichen Konsumtion gingen die herzoglichen Zollbeamten dem Volke +mit gutem Beispiel voran: der Zollinspektor Klickermann in Dessau bezog, +wie Preußen aus den Listen seiner Elbzollämter nachwies, in dem einen +Jahre 1825 für seinen Hausbedarf zollfrei auf dem Strome: 53 Oxhoft Wein, +4 Oxhoft Rum, 98 Säcke und 1 Faß Kaffee, 13 Säcke Pigment und Pfeffer, +insgesamt an 1000 Zentner. Mehr denn eine halbe Million Taler im Jahre +wurden durch den anhaltischen Schleichhandel den preußischen Kassen +vorenthalten; der Zollertrag in den Provinzen Brandenburg und Sachsen +stieg nachher, als Anhalt endlich sich dem preußischen System unterworfen +hatte, bald von 3,135 auf 4,128 Millionen. + +Der Besitz einer souveränen Krone ohne Macht entsittlicht auf die Dauer +ihren Träger. Wie gründlich mußte das Rechtsgefühl der kleinen Höfe, seit +sie keinen Richter mehr über sich anerkannten, verwüstet sein, wenn dies +rechtschaffene askanische Haus, das von jeher einer wohlverdienten +allgemeinen Achtung genoß und so viele seiner tapferen Söhne in die Reihen +des preußischen Heeres gesendet hatte, sich jetzt unbedenklich +erdreistete, die Gesetzgebung seines alten treuen Beschützers durch groben +Unfug zu untergraben! Ein Unglück, daß der ehrwürdige Senior des +anhaltischen Gesamthauses, der seinem Ländchen unvergeßliche Leopold +Friedrich Franz von Dessau vor kurzem(47) gestorben war; er würde den +zweifachen Vertragsbruch schwerlich geduldet haben, denn Anhalt hatte sich +auf dem Wiener Kongresse zur Unterdrückung des Schleichhandels +verpflichtet und nachher in Dresden feierlich eine Verständigung mit +Preußen versprochen. + +Um dieser letzteren Verpflichtung scheinbar zu genügen, sendete Herzog +Ferdinand endlich im Januar 1822 seinen Hofmarschall Sternegg nach Berlin, +befahl ihm, allein mit Hardenberg zu verhandeln; mit Bernstorff zu +sprechen, sei unter der Würde des Kötheners. Der Staatskanzler aber zwang +den Abgesandten kurzweg, sich an das Auswärtige Amt zu wenden, und dort +stellte sich heraus, daß Sternegg durchaus keine Anerbietungen wegen des +Zollanschlusses zu bringen, sondern lediglich eine Entschädigungsforderung +zu überreichen hatte. Der Schaden Köthens betrug, nach dem billigen +Maßstabe der Kopfzahl angeschlagen, etwa 40 000 Taler für drei Jahre. Der +Herzog berechnete das Zehnfache und zeigte sich hoch erstaunt, da Preußen +den Köthener Schmuggel in Gegenrechnung stellte. Nach langen, gereizten +Erörterungen rückten die Herzöge schließlich mit dem Vorschlage heraus: +Preußen möge dem enklavierten Anhalt durch einen Gebietsaustausch auf +ewige Zeiten freien Verkehr mit Sachsen verschaffen, dann seien die drei +Höfe bereit, sich versuchsweise auf einige Jahre dem preußischen +Zollsystem anzuschließen. Sofort wies Bernstorff die »unangemessene« +Zumutung scharf zurück, der Unterhändler mußte abziehen, und Anhalt blieb +mit preußischen Zollinien umgeben. Aber der Schleichhandel blühte fröhlich +fort, die Grenzwache Preußens war machtlos gegen den bösen Willen der +herzoglichen Behörden. Obwohl der Berliner Hof über Adam Müllers Ränke +genau unterrichtet war, so wollte er doch schlechterdings nicht glauben, +daß Fürst Metternich das Treiben seines Generalkonsuls billige. Jahrelang +ertrug der preußische Adler langmütig die Bisse der anhaltischen Maus, +immer in der Hoffnung, daß die drei Herzöge endlich noch ihr Wort einlösen +würden. + +Und in diesem Streite, der alle Selbstsucht, allen Dünkel, alle Torheit +der Kleinstaaterei an den Tag brachte, stand die deutsche Presse wie ein +Mann zu den anhaltischen Schmugglern. Der Schmerzensschrei des freien +Kötheners war das Wiegenlied der deutschen Handelseinheit, die erst nach +zwei Menschenaltern auf demselben Elbstrome unter den Weherufen des freien +Hamburgers ihr letztes Ziel erreichen sollte. Mit einer Verblendung +ohnegleichen täuschte sich die Bevölkerung der kleinen Staaten, bei jeder +Wendung dieses wirrenreichen Kampfes, regelmäßig über ihr eigenes und des +Vaterlandes Wohl, um jedesmal, sobald der gefürchtete Anschluß an Preußen +endlich vollzogen war, die Notwendigkeit der Änderung nachträglich dankbar +anzuerkennen. Ebenso regelmäßig verdeckte der Partikularismus seine +Selbstsucht hinter dem schönen Worte der Freiheit; bald nahm er die +Freiheit des Handels, bald das freie Selbstbestimmungsrecht der deutschen +Ströme, bald auch beides zugleich zum Vorwand, und jedesmal ließ sich die +vom Liberalismus beherrschte öffentliche Meinung durch solche hohle +Kraftworte verführen. + +Die unausrottbaren Vorurteile wider das preußische Zollgesetz wirkten +zusammen mit jener gedankenlosen Gemütlichkeit, die es unbesehen für +unedel hält, bei einem Kampfe zwischen Macht und Ohnmacht die Partei des +Stärkeren zu ergreifen. Und dazu der juristische Formalismus unserer +politischen Bildung, der gar nicht ahnte, daß im Staatenverkehre das +formelle Recht nichtig ist, wenn es nicht durch die lebendige Macht +getragen wird. War denn Köthen nicht ebenso souverän wie Preußen? Wie +durfte man dieser souveränen Macht einen Zollanschluß zumuten, der ihr +freilich nur Segen bringen konnte und sich aus ihrer geographischen Lage +mit unabwendbarer Notwendigkeit ergab, aber ihrem freien +Selbstbestimmungsrechte widersprach? Und wenn es ihr beliebte, die +Freiheit der Elbe zur boshaften Schädigung des Nachbarlandes zu gebrauchen +— in welchem Artikel der Bundesakte war dies denn verboten? Daß Anhalt +sich durch die Wiener Verträge zur Beseitigung des Schleichhandels +verbunden hatte, überging man mit Stillschweigen. Bignon(48), der alte +Anwalt der deutschen Kleinstaaten, trat ebenfalls auf den Kampfplatz mit +einem offenen Briefe über den preußisch-anhaltischen Streit. Er beklagte +schmerzlich, daß Frankreich nicht mehr wie sonst vom Niederrhein her des +Richteramtes über Deutschland warten könne; aber »Frankreich ist von der +Natur bestimmt, immer zu herrschen, und wenn es das Szepter der Macht +verloren hat, so hat es doch das Szepter der öffentlichen Meinung +bewahrt«. Vor dem Szepterträger der öffentlichen Meinung fand Preußen, wie +billig, keine Gnade. Auf diesem Wege der Usurpationen, rief Bignon, ist +das Haus der Capetinger einst schrittweis dahin gelangt, die großen +Vasallen Frankreichs zu vernichten. Treuherzig sprach der deutsche +Liberale die Warnung des Bonapartisten nach. + +Auch die Mehrheit am Bundestage kam der Klage des Köthener Hofes, die +selbst nach der Freigebung jenes Elbschiffes nicht zurückgezogen wurde, +bereitwillig entgegen. Umsonst verwahrte sich König Friedrich Wilhelm, als +er im Sommer 1821 durch Frankfurt kam, mit scharfen Worten wider den +Vorwurf, daß er Anhalt mediatisieren wolle. Die kleinen Höfe ließen sichs +nicht ausreden: Preußen wünsche, wie Berstett sich ausdrückte, »seine +geographische Dünnleibigkeit auf Kosten einiger Kleineren zu arrondieren«. +Der neu ernannte badische Bundesgesandte Blittersdorff(49) und die +Klügeren seiner Genossen wußten wohl, wie wenig »bei dem bekannten +Charakter des Herzogs oder vielmehr der Frau Herzogin« auf ein +verständiges Abkommen zu rechnen sei; doch sie meinten, »dies sei die +Gelegenheit für den Bundestag, seine Dauer und Lebenskraft zu erproben«. +Es galt, Preußen zu demütigen vor einem ohnmächtigen Nachbarn; es galt, +der norddeutschen Großmacht zu beweisen, daß sie, nach Marschalls Worten, +ebenso sehr durch Köthen geschützt werde, wie Köthen durch Preußen. Von +den größeren Bundesstaaten zeigte allein Bayern ein Verständnis für die +Machtverhältnisse; nachdem die Münchener Regierung soeben selber die +Schwierigkeiten der Einführung eines neuen Zollsystems kennen gelernt +hatte, meinte sie doch, daß ein kleiner Unterschied bestehe zwischen einem +Reiche und einer Enklave. Die anderen beurteilten die Frage nach den +Gesichtspunkten des Zivilprozesses, und da die Rechtsfrage allerdings +zweifelhaft lag, so entspann sich am Bundestage eine grimmige Fehde, die +durch viele Jahre hingeschleppt, den liberalen Zeitungen immer wieder den +willkommenen Anlaß bot, Preußen als den Friedensbrecher Deutschlands zu +brandmarken. + +Das also war für Preußen das Ergebnis der handelspolitischen Verhandlungen +in Wien und Dresden. Das neue Zollgesetz war gegen den Widerstand fast +aller Bundesstaaten unverändert aufrecht geblieben, auch die Freiheit der +Elbe war notdürftig sicher gestellt, und die alte Ansicht der preußischen +Regierung, daß der Bund für den deutschen Verkehr schlechterdings nichts +zu leisten vermöge, hatte sich abermals bestätigt. Aber ebenso fest stand +auch die Erkenntnis, daß Verhandlungen mit den einzelnen Staaten, bei +ihrer gegenwärtigen Stimmung, vorläufig ganz aussichtslos waren. Welche +unbelehrbare Gehässigkeit war dem Grafen Bernstorff entgegengetreten, +welche anmaßende Sprache hatte er anhören müssen, erst in Wien, dann in +Dresden! Nach so niederschlagenden Erfahrungen faßte man in Berlin den +verständigen Entschluß, fortan keine Einladungen mehr ergehen zu lassen, +sondern gelassen zu warten, bis die Not den kleinen Nachbarn die Augen +öffne. In diesem Sinne erging an sämtliche Gesandten in Deutschland die +gemessene Weisung, sich streng zurückzuhalten und auf alle +handelspolitischen Anfragen lediglich zu antworten: der König habe schon +im Jahre 1818 sich zu Verhandlungen bereit erklärt, er hege noch immer den +Wunsch, andere deutsche Staaten mit seinem Zollsysteme zu verbinden, jetzt +sei es an den Nachbarn, dem guten Willen entgegenzukommen. Eichhorn +begründete diesen Entschluß mit der Erwägung, daß die Eifersucht der +Dynastien durch Einladungen erfahrungsgemäß nur gereizt würde: »Solche +Anträge konnten zugleich als Aufforderungen zur Änderung ihrer inneren +Staatsgesetzgebung und als ihre Selbständigkeit gefährdende Anmutungen +mißdeutet werden.« Gegen das tiefeingewurzelte Mißtrauen der kleinen Höfe +wirkte nur eine Waffe: ruhiger Gleichmut, der die Natur der Dinge für sich +wirken ließ. Was verschlug es auch, wenn die Presse unablässig über +Preußens selbstsüchtige Sonderstellung Wehe rief? Von der öffentlichen +Meinung, die sich noch weit verblendeter zeigte als die Höfe, hatte die +Handelseinheit des Vaterlandes nichts zu erwarten; Preußens bester +Bundesgenosse war die wachsende Finanznot der kleinen Staaten. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 29ff. + + ------------------ + + + + + 32 Christian Günther Graf v. Bernstorff, geb. 3. April 1769, gest. 28. + März 1835, trat 1818 aus schwedischen Diensten in die preußischen + über und wurde Minister des Auswärtigen. 1832 trat er von seinem + Amte zurück. + + 33 Karl Wilhelm Freiherr v. Fritsch, geb. 16. Juni 1769, gest. 16. + Oktober 1851, war von 1815–1843 Großh. Sächs. Minister. + + 34 Ernst III. seit 12. November 1826, Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha + (gest. 29. Januar 1844). + + 35 Vertreter Nassaus am Bundestag. + + 36 Wilhelm I., gest. 27. Februar 1821. + + 37 Adam Müller, geb. 30. Juni 1779, gest. 17. Januar 1829, damals + österreichischer Generalkonsul für Sachsen in Leipzig. + + 38 Georg Friedrich Freiherr v. Zentner, geb. 27. August 1752, + gest. 20. Oktober 1835, bayrischer Staats- und Justizminister. + + 39 Ludw. Phil. Graf v. Bombelles, geb. 1. Juli 1780, gest. 7. Juli + 1843, österr. Diplomat, damals Gesandter in Dresden, nachmals an + anderen Höfen. + + 40 Karl August, geb. 3. September 1757, gest. 14. Juni 1828. + + 41 Joh. Rudolf Freiherr v. Buol-Schauenstein, geb. 21. November 1763, + gest. 12. Februar 1834, von 1816–1823 Bundespräsidialgesandter, + nachher Staatminister und Präsident der Hofkommission. + + 42 Karl August Freiherr v. Wangenheim, geb. 14. März 1773, gest. 19. + Juli 1850, von 1817–1823 württembergischer Gesandter am Bundestage. + + 43 Den rasenden Wahnsinn. + + 44 Unter Leinpfaden versteht man die an schiffbaren Wasserläufen + angelegten Wege, von denen aus Schiffe mittels einer am Maste + befestigten Leine stromaufwärtsgezogen oder »getreidelt« werden + (daher auch Treidelwege genannt). + + 45 Wilh. Ludwig Georg Graf zu Sayn-Wittgenstein, geb. 9. Oktober 1770, + gest. 11. April 1851, von 1814–1819 Polizeiminister, seitdem + Minister des Königlichen Hauses. + + 46 Anhalt zerfiel damals in die 3 Teile Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen, + Anhalt-Bernburg. Herzog von A.-Dessau war damals Leopold IV. + Friedrich (1817–1871), von A.-Köthen Ferdinand (1818–1830), von + A.-Bernburg Alexius Friedr. Christian (1796 bis 1834). Seit 1863 war + das ganze anhaltische Gebiet in die Hände Leopolds IV. vereinigt. + + 47 9. August 1817. + + 48 Louis Pierre Baron Bignon, geb. 1771, gest. 5. Januar 1841, + franz. Diplomat und Publizist, zeitweilig als französischer + Geschäftsträger bzw. bevollmächtigter Minister an deutschen Höfen + tätig, nach Belle-Alliance Minister der auswärtigen Angelegenheiten. + + 49 Friedrich Landolin Karl Freiherr v. Blittersdorf, geb. 10. Februar + 1792, gest. 16. April 1861, war von 1821–1835 badischer + Bundestagsgesandter, danach bis 1843 Minister der auswärtigen + Angelegenheiten, von 1843–1848 wieder Bundestagsgesandter. + + + + +4. Die Darmstädter Zollkonferenzen. + + +Sehr wichtig wurde die große Handelskonferenz der süddeutschen und einiger +mitteldeutschen Kleinstaaten, welche, den Wiener Verabredungen gemäß, am +13. September 1820 in Darmstadt zusammentrat. Auch hier war Wangenheim die +Unruhe in der Uhr. Unermüdlich kam er von Frankfurt herübergeritten, immer +zur Vermittlung bereit, gleich befreundet mit dem Schutzzöllner List und +dem Freihändler Nebenius; denn aus diesem Handelstage mußte unfehlbar der +politische Bund des reinen Deutschlands hervorgehen. In der Tat blieben +die Darmstädter Verhandlungen nicht ganz unfruchtbar, obgleich sich Pläne +und Gegenpläne noch rastlos wie die Blasen im brodelnden Wasserkessel +übereinander drängten. Sie dienten als ein Läuterungsprozeß, der die +unbrauchbaren, traumhaften Gedanken aus der deutschen Handelspolitik +ausschied. Sie boten den Teilnehmern wie dem aufmerksam zuschauenden +Berliner Hofe die Gelegenheit, die wirtschaftlichen Interessen der +Bundesstaaten kennen zu lernen, die Bedingungen eines Handelsvereins +ernstlich zu erwägen. Aber sie lehrten auch durch ihr wiederholtes +Scheitern, daß ein Zollverein ohne Preußen unmöglich war. Von einem +binnenländischen Wirtschaftsgebiete, dem die Küste fehlte, konnte niemals +eine lebensfähige nationale Handelspolitik ausgehen. + +Kein Wunder freilich, daß die mißhandelte Nation den ersten Versuch zur +Beseitigung der Binnenmauten mit Jubel aufnahm. Zahlreiche Dankadressen +belohnten den hochherzigen Entschluß der Höfe. Badische Landwirte +bezeugten schon im Voraus dem Minister Berstett: durch die Darmstädter +Konferenzen sei »der Grund gelegt zu einem glorreichen, einem wahrhaften +Nationalinstitute«. Sogar jener kluge E. W. Arnoldi in Gotha, der zuerst +unter den deutschen Geschäftsmännern die nationale Bedeutung des +preußischen Zollgesetzes erkannt hatte, ließ sich jetzt durch die +Zeitströmung fortreißen und bat seinen Herzog um Anschließung an die +süddeutschen Staaten, weil Gotha den Wettbewerb der überlegenen +preußischen Fabriken nicht ertragen könne. Die Wünsche und Erwartungen des +Publikums gingen freilich hergebrachtermaßen nach allen Himmelsrichtungen +auseinander. Der badische Handelsstand verlangte den unbedingten +Freihandel: mehr als 15 Kreuzer Zoll könne der Zentner Kolonialwaren +schlechterdings nicht ertragen. Andere ergingen sich in den üblichen +Ausfällen gegen »jene stolzen Ausländer«. In der bayrischen Kammer +beantragte der Abgeordnete Köster eine deutsche Nationaltracht aus +deutschen Stoffen; schon in der Volksschule müsse den Kindern der +patriotische Abscheu vor ausländischen Waren eingeflößt werden. Die +Mannheimer Kaufleute dagegen hofften vornehmlich auf harte Zölle wider den +Frankfurter Handel: der Verein solle anderen Plätzen die Vorteile +gewähren, welche die stolze Mainstadt ihren ungebührlich großen Kapitalien +verdanke; den Rheinpreußen müsse er jede Erleichterung versagen, so lange +nicht der preußische Staat dem Vereine beitrete und der Mehrheit sich +unterwerfe. + +Leider wurde die allgemeine Unklarheit nur vermehrt durch die Schriften +Lists und seiner Genossen, die sich allmählich ganz in die Irrtümer des +starren Prohibitivsystems verloren. Miller von Immenstadt forderte in +einer für die Darmstädter Konferenzen bestimmten Druckschrift (Juli 1821): +Verbot aller auswärtigen Waren, die wir selbst erzeugen oder durch +Surrogate ersetzen können; mit der Schweiz und Piemont, mit Holland, +Hannover, den Hansestädten und Holstein müsse man sich zu verbinden +suchen; der König von Dänemark werde als treuer deutscher Bundesfürst +sicherlich geneigt sein, die Schiffe des Vereins mit seinem Danebrog zu +decken. Das alles im Namen deutscher Ehre und mit dem unvermeidlichen +patriotischen Pathos! Den Regierungen wurden die zudringlichen Mahnungen +des Listschen Vereins, der sich auch in Darmstadt wieder durch Sendboten +vertreten ließ, bald sehr unbequem. Der badische Bevollmächtigte Nebenius +verbot seinem Sekretär, mit List zu verkehren, sagte dem Agitator ins +Gesicht, seine Anwesenheit sei überflüssig, errege schlimme Gerüchte. List +blieb ohne jeden Einfluß auf den Verlauf der Beratungen, und Berstett +hielt für nötig, seinem Gönner Metternich von vornherein zu beteuern: nur +das Gebot der Selbsterhaltung, »nicht die einseitigen, trügerischen, von +einer kleinen Schar eigensüchtiger Fabrikanten ausgegangenen +Deklamationen« hätten das Darmstädter Unternehmen hervorgerufen. + +Die Kabinette selbst waren mit nichten einiger als die öffentliche +Meinung, denn die verbündeten Staaten bildeten nur scheinbar eine +geographische Einheit. Sobald man den Geschäften ernsthaft ins Auge sah, +zeigte sich, daß eine natürliche Gemeinschaft süddeutscher +Volkswirtschaft, dem Norden gegenüber, nicht bestand. Vielmehr trat wieder +einmal jene eigentümliche Stellung des Rheinlandes hervor, das so oft +schon in unserer Geschichte die heilsame Rolle des Vermittlers gespielt +hat zwischen Nord und Süd. Die kleinen oberrheinischen Staaten waren dem +rheinischen Tieflande durch stärkere Interessen verbunden als den +bayrisch-schwäbischen Landen. Nun gar Kurhessen und Thüringen wurden nur +durch eine politische Schrulle, durch den Haß gegen Preußen, in diese +süddeutsche Genossenschaft getrieben. Darum verhielt sich der Kasseler Hof +von vornherein unlustig und ablehnend. Die thüringischen Staaten begannen +schon 1822 Sonderberatungen in Arnstadt, doch nahmen sie gleichzeitig an +den Darmstädter Konferenzen teil und belästigten das Berliner Kabinett mit +nichtssagenden allgemeinen Anfragen — die bare Ratlosigkeit des +Nichtwollens und Nichtkönnens. + +Und welch ein Gegensatz der staatswirtschaftlichen Gesetze und Ansichten! +In Baden verboten sich hohe Zölle von selbst, weil das gesamte Land nur +aus Grenzbezirken bestand und die benachbarte Schweiz noch kein geordnetes +Mautwesen besaß. Die Regierung verstand die günstige Handelslage des +Staates geschickt auszubeuten, sie begnügte sich mit sehr niedrigen +Finanzzöllen, welche einen schwunghaften Durchfuhrhandel nach Baden +lockten und den Staatskassen reichen Ertrag brachten. Die Großindustrie +konnte unter diesem Systeme freilich nicht Fuß fassen; sie galt im +Finanzministerium für überflüssig. Auch das Volk vermißte sie nicht, da +der Freihandel wohlfeile Fabrikwaren vom Auslande brachte. Alle deutschen +Nachbarn aber klagten laut; denn ein großartiger Schmuggelhandel trieb von +Baden her, namentlich auf dem Schwarzwalde, sein Unwesen, fand bei der +Regierung unziemliche Nachsicht; manche häßliche Skandalfälle, so der +ungeheure Defraudationsprozeß der Firma Renner, erinnerten an Köthensche +Zustände. In Darmstadt herrschte noch ein veraltetes physiokratisches +System, das keine Grenzzölle kannte und fast den gesamten Staatsaufwand +aus direkten Steuern und dem Ertrage der Domänen bestritt; der Mainzer +Handelsstand, der die Douanen Napoleons noch nicht vergessen konnte, +beschwor die Regierung, sich vor dieser Pest zu hüten. In Nassau ging das +herzogliche Domanium mit seinen herrlichen Rebgärten und Mineralwassern +jedem anderen wirtschaftlichen Interesse vor. Daher hielt Marschall die +Fabriken für staatsgefährlich, Grenzzölle zum mindesten für bedenklich und +führte ein Akzisesystem ein, das er den Nachbarn oft als ein +finanzpolitisches Meisterwerk empfahl. Der mächtige Beamtenstand befand +sich wohl bei der unnatürlichen Wohlfeilheit des Konsums auf dem engen +Markte; nach den Produzenten fragte niemand. Bayern dagegen besaß bereits +in Franken und Schwaben die ersten Anfänge einer aufstrebenden +Großindustrie; die bayerischen Zölle standen im Durchschnitt etwas +niedriger als die preußischen, brachten aber geringen Ertrag wegen der +unverhältnismäßigen Kosten der Grenzbewachung. Der württembergische +Gewerbefleiß blieb hinter dem bayerischen noch etwas zurück; die +Stuttgarter Handelspolitik stand daher in der Mitte zwischen dem +Freihandel der Rheinuferstaaten und den schutzzöllnerischen Wünschen der +bayrischen Fabrikanten. + +So abweichende Richtungen zu versöhnen war unmöglich auf dem engen Raume +eines süddeutschen Verbandes. Allein ein großes freies Marktgebiet konnte +die Staaten genugsam entschädigen für die unvermeidlichen Opfer und +Belästigungen, welche jeder Zollverein anfangs den Genossen auferlegt; und +diesen einzig ausreichenden Ersatz gewann man nur durch den Anschluß an +Preußen, der von sämtlichen Teilnehmern grundsätzlich verworfen wurde. +»Wir alle — so gestand du Thil späterhin selber — strebten ja einzig +darnach Front gegen Preußen zu machen.« Selbst die politische Eintracht +der Verbündeten stand auf schwachen Füßen, wie laut auch die Liberalen den +natürlichen Bund der konstitutionellen Staaten priesen. … Es war ein +Unglück für die Konferenz, daß ihr mehrere Bundesgesandte als +Bevollmächtigte angehörten und also auch noch die Ränke und Klatschereien +der Eschenheimer Gasse in das wüste Durcheinander der Beratungen +hineinspielten. Du Thil hingegen betrieb die Verhandlungen, wie sein +greiser Großherzog, mit nüchternem Geschäftsverstande und wollte von +politischen Hintergedanken nichts hören. Marschall und nach einigem +Schwanken auch Berstett blieben in dem politischen Fahrwasser der Hofburg. +Das Münchener Kabinett endlich zeigte keine feste Haltung. Während +Aretin(50), der erste Bevollmächtigte, in Darmstadt wie in Frankfurt +vorsichtig den Spuren Wangenheims folgte und Lerchenfeld(51) … den +süddeutschen Handelsverein ehrlich wünschte, betrachtete Graf Rechberg(52) +die Darmstädter Konferenz mit Mißtrauen, und der zweite Bevollmächtigte +Jörres, der ganz von Rechberg abhing, tat unter der Hand das Seinige, um +die Verhandlungen zu erschweren. Mit zähem Eigensinn hielt jeder Hof seine +Forderungen fest, obschon im Grunde noch keiner eine durchgebildete +handelspolitische Überzeugung besaß; jede Nachgiebigkeit erschien wie ein +Verrat an der eigenen Souveränität. So fehlten alle Vorbedingungen einer +Verständigung. + +Ein prunkendes Aushängeschild für den Verein war rasch gefunden. Die +Handelspolitik der Verbündeten sollte auf dem +»staatswirtschaftlich-finanziellen Prinzipe« ruhen — ein schönes Wort, dem +leider jedes Kabinett einen anderen Sinn unterlegte. Der tüchtigste +Staatswirt der Versammlung, Nebenius, ward auf du Thils Vorschlag +beauftragt, einen Entwurf für die Beratungen auszuarbeiten. Voll +Zuversicht ging er ans Werk; er teilte die allgemeine Ansicht der +süddeutschen Bureaukratie, daß die Beseitigung der Binnenmauten den +Partikularismus kräftigen müsse, und schrieb seinem Hofe hoffnungsvoll: +durch unseren Verein »wird den Einheitspredigern das wichtigste und +schlagendste Argument siegreich entrissen.« Jedoch der Plan, den er am +27. November vorlegte, entsprach allein dem badischen Interesse, war für +alle anderen Staaten unannehmbar. Er schlug ein System sehr niedriger +Finanzzölle vor, für den Zentner Kolonialwaren 30 Kreuzer bis 2 fl., für +Fabrikwaren 5 bis 15 fl. — Sätze, welche Aretin viel zu gering fand. Der +Streit blieb unlösbar, da beide Teile sich auf unwiderlegliche Gründe +stützten. Ein kleines Zollgebiet bedarf des Freihandels, weil es die +Kosten scharfer Grenzbewachung nicht tragen kann; doch ebenso gewiß +genügten die badischen Zölle nicht, um die werdende bayrische Industrie zu +schützen. + +Nebenius wollte ferner alle Zölle an den Grenzen erheben, keine Packhöfe +dulden, nur die Rheinhäfen außerhalb der Mautlinie liegen lassen. Dahinter +verbarg sich die Hoffnung der Karlsruher Bureaukratie, Kehl und Mannheim +zu Hauptstapelplätzen des Vereins zu erheben. Mit Recht erhob Bayern +lebhaften Widerspruch: nur bei ganz niedrigen Zöllen seien Lagerhäuser +entbehrlich; auch solle man die Hoffnung auf Frankfurts Beitritt +festhalten und nicht den natürlichen Mittelpunkt des oberrheinischen +Speditionshandels zugunsten kleinerer Plätze benachteiligen. In demselben +Geiste badischer Engherzigkeit war der weitere Antrag, daß den +Grenzstaaten gestattet werde, von allen Waren, welche der Verein zollfrei +einlasse, Zölle für ihre eigne Rechnung zu erheben. Sofort widersprachen +alle rückwärts liegenden Staaten. Auch bei der Verteilung der allgemeinen +Zolleinnahmen vergaß Nebenius den Vorteil Badens nicht, das allerdings +unter den Bundesgenossen die reichsten Zolleinkünfte besaß. Er verlangte +als Maßstab: die Kopfzahl und die Länge der Grenzen, welche jeder Staat zu +bewachen habe. Ebenso dreist bestand Bayern auf seinem Interesse: man +müsse einen Durchschnitt suchen aus der Kopfzahl und dem Umfange des +Gebiets — weil Bayern dünner bevölkert war als die Nachbarlande. + +Die gesetzgebende Gewalt wollte Nebenius einer Konferenz von +Bevollmächtigten anvertrauen, die alljährlich zusammenzutreten und mit +einfacher Mehrheit zu beschließen hätte. Der Münchener Hof aber war nicht +geneigt, sich den kleinen Mitverbündeten also zu unterwerfen; Aretin trug +das Selbstgefühl der Macht rücksichtslos zur Schau und forderte für jede +halbe Million eine Stimme — das wollte sagen: die Stimmenmehrheit für +Bayern allein — was wieder von du Thil und den anderen Kleinen als »ein +allzu naiver Versuch« zurückgewiesen wurde. Die Zollverwaltung endlich +sollte von einem gemeinsamen Beamtentum geführt, durch eine permanente +Kommission beaufsichtigt werden. Seltsamerweise erregte diese +Zentralverwaltung zunächst geringen Anstoß. Die schwäbische Bureaukratie +sprach sogar lebhaft dafür. Dem allmächtigen Stande der württembergischen +Schreiber blieb der Verein unheimlich, der so viele Schreiberstellen +aufzuheben drohte. Indes wenn sich das Unheil nicht abwenden ließ, so +erschien die Zentralverwaltung als das geringere Übel; sie mußte doch aus +jedem Staate eine zahlreiche Beamtenschar anstellen. Behielten dagegen die +Staaten ihre selbständige Zollverwaltung, so hatte Württemberg nur zwei +Grenzmeilen am Bodensee zu überwachen, und die ganze Herrlichkeit der +königlichen Mautverwaltung brach zusammen! + +Die Verhandlung über jene Streitfragen ward bald gereizt und gehässig. +Nebenius sprach in seinen Berichten mit sehr ungerechter Bitterkeit über +die Gegner, die doch vielfach wohlbegründeten Einspruch erhoben. Zudem +vertrat noch jeder Staat seine eigentümlichen Wünsche. Reuß und Weimar +wollten das Geleitsgeld für ihre imaginären Harnischreiter nicht ohne +Entschädigung aufgeben. Der Kurfürst von Hessen weigerte sich, seine +Transitzölle dem Vereine zu überlassen, forderte zum mindesten ein +Präzipuum(53) für den starken Konsum französischer Weine, worauf man mit +der kecken Lüge antwortete, im Oberland werde davon mehr getrunken als in +Kurhessen. Baden wollte nicht beitreten, wenn nicht sogleich ein +Handelsvertrag mit der Schweiz abgeschlossen würde. Derweil also die +Meinungen ziellos durcheinander wogten, hofften mehrere der Kabinette, +einmal selbst der bayrische Hof, auf Preußens Zutritt! Wiederholt besprach +man in Darmstadt die Aufnahme der preußischen Rheinlande; dem kreisenden +Berge dieses Sonderbunds zu Lieb sollte Preußen die schwer erkämpfte +handelspolitische Einheit seines Gebiets wieder zerreißen! … + +Nachdem man sechs Monate auf die bayrischen Instruktionen gewartet, +erklärte endlich (Juli 1821) der bayrische Bevollmächtigte, sein Hof +verlange, daß das bestehende bayrische Zollgesetz dem Vereine zur +Grundlage diene. So begann der trostlose Streit von neuem. Darauf, nach +anderthalb Jahren, bot sich eine Gelegenheit, die Lebenskraft des Vereines +zu erproben. Frankreich erließ am 23.–April 1822 ein neues Douanengesetz, +das die Interessen der oberdeutschen Staaten offenbar feindlich verletzte, +die wichtigsten Gegenstände der Einfuhr aus Süddeutschland, Schlachtvieh +und Wolle mit unerschwinglichen Zöllen belegte. Der Schlag traf fast alle +süddeutschen Lande gleichmäßig; sollte nicht mindestens gegen diesen +Angriff gemeinsame Abwehr möglich sein? Man verhandelte und verhandelte. +Baden verbot (17.–Mai) die Weineinfuhr auf seiner Westgrenze; Württemberg +schloß sich diesen Retorsionen an; mit Bayern war keine Verständigung zu +erzielen. In seiner Not wendete sich Berstett an Metternich, bat die +Hofburg um ihre guten Dienste in den Tuilerien. Nach fast zwei Monaten +(12.–August) erwiderte der Österreicher: »es ist kaum zu erwähnen nötig, +wie sehr bereit wir sind«, den deutschen Bundesstaaten jede Gefälligkeit +zu erweisen; aber das französische Gesetz ist das Ergebnis der nationalen +Meinung und eines »national-ökonomischen Systems, das faktisch das +Lieblingssystem unserer Zeit geworden ist.« Das war die Hilfe, welche +Deutschlands Volkswirtschaft von Österreich zu erwarten hatte! Zuletzt +riefen die unsicheren, vereinzelten Retorsionen der süddeutschen Höfe nur +einen neuen gehässigen Zank zwischen Bayern und Baden hervor; denn da die +bayrische Pfalz keine Mauten besaß, so mußte Baden, um die französischen +Weine wirksam zu treffen, auch die Weineinfuhr vom bayrischen Überrhein +verbieten, was wieder bayrische Klagen veranlaßte — und so weiter ins +Unendliche. + +Gegen den Herbst 1822 schienen die Verhandlungen wieder vorwärts zu +rücken. Bayern, ermutigt durch einen drängenden Beschluß seines Landtags, +legte sich kräftig ins Zeug; der rastlose Wangenheim brachte einen +Vermittlungsantrag ein, zugunsten der bayrischen Vorschläge. Aber noch +immer ward man nicht Handels einig, man zerrte herüber und hinüber. Da +verlor die darmstädtische Regierung die Geduld; sie hatte ihrem Landtage +baldige Regelung des Zollwesens versprochen und erklärte jetzt (Februar +1823): wenn man nicht endlich sich vergleiche, so werde Darmstadt für sein +eignes Haus sorgen. + +Die preußische Regierung sah diesen wohlgemeinten aber aussichtslosen +Verhandlungen gelassen zu, da sie sich mit jedem Jahre mehr von der +Lebenskraft ihres eigenen Zollgesetzes überzeugte, und ließ sich in ihrer +kühlen Geringschätzung nicht stören, als die landesüblichen Kraftreden +wider Preußens Zollsystem auch auf der Darmstädter Konferenz erklangen. +Eine Denkschrift des Auswärtigen Amtes bemerkte darüber späterhin trocken: +»Man wählte in Darmstadt Preußen zum Stichblatt, weil man dadurch die +öffentliche Meinung gewann und seine eigenen Pläne leichter durchsetzen +konnte.« Metternich hingegen, der den Darmstädter Plänen keinen +fruchtbaren Gedanken entgegenzustellen wußte, ward der Sorgen nicht ledig. +Schon vor Eröffnung der Konferenzen ermahnte er Berstett, mindestens den +Einfluß der Subalternen und der Landstände fern zu halten. Zugleich mußte +Marschall gegen den Karlsruher Hof den Verdacht äußern, ob vielleicht +Nebenius selber zu den verkappten Demagogen gehöre. Der badische Minister +versuchte seinen Gönner zu beschwichtigen und gab an Nebenius gemessene +Weisung, sich vor allen politischen Nebengedanken zu hüten: »Auch aus dem +Einfachsten wird Gift gesogen. Rücksichten, die mehr gefühlt als +bezeichnet werden können, verbieten, den Landtagen irgendwelche Einwirkung +zu gestatten.« Gleichwohl blieb Metternich argwöhnisch, und sein Marschall +gestand ihm wehmütig: da der Kaufmann mit seinem beweglichen Kapitale +leider nicht einem, sondern allen deutschen Staaten angehöre, so könne die +Handelssache von den Revolutionären allerdings leicht für ihre +Einheitsträume ausgebeutet werden. Selbst der unverkennbare Mißerfolg der +Konferenzen beruhigte die Leiter der deutschen hohen Polizei nicht: dieser +Verschwörer Wangenheim war überall, selbst das badische Land sollte er zu +Pferde durchstreift haben, um sich mit den liberalen Abgeordneten zu +besprechen. … + +Am 3. Juli 1823 erklärte schließlich du Thil den Austritt seines +Großherzogs aus der Darmstädter Konferenz, weil Hessen außerstande sei, +die Ordnung seines Zollwesens noch länger zu verschieben. Nassau folgte +dem Beispiele. Darauf weigerte sich Bayern, ohne Darmstadt weiter zu +verhandeln; unter lebhaften gegenseitigen Anklagen ging der Kongreß +auseinander, nach drei Jahren unerquicklichen Streites. Er scheiterte an +der Unmöglichkeit, abweichende Interessen in engem Rahmen +zusammenzuhalten. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 302 ff. + + ------------------ + + + + + 50 Adam Freiherr v. Aretin, geb. 24. August 1769, gest. 16. August + 1822, war seit 1817 bayrischer Bundesgesandter. + + 51 Maximilian v. Lerchenfeld, geb. 16. November 1778, gest. 14. Oktober + 1843, war von 1817–1825 bayrischer Finanzminister. + + 52 Aloys Graf v. Rechberg und Rothenlöwen, geb. 18. September 1766, + gest. 10. März 1849, war bayrischer Minister des Auswärtigen. + + 53 Eine besondere Vergütung. + + + + +5. Motzs deutsche Handelspolitik. + + +In das achte Jahr hinein hatte Minister Klewiz sein schweres Amt ertragen, +mit unwandelbarer Geduld die große Steuerreform aufrecht gehalten wider +zahllose Angriffe von innen und von außen. Aber das Defizit vermochte er +nicht zu beseitigen, trotz allen neu angeordneten Ersparnissen; denn er +begnügte sich mit einer bescheidenen Stellung, die es ihm unmöglich +machte, den Staatshaushalt vollständig zu übersehen. Er trug vor der Welt +die Verantwortung für das gesamte Finanzwesen; und gleichwohl verfügte +Ladenberg(54) mit seiner Generalkontrolle selbständig über alle Ausgaben +und einen Teil der Einnahmen des Staates. Und dazu noch die unabhängige +Staatsschuldenverwaltung, bei deren Einsetzung Klewiz nicht einmal befragt +wurde. Da der Streit der Departements einen vollständigen Etat gar nicht +mehr zustande kommen ließ, so mußte der Minister schon 1824 die für jedes +dritte Jahr versprochene Bekanntmachung des Budgets unterlassen. Müde der +ewigen Reibungen und doch zu schüchtern, um für sich selber die gebührende +Macht zu fordern, erklärte er im Dezember 1824 dem Könige, unter den +bestehenden Ressortverhältnissen vermöge er das Gleichgewicht der Finanzen +nicht herzustellen, und erbat sich nachher die Oberpräsidentenstelle in +seiner sächsischen Heimat. + +Der König ließ darauf (12. Dezember) den vier Präsidenten Schön, Vincke, +Motz und Schönberg den Entwurf des neuen Etats zusenden mit der Anfrage: +welche Bedenken sie dawider hätten und welche besonderen Befugnisse sie +für den künftigen Finanzminister noch verlangten, damit er das +Gleichgewicht wieder herstellen könne. Jeder der vier sollte antworten, +als ob er selber zur Übernahme des Finanzministeriums bestimmt sei; keiner +durfte von der Befragung der anderen etwas erfahren … Nur Motz traf in +seiner Antwort mit sicherer Hand den eigentlichen Sitz des Übels, den +Dualismus der Finanzverwaltung. Er forderte für den Minister kurz und gut +Sitz und Stimme in der Generalkontrolle, so daß auch die Ausgabeetats +nicht ohne seine Genehmigung zustande kommen könnten; sodann ganz freie +Hand bei der Auswahl seiner Räte, endlich Zentralisation des Kassenwesens. +In zwei weiteren Denkschriften … verlangte er ferner die Aufstellung +völlig zuverlässiger Etats und erklärte sich entschieden gegen die +Wiedereinführung der Provinzialministerien. Denn neben solchen +Unterministern sei ein mächtiger Finanzminister unmöglich; dieser müsse +unmittelbar an der Verwaltung teilnehmen, um »unverbesserliche Mißgriffe, +Einseitigkeit und Indolenz« zu verhüten: »er kann nicht darauf beschränkt +bleiben, durch Etats und Verwaltungsnormen nur die Zukunft nach seinen +Ansichten zu regeln; auch kann es ihm nicht helfen, die Vergangenheit nach +toten Zahlen zu meistern«. — + +Die Entscheidung konnte nicht zweifelhaft sein … Der König entschied sich +für Motz. Er ahnte in jenem Augenblicke selber nicht, wie segensreich +dieser Entschluß auf den Gang der deutschen Geschichte einwirken sollte. + +Motz stand in seinem 50. Jahre, als er am 1. Juli 1825 sein Amt übernahm, +der einzige Staatsmann in einem Kabinett von Geschäftsmännern(55). Auch +dieser Kurhesse war einst, wie Eichhorn, durch den Glanz der +friderizianischen Zeiten aus seiner kleinstaatlichen Heimat in den +preußischen Staatsdienst hinübergeführt worden. Eine ungleich glänzendere +und doch nicht minder gediegene Natur als der stille gelehrte Maaßen, +tatkräftig, wagelustig, voll kecken Selbstvertrauens, das sich oft in +beißenden Sarkasmen äußerte, hatte der rüstige Naturalist in einer +wechselreichen praktischen Laufbahn alle Bücherweisheit verachten gelernt +und doch verstanden, die lebendigen Ideen der Zeit sich anzueignen … Das +waren seine frohesten Tage gewesen, da er als junger Landrat auf dem +Eichsfelde bald zu Pferd bald mit der Jagdflinte auf der Schulter seinen +Kreis durchstreifte und die Bauern auf ihren Höfen besuchte, selten mit +Befehlen eingreifend, immer bereit, dem geringen Manne zu zeigen, wie man +sich selber helfen könne, denn »Selbsttätigkeit entspricht dem energischen +Charakter des preußischen Volkes.« Dort gewöhnte er sich den Bauernstand +als den Kern der Nation zu schätzen: »lieber die drückendsten +Luxusauflagen, lieber wie Pitt alle Elemente besteuern, als den Schweiß +des Landmanns belasten.« Der Friede von Tilsit zwang ihn, in die Dienste +des verhaßten Königreichs Westfalen zu treten; er leitete das Steuerwesen +im Harzdepartement, erschien zweimal als Deputierter bei dem Gaukelspiele +des Kasseler Landtages und beobachtete voll froher Ahnungen, wie +unterdessen der preußische Staat die Gedanken echter deutscher Freiheit in +sich aufnahm. Kaum kam die Kunde von der Leipziger Schlacht, so rief er +seine Eichsfelder wieder unter die alten Fahnen und war sodann in Halle +und Fulda bei der Organisation der wiedereroberten Provinzen tätig. + +Als Präsident in Erfurt half er nachher, jenen Zollvertrag mit +Sondershausen abschließen, der so vielen anderen zum Vorbilde dienen +sollte. Hier in Thüringen trat ihm die ganze Hilflosigkeit der deutschen +Kleinstaaterei vor Augen. Grenzenlos war seine Verachtung gegen die +kleinen Höfe. Er kannte ihre Gesinnung genugsam aus den Schicksalen seiner +eigenen Familie, die unter dem Geize des hessischen Kurfürsten schwer zu +leiden hatte, und lernte sie noch richtiger schätzen, als der König ihn +einmal nach Kassel sendete, um die ehelichen Zwistigkeiten im hessischen +Hause — natürlich ohne Erfolg — zu beschwichtigen. Ein stolzer Preuße von +Grund aus, freimütig, selbständig in allem, wollte er das Lob Österreichs, +das in den Beamtenkreisen gesungen wurde, niemals gelten lassen: pfui über +diese faule, unwissende, unredliche k. k. Verwaltung. Außer Canning(56) +war Motz der einzige Staatsmann dieser Epoche, der die Hohlheit +Metternichs völlig durchschaute. Während fast alle anderen preußischen +Staatsmänner ein stilles Zagen nicht überwinden konnten, blieb diesem +frischen Geiste die frohe Zuversicht des Jahres 1813 ungeschwächt. »Ein +guter Krieg wird uns wohl tun, sagte er oft. Aber es muß ein Volkskrieg +sein, und dann werden wir Kräfte entwickeln, über die man staunen wird.« + +Motz wollte die Stein-Hardenbergischen Reformen bis in die letzten +Konsequenzen vollendet sehen: eine neue Landgemeindeordnung sollte +ergänzend neben die Städteordnung treten, die Ablösung der Grundlasten +vollständig ausgeführt, auch die Ausgleichung der Grundsteuer vollzogen +werden — um der Gerechtigkeit willen, selbst wenn der Staat dabei Verluste +erlitte … + +Während seiner angestrengten Verwaltungstätigkeit in Erfurt und nachher +als Oberpräsident in Magdeburg entstanden die Denkschriften über die +Abrundung des preußischen Staatsgebietes, über den Anschluß der kleinen +Kontingente an das preußische Heer, über die Reform der Verwaltung. Diese +rasch hingeworfenen Arbeiten zeigen schon sein ganzes Wesen: weiten, +scharfen Blick, vorurteilsfreien, hochherzigen Patriotismus, aber auch +einen Zug von genialem Leichtsinn, der notwendig zu seinem Bilde gehört. +Ohne solche Lust am kecken Wagen und Pläneschmieden hätte er schwerlich +die Kraft gefunden, in einer Epoche der Ermattung und Entsagung den Neubau +des deutschen Staates vorzubereiten. Die ihm näher standen, empfingen den +Eindruck, daß hier eine groß angelegte Natur, ein gedankenreicher, +unruhiger, überaus produktiver Kopf in allzu engem Wirkungskreise sich +aufzureiben drohte. Der Mann bedurfte einer großen Tätigkeit, wenn die +Ideen, die in seinem Geiste gärten, sich abklären, wenn sein starker +Ehrgeiz und seine frohe Willenskraft sich frei entfalten sollten. + +Um das Defizit zu beseitigen, hatte der König den neuen Minister berufen. +Die glückliche Lösung dieser nächsten Aufgabe bildete zugleich die +Vorbedingung für das Gelingen der handelspolitischen Pläne, welche Motz +seit jenem Sondershausener Vertrage nicht mehr aus den Augen verloren +hatte; nur wenn das Gleichgewicht des Staatshaushalts gesichert war, +konnte die Krone Zollverträge von zweifelhaftem finanziellem Erfolge +wagen. In den Kreisen des hohen Beamtentums wurde die Lage der Finanzen +allgemein sehr ungünstig beurteilt. Hatte man vor sechs Jahren +schlechterdings nicht glauben wollen, daß in Preußen ein Defizit bestehen +könne, so hielt man jetzt den Zustand für ganz verzweifelt, weil man die +Ergiebigkeit der neuen Steuern nicht genau kannte. Motz teilte diese +düstere Ansicht nicht. Er war überzeugt, das vielbeklagte Defizit sei +längst nicht mehr vorhanden, wenn nur erst Einheit, Übersicht, Ordnung in +das Finanzwesen komme; »aber, sagte er später zu seiner Tochter, ich +hütete mich wohl, Überschüsse zu versprechen, man hätte mich für +wahnsinnig gehalten.