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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:13:13 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Irmela + Eine Geschichte aus alter Zeit + +Author: Heinrich Steinhausen + +Release Date: January 21, 2008 [EBook #24390] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA *** + + + + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + + IRMELA + + + + + Eine Geschichte aus alter Zeit + + + von + + + Heinrich Steinhausen. + + – – – + + Achtzehnte Auflage. + + – – – + + Titelbild von W. Steinhausen. + + – – – + + + + Leipzig 1899. + + Verlag von E. Ungleich. + + + + + +Eingang. + + +Die heitre Sonne des Pfingstsonntages im Jahre des HErrn 13.. sank +hinter die rebenbepflanzten Berge, welche von Westen her das liebliche +Thal einschließen, in dem die stattlichen Gebäude der wohlbekannten +Cisterzienser-Abtei Maulbronn sich erheben. Eben war der +Vespergottesdienst mit dem Magnificat beschlossen, das heute nicht nur +von den Brüdern im Chor, sondern auch von dem zahlreich versammelten +Volke im vorderen Theile der Kirche gesungen worden war. Nur Bruder +Diether ließ das Örglein noch nicht schweigen, vor dem er saß, und +drückte die breiten Tasten durch kräftige Schläge nieder, daß sich +langhallende Töne hören ließen, während das Gotteshaus sich leerte. + +»Wie, schon All’ hinaus?« sagte er, als er, nach kurzer Weile sich +umwendend, den ganzen Raum unten verlassen fand. »Sie haben halt Eil’ +heut,« setzte er hinzu, »das Volk will des milden Maien genießen unter +der Linde, und die Confratres sind dem Refectorio am Pfingstabend auch +nicht feind. So wollen wir denn des Tönens genug sein lassen, uns mit +dem Paternoster segnen und von hinnen gehn!« + +Während er bedächtig die Treppe herniederstieg, welche vom Orgelchor +in’s Schiff führte, schritten die Mönche bereits nach Gefallen einzeln +oder zu mehreren gesellt dem Klostergarten zu oder wohin sonst einem +Jeden sein Sinn stand; denn nach Gewohnheit ward St. Bernhards Regel +heut nicht eben ängstlich befolgt und Abt Rothad war zu keiner Zeit +der Mann, von dem ein straffes Anziehen derselben zu besorgen war. So +war es denn auch bald im Kreuzgang einsam, der sich an die Kirche +gegen Mitternacht anschließt und im Viereck einen Friedhof umgibt, der +doch schon damals mehr einem mit Bäumen und Gesträuch wohlbepflanzten +Gärtlein glich. + +Als Diether aus der nördlichen niederen Kirchenpforte in die +kunstreich gewölbten Gänge trat, däuchte ihn die abendliche Stille, +die ihn so mailich und freundlich anwehte, keineswegs unwillkommen, +sondern wie er langsam daherschritt und immer wieder zwischen den +Pfeilern still stehend zum blauklaren Himmel emporblickte und vor sich +auf die Pracht der Blüthen im frischen Grün, da war’s, als leuchtete +die Lenzwonne auch aus seinen dunklen Augen, so froh schauten sie +darein, und als fühlte seine Brust mit der Jugend des Jahres auch die +Jugend des Herzens wieder, so freudig und kräftig hob sie sich. Dicht +neben ihm aus dem Gebüsch erscholl die Stimme einer Nachtigall. Er +blieb stehen und lauschte. Ihm schien’s, als wäre das die Seele dieses +Maiabends, die wollte all’ ihre reine und himmlische Freude ihm mit zu +empfinden geben. Sie schwieg. Aber als nach kurzer Weile ihre Töne +wieder erklangen, lang gezogen und klagend, da tauchten sie auch seine +Seele in sanfte Schwermuth und seine Gedanken wurden wie mit +freundlichem Zwange rückwärts gezogen; und wie um ihn her die +Dämmerung ihre ersten Schatten breitete, versank auch vor seinem +inneren Auge die Gegenwart allgemach und Blüthenduft und Abendstille +trieben ihn der Erinnerung längst vergangener Tage zu. So stößt ein +Kahn sanft vom beschatteten Ufer ab und gleitet auf kaum bewegter +Fluth dem Eilande zu, das dem Schiffer sonnig entgegenwinkt! – + +Leise hatte er sich niedergelassen auf die steinerne Brüstung. Ein +Hauch der Abendluft rauschte durch den Garten und wehte wie kleine +Sterne weiße Blüthen des Flieders ihm auf Haupt und Gewand. Er blickte +auf, als wollt’ er Jemand suchen, und »Irmela« klang es wie im Traume +von seinen Lippen. Der Name hallte wieder von den Pfeilern drüben. Er +horchte auf wie freudig erschrocken; aber gleich darauf, sich +besinnend, sah er lächelnd auf seinen Blüthenschmuck und verharrte +schweigend, in sich versunken. – + +Da weckten ihn geräuschvolle Schritte; sie kamen von der vorderen +Thür, die in die westliche Seite des Kreuzganges führt. Er wandte sich +um und sah zwei junge Gesellen munter herbeieilen. Sie grüßten ihn +fröhlich und auch er hieß sie von Herzensgrund willkommen; war er doch +den Beiden von ganzer Seele zugethan, wie das Alter an der +wohlgezogenen Jugend seine Lust hat und wie der Lehrer seine Schüler +liebt, an denen seine Arbeit nicht umsonst ist. »Vater, Meister!« rief +der Eine, »Zürnet uns nicht, daß wir heute so spät erst nach Euch +Nachfrage thun. Mußten wir doch gewärtig sein, hätten es auch wohl +verdienet, Euer heut gar nicht mehr ansichtig zu werden. Aber der +wonnigliche Lenztag lockte uns in’s Freie und so streiften wir durch +Wald und Feld, bis der Abend hereinbrach.« + +»Wollten doch auch des Fiedlers Heiner neue Weisen mit anhören, der +sich in Hohenklingen auf dem Wiesenplan vernehmen ließ, fiel der +Andere ein, »aber als er zum Tanz aufspielte den Dörflern, da war es +hier Rupert nicht, der nicht mit mir von dannen wollte und wieder +Rupert nicht, der hernach mit des Klosterbauern flachszöpfiger Jutta +daherschwenkte.« + +»Scherze nur!« unterbrach ihn der Gemeinte. »Es brauchte wenig +Überredungskunst, um Dir das Verweilen lieb zu machen. O, Meister! +haltet solches Geschwätz unserer Thorheit zu gut. Wir hätten zeitiger +bei Euch einsprechen sollen. Ihr waret einsam!« + +»Daß Ihr junges Volk Euch doch so gern für unentbehrlich haltet uns +Alten!« versetzte Diether mit freundlichem Ernst. »Wüßtet Ihr, welch’ +treffliche Gesellschaft ich gehabt habe, da Ihr kamt, so hättet Ihr +sicher mich darum geneidet.« + +»Wer war denn bei Euch?« fragten die Beiden. »Wir sahen Niemanden!« + +»Eine Fraue und gar holde«. + +»Wie heißt sie?« + +»Erinnerung! – Sie hat mich sanft bei der Hand genommen und gern bin +ich ihr gefolgt.« + +»So weiß ich auch, Vater«, sprach Waltram, Ruperts Geselle, »was Euch +so bewegt, daß Stimme, Auge und Gebärde davon zeugen. Das kommt von +den Gedanken, die inwendig in Euch Erinnerung lebendig gemacht hat. +Möcht’ es Euch doch gefallen, auch uns davon zu erzählen. Der Abend +ist warm und still der Ort.« + +»Wohl, ich will’s thun!« erwiederte Diether willfahrend. »Und wie Ihr +just mich also angetroffen habt, so soll zu Euch mein Mund sich +aufthun von dem, was Erinnerung mir gewiesen und wovon ich bis diesen +Tag geschwiegen. Kommt! und laßt uns niedersitzen, wo dort die Halle +sich um den Steinbrunnen wölbt. – Aber ob ich’s wohl werde so +kurzweilig machen, wie Heiner seine Aventiuren?« fragte er scherzend +zu Rupert gewandt, als sie sich setzten. + +»Ist’s eine Aventiure?« + +»So mögt Ihr sie wohl heißen!« + +»Dann gebt ihr einen Namen!« + +»Irmela!« sagte Diether nach kurzem Bedenken, »das soll ihr Name +sein.« + + + + + +Diethers Geschichte, + +von ihm selbst erzählt. + + + + * * * * * + + + +Erstes Capitel. + +Meister Ulrich. + + +Das war vor Zeiten, da noch Abt Albrecht den Abtstab führte, ein viel +ander Wesen allhier im Kloster, als heutzutage. Er war ein gar +gestrenger Herr und manchem Novizen vergieng das Verlangen nach St. +Bernhards weißer Kutte, weil ihm des Heiligen Regel ein allzuschweres +Joch für die Schultern däuchte, und manch’ Anderen, der gern geblieben +wäre, trieb der Abt selber hinweg. »Denn«, so pflegt’ er zu sagen: +»Unmüßigkeit muß auch in der Muße suchen, wer in’s Kloster taugen +will.« Und so mußt’ es denn zu seinen Zeiten hergehen, wie im +Bienenkorb, wo Jedes emsig am Werke schafft, das ihm angewiesen ist, +von früh bis spät, nur daß unseres Volkes Meister seine Bienen gar +selten ausfliegen ließ und wenig darnach fragte, ob sie fröhlich +summten bei der Arbeit oder nicht. Für Jeden fand er was zu thun und +wußt’ ihn an seinen Ort zu stellen, und dem Zaudern oder Widersprechen +war Niemand feinder als er. Und weil er allezeit etwas betrieb, was +ihm selbst am Herzen lag, so gab’s auch immer Arbeit genug für Alle. + +Dazumal ward des Klosters Gebäu mit Kirche und allem so stattlich +hergestellt, wie man sich heut dessen erfreut. Aber ohne viel Seufzen +gieng’s bei Denen nicht ab, die sich des Bauwesens anzunehmen hatten. +Und der Abt nahm Keinen aus, so oder so mußte Jeglicher mitschaffen. +_Impendere curam, impendere substantiam, impendere et se ipsum._ +Diesen Spruch unseres Ordensheiligen legte er oft seinen Mönchen vor, +wenn er sie im Capitelsaal um sich versammelt hatte, und sorgte +weislich dafür, daß sie durch Übung solches Spruches Verstand um so +besser inne würden. + +Wie er dann die Trägen, Lässigen und die seinem scharfen Regiment +abhold waren, bald herausgefunden hatte, so verhehlten auch diese +unter einander ihren Groll nicht und hießen ihn, wenn sie von ihm +sprachen, nur immer: Monoceros. Ich fragte, was solches Namens Meinung +wäre. Da erfuhr ich: Monoceros sei ein bös Thier, gar ungeschlacht, +habe ob dem Haupte ein großes Horn, gewaltiglich damit um sich zu +stoßen. Ob dieser Auskunft entsetzt’ ich mich schier und sah Abt +Albrecht darauf hin recht bedenklich und bänglich an. Doch konnt’ ich +mich von ihm keines Bösen gewärtigen. Denn, wiewohl ich zu der Zeit +noch gar jung war, dazu ungeschickt und muthwillig nach Knabenart, so +war doch der gefürchtete Abt voll Gütigkeit gegen mich, und sein +Angesicht, wenn’s noch so strenge sah, schaute sogleich freundlich +drein, wenn ich daher kam, mich ehrbarlich neigte und ihn grüßte: +_Salve, domine!_ Ja, er trug eine sonderliche Lieb zu mir und die that +mir gar wohl; denn ich war da fast ein schmächtig und schwächlich +Bürschlein, stak noch halb in den Kinderschuhen, und des Lernens, dazu +Bruder Berthold mich anhielt, den der Abt mir zum Magister bestellt +hatte, däuchte mich oft zu viel. Schon bei den ersten Schritten auf +der Bahn des Triviums vermeint’ ich, es gienge nimmer weiter mit mir +und ich könnte über all’ die Blöcke und Steine, so die Grammatik mir +in den Weg warf, gar nimmer hinwegklimmen. Dennoch verfuhr der Abt +nach Lindigkeit mit mir, auch wenn Magister Berthold über seinen +uneifrigen Scholaren sich hart beklagte; ja, der sonst Monoceros war, +begütigte den unzufriedenen Lehrer von meinetwegen. + +»Geduldet Euch nur, Berthold«, sagt’ er wohl, »und zwinget Dietherum +nicht allzu hart! Aus dem Schwarzaug schaut kein blöder Geist; er wird +wohl noch durch gelehrte Kunst unsers Klosters Zierde, wenn ihm erst +die Flügel gewachsen sind. Noch ist er ja gar zart und muß sich erst +festigen.« + +Wie nun aber etliche Jahre herumgegangen waren, da hatte das +Dietherlein sich wohl gefestigt und war kräftig in die Höh’ gewachsen, +aber von den Flügeln, die sein Geist ansetzen sollte, sich in die +gelehrte Kunst zu schwingen, war leider noch gar wenig zu spüren. +Dennoch blieb mir unser gestrenger Abt noch immer zugethan. Und das +gieng so zu. + +Er hatte eine sonderliche Lust an allerlei Werk und Kunst, und wie er +vormals in Welschland gewesen war und sein Auge wohl gewöhnt war zu +erkennen, was Tugend hatte und Wissenschaft, so trachtete er auch +eifrig danach, sein Kloster zu schmücken. Nun hatte er damals Meister +Ulrich von Prag herbeigerufen, der war in der Malkunst trefflich +geschickt. Welche Freude hat an ihm der Abt gehabt; wie hat er ihn +aber auch angespannt und angetrieben, zu schildern und zu schaffen in +der Kirch’ und im Capitelsaal und an andern Orten, wie Ihr das Alles +nun fertig sehet. Ihm wär’ es schier am liebsten gewesen, Meister +Ulrich wäre gar nimmer von seinem Gerüste herabgekommen oder hätte +zehn Hände gehabt, und in jeder einen Pinsel. + +Was aber Meister Ulrich mit meinem ausbleibenden gelehrten Eifer zu +thun hatte, das war dieses. Seitdem er bei uns schuf und bildete, +trachtete ich nur danach, um ihn zu sein und ihm zuzuschauen, wenn er +am Werk war. Da verbracht’ ich denn, wo er an Wand und Decke zu malen +hatte und drüben im Abthaus, wo ihm ein helles Stüblein zur Werkstatt +hergerichtet war, am liebsten meine Zeit. Mit Bewunderung sah ich ihm +zu, wie unter seiner kunstreichen Hand Christus und Unsre Frau und +Engel und Heilige, ja Gott Vater selbst sichtbar wurden, wo zuvor eine +weiße Wand oder ein leeres Blatt gewesen war. Ich hatte immer meine +Augen an Gestalt und Farbe geweidet und Blumen und Blättlein, auch den +Wiesengrund, Baum und Berg fleißig betrachtet, nicht minder den Zug +der Wolken, den Glanz des Himmels. Nun dacht’ ich oft: könntest du +doch auch so nachbilden, was ringsum ist; und oft betete ich zu St. +Niclas, meinem Schutzheiligen, er möchte für mich auch solche Kunst +erbitten, wie Meister Ulrich sie verstund. Der hatte mir auch bald +abgemerkt, wonach mich’s verlangte, und so sagt’ er einst: »Diether, +hast Du wohl auch Lust zu solcher Kunst, sie zu erlernen?« + +»Gar gerne, Meister!« antwortete ich. »Wenn Ihr mich unterweisen +wolltet, und durch St. Niclasens Hilfe!« + +Da sagt’ er: »St. Niclas nicht, sondern St. Lucas Evangelista ist +dieser Kunst Patron. Der mag Dir wohl günstig werden, wenn Du fromm +bist. Aber unterweisen will ich Dich gern nach allem Vermögen.« + +Und von Stund an durft’ ich dann bei ihm nicht mehr müßig sein, +sondern mit Stift und Kohle wies er mich an gar sorgfältig. Das +geschah heimlich, wenn Niemand bei uns war, weil wir fürchteten, der +Abt möcht’s nicht gerne wollen leiden. + +Aber je heimlicher, je lieber! + +Manche Stunde, die ich sonst draußen vertummelt hatte, die versaß ich +jetzt bei Meister Ulrich, auch manche, die mich hätte über den Büchern +Magister Berthold’s finden sollen. Der fand denn um so häufiger +Ursach’, mich zu tadeln. + +»Du hast einen raschen Kopf«, sagt’ er zu mir, »dringest geschwind ein +in den Verstand der Sachen; aber Du bleibst nicht im rechten Geleis, +bist nicht bedachtsam und ich bring’ Dich nimmer durch’s Quadrivium. +Diether, Du setzest nicht Deinen ganzen Eifer in die hohe +Wissenschaft! Ich glaube, Pragensis mit seinen Schildereien hat Dir’s +angethan.« Ich schwieg und trieb mein’ Sach’ nur um so mehr verhohlen; +aber sie blieb’s nicht lange so. + +Denn einmal, als Ulrich dort in der Geißelkammer die Geschichte vom +reichen Mann malte, wie er in der Flamme Pein leidet, und Lazarum +droben in Abraham’s Schooß, da war ich auch bei ihm, und weil’s just +die Zeit am Tage war, in der nach der Cisterzienserregel die Brüder in +ihren Zellen der Betrachtung obliegen, so waren wir im Geringsten +nicht einer Störung gewärtig. Meister Ulrich hatte mich heißen einen +leinenen Kittel überthun, wie er selbst trug, wenn er mit Farben +umgieng; und da ich so in dieser Tracht vor ihm stund, hat er lachend +zu mir gesagt: »Nun trägst Du den Rock wie Unsereiner und ich hab’ +Dich für unsern Heerbann angeworben; aber dem Kriegsmann frommt die +Rüstung allein nicht, er muß auch bewehrt sein. So geb’ ich denn Dir +auch unsrer Mannen Speer und Spieß und verhoffe, Deine Hand wird +solchen allezeit mit Weisheit und Verstand Gott und Seinen Heiligen +zum Ruhme, unserer Zunft zu Ehren, den Guten zur Herzfreude führen.« + +Damit fuhr er mir dreimal mit einem gar langen Pinsel über Rücken und +Haupt und händigte mir dann solches Gewaffen aus. Darauf sollt’ ich, +wie er sagte, sogleich mit ihm die erste Ausfahrt thun, d. i., ich +mußte zu ihm auf sein Gerüst hinauf, allda ihm am Bilde zu helfen. +Aber weil er just dabei war, der Hölle Flammen herzustellen, darin die +armen Seelen brennen, so hieß er mich rechts hintreten, wo höher oben +die Seligen schweben. + +»Es möcht’«, sagt’ er dabei, »eine böse Vorbedeutung geben, wenn Du +mit der preislichen Kunst an so unseligem Ort anhübest. An die +schimmernden Wölklein droben sollst Du Dich machen, aus denen die +Engel herfürlugen.« + +Mir klopfte schier das Herz vor Freuden, als dräng’ ich selber in den +wahrhaftigen Himmel, wie ich die Leiter noch höher hinanstieg, um nach +seiner Anweisung am gemalten mitzuhelfen. Ich war bald mit großem +Eifer in mein Thun vertieft, als plötzlich die Thür in den Angeln +knarrte und laute Schritte die steinernen Stufen herniederkamen. Ich +erschrak; denn zwischen den Brettern hindurch, auf denen meine Leiter +stund, sah ich Abt Albrecht’s hohe Gestalt und Magister Berthold +hinter ihm. + +»Gebt Acht«, hört’ ich diesen sagen, »hier ist er und sonst +nirgends.« + +»Wartet nur«, rief der Abt zorneifrig, »wartet nur; ich will ihn wohl +zu Euern Büchern treiben; will er denn keine Gelahrtheit lernen, so +soll er doch lernen fleißig sein! He Diether, bist hier? Albertus +Abbas hat mit Dir zu sprechen?« + +Was half’s! Ich konnt’ ihm doch nicht entgehen. Zudem, wenn er so +scharf sprach, war es gefährlich, ihm ungefügig zu sein. So rief ich +denn: »Ja, Ew. Gnaden!« aus meinem Himmel, aber meine Stimme klang gar +nicht wie eines Seligen. + +»Um aller Heiligen willen!« sprach der Abt. »Was schafft der da +droben. Sogleich komm hernieder und hurtig!« + +Aber ich konnt’ nicht behender; denn mir wankten die Kniee, als ich +auf den Sprossen der Leiter ihm näher kam. So trat ich denn vor ihn im +leinenen Überkleid mit vielerlei bunten Farben geziert wie eines +Stieglitzen, den Pinsel hinter mich haltend, und, wie ich meine, mit +gar erbärmlicher Miene. + +»O der Possen«, begann er zu schelten, »in meinem Kloster; o des +Müßigganges, der solche verschuldet! _Otiositas mater nugarum, noverca +virtutum!_ Mißrathener Diether, jetzt sollst Du unsre Strenge fühlen, +denn unsre Güte hast Du mit solcher Verkehrtheit gelohnt! Du +versäumest das Deine und bist eine Störung und Hinderung für Meister +Ulrich obendrein. Fortan wirst Du besser in Zucht genommen werden und +Meister Ulrich wird Dein ledig sein.« + +Wie ich das vernahm, da entfiel mir mein Herz; ich konnte nichts +erwiedern; mir war’s, als würd’ ich aus dem Paradies verwiesen. Da +aber ist Ulrich, mein lieber Meister, mein Engel worden, nicht der mit +dem hauenden Schwerte, den Eingang zu wehren, sondern wie einer, der +die Flügel um uns breitet, zu schirmen und zu erretten. Denn er trat +herfür, wagt’ es und sprach: + +»Wollet verzeihen, Ew. Gnaden, aber der Diether hier ist mir nie keine +Hinderung oder Störung gewesen noch hat er hier Müßiggangs gepflogen +oder Possenspiels. In dem Anzug, der Euch so befremdet, steht er wohl +mit Fug hier; denn wer beim Malen ist, sollte dem solch Kleid nicht +ziemen? Läßt es gleich bunt und scheckig, so bezeugt’s damit die +Arbeit, so drin gethan wird. Und glaubt mir, Euch und dem Kloster +macht die Kunst keine Schand’, die in Diether ist. – Seht hier!« + +Damit zeigte er dem Abt etliche Zeichnungen von mir, die bei der Hand +waren. Der nahm sie mit großem Erstaunen und seine Augen glänzten, wie +er die Blätter prüfte. + +»Das hat Diether gemacht; das hat Diether gemacht?« fragt’ er immer +wieder. + +»Ja!« sagte Ulrich, »all’ das hat Diether gemacht und, ich sag’ +Euch, er wird noch ganz Anderes machen Euch zum Erstaunen, wenn Ihr +ihn bei mir laßt, daß er mein Schüler sei, so lang ich hier bin.« + +»So nehmt ihn, nehmt ihn immer, lieber Meister!« rief der Abt ganz +freudig. »Sünde war’s, solche Gottesgabe zu unterdrücken. Diether, nun +magst Du doch noch unseres Klosters Zierde werden; halt Dich recht und +nimm Deines Meisters Lehren Dich an! Wie es forthin mit Deinen +gelehrten Studien zu halten sein wird, das wollen wir mit Magister +Berthold des Weiteren besprechen; aber nun mach’ Dich wieder an Deine +Arbeit! – Ei, Meister, Ihr habt wacker geschafft die letzten Tage. +Und wie das leuchtet und lebt!« fuhr er fort, während er wieder +hinaufstieg. + +Darauf giengen sie hinweg und wie sie an der Treppe waren, hört’ ich +den Abt noch sagen: »Bruder Berthold, nun wachsen ihm doch noch die +Flügel, aber andere, als wir dachten. Wir können’s nicht wehren, +wollen’s auch nicht. Wenn Meister Ulrich Recht hätte! Eine Zierde des +Klosters! Ich hofft’ es immer!« + +Als sie hinaus waren, da sagte mein Meister: »So bist Du denn, +Diether, des Malerordens heut wirklich ein Jünger worden. Gott gnade +Dir dazu und alle Heiligen. Und zum guten Anfang wollen wir heut Abend +beim Klostermeier nach Gebühr in Elsinger einen Trunk thun!« + +Aber Magister Berthold bracht’ es auf, daß sie mich von diesem Tage +her scherzweise nur nannten: _Pencillatus_, d. i. Pinselheld. + +So war ich nun Ulrich’s Schüler und blieb es, so lang er bei uns war. +Das dauerte noch ganze zwei Jahre. Da zog er von dannen nach Speyer, +wohin Bischof Gebhard ihn gerufen, allda im Dom zu malen. Sein +Abschied geschah von uns mit großen Ehren und der Abt, der sehr wohl +mit all’ seinen Werken zufrieden war, lohnte ihm reichlich. Mir aber +gieng am meisten sein Scheiden nah, und als ich ihn bis zur +Klostermühle am Teich drüben geleitet hatte, mochte ich noch nicht +umkehren. Er aber sprach: + +»Diether, laß genug hier sein! Gott stärk’ Dich in all’ Deiner +Kunst, wie Du meine Freude gewesen bist diese ganze Zeit.« + +»Gott laß’ Euch immer fröhlich leben!« sagt’ ich. + +Drauf gaben wir uns die Hände, rissen uns von einander und Keiner sah +hinter sich. + + + + +Zweites Capitel. + +Ausfahrt. + + +Seitdem mein Meister von uns geschieden war, mochte ein Jahr vergangen +sein. Die Zeit kam heran, da ich sollte das Gelübd’ ablegen für unsern +Convent. Mich bewegte das nicht sonderlich, denn ich wußt’s nicht +anders von Kindesbeinen an, als daß ich ein Mönch von St. Bernards +Orden werden sollte. Mir war’s weder lieb noch leid, wenigstens +glaubt’ ich’s so. Inzwischen hatte ich meine Kunst fleißig geübt und +mit dem Vermögen dazu war die Lust daran größer geworden. Damit mein’ +ich gar nicht, daß ich immer fröhlich gewesen wäre und guter Dinge von +ihretwegen, sondern oft machte sie mir einen sorgenhaften Sinn, als +wär’ ich ihrer nicht werth und wäre Gott nicht dankbar genug für ihre +Gunst, die er mir zugewandt. Dazu machte sie mir die Einsamkeit lieb, +denn ich hatte keinen Genossen bei meiner Arbeit, und so sucht’ ich +denn oft allein zu sein, auch wann ich Gesellschaft hätte haben +können. Denn da konnt’ ich am besten den Gedanken nachhängen, die mit +leuchtenden und glänzenden Farben und himmlischen heiligen Gestalten +in meiner Seele aufstiegen, daß ich mich von Herzen daran erlabte und +ergetzte. So war ich denn um die Zeit des Lebens, wo die Kraft und +Lust der Jugend besonders laut zu werden pflegt, vielmehr stiller und +in mich gekehrter worden, denn zuvor. Sie merkten das im Kloster und +sagten: das wäre die Melancholia. Ich lachte ganz fröhlich dazu, denn +ich wußt’ es besser. + +Die heiligen Ostertage waren vorüber. Mit ihnen war der erste Frühling +in’s Land gekommen. Der letzte Schnee war zergangen, und in den hellen +Strahlen der Sonne lächelte die Erde, wie ein erwachendes Kind die +Mutter anlacht, das sich die Wangen roth geschlafen hat. Von den +Äckern wehte der frische Erdgeruch, die Wiesen überzogen sich mit +jungem Grün und aus den Nußbäumen drüben pfiffen Abends und Morgens +mit lustigem Gelärme die heimgekehrten Staaren. Mit einem Wort: Es war +just so, wie es alle Jahr’ ist, seit der Herr zu Noah gesprochen: es +soll nicht aufhören Sommer und Winter, und hat einen Bund darüber +gemacht. Aber mir sind jene ersten Frühlingstage aus sonderlicher +Ursach in Erinnerung geblieben. + +Denn an einem solchen Tage war ich mit Lust seit langer Zeit zum +ersten Male durch Feld und Wald gestreift und kam heim mit frischem +Muth, als wäre meine Brust weiter worden von der Frühlingsluft, die +sie geschöpft, und schlüge mein Herz höher darin. Und doch wollt’s mir +mit dem Malen nicht vorwärts rücken, als ich mich an das Bild machte, +das ich vor hatte. Das war im Brüderchor rechts über den Gefühlen, wo +mir der Abt eine gar große Arbeit zugewiesen. Ich sollt’ ihm da +schildern an der Wand den engelischen Gruß, die Anbetung der heiligen +drei Könige und die Darstellung im Tempel, wie es jetzt Alles zu sehen +ist. Dazumal war ich mit der Verkündigung, die Unserer lieben Frau +geschieht, kaum über den Anfang hinaus, und weil ich die heilige +Jungfrau recht in die Maienwonne hineinsetzen wollte, so hatt’ ich +mich, wenn in den kurzen Wintertagen des Bildes Entwurf mir gar nicht +zu Gefallen gerieth, immer auf den Lenz vertröstet, der sollte Leben +schaffen draußen in der Welt und hier auf dem Bilde. Nun hatt’ ich ja +seinen Gruß empfangen und griff meine Arbeit mit allem Eifer an. Aber +meine Gedanken hafteten nicht daran. + +»Es hat keinen Segen heut«, sprach ich da zu mir selbst, legte den +Pinsel weg und setzte mich vor den Lettner in’s Gestühl. + +Ich war wohl müde vom ungewohnten Gange, den ich im Freien gethan, und +so schlief ich ein. Da träumte mir, ich wandelte durch ein lieblich +Wiesenthal, allwo die Blumen im Morgenthau glänzten, und die Bäume +rauschten über dem Bach, der hart am Wege dahinfloß. Wie ich voll +Freude fürder schritt, sah ich vor mir einen seltsamen Wandersmann des +Weges ziehen. Sein Kleid war schneeweiß, seine Gestalt hoch, und wie +golden wehte sein Gelock im Morgenwinde. Ich eilte ihm nach und bot +ihm höfischen Gruß. Jung und holdselig war das Angesicht, das er mir +zuwandte. Er dankte mir meinen Gruß gar freundlich, doch wagt’ ich +nicht, weiter ihn anzureden, so hochgemuth und feierlich war seine +Miene. Er aber erkannte mein Begehren und sagte: »Ich kenne Dich wohl, +Diether, aber Dein Weggeselle kann ich nicht sein; denn ich muß meines +Herrn Gebot eilend thun.« + +Da sagt’ ich: »Das muß ein reicher und milder Herr sein, der solche +Boten sendet; und selig mag wohl sein, wem von Euch Botschaft wird.« + +»Du findest mich auch wohl wieder«, versetzte er, »wenn Du hier auf +diesem Wege beharrst; denn das ist die Straße, die ich ziehe in +Maientagen.« + +Darauf verschwand er vor meinen Augen, als flög’ er hinweg, und ich +betete an zur Erde; denn ich merkte, daß es ein Engel gewesen war, der +Gott an einem seiner Heiligen dienen wollte. Ich beschloß, da zu +harren, bis er wiederkehrte, um ihn dann zu bitten, daß er mich segnen +möchte. So setzt’ ich mich nieder an des Baches Rand. Aber der fieng +an zu brausen und zu wallen von den Bergen her und stieg und trieb +mich hinweg. Er ward zum reißenden Strome, drin alle Blumen ertranken, +und sein Gischt verhüllte die Sonne. Ich schrie: »Wehe!« und entlief, +denn wie verderbliche Lindwürmer drangen die Wellen hinter mir her. + +Die Angst weckte mich auf. Ich war nicht mehr allein. Der Abt stund +vor mir. Ich wollt’ eilig aufstehen vor ihm. Aber er hieß mich sitzen +bleiben, ließ sich neben mich in den nächsten Chorstuhl und redete +mich ganz freundlich an: + +»Diether«, sprach er, »ich sehe, Dir will’s nicht mehr von der Hand +gehen mit Deiner Kunst, wie bisher. Ich glaub’ wohl, daß nicht +Trägheit daran Schuld ist. Denn Fleiß allein thut’s nicht bei so edlem +Werk. Der Wille ist da, aber Seele und Sinn wollen nicht mit der alten +Lust dahin, und wo die nicht gefüge sind, müssen wohl auch die Hände +feiern. Denn gezwungen gedeiht solche Gotteswirkung nicht. Nun hör’ +ich, merk’ es auch selbst zum Theil, daß Deine vorige Munterkeit +verschwunden und Du der Einsamkeit und des Sinnirens ein Liebhaber +worden bist. Wohl ziemt sich Dir ein ernster Sinn, und heilige +Betrachtung schickt sich für Dich, da Du bald dem Convent Dich für +immer geloben sollst. Aber weil ein Jeglicher dem Orden und der Kirche +mit der Gabe dienen muß, die er von Gott empfangen hat, so müssen wir +bedacht sein, Dich in Deiner Kunst zu fördern.« + +»Wohlan, Diether«, fuhr er fort, »fast ist mir’s lieb, daß Du mit +Deinem Bilde da nicht weiter gekommen bist, wie ich sehe. Denn heut’ +hab’ ich Nachricht empfangen aus Speyer, daß dahin zum Bischof ein +sonderlich köstliches Bild aus Welschland gebracht worden ist, darauf +die gebenedeite Gottesmutter so preislich und herrlich gemalt ist, wie +man ihres Gleichen noch nicht gesehen hat in deutschen Landen. Das +wäre nun ein löblich und rühmlich Ding und eine rechte Freude für +mich, wenn wir davon ein Conterfei hätten hier bei uns. Darum hab’ ich +gleich an Dich gedacht, daß Du gen Speyer ziehest mit Briefen von mir, +dort vom Bild eine Copey nehmest und dieselbe Gestalt der heiligen +Jungfrau gebest hier auf Deinem Bilde. Da wirst Du zugleich Dein Auge +an vielen andern Werken Deiner Kunst weiden können, und ich bin gewiß, +Du kommst mit erneuerter Lust und erhöhter Kraft zurück. Daß ich Dich +aber in die Welt allein hinauslasse, die Du bisher noch weiter nicht +gesehen als eine Meile um’s Kloster, das zeigt Dir, ein wie groß +Vertrauen ich zu Dir trage, daß Du beständig im Herzen haben wirst, +wie Du zu Gottes und Deines Klosters Ehre diese Fahrt thust. Und +weil’s Dir«, setzte er lächelnd hinzu, »mit Stift und Pinsel nicht +mehr recht vorwärts will diese letzte Zeit, so mögen Wald und Feld und +Wiese und Flur Dir vielleicht nützer sein, Dich zu unterweisen, wenn +Du ziehest, wie auch St. Bernard gesagt hat: die Bücher, aus denen er +das Beste gelernet, seien die Bäume des Waldes.« + +Während er so sprach, wußt’ ich selbst nicht, was ich denken sollte. +Der Traum, den ich geträumt, stund vor meiner Seele lieblich und +zugleich schrecklich, als lockt’ er und drohte auch zugleich. Aus dem +Kloster in die Welt hinaus hatte ich nie ein Verlangen gehabt, auch +die letzte Zeit keine Wanderlust, wie der Abt zu denken schien. Mich +wirrte die unerwartete Aussicht. Fast hätt’ ich den Abt gebeten, mich +daheim zu lassen. Aber ich schämte mich dessen, weil es feigen und +stumpfen Sinn verrathen hätte. Und so sagt’ ich bloß, als er geendet: + +»Hochwürdiger Vater, ich will Euch gern gehorsamen in allen Stücken.« + +»Ei, Diether«, rief er und klopfte mich auf die Schulter, »das ist für +Deinen Gehorsam wohl kein zu schweres Stück, das ich Dir auflege. Ich +wüßte Manchen im Convent, der thät es übergerne an Deiner Statt.« – + +Darauf gebot er mir, mich zu rüsten und nach der Vesper zu ihm zu +kommen. Da wollt’ er mir Briefe und Vollmacht geben und weitere +Anweisung. »Denn morgen in der Frühe«, sagt’ er, »sollst Du von +dannen, und um die Pfingstzeit bist Du wieder da durch Gottes unsers +Heilands Gnade.« + +Darauf reicht’ er mir die Hand und gieng. + +So schritt ich denn am anderen Morgen ganz früh wegfertig über den +Klosterhof, nachdem ich Abends zuvor von Allen Abschied genommen +hatte. Aber Mancher kam mir nach, mir zur Letze nochmal die Hand zu +drücken. Am Bronnen blieb ich stehen und sagte: »Laßt mich hier noch +einmal aus diesem guten Quell, dessen Rauschen und Plätschern ich so +oft mit Freuden betrachtet, mit meinem Reisebecher schöpfen, und wer +mit mir wünscht, daß ich ihn fröhlich wieder mit Euch trinke, wenn ich +heim bin, der thue mir Bescheid!« + +Da trat Rigbold heran, der Bruder Kellermeister, und sagte: »Das ist +nicht Brauch, Diether, mit Wasser sich zuzutrinken. Hier hab’ ich +Besseres, Dein Glas zu füllen, Liebfrauenmilch, geschöpft zu Worms am +Rheine. Du sollst den Wein haben zur Labe auf Deiner Fahrt.« Da +schenkt’ ich ein, weil sie so wollten, und auch sie thaten einen Zug +und »Gott gesegn’es!« wünschten wir einander dabei. Darnach that mir +der Pförtner auf; ich gieng über die Brücke am Thor und war im Freien. + +Rüstig stieg ich den Weg hinan, der gen Mitternacht aufwärts führt. +Es war noch dunkel und dämmerte kaum. Als ich oben auf der Höh’ war, +hatt’ es sich genug erhellt, daß ich rings umschauen konnte. Ich +wandte mich und sah das Kloster liegen im Thal, wie ich es zu +tausend Malen von hier aus betrachtet hatte. Nun lag doch die weite +Welt vor mir, und dennoch war mir’s weh um’s Herz, als ob’s mich +zurück sehnte. Die ersten Strahlen der Morgensonne trafen da das +Kirchdach und der Wind trug das Geläut herüber, das zur Matutine +rief. Mir war’s, als kläng’ es anders wie sonst, lauter, +feierlicher, und als wüßten die Glocken, daß ich hier oben stünd’, +und wollten mir auch einen Gottessegen herübertönen zum Abschied. Da +sprach ich das Benedictus im Stillen mit, winkte noch einmal hinab +und zog landein. + +Ich schritt tapfer aus. Im ersten Dorf, durch das ich kam, zogen +die Leute eben zur Arbeit auf’s Feld. »Sie haben Alle ihr besonderes +Tagewerk«, dacht’ ich da, »meines ist heute das Wandern.« Mit dem +erwachten Tage wuchs auch meine Wanderlust. Ich hatte meine Freude +an Allem, was ich hört’ und sah, und fühlte mich gar nicht einsam. +Die hellen Wolken, die über mir herzogen, die Finken, die von den +Bäumen am Wege, die Ammern, die aus dem Wald her riefen, die ersten +Blumen am Rain, die ich mir zum Sträußlein pflückte, boten mir +Gesellschaft genug. Der Laubwald schimmerte im ersten, jungen Grün, +als hienge ein zarter Schleier über dem Gezweig. Da hindurch +spielten die Sonnenstrahlen gar lieblich, denn es war ein heiterer, +wonnesamer Frühlingstag. + +Gegen den Mittag kam ich in ein Waldgebirge, wo der Weg in +Krümmungen an der Seite der Berge sich hinzog. Unten brauste ein +Wasser; aber nur zuweilen sah ich’s durch das dunkle Grün der Bäume +hervorblitzen. Denn dicht und ragend stunden die Tannen rings umher, +so daß sie, wo der Weg eng war, schier ein Dach über mich bauten mit +ihren Wipfeln. Die Sonne war im Mittag, und ich hätte hier gerne +gerastet, mein Mahl zu halten. Schon gedacht’ ich, dazu +niederzusitzen, als ich vor mir nicht gar ferne Stimmen hörte. Bald +darauf ward ich eines Weibes ansichtig, das auf dem Arm ein Kindlein +trug, und ein anderes führte sie an der Hand. Das weinte sehr und +wollte sich gar nicht beschwichtigen lassen. Da eilt’ ich hinzu, +grüßte und fragte das Weib, aus was Ursach’ das Mägdlein weinte und +ob ich ihr helfen könnte. Da sagte sie: »’S ist mein Töchterlein, +lieber Gesell, Else heißt sie und büßt jetzo ihren Willen. Da +seitwärts hinunter steht unsere Hütte, und ich gehe jetzt hinauf +dorthin, wo Ihr den Rauch aufsteigen sehet. Der kommt von einem +Meiler; da ist mein Mann, der brennt Kohlen dorten für den gnädigen +Herrn, deß wir eigen sind. Es ist ein beschwerlicher Weg dahin; aber +Else wollt’ nicht daheim bleiben; sie hat müssen mitgenommen sein. +Ich hab’s ihr zuvor gesagt, daß ich sie nicht tragen könnt’, wenn +sie müd’ würde, weil ich das Büblein da auf dem Arm hab’. – Bist +still, Kind, sonst kommst Du nimmer mit zu Deinem Vater.« Da nahm +ich die Kleine auf meinen Arm, redete ihr freundlich zu und hatte +sie bald so zutraulich, daß sie des Weinens und aller Furcht vergaß +und freundlich mich anlachte. + +»Ihr versteht’s, Euch die Kinder zu befreunden«, sagte das Weib, »denn +sonst geht Elslein ihrer Mutter nicht von der Hand im Angesicht eines +Fremden. Das Kind kommt gar selten unter die Leute.« + +»So gehören wir wohl zusammen, Elslein«, rief ich ganz fröhlich, »denn +auch ich bin fremder Gesellschaft ungewohnt; und daß Du mich magst, +thut mir gar wohl!« + +»Ja, mit Fug«, sagte die Frau, »denn Kinderlachen bringt Glück, und so +mag Euch auch wohl gerathen, was Ihr vorhabt.« + +Nicht lange waren wir unter solchen Gesprächen vorwärts geschritten, +so kamen wir an eine Rodung, wo die Meiler dampften. Kaum hatte das +Kind den Vater erschaut, so mußt ich’s vom Arme lassen, und lustig +sprang es dem Köhler entgegen. Da gab’s zwischen den Leuten ein +freudiges Grüßen. Sie hielten das Mahl zusammen, ich setzte mich auch +dazu und wir theilten einander mit, was wir hatten. Sie sprachen von +ihrem Heimwesen, von ihren Sorgen, denn sie waren gar arm, und von +ihren Kindern. Ich hört’ ihnen stille zu, denn wir waren das Alles +fremde Dinge. Aber wie traurig auch Manches war, was sie sprachen; ich +hätte sie nicht besser trösten können, wie sie selbst einander ihre +Last erleichterten durch die Herzlichkeit ihrer Rede. Und wie, nachdem +das Gratias gesprochen war, der Mann die Kinder beide auf seine Kniee +nahm, und sie ihn liebkosten, auch das Elslein nicht von ihm ließ, so +geschwärzt und rauh er aussah, und mir öftermals zurief: »Seht, das +ist mein Vater lieb!« da wußt’ ich nicht, sollt’ ich den armen Mann +oder die Kinder für glücklicher halten, und zum ersten Mal in meinem +Leben fragt’ ich mich, ob ich wohl auch je von Mutter oder Vater so +gekoset worden wäre oder mit ihnen gekost hätte, und ich wünschte, es +möchte geschehen sein, ob ich auch deß nicht mehr gedenken könnte, und +die Hände, die mich gestreichelt, eben so arbeitshart gewesen wären, +wie dieser Eltern ihre. + +»Nehmt’s nicht für ungut«, sagte der Köhler, wie er mich so +schweigend sitzen sah, »daß ich Euch versäume. Ich sehe meine +Herzkinder selten, und so denken sie, es muß so sein.« + +»Gott helf Euch«, sprach ich da, »daß Ihr sie immer so in Freuden +sehet, und lasse sie Euch und Eurem Weibe zur Freude gesetzt sein all’ +Euer Leben lang.« Darnach gesegnet’ ich sie, denn ich wollte weiter +ziehen, und auch Elslein reichte mir ihre Hand, sagte: »Wohlauf zur +Fahrt!« und lachte mir fröhlich zu. + +Oft noch beim Weitergehen sah ich zurück nach dem Weibe und dem Manne +mit den Kindern auf seinen Knieen, und wie ich sie nicht mehr +erschauen konnte, tönte doch des Mägdleins Lachen mir im Herzen nach +hell und lieblich, wie eines silbernen Glöckleins Klingen beim +heiligen Amt, und ich sagte zu mir: »Wohlan, Diether, Kinderlachen +bringt Glück!« + +Das war mir einsamem Wandersmann, wie es schien, an diesem Tage +nicht beschieden. Denn gegen Abend zog ein Wetter herauf mit einem +Sturmwind, der die gewaltigen Bäume schier zu entwurzeln drohte. Der +Himmel überzog sich mit finstern Wolken und schwere Regentropfen +fielen hernieder. Ich beschleunigte meine Schritte, weil das Kloster +von Thüngen, welches unseres Ordens ist und wo ich die Nacht +herbergen wollte, nicht mehr ferne sein konnte. Aber in dem wilden +Gebirg’ verlor ich den rechten Weg. Ich hatte deß eine ganze Meile +gar nicht Acht, weil ich so in Hast lief; denn ein wüst Gewitter war +losgebrochen. Die Blitze flammten durch den dunkeln Wald und die +Donnerschläge hallten brüllend von den Bergen wieder. Dazu goß der +Regen in Strömen, daß auch die Tannen mit ihrem dichten Gezweig kein +Schirmdach mehr boten und ich über und über durchnäßt war. Doch +fragt’ ich wenig darnach; denn wie ich merkte, daß ich irre +gegangen, das schuf mir größere Sorge. Ich war auf einen Weg +gerathen, der Anfangs abwärts führte, aber allgemach und in gleicher +Richtung wie der, auf dem ich bisher gezogen. Dann aber lenkt’ er +mich steiler hinab an das Waldwasser und an dessen Rand entlang in +ein Thal, das sich in mancherlei Biegungen immer mehr verengte. Da +war meine Wanderung beschwerlich und voll Mühsal und ich däuchte +mich gar verlassen in dieser Wildniß. Dazu des Gewitters Zorn und +des Wassers Getose! »Hilf Gott«, sprach ich, »wo soll ich rasten bei +solchem Wetter in der Einöde, wenn die Nacht kommt?« Und ich dachte +an das Vespergeläut im Kloster, das alle Abend’ die Brüder in +Frieden zu Ruhe und Schutz zusammenruft. + +Aber horch! war’s da nicht wirklich wie ein Läuten durch den Wald? +Jetzt vernahm ich’s wieder; ich täuschte mich nicht. Wie mir das +tröstlich und lockend erscholl! Ich förderte meine Schritte, und bald +öffnete sich vor mir das Thal zu einer freien Halde. + +Die Berge traten zurück wie in einen Kreis, und an dem Abhang des +einen stund freundlich winkend ein Waldkirchlein, von dem das Läuten +kam. Ich fand bald den Weg, der dahin führte. Wie ich ihn +eingeschlagen hatte, ließ allgemach das Unwetter nach. Der Donner +verstummte, der Sturm legte sich und sanft fiel der Regen. Auf einem +Felsenvorsprung in halber Höhe des Bergabhanges sah ich das Kirchlein +vor mir. + +Zu seinen Füßen, seitwärts des Pfades, der hinaufleitete, ward eine +Klause sichtbar, von Holz erbaut, deren niederes Dach nur wenig aus +dem Gestein hervorlugte, an das sie sich lehnte. Ein Wässerlein +plätscherte von der Höhe daran vorbei und ergoß sich in Sprüngen auf +die Waldwiese, auf die das Blockhaus niedersah. Wie ich emporklomm, +strahlte das Thürmlein der Kirche, darin die Glocke hieng, im rothen +Schein der untergehenden Sonne, und darüber hin wölbte sich gegen +Morgen schimmernd und feierlich ein Regenbogen. Ich hielt meine +Schritte an und freute mich des lieblichen Scheideblickes, mit dem der +Tag zu Ruhe gieng. Wie ich so stund, vernahm ich von der Klause her +die Klänge einer Laute und dazu die sanft schwebende Weise dieses +Liedes: + + Es liegt die Welt mit ihrem Glücke, + Ein fernes Eiland, hinter mir, + Und keine Fähre, keine Brücke, + Trägt jemals mich zurück zu ihr. + + Ein ander Ziel hab’ ich erlesen, + Deß Bild die Seele fest umschlingt. + Wie wird mein trübes Aug’ genesen, + Wenn die ersehnte Küste winkt! + + Schon rauscht der Kiel, die Segel blühen, + An’s Steuer denn mit fester Hand, + Laß Stürme brausen, Blitze sprühen, + Doch endlich, Herr, mich rufen: Land! + +Mir klang das Lied seltsam und fremd, voll Schwermuth und Freudigkeit, +voll Sehnsucht und Zuversicht. Aber es schien mir schön zu stimmen zu +dem heiteren Abend nach all’ dem Sturm und bösen Wetter, und ich +dachte: »Das kann nur das Land der zukünftigen Seligkeit, die +himmlische Heimath, sein, darnach das Lied Verlangen trägt, und es ist +wohl ein fromm Herz, welches zu solchen Gedanken erweckt wird durch +den Bogen Gottes.« + +So gieng ich mit gutem Vertrauen auf die Klause zu. + +Aber ich ward fast entmuthigt, als ich ihren Bewohner ersah, der +unter der offenen Thür stund. Es war ein greiser Mann von gewaltigem +Wuchs, bekleidet mit einem Mantel von grobem Zeug, den ein Strick +zusammenhielt; unten sahen die Füße bloß hervor. Sein Haupt war +mächtig und von breiter Stirn; unter den überhangenden Brauen blickten +lebhaft die blauen Augen. Die Nase war vorspringend und gebogen, der +Mund von festen entschlossenen Lippen und sein Angesicht tief +gefurcht, als stünde da manch Geheimniß früherer Jahre geschrieben. +Ich merkte wohl, wie mein Anblick ihm wenig willkommen war; denn +forschend sah er mich an und bewegte sich nicht von der Stelle. + +»Ehrwürdiger«, redete ich ihn an, »ein wegmüder Wandersmann, der in +die Irre gerathen ist, spricht Euch um Obdach an für diese Nacht. +Wollet ihm solche Bitte um Gottes Lohn nicht versagen!« + +»Das da droben«, antwortete er, »ist St. Wigbert’s Kirchlein, und die +ihm da in Andacht dienen wollen, denen helf’ ich dazu und geleite sie. +Aber zu herbergen ist meines Amtes und meiner Neigung nicht.« + +»So verdienet an mir«, sprach ich, »St. Wigbert’s Fürsprach, in +dessen Bann und Schutz ich ohne meinen Willen geführt worden bin +durch des reichen Gottes Güte.« + +»Du redest wie ein Pfaff«, sagt’ er darauf, »und nach Deinem Kleid +möcht’ man Dich für einen Mönch halten; aber Dein Haar fällt Dir lang +auf die Schultern, und Dein Auge blickt frei umher, als wär’s nicht +eben gewohnt, sich demüthig zu senken. Die falsche Welt liebt sich +Gevögel mit allerlei Federn, auch wohl mit falschen, und sie ist weit +genug dazu.« + +Da sagt’ ich: »Ihr vertraut mir nun viel oder wenig, so will ich Euch +doch treulich berichten, wie es um meinen Weg steht, den ich ziehe«, +und so erzählt’ ich ihm, von wannen ich käme und wozu der Abt mich +ausgesandt hätte. + +»Dein Abt ist ein Narr«, rief er mir da zu, »Dich so jung und +unbehütet um solches Tandes willen aus dem Kloster zu stoßen, kurz ehe +Du gemöncht werden sollst, und weiß nicht, was er thut. Dort die +Stufen hinan ist eine Kluft, wohlverwahrt, und reichlich Moos zum +Lager darin, wo die Pilger zu rasten pflegen nach der Wallfahrt. Da +lagere Dich. Denn in meiner Zelle geht’s nicht an, ich habe mir jede +Gesellschaft widersagt für immer. Sogleich komm’ ich nach.« + +»Daß Ihr meinen Abt scheltet und meine Kunst verachtet, das thut Ihr +ohne meinen Dank,« antwortet’ ich gekränkt. »Aber ich bin müde und +will die Ruhe suchen, die Ihr mir erbietet.« + +Darauf wandt’ ich mich, zu gehen. Doch er kam mir nach und ergriff +meine Hand, indem er sagte: »Nu, nu, Junker Hochgemuth! Deine Kunst +bleibt unverachtet. Komm denn hinein zu mir, bist ja ganz kläglich +zugerichtet vom Wetter. Aber Dein Abt ist ein Narr! – ich sag’s, +Brun, St. Wigbert’s Meßknecht und Einsiedel.« + +Mir fiel es auf, als ich an seiner Seite gieng und er so redete, wie +freundlich der Klang seiner Stimme ward und wie mild sein Angesicht +drein sah gegen vorhin. + +Der Raum seiner Klause, in die wir traten, war niedrig und eng. Sie +hatte außer der Thüre nur eine kleine Fensteröffnung zu Luft und +Licht. Schmucklos waren die Wände aus rohen Balken aufgerichtet: nur +über der Thür ein Crucifix und zwischen ihr und dem Fenster, das in +der schmalen Seitenwand angebracht war, unter einem hölzernen +Überdach das geschnitzte Bild unserer lieben Frau mit dem Schwert im +Herzen. Vor demselben stund ein eichener Tisch, kunstlos zugehauen und +ein Baumstumpf als Sitzschemel. Die dem Eingang gegenüberliegende Wand +der Hütte ward vom Gestein gebildet, das senkrecht abfiel. Darin war +eine Höhlung zu sehen, die zum Herde diente mit einem Sims, darauf +weniges Kochgeräth stand. Unten davor lag Holz bereit. Die Hälfte aber +dieser Felsenwand wich zurück zu einer Nische, die ganz schicklich als +eine Kemenate zur Lagerstatt gelten konnte. Sie verengte sich nach +hinten und schien tief in das Gestein hineinzudringen. So leicht das +Alles zu übersehen war, so konnt’ ich’s doch nur mit Mühe wahrnehmen; +denn das Abendroth, welches zum Fenster hineinblickte, war im +Versinken, und der Raum fast dunkel. + +Aber bald lenkte mein Wirth mein ganzes Aufmerken auf sich und sein +Thun. Er tummelte sich geschäftig wie ein Schaffner für mich, und je +rauher zuweilen seine Rede war, um so sorgsamer mühte er sich. + +»Setz’ Dich da, Meister Irregang«, sagte er halb spottend, halb +ernstlich, indem er in die glimmenden Herdkohlen blies und dürres +Reisig darüber legte, »setz’ Dich da auf den Klotz, der mir Bank, +Stuhl und Schemel zugleich ist. Weiß nicht, welches Sitzes Du in +Deinem Convent gewohnt bist; hätt’st Dir wohl einen weicheren +gegönnt zur Rast. – Doch nein!« fuhr er nach kurzer Weile fort, als +das helle Feuer knisternd zu flackern anhub, »nein, junges Blut! +rück’ hier heran an die Herdwärme. Denn es läßt, als ob Dich’s +fröre. – Heilige Mutter Gottes, wie bist Du durchnäßt! Hab’s gar +nicht so bemerkt, welche Unbilden Dir zartem Knaben das Unwetter +gethan hat. Wart’, wie Brun Dein pflegen wird.« + +Damit gieng er nach hinten und brachte mir von dort trockne Kleider. +Er war mir selbst behilflich, mein naß Zeug abzuziehen, hängt’ es +seitwärts gegen den Herd, half mir in’s trockene Gewand und breitete +mir möglichst nah dem Herde, von Moos und mit Hilfe von wollenen +Decken, die er hervorholte, in der Nische, wo er seine Lagerstatt +hatte, ein Pfühl, darauf ich meine ermatteten Glieder gar gemächlich +ausstrecken konnte. + +Ich dankt’ ihm für all’ seine Lieb’; ich fühlte, wie wohl sie mir +that. »Ja,« sagte er, indem er mir mit Wein, den er vorgelangt hatte, +meine brennenden Füße wusch, »das glaub’ ich gern, daß dem Täublein +nun sanfter ist; mit all’ seiner Kunst und des Abts Vollmachten dazu +sollt’ es sich wohl wenig trösten, wenn jetzt Brun nicht hinausgelangt +und’s in seine Arche genommen hätte.« + +Daß er sich mit dem Erzvater Noah verglich, machte mich lachen; aber +es gieng mir nicht von Herzen. Vielmehr fühlt’ ich, wie ich roth ward, +weil seine Rede mich an die ungefüge Antwort erinnerte, mit der ich +ihm draußen begegnet war. Sie that mir leid und ich sagt’ ihm das. + +»Wie heißest Du?« fragt’ er mich drauf und hängte den Kessel über +dem Herdfeuer ein. + +»Diether, ehrwürdiger Vater.« + +»Wohlan, Diether, darum mach’ Dir keine Sorgen. Aber von Deinem Abt +und Deiner Fahrt wollen wir hernach reden; da will ich auch an Dich +eine Frage thun. Jetzo merk’ nur dies, daß ich Brun heiße, und so +magst Du mich nennen. Das ist genug. Und nun gedenke des Mahles, denn +es ist bereit.« + +Drauf legt’ er mir vor, was er hatte, Brot und Käs und von dem Brei, +den er gekocht hatte, und ein wenig Wein. Während ich aß und trank, +durft’ ich nicht sprechen, denn er hatte mir _Silentium_ auferlegt mit +strenger Miene, als wären wir im Refectorium. Mir war sein Gebot ganz +recht, und mit Lust und Eifer that ich der Mahlzeit Bescheid. Er sah +mir freundlich und ermunternd zu und bedachte dabei das Feuer, das, +den ganzen Raum angenehm erhellend und erwärmend, den felsigten Kamin +hinaufschlug und den Schatten seiner Gestalt in wunderlichem Wechsel +an die Wand malte. + +Als ich vollendet hatte, hieß er mich wieder meine vorige Lagerstätte +einnehmen, that die Zurüstung des Mahles beiseit und setzte sich mir +gegenüber an den Herd. + +»Diether«, sagt’ er da, »warum kam Dir vorhin das Lachen an?« + +Ich ward ob der Frage verlegen, und zögernd erwiederte ich: »Wenn Ihr +die Wahrheit zu wissen begehrt, ehrwürdiger Vater« – + +»Brun heiß ich,« unterbrach er mich ungeduldig. + +»Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen begehrt, Brun: es geschah, weil Ihr +Eure Klause hier der Arche Noä verglicht und mich mit dem Täublein, +das der Erzvater hineinnahm.« + +»Und warum that denn dem Thierlein der Einlaß in den Kasten noth?« +fragt’ er eindringlich. + +»Weil draußen die Wasser der Sintfluth allum es bedrohten«, gab ich +zur Antwort. + +»Wohlan, Diether«, sagt’ er eifrig darauf. »Was ist die Welt anders, +als ein tiefes Meer des Verderbens, gleich gefährlich, ob’s den blauen +Himmel spiegelt oder schäumt und braust, voll Untreue, Gewalt und +Tücken? Und was hat Dein Abt anders gethan, als Dich hinausgescheucht +wie einen Vogel, der nicht schwimmen kann, auf die weite See?« + +»Ihr seht wohl«, sagt’ ich bescheiden, »von Eurer Klause die Welt zu +ungünstig an und urtheilet zu hart über sie, weil Ihr sie nicht +genugsam kennet in Eurer Abgeschiedenheit.« + +»Hoho!« rief er, bitter lachend, »ich kenne sie nicht? Ich kenne sie +nicht?« und sah in’s Feuer, als könnt’ ihm das gar etwas Anderes +bezeugen. – »Du hast ihr Wesen wohl heut’ schon lieb gewonnen beim +ersten Ausflug?« wandt’ er sich dann fragend an mich, »fühlst Dich +schon wohl darin?« + +»Ich weiß darauf nicht zu antworten«, erwiedert’ ich, »aber Ihr thut, +dünkt mich, zu viel, wenn Ihr die Welt schlecht nur der Untreue +zeihet. Ich hab’ wohl befunden von ungefähr, daß sie auch der Treue +die Probe hält.« Und so erzählt’ ich ihm mit Wärme, was ich von den +armen Köhlerleuten heute gesehen hatte und wie sie durch ihre treue +Liebe gegen einander so glücklich wären in aller Dürftigkeit. »Die +hegen«, schloß ich, »gewiß kein Falsch gegen einander.« + +»Weißt Du das für gewiß?« fragt’ er wieder. »Hat ihre Treue schon +die letzte Versuchung bestanden? Wenn die Noth bis zu Hunger und +Blöße steigt; wenn Siechthum und Jammer Heimrecht gewonnen haben bei +ihnen, wenn ihre Ehe zur klirrenden Kette geworden ist, welche ohne +Hoffen Mann und Weib an die Marterbank des gemeinsamen Elends +schmiedet und wenn die Kinder vergeblich Brot heischen, für Vater +und Mutter unablässige Mahner ihrer Noth und Mehrer derselben: dann +siehe zu, ob Ungeduld, Mißtrauen, Überdruß, die Unholde, der Lieb’ +und Treue noch nicht das letzte Herzblut ausgesogen haben. Ja, wenn +dann noch Mann und Weib sich zum Trost da sind, die Kinder den +Eltern zum Labsal der Liebe, zu Dank und Gehorsam, – dann magst Du +sagen, sie haben Treue gehalten. Und bis dahin, und wenn sie noch +alsdann und immerdar sie hielten«, fuhr er ergriffen fort, »wird sie +ihnen doch zehn Tropfen Bitterniß einschenken neben einem Tröpflein +Süße. Denn wo eine Quelle ist, daraus dem Menschen reine Wonne +zufließen könnte, da leidet solches der Welt Lauf nicht und wirft +Gift hinein. Vielleicht brennt Junker Schlapphahn schon morgen die +Hütte nieder, bloß zur Kurzweil und aus Ärger, daß ihm ein Fang +entgangen ist. Dann wird den Mann nicht sein eignes, aber seines +Weibes und seiner Kinder Elend unglücklich machen, und das um so +mehr, je treuer er sie liebt.« + +Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollt’ +er sich der Erregung, mit der er gesprochen hatte, entledigen. Darauf +fügt’ er ruhiger hinzu: »Diether, ich bleib’ dabei, Dein Abt ist ein +Unweiser, daß er Dich so unbesorgt in die Welt gesandt hat.« + +»Aber«, warf ich munter ein, »Brun, laßt die Welt so bös sein, wie sie +mag. Was gilt mir das, der ich in ihr weder streiten, noch arbeiten, +noch freien, noch ihres Theils sein will in keinerlei Weise, auch im +Geringsten nicht ein Verlangen danach trage, als der ich dem Kloster +von Kind an verlobt bin.« + +Da sah er mich ernst, fast schwermüthig an und sagte: »Diether, hör’ +nur zu! Wodurch die Welt die Leute schlimm macht und gottlos und +unglücklich, das wohnet inwendig in eines jeglichen Menschen Herzen. +Da schläft es und regt sich nicht, und er weiß nichts davon, bis die +Welt es aufweckt und stärkt. Sie thut es mit gar lieblicher Stimme, +denn Alles, was süß und sanft thut dem Herzen, was wonnig ist und +holdselig, das nennt sie ihm mit Namen und verheißt es ihm. Aber wenn +er dessen am frohsten zu werden gedenkt, dann muß er erfahren, daß sie +auch das Verderben groß gezogen, das ihn um Fried’ und Freude bringt. +Lang und schwer ist hernachmals der Weg zurück zu finden, und Mancher +kommt um unterwegs. Darum ist’s besser, es bleibt Beides unerprobt, +der Welt Lust und der Welt Leid, denn sie lohnet jenes mit diesem +allzu hart, und recht erwogen, ist ihre Wonne ihres Wehes nicht +werth.« + +Mir war’s, als seufzte er leise bei diesen Worten. + +»Nun denn«, sagt’ ich wie vorhin, »ich hab’ diesen Dingen noch wenig +nachgesonnen, acht’s auch nicht für wohlgethan, denn sie helfen nur +zur Herzensschwere, wie mich dünkt. Aber unter Gottes Schutz gedenke +ich getrost gen Speyer zu ziehen, dort meine Sache zu beschicken und +denselben Muth und Sinn heimzubringen, mit dem ich ausgezogen bin aus +unserm Kloster.« + +»Du thätest besser«, sprach er, »so Du umkehrtest und ließest den Abt +ohne das Conterfey. Du sagtest ihm, Deine Seele müßte Dir mehr gelten, +als das Bild.« + +»Das würde mir übel stehen«, sagt’ ich fast unwillig, »und mich zum +Gelächter machen im ganzen Convent.« + +»So will ich Dir noch einen Rath geben«, fuhr er fort, als wollt’ er +mich durch Scherz begütigen, »sieh zu, daß Du ihn besser befolgst. +Bleib hier und siedle bei St. Wigbert’s Kirchlein. Wir leben hier in +Verborgenheit und edler Freiheit mit einander, bis Du mir mein Grab +gräbst und mich hineinbettest. Wie? Du sagst nicht mit Freuden ja und +mißkennest solche Ehre? So verbeut Dir Brun jede Ausrede und will, daß +Du Dich auf’s Ohr legest und schlafest.« + +Damit stund er auf und achtete nicht weiter auf mich. + +Wirklich war ich so müde, daß sich meine Augen willig senkten und ich +bald entschlief. Aber zu vielerlei und zu Neues hatte ich an diesem +ersten Wandertage durchlebt, als daß mein Schlaf hätte traumlos sein +können. Sonderlich des Alten eindrucksvolle Gestalt stund immer wieder +mir vor der Seele; bald rauh, bald milde erschien er mir, wie ich ihn +am Tage gesehen hatte. Zuletzt war mir’s, als führ’ ich mit ihm über +ein strudelndes Wasser und er spräche zu mir: »Das ist die Welt! +Willst Du sie kennen lernen, so spring hinein und wag’ es zu +schwimmen.« Da warf er die Ruder weg, und unser Kahn tanzte in immer +engeren Kreisen dem Abgrunde zu. Ich bat ihn flehentlich, mich und +sich zu retten und wollte seine Knie’ umfassen. Im Schlaf mocht’ ich +da wohl eine heftige Bewegung gemacht haben, denn ich erwachte. Doch +wie! saß er da nicht noch immer an den letzten Gluthen des +verglimmenden Feuers? + +Ich behielt den Anschein des Schlafens und sah ihm zu. + +Vor sich hatte er eine geöffnete Truhe, die er aus der Kluft +hervorgeholt haben mochte, und mit Staunen sah ich, wie er daraus +gestickte Zeuge, Schapel, Schleier, Spangen von großer Kostbarkeit +hervorlangte. Nur für einen Augenblick kam mir der Gedanke, ich könnte +in die Höhle eines Räubers gerathen sein. Denn das waren nicht die +Blicke der Habgier, mit denen er die Kleinode betrachtete. Vielmehr +drückte sich ein tiefer Gram aus in seinem Angesicht, wie er mit +zögernden Händen ein Stück nach dem anderen herausnahm und sorglich +wieder an seinen Ort legte. Endlich schien er gefunden zu haben, was +er suchte. Es war ein Bündlein von vergilbten Blättern. Es mochten +Handschriften oder Briefe sein; denn ich sah, wie er sich zu lesen +anschickte. Aber reichte das Licht nicht zu oder waren seine Augen +trübe, er ließ die Hand, welche das Blatt hielt, auf die Knie’ sinken. +Da entfiel dem Papier etwas, wie eine verwelkte Rose. Hastig hub er +sie auf, als wäre die arme Blume ein großer Schatz. Er sah sie lange +an, öfters seufzend, und sein Haupt sank ihm tief auf die Brust. Da +verlosch das Feuer, und das mildere Mondenlicht fiel durch das Fenster +in die Zelle. Seine Strahlen umflossen den Regungslosen. »Er ist +eingeschlafen«, dacht’ ich. Aber im flimmernden Mond blinkten +reichliche Thränen die Furchen seiner Wangen hinab in seinen Bart, und +was ich anfangs für das Rauschen ferner Wipfel gehalten hatte, war +sein leises Schluchzen. + +»Tröst’ ihn, lieber Heiland, in seinem Leide«, betet’ ich da in +meinem Herzen, »und gib Deine Gnad’ uns Allen!« + +Und damit entschlief ich. + + + + +Drittes Capitel. + +Irrfahrt. + + +Des andern Tages früh, da ich mich wieder auf den Weg machte, wollte +mich Brun doch nicht allein ziehen lassen, sondern er geleitete mich +eine gute Strecke. Das that er, nicht bloß, weil er besorgte, ich +möchte aus der Irre, in die ich gestern gerathen war, die rechte +Straße allein nicht wieder finden, sondern auch, daß ich an ihm einen +Schutz hätte gegen Fährlichkeiten. »Denn«, sagt’ er, »hier herum ist +das Wegelagern nicht selten, und wer sicher durchziehen will und +ungekränkt an Hab und Leben, der sollt’s, wenn er nicht selbst wohl +bewehrt ist, nicht wagen ohne Geleit. Da und dort auf den Bergen ragen +stolze Burgen, drin hausen gestrenge Ritter, wie man sie heißt, die +aber das Rauben treiben wie ihr Handwerk.« + +»Ich hab’ wohl wenig zu fürchten, Brun«, sagt’ ich gutes Muthes, +»daß mich dieser kampflichen Gesellen einer anrenne, der ich +unbeschwert von Gut und Habe meines Weges ziehe. Was sollte man an +mir armem Klösterling gewinnen, so man mich fienge?« + +»Man könnt’ Dich doch für einen Andern halten, als Du bist, Diether, +wie auch ich Dich mißkannte, als Du mich ansprachst. – Daß ich da so +rauh mit Dir fuhr,« setzte er freundlich hinzu, »muß Dich nicht irren: +es war aus guter Meinung geschehen. Denn sieh, so schlimm ist +heutzutage die Welt, daß auch ein Einsiedel sein löblich Thun mit +großer Vorsicht und Heimlichkeit betreiben muß, als hätte er dabei ein +bös Gewissen. Weil ich nämlich, was sich hier in Wald und Bergen +zuträgt, und das Gehen und Kommen der Herren, ihr Liegen und Kriegen, +Frieden und Fehde gut genug erkunde, so bin ich den redlichen Leuten, +die hierdurch in Frieden fahren wollen, gern zu Rath und Warnung +bereit. Sie kennen mich wohl auch und haben mich erprobt. So werd’ ich +oft beschickt, daß man mich fragt, ob’s wohl stehe im Gebirg oder +nicht. Aber ich darf Keinem trauen, der mir nicht Bürgschaft gibt, daß +er sicher ist und kein Schelm, von den Geiern hier herum abgesandt, +die mir längst auf der Lauer sind.« + +»So habt Ihr auch an mir Euch als Helfer und Berather treulich +bewiesen und meinen armen Dank wohl verdient«, sagte ich, indem ich +seine Hand ergriff, »und nimmer werd’ ich Euer vergessen.« + +Da schlug er ein, sah mich gar gütig an und sagte: »Ist das Dein +Ernst, Diether, so hab’ Du allerwege ein Vertrauen zu mir. Es mag sich +wohl fügen, daß es Dir eine Freud’ ist oder ein Trost, zu denken, es +lebe Einer, der Dir von Herzen gern diente, weil er Dir von Herzen +gern das Beste gönnt – hauset er auch gleich einsam und hat nicht +Macht, Gut, noch Ehre in der Welt. Vielleicht ist’s Dir dann lieb, den +Weg zu wissen, der durch den Wald fern zu St. Wigbert führt, und Du +verlangst, sein Kirchlein Dir winken zu sehen und in der Klause Deinen +getreuen Eckhart, den alten Brun. – Nun, Jüngling, fahr’ wohl! Die +Landstraße, die da entlang sich zieht, heißt uns scheiden. Aber in +aller Ferne bleibt’s dabei: Brun gedenkt und, willst Du zu ihm, harret +Dein immerdar.« + +Ich wollt’ ihm nochmals danken zum Abschied, aber er wollt’s nicht +haben, drückte mir liebreich und herzhaft die Hand und gieng. + +Ich sah ihm nach, bis er hinter den Tannen des Waldpfades verschwunden +war, der ihn in seine Siedelei zurückleitete. + +Dann gieng auch ich wohlgemuth meine Straße. – + +Ob wohl am jüngsten Tage, wenn zum Endegerichte die Bücher werden +aufgeschlagen werden, darin eines Jeglichen Thun beschrieben ist, +welcherlei es gewesen ist bei Leibesleben, die Tage und Zeiten auch +werden leere Blätter weisen, an die wir uns wenig erinnern, weil uns +darin nichts Sonderliches begegnet ist, und dahingegen die, an denen +unsere Gedanken vor andern haften und unseres Herzens Sinn, auch dort +werden mit großen Buchstaben eingezeichnet sein? Dem hab’ ich manchmal +nachgesonnen, und unsere Vernunft muß wohl also schließen. Und doch +kann es leichtlich anders sein; denn ich achte, oft ohne daß wir’s +merken und spüren, nimmt unser Herz ein Saatkörnlein auf, das +unvermerkt Wurzel darinne treibt, und dessen Frucht, bitter oder süße, +unser ewiges Schicksal entscheidet. Hinwieder mag von hoher Lust und +tiefem Leid, darin unser Herz gestanden hat, daß es durch’s ganze +Leben deß nicht vergißt so lang’ es schlägt, keine Spur uns nachfolgen +in die zukünftige Welt, wie man dem Wasser des stillen Gebirgsee’s +nichts ansieht von dem Gebraus des Sturzbaches, der ihn nährt. + +Solcher Betrachtungen zu gedenken, dazu bewegt mich die Erinnerung an +das, was mir weiter auf meiner Wanderschaft begegnete. Sie gieng auch +in einem solchen Wechsel hin zwischen dem, was man schnell vergißt und +was fest in der Seele haftet. So trug sich mir in den zween nächsten +Tagen, nachdem ich von Brun geschieden, nichts Sonderliches zu, und +schon hoffte ich in Tagesfrist in Heidelberg zu sein, allwo ich eine +Weile zur Rast in Herberge bei den Benedictiner Brüdern liegen sollte. +Aber gar unerwartet und plötzlich wurde ich von meinem Ziele +abgelenkt, und wie das geschah, das steht noch so deutlich vor meiner +Seele, als hätt’ ich’s gestern erlebt. + +Der Tag war trüb’, und ein kalter Wind trieb mir feinen Regen in’s +Angesicht. Ich hüllte mich dichter in mein langes Gewand und +beförderte meinen Gang. Da hörte ich hinter mir Schritte wie von +Nacheilenden und ward gewahr, daß sie mir schleunig näher kamen. Ich +wandte mich und erblickte ein gar seltsames Paar: zween Gesellen, von +denen Jeder für sich verwunderlich genug anzusehen war, noch mehr +aber, wenn man ihn zugleich mit seinem Gespons betrachtete. Denn die +Beiden hielten sich in Allem das Widerspiel. War der Eine lang und +fast dünn, von schwarzem Haar, das tief auf die Schultern fiel, und +schmalen Wangen, so war der Andere gar kurz und wohl bei Leib’, und +das runde Haupt mit ganz rothem Kraushaar saß ihm dicht auf dem +breiten Nacken. Nicht minder war die Tracht, in der sie daherzogen, +sonderbarlich anzusehen. Der Lange trug einen knappen, blauen Rock mit +silberglänzenden großen Knöpfen, der kaum bis unter die Hüften +reichte, mit buntfarbigen Schleifen hin und wieder ausgeziert. Auf dem +Scheitel saß ihm eine Kappe von gleicher Farbe mit langem +Federschmuck, von Wind und Wetter übel zerzaust. Seine Hosen aber +waren gelb und eng anliegend; an der Seite hieng ihm ein kurzes +Schwert, wie die Bauern tragen, wenn sie bewehrt sind. Der Kleine +hingegen trug einen großen, braunen Hut mit so mächtiger Krempe, als +wär’s der vom wilden Jäger selber, und seine kurze Gestalt erschien +noch breiter durch einen dunkelrothen, faltenreichen Mantel, der ihm +vom Halse bis zu den Knieen herunterhieng. + +Wie ich die Beiden mit steigender Verwunderung betrachtete, hatten sie +mich bald eingeholt. Der Kurze Schwenkte mir zum Gruß seinen Hut +entgegen und rief: + + »Ja, wohlgethan, daß Ihr bleibt stehn!« + +Darauf setzte der Andere ein: + + »Selb dreie wöll’n wir fürder gehn.« + +Damit waren sie mir zur Seite, und ich fand mich in ihrer Mitte +wandelnd, als wären sie mir Geleitsmänner. Vielleicht sahen sie mir’s +an, daß ich bedenklich war über ihre Gesellschaft und halb +entschlossen, mich ihrer so oder so zu erwehren. Darum war sonderlich +der Kleine geschäftig, Wechselrede in Gang zu bringen. Ich war zu +arglos und, was ich an meinen beiden Gefährten sah und von ihnen +erfuhr, mir zu neu, daß Ihre Begleitung mir nicht erträglich und nicht +auch bald erwünscht gewesen wäre. + + »Ihr seid gewiß ein heilig Mann«, + +sagte der Kleine, und sah wie prüfend zu mir auf. + + »Man sieht’s an Euerm Kleid Euch an.« + +»Ja«, erwiederte ich, »einem heiligen Stande gehöre ich an und bin dem +Kloster zugesprochen.« + +Da versetzte der mit dem blauen Rock gar ernsthaft: + + »Ein selig Leben ist Euch beschieden, + Voll guter Sicherheit und Frieden,« + +und sprach das in einem Ton, als hätt’ er solch Glück aus eigener +Erfahrung wenig erprobt. + +Sogleich rief ihm der Andere zu, als wollt’ er ihn trösten: + + »Was mancher Mann zumeist begehrt, + Wenn er’s erlangt, hält er’s nicht werth.« + +Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Mein Geselle da hat die +Regenlaune; allemal, wenn’s unhold Wetter gibt, ist er so. + + Scheint aber erst die Sonne frei, + Dann singt er and’re Melodei! + +Nicht, Bruder? Ah, ob er’s wohl kann auf Saitenspiel?« + +Damit strich er mit der Gerte, die er in der Hand hatte, hinter mir +vorbei seinem Gesellen auf den Rücken, und ich hörte die Saiten einer +Fiedel erklingen, die da, wie ich nun merkte, wohl eingehüllt am Bande +hieng. + + »Mißschaffen ist dein Scherz und Schimpf!« + +murrte ärgerlich der Gestrichene; aber der Andre lachte dazu und rief: + + »Ei, nimm ihn auf mit Gunst und Glimpf!« + +»Ich denke«, sagte ich da, »weil Ihr von mir erkundet habt, +welcherlei Stande ich angehöre, so hab’ ich wohl auch ein Recht, nach +dem Eurigen zu fragen. Doch das ist nicht noth; denn wiewohl ich mich +wenig auf der Welt Brauch und ihre Sitten verstehe, so fehl’ ich gewiß +nicht der Wahrheit, wenn ich dafür halte, daß Ihr fahrende Spielleute +seid. Aus den gereimten Sprüchen und der Fiedel schließ’ ich das.« + +»O, wohlgerathen«, rief lustig der Kleine, »ist Euch das _Studium +logices_. Euer Syllogismus ist demantfest. Und doch traft Ihr nicht +haarscharf das Ziel. Fahrende sind wir, das ist wahr, aber Spielende +nicht zumal, das gieng Euch fehl’. Wer die Braut hat, der ist der +Bräutigam; wer die Fiedel trägt, der ist der edlen Sang- und +Klangkunst Adept. + + Der Tannhäuser wird er genannt, + Ich aber Klingsohr von Ungarland.« + +»Und was ist +Eure+ Kunst?« fragt’ ich ihn. + +Da blinzelte er mich mit den Augen schlauen Blickes an, sah dann in +den grauen Himmel und spitzte den Mund, als besänn’ er sich, ob er mir +eine gerade Antwort geben sollte. Darauf blieb er plötzlich stehen und +schien zu horchen. Der Andere that desgleichen und fragte: + + »Sag’, Bruder, hörst du ichtes was?« + +worauf Klingsohr nach kurzer Weil’: + + »Nein, nichts! – Doch laßt uns eilen baß.« + +»Ja«, fuhr er im Gehen zu mir fort, indem er ausschritt, was seine +kurzen Beine vermochten, »die Kunst, die ich übe, ist eine hohe Kunst +und eine nützliche Kunst und hat viel’ Liebhaber im Volk. ’S ist aber +auch eine gefährliche Kunst und wird arg befehdet von den +Hochgelahrten. Eure Heiligen und Scholastici zählen sie nicht unter +die sieben freien Künste. Ich möcht’ ihrer auch gern ledig sein. Aber +was hilft’s! Jeder Vogel muß bei seinem Liede bleiben. Frau Aventiure +ist mir nicht günstig gewesen und hat zu sagen und singen mich nicht +gelehrt, wie den da.« + +»Aber Ihr reimet doch, als wäret Ihr Worte zu stellen wohl geübt?« + +»Macht der Gewohnheit und Freundschaft! Des Tannhäusers edle Gabe ist +mir ein wenig zu Gut gekommen. Wenn man die Singekunst so liebt, wie +ich, da muß die Gesellschaft solchen Meisters wohl Etwas nütze sein. + + Was ich vermag, das ist allein + Von seiner Kunst ein Wiederschein. + +Doch Ihr habt«, setzte er hinzu, »in Eurem Brevier von solchen Dingen +allen nichts gefunden und begehrt ihrer nicht.« + +»Da ist denn die Reihe des Fehlens an Euch gekommen, Meister +Klingsohr!« sagt’ ich munter, »denn auch ich übe eine Kunst, und mit +all’ meinem Denken trag’ ich Lust zu ihr.« + +Da sahen mich Beide verwundert an und Klingsohr fragte: »Welche +ist’s?« + +»Zwar sollt’ ich dem Klingsohr nicht offenbaren, was er mir hehlt«, +erwiederte ich. »Doch will ich’s sagen: Zum Tannhäuser dem Singer hat +Diether der Maler sich gesellt.« + +»So wohl uns, daß wir uns trafen!« rief Klingsohr, streckte mir seine +Hand entgegen, und der Tannhäuser reichte mir seine. »Wir drei gehören +zusammen, ob Kutte, Wams oder Mantel; wir sind eines Ordens. He, +Bruder Tannhäuser, nimm Deine Fiedel und streich eins auf!« + +Der aber sagte: + + »In Regen und Wind des Fiedelns pflegen, + Heißt unterm Schnee nach Veiglein fegen.« + +»Wohl«, rief da der Kurze, »so will ich ein neu Lied singen von den +drei jungen Gesellen, die sie in Augsburg henken wollten, wie sie +zusammen entrannen und hernach in England der eine Bischof, der +andere« – + +»Sagt mir doch lieber«, unterbrach ich ihn, »was Eure Kunst sei!« + +»Warum sollt’ ich’s nicht«, erwiederte er, wenn’s Euch, Malbruder, +zu wissen lieb ist? Kennt Ihr die schwarze Magia?« + +»Alle guten Geister!« rief ich und schlug ein Kreuz. »Das ist ja eine +Teufelskunst!« + +»Die treib’ ich ja auch nicht«, rief das Männlein und lachte +unbändig. »Sie ist ja durch kaiserlich und päpstlich Recht verpönt +und vermaledeit. Der +weißen+ Magia bin ich ein Jünger.« + +Wie ich ihn fragend und befremdet ansah, fuhr er fort: »Das nimmt Euch +Wunder, daß ein Biedermann die weiße Magia bekennt, und Albertus +Magnus ist doch durch sie hoch zu Ehren gekommen? Macht +das+ den +Unterschied, daß ich Jedermann, Bürger und Bauer und Knecht und Magd, +wer’s begehrt, die Wohlthaten meiner Kunst erweise? Hätt’ ich nur die +Instrumenta und wäre in jungen Jahren länger hinter’s Latein gesessen +– ich wollt’ Euch einen redenden Kopf machen, der sollt’ Euch noch +weit andere Geheimnisse sagen, als Albertus’ seiner.« + +»Dann thätest Du besser«, spottete der Tannhäuser, »Du ließest den +Kopf und schüfest uns einen Wintergarten, wie der Kölner Meister, mit +warmer Sommerluft. Aber Deine weiße Meisterschaft läßt uns noch im +Aprilen frieren.« + +»Ei«, sagte gekränkt der Kleine, »Dir wär’s doch in keinem Wege +recht zu machen. Hast Du nicht warm gesessen bei der Frau Venus? Und +doch hat Du’s nicht behagt im Hörselberg.« + +»Ach, Narrethei!« rief der Tannhäuser, »samt Deiner Frau Venus und +Hörselberg! Wollt’ lieber, ich hätte jetzo was Gares zu kosten und was +Wärmendes auf dem Leib.« Dabei schüttelt’ er sich verdrießlich die +Tropfen von der Mütze ab. + + »Frau Nachtigall, hat sie keine Speis’, + Schweigt oder singt nach Spatzenweis’.« + +Er dauerte mich und ich sagte: »Mir ist’s gar leid, daß Ihr nicht +besser vor’m Unwetter bewahrt seid. Wie wohl thut mir doch heut’ mein +langes Wollenkleid!« + +»Oh!« sagt’ er und sah es fast begehrlich an, + + »Im warmen Kleid und sichern Nest + Den Mönchen Gott nichts mangeln läßt.« + +»Freilich«, hub wieder der Kleine an, »fahrende Meister müssen sich +alles Glückwechsels versehen: gestern willkommen und heut’ schabab. Da +heißt’s oft: + + Duck Dich Hännsl, laß übergahn! + Unwetter will seinen Willen han! + +Sprich auch diesen Spruch jetzt, Gutgesell! Da hilft nichts Anderes. +Denn zum Wärmenden auf Deinen Leib ist hier kein Rath; + + Aber Gares zu kosten, das mag wohl sein, + Hab’ auch nicht die Meinung, mich zu kastei’n. + +Wir wollen eine Mahlzeit halten, die lecker ist, und St. Bernhardt +selber wird mir die Gutthat danken, die ich an seinem Jünger thue. Wir +sind auf der Wanderung gebrüdert und haben Alles gemein. Seid erst bei +Klingsohr zu Gast und dann gebt Acht, ob seine Kunst Dank verdient!« + +»Ist’s Eure Magie, die uns letzen wird?« fragt’ ich ihn. + +»Gewißlich sie«, rief er lachend, »und immer die weiße! Gleich sollt +Ihr deß gewahr werden.« + +Nun führte der Weg an einem verlassenen Steinbruch vorbei, der manche +Wölbung darbot, wo man vor Wind und Regen wohl gesichert war. Da hatte +auch alsbald Klingsohr die zum Lager geschickteste erkürt und hieß uns +folgen. Als wir angelangt waren, sprang er auf einen Stein, der da +lag, und sagte im Befehlston: + + »Nun kommt herfür aus Eurer Haft! + Sollt Euch nicht mehr verstecken. + Beweist Eure edle Kraft und Saft! + Wir wollen schmecken und schlecken.« + +Damit hockte er etwas von seinem Rücken, das schier einem gewaltigen +Buckel geglichen hatte, und langte drei Gänse hervor, die an ihren +Hälsen zusammengebunden waren, wie man pflegt, wenn man sie +geschlachtet zu Markte bringt. »Sind Sie nicht weiß«, fragte er mich +vergnügt, »wie die Kunst, die sie mir eingebracht? Und fett dazu! Sie +drückten mich schier, daß ich nicht mehr ausschreiten konnte. Aber +harret! Eine soll’s nicht mehr thun, ’s müßte denn im Magen sein.« + +Darauf macht’ er sich an’s Küchenwerk und nahm uns dabei ganz +weidlich in seinen Dienst. Während er die Gans rupfte und zum Braten +bereitete, mußte ihm sein Geselle Handreichung thun, der auch, wie ich +sah, in solchen Dingen wohl geübt war. Ich ward ausgeschickt, indeß +zum Feuer Holz herbei zu holen. Dazu gab mir der Tannhäuser sein +breites Schwert, und weil ringsum der Wald dicht war, so hatt’ ich +nach kurzer Weile zum Brennen genug herzutragen. Der Singmeister hatte +bald ein Feuer angezündet, und die Flamme schlug hell empor. Sie +verbreitete in unserem Winkel eine willkommene Wärme und sollte unsern +durchnäßten Kleidern zu Gute kommen. Klingsohr und ich spreiteten +unsere Mäntel und der Spielmann sein Wams vor der Gluth zum Trocknen +aus und rückten selber an ihr zusammen so nah, als wir konnten. Es war +mir lustig den Beiden zuzuschauen, mit welchem Eifer sie zurüsteten. +Bald war der Magus mit der Gans zu Stand, daß sie zum Braten fertig +war. »Hier noch das Leberlein und hier die Zwiebel (er nahm sie aus +seinem Ranzen) selbander hinein«, sagt’ er; »jetzt geschwind Nadel und +Zwirn, – so ist’s gethan; – nun kann sie rösten.« Damit schürte er +das Feuer, wie er’s haben wollte. + +»Das ist auch eine feine Meisterschaft, die Ihr versteht«, sagt’ ich +lobend. + +»Was nützte sie, wenn ich sie nicht üben könnte!« gab er zur Antwort. +»An des heiligen römischen Reiches Truchseß selber wäre sein Amt +verloren, trügen nicht Jäger und Metzger und Bauer und Müller ihm die +Küche voll.« + +»O«, sagt’ ich scherzend, »ich merke wohl, Ihr wollt nur Eure +magischen Künste ausstreichen, und wahr ist’s, das hätt’ ich nie +gedacht, daß sie Gänse an den Spieß zu bringen vermag. Aber nun seh’ +ich’s mit eigenen Augen.« + +»Ja, und sollt’s schmecken mit eigener Zunge, das ist die Hauptsach’. +Euer Heiliger muß sich freuen, wie man Euer auf der Wanderung pflegt.« + +»Mein Treu«, rief da der Fiedler dazwischen und wandte, wie der +Andere ihn anwies, die Gans um, die schon ganz lieblich zu duften sich +anschickte. »Eine Schand’ ist’s, wenn ich gedenke, wie unmild +dahingegen die Singekunst heuer gelohnet wird. Man will unser nicht +mehr in Klöstern und Burgen, und die Städter, seit sie reich werden, +fangen selbst an, gar zierlich und fürnehm zu singen, und weil sie’s +umsonst herklimpern, verachten sie uns aus Geiz; bleibt nur das +gemeine Volk für uns, sperrt’s Maul auf, weint und lacht, wie man’s +haben will, das ist Alles!« + +»Drum auch«, sagte der Kleine, »sollst Du Dich gesegnen, daß wir +zusammen fahren. Sind wir nicht noch immer ehrlich verbrüdert gewesen? + + Sei’s Gans oder Ferkel, sei’s Huhn oder Hahn, + Zusammen wird Alles und Jedes verthan! + +Jetzt wend’ sie um!« Und frohmüthig rieb er sich die Hände. + +»Wie aber vermögt Ihr’s denn«, fragt’ ich wieder, »Eure magische +Kunst so in Ehren und gutem Lohn zu erhalten, daß sie Euch Beiden +zuträgt?« + +»Sie hieße nicht Magia, wenn sie nicht Geheimniß wäre. Euch, +geistlicher Kunstbruder, sei’s genug, daß Ihr wisset: die weiße ist +unverboten und gibt ehrliche Nahrung.« Dabei blinzelte er wieder gar +listig mit den Augen mich an und lachte. »Nur den Spruch merkt Euch +wohl: + + Wer sich der Welt gelieben will, + Muß halten ihrem Treiben still; + Denn will er wider ihre Art, + So macht er bald allein die Fahrt. + +Und jetzo, Bruder«, ermunterte er seinen Gesellen, »derweil der +Braten schmort und die Kleider trocknen, nimm die Fiedel zur Hand und +spiel’!« + +Da langte der Fiedler seine Geige her, stimmte die Saiten und ließ +dann den Bogen über dieselben springen, daß die Töne wie Funken +heraussprühten. Darnach hub er auch an zu singen ein Lied, das zu der +fröhlichen Weise wohl stimmte; aber ernst und traurig gieng es +hernach, und schwermüthig endete es also: + + »Auf den Bergen zergieng der Schnee, + Die Brünnlein, sie rieseln ohn’ Ende: + O Vater und Mutter, Ihr seht mich nimmermeh’, + Muß sterben im Elende. – + Gottes Wille, der muß ergehn.« + +Noch einmal holt’ er dazu aus seiner Fiedel lauten und wilden Klang +hervor, als wär’s ein Wehgeschrei. Dann verhallten seine Töne langsam +und leise. Ich war der Singekunst Freund immer gewesen und hatte der +Sequenzen und Leisen Kraft in der Kirche oft an mir erfahren. Aber +dieses Fiedlers Gewalt über meine Seele war anderer Art. Seines +Spieles Lust wie Leid ergriffen mich gleich sehr, aber sie verwirrten +mich auch. Es war nicht die gewohnte Bahn, auf die sein Spiel mich +zog, und doch erweckte es in mir einen Wiederhall – ich wußt’ mir +nicht zu deuten, wie? – + +»Heb’ aber an, Bruder!« rief da Klingsohr, »leg nicht weg die Fiedel. +Hast da unserem geistlichen Gast schier das Herz im Leib’ umgekehrt +mit Deinem Lied, wie ich merke. Noch eins! Und eine Weise, die sanfter +eingeht!« Der Andere stimmte seine Fiedel wieder zurecht, und jetzt +giengen seine Töne ebenen Weg. Dies war sein Lied: + + »Des Herzens Schwere zu verjagen, + Gab ich es ganz der Minne hin; + Hört’ ich doch viel die Meister sagen + Von ihr als Leidverleiderin. + + Da hub sich’s an in mir zu lenzen; + Doch schwand die Sälde allzujach, – + Denn ach, von allen bunten Kränzen + Blieb nur der Dorn im Herzen nach. + + So mißgerieth mir all’ mein Wähnen, + Und was ich wollt’, gedieh mir schlecht. + Erst hochgemuth sein, dann in Thränen: + Das ist der Minne altes Recht.« + +»’S ist auch in dem noch was vom Regenwetter«, meinte Klingsohr. »Und +doch bist Du unter Dach und überm Feuer brät die Gans. Wohlan thu sie +her! Ist sie nicht bräunlich und schön?« Und er betrachtete sie +wohlgefällig. + +Plötzlich sah er auf. »Das ist nicht des Windes Geräusch«, murmelte er +bedenklich. »Ihr seid jung und behend, Bruder Diether. Springt dort +hinan, wo der Ausblick offen ist auf den Weg, den wir kamen, und +schaut, was sich naht.« + +Was sollt’ ich mich bedenken? Ich klomm mit Eil’ die Höhe hinan, die +er mir angezeigt hatte. Als ich oben war, sah ich hinter der nächsten +Windung des Weges einen reisigen Haufen herankommen. Spieße und +Hellebarden konnt’ ich wohl erkennen. Das rief ich den Beiden zu und +schickte mich an hinabzusteigen. Schon aber hört’ ich sie unten sich +tummeln, und bevor ich noch die Hälfte des Weges zurück war, kamen sie +eilig hervor und liefen grad über den Weg dem Tannenwald zu, wo er +besonders dicht stund, als suchten sie dort eine Bergung. Fast lustig +war es anzusehen, wie sie all’ ihr Geräth zusammengerafft hatten, +Jeder, was ihm die Hände gefaßt, wie sie auch die zwo Gänse nicht +vergessen, die der Kleine hinter sich her zog. Aber wie ward mir zu +Sinne, als ich den Fiedler sah mit meiner Kutte von dannen rennen! Das +schuf mir große Noth. »He, Freunde!« rief ich ihnen nach, »was soll +das? Was fliehet Ihr? Harret doch, daß ich mein Kleid anthue!« Und mit +höchster Eil’ stieg ich hinab. Aber sie hörten nicht, noch hemmten sie +ihre Flucht, und ich erkannte, daß es mir ganz unmöglich wäre, sie +einzuholen. Denn mein Weg war behindert durch’s Gestein, der ihrige +nicht. Da gerieth ich außer mir; denn ich sah, daß sie unredlich +handelten mit mir, und schrie aus allem Vermögen: »So wollet Ihr +treulos entlaufen, unehrliche Gesellen! Raubt mir mein Kleid, Schelme +und Unbiedermänner, die Ihr seid?« + +Sie aber hielten nicht an, als bis sie den Waldsaum erreicht hatten. +Da blieben sie stehen, und, indem der Große meinen Rock anlegte, rief +der Kleine mir zu: + + »O Freund, gedenk’ der Sanftmuth Gebot! + Fürwahr uns zwingt wahrhafte Noth. + Wir sind um’s Mahl mit einand’ betrogen, + Von unserm Unstern fortgezogen. + Laßt Euch die Kutte nicht gereu’n! + Sie wird den Fiedler baß erfreu’n.« + +Der aber fügte hinzu: + + »Ich laß Euch mein blaues Wams zurück, + Es bring’ Euch mehr als dem Fiedler Glück!« + +Darauf sah ich den Magus dem Singer die Gänse aufhocken und hört’ ihn +noch sagen: + + »Sollt’ ich die Gänslein liegen lân? + Mein’ Treu, das wär’ nicht wohlgethan!« + +Er lupfte mir noch seinen Hut zum Abschied, und im nächsten Augenblick +waren sie behend in den Wald gedrungen und meinen Augen verschwunden. + +Da stund ich, verlassener Diether, nun in großer Betrübniß, betrogen, +beraubt, in der Fremde, schalt meinem Unbedacht und war meiner Reise +gram. Aber was half Zürnen und Klagen! Frieren überkam mich in meinem +Leinen unter dem kalten Himmel. Die Noth zwang mich unter das +steinerne Überdach zurück; das Feuer brannte noch. Voll Unmuth stieß +ich die Gluth auseinander. Die verlöschende Flamme mahnte mich daran, +daß ich in dieser Einsamkeit nicht bleiben könnte und eilen müßte, ehe +der Abend käme. Unmöglich aber konnte ich ohne Kleid durch den Regen +hinaus. Da lag das blaue Wams; ich durfte nicht zaudern und that es +an. Mir war’s, als verwunderte sich Stein und Baum selbst über mich +und ich würde doch nicht bedauert, sondern Fink und Meise und Alles, +was im Walde lebte, müßte mich verlachen. Das machte mich noch +unwirscher in meinem Gemüth. So trat ich hinaus und hatte nie ein +solches Mißfallen an mir selber. + +Ehe ich noch wenige Schritte gethan hatte, hört’ ich hinter mir lautes +Gelärm. Die Reisigen waren herangekommen. + +»Wohl dran, Gesellen! Hier ist der Vögel einer. Fangt ihn geschwind! +Daß er uns nicht entwische, dafür will ich wohl sorgen, so wahr ich +Peter Krummholz bin, der Bäckerzunft Obermeister?« + +Der so mit schriller Stimme schrie, daß ihm schier der Odem ausgieng, +saß auf einem Gaul, was wohl nothweise geschah. Denn er war so gar +fett, daß ihn gewißlich seine Füße nicht bis hieher getragen hätten. +Neben und hinter ihm giengen etwa zwölf Fußknechte mit Eisenhauben. +Etlichen fehlten auch Schilde nicht. + +»Thut nicht so übel«, rief ich da, »daß Ihr einen Unschuldigen +angreifet! Ich bin nicht der, für den Ihr mich anseht, hab’ weder Euch +noch sonst Keinem ein Leid zugefügt.« + +Ich wollte ihnen noch ferner zureden, aber der auf dem Rosse schrie +noch viel ungeberdiger denn zuvor die Seinen an: + +»Wohl dran, Gesellen, sage ich! Fangt mir den losen Buben! Ich kenn’ +ihn wohl wieder am blauen Wams und dem schwarzen Langhaar. Wohl dran, +sag’ ich noch einmal! Eine Kanne gut Bier Jeglichem, und wer ihn +zuerst angreift, zwo!« + +Wie er sie so muthig auf mich hetzte und ihrer zween oder drei mit +vorgehaltenen Spießen auf mich drangen, als wär’ ich ein schändlich +Wild, da überkam mich ein Grimm und meinen Sehnen wuchs die Kraft. Mit +mächtigem Prall stieß ich auf den Ersten, der auf mich einwollte, daß +er zurücktaumelte, und sprang an den Andern vorbei, die sich deß nicht +versahen, zurück zu unserer Feuerstätte, wo ich noch des Fiedlers +Schwert liegen wußte. Ich griff es auf, faßt’ es fest und schrie ganz +außer mir: »Heran denn, wen’s lüstet, seinen Lohn an mir zu +verdienen!« + +Daß ich mich mit einem Gewaffen zur Wehr setzen würde, hatte sich +Keiner befahren, und so stunden sie einen Augenblick unentschlossen, +wie sie ihr Werk angreifen sollten. Da gedacht’ ich, durch sie +hindurchzudringen und zu entrinnen. Des Einen Spieß hielt mich auf. +Ich schlug ihn seitwärts und überrannte den Mann. Aber der Stoß eines +Anderen traf mir den linken Arm und gab mir heftigen Schmerz. Alsbald +rannten sie Alle wider mich zusammen und es ward ein groß Getümmel. +Ihr Meister tobte mit bösen Worten und scharfem Kreischen, wie von +Sinnen, indeß ich mich mit meinem Eisen wehrte, wild um mich +schlagend. Denn so viel ich von mir wußte, wollt’ ich eher mein Leben +lassen, als mich in ihre Hände geben. So wär’ mir’s auch allerdinge +ergangen bei der Übermacht meiner Feinde, und weil ich so ganz +ungeübt war zu streiten, wenn nicht Gott mit mir ein Anderes +beschlossen hätte. + +Denn von Ungefähr trug sich’s gewißlich nicht zu, daß just zu dieser +Zeit drei Reiter den Weg geritten kamen von der Richtung, nach der +meine Fahrt gieng. Es war ein rittermäßig angethaner Herr und zween +Knechte. Diese mochten von ihm, da er unseres Streitens ansichtig +geworden war, vorausgeschickt sein, denn sie sprengten, ohne daß Einer +vor Eifer und Gedrang ihr Nahen wahrgenommen hatte, weil aller Blicke +und Gebärden auf mich gerichtet waren, mit höchster Eil’ und ungedacht +in den Haufen meiner Widersacher mitten hinein, daß männiglich vor +ihnen zurückwich. + +»Städter sind’s, Helmbold«, sagte der Eine zum Anderen und rief dann: +»Seid Ihr so unbescheiden oder so erhitzt gegen einander, daß Ihr es +wagen dürft, unserm gnädigen Herrn den Weg zu verlegen mit Eurem +Hadern?« + +Da schrieen sie zumal, der Eine dies, der Andere das, indem sie auf +mich wiesen, und schlugen auf’s Neue auf mich ein. + +»Gebt Ruhe alsogleich!« geboten die Beiden da drohend, ritten durch +sie hindurch nahe an mich heran und schirmten mich so vor ihrer Wuth. + +Als dergestalt Niemand an mich durfte, ward der Bäckermeister ganz +unsinnig auf seinem Roß und that des Tobens und Scheltens um so mehr. +Aber es währte nur eine kleine Weile, da kam der Ritter selbst heran, +ein ältlicher Herr, der etwas gebückt, aber noch gar fest im Sattel +saß. + +»Bei Gottes Thron!« rief er und sah Krummholz und seinen Troß mit +Staunen an, »das sind Leute aus Waibstadt, das ist der ehrsamen +Bäckerzunft Obermeister!« + +»Peter Krummholz, edler Herr«, antwortete der, sich verneigend, »bei +dem Ihr vor drei Jahren, als Ihr durch Waibstadt gen Basel zogt, zur +Herberge gelegen.« + +»Wo mir Euer Töchterlein, – heißt sie nicht Bärbel? – den Willkomm +credenzte; ich entsinne mich deß wohl. Aber wie geschieht das, daß Ihr +hier auf meinem Grunde zu Felde liegt und wider Gesetz und Recht den +Frieden brechet? Hat nicht auch Eure Stadt mir in die Hand gelobt, +ihre Streitsachen gütlich zu vertragen, auch dieselben an mich zu +bringen, ob sie nicht beizulegen? Und nun find’ ich, nachdem ich +wenige Zeit von dannen gewesen, daheim wieder den alten Hader, und auf +offener Landstraße am helllichten Tage!« Und unmuths schlug er sich +auf die Hüfte. + +»Keine Streitsache ist es, Ew. Gnaden«, erwiederte der Bürger, sich +rechtfertigend, »unter uns oder mit unsern Nachbarn entstanden, um die +wir allhier bewehrt von Euch angetroffen werden, sondern ein +Schelmenstück, uns und gemeiner Sicherheit zum Schaden zugefügt. Das +begehren wir zu richten.« + +Ehe er fortfuhr, weil die Luft ihm ausgegangen, rief ich, noch immer +im Zorn: »Ohne Urtheil und Spruch oder einige Ursach’ haben sie mich +ganz Schuldlosen wie einen Schächer überfallen. Ich bitte aber Euer +Gnaden durch Gottes Marter, daß Ihr zur Beweisung meiner Sache mich +hören wollet; denn dieser da weiß auf jeglich Wort, das ich ihm sage, +nichts Anderes, als mit Wüthen und Toben auf mich zu hetzen, so er +doch fürgibt, gemeiner Sicherheit zu dienen.« + +Ich wollte weiter reden, aber heftig brach der Bäckermeister wieder +los: »O wie listig der lose Bube plaudert! Das ist seine ausbündige +Kunst, sich mit Worten zu schmücken; aber sie soll, will’s Gott! nun +am Längsten geschadet haben! – Euer Gnaden kennet meine Tochter, das +Bärbel; hat Euch credenzet vor drei Jahren, eine feine Dirne und mein +einzig Kind. Sie hab’ ich am letzten Andreastage des Schultheißen +Sohne verlobt, Mathias Kaulfuß, einem tugendhaften Jüngling. Vor vier +Tagen haben wir den Brautleuten die Hochzeit ausgerichtet und +dieselbige gestern mit einem Freudenmahl zu beschließen gedacht. Denn +unsere Freundschaft ist groß, und um des Schultheißen willen war der +Stadtobrigkeit und um meinetwillen der Bäckerinnung Ehr’ und Ansehen +höchst nöthig zu wahren. Doch Ihr müßt wissen, edler Herr, in unserer +Stadt ist von Alters her leider zwischen den Bäckern und Metzgern viel +Verdrieß und Hinderung, welches Alles aber als Nichts zu rechnen ist +gegen die Feindschaft, die nun um sich gefressen. Denn Heinrich +Häsener, des Metzgergewerkes Obermeister, hat öftermalen bei mir um’s +Bärbel für seinen Sohn werben lassen, auch öffentlich geprahlt, ich +müßt’ sie ihm geben. Wie er’s nun nicht erlangte, auch nicht hindern +konnte, daß Bärbel des Schultheißen Schwiegertochter ward, da hat er +sich hoch vermessen, er wolle uns mit seinem Anhang die Hochzeit +verderben. Darum mußten wir beweisen, daß wir auch trotz den Metzgern +etwas vermöchten.« + +»Macht’s kurz, Meister!« unterbrach ihn der Ritter. »Was geht Eure +Hochzeit diesen Handel hier auf der Straße an?« + +»Sehr viel, Euer Gnaden! Gebt nur Acht! Denn wie Häsener und sein +Anhang uns in allen Stücken den Widerpart hielt, so kommt’ er doch +dem Zulauf bei uns und der Ehre, die wir einlegten, im Geringsten +Nichts abbrechen. Denn wir hatten die Stadt-Zinkenisten, daß sie +pfiffen und bliesen bei der Heimholung und in meinem Haus; so hatten +sie sich die Stadtpfeifer von Bischofsheim verschrieben. Mit denen +zogen sie den Unsern nach und ließen sie gegen meinem Hause über in +der Metzger Gesellenstube aufspielen, so oft unsere Zinkenisten mit +Blasen anhuben. Aber die Pfeifer stunden bald ab, denn sie sahen, +daß sie gegen unsere Zinkenisten Nichts vermochten, sondern jedesmal +übertönt wurden. Gewißlich auch wären die Metzger endlich zum Gelach +geworden der ganzen Stadt, denn sie konnten mir nicht +einen+ +Hochzeitsgast abwendig machen. Aber gestern hat der üble Teufel, der +an jeglichem Tuck seine Freud’ hat, zwei fahrende Landstreicher +dahergeführt, den Gauch da und seinen Gesellen; die haben ihnen das +Spiel gewonnen. – O wartet ein klein wenig, Ew. Gnaden«, fuhr er +aufgeregt fort und entknöpfte seinen Brustlatz, »mir versetzt es +schier die Luft, wenn ich daran gedenke, aber ich will’s Euch ganz +nach der Wahrheit berichten.« + +»Das sei Euch gespart, Meister!« rief ihm der Ritter ungeduldig zu. +»Wenngleich man Euch die Hochzeit verdorben hat, könnt Ihr doch darum +Keinen wollen kampflich anrennen und schlagen, wie Ihr thut.« + +»Das ist mir wohl wissend«, fuhr der Bäcker fort, hier stehen meine +zünftigen Gesellen alle, die sollen mir bezeugen, ob ich ein Einiges +aufbringe, das nicht nach der Wahrheit ist! Sind nicht die zween +fahrenden losen Leute auf den Markt gestanden gestern unter der +Metzger Geleite und haben mit ihrem losen Wesen schier Alt und Jung +nach sich gezogen? Der Eine nannte sich Klingsohr, mit Zauberspruch, +Arzeneiung und Teufelskunst, der brauchte kündlich Höllenlist. Der +Andere nannte sich Tannhäuser, strich die Fiedel so ausbündig und +wußte zu singen und zu sagen, was die Leute gern hören, von Walther, +König Rother, vom hörnenen Siegfried und allen Mären, die doch nicht +zur Gottseligkeit, noch zu ehrsamer Kunstübung dienen. Das ist der da +im blauen Rock! Ist nicht zu ihm Abends, als kaum der Brauttrunk +umgegangen war nach dem Schmaus, das junge Volk allsammt hinüber +gewichen in der Metzger Gesellenstube, wohin Häsener sie genöthigt +hatte, und konnte gar der Umtanz der Hochzeiter nicht gesprungen +werden, wie es doch Brauch ist, weil bei uns nur die Alten sitzen +geblieben waren auf der Bank und auch die nicht Alle! Und gar +trübselig und des Ärgers voll war uns der Hochzeit Ende schon in +früher Nachtstunde; die drüben aber hatten der Kurzweil und des +Springens kein Ende bei dieses Buben losen Künsten. Denn ein Gauch ist +er, wie der Andere, sag’ ich, und ein Dieb. Während der Fiedler Aller +Ohren und Sinne auf sich lenkte, da hat er dem Teufelskünstler Raum +geschafft zu seinen Schelmenstücken. Sagt, meine Gesellen, sind nicht +heute Morgen alle drei Gänse aus meinem Stalle weg gewesen, die ich +den Winter über gefüttert? Hat nicht Catherin, die Magd, bekannt, sie +selbst habe den Klingsohr in den Hof hinter die Küch’ geführt, weil er +fürgegeben, er wolle ihr da für ihren ungetreuen Liebsten die Nestel +knüpfen? Er ist entwischt, aber seinen Diebsgesellen haben wir durch +gutes Glück gefunden. Da steht er überführt, und seine Straf’ soll +Andern, will’s Gott, ein Exempel sein.« + +Als ich des Beleidigten und Bestohlenen Rede hörte, erschrak ich über +die Maßen sehr, und meine Wuth wich großer Besorgniß; denn ich sah, +daß mein Kleid, das Feuer und des Mahles Zurüstung, meine wagende +Gegenwehr, Alles wider mich zeugte, und es entfiel mir mein Herz, da +ich daran gedachte, daß mir des Abtes Schrift und Brief, wodurch ich +mir freilich hätte leichtlich Glauben verschaffen können, samt der +Kutte geraubt waren. + +Wohl mochte mir der Ritter ansehen, wie verstürzt ich war, als er mich +hart anredete: + +»Du bist also der Tannhäuser?« + +»Gewißlich, Herr, das ist mein Name nicht; Diether bin ich genannt«, +antwortet’ ich ihm mit wenig kecklicher Stimme. + +»Freilich bist Du so wenig der Tannhäuser selber, wie Dein Gefährte +der Klingsohr«, sagt’ er. »Aber Du bist es doch, der sich vom Volke +also heißen läßt?« + +»Ja, er!« riefen die Anderen zumal. + +»Du bist es, der die alten Mären von Siegfried und den ruhmeswerthen +Helden zu sagen so wohl verstanden?« + +Wieder bezeugten sie, es wäre Alles wahr, was der Obermeister von mir +berichtet hätte. + +»Genug denn des Säumens!« sprach der Ritter und befahl seinen +Knechten, mich zu binden und zwischen ihren Rossen von dannen zu +führen. + +»Ihr, ehrsamer Meister«, sagt’ er zu Krummholz, »zieht in Frieden heim +mit Euren Leuten; den fahrenden Spielmann will ich bei mir in +Gewahrsam halten, ihn zu richten, wie ihm nach den Rechten +kaiserlicher Majestät für seine begangene Untugend gebührt. Und Ihr, +noch der Schultheiß, sorget nicht, daß es nicht nach Strenge geschehe. +Der Bärbel bringt meinen Gruß! – Euch Allen freundlichen Dienst und +des reichen Gottes Geleit!« + +Der Obermeister wagt’ ihm nicht zu widerreden. – Sie reichten sich +die Hände und schieden. Der Ritter hieß seine Knechte eilen und ritt +gemach voraus. Sie hatten bald meine Hände auf den Rücken gebunden und +trieben mich zwischen sich her. Die Städter blieben noch an der +Stätte, zu verschnaufen, ehe sie die Rückfahrt anhüben. »Gedenkt Eures +Verspruchs«, hört’ ich noch die Gesellen zum Meister sagen, der +erwiederte: »Zwar es hat ihn Keiner gegriffen, doch das Bier sollt Ihr +haben, denn heut’ bleibt die Zunft noch lange zusammen!« + +Mit der Weile war der Abend hereingebrochen, aber er hatte den +wehenden Wind nicht zur Ruhe gebracht. Wundersam gestaltet flogen die +Wolken über uns, den Mond verbergend und von seinem Glanze röthlich +umsäumt. Schwere Tropfen schüttelten die rauschenden Buchen, die den +Waldweg überhiengen, den wir eingeschlagen hatten. Er war moosig und +von Baumwurzeln behindert, die, wenn ich sie vor mir sah, Schlangen +glichen, darüber hin sich windend. Schweigend zogen wir hindannen, und +ich hätte gute Muße gehabt, des Weiteren über mein Geschick +nachzudenken, und wie ich mich fürder am besten verhielte. Aber ich +vermochte nicht, meinen Gedanken zu gebieten; ich war wie mir selbst +entfremdet. Ich betrachtete genau die gebräunten Angesichter der +beiden Reiter, ihre Eisenhauben, Brünnen und die Falten ihrer wehenden +Mäntel. Ich horchte auf das Schnauben der Rosse, deren feuchten Odem +ich an meinen Wangen fühlte, auf das Geknirsch ihrer Gebisse, auf das +Gestampf ihrer Hufen. An das, was ich vor wenigen Stunden gethan und +erlebt hatte, gedacht’ ich nicht, auch nicht, was mir ferner zu +erleiden vorhanden wäre. Nur als der Mond klar durch die Wolken trat +und mir hell in’s Angesicht leuchtete desselben Glanzes, den er mir so +oft durch’s kleine Fenster in meine Zelle gesendet hatte, wenn ich +nicht schlafen konnte, da gedacht’ ich, ob auch wohl in der weiten +Christenheit Jemand zu finden wäre, der in dieser Stunde so +sorgenhaften und elenden Herzens zu ihm aufblickte, als der hier +gefangen durch die Nacht getrieben ward, und fast wie ein Schrecken +überkam’s mich, daß ich das selber war, Diether von Maulbronn. + + + + +Viertes Kapitel. + +Auf Elzeburg. + + +Das Elzewässerlein fließt im Gebirge durch ein freundliches +Wiesenthal gen den Neckar. Längs seinem Lauf ziehen sich Berge hin von +mäßiger Höhe, fast durchaus mit Buchen und andern Laubhölzern schön +geziert. Auf einem dieser Berge, der über seine Brüder in der +Nachbarschaft stattlich hervorragte, stund die Burg, dahin ich geführt +ward. Sie hatte von dem Flüßlein, das unten vorbeirauschte, den Namen, +und hieß Elzeburg. Auf ihr hausete der Reichsgraf und Bannerherr Herr +Eberhard, wie auch sein Geschlecht seit undenklichen Zeiten da +eingesessen war. Derselbe war immer unbeweibt gewesen, hatte in +jüngeren Jahren mit des Kaisers Kriegsvölkern viel zu Felde gelegen in +Welschland und stund bei der Kaiserlichen Majestät nicht bloß wegen +seines tapferen Muthes, sondern auch wegen seines kundigen Rathes in +hohen Ehren. Aber je älter er ward, desto weniger machte es ihm +Freude, wenn er zu Hofe reiten mußte, um allda große Welthändel zu +Recht bringen zu helfen, obwohl er gehorsamte, so oft er entboten +ward; sondern am liebsten weilte er in waldgrüner Einsamkeit auf +seiner Väter Burg, ringsum in der Gegend ein hoch angesehener, wohl +auch gefürchteter Herr. + +Und wahr ist’s: auf ein schön Stücklein Erde blickte man von der +Elzeburg nieder, sonderlich lustsam dem Auge zur Frühlingszeit, wie +ich es sah, wo allerlei bunte Blumen den Wiesengrund zierten und das +Elzewässerlein unter hellen Weiden und an dunklen Tannen vorbei in +munteren Sprüngen daher brausete. Vom Fenster des Erkerstübleins oben +im Thurm über dem Burgthor, wo mir die Wohnung zugewiesen war, konnte +das Auge weithin über die Berge in die Ferne schweifen, über den +rauschenden Wipfeln der Bäume den Nebelwolken zuschauen, wenn sie wie +Geister des Waldes aus dem Dickicht emporstiegen und bald sich +zusammenballten, bald auseinander stoben, oder auch mit der Weihe in +den klaren Himmel schweben und ohne Schranken sich fühlen in dem +grenzenlosen Raume. + +Aber auf irgend etwas dergleichen zu achten, trug ich an jenem ersten +Abend, da ich im Stüblein oben allein war, wenig Verlangen. Schweigend +hatten sie mich dahinauf gebracht und die Thür zugeschlossen. Herrn +Eberhards war ich nicht mehr ansichtig geworden. Zur Nachtkost stand +ein Imbiß auf dem Tisch, aber ich mocht’ ihn nicht anrühren. Und so +saß ich verdrossenen Gemüths vor dem Feuer, das im Kamin des weit in +die Stube vorgebauten Schornsteins mir zur Erwärmung angezündet war. + +Nach einer Weile verdroß mich doch diese meine Verdrießlichkeit +selbst. + +»Diether«, so schalt ich mich, »bist Du nicht bei Deinen Jahren und +bei aller Kunst und Gabe, die Du hast, ein recht blödes, hilfeloses +Kind? Nun Dir der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen kann, +so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und Wissen? Verzehrest Dich +und grämest Dir die Stunden hinweg mit Zürnen und Murren, weil Du von +Gäuchen Dich hast überlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen Dir +auch nicht hast helfen können! Frisch an’s Werk und brauch’ Deinen +Kopf, wie Du mit Gott Dir am klüglichsten heraushelfest aus dieser +Noth, darein Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!« + +Damit schickte ich mich an, darüber zu sinnen, wie ich morgen dem +Grafen am besten begegnen möchte, wenn ich zur Verhörung vor ihm +stünde. Denn daß ich solches zu gewarten hätte, war mir gewiß. Recht +als ob es gälte, eine _chria_ für Magister Berthold zu Stand zu +bringen mit _Protasis_, _Aetiologia_, _Amplificatio_ und +_Conclusio_, legt’ ich mir eine wohlgefügte Rede zurecht, mit +beweglichen Worten trefflich geziert und mit manchem guten +Sprüchlein durchflochten. Und als ich Alles und Jedes gehörig +überdacht hatte, war ich damit so gar zufrieden, daß ich mich +wunderte über meine Thorheit, daß ich je hätte denken können: es +würde mir nicht ein Leichtes sein, mich als den Klösterling +auszuweisen, der ich war, und den Fahrenden von mir zu thun, deß +Kleid ich trug. + +Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der ich anzuheben +gedachte: »Weislich sonder Zweifel, gnädiger Herr!« so wollt’ ich vor +ihn treten, »weislich haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch +gethan, daß keine Sache so übel gerathe, sie habe denn auch etwas +Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Das ist +auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches +Beistandes und welcherlei Rechtfertigung sollt’ ich Gekränkter mich +nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit versehen und +wie sollt’ ich unter ihre Fittiche aus aller Fährniß und Verlästerung +nicht gerne geflüchtet sein?« + +Dieser Vorspruch däuchte mich trefflich gestellt und ich wiederholte +ihn öftermalen, auf daß ich ja keines Wortes verfehlen möchte. + +Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz sänftiglich zu Muth und schon +gedacht’ ich mich zum Schlaf auf’s Pfühl zu strecken, als es mir +schwer auf die Seele fiel, daß ich der Gebetszeiten dieses Tages keine +gehalten und nicht einmal aus den Brevierblättern, die sie im Kloster +mir mitgegeben, den Heiligen erfragt hatte, dem der Tag zugehörte. »So +konnt’ ich auch seiner Fürbitte nicht gewarten«, dacht’ ich und griff +hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herfürzulangen. Aber das war ja +mit dem Rock dahin und sammt des Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute +geworden! Doch sieh’! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war nicht +leer. Ich zog etliche arg vergilbte Blätter daraus hervor von gutem +alten Pergamen. Sie waren zierlich beschrieben, wie man in der +Klostermuße der Schreibkunst pflegt; aber da war nichts darin, womit +ein Christenmensch seiner Seele zum Heil um die Matutin oder Vesper +dem waltenden Gott und Seinen Heiligen diesen mag, sondern Geschichten +stunden darin, deren gleichen ich zuvor nie gehört hatte noch gedacht, +daß sie jemals geschrieben wären. War’s Anfangs nichts als Neugierde, +die mich zu lesen trieb, so zwang mich bald die Gewalt der Dinge, die +da berichtet waren, und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr +trafen, daß ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen. Es war da +zuerst eine Aventiure, »_wie Kriemhilde troumte!_« auf die eine andere +folgte: »_von Sifride wie der erzogen wart_« und endlich stund noch zu +lesen: »_wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_«. Aber wie die letzte +Aventiure sich begab, davon erfuhr ich nichts, wenngleich ich über dem +Lesen leichtlich die ganze Nacht versessen hätte, denn das Feuer im +Kamin verlosch allgemach und der Vorrath, es zu nähren, war zu Ende. + +Lange sah ich wie träumend in die verglimmende Gluth. Mir war’s, als +erblickt’ ich den schnellen Sigfried und die anderen Recken und sähe +sie auf- und niederschweben in dem emporsteigenden röthlichen Rauch. +Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und wußte doch, daß +kein Anderer neben mir etwas davon erblicken würde – nur von +Kriemhilden konnt’ ich nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob +ich sie wohl erkennen würde, wenn sie neben den Andern erschiene. + +Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch die Gesichte und +ich besann mich wieder auf mich selbst. + +»Hilf Himmel!« rief ich da, »thörichter Diether, Dich plagen wohl gar +Klingsohrs magische Künste noch! Was gehen Dich die Ritter und +Aventiuren an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener Vogel +in fremden Federn. Wie Du Dich wieder hinaufschwingst aus Deinem Netz +und in das Nest zurückfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das +laß Deine Sorge sein!« + +Und so gieng ich zur Ruhe. + +Also gethan ist des Menschen unbeständig Gemüth, daß auch des liebsten +Gutes Genieß uns endlich verleidet würde, wenn wir nicht unterweilen +sein entbehren müßten, und wenn er immer währte, würde selber der +wonnigliche Mai uns verdrießen; so lacht uns auch die liebe Sonne +freudenheller nicht an vom blauen Himmelsdach, als wenn sie sich mit +ihm eine Weile hinter dichtem Regengewölk gleich wie hinter einer +grauen Wand verborgen hat. Das fühlt’ ich anderen Tages nicht bloß an +mir selber, sondern ich merkt’s auch den Andern auf Elzeburg an, so +viel ich ihrer sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich früh morgens +Thal und Höhe im lichten Sonnenschein durch’s Fenster glänzen sah! +Weißer, zarter Nebel dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl +zerstreute ihn bald und kein Wölkchen stund am Himmel. So tief blau +und spiegelklar wölbte der sich über die Erde hin, als hätte er sie +voll Liebe näher zu sich emporgezogen, damit sie seiner Klarheit +besser genießen möchte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen +Brust und all’ die unzähligen Tröpflein an Halmen und Zweigen, die in +der Sonne erfunkelten, erschienen mir wie Freudenthränen der irdischen +Creatur, die da fühlte, die selige Zeit des vollen Frühlingssegens sei +nun gekommen. + +Daß solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards Seele giengen an +jenem Morgen, das, däuchte mich, war ihm anzusehen, als ich in der +Frühstunde unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn geführt ward. Er +saß am Fenster beim Frühstück im hohen Gestühl, gemächlich +zurückgelehnt. Über die Berge und durch das kaum belaubte Gezweig des +Nußbaums, der im Burggarten nahe dem Gemäuer stund, schickte die Sonne +ihren warmen Strahl in’s Gemach und schaute dem Burgherrn voll in’s +Angesicht. Schon stund ich eine Weile in der Thür, der Anrede harrend, +währenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen dem Licht des jungen +Tages und der weichen Frühlingsluft zugekehrt blieb, die durch das +Fenster hereinströmte. Endlich schien er sich zu erinnern, daß er +Helmbold geboten hatte, mich vor ihn zu bringen. + +»Ei sieh!« rief er, indem er, sich umwendend, mir winkte näher zu +kommen, »Meister Tannhäuser! – Gelt, Diether! heut’ läßt’s sich +drauß’ besser an für die fahrende Kunst als im unholden Wetter +gestern«, und er wies mit der Hand in die fröhliche Welt hinaus. »Nun +freilich, das Schweifen ist Dir für’s Erste verlegt. Und doch sei deß +nicht gar zu betrübt. – Auch auf der Elzeburg läßt’s sich ganz +wohlgemuth hausen«, setzte er behaglich hinzu; »gibt’s auch hier nicht +alltag Gänsebraten, so darf Dir zwischen Zurüsten und Niedersitzen +doch Niemand, auch kein Waibstädter nicht, das Mahl verderben.« + +Jetzt, glaubt’ ich, wäre der rechte Augenblick gekommen, meinen Spruch +anzuheben, und so sagt’ ich, recht mit der Betonung, wie in der +Rhetorica ich’s gelehrt worden: + +»Weislich, sonder Zweifel, gnädiger Herr! haben die wohlerfahrenen +Alten gesagt, daß kein Ding so übel gerathe, es habe denn auch etwas +Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Dies ist +auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches +Beistandes und welcher Rechtfertigung sollte ich Gekränkter – –« + +»Laß genug sein, Diether!« unterbrach mich da der Graf. »Spar’ Deine +Worte; sie sind Dir hier nicht von nöthen. Denn Du brauchst Dich +keines Übels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und hier sah er mich +ernster an) laß es Dich dünken, es sei Dir wohlgerathen, daß ich von +Ungefähr gezogen kam und Dich den Waibstädtern entriß. Denn mein’ +Treu! sie hätten Dir Dein Gefiedel zu Bärbel’s Hochzeit übel gelohnt. +Thurm und Stock wäre Dein Singerlohn gewesen. Hier bist Du allerdinge +gefangen und das mit Recht; aber, so Du Dich fügst, soll Dir Deine +Kunst hier wohl zu Danke sein.« + +»Ach! gnädiger Herr«, bat ich da, »wollet doch nicht dafür halten, +daß, was die Städter wider mich geredet haben, etwas Anderes als +vermaledeite Lügen seien, und laßt Euch sagen, daß ich ebensowenig +ihnen die Hochzeit gestört habe, als ich gewißlich kein Fahrender noch +der Singekunst kundig bin, wovon ich allsogleich Euch überführen +werde, so Ihr mich nach Eurer Gütigkeit weiter hören wollt.« + +»Bei Gottes Thron!« fuhr Herr Eberhard da heftig auf. »So gedenkst Du +noch immer durch Läugnen Dich herauszuwinden? Kein Wort mehr davon! +sag’ ich. Und das ist die Meinung. Du bekennst Dich frei offen zu +Deiner Kunst und willigst ein, auch auf Elzeburg mit ihr zu dienen, +oder Du wirst noch heut’ nach Waibstadt zurückgeführt und dort acht’ +ich für gewiß, wird Krummholz und sein Anhang reichlich dafür sorgen, +daß Du bald ein Liedlein zu singen anhebst, aber aus einem neuen Tone +und einem gar kläglichen.« + +Und unmuthig wandte er sein Angesicht wieder von mir ab, dem Fenster +zu. + +Da merkt’ ich wohl, daß ich mich meiner Chria nicht länger trösten +könnte und ihre Kraft besser unversucht ließe. Darum fragt’ ich ihn +bloß ganz kleinmüthig: + +»Gnädiger Herr! Was ist es, das Ihr von mir nothhaftem Mann begehrt?« + +»Nichts«, erwiedert er gelassener, »als worüber, wenn Du gefügen +Sinnes bist, Du eitel Freude haben mußt. Dieselbe Kunst, die Dich in +Noth gebracht, soll Dir auch heraushelfen. Gerade dessen begehr’ ich, +was Du, dummer Mann, zum eigenen Schaden hehlen willst. Deine Mären +und Aventiuren, um die sie Dir in Waibstadt gram worden sind, sollen +auf Elzeburg Dich und Andere erfreuen.« + +»Ach Herr«, betheuerte ich und legte die rechte Hand auf die Brust, +»zürnet nicht! Aber ich habe nie von keiner Märe und dergleichen zu +singen und zu sagen gewußt.« + +»Gut denn!« rief er unwillig und gebot dann seinem Knecht: »Fort, +Helmbold, mit ihm nach Waibstadt und zwar noch heut’, sobald ich über +ihn an den ehrsamen Rath daselbst werde geschrieben haben! Sitz bald +auf und bind’ ihn an’s Pferd, daß er Dir nicht entwischt!« + +Da stund mir denn sonder Frage ein jammerhaft Geschick bevor. Aber in +dieser höchsten Noth hat, wie ich wähne, meiner heiligen Patrone einer +an mich gedacht und von Gott gewirkt, daß da zu eben dieser Frist die +Thür aufgieng und ein Mägdlein leichten Schrittes hereintrat, Helmbold +und auch mir zunickte und fröhlich Herrn Eberhard entgegeneilte, mit +heller, munterer Stimme ihn begrüßend. Wie sie den Arm um seine +Schulter legte und sich zu ihm niederbeugte, ihn zu küssen, bemerkte +ich wundernd, wie goldig ihr das Haar im Sonnenstrahl um ihr Haupt +floß; und ob ich gleich ihr Angesicht nicht sehen konnte, so wußt’ ich +doch, wie Herr Eberhard zu ihr aufblickte, daß sie die rechte +Maiensonne war, die über die Herbst- und Winterszeit seines Lebens den +herzerquickenden Schein des Glücks und der Freude breitete. + +Daß ich aber glaubte, durch Gottes Fügung wäre das Mägdlein gerade +jetzo hereingetreten, um meinetwillen, das geschah darum, weil bei dem +klaren Ton ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele trat, +wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe! da ich an das +Pergamen mit den drei Aventiuren oben gedachte, schien ich mir auch +gefunden zu haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir +wenden könnte. War’s nur die Sorge um Krummholtzens Rache oder war’s +auch zugleich etwas vom Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschloß, +ihnen den Willen zu thun und mich für das auszugeben, wofür sie mich +haben wollten. In jener Stunde wenigstens däuchte es mich der einzige +kluge Rath. Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn sie +es möglich machten, sie ihnen beizubringen. Sie wollten sie jetzt +nicht hören, und ihre Sache war es, die Täuschung zu verantworten, zu +der sie mich zwangen. Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld, +sich verstellt vor dem Philisterkönig aus zwingender Noth? + +Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold schon sich bereit +gemacht hatte, mich hinwegzuführen, zögernd einen Schritt vor, +verneigte mich und sprach: »Mit Verlaub, gnädiger Herr, wenn Ihr denn +befehlet, so will ich nach Vermögen mit meinen Mären Euch zu Diensten +sein; allein schicket mich nur nicht gen Waibstadt, denn vor den +Städtern grauset’s mir.« + +»Das war vernünftig geredt«, sagte begütigt der Graf. »Auch wär’s +eine ausbündige Thorheit, schier befremdlich an einem aus dem +gewitzten Volk der fahrenden Brüderschaft, wenn Du bei Deinem +Starrsinn verharret wärest. Doch ich wußte wohl, daß Du Dich noch +darauf besinnen würdest, was Dir das Klügste zu thun ist. – Und +hier, Irmela«, sagte er und ergriff des Mägdleins Hand, »siehe, das +ist Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt. Wohlan, heiß +ihn willkommen und hab’ wohl Acht, daß Du fleißig von ihm lernest, +was zu behalten Freude macht.« + +»Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf Elzeburg!« redete mich +da das Mägdlein an und ihr freundlich Grüßen that mir gar wohl. Es war +mir, als gewänn’ ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt, das sie mir +aufgezwungen hatten, und sagte getrost: + +»Habt Dank, Jungfräulein, und seid gebeten fürlieb zu nehmen mit +meiner Kunst; denn sie ist geringen Vermögens.« + +Da lachte Herr Eberhard laut: »Ei Diether, so magst Du aus Höflichkeit +reden; aber daß Du mit Mären zu wenig vermagst, darum haben die +Waibstädter Dich nicht verklagt. Deß also sei sorgenohne und vermeld’ +uns sogleich, welcher guten Aventiure Du zuerst Dich annehmen willst, +daß meine Nichte sie von Dir höre.« + +Ich besann mich nicht lange und antwortete: »_Wie Kriemhilde troumte_«, +so es Eures Gefallens ist.« + +»Ei wohl, Diether!« rief er erfreut. »Das ist eine gute alte +Aventiure, und die hernach folgen, sind es auch. Ach, ich hörte sie +einst in meinen jungen Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen +Geschichten bei Rittern und Herren in hohen Ehren und selber des +Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer wohl konnten. Jetzt +schämt man sich ihrer zu Hof und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe +und liebe mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit Deinem +alten Ohm die langen Abende mit Lesen aus alten Büchern kürzest, dann +sollst Du unterweilen auch die alten Mären mich hören lassen, wie ich +einst sie vernahm, und ich weiß, sie werden mich erfreuen, wie +dazumal. Sorg’ nur, daß Du Alles wohl aufschreibest, was und wie er +Dir’s sagt! – Und Du, Diether, merk’ Dir’s wohl: je früher Du mit +Deinen Aventiuren zu Ende kommst, um so bälder bist Du Deines Dienstes +hier entledigt und magst ziehen, wohin Du willst.« + +So war ich denn zu des Mägdleins Lehrmeister gar unversehens bestellt +und wußte nicht, wie mir das gerathen würde. Denn worin ich hätte +unterweisen können, darin durft’ ich’s nicht, und was ich lehren +sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich tröstete mich mit +meinem Pergamen und dachte, wie so manch’ ein Hochgelahrter auch +nichts vermöchte der Welt zu Dank, wenn er nicht allezeit seine +Weisthümer aus der Bücherei erborgen könnte. + +Soll ich nun berichten, wie mir’s auf Elzeburg weiter ergieng, so +wundre ich mich darüber, wie doch so oft Neid getragen wird von den +Alten gegen die Jungen um der fröhlichen Hoffnungen willen für die +Zukunft, mit denen diese in trübnißvoller Gegenwart sich leichtlich zu +trösten und selber über große Widerwärtigkeit hochgemuth sich +hinwegzuschwingen vermöchten; wohingegen das Alter leider gewitzigt +worden sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten, wie die +gegenwärtigen ihm Genüge gebracht haben. Dem gegenüber will mich’s +immer bedünken, daß dem Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu +gleicher Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen auf +bessere künftige, ja zu noch größerer. Denn unser Herrgott hat dem +menschlichen Herzen eine wundersame Kraft geschaffen, daß ihm jegliche +hohe Freude oder tiefe Trübniß, je weiter sie zurückweichen in die +Vergangenheit, allgemach hinaufrücken in ein stilles, sanftes Licht, +wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne auf die Erde zu +schicken vermögen. Sondern ich achte: es strahlt aus der Tiefe des +menschlichen Gemüths, dahinein Gott es versenkt hat aus der +unsichtbaren Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir +zurückdenken, mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen ab und +leuchtet endlich über uns in keinem minderen Glanz und Schimmer, als +das noch Unerlebte, was die Hoffnung oft mit trügerischem Glanz vor +die Seele stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und alle +Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren vermag, erst dann in +ihrer Pracht, wenn sie selbst nicht mehr am Himmel steht, und schauen +nach dem süßen Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist. + +Also stehen auch die längst geschwundenen wenigen Tage, die ich auf +Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke, in beständiger Gegenwart mir +vor der Seele, als genöß’ ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die +mir um’s Haupt wehte und in Lebensfreude die junge Brust dehnte, wenn +ich mit Helmbold in’s Thal herniederreiten durfte und in den Wald +hinein auf bethauten Wegen; des süßen Duftes der Linde, unter der ich +oftmals saß im Burggarten zur Mittagszeit, wenn die Bienen darin +summten mit freudigem Gebraus, oder des Abends, wenn die Läuber leise +rauschten im sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes seine +Spur zurückgelassen in meiner Seele und ist ihr unverloren. – + +Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn junger Nichte zu +dienen hatte, nahmen noch in den ersten Tagen ihren Anfang. Da mußt’ +ich hinunter in den Saal kommen und ihr gegenüber niedersitzen an +einen großen Tisch, allwo sie meiner schon wartete. Sie hatte ein +großes Buch vor sich mit vielen guten Sprüchen und Liedern +unterschiedlicher Singer zum Theil beschrieben. Dahinein sollten nun +auch durch Irmela meine Mären kommen, wie sie das Mägdlein von mir +hören würde. Darum saß sie auch da zum Werk bereit, die Feder in ihrer +zierlichen Hand. + +Mir war doch, da ich mich vor dem Fräulein sah, nicht muthiger zu Sinn +als vor Abt Albrecht im Capitelsaal und ich fühlte, ob ich gleich +vermied sie anzuschauen, daß sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte. +Als ich nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die Feder in +ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten anfangen möchte, sagte +sie, indem sie die Feder tränkte und das Buch zurechtlegte, bescheiden +aber im Geringsten nicht scheu oder furchtsam: + +»Hebet nun an, Meister Diether, wenn’s Euch geliebt, und sprechet +recht langsam jegliche Zeile mir vor, damit ich im Schreiben nicht aus +Übereilung mißthue, und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in +diesem Buch muß Alles ohne Tadel und löblich sein. Auch mag ich viel +lieber beim Schreiben der Unmuße mehr haben, als daß mich darnach beim +Lesen die ungleiche und übelgerathene Schrift verdrieße.« + +Dies sagte mir das Mägdlein gar sehr nach Wunsch. Denn weil ich, +solange sie mich für einen fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu +wenig Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich’s für +ungeziemend, nur aus meinem Pergamen fürzulesen als der Ungeübten +Einer. Daher hatt’ ich, so viel ich behalten konnte, von der ersten +Aventiure gelernet. Nun war mir das freilich ja ein Trost, daß mir +Zeit gegönnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen und daß mein +Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen sollte; denn wie ich mir +helfen möchte, sobald mein geheimes Ölkrüglein droben, aus dem ich +schöpfte, leer geworden sein würde: deß wußte ich keinen Rath. + +So erwiedert’ ich denn: »Gerne, Jungfräulein, wie Ihr gebietet.« + +Und danach hub ich an: »Ez troumte Kriemhilden in tugenden der sie +pflac« und wie ich’s eben oben weiter erlernet hatte. Ich sprach ganz +bedächtiglich und, indem ich auf ihr Schreiben Acht hatte, nur immer +dann ein weiteres Wort, wenn ich sah, daß sie mit dem vorhergehenden +fertig war. Ihre Sorgfalt zu betrachten, mit der sie Jegliches +bedachte, und ihren Eifer, mit dem sie die Buchstaben zog, machte mir +große Freude, und der Fleiß, mit dem sie Alles recht zierlich +herzurichten trachtete, erregte auch mich, aufzumerken auf das Werk. +Und so kam es wohl, daß ich zu meiner Aventiure etwas hinzuthat, was +die Niederschrift angieng: »Hier setzet ab, dieses Wort rückt näher +heran, denn die Zeile wird lang« und Anderes mehr. Wie sie erfand, daß +mein Rath allerorten das Richtige traf, hielt sie inne im Schreiben +und fragte mich: »Ihr scheinet wohl erfahren in der Schreibekunst?« + +Ich antwortete: »Guter Lehre darin habe ich genug gehabt!« + +Da sah sie mich verwundert an und sagte: »Das hätt’ ich nicht gedacht, +daß Ihr Muße gefunden zu solch sitzender Kunst.« + +So langsam nun auch ich Kriemhildens Traum in das Buch Wort nach Wort +niedertröpfeln ließ, so war ich doch nach wenigen Tagen unserer +Schulzeit damit zu Ende, und wie Ute, die Mutter, den Traum gedeutet +hat von einem Manne, den Kriemhilde zu Lieb und Leide gewinnen sollte +und wie, um Beides zu meiden, die hehre Frau immer bleiben wollte ohne +Recken-Minne, – das war nun Alles im Buch geschrieben. »O weh,« +dacht’ ich da, als ich meine Kanzlerin das letzte Wort niederschreiben +sah, »wie willst Du bestehen, wenn Dein Kunstvorrath so schnell zu +Ende geht? Da wird Deine zweite Noth hier größer werden als die erste. +Zum Wenigsten heut nimmst Du die zweite Aventiure nicht mehr vor.« + +Das that auch nicht Noth, denn Irmela, wie sie das letzte Wort +geschrieben, legte die Feder weg, that das Buch zu und sagte: +»Erzählet mir doch, Meister Diether, wie das nachher sich zutrug mit +Kriemhilden und ob denn wirklich Ute sie wahr beschieden hat.« + +Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig; denn ich sollte das Mägdlein +einen Weg führen, den ich selber nie gegangen war, von dem ich auch im +Geringsten die Richtung nicht wußte. Ich faßte mich aber und sagte: +»Nein Jungfräulein, das geht nicht an. Die Geschichte ist überlang und +jegliche Aventiure muß in ihrer Ordnung unverrückt bleiben. Jetzt +folgt die »_von Sifride wie der erzogen wart!_« Auch möcht’ Euch das +mühevolle Schreiben verdrießlich werden, wenn Ihr allbereits am Anfang +des Fortgangs und Endes kundig seid.« + +Da versetzte Irmela lachend: »Mit Verlaub, Meister, aber Ihr irret, +wenn Ihr denket, daß ich an diesen Mären so groß Gefallen habe und +heftig verlange zu wissen, was sich weiter zugetragen hat. Wollt Ihr +es noch verschweigen, so thut es immerhin. Wär’s nicht um meinen Ohm, +der daran so größliche Freude hat, ich schriebe wohl Anderes in dieses +Buch. Solche Kunst mit Worten, die bloß zu sagen sind, acht’ ich nicht +groß; wo die Worte nach einer Weise gehen, die zu singen ist, das ist +mir die rechte Kunst. Und, Meister Diether, wenn Ihr mich von Euren +Liedern hören ließet und ich könnt’ etliche, die mir zumeist gefielen, +von Euch erlernen, das wäre mir lieb. Eurer Fiedel freilich seid Ihr +ledig, aber nähmet Ihr die Laute zu Eurem Singen, so wäre mir das zu +größerem Nutzen: ich gäb’ Euch die meinige in die Hand, und ich +vertrau’ wohl, daß ich die Griffe Euch bald würde nachthun können.« + +Wie sie dabei fragend und bittend mich anblickte, hätt’ ich sie von +Herzen gern ihres Wunsches gewährt. Aber ich sagte bloß: »Die Laute zu +schlagen, bin ich gänzlich unkundig.« + +»Nun denn«, fuhr sie fort, »so mögt Ihr Eure Lieder bloß singen, und +wenn ich eine Weise wohl aufgefaßt habe, so gedenk’ ich selbst die +Griffe zu finden, die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure +Schule zu nehmen!« + +Da mußt’ ich mir mit einer List helfen: + +»Gerne, Jungfräulein! Aber wisset, daß es wider Recht und Brauch +unserer Kunstbrüderschaft ist, unsere Lieder so bar mit der Stimme +hinauszusingen, ohne daß Saitenklang dazu ertönt.