« — + +Einen minder mutigen Mann hätte die Lage des Marktes wohl erschrecken +können. Zur selben Zeit, da Motz ins Amt trat, brach über England eine +furchtbare Handelskrisis herein, eine der schwersten Erschütterungen, +welche die Handelsgeschichte kennt. Die Eröffnung des südamerikanischen +Marktes hatte eine fieberische Spekulation erweckt, welcher nun der +natürliche Rückschlag folgte: in fünf Vierteljahren stürzten mehr als 70 +Banken und an 3600 Geschäftshäuser zusammen. Auch Deutschland blieb von +dem Unheil nicht verschont, wie bescheiden auch sein Anteil am Weltverkehr +noch war: die große Firma Reichenbach in Leipzig und einige der ersten +Häuser Berlins gingen zugrunde. Doch was bedeutete diese Bedrängnis des +Geldmarkts neben der namenlosen Not des deutschen Landbaues, die wie alle +landwirtschaftlichen Krisen ungleich langsamer überwunden wurde? Die +Hungerjahre waren kaum überstanden, da fielen die Preise aller +landwirtschaftlichen Erzeugnisse schnell und anhaltend. Die Zollgesetze +des Auslandes und der elende Zustand der Straßen hemmten die Abfuhr der +überreichen Ernten; selbst die technischen Fortschritte, welche die +deutsche Landwirtschaft ihren Lehrern Thaer und Schwerz verdankte, wirkten +für jetzt nachteilig, da die Konsumtion dem gesteigerten Angebot so rasch +nicht zu folgen vermochte. Der Wert der Grundstücke sank in manchen +Landesteilen tiefer als einst zur Zeit des Krieges. Nur die Schäfereien +behaupteten sich noch; Deutschland allein führte nach England über zweimal +soviel Wolle aus als alle übrigen Länder zusammen. Aber auch dieser +Vorteil drohte zu schwinden, seit die Fremden von uns zu lernen begannen, +deutsche Hirten und Schafe in Rußland, Schweden, Frankreich, Australien +verwendet wurden. Am härtesten litt das unglückliche Altpreußen; während +der Kriegsjahre war mehr als die Hälfte seines Viehstandes draufgegangen, +jetzt stand in einzelnen Gegenden der Tagelohn auf 3 bis 4 Sgr., in +anderen wurde der Scheffel Roggen für 5 Sgr. ausgeboten. Schöns Schwager, +Oberst Brünneck, suchte den Nachbarn zu helfen durch die Einführung der +Schafzucht und anderer technischer Verbesserungen; doch nur wenige waren +imstande, sich auf neue Unternehmungen einzulassen. Auf die flehentliche +Bitte der Stände gewährte der König »dieser alten Kernprovinz« abermals +außerordentliche Unterstützungen: Chausseen wurden gebaut, große +Getreideankäufe für die Armee angeordnet, auch Magazine angelegt, welche +den Preis des Scheffels Roggen auf der Höhe von 1 Taler halten sollten. + +Dann erlangte Schön(57) noch eine neue Bewilligung von 3 Millionen Taler +zur Rettung verschuldeter Grundbesitzer. Als guter Patriot wollte er +vornehmlich die alten, mit der Geschichte des Landes verwachsenen +Geschlechter im Besitze ihrer Stammgüter erhalten. Dieselbe Meinung +vertrat sein Freund Stägemann(58) im königlichen Kabinett; der war, obwohl +ein Anhänger der neuen Volkswirtschaftslehre, doch von jeher der Ansicht +gewesen, daß durch den Untergang der alten Grundbesitzer der Staat selber +zugrunde gehe: »es scheint mir ganz simpel, weil ein anderer Staat daraus +wird«. Aber die bewilligte Summe reichte nicht von fern aus, obwohl sie +fast den sechszehnten Teil der gesamten Staatseinnahmen ausmachte; zudem +mußte die große Kreditanstalt der Provinz, die »Landschaft«, der die +bedrängten Grundherren allesamt verschuldet waren, um jeden Preis vor dem +Bankrott bewahrt werden, wenn man nicht das ganze Land dem Verderben +preisgeben wollte. Daher befahl der König auf Schöns Vorschlag (1824), die +Unterstützungsgelder zwar zunächst zur Rettung der alten +Grundherrengeschlechter zu verwenden; wenn es aber ganz unmöglich sei, +eine Familie im Besitze zu erhalten, dann solle sie mit einer notdürftigen +Pension abgefunden und ihr Stammgut durch die Landschaft unter den Hammer +gebracht werden. + +Mit dieser fast unbeschränkten Vollmacht schritt Schön ans Werk. Das +Schicksal des altpreußischen Adels lag in seiner Hand. Abermals, und noch +stürmischer, als vor Jahren bei der Verteilung der ersten +Kriegsentschädigungsgelder, drängte sich alles um die Gunst des +Beherrschers der Provinz. Er tat sein Bestes, viele wackere Männer vom +Landadel verdankten allein seiner Fürsorge die Erhaltung ihres Besitzes; +wo er aber die Lage für hoffnungslos hielt, da ließ er die Landschaft +unerbittlich zur Subhastation schreiten. So geschah es, daß unter der +Mitwirkung dieser wohlwollenden Regierung die Grafen Schlieben, die Grafen +Goltz und viele andere angesehene Adelsgeschlechter von Haus und Hof +verjagt wurden — die meisten schuldlos, denn der letzte Grund ihrer Not +lag doch in den patriotischen Opfern der Kriegszeit. Hunderte von +Landgütern wurden versteigert, einmal ihrer 218 fast zu gleicher Zeit; das +unmäßige Angebot drückte die Preise so tief herab, daß die Landschaft +selber nur durch Zuschüsse des Staates sich behaupten konnte. In manchen +Teilen der Provinz wechselte die volle Hälfte der großen Güter ihren +Besitzer … + +Mit diesen traurigen Wirren hatte der Finanzminister unmittelbar nichts zu +schaffen, aber an dem Ertrage der Abgaben lernte er die Not der +Landwirtschaft nur zu gründlich kennen, obwohl der König bei allen seinen +Unterstützungen streng den Grundsatz einhielt, daß auch dem Bedürftigsten +niemals ein Nachlaß an den Staatssteuern bewilligt werden dürfe. Um die +Schwierigkeiten zu bemeistern, wollte Motz zunächst die Lage des +Staatshaushalts genau übersehen und erneuerte daher seine alte Forderung, +daß der Finanzminister in der Generalkontrolle Sitz und Stimme haben +müsse. Der König suchte nach seiner Gewohnheit zu vermitteln, weil er den +verdienten alten Ladenberg nicht kränken mochte, und ordnete an, der +Finanzminister solle im Falle der Meinungsverschiedenheit durch einen +seiner Räte mündlich mit dem Präsidenten der Generalkontrolle +unterhandeln. Mit einer solchen Halbheit konnte sich Motz nicht zufrieden +geben; denn zwischen den beiden koordinierten Behörden hatte sich längst +ein tragikomischer Wettstreit des Amtseifers entsponnen, wie er nur in der +preußischen Bureaukratie möglich ist. Die Generalkontrolle suchte ihre +Lebenskraft zu erweisen, indem sie den Etats zahllose lächerliche Monita +zusetzte, zum Domänenetat allein 91, zum Forstetat 146, und die +Kalkulatoren des Finanzministeriums erwiderten natürlich mit gleicher +Münze. Das Gezänk war so unerträglich, daß Motz sich entschloß, den König +um seine Entlassung zu bitten, wenn ihm seine berechtigte Forderung nicht +gewährt würde. »Ich kann mich nicht dazu verstehen — schrieb er an Lottum +— die Rolle zu übernehmen, welche Herr v. Klewiz viele Jahre zum Nachteil +der Finanzen des Staates ertragen hat.« Ein solches Abschiedsgesuch galt +nach den Grundsätzen des alten Absolutismus als strafbarer Trotz, und Motz +selber hielt für nötig, die Versicherung hinzuzufügen: »ich würde der +Gnade des Königs mich selbst unwürdig erkennen, wenn ich, in Eitelkeit und +Torheit befangen, mich auf anderem Wege in meiner Dienststelle zu +konservieren bemüht sein wollte.« + +Seit Stein im Frühjahr 1807 aus ähnlichem Anlaß ungnädig entlassen worden, +hatte kein Minister mehr gewagt, in diesem Tone zu reden; selbst +Hardenberg hatte nur einmal, als er auf die Zustimmung des Königs sicher +rechnen konnte, leise mit einem Abgang gedroht. Friedrich Wilhelm brauchte +auch volle vier Monate, bis er dem neuen Minister sein selbstbewußtes +Auftreten ganz verzieh. Dann aber hatte er sich durch Lottums Vorträge von +der Unhaltbarkeit des bestehenden Dualismus gründlich überzeugt, und da er +seine bureaukratischen Hartköpfe kannte, so ging er nunmehr sogleich weit +über die Vorschläge des Finanzministers selber hinaus. Am 8. April 1826 +überraschte er diesen durch die willkommene Mitteilung: er denke die +Generalkontrolle ganz aufzuheben, ihre Geschäfte dem Finanzministerium zu +übertragen. Am 29. Mai wurde dieser Befehl vollzogen, und Ladenberg mußte +sich wehmütig mit dem Präsidium der Oberrechnungskammer begnügen. Motz +aber war jetzt endlich Herr der Lage, und die anderen Minister empfanden +bald, daß er sich berechtigt hielt, alle Gebiete der Verwaltung scharf zu +überwachen. Der langsame Altenstein mochte wohl Grund haben, sich über die +Anmaßung des Finanzministers zu beschweren, denn umständliche +Bedachtsamkeit reizte den stürmischen Mann leicht; doch über seine +Kargheit konnte niemand klagen. Den Anforderungen der Kunst und +Wissenschaft entsprach er, nach dem Maße der vorhandenen Mittel, sehr +freigebig; als Kamptz(59) ihn wegen der hohen Kosten der Revision des +Landrechts befragte, erwiderte er nachdrücklich: für ein solches Werk muß +in Preußen immer Rat geschafft werden. + +In jedem Zweige des Finanzwesens spürte man die rüstigen Hände des neuen +Leiters. Durch eine gründliche Reform der Kassenverwaltung verschaffte er +sich einen genauen Überblick über alle Bestände. Das Steuerwesen ließ er +in den Händen Maaßens, des Urhebers der neuen Zollgesetzgebung. Die beiden +galten in der Beamtenwelt als Nebenbuhler, aber sie wurden Freunde. Maaßen +fügte sich gern der raschen Entschlossenheit des jüngeren Vorgesetzten, +und dieser wußte wohl, was er der Umsicht und Sachkenntnis des +Generalsteuerdirektors verdankte. »Alles mit Maaßen«, sagte er lächelnd, +wenn ihn der besonnene Freund von einem übereilten Wagnis zurückgehalten +hatte. Unter Maaßen arbeitete der geistreiche Ludwig Kühne(60), Motzs +alter Freund von Erfurt her, der Schrecken aller Trägen und Mittelmäßigen; +wie wußte er seine Leute in Atem zu halten, wenn er ihnen zurief: +»Dummheit ist eine Gottesgabe, aber sie zu mißbrauchen ist schändlich!« + +In den Provinzen war das Steuerwesen bisher von den Regierungen verwaltet +worden; der König hatte indes bald eingesehen, wie wenig das langsame +Kollegialsystem sich für diesen Zweig der Verwaltung eignet, und daher +(1822) zunächst in den beiden westlichen Provinzen das gesamte Steuerwesen +einem Provinzialsteuerdirektor unterstellt. Diese Einrichtung bewährte +sich vollständig und wurde durch Motz auch in den übrigen Provinzen +eingeführt. Die neuen Behörden mußten nach Landesbrauch anfangs oft mit +der Eifersucht der Regierungen kämpfen, auch das Volk empfing sie mit +Argwohn, denn der Name der Zöllner hatte einen bösen Klang, in den alten +Provinzen dachte man noch mit Schrecken an die Regiedirektoren des großen +Königs. Doch bald lernte man die Pünktlichkeit und schlagfertige Raschheit +der Steuerbehörden schätzen; am Rhein wurde der Steuerdirektor v. Schütz +sogar ein volksbeliebter Mann. Jede tiefgreifende Steuerreform bedarf der +Zeit, um ihren Wert zu erproben. Jetzt hatte die Geschäftswelt sich nach +und nach an die neuen Abgaben gewöhnt, die Beamten Übung und Sicherheit +erlangt in den ungewohnten Formen. Auch der Schmuggel begann nachzulassen. +Etwa um das Jahr l827 konnte die Reform als abgeschlossen und in den +Volksgewohnheiten festgewurzelt gelten. + +Zu ihrer Ergänzung unternahm Motz die Neugestaltung der Domänenverwaltung, +die unter dem Drucke der großen landwirtschaftlichen Krisis ganz in +Verwirrung geraten war. Der Minister selbst und der neue Direktor des +Domänenwesens, Keßler, bereisten persönlich sämtliche Domänen und Forsten +der Monarchie, überall jubelnd empfangen von der Jägerei und den Pächtern, +die es kaum fassen konnten, daß die Herren in Berlin sich endlich einmal +ihrer Not annahmen. Dann überwies Motz, um mit dem alten Jammer +aufzuräumen, alle Rückstände einer besonderen Verwaltung und schloß für +das gesamte Domanium neue, billigere Pachtverträge, welche streng +eingehalten wurden, aber hunderte von Pächtern vor dem Untergange +bewahrten. Mit der Veräußerung der Domänen verfuhr er sehr vorsichtig; nur +in Westpreußen und Posen ließ er zahlreiche Vorwerke an deutsche +Kolonisten veräußern, »um einen selbständigen und der Regierung +anhänglichen Bauernstand zu bilden«. + +Das Beste blieb doch, daß man nun endlich wußte, woran man war. Nach kaum +drei Jahren, am 30. Mai 1828, konnte Motz dem Monarchen berichten, daß +statt des gefürchteten Defizits ein reiner Überschuß von 4,4 Millionen +erzielt worden sei, der sich nach Eingang der Rückstände auf 7,8 Millionen +steigern müsse; 3,245 Millionen waren bereits bar an den Staatsschatz +abgeführt, 1,172 Millionen zu außerordentlichen Ausgaben verwendet. +Dankbar gestand er zu, ohne die großen unter seinem Vorgänger vollzogenen +Reformen würde er nicht imstande sein, dem König so erfreuliche Ergebnisse +vorzulegen; aber er durfte sich sagen, nur er habe vermocht, die Ernte +dieser Saaten einzuheimsen, und er fühlte sich bereits so sicher, daß er +eine mäßige Verminderung der Klassensteuer vorzuschlagen wagte: die +Steuerpflichtigkeit sollte fortan zwei Jahre später als bisher, erst mit +dem sechzehnten Lebensjahre beginnen. Auch fernerhin, so schloß der von L. +Kühne entworfene Bericht, werden die Grundsätze der Finanzverwaltung +bleiben: »Sparsamkeit und Ordnung in den gewöhnlichen Ausgaben; +Bereithaltung der Kräfte, welche der Friede gewährt hat, für die Zeit des +ersten Krieges; Aufrechterhaltung des Kredits durch Pünktlichkeit; +Verwendung eines Teiles der Überschüsse als werbendes Kapital für die +Zukunft für den Gewerbefleiß.« + +Seitdem war Motz der Achtung des Königs sicher. Bei Hofe betrachtete man +ihn als einen Emporkömmling, da sein altes hessisches Adelsgeschlecht im +preußischen Dienste neu war. Die Partei Wittgensteins [des +Polizeiministers] witterte bald den Liberalismus des Ministers heraus; +Lottum aber und die anderen Anhänger der unbedingten Sparsamkeit tadelten +seinen Leichtsinn, weil er mit den steigenden Einnahmen auch das knappe +Ausgabenbudget allmählich um etwa 900000 Taler erhöhte. Wagten sich solche +Vorwürfe aus dem Dunkel heraus, dann rechtfertigte er sich stets freimütig +vor dem Könige selbst, denn ohne das Vertrauen des Monarchen könne der +Finanzminister als Aufseher der gesamten inneren Verwaltung nicht bestehen +… + +In den letzten Jahren hatte Preußens Handelspolitik auch den kleinen +Nachbarn gegenüber nur wenig Erfolge errungen. Die von preußischem Gebiete +umschlossenen Kleinstaaten waren durch das wüste Geschrei, das sich an den +Höfen und in der Presse wider das Zollgesetz erhob, gründlich +eingeschüchtert. Der Fürst von Rudolstadt getraute sich erst nach drei +Jahren (1822) dem verständigen Beispiele seines Sondershausener Vetters zu +folgen und mit seiner Unterherrschaft dem preußischen Zollsystem +beizutreten. Im nächsten Jahre wurden auch zwei weimarische Ämter sowie +das obere Herzogtum Bernburg in die Zollgemeinschaft aufgenommen, und alle +Beteiligten befanden sich wohl bei dem freien Verkehr. Aber auf den so oft +verheißenen Beitritt der gesamten anhaltischen Lande wartete man in Berlin +noch immer vergeblich. Der Köthener Herzog führte den Schmuggelkrieg gegen +seinen königlichen Schwager wohlgemut fort, ermutigt durch die +Einflüsterungen seines Adam Müller und durch das endlose Gezänk am +Bundestage. Als Müller es gar zu frech trieb, mußte sich Hatzfeldt(61) in +Wien beschweren. Metternich gab dem Geschäftsträger sofort einen scharfen +Verweis wegen eines Benehmens, das »den bekanntlich zwischen Österreich +und Preußen bestehenden so innigen und freundschaftlichen Verhältnissen« +durchaus widerspreche, und teilte dies Schreiben dem preußischen Hofe +verbindlich mit. Müllers geheime Weisungen lauteten aber wahrscheinlich +anders; er ließ sich in seinem Treiben keineswegs stören und fand in der +jesuitischen Umgebung der Herzogin treue Bundesgenossen. Die +Wortbrüchigkeit des kleinen Nachbarn mußte den Berliner Hof um so tiefer +verstimmen, da mittlerweile (1824) die hohenzollernschen Fürstentümer mit +Württemberg einen Zollvertrag schlossen, genau nach dem Vorbilde der +preußischen Enklavenverträge. So schlugen die Kleinstaaten sich selber ins +Angesicht. Dieselben verständigen handelspolitischen Grundsätze, welche +Wangenheim in Frankfurt der preußischen Regierung als eine Verletzung des +Völkerrechts vorgeworfen hatte, wurden nun in Schwaben eingeführt, und +dieselbe liberale Presse, die das preußische Enklavensystem mit +Schmähungen überhäufte, fand die Anwendung dieses Systems in Württemberg +hocherfreulich. + +Sobald Motz sich in seinem neuen Amte zurecht gefunden hatte, erklärte er +dem auswärtigen Amte: Preußens Langmut gegen den unredlichen kleinen +Nachbarhof werde zur Schwäche, man müsse endlich die ganze Strenge des +Zollgesetzes wider ihn anwenden (Januar 1826). Gleich nachher baten Dessau +und Bernburg um die Aufnahme einiger Ämter in die Zollgemeinschaft und +empfingen, auf Motzs Betrieb, die Antwort: mit solchem Stückwerk sei +nichts getan; wollten die Herzöge mit ihren gesamten Gebieten beitreten, +so würde man sie willkommen heißen. Nach einiger Zögerung erschienen +nunmehr zwei anhaltische Unterhändler in Berlin, und mit dem +bernburgischen, v. Salmuth, einem geistreichen, witzigen Manne, der das +mönchische Unwesen des Köthener Hofes gründlich verachtete, wurde Motz +bald handelseins. Noch im Laufe des Sommers erklärte der Herzog von +Bernburg die Unterwerfung seines gesamten Landes unter das preußische +Zollgesetz. Acht volle Jahre hatte es also gewährt seit der Verkündigung +dieses Gesetzes, bis zum erstenmal ein ganzer deutscher Kleinstaat +beitrat. Der dessauische Bevollmächtigte aber brach die Verhandlungen ab; +denn unterdessen war Adam Müller von Köthen nach Dessau hinübergekommen, +angeblich, um in der Mulde zu baden, in Wahrheit, um den Anschluß an +Preußen zu hintertreiben. + +In einem herzbrechenden Klageschreiben sprach Herzog Leopold von Dessau, +der mit einer Nichte des Königs verheiratet war, dem Oheim sein Bedauern +aus: schon vor Jahren habe er dem Köthener Vetter versprochen, nicht ohne +ihn beizutreten. Das preußische Ministerium verlange, »daß die +enklavierten Staaten fremde Gesetze und Verwaltungsformen unweigerlich +annehmen müssen. Dies aber, Allergnädigster König, ich wage es +vertrauensvoll auszusprechen, wollen Allerhöchstdieselben nicht. Preußens +mächtiger und gerechter Monarch, der im zweiten Artikel der Bundesakte +Souveränität und Unabhängigkeit garantierte, wird nie gestatten, daß die +Minister durch strenges Festhalten am Buchstaben des Bundesvertrages den +Geist, der sichtbar in demselben waltet, ertöten, daß aus dem ersteren ein +Rechtstitel für faktischen Zwang entlehnt werde. Wenn ich so das kleine, +auf mich gekommene Erbe meiner Ahnen, das, erhört Gott meine und meiner +vielgeliebten Gemahlin Gebete, der Urenkel eines Königs aus meiner Hand +erhalten wird, vor E. K. Maj. Herzen und Allerhöchstihren mir und meiner +Gemahlin bewiesenen väterlichen Gesinnungen zu verteidigen wage, so fehlt +es mir dazu nicht an einem näheren Anlaß« — worauf denn eine lange Klage +über die dem anhaltischen Lande angedrohte »Polizeilinie« folgte. Der +König aber zeigte sich sehr aufgebracht über die Zweizüngigkeit seines +Neffen. Er erinnerte ihn daran, daß Preußen die Dresdener +Elbschiffahrtsakte erst unterzeichnet habe, nachdem die Askanier ihren +Beitritt zum preußischen Zollsystem förmlich versprochen hätten; er +forderte ihn auf, dem Beispiel Bernburgs zu folgen, und schloß: »Auch kann +ich nicht glauben, daß das in Dresden von sämtlichen Herzögen von Anhalt +gegebene Versprechen einer Einigung durch irgendeine von ihnen späterhin +gegebene Zusage an Verbindlichkeit zu verlieren vermöchte.« Ein zweites +Schreiben des Dessauers, das sich abermals auf die hartnäckige Weigerung +des Köthener Vetters berief, blieb unbeantwortet. + +Der König befahl nunmehr, dem Froschmäusekrieg ein Ende zu machen und das +anhaltische Land mit der gefürchteten »Polizeilinie« zu umgeben, aber +zugleich die beiden Herzöge nochmals zu Unterhandlungen einzuladen. Im +März 1827 wurde die Elbe oberhalb und unterhalb Anhalts gesperrt, von den +eingehenden Schiffen die vorläufige Zahlung der preußischen Zölle +gefordert unter Vorbehalt der Rückvergütung, falls die Waren wirklich in +Anhalt verblieben. Sofort sendete der Köthener Herzog einen Leutnant mit +einem Ultimatum nach Berlin; sei es, daß er einen höheren militärischen +Würdenträger nicht in seinem Vermögen hatte, oder daß er Preußen verhöhnen +wollte. Der tapfere Leutnant forderte drohend die Zurücknahme der +Maßregeln binnen acht Tagen, sonst werde Köthen zu ernsteren Mitteln +greifen. Natürlich erhielt er keine Antwort; Eichhorn und Heinrich +v. Bülow(62), Humboldts geistreicher Schwiegersohn, der in diesen +lächerlichen Händeln sein diplomatisches Talent zuerst bewährte, setzten +nur einige scharfe Bemerkungen an den Rand des Köthener Ultimatums. Nun +brachte Köthen *cette affaire ennuyante*, wie Bernstorff zu seufzen +pflegte, nochmals an den Bundestag. Wieder verteidigte die gesamte Presse +den unschuldigen Kleinstaat, den hochherzigen Beschützer der Schwärzer und +der Schwarzen; wieder trat in der Eschenheimer Gasse(63) ein Ausschuß +zusammen unter dem Vorsitz des k. k. Gesandten. Wieder ward ein Bericht +zugunsten Köthens erstattet, und wieder mußte der preußische Gesandte(64) +eine scharfe Erwiderung verlesen. Nagler sagte geradezu, seine Regierung +sei durch den Kommissionsbericht in der Überzeugung von ihrem Rechte +unerschütterlich befestigt worden. Bernstorff aber erklärte: »Dazu haben +sich große Staaten mit den kleinen nicht in einen Verein zusammengetan, +damit diese nur ihre, bei vernünftigem Gebrauch unantastbare Souveränität +nach Willkür und jeder überspannten Einbildung ausüben dürfen.« Österreich +zeigte bei alledem eine sehr zweideutige Haltung. Adam Müller wurde zwar +auf längere Zeit beurlaubt, doch im übrigen tat die Hofburg gar nichts zur +Unterstützung Preußens; ihr Gesandter Graf Trauttmansdorff beschwerte sich +sogar über die angeordneten Zwangsmaßregeln. + +Die kleinen Höfe ergriff ein jäher Schrecken, da sie so unsanft an die +natürlichen Schranken ihrer Souveränität erinnert wurden. In einem +verzweifelten Briefe fragte Großherzog Georg von Strelitz seinen +königlichen Schwager, ob er denn wirklich den Bestand des Deutschen Bundes +gefährden wolle. Friedrich Wilhelm aber ließ sich nicht beirren. Er +sendete dem Schwager (Juli 1827) eine Denkschrift, welche nochmals die +ganze Nichtswürdigkeit der anhaltischen Schleichhandelspolitik darstellte, +und sagte: daraus möge er lernen, »daß das Interesse meiner Untertanen die +getroffenen Maßregeln gebieterisch erheischte, daß ich dazu vollkommen +berechtigt war, und daher weder die Aussprüche der Bundesversammlung noch +das Urteil des Publikums in und außer Deutschland, sondern nur die +Nachgiebigkeit der anhaltischen Fürsten eine Änderung hervorbringen +können.« Dann hob er mit seinem geraden Verstande noch einmal den Kern des +Streites heraus: »E. K. Hoheit wird außerdem einleuchten, daß, wenn sich +die Interessen eines Staates von 30 bis 40 000 Einwohnern mit denen von 12 +Millionen in Konflikt befinden, es in der Natur der Verhältnisse liegt, +daß der erstere nachgebe, sobald ihm eine vollständige Entschädigung +geboten wird. Sollte der Bund die aus einer übel verstandenen Souveränität +hergeleiteten Anmaßungen kleiner Staaten gegen mächtigere nicht in die +gehörigen Schranken zurückweisen, so würde für diese das Bundesverhältnis +bald unerträglich werden und der Bund, wie E. K. H. bemerken, allerdings +in Gefahr schweben.« + +Mittlerweile begannen die beiden bedrängten Kleinfürsten doch zu merken, +daß sie den ungleichen Kampf nicht durchführen konnten. Sie beschlossen, +ihr verpfändetes Wort endlich einzulösen, und erklärten sich zu +Unterhandlungen bereit. Am 17. Juli 1828, nach neunjährigen +Schmuggelfreuden, _traten Dessau und Köthen dem preußischen Zollsystem +bei_. Beide Landesherren bedauerten in gefühlvollen Manifesten, ihre +geliebten Untertanen so schwer belasten zu müssen; der Köthener berief +sich auf »unabwendbare Umstände«, der aufrichtigere Dessauer — mit jener +zynischen Gemütlichkeit, die dem deutschen Kleinfürsten nicht verargt wird +— auf »die Interessen seines Kammerhaushalts«. Alle diese Enklavenverträge +gewährten den kleinen Höfen einen nach der Volkszahl abgemessenen Anteil +am Ertrage der preußischen Ein- und Ausfuhrzölle, außerdem noch allerhand +Ehrenrechte — das Landeswappen neben dem preußischen für die Zollämter und +was der Eitelkeiten mehr war — aber durchaus keinen Anteil an der +Zollgesetzgebung. Nur Dessau und Köthen behielten sich das Recht des +Widerspruchs vor, falls die Grundsätze und Grundlagen des Zollgesetzes +verändert würden — ein Satz, der glücklicherweise gar nichts bedeutete. +Ebenso harmlos war die Klausel, wonach Dessau und Bernburg nur für sechs +Jahre beitreten sollten. Motz und Eichhorn wußten wohl, wie wenig an einen +Wiederaustritt zu denken sei; so gönnte man den Kleinen das erhebende +Bewußtsein, daß sie sich nicht für ewige Zeiten unterworfen hätten. In der +Tat begann in den anhaltischen Ländern der ehrliche Erwerb wieder zu +gedeihen, und bald fühlte jedermann, die natürliche Ordnung der Dinge sei +hergestellt. + +Noch während diese anhaltischen Händel schwebten, eröffnete sich für +Preußen plötzlich die Aussicht, auch größere deutsche Staaten in seine +Zollgemeinschaft aufzunehmen. Gewitzigt durch die niederschlagenden +Erfahrungen der Wiener Konferenzen, hatte der Berliner Hof während der +letzten Jahre gelassen abgewartet, ob die Not der Finanzen einen der +Mittelstaaten bewegen würde, sich freiwillig dem preußischen Zollsystem +anzuschließen. Eine solche Politik gewährte zugleich den Vorteil, daß +Preußen verschont blieb vor den unzähligen Zollvereinsplänen, welche +gleich Nebelgestalten, rasch gebildet und rasch zerfließend, an den +kleinen Höfen auftauchten und oftmals auch an die preußischen Gesandten +herantraten. Leichtfertiges Pläneschmieden war von jeher das Vorrecht der +Ohnmacht. Ein Staat, der eine große nationale Idee vertrat, durfte auf die +Mückenseigerei nassauischer und meiningischer Staatsdilettanten sich nicht +einlassen. Ein einziger von Preußen übereilt abgeschlossener Zollvertrag, +der die Probe nicht bestand und sich wieder auflöste, hätte die Höfe wie +die Nation vollends abgeschreckt und die preußische Handelspolitik auf +Jahre hinaus gelähmt. Nur wenn ein Mittelstaat, Dünkel und Mißtrauen +überwindend, selber in Berlin positive Anerbietungen stellte, dann allein +ließ sich glauben, daß er durch gewichtige Interessen bestimmt werde und +ein dauerhafter Bund möglich sei. + +Aus dem Ränkespiel Adam Müllers erfuhr man überdies, welche Kräfte an den +kleinen Höfen ihr Wesen trieben und beschloß daher, alle Verhandlungen +über Zollsachen nur in Berlin zu führen. Nur in Berlin fanden sich die +kundigen Fachmänner, deren, und das reiche statistische Material, dessen +man zur Lösung so vieler verwickelten Einzelfragen bedurfte. Nur hier war +man leidlich gesichert gegen die Umtriebe der Hofburg, wie gegen die +Vorurteile der kleinen Dynastien. Der Aufenthalt in einem ernsten +Gemeinwesen übt immer einen wohltätig ernüchternden Einfluß, und selbst in +jener stillen Zeit bewährte Preußen diese erziehende Kraft. In den +Gesandtschaftsberichten läßt sich deutlich verfolgen, wie die kleinen +Diplomaten stets mit mißtrauischem Zagen den verrufenen Berliner Boden +betraten und schon nach wenigen Monaten ein unbefangenes, ja wohlwollendes +Urteil über die preußischen Dinge sich bildeten. Graf Bernstorff blieb mit +den Gesandten der Mittelstaaten immer auf gutem Fuße, selbst wenn das +Verhältnis zu den Kabinetten sich trübte. + +Sodann lernte man aus dem unglücklichen Verlaufe der Darmstädter +Zollkonferenzen, daß Zollverhandlungen mit mehreren Staaten zugleich, bei +der großen Verschiedenheit der Interessen, keinen Erfolg versprechen. +Seitdem stand in Berlin der Entschluß fest, immer nur mit einem einzelnen +Staate über Zollfragen zu verhandeln, mit mehreren nur dann, wenn diese +sich bereits zu einer handelspolitischen Einheit verbunden hätten. Diese +streng eingehaltene Regel erlitt eine einzige Ausnahme. Die kleinen +thüringischen Lande konnten vereinzelt weder eine Zollgrenze bewachen, +noch als Träger eines handelspolitischen Interesses gelten. Darum hatte +das Berliner Kabinett schon im Jahre 1819 dem Gothaer Hofe die Bildung +eines thüringischen Vereins empfohlen — ein Vorschlag, dessen Berechtigung +selbst auf den Darmstädter Konferenzen von dem sachkundigen badischen +Bevollmächtigten anerkannt wurde. Allen anderen Staaten gegenüber blieb +der Grundsatz der Einzelverhandlungen aufrecht. + +Über die handelspolitischen Pläne der Mittelstaaten war der Berliner Hof +sehr genau unterrichtet; denn an mehreren der kleinen Höfe bestand eine +einflußreiche preußische Partei, in München und Stuttgart mindestens ein +tiefer Groll gegen Österreich, der unseren Geschäftsmännern zustatten kam. +Dazu der landesübliche Nationalhaß des Nachbars gegen den Nachbar; wie +ließ sich ein Geheimnis bewahren, wenn heute ein darmstädtischer, morgen +ein badischer Minister sich gedrungen fühlte, seine gerechte Entrüstung +über Bayerns oder Württembergs anmaßende Vorschläge in den schweigsamen +Busen des wohlwollenden preußischen Gesandten aus zuschütten? Der +Karlsruher Posten diente als die beste Warte, um den Wandel der kleinen +Gestirne zu beobachten. Die Teilnahme Preußens an dem geplanten +süddeutschen Zollverein befürwortete in Berlin niemand, weil man ihn für +hoffnungslos hielt. Dagegen wurde wiederholt und ernstlich die Frage +erwogen: unter welchen Bedingungen Preußen mit größeren Nachbarstaaten +einen Zollbund abschließen könne? Klewiz beantwortete sie in einem +Gutachten vom 27. Juni 1822 dahin: Nur unter drei Bedingungen können wir +die Nachbarstaaten in unseren Verband aufnehmen. Wir müssen fordern: +»Annahme unserer Branntweinsteuer und einer angemessenen Biersteuer«, nur +dann wird der Verkehr aller Schranken ledig. Ferner »ein sehr +überwiegendes Vorrecht für Preußen bei Bestimmung der Ein-, Aus- und +Durchgangsabgaben«. Endlich »die Douanenlinie in jenen Ländern muß ganz +von uns abhängen«, da die bisherige Zollverwaltung der Nachbarstaaten +keine Bürgschaft gibt für die gewissenhafte Ausführung der Gesetze. +Begreiflich genug, daß ein preußischer Minister für seinen Staat eine +solche handelspolitische Hegemonie wünschte. Bald aber erkannte man in +Berlin, wie wenig die Mittelstaaten gesonnen waren, eine »fremde« +Verwaltung in ihren Ländern zu ertragen, und stimmte daher seine Ansprüche +herab. + +Im Jahre 1824 verhandelten die drei Ministerien des Auswärtigen, des +Handels und der Finanzen nochmals über die Frage, »wie sich Preußen bei +den Zollvereinsunternehmungen zu verhalten habe.« Geh Rat Sotzmann, der +Sohn des bekannten Geographen, eines der ersten Talente der +Finanzverwaltung, und H. v. Bülow faßten das Ergebnis der Beratung in +einer großen Denkschrift zusammen, welche schon mehrere Hauptgrundsätze +der späteren Zollvereinsverfassung aufstellte. Sie erklärten: der Anschluß +an Preußen könne auf zwei Wegen erfolgen — entweder durch vollständige +Unterwerfung, wie sie in Bernburg geschehen sei, oder durch eine freiere +Verbindung. Einem größeren Staate dürfe nur die letztere zugemutet werden; +doch müsse er jedenfalls seine Zölle und Konsumtionssteuern den +preußischen gleichstellen. Der Unterschied von »Zollanschluß« und +»Zollverein« war also schon damals den preußischen Staatsmännern geläufig, +wenngleich sie die modernen Schulausdrücke noch nicht gebrauchen. Da der +Beitritt etwa von Kurhessen »nur soviel Zuwachs bringt als ein einziger +unserer Regierungsbezirke ausmacht«, so kann der Berliner Hof die +Entwicklung seines Zollwesens von der Zustimmung eines solchen +Bundesgenossen nicht unbedingt abhängig machen. Daher soll Preußen sich +nur auf eine Reihe von Jahren binden, um bei Ablauf der Frist über +Änderungen und Zusätze sich von neuem zu vereinbaren. Man verzichtet +mithin auf jedes Vorrecht, erkennt die volle Gleichberechtigung des +kleinen Bundesgenossen an und behält sich nur das Recht der Kündigung vor, +als unentbehrliches Gegengewicht. Jeder der beiden Staaten ernennt seine +Zollbeamten selbst, doch werden sie beiden Regierungen verpflichtet. Der +Plan, die Grenzbewachung allein in Preußens Hände zu legen, war mithin +aufgegeben. Nur noch ein kleiner Schritt weiter, und man mußte erkennen, +daß auch die doppelte Vereidigung der Zollbeamten dem Dünkel der kleinen +Höfe unerträglich sei, bloß eine gegenseitige Kontrolle der Zollverwaltung +sich erlangen lasse. Preußen hatte sein letztes Wort noch nicht +gesprochen; die Denkschrift verhehlte nicht, daß der Berliner Hof gefaßt +sein müsse auf noch größere Zugeständnisse. »Wird nur der Zweck erreicht — +die wirkliche Einführung des preußischen Zoll- und +Konsumtionssteuersystems und die Verfolgung der Kontraventionen —, so kann +man über Formalitäten, die durch öffentliche Unterordnung der jenseitigen +Souveränitätsrechte anstößig werden dürften, leichter hinweggehen.« Zum +Schluß wird ein wichtiger Gedanke entwickelt, den das preußische Kabinett +fortan getreulich festhielt und weiter verfolgte: Sollte Kurhessen nur +gegenseitige Eingangsbegünstigungen wünschen, so wäre dies für Preußen, +wegen unserer höheren Zölle, nicht bloß kostspieliger, sondern auch +gefährlicher; die völlige Verschmelzung der beiden Zollsysteme bleibt in +jeder Hinsicht vorzuziehen. — In der Tat, nicht die Höhe der Binnenzölle +lähmte den deutschen Handel, sondern das Dasein der Binnenmauten selber; +jede Reform, die nicht an diese Wurzel des Übels die Axt legte, blieb ein +Mißgriff. + +Leider hatten diese verständigen Grundsätze für den Augenblick gar keine +Wirkung; denn die Verfasser der Denkschrift hielten sich noch buchstäblich +an das Programm von 18l9. Sie wollten in gerader Linie »von Grenze zu +Grenze« vorgehen, von dem nächsten Nachbar zu dem entfernteren. Was schien +auch einfacher als der Plan, zunächst die angrenzenden Staaten zu +gewinnen, die im unmittelbaren Bereich der preußischen Macht lagen, und +dann erst zu versuchen, ob das geeinte Norddeutschland vielleicht mit dem +Süden sich verständigen könne? Und doch war dieser gerade Weg ganz +ungangbar. Die Denkschrift selber gesteht, daß der allen Neuerungen +abgeneigte Dresdner Hof sich, schon wegen der Leipziger Messen, dem +preußischen Zollwesen fernhalten werde. Hannover, als ein Brückenkopf +Englands, wird gar nicht erwähnt, ebensowenig das dänische Holstein. +Thüringen »ist auf Preußen angewiesen«, muß sich aber, wie in einem +besonderen Promemoria ausgeführt wird, zuvörderst zu einem Verein +zusammentun, der dem preußischen Zollsystem als »Vorland und Deckwerk« +dienen soll. Darmstadt »grenzt nicht an uns«, selbst sein Oberhessen kann +nur in Betracht kommen, wenn Kurhessen gleichzeitig beitritt. — Nach +alledem blieb als nächstes erhebliches Ziel nur der Beitritt von Kurhessen +samt Waldeck, und sogar dies war unerreichbar, denn der hessische Kurfürst +zeigte, nachdem er es eine kurze Zeit mit einem verständigen Zollsystem +versucht hatte, dem großen Nachbarstaate bald wieder die alte +Gehässigkeit. Solange in Berlin diese Ansichten vorherrschten, die +offenbar mit dem alten unseligen Gedanken der Mainlinie zusammenhingen, +ließ sich eine Erweiterung des Zollsystems über die kleinen Enklaven +hinaus nicht absehen. + +Erst durch Motz wurde der Bannkreis dieser norddeutschen Ideen +durchbrochen. Hierin und in der Beseitigung des Defizits, die eine +Handelspolitik großen Stils erst ermöglichte, liegt sein bleibendes +Verdienst. Er zuerst unter den preußischen Staatsmännern verfiel auf die +Frage: ob nicht in dem wunderlichen Durcheinander unserer Kleinstaaterei +der Umweg vielleicht rascher zum Ziele führe als die gerade Linie? ob man +nicht die Nachbarn, die nicht zu überzeugen waren, vielmehr umgehen und +umklammern müsse? Der kühne Spieler kam mit seinen Bauern auf dem Brette +nicht vorwärts und ließ darum die Springer vorgehen. Er faßte sich das +Herz, sobald eine günstige Stunde kam, über Kurhessen und die anderen +unmittelbaren Nachbarn hinweg den süddeutschen Staaten die Hand zu +reichen. In einer Zeit, da die amtliche deutsche Welt den ewigen Bund +zwischen Österreich und Preußen für ein unverbrüchliches Gesetz ansah, +ging er geradeswegs auf das Ziel los, das gesamte Deutschland mit +Ausschluß Österreichs durch das unzertrennliche Band wirtschaftlicher +Interessen unter der Führung Preußens für immer zu vereinigen und also die +Befreiung von der Herrschaft des Hauses Lothringen vorzubereiten. Sobald +dieser Entschluß feststand, war das Eis gebrochen. Der steile Weg war +betreten, der die Handelspolitik Preußens rasch von Erfolg zu Erfolg +führen sollte. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 453 ff., 477 ff. + + ------------------ + + + + + 54 Philipp v. Ladenberg, geb. 15. August 1769, gest. 11. Februar 1847, + seit 1817 Direktor der Generalkontrolle der Staatsausgaben, seit + 1823 Chefpräsident der Oberrechnungskammer. + + 55 S. o. S. 42 Anm. 1. + + 56 George Canning, geb. 11. April 1770, gest. 8. August 1827, + britischer Staatsmann, Vorkämpfer für liberale Handelspolitik und + Gegner der von der heiligen Allianz vertretenen + Legitimitätsanschauungen. + + 57 Heinrich Theodor v. Schön, geb. 20. Januar 1773, gest. 23. Juli + 1856, seit 1816 Oberpräsident von Westpreußen, von 1824 bis 1842 + Oberpräsident der gesamten Provinz Preußen, seit 1840 gleichzeitig + Staatsminister. + + 58 Friedr. Aug. v. Stägemann, geb. 7. November 1763, gest. 17. Dezember + 1840, im Ministerium Stein bis Dezember 1806 vortragender Rat, seit + 1809 Geh. Staatsrat im Finanzministerium und Mitarbeiter + Hardenbergs, 1817 in den Staatsrat berufen. + + 59 Karl Friedr. Heinrich v. Kamptz, geb. 16. September 1769, + gest. 3. November 1849, seit 1824 Direktor im Justizministerium, von + 1832–1838 Justizminister, berüchtigt und verhaßt wegen seines Eifers + bei Aufspürung demagogischer Umtriebe. + + 60 Ludwig Samuel Kühne, geb. 15. Februar 1786, gest. 3. April 1864, + seit 1819 Hilfsarbeiter im Finanzministerium, seit 1820 + Geh. Finanz-, bzw. Oberfinanzrat. Die Übernahme des + Finanzministeriums lehnte Kühne wiederholt ab. + + 61 Franz Ludwig Graf v. Hatzfeldt, geb. 23. November 1756, gest. 3. + Februar 1827, war seit 1822 preußischer Gesandter in Wien. + + 62 Heinrich Freiherr v. Bülow, geb. 16. September 1792, gest. 6. + Februar 1846, war bis 1827 im Ministerium des Auswärtigen + hauptsächlich in den Handelssachen tätig, 1827 wurde er preußischer + Gesandter in London, 1842 Minister der auswärtigen Angelegenheiten. + + 63 In der Eschenheimer Gasse zu Frankfurt a. M. befand sich das + Taxissche Palais, in dem die Bundesversammlung tagte. + + 64 Karl Ferd. Friedrich v. Nagler, geb. 1770, gest. 13. Juni 1846, der + schöpferische Organisator des preußischen Postwesens, war von + 1824–1835 preußischer Gesandter am Bundestag. + + + + +6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine. + + + +a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._ + + +Als die Darmstädter Konferenzen im Sterben lagen, gaben die kleinen +thüringischen Staaten die Erklärung ab: wenn man in Darmstadt sich nicht +vereinige, so sähen sie sich genötigt, einen bereits verabredeten +bedingten Vertrag auszuführen und »einen in sich geschlossenen +Handelsstaat« zu bilden — »eine Selbsthilfe, welche das Bild der +Zwietracht, das Deutschlands Staaten darstellen, zur höchsten Vollendung +zu bringen gemacht wäre.