« + +»Das ist ein seltsam Recht«, erwiederte sie darauf verwundert, »das +Ihr da aufgerichtet habt. Doch«, setzte sie munter hinzu, »ist’s Euch +ein Ernst, mich Eurer Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer +Recht und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will Euch lehren +die Laute schlagen, und, deß bin ich gewiß, ein Meister wie Ihr, wird +bald vermögen auf ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch +könnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche mir +aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das sollen die sein, +deren Weise ich hernach zuerst von Euch zu hören gedenke.« + +»Was aber«, fragt’ ich, »wird aus »_Sifride wie der erzogen wart_« +und den Aventiuren darnach?« + +»O«, sagte sie beschwichtigend, »seid deß unbesorgt. Die sollen nicht +versäumet werden, dürfen es auch nicht, um meines Ohms willen. Aber +jedesmal, wenn wir mit ihnen ein gut Stück vorwärts gekommen sind und +es verdrießt Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.« + +Solch’ Begehren des Mägdleins war mir lieb und auch leid. Lieb war es +mir, weil ich gedachte an ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid +aber, weil ich besorgte, ich würde nun mit meinen zwo Aventiuren um so +geschwinder am Ende sein, wenn ihr Sinn erst eifrig nach meinen +Liedern stünde, und weil ich, je gelehrigerer Schüler ich ihr ward, um +so bälder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich als der +bestehen? + +Aber ungedacht gerieth mir Irmela’s Singelust durch meine Malkunst zum +Heile. Denn einst, als die Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war +ich durch Helmbold zu ihr draußen in den Garten beschieden worden. Da +waren auf grünem Rasen mit wohlgepflegten Beeten, auf denen +buntfarbige Primeln und schlanke Narzissen blühten, ein weitästiger +Apfelbaum, der stund voll rother Blüthenknospen recht wie mit +unzähligen Sträußlein geschmückt. Im Halbkreis um diesen Baum war wie +eine grüne Wand dichtes Gebüsch von Flieder gezogen, der dem Ort in +der heißen Jahreszeit Kühlung und Schatten lieh. Dahin hatte Irmela +Tisch und Stühle bringen lassen und dort sollt’ ich ihrer warten. Ein +gar lieblicher Platz war es, den sie für unser Schulhalten ausersehen +hatte. Denn man sah über Blumen und Rasen vorn über die Wipfel der +Obstbäume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende Garten des +Burghofes bepflanzt war, weit hinauf und hinab in das Thal, wie da das +Elzewässerlein bald aus dem Grün hervorblitzte, bald hinter dem Laube +der Uferbäume sich verbarg, und frei konnte zugleich der Blick +hinüberschauen in’s Gebirg. So saß man dort uneingeengt und doch +ungesehen und heimelich. + +Mit rechter Lust schaute ich in die heitere Welt hinaus, die nah +und fern so friedlich vor mir lag, und daß wir unser Werk so mitten +in der Lenzlust treiben sollten, machte mich recht herzensfroh, und +dem Mägdlein wußt’ ich’s im Stillen Dank. Da sich von ungefähr ihr +Kommen verzögerte, nahm ich das große, schön gebundene Buch, das +schon bereit lag, in die Hand und schlug es auf. Bald fand ich die +Blätter, auf denen Lieder und Sprüche der besten Singer zu lesen +waren. Ich staunte nicht wenig über die meisterliche Kunst, mit der +da in Wort und Reim gefaßt war, was des Menschen Herz zumeist +bewegt, und immer wieder auf neue Weise, wie wohl die Vöglein alle +im Mai dieselbe Lenzwonne singen, doch aber jedes in seiner +sonderlichen Art. + +»Reicher Gott!« dacht’ ich, »wie mag dir das gute Mägdlein so hohe +Kunst zutrauen und wie könnt’ ich sie je erlernen; sie muß von Gott +verliehen sein.« + +Während ich so der Muße genoß, sah ich auch die Feder schon bereit +liegen, und das Tintenfäßlein stund dabei. Ich nahm sie in die Hand +und schrieb, wo Irmela zuletzt aufgehört hatte, oben auf das nächste +Blatt in den zierlichsten Buchstaben, die ich vermochte, was nun +weiter folgte: »_Von Sifride wie der erzogen wart._« Ich that zu +mehrerem Schmuck manchen Zug hinzu fein und geschwungen, wie ich’s in +den besten Schriften unserer Klosterbücherei gesehen hatte. Damit war +ich noch beschäftigt, als das Mägdlein herzutrat. + +Noch seh’ ich die schlanke Gestalt, wie sie voll kindlich +jungfräulicher Heiterkeit durch die Blumen schritt, mit Aufmerksamkeit +hie und da vor einer neu entfalteten Blüthe ihrer Frühlingsbeete +stille stund oder eine schimmernde Narzisse, die sie in der Hand +hatte, gegen die Sonne hielt und in die Betrachtung des leuchtenden +Blumensterns mit dem gelb-purpurnen Kern sich versenkte. Mir war’s nun +erst, als wüßten Laub und Blüthen um mich her, wem zur Freude sie von +Gott so schön geschmückt wären, und ich gedachte, daß es am Anfang +auch ein Garten gewesen, in den unser Herrgott die unschuldigen +Menschen setzte. + +»Ich hab’ Euch harren lassen heute«, sagte sie zu mir nach +freundlichem Gruß, als sie vor mir stund. »Aber ich denke, der Lenz +macht’s heute hier außen so schön, daß einem wintermüden Menschen die +Weile schwerlich zu lang wird. Um so fleißiger, gebt Acht, werd’ ich +Euch nun beim Schreiben sein. Doch seht«, rief sie mit Verwunderung, +als sie in das Buch sah, »Ihr seid nicht müßig gewesen; wie kunstreich +Ihr schreiben könnt! ich wähne, ein Maler vermöcht’s nicht besser in +eines Kaisers Brevier.« + +Da sagt’ ich: »Wenn es Euch gefällt, Jungfräulein, so könnt’ ich des +Schreibens Mühe Euch wohl ersparen und mit eigner Hand die Aventiure +in’s Buch bringen, so gut ich’s vermag. Während dem könnt Ihr die +Laute spielen, und beim Schreiben würde mir das Hören Eures Spiels +wohl nützlich sein, daß ich hernach Eurer Unterweisung desto besser +zu folgen vermag.« + +»Nicht wegen der Muße für mich«, erwiederte sie, »sondern um Eurer +preislichen Schrift willen, die ich dem Buch wohl gönne, nehm’ ich +gern Euer Erbieten an.« + +Und so geschah’s denn von dem Tag an, daß ich die Feder führte. Weil +mir aber aus glaublicher Ursach’ Eile nicht am Herzen lag und ich +zugleich das Mägdlein erfreuen wollte, so that ich all’ mein Bestes an +dem Buch. Ich brauchte zur Niederschrift nicht allein Rohr und Feder, +sondern auch Pinsel und Farbe, die ich mir von Irmela erbat oder +selber nach Malergewohnheit bereitete. Was waren das für selige +Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem blühenden Apfelbaum! +Fröhlicher hat wohl nie Keiner Unmuße gehabt, noch größere, +herzlichere Lust zu seiner Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, daß ich +der Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden sollte, gerne +vergaß und, unbekümmert um den morgenden Tag, ganz nur dem heutigen +lebte und dem reinen Glück, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst +nicht bewußt, eine Änderung in meinem Gemüth vor sich, so konnte sie +bös nicht sein; denn nie zuvor hatte ich höhere Freude an meiner Kunst +gehabt und ernsteren Eifer auf sie gewendet, als da ich wußte: ihr +Auge ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die ganze herrliche +Gotteswelt um mich her sprach deutlicher zu mir, und es war, als ob +das inwendige Vermögen meiner Seele eine neue Kraft gewonnen hätte. +Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir der Frühling, +und wie von einem Gefühl stiller aber starker Freude am Leben und +allen Werken des HErrn ward mein Gemüth beschwingt. Daß solches Alles +eine Folge von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des Mägdleins +auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer Nähe hätte kein +Mensch traurig bleiben können oder Arges hegen! Und an der +Anhänglichkeit, mit welcher alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan +war, konnte man die Macht der Unschuld und Güte ersehen, zumal wenn zu +ihr holde Gestalt und fröhliche Jugend sich gesellt. Keiner hätt’ es +vermocht, sie zu betrüben, und Helmbold, dem der Graf (er hatte bald +nach meiner Ankunft wieder die Burg verlassen) ihren Dienst +zugewiesen, sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine höchste Ehre +und Freude an. Von ihm erfuhr ich, daß Irmela schon in früher +Kindheit, da sie Waise geworden, von ihrem Ohm aufgenommen und zwar +fern von der großen Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe +unterrichtet und erzogen wäre. Alsdann betheuerte der Alte, wie mit +ihr ein neuer Tag des Glücks für Alle, sonderlich für den Grafen in +der abgeschiedenen Burg aufgegangen wäre und wie trübselig es hergehen +würde auf Elzeburg, wenn das Fräulein einmal da nicht mehr weilte. Und +gewiß ein edler Freiersmann würde sich bald genug finden, wenn sie nur +erst hinausgeführt sein würde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar +wenig gesehen. + +So war denn auch sie wie ich ohne Vater und Mutter aufgewachsen und +in der engsten Umgebung, und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch +darin die Gestalt ihres und meines Lebens überein. Wohl gern hätt’ ich +ihr die Wahrheit über mich gesagt; und daß sie von mir, wenn auch +unfreiwillig, getäuscht ward, that mir oftmals leid, und der Vorwurf +darüber legte sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen +Maienzeit über meine Seele. Aber ich konnt’s doch nimmer über’s Herz +bringen, ihren immer sich gleich bleibenden heiteren Sinn durch eine +Mittheilung zu betrüben, die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen +mußte. Zudem wär’ es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu tragen. +War es dennoch unrecht von mir, daß ich mir den Trug, in den man mich +hineingestoßen hatte, gefallen ließ, ja hernach zu scheinen selber +fortfuhr, was ich nicht war: so weiß ich’s nicht und will’s nicht +widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine tiefe Kluft von +einander geschieden, aber in des Menschen Gemüth liegt oft Beides gar +nahe bei einander. + +Indessen wuchs ich täglich mehr in den Singerstand hinein, dem ich +zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen gelang es mir zu größlichem Lobe +meiner Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen Freude; ja es +regte sich in mir auch die Lust, selbst ein Lied zu ersinnen nach der +Art derer, die in Irmela’s Buche geschrieben stunden und eine Weise +dazu zu suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das Mägdlein an der +Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen, gegeben hatte, nicht +ohne Noth irre würde. Aber da sie öftermalen in mich drang, aus dem, +wie sie meinte, großen Vorrath meiner Kunst doch endlich ihr etliche +Probestücklein herfürzulangen, so durft’ ich nicht gänzlich ungefüge +sein, noch ihr Mißtrauen erwecken. + +»Laßt mich doch nun einmal die Worte eines Liedes hören«, bat sie +einst, als ich Griffel und Pinsel zusammenlegte, womit ich die +Siegfrieds-Aventiure nach Kräften geziert hatte, »das Ihr auf Euren +Fahrten sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten Euch +zumeist Beifall eingetragen.« + +Da erwiedert’ ich: »Jungfräulein, laßt mich darüber sinnen und morgen +will ich Eurem Wunsch genügen, wie ich kann.« + +Tags darauf bracht’ ich ihr, zierlich auf ein Blättlein geschrieben, +ein Lied, das ich erdacht hatte. + +So giengen die Worte: + + »Ein Vöglein sang so wohl hienacht + Und lockt’ und rief; + Ich hatt’ des Sanges wenig Acht + Und schlief und schlief. + + Doch mir im Traume bracht’ er nah + Ein süßes Bild; + Ach, all mein Sehnen wurde da + Gestillt, gestillt. + Doch es zerfloß im Morgenlicht; + In Fern und Näh’ + Irr’ ich nun um und ruhe nicht + Und späh’ und späh’. – + Mach wieder, süßes Vögelein, + Den Träumer froh: + Wo wohnest Du, in welchem Hain, + Ach wo, ach wo? + Vom Suchen bin ich worden krank – + Sag’ an, sag’ an: + Wann hör’ ich wieder Deinem Sang, + Ach wann? ach wann?« + +»Wohl«, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen hatte. »Die Worte +gefallen mir, und wenn auch die Weise eben klingt, so will ich das +Lied von Euch lernen. – Ich denke«, fuhr sie fort, »Ihr müsset nun +bald vermögen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die Laute erklingen +zu lassen. Wollt Ihr’s nicht jetzt versuchen?« + +Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen, beugte sie +sich wieder zu dem Werke, das sie unter den Händen hatte. Es war ein +köstlich Gewand, wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn +tragen. Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen hätte, dem Mägdlein +vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte, ich aber in Noth +war, was ich auf ihre Bitte erwiedern sollte, ohne ihre +Unzufriedenheit zu erregen, so fiel mein Blick auf das kunstreiche +Thun ihrer feinen Hände. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken, +fragt’ ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, für wen und wozu es +wohl bestimmt wäre. Da sah sie mich fest an und sagte: »Ja, Meister +Diether! solltet von uns Beiden nur Ihr ein Geheimniß haben?« + +Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, faßte mich aber und fragte +mit verwunderter Miene zurück: »Jungfräulein, welches?« + +»Wie, Lehrmeister!« hub sie da wieder an, »Ihr wähnet doch nicht, daß +ich meine, Ihr habt mir damals Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt? +Gewiß, einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es nicht und wenn +ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg daran gebunden sein! Nein, mit +dem Singen, das Ihr mich nicht wollt hören lassen, hat es eine +besondere Bewandniß.« + +»Nun ja!« erwiedert’ ich noch immer nicht ohne Unruhe des Gemüthes, +»weil es doch vergeblich ist, Euch etwas vorzuwenden: daß ich mit +Singen Euch nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche +Ursach’ davon hab’ ich Euch verschwiegen. Doch zürnet mir darum nicht, +denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit geschehen oder Eigensinn.« + +Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz fröhlich an und sagte +begütigend: »Seid deß sorgenohne, Meister! Bin ich gleich Evens +Tochter, so gelüstet’s nach Eurem Geheimniß mich nicht so sehr, wie +Ihr zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein böser Argwohn. Aber +nun sagt mir zur Stunde: wann werd’ ich Euch das Lied zur Laute singen +hören, das Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein Gelübde, +daß Ihr der Übung Eurer Kunst auf Elzeburg völlig widersagt habt? – +Wenn’s nicht der Fall ist, Meister Diether«, setzte sie hinzu und +schickte sich wieder zu ihrer Arbeit, »so laßt mich auf Euer Singen +nicht länger harren, als bis Ihr das Geheimniß hiervon – sie wies auf +ihr Werk hin – erfahren habt. Noch bleibt’s Euch eines und«, schloß +sie scherzend, »geduldet Euch, so gut Ihr könnt.« + +Es war, denk’ ich, nur wenige Tage nach diesem Gespräch, als wir an +der gewohnten Stelle uns wieder gegeneinander über saßen. Durchsichtig +im Strahl der hellen Junisonne leuchtete das grüne Laub, das uns +überhieng, und wo es den Himmel durchließ, schimmerte er in tiefem +glänzendem Blau; um uns her blühten die ersten Rosen und mischten +ihren Duft mit dem des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in +ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise Schatten einer +Wolke über Thal und Gebirg, die selbst glänzend das Licht der +Junisonne zugleich wiederstrahlte und milderte, wie die Cherubinen die +Herrlichkeit der göttlichen Majestät abglänzen zugleich und verhüllen, +deren Thron sie umgeben. + +Ja, es war über alle Gottescreatur jene friedliche und selige Ruhe +ausgebreitet, wie sie wohl ein schwacher Wiederschein sein mag des +Schöpfungssabbaths am Anfang, den Gott der HErr heiligte und segnete, +da Er selber ruhte und die Morgensterne Ihn lobten und Ihm zujauchzten +alle Kinder Gottes. Nur das Gesumme der nimmer ruhenden Immen und im +Sonnenschein spielender Thierlein mit buntem Flügelkleid traf unser +Ohr und zuweilen vom Thal herauf der Ruf der Ammer, der immer so wohl +in die Sommerstille hineintönt. + +Wir saßen schweigend, Jeder über seinem Werk. Doch konnt’ ich’s nicht +lassen, unterweilen mit Bewunderung zu ihr hinüberzublicken, wie sie +gesenkten Hauptes mit kunstreichen Fingern gar emsiglich den zarten +Faden zog. + +Da erscholl ganz nah aus dem Gebüsch der laute Gesang der Nachtigall. +So lieblich-plötzlich ward die vorige Stille unterbrochen, daß wir +Beide unwillkürlich aufsahen und lauschten. Wie mit frohem Jubel +klangen zuerst hell die Töne, danach wandelten sie sich wie in ein +dumpfes Schluchzen und verhallten endlich langsam und leise. + +Schweigend sah Irmela vor sich hin, dann sagte sie nachdenklich: »Wer +doch der Vogelsprache kundig wäre, wie Salomo!« + +»Vielleicht«, versetzte ich, »machten uns ihre Geheimnisse selten +froh.« + +»Aber die der Nachtigall zu verstehen«, meinte das Mägdlein, »dünkt +mich doch ein selig Ding sein. Sie ist doch alles Gesanges Meisterin. +– Habt Ihr auch davon gehört, Meister Diether, daß sie mit der Gewalt +ihrer Töne ihre Brut hervorlocke aus dem Ei in Licht und Leben, und +also dies Vöglein selber sein Dasein der Macht des süßen Gesanges +verdanke?« + +»Wohl hab’ ich davon gehört«, sagt’ ich. »Die Creatur Gottes ist +überall voll tiefer Wunder.« + +Ein Windhauch rauschte durch die Büsche und schüttete die Fülle weißer +Fliederblüthen just über das liebe Mägdlein, so daß sie vom Haupt bis +hernieder zu den Füßen mit den schimmernden Sternlein bestreut ward. + +»Seht«, rief ich da, wie sie mit Lächeln sich betrachtete, »hat sich +das nicht wunderbar gefügt, und sollen wir nicht wähnen: Frau +Nachtigall habe Euch grüßen wollen und habe die duftenden Blüthen +ermahnt, ein Gleiches zu thun? Euch huldigt heute der Frühling auf’s +Beste!« + +»Nun wahrlich«, sagte sie darauf heiter, »wer ließe solchen Schnee im +Lenz sich nicht gefallen? Er ist eine Erinnerung an den rauhen Winter, +die nimmer Wehe thut. Zu Rom, so ward mir erzählt, haben sie eine +Kirche, die trägt von »der h. Maria zum Schnee« ihren Namen. +Vielleicht, Meister, mag es Euch thöricht dünken: aber ich stelle mir +da die hehre Gottesmutter auch so im Blüthenschnee für, und es scheint +mir ein gar lieblich Bild.« + +Wie ward ich ungedacht durch solche Rede gemahnt an meine Sache! Ein +gepriesenes Bild Unsrer lieben Frau heimzubringen in’s Kloster war ich +ausgezogen und auf wie andere Bahn war ich nun gerathen! Drob erschrak +ich; und doch, vermochte irgend ein Meister mir ein Bild gegenüber zu +stellen, für Sinn und Seele zu so hoher Freude der Betrachtung als +diese liebliche Gestalt des Mägdleins vor mir? War ich denn ausgesandt +nach einem hochpreislichen Gegenstand edler Kunst – konnt’ ich in der +Welt ein edler Ziel finden, als ich hier angetroffen hatte? So ergriff +mich denn der Wunsch, des Mägdleins Bild, wie ich es vor mir +erschaute, nach Vermögen fest zu halten, wär’ es auch nur zu eignem +Erinnern. Denn ach! Damals fiel es mir schwerer als sonst auf das +Herz, daß es von Elzeburg geschieden sein mußte, und ich schon zu +lange hinausgeschoben hatte, was doch unabwendig war. + +Gern war es das Mägdlein bereit, daß ich mich sogleich anschickte, +wie Ort und Zeit es zuließ, ihr Bildniß zu entwerfen. Während ich mit +Stift und Pinsel geschäftig war, Alles, wie ich es sah, das Mägdlein, +die Pracht des Gartens um sie her und den hellen Himmel über ihr in +allen Treuen auf mein Papier zu bringen, pflog sie nach ihrer Art +munterer Rede. Aber mir wuchs unter meinem Thun die Herzensschwere. +Immer lauter tönte in meiner Seele der Ruf: »Diether, was weilest du +noch hier, besinne dich, wer du bist, und mach dich hinweg!« – immer +drückender legte sich die Frage auf mein Gemüth: wie ich +hinwegzuziehen vermögen würde, ohne auf Elzeburg die Leute, sonderlich +Irmela, an mir irre zu machen. Ich fand da keinen Ausweg und nur das +Gefühl blieb zurück, daß das Bildniß, an dem ich da schaffte, den +Abschied bedeutete, den ich nehmen mußte aber nicht zu sagen wagte. So +von mancherlei Gedanken bestürmt, förderte ich schweigend mein Werk +und hinter meinem eifrigen Thun suchte ich vor dem Jungfräulein meinen +sorgenhaften Sinn zu verbergen. Aber sie war wohl in meinen Mienen der +ungewohnten Traurigkeit gewahr worden, und so ward auch sie +schweigsam. Wie in stilles Wundern versunken, sah sie vor sich nieder, +wenn ich meinen Blick auf sie richtete, um ihr Conterfey zu gewinnen. +Die Nachmittagssonne war nun mehrere Stunden gen Abend gerückt, als +ich es, so weit es nöthig war, vollendet hatte. Ich reichte ihr das +Bild. + +»So will ich ihm denn auch seine Unterschrift setzen!« sagte sie, +nachdem sie es betrachtet hatte. Sie nahm den Griffel, schrieb damit +auf das Blatt und gab es mir zurück. Ich las: »Irmela zum Schnee!« + +»Ja!« rief ich bewegt, »so walte es der reiche Gott vom Himmel, daß +nie kein andrer Schnee in die Lenzzeit Eures Lebens falle als der Euch +so mit duftenden Blüthen bestreut, und unselig immer sei die Hand, die +Euch auch nur Eine zerdrückt, an der Ihr Freude habt.« + +»So wohl mir Eures Wunsches«, sagte sie ruhig. »Ich denk’ auch nicht, +daß ich Jemand wüßte, von dem mir Harm kommen sollte.« + +»Und auch von mir, Jungfräulein«, sprach ich da, »denket das nimmer!« + +»Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von wegen des Liedes, den +Ihr mir gabt«, sagte sie lachend. – »Doch nun, Meister«, fuhr sie +fort, »laßt mich auch die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch +niedergeschrieben und mit Eurer Kunst geziert habt.« + +Sie trat zu mir herüber und beugte sich über die Blätter. Es war die +Aventiure: _Wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_. Da stunden die +Worte: + + Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut. + Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid, + Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn: + Minniglicher Weise sie grüßte Siegfrieden schön. + + Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah, + Da erglühte seine Farbe; die Schöne sagte da: + »Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.« + Da ward ihm von dem Gruße wohl erhöhet der Muth. + +Wie sie das las, hatte von ungefähr ihre Hand die meine über dem Buch +berührt, ich spürte ihren Odem an meiner Wange und fühlte das Geflecht +ihrer Haare an meinem Schlaf. Aber das währte nur einen kurzen +Augenblick; es war, als hätte ich nur geträumt. Wieder stund sie vor +mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein klarer Spiegel ihres schuldlos +heiteren Gemüthes, nur daß es mir schien, als hätte sich der +Lieblichkeit ihres Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt. + +»Ich muß nun eilen, Meister«, sagte sie freundlich. »Der Abend kommt +und schon zu lange wird man droben meiner harren.« + +Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr nach, wie sie die +Laubgänge des Gartens dahin wandelte und die Stufen zur Burghofspforte +leichtschreitend hinanstieg. Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng +zögernd und langsam wie Einer, der sich zu einem Entschluß gedrängt +sieht, von dem Neigung und Wunsch ihn zurückhalten. Wie sehr diese mir +zum Bleiben auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder +wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten, beides war mir heute +wie von ungefähr vor die Seele gehalten. Es war ein schmerzlicher +Widerstreit in ihr. Aber wagt auch eines Jünglings Muth und Wille in’s +Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald ich nur ein Wenig +mich besann, diese ganze Welt, in die mich unversehens ein Irrthum +geworfen, auf ewig verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt’ ich +hier eine Stätte und auf der weiten Erde nur +eine+ Heimath, das +Kloster, in dem ich erzogen und für das ich bestimmt war. War es nicht +die höchste Zeit, mich dahin wieder aufzumachen und mir genügen zu +lassen wie an des Mägdleins Bilde, das ich durch eine freundliche +Fügung erlangt hatte, so am Bild all’ meines Erlebnisses – nämlich an +seiner Erinnerung? + +Solches bedacht’ ich oben in meinem Gemach, dahin ich mich begeben +hatte, und heute noch nahm ich mir vor von dannen zu ziehen, sollte es +auch fluchtweise geschehen müssen. Aber leider die Einsicht in das, +was uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu folgen, bringt +nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches sein Widersprechen, sei es +nun seiner Schwäche oder seines Trotzes ein Beweis, dünkt mich des +menschlichen Elends häufigster Ursprung. + +So sah ich nun mit gar trüben Blicken, unterm Fensterbogen sitzend, in +das Thal und über die Berge hin, welche die heitere Sonne mit goldnem +Dufte bekrönte. Eine Landschaft, die wir zum ersten Male erschauen, +prägt sich tief in unser Gemüth, aber ich wähne: tiefer noch haftet +der Anblick in der Seele, von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns +zum letzten Mal. – Zum letzten Mal! welch’ tiefe Schwermuth von +solchem Wort über unsere Seele fließt, das erfuhr ich in jener stillen +Abendstunde. Aber siehe! da gerieth mir die Kunst, die ich auf +Elzeburg von dem Mägdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche +Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir über die Lippen, und +ungesucht, als vernähme sie mein Ohr, kamen mir auch die Töne zu dem +Liede, das ich für Irmela aufgeschrieben hatte. + +Schon senkten sich unten über das Wiesenthal tiefer die Schatten und +der kühler von den Bergen her wehende Hauch mahnte mich an den +vergehenden Tag, und daß, wenn der nächste anbräche, ich von hinnen +sein müßte. Da man schon seit lange sich von mir keiner Flucht +gewahrte, so ward ich auch nicht mehr gehalten wie ein Gefangener, und +ich konnte gewiß sein, daß manche Stunde vergehen würde, bevor man +sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das Bild des Mägdleins nahm ich +zu mir und war entschlossen, nach dem Abendimbiß mir eine Gelegenheit +zum unbemerkten Enteilen zu ersehen. + +Da trat Helmbold in’s Gemach. + +»Ich bin Euch«, sprach er nach freundlichem Gruß, »ein Bringer +unerwarteter und, wie ich wähne, froher Zeitung, auch komm’ ich Euch +als Bote nicht mit leeren Händen. Seht hier die Gabe, die Euch das +Fräulein reichen läßt zugleich als Lohn, den Euch mein Herr, der Graf, +bestimmt hat für den Dienst, mit dem Ihr ihm zu Willen gewesen seid.« + +Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich Irmela hatte +zurüsten sehen. Wie ich’s verwundert und verwirrt in Händen hielt, +fuhr Helmbold fort: »Die Zeitung ist aber diese, daß Briefe gekommen +sind vom Grafen, darin er anzeigt, daß er gen Speyer zieht, allda +längere Zeit zu verweilen, und daß er dabei aus besonderer Ursach +seine Nichte an den Hof des Bischofs zu führen gedenkt. Euch nun, +Meister, will er Eurer Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei +– und daß Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als die +waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt, brauch’ er Euch +nicht zu mahnen. Wäret Ihr aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er +Euch als Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen zu +Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen Kunst, mit Feder und +Schrift umzugehen, Euch ehrlich halten. – Wenn Ihr dann, Meister, +solch’ gnädig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir und etlichen +Knechten zusammen zu ihm stoßen in Bretten, allwo er jetzo in +kaiserlichen Geschäften weilt und Eures Dienstes sogleich brauchen +kann. Aber eiligen Auftrag hab’ ich von ihm und so dürfen wir nicht +säumen; noch heute müssen wir reiten. Habt Ihr doch nun nicht umsonst +von mir gelernet im Sattel sitzen.« + +»Guter Helmbold«, erwiedert’ ich, »es ist so; Eure Botschaft ist mir +hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch. Über Anderes, was ich meine und +sinne, laßt mich zu Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.« + +»Wohl denn«, versetzte er darauf, indem er noch im Gehen auf das mir +geschenkte Gewand deutete, »so macht Euch fertig; sobald der Troß +zugerüstet ist, müssen wir auf sein!« + +Schon drang der Wiederhall der Geschäftigkeit, die bald in der Burg +laut ward, in mein Ohr und mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte +ich das Kleid an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war. +Darnach trieb es mich noch einmal, die Stätten der Burg zu besuchen. +Wo die Leute mich sahen, riefen sie mir gutes Wort zum Abschied zu; +denn sie hatten schon erfahren, daß ich mitzöge. Ich kam an die +Gartenpforte, öffnete sie und stieg die Stufen hinab. Die Sonne war +nun lang hinunter und das Dämmerlicht der Juninacht umhüllte Laub und +Blüthen. Süßer Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die +Blätter, die ich streifte, netzten mir die Schläfe mit kühlem Thau. +Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten Stelle. Dort saß ich +nieder und sah hinaus in die nächtliche Stille. Tiefer Friede wehte +mich von aller Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und Nähe +zusammenflössen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre eigne +Schönheit verbärge, damit nur die Macht, Weisheit und Güte des Ewigen +verherrlicht würde, der sie alle zu seiner Ehre geschaffen. Da +gedacht’ ich daran, daß es auch des Menschen bestes Theil und reinste +Seligkeit wäre, für sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur +ganz in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, daß für alle Herzensfreude, +die mir je geworden, ich Ihm die Ehre schuldig wäre, und daß ich Ihm +gerne dienen wollte nach Seinem Willen in allem Gehorsam. + +Über solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf dem Tisch die Laute des +Mägdleins. Aus dem Dunkel um mich her trat ihr Bild glänzend vor meine +Seele. Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die Weise von +vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht hatte, als das Lied +entstanden war, so flossen nun meine Herzensgedanken mit Wort und +Weise zusammen, und wohl von Grund der Seele klang es hinaus in die +Stille: + + Mach’ wieder, süßes Vögelein, + Den Träumer froh; + Wo wohnest Du, in welchem Hain, + Ach wo? ach wo? + Vom Suchen bin ich worden krank, + Sag’ an, sag’ an! + Wann hör’ ich wieder Deinen Sang, + Ach wann? ach wann? + +Ja, zum Traumbild, das der Erwachte doch nicht vergißt, ward Alles, +was ich hier erlebt hatte, und der wachende Träumer fühlte, es würde +ihm nie wieder erscheinen! + +Nun war der volle Mond über das Gebirge emporgestiegen; von seinem +Licht erblichen die Sterne am wolkenlosen Himmel, aber ringsumher +erblitzten in seinem Strahl auf Blättern und Blüthen viel tausend +Tropfen. So war mir hier Irmela erschienen und hatte über meine Seele +und über die Welt um mich her ein mildes, verklärendes Licht +gebreitet. Leise trat ich hinaus in den vollen Schein. Da vernahm ich +leichte Schritte, und dort, umglänzt vom leuchtenden Gestirn, trat sie +selbst hervor wie ein schimmerndes Traumbild. Als sie auf mich zukam, +nahte ich mich ihr mit ehrerbietigem Gruß und dankte ihr für die +reiche Gabe, mit der sie mich erfreut hatte. + +»Meister«, sagte sie gütig, »es ist nur die Antwort auf Eure Frage um +mein Geheimniß. Und ob Ihr wohl Eures behalten habt, so seid Ihr doch +nun auch Eures Verspruchs ledig, denn wie er lautete, so habt Ihr auf +Euer Singen mich jetzt nicht länger harren lassen. Ich hörte droben +Euer Lied und das eben lockte mich hierher. Wohlklingend ist die +Weise, die Ihr als die erste mir gesungen habt, doch gar traurig.« + +»Es hat auch die letzte sein sollen, Jungfräulein!« erwiedert’ ich. +»Ihr wißt, ich scheide heut’ von Elzeburg.« + +»Aber doch nicht für immer«, fuhr sie fort. »Ich denke, Ihr bleibt +fortan in meines Oheims Dienst und schon in Speyer nach wenigen Wochen +verhoff’ ich Euch bei ihm zu finden; denn zum Johannisfest hat er mich +dorthin beschieden.« + +»Wär’ es aber doch vom waltenden Gott anders gefügt«, sagt’ ich +wieder, »denn ungewiß von einem Tag zum anderen ist des Menschen +Vornehmen, so vergesset, Jungfräulein, nicht meiner Bitte und denket +nimmer Arges von mir!« + +Da reichte sie mir die Hand und sprach: »Das versprech’ ich Euch, +Meister Diether! Aber ich achte, Ihr seid zu besorglich und habt wohl +noch Euer unsicher fahrend Leben im Sinn. Nein, noch manch Lied hoff’ +ich Euch singen zu hören und manch fröhliches.« + +»Das walte der reiche Gott, daß frohen Gesanges immer Euer Sinn +begehre!« rief ich da. + +»Gott und Seine Engel geleiten Euch!« gab sie zurück, ihre Hand löste +sich aus der meinigen und flüchtigen Schrittes eilte sie durch die +Schattenwege der Pforte zu. Dort im hellen Mondenlicht sah ich sie +noch einmal sich wenden, mir den Scheidegruß zu winken. Dann war ich +allein. – + +Um Mitternacht brachen wir auf zur Fahrt, so viel ihrer Helmbold zur +Reise sich ausersehen hatte. Der Hof hallte wieder von den Rufen der +Scheidenden. Als wir durch das Thor über die Brücke zogen, stieß der +Thürmer in’s Horn und der Gesang erscholl: »In Gottes Namen fahren +wir.« + +Unten im Thal ließ ich die Anderen hindann reiten und blieb an der +Lichtung zurück, von wo aus man die Burg droben liegen sah. Hell +erglänzten Dächer und Zinnen im Spiegellicht des Mondes. Aber wo aus +kleinem Fenster durch tiefen Schatten ein Lichtschein herniederdrang, +dahin richtete ich unverwandt meinen Blick. + +Darauf lenkte ich mein Roß herum und sang leise im Weiterreiten: + + Sag’ an, sag’ an! + Wann hör’ ich wieder Deinen Sang, + Ach wann? ach wann? + + + + +Fünftes Capitel. + +Heimfahrt. + + +Unsere Reise führte uns ebendenselben Weg zurück, auf dem ich vor +wenigen Wochen unter vermeldeten sonderbarlichen Umständen und wider +meinen Willen gen Elzeburg gebracht war. Kein Wunder wär’s gewesen, +wenn ich das nicht bemerkt hätte; denn wie gar anders sah mich heut’ +die Welt an und ich sie! Aber wenn auch der liebe Mond so viel +heiterer vom wolkenlosen Himmel durch das Laubdach der Bäume zu mir +herniedersah denn damals, als ich fast erschrak bei seinem Anblick, +und sein heller Schein schier lauter lichte Bilder vor meine Augen +brachte: die vom sommerlichen Nebel silbern erschimmernden Waldwiesen, +den fröhlichen Zug meiner mannlichen Reisegesellen und endlich mich +selber hoch zu Roß und zierlich geschmückt: ich erkannte wohl die +Stätte meines vormaligen trübseligen Abenteuers wieder und dachte nur +bei mir selber ganz fröhlich: »Was gilt’s, die Welt hier außen hat +seitdem Pracht angezogen und ich auch!« + +Weil denn nun bei mir allerdinge beschlossen war, (auch mir der +Gedanke nicht kam, es könnte nicht geschehen) in mein Kloster +heimzukehren, so überließ ich mich der stattlichen Freiheit, deren ich +hie genoß, mit rechter Lust, und je ferner Elzeburg hinter uns wich, +desto mehr wich auch meine nachdenksame Schweigsamkeit, und ich +gesellte mich den Andern zu, ritt und redete mit ihnen, als wär’ ich +des Dinges längst gewohnt. + +»He!« rief da Helmbold mir zu und lenkte sein Roß an meine Seite; »das +thut mir heut’ noch sanft, daß wir Euch dazumal nicht haben entwischen +lassen; denn, Meister Diether, man ersieht’s wohl, Euch geliebt’s viel +mehr mit Graf Eberhard’s Leuten hier durch den grünen Wald zu reiten, +als bei den Waibstädtern zu liegen. Und traun! uns auch. Ihr seid uns +Allen ein werther Reisegesell’, und auch ein wackerer Reitersmann seid +Ihr worden.« + +Das bekräftigten die Anderen einmüthig, und Einer sagte, solcher +Gewalt und Gefangenschaft, wie ich sie erlitten hätte, würd’ er auch +nicht gram sein. + +Da entstund ein Gelächter, und ich lachte auch und sagte: »Mit den +Städtern wär’ ich wohl noch allein fertig worden und von der +Waibstädter Herberge frei geblieben ohne die Elzeburger.« + +»Ja freilich«, sagte Helmbold wieder, »frei wie der Vogel in der Luft +und das Wild im Busch immer auf der Flucht ohne Nest und Rast!« + +»O«, erwiederte ich munter, »Ihr scheltet mir mein früher Leben zur +Ungebühr; es war ganz anders, als Ihr denket und weit so elend nicht.« + +»Hört Ihr’s?« rief da Helmbold wieder. »Er hat die Lust zum fahrenden +Wesen noch in den Gliedern, und gebt Acht, ’s ist ihm schon leid auf +des Grafen Roß, schliche lieber zu Fuß.« + +»Hm«, sagt’ ich ärgerlich, »was nicht reitet, das gilt Euch nichts.« + + »Ein Mann, sitzt er nur hoch zu Pferd, + Dünkt zwier sich mehr als Andre werth!« + +»So ist’s recht!« rief da Helmbold wieder mit Lachen. »Jetzt, Diether, +kommt Ihr auf Eure Kunst. Und weil sie trefflich geschickt ist, den +Weg zu kürzen, so ist’s billig, daß wir des Singemeisters in unserer +Mitte genießen. Hebt denn an und laßt uns etwas hören!« + +Da stimmten sie alle zu: »Ja, Diether! singt uns vor und herzhaft.« + +Weil sie also anhielten, einen Gesang zu heischen, so that ich ihnen +den Willen und sang + + Das Lied vom Schützen Oswald. + + »Und hätt’ ich gegriffen ihn nicht in der Schlucht + Mit Listen: noch wär’ ich vor ihm auf der Flucht; + Geweiht + War dem Tode zu jeglicher Zeit, + Was lebend sein Pfeil zum Ziel sich ersah, + Ob fern, ob nah: + Den Hirsch im Sprung und den Aar im Flug, + Herr Oswald der Schütz traf ihn gut genug. + + Nun liegt er gefangen im tiefen Thurm, + Umkrächzt von den Krähen, umheult vom Sturm, + Und aus + Stach ich ihm (baß schmeckt nun der Schmaus + Und ungekränkt trag’ ich die Grafenkron’) + Die Augen zum Hohn;« + Graf Otto ruft’s laut. »Ich sag’s Euch mit Fug, + Herr Oswald der Schütze traf gut genug.« + + Und der Graf ruft wieder, »daß Wahrheit dies: + Auf, holt mir den Schützen hervor vom Verließ! + Wohlan! + Herr Oswald, du blinder Mann, + Deine Augen zwar sind Dir nun nimmer zu Dank, + Doch das Ohr merkt den Klang. + Nun hab’ mir wohl Acht, wie ich schlage den Krug, + Ziel’, Oswald, und schieß und triff gut genug!« + + Und Oswald lauscht, wo der Klang herkam, + Er lauscht auch, woher er die Stimme vernahm. + Die Hand, + Schon hat sie den Bogen gespannt – + Hui, schwirrt von der Sehne der Pfeil durch den Saal! + Mit Geschrei sinkt zu Thal + Graf Otto, getroffen in’s Herz. »’S war kein Trug, + Weh, Oswald du Schütze, trafst gut genug!« + +Als ich geendet hatte, bezeugten sie Alle: Ja, das wär’ ein tapfer +Lied! und den Sänger lobten sie ausbündig und sagten auch dabei, es +wäre doch eine auserwählte Kunst, der ich gedienet hätte. + +Unter so gethaner Kurzweil gieng die Nacht bald herum und weil wir +auch im Reiten nicht laß gewesen waren, so hatten wir, als wir früh +das Morgenlied anstimmten: »Der Tag vertreibt die finstre Nacht«, +schon manch’ gute Meile hinter uns. Den Tag über, der sehr heiß ward, +hielten wir Rast, und erst mit der Abendkühle saßen wir wieder auf. +Alle aus dem Troß sahen mich an als einen der Ihren und ich hielt mich +auch so. Zwar dacht’ ich öftermalen, mich Helmbolden zu offenbaren und +gefügen Abschied von ihnen zu nehmen, wie ich mir solches zu thun auch +von Anfang der Reise an vorgesetzt hatte. Aber es war immer, als +könnt’ ich den Weg zu solchem Geständniß gegen ihn nicht finden, und +eh’ ich mich’s versah, war er oder ein Anderer mit einer Scherzrede +dazwischen, auf welche ich dann auch (der frohe Muth trieb mich dazu) +die scherzende Antwort nicht schuldig blieb. Und so sah ich’s denn zum +zweiten Mal licht Morgen werden, als ich zwar Albrecht’s Abtei ein +erheblich Theil näher war denn Tage zuvor, aber dafür noch ebenso fest +auf des Grafen Pferd saß und so dicht unter seine Leute gemengt, daß +ich schier selber nicht wußte, wie ich mir heraushelfen sollte und +beinah’ wünschte, es sprengte uns wieder unversehens eine Aventiure +auseinander, wie vormals den fahrenden Leuten und mir geschehen war. + +Aber dergleichen begab sich nichts, und weil wir just wieder durch +dichten Wald ritten, den ich von Brun’s Begleitung her wohl wieder +erkannte, so gedacht’ ich hier, da es doch einmal geschehen müßte, +mich von ihnen zu reißen und für’s Erste zu Brun zu entfliehen. Ich +erspähte mir also die Gelegenheit und ritt, als geschäh’ es von +Ungefähr, dem Troß eine gute Strecke voraus, wo der Weg sich krümmte, +bis ich vor ihrer Aller Augen entschwunden war. Da saß ich eilend ab, +band mein Roß an den Ast des nächsten Baumes und sprang flugs waldein, +wo Gebüsch und Gezweig am dichtesten mich verbargen. Zuvor aber hatte +ich unvermerkt an den Sattelknopf meines Thieres ein Blättlein +geheftet, darauf mein Abschiedsspruch zu lesen stund: + + Nicht weiter folgt Euch Diether mehr, + Und sang + Er je, trugt Ihr darnach Begehr, + Zu Dank, + So forschet nicht – + Dieweil er schied + Mit Weh – + Wohin? + Ihn ruft die Pflicht, + Ernst klingt das Lied: + »Ade; + Fahr’ hin!« + +Es mochte gegen Mittag sein, als ich auf verschlungenen Waldpfaden +endlich in die Schlucht gelangt war, von der ich wußte, daß von da St. +Wigbert’s Kirchlein nicht fern wäre. Wie war ich froh, da sich die +Halde vor mir aufthat und die beblümte Wiese mit dem muntern +Bergwässerlein, und mir von drüben das Ziel meiner Flucht +entgegenwinkte. Wohl klopfte mein Herz stärker, je näher ich die Höhe +zur Klause hinanstieg, und die Unruhe meines Gemüths wuchs in der +Erwartung, welcherlei Weise mich Brun empfangen würde, wenn er zuerst +meiner ansichtig werden würde in dieser Umwandlung. Darum hielt ich +mir selbst recht eifrig seine freundliche Zusage vor die Seele, mit +der er von mir schied, daß er all’zeit mit willigem Herzen mich +aufnehmen wolle, und was er sonst Liebreiches damals zu mir gesprochen +hatte. + +Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber wie erschrak ich, als +ich plötzlich hinter dichtem Gerank von Waldreben und Geisblatt, das +sich der Alte seitwärts seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht +gezogen hatte, seine Stimme hörte, laut und fast heftig wie von +Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit sich selbst zur Gewohnheit +gemacht hat. + +»Wohl gesprochen, St. Augustine! _Pereant omnia et dimittantur haec +vana et inania! conferamus nos ad solam inquisitionem veritatis! Vita +haec misera, mors incerta_.«[A] + +[Fußnote A: Hinweg mit all’ diesen eitlen und leeren Dingen! Die +Wahrheit allein laßt uns suchen. Dies Leben ist elend, die Todesstunde +ungewiß.] + +»Hilf Gott!« sagt’ ich da zu mir selbst mit Bangen, »ich höre mein +Urtheil; wie werd’ ich vor ihm besteh’n, wenn er so gemuthet ist!« Und +zögernd schritt ich vorwärts, während er fortfuhr lateinisch zu reden, +wie vorhin. + +Als ich seiner ansichtig ward, saß er tiefgebückt über ein großes +Buch, darin er eifrig las, als straft’ und vermahnt’ er daraus sich +selbst. Ich stund beinah’ vor ihm und noch immer hatt’ er mein Kommen +nicht wahrgenommen. Endlich wagt’ ich’s und sprach, aber zaghaft kam +es heraus: + +»Gelobt sei Jesus Christus!« + +»In Ewigkeit, Amen«, fuhr er fort und hielt mit seinem Finger die +Stelle im Buche fest, bei der ich ihn unterbrochen hatte. Dann erst +sah er auf. + +»Wie!« rief er da mit höchstem Erstaunen, und schob das Buch zur +Seite. »Du, Diether? Du selbst? Bist Du’s wirklich? Dich seh’ ich +wieder und in solchem Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur +Sommerzeit; oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so sicher +däuchtest, als ich Dich warnte?« + +»Und wie zierlich der Knabe aussieht«, fuhr er fort, nachdem er mich +wieder und wieder betrachtet, »ein Herzog könnt’ sich mit Dir sehen +lassen, so er Dich in seinem Gefolg’ hätte, und mit Dir zu Hofe ziehn. +Aber nicht zu mir, Diether, mußt Du als ein solcher kommen, wenn Du +gelobt sein willst.« + +Streng sah er mich an, und dennoch war mir’s, als hätt’ er ein +Wohlgefallen an mir. + +»Ihr thut mir Unrecht, Brun«, sagt’ ich da, und trat ihm einen Schritt +näher, »Ihr thut mir zur Wahrheit Unrecht, wenn Ihr wähnet, ich komme +im Übermuth zu Euch und zeige mich Euch in diesem höfischen Kleide, +weil ich bethört sei von der Welt Eitelkeit. Sondern gedenket, wie Ihr +einst selbst Eure Klause mit des Erzvaters Noä Arche verglichet, da +Ihr mir Verirrtem eine Rast hier schufet vor des Wetters Ungestüm. +Heut’ gleich’ ich dem Täublein, das draußen nirgend haften kann, mehr +denn damals, und bitte, schleußt vor dem Flüchtigen Euer Fenster nicht +zu!« + +»Aber«, sagte der Alte hinwieder mit einem scharfen Blick auf mich, +»Du hast das Ansehen nicht, als hätte Dir die Welt bei Deinem ersten +Ausflug übel gelohnt und reute Dich der Dank, der Dir von ihr +geworden.« + +»O, Brun!« versetzte ich darauf. »Vergönnt mir nur bei Euch wenige +Tage zu weilen und mich zu bergen; ein Anderes begehr’ ich nicht. Und +wenn ich Euch werde berichtet haben, was mir begegnet ist, so werdet +Ihr selbst erkennen, wie ich aus Noth in dieses Kleid gekommen bin und +nicht aus Fürwitz, und Ihr werdet mir heim helfen, wohin mein Sinn +steht, in’s Kloster.« + +»Wie?« fragt’ er mit Staunen. »In’s Kloster begehrst Du zurück?« + +»Ja, ich!« betheuert’ ich; »heim gen Maulbronn.« + +»Nun, Diether!« sprach da Brun, derweil er aufstund und sich +anschickte, mich in seine Hütte zu geleiten. »Traun! Seltsames muß +sich zugetragen haben, oder Du bist in Deinen Jahren gewitzigter als +Viele, wenn in so wenigen Wochen die Welt Dich Unerfahrenen auf ihren +Kloben pfeifen konnte, aber nicht länger Dich festhalten, und Du schon +gelernt hast, ihres Wesens überdrüssig zu sein. Manch’ Einer lernt’s +mit grauen Haaren kaum! Doch komm und pflege Dein! Du sollst mir +hernach erzählen. Und vor wem Du Dich auch zu bergen hast, sorge Dich +nicht. St. Wigbert’s Schutz ist gut, wem der einmal zugesagt worden +ist.« + +So war ich denn den Tag über in seiner Klause, und sanft that mir da +die Ruh. Mein Wirth trug auf’s Beste Sorge für mich und spähte +fleißig, ob sich Jemand nahte. Aber den Waldpfad entlang ward nichts +sichtbar, als etwa ein Wild, das zum Äsen der Lichtung zuschritt aus +dem Dickicht; und außer durch das Geschrei des Hähers oder der Weihe +droben in der blauen Luft und den Gesang der Waldvögel aus dem +Erlengebüsch am Bach und dessen Rauschen ward die Stille der +Einsamkeit durch Nichts unterbrochen. + +Über das, was mit mir vorgegangen, vermied Brun jede Frage. Aber als +der Abend hereingekommen war und der Alte droben zur Vesper geläutet +hatte, rief er mich hinaus und führte mich in seine Sommerlaube. Dort +hieß er mich erzählen, was ich erlebt hätte, seit ich von ihm gezogen +wäre. Da berichtete ich die Aventiure mit den zween Fahrenden, und wie +ich durch sie um Klosterkleid und Briefe gekommen; ich schilderte +meinen Strauß mit den Städtern, wie sie an mich wollten und ich mich +ihrer erwehrte, ich erzählte auch darnach von Elzeburg, wie ich wäre +dahin gebracht worden, wie sie mich für einen fahrenden Singemeister +gehalten hätten und wie ich zuletzt mir anders nicht Rath’s gewußt, +als von der Heerstraße hier zu ihm zu entweichen, daß ich bei ihm, so +viel es Noth wäre, stille läge und darnach ungesäumt heimkehrte, woher +ich ausgesandt. + +Als so mit der Erzählung mein Gemüth all’ den Dingen nachgieng, wie +sie sich zugetragen, wurden sie selbst in meiner Seele wieder +lebendig, als erlebt’ ich sie zum zweiten Male. So trachtete ich denn +auch darnach, was ich zu schildern hatte, mit rechtem Nachdruck meinem +Zuhörer fürzustellen. Der, merkt’ ich wohl, hatte so Seltsames zu +hören sich nicht versehen, und so bezeugt’ er mit Blick und Gebärde, +welchen Antheil er am Erzählen nähme und am Erzähler. Ja, ich +berichtete Alles, nur Eines, ich war mir selber nicht wissend, welche +Scheu mich davon abhielt, verschwieg ich ihm. Ich sagt’ ihm nichts von +Irmela und meinem Schulhalten, sondern nur, wie ich hätte müssen die +Aventiure von Sifride niederschreiben für Herrn Eberhard. Da Brun den +Namen des Grafen zum ersten Mal vernahm und den seiner Burg, so +horcht’ er auf, schien es mir, aber er sagte nichts. + +Als ich zu Ende war, sah er mich noch eine Weile schweigend an und wie +mit prüfendem Aufmerken, und wieder wundert’ ich mich, wie milden +Glanzes seine Augen blicken konnten, die doch zu Zeiten so gewaltig +ernst und strenge, ja finster hinter den Brauen hervorsahen, die sie +tief überdeckten. + +»Diether«, hub er darnach an, »Du bist unverbrüchlich dem Kloster +zugesprochen?« + +Seine Frage kam mir unerwartet und es geschah wohl mit gar +zweifelhafter Miene, daß ich zu ihm aufblickte. + +»Bescheide mich immer«, sagte er ruhig weiter, »was Du von Deinem +Verlöbniß weißt.« + +»Nur das«, erwiedert’ ich, »daß man mir immer gesagt hat, wie ich noch +gar jung als hilfeloser Findling vom Abt um Gottes Willen aufgenommen +und zuerst zu Leuten, die des Klosters eigen waren, ausgethan worden +sei. Hernach bin ich zu den Brüdern gekommen und für St. Bernhard’s +Orden ausersehen, dem ich auch, wie sie mir sagen, nach heiligen +canonischen Rechten versprochen bin.« + +»Wohlan, Diether!« sagte Brun wieder, »ich merke wohl, Du bist durch +Gottes Walten ohne Dein Wollen und Zuthun von Deiner Bahn gelenkt. +Danke dem reichen Christ, daß Du so geschwind Dich auf den Weg +zurückgefunden hast, der Dir der vertraute ist von Kindesbeinen an. +Dank ihm auch dafür, daß Du, so wechselsvoll diese Fahrt für Dich +gewesen ist, dennoch in Deinem Sinnen und Meinen nicht ein Anderer +worden bist, denn zuvor. Aber begehre nie ein Mehreres von der Welt zu +sehen! Bist Du jetzt noch unbetrogen geblieben und ungeblendet, so hat +sie wohl andere Larven, die noch süßer lächeln, aber die Hölle hinter +sich haben. Darum, Jüngling, zeuch zurück in Deinen Frieden, und ich +will Dir wohl dazu helfen. – Sollte sich’s aber«, fuhr er fort, +»anders befinden, als ich halte, und Du hegst ein heimlich Verlangen +zurück in das Wesen, dem Du entronnen bist, und Dein waglicher Sinn +ist Dir erweckt, o Diether, so vertrau’ auch dann Dich mir an und +hehle mir nichts!« + +Wohl fühlt’ ich die Röthe mir in’s Angesicht steigen bei solchen +Worten. Denn sie erinnerten mich an das, was ich ihm schon jetzt +verschwiegen hatte, und ich mußte gedenken, wie leichtlich seine Worte +anders lauten würden, hätt’ ich ihm Alles erzählt. Um so mehr gieng +mir seine redliche Art zu Herzen, und dankerfüllt wagt’ ich’s, seine +Hand zu fassen, und sagte, indem ich sie küßte: »Da sei Gott für, +Brun! daß ich so mit frevlem Sinn hinwegtrachte aus dem heiligen +Stand, in den ich berufen bin, und Euer treues Mahnen vergesse.« + +»So wohl Dir, Diether!« sagte da der Alte wieder, hielt mit einer Hand +die meine fest und legte die andere mir auf’s Haupt. »So wohl Dir, +wenn Du Dein Leben lang vor dem schwersten Streit bewahrt bleibst, dem +mit Dir selber. Denn in seinem eignen Herzen hegt der Mensch seinen +schlimmsten Feind. Er ist übermächtig und in allen Listen geschickt. +Weh’ dem Manne, der ihn erst aufgeregt hat! Bittere Schmerzen sind des +Überwundenen Theil. Wohl erwählen sich die Meisten unter den +Menschenkindern, lieber nachher zu büßen, als vorher dem Streit aus +dem Wege zu gehen. Sie achten’s für leichter, aber der üble Teufel +betrügt sie darin allzumal.« + +Wohl hört’ ich’s am Klang seiner Worte, daß er mit sonderlicher +Bewegung seines Gemüthes redete, und als wir nun aus dem Dunkel der +Laube hinaustraten, zeigte mir ein Blick in sein gefurchtes Angesicht, +daß er da mir von Schmerzen gesagt hatte, die ihm selber wohl bekannt +waren. + +Alles war still ringsum. Nur das leise Gesumme der um die duftenden +Blüthen des Geisblattes schwirrenden Schmetterlinge nahebei und von +unten her das Rauschen des Wassers vernahm unser Ohr. Drüben streifte +das letzte Roth die Bergesspitzen, und über die Wiese senkte sich +braune Dämmerung, während droben die ersten Sterne erglommen, wie +Augen der seligen Engel Gottes sich aufschlagen, in denen die +Herrlichkeit seiner Schöpfung sich schöner wiederspiegelt. + +Schweigend versenkte ich meinen Blick in die wonnesame Ruhe. Und auch +Brun stand ohne Regung und schaute hinaus, als eilten seine Blicke dem +schwindenden Lichte des Tages nach. + +Noch hielt er mich bei der Hand. Als nach kurzer Weile der letzte +Abendschein von den Gipfeln der Berge verschwunden war, wandte er sich +zu mir. + +»Diether!« sprach er, »laß uns selbander hinangehen, dem Bergwasser +nach. Nicht lange, so geht drüben der Mond auf, denn schon hellt sich +dort über den Bäumen der Himmel. Ich weile gern in seinem Licht auf +der Höhe, wenn unten das Thal im Schatten liegt.« Und er zeigte +hinauf. + +Mit Freuden folgt’ ich ihm, und wir stiegen den Pfad hart am Bach +hinan, der bald in Sprüngen von Gestein zu Gestein sich +hindurchzwängte, bald sanfter dahinglitt. Da ward zwischen uns wenig +geredet. Vielleicht waren von vorhin die Gedanken noch zu lebendig in +Brun’s Seele. Und auch ich hatte meine Betrachtung. Ich gedachte, wenn +ich über mir zu den Sternen emporblickte: wie sie beständig in ihrer +ersten Pracht scheinen unverändert, so oft nur die Wolkendecken sich +vor ihnen hinwegthun; wie ich’s dagegen nun erfahren, daß über das +menschliche Gemüth sich Schatten legen, von denen es nimmer geneset, +und dann trat vor meine Seele der Garten, den jetzt dieselbe gestirnte +Nacht umfieng, und ich wünschte, sie, die mich dort zum letzten Mal +gegrüßt hatte, möchte niemals weniger heiter zu den Lichtern droben +hinaufblicken, als diese zur Stunde hernieder zu ihr. + +Rauher ward unser Weg, von manchem Felsblock behindert und so von Baum +und Gestrüpp beschattet, daß ohne des Alten Führung mein Fuß nicht +vermocht hätte, weiter zu dringen. Aber der leitete mich sicher bei +der Hand und zog mich ihm nach. So klommen wir empor, bis wir zu einer +moosigen Felsplatte kamen, von wo der Ausblick frei war in die +Waldeinsamkeit ringsum. Hier sah man weithin die Züge des Gebirges mit +endlosen Waldungen, gleich Wellen eines dunklen Meeres fern und ferner +sich dehnend, und unter uns das Kirchlein mit Brun’s Clause und tiefer +das Wiesenthal. Alles lag da vor uns ausgebreitet im Dämmer der +Sommernacht. Da stieg drüben der Mond hinter den Bergen hervor und +erhellte die Höhe, die wir erstiegen hatten. + +»Laß uns hier«, sagte Brun, indem er sich setzte, und mich einlud zu +thun wie er, »laß uns hier der Betrachtung pflegen und dazu das +Silentium halten! Ort und Stunde sind geschickt dazu.« + +Nach diesen Worten verharrt’ er schweigend und blickte in die Tiefe +vor uns hinunter, als stiegen von dort Gestalten zu ihm auf, dicht vor +seine Seele hin; je zuweilen wandt’ er sein Haupt und fuhr mit der +Hand über Stirn und Angesicht, als begehrte er sie nicht länger zu +schauen und spräche zu ihnen: »Vorüber, vorüber!« + +Wie er so, als mich däuchte, geschlossenen Auges da saß, im vollen +Mondlicht regungslos, und nur unterweilen im Hauche der Nacht sein +Barthaar sich bewegte, so mußt’ ich denken beim Anblick der mächtigen +Felsblöcke umher, die durch eine Riesenhand hier zersprengt und +verstreut zu sein schienen: Er wie diese Steine, jetzt so friedlich +beglänzt vom sanften Mondlicht – von welchen Stürmen und Ungewittern, +die über sie ergangen, könnten sie wohl berichten! + +Immer tiefer indeß sanken unter uns die Schatten und immer höher +rückte der Bergeshang in den Glanz, der uns umfloß. Es war, als wollt’ +er hienacht mit seinen Strahlen zwischen Farn- und Baumgezweig manche +feuchte Kluft besuchen, die sonst im ewigen Dunkel lag. + +Da ich so dieses Spieles des freundlichen Lichts gewahrte, wie es +emsig immer weiter seine güldnen Fäden zog, siehe! da blitzte mir +etwas aus einer Höhlung nicht weit von uns entgegen, darin das +Mondenlicht sich hell und heller spiegelte, als hätt’ es einen +unverhofften Fund gethan und wollte den mir mit Freuden zeigen. + +Es waren nur wenige Schritte dahin und die Neugier trieb mich +hinzugehen. Ein gülden Ringlein lag da am wohlbeschirmten Ort und +seltsam beigesellt dicht neben eine Eidechse, als hätte sie des +Schatzes zu hüten. Da ich näher zusah, merkt’ ich, sie war todt und +ihre Vorderfüße hatte sie gekreuzt über ihrer Brust. Ich wußte wohl, +daß Solches die Art dieser Thierlein ist, wenn sie gestorben sind, +aber es däuchte mich, als waltete hier mehr als ein Ungefähr, und Ring +und Thier wären Hüter +eines+ Geheimnisses. + +Der Ausruf des Erstaunens, der mir entfuhr, ob dem unerwarteten +Anblick, weckte den Alten aus seinen Träumen. Auf seine Frage, was es +gäbe, brachte ich den Ring herbei und sagte ihm von der Eidechse hart +daneben, und wie es mir geschienen hätte, als wäre dieser Hort ihr und +sie könnte nicht von ihm lassen auch im Tode nicht, und hätt’ an ihm +eine große Schuld auf sich; darum läge sie da so ausgestreckt mit +gekreuzten Armen gleich einer armen Seele, die Buße thut. + +Mit Hast griff Brun nach dem Ringe und hielt ihn prüfend gegen das +Mondenlicht. + +»Joconda!« rief er dann und ein Seufzer aus tiefstem Herzen gesellte +sich zu dem Namen. »Ach, und nie wird die arme Seele genug büßen um +Deinetwillen!« + +»Euer Gemüth ist in große Bewegung gebracht durch den Ring«, sagt’ ich +und trat zu ihm. + +»Wohl, Diether!« erwiedert’ er, nachdem er eine Weile schweigend vor +sich hin gesehen, »weiß ich um dies Kleinod. Frage nicht, wie ich’s +erfahren. Besser vielleicht bliebe die Geschichte von ihm so jungen +Ohren verschwiegen; aber da das Licht dieser Mondnacht durch Dich +diesen Reif herwiedergebracht hat, sollst Du hören, wie sie sich +zutrug, und dann gedenk’ auch Du in heil’gen Stunden der armen Seele, +von der Du sagtest, und bitte Gott im Himmel für sie, daß ihre Buße +recht gethan sei und ihm wohlgefalle!« + +Wieder schwieg er eine kurze Weile. Dann winkt’ er mir, mich zu ihm zu +setzen, und hub also an zu erzählen. + + + Die Geschichte, so Brun Diethern erzählte. + +Es ist manches Jahr her, Diether, da lagen in Welschland deutsche +Kriegsvölker vor der Stadt Bologna. Aber sie konnten sie nicht +gewinnen, ob sie gleich die Stadt berannten und mit Einschließung +lange und hart ängstigten. Da mehrte sich die Erbitterung täglich auf +beiden Seiten, und wer weiß, wieviel Jammers und Elends da noch +zugefügt und erlitten wäre, wenn göttlicher Wille es nicht gnädig +abgewendet hätte. Denn die deutschen Herren, so das Heer führten, +hielten es endlich aus trefflichen Ursachen für wohlgerathener, die +entstandene Fehde gütlich zu vertragen. Und so ward denn den Städtern +entboten, daß sie, was Leute hohen Ansehens und klugen Raths wären, +aus den Ihren verordneten, damit man sich miteinander der Sachen +annähme, wie sie beizulegen. + +Unter den deutschen Rittern, die da den Herren, wenn sie zur +Berathung zusammenkamen draußen im Lager oder drinnen in der Stadt, zu +Schutz und Beistand zugesellt wurden, war Einer, den Jedermann solcher +Ehre vor Andern für würdig auserkannte. Bruno war sein Name, er hatte +in allen Dingen, die dem Manne wohl stehen, den ersten Preis. Er war +edler Gestalt und reichen Gutes; sein Wuchs war hoch und sein Ansehen +stattlich und gebietend; sein Arm eben so tapfer zu streiten, wie sein +Geist hell und auch, wo es schwierige Entscheidung galt, das Richtige +zu treffen, geschwind. Dazu hatte er die sonderliche Gabe, die +Gemüther der Menschen, welche er wollte, für sich zu gewinnen und die +Vorzüge, die ihn zierten, so zu brauchen, daß sie in Andern nur +Bewunderung schufen und Freude ihrer mitzugenießen, und Willigkeit ihm +zu dienen. Darum war’s kein Wunder, daß Bruno sich der Macht bewußt +war, die er über die Menschen hatte, noch, daß er ihrer brauchte. Sein +hochfliegender Geist war es nicht anders gewohnt, als daß seines +Gleichen sich ihm unterordnete. In so hohen Ehren und von jedem Glück, +dessen er begehrte, umgeben, war Bruno bis an den Mittag seines Lebens +gekommen. Aber gewohnt, Alles, wonach ihm sein Trachten stund, wie +spielend und nur zur Übung seiner überlegenen Kraft zu erreichen, +glänzte sein Angesicht noch im ungedämpften Feuer der ersten Jugend. + +Doch, Diether, all’ diese hohen Vorzüge waren ihm verliehen, nur um in +seinem Herzen die schlimmsten Kräfte groß zu ziehen, ihm selber +unbewußt, ihm zur Unseligkeit und Andern. In so langen Jahren des +Gelingens seiner Pläne und der aus seinem Thun wachsenden Ehre war er +sicher geworden, daß recht wäre, was ihm gut däuchte, und während er +Andere berieth und leitete, wachte er nicht über seine eigenen +Wünsche. + +Die Zeit kam, ihn auf die Probe zu stellen, Diether! und Du wirst +sehen: er bestund die Probe nicht. + +Unter den Edlen Bologna’s war Einer auserlesen vor Allen. Wie die +Sonne am Frühlingstage heraustritt aus den Thoren des Morgenroths, +ihren Lauf zu beginnen mit Freuden, so schritt Guido, noch prangend im +Thau der ersten Jugend, die Bahn der Ehre und des ruhmvollen Thuns +hinan. Ihn konnte Niemand sehen, ohne ihn zu lieben. Und nur wenige +Male hatten Bruno und Guido bei den Berathungen, die zum Frieden +helfen sollten, sich gegenübergestanden, als der deutsche Mann mit +sonderlichem Wohlgefallen sich hingezogen fühlte zum welschen +Jüngling. Der aber war ihm bald mit der vollen Hingabe seines +jugendlich entflammten Herzens zugethan, und wiewohl die Beiden in +dem, worüber sie zu rathschlagen hatten, sich nur als Feinde +betrachten durften, so sah Bruno doch, wie der Jüngling mit +zunehmendem Eifer sich jegliche Gelegenheit zu freundschaftlicher +Zwiesprach erlas und wie er zu ihm aufsah, als dem Manne erfahrener +Ehre und erwiesen in jeder edlen ritterlichen Tugend. Solches sah +Bruno mit Freuden, und was er vermochte, des Jünglings Herz an sich zu +fesseln und sein Vertrauen zu gewinnen, davon unterließ er nichts, +denn er liebte ihn. Schöneren Bund sah man wohl selten, als da diese +Freundschaft erblühte zwischen den Beiden, gleichwie eine Blume sich +aufthut, lieblich im rauhen Nordsturm, und wenn, nachdem man Raths +gepflogen, Guido an Bruno’s Seite durch Bologna’s Straßen schritt, ihn +zu geleiten, so blieben wohl die Leute stehen, die vorübergiengen, und +sahen mit Bewunderung den Beiden nach. + +Nicht lange, so erbat sich Guido vom Rath die Gunst, Bruno in sein +Haus zu führen, und weil er Bürgschaft leistete und die Hoffnung auf +nahen Vergleich und Frieden sich mehrte, so ward ihm solches +verwilligt. Er wohnte im weiten Palast allein mit seiner Schwester. +Seinem Schutz hatten die Eltern, die beide unlange an der Pest +gestorben waren, Joconda übergeben. Treuerer brüderlicher Hut ward nie +eine Schwester anvertraut, als die Liebe war, mit welcher Guido über +Joconda wachte, und wie zwei nachbarliche Pflanzen einem Licht +entgegenwachsen, gepflegt von einer Hand und genährt von einer Quelle, +so waren diese Geschwister. Oft schon hatte Guido zu Bruno von seiner +Schwester gesprochen, und wenn er ihrer gedachte, leuchtete sein Auge +von brüderlichem Stolz. Ja, Alles was von süßer Zärtlichkeit und +Weichheit in der Seele des Jünglings wohnte, ward mit +einem+ Namen +gerufen, mit dem Namen: Joconda. Von ihr hatte er Bruno auch gesagt, +daß sie aus Verabredung beider Väter mit einem Jünglinge zu Pisa +verlobt wäre, und daß, wenn ruhige Zeiten wiederkehrten, auf die +Hochzeit gedacht werden sollte. + +Vornehmlich also, daß Bruno seine Schwester sehen möchte und sie ihn, +den Freund, den er sich gewonnen, führte Guido diesen in seines Vaters +Haus. O, wäre es doch nimmer geschehen, Diether! Oder wäre einer von +den Blitzen, die an jenem Abend bei Bruno’s Rückkehr aus der Stadt vom +Himmel flammten, auf ihn herniedergezuckt! Freundlich war zwar das +Grüßen, das zwischen dem Freunde des Bruders und der Schwester +geschah, aber unsäglich Weh und großen Jammer hatte es hinter sich. +Und hätte Guido bei jenem ersten Gruß das sanfte Erröthen im Angesicht +seiner Schwester und in Bruno’s das frohe Erstaunen über ihre große +Schönheit besser verstanden, fürwahr, er hätte sich nicht, wie er +that, des Anblicks im brüderlichen Stolz gefreut, sondern ganz andere, +schreckliche Weissagung darin erkannt. + +Von Stund an war Bruno’s Sinn von heftiger Liebe zu Joconda erfüllt +und allein darauf gerichtet, ihre Liebe sich zu gewinnen. Klugheit, +Ehre und Treue riefen ihm zu, abzulassen und nicht zu begehren, was +Gott ihm versagte. Denn heilig war Guido die Pflicht, dem Verlobten +die Schwester zu erhalten. Aber ein Sturzbach wäre mit einem Strohhalm +eher aufzuhalten gewesen, als Bruno’s Gemüth mit allen Einreden der +Pflicht und des Gewissens vom Trachten nach dem, wovon es jetzt einzig +entflammt war. Nun erst däuchte er sich ein Ziel gefunden zu haben, +werth, all’ seine Kräfte daran zu setzen, und wie er sich der Gewalt +der Leidenschaft, die ihn beseelte, ganz überließ, so zeigte auch +Liebe, die Zauberin, Alles, was er in ihrem Dienste that oder dachte, +in einem hellen, reizenden Lichte, aber die dunklen Abgründe seines +Herzens, aus denen sein Trachten hervorgieng, ließ sie ihn nicht +sehen; ja jeglich Hinderniß und jegliche Gefahr, welche auf dieser +seiner Bahn ihn bedrohte, steigerte nur mehr seinen verwegenen Muth. + +Ohne Arg trat Joconda dem Freunde ihres Bruders gegenüber und voll +heiteren Vertrauens. Aus Wahrheit ihres Herzens stimmte sie in Guido’s +Lob, wenn er Bruno’s Tugend lobte, und wie sie immer sorgloser seinem +Worte lauschte und seines Kommens immer gewohnter ward, so ward sie +von der süßen Macht der Liebe bezwungen wie unvermerkt, und da sie das +Geheimniß ihres Herzens von dem Einzigen errathen sah und solches aus +Scheu ihrem Bruder verschwieg, da hub sich allererst auch ihre +Mitschuld an. Und von Stund an ward sie glücklich, als schwebt’ ihr +Herz in Wonne, durch Bruno’s Liebe, die dem Fluge des Adlers glich, +über alle Höhen sich schwingend – und elend zugleich. Die Heimlichkeit +ihres Bundes und seine beständige Gefahr trieben ihr geängstet Herz +nur um so mehr, sich Bruno zu vertrauen und seiner Führung, dessen +Zuversicht und Kühnheit nur zu wachsen schien wie eines seines Auges +und seiner Hand sicheren Steuermanns, wenn er das Schiff durch tosende +Brandung lenkt. + +Bald kamen sie heimlich zusammen zu süßer Zwiesprach. Wohl wußte +Bruno, daß er damit wider Ehre und Treue den Freund betrog, aber er +achtete es nicht und fuhr fort, den Arglosen zu täuschen. + +Und wenn er wußte, sie harrte seiner, so galt ihm Nichts die Bedrohung +der feindlichen Wächter an den Thoren und ihr Geschoß, sondern +vermummt in der Dämmerung schlich er hindurch bis unter die Hallen der +Paläste und harrte seiner lieben Trauten. + +Da hörte ihr Ohr manch süßes Wort, wenn er kam, und manch heißen +Schwur, wenn er von ihr schied, und die Todesgefahr, in der er +schwebte um ihretwillen und die er verlachte, drängte ihr Herz immer +näher an seines. + +O! wohl mag der Jüngling sich hüten, wenn starke Leidenschaft ihn +beseelt, daß ihr Wirbel sein leicht erregtes Herz nicht überwältigt +und sein Lebensschifflein rettungslos in die Brandung reißt. Doch wehe +dem gereiften Manne, wenn die Liebe seines Herzens ihn von Pflicht und +Ehre scheiden! Er muß seinen Wünschen ganz entsagen oder er fällt der +finstern Macht anheim, die alle seine Tugenden verzehrt und alle seine +Kräfte in ihren Dienst nimmt, um ihn und durch ihn zu verderben. + +So, Diether, ward Bruno’s Liebe verderblich für Joconda, für Guido, +für ihn selbst! + +Schuldvoll war diese Liebe schon mit ihrer ersten zarten Regung und +fluchvoll mußte sie endigen. Ihr stand kein Engel göttlichen Heiles +und göttlichen Schutzes zur Seite. + +Die Fehde ward vertragen, der Friede geschlossen. + +Just am Tage der Fastnacht ward er feierlich verkündigt. Die Thore +der Stadt wurden aufgethan und unter dem Geläute der Glocken erscholl +der Ruf der Freude von Deutschen und Welschen wie aus einem Munde. Da +überließ sich Jeglicher mit ganzem Herzen dem frohen Gefühle der +wieder erlangten Sicherheit, und die, so sich bis dahin so hart +befehdet hatten, zogen in munterem Gedränge verbrüdert durch die +Straßen der befreiten Stadt, und weil man so lange in Furcht gelebt +und der Freude entbehrt hatte, so war auf diesen Tag die Stadt zu +ausgelassener Lustbarkeit gerüstet. Da man Gott gedienet hatte und das +Tedeum in der Kirche St. Petronii verklungen war, wurde auf dem +Rathhause von den Herren Bologna’s den edelsten unter den Rittern eine +stattliche Bewirthung gethan, indeß das Volk außen auf Straßen und +Plätzen seine Kurzweil hatte. Zum Abend sollte die Stadt, wie es in +Welschland Brauch ist an Freudentagen, mit Fackeln und bunten Lichtern +erleuchtet und zu Ehren der Fastnacht Schimpfspiel und Mummenschanz +gehalten werden. Daß nicht etwan von den Städtern den Deutschen, +welche hineinkamen, ein Übel geschähe, hatte der Rath jegliche +Störung des Friedens mit Todesstrafe bedroht; so war auch den +Deutschen verboten, die in der Stadt weilen wollten, an dem Tage +Waffen oder Wehre zu tragen. + +So war da auf Aller Angesicht Freude und Jubel. Vor Andern erschienen +Bruno und Guido hochbeglückt, da sie sich trafen an der Kirchthür, als +man die heilige Messe gelesen. Droben im Festsaal saßen sie bei +einander und wie stolz schien Guido, allen den Herren es zeigen zu +können, welchen Freund er sich gewonnen habe! Und wahrlich! Bruno ward +da als ein Muster ritterlicher Tugend und höfischer Sitte auserkannt. +So edel war sein Wesen, so zierlich und klug seine Rede, daß Jedermann +im Saal auf ihn achtete. + +»Treue und Freundschaft auf ewig!« rief ihm Guido zu, als man wieder +die Becher gefüllt hatte und ergriff seine Hand. + +»So sei es!« that ihm der Angeredete Bescheid und schlug ein: »Treue +und Freundschaft auf ewig!« + +Und indem sie sich mit den Augen zuwinkten, setzten sie die Becher an +die Lippen. + +»Halt!« rief da Guido, dessen Herz vor Freude überwallte. »Harre noch, +Bruder, ehe Du trinkest den Trunk der Treue; es gilt noch ein Wort: +»Joconda!« + +Und Bruno hörte dieses Wort, Diether, und er las seine Bedeutung in +der Seele des Jünglings, der es aussprach, aber er zögerte nicht und +rief den Namen auch und trank den Becher bis zur Neige. + +Ward ihm denn die Frucht des Weinstocks nicht zum Feuer in seinen +Gebeinen, da er diesen Becher dem Bruder zutrank, den er an diesem +Tage so treulos zu betrügen entschlossen war? Erstarb ihm nicht jener +holde Name auf den Lippen, den er in einem Athem mit dem Bruder +auszusprechen wagte, obwohl er wußte, daß er damit schändlich log? + +Aber Bruno’s Angesicht blieb heiter wie zuvor und kein Laut seines +Mundes verrieth das Vorhaben, von dem sein Herz jetzt einzig erfüllt +war. + +Als die Bewirthung zu Ende war, und man das Rathhaus verließ, gab er +vor, wegen nöthiger Geschäfte hinaus in’s Lager zu müssen, und mit +trüglichem Wort ward er eins mit Guido, daß er ihn dort an bestimmter +Stelle aufsuchen möchte gegen Abend, dann selbander in die Stadt +zurückzukehren, das Fest zu beschauen und an der Lust des Volkes Theil +zu nehmen. So trennten sich die Beiden. + +Bruno hatte einen Waffengenossen, der ihm in Allem ergeben war. + +Adelbert wußte um Bruno’s Liebe; er wußte auch, daß heute die Flucht +geschehen sollte, und gerne war er bereit, dazu zu helfen. Die Stadt +Bologna hat ein Thor, das ist vor andern klein, und Wenige ziehen +hindurch. Die Straßen, die dahin führen, sind gar enge und einsam, so +auch die Landstraße, wenn man das Thor hinter sich hat. Das däuchte +ihnen am sichersten da hindurch zu entkommen. Weil an dem Tage auch +unter den Rittern und Fußknechten einer auf den andern wenig Acht +hatte, denn nach der langen Belagerung überließ sich Jedermann der +ungewohnten Lust, und keiner mißgönnte sie ihm, so ward verabredet, +daß Adelbert mit Rossen und einem Häuflein Knechten, wenn es würde +völlig dunkel geworden sein, nach dem Thor S. Rocco aufbrechen und +allda seiner harren sollte. + +Zur selben Stunde barg der tiefste Schatten eines Pfeilers der Kirche +des heiligen Petronius Bruno’s vermummte Gestalt. Er hatte sich +angethan, als einer, der an der Lustbarkeit theilnehmen wollte, und +auch sein Angesicht war verlarvt. Er drückte sich hart an’s Gemäuer +und regte sich nicht. Mit Eifer forschte sein Auge durch das Dunkel, +und so Schritte sich nahten, schlug sein Herz stärker, indeß sein Ohr +ohne Aufhören auf das Getön der Orgel und die Stimme des Priesters +drinnen in der Kirche lauschte, wo man die Vesper sang. Aber seine +Seele war da fern vom Verlangen nach Gott. Sie war nur bei der, die er +jetzt drinnen im Gotteshause wußte und mit der er eins geworden war, +heut zu entfliehen. Hier von dieser Stelle aus sollte es geschehen. + +Der heilige Dienst war zu Ende. Hunderte giengen an dem Harrenden +vorüber, ohne sein zu achten, aber als jetzt zögernd und mit kaum +hörbaren Schritten eine verhüllte Gestalt sich nahte, so bewegte auch +er sich wie mit freudigem Schreck ihr einen Schritt entgegen. + +Als er leise ihren Namen nannte und sie mit heißer Inbrunst umschlang, +fühlte er, wie sie zitterte, und da sie nach kurzem Geflüster jetzt +hinaustraten und das Licht festlich erhellter Häuser ihr Angesicht +traf, so fiel es ihm auf, wie bleich es war und wie schön. Der Stolz +und das Glück, solch ein Weib sich gewonnen zu haben, stählte seinen +Muth und sein Vertrauen zu sich; sein Gang war so sicher und sorglos, +als suchte er keine andere Fröhlichkeit als die, welcher die Menge +nachgieng, die an ihnen vorüber wogte. Manchen neckischen Zuruf mußte +er hören, wie man dergleichen treibt zu solchen Zeiten; er erwiederte +jeden Scherz mit Lachen und beschleunigte seine Schritte. + +Schon hatten sie die Straßen, die am meisten belebt und am hellsten +erleuchtet waren, hinter sich; durch die engen Gassen, die heute noch +stiller waren denn sonst, kamen sie dem Roccothore näher. Bruno +mäßigte Joconda zu lieb seine Eile, denn nachdem sie bis dahin +unerkannt und unaufgehalten geblieben, war er keiner Hinderung ferner +gewärtig. + +Da, als sie in die letzte Gasse einlenkten, die zum Thore führte, +that sich unweit von ihnen die Thür eines Hauses auf, und hervor kam +lärmend eine Schaar Vermummter mit Fackeln und Windlichtern als +solche, die auch noch zum Feste ziehen wollten. Der Ort, da die +Flüchtigen an ihnen vorüber mußten, war gar enge und so geriethen die +beiden in die helle Beleuchtung ihrer Lichter. Alsbald ward Bruno von +dem Kecksten unter ihnen angeredet. + +»Eure Dame, Freund«, rief er, »wird’s Euch wenig danken, daß Ihr sie +so früh hinwegführt vom Fest, das schönen Frauen so vieles zu schauen +gibt.« + +»Kehrt um und kommt mit uns!« riefen die Anderen da und umringten die +Beiden, als wollten sie in ihre Mitte sie nehmen. + +Da Bruno ihrer nicht achtete und ohne sich aufzuhalten weiter schritt, +so ward dadurch der Übermuth der trunkenen Gesellen nur noch mehr +erregt. + +»Das macht: er ist eifersüchtig, Nicolo!« sagte wieder einer, »und +mißgönnt Bologna den Anblick seiner Schönen.« + +»Er hat wohl Grund dazu«, erwiederte der Angeredete, »wenn das +Angesicht der Dame hält, was ihre reizende Gestalt verspricht.« + +»O, hebt den Schleier!« riefen sie, und hatten das Ansehen, als +wollten sie Joconda näher treten. + +Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter anschmiegte, so +stieß der mit gewaltiger Faust den, der sich zumeist herangedrängt +hatte, zu Boden, und ein deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem +er durch die nun wieder geöffnete Bahn weiter schritt. Einen +Augenblick waren die Zudringlichen zurückgewichen, aber die Überzahl +und das Gelage, von dem sie kamen, machte sie kühn, und mit dem Ruf: +»Wie! die deutsche Bestie will uns schlagen und wider ergangenes +Gesetz beleidigen?« drängten sie sich auf’s neue heran und vertraten +den Weg. + +Da reckte sich Bruno in die Höhe und drohend rief er, daß es laut +erscholl: »Ha, ihr welschen Hunde, wem sein Leben lieb ist, der lasse +uns hindurch!« Und es würde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn er +allein gewesen wäre, aber, wie er die Zitternde an seinem Arme fühlte, +so stund er unschlüssig, ob er jetzt das Äußerste thun sollte seinen +Gegnern gegenüber, die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth +zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gelärme die Straße an +beiden Seiten in Aufruhr gebracht. Lichter erschienen, Fenster und +Thüren wurden aufgethan und eine Menge Neugieriger strömte herbei. + +Da sah Bruno den Augenblick höchster Noth gekommen; während rings um +ihn das Wuthgeschrei wider den Deutschen die Luft erfüllte, umfaßte er +fest Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen. Aber +das wäre sonder Zweifel Beider Verderben gewesen, wenn nicht da vom +Thor aus Rettung gekommen wäre. Denn da dort Adelbert und seine Leute, +die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno zu ihnen stoßen +sollte, nun hörten, wie sich von da Geschrei erhub und vernahmen den +Ruf wider den Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein. +Sie sprengten unter das Gedränge, und unter ihren Hieben rechts und +links stoben die Welschen auseinander. Die nun Bruno bedrängten, wie +sie das neue Getümmel hinter sich hörten und die streitbaren Stimmen +der Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen, +Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen die beiden +Flüchtigen, auf die nun Keiner mehr Acht hatte, Raum, und froh der +ihnen ungedacht gewordenen Hülfe eilte Bruno dem Thore zu. + +Wohl wankten Joconda’s Schritte an seiner Seite, aber er wies sie hin +auf die Nähe ihres Zieles, und die Hoffnung belebte ihre sinkende +Kraft. Nun traten sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten +Dunkel, das da herrschte, sah Bruno’s scharfes Auge, wie von draußen +eine Gestalt ihnen entgegenschritt. Als sie zum Thore hinaus traten, +gieng diese Gestalt hart an ihnen vorüber in das Dunkel des Thores, +das die Beiden eben hinter sich ließen. + +Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und der Abendhimmel, +wenn auch vom Mondenlicht erhellt, war regentrüb; so konnte Bruno das +Angesicht des an ihm Vorübergehenden nur einen Augenblick sehen. Er +hatte nicht Acht darauf, denn sein Gemüth war auf Anderes gerichtet, +und doch war es ihm, als hätte er in diese Augen schon geblickt. +Verstummte da nicht plötzlich der Hall der im Thorbogen dröhnenden +Schritte hinter ihm? Als er zurücksah im Weiterschreiten, stund, so +schien es ihm, im Thor noch immer die Gestalt, als sähe sie ihm nach. + +Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war eine vorlängst verfallene +Kapelle. Allda sollte Adelbert mit den Rossen und Knechten halten. + +Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren Alle, da der Streit sich +in der Stadt erhoben, von da gewichen, so rief er laut das Wort, bei +dem sie unter einander übereingekommen waren sich zu erkennen, wie man +pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl die Antwort näher +vom Thor her und Bruno gedachte da die Rosse zu finden. Er wandte sich +also zurück und ließ indeß Joconda an der Kapelle. Da er unweit dem +Thore war und auch schon den Tritt der Rosse hörte, die herzu gebracht +wurden, sah er wieder dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des +Thores und noch an derselben Stelle und wieder war’s, als suchte sie +nach ihm. Da zerriß eine Wolke und das Mondenlicht ergoß sich hell. +Wie es mit voller Klarheit Bruno beleuchtete, der hier außen vor der +Stadt die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang an sein Ohr +aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei, den er nimmer vergessen hat; +es war ein Schrei des heftigsten Zornes und auch der unsäglichsten +Trauer. Und mit diesem Aufschrei löste sich die Gestalt aus der +Finsterniß der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt, und stürzte +ungestüm auf Bruno zu, der eilend sich den Rossen näherte, welche +jetzt ihm zugeführt wurden. Er wandte sich und sah in des Anstürmenden +Angesicht. Nicht länger als bis man eins zählt, sah er hinein. Aber er +ward von einem Blick getroffen, der so gethan war, daß vor ihm ein +Teufel aus der untersten Hölle hätte zur Umkehr oder der hehrste der +heiligen Engel zu Fall und Verstockung gebracht werden können. +»Bruno!« hörte er sich rufen. Aber er sagte nichts und packte mit +mächtigem Griff den sich zwischen ihn und die Rosse Drängenden. Da hub +sich ein Arm gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch im Nu +hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden, die ihn führte, und stieß +ihn tief in seines Gegners Brust. »Schwester!« rief der mit +versagender Stimme und brach lautlos zusammen. + +Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit welcher der tödtliche +Streich geschehen war. + +Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr Ruf, daß das Fräulein +käme, brachte ihn zu sich. + +Geschwind verhüllte Bruno des Erschlagenen Angesicht, und als Joconda +neben ihm stund und zitternd auf die klaffende Wunde deutete, da sagte +er. »Es galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht, Joconda, oder +seines. – Hinweg, hinweg!« + +Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos, und er fühlte eine eisige +Kälte in seinem Gebein. + +»Hinweg, hinweg!« riefen da wieder die Knechte und vom Thor her hörte +man Getümmel. + +Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse trugen die Fliehenden +auf verschlungenen Wegen durch die Nacht. Bald hatten sie die Stadt +weit hinter sich. Aber Bruno war’s noch immer, als schlüge das Brausen +der empörten Volksmenge laut und lauter an sein Ohr und würden die +Sturmglocken gezogen und ihre ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und +immer vernehmlicher: »Mord, Mord!« + +Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen zu berichten, die nun +folgten, welcherlei sie gewesen sind für die Beiden: Tage der Flucht, +Gefahr und Noth. + +Bologna’s Rath und Volk forderte Rache für den Friedensbruch und die +Blutthat. Bruno’s Leben ward in ihre Hand gegeben, er ward all’ seiner +Güter beraubt und schlagen durft’ ihn, wer ihn fände. Mit großem +Verlangen trachtete er darum aus Welschland hinweg und auch weil er +keine Ruhe fand unter dem Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf +seinen Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen ersähe und +deutschen Laut vernähme, wähnte er, würde sein Gemüth sich entledigter +fühlen und frei. Unter großen Mühseligkeiten ward die Flucht gethan. +Aber endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden Rast und +Bergung auf der Burg Adelberts. Allda gedachte Bruno zu harren, ob +etwa der Sache Rath würde und seine Freunde für ihn Gnade erwirkten +beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war, gelangte Zeitung an ihn, +daß das Urtheil wider ihn bestätiget und all’ sein Lehn vom +kaiserlichen Vogt eingenommen wäre. Da zeigte es sich, was die treue +Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das Ungemach zu fühlen, +was Bruno bereitet war; ja sie theilte seine Sorgen, als trüge sie den +größeren Theil der Schuld daran, und über das eigene Elend ließ sie +nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele durch solche Geduld +mächtig ermuthigt und durch ihre Zuversicht, darin sie nicht wankte, +daß bessere Tage nahe wären. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem Bruder +hinkehrte, was wohl täglich geschah, und dabei gedachte, wie gewißlich +sie hoffte, er würde ihr noch verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob +von ihm noch keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno’s Seele +jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes Wort ward wieder +laut in seinem Herzen, das die Sturmglocken Bologna’s ihm nachgerufen +hatten in der Nacht, da die Flucht geschah. – Dann wandte er sich und +sein Blick ward finster und immer finsterer, je beweglicher sein Weib +ihm Trost zusprach; denn sie wähnte, das sehnende Verlangen der +Freundschaft nach Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm +den Muth also. Bruno aber, wie oft er’s auch beschlossen hatte, und +wie gewiß er erkannte, daß es einmal geschehen müßte, gewann das Herz +nicht, ihr zu sagen von Guido’s Tod. + +So kam der Herbst heran, und wie den Beiden der gute Bote noch immer +verzog, so wollte Joconda nicht länger leiden, daß Bruno ferner in +träger Ruhe seine Tage versäße und allein fremder Hülfe harrete. Wenn +er selber sein Vermögen brauchte, so würd’ es nicht vergeblich sein; +oder warum sollte für ihn kein Mitleid vorhanden sein, der bis dahin +so werth gehalten worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber +nicht unbekannt geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde geworden +war, daß die Majestät zu Costnitz Hof hielt, so lag Joconda ihrem +Gemahl mit vielen Bitten an, dahin zu ziehen, als Bittender seine +Sache zu betreiben, Sühne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier +ihm eine Bußfahrt, die da ihm zu thun vorhanden war, und schwer ward +es ihm, den stolzgewohnten Sinn dahin zu kehren. Denn er mußte ohne +Geleit ziehen und verhohlen, daß es nicht schiene, als gedächte er +sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das ihm gesprochen war. +Sein Weib wollte nicht von ihm weichen in keiner Fährniß und Noth und +zog mit ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf dem Wege +waren, kam ihre Stunde. In großen Schmerzen gelangte sie, von Bruno +geführt, in eine Höhle, die sie da erspähten, denn sie wanderten im +Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als Bruno mit Weh und Wonne +das feine Knäblein in seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal, +gestaltet wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes, doch +sagt’ er nichts. + +Wie groß nun die Noth in jener Höhle war, läßt sich leicht ermessen, +und Bruno, da er sah, daß er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter +Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu werden. Der Fürst +der Höllenschlünde sandte ihm einen bösen Geist des Unmuths und der +Ungeduld. + +Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten Engel, das Banner der +Hoffnung, des Heils und der Ehre ihm fürzutragen. Selber im Elend zu +sein und im Ungemach auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher Sinn +gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie das Kind, das sie +gewonnen, in gleiches Weh verschlungen sah, verzagte sie, und gegen +die mütterlichen Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft. Da +hört Bruno sie oft, über ihr Kind gebeugt, weinen und desselben +jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat er nicht hinzu, ihr Trost zu +sagen mit liebem Wort, sondern er wandte sich hinweg mürrisch, daß sie +vor ihm ihren Jammer ausließe, der wohl gleich sehr zu klagen hätte +oder mehr. Und einst in solcher Stunde, da sie ihres Bruders gedachte, +und wie er ihrer Noth sich gewißlich erbarmen würde, da murmelte er, +die Hoffnung auf Guido wäre verloren. + +Joconda sah ihn fragend an. + +»Der Todte, dessen Anblick vor Bologna’s Thor Dich erschreckte« – hub +er an, und finster waren seine Brauen zusammengezogen, da er redete. + +»War mein Bruder?« schrie sie auf. + +Bruno nickte und sah zur Erde. + +»Und Deine Hand war’s, die ihn schlug?« keuchte sie schwer athmend und +richtete sich hoch empor. + +»Die Liebe zu Dir bezwang mich also, daß ich’s that,« sagt’ er, düster +blickend wie vorhin. + +»So Fluch Deiner Liebe!« hört’ er sie rufen, und schrecklich klang +ihre Stimme. – »Fluch Deiner Liebe, Fluch jeder Augenweide, damit ich +geschmückt war, sie zu wecken, und Fluch jeglichem Wort und Lächeln, +dadurch das höllische Band sich knüpfte!« + +»Halt ein, Joconda!« rief Bruno entsetzt. »Du fluchst Dir und unserem +Kinde dort.« + +Da war sie mit einem Sprunge hin zum schlafenden Knaben, riß ihn vom +Lager und umschlang ihn fest mit ihren Armen. So stund sie drohend, +der Löwin gleich, die ihr Junges vertheidigt. »Nimmer soll dies Kind, +das Deine Blutthat mit dem Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat, +Dich mit dem süßen Vatersnamen rufen lernen, den Du mit Trug und Mord +Dir erschlichen; und zuvor müssest Du mich erschlagen wie meinen +Bruder, ehe Deine Mörderhände je wieder den Knaben berühren oder +mich.« + +Er wagte nicht, sich ihr zu nähern, noch Antwort zu geben auf ihre +wilden Worte; ihre Blicke schienen ihm wie Blitze, daß er nicht zu ihr +aufzusehen vermochte. Aber flehend streckte er seine Arme aus nach +ihr. + +Da stürzte sie, als litte ein Grauen sie nicht mehr nahe bei ihm, ehe +er’s hindern konnte, an ihm vorbei hinaus in die Wildniß. + +Als er mit Schrecken ihr nacheilte und sie mit Namen rief, wandte sie +sich und rief: »Wag’s, mir zu folgen, so wird der Abgrund hier zu +meinen Füßen mich und das Kind zerschellen.« + +Und er zweifelte nicht, wie er sie sah, daß sie thun würde nach ihren +Worten. – Als ob eine neue Kraft ihr verliehen wäre, klomm sie +behende, dem gescheuchten Wilde gleich, den Bergeshang hinan, und +droben auf vorspringendem Felsgestein sah sie noch einmal hernieder, +bog ihr Haupt, das wirr das schwarze Haar, vom Winde aufgelöst, +umwehte, zurück und reckte ihren Arm abwehrend gegen den Genossen +ihrer Schuld. Dann hub sie das Kind, das sie trug, hoch gegen den +Himmel und war verschwunden. – + +Bruno hat Tage und Nächte nach ihr gesucht, gerufen, geweint; aber nur +die Felsenwände hallten ihren Namen zurück. Er hat sie nie wieder +gesehen, noch erfahren, ob die Beiden in der Einöde des Gebirgs +verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum Raub geworden +sind, oder ob die Mutter sich und ihrem Kinde eine Ruhstatt gefunden +hat. Da hat auch Bruno seinen Namen erlöschen lassen im Gedächtniß der +Menschen und für sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden und +sein Herz zur Buße zu kehren, daß er der Hölle im Tode entfliehen +möchte. + +Die Höhle aber nieden St. Wigbert’s Kirchlein mit der Klause, darin +jetzt ich hause, Diether, die ist’s, darin sich zutrug, was ich Dir +erzählte, und hier auf dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib +zum letzten Mal mit der Gebärde des Grauens vor ihm und des Flehens um +Erbarmen zu Gott für ihr Kind. Und der Ring, den Du fandest, ist +Joconda’s; sie hat ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen +ihrer schuldvollen Gemeinschaft. – + +Und nun weißt Du, Diether, warum ich Dich bat, der armen Seele vor +Gott zu gedenken, von der Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und +das Thierlein daneben.« + + +Allhier endet die von Brun erzählte Geschichte. + + +»Gnade der milde Christ nach seiner Gütigkeit denen Allen, so in +Unglück gerathen sind – und uns!« sagt’ ich, und gar sehr war ich +bewegt im Herzen von der Geschichte, die ich gehört hatte. + +Wohl trieb’s mich, noch ferner mit Brun davon zu reden, und von Bruno, +was denn aus ihm geworden, ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich +ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund auf und sagte: +»Auf, Diether! – Schon ist Mitternacht vorüber, denn sieh, der Mond +neigt sich auf seiner Bahn dort den Bergen zu. Kühl hat sich der +Nachtwind aufgemacht und der Thau fällt stark. Lang’ schon solltest +Du, junger Knabe, unter Dach geborgen sein.« + +Und so stieg er mir voran den Bergeshang abwärts. Wie wir schweigend +giengen und über uns die Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter, +bald leiser und sich gegen einander bogen, und unter uns die Wellen +brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer murmelnd, war mir’s, +als erzählten auch sie sich in der Sommernacht die traurige Mär’ von +dem ewigen Geheimniß des Menschenherzens, das wähnet, das Paradies zu +gewinnen, und die Schmerzen der Hölle sich bereitet. + +Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der Klause. Ich weiß nicht, +wie mir da geschah und ob ich schon eingeschlafen war oder just die +Augen zum Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir stehen und +unverwandt mich betrachten. + +Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte seine Hand, mich zu +berühren. Dann wich er wieder ein wenig zurück, als scheute er sich zu +thun, wozu doch sein Sinn ihn zog, oder er fürchtete, ich möchte +erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile ließ er ab von diesem +Streit. Aber eine größere Unruhe schien in seiner Seele sich +anzuheben. Es war, als ob mein Anblick davon die Ursache wäre. Er sah +noch einmal lang’ nach mir hin, schauderte dann jählings zusammen und +sank in seinen Sitz nieder, sein Angesicht von mir gewendet und mit +beiden Händen verhüllend. + +»Nein, nein, HErr!« hört’ ich ihn murmeln. »Nicht dieses Bild jetzt +neben die süße Erinnerung!« + +Ein breiter Strahl des Mondes drang durch das dichte Gitter der Bäume +draußen und das kleine Fenster und glitt durch den engen Raum hin zur +Wand dem Alten gegenüber. Wie es dort hell das Bild der Gottesmutter +umspielte, ward sein Blick, da er sein Haupt wieder erhob, dorthin +gelenkt. Irgend etwas an dem Bilde mußte ihn erschrecken. Denn er +erzitterte auf’s Neue. Und doch konnt’ er nicht widerstehen, dahin zu +blicken, was der lichte Schein ihm wies. + +»Und Du drohest immer wieder«, sagt’ er dabei mit Flüstern, »und ewig +blutet die Wunde?« + +Da sah ich ihn aufspringen und das Schwert aus der Seite des Bildes +ziehen, darin es stak. Er trat damit in das Licht und ließ den Stahl +darin blitzen. + +»Ja«, rief er dann mit leisem Stöhnen, »sie sind noch immer da – die +blutigen Flecken, und keine Zeit hat Rost genug, sie zu verzehren!« + +Und jetzt schwang er die Waffe mit wilder Gebärde, und es hatte das +Ansehen, als wollt’ er sie gegen sich selber richten und es schüfe ihm +Mühe, davon abzulassen, und ich hört’ ihn dabei klagen: »Verloren all’ +– all’ verloren!« + +»Hilf, Herr!« dacht’ ich. »Er ist von Sinnen kommen!« und richtete +mich in die Höh’. + +Da wandt’ er sich und wie er mich ersah, schüttelte er heftig sein +Haupt, streckte die Arme gegen mich und rief mit drohender Stimme: »Du +da? Du bist der Bringer schrecklicher Dinge! Du weckst auf zur +Mitternacht, was mit Mühe begraben war!« + +Und als ich weiten Auges und sprachlosen Staunens voll nach ihm +blickte, rief er wieder: »Sieh nicht so her mit diesen Augen! Es ist +nicht! Es ist Lug auch dies, und nimmer heilt die Wunde!« + +Aber plötzlich sprang er auf mich zu, und, eh’ ich’s hindern konnte, +hatte er von meiner Schulter das Linnen gestreift, das ich trug. Als +er, die Waffe in der Hand, sich dicht über mich beugte, wähnt’ ich +nicht anders, denn daß der Rasende mich morden wollte. Und ich schrie +laut. + +Im selben Augenblick aber war er zur Seite meines Lagers in die Knie’ +gesunken und seine Arme hielten mich umschlungen. »O Gott, o Gott!« +rief er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes. Und seine Hand +strich mir kosend über Stirn und Wangen und seine Thränen tropften auf +mich nieder. »Schlaf, Diether, schlaf!« sprach er wieder, »kein +Schrecken des Ortes müsse Dir nahen, und Engel des Friedens müssen +Dich beschirmen.« + +Darnach ergriff er meiner Hände eine und hielt sie an sein Herz, als +würde von der Berührung der Sturm sich legen in seiner Seele. Als er +so gethan, beharrte er eine Weile, wie mich däuchte, im Gebet, +bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng der Thür zu. Bevor +er hinausschritt, kehrte er sich noch einmal zu mir und sagte wieder: +»So schlaf denn, Diether! und zürne dem Alten nicht um sein wirres +Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst, es ist vorüber.« + +Aber wie hätt’ ich nach dem Allen vermocht, jetzt nach seinem Wunsch +zu thun. Mich trieb’s dem Alten nach zu seh’n. Ich erblickt’ ihn +durch’s Fenster, wie er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das +Wasser breiter und stiller dahinfloß als anderwärts. Dort stund er +eine kurze Weile unbeweglich und warf die Waffe, die er mit sich +genommen, hinab in die Tiefe. Vorgebückt sah er ihr nach, wo sie +versunken war. Dann gieng er festen Schrittes die Höhe hinan. Ich +konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm. + +Aber da ich leise das Fenster geöffnet hatte und, wie ich mich +hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer des Tages über die Berge +aufdämmern sah, tönt’ es wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald +unterschied ich heilige Klänge und Orgelton. + +Da trat ich hinaus. + +Laut und lauter ertönte der Gesang und deutlicher erscholl der +Orgelton; und jetzt schwangen sich die Töne auf, wie nächtliche Nebel +aus der Tiefe zu lichten Morgenwolken werden, und ich hörte +vernehmlich den Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt’ auch +ich ein und sang die sel’gen Klänge mit. Da schienen mir die +Waldvöglein, die davon erwachten, auch mit uns Gott zu loben in ihrer +Weise; und wie ich hinaufsah nach St. Wigbert’s Kirchlein, gieng der +erste Sonnenstrahl über sein Dach, die nächtlichen Schatten entflohen +und ich grüßte das süße Licht. + + + + +Sechstes Kapitel. + +Widerstreit. + + +Gewißlich ist’s nichts Sonderliches, daß ein müßiger Mann den +Sonnenstrahl betrachtet, der durch’s Fenster strömt und die Stäublein +darin, wie sie hin und wieder schweben. Und ich durfte müßig sein in +jener Nachmittagsstunde, da ich im Chor unserer Kirche ins Gestühl +niedersaß dem Bilde gegenüber, das ich eben vollendet hatte. Es war +die Nachmittagsstunde eines heißen wolkenlosen Sommertages, unlange +vor dem Feste St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die Luft +fast schwül, draußen regte sich kein Laub, und nur das Flattern +geängsteter Schmetterlinge unterbrach die Stille, die durch die Wärme +aus ihren Puppen heute hervorgelockt sein mochten und nun, die +Freiheit suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil sie die +bunten Gläser für leuchtende Blüthen hielten. Sonderliches also war es +nicht, daß ich malmüder Mann der sommerlichen Ruhe rings umher +behaglich mitgenoß, die Hände ineinander gelegt hielt und den +spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drüben vom Fenster her hart +neben mir auf das Schnitzwerk am Gestühle gieng. Doch ich betrachtete +ihn und betrachtete ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran +haften, aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen wie eine +Brücke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher er kam: hinaus in die +Weite. Allda besuchten sie manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob +derselbe Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen +hier in der Kirche vor sich sahen. + +»Zeuch in Frieden zurück in Dein Kloster!« hatte Brun gar freundlich +zu mir gesagt zur Letze, da wir schieden, und hatte wie zum Segen +seine Hand erhoben. – »Zeuch zurück, Diether, in Deinen Frieden, und +auch die Erinnerung an all’ das, was Du auf Deiner Fahrt hier bei mir +und anderswo erlebt, störe ihn Dir nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu +gewohnter Pflicht. Überhöre keinen; und in solchem Gottesdienst wird +Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im Ernst und in der +Mühe, sie wird Dir nicht verleidet werden durch ungeduldiges +Hinausschweifen in die Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit +hinter Dir liegt, Dein Wünschen und Wähnen zu eig’ner Qual gefangen +nehmen!« Dann hatt’ er mir auch gesagt, ich sollte die Aventiure, so +mir begegnet war, und all’ meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir +auch ursprünglich bestimmt gewesen: als etwas, das nicht mich +angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern allein nur meine Kunst, mit +ihr desto besser Gott zu dienen. + +Nach solchem Rath hatt’ ich denn treulich gethan, und mich däuchte, er +war mir trefflich gediehen. + +Ich hatte mir fürgesetzt, von Allem, was sich mit mir zugetragen +hatte, so es möglich wäre, gegen Niemand im Convent zu reden: ich +würde denn gedrungen dazu. Denn ich wußte wohl, daß dann des Fragens +kein Ende sein würde, auch des Spottes nicht und des Verdachts. Nur +wie ich vor Abt Albrecht bestehen sollte mit meiner Beichte, wenn er +mich vor sich erfordern würde zur Rechenschaft von meiner Reise und +von dem, was ich ausgerichtet – das schuf mir Noth. Mein Bleiben auf +Elzeburg, und daß ich mir die Verwechselung so lang gefallen ließ, die +Ursach’ auch, aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den zween +Fahrenden: wie konnt’ ich denken, dies Alles dem Gestrengen so +glimpflich fürzubilden, auch wenn ich dabei der besten Kunst brauchte, +die ich vermöchte, daß er darob seine Gunst nicht von mir wendete, +mich hart anließ’ und gar in die Geißelkammer schickte zur Pön und +Büßung. + +Damit aber war es mir viel besser gerathen, als ich mich deß versehen +hatte. Denn da ich wieder gen Maulbronn kam und in den Klosterhof +trat, und die Brüder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so +Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von allen Seiten hörte: +»_Salve, Diethere!_« oder: »_Quid novi?_« oder: »Heah, Diether, wie hast +Du ein ander Aussehen gewonnen auf der Fahrt!« und da beinahe ein +Getümmel entstund von der Menge der Herzulaufenden und dem +»Diether«-Rufen – so merkt’ ich allsogleich, daß es heut an Abt +Albrecht’s Regiment fehlen müßte, denn es war die Stunde des Tages, da +sonst keiner der Brüder, zwingende Ursach’ ausgenommen, sich in Hof +und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich denn des Abtes drohende Gestalt +nirgend aus einer Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah, +fragt’ ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, daß er, hochwichtige +Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen Pforzheim gezogen wäre, +allda mit etlichen hohen weltlichen Herren zu handeln, die sich +unterwunden, unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, dem +er zumeist vertraute, wäre auch mit ihm, und so möcht’ ich mich um +deswillen nichts besorgen, sondern unter ihnen bleiben und von meiner +Fahrt erzählen. Da sagt’ ich ihnen, vom weiten Wege wär’ ich übermüde, +und ob sie nicht wüßten, daß zu dem Willkomm’, damit man den Waller +begrüße, bevor Allem sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete. +»Und wenn Ihr mir die gegönnt habt«, sagt’ ich, indem ich dem +Refectorio zuschritt, »so seid gefüge und laßt mir heute die Ruhe, die +ich Wegmüder wohl mir verdienet habe.« Da meinten Etliche, ich wäre +wohl gar stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man sähe, +daß ich in des Bischofs Pfalz die höfischen Sitten erlernet hätte. + +Nun ward mir nicht um ein Kleines sänftiglicher zu Sinne, daß ich +dergestalt heut und morgen des Erscheinens vor des Abtes hellem Auge +überhoben war; und wie ich mich der Brüder, sonderlich der Neugierigen +unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von meinen Aventiuren nichts +zu verrathen, auch dazu ward mir Rath. Denn andern Tages früh, +sogleich nach der Matutin, überkam ich den Befehl, den der Abt für +mich zurückgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner Fahrt +heimgekommen, schier ungesäumt mich an mein Malwerk in der Kirche +machen und dasselbige also fördern daß die Verzögerung, so ihm durch +mein Abwesen widerfahren, nach Möglichkeit wiederum eingeholt würde. + +Behender, dünkt mich, bin ich nie auf’s Gerüst hinangestiegen, als +dazumal, und lieber hab’ ich nimmer darauf mit Stift und Pinsel +geschafft, noch eifriger. Und das nicht allein darum, weil ich, so +lang’ ich droben weilte, vor aller Bedrängniß durch lästige Frager +geborgen war; – denn Niemand durfte mich aus sonderlichem Untersagen +des Abts da heimsuchen, er mußte denn zu Hilf’ und Handreichung von +mir begehrt sein – sondern ich erfand auch eben da, wie weise Brun +bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch trefflicher wies sein Rath +sich mir aus, als er wohl selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit, +dazu jeder Tag mich rief, lenkte freilich all’ meine Gedanken auf sich +und forderte mein Vermögen, es gänzlich daran zu kehren. So wurde mein +Gemüth vom unruhigen Schweifen durch sie heilsam zurückgehalten. Aber +da bewies Frau Kunst an mir Unmüßigem noch eine besondere Tugend. Denn +sie versagt denen, die sie meinen und minnen, nichts von Allem, wonach +sie Herze tragen, und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen +darnach und seiner Unlust. – Sie läßt die Seele der Dinge, daran sie +hängt, genießen, als wären sie beständig gegenwärtig, und kein Herbst +drohte den Blüthen und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen; +damit mein’ ich gar nicht, daß die, so einer edlen Kunst rechte Jünger +sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid und Mühe in der Übung +solcher Gabe nicht kennen: der Wiederhall von der Menschheit Weh und +Wonne, ja von Himmel und Hölle ertönet wohl lauter in ihrem Herzen als +in anderen; aber das sag’ ich, daß die Bilder der Dinge in ihrem +Gemüth sich spiegeln können in all’ ihrem unterschiedlichen Licht und +Glanz, und dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern in der +Stille bleiben kann und edlen Freiheit. + +Also, ist mein Wähnen, geschah auch mir in jenen Wochen nach meiner +Wiederkunft, da ich das Bild malte im Chor vom englischen Gruß. Ohne +Absicht gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den draußen +erlebten Maientagen in der Seele trug, und je eifriger ich allen Fleiß +zu meiner Arbeit kehrte, desto näher brachte sie mir das Erlebte, und +Vergangenheit und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins +zusammen und störten sich nicht. Da geschah’s auch, daß, wie ich die +sel’ge Gottesmutter auf das Bild gebracht hatte, die hehre Fraue +Irmela’s Züge an sich trug, und ich hielt’s nicht für sündlich, +sondern setzte mit Freuden die Glorie um’s Haupt aus lauterem Golde; +denn ich gedachte, daß wir ja auch das Heiligste nicht anders bilden +können, als indem wir Gottes Creatur dafür zum Gleichniß erkiesen. Ich +malte aber auch unter das Laub, so die heilige Maria überhängt, ein +Gezweig blühenden Flieders und zu der Lilie im Gefäß that ich ein Reis +mit röthlich schimmernden Apfelblüthen. Solches und Anderes fügt’ ich +hinzu, nach dem Bildniß, das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte. + +Als es nun Alles vollendet war, mit größerem Fleiß und eifrigerem +Trachten das Beste meines Vermögens zu thun, als ich je zuvor an ein +Bild gekehrt, däuchte mich’s wohl gerathen und ich dachte: »Was +gilt’s! Schwerlich hätte Abt Albrecht dem welschen Bilde, nach dem er +mich ausgesandt, eine bessere Zierde für unsere Kirche verdankt, als +er nun gewonnen hat!« + +Mit solchen Gedanken saß ich nieder in’s Gestühl an jenem Vormittag +mit dem Behagen Eines, der sein Werk vollbracht hat und nun ganz der +Ruhe genießt. Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg +vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten Mal nach meiner +Heimkunft, dünkt mich, stieg in mir die Frage auf, ob ich wohl für +immer von dieser bunten Welt draußen und von Elzeburg und ihrem +Ingesinde sollte geschieden bleiben. Irmela’s Zuversicht kam mir in +Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden die Hand bot, daß +sie mich um die Sonnenwende zu Speyer wieder zu sehen gedächte, als +ihrem Ohm gesindet. Ich mußte auch gedenken, wie sie sagte, sie +verhoffe noch manche Lieder von mir zu hören und fröhliche. »Wie wird +sie sich verwundern«, dacht’ ich, »wenn sie vernimmt, ich sei +entschwunden«, und ich fragte: »ob sie dann auch meiner Bitte sich +erinnern wird, die ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?« Und +ich wünscht’ es mir also. – »St. Johannistag ist nahe«, dacht’ ich +wieder, »nun wird das Mägdlein auf sein gen Speyer; leichtlich ist sie +schon allda. In der Kurzweil’ und im fürstlichen Glanz des Hofes wird +sie die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen haben – und, +eitler Diether, noch bälder Dich!« + +Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, denn er, so schien’s mir, +lockte meine Gedanken auf diese Bahn, und ich beschloß, solchem Sinnen +nicht ferner nachzuhangen. Brun’s gedachte ich und seiner Mahnung, da +er mich von sich ließ; ich gedachte auch der traurigen Geschichte, die +er mir erzählt hatte. Wie war er doch selbst von ihr so bewegt worden +und wie eindringlich warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich +ihn so gar verändert und erschreckend gesehen, hatte er Alles dessen, +was er da gethan und gesprochen, nicht mehr gedacht, als wär’ es von +ihm vergessen wie ein Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten +hatte er meine Lust gelobt in’s Kloster zurück und sie gemehrt. Auch +hatt’ er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen nicht aufgespart +bleiben, bis ich auf’s Neue eine Verwandlung leiden und die Flucht +geben müßte, denn dann würd’ er und gewißlich ich auch sie nimmer +wünschen; sondern um meinetwillen wollt’ er unterweilen aus seiner +Waldestiefe herfürtauchen und mich heimsuchen im Kloster. Einem alten +Waldbruder würde der Convent den Eingang nicht versperren. Um den +Johannistag wollt’ er mich sehen. Dessen gedacht’ ich jetzt und wie +übelgethan es von mir wäre und Zeichen eines unverständigen Sinnes, +wenn ich des treuen Berathers vergäße, den ich mir gewonnen hatte, und +außer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas mehr begehrte, +als was sie mir droben für mein Bild eingebracht hatte. – »So will +ich denn«, sagt’ ich bei mir, »in dieser Sommerzeit nur des Alten +harren und sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt das +Sonnenlicht mir gezeigt.« + +Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte die Kirche zu verlassen, +als ich im Laienchor feste und eilige Schritte hörte, und gleich +darauf durch das Lettnerpförtlein Abt Albrecht und hinter ihm der +Prior sichtbar wurden. Er war immer ein Herr von wenig Worten, und so +mocht’ er auch von Andern keins zum Überfluß hören. So fragt’ er nach +kurzem Gruß allsogleich, wie’s mir mit dem Bilde gerathen wäre. Ich +verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das Werk aufmerksam und +rief dann nach kurzer Weile: + +»Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und an dem Eifer, mit +dem Du daran geschafft hast, vermerke ich mit Freuden, wie fördersam +Dir die Reise gewesen ist. Zwar«, fuhr er fort, » ich sehe, Du hast +von dem Deinen hinzugethan, aber ausbündig herrlich muß das Muster +sein, nach welchem Dir hier dies Bild unserer lieben Frau gelungen +ist, und nicht zuviel nach meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des +welschen Meisters gerühmt.« + +Und er betrachtete wieder das Bild. + +»Wir sind wohl zufrieden mit Dir«, sagt’ er dann noch, indem er sich +zu mir kehrte – »erwarten nun aber, daß Du nicht minder Eifer und +Kunst an dem Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist. +Hier, weißt Du, sollen die heil’gen drei Könige fürgestellt werden +(und er zeigte auf die Stelle der Wand), wie sie gezogen kommen, den +Gottessohn anbeten und ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether, +das Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn Du Profeß thust, muß +zu mehrerer Ehre solcher Feier all’ diese heil’ge Zier von den Wänden +auf Dich herniedersehen, der durch Gottes Gabe und Gnade sie dahin +gebracht hat.« + +»So eben zur Stunde, ehrwürdiger Vater«, sagt’ ich bescheiden, »hab’ +ich das Letzte dort am englischen Gruß gethan.« + +»So ruhe heut«, sagt’ er wieder, »und heb morgen mit den heil’gen drei +Königen an.« + +»Noch weiß ich nicht, wie ich’s am Besten angreifen mag, und die +Königliche Pracht fürzubilden dünkt mich schwer zu sein, der ich des +ritterlichen Wesens wenig erschaut habe.« + +»Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel Deinem Auge kund +worden auf Deiner Fahrt, und wie hier am englischen Gruß der Gewinn +spürbar ist, den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so verhoff’ +ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus dem Morgenlande noch mehr +davon sichtbar werden. – Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit +gewährt, durch Feld und Wald zu streifen. Brauch’ solcher Muße, dem +Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es nur erst in Deiner +Seele lebendig, so werden die Hände bald nachfolgen, es zu gestalten. +Nur zögere nicht und laß Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch +Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten ist, darüber +sollst Du mir berichten, wenn ich Dich mit Nächstem darum vor mich +fordere. Denn zur Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.« + +Damit winkt’ er seinem Begleiter, hub zu Gruß und Segen die Hand gegen +mich, und als ich aufsah, schritten sie schon das Pförtlein hinaus, +durch das sie gekommen waren. + +Da verließ auch ich die Kirche. Nach des Abtes Rath und dem Antriebe +meines eigenen Herzens eilt’ ich die Klostermauern hinter mir zu +haben. Wacker waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt gen +Bretten, und doch hatt’ ich kein Ziel. Mich trieb’s nur zur Bewegung, +und zu rasten wär’ mir unmöglich gewesen. Und ob ich gleich mit allem +Fleiß mein Gemüth dahin zwang, über das Bild zu sinnen, das ich +allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir damit nicht, meine +Gedanken zur Ruhe zu bringen und zum stillen Aufmerken, wie meine Hand +das Alles gestalten möchte. Sondern immer wieder schweiften sie hinaus +und zurück in die Welt, der ich ungedacht eine Weile zugesellt gewesen +war. Ja, das Sinnen über das Malwerk selber, so mir aufgetragen war, +half ihnen heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen +Waller fürstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen den reisigen +Troß; immer wieder waren es da Gestalten von Elzeburg, die dahin +zogen, zierlich geschmückt, und dann schienen sie mir mit ihren +Fähnlein zu winken, als grüßten sie herüber und riefen: »Irmela der +Herrin fahren wir entgegen!« Dann war’s, als müßt’ ich selber mich zu +ihnen gesinden und ich sähe mich da auch unter dem Troß. + +Da sprach ich zu mir: »Diether, es taugt Dir heut hier außen nicht, +mach’ Dich zurück in die Abtei, schleuß Dich ein in Deine Zelle, nimm +Kohle und Stift zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf’s +Papier, so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen!« Aber dem +Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren, schritt ich +fürbaß, als würde ich vor mir stärker gelockt. + +Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende und lenkte zwischen +felsigten Bergen in ein Thal hinein, das mit grünem Wiesenplan gar +freundlich sich vor meinen Blicken aufthat. Hier wandelt’ ich zumeist +schon im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden Sommertages +milderte, indeß droben auf den Höhen das röthliche Gestein, von hellem +Grün dicht belaubten Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto +leuchtender herniedersah. Mir zur Seite floß ein rauschendes Wasser. +Seine Wellen hüpften in Sprüngen dahin, als lüden sie mich ein +auszuschreiten ihnen nach, und wüßten mir noch Schönes zu zeigen. Und +fürwahr! darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich das Thal +hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild auf, unmaßen lieblich dem +Auge anzusehen. Hier waren die Bergzüge noch höher, aber sie stiegen +zu beiden Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als wollten +sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein Dörflein genommen. Das hieng an +der Lehne eines waldigen Hügels, aus dem ein Felsen steil +emporstarrte. Auf diesem Felsen ragte eine bethürmte Burg, gar trutzig +über die Dächer unten hinausschauend in die Ferne, dem wachsamen +Hirten gleich, der sich bewehrt hat, seine Heerde vor dem Wolf zu +schirmen. So friedlich und sicher lagerten sich hier die Häuser an den +Bergeshang, der die Burg trug, dicht zusammengedrängt, und nur hie und +da lugte noch ein Dach weiter unten im Thal zwischen breitwipfligen +Nußbäumen hervor. Rebenpflanzungen und Ackerfelder bis oben an den +Waldrand der Berge, wohlbestellte Gärten und fette Weiden um’s Dorf +her bezeugten, daß es diesem Winkel der Erde nicht am Segen des +Himmels, noch am Fleiß der Menschenhände fehlte. + +Froh überrascht von dem unerwarteten Anblick hielt ich meine Schritte +an. Noch besser sein zu genießen, klomm ich einen Pfad hinan, der die +Höhe aufwärts führte zur Seite meines Weges. Da gewann ich bald vom +Vorsprung eines Felsens ein herrliches Lugaus. Burg und Dorf und +Gärten und Wiesen, in vielen Schlingungen vom fließenden Wasser +durchzogen, und weiterhin ringsum die Höhen, hier sanfter +anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich prangend +mit reifenden Saatfeldern und weitästigen Obstbäumen, dazu die +mächtigen Waldungen, die oben die Bergrücken bekrönten und auch, wo +Schluchten und Klüfte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten: +Dies Alles übersah ich nun mit einem Blick und es däuchte mich, als +schaut’ ich ein Bild, gemalt von des besten Meisters Händen. Da zog +sich auch der Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen und +Gärten an dem Burgberg vorbei in das Dörflein hinein. Drüben, wo es zu +Ende war, ward er wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausführte, das +da als in einem Bogen sich abschloß. Die Straße theilte sich dort, so +daß ein Arm zur Rechten des Wassers blieb und mit diesem zugleich, +sich allgemach krümmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil +aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen Wiesengrund +linkswärts zweigte sich von dem ersten Weg ein zweiter ab; den führte +eine stattliche Brücke über das Flüßlein, und darnach schien er in das +Gebirg gen Mittag hinaufzuleiten. – + +Wie ich so all’ dies mit Muße von meiner Höhe aus betrachtete und +mich recht eine Freude durchdrang über die stille Herrlichkeit der +Gotteswelt vor mir, da ward mir’s gewiß: Dies wäre mir nicht +vergeblich gezeigt. »Könntest Du«, sagt’ ich zu mir, »Etwas ersinnen, +was wohlgefälliger anzuschaun wäre und würdiger, die Stätte +vorzustellen, da die heiligen Könige dem Gotteskinde und seiner Mutter +begegnen – als hier dies bergumschlossene Gefild? He, Diether! Nun +präge Dir all’ diese Augenlust recht tief ein in Dein Gemüth nach +Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der Abendstern schon +erblinkte und schickte seine Strahlen von dort oben: auf eine minder +wonnesame Welt, wähn’ ich, säh’ er nicht hernieder, als damals der +Wunderstern, der über Bethlehem stille stund.« Solches sagt’ ich zu +mir und ließ meinen Blick über Alles wandern, was da zur Weide vor ihm +ausgebreitet war. Drüben vom Abend her, wo der Weg hinausführte aus +dem Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig +auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes herein und +streifte die Baumwipfel des Waldes und traf auch die Zinnen der Burg. +Von da, dacht’ ich, sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die +Helden der Gottesminne geleitet, und wie würden sie voll Freude +jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ersähen. Und wieder +stellten sich die Gedanken von vorhin ein, wie ein erwünschtes Ding es +doch wäre, wenn ich selber da heute so mitreiten könnte über Berg und +Thal, und zöge durch die geschmückte Welt zur Sommerzeit. – + +Träumt’ ich da, oder befieng ein Zauber meine Sinne, der mir zum +Spott vor’s Gesicht brachte, was doch nicht war?! Denn siehe! Dort +drüben auf dem Wege zum Thal hinein kam’s hervor, zuerst nur +undeutlich zu sehen zwischen den Waldbäumen, dann glänzend im +Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche Reiter voran und, wie ich am +blitzenden Zierrath erkennen konnte, den Mannen und Rosse trugen, +herrlich geschmückt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu sein, +denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet; sie trugen ein +Banner, und von den Häuptern ihrer Pferde nickten bunte Federbüsche; +ihnen folgten gewappnete Knechte zu Fuß und andere reitend auf Rossen, +die auf’s Zierlichste aufgezäumt waren. Darnach kamen Ritter und +Herren, alle prächtig angethan, nicht gerüstet, sondern als hätten sie +sich einem Feste entgegengeziert und an Seide, an Sammet und an +köstlichen Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen war auch +Einer, der saß gemächlich auf weißem Zelter: nach Hut und Gewand sah +er aus wie ein hoher geistlicher Herr; Diener führten sein Thier. Nach +diesen kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Geräth hochbeladen, +wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu Gezelt und Küchenwerk bestimmt, +und letzlich zog ein bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich +allweg solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es etwas zu +schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt. So entfaltete sich dieser +Zug, aus dem Walde herfürkommend, und war nun ganz sichtbar auf dem +Wege, den er erfüllte. + +Schon wähnt’ ich, sie würden ihre Fahrt etwan hinein in’s Dorf nehmen +und hinauf zur Burg oder an mir vorüber; aber da sie an die Scheide +des Weges gekommen waren, wandten sie sich linkswärts zur Brücke und +zogen da die Straße quer durch’s Thal in das Gebirg’ hinauf. Staunend +ruhte mein Auge auf all’ der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie +ich zuvor ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel +möglich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus dem Zuge hinter +den Bergen verschwunden war. Das war bald geschehen und drüben war mir +der Weg wieder so einsam wie vordem. + +Wohl durft’ ich mich da fragen, ob’s Wirklichkeit gewesen wäre, was +ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung. Doch solcher Zweifel ward +mir bald benommen, denn ich sah zween Knappen zurückkehren sogleich +darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt sind, die +Straße heranreiten, welche in’s Dorf führte. Sie mußten frohe Märe zu +bringen haben und selber frohen Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf +der Dorfstraße zusammen kam, durfte die fremden Gäste fragen und +gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der Leutlein wahrnahm, schier +guten Bescheid. Der eine der Beiden lenkte seitwärts hinan zur Burg, +der andere ritt weiter fürbaß. + +Als ich sah, daß er den Weg zog, den ich gekommen war, und also an mir +vorüber mußte, stieg ich behend von meiner Warte hinab, und da er +nahte, schritt ich ihm entgegen, grüßte ihn mit Züchten und fragte, ob +er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei Herren das gewesen wären, +die da mit also stolzer Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer +Reise Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es müßten vor +Andern auserlesene Ritter sein, und gewißlich war’s ein hohes +Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck entgegenführen. + +Da erwiederte der Gefragte: »Ihr habt meiner Treu mit Beidem das +Richtige getroffen, wenn anders eine Hochzeit ein Freudenfest ist und +ein Bischof und Grafen und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich +auszurichten.« + +Darnach sagt’ er mir, daß sie von Speyer kämen, dahin die junge Braut +zu geleiten, welche Conrad, dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt +wäre. Der Bischof selber führte ihr den Bräutigam zu, und manch’ Edler +wäre noch in seinem Gefolge. Hier unweit sollte die Begegnung +stattfinden und einen herrlichen Empfang wollte man der Braut und +ihrem Geleite bereiten. »Da wird es,« schloß er, »an Ehr’ und +Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und ritterlichem +Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen, wenn man höfische Tugend +und milde Sitten beweisen will; so wird’s auch Euch nicht reuen, +geistlicher Bruder, wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz +widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach Eurem Theile seiner +Freude mit zu genießen. Gewiß! Ihr bringt genug der Erinnerung heim, +davon noch lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.« + +Darauf trieb er sein Roß an und trabte von dannen. Das war mir leid, +denn was er mir berichtet hatte, gieng mir näher zu Herzen, als er’s +denken konnte, und gerne hätt’ ich von ihm noch mehr erfragt. + +Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet hatte, das kam +mir auf meinem Heimwege nicht aus dem Sinn. Wieder waren meine +Gedanken nach Speyer gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte, +wenn ich nicht von den Elzeburgern mich losgerissen hätte, und ich +fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wäre mit ihrem Ohm oder ihr +diese hochzeitliche Fahrt gälte. Schalt ich mich dann wegen solchen +Fragens, das mir doch zu nichts diente als zur Mehrung meines +unruhigen Muthes, so half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder +sah ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit der Frage: +»Ist’s Irmela, der sie entgegen ziehen?