« Und wahrlich, der Süden bot einen jammervollen +Anblick nach dem Abbruch der Darmstädter Verhandlungen. Jedes Kabinett +ging trotzig und verstimmt seines eigenen Weges. Die darmstädtische +Regierung versuchte noch einmal (Februar 1824), die oberrheinischen Höfe +zur Annahme gleichförmiger Zollgesetze zu bewegen; da dies mißlang, gab +sie ihrem Lande eine selbständige Zollordnung, welche, dem Volke verhaßt, +kaum 80000 Gulden jährlich einbrachte. Der kluge du Thil hatte diesen +armseligen Ertrag vorhergesehen, er wollte sich aber für künftige +Zollverträge ein Unterhandlungsmittel sichern. Auch Württemberg führte im +selben Jahre ein neues Zollgesetz ein, das dem bayrischen nahe stand. Das +Schmuggelgeschäft in Frankfurt und in Baden blühte wie nie zuvor. Törichte +Retorsionen belästigten den Verkehr. Als Württemberg mit der Schweiz über +einen Handelsvertrag verhandelte, sendete Baden sofort einen +Bevollmächtigten nach Zürich, um den Fortgang des Geschäftes argwöhnisch +zu beobachten. In der Schweiz herrschte dasselbe Elend germanischer +Zersplitterung; konkordierende und nicht konkordierende Kantone fanden des +Haders kein Ende, die Verhandlungen rückten kaum von der Stelle. + +Nur der Stuttgarter Hof gab in diesem Zeitraum allgemeiner Zerfahrenheit +die Triasträume und Zollvereinspläne nicht auf. Der württembergische +Gesandte in München, Freiherr von Schmitz-Grollenburg, ein rühriger +Liberaler, gleich seinem Gönner Wangenheim begeistert für den Bund der +Mindermächtigen, ließ nicht ab, das bayrische Kabinett um Wiederaufnahme +der Verhandlungen zu bitten. Eine geraume Zeit hindurch fand er keinen +Anklang; sein Freund Lerchenfeld konnte nicht aufkommen gegen Rechberg, +der rundweg aussprach, eine gemeinschaftliche Zollgrenze sei entwürdigend +für die rückwärtsliegenden Staaten. Auch bestand im altbayrischen Volke +wenig Neigung mehr für die Zollvereinspläne; die öffentliche Meinung +verlor das Vertrauen zu den immerdar vergeblichen Unterhandlungen. + +Immerhin hatten die Darmstädter Beratungen die Lage etwas geklärt. +Süddeutschland zerfiel in zwei Gruppen. Die beiden Königreiche auf der +einen, die Rheinuferstaaten auf der anderen Seite, waren sich der +Gemeinschaft ihrer Interessen bewußt geworden. Eben diese Sonderung zweier +Gruppen führte dann zu neuen Einigungsversuchen. Baden schloß mit +Darmstadt (10. September 1824) einen Vertrag, der den eigenen Produkten +der beiden Staaten einige Erleichterung gewährte, und sendete sodann +seinen Nebenius zu gleichem Zwecke nach Württemberg. Der badische +Bevollmächtigte ward in Stuttgart sehr unfreundlich aufgenommen und +wochenlang hingehalten, da der württembergische Unterhändler stets zur +unpassenden Stunde unwohl wurde. Gekränkt und verstimmt dachte er schon +heimzureisen; da erfuhr er endlich, daß Württemberg inzwischen schon eine +neue geheime Verhandlung mit Bayern begonnen habe. Die Nachricht von dem +badisch-hessischen Vertrage hatte den Münchener Hof mit schwerer Sorge +erfüllt. Man fürchtete die Führerschaft im Süden zu verlieren und geriet +in Unruhe wegen der Rheinpfalz; diese unzufriedene Provinz forderte +dringend, fast drohend eine Verständigung mit den Rheinuferstaaten, die +für ihr Handelsinteresse weit wichtiger seien als die altbayrischen Lande. +Überdies hatte Blittersdorff den unsterblichen Artikel 19 und die +Handelssache soeben am Bundestage wieder zur Sprache gebracht; und obwohl +dies nur ein Zeichen der Ratlosigkeit war, so wollte doch Bayern jede +Einmischung des Bundes abschneiden. So geschah es, daß +Schmitz-Grollenburgs Anträge jetzt in München einer günstigeren Stimmung +begegneten. König Max Joseph(65) gestattete, daß der württembergische +Geheimrat Herzog nach München kam. Während man Nebenius in Stuttgart mit +leeren Ausflüchten vertröstete, ward an der Isar über einen süddeutschen +Zollverein verhandelt. + +Schon am 4. Oktober 1824 kam dort ein vorläufiger Vertrag zustande; im +folgenden Monat traten die Bevollmächtigten der beiden Königreiche in +Stuttgart zusammen, um die Vereinbarung endgültig festzustellen. Gewitzigt +durch den ziellosen Meinungswirrwar der Darmstädter Konferenzen, zogen +Bayern und Württemberg diesmal vor, zunächst unter sich ins reine zu +kommen, dann erst die kleinen Nachbarn zum Beitritt aufzufordern. Ein +richtiger Gedanke, sicherlich, doch die Heimlichkeit des Verfahrens +verletzte die oberrheinischen Höfe. In Karlsruhe wie in Darmstadt prahlte +man gern: wir können Bayerns entbehren, Bayern nicht unser, da wir seine +Verbindung mit der Rheinpfalz beherrschen. Um so bitterer empfand man das +rasche Vorgehen des Münchener Hofes. Um »den Prätensionen der königlichen +Höfe« entgegenzutreten, eilte Berstett nach Frankfurt, besprach sich dort +mit Marschall. Gleich darauf (19. November 1824) hielten Berstett, +Nebenius, du Thil und Hoffmann in Heidelberg eine geheime Zusammenkunft, +welche der badische Minister selber in einem vertrauten Briefe »ein +Gegengift« gegen die bayrisch-württembergischen Umtriebe nannte. + +Das hier vereinbarte Protokoll, dem nachher auch Marschall beitrat, wurde +bedeutungsvoll für die Geschichte der deutschen Handelspolitik; denn hier +spielte der Partikularismus seinen höchsten Trumpf aus, er stellte seine +letzte und schwerste Bedingung auf. Die verbündeten Staaten verpflichteten +sich, in fester Gemeinschaft vorzugehen und vornehmlich bei dem Verlangen +zu beharren, daß jeder Staat seine Zollverwaltung selbständig führe; nur +unter dieser Bedingung sei ein Zollverein möglich. Baden, das doch in Wien +und in Darmstadt selber eine Zentralverwaltung vorgeschlagen hatte, hielt +jetzt die entgegengesetzte Forderung am hartnäckigsten fest. Die beiden +Königreiche hatten ihr Mißtrauen gegen die allzu nachsichtige badische +Zollverwaltung oft und in verletzender Form ausgesprochen. Der Karlsruher +Hof fühlte sich dadurch tief gekränkt und — er fürchtete die Anwesenheit +bayrischer Zollbeamten in seinem bedrohten pfälzischen Gebiete. Wir +wollen, schrieb Berstett an du Thil, schlechterdings keinen *status in +statu*(66), kein Funktionieren fremder Beamten in unserem Gebiete; und +jener antwortete: auch keine Verpflichtung der Zollbehörden für die +Gemeinschaft, denn sonst könnte der Großherzogliche Zolldirektor dem +Minister sich widersetzen! Ebenso nachdrücklich erklärte Nebenius: »Die +Frage ist ganz einfach diese, ob die Untertanen der einzelnen Staaten in +einem unmittelbaren Verhältnis zu der Gemeinschaft stehen sollen«; hege +man kein Vertrauen zu der redlichen Verwaltung der Bundesgenossen, dann +sei ein Zollverein überhaupt undenkbar. Es war einfach die Gesinnung des +eifersüchtigen Partikularismus, die hier nackt heraustrat. Aber dieser +Partikularismus blieb die Lebensluft des deutschen Bundesrechts. Der +badisch-darmstädtische Vorschlag ergab sich folgerecht aus dem Wesen eines +Staatenbundes. Eine Zentralverwaltung für das Zollwesen ließ sich nur +denken auf dem Boden eines Bundesstaates, eines Reiches. + +Indessen hatten die beiden Königreiche ihren Entwurf festgestellt und die +oberrheinischen Kabinette zu Verhandlungen über das Beschlossene +eingeladen. Im Februar 1825 begannen die Stuttgarter Konferenzen — eine +kläglichere Wiederholung der Darmstädter Verhandlungen, von Haus aus +verdorben durch Groll und Mißtrauen. Daß Nassau keinen redlichen Willen +mitbrachte, errieten die preußischen Diplomaten sofort; was ließ sich auch +von diesem Bevollmächtigten, dem hartköpfigen Partikularisten Röntgen(67) +erwarten? Die Darmstädtische Regierung begann schon seit langem zu +bezweifeln, ob ein süddeutscher Verein ihrem Staate nützlich sei. Wein und +Getreide, für jetzt fast die einzigen wichtigen Ausfuhrartikel des +Ländchens, fanden ihren Absatz im Norden; und auch wenn der Verein +zustande kam, blieb Darmstadt nach wie vor ein Grenzland, überall von +Mauten umstellt. Kurhessen hielt sich den Konferenzen fern. Auch der +badische Bevollmächtigte Nebenius kam aus unlustig hoffnungsloser Stimmung +nicht heraus, und erschwerte die Verhandlungen durch seine Reizbarkeit. +Der bayrisch-württembergische Entwurf nahm das bayrische Zollgesetz zur +Grundlage, gewährte den beiden Königreichen eine überwiegende Stimmenzahl +und verteilte die Einnahmen nach der Kopfzahl der Bevölkerung. Hier erhob +sich ein Streit, der wieder ein scharfes Licht warf auf die Gesinnung der +kleinen Höfe. Sollte die Bevölkerung berechnet werden nach einer neuen +Zählung oder auf Grund der provisorischen Bundesmatrikel? Die Matrikel +diente zum Maßstab für die militärischen Leistungen der Bundesstaaten; als +man sie zusammen stellte, ergab sich in vielen Kleinstaaten eine +betrübende Entvölkerung, eine überraschend niedrige Kopfzahl. Jetzt, da +die Zolleinnahmen nach der Stärke der Bevölkerung verteilt werden sollte, +beteuerten die kleinen Gesandten wie aus einem Munde: die Matrikel genüge +längst nicht mehr, die Zahl der Einwohner sei inzwischen zur Freude aller +Wohlmeinenden wunderbar schnell gewachsen! + +Den wichtigsten Streitpunkt bildete doch die Frage nach den Formen der +Verwaltung. Die königlichen Höfe verlangten durchaus eine +gemeinschaftliche Zentralverwaltung; sie trauten den Beamten der kleineren +Staaten nicht. Dem württembergischen Finanzminister schien die getrennte +Verwaltung schon darum unzulässig, weil dann nur sehr geringe +Zolleinnahmen unmittelbar in seine Kassen fließen würden; wer bürgte +dafür, daß die Bundesgenossen ihre Überschüsse pünktlich herauszahlten? +Gereizt durch solches Mißtrauen, hielten die Minister der Rheinuferstaaten +abermals eine Zusammenkunft in Mainz (Ende März 1825) und beschlossen, +fest auf dem Heidelberger Protokoll zu bestehen. Triumphierend erzählte +Marschall an Berstett, wie überlegen sein Herzog(68) den Kronprinzen von +Bayern(69) bei einem Besuche in Bieberich abgefertigt habe. »Niemals, +hatte der stolze Nassauer in heiligem Zorne gerufen, niemals werde ich mir +von Euch in meinem Lande Gesetze vorschreiben lassen. Meine +300000 Untertanen sind mir gerade so lieb, wie Euch Eure drei Millionen. +Ich brauche Euch nicht!« — worauf der Bayer den Austausch +freundnachbarlicher Gefühle abschloß mit der Beteuerung: »Wir brauchen +Euch auch nicht!« Zugleich setzte der Karlsruher Hof seinen ergebenen +Landtag in Bewegung; der geistreiche allezeit partikularistische +Staatsrechtslehrer Karl Salomon Zachariä(70) kämpfte auf der Rednerbühne +wider die Anmaßung der königlichen Höfe: »wer ist wohl Herr in seinem +Hause, wenn er die Herrschaft mit anderen teilt?« Da gaben Bayern und +Württemberg endlich nach. + +Doch alsbald erhob sich ein neuer Zwist: um den Tarif — ein Streit, der +bei dem grundtiefen Gegensatz der Meinungen zum Bruche führen mußte. Baden +gab als höchsten Zoll für Kolonialwaren 1½ Gulden zu und hielt dies für +ein großes Zugeständnis, während Bayern für Kaffee 15 Gulden forderte; +Wollenwaren dachte Bayern mit 60 Gulden zu belasten, Baden bewilligte nur +8 Gulden als höchsten Satz für Fabrikate. Vergeblich beschwor Miller von +Immenstadt den Karlsruher Hof um Nachgiebigkeit; das Prohibitivsystem +herrsche in der weiten Welt, auch Huskisson könne mit seinen +freihändlerischen Träumen nicht durchdringen. Berstett blieb fest: +»Bayern, schrieb er an Marschall, verlangt, daß wir ohne Ersatz alle +Vorteile unserer geographischen Lage mit ihm teilen. Der König von +Württemberg stimmt den bayrischen Ansprüchen zu, um sich die Gewogenheit +einer gewissen Partei zu erhalten«. Im August 1825 erklärte Baden seinen +Austritt und verkündigte zugleich ein neues Zollgesetz, dessen niedrige +Sätze allgemeine Freude im Lande erregten. Nassau trat ebenfalls zurück. + +Auch diesmal spielten politische Bedenken mit; eine Reise des Königs von +Württemberg nach Paris erweckte die Besorgnis, ob der Bund der +Mindermächtigen vielleicht mit französischer Hilfe ins Leben treten solle. +Nebenius versicherte späterhin, ihm habe in Stuttgart immer der Gedanke an +Deutschlands künftige Handelseinheit vorgeschwebt; hohe Schutzzölle im +Süden hätten die spätere Vereinigung mit dem Norden erschweren müssen. Und +sicherlich, wenn unter dem Schutze der bayrischen Zölle eine jugendliche +Industrie in Oberdeutschland emporwuchs, so blieb dem früher entwickelten +preußischen Gewerbefleiß wenig Hoffnung, den süddeutschen Markt für sich +zu erobern; der preußische Staat verlor mithin den einzigen Vorteil, den +ihm ein allgemeiner Zollverein, zur Entschädigung für schwere finanzielle +Opfer, versprach. Gleichwohl ist unverkennbar, daß auch der geistreiche +badische Staatswirt sich nicht frei hielt von jener allgemeinen +schwarzsichtigen Verstimmung, welche die trübseligen Stuttgarter +Konferenzen beherrschte. Von hohen Schutzzöllen war ja gar nicht die Rede. +Die von Bayern vorgeschlagenen Zölle für Fabrikate standen erheblich unter +den Sätzen des preußischen Tarifs; die Gefahr, welche Nebenius fürchtete, +lag zum mindesten noch in der Ferne. Im nächsten Winter hat Bayern noch +einmal versucht, den Verein ohne Baden und Nassau in Gang zu bringen. +Freiherr v. Zu Rhein verhandelte in Stuttgart und Darmstadt. Aber die +Darmstädter Regierung erwiderte, sie könne ohne Kurhessen nicht beitreten. +Da der Kasseler Hof sich weigerte, so war auch dieser letzte Versuch +gescheitert. + +So hoffnungslos war die Lage, als König Ludwig den Thron bestieg. Groll +und Erbitterung überall. Selbst der bescheidene Handelsvertrag zwischen +Baden und Darmstadt war schon nach Jahresfrist wieder erloschen, weil die +Behörden mit den Ursprungszeugnissen freundnachbarlichen Mißbrauch +trieben. Nach dem bayrischen Thronwechsel schöpfte König Wilhelm von +Württemberg wieder frischen Mut. Er richtete im Dezember 1826 einen Brief +an seinen erlauchten Nachbarn, schlug ihm vor, die abgebrochenen +Verhandlungen wieder aufzunehmen und zunächst einen +bayrisch-württembergischen Verein zu stiften. König Ludwig ging darauf +ein. Da die beiden Staaten schon in Darmstadt und Stuttgart +zusammengehalten hatten und ihre Zollgesetze nur geringe Unterschiede +aufwiesen, so nahmen die im folgenden Monat zu München begonnenen +Verhandlungen günstigen, wenngleich sehr langsamen Fortgang. Am 12. April +1827 wurde ein Präliminarvertrag unterzeichnet. Man beschloß, »die +angrenzenden Staaten« zum Beitritt aufzufordern und ihnen zugleich die +politische Bedeutung dieses rein deutschen Bundes ans Herz zu legen. Der +werdende Verein war nicht geradezu gegen Preußen gerichtet; er wurde in +Berlin mit gelassener Ruhe angesehen. Freilich ging aus dem Wortlaut jener +Verabredung wie aus dem ganzen Verhalten der Bundesgenossen unzweifelhaft +hervor, daß an Preußens Beitritt nicht entfernt gedacht wurde. Man hoffte +Macht gegen Macht mit Preußen über Handelserleichterung zu verhandeln und +wollte im Notfall selbst Retorsionen gegen die preußischen Zölle anwenden. +Der Verein sollte den Kern des »reinen Deutschlands« bilden, »ein immer +engeres gegenseitiges Anschließen in allen politischen Beziehungen zur +unmittelbaren heilsamen Folge haben«, wie das bayrische Kabinett nach +Stuttgart schrieb. + +Indes die angrenzenden Staaten hatten längst verlernt, auf einen +süddeutschen Verein zu hoffen, und sie fürchteten Bayerns Führung. Am +15. Mai 1827 besprachen sich Berstett und du Thil nochmals in Heidelberg; +gleich darauf sendeten die drei oberrheinischen Höfe ablehnende Antworten +nach München. Berstett erwiderte schroff, Baden wolle nicht eine +künstliche Industrie durch Schutzzölle großziehen. Der Nassauer Hof ließ +in Stuttgart seine Verwunderung aussprechen, wie nur Württemberg ein +solches »Merkantilsystem« annehmen und einem größeren Hofe sich +unterwerfen könne. Hessen-Darmstadt aber, außerstande, sein drückendes und +doch unergiebiges Mautwesen länger zu halten, verfeindet mit Kurhessen, +voll Mißtrauens gegen die süddeutschen Nachbarn, richtete endlich +bestimmte Anträge nach Berlin. Dergestalt haben jene Münchener +Verhandlungen die entscheidende Wendung in der Geschichte deutscher +Handelspolitik herbeigeführt — einen heilsamen Umschwung, den weder König +Ludwig noch König Wilhelm beabsichtigte. + + + +b) _Der preußisch-hessische und der bayrisch-württembergische Zollverein._ + + +Minister du Thil, der jetzt die Finanzen und die auswärtigen +Angelegenheiten seines Großherzogtums zugleich leitete, befand sich, wie +er selbst erzählt, in verzweifelter Stimmung. Die Finanznot stieg, das +Volk murrte. Die armen Leineweber auf dem Vogelsberge bei Alsfeld hatten +durch die spanische Revolution ihren Markt verloren, das Hinterland um +Biedenkopf fand, eingepreßt zwischen preußische Gebiete, keinen Absatz +mehr für seine Teppiche und Wollwaren, der Mainzer Handelsstand konnte die +Last der nahen preußischen Zollstellen kaum mehr ertragen. Im Landtage +verlangten einzelne Stimmen, wie schon vor Jahren der Abgeordnete Perrot, +eine Verständigung mit Preußen, andere befürworteten den süddeutschen +Verein. Nur darin war man einig, daß der Staat in seiner vereinsamten +Stellung nicht bleiben könne; die Kammer sprach die Erwartung aus, daß +irgendein Zollverein zustande komme, und gab der Regierung freie Hand. +Großen Eindruck machte auf den Minister eine von dem Fabrikanten Bayer im +Vogelsberge eingereichte, vom Pfarrer Frank verfaßte gründliche +Denkschrift, die überzeugend nachwies, daß der Warenzug des Landes +überwiegend durch Preußen gehe. Darum lehnte du Thil die bayrische +Einladung ab, obgleich Lerchenfeld zweimal von Frankfurt herüberkam und +König Ludwig persönlich im Bade Brückenau den hessischen Staatsrat Hofmann +zu überreden suchte. Immer klarer ward ihm die Erkenntnis, daß nur der +Beitritt zum preußischen Zollsystem noch retten könne. Es war ein kühner +Entschluß für den Minister eines Mittelstaates; denn im Grunde waren doch +alle bisherigen süddeutschen Zollverhandlungen zur Abwehr gegen das +preußische Zollwesen unternommen worden, und seit dem Köthener Streite +stand an sämtlichen Höfen die Meinung fest, daß durch eine Verständigung +mit Preußen die souveräne Würde schimpflich preisgegeben werde. Indes der +mutige Minister war gewöhnt, die Stimmungen des Tages gering zu schätzen, +er pflegte in den Landtagsverhandlungen seine selbständige Gesinnung oft +sehr scharf und nicht ohne verletzende Ironie auszusprechen. + +Aber würde Preußen auf den unerwarteten Antrag eingehen? Schon im Sommer +1825 hatte der Darmstädter Hof einmal in Berlin angefragt, ob Preußen +geneigt sei, einen Zollverein mit beiden Hessen abzuschließen, und sofort +eine zustimmende Antwort erhalten. Nachher war Preußen aber wieder +zurückgetreten, weil Kurhessen sich dem Plane versagte, und damals in +Berlin noch die Meinung herrschte, die Erweiterung des Zollsystems dürfe +nur »von Grenze zu Grenze«, von dem näheren Nachbarn zu dem entfernteren +vorschreiten. Aus dieser Meinung erklärte es sich auch, daß ein halbes +Jahr darauf eine zweite, sehr unbestimmt gehaltene Anfrage aus Darmstadt +dahin beantwortet wurde: Verhandlungen mit Darmstadt allein versprächen +keinen Erfolg, weil das Großherzogtum nicht an Preußen angrenze. + +Von den freieren und kühneren Ansichten, welche Motz sich inzwischen +gebildet hatte, ahnte du Thil nichts. Er fühlte sich des Erfolges so wenig +sicher, daß er nicht einmal seinen greisen Großherzog(71) zu unterrichten +wagte, sondern zunächst bei Bernstorff, mit dem er von den Wiener +Konferenzen her befreundet war, vertraulich anfragte. Bernstorff aber +kannte die Pläne des Finanzministers ebensowenig wie der Hesse, da er seit +Jahren die Handelssachen an Eichhorn zu überlassen pflegte, und gab eine +zaghafte Antwort: finanziellen Gewinn verspreche der Vertrag für Preußen +nicht, und auf eine unbedingte Unterwerfung des Großherzogtums werde König +Friedrich Wilhelm selbst nicht eingehen wollen. Erst als du Thil +erwiderte, an eine Mediatisierung seines Großherzogs denke er auch +keineswegs, sendete Bernstorff einen zweiten, ermutigenden Brief. + +Nunmehr weihte der hessische Minister seinen Großherzog in das Geheimnis +ein und stellte bei dem preußischen Gesandten v. Maltzan, der trotz +wiederholter Andeutungen nicht aus seiner Zurückhaltung herausgegangen +war, am 10. August 1827 die förmliche Anfrage, ob man in Berlin geneigt +sei, einen geheimen Bevollmächtigten seines Hofes zu empfangen. Die Frage +lautete noch immer unbestimmt genug, du Thil sprach nur von gegenseitigen +Handelserleichterungen. Und selbst wenn der bedrängte Darmstädter Hof, wie +zu erwarten stand, weiter ging und zu einem wirklichen Zollverein die Hand +bot, welchen Vorteil gewährte ein solcher Bund den Finanzen und der +Volkswirtschaft Preußens? Der kleine Staat besaß kein zusammenhängendes +Gebiet, grenzte nur auf drei Stellen, auf wenige Meilen, an preußisches +Land. Eben jetzt hoffte man in Berlin, die Verträge mit den Enklaven +endlich zum Abschluß zu bringen; gelang dies, so war ein klarer Gewinn +erreicht, die Länge der Zollgrenzen verminderte sich von 1073 auf +992 Meilen. Trat Darmstadt hinzu, so waren wieder 1108 Grenzmeilen zu +bewachen, während das freie Marktgebiet sich nur um 152 Geviertmeilen +vergrößerte. Eine sehr beträchtliche Vermehrung des Absatzes preußischer +Fabrikware stand nicht in Aussicht, da Darmstadt nicht zu den stark +konsumierenden Ländern zählte. Nur die bergisch-märkische Industrie durfte +auf Erweiterung ihres Verkehrs rechnen. Im Mosellande dagegen fürchtete +man die Konkurrenz der rheinhessischen Weine. Den Staatskassen drohte +geradezu Verlust, wenn die Zolleinkünfte nach der Kopfzahl verteilt +wurden. Das kleine Nachbarland verzehrte weit weniger Kolonialwaren, hatte +bisher eine zehnmal niedrigere Zolleinnahme bezogen als Preußen: Darmstadt +kaum 2½ Sgr., Preußen 24 Sgr. auf den Kopf der Bevölkerung. + +Motz war gerade auf einer Dienstreise abwesend, als die Nachrichten aus +Hessen einliefen. Maaßen aber, der ihn vertrat, durfte als schlichter +Amtsverweser nur wiederholen, was schon zweimal vom Finanzministerium +erklärt worden war: er wies die Verhandlungen über Handelserleichterungen +nicht ab, hielt jedoch einen Zollverein für unmöglich, da Hessen allzu +sehr zerstückelt sei und ein so weit abweichendes Steuersystem besitze. Im +Auswärtigen Amte dachte man mutiger. Eichhorn fand es hochbedenklich, +einen deutschen Bundesgenossen zurückzuweisen, der in ernster Verlegenheit +sich an Preußen wende; er riet aus politischen Gründen dringend, auf du +Thils Wünsche einzugehen; nur solle nicht bloß ein Handelsvertrag, sondern +eine dauernde Verbindung geschlossen werden. Zugleich schrieb +Otterstedt(72) aus Karlsruhe: daß König Ludwig bei seinem Zollverein +politische Nebenpläne verfolge, sei offenkundig; jetzt gelte es, Preußens +Ansehen zu wahren. Er verbürgte sich für du Thils Ehrlichkeit, mahnte +aber, das strengste Geheimnis bei den Verhandlungen zu bewahren, damit +nicht Österreich und Bayern vereint in Darmstadt entgegenarbeiteten. +Unterdessen war Motz heimgekehrt, und sofort trat er mit den Plänen +heraus, die ihm während der letzten Jahre aufgestiegen waren. Der kühne +Mann erklärte sich bereit, jetzt den unvorteilhaften Vertrag mit Darmstadt +zu schließen, weil er hoffte, daß dies Beispiel die mitteldeutschen +Nachbarn nachziehen werde; auf die niederdeutschen Staaten war ja doch +nicht zu rechnen. Es ist sehr wichtig, schrieb er dem Minister des +Auswärtigen, beide Hessen und alle sächsischen Regierungen, auch das +Königreich, in unser Steuersystem aufzunehmen. »Ich bin auch nicht +besorgt, daß diese einen anderen Steuerverband wählen werden, weil ihr +Finanzinteresse nur in einer Verbindung mit uns bedeutend gewinnen und sie +drückender Finanzsorgen entheben wird. Ich hoffe und wünsche, daß +Hessen-Darmstadt, dessen Finanzverlegenheit bekannt ist und welches hier +die richtige Medizin findet, damit den Anfang machen, und die anderen +genannten Regierungen dann bald nachfolgen werden.« + +Während also die Berliner Behörden unter sich berieten, setzten Bayern und +Württemberg alle Hebel ein, um den Kurfürsten von Hessen für ihren +werdenden Verein zu gewinnen. Drangen sie durch, so schien die Verbindung +Darmstadts mit Preußen kaum rätlich. Daher sendete du Thil den Prinzen +August Wittgenstein nach Kassel, angeblich, wie er Maltzan sagte, um den +Kurfürsten zu warnen vielleicht auch, um für alle Fälle gedeckt zu +bleiben. Am Kasseler Hofe überwog der Widerwille gegen den +konstitutionellen Süden und die Furcht vor jeder Schmälerung der +Souveränität; Bayerns Bemühungen scheiterten. + +Nun erst war das Feld frei. Der König erlaubte den Beginn der +Verhandlungen und am 6. Januar 1828 erschien Staatsrat Hofmann in Berlin, +derselbe, der einst bei der Begründung der hessischen Verfassung so +wirksam mitgeholfen hatte, ein sachkundiger Geschäftsmann, von starkem +Ehrgeiz, keineswegs unempfindlich für die Vorteile, welche beim Abschluß +wichtiger Verträge dem Unterhändler zuzufallen pflegen. Der gewandte Mann +hatte verstanden, zugleich mit den Liberalen ein gutes Einvernehmen zu +unterhalten und sich im Vertrauen seines Fürsten zu behaupten; mit +Wangenheim in Freundschaft zu leben, ohne den Großmächten verdächtig zu +werden. Die handelspolitische Verständigung mit Preußen war ihm seit +Jahren ein geläufiger Gedanke. In der diplomatischen Welt stritt man sich, +ob Hofmann in Privatangelegenheiten eines hessischen Prinzen reise, oder +den Verkauf der Kreuznacher Saline in Berlin vermitteln solle. So durch +die Hintertür, wie der Dieb in der Nacht, ist diese folgenreiche +Entscheidung in unsere Geschichte eingetreten. Das Geheimnis war nur zu +nötig. In Darmstadt wünschten zwar Minister Grolman(73) und Prinz Emil +aufrichtig die Verständigung mit Preußen; doch die österreichische Partei +arbeitete in der Stille, ein voreiliges Wort konnte alles verderben. + +Der hessische Bevollmächtigte beantragte nur die gegenseitige Herabsetzung +einer langen Reihe von Zöllen auf ein Zehntel der bisherigen Sätze; als +unerläßliche Bedingung stellte er den Kernsatz jenes Heidelberger +Protokolls auf: selbständige Zollverwaltung für Darmstadt. Alsbald trat +ihm Motz entgegen mit dem Bedenken: Zollerleichterungen seien unfruchtbar, +weitläufig, gefährlich; Preußen müsse die vollständige Annahme seines +Zollgesetzes verlangen. Unter solchen Umständen mußten die Verhandlungen +entweder scheitern oder zu einem Kompromisse führen: zur Bildung eines +Zollvereins auf Grund des preußischen Zollgesetzes, aber mit selbständiger +Zollverwaltung für beide Teile. Überraschend schnell, in wenigen Tagen +wurde die Lösung gefunden, wonach die süddeutschen Kabinette in +jahrelangen Verhandlungen getrachtet hatten. Am 11. Januar 1828 fand die +erste förmliche Konferenz im Finanzministerium statt, und hier wurde +bereits von allen Seiten anerkannt, daß nur eine vollständige Vereinigung +möglich sei: Darmstadt trat in das preußische Zollsystem ein; Preußen, +längst bereit »über Formalitäten leicht hinwegzugehen«, gewährte dem +Verbündeten gleiches Stimmrecht bei Abänderungen der Zollgesetze und eine +selbständige Zollverwaltung, die aber streng nach preußischem Muster +eingerichtet werden sollte. Mit diesem Entschlusse war alles Wesentliche +entschieden. Die nächste Konferenz vom 17. Januar behandelte nur noch +Detailfragen. Am 24. Januar berichtete Eichhorn dem Könige: der Vertrag +verspreche allein für Hessen finanzielle und volkswirtschaftliche +Vorteile, für Preußen dagegen einen großen politischen Gewinn, da die +kleinen Staaten auf diesem Wege dauernd an uns gefesselt werden. Am +3. Februar genehmigte der König den Abschluß der Verhandlungen; in seiner +streng rechtlichen Gesinnung fügte er ausdrücklich die Bedingung hinzu: +»die deutschen Nachbarstaaten, besonders Baden, dürfen dadurch nicht in +ihrem Interesse getränkt werden.« + +So kam denn am 14. Februar 1828 jener denkwürdige Vertrag zustande, der in +Wahrheit die Verfassung des deutschen Zollvereins feststellte. Er verhält +sich zu den späteren Zollvereinsverträgen genau so, wie die Verfassung des +Norddeutschen Bundes zu der heutigen Reichsverfassung sich verhält. Durch +den Zutritt anderer, größerer Mittelstaaten haben sich späterhin die +zentrifugalen Kräfte des Zollvereins erheblich verstärkt; einzelne +Bestimmungen des Vertrags wurden im föderalistischen Sinne abgeschwächt; +doch die Fundamente des preußisch-hessischen Vertrags blieben +unerschüttert. Darmstadt nahm die preußischen Zölle an und gab überdies +die vertrauliche Zusage, daß auch die wichtigsten preußischen +Konsumtionssteuern eingeführt werden sollten. Der Kreis Wetzlar tritt +unter die darmstädtischen, das hessische Hinterland unter die +westfälischen Zollbehörden. Preußen ernennt einen Rat bei der +Zolldirektion in Darmstadt, Hessen desgleichen bei der Steuerdirektion zu +Köln. Beide Staaten beaufsichtigen wechselseitig ihre Hauptzollämter durch +Kontrolleure; eine Konferenz von Bevollmächtigten verteilt alljährlich die +gemeinschaftlichen Einnahmen nach Verhältnis der Kopfzahl. Dergestalt war +die Rechtsgleichheit der Verbündeten, die souveräne Würde des +darmstädtischen Reiches, mit peinlicher Sorgfalt gewahrt. Die milde +Kontrolle änderte wenig an der Selbständigkeit der hessischen +Zollverwaltung; der Verein beruhte im Grunde nur auf gegenseitigem +Vertrauen. Nach den bisherigen Leistungen kleinstaatlicher Zollverwaltung +konnten die preußischen Geschäftsmänner einen solchen Vertrag nicht ohne +ernste Bedenken unterschreiben. Die hessische Regierung aber hat das gute +Zutrauen gerechtfertigt, sie ließ das neue Zollwesen unter der +einsichtigen Leitung des Finanzrats Biersack fest und redlich durchführen. +Diese deutsche Treue, diese ehrenhafte Erfüllung der eingegangenen +Verbindlichkeiten bildet überhaupt das beste Verdienst, das die +Mittelstaaten um den Zollverein sich erworben haben; der Abschluß der +Verträge selbst war nicht eine freie patriotische Tat der kleinen Höfe, +sondern ein Ergebnis der bitteren Not. + +Ebenso streng wurde die Gleichberechtigung der Verbündeten in Sachen der +Zollgesetzgebung aufrecht erhalten. Der Artikel 4 lautete ursprünglich: +Abänderungen der Zollgesetze sollen nur in »gegenseitigem Einvernehmen« +erfolgen, »und es sollen alle diese Veränderungen im Großherzogtum Hessen +im Namen S. K. H. des Großherzogs verkündigt werden.« Diese Fassung +erregte in Darmstadt schmerzliches Aufsehen. Prinz Emil selbst eilte zu +Maltzan, stellte ihm vor: »der Großherzog weiß, daß man in Berlin selbst +nicht wünscht, daß die großherzogliche Regierung in den Augen des übrigen +Deutschlands erniedrigt werde.« Eichhorn, der längst verlernt hatte, sich +über die Weltanschauung deutscher Kleinfürsten zu verwundern, ging auf die +Bitte ein; er strich jene erniedrigenden Worte, ersetzte sie nachträglich +durch die Wendung: »und sollen von jeder der beiden Regierungen ihrerseits +verkündigt werden«. Damit war das europäische Gleichgewicht zwischen +Preußen und Darmstadt wieder hergestellt. + +So bereitwillig die preußischen Staatsmänner in diesen lächerlichen +Formfragen nachgaben, ebenso schwer fiel ihnen der Entschluß, den Inhalt +des Artikels 4 selbst anzunehmen. Wann hatte denn jemals eine Großmacht +ihre Zollgesetzgebung dem guten Willen eines Staates vom dritten Range +unterworfen? Es war vorauszusehen, daß dieser darmstädtische Vertrag allen +späteren Zollvereinsverträgen ebenso zum Vorbilde dienen würde, wie der +Sondershausener Vertrag das Muster gewesen war für alle nachfolgenden +Enklavenverträge. In jenem Augenblick freilich standen die kleinen +Kabinette den Ideen des Freihandels sogar noch näher als Preußen. Doch +konnte dem Scharfblick Motzs und Maaßens nicht entgehen, daß diese +Parteistellung in einer nahen Zukunft sich gänzlich verschieben würde, +sobald in Oberdeutschland eine junge Großindustrie entstand. Der +preußischen Zollgesetzgebung drohte vielleicht Stillstand und +Verkümmerung, wenn die Mittelstaaten ein Veto erhielten. + +Alle diese staatswirtschaftlichen Bedenken mußten verstummen vor den +glänzenden Aussichten, welche sich der nationalen Politik Preußens +eröffneten. Darmstadt — so berichtete Eichhorn dem Könige — empfängt durch +den Vertrag erst die Möglichkeit eines haltbaren Zollsystems. Preußen +gewinnt die wichtige Position in Mainz, verhindert den süddeutschen +Sonderbund, in den Norden hinein vorzudringen, und darf mit Sicherheit +darauf rechnen, daß Hessens Beispiel Nachfolge finden, eine große +handelspolitische Vereinigung entstehen wird. Nochmals wird sodann dem +König versichert, daß jede Feindseligkeit gegen deutsche Staaten vermieden +werden solle. »Die Vereinigung ist von Ew. Maj. Behörden weder gesucht, +noch weniger durch verführerische Lockungen veranlaßt worden; man hat nur +Anträge und Vorschläge, welche von der großherzoglichen Regierung +ausgingen, entgegengenommen.« + +Der neue Zollverein sollte bis zum 31. Dezember 1834 dauern und dann, +sofern keine Kündigung erfolge, auf weitere sechs Jahre verlängert werden. +Das Recht der Kündigung blieb … die einzige Waffe, um Preußen +sicherzustellen gegen den Mißbrauch des gleichen Stimmrechts. +Handelsverträge schloß Preußen allein — denn der Zusatz »unter Mitwirkung +und Zustimmung Darmstadts« war praktisch wertlos. In allem übrigen bestand +vollständige Gleichheit der Rechte. + +Auch um diesen Vertrag hat sich ein zielloser Prioritätsstreit erhoben. +Der partikularistische Neid will die Tatsache nicht zugeben, daß die +Verfassung des Zollvereins in Berlin ersonnen wurde. Man behauptet, der +preußisch-hessische Verein sei lediglich dem bayrisch-württembergischen +Verein nachgebildet worden, welcher einige Wochen vorher, am 18. Januar +1828, zustande kam und ebenfalls das gleiche Stimmrecht, die selbständige +Zollverwaltung der Bundesgenossen anerkannte. Ein Blick auf die Tages- und +Jahreszahlen genügt, um dies Märchen zu widerlegen. Der Fundamentalsatz +der Zollvereinsverfassung, die Parität und Unabhängigkeit der +Bundesgenossen, wurde in der Konferenz vom 11. Januar zwischen Preußen und +Darmstadt vereinbart, acht Tage bevor der bayrisch-württembergische +Vertrag abgeschlossen wurde — in einem Augenblick, da man zu Berlin den +Gang der Münchener Verhandlungen noch nicht näher kannte. Die neueste aus +München eingelaufene Nachricht sagte nur: noch bleibe zweifelhaft, ob der +süddeutsche Verein gemeinsame oder getrennte Zollverwaltung haben solle, +das letztere sei allerdings wahrscheinlicher. Der Gedanke lag eben in der +Luft, er ergab sich mit Notwendigkeit aus den fruchtlosen +Zollverhandlungen der jüngsten Jahre, er wurde von den norddeutschen und +von den süddeutschen Zollverbündeten gleichzeitig angenommen, ohne daß sie +voneinander wußten. Im Grunde ist der ganze Streit müßig. Der Entschluß, +von dem die Zukunft deutscher Handelspolitik abhing, konnte nur in Berlin +gefaßt werden. Ob Bayern und Württemberg einander die Parität zugestanden, +war gleichgültig. Doch ob die norddeutsche Großmacht die unerhörte +Selbstverleugnung finden würde, mit einem Staate dritten Ranges sich +bescheiden auf eine Linie zu stellen — an dieser Frage hing alles. Sobald +Preußen diesen Entschluß faßte, war dem Souveränitätsdünkel der kleinen +Höfe der letzte Vorwand genommen und die Bahn gebrochen für Deutschlands +Handelseinheit. Dem gewissenhaften Notizensammler soll unvergessen +bleiben, daß Bayern und Württemberg den »ersten« Zollverein in Deutschland +gründeten, ihre Verhandlungen etwas früher beendigten als Preußen und +Darmstadt. Für den Historiker hat die Tatsache geringen Wert. Denn der +süddeutsche Verein erwies sich als ein verfehlter Versuch und ging bald +zugrunde; der preußisch-hessische Verein bewährte sich und wuchs. Aus +diesem, nicht aus jenem, ist der große deutsche Zollverein hervorgegangen. + +Eichhorn fühlte, daß die Dinge endlich in Fluß kamen. Voll froher +Zuversicht richtete er im März an die Gesandtschaften in Deutschland eine +eingehende Instruktion. Er schildert darin den Gang der preußischen +Handelspolitik, das System des bewußten, berechneten Abwartens, das so +gute Früchte getragen habe. Er zeigte sodann, wie mit dem Darmstädter +Vertrage die entscheidende Wendung eingetreten sei: diese Verhandlungen +waren besonders darum nützlich, weil sie »die Möglichkeit eines +gemeinschaftlichen Zollsystems für Staaten, die geographisch unabhängig +sind, erwiesen. An die Stelle eines dunklen Gefühls, welches früherhin +eine Vereinigung in einer unbestimmten Richtung suchte, ist eine klare +Erkenntnis getreten.« Man sieht heute in der Aufnahme der +staatswirtschaftlichen Grundsätze eines anderen Staates nicht mehr eine +Verleugnung der Souveranität. Nichtsdestoweniger soll die Diplomatie nach +wie vor eine ruhig zuwartende Haltung behaupten. Ebenso zuversichtlich +schrieb Eichhorn an Motz: Unsere Handelspolitik hat sich bewährt und wird +noch größere Erfolge erringen, wenn wir die Anfragen anderer Staaten +geduldig abwarten. Der bayrisch-württembergische Verein ist lose und wird +noch lockerer werden, wenn er wider Erwarten neue Bundesgenossen finden +sollte. + +In der Tat erwies sich in Hessen wie einst in den Enklaven sehr rasch der +Segen der preußischen Gesetze. Im ersten Augenblick war die Stimmung im +Lande noch geteilt. Das Starkenburger Land sah den gewohnten kleinen +Verkehr mit dem Frankfurter Markte mannigfach belästigt, und in der Kammer +klagten nach deutschem Brauche einzelne Patrioten beweglich über den +»Löwenvertrag«, welchen Preußens Schlauheit der hessischen Unschuld +auferlegte. Der Handelsstand in Mainz und Offenbach dagegen sprach der +Regierung seinen Dank aus, und bald regte sich überall im Lande ein neues +Leben. Vor kurzem noch hatte man in Berlin geplant, eine Messe in Köln zu +errichten, die dem Mainzer und Frankfurter Verkehr das Gegengewicht halten +sollte: jetzt entstand in Offenbach ein schwunghafter Meßverkehr, der +namentlich im Ledergeschäfte das reiche Frankfurt zu überflügeln begann. +Die beiden Verbündeten bauten eine große Straße von Paderborn über +Biedenkopf nach Gießen und weiter südwärts, so daß ein fast zollfreier +Straßenzug den Neckar mit der Ostsee verband. Nach zwei Jahren war die +handelspolitische Opposition in den Kammern fast völlig verstummt. Graf +Lehrbach, der den Minister wegen Landesverrats verklagen wollte, stand +vereinsamt; der Abgeordnete Schenk aber dankte der Regierung und schloß +gemütlich: Das einzige Mittel gegen den Wunsch nach politischer Einheit +ist die Zolleinigung! Mit Selbstgefühl verwies Hofmann auf die günstigen +Rechnungsabschlüsse und sagte »mit voller Zuversicht dieser auf +gegenseitige Vorteile gegründeten Verbündung Bestand und Dauer voraus: so +werden Sie hoffentlich bald dasjenige verwirklicht sehen, was noch vor +wenigen Jahren zwar Gegenstand Ihrer angelegentlichsten Wünsche war, aber +nach so vielen vergeblichen Verhandlungen kaum in dem Reiche der +Möglichkeit zu liegen schien.« Auch in Preußen hielten die Klagen der +Geschäftswelt, die sich anfangs laut genug erhoben, nicht lange vor. +Unterdessen hatte der König sein gesamtes thüringisches Gebiet in die +Zollinie aufgenommen; die Lage der ernestinischen Fürstentümer ward fast +unerträglich. Es schien undenkbar, daß Kurhessen und Thüringen, also von +allen Seiten umklammert, ihren törichten Widerstand fortsetzen sollten. + +Und doch sollte das Undenkbare geschehen. Auf das erste Gerücht hin +versuchten allerdings einige Kleinstaaten, sich den Verbündeten zu nähern +— lediglich in der Absicht, den Inhalt des Vertrages, der noch streng +geheim gehalten wurde, zu erfahren. Präsident Krafft in Meiningen schrieb +an Hofmann, bat um Aufklärung, deutete gewichtig an, daß Meiningen +vielleicht dem hessischen Beispiel folgen werde, wenn man nur die +Machtstellung dieses Reiches nach Gebühr würdige: »Die Lage des Landes +Meiningen läßt seinen Wert den geographischen Umfang desselben +überschreiten, indem mehrere der frequentesten Landstraßen die +Handelsplätze an den Küsten der Nordsee mit einem bedeutenden Teile des +südlichen Deutschlands, der Schweiz und Italiens verbinden, und Preußen, +Bayern und Kurhessen zu seinen wichtigeren Grenznachbarn gehören.« Die +Meininger Welthandelsstraßen boten unleugbar auf der Landkarte einen sehr +stattlichen Anblick; gebaut waren sie freilich noch nicht, auch besaß das +Ländchen durchaus nicht die Mittel, sie jemals zu bauen. Motz, dem die +Naturgeschichte des deutschen Kleinstaats einen unerschöpflichen Quell der +Ergötzung bot, sendete das Meininger Schreiben an Hofmann zurück und +versicherte, die geographische Bedeutung des Herzogtums sei ihm ganz neu; +dann schloß er wehmütig: »es ist betrübt, wenn solche überspannte Diener +dazu beitragen, daß dem Souveränitätsdünkel ihrer Fürsten auch noch ein +Straßendünkel hinzugefügt wird.« Der Vorfall blieb dem klugen Manne +unvergessen; der Meininger Straßendünkel sollte zur rechten Stunde noch +eine Rolle spielen in der deutschen Geschichte. Noch durchsichtiger war +ein diplomatisches Kunststück der freien Stadt Frankfurt. Der alte +Rothschild erschien bei Otterstedt, um verbindlich anzufragen, ob nicht +auch Frankfurt mit Preußen einen ähnlichen Vertrag schließen könne. Nun +wußte alle Welt, daß die Handelspolitik dieser Republik lediglich in einer +systematischen Pflege des Schmuggels bestand. Der Fühler hatte also nur +den Zweck, den Senat über die Bedingungen des preußisch-hessischen +Vertrages zu unterrichten, damit die Frankfurter Schmuggler sich darauf +einrichten konnten. Selbstverständlich wurde der diplomatische Börsenfürst +mit einigen allgemeinen Redensarten heimgeschickt. + +Unter den deutschen Höfen war nur einer, der den preußisch-hessischen +Verein mit Freude begrüßte: der badische Hof. Allein durch Preußens +Beistand konnte Großherzog Ludwig hoffen, seine Pfalz gegen Bayern zu +behaupten; daher schrieb er an Blittersdorff: »ich freue mich, einen +Einfluß vermehrt zu sehen, dem ich, besonders im gegenwärtigen Augenblick, +soviel verdanke«. Zugleich hoffte man in Karlsruhe die Absichten der +badischen Handelspolitik nunmehr in Süddeutschland durchzusetzen, denn +seit Darmstadt zu Preußen übergetreten, bildete Baden allein die für +Bayern unentbehrliche Verbindung zwischen Franken und der Pfalz. + +Alle anderen Höfe vernahmen die erste unsichere Kunde aus Berlin mit +unbeschreiblichem Schrecken; die Nachricht fiel wie eine Bombe in die +diplomatische Welt. Selbst Blittersdorff, der doch die entgegengesetzten +Ansichten seines Souveräns kannte, enthielt sich nicht zu jammern über +»dies Unglück, diesen neuen Beweis preußischer Selbstsucht«: es sei ja +klar, Preußen wolle nur den hessischen Markt für seine Fabrikate +ausbeuten, und glaube selber nicht an die Dauer der Verbindung. Was der +Heißsporn also herauspolterte, war nur der Widerhall der erregten Reden +der österreichischen Partei am Bundestage. Münch(74) und Langenau(75) +versicherten entrüstet: jetzt endlich sei Preußens maßlose Herrschsucht +entlarvt. Vor kurzem noch hatten sie auf den preußischen Hochmut +gescholten, der jede Verständigung mit den Nachbarn abweise. Am lautesten +lärmte Marschall über diesen »Unterwerfungsvertrag«, den er ebensowenig +gelesen hatte wie die anderen aus der österreichischen Sippe. Er traf +sogleich Anstalten zur Begünstigung des Schmuggels in Bieberich und den +anderen Rheinhäfen. Der Gedanke, daß Nassau jetzt wie Anhalt zur +preußischen Enklave werden solle, war seinem Nationalstolze schrecklich. +Dann ließ er durch die getreue Oberpostamtszeitung die Lüge verbreiten, +Preußen habe auch Nassau zum Beitritt eingeladen, sei aber stolz +zurückgewiesen worden. Der untertänige Landtag stimmte der Ansicht des +Ministers zu, als dieser erklärte: eine Erhöhung der Staatseinnahmen sei +überflüssig; für Nassaus europäische Politik wie für seine Volkswirtschaft +könne der Anschluß an Preußen nur gefährlich werden. + +Daß Münch und Langenau nicht ohne geheime Weisungen handelten, ließ sich +leicht erraten. Zum Überfluß sprach Fürst Metternich selbst seine +Bestürzung in sauersüßen Worten aus. Der preußische Gesandte teilte dem +österreichischen Staatskanzler eine Denkschrift mit, die sich ausführlich +über Preußens bisherige Handelspolitik verbreitete. Darauf erwiderte der +Fürst: »Der Darmstädter Vertrag hat großes Aufsehen erregt, wie ja alles +in Deutschland mißdeutet wird. Doch ist uns lieb, daß Preußen sich so +offen ausspricht; mit der Denkschrift bin ich im wesentlichen +einverstanden. Bayern hat uns kürzlich aufgefordert, den +preußisch-hessischen Vertrag zu hintertreiben. Wir lehnten ab, da solche +Verträge eine Konsequenz der Souveränität sind. Ich kann aber nicht +verhehlen, daß, sobald dergleichen Verbindungen aufhören, bloß aus dem +administrativen Gesichtspunkt betrachtet zu werden und ihnen eine +politische Tendenz zugrunde gelegt wird, die Grundgesetze des Bundes ihnen +entgegenstehen.« Darauf empfahl er dem preußischen Hofe abermals, wie +einst auf dem Aachener Kongreß, die Vorzüge der k. k. Provinzialmauten: +wenn man in Preußen Provinzialzölle einführte, so würde man der lästigen +Zollverträge nicht bedürfen! Mit Entzücken vernahm Motz diese +Orakelsprüche und schrieb an Eichhorn: »Von den Finanzansichten des +Fürsten v. Metternich werden wir wohl keinen Gebrauch machen können. +Dagegen wollen wir nicht bestreiten, daß es in vieler Beziehung für uns +ohne Nachteil sein wird, wenn er für Österreich bei seinen erleuchteten +Ansichten beharrt.« Zudem wußte Eichhorn, wie eifrig der k. k. Gesandte in +Darmstadt der Ratifikation des Vertrages entgegengewirkt hatte; noch im +Februar war Otterstedt von Karlsruhe hinübergeeilt, um dem +österreichischen Einfluß die Wage zu halten. + +Auch jenes deutsche Kabinett, das damals dem Berliner Hofe am nächsten +stand, auch Hannover, überraschte durch auffällige Ungezogenheit. Der +König wollte nicht, daß das befreundete Nachbarland aus dem neuen Verein +Besorgnis schöpfe. Er befahl daher eine Ausnahme zu machen von der Regel, +wonach Preußen sich aller handelspolitischen Anerbietungen enthalten +sollte, und ließ in Hannover einige neue Straßenzüge und bedeutende +Zollerleichterungen vorschlagen, da nach den Grundsätzen der hannoverschen +Politik ein wirklicher Zollverein doch nicht zu erwarten stand. Aber diese +Eröffnungen blieben unerwidert. Das war mehr als Verstimmung; das deutete +auf feindselige Pläne, die im Dunkeln sich vorbereiteten. + +Die öffentliche Meinung zeigte sich, wie immer in der Geschichte des +Zollvereins, noch verblendeter als die Kabinette, und die Hofburg +verstand, trotz ihres Hasses gegen den Liberalismus, den liberalen +Unverstand vortrefflich auszubeuten. In Frankfurt arbeitete unter Münchs +Augen eine k. k. Korrespondenzenfabrik: mit merkwürdiger Übereinstimmung +erzählten der Nürnbergische Korrespondent, die Elberfelder Zeitung, das +Frankfurter Journal von unseligen Darmstädter Industriellen, die Haus und +Hof verließen, um den preußischen Zöllen zu entgehen. Die Augsburger +Allgemeine Zeitung ließ sich aus Darmstadt schreiben: man muß heute +einundzwanzigmal preußisch reden, ehe man einmal hessisch reden darf; das +unglückliche Land trägt zweifache Lasten, die neuen Mauten und die alten, +da ja für Wein und Tabak Ausgleichungsabgaben erhoben werden. Auch +unabhängige Blätter, wie der Altonaer Merkur und die Neue Mainzer Zeitung, +erzählten die Fabel vom Fuchs, der im Stalle zum Pferde sagte: tritt mich +nicht, ich will dich auch nicht treten! + +Die preußische Regierung konnte sich in den Künsten des literarischen +Minenkriegs niemals mit Österreich messen; sie begnügte sich, den +österreichischen Tendenzlügen lehrhafte Berichtigungen in der +Staatszeitung entgegenzustellen; das unglückliche Blatt krankte aber an +der Erbsünde aller offiziösen Blätter, der Trockenheit. Auf allgemeine +Zustimmung konnte in diesem Lande der Kritik kein Schritt der Regierung +rechnen. Nicht bloß unter den Industriellen zitterten viele vor der +drohenden Vermehrung der Konkurrenz. Auch eine Schule innerhalb des +Beamtentums, Schön mit seinen ostpreußischen Freunden, schalt auf diese +Bummler in Berlin, die daheim nicht Ruhe fänden und auswärts unnütze +Händel anzettelten. + +Am gefährlichsten unter allen Kräften des Widerstandes erschien vorderhand +die feindselige Haltung des Münchener Hofes. Im Oktober 1827 waren in +München die Verhandlungen zwischen den beiden süddeutschen Königskronen +wieder aufgenommen worden. Schmitz-Grollenburg(76) und Armansperg(77) +betrieben beide das Geschäft mit feurigem Eifer. So kam am 18. Januar 1828 +jener erste deutsche Zollverein zustande. Es erfüllte sich, was in Berlin +so oft vorausgesagt worden: Tarif und Verwaltungsordnung des neuen Vereins +kamen den Grundsätzen der preußischen Zollgesetzgebung sehr nahe, weil +sich den süddeutschen Kronen dieselben Fragen aufdrängten, welche Preußen +schon durch das Gesetz von 1818 gelöst hatte. Die Zölle auf Fabrikwaren +standen niedriger als in Preußen, die auf Kolonialwaren etwas höher: vom +Kaffee erhob Preußen 6 Tlr. 20 Sgr. für den Zentner, Bayern-Württemberg +15 Gulden für den um etwa 9 Prozent schwereren bayrischen Zentner. Im +übrigen fast dieselben Regeln wie im preußisch-hessischen Verein: +getrennte Zollverwaltung unter gegenseitiger Kontrolle, Verteilung der +Einkünfte nach der Kopfzahl, Grenzzölle und Packhöfe. + +Indes die verständige Verfassung konnte den Grundschaden dieses Bundes +nicht heilen: er war zu klein und darum, wie Eichhorn voraussagte, nicht +lebensfähig. Wohl stiegen die Zolleinnahmen Württembergs im ersten Jahre +um 220000 Gulden; der kleinere Bundesgenosse zog selbstverständlich den +größeren Vorteil aus der Erweiterung des Marktgebiets. Doch betrugen die +Zolleinnahmen nur 9½ Sgr. auf den Kopf der Bevölkerung, während Preußen +das Zweiundeinhalbfache, 24 Sgr., einnahm. Die Kosten der Zollverwaltung +verschlangen mindestens 44 Prozent der Einkünfte; in Bayern war der +Rohertrag für das Rechnungsjahr 1828–1829: 2,842 Millionen Gulden, der +Reinertrag nur 1,582 Millionen Gulden. Die geringen Zölle genügten nicht, +die heimische Industrie wirksam zu schützen, und doch blieb jede Erhöhung +unmöglich, wenn nicht der gesamte Reingewinn den Staatskassen verloren +gehen sollte. Am kläglichsten befand sich die bayrische Pfalz. Die +entlegene Provinz sollte vor der Hand außerhalb der Mautlinien bleiben und +ihre eigenen Erzeugnisse zollfrei in das Vereinsland einführen, was denn +sofort französische, badische, rheinpreußische, hessische Fabrikanten zu +großartigem Schmuggel veranlaßte. Gewichtige Stimmen in der Pfalz +forderten laut den Anschluß an Preußen; einer der ersten Industriellen der +Provinz, Geh Rat. Camuzzi, schrieb in diesem Sinne an die Allgemeine +Zeitung, ward aber von der Firma Cotta abgewiesen. + +König Ludwig wollte die Gebrechen des Vereins lange nicht bemerken. Wie +war er stolz auf seiner Hände Werk, den ersten deutschen Zollverein; wie +schwelgte er in erhabenen Träumen von historischer Unsterblichkeit. Er +wollte fortleben im Munde später Geschlechter als der Vollender der *fossa +Carolina*, jenes Kanales zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer, den +Karl der Große ersonnen, doch nicht ausgeführt hatte, und beschäftigte +sich auch mit großen Eisenbahnplänen, seit Franz Baader(78) im +Nymphenburger Park einen Dampfwagen fahren ließ. »Jetzt sind die +Zollsysteme der beiden Großmächte nicht mehr furchtbar« — hieß es bei +Hofe. Schon war ein Unterhändler nach Zürich gesendet, um die Schweiz zum +Eintritt in den süddeutschen Verein oder doch zu einem Handelsvertrage zu +bewegen. Niemals hatte Bayerns Gestirn glänzender geleuchtet als im Januar +1828; niemals zuvor hatte der König eine so stolze Sprache gegen den +Bundestag geführt. »Die antisozialen, antiföderalistischen Tendenzen der +bayrischen Politik« traten, wie Blittersdorff klagte, dem +Präsidialgesandten schroff entgegen. Sofort nach der Unterzeichnung des +süddeutschen Zollvertrages ging Freiherr v. Zu Rhein nach Darmstadt, um +das Großherzogtum zum Beitritt einzuladen und ihm die Parität, welche ihm +die beiden Königreiche bisher verweigert hatten, bedingungslos +zuzugestehen. War Hessen gewonnen, so mußte das widerhaarige Baden auf +Gnade oder Ungnade sich ergeben. + +Mitten in diese holden Träume fiel niederschmetternd die Kunde von dem +preußisch-hessischen Vertrag. Durch diesen Verein, das sprang in die +Augen, verlor der süddeutsche Verein sofort Sinn und Bedeutung. König +Ludwig sah seine teuersten Hoffnungen zerstört, blieb mehrere Wochen +hindurch völlig fassungslos. »Nunmehr hab’ ich alle Schritte getan, um +meine armen Untertanen zu retten!« sagte er verzweifelnd zu +Schmitz-Grollenburg. In groben Schimpfworten entlud sich sein Groll; er +schalt laut auf den Verräter Hofmann, erzählte an offener Tafel, Preußen +habe den Prinzen Emil von Hessen mit 400000 Gulden bestochen. In seinem +Zorne vergaß er auch wieder seinen »teutschen« Stolz. Solange diese +kleinen Höfe noch europäische Politik treiben durften, waren auch +patriotische Fürsten nicht vor argen Verirrungen sicher. Wie Ludwig einst +als Kronprinz, trotz seines Abscheus gegen Napoleon, mehrmals untertänige +Briefe an den Schöpfer der bayrischen Königskrone gerichtet und sogar die +Hoffnung ausgesprochen hatte, sein Sohn Max werde dereinst dem König von +Rom(79) seine Anhänglichkeit widmen, so hatte er neuerdings um Sponheims +willen die Hilfe Rußlands angerufen und wendete sich jetzt wieder an das +gehaßte Frankreich. Den Winter über hatte der Herzog von Dalberg(80) in +München sein Wesen getrieben; nun fanden seine Einflüsterungen Gehör. +König Ludwig warnte den französischen Hof vor dem Ehrgeiz Preußens, das +bereits in Süddeutschland sich festzusetzen suche. Im selben Sinne +bearbeitete Lerchenfeld zu Frankfurt den alten Reinhard(81). Alsbald +befahl Minister La Ferronays dem Geschäftsträger in München rührige +Wachsamkeit gegen die von Preußen her drohende Gefahr; er stellte zugleich +einige Handelserleichterungen in Aussicht zugunsten der *troisième +Allemagne*.(82) + +Da König Ludwig schon nach wenigen Monaten von seinen leidenschaftlichen +Verirrungen zurückkam, so wurden diese häßlichen Zettelungen mit dem +Auslande nachher ganz in Abrede gestellt. Der Hergang ist gleichwohl +verbürgt durch die übereinstimmenden Zeugnisse von Freund und Feind. Nicht +allein der preußische Gesandte Küster berichtete darüber ausführlich +seinem Hofe; der badische Gesandte Fahnenberg meldete ganz dasselbe nach +Karlsruhe. Der österreichische Gesandte Graf Spiegel warf dem bayrischen +Minister des Auswärtigen die Anklage ins Gesicht, daß er Frankreich in die +deutsche Handelspolitik hineinzuziehen suche. Über Lerchenfelds Verhalten +berichtete Blittersdorff, der ja selber sehr geneigt war, jedes Mittel zu +gebrauchen zur Vernichtung des preußisch-hessischen Vereins. Die +Schwenkung der bayrischen Politik nach Frankreich hinüber war bald eine +der gesamten diplomatischen Welt bekannte Tatsache. + +König Ludwig überließ sich eine Zeitlang blindlings dem stürmischen +Unwillen der verletzten Eitelkeit. Sein Kabinettsrat Grandauer übte +schlechten Einfluß; auch Freiherr v. d. Tann träumte bayrische +Großmachtsträume. Nur der alte welterfahrene Minister Zentner sah die +Dinge ruhiger an. Selbst König Wilhelm von Württemberg blieb nüchtern und +gleichmütig. Sein Geschäftsverstand war doch stärker als sein Groll gegen +Preußen; auch mochten ihm die bitteren Erfahrungen der Tage von Verona +noch unvergessen sein. In einem Gespräche mit du Thil verbarg er zwar +seine Enttäuschung nicht, gestand aber zu: »früher oder später werden wir +noch gezwungen sein, Euerem Beispiele zu folgen«. Im selben Sinne erklärte +sein Minister Beroldingen dem preußischen Gesandten, »daß Württemberg in +die deutsch-patriotischen Gesinnungen der preußischen Regierung niemals +auch nur den geringsten Zweifel gesetzt hat und die bestehenden besonderen +Vereine zugleich als Mittel betrachtet, zu dereinstiger Erreichung des +gemeinschaftlichen Zweckes in einer allgemeinen Ausdehnung den Weg zu +bahnen.« + +Wie der preußische Staat alles, was er für die Macht und Einheit unseres +Vaterlandes tat, erkämpfen mußte gegen den Widerstand des Auslandes, so +ward auch der preußisch-hessische Bund sofort von den Ränken der fremden +Mächte umsponnen. Im Verein mit Frankreich versuchte Holland Unfrieden zu +säen zwischen Süd und Nord. Der Minister Verstolck van Soelen machte den +württembergischen Geschäftsträger aufmerksam auf die Gefahren, welche der +deutschen Handelsfreiheit und der Unabhängigkeit der Kleinstaaten drohten. +Der Württemberger, ein verständiger Mann, der seinem preußischen Kollegen, +dem Grafen Truchseß-Waldburg, alles mitteilte, antwortete treffend: die +Zölle der fremden Mächte, und nicht zuletzt Hollands, zwingen uns +Deutsche, uns zu einigen und neue Handelswege zu suchen — worauf Verstolck +heilig versicherte: die Herabsetzung der niederländischen Zölle stehe nahe +bevor; für jetzt aber dürfe man nur an den Widerstand gegen den +gemeinsamen Feind, gegen Preußen denken. Eichhorn, der die holländischen +Kaufherren aus den endlosen Rheinschiffahrtsverhandlungen genugsam kannte, +schrieb an den Rand der Depesche: Die Niederlande verfolgen gar keinen +positiven Zweck, sie wollen nur die weitere Einigung Deutschlands in +Zollsachen verhindern. In der Tat lud der niederländische Geschäftsträger +Mollerus den Münchener Hof ein, für den süddeutschen Verein einen +Handelsvertrag mit Holland abzuschließen, und beteuerte zugleich die gute +Absicht seines Hofes, sich mit den oberländischen Staaten über Preußen +hinweg wegen der Rheinzölle zu verständigen. Bestimmte, greifbare +Vorschläge übergab er nicht; die Absicht war lediglich, Bayern und +Württemberg von Preußen fernzuhalten. Auch England bezeigte seine +Unzufriedenheit. Der Präsident des Handelsamts, Charles Grant, beschwerte +sich bei dem preußischen Gesandten Bülow heftig über die hohen Zölle des +preußisch-hessischen Vereins und erhielt die kühle Antwort: der Verein +habe an den preußischen Zöllen gar nichts geändert; doch wisse jedermann, +daß Preußen freieren handelspolitischen Grundsätzen huldige als England. + +Mit diesen Ränken des Auslandes, die bald einen sehr bedrohlichen +Charakter annahmen, verkettete sich der unselige Sponheimer Handel. König +Ludwig war, da er sich allerdings auf Österreichs unerfüllte +Versprechungen berufen konnte, von seinem Rechte auf den Heimfall der +Pfalz tief überzeugt und fühlte sich schwer beleidigt, als Preußen seinen +Ansprüchen entgegentrat. Der preußische Gesandte merkte dem König bald an, +daß er etwas auf dem Herzen habe. Da trafen sich die beiden eines Tages +auf der Straße. Der König trat auf den Diplomaten zu, ging eine Strecke +Weges mit ihm und schüttete seinen Zorn aus: »Ich kann nicht genug sagen, +wie tief es mich geschmerzt, daß gerade Preußen in der badischen Sache +sich voran und mir gegenübergestellt hat. Anders kann ich das Memoire +nicht bezeichnen, womit Preußen, ohne mich zu hören, die Initiative gegen +mich bei den übrigen Höfen ergriffen hat. Bernstorff denkt immer noch an +das alte Bayern; es ist aber heute ein neues Bayern, ein neuer König. +Preußen hat nie einen größeren Enthusiasten gehabt als mich. Um so mehr +hat mich’s gekränkt, daß man sich aus meiner Freundschaft gar nichts +macht. Will man mich denn nur zum Gegner haben?« Der König ereiferte sich, +erhob die Stimme, die Vorübergehenden blieben stehen und horchten auf. Der +Gesandte konnte sich dem schwerhörigen Fürsten nicht verständlich machen, +geriet in peinliche Verlegenheit, gab seinem Hofe den Rat, man möge den +Erzürnten beschwichtigen. Augenblicklich ließ sich wenig tun, da König +Friedrich Wilhelm das gute Recht Badens schlechterdings nicht preisgeben +wollte. Für die Zukunft war noch nichts verloren. Der heißblütige +Wittelsbacher blieb auch als Gegner offen und ehrlich; sobald sein Zorn +verrauchte, konnte man vielleicht wieder anknüpfen, da ihm Deutschlands +Handelseinheit wirklich am Herzen lag. Vorderhand freilich wirkte der +Münchener Hof dem preußisch-hessischen Verein offen entgegen; er +versuchte, durch unentgeltlichen Vorspann und ähnliche kleine Mittel den +Verkehr von Gießen und Vilbel auf die Linie Hersfeld-Fulda +hinüberzulocken, verlangte von dem Hause Thurn und Taxis, daß die +Frankfurt-Aschaffenburger Post über Hanau, nicht mehr durch das +darmstädtische Gebiet geführt werde usw. + +Der entscheidende Kampf entspann sich am Kasseler Hofe; noch einmal wurde +die kurhessische Handelspolitik verhängnisvoll für das ganze Deutschland. +Der Großherzog von Hessen hatte die Berliner Verhandlungen nur gutgeheißen +in der bestimmten Erwartung, daß der Kasseler Vetter seinem Beispiel +folgen würde. Deshalb blieb der preußisch-hessische Vertrag bis zum Mai +geheim; denn niemals hätte der Stolz des Kasseler Despoten sich +entschlossen, einem bereits veröffentlichen Vertrage nachträglich +beizutreten und also vor der Welt zuzugestehen, daß das minder mächtige +Darmstadt ihm vorangegangen sei. Hofmann ging noch im Februar, auf der +Rückreise von Berlin, nach Kassel und meinte die Lage ziemlich günstig zu +finden. Freiherr v. Meysenbug und andere hohe Beamte, mit denen er +vertraulich sprach, gaben ihm bereitwillig zu, daß Kurhessen nach +Darmstadts Beitritt nicht mehr zögern dürfe: nur der Anschluß an Preußen +könne die zerrüttete Volkswirtschaft retten. Gleichwohl war Hofmann im +Irrtum; schon nach 24 Stunden mußte er unverrichteter Sache abziehen. »An +diesem Hofe, schrieb du Thil, sind rationelle Berechnungen nicht +statthaft.« Hinter und über den Beamten trieb die Reichenbach [Die +Geliebte des Kurfürsten.] ihr Wesen, die noch immer auf eine +österreichische Fürstenkrone hoffte. + +Auf solchem Boden war den armseligen Künsten der kleinen Höfe die Stätte +bereitet. Ein Heerlager von amtlichen und geheimen Unterhändlern strömte +im Frühjahr 1828 zu Kassel zusammen, um den Kurfürsten von Preußen +fernzuhalten. Aus Bayern erschienen die Geheimen Räte Oberkamp und +Siebein, der erstere wohlgeschult in dem Ränkespiel der Eschenheimer +Gasse; auch seinen Freund v. d. Tann schickte König Ludwig hinüber. Für +Württemberg arbeitete der alte Agitator Miller von Immenstadt, jetzt +württembergischer Steuerrat. Aus Sachsen kam Freiherr v. Lützerode, aus +Hannover Kammerrat Lüder, auch Koburg und Meiningen sendeten Unterhändler. +Dann erschien »zum allgemeinen Schrecken« Präsident v. Porbeck aus +Arnsberg, um dem Berliner Kabinett über das verworrene Treiben zu +berichten. Die Darmstädter Regierung erneuerte im März ihren Versuch und +sendete den Prinzen Wittgenstein, um dem Kurfürsten mitzuteilen: Preußen +habe eingewilligt, daß der Zutritt Kurhessens zu dem Vertrage vorbehalten +bleibe und Darmstadt den Antrag stelle; der Großherzog erlaube sich daher +anzufragen, ob der Kurfürst die Absendung eines Bevollmächtigten +genehmige. Am 12. März sprach der Kurfürst dem Prinzen seinen +verbindlichen Dank aus. Doch schon nach drei Tagen schlug der Wind um. Sei +es, daß Wittgenstein allzu zuversichtlich aufgetreten war, sei es, daß +Oberkamp und die Reichenbach dem Kurfürsten die Schmach einer Unterwerfung +unter Preußens Befehle geschildert hatten — genug, am 15. März ließ der +Finanzminister Schminke ein Schreiben an du Thil abgehen, in jener Tonart, +die nur in Kassel oder Köthen möglich war: »S. K. Hoheit können nicht ohne +große Empfindlichkeit wahrnehmen, daß in einem Allerhöchstdemselben und +Allerhöchstdero Kurstaate durchaus fremden Vertrage von seiten des +großherzoglichen Hofes Stipulationen in Beziehung auf das Kurfürstentum +eingegangen sind und eine Initiative ergriffen worden ist, welche das +Kurhaus in Ansehung des großherzoglichen Hauses sich nicht einmal +gestattet hat. Allerhöchstdieselben sind nicht davon überzeugt, daß es dem +Interesse des Kurstaats entsprechend sei, einer solchen Übereinkunft das +bisherige System aufzuopfern.« Die gröbsten Wendungen hatte der Kurfürst +eigenhändig in das Schreiben hineingebracht. Bei einer neuen Audienz +donnerte er Wittgenstein an: »Ich bin Chef des hessischen Hauses; +Anmaßungen, wie der Großherzog sie sich erlaubt hat, werde ich nicht +dulden; ich kann die Bitte des Großherzogs nicht gewähren.« Auch +Wittgensteins Sendung war gescheitert. + +Eichhorn ahnte, daß die süddeutschen Kronen die Hände im Spiele gehabt, +empfahl dem Bundestagsgesandten Nagler und allen Gesandten im Oberlande +scharfe Aufmerksamkeit auf die Handelspolitik der kleinen Höfe. Zwei +Tendenzen, schrieb er, wirken uns in Kassel entgegen. Der +bayrisch-württembergische Verein sucht Kurhessen für sich zu gewinnen; er +krankt an verkehrten politischen Nebengedanken und ruht auf dem falschen +Grundsatze, daß die Binnenstaaten von den Küstenländern sich unabhängig +machen sollen; »mit jeder Ausdehnung verliert das System selbst an innerem +Halt und Zusammenhang«. Gefährlicher scheint der von einigen thüringischen +Staaten gehegte Plan, unter Kurhessens Führung einen +hessisch-thüringischen Zollverein zu bilden, der nach Belieben mit Preußen +oder mit dem Süden verhandeln könnte — eine Träumerei, »so einladend für +den Stolz des Kurfürsten, daß er kaum widerstehen wird.« + +Nach Wittgensteins Abreise meinten die bayrisch-württembergischen +Unterhändler ihr Spiel gewonnen. Bayern versprach dem Kurfürsten, seine +bisherigen Zolleinnahmen zu verbürgen, wenn er dem süddeutschen Verein +beitrete. Der Kurfürst, als ein geriebener Handelsmann, holte sofort eine +alte Schuldforderung an das fürstliche Haus Oettingen hervor, welche einst +Napoleon für Bayern eingezogen hatte; auch diese Sache zu bereinigen war +Bayern erbötig. Schon bereiste Oberkamp mit einem kurhessischen +Finanzbeamten die bayrischen Grenzen, um diesem die Einrichtung der Mauten +zu zeigen. Da griff eine gewandtere Hand ein und betrog die süddeutschen +Höfe um den Sieg. + +Daß Österreich die Erweiterung des preußisch-hessischen Vereins ungern +sah, war allbekannt. Wenn der österreichische Geschäftsträger in Kassel +dem Prinzen Wittgenstein zuvorkommend seine Instruktionen zeigte und dort +zu lesen stand, er solle seinen preußischen Kollegen überall getreulich +unterstützen, so wußte man in Berlin längst, was von solchen k. k. +Scherzen zu halten sei. Aber auch der Zollverein der konstitutionellen +Südstaaten erschien zu Wien hoch gefährlich. Sobald das diplomatische +Getriebe in Kassel begann, wurde Freiherr v. Hruby, einer der eifrigsten +und gefährlichsten Feinde Preußens, so recht ein Vertreter des alten +ferdinandeischen Hochmuts, von Karlsruhe abberufen, in Hannover und Kassel +als Gesandter beglaubigt. Ihm gelang es, den Kurfürsten zu überzeugen, daß +auch der Anschluß an Bayern die kurhessische Nationalehre gefährde; »die +bayrischen Mautritter«, wie der Kurfürst höhnte, empfingen im Mai +abschlägige Antwort. Und bald erfüllte sich, was ein feiner Kenner der +hessischen Dinge dem preußischen Gesandten Hänlein vorausgesagt hatte: +»Kurhessen wird seine ergiebigen Transitzölle zu behalten suchen und am +liebsten gar nichts an dem Bestehenden ändern. Nur wenn keine +Verständigung mit der Kurfürstin zustande kommt, wird unser Staat, welcher +bekanntlich nur aus einer Person besteht, sich aus Ärger vielleicht auf +die Seite der Gegner Preußens schlagen.« + +Dahin war es wirklich gekommen, daß die Zukunft der deutschen +Handelspolitik zunächst von dem ehelichen Frieden des kurhessischen Hauses +abhing. Um den Kurfürsten mit seiner Gemahlin zu versöhnen und dann den +besänftigten Despoten für den Zollverein zu gewinnen, sendete König +Friedrich Wilhelm den General Natzmer(83) nach Kassel. Motz gab dem +Unterhändler eine Weisung mit, deren friderizianischer Ton von der matten +Diplomatensprache jener Zeit gar seltsam abstach. Es war, als hätte der +tapfere Hesse schon das Jahr 1866 vorausgesehen. Er bemerkt zunächst, die +Verbindung mit Preußen liege im eigenen Interesse Kurhessens; mit 600000 +Köpfen könne man kein eigenes Zollsystem bilden. Der Anschluß an den +finanziell unfruchtbaren bayrisch-württembergischen Verein sei für Hessen +unnatürlich. Dagegen bringt der Anschluß an Preußen: eine bedeutende +Einnahme von 20–24 Sgr. auf den Kopf; sodann einen großen Markt von +13 Millionen Einwohnern — denn nicht Verbote, sondern die Freiheit eines +großen inneren Marktes fördern die Industrie, wie Preußens Beispiel zeigt +— endlich den Besitz der großen Handelsstraßen. Schließt Kurhessen sich +nicht an, so muß Preußen eine Straße durch Hannover suchen und den Bremer +Verkehr nach Süddeutschland von Minden aus zum Rhein leiten. Manche Höfe, +und namentlich Minister Marschall in Wiesbaden, behaupten zwar, ein +Zollverein sei eine Verletzung der Souveränität. Aber der Großherzog von +Hessen ist souverän geblieben, der Vertrag gewährt beiden Teilen gleiche +Rechte. »In die neueren Ideen von Souveränität ist überhaupt viel +Schwindel gekommen. Ich frage besonders: ist Kurhessen souveräner in einem +auf gleiche Souveränität basierten Vertrage mit seinem mächtigsten +unmittelbaren Nachbarn, oder ist es souveräner ohne solche Verbindung, in +einer unfreundlichen Stellung diesem mächtigsten unmittelbaren Nachbarn +gegenüber? Es gibt Verhältnisse, mögen sie auch noch in der Zukunft +liegen, in welchem Preußen ein feindlich gesinnter Nachbar nützlicher sein +kann als ein durch feste Verträge verbundener.« Die furchtbare Offenheit +dieser Sprache war nicht geeignet, den Kurfürsten zu gewinnen. Natzmer +wurde mit ungeschliffener Grobheit heimgeschickt, und auch Leopold Kühne, +der zur Unterstützung des Generals nach Kassel und nebenbei nach +Braunschweig ging, richtete an beiden Orten nichts aus. In solcher Laune, +tobend gegen seine Gemahlin wie gegen alles, was den preußischen Namen +trug, war der hessische Despot bereit, den Weisungen Österreichs +blindlings zu folgen. + +Die Hofburg wollte nicht bloß die Erweiterung des preußischen Zollsystems +verhindern, sie dachte, das System selber zu zerstören, den mühsam +errungenen ersten Anfang deutscher Handelseinheit zu vernichten; und +gerade bei den norddeutschen Höfen, welche durch alle ihre natürlichen +Interessen auf Preußen angewiesen waren, fand diese Absicht Anklang. Der +dynastische Haß des sächsischen Hofes, der Welfenstolz Hannovers, der +Grimm des Kurfürsten gegen seinen königlichen Schwager, die Großmannssucht +des Nassauer Herzogs, die gedankenlose Ängstlichkeit der kleinsten Höfe — +alle niederträchtigen und alle schwächlichen Elemente des norddeutschen +Kleinfürstentums vereinigten sich in tiefster Stille zum Kampfe gegen +Preußen. Gestützt auf Österreich, begünstigt durch den Handelsneid +Englands, Frankreichs und Hollands, kam der Mitteldeutsche Handelsverein +zustande — eine der bösartigsten und unnatürlichsten Verschwörungen gegen +das Vaterland — gleich dem Rheinbunde ein Zeugnis, wessen das deutsche +Kleinfürstentum fähig war. + + + +c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._ + + +Nirgends erweckte der preußisch-hessische Vertrag schwerere Besorgnisse +als am Dresdner Hofe. Wie hatte man sich dort so behaglich eingelebt in +den alten Privilegienwust, wie war es so süß, am Bundestage über die +deutsche Handelseinheit und die Bundeszölle salbungsvoll zu reden — in der +frohen Erwartung, daß gar nichts zustande komme, daß man jedes ernsten +Entschlusses, jeder heilsamen Reform allezeit überhoben bleibe! Jetzt +erstanden plötzlich dicht an Sachsens Grenzen zwei Zollverbände. Wie nun, +wenn die augenblickliche Verstimmung des Königs von Bayern verflog, wenn +die beiden Vereine, die in ihren handelspolitischen Grundsätzen einander +so nahe standen, sich zu einem verschmolzen: wenn sie auch Thüringen +gewannen, und also dem Leipziger Handel der Weg zur See ringsum durch +Zollstellen versperrt wurde? Lauter und lauter erklangen die Klagen der +Fabrikanten des Erzgebirges; zweimal im Jahre 1828 liefen Petitionen ein, +die den König beschworen: der Anschluß an Preußen, oder auch an den +süddeutschen Verein, irgendein Entschluß, der aus der vereinsamten +Stellung hinausführe, sei unvermeidlich. Der Minister Graf Einsiedel(84), +der als Eisenwerksbesitzer der Großindustrie näher stand, begann irre zu +werden an dem alten System. Einer der tüchtigsten jüngeren Beamten, +Wietersheim(85), schilderte in einer beredten Denkschrift den Notstand der +Industrie, die Unterlassungssünden der Regierung. König Anton aber hielt, +wie sein Minister Manteuffel(86), einen Handelsbund mit Preußen für +unmöglich. Eben in jenen Jahren stand ein alter Lieblingsgedanke der +albertinischen Politik in voller Blüte. Vor kurzem erst, nach dem +Aussterben des Hauses Gotha, hatte der König von Sachsen den +Schiedsrichter und väterlichen Vermittler gespielt zwischen den +ernestinischen Vettern. Man hoffte in Dresden, eine dauernde Hegemonie +über die thüringischen Lande zu erlangen. Um so schmerzlicher empfand man +die Gefahr, daß Thüringen dem preußischen oder dem süddeutschen Verein +sich anschließen könnte. + +Aus solchen Berechnungen entsprang der Plan, einen Gegenzollverein zu +bilden, der, ohne selbst ein positives handelspolitisches Ziel zu +verfolgen, nur als ein Keil zwischen die beiden Zollvereine hineindringen, +ihre Verbindung hindern sollte. Es galt, die ersten Anfänge der +Handelseinheit zu zerstören, den schmachvollen Zustand deutscher +Zerrissenheit zu verewigen. Die Träger dieser Politik waren zwei Gebrüder +Carlowitz, aus einem der ehrenwertesten Häuser des obersächsischen Adels. +Der Ältere(87), königlich sächsischer Minister, war bis zum vorigen Jahre +noch Bundestagsgesandter gewesen und stand in der Eschenheimer Gasse in +lebhaftem Andenken als ein wohlmeinender Geschäftsmann der alten Schule, +ein pedantischer Vertreter der bekannten kursächsischen Formelseligkeit. +Der Jüngere(88), jetzt Minister in Gotha, persönlich ebenfalls sehr +achtungswert, hatte alle die unausrottbaren Vorurteile des kursächsischen +Adels mit aus der Heimat hinübergenommen. Vergeblich stellten ihm +gothaische Beamte vor, ihr Ländchen sei auf Preußen angewiesen; der +verständige Kammerrat Braun rief ihm zu: »Sie handeln als königlich +sächsischer, nicht als herzoglich sächsischer Staatsmann.« Er blieb dabei, +»ein neutraler Verein« sei notwendig, »eine achtunggebietende Masse +zwischen den beiden Zollvereinen stark genug, um beiden Bedingungen zu +diktieren«. Der Herzog von Gotha ward für die Pläne seines sächsischen +Ratgebers leicht gewonnen. Er stand mit dem Berliner Hofe auf schlechtem +Fuße, weil er sein entlegenes Saarland Lichtenberg gegen ein Stück des +preußischen Thüringens auszutauschen wünschte und König Friedrich Wilhelm +diese Zumutung noch immer beharrlich abwies. In ihren Mitteln war die +Koburgische Handelspolitik wenig wählerisch. Aller drei Wochen ging von +Koburg eine Sendung neu geprägter unterwertiger Münzen nach Lichtenberg; +von dort überfluteten die unter dünner Silberhülle rötlich schimmernden +Koburger Sechser das benachbarte süddeutsche Guldenland, und diese +gewerbsmäßige Falschmünzerei währte jahrelang fort trotz den Beschwerden +der Nachbarn. Auch am Weimarischen Hofe herrschte augenblicklich eine +gegen Preußen leidenschaftlich eingenommene Partei, an ihrer Spitze der +gescheite Minister Schweitzer(89). + +So wurde denn ein hochgefährliches Unternehmen gegen Deutschlands +Handelseinheit in aller Stille eingefädelt, harmlos, gemütlich wie eine +Carlowitzsche Familienangelegenheit. In den letzten Tagen des März 1828 +trafen sich der Herzog von Gotha, die beiden Carlowitze und Schweitzer auf +dem Carlowitzschen Familiengute Oberschöna — sie alle noch ohne eine klare +Vorstellung von den schweren Folgen ihres Beginnens. Wir Deutschen sind +Gott sei Dank durch unabweisbare Interessen, durch alle Lebensgewohnheiten +aufeinander angewiesen; jeder Versuch offener Feindseligkeit von Deutschen +gegen Deutsche erscheint als eine Sünde wider die Natur und bietet darum +neben der Entrüstung auch der Lachlust ein breites Ziel. In denselben +Tagen, da in Oberschöna der Zollkrieg gegen Preußen beschlossen wurde, +verhandelte in Berlin der Weimarische Bevollmächtigte Thon wegen +freundnachbarlicher Aufhebung der Geleitsgelder. Mochte man den +preußischen Staat bis in der Hölle tiefste Gründe verwünschen, entbehren +konnte man ihn nicht. Die in Oberschöna abgeschlossene Punktation besagte: +Es soll ein Handelsverein geschlossen werden zwischen Sachsen, Kurhessen +und Thüringen. Die Teilnehmer »werden sich bemühen, den Beitritt der +übrigen zwischen der preußischen und bayrischen Zollinie gelegenen Lande +zu erlangen.« Sie verpflichten sich, »einseitig keinem auswärtigen +Zollsystem beizutreten, noch, ohne Zustimmung des Vereins, mit einem +Staate, in welchem ein solches System besteht, einen Handels- oder +Zollvertrag zu schließen.« Sie wollen ihre gegenseitigen Untertanen auf +gleichem Fuß behandeln und (Artikel 7) die Transitabgaben im Verkehr +zwischen den Vereinsstaaten nicht über das Maß der sächsischen +Transitzölle erhöhen. Sechs Monate nach der Konstituierung des Vereins +soll über gemeinsame Handelsverträge und Retorsionen beraten werden. + +Es war ein *pactum de paciscendo*, ein Vertrag ohne positiven Inhalt, eine +Verpflichtung, vorläufig nichts zu tun, den bestehenden Zustand nur nach +gemeinsamer Abrede zu verändern. Von einer Zollgemeinschaft zwischen den +Vereinsstaaten, von irgendwelchen ernsten Reformen war gar nicht die Rede. +Gleichwohl konnte der »neutrale« Verein dem preußischen Zollsystem +verderblich werden; er suchte der Handelspolitik Preußens ihre schärfste +Angriffswaffe, die Durchfuhrzölle, aus der Hand zu winden. Wenn es gelang, +alle zwischen den preußischen Provinzen eingeklammerten Länder, +insbesondere die Küstenstaaten, für den Verein zu gewinnen, so nahm die +gesamte Einfuhr von der See nach dem innern Deutschland ihren Weg durch +die Vereinslande, da die sächsischen Transitzölle weit niedriger standen +als die preußischen. Schritt man darauf zu den verabredeten »Retorsionen«, +wurde die Durchfuhr von Bayern nach Preußen und von einer preußischen +Provinz zur anderen mit hohen Zöllen belastet, dann war Preußen einer +reichen Einnahmequelle und seines wirksamsten Unterhandlungsmittels +zugleich beraubt; nicht bloß die Erweiterung des preußischen Zollsystems +wurde verhindert, der Bestand des Systems selber ward in Frage gestellt. +Unter der Maske der Neutralität beschloß man den Zollkrieg. Um nur Preußen +zu schädigen, verpflichtete sich die sächsische Regierung, ihre eigenen +Fabriken in wehrlosem Zustande zu lassen, die Industrie des Erzgebirges +der englischen Konkurrenz völlig preiszugeben. Wahrhaftig, nicht +patriotische Gesinnung war es, was die kleinen Staaten unseres Nordens +endlich in den preußisch- deutschen Zollverein führte; kein Mittel, auch +das verwerflichste nicht, blieb unversucht, das preußische Zollsystem zu +sprengen; erst nachdem alle Angriffe gescheitert waren, unterwarf man sich +notgedrungen der deutschen Handelseinheit. + +Die Oberschönaer Punktation wurde dem sächsischen Bundestagsgesandten +Bernhard von Lindenau(90) zugesendet; dort in der Eschenheimer Gasse +sollten dem »sächsischen Antizollverein«, wie man in Berlin sagte, neue +Anhänger geworben werden. Eine edle, hochsinnige Gelehrtennatur, ehrlich +liberal und begeistert für Deutschlands Größe, hatte Lindenau bis vor +kurzem im gothaischen Ministerium mit Einsicht gewirkt. Er wünschte +aufrichtig die deutsche Handelseinheit und gestand seinem Darmstädter +Amtsgenossen in Frankfurt: wäre Kurhessen dem preußischen Verein +beigetreten, so hätte ich auch für den Beitritt Sachsens und Thüringens +gestimmt. Nun Kurhessen sich weigerte, hoffte er sein Ziel auf anderem +Wege zu erreichen: durch einen Bund der norddeutschen Lande, welcher den +preußischen Staat zur Milderung seines Zollsystems zwingen sollte. Auch er +krankte an dem Erbfehler der kleinen Diplomatie, er überschätzte die Macht +seines Staates und sah nicht, daß die preußische Regierung den Versuch, +ihr Gesetze vorzuschreiben, als offene Feindseligkeit betrachten und sich +zur Wehre setzen mußte. Also hat der treffliche Mann seinen lauteren +Idealismus, seine lebhafte ruhelose Tätigkeit eingesetzt für Pläne, die +der dynastischen Scheelsucht entsprangen, und zwei Jahre lang an einem +Verein gearbeitet, welchen Stein verächtlich als einen Afterbund +verdammte. Selbst die Sippschaft höchst unzweideutiger politischer +Charaktere, welche sich sofort des Oberschönaer Planes bemächtigte, +öffnete dem sächsischen Staatsmanne nicht die Augen. Münch und Langenau, +Marschall und Rothschild, alle Stützen der österreichischen Partei warben +für den Handelsverein. Mehrmals in der Woche kam der Herzog von Nassau zu +Langenau hinüber, um neue Bundesgenossen zu gewinnen. + +Dergestalt war wieder einmal eines jener anmutigen Ränkespiele +eingeleitet, welche von Zeit zu Zeit die trostlose Langeweile der +Bundestagsgeschäfte wohltätig unterbrachen. Daß Österreich alle Fäden der +Verschwörung in seiner Hand hielt, war bald am Bundestage offenkundig. Mit +gewohnter Treuherzigkeit stellte die Hofburg jede Parteinahme in Abrede. +Der k. k. Hofrat v. Kreß, der Leiter der österreichischen Handelssachen, +beteuerte dem preußischen Geschäftsträger feierlich: mit keinem Worte habe +Osterreich den Anschluß Darmstadts zu verhindern gesucht; er selber habe +die Korrespondenz geführt und nach Darmstadt geschrieben, sein Hof werde +sich freuen, wenn Hessen bei dem preußischen Bündnis seinen Vorteil finde. +Nach den Enthüllungen, die man in Berlin vom Darmstädter Hofe selbst +erhalten, konnten solche Beteuerungen nur Heiterkeit erregen. Wie +Österreich zu dem neuen Gegenzollverein stand, das erhellte, wenn anders +die Frankfurter Gesandtschaftsberichte noch einer Bestätigung bedurften, +aus einem Briefe Lindenaus, der in Berlin bekannt wurde. »Ich verhandle +mit Holstein und den Niederlanden, schrieb der sächsische Diplomat an den +Bundestagsgesandten Leonhardi(91), sowie wir nicht minder der +Unterstützung des gemeinnützigen, vielversprechenden Unternehmens von +seiten der österreichischen Regierung, welche dessen Förderung wünscht, +versichert sein können.« Auch die anderen ausländischen Feinde der +preußischen Handelspolitik liehen dem Verein ihren Beistand. Graf Reinhard +versicherte die Vereinsmitglieder der warmen Unterstützung des Pariser +Kabinetts. Um die Niederlande zu gewinnen, ging Lindenau im Herbst selber +nach Brüssel und stellte dort vor — er, der Vertreter des Elbuferstaates +Sachsen: — es sei notwendig, den Rhein und Main wieder zu beleben, die +durch den Elb- und Weserhandel so schwere Einbuße erlitten hätten, und den +rheinischen Kolonialwarenhandel Hollands wieder zu der Höhe zu erheben, +die er im achtzehnten Jahrhundert behauptet. Selber mit seiner deutschen +Provinz beizutreten, lag freilich nicht in Hollands Absicht; doch warben +seine Diplomaten in Frankfurt eifrig für den Verein. + +Entscheidend wurde die Haltung von England-Hannover. Noch war man in +London gewohnt, mit dreister Sicherheit auf Deutschlands Zwietracht zu +rechnen; jede Regung selbständigen Willens in der deutschen Handelspolitik +galt den Briten als ein Schlag ins eigene Angesicht. Welch’ eine köstliche +Aussicht, wenn jetzt durch den Gegenzollverein nicht nur die machtlose +Anarchie des deutschen Zollwesens verewigt, sondern auch den englischen +Waren gegen mäßige Transitzölle der Weg bis ins Herz von Deutschland +eröffnet wurde; von dort mochten sie dann durch die Schmuggler nach +Preußen und Bayern hinübergeschafft werden. Mit Feuereifer ging der +Gesandte am Bundestage, Addington, auf Lindenaus Ideen ein. Umsonst warnte +der nüchterne Milbanke, Geschäftsträger bei der Stadt Frankfurt: der +Verein entbehre jedes positiven Zwecks, könne und werde nicht dauern, der +deutsche Handel bedürfe schlechterdings einer Reform. Addingtons Meinung +drang in London durch; allzu verlockend war der Gedanke, den offenen +hannoverschen Markt, der bisher den englischen Fabriken so unschätzbar +gewesen, bis an den Main zu erweitern. Die englische Schaluppe Hannover +folgte wie immer ihrem Schiffe. Graf Münster(92) schalt hinterrücks den +preußischen Zollverein »eine preußische Reunionskammer«, mußte sich von +dem preußischen Gesandten Bülow »sein wenig gerades Benehmen« vorwerfen +lassen. Zugleich bat, wie Bülow von dem Minister Fitzgerald selbst erfuhr, +der sächsische Gesandte in London um durchgreifende Maßregeln gegen das +preußische Zollsystem, das dem englischen Handel und der Unabhängigkeit +der deutschen Staaten gleich verderblich sei. So trat denn Hannover dem +Verein bei; das Industrieland Sachsen unterwarf sich dem englischen +Handelsinteresse. Freiherr v. Grote(93), ein fähiger hannoverscher +Beamter, Preußens geschworener Feind, wurde neben Lindenau die Seele des +Bundes. + +Auch Bremen trat hinzu. Der treffliche Smidt(94) hatte sich allzu tief +eingelebt in die Träume Wangenheims, der auch jetzt wieder aus seinem +Koburger Stilleben heraus gegen Preußen arbeitete; er konnte ein +krankhaftes Mißtrauen gegen den norddeutschen Großstaat nicht überwinden, +und jetzt, da die reindeutschen Sonderbundspläne sogar von Österreich +insgeheim unterstützt wurden, gab er sich ihnen unvorsichtiger hin als +sonst seine Art war. Er wünschte, wie er am Bundestage mehrmals aussprach, +deutsche Konsulate und eine deutsche Flagge. Doch solange Deutschland noch +nicht ein nationales Handelsgebiet bildete, war das lockere hannoversche +Zollwesen für den bremischen Freihandel bequemer als das strenge +preußische System. Die von dem »neutralen« Verein versprochene +Erleichterung des Transitverkehrs konnte auf den ersten Blick einen +hanseatischen Staatsmann allerdings bestechen. Aber auch nur auf den +ersten Blick. Voreingenommen gegen Preußens Zollsystem, bemerkte Smidt +nicht, daß die Teilnahme an dem neuen Handelsbunde der überlieferten +hanseatischen Handelspolitik schnurstracks widersprach; der Verein war in +Wahrheit nicht neutral, sondern durchaus parteiisch, antipreußisch. Smidt +dachte so hoch von dem Werte dieser totgeborenen Vereinigung, daß er ihrem +Urheber, dem Sachsen Carlowitz, das bremische Ehrenbürgerrecht verschaffte +— eine seltene Auszeichnung, welche seit dem Freiherrn vom Stein kein +deutscher Staatsmann mehr erlangt hatte. Ruhiger urteilte der Hamburger +Senat; er lehnte jede Mitwirkung ab, weil Hamburgs Freihafen den +Interessen des gesamten deutschen Verkehrs zu dienen habe. Die Frankfurter +großen Firmen dagegen begrüßten mit Jubel die in Aussicht gestellte +Erleichterung des Durchfuhrhandels, die den landesüblichen Schmuggel +mächtig fördern mußte; auch waren die Patrizier der stolzen Republik +längst gewöhnt, den untertänigen Schweif des k. k. Bundesgesandten zu +bilden. Bürgermeister Thomas und Senator Guaita zusamt dem +österreichischen Anhang setzten den Beitritt durch, gegen den heftigen +Widerspruch einer preußischen Partei. + +Territorialen Zusammenhang konnte der Verein nur durch Kurhessen erlangen; +daher wurden dort die stärksten Hebel eingesetzt. Der jüngere Carlowitz +selbst erschien im April zu Kassel, bald darauf kam Lindenau. Beide, +unterstützt durch Hruby, stellten dem Kurfürsten vor, was er am liebsten +hörte: der neutrale Verein verlange gar keine Änderung in den bestehenden +Gesetzen Kurhessens; man betrachte dies Land als den Kern des Bundes, +könne der Sachkenntnis des Kurfürsten nicht entbehren, darum sollten die +Beratungen über das Grundgesetz unter seinen Augen, in Kassel erfolgen. +Den Ausschlag gab jedoch die staatsmännische Absicht, dem Schwager in +Berlin einen derben Possen zu spielen. Durch Kurhessens Beitritt wurde +Badens Ablehnung mehr als aufgewogen. Lindenau schrieb an Berstett: er +hoffe auf die Mitwirkung des Karlsruher Hofes um so sicherer, da durch den +Verein »weder die Selbständigkeit der eigenen Landesverwaltung, noch auch +deren finanzielle Verhältnisse die mindeste Störung erleiden, sondern nur +die unveränderte Aufrechterhaltung des *status quo*(95) versichert und +bezweckt wird.« Der Antrag ward abgelehnt. Mit Bayern verfeindet, von +süddeutschen und preußischen Vereinslanden rings umschlossen, hatte Baden +von dem neutralen Verein nichts zu hoffen, von Preußens Zorn alles zu +fürchten. Bei allen anderen kleinen Höfen fanden Lindenaus Werbungen +günstiges Gehör. Einige ängstliche thüringische Kabinette wurden gewonnen +durch die vertrauliche Versicherung, Preußen sei mit der Gründung des +Vereins einverstanden, eine plumpe Erfindung, die doch Eingang fand, weil +die preußische Diplomatie sich wie bisher ruhig zurückhielt. Selbst Herzog +Karl von Braunschweig ging diesmal Hand in Hand mit dem gehaßten jüngeren +Welfenhause; eine Weisung Metternichs bewog ihn, beizutreten. + +Also waren im Laufe des Sommers die sämtlichen zwischen den beiden Hälften +der preußischen Monarchie eingepreßten Kleinstaaten angeworben für den +Neutralitätsbund, der sich den Namen »Mitteldeutscher Handelsverein« +beilegte. Nach jahrelangen vergeblichen Unterhandlungen sah Deutschland +plötzlich in einem Jahre drei handelspolitische Vereine auftauchen. Nur +Baden und die niederdeutschen Kleinstaaten östlich der Elbe blieben noch +isoliert. Triumphierend verkündete ein Artikel der Frankfurter +Oberpostamtszeitung, der aus Lindenaus Feder stammte, am 25. Juni: +Sachsen, Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt sind die Schöpfer des +neuen Vereins, der den Artikel 19 der Bundesakte zur Wahrheit macht und, +statt neue Zollinien zu schaffen, vielmehr die Handelsfreiheit auf sein +Banner schreibt. »Daß Ware gegen Ware vertauscht, Freiheit mit Freiheit, +Gleiches mit Gleichem erwidert werde, das ist Forderung des natürlichen +Rechts, bei dessen Verkennung und Verweigerung es dem Verein wohl nicht an +Mitteln fehlen dürfte, das, was recht und billig ist, mit feierlicher +Kraft geltend zu machen, da er helfen und hemmen, Vorteil und Nachteil zu +gewähren vermag.« Ein Gebiet von sechs Millionen Seelen gehört ihm, die +ganze weite Nordseeküste, die größten Stapel- und Handelsplätze +Deutschlands; die Elbe, den Rhein, den Main, die Weser von allen Zöllen zu +befreien, liegt allein in seiner Hand! + +Wohl mochte man prahlen! Eine so krankhaft unnatürliche Mißbildung war dem +Partikularismus noch nie zuvor gelungen. In einem weiten Widerhaken +reichte das Vereinsgebiet von Bremen nach Fulda, dann westwärts zum Rhein, +gen Osten bis zur schlesischen Grenze, von dem englischen Markt Hannover +bis zu dem gewerbereichen Sachsen, über einen bunten Länderhaufen, +welchen, Preußen gegenüber, nur ein gemeinsames Interesse zusammenhielt: +Angst und Neid. Eben jene norddeutschen Kleinstaaten, welche bisher den +handelspolitischen Anstrengungen Preußens und Bayern-Württembergs einen +trägen ablehnenden Widerstand entgegengestellt, redeten plötzlich von +deutscher Handelsfreiheit. Indes sie den Artikel 19 der Bundesakte im +Munde führten, verschworen sie sich, die bestehende Zersplitterung +aufrecht zu halten und den preußischen Durchfuhrhandel zu vernichten. Und +hinter diesem Bunde standen schirmend Österreich, England, Holland, +Frankreich! Wenn man in Berlin noch der Belehrung bedurft hätte über die +feindselige Gesinnung des Mitteldeutschen Vereins, so mußte die +hinterhaltige Sprache der verbündeten Kabinette jeden Zweifel zerstören. +In tiefster Stille, ohne die geringste Mitteilung an die preußische +Gesandtschaft, hatte der Dresdner Hof sein Werk begonnen. Als am +preußischen Hofe einiges ruchbar wurde, schrieb Graf Einsiedel dem +Gesandten v. Watzdorf in Berlin, versicherte heilig, Baden sei nicht zum +Beitritt aufgefordert worden. Doch leider hatte der Karlsruher Hof jenes +Einladungsschreiben Lindenaus an Berstett dem Berliner Kabinett sogleich +mitgeteilt. Der Abteilungschef im Auswärtigen Amte bemerkte an den Rand +der sächsischen Depesche: »Das Gegenteil steht in unseren Akten. Graf +Bernstorff wird Herrn v. Watzdorf eines Besseren belehren.