« – + +So war denn mein Zweifel und meine Unruhe groß, da ich spät gen +Maulbronn zurückgelangt war, und vor Herzensschwere und Widerstreit in +meiner Seele durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir die +heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und unter dem Volke das +Fest mit zu schauen, ob ich da die Elzeburgerin sehen möchte, +vielleicht als die, der zu Ehren all’ diese herrliche Pracht gezeigt +ward. Und ich sagte mir, daß es ja nichts Arges wäre, das mich triebe, +der Gelegenheit zu brauchen, das Mägdlein unvermerkt wieder zu sehen, +ja, daß freilich das Gegentheil verwunderlich sein würde, und Zeichen +eines blöden Sinnes; ich fand auch, daß jenes Thal mit der ragenden +Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche Fest, mir +weidlich am Bilde zum Guten gedeihen würde. Hatte mich doch der Abt +selber dahin gewiesen, draußen zu suchen und mich umzuschauen, wie ich +dem neuen Bilde am besten rathen könnte. Wenn mich aber so mein Sehnen +schuldlos däuchte und daß es nicht noth wäre, meinem dahin gerichteten +Gemüthe zu wehren, so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem +Herzen gar ernstlich, als wär’ es doch nur eine Versuchung, die mich +hinauslockte, um mich in Schaden und Unseligkeit zu stürzen. + +Und eine Bangigkeit kam über mich, als ob es mir übel gerathen würde, +so ich hinzöge. Als es aber lichtmorgen worden war und ich im +Klostergarten der würzigen Luft genoß, da schöpfte meine Brust auch, +däuchte mich, wieder frischen Lebensmuth, und es schien mir, die +ruhelose Nacht hätte mich furchtsam gemacht, und ich sah nichts +Schlimmes in meinem Wunsche. + +Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht Genüge. Sondern, wie sie +mir in der Erinnerung lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern +mir zum Bilde auserwählt, mit allem Fleiß, und auch die heiligen +Wallfahrer mit ihrem Troß entwarf ich auf der Stelle, wo mir der +festliche Zug erschienen war. Unmüßig war ich den ganzen Tag, daß ich +morgen die Versäumniß mir desto weniger zum Vorwurf zu nehmen +brauchte. Was ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck +beim Feste sehen möchte, das wollt’ ich mir wohl in der Erinnerung +bewahren und für’s Bild verwenden. Denn nur einen halben Tag gedacht’ +ich aus zu sein und den nächsten wieder im Kloster meiner stillen +Arbeit obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin kehrte, die +Spiele mit anzusehen, die der Braut zu Ehren sollten gefeiert werden, +und mich des Dinges weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela’s +gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden würde, desto heiterer +schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als wär’ ich auch zum Feste +geladen, und mich däuchte, wenn ich zu Roß da hinauf zöge, so hätt’ +ich das auf Elzeburg also erlernet, daß ich keinem der Herren zur +Schande da sein würde. + +In solchem Muthe machte ich mich denn Tags darauf, noch ehe man +Mittags zur Speisung im Refectorio zusammenkam, von dannen. Dem +Pförtner sagt’ ich, meiner Kunst zu Dienst müßt’ ich aus sein und am +Abend würd’ ich wiederkehren. Daß mir solche Freiheit verstattet war, +mehr als den Brüdern, deß waren sie gewohnt im Convent, und so ward +ich auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert durch die +geöffnete Pforte. + +Draußen in einem der letzten Häuser, die um’s Kloster gebaut sind, +wohnten alte Leute, die der Abtei hörig waren. Es war ein Ehepaar, +Mann und Weib wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten +in ihre Hütte oder wenigstens durch’s Fenster sie zu grüßen. Es +geschah immer zu ihrer großen Freude; denn in meinen jungen +Kinderjahren war ich in ihrer Pflege gewesen, und noch immer hegten +sie eine sonderliche Liebe zu mir. Bei ihnen hatt’ ich, da ich von +Brun wiederkam, das köstliche von Irmela mir geschenkte Kleid +niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen klösterlichen Rock +angezogen hatte, dem ähnlich, den ich sonst zu tragen gewohnt war, +wollte, daß ich das zierliche Gewand bei ihm für immer zurückließe. +Aber da ich wünschte, es zu behalten, weil mir zu meiner Malkunst +solch’ auserwähltes Kleid leicht noch nütze werden könnte, so willigte +er ein und ich trug’s im wohlverhüllten Bündlein mit mir. Niemand +hätte mir wehren können, es mit mir in’s Kloster zu nehmen und mit dem +anderen Geräth und den Kleinoden meiner Kunst zu bewahren, aber ich +hatt’ es doch für viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto +lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu bringen. Und so +hatt’ ich Irmela’s Gabe bei den Alten in Verwahrung gethan. + +Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben sie mir, wie ich’s +heischte und unversehrt, das wohlverwahrte Kleid zurück. »Mir ist’s +bestimmt zu tragen«, dacht’ ich. »Zwar die Kunst, mit der ich mir’s +verdient zum Lohn, gedenk’ ich nicht mehr zu üben; aber wenn je, so +mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser Fahrt. Ist ihr Ziel +heimlich, so sichert mir wohl dies Kleid, wenn’s Noth ist, meine +Heimlichkeit.« + +Und so nahm ich’s mit mir. + + + + +Siebentes Capitel. + +Beim Feste. + + +Es war noch hoch am Tage, denn ich war rüstig zugeschritten, als ich +wieder zur Seite des Baches das Thal durchzog, von dem aus ich zum +Dorf gelangen sollte, das so sicher sich lagert um die bethürmte Burg. +Je näher ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, daß heut den +Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag angebrochen war, den +mit zu feiern Keiner versäumen wollte, der wohl auf war und gerne +fröhlich. Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele nach +wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam, fand ich der fremden +Gäste viele. Die Lustbarkeit der Herren mußte wohl bekannt worden sein +aller Orten ringsum. Da waren Junker und Knechte, Bürger und Bauern, +auch fahrende Sänger, Luftspringer, Gaukler und Hebräer, und was sonst +Leute dem Gewinne nachgehn, wo müßiges Volk sich zusammenfindet, das +die Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen läßt. Alle zogen +sie hindurch der Brücke zu jenseit des Dorfes, und auch von drüben +ward der Haufe durch Gäste vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich +die Herren hatte quer durch’s Thal reiten sehen. + +Ich hatte mich, da ich durch’s Dorf schritt, Bauern zugesellt. Von +ihnen erfuhr ich, daß heute Morgen die Braut und ihr Geleite unweit +des Ortes angelangt und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich +empfangen worden wäre. Alsbald hätten die Speyerischen die Ankömmlinge +zum Lustlager geführt, das sie zugerichtet, allda zu rasten und die +Begegnung fürstlich zu feiern. + +Wie die Braut geheißen würde und woher sie käme, konnt’ ich nicht +erkunden; doch bezeugten sie, das volle Lob, das edlen Sitten und +prangender Jugend gebühret, würde von der Sage der Leute ihr +zuerkannt. + +Unser Weg führte uns im Bogen aus dem Thal eine nicht kleine Höhe +hinan. Weil die Bauern da oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen mußten, +wie sie mir sagten, so war die Straße breit und sanft ansteigend +bereitet und gemächlich aus ihr zu schreiten. Hoher Buchenwald zu +Seiten unseres Weges hinderte den Ausblick. Um so mehr war ich +betroffen von der weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf +dem Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald in’s Freie +trat. Da sah man weithin Gebirg’ und Land, und unten vor sich das +muntere Thal mit Burg und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen +anmuthig umkränzt war. Aber auf dies Alles blieb mein Blick nur einen +Augenblick hingelenkt; denn das Bild, das ich in der Nähe vor mir sah, +nahm all’ mein Aufmerken gefangen. + +Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan, der beinahe die +ganze Breite des Berggipfels einnahm. Sonst besuchte diese Stätte wohl +nur der Hirt mit seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb, +oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit, und wenn sie auf den +anliegenden Feldern ackern oder ernten wollten. Aber heut’ gieng’s auf +der Höhe ganz anders, lärmend und fröhlich zu. Zu Haufen stunden da +die Menschen umher, thaten sich gütlich und hatten ihre Kurzweil, die +gekommen waren, das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei an +Festlichkeiten vorkommen würde, mit anzusehen. Da verführte +männiglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn die Menge müßig ist und +in Erwartung neuer Dinge, ein Getöse rings um mich her, da ich unter +sie schritt, daß es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte bald, +daß der Meisten Augen und Sinne nach jener Seite gerichtet waren, wo +ich gleich anfangs, da ich die Aue übersah, das Lager der Herrschaften +wahrgenommen hatte. + +Da war unter einem Nußbaum, der hoch und weit seine dichtbelaubten +Äste streckte, und etwas in der Mitte der Bergwiese stund, von seinem +Stamme aus ein Überdach aus buntem Gewebe gespannt mit purpurnen +Quasten, das vorne Stäbe trugen, die in Gold und Silber erglänzten. +Unter diesem Überdach zur Erde waren Teppiche gebreitet mit +schimmernden Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich +gesticktem Zeuge überdeckt waren; als das Meisterlichste aber in +zierlicher Arbeit und reicher Pracht mußte Jedermann die Decken +auserkennen, so von der Höhe des Daches zur Erde niederhiengen und +hinten den Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur und +Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all diese edle Kunst +betrachtete und Einen, der mir zunächst stund, fragte, was wohl des +Gezeltes Bedeutung wäre, sagt’ er mir, das wäre für die Braut +bestimmt, von da aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren +würden gehalten werden. Die reichen Decken aber hätte der Bischof aus +seiner Hofhaltung von Speyer hergeführt. Daß ich da wieder vom Bischof +Gebhard hörte, schuf mir wenig Freude, und mahnte mich daran, daß ich +sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen könnte oder ich ihm; +doch er kannte mich ja nicht von Person, und wie sollte mich Irgendwer +aus der Menge herausfinden, so ich mich nur klüglich hielt. Zudem +wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut hörte, ihren Namen +zu erkunden und ob es wohl Irmela wäre. So lugt’ ich denn mit Eifer +nach vorn, vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder +liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit meiner hohen +Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte, leicht über die Häupter der +Meisten. So erblickt’ ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich +umdrängte, Alles, was da für die Herren und ihre Gäste hergerichtet +war. Ich sah reiche Gezelte und unter grünem Gezweig Tische, das Mahl +zu halten. Seitwärts im Schatten des Waldraines stunden Rosse und +Saumthiere, mit Halftern an die Äste der Bäume gebunden, oder an +eingezäunten Stellen grasend. + +Unweit von da waren von Brettern Tische und Bänke für die Knechte +hergerichtet, und unterschiedliche Rauchsäulen, die hie und dort +hinter Bäumen emporstiegen, ließen erkennen, daß man zum Mahle +rüstete; wie denn auch jetzt schon unter einer schattenden Buche ein +Schenke aus einem großen Faß Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat, +den Becher oder Krug füllte. Wiewohl nun da die Geschäftigkeit der +Diener um die Zelte und Tische groß war, und auch ritterliche Herren, +in reichem Schmuck gekleidet, sichtbar wurden, so konnt’ ich doch aus +der Menge Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem schon +gesehen hätte. Aber all’ dies Wesen und Leben vor mir erschien meinen +Neulingsblicken doch so werth der Betrachtung, daß ich nur immer +unverwandt hinstarrte und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan +aus deren einem die Braut schreiten möchte. + +So mocht’ ich höher denn sonst mich gereckt haben, gar nicht achtend, +ob ich nicht auch selbst ringsum Allen so bemerkbar würde, als ich +hinter mir eine Stimme vernahm, von der ich gewiß war, daß ich sie +nicht zum ersten Mal hörte. + + »Sieh dort den Mönch, der mit uns briet + Dein Gänslein, eh’ uns Krumholz schied.« + +Darauf kam die Antwort: + + »Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth: + Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied. + Drum fort, daß er uns nicht ersieht!« + +Geschwind hatt’ ich mich bei dieser Wechselrede, deren Sinn mir nur +allzuverständlich war, umgewandt; aber gar eilig befolgte das +ungleiche Paar den Rath des Kleinen, und nur noch einen kurzen +Augenblick sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestüm durch die +Menge hindurch drängten, in der sie sogleich darauf verschwunden +waren. Da mußt’ ich bei mir lachen, daß hier Jemand vor mir die Flucht +gab, dem doch selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben +und unerkannt. Und so gedacht’ ich hinfort fürsichtiger zu sein und +mich sorglicher unter dem Haufen verborgen zu halten. + +Aber da geschah es, daß, mir zum Wenigsten ganz unerwartet, drüben um +die Gezelte eine Bewegung nicht kleine entstund und Diener in bunten +Röcken unterschiedlicher Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen +der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stäben, die sie in Händen +schwangen, die umherstehenden Leute zurücktrieben, daß vor uns der +ganze Platz frei würde. Wie nun von den also Bedrängten der Eine hier +und der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, zuerst nicht +wußte, wohin ich mich wenden sollte und hernach öftermalen immer +wieder an einen Wärtel gerieth, der mich dann mit Schelten +zurücktrieb, so fiengen die Leute an über dies Spiel zu lachen, was +mich noch mehr verwirrte, so daß ich endlich gar nicht mehr durch die +Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar vorn unter den +Ersten stehen bleiben mußte. + +Doch im nächsten Augenblick waren Aller Augen nur vor sich nach den +Zelten gerichtet, sich nichts entgehen zu lassen, was da vorgieng. Da +traten zuerst die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten im +Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang des einen sonderlich +geschmückten Zeltes, richteten ihre Banner auf, setzten ihre Hörner an +den Mund und ließen die ertönen, daß es ringsum aus dem Wald und +trüben von den Bergen wiederhallte. Da ward Alles still, und heraus +traten aus demselben Gezelt der Bischof Gebhardus Spirensis, auf +dessen Ornat ein Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an güldner +Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur Seite ein junger +Ritter, stolzen und strengen Aussehns, über dessen Schulter nach +fränkischem Schnitt an seidnen Schnüren ein Mantel hieng von Sammet +und köstlichem Zobel. Dieser Ritter, so hört’ ich, war Gebhard’s +Neffe, reich an Gütern und aus fürstlichem Hause; ihm hätte der Ohm +selber die Braut geworben, die jetzt gen Speyer geleitet würde, und +Wunder hörte man von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wäre. + +Während dem schritten die Beiden, die Herolde voran und in ihrem +Gefolge Herren und Junker und dem Zuge zur Seite Knechte mit +Hellebarden oder gezogenen Schwertern, einem gegenüber aufgeschlagenen +Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben giengen hinein. +Alsbald stießen die beiden Herolde wiederum in ihre Hörner, daß es +laut erscholl. Da wurden die Zeltvorhänge zurückgeschlagen und heraus +ward die Braut geführt; ihr folgten Dienerinnen. O, ich erkannte sie +wohl und Den, der sie an der Hand führte, ob auch gleich, seitdem ich +sie zuletzt gesehen, eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war! +Ihre Schönheit, däuchte mich, war strahlender geworden: nicht Dank der +Pracht, welche die Maid da trug; denn Wer mochte noch dem seidenen +Gewande mit den gestickten Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen +Gürtel und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gönnen, wenn er nur +einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da vom Schleier umwallt +leuchtete, wie wenn Lilien und Rosen zusammenstehen. Sondern was nach +meinem Wähnen ihrer Schönheit zur Erhöhung diente, war, daß sie all’ +der Zier, mit der man sie heute sah, nicht zu begehren noch zu +bedürfen schien, und daß sie auf die Herrlichkeit, die sie hier umgab, +kein größeres Aufmerken hinkehrte, wie mich däuchte, als damals auf +ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg zu sehen gewohnt +gewesen war. Und dies eben schien mir als eine Veränderung in ihrer +Seele, daß sie an der gegenwärtigen Pracht keinen größeren Antheil +nahm, die doch, als ich wähnte, vor wenigen Wochen über den geringsten +Theil dieser Augenweide der kindlichen Freude viel gezeigt hätte. + +Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter Conrad mit +zierlichem Gruß, den sie mit Züchten erwiederte, wie sie auch mit +Ehrerbietung vor den Bischof trat. Da ward von allen Seiten ein +freundlich Grüßen gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur +Seite, sie zu geleiten, als der die größte Ehre an diesem Tage +gebührte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte sich der Bräutigam. +Hernach folgten die Andern in ihrer Ordnung. So begaben sie sich +allsammt nach dem Sommerzelt, das am Nußbaum ausgespannt war, wo auf +den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu beiden Seiten der Bischof +und der Graf sich niederließen. Hinter sie stellte sich Conrad und +sonst zween oder drei der Edelsten aus Gebhard’s Gefolge. Die Andern +alle, Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, wie +ihm gebührte, diesen Herrschaften zur Rechten und zur Linken. + +Wie ich das Alles betrachtete, wundert’ ich mich, wie wenig doch +Irmela, der zu Genieß dies Gepränge bereitet war, die Glückseligkeit +einer Braut sehen ließ; wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum +Gemahl erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie liebevoll +sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete und wie freundlich +jedesmal ihr Angesicht lächelte, wenn er’s that, als sollt’ er nicht +zweifeln, daß sie ganz glücklich wäre. + +Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten dem Volke Stille +und einer der Herolde trat vor, verneigte sich gegen die Herrschaften +im Gezelte und rief dann, zum Volk gewandt, mit lauter Stimme +folgendermaßen: + +»Nachdem es seiner bischöflichen Gnaden geliebt hat, ihren Neffen, den +trefflichen Ritter Conrad, von Gernstein zubenannnt, auf seiner +fröhlichen Brautfahrt hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre +dieses Tages und zur Erhöhung werther Lustbarkeit nach alter Sitte +öffentliche Spiele halten wollen. Und weil denn die vieledle Braut« +(hierbei neigte der Herold sich gegen das Fräulein) »der preislichen +Singekunst sonderlich zugethan ist, lassen Seine bischöfliche Gnaden +zuvörderst Alle, die in der Singekunst etwas vermögen und sich deß +getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten, darin ihr Bestes zu +versuchen. Ein Kranz und silberner Becher ist der Preis. Die holde +Braut selber wird die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger +auserkennt.« + +Darauf schwieg dieser Herold und trat zurück an seinen Ort. Da winkte +der Bischof einem Edelknaben, der hinter im stund. Der kam hervor, bog +vor Irmela das Knie und bot ihr in silbernem Gefäße, das er in Händen +trug, ein weißes Blatt und Griffel dar. Sie nahm Beides, reichte es +aber hinter sich dem Gernsteiner. Der besann sich nicht lange, +beschrieb das Papier und legt’ es wieder in die Schüssel. Nun gieng +der Knabe, nahm das Blatt heraus und übergab es dem andern Herold. +Nachdem dieser gethan, wie der erste, entfaltete er das Papier, erhub +seine Stimme und las, was da geschrieben stund: + +»Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt!« Das ist’s, worauf +die Singer Antwort geben sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn, +wer hoher Ehren begehrt! – Zum Sinnen ist eine kurze Frist +verstattet!« + +Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von der Stelle hinweg +zu machen, auf der ich stund. Nicht allein des Bischofs wegen, wenn +ihn etwa die Lust ankäme, nach dem Klösterling zu fragen und mich vor +sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger, in dieser +meiner Tracht von der Jungfrau Irmela erkannt zu werden; und nahe +genug war ich ihr da. Ich sucht’ also und fand, da nun eine +Zwischenzeit, bis sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war, +eine Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr entgangen. Aber +vom Schaun der Herrlichkeit wie von der Erwartung, was nun folgen +sollte, war mein Gemüth so erregt, daß es mir eine Pein schien, dem +Spiele fern zu bleiben. Auch war mir, ich wußte selber nicht warum, +Irmela’s Anblick hier im festlichen Glanz so leid wie lieb gewesen, +aber ein sehnendes Verlangen zwang mich zurück, sein ferner zu +genießen. + +So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren, und der +Sorge, durch meine Tracht in Beschwerniß zu gerathen. Da vernahm ich +von ferne den Schall der Hörner und den Ruf des Heroldes, daß das +Spiel begönne. Alsbald sucht’ ich mir einen sicheren Versteck unter +überhängendem Gestein. Daselbst legt’ ich meinen Klosterrock ab, +verbarg ihn wohl und kam in der Singertracht herfür, die ich mir in +Elzeburg zum Lohne verdient hatte. + +Eilig kehrt’ ich nun zurück und mischte mich unter’s Volk wie vorhin, +nur daß ich so weit wie möglich von meinem ersten Standorte fern blieb +und mich weislich nicht unter die Vordersten drängte. + +Schon hatte das Wettsingen seinen Anfang genommen und unter den +Zusehern, acht’ ich, merkte Keiner eifriger darauf, als ich. Wie viel +Singer vortraten, ihr Vermögen zu erproben, weiß ich nicht. Sie +zeigten Alle ihre beste Kunst. Auch der Lange, mein einstiger +Reisegesell, der mich mit in die Waibstädter Händel gebracht hatte, +kam, sich Kranz und Becher zu ersingen. Ich bückte mich, da er in den +Kreis trat, denn mir schien, als säh’ er sich sorglich um und schritte +nur zögernd hinzu; aber der Kurze hinter ihm, sah ich wohl, trieb ihn +vorwärts mit Ermunterung und Spott. Wohl durfte sich der Fiedler sehen +lassen, denn Frau Aventiure war ihm, nach seinem Kleid, das er jetzt +trug, zu urtheilen, hold gewesen, wenn er’s anders seiner Kunst +verdankte. Daß die nicht kleine war, ward auch am Spruch offenbar, den +er hören ließ. Lautes Lob erscholl, da er zu Ende war. + +Derweilen saß Irmela, das Haupt ein wenig auf den linken Arm +stützend, und regte sich nicht. Ihre Augen waren gesenkt, und nur +selten ließ sie einen Blick über den Singer gehen, der vor ihr stund. +An dem Allen war zu spüren, wie aufmerksam sie auf das Gesungene +hörte, und wie sie nachsann über das, was ihr Ohr vernahm. Doch ihr +Eifer, Alles recht zu erfassen, schien mir kein anderer, als den sie +damals erzeigt hatte, da sie von mir die alten Mären vernahm, von +Sifrit, dem kühnen Recken. Sie hatte wohl Freude daran, aber Herz und +Sinn giengen ihr dahin nicht. Sie achtete auf die Kunst, die da +bewiesen ward; aber ihr Gemüth, schien es, war nicht vertraut mit dem, +was sie hörte. Daß sich das Fräulein also erzeigte, däuchte mich +verwunderlich und nicht so gethan, wie ich mir’s von einer jungen +Braut gedachte, die zu ihrem Trauten Herzenliebe trüge. + +Nun wuchs aber auch mir unterm Hören der Eifer um die Sache, der sich +da die Singer beflissen. Sie gaben auf die Frage, so ihnen gestellt +war, unterschiedliche Antworten. Der Eine rühmte Ehre und tugendliche +Sitten, als wodurch der Liebe Gedeihn erwüchse; der Andere strich dazu +die Freude aus und hochgemuthes Leben; ein Dritter Herzensreinheit und +Treue falschesfreie; ein Vierter glückselige Schönheit und frohe +Jugend. Und zuletzt wandten sie immer ihren Spruch auf das Brautpaar +vor ihnen, als bei dem solche Gaben und Tugenden im Überschwang zu +finden wären, und ließen es ihm an keinem Lobe fehlen. Doch davon +schien sich Irmela nichts anzunehmen, nicht zwar aus Stolz, sondern +als wüßte sie nicht, warum sie solchen Ruhm sonderlich werth halten +sollte. + +Da rief der Herold wieder, ob noch Einer da wäre, der sich des Singens +unterwinden wollte. Denn so Viele zuerst in den Ring getreten waren, +die hatten nun Alle das Ihre gethan und stunden seitwärts, des +Richterspruches harrend. Wie Alles stille blieb, geschah es, als ich +wahrnahm, zum ersten Male, daß Irmela ihre lichten Augen aufhub und +frei umschweifen ließ über die Menge. + +Da schlug mir mein Herz hoch auf, denn mir war’s in dem Augenblick +nicht anders, als erwartete sie mich zu sehen. Und so that ich ohne +Wahl einen Schritt vorwärts. Wie diese meine Bewegung nun gerade auf +den Ruf des Herolds geschah und nach meiner Tracht die Leute mich wohl +für einen Singer halten konnten, der zu diesem Feste seinen besten +Schmuck angelegt, so wichen sie seitwärts und riefen den vorn +Stehenden zu, das Gleiche zu thun und mich durchzulassen. Da war auch +schon ein Diener zur Stelle und schuf mir Raum, mich in den Ring zu +geleiten. + +Noch stund ich im Zweifel, was ich thun sollte. Aber als ich nach dem +Herrensitz hinblickte und sah, wie Irmela, das edle Kind, mit Freuden +mich gewahrte und mit stummem Gruße mir zu winken schien, da hätte +keine Scheu und kluge Fürsicht mich zurückgehalten; und nur heftiges +Sehnen überkam mich, ihr noch einmal nahe zu sein, wohl zum letzten +Mal, und mit der Kunst, durch die ich ihr werth geworden war und die +ich ihr verdankte, ihr zu gefallen und sie zu grüßen auf +Nimmerwiedersehn! + +So beschloß ich denn, wohl darauf zu achten, daß ich mich nicht +verriethe, nahm all’ meinen Muth zusammen und schritt, dem Diener +nach, ziemlicher Weise in den Kreis. Vor der Laube angekommen, neigte +ich mich vor Allen und vor der Richterin in diesem Wettspiel +sonderlich. In ihrer Miene las ich freilich ein fragendes Staunen über +mein plötzliches Verschwinden und meine unerwartete Wiederkehr; aber +war da ein Zweifel, so ward er überglänzt vom freundlichen Willekomm, +das, wiewohl nur leise, mir ihr Auge sagte. Davon gewann mein +hochsteigendes Herz Vertrauen zu meiner Kunst, und wie ich schon zuvor +während dem Hören mein Sinnen auf die Frage gelenkt hatte, darauf im +Liede zu antworten war, so fügten sich jetzt Wort und Weise in meiner +Seele selbst zu einander. + +Ich ließ mir von einem der Singer, die da gesungen hatten, eine Laute +reichen, griff in die Saiten und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub +ich an und sang also: + + Wo tief im Herzen Minne wohnt, + Als Siegerin darinne thront, + (Bedenkt es wohl, ihr zarten Kinde!) + Da ist auch Leid ihr Ingesinde. + Wahr ist’s, was man seit Alters spricht: + Die Liebe läßt vom Leide nicht; + Und doch ist Lieb’ des Leides Feind. + Vernehmet nun, wie das gemeint! + + Die Rose kehrt ihr Angesicht + Allzeit empor zum Sonnenlicht, + Das macht sie also wonnig roth, + Die Finsterniß brächt’ leiden Tod. + Doch streckt sie unter feuchtes Moos + Die Wurzeln rief in dunklen Schooß. + Dich lacht sie an mit rothem Munde + Und haftet doch im finstren Grunde, + Aus dem ihr Kraft und Leben quillt: + Das ist der Liebe Ebenbild! + + Es bringt das Leid der Liebe Pein, + Doch ohne Leid kann Lieb’ nicht sein, + Es liebt die Lieb’ Leid zum Gedeihn. + Und wird vom Leid ihr Noth geschafft, + Doch zieht sie Nahrung draus und Kraft. + Drum, wer der Minne Flug will wagen, + Der darf dem Leid sich nicht entschlagen; + Denn will er’s auf das Leid nicht wagen, + Muß er der Lieb’ auch sich entschlagen. + Wer jemals diesen Weg gefahren, + Lobt meinen Spruch gewiß als wahren. + Ward er von Leid’ in Liebe wund, + Werd’ er von Lieb’ in Leid’ gesund! + +Als ich ausgesungen hatte und an den Gebärden Graf Eberhard’s, mit +denen er sich zu seiner Nichte hinüberneigte, wahrnahm, daß ich von +ihm auch wohl erkannt war, gedacht’ ich ungesäumt in die Menge zurück +zu fliehen und mich so davon zu machen. Ich hatte aber kaum die Laute +Dem wiederum gegeben, aus dessen Hand ich sie empfangen, und suchte +nun durch die Singer, die da stunden, hindurch zu kommen, nachdem ich +mich ziemlicher Maßen vor den Herrschaften verneigt: da geschah es, +daß allum ein Rufen sich erhub und männiglich mich bedeutete, daß ich +doch stille hielte; denn zur Stunde würde es verkündigt werden von +wegen des Preises, wer ihn davontragen sollte. Derweilen ertönten auch +schon die Drommeten der Herolde auf’s Neue und im Volk entstund eine +freudige Bewegung; Alle winkten mir, hinter mich zu blicken, und da +ich denn mich umsah, war einer der Knechte mir zur Seite und lud mich +ein, mit ihm zu gehen. Es nahm ihn Wunder, wie er sah, daß ich +zauderte, ihm zu folgen, und so ergriff er mich am Arme, daß er mich +zwänge, weil er nicht anders denken mochte, als daß ich mich aus +großer Blödigkeit also erzeigte. Da lachten die Leutlein, wie sie +vorhin über mich gelacht hatten, und Einer sagte, man sähe da eine +seltne Tugend, daß ein Meister der Kunst begehre, aber ihres Lohnes +nicht. Nun lachten sie noch mehr und hatten so ihre Kurzweil. + +Da hub ich mein Haupt empor, und schritt, weil es so sein mußte, dem +Diener nach stracks vor mich, zurück in den Ring. Aber wie ich da das +theure Mägdlein ersah, freundlich mir winkend und mit dem Kranze mein +harrend, das wirrte mich nicht wenig, und ich fühlte die Röthe, die +mein Angesicht übergoß: die Ehre, die mir bereit war aus ihren Händen +vor allem Volk, höhete meinen Muth, aber sie drückte zugleich mich +nieder, als der ich ungedacht sie überkam, ich wußte nicht wie. So +schritt ich gesenkten Auges vor das edle Fräulein hin und bog da in +höfischer Zucht das Knie. + +Wie sie mir den Kranz auf’s Haupt setzte, streifte von ungefähr ihre +Hand meine Stirn; da erzuckte mir von der leisen Berührung das Herz +und ich blickte auf zu ihr. Indem ließen Spielleute, die da hinter dem +Gesinde der Herren stunden, ihre Fiedeln und Lauten erklingen, und zum +Saitenspiel schallten Flöten und Cymbeln, daß es ein helles und +liebliches Getöne gab. + +»Solche Ehre, Meister, dankt Ihr Eurer Kunst,« sagte Irmela, indem sie +sich über mich beugte. + +»Nein, Herrin, Eurer Güte, so ist sie mir werther,« erwiedert’ ich, +und Niemand außer uns zween hörte, was da zwischen uns gesagt ward. + +Nun trat ein Edelknecht mit dem Kleinode herzu, daß die Maid mich +damit begabte. Sie aber sprach zu mir: »Diesen Becher will ich Euch +zuvor credenzen, dann sollt Ihr ihn aus meiner Hand empfahn.« + +Darauf erhuben sich die Herrschaften von ihren Sitzen, daß sie zu den +Tischen giengen und sich am Mahle erletzten, ehe die ferneren +Freudenspiele mit Stechen, Laufen und Tanzen angestellt würden. Ich +aber, als ich wieder aufrecht stund, wußte nicht, was ich erwählen +sollte: Die Klugheit rieth mir von hinnen zu weichen, aber Sinn und +Gemüth hielten mich fest an der Stelle. Da nickte auch der Herr +Gebhardus mir gnädigen Beifall, und ich sah, daß Graf Eberhard sich +anschickte, mit mir zu reden; aber weil just die Herren alle +aufbrachen und der Bischof sich zu ihm wandte, daß sie selbander +hinweggiengen, so ward der Graf von mir geschieden und dadurch mein +Herz ein Merkliches erleichtert; denn gewißlich wär’ ich seines +Forschens wenig froh worden. + +Während man so sich aufmachte, schritt Irmela unterm Überdach der +Laube herfür an mich heran, grüßte mich und sprach: »So ist’s denn +doch also geschehen, wie ich sagte, da Ihr von Elzeburg schiedet, +Meister Diether, und Ihr habt uns mit Eurer Kunst gedient.« + +»Ja, vieledle Jungfrau,« erwiedert’ ich, »und am hohen Freudenfeste +Euch zu Ehren, zu dem ich ungedacht gekommen bin.« + +»Und nachdem Ihr von den Elzeburgern ungedacht entwichen seid,« sagte +sie hinwieder und lachte. + +Da sah ich die Maid inniglich bittend an: »O lasset, warum ich’s that, +als eine Heimlichkeit meines Herzens verschlossen darinne bleiben, und +wenn ich heut für immer von Euch scheide, so glaubet, daß Euch in +Freuden und Glückseligkeit zu leben Diether ohne Unterlaß von Gott +erwünschet und dem ganzen himmlischen Heer.« + +»Wohl,« sprach sie da, »so sei es darum und Ihr möget Eure +Heimlichkeit bewahren; ich will nicht arg von Euch denken, wiewohl sie +groß ist.« + +Damit hielt sie mir mit Gütigkeit ihre Hand entgegen, daß ich sie an +den Spitzen der Finger erfaßte. Das geschah behende und mit Scheu, +aber mein Gemüth gewann davon eine Freudigkeit. + +Doch da nahete der von Gernstein. »Man harret Euer«, sagt’ er zur +erkieseten Braut mit höfischer Gebärde, und führte Irmela den Tischen +zu; mich aber streifte sein Blick herrisch und unmuthig. Da merkt’ +ich, daß er überstolzen Sinnes war. Aber die Maid an seiner Seite +schien deß nicht zu achten; sie kehrte im Gehen ihr Angesicht noch +einmal freundlich zu mir hin und sagte: »Gedenket des Bechers zeitig +genug und kommet, wenn wir zu Tische sitzen, daß ich ihn Euch +credenze.« + +Damit giengen die Beiden hindann und mir schien’s, als wäre er +unmuthig, daß sie mir das Gespräch gegönnt hatte. + +Nun erhub sich eine nicht kleine Bewegung um die Tische, wo die +Herrschaften das Mahl halten sollten, und unfern davon, wo den +Knechten die Bewirthung bereitet war. Auch das Volk zerstreute sich +hierhin und dorthin nach Gefallen, die Meisten, um sich zum Imbiß zu +lagern, den sie mit sich gebracht, oder der Verehrung nachzugehen, die +der Bischof in seiner Mildigkeit Jedermann spenden ließ, der ihrer +begehrte. So kamen auch Viele an mir vorüber, wiesen auf meinen Kranz +und preiseten mich öffentlich wegen meiner Kunst und des Lohnes, der +ihr geworden. Manche wunderten sich dabei, daß ich da also stille +stund, wie ein Verlassener, und meinten, mich hätte die Huld, die ich +genossen, allzu blöde gemacht. + +Da gedacht’ ich daran, daß es hochnoth wäre, mich davon zu machen, +bevor mich Einer von vorhin wiedererkennte, der mich da im Klosterrock +gesehen hatte. Zudem trieb mich auch der Anblick der beiden Fahrenden +hinweg, die ich unweit gewahrte, wie sie mit Fleiß auf mich achteten, +als solche zwar, die darüber nicht von mir gesehen sein wollten. + +Ich säumte also nicht länger und schritt in den Wald, wo ich das +wenigste Volk wahrnahm. Da wär’s gewißlich mir das Nöthigste und +Fördersamste gewesen, wenn ich sogleich den Versteck aufgesucht hätte, +in dem ich vorhin meinen langen Rock verborgen, hätte den angethan und +mich davon gemacht. Aber da ich am Waldessaum mich sicher wähnte und +unbeachtet, sah ich mich noch einmal um, ließ meinen Blick über all’ +das bunte Gewimmel schweifen und lugte über die Zelte und nach den +Tischen hin, Irmela im Geist noch einmal zu grüßen. Da fühlt’ ich, daß +es mir schwer ward, von dem Allen Abschied zu nehmen, und wie ich doch +dieses Mal als ein Anderer in’s Kloster heimkehren würde, als der ich +von dannen gezogen war. So stund ich mit eifrigem Aufmerken der Augen +und doch in vielerlei Gedanken. + +Da rief mir, eilend herankommend, ein Diener zu, und sagte dabei, wie +er mich am Gezelte vergeblich gesucht und eine Botschaft an mich +hätte. Ich trat herzu und fragte: »welche?« + +»Von meinem gnädigen Herrn, Herrn Conrad von Gernstein«, erwiederte +er, »der Euch durch mich entbieten läßt, es sei nicht von Nöthen, daß +Ihr das ersungene Kleinod aus der Hand des Fräuleins emphahet, Ihr +möget es Euch von des Bischofs Kämmerer holen, zu dem ich Euch +geleiten soll. Auch wünscht mein Herr Euch nicht über Tische zu sehen, +sondern begehrt, daß Ihr Euch unverweilt von diesem Feste scheidet, +maßen es Euch schon genug des Genießes eingebracht habe. Auf daß Ihr +Euch aber anderswo desto baß gütlich thun könnet, läßt er Euch hier +einen Goldgulden reichen.« Damit hielt er mir das Geld dar. + +Das kränkte mich, daß ich angesehen ward als Einer, der nur bloß auf +den Lohn sah, und der Ritter denken sollte, wenn ich nun gienge, ich +hätt’ ihm um sein Geld den Willen gethan. Darum sagt’ ich verächtlich: +»Behaltet Euren Gulden, und laßt Euren Herrn wissen, mir liegt am +Kleinod alleine nichts und an seinem Gelde noch minder! Und wenn ich +dahinten bleibe, daß er mich über Tisch nicht sieht, wohin das +Fräulein mich entboten hat, so bewegen mich andere treffliche +Ursachen.« + +»Das Lob Eurer Kunst, fahrender Bruder«, sagte der Knecht spöttisch +wieder, »macht, daß Ihr Euch zu hoch vermeßt. – Besinnet Euch: +nehmt’s Geld, holt das Kleinod und geht!« + +Darauf hielt er mir auf’s Neue seinen Goldgulden hin und lachte. Da +schwellte der Unmuth mein Herz, zumal ich sah, wie Leute herangekommen +waren und auf uns Acht hatten, und ich stieß das Geldstück aus seiner +Hand, also daß es zur Erde rollte. + +Wie nun der Bote betroffen dastund, denn er hatte sich von mir deß +nicht versehen, so ward nun er den Umstehenden zum Gelächter und einer +von ihnen rief ihm zu: »Fahrt säuberlich, Freund, mit dem +Singemeister, denn er hat die Art nicht, als geliebt’ es ihm, mit Euch +zu scherzen!« + +»Dafür trägt er den Kranz«, sagte ein Anderer, »der gibt ihm also +hohen Muth.« + +Zu solchen Worten wollte des Gernsteiners Knecht auch nicht müßig +bleiben, sondern gedachte sein Botenbrot an mir wohl zu verdienen. Er +griff also nach einem dürren Stecken, der da nahe bei einem Baume lag, +sprang damit auf mich zu und indem er rief: + +»Solch’ unartigen Knaben gebührt die Ruthe, sie bessere Zucht zu +lehren!« strich er mich, bevor ich mich wenden konnte, über den +Rücken. Da enthielt ich meinen Zorn nicht länger, drang auf den Mann +mit Ungestüm, eh er sich bedachte, und stürzte ihn mit Wucht zur Erde, +daß er stöhnend um Hilfe rief. + +Er that es nicht vergebens, denn die Menge lief herzu, und darunter +war auch von den Gernsteiner und Speyerischen Knechten ein ziemlicher +Haufe. Wie die nun von ihrem beleidigten Gesellen die Ungebühr +vernommen hatten, die ihm von mir geschehen war, so wär’ ich gewißlich +ohne Aufenthalt in ihre Hände gerathen, und sänftiglich hätten sie mir +nicht mitgespielt, wenn da nicht gegen die Anstürmenden mir eine +unverhoffte Rettung gekommen wäre. + +»Laßt Euch rathen und tastet uns den Singemeister nicht an!« so hört’ +ich eine Stimme, die ich wohl kannte; und wie ich seitwärts blickte, +woher sie kam, sah ich Helmbolden und Andere mehr vom Elzeburger +Gesinde. Die brachen durch den umstehenden Haufen und drängten die, so +auf mich einwollten, von mir ab, also daß mich ihrer Keiner verletzen +durfte. Solches verdroß die Gernsteiner und ihre Genossen nicht wenig, +daß sie den Schimpf nicht strafen sollten, der ihrem Gesellen +widerfahren war, und sie bedroheten die Elzeburger laut, wenn sie +ihnen nicht Raum gäben, mich zu greifen. Die aber wollten auf sie +nicht hören, trutzten ihnen und sprachen mir zu: »Diether, fürcht’ +Dich nit; denn wir gedenken Dir’s wohl, daß Du vormalen unsrer Sippe +gewesen bist.« + +Und so waren sie als eine Mauer um mich herum. + +Alsbald entstund zwischen diesen Knechten ein nicht kleiner Zank um +meinetwillen und ein feindliches Drängen hin und wieder, wie es die +Streitlust erhöht und Brauch ist, wenn es bald zum Hauen und Stechen +kommen soll. + +Das war denn sonder Zweifel auch hier ganz nahe, und statt des +Freudenspiels, das sie halten sollten, waren sie dabei, sich hitzig zu +bestreiten. Aber wie der Lärm wuchs und der Haufe der Gaffer sich +mehrte, konnte das Getümmel um mich her auch dem Wahrnehmen der Herren +nicht entgehen. Vielleicht auch hatte einer aus dem Gesinde dem Ritter +von Gernstein Botschaft dessen gebracht, was sich zutrug. Denn just, +als die Knechte auf beiden Seiten das Beste thaten, sich kampflich +anzurennen und des Scheltens und Höhnens übergenug verführten: trat +Herr Conrad, dem etliche Ritter zur Seite giengen, eilend zwischen sie +und gebot ihnen mit drohender Stimme, von einander abzulassen. Er und +seine Begleiter hatten Mühe, die Hadernden auseinander zu bringen. +Aber sie durften auf die Länge den Herren nicht trutzen. Als nun der +ärgste Sturm sich gelegt hatte, ließ der Gernsteiner seine Leute +zornmuthig an und schwur theuer bei seiner ritterlichen Ehre, an ihnen +den Schimpf zu strafen, den sie da gegen das Gesinde seines werthen +Gastes verübten. Da trat der Bote vor, den der Ritter an mich +geschickt hatte, berichtete mit vielen beweglichen Worten, wie es ihm +ergangen wäre, wie unehrerbietig ich des Herrn Verehrung, die mir +zugedacht gewesen, verschmäht, den Überbringer mit Hohn gereizt und +zuletzt übel zu Boden gestreckt hätte. Nun schrieen die Andern wieder, +bloß mich hätten sie zu greifen begehrt, die ihrem Gesellen von mir +zugefügte Schmach gebührend zu rächen, und auch meine gegen ihren +Herrn bewiesene Hoffahrt zu strafen. Aber die Elzeburger hätten ihnen +ohn’ Ursach gewehret und den überdreisten Singer schutzweise umringt. +Da sah sich der Herr Conrad zornigen Blickes nach mir um und zugleich +auch, als wär’ es ihm eben recht, daß er so eine Sache wider mich +hätte, mich in Schmach zu bringen. + +»Komm heraus da!« rief er mit gebietender Stimme mir zu, als er mich +erblickte. + +Ich trat festen Schrittes vor und sah ihn gerad an, als ich vor ihm +stund. Seine linke Hand stützte er gegen seinen Schwertgriff, und mit +seiner rechten strich er gemächlich den Bart über seinen Lippen, die +er verächtlich zusammenzog. + +»Das also ist der Meister Nirgenddaheim, den seine überzarte Kunst +durch Hoffahrt zum Narren gemacht hat!« sagt’ er spöttisch lachend. + +»Herr!« sagt’ ich darauf, »Eure Jungfrau Braut hat den Narren mit +diesem Kranz geziert.« + +Daß ich dergestalt vor ihm Irmela’s und ihrer Gütigkeit gegen mich +gedachte, trieb die hellen Zornflammen in des Stolzen Angesicht. + +»So unwerther bist Du, Lotterbube, ihn zu tragen!« rief er voll Grimm +und schlug mit seinem Handschuh mir nach dem Haupte, daß der Kranz +herunterfiel und das Haar mir wirr um die Stirn wehte. Drauf streckt’ +er seinen Arm aus und rief weiter: »Heb’ Dich hinweg, und ohne Säumen, +eh’ ich noch meinen Knechten gebiete, Dir den Rücken zu bläuen, wie +Du’s um Dein übermüthig Unterfangen verdient hast!« + +Das war mir unerträglich, daß ich so vor Aller Augen von ihm wie ein +Ehrloser geschlagen sein und mit Schmach und Schimpf hinweggetrieben +werden sollte. Und so reckte ich mich hoch empor, sah ihn wild an und +rief ihm wüthend zu: »Wär’ ich bewehrt, Herr, wie Ihr: bei Gott, dem +Hohen! der Schlag sollt’ Euch gereuen, mit dem Ihr mich schlugt und +Ihr dürftet mir so nicht drohen!« + +Da griff er nach seinem Schwerte, es zorneifrig wider mich zu zücken. +Als ich’s sah, erfaßte auch mich eine Wuth, daß mir Alles gleich galt, +nur nicht ungerochen zu bleiben an seinem Überstolz. Ich hub meinen +Arm hoch und drang auf ihn ein. + +Wohl sah ich, wie er vor’m unerwarteten Angriff, der ihn bedrohte, +sich zurückbog und hastiger nach mir ausholte; aber das war ihm nicht +mehr von Nöthen. Denn schon fühlt’ ich mich aufgehalten und von den +Knechten gepackt, die herzugelaufen waren, den Frevel, der ihrem Herrn +bevorstund, zu hindern. So Viele umringten mich, und so sicher waren +ihre Griffe, daß wie ich auch mich wand, ich in keinerlei Weise aus +der Gewalt ihrer Fäuste mich lösen konnte. + +»Bindet ihn«, befahl da der hart beleidigte Ritter, »und bewahrt ihn +wohl, den Gauch, der bereit war, sich an mir zu vergreifen; und im +tiefsten Kerker meiner Burg mög’ er verschmachten!« Ich wußte, daß +sein Haß gegen mich tödtlich war, und dennoch wollt’ ich ihn nicht um +Erbarmen bitten. Ich hätt’ es nicht gethan, auch wenn ich da den +grausamsten Tod an der Hand gehabt hätte. + +Aber Gott verschaffte in dieser meiner höchsten Noth, daß eine +Fürbitte für mich laut ward, wie süßere mein Ohr nicht vernehmen +konnte. Denn an der Seite des Bischofs war Irmela herzugekommen und +hatte kaum den Jammer ersehen, in dem ich schwebte, als sie an den +Ritter sich wandte, und ich merkte wohl, wie sie bleich war und ihre +Stimme erbebte in mitleidiger Sorge um meinetwillen. + +»Gilt Euch etwas meine Bitte, Herr Conrad«, sprach sie, »so begnadet +den Singer, wie schwer auch seine Fehle sein mag, mit der er Euch +erzürnet hat, und laßt ihn frei!« + +»Ihr thut Eurer Ehre zu nahe, Werthe!« sprach er unwillig, »so Ihr die +Macht Eurer Fürbitte für einen Solchen einlegt. – Kommt! Laßt uns +nicht länger durch ihn das Fest gestört sein!« + +Damit winkt’ er den Schergen, die mich hielten, daß sie mit mir thäten +nach seinem vorigen Befehle, und gab den Herren ringsum ein Zeichen, +mit ihm zur Lustbarkeit zurückzukehren, indem er sich zur Braut +gesellte, sie zu den Tischen zu geleiten. Die aber stund noch +unbeweglich: in ihrem Herzen bestritt die maidliche Scheu den +sehnlichen Wunsch, mir zu helfen. Aber wie sollte das geschehen? Noch +einen Augenblick, so war ich in Banden gefesselt und zu jammerhaftem +Ziel hinweggeführt. + +Indem waren Andere bereit, meine Errettung aus des Gernsteiners Gewalt +zu Handen zu nehmen; wie wohl ihnen das übel und mir zu großem Leide +gerieth: nicht die Elzeburger, die noch da stunden; denn sie durften +Angesichts der Ritterschaft nicht wagen, sich für mich ferner +einzulegen. Aber die zween Fahrenden stürmten in Eile herzu und +verlegten dem Bischof, der sich eben zum Gehen anschickte, den Weg. + +»Würdiger Herr!« riefen sie mit Hast, und so daß Einer des Andern +Rede ergänzte, wenn ihm darüber der Odem ausgieng, »Würdiger Herr! Ihr +dürft nicht leiden, daß Dieser weltlichem Gericht überantwortet werde +– Ihr dürft nicht! Der Singer ist nicht, wofür er das Ansehen hat. +Wir können’s mit Schriften darthun. Er gehört der heiligen Kirche zu +– ist dem Kloster zugesprochen – ist geistlich! Der Abt von +Maulbronn hat über ihn Gewalt!« – + +Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine Kraft verließ mich und +die Scham, daß ich so zu Schanden ward, schlug mich nieder. Alle +mußten es mir ansehen, daß es sich also hielte, was Jene von mir +bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu mir wendete, mich zu +fragen, ob ich etwas vorzubringen wüßte wider der Beiden Zeugniß, +wagte ich nicht zu antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als ich +den Gernsteiner höhnisch sagen hörte: »Ein verlaufener Mönch, Irmela!« +zwang mich der Schmerz aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in +ihrem Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden würde, oder ach! +nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch als ich flehentlich zu ihr +hinüber blickte, kehrte sie sich von mir hinweg, und mit bitterem Weh’ +im Herzen ließ ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr erhoben +hatte, und die Sinne wollten mir vergehen vor kläglicher Kümmerniß. + +Derweilen hub der Bischof an, mit großer Strenge Befehl zu geben, daß +ich, bis der Sache weiter gerathen wäre, unten in die Burg in +Gewahrsam gebracht würde; denn der Herr derselben war des Speyerischen +Bisthums Hintersasse. Das sollte ohne Säumen geschehen, damit das Fest +nicht länger Verzögerung erlitte; Tags darauf wollt’ er das Nöthige +vornehmen. Die Fahrenden hieß er zu fernerer Bekundung zur Stelle +bleiben. + +Als der Bischof Solches über mich verfügt hatte, begab er sich mit den +Übrigen von der Ritterschaft, die um ihn waren, hinweg, und auch der +Troß und die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders hatten sie +genug über das, was sich mit mir zugetragen. + +So ward ich denn als Gefangener des Bischofs von dannen geführt, ein +kläglicher Mann. Die Leute, so uns auf unserem Wege begegneten, +blieben stehen und beklagten meine Jugend; sie mußten denken, ich wär’ +als Schächer ergriffen und würde zur Richtstatt geschleppt; denn +gewißlich so war mein Aussehen. Mich reute zu leben, und die Welt vor +mir war verwandelt. Die Läuber des Waldes erschreckten mich mit ihrem +Rauschen, der Himmel über mir hieng wie ein härener Sack, und als wir +in’s Thal hinabkamen, dessen lieblich Bild sich so licht meiner Seele +eingeprägt hatte, lag es vor meinen Blicken wie überdeckt mit einem +schwarzen Schleier. + +Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches Fenster auf, und +Männer und Frauen lugten nach mir aus; sie fragten wohl auch nach +meiner Missethat, welche das wäre. Da sagten meine Schergen, um +Übermuths willen und Frevels gegen den heiligen Stand wär’ ich +gefangen auf des Bischofs Geheiß; »So gnad’ ihn Gott«, hört’ ich dann, +»nun ist ihm das Pochen und die weltliche Lust vergangen.« Kinder, die +auf der Straße spielten, wichen vor mir scheu hinweg und liefen zur +Seite hin zu ihren Müttern, die auf ihren Armen die kleineren trugen. +Sie huben sie wohl dann in die Höhe, daß sie mich besser ersehen +möchten, und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht auch bös +zu werden, auf daß es ihnen nicht widerführe wie mir. + +Dies Alles sah und hört’ ich, ob ich gleich meine Blicke tief zur Erde +senkte und meine Ohren vor Allem, was um mich her vorgieng, in dieser +martervollen Stunde zu verschließen trachtete. Denn des Menschen Herz, +wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an sich, auch +wider Willen für seinen Jammer Nahrung zu suchen, sich um so mehr zu +kränken und zu betrüben. + +Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der Anstieg zur Burg hinauf sich +abzweigt. Festlich flatterte von des Thurmes Zinne zu Ehren der +Fröhlichkeit des Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner. Mich +sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um eine Tumba traurig +wehen, und schaudernd lenkte ich meinen Blick hinweg und folgte mit +Seufzen meinen Führern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst eine +kleine Strecke zur Höhe gedrungen, als ich hinter mir vom Wege her +mich laut mit Namen rufen hörte. + +Ich wandte mich, und: »Brun! ach, Brun!« – mehr konnt’ ich vor +inniglichem Leide nicht sprechen. + +Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der sich über meinen Anblick +schier entsetzte; seine Brust keuchte und seine Stimme war gedämpft, +wie unter der Last tiefen Grams. + +»Also muß ich’s doch mit diesen meinen alten Augen sehen, was mich so +manchmal im Traum erschreckt hat, und was abzuwenden ich zu Gottes +Gnade in allen meinen Gebeten für Dich gefleht? Diether, Diether – +was hast Du gethan? Welch’ Herzeleid schaffst Du mir?! Ach, ich soll +nicht Frieden finden – nimmer – nimmer!« + +Seine Klagen jammerten meine Schergen, und einer von ihnen hub an und +erzählte, wie es mit mir ergangen wäre; wie ich oben beim Feste vor +allem Volk das Beste im Singen vermocht, wofür mir das Fräulein den +ausgesetzten Preis zuerkannt hätte; darnach wär’ ich in Händel +gerathen, zuerst mit dem Troß der Herren, sodann hätt’ ich des +Bischofs Neffen zum Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungefähr an +Tag gekommen wäre, daß ich dem Kloster entronnen; so hätte der Bischof +geboten, mich gefangen hinwegzuführen, daß nachfolgends mir mein Recht +geschähe. + +Auf diese Worte meint’ ich, Brun würde mit harter Scheltung mich +strafen, wie ich das reichlich von ihm verdiente; aber er that davon +nichts, sondern das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als trüg’ auch +er daran einen Theil der Schuld. »O, ich konnt’s denken, konnt’s +denken!« murmelte er etliche Male und strich sich mit seiner Hand in +tiefem Sinnen die Stirn. + +Dann rafft’ er sich auf und fragte, ob es ihm verstattet wäre, noch +einmal mich zu umfahen; und als sie ihn beschieden: Ja, das dürfte +geschehen! so stieg er hinan uns nahe, und mich ließen sie los, daß +ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich mit seinen Armen +ganz liebreich, und ich konnte die meinen nicht um ihn schlingen (denn +sie waren mir rücklings gebunden) und hätt’ es doch so gern gethan, +ach! nur einen Augenblick: ich Verstoßener! + +Er aber sprach: »Diether, ich gedachte, Du solltest vor diesen +Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, daß sie Dir drohten. Nun +erkenn’ ich: es sollte nicht sein, daß es nach meinem Dünken angienge. +– Heute war ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du wärest +haußen und daß ich Deiner harren sollte. Aber mich trieb’s hinweg, und +die Sage der Leute von dem Feste hier lenkte mich her. – Jetzt kommen +Rath und Warnung zu spät. Gott gnade uns nach Seiner Langmüthigkeit +und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst mich am frohen Tage wieder +oder auf Erden nimmer mehr!« + +Als er darauf mich küßte, fühlt’ ich eine Zähre aus seinem Auge auf +meiner Wange; sie hieng da noch, als er schon hinab war und, ohne sich +noch einmal umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf fürder schritt. +Oft hab’ ich später Gott dem Hohen gedankt um diese Zähre, daß ich sie +nicht hinwegwischen konnte mit meinen gebundenen Händen (vielleicht +hätt’ ich’s sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn +berühren durfte – den gebenedeiten Tropfen, das schmerzlich köstliche +Vermächtniß. – + + + + +Achtes Capitel. + +In Haft. + + +Droben in der Burg über dem düstren Eingangsthore war die +Pförtnerswohnung. Ich erfuhr’s, noch ehe wir unter den gewölbten Bogen +schritten. Denn wiewohl die Thorflügel offen stunden, hielten wir doch +vor ihnen mit Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen +führten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer hinauf. Auf +seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder, so alt und greise, daß +man’s schier nicht erdenken konnte, sie möchte je jung und glatt +ausgesehen haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man schon +wieder begehrte, das Thor wäre ja offen und Keiner gehindert, hindurch +zu gehen; ob denn sie allein heute, da Alle ihre Ergötzung hätten, der +Ruhe entbehren sollte und nicht ein Wenig stille sitzen. + +»Wir kommen ja nicht allein, Mutter!« sagte der Knecht wieder, +»begehren auch nicht Eures Dienstes für uns. Wir bringen Euch einen +Gefangenen, den Ihr mit allem Fleiß hüten sollt, wie unser gnädiger +Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard selber hat ihn +hieher verordnet.« + +»So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer ganzer Hauf’, als ich +da nicht unterscheiden kann, ob ein Fremder unter Euch ist. – Ich +hör’ das Mäuslein rascheln im Thurm, aber meine Augen sind trüb.« + +Nach diesen Worten verschwand sie und eines alten Mannes Gesicht ward +an ihrer Stelle gesehen. Das war nicht minder welk und greis als das +ihrige und verwittert, wie das Gemäuer, aus dem es hervorlugte. + +»So bringt ihn herauf!« sagte der Alte mürrisch, nachdem er einen +Blick nach mir gethan, und zog dann seinen Kopf wieder zurück. + +Eine hölzerne Stiege außen an der Mauer führte in die Wohnung der +Leute. Als wir durch das Thor geschritten waren und ich oben auf der +Stiege ankam, stund die Alte schon in der geöffneten Thür. + +»So jung, so jung und schmuck dazu!« sagte sie, indem sie mir +hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich ganz nahe musterte; dann zu +den Knechten gekehrt: »Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren +sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen, der sieht wie ein +Luchs: das thut’s.« Zu diesen Worten verzog sie ihren zahnlosen Mund +zum Lachen. + +Indem hatte der Alte mit Mühe eine schmale Thür aufgeriegelt, die auf +mehreren Stufen aus dem Gemach der Alten in einen dunklen Gang führte. +Wirklich mußt’ es wohl wahr sein, was das Weib von ihres Mannes +scharfem Gesicht gerühmt hatte; denn selbiger gieng, nachdem ich +geheißen war ihm zu folgen, so sicher seinen Weg da hindurch, daß ich, +der ich mit meinen Füßen tastete, hinter ihm verzog. Nun schloß er mir +eine zweite Thür auf und öffnete den Raum, der mir zur Haft bestimmt +war. Die Alte brachte mir Brot und Wasser, und dann giengen die +Beiden, ohne ferner mit mir ein Wort zu reden, und schlossen die Thür +hinter sich. + +So war ich allein und von aller Welt abgeschieden; selber das kleine +Stücklein Himmel, von dem durch die schmale Maueröffnung dürftiges +Licht hereindringen sollte, war durch häufige Spinnweben zwischen den +Eisenstangen mir so verdeckt, daß er grau schien und trübe. + +In dieser Einöde brach mein Schmerz, der so lange stumm gewesen war, +mit aller Macht hervor, und ich wehrte ihm nicht. Ich hub bitterlich +an zu weinen und zu klagen, nannte mich unselig und den Elendesten +unter allen Menschen. Mein waglicher Sinn und mein froher Muth waren +nun gänzlich niedergelegt und gar hin, dagegen Seel’ und Leib lauter +Zagheit und Blödigkeit. + +Ja, ich war in schwere Sünde und Untugend gerathen und darinnen +verharret beinahe vom ersten Tage meiner Fahrt aus dem Kloster bis +hierher. Ich war mit Lug und Trug umgegangen und dessen gewohnet +worden in Elzeburg, ich hatte meine Lust daran gehabt auch hernach und +damals belacht, was ich jetzt so kläglich beweinen mußte. Dazu waren +Hoffahrt gekommen und eitler Stolz auf meinen Witz und die Kunst, von +der ich nie hätte erfahren sollen, daß ich sie besäße. – Ach, und +nicht allein mich, sondern alle die, so mir zumeist Gutes gönnten, +denen ich dienen sollte und zur Freude helfen nach Pflicht und allem +Vermögen, hatt’ ich bitter gekränkt und in Leid gebracht; mußte nicht +Irmela irre an mir geworden sein und Brun mich verachten und der Abt, +dessen Vertrauen ich so grob getäuscht hatte? + +»Wie wird mir’s im Convent ergehen, wenn da meine Missethat auskommen +wird«, rief ich, »wie wird Albrecht’s strenger Eifer für die Ehre der +Abtei mich treffen, der ich den Namen des Klosters in allen frommen +Ohren stinkend gemacht habe?« Und dann trat vor mich der Gedanke an +all’ die Schmach, an Spott und Schande, die mein warteten; an ödes, +dumpfes Gefängniß, an Geißel, Kasteiung und Einsamkeit. Dem gegenüber +stellte sich wieder die Erinnerung an das bunte Leben der sonnigen +Welt, das mich so fröhlich angelacht hatte, und der Wunsch, nach ihren +Ehren zu trachten, und Irmela’s süßes Bild. Da gedacht’ ich auch, daß +der Abt selber mich auf den Weg gedrängt hätte, wo sich diese Welt mir +aufgethan, daß sie mich nach Elzeburg gezwungen hatten und die erste +List mir nothweise aufgedrungen war. + +War’s nicht doch ungerecht, daß ich nun so hart dafür büßen und darum +in Schande und Strafe kommen sollte, um was draußen mir Lohn und Lob +gewiß war! Und ich dachte des seligen Augenblickes, da ich vor Irmela +kniete und den Kranz empfieng; ich dachte auch der Huld, mit der sie +für mich bat, und ihrer Traurigkeit zuletzt, da sie es nicht mehr +konnte. + +»O, daß ich sie noch einmal bitten könnte, mir nicht zu hart zu +zürnen, daß ich ein Wort nur der Vergebung aus ihrem Munde vernähme!« + +Aber meine Seufzer hallten von den dumpfen Mauern wieder, die mich +umschlossen, und mir blieb nichts, als mit meinem Jammer wider mich +selbst zu wüthen in unmächtigen Klagen. + +O, der Seele, die in Nöthen schwebt, wird schlecht gelohnt, so sie +sich in Zweifel verfängt und nicht vermag, sich stracks zu Gott zu +kehren. + +So wünscht’ auch ich, daß ich nie geboren wäre und zu solchem Unglück +gespart; ich that des kläglichen Jammers immer mehr und des Scheltens +und Anklagens, bis ich nicht mehr konnte und schweigend niedersaß auf +die bloße Erde, mit beiden Händen mein Gesicht überdeckend. + +Wie lange ich so saß regungslos, weiß ich nicht; aber allgemach +wurden meine Klagen stiller und meine Traurigkeit sanfter. Vor meinen +verschlossenen Augen verschwand der trübselige Ort, der mich gefangen +hielt, und meiner Seele wuchsen Flügel, die sie hinaustrugen zurück +in’s helle Sonnenlicht, in die freie Welt. Ich sah mich wieder auf der +Höhe, und die Festfreude umgab mich. Irmela’s lichte Augen sah ich, +wie sie aufblickten und ich nicht widerstehen konnte, weil’s mir war, +als suchten sie mich; vor sie trat ich, zu singen, was mein Herz mir +eingab, und wunderte mich, daß ich dazu die Kühnheit gewann und wußte +doch, sie zu erfreuen, hätt’ ich Alles gewagt. Und nun tönte der Klang +ihrer süßen Stimme wieder mir in den Ohren und sie beugte sich +hernieder, mich mit dem Kranz zu zieren, und grüßte mich mit gütigem +Wort. Daß ich davon hohen Muth empfieng, warum verdachten sie mir das? +Durft’ ich den Unglimpf nicht rächen, den sie mir zufügten; durft’ ich +ihnen nicht zeigen, daß ich ein Vermögen in mir fühlte, und mich nicht +verachten ließ; hatte sie mich doch nach allen Ehren belohnt! +– Gewißlich, wenn ich ihr noch einmal nahen, wenn ich ihr offenbaren +könnte, wie Alles sich mit mir begeben hatte: sie würde mir nicht +länger zürnen, sie würde mit Trost mich aufrichten, sie würde mir, was +ich gethan, zur Unehre nicht anrechnen. Dann dürfte mich Niemand +verachten – nein, auch jetzt nicht. + +Jetzt?! Wo war ich denn? Gefangen gelegt, frevlen Truges überwiesen; +und alles Trachten und Wähnen, das mich hinauszog: es war nichts +Anderes, als eitles Träumen, vergebliches, ja verbotenes Wünschen! + +Ich sprang auf und sah mich um. + +Aus der Dämmerung, die hier schon sich verbreitet hatte, starrten die +geschwärzten Wände fremd und schweigend mich an. Die Erinnerung an den +sich neigenden Tag und die Erwartung der Nacht, die kommen würde, öde, +traurig, lichtlos, erneuerte in mir das Gefühl meines Elends. Es war +mir schier, als könnt’ ich’s nicht ferner ertragen, so eingesperrt zu +sein und einsam den Übeln entgegen zu harren, die mir bevorstunden. +Der thörichte Gedanke, als wär’ mir ein Entrinnen möglich, ergriff +mich. Ich eilte nach der Thür, stemmte mich gegen die Riegel, hub an +den Angeln, rüttelte an den Pfosten; ich lief immer wieder die Wände +entlang, tastete herum, pochte an’s Gestein aus aller Macht, ob etwan +ein verborgener Ausgang zu finden wäre, und ich stund stille mit +tiefem Seufzer, als ich erfunden hatte, wie Alles vergeblich war. Mit +sehnendem Verlangen blickt’ ich hinauf zur Öffnung. Nur ein Wölklein +wünscht’ ich zu sehen, vorüberschwimmend, wohin der Wind es trieb, +oder eine Schwalbe im Husch durch die Luft streichend: aber da hieng +düster der Vorhang der staubigen Spinnweben und bewegte sich nur etwa +von einem armen Schmetterlinge, der in den Fäden gefangen war und sich +nun zu Tode flatterte. + +»Wenn nur zum wenigsten diese große Stille nicht wäre, die mit der +Dämmerung zu wachsen schien; wenn ich nur einen Laut vernähme, nur +einen! Den Hall einer menschlichen Stimme unten vom Thal her oder den +Ruf eines Vogels aus den Lüften!« Ich lauschte, aber ich hörte nichts. +Ich erhub selber meine Stimme, aber der Wiederhall von diesen Wänden +klang hohl und erschreckte mich. + +Da drückte ich mich in eine Ecke, als könnt’ ich mich so vor den +Schrecknissen bergen, die mich umgaben näher – näher, und versank in +dumpfes Brüten. Bald hieng ich zwischen Wachen und Schlafen und merkte +nicht auf die Zeit, wie sie hinschlich, nur daß es immer dunkler um +mich her ward, und endlich ganz finster. Dennoch ließ ich nicht ab, +meine Augen weit aufzuthun, ob ich gleich wußte, es diente zu nichts, +und entriß mich der Müdigkeit, um mit allem Fleiß zu horchen: – +vergeblich – vergeblich! – + +Aber nein! Das war ein Geräusch wie von einem zurückgeschobenen +Riegel, wie von einer in ihren Angeln erknarrenden Pforte. Jetzt +wurden Schritte hörbar, nur leise, aber sie kamen näher; jetzt machte +sich Einer am Schloß der Gefängnißthür zu schaffen, dann ward ein +Schlüssel darin umgedreht – ein Lichtschein ward sichtbar – die Thür +that sich auf. + + »Pst, Junker Diether, lebt Ihr noch?« + +hört’ ich eine Stimme, die im Flüsterton zu bleiben trachtete und +doch laut genug schnarrte; ein runder Krauskopf streckte sich durch +die geöffnete Thür und eine kurze Gestalt schob sich ihm nach und ließ +den schwachen Schein der Leuchte in ihrer Hand im Gefängniß +umherwandern. + + »Hu, was ein ödes Jammerloch!« + +sagte der Kurze dabei und verzog seinen breiten Mund. + +Ich konnte mich nicht genug verwundern über das Alles, daß ich vor +Staunen schier wie angewurzelt war und meinen unerwarteten Gast nur +anstarrte. Endlich traf mich der Schein seines Windlichts. Da setzte +er es zur Erde, machte etliche Schritte mir entgegen und kratzte mit +seinem rechten Fuß hinten aus, indem er, seinen Hut schwenkend, sich +tief vor mir verneigte. + + »Euer Knecht in aller Willigkeit, + Zu jedem Dienst allzeit bereit,« + +sprach er und legte die freie Hand auf seine Brust, seine +Ehrerbietigkeit noch deutlicher zu bezeugen. + +»Ei, ei!« sagt’ er dann wieder und wies auf den Platz, den ich inne +hatte: + + »Wie hat man doch hienacht + Die Ruhstätt’ übel Euch gemacht! + +Ach, ja! und ’nem Junker! – ’s ist ’ne Schand! – Das will ein Bischof +sein und eines Bischofs Voigt?! ’s ist ’ne Schand’ für die ganze +christliche Ritterschaft!« – Er sah wieder verächtlich sich um. »So +ein Otternloch! So eine Löwengrube!! Es vergeht einem schier das +Reimen, wenn man Euch da sieht, ob sich’s gleich mit der »Ecken«, drin +Ihr hockt, und »Verstecken« so leicht thun ließe!« + +Ich richtete mich auf, ihm näher zu kommen; da wich er einen Schritt +hinter sich, neigte sein Haupt zur Seite und hub an mit seinen kleinen +Augen mich von Kopf zu Füßen zu messen und hinwieder, indem er dabei +eine seiner Hände über die Stirn legte. + +»Ah«, rief er dabei, »so ein stattlicher Junker, schlank und gerade +– so fest im Gang, so zierlich in den Hüften, so breit in den +Schultern, so stolzen Hauptes!« Und er schnalzte mit seinen dicken +Lippen. »Ho, ho! So wahr ich Klingsohr heiße: Ihr werdet ein wackerer +Ritter und bald noch andere Kränzlein davon tragen, die Euch kein +Gernsteiner herunterreißen soll – ein Prahler, Junker! nichts weiter +– ah! und schöne Frauen und edle (dabei blinzelte er mich an und +schlug sich vergnügt auf die feiste Lende) – schöne und edle Frauen +werden Euch die Kränzlein aufsetzen, vor welchen immer es Euch geliebt +hohe Ehren zu erjagen.« + +Ich achtete seines Geschwätzes nicht, darin ich keinen Sinn erfand, +auch nicht eines Haares breit, und fragte nur, immer noch des Wunderns +voll, wie er hier hereingekommen wäre. + +»Rathet, Junker!« gab er zur Antwort. »Wem dank’ ich’s wohl? – Daß +Ihr’s wißt: meiner Kunst, der Magie, der weißen oder schwarzen, +gleichviel! + + Sie füllt Topf und Tiegel, + +das wißt Ihr schon, + + Aber sie sprengt Schloß und Riegel, + +das erfahrt Ihr jetzt. – Mein Gesell, der Tannhäuser – er versteht +sein’ Sach’ ausbündig, nicht? – der hätt’ sich hierhinein und durch +die Thüren nicht gefiedelt und nicht gesungen, beharrt’ er gleich bei +seiner Musica bis zum jüngsten Tage. Aber die Magie ist in solchem +Handel, wie der Eurige, eine wundertreffliche Kunst, wer ihrer wohl +kann. Seht, Junker, wir machten uns an die beiden Alten im Stüblein +überm Thor. Nu, man wird gewitzigt und lernt, wie das anzufangen! ’S +war just nicht leicht, Junker! Denn die magische Kunst, die bei dem +Alten taugte, ihm die Augen zufallen zu machen, verfieng bei seiner +Hex nichts mit dem scharfen Gehör, und so hinwieder. + +Und so war verschiedentliche Arzeneiung vonnöthen; aber wir machten +die Symptomata bald ausfindig, wie die Medici sagen. + +Wisset, Meister, – nein, Junker Diether: es gibt eine _materia_, die +schlägt Euch in der Welt bei den Menschen allermeist sicher an, ihre +Complexiones und Humores mögen sein, welche sie wollen. Ihr braucht +sie ihnen nur von Ferne zu weisen, so fäht sie allbereits zu wirken +an. Das Gold ist diese Materie, _aurum_ nach lateinischer Zunge; aber +wir Magi nennen sie die _essentia quinta_: denn es ist der Vorsprung und +Ausbund aller Elemente. – Gut! damit versucht’ ich’s nach _regula +artis_ bei der Alten; ich sagt’ ihr vom Alrunmännlein, wie man von dem +täglich einen Ducaten bekäme. – Ah! der Köder lockte den Vogel, und +sie fragte, wie das anzugreifen wäre, daß man sich den Unhold zu Wege +brächte. Ich gab ihr Bescheid: »Ja, die Johanniszeit wär’ wohl +geschickt dazu, ein Würzlein zu gewinnen, das kräftig wäre, und von +Ungefähr hätt’ ich wohl drüben auf dem Berge um den Galgen herum eines +gesehen, das aus dem Blut eines mit dem Rade gebrochenen Schächers +gewachsen sein möchte: aber solch’ ein Fäntlein draus zu bereiten, das +Tugend hätte, kostete nicht bloß Kunst, sondern auch Eifer und +Unverzagtheit. – Kurz, Junker, um weidlichen Lohn und auf ihren Eid, +daß sie Nichts von der Heimlichkeit ausbrächte, verstunden wir uns +dazu, der Alten den Willen zu thun. Sie steht jetzt unterm Galgen, gen +Mitternacht gekehrt, darf kein Wort sprechen, noch sich umkehren, +dieweil mein Gesell hinter ihr hantiert mit Spruch und Beschwörung um +die Alrune. + +Ich aber bin droben geblieben im Stüblein; denn ich mußte doch die +Salben bereiten, das Galgenmännlein damit einzureiben, wenn sie’s heim +brächten. Aus dem Weinkrug, den sie mir gefüllt zurückließ, als sie +gieng, hab’ ich auch dem Alten eingeschenkt, dem die geizige Hex das +Naß gar selten gönnet, so theuer er es liebt. Er ist davon bald +eingeschlafen und, wie es sich ansieht, fest und lange, wozu etlicher +Maßen das Pülverlein geholfen haben mag, das ich ihm in den Trunk +geschüttet. – So hab’ ich denn gedacht, bis die Alte heimkommt, daß +wir ihr die Wurzel feien, könnt’ ich eben so gut die Schlüssel +brauchen, die da drinnen ob dem Alten an der Wand hiengen, und Euch +heimsuchen, Junker Diether, dessen Herberge ich mir von Eurem Wirth +zufallens hatte sagen lassen.« + +Darauf lupfte er wieder seinen Hut, neigte sich und sprach: + + »So wißt Ihr nun das Wo, und wie + Ich kommen bin zu Euch allhie: + Durch meine Kunst, durch die Magie.« + +Dazu rieb er sich vergnüglich die Hände. »Doch nun hebt wieder an, +Junker!« sagt’ er dann und drehte die Daumen um einander. + +»Womit soll ich wieder anheben?« fragt’ ich ihn. + +»Ach, Junker, besinnt Euch!« und er wiegte sein Haupt langsam hin und +wieder. + +»Was meinet Ihr?« fragt’ ich wiederum. + +»Junker, Junker!!« Weiter erwiedert’ er nichts, indem er beide Hände, +die Finger ausgespreizt und ihren Rücken mir zugekehrt, langsam in die +Höhe hub. + +»Was nennt Ihr mich immer Junker?« rief ich ärgerlich, da er die Worte +sonderbarlich in die Länge zog. + +Auf diese Frage wurde er überlustig, sprang mit Lachen hin und her und +sagte dabei: »Nu, habt Ihr’s endlich gefunden?! Just die Frage ist’s, +die ich von Euch hören wollte; just sie. O, was seid Ihr wunderlich! +Laßt Euch an sogethane Frage lang’ erinnern, und sie war doch so +leicht zu stellen. – Warum nenn’ ich Euch Junker?« Dabei stellt’ er +sich wichtig vor mich hin und stemmte die Hände gegen seine Hüften: +»Ja, freilich! Das ist’s! Das ist das _punctum saliens_, wie es die +Grammatici heißen, nicht? – So gebt wohl Acht, daß Ihr wohl höret, +was Ihr wissen wollt! Aber zuvor harret noch einen Augenblick!« + +Bei diesen Worten gieng er hin, wo das Windlicht von ihm hingestellt +war, und rückte es so, daß ich wieder ganz in seinem Scheine stund. + +»Also, warum ich Euch Junker nenne? Das ist die Frage; sie ist klar +und weislich; und das ist die Antwort, nicht minder klar und +gewißlich: Weil Ihr’s seid, weil Ihr eben dies seid und gar nichts +anderes, als ein Junker; ein ehrlicher, ein wohlgeschaffener, adeliger +Junker, wie nur irgend einer in der Christenheit zu finden ist vom +Aufgang bis zum Niedergang. – He, nun? Was dünkt Euch davon?! Gewiß, +Ihr denket: Was ist’s? Klingsohr ist ein Gauch, ihm darf man nicht +trauen, er leugt daran! – Denket Ihr nicht also, Herr? – Thut’s +immerhin, aber zuvor hört mich an!« + +Darauf erzählt’ er in seiner Weise, die Worte nicht sparend und sie +hastig hervorsprudelnd, wie, nachdem ich abgeführt worden wäre, er und +sein Geselle hätten dem Bischof Rede stehen müssen über mich, was sie +von meiner Person und von meinem Stande wüßten. Darnach hätten sich +die Herrschaften zu Tische gesetzt, die Mahlzeit zu halten; dabei wäre +Herr Conrad sehr aufgeräumt gewesen, aber seine verlobte Braut desto +nachdenklicher und stiller. Als man nun da kaum zu tafeln angefangen, +wäre ein alter Mann mit langem, greisen Barte, des Aussehens und +angethan wie ein Siedler oder Waldbruder, herzugestürmt und hätte mit +hochbeweglichen Worten den Bischof angerufen, den gefangenen Jüngling +frei zu geben, maßen der dem Kloster nicht fürder angehören dürfte. +Denn Diether wäre adeligen Stammes, von hochberühmtem Geschlecht, wie +er selber. Der Jüngling wäre sein Sohn. Das wolle er nach aller Gebühr +darthun und verlange ihn in Kraft väterlicher Gewalt in seine Hände +aus dem Kloster, darin er bis dahin gesessen, wiewohl er die heiligen +Gelübde noch nicht abgelegt und auf sich genommen habe. + +Über solche Rede hätten sich Alle nicht genug verwundern können. Der +Bischof hätte ernst drein gesehen, als machte er sich hart, und der +Gernsteiner finster; auch hätte der spöttisch sich hinweggewendet, als +dächt’ er nicht anders, denn daß es Possen wären, die da fürgewendet +würden. Aber wer Graf Eberhard betrachtet hätte, der hätte spüren +müssen, wie nahe dem Elzeburger Herrn des Alten Rede zu Herzen gieng. +Als nun aber Beider Blicke sich begegnet und nach kurzem staunendem +Stillschweigen der Alte gerufen hätte: »Eberhard, gedenkst Du Bruno’s +noch? Schläft in Deiner Seele noch ein Gedächtniß unserer Freundschaft +aus längst verschwundenen Jahren, das aufgeweckt werden kann?« als +darauf die Beiden sich umfangen und keines Wortes mächtig unter +inniglichen Zähren sich begrüßt, da wäre Manchem das Herz entbrannt +über solchen Anblick, und alle hätten aufgehorcht, wie er wieder +gesagt: »Er ist mein Sohn, Eberhard, mein Sohn! – Gott hat ihn mir +zugeführt. Ich wagte nicht, mich zu ihm zu bekennen; der finstere +Schatten meiner Schuld, dacht’ ich, sollte auf die friedliche Bahn +seines jungen Lebens nicht fallen; ich, ich trieb ihn in’s Kloster +zurück, und wollte selber verborgen bleiben vor ihm, vor der Welt. +Aber nun ruft er mich in sie zurück nach Pflicht und Liebe, und bei +unserer einstigen Waffenbrüderschaft bitt’ ich Dich: Hilf ihn mir +retten, Eberhard, hilf ihn mir retten!« + +»Auf diese Worte«, erzählte Klingsohr weiter, »gönnten wir Alle dem +Alten, daß ihm nach seiner Bitte geschähe; denn daß er in Allem die +Wahrheit bezeugte, daran zweifelte Keiner, und Graf Eberhard lag dem +Bischof mit starker Fürsprach’ an, Euch, Junker, herauszugeben und des +Klosters zu entbinden, auch die Ungebühr, damit Ihr Euch versündigt +hättet, an Euch nicht ferner zu strafen, sondern selbige dem wallenden +Muth der aufstrebenden Jugend zuzurechnen. Dazu, wiewohl sie bis dahin +wenig sich zu ihrem Bräutigam gekehrt hatte, hub auch die edle +Jungfrau Braut herzlich in Herrn Conrad zu dringen an, daß er Euch zur +Freiheit hülfe und dazu seinen Ohm bewegte. Aber an der verlangten +Fürsprach’ hatte, wie es männiglich kund ward, der Ritter weder Lust +noch zeigte er einigen Eifer dazu, und seine unmilde Gebärde +erschweigte die Jungfrau, daß sie traurig abließ, ferner ihn zu +bitten. Desgleichen auch Seine Gnaden, der Herr Bischof, was meint Ihr +wohl, ob seine Antwort gnädig lautete? Mein’ Treu, nein!« + +»Er zog freilich seinen Worten ein solch’ Kleid an, daß sie ihm, dem +geistlichen Vater, nicht gar zu übel stunden, noch unhübsch erschienen +und ungelind: aber, glaubt mir, sie hatten die Absage hinter sich, die +harte Absage, nichts anderes. Er sagte – o, er stellte Euch die Worte +meisterlich! – er sagte also: Es stünde leider bei ihm gar nicht, der +Meinung seines Herzens nachzugeben, das auf so bewegliches Ersuchen +und so eindringliche Bitten werthester Freundschaft freilich ohne +Verzug ihm die Gewährung abzwingen würde; aber er dürfte nichts in +dieser Sache wider die Satzungen der heiligen Kirche, und das sei ein +bedenklicher Handel; was dazu von Maulbronn und sonst für Beweis und +Urkund für und wider würde an’s Licht gebracht werden – darauf käm’ +es an, und bis dahin müßte Inculpat allerdinge dem geistlichen Gericht +unterstehen und dürfte des Gewahrsams in keinem Wege entledigt werden. +Im Übrigen würde er sich die Ehre der Kirche und des heiligen Ordens, +wie das Begehren seiner Freunde und Euer Bestes, Junker, beständig vor +Augen halten. + +Da hättet Ihr sehen sollen, Herr Diether, wie starken Kummer Euer +Vater aus solchen Worten sich zu Herzen gezogen hat. Denn er hatte +wohl die Vereinigung mit Euch näher gesehen. Er senkte eine kurze +Weile schweigend sein Haupt. Dann sprach er zum Bischof mit großem +Ernst: »Würdiger Herr! Ich ehre die heiligen Gebote der Kirche. Aber +wehe! wenn sie sich wider Gottes Gebot und Willen setzen. Er begehrt +gezwungnen Dienstes nicht. Er ruft meinen Sohn zu mir. Daß ihm +Freiheit werde, diesem Ruf zu folgen, das ist mein Tagwerk; ich muß es +vollbringen!« + +Alsdann winkt’ er dem Grafen zu und sie unterredeten sich, indem sie +ein wenig abseits wichen. Aber nur eine kleine Zeit, so ließ Herr +Bruno sich nicht aufhalten, sondern umfieng Herrn Eberhard mit +herzlichen Worten, nahm seinen Urlaub und gieng ungesäumt und mit +eilenden Schritten von dannen.« + +Muß ich sagen, wie mir zu Sinne war bei Allem, was mir Klingsohr +berichtete; wie ich erschrak, als ich zuerst von Brun’s Ankunft auf +der Höhe vernahm; wie mir’s dann im Herzen aufgieng einem +freudenhellen Sommertage gleich, dessen aufgehende Sonne von jubelnden +Lerchen tausendstimmig begrüßt wird und in ungezählten Thautropfen +sich spiegelt, als ich erfuhr, wer Brun war, welch’ heilig Band mich +mit ihm verknüpfte, und daß er mir in Bruno’s Geschichte seine eigne +Vergangenheit, die Wunden und Hoffnungen seiner Seele anvertraut +hatte! Mir war’s dem Falken gleich, dessen von der Hülle befreitem +Auge man hoch in den Lüften das Ziel weist, dem er sich mit freudigem +Geschrei entgegenschwinget. Auch mir winkte nun solch’ ein Ziel: +meinem Vater, der mich so und den ich so liebte, nahe zu sein, ihm zu +Trost und Erquickung, ihn der Einsamkeit und jeglichem Trübsinn zu +entreißen, ritterliche Ehre von ihm zu erlernen, sie dem Namen, den +wir trugen, zu erjagen und seinen Segen zu erben. – O, und meine +Mutter! Mich durchschauerte ein froher Schreck, da ich ihn dachte, +diesen Namen: nie bis dahin von mir gerufen: ödes, schmerz-, aber auch +freudenleeres Leben, wie hatt’ ich’s nur ertragen mögen! – Gott! +Gott! Wenn ich auch sie einst fände, meine arme Mutter; wenn ich ihr +an meiner Hand den Vater zuführen könnte, und in einer Umschlingung +Beide an dies Herz drückend, spräche: »Seht, Euer Sohn ist glückselig, +er hat Euch wieder! Seid es nun auch Ihr!« – gewiß dann würden die +alten Wunden sie nicht mehr schmerzen, sie würden ihrer Schuld +Vergebung glauben und üben, und ich, ihr Sohn, mit dem Mal der blutgen +That gezeichnet, durch deren Kunde die Erschreckte in die Wildniß +getrieben ward, hülfe ihnen zur neuen Freude, zur Liebe und zum +Frieden! – + +So frohe Bilder leuchteten in meiner Seele auf, und um die Sonne, von +der sie bestrahlt wurden und all’ mein Sinn und Muth, stunden selber +schimmernd im himmlischen Glanz die Worte geschrieben: »Dein Vater ist +dir gefunden!« + +Da hätten gewißlich auch Augen, die mich minder scharf ansahen als die +kleinen blitzenden Klingsohr’s, derweilen er sprach, solches +Entbrennen meines Herzens vermerkt. Er aber, als er mit seiner +Erzählung zu Ende war, trat dicht zu mir und sagte: + + »Auf, Junker, sinnt nicht lang also, + Sagt, macht Euch nicht die Märe froh?« + +»Klingsohr, lieber Klingsohr!« gab ich zur Antwort, »ist’s so, wie Ihr +mir sagt, und ich trage daran keinen Zweifel, so harr’ ich der Stunde, +die mir Befreiung bringt, mit zwiefachem Sehnen. O daß sie bald +erschiene!« + +»Harren wollet Ihr, harren?« fragte der Kleine wieder, und er +schnarrte das Wort spöttisch heraus und schlug seine Hände beide in +einander, als wär’ es etwas recht Erstaunliches, was er hätte hören +müssen. – »Wie lange, Herrlein, seid Ihr denn bereit und willfertig, +hier zu harren?« + +»Mich dünkt«, antwortet’ ich wieder, »nach Allem, was Ihr mir sagtet, +kann es unmöglich anstehen, daß meines Vaters Begehren unerfüllt +bleibe, dem eine so mächtige Fürsprache zur Seite steht, wie die Graf +Eberhard’s.« + +»Mich dünkt, mich dünkt«, sprach Klingsohr ärgerlich nach. – »Was +dünkt Euch denn von +uns+? Wähnet Ihr, Meister Tannhäuser und hier ich, +der Magus, haben uns oben davon gemacht und seien in dieser Burg bei +den geizigen Alten in harter Arbeit gestanden, ich mit dem Pülverlein +drinnen beim griesgreisen Pförtner, mein Gesell gar mit dem +Alrunzauber bei der scharfohrigen Pförtnerin allein unter’m Galgen, +allwo er jetztunder noch aushält, das edle Herz; wähnet Ihr, dies +Alles sei von uns gethan, bloß daß Ihr zeitiger Euren edlen Namen +erführet und Eure ritterliche Geburt, als es sonst geschehen wäre. +Wähnet Ihr das wirklich? Ja freilich, ’s ist ja eine Zeitung, die man +nicht alltag zubringen kann, daß aus einem Singer ein Junker worden +ist, und daß einer aus der Abtei und den Regeln St. Bernhard’s in die +Herrschaft über Land und Leute gesetzt werden soll. – Jedennoch, +Junker, das ist hier die Meinung nicht. Wie? dort die Thür steht +offen, der Alte schläft und sie sucht nach der Alrune – und Ihr +besinnt Euch noch? Auf, gewinnet Euch selbst die Freiheit, nach der +Euch gelüstet! Der Weg ist offen; ich führe Euch.« + +Und er nahm sein Windlicht wieder zur Hand. + +»Aber«, sprach ich, tief erregt von dem, wozu er mich ermunterte, +»wenn ich’s thäte und ohn’ Urtheil und Recht dem Kloster entränne, so +brächt’ ich mich auf’s Neue in Fährniß, und geistlicher und weltlicher +Arm möchte mich bedrohen; ich hinderte die, so meiner Erledigung +günstig sind, daran, mich zu schützen, und der Bischof würde mich, wie +auch unser Orden des geistlichen Standes desto weniger entlassen!« + +»Wie?« rief da der Kurze unwillig wieder. – »Dahin steht Euch der +Sinn? – Als Ihr die Friedsamkeit und Demuth beweisen solltet, die man +Euch im Kloster gelehrt hat, da waret Ihr kampflich gemuthet, und da +es Euch als fahrendem Singbruder viel nützer gewesen wäre, Euch fein +zu ducken, daß Ihr heil entschlüpfen möchtet, da bewieset Ihr Trutz +und waglichen Widerstand – aber jetzt, wo Ihr des Ritterthums +genießen sollt, zeigt Ihr ein Herz wie ein Lämmlein! – O, lieber +Junker, denket doch nicht, wen die Kirche einmal eingethan hat und gar +dem Mönchsstand zugezählt, den werde sie so bald wieder losgeben; habt +nur wohl Acht, mancher Tag wird vergehen, bis sie sich über die +geistlichen und weltlichen Rechte verglichen haben werden, dieweil Ihr +in Haft hungert, schwitzt oder frieret, wie es Euch geliebt! Der +Gernsteiner, halt’ ich, wird schon dafür sorgen, daß Ihr Euch an +solch’ Leben gewöhnet. Und endlich, seid Ihr wiederum im Kloster, +nimmer mehr daraus zu entwischen« – – + +»So rathet Ihr mir –?« unterbrach ich ihn. + +»Ich rathe Euch – ho! wie sanft das ’nem fahrenden Magus thut, daß +er einem Junkerlein rathen darf – ja, ich rath Euch gut, Herr; traut +dem Bischof nicht, noch seinem Voigt, noch sonst wem außer Euch selber +und der Gunst der jetzigen Stunde, die Euch freien Ausgang verstattet +dank der Kunstübung Eures geringen Dieners und seines Gesellen! – Ah, +Junker, ’s ist wahr: Ihr seid dazumal übel gefahren mit uns, und habt +uns billig darum gescholten – aber die Noth, Junker, die zwingende +Noth trug die Schuld daran! Drum laßt uns jetzt desto baß Euren Dank +verdienen. Hatten wir nicht sogleich am Anfang uns’re Freud’ an Euch? +Haben wir uns nicht gebrüdert? Sahen wir heut’ nicht und hörten’s, daß +an Euch ein meisterlicher Singer verloren wäre, und ein wackerer +Ritter dazu, so Euch das Kloster erhielte?« + +»Doch seid Ihr’s gewesen«, sagt’ ich, »die mich durch ihr Anzeigen +meines Standes dem Bischof überantworteten!« + +»So brachten wir Euch doch aus des Gernsteiners Gewalt, der Euch wohl +so fest verwahret hätte und übel gehalten, daß wir mit keiner Kunst +Euch hätten erlösen können. – Das sind wir nun zu thun willens worden +und lag uns doppelt hart an, nachdem Eure Ritterschaft an’s Licht +gekommen ist. – Eilet denn, werther Junker! Gewinnet die Freiheit, +indem Ihr sie brauchet! Wie süß wird sie Euch eingehen an der Seite +Herrn Bruno’s! Wir geleiten Euch, wir Wegkundige, und gewiß, wir +werden ihn finden.« + +Ich hatte sinnend gestanden und wußte nicht, was erwählen; denn ich +fühlte, daß ich vor eine große Entscheidung geführt war. Aber der Ruf, +der an mich ergieng, lockte zu laut – und so folgt’ ich dem +Klingsohr, der schon in der geöffneten Pforte stund, ungeduldig mein +harrend. + +Ohne sonderliche Fürsicht schritt er mir den Gang voran. »Die beiden +Alten sind noch festgehalten«, sagt’ er dabei: »er vom Pülverlein, sie +von der Alrune, und vor anderer Begegnung sind wir sicher allhie!« + +Also befand sich’s auch; der Alte schlief, da wir durch’s Stüblein +kamen, und wir gelangten unangefochten hinaus auf die Stiege. Von +derselben führte ein hölzerner Gang außen zu einem Pförtlein in der +Mauer des Burghofs, durch das die Alten in einen zur Burg gehörigen +Krautgarten den Zugang hatten. Er war von einer hohen Mauer +eingeschlossen. + +»Hier können wir nicht hinab«, sagte mein Geleitsmann leise zu mir; +»nur drüben, wo der Berg steiler ist und die Mauer drum nicht so hoch, +mögen wir’s vollbringen.« + +Damit drängte er mich weiter, den schmalen Weg voran zur Seite der +Mauer. So kamen wir an’s Ende des Gärtleins und zu einer Thür, die war +offen, und auf steinernen Stufen traten wir in einen zweiten +Burggarten ein, der aber zur Sommerlust bestimmt war und in lauter +lieblichen Blumen und Ziergebüschen prangte. Ja, das that er auch in +dieser Sommernacht, denn obgleich weder Mond noch Sterne schienen, war +sie als zur Johanniszeit hell und wie von einem milden Dämmerlicht +übergossen, in dem man Jegliches umher deutlich sah; und Blätter und +Blüthen schimmerten mit einem sanften Lichte, als hätten sie etwas vom +Glanze des langen Sommertages zurückbehalten wie einen schwachen +Widerstrahl. Es hatte einen warmen Regen zur Nacht gegeben: noch +hiengen die Blätter tropfenschwer, und die Luft, von keinem Windhauche +bewegt, war weich und feucht; sie war auch voll würzigen Geruchs und +süßen Duftes, der aus ungezählten neu erfrischten Blüthen quoll und +aus solchen, die in dieser wonnigen Sommernacht zum ersten Mal ihren +Kelch erschlossen. Wie sog’ ich all’ diese stille Herrlichkeit mit +Sinnen und Herzen ein nach der Angst des Gefängnisses, ob ich gleich +an dem Frieden und der Glückseligkeit, die mich umgab, keinen Theil +haben durfte; denn mein Weg war ohne Recht, verhohlen und bedroht. + +Leise schritten wir hindann. + +»Seht Ihr das Fenster dort, von Rosengezweig umrankt?« flüsterte +Klingsohr. + +Ich sah dahin und gewahrte auch dicht dabei eine Pforte, die von der +Burg her in unser Gärtlein führte. + +»Des Grafen Eberhard Nichte, Junker, von der Ihr den Kranz empfienget, +wohnt heint allda zur Herberge. Von der Alten erfuhr ich’s, die am +Abend das Fräulein heraufreiten sah, stattlich geleitet. – Wenn wir +ihr allhie begegneten, Junker, wie geschwinde liefet Ihr wohl davon?« +Dabei kicherte er verhohlen. + +Ich sagte nichts; doch sah ich im Gehen hinauf zum Fenster, und ich +fühlte mein Herz stärker klopfen. + +Da klang ein Ton durch die Stille, fein und leise. Wir hielten mit +Gehen an und horchten auf. Es war das verhaltene Summen einer +menschlichen Stimme, das von drüben herkam, wo am Ausgang aus dem +Garten über der Ringmauer der Burg ein Sommerhaus als ein Thürmlein +gebaut war zum Lugaus hinunter in Dorf und Thal. – Jetzt vernahm ich, +halb gesungen und halb gesprochen, als würden sie nur laut gedacht, +die Worte: + + + – – – – – – – – – – – – – – – – – – + Dich lacht sie an mit rothem Munde + Und haftet doch im finstren Grunde, + Aus dem ihr Kraft und Leben quillt: + Das ist der Liebe Ebenbild! + Es schafft das Leid der Liebe Pein, + Doch ohne Leid kann Lieb nicht sein, + Es liebt die Lieb’ Leid zum Gedeihn! – + +Dieser mein Spruch, den ich vorhin gesungen, da es Kranz und Kleinod +galt – welch’ neue Gewalt hatte er doch jetzt über mich! Ich erschrak +und erzitterte schier, und doch schwebte mein Herz hoch auf in Wonne; +mir war’s, als träumt’ ich nur, und sodann wieder, als erwacht’ ich +nun erst aus ungewissem Wahn zur Wahrheit und zum Leben. + +»Irmela!« rief ich und eilte, ohne auf Klingsohrs eifrige Gebärden zu +achten, mit denen er mich trachtete zurückzuhalten, hin, woher die +Klänge kamen. + +Sie mußte den Namen gehört haben; denn als ich zum Sommerhause kam, +erblickt’ ich sie, wie sie am offenen Eingang desselben stund, +regungslos, als spähte sie hinaus. + +»Irmela!« so rief ich wieder und fand vor Freude und Bangigkeit kaum +den Odem zu dem Worte, wie ich nun nahe vor sie trat. + +»So bist Du’s, Diether, und bist frei?« Wiewohl ihre Stimme bebte, als +sie das sagte, klang es doch im hellsten Jubelton wie der Ausruf einer +Seele, der unerwartet die Bande schweren Leides gelöset sind. + +Ein Schauer durchrieselte mein Gebein, als sie in hochgehender Freude +mir entgegen eilte und mit ihren beiden Händen die meinigen ergriff. +Ich sah ihr in’s Angesicht: ihr Mund lächelte und ihre Augen waren +voll Thränen. + +Da konnt’ ich mich nicht länger enthalten, umfieng sie mit meinen +Armen und küßte sie. + +»Ja«, flüsterte ich, indem ich sie umschlungen hielt, »ich bin frei, +und immer selig sei die Stunde, da ich’s ward; denn sie offenbarte +mir, Süße, Deine und meine Herzensliebe!« + +»Weh!« rief sie da mit dem Tone des Schreckens, indem sie mit +Heftigkeit sich mir entriß, »weh, was hab’ ich geduldet! Diether, ich +bin verlobt! Nimmer wieder laß mich solch ein Wort hören! Nein, nein! +– Entweich, wir sind ewig geschieden!« + +Flehend bat sie so, aber streng zugleich und gebietend stund sie vor +mir, hoch aufgerichtet. Der Gedanke, so von ihr verstoßen zu werden, +erfüllte mich mit Grauen. Ich sank vor ihr auf die Knie. + +»Irmela,« bat ich, »nicht also treibt mich von hinnen! Kein Gefängniß +sieht so finster und freudlos mich an, als rings die weite Welt, so +ich Euch muß verloren geben. Ich kann nicht mehr von Euch lassen, +nimmer, nimmer! Die sehnende Herzensliebe hat mich bezwungen! O, auch +Dich, Irmela; läugn’ es nicht! Das Leid, das über mich gekommen ist, +hat ihre Heimlichkeit Dir kund gethan und diese Stunde auch mir. Nie +kannst Du dem Manne folgen, dem Dein Herz nicht zugehört!« + +»Ich lieb’ ihn nicht,« sagte sie leise. + +»Aber hier in meinem Herzen bist Du beschlossen, Irmela, und ich bin’s +in Deinem. Ach, wohl gleicht unsere Liebe dem Sturmvogel, der gegen +Wind und Wetter durch zuckende Blitze in mitternächt’ge Wolken fliegt; +aber hinter ihnen, Irmela, glänzt die Sonne und seine Schwingen sind +Adlerschwingen!« + +Sie schwieg; aber mir war’s, als athmete sie schwer und mit leisem +Beben erzitterte sie. + +»O, sprich nur ein Wort!« bat ich wieder. »Ein einzig Wort, daß ich +wisse, die Rose, die sich mir zur Wonne erschlossen in dieser +Blüthennacht, sei nicht auch zugleich entblättert; daß mir eine Hoffnung +leuchte auf der dunklen Bahn, die ich beschreite. – Sprich dies Wort, +Irmela, dies eine Wort, und ich will kämpfen, ringen und nicht ermüden, +bis der Tag kommt, da der Bund dieser Mitternachtsstunde vor Gott und +Menschen gesegnet wird!« + +Da war’s, als bewegte sie ihre Hand mir entgegen; ich erfaßte sie und +drückte sie mit Inbrunst an Herz und Lippen. + +»Hab Dank, hab Dank, Irmela!« sagt’ ich, indem ich mich erhub, »und fahr +wohl!« + +»Fahr wohl auch Du!« sprach sie zum Scheiden. + +Indem kam auch schon Klingsohr herbei mit großer Eil und vielem Winken: +»Geschwind, Junker, geschwind! Wir dürfen nicht länger säumen. Man ist +uns auf der Spur. Dort den Weg kommen sie, den wir vorhin nahmen. Gewiß +ist die Alte heimgekommen, hat das Nest leer gefunden und Lärm gemacht.« + +Ich wollte mich auf diese Worte fürder wenden, mit ihm die Flucht +fortzusetzen, als wir auch schon die, so uns zu suchen ausgegangen, in +der offnen Pforte ersahen, durch die wir in den Garten gekommen waren. + +»Da drüben um’s Thürmlein müssen sie sein,« so vernahmen wir: »dort +hört’ ich flüstern, als ich hinaushorchte.« + +Es war die Stimme der Alten. + +»Sie werden mich finden!« sagte Irmela mit Bangen, »was beginn’ ich?« + +Wohl sah ich, daß sie ihnen nicht entgehen konnte. Sie konnte sich im +Garten nicht verbergen, den die Leute gewiß durchsuchen würden, und +auch, wenn sie zurück wollte in ihr Gemach, mußte man auf sie treffen. + +Sollte sie durch mich in Verdacht gerathen und Ungemach? Sollte sie +gepeinigt werden mit Fragen nach mir und ihr reines Gemüth zwischen +dem Wunsch schweben, unsere Heimlichkeit mir zum Schaden nicht +auszubringen, und der ungewohnten Nöthigung, durch Falschheit sich +heraus zu helfen? + +Das durfte nicht geschehen. Die Gewißheit ihrer Herzensliebe zu mir +hätte mir jeglich Opfer leicht gemacht. Ich besann mich nicht. + +»Seid getrost, Irmela!« rief ich. »Ich gewinn’ Euch Zeit.« Und bevor +sich Klingsohr deß versehen konnte, der allbereits zur Weiterflucht +vorangeeilt war, nicht zweifelnd, daß ich ihm folgte, sprang ich den +Weg zurück, den wir gekommen waren, gerade auf die Gartenpforte zu, +den Eindringenden entgegen. + +Ich gedachte durch die Überraschten hindurchzustreichen, oder doch, +so das nicht gelänge, sie so lange aufzuhalten, bis Irmela hinein +wäre, und dann ihnen zu entrinnen. Meine schnellen Füße, hofft’ ich, +sollten mich retten, bis ich an einen Ort käme, geschickt zu einem +Sprung die Ringmauer hinab. + +Aber was soll ich sagen? So gerieth es mir nicht. Zwar daß meine +Verfolger in den Garten eindrangen, verhindert’ ich. Denn wie ich nach +der Pforte rannte, wandten sie sich mir Alle zu mit lautem Geschrei. +Doch es waren Ihrer zu viele, als daß ich hindurchzubrechen vermochte +oder sie bestreiten konnte, ich Waffenloser. Es währte nur eine kleine +Weile, so war ich von ihnen umringt und ergriffen, und ein Gefangener +des Bischofs von Speyer, wie vorhin. + + + + +Neuntes Kapitel. + +Entscheidung. + + +Wenn im Frühling die schwanken Birkenzweige im ersten Grün erprangen, +wenn der laue Hauch der Luft die glänzenden Hüllen von den schwellenden +Blattknospen der Buchen und Linden streift, wenn die Blumen aus dem +Grase dringen und überall wieder das Leben sich regt und schmückt: dann +ist solcher Anblick wohl für jeglichen Menschen, der sein genießt, eine +Ursach zur Freude, und, sein Muth sei froh oder traurig, ihm sei wohl +oder weh, so vernimmt er in solchem Walten Gottes zur Frühlingszeit +einen Ruf, sein Herz zu stärken und jede gute Hoffnung aufschweben zu +lassen, wäre sie auch oft schon zu Boden gestoßen und gar flügellahm +worden. + +Anders, acht’ ich, ist’s im Herbst, wenn der Schmuck der Erde allgemach +vergeht und von Tag zu Tag die Gärten leerer, die Wiesen fahler und die +Wälder kahler werden. Davon mögen die Menschen, je nachdem es ihnen um’s +Herz ist, leicht oder schwer, einen gar verschiednen Muth gewinnen. Es +kann sich ganz lustig ansehen, wie so ein gelbes Blatt nach dem andern +vom Baum gelöst und tanzend vom Winde hinweggeführt wird, wenn die +Früchte sicher eingethan sind, die der Baum gegeben hat, und dem Genieß +aufbehalten; auch weiß sonder Zweifel das Auge des Hoffnungsvollen am +sich entblätternden Baume überall die Knospen wahrzunehmen, darin +Blätter und Blüthen wohl verwahrt sind schon für’s kommende Jahr. Ja, +wem daheim der warme Herd in die Mitte der Seinen winkt und zu +willkommener Ruhe nach gethaner Arbeit: wie gern mag der sich von den +rauhen Herbststürmen hinein scheuchen lassen! Kürzlich: wem die Wurzeln +seines Lebensbaumes noch fest und kräftig genug in der Erde haften, +Nahrung daraus zu ziehen, wer da im Stamm inwendig noch den Saft +aufsteigen weiß: der ersieht auch im Winter nur den Vortraum und +Stärkungsschlaf für Leben und Lust des kommenden Lenzes und mag die +kalte Hand, die das Laub entstreift, mit Freuden begrüßen. – Aber für +die Meisten freilich hält der Herbst, wenn er dem Winter die Bahn macht, +eitel Leichensermone; denn unter den Menschen, so zum Nachsinnen über +sich gekommen sind, wozu Frau Unglück weit besser anleitet, als ihre +ungleiche Zwillingsschwester, sind, wie ich sorge, viel mehrere, welche +von der Zukunft hienieden lieber zu wenig hoffen, als zu viel und darum +die Trauerlieder des sinkenden Jahres überleicht verstehen und +nachsingen. + +Dazu war wohl auch ich weidlich geschickt geworden nach meiner +Gefangennahme, seit ich wieder in’s Kloster zurückgebracht war, allda +des Ausgangs meiner Sache zu harren. Zwar nur wenige Monate waren +seitdem verstrichen. Aber als ich aus meiner Zelle, die mir zur Büßung +abseits von denen der Brüder angewiesen war, in den grauen Novembertag +hinaussah, drückten seine tiefhangenden Wolken schier auf mein Herz, +und der Wind, der durch die kahlen Äste des Nußbaumes vor meinem +Fenster fuhr, seufzte, als wollt’ er mir helfen trauern und klagen. + +Wie manchen Tag hatt’ ich schon vom nämlichen Schemel, den Ellenbogen +auf dem Tisch vor mir gestützt, durch dies kleine Fenster +hinausgesehen nach dem Nußbaum und dem Himmel, so viel davon zu +erblicken war; denn sonst war die Welt meinen Augen versperrt. – + +Wenn ich früher ihn betrachtet hatte, wie er so mächtig aus dem +Zwinger emporstrebte, hatt’ ich nicht gedacht, wie sehr ich’s ihm +einstmal noch danken würde, daß er also hoch gewachsen war, so hoch, +daß er mit seinem Wipfel auch über das kleine Fenster der einsamen +Zelle hinausragte, deren Bewohner nun ich war. – Wie doch heute +sonderlich die Äste stöhnten, wenn der Wind sie schüttelte und, ihre +Zähigkeit erprobend, sie gegen einander schlug; wie knarrend die +dürren Zweige zerbrachen, und wie ängstlich die wenigen gelben +Blätter, die noch am Gezweige saßen, sich hin und wieder wendeten, so +oft ein Windstoß sie erfaßte, als sträubten sie sich gegen ihn und +riefen um Hilfe! – + +Es war doch Alles umsonst; eins nach dem Andern ward abgerissen und +wie zum Hohn wild durch die Luft geführt, oder es sank zitternd zur +Erde nieder – eins nach dem andern! – Schon konnt’ ich die übrigen +an den Fingern meiner Hände zählen – dort eins – dort eins – und +dort eins! + +Ob wohl auch sie heute würden abgelöst und der Baum ganz kahl werden? – + +Ach, es war heut ein traurig Ding um ihn und den Himmel dahinter! – + +Als ich zuerst hier in diese Zelle hereingeführt und hinter mir die +Thür verschlossen ward, daß ich allein wäre (wie war ich’s gewohnt +geworden seitdem!) mein Sinnen und Denken abzuziehen vom eitlen Wesen +der Welt und nur auf meine Schuld zu lenken und heilsame Büßung: wie +winkte mir da durch’s Fenster das dichtbelaubte Gezweig so freundlich +entgegen! Schwellende Früchte, zu Trauben gesellt, schauten daraus +hervor, und blitzendes Licht vom blauen Himmel her spielte zwischen +den grünglänzenden Blättern. – + +Das war zur Johanniszeit, am Tage, nachdem ich in’s Kloster auf +Erfordern des Abtes und mit Bewilligung des Bischofs war zurückgeführt +worden. Ich war in den Capitelsaal gebracht, allwo der ganze Convent +sich versammelt hatte, daß ich vor den Abt gestellt würde, mein +Urtheil zu empfahen, wie mit mir zu handeln wäre im Kloster. Denn +obgleich meine Erledigung zurück in den weltlichen Stand allerdinge +nach dem Spruch derer, denen die Entscheidung unterstünde, zu erharren +wäre, so hätte ich doch meine Untugend und all’ das Ärgerniß, so ich +gegeben, als dem Cisterzienser Orden zugehörig, verübt, und müßte +daher gemäß der heiligen Observanz und St. Bernard’s Regel zum Heil +meiner Seele, zur Befestigung der Guten, zur Stärkung der Schwachen, +zur Warnung der Sichern mit mir gethan werden. + +Solches Alles ward mir vor den Brüdern im Capitel von Abt Albrecht +verkündigt, der dazu eine Rede that, die mir recht das Heimlichste +meines Herzens vor Augen kehrte, daß ich sah, wie schwarzer Farbe es +war; denn er war gewaltig in Worten. Er nannte den Tag, da er von +meiner Sünde hätte hören müssen, den traurigsten von allen, seit ihm +der Abtstab in die Hand gegeben wäre; er beschrieb meinen Sinn, wie +schlimm geartet er wäre und unwerth, daß ich all’ sein Vertrauen, das +er zu mir gekehrt, und seine gute Meinung so gröblich zu Muthwillen +und Verübung loser Narretheidinge gemißbraucht hätte; er sagte auch: +wenn der Herr und Weltenrichter schon den unnützen Knecht in die +äußerste Finsterniß und in die schrecklichen Höllenschlünde verweisen +wolle, darum daß der Schalk mit dem einigen ihm verliehenen Centner +nicht gewuchert habe, welche Qual werde sich der verdienen, welcher +hohe und edle Gaben, so er von Gott empfangen, dazu verwende, daß er +damit unsers Herrn und seiner heiligen Kirche Ehre, statt sie zu +erbauen, kränke und ganz niederlege! + +Darnach fragt’ er mich, ob ich etwas zu sagen hätte, so sollte mir das +verstattet sein. + +»Würdiger Vater!« sagt’ ich da. »Es ist Alles wahr, deß Ihr mich +zeiht. Ich habe schwer gesündigt wider Gott, wider Euch, wider den +heiligen Orden. Aber so wahr ich Euch und dem würdigen Convent hier +von der ewigen Dreifaltigkeit beständige Genüge erwünsche, so +gewißlich kann ich Gott im heiligen Stande nicht länger dienen, habe +nur ein Verlangen, mich zum ritterlichen Leben zu schicken, und bitt’ +Euch demüthig: Helfet mir dazu!« + +Durch solche Worte, sagte wieder der Abt, erfände sich’s desto +gewisser, wie völlig mein Herz geblendet wäre. Darauf ward ich dem +_Frater poenitentiarius_ zugewiesen, daß er die geistlichen Büßungen, so +mir aufzulegen, leiten und in Allem meiner armen Seele rathen möchte, +die Bosheit auszuziehen und Gnade zu gewinnen. + +Der hatte denn auch das Amt, so er überkommen, an mir mit allem Eifer +angegriffen. Einsamkeit, Casteiung und allerlei Plage sollte meinen +Sinn ändern, dazu stetes Gespräch mit ihm von heiligen Dingen und von +Verachtung der Welt. War ich nicht manchen Tag hinunter in die +Geißelkammer geführt worden, auch dazu aus dem Schlaf geweckt, allda +das Miserere zu singen und Schläge zu leiden? + +Doch wiewohl mir meine große Fehle, damit ich mich verschuldet hatte, +leid war, so blieb doch mein Muth und Wille hinausgerichtet, wie +anfangs, und die himmlischen Dinge, die mich hinwegziehen sollten von +allem weltlichen Trachten, erlangten diese Gewalt nicht über mich. Ja, +wenn oft unter den Geißelschlägen mein Rücken rünstig ward und ich +dennoch ihnen stille hielt und nicht zuckte; wenn ich jegliche Pein, +mit Wachen und Fasten mir auferlegt, williglich trug und nicht murrte, +so wähnte mein Beichtiger wohl, es wäre die wahre Zerknirschung und +herzliche Reue, die mich so harte Buße demüthig tragen lehrte: aber es +stund viel anders mit mir. Ich hätte das Schwerste auf mich genommen +in dem Gedanken, der mir auch all’ dies Ungemach leicht machte: daß +ich es litte, weil ich mich gefangen gegeben für sie, für die Maid, +die mir allzeit im Sinne lag, deren Bild in aller Pön mir winkte. + +O, welche Gewalt hat doch eine starke Hoffnung über des Menschen +Herz! Sie ist allgegenwärtig, wie das Sonnenlicht. All’ unser Denken +und Thun, Mühe und Plage, Leid und Noth durchleuchtet sie; sie +durchsüßet die Bitterniß und durchblümet selber die Wüstenei, die wir +durchwandern müssen. + +So hab’ auch ich’s erfahren in jenen Tagen. + +Wie oft, wenn ich einsam in der Zelle weilte, brachte mir die gewisse +Hoffnung, der Tag der Befreiung würde erscheinen, Stärkung und Trost! +Wie malte sie mir mit dem Sonnenstrahle, der an der Wand zitterte, +lichte Bilder hin von Aventiuren, Ehren und ritterlichen Thaten, von +Freiheit und Wiedersehen! Wie hört’ ich ihr Flüstern im Rauschen des +Nußbaumes, wenn der sanfte Wind das Laub bewegte! + +Mit jedem Tage stieg diese Hoffnung; denn jeder brachte ihre Erfüllung +näher. + +Mit Fleiß achtete ich auf die grünen Früchte, die mir der Nußbaum +durch’s Fenster zeigte, wie sie allgemach größer wurden. »Eure Schaale +ist bitter«, sprach ich oft, »und selber dem Anblick wird sie unhold +mit der Zeit. Aber drinnen hegt sie wohlverwahrt den süßen Kern; die +Hülle springt, und er tritt an’s Licht. So tragen auch diese Tage, +deren Bitterkeit ich schmecken muß, in ihrem Schooße für mich die +köstliche Frucht der ersehnten Freiheit; noch ist sie mir verborgen, +aber unmerklich reift sie heran.« + +Doch ach! eine Woche nach der anderen war herumgegangen, und noch +immer hört ich nichts davon, daß draußen meiner gedacht ward. +Jeglichen Morgen sah ich klopfenden Herzens in meines Beichtigers +Angesicht, prüfend, ob er die erhoffte Nachricht mir nicht zu +verkünden hätte. Aber er schwieg davon, und der neue Tag schwand +gleich dem vorigen. + +So einförmig giengen die Tage hin, so geräuschlos schlich die Zeit +durch Wochen und Monate, daß ich ihrer Zahl und Menge, wie viel ihrer +waren, gar nicht Acht hatte. Aber wohl sah ich, wie die Nüsse sich aus +ihren Hülsen schälten, vom Baume fielen und die leeren Schalen +zurückließen; wie die Blätter sich entfärbten und das Geäst allgemach +lichter ward; wie dann der Himmel, der da hindurch blickte, als durch +ein immer weiter sich öffnendes Gegitter, öfters trüb schien und +seltener in blauer Klarheit glänzte. Ich sah, wie das Sonnenlicht +immer später meine Zelle besuchte, immer schmaler darin seine goldenen +Streifen zog und nimmer bälder daraus verschwand. + +Wenn auf trübe Tage wieder ein sonnenheiterer folgte, hatte ich schier +mit Ungeduld geharrt, den Schein zu sehen, ob er wohl merklich würde +zurückgewichen sein gegen das letzte Mal, da er an der Wand geglänzt; +und als es geschah, daß ich wahrnahm, wie die Sonne meine Zelle nicht +mehr erreichte und den letzten Scheideblick des Jahres herein +geschickt hatte in meine Einsamkeit: da war eine große Traurigkeit +über mich gekommen, als sollt’ ich auch den güldnen Träumen von +Erledigung und Freiheit den Abschied geben. + +Aber ich hatt’ es nicht vermocht, ich hatte um so sehnlicher gehofft +und war nicht müde darin geworden, wie auch die Blätter immer +zahlreicher fielen und die kahlen Zweige schmucklos zu mir herein +starrten. – – + +Wie mit Fleiß ich an dies Alles heut’ zurückdachte am stürmischen +Novembertage, als ich zum grauen Himmel hinaussah, und wie die letzten +Blätter sich wehrten wider den Wind, der sie zauste, und half ihnen +doch Alles nichts! + +Nein, es half auch mir nichts: mein Hoffen und Sorgen, Zagen, +Wünschen und Ungeduld! – Wenn es der Weltenherr so beschlossen hätte, +daß mein Leben und die Welt draußen immer geschieden blieben von +einander! Wenn das Gelübde meiner Mutter, da die Gottesminne ihre +Liebe zu mir bezwang und durchklärte und sie mich der frommen Hut des +Klosters übergab, gewißlich ach, mit heißen Gebeten! im Himmel +versiegelt ward! + +Aber konnte das sein? Wäre mir dann die Einfalt und der Frieden meiner +Jugend so verwirrt durch Lust und Weh der Welt, durch das Eindringen +ihrer Süße und Herbe in mein unerprobtes Herz? Wären dann jene +Versuchungen an mich herangedrungen, um welcher willen, daß ich vor +ihnen geborgen bliebe, ich hieher gebracht worden war an diese Stätte +geschützten Friedens? + +Doch wie? Durft’ ich mich unterwinden und all’ dies, was mich abwendig +gemacht hatte dem heil’gen Stande, ansehen als von dem waltenden Gott +so gefügt? War es nicht vielmehr der Dünkel und Wahn meines +unberathenen Herzens, eigenwilliges Entweichen vom Wege, der mir +verordnet war? O, dann war es ein unmächtiges Ankämpfen, ein +schuldvoller Ungehorsam. Und dies sehnliche Verlangen in mir nach +Ehre, Freude und Glück der Welt, nur darnach? nein! auch nach ihren +Kämpfen, Mühen und Schmerzen: sagte es nicht noch jeden Augenblick Ja! +zu der Hoffahrt und Eitelkeit meiner Seele, bedrohte es mich nicht mit +immerwährender Unseligkeit, so der Spruch fiele, daß ich im Kloster +bleiben müßte? Dann wäre mir die Erde vergällt und für die Ewigkeit +meine Seele der finsteren Schaar zugeordnet. – + +Ich erschrak vor solchen Gedanken! Ich sah hinweg vom Fenster und +lenkte meinen Blick auf das Buch, so vor mir aufgeschlagen war. Es +waren S. Anselmi Betrachtungen. Mein Beichtiger hatte mir das Buch +hereingegeben zu heilsamem Nachdenken. Täglich mußt’ ich ein Stück +darin lesen und auf sein Befragen davon Rechenschaft thun, ob ich die +Meinung recht verstanden hätte. Ich that es; aber meine Seele war +nicht dabei. Heute zum ersten Mal kehrt’ ich allen Eifer dazu. Ich las +von dem Meere des Verderbens, welches wäre die Tiefe weltlichen +Begehrens, und vom bodenlosen Schlamme der fleischlichen Lüste; ich +las von dem Elend dieses Lebens: wie es gliche einem finstren Thale, +in seinem Grunde voll Martern; darüber eine einzige Brücke, sehr lang, +aber nur eines Fußes breit; über diese so schmale, so hohe, so +gefährliche Brücke gehen müssen, mit verbundnen Augen, also daß man +seine Schritte nicht sehen kann, mit rücklings gefesselten Händen: so +in Furcht und Ängsten des Herzens schweben: Das wäre dieses Leben. +Ich las vom Tode, wie er alle Schönheit der Gestalt verderbt und die +zarten Glieder der Verwesung und den Würmern überantwortet; vom Grauen +der Sterbestunde, von den Schrecken des jüngsten Tages. + +Solches Alles las ich, wie es in der ersten Meditatio des heiligen +Lehrers zu finden ist. Davon überkam mein Gemüth große Pein. Denn wenn +ich es untersuchte, so erfand ich doch darin die Abkehr von dem +vergänglichen Weltwesen nicht erwirkt, noch das Verlangen nach der +himmlischen Freude entzündet; sondern daß ich frei würde und ein +wackerer Held, der Ehren erwürbe Brun zum Trost und Irmela zur Freude: +das war all’ mein Verhoffen und mein Begehr, wie vorhin. + +Da schickt’ ich mich an, zu Gott zu rufen, daß Er mir die Verachtung +der Welt in die Seele senken möchte und die völlige Gelassenheit, aber +unvermerkt ward solch’ Gebet zur Bitte, die Stunde meiner Losgebung +möchte bald erscheinen – und Beides zusammen konnte doch nicht +bestehen. + +So hub ich denn in also zweifellichem Wahn meine Augen auf und sah +hinaus, wie ich zuvor gethan hatte. Der Wind fuhr noch immer durch die +Zweige und schüttelte sie. Hatte er denn schon alle Blätter nun davon +geführt, alle? – Nein, eines hieng noch fest, ein einziges. Ich faßt’ +es in’s Auge und blieb daran haften mit meinem Blick, wie es ohne +Aufhören auf und nieder und zu den Seiten flatterte und doch nicht +abriß. – »Du willst, guter Baum,« sagt’ ich, »das Einzige, was Dir +vom sommerlichen Schmuck geblieben ist, nicht lassen; also auch ich +nicht die Hoffnung von daher. Aber das Jahr ist spät und wie lang’ +kann Dein Widerstand noch dauern – und meiner?« + +Aus solcher trübseligen Betrachtung erweckte mich ein Klopfen an der +Thüre. Die kleine Öffnung in ihrer Mitte, deren Thürlein aufgethan +ward, ließ eine Hand sehen, die ein Papier in die Zelle fallen ließ. +Als ich es aufnahm, war schon die Hand wieder zurückgezogen und die +Öffnung verschlossen. + +Es war ein Brief, erbrochen und durch den Abt mir überschickt – ein +Brief, mir von Brun geschrieben aus Rom. Wie froh erschrak ich, als +ich den Namen las, und wie faßt’ ich jeglich Wort, das da geschrieben +stund, zu Herzen! + +Gewißlich entsänn’ ich mich seines Scheidewortes an mich. Ihm wär’ es +allzeit lebendig im Herzen geblieben, und Anderes hätt’ er nicht +erstrebt, als daß er mir Befreiung erwürbe und mich in das Erbe seines +Namens und seiner Güter setzte. Er hätte manchen Gang darum gethan und +auch Graf Eberhard – ich kennte doch Adelbert aus Bruno’s Geschichte? +– – wäre ihm eifrig zur Seite gestanden. Auch andere seiner Freunde +aus jungen Jahren hätten sich für ihn eingelegt und selber ihm zur +Hoffnung verholfen, daß er Land und Leute, so er einst besessen, +wiederum zu Handen erhielte. Aber es hätte sich erwiesen, daß +geistliche Rechte wider ihn wären. + +Und nun ließ er mich wissen, daß meine Mutter nach altem Brauch mich +feierlich dem Kloster und geistlichem Orden übergeben, daß der +Priester aus ihrer Hand mich auf den Hochaltar genommen und als ein +Opfer und süßen Geruch dem Himmelskaiser geweiht hätte. Da wäre die +Stola um des Knäbleins Arm von ihm geschlungen worden und meine Mutter +hätte alle heiligen Gelübde, vom Priester ihr vorgesprochen, für mich +vollbracht. Auch wäre darüber eine Urkund nach allem Erforderniß in +der Abtei niedergelegt. Auf solches Alles hätte sich der Bischof +berufen, und zu ihm hätten die höchsten Oberen des Cisterzienserordens +gestanden. – Darum hätt’ er sich aufgemacht und wäre gen Rom gezogen, +dort beim heiligen Stuhl für mich zu bitten; aber man hätte ihn +schlecht an die Entscheidung des Bischofs und des Ordens gewiesen, +darnach müßte der Spruch gefällt werden. + +Ob ich ihn wohl zu lieben angefangen hätte, als das Kind den Vater +soll? Ob ich mir wohl fürbilden könnte, wie selig ihm die Stunde +gewesen, da er mich gefunden und wie er seitdem nichts wüßte, als mein +Bestes zu suchen? – Dann sollt’ ich nicht wider Gott fechten, den +Frieden meiner Seele in Acht nehmen und mich in’s Kloster ergeben. Ich +sollte nicht hinaustrachten um seinetwillen, denn er hätte aller Dinge +beschlossen, daß wir unser Angesicht nicht mehr sähen. Es wäre besser +so. Er hätte ja eine Weile gedacht, der hehre Christ hätte seine Buße +angenommen und wollte sein brauchen, Freude für seinen Sohn zu säen +und ihm die Wege durch die wirre Welt zu ebnen, in denen er selber +sich verloren. Unterweilen hätt’ er auch einen hellen Traum gehabt, +als möcht’ er Joconda wiederfinden. Aber sie wäre, wie er erkundet +hätte, schon lange in Frieden, wohin dies zeitliche Jammerwesen nicht +reichte, und um mich wär’ er solches Glückes nicht würdig erfunden. +Darum wollt’ er von Stund’ an seine Buße vollenden und die göttliche +Güte unablässig bitten, daß sie meine Seele von allem irdischen +Dichten reinigte und ganz ausleerte von jeglichem Verlangen, das doch +nicht erfüllt werden könnte, bis mein inwendiger Geist ganz stille +würde und offen für die Süße der himmlischen Liebe. Weil er denn +bedächte, daß das Band, so mich mit ihm verknüpfte, mich sonderlich +stark hinauszöge in die Welt, so hielte er es für wohlgethan, auch +dies Gott aufzuopfern, daß ich mich leichter losmachte und, was ich +aufgeben müßte, desto minder schätzte. + +»So scheide ich denn«, so beschloß der Brief, »mein herzgeliebter +Sohn, hiemit von Dir, nicht nach dem Herzen und nicht für ewig. Unser +kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke, +daß es heut geschieht! – Die ewige Dreifaltigkeit nehme Deiner in +Gnaden wahr, sie enthebe Dich aller Wirrsal und gebe Dir Freude und +Frieden! Das ist mein Segen. Fahr wohl! – + + Mein Sohn, bitte für mich! + + Gegeben in Rom in St. Augustini Kloster. + + +Bruno+.« + +Als ich ausgelesen hatte, entfiel der Brief meinen Händen und meine +Arme sanken schlaff herab. »Fahr wohl, fahr wohl!« rief es mir nach. +»Fahr wohl, mein Vater! fahr wohl jede süße Hoffnung; fahr ewig wohl!« +In dumpfem Klageton hört’ ich’s so; aber ich fühlte, wenn ich’s +ausspräche, so müßt’ ich’s hinausschreien, und ich verharrte im +Schweigen. Denn in allzugroßem Weh mißgönnt sich der Mensch auch den +Trost der lauten Klage. – + +Eine starke Windsbraut, die mit klatschendem Regen gegen das Fenster +fuhr, schreckte mich auf und riß meinen Blick empor. Die Äste +schlugen gegen die Scheiben, also daß sie erklirrten, und das letzte +Blatt, von seinem Zweige geschieden, wirbelte durch die Luft; eine +kleine Weile ward es umhergetrieben, dann entschwand es meinen +Blicken. + +»Fahr wohl, fahr wohl!« + +Da quoll ein Dunkel auf um mich her, als wollten Wellen eines Meeres +mich verschlingen, und die Sinne vergiengen mir. – Als ich mich +wiederum besann, fand ich mich auf der Diele liegend; der kurze Tag +war herum und die Zelle ganz finster. Vom Himmel und vom Nußbaum war +nichts mehr zu sehen, nur der Wind gieng draußen wie vorhin, und so +oft er die Äste gegen das Fenster bog, hört ich’s noch immer rufen: +»Fahr wohl, fahr wohl.« + +Ich weiß nicht, wie lange dies währte, als es geschah, daß an der Thür +der Riegel zurückgeschoben ward und gleich darauf Einer aus dem +Convent, nicht der meiner Pönitenz vorgeordnet war, mit Licht in meine +Zelle trat. + +So geschlagen ich war in jener Stunde vor großem Leide, wollt’ ich +doch nicht, daß Solches im Convent offenbar würde; ich hatte mich also +aufgerafft und trat dem, der mich heimsuchte, so gelassenen Angesichts +entgegen, wie ich’s vermochte. + +Der aber sprach, mich betrachtend: »Diether, wie siehst Du verhärmet +aus! Fasse Muth in’s Herz; leichtlich wirst Du bald wieder froh. Denn +so erfindet sich’s unselten im Leben, daß die besten Tage die bösesten +ablösen.« + +Darnach sagt’ er mir, daß Abt Albrecht ihn geschickt hätte, mich +allsogleich vor ihn zu führen, und, wie sich’s ansähe, hätte der für +mich wichtige Zeitung. + +Als ich in des Abtes Gemach trat, saß der, wie er pflegte in Stunden +der Muße, im hohen Gestühl, vor sich ein Buch zu heiliger Betrachtung +und gelehrtem Fleiß oder, wenn es mit Bildwerk geziert war, auch zu +lustsamer Beschauung bestimmt. Doch er hatte das Ansehen nicht, als ob +er heute sein Nachdenken da hinein tief versenkt hätte. Denn kaum +erblickt’ er mich, als er mich näher winkte, eine kleine Weile prüfend +seine Augen auf mir ruhen ließ, seinen Mund aufthat und folgendermaßen +anhub: + +»Wir haben Dir eben heute, Diether, einen Brief zugehändigt, der +billigermaßen Dein Gemüth beschwert und in Traurigkeit gesetzt hat. +Denn darinnen ist Dir kund geworden, daß Du Deines Vaters Angesicht +nicht mehr sehen sollst in dieser Zeitlichkeit.« – + +Als ich diese Worte hörte, fühlte ich die Trübniß, die mich vorhin +überwältigt hatte, wiederkehren, und wiewohl ich mich gedachte fest zu +machen, konnt ich’s nicht wehren, daß meinen Augen vor übergroßem +Leide Zähren entflossen. + +»Ja, gewißlich«, sprach er weiter, als er solches wahrnahm, »ist +davon Deine Seele hochbewegt; und wir nehmen noch sonst ein +Verständiger, sogethane Trauer Dir nicht für Übel; denn kindliche +Liebe ist göttlicher Schöpfung, und Fleisch und Blut thun nach ihrem +Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen Ermahnungen aus +theurem väterlichem Munde, auch die Erkenntniß Deines eigenen Herzens +und deß, was ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Fleiß angehalten +worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit zu +überwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen der Welt Lust +versagt ist, darnach sie vergeblich trachten. Ich verhoffe, Du siehest +fürder diese Abtei, in der Du auferzogen bist, nicht als ein Gefängniß +an, sondern bedenkest wohl, daß Du allhie nicht allein der Seele Heil +am ungefährdetsten erwirken, sondern Gott mit der edlen Kunst, deren +Vermögen Er Dir verliehen hat, am würdigsten dienen magst. – Daß in +dem Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde Gelegenheit +geboten.« + +Ich horchte auf bei diesen Worten und sah ihm mit großer Erwartung zu, +als er eine Schrift, die er zur Seite liegen hatte, in die Hand nahm +und entfaltete. + +»Wir haben eben heute Briefe empfangen«, sagt’ er dabei, »Deine Sache +angehend, welche darthun, daß die, so zuvörderst das Urtheil darüber +zu fällen haben, anderen Sinnes worden sind, wie es mit Dir zu halten +sei, als es sich zuvor anließ. Auf dringendes Ansuchen des Bischofs, +dem unsere Abtei untersteht, hat das General-Capitel unseres Ordens +neuerdings verwilligt, daß unser Convent Dich losgebe, und Dich des +Gelübdes, einst für Dich gethan, entbinde.« + +Als ich diese Worte hörte, überkam mich eine Freude, als dränge ein +heller Sonnenstrahl plötzlich in mein von Traurigkeit ganz +überschattetes Gemüth. + +»So soll ich frei sein, ehrwürdiger Vater?« fragt’ ich mit Pochen +meines Herzens. »Ist es das, was Ihr sagtet – frei?« + +Ihm war aus der Hast, mit der ich Solches redete, die Unruhe meiner +Seele wohl offenbar. Mit Verwunderung und auch, als hätt’ er weiseren +Sinn mir zugetraut, sah er mich an und gab mir weiter Bescheid: »Auch +soll von dem liegenden Gute, einstmals Deinem Stamme zugehörig, auf +Verwendung der bischöflichen Gnade und mächtiger Freunde so viel durch +Lehenshand Dir wiederum zufallen, als zur ziemlichen Erhaltung +ritterlichen Standes für nöthig erachtet wird; wie Solches die +Schriften hier besagen und urkunden.« + +»So bin ich nicht fürder hier zu bleiben gehalten?« fragt’ ich wieder; +denn mir war’s nicht anders, als träumt’ ich nur. + +»Allein Deine Wahl, Diether!« sprach der Abt, »bestimmen forthin Dein +Bleiben oder Gehen. Möge Gott, Jüngling, Dich dazu erleuchten, daß Du +Dich recht berathest.« + +Da konnt’ ich mich nicht länger enthalten, eilte auf ihn zu und, vor +ihm auf die Kniee fallend, ergriff ich mit Ungestüm seine Hände, küßte +sie und sprach: »Dank, dank, lieber Vater, für die Kunde, die mir von +Euch geworden ist! Sie macht mich wieder lebendig. Ein schwerer Muth +war über mich gekommen, als sollt’ ich solcher Märe nimmer froh +werden.« + +»So steht Dein Wunsch und Wille noch allerdinge hinweg von uns?« +fragt’ er mit Strenge und doch auch, als lebte, da ich so beweglich +und nahe zu ihm redete, etwas von seiner früheren Gütigkeit gegen mich +wieder auf in ihm. »Nur Freude schafft Dir dies, auch nachdem Du die +Worte Deines Vaters, Herrn Bruno’s, vernommen?« + +»Ehrwürdiger Vater!« erwiedert’ ich, indem ich’s wagte und seine Kniee +umfaßte. »Immer spende die göttliche Gnade den Lohn Euch +überschwänglich für alle Treue, die Ihr an mir gethan habt, und Gott +mit seinem Frieden sei eines Jeglichen Geleitsmann ewiglich, so viel +allhier Eurem Hirtenstabe unterstehen: aber mich leidet’s in dieser +Abgeschiedenheit nicht länger, und mein inniges Trachten ist noch zur +Stunde, wie es vorhin war, hinaus.« + +»Und doch«, sprach Albrecht wieder, »magst Du leichtlich in der weiten +Welt Dich einsamer und verlassener finden, als hier, wo Du so Vielen +vertraut bist. Denn bedenk’ es wohl: Dein Vater harret Dein nicht, und +an welchem Ort er weilet, ist Dir verborgen!« + +»Noch ist ein Ruf«, sagt’ ich wieder, »dem ich folgen muß. O, zürnet +nicht über das, was ich sage: aber begehrete Herr Bruno zur Stunde +selber von mir, daß ich bliebe; so lange die Freiheit zu bleiben oder +zu gehen in meine Wahl gelegt ist, könnt’ ich ihm nicht gehorsamen. +Nein, ich könnte und würde nicht!« + +Als ich ausgeredet hatte, erhub sich Herr Albrecht mit finstrem +Angesicht, hieß mich gehen und selber mit meinem eitlen Dünken mich +berathen. + +So von ihm hinweggewiesen zu werden, gieng mir schwer ein. Darum bat +ich ihn und sprach: + +»Nicht so, ehrwürdiger Vater! nicht so heißt mich von Euch geh’n! +Gebt mir ein Wort der Verzeihung und des Segens mit!« + +»Ich sorge wohl«, sprach er wieder mit großem Ernst, »die Stunde wird +kommen, darin Dir Beides hoch noth sein wird. Möge sie nicht zu +schmerzlich für Dich sein! Alsdann wirst du unsern Segen nicht +vergeblich suchen. Wisse das, Diether, und geh!« + +Auf diese Worte, die er mit strenger Gebärde begleitete, durft’ ich +nichts erwiedern. Ich verneigte mich vor ihm und gieng. + +Was nun im Convent und allerorten in der Abtei für ein Fragen +entstund, und wie groß das Aufsehen war, als es ruchbar ward, daß ich +auszöge für immer; wie Manche mich da berathen wollten, mahnen und +warnen, Andere es nicht hehl hatten, daß sie mich neideten, so Viele +auch eine herzliche Neigung zu mir kund thaten und sich mühten, zur +Letze mir zu zeigen, daß ich ihnen lieb war; wie sich da, als ich +Abschied nahm, Freud und Leid an der Hand hatten und ganz dicht zu +einander gesellet waren: von dem Allen gedenk’ ich nichts zu +vermelden. Denn wer selber einmal eine Stätte hinter sich gelassen +hat, der er gewohnet war und die er nicht wiederum zu betreten +gedachte, der kann sich leichtlich fürbilden, wie es sich zutrug mit +meinem Urlaub nach Maulbronn. Ihm ist auch nicht noth zu sagen, wie +mir dabei um’s Herze war. Denn er weiß, daß solche Scheidestunden auch +für den Menschen, der mit allem Verlangen nach der Ferne strebt, etwas +von jenen sanften und feierlichen Schauern in sich hegen, dergleichen +auch in der letzten Scheidestunde die gottminnende Seele durchzittern +mögen, wenn sie mit Freuden zum Himmel eilt und doch zugleich mit +doppelter Inbrunst liebt und segnet, was ihr auf Erden theuer war. + + + + +Zehntes Capitel. + +In der Welt. + + +Schwerlich zog Jemand wanderlustiger seine Straße an jenem +Novembertage als ich, nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es +mochten seitdem zween Tage verstrichen sein oder drei. Allgemach waren +mir die schweren Gedanken vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die +Erfüllung sehnlicher Hoffnung und heute das klare röthliche +Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das Herz froh und +leicht. Munter schritt ich hindann. War ich nicht auf dem Wege nach +Speyer, allda vom Bischof weitere Vollmacht zu erhalten für meinen +ritterlichen Stand, und gedacht’ ich nicht von dort aus mich an Graf +Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten, wie ich mich weiter +hielte, und winkte mir dann nicht noch ein anderes, ersehnteres +Wiedersehen? + +Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des freien Umblickes mit +Freuden genoß, so hatt’ ich der Stunden unterm Wandern nicht geachtet, +wie sie dahin gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich wußte +noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen sollte; Stadt oder +Dorf waren nirgends ringsum zu sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende, +und ich begann die Müdigkeit meiner Glieder zu fühlen. + +Indem sah ich durch die Abenddämmerung über ein blaches Feld ein Feuer +leuchten, das am Fuße eines Hügels angezündet war, der die Flamme +etlichermaßen vor dem Winde schützte. + +»Vielleicht ist’s ein Hirt, der dort sich seine Abendkost rüstet«, +dacht’ ich. »Er mag Dir wohl auch Rast und Erwärmung an seinem Feuer +und einen Imbiß gönnen, so Du ihn darum ansprichst.