« Nicht minder +verdächtig erschien, daß der hannoversche Gesandte in Dresden, v. Reden, +plötzlich ohne jede Veranlassung ein Schreiben an Bernstorff richtete, um +inbrünstig zu beteuern, Hannover hege durchaus keine feindseligen +Absichten gegen Preußen, mißbillige entschieden jenes gehässige Programm +der Oberpostamtszeitung. Warum solche unerbetene Entschuldigung, wenn man +sich nicht schuldig fühlte? Späterhin, in einer Denkschrift vom Jahre +1832, nannte Metternich selbst den Mitteldeutschen Handelsverein +»versuchsweise zum Schutze gegen das preußische Zollsystem geschaffen«. + +Und abermals zeigte die öffentliche Meinung ihre alte unbelehrbare +Verblendung. In Arnstadt rottete sich das Volk zusammen vor dem Hause des +Erbprinzen; die Leute drohten auszuwandern, wenn der Fürst nicht fest zu +dem Mitteldeutschen Verein stehe. Das sächsische Oppositionsblatt »die +Biene« verteidigte warm die hochherzige Absicht der sächsischen Krone, die +Unabhängigkeit »unseres Vaterlandes« zu retten; das Erzgebirge müsse ja +unfehlbar zugrunde gehen, wenn die preußischen Zölle die Getreideeinfuhr +aus Böhmen verhinderten — diese preußischen Zölle, die den Getreideverkehr +fast gar nicht belasteten! Weithin erklang der Jubelruf der Liberalen über +die schmachvolle Niederlage des preußischen Absolutismus: Preußens +Herrschsucht ist gedemütigt, das Gleichgewicht der Mächte in Deutschland +wieder hergestellt! Selbst in Bayern und Württemberg, deren eigenes +Zollsystem doch durch den Mitteldeutschen Verein bedroht wurde, +verteidigte die Presse den neuen Handelsbund. Der bayrische Hesperus +donnerte gegen Darmstadt, das einen industriellen Selbstmord begangen, den +Schwaben und Bayern »einen Teil des Segens edler Fürsten« geraubt habe. +Die Neckarzeitung begrüßte den Verein als ein Zeugnis der Bundestreue, als +einen letzten Versuch, die Verheißungen der Bundesakte ins Leben zu +führen. Sogar innerhalb der bayrischen Regierung fand sich eine Partei +bereit, die sächsisch-englischen Entwürfe zu unterstützen; Lerchenfeld und +Oberkamp, die gesamte Bundestagsgesandtschaft König Ludwigs, blieben mit +Lindenau in vertrautem Verkehr. Nur wenige verstanden den festen +patriotischen Stolz des Freiherrn vom Stein, der voll Verachtung auf die +Vasallen der englischen Handelspolitik niederschaute und an Gagern +schrieb: »es ist den erbärmlichen, neidischen, antinationalen Absichten +unserer kleinen Kabinette angemessen, sich an das Ausland zu schließen, +sich lieber von Fremden peitschen zu lassen, als dem allgemeinen +Nationalinteresse die Befriedigung kleinlichen Neides aufzuopfern.« + +Am 21. Mai 1828 hatten die Verbündeten zu Frankfurt einen +Präliminarvertrag geschlossen. Am 22. August, nachdem unterdessen der +Verein vollzählig geworden, versammelten sich die Bevollmächtigten in +Kassel, und schon am 24. September kam der endgültige Vertrag zustande. +Solche Schnelligkeit der Beratung stach von den Gewohnheiten der +Staatsmänner des Bundestags auffällig ab; sie bewies deutlich, daß man +Gefahr im Verzuge glaubte und mehr einen diplomatischen Schachzug als ein +dauerhaftes Werk beabsichtige. Der Vertrag, in Dresden entworfen, sprach +die feindselige, aggressive Richtung gegen Preußen noch weit offener aus +als die Oberschönaer Punktation. Der Verein ist bestimmt, den freien +Verkehr im Sinne des Artikels 19 der Bundesakte zu befördern und »die +Vorteile, welche in dieser Hinsicht dem einzelnen Staate durch seine +geographische Lage und sonst gewährt sind, auf das Ganze zu übertragen, +auch daneben sich jene Vorteile zu erhalten und sicher zu stellen.« Die +Verbündeten verpflichten sich, bis zum 31. Dezember 1834 — d. h. bis zu +dem Zeitpunkte, wo der preußisch-hessische Vertrag ablief — keinem +auswärtigen Zollverein einseitig beizutreten. Die Straßen sollen in gutem +Stande erhalten, neue Straßenzüge verabredet werden. Die bestehenden +Durchfuhrzölle auf Waren, welche für einen Vereinsstaat bestimmt sind, +dürfen nicht erhöht werden; dagegen steht dem Verein wie jedem +Vereinsstaate frei, Waren, die aus dem Auslande in das Ausland gehen, mit +höheren Transitgebühren zu belasten. England-Hannover war es, das diesen +unzweideutigen Artikel 7 durchgesetzt hatte. Es lag darin die Drohung, den +Handel zwischen den beiden Hälften der preußischen Monarchie zu zerstören, +und zugleich eine systematische Begünstigung der englischen Einfuhr. Denn +da auf Hannovers ausdrückliches Verlangen jedem Vereinsstaate die Befugnis +eingeräumt wurde, Handelsverträge mit dem Auslande zu schließen, so +eröffnete sich den englischen Waren über Bremen und Hannover ein fast +zollfreier Weg nach den Binnenstaaten, welche, wie Sachsen, Thüringen, +Nassau, Frankfurt, noch kein geordnetes Grenzzollsystem besaßen. Noch +deutlicher sprach der neunte Artikel, der jedem Vereinsstaate das Recht zu +einseitigen Retorsionen vorbehielt; Kurhessen hatte diese Bestimmung +gefordert, und der Kurfürst verstand unter Retorsionen jede gehässige +Gewalttat wider die Nachbarn. Die einzige wesentliche Wohltat, welche der +Verein dem Handel brachte, war die Erleichterung des Transits, und sie +ward erkauft durch schwere Schädigung der heimischen, vornehmlich der +erzgebirgischen Industrie. Im übrigen dauerten alle bestehenden Akzisen +und Zölle fort; nur Warenverbote zwischen den Vereinsstaaten waren +unstatthaft, auch sollten die gewöhnlichen Erzeugnisse des Landbaues nicht +verzollt werden. + +Der Kern des Vertrages blieb die Absicht, auf sechs Jahre hinaus die +Erweiterung des preußischen Zollsystems zu verhindern und inzwischen +vielleicht durch Ableitung des Durchfuhrhandels dem Zollwesen Preußens die +Wurzeln abzugraben. Eine von Marschall und Röntgen verfaßte nassauische +Denkschrift über das Verhältnis des Vereins zu Preußen und Bayern gibt +über diese freundnachbarlichen Absichten sicheren Aufschluß. Sie schildert +beweglich, wie Darmstadt sich »an ein nicht aus seiner Autonomie +hervorgegangenes System« angeschlossen habe. Allerdings wurden dabei »die +äußeren Formen der Selbständigkeit gewahrt«, aber das Großherzogtum »hat +sich während der Dauer des Vertrages jeder materiellen Autonomie begeben, +kann nur noch eine großmütige Berücksichtigung seiner Wünsche in billigen +Anspruch nehmen und ist deshalb seiner endlichen Mediatisierung um einen +bedeutenden Schritt näher gerückt.« Solcher Schwäche gegenüber sind die +Verbündeten entschlossen, »keine willenlose Hingebung zu zeigen, keine +nicht aus dem eigenen Bedürfnis hervorgegangene Handelsgesetzgebung« +anzunehmen. »Das Wesentliche des Kasseler Vertrages liegt in der +Vereinigung selbst, in dem für sechs Jahre begründeten *non plus +ultra*(96). Das Wesentliche liegt ferner in dem durch diese sechsjährige +engere Verbindung begründeten Ablehnungsmotive von Ansinnungen mancher +Art, denen, wenn sie von übermächtiger Seite ausgehen, der Einzelne und +Schwächere nicht viel mehr als die Bitte um Schonung entgegenzusetzen +hat.« Das Wesentliche liegt endlich in der Aussicht, zu einer Verbindung +mit anderen Staaten »mit Ehren gelangen zu können«. Bayern und Preußen +haben dasselbe, ja ein größeres Bedürfnis nach einer Annäherung an die +Vereinsstaaten als diese selbst; daher muß der Verein die +Verbindungsstraßen zwischen Bayern und Preußen fest in der Hand halten, +ihre freie Benutzung nur kraft gemeinsamen Beschlusses bewilligen. So wird +er eine gesetzliche Ordnung mit verhältnismäßig gleichen Rechten für ganz +Deutschland begründen. + +Die Denkschrift schließt mit der pathetischen Frage: »Kann man denn aus +irgendeinem Grunde auch nur vermuten, daß Preußen die fieberhaften Träume, +in welchen eine übermütige Partei das ganze nördliche Deutschland nur als +eine mit Unrecht noch länger vorenthaltene Beute des preußischen Adlers +erscheinen lassen möchte, irgend teilen oder begünstigen werde?« Naiver +ließ sich die Seelenangst der Kleinen nicht aussprechen. Nicht irgendein +positiver Gedanke, sondern allein die Furcht vor Preußens und Bayerns +Übermacht, der ohnmächtige Wunsch, ein *tertium aliquid*(97) zu bilden, +wie der alte Gagern(98) sagte, hatte den Mitteldeutschen Verein +geschaffen. Aber je ratloser man sich fühlte, um so lauter ward gelärmt; +»es war ein Gegacker, schreibt du Thil, als sei ein großes Werk vollendet +worden«. Zahllose Orden belohnten alle Teilnehmer der Kasseler Beratung, +bis zum Kanzlisten herab. + +Selbst die einzige Waffe, die man gegen Preußen schwingen konnte, erwies +sich als unwirksam; den preußischen Durchfuhrhandel zu lähmen war +unmöglich, solange die Handelsstraßen, welche das preußische Gebiet +umgehen sollten, noch nicht gebaut waren. Mannigfache Entwürfe wurden zu +Kassel besprochen; man träumte von neuen Handelswegen dicht neben +Darmstadts Grenzen, von einem langen Straßenzuge aus Sachsen über +Altenburg und Gotha nach Kurhessen, der den Verkehr hinwegleiten sollte +von der großen preußischen Chaussee über Kösen und Eckartsberge. Aber wer +sollte die Straße bauen? Die verarmten kleinen ernestinischen Staaten +besaßen nicht die Mittel, die größeren Bundesgenossen wollten kein Geld +vorschießen. Zudem stieß man überall auf preußisches Gebiet; wie sollte +die Erfurter Gegend umgangen werden, wo Preußen bereits eine gute Chaussee +gebaut hatte? Unablässig arbeitete die Diplomatie der Bundesgenossen, um +Bayern und Württemberg von Preußen fernzuhalten; der hannoversche Gesandte +Stralenheim in Stuttgart ward nicht müde, den König Wilhelm vor Preußens +Fallstricken zu warnen. Beharrlich wiederholte der Dresdner Hof, der die +Führung des Vereins behielt, er sei bereit, Anträge und Vorschläge zur +Ausbildung des Bundes entgegenzunehmen. Niemand wußte einen möglichen +Vorschlag. Schon vor der Kasseler Zusammenkunft gestand Lindenau einem +Frankfurter Amtsgenossen: »die Mehrzahl der Teilnehmer betrachtet den +Verein als ein Ruhekissen, sie ist froh, daß alles beim alten bleibt.« Nun +klagten die Thüringer über Sachsens hegemonischen Ehrgeiz, Frankfurt über +die erdrückenden kurhessischen Mauten. Der Kurfürst, um seinen +Holzmagazinen höhere Preise zu schaffen, verbot den altgewohnten +Holzhandel, der aus den hannoverschen Waldgebirgen nach Hessen +hinübergeführt ward. Die Unmöglichkeit, mit einem solchen Fürsten +freundnachbarlich auszukommen, lag vor Augen. Fast ein Jahr währten die +Verhandlungen zwischen den beiden hessischen Häusern wegen der +Erleichterung einiger Enklaven; da erklärte der Kurfürst: die gegenseitige +Verpflichtung, die Durchfuhrzölle auf gewissen Straßen nicht zu erhöhen, +solle allein für Darmstadt, nicht für Kurhessen gelten! Seine Weisungen an +die Unterhändler fand Maltzan »ausgezeichnet durch naive Unwissenheit und +despotischen Ton, der Feder eines Rabener(99) würdig«. + +Immer schärfer trat der tiefe Gegensatz der handelspolitischen +Anschauungen innerhalb des Vereins hervor. Die Kaufherren von Frankfurt +und Bremen forderten unbeschränkten Freihandel, Hannover die Begünstigung +der englischen Waren. Andere Staaten träumten von neuen Zolllinien; wieder +andere hofften, die Milderung des preußischen Zollsystems und dann den +Eintritt in dies System zu erzwingen. Kein einziger Kopf an allen diesen +kleinen Höfen, der einen klaren Gedanken mit Ausdauer verfolgte; Karl +August von Weimar war im Juni 1828 gestorben. Bald sonderten sich die +Küstenlande und die Binnenstaaten in zwei Gruppen. Thüringen und Sachsen +schlossen einen Separatvertrag, desgleichen Hannover und Oldenburg. Sie +versprachen ihre gegenseitigen Untertanen im Handelsverkehr auf gleichem +Fuße zu behandeln usw. — geringfügige Erleichterungen, die in Preußen gar +nicht nötig waren, da das freiere preußische Zollgesetz zwischen In- und +Ausländern nicht unterschied. Die einfache in Berlin längst feststehende +Erkenntnis, daß nur die Beseitigung der Binnenmauten dem deutschen Handel +aufhelfen könne, war diesen Kabinetten noch nicht aufgegangen. Die +gedankenlose Trägheit der österreichischen Staatsmänner fühlte sich +befriedigt von dem Erfolge des Augenblicks. Dem preußischen Zollsystem war +ein Riegel vorgeschoben, der einige Jahre halten mochte; eine positive +Ausbildung des Handelsvereins wünschte man in Wien nicht, da jeder Bund im +Bunde gefährlich schien. Selbstgefällig sagte Münch-Bellinghausen zu +Blittersdorff: »wie klug hat Österreich gehandelt, die Kollisionen zu +vermeiden, denen Preußen nicht entgehen wird!« Der weiterblickende Badener +aber schrieb: Ich war erstaunt über solche Verblendung. Als ob ein +Stillstand im Völkerleben möglich sei! Als ob der preußisch-hessische +Verein sich jemals wieder auflösen würde! Österreich allein hat all dies +Unheil verschuldet, hat nichts getan, um den Artikel 19 der Bundesakte +auszuführen und uns also den Preußen in die Hände geliefert. + + + +d) _Preußens Sieg. Preußisch-Bayrischer Handelsvertrag._ + + +Nunmehr nahm Preußen den Handschuh auf. Der Berliner Hof hatte den ersten +Verhandlungen der mitteldeutschen Staaten mit der gewohnten ruhigen +Zurückhaltung zugesehen. Ein sächsisch-thüringischer Verein war +unschädlich; erst durch Hannovers Zutritt gewann der Verein eine +gefährliche Ausdehnung. Man wollte in Berlin nicht glauben, daß dies nahe +befreundete Kabinett, dem Preußen soeben jene neuen Straßenzüge und +Handelserleichterungen angeboten hatte, einem gegen Preußen gerichteten +Bunde sich anschließen werde. Da trat Hannover zu den Verbündeten über, +während Bernstorff noch eine freundliche Antwort auf sein Anerbieten +erwartete. Sofort verschwand jeder Zweifel über den Charakter des Vereins. +Motz in seiner feurig kühnen Weise forderte sogleich, daß man die Gegner +als Gegner behandle, und erklärte: »Sollte dieser Verein zustande kommen, +so ist Preußen in der Lage, sein Zollsystem für abgeschlossen zu halten, +und keineswegs in der Lage, diesen neutralen Verein seiner Absicht gemäß +unter imponierenden Bedingungen aufzunehmen.« + +Obgleich bisher nur dürftige Nachrichten über die Pläne des Vereins +eingelaufen waren, so erriet der Finanzminister doch auf den ersten Blick, +daß die Zerstörung des preußischen Durchfuhrhandels in der Absicht der +Verbündeten liege. Deshalb, fuhr er fort, muß der Transit fortan mehr als +bisher im Lande gehalten, der Straßenbau rüstig gefördert, namentlich die +Chaussierung der wichtigen Straße von Magdeburg nach Zeitz rasch vollendet +werden. Die nach Hannover gerichteten Anerbietungen sind als nicht +geschehen zu betrachten. Noch entschiedener spricht er in einem Schreiben +an Bernstorff: »Es ist gewiß ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, daß in +der Mitte und vorzugsweise im Norden Deutschlands, im Schoße des Deutschen +Bundes und dennoch unter der Fahne Österreichs, für den ostensibeln Zweck +einer angeblichen Vervollkommnung der Verhältnisse dieses Bundes eine +Koalition sich bildet, welche Preußen von ihren Plänen und Beratungen +ausschließt und auf alle Weise zu erkennen gibt, nicht nur, daß sie eine +Ausführung und Erweiterung allgemeiner Bundesmaximen auch ohne Preußens +Teilnahme für möglich hält, sondern auch, daß Preußen eben als störendes +Prinzip jener Ausführung und Erweiterung zu betrachten, und deshalb die +Aufstellung einer förmlichen Oppositionsmasse gegen dasselbe anrätlich +sei«. Darum dürfen wir den Verein nicht ignorieren; wir müssen unser +gerechtes Befremden aussprechen und den Entschluß, »jeder uns auf +irgendeine Art kompromittierenden weiteren Entwicklung dieses sonderbaren +Systems auf angemessene Weise entgegenzutreten«. + +Über Österreichs Absichten war der entschlossene Mann längst im klaren. Er +wußte, daß die k. k. Verpflegungsbeamten in Mainz, um den +Preußisch-Hessischen Verein zu schädigen, die vertragsmäßige +Steuerfreiheit der österreichischen Garnison gröblich mißbrauchten, für +Tabak, Zucker, Bier massenhaft Steuerfreischeine ausgaben, mehr, als ganz +Rheinhessen verzehren konnte. Er forderte, der Gesandte in Wien solle rund +heraus erklären: wir lassen uns nicht täuschen durch das Blendwerk, das +mit dem Artikel 19 getrieben wird, wir lassen uns weder imponieren, noch +uns mißbrauchen. Am 8. November schrieb er dem Minister des Auswärtigen +geradezu: »Ob und inwieweit überhaupt auf wahre freundschaftliche +Verhältnisse von Österreich gegen uns zu rechnen sei, vermag ich nicht zu +beurteilen. Soviel scheint mir aber sicher zu sein, daß Österreich dem +übereilt organisierten Deutschen Bunde den Charakter des ehemaligen +deutschen Fürstenbundes beizulegen und darin die Rolle Friedrichs des +Großen zu übernehmen denkt.« Österreichs Haltung gegen uns in dem Köthener +Zollstreit war entschieden feindselig, ohne Österreichs Beistand wäre der +Mitteldeutsche Verein nie zustande gekommen. + +Ein Blick auf diese Aktenstücke genügt, um das Rätsel zu lösen, warum das +Berliner Kabinett über die geheime Geschichte seiner Handelspolitik +beharrlich geschwiegen, auch die windigsten Prahlereien der zahlreichen +geistigen und leiblichen Väter des Zollvereins gelassen ertragen hat. Das +Bündnis der Ostmächte war nach wie vor der leitende Gedanke der +auswärtigen Politik des Königs. Brach man mit Österreich, so wurde der +Deutsche Bund unhaltbar und auch der werdende Zollverein selber in Frage +gestellt. Für Preußens Diplomatie ergab sich mithin die Aufgabe, durch +ruhige feste Haltung den Wiener Hof dahin zu bringen, daß er der +preußischen Handelspolitik nicht geradezu widerstrebte. Preußen räumte der +Hofburg die Führerstelle ein in dem Schattenspiele des Bundestages und +verlangte für sich die Leitung der wirklichen Geschäfte deutscher +Staatskunst. Dies blieb der einzig mögliche Weg nationaler Politik, +solange man weder den Willen noch die Macht besaß, die kriegerische Aktion +der friderizianischen Tage zu erneuern. Den deutschen Dualismus zu +beseitigen, kam dem König nicht zu Sinn; die Absicht war nur, dem +preußischen Staate im Bereiche der deutschen Politik ein Gebiet +selbständigen, ungestörten Wirkens zu erobern. Ein solches System setzte +behutsame Vorsicht und unverbrüchliche Verschwiegenheit voraus; es fiel +dahin, sobald die Welt erfuhr, wie planmäßig Preußens Handelspolitik +arbeitete und wie deutlich die besten Köpfe des Kabinetts den Grundsatz +der Interessen erkannten, der die beiden großen Bundesmächte trennte. + +Das Auswärtige Amt ging nicht sofort auf die kampflustige Gesinnung des +Finanzministers ein. Der König verlangte ruhige, sorgfältige Prüfung, +damit nicht durch vorschnelles Urteil deutschen Bundesstaaten Unrecht +geschehe. Sobald nähere Nachrichten einliefen, stimmte Eichhorn der +Ansicht Motzs bei und erließ eine Instruktion an sämtliche Gesandten in +Deutschland, welche ausführlich darstellte, wie unberechtigt und +hoffnungslos das Unternehmen der Mitteldeutschen sei: die Verbündeten +mögen sich die Frage vorlegen, was ein Verein von sechs Millionen +Einwohnern, der fast nur Binnenländer umfaßt, bei einem Konflikt mit uns +gewinnen dürfte, »ob der innere Verkehr nicht ertötet statt belebt und der +Handel mit dem Auslande nicht beschränkt statt ausgebreitet werden würde«. +Außerdem erhielt die Wiener Gesandtschaft die Weisung, sich zu beschweren +über die feindselige Haltung der österreichischen Diplomaten und dem +Staatskanzler die auf Metternichs Demagogenfurcht berechnete Frage ans +Herz zu legen: »Sind es nicht hauptsächlich die Absonderungen und +Trennungen, welche im Handel und Verkehr stattfinden, wodurch eine +Stimmung des Mißbehagens, der Unzufriedenheit und der Sehnsucht nach einer +Veränderung unterhalten wird?« Der Gesandte in London ward befehligt, +entschieden auszusprechen, daß an Verhandlungen mit Hannover vorerst nicht +mehr zu denken sei: »wir müssen offen gestehen, daß unser Vertrauen auf +hannoverscher Seite schlecht erwidert worden ist«. Jordan in Dresden +sollte sein Befremden über die mißtrauische Heimlichkeit der sächsischen +Politik kundgeben; Grote in Hamburg dem Senate »die Anerkennung seines +weisen und angemessenen Betragens aussprechen und dabei erklären, man +hoffe, daß er bei demselben auch verharren werde«. + +Zugleich erging an die Regierungen der Grenzbezirke der Befehl, die +handelspolitischen Maßregeln der Verbündeten, die sich noch immer in +rätselhaftes Dunkel hüllten, scharf zu beobachten. Hier zeigte sich die +ganze Unnatur des Mitteldeutschen Vereins. Das Vereinsgebiet lag im +Bereiche der preußischen Macht, war überall von eingesprengten preußischen +Gebietsstücken unterbrochen, durch tausend Bande des nachbarlichen +Verkehrs an Preußen gekettet. Eine Schar von preußischen Postbeamten, +Floßinspektoren, Schiffahrtsaufsehern lebte in Feindesland, gab sichere +Nachricht über alles, was auf den Flüssen und Straßen der Verbündeten +vorging. Die Staatszeitung und Buchholzs Neue Monatsschrift begannen den +Federkrieg gegen den Handelsverein »Eine Souveränität, die sich durch +bloße Opposition geltend machen will — rief Buchholz warnend —, steht im +Widerspruch mit sich selbst und kann nur Niederlagen erfahren.« Auch durch +Retorsionen wollte Motz den Gegnern zu Leibe gehen; er dachte den +sächsischen Fabrikanten den Meßrabatt zu entziehen und in Magdeburg eine +Messe zu errichten. Hier aber widersprach der König; er wollte sein Wort +halten, auch jetzt noch jede Feindseligkeit gegen deutsche Bundesstaaten +unterlassen, und ließ den kampflustigen Finanzminister an die Rücksichten +erinnern, die man dem Deutschen Bunde schulde. + +Die offene Sprache der preußischen Diplomatie erweckte allerdings Angst +und Reue an einigen der kleinsten Höfe. Der Fürst von Sondershausen, +dessen Unterherrschaft unter dem Schutze des preußischen Zollsystems +aufblühte, war mit seiner Oberherrschaft dem Handelsverein beigetreten und +ließ durch sein Geheimes Konsilium das Berliner Kabinett bitten, »diese +abgedrungene Maßregel nicht übel zu deuten«. Darauf erwiderte das +Auswärtige Amt: man hoffe, »daß ein pp. Konsilium keinen Augenblick +darüber im Zweifel sein werde, was in der Wahl zwischen der Festhaltung an +dem bisher bestehenden Verhältnis mit Preußen und zwischen der Teilnahme +an einer neuen Verbindung zu tun oder zu lassen sei«. Nun bat der Fürst in +einem eigenhändigen Briefe den König um Verzeihung und flehte, ihn »mit +allergnädigster Nachsicht zu beurteilen und der unschätzbaren hohen Gnade +nicht für unwert zu halten«. Auch der Herzog von Gotha schrieb an +Wittgenstein (16. Dezember): er erfahre »zu seiner größten Verwunderung«, +daß Preußen mit dem Handelsvereine nicht einverstanden sei; nimmermehr sei +ihm in den Sinn gekommen, den preußischen Hof, dessen Gunst so wertvoll, +zu verletzen. + +Gegen die größeren Staaten des Vereins war mit so sanften Mitteln nichts +auszurichten. Motz behielt doch Recht, da er an Bernstorff schrieb: »Ich +bin der Meinung, daß andere Rücksichten, welche nicht durch die +bestehenden Verträge geboten werden, gegen die betreffenden, uns in +finanzieller Hinsicht nur feindlich gegenüberstehenden Bundesstaaten wohl +aus den Augen gesetzt werden können, indem der preußische Staat die Macht +und die Kraft hat, seinen hohen und höchsten Interessen die der +Bundesstaaten unterzuordnen, und nach den seit 13 Jahren gemachten +Erfahrungen die Liebe für uns in den Bundesstaaten erst dann zu gewinnen +sein dürfte, wenn sie mit Furcht und Beachtung der bestehenden +Verhältnisse vereinigt bleibt.« Der feurige Mann war entschlossen, den +Handelsverein zu sprengen: gegen offenbare Feindseligkeit reiche die +Politik des Zuwartens nicht mehr aus. »Wir werden es noch dahin bringen, +rief er zuversichtlich, daß einzelne Mitglieder des Mitteldeutschen +Vereins dringend um Aufnahme in den preußischen Verein bitten werden!« Er +hatte noch im Januar bezweifelt, ob eine Verbindung mit dem soweit +abgelegenen Bayrisch-Württembergischen Verein rätlich sei; jetzt faßte er +den glücklichen Gedanken, über den Handelsverein hinweg den süddeutschen +Königskronen die Hand zu reichen und dergestalt durch einen Bund des +Nordens mit dem Süden den mitteldeutschen Sonderbund zu zerstören. + +Zum Heil für Deutschland erwachten um dieselbe Zeit ähnliche Wünsche in +München und Stuttgart. Wie laut auch König Ludwig im ersten Zorne wider +Preußens und Darmstadts Verräterei gescholten hatte, auf die Dauer konnte +er sich doch nicht verbergen, daß seine eigenen kühnen Pläne gescheitert +waren. Nachdem Kurhessen zu den Mitteldeutschen übergetreten, war an eine +Vergrößerung des Süddeutschen Vereins nicht mehr zu denken; der rein +deutsche Bund unter Wittelsbachs Fahnen blieb ein Traum. Ebensowenig +konnte der Verein in seiner vereinsamten Stellung verharren. Auch trat, +wie Metternich vorhergesehen, die alte Abneigung zwischen den beiden +Königen bald wieder hervor. Die Hoffnung auf einen Handelsverein mit der +Schweiz ward zunichte an der Zwietracht der Eidgenossen. So blieb den +oberdeutschen Königen nur die Wahl, entweder mit Preußen oder mit dem +sächsisch-englischen Verein eine Verbindung zu suchen. Hinter Sachsen und +Hannover aber stand Österreich; dies allein genügte, um den König von +Württemberg gegen die mitteldeutschen Verbündeten einzunehmen. Sein neuer +Finanzminister, Freiherr Karl Varnbüler(100), derselbe, der einst in den +Vorderreihen der Altrechtler gestanden, bewährte sich als ausgezeichneter +Geschäftsmann und riet dringend zur Verständigung mit Preußen. Welchen +nennenswerten handelspolitischen Vorteil, außer der Herabsetzung der +Durchfuhrzölle, hatten die Mitteldeutschen zu bieten? Wie sollte der +patriotische König von Bayern sich einlassen in jene unsauberen +Zettelungen mit Frankreich, England, Holland, welche der Mitteldeutsche +Verein mit unbeschämter Stirn betrieb? In der ersten Aufwallung des Zornes +hatte König Ludwig wohl einen Schritt nach Frankreich hinüber getan; ein +Bündnis mit dem Auslande einzugehen, den deutschen Verkehr dem englischen +Handelsinteresse zu unterwerfen, lag dem bei all seiner Wunderlichkeit +grunddeutschen Monarchen ebenso fern wie seinem vertrauten Minister +Armansperg. + +Sobald man in München kaltblütig überlegte, erschien doch selbst Preußens +Verhalten in dem Sponheimer Handel erklärlich. Die Berliner Regierung war +ja durch europäische Verträge verpflichtet, Badens Recht zu schützen; sie +verfuhr, wie König Ludwig selbst zugeben mußte, mit rückhaltloser +Offenheit; ihr Gesandter suchte durch versöhnliche Sprache den erzürnten +Fürsten zu beschwichtigen. Preußen schlug jetzt vor, Bayern und Baden +sollten beiderseits auf ihr Sponheimer Erbrecht verzichten, damit der +leidige Handel für immer aus der Welt geschafft würde. König Ludwig +sträubte sich lange, doch fing er an zu begreifen, daß dies der einzige +Weg sei, um sich mit Anstand aus dem verlorenen Spiele zurückzuziehen. +Gegen den Spätsommer 1828 begannen der Minister und sein königlicher +Freund bereits die Frage zu erwägen, ob nicht eine Annäherung an den +Preußisch-Hessischen Verein unvermeidlich sei. Daß die öffentliche Meinung +in Bayern dieser Annäherung entschieden widerstrebte, war für die Freunde +eher ein Stachel als ein Hemmnis. Voll hochfliegender Begeisterung, +empfänglich für alles Außerordentliche, liebten beide die Welt durch +unerwartete Entschlüsse zu überraschen. Um so schwerer fiel ihnen, die +Demütigung ihres Ehrgeizes, den Schiffbruch ihrer reindeutschen Pläne zu +verwinden. Aber sie vermochten es über sich, das Opfer zu bringen. +Unabweisbar drängten diese trocknen Geschäftsverhandlungen den näher +Beteiligten die Einsicht auf, daß die Deutschen doch zueinander gehörten, +nur durch Mißtrauen, durch Unkenntnis und durch die Selbstsucht, die immer +der schlimmste Feind des eigenen Vorteils ist, einander verfeindet wurden. + +Ganz unerwartet fand sich ein Helfer, der die beginnende Umstimmung am +Münchener Hofe zu fördern und für Deutschlands große Sache zu verwerten +verstand. Der Buchhändler Freiherr v. Cotta(101) war als großer +Geschäftsmann mit Personen und Zuständen des deutschen Nordens näher +vertraut als das schwäbisch-bayrische Beamtentum, und blickte, wie er +schon in dem württembergischen Verfassungskampfe bewiesen hatte, auch in +der Handelssache über die landläufigen süddeutschen Vorurteile weit +hinaus. Unternehmend und beweglich, befreundet mit Nebenius und anderen +namhaften Volkswirten in allen Teilen Deutschlands, erkannte er längst, +daß der süddeutsche Verkehr ohne Preußens freundnachbarlichen Beistand +niemals gesunden könne, und obgleich ihm viel daran lag, die Gunst +Metternichs für seine Allgemeine Zeitung nicht zu verlieren, so faßte er +doch den tapferen Entschluß, als Vermittler aufzutreten. Er besprach sich +insgeheim mit Armansperg, reiste dann im September 1828 nach Berlin zu dem +großen Naturforschertage, der also auch für unsere Politik bedeutsam +werden sollte. Cotta wurde durch Humboldt bei Witzleben(102) und Motz +eingeführt, sprach dort den Gedanken aus, ob nicht eine Verständigung +zwischen Bayern und Preußen möglich sei, und fand den günstigsten Empfang. +Eine überraschende Verwandtschaft der Anschauungen stellte sich heraus. +Motz bekannte, daß er sich längst mit ähnlichen Absichten getragen habe; +im Grunde seien es ja doch nur Mißverständnisse, welche bisher zwischen +den beiden Staaten gestanden. Cotta kehrte heim und schrieb am 20. Oktober +aus München: er habe des Ministers »gnädige Eröffnungen« den Monarchen in +München und Stuttgart mitgeteilt; beide seien von der Notwendigkeit des +Planes überzeugt und hätten bereits die Einladung, dem Mitteldeutschen +Verein beizutreten, zurückgewiesen. Nunmehr zog Motz das Auswärtige Amt in +das Geheimnis und erklärte: »Jetzt ist es wünschenswert, einen +Handelsverein mit Bayern, Württemberg und Baden zu bilden«: der Süden muß +für eigene Rechnung unsere Zollgrundsätze annehmen, namentlich unsere +höheren Tarifsätze auf ausländische Waren, also auch auf die Waren des +Mitteldeutschen Vereins. Solange dieser Verein die vollständige +Verschmelzung mit dem Süden hindert, müssen Preußen-Hessen und +Bayern-Württemberg mindestens ihre eigenen Produkte und Fabrikate +gegenseitig vom Zolle befreien. + +Im November eilte der Unterhändler wieder nach Berlin, diesmal mit einer +förmlichen Beglaubigung versehen, und wurde von dem Könige aufs +freundlichste aufgenommen. Die Berliner erzählten sich mit untertänigem +Erstaunen, der einfache Buchhändler sei zur Tafel gezogen worden. Motz gab +ihm nach längeren Verhandlungen die Punktation des Vertrags mit auf den +Weg. Triumphierend meldete Cotta am 17. Dezember aus München: »Alles, was +ich mitbrachte, war hier höchst erfreulich und willkommen«, bei König +Ludwig wie bei dem Minister Armansperg. »Beide sind von den großartigen +Ideen ergriffen, die einer Verbindung Preußens mit Bayern und Württemberg +nach den von Hochdenselben entwickelten Grundsätzen als Leitstern vorgehen +und zur Richtschnur dienen. Ich sehe schon im Geiste Ihre herrliche Idee +in kurzer Frist realisiert«. Und am 20. Dezember nochmals: Wird auch Baden +gewonnen, »so wäre der Grundstein im Süden Deutschlands zu dem Gebäude +gelegt, das Ihr verehrter König und Sie zum Wohle und Gedeihen +Deutschlands im Auge haben«. + +Motz erwiderte: er hoffe »ein Werk zu begründen, an welchem nicht nur wir +und unsere Zeitgenossen, sondern auch unsere Nachkommen Freude haben +werden«. Der Mitteldeutsche Verein müsse offen bekämpft werden, »denn was +wir gemeinschaftlich suchen, ein soviel möglich allgemeiner Markt in +Deutschland, wird für Bayern, Württemberg und Preußen durch die Grundsätze +dieses neutralen Vereins nicht nur befördert, sondern viele diesem +Verlangen entgegenstehende Hindernisse nur noch mehr stabiliert«. +Gleichzeitig schrieb er an den Kronprinzen von Preußen, der sich gerade am +Münchener Hofe aufhielt, enthüllte ihm das Geheimnis der Mission Cottas, +bat dringend um Unterstützung: der Vertrag sei politisch und +volkswirtschaftlich hochwichtig, wenngleich die Zolleinnahmen wohl +zunächst einige Einbußen erleiden würden. Der Prinz, der dem geistreichen +Minister längst wohl wollte, nahm sich denn auch der Verhandlungen eifrig +an. + +Am 9. Januar 1829 konnte Cotta aus Stuttgart berichten, daß auch König +Wilhelm die Hauptgrundsätze der preußischen Punktation gebilligt habe, und +gegen Ende des Monats erschien der Unermüdliche zum drittenmal in Berlin. +Der preußische Minister verlor zuweilen fast die Geduld bei allen den +ängstlichen Vorbehalten, welche der süddeutsche Unterhändler stellen +mußte, und klagte bitterlich über diesen »Hökerkram«. Gegen die +vollständige Zollbefreiung der eigenen Produkte erhob Bayern Bedenken; man +fürchtete in München die überlegene rheinische Industrie. Auch mit seinem +Vorschlage, daß die bayrische Pfalz sofort dem preußischen Zollverein +beitreten solle, drang Motz nicht durch; der Stolz der bayrischen Krone +widerstrebte, auch der Münchener Landtag hätte der unerläßlichen +Abänderung des pfälzischen Steuerwesens niemals zugestimmt. Noch weniger +war auf Badens Beitritt zu hoffen. Der kleine Staat wollte die günstige +Gelegenheit benutzen, um seinen Länderbestand für alle Zukunft +sicherzustellen; er forderte, daß vor den Zollverhandlungen der Sponheimer +Streit beigelegt werde. Da König Ludwig darauf nicht einging, so erkannte +das Berliner Kabinett im Laufe des Winters selbst, daß man nicht wohl tue, +die Verhandlungen noch mehr zu verwickeln, und ließ Baden vorläufig aus +dem Spiele. + +Am 6. März 1829 begannen endlich die amtlichen Verhandlungen in Berlin. +Die süddeutschen Kronen waren durch ihre Gesandten Luxburg und Blomberg +vertreten, den Ausschlag gab Cotta, der von beiden Königen Vollmacht +hatte. Für Preußen erschienen Eichhorn und Schönberg, dazu Motz, Maaßen +und Finanzrat Windhorn. Auch Hofmann kam aus Darmstadt herüber. Die ersten +Kräfte der Regierung waren aufgeboten; es galt, die Brücke über den Main +zu schlagen. Am 27. Mai 1829 wurde der Vertrag unterzeichnet. Preußen- +Hessen und Bayern-Württemberg versprachen einander bis zum Jahre 1841 +Zollfreiheit für alle inländischen Erzeugnisse der Natur, des +Gewerbefleißes und der Kunst; nur für eine Reihe wichtiger Fabrikwaren +sollte, auf Bayerns Andringen, zunächst bloß eine Zollerleichterung um +25 Prozent eintreten, bis allmählich die völlige Befreiung erfolgen könne. +Beide Teile verpflichteten sich, ihre Zollsysteme mehr und mehr in +Übereinstimmung zu bringen; alljährlich sollten Bevollmächtigte +zusammentreten »zur Befestigung und Erweiterung dieses Vertrags«. Auch ein +Zollkartell wurde für die Zukunft verabredet. Der Vertrag trug in allem +den Charakter eines Provisoriums; er begründete die engste Form +handelspolitischer Vereinigung, die sich erreichen ließ, so lange die +Länder der Verbündeten nicht in festem geographischen Zusammenhange +standen. Alle Beteiligten fühlten, daß sie erst im Beginn einer Zeit +gemeinsamer handelspolitischer Aktion standen; sie verpflichteten sich zu +Protokoll, Handelsverträge mit solchen Ländern, die an mehrere +Vereinsstaaten zugleich angrenzten, also vornehmlich mit Baden, nur im +gemeinsamen Einverständnis abzuschließen. + +Unbeirrt durch die Peinlichkeit der Einzelverhandlungen hielt Motz seinen +Blick fest auf die großen Verhältnisse des Vaterlandes gerichtet; er +wußte, daß er seinem Staate die Bahn zu einer stolzen Zukunft geöffnet +hatte. Im Juni sprach er sich gegen den König über die politische +Bedeutung der geschlossenen Verträge offen aus. Seine Denkschrift wirft +zuerst einen Rückblick auf die vollendete Unfähigkeit des Bundestags, der +niemals in förmliche Beratung über die Handelseinheit getreten sei; selbst +während der Not von 1817 habe man in Frankfurt nur genau soviel getan, »um +den föderativen Nachbar, im buchstäblichen Sinne des Wortes, nicht +verhungern zu lassen. Wie konnte dies auch anders sein, da dem Deutschen +Bunde ein großer Staat an der Spitze steht, der das ihm eigentümliche, +seit 50 Jahren schon bestehende, seinem privaten Interesse bis daher +vermeintlich zusagende, mit den Interessen der übrigen Staaten des +Deutschen Bundes aber nicht vereinbarliche Zoll- und Prohibitivsystem +aufzugeben nicht gewillt ist; da andere Bundesmitglieder die +Handelsinteressen ihrer Hauptstaaten denen ihrer Bundeslande unterzuordnen +nicht gemeint sind, vielmehr letztere, natur- und sachgemäß, an die +ersteren festgeknüpft haben; und da wieder andere den Gegenstand mehr nur +aus fiskalischem wie aus staatswirtschaftlichem Gesichtspunkte betrachtet +wissen wollen? Der Deutsche Bund gab damit ein Beispiel, wie die +allgemeine Staatengeschichte bis dahin noch keines aufzuweisen hat«; es +entstand ein Handelskrieg aller gegen alle, »der weit schlimmer war, als +ein innerer Krieg der Waffen nur je hätte sein können«. Dann erinnert Motz +an die patriotischen Bestrebungen des deutschen Handelsstandes, an die +persönlichen Bemühungen der Souveräne von Bayern und Württemberg. Als +gleichzeitig der Bayrisch-Württembergische und der Preußisch-Hessische +Verein sich bildeten, lag die Möglichkeit zweier großen Zollvereine für +ganz Deutschland vor. Da erhob sich unter Österreichs Führung der neutrale +Verein, der den *status quo*, d. h. das Unerträgliche aufrecht erhalten +will; er zwang uns, sogleich weiter zu gehen und das große Handelssystem +zu begründen. + +Dies System, fährt die Denkschrift fort, bietet erstens kommerzielle +Vorteile. Die Verbindung umschließt schon jetzt 20 Millionen Einwohner, +behauptet also den dritten Platz unter den europäischen Staaten, da +Österreich kein einiges Machtgebiet bildet; sie wird auf 25 Millionen +steigen, sobald der Mitteldeutsche Verein wahrnimmt, »daß er ganz und gar +einen eitlen Zweck verfolgt«, und die süd- und mitteldeutschen Staaten +nebst Mecklenburg uns beitreten; sie wird auf 27 Millionen steigen, wenn +auch die anderen Staaten (soweit sie nicht Nebenlande sind), also +Hannover, Braunschweig, Oldenburg und die Hansestädte eintreten. Der +innere Verkehr ist wichtiger als der auswärtige Handel, jener schlägt +dreimal, dieser einmal im Jahre das Kapital um. Manche deutsche Staaten +erhalten durch das Handelssystem einen zwanzig- bis zweihundertmal +größeren Markt für ihre Produkte. Dazu kommen zweitens die finanziellen +Vorteile. Der Satz: »je billiger die Abgabe, desto größer der Ertrag«, +wird sich auch diesmal bewähren, wenngleich vielleicht die erste +Übergangszeit einige Ausfälle bringen mag. Wichtiger ist drittens der +politische Gewinn. »Wenn es staatswissenschaftliche Wahrheit ist, daß +Zölle nur die Folge politischer Trennung verschiedener Staaten sind, so +muß es auch Wahrheit sein, daß Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und +Handelsverbande zugleich auch Einigung zu einem und demselben politischen +System mit sich führt.« + +Nun wird in großen Zügen die friderizianische Politik den Wittelsbachern +gegenüber geschildert: wie Friedrich den ersten Nichtösterreicher, +Karl VII., auf den Kaiserthron erhoben, dann durch den bayrischen +Erbfolgekrieg und den Fürstenbund Bayern dreimal vom Untergange gerettet +habe. Preußen hat bisher von alledem noch keine Frucht geerntet. Bayerns +feindselige Haltung zur Zeit des Rheinbundes und der Ansbach-Baireuther +Händel erklärt sich nur aus »der totalen Verwirrung und Verirrung der +Staatenpolitik« jener revolutionären Tage. Heute aber kann Preußen kein +Mißtrauen mehr einflößen, sondern muß wünschen, »mit allen den Staaten, +die nur von wahrhaft deutschem Interesse geleitet und Preußen mit offenem +Vertrauen ergeben sind, nicht aber etwa den Besitz deutscher Provinzen +bloß als Vehikel für Förderung der Interessen ihrer größeren auswärtigen, +Deutschlands Interessen fremden Staatenkörper zu benutzen streben, in +jeder Beziehung, politisch und kommerziell, sich recht innig und recht +enge zu verbinden«. Möglich bleibt doch der für jetzt allerdings »nicht +leicht gedenkbare« Fall, daß entweder ein allgemeiner Krieg ausbräche, +oder »daß der Deutsche Bund in seiner jetzigen Gestalt sich einmal +auflöste und mit Ausschluß aller heterogenen Teile sich neu gestaltete«; +dann würde unser Handelssystem ungeheuer wichtig werden. Viertens bringt +uns das Handelssystem eine militärische Verstärkung um 92000 Mann. Bayerns +Zutritt entschied die Kriege von 1805 und 1806 zu Napoleons Gunsten, +desgleichen der Rheinbund den Krieg von 1809. Gegen Frankreich können wir +unser Rheinland nur decken, wenn wir der bayrischen Pfalz sicher sind; +Österreich aber wird durch den Handelsbund in einem weiten Bogen umfaßt, +kann von Schlesien und Altbayern her zugleich bedroht werden. Die +Denkschrift schließt: »In dieser, auf gleichem Interesse und natürlicher +Grundlage ruhenden und sich notwendig in der Mitte von Deutschland +erweiternden Verbindung wird erst wieder ein in Wahrheit verbündetes, von +innen und von außen festes und freies Deutschland unter dem Schutz und +Schirm von Preußen bestehen. Möge nur das noch Fehlende weiter ergänzt und +das schon Erworbene mit umsichtiger Sorgfalt noch weiter ausgebildet und +festgehalten werden!« + +So der preußische Finanzminister, ein Jahr vor der Julirevolution, zwei +Jahre bevor Paul Pfizer(103) den Briefwechsel zweier Deutschen erscheinen +ließ! Unter allen Äußerungen deutscher Staatsmänner aus jener Zeit ist +keine, die so entschieden mit der Politik des friedlichen Dualismus +bricht, die so rund heraussagt: los von Österreich! Und welche Sicherheit +des Blicks in allem und jedem! Der Mann wußte schon 1829 bis auf einen +geringfügigen Irrtum ganz genau, in welcher Reihenfolge bis zum Jahre 1866 +die deutschen Staaten dem Zollverein beigetreten sind. + +In einem Rundschreiben an ihre Gesandten sprach die preußische Regierung +offen aus: der Vertrag mit Bayern stelle eine noch engere Vereinigung und +die allmähliche Verwirklichung der deutschen Handelseinheit in Aussicht. +Noch blieben am bayrischen Hofe tausend Bedenken zu überwinden. König +Ludwig, gewöhnt an unbedingte Selbstherrschaft, zürnte heftig, weil seine +Unterhändler in einigen Punkten ihre Instruktionen überschritten hatten; +er konnte das alte süddeutsche Mißtrauen gegen die preußischen Kniffe +nicht überwinden, mäkelte an jedem Worte, fürchtete überall doppelte +Auslegung. Auch der berühmte Streit über das *Alternat*(104), der in jenen +Tagen die Mußestunden der Bundestagsgesandten würdig ausfüllte, wirkte +störend. Die königlichen Höfe wollten den großherzoglichen wohl die +Gleichberechtigung beim Vortritt, doch nicht bei den Unterschriften +zugestehen; nach vielem Herzeleid behalf man sich endlich, fertigte nur +zwei Haupturkunden aus, die eine für Preußen-Hessen, die andere für +Bayern-Württemberg gemeinsam. Dazu die begreifliche Furcht des Münchener +Hofes vor der Kleinmeisterei seines Landtags. Cotta bat inständig: »nicht +zu vergessen, daß wir selbst Vorurteilen fröhnen müssen, um die höheren +großen Zwecke zu erreichen, besonders den Verein«. In gleichem Sinne +schrieb Armansperg an Motz: »das gewiß segensreiche Werk, welches durch +den Handelsvertrag nunmehr in das Leben treten wird, verdankt Deutschland +größtenteils der Großartigkeit Ihrer Ideen und der tätigen Sorgfalt, womit +Ew. Exzellenz die Unterhandlungen leiteten und jede Einseitigkeit zu +entfernen strebten. Wenn dem Geiste Ew. Exzellenz manches, wonach unsere +Wünsche zielen, kleinlich erscheinen wird, so mögen Sie in Erwägung +ziehen, daß in den Hallen der Stände manch Kleinliches hauset und nicht +immer durch die Waffe der Vernunft bekämpft und besiegt werden kann« — +worauf dann im Interesse der oberpfälzischen Hammerwerke gebeten ward, die +groben Eisenwaren unter die Ausnahmeartikel zu stellen. Im Laufe des +Sommers hat Cotta selbst in Brückenau und Friedrichshafen die letzten +Bedenken der beiden süddeutschen Könige beschwichtigt; sie ratifizierten, +überhäuften den gewandten Unterhändler mit Gunst. König Wilhelm zeigte +sich ebenso unbefangen wie sein Minister Varnbüler; von den alten +cäsarischen Träumen war keine Rede mehr. Dann schickte Preußen zwei seiner +besten Finanzmänner, Sotzmann und Pochhammer, nach München, um die neuen +Zolleinrichtungen einführen zu helfen. Die bayrischen Beamten erstaunten, +soviel Geduld und Schonung bei den verrufenen Preußen zu finden; in +gemeinsamer ernsthafter Arbeit trat man einander näher. + +Nun der schwere Entschluß gefaßt war, segelte König Ludwig sogleich mit +rastlosem Ungestüm in dem neuen Fahrwasser dahin. Er pries in +überschwenglichen Worten die Redlichkeit, die Mäßigung, die Größe der +Ansichten des Berliner Kabinetts, versicherte dem Bildhauer Rauch, wie +stolz er sei, mit dem Staate Friedrichs Hand in Hand zu gehen, wie +rechtschaffen und weise König Friedrich Wilhelm sich gehalten habe. Die +öffentliche Meinung im Süden nahm den Vertrag voll Mißtrauens auf; eine +Deputation, die dem Könige den Dank der guten Stadt Nördlingen aussprach, +blieb eine vereinzelte Erscheinung. In den höheren Kreisen des bayrischen +Beamtentums fühlte man doch, daß endlich nach langen Irrfahrten fester +Ankergrund gefunden sei. Der Bundestagsgesandte Lerchenfeld erhielt +strenge Weisung, sich der mitteldeutschen Zettelungen zu enthalten, und +wirkte fortan zu Frankfurt und Kassel redlich mit seinen preußischen +Genossen zusammen. Die freieren Köpfe ahnten von vornherein, daß dies +gesunde naturgemäße Bündnis zwischen den beiden größten deutschen Staaten +weiter führen mußte. Schon bei den Berliner Verhandlungen hatte Hofmann +die Frage aufgeworfen, ob nicht Preußens westliche Provinzen mit dem Süden +sogleich einen wirklichen Zollverein bilden sollten. In dieser unreifen +Form war der Gedanke für Preußen unannehmbar. Sobald man den Vertrag +ausführte, zeigte sich jedoch rasch, daß man nicht auf halbem Wege stehen +bleiben konnte. Die bayrische Rheinpfalz erhielt bayrische Mauten, da man +sich in München nicht hatte entschließen können, sie dem preußischen +Zollsystem einzufügen. Das Ergebnis war trostlos: die Provinz brachte im +Jahre 1830 nur 165000 Gulden an Zöllen auf, während die Grenzbewachung +248000 Gulden verschlang. Der Landrat der Pfalz bat und klagte; der +Zustand konnte nicht dauern. Schon im Februar 1830 fragte der unermüdliche +Cotta bei Hofmann vertraulich an, wie man denn bei vollständiger +Zollgemeinschaft mit den preußischen Behörden auskomme. Hofmann antwortete +mit einem warmen Lobe für die preußischen Beamten, die sich zwar anfangs +sehr mißtrauisch zeigten, nachher aber, sobald sie die Zuverlässigkeit der +hessischen Verwaltung kennen lernten, ganz umgänglich wurden. + +Das Ausland und seine Gesellen, die Mitteldeutschen, sahen mit wachsendem +Schrecken, wie Preußens Handelspolitik binnen Jahresfrist einen zweiten +großen Erfolg errang. Vergeblich hatte das sächsische Kabinett noch +während der Berliner Verhandlungen den Münchener Hof für den +mitteldeutschen Bund geworben; vergeblich war der Nassauer Röntgen, jener +alte vielgeschäftige Feind Preußens, nach Stuttgart gereist, um dort +vorzustellen: Motz, der ruchlos ehrgeizige Kraftmensch, wolle Preußen +durch die Entfesselung der industriellen Kräfte zur leitenden deutschen +Macht erheben. In Berlin selbst arbeiteten einige Agenten des +mitteldeutschen Vereins, so der Frankfurter Senator Guaita. Österreich +sendete den Hofrat Eichhof nach München, um Bayern durch das Angebot +einiger geringfügigen Handelserleichterungen von Preußen hinwegzulocken +und zugleich den König Ludwig zu erinnern, wie feindselig Preußen in der +Sponheimer Sache gehandelt habe. Münch in Frankfurt versuchte wieder +einmal, den Darmstädter Hof gegen Hofmann, »dies Werkzeug Preußens«, +einzunehmen. Die Diplomatie Englands, Frankreichs, Hollands — voran Lord +Erskine und Graf Rumigny in München — ward nicht müde, vor Preußen zu +warnen. Von allen fremden Mächten zeigte sich wieder nur Rußland als ein +treuer Freund Preußens; Anstett in Frankfurt sprach offen und +nachdrücklich für die Berliner Handelspolitik. + +Nach und nach begann doch die vollendete Tatsache ihren Zauber zu üben. +Wie lange sollte man noch die Klagen der mißhandelten Nation ertragen? Wie +lange noch sich abquälen an allezeit vergeblichen Sonderbünden, während +Preußen jede handelspolitische Verhandlung regelmäßig erfolgreich +hinausführte? Selbst Blittersdorff, der rastlose Parteigänger Österreichs, +gab nunmehr die Sache Habsburgs fast verloren. Wenn Preußen, so schrieb +er, alle deutschen Staaten unter seinem Handelssystem vereinigt, dann ist +Österreich faktisch aus dem Deutschen Bunde hinausgedrängt! Der Verkehr +wird dadurch nicht zentralisiert, sondern, bei der großen Anzahl unserer +kleinen Mittelpunkte, überall gleichmäßig belebt werden. Die Gefahren für +die Souveränität sind geringer in einem großen Zollverein, als wenn man +versucht, der Zeit in den Weg zu treten. — + +Die preußisch-bayrischen Verhandlungen blieben ein Schlag ins Wasser, +solange der Verkehr zwischen den beiden Staaten den willkürlichen +»Retorsionen« des mitteldeutschen Vereins unterlag. Die neue Straße von +Westfalen durch das darmstädtische Gebiet verband nur die westlichen +Provinzen Preußens mit den Ländern der süddeutschen Bundesgenossen und +führte überdies in der Frankfurter Gegend einige Stunden lang durch +mitteldeutsches Vereinsland. Sollte der preußisch-bayrische Bund +Lebenskraft gewinnen, so war eine zollfreie Straße zwischen den +Hauptmassen der beiden verbündeten Zollvereine unentbehrlich. Da erinnerte +sich Motz zur guten Stunde an den Straßendünkel des Meininger Reiches und +an jenen untertänigen Entschuldigungsbrief des Gothaer Herzogs. Wie nun, +wenn Preußen dem Meininger Lande die Mittel bot, jene Welthandelsstraße +zwischen Italien und der Nordsee wirklich zu bauen? Der Wunsch, den +Verkehr im Lande zu halten, blieb ja der höchste Gedanke, dessen die +Handelspolitik der Kleinstaaten jener Tage fähig war. Wie oft sind die +Staatsmänner der Ernestiner nach München oder Berlin geeilt, um durch +dringende Bitten den Bau einer Umgehungsstraße zu verhindern; wie jammerte +Frankfurt, da im Frühjahr 1829 ein Spediteur Waren aus der Schweiz nach +Leipzig über Nürnberg sendete und billigere Fracht berechnete als seine +Frankfurter Konkurrenten. Diese Straßenpolitik war das beste Rüstzeug des +Mitteldeutschen Vereins, und Motz beschloß, die Verbündeten mit ihren +eigenen Waffen zu schlagen. Er eröffnete Verhandlungen mit Meiningen und +Gotha, noch bevor der bayrische Vertrag abgeschlossen war. Der Herzog von +Koburg kam selbst nach Berlin. Am 3. Juli 1829 wurde mit Meiningen, tags +darauf mit Gotha ein Vertrag geschlossen, »um die Hindernisse zu +beseitigen, die vorzüglich durch örtliche Verhältnisse dem Handel und +gewerblichen Verkehr entgegenstehen«. Die drei Staaten verpflichteten sich +gemeinsam, einen großen Straßenzug zu bauen von Langensalza über Gotha +nach Zelle, von da über Meiningen nach Würzburg und über Suhl, +Hildburghausen, Lichtenfels nach Bamberg. Preußen schoß den kleinen Herren +die Gelder vor. Der Durchfuhrhandel auf den neuen Straßen wurde völlig +freigegeben. Dazu mehrfache Zollerleichterungen und freier nachbarlicher +Verkehr zwischen Meiningen, Gotha und Preußens thüringischen Enklaven. Es +war dieselbe Straße quer über den Kamm des Thüringer Waldes, die nachher +in der Eisenbahnpolitik des Deutschen Reiches noch einmal eine bedeutsame +Rolle spielen sollte. + +Diese beiden unscheinbaren Verträge haben in Wahrheit den Mitteldeutschen +Verein vernichtet. Denn jetzt erst erhielt der preußisch-bayrische Vertrag +praktischen Wert. Motz eilte selbst nach Thüringen, um den raschen Ausbau +der Straßen zu fördern. Sobald dieser zollfreie Straßenzug vollendet war, +standen die beiden verbündeten Zollvereine in gesicherter geographischer +Verbindung, ihre völlige Verschmelzung blieb nur noch eine Frage der Zeit. +Zugleich hatte das Berliner Kabinett mit Mecklenburg den Bau einer neuen +Straße von Hamburg nach Magdeburg verabredet. Der mächtige Warenzug +zwischen der Nordsee und der Schweiz ward von Hannover, Kassel und +Frankfurt hinweggelenkt auf die Straße Magdeburg-Nürnberg. Der +Mitteldeutsche Verein, der Bayern und Preußen auseinander halten sollte, +wurde durch einen Meisterstreich der preußischen Diplomatie selber in der +Mitte zerspalten. Immer wieder drängt sich der Gedanke auf, wieviel +langsamer der Knoten sich hätte entwirren lassen, wenn ein Reichstag die +diplomatische Aktion des Berliner Hofes lähmte. Wer diese unterirdische +Arbeit auf ihren verschlungenen Wegen verfolgt, der muß, wo nicht +billigen, so doch verstehen, daß ein freier Geist wie Trendelenburg(105), +damals den preußischen Absolutismus als einen Segen für Deutschland pries. + +Preußen vollzog mit jenen zwei Verträgen nur eine Tat erlaubter Kriegslist +wider erklärte Gegner, und doch keinen feindseligen Schritt, keine +gehässige Retorsion. Die Niederlage des Mitteldeutschen Vereins war um so +vollständiger, da niemand das Recht hatte, sich über Preußen zu beklagen. +Während sonst die Handelspolitik den Feind durch Handelserschwerungen zu +schlagen sucht, entwaffneten Motz und Eichhorn den Kasseler Sonderbund +durch die Erleichterung des deutschen Verkehrs; sie konnten sogar den Dank +der Mitteldeutschen beanspruchen für die Eröffnung einer zollfreien +Straße. Den beiden thüringischen Fürsten freilich gereichte der Hergang +nicht zur Ehre. Verlockt durch die Aussicht auf den Besitz einer großen +Handelsstraße, wurden die Herzöge zu Verrätern an ihren mitteldeutschen +Verbündeten. Sie verletzten zwar nicht den Wortlaut, doch den Sinn des +Kasseler Vertrages, der den Bundesgenossen allerdings den Abschluß von +Handelsverträgen gestattete, aber unzweifelhaft den Zweck verfolgte, die +Erweiterung des preußischen Zollsystems zu verhindern. Das böse Beispiel +weckte bald Nachahmung. Der Mitteldeutsche Verein, gegründet durch +partikularistische Selbstsucht, sollte ein würdiges Ende finden; er sollte +nach und nach zerbröckeln durch ein frivoles Spiel mit Treu und Glauben. + +Zugleich bereitete Motz in diesem tatenreichen Sommer den Mitteldeutschen +noch eine Überraschung, die ihrem Handel Segen, ihrem Sonderbunde +Verderben brachte. Er verständigte sich mit den Niederlanden über die +Rheinschiffahrt und eröffnete also seinen süddeutschen Verbündeten die +Aussicht auf freien Verkehr mit der Nordsee. Sobald der britische Kaufmann +seine Waren zollfrei rheinaufwärts bis nach Frankfurt und Mannheim senden +konnte, mußte England das Interesse an dem Mitteldeutschen Verein +verlieren, und dem Sonderbunde war eine mächtige Stütze entzogen. — + +Nach so gründlichen Niederlagen hätten ernsthafte Staatsmänner den +Sonderbund als einen verunglückten Versuch sofort aufgeben und eine +Verständigung mit den überlegenen Zollvereinen des Südens und des Nordens +suchen müssen. Doch die unverwüstliche Zanksucht dieser kleinen Höfe +wollte nicht Frieden halten, ihr Dünkel sträubte sich gegen ein +beschämendes Geständnis. Der sächsische Gesandte in Wien, Graf +Schulenburg, wußte Wunder zu berichten von den Handelserleichterungen, die +Metternich in allgemeinen Andeutungen dem Verein versprach; ähnliche +Zusagen, ebenso unbestimmt gehalten, gab der französische Gesandte Graf +Fenelon dem Nassauer Hofe. In Hannover lebte ungebrochen der alte +Welfenstolz; Graf Münster bot alle kleinen Künste auf, um den Meininger +Herzog durch seine Schwester, die Herzogin von Clarence, von Preußen +abzuziehen. Im Februar 1829 war Varnhagen von Ense(106) von der +preußischen Regierung nach Kassel und Bonn gesendet worden, um nochmals +eine Beilegung des ehelichen Zwistes im kurfürstlichen Hause zu versuchen. +Er hatte sich des undankbaren Auftrags mit erstaunlichem Ungeschick +entledigt, bei Hruby, dem grimmigen Feinde Preußens, sich belehren lassen +über die Lage. Das Ende war, daß die beiden Gatten unversöhnlicher denn je +einander gegenüberstanden, und der Kurfürst in schäumender Wut seinem +königlichen Schwager Rache schwur. So geschah es, daß das längst verlorene +Spiel der Mitteldeutschen noch durch einige Jahre fortgesetzt wurde, bis +Preußen den Gegnern auch den letzten Stein aus dem Brette geschlagen +hatte. + +Seit dem Juni 1829 tagte in Kassel abermals der Kongreß der +Mitteldeutschen — ein Bild vollendeter Ratlosigkeit, ohnmächtigen Grolles. +Alles tobte wider die Verräter in Meiningen und Gotha, die dem Verein »ein +wichtiges Objekt« geraubt hatten; man sendete Kommissäre hinüber, um die +beiden Herzöge zu verwarnen. Alles zitterte vor der freien preußischen +Handelsstraße Hamburg-Nürnberg. Selbst die patriotische Hoffnung, daß +Dänemark vielleicht den Bau jener Straße hindern werde, bot keinen Trost; +denn das kleine Stück holsteinischen Gebiets zwischen Hamburg und der +mecklenburgischen Grenze konnte leider auf der Elbe umgangen werden! Der +nassauische Bevollmächtigte Röntgen pflegte auch dem befreundeten +badischen Hofe Bericht zu erstatten über den Gang der Verhandlungen. Diese +Berichte wurden von Karlsruhe getreulich der preußischen Regierung +mitgeteilt; man kannte also in Berlin aus erster Quelle die rettungslose +Verwirrung des feindlichen Lagers. Schon in einer der ersten Sitzungen +warf ein Bevollmächtigter die wohlberechtigte naive Frage auf: »worin denn +eigentlich das materielle Wesen des Vereins bestehe?« Man fühlte, daß man +»eine Gesamtautonomie gründen müsse, um die eigene Autonomie zu bewahren«. +Man verlangte nach einem »Gemeingut«, das als Unterhandlungsmittel gegen +Preußen dienen solle. Die Lächerlichkeit eines Zollvereins ohne gemeinsame +Zölle begann zwar einzelnen einzuleuchten; selbst Nassau meinte, die +Vorteile des freien Binnenhandels überwögen unendlich jede Erleichterung +des ausländischen Verkehrs. Aber, hieß es dawider, »würde der Verein ein +wirklicher Mautverband, so müßten wir schließlich doch preußische Farbe +annehmen!« Sechs Kommissionen wurden gebildet, um im Stile des Bundestages +über alle erdenklichen Fragen der Verkehrspolitik hin und her zu reden. +Absonderliche patriotische Freude erregte der Vorschlag, den 21 Guldenfuß +anzunehmen und also »das preußische Geld zu verdrängen«. + +Von neuem tauchte der Gedanke auf, mehrere Bünde im Bunde zu bilden — +zwei, drei oder vier, was verschlug es? Diese politischen Mollusken ließen +sich doch in jede beliebige Form pressen. Hannover wünschte einen +Sonderbund der Küstenstaaten. In lehrhafter Denkschrift bewies Smidt von +Bremen, daß die Vereinsstaaten teils in horizontaler, teils in vertikaler +Richtung zu den großen deutschen Handelsstraßen lägen; sie möchten also +zwei oder drei Gruppen bilden. Die freie Stadt Bremen, versteht sich, +müsse unabhängig bleiben, denn sie »qualifiziert sich von selbst als eine +Ausnahme von der Regel des Handelsvereins«. Indes begann dem gewiegten +Handelspolitiker doch unheimlich zu werden; er riet dringend zu +Verhandlungen mit den beiden anderen Zollvereinen. + +Unverhohlen sprach sich die ängstliche Unlust der thüringischen Staaten +aus. Reuß beantragte sofort Verhandlungen mit Preußen zu eröffnen; +Meiningen und Gotha drohten, ihres eigenen Weges zu gehen, wenn der Verein +nicht mit Preußen sich verständige. Geschäftig trugen die Bevollmächtigten +der kleinen Thüringer dem preußischen Gesandten Hänlein die Geheimnisse +des Vereins zu. Doch die größeren Staaten Hannover, Sachsen, Hessen, +Weimar blieben hartnäckig. Die rastlosen Treiber Carlowitz, Grote, Conta +brachten endlich am 11. Oktober 1829 einen neuen Bundesvertrag zustande. +Die Verpflichtung, einseitig keinem auswärtigen Zollverein beizutreten, +wurde verlängert bis zum Jahre 1841, weil der preußisch-bayrische Vertrag +bis zu diesem Jahre währte. Die Durchfuhrzölle auf den großen, das Ausland +mit dem Auslande verbindenden Straßen sollten nur nach gemeinsamer +Verabredung verändert werden. Es lag auf der Hand, daß dieser Artikel +allein bestimmt war, den Verkehr zwischen Preußen und Bayern zu +erschweren, die Wiederholung der Gothaer und Meininger Vorgänge zu +verhindern. Preußen versuchte auch sofort den Beschluß zu hintertreiben. +Eichhorn schrieb an Bülow in London: »von der kurhessischen Regierung ist +man schon lange gewohnt, daß sie das Verkehrte tut und keine Verhältnisse +achtet«; unbegreiflich aber sei Hannovers Verhalten; der Gesandte solle +daher in London nachdrückliche Beschwerden erheben. Trotzdem ging der +Beschluß durch, und nach dieser unzweideutigen Feindseligkeit bestimmte +man in Kassel noch, daß Sachsen, Hannover und Kurhessen im Namen des +Vereins Verhandlungen mit Preußen eröffnen sollten — jenes Kurhessen, das +sich in den gröbsten Beleidigungen gegen den Berliner Hof erging! + +Im übrigen blieb auch dieser zweite Vertrag nahezu inhaltlos; keine irgend +erhebliche Verkehrserleichterung war vereinbart. Daher erhob sich sofort +nach dem Abschlusse des Vertrages überall heftiger Widerstand. Die +Ratifikation konnte erst im April 1830 erfolgen. Meiningen und Gotha +versagten ihre Zustimmung. Die reußischen Länder folgten am 9. Dezember +1829 dem Beispiel ihrer Nachbarn, sie vereinbarten mit Preußen +Handelserleichterungen und Straßenbauten und versprachen, dem preußischen +oder dem bayrischen Verein beizutreten, sobald sie ihrer Pflichten gegen +die Mitteldeutschen ledig seien. Im Frankfurter gesetzgebenden Körper +fragte man murrend: warum verständige Kaufleute sich verpflichten sollten, +zwölf Jahre lang nichts zu tun? Einflußreiche Firmen forderten den +Anschluß an Preußen, selbstverständlich nicht zu gleichem Rechte: das +mächtige Frankfurt sollte nur »einen Freihafen des preußischen Vereins« +bilden. Die Stadt litt schwer; Spedition und Fabriken begannen nach +Offenbach überzusiedeln. Dennoch behauptete die österreichische Partei die +Oberhand. Sachsen und Weimar, erschreckt durch den schwunghaften +bayrisch-preußischen Verkehr dicht neben ihren Grenzen, knüpften ihre +Ratifikation an den Vorbehalt: vom Jahre 1835 müsse ihnen der Austritt +freistehen, falls bis dahin Preußen und Bayern zu einem Zollverein sich +verschmolzen hätten. Der rastlose Röntgen reiste von einer preußischen +Gesandtschaft zur anderen, versuchte sich zu entschuldigen: wer hätte denn +vor einem Jahre ahnen können, daß Preußen in der orientalischen Frage und +in den Zollsachen eine so glückliche Rolle spielen würde? Als Maltzan +allen Anzapfungen nur ein diplomatisches Schweigen entgegensetzte, fuhr +der beleidigte Nassauer heraus: »Es ist unrecht, auch den kleinsten Feind +zu mißachten« — worauf jener verbindlich erwiderte: »Also Ihr seid unsere +Feinde?« Endlich genehmigte Nassau den Vertrag nur mit der Erklärung: als +unbedingt verpflichtend könne er nicht gelten. So drohten Abfall und +Verrat von allen Seiten her. + +Bei der verblendeten Selbstüberschätzung dieser Kabinette läßt sichs nicht +leicht entscheiden, ob die drei führenden Mittelstaaten ernstlich hofften, +Zugeständnisse von Preußen zu erlangen, oder ob sie die Verhandlungen mit +dem Berliner Hofe lediglich begannen, um ihre unzufriedenen thüringischen +Bundesgenossen zu beschwichtigen. Genug, das hannöversche +Kabinettsministerium richtete schon am l4. August an Bernstorff die Frage, +ob Preußen mit den Verbündeten unterhandeln wolle, und fügte in der +üblichen hochtrabenden Weise hinzu: »Der Verein sei wohl imstande, solche +Vorteile anzubieten, welche die Zugeständnisse aufwiegen dürften«. In +Berlin ergriff man die Gelegenheit, den Mitteldeutschen unumwunden die +Meinung zu sagen und zugleich den nationalen Sinn der preußischen +Handelspolitik ausführlicher als je zuvor darzulegen. Ein +Ministerialschreiben vom 31. Oktober 1829 hielt der hannoverschen +Regierung ihr gehässiges unaufrichtiges Verfahren vor, schilderte +drastisch den Handelsverein, der »nichts Gemeinsames habe als das Motiv, +woraus er entsprang; im übrigen findet man nur ein Aggregat besonderer +Interessen«. Wesentliche Vorteile hat der Verein uns nicht zu bieten, es +müßte denn sein, daß er den Verkehr zwischen unseren Provinzen erschweren +wollte. »Vor dergleichen feindseligen Maßregeln hegt die preußische +Regierung überhaupt keine Besorgnis.« Mit Hannover allein sind wir bereit +zu verhandeln, nicht mit einer Mehrzahl grundverschiedener Staaten. +Preußen hat jetzt, nach den neuesten vorteilhaften Verträgen, noch weniger +als sonst ein unmittelbares Interesse an solchen Verhandlungen, sondern +nur das eine Interesse, »daß dadurch eine engere Verbindung zwischen den +deutschen Völkern begründet und durch diese ein neuer Segen über +Deutschland und dessen einzelne Staaten verbreitet werde. Wird dabei der +Grundsatz befolgt, solche gemeinschaftliche Maßregeln zu verabreden, +wodurch nur in dem eigenen Gebiet bisher bestandene Hemmungen im +gegenseitigen Verhältnis zueinander aufgehoben und keine neuen zur Störung +des Verkehrs mit anderen Staaten angeordnet werden, so kann sich niemand +über eine Vereinigung, welche auf einer solchen Grundlage errichtet wird, +beschweren. Jede solche Vereinigung bildet vielmehr den Übergang zu einer +neuen; und in einer solchen praktisch fortschreitenden Entwicklung, welche +keinem feindseligen Prinzip Raum gibt, läßt sich hoffen, daß allmählich +das Problem einer gegenseitigen Freiheit des Verkehrs zwischen den +deutschen Staaten in dem größtmöglichen Umfange, welchen überhaupt die +Natur der Verhältnisse gestattet, gelöst werde.« Hannover suchte noch +einige unwahre Entschuldigungen vorzubringen, doch allein mit dem Berliner +Hofe zu verhandeln, war dem Welfenstolze unmöglich. + +Sachsen und Kurhessen unterließen nunmehr jede Anfrage; indes konnte sich +der Dresdener Hof eine Rechtfertigung seiner Handelspolitik nicht +versagen. Geh. Rat v. Könneritz(107) — in späteren Jahren als Minister +eine Säule der hochkonservativen Partei —, verfaßte eine Denkschrift im +kursächsischen Kurialstile und wiederholte darin die alten hundertmal +widerlegten Anklagen gegen das preußische Zollsystem. Dann versicherte +»Man annoch fordersamst«: der Mitteldeutsche Verein sei »eine +völkerrechtlich vollkommen statthafte und in der Staatengeschichte gar +nicht ungewöhnliche Übereinkunft mehrerer souveräner Staaten, eine zur +Rettung der dem hiesigen Lande unentbehrlichen Nahrungszweige, des +Fabrikwesens und des Handels, notwendig bedungene Maßregel« — und sprach +sein Befremden aus, daß Preußen dieser unschuldigen Verbindung +entgegenarbeite. Motz, von Eichhorn befragt, ob eine Verhandlung mit +Sachsen rätlich sei, erwiderte: »Sachsen gewinnt durch eine +Zollvereinigung mit Preußen in allen Beziehungen vorzugsweise, und Preußen +kann dieselbe mehr nur in politischer, weniger in finanzieller Beziehung +wünschen. Auch die politischen Vorteile sind mehr in der hierdurch +geförderten Einigung von Deutschland als in dem besonderen Anschluß von +Sachsen an Preußen zu suchen. Sachsen kann freundlicher, rücksichtsvoller +Verhandlungen gewärtig sein, wenn es seine mitteldeutschen Verpflichtungen +aufgibt, deren Dauer den Anschluß an das preußische Zollsystem geradezu +verhindert. Herr v. Könneritz gehört zu den beschränkten einseitigen +Köpfen, deren Belehrung, wenn man auch Zeit daran wenden wollte, ebenso +unfruchtbar bleiben würde als die ganze Idee des Mitteldeutschen Vereins.« +Darauf verwies das Auswärtige Amt dem Gesandten in Dresden, daß er das +anmaßende sächsische Schriftstück angenommen habe, und begnügte sich, die +Beschuldigungen der Denkschrift kurz zu widerlegen. + +Unterdessen arbeitete Hannover heimlich an einem Verein der Küstenstaaten. +Am 27. März 1830 kam zu allgemeiner Überraschung der Eimbecker Vertrag +zustande, ein Werk Grotes, die Grundlage des späteren norddeutschen +Steuervereins. Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Kurhessen +verpflichteten sich, innerhalb des Mitteldeutschen Vereins einen +Zollverein mit gemeinschaftlichen niedrigen Zöllen zu bilden. Vorderhand +war alles freilich noch Entwurf. Daß die Küstenstaaten sich zusammentaten, +erschien nicht ganz unnatürlich; Motz selbst urteilte mild über den +Eimbecker Vertrag. Hannover war nun einmal unfrei der englischen +Handelspolitik gegenüber; auch bestand damals weit verbreitet und +festgewurzelt die Meinung, daß die Volkswirtschaft der Nordseeküste von +den preußischen Zuständen sehr weit abweiche — ein Vorurteil, das erst +nach zwei Jahrzehnten überwunden wurde. Um so mehr mußte die Teilnahme des +Binnenlandes Kurhessen befremden. Die Luft ward schwül in dem +unglücklichen Lande. Die Reichenbach befürchtete einen Aufstand; irgend +etwas, stellte sie dem Kurfürsten vor, müsse geschehen, um das mißhandelte +Volk zu beschwichtigen. Da nun der Kurfürst nicht mit Preußen gehen +wollte, so schloß er den Eimbecker Vertrag, der mindestens an der +hannoverschen Grenze Erleichterungen versprach. — + +Das war die Lage der deutschen Volkswirtschaft, als die Julirevolution +hereinbrach, das alte System in den Hauptstaaten des Mitteldeutschen +Handelsvereins über den Haufen warf und also dem Verein den letzten Stoß +gab. + +Motz selber sollte den vollständigen Sieg seiner Ideen nicht erleben; er +starb, erst vierundfünfzigjährig, am 30. Juni 1830. Er nahm ins Grab die +feste Zuversicht, daß Preußens Handelspolitik die eingeschlagenen Bahnen +nicht mehr verlassen könne; »mein eigenes Departement macht mir am +wenigsten Sorge«, sagte er oft in seinen letzten Tagen. Wie gänzlich hatte +sich Preußens deutsche Machtstellung verändert in den fünf Jahren, seit +dieser Mann den Staatshaushalt leitete! Die ausländische Presse selbst, +die sonst so gleichgültig an den deutschen Dingen vorüberging, fing schon +an aufzumerken. Wenn diese Staaten, schrieb der Constitutionnel, schon die +Einheit ihrer Handelsinteressen erkennen, so werden sie auch bald +entdecken, daß sie dieselben politischen Interessen haben, und das wird +ein Sieg sein über Österreich. Die Edinburgh Review aber sagte mit jener +englischen Bescheidenheit, die sich auch im Lobe nie verleugnet: »Die +preußische Handelspolitik, die vielleicht der jedes anderen Staates in der +Welt überlegen ist, verdankt ihren Ursprung wahrscheinlich dem +Selbstbereicherungstriebe eines absoluten Herrschers.« Vor kurzem noch +verhaßt und gemieden, war Preußen jetzt mit den bekehrten Kernlanden des +Rheinbundes zu einem großen nationalen Zwecke verbündet. Das vor zehn +Jahren von ganz Deutschland bekämpfte preußische Zollgesetz begann bereits +siegreich vorzudringen, und schon ließ sich voraussehen, daß es seine +Herrschaft bis zum Bodensee erstrecken würde. In Berlin, nicht mehr in +Frankfurt und Wien, wurden die großen Geschäfte der Nation erledigt. + +Motz hatte in einem kurzen diplomatischen Kriege, der mit seinen fest und +sicher geleiteten weitverzweigten Verhandlungen an die Entstehung des +fridericizianischen Fürstenbundes erinnert, nicht bloß den Gegenzollverein +nahezu gesprengt, sondern auch durch geistige Waffen die Gegner +geschlagen, den Unsinn des feindlichen Unternehmens dargetan und vor aller +Welt erwiesen, daß Österreich für die Nöte der Nation nur leere Worte +hatte, Preußen die heilende Tat. Nicht eine zufällige Verkettung der +Umstände führte den Süden auf kurze Zeit mit dem Norden zusammen, wie +einst die Genossen des Fürstenbundes. Die Gemeinschaft, die jetzt sich +bildete, war unzerstörbar. Sie entsprang den Lebensbedürfnissen eines +arbeitenden Jahrhunderts, und über ihren unscheinbaren ersten Anfängen +waltete der freie Geist eines Mannes, der fast allein in müder, +verdrossener Zeit schon hellen Auges die schlummernden Kräfte des +germanischen Riesen erkannte, die große Zukunft des »in Wahrheit +verbündeten Deutschlands« ahnte. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 623ff. + + ------------------ + + 65 Maximilian I., Joseph, König von Bayern von 1805–1825, geb. 27. Mai + 1756. + + 66 Staat im Staate. + + 67 August v. Röntgen, geb. 10. Juni 1781, gest. 5. August 1865, damals + nassauischer Gesandter in München. + + 68 Wilhelm (gest. 20. August 1839). + + 69 Ludwig, seit 13. Oktober 1825 König Ludwig I. + + 70 Karl Salomon Zachariä von Lingenthal, geb. 14. September 1769, gest. + 27. März 1843, Professor der Rechte an der Universität Heidelberg, + 1825 Mitglied der zweiten badischen Kammer. + + 71 Ludwig I., geb. 14. Juni 1753, gest. 6. April 1830. + + 72 Preußischer Gesandter am badischen Hofe. + + 73 Karl Ludwig Wilhelm v. Grolman, geb. 23. Juli 1775, gest. 14. + Februar 1829, Professor der Rechte in Gießen, seit 1819 Minister des + Innern und der Justiz. + + 74 Joachim Graf v. Münch-Bellinghausen, geb. 29. September 1786, gest. + 3. August 1866, von 1823–1848 österreichischer Bundestagsgesandter. + + 75 Friedrich Karl Gustav Freiherr v. Langenau, österreichischer + Feldmarschalleutnant, war von 1817–1827 österreichischer + Bevollmächtiger bei der Militärkommission der deutschen + Bundesversammlung. + + 76 Philipp Moritz Freiherr v. Schmitz-Grollenburg, geb. 22. Dezember + 1765, gest. 27. November 1849, seit 1821 als württembergischer + Gesandter in München. + + 77 Joseph Ludwig Graf v. Armansperg, geb. 28. Februar 1787, gest. 3. + April 1853, seit 1826 bayrischer Finanzminister. + + 78 So Treitschke. Doch liegt hier eine Verwechslung mit Joseph v. + Baader vor, der, geb. 30. September 1763, gest. 20. November 1835, + Ingenieur war und um das Eisenbahnwesen in Bayern sich hoch verdient + gemacht hat. Sein Bruder Franz v. Baader war in erster Linie + Philosoph, beschäftigte sich aber auch mit technischen und + naturwissenschaftlichen Studien. + + 79 Napoleons Sohn von Marie Louise, der den Titel eines römischen + Königs trug. + + 80 Emmerich Joseph Herzog v. Dalberg, geb. 30. Mai 1773, gest. 27. + April 1833, Pair von Frankreich und französischer Gesandter am + Turiner Hofe. + + 81 Karl Friedrich Graf Reinhard, Pair von Frankreich, geb. 2. Oktober + 1761, gest. 25. Dezember 1837, damals französischer Gesandter am + Bundestag. + + 82 Als »drittes Deutschland« bezeichnete man die Mittel- und + Kleinstaaten als Gegengewicht gegen Preußen und Österreich. + + 83 Oldwig v. Natzmer, geb. 18. April 1782, gest. 1. Nov. 1861. + + 84 Graf Detlev v. Einsiedel, geb. 12. Oktober 1773, gest. 20. März + 1861, von 1813–1830 als Minister ein Gegner aller Reformen. + + 85 Eduard von Wietersheim, geb. 10. September 1787, gest. 16. April + 1865, damals Kreishauptmann in Plauen, von 1840–1848 sächsischer + Kultusminister. + + 86 Georg August Ernst v. Manteuffel, geb. 26. Oktober 1765, gest. 8. + Januar 1842, Präsident des Geh. Finanzkollegiums, seit 1828 + Konferenzminister, in Sachsen verhaßt wegen seines starren + Widerstandes gegen jede Reform. + + 87 Hans Georg v. Carlowitz, geb. 11. Dezember 1772, gest. 18. März + 1841, von 1821–1827 Königl. sächsischer Bundestagsgesandter. + + 88 Christoph Anton Ferdinand v. Carlowitz, geb. 6. Juni 1785, gest. 21. + Januar 1840. + + 89 Christian Wilhelm Schweitzer, geb. 1. November 1781, gest. 26. + Oktober 1856, anfangs Professor der Rechte an den Universitäten + Wittenberg und Jena, wurde 1818 ins Ministerium berufen als Geheimer + Staatsrat mit Sitz und Stimme im Ministerium, doch ohne ein + bestimmtes Departement. + + 90 Bernh. Aug. v. Lindenau, geb. 11. Juni 1779, gest. 12. Mai 1854, von + 1827–29 sächs. Bundestagsgesandter, darauf Direktor der + Kommerziendeputation, 1830 Kabinettsminister, von 1831 bis 1843 + Staatsminister. — Vor seinem Eintritt in den Königl. sächs. + Staatsdienst war er erst in Sachsen-Gotha-Altenburg tätig, dann nach + der Teilung als Landschaftsdirektor in S.-Altenburg. Literarisch ist + er durch Arbeiten auf dem Gebiete der Sternkunde hervorgetreten. + + 91 Großherz. hess. Geheimrat und Bundesgesandter für die XVI. Kurie, + gest. 6. April 1839. + + 92 Ernst Friedr. Herbert Reichsgraf zu Münster-Ledenburg, geb. 1. März + 1766, gest. 20. Mai 1839, von 1805–1831 Minister für die + hannöverschen Angelegenheiten am Londoner Hofe. + + 93 Aug. Otto Graf Grote, geb. 19. November 1747, gest. 26. März 1830, + hannov. Gesandter in Hamburg. + + 94 Joh. Smidt, geb. 5. November 1773, gest. 7. Mai 1857, anfangs + Professor der Geschichte am Bremer *Gymnasium illustre*, dann + Syndikus und Ratsherr, war 1821–1849 u. 1852–1857 Bürgermeister. + + 95 des bestehenden Zustandes. + + 96 nicht darüber hinaus. + + 97 irgendein Drittes. + + 98 Hans Christoph Ernst Freiherr v. Gagern, geb. 25. Januar 1766, gest. + 22. Oktober 1852, politischer Schriftsteller und einige Jahre als + Gesandter für Luxemburg beim Deutschen Bunde tätig. + + 99 Des satirischen Dichters Gottlieb Wilh. Rabener (geb. 1714, gest. + 1771). + + 100 Karl Freiherr v. Varnbüler, geb. 12. August 1776, gest. 27. April + 1832, württembergischer Finanzminister. + + 101 Joh. Friedrich Cotta, Freiherr v. Cottendorf, geb. 27. April 1764, + seit 1787 Chef der Cottaschen Buchhandlung, vielfältig auch in + politischen Verhandlungen tätig, gest. 29. Dezember 1832. + + 102 Job von Witzleben, geb. 20. Juli 1783, gest. 9. Juli 1837, preuß. + Generalleutnant und als Chef des Militärkabinetts vertrauter + Ratgeber des Königs. + + 103 Paul Pfizer, geb. 12. September 1801, gest. 30. Juli 1867, forderte + in dem »Briefwechsel zweier Deutschen« Trennung Österreichs von + Deutschland und eine Verzichtleistung der kleinen Fürsten auf die + Rechte der Souveränität zugunsten Preußens. + + 104 d. h. des Rechtes jedes Teils, bei Abschluß von Verträgen seinen + Namen in der für ihn bestimmten Ausfertigung der Vertragsurkunde an + erster Stelle aufzuführen. + + 105 Adolf Trendelenburg, geb. 30. November 1802, gest. 24. Januar 1872, + Professor der Philosophie an der Universität Berlin und Mitglied der + Berliner Akademie der Wissenschaften. + + 106 Karl Aug. Varnhagen v. Ense, geb. 21. Februar 1785, gest. + 10. Oktober 1858; erst als Offizier in österreichischen, nachher in + russischen Diensten, wurde er 1814 in die preußische Diplomatie + berufen und nahm als Hardenbergs Begleiter am Wiener Kongreß teil. + Seit 1821 lebte er als Geh. Legationsrat in Berlin, meist + literarisch tätig, wurde aber auch gelegentlich zu politischen + Sendungen verwandt. + + 107 Julius Traugott v. Könneritz, geb. 1792, gest. 28. Oktober 1866, + damals Hof- und Justizrat bei der Landesregierung, von 1821–1846 + Justizminister. + + + + +7. Der Deutsche Zollverein. + + + +a) _Kurhessens Beitritt._ + + +Nach dem Tode Motzs … erhielt sein Freund Maaßen, der Begründer des +Zollgesetzes, die Leitung des Finanzwesens. Die Wahl des Königs konnte +keinen würdigeren Mann treffen. Maaßen überragte den Verstorbenen durch +umfassende Sachkenntnis; klug, gerecht, wohlwollend, verstand er bei den +Unterhandlungen, sich das Vertrauen der argwöhnischen kleinen Kronen stets +zu erhalten. Freilich fehlten ihm der kühne Wagemut und der weite +staatsmännische Blick des Vorgängers; er ließ die Dinge gern an sich +kommen und hegte nicht wie jener den Ehrgeiz, auf die Leitung der gesamten +preußischen Politik einzuwirken, obgleich er als der bedeutendste Kopf des +Ministeriums klar erkannte, wie gemächlich die Mittelmäßigkeit in den +anderen Departements sich wieder einzunisten begann … So erklärt es sich, +daß die mühselige Arbeit der handelspolitischen Einigung zwar stetig +vorwärts schritt, aber zunächst nicht so schnell gefördert wurde, wie man +wohl erwarten konnte, nachdem Motz Schlag auf Schlag die letzten Enklaven +aufgenommen, den Zollverein mit Darmstadt, den Handelsvertrag mit +Bayern-Württemberg abgeschlossen, den feindlichen Handelsverein der +Mitteldeutschen nahezu zersprengt hatte. + +Die Nachspiele der Julirevolution gereichten der preußischen +Handelspolitik zum Vorteil; sie räumten plötzlich alle die Hemmnisse +hinweg, welche das alte System in den norddeutschen Mittelstaaten dem +Zollverbande entgegenstellte. Durch den Untergang der ständischen Anarchie +in Sachsen, der despotischen Willkür in Hessen war die Verwaltung beider +Länder den preußischen Institutionen angenähert worden; früher oder später +mußte die Verständigung erfolgen. In Kurhessen zunächst wurde die +Morschheit des alten Mautwesens offenbar. Nicht zuletzt die +wirtschaftliche Not hatte die Volksbewegungen im Herbst 1830 +hervorgerufen. Das Ländchen mit seinen 154 Geviertmeilen besaß 154 Meilen +Zollgrenze. Frecher als irgendwo auf deutschem Boden gedieh hier der +Schmuggel; in geschlossenen Scharen zogen die Schwärzer aus, maßen sich +mit den Zollwächtern in offenem Gefechte. Während die Kosten der +Zollverwaltung den Ertrag der Eingangsabgaben fast verzehrten, begann +jetzt auch der ergiebige Durchfuhrzoll zu versiegen, da der Transit sich +nach der neuen Thüringer Straße hinüberzog. Als die Unruhen ausbrachen, +verließen alle Mautbeamten im Hanauischen und Fuldischen ihre Amtshäuser; +Massen fremder Waren strömten unverzollt ins Land, und der Bundesgesandte +Meyerfeld erklärte dem Bundestage, die Regierung dürfe nicht wagen, die +Zollämter wieder herzustellen. Entsetzt schrieb Blittersdorff: »Die Mauten +können leicht für ganz Deutschland ein Losungswort des Aufruhrs werden.« + +Doch wie konnte Kurhessen aus dem unerträglichen Notstande heraus? Die +Regierung war zwiefach gebunden: durch den Mitteldeutschen Handelsverein +und durch den Eimbecker Vertrag. Jener lag im Sterben, dieser war +vorderhand noch ein Entwurf, änderte nichts an den Leiden des Landes. Man +schwankte lange; noch im Herbst 1830 widmete Geh. Rat Meisterlin, einer +der Urheber des Eimbecker Vertrags, den Landständen eine Flugschrift, die +den Eintritt in das preußische Zollsystem verwarf, weil Hessens +Gewerbefleiß die Mitwerbung der überlegenen rheinischen Industrie nicht +ertragen könne. Die alte Abneigung des Kurfürsten gegen Preußen war nicht +verflogen, auch schien ihm doch bedenklich, eine zweifache Verflichtung +ohne weiteres zu brechen. Er wünschte — und mit ihm wohl die Mehrzahl im +Lande — einen Mautverband des gesamten Deutschlands, der die Sonderbünde +von selbst aufgehoben hätte. In diesem Sinne mußte Meyerfeld bei dem +bayrischen Bundestagsgesandten Lerchenfeld vertraulich anfragen. Das +Münchener Kabinett aber kannte jetzt die handelspolitischen Pläne wie die +Verhandlungsweise des Berliner Hofes; daher gab Graf Armansperg an +Lerchenfeld die verständige Weisung: diese Sache sei vorsichtig dahin zu +lenken, daß sie in Berlin unter Preußens Leitung erledigt werde. +Gleichwohl konnte der Kurfürst sich noch immer nicht entschließen, mit dem +verhaßten Preußen und dem so gröblich beleidigten Darmstädter Vetter +allein zu verhandeln. Noch im folgenden Frühjahr erhielt Meyerfeld den +Auftrag, die Vereinigung sämtlicher deutscher Mautverbände beim Bundestage +zu beantragen; da warnte ihn Nagler: niemals werde Preußen einer solchen +Utopie zustimmen. + +Unterdessen hatte Motz, ein Verwandter des preußischen Ministers, das +hessische Finanzministerium übernommen. Die Anarchie im Zollwesen ward +unhaltbar; die Kommissäre des Eimbecker Vereins, die in Hannover tagten, +konnten sich nicht einigen. Motz und sein wackerer Amtsgenosse Schenk zu +Schweinsberg bewogen endlich den Kurfürsten, daß er die Geheimräte Ries +und Meisterlin im Juni nach Berlin schickte, um mit Preußen-Darmstadt und +Bayern-Württemberg zugleich einen Zollverein zu schließen. Doch +unerbittlich hielt Eichhorn den beiden Bevollmächtigten den alten +preußischen Grundsatz entgegen: Verhandlungen mit mehreren Staaten +zugleich sind aussichtslos. Vergeblich sträubte sich der Kurfürst; man +mußte sich der Forderung des Berliner Hofes fügen, mit Preußen-Darmstadt +allein verhandeln. In Maaßens Auftrag führte L. Kühne die Unterhandlung. +Der schlicht bürgerliche kleine Mann erwies sich jetzt schon, wie +späterhin in allen Geschäften des Zollvereins, als meisterhafter Diplomat. +Klar und bestimmt, mit überlegener Sachkenntnis und ehrlichem Wollen, +entwickelte er seine Vorschläge; wenn ihm aber das törichte Mißtrauen der +Kleinen entgegentrat, dann funkelten seine kleinen scharfen Augen, und er +fertigte alle Winkelzüge mit schneidenden Sarkasmen ab. Auf die Frage des +Preußen, ob Kurhessen nicht noch durch die mitteldeutschen Handelsverträge +gebunden sei, verweigerten die Hessen jede Antwort, weil ihnen das +Gewissen schlug. Man ging also über diesen wunden Punkt schweigend hinweg. +Die Kurhessen drängten zur Eile; denn sie befürchteten einen neuen +Umschwung an ihrem heimischen Hofe, wo Österreich und England-Hannover +alle Minen springen ließen, und sie wollten, geängstigt durch die nahende +Cholera, den unheimlichen Boden Berlins schleunigst wieder verlassen. +Schon am 29. August 1831 war alles beendigt. Um dem +zollvereinsfreundlichen Könige von Bayern eine Ehre zu erweisen, wurde der +Vertrag auf den Ludwigstag (25. August) zurückdatiert. Kurhessen trat dem +preußischen Zollsystem bei, im wesentlichen unter denselben Bedingungen +wie einst Darmstadt. Der alte Kurfürst ließ diese Demütigung noch über +sich ergehen, wenige Tage bevor er die Regierung seinem Sohne abtrat. Vor +sieben Jahren war man in Berlin bereit gewesen, ein erhöhtes Einkommen an +Kurhessen zu bewilligen; jetzt hatte das Kurfürstentum seinen +Durchfuhrhandel verloren und durch gehäufte Sünden jeden Anspruch auf +Begünstigung verscherzt. Hessen mußte sich begnügen mit dem Maßstabe der +Kopfzahl. + +Der Vertrag war für Kurhessen eine politische Notwendigkeit, er rettete +das Land aus namenlosem Elend. Selbst der Kasseler Landtag wagte nicht zu +widersprechen. Die mitteldeutschen Verbündeten freilich drohten und +lärmten. Nicht ohne Grund: Kurhessen hatte in den rohesten Formen seine +Vertragspflicht gebrochen, ohne auch nur ernstlich eine Verständigung mit +den alten Bundesgenossen zu versuchen. Für Preußen dagegen war ein klarer +Gewinn errungen. Wie die Gotha-Meininger Straße den Verkehr mit dem +Süddeutschen Verein gesichert hatte, so wurde jetzt die lang ersehnte +Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen hergestellt, der +Mitteldeutsche Verein noch an einer zweiten Stelle durchbrochen. Während +in Thüringen die Zollfreiheit der preußischen Durchfuhrstraße den +mitteldeutschen Verbündeten gefährlich wurde, mußte Kurhessen die höheren +Transitzölle des preußischen Tarifs einführen. Auf Bayerns dringende +Vorstellungen setzte Preußen diese hessischen Zölle bald auf die Hälfte +herab. Eine noch weitergehende Verminderung war vorderhand untunlich; die +mitteldeutschen Verbündeten, vornehmlich die Frankfurter Kaufleute, +sollten fühlen, daß sie von Preußen abhingen, und durch heilsamen Druck +bestärkt werden in ihrer beginnenden Bekehrung. + +Durch den Abfall Kurhessens ward der Mitteldeutsche Handelsverein +vernichtet. Der Liberalismus freilich kam so schnell nicht los von den +liebgewonnenen Phrasen. In Bayern deklamierte Siebenpfeiffer gegen die +Maut: sie hätte zur Volkssache werden sollen und ist zur Volksfeindin +geworden! Stromeyer in Baden schrieb in die gefürchtete Zeitschrift +»Rheinbayern« einen donnernden Artikel: Die preußische Aristokratenstirne +wagt es, sich an das Nationalgefühl zu wenden! In Preußen herrscht, härter +als irgendwo auf der Welt, die eiserne Konsequenz des Merkantilsystems; +der Mitteldeutsche Verein vertritt die Freiheit. Darum soll Baden +festhalten an seinem trefflichen liberalen Zollwesen. Dann wird +Württemberg, das ohnedies durch seine hohe politische Bildung dem +konstitutionellen Musterstaate nahe steht, und bald auch das +konstitutionelle Bayern, Sachsen, Kurhessen dem badischen System sich +anschließen! — Auch einer der edelsten und gelehrtesten Vertreter +deutscher Wissenschaft brach eine Lanze für den sterbenden Sonderbund. +Johann Friedrich Böhmer(108) verfaßte das wunderliche Büchlein »das +Zollwesen in Deutschland geschichtlich beleuchtet«. Der Legitimist des +heiligen Reiches stellte den kühnen Satz auf, die Zollfreiheit der +deutschen Flüsse müsse von Recht wegen auch für die Landstraßen gelten. Er +pries den Mitteldeutschen Verein als »den letzten Versuch, von dem, was +einstens als gemeines deutsches Recht und Freiheit gegolten, soviel wie +möglich, wenigstens vertragsweise zu sichern«. Er schalt Preußen den +»Reichsfeind und Landfriedensbrecher«, warnte die Kleinstaaten, »wie +leicht sich Einverleibungen der Nachbarländer an Zollangelegenheiten +knüpfen«, und getröstete sich des schönen Wortes, das vor zwölf Jahren der +k. k. Präsidialgesandte gesprochen: daß »die hohe Bundesversammlung die +Beförderung und Erfüllung des deutschen Handels in die Hand nehmen werde!