« + +So bog ich dahin vom Wege ab. + +Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch in’s Angesicht, daß ich +nicht wohl aufsehen konnte. Wer aber da der Flamme pflegte, das ward +mir mit dem ersten Gruß bewußt, den ich hörte: + + »Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da! + Er selbst: _lupus in fabula!_« + +Allsogleich darauf fühlt’ ich mich von dem Gerufenen an beiden Händen +erfaßt und unter überlustigen Sprüngen näher gezogen, indem er sang: + + »Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei! + Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!« + +»Gelt, mein Tannhäuser!« sagt’ er dann zu seinem Gespons, indem sie +beide eine wollene Decke an die bequemste Stelle neben dem Feuer +spreiteten, »das hätten wir nicht gedacht, daß der werthe Junker uns +die Sach’ so leicht machen würde. – Ho, ein gutes Glück! Eine +treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. – Möcht’ ein +Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie heute stehen. – +Gewißlich im besten Aspect; geschickt zu großer Unternehmung! – Ah, +Herr Diether! Die bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der +Weisen zu gewinnen brächte, nun wir Euer theilhaftig worden sind.« + +Und er schüttelte mir wieder die Hand und der Tannhäuser auch. + +»Ihr scheinet meiner gedacht zu haben«, fragt’ ich, selber schier +erstaunt über die unverhoffte Begegnung, indem ich, wie sie es +wollten, zwischen ihnen niedersaß. + +»Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell!« sprach da der Kurze und +stieß den Angeredeten hinter meinem Rücken an. »Nur gedacht?! +– Gesprochen haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich und +eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag’ Euch: immer in solcher +Meinung, wie sie treuer nicht sein könnte, wenn Ihr schlecht unser +Kunstbruder wäret und nicht hochbürtigen Stammes.« + +»Seid von Herzen bedankt dafür«, sagt’ ich, »aber der Singekunst denk’ +ich auch jetzt nicht zu entsagen, habe ich sie letzthin gleich nicht +geübt.« + + »Die Kunst verbrüdert, aber mehr + Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,« + +sprach der Tannhäuser dazwischen und war nachdenklich. + + »Fürwahr! so ist die Welt gericht’t, + Doch unser Junker Diether nicht«, + +sagte Klingsohr ihn begütigend. – »Nein! Ihr nicht, um den wir uns +gegrämet haben und gesorgt, seitdem sie Euch von uns rissen und wir +trotz all’ unserer harten Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch +dahinten lassen mußten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und +versperrt! Ihr nicht!« + +»Ach, Junker«, fuhr Klingsohr fort, »wie schön hatt’ ich Euch +allbereits hinaus, und wie balde wären wir hinunter gewesen, aber das +Fräulein – das Fräulein!« – dabei sah er mich von der Seite an und +winkte mit dem Finger. – »Ach, Junker, es war da auch ein Zauber, der +Euch zurückhielt und ein stärkrer als meiner, der Euch des +Gefängnisses entledigen sollte.« + +Und er lachte und schlug, als wüßt’ er genug von derlei Sachen, um +sich ihrer noch zu verwundern, mit seiner Hand scherzweise auf mein +Knie. + + »Jungfraunlieb ist fahrend Hab, + Heut Herzliebster und morgen: schab ab!« + +sang der Tannhäuser, als thät er’s in Gedanken. + +War ich über Klingsohr’s Rede roth geworden, so verdroß mich seines +Gesellen Liedlein. »Schweig!« gebot ihm der Magus, der meinen Ärger +wohl vermerkte. »Schweig, Gesell, und laß mich dem Junker vermelden, +wie wir keine Ruh’ gehabt haben, bis wir für gewiß über ihn +erkundeten, was aus ihm geworden; wie wir endlich überein gekommen +sind, nach ihm zu spüren in Maulbronn, müßt’s selber unter seines +Abtes Bettsponde sein. – Ach, Junker, wir dachten nicht anders, als +es wär’ Euch Luft und Licht versagt und Ihr hörtet außer der Litanei, +die Ihr selber singen müßtet, nur die Mäuslein pfeifen Tag und Nacht. +’s ist uns drüber, Junker, manches Mal die Lust vergangen am Essen – +und am Trinken auch.« + + »Daran verloren unterdessen + Nicht viel die Kehle noch der Bauch,« + +sagte Tannhäuser und winkte abwehrend mit der Hand. + +»Ah, ah, Junker!« sprach Klingsohr wieder; »Er red’t nur so – nur +aus Bescheidenheit, sag’ ich Euch; nur aus Bescheidenheit. – Ein +kaiserlich Mahl hätten wir uns versagt für Euch – und heut, ja heut +möchten wir eins halten für lauter Freuden, daß Ihr wieder heraus +seid. – Sagt’ uns nun, wie ist’s Euch gelungen damit, Junker? Aus +einem Thurm Einen von dannen bringen, freilich, ist auch ’ne Sach’! +Aber aus ’nem Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich +eingefangen haben und mit Geißelung und Pön ihn christlich bedienen – +ha, ha! – das nenn’ ich eine rechtschaffene Kunst.« Und er schüttelte +sich vor Lachen. »Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche +habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder am Tag die Wächter +getäuscht, oder Gewalt geübt oder –« + +»Nichts von dem Allen hab’ ich geübt, noch sonst keinerlei +Widerrecht«, gab ich ihm zur Antwort; »sondern nachdem ich des +Klosterlebens entlassen, bin ich nach eigener Wahl gegangen und frei +öffentlich.« + + »Die Welt ist böse aller Orten + Und selten gut; + Gern weilt’ ich hinter Klosterpforten + In sichrer Hut«, + +sagte der Tannhäuser und sah sinnend in’s Feuer. + +»Wie, Junker?« fragte Klingsohr und sperrte vor Verwunderung seine +kleinen Augen so weit auf, als er’s vermochte, »wie? Ihr seid nach +Urtheil und Recht losgegeben?« + +»So ist’s«, sagt’ ich, »und anders nicht. Der Bischof selber hat sich +bei des Ordens Oberhäuptern für mich eingelegt, daß nach meines Vaters +Willen geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser es +verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege gen Speyer, allda von Herrn +Gebhard die Vollmachten zu empfahen, und was sonst nöthig ist zur +Wiedererlangung meiner ererbten Rechte zu betreiben.« + +Auf diese Worte schlug der Kleine die Hände zusammen und rief: + + »O Wunder groß! Nun dies geschah, + Wähn’ ich, der jüngste Tag ist nah!« + +»Was ist da so größlich zu verwundern«, fragt’ ich wieder, »daß man +mildiglich handelt und nicht so gar nach dem strengen Recht, so Keinem +dabei zu nahe geschieht?« + +»Herr, Herr!« rief der Klingsohr. »Ihr kennt der Welt Lauf nicht; Ihr +kennet ihn bis auf’s Härlein nicht, sag’ ich, Klingsohr! – Entweder +die Welt hat sich geändert und die heilige Kirche dazu – oder Ihr +seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur Tauf’ gebracht und +ein Nix war zum Gevatterschmause geladen. – Sonst steckt noch was +dahinter, sag’ ich Euch; könnt’ ich’s nur ausfindig machen.« + +Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand durch sein Kraushaar +und sah mit gespitztem Munde den entschwebenden Rauchwolken nach. – +Ich wußte zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu sagen +und schwieg. + +»Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof Alles nach Wunsch +ausgerichtet habt«, fragt’ er, sich wieder zu mir wendend, »was +gedenkt Ihr hernachmals zu thun, Junker, so man das wissen darf?« + +»Warum nicht, Klingsohr!« gab ich ihm Bescheid. »Dann gedenke ich +Herrn Eberhards Gunst und Beistand zu suchen –« + +»Wozu?« fragte er rasch. Ich war von der Art, wie er das Wort sprach, +ein wenig gewirret; doch faßte ich mich und sagte: »Zu Vielem; zu +Allem, deß ich Neuling in der Welt an Rath und Führung brauchen werde, +denn meinen Vater weiß ich nicht zu erlangen.« + +»Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts?« fragt’ er wieder. + +»Wie wunderlich Ihr seid!« sprach ich. »Zu was noch sonst?« – Aber +ich mocht’ ihn dabei nicht ansehn; denn ich wußte wohl, daß er mit +seinen Blicken auf mich hielt. + +»Dann rath’ ich Euch, Junker!« hub er wieder an – »brauchet Herrn +Eberhards nicht! – Was wolltet Ihr, da Euch die Flügel losgebunden +sind, noch fürder hier herumschleichen, als stünd’ Euch draußen nicht +die weite Welt offen? – Seid Ihr nicht selber gewitzigt genug, Eurer +Sache zu helfen, und werdet Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald +genug finden, so Ihr sie weislich prüfet? – Wär’ ich, Herr Diether, +an Eurer Statt, ich rüstete mir in Speyer alsbald ein hübsch’ Pferd +und durchzöge die Lande der Christenheit: wo Kurzweil zu finden, Ehre +zu erjagen wäre, da macht ich Halt, und, glaubt mir’s, Junker! wenn +Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist, allerorten die +Männer, so des Ritterthums verstehen, Euch rühmen – und gar die edlen +Frauen! – ah, Junker, Ihr seid ein glückseliger Mann, denn die +Frauengunst, Junker –« + +»Was sollt’ ich mich nicht zuvörderst zu Herrn Eberhard wenden und die +Elzeburg meiden?« sagt’ ich, ihn unterbrechend. + +»Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker Diether?« und mir schien’s, +als winkte Klingsohr seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so +fragte. + +»Nun, ihn und das Fräulein auch«, erwiederte ich kurz. + +»Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers da zu wenig findet« +– meinte Klingsohr. + +»Oder aus der Ritterschaft einen zuviel«, fuhr der Tannhäuser fort. + +»Ich versteh’ Euch nicht!« rief ich ärgerlich. + +Da sang der Lange: + + »Gar manchem Mann + Bleibt’s Herz gesund, + Nur wenn ihm, was ihn nah geht an, + Nicht wird auch kund.« + +»Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch!« rief Klingsohr. »Drum sag’ +ich: + + Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward, + Und baue nicht auf ferne! + Du findst zuletzt die Schale hart + Und Bitterkeit im Kerne!« + +»Nicht zuletzt nur!« sagte der Singer wieder und schüttelte sein +Haupt, als wär’ ihm an All’ dem in keiner Weise gelegen: + + »Frauengunst, – + Blauen Dunst + Ich acht’ sie. + Wer begehrt, + Was da werth, + Verlacht sie!« + +Da mocht’ ich dies ihr Räthselspiel, mit dem sie, wie ich wohl +vermerkte, auf mich zielten, nicht länger ertragen. Ich sprang vom +Sitze zwischen ihnen ärgerlich auf, sah sie finstrer Miene an und +sagte: »Ich bitt’ Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gespräch; denn +es ist mir verdrießlich zu hören. Sagt mir frei offen, was Ihr wisset +von Elzeburg, das mir Hinderung sein sollte, dorthin mich zu wenden.« + +Auf solche Worte gab sich der Tannhäuser das Wesen, als nähm’ er sich +meiner Rede nicht an und müßte sein Gefährte alleine zusehen, wie mir +zu antworten wäre. + +Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf in mein Gesicht +und hub also an: »Junker Diether, seht Ihr! Euch ist’s um des Grafen +Schutz und Beistand allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt +zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach, ich verarg’s Euch +nicht. Kein Christenmensch darf’s Euch verargen, der das Fräulein +gesehen hat und was Huld sie Euch erwiesen. Und ich – wie sollt +ich’s, der ich vom minniglichen Abschied weiß, den Ihr von ihr nahmet? +O, Herr! so etwas vergißt sich nicht. Wie? Zum Wenigsten in Euren +Jahren nicht. Es spinnt seine Fäden zart und gülden wie Sonnenstrahlen +durch die Werke des Tages und durch die Träume des Nachts – immer +fester, immer zäher – und um’s Herz wickeln sich die Fäden, bis es +sich gar darin verstrickt – und die Einsamkeit ist die Spinnerin. – +Nicht so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen – es +braucht’s auch nicht gegen den Klingsohr – es braucht’s wahrlich +nicht? – Nun denn, Junker, hört wohl zu! – Aber zuvor versprecht mir +Eins! Laßt den Boten seine Botschaft nicht entgelten. ’s wär Unrecht; +es wär’ gegen uns wahrlich groß Unrecht! Denn so Ihr’s heut erfahret, +und Ihr nehmt’s auf mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der +seine Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und klüglich ausrichten will, +so werdet Ihr Euch in’s Künftige viel nutzlos Weh und Ach ersparen und +die Sprüchlein, die Ihr von uns zur Stunde gehört habt, werden mit +ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. – Wohl! Nein, nicht wohl; +Euch wird’s übel dünken, so übel, daß Euch die Wiederfahrt gen +Elzeburg gar verleidet wird: und just das ist’s, was ich Euch vorhin +rieth. – Also, Junker, Euer Graf möcht’ jetzt für Euch die Zeit nicht +haben und seine Nichte desgleichen nicht. ’S sind zur Stunde andere +Gäste willkommen in Elzeburg. Wir, mein Gesell hier und ich, zogen +vorbei da jüngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her, in lauter +Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner hat seine Braut +wiedergewonnen und ihren Mahlschatz dazu – so doch Beides, wie es das +Ansehen hatte, ihm eine Weile verloren war. – Ist nicht erneute Liebe +zwier so heiß? Und kann man sich über die Glückseligkeit, die jetzt +das Fräulein neben ihrem Bräutigam merken läßt, verwundern, so man +bedenkt, er möchte sonst besorgen, sie gedächte Eurer etwan – und ist +doch schon bereits vier Monde her oder fünf, seit sie Euch nimmer +gesehen. Stellt’s Euch nur für! fünf Monde!!« – + + »’ne lange Zeit + für eine Maid, + Zweimal eine Ewigkeit.« + +sagte der Tannhäuser dazwischen. + +»Ja, mein Treu, Junker, das ist’s«, sagte Klingsohr bestätigend. »Ihr +seid zu lang ausgeblieben.« + +»Ihr seid unrecht berichtet«, rief ich, »gewiß, Ihr seid es in dem, +was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich glaub’ es nicht, es kann nicht sein. +Ist aber Eure Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd’ ich’s in Speyer +erfahren. Bis dahin, bitt’ ich Euch, laßt uns der Sache nicht mehr +gedenken, sondern des Mahles, so Ihr etwas zuzurüsten habt, daß wir +unser Herz stärken und dann des Weges weiter ziehen.« + +So sprach ich. Aber mein Gemüth gedachte gar anders. Inwendig war’s +mir, da ich diese Zeitung von Irmela vernahm, als erschallte aller +meiner Freude recht das Grabgeläute und wäre mein froher Muth mitten +in’s Herze getroffen. Ich saß schweigend nieder und mochte auch nicht +ferner auf die Beiden merken, wie sie ihr Küchenwerk angriffen. – +Darum war mir’s lieb, daß sie fragten, ob ich, derweilen sie +zurüsteten, auf das Feuer Acht haben wollte. + +Der Abend war schnell dunkel geworden und die Rauchwolken wirbelten +im röthlichen Glanze weithin sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach +unverwandt, wie eine nach der andern sich dahinwälzte und immer wieder +gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor. Sollte so auch der helle +Glanz der Glückseligkeit, der mir im Herzen aufgegangen war, trüb und +trüber werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich fühlte, das +könnte nicht sein. Ich fühlte, wenn sie, der all’ mein Herz in Treue +zugethan war, mir verloren wäre, wenn sie mein vergessen hätte, dann +müßte mir die Welt immer öde bleiben und ich aus ihrem Glück +verwiesen. Aber, sollt’ es denn Wahrheit sein, was ich gehört hatte? +Sollten diese lieblich lichten Blicke, sollte dieser lächelnde, +falschesfreie Mund, sollte der innigliche Druck dieser Hände mir +gelogen haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt hatte und mein +innerstes Sinnen und Meinen bezwungen, ihr nur Spiel gewesen sein? +Konnte sie sich von mir kehren und nicht darnach fragen, daß die tiefe +Wunde, so ich von ihr empfangen, immer offen stehen würde? Nein, es +war nicht möglich! Und unmuthig stieß ich in die Flamme, daß die +Funken mit Geprassel stoben und zuckend in der Luft auf und nieder +fuhren, ehe sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir jetzt +wild durch’s Herz strichen. Wie? Wenn man die Maid wider ihren Willen +zwänge zum verhaßten Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden +wäre und sie wähnte, ich bliebe festgehalten im Kloster und sie harrte +mein umsonst? – O, dann wollt’ ich jeglich Wagniß bestehen, sie zu +befreien, und keine Fährniß sollte mich schrecken, gerieth ich gleich +in die Irre und mein Pfad in die Nacht. + +Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus einem Spiegel traurig +und liebreich an. Immer mit den aufsteigenden Flammen schwebt’ es +empor; es winkte und warnte und rief mich leise mit süßem Namen. +– »Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald +verschwunden. Denke, daß es heut geschieht.« + +Und ich saß und sah in’s Feuer, wie die Flammen züngelten und die +Wolken röthlich dahin zogen, bis die Nacht sie verschlang. – + + * * * * * + +In Speyer, als ich dargekommen war, war es mir mit meinen Sachen wohl +gerathen. Ich hatte die Bestätigung meiner Freiheit und meines +ritterlichen Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, so mir +zugestanden war, ward mir überantwortet, und was weidliche Leute und +Geschlechter in der Stadt waren, von denen ward ich aufgenommen und +ehrlich angesehen; sie litten mich allenthalben gern und wähnten nicht +anders, denn daß ich bald zu hohen Ehren kommen würde. Doch that ich +dazumal Alles mit halbem Herzen; denn die Gewißheit, daß Irmela Ritter +Conrad freien würde, wie mir die Fahrenden das berichtet, hatt’ ich +bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. Davon erstarb mir die +Freudigkeit, und von dem großen Leide, das ich da gewann, konnt’ ich +mein Gemüth nicht hinwegziehn. Doch schöpft’ ich noch ein kleines +Tröstelein. Denn wie? Ich mußt’ es ja glauben, was sie Alle sagten, +und glaubt’ es doch wieder nicht. Von ihr selbst, dacht’ ich, will +ich’s erfahren. Hinaufzuziehen gen Elzeburg, deß unterwand ich mich +nicht, denn ich besorgte, ich möchte nicht vor sie gelassen werden und +dem Gernsteiner dann begegnen, der dort weilte, wie ich hörte. So +schrieb ich einen Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung +aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, meine Treue würd’ +ich ihr ewiglich halten und wie mein Gemüth unbeweglich auf demselben +Sinn stünde. Darnach ließ ich sie wissen, wie große Sorge und Zweifel +ich gewonnen hätte, da mir die Sage von ihr zu Ohren gekommen wäre, +daß sie dem Gernsteiner mit Nächstem sollte angetraut werden, und ich +bat sie beweglich mit dringenden Worten, daß sie mir doch ihres +Herzens Willen und Meinung kund thäte, und ob sie, wie ich wohl +glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen würde. Dann wollt’ ich alle +Macht daran setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das +eine+ +selige Wörtlein möchte sie mir schreiben, daß ihr Sinn und Wille +unverändert wäre, gleich wie sie in meinem Herzen beschlossen bliebe +ewiglich. + +Solchen Brief gab ich Klingsohr, daß er ihn sicher und geheim +überbrächte, auch die Antwort, welche er erlangen würde, heimlich +hielte. Denn die beiden Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt. + +Mit Ungeduld wartet’ ich des Bescheides. Es währte nicht gar lange, +daß ich ihn durch Klingsohr erhielt. Es waren nur wenige Worte, die +sie mir überschickte, aber solche, die wie der Frost im Märzen jedes +noch keimende Blümlein meiner Hoffnung und Zuversicht ertödteten. Sie +bat mich um Gottes Willen, ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder +Brief zu nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; sie +wünschte mir von Gott und seinem himmlischen Heer alle Genüge und +Freude allerwegen; aber wir müßten geschieden bleiben forthin, und sie +bäte mich, ihrer zu vergessen; denn das sollt’ ich wissen: sie reiche +aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als ihrem Ehegemahl, +sondern willig und aus freiem Erbieten. Der reiche Christ möge meiner +Seele pflegen hier und dort. Dies wäre ihr letzter Gruß. + +Von Stund’ an hatt’ ich keine Ruhe mehr in Speyer, und alle Lust an +Freud’ und Festlichkeit, ihrer mit zu genießen, war mir verdorben. Wo +ich immer weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an die +hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, und oft, wenn ich mitten +unter Menschen war, die mich fröhlich sein hießen, ward ich etwas inne +von dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, daß man sich auch in der +Welt und ihrem Geräusch einsam fühlen könne. – + +Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; denn der Schmerz um +Bruno, meinen Vater, überkam mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich +unkindlichen Sinnes, daß ich mich unbeständiger Frauenliebe hätte +trösten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem Herzen, da ich +allein seiner hätte gedenken sollen, wie ich ihn wiederfände und aus +seinem Kummer um mich befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt’ ich +mir, dieweil du eitlem Glück nachgelaufen bist und hast die ächte +Treue nicht genugsam geschätzet. Und wiederum dacht’ ich: wenn du ihn +gefunden haben wirst und bekennest ihm das Glück, so du verloren, und +das Leid, so du gewonnen hast: dann wird’s dir leichter zu tragen +sein; du wirst wiederum einen guten Muth und Freudigkeit gewinnen, +wenn seine Liebe und sein Lob dich anspornt. + +So faßt’ ich denn nichts Anderes zu Sinne, als Herrn Bruno zu +erkunden, wo er weilte, auf daß ich ihn heimsuchte und er meine +Losgebung aus dem klösterlichen Stande erführe. Ich nahm Urlaub von +Speyer und zog zuvörderst gen Schwaben, daselbst das mir zugetheilte +Erbgut einzunehmen; ich verblieb da nur kleine Zeit, richtete die +nöthigen Sachen aus nach erfahrener Leute Rath, wie es während meinem +Abwesen gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr und seinen +Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie lebten, wofern sie des +seßhaften Lebens anstatt des schweifenden sich annehmen wollten, +worein, wie es schien, der Tannhäuser mit Freuden willigte, aber der +Magus nicht so völlig. + +Als ich solchermaßen meine Sachen beschickt hatte, richtete ich mein +Angesicht stracks gen Mittag, nach Welschland zu ziehen. Da führte +mich mein Weg über Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen +Klippen vorbei und durch dunkle Wälder, grüne Auen und fruchtbares +Gelände; ich kam in manche volkreiche Stadt und sah der Menschen Weise +aller Orten, nach ihrer Müh’ und Plage, Tugend und Kunst. + +Ich nahm der Armuth in den Hütten wahr, wie sie um die Nothdurft des +Lebens das ganze Leben hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der +Gewohnheit lernet und von der Hoffnung, daß sie mit dem Tode erledigt +wird. Ich klopfte auch an das Thor mancher Burg, manches stolzen +Hauses und manches gastlichen Klosters. Weltliche Herren, kühn von +Thaten und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt’ ich +kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in deutschen wie in +welschen Landen der wohlgezogenen Maide genug, die schöne Huldgestalt +zierte und edle Sitten. Da geschah es mancher Orten, daß man mich +nicht allsofort fürder ziehen ließ, sondern mich zu weilen drängte, +frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was nur den Augen lustsam zu +schauen war und den Ohren zu hören, wonach das Herz gelüstete; das war +mir da zum Genieß bereit. Aber wenn ich alsdann auch, daß ich nicht +unhöfisch erschiene und blöden Sinnes, mein Vermögen bewies in derlei +Spielen, wie es der edelbürtigen Jugend geziemt, so war doch mein +Gemüth nicht dabei, und man sah mich selten froh. + +Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward ich wohl aufgenommen +und nach Ehren als ein Gast gehalten, der dahin in ein edles Haus +gewiesen war. Ich verblieb in dieser hochberühmten Stadt zur Lenzzeit +zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen sie mächtig des +edlen Gesanges, und was die besten Meister solcher Kunst und +zierlicher Rede sind in Welschland, die sind allda zu Hause; ja, so +hoch angesehen ist die Kunst bei männiglich, daß auch Fürsten und +Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es sei denn, daß sie mit +Liedern und Gedichten mancher Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl +auch von mir ein deutsches Lied oder Spruch. Ließ ich sie dann derlei +hören, so konnten sie sich nicht genug verwundern, zuvor die Frauen +und Maide, warum ich Junger nicht fröhlichere Weisen brächte, und +fragten, aus was Ursach das geschähe. Ich wollte nicht ungefüge sein, +sie unbeschieden zu lassen und sang: + + Ihr fraget mich, + Warum mein Lied + In Maienluft nicht heitrer klinget, + Da uns der Lenz der Wonne viel beschied + Und Rose sich um Rebe schlinget. + + So frag’ auch ich: + Mein Herz, o gib, + Warum Du traurig so, die Kunde: + So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb, + Willkomm’ne Gab’ beut jede Stunde. + + »Wenn +eine+ Wolke nur + Der Sonne Licht verdunkelt, + Glänzt auf der weiten Flur + Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt. + Schwebt auch in Freuden sehr + Ein Herz: ist ihm Frau Minne + Ungnädig: immer mehr + Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!« + +Darnach ließen sie ab, mich ferner zu fragen. – + + * * * * * + +Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub von Florenz und +trachtete eilend gen Rom. Als ich angelangt war in dieser ersten Stadt +der Christenheit, die der Apostelfürsten Gebeine hegt und vieler +Heiligen, die da gemartelt wurden, konnt’ ich doch mein Herz nicht +darbringen, so großen Heilthümern nachzugehn, noch sonst die +Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu finden sind, sondern mein +einziges Verlangen stund nach meinem Vater. Je länger, je heftiger +hatte mein Sehnen nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbrüdern, zu +denen ich mich begab, erfuhr ich, daß er schon vor Winter, da er seine +Sache, die er beim heiligen Stuhl betrieb, zu erlangen verzweifelte, +hinweggezogen wäre aus der Stadt, trüben Muthes, und Keinem sich +vertrauet hätte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn stünde. Doch wäre +unlange Einer aus des heiligen Franzen Orden, dem Mutterkloster der +Barfüßer zugehörig, bei ihnen zur Herberge gelegen, der hätte ihnen +von einem Deutschen gesagt; das möchte wohl Herr Brun sein. + +Alsbald hatt’ ich keine Ruh mehr in Rom, ließ die Stadt und wandte +mich gen Assisi. Diese Stadt ist zur Seiten des Gebirges gelegen, +selber in stolzer Höhe, reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und +Klöstern, mit freiem Ausblick in’s Land hinaus, das da mit Thälern und +Höhen, Feldern und Wäldern und mancherlei Flüssen und Bächen prangt +als ein Garten Gottes. Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der +Krypta der seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach +Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben könnten über ihn. Sie sagten, +ein Fremder, nach meiner Beschreibung der, den ich suchte, wäre im +verwichenen Winter bei ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber höher +hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er allda noch weilte, +das könnte ich am füglichsten von einem Eremiten erfragen, der droben +seit vielen Jahren wohnte und der Gegend am Besten kundig wäre, wie +auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel riethen sie mir zu +gehen, auch wollten sie mich durch einen ihrer Laienbrüder dahin +geleiten lassen. + +Ich that also, verzog nicht und schritt an der Seite des Bruders, den +sie mir mitgegeben hatten, hindann. + +Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen Kirche gegangen, sein Grab +zu besuchen und Gott zu bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner +beizustehen, daß sie ihr Ziel fände. Da sah ich auch die Krypta und +oben die Kirche mit Bildern von hochberühmter Meister Händen herrlich +geschmückt. Von ihrer Beschauung gerieth mein Gemüth in große +Verwunderung: ich hatte nie zuvor gewähnet, daß Sichtbares mit also +starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen könnte, und ich gedachte: +Glückseliger Mann, der Solches sinnet und bildet! Wie muß er mit +seinem Herzen alles Geschaffene umschließen, also daß keine +Gottescreatur ihm fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich +zugleich aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige +Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren Schöpfer darf +das Geschöpf nicht scheidend in die Mitte treten, sondern die +irdischen Wesen sind gleich den Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen +die Engel des Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er +die Pforte des Himmels geöffnet, auch wenn er hienieden kein besser +Lager hat, als das harte eines Steines. – + +Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in einer Höhle, wie sich +dergleichen dorten im Gebirge häufig finden. Es war ein greiser Mann, +ernsten und milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die +Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus eigner Verirrung, +sondern aus tiefer Betrachtung und aus lebendigem Mitleid mit fremden +Schmerzen kennen und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich +geschickt sind. + +Er grüßte mich freundlich und fragte nach meinem Begehr. + +Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich wäre, und fragte auch, +ob er von meinem Vater wüßte und ob es ihm wohl gienge. + +Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich nachdenklich an und +sprach also: + +»Ja, Herr, ich weiß von Eurem Vater, und wo er ist durch Gottes +Gnade, geht’s ihm auch wohl. – Er kam in diese Einsamkeit in großer +Herzensschwere, als einer, der des Lebens satt ist und doch vor +schmerzlicher Erinnerung und großen Sorgen in Frieden nicht scheiden +kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und die Sorge Euch, seinem +Sohne. Euer Geschick, Herr, das er nicht hatte wenden können, sah er +als eine Strafe an für seine Sünden und als ihren fortwirkenden Fluch. +Er verklagte sich hart, daß er beide Mal übel an Euch gethan und nach +fleischlicher Wahl, da er Euch in die Abtei zurückgedrängt und Euch +Eure Geburt verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung begehrt +hätte. Das wäre Alles Gott mißfällig gewesen und gern wollt’ er +zwiefältig dafür büßen; nur daß sein Sohn, des ersten Friedens +beraubt, mit weltlichem Trachten und heißen Wünschen im Herzen hinter +den Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren müßte: das wär’ +ihm eine allzu schwere Pein, die ihn nicht ruhen ließe. Darum hätt’ er +sich zum Schwersten entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem +Anblick; denn einen großen jähen Schmerz überwände die Jugend +leichter, als eine immer wieder verzögerte und getäuschte Hoffnung. + +So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die +Aufrichtigkeit seiner Buße und die Größe seiner Liebe zu Euch machten +ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein Berather. Ich +sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der Kinder nicht +für die Missethat der Eltern fordert; daß es Seinen Zorn nicht +erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, gescheh’ es auch +irrender Weise; denn Elternliebe sei göttlichen Ursprungs. Vor Allem +erweckt’ ich ihm wieder den Muth zu hoffen für Euch, Herr! – Denn wie +das Spinnlein von einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes +Gewebe zieht, also mag auch ein zerstoßenes und zerbrochenes Herz an ++einer+ wiederbelebten Hoffnung sich zurückfinden in Licht und Leben. + +Ich hieß ihn mir von Euch erzählen oft und viel, auf daß seine +Gedanken an Euch, die ihn nie verließen, sich mit solchen verbänden, +die ich aussprach. Allgemach gewöhnt’ ich ihn daran, Euch im Kloster +zu denken, ohne daß Ihr Euch plagtet mit heftigen Wünschen hinaus, und +nicht in dumpfer, brütender Traurigkeit, sondern, ungestört durch des +weltlichen Lebens Sorg’ und Lust, die hohe Kunst übend und die edlen +Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich bracht’ ihn dahin, ein +Vertrauen zu fassen, daß seine Gebete für Euer Glück und Heil, die er +unablässig Gott darbrachte, erhört würden im Himmel. Und so stieg auch +seine Seele über sich, über ihre Schuld und Fehle, Sorgen und eignen +Werke in die Gelassenheit, die sich gänzlich in Gott ergibt und nichts +Anderes weiß und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: das ist +die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch nicht ruhig, er ward +fröhlicher, wenn auch nicht froh, getrösteter, wenn auch nicht +trostvoll. + +Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der Leib wird mürb. Ja, +sein Siechthum dienet ihr dazu, daß sie ihre Augen desto heller +aufthut, ihren himmlischen Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu +erfassen, das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng es +Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehört, daß er die Natur der Sonne an +sich nimmt, deren Licht er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So +man ihn in Finsterniß bringt, beweist er solche Tugend. Für des +Menschen Seele ist Leiden und Todesnähe solche Finsterniß. Alsdann +erblindet jeglicher Glast, darin sie sonst stolzirte, blendete und +selbst geblendet war; aber was sie von göttlicher Natur in sich +aufgenommen hat, das tritt herfür: heiligt, tröstet, überwindet. – +Wenn er Euer gedachte, geschah’s mit Wehmuth, aber ohne nagende +Vorwürfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt hatte auszusprechen, weil +er meinte, Gott fordere das Opfer gänzlicher Entsagung von ihm, hub +zuletzt an zu gedenken: es möcht’ ihm bescheert sein, Euch +wiederzusehn. + +»O!« rief er, »wenn mein Sohn wiederum froh würde und zufriedenen +Herzens, so wollt’ ich den milden Christ bitten, daß ich noch genesen +möchte und eine kleine Zeit leben. Dann zöge ich hin zur Lenzzeit, ihn +noch einmal zu sehen – nur einmal, ohne daß er darum wüßte. Ich +harrte sein am Wege, wo mich Niemand ersähe, bis er käme, und wenn es +Abend würde, müßt’ es Mondenlicht sein, daß ich sein Angesicht schauen +könnte, ob da keine Spur des frühen Kummers zurückgeblieben; oder ich +lauschte unterm heil’gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme +– gewiß, ich hörte sie bald heraus – oder käme leise heran und sähe +ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen Träumen Gestalt und Leben gibt +und seine Augen davon leuchten! Oder ach, ich fände ihn schlafend +unterm heißen Mittag im Garten, daß ich ihm sanft das Haupt berühren +und eine Blume auf’s Herz legen könnte, und im Gebüsch verborgen, wenn +er erwachte, säh’ ich ihn froh erstaunen über die Gabe – und +lächeln!« + +Und er lächelte selber, seit wie lange zum ersten Male! und seltsam +war dies Lächeln. Es spielte noch immer um seinen Mund, als er +unbeweglich lag, geschlossenen Auges, und der Odem ihm leiser gieng. +Und dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. »Nein, nein!« rief +er, »’s ist nicht vom Dolch, den ich zückte – Joconda, fliehe nicht! +– Es ist eine Rose – Komm – er ist glücklich – unser Sohn!« – +Alsdann breitete er seine Arme aus und ließ sie kraftlos zurücksinken, +betete leise: »Gott – Gott! – seufzte und entschlief.« + +Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, nahm er mich an der +Hand und führte mich an einen Hügel nahe bei seiner Siedelei. + +Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub ich meine Stimme auf und +klagte und weinte über die Maßen sehr. + + + + +Elftes Capitel. + +Einkehr. + + +Was ich da empfunden hatte, daran dacht’ ich zurück, als ich zum +ersten Mal wieder die Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir von +Kindheit her so vertraut waren. Jeden Bergzug, jedes Thal erkannt’ ich +wieder, obgleich die frühe Dämmerung stark hereinbrach und Nähe und +Ferne in ihre Schatten hüllte. Dennoch wie fremd sah mich Alles an! + +Wenn ich so umherspähte, hie eine Stelle zu suchen mit meinen Augen, +daran sich eine Erinnerung meiner Kindheit knüpfte, und ich fand sie, +und dort wiederum eine: so war mir’s nicht anders, als erschräk’ ich +über die Entdeckung und müßt’ ich mir erst ein Herz fassen zu meiner +Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie an mich zu gewöhnen. + +Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen, seit ich +hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben zu versuchen: ich war in +dieser Frist weit und fern geschweift, aber hier war kein Wald +verhauen, kein Feld bereitet indeß, Alles noch wie weiland – und +doch, wie fremd, wie fremd!! + +War davon etwan der frische Schnee die Ursach, der heute über das +wintermüde Land seine Decke gebreitet hatte, die noch eben jetzt von +den niederschwebenden Flocken erhöht ward? Freilich war es heuer das +erste Mal, daß ich die Erde in solchem weißen Kleide sah, und immer +war mir diese ihre Verwandlung zu Herzen gedrungen: aber diese Höhen +und diese Thäler, wie oft hatt’ ich sie so gesehen! Was nun im Bilde +der Erinnerung mir so gegenwärtig war, warum blickte das so fremd mich +an in der Wirklichkeit?! + +Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? – Süßer Name! +– Nahte ich mich nicht dem Ziele, deß ich seit Monden begehrte? – Und +doch, wo war das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust +der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? Wo das frohe Erjauchzen +der Seele, das laut wird, wenn die Wipfel der Bäume auftauchen sollen, +unter deren Schatten er die ersten Träume seiner Kindheit träumte, und +die Spitzen der Thürme seiner Heimath ihm winken: Willkommen! + +Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter das Dach der Abtei +zu treten, ein seltsames Erbangen eben davor in meine Seele! War es +mir nicht lieb, daß mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so +stille, als wäre sie schlafen gegangen zugleich mit dem Gestirn des +Tages, und auch mein Schritt durch den weichen Schnee so geräuschlos, +als bliebe mein Kommen dadurch um so gewisser und länger unbemerkt! + +Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, ich selber! + +Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs in Frohsinn und +ungestörtem Frieden, der dann erweckt ward zu neuem unbekanntem Genieß +und Drang des Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, die +sich fest um sein glühend Herze wanden, und zwischen dem, der jetzt +durch die stille Dämmerung des Christmondabends schritt: welch’ ein +Unterschied! Wenn er sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm +die Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, daß auch nun die +Heimath ihm verwandelt schien! + +Ich strich mit der Hand über meine Stirn – sie war noch glatt; über +die Wangen – sie waren rund und frisch; durch mein Haar – es wehte +noch lockig und dicht um meine Schläfe. In meinen Gliedern, ich fühlt’ +es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der ersten Jugend. + +Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht das alte mehr. + +»Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr so weich jedes +zarte Keimlein einbettet, daß seinen linden Schlaf nichts störe; die +ihr so geschäftig jetzt jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich +heute wandle, daß ihrer keine auf diesem Wege zurückbleibt: vermöget +Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher Stunde aus diesem Herzen zu +vertilgen, die ihre Wonnen und ihre Wehen ihm allzutief eingedrückt +haben, daß es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch werde in +seiner Heimath?« + +Aber wollt’ ich das wirklich? Konnt’ ich auch nur wünschen, daß +Erinnerung, dies ruhelose Kind von Schmerz und Freude, jemals +eingewiegt würde durch das Wiegenlied der unermüdlichen Wärterin Zeit? +War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe meines Vaters eins +mit mir worden war, in die Stille der Stätte heimzukehren, der ich +jetzt entgegenschritt? + +Und ich gedachte an jene bittre Stunde. + +Als ich damals den Verlust so treuer und starker Liebe beweinte, als +ich klagte, daß auch diese freudespendende Sonne, die meinem Leben so +unerwartet und verheißungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des +Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu der Zeit, da ich +mit so feurigem Sehnen in ihren Strahlen meinen gedrückten Muth zu +laben gedachte: da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle +Saiten meiner Seele riß, daß jegliche Thatenlust, mich in der großen +Welt zu regen, in mir erstarb. Über mich kam das Gefühl grenzenloser +Vereinsamung, alle Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein +und Traum, all’ ihre Lust ein Wahn, all’ ihre Hoffnungen Lügen: als +das einzig Wirkliche die überall lauernde Larve des Todes, und vom +Thun der Menschen das Meiste vergeblich, eitel Alles! + +Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am Leben, noch die furchtsame +Flucht vor seinen Übeln und Mühen, auch nicht das Verlangen nach +solcher Ruhe, deren der Lebensmüde begehret, wodurch ich in jener +Stunde mich zurückgetrieben fühlte in die Heimath. Nein, solche Ruhe +sucht’ ich nicht. + +Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre der Welt mir winken +konnten, hatte in jener Stunde der Einkehr in mich selbst seinen +Schein verloren. Die tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten +ihn ausgethan. + +Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener Nacht des Grames +aufgeleuchtet: hehr, herrlich und heilig! – Ihm nachzutrachten, daran +war alles Weh, das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern +Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es für mich nicht noch ein ander +Thun und Wirken als das, so mir nun verleidet war? Hatte mir Gott +nicht die Kunst verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu +bilden und so mich über die Erde zu erheben und des Lebens Noth und +dennoch im Herzen die Freude an Gottes Werken zu bewahren? + +Da schauten mich die heiligen, stillen Gestalten, so ich unten in St. +Franzisci Kirche gesehen, wieder grüßend an; sie sagten mir von einer +Welt, von der die sichtbare um uns her mit ihren langen Ängsten und +kurzen Freuden nur ein Gleichniß und eine Weissagung ist; von einer +Welt, die nur in den Ahnungen und Hoffnungen der fühlenden und guten +Menschen lebt, aber aus den Bildern der Meister, die Gott mit Kunst +begabt hat, tröstend und ermuthigend zu uns herniederwinkt. In ihr +wird kein Leid, das durch ein Menschenherz geht, vergessen, und keine +Zähre in der Menschheit Angesicht wird verachtet, aber auch in jeder +spiegelt sich ein Strahl himmlischen Trostes, und über alles Weh sieht +man den Glast der ewigen Liebe gebreitet. + +Und siehe! wie mein Vater in seiner letzten Stunde mich gesehen +hatte: nicht hinbrütend in träger Ruhe, sondern erglühend von hohen +Träumen, denen in Bild und Ton Gestalt und Leben zu geben die Seele +ringt, und in solchem Trachten, dem alle Creatur Gottes dient, in +verborgner, bescheidner und stolzer Stille verharrend, unbedürftig der +Welt und ihrer Güter: so sah ich mich nun selbst, so wünscht’ ich mich +zu sehen. + +Und ich war in die Knie gesunken und hatte Gott im Himmel gedankt, daß +ich also einen Willen, ja eine heilig ernste Freude zu leben und zu +wirken wieder gewonnen; ich hatte seine große Güte angefleht, Er +möchte in so gethanem Fürsatz mich beständig verharren lassen und +unwankend erhalten, daß ich in solchem Dienst all’ mein Genügen fände; +ich hatte Ihm gelobt, dazu in die Stille und Verborgenheit des +Klosters zurückzugehn, wohin nun Sein Walten, wie das letzte Denken +meines Vaters und das fromme Gelübde meiner Mutter mich wiesen. + +Mit solchem Sinn hatt’ ich mich aufgemacht und war aus Welschland +wiederum heimgezogen. Ich mied, Denen wieder zu begegnen, die mich +kannten; denn ich wußte, Ihrer Viele würden mich von dem Ziele, das +ich erwählt hatte, wiederum abzuwenden trachten, als wäre nur von der +unmäßigen Traurigkeit mir dazu gerathen; und es war und blieb doch +mein fester Wille. + +Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland angelangt war, mein +Erbgut aus meinem Besitz entlassen und dabei allen Grundholden, so +darauf saßen, eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und +Lasten erwirkt, auch dafür gesorgt, daß ein Stift, das da nahebei +gelegen war, für festbenannten jährlichen Schoß und Zins männiglich +von meinen Leuten in Alter und Siechthum pflegen mußte und was +preßhafte Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide, daß sie +meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum beraubt werden sollten, +und als ich von ihnen Urlaub nahm, wünschten mir Alle Gottes Geleit +immerdar, und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen Thränen; +die beiden Fahrenden aber nicht also, denn sie waren mit dem +wiederkehrenden Lenz davongezogen und hatten lieber ihr Geding als ihr +gewohntes Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr +Ausgesetztes, daß sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten. – + +So zurückgewendet waren meine Gedanken, da ich zur winterlichen +Abendzeit die Gefilde Maulbronns vor mir liegen sah. + +Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten und im bunten Gedräng +an meiner Seele vorüberzogen, konnt’ ich mich wundern, daß ich als so +sehr ein Anderer heimkehrte, und daß ich deß jetzt beim Anblick der +alten Stätten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte diesen +Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen, auch ferner nicht. Sie +Alle sollten mir helfen aussprechen, was das Menschenherz zumeist +bewegt und was es über sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner +Seele, bis sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verklärtes Leben +wiedergewönnen in den Gebilden meiner Hand. + +Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und hohe Wonnen +zurückrief und zugleich in das Nachgefühl so grausamer Enttäuschung? +Schwebte nicht jetzt wieder ihr winkend Bild meiner Seele vor, schön +wie der Mond und prangend in blühender Jugend, aber auch ernst und nur +in Schwermuth lächelnd wie er! »O«, dacht’ ich, »so traurigen Blickes +sah ich sie nie, und nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als +fühlte sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete mich +auf meinen Wegen mit treuem Angedenken, da sie doch ihr eigen Glück +erwählt und meiner längst vergessen hat.« Und ich wünscht’ ihr alles +Gottesheil und setzte mir vor im Geist, in’s Künftige nie keinerlei +Unmuth zu hegen darum, daß sie mich verstoßen hatte; denn ich fand, +ohne solchen Willen hätt’ ich keine Ruhe des Gemüths und Frieden zu +erhoffen. – Aber ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt. +Es vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes Weh als das der +Trauer und gerieth darüber mit ihm selber in Widerstreit. + +»Still«, sprach ich, »die Abgeschiedenheit wird Dich lehren, auch das +zu überwinden, und alsdann wird auch diese Erinnerung Dich nicht mehr +verwirren.« Aber es war, als spräche eine andere Stimme dazu: »Nein! +das wird nicht geschehen.« + +Unter solchen Gedanken hatt’ ich die Höhe erreicht, von der aus ich +die Abtei vor mir liegen sah in der Abenddämmerung: es war derselbe +Ort, von wo aus ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich +zurück gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur Matutin +riefen. + +War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt vernahm? Wie anders +däuchte mich der, als ich ihn gewohnt war zu hören! – Gewiß, es rief +zur Vesper! Und ich faltete meine Hände, das _Ave_ zu beten. Doch nein! +Das war nicht das Geläut, das täglich zur Abendzeit ertönt. Auch +dieser Schall war mir nicht unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn +deutlicher zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen ward. +Davon kam eine große Herzensschwere über mich, und als ich vom +klagenden Schall geleitet hinabschritt, bat ich die göttliche +Erbarmung, doch heut und immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir +allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges Ohr auch den +Harfentönen aufzuthun, die um Seinen Thron die lichten Schaaren +beständig erklingen lassen, von solchen Himmelsklängen hier im Dunkel +nur ein Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten +Wiederhall! + +Der Thorbogen unterm Thurm an der Brücke stund offen, und der Schnee +dämpfte meine Schritte, also daß Niemand mich bemerkte, als ich +hindurch schritt. Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des +Pförtners Hündlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt und sprang +mit kosender Freude an mir in die Höh’, wie dieser Thiere Weise ist; +aber mein Kommen verrieth es nicht. + +Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies geheißen, dann +linkswärts in den überwölbten Gang und durch die Öffnung, welche in +die Kreuzgänge führt, die hier den Friedhof umgeben. Zögernd schritt +ich vorwärts, und die nun nahe über mir erdröhnenden Schläge der +Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah ich, zwischen den Pfeilern +stehend, den überschneiten Friedhof und dort drüben die Brüder, einen +gedrängten Haufen. + +Es brauchte nicht des dumpfen Geräusches der hinabrollenden +Erdschollen, das zwischen dem Rufen der Glocke an mein Ohr schlug, um +mir kund zu thun, daß man da einen Leichgang gehalten, die Feier +soeben beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte. Sie hatten Alle +nur Acht auf ihr traurig Thun, und Ihrer Keiner hatte mein Nahen +gewahrt. Auch barg mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten +war, da trat ich hin und sah hinüber. Wie manches Mal hatt’ ich als +Kind schon diesen Anblick gehabt und da des Rechts genossen, das +allein die Kinder mit den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des +Todes nicht gestört zu werden in ihrer schuldlos spielenden Freude, +weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen. Aber welch’ herbes +Weh durchzuckte mich heute! + +Nun verstummte das Geläute, und die Brüder erhuben nach Gewohnheit den +Gesang: + + »_Flens ego sum genitus, celebrantur funera fletu, + transacta innumeris vita fuit lacrimis, + O miserum mortale genus lacrimabile semper, + quod factum ex cinere est, solvitur in cinerem._« + + (Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begräbt man die Todten, + Unter viel Thränenerguß schwindet das Leben dahin; + Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth immer! + Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.) + + +Dann ward eine kleine Stille, und der Priester sprach: »Lasset uns +beten: Herr, schenke ihr die ewige Ruhe!« Und die Brüder antworteten: +»Und das ewige Licht leuchte ihr!« + +Darnach hub der Priester wiederum an: »Löse, HErr, die Seele Deiner +Dienerin Irmela von allen Banden der Sünde, auf daß sie in der +herrlichen Urstände unter Deinen Heiligen und Auserwählten wieder +auflebe.« Und der Abt betete: »Leite auch, Herr, unsern Diether an +Deiner Hand, und so er erfährt von diesem Begräbniß, so sei’s ihm zum +Heil und Segen!« Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich zu gehen, +denn die Finsterniß war hereingebrochen. + +Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir und ich sank zur +Erde. + +»Hilf Gott! Diether, armer Diether!« hört’ ich rufen, als mir die +Sinne wiederkehrten. Da winkte Herr Albrecht den Andern, daß sie von +mir abließen, richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab. + +Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse, und er litt es +ganz väterlich. + +Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet hatte, wollt’ er nicht +leiden, daß ich ihm berichtete von meiner Fahrt und wie es mir damit +gerathen wäre, sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die wäre für +mich bestimmt, sagt’ er, sie zu lesen, – tröstete mich mit lindem +Wort und ließ mich allein. + +Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen geschrieben, dem die +selige Maid ihre letzte Beichte gethan hatte mit dem Geheiß, so sie +verschieden sein würde, solch’ ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben, +daß es mir, wenn es Gott so fügte, zu Handen käme: denn dort wollte +sie begraben werden. + +»Er soll wissen«, hieß es darin, »daß meine Treue gegen ihn alle Zeit +unwankend geblieben ist und ich keine größere Glückseligkeit wußte im +Leben, als mit ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah +bald, daß das nimmer geschehen würde, sondern daß allerdinge über ihn +beschlossen war, in seine Losgebung nicht zu willigen, und daß, was +man von meiner Herzensneigung zu ihm gespürt hatte, um so mehr zur +Ursach’ ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war’s mir ein großes +Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen zu wissen sein Leben +lang, und ich willigte in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte +dafür, daß Diether’s Losgebung vom Bischof erwirkt würde. Ich wußte, +daß ich mich damit von Glück und Freude schiede für immer; aber es war +mir ein süßer Trost, mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch +daß ich ihn nie wiedersehen dürfte, noch er je erfahren, durch wen er +seine Losgebung erlangte, sondern im Wahn verbleiben, als hätt’ ich +ihn verstoßen und die Treue gebrochen, daß ich auch gegen den, der +mich zum Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren +mußte: dies nagte an meinem Leben allzusehr, und ist Ursach’ worden, +daß eine andere Hochzeit für mich vorhanden ist, als die, für welche +man mich ausersehen hat. Ich danke Gott im Himmel dafür. Die reinste +Wonne, so die Erde gibt, hab’ ich erfahren; sie kann nur kurz sein. +Ich bin zufrieden, abzuscheiden; nur um meinen Ohm ist’s mir Leid. Die +ewige Dreifaltigkeit mög’ ihn trösten!« + +»Mein Gebein aber soll an der Stätte der Urstände harren, die +Diether’s Heimath war. Ihm möge Gott des Lebens Glück bescheren und +hernach die ewige Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich +hinderlich an einer Freude sein. – Kommt er aber einst zurück nach +Maulbronn, weil die Dörner rauher Wege, die er geführt ward, seine +Füße zu hart verletzt haben, so schöpfe er aus diesem meinem letzten +Gruß eine Linderung.« + +»Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter’m Schall der Nachtigall +weiße Blüthen über mich schüttete, wünschtest Du mir, Diether, es +möchte nie kein anderer Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend +fallen, als dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch Dir +der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt und Du über allzufrüh +verwelkte Blumen trauerst, alsdann denke, daß nicht bloß auf jeden +Lenz ein Herbst, sondern auch auf jeden Herbst ein Lenz folget. – +Gott und Sein Heer lasse mich den gewinnen, der ewig blüht!« + + (Allhier endet Diether’s von ihm selbst erzählte Geschichte.) + + + + +Beschluß. + + +Diether schwieg eine Weile, als er mit Erzählen zu Ende war, und auch +die beiden jungen Gesellen, die ihm zugehört hatten, wagten nicht, das +Wort zu nehmen. + +»Das ist nun die Aventiure, die Ihr zu hören begehrtet«, sagte der +Alte dann und stund auf vom Steinsitz unter der Halle, als wollt’ er +hineingehen der Pforte zu. + +Es war zum dritten Male in der Pfingstwoche, daß der Abend die Drei um +den Steinbrunnen versammelt hatte am Kreuzgang, der im Viereck den +Friedhof der Abtei umgibt, und für den Erzähler wie für seine +zuhörenden Schüler blieb die abendliche Stille ungestört; denn nur +sanft rieselte das Wasser und nur leise rauschten zuweilen die +Blüthengebüsche über den Grüften. + +Heut hatten sie länger draußen verzogen denn sonst, und als Diether +sich anschickte, zu gehen, sah er schon den Silberglanz des +Mondenlichts auf dem Dach der Kirche flimmern und in den Garten +herabgleiten, wo er die Wipfel eines dichtbelaubten Flieders mit +sonderlicher Helle bestrahlte. + +Der Alte blieb stehen und richtete dahin seinen Blick. + +»Wie heint die Blüthen leuchten!« sprach er vor sich und schritt durch +das Gras langsam der Stelle zu. + +Nun stund er dicht am überhangenden Gezweig, der würdige Meister, ihm +zur Seite gesellt die Jünglinge. + +Da zog eine Wolke wie ein goldumsäumter Schleier über des Mondes +leuchtend Angesicht, und ein behendes Dunkel flog von ihr her über das +Dach der Kirche und beschattete Garten und Kreuzgang. + +»Sie ist sogleich vorüber!« sagte Diether und blickte hinauf. + +Als der Glanz wiederkehrte, sahen die Drei zu ihren Füßen einen +Grabstein, von weißen Blüthen ganz überdeckt. + +Der Alte bückte sich bedächtig und strich sie leise mit der Hand zur +Seite. Da ward, eingegraben auf dem moosigen Steine, eine Lilie +sichtbar und eine Inschrift. Die Augen der Jünglinge hatten sie bald +entziffert. + +»_Irmela virgo_«, lasen sie. + +Der Alte sprach’s nicht nach; doch wandte er seinen Blick nicht weg +von den halbverwischten Zeichen. + +»Laßt uns gehen«, sagte er dann. »Der Thau fällt kühl und die Nacht +ist bald herum.« – + +Den Grabstein aber und seine Inschrift findest Du in Maulbronn noch +heutigen Tages. – + + * * * * * + +Gebauer-Schwetschke’sche Buchdruckerei, Halle a. S. + + + + * * * * * + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen +in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + +Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen: + + S. 61: Urthel –> Urtheil + + S. 65: vorauf –> voraus + + S. 108: den Krug, (Komma ergänzt) + + S. 124: zwischem –> zwischen + + S. 139: »Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit + den Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat ... + –> mit dem Kainsmal + + S. 171: ihr folgten Dienerinnnen –> ihr folgten Dienerinnen + + S. 193: (denn sie waren mir rucklings gebunden) –> rücklings + + S. 228: verschwad –> verschwand + + S. 231: Komma nach 'guter Baum' ergänzt + + S. 231: Komma nach 'sommerlichen' entfernt + + S. 233: wollte sein brauchen (Nach 'sein' fehlt Wort) + + S. 236: Als ich diese Worte hörte, überkam ich eine Freude, + –> überkam mich eine Freude + + S. 270: geschickt. es vermochte nicht –> geschickt. Es vermochte + nicht + + S. 272: solvitur in cinerem.« Anführungszeichen ergänzt. + +Das Wort Herr wird im Originaltext einheitlich HErr geschrieben (wenn +es sich auf Gott bezieht). + +Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö und Ü ersetzt. + + +Formatierung: + +Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt. +Text in Antiqua (nicht in Fraktur) +wurde mit Unterstrich _ gekennzeichnet: _Text_ +Gesperrt gedruckter Text wurde mit + gekennzeichnet: +Text+ + +Überschriften sind im Original hervorgehoben. Diese Hervorhebungen +wurden in der Transkription nicht berücksichtigt. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA *** + +***** This file should be named 24390-0.txt or 24390-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/3/9/24390/ + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/24390-0.zip b/24390-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fbd7fc3 --- /dev/null +++ b/24390-0.zip diff --git a/24390-8.txt b/24390-8.txt new file mode 100644 index 0000000..9999af4 --- /dev/null +++ b/24390-8.txt @@ -0,0 +1,8350 @@ +The Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Irmela + Eine Geschichte aus alter Zeit + +Author: Heinrich Steinhausen + +Release Date: January 21, 2008 [EBook #24390] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA *** + + + + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + + IRMELA + + + + + Eine Geschichte aus alter Zeit + + + von + + + Heinrich Steinhausen. + + -- -- -- + + Achtzehnte Auflage. + + -- -- -- + + Titelbild von W. Steinhausen. + + -- -- -- + + + + Leipzig 1899. + + Verlag von E. Ungleich. + + + + + +Eingang. + + +Die heitre Sonne des Pfingstsonntages im Jahre des HErrn 13.. sank +hinter die rebenbepflanzten Berge, welche von Westen her das liebliche +Thal einschließen, in dem die stattlichen Gebäude der wohlbekannten +Cisterzienser-Abtei Maulbronn sich erheben. Eben war der +Vespergottesdienst mit dem Magnificat beschlossen, das heute nicht nur +von den Brüdern im Chor, sondern auch von dem zahlreich versammelten +Volke im vorderen Theile der Kirche gesungen worden war. Nur Bruder +Diether ließ das Örglein noch nicht schweigen, vor dem er saß, und +drückte die breiten Tasten durch kräftige Schläge nieder, daß sich +langhallende Töne hören ließen, während das Gotteshaus sich leerte. + +»Wie, schon All' hinaus?« sagte er, als er, nach kurzer Weile sich +umwendend, den ganzen Raum unten verlassen fand. »Sie haben halt Eil' +heut,« setzte er hinzu, »das Volk will des milden Maien genießen unter +der Linde, und die Confratres sind dem Refectorio am Pfingstabend auch +nicht feind. So wollen wir denn des Tönens genug sein lassen, uns mit +dem Paternoster segnen und von hinnen gehn!« + +Während er bedächtig die Treppe herniederstieg, welche vom Orgelchor +in's Schiff führte, schritten die Mönche bereits nach Gefallen einzeln +oder zu mehreren gesellt dem Klostergarten zu oder wohin sonst einem +Jeden sein Sinn stand; denn nach Gewohnheit ward St. Bernhards Regel +heut nicht eben ängstlich befolgt und Abt Rothad war zu keiner Zeit +der Mann, von dem ein straffes Anziehen derselben zu besorgen war. So +war es denn auch bald im Kreuzgang einsam, der sich an die Kirche +gegen Mitternacht anschließt und im Viereck einen Friedhof umgibt, der +doch schon damals mehr einem mit Bäumen und Gesträuch wohlbepflanzten +Gärtlein glich. + +Als Diether aus der nördlichen niederen Kirchenpforte in die +kunstreich gewölbten Gänge trat, däuchte ihn die abendliche Stille, +die ihn so mailich und freundlich anwehte, keineswegs unwillkommen, +sondern wie er langsam daherschritt und immer wieder zwischen den +Pfeilern still stehend zum blauklaren Himmel emporblickte und vor sich +auf die Pracht der Blüthen im frischen Grün, da war's, als leuchtete +die Lenzwonne auch aus seinen dunklen Augen, so froh schauten sie +darein, und als fühlte seine Brust mit der Jugend des Jahres auch die +Jugend des Herzens wieder, so freudig und kräftig hob sie sich. Dicht +neben ihm aus dem Gebüsch erscholl die Stimme einer Nachtigall. Er +blieb stehen und lauschte. Ihm schien's, als wäre das die Seele dieses +Maiabends, die wollte all' ihre reine und himmlische Freude ihm mit zu +empfinden geben. Sie schwieg. Aber als nach kurzer Weile ihre Töne +wieder erklangen, lang gezogen und klagend, da tauchten sie auch seine +Seele in sanfte Schwermuth und seine Gedanken wurden wie mit +freundlichem Zwange rückwärts gezogen; und wie um ihn her die +Dämmerung ihre ersten Schatten breitete, versank auch vor seinem +inneren Auge die Gegenwart allgemach und Blüthenduft und Abendstille +trieben ihn der Erinnerung längst vergangener Tage zu. So stößt ein +Kahn sanft vom beschatteten Ufer ab und gleitet auf kaum bewegter +Fluth dem Eilande zu, das dem Schiffer sonnig entgegenwinkt! -- + +Leise hatte er sich niedergelassen auf die steinerne Brüstung. Ein +Hauch der Abendluft rauschte durch den Garten und wehte wie kleine +Sterne weiße Blüthen des Flieders ihm auf Haupt und Gewand. Er blickte +auf, als wollt' er Jemand suchen, und »Irmela« klang es wie im Traume +von seinen Lippen. Der Name hallte wieder von den Pfeilern drüben. Er +horchte auf wie freudig erschrocken; aber gleich darauf, sich +besinnend, sah er lächelnd auf seinen Blüthenschmuck und verharrte +schweigend, in sich versunken. -- + +Da weckten ihn geräuschvolle Schritte; sie kamen von der vorderen +Thür, die in die westliche Seite des Kreuzganges führt. Er wandte sich +um und sah zwei junge Gesellen munter herbeieilen. Sie grüßten ihn +fröhlich und auch er hieß sie von Herzensgrund willkommen; war er doch +den Beiden von ganzer Seele zugethan, wie das Alter an der +wohlgezogenen Jugend seine Lust hat und wie der Lehrer seine Schüler +liebt, an denen seine Arbeit nicht umsonst ist. »Vater, Meister!« rief +der Eine, »Zürnet uns nicht, daß wir heute so spät erst nach Euch +Nachfrage thun. Mußten wir doch gewärtig sein, hätten es auch wohl +verdienet, Euer heut gar nicht mehr ansichtig zu werden. Aber der +wonnigliche Lenztag lockte uns in's Freie und so streiften wir durch +Wald und Feld, bis der Abend hereinbrach.« + +»Wollten doch auch des Fiedlers Heiner neue Weisen mit anhören, der +sich in Hohenklingen auf dem Wiesenplan vernehmen ließ, fiel der +Andere ein, »aber als er zum Tanz aufspielte den Dörflern, da war es +hier Rupert nicht, der nicht mit mir von dannen wollte und wieder +Rupert nicht, der hernach mit des Klosterbauern flachszöpfiger Jutta +daherschwenkte.« + +»Scherze nur!« unterbrach ihn der Gemeinte. »Es brauchte wenig +Überredungskunst, um Dir das Verweilen lieb zu machen. O, Meister! +haltet solches Geschwätz unserer Thorheit zu gut. Wir hätten zeitiger +bei Euch einsprechen sollen. Ihr waret einsam!« + +»Daß Ihr junges Volk Euch doch so gern für unentbehrlich haltet uns +Alten!« versetzte Diether mit freundlichem Ernst. »Wüßtet Ihr, welch' +treffliche Gesellschaft ich gehabt habe, da Ihr kamt, so hättet Ihr +sicher mich darum geneidet.« + +»Wer war denn bei Euch?« fragten die Beiden. »Wir sahen Niemanden!« + +»Eine Fraue und gar holde«. + +»Wie heißt sie?« + +»Erinnerung! -- Sie hat mich sanft bei der Hand genommen und gern bin +ich ihr gefolgt.« + +»So weiß ich auch, Vater«, sprach Waltram, Ruperts Geselle, »was Euch +so bewegt, daß Stimme, Auge und Gebärde davon zeugen. Das kommt von +den Gedanken, die inwendig in Euch Erinnerung lebendig gemacht hat. +Möcht' es Euch doch gefallen, auch uns davon zu erzählen. Der Abend +ist warm und still der Ort.« + +»Wohl, ich will's thun!« erwiederte Diether willfahrend. »Und wie Ihr +just mich also angetroffen habt, so soll zu Euch mein Mund sich +aufthun von dem, was Erinnerung mir gewiesen und wovon ich bis diesen +Tag geschwiegen. Kommt! und laßt uns niedersitzen, wo dort die Halle +sich um den Steinbrunnen wölbt. -- Aber ob ich's wohl werde so +kurzweilig machen, wie Heiner seine Aventiuren?« fragte er scherzend +zu Rupert gewandt, als sie sich setzten. + +»Ist's eine Aventiure?« + +»So mögt Ihr sie wohl heißen!« + +»Dann gebt ihr einen Namen!« + +»Irmela!« sagte Diether nach kurzem Bedenken, »das soll ihr Name +sein.« + + + + + +Diethers Geschichte, + +von ihm selbst erzählt. + + + + * * * * * + + + +Erstes Capitel. + +Meister Ulrich. + + +Das war vor Zeiten, da noch Abt Albrecht den Abtstab führte, ein viel +ander Wesen allhier im Kloster, als heutzutage. Er war ein gar +gestrenger Herr und manchem Novizen vergieng das Verlangen nach St. +Bernhards weißer Kutte, weil ihm des Heiligen Regel ein allzuschweres +Joch für die Schultern däuchte, und manch' Anderen, der gern geblieben +wäre, trieb der Abt selber hinweg. »Denn«, so pflegt' er zu sagen: +»Unmüßigkeit muß auch in der Muße suchen, wer in's Kloster taugen +will.« Und so mußt' es denn zu seinen Zeiten hergehen, wie im +Bienenkorb, wo Jedes emsig am Werke schafft, das ihm angewiesen ist, +von früh bis spät, nur daß unseres Volkes Meister seine Bienen gar +selten ausfliegen ließ und wenig darnach fragte, ob sie fröhlich +summten bei der Arbeit oder nicht. Für Jeden fand er was zu thun und +wußt' ihn an seinen Ort zu stellen, und dem Zaudern oder Widersprechen +war Niemand feinder als er. Und weil er allezeit etwas betrieb, was +ihm selbst am Herzen lag, so gab's auch immer Arbeit genug für Alle. + +Dazumal ward des Klosters Gebäu mit Kirche und allem so stattlich +hergestellt, wie man sich heut dessen erfreut. Aber ohne viel Seufzen +gieng's bei Denen nicht ab, die sich des Bauwesens anzunehmen hatten. +Und der Abt nahm Keinen aus, so oder so mußte Jeglicher mitschaffen. +_Impendere curam, impendere substantiam, impendere et se ipsum._ +Diesen Spruch unseres Ordensheiligen legte er oft seinen Mönchen vor, +wenn er sie im Capitelsaal um sich versammelt hatte, und sorgte +weislich dafür, daß sie durch Übung solches Spruches Verstand um so +besser inne würden. + +Wie er dann die Trägen, Lässigen und die seinem scharfen Regiment +abhold waren, bald herausgefunden hatte, so verhehlten auch diese +unter einander ihren Groll nicht und hießen ihn, wenn sie von ihm +sprachen, nur immer: Monoceros. Ich fragte, was solches Namens Meinung +wäre. Da erfuhr ich: Monoceros sei ein bös Thier, gar ungeschlacht, +habe ob dem Haupte ein großes Horn, gewaltiglich damit um sich zu +stoßen. Ob dieser Auskunft entsetzt' ich mich schier und sah Abt +Albrecht darauf hin recht bedenklich und bänglich an. Doch konnt' ich +mich von ihm keines Bösen gewärtigen. Denn, wiewohl ich zu der Zeit +noch gar jung war, dazu ungeschickt und muthwillig nach Knabenart, so +war doch der gefürchtete Abt voll Gütigkeit gegen mich, und sein +Angesicht, wenn's noch so strenge sah, schaute sogleich freundlich +drein, wenn ich daher kam, mich ehrbarlich neigte und ihn grüßte: +_Salve, domine!_ Ja, er trug eine sonderliche Lieb zu mir und die that +mir gar wohl; denn ich war da fast ein schmächtig und schwächlich +Bürschlein, stak noch halb in den Kinderschuhen, und des Lernens, dazu +Bruder Berthold mich anhielt, den der Abt mir zum Magister bestellt +hatte, däuchte mich oft zu viel. Schon bei den ersten Schritten auf +der Bahn des Triviums vermeint' ich, es gienge nimmer weiter mit mir +und ich könnte über all' die Blöcke und Steine, so die Grammatik mir +in den Weg warf, gar nimmer hinwegklimmen. Dennoch verfuhr der Abt +nach Lindigkeit mit mir, auch wenn Magister Berthold über seinen +uneifrigen Scholaren sich hart beklagte; ja, der sonst Monoceros war, +begütigte den unzufriedenen Lehrer von meinetwegen. + +»Geduldet Euch nur, Berthold«, sagt' er wohl, »und zwinget Dietherum +nicht allzu hart! Aus dem Schwarzaug schaut kein blöder Geist; er wird +wohl noch durch gelehrte Kunst unsers Klosters Zierde, wenn ihm erst +die Flügel gewachsen sind. Noch ist er ja gar zart und muß sich erst +festigen.« + +Wie nun aber etliche Jahre herumgegangen waren, da hatte das +Dietherlein sich wohl gefestigt und war kräftig in die Höh' gewachsen, +aber von den Flügeln, die sein Geist ansetzen sollte, sich in die +gelehrte Kunst zu schwingen, war leider noch gar wenig zu spüren. +Dennoch blieb mir unser gestrenger Abt noch immer zugethan. Und das +gieng so zu. + +Er hatte eine sonderliche Lust an allerlei Werk und Kunst, und wie er +vormals in Welschland gewesen war und sein Auge wohl gewöhnt war zu +erkennen, was Tugend hatte und Wissenschaft, so trachtete er auch +eifrig danach, sein Kloster zu schmücken. Nun hatte er damals Meister +Ulrich von Prag herbeigerufen, der war in der Malkunst trefflich +geschickt. Welche Freude hat an ihm der Abt gehabt; wie hat er ihn +aber auch angespannt und angetrieben, zu schildern und zu schaffen in +der Kirch' und im Capitelsaal und an andern Orten, wie Ihr das Alles +nun fertig sehet. Ihm wär' es schier am liebsten gewesen, Meister +Ulrich wäre gar nimmer von seinem Gerüste herabgekommen oder hätte +zehn Hände gehabt, und in jeder einen Pinsel. + +Was aber Meister Ulrich mit meinem ausbleibenden gelehrten Eifer zu +thun hatte, das war dieses. Seitdem er bei uns schuf und bildete, +trachtete ich nur danach, um ihn zu sein und ihm zuzuschauen, wenn er +am Werk war. Da verbracht' ich denn, wo er an Wand und Decke zu malen +hatte und drüben im Abthaus, wo ihm ein helles Stüblein zur Werkstatt +hergerichtet war, am liebsten meine Zeit. Mit Bewunderung sah ich ihm +zu, wie unter seiner kunstreichen Hand Christus und Unsre Frau und +Engel und Heilige, ja Gott Vater selbst sichtbar wurden, wo zuvor eine +weiße Wand oder ein leeres Blatt gewesen war. Ich hatte immer meine +Augen an Gestalt und Farbe geweidet und Blumen und Blättlein, auch den +Wiesengrund, Baum und Berg fleißig betrachtet, nicht minder den Zug +der Wolken, den Glanz des Himmels. Nun dacht' ich oft: könntest du +doch auch so nachbilden, was ringsum ist; und oft betete ich zu St. +Niclas, meinem Schutzheiligen, er möchte für mich auch solche Kunst +erbitten, wie Meister Ulrich sie verstund. Der hatte mir auch bald +abgemerkt, wonach mich's verlangte, und so sagt' er einst: »Diether, +hast Du wohl auch Lust zu solcher Kunst, sie zu erlernen?« + +»Gar gerne, Meister!« antwortete ich. »Wenn Ihr mich unterweisen +wolltet, und durch St. Niclasens Hilfe!« + +Da sagt' er: »St. Niclas nicht, sondern St. Lucas Evangelista ist +dieser Kunst Patron. Der mag Dir wohl günstig werden, wenn Du fromm +bist. Aber unterweisen will ich Dich gern nach allem Vermögen.« + +Und von Stund an durft' ich dann bei ihm nicht mehr müßig sein, +sondern mit Stift und Kohle wies er mich an gar sorgfältig. Das +geschah heimlich, wenn Niemand bei uns war, weil wir fürchteten, der +Abt möcht's nicht gerne wollen leiden. + +Aber je heimlicher, je lieber! + +Manche Stunde, die ich sonst draußen vertummelt hatte, die versaß ich +jetzt bei Meister Ulrich, auch manche, die mich hätte über den Büchern +Magister Berthold's finden sollen. Der fand denn um so häufiger +Ursach', mich zu tadeln. + +»Du hast einen raschen Kopf«, sagt' er zu mir, »dringest geschwind ein +in den Verstand der Sachen; aber Du bleibst nicht im rechten Geleis, +bist nicht bedachtsam und ich bring' Dich nimmer durch's Quadrivium. +Diether, Du setzest nicht Deinen ganzen Eifer in die hohe +Wissenschaft! Ich glaube, Pragensis mit seinen Schildereien hat Dir's +angethan.« Ich schwieg und trieb mein' Sach' nur um so mehr verhohlen; +aber sie blieb's nicht lange so. + +Denn einmal, als Ulrich dort in der Geißelkammer die Geschichte vom +reichen Mann malte, wie er in der Flamme Pein leidet, und Lazarum +droben in Abraham's Schooß, da war ich auch bei ihm, und weil's just +die Zeit am Tage war, in der nach der Cisterzienserregel die Brüder in +ihren Zellen der Betrachtung obliegen, so waren wir im Geringsten +nicht einer Störung gewärtig. Meister Ulrich hatte mich heißen einen +leinenen Kittel überthun, wie er selbst trug, wenn er mit Farben +umgieng; und da ich so in dieser Tracht vor ihm stund, hat er lachend +zu mir gesagt: »Nun trägst Du den Rock wie Unsereiner und ich hab' +Dich für unsern Heerbann angeworben; aber dem Kriegsmann frommt die +Rüstung allein nicht, er muß auch bewehrt sein. So geb' ich denn Dir +auch unsrer Mannen Speer und Spieß und verhoffe, Deine Hand wird +solchen allezeit mit Weisheit und Verstand Gott und Seinen Heiligen +zum Ruhme, unserer Zunft zu Ehren, den Guten zur Herzfreude führen.« + +Damit fuhr er mir dreimal mit einem gar langen Pinsel über Rücken und +Haupt und händigte mir dann solches Gewaffen aus. Darauf sollt' ich, +wie er sagte, sogleich mit ihm die erste Ausfahrt thun, d. i., ich +mußte zu ihm auf sein Gerüst hinauf, allda ihm am Bilde zu helfen. +Aber weil er just dabei war, der Hölle Flammen herzustellen, darin die +armen Seelen brennen, so hieß er mich rechts hintreten, wo höher oben +die Seligen schweben. + +»Es möcht'«, sagt' er dabei, »eine böse Vorbedeutung geben, wenn Du +mit der preislichen Kunst an so unseligem Ort anhübest. An die +schimmernden Wölklein droben sollst Du Dich machen, aus denen die +Engel herfürlugen.« + +Mir klopfte schier das Herz vor Freuden, als dräng' ich selber in den +wahrhaftigen Himmel, wie ich die Leiter noch höher hinanstieg, um nach +seiner Anweisung am gemalten mitzuhelfen. Ich war bald mit großem +Eifer in mein Thun vertieft, als plötzlich die Thür in den Angeln +knarrte und laute Schritte die steinernen Stufen herniederkamen. Ich +erschrak; denn zwischen den Brettern hindurch, auf denen meine Leiter +stund, sah ich Abt Albrecht's hohe Gestalt und Magister Berthold +hinter ihm. + +»Gebt Acht«, hört' ich diesen sagen, »hier ist er und sonst nirgends.« + +»Wartet nur«, rief der Abt zorneifrig, »wartet nur; ich will ihn wohl +zu Euern Büchern treiben; will er denn keine Gelahrtheit lernen, so +soll er doch lernen fleißig sein! He Diether, bist hier? Albertus +Abbas hat mit Dir zu sprechen?« + +Was half's! Ich konnt' ihm doch nicht entgehen. Zudem, wenn er so +scharf sprach, war es gefährlich, ihm ungefügig zu sein. So rief ich +denn: »Ja, Ew. Gnaden!« aus meinem Himmel, aber meine Stimme klang gar +nicht wie eines Seligen. + +»Um aller Heiligen willen!« sprach der Abt. »Was schafft der da +droben. Sogleich komm hernieder und hurtig!« + +Aber ich konnt' nicht behender; denn mir wankten die Kniee, als ich +auf den Sprossen der Leiter ihm näher kam. So trat ich denn vor ihn im +leinenen Überkleid mit vielerlei bunten Farben geziert wie eines +Stieglitzen, den Pinsel hinter mich haltend, und, wie ich meine, mit +gar erbärmlicher Miene. + +»O der Possen«, begann er zu schelten, »in meinem Kloster; o des +Müßigganges, der solche verschuldet! _Otiositas mater nugarum, noverca +virtutum!_ Mißrathener Diether, jetzt sollst Du unsre Strenge fühlen, +denn unsre Güte hast Du mit solcher Verkehrtheit gelohnt! Du +versäumest das Deine und bist eine Störung und Hinderung für Meister +Ulrich obendrein. Fortan wirst Du besser in Zucht genommen werden und +Meister Ulrich wird Dein ledig sein.« + +Wie ich das vernahm, da entfiel mir mein Herz; ich konnte nichts +erwiedern; mir war's, als würd' ich aus dem Paradies verwiesen. Da +aber ist Ulrich, mein lieber Meister, mein Engel worden, nicht der mit +dem hauenden Schwerte, den Eingang zu wehren, sondern wie einer, der +die Flügel um uns breitet, zu schirmen und zu erretten. Denn er trat +herfür, wagt' es und sprach: + +»Wollet verzeihen, Ew. Gnaden, aber der Diether hier ist mir nie keine +Hinderung oder Störung gewesen noch hat er hier Müßiggangs gepflogen +oder Possenspiels. In dem Anzug, der Euch so befremdet, steht er wohl +mit Fug hier; denn wer beim Malen ist, sollte dem solch Kleid nicht +ziemen? Läßt es gleich bunt und scheckig, so bezeugt's damit die +Arbeit, so drin gethan wird. Und glaubt mir, Euch und dem Kloster +macht die Kunst keine Schand', die in Diether ist. -- Seht hier!« + +Damit zeigte er dem Abt etliche Zeichnungen von mir, die bei der Hand +waren. Der nahm sie mit großem Erstaunen und seine Augen glänzten, wie +er die Blätter prüfte. + +»Das hat Diether gemacht; das hat Diether gemacht?« fragt' er immer +wieder. + +»Ja!« sagte Ulrich, »all' das hat Diether gemacht und, ich sag' Euch, +er wird noch ganz Anderes machen Euch zum Erstaunen, wenn Ihr ihn bei +mir laßt, daß er mein Schüler sei, so lang ich hier bin.« + +»So nehmt ihn, nehmt ihn immer, lieber Meister!« rief der Abt ganz +freudig. »Sünde war's, solche Gottesgabe zu unterdrücken. Diether, nun +magst Du doch noch unseres Klosters Zierde werden; halt Dich recht und +nimm Deines Meisters Lehren Dich an! Wie es forthin mit Deinen +gelehrten Studien zu halten sein wird, das wollen wir mit Magister +Berthold des Weiteren besprechen; aber nun mach' Dich wieder an Deine +Arbeit! -- Ei, Meister, Ihr habt wacker geschafft die letzten Tage. +Und wie das leuchtet und lebt!« fuhr er fort, während er wieder +hinaufstieg. + +Darauf giengen sie hinweg und wie sie an der Treppe waren, hört' ich +den Abt noch sagen: »Bruder Berthold, nun wachsen ihm doch noch die +Flügel, aber andere, als wir dachten. Wir können's nicht wehren, +wollen's auch nicht. Wenn Meister Ulrich Recht hätte! Eine Zierde des +Klosters! Ich hofft' es immer!« + +Als sie hinaus waren, da sagte mein Meister: »So bist Du denn, +Diether, des Malerordens heut wirklich ein Jünger worden. Gott gnade +Dir dazu und alle Heiligen. Und zum guten Anfang wollen wir heut Abend +beim Klostermeier nach Gebühr in Elsinger einen Trunk thun!« + +Aber Magister Berthold bracht' es auf, daß sie mich von diesem Tage +her scherzweise nur nannten: _Pencillatus_, d. i. Pinselheld. + +So war ich nun Ulrich's Schüler und blieb es, so lang er bei uns war. +Das dauerte noch ganze zwei Jahre. Da zog er von dannen nach Speyer, +wohin Bischof Gebhard ihn gerufen, allda im Dom zu malen. Sein +Abschied geschah von uns mit großen Ehren und der Abt, der sehr wohl +mit all' seinen Werken zufrieden war, lohnte ihm reichlich. Mir aber +gieng am meisten sein Scheiden nah, und als ich ihn bis zur +Klostermühle am Teich drüben geleitet hatte, mochte ich noch nicht +umkehren. Er aber sprach: + +»Diether, laß genug hier sein! Gott stärk' Dich in all' Deiner Kunst, +wie Du meine Freude gewesen bist diese ganze Zeit.« + +»Gott laß' Euch immer fröhlich leben!« sagt' ich. + +Drauf gaben wir uns die Hände, rissen uns von einander und Keiner sah +hinter sich. + + + + +Zweites Capitel. + +Ausfahrt. + + +Seitdem mein Meister von uns geschieden war, mochte ein Jahr vergangen +sein. Die Zeit kam heran, da ich sollte das Gelübd' ablegen für unsern +Convent. Mich bewegte das nicht sonderlich, denn ich wußt's nicht +anders von Kindesbeinen an, als daß ich ein Mönch von St. Bernards +Orden werden sollte. Mir war's weder lieb noch leid, wenigstens +glaubt' ich's so. Inzwischen hatte ich meine Kunst fleißig geübt und +mit dem Vermögen dazu war die Lust daran größer geworden. Damit mein' +ich gar nicht, daß ich immer fröhlich gewesen wäre und guter Dinge von +ihretwegen, sondern oft machte sie mir einen sorgenhaften Sinn, als +wär' ich ihrer nicht werth und wäre Gott nicht dankbar genug für ihre +Gunst, die er mir zugewandt. Dazu machte sie mir die Einsamkeit lieb, +denn ich hatte keinen Genossen bei meiner Arbeit, und so sucht' ich +denn oft allein zu sein, auch wann ich Gesellschaft hätte haben +können. Denn da konnt' ich am besten den Gedanken nachhängen, die mit +leuchtenden und glänzenden Farben und himmlischen heiligen Gestalten +in meiner Seele aufstiegen, daß ich mich von Herzen daran erlabte und +ergetzte. So war ich denn um die Zeit des Lebens, wo die Kraft und +Lust der Jugend besonders laut zu werden pflegt, vielmehr stiller und +in mich gekehrter worden, denn zuvor. Sie merkten das im Kloster und +sagten: das wäre die Melancholia. Ich lachte ganz fröhlich dazu, denn +ich wußt' es besser. + +Die heiligen Ostertage waren vorüber. Mit ihnen war der erste Frühling +in's Land gekommen. Der letzte Schnee war zergangen, und in den hellen +Strahlen der Sonne lächelte die Erde, wie ein erwachendes Kind die +Mutter anlacht, das sich die Wangen roth geschlafen hat. Von den +Äckern wehte der frische Erdgeruch, die Wiesen überzogen sich mit +jungem Grün und aus den Nußbäumen drüben pfiffen Abends und Morgens +mit lustigem Gelärme die heimgekehrten Staaren. Mit einem Wort: Es war +just so, wie es alle Jahr' ist, seit der Herr zu Noah gesprochen: es +soll nicht aufhören Sommer und Winter, und hat einen Bund darüber +gemacht. Aber mir sind jene ersten Frühlingstage aus sonderlicher +Ursach in Erinnerung geblieben. + +Denn an einem solchen Tage war ich mit Lust seit langer Zeit zum +ersten Male durch Feld und Wald gestreift und kam heim mit frischem +Muth, als wäre meine Brust weiter worden von der Frühlingsluft, die +sie geschöpft, und schlüge mein Herz höher darin. Und doch wollt's mir +mit dem Malen nicht vorwärts rücken, als ich mich an das Bild machte, +das ich vor hatte. Das war im Brüderchor rechts über den Gefühlen, wo +mir der Abt eine gar große Arbeit zugewiesen. Ich sollt' ihm da +schildern an der Wand den engelischen Gruß, die Anbetung der heiligen +drei Könige und die Darstellung im Tempel, wie es jetzt Alles zu sehen +ist. Dazumal war ich mit der Verkündigung, die Unserer lieben Frau +geschieht, kaum über den Anfang hinaus, und weil ich die heilige +Jungfrau recht in die Maienwonne hineinsetzen wollte, so hatt' ich +mich, wenn in den kurzen Wintertagen des Bildes Entwurf mir gar nicht +zu Gefallen gerieth, immer auf den Lenz vertröstet, der sollte Leben +schaffen draußen in der Welt und hier auf dem Bilde. Nun hatt' ich ja +seinen Gruß empfangen und griff meine Arbeit mit allem Eifer an. Aber +meine Gedanken hafteten nicht daran. + +»Es hat keinen Segen heut«, sprach ich da zu mir selbst, legte den +Pinsel weg und setzte mich vor den Lettner in's Gestühl. + +Ich war wohl müde vom ungewohnten Gange, den ich im Freien gethan, und +so schlief ich ein. Da träumte mir, ich wandelte durch ein lieblich +Wiesenthal, allwo die Blumen im Morgenthau glänzten, und die Bäume +rauschten über dem Bach, der hart am Wege dahinfloß. Wie ich voll +Freude fürder schritt, sah ich vor mir einen seltsamen Wandersmann des +Weges ziehen. Sein Kleid war schneeweiß, seine Gestalt hoch, und wie +golden wehte sein Gelock im Morgenwinde. Ich eilte ihm nach und bot +ihm höfischen Gruß. Jung und holdselig war das Angesicht, das er mir +zuwandte. Er dankte mir meinen Gruß gar freundlich, doch wagt' ich +nicht, weiter ihn anzureden, so hochgemuth und feierlich war seine +Miene. Er aber erkannte mein Begehren und sagte: »Ich kenne Dich wohl, +Diether, aber Dein Weggeselle kann ich nicht sein; denn ich muß meines +Herrn Gebot eilend thun.« + +Da sagt' ich: »Das muß ein reicher und milder Herr sein, der solche +Boten sendet; und selig mag wohl sein, wem von Euch Botschaft wird.« + +»Du findest mich auch wohl wieder«, versetzte er, »wenn Du hier auf +diesem Wege beharrst; denn das ist die Straße, die ich ziehe in +Maientagen.« + +Darauf verschwand er vor meinen Augen, als flög' er hinweg, und ich +betete an zur Erde; denn ich merkte, daß es ein Engel gewesen war, der +Gott an einem seiner Heiligen dienen wollte. Ich beschloß, da zu +harren, bis er wiederkehrte, um ihn dann zu bitten, daß er mich segnen +möchte. So setzt' ich mich nieder an des Baches Rand. Aber der fieng +an zu brausen und zu wallen von den Bergen her und stieg und trieb +mich hinweg. Er ward zum reißenden Strome, drin alle Blumen ertranken, +und sein Gischt verhüllte die Sonne. Ich schrie: »Wehe!« und entlief, +denn wie verderbliche Lindwürmer drangen die Wellen hinter mir her. + +Die Angst weckte mich auf. Ich war nicht mehr allein. Der Abt stund +vor mir. Ich wollt' eilig aufstehen vor ihm. Aber er hieß mich sitzen +bleiben, ließ sich neben mich in den nächsten Chorstuhl und redete +mich ganz freundlich an: + +»Diether«, sprach er, »ich sehe, Dir will's nicht mehr von der Hand +gehen mit Deiner Kunst, wie bisher. Ich glaub' wohl, daß nicht +Trägheit daran Schuld ist. Denn Fleiß allein thut's nicht bei so edlem +Werk. Der Wille ist da, aber Seele und Sinn wollen nicht mit der alten +Lust dahin, und wo die nicht gefüge sind, müssen wohl auch die Hände +feiern. Denn gezwungen gedeiht solche Gotteswirkung nicht. Nun hör' +ich, merk' es auch selbst zum Theil, daß Deine vorige Munterkeit +verschwunden und Du der Einsamkeit und des Sinnirens ein Liebhaber +worden bist. Wohl ziemt sich Dir ein ernster Sinn, und heilige +Betrachtung schickt sich für Dich, da Du bald dem Convent Dich für +immer geloben sollst. Aber weil ein Jeglicher dem Orden und der Kirche +mit der Gabe dienen muß, die er von Gott empfangen hat, so müssen wir +bedacht sein, Dich in Deiner Kunst zu fördern.« + +»Wohlan, Diether«, fuhr er fort, »fast ist mir's lieb, daß Du mit +Deinem Bilde da nicht weiter gekommen bist, wie ich sehe. Denn heut' +hab' ich Nachricht empfangen aus Speyer, daß dahin zum Bischof ein +sonderlich köstliches Bild aus Welschland gebracht worden ist, darauf +die gebenedeite Gottesmutter so preislich und herrlich gemalt ist, wie +man ihres Gleichen noch nicht gesehen hat in deutschen Landen. Das +wäre nun ein löblich und rühmlich Ding und eine rechte Freude für +mich, wenn wir davon ein Conterfei hätten hier bei uns. Darum hab' ich +gleich an Dich gedacht, daß Du gen Speyer ziehest mit Briefen von mir, +dort vom Bild eine Copey nehmest und dieselbe Gestalt der heiligen +Jungfrau gebest hier auf Deinem Bilde. Da wirst Du zugleich Dein Auge +an vielen andern Werken Deiner Kunst weiden können, und ich bin gewiß, +Du kommst mit erneuerter Lust und erhöhter Kraft zurück. Daß ich Dich +aber in die Welt allein hinauslasse, die Du bisher noch weiter nicht +gesehen als eine Meile um's Kloster, das zeigt Dir, ein wie groß +Vertrauen ich zu Dir trage, daß Du beständig im Herzen haben wirst, +wie Du zu Gottes und Deines Klosters Ehre diese Fahrt thust. Und +weil's Dir«, setzte er lächelnd hinzu, »mit Stift und Pinsel nicht +mehr recht vorwärts will diese letzte Zeit, so mögen Wald und Feld und +Wiese und Flur Dir vielleicht nützer sein, Dich zu unterweisen, wenn +Du ziehest, wie auch St. Bernard gesagt hat: die Bücher, aus denen er +das Beste gelernet, seien die Bäume des Waldes.« + +Während er so sprach, wußt' ich selbst nicht, was ich denken sollte. +Der Traum, den ich geträumt, stund vor meiner Seele lieblich und +zugleich schrecklich, als lockt' er und drohte auch zugleich. Aus dem +Kloster in die Welt hinaus hatte ich nie ein Verlangen gehabt, auch +die letzte Zeit keine Wanderlust, wie der Abt zu denken schien. Mich +wirrte die unerwartete Aussicht. Fast hätt' ich den Abt gebeten, mich +daheim zu lassen. Aber ich schämte mich dessen, weil es feigen und +stumpfen Sinn verrathen hätte. Und so sagt' ich bloß, als er geendet: + +»Hochwürdiger Vater, ich will Euch gern gehorsamen in allen Stücken.« + +»Ei, Diether«, rief er und klopfte mich auf die Schulter, »das ist für +Deinen Gehorsam wohl kein zu schweres Stück, das ich Dir auflege. Ich +wüßte Manchen im Convent, der thät es übergerne an Deiner Statt.« -- + +Darauf gebot er mir, mich zu rüsten und nach der Vesper zu ihm zu +kommen. Da wollt' er mir Briefe und Vollmacht geben und weitere +Anweisung. »Denn morgen in der Frühe«, sagt' er, »sollst Du von +dannen, und um die Pfingstzeit bist Du wieder da durch Gottes unsers +Heilands Gnade.« + +Darauf reicht' er mir die Hand und gieng. + +So schritt ich denn am anderen Morgen ganz früh wegfertig über den +Klosterhof, nachdem ich Abends zuvor von Allen Abschied genommen +hatte. Aber Mancher kam mir nach, mir zur Letze nochmal die Hand zu +drücken. Am Bronnen blieb ich stehen und sagte: »Laßt mich hier noch +einmal aus diesem guten Quell, dessen Rauschen und Plätschern ich so +oft mit Freuden betrachtet, mit meinem Reisebecher schöpfen, und wer +mit mir wünscht, daß ich ihn fröhlich wieder mit Euch trinke, wenn ich +heim bin, der thue mir Bescheid!« + +Da trat Rigbold heran, der Bruder Kellermeister, und sagte: »Das ist +nicht Brauch, Diether, mit Wasser sich zuzutrinken. Hier hab' ich +Besseres, Dein Glas zu füllen, Liebfrauenmilch, geschöpft zu Worms am +Rheine. Du sollst den Wein haben zur Labe auf Deiner Fahrt.« Da +schenkt' ich ein, weil sie so wollten, und auch sie thaten einen Zug +und »Gott gesegn'es!« wünschten wir einander dabei. Darnach that mir +der Pförtner auf; ich gieng über die Brücke am Thor und war im Freien. + +Rüstig stieg ich den Weg hinan, der gen Mitternacht aufwärts führt. Es +war noch dunkel und dämmerte kaum. Als ich oben auf der Höh' war, +hatt' es sich genug erhellt, daß ich rings umschauen konnte. Ich +wandte mich und sah das Kloster liegen im Thal, wie ich es zu tausend +Malen von hier aus betrachtet hatte. Nun lag doch die weite Welt vor +mir, und dennoch war mir's weh um's Herz, als ob's mich zurück sehnte. +Die ersten Strahlen der Morgensonne trafen da das Kirchdach und der +Wind trug das Geläut herüber, das zur Matutine rief. Mir war's, als +kläng' es anders wie sonst, lauter, feierlicher, und als wüßten die +Glocken, daß ich hier oben stünd', und wollten mir auch einen +Gottessegen herübertönen zum Abschied. Da sprach ich das Benedictus im +Stillen mit, winkte noch einmal hinab und zog landein. + +Ich schritt tapfer aus. Im ersten Dorf, durch das ich kam, zogen die +Leute eben zur Arbeit auf's Feld. »Sie haben Alle ihr besonderes +Tagewerk«, dacht' ich da, »meines ist heute das Wandern.« Mit dem +erwachten Tage wuchs auch meine Wanderlust. Ich hatte meine Freude an +Allem, was ich hört' und sah, und fühlte mich gar nicht einsam. Die +hellen Wolken, die über mir herzogen, die Finken, die von den Bäumen +am Wege, die Ammern, die aus dem Wald her riefen, die ersten Blumen am +Rain, die ich mir zum Sträußlein pflückte, boten mir Gesellschaft +genug. Der Laubwald schimmerte im ersten, jungen Grün, als hienge ein +zarter Schleier über dem Gezweig. Da hindurch spielten die +Sonnenstrahlen gar lieblich, denn es war ein heiterer, wonnesamer +Frühlingstag. + +Gegen den Mittag kam ich in ein Waldgebirge, wo der Weg in Krümmungen +an der Seite der Berge sich hinzog. Unten brauste ein Wasser; aber nur +zuweilen sah ich's durch das dunkle Grün der Bäume hervorblitzen. Denn +dicht und ragend stunden die Tannen rings umher, so daß sie, wo der +Weg eng war, schier ein Dach über mich bauten mit ihren Wipfeln. Die +Sonne war im Mittag, und ich hätte hier gerne gerastet, mein Mahl zu +halten. Schon gedacht' ich, dazu niederzusitzen, als ich vor mir nicht +gar ferne Stimmen hörte. Bald darauf ward ich eines Weibes ansichtig, +das auf dem Arm ein Kindlein trug, und ein anderes führte sie an der +Hand. Das weinte sehr und wollte sich gar nicht beschwichtigen lassen. +Da eilt' ich hinzu, grüßte und fragte das Weib, aus was Ursach' das +Mägdlein weinte und ob ich ihr helfen könnte. Da sagte sie: »'S ist +mein Töchterlein, lieber Gesell, Else heißt sie und büßt jetzo ihren +Willen. Da seitwärts hinunter steht unsere Hütte, und ich gehe jetzt +hinauf dorthin, wo Ihr den Rauch aufsteigen sehet. Der kommt von einem +Meiler; da ist mein Mann, der brennt Kohlen dorten für den gnädigen +Herrn, deß wir eigen sind. Es ist ein beschwerlicher Weg dahin; aber +Else wollt' nicht daheim bleiben; sie hat müssen mitgenommen sein. Ich +hab's ihr zuvor gesagt, daß ich sie nicht tragen könnt', wenn sie müd' +würde, weil ich das Büblein da auf dem Arm hab'. -- Bist still, Kind, +sonst kommst Du nimmer mit zu Deinem Vater.« Da nahm ich die Kleine +auf meinen Arm, redete ihr freundlich zu und hatte sie bald so +zutraulich, daß sie des Weinens und aller Furcht vergaß und freundlich +mich anlachte. + +»Ihr versteht's, Euch die Kinder zu befreunden«, sagte das Weib, »denn +sonst geht Elslein ihrer Mutter nicht von der Hand im Angesicht eines +Fremden. Das Kind kommt gar selten unter die Leute.« + +»So gehören wir wohl zusammen, Elslein«, rief ich ganz fröhlich, »denn +auch ich bin fremder Gesellschaft ungewohnt; und daß Du mich magst, +thut mir gar wohl!« + +»Ja, mit Fug«, sagte die Frau, »denn Kinderlachen bringt Glück, und so +mag Euch auch wohl gerathen, was Ihr vorhabt.« + +Nicht lange waren wir unter solchen Gesprächen vorwärts geschritten, +so kamen wir an eine Rodung, wo die Meiler dampften. Kaum hatte das +Kind den Vater erschaut, so mußt ich's vom Arme lassen, und lustig +sprang es dem Köhler entgegen. Da gab's zwischen den Leuten ein +freudiges Grüßen. Sie hielten das Mahl zusammen, ich setzte mich auch +dazu und wir theilten einander mit, was wir hatten. Sie sprachen von +ihrem Heimwesen, von ihren Sorgen, denn sie waren gar arm, und von +ihren Kindern. Ich hört' ihnen stille zu, denn wir waren das Alles +fremde Dinge. Aber wie traurig auch Manches war, was sie sprachen; ich +hätte sie nicht besser trösten können, wie sie selbst einander ihre +Last erleichterten durch die Herzlichkeit ihrer Rede. Und wie, nachdem +das Gratias gesprochen war, der Mann die Kinder beide auf seine Kniee +nahm, und sie ihn liebkosten, auch das Elslein nicht von ihm ließ, so +geschwärzt und rauh er aussah, und mir öftermals zurief: »Seht, das +ist mein Vater lieb!« da wußt' ich nicht, sollt' ich den armen Mann +oder die Kinder für glücklicher halten, und zum ersten Mal in meinem +Leben fragt' ich mich, ob ich wohl auch je von Mutter oder Vater so +gekoset worden wäre oder mit ihnen gekost hätte, und ich wünschte, es +möchte geschehen sein, ob ich auch deß nicht mehr gedenken könnte, und +die Hände, die mich gestreichelt, eben so arbeitshart gewesen wären, +wie dieser Eltern ihre. + +»Nehmt's nicht für ungut«, sagte der Köhler, wie er mich so schweigend +sitzen sah, »daß ich Euch versäume. Ich sehe meine Herzkinder selten, +und so denken sie, es muß so sein.« + +»Gott helf Euch«, sprach ich da, »daß Ihr sie immer so in Freuden +sehet, und lasse sie Euch und Eurem Weibe zur Freude gesetzt sein all' +Euer Leben lang.« Darnach gesegnet' ich sie, denn ich wollte weiter +ziehen, und auch Elslein reichte mir ihre Hand, sagte: »Wohlauf zur +Fahrt!« und lachte mir fröhlich zu. + +Oft noch beim Weitergehen sah ich zurück nach dem Weibe und dem Manne +mit den Kindern auf seinen Knieen, und wie ich sie nicht mehr +erschauen konnte, tönte doch des Mägdleins Lachen mir im Herzen nach +hell und lieblich, wie eines silbernen Glöckleins Klingen beim +heiligen Amt, und ich sagte zu mir: »Wohlan, Diether, Kinderlachen +bringt Glück!« + +Das war mir einsamem Wandersmann, wie es schien, an diesem Tage nicht +beschieden. Denn gegen Abend zog ein Wetter herauf mit einem +Sturmwind, der die gewaltigen Bäume schier zu entwurzeln drohte. Der +Himmel überzog sich mit finstern Wolken und schwere Regentropfen +fielen hernieder. Ich beschleunigte meine Schritte, weil das Kloster +von Thüngen, welches unseres Ordens ist und wo ich die Nacht herbergen +wollte, nicht mehr ferne sein konnte. Aber in dem wilden Gebirg' +verlor ich den rechten Weg. Ich hatte deß eine ganze Meile gar nicht +Acht, weil ich so in Hast lief; denn ein wüst Gewitter war +losgebrochen. Die Blitze flammten durch den dunkeln Wald und die +Donnerschläge hallten brüllend von den Bergen wieder. Dazu goß der +Regen in Strömen, daß auch die Tannen mit ihrem dichten Gezweig kein +Schirmdach mehr boten und ich über und über durchnäßt war. Doch fragt' +ich wenig darnach; denn wie ich merkte, daß ich irre gegangen, das +schuf mir größere Sorge. Ich war auf einen Weg gerathen, der Anfangs +abwärts führte, aber allgemach und in gleicher Richtung wie der, auf +dem ich bisher gezogen. Dann aber lenkt' er mich steiler hinab an das +Waldwasser und an dessen Rand entlang in ein Thal, das sich in +mancherlei Biegungen immer mehr verengte. Da war meine Wanderung +beschwerlich und voll Mühsal und ich däuchte mich gar verlassen in +dieser Wildniß. Dazu des Gewitters Zorn und des Wassers Getose! »Hilf +Gott«, sprach ich, »wo soll ich rasten bei solchem Wetter in der +Einöde, wenn die Nacht kommt?« Und ich dachte an das Vespergeläut im +Kloster, das alle Abend' die Brüder in Frieden zu Ruhe und Schutz +zusammenruft. + +Aber horch! war's da nicht wirklich wie ein Läuten durch den Wald? +Jetzt vernahm ich's wieder; ich täuschte mich nicht. Wie mir das +tröstlich und lockend erscholl! Ich förderte meine Schritte, und bald +öffnete sich vor mir das Thal zu einer freien Halde. + +Die Berge traten zurück wie in einen Kreis, und an dem Abhang des +einen stund freundlich winkend ein Waldkirchlein, von dem das Läuten +kam. Ich fand bald den Weg, der dahin führte. Wie ich ihn +eingeschlagen hatte, ließ allgemach das Unwetter nach. Der Donner +verstummte, der Sturm legte sich und sanft fiel der Regen. Auf einem +Felsenvorsprung in halber Höhe des Bergabhanges sah ich das Kirchlein +vor mir. + +Zu seinen Füßen, seitwärts des Pfades, der hinaufleitete, ward eine +Klause sichtbar, von Holz erbaut, deren niederes Dach nur wenig aus +dem Gestein hervorlugte, an das sie sich lehnte. Ein Wässerlein +plätscherte von der Höhe daran vorbei und ergoß sich in Sprüngen auf +die Waldwiese, auf die das Blockhaus niedersah. Wie ich emporklomm, +strahlte das Thürmlein der Kirche, darin die Glocke hieng, im rothen +Schein der untergehenden Sonne, und darüber hin wölbte sich gegen +Morgen schimmernd und feierlich ein Regenbogen. Ich hielt meine +Schritte an und freute mich des lieblichen Scheideblickes, mit dem der +Tag zu Ruhe gieng. Wie ich so stund, vernahm ich von der Klause her +die Klänge einer Laute und dazu die sanft schwebende Weise dieses +Liedes: + + Es liegt die Welt mit ihrem Glücke, + Ein fernes Eiland, hinter mir, + Und keine Fähre, keine Brücke, + Trägt jemals mich zurück zu ihr. + + Ein ander Ziel hab' ich erlesen, + Deß Bild die Seele fest umschlingt. + Wie wird mein trübes Aug' genesen, + Wenn die ersehnte Küste winkt! + + Schon rauscht der Kiel, die Segel blühen, + An's Steuer denn mit fester Hand, + Laß Stürme brausen, Blitze sprühen, + Doch endlich, Herr, mich rufen: Land! + +Mir klang das Lied seltsam und fremd, voll Schwermuth und Freudigkeit, +voll Sehnsucht und Zuversicht. Aber es schien mir schön zu stimmen zu +dem heiteren Abend nach all' dem Sturm und bösen Wetter, und ich +dachte: »Das kann nur das Land der zukünftigen Seligkeit, die +himmlische Heimath, sein, darnach das Lied Verlangen trägt, und es ist +wohl ein fromm Herz, welches zu solchen Gedanken erweckt wird durch +den Bogen Gottes.« + +So gieng ich mit gutem Vertrauen auf die Klause zu. + +Aber ich ward fast entmuthigt, als ich ihren Bewohner ersah, der +unter der offenen Thür stund. Es war ein greiser Mann von gewaltigem +Wuchs, bekleidet mit einem Mantel von grobem Zeug, den ein Strick +zusammenhielt; unten sahen die Füße bloß hervor. Sein Haupt war +mächtig und von breiter Stirn; unter den überhangenden Brauen blickten +lebhaft die blauen Augen. Die Nase war vorspringend und gebogen, der +Mund von festen entschlossenen Lippen und sein Angesicht tief +gefurcht, als stünde da manch Geheimniß früherer Jahre geschrieben. +Ich merkte wohl, wie mein Anblick ihm wenig willkommen war; denn +forschend sah er mich an und bewegte sich nicht von der Stelle. + +»Ehrwürdiger«, redete ich ihn an, »ein wegmüder Wandersmann, der in +die Irre gerathen ist, spricht Euch um Obdach an für diese Nacht. +Wollet ihm solche Bitte um Gottes Lohn nicht versagen!« + +»Das da droben«, antwortete er, »ist St. Wigbert's Kirchlein, und die +ihm da in Andacht dienen wollen, denen helf' ich dazu und geleite sie. +Aber zu herbergen ist meines Amtes und meiner Neigung nicht.« + +»So verdienet an mir«, sprach ich, »St. Wigbert's Fürsprach, in dessen +Bann und Schutz ich ohne meinen Willen geführt worden bin durch des +reichen Gottes Güte.« + +»Du redest wie ein Pfaff«, sagt' er darauf, »und nach Deinem Kleid +möcht' man Dich für einen Mönch halten; aber Dein Haar fällt Dir lang +auf die Schultern, und Dein Auge blickt frei umher, als wär's nicht +eben gewohnt, sich demüthig zu senken. Die falsche Welt liebt sich +Gevögel mit allerlei Federn, auch wohl mit falschen, und sie ist weit +genug dazu.« + +Da sagt' ich: »Ihr vertraut mir nun viel oder wenig, so will ich Euch +doch treulich berichten, wie es um meinen Weg steht, den ich ziehe«, +und so erzählt' ich ihm, von wannen ich käme und wozu der Abt mich +ausgesandt hätte. + +»Dein Abt ist ein Narr«, rief er mir da zu, »Dich so jung und +unbehütet um solches Tandes willen aus dem Kloster zu stoßen, kurz ehe +Du gemöncht werden sollst, und weiß nicht, was er thut. Dort die +Stufen hinan ist eine Kluft, wohlverwahrt, und reichlich Moos zum +Lager darin, wo die Pilger zu rasten pflegen nach der Wallfahrt. Da +lagere Dich. Denn in meiner Zelle geht's nicht an, ich habe mir jede +Gesellschaft widersagt für immer. Sogleich komm' ich nach.« + +»Daß Ihr meinen Abt scheltet und meine Kunst verachtet, das thut Ihr +ohne meinen Dank,« antwortet' ich gekränkt. »Aber ich bin müde und +will die Ruhe suchen, die Ihr mir erbietet.« + +Darauf wandt' ich mich, zu gehen. Doch er kam mir nach und ergriff +meine Hand, indem er sagte: »Nu, nu, Junker Hochgemuth! Deine Kunst +bleibt unverachtet. Komm denn hinein zu mir, bist ja ganz kläglich +zugerichtet vom Wetter. Aber Dein Abt ist ein Narr! -- ich sag's, +Brun, St. Wigbert's Meßknecht und Einsiedel.« + +Mir fiel es auf, als ich an seiner Seite gieng und er so redete, wie +freundlich der Klang seiner Stimme ward und wie mild sein Angesicht +drein sah gegen vorhin. + +Der Raum seiner Klause, in die wir traten, war niedrig und eng. Sie +hatte außer der Thüre nur eine kleine Fensteröffnung zu Luft und +Licht. Schmucklos waren die Wände aus rohen Balken aufgerichtet: nur +über der Thür ein Crucifix und zwischen ihr und dem Fenster, das in +der schmalen Seitenwand angebracht war, unter einem hölzernen +Überdach das geschnitzte Bild unserer lieben Frau mit dem Schwert im +Herzen. Vor demselben stund ein eichener Tisch, kunstlos zugehauen und +ein Baumstumpf als Sitzschemel. Die dem Eingang gegenüberliegende Wand +der Hütte ward vom Gestein gebildet, das senkrecht abfiel. Darin war +eine Höhlung zu sehen, die zum Herde diente mit einem Sims, darauf +weniges Kochgeräth stand. Unten davor lag Holz bereit. Die Hälfte aber +dieser Felsenwand wich zurück zu einer Nische, die ganz schicklich als +eine Kemenate zur Lagerstatt gelten konnte. Sie verengte sich nach +hinten und schien tief in das Gestein hineinzudringen. So leicht das +Alles zu übersehen war, so konnt' ich's doch nur mit Mühe wahrnehmen; +denn das Abendroth, welches zum Fenster hineinblickte, war im +Versinken, und der Raum fast dunkel. + +Aber bald lenkte mein Wirth mein ganzes Aufmerken auf sich und sein +Thun. Er tummelte sich geschäftig wie ein Schaffner für mich, und je +rauher zuweilen seine Rede war, um so sorgsamer mühte er sich. + +»Setz' Dich da, Meister Irregang«, sagte er halb spottend, halb +ernstlich, indem er in die glimmenden Herdkohlen blies und dürres +Reisig darüber legte, »setz' Dich da auf den Klotz, der mir Bank, +Stuhl und Schemel zugleich ist. Weiß nicht, welches Sitzes Du in +Deinem Convent gewohnt bist; hätt'st Dir wohl einen weicheren gegönnt +zur Rast. -- Doch nein!« fuhr er nach kurzer Weile fort, als das helle +Feuer knisternd zu flackern anhub, »nein, junges Blut! rück' hier +heran an die Herdwärme. Denn es läßt, als ob Dich's fröre. -- Heilige +Mutter Gottes, wie bist Du durchnäßt! Hab's gar nicht so bemerkt, +welche Unbilden Dir zartem Knaben das Unwetter gethan hat. Wart', wie +Brun Dein pflegen wird.« + +Damit gieng er nach hinten und brachte mir von dort trockne Kleider. +Er war mir selbst behilflich, mein naß Zeug abzuziehen, hängt' es +seitwärts gegen den Herd, half mir in's trockene Gewand und breitete +mir möglichst nah dem Herde, von Moos und mit Hilfe von wollenen +Decken, die er hervorholte, in der Nische, wo er seine Lagerstatt +hatte, ein Pfühl, darauf ich meine ermatteten Glieder gar gemächlich +ausstrecken konnte. + +Ich dankt' ihm für all' seine Lieb'; ich fühlte, wie wohl sie mir +that. »Ja,« sagte er, indem er mir mit Wein, den er vorgelangt hatte, +meine brennenden Füße wusch, »das glaub' ich gern, daß dem Täublein +nun sanfter ist; mit all' seiner Kunst und des Abts Vollmachten dazu +sollt' es sich wohl wenig trösten, wenn jetzt Brun nicht hinausgelangt +und's in seine Arche genommen hätte.« + +Daß er sich mit dem Erzvater Noah verglich, machte mich lachen; aber +es gieng mir nicht von Herzen. Vielmehr fühlt' ich, wie ich roth ward, +weil seine Rede mich an die ungefüge Antwort erinnerte, mit der ich +ihm draußen begegnet war. Sie that mir leid und ich sagt' ihm das. + +»Wie heißest Du?« fragt' er mich drauf und hängte den Kessel über dem +Herdfeuer ein. + +»Diether, ehrwürdiger Vater.« + +»Wohlan, Diether, darum mach' Dir keine Sorgen. Aber von Deinem Abt +und Deiner Fahrt wollen wir hernach reden; da will ich auch an Dich +eine Frage thun. Jetzo merk' nur dies, daß ich Brun heiße, und so +magst Du mich nennen. Das ist genug. Und nun gedenke des Mahles, denn +es ist bereit.« + +Drauf legt' er mir vor, was er hatte, Brot und Käs und von dem Brei, +den er gekocht hatte, und ein wenig Wein. Während ich aß und trank, +durft' ich nicht sprechen, denn er hatte mir _Silentium_ auferlegt mit +strenger Miene, als wären wir im Refectorium. Mir war sein Gebot ganz +recht, und mit Lust und Eifer that ich der Mahlzeit Bescheid. Er sah +mir freundlich und ermunternd zu und bedachte dabei das Feuer, das, +den ganzen Raum angenehm erhellend und erwärmend, den felsigten Kamin +hinaufschlug und den Schatten seiner Gestalt in wunderlichem Wechsel +an die Wand malte. + +Als ich vollendet hatte, hieß er mich wieder meine vorige Lagerstätte +einnehmen, that die Zurüstung des Mahles beiseit und setzte sich mir +gegenüber an den Herd. + +»Diether«, sagt' er da, »warum kam Dir vorhin das Lachen an?« + +Ich ward ob der Frage verlegen, und zögernd erwiederte ich: »Wenn Ihr +die Wahrheit zu wissen begehrt, ehrwürdiger Vater« -- + +»Brun heiß ich,« unterbrach er mich ungeduldig. + +»Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen begehrt, Brun: es geschah, weil Ihr +Eure Klause hier der Arche Noä verglicht und mich mit dem Täublein, +das der Erzvater hineinnahm.« + +»Und warum that denn dem Thierlein der Einlaß in den Kasten noth?« +fragt' er eindringlich. + +»Weil draußen die Wasser der Sintfluth allum es bedrohten«, gab ich +zur Antwort. + +»Wohlan, Diether«, sagt' er eifrig darauf. »Was ist die Welt anders, +als ein tiefes Meer des Verderbens, gleich gefährlich, ob's den blauen +Himmel spiegelt oder schäumt und braust, voll Untreue, Gewalt und +Tücken? Und was hat Dein Abt anders gethan, als Dich hinausgescheucht +wie einen Vogel, der nicht schwimmen kann, auf die weite See?« + +»Ihr seht wohl«, sagt' ich bescheiden, »von Eurer Klause die Welt zu +ungünstig an und urtheilet zu hart über sie, weil Ihr sie nicht +genugsam kennet in Eurer Abgeschiedenheit.« + +»Hoho!« rief er, bitter lachend, »ich kenne sie nicht? Ich kenne sie +nicht?« und sah in's Feuer, als könnt' ihm das gar etwas Anderes +bezeugen. -- »Du hast ihr Wesen wohl heut' schon lieb gewonnen beim +ersten Ausflug?« wandt' er sich dann fragend an mich, »fühlst Dich +schon wohl darin?« + +»Ich weiß darauf nicht zu antworten«, erwiedert' ich, »aber Ihr thut, +dünkt mich, zu viel, wenn Ihr die Welt schlecht nur der Untreue +zeihet. Ich hab' wohl befunden von ungefähr, daß sie auch der Treue +die Probe hält.« Und so erzählt' ich ihm mit Wärme, was ich von den +armen Köhlerleuten heute gesehen hatte und wie sie durch ihre treue +Liebe gegen einander so glücklich wären in aller Dürftigkeit. »Die +hegen«, schloß ich, »gewiß kein Falsch gegen einander.« + +»Weißt Du das für gewiß?« fragt' er wieder. »Hat ihre Treue schon die +letzte Versuchung bestanden? Wenn die Noth bis zu Hunger und Blöße +steigt; wenn Siechthum und Jammer Heimrecht gewonnen haben bei ihnen, +wenn ihre Ehe zur klirrenden Kette geworden ist, welche ohne Hoffen +Mann und Weib an die Marterbank des gemeinsamen Elends schmiedet und +wenn die Kinder vergeblich Brot heischen, für Vater und Mutter +unablässige Mahner ihrer Noth und Mehrer derselben: dann siehe zu, ob +Ungeduld, Mißtrauen, Überdruß, die Unholde, der Lieb' und Treue noch +nicht das letzte Herzblut ausgesogen haben. Ja, wenn dann noch Mann +und Weib sich zum Trost da sind, die Kinder den Eltern zum Labsal der +Liebe, zu Dank und Gehorsam, -- dann magst Du sagen, sie haben Treue +gehalten. Und bis dahin, und wenn sie noch alsdann und immerdar sie +hielten«, fuhr er ergriffen fort, »wird sie ihnen doch zehn Tropfen +Bitterniß einschenken neben einem Tröpflein Süße. Denn wo eine Quelle +ist, daraus dem Menschen reine Wonne zufließen könnte, da leidet +solches der Welt Lauf nicht und wirft Gift hinein. Vielleicht brennt +Junker Schlapphahn schon morgen die Hütte nieder, bloß zur Kurzweil +und aus Ärger, daß ihm ein Fang entgangen ist. Dann wird den Mann +nicht sein eignes, aber seines Weibes und seiner Kinder Elend +unglücklich machen, und das um so mehr, je treuer er sie liebt.« + +Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollt' +er sich der Erregung, mit der er gesprochen hatte, entledigen. Darauf +fügt' er ruhiger hinzu: »Diether, ich bleib' dabei, Dein Abt ist ein +Unweiser, daß er Dich so unbesorgt in die Welt gesandt hat.« + +»Aber«, warf ich munter ein, »Brun, laßt die Welt so bös sein, wie sie +mag. Was gilt mir das, der ich in ihr weder streiten, noch arbeiten, +noch freien, noch ihres Theils sein will in keinerlei Weise, auch im +Geringsten nicht ein Verlangen danach trage, als der ich dem Kloster +von Kind an verlobt bin.« + +Da sah er mich ernst, fast schwermüthig an und sagte: »Diether, hör' +nur zu! Wodurch die Welt die Leute schlimm macht und gottlos und +unglücklich, das wohnet inwendig in eines jeglichen Menschen Herzen. +Da schläft es und regt sich nicht, und er weiß nichts davon, bis die +Welt es aufweckt und stärkt. Sie thut es mit gar lieblicher Stimme, +denn Alles, was süß und sanft thut dem Herzen, was wonnig ist und +holdselig, das nennt sie ihm mit Namen und verheißt es ihm. Aber wenn +er dessen am frohsten zu werden gedenkt, dann muß er erfahren, daß sie +auch das Verderben groß gezogen, das ihn um Fried' und Freude bringt. +Lang und schwer ist hernachmals der Weg zurück zu finden, und Mancher +kommt um unterwegs. Darum ist's besser, es bleibt Beides unerprobt, +der Welt Lust und der Welt Leid, denn sie lohnet jenes mit diesem +allzu hart, und recht erwogen, ist ihre Wonne ihres Wehes nicht +werth.« + +Mir war's, als seufzte er leise bei diesen Worten. + +»Nun denn«, sagt' ich wie vorhin, »ich hab' diesen Dingen noch wenig +nachgesonnen, acht's auch nicht für wohlgethan, denn sie helfen nur +zur Herzensschwere, wie mich dünkt. Aber unter Gottes Schutz gedenke +ich getrost gen Speyer zu ziehen, dort meine Sache zu beschicken und +denselben Muth und Sinn heimzubringen, mit dem ich ausgezogen bin aus +unserm Kloster.« + +»Du thätest besser«, sprach er, »so Du umkehrtest und ließest den Abt +ohne das Conterfey. Du sagtest ihm, Deine Seele müßte Dir mehr gelten, +als das Bild.« + +»Das würde mir übel stehen«, sagt' ich fast unwillig, »und mich zum +Gelächter machen im ganzen Convent.« + +»So will ich Dir noch einen Rath geben«, fuhr er fort, als wollt' er +mich durch Scherz begütigen, »sieh zu, daß Du ihn besser befolgst. +Bleib hier und siedle bei St. Wigbert's Kirchlein. Wir leben hier in +Verborgenheit und edler Freiheit mit einander, bis Du mir mein Grab +gräbst und mich hineinbettest. Wie? Du sagst nicht mit Freuden ja und +mißkennest solche Ehre? So verbeut Dir Brun jede Ausrede und will, daß +Du Dich auf's Ohr legest und schlafest.« + +Damit stund er auf und achtete nicht weiter auf mich. + +Wirklich war ich so müde, daß sich meine Augen willig senkten und ich +bald entschlief. Aber zu vielerlei und zu Neues hatte ich an diesem +ersten Wandertage durchlebt, als daß mein Schlaf hätte traumlos sein +können. Sonderlich des Alten eindrucksvolle Gestalt stund immer wieder +mir vor der Seele; bald rauh, bald milde erschien er mir, wie ich ihn +am Tage gesehen hatte. Zuletzt war mir's, als führ' ich mit ihm über +ein strudelndes Wasser und er spräche zu mir: »Das ist die Welt! +Willst Du sie kennen lernen, so spring hinein und wag' es zu +schwimmen.« Da warf er die Ruder weg, und unser Kahn tanzte in immer +engeren Kreisen dem Abgrunde zu. Ich bat ihn flehentlich, mich und +sich zu retten und wollte seine Knie' umfassen. Im Schlaf mocht' ich +da wohl eine heftige Bewegung gemacht haben, denn ich erwachte. Doch +wie! saß er da nicht noch immer an den letzten Gluthen des +verglimmenden Feuers? + +Ich behielt den Anschein des Schlafens und sah ihm zu. + +Vor sich hatte er eine geöffnete Truhe, die er aus der Kluft +hervorgeholt haben mochte, und mit Staunen sah ich, wie er daraus +gestickte Zeuge, Schapel, Schleier, Spangen von großer Kostbarkeit +hervorlangte. Nur für einen Augenblick kam mir der Gedanke, ich könnte +in die Höhle eines Räubers gerathen sein. Denn das waren nicht die +Blicke der Habgier, mit denen er die Kleinode betrachtete. Vielmehr +drückte sich ein tiefer Gram aus in seinem Angesicht, wie er mit +zögernden Händen ein Stück nach dem anderen herausnahm und sorglich +wieder an seinen Ort legte. Endlich schien er gefunden zu haben, was +er suchte. Es war ein Bündlein von vergilbten Blättern. Es mochten +Handschriften oder Briefe sein; denn ich sah, wie er sich zu lesen +anschickte. Aber reichte das Licht nicht zu oder waren seine Augen +trübe, er ließ die Hand, welche das Blatt hielt, auf die Knie' sinken. +Da entfiel dem Papier etwas, wie eine verwelkte Rose. Hastig hub er +sie auf, als wäre die arme Blume ein großer Schatz. Er sah sie lange +an, öfters seufzend, und sein Haupt sank ihm tief auf die Brust. Da +verlosch das Feuer, und das mildere Mondenlicht fiel durch das Fenster +in die Zelle. Seine Strahlen umflossen den Regungslosen. »Er ist +eingeschlafen«, dacht' ich. Aber im flimmernden Mond blinkten +reichliche Thränen die Furchen seiner Wangen hinab in seinen Bart, und +was ich anfangs für das Rauschen ferner Wipfel gehalten hatte, war +sein leises Schluchzen. + +»Tröst' ihn, lieber Heiland, in seinem Leide«, betet' ich da in meinem +Herzen, »und gib Deine Gnad' uns Allen!« + +Und damit entschlief ich. + + + + +Drittes Capitel. + +Irrfahrt. + + +Des andern Tages früh, da ich mich wieder auf den Weg machte, wollte +mich Brun doch nicht allein ziehen lassen, sondern er geleitete mich +eine gute Strecke. Das that er, nicht bloß, weil er besorgte, ich +möchte aus der Irre, in die ich gestern gerathen war, die rechte +Straße allein nicht wieder finden, sondern auch, daß ich an ihm einen +Schutz hätte gegen Fährlichkeiten. »Denn«, sagt' er, »hier herum ist +das Wegelagern nicht selten, und wer sicher durchziehen will und +ungekränkt an Hab und Leben, der sollt's, wenn er nicht selbst wohl +bewehrt ist, nicht wagen ohne Geleit. Da und dort auf den Bergen ragen +stolze Burgen, drin hausen gestrenge Ritter, wie man sie heißt, die +aber das Rauben treiben wie ihr Handwerk.« + +»Ich hab' wohl wenig zu fürchten, Brun«, sagt' ich gutes Muthes, »daß +mich dieser kampflichen Gesellen einer anrenne, der ich unbeschwert +von Gut und Habe meines Weges ziehe. Was sollte man an mir armem +Klösterling gewinnen, so man mich fienge?« + +»Man könnt' Dich doch für einen Andern halten, als Du bist, Diether, +wie auch ich Dich mißkannte, als Du mich ansprachst. -- Daß ich da so +rauh mit Dir fuhr,« setzte er freundlich hinzu, »muß Dich nicht irren: +es war aus guter Meinung geschehen. Denn sieh, so schlimm ist +heutzutage die Welt, daß auch ein Einsiedel sein löblich Thun mit +großer Vorsicht und Heimlichkeit betreiben muß, als hätte er dabei ein +bös Gewissen. Weil ich nämlich, was sich hier in Wald und Bergen +zuträgt, und das Gehen und Kommen der Herren, ihr Liegen und Kriegen, +Frieden und Fehde gut genug erkunde, so bin ich den redlichen Leuten, +die hierdurch in Frieden fahren wollen, gern zu Rath und Warnung +bereit. Sie kennen mich wohl auch und haben mich erprobt. So werd' ich +oft beschickt, daß man mich fragt, ob's wohl stehe im Gebirg oder +nicht. Aber ich darf Keinem trauen, der mir nicht Bürgschaft gibt, daß +er sicher ist und kein Schelm, von den Geiern hier herum abgesandt, +die mir längst auf der Lauer sind.« + +»So habt Ihr auch an mir Euch als Helfer und Berather treulich +bewiesen und meinen armen Dank wohl verdient«, sagte ich, indem ich +seine Hand ergriff, »und nimmer werd' ich Euer vergessen.« + +Da schlug er ein, sah mich gar gütig an und sagte: »Ist das Dein +Ernst, Diether, so hab' Du allerwege ein Vertrauen zu mir. Es mag sich +wohl fügen, daß es Dir eine Freud' ist oder ein Trost, zu denken, es +lebe Einer, der Dir von Herzen gern diente, weil er Dir von Herzen +gern das Beste gönnt -- hauset er auch gleich einsam und hat nicht +Macht, Gut, noch Ehre in der Welt. Vielleicht ist's Dir dann lieb, den +Weg zu wissen, der durch den Wald fern zu St. Wigbert führt, und Du +verlangst, sein Kirchlein Dir winken zu sehen und in der Klause Deinen +getreuen Eckhart, den alten Brun. -- Nun, Jüngling, fahr' wohl! Die +Landstraße, die da entlang sich zieht, heißt uns scheiden. Aber in +aller Ferne bleibt's dabei: Brun gedenkt und, willst Du zu ihm, harret +Dein immerdar.« + +Ich wollt' ihm nochmals danken zum Abschied, aber er wollt's nicht +haben, drückte mir liebreich und herzhaft die Hand und gieng. + +Ich sah ihm nach, bis er hinter den Tannen des Waldpfades verschwunden +war, der ihn in seine Siedelei zurückleitete. + +Dann gieng auch ich wohlgemuth meine Straße. -- + +Ob wohl am jüngsten Tage, wenn zum Endegerichte die Bücher werden +aufgeschlagen werden, darin eines Jeglichen Thun beschrieben ist, +welcherlei es gewesen ist bei Leibesleben, die Tage und Zeiten auch +werden leere Blätter weisen, an die wir uns wenig erinnern, weil uns +darin nichts Sonderliches begegnet ist, und dahingegen die, an denen +unsere Gedanken vor andern haften und unseres Herzens Sinn, auch dort +werden mit großen Buchstaben eingezeichnet sein? Dem hab' ich manchmal +nachgesonnen, und unsere Vernunft muß wohl also schließen. Und doch +kann es leichtlich anders sein; denn ich achte, oft ohne daß wir's +merken und spüren, nimmt unser Herz ein Saatkörnlein auf, das +unvermerkt Wurzel darinne treibt, und dessen Frucht, bitter oder süße, +unser ewiges Schicksal entscheidet. Hinwieder mag von hoher Lust und +tiefem Leid, darin unser Herz gestanden hat, daß es durch's ganze +Leben deß nicht vergißt so lang' es schlägt, keine Spur uns nachfolgen +in die zukünftige Welt, wie man dem Wasser des stillen Gebirgsee's +nichts ansieht von dem Gebraus des Sturzbaches, der ihn nährt. + +Solcher Betrachtungen zu gedenken, dazu bewegt mich die Erinnerung an +das, was mir weiter auf meiner Wanderschaft begegnete. Sie gieng auch +in einem solchen Wechsel hin zwischen dem, was man schnell vergißt und +was fest in der Seele haftet. So trug sich mir in den zween nächsten +Tagen, nachdem ich von Brun geschieden, nichts Sonderliches zu, und +schon hoffte ich in Tagesfrist in Heidelberg zu sein, allwo ich eine +Weile zur Rast in Herberge bei den Benedictiner Brüdern liegen sollte. +Aber gar unerwartet und plötzlich wurde ich von meinem Ziele +abgelenkt, und wie das geschah, das steht noch so deutlich vor meiner +Seele, als hätt' ich's gestern erlebt. + +Der Tag war trüb', und ein kalter Wind trieb mir feinen Regen in's +Angesicht. Ich hüllte mich dichter in mein langes Gewand und +beförderte meinen Gang. Da hörte ich hinter mir Schritte wie von +Nacheilenden und ward gewahr, daß sie mir schleunig näher kamen. Ich +wandte mich und erblickte ein gar seltsames Paar: zween Gesellen, von +denen Jeder für sich verwunderlich genug anzusehen war, noch mehr +aber, wenn man ihn zugleich mit seinem Gespons betrachtete. Denn die +Beiden hielten sich in Allem das Widerspiel. War der Eine lang und +fast dünn, von schwarzem Haar, das tief auf die Schultern fiel, und +schmalen Wangen, so war der Andere gar kurz und wohl bei Leib', und +das runde Haupt mit ganz rothem Kraushaar saß ihm dicht auf dem +breiten Nacken. Nicht minder war die Tracht, in der sie daherzogen, +sonderbarlich anzusehen. Der Lange trug einen knappen, blauen Rock mit +silberglänzenden großen Knöpfen, der kaum bis unter die Hüften +reichte, mit buntfarbigen Schleifen hin und wieder ausgeziert. Auf dem +Scheitel saß ihm eine Kappe von gleicher Farbe mit langem +Federschmuck, von Wind und Wetter übel zerzaust. Seine Hosen aber +waren gelb und eng anliegend; an der Seite hieng ihm ein kurzes +Schwert, wie die Bauern tragen, wenn sie bewehrt sind. Der Kleine +hingegen trug einen großen, braunen Hut mit so mächtiger Krempe, als +wär's der vom wilden Jäger selber, und seine kurze Gestalt erschien +noch breiter durch einen dunkelrothen, faltenreichen Mantel, der ihm +vom Halse bis zu den Knieen herunterhieng. + +Wie ich die Beiden mit steigender Verwunderung betrachtete, hatten sie +mich bald eingeholt. Der Kurze Schwenkte mir zum Gruß seinen Hut +entgegen und rief: + + »Ja, wohlgethan, daß Ihr bleibt stehn!« + +Darauf setzte der Andere ein: + + »Selb dreie wöll'n wir fürder gehn.« + +Damit waren sie mir zur Seite, und ich fand mich in ihrer Mitte +wandelnd, als wären sie mir Geleitsmänner. Vielleicht sahen sie mir's +an, daß ich bedenklich war über ihre Gesellschaft und halb +entschlossen, mich ihrer so oder so zu erwehren. Darum war sonderlich +der Kleine geschäftig, Wechselrede in Gang zu bringen. Ich war zu +arglos und, was ich an meinen beiden Gefährten sah und von ihnen +erfuhr, mir zu neu, daß Ihre Begleitung mir nicht erträglich und nicht +auch bald erwünscht gewesen wäre. + + »Ihr seid gewiß ein heilig Mann«, + +sagte der Kleine, und sah wie prüfend zu mir auf. + + »Man sieht's an Euerm Kleid Euch an.