« + +Die sächsischen Höfe waren längst nicht mehr in der Lage, solchen +Schrullen nachzuhängen. Die Not des Haushalts, das laute Murren des Volkes +zwang sie, demütig bittend in Berlin anzuklopfen. Armselige +Advokatenkünste mußten vorhalten, um den Vertragsbruch zu beschönigen. +Meiningen behauptete, der Mitteldeutsche Verein sei durch den Eimbecker +Vertrag zerrissen worden, er bestehe nicht mehr zu Recht. Der Verrat des +einen diente dem anderen zum Vorwande; sobald die kleinen Thüringer +schwankten, berief sich das Dresdner Kabinett auf den Artikel des Kasseler +Vertrages, wonach die gänzlich vom Auslande umschlossenen Gebietsteile den +Satzungen des Vereins nicht unterliegen sollten. Das sei jetzt Sachsens +Fall, wenn Thüringen sich mit Preußen verständige — eine offenbare +Sophisterei, da jene Klausel sich nur auf entlegene Enklaven bezog. Wollte +der sächsische Hof ehrenhaft verfahren, so mußte er sofort einen neuen +Kongreß der mitteldeutschen Verbündeten berufen, dort die Auflösung des +unhaltbaren Vereins beantragen und dann erst mit Preußen unterhandeln. +Aber die alte Politik der Winkelzüge, der Halbheit, des Mißtrauens gegen +Preußen wurde selbst unter dem neuen Ministerium Lindenau nicht sogleich +aufgegeben. Die sächsische Regierung glaubte, ihre Wünsche in Berlin +sicherer durchsetzen zu können, wenn sie an dem Gespenste des +Mitteldeutschen Vereins noch einen Rückhalt hätte; sie begann mit Preußen +zu verhandeln, noch bevor sie ihrer älteren Verpflichtung entbunden war. + +Nachdem das Dresdner Kabinett schon im August 1830 bei den süddeutschen +Kronen leise angefragt, mußte sich der alte König Anton endlich +entschließen, an den König von Preußen selber zu schreiben. Er beteuerte, +daß er längst die Absicht gehabt, mit Preußen in kommerzielle Verbindung +zu treten »und somit im Sinne des hochwichtigen und wohltätigen Zwecks zu +handeln, dessen Erreichung von Ew. Majestät bereits seit längerer Zeit +beabsichtigt wird. Daß diese Verhandlung von Preußen begonnen und +eingeleitet werde, scheint die notwendige Bedingung des Erfolges zu sein.« +Lindenau, der im Januar 1831 dies Handschreiben nach Berlin brachte, +überreichte zugleich eine Denkschrift, worin Sachsen den Entschluß +aussprach, die Auflösung des Mitteldeutschen Vereins durchzusetzen, »da +Veranlassung, Zweck und Grund des Vereins nicht mehr vorhanden sind. Das +Bedürfnis einer bewegten Zeit, die Zuversicht, durch den Antritt einer +solchen Verhandlung die aufgeregten Gemüter am sichersten zu beruhigen, +endlich die Hoffnung, daß ein solcher die Mehrzahl der deutschen +Bundesstaaten umfassender Verband auch auf die größeren Weltereignisse +einen friedlich besänftigenden Einfluß äußern könne«, ermutigten den +sächsischen Hof, die Verhandlungen in Berlin zu beginnen. + +Noch kläglicher war die Demütigung Weimars. Derselbe Minister Schweitzer +[S. Fußnote S. 132], der seit Jahren das preußische Zollsystem als den +Todfeind deutscher Handelsfreiheit bekämpft hatte, versicherte im Juli +1830 dem Auswärtigen Amte: »daß zur Förderung des von dem König von +Preußen begonnenen, in seinen Zwecken und seinen Gründen immer klarer +hervortretenden deutschen Werkes, also zur Förderung eines freien Handels +und Verkehrs im deutschen Vaterlande von Preußen aus, der Großherzog von +Weimar im Einverständnis mit dem Königreich Sachsen mit Vergnügen die Hand +bieten wird.« Dann sang der weimarische Minister Fritsch [S. Fußnote S. +47] die Totenklage des Sonderbundes: »Auf hinreichende Zeit zur Ausbildung +des Vereins ist nicht mehr zu rechnen, nachdem die großen welthistorischen +Ereignisse seit dem 25. Juli 1830 und deren Folgen auf deutschem Boden +eine weit schleunigere Hilfe notwendig gemacht, man kann sagen, die Übel, +welche als chronische behandelt werden sollten, in akute verwandelt haben. +Nur Schaden, nur Verderben könnte es bringen, wenn man sich unter solchen +Umständen noch gegenseitig beschränken, sich zum Nichtstun verpflichtet +halten wollte in einer Zeit, welche in allen öffentlichen Dingen ganz +andere Forderungen stellt. Was uns die Jahre 1829 und 1830 genommen und +gebracht haben, ließ sich im Jahre 1828 nicht voraussehen, nicht +vorausahnen. Der Kasseler Verein war und bleibt ein bedeutendes +Unternehmen, nicht ohne Folgen. Es wird den Stiftern desselben ein +gerechtes Urteil in der Geschichte um so weniger entgehen, je +bereitwilliger sie jetzt das Geständnis ablegen und betätigen, daß eine +ganz neue Zeit uns gekommen ist.« + +Friedrich Wilhelm antwortete dem König von Sachsen sehr freundlich, er sei +bereit, Sachsens Anträge zu erwägen, und sprach sich zugleich offen aus +über die nationalen Ziele seiner Handelspolitik: »Wiewohl der Abschluß +dieser Verträge stets nur mit einzelnen Staaten erfolgte, so hatte man +dennoch dabei nicht ein ausschließliches Interesse der unmittelbar +Beteiligten im Auge, sondern man verfolgte zugleich den Gesichtspunkt, daß +die einzelnen Verträge als Mittel dienen möchten, der Freiheit des +Verkehrs in Deutschland überhaupt eine größere Ausdehnung zu geben.« Dem +weimarischen Hofe drückte der Minister des Auswärtigen seine Freude aus, +daß unser Werk auch in den Augen Weimars »immer klarer als ein deutsches +Werk hervortritt«; dann wiederholte er in schneidenden Ausdrücken die +hundertmal von Preußen ausgesprochene Ermahnung: die Thüringer sollten +sich erst unter sich verständigen, bevor Preußen mit ihnen verhandeln +könne. + +Nach solchen Erfolgen stand in Berlin fester denn je die Überzeugung, daß +der eingeschlagene Weg der Einzelverhandlungen allein zum Ziele führe. Mit +voller Sicherheit schrieb Bernstorff dem König: »Die Schöpfung eines +allgemeinen deutschen Zoll- und Handelssystems oder irgendeiner anderen +bleibenden Institution ähnlicher Natur ist eine Aufgabe, deren Lösung dem +Bunde solange unmöglich bleiben wird, als derselbe nicht eine andere, von +der jetzigen ganz verschiedene Organisation besitzt«. Seit dem Zerfall des +mitteldeutschen Sonderbundes schien die Bahn frei für die vollständige +Vereinigung der beiden befreundeten Zollvereine des Südens und des +Nordens. Was sollte jetzt noch hindern, da beide Teile die Unhaltbarkeit +des bestehenden Zustandes lebhaft empfanden? da die zwischenliegenden +Staaten nicht mehr feindlich im Wege standen, sondern selbst um ihre +Aufnahme baten? da das Grundgesetz des preußisch-hessischen Vereins sich +von selber darbot als die Regel für den großen Verein? Und dennoch mußte +Preußen wieder und wieder durch den Flugsand waten, der im Wüstenwinde der +deutschen Kleinstaaterei emporwirbelte. Fast drei Jahre lang, von 1830 bis +1833, spielte in Berlin, vielfach unterbrochen, eine dreifache Reihe +mühseliger Verhandlungen: mit Bayern- Württemberg, mit Sachsen, mit den +thüringischen Staaten; und das Geschäft wäre nie zum Abschluß gelangt, +wenn man nicht, dem alterprobten Grundsatz getreu, die Unterhandlungen mit +den einzelnen Gruppen scharf auseinandergehalten hätte. Der Vergleich +drängt sich unwillkürlich auf: der Deutsche Zollverein ging aus dem +Preußisch-Hessischen hervor unter ähnlichen Kämpfen und Bedenken, wie +späterhin das Deutsche Reich aus dem Norddeutschen Bunde. Der Zollverein +wie der Norddeutsche Bund stieß auf die höchsten Schwierigkeiten erst, als +die größeren Mittelstaaten, mit ihrem festgewurzelten und nicht ganz +unberechtigten Partikularismus, mit der Fülle ihrer scheinbar oder +wirklich abweichenden Interessen in die Verhandlungen eintraten. In +Versailles, wie 40 Jahre zuvor in Berlin, gebärdeten sich die süddeutschen +Kronen anfangs, als stände man vor einem Neubau, als sei noch gar kein +Grundgesetz vorhanden; erst nach langem, peinlichem Zögern erkannten sie +die im Norden bestehende Ordnung an, doch indem der Bau erweitert wurde, +lockerte man zugleich das feste Gefüge seiner Mauern. + +Der Handelsvertrag zwischen Preußen-Hessen und Bayern- Württemberg war von +vornherein in der Absicht fortschreitender Erweiterung abgeschlossen. In +München aber begann die ultramontane Partei, sofort an dem neuen Bunde zu +zerren und zu nagen. Ihre Führer, Schenk(109), Görres, Ringseis(110), +standen durch den k. k. Legationsrat Wolff mit der Hofburg im Verkehr; der +Gesandte in Wien, Graf Bray(111), war für Metternich gewonnen, desgleichen +neuerdings auch der alte Feldmarschall Wrede.(112) Angesichts dieser +mächtigen Gegner und der unberechenbaren Launen König Ludwigs hielt +Bernstorff für nötig, allen Begehren Bayerns soweit als möglich +entgegenzukommen. Der Münchener Hof wünschte zunächst den Eintritt Badens +in den bayrisch-württembergischen Verein; denn das badische Gebiet ragte +als ein trennender Keil zwischen die bayrische Pfalz und die Hauptmasse +der Vereinslande hinein, und unter dem Schutze der gerühmten Karlsruher +Freihandelspolitik, die für die Grenzbewachung wenig tat, blühte auf dem +Schwarzwalde wie am Rheinufer ein gefährlicher Schmuggelhandel. War der +kränkelnde Süddeutsche Zollverein durch Badens Zutritt neu gekräftigt, +dann erst sollte — so rechnete König Ludwig — über die völlige +Verschmelzung der beiden Vereine des Nordens und des Südens verhandelt +werden … + +Eine handelspolitische Verständigung zwischen Bayern und Baden blieb aber +völlig aussichtslos, solange die beiden Höfe einander noch als Feinde +betrachteten und König Ludwig seine traumhaften Ansprüche auf badisches +Gebiet nicht aufgab. Als Großherzog Ludwig starb und sein Nachfolger +sogleich von allen Mächten anerkannt wurde, da wagte man in München gar +nicht mehr wie früher zu behaupten, daß mit der Thronbesteigung der +Hochbergischen Linie das Haus der Zähringer ausgestorben sei. Der +Wittelsbacher trug seine vorgeblichen Ansprüche auf den »Heimfall« der +badischen Pfalz stillschweigend zu Grabe. Um so mehr lag ihm daran, +mindestens durch eine kleine Gebietserweiterung der Welt zu beweisen, daß +Bayern doch nicht ganz im Unrecht gewesen sei. + +Gegen Ende Mai 1830 erschien Armansperg in tiefem Geheimnis zu Berlin und +bat um Preußens gute Dienste. König Friedrich Wilhelm übernahm die +Vermittlung, im Verein mit dem König von Württemberg, und ließ den +badischen Minister Boeckh nach Berlin einladen. Er hoffte nicht nur den +leidigen Gebietsstreit beizulegen, sondern auch Baden zum Eintritt in den +Bayrisch-Württembergischen Zollverein zu bewegen. Am 10. Juli brachte +Bernstorffs versöhnliches Zureden endlich eine Übereinkunft zustande, +kraft deren Baden dem süddeutschen Verein beizutreten versprach; dafür +wollten beide Teile auf ihre Sponheimer Erbansprüche verzichten. Um Bayern +gänzlich zufrieden zu stellen, wurde noch ein geringfügiger +Gebietsaustausch irgendwo an der badischen Ostgrenze vorbehalten. Damit +schien der jämmerliche Handel aus der Welt geschafft. Metternich sprach +bereits allen Teilnehmern seinen Glückwunsch aus, und König Ludwig dankte +dem preußischen Minister aufs wärmste … + +Sobald man jedoch über die Ausführung der Übereinkunft verhandelte, +verlangte Bayern einen Zuwachs von etwa 20000 Einwohnern und setzte erst +nach langem Feilschen seine Forderung ein wenig herab; das schöne Wertheim +vornehmlich, das Heidelberg der Mainlande, erschien dem romantischen +Wittelsbacher unwiderstehlich verlockend. Der Karlsruher Hof wies jede +größere Gebietsabtretung entschieden zurück und verschanzte sich hinter +der gesinnungstüchtigen Entrüstung seines Volkes. Die Stadt Wertheim +selbst hatte freilich gegen die Abtretung wenig einzuwenden, weil die +Beamten den Main-Tauberkreis als das badische Sibirien behandelten; auch +der Fürst Georg von Löwenstein, der dort Hof hielt, wollte sich als treuer +deutscher Patriot den Herrschaftswechsel wohl gefallen lassen, wenn +dadurch nur endlich das Elend der Binnenmauten aufgehoben würde. Anders +empfand die große Mehrzahl der Liberalen; sie dachte von dem Musterlande +der konstitutionellen Freiheit nicht eine Geviertmeile aufzuopfern, und +ihr Entschluß stand um so fester, da sie auch den Zollvereinsplänen +mißtraute. Der Hauptverkehr des langgestreckten Landes ging von Norden +nach Süden und konnte durch den Anschluß an Bayern-Württemberg wenig +gewinnen. Man übersah oder wollte übersehen, daß dieser Anschluß nur das +Mittel bilden sollte zur späteren Vereinigung mit Preußen; unleugbar war +der bayrische Plan zu fein, zu verwickelt, um sogleich vom Volke +verstanden zu werden. + +Überall in Baden sprach man begeistert von einem gesamtdeutschen +Zollverbande; denn soviel Boden hatte die Idee der deutschen +Handelseinheit durch Preußens Siege doch gewonnen, daß niemand mehr sie +schlechthin zu verwerfen wagte. Freilich benutzten viele badische Liberale +das schöne Wort vom allgemeinen deutschen Zollverein nur als ein +Schurzfell, um die Blöße ihrer partikularistischen Selbstsucht zu +bedecken. Wie behaglich lebte sichs doch unter der badischen +Handelsfreiheit — auf Kosten der lieben Nachbarn! Mit Stolz sah der +Badener — so sagte eine Flugschrift des Rastatter Kaufmanns F. Meyer »über +die Zollverhältnisse Badens« — wie die Nachbarn aus dem Elsaß, aus +Schwaben, aus der Rheinpfalz in »das wohlfeile, gastfreie« Ländle kamen, +um dann ihre billigen Einkäufe über die heimatliche Grenze +hinüberzuschmuggeln. Nimmermehr sollte diese gemütliche Unordnung durch +eine gewissenhafte Grenzbewachung beseitigt werden. Der Freiburger +Handelsstand stellte dem Landtage vor: ein Zollverein »wird rechtliche, +sittlich gute Menschen in eine Rotte von Zöllnern, Schmugglern, Spionen +und Gaunern verwandeln« — wobei nur verschwiegen ward, daß die große +Mehrzahl der badischen Geschäfte, zumal die Kolonialwarenhandlungen, dem +Schleichhandel längst als Herbergen dienten. Noch kräftiger sprach das +Straßburger Konstitutionelle Deutschland: »Maut, Maut, preußische Maut +erhalten wir. Unglückliches Vaterland! Im Geheimen, im Dunkel der Nacht +wird sie dir gegeben! Wehe dir, Kammer von 1831!« Als Großherzog Leopold +sein Oberland bereiste, wurde er überall dringend gewarnt, und +Winter(113), der in Fragen der großen Politik immer ratlos war, wagte +nicht, einer scheinbar so starken Volksüberzeugung zu widersprechen. + +So schleppte sich der Zank durch fast anderthalb Jahre dahin. Die beiden +vermittelnden Höfe boten alle ihre Beredsamkeit auf. Der Berliner sprach +sanft, der Stuttgarter schroff: denn König Wilhelm sah sein Land +unmittelbar unter dem badischen Schmuggel leiden, er drohte dem Karlsruher +Hofe geradezu: Bayern und Württemberg würden »dem bisherigen ganz +feindseligen Betragen Badens gemeinschaftlich ein jedes Mittel +entgegensetzen, um nicht mitten in unserem Verein das System einer +Regierung zu sehen, das mit Vorbedacht Unzufriedenheit und Unruhe in +unserer so bedenklichen Zeit stiftet«. Ebenso vergeblich schrieb König +Ludwig selbst in seinem wuchtigsten Partizipialstile an den Großherzog: +»durch meine letzten Vorschläge habe ich das Äußerste getan, um die +Sponheimer Angelegenheit zur Ausgleichung zu bringen, von und großem Wert +ist mir die von Ew. K. Hoheit ausgedrückte Willfährigkeit, damit sie und +Beitritt zum Zollverein stattfinde, überzeugt, daß fester Wille beides bei +Ihren Ständen durchsetzen werde«. An diesem festen Willen gebrach es dem +badischen Hofe gänzlich. Die Minister verteidigten den Zutritt zum +Süddeutschen Zollverein sehr lau; Welcker(114) tobte mit gewohnter +Wortfülle gegen die absolute preußische Krone, Rotteck(115) unterstützte +ihn etwas ruhiger. Die phrasenreichen Verhandlungen gereichten dem +Musterlandtage wenig zur Ehre; über die volkswirtschaftliche Bedeutung der +Frage wußten nur einzelne große Geschäftsmänner ein treffendes Wort zu +sagen, so der liberale Fabrikant Buhl aus Ettlingen und der Tabakshändler +v. Lotzbeck aus Lahr. Selbst der liberale E. E. Hoffmann, der aus +Darmstadt herüberkam, um den badischen Parteifanatikern Vernunft zu +predigen, richtete nichts aus. Schließlich einigte sich der Landtag über +eines jener unwahren Kompromisse, wie sie der Partikularismus liebt, wenn +er nichts mehr zu sagen weiß. Beide Kammern verwarfen einstimmig den +Eintritt in den Süddeutschen Verein und gaben der Regierung Vollmacht, +über einen gesamtdeutschen Zollverein zu verhandeln (November 1831). Dabei +konnte sich jeder das Seine denken, denn an die Möglichkeit eines +Zollvereins mit Österreich, Hannover und Holstein glaubte eigentlich +niemand mehr. Auch die von Bayern geforderte Gebietsabtretung wurde durch +die zweite Kammer verworfen, einstimmig, unter brausenden Hochrufen auf +den Großherzog. + +Dem gefeierten Fürsten ward bei dieser Begeisterung seiner getreuen +Opposition sehr schwül zu Mute. In einem flehentlichen Briefe wendete er +sich abermals hilfesuchend an Bernstorff … , und wirklich unterzog sich +der geduldige preußische Minister noch einmal den undankbaren Mühen der +Vermittlung. König Ludwig aber empfand jenen Beschluß des badischen +Landtages als eine persönliche Beleidigung; er hielt es für schmachvoll, +eine Forderung, die schon soviel Staub aufgewirbelt hatte, ohne jede +Entschädigung fallen zu lassen. An dem ergrimmten Wittelsbacher war jetzt +jeder Zuspruch verschwendet. Auch der König von Württemberg ließ nach +einiger Zeit in schnöden Worten erklären, daß er mit dem unbelehrbaren +badischen Hofe nichts mehr zu schaffen haben wolle. In Berlin urteilte man +milder, doch die erneuten Verhandlungen blieben fruchtlos. Der königliche +Dichter in München hinterließ die imaginären Sponheimer Ansprüche seinen +Nachfolgern als ein heiliges Vermächtnis, untertänigen Historikern als +einen köstlichen Stoff für bajuvarische Großsprechereien. Also ward Baden, +früherhin immer ein wackerer Vorkämpfer der deutschen Handelseinheit, +teils durch die Torheit seiner Kammern teils durch eine seltsame +diplomatische Verwicklung ganz in das Hintertreffen gedrängt und von den +entscheidenden Verhandlungen der Zollvereinspolitik mehrere Jahre hindurch +ausgeschlossen. + + + +b) _Beitritt des Süddeutschen Zollvereins._ + + +Nach alledem war eine Verständigung zwischen Bayern und Baden vorläufig +undenkbar. Der deutschen Handelseinheit aber kam jener ablehnende Beschluß +der badischen Kammern seltsamerweise zu gute. Der künstliche Gedanke, +zunächst den süddeutschen Verein zu vergrößern und dann erst die +Vereinigung mit dem Norden zu suchen, war fortan beseitigt. Die +oberdeutschen Königshöfe, außerstande, ihren unergiebigen Sonderbund +aufrecht zu halten, sahen sich genötigt, statt des Notbehelfs sogleich das +durchschlagende Mittel zu wählen; sie stellten jetzt bei dem preußischen +Kabinett den Antrag auf völlige Vereinigung. Im Dezember 1831 wurden die +Verhandlungen in Berlin eröffnet. Doch sofort ergab sich eine Fülle +gewichtiger Bedenken. Preußen hatte schon durch die Aufnahme der beiden +Hessen ein fühlbares finanzielles Opfer gebracht; der Ertrag seiner Zölle, +der um 1829 gegen 25,3 Sgr. für den Kopf der Bevölkerung abwarf, begann +bereits zu sinken. Durfte man auch die oberdeutschen Lande, die von +Kolonialwaren noch weit weniger verzehrten als die beiden Hessen, zu den +gleichen Bedingungen aufnehmen? Die Finanzpartei in Berlin fürchtete +schwere Verluste, wie denn in der Tat Preußen im Durchschnitt der Jahre +1834–1839 nur 22 Sgr. auf den Kopf erhalten hat. Sie verlangte entschieden +ein Präcipuum zugunsten Preußens; ein Ausfall in den Einnahmen schien +hochbedenklich in so unruhiger Zeit. Die bayrisch-württembergischen +Finanzmänner dagegen lebten in dem wunderlichen Wahne, daß die Konsumtion +im Süden stärker sei als in Preußen; sie meinten schon seltene Großmut zu +zeigen, wenn sie auch nur die Verteilung nach der Kopfzahl zugeständen. + +Die Einführung der preußischen Konsumtionssteuern war in Hessen ohne +Schwierigkeit erfolgt; Bayern aber sah sich außerstande, seine Malzsteuer +abzuändern. Während Preußen kaum 1,3 Millionen Taler, 3 Sgr. auf den Kopf, +durch die Besteuerung des Bieres bezog, gewann Bayern allein in seinem +rechtsrheinischen Gebiete 5 Millionen Gulden, 21 Sgr. auf den Kopf, und +aus diesem Ertrage mußte nach der Verfassung die Staatsschuld verzinst +werden. Unmöglich konnte Preußen seine Biersteuer zu der gleichen Höhe +hinaufschrauben. Der angestammte Durst ließ sich ebenso wenig in den +Norden verpflanzen wie die Realgerechtigkeiten der bayrischen Brauer, die +jenen reichen Steuerertrag erst ermöglichten, aber den Grundsätzen der +preußischen Gewerbefreiheit widersprachen. Da die gleichmäßige Besteuerung +der inländischen Konsumtion mithin unausführbar blieb, so bestand die +preußische Finanzpartei hartnäckig auf der Einführung von +Ausgleichungsabgaben. Die an sich richtige Meinung, daß jede +Zollgemeinschaft die annähernde Gleichheit der indirekten Steuern +voraussetze, war seit dem Jahre 1818 eine der leitenden Ideen der +preußischen Handelspolitik. Die Berliner Finanzmänner hatten sich so tief +in diesen Gedanken eingelebt, daß sie ihn alsbald mit fiskalischer Härte +auf die Spitze trieben. Die Ausgleichungsabgaben sind lange, wesentlich +durch Preußens Schuld, ein wunder Fleck der Zollgesetze geblieben; sie +belästigten den Verkehr und brachten geringen Ertrag, auch nachdem sie +späterhin die rein fiskalische Gestalt der »Übergangsabgaben« annahmen. + +Irrte Preußen in dieser Frage, so erhoben auch die Südstaaten höchst +unbillige Ansprüche. Sie verlangten anfangs eine völlige Umgestaltung des +Tarifs und fanden namentlich die preußischen Zölle auf Baumwollenwaren +unerträglich hoch, da sie selbst noch fast gar keine Baumwollspinnereien +besaßen. Und doch konnte Preußen nicht nachgeben. Sachsens Eintritt stand +bevor, die preußische Industrie klagte laut über die drohende Mitwerbung +des Erzgebirges; in solcher Stunde die Zölle herabzusetzen, schien selbst +dem Freihändler Maaßen nicht ratsam. Auch die von Württemberg geforderte +Herabsetzung der Zuckerzölle ging nicht durch; die Interessen der mächtig +aufblühenden Magdeburgischen Rübenzuckerindustrie durften nicht +preisgegeben werden. Desgleichen die gefürchteten preußischen Transitzölle +blieben noch unentbehrlich als ein sanfter Wink für die Nachbarn. +Überhaupt war die Lage des Augenblicks der Vereinfachung des Tarifs +keineswegs günstig; Preußens Staatsmänner ahnten, daß die süddeutschen +Höfe in einer nahen Zukunft die Farbe wechseln, mit schutzzöllnerischem +Eifer auf die Erhöhung der Zölle dringen würden. Lebhafter noch als dieser +staatswirtschaftliche Kampf entbrannte der »staatsrechtliche Streit«, wie +man in München zu sagen pflegte. Die verständige Bestimmung der +preußisch-hessischen Verträge, wonach Preußen in der Regel allein die +Handelsverträge für den Zollverein schließen sollte, galt dem bayrischen +und dem württembergischen Hofe als eine schimpfliche Unterwerfung; sie +forderten unbedingte Gleichheit in allem und jedem. + +So mannigfache sachliche Bedenken ins Gleiche zu bringen, konnte nur +erprobter staatsmännischer Kraft gelingen. Die oberdeutschen Höfe aber +hatten, töricht genug, zwei junge Subalternbeamte für diese schwierige +Mission bevollmächtigt, vermutlich nur aus Sparsamkeit. Die Ersparnis +sollte ihnen teuer zu stehen kommen. Eichhorn hatte an den Unterhändlern +der Kleinstaaten schon des Wundersamen viel beobachtet; eine +Persönlichkeit wie dieser württembergische Bevollmächtigte, der Assessor +Moritz Mohl(116), war ihm noch nicht vorgekommen. Die Diplomatie in Berlin +konnte nicht genug ihre Verwunderung aussprechen über den ungestümen Mann +mit der roten Perrücke und den vollgepfropften Aktenmappen: welch eine +weitschweifige Kleinlichkeit, welche Lust an unfruchtbarem theoretischem +Streite, welche Fülle unverdauter Gelehrsamkeit, welch ein hartnäckiges +Mißtrauen gegen Preußen! Der frühreife schwäbische Staatsweise entfaltete +bereits alle jene Talente, die noch 40 Jahre später den deutschen +Reichstag bezaubern sollten; L. Kühne nannte ihn »einen eingebildeten +Narren, der den Bären des Nordlands seine kindische konstitutionelle +Weisheit zu predigen dachte«. Als Mohl dem einzigen Küstenstaate des +Zollvereins die Abschließung von Schiffahrtsverträgen verbieten wollte, da +erwiderte der Preuße: »dann werden wir also einen unserer Ostseehäfen an +Württemberg abtreten müssen, um die Gleichheit zwischen den Zollgenossen +herzustellen!« Mit einem solchen Kollegen behaftet, konnte auch der +bayrische Assessor Bever nichts fördern. Die hochstehenden preußischen +Staatsmänner fanden es bald unerträglich, mit Subalternen zu verhandeln, +die bei jeder Kleinigkeit daheim anfragten; und zu allem Unheil begann +auch wieder der alte Streit der Berliner Departements: Kühne und Eichhorn, +die doch beide das nämliche wollten, betrachteten einander mit +gegenseitiger Eifersucht. Also gestalteten sich die Verhandlungen mit dem +befreundeten Süden wider Erwarten zu einem unerquicklichen Zwist. Im Mai +1832 brach man sie ab. + +Moritz Mohl schrieb nun eine ungeheure Denkschrift und bewies, daß der +Zollverein mit Preußen den sicheren Untergang Württembergs herbeiführen +müsse. Ein Menschenalter darauf hat Freiherr v. Varnbüler dies klassische +Aktenstück der Vergessenheit entrissen, um der Welt den Weitblick des +Volksmannes zu zeigen. König Wilhelm wünschte nach wie vor den Abschluß, +selbst Wangenheim hatte einiges gelernt, mahnte aus der Ferne zur +Verständigung. Doch die große Mehrheit im Lande widerstrebte. Die +Fabrikanten, die bisher aus der Beherrschung des bayrischen Marktes großen +Gewinn gezogen, fürchteten die Industrie des Niederrheins, die +Bequemlichkeit des mächtigen Schreiberstandes zitterte vor der strengen +preußischen Kontrolle, der gesinnungstüchtige Liberale schlug ein Kreuz +vor dem Schreckbilde des norddeutschen Absolutismus. Mehr als ein halbes +Jahr brauchten die süddeutschen Höfe, um sich einen neuen Entschluß zu +bilden. Unterdessen trieb die Diplomatie Österreichs und der auswärtigen +Mächte ihr verdecktes Spiel an den Höfen der Mittelstaaten. Eine Zeitlang +stand die große Sache fast hoffnungslos. Baden tut wohl, alle +Zollvereinsgedanken vorläufig aufzugeben — sagte der bayrische Minister +Gise zu dem badischen Gesandten Fahnenberg —, Preußen stellt unerhörte +Forderungen, verlangt von uns materielle Opfer und die Beschränkung der +Souveränität, Kurhessen bereut schon den übereilten Anschluß! Zudem +bestand wenig Freundschaft zwischen den Beamten der beiden Königreiche; +ein Glück nur, daß Schmitz-Grollenburg, der württembergische Gesandte in +München, das Vertrauen König Ludwigs besaß und die Fäden nicht gänzlich +abreißen ließ. + +So verging das Jahr in leidiger Verstimmung. Da raffte sich endlich König +Ludwig auf und ließ am Silvesterabend eine derbe Note an +Schmitz-Grollenburg schreiben: Der Süddeutsche Verein sei tatsächlich +aufgelöst, die Wiederaufnahme der preußischen Verhandlungen schlechthin +unvermeidlich. Zugleich kam vom Berliner Hofe eine ernste Mahnung: wolle +man zu Ende gelangen, so müsse statt unbrauchbarer Subalternen ein fähiger +hochgestellter Staatsmann die Unterhandlungen in Berlin führen. Der Rat +wirkte. Zu Ende Januars l833 wurde der bayrische Finanzminister v. Mieg +als gemeinsamer Bevollmächtigter der beiden Kronen nach Berlin gesendet: +ein Jugendfreund König Ludwigs …, ein trefflicher Beamter von großer +Sachkenntnis und seltener Arbeitskraft, die der König nach seiner Weise +bis auf den letzten Tropfen auspreßte — in der Handelspolitik sehr frei +gesinnt, dabei gütig und liebenswürdig, hochgebildet, von feinen +gewinnenden Formen. Er vermied über Stuttgart zu reisen, weil er der +pedantischen Schwerfälligkeit der württembergischen Schreiber mißtraute, +sprach aber unterwegs in Dresden ein, verständigte sich mit den +sächsischen Finanzmännern und erschien am 6. Februar in der preußischen +Hauptstadt. Eichhorn und Maaßen kamen ihm herzlich entgegen; es bewährte +sich wieder … »Preußens seltenes Talent, fremde Staatsmänner in Berlin zu +gewinnen«. Noch boten sich der Bedenken viele; allein da Preußen auf +seinen erprobten Tarif, seine festbegründete Zollverwaltung verweisen +konnte, so blieb nur übrig, die im Norden bestehende Ordnung mit einigen +Änderungen anzunehmen. Preußen verzichtete auf jedes Präcipuum … Die +Einnahmen wurden nach der Kopfzahl verteilt; nur für die +Schiffahrtsabgaben auf der Oder und Weichsel, die ja gar nicht zur +Zollgemeinschaft gehörten, bezog Preußen eine Bauschsumme. Auch der +teuerste Herzenswunsch des bayrischen Großmachtsbewußtseins fand +Erfüllung: jeder Staat erhielt das Recht, Handelsverträge zu schließen, +lediglich die Verträge mit dem russischen Polen blieben dem preußischen +Staate vorbehalten. Zum Entgelt für so große Zugeständnisse wagte Mieg, in +einem Punkte seine Instruktionen zu überschreiten: er bewilligte, daß die +preußische Zollverwaltung des rascheren Übergangs halber sofort im Süden +provisorisch eingeführt würde, noch bevor die Zollgemeinschaft in Kraft +trat. + +Am 4. März wurden die hessischen Bevollmächtigten zur ersten +Plenarversammlung gerufen, am 22. kam der Vertrag zustande: die +verbündeten Staaten, »in fortgesetzter Fürsorge für die Beförderung der +Freiheit des Handels zwischen ihren Staaten und hierdurch zugleich in +Deutschland überhaupt«, bilden einen »Gesamtverein«, der am 1. Januar 1834 +für acht Jahre ins Leben tritt. Das Grundgesetz entsprach im wesentlichen +den hessischen Verträgen, nur daß die Selbständigkeit der Bundesgenossen +erheblich verstärkt wurde. Für jede Änderung der Zollgesetze wurde +Einstimmigkeit der Verbündeten gefordert. Das schlimmste Gebrechen des +Vereins lag weniger in seinen Satzungen als in der Verschiebung der +Machtverhältnisse. Durch den Zutritt mehrerer größerer Staaten mit +gleichem Stimmrecht wurde die freie Tätigkeit der preußifchen +Handelspolitik unvermeidlich erschwert. Die neuen Rechte dagegen, die man +den Zutretenden einräumte, schienen bedenklicher als sie waren … Die +Befugnis, Handelsverträge zu schließen, dies von Bayern mit so +leidenschaftlichem Eifer erstrebte Kleinod, erwies sich als ein harmloses +Spielzeug … Preußen allein galt im Auslande als Haupt und Vertreter des +Zollvereins; daher sind alle irgend wichtigen Handelsverträge durch +Preußen im Namen des Vereins abgeschlossen worden. Auch die Kontrolle ward +ermäßigt, auf Bayerns Andringen. Die Verbündeten sendeten bloß +Vereinsbevollmächtigte zu den Zolldirektionen, Kontrolleure zu den +Hauptzollämtern der Genossen; eine gegenseitige Visitation des +Grenzdienstes fand nicht mehr statt. Solche Formen verschlugen wenig; denn +im Grunde war der Verein auch bisher nur durch wechselseitiges Vertrauen +und die Macht der Interessen zusammengehalten worden. Die Bundesgenossen +gelobten einander »unbeschränkte Offenheit« in der Zollverwaltung, und sie +haben ihr Wort redlich gehalten … + +Da Bayern und Württemberg noch immer ihre törichte Sorge vor finanziellen +Verlusten nicht aufgaben, so wurde in einem geheimen Artikel den +Verbündeten das Recht vorbehalten, den Verein vor der Zeit zu kündigen, +falls ihre Zolleinnahmen einen Ausfall von 10 Proz. des bisherigen +Rohertrags aufwiesen. Maaßen unterschrieb getrosten Mutes; er wußte, daß +der Vertrag ein Löwenvertrag war zugunsten des Südens, und der Erfolg +sollte seine Erwartungen noch weit übertreffen. In den Jahren von 1834 bis +1845 hat der Norden an Bayern 22,29 Millionen Taler, an Württemberg +10,3 Millionen herausgezahlt, in dem Zeitraum von 1854–1865 empfing Bayern +vom Norden 34 Millionen. Während der zwei ersten Jahrzehnte des +Zollvereins haben bei der Abrechnung regelmäßig nur Preußen, Sachsen, +Frankfurt und Braunschweig herausgezahlt; alle anderen Staaten gewannen. +Allerdings geben jene großen Zahlen kein ganz zutreffendes Bild, da ein +Teil der für das Binnenland bestimmten Einfuhr in den Häfen und +Speditionsplätzen des Nordens verzollt wurde. Deutlicher erhellt der +unverhältnismäßige Gewinn des Südens aus der Tatsache, daß die +Verwaltungskosten in Bayern schon während des ersten Jahres von 44 auf 16, +später auf nahezu 10 Proz. sanken, Bayerns Anteil an dem Kaffeezoll sofort +auf das Dreifache, bis zum Jahre 1845 auf das Fünffache stieg. + +Um auch den leisesten Anschein preußischer Hegemonie zu vermeiden, wurde +verabredet, daß die alljährlichen Konferenzen der +Zollvereinsbevollmächtigten nicht mehr, wie im preußisch-hessischen +Verein, regelmäßig zu Berlin sich versammeln sollten; sie wanderten +fortan, nach dem Belieben der Verbündeten, von Ort zu Ort, der erste +Zusammentritt fand in München statt. Streitigkeiten wollte man der +Entscheidung eines Schiedsrichters unterwerfen, der durch einstimmigen +Beschluß für jeden einzelnen Fall zu ernennen war. Doch ist ein solcher +Schiedsspruch niemals angerufen worden — nicht weil die Eintracht +ungetrübt bestanden hätte, sondern weil der Dünkel der Kleinstaaten den +freiwilligen Ausgleich der schimpflichen Unterwerfung unter eine fremde +Gewalt regelmäßig vorzog. Daß Bayern seine Biersteuer behielt, war +unvermeidlich. Man begnügte sich daher, ein Maximum für die +Konsumtionssteuern festzusetzen und die allmähliche Annäherung der +Steuersysteme in Aussicht zu stellen. In einem so lockeren Bunde blieb das +*liberum veto* [Einspruchsrecht] und das Kündigungsrecht für Preußen +ebenso unentbehrlich wie für die Kleinstaaten, als ein letztes +verzweifeltes Mittel, um dem schwerfälligen Körper einen Entschluß zu +entreißen. Nur die Hoffnung auf einen hohen politischen Gewinn konnte den +preußischen Hof zu so schweren Opfern, zu einer so weitgehenden Nachsicht +für die Grillen und Eitelkeiten der Mittelstaaten bestimmen. Mit +überlegener Geduld erwartete Eichhorn, daß aus den fast lächerlichen +Formen dieses lockeren Vereins doch eine unlösbare Gemeinschaft der +Interessen emporwachsen müsse. + +Mieg kehrte heim in der festen Erwartung, daß der so überaus vorteilhafte +Vertrag ihm die Verzeihung für sein eigenmächtiges Vorgehen verbürge. Er +täuschte sich schwer. König Ludwig konnte selbständigen Willen nicht +ertragen, empfing den Freund mit bitteren Vorwürfen; daß die preußische +Zollordnung sofort provisorisch eingeführt werden sollte, schien ihm eine +Entwürdigung der bayrischen Krone. Der Minister wollte, tief verletzt, +sein gegebenes Wort nicht zurücknehmen; er forderte und erhielt seine +Entlassung … Nunmehr nahm der König die Akten an sich, und lange blieb das +Schicksal des Vertrages zweifelhaft. Miegs Nachfolger, Lerchenfeld, +erkannte zwar, nachdem er die Papiere eingesehen, die Notwendigkeit des +Abschlusses, doch rückte er nicht recht mit der Sprache heraus. Fürst +Öttingen-Wallerstein(117) vollends, der vielgewandte liberalisierende +Minister, bewies in ausführlicher Denkschrift: kein Zollverein ohne +Österreich, die preußische Hegemonie ist Bayerns Verderben. Der preußische +Gesandte hielt schon alles für verloren und schrieb verzweifelnd: nur +Eichhorn selber könne noch retten. Darauf eilte Eichhorn sofort nach +München (Juli 1833), gewährte noch das letzte Zugeständnis, gab zu, daß +kein Provisorium stattfinden solle, seine gewinnende Freundlichkeit +brachte in wenigen Tagen alles ins reine. Jetzt brach des Königs gute +Natur wieder durch; er wünschte sich Glück zu der Wiederkehr der +friderizianischen Tage, ließ eine Denkmünze prägen auf das Gelingen seines +eigensten Werkes und sagte zu dem Nassauer Röntgen: »Österreich ist ein +abgeschlossener Staat, mit dem wir wohl Handelsverträge, doch keinen +Zollverein schließen können; Preußen ist ein Blitz, der mitten durch +Deutschland hindurchfährt.