« + +»Ja«, erwiederte ich, »einem heiligen Stande gehöre ich an und bin dem +Kloster zugesprochen.« + +Da versetzte der mit dem blauen Rock gar ernsthaft: + + »Ein selig Leben ist Euch beschieden, + Voll guter Sicherheit und Frieden,« + +und sprach das in einem Ton, als hätt' er solch Glück aus eigener +Erfahrung wenig erprobt. + +Sogleich rief ihm der Andere zu, als wollt' er ihn trösten: + + »Was mancher Mann zumeist begehrt, + Wenn er's erlangt, hält er's nicht werth.« + +Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Mein Geselle da hat die +Regenlaune; allemal, wenn's unhold Wetter gibt, ist er so. + + Scheint aber erst die Sonne frei, + Dann singt er and're Melodei! + +Nicht, Bruder? Ah, ob er's wohl kann auf Saitenspiel?« + +Damit strich er mit der Gerte, die er in der Hand hatte, hinter mir +vorbei seinem Gesellen auf den Rücken, und ich hörte die Saiten einer +Fiedel erklingen, die da, wie ich nun merkte, wohl eingehüllt am Bande +hieng. + + »Mißschaffen ist dein Scherz und Schimpf!« + +murrte ärgerlich der Gestrichene; aber der Andre lachte dazu und rief: + + »Ei, nimm ihn auf mit Gunst und Glimpf!« + +»Ich denke«, sagte ich da, »weil Ihr von mir erkundet habt, +welcherlei Stande ich angehöre, so hab' ich wohl auch ein Recht, nach +dem Eurigen zu fragen. Doch das ist nicht noth; denn wiewohl ich mich +wenig auf der Welt Brauch und ihre Sitten verstehe, so fehl' ich gewiß +nicht der Wahrheit, wenn ich dafür halte, daß Ihr fahrende Spielleute +seid. Aus den gereimten Sprüchen und der Fiedel schließ' ich das.« + +»O, wohlgerathen«, rief lustig der Kleine, »ist Euch das _Studium +logices_. Euer Syllogismus ist demantfest. Und doch traft Ihr nicht +haarscharf das Ziel. Fahrende sind wir, das ist wahr, aber Spielende +nicht zumal, das gieng Euch fehl'. Wer die Braut hat, der ist der +Bräutigam; wer die Fiedel trägt, der ist der edlen Sang- und +Klangkunst Adept. + + Der Tannhäuser wird er genannt, + Ich aber Klingsohr von Ungarland.« + +»Und was ist +Eure+ Kunst?« fragt' ich ihn. + +Da blinzelte er mich mit den Augen schlauen Blickes an, sah dann in +den grauen Himmel und spitzte den Mund, als besänn' er sich, ob er mir +eine gerade Antwort geben sollte. Darauf blieb er plötzlich stehen und +schien zu horchen. Der Andere that desgleichen und fragte: + + »Sag', Bruder, hörst du ichtes was?« + +worauf Klingsohr nach kurzer Weil': + + »Nein, nichts! -- Doch laßt uns eilen baß.« + +»Ja«, fuhr er im Gehen zu mir fort, indem er ausschritt, was seine +kurzen Beine vermochten, »die Kunst, die ich übe, ist eine hohe Kunst +und eine nützliche Kunst und hat viel' Liebhaber im Volk. 'S ist aber +auch eine gefährliche Kunst und wird arg befehdet von den +Hochgelahrten. Eure Heiligen und Scholastici zählen sie nicht unter +die sieben freien Künste. Ich möcht' ihrer auch gern ledig sein. Aber +was hilft's! Jeder Vogel muß bei seinem Liede bleiben. Frau Aventiure +ist mir nicht günstig gewesen und hat zu sagen und singen mich nicht +gelehrt, wie den da.« + +»Aber Ihr reimet doch, als wäret Ihr Worte zu stellen wohl geübt?« + +»Macht der Gewohnheit und Freundschaft! Des Tannhäusers edle Gabe ist +mir ein wenig zu Gut gekommen. Wenn man die Singekunst so liebt, wie +ich, da muß die Gesellschaft solchen Meisters wohl Etwas nütze sein. + + Was ich vermag, das ist allein + Von seiner Kunst ein Wiederschein. + +Doch Ihr habt«, setzte er hinzu, »in Eurem Brevier von solchen Dingen +allen nichts gefunden und begehrt ihrer nicht.« + +»Da ist denn die Reihe des Fehlens an Euch gekommen, Meister +Klingsohr!« sagt' ich munter, »denn auch ich übe eine Kunst, und mit +all' meinem Denken trag' ich Lust zu ihr.« + +Da sahen mich Beide verwundert an und Klingsohr fragte: »Welche +ist's?« + +»Zwar sollt' ich dem Klingsohr nicht offenbaren, was er mir hehlt«, +erwiederte ich. »Doch will ich's sagen: Zum Tannhäuser dem Singer hat +Diether der Maler sich gesellt.« + +»So wohl uns, daß wir uns trafen!« rief Klingsohr, streckte mir seine +Hand entgegen, und der Tannhäuser reichte mir seine. »Wir drei gehören +zusammen, ob Kutte, Wams oder Mantel; wir sind eines Ordens. He, +Bruder Tannhäuser, nimm Deine Fiedel und streich eins auf!« + +Der aber sagte: + + »In Regen und Wind des Fiedelns pflegen, + Heißt unterm Schnee nach Veiglein fegen.« + +»Wohl«, rief da der Kurze, »so will ich ein neu Lied singen von den +drei jungen Gesellen, die sie in Augsburg henken wollten, wie sie +zusammen entrannen und hernach in England der eine Bischof, der +andere« -- + +»Sagt mir doch lieber«, unterbrach ich ihn, »was Eure Kunst sei!« + +»Warum sollt' ich's nicht«, erwiederte er, wenn's Euch, Malbruder, zu +wissen lieb ist? Kennt Ihr die schwarze Magia?« + +»Alle guten Geister!« rief ich und schlug ein Kreuz. »Das ist ja eine +Teufelskunst!« + +»Die treib' ich ja auch nicht«, rief das Männlein und lachte unbändig. +»Sie ist ja durch kaiserlich und päpstlich Recht verpönt und +vermaledeit. Der +weißen+ Magia bin ich ein Jünger.« + +Wie ich ihn fragend und befremdet ansah, fuhr er fort: »Das nimmt Euch +Wunder, daß ein Biedermann die weiße Magia bekennt, und Albertus +Magnus ist doch durch sie hoch zu Ehren gekommen? Macht +das+ den +Unterschied, daß ich Jedermann, Bürger und Bauer und Knecht und Magd, +wer's begehrt, die Wohlthaten meiner Kunst erweise? Hätt' ich nur die +Instrumenta und wäre in jungen Jahren länger hinter's Latein gesessen +-- ich wollt' Euch einen redenden Kopf machen, der sollt' Euch noch +weit andere Geheimnisse sagen, als Albertus' seiner.« + +»Dann thätest Du besser«, spottete der Tannhäuser, »Du ließest den +Kopf und schüfest uns einen Wintergarten, wie der Kölner Meister, mit +warmer Sommerluft. Aber Deine weiße Meisterschaft läßt uns noch im +Aprilen frieren.« + +»Ei«, sagte gekränkt der Kleine, »Dir wär's doch in keinem Wege recht +zu machen. Hast Du nicht warm gesessen bei der Frau Venus? Und doch +hat Du's nicht behagt im Hörselberg.« + +»Ach, Narrethei!« rief der Tannhäuser, »samt Deiner Frau Venus und +Hörselberg! Wollt' lieber, ich hätte jetzo was Gares zu kosten und was +Wärmendes auf dem Leib.« Dabei schüttelt' er sich verdrießlich die +Tropfen von der Mütze ab. + + »Frau Nachtigall, hat sie keine Speis', + Schweigt oder singt nach Spatzenweis'.« + +Er dauerte mich und ich sagte: »Mir ist's gar leid, daß Ihr nicht +besser vor'm Unwetter bewahrt seid. Wie wohl thut mir doch heut' mein +langes Wollenkleid!« + +»Oh!« sagt' er und sah es fast begehrlich an, + + »Im warmen Kleid und sichern Nest + Den Mönchen Gott nichts mangeln läßt.« + +»Freilich«, hub wieder der Kleine an, »fahrende Meister müssen sich +alles Glückwechsels versehen: gestern willkommen und heut' schabab. Da +heißt's oft: + + Duck Dich Hännsl, laß übergahn! + Unwetter will seinen Willen han! + +Sprich auch diesen Spruch jetzt, Gutgesell! Da hilft nichts Anderes. +Denn zum Wärmenden auf Deinen Leib ist hier kein Rath; + + Aber Gares zu kosten, das mag wohl sein, + Hab' auch nicht die Meinung, mich zu kastei'n. + +Wir wollen eine Mahlzeit halten, die lecker ist, und St. Bernhardt +selber wird mir die Gutthat danken, die ich an seinem Jünger thue. Wir +sind auf der Wanderung gebrüdert und haben Alles gemein. Seid erst bei +Klingsohr zu Gast und dann gebt Acht, ob seine Kunst Dank verdient!« + +»Ist's Eure Magie, die uns letzen wird?« fragt' ich ihn. + +»Gewißlich sie«, rief er lachend, »und immer die weiße! Gleich sollt +Ihr deß gewahr werden.« + +Nun führte der Weg an einem verlassenen Steinbruch vorbei, der manche +Wölbung darbot, wo man vor Wind und Regen wohl gesichert war. Da hatte +auch alsbald Klingsohr die zum Lager geschickteste erkürt und hieß uns +folgen. Als wir angelangt waren, sprang er auf einen Stein, der da +lag, und sagte im Befehlston: + + »Nun kommt herfür aus Eurer Haft! + Sollt Euch nicht mehr verstecken. + Beweist Eure edle Kraft und Saft! + Wir wollen schmecken und schlecken.« + +Damit hockte er etwas von seinem Rücken, das schier einem gewaltigen +Buckel geglichen hatte, und langte drei Gänse hervor, die an ihren +Hälsen zusammengebunden waren, wie man pflegt, wenn man sie +geschlachtet zu Markte bringt. »Sind Sie nicht weiß«, fragte er mich +vergnügt, »wie die Kunst, die sie mir eingebracht? Und fett dazu! Sie +drückten mich schier, daß ich nicht mehr ausschreiten konnte. Aber +harret! Eine soll's nicht mehr thun, 's müßte denn im Magen sein.« + +Darauf macht' er sich an's Küchenwerk und nahm uns dabei ganz +weidlich in seinen Dienst. Während er die Gans rupfte und zum Braten +bereitete, mußte ihm sein Geselle Handreichung thun, der auch, wie ich +sah, in solchen Dingen wohl geübt war. Ich ward ausgeschickt, indeß +zum Feuer Holz herbei zu holen. Dazu gab mir der Tannhäuser sein +breites Schwert, und weil ringsum der Wald dicht war, so hatt' ich +nach kurzer Weile zum Brennen genug herzutragen. Der Singmeister hatte +bald ein Feuer angezündet, und die Flamme schlug hell empor. Sie +verbreitete in unserem Winkel eine willkommene Wärme und sollte unsern +durchnäßten Kleidern zu Gute kommen. Klingsohr und ich spreiteten +unsere Mäntel und der Spielmann sein Wams vor der Gluth zum Trocknen +aus und rückten selber an ihr zusammen so nah, als wir konnten. Es war +mir lustig den Beiden zuzuschauen, mit welchem Eifer sie zurüsteten. +Bald war der Magus mit der Gans zu Stand, daß sie zum Braten fertig +war. »Hier noch das Leberlein und hier die Zwiebel (er nahm sie aus +seinem Ranzen) selbander hinein«, sagt' er; »jetzt geschwind Nadel und +Zwirn, -- so ist's gethan; -- nun kann sie rösten.« Damit schürte er +das Feuer, wie er's haben wollte. + +»Das ist auch eine feine Meisterschaft, die Ihr versteht«, sagt' ich +lobend. + +»Was nützte sie, wenn ich sie nicht üben könnte!« gab er zur Antwort. +»An des heiligen römischen Reiches Truchseß selber wäre sein Amt +verloren, trügen nicht Jäger und Metzger und Bauer und Müller ihm die +Küche voll.« + +»O«, sagt' ich scherzend, »ich merke wohl, Ihr wollt nur Eure +magischen Künste ausstreichen, und wahr ist's, das hätt' ich nie +gedacht, daß sie Gänse an den Spieß zu bringen vermag. Aber nun seh' +ich's mit eigenen Augen.« + +»Ja, und sollt's schmecken mit eigener Zunge, das ist die Hauptsach'. +Euer Heiliger muß sich freuen, wie man Euer auf der Wanderung pflegt.« + +»Mein Treu«, rief da der Fiedler dazwischen und wandte, wie der +Andere ihn anwies, die Gans um, die schon ganz lieblich zu duften sich +anschickte. »Eine Schand' ist's, wenn ich gedenke, wie unmild +dahingegen die Singekunst heuer gelohnet wird. Man will unser nicht +mehr in Klöstern und Burgen, und die Städter, seit sie reich werden, +fangen selbst an, gar zierlich und fürnehm zu singen, und weil sie's +umsonst herklimpern, verachten sie uns aus Geiz; bleibt nur das +gemeine Volk für uns, sperrt's Maul auf, weint und lacht, wie man's +haben will, das ist Alles!« + +»Drum auch«, sagte der Kleine, »sollst Du Dich gesegnen, daß wir +zusammen fahren. Sind wir nicht noch immer ehrlich verbrüdert gewesen? + + Sei's Gans oder Ferkel, sei's Huhn oder Hahn, + Zusammen wird Alles und Jedes verthan! + +Jetzt wend' sie um!« Und frohmüthig rieb er sich die Hände. + +»Wie aber vermögt Ihr's denn«, fragt' ich wieder, »Eure magische Kunst +so in Ehren und gutem Lohn zu erhalten, daß sie Euch Beiden zuträgt?« + +»Sie hieße nicht Magia, wenn sie nicht Geheimniß wäre. Euch, +geistlicher Kunstbruder, sei's genug, daß Ihr wisset: die weiße ist +unverboten und gibt ehrliche Nahrung.« Dabei blinzelte er wieder gar +listig mit den Augen mich an und lachte. »Nur den Spruch merkt Euch +wohl: + + Wer sich der Welt gelieben will, + Muß halten ihrem Treiben still; + Denn will er wider ihre Art, + So macht er bald allein die Fahrt. + +Und jetzo, Bruder«, ermunterte er seinen Gesellen, »derweil der +Braten schmort und die Kleider trocknen, nimm die Fiedel zur Hand und +spiel'!« + +Da langte der Fiedler seine Geige her, stimmte die Saiten und ließ +dann den Bogen über dieselben springen, daß die Töne wie Funken +heraussprühten. Darnach hub er auch an zu singen ein Lied, das zu der +fröhlichen Weise wohl stimmte; aber ernst und traurig gieng es +hernach, und schwermüthig endete es also: + + »Auf den Bergen zergieng der Schnee, + Die Brünnlein, sie rieseln ohn' Ende: + O Vater und Mutter, Ihr seht mich nimmermeh', + Muß sterben im Elende. -- + Gottes Wille, der muß ergehn.« + +Noch einmal holt' er dazu aus seiner Fiedel lauten und wilden Klang +hervor, als wär's ein Wehgeschrei. Dann verhallten seine Töne langsam +und leise. Ich war der Singekunst Freund immer gewesen und hatte der +Sequenzen und Leisen Kraft in der Kirche oft an mir erfahren. Aber +dieses Fiedlers Gewalt über meine Seele war anderer Art. Seines +Spieles Lust wie Leid ergriffen mich gleich sehr, aber sie verwirrten +mich auch. Es war nicht die gewohnte Bahn, auf die sein Spiel mich +zog, und doch erweckte es in mir einen Wiederhall -- ich wußt' mir +nicht zu deuten, wie? -- + +»Heb' aber an, Bruder!« rief da Klingsohr, »leg nicht weg die Fiedel. +Hast da unserem geistlichen Gast schier das Herz im Leib' umgekehrt +mit Deinem Lied, wie ich merke. Noch eins! Und eine Weise, die sanfter +eingeht!« Der Andere stimmte seine Fiedel wieder zurecht, und jetzt +giengen seine Töne ebenen Weg. Dies war sein Lied: + + »Des Herzens Schwere zu verjagen, + Gab ich es ganz der Minne hin; + Hört' ich doch viel die Meister sagen + Von ihr als Leidverleiderin. + + Da hub sich's an in mir zu lenzen; + Doch schwand die Sälde allzujach, -- + Denn ach, von allen bunten Kränzen + Blieb nur der Dorn im Herzen nach. + + So mißgerieth mir all' mein Wähnen, + Und was ich wollt', gedieh mir schlecht. + Erst hochgemuth sein, dann in Thränen: + Das ist der Minne altes Recht.« + +»'S ist auch in dem noch was vom Regenwetter«, meinte Klingsohr. »Und +doch bist Du unter Dach und überm Feuer brät die Gans. Wohlan thu sie +her! Ist sie nicht bräunlich und schön?« Und er betrachtete sie +wohlgefällig. + +Plötzlich sah er auf. »Das ist nicht des Windes Geräusch«, murmelte er +bedenklich. »Ihr seid jung und behend, Bruder Diether. Springt dort +hinan, wo der Ausblick offen ist auf den Weg, den wir kamen, und +schaut, was sich naht.« + +Was sollt' ich mich bedenken? Ich klomm mit Eil' die Höhe hinan, die +er mir angezeigt hatte. Als ich oben war, sah ich hinter der nächsten +Windung des Weges einen reisigen Haufen herankommen. Spieße und +Hellebarden konnt' ich wohl erkennen. Das rief ich den Beiden zu und +schickte mich an hinabzusteigen. Schon aber hört' ich sie unten sich +tummeln, und bevor ich noch die Hälfte des Weges zurück war, kamen sie +eilig hervor und liefen grad über den Weg dem Tannenwald zu, wo er +besonders dicht stund, als suchten sie dort eine Bergung. Fast lustig +war es anzusehen, wie sie all' ihr Geräth zusammengerafft hatten, +Jeder, was ihm die Hände gefaßt, wie sie auch die zwo Gänse nicht +vergessen, die der Kleine hinter sich her zog. Aber wie ward mir zu +Sinne, als ich den Fiedler sah mit meiner Kutte von dannen rennen! Das +schuf mir große Noth. »He, Freunde!« rief ich ihnen nach, »was soll +das? Was fliehet Ihr? Harret doch, daß ich mein Kleid anthue!« Und mit +höchster Eil' stieg ich hinab. Aber sie hörten nicht, noch hemmten sie +ihre Flucht, und ich erkannte, daß es mir ganz unmöglich wäre, sie +einzuholen. Denn mein Weg war behindert durch's Gestein, der ihrige +nicht. Da gerieth ich außer mir; denn ich sah, daß sie unredlich +handelten mit mir, und schrie aus allem Vermögen: »So wollet Ihr +treulos entlaufen, unehrliche Gesellen! Raubt mir mein Kleid, Schelme +und Unbiedermänner, die Ihr seid?« + +Sie aber hielten nicht an, als bis sie den Waldsaum erreicht hatten. +Da blieben sie stehen, und, indem der Große meinen Rock anlegte, rief +der Kleine mir zu: + + »O Freund, gedenk' der Sanftmuth Gebot! + Fürwahr uns zwingt wahrhafte Noth. + Wir sind um's Mahl mit einand' betrogen, + Von unserm Unstern fortgezogen. + Laßt Euch die Kutte nicht gereu'n! + Sie wird den Fiedler baß erfreu'n.« + +Der aber fügte hinzu: + + »Ich laß Euch mein blaues Wams zurück, + Es bring' Euch mehr als dem Fiedler Glück!« + +Darauf sah ich den Magus dem Singer die Gänse aufhocken und hört' ihn +noch sagen: + + »Sollt' ich die Gänslein liegen lân? + Mein' Treu, das wär' nicht wohlgethan!« + +Er lupfte mir noch seinen Hut zum Abschied, und im nächsten Augenblick +waren sie behend in den Wald gedrungen und meinen Augen verschwunden. + +Da stund ich, verlassener Diether, nun in großer Betrübniß, betrogen, +beraubt, in der Fremde, schalt meinem Unbedacht und war meiner Reise +gram. Aber was half Zürnen und Klagen! Frieren überkam mich in meinem +Leinen unter dem kalten Himmel. Die Noth zwang mich unter das +steinerne Überdach zurück; das Feuer brannte noch. Voll Unmuth stieß +ich die Gluth auseinander. Die verlöschende Flamme mahnte mich daran, +daß ich in dieser Einsamkeit nicht bleiben könnte und eilen müßte, ehe +der Abend käme. Unmöglich aber konnte ich ohne Kleid durch den Regen +hinaus. Da lag das blaue Wams; ich durfte nicht zaudern und that es +an. Mir war's, als verwunderte sich Stein und Baum selbst über mich +und ich würde doch nicht bedauert, sondern Fink und Meise und Alles, +was im Walde lebte, müßte mich verlachen. Das machte mich noch +unwirscher in meinem Gemüth. So trat ich hinaus und hatte nie ein +solches Mißfallen an mir selber. + +Ehe ich noch wenige Schritte gethan hatte, hört' ich hinter mir lautes +Gelärm. Die Reisigen waren herangekommen. + +»Wohl dran, Gesellen! Hier ist der Vögel einer. Fangt ihn geschwind! +Daß er uns nicht entwische, dafür will ich wohl sorgen, so wahr ich +Peter Krummholz bin, der Bäckerzunft Obermeister?« + +Der so mit schriller Stimme schrie, daß ihm schier der Odem ausgieng, +saß auf einem Gaul, was wohl nothweise geschah. Denn er war so gar +fett, daß ihn gewißlich seine Füße nicht bis hieher getragen hätten. +Neben und hinter ihm giengen etwa zwölf Fußknechte mit Eisenhauben. +Etlichen fehlten auch Schilde nicht. + +»Thut nicht so übel«, rief ich da, »daß Ihr einen Unschuldigen +angreifet! Ich bin nicht der, für den Ihr mich anseht, hab' weder Euch +noch sonst Keinem ein Leid zugefügt.« + +Ich wollte ihnen noch ferner zureden, aber der auf dem Rosse schrie +noch viel ungeberdiger denn zuvor die Seinen an: + +»Wohl dran, Gesellen, sage ich! Fangt mir den losen Buben! Ich kenn' +ihn wohl wieder am blauen Wams und dem schwarzen Langhaar. Wohl dran, +sag' ich noch einmal! Eine Kanne gut Bier Jeglichem, und wer ihn +zuerst angreift, zwo!« + +Wie er sie so muthig auf mich hetzte und ihrer zween oder drei mit +vorgehaltenen Spießen auf mich drangen, als wär' ich ein schändlich +Wild, da überkam mich ein Grimm und meinen Sehnen wuchs die Kraft. Mit +mächtigem Prall stieß ich auf den Ersten, der auf mich einwollte, daß +er zurücktaumelte, und sprang an den Andern vorbei, die sich deß nicht +versahen, zurück zu unserer Feuerstätte, wo ich noch des Fiedlers +Schwert liegen wußte. Ich griff es auf, faßt' es fest und schrie ganz +außer mir: »Heran denn, wen's lüstet, seinen Lohn an mir zu +verdienen!« + +Daß ich mich mit einem Gewaffen zur Wehr setzen würde, hatte sich +Keiner befahren, und so stunden sie einen Augenblick unentschlossen, +wie sie ihr Werk angreifen sollten. Da gedacht' ich, durch sie +hindurchzudringen und zu entrinnen. Des Einen Spieß hielt mich auf. +Ich schlug ihn seitwärts und überrannte den Mann. Aber der Stoß eines +Anderen traf mir den linken Arm und gab mir heftigen Schmerz. Alsbald +rannten sie Alle wider mich zusammen und es ward ein groß Getümmel. +Ihr Meister tobte mit bösen Worten und scharfem Kreischen, wie von +Sinnen, indeß ich mich mit meinem Eisen wehrte, wild um mich +schlagend. Denn so viel ich von mir wußte, wollt' ich eher mein Leben +lassen, als mich in ihre Hände geben. So wär' mir's auch allerdinge +ergangen bei der Übermacht meiner Feinde, und weil ich so ganz +ungeübt war zu streiten, wenn nicht Gott mit mir ein Anderes +beschlossen hätte. + +Denn von Ungefähr trug sich's gewißlich nicht zu, daß just zu dieser +Zeit drei Reiter den Weg geritten kamen von der Richtung, nach der +meine Fahrt gieng. Es war ein rittermäßig angethaner Herr und zween +Knechte. Diese mochten von ihm, da er unseres Streitens ansichtig +geworden war, vorausgeschickt sein, denn sie sprengten, ohne daß Einer +vor Eifer und Gedrang ihr Nahen wahrgenommen hatte, weil aller Blicke +und Gebärden auf mich gerichtet waren, mit höchster Eil' und ungedacht +in den Haufen meiner Widersacher mitten hinein, daß männiglich vor +ihnen zurückwich. + +»Städter sind's, Helmbold«, sagte der Eine zum Anderen und rief dann: +»Seid Ihr so unbescheiden oder so erhitzt gegen einander, daß Ihr es +wagen dürft, unserm gnädigen Herrn den Weg zu verlegen mit Eurem +Hadern?« + +Da schrieen sie zumal, der Eine dies, der Andere das, indem sie auf +mich wiesen, und schlugen auf's Neue auf mich ein. + +»Gebt Ruhe alsogleich!« geboten die Beiden da drohend, ritten durch +sie hindurch nahe an mich heran und schirmten mich so vor ihrer Wuth. + +Als dergestalt Niemand an mich durfte, ward der Bäckermeister ganz +unsinnig auf seinem Roß und that des Tobens und Scheltens um so mehr. +Aber es währte nur eine kleine Weile, da kam der Ritter selbst heran, +ein ältlicher Herr, der etwas gebückt, aber noch gar fest im Sattel +saß. + +»Bei Gottes Thron!« rief er und sah Krummholz und seinen Troß mit +Staunen an, »das sind Leute aus Waibstadt, das ist der ehrsamen +Bäckerzunft Obermeister!« + +»Peter Krummholz, edler Herr«, antwortete der, sich verneigend, »bei +dem Ihr vor drei Jahren, als Ihr durch Waibstadt gen Basel zogt, zur +Herberge gelegen.« + +»Wo mir Euer Töchterlein, -- heißt sie nicht Bärbel? -- den Willkomm +credenzte; ich entsinne mich deß wohl. Aber wie geschieht das, daß Ihr +hier auf meinem Grunde zu Felde liegt und wider Gesetz und Recht den +Frieden brechet? Hat nicht auch Eure Stadt mir in die Hand gelobt, +ihre Streitsachen gütlich zu vertragen, auch dieselben an mich zu +bringen, ob sie nicht beizulegen? Und nun find' ich, nachdem ich +wenige Zeit von dannen gewesen, daheim wieder den alten Hader, und auf +offener Landstraße am helllichten Tage!« Und unmuths schlug er sich +auf die Hüfte. + +»Keine Streitsache ist es, Ew. Gnaden«, erwiederte der Bürger, sich +rechtfertigend, »unter uns oder mit unsern Nachbarn entstanden, um die +wir allhier bewehrt von Euch angetroffen werden, sondern ein +Schelmenstück, uns und gemeiner Sicherheit zum Schaden zugefügt. Das +begehren wir zu richten.« + +Ehe er fortfuhr, weil die Luft ihm ausgegangen, rief ich, noch immer +im Zorn: »Ohne Urtheil und Spruch oder einige Ursach' haben sie mich +ganz Schuldlosen wie einen Schächer überfallen. Ich bitte aber Euer +Gnaden durch Gottes Marter, daß Ihr zur Beweisung meiner Sache mich +hören wollet; denn dieser da weiß auf jeglich Wort, das ich ihm sage, +nichts Anderes, als mit Wüthen und Toben auf mich zu hetzen, so er +doch fürgibt, gemeiner Sicherheit zu dienen.« + +Ich wollte weiter reden, aber heftig brach der Bäckermeister wieder +los: »O wie listig der lose Bube plaudert! Das ist seine ausbündige +Kunst, sich mit Worten zu schmücken; aber sie soll, will's Gott! nun +am Längsten geschadet haben! -- Euer Gnaden kennet meine Tochter, das +Bärbel; hat Euch credenzet vor drei Jahren, eine feine Dirne und mein +einzig Kind. Sie hab' ich am letzten Andreastage des Schultheißen +Sohne verlobt, Mathias Kaulfuß, einem tugendhaften Jüngling. Vor vier +Tagen haben wir den Brautleuten die Hochzeit ausgerichtet und +dieselbige gestern mit einem Freudenmahl zu beschließen gedacht. Denn +unsere Freundschaft ist groß, und um des Schultheißen willen war der +Stadtobrigkeit und um meinetwillen der Bäckerinnung Ehr' und Ansehen +höchst nöthig zu wahren. Doch Ihr müßt wissen, edler Herr, in unserer +Stadt ist von Alters her leider zwischen den Bäckern und Metzgern viel +Verdrieß und Hinderung, welches Alles aber als Nichts zu rechnen ist +gegen die Feindschaft, die nun um sich gefressen. Denn Heinrich +Häsener, des Metzgergewerkes Obermeister, hat öftermalen bei mir um's +Bärbel für seinen Sohn werben lassen, auch öffentlich geprahlt, ich +müßt' sie ihm geben. Wie er's nun nicht erlangte, auch nicht hindern +konnte, daß Bärbel des Schultheißen Schwiegertochter ward, da hat er +sich hoch vermessen, er wolle uns mit seinem Anhang die Hochzeit +verderben. Darum mußten wir beweisen, daß wir auch trotz den Metzgern +etwas vermöchten.« + +»Macht's kurz, Meister!« unterbrach ihn der Ritter. »Was geht Eure +Hochzeit diesen Handel hier auf der Straße an?« + +»Sehr viel, Euer Gnaden! Gebt nur Acht! Denn wie Häsener und sein +Anhang uns in allen Stücken den Widerpart hielt, so kommt' er doch dem +Zulauf bei uns und der Ehre, die wir einlegten, im Geringsten Nichts +abbrechen. Denn wir hatten die Stadt-Zinkenisten, daß sie pfiffen und +bliesen bei der Heimholung und in meinem Haus; so hatten sie sich die +Stadtpfeifer von Bischofsheim verschrieben. Mit denen zogen sie den +Unsern nach und ließen sie gegen meinem Hause über in der Metzger +Gesellenstube aufspielen, so oft unsere Zinkenisten mit Blasen +anhuben. Aber die Pfeifer stunden bald ab, denn sie sahen, daß sie +gegen unsere Zinkenisten Nichts vermochten, sondern jedesmal übertönt +wurden. Gewißlich auch wären die Metzger endlich zum Gelach geworden +der ganzen Stadt, denn sie konnten mir nicht +einen+ Hochzeitsgast +abwendig machen. Aber gestern hat der üble Teufel, der an jeglichem +Tuck seine Freud' hat, zwei fahrende Landstreicher dahergeführt, den +Gauch da und seinen Gesellen; die haben ihnen das Spiel gewonnen. -- O +wartet ein klein wenig, Ew. Gnaden«, fuhr er aufgeregt fort und +entknöpfte seinen Brustlatz, »mir versetzt es schier die Luft, wenn +ich daran gedenke, aber ich will's Euch ganz nach der Wahrheit +berichten.« + +»Das sei Euch gespart, Meister!« rief ihm der Ritter ungeduldig zu. +»Wenngleich man Euch die Hochzeit verdorben hat, könnt Ihr doch darum +Keinen wollen kampflich anrennen und schlagen, wie Ihr thut.« + +»Das ist mir wohl wissend«, fuhr der Bäcker fort, hier stehen meine +zünftigen Gesellen alle, die sollen mir bezeugen, ob ich ein Einiges +aufbringe, das nicht nach der Wahrheit ist! Sind nicht die zween +fahrenden losen Leute auf den Markt gestanden gestern unter der +Metzger Geleite und haben mit ihrem losen Wesen schier Alt und Jung +nach sich gezogen? Der Eine nannte sich Klingsohr, mit Zauberspruch, +Arzeneiung und Teufelskunst, der brauchte kündlich Höllenlist. Der +Andere nannte sich Tannhäuser, strich die Fiedel so ausbündig und +wußte zu singen und zu sagen, was die Leute gern hören, von Walther, +König Rother, vom hörnenen Siegfried und allen Mären, die doch nicht +zur Gottseligkeit, noch zu ehrsamer Kunstübung dienen. Das ist der da +im blauen Rock! Ist nicht zu ihm Abends, als kaum der Brauttrunk +umgegangen war nach dem Schmaus, das junge Volk allsammt hinüber +gewichen in der Metzger Gesellenstube, wohin Häsener sie genöthigt +hatte, und konnte gar der Umtanz der Hochzeiter nicht gesprungen +werden, wie es doch Brauch ist, weil bei uns nur die Alten sitzen +geblieben waren auf der Bank und auch die nicht Alle! Und gar +trübselig und des Ärgers voll war uns der Hochzeit Ende schon in +früher Nachtstunde; die drüben aber hatten der Kurzweil und des +Springens kein Ende bei dieses Buben losen Künsten. Denn ein Gauch ist +er, wie der Andere, sag' ich, und ein Dieb. Während der Fiedler Aller +Ohren und Sinne auf sich lenkte, da hat er dem Teufelskünstler Raum +geschafft zu seinen Schelmenstücken. Sagt, meine Gesellen, sind nicht +heute Morgen alle drei Gänse aus meinem Stalle weg gewesen, die ich +den Winter über gefüttert? Hat nicht Catherin, die Magd, bekannt, sie +selbst habe den Klingsohr in den Hof hinter die Küch' geführt, weil er +fürgegeben, er wolle ihr da für ihren ungetreuen Liebsten die Nestel +knüpfen? Er ist entwischt, aber seinen Diebsgesellen haben wir durch +gutes Glück gefunden. Da steht er überführt, und seine Straf' soll +Andern, will's Gott, ein Exempel sein.« + +Als ich des Beleidigten und Bestohlenen Rede hörte, erschrak ich über +die Maßen sehr, und meine Wuth wich großer Besorgniß; denn ich sah, +daß mein Kleid, das Feuer und des Mahles Zurüstung, meine wagende +Gegenwehr, Alles wider mich zeugte, und es entfiel mir mein Herz, da +ich daran gedachte, daß mir des Abtes Schrift und Brief, wodurch ich +mir freilich hätte leichtlich Glauben verschaffen können, samt der +Kutte geraubt waren. + +Wohl mochte mir der Ritter ansehen, wie verstürzt ich war, als er mich +hart anredete: + +»Du bist also der Tannhäuser?« + +»Gewißlich, Herr, das ist mein Name nicht; Diether bin ich genannt«, +antwortet' ich ihm mit wenig kecklicher Stimme. + +»Freilich bist Du so wenig der Tannhäuser selber, wie Dein Gefährte +der Klingsohr«, sagt' er. »Aber Du bist es doch, der sich vom Volke +also heißen läßt?« + +»Ja, er!« riefen die Anderen zumal. + +»Du bist es, der die alten Mären von Siegfried und den ruhmeswerthen +Helden zu sagen so wohl verstanden?« + +Wieder bezeugten sie, es wäre Alles wahr, was der Obermeister von mir +berichtet hätte. + +»Genug denn des Säumens!« sprach der Ritter und befahl seinen +Knechten, mich zu binden und zwischen ihren Rossen von dannen zu +führen. + +»Ihr, ehrsamer Meister«, sagt' er zu Krummholz, »zieht in Frieden heim +mit Euren Leuten; den fahrenden Spielmann will ich bei mir in +Gewahrsam halten, ihn zu richten, wie ihm nach den Rechten +kaiserlicher Majestät für seine begangene Untugend gebührt. Und Ihr, +noch der Schultheiß, sorget nicht, daß es nicht nach Strenge geschehe. +Der Bärbel bringt meinen Gruß! -- Euch Allen freundlichen Dienst und +des reichen Gottes Geleit!« + +Der Obermeister wagt' ihm nicht zu widerreden. -- Sie reichten sich +die Hände und schieden. Der Ritter hieß seine Knechte eilen und ritt +gemach voraus. Sie hatten bald meine Hände auf den Rücken gebunden und +trieben mich zwischen sich her. Die Städter blieben noch an der +Stätte, zu verschnaufen, ehe sie die Rückfahrt anhüben. »Gedenkt Eures +Verspruchs«, hört' ich noch die Gesellen zum Meister sagen, der +erwiederte: »Zwar es hat ihn Keiner gegriffen, doch das Bier sollt Ihr +haben, denn heut' bleibt die Zunft noch lange zusammen!« + +Mit der Weile war der Abend hereingebrochen, aber er hatte den +wehenden Wind nicht zur Ruhe gebracht. Wundersam gestaltet flogen die +Wolken über uns, den Mond verbergend und von seinem Glanze röthlich +umsäumt. Schwere Tropfen schüttelten die rauschenden Buchen, die den +Waldweg überhiengen, den wir eingeschlagen hatten. Er war moosig und +von Baumwurzeln behindert, die, wenn ich sie vor mir sah, Schlangen +glichen, darüber hin sich windend. Schweigend zogen wir hindannen, und +ich hätte gute Muße gehabt, des Weiteren über mein Geschick +nachzudenken, und wie ich mich fürder am besten verhielte. Aber ich +vermochte nicht, meinen Gedanken zu gebieten; ich war wie mir selbst +entfremdet. Ich betrachtete genau die gebräunten Angesichter der +beiden Reiter, ihre Eisenhauben, Brünnen und die Falten ihrer wehenden +Mäntel. Ich horchte auf das Schnauben der Rosse, deren feuchten Odem +ich an meinen Wangen fühlte, auf das Geknirsch ihrer Gebisse, auf das +Gestampf ihrer Hufen. An das, was ich vor wenigen Stunden gethan und +erlebt hatte, gedacht' ich nicht, auch nicht, was mir ferner zu +erleiden vorhanden wäre. Nur als der Mond klar durch die Wolken trat +und mir hell in's Angesicht leuchtete desselben Glanzes, den er mir so +oft durch's kleine Fenster in meine Zelle gesendet hatte, wenn ich +nicht schlafen konnte, da gedacht' ich, ob auch wohl in der weiten +Christenheit Jemand zu finden wäre, der in dieser Stunde so +sorgenhaften und elenden Herzens zu ihm aufblickte, als der hier +gefangen durch die Nacht getrieben ward, und fast wie ein Schrecken +überkam's mich, daß ich das selber war, Diether von Maulbronn. + + + + +Viertes Kapitel. + +Auf Elzeburg. + + +Das Elzewässerlein fließt im Gebirge durch ein freundliches +Wiesenthal gen den Neckar. Längs seinem Lauf ziehen sich Berge hin von +mäßiger Höhe, fast durchaus mit Buchen und andern Laubhölzern schön +geziert. Auf einem dieser Berge, der über seine Brüder in der +Nachbarschaft stattlich hervorragte, stund die Burg, dahin ich geführt +ward. Sie hatte von dem Flüßlein, das unten vorbeirauschte, den Namen, +und hieß Elzeburg. Auf ihr hausete der Reichsgraf und Bannerherr Herr +Eberhard, wie auch sein Geschlecht seit undenklichen Zeiten da +eingesessen war. Derselbe war immer unbeweibt gewesen, hatte in +jüngeren Jahren mit des Kaisers Kriegsvölkern viel zu Felde gelegen in +Welschland und stund bei der Kaiserlichen Majestät nicht bloß wegen +seines tapferen Muthes, sondern auch wegen seines kundigen Rathes in +hohen Ehren. Aber je älter er ward, desto weniger machte es ihm +Freude, wenn er zu Hofe reiten mußte, um allda große Welthändel zu +Recht bringen zu helfen, obwohl er gehorsamte, so oft er entboten +ward; sondern am liebsten weilte er in waldgrüner Einsamkeit auf +seiner Väter Burg, ringsum in der Gegend ein hoch angesehener, wohl +auch gefürchteter Herr. + +Und wahr ist's: auf ein schön Stücklein Erde blickte man von der +Elzeburg nieder, sonderlich lustsam dem Auge zur Frühlingszeit, wie +ich es sah, wo allerlei bunte Blumen den Wiesengrund zierten und das +Elzewässerlein unter hellen Weiden und an dunklen Tannen vorbei in +munteren Sprüngen daher brausete. Vom Fenster des Erkerstübleins oben +im Thurm über dem Burgthor, wo mir die Wohnung zugewiesen war, konnte +das Auge weithin über die Berge in die Ferne schweifen, über den +rauschenden Wipfeln der Bäume den Nebelwolken zuschauen, wenn sie wie +Geister des Waldes aus dem Dickicht emporstiegen und bald sich +zusammenballten, bald auseinander stoben, oder auch mit der Weihe in +den klaren Himmel schweben und ohne Schranken sich fühlen in dem +grenzenlosen Raume. + +Aber auf irgend etwas dergleichen zu achten, trug ich an jenem ersten +Abend, da ich im Stüblein oben allein war, wenig Verlangen. Schweigend +hatten sie mich dahinauf gebracht und die Thür zugeschlossen. Herrn +Eberhards war ich nicht mehr ansichtig geworden. Zur Nachtkost stand +ein Imbiß auf dem Tisch, aber ich mocht' ihn nicht anrühren. Und so +saß ich verdrossenen Gemüths vor dem Feuer, das im Kamin des weit in +die Stube vorgebauten Schornsteins mir zur Erwärmung angezündet war. + +Nach einer Weile verdroß mich doch diese meine Verdrießlichkeit +selbst. + +»Diether«, so schalt ich mich, »bist Du nicht bei Deinen Jahren und +bei aller Kunst und Gabe, die Du hast, ein recht blödes, hilfeloses +Kind? Nun Dir der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen kann, +so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und Wissen? Verzehrest Dich +und grämest Dir die Stunden hinweg mit Zürnen und Murren, weil Du von +Gäuchen Dich hast überlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen Dir +auch nicht hast helfen können! Frisch an's Werk und brauch' Deinen +Kopf, wie Du mit Gott Dir am klüglichsten heraushelfest aus dieser +Noth, darein Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!« + +Damit schickte ich mich an, darüber zu sinnen, wie ich morgen dem +Grafen am besten begegnen möchte, wenn ich zur Verhörung vor ihm +stünde. Denn daß ich solches zu gewarten hätte, war mir gewiß. Recht +als ob es gälte, eine _chria_ für Magister Berthold zu Stand zu bringen +mit _Protasis_, _Aetiologia_, _Amplificatio_ und _Conclusio_, legt' ich mir +eine wohlgefügte Rede zurecht, mit beweglichen Worten trefflich +geziert und mit manchem guten Sprüchlein durchflochten. Und als ich +Alles und Jedes gehörig überdacht hatte, war ich damit so gar +zufrieden, daß ich mich wunderte über meine Thorheit, daß ich je hätte +denken können: es würde mir nicht ein Leichtes sein, mich als den +Klösterling auszuweisen, der ich war, und den Fahrenden von mir zu +thun, deß Kleid ich trug. + +Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der ich anzuheben +gedachte: »Weislich sonder Zweifel, gnädiger Herr!« so wollt' ich vor +ihn treten, »weislich haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch +gethan, daß keine Sache so übel gerathe, sie habe denn auch etwas +Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Das ist +auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches +Beistandes und welcherlei Rechtfertigung sollt' ich Gekränkter mich +nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit versehen und +wie sollt' ich unter ihre Fittiche aus aller Fährniß und Verlästerung +nicht gerne geflüchtet sein?« + +Dieser Vorspruch däuchte mich trefflich gestellt und ich wiederholte +ihn öftermalen, auf daß ich ja keines Wortes verfehlen möchte. + +Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz sänftiglich zu Muth und schon +gedacht' ich mich zum Schlaf auf's Pfühl zu strecken, als es mir +schwer auf die Seele fiel, daß ich der Gebetszeiten dieses Tages keine +gehalten und nicht einmal aus den Brevierblättern, die sie im Kloster +mir mitgegeben, den Heiligen erfragt hatte, dem der Tag zugehörte. »So +konnt' ich auch seiner Fürbitte nicht gewarten«, dacht' ich und griff +hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herfürzulangen. Aber das war ja +mit dem Rock dahin und sammt des Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute +geworden! Doch sieh'! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war nicht +leer. Ich zog etliche arg vergilbte Blätter daraus hervor von gutem +alten Pergamen. Sie waren zierlich beschrieben, wie man in der +Klostermuße der Schreibkunst pflegt; aber da war nichts darin, womit +ein Christenmensch seiner Seele zum Heil um die Matutin oder Vesper +dem waltenden Gott und Seinen Heiligen diesen mag, sondern Geschichten +stunden darin, deren gleichen ich zuvor nie gehört hatte noch gedacht, +daß sie jemals geschrieben wären. War's Anfangs nichts als Neugierde, +die mich zu lesen trieb, so zwang mich bald die Gewalt der Dinge, die +da berichtet waren, und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr +trafen, daß ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen. Es war da +zuerst eine Aventiure, »_wie Kriemhilde troumte!_« auf die eine andere +folgte: »_von Sifride wie der erzogen wart_« und endlich stund noch zu +lesen: »_wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_«. Aber wie die letzte +Aventiure sich begab, davon erfuhr ich nichts, wenngleich ich über dem +Lesen leichtlich die ganze Nacht versessen hätte, denn das Feuer im +Kamin verlosch allgemach und der Vorrath, es zu nähren, war zu Ende. + +Lange sah ich wie träumend in die verglimmende Gluth. Mir war's, als +erblickt' ich den schnellen Sigfried und die anderen Recken und sähe +sie auf- und niederschweben in dem emporsteigenden röthlichen Rauch. +Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und wußte doch, daß +kein Anderer neben mir etwas davon erblicken würde -- nur von +Kriemhilden konnt' ich nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob +ich sie wohl erkennen würde, wenn sie neben den Andern erschiene. + +Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch die Gesichte und +ich besann mich wieder auf mich selbst. + +»Hilf Himmel!« rief ich da, »thörichter Diether, Dich plagen wohl gar +Klingsohrs magische Künste noch! Was gehen Dich die Ritter und +Aventiuren an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener Vogel +in fremden Federn. Wie Du Dich wieder hinaufschwingst aus Deinem Netz +und in das Nest zurückfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das +laß Deine Sorge sein!« + +Und so gieng ich zur Ruhe. + +Also gethan ist des Menschen unbeständig Gemüth, daß auch des liebsten +Gutes Genieß uns endlich verleidet würde, wenn wir nicht unterweilen +sein entbehren müßten, und wenn er immer währte, würde selber der +wonnigliche Mai uns verdrießen; so lacht uns auch die liebe Sonne +freudenheller nicht an vom blauen Himmelsdach, als wenn sie sich mit +ihm eine Weile hinter dichtem Regengewölk gleich wie hinter einer +grauen Wand verborgen hat. Das fühlt' ich anderen Tages nicht bloß an +mir selber, sondern ich merkt's auch den Andern auf Elzeburg an, so +viel ich ihrer sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich früh morgens +Thal und Höhe im lichten Sonnenschein durch's Fenster glänzen sah! +Weißer, zarter Nebel dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl +zerstreute ihn bald und kein Wölkchen stund am Himmel. So tief blau +und spiegelklar wölbte der sich über die Erde hin, als hätte er sie +voll Liebe näher zu sich emporgezogen, damit sie seiner Klarheit +besser genießen möchte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen +Brust und all' die unzähligen Tröpflein an Halmen und Zweigen, die in +der Sonne erfunkelten, erschienen mir wie Freudenthränen der irdischen +Creatur, die da fühlte, die selige Zeit des vollen Frühlingssegens sei +nun gekommen. + +Daß solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards Seele giengen an +jenem Morgen, das, däuchte mich, war ihm anzusehen, als ich in der +Frühstunde unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn geführt ward. Er +saß am Fenster beim Frühstück im hohen Gestühl, gemächlich +zurückgelehnt. Über die Berge und durch das kaum belaubte Gezweig des +Nußbaums, der im Burggarten nahe dem Gemäuer stund, schickte die Sonne +ihren warmen Strahl in's Gemach und schaute dem Burgherrn voll in's +Angesicht. Schon stund ich eine Weile in der Thür, der Anrede harrend, +währenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen dem Licht des jungen +Tages und der weichen Frühlingsluft zugekehrt blieb, die durch das +Fenster hereinströmte. Endlich schien er sich zu erinnern, daß er +Helmbold geboten hatte, mich vor ihn zu bringen. + +»Ei sieh!« rief er, indem er, sich umwendend, mir winkte näher zu +kommen, »Meister Tannhäuser! -- Gelt, Diether! heut' läßt's sich +drauß' besser an für die fahrende Kunst als im unholden Wetter +gestern«, und er wies mit der Hand in die fröhliche Welt hinaus. »Nun +freilich, das Schweifen ist Dir für's Erste verlegt. Und doch sei deß +nicht gar zu betrübt. -- Auch auf der Elzeburg läßt's sich ganz +wohlgemuth hausen«, setzte er behaglich hinzu; »gibt's auch hier nicht +alltag Gänsebraten, so darf Dir zwischen Zurüsten und Niedersitzen +doch Niemand, auch kein Waibstädter nicht, das Mahl verderben.« + +Jetzt, glaubt' ich, wäre der rechte Augenblick gekommen, meinen Spruch +anzuheben, und so sagt' ich, recht mit der Betonung, wie in der +Rhetorica ich's gelehrt worden: + +»Weislich, sonder Zweifel, gnädiger Herr! haben die wohlerfahrenen +Alten gesagt, daß kein Ding so übel gerathe, es habe denn auch etwas +Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Dies ist +auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches +Beistandes und welcher Rechtfertigung sollte ich Gekränkter -- --« + +»Laß genug sein, Diether!« unterbrach mich da der Graf. »Spar' Deine +Worte; sie sind Dir hier nicht von nöthen. Denn Du brauchst Dich +keines Übels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und hier sah er mich +ernster an) laß es Dich dünken, es sei Dir wohlgerathen, daß ich von +Ungefähr gezogen kam und Dich den Waibstädtern entriß. Denn mein' +Treu! sie hätten Dir Dein Gefiedel zu Bärbel's Hochzeit übel gelohnt. +Thurm und Stock wäre Dein Singerlohn gewesen. Hier bist Du allerdinge +gefangen und das mit Recht; aber, so Du Dich fügst, soll Dir Deine +Kunst hier wohl zu Danke sein.« + +»Ach! gnädiger Herr«, bat ich da, »wollet doch nicht dafür halten, +daß, was die Städter wider mich geredet haben, etwas Anderes als +vermaledeite Lügen seien, und laßt Euch sagen, daß ich ebensowenig +ihnen die Hochzeit gestört habe, als ich gewißlich kein Fahrender noch +der Singekunst kundig bin, wovon ich allsogleich Euch überführen +werde, so Ihr mich nach Eurer Gütigkeit weiter hören wollt.« + +»Bei Gottes Thron!« fuhr Herr Eberhard da heftig auf. »So gedenkst Du +noch immer durch Läugnen Dich herauszuwinden? Kein Wort mehr davon! +sag' ich. Und das ist die Meinung. Du bekennst Dich frei offen zu +Deiner Kunst und willigst ein, auch auf Elzeburg mit ihr zu dienen, +oder Du wirst noch heut' nach Waibstadt zurückgeführt und dort acht' +ich für gewiß, wird Krummholz und sein Anhang reichlich dafür sorgen, +daß Du bald ein Liedlein zu singen anhebst, aber aus einem neuen Tone +und einem gar kläglichen.« + +Und unmuthig wandte er sein Angesicht wieder von mir ab, dem Fenster +zu. + +Da merkt' ich wohl, daß ich mich meiner Chria nicht länger trösten +könnte und ihre Kraft besser unversucht ließe. Darum fragt' ich ihn +bloß ganz kleinmüthig: + +»Gnädiger Herr! Was ist es, das Ihr von mir nothhaftem Mann begehrt?« + +»Nichts«, erwiedert er gelassener, »als worüber, wenn Du gefügen +Sinnes bist, Du eitel Freude haben mußt. Dieselbe Kunst, die Dich in +Noth gebracht, soll Dir auch heraushelfen. Gerade dessen begehr' ich, +was Du, dummer Mann, zum eigenen Schaden hehlen willst. Deine Mären +und Aventiuren, um die sie Dir in Waibstadt gram worden sind, sollen +auf Elzeburg Dich und Andere erfreuen.« + +»Ach Herr«, betheuerte ich und legte die rechte Hand auf die Brust, +»zürnet nicht! Aber ich habe nie von keiner Märe und dergleichen zu +singen und zu sagen gewußt.« + +»Gut denn!« rief er unwillig und gebot dann seinem Knecht: »Fort, +Helmbold, mit ihm nach Waibstadt und zwar noch heut', sobald ich über +ihn an den ehrsamen Rath daselbst werde geschrieben haben! Sitz bald +auf und bind' ihn an's Pferd, daß er Dir nicht entwischt!« + +Da stund mir denn sonder Frage ein jammerhaft Geschick bevor. Aber in +dieser höchsten Noth hat, wie ich wähne, meiner heiligen Patrone einer +an mich gedacht und von Gott gewirkt, daß da zu eben dieser Frist die +Thür aufgieng und ein Mägdlein leichten Schrittes hereintrat, Helmbold +und auch mir zunickte und fröhlich Herrn Eberhard entgegeneilte, mit +heller, munterer Stimme ihn begrüßend. Wie sie den Arm um seine +Schulter legte und sich zu ihm niederbeugte, ihn zu küssen, bemerkte +ich wundernd, wie goldig ihr das Haar im Sonnenstrahl um ihr Haupt +floß; und ob ich gleich ihr Angesicht nicht sehen konnte, so wußt' ich +doch, wie Herr Eberhard zu ihr aufblickte, daß sie die rechte +Maiensonne war, die über die Herbst- und Winterszeit seines Lebens den +herzerquickenden Schein des Glücks und der Freude breitete. + +Daß ich aber glaubte, durch Gottes Fügung wäre das Mägdlein gerade +jetzo hereingetreten, um meinetwillen, das geschah darum, weil bei dem +klaren Ton ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele trat, +wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe! da ich an das +Pergamen mit den drei Aventiuren oben gedachte, schien ich mir auch +gefunden zu haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir +wenden könnte. War's nur die Sorge um Krummholtzens Rache oder war's +auch zugleich etwas vom Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschloß, +ihnen den Willen zu thun und mich für das auszugeben, wofür sie mich +haben wollten. In jener Stunde wenigstens däuchte es mich der einzige +kluge Rath. Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn sie +es möglich machten, sie ihnen beizubringen. Sie wollten sie jetzt +nicht hören, und ihre Sache war es, die Täuschung zu verantworten, zu +der sie mich zwangen. Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld, +sich verstellt vor dem Philisterkönig aus zwingender Noth? + +Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold schon sich bereit +gemacht hatte, mich hinwegzuführen, zögernd einen Schritt vor, +verneigte mich und sprach: »Mit Verlaub, gnädiger Herr, wenn Ihr denn +befehlet, so will ich nach Vermögen mit meinen Mären Euch zu Diensten +sein; allein schicket mich nur nicht gen Waibstadt, denn vor den +Städtern grauset's mir.« + +»Das war vernünftig geredt«, sagte begütigt der Graf. »Auch wär's eine +ausbündige Thorheit, schier befremdlich an einem aus dem gewitzten +Volk der fahrenden Brüderschaft, wenn Du bei Deinem Starrsinn +verharret wärest. Doch ich wußte wohl, daß Du Dich noch darauf +besinnen würdest, was Dir das Klügste zu thun ist. -- Und hier, +Irmela«, sagte er und ergriff des Mägdleins Hand, »siehe, das ist +Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt. Wohlan, heiß ihn +willkommen und hab' wohl Acht, daß Du fleißig von ihm lernest, was zu +behalten Freude macht.« + +»Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf Elzeburg!« redete mich +da das Mägdlein an und ihr freundlich Grüßen that mir gar wohl. Es war +mir, als gewänn' ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt, das sie mir +aufgezwungen hatten, und sagte getrost: + +»Habt Dank, Jungfräulein, und seid gebeten fürlieb zu nehmen mit +meiner Kunst; denn sie ist geringen Vermögens.« + +Da lachte Herr Eberhard laut: »Ei Diether, so magst Du aus Höflichkeit +reden; aber daß Du mit Mären zu wenig vermagst, darum haben die +Waibstädter Dich nicht verklagt. Deß also sei sorgenohne und vermeld' +uns sogleich, welcher guten Aventiure Du zuerst Dich annehmen willst, +daß meine Nichte sie von Dir höre.« + +Ich besann mich nicht lange und antwortete: »_Wie Kriemhilde troumte_«, +so es Eures Gefallens ist.« + +»Ei wohl, Diether!« rief er erfreut. »Das ist eine gute alte +Aventiure, und die hernach folgen, sind es auch. Ach, ich hörte sie +einst in meinen jungen Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen +Geschichten bei Rittern und Herren in hohen Ehren und selber des +Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer wohl konnten. Jetzt +schämt man sich ihrer zu Hof und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe +und liebe mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit Deinem +alten Ohm die langen Abende mit Lesen aus alten Büchern kürzest, dann +sollst Du unterweilen auch die alten Mären mich hören lassen, wie ich +einst sie vernahm, und ich weiß, sie werden mich erfreuen, wie +dazumal. Sorg' nur, daß Du Alles wohl aufschreibest, was und wie er +Dir's sagt! -- Und Du, Diether, merk' Dir's wohl: je früher Du mit +Deinen Aventiuren zu Ende kommst, um so bälder bist Du Deines Dienstes +hier entledigt und magst ziehen, wohin Du willst.« + +So war ich denn zu des Mägdleins Lehrmeister gar unversehens bestellt +und wußte nicht, wie mir das gerathen würde. Denn worin ich hätte +unterweisen können, darin durft' ich's nicht, und was ich lehren +sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich tröstete mich mit +meinem Pergamen und dachte, wie so manch' ein Hochgelahrter auch +nichts vermöchte der Welt zu Dank, wenn er nicht allezeit seine +Weisthümer aus der Bücherei erborgen könnte. + +Soll ich nun berichten, wie mir's auf Elzeburg weiter ergieng, so +wundre ich mich darüber, wie doch so oft Neid getragen wird von den +Alten gegen die Jungen um der fröhlichen Hoffnungen willen für die +Zukunft, mit denen diese in trübnißvoller Gegenwart sich leichtlich zu +trösten und selber über große Widerwärtigkeit hochgemuth sich +hinwegzuschwingen vermöchten; wohingegen das Alter leider gewitzigt +worden sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten, wie die +gegenwärtigen ihm Genüge gebracht haben. Dem gegenüber will mich's +immer bedünken, daß dem Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu +gleicher Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen auf +bessere künftige, ja zu noch größerer. Denn unser Herrgott hat dem +menschlichen Herzen eine wundersame Kraft geschaffen, daß ihm jegliche +hohe Freude oder tiefe Trübniß, je weiter sie zurückweichen in die +Vergangenheit, allgemach hinaufrücken in ein stilles, sanftes Licht, +wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne auf die Erde zu +schicken vermögen. Sondern ich achte: es strahlt aus der Tiefe des +menschlichen Gemüths, dahinein Gott es versenkt hat aus der +unsichtbaren Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir +zurückdenken, mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen ab und +leuchtet endlich über uns in keinem minderen Glanz und Schimmer, als +das noch Unerlebte, was die Hoffnung oft mit trügerischem Glanz vor +die Seele stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und alle +Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren vermag, erst dann in +ihrer Pracht, wenn sie selbst nicht mehr am Himmel steht, und schauen +nach dem süßen Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist. + +Also stehen auch die längst geschwundenen wenigen Tage, die ich auf +Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke, in beständiger Gegenwart mir +vor der Seele, als genöß' ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die +mir um's Haupt wehte und in Lebensfreude die junge Brust dehnte, wenn +ich mit Helmbold in's Thal herniederreiten durfte und in den Wald +hinein auf bethauten Wegen; des süßen Duftes der Linde, unter der ich +oftmals saß im Burggarten zur Mittagszeit, wenn die Bienen darin +summten mit freudigem Gebraus, oder des Abends, wenn die Läuber leise +rauschten im sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes seine +Spur zurückgelassen in meiner Seele und ist ihr unverloren. -- + +Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn junger Nichte zu +dienen hatte, nahmen noch in den ersten Tagen ihren Anfang. Da mußt' +ich hinunter in den Saal kommen und ihr gegenüber niedersitzen an +einen großen Tisch, allwo sie meiner schon wartete. Sie hatte ein +großes Buch vor sich mit vielen guten Sprüchen und Liedern +unterschiedlicher Singer zum Theil beschrieben. Dahinein sollten nun +auch durch Irmela meine Mären kommen, wie sie das Mägdlein von mir +hören würde. Darum saß sie auch da zum Werk bereit, die Feder in ihrer +zierlichen Hand. + +Mir war doch, da ich mich vor dem Fräulein sah, nicht muthiger zu Sinn +als vor Abt Albrecht im Capitelsaal und ich fühlte, ob ich gleich +vermied sie anzuschauen, daß sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte. +Als ich nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die Feder in +ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten anfangen möchte, sagte +sie, indem sie die Feder tränkte und das Buch zurechtlegte, bescheiden +aber im Geringsten nicht scheu oder furchtsam: + +»Hebet nun an, Meister Diether, wenn's Euch geliebt, und sprechet +recht langsam jegliche Zeile mir vor, damit ich im Schreiben nicht aus +Übereilung mißthue, und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in +diesem Buch muß Alles ohne Tadel und löblich sein. Auch mag ich viel +lieber beim Schreiben der Unmuße mehr haben, als daß mich darnach beim +Lesen die ungleiche und übelgerathene Schrift verdrieße.« + +Dies sagte mir das Mägdlein gar sehr nach Wunsch. Denn weil ich, +solange sie mich für einen fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu +wenig Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich's für +ungeziemend, nur aus meinem Pergamen fürzulesen als der Ungeübten +Einer. Daher hatt' ich, so viel ich behalten konnte, von der ersten +Aventiure gelernet. Nun war mir das freilich ja ein Trost, daß mir +Zeit gegönnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen und daß mein +Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen sollte; denn wie ich mir +helfen möchte, sobald mein geheimes Ölkrüglein droben, aus dem ich +schöpfte, leer geworden sein würde: deß wußte ich keinen Rath. + +So erwiedert' ich denn: »Gerne, Jungfräulein, wie Ihr gebietet.« + +Und danach hub ich an: »Ez troumte Kriemhilden in tugenden der sie +pflac« und wie ich's eben oben weiter erlernet hatte. Ich sprach ganz +bedächtiglich und, indem ich auf ihr Schreiben Acht hatte, nur immer +dann ein weiteres Wort, wenn ich sah, daß sie mit dem vorhergehenden +fertig war. Ihre Sorgfalt zu betrachten, mit der sie Jegliches +bedachte, und ihren Eifer, mit dem sie die Buchstaben zog, machte mir +große Freude, und der Fleiß, mit dem sie Alles recht zierlich +herzurichten trachtete, erregte auch mich, aufzumerken auf das Werk. +Und so kam es wohl, daß ich zu meiner Aventiure etwas hinzuthat, was +die Niederschrift angieng: »Hier setzet ab, dieses Wort rückt näher +heran, denn die Zeile wird lang« und Anderes mehr. Wie sie erfand, daß +mein Rath allerorten das Richtige traf, hielt sie inne im Schreiben +und fragte mich: »Ihr scheinet wohl erfahren in der Schreibekunst?« + +Ich antwortete: »Guter Lehre darin habe ich genug gehabt!« + +Da sah sie mich verwundert an und sagte: »Das hätt' ich nicht gedacht, +daß Ihr Muße gefunden zu solch sitzender Kunst.« + +So langsam nun auch ich Kriemhildens Traum in das Buch Wort nach Wort +niedertröpfeln ließ, so war ich doch nach wenigen Tagen unserer +Schulzeit damit zu Ende, und wie Ute, die Mutter, den Traum gedeutet +hat von einem Manne, den Kriemhilde zu Lieb und Leide gewinnen sollte +und wie, um Beides zu meiden, die hehre Frau immer bleiben wollte ohne +Recken-Minne, -- das war nun Alles im Buch geschrieben. »O weh,« +dacht' ich da, als ich meine Kanzlerin das letzte Wort niederschreiben +sah, »wie willst Du bestehen, wenn Dein Kunstvorrath so schnell zu +Ende geht? Da wird Deine zweite Noth hier größer werden als die erste. +Zum Wenigsten heut nimmst Du die zweite Aventiure nicht mehr vor.« + +Das that auch nicht Noth, denn Irmela, wie sie das letzte Wort +geschrieben, legte die Feder weg, that das Buch zu und sagte: +»Erzählet mir doch, Meister Diether, wie das nachher sich zutrug mit +Kriemhilden und ob denn wirklich Ute sie wahr beschieden hat.« + +Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig; denn ich sollte das Mägdlein +einen Weg führen, den ich selber nie gegangen war, von dem ich auch im +Geringsten die Richtung nicht wußte. Ich faßte mich aber und sagte: +»Nein Jungfräulein, das geht nicht an. Die Geschichte ist überlang und +jegliche Aventiure muß in ihrer Ordnung unverrückt bleiben. Jetzt +folgt die »_von Sifride wie der erzogen wart!_« Auch möcht' Euch das +mühevolle Schreiben verdrießlich werden, wenn Ihr allbereits am Anfang +des Fortgangs und Endes kundig seid.« + +Da versetzte Irmela lachend: »Mit Verlaub, Meister, aber Ihr irret, +wenn Ihr denket, daß ich an diesen Mären so groß Gefallen habe und +heftig verlange zu wissen, was sich weiter zugetragen hat. Wollt Ihr +es noch verschweigen, so thut es immerhin. Wär's nicht um meinen Ohm, +der daran so größliche Freude hat, ich schriebe wohl Anderes in dieses +Buch. Solche Kunst mit Worten, die bloß zu sagen sind, acht' ich nicht +groß; wo die Worte nach einer Weise gehen, die zu singen ist, das ist +mir die rechte Kunst. Und, Meister Diether, wenn Ihr mich von Euren +Liedern hören ließet und ich könnt' etliche, die mir zumeist gefielen, +von Euch erlernen, das wäre mir lieb. Eurer Fiedel freilich seid Ihr +ledig, aber nähmet Ihr die Laute zu Eurem Singen, so wäre mir das zu +größerem Nutzen: ich gäb' Euch die meinige in die Hand, und ich +vertrau' wohl, daß ich die Griffe Euch bald würde nachthun können.« + +Wie sie dabei fragend und bittend mich anblickte, hätt' ich sie von +Herzen gern ihres Wunsches gewährt. Aber ich sagte bloß: »Die Laute zu +schlagen, bin ich gänzlich unkundig.« + +»Nun denn«, fuhr sie fort, »so mögt Ihr Eure Lieder bloß singen, und +wenn ich eine Weise wohl aufgefaßt habe, so gedenk' ich selbst die +Griffe zu finden, die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure +Schule zu nehmen!« + +Da mußt' ich mir mit einer List helfen: + +»Gerne, Jungfräulein! Aber wisset, daß es wider Recht und Brauch +unserer Kunstbrüderschaft ist, unsere Lieder so bar mit der Stimme +hinauszusingen, ohne daß Saitenklang dazu ertönt.« + +»Das ist ein seltsam Recht«, erwiederte sie darauf verwundert, »das +Ihr da aufgerichtet habt. Doch«, setzte sie munter hinzu, »ist's Euch +ein Ernst, mich Eurer Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer +Recht und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will Euch lehren +die Laute schlagen, und, deß bin ich gewiß, ein Meister wie Ihr, wird +bald vermögen auf ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch +könnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche mir +aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das sollen die sein, +deren Weise ich hernach zuerst von Euch zu hören gedenke.« + +»Was aber«, fragt' ich, »wird aus »_Sifride wie der erzogen wart_« und +den Aventiuren darnach?« + +»O«, sagte sie beschwichtigend, »seid deß unbesorgt. Die sollen nicht +versäumet werden, dürfen es auch nicht, um meines Ohms willen. Aber +jedesmal, wenn wir mit ihnen ein gut Stück vorwärts gekommen sind und +es verdrießt Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.« + +Solch' Begehren des Mägdleins war mir lieb und auch leid. Lieb war es +mir, weil ich gedachte an ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid +aber, weil ich besorgte, ich würde nun mit meinen zwo Aventiuren um so +geschwinder am Ende sein, wenn ihr Sinn erst eifrig nach meinen +Liedern stünde, und weil ich, je gelehrigerer Schüler ich ihr ward, um +so bälder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich als der +bestehen? + +Aber ungedacht gerieth mir Irmela's Singelust durch meine Malkunst zum +Heile. Denn einst, als die Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war +ich durch Helmbold zu ihr draußen in den Garten beschieden worden. Da +waren auf grünem Rasen mit wohlgepflegten Beeten, auf denen +buntfarbige Primeln und schlanke Narzissen blühten, ein weitästiger +Apfelbaum, der stund voll rother Blüthenknospen recht wie mit +unzähligen Sträußlein geschmückt. Im Halbkreis um diesen Baum war wie +eine grüne Wand dichtes Gebüsch von Flieder gezogen, der dem Ort in +der heißen Jahreszeit Kühlung und Schatten lieh. Dahin hatte Irmela +Tisch und Stühle bringen lassen und dort sollt' ich ihrer warten. Ein +gar lieblicher Platz war es, den sie für unser Schulhalten ausersehen +hatte. Denn man sah über Blumen und Rasen vorn über die Wipfel der +Obstbäume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende Garten des +Burghofes bepflanzt war, weit hinauf und hinab in das Thal, wie da das +Elzewässerlein bald aus dem Grün hervorblitzte, bald hinter dem Laube +der Uferbäume sich verbarg, und frei konnte zugleich der Blick +hinüberschauen in's Gebirg. So saß man dort uneingeengt und doch +ungesehen und heimelich. + +Mit rechter Lust schaute ich in die heitere Welt hinaus, die nah und +fern so friedlich vor mir lag, und daß wir unser Werk so mitten in der +Lenzlust treiben sollten, machte mich recht herzensfroh, und dem +Mägdlein wußt' ich's im Stillen Dank. Da sich von ungefähr ihr Kommen +verzögerte, nahm ich das große, schön gebundene Buch, das schon bereit +lag, in die Hand und schlug es auf. Bald fand ich die Blätter, auf +denen Lieder und Sprüche der besten Singer zu lesen waren. Ich staunte +nicht wenig über die meisterliche Kunst, mit der da in Wort und Reim +gefaßt war, was des Menschen Herz zumeist bewegt, und immer wieder auf +neue Weise, wie wohl die Vöglein alle im Mai dieselbe Lenzwonne +singen, doch aber jedes in seiner sonderlichen Art. + +»Reicher Gott!« dacht' ich, »wie mag dir das gute Mägdlein so hohe +Kunst zutrauen und wie könnt' ich sie je erlernen; sie muß von Gott +verliehen sein.« + +Während ich so der Muße genoß, sah ich auch die Feder schon bereit +liegen, und das Tintenfäßlein stund dabei. Ich nahm sie in die Hand +und schrieb, wo Irmela zuletzt aufgehört hatte, oben auf das nächste +Blatt in den zierlichsten Buchstaben, die ich vermochte, was nun +weiter folgte: »_Von Sifride wie der erzogen wart._« Ich that zu +mehrerem Schmuck manchen Zug hinzu fein und geschwungen, wie ich's in +den besten Schriften unserer Klosterbücherei gesehen hatte. Damit war +ich noch beschäftigt, als das Mägdlein herzutrat. + +Noch seh' ich die schlanke Gestalt, wie sie voll kindlich +jungfräulicher Heiterkeit durch die Blumen schritt, mit Aufmerksamkeit +hie und da vor einer neu entfalteten Blüthe ihrer Frühlingsbeete +stille stund oder eine schimmernde Narzisse, die sie in der Hand +hatte, gegen die Sonne hielt und in die Betrachtung des leuchtenden +Blumensterns mit dem gelb-purpurnen Kern sich versenkte. Mir war's nun +erst, als wüßten Laub und Blüthen um mich her, wem zur Freude sie von +Gott so schön geschmückt wären, und ich gedachte, daß es am Anfang +auch ein Garten gewesen, in den unser Herrgott die unschuldigen +Menschen setzte. + +»Ich hab' Euch harren lassen heute«, sagte sie zu mir nach +freundlichem Gruß, als sie vor mir stund. »Aber ich denke, der Lenz +macht's heute hier außen so schön, daß einem wintermüden Menschen die +Weile schwerlich zu lang wird. Um so fleißiger, gebt Acht, werd' ich +Euch nun beim Schreiben sein. Doch seht«, rief sie mit Verwunderung, +als sie in das Buch sah, »Ihr seid nicht müßig gewesen; wie kunstreich +Ihr schreiben könnt! ich wähne, ein Maler vermöcht's nicht besser in +eines Kaisers Brevier.« + +Da sagt' ich: »Wenn es Euch gefällt, Jungfräulein, so könnt' ich des +Schreibens Mühe Euch wohl ersparen und mit eigner Hand die Aventiure +in's Buch bringen, so gut ich's vermag. Während dem könnt Ihr die +Laute spielen, und beim Schreiben würde mir das Hören Eures Spiels +wohl nützlich sein, daß ich hernach Eurer Unterweisung desto besser zu +folgen vermag.« + +»Nicht wegen der Muße für mich«, erwiederte sie, »sondern um Eurer +preislichen Schrift willen, die ich dem Buch wohl gönne, nehm' ich +gern Euer Erbieten an.« + +Und so geschah's denn von dem Tag an, daß ich die Feder führte. Weil +mir aber aus glaublicher Ursach' Eile nicht am Herzen lag und ich +zugleich das Mägdlein erfreuen wollte, so that ich all' mein Bestes an +dem Buch. Ich brauchte zur Niederschrift nicht allein Rohr und Feder, +sondern auch Pinsel und Farbe, die ich mir von Irmela erbat oder +selber nach Malergewohnheit bereitete. Was waren das für selige +Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem blühenden Apfelbaum! +Fröhlicher hat wohl nie Keiner Unmuße gehabt, noch größere, +herzlichere Lust zu seiner Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, daß ich +der Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden sollte, gerne +vergaß und, unbekümmert um den morgenden Tag, ganz nur dem heutigen +lebte und dem reinen Glück, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst +nicht bewußt, eine Änderung in meinem Gemüth vor sich, so konnte sie +bös nicht sein; denn nie zuvor hatte ich höhere Freude an meiner Kunst +gehabt und ernsteren Eifer auf sie gewendet, als da ich wußte: ihr +Auge ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die ganze herrliche +Gotteswelt um mich her sprach deutlicher zu mir, und es war, als ob +das inwendige Vermögen meiner Seele eine neue Kraft gewonnen hätte. +Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir der Frühling, +und wie von einem Gefühl stiller aber starker Freude am Leben und +allen Werken des HErrn ward mein Gemüth beschwingt. Daß solches Alles +eine Folge von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des Mägdleins +auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer Nähe hätte kein +Mensch traurig bleiben können oder Arges hegen! Und an der +Anhänglichkeit, mit welcher alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan +war, konnte man die Macht der Unschuld und Güte ersehen, zumal wenn zu +ihr holde Gestalt und fröhliche Jugend sich gesellt. Keiner hätt' es +vermocht, sie zu betrüben, und Helmbold, dem der Graf (er hatte bald +nach meiner Ankunft wieder die Burg verlassen) ihren Dienst +zugewiesen, sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine höchste Ehre +und Freude an. Von ihm erfuhr ich, daß Irmela schon in früher +Kindheit, da sie Waise geworden, von ihrem Ohm aufgenommen und zwar +fern von der großen Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe +unterrichtet und erzogen wäre. Alsdann betheuerte der Alte, wie mit +ihr ein neuer Tag des Glücks für Alle, sonderlich für den Grafen in +der abgeschiedenen Burg aufgegangen wäre und wie trübselig es hergehen +würde auf Elzeburg, wenn das Fräulein einmal da nicht mehr weilte. Und +gewiß ein edler Freiersmann würde sich bald genug finden, wenn sie nur +erst hinausgeführt sein würde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar +wenig gesehen. + +So war denn auch sie wie ich ohne Vater und Mutter aufgewachsen und +in der engsten Umgebung, und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch +darin die Gestalt ihres und meines Lebens überein. Wohl gern hätt' ich +ihr die Wahrheit über mich gesagt; und daß sie von mir, wenn auch +unfreiwillig, getäuscht ward, that mir oftmals leid, und der Vorwurf +darüber legte sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen +Maienzeit über meine Seele. Aber ich konnt's doch nimmer über's Herz +bringen, ihren immer sich gleich bleibenden heiteren Sinn durch eine +Mittheilung zu betrüben, die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen +mußte. Zudem wär' es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu tragen. +War es dennoch unrecht von mir, daß ich mir den Trug, in den man mich +hineingestoßen hatte, gefallen ließ, ja hernach zu scheinen selber +fortfuhr, was ich nicht war: so weiß ich's nicht und will's nicht +widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine tiefe Kluft von +einander geschieden, aber in des Menschen Gemüth liegt oft Beides gar +nahe bei einander. + +Indessen wuchs ich täglich mehr in den Singerstand hinein, dem ich +zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen gelang es mir zu größlichem Lobe +meiner Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen Freude; ja es +regte sich in mir auch die Lust, selbst ein Lied zu ersinnen nach der +Art derer, die in Irmela's Buche geschrieben stunden und eine Weise +dazu zu suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das Mägdlein an der +Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen, gegeben hatte, nicht +ohne Noth irre würde. Aber da sie öftermalen in mich drang, aus dem, +wie sie meinte, großen Vorrath meiner Kunst doch endlich ihr etliche +Probestücklein herfürzulangen, so durft' ich nicht gänzlich ungefüge +sein, noch ihr Mißtrauen erwecken. + +»Laßt mich doch nun einmal die Worte eines Liedes hören«, bat sie +einst, als ich Griffel und Pinsel zusammenlegte, womit ich die +Siegfrieds-Aventiure nach Kräften geziert hatte, »das Ihr auf Euren +Fahrten sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten Euch +zumeist Beifall eingetragen.« + +Da erwiedert' ich: »Jungfräulein, laßt mich darüber sinnen und morgen +will ich Eurem Wunsch genügen, wie ich kann.« + +Tags darauf bracht' ich ihr, zierlich auf ein Blättlein geschrieben, +ein Lied, das ich erdacht hatte. + +So giengen die Worte: + + »Ein Vöglein sang so wohl hienacht + Und lockt' und rief; + Ich hatt' des Sanges wenig Acht + Und schlief und schlief. + + Doch mir im Traume bracht' er nah + Ein süßes Bild; + Ach, all mein Sehnen wurde da + Gestillt, gestillt. + Doch es zerfloß im Morgenlicht; + In Fern und Näh' + Irr' ich nun um und ruhe nicht + Und späh' und späh'. -- + Mach wieder, süßes Vögelein, + Den Träumer froh: + Wo wohnest Du, in welchem Hain, + Ach wo, ach wo? + Vom Suchen bin ich worden krank -- + Sag' an, sag' an: + Wann hör' ich wieder Deinem Sang, + Ach wann? ach wann?« + +»Wohl«, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen hatte. »Die Worte +gefallen mir, und wenn auch die Weise eben klingt, so will ich das +Lied von Euch lernen. -- Ich denke«, fuhr sie fort, »Ihr müsset nun +bald vermögen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die Laute erklingen +zu lassen. Wollt Ihr's nicht jetzt versuchen?« + +Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen, beugte sie +sich wieder zu dem Werke, das sie unter den Händen hatte. Es war ein +köstlich Gewand, wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn +tragen. Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen hätte, dem Mägdlein +vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte, ich aber in Noth +war, was ich auf ihre Bitte erwiedern sollte, ohne ihre +Unzufriedenheit zu erregen, so fiel mein Blick auf das kunstreiche +Thun ihrer feinen Hände. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken, +fragt' ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, für wen und wozu es +wohl bestimmt wäre. Da sah sie mich fest an und sagte: »Ja, Meister +Diether! solltet von uns Beiden nur Ihr ein Geheimniß haben?« + +Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, faßte mich aber und fragte +mit verwunderter Miene zurück: »Jungfräulein, welches?« + +»Wie, Lehrmeister!« hub sie da wieder an, »Ihr wähnet doch nicht, daß +ich meine, Ihr habt mir damals Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt? +Gewiß, einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es nicht und wenn +ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg daran gebunden sein! Nein, mit +dem Singen, das Ihr mich nicht wollt hören lassen, hat es eine +besondere Bewandniß.« + +»Nun ja!« erwiedert' ich noch immer nicht ohne Unruhe des Gemüthes, +»weil es doch vergeblich ist, Euch etwas vorzuwenden: daß ich mit +Singen Euch nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche +Ursach' davon hab' ich Euch verschwiegen. Doch zürnet mir darum nicht, +denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit geschehen oder Eigensinn.« + +Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz fröhlich an und sagte +begütigend: »Seid deß sorgenohne, Meister! Bin ich gleich Evens +Tochter, so gelüstet's nach Eurem Geheimniß mich nicht so sehr, wie +Ihr zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein böser Argwohn. Aber +nun sagt mir zur Stunde: wann werd' ich Euch das Lied zur Laute singen +hören, das Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein Gelübde, +daß Ihr der Übung Eurer Kunst auf Elzeburg völlig widersagt habt? -- +Wenn's nicht der Fall ist, Meister Diether«, setzte sie hinzu und +schickte sich wieder zu ihrer Arbeit, »so laßt mich auf Euer Singen +nicht länger harren, als bis Ihr das Geheimniß hiervon -- sie wies auf +ihr Werk hin -- erfahren habt. Noch bleibt's Euch eines und«, schloß +sie scherzend, »geduldet Euch, so gut Ihr könnt.« + +Es war, denk' ich, nur wenige Tage nach diesem Gespräch, als wir an +der gewohnten Stelle uns wieder gegeneinander über saßen. Durchsichtig +im Strahl der hellen Junisonne leuchtete das grüne Laub, das uns +überhieng, und wo es den Himmel durchließ, schimmerte er in tiefem +glänzendem Blau; um uns her blühten die ersten Rosen und mischten +ihren Duft mit dem des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in +ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise Schatten einer +Wolke über Thal und Gebirg, die selbst glänzend das Licht der +Junisonne zugleich wiederstrahlte und milderte, wie die Cherubinen die +Herrlichkeit der göttlichen Majestät abglänzen zugleich und verhüllen, +deren Thron sie umgeben. + +Ja, es war über alle Gottescreatur jene friedliche und selige Ruhe +ausgebreitet, wie sie wohl ein schwacher Wiederschein sein mag des +Schöpfungssabbaths am Anfang, den Gott der HErr heiligte und segnete, +da Er selber ruhte und die Morgensterne Ihn lobten und Ihm zujauchzten +alle Kinder Gottes. Nur das Gesumme der nimmer ruhenden Immen und im +Sonnenschein spielender Thierlein mit buntem Flügelkleid traf unser +Ohr und zuweilen vom Thal herauf der Ruf der Ammer, der immer so wohl +in die Sommerstille hineintönt. + +Wir saßen schweigend, Jeder über seinem Werk. Doch konnt' ich's nicht +lassen, unterweilen mit Bewunderung zu ihr hinüberzublicken, wie sie +gesenkten Hauptes mit kunstreichen Fingern gar emsiglich den zarten +Faden zog. + +Da erscholl ganz nah aus dem Gebüsch der laute Gesang der Nachtigall. +So lieblich-plötzlich ward die vorige Stille unterbrochen, daß wir +Beide unwillkürlich aufsahen und lauschten. Wie mit frohem Jubel +klangen zuerst hell die Töne, danach wandelten sie sich wie in ein +dumpfes Schluchzen und verhallten endlich langsam und leise. + +Schweigend sah Irmela vor sich hin, dann sagte sie nachdenklich: »Wer +doch der Vogelsprache kundig wäre, wie Salomo!« + +»Vielleicht«, versetzte ich, »machten uns ihre Geheimnisse selten +froh.« + +»Aber die der Nachtigall zu verstehen«, meinte das Mägdlein, »dünkt +mich doch ein selig Ding sein. Sie ist doch alles Gesanges Meisterin. +-- Habt Ihr auch davon gehört, Meister Diether, daß sie mit der Gewalt +ihrer Töne ihre Brut hervorlocke aus dem Ei in Licht und Leben, und +also dies Vöglein selber sein Dasein der Macht des süßen Gesanges +verdanke?« + +»Wohl hab' ich davon gehört«, sagt' ich. »Die Creatur Gottes ist +überall voll tiefer Wunder.« + +Ein Windhauch rauschte durch die Büsche und schüttete die Fülle weißer +Fliederblüthen just über das liebe Mägdlein, so daß sie vom Haupt bis +hernieder zu den Füßen mit den schimmernden Sternlein bestreut ward. + +»Seht«, rief ich da, wie sie mit Lächeln sich betrachtete, »hat sich +das nicht wunderbar gefügt, und sollen wir nicht wähnen: Frau +Nachtigall habe Euch grüßen wollen und habe die duftenden Blüthen +ermahnt, ein Gleiches zu thun? Euch huldigt heute der Frühling auf's +Beste!« + +»Nun wahrlich«, sagte sie darauf heiter, »wer ließe solchen Schnee im +Lenz sich nicht gefallen? Er ist eine Erinnerung an den rauhen Winter, +die nimmer Wehe thut. Zu Rom, so ward mir erzählt, haben sie eine +Kirche, die trägt von »der h. Maria zum Schnee« ihren Namen. +Vielleicht, Meister, mag es Euch thöricht dünken: aber ich stelle mir +da die hehre Gottesmutter auch so im Blüthenschnee für, und es scheint +mir ein gar lieblich Bild.« + +Wie ward ich ungedacht durch solche Rede gemahnt an meine Sache! Ein +gepriesenes Bild Unsrer lieben Frau heimzubringen in's Kloster war ich +ausgezogen und auf wie andere Bahn war ich nun gerathen! Drob erschrak +ich; und doch, vermochte irgend ein Meister mir ein Bild gegenüber zu +stellen, für Sinn und Seele zu so hoher Freude der Betrachtung als +diese liebliche Gestalt des Mägdleins vor mir? War ich denn ausgesandt +nach einem hochpreislichen Gegenstand edler Kunst -- konnt' ich in der +Welt ein edler Ziel finden, als ich hier angetroffen hatte? So ergriff +mich denn der Wunsch, des Mägdleins Bild, wie ich es vor mir +erschaute, nach Vermögen fest zu halten, wär' es auch nur zu eignem +Erinnern. Denn ach! Damals fiel es mir schwerer als sonst auf das +Herz, daß es von Elzeburg geschieden sein mußte, und ich schon zu +lange hinausgeschoben hatte, was doch unabwendig war. + +Gern war es das Mägdlein bereit, daß ich mich sogleich anschickte, +wie Ort und Zeit es zuließ, ihr Bildniß zu entwerfen. Während ich mit +Stift und Pinsel geschäftig war, Alles, wie ich es sah, das Mägdlein, +die Pracht des Gartens um sie her und den hellen Himmel über ihr in +allen Treuen auf mein Papier zu bringen, pflog sie nach ihrer Art +munterer Rede. Aber mir wuchs unter meinem Thun die Herzensschwere. +Immer lauter tönte in meiner Seele der Ruf: »Diether, was weilest du +noch hier, besinne dich, wer du bist, und mach dich hinweg!« -- immer +drückender legte sich die Frage auf mein Gemüth: wie ich +hinwegzuziehen vermögen würde, ohne auf Elzeburg die Leute, sonderlich +Irmela, an mir irre zu machen. Ich fand da keinen Ausweg und nur das +Gefühl blieb zurück, daß das Bildniß, an dem ich da schaffte, den +Abschied bedeutete, den ich nehmen mußte aber nicht zu sagen wagte. So +von mancherlei Gedanken bestürmt, förderte ich schweigend mein Werk +und hinter meinem eifrigen Thun suchte ich vor dem Jungfräulein meinen +sorgenhaften Sinn zu verbergen. Aber sie war wohl in meinen Mienen der +ungewohnten Traurigkeit gewahr worden, und so ward auch sie +schweigsam. Wie in stilles Wundern versunken, sah sie vor sich nieder, +wenn ich meinen Blick auf sie richtete, um ihr Conterfey zu gewinnen. +Die Nachmittagssonne war nun mehrere Stunden gen Abend gerückt, als +ich es, so weit es nöthig war, vollendet hatte. Ich reichte ihr das +Bild. + +»So will ich ihm denn auch seine Unterschrift setzen!« sagte sie, +nachdem sie es betrachtet hatte. Sie nahm den Griffel, schrieb damit +auf das Blatt und gab es mir zurück. Ich las: »Irmela zum Schnee!« + +»Ja!« rief ich bewegt, »so walte es der reiche Gott vom Himmel, daß +nie kein andrer Schnee in die Lenzzeit Eures Lebens falle als der Euch +so mit duftenden Blüthen bestreut, und unselig immer sei die Hand, die +Euch auch nur Eine zerdrückt, an der Ihr Freude habt.« + +»So wohl mir Eures Wunsches«, sagte sie ruhig. »Ich denk' auch nicht, +daß ich Jemand wüßte, von dem mir Harm kommen sollte.« + +»Und auch von mir, Jungfräulein«, sprach ich da, »denket das nimmer!« + +»Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von wegen des Liedes, den +Ihr mir gabt«, sagte sie lachend. -- »Doch nun, Meister«, fuhr sie +fort, »laßt mich auch die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch +niedergeschrieben und mit Eurer Kunst geziert habt.« + +Sie trat zu mir herüber und beugte sich über die Blätter. Es war die +Aventiure: _Wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_. Da stunden die +Worte: + + Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut. + Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid, + Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn: + Minniglicher Weise sie grüßte Siegfrieden schön. + + Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah, + Da erglühte seine Farbe; die Schöne sagte da: + »Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.« + Da ward ihm von dem Gruße wohl erhöhet der Muth. + +Wie sie das las, hatte von ungefähr ihre Hand die meine über dem Buch +berührt, ich spürte ihren Odem an meiner Wange und fühlte das Geflecht +ihrer Haare an meinem Schlaf. Aber das währte nur einen kurzen +Augenblick; es war, als hätte ich nur geträumt. Wieder stund sie vor +mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein klarer Spiegel ihres schuldlos +heiteren Gemüthes, nur daß es mir schien, als hätte sich der +Lieblichkeit ihres Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt. + +»Ich muß nun eilen, Meister«, sagte sie freundlich. »Der Abend kommt +und schon zu lange wird man droben meiner harren.« + +Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr nach, wie sie die +Laubgänge des Gartens dahin wandelte und die Stufen zur Burghofspforte +leichtschreitend hinanstieg. Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng +zögernd und langsam wie Einer, der sich zu einem Entschluß gedrängt +sieht, von dem Neigung und Wunsch ihn zurückhalten. Wie sehr diese mir +zum Bleiben auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder +wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten, beides war mir heute +wie von ungefähr vor die Seele gehalten. Es war ein schmerzlicher +Widerstreit in ihr. Aber wagt auch eines Jünglings Muth und Wille in's +Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald ich nur ein Wenig +mich besann, diese ganze Welt, in die mich unversehens ein Irrthum +geworfen, auf ewig verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt' ich +hier eine Stätte und auf der weiten Erde nur +eine+ Heimath, das +Kloster, in dem ich erzogen und für das ich bestimmt war. War es nicht +die höchste Zeit, mich dahin wieder aufzumachen und mir genügen zu +lassen wie an des Mägdleins Bilde, das ich durch eine freundliche +Fügung erlangt hatte, so am Bild all' meines Erlebnisses -- nämlich an +seiner Erinnerung? + +Solches bedacht' ich oben in meinem Gemach, dahin ich mich begeben +hatte, und heute noch nahm ich mir vor von dannen zu ziehen, sollte es +auch fluchtweise geschehen müssen. Aber leider die Einsicht in das, +was uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu folgen, bringt +nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches sein Widersprechen, sei es +nun seiner Schwäche oder seines Trotzes ein Beweis, dünkt mich des +menschlichen Elends häufigster Ursprung. + +So sah ich nun mit gar trüben Blicken, unterm Fensterbogen sitzend, in +das Thal und über die Berge hin, welche die heitere Sonne mit goldnem +Dufte bekrönte. Eine Landschaft, die wir zum ersten Male erschauen, +prägt sich tief in unser Gemüth, aber ich wähne: tiefer noch haftet +der Anblick in der Seele, von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns +zum letzten Mal. -- Zum letzten Mal! welch' tiefe Schwermuth von +solchem Wort über unsere Seele fließt, das erfuhr ich in jener stillen +Abendstunde. Aber siehe! da gerieth mir die Kunst, die ich auf +Elzeburg von dem Mägdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche +Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir über die Lippen, und +ungesucht, als vernähme sie mein Ohr, kamen mir auch die Töne zu dem +Liede, das ich für Irmela aufgeschrieben hatte. + +Schon senkten sich unten über das Wiesenthal tiefer die Schatten und +der kühler von den Bergen her wehende Hauch mahnte mich an den +vergehenden Tag, und daß, wenn der nächste anbräche, ich von hinnen +sein müßte. Da man schon seit lange sich von mir keiner Flucht +gewahrte, so ward ich auch nicht mehr gehalten wie ein Gefangener, und +ich konnte gewiß sein, daß manche Stunde vergehen würde, bevor man +sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das Bild des Mägdleins nahm ich +zu mir und war entschlossen, nach dem Abendimbiß mir eine Gelegenheit +zum unbemerkten Enteilen zu ersehen. + +Da trat Helmbold in's Gemach. + +»Ich bin Euch«, sprach er nach freundlichem Gruß, »ein Bringer +unerwarteter und, wie ich wähne, froher Zeitung, auch komm' ich Euch +als Bote nicht mit leeren Händen. Seht hier die Gabe, die Euch das +Fräulein reichen läßt zugleich als Lohn, den Euch mein Herr, der Graf, +bestimmt hat für den Dienst, mit dem Ihr ihm zu Willen gewesen seid.« + +Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich Irmela hatte +zurüsten sehen. Wie ich's verwundert und verwirrt in Händen hielt, +fuhr Helmbold fort: »Die Zeitung ist aber diese, daß Briefe gekommen +sind vom Grafen, darin er anzeigt, daß er gen Speyer zieht, allda +längere Zeit zu verweilen, und daß er dabei aus besonderer Ursach +seine Nichte an den Hof des Bischofs zu führen gedenkt. Euch nun, +Meister, will er Eurer Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei +-- und daß Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als die +waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt, brauch' er Euch +nicht zu mahnen. Wäret Ihr aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er +Euch als Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen zu +Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen Kunst, mit Feder und +Schrift umzugehen, Euch ehrlich halten. -- Wenn Ihr dann, Meister, +solch' gnädig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir und etlichen +Knechten zusammen zu ihm stoßen in Bretten, allwo er jetzo in +kaiserlichen Geschäften weilt und Eures Dienstes sogleich brauchen +kann. Aber eiligen Auftrag hab' ich von ihm und so dürfen wir nicht +säumen; noch heute müssen wir reiten. Habt Ihr doch nun nicht umsonst +von mir gelernet im Sattel sitzen.« + +»Guter Helmbold«, erwiedert' ich, »es ist so; Eure Botschaft ist mir +hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch. Über Anderes, was ich meine und +sinne, laßt mich zu Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.« + +»Wohl denn«, versetzte er darauf, indem er noch im Gehen auf das mir +geschenkte Gewand deutete, »so macht Euch fertig; sobald der Troß +zugerüstet ist, müssen wir auf sein!« + +Schon drang der Wiederhall der Geschäftigkeit, die bald in der Burg +laut ward, in mein Ohr und mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte +ich das Kleid an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war. +Darnach trieb es mich noch einmal, die Stätten der Burg zu besuchen. +Wo die Leute mich sahen, riefen sie mir gutes Wort zum Abschied zu; +denn sie hatten schon erfahren, daß ich mitzöge. Ich kam an die +Gartenpforte, öffnete sie und stieg die Stufen hinab. Die Sonne war +nun lang hinunter und das Dämmerlicht der Juninacht umhüllte Laub und +Blüthen. Süßer Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die +Blätter, die ich streifte, netzten mir die Schläfe mit kühlem Thau. +Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten Stelle. Dort saß ich +nieder und sah hinaus in die nächtliche Stille. Tiefer Friede wehte +mich von aller Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und Nähe +zusammenflössen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre eigne +Schönheit verbärge, damit nur die Macht, Weisheit und Güte des Ewigen +verherrlicht würde, der sie alle zu seiner Ehre geschaffen. Da +gedacht' ich daran, daß es auch des Menschen bestes Theil und reinste +Seligkeit wäre, für sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur +ganz in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, daß für alle Herzensfreude, +die mir je geworden, ich Ihm die Ehre schuldig wäre, und daß ich Ihm +gerne dienen wollte nach Seinem Willen in allem Gehorsam. + +Über solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf dem Tisch die Laute des +Mägdleins. Aus dem Dunkel um mich her trat ihr Bild glänzend vor meine +Seele. Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die Weise von +vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht hatte, als das Lied +entstanden war, so flossen nun meine Herzensgedanken mit Wort und +Weise zusammen, und wohl von Grund der Seele klang es hinaus in die +Stille: + + Mach' wieder, süßes Vögelein, + Den Träumer froh; + Wo wohnest Du, in welchem Hain, + Ach wo? ach wo? + Vom Suchen bin ich worden krank, + Sag' an, sag' an! + Wann hör' ich wieder Deinen Sang, + Ach wann? ach wann? + +Ja, zum Traumbild, das der Erwachte doch nicht vergißt, ward Alles, +was ich hier erlebt hatte, und der wachende Träumer fühlte, es würde +ihm nie wieder erscheinen! + +Nun war der volle Mond über das Gebirge emporgestiegen; von seinem +Licht erblichen die Sterne am wolkenlosen Himmel, aber ringsumher +erblitzten in seinem Strahl auf Blättern und Blüthen viel tausend +Tropfen. So war mir hier Irmela erschienen und hatte über meine Seele +und über die Welt um mich her ein mildes, verklärendes Licht +gebreitet. Leise trat ich hinaus in den vollen Schein. Da vernahm ich +leichte Schritte, und dort, umglänzt vom leuchtenden Gestirn, trat sie +selbst hervor wie ein schimmerndes Traumbild. Als sie auf mich zukam, +nahte ich mich ihr mit ehrerbietigem Gruß und dankte ihr für die +reiche Gabe, mit der sie mich erfreut hatte. + +»Meister«, sagte sie gütig, »es ist nur die Antwort auf Eure Frage um +mein Geheimniß. Und ob Ihr wohl Eures behalten habt, so seid Ihr doch +nun auch Eures Verspruchs ledig, denn wie er lautete, so habt Ihr auf +Euer Singen mich jetzt nicht länger harren lassen. Ich hörte droben +Euer Lied und das eben lockte mich hierher. Wohlklingend ist die +Weise, die Ihr als die erste mir gesungen habt, doch gar traurig.« + +»Es hat auch die letzte sein sollen, Jungfräulein!« erwiedert' ich. +»Ihr wißt, ich scheide heut' von Elzeburg.« + +»Aber doch nicht für immer«, fuhr sie fort. »Ich denke, Ihr bleibt +fortan in meines Oheims Dienst und schon in Speyer nach wenigen Wochen +verhoff' ich Euch bei ihm zu finden; denn zum Johannisfest hat er mich +dorthin beschieden.« + +»Wär' es aber doch vom waltenden Gott anders gefügt«, sagt' ich +wieder, »denn ungewiß von einem Tag zum anderen ist des Menschen +Vornehmen, so vergesset, Jungfräulein, nicht meiner Bitte und denket +nimmer Arges von mir!« + +Da reichte sie mir die Hand und sprach: »Das versprech' ich Euch, +Meister Diether! Aber ich achte, Ihr seid zu besorglich und habt wohl +noch Euer unsicher fahrend Leben im Sinn. Nein, noch manch Lied hoff' +ich Euch singen zu hören und manch fröhliches.« + +»Das walte der reiche Gott, daß frohen Gesanges immer Euer Sinn +begehre!« rief ich da. + +»Gott und Seine Engel geleiten Euch!« gab sie zurück, ihre Hand löste +sich aus der meinigen und flüchtigen Schrittes eilte sie durch die +Schattenwege der Pforte zu. Dort im hellen Mondenlicht sah ich sie +noch einmal sich wenden, mir den Scheidegruß zu winken. Dann war ich +allein. -- + +Um Mitternacht brachen wir auf zur Fahrt, so viel ihrer Helmbold zur +Reise sich ausersehen hatte. Der Hof hallte wieder von den Rufen der +Scheidenden. Als wir durch das Thor über die Brücke zogen, stieß der +Thürmer in's Horn und der Gesang erscholl: »In Gottes Namen fahren +wir.« + +Unten im Thal ließ ich die Anderen hindann reiten und blieb an der +Lichtung zurück, von wo aus man die Burg droben liegen sah. Hell +erglänzten Dächer und Zinnen im Spiegellicht des Mondes. Aber wo aus +kleinem Fenster durch tiefen Schatten ein Lichtschein herniederdrang, +dahin richtete ich unverwandt meinen Blick. + +Darauf lenkte ich mein Roß herum und sang leise im Weiterreiten: + + Sag' an, sag' an! + Wann hör' ich wieder Deinen Sang, + Ach wann? ach wann? + + + + +Fünftes Capitel. + +Heimfahrt. + + +Unsere Reise führte uns ebendenselben Weg zurück, auf dem ich vor +wenigen Wochen unter vermeldeten sonderbarlichen Umständen und wider +meinen Willen gen Elzeburg gebracht war. Kein Wunder wär's gewesen, +wenn ich das nicht bemerkt hätte; denn wie gar anders sah mich heut' +die Welt an und ich sie! Aber wenn auch der liebe Mond so viel +heiterer vom wolkenlosen Himmel durch das Laubdach der Bäume zu mir +herniedersah denn damals, als ich fast erschrak bei seinem Anblick, +und sein heller Schein schier lauter lichte Bilder vor meine Augen +brachte: die vom sommerlichen Nebel silbern erschimmernden Waldwiesen, +den fröhlichen Zug meiner mannlichen Reisegesellen und endlich mich +selber hoch zu Roß und zierlich geschmückt: ich erkannte wohl die +Stätte meines vormaligen trübseligen Abenteuers wieder und dachte nur +bei mir selber ganz fröhlich: »Was gilt's, die Welt hier außen hat +seitdem Pracht angezogen und ich auch!« + +Weil denn nun bei mir allerdinge beschlossen war, (auch mir der +Gedanke nicht kam, es könnte nicht geschehen) in mein Kloster +heimzukehren, so überließ ich mich der stattlichen Freiheit, deren ich +hie genoß, mit rechter Lust, und je ferner Elzeburg hinter uns wich, +desto mehr wich auch meine nachdenksame Schweigsamkeit, und ich +gesellte mich den Andern zu, ritt und redete mit ihnen, als wär' ich +des Dinges längst gewohnt. + +»He!« rief da Helmbold mir zu und lenkte sein Roß an meine Seite; »das +thut mir heut' noch sanft, daß wir Euch dazumal nicht haben entwischen +lassen; denn, Meister Diether, man ersieht's wohl, Euch geliebt's viel +mehr mit Graf Eberhard's Leuten hier durch den grünen Wald zu reiten, +als bei den Waibstädtern zu liegen. Und traun! uns auch. Ihr seid uns +Allen ein werther Reisegesell', und auch ein wackerer Reitersmann seid +Ihr worden.« + +Das bekräftigten die Anderen einmüthig, und Einer sagte, solcher +Gewalt und Gefangenschaft, wie ich sie erlitten hätte, würd' er auch +nicht gram sein. + +Da entstund ein Gelächter, und ich lachte auch und sagte: »Mit den +Städtern wär' ich wohl noch allein fertig worden und von der +Waibstädter Herberge frei geblieben ohne die Elzeburger.« + +»Ja freilich«, sagte Helmbold wieder, »frei wie der Vogel in der Luft +und das Wild im Busch immer auf der Flucht ohne Nest und Rast!« + +»O«, erwiederte ich munter, »Ihr scheltet mir mein früher Leben zur +Ungebühr; es war ganz anders, als Ihr denket und weit so elend nicht.« + +»Hört Ihr's?« rief da Helmbold wieder. »Er hat die Lust zum fahrenden +Wesen noch in den Gliedern, und gebt Acht, 's ist ihm schon leid auf +des Grafen Roß, schliche lieber zu Fuß.« + +»Hm«, sagt' ich ärgerlich, »was nicht reitet, das gilt Euch nichts.« + + »Ein Mann, sitzt er nur hoch zu Pferd, + Dünkt zwier sich mehr als Andre werth!« + +»So ist's recht!« rief da Helmbold wieder mit Lachen. »Jetzt, Diether, +kommt Ihr auf Eure Kunst. Und weil sie trefflich geschickt ist, den +Weg zu kürzen, so ist's billig, daß wir des Singemeisters in unserer +Mitte genießen. Hebt denn an und laßt uns etwas hören!« + +Da stimmten sie alle zu: »Ja, Diether! singt uns vor und herzhaft.« + +Weil sie also anhielten, einen Gesang zu heischen, so that ich ihnen +den Willen und sang + + Das Lied vom Schützen Oswald. + + »Und hätt' ich gegriffen ihn nicht in der Schlucht + Mit Listen: noch wär' ich vor ihm auf der Flucht; + Geweiht + War dem Tode zu jeglicher Zeit, + Was lebend sein Pfeil zum Ziel sich ersah, + Ob fern, ob nah: + Den Hirsch im Sprung und den Aar im Flug, + Herr Oswald der Schütz traf ihn gut genug. + + Nun liegt er gefangen im tiefen Thurm, + Umkrächzt von den Krähen, umheult vom Sturm, + Und aus + Stach ich ihm (baß schmeckt nun der Schmaus + Und ungekränkt trag' ich die Grafenkron') + Die Augen zum Hohn;« + Graf Otto ruft's laut. »Ich sag's Euch mit Fug, + Herr Oswald der Schütze traf gut genug.« + + Und der Graf ruft wieder, »daß Wahrheit dies: + Auf, holt mir den Schützen hervor vom Verließ! + Wohlan! + Herr Oswald, du blinder Mann, + Deine Augen zwar sind Dir nun nimmer zu Dank, + Doch das Ohr merkt den Klang. + Nun hab' mir wohl Acht, wie ich schlage den Krug, + Ziel', Oswald, und schieß und triff gut genug!« + + Und Oswald lauscht, wo der Klang herkam, + Er lauscht auch, woher er die Stimme vernahm. + Die Hand, + Schon hat sie den Bogen gespannt -- + Hui, schwirrt von der Sehne der Pfeil durch den Saal! + Mit Geschrei sinkt zu Thal + Graf Otto, getroffen in's Herz. »'S war kein Trug, + Weh, Oswald du Schütze, trafst gut genug!« + +Als ich geendet hatte, bezeugten sie Alle: Ja, das wär' ein tapfer +Lied! und den Sänger lobten sie ausbündig und sagten auch dabei, es +wäre doch eine auserwählte Kunst, der ich gedienet hätte. + +Unter so gethaner Kurzweil gieng die Nacht bald herum und weil wir +auch im Reiten nicht laß gewesen waren, so hatten wir, als wir früh +das Morgenlied anstimmten: »Der Tag vertreibt die finstre Nacht«, +schon manch' gute Meile hinter uns. Den Tag über, der sehr heiß ward, +hielten wir Rast, und erst mit der Abendkühle saßen wir wieder auf. +Alle aus dem Troß sahen mich an als einen der Ihren und ich hielt mich +auch so. Zwar dacht' ich öftermalen, mich Helmbolden zu offenbaren und +gefügen Abschied von ihnen zu nehmen, wie ich mir solches zu thun auch +von Anfang der Reise an vorgesetzt hatte. Aber es war immer, als +könnt' ich den Weg zu solchem Geständniß gegen ihn nicht finden, und +eh' ich mich's versah, war er oder ein Anderer mit einer Scherzrede +dazwischen, auf welche ich dann auch (der frohe Muth trieb mich dazu) +die scherzende Antwort nicht schuldig blieb. Und so sah ich's denn zum +zweiten Mal licht Morgen werden, als ich zwar Albrecht's Abtei ein +erheblich Theil näher war denn Tage zuvor, aber dafür noch ebenso fest +auf des Grafen Pferd saß und so dicht unter seine Leute gemengt, daß +ich schier selber nicht wußte, wie ich mir heraushelfen sollte und +beinah' wünschte, es sprengte uns wieder unversehens eine Aventiure +auseinander, wie vormals den fahrenden Leuten und mir geschehen war. + +Aber dergleichen begab sich nichts, und weil wir just wieder durch +dichten Wald ritten, den ich von Brun's Begleitung her wohl wieder +erkannte, so gedacht' ich hier, da es doch einmal geschehen müßte, +mich von ihnen zu reißen und für's Erste zu Brun zu entfliehen. Ich +erspähte mir also die Gelegenheit und ritt, als geschäh' es von +Ungefähr, dem Troß eine gute Strecke voraus, wo der Weg sich krümmte, +bis ich vor ihrer Aller Augen entschwunden war. Da saß ich eilend ab, +band mein Roß an den Ast des nächsten Baumes und sprang flugs waldein, +wo Gebüsch und Gezweig am dichtesten mich verbargen. Zuvor aber hatte +ich unvermerkt an den Sattelknopf meines Thieres ein Blättlein +geheftet, darauf mein Abschiedsspruch zu lesen stund: + + Nicht weiter folgt Euch Diether mehr, + Und sang + Er je, trugt Ihr darnach Begehr, + Zu Dank, + So forschet nicht -- + Dieweil er schied + Mit Weh -- + Wohin? + Ihn ruft die Pflicht, + Ernst klingt das Lied: + »Ade; + Fahr' hin!« + +Es mochte gegen Mittag sein, als ich auf verschlungenen Waldpfaden +endlich in die Schlucht gelangt war, von der ich wußte, daß von da St. +Wigbert's Kirchlein nicht fern wäre. Wie war ich froh, da sich die +Halde vor mir aufthat und die beblümte Wiese mit dem muntern +Bergwässerlein, und mir von drüben das Ziel meiner Flucht +entgegenwinkte. Wohl klopfte mein Herz stärker, je näher ich die Höhe +zur Klause hinanstieg, und die Unruhe meines Gemüths wuchs in der +Erwartung, welcherlei Weise mich Brun empfangen würde, wenn er zuerst +meiner ansichtig werden würde in dieser Umwandlung. Darum hielt ich +mir selbst recht eifrig seine freundliche Zusage vor die Seele, mit +der er von mir schied, daß er all'zeit mit willigem Herzen mich +aufnehmen wolle, und was er sonst Liebreiches damals zu mir gesprochen +hatte. + +Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber wie erschrak ich, als +ich plötzlich hinter dichtem Gerank von Waldreben und Geisblatt, das +sich der Alte seitwärts seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht +gezogen hatte, seine Stimme hörte, laut und fast heftig wie von +Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit sich selbst zur Gewohnheit +gemacht hat. + +»Wohl gesprochen, St. Augustine! _Pereant omnia et dimittantur haec +vana et inania! conferamus nos ad solam inquisitionem veritatis! Vita +haec misera, mors incerta_.«[A] + +[Fußnote A: Hinweg mit all' diesen eitlen und leeren Dingen! Die +Wahrheit allein laßt uns suchen. Dies Leben ist elend, die Todesstunde +ungewiß.] + +»Hilf Gott!« sagt' ich da zu mir selbst mit Bangen, »ich höre mein +Urtheil; wie werd' ich vor ihm besteh'n, wenn er so gemuthet ist!« Und +zögernd schritt ich vorwärts, während er fortfuhr lateinisch zu reden, +wie vorhin. + +Als ich seiner ansichtig ward, saß er tiefgebückt über ein großes +Buch, darin er eifrig las, als straft' und vermahnt' er daraus sich +selbst. Ich stund beinah' vor ihm und noch immer hatt' er mein Kommen +nicht wahrgenommen. Endlich wagt' ich's und sprach, aber zaghaft kam +es heraus: + +»Gelobt sei Jesus Christus!« + +»In Ewigkeit, Amen«, fuhr er fort und hielt mit seinem Finger die +Stelle im Buche fest, bei der ich ihn unterbrochen hatte. Dann erst +sah er auf. + +»Wie!« rief er da mit höchstem Erstaunen, und schob das Buch zur +Seite. »Du, Diether? Du selbst? Bist Du's wirklich? Dich seh' ich +wieder und in solchem Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur +Sommerzeit; oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so sicher +däuchtest, als ich Dich warnte?« + +»Und wie zierlich der Knabe aussieht«, fuhr er fort, nachdem er mich +wieder und wieder betrachtet, »ein Herzog könnt' sich mit Dir sehen +lassen, so er Dich in seinem Gefolg' hätte, und mit Dir zu Hofe ziehn. +Aber nicht zu mir, Diether, mußt Du als ein solcher kommen, wenn Du +gelobt sein willst.« + +Streng sah er mich an, und dennoch war mir's, als hätt' er ein +Wohlgefallen an mir. + +»Ihr thut mir Unrecht, Brun«, sagt' ich da, und trat ihm einen Schritt +näher, »Ihr thut mir zur Wahrheit Unrecht, wenn Ihr wähnet, ich komme +im Übermuth zu Euch und zeige mich Euch in diesem höfischen Kleide, +weil ich bethört sei von der Welt Eitelkeit. Sondern gedenket, wie Ihr +einst selbst Eure Klause mit des Erzvaters Noä Arche verglichet, da +Ihr mir Verirrtem eine Rast hier schufet vor des Wetters Ungestüm. +Heut' gleich' ich dem Täublein, das draußen nirgend haften kann, mehr +denn damals, und bitte, schleußt vor dem Flüchtigen Euer Fenster nicht +zu!« + +»Aber«, sagte der Alte hinwieder mit einem scharfen Blick auf mich, +»Du hast das Ansehen nicht, als hätte Dir die Welt bei Deinem ersten +Ausflug übel gelohnt und reute Dich der Dank, der Dir von ihr +geworden.« + +»O, Brun!« versetzte ich darauf. »Vergönnt mir nur bei Euch wenige +Tage zu weilen und mich zu bergen; ein Anderes begehr' ich nicht. Und +wenn ich Euch werde berichtet haben, was mir begegnet ist, so werdet +Ihr selbst erkennen, wie ich aus Noth in dieses Kleid gekommen bin und +nicht aus Fürwitz, und Ihr werdet mir heim helfen, wohin mein Sinn +steht, in's Kloster.« + +»Wie?« fragt' er mit Staunen. »In's Kloster begehrst Du zurück?« + +»Ja, ich!« betheuert' ich; »heim gen Maulbronn.« + +»Nun, Diether!« sprach da Brun, derweil er aufstund und sich +anschickte, mich in seine Hütte zu geleiten. »Traun! Seltsames muß +sich zugetragen haben, oder Du bist in Deinen Jahren gewitzigter als +Viele, wenn in so wenigen Wochen die Welt Dich Unerfahrenen auf ihren +Kloben pfeifen konnte, aber nicht länger Dich festhalten, und Du schon +gelernt hast, ihres Wesens überdrüssig zu sein. Manch' Einer lernt's +mit grauen Haaren kaum! Doch komm und pflege Dein! Du sollst mir +hernach erzählen. Und vor wem Du Dich auch zu bergen hast, sorge Dich +nicht. St. Wigbert's Schutz ist gut, wem der einmal zugesagt worden +ist.« + +So war ich denn den Tag über in seiner Klause, und sanft that mir da +die Ruh. Mein Wirth trug auf's Beste Sorge für mich und spähte +fleißig, ob sich Jemand nahte. Aber den Waldpfad entlang ward nichts +sichtbar, als etwa ein Wild, das zum Äsen der Lichtung zuschritt aus +dem Dickicht; und außer durch das Geschrei des Hähers oder der Weihe +droben in der blauen Luft und den Gesang der Waldvögel aus dem +Erlengebüsch am Bach und dessen Rauschen ward die Stille der +Einsamkeit durch Nichts unterbrochen. + +Über das, was mit mir vorgegangen, vermied Brun jede Frage. Aber als +der Abend hereingekommen war und der Alte droben zur Vesper geläutet +hatte, rief er mich hinaus und führte mich in seine Sommerlaube. Dort +hieß er mich erzählen, was ich erlebt hätte, seit ich von ihm gezogen +wäre. Da berichtete ich die Aventiure mit den zween Fahrenden, und wie +ich durch sie um Klosterkleid und Briefe gekommen; ich schilderte +meinen Strauß mit den Städtern, wie sie an mich wollten und ich mich +ihrer erwehrte, ich erzählte auch darnach von Elzeburg, wie ich wäre +dahin gebracht worden, wie sie mich für einen fahrenden Singemeister +gehalten hätten und wie ich zuletzt mir anders nicht Rath's gewußt, +als von der Heerstraße hier zu ihm zu entweichen, daß ich bei ihm, so +viel es Noth wäre, stille läge und darnach ungesäumt heimkehrte, woher +ich ausgesandt. + +Als so mit der Erzählung mein Gemüth all' den Dingen nachgieng, wie +sie sich zugetragen, wurden sie selbst in meiner Seele wieder +lebendig, als erlebt' ich sie zum zweiten Male. So trachtete ich denn +auch darnach, was ich zu schildern hatte, mit rechtem Nachdruck meinem +Zuhörer fürzustellen. Der, merkt' ich wohl, hatte so Seltsames zu +hören sich nicht versehen, und so bezeugt' er mit Blick und Gebärde, +welchen Antheil er am Erzählen nähme und am Erzähler. Ja, ich +berichtete Alles, nur Eines, ich war mir selber nicht wissend, welche +Scheu mich davon abhielt, verschwieg ich ihm. Ich sagt' ihm nichts von +Irmela und meinem Schulhalten, sondern nur, wie ich hätte müssen die +Aventiure von Sifride niederschreiben für Herrn Eberhard. Da Brun den +Namen des Grafen zum ersten Mal vernahm und den seiner Burg, so +horcht' er auf, schien es mir, aber er sagte nichts. + +Als ich zu Ende war, sah er mich noch eine Weile schweigend an und wie +mit prüfendem Aufmerken, und wieder wundert' ich mich, wie milden +Glanzes seine Augen blicken konnten, die doch zu Zeiten so gewaltig +ernst und strenge, ja finster hinter den Brauen hervorsahen, die sie +tief überdeckten. + +»Diether«, hub er darnach an, »Du bist unverbrüchlich dem Kloster +zugesprochen?« + +Seine Frage kam mir unerwartet und es geschah wohl mit gar +zweifelhafter Miene, daß ich zu ihm aufblickte. + +»Bescheide mich immer«, sagte er ruhig weiter, »was Du von Deinem +Verlöbniß weißt.« + +»Nur das«, erwiedert' ich, »daß man mir immer gesagt hat, wie ich noch +gar jung als hilfeloser Findling vom Abt um Gottes Willen aufgenommen +und zuerst zu Leuten, die des Klosters eigen waren, ausgethan worden +sei. Hernach bin ich zu den Brüdern gekommen und für St. Bernhard's +Orden ausersehen, dem ich auch, wie sie mir sagen, nach heiligen +canonischen Rechten versprochen bin.« + +»Wohlan, Diether!« sagte Brun wieder, »ich merke wohl, Du bist durch +Gottes Walten ohne Dein Wollen und Zuthun von Deiner Bahn gelenkt. +Danke dem reichen Christ, daß Du so geschwind Dich auf den Weg +zurückgefunden hast, der Dir der vertraute ist von Kindesbeinen an. +Dank ihm auch dafür, daß Du, so wechselsvoll diese Fahrt für Dich +gewesen ist, dennoch in Deinem Sinnen und Meinen nicht ein Anderer +worden bist, denn zuvor. Aber begehre nie ein Mehreres von der Welt zu +sehen! Bist Du jetzt noch unbetrogen geblieben und ungeblendet, so hat +sie wohl andere Larven, die noch süßer lächeln, aber die Hölle hinter +sich haben. Darum, Jüngling, zeuch zurück in Deinen Frieden, und ich +will Dir wohl dazu helfen. -- Sollte sich's aber«, fuhr er fort, +»anders befinden, als ich halte, und Du hegst ein heimlich Verlangen +zurück in das Wesen, dem Du entronnen bist, und Dein waglicher Sinn +ist Dir erweckt, o Diether, so vertrau' auch dann Dich mir an und +hehle mir nichts!« + +Wohl fühlt' ich die Röthe mir in's Angesicht steigen bei solchen +Worten. Denn sie erinnerten mich an das, was ich ihm schon jetzt +verschwiegen hatte, und ich mußte gedenken, wie leichtlich seine Worte +anders lauten würden, hätt' ich ihm Alles erzählt. Um so mehr gieng +mir seine redliche Art zu Herzen, und dankerfüllt wagt' ich's, seine +Hand zu fassen, und sagte, indem ich sie küßte: »Da sei Gott für, +Brun! daß ich so mit frevlem Sinn hinwegtrachte aus dem heiligen +Stand, in den ich berufen bin, und Euer treues Mahnen vergesse.« + +»So wohl Dir, Diether!« sagte da der Alte wieder, hielt mit einer Hand +die meine fest und legte die andere mir auf's Haupt. »So wohl Dir, +wenn Du Dein Leben lang vor dem schwersten Streit bewahrt bleibst, dem +mit Dir selber. Denn in seinem eignen Herzen hegt der Mensch seinen +schlimmsten Feind. Er ist übermächtig und in allen Listen geschickt. +Weh' dem Manne, der ihn erst aufgeregt hat! Bittere Schmerzen sind des +Überwundenen Theil. Wohl erwählen sich die Meisten unter den +Menschenkindern, lieber nachher zu büßen, als vorher dem Streit aus +dem Wege zu gehen. Sie achten's für leichter, aber der üble Teufel +betrügt sie darin allzumal.« + +Wohl hört' ich's am Klang seiner Worte, daß er mit sonderlicher +Bewegung seines Gemüthes redete, und als wir nun aus dem Dunkel der +Laube hinaustraten, zeigte mir ein Blick in sein gefurchtes Angesicht, +daß er da mir von Schmerzen gesagt hatte, die ihm selber wohl bekannt +waren. + +Alles war still ringsum. Nur das leise Gesumme der um die duftenden +Blüthen des Geisblattes schwirrenden Schmetterlinge nahebei und von +unten her das Rauschen des Wassers vernahm unser Ohr. Drüben streifte +das letzte Roth die Bergesspitzen, und über die Wiese senkte sich +braune Dämmerung, während droben die ersten Sterne erglommen, wie +Augen der seligen Engel Gottes sich aufschlagen, in denen die +Herrlichkeit seiner Schöpfung sich schöner wiederspiegelt. + +Schweigend versenkte ich meinen Blick in die wonnesame Ruhe. Und auch +Brun stand ohne Regung und schaute hinaus, als eilten seine Blicke dem +schwindenden Lichte des Tages nach. + +Noch hielt er mich bei der Hand. Als nach kurzer Weile der letzte +Abendschein von den Gipfeln der Berge verschwunden war, wandte er sich +zu mir. + +»Diether!« sprach er, »laß uns selbander hinangehen, dem Bergwasser +nach. Nicht lange, so geht drüben der Mond auf, denn schon hellt sich +dort über den Bäumen der Himmel. Ich weile gern in seinem Licht auf +der Höhe, wenn unten das Thal im Schatten liegt.« Und er zeigte +hinauf. + +Mit Freuden folgt' ich ihm, und wir stiegen den Pfad hart am Bach +hinan, der bald in Sprüngen von Gestein zu Gestein sich +hindurchzwängte, bald sanfter dahinglitt. Da ward zwischen uns wenig +geredet. Vielleicht waren von vorhin die Gedanken noch zu lebendig in +Brun's Seele. Und auch ich hatte meine Betrachtung. Ich gedachte, wenn +ich über mir zu den Sternen emporblickte: wie sie beständig in ihrer +ersten Pracht scheinen unverändert, so oft nur die Wolkendecken sich +vor ihnen hinwegthun; wie ich's dagegen nun erfahren, daß über das +menschliche Gemüth sich Schatten legen, von denen es nimmer geneset, +und dann trat vor meine Seele der Garten, den jetzt dieselbe gestirnte +Nacht umfieng, und ich wünschte, sie, die mich dort zum letzten Mal +gegrüßt hatte, möchte niemals weniger heiter zu den Lichtern droben +hinaufblicken, als diese zur Stunde hernieder zu ihr. + +Rauher ward unser Weg, von manchem Felsblock behindert und so von Baum +und Gestrüpp beschattet, daß ohne des Alten Führung mein Fuß nicht +vermocht hätte, weiter zu dringen. Aber der leitete mich sicher bei +der Hand und zog mich ihm nach. So klommen wir empor, bis wir zu einer +moosigen Felsplatte kamen, von wo der Ausblick frei war in die +Waldeinsamkeit ringsum. Hier sah man weithin die Züge des Gebirges mit +endlosen Waldungen, gleich Wellen eines dunklen Meeres fern und ferner +sich dehnend, und unter uns das Kirchlein mit Brun's Clause und tiefer +das Wiesenthal. Alles lag da vor uns ausgebreitet im Dämmer der +Sommernacht. Da stieg drüben der Mond hinter den Bergen hervor und +erhellte die Höhe, die wir erstiegen hatten. + +»Laß uns hier«, sagte Brun, indem er sich setzte, und mich einlud zu +thun wie er, »laß uns hier der Betrachtung pflegen und dazu das +Silentium halten! Ort und Stunde sind geschickt dazu.« + +Nach diesen Worten verharrt' er schweigend und blickte in die Tiefe +vor uns hinunter, als stiegen von dort Gestalten zu ihm auf, dicht vor +seine Seele hin; je zuweilen wandt' er sein Haupt und fuhr mit der +Hand über Stirn und Angesicht, als begehrte er sie nicht länger zu +schauen und spräche zu ihnen: »Vorüber, vorüber!« + +Wie er so, als mich däuchte, geschlossenen Auges da saß, im vollen +Mondlicht regungslos, und nur unterweilen im Hauche der Nacht sein +Barthaar sich bewegte, so mußt' ich denken beim Anblick der mächtigen +Felsblöcke umher, die durch eine Riesenhand hier zersprengt und +verstreut zu sein schienen: Er wie diese Steine, jetzt so friedlich +beglänzt vom sanften Mondlicht -- von welchen Stürmen und Ungewittern, +die über sie ergangen, könnten sie wohl berichten! + +Immer tiefer indeß sanken unter uns die Schatten und immer höher +rückte der Bergeshang in den Glanz, der uns umfloß. Es war, als wollt' +er hienacht mit seinen Strahlen zwischen Farn- und Baumgezweig manche +feuchte Kluft besuchen, die sonst im ewigen Dunkel lag. + +Da ich so dieses Spieles des freundlichen Lichts gewahrte, wie es +emsig immer weiter seine güldnen Fäden zog, siehe! da blitzte mir +etwas aus einer Höhlung nicht weit von uns entgegen, darin das +Mondenlicht sich hell und heller spiegelte, als hätt' es einen +unverhofften Fund gethan und wollte den mir mit Freuden zeigen. + +Es waren nur wenige Schritte dahin und die Neugier trieb mich +hinzugehen. Ein gülden Ringlein lag da am wohlbeschirmten Ort und +seltsam beigesellt dicht neben eine Eidechse, als hätte sie des +Schatzes zu hüten. Da ich näher zusah, merkt' ich, sie war todt und +ihre Vorderfüße hatte sie gekreuzt über ihrer Brust. Ich wußte wohl, +daß Solches die Art dieser Thierlein ist, wenn sie gestorben sind, +aber es däuchte mich, als waltete hier mehr als ein Ungefähr, und Ring +und Thier wären Hüter +eines+ Geheimnisses. + +Der Ausruf des Erstaunens, der mir entfuhr, ob dem unerwarteten +Anblick, weckte den Alten aus seinen Träumen. Auf seine Frage, was es +gäbe, brachte ich den Ring herbei und sagte ihm von der Eidechse hart +daneben, und wie es mir geschienen hätte, als wäre dieser Hort ihr und +sie könnte nicht von ihm lassen auch im Tode nicht, und hätt' an ihm +eine große Schuld auf sich; darum läge sie da so ausgestreckt mit +gekreuzten Armen gleich einer armen Seele, die Buße thut. + +Mit Hast griff Brun nach dem Ringe und hielt ihn prüfend gegen das +Mondenlicht. + +»Joconda!« rief er dann und ein Seufzer aus tiefstem Herzen gesellte +sich zu dem Namen. »Ach, und nie wird die arme Seele genug büßen um +Deinetwillen!« + +»Euer Gemüth ist in große Bewegung gebracht durch den Ring«, sagt' ich +und trat zu ihm. + +»Wohl, Diether!« erwiedert' er, nachdem er eine Weile schweigend vor +sich hin gesehen, »weiß ich um dies Kleinod. Frage nicht, wie ich's +erfahren. Besser vielleicht bliebe die Geschichte von ihm so jungen +Ohren verschwiegen; aber da das Licht dieser Mondnacht durch Dich +diesen Reif herwiedergebracht hat, sollst Du hören, wie sie sich +zutrug, und dann gedenk' auch Du in heil'gen Stunden der armen Seele, +von der Du sagtest, und bitte Gott im Himmel für sie, daß ihre Buße +recht gethan sei und ihm wohlgefalle!« + +Wieder schwieg er eine kurze Weile. Dann winkt' er mir, mich zu ihm zu +setzen, und hub also an zu erzählen. + + + Die Geschichte, so Brun Diethern erzählte. + +Es ist manches Jahr her, Diether, da lagen in Welschland deutsche +Kriegsvölker vor der Stadt Bologna. Aber sie konnten sie nicht +gewinnen, ob sie gleich die Stadt berannten und mit Einschließung +lange und hart ängstigten. Da mehrte sich die Erbitterung täglich auf +beiden Seiten, und wer weiß, wieviel Jammers und Elends da noch +zugefügt und erlitten wäre, wenn göttlicher Wille es nicht gnädig +abgewendet hätte. Denn die deutschen Herren, so das Heer führten, +hielten es endlich aus trefflichen Ursachen für wohlgerathener, die +entstandene Fehde gütlich zu vertragen. Und so ward denn den Städtern +entboten, daß sie, was Leute hohen Ansehens und klugen Raths wären, +aus den Ihren verordneten, damit man sich miteinander der Sachen +annähme, wie sie beizulegen. + +Unter den deutschen Rittern, die da den Herren, wenn sie zur +Berathung zusammenkamen draußen im Lager oder drinnen in der Stadt, zu +Schutz und Beistand zugesellt wurden, war Einer, den Jedermann solcher +Ehre vor Andern für würdig auserkannte. Bruno war sein Name, er hatte +in allen Dingen, die dem Manne wohl stehen, den ersten Preis. Er war +edler Gestalt und reichen Gutes; sein Wuchs war hoch und sein Ansehen +stattlich und gebietend; sein Arm eben so tapfer zu streiten, wie sein +Geist hell und auch, wo es schwierige Entscheidung galt, das Richtige +zu treffen, geschwind. Dazu hatte er die sonderliche Gabe, die +Gemüther der Menschen, welche er wollte, für sich zu gewinnen und die +Vorzüge, die ihn zierten, so zu brauchen, daß sie in Andern nur +Bewunderung schufen und Freude ihrer mitzugenießen, und Willigkeit ihm +zu dienen. Darum war's kein Wunder, daß Bruno sich der Macht bewußt +war, die er über die Menschen hatte, noch, daß er ihrer brauchte. Sein +hochfliegender Geist war es nicht anders gewohnt, als daß seines +Gleichen sich ihm unterordnete. In so hohen Ehren und von jedem Glück, +dessen er begehrte, umgeben, war Bruno bis an den Mittag seines Lebens +gekommen. Aber gewohnt, Alles, wonach ihm sein Trachten stund, wie +spielend und nur zur Übung seiner überlegenen Kraft zu erreichen, +glänzte sein Angesicht noch im ungedämpften Feuer der ersten Jugend. + +Doch, Diether, all' diese hohen Vorzüge waren ihm verliehen, nur um in +seinem Herzen die schlimmsten Kräfte groß zu ziehen, ihm selber +unbewußt, ihm zur Unseligkeit und Andern. In so langen Jahren des +Gelingens seiner Pläne und der aus seinem Thun wachsenden Ehre war er +sicher geworden, daß recht wäre, was ihm gut däuchte, und während er +Andere berieth und leitete, wachte er nicht über seine eigenen +Wünsche. + +Die Zeit kam, ihn auf die Probe zu stellen, Diether! und Du wirst +sehen: er bestund die Probe nicht. + +Unter den Edlen Bologna's war Einer auserlesen vor Allen. Wie die +Sonne am Frühlingstage heraustritt aus den Thoren des Morgenroths, +ihren Lauf zu beginnen mit Freuden, so schritt Guido, noch prangend im +Thau der ersten Jugend, die Bahn der Ehre und des ruhmvollen Thuns +hinan. Ihn konnte Niemand sehen, ohne ihn zu lieben. Und nur wenige +Male hatten Bruno und Guido bei den Berathungen, die zum Frieden +helfen sollten, sich gegenübergestanden, als der deutsche Mann mit +sonderlichem Wohlgefallen sich hingezogen fühlte zum welschen +Jüngling. Der aber war ihm bald mit der vollen Hingabe seines +jugendlich entflammten Herzens zugethan, und wiewohl die Beiden in +dem, worüber sie zu rathschlagen hatten, sich nur als Feinde +betrachten durften, so sah Bruno doch, wie der Jüngling mit +zunehmendem Eifer sich jegliche Gelegenheit zu freundschaftlicher +Zwiesprach erlas und wie er zu ihm aufsah, als dem Manne erfahrener +Ehre und erwiesen in jeder edlen ritterlichen Tugend. Solches sah +Bruno mit Freuden, und was er vermochte, des Jünglings Herz an sich zu +fesseln und sein Vertrauen zu gewinnen, davon unterließ er nichts, +denn er liebte ihn. Schöneren Bund sah man wohl selten, als da diese +Freundschaft erblühte zwischen den Beiden, gleichwie eine Blume sich +aufthut, lieblich im rauhen Nordsturm, und wenn, nachdem man Raths +gepflogen, Guido an Bruno's Seite durch Bologna's Straßen schritt, ihn +zu geleiten, so blieben wohl die Leute stehen, die vorübergiengen, und +sahen mit Bewunderung den Beiden nach. + +Nicht lange, so erbat sich Guido vom Rath die Gunst, Bruno in sein +Haus zu führen, und weil er Bürgschaft leistete und die Hoffnung auf +nahen Vergleich und Frieden sich mehrte, so ward ihm solches +verwilligt. Er wohnte im weiten Palast allein mit seiner Schwester. +Seinem Schutz hatten die Eltern, die beide unlange an der Pest +gestorben waren, Joconda übergeben. Treuerer brüderlicher Hut ward nie +eine Schwester anvertraut, als die Liebe war, mit welcher Guido über +Joconda wachte, und wie zwei nachbarliche Pflanzen einem Licht +entgegenwachsen, gepflegt von einer Hand und genährt von einer Quelle, +so waren diese Geschwister. Oft schon hatte Guido zu Bruno von seiner +Schwester gesprochen, und wenn er ihrer gedachte, leuchtete sein Auge +von brüderlichem Stolz. Ja, Alles was von süßer Zärtlichkeit und +Weichheit in der Seele des Jünglings wohnte, ward mit +einem+ Namen +gerufen, mit dem Namen: Joconda. Von ihr hatte er Bruno auch gesagt, +daß sie aus Verabredung beider Väter mit einem Jünglinge zu Pisa +verlobt wäre, und daß, wenn ruhige Zeiten wiederkehrten, auf die +Hochzeit gedacht werden sollte. + +Vornehmlich also, daß Bruno seine Schwester sehen möchte und sie ihn, +den Freund, den er sich gewonnen, führte Guido diesen in seines Vaters +Haus. O, wäre es doch nimmer geschehen, Diether! Oder wäre einer von +den Blitzen, die an jenem Abend bei Bruno's Rückkehr aus der Stadt vom +Himmel flammten, auf ihn herniedergezuckt! Freundlich war zwar das +Grüßen, das zwischen dem Freunde des Bruders und der Schwester +geschah, aber unsäglich Weh und großen Jammer hatte es hinter sich. +Und hätte Guido bei jenem ersten Gruß das sanfte Erröthen im Angesicht +seiner Schwester und in Bruno's das frohe Erstaunen über ihre große +Schönheit besser verstanden, fürwahr, er hätte sich nicht, wie er +that, des Anblicks im brüderlichen Stolz gefreut, sondern ganz andere, +schreckliche Weissagung darin erkannt. + +Von Stund an war Bruno's Sinn von heftiger Liebe zu Joconda erfüllt +und allein darauf gerichtet, ihre Liebe sich zu gewinnen. Klugheit, +Ehre und Treue riefen ihm zu, abzulassen und nicht zu begehren, was +Gott ihm versagte. Denn heilig war Guido die Pflicht, dem Verlobten +die Schwester zu erhalten. Aber ein Sturzbach wäre mit einem Strohhalm +eher aufzuhalten gewesen, als Bruno's Gemüth mit allen Einreden der +Pflicht und des Gewissens vom Trachten nach dem, wovon es jetzt einzig +entflammt war. Nun erst däuchte er sich ein Ziel gefunden zu haben, +werth, all' seine Kräfte daran zu setzen, und wie er sich der Gewalt +der Leidenschaft, die ihn beseelte, ganz überließ, so zeigte auch +Liebe, die Zauberin, Alles, was er in ihrem Dienste that oder dachte, +in einem hellen, reizenden Lichte, aber die dunklen Abgründe seines +Herzens, aus denen sein Trachten hervorgieng, ließ sie ihn nicht +sehen; ja jeglich Hinderniß und jegliche Gefahr, welche auf dieser +seiner Bahn ihn bedrohte, steigerte nur mehr seinen verwegenen Muth. + +Ohne Arg trat Joconda dem Freunde ihres Bruders gegenüber und voll +heiteren Vertrauens. Aus Wahrheit ihres Herzens stimmte sie in Guido's +Lob, wenn er Bruno's Tugend lobte, und wie sie immer sorgloser seinem +Worte lauschte und seines Kommens immer gewohnter ward, so ward sie +von der süßen Macht der Liebe bezwungen wie unvermerkt, und da sie das +Geheimniß ihres Herzens von dem Einzigen errathen sah und solches aus +Scheu ihrem Bruder verschwieg, da hub sich allererst auch ihre +Mitschuld an. Und von Stund an ward sie glücklich, als schwebt' ihr +Herz in Wonne, durch Bruno's Liebe, die dem Fluge des Adlers glich, +über alle Höhen sich schwingend -- und elend zugleich. Die Heimlichkeit +ihres Bundes und seine beständige Gefahr trieben ihr geängstet Herz +nur um so mehr, sich Bruno zu vertrauen und seiner Führung, dessen +Zuversicht und Kühnheit nur zu wachsen schien wie eines seines Auges +und seiner Hand sicheren Steuermanns, wenn er das Schiff durch tosende +Brandung lenkt. + +Bald kamen sie heimlich zusammen zu süßer Zwiesprach. Wohl wußte +Bruno, daß er damit wider Ehre und Treue den Freund betrog, aber er +achtete es nicht und fuhr fort, den Arglosen zu täuschen. + +Und wenn er wußte, sie harrte seiner, so galt ihm Nichts die Bedrohung +der feindlichen Wächter an den Thoren und ihr Geschoß, sondern +vermummt in der Dämmerung schlich er hindurch bis unter die Hallen der +Paläste und harrte seiner lieben Trauten. + +Da hörte ihr Ohr manch süßes Wort, wenn er kam, und manch heißen +Schwur, wenn er von ihr schied, und die Todesgefahr, in der er +schwebte um ihretwillen und die er verlachte, drängte ihr Herz immer +näher an seines. + +O! wohl mag der Jüngling sich hüten, wenn starke Leidenschaft ihn +beseelt, daß ihr Wirbel sein leicht erregtes Herz nicht überwältigt +und sein Lebensschifflein rettungslos in die Brandung reißt. Doch wehe +dem gereiften Manne, wenn die Liebe seines Herzens ihn von Pflicht und +Ehre scheiden! Er muß seinen Wünschen ganz entsagen oder er fällt der +finstern Macht anheim, die alle seine Tugenden verzehrt und alle seine +Kräfte in ihren Dienst nimmt, um ihn und durch ihn zu verderben. + +So, Diether, ward Bruno's Liebe verderblich für Joconda, für Guido, +für ihn selbst! + +Schuldvoll war diese Liebe schon mit ihrer ersten zarten Regung und +fluchvoll mußte sie endigen. Ihr stand kein Engel göttlichen Heiles +und göttlichen Schutzes zur Seite. + +Die Fehde ward vertragen, der Friede geschlossen. + +Just am Tage der Fastnacht ward er feierlich verkündigt. Die Thore +der Stadt wurden aufgethan und unter dem Geläute der Glocken erscholl +der Ruf der Freude von Deutschen und Welschen wie aus einem Munde. Da +überließ sich Jeglicher mit ganzem Herzen dem frohen Gefühle der +wieder erlangten Sicherheit, und die, so sich bis dahin so hart +befehdet hatten, zogen in munterem Gedränge verbrüdert durch die +Straßen der befreiten Stadt, und weil man so lange in Furcht gelebt +und der Freude entbehrt hatte, so war auf diesen Tag die Stadt zu +ausgelassener Lustbarkeit gerüstet. Da man Gott gedienet hatte und das +Tedeum in der Kirche St. Petronii verklungen war, wurde auf dem +Rathhause von den Herren Bologna's den edelsten unter den Rittern eine +stattliche Bewirthung gethan, indeß das Volk außen auf Straßen und +Plätzen seine Kurzweil hatte. Zum Abend sollte die Stadt, wie es in +Welschland Brauch ist an Freudentagen, mit Fackeln und bunten Lichtern +erleuchtet und zu Ehren der Fastnacht Schimpfspiel und Mummenschanz +gehalten werden. Daß nicht etwan von den Städtern den Deutschen, +welche hineinkamen, ein Übel geschähe, hatte der Rath jegliche +Störung des Friedens mit Todesstrafe bedroht; so war auch den +Deutschen verboten, die in der Stadt weilen wollten, an dem Tage +Waffen oder Wehre zu tragen. + +So war da auf Aller Angesicht Freude und Jubel. Vor Andern erschienen +Bruno und Guido hochbeglückt, da sie sich trafen an der Kirchthür, als +man die heilige Messe gelesen. Droben im Festsaal saßen sie bei +einander und wie stolz schien Guido, allen den Herren es zeigen zu +können, welchen Freund er sich gewonnen habe! Und wahrlich! Bruno ward +da als ein Muster ritterlicher Tugend und höfischer Sitte auserkannt. +So edel war sein Wesen, so zierlich und klug seine Rede, daß Jedermann +im Saal auf ihn achtete. + +»Treue und Freundschaft auf ewig!« rief ihm Guido zu, als man wieder +die Becher gefüllt hatte und ergriff seine Hand. + +»So sei es!« that ihm der Angeredete Bescheid und schlug ein: »Treue +und Freundschaft auf ewig!« + +Und indem sie sich mit den Augen zuwinkten, setzten sie die Becher an +die Lippen. + +»Halt!« rief da Guido, dessen Herz vor Freude überwallte. »Harre noch, +Bruder, ehe Du trinkest den Trunk der Treue; es gilt noch ein Wort: +»Joconda!« + +Und Bruno hörte dieses Wort, Diether, und er las seine Bedeutung in +der Seele des Jünglings, der es aussprach, aber er zögerte nicht und +rief den Namen auch und trank den Becher bis zur Neige. + +Ward ihm denn die Frucht des Weinstocks nicht zum Feuer in seinen +Gebeinen, da er diesen Becher dem Bruder zutrank, den er an diesem +Tage so treulos zu betrügen entschlossen war? Erstarb ihm nicht jener +holde Name auf den Lippen, den er in einem Athem mit dem Bruder +auszusprechen wagte, obwohl er wußte, daß er damit schändlich log? + +Aber Bruno's Angesicht blieb heiter wie zuvor und kein Laut seines +Mundes verrieth das Vorhaben, von dem sein Herz jetzt einzig erfüllt +war. + +Als die Bewirthung zu Ende war, und man das Rathhaus verließ, gab er +vor, wegen nöthiger Geschäfte hinaus in's Lager zu müssen, und mit +trüglichem Wort ward er eins mit Guido, daß er ihn dort an bestimmter +Stelle aufsuchen möchte gegen Abend, dann selbander in die Stadt +zurückzukehren, das Fest zu beschauen und an der Lust des Volkes Theil +zu nehmen. So trennten sich die Beiden. + +Bruno hatte einen Waffengenossen, der ihm in Allem ergeben war. + +Adelbert wußte um Bruno's Liebe; er wußte auch, daß heute die Flucht +geschehen sollte, und gerne war er bereit, dazu zu helfen. Die Stadt +Bologna hat ein Thor, das ist vor andern klein, und Wenige ziehen +hindurch. Die Straßen, die dahin führen, sind gar enge und einsam, so +auch die Landstraße, wenn man das Thor hinter sich hat. Das däuchte +ihnen am sichersten da hindurch zu entkommen. Weil an dem Tage auch +unter den Rittern und Fußknechten einer auf den andern wenig Acht +hatte, denn nach der langen Belagerung überließ sich Jedermann der +ungewohnten Lust, und keiner mißgönnte sie ihm, so ward verabredet, +daß Adelbert mit Rossen und einem Häuflein Knechten, wenn es würde +völlig dunkel geworden sein, nach dem Thor S. Rocco aufbrechen und +allda seiner harren sollte. + +Zur selben Stunde barg der tiefste Schatten eines Pfeilers der Kirche +des heiligen Petronius Bruno's vermummte Gestalt. Er hatte sich +angethan, als einer, der an der Lustbarkeit theilnehmen wollte, und +auch sein Angesicht war verlarvt. Er drückte sich hart an's Gemäuer +und regte sich nicht. Mit Eifer forschte sein Auge durch das Dunkel, +und so Schritte sich nahten, schlug sein Herz stärker, indeß sein Ohr +ohne Aufhören auf das Getön der Orgel und die Stimme des Priesters +drinnen in der Kirche lauschte, wo man die Vesper sang. Aber seine +Seele war da fern vom Verlangen nach Gott. Sie war nur bei der, die er +jetzt drinnen im Gotteshause wußte und mit der er eins geworden war, +heut zu entfliehen. Hier von dieser Stelle aus sollte es geschehen. + +Der heilige Dienst war zu Ende. Hunderte giengen an dem Harrenden +vorüber, ohne sein zu achten, aber als jetzt zögernd und mit kaum +hörbaren Schritten eine verhüllte Gestalt sich nahte, so bewegte auch +er sich wie mit freudigem Schreck ihr einen Schritt entgegen. + +Als er leise ihren Namen nannte und sie mit heißer Inbrunst umschlang, +fühlte er, wie sie zitterte, und da sie nach kurzem Geflüster jetzt +hinaustraten und das Licht festlich erhellter Häuser ihr Angesicht +traf, so fiel es ihm auf, wie bleich es war und wie schön. Der Stolz +und das Glück, solch ein Weib sich gewonnen zu haben, stählte seinen +Muth und sein Vertrauen zu sich; sein Gang war so sicher und sorglos, +als suchte er keine andere Fröhlichkeit als die, welcher die Menge +nachgieng, die an ihnen vorüber wogte. Manchen neckischen Zuruf mußte +er hören, wie man dergleichen treibt zu solchen Zeiten; er erwiederte +jeden Scherz mit Lachen und beschleunigte seine Schritte. + +Schon hatten sie die Straßen, die am meisten belebt und am hellsten +erleuchtet waren, hinter sich; durch die engen Gassen, die heute noch +stiller waren denn sonst, kamen sie dem Roccothore näher. Bruno +mäßigte Joconda zu lieb seine Eile, denn nachdem sie bis dahin +unerkannt und unaufgehalten geblieben, war er keiner Hinderung ferner +gewärtig. + +Da, als sie in die letzte Gasse einlenkten, die zum Thore führte, +that sich unweit von ihnen die Thür eines Hauses auf, und hervor kam +lärmend eine Schaar Vermummter mit Fackeln und Windlichtern als +solche, die auch noch zum Feste ziehen wollten. Der Ort, da die +Flüchtigen an ihnen vorüber mußten, war gar enge und so geriethen die +beiden in die helle Beleuchtung ihrer Lichter. Alsbald ward Bruno von +dem Kecksten unter ihnen angeredet. + +»Eure Dame, Freund«, rief er, »wird's Euch wenig danken, daß Ihr sie +so früh hinwegführt vom Fest, das schönen Frauen so vieles zu schauen +gibt.« + +»Kehrt um und kommt mit uns!« riefen die Anderen da und umringten die +Beiden, als wollten sie in ihre Mitte sie nehmen. + +Da Bruno ihrer nicht achtete und ohne sich aufzuhalten weiter schritt, +so ward dadurch der Übermuth der trunkenen Gesellen nur noch mehr +erregt. + +»Das macht: er ist eifersüchtig, Nicolo!« sagte wieder einer, »und +mißgönnt Bologna den Anblick seiner Schönen.« + +»Er hat wohl Grund dazu«, erwiederte der Angeredete, »wenn das +Angesicht der Dame hält, was ihre reizende Gestalt verspricht.« + +»O, hebt den Schleier!« riefen sie, und hatten das Ansehen, als +wollten sie Joconda näher treten. + +Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter anschmiegte, so +stieß der mit gewaltiger Faust den, der sich zumeist herangedrängt +hatte, zu Boden, und ein deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem +er durch die nun wieder geöffnete Bahn weiter schritt. Einen +Augenblick waren die Zudringlichen zurückgewichen, aber die Überzahl +und das Gelage, von dem sie kamen, machte sie kühn, und mit dem Ruf: +»Wie! die deutsche Bestie will uns schlagen und wider ergangenes +Gesetz beleidigen?« drängten sie sich auf's neue heran und vertraten +den Weg. + +Da reckte sich Bruno in die Höhe und drohend rief er, daß es laut +erscholl: »Ha, ihr welschen Hunde, wem sein Leben lieb ist, der lasse +uns hindurch!« Und es würde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn er +allein gewesen wäre, aber, wie er die Zitternde an seinem Arme fühlte, +so stund er unschlüssig, ob er jetzt das Äußerste thun sollte seinen +Gegnern gegenüber, die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth +zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gelärme die Straße an +beiden Seiten in Aufruhr gebracht. Lichter erschienen, Fenster und +Thüren wurden aufgethan und eine Menge Neugieriger strömte herbei. + +Da sah Bruno den Augenblick höchster Noth gekommen; während rings um +ihn das Wuthgeschrei wider den Deutschen die Luft erfüllte, umfaßte er +fest Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen. Aber +das wäre sonder Zweifel Beider Verderben gewesen, wenn nicht da vom +Thor aus Rettung gekommen wäre. Denn da dort Adelbert und seine Leute, +die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno zu ihnen stoßen +sollte, nun hörten, wie sich von da Geschrei erhub und vernahmen den +Ruf wider den Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein. +Sie sprengten unter das Gedränge, und unter ihren Hieben rechts und +links stoben die Welschen auseinander. Die nun Bruno bedrängten, wie +sie das neue Getümmel hinter sich hörten und die streitbaren Stimmen +der Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen, +Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen die beiden +Flüchtigen, auf die nun Keiner mehr Acht hatte, Raum, und froh der +ihnen ungedacht gewordenen Hülfe eilte Bruno dem Thore zu. + +Wohl wankten Joconda's Schritte an seiner Seite, aber er wies sie hin +auf die Nähe ihres Zieles, und die Hoffnung belebte ihre sinkende +Kraft. Nun traten sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten +Dunkel, das da herrschte, sah Bruno's scharfes Auge, wie von draußen +eine Gestalt ihnen entgegenschritt. Als sie zum Thore hinaus traten, +gieng diese Gestalt hart an ihnen vorüber in das Dunkel des Thores, +das die Beiden eben hinter sich ließen. + +Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und der Abendhimmel, +wenn auch vom Mondenlicht erhellt, war regentrüb; so konnte Bruno das +Angesicht des an ihm Vorübergehenden nur einen Augenblick sehen. Er +hatte nicht Acht darauf, denn sein Gemüth war auf Anderes gerichtet, +und doch war es ihm, als hätte er in diese Augen schon geblickt. +Verstummte da nicht plötzlich der Hall der im Thorbogen dröhnenden +Schritte hinter ihm? Als er zurücksah im Weiterschreiten, stund, so +schien es ihm, im Thor noch immer die Gestalt, als sähe sie ihm nach. + +Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war eine vorlängst verfallene +Kapelle. Allda sollte Adelbert mit den Rossen und Knechten halten. + +Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren Alle, da der Streit sich +in der Stadt erhoben, von da gewichen, so rief er laut das Wort, bei +dem sie unter einander übereingekommen waren sich zu erkennen, wie man +pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl die Antwort näher +vom Thor her und Bruno gedachte da die Rosse zu finden. Er wandte sich +also zurück und ließ indeß Joconda an der Kapelle. Da er unweit dem +Thore war und auch schon den Tritt der Rosse hörte, die herzu gebracht +wurden, sah er wieder dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des +Thores und noch an derselben Stelle und wieder war's, als suchte sie +nach ihm. Da zerriß eine Wolke und das Mondenlicht ergoß sich hell. +Wie es mit voller Klarheit Bruno beleuchtete, der hier außen vor der +Stadt die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang an sein Ohr +aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei, den er nimmer vergessen hat; +es war ein Schrei des heftigsten Zornes und auch der unsäglichsten +Trauer. Und mit diesem Aufschrei löste sich die Gestalt aus der +Finsterniß der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt, und stürzte +ungestüm auf Bruno zu, der eilend sich den Rossen näherte, welche +jetzt ihm zugeführt wurden. Er wandte sich und sah in des Anstürmenden +Angesicht. Nicht länger als bis man eins zählt, sah er hinein. Aber er +ward von einem Blick getroffen, der so gethan war, daß vor ihm ein +Teufel aus der untersten Hölle hätte zur Umkehr oder der hehrste der +heiligen Engel zu Fall und Verstockung gebracht werden können. +»Bruno!« hörte er sich rufen. Aber er sagte nichts und packte mit +mächtigem Griff den sich zwischen ihn und die Rosse Drängenden. Da hub +sich ein Arm gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch im Nu +hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden, die ihn führte, und stieß +ihn tief in seines Gegners Brust. »Schwester!« rief der mit +versagender Stimme und brach lautlos zusammen. + +Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit welcher der tödtliche +Streich geschehen war. + +Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr Ruf, daß das Fräulein +käme, brachte ihn zu sich. + +Geschwind verhüllte Bruno des Erschlagenen Angesicht, und als Joconda +neben ihm stund und zitternd auf die klaffende Wunde deutete, da sagte +er. »Es galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht, Joconda, oder +seines. -- Hinweg, hinweg!« + +Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos, und er fühlte eine eisige +Kälte in seinem Gebein. + +»Hinweg, hinweg!« riefen da wieder die Knechte und vom Thor her hörte +man Getümmel. + +Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse trugen die Fliehenden +auf verschlungenen Wegen durch die Nacht. Bald hatten sie die Stadt +weit hinter sich. Aber Bruno war's noch immer, als schlüge das Brausen +der empörten Volksmenge laut und lauter an sein Ohr und würden die +Sturmglocken gezogen und ihre ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und +immer vernehmlicher: »Mord, Mord!« + +Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen zu berichten, die nun +folgten, welcherlei sie gewesen sind für die Beiden: Tage der Flucht, +Gefahr und Noth. + +Bologna's Rath und Volk forderte Rache für den Friedensbruch und die +Blutthat. Bruno's Leben ward in ihre Hand gegeben, er ward all' seiner +Güter beraubt und schlagen durft' ihn, wer ihn fände. Mit großem +Verlangen trachtete er darum aus Welschland hinweg und auch weil er +keine Ruhe fand unter dem Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf +seinen Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen ersähe und +deutschen Laut vernähme, wähnte er, würde sein Gemüth sich entledigter +fühlen und frei. Unter großen Mühseligkeiten ward die Flucht gethan. +Aber endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden Rast und +Bergung auf der Burg Adelberts. Allda gedachte Bruno zu harren, ob +etwa der Sache Rath würde und seine Freunde für ihn Gnade erwirkten +beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war, gelangte Zeitung an ihn, +daß das Urtheil wider ihn bestätiget und all' sein Lehn vom +kaiserlichen Vogt eingenommen wäre. Da zeigte es sich, was die treue +Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das Ungemach zu fühlen, +was Bruno bereitet war; ja sie theilte seine Sorgen, als trüge sie den +größeren Theil der Schuld daran, und über das eigene Elend ließ sie +nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele durch solche Geduld +mächtig ermuthigt und durch ihre Zuversicht, darin sie nicht wankte, +daß bessere Tage nahe wären. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem Bruder +hinkehrte, was wohl täglich geschah, und dabei gedachte, wie gewißlich +sie hoffte, er würde ihr noch verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob +von ihm noch keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno's Seele +jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes Wort ward wieder +laut in seinem Herzen, das die Sturmglocken Bologna's ihm nachgerufen +hatten in der Nacht, da die Flucht geschah. -- Dann wandte er sich und +sein Blick ward finster und immer finsterer, je beweglicher sein Weib +ihm Trost zusprach; denn sie wähnte, das sehnende Verlangen der +Freundschaft nach Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm +den Muth also. Bruno aber, wie oft er's auch beschlossen hatte, und +wie gewiß er erkannte, daß es einmal geschehen müßte, gewann das Herz +nicht, ihr zu sagen von Guido's Tod. + +So kam der Herbst heran, und wie den Beiden der gute Bote noch immer +verzog, so wollte Joconda nicht länger leiden, daß Bruno ferner in +träger Ruhe seine Tage versäße und allein fremder Hülfe harrete. Wenn +er selber sein Vermögen brauchte, so würd' es nicht vergeblich sein; +oder warum sollte für ihn kein Mitleid vorhanden sein, der bis dahin +so werth gehalten worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber +nicht unbekannt geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde geworden +war, daß die Majestät zu Costnitz Hof hielt, so lag Joconda ihrem +Gemahl mit vielen Bitten an, dahin zu ziehen, als Bittender seine +Sache zu betreiben, Sühne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier +ihm eine Bußfahrt, die da ihm zu thun vorhanden war, und schwer ward +es ihm, den stolzgewohnten Sinn dahin zu kehren. Denn er mußte ohne +Geleit ziehen und verhohlen, daß es nicht schiene, als gedächte er +sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das ihm gesprochen war. +Sein Weib wollte nicht von ihm weichen in keiner Fährniß und Noth und +zog mit ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf dem Wege +waren, kam ihre Stunde. In großen Schmerzen gelangte sie, von Bruno +geführt, in eine Höhle, die sie da erspähten, denn sie wanderten im +Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als Bruno mit Weh und Wonne +das feine Knäblein in seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal, +gestaltet wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes, doch +sagt' er nichts. + +Wie groß nun die Noth in jener Höhle war, läßt sich leicht ermessen, +und Bruno, da er sah, daß er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter +Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu werden. Der Fürst +der Höllenschlünde sandte ihm einen bösen Geist des Unmuths und der +Ungeduld. + +Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten Engel, das Banner der +Hoffnung, des Heils und der Ehre ihm fürzutragen. Selber im Elend zu +sein und im Ungemach auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher Sinn +gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie das Kind, das sie +gewonnen, in gleiches Weh verschlungen sah, verzagte sie, und gegen +die mütterlichen Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft. Da +hört Bruno sie oft, über ihr Kind gebeugt, weinen und desselben +jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat er nicht hinzu, ihr Trost zu +sagen mit liebem Wort, sondern er wandte sich hinweg mürrisch, daß sie +vor ihm ihren Jammer ausließe, der wohl gleich sehr zu klagen hätte +oder mehr. Und einst in solcher Stunde, da sie ihres Bruders gedachte, +und wie er ihrer Noth sich gewißlich erbarmen würde, da murmelte er, +die Hoffnung auf Guido wäre verloren. + +Joconda sah ihn fragend an. + +»Der Todte, dessen Anblick vor Bologna's Thor Dich erschreckte« -- hub +er an, und finster waren seine Brauen zusammengezogen, da er redete. + +»War mein Bruder?« schrie sie auf. + +Bruno nickte und sah zur Erde. + +»Und Deine Hand war's, die ihn schlug?« keuchte sie schwer athmend und +richtete sich hoch empor. + +»Die Liebe zu Dir bezwang mich also, daß ich's that,« sagt' er, düster +blickend wie vorhin. + +»So Fluch Deiner Liebe!« hört' er sie rufen, und schrecklich klang +ihre Stimme. -- »Fluch Deiner Liebe, Fluch jeder Augenweide, damit ich +geschmückt war, sie zu wecken, und Fluch jeglichem Wort und Lächeln, +dadurch das höllische Band sich knüpfte!« + +»Halt ein, Joconda!« rief Bruno entsetzt. »Du fluchst Dir und unserem +Kinde dort.« + +Da war sie mit einem Sprunge hin zum schlafenden Knaben, riß ihn vom +Lager und umschlang ihn fest mit ihren Armen. So stund sie drohend, +der Löwin gleich, die ihr Junges vertheidigt. »Nimmer soll dies Kind, +das Deine Blutthat mit dem Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat, +Dich mit dem süßen Vatersnamen rufen lernen, den Du mit Trug und Mord +Dir erschlichen; und zuvor müssest Du mich erschlagen wie meinen +Bruder, ehe Deine Mörderhände je wieder den Knaben berühren oder +mich.« + +Er wagte nicht, sich ihr zu nähern, noch Antwort zu geben auf ihre +wilden Worte; ihre Blicke schienen ihm wie Blitze, daß er nicht zu ihr +aufzusehen vermochte. Aber flehend streckte er seine Arme aus nach +ihr. + +Da stürzte sie, als litte ein Grauen sie nicht mehr nahe bei ihm, ehe +er's hindern konnte, an ihm vorbei hinaus in die Wildniß. + +Als er mit Schrecken ihr nacheilte und sie mit Namen rief, wandte sie +sich und rief: »Wag's, mir zu folgen, so wird der Abgrund hier zu +meinen Füßen mich und das Kind zerschellen.« + +Und er zweifelte nicht, wie er sie sah, daß sie thun würde nach ihren +Worten. -- Als ob eine neue Kraft ihr verliehen wäre, klomm sie +behende, dem gescheuchten Wilde gleich, den Bergeshang hinan, und +droben auf vorspringendem Felsgestein sah sie noch einmal hernieder, +bog ihr Haupt, das wirr das schwarze Haar, vom Winde aufgelöst, +umwehte, zurück und reckte ihren Arm abwehrend gegen den Genossen +ihrer Schuld. Dann hub sie das Kind, das sie trug, hoch gegen den +Himmel und war verschwunden. -- + +Bruno hat Tage und Nächte nach ihr gesucht, gerufen, geweint; aber nur +die Felsenwände hallten ihren Namen zurück. Er hat sie nie wieder +gesehen, noch erfahren, ob die Beiden in der Einöde des Gebirgs +verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum Raub geworden +sind, oder ob die Mutter sich und ihrem Kinde eine Ruhstatt gefunden +hat. Da hat auch Bruno seinen Namen erlöschen lassen im Gedächtniß der +Menschen und für sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden und +sein Herz zur Buße zu kehren, daß er der Hölle im Tode entfliehen +möchte. + +Die Höhle aber nieden St. Wigbert's Kirchlein mit der Klause, darin +jetzt ich hause, Diether, die ist's, darin sich zutrug, was ich Dir +erzählte, und hier auf dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib +zum letzten Mal mit der Gebärde des Grauens vor ihm und des Flehens um +Erbarmen zu Gott für ihr Kind. Und der Ring, den Du fandest, ist +Joconda's; sie hat ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen +ihrer schuldvollen Gemeinschaft. -- + +Und nun weißt Du, Diether, warum ich Dich bat, der armen Seele vor +Gott zu gedenken, von der Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und +das Thierlein daneben.« + + +Allhier endet die von Brun erzählte Geschichte. + + +»Gnade der milde Christ nach seiner Gütigkeit denen Allen, so in +Unglück gerathen sind -- und uns!« sagt' ich, und gar sehr war ich +bewegt im Herzen von der Geschichte, die ich gehört hatte. + +Wohl trieb's mich, noch ferner mit Brun davon zu reden, und von Bruno, +was denn aus ihm geworden, ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich +ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund auf und sagte: +»Auf, Diether! -- Schon ist Mitternacht vorüber, denn sieh, der Mond +neigt sich auf seiner Bahn dort den Bergen zu. Kühl hat sich der +Nachtwind aufgemacht und der Thau fällt stark. Lang' schon solltest +Du, junger Knabe, unter Dach geborgen sein.« + +Und so stieg er mir voran den Bergeshang abwärts. Wie wir schweigend +giengen und über uns die Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter, +bald leiser und sich gegen einander bogen, und unter uns die Wellen +brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer murmelnd, war mir's, +als erzählten auch sie sich in der Sommernacht die traurige Mär' von +dem ewigen Geheimniß des Menschenherzens, das wähnet, das Paradies zu +gewinnen, und die Schmerzen der Hölle sich bereitet. + +Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der Klause. Ich weiß nicht, +wie mir da geschah und ob ich schon eingeschlafen war oder just die +Augen zum Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir stehen und +unverwandt mich betrachten. + +Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte seine Hand, mich zu +berühren. Dann wich er wieder ein wenig zurück, als scheute er sich zu +thun, wozu doch sein Sinn ihn zog, oder er fürchtete, ich möchte +erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile ließ er ab von diesem +Streit. Aber eine größere Unruhe schien in seiner Seele sich +anzuheben. Es war, als ob mein Anblick davon die Ursache wäre. Er sah +noch einmal lang' nach mir hin, schauderte dann jählings zusammen und +sank in seinen Sitz nieder, sein Angesicht von mir gewendet und mit +beiden Händen verhüllend. + +»Nein, nein, HErr!« hört' ich ihn murmeln. »Nicht dieses Bild jetzt +neben die süße Erinnerung!« + +Ein breiter Strahl des Mondes drang durch das dichte Gitter der Bäume +draußen und das kleine Fenster und glitt durch den engen Raum hin zur +Wand dem Alten gegenüber. Wie es dort hell das Bild der Gottesmutter +umspielte, ward sein Blick, da er sein Haupt wieder erhob, dorthin +gelenkt. Irgend etwas an dem Bilde mußte ihn erschrecken. Denn er +erzitterte auf's Neue. Und doch konnt' er nicht widerstehen, dahin zu +blicken, was der lichte Schein ihm wies. + +»Und Du drohest immer wieder«, sagt' er dabei mit Flüstern, »und ewig +blutet die Wunde?« + +Da sah ich ihn aufspringen und das Schwert aus der Seite des Bildes +ziehen, darin es stak. Er trat damit in das Licht und ließ den Stahl +darin blitzen. + +»Ja«, rief er dann mit leisem Stöhnen, »sie sind noch immer da -- die +blutigen Flecken, und keine Zeit hat Rost genug, sie zu verzehren!« + +Und jetzt schwang er die Waffe mit wilder Gebärde, und es hatte das +Ansehen, als wollt' er sie gegen sich selber richten und es schüfe ihm +Mühe, davon abzulassen, und ich hört' ihn dabei klagen: »Verloren all' +-- all' verloren!« + +»Hilf, Herr!« dacht' ich. »Er ist von Sinnen kommen!« und richtete +mich in die Höh'. + +Da wandt' er sich und wie er mich ersah, schüttelte er heftig sein +Haupt, streckte die Arme gegen mich und rief mit drohender Stimme: »Du +da? Du bist der Bringer schrecklicher Dinge! Du weckst auf zur +Mitternacht, was mit Mühe begraben war!« + +Und als ich weiten Auges und sprachlosen Staunens voll nach ihm +blickte, rief er wieder: »Sieh nicht so her mit diesen Augen! Es ist +nicht! Es ist Lug auch dies, und nimmer heilt die Wunde!« + +Aber plötzlich sprang er auf mich zu, und, eh' ich's hindern konnte, +hatte er von meiner Schulter das Linnen gestreift, das ich trug. Als +er, die Waffe in der Hand, sich dicht über mich beugte, wähnt' ich +nicht anders, denn daß der Rasende mich morden wollte. Und ich schrie +laut. + +Im selben Augenblick aber war er zur Seite meines Lagers in die Knie' +gesunken und seine Arme hielten mich umschlungen. »O Gott, o Gott!« +rief er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes. Und seine Hand +strich mir kosend über Stirn und Wangen und seine Thränen tropften auf +mich nieder. »Schlaf, Diether, schlaf!« sprach er wieder, »kein +Schrecken des Ortes müsse Dir nahen, und Engel des Friedens müssen +Dich beschirmen.« + +Darnach ergriff er meiner Hände eine und hielt sie an sein Herz, als +würde von der Berührung der Sturm sich legen in seiner Seele. Als er +so gethan, beharrte er eine Weile, wie mich däuchte, im Gebet, +bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng der Thür zu. Bevor +er hinausschritt, kehrte er sich noch einmal zu mir und sagte wieder: +»So schlaf denn, Diether! und zürne dem Alten nicht um sein wirres +Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst, es ist vorüber.« + +Aber wie hätt' ich nach dem Allen vermocht, jetzt nach seinem Wunsch +zu thun. Mich trieb's dem Alten nach zu seh'n. Ich erblickt' ihn +durch's Fenster, wie er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das +Wasser breiter und stiller dahinfloß als anderwärts. Dort stund er +eine kurze Weile unbeweglich und warf die Waffe, die er mit sich +genommen, hinab in die Tiefe. Vorgebückt sah er ihr nach, wo sie +versunken war. Dann gieng er festen Schrittes die Höhe hinan. Ich +konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm. + +Aber da ich leise das Fenster geöffnet hatte und, wie ich mich +hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer des Tages über die Berge +aufdämmern sah, tönt' es wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald +unterschied ich heilige Klänge und Orgelton. + +Da trat ich hinaus. + +Laut und lauter ertönte der Gesang und deutlicher erscholl der +Orgelton; und jetzt schwangen sich die Töne auf, wie nächtliche Nebel +aus der Tiefe zu lichten Morgenwolken werden, und ich hörte +vernehmlich den Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt' auch +ich ein und sang die sel'gen Klänge mit. Da schienen mir die +Waldvöglein, die davon erwachten, auch mit uns Gott zu loben in ihrer +Weise; und wie ich hinaufsah nach St. Wigbert's Kirchlein, gieng der +erste Sonnenstrahl über sein Dach, die nächtlichen Schatten entflohen +und ich grüßte das süße Licht. + + + + +Sechstes Kapitel. + +Widerstreit. + + +Gewißlich ist's nichts Sonderliches, daß ein müßiger Mann den +Sonnenstrahl betrachtet, der durch's Fenster strömt und die Stäublein +darin, wie sie hin und wieder schweben. Und ich durfte müßig sein in +jener Nachmittagsstunde, da ich im Chor unserer Kirche ins Gestühl +niedersaß dem Bilde gegenüber, das ich eben vollendet hatte. Es war +die Nachmittagsstunde eines heißen wolkenlosen Sommertages, unlange +vor dem Feste St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die Luft +fast schwül, draußen regte sich kein Laub, und nur das Flattern +geängsteter Schmetterlinge unterbrach die Stille, die durch die Wärme +aus ihren Puppen heute hervorgelockt sein mochten und nun, die +Freiheit suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil sie die +bunten Gläser für leuchtende Blüthen hielten. Sonderliches also war es +nicht, daß ich malmüder Mann der sommerlichen Ruhe rings umher +behaglich mitgenoß, die Hände ineinander gelegt hielt und den +spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drüben vom Fenster her hart +neben mir auf das Schnitzwerk am Gestühle gieng. Doch ich betrachtete +ihn und betrachtete ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran +haften, aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen wie eine +Brücke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher er kam: hinaus in die +Weite. Allda besuchten sie manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob +derselbe Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen +hier in der Kirche vor sich sahen. + +»Zeuch in Frieden zurück in Dein Kloster!« hatte Brun gar freundlich +zu mir gesagt zur Letze, da wir schieden, und hatte wie zum Segen +seine Hand erhoben. -- »Zeuch zurück, Diether, in Deinen Frieden, und +auch die Erinnerung an all' das, was Du auf Deiner Fahrt hier bei mir +und anderswo erlebt, störe ihn Dir nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu +gewohnter Pflicht. Überhöre keinen; und in solchem Gottesdienst wird +Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im Ernst und in der +Mühe, sie wird Dir nicht verleidet werden durch ungeduldiges +Hinausschweifen in die Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit +hinter Dir liegt, Dein Wünschen und Wähnen zu eig'ner Qual gefangen +nehmen!« Dann hatt' er mir auch gesagt, ich sollte die Aventiure, so +mir begegnet war, und all' meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir +auch ursprünglich bestimmt gewesen: als etwas, das nicht mich +angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern allein nur meine Kunst, mit +ihr desto besser Gott zu dienen. + +Nach solchem Rath hatt' ich denn treulich gethan, und mich däuchte, er +war mir trefflich gediehen. + +Ich hatte mir fürgesetzt, von Allem, was sich mit mir zugetragen +hatte, so es möglich wäre, gegen Niemand im Convent zu reden: ich +würde denn gedrungen dazu. Denn ich wußte wohl, daß dann des Fragens +kein Ende sein würde, auch des Spottes nicht und des Verdachts. Nur +wie ich vor Abt Albrecht bestehen sollte mit meiner Beichte, wenn er +mich vor sich erfordern würde zur Rechenschaft von meiner Reise und +von dem, was ich ausgerichtet -- das schuf mir Noth. Mein Bleiben auf +Elzeburg, und daß ich mir die Verwechselung so lang gefallen ließ, die +Ursach' auch, aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den zween +Fahrenden: wie konnt' ich denken, dies Alles dem Gestrengen so +glimpflich fürzubilden, auch wenn ich dabei der besten Kunst brauchte, +die ich vermöchte, daß er darob seine Gunst nicht von mir wendete, +mich hart anließ' und gar in die Geißelkammer schickte zur Pön und +Büßung. + +Damit aber war es mir viel besser gerathen, als ich mich deß versehen +hatte. Denn da ich wieder gen Maulbronn kam und in den Klosterhof +trat, und die Brüder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so +Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von allen Seiten hörte: +»_Salve, Diethere!_« oder: »_Quid novi?_« oder: »Heah, Diether, wie hast +Du ein ander Aussehen gewonnen auf der Fahrt!« und da beinahe ein +Getümmel entstund von der Menge der Herzulaufenden und dem +»Diether«-Rufen -- so merkt' ich allsogleich, daß es heut an Abt +Albrecht's Regiment fehlen müßte, denn es war die Stunde des Tages, da +sonst keiner der Brüder, zwingende Ursach' ausgenommen, sich in Hof +und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich denn des Abtes drohende Gestalt +nirgend aus einer Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah, +fragt' ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, daß er, hochwichtige +Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen Pforzheim gezogen wäre, +allda mit etlichen hohen weltlichen Herren zu handeln, die sich +unterwunden, unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, dem +er zumeist vertraute, wäre auch mit ihm, und so möcht' ich mich um +deswillen nichts besorgen, sondern unter ihnen bleiben und von meiner +Fahrt erzählen. Da sagt' ich ihnen, vom weiten Wege wär' ich übermüde, +und ob sie nicht wüßten, daß zu dem Willkomm', damit man den Waller +begrüße, bevor Allem sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete. +»Und wenn Ihr mir die gegönnt habt«, sagt' ich, indem ich dem +Refectorio zuschritt, »so seid gefüge und laßt mir heute die Ruhe, die +ich Wegmüder wohl mir verdienet habe.« Da meinten Etliche, ich wäre +wohl gar stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man sähe, +daß ich in des Bischofs Pfalz die höfischen Sitten erlernet hätte. + +Nun ward mir nicht um ein Kleines sänftiglicher zu Sinne, daß ich +dergestalt heut und morgen des Erscheinens vor des Abtes hellem Auge +überhoben war; und wie ich mich der Brüder, sonderlich der Neugierigen +unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von meinen Aventiuren nichts +zu verrathen, auch dazu ward mir Rath. Denn andern Tages früh, +sogleich nach der Matutin, überkam ich den Befehl, den der Abt für +mich zurückgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner Fahrt +heimgekommen, schier ungesäumt mich an mein Malwerk in der Kirche +machen und dasselbige also fördern daß die Verzögerung, so ihm durch +mein Abwesen widerfahren, nach Möglichkeit wiederum eingeholt würde. + +Behender, dünkt mich, bin ich nie auf's Gerüst hinangestiegen, als +dazumal, und lieber hab' ich nimmer darauf mit Stift und Pinsel +geschafft, noch eifriger. Und das nicht allein darum, weil ich, so +lang' ich droben weilte, vor aller Bedrängniß durch lästige Frager +geborgen war; -- denn Niemand durfte mich aus sonderlichem Untersagen +des Abts da heimsuchen, er mußte denn zu Hilf' und Handreichung von +mir begehrt sein -- sondern ich erfand auch eben da, wie weise Brun +bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch trefflicher wies sein Rath +sich mir aus, als er wohl selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit, +dazu jeder Tag mich rief, lenkte freilich all' meine Gedanken auf sich +und forderte mein Vermögen, es gänzlich daran zu kehren. So wurde mein +Gemüth vom unruhigen Schweifen durch sie heilsam zurückgehalten. Aber +da bewies Frau Kunst an mir Unmüßigem noch eine besondere Tugend. Denn +sie versagt denen, die sie meinen und minnen, nichts von Allem, wonach +sie Herze tragen, und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen +darnach und seiner Unlust. -- Sie läßt die Seele der Dinge, daran sie +hängt, genießen, als wären sie beständig gegenwärtig, und kein Herbst +drohte den Blüthen und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen; +damit mein' ich gar nicht, daß die, so einer edlen Kunst rechte Jünger +sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid und Mühe in der Übung +solcher Gabe nicht kennen: der Wiederhall von der Menschheit Weh und +Wonne, ja von Himmel und Hölle ertönet wohl lauter in ihrem Herzen als +in anderen; aber das sag' ich, daß die Bilder der Dinge in ihrem +Gemüth sich spiegeln können in all' ihrem unterschiedlichen Licht und +Glanz, und dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern in der +Stille bleiben kann und edlen Freiheit. + +Also, ist mein Wähnen, geschah auch mir in jenen Wochen nach meiner +Wiederkunft, da ich das Bild malte im Chor vom englischen Gruß. Ohne +Absicht gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den draußen +erlebten Maientagen in der Seele trug, und je eifriger ich allen Fleiß +zu meiner Arbeit kehrte, desto näher brachte sie mir das Erlebte, und +Vergangenheit und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins +zusammen und störten sich nicht. Da geschah's auch, daß, wie ich die +sel'ge Gottesmutter auf das Bild gebracht hatte, die hehre Fraue +Irmela's Züge an sich trug, und ich hielt's nicht für sündlich, +sondern setzte mit Freuden die Glorie um's Haupt aus lauterem Golde; +denn ich gedachte, daß wir ja auch das Heiligste nicht anders bilden +können, als indem wir Gottes Creatur dafür zum Gleichniß erkiesen. Ich +malte aber auch unter das Laub, so die heilige Maria überhängt, ein +Gezweig blühenden Flieders und zu der Lilie im Gefäß that ich ein Reis +mit röthlich schimmernden Apfelblüthen. Solches und Anderes fügt' ich +hinzu, nach dem Bildniß, das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte. + +Als es nun Alles vollendet war, mit größerem Fleiß und eifrigerem +Trachten das Beste meines Vermögens zu thun, als ich je zuvor an ein +Bild gekehrt, däuchte mich's wohl gerathen und ich dachte: »Was +gilt's! Schwerlich hätte Abt Albrecht dem welschen Bilde, nach dem er +mich ausgesandt, eine bessere Zierde für unsere Kirche verdankt, als +er nun gewonnen hat!« + +Mit solchen Gedanken saß ich nieder in's Gestühl an jenem Vormittag +mit dem Behagen Eines, der sein Werk vollbracht hat und nun ganz der +Ruhe genießt. Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg +vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten Mal nach meiner +Heimkunft, dünkt mich, stieg in mir die Frage auf, ob ich wohl für +immer von dieser bunten Welt draußen und von Elzeburg und ihrem +Ingesinde sollte geschieden bleiben. Irmela's Zuversicht kam mir in +Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden die Hand bot, daß +sie mich um die Sonnenwende zu Speyer wieder zu sehen gedächte, als +ihrem Ohm gesindet. Ich mußte auch gedenken, wie sie sagte, sie +verhoffe noch manche Lieder von mir zu hören und fröhliche. »Wie wird +sie sich verwundern«, dacht' ich, »wenn sie vernimmt, ich sei +entschwunden«, und ich fragte: »ob sie dann auch meiner Bitte sich +erinnern wird, die ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?« Und +ich wünscht' es mir also. -- »St. Johannistag ist nahe«, dacht' ich +wieder, »nun wird das Mägdlein auf sein gen Speyer; leichtlich ist sie +schon allda. In der Kurzweil' und im fürstlichen Glanz des Hofes wird +sie die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen haben -- und, +eitler Diether, noch bälder Dich!« + +Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, denn er, so schien's mir, +lockte meine Gedanken auf diese Bahn, und ich beschloß, solchem Sinnen +nicht ferner nachzuhangen. Brun's gedachte ich und seiner Mahnung, da +er mich von sich ließ; ich gedachte auch der traurigen Geschichte, die +er mir erzählt hatte. Wie war er doch selbst von ihr so bewegt worden +und wie eindringlich warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich +ihn so gar verändert und erschreckend gesehen, hatte er Alles dessen, +was er da gethan und gesprochen, nicht mehr gedacht, als wär' es von +ihm vergessen wie ein Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten +hatte er meine Lust gelobt in's Kloster zurück und sie gemehrt. Auch +hatt' er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen nicht aufgespart +bleiben, bis ich auf's Neue eine Verwandlung leiden und die Flucht +geben müßte, denn dann würd' er und gewißlich ich auch sie nimmer +wünschen; sondern um meinetwillen wollt' er unterweilen aus seiner +Waldestiefe herfürtauchen und mich heimsuchen im Kloster. Einem alten +Waldbruder würde der Convent den Eingang nicht versperren. Um den +Johannistag wollt' er mich sehen. Dessen gedacht' ich jetzt und wie +übelgethan es von mir wäre und Zeichen eines unverständigen Sinnes, +wenn ich des treuen Berathers vergäße, den ich mir gewonnen hatte, und +außer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas mehr begehrte, +als was sie mir droben für mein Bild eingebracht hatte. -- »So will +ich denn«, sagt' ich bei mir, »in dieser Sommerzeit nur des Alten +harren und sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt das +Sonnenlicht mir gezeigt.« + +Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte die Kirche zu verlassen, +als ich im Laienchor feste und eilige Schritte hörte, und gleich +darauf durch das Lettnerpförtlein Abt Albrecht und hinter ihm der +Prior sichtbar wurden. Er war immer ein Herr von wenig Worten, und so +mocht' er auch von Andern keins zum Überfluß hören. So fragt' er nach +kurzem Gruß allsogleich, wie's mir mit dem Bilde gerathen wäre. Ich +verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das Werk aufmerksam und +rief dann nach kurzer Weile: + +»Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und an dem Eifer, mit +dem Du daran geschafft hast, vermerke ich mit Freuden, wie fördersam +Dir die Reise gewesen ist. Zwar«, fuhr er fort, » ich sehe, Du hast +von dem Deinen hinzugethan, aber ausbündig herrlich muß das Muster +sein, nach welchem Dir hier dies Bild unserer lieben Frau gelungen +ist, und nicht zuviel nach meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des +welschen Meisters gerühmt.« + +Und er betrachtete wieder das Bild. + +»Wir sind wohl zufrieden mit Dir«, sagt' er dann noch, indem er sich +zu mir kehrte -- »erwarten nun aber, daß Du nicht minder Eifer und +Kunst an dem Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist. +Hier, weißt Du, sollen die heil'gen drei Könige fürgestellt werden +(und er zeigte auf die Stelle der Wand), wie sie gezogen kommen, den +Gottessohn anbeten und ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether, +das Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn Du Profeß thust, muß +zu mehrerer Ehre solcher Feier all' diese heil'ge Zier von den Wänden +auf Dich herniedersehen, der durch Gottes Gabe und Gnade sie dahin +gebracht hat.« + +»So eben zur Stunde, ehrwürdiger Vater«, sagt' ich bescheiden, »hab' +ich das Letzte dort am englischen Gruß gethan.« + +»So ruhe heut«, sagt' er wieder, »und heb morgen mit den heil'gen drei +Königen an.« + +»Noch weiß ich nicht, wie ich's am Besten angreifen mag, und die +Königliche Pracht fürzubilden dünkt mich schwer zu sein, der ich des +ritterlichen Wesens wenig erschaut habe.« + +»Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel Deinem Auge kund +worden auf Deiner Fahrt, und wie hier am englischen Gruß der Gewinn +spürbar ist, den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so verhoff' +ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus dem Morgenlande noch mehr +davon sichtbar werden. -- Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit +gewährt, durch Feld und Wald zu streifen. Brauch' solcher Muße, dem +Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es nur erst in Deiner +Seele lebendig, so werden die Hände bald nachfolgen, es zu gestalten. +Nur zögere nicht und laß Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch +Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten ist, darüber +sollst Du mir berichten, wenn ich Dich mit Nächstem darum vor mich +fordere. Denn zur Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.« + +Damit winkt' er seinem Begleiter, hub zu Gruß und Segen die Hand gegen +mich, und als ich aufsah, schritten sie schon das Pförtlein hinaus, +durch das sie gekommen waren. + +Da verließ auch ich die Kirche. Nach des Abtes Rath und dem Antriebe +meines eigenen Herzens eilt' ich die Klostermauern hinter mir zu +haben. Wacker waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt gen +Bretten, und doch hatt' ich kein Ziel. Mich trieb's nur zur Bewegung, +und zu rasten wär' mir unmöglich gewesen. Und ob ich gleich mit allem +Fleiß mein Gemüth dahin zwang, über das Bild zu sinnen, das ich +allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir damit nicht, meine +Gedanken zur Ruhe zu bringen und zum stillen Aufmerken, wie meine Hand +das Alles gestalten möchte. Sondern immer wieder schweiften sie hinaus +und zurück in die Welt, der ich ungedacht eine Weile zugesellt gewesen +war. Ja, das Sinnen über das Malwerk selber, so mir aufgetragen war, +half ihnen heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen +Waller fürstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen den reisigen +Troß; immer wieder waren es da Gestalten von Elzeburg, die dahin +zogen, zierlich geschmückt, und dann schienen sie mir mit ihren +Fähnlein zu winken, als grüßten sie herüber und riefen: »Irmela der +Herrin fahren wir entgegen!« Dann war's, als müßt' ich selber mich zu +ihnen gesinden und ich sähe mich da auch unter dem Troß. + +Da sprach ich zu mir: »Diether, es taugt Dir heut hier außen nicht, +mach' Dich zurück in die Abtei, schleuß Dich ein in Deine Zelle, nimm +Kohle und Stift zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf's +Papier, so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen!« Aber dem +Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren, schritt ich +fürbaß, als würde ich vor mir stärker gelockt. + +Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende und lenkte zwischen +felsigten Bergen in ein Thal hinein, das mit grünem Wiesenplan gar +freundlich sich vor meinen Blicken aufthat. Hier wandelt' ich zumeist +schon im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden Sommertages +milderte, indeß droben auf den Höhen das röthliche Gestein, von hellem +Grün dicht belaubten Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto +leuchtender herniedersah. Mir zur Seite floß ein rauschendes Wasser. +Seine Wellen hüpften in Sprüngen dahin, als lüden sie mich ein +auszuschreiten ihnen nach, und wüßten mir noch Schönes zu zeigen. Und +fürwahr! darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich das Thal +hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild auf, unmaßen lieblich dem +Auge anzusehen. Hier waren die Bergzüge noch höher, aber sie stiegen +zu beiden Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als wollten +sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein Dörflein genommen. Das hieng an +der Lehne eines waldigen Hügels, aus dem ein Felsen steil +emporstarrte. Auf diesem Felsen ragte eine bethürmte Burg, gar trutzig +über die Dächer unten hinausschauend in die Ferne, dem wachsamen +Hirten gleich, der sich bewehrt hat, seine Heerde vor dem Wolf zu +schirmen. So friedlich und sicher lagerten sich hier die Häuser an den +Bergeshang, der die Burg trug, dicht zusammengedrängt, und nur hie und +da lugte noch ein Dach weiter unten im Thal zwischen breitwipfligen +Nußbäumen hervor. Rebenpflanzungen und Ackerfelder bis oben an den +Waldrand der Berge, wohlbestellte Gärten und fette Weiden um's Dorf +her bezeugten, daß es diesem Winkel der Erde nicht am Segen des +Himmels, noch am Fleiß der Menschenhände fehlte. + +Froh überrascht von dem unerwarteten Anblick hielt ich meine Schritte +an. Noch besser sein zu genießen, klomm ich einen Pfad hinan, der die +Höhe aufwärts führte zur Seite meines Weges. Da gewann ich bald vom +Vorsprung eines Felsens ein herrliches Lugaus. Burg und Dorf und +Gärten und Wiesen, in vielen Schlingungen vom fließenden Wasser +durchzogen, und weiterhin ringsum die Höhen, hier sanfter +anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich prangend +mit reifenden Saatfeldern und weitästigen Obstbäumen, dazu die +mächtigen Waldungen, die oben die Bergrücken bekrönten und auch, wo +Schluchten und Klüfte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten: +Dies Alles übersah ich nun mit einem Blick und es däuchte mich, als +schaut' ich ein Bild, gemalt von des besten Meisters Händen. Da zog +sich auch der Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen und +Gärten an dem Burgberg vorbei in das Dörflein hinein. Drüben, wo es zu +Ende war, ward er wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausführte, das +da als in einem Bogen sich abschloß. Die Straße theilte sich dort, so +daß ein Arm zur Rechten des Wassers blieb und mit diesem zugleich, +sich allgemach krümmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil +aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen Wiesengrund +linkswärts zweigte sich von dem ersten Weg ein zweiter ab; den führte +eine stattliche Brücke über das Flüßlein, und darnach schien er in das +Gebirg gen Mittag hinaufzuleiten. -- + +Wie ich so all' dies mit Muße von meiner Höhe aus betrachtete und +mich recht eine Freude durchdrang über die stille Herrlichkeit der +Gotteswelt vor mir, da ward mir's gewiß: Dies wäre mir nicht +vergeblich gezeigt. »Könntest Du«, sagt' ich zu mir, »Etwas ersinnen, +was wohlgefälliger anzuschaun wäre und würdiger, die Stätte +vorzustellen, da die heiligen Könige dem Gotteskinde und seiner Mutter +begegnen -- als hier dies bergumschlossene Gefild? He, Diether! Nun +präge Dir all' diese Augenlust recht tief ein in Dein Gemüth nach +Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der Abendstern schon +erblinkte und schickte seine Strahlen von dort oben: auf eine minder +wonnesame Welt, wähn' ich, säh' er nicht hernieder, als damals der +Wunderstern, der über Bethlehem stille stund.« Solches sagt' ich zu +mir und ließ meinen Blick über Alles wandern, was da zur Weide vor ihm +ausgebreitet war. Drüben vom Abend her, wo der Weg hinausführte aus +dem Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig +auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes herein und +streifte die Baumwipfel des Waldes und traf auch die Zinnen der Burg. +Von da, dacht' ich, sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die +Helden der Gottesminne geleitet, und wie würden sie voll Freude +jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ersähen. Und wieder +stellten sich die Gedanken von vorhin ein, wie ein erwünschtes Ding es +doch wäre, wenn ich selber da heute so mitreiten könnte über Berg und +Thal, und zöge durch die geschmückte Welt zur Sommerzeit. -- + +Träumt' ich da, oder befieng ein Zauber meine Sinne, der mir zum +Spott vor's Gesicht brachte, was doch nicht war?! Denn siehe! Dort +drüben auf dem Wege zum Thal hinein kam's hervor, zuerst nur +undeutlich zu sehen zwischen den Waldbäumen, dann glänzend im +Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche Reiter voran und, wie ich am +blitzenden Zierrath erkennen konnte, den Mannen und Rosse trugen, +herrlich geschmückt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu sein, +denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet; sie trugen ein +Banner, und von den Häuptern ihrer Pferde nickten bunte Federbüsche; +ihnen folgten gewappnete Knechte zu Fuß und andere reitend auf Rossen, +die auf's Zierlichste aufgezäumt waren. Darnach kamen Ritter und +Herren, alle prächtig angethan, nicht gerüstet, sondern als hätten sie +sich einem Feste entgegengeziert und an Seide, an Sammet und an +köstlichen Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen war auch +Einer, der saß gemächlich auf weißem Zelter: nach Hut und Gewand sah +er aus wie ein hoher geistlicher Herr; Diener führten sein Thier. Nach +diesen kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Geräth hochbeladen, +wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu Gezelt und Küchenwerk bestimmt, +und letzlich zog ein bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich +allweg solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es etwas zu +schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt. So entfaltete sich dieser +Zug, aus dem Walde herfürkommend, und war nun ganz sichtbar auf dem +Wege, den er erfüllte. + +Schon wähnt' ich, sie würden ihre Fahrt etwan hinein in's Dorf nehmen +und hinauf zur Burg oder an mir vorüber; aber da sie an die Scheide +des Weges gekommen waren, wandten sie sich linkswärts zur Brücke und +zogen da die Straße quer durch's Thal in das Gebirg' hinauf. Staunend +ruhte mein Auge auf all' der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie +ich zuvor ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel +möglich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus dem Zuge hinter +den Bergen verschwunden war. Das war bald geschehen und drüben war mir +der Weg wieder so einsam wie vordem. + +Wohl durft' ich mich da fragen, ob's Wirklichkeit gewesen wäre, was +ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung. Doch solcher Zweifel ward +mir bald benommen, denn ich sah zween Knappen zurückkehren sogleich +darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt sind, die +Straße heranreiten, welche in's Dorf führte. Sie mußten frohe Märe zu +bringen haben und selber frohen Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf +der Dorfstraße zusammen kam, durfte die fremden Gäste fragen und +gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der Leutlein wahrnahm, schier +guten Bescheid. Der eine der Beiden lenkte seitwärts hinan zur Burg, +der andere ritt weiter fürbaß. + +Als ich sah, daß er den Weg zog, den ich gekommen war, und also an mir +vorüber mußte, stieg ich behend von meiner Warte hinab, und da er +nahte, schritt ich ihm entgegen, grüßte ihn mit Züchten und fragte, ob +er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei Herren das gewesen wären, +die da mit also stolzer Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer +Reise Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es müßten vor +Andern auserlesene Ritter sein, und gewißlich war's ein hohes +Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck entgegenführen. + +Da erwiederte der Gefragte: »Ihr habt meiner Treu mit Beidem das +Richtige getroffen, wenn anders eine Hochzeit ein Freudenfest ist und +ein Bischof und Grafen und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich +auszurichten.« + +Darnach sagt' er mir, daß sie von Speyer kämen, dahin die junge Braut +zu geleiten, welche Conrad, dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt +wäre. Der Bischof selber führte ihr den Bräutigam zu, und manch' Edler +wäre noch in seinem Gefolge. Hier unweit sollte die Begegnung +stattfinden und einen herrlichen Empfang wollte man der Braut und +ihrem Geleite bereiten. »Da wird es,« schloß er, »an Ehr' und +Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und ritterlichem +Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen, wenn man höfische Tugend +und milde Sitten beweisen will; so wird's auch Euch nicht reuen, +geistlicher Bruder, wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz +widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach Eurem Theile seiner +Freude mit zu genießen. Gewiß! Ihr bringt genug der Erinnerung heim, +davon noch lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.« + +Darauf trieb er sein Roß an und trabte von dannen. Das war mir leid, +denn was er mir berichtet hatte, gieng mir näher zu Herzen, als er's +denken konnte, und gerne hätt' ich von ihm noch mehr erfragt. + +Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet hatte, das kam +mir auf meinem Heimwege nicht aus dem Sinn. Wieder waren meine +Gedanken nach Speyer gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte, +wenn ich nicht von den Elzeburgern mich losgerissen hätte, und ich +fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wäre mit ihrem Ohm oder ihr +diese hochzeitliche Fahrt gälte. Schalt ich mich dann wegen solchen +Fragens, das mir doch zu nichts diente als zur Mehrung meines +unruhigen Muthes, so half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder +sah ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit der Frage: +»Ist's Irmela, der sie entgegen ziehen?« -- + +So war denn mein Zweifel und meine Unruhe groß, da ich spät gen +Maulbronn zurückgelangt war, und vor Herzensschwere und Widerstreit in +meiner Seele durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir die +heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und unter dem Volke das +Fest mit zu schauen, ob ich da die Elzeburgerin sehen möchte, +vielleicht als die, der zu Ehren all' diese herrliche Pracht gezeigt +ward. Und ich sagte mir, daß es ja nichts Arges wäre, das mich triebe, +der Gelegenheit zu brauchen, das Mägdlein unvermerkt wieder zu sehen, +ja, daß freilich das Gegentheil verwunderlich sein würde, und Zeichen +eines blöden Sinnes; ich fand auch, daß jenes Thal mit der ragenden +Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche Fest, mir +weidlich am Bilde zum Guten gedeihen würde. Hatte mich doch der Abt +selber dahin gewiesen, draußen zu suchen und mich umzuschauen, wie ich +dem neuen Bilde am besten rathen könnte. Wenn mich aber so mein Sehnen +schuldlos däuchte und daß es nicht noth wäre, meinem dahin gerichteten +Gemüthe zu wehren, so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem +Herzen gar ernstlich, als wär' es doch nur eine Versuchung, die mich +hinauslockte, um mich in Schaden und Unseligkeit zu stürzen. + +Und eine Bangigkeit kam über mich, als ob es mir übel gerathen würde, +so ich hinzöge. Als es aber lichtmorgen worden war und ich im +Klostergarten der würzigen Luft genoß, da schöpfte meine Brust auch, +däuchte mich, wieder frischen Lebensmuth, und es schien mir, die +ruhelose Nacht hätte mich furchtsam gemacht, und ich sah nichts +Schlimmes in meinem Wunsche. + +Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht Genüge. Sondern, wie sie +mir in der Erinnerung lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern +mir zum Bilde auserwählt, mit allem Fleiß, und auch die heiligen +Wallfahrer mit ihrem Troß entwarf ich auf der Stelle, wo mir der +festliche Zug erschienen war. Unmüßig war ich den ganzen Tag, daß ich +morgen die Versäumniß mir desto weniger zum Vorwurf zu nehmen +brauchte. Was ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck +beim Feste sehen möchte, das wollt' ich mir wohl in der Erinnerung +bewahren und für's Bild verwenden. Denn nur einen halben Tag gedacht' +ich aus zu sein und den nächsten wieder im Kloster meiner stillen +Arbeit obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin kehrte, die +Spiele mit anzusehen, die der Braut zu Ehren sollten gefeiert werden, +und mich des Dinges weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela's +gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden würde, desto heiterer +schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als wär' ich auch zum Feste +geladen, und mich däuchte, wenn ich zu Roß da hinauf zöge, so hätt' +ich das auf Elzeburg also erlernet, daß ich keinem der Herren zur +Schande da sein würde. + +In solchem Muthe machte ich mich denn Tags darauf, noch ehe man +Mittags zur Speisung im Refectorio zusammenkam, von dannen. Dem +Pförtner sagt' ich, meiner Kunst zu Dienst müßt' ich aus sein und am +Abend würd' ich wiederkehren. Daß mir solche Freiheit verstattet war, +mehr als den Brüdern, deß waren sie gewohnt im Convent, und so ward +ich auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert durch die +geöffnete Pforte. + +Draußen in einem der letzten Häuser, die um's Kloster gebaut sind, +wohnten alte Leute, die der Abtei hörig waren. Es war ein Ehepaar, +Mann und Weib wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten +in ihre Hütte oder wenigstens durch's Fenster sie zu grüßen. Es +geschah immer zu ihrer großen Freude; denn in meinen jungen +Kinderjahren war ich in ihrer Pflege gewesen, und noch immer hegten +sie eine sonderliche Liebe zu mir. Bei ihnen hatt' ich, da ich von +Brun wiederkam, das köstliche von Irmela mir geschenkte Kleid +niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen klösterlichen Rock +angezogen hatte, dem ähnlich, den ich sonst zu tragen gewohnt war, +wollte, daß ich das zierliche Gewand bei ihm für immer zurückließe. +Aber da ich wünschte, es zu behalten, weil mir zu meiner Malkunst +solch' auserwähltes Kleid leicht noch nütze werden könnte, so willigte +er ein und ich trug's im wohlverhüllten Bündlein mit mir. Niemand +hätte mir wehren können, es mit mir in's Kloster zu nehmen und mit dem +anderen Geräth und den Kleinoden meiner Kunst zu bewahren, aber ich +hatt' es doch für viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto +lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu bringen. Und so +hatt' ich Irmela's Gabe bei den Alten in Verwahrung gethan. + +Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben sie mir, wie ich's +heischte und unversehrt, das wohlverwahrte Kleid zurück. »Mir ist's +bestimmt zu tragen«, dacht' ich. »Zwar die Kunst, mit der ich mir's +verdient zum Lohn, gedenk' ich nicht mehr zu üben; aber wenn je, so +mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser Fahrt. Ist ihr Ziel +heimlich, so sichert mir wohl dies Kleid, wenn's Noth ist, meine +Heimlichkeit.« + +Und so nahm ich's mit mir. + + + + +Siebentes Capitel. + +Beim Feste. + + +Es war noch hoch am Tage, denn ich war rüstig zugeschritten, als ich +wieder zur Seite des Baches das Thal durchzog, von dem aus ich zum +Dorf gelangen sollte, das so sicher sich lagert um die bethürmte Burg. +Je näher ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, daß heut den +Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag angebrochen war, den +mit zu feiern Keiner versäumen wollte, der wohl auf war und gerne +fröhlich. Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele nach +wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam, fand ich der fremden +Gäste viele. Die Lustbarkeit der Herren mußte wohl bekannt worden sein +aller Orten ringsum. Da waren Junker und Knechte, Bürger und Bauern, +auch fahrende Sänger, Luftspringer, Gaukler und Hebräer, und was sonst +Leute dem Gewinne nachgehn, wo müßiges Volk sich zusammenfindet, das +die Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen läßt. Alle zogen +sie hindurch der Brücke zu jenseit des Dorfes, und auch von drüben +ward der Haufe durch Gäste vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich +die Herren hatte quer durch's Thal reiten sehen. + +Ich hatte mich, da ich durch's Dorf schritt, Bauern zugesellt. Von +ihnen erfuhr ich, daß heute Morgen die Braut und ihr Geleite unweit +des Ortes angelangt und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich +empfangen worden wäre. Alsbald hätten die Speyerischen die Ankömmlinge +zum Lustlager geführt, das sie zugerichtet, allda zu rasten und die +Begegnung fürstlich zu feiern. + +Wie die Braut geheißen würde und woher sie käme, konnt' ich nicht +erkunden; doch bezeugten sie, das volle Lob, das edlen Sitten und +prangender Jugend gebühret, würde von der Sage der Leute ihr +zuerkannt. + +Unser Weg führte uns im Bogen aus dem Thal eine nicht kleine Höhe +hinan. Weil die Bauern da oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen mußten, +wie sie mir sagten, so war die Straße breit und sanft ansteigend +bereitet und gemächlich aus ihr zu schreiten. Hoher Buchenwald zu +Seiten unseres Weges hinderte den Ausblick. Um so mehr war ich +betroffen von der weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf +dem Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald in's Freie +trat. Da sah man weithin Gebirg' und Land, und unten vor sich das +muntere Thal mit Burg und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen +anmuthig umkränzt war. Aber auf dies Alles blieb mein Blick nur einen +Augenblick hingelenkt; denn das Bild, das ich in der Nähe vor mir sah, +nahm all' mein Aufmerken gefangen. + +Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan, der beinahe die +ganze Breite des Berggipfels einnahm. Sonst besuchte diese Stätte wohl +nur der Hirt mit seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb, +oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit, und wenn sie auf den +anliegenden Feldern ackern oder ernten wollten. Aber heut' gieng's auf +der Höhe ganz anders, lärmend und fröhlich zu. Zu Haufen stunden da +die Menschen umher, thaten sich gütlich und hatten ihre Kurzweil, die +gekommen waren, das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei an +Festlichkeiten vorkommen würde, mit anzusehen. Da verführte +männiglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn die Menge müßig ist und +in Erwartung neuer Dinge, ein Getöse rings um mich her, da ich unter +sie schritt, daß es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte bald, +daß der Meisten Augen und Sinne nach jener Seite gerichtet waren, wo +ich gleich anfangs, da ich die Aue übersah, das Lager der Herrschaften +wahrgenommen hatte. + +Da war unter einem Nußbaum, der hoch und weit seine dichtbelaubten +Äste streckte, und etwas in der Mitte der Bergwiese stund, von seinem +Stamme aus ein Überdach aus buntem Gewebe gespannt mit purpurnen +Quasten, das vorne Stäbe trugen, die in Gold und Silber erglänzten. +Unter diesem Überdach zur Erde waren Teppiche gebreitet mit +schimmernden Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich +gesticktem Zeuge überdeckt waren; als das Meisterlichste aber in +zierlicher Arbeit und reicher Pracht mußte Jedermann die Decken +auserkennen, so von der Höhe des Daches zur Erde niederhiengen und +hinten den Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur und +Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all diese edle Kunst +betrachtete und Einen, der mir zunächst stund, fragte, was wohl des +Gezeltes Bedeutung wäre, sagt' er mir, das wäre für die Braut +bestimmt, von da aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren +würden gehalten werden. Die reichen Decken aber hätte der Bischof aus +seiner Hofhaltung von Speyer hergeführt. Daß ich da wieder vom Bischof +Gebhard hörte, schuf mir wenig Freude, und mahnte mich daran, daß ich +sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen könnte oder ich ihm; +doch er kannte mich ja nicht von Person, und wie sollte mich Irgendwer +aus der Menge herausfinden, so ich mich nur klüglich hielt. Zudem +wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut hörte, ihren Namen +zu erkunden und ob es wohl Irmela wäre. So lugt' ich denn mit Eifer +nach vorn, vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder +liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit meiner hohen +Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte, leicht über die Häupter der +Meisten. So erblickt' ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich +umdrängte, Alles, was da für die Herren und ihre Gäste hergerichtet +war. Ich sah reiche Gezelte und unter grünem Gezweig Tische, das Mahl +zu halten. Seitwärts im Schatten des Waldraines stunden Rosse und +Saumthiere, mit Halftern an die Äste der Bäume gebunden, oder an +eingezäunten Stellen grasend. + +Unweit von da waren von Brettern Tische und Bänke für die Knechte +hergerichtet, und unterschiedliche Rauchsäulen, die hie und dort +hinter Bäumen emporstiegen, ließen erkennen, daß man zum Mahle +rüstete; wie denn auch jetzt schon unter einer schattenden Buche ein +Schenke aus einem großen Faß Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat, +den Becher oder Krug füllte. Wiewohl nun da die Geschäftigkeit der +Diener um die Zelte und Tische groß war, und auch ritterliche Herren, +in reichem Schmuck gekleidet, sichtbar wurden, so konnt' ich doch aus +der Menge Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem schon +gesehen hätte. Aber all' dies Wesen und Leben vor mir erschien meinen +Neulingsblicken doch so werth der Betrachtung, daß ich nur immer +unverwandt hinstarrte und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan +aus deren einem die Braut schreiten möchte. + +So mocht' ich höher denn sonst mich gereckt haben, gar nicht achtend, +ob ich nicht auch selbst ringsum Allen so bemerkbar würde, als ich +hinter mir eine Stimme vernahm, von der ich gewiß war, daß ich sie +nicht zum ersten Mal hörte. + + »Sieh dort den Mönch, der mit uns briet + Dein Gänslein, eh' uns Krumholz schied.« + +Darauf kam die Antwort: + + »Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth: + Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied. + Drum fort, daß er uns nicht ersieht!« + +Geschwind hatt' ich mich bei dieser Wechselrede, deren Sinn mir nur +allzuverständlich war, umgewandt; aber gar eilig befolgte das +ungleiche Paar den Rath des Kleinen, und nur noch einen kurzen +Augenblick sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestüm durch die +Menge hindurch drängten, in der sie sogleich darauf verschwunden +waren. Da mußt' ich bei mir lachen, daß hier Jemand vor mir die Flucht +gab, dem doch selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben +und unerkannt. Und so gedacht' ich hinfort fürsichtiger zu sein und +mich sorglicher unter dem Haufen verborgen zu halten. + +Aber da geschah es, daß, mir zum Wenigsten ganz unerwartet, drüben um +die Gezelte eine Bewegung nicht kleine entstund und Diener in bunten +Röcken unterschiedlicher Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen +der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stäben, die sie in Händen +schwangen, die umherstehenden Leute zurücktrieben, daß vor uns der +ganze Platz frei würde. Wie nun von den also Bedrängten der Eine hier +und der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, zuerst nicht +wußte, wohin ich mich wenden sollte und hernach öftermalen immer +wieder an einen Wärtel gerieth, der mich dann mit Schelten +zurücktrieb, so fiengen die Leute an über dies Spiel zu lachen, was +mich noch mehr verwirrte, so daß ich endlich gar nicht mehr durch die +Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar vorn unter den +Ersten stehen bleiben mußte. + +Doch im nächsten Augenblick waren Aller Augen nur vor sich nach den +Zelten gerichtet, sich nichts entgehen zu lassen, was da vorgieng. Da +traten zuerst die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten im +Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang des einen sonderlich +geschmückten Zeltes, richteten ihre Banner auf, setzten ihre Hörner an +den Mund und ließen die ertönen, daß es ringsum aus dem Wald und +trüben von den Bergen wiederhallte. Da ward Alles still, und heraus +traten aus demselben Gezelt der Bischof Gebhardus Spirensis, auf +dessen Ornat ein Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an güldner +Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur Seite ein junger +Ritter, stolzen und strengen Aussehns, über dessen Schulter nach +fränkischem Schnitt an seidnen Schnüren ein Mantel hieng von Sammet +und köstlichem Zobel. Dieser Ritter, so hört' ich, war Gebhard's +Neffe, reich an Gütern und aus fürstlichem Hause; ihm hätte der Ohm +selber die Braut geworben, die jetzt gen Speyer geleitet würde, und +Wunder hörte man von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wäre. + +Während dem schritten die Beiden, die Herolde voran und in ihrem +Gefolge Herren und Junker und dem Zuge zur Seite Knechte mit +Hellebarden oder gezogenen Schwertern, einem gegenüber aufgeschlagenen +Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben giengen hinein. +Alsbald stießen die beiden Herolde wiederum in ihre Hörner, daß es +laut erscholl. Da wurden die Zeltvorhänge zurückgeschlagen und heraus +ward die Braut geführt; ihr folgten Dienerinnen. O, ich erkannte sie +wohl und Den, der sie an der Hand führte, ob auch gleich, seitdem ich +sie zuletzt gesehen, eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war! +Ihre Schönheit, däuchte mich, war strahlender geworden: nicht Dank der +Pracht, welche die Maid da trug; denn Wer mochte noch dem seidenen +Gewande mit den gestickten Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen +Gürtel und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gönnen, wenn er nur +einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da vom Schleier umwallt +leuchtete, wie wenn Lilien und Rosen zusammenstehen. Sondern was nach +meinem Wähnen ihrer Schönheit zur Erhöhung diente, war, daß sie all' +der Zier, mit der man sie heute sah, nicht zu begehren noch zu +bedürfen schien, und daß sie auf die Herrlichkeit, die sie hier umgab, +kein größeres Aufmerken hinkehrte, wie mich däuchte, als damals auf +ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg zu sehen gewohnt +gewesen war. Und dies eben schien mir als eine Veränderung in ihrer +Seele, daß sie an der gegenwärtigen Pracht keinen größeren Antheil +nahm, die doch, als ich wähnte, vor wenigen Wochen über den geringsten +Theil dieser Augenweide der kindlichen Freude viel gezeigt hätte. + +Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter Conrad mit +zierlichem Gruß, den sie mit Züchten erwiederte, wie sie auch mit +Ehrerbietung vor den Bischof trat. Da ward von allen Seiten ein +freundlich Grüßen gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur +Seite, sie zu geleiten, als der die größte Ehre an diesem Tage +gebührte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte sich der Bräutigam. +Hernach folgten die Andern in ihrer Ordnung. So begaben sie sich +allsammt nach dem Sommerzelt, das am Nußbaum ausgespannt war, wo auf +den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu beiden Seiten der Bischof +und der Graf sich niederließen. Hinter sie stellte sich Conrad und +sonst zween oder drei der Edelsten aus Gebhard's Gefolge. Die Andern +alle, Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, wie +ihm gebührte, diesen Herrschaften zur Rechten und zur Linken. + +Wie ich das Alles betrachtete, wundert' ich mich, wie wenig doch +Irmela, der zu Genieß dies Gepränge bereitet war, die Glückseligkeit +einer Braut sehen ließ; wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum +Gemahl erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie liebevoll +sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete und wie freundlich +jedesmal ihr Angesicht lächelte, wenn er's that, als sollt' er nicht +zweifeln, daß sie ganz glücklich wäre. + +Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten dem Volke Stille +und einer der Herolde trat vor, verneigte sich gegen die Herrschaften +im Gezelte und rief dann, zum Volk gewandt, mit lauter Stimme +folgendermaßen: + +»Nachdem es seiner bischöflichen Gnaden geliebt hat, ihren Neffen, den +trefflichen Ritter Conrad, von Gernstein zubenannnt, auf seiner +fröhlichen Brautfahrt hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre +dieses Tages und zur Erhöhung werther Lustbarkeit nach alter Sitte +öffentliche Spiele halten wollen. Und weil denn die vieledle Braut« +(hierbei neigte der Herold sich gegen das Fräulein) »der preislichen +Singekunst sonderlich zugethan ist, lassen Seine bischöfliche Gnaden +zuvörderst Alle, die in der Singekunst etwas vermögen und sich deß +getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten, darin ihr Bestes zu +versuchen. Ein Kranz und silberner Becher ist der Preis. Die holde +Braut selber wird die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger +auserkennt.« + +Darauf schwieg dieser Herold und trat zurück an seinen Ort. Da winkte +der Bischof einem Edelknaben, der hinter im stund. Der kam hervor, bog +vor Irmela das Knie und bot ihr in silbernem Gefäße, das er in Händen +trug, ein weißes Blatt und Griffel dar. Sie nahm Beides, reichte es +aber hinter sich dem Gernsteiner. Der besann sich nicht lange, +beschrieb das Papier und legt' es wieder in die Schüssel. Nun gieng +der Knabe, nahm das Blatt heraus und übergab es dem andern Herold. +Nachdem dieser gethan, wie der erste, entfaltete er das Papier, erhub +seine Stimme und las, was da geschrieben stund: + +»Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt!« Das ist's, worauf +die Singer Antwort geben sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn, +wer hoher Ehren begehrt! -- Zum Sinnen ist eine kurze Frist +verstattet!« + +Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von der Stelle hinweg +zu machen, auf der ich stund. Nicht allein des Bischofs wegen, wenn +ihn etwa die Lust ankäme, nach dem Klösterling zu fragen und mich vor +sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger, in dieser +meiner Tracht von der Jungfrau Irmela erkannt zu werden; und nahe +genug war ich ihr da. Ich sucht' also und fand, da nun eine +Zwischenzeit, bis sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war, +eine Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr entgangen. Aber +vom Schaun der Herrlichkeit wie von der Erwartung, was nun folgen +sollte, war mein Gemüth so erregt, daß es mir eine Pein schien, dem +Spiele fern zu bleiben. Auch war mir, ich wußte selber nicht warum, +Irmela's Anblick hier im festlichen Glanz so leid wie lieb gewesen, +aber ein sehnendes Verlangen zwang mich zurück, sein ferner zu +genießen. + +So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren, und der +Sorge, durch meine Tracht in Beschwerniß zu gerathen. Da vernahm ich +von ferne den Schall der Hörner und den Ruf des Heroldes, daß das +Spiel begönne. Alsbald sucht' ich mir einen sicheren Versteck unter +überhängendem Gestein. Daselbst legt' ich meinen Klosterrock ab, +verbarg ihn wohl und kam in der Singertracht herfür, die ich mir in +Elzeburg zum Lohne verdient hatte. + +Eilig kehrt' ich nun zurück und mischte mich unter's Volk wie vorhin, +nur daß ich so weit wie möglich von meinem ersten Standorte fern blieb +und mich weislich nicht unter die Vordersten drängte. + +Schon hatte das Wettsingen seinen Anfang genommen und unter den +Zusehern, acht' ich, merkte Keiner eifriger darauf, als ich. Wie viel +Singer vortraten, ihr Vermögen zu erproben, weiß ich nicht. Sie +zeigten Alle ihre beste Kunst. Auch der Lange, mein einstiger +Reisegesell, der mich mit in die Waibstädter Händel gebracht hatte, +kam, sich Kranz und Becher zu ersingen. Ich bückte mich, da er in den +Kreis trat, denn mir schien, als säh' er sich sorglich um und schritte +nur zögernd hinzu; aber der Kurze hinter ihm, sah ich wohl, trieb ihn +vorwärts mit Ermunterung und Spott. Wohl durfte sich der Fiedler sehen +lassen, denn Frau Aventiure war ihm, nach seinem Kleid, das er jetzt +trug, zu urtheilen, hold gewesen, wenn er's anders seiner Kunst +verdankte. Daß die nicht kleine war, ward auch am Spruch offenbar, den +er hören ließ. Lautes Lob erscholl, da er zu Ende war. + +Derweilen saß Irmela, das Haupt ein wenig auf den linken Arm +stützend, und regte sich nicht. Ihre Augen waren gesenkt, und nur +selten ließ sie einen Blick über den Singer gehen, der vor ihr stund. +An dem Allen war zu spüren, wie aufmerksam sie auf das Gesungene +hörte, und wie sie nachsann über das, was ihr Ohr vernahm. Doch ihr +Eifer, Alles recht zu erfassen, schien mir kein anderer, als den sie +damals erzeigt hatte, da sie von mir die alten Mären vernahm, von +Sifrit, dem kühnen Recken. Sie hatte wohl Freude daran, aber Herz und +Sinn giengen ihr dahin nicht. Sie achtete auf die Kunst, die da +bewiesen ward; aber ihr Gemüth, schien es, war nicht vertraut mit dem, +was sie hörte. Daß sich das Fräulein also erzeigte, däuchte mich +verwunderlich und nicht so gethan, wie ich mir's von einer jungen +Braut gedachte, die zu ihrem Trauten Herzenliebe trüge. + +Nun wuchs aber auch mir unterm Hören der Eifer um die Sache, der sich +da die Singer beflissen. Sie gaben auf die Frage, so ihnen gestellt +war, unterschiedliche Antworten. Der Eine rühmte Ehre und tugendliche +Sitten, als wodurch der Liebe Gedeihn erwüchse; der Andere strich dazu +die Freude aus und hochgemuthes Leben; ein Dritter Herzensreinheit und +Treue falschesfreie; ein Vierter glückselige Schönheit und frohe +Jugend. Und zuletzt wandten sie immer ihren Spruch auf das Brautpaar +vor ihnen, als bei dem solche Gaben und Tugenden im Überschwang zu +finden wären, und ließen es ihm an keinem Lobe fehlen. Doch davon +schien sich Irmela nichts anzunehmen, nicht zwar aus Stolz, sondern +als wüßte sie nicht, warum sie solchen Ruhm sonderlich werth halten +sollte. + +Da rief der Herold wieder, ob noch Einer da wäre, der sich des Singens +unterwinden wollte. Denn so Viele zuerst in den Ring getreten waren, +die hatten nun Alle das Ihre gethan und stunden seitwärts, des +Richterspruches harrend. Wie Alles stille blieb, geschah es, als ich +wahrnahm, zum ersten Male, daß Irmela ihre lichten Augen aufhub und +frei umschweifen ließ über die Menge. + +Da schlug mir mein Herz hoch auf, denn mir war's in dem Augenblick +nicht anders, als erwartete sie mich zu sehen. Und so that ich ohne +Wahl einen Schritt vorwärts. Wie diese meine Bewegung nun gerade auf +den Ruf des Herolds geschah und nach meiner Tracht die Leute mich wohl +für einen Singer halten konnten, der zu diesem Feste seinen besten +Schmuck angelegt, so wichen sie seitwärts und riefen den vorn +Stehenden zu, das Gleiche zu thun und mich durchzulassen. Da war auch +schon ein Diener zur Stelle und schuf mir Raum, mich in den Ring zu +geleiten. + +Noch stund ich im Zweifel, was ich thun sollte. Aber als ich nach dem +Herrensitz hinblickte und sah, wie Irmela, das edle Kind, mit Freuden +mich gewahrte und mit stummem Gruße mir zu winken schien, da hätte +keine Scheu und kluge Fürsicht mich zurückgehalten; und nur heftiges +Sehnen überkam mich, ihr noch einmal nahe zu sein, wohl zum letzten +Mal, und mit der Kunst, durch die ich ihr werth geworden war und die +ich ihr verdankte, ihr zu gefallen und sie zu grüßen auf +Nimmerwiedersehn! + +So beschloß ich denn, wohl darauf zu achten, daß ich mich nicht +verriethe, nahm all' meinen Muth zusammen und schritt, dem Diener +nach, ziemlicher Weise in den Kreis. Vor der Laube angekommen, neigte +ich mich vor Allen und vor der Richterin in diesem Wettspiel +sonderlich. In ihrer Miene las ich freilich ein fragendes Staunen über +mein plötzliches Verschwinden und meine unerwartete Wiederkehr; aber +war da ein Zweifel, so ward er überglänzt vom freundlichen Willekomm, +das, wiewohl nur leise, mir ihr Auge sagte. Davon gewann mein +hochsteigendes Herz Vertrauen zu meiner Kunst, und wie ich schon zuvor +während dem Hören mein Sinnen auf die Frage gelenkt hatte, darauf im +Liede zu antworten war, so fügten sich jetzt Wort und Weise in meiner +Seele selbst zu einander. + +Ich ließ mir von einem der Singer, die da gesungen hatten, eine Laute +reichen, griff in die Saiten und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub +ich an und sang also: + + Wo tief im Herzen Minne wohnt, + Als Siegerin darinne thront, + (Bedenkt es wohl, ihr zarten Kinde!) + Da ist auch Leid ihr Ingesinde. + Wahr ist's, was man seit Alters spricht: + Die Liebe läßt vom Leide nicht; + Und doch ist Lieb' des Leides Feind. + Vernehmet nun, wie das gemeint! + + Die Rose kehrt ihr Angesicht + Allzeit empor zum Sonnenlicht, + Das macht sie also wonnig roth, + Die Finsterniß brächt' leiden Tod. + Doch streckt sie unter feuchtes Moos + Die Wurzeln rief in dunklen Schooß. + Dich lacht sie an mit rothem Munde + Und haftet doch im finstren Grunde, + Aus dem ihr Kraft und Leben quillt: + Das ist der Liebe Ebenbild! + + Es bringt das Leid der Liebe Pein, + Doch ohne Leid kann Lieb' nicht sein, + Es liebt die Lieb' Leid zum Gedeihn. + Und wird vom Leid ihr Noth geschafft, + Doch zieht sie Nahrung draus und Kraft. + Drum, wer der Minne Flug will wagen, + Der darf dem Leid sich nicht entschlagen; + Denn will er's auf das Leid nicht wagen, + Muß er der Lieb' auch sich entschlagen. + Wer jemals diesen Weg gefahren, + Lobt meinen Spruch gewiß als wahren. + Ward er von Leid' in Liebe wund, + Werd' er von Lieb' in Leid' gesund! + +Als ich ausgesungen hatte und an den Gebärden Graf Eberhard's, mit +denen er sich zu seiner Nichte hinüberneigte, wahrnahm, daß ich von +ihm auch wohl erkannt war, gedacht' ich ungesäumt in die Menge zurück +zu fliehen und mich so davon zu machen. Ich hatte aber kaum die Laute +Dem wiederum gegeben, aus dessen Hand ich sie empfangen, und suchte +nun durch die Singer, die da stunden, hindurch zu kommen, nachdem ich +mich ziemlicher Maßen vor den Herrschaften verneigt: da geschah es, +daß allum ein Rufen sich erhub und männiglich mich bedeutete, daß ich +doch stille hielte; denn zur Stunde würde es verkündigt werden von +wegen des Preises, wer ihn davontragen sollte. Derweilen ertönten auch +schon die Drommeten der Herolde auf's Neue und im Volk entstund eine +freudige Bewegung; Alle winkten mir, hinter mich zu blicken, und da +ich denn mich umsah, war einer der Knechte mir zur Seite und lud mich +ein, mit ihm zu gehen. Es nahm ihn Wunder, wie er sah, daß ich +zauderte, ihm zu folgen, und so ergriff er mich am Arme, daß er mich +zwänge, weil er nicht anders denken mochte, als daß ich mich aus +großer Blödigkeit also erzeigte. Da lachten die Leutlein, wie sie +vorhin über mich gelacht hatten, und Einer sagte, man sähe da eine +seltne Tugend, daß ein Meister der Kunst begehre, aber ihres Lohnes +nicht. Nun lachten sie noch mehr und hatten so ihre Kurzweil. + +Da hub ich mein Haupt empor, und schritt, weil es so sein mußte, dem +Diener nach stracks vor mich, zurück in den Ring. Aber wie ich da das +theure Mägdlein ersah, freundlich mir winkend und mit dem Kranze mein +harrend, das wirrte mich nicht wenig, und ich fühlte die Röthe, die +mein Angesicht übergoß: die Ehre, die mir bereit war aus ihren Händen +vor allem Volk, höhete meinen Muth, aber sie drückte zugleich mich +nieder, als der ich ungedacht sie überkam, ich wußte nicht wie. So +schritt ich gesenkten Auges vor das edle Fräulein hin und bog da in +höfischer Zucht das Knie. + +Wie sie mir den Kranz auf's Haupt setzte, streifte von ungefähr ihre +Hand meine Stirn; da erzuckte mir von der leisen Berührung das Herz +und ich blickte auf zu ihr. Indem ließen Spielleute, die da hinter dem +Gesinde der Herren stunden, ihre Fiedeln und Lauten erklingen, und zum +Saitenspiel schallten Flöten und Cymbeln, daß es ein helles und +liebliches Getöne gab. + +»Solche Ehre, Meister, dankt Ihr Eurer Kunst,« sagte Irmela, indem sie +sich über mich beugte. + +»Nein, Herrin, Eurer Güte, so ist sie mir werther,« erwiedert' ich, +und Niemand außer uns zween hörte, was da zwischen uns gesagt ward. + +Nun trat ein Edelknecht mit dem Kleinode herzu, daß die Maid mich +damit begabte. Sie aber sprach zu mir: »Diesen Becher will ich Euch +zuvor credenzen, dann sollt Ihr ihn aus meiner Hand empfahn.« + +Darauf erhuben sich die Herrschaften von ihren Sitzen, daß sie zu den +Tischen giengen und sich am Mahle erletzten, ehe die ferneren +Freudenspiele mit Stechen, Laufen und Tanzen angestellt würden. Ich +aber, als ich wieder aufrecht stund, wußte nicht, was ich erwählen +sollte: Die Klugheit rieth mir von hinnen zu weichen, aber Sinn und +Gemüth hielten mich fest an der Stelle. Da nickte auch der Herr +Gebhardus mir gnädigen Beifall, und ich sah, daß Graf Eberhard sich +anschickte, mit mir zu reden; aber weil just die Herren alle +aufbrachen und der Bischof sich zu ihm wandte, daß sie selbander +hinweggiengen, so ward der Graf von mir geschieden und dadurch mein +Herz ein Merkliches erleichtert; denn gewißlich wär' ich seines +Forschens wenig froh worden. + +Während man so sich aufmachte, schritt Irmela unterm Überdach der +Laube herfür an mich heran, grüßte mich und sprach: »So ist's denn +doch also geschehen, wie ich sagte, da Ihr von Elzeburg schiedet, +Meister Diether, und Ihr habt uns mit Eurer Kunst gedient.« + +»Ja, vieledle Jungfrau,« erwiedert' ich, »und am hohen Freudenfeste +Euch zu Ehren, zu dem ich ungedacht gekommen bin.« + +»Und nachdem Ihr von den Elzeburgern ungedacht entwichen seid,« sagte +sie hinwieder und lachte. + +Da sah ich die Maid inniglich bittend an: »O lasset, warum ich's that, +als eine Heimlichkeit meines Herzens verschlossen darinne bleiben, und +wenn ich heut für immer von Euch scheide, so glaubet, daß Euch in +Freuden und Glückseligkeit zu leben Diether ohne Unterlaß von Gott +erwünschet und dem ganzen himmlischen Heer.« + +»Wohl,« sprach sie da, »so sei es darum und Ihr möget Eure +Heimlichkeit bewahren; ich will nicht arg von Euch denken, wiewohl sie +groß ist.« + +Damit hielt sie mir mit Gütigkeit ihre Hand entgegen, daß ich sie an +den Spitzen der Finger erfaßte. Das geschah behende und mit Scheu, +aber mein Gemüth gewann davon eine Freudigkeit. + +Doch da nahete der von Gernstein. »Man harret Euer«, sagt' er zur +erkieseten Braut mit höfischer Gebärde, und führte Irmela den Tischen +zu; mich aber streifte sein Blick herrisch und unmuthig. Da merkt' +ich, daß er überstolzen Sinnes war. Aber die Maid an seiner Seite +schien deß nicht zu achten; sie kehrte im Gehen ihr Angesicht noch +einmal freundlich zu mir hin und sagte: »Gedenket des Bechers zeitig +genug und kommet, wenn wir zu Tische sitzen, daß ich ihn Euch +credenze.« + +Damit giengen die Beiden hindann und mir schien's, als wäre er +unmuthig, daß sie mir das Gespräch gegönnt hatte. + +Nun erhub sich eine nicht kleine Bewegung um die Tische, wo die +Herrschaften das Mahl halten sollten, und unfern davon, wo den +Knechten die Bewirthung bereitet war. Auch das Volk zerstreute sich +hierhin und dorthin nach Gefallen, die Meisten, um sich zum Imbiß zu +lagern, den sie mit sich gebracht, oder der Verehrung nachzugehen, die +der Bischof in seiner Mildigkeit Jedermann spenden ließ, der ihrer +begehrte. So kamen auch Viele an mir vorüber, wiesen auf meinen Kranz +und preiseten mich öffentlich wegen meiner Kunst und des Lohnes, der +ihr geworden. Manche wunderten sich dabei, daß ich da also stille +stund, wie ein Verlassener, und meinten, mich hätte die Huld, die ich +genossen, allzu blöde gemacht. + +Da gedacht' ich daran, daß es hochnoth wäre, mich davon zu machen, +bevor mich Einer von vorhin wiedererkennte, der mich da im Klosterrock +gesehen hatte. Zudem trieb mich auch der Anblick der beiden Fahrenden +hinweg, die ich unweit gewahrte, wie sie mit Fleiß auf mich achteten, +als solche zwar, die darüber nicht von mir gesehen sein wollten. + +Ich säumte also nicht länger und schritt in den Wald, wo ich das +wenigste Volk wahrnahm. Da wär's gewißlich mir das Nöthigste und +Fördersamste gewesen, wenn ich sogleich den Versteck aufgesucht hätte, +in dem ich vorhin meinen langen Rock verborgen, hätte den angethan und +mich davon gemacht. Aber da ich am Waldessaum mich sicher wähnte und +unbeachtet, sah ich mich noch einmal um, ließ meinen Blick über all' +das bunte Gewimmel schweifen und lugte über die Zelte und nach den +Tischen hin, Irmela im Geist noch einmal zu grüßen. Da fühlt' ich, daß +es mir schwer ward, von dem Allen Abschied zu nehmen, und wie ich doch +dieses Mal als ein Anderer in's Kloster heimkehren würde, als der ich +von dannen gezogen war. So stund ich mit eifrigem Aufmerken der Augen +und doch in vielerlei Gedanken. + +Da rief mir, eilend herankommend, ein Diener zu, und sagte dabei, wie +er mich am Gezelte vergeblich gesucht und eine Botschaft an mich +hätte. Ich trat herzu und fragte: »welche?« + +»Von meinem gnädigen Herrn, Herrn Conrad von Gernstein«, erwiederte +er, »der Euch durch mich entbieten läßt, es sei nicht von Nöthen, daß +Ihr das ersungene Kleinod aus der Hand des Fräuleins emphahet, Ihr +möget es Euch von des Bischofs Kämmerer holen, zu dem ich Euch +geleiten soll. Auch wünscht mein Herr Euch nicht über Tische zu sehen, +sondern begehrt, daß Ihr Euch unverweilt von diesem Feste scheidet, +maßen es Euch schon genug des Genießes eingebracht habe. Auf daß Ihr +Euch aber anderswo desto baß gütlich thun könnet, läßt er Euch hier +einen Goldgulden reichen.« Damit hielt er mir das Geld dar. + +Das kränkte mich, daß ich angesehen ward als Einer, der nur bloß auf +den Lohn sah, und der Ritter denken sollte, wenn ich nun gienge, ich +hätt' ihm um sein Geld den Willen gethan. Darum sagt' ich verächtlich: +»Behaltet Euren Gulden, und laßt Euren Herrn wissen, mir liegt am +Kleinod alleine nichts und an seinem Gelde noch minder! Und wenn ich +dahinten bleibe, daß er mich über Tisch nicht sieht, wohin das +Fräulein mich entboten hat, so bewegen mich andere treffliche +Ursachen.« + +»Das Lob Eurer Kunst, fahrender Bruder«, sagte der Knecht spöttisch +wieder, »macht, daß Ihr Euch zu hoch vermeßt. -- Besinnet Euch: +nehmt's Geld, holt das Kleinod und geht!« + +Darauf hielt er mir auf's Neue seinen Goldgulden hin und lachte. Da +schwellte der Unmuth mein Herz, zumal ich sah, wie Leute herangekommen +waren und auf uns Acht hatten, und ich stieß das Geldstück aus seiner +Hand, also daß es zur Erde rollte. + +Wie nun der Bote betroffen dastund, denn er hatte sich von mir deß +nicht versehen, so ward nun er den Umstehenden zum Gelächter und einer +von ihnen rief ihm zu: »Fahrt säuberlich, Freund, mit dem +Singemeister, denn er hat die Art nicht, als geliebt' es ihm, mit Euch +zu scherzen!« + +»Dafür trägt er den Kranz«, sagte ein Anderer, »der gibt ihm also +hohen Muth.« + +Zu solchen Worten wollte des Gernsteiners Knecht auch nicht müßig +bleiben, sondern gedachte sein Botenbrot an mir wohl zu verdienen. Er +griff also nach einem dürren Stecken, der da nahe bei einem Baume lag, +sprang damit auf mich zu und indem er rief: + +»Solch' unartigen Knaben gebührt die Ruthe, sie bessere Zucht zu +lehren!« strich er mich, bevor ich mich wenden konnte, über den +Rücken. Da enthielt ich meinen Zorn nicht länger, drang auf den Mann +mit Ungestüm, eh er sich bedachte, und stürzte ihn mit Wucht zur Erde, +daß er stöhnend um Hilfe rief. + +Er that es nicht vergebens, denn die Menge lief herzu, und darunter +war auch von den Gernsteiner und Speyerischen Knechten ein ziemlicher +Haufe. Wie die nun von ihrem beleidigten Gesellen die Ungebühr +vernommen hatten, die ihm von mir geschehen war, so wär' ich gewißlich +ohne Aufenthalt in ihre Hände gerathen, und sänftiglich hätten sie mir +nicht mitgespielt, wenn da nicht gegen die Anstürmenden mir eine +unverhoffte Rettung gekommen wäre. + +»Laßt Euch rathen und tastet uns den Singemeister nicht an!« so hört' +ich eine Stimme, die ich wohl kannte; und wie ich seitwärts blickte, +woher sie kam, sah ich Helmbolden und Andere mehr vom Elzeburger +Gesinde. Die brachen durch den umstehenden Haufen und drängten die, so +auf mich einwollten, von mir ab, also daß mich ihrer Keiner verletzen +durfte. Solches verdroß die Gernsteiner und ihre Genossen nicht wenig, +daß sie den Schimpf nicht strafen sollten, der ihrem Gesellen +widerfahren war, und sie bedroheten die Elzeburger laut, wenn sie +ihnen nicht Raum gäben, mich zu greifen. Die aber wollten auf sie +nicht hören, trutzten ihnen und sprachen mir zu: »Diether, fürcht' +Dich nit; denn wir gedenken Dir's wohl, daß Du vormalen unsrer Sippe +gewesen bist.« + +Und so waren sie als eine Mauer um mich herum. + +Alsbald entstund zwischen diesen Knechten ein nicht kleiner Zank um +meinetwillen und ein feindliches Drängen hin und wieder, wie es die +Streitlust erhöht und Brauch ist, wenn es bald zum Hauen und Stechen +kommen soll. + +Das war denn sonder Zweifel auch hier ganz nahe, und statt des +Freudenspiels, das sie halten sollten, waren sie dabei, sich hitzig zu +bestreiten. Aber wie der Lärm wuchs und der Haufe der Gaffer sich +mehrte, konnte das Getümmel um mich her auch dem Wahrnehmen der Herren +nicht entgehen. Vielleicht auch hatte einer aus dem Gesinde dem Ritter +von Gernstein Botschaft dessen gebracht, was sich zutrug. Denn just, +als die Knechte auf beiden Seiten das Beste thaten, sich kampflich +anzurennen und des Scheltens und Höhnens übergenug verführten: trat +Herr Conrad, dem etliche Ritter zur Seite giengen, eilend zwischen sie +und gebot ihnen mit drohender Stimme, von einander abzulassen. Er und +seine Begleiter hatten Mühe, die Hadernden auseinander zu bringen. +Aber sie durften auf die Länge den Herren nicht trutzen. Als nun der +ärgste Sturm sich gelegt hatte, ließ der Gernsteiner seine Leute +zornmuthig an und schwur theuer bei seiner ritterlichen Ehre, an ihnen +den Schimpf zu strafen, den sie da gegen das Gesinde seines werthen +Gastes verübten. Da trat der Bote vor, den der Ritter an mich +geschickt hatte, berichtete mit vielen beweglichen Worten, wie es ihm +ergangen wäre, wie unehrerbietig ich des Herrn Verehrung, die mir +zugedacht gewesen, verschmäht, den Überbringer mit Hohn gereizt und +zuletzt übel zu Boden gestreckt hätte. Nun schrieen die Andern wieder, +bloß mich hätten sie zu greifen begehrt, die ihrem Gesellen von mir +zugefügte Schmach gebührend zu rächen, und auch meine gegen ihren +Herrn bewiesene Hoffahrt zu strafen. Aber die Elzeburger hätten ihnen +ohn' Ursach gewehret und den überdreisten Singer schutzweise umringt. +Da sah sich der Herr Conrad zornigen Blickes nach mir um und zugleich +auch, als wär' es ihm eben recht, daß er so eine Sache wider mich +hätte, mich in Schmach zu bringen. + +»Komm heraus da!« rief er mit gebietender Stimme mir zu, als er mich +erblickte. + +Ich trat festen Schrittes vor und sah ihn gerad an, als ich vor ihm +stund. Seine linke Hand stützte er gegen seinen Schwertgriff, und mit +seiner rechten strich er gemächlich den Bart über seinen Lippen, die +er verächtlich zusammenzog. + +»Das also ist der Meister Nirgenddaheim, den seine überzarte Kunst +durch Hoffahrt zum Narren gemacht hat!« sagt' er spöttisch lachend. + +»Herr!« sagt' ich darauf, »Eure Jungfrau Braut hat den Narren mit +diesem Kranz geziert.« + +Daß ich dergestalt vor ihm Irmela's und ihrer Gütigkeit gegen mich +gedachte, trieb die hellen Zornflammen in des Stolzen Angesicht. + +»So unwerther bist Du, Lotterbube, ihn zu tragen!« rief er voll Grimm +und schlug mit seinem Handschuh mir nach dem Haupte, daß der Kranz +herunterfiel und das Haar mir wirr um die Stirn wehte. Drauf streckt' +er seinen Arm aus und rief weiter: »Heb' Dich hinweg, und ohne Säumen, +eh' ich noch meinen Knechten gebiete, Dir den Rücken zu bläuen, wie +Du's um Dein übermüthig Unterfangen verdient hast!« + +Das war mir unerträglich, daß ich so vor Aller Augen von ihm wie ein +Ehrloser geschlagen sein und mit Schmach und Schimpf hinweggetrieben +werden sollte. Und so reckte ich mich hoch empor, sah ihn wild an und +rief ihm wüthend zu: »Wär' ich bewehrt, Herr, wie Ihr: bei Gott, dem +Hohen! der Schlag sollt' Euch gereuen, mit dem Ihr mich schlugt und +Ihr dürftet mir so nicht drohen!« + +Da griff er nach seinem Schwerte, es zorneifrig wider mich zu zücken. +Als ich's sah, erfaßte auch mich eine Wuth, daß mir Alles gleich galt, +nur nicht ungerochen zu bleiben an seinem Überstolz. Ich hub meinen +Arm hoch und drang auf ihn ein. + +Wohl sah ich, wie er vor'm unerwarteten Angriff, der ihn bedrohte, +sich zurückbog und hastiger nach mir ausholte; aber das war ihm nicht +mehr von Nöthen. Denn schon fühlt' ich mich aufgehalten und von den +Knechten gepackt, die herzugelaufen waren, den Frevel, der ihrem Herrn +bevorstund, zu hindern. So Viele umringten mich, und so sicher waren +ihre Griffe, daß wie ich auch mich wand, ich in keinerlei Weise aus +der Gewalt ihrer Fäuste mich lösen konnte. + +»Bindet ihn«, befahl da der hart beleidigte Ritter, »und bewahrt ihn +wohl, den Gauch, der bereit war, sich an mir zu vergreifen; und im +tiefsten Kerker meiner Burg mög' er verschmachten!« Ich wußte, daß +sein Haß gegen mich tödtlich war, und dennoch wollt' ich ihn nicht um +Erbarmen bitten. Ich hätt' es nicht gethan, auch wenn ich da den +grausamsten Tod an der Hand gehabt hätte. + +Aber Gott verschaffte in dieser meiner höchsten Noth, daß eine +Fürbitte für mich laut ward, wie süßere mein Ohr nicht vernehmen +konnte. Denn an der Seite des Bischofs war Irmela herzugekommen und +hatte kaum den Jammer ersehen, in dem ich schwebte, als sie an den +Ritter sich wandte, und ich merkte wohl, wie sie bleich war und ihre +Stimme erbebte in mitleidiger Sorge um meinetwillen. + +»Gilt Euch etwas meine Bitte, Herr Conrad«, sprach sie, »so begnadet +den Singer, wie schwer auch seine Fehle sein mag, mit der er Euch +erzürnet hat, und laßt ihn frei!« + +»Ihr thut Eurer Ehre zu nahe, Werthe!« sprach er unwillig, »so Ihr die +Macht Eurer Fürbitte für einen Solchen einlegt. -- Kommt! Laßt uns +nicht länger durch ihn das Fest gestört sein!« + +Damit winkt' er den Schergen, die mich hielten, daß sie mit mir thäten +nach seinem vorigen Befehle, und gab den Herren ringsum ein Zeichen, +mit ihm zur Lustbarkeit zurückzukehren, indem er sich zur Braut +gesellte, sie zu den Tischen zu geleiten. Die aber stund noch +unbeweglich: in ihrem Herzen bestritt die maidliche Scheu den +sehnlichen Wunsch, mir zu helfen. Aber wie sollte das geschehen? Noch +einen Augenblick, so war ich in Banden gefesselt und zu jammerhaftem +Ziel hinweggeführt. + +Indem waren Andere bereit, meine Errettung aus des Gernsteiners Gewalt +zu Handen zu nehmen; wie wohl ihnen das übel und mir zu großem Leide +gerieth: nicht die Elzeburger, die noch da stunden; denn sie durften +Angesichts der Ritterschaft nicht wagen, sich für mich ferner +einzulegen. Aber die zween Fahrenden stürmten in Eile herzu und +verlegten dem Bischof, der sich eben zum Gehen anschickte, den Weg. + +»Würdiger Herr!« riefen sie mit Hast, und so daß Einer des Andern +Rede ergänzte, wenn ihm darüber der Odem ausgieng, »Würdiger Herr! Ihr +dürft nicht leiden, daß Dieser weltlichem Gericht überantwortet werde +-- Ihr dürft nicht! Der Singer ist nicht, wofür er das Ansehen hat. +Wir können's mit Schriften darthun. Er gehört der heiligen Kirche zu +-- ist dem Kloster zugesprochen -- ist geistlich! Der Abt von +Maulbronn hat über ihn Gewalt!« -- + +Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine Kraft verließ mich und +die Scham, daß ich so zu Schanden ward, schlug mich nieder. Alle +mußten es mir ansehen, daß es sich also hielte, was Jene von mir +bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu mir wendete, mich zu +fragen, ob ich etwas vorzubringen wüßte wider der Beiden Zeugniß, +wagte ich nicht zu antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als ich +den Gernsteiner höhnisch sagen hörte: »Ein verlaufener Mönch, Irmela!« +zwang mich der Schmerz aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in +ihrem Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden würde, oder ach! +nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch als ich flehentlich zu ihr +hinüber blickte, kehrte sie sich von mir hinweg, und mit bitterem Weh' +im Herzen ließ ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr erhoben +hatte, und die Sinne wollten mir vergehen vor kläglicher Kümmerniß. + +Derweilen hub der Bischof an, mit großer Strenge Befehl zu geben, daß +ich, bis der Sache weiter gerathen wäre, unten in die Burg in +Gewahrsam gebracht würde; denn der Herr derselben war des Speyerischen +Bisthums Hintersasse. Das sollte ohne Säumen geschehen, damit das Fest +nicht länger Verzögerung erlitte; Tags darauf wollt' er das Nöthige +vornehmen. Die Fahrenden hieß er zu fernerer Bekundung zur Stelle +bleiben. + +Als der Bischof Solches über mich verfügt hatte, begab er sich mit den +Übrigen von der Ritterschaft, die um ihn waren, hinweg, und auch der +Troß und die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders hatten sie +genug über das, was sich mit mir zugetragen. + +So ward ich denn als Gefangener des Bischofs von dannen geführt, ein +kläglicher Mann. Die Leute, so uns auf unserem Wege begegneten, +blieben stehen und beklagten meine Jugend; sie mußten denken, ich wär' +als Schächer ergriffen und würde zur Richtstatt geschleppt; denn +gewißlich so war mein Aussehen. Mich reute zu leben, und die Welt vor +mir war verwandelt. Die Läuber des Waldes erschreckten mich mit ihrem +Rauschen, der Himmel über mir hieng wie ein härener Sack, und als wir +in's Thal hinabkamen, dessen lieblich Bild sich so licht meiner Seele +eingeprägt hatte, lag es vor meinen Blicken wie überdeckt mit einem +schwarzen Schleier. + +Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches Fenster auf, und +Männer und Frauen lugten nach mir aus; sie fragten wohl auch nach +meiner Missethat, welche das wäre. Da sagten meine Schergen, um +Übermuths willen und Frevels gegen den heiligen Stand wär' ich +gefangen auf des Bischofs Geheiß; »So gnad' ihn Gott«, hört' ich dann, +»nun ist ihm das Pochen und die weltliche Lust vergangen.« Kinder, die +auf der Straße spielten, wichen vor mir scheu hinweg und liefen zur +Seite hin zu ihren Müttern, die auf ihren Armen die kleineren trugen. +Sie huben sie wohl dann in die Höhe, daß sie mich besser ersehen +möchten, und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht auch bös +zu werden, auf daß es ihnen nicht widerführe wie mir. + +Dies Alles sah und hört' ich, ob ich gleich meine Blicke tief zur Erde +senkte und meine Ohren vor Allem, was um mich her vorgieng, in dieser +martervollen Stunde zu verschließen trachtete. Denn des Menschen Herz, +wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an sich, auch +wider Willen für seinen Jammer Nahrung zu suchen, sich um so mehr zu +kränken und zu betrüben. + +Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der Anstieg zur Burg hinauf sich +abzweigt. Festlich flatterte von des Thurmes Zinne zu Ehren der +Fröhlichkeit des Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner. Mich +sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um eine Tumba traurig +wehen, und schaudernd lenkte ich meinen Blick hinweg und folgte mit +Seufzen meinen Führern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst eine +kleine Strecke zur Höhe gedrungen, als ich hinter mir vom Wege her +mich laut mit Namen rufen hörte. + +Ich wandte mich, und: »Brun! ach, Brun!« -- mehr konnt' ich vor +inniglichem Leide nicht sprechen. + +Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der sich über meinen Anblick +schier entsetzte; seine Brust keuchte und seine Stimme war gedämpft, +wie unter der Last tiefen Grams. + +»Also muß ich's doch mit diesen meinen alten Augen sehen, was mich so +manchmal im Traum erschreckt hat, und was abzuwenden ich zu Gottes +Gnade in allen meinen Gebeten für Dich gefleht? Diether, Diether -- +was hast Du gethan? Welch' Herzeleid schaffst Du mir?! Ach, ich soll +nicht Frieden finden -- nimmer -- nimmer!« + +Seine Klagen jammerten meine Schergen, und einer von ihnen hub an und +erzählte, wie es mit mir ergangen wäre; wie ich oben beim Feste vor +allem Volk das Beste im Singen vermocht, wofür mir das Fräulein den +ausgesetzten Preis zuerkannt hätte; darnach wär' ich in Händel +gerathen, zuerst mit dem Troß der Herren, sodann hätt' ich des +Bischofs Neffen zum Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungefähr an +Tag gekommen wäre, daß ich dem Kloster entronnen; so hätte der Bischof +geboten, mich gefangen hinwegzuführen, daß nachfolgends mir mein Recht +geschähe. + +Auf diese Worte meint' ich, Brun würde mit harter Scheltung mich +strafen, wie ich das reichlich von ihm verdiente; aber er that davon +nichts, sondern das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als trüg' auch +er daran einen Theil der Schuld. »O, ich konnt's denken, konnt's +denken!« murmelte er etliche Male und strich sich mit seiner Hand in +tiefem Sinnen die Stirn. + +Dann rafft' er sich auf und fragte, ob es ihm verstattet wäre, noch +einmal mich zu umfahen; und als sie ihn beschieden: Ja, das dürfte +geschehen! so stieg er hinan uns nahe, und mich ließen sie los, daß +ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich mit seinen Armen +ganz liebreich, und ich konnte die meinen nicht um ihn schlingen (denn +sie waren mir rücklings gebunden) und hätt' es doch so gern gethan, +ach! nur einen Augenblick: ich Verstoßener! + +Er aber sprach: »Diether, ich gedachte, Du solltest vor diesen +Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, daß sie Dir drohten. Nun +erkenn' ich: es sollte nicht sein, daß es nach meinem Dünken angienge. +-- Heute war ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du wärest +haußen und daß ich Deiner harren sollte. Aber mich trieb's hinweg, und +die Sage der Leute von dem Feste hier lenkte mich her. -- Jetzt kommen +Rath und Warnung zu spät. Gott gnade uns nach Seiner Langmüthigkeit +und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst mich am frohen Tage wieder +oder auf Erden nimmer mehr!« + +Als er darauf mich küßte, fühlt' ich eine Zähre aus seinem Auge auf +meiner Wange; sie hieng da noch, als er schon hinab war und, ohne sich +noch einmal umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf fürder schritt. +Oft hab' ich später Gott dem Hohen gedankt um diese Zähre, daß ich sie +nicht hinwegwischen konnte mit meinen gebundenen Händen (vielleicht +hätt' ich's sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn +berühren durfte -- den gebenedeiten Tropfen, das schmerzlich köstliche +Vermächtniß. -- + + + + +Achtes Capitel. + +In Haft. + + +Droben in der Burg über dem düstren Eingangsthore war die +Pförtnerswohnung. Ich erfuhr's, noch ehe wir unter den gewölbten Bogen +schritten. Denn wiewohl die Thorflügel offen stunden, hielten wir doch +vor ihnen mit Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen +führten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer hinauf. Auf +seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder, so alt und greise, daß +man's schier nicht erdenken konnte, sie möchte je jung und glatt +ausgesehen haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man schon +wieder begehrte, das Thor wäre ja offen und Keiner gehindert, hindurch +zu gehen; ob denn sie allein heute, da Alle ihre Ergötzung hätten, der +Ruhe entbehren sollte und nicht ein Wenig stille sitzen. + +»Wir kommen ja nicht allein, Mutter!« sagte der Knecht wieder, +»begehren auch nicht Eures Dienstes für uns. Wir bringen Euch einen +Gefangenen, den Ihr mit allem Fleiß hüten sollt, wie unser gnädiger +Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard selber hat ihn +hieher verordnet.« + +»So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer ganzer Hauf', als ich +da nicht unterscheiden kann, ob ein Fremder unter Euch ist. -- Ich +hör' das Mäuslein rascheln im Thurm, aber meine Augen sind trüb.« + +Nach diesen Worten verschwand sie und eines alten Mannes Gesicht ward +an ihrer Stelle gesehen. Das war nicht minder welk und greis als das +ihrige und verwittert, wie das Gemäuer, aus dem es hervorlugte. + +»So bringt ihn herauf!« sagte der Alte mürrisch, nachdem er einen +Blick nach mir gethan, und zog dann seinen Kopf wieder zurück. + +Eine hölzerne Stiege außen an der Mauer führte in die Wohnung der +Leute. Als wir durch das Thor geschritten waren und ich oben auf der +Stiege ankam, stund die Alte schon in der geöffneten Thür. + +»So jung, so jung und schmuck dazu!« sagte sie, indem sie mir +hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich ganz nahe musterte; dann zu +den Knechten gekehrt: »Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren +sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen, der sieht wie ein +Luchs: das thut's.« Zu diesen Worten verzog sie ihren zahnlosen Mund +zum Lachen. + +Indem hatte der Alte mit Mühe eine schmale Thür aufgeriegelt, die auf +mehreren Stufen aus dem Gemach der Alten in einen dunklen Gang führte. +Wirklich mußt' es wohl wahr sein, was das Weib von ihres Mannes +scharfem Gesicht gerühmt hatte; denn selbiger gieng, nachdem ich +geheißen war ihm zu folgen, so sicher seinen Weg da hindurch, daß ich, +der ich mit meinen Füßen tastete, hinter ihm verzog. Nun schloß er mir +eine zweite Thür auf und öffnete den Raum, der mir zur Haft bestimmt +war. Die Alte brachte mir Brot und Wasser, und dann giengen die +Beiden, ohne ferner mit mir ein Wort zu reden, und schlossen die Thür +hinter sich. + +So war ich allein und von aller Welt abgeschieden; selber das kleine +Stücklein Himmel, von dem durch die schmale Maueröffnung dürftiges +Licht hereindringen sollte, war durch häufige Spinnweben zwischen den +Eisenstangen mir so verdeckt, daß er grau schien und trübe. + +In dieser Einöde brach mein Schmerz, der so lange stumm gewesen war, +mit aller Macht hervor, und ich wehrte ihm nicht. Ich hub bitterlich +an zu weinen und zu klagen, nannte mich unselig und den Elendesten +unter allen Menschen. Mein waglicher Sinn und mein froher Muth waren +nun gänzlich niedergelegt und gar hin, dagegen Seel' und Leib lauter +Zagheit und Blödigkeit. + +Ja, ich war in schwere Sünde und Untugend gerathen und darinnen +verharret beinahe vom ersten Tage meiner Fahrt aus dem Kloster bis +hierher. Ich war mit Lug und Trug umgegangen und dessen gewohnet +worden in Elzeburg, ich hatte meine Lust daran gehabt auch hernach und +damals belacht, was ich jetzt so kläglich beweinen mußte. Dazu waren +Hoffahrt gekommen und eitler Stolz auf meinen Witz und die Kunst, von +der ich nie hätte erfahren sollen, daß ich sie besäße. -- Ach, und +nicht allein mich, sondern alle die, so mir zumeist Gutes gönnten, +denen ich dienen sollte und zur Freude helfen nach Pflicht und allem +Vermögen, hatt' ich bitter gekränkt und in Leid gebracht; mußte nicht +Irmela irre an mir geworden sein und Brun mich verachten und der Abt, +dessen Vertrauen ich so grob getäuscht hatte? + +»Wie wird mir's im Convent ergehen, wenn da meine Missethat auskommen +wird«, rief ich, »wie wird Albrecht's strenger Eifer für die Ehre der +Abtei mich treffen, der ich den Namen des Klosters in allen frommen +Ohren stinkend gemacht habe?« Und dann trat vor mich der Gedanke an +all' die Schmach, an Spott und Schande, die mein warteten; an ödes, +dumpfes Gefängniß, an Geißel, Kasteiung und Einsamkeit. Dem gegenüber +stellte sich wieder die Erinnerung an das bunte Leben der sonnigen +Welt, das mich so fröhlich angelacht hatte, und der Wunsch, nach ihren +Ehren zu trachten, und Irmela's süßes Bild. Da gedacht' ich auch, daß +der Abt selber mich auf den Weg gedrängt hätte, wo sich diese Welt mir +aufgethan, daß sie mich nach Elzeburg gezwungen hatten und die erste +List mir nothweise aufgedrungen war. + +War's nicht doch ungerecht, daß ich nun so hart dafür büßen und darum +in Schande und Strafe kommen sollte, um was draußen mir Lohn und Lob +gewiß war! Und ich dachte des seligen Augenblickes, da ich vor Irmela +kniete und den Kranz empfieng; ich dachte auch der Huld, mit der sie +für mich bat, und ihrer Traurigkeit zuletzt, da sie es nicht mehr +konnte. + +»O, daß ich sie noch einmal bitten könnte, mir nicht zu hart zu +zürnen, daß ich ein Wort nur der Vergebung aus ihrem Munde vernähme!« + +Aber meine Seufzer hallten von den dumpfen Mauern wieder, die mich +umschlossen, und mir blieb nichts, als mit meinem Jammer wider mich +selbst zu wüthen in unmächtigen Klagen. + +O, der Seele, die in Nöthen schwebt, wird schlecht gelohnt, so sie +sich in Zweifel verfängt und nicht vermag, sich stracks zu Gott zu +kehren. + +So wünscht' auch ich, daß ich nie geboren wäre und zu solchem Unglück +gespart; ich that des kläglichen Jammers immer mehr und des Scheltens +und Anklagens, bis ich nicht mehr konnte und schweigend niedersaß auf +die bloße Erde, mit beiden Händen mein Gesicht überdeckend. + +Wie lange ich so saß regungslos, weiß ich nicht; aber allgemach +wurden meine Klagen stiller und meine Traurigkeit sanfter. Vor meinen +verschlossenen Augen verschwand der trübselige Ort, der mich gefangen +hielt, und meiner Seele wuchsen Flügel, die sie hinaustrugen zurück +in's helle Sonnenlicht, in die freie Welt. Ich sah mich wieder auf der +Höhe, und die Festfreude umgab mich. Irmela's lichte Augen sah ich, +wie sie aufblickten und ich nicht widerstehen konnte, weil's mir war, +als suchten sie mich; vor sie trat ich, zu singen, was mein Herz mir +eingab, und wunderte mich, daß ich dazu die Kühnheit gewann und wußte +doch, sie zu erfreuen, hätt' ich Alles gewagt. Und nun tönte der Klang +ihrer süßen Stimme wieder mir in den Ohren und sie beugte sich +hernieder, mich mit dem Kranz zu zieren, und grüßte mich mit gütigem +Wort. Daß ich davon hohen Muth empfieng, warum verdachten sie mir das? +Durft' ich den Unglimpf nicht rächen, den sie mir zufügten; durft' ich +ihnen nicht zeigen, daß ich ein Vermögen in mir fühlte, und mich nicht +verachten ließ; hatte sie mich doch nach allen Ehren belohnt! +-- Gewißlich, wenn ich ihr noch einmal nahen, wenn ich ihr offenbaren +könnte, wie Alles sich mit mir begeben hatte: sie würde mir nicht +länger zürnen, sie würde mit Trost mich aufrichten, sie würde mir, was +ich gethan, zur Unehre nicht anrechnen. Dann dürfte mich Niemand +verachten -- nein, auch jetzt nicht. + +Jetzt?! Wo war ich denn? Gefangen gelegt, frevlen Truges überwiesen; +und alles Trachten und Wähnen, das mich hinauszog: es war nichts +Anderes, als eitles Träumen, vergebliches, ja verbotenes Wünschen! + +Ich sprang auf und sah mich um. + +Aus der Dämmerung, die hier schon sich verbreitet hatte, starrten die +geschwärzten Wände fremd und schweigend mich an. Die Erinnerung an den +sich neigenden Tag und die Erwartung der Nacht, die kommen würde, öde, +traurig, lichtlos, erneuerte in mir das Gefühl meines Elends. Es war +mir schier, als könnt' ich's nicht ferner ertragen, so eingesperrt zu +sein und einsam den Übeln entgegen zu harren, die mir bevorstunden. +Der thörichte Gedanke, als wär' mir ein Entrinnen möglich, ergriff +mich. Ich eilte nach der Thür, stemmte mich gegen die Riegel, hub an +den Angeln, rüttelte an den Pfosten; ich lief immer wieder die Wände +entlang, tastete herum, pochte an's Gestein aus aller Macht, ob etwan +ein verborgener Ausgang zu finden wäre, und ich stund stille mit +tiefem Seufzer, als ich erfunden hatte, wie Alles vergeblich war. Mit +sehnendem Verlangen blickt' ich hinauf zur Öffnung. Nur ein Wölklein +wünscht' ich zu sehen, vorüberschwimmend, wohin der Wind es trieb, +oder eine Schwalbe im Husch durch die Luft streichend: aber da hieng +düster der Vorhang der staubigen Spinnweben und bewegte sich nur etwa +von einem armen Schmetterlinge, der in den Fäden gefangen war und sich +nun zu Tode flatterte. + +»Wenn nur zum wenigsten diese große Stille nicht wäre, die mit der +Dämmerung zu wachsen schien; wenn ich nur einen Laut vernähme, nur +einen! Den Hall einer menschlichen Stimme unten vom Thal her oder den +Ruf eines Vogels aus den Lüften!« Ich lauschte, aber ich hörte nichts. +Ich erhub selber meine Stimme, aber der Wiederhall von diesen Wänden +klang hohl und erschreckte mich. + +Da drückte ich mich in eine Ecke, als könnt' ich mich so vor den +Schrecknissen bergen, die mich umgaben näher -- näher, und versank in +dumpfes Brüten. Bald hieng ich zwischen Wachen und Schlafen und merkte +nicht auf die Zeit, wie sie hinschlich, nur daß es immer dunkler um +mich her ward, und endlich ganz finster. Dennoch ließ ich nicht ab, +meine Augen weit aufzuthun, ob ich gleich wußte, es diente zu nichts, +und entriß mich der Müdigkeit, um mit allem Fleiß zu horchen: -- +vergeblich -- vergeblich! -- + +Aber nein! Das war ein Geräusch wie von einem zurückgeschobenen +Riegel, wie von einer in ihren Angeln erknarrenden Pforte. Jetzt +wurden Schritte hörbar, nur leise, aber sie kamen näher; jetzt machte +sich Einer am Schloß der Gefängnißthür zu schaffen, dann ward ein +Schlüssel darin umgedreht -- ein Lichtschein ward sichtbar -- die Thür +that sich auf. + + »Pst, Junker Diether, lebt Ihr noch?« + +hört' ich eine Stimme, die im Flüsterton zu bleiben trachtete und +doch laut genug schnarrte; ein runder Krauskopf streckte sich durch +die geöffnete Thür und eine kurze Gestalt schob sich ihm nach und ließ +den schwachen Schein der Leuchte in ihrer Hand im Gefängniß +umherwandern. + + »Hu, was ein ödes Jammerloch!« + +sagte der Kurze dabei und verzog seinen breiten Mund. + +Ich konnte mich nicht genug verwundern über das Alles, daß ich vor +Staunen schier wie angewurzelt war und meinen unerwarteten Gast nur +anstarrte. Endlich traf mich der Schein seines Windlichts. Da setzte +er es zur Erde, machte etliche Schritte mir entgegen und kratzte mit +seinem rechten Fuß hinten aus, indem er, seinen Hut schwenkend, sich +tief vor mir verneigte. + + »Euer Knecht in aller Willigkeit, + Zu jedem Dienst allzeit bereit,« + +sprach er und legte die freie Hand auf seine Brust, seine +Ehrerbietigkeit noch deutlicher zu bezeugen. + +»Ei, ei!« sagt' er dann wieder und wies auf den Platz, den ich inne +hatte: + + »Wie hat man doch hienacht + Die Ruhstätt' übel Euch gemacht! + +Ach, ja! und 'nem Junker! -- 's ist 'ne Schand! -- Das will ein Bischof +sein und eines Bischofs Voigt?! 's ist 'ne Schand' für die ganze +christliche Ritterschaft!