« + +Kaum war die Krone Bayern gewonnen, so begann der Kampf mit dem +württembergischen Landtage. Die schwäbischen und badischen Liberalen +hatten sich zu Anfang des Jahres in Pforzheim versammelt und dort +beschlossen, dem vordringenden preußischen Absolutismus mannhaft zu +widerstehen. Die Schutzzöllner beweinten den nahen Untergang der +schwäbischen Industrie; die Partikularsten bewiesen, daß Württembergs +Absatzwege nach Frankfurt und der Schweiz, nicht nach dem Norden führten; +manche pessimistische Radikale gönnten dem verhaßten Ministerium nicht ein +Verdienst, das der Regierung allein gebührte, sie wünschten noch weniger, +daß ein wichtiger Grund der allgemeinen Unzufriedenheit beseitigt werde. +Die gemütlichen Leute wollten die geforderten Opfer nur einem +gesamtdeutschen Verein bringen. Selbst den gemäßigten Liberalen schien es +hochbedenklich, einer absoluten Krone mittelbare Einwirkung auf den +württembergischen Haushalt zu gestatten. Zudem wurden die Kammern nur zu +einer Erklärung über den Vertrag, nicht zu förmlicher Genehmigung +aufgefordert. Der Landtag empfand bitter seine Ohnmacht. König Wilhelm +setzte seinen Stolz darein, das Werk hinauszuführen; kein Zweifel, er +hätte auch ohne die Zustimmung der getreuen Stände den Vertrag vollzogen +und also den leeren Schein der schwäbischen Verfassungsherrlichkeit vor +aller Welt erwiesen. Darum wollte selbst Paul Pfizer, der Bewunderer +Preußens, sich nicht zur Genehmigung entschließen; wenn er zustimmte, so +verlor er jedes Ansehen unter den Parteigenossen, jede politische +Wirksamkeit in seiner Heimat. In solchen tragischen Widerspruch war der +süddeutsche Liberalismus geraten. Endlich, im November, genehmigte der +Landtag den Vertrag nach harten Kämpfen. Nur einzelne waren überzeugt …, +die Mehrzahl gab ihr Ja nur aus gedankenlosem Gehorsam; alle Führer der +Liberalen, Pfizer, Uhland(118), Römer(119), stimmten dawider. Es war ein +vollständiger Triumph des geschäftskundigen Beamtentums über den +schwärmenden Liberalismus. + +Neue unerquickliche Händel folgten, da nun das preußische Zollwesen durch +eine gemeinsame Vollziehungskommission im Süden eingeführt wurde. Wie oft +mußte der preußische Kommissär L. Kühne von den gemütlichen bayrischen +Beamten bittere Klagen hören über diese verwünschte Berliner Strammheit; +er bestand darauf, daß in den Grenzbezirken, wo offenkundiger Schmuggel +blühte, drei Monate lang eine strenge Binnenkontrolle gründlich aufräumte. +Die unfreie soziale Gesetzgebung der Mittelstaaten fand so leicht nicht +den Übergang zur preußischen Freiheit … Doch der wesentliche Inhalt des +Vertrags wurde redlich ausgeführt. Seit in München ein neuer Zolldirektor, +der verdiente Knorr, ernannt war, arbeitete die Zollverwaltung fest und +pünktlich. Jeder neue Tag der Erfahrung warb dem Zollverein neue Anhänger +im Süden; die besseren Köpfe des Liberalismus gestanden beschämt ihren +Irrtum … + + + +c) _Anschluß von Sachsen und Thüringen._ + + + _ Die Neujahrsnacht 1834. _ + + +Gleichzeitig mit Bayern und Württemberg unterhandelte Sachsen in Berlin. +Es geschah, wie Motz vorhergesehen: keine der Zollvereinsverhandlungen hat +den preußischen Staatsmännern schwerere Überwindung gekostet. Gewiß trat +mit Sachsens Beitritt nur die Natur der Dinge in ihr Recht. Das Erzgebirge +erhielt wieder ungehemmten Verkehr mit seiner alten Kornkammer, den +Muldenniederungen in der Provinz Sachsen, Leipzig wieder freie Verfügung +über seine wichtigsten Handelsstraßen; Macht und Bedeutung des Zollvereins +stiegen erheblich, sobald eines der ersten Fabrikländer und der größte +Meßplatz Europas hinzutrat. Gleichwohl war der unmittelbare Vorteil fast +ausschließlich auf Sachsens Seite; in Preußen erhoben sich ernste +staatswirtschaftliche und finanzielle Bedenken. Preußen gewann in Sachsen +nur einen kleinen Markt, der überdies durch seinen eigenen Gewerbefleiß +schon reichlich versorgt war. Da die Lebenshaltung und demnach der +Arbeitslohn im Erzgebirge niedriger stand als in irgendeinem anderen +Industriebezirke, so fürchteten die preußischen Fabriken, vornehmlich die +Webereien und Druckereien in Schlesien und in der Provinz Sachsen, der +sächsischen Konkurrenz zu erliegen. Von allen Seiten her wurde das +Finanzministerium mit Warnungen bestürmt; am Niederrhein rief die erste +Nachricht von dem Beginn der preußisch- sächsischen Verhandlungen weithin +im Lande eine starke Aufregung hervor. Die Frage, wie ein großer Meßplatz +einem Zollsystem sich einfügen lasse, galt noch allgemein als ein fast +unlösbares Problem; sie war bei den Verhandlungen mit Bayern-Württemberg +oft erörtert und endlich zur Seite geschoben worden, da man an der +Verständigung verzweifelte. + +An der sächsisch-böhmischen Grenze hatte sich ein ungeheurer Schmuggel +festgenistet; das Volk nahm den elenden Zustand hin wie eine +Notwendigkeit, ja wie einen Segen. Selbst Lindenau wagte nach dem Abschluß +des Zollvereins im Gespräch mit Blittersdorff nur die schüchtern +zweifelnde Bemerkung: daß der Schmuggel im Erzgebirge jetzt aufhören wird, +»ist wohl schwerlich ein Unglück«. Die hochherzige Gesinnung des neuen +Mitregenten, des Prinzen Friedrich August, wurde in Berlin ebenso +bereitwillig anerkannt, wie die Einsicht der trefflichen Männer, die er in +sein Kabinett berufen. Doch ein volles Jahr verfloß, bis die Ordnung in +dem aufgeregten Ländchen sich wieder befestigte; Maaßen fragte besorgt, ob +eine Regierung, die den schwächlichen Aufläufen in Leipzig und Dresden so +wenig nachhaltigen Widerstand entgegengestellt, auch den festen Mut +besitzen werde, die Schmuggelnester im Gebirge auszuheben. Und lehrte denn +nicht der Gang der Verhandlungen, daß die neue Regierung das alte +kleinliche Mißtrauen gegen Preußen nicht gänzlich über Bord geworfen +hatte? Man kam in Berlin nicht los von dem Argwohn, Sachsen würde einen +Zollverein mit Österreich vorziehen, wenn nur die Hofburg mehr böte als +leere Redensarten. Wenn König Friedrich Wilhelm keinen deutschen Staat +locken und einladen wollte, so doch am allerwenigsten diesen sächsischen +Hof, der als Stifter des Mitteldeutschen Vereins eine so bösartige +Gehässigkeit zur Schau getragen hatte. Der preußische Konsul Baumgärtner +empfing einen herben Verweis, als er zu Anfang 1830 eine Flugschrift über +die Notwendigkeit eines sächsisch-preußischen Zollbundes schrieb und in +Sachsen verbreitete. + +Bis zum Sturze des alten Systems erging sich die sächsische Regierung in +Umwegen und Künsteleien, nach der alten Gewohnheit der Mittelstaaten. Sie +fragte in Stuttgart und München an, ob Sachsen nicht dem Süddeutschen +Verein beitreten könne. Ihr Berliner Geschäftsträger Könneritz richtete an +Ancillon die Bitte: Preußen möge sofort seinen Tarif zu Sachsens Gunsten +herabsetzen, da die Verhandlungen über den unmittelbaren Anschluß +vorderhand noch ausgesetzt werden müßten. Maaßen aber antwortete +(15. September 1830): »ohne vorhergegangene Vereinigung zu einem +gegenseitig erleichterten Handelsverkehr« können wir bei der Ordnung +unseres Tarifs auf dritte Staaten keine Rücksicht nehmen. + +Erst das Ministerium Lindenau fand den Mut einzugestehen, was sich mit +Händen greifen ließ: daß Sachsens Gewerbefleiß ohne Preußens Freundschaft +untergehen mußte; nahm doch die gesamte überseeische Ausfuhr des Landes +ihren Weg durch Preußen, desgleichen fast die gesamte Einfuhr der rohen +Baumwolle. Leider war nur ein Teil der Fabrikanten im Gebirge dem Anschluß +günstig, das Landvolk und vornehmlich Leipzig wehklagten über das +hereinbrechende Verderben. Also hat selbst der allzeit patriotische und +einsichtige Handelsstand der wackeren Pleißestadt, ganz wie späterhin die +Kaufmannschaft von Frankfurt, Bremen, Hamburg, die unliebsame Wahrheit +erhärtet, daß der Interessent fast niemals sachverständig ist. Auch der +große Kaufherr wird zum Krämer, sein Gesichtskreis verengt sich, sobald er +seinen unmittelbaren Vorteil bedroht wähnt; stolz auf seine persönliche +Kraft und Freiheit, empfindet er es als eine Anmaßung, eine Beleidigung, +wenn die Männer des grünen Tisches ihm zumuten, seine altgewohnten +Geschäftsformen zu ändern, und will nicht zugestehen, daß über große +handelspolitische Fragen nicht die privatwirtschaftliche Anschauung des +Kaufmanns, sondern das staatswirtschaftliche Urteil des Staatsmannes zu +entscheiden hat. Trotz alledem entschloß sich die Regierung gegen +Jahresschluß zu jener ersten Anfrage in Berlin. Das Ministerium des +Auswärtigen antwortete (24. Januar 1831): Die Schwierigkeiten scheinen +sehr groß, die Interessen überaus verschieden; »dennoch ist die Aufgabe so +gemeinnützig und deutscher Regierungen, welche neben der Sorge für ihre +Untertanen zugleich die Beförderung des Wohls von ganz Deutschland im Auge +haben, so entschieden würdig«, daß wir den Versuch wagen wollen. Die +oberdeutschen Könige, von allem unterrichtet, überließen die Verhandlungen +vertrauensvoll dem preußischen Hofe; die Überlegenheit der sächsischen +Industrie, meinte Armansperg zuversichtlich, ist in einem großen Verein +wenig zu fürchten, auch die schwierige Grenzbewachung muß sich durchführen +lassen, so man ernstlich will. + +Im März 1831 kam der sächsische Finanzminister v. Zeschau(120) nach Berlin +— neben dem Bayern Mieg, dem Hessen Hofmann und dem Badener Boeckh(121) +sicherlich der fähigste unter allen den Finanzmännern, mit denen Preußen +zu verhandeln hatte — tätig und kenntnisreich, ein ritterlicher Charakter, +schweigsam und bedächtig, noch von seiner preußischen Dienstzeit her mit +L. Kühne wohl bekannt. Die in Dresden gewünschte Änderung des gesamten +Tarifs gab er bald auf, gleichwohl ward er mit Maaßen nicht handelseinig. +Erschreckt durch die Warnungen seiner Fabrikanten, wollte Preußen +provisorische Schutzzölle zugunsten einiger Fabrikwaren einführen, damit +die Industrie Zeit behielte, sich auf die Konkurrenz des Erzgebirges zu +rüsten. Zugleich verlangte man Entschädigung für den drohenden starken +Verlust an Durchfuhrzöllen. Kühne selbst fand diese Forderungen zu hart; +aus dem Magdeburgischen gebürtig, betrachtete er die Kursachsen halb als +seine Landsleute und hielt dem Minister vor: nach der Teilung Sachsens sei +Preußen schon ehrenhalber verpflichtet, dem Nachbarlande Wohlwollen zu +zeigen. Als Maaßen in diesen Fragen endlich nachgegeben hatte, erhob sich +sofort ein neues Hemmnis: die Meßfrage. Frankfurt an der Oder hatte bisher +für seine Messen einen Zollrabatt genossen, der erst vor kurzem auf +20 Proz. herabgesetzt war; nun der Eintritt Leipzigs bevorstand, wollte +Preußen seinen schwer bedrohten kleinen Meßplatz nicht ungünstiger stellen +als bisher. Die Leipziger Kaufmannschaft dagegen sagte den unfehlbaren +Verfall ihrer Messen voraus, falls Frankfurt irgendein Vorrecht behalte; +und »keine Regierung, am wenigsten eine konstitutionelle — schrieb der +sächsische Bevollmächtigte Wietersheim —, kann einer so ausdrücklichen +Erklärung der Repräsentanten des gefährdeten Nationalinteresses +entgegenhandeln«. Auch das Altenburgische Geheime Ministerium sendete ein +dringendes Mahnungsschreiben nach Berlin — »ohne alle äußere +Aufforderung«, wie man unschuldig beteuerte —, und schilderte in +herzbrechenden Worten das furchtbare Schicksal, das dem unglücklichen +Leipzig drohe. + +Da die Verhandlungen sich so ungünstig anließen, so wünschte der +sächsische Hof, geängstigt durch die fortdauernde Gärung im Lande, +mindestens einige Handelserleichterungen sofort zu erlangen, falls die +vollständige Vereinigung nicht möglich sei. Der Prinz-Mitregent selber +stellte diese Bitte in einem Handschreiben an den König von Preußen +(11. April 1831). Er gab zu bedenken, daß mit dem gänzlichen Mißlingen +dieser Verhandlungen »die Ausführung des großen und für die Sicherheit und +Ruhe Deutschlands begründeten, von Ew. K. Majestät verfolgten Planes, die +Interessen des Handels und Verkehrs in verschiedenen deutschen Staaten zu +vereinigen und dadurch zugleich das politische Band zu befestigen, +gefährdet werden oder mindestens Aufschub erleiden würde. Auch mag ich mir +selbst nicht verschweigen, daß eine erfolglose Verhandlung in der +gegenwärtigen Zeit auch hier nicht ohne einen sehr ungünstigen Eindruck +bleiben würde«. Ein solcher Mittelweg schien aber den besten Köpfen der +preußischen Regierung kleinlich und nutzlos. Eichhorn bewies in einem +ausführlichen Gutachten: sofortige Handelserleichterungen würden, nach der +Lage der Dinge, nur dem preußischen Staate einseitige Opfer auferlegen; +wolle Sachsen dagegen zu Preußen in ein ähnliches Verhältnis treten, wie +bisher Bayern und Württemberg, so sei dazu eine vollständige Neugestaltung +seines Zollsystems erforderlich; warum also nicht sogleich das höchste +Ziel, den Zollverein, ins Auge fassen? … Die letzten mündlichen +Verhandlungen erfolgten im Juli, bald nachher stockte auch der +schriftliche Verkehr. Die deutschen Kabinette begannen zu fürchten, daß +Sachsen den Plan aufgegeben habe; der Dresdner Hof sah sich um die Wende +des Jahres genötigt, in einer langen Denkschrift seine Handelspolitik vor +den oberdeutschen Königen zu verteidigen. + +Erst als Bayern und Württemberg ihre Zollvereinsverhandlungen in Berlin +eröffneten, faßte man sich in Dresden wieder ein Herz. Im März 1832 +erschien Zeschau zum zweitenmal in Berlin. Abermals kam man einen Schritt +weit vorwärts; Sachsen erklärte sich bereit, das preußische System der +indirekten Steuern anzunehmen. Doch über die Messen konnte man sich wieder +nicht verständigen. Nun wirkte auch die Staatsweisheit Moritz Mohls +lähmend auf Sachsen zurück; ohne die süddeutschen Höfe, die jetzt ihre +Verhandlungen abbrachen, wollte das Dresdner Kabinett, wie begreiflich, +nicht beitreten. Im Mai wurde die letzte Beratung gehalten; der Sommer +verlief in peinlicher Verlegenheit … + +Inzwischen beging der sächsische Hof einen schweren politischen Fehler, +der den schlimmsten Verdacht zu rechtfertigen schien. Hannover hatte am +Bundestage wieder einmal die Ausführung des Artikels 19 beantragt — in der +unverhohlenen Absicht, den Gang der preußischen Handelspolitik zu stören. +Ohne jede Rücksprache mit Preußen, ohne auch nur den Bericht der +Bundestagskommission abzuwarten, stimmte Sachsen als die erste deutsche +Regierung dem törichten Antrage zu und erklärte: Höchster Zweck des Bundes +in Zollsachen ist, dasjenige durch gemeinschaftliche Gesetze zu erreichen, +was durch Einzelverhandlungen nur schwer zu erreichen ist; sollen in +Deutschland überhaupt Durchfuhrzölle bestehen, so doch jedenfalls ein +anderes System als das preußische! — Die Finanzpartei in Berlin klagte +laut über die offenbare Zweizüngigkeit. Geh. Rat Michaelis fragte in einer +scharfen Denkschrift: soll diese Sprache des sächsischen +Bundestagsgesandten etwa die öffentliche Meinung in Sachsen für den +preußischen Zollverein gewinnen? — Wen konnten auch die nichtigen +Entschuldigungen überzeugen, die der sächsische Minister Minckwitz seinem +Berliner Gesandten Watzdorf schrieb (29. November 1832)? Der harmlose Mann +beteuerte, die Vorgänge in Frankfurt sollten den Berliner Verhandlungen +»keinen Eintrag tun«! Eichhorn aber, als ein gewiegter Kenner des +Charakters der kleinen Höfe, mahnte seine erzürnten Amtsgenossen zur +Geduld: gönnen wir doch den Herren in der Eschenheimer Gasse ihre +unschuldigen Stilübungen; der Dresdner Hof meint es ehrlich, wenngleich er +zuweilen einem Anfall von Schwäche unterliegt; noch eine kurze Frist, und +er kommt wieder zu uns. + +Und so geschah es. Im Januar 1833 besprach sich Mieg in Dresden mit +Zeschau, und als darauf die Berliner Verhandlungen mit Bayern so glücklich +vorangingen, kam der sächsische Finanzminister (24. März) zum drittenmal +in die preußische Hauptstadt. Nach kaum acht Tagen (30. März 1833) +schlossen Eichhorn, Maaßen, Zeschau und Watzdorf den Zollvereinsvertrag, +der wörtlich mit dem soeben beendigten bayrischen übereinstimmte. Einige +Separatartikel ordneten den Zustand der Messen. Der Frankfurter Zollrabatt +blieb etwas ermäßigt bestehen, doch durfte Sachsen seinem Leipzig ähnliche +Vergünstigungen zuwenden. Der Meßhandel erhielt eine große Erleichterung +durch die Einrichtung der Meßkontierung; für Leipziger Großhandlungen von +gutem Rufe wurde sogar ein über die Meßzeiten hinaus fortdauerndes +Steuerkonto zum Abschreiben eröffnet — eine wichtige Vergünstigung, die +noch manchen Mißbrauch veranlassen sollte. Auch die Herabsetzung einiger +Zollsätze, namentlich für Woll- und Baumwollwaren, wurde vereinbart. +Preußen verpflichtete sich, die Ermäßigung der Elbschiffahrtsabgaben, +welche Anhalt dem preußischen Elbhandel zugestanden hatte, auch dem +sächsischen Verkehre zuzuwenden; der gute Vorsatz scheiterte freilich an +Anhalts Kleinsinn. + +Nicht ohne Zagen unterschrieb Maaßen den Vertrag, der den preußischen +Markt den Fabriken des Erzgebirges eröffnete; von allen seinen Räten +stimmte ihm nur Kühne unbedingt zu. »Das ist ein schwerer Vertrag — sagte +er zu Kühne … —, es hätte ihn nicht jeder unterzeichnet.« Die Besorgnis +des Staatswirts hatte zurücktreten müssen vor den Hoffnungen der +Politiker. Sachsen stand gerade in den Flitterwochen seines +konstitutionellen Lebens; der Eintritt dieses Staates mußte die +öffentliche Meinung günstig stimmen. Leider verging wieder eine geraume +Frist, bis die deutsche Welt mit der vollendeten Tatsache sich versöhnte. +Die preußischen Fabrikanten lärmten, die gute Stadt Leipzig überließ sich +einer maßlosen Verzweiflung. Eine Petition, die der k. k. Konsul Bercks +geschäftig umhertrug, warnte die Regierung; die Stadtverordneten richteten +eine dringende Vorstellung nach Dresden. An Zeschaus Wohnung fand sich +eines Morgens ein Anschlag: »Allhier wird von einem Parvenu, einem +preußischen Landrat, so sächsischer Finanzminister geworden ist, das Land +für Geld und Orden an Preußen verkauft.« Der Taumel ergriff jeden Stand +und jedes Alter. Die Leipziger Schulbuben kauften sich englische +Farbkästen auf Vorrat, weil sie mit frühreifer handelspolitischer Vorsicht +befürchteten, das gewohnte Spielzeug werde nunmehr für bürgerliche +Geldbeutel unerschwinglich werden. Ein Jahr darauf schon begann für die +Pleißestadt eine neue Epoche glänzender Handelsblüte; das kleine Frankfurt +wurde durch den überlegenen Nebenbuhler ganz zurückgedrängt, die mächtigen +Leipziger Firmen lernten bald, den Frankfurter Meßrabatt für sich selber +zu benutzen. Auch die Klagen der preußischen Fabrikanten verstummten, und +niemand wollte die warnenden Petitionen unterschrieben haben. Zeschau +selbst, der Wohltäter Leipzigs, hat freilich von den stolzen Kaufherren +der Meßstadt niemals irgendeine Genugtuung für so viele Schmähungen +erhalten. + +Während diese verwickelte zweifache Verhandlung in wiederholten Ansätzen +erledigt wurde, hatte Eichhorns unverwüstliche Geduld zugleich ein drittes +schwieriges Geschäft zu führen: die Unterhandlungen mit den thüringischen +Staaten. In Thüringen wie in Sachsen und Kurhessen wurde die beginnende +Bekehrung gefördert durch den unruhigen Sommer von 1830, durch die Angst +vor den murrenden Massen. Hier wie in Sachsen hoffte man anfangs, sogleich +einseitige Handelserleichterungen von Preußen zu erlangen. Der weimarische +Minister Gersdorff kam im Januar 1831 zugleich mit Lindenau nach Berlin, +überbrachte ein Handschreiben seines Großherzogs, das um solche +Vergünstigung bat: »dies würde in einer Periode mannigfacher Aufregungen +Übelgesinnten einen Vorwand zu schlechten Einwirkungen entnehmen.« Auf +wiederholte ähnliche Anfragen kleiner thüringischer Höfe antwortete das +Berliner Kabinett (5. Juli 1831): man sei bereit, über einen Zollverein zu +verhandeln, doch nur mit allen thüringischen Staaten gemeinsam, und nur +wenn diese Höfe sich nicht mehr gebunden glaubten an den mitteldeutschen +Verein. Erst als Kurhessen zu dem preußischen Vereine übergetreten war, +erklärten die ernestinischen Höfe: der Mitteldeutsche Verein sei +tatsächlich aufgelöst. + +General Lestocq, der vielgeplagte Gesandte, den die thüringischen und +einige andere kleine Dynasten in Berlin auf gemeinsame Kosten ernährten, +überreichte am 15. Januar 1832 eine Verbalnote: Preußen möge die +Initiative ergreifen, ältere bindende Verpflichtungen beständen nicht +mehr. Weimar drängte am eifrigsten; das Großherzogtum besaß an Gersdorff +und O. Thon zwei treffliche Verwaltungsbeamte, die wohl einsahen, wo der +Grund der ewigen Finanznot lag. Spröder verhielt sich Gotha, da hier der +hergebrachte Schmuggel allgemein als ein Nationalglück betrachtet wurde. +Maaßen und Eichhorn entwickelten nun ausführlicher den einfachen Gedanken, +den sie so oft schon ausgesprochen hatten: die verzettelten thüringischen +Gebiete sollen zunächst unter sich einen Verein mit gemeinsamer +Zollverwaltung bilden und dann erst als eine geschlossene Einheit in den +großen Zollverein treten; Preußen will die Kreise Erfurt, Suhl und +Ziegenrück diesem thüringischen Vereine zuteilen, wird auch dafür sorgen, +daß Kurhessen sein Schmalkaldener Land hinzugefügt. Zu förmlichen +Verhandlungen kam es auch jetzt noch nicht; denn Eichhorn hoffte, vorher +mit Bayern und Württemberg abzuschließen. Diese beiden Höfe fühlten sich +schon beunruhigt durch die Anfragen der Ernestiner; sie meinten: schließe +Thüringen früher ab, so sei der Süden auf Gnade und Ungnade dem Belieben +Preußens überliefert. Darum richteten sie sogar eine Verwahrung an den +Berliner Hof (15. November 1832): ohne die vorhergehende Zustimmung +Bayerns und Württembergs dürfe Preußen die Thüringer nicht aufnehmen. Der +Dresdener Hof, der sich noch immer als das geborene Oberhaupt der +Ernestiner fühlte, verlangte zu allen Verhandlungen mit seinen +Stammesvettern zugezogen zu werden. Preußen erwiderte: wir werden Sachsens +Interessen sorgsam wahren, doch der Zutritt eines sächsischen +Bevollmächtigten kann die Verhandlungen nur erschweren. Immerhin haben +diese Bedenken der drei kleinen Königskronen den Beginn der +Unterhandlungen verzögert. + +Erst im Dezember 1832 begannen die Konferenzen mit den Thüringern. Die +preußischen Staatsmänner schlugen vor, eine Zentralbehörde für das +thüringische Zollwesen zu bilden. Große Bestürzung; keiner der Kleinen +wollte eine solche Beschränkung seiner Souveränität zugeben. Da meinten +die Preußen begütigend: es werde genügen, einen Generalinspektor +einzusetzen; der müsse freilich in Erfurt wohnen, als dem Mittelpunkte des +Landes, doch solle er nicht von Preußen, sondern von der thüringischen +Hauptmacht Weimar ernannt werden. Hiermit schien jeder Widerspruch +entwaffnet. Wenn Preußen sein Zollwesen einem weimarischen Beamten +unterstellte, so durfte auch der Reußenstolz und der Gothaerdünkel nicht +klagen. Gleichwohl erhoben Altenburg und Meiningen neue Bedenken; sie +konnten sich nicht in den Gedanken finden, daß ihre Verwaltung fremder +Aufsicht unterliegen solle. Schon war man nahe daran, ohne Meiningen +abzuschließen. Da drohte Kühne: wenn man die preußischen Beamten als +Spione betrachte, dann müsse Preußen sein gefürchtetes Enklavensystem +gegen die kleinen Nachbarn anwenden. Das schlug durch. Am 10. Mai 1833 +wurde der »Zoll- und Handelsverein der thüringischen Staaten« gebildet, am +folgenden Tage erklärte der neue Verein, der das gesamte System der +preußischen indirekten Steuern annahm, seinen Zutritt zu dem Deutschen +Zollvereine. Ein weimarischer Generalbevollmächtigter vertrat die +Thüringer auf den Konferenzen des Zollvereins, gab in Tarifsachen nur eine +Gesamtstimme ab; in einigen anderen Fällen sollte er die Meinung jedes +einzelnen thüringischen Staates gesondert vortragen. Dieser Bund im Bunde, +welchen Preußens Staatsmänner seit dem Jahre 1819 erstrebt hatten, erwies +sich als so einfach und naturgemäß, daß niemals, auch nicht in den +schwersten Krisen des Zollvereins, an die Auflösung des thüringischen +Vereins gedacht worden ist. — + +Also war des großen Werkes schwerster Teil gelungen. Ein unerhörter +Ordenssegen belohnte die treue Arbeit des Beamtentums; die Jahrgänge der +deutschen Gesetzsammlungen schwollen zu unförmlichen Bänden an, von allen +den neuen Verträgen und Gesetzen. Dann kam jene folgenschwere +Neujahrsnacht des Jahres 1834, die auch den Massen das Nahen einer +besseren Zeit verkündete. Auf allen Landstraßen Mitteldeutschlands harrten +die Frachtwagen hochbeladen in langen Zügen vor den Mauthäusern, umringt +von fröhlich lärmenden Volkshaufen. Mit dem letzten Glockenschlage des +alten Jahres hoben sich die Schlagbäume; die Rosse zogen an, unter +Jubelruf und Peitschenknall ging es vorwärts durch das befreite Land. Ein +neues Glied, fest und unscheinbar, war eingefügt in die lange Kette der +Zeiten, die den Markgrafenstaat der Hohenzollern hinaufgeführt hat zur +kaiserlichen Krone. Das Adlerauge des großen Königs blickte aus den +Wolken, und aus weiter Ferne erklang schon der Schlachtendonner von +Königgrätz. Glücklicher als sein leidenschaftlicher Freund hat Maaßen die +Stunde der Genugtuung noch genossen. Er starb am 4. November 1834. Einen +ebenbürtigen Nachfolger fand er nicht; nur in Eichhorn und den Geheimen +Räten des Finanzministeriums lebten die Überlieferungen von 1818 fort. + +Der erweiterte Handelsbund nahm jetzt den Namen des _Deutschen +Zollvereins_ an.(122) Aus dem dunstigen Nebel des Deutschen Bundes traten +schon erkennbar die Umrisse jenes Kleindeutschlands hervor, das dereinst +den Ruhm und die Macht des Heiligen Römischen Reiches überbieten sollte. + + + +d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._ + + +Die politischen Wirkungen des Zollvereins sind dank der unvergleichlichen +Schwerfälligkeit des deutschen Staatslebens nicht so rasch und nicht so +unmittelbar eingetreten, als manche kühne Köpfe meinten. Schon zu Anfang +der dreißiger Jahre hoffte Hansemann(123), ein Parlament des Zollvereins +und daraus vielleicht einen Deutschen Reichstag erstehen zu sehen, und wie +viele andere wohlmeinende Patrioten haben nicht ähnliche Erwartungen an +den deutschen »Zollstaat« geknüpft. Aber der Handelsbund war kein Staat, +er bot keinen Ersatz für die mangelnde politische Einheit und konnte noch +durch Jahrzehnte fortdauern, ohne die Lüge der Bundesverfassung zu +zerstören. Als Minister du Thil im Jahre 1827 seinem Großherzog den Rat +gab, jenen entscheidenden Schritt in Berlin zu wagen, da sprach er offen +aus: Wir dürfen uns darüber nicht täuschen; indem wir den Handelsbund +schließen, verzichten wir auf die Selbständigkeit unserer auswärtigen +Politik; bricht ein Krieg aus zwischen Österreich und Preußen, so ist +Hessen an die preußischen Fahnen gebunden. Desgleichen Dahlmann(124), der +nach seiner großen und tiefen Art den Zollverein sofort als das einzige +deutsche Gelingen seit den Befreiungskriegen begrüßte, erklärte +zuversichtlich, der Handelsbund stelle uns sicher vor der Wiederkehr +bürgerlicher Kriege. Auch diese Weissagungen sind nicht buchstäblich +eingetroffen. Der Zollverein hat die oberdeutschen Staaten nicht +verhindert, die Waffen zu ergreifen gegen Preußen. Und dennoch sollte +gerade das Jahr 1866 die gewaltige Lebenskraft dieses handelspolitischen +Bundes erproben. Der rasche Siegeszug der preußischen Fahnen überhob +Preußen der Mühe, seine wuchtigste Waffe zu schwingen, durch die Aufhebung +der Zollgemeinschaft die oberdeutschen Höfe sofort zu bekehren. + +Das Bewußtsein, daß man zueinander gehöre, daß man sich nicht mehr trennen +könne von dem großen Vaterlande, war durch die kleinen Erfahrungen jedes +Tages in alle Lebensgewohnheiten der Nation eingedrungen, und in dieser +mittelbaren politischen Wirkung liegt der historische Sinn des Zollvereins +… es ging doch zu Ende mit dem Philistertum der alten Zeit, das an die +Herrlichkeit der Kleinstaaten kindlich glaubte. Der Geschäftsmann folgte +mit seinen Gedanken den Warenballen, die er frei durch die deutschen +Länder sandte, er gewöhnte sich, wie schon längst der Gelehrte, über die +Grenzen des heimischen Kleinstaates hinauszublicken; sein Auge, vertraut +mit großen Verhältnissen, sah mit ironischer Gleichgültigkeit auf die +Kleinheit des engeren Vaterlandes. Der Gedanke selbst, daß die alten +trennenden Schranken jemals wiederkehren könnten, wurde dem Volke fremd; +wer einmal in dem Handelsbund stand, gehörte ihm für immer. Eine +unerbittliche Notwendigkeit stellte nach jeder Krisis die alten Grenzen +des Zollvereins wieder her; kalte politische Köpfe konnten mit +mathematischer Sicherheit den Verlauf des Streites im voraus berechnen … +Der preußische Staat erfüllte, indem er Deutschlands Handelspolitik +leitete, einen Teil der Pflichten, welche dem Deutschen Bunde oblagen, wie +er zugleich allein durch sein Heer die Grenzen des Vaterlands sicherte. So +ist er durch redlichen Fleiß langsam emporgewachsen zur führenden Macht +des Vaterlandes, und nur weil die europäische Welt es nicht der Mühe wert +hielt, das Heerwesen und die Handelspolitik Preußens ernstlich kennen zu +lernen, bemerkte sie nicht das stille Erstarken der Mitte des Festlandes. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. IV, 350ff. + + ------------------ + + 108 Joh. Friedr. Böhmer, geb. 22. April 1795, gest. 22. Oktober 1863, + hervorragender Forscher, vornehmlich auf dem Gebiete der Geschichte + des deutschen Mittelalters. + + 109 Eduard v. Schenk, geb. 10. Oktober 1788, gest. 26. April 1841. Als + Protestant geboren, trat er 1817 zur katholischen Kirche über und + wurde 1828 Minister der geistl. Angelegenheiten. + + 110 Joh. Nepomuk Ringseis, geb. 16. Mai 1785, gest. 22. Mai 1880, Arzt + von Beruf. + + 111 François Gabriel Graf v. Bray, geb. 1765, gest. 1832. + + 112 Karl Philipp Fürst Wrede, geb. 29. April 1767, gest. 12. Dezember + 1838. + + 113 Georg Ludwig Winter, geb. 18. Jan. 1778, gest. 17. März 1838, seit + 1830 Leiter des Ministeriums des Innern in Baden. + + 114 Karl Theodor Welcker, geb. 29. März 1790, gest. 10. März 1869, + Professor der Rechte in Kiel, Heidelberg, Bonn, Freiburg i. Br., + Mitglied der badischen Kammer und einer von den Führern des + süddeutschen Liberalismus. + + 115 Karl v. Rotteck, geb. 18. Juli 1775, gest. 26. November 1840, + Professor der Geschichte und der Staatswissenschaften an der + Universität Freiburg i. Br., von 1831 an Mitglied der 2. badischen + Kammer, in der er als gewandter Redner die Gedanken des Liberalismus + vertrat. + + 116 Moritz Mohl, geb. 1802, gest. 18. Februar 1888, damals als Assessor + bei der Finanzkammer in Reutlingen, seit 1841 Obersteuerrat, 1848 + Mitglied des Parlaments sowie der Nationalversammlung, seitdem + Führer der großdeutschen Partei in der württembergischen Kammer. + + 117 Ludwig Kraft Ernst Fürst zu Öttingen-Wallerstein, geb. 31. Januar + 1791, gest. 22. Juni 1870, von 1831 bis 1838 bayrischer Minister des + Innern. + + 118 Der Dichter Ludwig Uhland, geb. 26. April 1787, gest. 13. November + 1862. + + 119 Friedrich v. Römer, geb. 4. Juni 1794, gest. 11. März 1864, Mitglied + der liberalen Opposition in der württembergischen Kammer, deren + Präsident er in späteren Jahren war. + + 120 Heinrich Anton v. Zeschau, geb. 4. Februar 1789, gest. 17. März + 1870, seit 1822 in sächsischen Diensten, von 1831–1848 + Finanzminister bzw. Minister des Auswärtigen, von 1851–1869 Minister + des Königl. Hauses. + + 121 Christian Friedrich v. Boeckh, geb. 13. August 1777, gest. + 21. Dezember 1855, von 1828 bis 1844 badischer Finanzminister. + + 122 Von den noch außerhalb des Zollvereins stehenden Staaten bildeten + Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe durch die + Verträge vom 1. Mai 1834 und 7. Mai 1836 einen _Steuerverein_, dem + auch einige preußische und kurhessische Gebietsteile angeschlossen + wurden; Baden, Nassau und Hessen-Homburg traten am 1. Januar 1836, + Frankfurt a. M. am 2. Januar 1836 in den Zollverein ein; am + 1. Januar 1842 auch Braunschweig und Lippe, am 1. April 1842 + Luxemburg. Durch Vertrag vom 1. September 1851 kam auch mit dem + Steuerverein eine Einigung zustande, die am 1. Januar 1854 den + Eintritt desselben in den Zollverein zur Folge hatte. + + 123 David Hansemann, geb. 12. Juli 1790, gest. 4. August 1864, + preußischer Staatsmann und publizistischer Schriftsteller, 1848 + kurze Zeit Finanzminister, nachher bis 1851 Chef der Preußischen + Bank. + + 124 Friedrich Christoph Dahlmann, geb. 13. Mai 1785, gest. 5. Dezember + 1860, Geschichtsforscher und Politiker. + + + + +Register. + + +Addington, englischer Gesandter am Bundestag; 136. +Akzisewesen, preußisches; 5. +Alexander I., Zar; 6. +Alexius Friedrich Christian, Herzog von Anhalt-Bernburg; 62. +Altenstein, Karl, Freiherr v. Stein zum; 34. 85. +Alternat, Streit über das A.; 159. +Altpreußen, Notstand in A.; 82 f. +Ancillon, Johann Peter Friedrich; 196. +Anhalt im Kampf gegen das preußische Zollgesetz; 37. 43. 57 ff. 63. 90 ff. +Anhalt-Bernburg; 43. 62. +Anhalt-Dessau; 62. + — Beitritt von Anhalt-Dessau und Anhalt-Köthen zum Zollverein; 92. +Anhalt-Köthen; 44. 48 ff. 59 ff. 63. +v. Anstett, russischer Gesandter am Bundestag; 161. +Anton, König von Sachsen; 131. 177. 179. +Anton Günther, Fürst von Schwarzburg-Sondershausen; 41. 42. 43. 44. 150. +Aretin, Adam Freiherr v.; 72. 73. 74. 75. +Armansperg, Joh. Ludw., Graf v.; 120. 152. 153. 154. 159. 174. 181. 197. +Arnoldi, E. W.; 22. 23. 69. +Arnstadter Beratung der thüringischen Staaten; 70. +Auguste, Tochter des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen, Kurfürstin + von Hessen; 128. 129. 130. +Baader, Joseph (Franz); 121. +Baring; 11. +Baumgärtner, preußischer Konsul; 196. +Bayer, Fabrikant; 106. +Bayrisches Zollgesetz vom 22. Juli 1819; 46 f. + — Bayrisch-Württembergischer Zollverein 113 f. 151. 181. +Beguelin, Geheimrat; 8. +Bernstorff, Christ. Günther, Graf v.; 33. 38. 45. 46. 52. 53. 54. 55. 56. + 57. 60. 64. 67. 90. 94. 107. 125. 140. 146. 147. 150. 168. + 179. 181. 184. +Benzenberg, Joh. Friedr.; 21. +Bercks, österreichischer Konsul in Leipzig; 201. +Beroldingen, württembergischer Minister; 123. +Berstett, Wilh. Ludw. Leop. Reinh., Freiherr v., badischer Minister; 28. + 29. 47. 53. 56. 57. 69. 70. 72. 75. 76. 100. 101. 102. 103. + 105. 138. 140. +Bever, Assessor; 188. +Biersack, Finanzrat; 111. +Blomberg, Freiherr v.; 155. +Blum, Robert; 24. +Bignon, Louis Pierre, Baron; 66. +Blücher, G. v.; 35. +Blittersdorf, Friedr. Landolin, Freiherr v.; 66. 99. 117. 121. 123. 146. + 162. 173. 195. +Boeckh, badischer Minister; 181. +Böhmer, Joh. Friedr.; 176. +Bombelles, Ludw. Phil., Graf. v.; 50. +Braun, Kammerrat; 132. +Bray, François Gabriel, Graf v., bayrischer Gesandter in Wien; 180. +Brünneck, Oberst; 82. +Buchholz, Publizist; 149. +Buhl, Fabrikant; 184. +Bülow, Heinrich v.; 90. 95. 124. 137. 149. 167. +Bundesakte, Artikel; 19. 23. 25. 27. 28. 35. 38. 46. 53. 54. 99. 139. 140. + 142. 146. 147. 199. +Buol, Joh. Rud., Freiherr v.; 55. +Burke, Edmund; 11. +Büsch, Joh. G.; 22. +Camuzzi, Geheimrat; 121. +Canning, Georg, engl. Minister. + Ministerium; C. 10. + Anm. 80. +Carlowitz, Christoph Anton Ferd. v.; 132. 133. 138. +Carlowitz, Hans Georg v.; 131. 133. 137. 167. +Clarence, Herzogin von; 165. +Conta; 167. +Cotta, Joh. Friedr., Freiherr C. v. Cottendorf; 153. 154. 155. 159. 160. + 161. +Cromwell, Oliver; 11. +Czartoriski, Fürst; 6. +Dahlmann, Friedr. Christoph; 205. +Dalberg, Emmerich Joseph, Herzog von; 122. +Darmstädter Zollkonferenzen; 68ff. 98. 100. 101. +Deutscher Zollverein; 172 ff. 203. 204. +Du Bos du Thil, Karl Wilh. Heinr. Freiherr v. († 1859) + hessen-darmstädtischer Minister; 56. 72. 73. 74. 77. 98. 100. + 101. 105. 106. 107. 108. 123. 126. 127. 144. 205. +Eichhof, österreichischer Hofrat; 161. +Eichhorn, Joh. Albr. Friedr.; 14. 16. 31. 32. 33 ff. 37. 38. 40. 42. 62. + 67. 78. 90. 92. 107. 108. 110. 112. 114. 118. 120. 124. 127. + 148. 155. 164. 167. 170. 174. 187. 188. 189. 192. 198. 200. + 201. 202. 204. +Eimbecker Vertrag (27. März 1830) 170 f. 173 f. 177. +Einsiedel, Detlev, Graf v.; 131. 140. +Elbschiffahrt, Freiheit der E.; 49. 54. 57. +Elbschiffahrtsakte (23. Juli 1821); 60. 62. 90. +Elbuferstaaten, Konferenz der E. in Dresden; 54. 58. 59. +Elsflether Zoll; 58. +Emil, Prinz von Hessen; 110. 112. 122. +Englische Handelskrisis; 81. +Enklavensystem, preußisches; 37 f. 40. 41. 43. 53. 59. 62. 88. +Ernst I., Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha; 47. 69. 132. 133. 150. 162. + 163. +Erskine, Lord; 161. +Eschenheimer Gasse (d. i. Bundestag); 72. 91. 126. 134. 200. +Fahnenberg, badischer Gesandter in München; 123. 189. +Fenelon, Graf, französischer Gesandter am Nassauer Hof; 165. +Ferber, Geheimrat; 7. +Ferdinand, Herzog von Anhalt- Köthen; 44. 48. 49. 53. 54. 55. 57. 59. 60. + 61. 62. 64. 66. 88. 89. 90. 92. +Fitzgerald, englischer Minister; 137. +Frank, Pfarrer; 106. +Franz II., Kaiser von Österreich; 50. 52. 55. +Freihandel, Preußen als Vorkämpfer des Freihandelsgedankens; 11. +Friedheim, Kaufmann; 61. 62. +Friedrich August, Mitregent von Sachsen; 195. 198. +Friedrich der Große; 34. 45. 148. 157. 160. 204. +Friedrich Wilhelm I.; 45. +Friedrich Wilhelm III.; 5. 6. 7. 8. 12. 17. 18. 19. 20. 36. 37. 38. 40. + 41. 43. 44 f. 48. 49. 57. 61. 62. 66. 67. 77. 78. 80. 82. 83. + 84. 86. 87. 88. 89. 90. 91. 107. 109. 110. 112. 113. 115. 119. + 125. 129. 130. 132. 138. 148. 150. 154. 156. 160. 165. 172. + 177. 179. 181. 195. 198. +Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preußen; 154. +Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Hessen; 175. +Friedrich Günther, Fürst von Schwarzburg-Rudolfstadt; 88. +Fritsch, Karl W., Freiherr v., Minister; 47. 53. 178. +Gagern, Hans Christoph Ernst, Freiherr v.; 141. 144. +Geldausfuhr. Aufhebung des Verbots der G. in Preußen; 6. +Generalkontrolle. Aufhebung der G. in Preußen; 84 f. +Georg, Großherzog von Strelitz; 91. +Gersdorff, v., sächsisch- weimarischer Minister; 201. 202. +Gesetz vom 26. Mai 1818; 8 ff. 30. 38. 40. +Gesetz vom 8. Februar 1819 über die Besteuerung des Konsums inländischer + Erzeugnisse; 12. +Gise, bayrischer Minister; 189. +Goltz, Aug. Friedr. Ferd., Graf v. d.; 27. 53. 56. +Goltz, Familie v.; 83. +Gneisenau; 7. 34. +Görres, Joseph v.; 24. 26. 180. +Gothaer Lebensversicherungsbank; 23. +Grandauer, Kabinettsrat; 123. +Grant, Charles; 124. +Grolman, Karl Ludw. Wilhelm v.; 10. +Grote, Aug. Otto, Graf; 137. 149. 167. 170. +Guaita, Senator; 138. 161. +Günther Friedrich Karl I., Fürst von Schwarzburg-Sondershausen; 88. +Handelsverein, deutscher; 25. +Hänlein, preußischer Gesandter am kurhessischen Hofe; 128. 167. +Hansemann, David; 204. +Hardenberg, Fürst; 6. 13. 14. 19. 21. 39. 45. 64. 84. 165 Anm. +Hatzfeldt, Franz Ludwig, Graf v.; 88. +Heidelberger Protokoll; 100. 101. 110. +Herzog, Geheimrat; 100. +Hessen-Darmstadt, Zollvertrag mit Preußen; 109 ff. +Hessen-Kassel, Gesetz vom 17. September 1819; 48. + — Beitritt Hessen-Kassels zum preußischen Zollsystem; 175. +Heydebreck, v., Oberpräsident; 7. 8. +Hofmann, hessischer Staatsrat; 106. 109. 110. 115. 116. 122. 126. 155. + 160. 161. +Hoffmann, E. E.; 184. +Hoffmann, J. G.; 17. 18. 42. 43. 100. +Hohenzollern-Württembergischer Zollverein; 88. +Hruby, Freiherr v.; 128. 138. 165. +Humboldt, A. u. W.; 7. + — W. v. H.; 34. 58. 90. 153. +Huskisson, W.; 10. 11. 103. +Jordan, v., preußischer Gesandter in Dresden; 62. 149. 170. +Jörres; 72. +Julia, Gräfin von Brandenburg, Gemahlin des Herzogs Ferdinand von + Anhalt-Köthen; 49. 66. 88. +Juli-Revolution (1830); 171. 173. +Kamptz, Karl Friedr. Heinr. v.; 85. +Karl VII. (Albrecht), deutscher Kaiser; 157. +Karl, Herzog von Braunschweig; 139. +Karl August, Großherzog von Sachsen-Weimar; 40. 47. 50. 145. +Karl Friedrich, Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach; 178. 201. +Karlsbader Beschlüsse (1819); 19. 50. +Karlsbader Konferenzen (1819) 19. 28. 45. + — (1821) 61. +Kasseler Vertrag 175. 177. +Keßler, Direktor der Domänen 86. +Kircheisen, Friedr. Leop. v. 34. +Klewiz, Wilh. Anton v. 29. 41. 62. 77. 84. 94. +Klickermann, Zollinspektor 63. +Knorr, Zolldirektor 194. +Könneritz, Jul. Traugott v. 169. 170. 196. +Kotzebue 17. +Köster, Abgeordneter 69. +Krafft, Präsident 116. +Kreß, v., österreichischer Hofrat 135. +Krug 18. +Kühne, Leopold 129. +Kühne, Ludw. Samuel 85. 87. 175. 188. +Kunth, Staatsrat 7. +Küster, preußischer Gesandter in München 123. 125. 152. 192. 194. 197. + 200. 203. +Ladenberg, Phil. v. 8. 77. 84. 85. +La Ferronays, französischer Minister 123. +Landwirtschaftliche Krisis in Deutschland 81. +Langenau. Fr. Karl Gustav, Freiherr v. 117. 118. 135. +Lassalle, Ferd. 25. 29 Anm. +Lehrbach, Graf 115. +Leipzig, Schlacht bei L. 79. +Leonhardi, großherzoglich hessischer Geheimrat 135. +Leopold III., Friedrich Franz, Herzog von Anhalt-Dessau 64. +Leopold IV., Friedrich, Herzog von Anhalt-Dessau 62. 89. 90. 92. +Leopold, Großherzog von Baden 181. 183. 184. +Leopold von Dessau (der alte Dessauer) 59. +Lerchenfeld, Maximilian v. 72. 99. 106. 123. 141. 160. 174. 192. +Lestocq, General 41. 202. +Lindenau, Bernh. v. 134. 135. 136. 137. 138. 139. 140. 141. 144. 177. 178. + 195. 196. 201. +List, Friedr. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 32. 51. 52. 55. 57. 68. 69. 70. +Listscher Verein s. Verein deutscher Kaufleute. +Lottum, Graf 84. 87. +Lotzbeck, v. 184. +Löwenstein, Fürst Georg v. 182. +Luden 17. +Lüder, Kammerrat 126. +Ludwig, Großherzog von Baden 117. 181. +Ludwig I., König von Bayern 102. 104. 105. 106. 108. 121. 122. 123. 125. + 126. 130. 141. 151. 152. 153. 154. 155. 159. 160. 161. 175. + 181. 182. 183. 184. 185. 189. 192. 193. +Ludwig I., Großherzog von Hessen 72. 107. 112. 125. 126. 129. 205. +Lützerode, Freiherr v. 126. +Luxburg, Graf 155. +Maaßen, Generaldirektor 8. 9. 10. 11. 12. 21. 29. 31. 32. 42. 79. 85. 108. + 112. 155. 172. 175. 187. 189. 191. 195. 196. 197. 202. 204. +Mainzer Konferenzen 102. +Maltzan, v. 107. 112. 135. 145. 168. +Manteuffel, Georg Aug. Ernst v. 131. +Marschall, Freiherr v., Vertreter Nassaus am Bundestag 47. 52. 53. 56. 61. + 66. 71. 72. 76. 100. 102. 117. 129. 134. 143. +Martens, Georg Friedr. v. 27. +Marx 29 Anm. +Maximilian I. Joseph, König von Bayern 100. 122. +Meisterlin, Geheimer Rat 174. +Merckel, Oberpräsident 7. +Metternich, Fürst Klemens 19. 28. 36. 47. 49. 50. 52. 55. 61. 64. 70. 75. + 76. 88. 89. 118. 139. 140. 149. 151. 152. 153. 165. 180. 182. +Meyer, S., Kaufmann 183. +Meyerfeld, v., kurhessischer Bundestagsgesandter 173. 174. +Meysenbug, Freiherr v. 126. +Mieg, v., bayrischer Finanzminister 189. 190. 192. 200. +Michaelis, Geheimrat 199. +Milbanke, englischer Geschäftsträger bei der Stadt Frankfurt 136. +Miller (Immenstadt) 25. 69. 103. 126. +Minkwitz, Freiherr v., sächsischer Minister 199. +Mitteldeutscher Handelsverein 130 ff. 139 ff. 148. 149. 151. 153 f. 162. + 163. 165. 171. 173. 175 f. 178. 195. 202. +Mohl, Moritz 187. 188. 199. +Mollerus, niederländischer Geschäftsträger in München 124. +Motz, Friedr. Christ. Ad. v. 42. 77. 78 ff. 81. 83. 84. 85. 86. 87. 88. + 92. 97. 107. 108. 110. 112. 114. 116. 118. 129. 146. 147. 148. + 150. 151. 153. 154. 155. 156. 157. 159. 161. 162. 163. 164. + 170. 171. 172. 173. 194. +Motz, hessischer Finanzminister 174. +Müller, Adam 49. 50. 52. 59. 62. 63. 64. 88. 89. 91. 93. +Münch-Bellinghausen, Joachim, Graf v. 62. 117. 118. 119. 135. 146. 161. +Münster-Ledenburg, Ernst Friedr. Herbert, Reichsgraf 136. 165. +Nagler, Karl Friedr. v. 91. 127. 174. +Napoleon I. 71. 122. 128. 158. +Napoleon, römischer König 122. +Navigationsakte 11. +Natzmer, Oldwig v., preußischer General 129. +Nebenius, Karl Friedr. 29. 30. 31. 32. 33. 42. 53. 68. 70. 72. 73. 74. 76. + 99. 100. 101. 102. 103. 104. 153. +Neujahrsnacht 1834 204. +Oberkamp, Geheimrat 126. 127. 128. 141. +Oberschönaer Punktation 133. 134. 142. +Österreichische Tendenzlügen 119. +Otterstedt, v., preußischer Gesandter am badischen Hofe 108. 116. 118. +Öttingen-Wallerstein, Ludwig Kraft Ernst, Fürst zu 192. +Perrot, Abgeordneter 106. +Pfizer, Paul 158. 193. 194. +Phönix, Versicherungsgesellschaft 23. +Pitt, William 79. +Pochhammer 160. +Pölitz 18. +Porbeck, v., Präsident 126. +Preußisch-Bayrischer Handelsvertrag 145 ff. 155 ff. 180 f. +Preußisch-Hessischer Zollverein 109 ff. +Prohibitivzölle, französische 10. 11. +Rabener, Gottlieb Wilh. 145. +Radowitz, Freiherr v. 37. +Rauch, Christian, Bildhauer 160. +Rechberg, Aloys, Graf v. R. u. Rothenlöwen 72. 99. +Reden, v., hannoverscher Gesandter in Dresden 140. +Reichenbach (Emilie Ortlöpp), Gräfin, Geliebte des Kurfürsten Ludwig II. + von Hessen 126. 127. 171. +Reichenbach, Zusammenbruch der Firma R. in Leipzig 81. +Reinhard, Karl Friedrich, Graf 122. 136. +Renner, Defraudationsprozeß der Firma R. 71. +Rheinischer Merkur 24. 26. +Rheinoktroi von 1814 58. +Ricardo, David 29. +Ries, kurhessischer Geheimrat 174. +Ringseis, Joh. Nepomuk 180. +Römer, Friedr. v. 194. +Röntgen, Aug. v. 101. 143. 161. 166. 168. 193. +Rothschild, Anselm Meyer, Freiherr v. 116. 134. +Rotteck, Karl v. 184. +Rumigny, Graf 161. +Sachsen, Königreich, Beitritt Ss. zum Zollverein 194 ff. 200. +Sachsen-Koburg-Gotha, Vertrag Preußens mit S.-K.-G. 163. +Sachsen-Meiningen, Vertrag Preußens mit S.-M. 163. +Sachsen-Weimar sucht um Aufnahme in das preußische Zollsystem nach 178. +Sack 34. +Salmuth, v. 89. +Salzregal, Einführung des S.s in Preußen 6. +Schenk, Abgeordneter 115. 180. +Schenk zu Schweinsberg 174. +Schill 34. +Schleiermacher, Friedr. Ernst Dan. 34. +Schlieben, Familie der Grafen v. 83. +Schlußakte 53. +Schminke, Finanzminister 127. +Schmitz-Groltenburg, Freiherr v., württembergischer Gesandter in München + 99. 120. 122. 189. +Schmuggel (Schwärzen) + an den preußischen Grenzen 20 f. 41. 43. 57 ff. 63. 71. 98. 173. — + Auf dem Schwarzwald und am Rhein 181. 183. — + An der sächsisch-böhmischen Grenze 195. +Schmuggelprämie 31. +Schnell, J. J. (Nürnberg) 25. 51. +Schön, Präsident 78. 82. 83. +Schönberg, Präsident 78. 155. +Schuckmann, Kasp. Friedr. Freih. v. 7. +Schulenburg, Graf Friedr. Albr. v. d., sächsischer Gesandter in Wien 165. +Schütz, v., Steuerdirektor 86. +Schwarzburg-Rudolstadt 43. +Schwarzburg-Sondershausen und Preußens Zollgesetz 41 ff. +Schwerer, Ehr. Wilh. 132. 133. 178. +Schwerz 81. +Siebein, Geheimrat 126. +Siebenpfeiffer 176. +Smidt, Joh., Bürgermeister von Bremen 137. 166. +Smith, Adam 8. 11. 29 Anm. +Sotzmann, Geheimrat 95. 160. +Spiegel, Graf, österreichischer Gesandter in München 123. +Spittler, Ludw., Freiherr v. 34. +Sponheimer Handel 125. 152. 155. 161. 181. 183. 185. +Stader Zoll 60. +Stägemann, Friedr. Aug. v. 82. +Stem, Freiherr vom 7. 24. 34. 35. 84. 135. 138. 141. +Stein-Hardenbergsche Reformen 80. +Sternegg, v., Hofmarschall 64. +Steuerverein, Norddeutscher 170. +Stralenheim, hannoverscher Gesandter in Stuttgart 144. +Stromeyer 176. +Stuttgarter Zollkonferenzen 98 ff. 101 ff. +Süddeutscher Zollverein 56. 57. 72 ff. 181. 184. 185. 189. — + Beitritt des S. Z.s zum Preußisch-Hessischen Zollverein 190. +Tann, Freiherr v. d. 123. 126. +Teplitzer Besprechungen (1819) 19. +Thaer 81. +Thomas, Bürgermeister von Frankfurt a. M. 138. +Thon, weimarischer Bevollmächtigter 133. 202. +Thüringen. Beitritt Th.s zum Zollverein 194 ff. 202 ff. +Thüringischer Handelsverein 39. 94. +Tilsiter Friede 79. +Trauttmannsdorf, Graf v., österreichischer Gesandter 91. +Trendelenburg, Adolf 164. +Truchseß-Waldburg, Graf 124. +Uhland, Ludwig 194. +Varnbüler, Friedr. Gottlob Karl 188. +Varnbüler, Karl Freiherr v. 151. 160. +Varnhagen v. Ense, Karl Aug. 165. +Verein deutscher Kaufleute und Fabrikanten 25. 39. 45. 70. +Verstolck van Soelm, holländischer Minister 124. +Vincke, Georg v., Präsident 78. +Wangenheim, Karl Aug. Freiherr v. 57. 68. 72. 76. 88. 99. 109. 137. 188. +Watzdorf, Graf v., sächsischer Gesandter in Berlin 140. 199. 200. +Weber, E. (Gera) 25. 27. 51. +Weise, v. (Vater), Kanzler 41. 42. +Weise, v. (Sohn), Geheimer Rat 41. 42. +Welcker, Karl Theodor 184. +Wertheim, Verhandlungen wegen Abtretung W.s an Bayern 182. +Wiener Vertrag vom 3. Mai 1856 6. +Wiener Konferenzen 28. 29. 44. 45 ff. 93. 107. +Wiener Kongreß 13. 14. 49. 52. 58. 59. 64. +Wiener Kongreßakte, Art. 108 bis 116 58. +Wietersheim, Eduard v. 131. 198. +Wilhelm I., Kurfürst von Hessen 48. +Wilhelm II., Kurfürst von Hessen 74. 79. 97. 109. 126. 127. 128. 129. 130. + 138. 145. 165. 171. 174. +Wilhelm, Herzog von Nassau 102. 130. 135. +Wilhelm I., König von Württemberg 103. 104. 105. 123. 144. 151. 153. 155. + 160. 181. 183. 185. 188. 193. +Windhorn, Finanzrat 155. +Winter, Georg Ludwig, badischer Minister 183. +Wittgenstein, Prinz 126. 127. 128. +Wittgenstein, Wilh. Ludw. Georg, Graf zu Sayn-W. 61. 87. 150. +Witzleben, Job. v., preußischer Generalleutnant 153. +Wolfs, österreichischer Legationsrat 180. +Wrede, Karl Philipp, Fürst 180. +Zachariä v. Lingenthal, Karl Salomon 103. +Zentner, Georg Friedr., Freiherr v. 50. 57. 123. +Zeschau, Heinrich Anton v., sächsischer Finanzminister 197. 199. 200. 201. +Zollanschlußvertrag mit Schwarzburg-Sondershausen 42. +Zollgesetz, Maaßens preußisches Z. 6. 8 ff. +Zoll- und Handelsverein der thüringischen Staaten 203. +Zu Rhein, Freiherr v. 104. 122. + + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRÜNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS*** + + + +CREDITS + + +October, 17 2007 + + Project Gutenberg TEI edition 01 + Ralf Stephan, Norbert H. Langkau, and The Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net. Page-images + available at + <http://www.pgdp.net/projects/projectID4533e30524bbb/> + +October, 20 2007 + + Project Gutenberg TEI edition 02 + Ralf Stephan + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 23065-0.txt or 23065-0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/3/0/6/23065/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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