« -- Er sah wieder verächtlich sich um. »So +ein Otternloch! So eine Löwengrube!! Es vergeht einem schier das +Reimen, wenn man Euch da sieht, ob sich's gleich mit der »Ecken«, drin +Ihr hockt, und »Verstecken« so leicht thun ließe!« + +Ich richtete mich auf, ihm näher zu kommen; da wich er einen Schritt +hinter sich, neigte sein Haupt zur Seite und hub an mit seinen kleinen +Augen mich von Kopf zu Füßen zu messen und hinwieder, indem er dabei +eine seiner Hände über die Stirn legte. + +»Ah«, rief er dabei, »so ein stattlicher Junker, schlank und gerade +-- so fest im Gang, so zierlich in den Hüften, so breit in den +Schultern, so stolzen Hauptes!« Und er schnalzte mit seinen dicken +Lippen. »Ho, ho! So wahr ich Klingsohr heiße: Ihr werdet ein wackerer +Ritter und bald noch andere Kränzlein davon tragen, die Euch kein +Gernsteiner herunterreißen soll -- ein Prahler, Junker! nichts weiter +-- ah! und schöne Frauen und edle (dabei blinzelte er mich an und +schlug sich vergnügt auf die feiste Lende) -- schöne und edle Frauen +werden Euch die Kränzlein aufsetzen, vor welchen immer es Euch geliebt +hohe Ehren zu erjagen.« + +Ich achtete seines Geschwätzes nicht, darin ich keinen Sinn erfand, +auch nicht eines Haares breit, und fragte nur, immer noch des Wunderns +voll, wie er hier hereingekommen wäre. + +»Rathet, Junker!« gab er zur Antwort. »Wem dank' ich's wohl? -- Daß +Ihr's wißt: meiner Kunst, der Magie, der weißen oder schwarzen, +gleichviel! + + Sie füllt Topf und Tiegel, + +das wißt Ihr schon, + + Aber sie sprengt Schloß und Riegel, + +das erfahrt Ihr jetzt. -- Mein Gesell, der Tannhäuser -- er versteht +sein' Sach' ausbündig, nicht? -- der hätt' sich hierhinein und durch +die Thüren nicht gefiedelt und nicht gesungen, beharrt' er gleich bei +seiner Musica bis zum jüngsten Tage. Aber die Magie ist in solchem +Handel, wie der Eurige, eine wundertreffliche Kunst, wer ihrer wohl +kann. Seht, Junker, wir machten uns an die beiden Alten im Stüblein +überm Thor. Nu, man wird gewitzigt und lernt, wie das anzufangen! 'S +war just nicht leicht, Junker! Denn die magische Kunst, die bei dem +Alten taugte, ihm die Augen zufallen zu machen, verfieng bei seiner +Hex nichts mit dem scharfen Gehör, und so hinwieder. + +Und so war verschiedentliche Arzeneiung vonnöthen; aber wir machten +die Symptomata bald ausfindig, wie die Medici sagen. + +Wisset, Meister, -- nein, Junker Diether: es gibt eine _materia_, die +schlägt Euch in der Welt bei den Menschen allermeist sicher an, ihre +Complexiones und Humores mögen sein, welche sie wollen. Ihr braucht +sie ihnen nur von Ferne zu weisen, so fäht sie allbereits zu wirken +an. Das Gold ist diese Materie, _aurum_ nach lateinischer Zunge; aber +wir Magi nennen sie die _essentia quinta_: denn es ist der Vorsprung und +Ausbund aller Elemente. -- Gut! damit versucht' ich's nach _regula +artis_ bei der Alten; ich sagt' ihr vom Alrunmännlein, wie man von dem +täglich einen Ducaten bekäme. -- Ah! der Köder lockte den Vogel, und +sie fragte, wie das anzugreifen wäre, daß man sich den Unhold zu Wege +brächte. Ich gab ihr Bescheid: »Ja, die Johanniszeit wär' wohl +geschickt dazu, ein Würzlein zu gewinnen, das kräftig wäre, und von +Ungefähr hätt' ich wohl drüben auf dem Berge um den Galgen herum eines +gesehen, das aus dem Blut eines mit dem Rade gebrochenen Schächers +gewachsen sein möchte: aber solch' ein Fäntlein draus zu bereiten, das +Tugend hätte, kostete nicht bloß Kunst, sondern auch Eifer und +Unverzagtheit. -- Kurz, Junker, um weidlichen Lohn und auf ihren Eid, +daß sie Nichts von der Heimlichkeit ausbrächte, verstunden wir uns +dazu, der Alten den Willen zu thun. Sie steht jetzt unterm Galgen, gen +Mitternacht gekehrt, darf kein Wort sprechen, noch sich umkehren, +dieweil mein Gesell hinter ihr hantiert mit Spruch und Beschwörung um +die Alrune. + +Ich aber bin droben geblieben im Stüblein; denn ich mußte doch die +Salben bereiten, das Galgenmännlein damit einzureiben, wenn sie's heim +brächten. Aus dem Weinkrug, den sie mir gefüllt zurückließ, als sie +gieng, hab' ich auch dem Alten eingeschenkt, dem die geizige Hex das +Naß gar selten gönnet, so theuer er es liebt. Er ist davon bald +eingeschlafen und, wie es sich ansieht, fest und lange, wozu etlicher +Maßen das Pülverlein geholfen haben mag, das ich ihm in den Trunk +geschüttet. -- So hab' ich denn gedacht, bis die Alte heimkommt, daß +wir ihr die Wurzel feien, könnt' ich eben so gut die Schlüssel +brauchen, die da drinnen ob dem Alten an der Wand hiengen, und Euch +heimsuchen, Junker Diether, dessen Herberge ich mir von Eurem Wirth +zufallens hatte sagen lassen.« + +Darauf lupfte er wieder seinen Hut, neigte sich und sprach: + + »So wißt Ihr nun das Wo, und wie + Ich kommen bin zu Euch allhie: + Durch meine Kunst, durch die Magie.« + +Dazu rieb er sich vergnüglich die Hände. »Doch nun hebt wieder an, +Junker!« sagt' er dann und drehte die Daumen um einander. + +»Womit soll ich wieder anheben?« fragt' ich ihn. + +»Ach, Junker, besinnt Euch!« und er wiegte sein Haupt langsam hin und +wieder. + +»Was meinet Ihr?« fragt' ich wiederum. + +»Junker, Junker!!« Weiter erwiedert' er nichts, indem er beide Hände, +die Finger ausgespreizt und ihren Rücken mir zugekehrt, langsam in die +Höhe hub. + +»Was nennt Ihr mich immer Junker?« rief ich ärgerlich, da er die Worte +sonderbarlich in die Länge zog. + +Auf diese Frage wurde er überlustig, sprang mit Lachen hin und her und +sagte dabei: »Nu, habt Ihr's endlich gefunden?! Just die Frage ist's, +die ich von Euch hören wollte; just sie. O, was seid Ihr wunderlich! +Laßt Euch an sogethane Frage lang' erinnern, und sie war doch so +leicht zu stellen. -- Warum nenn' ich Euch Junker?« Dabei stellt' er +sich wichtig vor mich hin und stemmte die Hände gegen seine Hüften: +»Ja, freilich! Das ist's! Das ist das _punctum saliens_, wie es die +Grammatici heißen, nicht? -- So gebt wohl Acht, daß Ihr wohl höret, +was Ihr wissen wollt! Aber zuvor harret noch einen Augenblick!« + +Bei diesen Worten gieng er hin, wo das Windlicht von ihm hingestellt +war, und rückte es so, daß ich wieder ganz in seinem Scheine stund. + +»Also, warum ich Euch Junker nenne? Das ist die Frage; sie ist klar +und weislich; und das ist die Antwort, nicht minder klar und +gewißlich: Weil Ihr's seid, weil Ihr eben dies seid und gar nichts +anderes, als ein Junker; ein ehrlicher, ein wohlgeschaffener, adeliger +Junker, wie nur irgend einer in der Christenheit zu finden ist vom +Aufgang bis zum Niedergang. -- He, nun? Was dünkt Euch davon?! Gewiß, +Ihr denket: Was ist's? Klingsohr ist ein Gauch, ihm darf man nicht +trauen, er leugt daran! -- Denket Ihr nicht also, Herr? -- Thut's +immerhin, aber zuvor hört mich an!« + +Darauf erzählt' er in seiner Weise, die Worte nicht sparend und sie +hastig hervorsprudelnd, wie, nachdem ich abgeführt worden wäre, er und +sein Geselle hätten dem Bischof Rede stehen müssen über mich, was sie +von meiner Person und von meinem Stande wüßten. Darnach hätten sich +die Herrschaften zu Tische gesetzt, die Mahlzeit zu halten; dabei wäre +Herr Conrad sehr aufgeräumt gewesen, aber seine verlobte Braut desto +nachdenklicher und stiller. Als man nun da kaum zu tafeln angefangen, +wäre ein alter Mann mit langem, greisen Barte, des Aussehens und +angethan wie ein Siedler oder Waldbruder, herzugestürmt und hätte mit +hochbeweglichen Worten den Bischof angerufen, den gefangenen Jüngling +frei zu geben, maßen der dem Kloster nicht fürder angehören dürfte. +Denn Diether wäre adeligen Stammes, von hochberühmtem Geschlecht, wie +er selber. Der Jüngling wäre sein Sohn. Das wolle er nach aller Gebühr +darthun und verlange ihn in Kraft väterlicher Gewalt in seine Hände +aus dem Kloster, darin er bis dahin gesessen, wiewohl er die heiligen +Gelübde noch nicht abgelegt und auf sich genommen habe. + +Über solche Rede hätten sich Alle nicht genug verwundern können. Der +Bischof hätte ernst drein gesehen, als machte er sich hart, und der +Gernsteiner finster; auch hätte der spöttisch sich hinweggewendet, als +dächt' er nicht anders, denn daß es Possen wären, die da fürgewendet +würden. Aber wer Graf Eberhard betrachtet hätte, der hätte spüren +müssen, wie nahe dem Elzeburger Herrn des Alten Rede zu Herzen gieng. +Als nun aber Beider Blicke sich begegnet und nach kurzem staunendem +Stillschweigen der Alte gerufen hätte: »Eberhard, gedenkst Du Bruno's +noch? Schläft in Deiner Seele noch ein Gedächtniß unserer Freundschaft +aus längst verschwundenen Jahren, das aufgeweckt werden kann?« als +darauf die Beiden sich umfangen und keines Wortes mächtig unter +inniglichen Zähren sich begrüßt, da wäre Manchem das Herz entbrannt +über solchen Anblick, und alle hätten aufgehorcht, wie er wieder +gesagt: »Er ist mein Sohn, Eberhard, mein Sohn! -- Gott hat ihn mir +zugeführt. Ich wagte nicht, mich zu ihm zu bekennen; der finstere +Schatten meiner Schuld, dacht' ich, sollte auf die friedliche Bahn +seines jungen Lebens nicht fallen; ich, ich trieb ihn in's Kloster +zurück, und wollte selber verborgen bleiben vor ihm, vor der Welt. +Aber nun ruft er mich in sie zurück nach Pflicht und Liebe, und bei +unserer einstigen Waffenbrüderschaft bitt' ich Dich: Hilf ihn mir +retten, Eberhard, hilf ihn mir retten!« + +»Auf diese Worte«, erzählte Klingsohr weiter, »gönnten wir Alle dem +Alten, daß ihm nach seiner Bitte geschähe; denn daß er in Allem die +Wahrheit bezeugte, daran zweifelte Keiner, und Graf Eberhard lag dem +Bischof mit starker Fürsprach' an, Euch, Junker, herauszugeben und des +Klosters zu entbinden, auch die Ungebühr, damit Ihr Euch versündigt +hättet, an Euch nicht ferner zu strafen, sondern selbige dem wallenden +Muth der aufstrebenden Jugend zuzurechnen. Dazu, wiewohl sie bis dahin +wenig sich zu ihrem Bräutigam gekehrt hatte, hub auch die edle +Jungfrau Braut herzlich in Herrn Conrad zu dringen an, daß er Euch zur +Freiheit hülfe und dazu seinen Ohm bewegte. Aber an der verlangten +Fürsprach' hatte, wie es männiglich kund ward, der Ritter weder Lust +noch zeigte er einigen Eifer dazu, und seine unmilde Gebärde +erschweigte die Jungfrau, daß sie traurig abließ, ferner ihn zu +bitten. Desgleichen auch Seine Gnaden, der Herr Bischof, was meint Ihr +wohl, ob seine Antwort gnädig lautete? Mein' Treu, nein!« + +»Er zog freilich seinen Worten ein solch' Kleid an, daß sie ihm, dem +geistlichen Vater, nicht gar zu übel stunden, noch unhübsch erschienen +und ungelind: aber, glaubt mir, sie hatten die Absage hinter sich, die +harte Absage, nichts anderes. Er sagte -- o, er stellte Euch die Worte +meisterlich! -- er sagte also: Es stünde leider bei ihm gar nicht, der +Meinung seines Herzens nachzugeben, das auf so bewegliches Ersuchen +und so eindringliche Bitten werthester Freundschaft freilich ohne +Verzug ihm die Gewährung abzwingen würde; aber er dürfte nichts in +dieser Sache wider die Satzungen der heiligen Kirche, und das sei ein +bedenklicher Handel; was dazu von Maulbronn und sonst für Beweis und +Urkund für und wider würde an's Licht gebracht werden -- darauf käm' +es an, und bis dahin müßte Inculpat allerdinge dem geistlichen Gericht +unterstehen und dürfte des Gewahrsams in keinem Wege entledigt werden. +Im Übrigen würde er sich die Ehre der Kirche und des heiligen Ordens, +wie das Begehren seiner Freunde und Euer Bestes, Junker, beständig vor +Augen halten. + +Da hättet Ihr sehen sollen, Herr Diether, wie starken Kummer Euer +Vater aus solchen Worten sich zu Herzen gezogen hat. Denn er hatte +wohl die Vereinigung mit Euch näher gesehen. Er senkte eine kurze +Weile schweigend sein Haupt. Dann sprach er zum Bischof mit großem +Ernst: »Würdiger Herr! Ich ehre die heiligen Gebote der Kirche. Aber +wehe! wenn sie sich wider Gottes Gebot und Willen setzen. Er begehrt +gezwungnen Dienstes nicht. Er ruft meinen Sohn zu mir. Daß ihm +Freiheit werde, diesem Ruf zu folgen, das ist mein Tagwerk; ich muß es +vollbringen!« + +Alsdann winkt' er dem Grafen zu und sie unterredeten sich, indem sie +ein wenig abseits wichen. Aber nur eine kleine Zeit, so ließ Herr +Bruno sich nicht aufhalten, sondern umfieng Herrn Eberhard mit +herzlichen Worten, nahm seinen Urlaub und gieng ungesäumt und mit +eilenden Schritten von dannen.« + +Muß ich sagen, wie mir zu Sinne war bei Allem, was mir Klingsohr +berichtete; wie ich erschrak, als ich zuerst von Brun's Ankunft auf +der Höhe vernahm; wie mir's dann im Herzen aufgieng einem +freudenhellen Sommertage gleich, dessen aufgehende Sonne von jubelnden +Lerchen tausendstimmig begrüßt wird und in ungezählten Thautropfen +sich spiegelt, als ich erfuhr, wer Brun war, welch' heilig Band mich +mit ihm verknüpfte, und daß er mir in Bruno's Geschichte seine eigne +Vergangenheit, die Wunden und Hoffnungen seiner Seele anvertraut +hatte! Mir war's dem Falken gleich, dessen von der Hülle befreitem +Auge man hoch in den Lüften das Ziel weist, dem er sich mit freudigem +Geschrei entgegenschwinget. Auch mir winkte nun solch' ein Ziel: +meinem Vater, der mich so und den ich so liebte, nahe zu sein, ihm zu +Trost und Erquickung, ihn der Einsamkeit und jeglichem Trübsinn zu +entreißen, ritterliche Ehre von ihm zu erlernen, sie dem Namen, den +wir trugen, zu erjagen und seinen Segen zu erben. -- O, und meine +Mutter! Mich durchschauerte ein froher Schreck, da ich ihn dachte, +diesen Namen: nie bis dahin von mir gerufen: ödes, schmerz-, aber auch +freudenleeres Leben, wie hatt' ich's nur ertragen mögen! -- Gott! +Gott! Wenn ich auch sie einst fände, meine arme Mutter; wenn ich ihr +an meiner Hand den Vater zuführen könnte, und in einer Umschlingung +Beide an dies Herz drückend, spräche: »Seht, Euer Sohn ist glückselig, +er hat Euch wieder! Seid es nun auch Ihr!« -- gewiß dann würden die +alten Wunden sie nicht mehr schmerzen, sie würden ihrer Schuld +Vergebung glauben und üben, und ich, ihr Sohn, mit dem Mal der blutgen +That gezeichnet, durch deren Kunde die Erschreckte in die Wildniß +getrieben ward, hülfe ihnen zur neuen Freude, zur Liebe und zum +Frieden! -- + +So frohe Bilder leuchteten in meiner Seele auf, und um die Sonne, von +der sie bestrahlt wurden und all' mein Sinn und Muth, stunden selber +schimmernd im himmlischen Glanz die Worte geschrieben: »Dein Vater ist +dir gefunden!« + +Da hätten gewißlich auch Augen, die mich minder scharf ansahen als die +kleinen blitzenden Klingsohr's, derweilen er sprach, solches +Entbrennen meines Herzens vermerkt. Er aber, als er mit seiner +Erzählung zu Ende war, trat dicht zu mir und sagte: + + »Auf, Junker, sinnt nicht lang also, + Sagt, macht Euch nicht die Märe froh?« + +»Klingsohr, lieber Klingsohr!« gab ich zur Antwort, »ist's so, wie Ihr +mir sagt, und ich trage daran keinen Zweifel, so harr' ich der Stunde, +die mir Befreiung bringt, mit zwiefachem Sehnen. O daß sie bald +erschiene!« + +»Harren wollet Ihr, harren?« fragte der Kleine wieder, und er +schnarrte das Wort spöttisch heraus und schlug seine Hände beide in +einander, als wär' es etwas recht Erstaunliches, was er hätte hören +müssen. -- »Wie lange, Herrlein, seid Ihr denn bereit und willfertig, +hier zu harren?« + +»Mich dünkt«, antwortet' ich wieder, »nach Allem, was Ihr mir sagtet, +kann es unmöglich anstehen, daß meines Vaters Begehren unerfüllt +bleibe, dem eine so mächtige Fürsprache zur Seite steht, wie die Graf +Eberhard's.« + +»Mich dünkt, mich dünkt«, sprach Klingsohr ärgerlich nach. -- »Was +dünkt Euch denn von +uns+? Wähnet Ihr, Meister Tannhäuser und hier ich, +der Magus, haben uns oben davon gemacht und seien in dieser Burg bei +den geizigen Alten in harter Arbeit gestanden, ich mit dem Pülverlein +drinnen beim griesgreisen Pförtner, mein Gesell gar mit dem +Alrunzauber bei der scharfohrigen Pförtnerin allein unter'm Galgen, +allwo er jetztunder noch aushält, das edle Herz; wähnet Ihr, dies +Alles sei von uns gethan, bloß daß Ihr zeitiger Euren edlen Namen +erführet und Eure ritterliche Geburt, als es sonst geschehen wäre. +Wähnet Ihr das wirklich? Ja freilich, 's ist ja eine Zeitung, die man +nicht alltag zubringen kann, daß aus einem Singer ein Junker worden +ist, und daß einer aus der Abtei und den Regeln St. Bernhard's in die +Herrschaft über Land und Leute gesetzt werden soll. -- Jedennoch, +Junker, das ist hier die Meinung nicht. Wie? dort die Thür steht +offen, der Alte schläft und sie sucht nach der Alrune -- und Ihr +besinnt Euch noch? Auf, gewinnet Euch selbst die Freiheit, nach der +Euch gelüstet! Der Weg ist offen; ich führe Euch.« + +Und er nahm sein Windlicht wieder zur Hand. + +»Aber«, sprach ich, tief erregt von dem, wozu er mich ermunterte, +»wenn ich's thäte und ohn' Urtheil und Recht dem Kloster entränne, so +brächt' ich mich auf's Neue in Fährniß, und geistlicher und weltlicher +Arm möchte mich bedrohen; ich hinderte die, so meiner Erledigung +günstig sind, daran, mich zu schützen, und der Bischof würde mich, wie +auch unser Orden des geistlichen Standes desto weniger entlassen!« + +»Wie?« rief da der Kurze unwillig wieder. -- »Dahin steht Euch der +Sinn? -- Als Ihr die Friedsamkeit und Demuth beweisen solltet, die man +Euch im Kloster gelehrt hat, da waret Ihr kampflich gemuthet, und da +es Euch als fahrendem Singbruder viel nützer gewesen wäre, Euch fein +zu ducken, daß Ihr heil entschlüpfen möchtet, da bewieset Ihr Trutz +und waglichen Widerstand -- aber jetzt, wo Ihr des Ritterthums +genießen sollt, zeigt Ihr ein Herz wie ein Lämmlein! -- O, lieber +Junker, denket doch nicht, wen die Kirche einmal eingethan hat und gar +dem Mönchsstand zugezählt, den werde sie so bald wieder losgeben; habt +nur wohl Acht, mancher Tag wird vergehen, bis sie sich über die +geistlichen und weltlichen Rechte verglichen haben werden, dieweil Ihr +in Haft hungert, schwitzt oder frieret, wie es Euch geliebt! Der +Gernsteiner, halt' ich, wird schon dafür sorgen, daß Ihr Euch an +solch' Leben gewöhnet. Und endlich, seid Ihr wiederum im Kloster, +nimmer mehr daraus zu entwischen« -- -- + +»So rathet Ihr mir --?« unterbrach ich ihn. + +»Ich rathe Euch -- ho! wie sanft das 'nem fahrenden Magus thut, daß +er einem Junkerlein rathen darf -- ja, ich rath Euch gut, Herr; traut +dem Bischof nicht, noch seinem Voigt, noch sonst wem außer Euch selber +und der Gunst der jetzigen Stunde, die Euch freien Ausgang verstattet +dank der Kunstübung Eures geringen Dieners und seines Gesellen! -- Ah, +Junker, 's ist wahr: Ihr seid dazumal übel gefahren mit uns, und habt +uns billig darum gescholten -- aber die Noth, Junker, die zwingende +Noth trug die Schuld daran! Drum laßt uns jetzt desto baß Euren Dank +verdienen. Hatten wir nicht sogleich am Anfang uns're Freud' an Euch? +Haben wir uns nicht gebrüdert? Sahen wir heut' nicht und hörten's, daß +an Euch ein meisterlicher Singer verloren wäre, und ein wackerer +Ritter dazu, so Euch das Kloster erhielte?« + +»Doch seid Ihr's gewesen«, sagt' ich, »die mich durch ihr Anzeigen +meines Standes dem Bischof überantworteten!« + +»So brachten wir Euch doch aus des Gernsteiners Gewalt, der Euch wohl +so fest verwahret hätte und übel gehalten, daß wir mit keiner Kunst +Euch hätten erlösen können. -- Das sind wir nun zu thun willens worden +und lag uns doppelt hart an, nachdem Eure Ritterschaft an's Licht +gekommen ist. -- Eilet denn, werther Junker! Gewinnet die Freiheit, +indem Ihr sie brauchet! Wie süß wird sie Euch eingehen an der Seite +Herrn Bruno's! Wir geleiten Euch, wir Wegkundige, und gewiß, wir +werden ihn finden.« + +Ich hatte sinnend gestanden und wußte nicht, was erwählen; denn ich +fühlte, daß ich vor eine große Entscheidung geführt war. Aber der Ruf, +der an mich ergieng, lockte zu laut -- und so folgt' ich dem +Klingsohr, der schon in der geöffneten Pforte stund, ungeduldig mein +harrend. + +Ohne sonderliche Fürsicht schritt er mir den Gang voran. »Die beiden +Alten sind noch festgehalten«, sagt' er dabei: »er vom Pülverlein, sie +von der Alrune, und vor anderer Begegnung sind wir sicher allhie!« + +Also befand sich's auch; der Alte schlief, da wir durch's Stüblein +kamen, und wir gelangten unangefochten hinaus auf die Stiege. Von +derselben führte ein hölzerner Gang außen zu einem Pförtlein in der +Mauer des Burghofs, durch das die Alten in einen zur Burg gehörigen +Krautgarten den Zugang hatten. Er war von einer hohen Mauer +eingeschlossen. + +»Hier können wir nicht hinab«, sagte mein Geleitsmann leise zu mir; +»nur drüben, wo der Berg steiler ist und die Mauer drum nicht so hoch, +mögen wir's vollbringen.« + +Damit drängte er mich weiter, den schmalen Weg voran zur Seite der +Mauer. So kamen wir an's Ende des Gärtleins und zu einer Thür, die war +offen, und auf steinernen Stufen traten wir in einen zweiten +Burggarten ein, der aber zur Sommerlust bestimmt war und in lauter +lieblichen Blumen und Ziergebüschen prangte. Ja, das that er auch in +dieser Sommernacht, denn obgleich weder Mond noch Sterne schienen, war +sie als zur Johanniszeit hell und wie von einem milden Dämmerlicht +übergossen, in dem man Jegliches umher deutlich sah; und Blätter und +Blüthen schimmerten mit einem sanften Lichte, als hätten sie etwas vom +Glanze des langen Sommertages zurückbehalten wie einen schwachen +Widerstrahl. Es hatte einen warmen Regen zur Nacht gegeben: noch +hiengen die Blätter tropfenschwer, und die Luft, von keinem Windhauche +bewegt, war weich und feucht; sie war auch voll würzigen Geruchs und +süßen Duftes, der aus ungezählten neu erfrischten Blüthen quoll und +aus solchen, die in dieser wonnigen Sommernacht zum ersten Mal ihren +Kelch erschlossen. Wie sog' ich all' diese stille Herrlichkeit mit +Sinnen und Herzen ein nach der Angst des Gefängnisses, ob ich gleich +an dem Frieden und der Glückseligkeit, die mich umgab, keinen Theil +haben durfte; denn mein Weg war ohne Recht, verhohlen und bedroht. + +Leise schritten wir hindann. + +»Seht Ihr das Fenster dort, von Rosengezweig umrankt?« flüsterte +Klingsohr. + +Ich sah dahin und gewahrte auch dicht dabei eine Pforte, die von der +Burg her in unser Gärtlein führte. + +»Des Grafen Eberhard Nichte, Junker, von der Ihr den Kranz empfienget, +wohnt heint allda zur Herberge. Von der Alten erfuhr ich's, die am +Abend das Fräulein heraufreiten sah, stattlich geleitet. -- Wenn wir +ihr allhie begegneten, Junker, wie geschwinde liefet Ihr wohl davon?« +Dabei kicherte er verhohlen. + +Ich sagte nichts; doch sah ich im Gehen hinauf zum Fenster, und ich +fühlte mein Herz stärker klopfen. + +Da klang ein Ton durch die Stille, fein und leise. Wir hielten mit +Gehen an und horchten auf. Es war das verhaltene Summen einer +menschlichen Stimme, das von drüben herkam, wo am Ausgang aus dem +Garten über der Ringmauer der Burg ein Sommerhaus als ein Thürmlein +gebaut war zum Lugaus hinunter in Dorf und Thal. -- Jetzt vernahm ich, +halb gesungen und halb gesprochen, als würden sie nur laut gedacht, +die Worte: + + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + Dich lacht sie an mit rothem Munde + Und haftet doch im finstren Grunde, + Aus dem ihr Kraft und Leben quillt: + Das ist der Liebe Ebenbild! + Es schafft das Leid der Liebe Pein, + Doch ohne Leid kann Lieb nicht sein, + Es liebt die Lieb' Leid zum Gedeihn! -- + +Dieser mein Spruch, den ich vorhin gesungen, da es Kranz und Kleinod +galt -- welch' neue Gewalt hatte er doch jetzt über mich! Ich erschrak +und erzitterte schier, und doch schwebte mein Herz hoch auf in Wonne; +mir war's, als träumt' ich nur, und sodann wieder, als erwacht' ich +nun erst aus ungewissem Wahn zur Wahrheit und zum Leben. + +»Irmela!« rief ich und eilte, ohne auf Klingsohrs eifrige Gebärden zu +achten, mit denen er mich trachtete zurückzuhalten, hin, woher die +Klänge kamen. + +Sie mußte den Namen gehört haben; denn als ich zum Sommerhause kam, +erblickt' ich sie, wie sie am offenen Eingang desselben stund, +regungslos, als spähte sie hinaus. + +»Irmela!« so rief ich wieder und fand vor Freude und Bangigkeit kaum +den Odem zu dem Worte, wie ich nun nahe vor sie trat. + +»So bist Du's, Diether, und bist frei?« Wiewohl ihre Stimme bebte, als +sie das sagte, klang es doch im hellsten Jubelton wie der Ausruf einer +Seele, der unerwartet die Bande schweren Leides gelöset sind. + +Ein Schauer durchrieselte mein Gebein, als sie in hochgehender Freude +mir entgegen eilte und mit ihren beiden Händen die meinigen ergriff. +Ich sah ihr in's Angesicht: ihr Mund lächelte und ihre Augen waren +voll Thränen. + +Da konnt' ich mich nicht länger enthalten, umfieng sie mit meinen +Armen und küßte sie. + +»Ja«, flüsterte ich, indem ich sie umschlungen hielt, »ich bin frei, +und immer selig sei die Stunde, da ich's ward; denn sie offenbarte +mir, Süße, Deine und meine Herzensliebe!« + +»Weh!« rief sie da mit dem Tone des Schreckens, indem sie mit +Heftigkeit sich mir entriß, »weh, was hab' ich geduldet! Diether, ich +bin verlobt! Nimmer wieder laß mich solch ein Wort hören! Nein, nein! +-- Entweich, wir sind ewig geschieden!« + +Flehend bat sie so, aber streng zugleich und gebietend stund sie vor +mir, hoch aufgerichtet. Der Gedanke, so von ihr verstoßen zu werden, +erfüllte mich mit Grauen. Ich sank vor ihr auf die Knie. + +»Irmela,« bat ich, »nicht also treibt mich von hinnen! Kein Gefängniß +sieht so finster und freudlos mich an, als rings die weite Welt, so +ich Euch muß verloren geben. Ich kann nicht mehr von Euch lassen, +nimmer, nimmer! Die sehnende Herzensliebe hat mich bezwungen! O, auch +Dich, Irmela; läugn' es nicht! Das Leid, das über mich gekommen ist, +hat ihre Heimlichkeit Dir kund gethan und diese Stunde auch mir. Nie +kannst Du dem Manne folgen, dem Dein Herz nicht zugehört!« + +»Ich lieb' ihn nicht,« sagte sie leise. + +»Aber hier in meinem Herzen bist Du beschlossen, Irmela, und ich bin's +in Deinem. Ach, wohl gleicht unsere Liebe dem Sturmvogel, der gegen +Wind und Wetter durch zuckende Blitze in mitternächt'ge Wolken fliegt; +aber hinter ihnen, Irmela, glänzt die Sonne und seine Schwingen sind +Adlerschwingen!« + +Sie schwieg; aber mir war's, als athmete sie schwer und mit leisem +Beben erzitterte sie. + +»O, sprich nur ein Wort!« bat ich wieder. »Ein einzig Wort, daß ich +wisse, die Rose, die sich mir zur Wonne erschlossen in dieser +Blüthennacht, sei nicht auch zugleich entblättert; daß mir eine Hoffnung +leuchte auf der dunklen Bahn, die ich beschreite. -- Sprich dies Wort, +Irmela, dies eine Wort, und ich will kämpfen, ringen und nicht ermüden, +bis der Tag kommt, da der Bund dieser Mitternachtsstunde vor Gott und +Menschen gesegnet wird!« + +Da war's, als bewegte sie ihre Hand mir entgegen; ich erfaßte sie und +drückte sie mit Inbrunst an Herz und Lippen. + +»Hab Dank, hab Dank, Irmela!« sagt' ich, indem ich mich erhub, »und fahr +wohl!« + +»Fahr wohl auch Du!« sprach sie zum Scheiden. + +Indem kam auch schon Klingsohr herbei mit großer Eil und vielem Winken: +»Geschwind, Junker, geschwind! Wir dürfen nicht länger säumen. Man ist +uns auf der Spur. Dort den Weg kommen sie, den wir vorhin nahmen. Gewiß +ist die Alte heimgekommen, hat das Nest leer gefunden und Lärm gemacht.« + +Ich wollte mich auf diese Worte fürder wenden, mit ihm die Flucht +fortzusetzen, als wir auch schon die, so uns zu suchen ausgegangen, in +der offnen Pforte ersahen, durch die wir in den Garten gekommen waren. + +»Da drüben um's Thürmlein müssen sie sein,« so vernahmen wir: »dort +hört' ich flüstern, als ich hinaushorchte.« + +Es war die Stimme der Alten. + +»Sie werden mich finden!« sagte Irmela mit Bangen, »was beginn' ich?« + +Wohl sah ich, daß sie ihnen nicht entgehen konnte. Sie konnte sich im +Garten nicht verbergen, den die Leute gewiß durchsuchen würden, und +auch, wenn sie zurück wollte in ihr Gemach, mußte man auf sie treffen. + +Sollte sie durch mich in Verdacht gerathen und Ungemach? Sollte sie +gepeinigt werden mit Fragen nach mir und ihr reines Gemüth zwischen +dem Wunsch schweben, unsere Heimlichkeit mir zum Schaden nicht +auszubringen, und der ungewohnten Nöthigung, durch Falschheit sich +heraus zu helfen? + +Das durfte nicht geschehen. Die Gewißheit ihrer Herzensliebe zu mir +hätte mir jeglich Opfer leicht gemacht. Ich besann mich nicht. + +»Seid getrost, Irmela!« rief ich. »Ich gewinn' Euch Zeit.« Und bevor +sich Klingsohr deß versehen konnte, der allbereits zur Weiterflucht +vorangeeilt war, nicht zweifelnd, daß ich ihm folgte, sprang ich den +Weg zurück, den wir gekommen waren, gerade auf die Gartenpforte zu, +den Eindringenden entgegen. + +Ich gedachte durch die Überraschten hindurchzustreichen, oder doch, +so das nicht gelänge, sie so lange aufzuhalten, bis Irmela hinein +wäre, und dann ihnen zu entrinnen. Meine schnellen Füße, hofft' ich, +sollten mich retten, bis ich an einen Ort käme, geschickt zu einem +Sprung die Ringmauer hinab. + +Aber was soll ich sagen? So gerieth es mir nicht. Zwar daß meine +Verfolger in den Garten eindrangen, verhindert' ich. Denn wie ich nach +der Pforte rannte, wandten sie sich mir Alle zu mit lautem Geschrei. +Doch es waren Ihrer zu viele, als daß ich hindurchzubrechen vermochte +oder sie bestreiten konnte, ich Waffenloser. Es währte nur eine kleine +Weile, so war ich von ihnen umringt und ergriffen, und ein Gefangener +des Bischofs von Speyer, wie vorhin. + + + + +Neuntes Kapitel. + +Entscheidung. + + +Wenn im Frühling die schwanken Birkenzweige im ersten Grün erprangen, +wenn der laue Hauch der Luft die glänzenden Hüllen von den schwellenden +Blattknospen der Buchen und Linden streift, wenn die Blumen aus dem +Grase dringen und überall wieder das Leben sich regt und schmückt: dann +ist solcher Anblick wohl für jeglichen Menschen, der sein genießt, eine +Ursach zur Freude, und, sein Muth sei froh oder traurig, ihm sei wohl +oder weh, so vernimmt er in solchem Walten Gottes zur Frühlingszeit +einen Ruf, sein Herz zu stärken und jede gute Hoffnung aufschweben zu +lassen, wäre sie auch oft schon zu Boden gestoßen und gar flügellahm +worden. + +Anders, acht' ich, ist's im Herbst, wenn der Schmuck der Erde allgemach +vergeht und von Tag zu Tag die Gärten leerer, die Wiesen fahler und die +Wälder kahler werden. Davon mögen die Menschen, je nachdem es ihnen um's +Herz ist, leicht oder schwer, einen gar verschiednen Muth gewinnen. Es +kann sich ganz lustig ansehen, wie so ein gelbes Blatt nach dem andern +vom Baum gelöst und tanzend vom Winde hinweggeführt wird, wenn die +Früchte sicher eingethan sind, die der Baum gegeben hat, und dem Genieß +aufbehalten; auch weiß sonder Zweifel das Auge des Hoffnungsvollen am +sich entblätternden Baume überall die Knospen wahrzunehmen, darin +Blätter und Blüthen wohl verwahrt sind schon für's kommende Jahr. Ja, +wem daheim der warme Herd in die Mitte der Seinen winkt und zu +willkommener Ruhe nach gethaner Arbeit: wie gern mag der sich von den +rauhen Herbststürmen hinein scheuchen lassen! Kürzlich: wem die Wurzeln +seines Lebensbaumes noch fest und kräftig genug in der Erde haften, +Nahrung daraus zu ziehen, wer da im Stamm inwendig noch den Saft +aufsteigen weiß: der ersieht auch im Winter nur den Vortraum und +Stärkungsschlaf für Leben und Lust des kommenden Lenzes und mag die +kalte Hand, die das Laub entstreift, mit Freuden begrüßen. -- Aber für +die Meisten freilich hält der Herbst, wenn er dem Winter die Bahn macht, +eitel Leichensermone; denn unter den Menschen, so zum Nachsinnen über +sich gekommen sind, wozu Frau Unglück weit besser anleitet, als ihre +ungleiche Zwillingsschwester, sind, wie ich sorge, viel mehrere, welche +von der Zukunft hienieden lieber zu wenig hoffen, als zu viel und darum +die Trauerlieder des sinkenden Jahres überleicht verstehen und +nachsingen. + +Dazu war wohl auch ich weidlich geschickt geworden nach meiner +Gefangennahme, seit ich wieder in's Kloster zurückgebracht war, allda +des Ausgangs meiner Sache zu harren. Zwar nur wenige Monate waren +seitdem verstrichen. Aber als ich aus meiner Zelle, die mir zur Büßung +abseits von denen der Brüder angewiesen war, in den grauen Novembertag +hinaussah, drückten seine tiefhangenden Wolken schier auf mein Herz, +und der Wind, der durch die kahlen Äste des Nußbaumes vor meinem +Fenster fuhr, seufzte, als wollt' er mir helfen trauern und klagen. + +Wie manchen Tag hatt' ich schon vom nämlichen Schemel, den Ellenbogen +auf dem Tisch vor mir gestützt, durch dies kleine Fenster +hinausgesehen nach dem Nußbaum und dem Himmel, so viel davon zu +erblicken war; denn sonst war die Welt meinen Augen versperrt. -- + +Wenn ich früher ihn betrachtet hatte, wie er so mächtig aus dem +Zwinger emporstrebte, hatt' ich nicht gedacht, wie sehr ich's ihm +einstmal noch danken würde, daß er also hoch gewachsen war, so hoch, +daß er mit seinem Wipfel auch über das kleine Fenster der einsamen +Zelle hinausragte, deren Bewohner nun ich war. -- Wie doch heute +sonderlich die Äste stöhnten, wenn der Wind sie schüttelte und, ihre +Zähigkeit erprobend, sie gegen einander schlug; wie knarrend die +dürren Zweige zerbrachen, und wie ängstlich die wenigen gelben +Blätter, die noch am Gezweige saßen, sich hin und wieder wendeten, so +oft ein Windstoß sie erfaßte, als sträubten sie sich gegen ihn und +riefen um Hilfe! -- + +Es war doch Alles umsonst; eins nach dem Andern ward abgerissen und +wie zum Hohn wild durch die Luft geführt, oder es sank zitternd zur +Erde nieder -- eins nach dem andern! -- Schon konnt' ich die übrigen +an den Fingern meiner Hände zählen -- dort eins -- dort eins -- und +dort eins! + +Ob wohl auch sie heute würden abgelöst und der Baum ganz kahl werden? -- + +Ach, es war heut ein traurig Ding um ihn und den Himmel dahinter! -- + +Als ich zuerst hier in diese Zelle hereingeführt und hinter mir die +Thür verschlossen ward, daß ich allein wäre (wie war ich's gewohnt +geworden seitdem!) mein Sinnen und Denken abzuziehen vom eitlen Wesen +der Welt und nur auf meine Schuld zu lenken und heilsame Büßung: wie +winkte mir da durch's Fenster das dichtbelaubte Gezweig so freundlich +entgegen! Schwellende Früchte, zu Trauben gesellt, schauten daraus +hervor, und blitzendes Licht vom blauen Himmel her spielte zwischen +den grünglänzenden Blättern. -- + +Das war zur Johanniszeit, am Tage, nachdem ich in's Kloster auf +Erfordern des Abtes und mit Bewilligung des Bischofs war zurückgeführt +worden. Ich war in den Capitelsaal gebracht, allwo der ganze Convent +sich versammelt hatte, daß ich vor den Abt gestellt würde, mein +Urtheil zu empfahen, wie mit mir zu handeln wäre im Kloster. Denn +obgleich meine Erledigung zurück in den weltlichen Stand allerdinge +nach dem Spruch derer, denen die Entscheidung unterstünde, zu erharren +wäre, so hätte ich doch meine Untugend und all' das Ärgerniß, so ich +gegeben, als dem Cisterzienser Orden zugehörig, verübt, und müßte +daher gemäß der heiligen Observanz und St. Bernard's Regel zum Heil +meiner Seele, zur Befestigung der Guten, zur Stärkung der Schwachen, +zur Warnung der Sichern mit mir gethan werden. + +Solches Alles ward mir vor den Brüdern im Capitel von Abt Albrecht +verkündigt, der dazu eine Rede that, die mir recht das Heimlichste +meines Herzens vor Augen kehrte, daß ich sah, wie schwarzer Farbe es +war; denn er war gewaltig in Worten. Er nannte den Tag, da er von +meiner Sünde hätte hören müssen, den traurigsten von allen, seit ihm +der Abtstab in die Hand gegeben wäre; er beschrieb meinen Sinn, wie +schlimm geartet er wäre und unwerth, daß ich all' sein Vertrauen, das +er zu mir gekehrt, und seine gute Meinung so gröblich zu Muthwillen +und Verübung loser Narretheidinge gemißbraucht hätte; er sagte auch: +wenn der Herr und Weltenrichter schon den unnützen Knecht in die +äußerste Finsterniß und in die schrecklichen Höllenschlünde verweisen +wolle, darum daß der Schalk mit dem einigen ihm verliehenen Centner +nicht gewuchert habe, welche Qual werde sich der verdienen, welcher +hohe und edle Gaben, so er von Gott empfangen, dazu verwende, daß er +damit unsers Herrn und seiner heiligen Kirche Ehre, statt sie zu +erbauen, kränke und ganz niederlege! + +Darnach fragt' er mich, ob ich etwas zu sagen hätte, so sollte mir das +verstattet sein. + +»Würdiger Vater!« sagt' ich da. »Es ist Alles wahr, deß Ihr mich +zeiht. Ich habe schwer gesündigt wider Gott, wider Euch, wider den +heiligen Orden. Aber so wahr ich Euch und dem würdigen Convent hier +von der ewigen Dreifaltigkeit beständige Genüge erwünsche, so +gewißlich kann ich Gott im heiligen Stande nicht länger dienen, habe +nur ein Verlangen, mich zum ritterlichen Leben zu schicken, und bitt' +Euch demüthig: Helfet mir dazu!« + +Durch solche Worte, sagte wieder der Abt, erfände sich's desto +gewisser, wie völlig mein Herz geblendet wäre. Darauf ward ich dem +_Frater poenitentiarius_ zugewiesen, daß er die geistlichen Büßungen, so +mir aufzulegen, leiten und in Allem meiner armen Seele rathen möchte, +die Bosheit auszuziehen und Gnade zu gewinnen. + +Der hatte denn auch das Amt, so er überkommen, an mir mit allem Eifer +angegriffen. Einsamkeit, Casteiung und allerlei Plage sollte meinen +Sinn ändern, dazu stetes Gespräch mit ihm von heiligen Dingen und von +Verachtung der Welt. War ich nicht manchen Tag hinunter in die +Geißelkammer geführt worden, auch dazu aus dem Schlaf geweckt, allda +das Miserere zu singen und Schläge zu leiden? + +Doch wiewohl mir meine große Fehle, damit ich mich verschuldet hatte, +leid war, so blieb doch mein Muth und Wille hinausgerichtet, wie +anfangs, und die himmlischen Dinge, die mich hinwegziehen sollten von +allem weltlichen Trachten, erlangten diese Gewalt nicht über mich. Ja, +wenn oft unter den Geißelschlägen mein Rücken rünstig ward und ich +dennoch ihnen stille hielt und nicht zuckte; wenn ich jegliche Pein, +mit Wachen und Fasten mir auferlegt, williglich trug und nicht murrte, +so wähnte mein Beichtiger wohl, es wäre die wahre Zerknirschung und +herzliche Reue, die mich so harte Buße demüthig tragen lehrte: aber es +stund viel anders mit mir. Ich hätte das Schwerste auf mich genommen +in dem Gedanken, der mir auch all' dies Ungemach leicht machte: daß +ich es litte, weil ich mich gefangen gegeben für sie, für die Maid, +die mir allzeit im Sinne lag, deren Bild in aller Pön mir winkte. + +O, welche Gewalt hat doch eine starke Hoffnung über des Menschen +Herz! Sie ist allgegenwärtig, wie das Sonnenlicht. All' unser Denken +und Thun, Mühe und Plage, Leid und Noth durchleuchtet sie; sie +durchsüßet die Bitterniß und durchblümet selber die Wüstenei, die wir +durchwandern müssen. + +So hab' auch ich's erfahren in jenen Tagen. + +Wie oft, wenn ich einsam in der Zelle weilte, brachte mir die gewisse +Hoffnung, der Tag der Befreiung würde erscheinen, Stärkung und Trost! +Wie malte sie mir mit dem Sonnenstrahle, der an der Wand zitterte, +lichte Bilder hin von Aventiuren, Ehren und ritterlichen Thaten, von +Freiheit und Wiedersehen! Wie hört' ich ihr Flüstern im Rauschen des +Nußbaumes, wenn der sanfte Wind das Laub bewegte! + +Mit jedem Tage stieg diese Hoffnung; denn jeder brachte ihre Erfüllung +näher. + +Mit Fleiß achtete ich auf die grünen Früchte, die mir der Nußbaum +durch's Fenster zeigte, wie sie allgemach größer wurden. »Eure Schaale +ist bitter«, sprach ich oft, »und selber dem Anblick wird sie unhold +mit der Zeit. Aber drinnen hegt sie wohlverwahrt den süßen Kern; die +Hülle springt, und er tritt an's Licht. So tragen auch diese Tage, +deren Bitterkeit ich schmecken muß, in ihrem Schooße für mich die +köstliche Frucht der ersehnten Freiheit; noch ist sie mir verborgen, +aber unmerklich reift sie heran.« + +Doch ach! eine Woche nach der anderen war herumgegangen, und noch +immer hört ich nichts davon, daß draußen meiner gedacht ward. +Jeglichen Morgen sah ich klopfenden Herzens in meines Beichtigers +Angesicht, prüfend, ob er die erhoffte Nachricht mir nicht zu +verkünden hätte. Aber er schwieg davon, und der neue Tag schwand +gleich dem vorigen. + +So einförmig giengen die Tage hin, so geräuschlos schlich die Zeit +durch Wochen und Monate, daß ich ihrer Zahl und Menge, wie viel ihrer +waren, gar nicht Acht hatte. Aber wohl sah ich, wie die Nüsse sich aus +ihren Hülsen schälten, vom Baume fielen und die leeren Schalen +zurückließen; wie die Blätter sich entfärbten und das Geäst allgemach +lichter ward; wie dann der Himmel, der da hindurch blickte, als durch +ein immer weiter sich öffnendes Gegitter, öfters trüb schien und +seltener in blauer Klarheit glänzte. Ich sah, wie das Sonnenlicht +immer später meine Zelle besuchte, immer schmaler darin seine goldenen +Streifen zog und nimmer bälder daraus verschwand. + +Wenn auf trübe Tage wieder ein sonnenheiterer folgte, hatte ich schier +mit Ungeduld geharrt, den Schein zu sehen, ob er wohl merklich würde +zurückgewichen sein gegen das letzte Mal, da er an der Wand geglänzt; +und als es geschah, daß ich wahrnahm, wie die Sonne meine Zelle nicht +mehr erreichte und den letzten Scheideblick des Jahres herein +geschickt hatte in meine Einsamkeit: da war eine große Traurigkeit +über mich gekommen, als sollt' ich auch den güldnen Träumen von +Erledigung und Freiheit den Abschied geben. + +Aber ich hatt' es nicht vermocht, ich hatte um so sehnlicher gehofft +und war nicht müde darin geworden, wie auch die Blätter immer +zahlreicher fielen und die kahlen Zweige schmucklos zu mir herein +starrten. -- -- + +Wie mit Fleiß ich an dies Alles heut' zurückdachte am stürmischen +Novembertage, als ich zum grauen Himmel hinaussah, und wie die letzten +Blätter sich wehrten wider den Wind, der sie zauste, und half ihnen +doch Alles nichts! + +Nein, es half auch mir nichts: mein Hoffen und Sorgen, Zagen, +Wünschen und Ungeduld! -- Wenn es der Weltenherr so beschlossen hätte, +daß mein Leben und die Welt draußen immer geschieden blieben von +einander! Wenn das Gelübde meiner Mutter, da die Gottesminne ihre +Liebe zu mir bezwang und durchklärte und sie mich der frommen Hut des +Klosters übergab, gewißlich ach, mit heißen Gebeten! im Himmel +versiegelt ward! + +Aber konnte das sein? Wäre mir dann die Einfalt und der Frieden meiner +Jugend so verwirrt durch Lust und Weh der Welt, durch das Eindringen +ihrer Süße und Herbe in mein unerprobtes Herz? Wären dann jene +Versuchungen an mich herangedrungen, um welcher willen, daß ich vor +ihnen geborgen bliebe, ich hieher gebracht worden war an diese Stätte +geschützten Friedens? + +Doch wie? Durft' ich mich unterwinden und all' dies, was mich abwendig +gemacht hatte dem heil'gen Stande, ansehen als von dem waltenden Gott +so gefügt? War es nicht vielmehr der Dünkel und Wahn meines +unberathenen Herzens, eigenwilliges Entweichen vom Wege, der mir +verordnet war? O, dann war es ein unmächtiges Ankämpfen, ein +schuldvoller Ungehorsam. Und dies sehnliche Verlangen in mir nach +Ehre, Freude und Glück der Welt, nur darnach? nein! auch nach ihren +Kämpfen, Mühen und Schmerzen: sagte es nicht noch jeden Augenblick Ja! +zu der Hoffahrt und Eitelkeit meiner Seele, bedrohte es mich nicht mit +immerwährender Unseligkeit, so der Spruch fiele, daß ich im Kloster +bleiben müßte? Dann wäre mir die Erde vergällt und für die Ewigkeit +meine Seele der finsteren Schaar zugeordnet. -- + +Ich erschrak vor solchen Gedanken! Ich sah hinweg vom Fenster und +lenkte meinen Blick auf das Buch, so vor mir aufgeschlagen war. Es +waren S. Anselmi Betrachtungen. Mein Beichtiger hatte mir das Buch +hereingegeben zu heilsamem Nachdenken. Täglich mußt' ich ein Stück +darin lesen und auf sein Befragen davon Rechenschaft thun, ob ich die +Meinung recht verstanden hätte. Ich that es; aber meine Seele war +nicht dabei. Heute zum ersten Mal kehrt' ich allen Eifer dazu. Ich las +von dem Meere des Verderbens, welches wäre die Tiefe weltlichen +Begehrens, und vom bodenlosen Schlamme der fleischlichen Lüste; ich +las von dem Elend dieses Lebens: wie es gliche einem finstren Thale, +in seinem Grunde voll Martern; darüber eine einzige Brücke, sehr lang, +aber nur eines Fußes breit; über diese so schmale, so hohe, so +gefährliche Brücke gehen müssen, mit verbundnen Augen, also daß man +seine Schritte nicht sehen kann, mit rücklings gefesselten Händen: so +in Furcht und Ängsten des Herzens schweben: Das wäre dieses Leben. +Ich las vom Tode, wie er alle Schönheit der Gestalt verderbt und die +zarten Glieder der Verwesung und den Würmern überantwortet; vom Grauen +der Sterbestunde, von den Schrecken des jüngsten Tages. + +Solches Alles las ich, wie es in der ersten Meditatio des heiligen +Lehrers zu finden ist. Davon überkam mein Gemüth große Pein. Denn wenn +ich es untersuchte, so erfand ich doch darin die Abkehr von dem +vergänglichen Weltwesen nicht erwirkt, noch das Verlangen nach der +himmlischen Freude entzündet; sondern daß ich frei würde und ein +wackerer Held, der Ehren erwürbe Brun zum Trost und Irmela zur Freude: +das war all' mein Verhoffen und mein Begehr, wie vorhin. + +Da schickt' ich mich an, zu Gott zu rufen, daß Er mir die Verachtung +der Welt in die Seele senken möchte und die völlige Gelassenheit, aber +unvermerkt ward solch' Gebet zur Bitte, die Stunde meiner Losgebung +möchte bald erscheinen -- und Beides zusammen konnte doch nicht +bestehen. + +So hub ich denn in also zweifellichem Wahn meine Augen auf und sah +hinaus, wie ich zuvor gethan hatte. Der Wind fuhr noch immer durch die +Zweige und schüttelte sie. Hatte er denn schon alle Blätter nun davon +geführt, alle? -- Nein, eines hieng noch fest, ein einziges. Ich faßt' +es in's Auge und blieb daran haften mit meinem Blick, wie es ohne +Aufhören auf und nieder und zu den Seiten flatterte und doch nicht +abriß. -- »Du willst, guter Baum,« sagt' ich, »das Einzige, was Dir +vom sommerlichen Schmuck geblieben ist, nicht lassen; also auch ich +nicht die Hoffnung von daher. Aber das Jahr ist spät und wie lang' +kann Dein Widerstand noch dauern -- und meiner?« + +Aus solcher trübseligen Betrachtung erweckte mich ein Klopfen an der +Thüre. Die kleine Öffnung in ihrer Mitte, deren Thürlein aufgethan +ward, ließ eine Hand sehen, die ein Papier in die Zelle fallen ließ. +Als ich es aufnahm, war schon die Hand wieder zurückgezogen und die +Öffnung verschlossen. + +Es war ein Brief, erbrochen und durch den Abt mir überschickt -- ein +Brief, mir von Brun geschrieben aus Rom. Wie froh erschrak ich, als +ich den Namen las, und wie faßt' ich jeglich Wort, das da geschrieben +stund, zu Herzen! + +Gewißlich entsänn' ich mich seines Scheidewortes an mich. Ihm wär' es +allzeit lebendig im Herzen geblieben, und Anderes hätt' er nicht +erstrebt, als daß er mir Befreiung erwürbe und mich in das Erbe seines +Namens und seiner Güter setzte. Er hätte manchen Gang darum gethan und +auch Graf Eberhard -- ich kennte doch Adelbert aus Bruno's Geschichte? +-- -- wäre ihm eifrig zur Seite gestanden. Auch andere seiner Freunde +aus jungen Jahren hätten sich für ihn eingelegt und selber ihm zur +Hoffnung verholfen, daß er Land und Leute, so er einst besessen, +wiederum zu Handen erhielte. Aber es hätte sich erwiesen, daß +geistliche Rechte wider ihn wären. + +Und nun ließ er mich wissen, daß meine Mutter nach altem Brauch mich +feierlich dem Kloster und geistlichem Orden übergeben, daß der +Priester aus ihrer Hand mich auf den Hochaltar genommen und als ein +Opfer und süßen Geruch dem Himmelskaiser geweiht hätte. Da wäre die +Stola um des Knäbleins Arm von ihm geschlungen worden und meine Mutter +hätte alle heiligen Gelübde, vom Priester ihr vorgesprochen, für mich +vollbracht. Auch wäre darüber eine Urkund nach allem Erforderniß in +der Abtei niedergelegt. Auf solches Alles hätte sich der Bischof +berufen, und zu ihm hätten die höchsten Oberen des Cisterzienserordens +gestanden. -- Darum hätt' er sich aufgemacht und wäre gen Rom gezogen, +dort beim heiligen Stuhl für mich zu bitten; aber man hätte ihn +schlecht an die Entscheidung des Bischofs und des Ordens gewiesen, +darnach müßte der Spruch gefällt werden. + +Ob ich ihn wohl zu lieben angefangen hätte, als das Kind den Vater +soll? Ob ich mir wohl fürbilden könnte, wie selig ihm die Stunde +gewesen, da er mich gefunden und wie er seitdem nichts wüßte, als mein +Bestes zu suchen? -- Dann sollt' ich nicht wider Gott fechten, den +Frieden meiner Seele in Acht nehmen und mich in's Kloster ergeben. Ich +sollte nicht hinaustrachten um seinetwillen, denn er hätte aller Dinge +beschlossen, daß wir unser Angesicht nicht mehr sähen. Es wäre besser +so. Er hätte ja eine Weile gedacht, der hehre Christ hätte seine Buße +angenommen und wollte sein brauchen, Freude für seinen Sohn zu säen +und ihm die Wege durch die wirre Welt zu ebnen, in denen er selber +sich verloren. Unterweilen hätt' er auch einen hellen Traum gehabt, +als möcht' er Joconda wiederfinden. Aber sie wäre, wie er erkundet +hätte, schon lange in Frieden, wohin dies zeitliche Jammerwesen nicht +reichte, und um mich wär' er solches Glückes nicht würdig erfunden. +Darum wollt' er von Stund' an seine Buße vollenden und die göttliche +Güte unablässig bitten, daß sie meine Seele von allem irdischen +Dichten reinigte und ganz ausleerte von jeglichem Verlangen, das doch +nicht erfüllt werden könnte, bis mein inwendiger Geist ganz stille +würde und offen für die Süße der himmlischen Liebe. Weil er denn +bedächte, daß das Band, so mich mit ihm verknüpfte, mich sonderlich +stark hinauszöge in die Welt, so hielte er es für wohlgethan, auch +dies Gott aufzuopfern, daß ich mich leichter losmachte und, was ich +aufgeben müßte, desto minder schätzte. + +»So scheide ich denn«, so beschloß der Brief, »mein herzgeliebter +Sohn, hiemit von Dir, nicht nach dem Herzen und nicht für ewig. Unser +kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke, +daß es heut geschieht! -- Die ewige Dreifaltigkeit nehme Deiner in +Gnaden wahr, sie enthebe Dich aller Wirrsal und gebe Dir Freude und +Frieden! Das ist mein Segen. Fahr wohl! -- + + Mein Sohn, bitte für mich! + + Gegeben in Rom in St. Augustini Kloster. + + +Bruno+.« + +Als ich ausgelesen hatte, entfiel der Brief meinen Händen und meine +Arme sanken schlaff herab. »Fahr wohl, fahr wohl!« rief es mir nach. +»Fahr wohl, mein Vater! fahr wohl jede süße Hoffnung; fahr ewig wohl!« +In dumpfem Klageton hört' ich's so; aber ich fühlte, wenn ich's +ausspräche, so müßt' ich's hinausschreien, und ich verharrte im +Schweigen. Denn in allzugroßem Weh mißgönnt sich der Mensch auch den +Trost der lauten Klage. -- + +Eine starke Windsbraut, die mit klatschendem Regen gegen das Fenster +fuhr, schreckte mich auf und riß meinen Blick empor. Die Äste +schlugen gegen die Scheiben, also daß sie erklirrten, und das letzte +Blatt, von seinem Zweige geschieden, wirbelte durch die Luft; eine +kleine Weile ward es umhergetrieben, dann entschwand es meinen +Blicken. + +»Fahr wohl, fahr wohl!« + +Da quoll ein Dunkel auf um mich her, als wollten Wellen eines Meeres +mich verschlingen, und die Sinne vergiengen mir. -- Als ich mich +wiederum besann, fand ich mich auf der Diele liegend; der kurze Tag +war herum und die Zelle ganz finster. Vom Himmel und vom Nußbaum war +nichts mehr zu sehen, nur der Wind gieng draußen wie vorhin, und so +oft er die Äste gegen das Fenster bog, hört ich's noch immer rufen: +»Fahr wohl, fahr wohl.« + +Ich weiß nicht, wie lange dies währte, als es geschah, daß an der Thür +der Riegel zurückgeschoben ward und gleich darauf Einer aus dem +Convent, nicht der meiner Pönitenz vorgeordnet war, mit Licht in meine +Zelle trat. + +So geschlagen ich war in jener Stunde vor großem Leide, wollt' ich +doch nicht, daß Solches im Convent offenbar würde; ich hatte mich also +aufgerafft und trat dem, der mich heimsuchte, so gelassenen Angesichts +entgegen, wie ich's vermochte. + +Der aber sprach, mich betrachtend: »Diether, wie siehst Du verhärmet +aus! Fasse Muth in's Herz; leichtlich wirst Du bald wieder froh. Denn +so erfindet sich's unselten im Leben, daß die besten Tage die bösesten +ablösen.« + +Darnach sagt' er mir, daß Abt Albrecht ihn geschickt hätte, mich +allsogleich vor ihn zu führen, und, wie sich's ansähe, hätte der für +mich wichtige Zeitung. + +Als ich in des Abtes Gemach trat, saß der, wie er pflegte in Stunden +der Muße, im hohen Gestühl, vor sich ein Buch zu heiliger Betrachtung +und gelehrtem Fleiß oder, wenn es mit Bildwerk geziert war, auch zu +lustsamer Beschauung bestimmt. Doch er hatte das Ansehen nicht, als ob +er heute sein Nachdenken da hinein tief versenkt hätte. Denn kaum +erblickt' er mich, als er mich näher winkte, eine kleine Weile prüfend +seine Augen auf mir ruhen ließ, seinen Mund aufthat und folgendermaßen +anhub: + +»Wir haben Dir eben heute, Diether, einen Brief zugehändigt, der +billigermaßen Dein Gemüth beschwert und in Traurigkeit gesetzt hat. +Denn darinnen ist Dir kund geworden, daß Du Deines Vaters Angesicht +nicht mehr sehen sollst in dieser Zeitlichkeit.« -- + +Als ich diese Worte hörte, fühlte ich die Trübniß, die mich vorhin +überwältigt hatte, wiederkehren, und wiewohl ich mich gedachte fest zu +machen, konnt ich's nicht wehren, daß meinen Augen vor übergroßem +Leide Zähren entflossen. + +»Ja, gewißlich«, sprach er weiter, als er solches wahrnahm, »ist +davon Deine Seele hochbewegt; und wir nehmen noch sonst ein +Verständiger, sogethane Trauer Dir nicht für Übel; denn kindliche +Liebe ist göttlicher Schöpfung, und Fleisch und Blut thun nach ihrem +Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen Ermahnungen aus +theurem väterlichem Munde, auch die Erkenntniß Deines eigenen Herzens +und deß, was ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Fleiß angehalten +worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit zu +überwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen der Welt Lust +versagt ist, darnach sie vergeblich trachten. Ich verhoffe, Du siehest +fürder diese Abtei, in der Du auferzogen bist, nicht als ein Gefängniß +an, sondern bedenkest wohl, daß Du allhie nicht allein der Seele Heil +am ungefährdetsten erwirken, sondern Gott mit der edlen Kunst, deren +Vermögen Er Dir verliehen hat, am würdigsten dienen magst. -- Daß in +dem Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde Gelegenheit +geboten.« + +Ich horchte auf bei diesen Worten und sah ihm mit großer Erwartung zu, +als er eine Schrift, die er zur Seite liegen hatte, in die Hand nahm +und entfaltete. + +»Wir haben eben heute Briefe empfangen«, sagt' er dabei, »Deine Sache +angehend, welche darthun, daß die, so zuvörderst das Urtheil darüber +zu fällen haben, anderen Sinnes worden sind, wie es mit Dir zu halten +sei, als es sich zuvor anließ. Auf dringendes Ansuchen des Bischofs, +dem unsere Abtei untersteht, hat das General-Capitel unseres Ordens +neuerdings verwilligt, daß unser Convent Dich losgebe, und Dich des +Gelübdes, einst für Dich gethan, entbinde.« + +Als ich diese Worte hörte, überkam mich eine Freude, als dränge ein +heller Sonnenstrahl plötzlich in mein von Traurigkeit ganz +überschattetes Gemüth. + +»So soll ich frei sein, ehrwürdiger Vater?« fragt' ich mit Pochen +meines Herzens. »Ist es das, was Ihr sagtet -- frei?« + +Ihm war aus der Hast, mit der ich Solches redete, die Unruhe meiner +Seele wohl offenbar. Mit Verwunderung und auch, als hätt' er weiseren +Sinn mir zugetraut, sah er mich an und gab mir weiter Bescheid: »Auch +soll von dem liegenden Gute, einstmals Deinem Stamme zugehörig, auf +Verwendung der bischöflichen Gnade und mächtiger Freunde so viel durch +Lehenshand Dir wiederum zufallen, als zur ziemlichen Erhaltung +ritterlichen Standes für nöthig erachtet wird; wie Solches die +Schriften hier besagen und urkunden.« + +»So bin ich nicht fürder hier zu bleiben gehalten?« fragt' ich wieder; +denn mir war's nicht anders, als träumt' ich nur. + +»Allein Deine Wahl, Diether!« sprach der Abt, »bestimmen forthin Dein +Bleiben oder Gehen. Möge Gott, Jüngling, Dich dazu erleuchten, daß Du +Dich recht berathest.« + +Da konnt' ich mich nicht länger enthalten, eilte auf ihn zu und, vor +ihm auf die Kniee fallend, ergriff ich mit Ungestüm seine Hände, küßte +sie und sprach: »Dank, dank, lieber Vater, für die Kunde, die mir von +Euch geworden ist! Sie macht mich wieder lebendig. Ein schwerer Muth +war über mich gekommen, als sollt' ich solcher Märe nimmer froh +werden.« + +»So steht Dein Wunsch und Wille noch allerdinge hinweg von uns?« +fragt' er mit Strenge und doch auch, als lebte, da ich so beweglich +und nahe zu ihm redete, etwas von seiner früheren Gütigkeit gegen mich +wieder auf in ihm. »Nur Freude schafft Dir dies, auch nachdem Du die +Worte Deines Vaters, Herrn Bruno's, vernommen?« + +»Ehrwürdiger Vater!« erwiedert' ich, indem ich's wagte und seine Kniee +umfaßte. »Immer spende die göttliche Gnade den Lohn Euch +überschwänglich für alle Treue, die Ihr an mir gethan habt, und Gott +mit seinem Frieden sei eines Jeglichen Geleitsmann ewiglich, so viel +allhier Eurem Hirtenstabe unterstehen: aber mich leidet's in dieser +Abgeschiedenheit nicht länger, und mein inniges Trachten ist noch zur +Stunde, wie es vorhin war, hinaus.« + +»Und doch«, sprach Albrecht wieder, »magst Du leichtlich in der weiten +Welt Dich einsamer und verlassener finden, als hier, wo Du so Vielen +vertraut bist. Denn bedenk' es wohl: Dein Vater harret Dein nicht, und +an welchem Ort er weilet, ist Dir verborgen!« + +»Noch ist ein Ruf«, sagt' ich wieder, »dem ich folgen muß. O, zürnet +nicht über das, was ich sage: aber begehrete Herr Bruno zur Stunde +selber von mir, daß ich bliebe; so lange die Freiheit zu bleiben oder +zu gehen in meine Wahl gelegt ist, könnt' ich ihm nicht gehorsamen. +Nein, ich könnte und würde nicht!« + +Als ich ausgeredet hatte, erhub sich Herr Albrecht mit finstrem +Angesicht, hieß mich gehen und selber mit meinem eitlen Dünken mich +berathen. + +So von ihm hinweggewiesen zu werden, gieng mir schwer ein. Darum bat +ich ihn und sprach: + +»Nicht so, ehrwürdiger Vater! nicht so heißt mich von Euch geh'n! +Gebt mir ein Wort der Verzeihung und des Segens mit!« + +»Ich sorge wohl«, sprach er wieder mit großem Ernst, »die Stunde wird +kommen, darin Dir Beides hoch noth sein wird. Möge sie nicht zu +schmerzlich für Dich sein! Alsdann wirst du unsern Segen nicht +vergeblich suchen. Wisse das, Diether, und geh!« + +Auf diese Worte, die er mit strenger Gebärde begleitete, durft' ich +nichts erwiedern. Ich verneigte mich vor ihm und gieng. + +Was nun im Convent und allerorten in der Abtei für ein Fragen +entstund, und wie groß das Aufsehen war, als es ruchbar ward, daß ich +auszöge für immer; wie Manche mich da berathen wollten, mahnen und +warnen, Andere es nicht hehl hatten, daß sie mich neideten, so Viele +auch eine herzliche Neigung zu mir kund thaten und sich mühten, zur +Letze mir zu zeigen, daß ich ihnen lieb war; wie sich da, als ich +Abschied nahm, Freud und Leid an der Hand hatten und ganz dicht zu +einander gesellet waren: von dem Allen gedenk' ich nichts zu +vermelden. Denn wer selber einmal eine Stätte hinter sich gelassen +hat, der er gewohnet war und die er nicht wiederum zu betreten +gedachte, der kann sich leichtlich fürbilden, wie es sich zutrug mit +meinem Urlaub nach Maulbronn. Ihm ist auch nicht noth zu sagen, wie +mir dabei um's Herze war. Denn er weiß, daß solche Scheidestunden auch +für den Menschen, der mit allem Verlangen nach der Ferne strebt, etwas +von jenen sanften und feierlichen Schauern in sich hegen, dergleichen +auch in der letzten Scheidestunde die gottminnende Seele durchzittern +mögen, wenn sie mit Freuden zum Himmel eilt und doch zugleich mit +doppelter Inbrunst liebt und segnet, was ihr auf Erden theuer war. + + + + +Zehntes Capitel. + +In der Welt. + + +Schwerlich zog Jemand wanderlustiger seine Straße an jenem +Novembertage als ich, nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es +mochten seitdem zween Tage verstrichen sein oder drei. Allgemach waren +mir die schweren Gedanken vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die +Erfüllung sehnlicher Hoffnung und heute das klare röthliche +Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das Herz froh und +leicht. Munter schritt ich hindann. War ich nicht auf dem Wege nach +Speyer, allda vom Bischof weitere Vollmacht zu erhalten für meinen +ritterlichen Stand, und gedacht' ich nicht von dort aus mich an Graf +Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten, wie ich mich weiter +hielte, und winkte mir dann nicht noch ein anderes, ersehnteres +Wiedersehen? + +Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des freien Umblickes mit +Freuden genoß, so hatt' ich der Stunden unterm Wandern nicht geachtet, +wie sie dahin gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich wußte +noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen sollte; Stadt oder +Dorf waren nirgends ringsum zu sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende, +und ich begann die Müdigkeit meiner Glieder zu fühlen. + +Indem sah ich durch die Abenddämmerung über ein blaches Feld ein Feuer +leuchten, das am Fuße eines Hügels angezündet war, der die Flamme +etlichermaßen vor dem Winde schützte. + +»Vielleicht ist's ein Hirt, der dort sich seine Abendkost rüstet«, +dacht' ich. »Er mag Dir wohl auch Rast und Erwärmung an seinem Feuer +und einen Imbiß gönnen, so Du ihn darum ansprichst.« + +So bog ich dahin vom Wege ab. + +Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch in's Angesicht, daß ich +nicht wohl aufsehen konnte. Wer aber da der Flamme pflegte, das ward +mir mit dem ersten Gruß bewußt, den ich hörte: + + »Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da! + Er selbst: _lupus in fabula!_« + +Allsogleich darauf fühlt' ich mich von dem Gerufenen an beiden Händen +erfaßt und unter überlustigen Sprüngen näher gezogen, indem er sang: + + »Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei! + Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!« + +»Gelt, mein Tannhäuser!« sagt' er dann zu seinem Gespons, indem sie +beide eine wollene Decke an die bequemste Stelle neben dem Feuer +spreiteten, »das hätten wir nicht gedacht, daß der werthe Junker uns +die Sach' so leicht machen würde. -- Ho, ein gutes Glück! Eine +treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. -- Möcht' ein +Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie heute stehen. -- +Gewißlich im besten Aspect; geschickt zu großer Unternehmung! -- Ah, +Herr Diether! Die bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der +Weisen zu gewinnen brächte, nun wir Euer theilhaftig worden sind.« + +Und er schüttelte mir wieder die Hand und der Tannhäuser auch. + +»Ihr scheinet meiner gedacht zu haben«, fragt' ich, selber schier +erstaunt über die unverhoffte Begegnung, indem ich, wie sie es +wollten, zwischen ihnen niedersaß. + +»Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell!« sprach da der Kurze und +stieß den Angeredeten hinter meinem Rücken an. »Nur gedacht?! +-- Gesprochen haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich und +eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag' Euch: immer in solcher +Meinung, wie sie treuer nicht sein könnte, wenn Ihr schlecht unser +Kunstbruder wäret und nicht hochbürtigen Stammes.« + +»Seid von Herzen bedankt dafür«, sagt' ich, »aber der Singekunst denk' +ich auch jetzt nicht zu entsagen, habe ich sie letzthin gleich nicht +geübt.« + + »Die Kunst verbrüdert, aber mehr + Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,« + +sprach der Tannhäuser dazwischen und war nachdenklich. + + »Fürwahr! so ist die Welt gericht't, + Doch unser Junker Diether nicht«, + +sagte Klingsohr ihn begütigend. -- »Nein! Ihr nicht, um den wir uns +gegrämet haben und gesorgt, seitdem sie Euch von uns rissen und wir +trotz all' unserer harten Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch +dahinten lassen mußten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und +versperrt! Ihr nicht!« + +»Ach, Junker«, fuhr Klingsohr fort, »wie schön hatt' ich Euch +allbereits hinaus, und wie balde wären wir hinunter gewesen, aber das +Fräulein -- das Fräulein!« -- dabei sah er mich von der Seite an und +winkte mit dem Finger. -- »Ach, Junker, es war da auch ein Zauber, der +Euch zurückhielt und ein stärkrer als meiner, der Euch des +Gefängnisses entledigen sollte.« + +Und er lachte und schlug, als wüßt' er genug von derlei Sachen, um +sich ihrer noch zu verwundern, mit seiner Hand scherzweise auf mein +Knie. + + »Jungfraunlieb ist fahrend Hab, + Heut Herzliebster und morgen: schab ab!« + +sang der Tannhäuser, als thät er's in Gedanken. + +War ich über Klingsohr's Rede roth geworden, so verdroß mich seines +Gesellen Liedlein. »Schweig!« gebot ihm der Magus, der meinen Ärger +wohl vermerkte. »Schweig, Gesell, und laß mich dem Junker vermelden, +wie wir keine Ruh' gehabt haben, bis wir für gewiß über ihn +erkundeten, was aus ihm geworden; wie wir endlich überein gekommen +sind, nach ihm zu spüren in Maulbronn, müßt's selber unter seines +Abtes Bettsponde sein. -- Ach, Junker, wir dachten nicht anders, als +es wär' Euch Luft und Licht versagt und Ihr hörtet außer der Litanei, +die Ihr selber singen müßtet, nur die Mäuslein pfeifen Tag und Nacht. +'s ist uns drüber, Junker, manches Mal die Lust vergangen am Essen -- +und am Trinken auch.« + + »Daran verloren unterdessen + Nicht viel die Kehle noch der Bauch,« + +sagte Tannhäuser und winkte abwehrend mit der Hand. + +»Ah, ah, Junker!« sprach Klingsohr wieder; »Er red't nur so -- nur +aus Bescheidenheit, sag' ich Euch; nur aus Bescheidenheit. -- Ein +kaiserlich Mahl hätten wir uns versagt für Euch -- und heut, ja heut +möchten wir eins halten für lauter Freuden, daß Ihr wieder heraus +seid. -- Sagt' uns nun, wie ist's Euch gelungen damit, Junker? Aus +einem Thurm Einen von dannen bringen, freilich, ist auch 'ne Sach'! +Aber aus 'nem Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich +eingefangen haben und mit Geißelung und Pön ihn christlich bedienen -- +ha, ha! -- das nenn' ich eine rechtschaffene Kunst.« Und er schüttelte +sich vor Lachen. »Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche +habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder am Tag die Wächter +getäuscht, oder Gewalt geübt oder --« + +»Nichts von dem Allen hab' ich geübt, noch sonst keinerlei +Widerrecht«, gab ich ihm zur Antwort; »sondern nachdem ich des +Klosterlebens entlassen, bin ich nach eigener Wahl gegangen und frei +öffentlich.« + + »Die Welt ist böse aller Orten + Und selten gut; + Gern weilt' ich hinter Klosterpforten + In sichrer Hut«, + +sagte der Tannhäuser und sah sinnend in's Feuer. + +»Wie, Junker?« fragte Klingsohr und sperrte vor Verwunderung seine +kleinen Augen so weit auf, als er's vermochte, »wie? Ihr seid nach +Urtheil und Recht losgegeben?« + +»So ist's«, sagt' ich, »und anders nicht. Der Bischof selber hat sich +bei des Ordens Oberhäuptern für mich eingelegt, daß nach meines Vaters +Willen geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser es +verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege gen Speyer, allda von Herrn +Gebhard die Vollmachten zu empfahen, und was sonst nöthig ist zur +Wiedererlangung meiner ererbten Rechte zu betreiben.« + +Auf diese Worte schlug der Kleine die Hände zusammen und rief: + + »O Wunder groß! Nun dies geschah, + Wähn' ich, der jüngste Tag ist nah!« + +»Was ist da so größlich zu verwundern«, fragt' ich wieder, »daß man +mildiglich handelt und nicht so gar nach dem strengen Recht, so Keinem +dabei zu nahe geschieht?« + +»Herr, Herr!« rief der Klingsohr. »Ihr kennt der Welt Lauf nicht; Ihr +kennet ihn bis auf's Härlein nicht, sag' ich, Klingsohr! -- Entweder +die Welt hat sich geändert und die heilige Kirche dazu -- oder Ihr +seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur Tauf' gebracht und +ein Nix war zum Gevatterschmause geladen. -- Sonst steckt noch was +dahinter, sag' ich Euch; könnt' ich's nur ausfindig machen.« + +Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand durch sein Kraushaar +und sah mit gespitztem Munde den entschwebenden Rauchwolken nach. -- +Ich wußte zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu sagen +und schwieg. + +»Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof Alles nach Wunsch +ausgerichtet habt«, fragt' er, sich wieder zu mir wendend, »was +gedenkt Ihr hernachmals zu thun, Junker, so man das wissen darf?« + +»Warum nicht, Klingsohr!« gab ich ihm Bescheid. »Dann gedenke ich +Herrn Eberhards Gunst und Beistand zu suchen --« + +»Wozu?« fragte er rasch. Ich war von der Art, wie er das Wort sprach, +ein wenig gewirret; doch faßte ich mich und sagte: »Zu Vielem; zu +Allem, deß ich Neuling in der Welt an Rath und Führung brauchen werde, +denn meinen Vater weiß ich nicht zu erlangen.« + +»Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts?« fragt' er wieder. + +»Wie wunderlich Ihr seid!« sprach ich. »Zu was noch sonst?« -- Aber +ich mocht' ihn dabei nicht ansehn; denn ich wußte wohl, daß er mit +seinen Blicken auf mich hielt. + +»Dann rath' ich Euch, Junker!« hub er wieder an -- »brauchet Herrn +Eberhards nicht! -- Was wolltet Ihr, da Euch die Flügel losgebunden +sind, noch fürder hier herumschleichen, als stünd' Euch draußen nicht +die weite Welt offen? -- Seid Ihr nicht selber gewitzigt genug, Eurer +Sache zu helfen, und werdet Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald +genug finden, so Ihr sie weislich prüfet? -- Wär' ich, Herr Diether, +an Eurer Statt, ich rüstete mir in Speyer alsbald ein hübsch' Pferd +und durchzöge die Lande der Christenheit: wo Kurzweil zu finden, Ehre +zu erjagen wäre, da macht ich Halt, und, glaubt mir's, Junker! wenn +Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist, allerorten die +Männer, so des Ritterthums verstehen, Euch rühmen -- und gar die edlen +Frauen! -- ah, Junker, Ihr seid ein glückseliger Mann, denn die +Frauengunst, Junker --« + +»Was sollt' ich mich nicht zuvörderst zu Herrn Eberhard wenden und die +Elzeburg meiden?« sagt' ich, ihn unterbrechend. + +»Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker Diether?« und mir schien's, +als winkte Klingsohr seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so +fragte. + +»Nun, ihn und das Fräulein auch«, erwiederte ich kurz. + +»Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers da zu wenig findet« +-- meinte Klingsohr. + +»Oder aus der Ritterschaft einen zuviel«, fuhr der Tannhäuser fort. + +»Ich versteh' Euch nicht!« rief ich ärgerlich. + +Da sang der Lange: + + »Gar manchem Mann + Bleibt's Herz gesund, + Nur wenn ihm, was ihn nah geht an, + Nicht wird auch kund.« + +»Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch!« rief Klingsohr. »Drum sag' +ich: + + Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward, + Und baue nicht auf ferne! + Du findst zuletzt die Schale hart + Und Bitterkeit im Kerne!« + +»Nicht zuletzt nur!« sagte der Singer wieder und schüttelte sein +Haupt, als wär' ihm an All' dem in keiner Weise gelegen: + + »Frauengunst, -- + Blauen Dunst + Ich acht' sie. + Wer begehrt, + Was da werth, + Verlacht sie!« + +Da mocht' ich dies ihr Räthselspiel, mit dem sie, wie ich wohl +vermerkte, auf mich zielten, nicht länger ertragen. Ich sprang vom +Sitze zwischen ihnen ärgerlich auf, sah sie finstrer Miene an und +sagte: »Ich bitt' Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gespräch; denn +es ist mir verdrießlich zu hören. Sagt mir frei offen, was Ihr wisset +von Elzeburg, das mir Hinderung sein sollte, dorthin mich zu wenden.« + +Auf solche Worte gab sich der Tannhäuser das Wesen, als nähm' er sich +meiner Rede nicht an und müßte sein Gefährte alleine zusehen, wie mir +zu antworten wäre. + +Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf in mein Gesicht +und hub also an: »Junker Diether, seht Ihr! Euch ist's um des Grafen +Schutz und Beistand allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt +zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach, ich verarg's Euch +nicht. Kein Christenmensch darf's Euch verargen, der das Fräulein +gesehen hat und was Huld sie Euch erwiesen. Und ich -- wie sollt +ich's, der ich vom minniglichen Abschied weiß, den Ihr von ihr nahmet? +O, Herr! so etwas vergißt sich nicht. Wie? Zum Wenigsten in Euren +Jahren nicht. Es spinnt seine Fäden zart und gülden wie Sonnenstrahlen +durch die Werke des Tages und durch die Träume des Nachts -- immer +fester, immer zäher -- und um's Herz wickeln sich die Fäden, bis es +sich gar darin verstrickt -- und die Einsamkeit ist die Spinnerin. -- +Nicht so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen -- es +braucht's auch nicht gegen den Klingsohr -- es braucht's wahrlich +nicht? -- Nun denn, Junker, hört wohl zu! -- Aber zuvor versprecht mir +Eins! Laßt den Boten seine Botschaft nicht entgelten. 's wär Unrecht; +es wär' gegen uns wahrlich groß Unrecht! Denn so Ihr's heut erfahret, +und Ihr nehmt's auf mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der +seine Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und klüglich ausrichten will, +so werdet Ihr Euch in's Künftige viel nutzlos Weh und Ach ersparen und +die Sprüchlein, die Ihr von uns zur Stunde gehört habt, werden mit +ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. -- Wohl! Nein, nicht wohl; +Euch wird's übel dünken, so übel, daß Euch die Wiederfahrt gen +Elzeburg gar verleidet wird: und just das ist's, was ich Euch vorhin +rieth. -- Also, Junker, Euer Graf möcht' jetzt für Euch die Zeit nicht +haben und seine Nichte desgleichen nicht. 'S sind zur Stunde andere +Gäste willkommen in Elzeburg. Wir, mein Gesell hier und ich, zogen +vorbei da jüngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her, in lauter +Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner hat seine Braut +wiedergewonnen und ihren Mahlschatz dazu -- so doch Beides, wie es das +Ansehen hatte, ihm eine Weile verloren war. -- Ist nicht erneute Liebe +zwier so heiß? Und kann man sich über die Glückseligkeit, die jetzt +das Fräulein neben ihrem Bräutigam merken läßt, verwundern, so man +bedenkt, er möchte sonst besorgen, sie gedächte Eurer etwan -- und ist +doch schon bereits vier Monde her oder fünf, seit sie Euch nimmer +gesehen. Stellt's Euch nur für! fünf Monde!!« -- + + »'ne lange Zeit + für eine Maid, + Zweimal eine Ewigkeit.« + +sagte der Tannhäuser dazwischen. + +»Ja, mein Treu, Junker, das ist's«, sagte Klingsohr bestätigend. »Ihr +seid zu lang ausgeblieben.« + +»Ihr seid unrecht berichtet«, rief ich, »gewiß, Ihr seid es in dem, +was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich glaub' es nicht, es kann nicht sein. +Ist aber Eure Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd' ich's in Speyer +erfahren. Bis dahin, bitt' ich Euch, laßt uns der Sache nicht mehr +gedenken, sondern des Mahles, so Ihr etwas zuzurüsten habt, daß wir +unser Herz stärken und dann des Weges weiter ziehen.« + +So sprach ich. Aber mein Gemüth gedachte gar anders. Inwendig war's +mir, da ich diese Zeitung von Irmela vernahm, als erschallte aller +meiner Freude recht das Grabgeläute und wäre mein froher Muth mitten +in's Herze getroffen. Ich saß schweigend nieder und mochte auch nicht +ferner auf die Beiden merken, wie sie ihr Küchenwerk angriffen. -- +Darum war mir's lieb, daß sie fragten, ob ich, derweilen sie +zurüsteten, auf das Feuer Acht haben wollte. + +Der Abend war schnell dunkel geworden und die Rauchwolken wirbelten +im röthlichen Glanze weithin sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach +unverwandt, wie eine nach der andern sich dahinwälzte und immer wieder +gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor. Sollte so auch der helle +Glanz der Glückseligkeit, der mir im Herzen aufgegangen war, trüb und +trüber werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich fühlte, das +könnte nicht sein. Ich fühlte, wenn sie, der all' mein Herz in Treue +zugethan war, mir verloren wäre, wenn sie mein vergessen hätte, dann +müßte mir die Welt immer öde bleiben und ich aus ihrem Glück +verwiesen. Aber, sollt' es denn Wahrheit sein, was ich gehört hatte? +Sollten diese lieblich lichten Blicke, sollte dieser lächelnde, +falschesfreie Mund, sollte der innigliche Druck dieser Hände mir +gelogen haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt hatte und mein +innerstes Sinnen und Meinen bezwungen, ihr nur Spiel gewesen sein? +Konnte sie sich von mir kehren und nicht darnach fragen, daß die tiefe +Wunde, so ich von ihr empfangen, immer offen stehen würde? Nein, es +war nicht möglich! Und unmuthig stieß ich in die Flamme, daß die +Funken mit Geprassel stoben und zuckend in der Luft auf und nieder +fuhren, ehe sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir jetzt +wild durch's Herz strichen. Wie? Wenn man die Maid wider ihren Willen +zwänge zum verhaßten Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden +wäre und sie wähnte, ich bliebe festgehalten im Kloster und sie harrte +mein umsonst? -- O, dann wollt' ich jeglich Wagniß bestehen, sie zu +befreien, und keine Fährniß sollte mich schrecken, gerieth ich gleich +in die Irre und mein Pfad in die Nacht. + +Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus einem Spiegel traurig +und liebreich an. Immer mit den aufsteigenden Flammen schwebt' es +empor; es winkte und warnte und rief mich leise mit süßem Namen. +-- »Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald +verschwunden. Denke, daß es heut geschieht.« + +Und ich saß und sah in's Feuer, wie die Flammen züngelten und die +Wolken röthlich dahin zogen, bis die Nacht sie verschlang. -- + + * * * * * + +In Speyer, als ich dargekommen war, war es mir mit meinen Sachen wohl +gerathen. Ich hatte die Bestätigung meiner Freiheit und meines +ritterlichen Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, so mir +zugestanden war, ward mir überantwortet, und was weidliche Leute und +Geschlechter in der Stadt waren, von denen ward ich aufgenommen und +ehrlich angesehen; sie litten mich allenthalben gern und wähnten nicht +anders, denn daß ich bald zu hohen Ehren kommen würde. Doch that ich +dazumal Alles mit halbem Herzen; denn die Gewißheit, daß Irmela Ritter +Conrad freien würde, wie mir die Fahrenden das berichtet, hatt' ich +bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. Davon erstarb mir die +Freudigkeit, und von dem großen Leide, das ich da gewann, konnt' ich +mein Gemüth nicht hinwegziehn. Doch schöpft' ich noch ein kleines +Tröstelein. Denn wie? Ich mußt' es ja glauben, was sie Alle sagten, +und glaubt' es doch wieder nicht. Von ihr selbst, dacht' ich, will +ich's erfahren. Hinaufzuziehen gen Elzeburg, deß unterwand ich mich +nicht, denn ich besorgte, ich möchte nicht vor sie gelassen werden und +dem Gernsteiner dann begegnen, der dort weilte, wie ich hörte. So +schrieb ich einen Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung +aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, meine Treue würd' +ich ihr ewiglich halten und wie mein Gemüth unbeweglich auf demselben +Sinn stünde. Darnach ließ ich sie wissen, wie große Sorge und Zweifel +ich gewonnen hätte, da mir die Sage von ihr zu Ohren gekommen wäre, +daß sie dem Gernsteiner mit Nächstem sollte angetraut werden, und ich +bat sie beweglich mit dringenden Worten, daß sie mir doch ihres +Herzens Willen und Meinung kund thäte, und ob sie, wie ich wohl +glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen würde. Dann wollt' ich alle +Macht daran setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das +eine+ +selige Wörtlein möchte sie mir schreiben, daß ihr Sinn und Wille +unverändert wäre, gleich wie sie in meinem Herzen beschlossen bliebe +ewiglich. + +Solchen Brief gab ich Klingsohr, daß er ihn sicher und geheim +überbrächte, auch die Antwort, welche er erlangen würde, heimlich +hielte. Denn die beiden Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt. + +Mit Ungeduld wartet' ich des Bescheides. Es währte nicht gar lange, +daß ich ihn durch Klingsohr erhielt. Es waren nur wenige Worte, die +sie mir überschickte, aber solche, die wie der Frost im Märzen jedes +noch keimende Blümlein meiner Hoffnung und Zuversicht ertödteten. Sie +bat mich um Gottes Willen, ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder +Brief zu nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; sie +wünschte mir von Gott und seinem himmlischen Heer alle Genüge und +Freude allerwegen; aber wir müßten geschieden bleiben forthin, und sie +bäte mich, ihrer zu vergessen; denn das sollt' ich wissen: sie reiche +aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als ihrem Ehegemahl, +sondern willig und aus freiem Erbieten. Der reiche Christ möge meiner +Seele pflegen hier und dort. Dies wäre ihr letzter Gruß. + +Von Stund' an hatt' ich keine Ruhe mehr in Speyer, und alle Lust an +Freud' und Festlichkeit, ihrer mit zu genießen, war mir verdorben. Wo +ich immer weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an die +hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, und oft, wenn ich mitten +unter Menschen war, die mich fröhlich sein hießen, ward ich etwas inne +von dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, daß man sich auch in der +Welt und ihrem Geräusch einsam fühlen könne. -- + +Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; denn der Schmerz um +Bruno, meinen Vater, überkam mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich +unkindlichen Sinnes, daß ich mich unbeständiger Frauenliebe hätte +trösten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem Herzen, da ich +allein seiner hätte gedenken sollen, wie ich ihn wiederfände und aus +seinem Kummer um mich befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt' ich +mir, dieweil du eitlem Glück nachgelaufen bist und hast die ächte +Treue nicht genugsam geschätzet. Und wiederum dacht' ich: wenn du ihn +gefunden haben wirst und bekennest ihm das Glück, so du verloren, und +das Leid, so du gewonnen hast: dann wird's dir leichter zu tragen +sein; du wirst wiederum einen guten Muth und Freudigkeit gewinnen, +wenn seine Liebe und sein Lob dich anspornt. + +So faßt' ich denn nichts Anderes zu Sinne, als Herrn Bruno zu +erkunden, wo er weilte, auf daß ich ihn heimsuchte und er meine +Losgebung aus dem klösterlichen Stande erführe. Ich nahm Urlaub von +Speyer und zog zuvörderst gen Schwaben, daselbst das mir zugetheilte +Erbgut einzunehmen; ich verblieb da nur kleine Zeit, richtete die +nöthigen Sachen aus nach erfahrener Leute Rath, wie es während meinem +Abwesen gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr und seinen +Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie lebten, wofern sie des +seßhaften Lebens anstatt des schweifenden sich annehmen wollten, +worein, wie es schien, der Tannhäuser mit Freuden willigte, aber der +Magus nicht so völlig. + +Als ich solchermaßen meine Sachen beschickt hatte, richtete ich mein +Angesicht stracks gen Mittag, nach Welschland zu ziehen. Da führte +mich mein Weg über Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen +Klippen vorbei und durch dunkle Wälder, grüne Auen und fruchtbares +Gelände; ich kam in manche volkreiche Stadt und sah der Menschen Weise +aller Orten, nach ihrer Müh' und Plage, Tugend und Kunst. + +Ich nahm der Armuth in den Hütten wahr, wie sie um die Nothdurft des +Lebens das ganze Leben hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der +Gewohnheit lernet und von der Hoffnung, daß sie mit dem Tode erledigt +wird. Ich klopfte auch an das Thor mancher Burg, manches stolzen +Hauses und manches gastlichen Klosters. Weltliche Herren, kühn von +Thaten und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt' ich +kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in deutschen wie in +welschen Landen der wohlgezogenen Maide genug, die schöne Huldgestalt +zierte und edle Sitten. Da geschah es mancher Orten, daß man mich +nicht allsofort fürder ziehen ließ, sondern mich zu weilen drängte, +frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was nur den Augen lustsam zu +schauen war und den Ohren zu hören, wonach das Herz gelüstete; das war +mir da zum Genieß bereit. Aber wenn ich alsdann auch, daß ich nicht +unhöfisch erschiene und blöden Sinnes, mein Vermögen bewies in derlei +Spielen, wie es der edelbürtigen Jugend geziemt, so war doch mein +Gemüth nicht dabei, und man sah mich selten froh. + +Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward ich wohl aufgenommen +und nach Ehren als ein Gast gehalten, der dahin in ein edles Haus +gewiesen war. Ich verblieb in dieser hochberühmten Stadt zur Lenzzeit +zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen sie mächtig des +edlen Gesanges, und was die besten Meister solcher Kunst und +zierlicher Rede sind in Welschland, die sind allda zu Hause; ja, so +hoch angesehen ist die Kunst bei männiglich, daß auch Fürsten und +Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es sei denn, daß sie mit +Liedern und Gedichten mancher Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl +auch von mir ein deutsches Lied oder Spruch. Ließ ich sie dann derlei +hören, so konnten sie sich nicht genug verwundern, zuvor die Frauen +und Maide, warum ich Junger nicht fröhlichere Weisen brächte, und +fragten, aus was Ursach das geschähe. Ich wollte nicht ungefüge sein, +sie unbeschieden zu lassen und sang: + + Ihr fraget mich, + Warum mein Lied + In Maienluft nicht heitrer klinget, + Da uns der Lenz der Wonne viel beschied + Und Rose sich um Rebe schlinget. + + So frag' auch ich: + Mein Herz, o gib, + Warum Du traurig so, die Kunde: + So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb, + Willkomm'ne Gab' beut jede Stunde. + + »Wenn +eine+ Wolke nur + Der Sonne Licht verdunkelt, + Glänzt auf der weiten Flur + Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt. + Schwebt auch in Freuden sehr + Ein Herz: ist ihm Frau Minne + Ungnädig: immer mehr + Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!« + +Darnach ließen sie ab, mich ferner zu fragen. -- + + * * * * * + +Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub von Florenz und +trachtete eilend gen Rom. Als ich angelangt war in dieser ersten Stadt +der Christenheit, die der Apostelfürsten Gebeine hegt und vieler +Heiligen, die da gemartelt wurden, konnt' ich doch mein Herz nicht +darbringen, so großen Heilthümern nachzugehn, noch sonst die +Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu finden sind, sondern mein +einziges Verlangen stund nach meinem Vater. Je länger, je heftiger +hatte mein Sehnen nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbrüdern, zu +denen ich mich begab, erfuhr ich, daß er schon vor Winter, da er seine +Sache, die er beim heiligen Stuhl betrieb, zu erlangen verzweifelte, +hinweggezogen wäre aus der Stadt, trüben Muthes, und Keinem sich +vertrauet hätte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn stünde. Doch wäre +unlange Einer aus des heiligen Franzen Orden, dem Mutterkloster der +Barfüßer zugehörig, bei ihnen zur Herberge gelegen, der hätte ihnen +von einem Deutschen gesagt; das möchte wohl Herr Brun sein. + +Alsbald hatt' ich keine Ruh mehr in Rom, ließ die Stadt und wandte +mich gen Assisi. Diese Stadt ist zur Seiten des Gebirges gelegen, +selber in stolzer Höhe, reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und +Klöstern, mit freiem Ausblick in's Land hinaus, das da mit Thälern und +Höhen, Feldern und Wäldern und mancherlei Flüssen und Bächen prangt +als ein Garten Gottes. Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der +Krypta der seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach +Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben könnten über ihn. Sie sagten, +ein Fremder, nach meiner Beschreibung der, den ich suchte, wäre im +verwichenen Winter bei ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber höher +hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er allda noch weilte, +das könnte ich am füglichsten von einem Eremiten erfragen, der droben +seit vielen Jahren wohnte und der Gegend am Besten kundig wäre, wie +auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel riethen sie mir zu +gehen, auch wollten sie mich durch einen ihrer Laienbrüder dahin +geleiten lassen. + +Ich that also, verzog nicht und schritt an der Seite des Bruders, den +sie mir mitgegeben hatten, hindann. + +Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen Kirche gegangen, sein Grab +zu besuchen und Gott zu bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner +beizustehen, daß sie ihr Ziel fände. Da sah ich auch die Krypta und +oben die Kirche mit Bildern von hochberühmter Meister Händen herrlich +geschmückt. Von ihrer Beschauung gerieth mein Gemüth in große +Verwunderung: ich hatte nie zuvor gewähnet, daß Sichtbares mit also +starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen könnte, und ich gedachte: +Glückseliger Mann, der Solches sinnet und bildet! Wie muß er mit +seinem Herzen alles Geschaffene umschließen, also daß keine +Gottescreatur ihm fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich +zugleich aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige +Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren Schöpfer darf +das Geschöpf nicht scheidend in die Mitte treten, sondern die +irdischen Wesen sind gleich den Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen +die Engel des Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er +die Pforte des Himmels geöffnet, auch wenn er hienieden kein besser +Lager hat, als das harte eines Steines. -- + +Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in einer Höhle, wie sich +dergleichen dorten im Gebirge häufig finden. Es war ein greiser Mann, +ernsten und milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die +Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus eigner Verirrung, +sondern aus tiefer Betrachtung und aus lebendigem Mitleid mit fremden +Schmerzen kennen und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich +geschickt sind. + +Er grüßte mich freundlich und fragte nach meinem Begehr. + +Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich wäre, und fragte auch, +ob er von meinem Vater wüßte und ob es ihm wohl gienge. + +Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich nachdenklich an und +sprach also: + +»Ja, Herr, ich weiß von Eurem Vater, und wo er ist durch Gottes +Gnade, geht's ihm auch wohl. -- Er kam in diese Einsamkeit in großer +Herzensschwere, als einer, der des Lebens satt ist und doch vor +schmerzlicher Erinnerung und großen Sorgen in Frieden nicht scheiden +kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und die Sorge Euch, seinem +Sohne. Euer Geschick, Herr, das er nicht hatte wenden können, sah er +als eine Strafe an für seine Sünden und als ihren fortwirkenden Fluch. +Er verklagte sich hart, daß er beide Mal übel an Euch gethan und nach +fleischlicher Wahl, da er Euch in die Abtei zurückgedrängt und Euch +Eure Geburt verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung begehrt +hätte. Das wäre Alles Gott mißfällig gewesen und gern wollt' er +zwiefältig dafür büßen; nur daß sein Sohn, des ersten Friedens +beraubt, mit weltlichem Trachten und heißen Wünschen im Herzen hinter +den Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren müßte: das wär' +ihm eine allzu schwere Pein, die ihn nicht ruhen ließe. Darum hätt' er +sich zum Schwersten entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem +Anblick; denn einen großen jähen Schmerz überwände die Jugend +leichter, als eine immer wieder verzögerte und getäuschte Hoffnung. + +So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die +Aufrichtigkeit seiner Buße und die Größe seiner Liebe zu Euch machten +ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein Berather. Ich +sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der Kinder nicht +für die Missethat der Eltern fordert; daß es Seinen Zorn nicht +erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, gescheh' es auch +irrender Weise; denn Elternliebe sei göttlichen Ursprungs. Vor Allem +erweckt' ich ihm wieder den Muth zu hoffen für Euch, Herr! -- Denn wie +das Spinnlein von einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes +Gewebe zieht, also mag auch ein zerstoßenes und zerbrochenes Herz an ++einer+ wiederbelebten Hoffnung sich zurückfinden in Licht und Leben. + +Ich hieß ihn mir von Euch erzählen oft und viel, auf daß seine +Gedanken an Euch, die ihn nie verließen, sich mit solchen verbänden, +die ich aussprach. Allgemach gewöhnt' ich ihn daran, Euch im Kloster +zu denken, ohne daß Ihr Euch plagtet mit heftigen Wünschen hinaus, und +nicht in dumpfer, brütender Traurigkeit, sondern, ungestört durch des +weltlichen Lebens Sorg' und Lust, die hohe Kunst übend und die edlen +Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich bracht' ihn dahin, ein +Vertrauen zu fassen, daß seine Gebete für Euer Glück und Heil, die er +unablässig Gott darbrachte, erhört würden im Himmel. Und so stieg auch +seine Seele über sich, über ihre Schuld und Fehle, Sorgen und eignen +Werke in die Gelassenheit, die sich gänzlich in Gott ergibt und nichts +Anderes weiß und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: das ist +die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch nicht ruhig, er ward +fröhlicher, wenn auch nicht froh, getrösteter, wenn auch nicht +trostvoll. + +Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der Leib wird mürb. Ja, +sein Siechthum dienet ihr dazu, daß sie ihre Augen desto heller +aufthut, ihren himmlischen Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu +erfassen, das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng es +Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehört, daß er die Natur der Sonne an +sich nimmt, deren Licht er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So +man ihn in Finsterniß bringt, beweist er solche Tugend. Für des +Menschen Seele ist Leiden und Todesnähe solche Finsterniß. Alsdann +erblindet jeglicher Glast, darin sie sonst stolzirte, blendete und +selbst geblendet war; aber was sie von göttlicher Natur in sich +aufgenommen hat, das tritt herfür: heiligt, tröstet, überwindet. -- +Wenn er Euer gedachte, geschah's mit Wehmuth, aber ohne nagende +Vorwürfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt hatte auszusprechen, weil +er meinte, Gott fordere das Opfer gänzlicher Entsagung von ihm, hub +zuletzt an zu gedenken: es möcht' ihm bescheert sein, Euch +wiederzusehn. + +»O!« rief er, »wenn mein Sohn wiederum froh würde und zufriedenen +Herzens, so wollt' ich den milden Christ bitten, daß ich noch genesen +möchte und eine kleine Zeit leben. Dann zöge ich hin zur Lenzzeit, ihn +noch einmal zu sehen -- nur einmal, ohne daß er darum wüßte. Ich +harrte sein am Wege, wo mich Niemand ersähe, bis er käme, und wenn es +Abend würde, müßt' es Mondenlicht sein, daß ich sein Angesicht schauen +könnte, ob da keine Spur des frühen Kummers zurückgeblieben; oder ich +lauschte unterm heil'gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme +-- gewiß, ich hörte sie bald heraus -- oder käme leise heran und sähe +ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen Träumen Gestalt und Leben gibt +und seine Augen davon leuchten! Oder ach, ich fände ihn schlafend +unterm heißen Mittag im Garten, daß ich ihm sanft das Haupt berühren +und eine Blume auf's Herz legen könnte, und im Gebüsch verborgen, wenn +er erwachte, säh' ich ihn froh erstaunen über die Gabe -- und +lächeln!« + +Und er lächelte selber, seit wie lange zum ersten Male! und seltsam +war dies Lächeln. Es spielte noch immer um seinen Mund, als er +unbeweglich lag, geschlossenen Auges, und der Odem ihm leiser gieng. +Und dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. »Nein, nein!« rief +er, »'s ist nicht vom Dolch, den ich zückte -- Joconda, fliehe nicht! +-- Es ist eine Rose -- Komm -- er ist glücklich -- unser Sohn!« -- +Alsdann breitete er seine Arme aus und ließ sie kraftlos zurücksinken, +betete leise: »Gott -- Gott! -- seufzte und entschlief.« +Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, nahm er mich an der +Hand und führte mich an einen Hügel nahe bei seiner Siedelei. + +Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub ich meine Stimme auf und +klagte und weinte über die Maßen sehr. + + + + +Elftes Capitel. + +Einkehr. + + +Was ich da empfunden hatte, daran dacht' ich zurück, als ich zum +ersten Mal wieder die Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir von +Kindheit her so vertraut waren. Jeden Bergzug, jedes Thal erkannt' ich +wieder, obgleich die frühe Dämmerung stark hereinbrach und Nähe und +Ferne in ihre Schatten hüllte. Dennoch wie fremd sah mich Alles an! + +Wenn ich so umherspähte, hie eine Stelle zu suchen mit meinen Augen, +daran sich eine Erinnerung meiner Kindheit knüpfte, und ich fand sie, +und dort wiederum eine: so war mir's nicht anders, als erschräk' ich +über die Entdeckung und müßt' ich mir erst ein Herz fassen zu meiner +Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie an mich zu gewöhnen. + +Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen, seit ich +hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben zu versuchen: ich war in +dieser Frist weit und fern geschweift, aber hier war kein Wald +verhauen, kein Feld bereitet indeß, Alles noch wie weiland -- und +doch, wie fremd, wie fremd!! + +War davon etwan der frische Schnee die Ursach, der heute über das +wintermüde Land seine Decke gebreitet hatte, die noch eben jetzt von +den niederschwebenden Flocken erhöht ward? Freilich war es heuer das +erste Mal, daß ich die Erde in solchem weißen Kleide sah, und immer +war mir diese ihre Verwandlung zu Herzen gedrungen: aber diese Höhen +und diese Thäler, wie oft hatt' ich sie so gesehen! Was nun im Bilde +der Erinnerung mir so gegenwärtig war, warum blickte das so fremd mich +an in der Wirklichkeit?! + +Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? -- Süßer Name! +-- Nahte ich mich nicht dem Ziele, deß ich seit Monden begehrte? -- Und +doch, wo war das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust +der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? Wo das frohe Erjauchzen +der Seele, das laut wird, wenn die Wipfel der Bäume auftauchen sollen, +unter deren Schatten er die ersten Träume seiner Kindheit träumte, und +die Spitzen der Thürme seiner Heimath ihm winken: Willkommen! + +Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter das Dach der Abtei +zu treten, ein seltsames Erbangen eben davor in meine Seele! War es +mir nicht lieb, daß mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so +stille, als wäre sie schlafen gegangen zugleich mit dem Gestirn des +Tages, und auch mein Schritt durch den weichen Schnee so geräuschlos, +als bliebe mein Kommen dadurch um so gewisser und länger unbemerkt! + +Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, ich selber! + +Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs in Frohsinn und +ungestörtem Frieden, der dann erweckt ward zu neuem unbekanntem Genieß +und Drang des Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, die +sich fest um sein glühend Herze wanden, und zwischen dem, der jetzt +durch die stille Dämmerung des Christmondabends schritt: welch' ein +Unterschied! Wenn er sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm +die Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, daß auch nun die +Heimath ihm verwandelt schien! + +Ich strich mit der Hand über meine Stirn -- sie war noch glatt; über +die Wangen -- sie waren rund und frisch; durch mein Haar -- es wehte +noch lockig und dicht um meine Schläfe. In meinen Gliedern, ich fühlt' +es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der ersten Jugend. + +Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht das alte mehr. + +»Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr so weich jedes +zarte Keimlein einbettet, daß seinen linden Schlaf nichts störe; die +ihr so geschäftig jetzt jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich +heute wandle, daß ihrer keine auf diesem Wege zurückbleibt: vermöget +Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher Stunde aus diesem Herzen zu +vertilgen, die ihre Wonnen und ihre Wehen ihm allzutief eingedrückt +haben, daß es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch werde in +seiner Heimath?« + +Aber wollt' ich das wirklich? Konnt' ich auch nur wünschen, daß +Erinnerung, dies ruhelose Kind von Schmerz und Freude, jemals +eingewiegt würde durch das Wiegenlied der unermüdlichen Wärterin Zeit? +War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe meines Vaters eins +mit mir worden war, in die Stille der Stätte heimzukehren, der ich +jetzt entgegenschritt? + +Und ich gedachte an jene bittre Stunde. + +Als ich damals den Verlust so treuer und starker Liebe beweinte, als +ich klagte, daß auch diese freudespendende Sonne, die meinem Leben so +unerwartet und verheißungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des +Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu der Zeit, da ich +mit so feurigem Sehnen in ihren Strahlen meinen gedrückten Muth zu +laben gedachte: da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle +Saiten meiner Seele riß, daß jegliche Thatenlust, mich in der großen +Welt zu regen, in mir erstarb. Über mich kam das Gefühl grenzenloser +Vereinsamung, alle Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein +und Traum, all' ihre Lust ein Wahn, all' ihre Hoffnungen Lügen: als +das einzig Wirkliche die überall lauernde Larve des Todes, und vom +Thun der Menschen das Meiste vergeblich, eitel Alles! + +Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am Leben, noch die furchtsame +Flucht vor seinen Übeln und Mühen, auch nicht das Verlangen nach +solcher Ruhe, deren der Lebensmüde begehret, wodurch ich in jener +Stunde mich zurückgetrieben fühlte in die Heimath. Nein, solche Ruhe +sucht' ich nicht. + +Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre der Welt mir winken +konnten, hatte in jener Stunde der Einkehr in mich selbst seinen +Schein verloren. Die tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten +ihn ausgethan. + +Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener Nacht des Grames +aufgeleuchtet: hehr, herrlich und heilig! -- Ihm nachzutrachten, daran +war alles Weh, das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern +Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es für mich nicht noch ein ander +Thun und Wirken als das, so mir nun verleidet war? Hatte mir Gott +nicht die Kunst verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu +bilden und so mich über die Erde zu erheben und des Lebens Noth und +dennoch im Herzen die Freude an Gottes Werken zu bewahren? + +Da schauten mich die heiligen, stillen Gestalten, so ich unten in St. +Franzisci Kirche gesehen, wieder grüßend an; sie sagten mir von einer +Welt, von der die sichtbare um uns her mit ihren langen Ängsten und +kurzen Freuden nur ein Gleichniß und eine Weissagung ist; von einer +Welt, die nur in den Ahnungen und Hoffnungen der fühlenden und guten +Menschen lebt, aber aus den Bildern der Meister, die Gott mit Kunst +begabt hat, tröstend und ermuthigend zu uns herniederwinkt. In ihr +wird kein Leid, das durch ein Menschenherz geht, vergessen, und keine +Zähre in der Menschheit Angesicht wird verachtet, aber auch in jeder +spiegelt sich ein Strahl himmlischen Trostes, und über alles Weh sieht +man den Glast der ewigen Liebe gebreitet. + +Und siehe! wie mein Vater in seiner letzten Stunde mich gesehen +hatte: nicht hinbrütend in träger Ruhe, sondern erglühend von hohen +Träumen, denen in Bild und Ton Gestalt und Leben zu geben die Seele +ringt, und in solchem Trachten, dem alle Creatur Gottes dient, in +verborgner, bescheidner und stolzer Stille verharrend, unbedürftig der +Welt und ihrer Güter: so sah ich mich nun selbst, so wünscht' ich mich +zu sehen. + +Und ich war in die Knie gesunken und hatte Gott im Himmel gedankt, daß +ich also einen Willen, ja eine heilig ernste Freude zu leben und zu +wirken wieder gewonnen; ich hatte seine große Güte angefleht, Er +möchte in so gethanem Fürsatz mich beständig verharren lassen und +unwankend erhalten, daß ich in solchem Dienst all' mein Genügen fände; +ich hatte Ihm gelobt, dazu in die Stille und Verborgenheit des +Klosters zurückzugehn, wohin nun Sein Walten, wie das letzte Denken +meines Vaters und das fromme Gelübde meiner Mutter mich wiesen. + +Mit solchem Sinn hatt' ich mich aufgemacht und war aus Welschland +wiederum heimgezogen. Ich mied, Denen wieder zu begegnen, die mich +kannten; denn ich wußte, Ihrer Viele würden mich von dem Ziele, das +ich erwählt hatte, wiederum abzuwenden trachten, als wäre nur von der +unmäßigen Traurigkeit mir dazu gerathen; und es war und blieb doch +mein fester Wille. + +Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland angelangt war, mein +Erbgut aus meinem Besitz entlassen und dabei allen Grundholden, so +darauf saßen, eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und +Lasten erwirkt, auch dafür gesorgt, daß ein Stift, das da nahebei +gelegen war, für festbenannten jährlichen Schoß und Zins männiglich +von meinen Leuten in Alter und Siechthum pflegen mußte und was +preßhafte Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide, daß sie +meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum beraubt werden sollten, +und als ich von ihnen Urlaub nahm, wünschten mir Alle Gottes Geleit +immerdar, und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen Thränen; +die beiden Fahrenden aber nicht also, denn sie waren mit dem +wiederkehrenden Lenz davongezogen und hatten lieber ihr Geding als ihr +gewohntes Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr +Ausgesetztes, daß sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten. -- + +So zurückgewendet waren meine Gedanken, da ich zur winterlichen +Abendzeit die Gefilde Maulbronns vor mir liegen sah. + +Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten und im bunten Gedräng +an meiner Seele vorüberzogen, konnt' ich mich wundern, daß ich als so +sehr ein Anderer heimkehrte, und daß ich deß jetzt beim Anblick der +alten Stätten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte diesen +Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen, auch ferner nicht. Sie +Alle sollten mir helfen aussprechen, was das Menschenherz zumeist +bewegt und was es über sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner +Seele, bis sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verklärtes Leben +wiedergewönnen in den Gebilden meiner Hand. + +Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und hohe Wonnen +zurückrief und zugleich in das Nachgefühl so grausamer Enttäuschung? +Schwebte nicht jetzt wieder ihr winkend Bild meiner Seele vor, schön +wie der Mond und prangend in blühender Jugend, aber auch ernst und nur +in Schwermuth lächelnd wie er! »O«, dacht' ich, »so traurigen Blickes +sah ich sie nie, und nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als +fühlte sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete mich +auf meinen Wegen mit treuem Angedenken, da sie doch ihr eigen Glück +erwählt und meiner längst vergessen hat.« Und ich wünscht' ihr alles +Gottesheil und setzte mir vor im Geist, in's Künftige nie keinerlei +Unmuth zu hegen darum, daß sie mich verstoßen hatte; denn ich fand, +ohne solchen Willen hätt' ich keine Ruhe des Gemüths und Frieden zu +erhoffen. -- Aber ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt. +Es vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes Weh als das der +Trauer und gerieth darüber mit ihm selber in Widerstreit. + +»Still«, sprach ich, »die Abgeschiedenheit wird Dich lehren, auch das +zu überwinden, und alsdann wird auch diese Erinnerung Dich nicht mehr +verwirren.« Aber es war, als spräche eine andere Stimme dazu: »Nein! +das wird nicht geschehen.« + +Unter solchen Gedanken hatt' ich die Höhe erreicht, von der aus ich +die Abtei vor mir liegen sah in der Abenddämmerung: es war derselbe +Ort, von wo aus ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich +zurück gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur Matutin +riefen. + +War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt vernahm? Wie anders +däuchte mich der, als ich ihn gewohnt war zu hören! -- Gewiß, es rief +zur Vesper! Und ich faltete meine Hände, das _Ave_ zu beten. Doch nein! +Das war nicht das Geläut, das täglich zur Abendzeit ertönt. Auch +dieser Schall war mir nicht unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn +deutlicher zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen ward. +Davon kam eine große Herzensschwere über mich, und als ich vom +klagenden Schall geleitet hinabschritt, bat ich die göttliche +Erbarmung, doch heut und immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir +allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges Ohr auch den +Harfentönen aufzuthun, die um Seinen Thron die lichten Schaaren +beständig erklingen lassen, von solchen Himmelsklängen hier im Dunkel +nur ein Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten +Wiederhall! + +Der Thorbogen unterm Thurm an der Brücke stund offen, und der Schnee +dämpfte meine Schritte, also daß Niemand mich bemerkte, als ich +hindurch schritt. Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des +Pförtners Hündlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt und sprang +mit kosender Freude an mir in die Höh', wie dieser Thiere Weise ist; +aber mein Kommen verrieth es nicht. + +Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies geheißen, dann +linkswärts in den überwölbten Gang und durch die Öffnung, welche in +die Kreuzgänge führt, die hier den Friedhof umgeben. Zögernd schritt +ich vorwärts, und die nun nahe über mir erdröhnenden Schläge der +Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah ich, zwischen den Pfeilern +stehend, den überschneiten Friedhof und dort drüben die Brüder, einen +gedrängten Haufen. + +Es brauchte nicht des dumpfen Geräusches der hinabrollenden +Erdschollen, das zwischen dem Rufen der Glocke an mein Ohr schlug, um +mir kund zu thun, daß man da einen Leichgang gehalten, die Feier +soeben beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte. Sie hatten Alle +nur Acht auf ihr traurig Thun, und Ihrer Keiner hatte mein Nahen +gewahrt. Auch barg mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten +war, da trat ich hin und sah hinüber. Wie manches Mal hatt' ich als +Kind schon diesen Anblick gehabt und da des Rechts genossen, das +allein die Kinder mit den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des +Todes nicht gestört zu werden in ihrer schuldlos spielenden Freude, +weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen. Aber welch' herbes +Weh durchzuckte mich heute! + +Nun verstummte das Geläute, und die Brüder erhuben nach Gewohnheit den +Gesang: + + »_Flens ego sum genitus, celebrantur funera fletu, + transacta innumeris vita fuit lacrimis, + O miserum mortale genus lacrimabile semper, + quod factum ex cinere est, solvitur in cinerem._« + + (Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begräbt man die Todten, + Unter viel Thränenerguß schwindet das Leben dahin; + Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth immer! + Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.) + + +Dann ward eine kleine Stille, und der Priester sprach: »Lasset uns +beten: Herr, schenke ihr die ewige Ruhe!« Und die Brüder antworteten: +»Und das ewige Licht leuchte ihr!« + +Darnach hub der Priester wiederum an: »Löse, HErr, die Seele Deiner +Dienerin Irmela von allen Banden der Sünde, auf daß sie in der +herrlichen Urstände unter Deinen Heiligen und Auserwählten wieder +auflebe.« Und der Abt betete: »Leite auch, Herr, unsern Diether an +Deiner Hand, und so er erfährt von diesem Begräbniß, so sei's ihm zum +Heil und Segen!« Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich zu gehen, +denn die Finsterniß war hereingebrochen. + +Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir und ich sank zur +Erde. + +»Hilf Gott! Diether, armer Diether!« hört' ich rufen, als mir die +Sinne wiederkehrten. Da winkte Herr Albrecht den Andern, daß sie von +mir abließen, richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab. + +Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse, und er litt es +ganz väterlich. + +Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet hatte, wollt' er nicht +leiden, daß ich ihm berichtete von meiner Fahrt und wie es mir damit +gerathen wäre, sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die wäre für +mich bestimmt, sagt' er, sie zu lesen, -- tröstete mich mit lindem +Wort und ließ mich allein. + +Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen geschrieben, dem die +selige Maid ihre letzte Beichte gethan hatte mit dem Geheiß, so sie +verschieden sein würde, solch' ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben, +daß es mir, wenn es Gott so fügte, zu Handen käme: denn dort wollte +sie begraben werden. + +»Er soll wissen«, hieß es darin, »daß meine Treue gegen ihn alle Zeit +unwankend geblieben ist und ich keine größere Glückseligkeit wußte im +Leben, als mit ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah +bald, daß das nimmer geschehen würde, sondern daß allerdinge über ihn +beschlossen war, in seine Losgebung nicht zu willigen, und daß, was +man von meiner Herzensneigung zu ihm gespürt hatte, um so mehr zur +Ursach' ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war's mir ein großes +Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen zu wissen sein Leben +lang, und ich willigte in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte +dafür, daß Diether's Losgebung vom Bischof erwirkt würde. Ich wußte, +daß ich mich damit von Glück und Freude schiede für immer; aber es war +mir ein süßer Trost, mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch +daß ich ihn nie wiedersehen dürfte, noch er je erfahren, durch wen er +seine Losgebung erlangte, sondern im Wahn verbleiben, als hätt' ich +ihn verstoßen und die Treue gebrochen, daß ich auch gegen den, der +mich zum Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren +mußte: dies nagte an meinem Leben allzusehr, und ist Ursach' worden, +daß eine andere Hochzeit für mich vorhanden ist, als die, für welche +man mich ausersehen hat. Ich danke Gott im Himmel dafür. Die reinste +Wonne, so die Erde gibt, hab' ich erfahren; sie kann nur kurz sein. +Ich bin zufrieden, abzuscheiden; nur um meinen Ohm ist's mir Leid. Die +ewige Dreifaltigkeit mög' ihn trösten!« + +»Mein Gebein aber soll an der Stätte der Urstände harren, die +Diether's Heimath war. Ihm möge Gott des Lebens Glück bescheren und +hernach die ewige Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich +hinderlich an einer Freude sein. -- Kommt er aber einst zurück nach +Maulbronn, weil die Dörner rauher Wege, die er geführt ward, seine +Füße zu hart verletzt haben, so schöpfe er aus diesem meinem letzten +Gruß eine Linderung.« + +»Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter'm Schall der Nachtigall +weiße Blüthen über mich schüttete, wünschtest Du mir, Diether, es +möchte nie kein anderer Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend +fallen, als dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch Dir +der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt und Du über allzufrüh +verwelkte Blumen trauerst, alsdann denke, daß nicht bloß auf jeden +Lenz ein Herbst, sondern auch auf jeden Herbst ein Lenz folget. -- +Gott und Sein Heer lasse mich den gewinnen, der ewig blüht!« + + (Allhier endet Diether's von ihm selbst erzählte Geschichte.) + + + + +Beschluß. + + +Diether schwieg eine Weile, als er mit Erzählen zu Ende war, und auch +die beiden jungen Gesellen, die ihm zugehört hatten, wagten nicht, das +Wort zu nehmen. + +»Das ist nun die Aventiure, die Ihr zu hören begehrtet«, sagte der +Alte dann und stund auf vom Steinsitz unter der Halle, als wollt' er +hineingehen der Pforte zu. + +Es war zum dritten Male in der Pfingstwoche, daß der Abend die Drei um +den Steinbrunnen versammelt hatte am Kreuzgang, der im Viereck den +Friedhof der Abtei umgibt, und für den Erzähler wie für seine +zuhörenden Schüler blieb die abendliche Stille ungestört; denn nur +sanft rieselte das Wasser und nur leise rauschten zuweilen die +Blüthengebüsche über den Grüften. + +Heut hatten sie länger draußen verzogen denn sonst, und als Diether +sich anschickte, zu gehen, sah er schon den Silberglanz des +Mondenlichts auf dem Dach der Kirche flimmern und in den Garten +herabgleiten, wo er die Wipfel eines dichtbelaubten Flieders mit +sonderlicher Helle bestrahlte. + +Der Alte blieb stehen und richtete dahin seinen Blick. + +»Wie heint die Blüthen leuchten!« sprach er vor sich und schritt durch +das Gras langsam der Stelle zu. + +Nun stund er dicht am überhangenden Gezweig, der würdige Meister, ihm +zur Seite gesellt die Jünglinge. + +Da zog eine Wolke wie ein goldumsäumter Schleier über des Mondes +leuchtend Angesicht, und ein behendes Dunkel flog von ihr her über das +Dach der Kirche und beschattete Garten und Kreuzgang. + +»Sie ist sogleich vorüber!« sagte Diether und blickte hinauf. + +Als der Glanz wiederkehrte, sahen die Drei zu ihren Füßen einen +Grabstein, von weißen Blüthen ganz überdeckt. + +Der Alte bückte sich bedächtig und strich sie leise mit der Hand zur +Seite. Da ward, eingegraben auf dem moosigen Steine, eine Lilie +sichtbar und eine Inschrift. Die Augen der Jünglinge hatten sie bald +entziffert. + +»_Irmela virgo_«, lasen sie. + +Der Alte sprach's nicht nach; doch wandte er seinen Blick nicht weg +von den halbverwischten Zeichen. + +»Laßt uns gehen«, sagte er dann. »Der Thau fällt kühl und die Nacht +ist bald herum.« -- + +Den Grabstein aber und seine Inschrift findest Du in Maulbronn noch +heutigen Tages. -- + + * * * * * + +Gebauer-Schwetschke'sche Buchdruckerei, Halle a. S. + + + + * * * * * + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen +in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + +Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen: + + S. 61: Urthel --> Urtheil + + S. 65: vorauf --> voraus + + S. 108: den Krug, (Komma ergänzt) + + S. 124: zwischem --> zwischen + + S. 139: »Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit + den Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat ... + --> mit dem Kainsmal + + S. 171: ihr folgten Dienerinnnen --> ihr folgten Dienerinnen + + S. 193: (denn sie waren mir rucklings gebunden) --> rücklings + + S. 228: verschwad --> verschwand + + S. 231: Komma nach 'guter Baum' ergänzt + + S. 231: Komma nach 'sommerlichen' entfernt + + S. 233: wollte sein brauchen (Nach 'sein' fehlt Wort) + + S. 236: Als ich diese Worte hörte, überkam ich eine Freude, + --> überkam mich eine Freude + + S. 270: geschickt. es vermochte nicht --> geschickt. Es vermochte + nicht + + S. 272: solvitur in cinerem.« Anführungszeichen ergänzt. + +Das Wort Herr wird im Originaltext einheitlich HErr geschrieben (wenn +es sich auf Gott bezieht). + +Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö und Ü ersetzt. + + +Formatierung: + +Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt. +Text in Antiqua (nicht in Fraktur) +wurde mit Unterstrich _ gekennzeichnet: _Text_ +Gesperrt gedruckter Text wurde mit + gekennzeichnet: +Text+ + +Überschriften sind im Original hervorgehoben. Diese Hervorhebungen +wurden in der Transkription nicht berücksichtigt. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA *** + +***** This file should be named 24390-8.txt or 24390-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/3/9/24390/ + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/24390-8.zip b/24390-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..22ea6a1 --- /dev/null +++ b/24390-8.zip diff --git a/24390-h.zip b/24390-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4d0be33 --- /dev/null +++ b/24390-h.zip diff --git a/24390-h/24390-h.htm b/24390-h/24390-h.htm new file mode 100644 index 0000000..9808f80 --- /dev/null +++ b/24390-h/24390-h.htm @@ -0,0 +1,11177 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + a[title].page { + position: absolute; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Irmela + Eine Geschichte aus alter Zeit + +Author: Heinrich Steinhausen + +Release Date: January 21, 2008 [EBook #24390] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA *** + + + + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div class="titlepage"> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/title_page.png" alt = "" /></p> +<p> </p> +<p> </p> +<h1>IRMELA</h1> +<p> </p> + +<h2>Eine<br/> +Geschichte aus alter Zeit</h2> + +<p> </p> + + +<h3>von</h3> + +<p> </p> + + +<h2><b>Heinrich Steinhausen.</b></h2> + +<p> </p> + + +<h2><b>Achtzehnte Auflage.</b></h2> + +<p> </p> + + +<h2>Titelbild<br/> +von W. Steinhausen.</h2> + +<p> </p> + + +<h3><b>Leipzig 1899.</b></h3> + +<h2>Verlag von E. Ungleich.</h2> + +</div> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette.png" width = "100%" alt = "" /> +</p> + +<!-- Actual Page 1 in book --> +<!-- <p class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">1</a> --> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1><a name="Eingang" id="Eingang"></a>Eingang.</h1> + +<p class = "illustration"><img src ="images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> + + +<p> </p> <p class = "pictop floatleft"> <img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">D</span>ie heitre Sonne des Pfingstsonntages im Jahre +des HErrn 13.. sank hinter die rebenbepflanzten Berge, welche von Westen her das +liebliche Thal einschließen, in dem die stattlichen Gebäude +der wohlbekannten Cisterzienser-Abtei Maulbronn sich erheben. Eben war +der Vespergottesdienst mit dem Magnificat beschlossen, das heute nicht +nur von den Brüdern im Chor, sondern auch von dem zahlreich +versammelten Volke im vorderen Theile der Kirche gesungen worden war. +Nur Bruder Diether ließ das Örglein noch nicht schweigen, vor +dem er saß, und drückte die breiten Tasten durch +kräftige Schläge nieder, daß sich langhallende Töne +hören ließen, während das Gotteshaus sich leerte.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Wie, schon All’ hinaus?« sagte er, als er, nach kurzer +Weile sich umwendend, den ganzen Raum unten verlassen fand. +»Sie haben halt Eil’ heut,« setzte er hinzu, »das Volk will +des milden Maien genießen unter der Linde, und die +Confratres sind dem Refectorio am Pfingstabend auch nicht +feind. So wollen wir denn +<!-- Page 2 --><span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2">2</a></span> +des Tönens genug sein lassen, uns +mit dem Paternoster segnen und von hinnen gehn!«</p> + +<p>Während er bedächtig die Treppe herniederstieg, welche vom +Orgelchor in’s Schiff führte, schritten die Mönche bereits +nach Gefallen einzeln oder zu mehreren gesellt dem +Klostergarten zu oder wohin sonst einem Jeden sein Sinn +stand; denn nach Gewohnheit ward St. Bernhards Regel heut +nicht eben ängstlich befolgt und Abt Rothad war zu keiner +Zeit der Mann, von dem ein straffes Anziehen derselben zu +besorgen war. So war es denn auch bald im Kreuzgang einsam, +der sich an die Kirche gegen Mitternacht anschließt und im +Viereck einen Friedhof umgibt, der doch schon damals mehr +einem mit Bäumen und Gesträuch wohlbepflanzten Gärtlein +glich.</p> + + +<p>Als Diether aus der nördlichen niederen Kirchenpforte in +die kunstreich gewölbten Gänge trat, däuchte ihn die +abendliche Stille, die ihn so mailich und freundlich +anwehte, keineswegs unwillkommen, sondern wie er langsam +daherschritt und immer wieder zwischen den Pfeilern still +stehend zum blauklaren Himmel emporblickte und vor sich auf +die Pracht der Blüthen im frischen Grün, da war’s, als +leuchtete die Lenzwonne auch aus seinen dunklen Augen, so +froh schauten sie darein, und als fühlte seine Brust mit der +Jugend des Jahres auch die Jugend des Herzens wieder, so +freudig und kräftig hob sie sich. Dicht neben ihm aus dem +Gebüsch erscholl die Stimme einer Nachtigall. Er blieb +stehen und lauschte. Ihm schien’s, als wäre das die Seele +dieses Maiabends, die wollte all’ ihre reine und himmlische +Freude ihm mit zu empfinden geben. Sie schwieg. Aber als +nach kurzer Weile ihre Töne wieder +<!-- Page 3 --><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">3</a></span> +erklangen, lang gezogen und klagend, da tauchten sie auch seine Seele +in sanfte Schwermuth und seine Gedanken wurden wie mit freundlichem +Zwange rückwärts gezogen; und wie um ihn her die +Dämmerung ihre ersten Schatten breitete, versank auch vor seinem +inneren Auge die Gegenwart allgemach und Blüthenduft und +Abendstille trieben ihn der Erinnerung längst vergangener Tage +zu. So stößt ein Kahn sanft vom beschatteten Ufer ab und +gleitet auf kaum bewegter Fluth dem Eilande zu, das dem Schiffer +sonnig entgegenwinkt! –</p> + +<p>Leise hatte er sich niedergelassen auf die steinerne +Brüstung. Ein Hauch der Abendluft rauschte durch den Garten +und wehte wie kleine Sterne weiße Blüthen des Flieders ihm +auf Haupt und Gewand. Er blickte auf, als wollt’ er Jemand +suchen, und »Irmela« klang es wie im Traume von seinen +Lippen. Der Name hallte wieder von den Pfeilern drüben. Er +horchte auf wie freudig erschrocken; aber gleich darauf, +sich besinnend, sah er lächelnd auf seinen Blüthenschmuck +und verharrte schweigend, in sich versunken. –</p> + + +<p>Da weckten ihn geräuschvolle Schritte; sie kamen von der +vorderen Thür, die in die westliche Seite des Kreuzganges +führt. Er wandte sich um und sah zwei junge Gesellen munter +herbeieilen. Sie grüßten ihn fröhlich und auch er hieß sie +von Herzensgrund willkommen; war er doch den Beiden von +ganzer Seele zugethan, wie das Alter an der wohlgezogenen +Jugend seine Lust hat und wie der Lehrer seine Schüler +liebt, an denen seine Arbeit nicht umsonst ist. »Vater, +Meister!« rief der Eine, »Zürnet uns nicht, daß wir heute so +spät erst nach Euch Nachfrage thun. Mußten wir doch +<!-- Page 4 --><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">4</a></span> +gewärtig sein, hätten es auch wohl verdienet, Euer heut gar +nicht mehr ansichtig zu werden. Aber der wonnigliche Lenztag lockte +uns in’s Freie und so streiften wir durch Wald und Feld, bis der Abend +hereinbrach.«</p> + +<p>»Wollten doch auch des Fiedlers Heiner neue Weisen mit +anhören, der sich in Hohenklingen auf dem Wiesenplan +vernehmen ließ, fiel der Andere ein, »aber als er zum Tanz +aufspielte den Dörflern, da war es hier Rupert nicht, der +nicht mit mir von dannen wollte und wieder Rupert nicht, der +hernach mit des Klosterbauern flachszöpfiger Jutta +daherschwenkte.«</p> + +<p>»Scherze nur!« unterbrach ihn der Gemeinte. »Es brauchte +wenig Überredungskunst, um Dir das Verweilen lieb zu +machen. O, Meister! haltet solches Geschwätz unserer +Thorheit zu gut. Wir hätten zeitiger bei Euch einsprechen +sollen. Ihr waret einsam!«</p> + +<p>»Daß Ihr junges Volk Euch doch so gern für unentbehrlich +haltet uns Alten!« versetzte Diether mit freundlichem Ernst. +»Wüßtet Ihr, welch’ treffliche Gesellschaft ich gehabt habe, +da Ihr kamt, so hättet Ihr sicher mich darum geneidet.«</p> + +<p>»Wer war denn bei Euch?« fragten die Beiden. »Wir sahen +Niemanden!«</p> + +<p>»Eine Fraue und gar holde«.</p> + +<p>»Wie heißt sie?«</p> + +<p>»Erinnerung! – Sie hat mich sanft bei der Hand genommen und +gern bin ich ihr gefolgt.«</p> + +<p>»So weiß ich auch, Vater«, sprach Waltram, Ruperts Geselle, +»was Euch so bewegt, daß Stimme, Auge und Gebärde davon +zeugen. Das kommt von den Gedanken, die inwendig in Euch +Erinnerung lebendig gemacht +<!-- Page 5 --><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">5</a></span> +hat. Möcht’ es Euch doch +gefallen, auch uns davon zu erzählen. Der Abend ist warm und +still der Ort.«</p> + +<p>»Wohl, ich will’s thun!« erwiederte Diether willfahrend. +»Und wie Ihr just mich also angetroffen habt, so soll zu +Euch mein Mund sich aufthun von dem, was Erinnerung mir +gewiesen und wovon ich bis diesen Tag geschwiegen. Kommt! +und laßt uns niedersitzen, wo dort die Halle sich um den +Steinbrunnen wölbt. – Aber ob ich’s wohl werde so +kurzweilig machen, wie Heiner seine Aventiuren?« fragte er +scherzend zu Rupert gewandt, als sie sich setzten.</p> + +<p>»Ist’s eine Aventiure?«</p> + +<p>»So mögt Ihr sie wohl heißen!«</p> + +<p>»Dann gebt ihr einen Namen!«</p> + +<p>»Irmela!« sagte Diether nach kurzem Bedenken, »das soll ihr +Name sein.«</p></div> + +<p> </p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/007_vignette.png" alt = "" /></p> + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">6</a></span></p> +<h2><a name="Diethers_Geschichte" id="Diethers_Geschichte"></a><em class= +"gesperrt">Diethers Geschichte,</em></h2> +<p> </p> +<h3>von ihm selbst erzählt.</h3> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/008_vignette.png" alt = "" /></p> + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<!-- Page 9 --><p class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">9</a></p> +<h2><a name="Erstes_Capitel" id="Erstes_Capitel"></a>Erstes Capitel.</h2> + +<h1>Meister Ulrich.</h1> + +<p class = "illustration"><img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> + +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">D</span>as war vor Zeiten, da noch Abt Albrecht +den Abtstab führte, +ein viel ander Wesen allhier im Kloster, als heutzutage. Er +war ein gar gestrenger Herr und manchem Novizen vergieng das +Verlangen nach St. Bernhards weißer Kutte, weil ihm des +Heiligen Regel ein allzuschweres Joch für die Schultern +däuchte, und manch’ Anderen, der gern geblieben wäre, trieb +der Abt selber hinweg. »Denn«, so pflegt’ er zu sagen: +»Unmüßigkeit muß auch in der Muße suchen, wer +in’s Kloster taugen will.« Und so mußt’ es denn zu +seinen Zeiten hergehen, wie im Bienenkorb, wo Jedes emsig am Werke +schafft, das ihm angewiesen ist, von früh bis spät, nur daß +unseres Volkes Meister seine Bienen gar selten ausfliegen +ließ und wenig darnach fragte, ob sie fröhlich summten bei +der Arbeit oder nicht. Für Jeden fand er was zu thun und +wußt’ ihn an seinen Ort zu stellen, und dem Zaudern oder +Widersprechen war Niemand feinder als er. Und weil er +allezeit etwas betrieb, was ihm selbst am Herzen lag, so +gab’s auch immer Arbeit genug für Alle.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Dazumal ward des Klosters Gebäu mit Kirche +<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">10</a></span> +und allem so stattlich hergestellt, wie man sich heut dessen erfreut. +Aber ohne viel Seufzen gieng’s bei Denen nicht ab, die sich des +Bauwesens anzunehmen hatten. Und der Abt nahm Keinen aus, so oder so +mußte Jeglicher mitschaffen. <em class="antiqua">Impendere curam, impendere +substantiam, impendere et se ipsum.</em> Diesen Spruch unseres +Ordensheiligen legte er oft seinen Mönchen vor, wenn er sie im +Capitelsaal um sich versammelt hatte, und sorgte weislich dafür, +daß sie durch Übung solches Spruches Verstand um so besser +inne würden.</p> + +<p>Wie er dann die Trägen, Lässigen und die seinem +scharfen Regiment abhold waren, bald herausgefunden +hatte, so verhehlten auch diese unter einander ihren +Groll nicht und hießen ihn, wenn sie von ihm sprachen, +nur immer: Monoceros. Ich fragte, was solches +Namens Meinung wäre. Da erfuhr ich: Monoceros +sei ein bös Thier, gar ungeschlacht, habe ob dem Haupte +ein großes Horn, gewaltiglich damit um sich zu stoßen. +Ob dieser Auskunft entsetzt’ ich mich schier und sah Abt +Albrecht darauf hin recht bedenklich und bänglich an. +Doch konnt’ ich mich von ihm keines Bösen gewärtigen. +Denn, wiewohl ich zu der Zeit noch gar jung war, +dazu ungeschickt und muthwillig nach Knabenart, so war +doch der gefürchtete Abt voll Gütigkeit gegen mich, +und sein Angesicht, wenn’s noch so strenge sah, schaute +sogleich freundlich drein, wenn ich daher kam, mich +ehrbarlich neigte und ihn grüßte: <em class="antiqua">Salve, domine!</em> +Ja, er trug eine sonderliche Lieb zu mir und die that mir +gar wohl; denn ich war da fast ein schmächtig und +schwächlich Bürschlein, stak noch halb in den Kinderschuhen, +und des Lernens, dazu Bruder Berthold mich +anhielt, den der Abt mir zum Magister bestellt hatte, +<!-- Page 11 --><span +class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">11</a></span> +däuchte mich oft zu viel. Schon bei den ersten Schritten +auf der Bahn des Triviums vermeint’ ich, es gienge +nimmer weiter mit mir und ich könnte über all’ die +Blöcke und Steine, so die Grammatik mir in den Weg +warf, gar nimmer hinwegklimmen. Dennoch verfuhr +der Abt nach Lindigkeit mit mir, auch wenn Magister +Berthold über seinen uneifrigen Scholaren sich hart +beklagte; ja, der sonst Monoceros war, begütigte den +unzufriedenen Lehrer von meinetwegen.</p> + +<p>»Geduldet Euch nur, Berthold«, sagt’ er wohl, »und zwinget +Dietherum nicht allzu hart! Aus dem Schwarzaug schaut kein +blöder Geist; er wird wohl noch durch gelehrte Kunst unsers +Klosters Zierde, wenn ihm erst die Flügel gewachsen sind. +Noch ist er ja gar zart und muß sich erst festigen.«</p> + +<p>Wie nun aber etliche Jahre herumgegangen waren, da hatte das +Dietherlein sich wohl gefestigt und war kräftig in die Höh’ +gewachsen, aber von den Flügeln, die sein Geist ansetzen +sollte, sich in die gelehrte Kunst zu schwingen, war leider +noch gar wenig zu spüren. Dennoch blieb mir unser gestrenger +Abt noch immer zugethan. Und das gieng so zu.</p> + +<p>Er hatte eine sonderliche Lust an allerlei Werk +und Kunst, und wie er vormals in Welschland gewesen +war und sein Auge wohl gewöhnt war zu erkennen, +was Tugend hatte und Wissenschaft, so trachtete er +auch eifrig danach, sein Kloster zu schmücken. Nun hatte +er damals Meister Ulrich von Prag herbeigerufen, der +war in der Malkunst trefflich geschickt. Welche Freude +hat an ihm der Abt gehabt; wie hat er ihn aber +auch angespannt und angetrieben, zu schildern und zu +schaffen in der Kirch’ und im Capitelsaal und an andern +<!-- Page 12 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">12</a></span> +Orten, wie Ihr das Alles nun fertig sehet. Ihm wär’ +es schier am liebsten gewesen, Meister Ulrich wäre gar +nimmer von seinem Gerüste herabgekommen oder hätte +zehn Hände gehabt, und in jeder einen Pinsel.</p> + +<p>Was aber Meister Ulrich mit meinem ausbleibenden gelehrten +Eifer zu thun hatte, das war dieses. Seitdem er bei uns +schuf und bildete, trachtete ich nur danach, um ihn zu sein +und ihm zuzuschauen, wenn er am Werk war. Da verbracht’ ich +denn, wo er an Wand und Decke zu malen hatte und drüben im +Abthaus, wo ihm ein helles Stüblein zur Werkstatt +hergerichtet war, am liebsten meine Zeit. Mit Bewunderung +sah ich ihm zu, wie unter seiner kunstreichen Hand Christus +und Unsre Frau und Engel und Heilige, ja Gott Vater selbst +sichtbar wurden, wo zuvor eine weiße Wand oder ein leeres +Blatt gewesen war. Ich hatte immer meine Augen an Gestalt +und Farbe geweidet und Blumen und Blättlein, auch den +Wiesengrund, Baum und Berg fleißig betrachtet, nicht minder +den Zug der Wolken, den Glanz des Himmels. Nun dacht’ ich +oft: könntest du doch auch so nachbilden, was ringsum ist; +und oft betete ich zu St. Niclas, meinem Schutzheiligen, er +möchte für mich auch solche Kunst erbitten, wie Meister +Ulrich sie verstund. Der hatte mir auch bald abgemerkt, +wonach mich’s verlangte, und so sagt’ er einst: »Diether, +hast Du wohl auch Lust zu solcher Kunst, sie zu erlernen?«</p> + +<p>»Gar gerne, Meister!« antwortete ich. »Wenn Ihr mich +unterweisen wolltet, und durch St. Niclasens Hilfe!«</p> + +<p>Da sagt’ er: »St. Niclas nicht, sondern St. +Lucas Evangelista ist dieser Kunst Patron. Der mag +Dir wohl günstig werden, wenn Du fromm bist. Aber +unterweisen will ich Dich gern nach allem Vermögen.«</p> + +<p><!-- Page 13 --><span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13"> +13</a></span>Und von Stund an durft’ ich dann bei ihm nicht +mehr müßig sein, sondern mit Stift und Kohle wies +er mich an gar sorgfältig. Das geschah heimlich, wenn +Niemand bei uns war, weil wir fürchteten, der Abt +möcht’s nicht gerne wollen leiden.</p> + +<p>Aber je heimlicher, je lieber!</p> + +<p>Manche Stunde, die ich sonst draußen vertummelt hatte, die +versaß ich jetzt bei Meister Ulrich, auch manche, die mich +hätte über den Büchern Magister Berthold’s finden sollen. +Der fand denn um so häufiger Ursach’, mich zu tadeln.</p> + +<p>»Du hast einen raschen Kopf«, sagt’ er zu mir, +»dringest geschwind ein in den Verstand der Sachen; aber Du bleibst +nicht im rechten Geleis, bist nicht bedachtsam und ich bring’ Dich +nimmer durch’s Quadrivium. Diether, Du setzest nicht Deinen ganzen +Eifer in die hohe Wissenschaft! Ich glaube, Pragensis mit seinen +Schildereien hat Dir’s angethan.« Ich schwieg und trieb +mein’ Sach’ nur um so mehr verhohlen; aber sie blieb’s +nicht lange so.</p> + +<p>Denn einmal, als Ulrich dort in der Geißelkammer die +Geschichte vom reichen Mann malte, wie er in der Flamme Pein +leidet, und Lazarum droben in Abraham’s Schooß, da war ich +auch bei ihm, und weil’s just die Zeit am Tage war, in der +nach der Cisterzienserregel die Brüder in ihren Zellen der +Betrachtung obliegen, so waren wir im Geringsten nicht einer +Störung gewärtig. Meister Ulrich hatte mich heißen einen +leinenen Kittel überthun, wie er selbst trug, wenn er mit +Farben umgieng; und da ich so in dieser Tracht vor ihm +stund, hat er lachend zu mir gesagt: »Nun trägst Du den Rock +wie Unsereiner und ich hab’ Dich für unsern Heerbann +angeworben; aber dem +<!-- Page 14 --><span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14"> +14</a></span>Kriegsmann frommt die Rüstung allein +nicht, er muß auch bewehrt sein. So geb’ ich denn Dir auch +unsrer Mannen Speer und Spieß und verhoffe, Deine Hand wird +solchen allezeit mit Weisheit und Verstand Gott und Seinen +Heiligen zum Ruhme, unserer Zunft zu Ehren, den Guten zur +Herzfreude führen.«</p> + +<p>Damit fuhr er mir dreimal mit einem gar langen Pinsel über +Rücken und Haupt und händigte mir dann solches Gewaffen aus. +Darauf sollt’ ich, wie er sagte, sogleich mit ihm die erste +Ausfahrt thun, d. i., ich mußte zu ihm auf sein Gerüst +hinauf, allda ihm am Bilde zu helfen. Aber weil er just +dabei war, der Hölle Flammen herzustellen, darin die armen +Seelen brennen, so hieß er mich rechts hintreten, wo höher +oben die Seligen schweben.</p> + +<p>»Es möcht’«, sagt’ er dabei, »eine +böse Vorbedeutung geben, wenn Du mit der preislichen Kunst an so +unseligem Ort anhübest. An die schimmernden Wölklein droben +sollst Du Dich machen, aus denen die Engel herfürlugen.«</p> + +<p>Mir klopfte schier das Herz vor Freuden, als dräng’ ich +selber in den wahrhaftigen Himmel, wie ich die Leiter noch +höher hinanstieg, um nach seiner Anweisung am gemalten +mitzuhelfen. Ich war bald mit großem Eifer in mein Thun +vertieft, als plötzlich die Thür in den Angeln knarrte und +laute Schritte die steinernen Stufen herniederkamen. Ich +erschrak; denn zwischen den Brettern hindurch, auf denen +meine Leiter stund, sah ich Abt Albrecht’s hohe Gestalt und +Magister Berthold hinter ihm.</p> + +<p>»Gebt Acht«, hört’ ich diesen sagen, »hier ist +er und sonst nirgends.«</p> + +<p>»Wartet nur«, rief der Abt zorneifrig, »wartet +<!-- Page 15 --><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15"> +15</a></span> +nur; ich will ihn wohl zu Euern Büchern treiben; will er denn +keine Gelahrtheit lernen, so soll er doch lernen fleißig sein! +He Diether, bist hier? Albertus Abbas hat mit Dir zu sprechen?«</p> + +<p>Was half’s! Ich konnt’ ihm doch nicht entgehen. Zudem, wenn +er so scharf sprach, war es gefährlich, ihm ungefügig zu +sein. So rief ich denn: »Ja, Ew. Gnaden!« aus meinem Himmel, +aber meine Stimme klang gar nicht wie eines Seligen.</p> + +<p>»Um aller Heiligen willen!« sprach der Abt. »Was schafft der +da droben. Sogleich komm hernieder und hurtig!«</p> + +<p>Aber ich konnt’ nicht behender; denn mir wankten die Kniee, +als ich auf den Sprossen der Leiter ihm näher kam. So trat +ich denn vor ihn im leinenen Überkleid mit vielerlei bunten +Farben geziert wie eines Stieglitzen, den Pinsel hinter mich +haltend, und, wie ich meine, mit gar erbärmlicher Miene.</p> + +<p>»O der Possen«, begann er zu schelten, »in meinem +Kloster; o des Müßigganges, der solche verschuldet! +<em class="antiqua">Otiositas +mater nugarum, noverca virtutum!</em> Mißrathener Diether, jetzt sollst Du +unsre Strenge fühlen, denn unsre Güte hast Du mit solcher +Verkehrtheit gelohnt! Du versäumest das Deine und bist eine +Störung und Hinderung für Meister Ulrich obendrein. Fortan wirst +Du besser in Zucht genommen werden und Meister Ulrich wird Dein ledig +sein.«</p> + +<p>Wie ich das vernahm, da entfiel mir mein Herz; ich konnte +nichts erwiedern; mir war’s, als würd’ ich aus dem Paradies +verwiesen. Da aber ist Ulrich, mein lieber Meister, mein +Engel worden, nicht der mit dem hauenden Schwerte, den +Eingang zu wehren, sondern +<!-- Page 16 --><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">16</a></span> +wie einer, der die Flügel um uns +breitet, zu schirmen und zu erretten. Denn er trat herfür, +wagt’ es und sprach:</p> + +<p>»Wollet verzeihen, Ew. Gnaden, aber der Diether hier ist mir +nie keine Hinderung oder Störung gewesen noch hat er hier +Müßiggangs gepflogen oder Possenspiels. In dem Anzug, der +Euch so befremdet, steht er wohl mit Fug hier; denn wer beim +Malen ist, sollte dem solch Kleid nicht ziemen? Läßt es +gleich bunt und scheckig, so bezeugt’s damit die Arbeit, so +drin gethan wird. Und glaubt mir, Euch und dem Kloster macht +die Kunst keine Schand’, die in Diether ist. – Seht hier!«</p> + +<p>Damit zeigte er dem Abt etliche Zeichnungen von mir, die +bei der Hand waren. Der nahm sie mit großem Erstaunen und +seine Augen glänzten, wie er die Blätter prüfte.</p> + +<p>»Das hat Diether gemacht; das hat Diether gemacht?« fragt’ +er immer wieder.</p> + +<p>»Ja!« sagte Ulrich, »all’ das hat Diether gemacht und, ich +sag’ Euch, er wird noch ganz Anderes machen Euch zum +Erstaunen, wenn Ihr ihn bei mir laßt, daß er mein Schüler +sei, so lang ich hier bin.«</p> + +<p>»So nehmt ihn, nehmt ihn immer, lieber Meister!« rief der +Abt ganz freudig. »Sünde war’s, solche Gottesgabe zu +unterdrücken. Diether, nun magst Du doch noch unseres +Klosters Zierde werden; halt Dich recht und nimm Deines +Meisters Lehren Dich an! Wie es forthin mit Deinen gelehrten +Studien zu halten sein wird, das wollen wir mit Magister +Berthold des Weiteren besprechen; aber nun mach’ Dich wieder +an Deine Arbeit! – Ei, Meister, Ihr habt wacker geschafft +die letzten Tage. Und wie das leuchtet und lebt!« fuhr er +fort, während er wieder hinaufstieg.</p> + +<!-- Page 17 --> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">17</a></span> +Darauf giengen sie hinweg und wie sie an der Treppe waren, +hört’ ich den Abt noch sagen: »Bruder Berthold, nun wachsen +ihm doch noch die Flügel, aber andere, als wir dachten. Wir +können’s nicht wehren, wollen’s auch nicht. Wenn Meister +Ulrich Recht hätte! Eine Zierde des Klosters! Ich hofft’ es +immer!«</p> + +<p>Als sie hinaus waren, da sagte mein Meister: »So bist Du +denn, Diether, des Malerordens heut wirklich ein Jünger +worden. Gott gnade Dir dazu und alle Heiligen. Und zum guten +Anfang wollen wir heut Abend beim Klostermeier nach Gebühr +in Elsinger einen Trunk thun!«</p> + +<p>Aber Magister Berthold bracht’ es auf, daß sie mich von +diesem Tage her scherzweise nur nannten: <em class="antiqua">Pencillatus</em>, +d. i. Pinselheld.</p> + +<p>So war ich nun Ulrich’s Schüler und blieb es, so lang er +bei uns war. Das dauerte noch ganze zwei Jahre. Da zog er +von dannen nach Speyer, wohin Bischof Gebhard ihn gerufen, +allda im Dom zu malen. Sein Abschied geschah von uns mit +großen Ehren und der Abt, der sehr wohl mit all’ seinen +Werken zufrieden war, lohnte ihm reichlich. Mir aber gieng +am meisten sein Scheiden nah, und als ich ihn bis zur +Klostermühle am Teich drüben geleitet hatte, mochte ich noch +nicht umkehren. Er aber sprach:</p> + +<p>»Diether, laß genug hier sein! Gott stärk’ Dich in all’ +Deiner Kunst, wie Du meine Freude gewesen bist diese ganze +Zeit.«</p> + +<p>»Gott laß’ Euch immer fröhlich leben!« sagt’ ich.</p> + +<p>Drauf gaben wir uns die Hände, rissen uns von einander und +Keiner sah hinter sich.</p> +</div> +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/017_end_chapter.png" alt = "" /></p> + + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<!-- Page 18 --> +<p class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">18</a></p> +<h2><a name="Zweites_Capitel" id="Zweites_Capitel"></a>Zweites Capitel.</h2 +> +<h1>Ausfahrt.</h1> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> + + +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/018_s.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">S</span>eitdem mein Meister von uns geschieden war, mochte ein Jahr +vergangen sein. Die Zeit kam heran, da ich sollte das +Gelübd’ ablegen für unsern Convent. Mich bewegte das nicht +sonderlich, denn ich wußt’s nicht anders von Kindesbeinen +an, als daß ich ein Mönch von St. Bernards Orden werden +sollte. Mir war’s weder lieb noch leid, wenigstens glaubt’ +ich’s so. Inzwischen hatte ich meine Kunst fleißig geübt und +mit dem Vermögen dazu war die Lust daran größer geworden. +Damit mein’ ich gar nicht, daß ich immer fröhlich gewesen +wäre und guter Dinge von ihretwegen, sondern oft machte sie +mir einen sorgenhaften Sinn, als wär’ ich ihrer nicht werth +und wäre Gott nicht dankbar genug für ihre Gunst, die er mir +zugewandt. Dazu machte sie mir die Einsamkeit lieb, denn ich +hatte keinen Genossen bei meiner Arbeit, und so sucht’ ich +denn oft allein zu sein, auch wann ich Gesellschaft hätte +haben können. Denn da konnt’ ich am besten den Gedanken +nachhängen, die mit leuchtenden und glänzenden Farben und +himmlischen heiligen Gestalten in meiner Seele aufstiegen, +<!-- Page 19 --><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19"> +19</a></span> +daß ich mich von Herzen daran erlabte und ergetzte. So war +ich denn um die Zeit des Lebens, wo die Kraft und Lust der +Jugend besonders laut zu werden pflegt, vielmehr stiller und +in mich gekehrter worden, denn zuvor. Sie merkten das im +Kloster und sagten: das wäre die Melancholia. Ich lachte +ganz fröhlich dazu, denn ich wußt’ es besser.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Die heiligen Ostertage waren vorüber. Mit ihnen war der +erste Frühling in’s Land gekommen. Der letzte Schnee war +zergangen, und in den hellen Strahlen der Sonne lächelte die +Erde, wie ein erwachendes Kind die Mutter anlacht, das sich +die Wangen roth geschlafen hat. Von den Äckern wehte der +frische Erdgeruch, die Wiesen überzogen sich mit jungem Grün +und aus den Nußbäumen drüben pfiffen Abends und Morgens mit +lustigem Gelärme die heimgekehrten Staaren. Mit einem Wort: +Es war just so, wie es alle Jahr’ ist, seit der Herr zu Noah +gesprochen: es soll nicht aufhören Sommer und Winter, und +hat einen Bund darüber gemacht. Aber mir sind jene ersten +Frühlingstage aus sonderlicher Ursach in Erinnerung +geblieben.</p> + +<p>Denn an einem solchen Tage war ich mit Lust seit langer +Zeit zum ersten Male durch Feld und Wald gestreift und kam +heim mit frischem Muth, als wäre meine Brust weiter worden +von der Frühlingsluft, die sie geschöpft, und schlüge mein +Herz höher darin. Und doch wollt’s mir mit dem Malen nicht +vorwärts rücken, als ich mich an das Bild machte, das ich +vor hatte. Das war im Brüderchor rechts über den Gefühlen, +wo mir der Abt eine gar große Arbeit zugewiesen. Ich sollt’ +ihm da schildern an der Wand +<!-- Page 20 --><span class= +'pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">20</a></span> +den engelischen Gruß, die +Anbetung der heiligen drei Könige und die Darstellung im +Tempel, wie es jetzt Alles zu sehen ist. Dazumal war ich mit +der Verkündigung, die Unserer lieben Frau geschieht, kaum +über den Anfang hinaus, und weil ich die heilige Jungfrau +recht in die Maienwonne hineinsetzen wollte, so hatt’ ich +mich, wenn in den kurzen Wintertagen des Bildes Entwurf mir +gar nicht zu Gefallen gerieth, immer auf den Lenz +vertröstet, der sollte Leben schaffen draußen in der Welt +und hier auf dem Bilde. Nun hatt’ ich ja seinen Gruß +empfangen und griff meine Arbeit mit allem Eifer an. Aber +meine Gedanken hafteten nicht daran.</p> + +<p>»Es hat keinen Segen heut«, sprach ich da zu mir selbst, +legte den Pinsel weg und setzte mich vor den Lettner in’s +Gestühl.</p> + +<p>Ich war wohl müde vom ungewohnten Gange, den ich im Freien +gethan, und so schlief ich ein. Da träumte mir, ich wandelte +durch ein lieblich Wiesenthal, allwo die Blumen im +Morgenthau glänzten, und die Bäume rauschten über dem Bach, +der hart am Wege dahinfloß. Wie ich voll Freude fürder +schritt, sah ich vor mir einen seltsamen Wandersmann des +Weges ziehen. Sein Kleid war schneeweiß, seine Gestalt hoch, +und wie golden wehte sein Gelock im Morgenwinde. Ich eilte +ihm nach und bot ihm höfischen Gruß. Jung und holdselig war +das Angesicht, das er mir zuwandte. Er dankte mir meinen +Gruß gar freundlich, doch wagt’ ich nicht, weiter ihn +anzureden, so hochgemuth und feierlich war seine Miene. Er +aber erkannte mein Begehren und sagte: »Ich kenne Dich wohl, +Diether, aber Dein Weggeselle kann ich nicht sein; denn ich +muß meines Herrn Gebot eilend thun.«</p> + +<p><!-- Page 21 --><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21"> +21</a></span>Da sagt’ ich: »Das muß ein reicher und milder Herr sein, der +solche Boten sendet; und selig mag wohl sein, wem von Euch +Botschaft wird.«</p> + +<p>»Du findest mich auch wohl wieder«, versetzte er, »wenn Du +hier auf diesem Wege beharrst; denn das ist die Straße, die +ich ziehe in Maientagen.«</p> + +<p>Darauf verschwand er vor meinen Augen, als flög’ er hinweg, +und ich betete an zur Erde; denn ich merkte, daß es ein +Engel gewesen war, der Gott an einem seiner Heiligen dienen +wollte. Ich beschloß, da zu harren, bis er wiederkehrte, um +ihn dann zu bitten, daß er mich segnen möchte. So setzt’ ich +mich nieder an des Baches Rand. Aber der fieng an zu brausen +und zu wallen von den Bergen her und stieg und trieb mich +hinweg. Er ward zum reißenden Strome, drin alle Blumen +ertranken, und sein Gischt verhüllte die Sonne. Ich schrie: +»Wehe!« und entlief, denn wie verderbliche Lindwürmer +drangen die Wellen hinter mir her.</p> + +<p>Die Angst weckte mich auf. Ich war nicht mehr allein. Der +Abt stund vor mir. Ich wollt’ eilig aufstehen vor ihm. Aber +er hieß mich sitzen bleiben, ließ sich neben mich in den +nächsten Chorstuhl und redete mich ganz freundlich an:</p> + +<p>»Diether«, sprach er, »ich sehe, Dir will’s nicht mehr von +der Hand gehen mit Deiner Kunst, wie bisher. Ich glaub’ +wohl, daß nicht Trägheit daran Schuld ist. Denn Fleiß allein +thut’s nicht bei so edlem Werk. Der Wille ist da, aber Seele +und Sinn wollen nicht mit der alten Lust dahin, und wo die +nicht gefüge sind, müssen wohl auch die Hände feiern. Denn +gezwungen gedeiht solche Gotteswirkung nicht. Nun +<!-- Page 22 --><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22"> +22</a></span> hör’ ich, merk’ es auch selbst zum Theil, daß Deine +vorige Munterkeit verschwunden und Du der Einsamkeit und des Sinnirens +ein Liebhaber worden bist. Wohl ziemt sich Dir ein ernster Sinn, und +heilige Betrachtung schickt sich für Dich, da Du bald dem Convent +Dich für immer geloben sollst. Aber weil ein Jeglicher dem Orden +und der Kirche mit der Gabe dienen muß, die er von Gott +empfangen hat, so müssen wir bedacht sein, Dich in Deiner Kunst +zu fördern.«</p> + +<p>»Wohlan, Diether«, fuhr er fort, »fast ist mir’s +lieb, daß Du mit Deinem Bilde da nicht weiter gekommen bist, wie ich +sehe. Denn heut’ hab’ ich Nachricht empfangen aus Speyer, +daß dahin zum Bischof ein sonderlich köstliches Bild aus +Welschland gebracht worden ist, darauf die gebenedeite Gottesmutter so +preislich und herrlich gemalt ist, wie man ihres Gleichen noch nicht +gesehen hat in deutschen Landen. Das wäre nun ein löblich und +rühmlich Ding und eine rechte Freude für mich, wenn wir davon ein +Conterfei hätten hier bei uns. Darum hab’ ich gleich an Dich +gedacht, daß Du gen Speyer ziehest mit Briefen von mir, dort vom Bild +eine Copey nehmest und dieselbe Gestalt der heiligen Jungfrau gebest hier +auf Deinem Bilde. Da wirst Du zugleich Dein Auge an vielen andern Werken +Deiner Kunst weiden können, und ich bin gewiß, Du kommst mit +erneuerter Lust und erhöhter Kraft zurück. Daß ich Dich +aber in die Welt allein hinauslasse, die Du bisher noch weiter nicht +gesehen als eine Meile um’s Kloster, das zeigt Dir, ein wie +groß Vertrauen ich zu Dir trage, daß Du beständig im +Herzen haben wirst, wie Du zu Gottes und Deines Klosters Ehre diese Fahrt +thust. Und weil’s Dir«, setzte er lächelnd hinzu, +»mit Stift + +<!--Page 23 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">23</a></span> +und Pinsel nicht mehr recht vorwärts will diese letzte Zeit, so +mögen Wald und Feld und Wiese und Flur Dir vielleicht nützer +sein, Dich zu unterweisen, wenn Du ziehest, wie auch St. Bernard +gesagt hat: die Bücher, aus denen er das Beste gelernet, seien +die Bäume des Waldes.«</p> + +<p>Während er so sprach, wußt’ ich selbst nicht, was ich denken +sollte. Der Traum, den ich geträumt, stund vor meiner Seele +lieblich und zugleich schrecklich, als lockt’ er und drohte +auch zugleich. Aus dem Kloster in die Welt hinaus hatte ich +nie ein Verlangen gehabt, auch die letzte Zeit keine +Wanderlust, wie der Abt zu denken schien. Mich wirrte die +unerwartete Aussicht. Fast hätt’ ich den Abt gebeten, mich +daheim zu lassen. Aber ich schämte mich dessen, weil es +feigen und stumpfen Sinn verrathen hätte. Und so sagt’ ich +bloß, als er geendet:</p> + +<p>»Hochwürdiger Vater, ich will Euch gern gehorsamen in allen +Stücken.«</p> + +<p>»Ei, Diether«, rief er und klopfte mich auf die Schulter, +»das ist für Deinen Gehorsam wohl kein zu schweres Stück, +das ich Dir auflege. Ich wüßte Manchen im Convent, der thät +es übergerne an Deiner Statt.« –</p> + +<p>Darauf gebot er mir, mich zu rüsten und nach der Vesper zu +ihm zu kommen. Da wollt’ er mir Briefe und Vollmacht geben +und weitere Anweisung. »Denn morgen in der Frühe«, sagt’ er, +»sollst Du von dannen, und um die Pfingstzeit bist Du wieder +da durch Gottes unsers Heilands Gnade.«</p> + +<p>Darauf reicht’ er mir die Hand und gieng.</p> + +<p>So schritt ich denn am anderen Morgen ganz früh wegfertig +über den Klosterhof, nachdem ich Abends zuvor von Allen +Abschied genommen hatte. Aber Mancher kam mir nach, mir zur +Letze nochmal +<!-- Page 24 --><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">24</a></span> +die Hand zu drücken. Am Bronnen blieb ich +stehen und sagte: »Laßt mich hier noch einmal aus diesem +guten Quell, dessen Rauschen und Plätschern ich so oft mit +Freuden betrachtet, mit meinem Reisebecher schöpfen, und wer +mit mir wünscht, daß ich ihn fröhlich wieder mit Euch +trinke, wenn ich heim bin, der thue mir Bescheid!«</p> + +<p>Da trat Rigbold heran, der Bruder Kellermeister, und sagte: +»Das ist nicht Brauch, Diether, mit Wasser sich zuzutrinken. +Hier hab’ ich Besseres, Dein Glas zu füllen, +Liebfrauenmilch, geschöpft zu Worms am Rheine. Du sollst den +Wein haben zur Labe auf Deiner Fahrt.« Da schenkt’ ich ein, +weil sie so wollten, und auch sie thaten einen Zug und »Gott +gesegn’es!« wünschten wir einander dabei. Darnach that mir +der Pförtner auf; ich gieng über die Brücke am Thor und war +im Freien.</p> + +<p>Rüstig stieg ich den Weg hinan, der gen Mitternacht aufwärts +führt. Es war noch dunkel und dämmerte kaum. Als ich oben +auf der Höh’ war, hatt’ es sich genug erhellt, daß ich rings +umschauen konnte. Ich wandte mich und sah das Kloster liegen +im Thal, wie ich es zu tausend Malen von hier aus betrachtet +hatte. Nun lag doch die weite Welt vor mir, und dennoch war +mir’s weh um’s Herz, als ob’s mich zurück sehnte. Die ersten +Strahlen der Morgensonne trafen da das Kirchdach und der +Wind trug das Geläut herüber, das zur Matutine rief. Mir +war’s, als kläng’ es anders wie sonst, lauter, feierlicher, +und als wüßten die Glocken, daß ich hier oben stünd’, und +wollten mir auch einen Gottessegen herübertönen zum +Abschied. Da sprach ich das Benedictus im Stillen mit, +winkte noch einmal hinab und zog landein.</p> + +<p>Ich schritt tapfer aus. Im ersten Dorf, durch +<!-- Page 25 --><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">25</a></span> +das ich kam, zogen die Leute eben zur Arbeit auf’s Feld. »Sie +haben Alle ihr besonderes Tagewerk«, dacht’ ich da, +»meines ist heute das Wandern.« Mit dem erwachten Tage +wuchs auch meine Wanderlust. Ich hatte meine Freude an Allem, was ich +hört’ und sah, und fühlte mich gar nicht einsam. Die hellen +Wolken, die über mir herzogen, die Finken, die von den +Bäumen am Wege, die Ammern, die aus dem Wald her riefen, die +ersten Blumen am Rain, die ich mir zum Sträußlein +pflückte, boten mir Gesellschaft genug. Der Laubwald schimmerte +im ersten, jungen Grün, als hienge ein zarter Schleier über +dem Gezweig. Da hindurch spielten die Sonnenstrahlen gar lieblich, +denn es war ein heiterer, wonnesamer Frühlingstag.</p> + +<p>Gegen den Mittag kam ich in ein Waldgebirge, wo der Weg in +Krümmungen an der Seite der Berge sich hinzog. Unten brauste +ein Wasser; aber nur zuweilen sah ich’s durch das dunkle +Grün der Bäume hervorblitzen. Denn dicht und ragend stunden +die Tannen rings umher, so daß sie, wo der Weg eng war, +schier ein Dach über mich bauten mit ihren Wipfeln. Die +Sonne war im Mittag, und ich hätte hier gerne gerastet, mein +Mahl zu halten. Schon gedacht’ ich, dazu niederzusitzen, als +ich vor mir nicht gar ferne Stimmen hörte. Bald darauf ward +ich eines Weibes ansichtig, das auf dem Arm ein Kindlein +trug, und ein anderes führte sie an der Hand. Das weinte +sehr und wollte sich gar nicht beschwichtigen lassen. Da +eilt’ ich hinzu, grüßte und fragte das Weib, aus was Ursach’ +das Mägdlein weinte und ob ich ihr helfen könnte. Da sagte +sie: »’S ist mein Töchterlein, lieber Gesell, Else heißt sie +und büßt jetzo ihren Willen. Da seitwärts +<!-- Page 26 --><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">26</a></span> +hinunter steht unsere Hütte, und ich gehe jetzt hinauf dorthin, +wo Ihr den Rauch aufsteigen sehet. Der kommt von einem Meiler; da ist +mein Mann, der brennt Kohlen dorten für den gnädigen Herrn, +deß wir eigen sind. Es ist ein beschwerlicher Weg dahin; aber +Else wollt’ nicht daheim bleiben; sie hat müssen mitgenommen +sein. Ich hab’s ihr zuvor gesagt, daß ich sie nicht tragen +könnt’, wenn sie müd’ würde, weil ich das Büblein +da auf dem Arm hab’. – Bist still, Kind, sonst kommst Du nimmer +mit zu Deinem Vater.« Da nahm ich die Kleine auf meinen Arm, +redete ihr freundlich zu und hatte sie bald so zutraulich, daß +sie des Weinens und aller Furcht vergaß und freundlich mich +anlachte.</p> + +<p>»Ihr versteht’s, Euch die Kinder zu befreunden«, sagte das +Weib, »denn sonst geht Elslein ihrer Mutter nicht von der +Hand im Angesicht eines Fremden. Das Kind kommt gar selten +unter die Leute.«</p> + +<p>»So gehören wir wohl zusammen, Elslein«, rief ich ganz +fröhlich, »denn auch ich bin fremder Gesellschaft ungewohnt; +und daß Du mich magst, thut mir gar wohl!«</p> + +<p>»Ja, mit Fug«, sagte die Frau, »denn Kinderlachen bringt +Glück, und so mag Euch auch wohl gerathen, was Ihr vorhabt.«</p> + +<p>Nicht lange waren wir unter solchen Gesprächen vorwärts +geschritten, so kamen wir an eine Rodung, wo die Meiler +dampften. Kaum hatte das Kind den Vater erschaut, so mußt +ich’s vom Arme lassen, und lustig sprang es dem Köhler +entgegen. Da gab’s zwischen den Leuten ein freudiges Grüßen. +Sie hielten das Mahl zusammen, ich setzte mich auch dazu und +wir theilten einander mit, was wir hatten. Sie sprachen +<!-- Page 27 --><span +class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">27</a></span> +von ihrem Heimwesen, von ihren Sorgen, denn sie waren gar arm, und von +ihren Kindern. Ich hört’ ihnen stille zu, denn wir waren das +Alles fremde Dinge. Aber wie traurig auch Manches war, was sie +sprachen; ich hätte sie nicht besser trösten können, +wie sie selbst einander ihre Last erleichterten durch die Herzlichkeit +ihrer Rede. Und wie, nachdem das Gratias gesprochen war, der Mann die +Kinder beide auf seine Kniee nahm, und sie ihn liebkosten, auch das +Elslein nicht von ihm ließ, so geschwärzt und rauh er +aussah, und mir öftermals zurief: »Seht, das ist mein Vater +lieb!« da wußt’ ich nicht, sollt’ ich den armen Mann oder +die Kinder für glücklicher halten, und zum ersten Mal in +meinem Leben fragt’ ich mich, ob ich wohl auch je von Mutter oder +Vater so gekoset worden wäre oder mit ihnen gekost hätte, +und ich wünschte, es möchte geschehen sein, ob ich auch +deß nicht mehr gedenken könnte, und die Hände, die +mich gestreichelt, eben so arbeitshart gewesen wären, wie dieser +Eltern ihre.</p> + +<p>»Nehmt’s nicht für ungut«, sagte der Köhler, wie er mich so +schweigend sitzen sah, »daß ich Euch versäume. Ich sehe +meine Herzkinder selten, und so denken sie, es muß so sein.«</p> + +<p>»Gott helf Euch«, sprach ich da, »daß Ihr sie immer so in +Freuden sehet, und lasse sie Euch und Eurem Weibe zur Freude +gesetzt sein all’ Euer Leben lang.« Darnach gesegnet’ ich +sie, denn ich wollte weiter ziehen, und auch Elslein reichte +mir ihre Hand, sagte: »Wohlauf zur Fahrt!« und lachte mir +fröhlich zu.</p> + +<p>Oft noch beim Weitergehen sah ich zurück nach dem Weibe und +dem Manne mit den Kindern auf seinen Knieen, und wie ich sie +nicht mehr erschauen konnte, tönte +<!-- Page 28 --><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">28</a></span> +doch des Mägdleins Lachen mir im Herzen nach hell und lieblich, +wie eines silbernen Glöckleins Klingen beim heiligen Amt, und ich +sagte zu mir: »Wohlan, Diether, Kinderlachen bringt +Glück!«</p> + +<p>Das war mir einsamem Wandersmann, wie es schien, an diesem +Tage nicht beschieden. Denn gegen Abend zog ein Wetter +herauf mit einem Sturmwind, der die gewaltigen Bäume schier +zu entwurzeln drohte. Der Himmel überzog sich mit finstern +Wolken und schwere Regentropfen fielen hernieder. Ich +beschleunigte meine Schritte, weil das Kloster von Thüngen, +welches unseres Ordens ist und wo ich die Nacht herbergen +wollte, nicht mehr ferne sein konnte. Aber in dem wilden +Gebirg’ verlor ich den rechten Weg. Ich hatte deß eine ganze +Meile gar nicht Acht, weil ich so in Hast lief; denn ein +wüst Gewitter war losgebrochen. Die Blitze flammten durch +den dunkeln Wald und die Donnerschläge hallten brüllend von +den Bergen wieder. Dazu goß der Regen in Strömen, daß auch +die Tannen mit ihrem dichten Gezweig kein Schirmdach mehr +boten und ich über und über durchnäßt war. Doch fragt’ ich +wenig darnach; denn wie ich merkte, daß ich irre gegangen, +das schuf mir größere Sorge. Ich war auf einen Weg gerathen, +der Anfangs abwärts führte, aber allgemach und in gleicher +Richtung wie der, auf dem ich bisher gezogen. Dann aber +lenkt’ er mich steiler hinab an das Waldwasser und an dessen +Rand entlang in ein Thal, das sich in mancherlei Biegungen +immer mehr verengte. Da war meine Wanderung beschwerlich und +voll Mühsal und ich däuchte mich gar verlassen in dieser +Wildniß. Dazu des Gewitters Zorn und des Wassers Getose! +»Hilf Gott«, sprach ich, +<!-- Page 29 --><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">29</a> +</span> +»wo soll ich rasten bei solchem +Wetter in der Einöde, wenn die Nacht kommt?« Und ich dachte +an das Vespergeläut im Kloster, das alle Abend’ die Brüder +in Frieden zu Ruhe und Schutz zusammenruft.</p> + +<p>Aber horch! war’s da nicht wirklich wie ein Läuten durch den +Wald? Jetzt vernahm ich’s wieder; ich täuschte mich nicht. +Wie mir das tröstlich und lockend erscholl! Ich förderte +meine Schritte, und bald öffnete sich vor mir das Thal zu +einer freien Halde.</p> + +<p>Die Berge traten zurück wie in einen Kreis, und an dem +Abhang des einen stund freundlich winkend ein Waldkirchlein, +von dem das Läuten kam. Ich fand bald den Weg, der dahin +führte. Wie ich ihn eingeschlagen hatte, ließ allgemach das +Unwetter nach. Der Donner verstummte, der Sturm legte sich +und sanft fiel der Regen. Auf einem Felsenvorsprung in +halber Höhe des Bergabhanges sah ich das Kirchlein vor mir.</p> + +<p>Zu seinen Füßen, seitwärts des Pfades, der hinaufleitete, +ward eine Klause sichtbar, von Holz erbaut, deren niederes +Dach nur wenig aus dem Gestein hervorlugte, an das sie sich +lehnte. Ein Wässerlein plätscherte von der Höhe daran vorbei +und ergoß sich in Sprüngen auf die Waldwiese, auf die das +Blockhaus niedersah. Wie ich emporklomm, strahlte das +Thürmlein der Kirche, darin die Glocke hieng, im rothen +Schein der untergehenden Sonne, und darüber hin wölbte sich +gegen Morgen schimmernd und feierlich ein Regenbogen. Ich +hielt meine Schritte an und freute mich des lieblichen +Scheideblickes, mit dem der Tag zu Ruhe gieng. Wie ich so +stund, vernahm ich von der Klause her die Klänge einer Laute +und dazu die sanft schwebende Weise dieses Liedes:</p> +</div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 30 --><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30" +>30</a></span> +<span class="i2">Es liegt die Welt mit ihrem Glücke,<br/></span> +<span class="i0">Ein fernes Eiland, hinter mir,<br/></span> +<span class="i0">Und keine Fähre, keine Brücke,<br/></span> +<span class="i0">Trägt jemals mich zurück zu ihr.<br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i2">Ein ander Ziel hab’ ich erlesen,<br/></span> +<span class="i0">Deß Bild die Seele fest umschlingt.<br/></span> +<span class="i0">Wie wird mein trübes Aug’ genesen,<br/></span> +<span class="i0">Wenn die ersehnte Küste winkt!<br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i2">Schon rauscht der Kiel, die Segel blühen,<br/></span +> +<span class="i0">An’s Steuer denn mit fester Hand,<br/></span> +<span class="i0">Laß Stürme brausen, Blitze sprühen,<br/> +</span> +<span class="i0">Doch endlich, Herr, mich rufen: Land!<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Mir klang das Lied seltsam und fremd, voll +Schwermuth und Freudigkeit, voll Sehnsucht und Zuversicht. +Aber es schien mir schön zu stimmen zu dem +heiteren Abend nach all’ dem Sturm und bösen Wetter, +und ich dachte: »Das kann nur das Land der zukünftigen +Seligkeit, die himmlische Heimath, sein, darnach +das Lied Verlangen trägt, und es ist wohl ein +fromm Herz, welches zu solchen Gedanken erweckt wird +durch den Bogen Gottes.«</p> + +<p>So gieng ich mit gutem Vertrauen auf die Klause zu.</p> + +<p>Aber ich ward fast entmuthigt, als ich ihren +Bewohner ersah, der unter der offenen Thür +stund. Es war ein greiser Mann von gewaltigem +Wuchs, bekleidet mit einem Mantel von grobem Zeug, +den ein Strick zusammenhielt; unten sahen die Füße +bloß hervor. Sein Haupt war mächtig und von breiter +Stirn; unter den überhangenden Brauen blickten lebhaft +die blauen Augen. Die Nase war vorspringend +und gebogen, der Mund von festen entschlossenen Lippen +und sein Angesicht tief gefurcht, als stünde da manch +<!-- Page 31 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">31</a></span> +Geheimniß früherer Jahre geschrieben. Ich merkte +wohl, wie mein Anblick ihm wenig willkommen war; +denn forschend sah er mich an und bewegte sich nicht +von der Stelle.</p> + +<p>»Ehrwürdiger«, redete ich ihn an, »ein wegmüder +Wandersmann, der in die Irre gerathen ist, spricht +Euch um Obdach an für diese Nacht. Wollet ihm +solche Bitte um Gottes Lohn nicht versagen!«</p> + +<p>»Das da droben«, antwortete er, »ist St. Wigbert’s +Kirchlein, und die ihm da in Andacht dienen +wollen, denen helf’ ich dazu und geleite sie. Aber zu +herbergen ist meines Amtes und meiner Neigung nicht.«</p> + +<p>»So verdienet an mir«, sprach ich, »St. Wigbert’s +Fürsprach, in dessen Bann und Schutz ich ohne meinen +Willen geführt worden bin durch des reichen Gottes +Güte.«</p> + +<p>»Du redest wie ein Pfaff«, sagt’ er darauf, »und +nach Deinem Kleid möcht’ man Dich für einen Mönch +halten; aber Dein Haar fällt Dir lang auf die Schultern, +und Dein Auge blickt frei umher, als wär’s nicht +eben gewohnt, sich demüthig zu senken. Die falsche +Welt liebt sich Gevögel mit allerlei Federn, auch wohl +mit falschen, und sie ist weit genug dazu.«</p> + +<p>Da sagt’ ich: »Ihr vertraut mir nun viel oder +wenig, so will ich Euch doch treulich berichten, wie es +um meinen Weg steht, den ich ziehe«, und so erzählt’ +ich ihm, von wannen ich käme und wozu der Abt mich +ausgesandt hätte.</p> + +<p>»Dein Abt ist ein Narr«, rief er mir da zu, »Dich +so jung und unbehütet um solches Tandes willen aus +dem Kloster zu stoßen, kurz ehe Du gemöncht werden +sollst, und weiß nicht, was er thut. Dort die Stufen +<!-- Page 32 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">32</a></span> +hinan ist eine Kluft, wohlverwahrt, und reichlich Moos +zum Lager darin, wo die Pilger zu rasten pflegen nach +der Wallfahrt. Da lagere Dich. Denn in meiner +Zelle geht’s nicht an, ich habe mir jede Gesellschaft +widersagt für immer. Sogleich komm’ ich nach.«</p> + +<p>»Daß Ihr meinen Abt scheltet und meine Kunst +verachtet, das thut Ihr ohne meinen Dank,« antwortet’ +ich gekränkt. »Aber ich bin müde und will die Ruhe +suchen, die Ihr mir erbietet.«</p> + +<p>Darauf wandt’ ich mich, zu gehen. Doch er kam +mir nach und ergriff meine Hand, indem er sagte: +»Nu, nu, Junker Hochgemuth! Deine Kunst bleibt unverachtet. +Komm denn hinein zu mir, bist ja ganz +kläglich zugerichtet vom Wetter. Aber Dein Abt ist +ein Narr! – ich sag’s, Brun, St. Wigbert’s Meßknecht +und Einsiedel.«</p> + +<p>Mir fiel es auf, als ich an seiner Seite gieng und +er so redete, wie freundlich der Klang seiner Stimme +ward und wie mild sein Angesicht drein sah gegen +vorhin.</p> + +<p>Der Raum seiner Klause, in die wir traten, war +niedrig und eng. Sie hatte außer der Thüre nur eine +kleine Fensteröffnung zu Luft und Licht. Schmucklos +waren die Wände aus rohen Balken aufgerichtet: nur +über der Thür ein Crucifix und zwischen ihr und dem +Fenster, das in der schmalen Seitenwand angebracht +war, unter einem hölzernen Überdach das geschnitzte +Bild unserer lieben Frau mit dem Schwert im Herzen. +Vor demselben stund ein eichener Tisch, kunstlos zugehauen +und ein Baumstumpf als Sitzschemel. Die dem +Eingang gegenüberliegende Wand der Hütte ward +vom Gestein gebildet, das senkrecht abfiel. Darin war +<!-- Page 33 --><span +class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">33</a></span> +eine Höhlung zu sehen, die zum Herde diente mit einem +Sims, darauf weniges Kochgeräth stand. Unten davor +lag Holz bereit. Die Hälfte aber dieser Felsenwand +wich zurück zu einer Nische, die ganz schicklich als eine +Kemenate zur Lagerstatt gelten konnte. Sie verengte +sich nach hinten und schien tief in das Gestein hineinzudringen. +So leicht das Alles zu übersehen war, so +konnt’ ich’s doch nur mit Mühe wahrnehmen; denn +das Abendroth, welches zum Fenster hineinblickte, war +im Versinken, und der Raum fast dunkel.</p> + +<p>Aber bald lenkte mein Wirth mein ganzes Aufmerken +auf sich und sein Thun. Er tummelte sich geschäftig +wie ein Schaffner für mich, und je rauher +zuweilen seine Rede war, um so sorgsamer mühte er sich.</p> + +<p>»Setz’ Dich da, Meister Irregang«, sagte er halb +spottend, halb ernstlich, indem er in die glimmenden +Herdkohlen blies und dürres Reisig darüber legte, »setz’ +Dich da auf den Klotz, der mir Bank, Stuhl und Schemel +zugleich ist. Weiß nicht, welches Sitzes Du in Deinem +Convent gewohnt bist; hätt’st Dir wohl einen weicheren +gegönnt zur Rast. – Doch nein!« fuhr er nach kurzer +Weile fort, als das helle Feuer knisternd zu flackern +anhub, »nein, junges Blut! rück’ hier heran an die +Herdwärme. Denn es läßt, als ob Dich’s fröre. – +Heilige Mutter Gottes, wie bist Du durchnäßt! Hab’s +gar nicht so bemerkt, welche Unbilden Dir zartem +Knaben das Unwetter gethan hat. Wart’, wie Brun +Dein pflegen wird.«</p> + +<p>Damit gieng er nach hinten und brachte mir von +dort trockne Kleider. Er war mir selbst behilflich, +mein naß Zeug abzuziehen, hängt’ es seitwärts gegen +den Herd, half mir in’s trockene Gewand und breitete +<!-- Page 34 --><span +class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">34</a></span> +mir möglichst nah dem Herde, von Moos und mit +Hilfe von wollenen Decken, die er hervorholte, in der +Nische, wo er seine Lagerstatt hatte, ein Pfühl, darauf +ich meine ermatteten Glieder gar gemächlich ausstrecken +konnte.</p> + +<p>Ich dankt’ ihm für all’ seine Lieb’; ich fühlte, wie +wohl sie mir that. »Ja,« sagte er, indem er mir +mit Wein, den er vorgelangt hatte, meine brennenden +Füße wusch, »das glaub’ ich gern, daß dem Täublein +nun sanfter ist; mit all’ seiner Kunst und des Abts +Vollmachten dazu sollt’ es sich wohl wenig trösten, +wenn jetzt Brun nicht hinausgelangt und’s in seine +Arche genommen hätte.«</p> + +<p>Daß er sich mit dem Erzvater Noah verglich, +machte mich lachen; aber es gieng mir nicht von Herzen. +Vielmehr fühlt’ ich, wie ich roth ward, weil seine +Rede mich an die ungefüge Antwort erinnerte, mit +der ich ihm draußen begegnet war. Sie that mir leid +und ich sagt’ ihm das.</p> + +<p>»Wie heißest Du?« fragt’ er mich drauf und +hängte den Kessel über dem Herdfeuer ein.</p> + +<p>»Diether, ehrwürdiger Vater.«</p> + +<p>»Wohlan, Diether, darum mach’ Dir keine Sorgen. +Aber von Deinem Abt und Deiner Fahrt wollen wir +hernach reden; da will ich auch an Dich eine Frage +thun. Jetzo merk’ nur dies, daß ich Brun heiße, und +so magst Du mich nennen. Das ist genug. Und nun +gedenke des Mahles, denn es ist bereit.«</p> + +<p>Drauf legt’ er mir vor, was er hatte, Brot und +Käs und von dem Brei, den er gekocht hatte, und ein +wenig Wein. Während ich aß und trank, durft’ ich +nicht sprechen, denn er hatte mir <em class="antiqua">Silentium</em> auferlegt +<!-- Page 35 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">35</a></span> +mit strenger Miene, als wären wir im Refectorium. +Mir war sein Gebot ganz recht, und mit Lust und +Eifer that ich der Mahlzeit Bescheid. Er sah mir +freundlich und ermunternd zu und bedachte dabei das +Feuer, das, den ganzen Raum angenehm erhellend und +erwärmend, den felsigten Kamin hinaufschlug und den +Schatten seiner Gestalt in wunderlichem Wechsel an die +Wand malte.</p> + +<p>Als ich vollendet hatte, hieß er mich wieder meine +vorige Lagerstätte einnehmen, that die Zurüstung des +Mahles beiseit und setzte sich mir gegenüber an den Herd.</p> + +<p>»Diether«, sagt’ er da, »warum kam Dir vorhin +das Lachen an?«</p> + +<p>Ich ward ob der Frage verlegen, und zögernd +erwiederte ich: »Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen +begehrt, ehrwürdiger Vater« –</p> + +<p>»Brun heiß ich,« unterbrach er mich ungeduldig.</p> + +<p>»Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen begehrt, Brun: +es geschah, weil Ihr Eure Klause hier der Arche Noä +verglicht und mich mit dem Täublein, das der Erzvater +hineinnahm.«</p> + +<p>»Und warum that denn dem Thierlein der Einlaß +in den Kasten noth?« fragt’ er eindringlich.</p> + +<p>»Weil draußen die Wasser der Sintfluth allum es +bedrohten«, gab ich zur Antwort.</p> + +<p>»Wohlan, Diether«, sagt’ er eifrig darauf. »Was +ist die Welt anders, als ein tiefes Meer des Verderbens, +gleich gefährlich, ob’s den blauen Himmel spiegelt oder +schäumt und braust, voll Untreue, Gewalt und Tücken? +Und was hat Dein Abt anders gethan, als Dich +hinausgescheucht wie einen Vogel, der nicht schwimmen +kann, auf die weite See?«</p> + +<p><!-- Page 36 --><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">36</a></span> +»Ihr seht wohl«, sagt’ ich bescheiden, »von Eurer +Klause die Welt zu ungünstig an und urtheilet zu hart +über sie, weil Ihr sie nicht genugsam kennet in Eurer +Abgeschiedenheit.«</p> + +<p>»Hoho!« rief er, bitter lachend, »ich kenne sie +nicht? Ich kenne sie nicht?« und sah in’s Feuer, als +könnt’ ihm das gar etwas Anderes bezeugen. – »Du +hast ihr Wesen wohl heut’ schon lieb gewonnen beim +ersten Ausflug?« wandt’ er sich dann fragend an mich, +»fühlst Dich schon wohl darin?«</p> + +<p>»Ich weiß darauf nicht zu antworten«, erwiedert’ +ich, »aber Ihr thut, dünkt mich, zu viel, wenn Ihr die +Welt schlecht nur der Untreue zeihet. Ich hab’ wohl +befunden von ungefähr, daß sie auch der Treue die +Probe hält.« Und so erzählt’ ich ihm mit Wärme, was +ich von den armen Köhlerleuten heute gesehen hatte +und wie sie durch ihre treue Liebe gegen einander so +glücklich wären in aller Dürftigkeit. »Die hegen«, schloß +ich, »gewiß kein Falsch gegen einander.«</p> + +<p>»Weißt Du das für gewiß?« fragt’ er wieder. +»Hat ihre Treue schon die letzte Versuchung bestanden? +Wenn die Noth bis zu Hunger und Blöße steigt; wenn +Siechthum und Jammer Heimrecht gewonnen haben +bei ihnen, wenn ihre Ehe zur klirrenden Kette geworden +ist, welche ohne Hoffen Mann und Weib an die Marterbank +des gemeinsamen Elends schmiedet und wenn die +Kinder vergeblich Brot heischen, für Vater und Mutter +unablässige Mahner ihrer Noth und Mehrer derselben: +dann siehe zu, ob Ungeduld, Mißtrauen, Überdruß, +die Unholde, der Lieb’ und Treue noch nicht das letzte +Herzblut ausgesogen haben. Ja, wenn dann noch +Mann und Weib sich zum Trost da sind, die Kinder +<!-- Page 37 --><span +class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">37</a></span> +den Eltern zum Labsal der Liebe, zu Dank und Gehorsam, +– dann magst Du sagen, sie haben Treue +gehalten. Und bis dahin, und wenn sie noch alsdann +und immerdar sie hielten«, fuhr er ergriffen fort, »wird +sie ihnen doch zehn Tropfen Bitterniß einschenken neben +einem Tröpflein Süße. Denn wo eine Quelle ist, daraus +dem Menschen reine Wonne zufließen könnte, da leidet +solches der Welt Lauf nicht und wirft Gift hinein. +Vielleicht brennt Junker Schlapphahn schon morgen die +Hütte nieder, bloß zur Kurzweil und aus Ärger, daß +ihm ein Fang entgangen ist. Dann wird den Mann +nicht sein eignes, aber seines Weibes und seiner Kinder +Elend unglücklich machen, und das um so mehr, je +treuer er sie liebt.«</p> + +<p>Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über +die Stirne, als wollt’ er sich der Erregung, mit der er +gesprochen hatte, entledigen. Darauf fügt’ er ruhiger +hinzu: »Diether, ich bleib’ dabei, Dein Abt ist ein +Unweiser, daß er Dich so unbesorgt in die Welt gesandt +hat.«</p> + +<p>»Aber«, warf ich munter ein, »Brun, laßt die +Welt so bös sein, wie sie mag. Was gilt mir das, +der ich in ihr weder streiten, noch arbeiten, noch freien, +noch ihres Theils sein will in keinerlei Weise, auch im +Geringsten nicht ein Verlangen danach trage, als der +ich dem Kloster von Kind an verlobt bin.«</p> + +<p>Da sah er mich ernst, fast schwermüthig an und +sagte: »Diether, hör’ nur zu! Wodurch die Welt die +Leute schlimm macht und gottlos und unglücklich, das +wohnet inwendig in eines jeglichen Menschen Herzen. +Da schläft es und regt sich nicht, und er weiß nichts +davon, bis die Welt es aufweckt und stärkt. Sie thut +<!-- Page 38 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">38</a></span> +es mit gar lieblicher Stimme, denn Alles, was süß +und sanft thut dem Herzen, was wonnig ist und holdselig, +das nennt sie ihm mit Namen und verheißt es +ihm. Aber wenn er dessen am frohsten zu werden gedenkt, +dann muß er erfahren, daß sie auch das Verderben +groß gezogen, das ihn um Fried’ und Freude +bringt. Lang und schwer ist hernachmals der Weg zurück +zu finden, und Mancher kommt um unterwegs. +Darum ist’s besser, es bleibt Beides unerprobt, der Welt +Lust und der Welt Leid, denn sie lohnet jenes mit diesem +allzu hart, und recht erwogen, ist ihre Wonne ihres +Wehes nicht werth.«</p> + +<p>Mir war’s, als seufzte er leise bei diesen Worten.</p> + +<p>»Nun denn«, sagt’ ich wie vorhin, »ich hab’ diesen +Dingen noch wenig nachgesonnen, acht’s auch nicht für +wohlgethan, denn sie helfen nur zur Herzensschwere, +wie mich dünkt. Aber unter Gottes Schutz gedenke +ich getrost gen Speyer zu ziehen, dort meine Sache zu +beschicken und denselben Muth und Sinn heimzubringen, +mit dem ich ausgezogen bin aus unserm Kloster.«</p> + +<p>»Du thätest besser«, sprach er, »so Du umkehrtest +und ließest den Abt ohne das Conterfey. Du sagtest +ihm, Deine Seele müßte Dir mehr gelten, als das +Bild.«</p> + +<p>»Das würde mir übel stehen«, sagt’ ich fast unwillig, +»und mich zum Gelächter machen im ganzen +Convent.«</p> + +<p>»So will ich Dir noch einen Rath geben«, fuhr +er fort, als wollt’ er mich durch Scherz begütigen, »sieh +zu, daß Du ihn besser befolgst. Bleib hier und siedle +bei St. Wigbert’s Kirchlein. Wir leben hier in Verborgenheit +und edler Freiheit mit einander, bis Du mir +<!-- Page 39 --><span class= +'pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">39</a></span> +mein Grab gräbst und mich hineinbettest. Wie? Du +sagst nicht mit Freuden ja und mißkennest solche Ehre? +So verbeut Dir Brun jede Ausrede und will, daß Du +Dich auf’s Ohr legest und schlafest.«</p> + +<p>Damit stund er auf und achtete nicht weiter auf mich.</p> + +<p>Wirklich war ich so müde, daß sich meine Augen +willig senkten und ich bald entschlief. Aber zu vielerlei +und zu Neues hatte ich an diesem ersten Wandertage +durchlebt, als daß mein Schlaf hätte traumlos sein +können. Sonderlich des Alten eindrucksvolle Gestalt +stund immer wieder mir vor der Seele; bald rauh, +bald milde erschien er mir, wie ich ihn am Tage gesehen +hatte. Zuletzt war mir’s, als führ’ ich mit ihm +über ein strudelndes Wasser und er spräche zu mir: +»Das ist die Welt! Willst Du sie kennen lernen, so +spring hinein und wag’ es zu schwimmen.« Da warf +er die Ruder weg, und unser Kahn tanzte in immer +engeren Kreisen dem Abgrunde zu. Ich bat ihn flehentlich, +mich und sich zu retten und wollte seine Knie’ umfassen. +Im Schlaf mocht’ ich da wohl eine heftige Bewegung +gemacht haben, denn ich erwachte. Doch wie! saß er +da nicht noch immer an den letzten Gluthen des verglimmenden +Feuers?</p> + +<p>Ich behielt den Anschein des Schlafens und sah +ihm zu.</p> + +<p>Vor sich hatte er eine geöffnete Truhe, die er aus +der Kluft hervorgeholt haben mochte, und mit Staunen +sah ich, wie er daraus gestickte Zeuge, Schapel, Schleier, +Spangen von großer Kostbarkeit hervorlangte. Nur für +einen Augenblick kam mir der Gedanke, ich könnte in die +Höhle eines Räubers gerathen sein. Denn das waren nicht +die Blicke der Habgier, mit denen er die Kleinode betrachtete. +<!-- Page 40 --><span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">40</a> +</span> +Vielmehr drückte sich ein tiefer Gram aus in +seinem Angesicht, wie er mit zögernden Händen ein Stück +nach dem anderen herausnahm und sorglich wieder an +seinen Ort legte. Endlich schien er gefunden zu haben, was +er suchte. Es war ein Bündlein von vergilbten Blättern. +Es mochten Handschriften oder Briefe sein; denn ich +sah, wie er sich zu lesen anschickte. Aber reichte das +Licht nicht zu oder waren seine Augen trübe, er ließ +die Hand, welche das Blatt hielt, auf die Knie’ sinken. +Da entfiel dem Papier etwas, wie eine verwelkte Rose. +Hastig hub er sie auf, als wäre die arme Blume ein +großer Schatz. Er sah sie lange an, öfters seufzend, +und sein Haupt sank ihm tief auf die Brust. Da verlosch +das Feuer, und das mildere Mondenlicht fiel durch +das Fenster in die Zelle. Seine Strahlen umflossen +den Regungslosen. »Er ist eingeschlafen«, dacht’ ich. +Aber im flimmernden Mond blinkten reichliche Thränen +die Furchen seiner Wangen hinab in seinen Bart, +und was ich anfangs für das Rauschen ferner Wipfel +gehalten hatte, war sein leises Schluchzen.</p> + +<p>»Tröst’ ihn, lieber Heiland, in seinem Leide«, betet’ +ich da in meinem Herzen, »und gib Deine Gnad’ +uns Allen!«</p> + +<p>Und damit entschlief ich.</p> +</div> + + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/040_vignette.png" alt = "" /></p> + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<!-- Page 41 --> +<p class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">41</a></p> +<h2><a name="Drittes_Capitel" id="Drittes_Capitel"></a>Drittes Capitel.</h2> +<h1>Irrfahrt.</h1> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> + + +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">D</span>es andern Tages früh, da ich mich wieder +auf den Weg machte, wollte mich Brun +doch nicht allein ziehen lassen, sondern er +geleitete mich eine gute Strecke. Das that +er, nicht bloß, weil er besorgte, ich möchte aus der +Irre, in die ich gestern gerathen war, die rechte Straße +allein nicht wieder finden, sondern auch, daß ich an +ihm einen Schutz hätte gegen Fährlichkeiten. »Denn«, +sagt’ er, »hier herum ist das Wegelagern nicht selten, +und wer sicher durchziehen will und ungekränkt an +Hab und Leben, der sollt’s, wenn er nicht selbst +wohl bewehrt ist, nicht wagen ohne Geleit. Da und +dort auf den Bergen ragen stolze Burgen, drin hausen +gestrenge Ritter, wie man sie heißt, die aber das Rauben +treiben wie ihr Handwerk.«</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Ich hab’ wohl wenig zu fürchten, Brun«, sagt’ +ich gutes Muthes, »daß mich dieser kampflichen Gesellen +einer anrenne, der ich unbeschwert von Gut und Habe +meines Weges ziehe. Was sollte man an mir armem +Klösterling gewinnen, so man mich fienge?«</p> + +<p>»Man könnt’ Dich doch für einen Andern halten, +<!-- Page 42 --><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">42</a> +</span> +als Du bist, Diether, wie auch ich Dich mißkannte, als +Du mich ansprachst. – Daß ich da so rauh mit Dir +fuhr,« setzte er freundlich hinzu, »muß Dich nicht irren: +es war aus guter Meinung geschehen. Denn sieh, so +schlimm ist heutzutage die Welt, daß auch ein Einsiedel +sein löblich Thun mit großer Vorsicht und Heimlichkeit +betreiben muß, als hätte er dabei ein bös Gewissen. +Weil ich nämlich, was sich hier in Wald und Bergen +zuträgt, und das Gehen und Kommen der Herren, ihr +Liegen und Kriegen, Frieden und Fehde gut genug +erkunde, so bin ich den redlichen Leuten, die hierdurch +in Frieden fahren wollen, gern zu Rath und Warnung +bereit. Sie kennen mich wohl auch und haben mich +erprobt. So werd’ ich oft beschickt, daß man mich fragt, +ob’s wohl stehe im Gebirg oder nicht. Aber ich darf +Keinem trauen, der mir nicht Bürgschaft gibt, daß er +sicher ist und kein Schelm, von den Geiern hier herum +abgesandt, die mir längst auf der Lauer sind.«</p> + +<p>»So habt Ihr auch an mir Euch als Helfer und +Berather treulich bewiesen und meinen armen Dank +wohl verdient«, sagte ich, indem ich seine Hand ergriff, +»und nimmer werd’ ich Euer vergessen.«</p> + +<p>Da schlug er ein, sah mich gar gütig an und +sagte: »Ist das Dein Ernst, Diether, so hab’ Du allerwege +ein Vertrauen zu mir. Es mag sich wohl fügen, +daß es Dir eine Freud’ ist oder ein Trost, zu denken, +es lebe Einer, der Dir von Herzen gern diente, weil +er Dir von Herzen gern das Beste gönnt – hauset +er auch gleich einsam und hat nicht Macht, Gut, noch +Ehre in der Welt. Vielleicht ist’s Dir dann lieb, den +Weg zu wissen, der durch den Wald fern zu St. Wigbert +führt, und Du verlangst, sein Kirchlein Dir winken +<!-- Page 43 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">43</a></span> +zu sehen und in der Klause Deinen getreuen Eckhart, +den alten Brun. – Nun, Jüngling, fahr’ wohl! Die +Landstraße, die da entlang sich zieht, heißt uns scheiden. +Aber in aller Ferne bleibt’s dabei: Brun gedenkt und, +willst Du zu ihm, harret Dein immerdar.«</p> + +<p>Ich wollt’ ihm nochmals danken zum Abschied, +aber er wollt’s nicht haben, drückte mir liebreich und +herzhaft die Hand und gieng.</p> + +<p>Ich sah ihm nach, bis er hinter den Tannen des +Waldpfades verschwunden war, der ihn in seine Siedelei +zurückleitete.</p> + +<p>Dann gieng auch ich wohlgemuth meine Straße. –</p> + +<p>Ob wohl am jüngsten Tage, wenn zum Endegerichte +die Bücher werden aufgeschlagen werden, darin eines +Jeglichen Thun beschrieben ist, welcherlei es gewesen +ist bei Leibesleben, die Tage und Zeiten auch werden +leere Blätter weisen, an die wir uns wenig erinnern, +weil uns darin nichts Sonderliches begegnet ist, und +dahingegen die, an denen unsere Gedanken vor andern +haften und unseres Herzens Sinn, auch dort werden +mit großen Buchstaben eingezeichnet sein? Dem hab’ +ich manchmal nachgesonnen, und unsere Vernunft muß +wohl also schließen. Und doch kann es leichtlich anders +sein; denn ich achte, oft ohne daß wir’s merken und +spüren, nimmt unser Herz ein Saatkörnlein auf, das +unvermerkt Wurzel darinne treibt, und dessen Frucht, +bitter oder süße, unser ewiges Schicksal entscheidet. Hinwieder +mag von hoher Lust und tiefem Leid, darin +unser Herz gestanden hat, daß es durch’s ganze Leben +deß nicht vergißt so lang’ es schlägt, keine Spur uns +nachfolgen in die zukünftige Welt, wie man dem Wasser +<!-- Page 44 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">44</a></span> +des stillen Gebirgsee’s nichts ansieht von dem Gebraus +des Sturzbaches, der ihn nährt.</p> + +<p>Solcher Betrachtungen zu gedenken, dazu bewegt +mich die Erinnerung an das, was mir weiter auf +meiner Wanderschaft begegnete. Sie gieng auch in +einem solchen Wechsel hin zwischen dem, was man +schnell vergißt und was fest in der Seele haftet. So +trug sich mir in den zween nächsten Tagen, nachdem +ich von Brun geschieden, nichts Sonderliches zu, und +schon hoffte ich in Tagesfrist in Heidelberg zu sein, +allwo ich eine Weile zur Rast in Herberge bei den +Benedictiner Brüdern liegen sollte. Aber gar unerwartet +und plötzlich wurde ich von meinem Ziele abgelenkt, +und wie das geschah, das steht noch so deutlich +vor meiner Seele, als hätt’ ich’s gestern erlebt.</p> + +<p>Der Tag war trüb’, und ein kalter Wind trieb +mir feinen Regen in’s Angesicht. Ich hüllte mich dichter +in mein langes Gewand und beförderte meinen Gang. +Da hörte ich hinter mir Schritte wie von Nacheilenden +und ward gewahr, daß sie mir schleunig näher kamen. +Ich wandte mich und erblickte ein gar seltsames Paar: +zween Gesellen, von denen Jeder für sich verwunderlich +genug anzusehen war, noch mehr aber, wenn man ihn +zugleich mit seinem Gespons betrachtete. Denn die +Beiden hielten sich in Allem das Widerspiel. War +der Eine lang und fast dünn, von schwarzem Haar, +das tief auf die Schultern fiel, und schmalen Wangen, +so war der Andere gar kurz und wohl bei Leib’, und +das runde Haupt mit ganz rothem Kraushaar saß ihm +dicht auf dem breiten Nacken. Nicht minder war die +Tracht, in der sie daherzogen, sonderbarlich anzusehen. +Der Lange trug einen knappen, blauen Rock mit +<!-- Page 45 --><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">45</a></span> +silberglänzenden großen Knöpfen, der kaum bis unter +die Hüften reichte, mit buntfarbigen Schleifen hin und +wieder ausgeziert. Auf dem Scheitel saß ihm eine +Kappe von gleicher Farbe mit langem Federschmuck, +von Wind und Wetter übel zerzaust. Seine Hosen +aber waren gelb und eng anliegend; an der Seite +hieng ihm ein kurzes Schwert, wie die Bauern tragen, +wenn sie bewehrt sind. Der Kleine hingegen trug +einen großen, braunen Hut mit so mächtiger Krempe, +als wär’s der vom wilden Jäger selber, und seine +kurze Gestalt erschien noch breiter durch einen dunkelrothen, +faltenreichen Mantel, der ihm vom Halse bis +zu den Knieen herunterhieng.</p> + +<p>Wie ich die Beiden mit steigender Verwunderung +betrachtete, hatten sie mich bald eingeholt. Der Kurze +Schwenkte mir zum Gruß seinen Hut entgegen und rief:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ja, wohlgethan, daß Ihr bleibt stehn!« +<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Darauf setzte der Andere ein:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Selb dreie wöll’n wir fürder gehn.« +<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Damit waren sie mir zur Seite, und ich fand +mich in ihrer Mitte wandelnd, als wären sie mir Geleitsmänner. +Vielleicht sahen sie mir’s an, daß ich bedenklich +war über ihre Gesellschaft und halb entschlossen, +mich ihrer so oder so zu erwehren. Darum war +sonderlich der Kleine geschäftig, Wechselrede in Gang +zu bringen. Ich war zu arglos und, was ich an +meinen beiden Gefährten sah und von ihnen erfuhr, +mir zu neu, daß Ihre Begleitung mir nicht erträglich +und nicht auch bald erwünscht gewesen wäre.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ihr seid gewiß ein heilig Mann«,<br/> +</span> +</div></div> + + +<p>sagte der Kleine, und sah wie prüfend zu mir auf.</p> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Man sieht’s an Euerm Kleid Euch an.«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p><!-- Page 46 --><span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46"> +46</a></span>»Ja«, erwiederte ich, »einem heiligen Stande gehöre +ich an und bin dem Kloster zugesprochen.«</p> + +<p>Da versetzte der mit dem blauen Rock gar ernsthaft:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ein selig Leben ist Euch beschieden,<br/></span> +<span class="i0">Voll guter Sicherheit und Frieden,«<br/></span> +</div></div> + +<p>und sprach das in einem Ton, als hätt’ er solch Glück +aus eigener Erfahrung wenig erprobt.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Sogleich rief ihm der Andere zu, als wollt’ er ihn +trösten:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Was mancher Mann zumeist begehrt,<br/></span> +<span class="i0">Wenn er’s erlangt, hält er’s nicht werth.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Mein +Geselle da hat die Regenlaune; allemal, wenn’s unhold +Wetter gibt, ist er so.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Scheint aber erst die Sonne frei,<br/></span> +<span class="i0">Dann singt er and’re Melodei!<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Nicht, Bruder? Ah, ob er’s wohl kann auf +Saitenspiel?«</p> + +<p>Damit strich er mit der Gerte, die er in der Hand +hatte, hinter mir vorbei seinem Gesellen auf den Rücken, +und ich hörte die Saiten einer Fiedel erklingen, die da, +wie ich nun merkte, wohl eingehüllt am Bande hieng.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Mißschaffen ist dein Scherz und +Schimpf!«<br/></span> +</div></div> + +<p>murrte ärgerlich der Gestrichene; aber der Andre lachte +dazu und rief:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ei, nimm ihn auf mit Gunst und Glimpf!«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Ich denke«, sagte ich da, »weil Ihr von mir +erkundet habt, welcherlei Stande ich angehöre, so hab’ +ich wohl auch ein Recht, nach dem Eurigen zu fragen. +Doch das ist nicht noth; denn wiewohl ich mich wenig +auf der Welt Brauch und ihre Sitten verstehe, so fehl’ +ich gewiß nicht der Wahrheit, wenn ich dafür halte, +<!-- Page 47--> +<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">47</a></span> +daß Ihr fahrende Spielleute seid. Aus den gereimten +Sprüchen und der Fiedel schließ’ ich das.«</p> + +<p>»O, wohlgerathen«, rief lustig der Kleine, »ist +Euch das <em class="antiqua">Studium logices</em>. Euer Syllogismus ist demantfest. +Und doch traft Ihr nicht haarscharf das +Ziel. Fahrende sind wir, das ist wahr, aber Spielende +nicht zumal, das gieng Euch fehl’. Wer die Braut hat, +der ist der Bräutigam; wer die Fiedel trägt, der ist +der edlen Sang- und Klangkunst Adept.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Der Tannhäuser wird er genannt,<br/></span> +<span class="i0">Ich aber Klingsohr von Ungarland.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Und was ist <em class="gesperrt">Eure</em> Kunst?« fragt’ ich ihn.</p> + +<p>Da blinzelte er mich mit den Augen schlauen +Blickes an, sah dann in den grauen Himmel und spitzte +den Mund, als besänn’ er sich, ob er mir eine gerade +Antwort geben sollte. Darauf blieb er plötzlich stehen +und schien zu horchen. Der Andere that desgleichen +und fragte:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Sag’, Bruder, hörst du ichtes was?«<br/></span> +</div></div> + +<p>worauf Klingsohr nach kurzer Weil’:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Nein, nichts! – Doch laßt uns eilen +baß.«<br/></span> +</div></div> + +<p>»Ja«, fuhr er im Gehen zu mir fort, indem er ausschritt, +was seine kurzen Beine vermochten, »die Kunst, +die ich übe, ist eine hohe Kunst und eine nützliche Kunst +und hat viel’ Liebhaber im Volk. ’S ist aber auch eine +gefährliche Kunst und wird arg befehdet von den Hochgelahrten. +Eure Heiligen und Scholastici zählen sie +nicht unter die sieben freien Künste. Ich möcht’ ihrer +auch gern ledig sein. Aber was hilft’s! Jeder Vogel +muß bei seinem Liede bleiben. Frau Aventiure ist mir +nicht günstig gewesen und hat zu sagen und singen +mich nicht gelehrt, wie den da.«</p> + +<!-- Page 48 --> +<div class="textbody"> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">48</a></span> +»Aber Ihr reimet doch, als wäret Ihr Worte +zu stellen wohl geübt?«</p> + +<p>»Macht der Gewohnheit und Freundschaft! Des +Tannhäusers edle Gabe ist mir ein wenig zu Gut gekommen. +Wenn man die Singekunst so liebt, wie ich, +da muß die Gesellschaft solchen Meisters wohl Etwas +nütze sein.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Was ich vermag, das ist allein<br/></span> +<span class="i0">Von seiner Kunst ein Wiederschein.<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Doch Ihr habt«, setzte er hinzu, »in Eurem Brevier +von solchen Dingen allen nichts gefunden und begehrt +ihrer nicht.«</p> + +<p>»Da ist denn die Reihe des Fehlens an Euch +gekommen, Meister Klingsohr!« sagt’ ich munter, »denn +auch ich übe eine Kunst, und mit all’ meinem Denken +trag’ ich Lust zu ihr.«</p> + +<p>Da sahen mich Beide verwundert an und Klingsohr +fragte: »Welche ist’s?«</p> + +<p>»Zwar sollt’ ich dem Klingsohr nicht offenbaren, +was er mir hehlt«, erwiederte ich. »Doch will ich’s +sagen: Zum Tannhäuser dem Singer hat Diether der +Maler sich gesellt.«</p> + +<p>»So wohl uns, daß wir uns trafen!« rief Klingsohr, +streckte mir seine Hand entgegen, und der Tannhäuser +reichte mir seine. »Wir drei gehören zusammen, +ob Kutte, Wams oder Mantel; wir sind eines Ordens. +He, Bruder Tannhäuser, nimm Deine Fiedel und streich +eins auf!«</p> + +<p>Der aber sagte:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»In Regen und Wind des Fiedelns pflegen,<br/></span +> +<span class="i0">Heißt unterm Schnee nach Veiglein fegen.«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Wohl«, rief da der Kurze, »so will ich ein neu +<!-- Page 49 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">49</a></span> +Lied singen von den drei jungen Gesellen, die sie in +Augsburg henken wollten, wie sie zusammen entrannen +und hernach in England der eine Bischof, der andere« –</p> + +<p>»Sagt mir doch lieber«, unterbrach ich ihn, »was +Eure Kunst sei!«</p> + +<p>»Warum sollt’ ich’s nicht«, erwiederte er, wenn’s +Euch, Malbruder, zu wissen lieb ist? Kennt Ihr die +schwarze Magia?«</p> + +<p>»Alle guten Geister!« rief ich und schlug ein Kreuz. +»Das ist ja eine Teufelskunst!«</p> + +<p>»Die treib’ ich ja auch nicht«, rief das Männlein +und lachte unbändig. »Sie ist ja durch kaiserlich und +päpstlich Recht verpönt und vermaledeit. Der <em class="gesperrt">weißen</em> +Magia bin ich ein Jünger.«</p> + +<p>Wie ich ihn fragend und befremdet ansah, fuhr +er fort: »Das nimmt Euch Wunder, daß ein Biedermann +die weiße Magia bekennt, und Albertus Magnus +ist doch durch sie hoch zu Ehren gekommen? Macht +<em class="gesperrt">das</em> den Unterschied, daß ich Jedermann, Bürger und +Bauer und Knecht und Magd, wer’s begehrt, die +Wohlthaten meiner Kunst erweise? Hätt’ ich nur die +Instrumenta und wäre in jungen Jahren länger hinter’s +Latein gesessen – ich wollt’ Euch einen redenden +Kopf machen, der sollt’ Euch noch weit andere Geheimnisse +sagen, als Albertus’ seiner.«</p> + +<p>»Dann thätest Du besser«, spottete der Tannhäuser, +»Du ließest den Kopf und schüfest uns einen Wintergarten, +wie der Kölner Meister, mit warmer Sommerluft. +Aber Deine weiße Meisterschaft läßt uns noch +im Aprilen frieren.«</p> + +<p>»Ei«, sagte gekränkt der Kleine, »Dir wär’s doch +in keinem Wege recht zu machen. Hast Du nicht warm +<!-- Page 50 --><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">50</a></span> +gesessen bei der Frau Venus? Und doch hat Du’s +nicht behagt im Hörselberg.«</p> + +<p>»Ach, Narrethei!« rief der Tannhäuser, »samt +Deiner Frau Venus und Hörselberg! Wollt’ lieber, +ich hätte jetzo was Gares zu kosten und was Wärmendes +auf dem Leib.« Dabei schüttelt’ er sich verdrießlich +die Tropfen von der Mütze ab.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Frau Nachtigall, hat sie keine Speis’,<br/></span> +<span class="i0">Schweigt oder singt nach Spatzenweis’.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Er dauerte mich und ich sagte: »Mir ist’s gar +leid, daß Ihr nicht besser vor’m Unwetter bewahrt seid. +Wie wohl thut mir doch heut’ mein langes Wollenkleid!«</p> + +<p>»Oh!« sagt’ er und sah es fast begehrlich an,</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Im warmen Kleid und sichern Nest<br/></span> +<span class="i0">Den Mönchen Gott nichts mangeln +läßt.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Freilich«, hub wieder der Kleine an, »fahrende +Meister müssen sich alles Glückwechsels versehen: gestern +willkommen und heut’ schabab. Da heißt’s oft:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Duck Dich Hännsl, laß übergahn!<br/> +</span> +<span class="i0">Unwetter will seinen Willen han!<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Sprich auch diesen Spruch jetzt, Gutgesell! Da +hilft nichts Anderes. Denn zum Wärmenden auf Deinen +Leib ist hier kein Rath;</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Aber Gares zu kosten, das mag wohl sein,<br/></span> +<span class="i0">Hab’ auch nicht die Meinung, mich zu kastei’n.<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Wir wollen eine Mahlzeit halten, die lecker ist, +und St. Bernhardt selber wird mir die Gutthat danken, +die ich an seinem Jünger thue. Wir sind auf der +Wanderung gebrüdert und haben Alles gemein. Seid +erst bei Klingsohr zu Gast und dann gebt Acht, ob seine +Kunst Dank verdient!«</p> + +<p><!-- Page 51 --> +<span class='pagenum'><a name= "Page_51" id="Page_51">51</a></span> +»Ist’s Eure Magie, die uns letzen wird?« fragt’ +ich ihn.</p> + +<p>»Gewißlich sie«, rief er lachend, »und immer die +weiße! Gleich sollt Ihr deß gewahr werden.«</p> + +<p>Nun führte der Weg an einem verlassenen Steinbruch +vorbei, der manche Wölbung darbot, wo man +vor Wind und Regen wohl gesichert war. Da hatte +auch alsbald Klingsohr die zum Lager geschickteste erkürt +und hieß uns folgen. Als wir angelangt waren, +sprang er auf einen Stein, der da lag, und sagte im +Befehlston:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Nun kommt herfür aus Eurer Haft!<br/></span> +<span class="i0">Sollt Euch nicht mehr verstecken.<br/></span> +<span class="i0">Beweist Eure edle Kraft und Saft!<br/></span> +<span class="i0">Wir wollen schmecken und schlecken.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Damit hockte er etwas von seinem Rücken, das +schier einem gewaltigen Buckel geglichen hatte, und langte +drei Gänse hervor, die an ihren Hälsen zusammengebunden +waren, wie man pflegt, wenn man sie geschlachtet +zu Markte bringt. »Sind Sie nicht weiß«, fragte er +mich vergnügt, »wie die Kunst, die sie mir eingebracht? +Und fett dazu! Sie drückten mich schier, daß ich nicht +mehr ausschreiten konnte. Aber harret! Eine soll’s +nicht mehr thun, ’s müßte denn im Magen sein.«</p> + +<p>Darauf macht’ er sich an’s Küchenwerk und nahm +uns dabei ganz weidlich in seinen Dienst. Während er +die Gans rupfte und zum Braten bereitete, mußte ihm +sein Geselle Handreichung thun, der auch, wie ich sah, +in solchen Dingen wohl geübt war. Ich ward ausgeschickt, +indeß zum Feuer Holz herbei zu holen. Dazu +gab mir der Tannhäuser sein breites Schwert, und weil +ringsum der Wald dicht war, so hatt’ ich nach kurzer +<!-- Page 52 --><span +class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">52</a></span> +Weile zum Brennen genug herzutragen. Der Singmeister +hatte bald ein Feuer angezündet, und die Flamme +schlug hell empor. Sie verbreitete in unserem Winkel +eine willkommene Wärme und sollte unsern durchnäßten +Kleidern zu Gute kommen. Klingsohr und ich spreiteten +unsere Mäntel und der Spielmann sein Wams vor +der Gluth zum Trocknen aus und rückten selber an +ihr zusammen so nah, als wir konnten. Es war mir +lustig den Beiden zuzuschauen, mit welchem Eifer sie +zurüsteten. Bald war der Magus mit der Gans zu Stand, +daß sie zum Braten fertig war. »Hier noch das Leberlein +und hier die Zwiebel (er nahm sie aus seinem +Ranzen) selbander hinein«, sagt’ er; »jetzt geschwind +Nadel und Zwirn, – so ist’s gethan; – nun kann sie +rösten.« Damit schürte er das Feuer, wie er’s haben +wollte.</p> + +<p>»Das ist auch eine feine Meisterschaft, die Ihr versteht«, +sagt’ ich lobend.</p> + +<p>»Was nützte sie, wenn ich sie nicht üben könnte!« +gab er zur Antwort. »An des heiligen römischen Reiches +Truchseß selber wäre sein Amt verloren, trügen nicht +Jäger und Metzger und Bauer und Müller ihm die +Küche voll.«</p> + +<p>»O«, sagt’ ich scherzend, »ich merke wohl, Ihr wollt +nur Eure magischen Künste ausstreichen, und wahr ist’s, +das hätt’ ich nie gedacht, daß sie Gänse an den Spieß +zu bringen vermag. Aber nun seh’ ich’s mit eigenen +Augen.«</p> + +<p>»Ja, und sollt’s schmecken mit eigener Zunge, das +ist die Hauptsach’. Euer Heiliger muß sich freuen, wie +man Euer auf der Wanderung pflegt.«</p> + +<p>»Mein Treu«, rief da der Fiedler dazwischen und +<!-- Page 53 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">53</a></span> +wandte, wie der Andere ihn anwies, die Gans um, +die schon ganz lieblich zu duften sich anschickte. »Eine +Schand’ ist’s, wenn ich gedenke, wie unmild dahingegen +die Singekunst heuer gelohnet wird. Man will unser +nicht mehr in Klöstern und Burgen, und die Städter, +seit sie reich werden, fangen selbst an, gar zierlich und +fürnehm zu singen, und weil sie’s umsonst herklimpern, +verachten sie uns aus Geiz; bleibt nur das gemeine +Volk für uns, sperrt’s Maul auf, weint und lacht, wie +man’s haben will, das ist Alles!«</p> + +<p>»Drum auch«, sagte der Kleine, »sollst Du Dich +gesegnen, daß wir zusammen fahren. Sind wir nicht +noch immer ehrlich verbrüdert gewesen?</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Sei’s Gans oder Ferkel, sei’s Huhn oder Hahn,<br/></span> +<span class="i0">Zusammen wird Alles und Jedes verthan!<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Jetzt wend’ sie um!« Und frohmüthig rieb er sich +die Hände.</p> + +<p>»Wie aber vermögt Ihr’s denn«, fragt’ ich wieder, +»Eure magische Kunst so in Ehren und gutem Lohn +zu erhalten, daß sie Euch Beiden zuträgt?«</p> + +<p>»Sie hieße nicht Magia, wenn sie nicht Geheimniß +wäre. Euch, geistlicher Kunstbruder, sei’s genug, +daß Ihr wisset: die weiße ist unverboten und gibt +ehrliche Nahrung.« Dabei blinzelte er wieder gar +listig mit den Augen mich an und lachte. »Nur den +Spruch merkt Euch wohl:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wer sich der Welt gelieben will,<br/></span> +<span class="i0">Muß halten ihrem Treiben still;<br/></span> +<span class="i0">Denn will er wider ihre Art,<br/></span> +<span class="i0">So macht er bald allein die Fahrt.<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Und jetzo, Bruder«, ermunterte er seinen Gesellen, +<!-- Page 54 --><span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">54</a></span> +»derweil der Braten schmort und die Kleider trocknen, +nimm die Fiedel zur Hand und spiel’!«</p> + +<p>Da langte der Fiedler seine Geige her, stimmte +die Saiten und ließ dann den Bogen über dieselben +springen, daß die Töne wie Funken heraussprühten. +Darnach hub er auch an zu singen ein Lied, das zu +der fröhlichen Weise wohl stimmte; aber ernst und +traurig gieng es hernach, und schwermüthig endete +es also:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Auf den Bergen zergieng der Schnee,<br/></span> +<span class="i0">Die Brünnlein, sie rieseln ohn’ Ende:<br/></span> +<span class="i0">O Vater und Mutter, Ihr seht mich nimmermeh’,<br/></span> +<span class="i0">Muß sterben im Elende. –<br/></span> +<span class="i0">Gottes Wille, der muß ergehn.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Noch einmal holt’ er dazu aus seiner Fiedel lauten +und wilden Klang hervor, als wär’s ein Wehgeschrei. +Dann verhallten seine Töne langsam und leise. Ich +war der Singekunst Freund immer gewesen und hatte +der Sequenzen und Leisen Kraft in der Kirche oft an +mir erfahren. Aber dieses Fiedlers Gewalt über meine +Seele war anderer Art. Seines Spieles Lust wie Leid +ergriffen mich gleich sehr, aber sie verwirrten mich auch. +Es war nicht die gewohnte Bahn, auf die sein Spiel +mich zog, und doch erweckte es in mir einen Wiederhall +– ich wußt’ mir nicht zu deuten, wie? –</p> + +<p>»Heb’ aber an, Bruder!« rief da Klingsohr, »leg +nicht weg die Fiedel. Hast da unserem geistlichen Gast +schier das Herz im Leib’ umgekehrt mit Deinem Lied, +wie ich merke. Noch eins! Und eine Weise, die sanfter +eingeht!« Der Andere stimmte seine Fiedel wieder zurecht, +und jetzt giengen seine Töne ebenen Weg. Dies +war sein Lied: +</p></div> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 55 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_55" id= +"Page_55">55</a></span> +<span class="i0">»Des Herzens Schwere zu verjagen,<br/></span> +<span class="i0">Gab ich es ganz der Minne hin;<br/></span> +<span class="i0">Hört’ ich doch viel die Meister sagen<br/></span> +<span class="i0">Von ihr als Leidverleiderin.<br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Da hub sich’s an in mir zu lenzen;<br/></span> +<span class="i0">Doch schwand die Sälde allzujach, –<br/></span +> +<span class="i0">Denn ach, von allen bunten Kränzen<br/></span> +<span class="i0">Blieb nur der Dorn im Herzen nach.<br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">So mißgerieth mir all’ mein Wähnen,<br/></span +> +<span class="i0">Und was ich wollt’, gedieh mir schlecht.<br/></span> +<span class="i0">Erst hochgemuth sein, dann in Thränen:<br/></span> +<span class="i0">Das ist der Minne altes Recht.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»’S ist auch in dem noch was vom Regenwetter«, +meinte Klingsohr. »Und doch bist Du unter Dach und +überm Feuer brät die Gans. Wohlan thu sie her! +Ist sie nicht bräunlich und schön?« Und er betrachtete +sie wohlgefällig.</p> + +<p>Plötzlich sah er auf. »Das ist nicht des Windes +Geräusch«, murmelte er bedenklich. »Ihr seid jung +und behend, Bruder Diether. Springt dort hinan, +wo der Ausblick offen ist auf den Weg, den wir kamen, +und schaut, was sich naht.«</p> + +<p>Was sollt’ ich mich bedenken? Ich klomm mit Eil’ +die Höhe hinan, die er mir angezeigt hatte. Als ich oben +war, sah ich hinter der nächsten Windung des Weges +einen reisigen Haufen herankommen. Spieße und Hellebarden +konnt’ ich wohl erkennen. Das rief ich den +Beiden zu und schickte mich an hinabzusteigen. Schon +aber hört’ ich sie unten sich tummeln, und bevor ich +noch die Hälfte des Weges zurück war, kamen sie eilig +hervor und liefen grad über den Weg dem Tannenwald +zu, wo er besonders dicht stund, als suchten sie +<!-- Page 56 --><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">56</a></span> +dort eine Bergung. Fast lustig war es anzusehen, wie +sie all’ ihr Geräth zusammengerafft hatten, Jeder, was +ihm die Hände gefaßt, wie sie auch die zwo Gänse +nicht vergessen, die der Kleine hinter sich her zog. +Aber wie ward mir zu Sinne, als ich den Fiedler sah +mit meiner Kutte von dannen rennen! Das schuf mir +große Noth. »He, Freunde!« rief ich ihnen nach, »was +soll das? Was fliehet Ihr? Harret doch, daß ich +mein Kleid anthue!« Und mit höchster Eil’ stieg ich +hinab. Aber sie hörten nicht, noch hemmten sie ihre +Flucht, und ich erkannte, daß es mir ganz unmöglich +wäre, sie einzuholen. Denn mein Weg war behindert +durch’s Gestein, der ihrige nicht. Da gerieth ich außer +mir; denn ich sah, daß sie unredlich handelten mit mir, +und schrie aus allem Vermögen: »So wollet Ihr treulos +entlaufen, unehrliche Gesellen! Raubt mir mein +Kleid, Schelme und Unbiedermänner, die Ihr seid?«</p> + +<p>Sie aber hielten nicht an, als bis sie den Waldsaum +erreicht hatten. Da blieben sie stehen, und, indem +der Große meinen Rock anlegte, rief der Kleine +mir zu:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»O Freund, gedenk’ der Sanftmuth Gebot!<br/></span> +<span class="i0">Fürwahr uns zwingt wahrhafte Noth.<br/></span> +<span class="i0">Wir sind um’s Mahl mit einand’ betrogen,<br/></span> +<span class="i0">Von unserm Unstern fortgezogen.<br/></span> +<span class="i0">Laßt Euch die Kutte nicht gereu’n!<br/></span> +<span class="i0">Sie wird den Fiedler baß erfreu’n.«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Der aber fügte hinzu:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ich laß Euch mein blaues Wams zurück,<br +/></span> +<span class="i0">Es bring’ Euch mehr als dem Fiedler Glück!«<br +/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Darauf sah ich den Magus dem Singer die Gänse +aufhocken und hört’ ihn noch sagen: +</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 57 --><span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">57</a></span> +<span class="i0">»Sollt’ ich die Gänslein liegen lân?<br/> +</span> +<span class="i0">Mein’ Treu, das wär’ nicht wohlgethan!«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Er lupfte mir noch seinen Hut zum Abschied, und +im nächsten Augenblick waren sie behend in den Wald +gedrungen und meinen Augen verschwunden.</p> + +<p>Da stund ich, verlassener Diether, nun in großer +Betrübniß, betrogen, beraubt, in der Fremde, schalt +meinem Unbedacht und war meiner Reise gram. Aber +was half Zürnen und Klagen! Frieren überkam mich +in meinem Leinen unter dem kalten Himmel. Die Noth +zwang mich unter das steinerne Überdach zurück; das +Feuer brannte noch. Voll Unmuth stieß ich die Gluth +auseinander. Die verlöschende Flamme mahnte mich +daran, daß ich in dieser Einsamkeit nicht bleiben könnte +und eilen müßte, ehe der Abend käme. Unmöglich +aber konnte ich ohne Kleid durch den Regen hinaus. +Da lag das blaue Wams; ich durfte nicht zaudern +und that es an. Mir war’s, als verwunderte sich +Stein und Baum selbst über mich und ich würde doch +nicht bedauert, sondern Fink und Meise und Alles, +was im Walde lebte, müßte mich verlachen. Das machte +mich noch unwirscher in meinem Gemüth. So trat +ich hinaus und hatte nie ein solches Mißfallen an +mir selber.</p> + +<p>Ehe ich noch wenige Schritte gethan hatte, hört’ +ich hinter mir lautes Gelärm. Die Reisigen waren +herangekommen.</p> + +<p>»Wohl dran, Gesellen! Hier ist der Vögel einer. +Fangt ihn geschwind! Daß er uns nicht entwische, +dafür will ich wohl sorgen, so wahr ich Peter Krummholz +bin, der Bäckerzunft Obermeister?«</p> + +<p>Der so mit schriller Stimme schrie, daß ihm schier +<!-- Page 58 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">58</a></span> +der Odem ausgieng, saß auf einem Gaul, was wohl +nothweise geschah. Denn er war so gar fett, daß ihn +gewißlich seine Füße nicht bis hieher getragen hätten. +Neben und hinter ihm giengen etwa zwölf Fußknechte +mit Eisenhauben. Etlichen fehlten auch Schilde nicht.</p> + +<p>»Thut nicht so übel«, rief ich da, »daß Ihr einen +Unschuldigen angreifet! Ich bin nicht der, für den Ihr +mich anseht, hab’ weder Euch noch sonst Keinem ein +Leid zugefügt.«</p> + +<p>Ich wollte ihnen noch ferner zureden, aber der +auf dem Rosse schrie noch viel ungeberdiger denn zuvor +die Seinen an:</p> + +<p>»Wohl dran, Gesellen, sage ich! Fangt mir den +losen Buben! Ich kenn’ ihn wohl wieder am blauen +Wams und dem schwarzen Langhaar. Wohl dran, +sag’ ich noch einmal! Eine Kanne gut Bier Jeglichem, +und wer ihn zuerst angreift, zwo!«</p> + +<p>Wie er sie so muthig auf mich hetzte und ihrer +zween oder drei mit vorgehaltenen Spießen auf mich +drangen, als wär’ ich ein schändlich Wild, da überkam +mich ein Grimm und meinen Sehnen wuchs die Kraft. +Mit mächtigem Prall stieß ich auf den Ersten, der auf +mich einwollte, daß er zurücktaumelte, und sprang an +den Andern vorbei, die sich deß nicht versahen, zurück +zu unserer Feuerstätte, wo ich noch des Fiedlers Schwert +liegen wußte. Ich griff es auf, faßt’ es fest und schrie +ganz außer mir: »Heran denn, wen’s lüstet, seinen +Lohn an mir zu verdienen!«</p> + +<p>Daß ich mich mit einem Gewaffen zur Wehr +setzen würde, hatte sich Keiner befahren, und so stunden +sie einen Augenblick unentschlossen, wie sie ihr Werk +angreifen sollten. Da gedacht’ ich, durch sie hindurchzudringen +<!-- Page 59 --><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">59</a></span> +und zu entrinnen. Des Einen Spieß hielt +mich auf. Ich schlug ihn seitwärts und überrannte +den Mann. Aber der Stoß eines Anderen traf mir +den linken Arm und gab mir heftigen Schmerz. Alsbald +rannten sie Alle wider mich zusammen und es +ward ein groß Getümmel. Ihr Meister tobte mit bösen +Worten und scharfem Kreischen, wie von Sinnen, indeß +ich mich mit meinem Eisen wehrte, wild um mich schlagend. +Denn so viel ich von mir wußte, wollt’ ich eher mein +Leben lassen, als mich in ihre Hände geben. So wär’ +mir’s auch allerdinge ergangen bei der Übermacht +meiner Feinde, und weil ich so ganz ungeübt war zu +streiten, wenn nicht Gott mit mir ein Anderes beschlossen +hätte.</p> + +<p>Denn von Ungefähr trug sich’s gewißlich nicht zu, +daß just zu dieser Zeit drei Reiter den Weg geritten +kamen von der Richtung, nach der meine Fahrt gieng. +Es war ein rittermäßig angethaner Herr und zween +Knechte. Diese mochten von ihm, da er unseres +Streitens ansichtig geworden war, vorausgeschickt sein, +denn sie sprengten, ohne daß Einer vor Eifer und +Gedrang ihr Nahen wahrgenommen hatte, weil aller +Blicke und Gebärden auf mich gerichtet waren, mit +höchster Eil’ und ungedacht in den Haufen meiner +Widersacher mitten hinein, daß männiglich vor ihnen +zurückwich.</p> + +<p>»Städter sind’s, Helmbold«, sagte der Eine zum +Anderen und rief dann: »Seid Ihr so unbescheiden +oder so erhitzt gegen einander, daß Ihr es wagen +dürft, unserm gnädigen Herrn den Weg zu verlegen +mit Eurem Hadern?«</p> + +<p>Da schrieen sie zumal, der Eine dies, der Andere +<!-- Page 60 --><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">60</a></span> +das, indem sie auf mich wiesen, und schlugen auf’s +Neue auf mich ein.</p> + +<p>»Gebt Ruhe alsogleich!« geboten die Beiden da +drohend, ritten durch sie hindurch nahe an mich heran +und schirmten mich so vor ihrer Wuth.</p> + +<p>Als dergestalt Niemand an mich durfte, ward +der Bäckermeister ganz unsinnig auf seinem Roß und +that des Tobens und Scheltens um so mehr. Aber +es währte nur eine kleine Weile, da kam der Ritter +selbst heran, ein ältlicher Herr, der etwas gebückt, aber +noch gar fest im Sattel saß.</p> + +<p>»Bei Gottes Thron!« rief er und sah Krummholz +und seinen Troß mit Staunen an, »das sind Leute +aus Waibstadt, das ist der ehrsamen Bäckerzunft +Obermeister!«</p> + +<p>»Peter Krummholz, edler Herr«, antwortete der, +sich verneigend, »bei dem Ihr vor drei Jahren, als +Ihr durch Waibstadt gen Basel zogt, zur Herberge +gelegen.«</p> + +<p>»Wo mir Euer Töchterlein, – heißt sie nicht +Bärbel? – den Willkomm credenzte; ich entsinne mich +deß wohl. Aber wie geschieht das, daß Ihr hier auf +meinem Grunde zu Felde liegt und wider Gesetz und +Recht den Frieden brechet? Hat nicht auch Eure Stadt +mir in die Hand gelobt, ihre Streitsachen gütlich zu +vertragen, auch dieselben an mich zu bringen, ob sie +nicht beizulegen? Und nun find’ ich, nachdem ich wenige +Zeit von dannen gewesen, daheim wieder den alten +Hader, und auf offener Landstraße am helllichten Tage!« +Und unmuths schlug er sich auf die Hüfte.</p> + +<p>»Keine Streitsache ist es, Ew. Gnaden«, erwiederte +der Bürger, sich rechtfertigend, »unter uns oder mit +<!-- Page 61 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">61</a></span> +unsern Nachbarn entstanden, um die wir allhier bewehrt +von Euch angetroffen werden, sondern ein +Schelmenstück, uns und gemeiner Sicherheit zum Schaden +zugefügt. Das begehren wir zu richten.«</p> + +<p>Ehe er fortfuhr, weil die Luft ihm ausgegangen, +rief ich, noch immer im Zorn: »Ohne +<ins class="correction" title="Original: Urthel">Urtheil</ins> und Spruch +oder einige Ursach’ haben sie mich ganz Schuldlosen +wie einen Schächer überfallen. Ich bitte aber Euer +Gnaden durch Gottes Marter, daß Ihr zur Beweisung +meiner Sache mich hören wollet; denn dieser da weiß +auf jeglich Wort, das ich ihm sage, nichts Anderes, +als mit Wüthen und Toben auf mich zu hetzen, so +er doch fürgibt, gemeiner Sicherheit zu dienen.«</p> + +<p>Ich wollte weiter reden, aber heftig brach der +Bäckermeister wieder los: »O wie listig der lose Bube +plaudert! Das ist seine ausbündige Kunst, sich mit +Worten zu schmücken; aber sie soll, will’s Gott! nun +am Längsten geschadet haben! – Euer Gnaden kennet +meine Tochter, das Bärbel; hat Euch credenzet vor +drei Jahren, eine feine Dirne und mein einzig Kind. +Sie hab’ ich am letzten Andreastage des Schultheißen +Sohne verlobt, Mathias Kaulfuß, einem tugendhaften +Jüngling. Vor vier Tagen haben wir den Brautleuten +die Hochzeit ausgerichtet und dieselbige gestern mit +einem Freudenmahl zu beschließen gedacht. Denn unsere +Freundschaft ist groß, und um des Schultheißen willen +war der Stadtobrigkeit und um meinetwillen der Bäckerinnung +Ehr’ und Ansehen höchst nöthig zu wahren. +Doch Ihr müßt wissen, edler Herr, in unserer Stadt +ist von Alters her leider zwischen den Bäckern und +Metzgern viel Verdrieß und Hinderung, welches Alles +aber als Nichts zu rechnen ist gegen die Feindschaft, +<!-- Page 62 --><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">62</a></span> +die nun um sich gefressen. Denn Heinrich Häsener, des +Metzgergewerkes Obermeister, hat öftermalen bei mir +um’s Bärbel für seinen Sohn werben lassen, auch +öffentlich geprahlt, ich müßt’ sie ihm geben. Wie er’s +nun nicht erlangte, auch nicht hindern konnte, daß +Bärbel des Schultheißen Schwiegertochter ward, da +hat er sich hoch vermessen, er wolle uns mit seinem +Anhang die Hochzeit verderben. Darum mußten wir +beweisen, daß wir auch trotz den Metzgern etwas +vermöchten.«</p> + +<p>»Macht’s kurz, Meister!« unterbrach ihn der Ritter. +»Was geht Eure Hochzeit diesen Handel hier auf der +Straße an?«</p> + +<p>»Sehr viel, Euer Gnaden! Gebt nur Acht! +Denn wie Häsener und sein Anhang uns in allen +Stücken den Widerpart hielt, so kommt’ er doch dem +Zulauf bei uns und der Ehre, die wir einlegten, im +Geringsten Nichts abbrechen. Denn wir hatten die +Stadt-Zinkenisten, daß sie pfiffen und bliesen bei der +Heimholung und in meinem Haus; so hatten sie sich +die Stadtpfeifer von Bischofsheim verschrieben. Mit +denen zogen sie den Unsern nach und ließen sie gegen +meinem Hause über in der Metzger Gesellenstube aufspielen, +so oft unsere Zinkenisten mit Blasen anhuben. +Aber die Pfeifer stunden bald ab, denn sie sahen, daß +sie gegen unsere Zinkenisten Nichts vermochten, sondern +jedesmal übertönt wurden. Gewißlich auch wären +die Metzger endlich zum Gelach geworden der ganzen +Stadt, denn sie konnten mir nicht <em class="gesperrt">einen</em> Hochzeitsgast +abwendig machen. Aber gestern hat der üble Teufel, +der an jeglichem Tuck seine Freud’ hat, zwei fahrende +Landstreicher dahergeführt, den Gauch da und seinen +<!-- Page 63 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">63</a></span> +Gesellen; die haben ihnen das Spiel gewonnen. – O +wartet ein klein wenig, Ew. Gnaden«, fuhr er aufgeregt +fort und entknöpfte seinen Brustlatz, »mir versetzt +es schier die Luft, wenn ich daran gedenke, aber +ich will’s Euch ganz nach der Wahrheit berichten.«</p> + +<p>»Das sei Euch gespart, Meister!« rief ihm der +Ritter ungeduldig zu. »Wenngleich man Euch die +Hochzeit verdorben hat, könnt Ihr doch darum Keinen +wollen kampflich anrennen und schlagen, wie Ihr thut.«</p> + +<p>»Das ist mir wohl wissend«, fuhr der Bäcker fort, +hier stehen meine zünftigen Gesellen alle, die sollen +mir bezeugen, ob ich ein Einiges aufbringe, das nicht +nach der Wahrheit ist! Sind nicht die zween fahrenden +losen Leute auf den Markt gestanden gestern unter der +Metzger Geleite und haben mit ihrem losen Wesen +schier Alt und Jung nach sich gezogen? Der Eine +nannte sich Klingsohr, mit Zauberspruch, Arzeneiung +und Teufelskunst, der brauchte kündlich Höllenlist. Der +Andere nannte sich Tannhäuser, strich die Fiedel so +ausbündig und wußte zu singen und zu sagen, was +die Leute gern hören, von Walther, König Rother, +vom hörnenen Siegfried und allen Mären, die doch +nicht zur Gottseligkeit, noch zu ehrsamer Kunstübung +dienen. Das ist der da im blauen Rock! Ist nicht +zu ihm Abends, als kaum der Brauttrunk umgegangen +war nach dem Schmaus, das junge Volk allsammt +hinüber gewichen in der Metzger Gesellenstube, wohin +Häsener sie genöthigt hatte, und konnte gar der Umtanz +der Hochzeiter nicht gesprungen werden, wie es doch +Brauch ist, weil bei uns nur die Alten sitzen geblieben +waren auf der Bank und auch die nicht Alle! Und +gar trübselig und des Ärgers voll war uns der Hochzeit +<!-- Page 64 --><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">64</a></span> +Ende schon in früher Nachtstunde; die drüben +aber hatten der Kurzweil und des Springens kein +Ende bei dieses Buben losen Künsten. Denn ein Gauch +ist er, wie der Andere, sag’ ich, und ein Dieb. +Während der Fiedler Aller Ohren und Sinne auf sich +lenkte, da hat er dem Teufelskünstler Raum geschafft +zu seinen Schelmenstücken. Sagt, meine Gesellen, sind +nicht heute Morgen alle drei Gänse aus meinem Stalle +weg gewesen, die ich den Winter über gefüttert? Hat +nicht Catherin, die Magd, bekannt, sie selbst habe den +Klingsohr in den Hof hinter die Küch’ geführt, weil +er fürgegeben, er wolle ihr da für ihren ungetreuen +Liebsten die Nestel knüpfen? Er ist entwischt, aber +seinen Diebsgesellen haben wir durch gutes Glück gefunden. +Da steht er überführt, und seine Straf’ soll +Andern, will’s Gott, ein Exempel sein.«</p> + +<p>Als ich des Beleidigten und Bestohlenen Rede +hörte, erschrak ich über die Maßen sehr, und meine +Wuth wich großer Besorgniß; denn ich sah, daß mein +Kleid, das Feuer und des Mahles Zurüstung, meine +wagende Gegenwehr, Alles wider mich zeugte, und es +entfiel mir mein Herz, da ich daran gedachte, daß mir +des Abtes Schrift und Brief, wodurch ich mir freilich +hätte leichtlich Glauben verschaffen können, samt der +Kutte geraubt waren.</p> + +<p>Wohl mochte mir der Ritter ansehen, wie verstürzt +ich war, als er mich hart anredete:</p> + +<p>»Du bist also der Tannhäuser?«</p> + +<p>»Gewißlich, Herr, das ist mein Name nicht; +Diether bin ich genannt«, antwortet’ ich ihm mit wenig +kecklicher Stimme.</p> + +<p>»Freilich bist Du so wenig der Tannhäuser selber, +<!-- Page 65 --><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">65</a></span> +wie Dein Gefährte der Klingsohr«, sagt’ er. »Aber +Du bist es doch, der sich vom Volke also heißen läßt?«</p> + +<p>»Ja, er!« riefen die Anderen zumal.</p> + +<p>»Du bist es, der die alten Mären von Siegfried +und den ruhmeswerthen Helden zu sagen so wohl +verstanden?«</p> + +<p>Wieder bezeugten sie, es wäre Alles wahr, was der +Obermeister von mir berichtet hätte.</p> + +<p>»Genug denn des Säumens!« sprach der Ritter +und befahl seinen Knechten, mich zu binden und zwischen +ihren Rossen von dannen zu führen.</p> + +<p>»Ihr, ehrsamer Meister«, sagt’ er zu Krummholz, +»zieht in Frieden heim mit Euren Leuten; den fahrenden +Spielmann will ich bei mir in Gewahrsam halten, ihn +zu richten, wie ihm nach den Rechten kaiserlicher Majestät +für seine begangene Untugend gebührt. Und Ihr, +noch der Schultheiß, sorget nicht, daß es nicht nach +Strenge geschehe. Der Bärbel bringt meinen Gruß! – +Euch Allen freundlichen Dienst und des reichen Gottes +Geleit!«</p> + +<p>Der Obermeister wagt’ ihm nicht zu widerreden. +– Sie reichten sich die Hände und schieden. Der Ritter +hieß seine Knechte eilen und ritt gemach +<ins class="correction" title="Original: vorauf">voraus</ins>. Sie +hatten bald meine Hände auf den Rücken gebunden +und trieben mich zwischen sich her. Die Städter blieben +noch an der Stätte, zu verschnaufen, ehe sie die Rückfahrt +anhüben. »Gedenkt Eures Verspruchs«, hört’ +ich noch die Gesellen zum Meister sagen, der erwiederte: +»Zwar es hat ihn Keiner gegriffen, doch das Bier +sollt Ihr haben, denn heut’ bleibt die Zunft noch lange +zusammen!«</p> + +<p>Mit der Weile war der Abend hereingebrochen, +<!-- Page 66 --> +<span class= 'pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">66</a></span> +aber er hatte den wehenden Wind nicht zur Ruhe gebracht. +Wundersam gestaltet flogen die Wolken über uns, +den Mond verbergend und von seinem Glanze röthlich +umsäumt. Schwere Tropfen schüttelten die rauschenden +Buchen, die den Waldweg überhiengen, den wir eingeschlagen +hatten. Er war moosig und von Baumwurzeln +behindert, die, wenn ich sie vor mir sah, +Schlangen glichen, darüber hin sich windend. Schweigend +zogen wir hindannen, und ich hätte gute Muße gehabt, +des Weiteren über mein Geschick nachzudenken, und wie +ich mich fürder am besten verhielte. Aber ich vermochte +nicht, meinen Gedanken zu gebieten; ich war +wie mir selbst entfremdet. Ich betrachtete genau die +gebräunten Angesichter der beiden Reiter, ihre Eisenhauben, +Brünnen und die Falten ihrer wehenden Mäntel. +Ich horchte auf das Schnauben der Rosse, deren feuchten +Odem ich an meinen Wangen fühlte, auf das Geknirsch +ihrer Gebisse, auf das Gestampf ihrer Hufen. An das, +was ich vor wenigen Stunden gethan und erlebt hatte, +gedacht’ ich nicht, auch nicht, was mir ferner zu erleiden +vorhanden wäre. Nur als der Mond klar +durch die Wolken trat und mir hell in’s Angesicht +leuchtete desselben Glanzes, den er mir so oft durch’s +kleine Fenster in meine Zelle gesendet hatte, wenn ich +nicht schlafen konnte, da gedacht’ ich, ob auch wohl in +der weiten Christenheit Jemand zu finden wäre, der +in dieser Stunde so sorgenhaften und elenden Herzens +zu ihm aufblickte, als der hier gefangen durch die +Nacht getrieben ward, und fast wie ein Schrecken +überkam’s mich, daß ich das selber war, Diether von +Maulbronn.</p></div> + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/066_vignette.png" alt = "" /></p> + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<!-- Page 67 --> +<p class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67"> +67</a></p> +<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel.</h2 +> + +<h1>Auf Elzeburg.</h1> + + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> + + +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">D</span>as Elzewässerlein fließt im Gebirge durch ein +freundliches Wiesenthal gen den Neckar. +Längs seinem Lauf ziehen sich Berge hin +von mäßiger Höhe, fast durchaus mit Buchen +und andern Laubhölzern schön geziert. Auf einem +dieser Berge, der über seine Brüder in der Nachbarschaft +stattlich hervorragte, stund die Burg, dahin ich +geführt ward. Sie hatte von dem Flüßlein, das unten +vorbeirauschte, den Namen, und hieß Elzeburg. Auf +ihr hausete der Reichsgraf und Bannerherr Herr Eberhard, +wie auch sein Geschlecht seit undenklichen Zeiten +da eingesessen war. Derselbe war immer unbeweibt +gewesen, hatte in jüngeren Jahren mit des Kaisers +Kriegsvölkern viel zu Felde gelegen in Welschland +und stund bei der Kaiserlichen Majestät nicht bloß +wegen seines tapferen Muthes, sondern auch wegen +seines kundigen Rathes in hohen Ehren. Aber je älter +er ward, desto weniger machte es ihm Freude, wenn +er zu Hofe reiten mußte, um allda große Welthändel +zu Recht bringen zu helfen, obwohl er gehorsamte, +so oft er entboten ward; sondern am liebsten weilte +<!-- Page 68 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">68</a></span> +er in waldgrüner Einsamkeit auf seiner Väter Burg, +ringsum in der Gegend ein hoch angesehener, wohl +auch gefürchteter Herr.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und wahr ist’s: auf ein schön Stücklein Erde +blickte man von der Elzeburg nieder, sonderlich lustsam +dem Auge zur Frühlingszeit, wie ich es sah, wo allerlei +bunte Blumen den Wiesengrund zierten und das Elzewässerlein +unter hellen Weiden und an dunklen Tannen +vorbei in munteren Sprüngen daher brausete. Vom +Fenster des Erkerstübleins oben im Thurm über dem +Burgthor, wo mir die Wohnung zugewiesen war, +konnte das Auge weithin über die Berge in die Ferne +schweifen, über den rauschenden Wipfeln der Bäume +den Nebelwolken zuschauen, wenn sie wie Geister des +Waldes aus dem Dickicht emporstiegen und bald sich +zusammenballten, bald auseinander stoben, oder auch +mit der Weihe in den klaren Himmel schweben und +ohne Schranken sich fühlen in dem grenzenlosen Raume.</p> + +<p>Aber auf irgend etwas dergleichen zu achten, +trug ich an jenem ersten Abend, da ich im Stüblein +oben allein war, wenig Verlangen. Schweigend hatten +sie mich dahinauf gebracht und die Thür zugeschlossen. +Herrn Eberhards war ich nicht mehr ansichtig geworden. +Zur Nachtkost stand ein Imbiß auf dem +Tisch, aber ich mocht’ ihn nicht anrühren. Und so +saß ich verdrossenen Gemüths vor dem Feuer, das im +Kamin des weit in die Stube vorgebauten Schornsteins +mir zur Erwärmung angezündet war.</p> + +<p>Nach einer Weile verdroß mich doch diese meine +Verdrießlichkeit selbst.</p> + +<p>»Diether«, so schalt ich mich, »bist Du nicht bei +Deinen Jahren und bei aller Kunst und Gabe, die +<!-- Page 69 --> +<span class= 'pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">69</a></span> +Du hast, ein recht blödes, hilfeloses Kind? Nun Dir +der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen +kann, so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und +Wissen? Verzehrest Dich und grämest Dir die Stunden +hinweg mit Zürnen und Murren, weil Du von Gäuchen +Dich hast überlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen +Dir auch nicht hast helfen können! Frisch an’s +Werk und brauch’ Deinen Kopf, wie Du mit Gott Dir +am klüglichsten heraushelfest aus dieser Noth, darein +Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!«</p> + +<p>Damit schickte ich mich an, darüber zu sinnen, +wie ich morgen dem Grafen am besten begegnen +möchte, wenn ich zur Verhörung vor ihm stünde. +Denn daß ich solches zu gewarten hätte, war mir +gewiß. Recht als ob es gälte, eine <em class="antiqua">chria</em> für Magister +Berthold zu Stand zu bringen mit <em class="antiqua">Protasis</em>, +<em class="antiqua">Aetiologia</em>, <em class="antiqua">Amplificatio</em> +und <em class="antiqua">Conclusio</em>, legt’ ich mir +eine wohlgefügte Rede zurecht, mit beweglichen Worten +trefflich geziert und mit manchem guten Sprüchlein durchflochten. +Und als ich Alles und Jedes gehörig überdacht +hatte, war ich damit so gar zufrieden, daß ich +mich wunderte über meine Thorheit, daß ich je hätte +denken können: es würde mir nicht ein Leichtes sein, +mich als den Klösterling auszuweisen, der ich war, und +den Fahrenden von mir zu thun, deß Kleid ich trug.</p> + +<p>Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der +ich anzuheben gedachte: »Weislich sonder Zweifel, +gnädiger Herr!« so wollt’ ich vor ihn treten, »weislich +haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch gethan, +daß keine Sache so übel gerathe, sie habe denn auch +etwas Gutes bei sich, daran der verständige Mann +sich halten könne. Das ist auch in dieser unfrohen +<!-- Page 70 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">70</a></span> +Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches Beistandes +und welcherlei Rechtfertigung sollt’ ich Gekränkter +mich nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit +und Gerechtigkeit versehen und wie sollt’ ich unter ihre +Fittiche aus aller Fährniß und Verlästerung nicht gerne +geflüchtet sein?«</p> + +<p>Dieser Vorspruch däuchte mich trefflich gestellt und +ich wiederholte ihn öftermalen, auf daß ich ja keines +Wortes verfehlen möchte.</p> + +<p>Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz sänftiglich +zu Muth und schon gedacht’ ich mich zum Schlaf auf’s +Pfühl zu strecken, als es mir schwer auf die Seele +fiel, daß ich der Gebetszeiten dieses Tages keine gehalten +und nicht einmal aus den Brevierblättern, die +sie im Kloster mir mitgegeben, den Heiligen erfragt +hatte, dem der Tag zugehörte. »So konnt’ ich auch +seiner Fürbitte nicht gewarten«, dacht’ ich und griff +hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herfürzulangen. +Aber das war ja mit dem Rock dahin und sammt des +Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute geworden! +Doch sieh’! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war +nicht leer. Ich zog etliche arg vergilbte Blätter daraus +hervor von gutem alten Pergamen. Sie waren zierlich +beschrieben, wie man in der Klostermuße der Schreibkunst +pflegt; aber da war nichts darin, womit ein Christenmensch +seiner Seele zum Heil um die Matutin oder +Vesper dem waltenden Gott und Seinen Heiligen +diesen mag, sondern Geschichten stunden darin, deren +gleichen ich zuvor nie gehört hatte noch gedacht, daß +sie jemals geschrieben wären. War’s Anfangs nichts +als Neugierde, die mich zu lesen trieb, so zwang mich +bald die Gewalt der Dinge, die da berichtet waren, +<!-- Page 71 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">71</a></span> +und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr +trafen, daß ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen. +Es war da zuerst eine Aventiure, »<em class="antiqua">wie Kriemhilde +troumte</em>!« auf die eine andere folgte: »<em class="antiqua">von Sifride +wie der erzogen wart</em>« und endlich stund noch zu +lesen: »<em class="antiqua">wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach</em>«. Aber +wie die letzte Aventiure sich begab, davon erfuhr ich +nichts, wenngleich ich über dem Lesen leichtlich die +ganze Nacht versessen hätte, denn das Feuer im Kamin +verlosch allgemach und der Vorrath, es zu nähren, war +zu Ende.</p> + +<p>Lange sah ich wie träumend in die verglimmende +Gluth. Mir war’s, als erblickt’ ich den schnellen Sigfried +und die anderen Recken und sähe sie auf- und +niederschweben in dem emporsteigenden röthlichen Rauch. +Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und +wußte doch, daß kein Anderer neben mir etwas davon +erblicken würde – nur von Kriemhilden konnt’ ich +nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob ich sie +wohl erkennen würde, wenn sie neben den Andern +erschiene.</p> + +<p>Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch +die Gesichte und ich besann mich wieder auf mich selbst.</p> + +<p>»Hilf Himmel!« rief ich da, »thörichter Diether, +Dich plagen wohl gar Klingsohrs magische Künste +noch! Was gehen Dich die Ritter und Aventiuren +an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener +Vogel in fremden Federn. Wie Du Dich wieder +hinaufschwingst aus Deinem Netz und in das Nest +zurückfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das +laß Deine Sorge sein!«</p> + +<p>Und so gieng ich zur Ruhe.</p> + +<p><!-- Page 72 --><span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">72</a></span> +Also gethan ist des Menschen unbeständig Gemüth, +daß auch des liebsten Gutes Genieß uns endlich verleidet +würde, wenn wir nicht unterweilen sein entbehren +müßten, und wenn er immer währte, würde selber der +wonnigliche Mai uns verdrießen; so lacht uns auch +die liebe Sonne freudenheller nicht an vom blauen +Himmelsdach, als wenn sie sich mit ihm eine Weile +hinter dichtem Regengewölk gleich wie hinter einer +grauen Wand verborgen hat. Das fühlt’ ich anderen +Tages nicht bloß an mir selber, sondern ich merkt’s +auch den Andern auf Elzeburg an, so viel ich ihrer +sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich früh +morgens Thal und Höhe im lichten Sonnenschein +durch’s Fenster glänzen sah! Weißer, zarter Nebel +dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl +zerstreute ihn bald und kein Wölkchen stund am Himmel. +So tief blau und spiegelklar wölbte der sich über die +Erde hin, als hätte er sie voll Liebe näher zu sich +emporgezogen, damit sie seiner Klarheit besser genießen +möchte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen +Brust und all’ die unzähligen Tröpflein an Halmen +und Zweigen, die in der Sonne erfunkelten, erschienen +mir wie Freudenthränen der irdischen Creatur, die da +fühlte, die selige Zeit des vollen Frühlingssegens sei +nun gekommen.</p> + +<p>Daß solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards +Seele giengen an jenem Morgen, das, däuchte +mich, war ihm anzusehen, als ich in der Frühstunde +unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn geführt +ward. Er saß am Fenster beim Frühstück im hohen +Gestühl, gemächlich zurückgelehnt. Über die Berge +und durch das kaum belaubte Gezweig des Nußbaums, +<!-- Page 73 --><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">73</a></span> +der im Burggarten nahe dem Gemäuer stund, schickte +die Sonne ihren warmen Strahl in’s Gemach und +schaute dem Burgherrn voll in’s Angesicht. Schon +stund ich eine Weile in der Thür, der Anrede harrend, +währenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen +dem Licht des jungen Tages und der weichen Frühlingsluft +zugekehrt blieb, die durch das Fenster hereinströmte. +Endlich schien er sich zu erinnern, daß er Helmbold +geboten hatte, mich vor ihn zu bringen.</p> + +<p>»Ei sieh!« rief er, indem er, sich umwendend, +mir winkte näher zu kommen, »Meister Tannhäuser! +– Gelt, Diether! heut’ läßt’s sich drauß’ besser an +für die fahrende Kunst als im unholden Wetter gestern«, +und er wies mit der Hand in die fröhliche Welt +hinaus. »Nun freilich, das Schweifen ist Dir für’s +Erste verlegt. Und doch sei deß nicht gar zu betrübt. – +Auch auf der Elzeburg läßt’s sich ganz wohlgemuth +hausen«, setzte er behaglich hinzu; »gibt’s auch hier +nicht alltag Gänsebraten, so darf Dir zwischen Zurüsten +und Niedersitzen doch Niemand, auch kein Waibstädter +nicht, das Mahl verderben.«</p> + +<p>Jetzt, glaubt’ ich, wäre der rechte Augenblick gekommen, +meinen Spruch anzuheben, und so sagt’ ich, +recht mit der Betonung, wie in der Rhetorica ich’s +gelehrt worden:</p> + +<p>»Weislich, sonder Zweifel, gnädiger Herr! haben +die wohlerfahrenen Alten gesagt, daß kein Ding so +übel gerathe, es habe denn auch etwas Gutes bei +sich, daran der verständige Mann sich halten könne. +Dies ist auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger +Trost. Denn welches Beistandes und welcher +Rechtfertigung sollte ich Gekränkter – –« +</p> + +<p><!-- Page 74 --><span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">74</a></span> +»Laß genug sein, Diether!« unterbrach mich da +der Graf. »Spar’ Deine Worte; sie sind Dir hier +nicht von nöthen. Denn Du brauchst Dich keines +Übels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und +hier sah er mich ernster an) laß es Dich dünken, es +sei Dir wohlgerathen, daß ich von Ungefähr gezogen +kam und Dich den Waibstädtern entriß. Denn mein’ +Treu! sie hätten Dir Dein Gefiedel zu Bärbel’s Hochzeit +übel gelohnt. Thurm und Stock wäre Dein Singerlohn +gewesen. Hier bist Du allerdinge gefangen und +das mit Recht; aber, so Du Dich fügst, soll Dir Deine +Kunst hier wohl zu Danke sein.«</p> + +<p>»Ach! gnädiger Herr«, bat ich da, »wollet doch +nicht dafür halten, daß, was die Städter wider mich +geredet haben, etwas Anderes als vermaledeite Lügen +seien, und laßt Euch sagen, daß ich ebensowenig ihnen +die Hochzeit gestört habe, als ich gewißlich kein Fahrender +noch der Singekunst kundig bin, wovon ich allsogleich +Euch überführen werde, so Ihr mich nach Eurer +Gütigkeit weiter hören wollt.«</p> + +<p>»Bei Gottes Thron!« fuhr Herr Eberhard da +heftig auf. »So gedenkst Du noch immer durch Läugnen +Dich herauszuwinden? Kein Wort mehr davon! sag’ +ich. Und das ist die Meinung. Du bekennst Dich +frei offen zu Deiner Kunst und willigst ein, auch auf +Elzeburg mit ihr zu dienen, oder Du wirst noch heut’ +nach Waibstadt zurückgeführt und dort acht’ ich für +gewiß, wird Krummholz und sein Anhang reichlich dafür +sorgen, daß Du bald ein Liedlein zu singen anhebst, +aber aus einem neuen Tone und einem gar kläglichen.«</p> + +<p>Und unmuthig wandte er sein Angesicht wieder +von mir ab, dem Fenster zu. +</p> + +<p><!-- Page 75 --><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">75</a></span> +Da merkt’ ich wohl, daß ich mich meiner Chria +nicht länger trösten könnte und ihre Kraft besser unversucht +ließe. Darum fragt’ ich ihn bloß ganz kleinmüthig:</p> + +<p>»Gnädiger Herr! Was ist es, das Ihr von mir +nothhaftem Mann begehrt?«</p> + +<p>»Nichts«, erwiedert er gelassener, »als worüber, +wenn Du gefügen Sinnes bist, Du eitel Freude haben +mußt. Dieselbe Kunst, die Dich in Noth gebracht, soll +Dir auch heraushelfen. Gerade dessen begehr’ ich, +was Du, dummer Mann, zum eigenen Schaden hehlen +willst. Deine Mären und Aventiuren, um die sie Dir +in Waibstadt gram worden sind, sollen auf Elzeburg +Dich und Andere erfreuen.«</p> + +<p>»Ach Herr«, betheuerte ich und legte die rechte +Hand auf die Brust, »zürnet nicht! Aber ich habe nie +von keiner Märe und dergleichen zu singen und zu +sagen gewußt.«</p> + +<p>»Gut denn!« rief er unwillig und gebot dann +seinem Knecht: »Fort, Helmbold, mit ihm nach Waibstadt +und zwar noch heut’, sobald ich über ihn an den +ehrsamen Rath daselbst werde geschrieben haben! Sitz +bald auf und bind’ ihn an’s Pferd, daß er Dir nicht +entwischt!«</p> + +<p>Da stund mir denn sonder Frage ein jammerhaft +Geschick bevor. Aber in dieser höchsten Noth +hat, wie ich wähne, meiner heiligen Patrone einer +an mich gedacht und von Gott gewirkt, daß da zu +eben dieser Frist die Thür aufgieng und ein Mägdlein +leichten Schrittes hereintrat, Helmbold und auch mir +zunickte und fröhlich Herrn Eberhard entgegeneilte, +mit heller, munterer Stimme ihn begrüßend. Wie sie +<!-- Page 76 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">76</a></span> +den Arm um seine Schulter legte und sich zu ihm +niederbeugte, ihn zu küssen, bemerkte ich wundernd, wie +goldig ihr das Haar im Sonnenstrahl um ihr Haupt +floß; und ob ich gleich ihr Angesicht nicht sehen konnte, +so wußt’ ich doch, wie Herr Eberhard zu ihr aufblickte, +daß sie die rechte Maiensonne war, die über +die Herbst- und Winterszeit seines Lebens den herzerquickenden +Schein des Glücks und der Freude breitete.</p> + +<p>Daß ich aber glaubte, durch Gottes Fügung wäre +das Mägdlein gerade jetzo hereingetreten, um meinetwillen, +das geschah darum, weil bei dem klaren Ton +ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele +trat, wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe! +da ich an das Pergamen mit den drei Aventiuren +oben gedachte, schien ich mir auch gefunden zu +haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir +wenden könnte. War’s nur die Sorge um Krummholtzens +Rache oder war’s auch zugleich etwas vom +Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschloß, ihnen +den Willen zu thun und mich für das auszugeben, +wofür sie mich haben wollten. In jener Stunde +wenigstens däuchte es mich der einzige kluge Rath. +Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn +sie es möglich machten, sie ihnen beizubringen. Sie +wollten sie jetzt nicht hören, und ihre Sache war es, +die Täuschung zu verantworten, zu der sie mich zwangen. +Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld, sich verstellt +vor dem Philisterkönig aus zwingender Noth?</p> + +<p>Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold +schon sich bereit gemacht hatte, mich hinwegzuführen, +zögernd einen Schritt vor, verneigte mich und sprach: +»Mit Verlaub, gnädiger Herr, wenn Ihr denn befehlet, +<!-- Page 77 --><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">77</a></span> +so will ich nach Vermögen mit meinen Mären Euch +zu Diensten sein; allein schicket mich nur nicht gen +Waibstadt, denn vor den Städtern grauset’s mir.«</p> + +<p>»Das war vernünftig geredt«, sagte begütigt der +Graf. »Auch wär’s eine ausbündige Thorheit, schier +befremdlich an einem aus dem gewitzten Volk der +fahrenden Brüderschaft, wenn Du bei Deinem Starrsinn +verharret wärest. Doch ich wußte wohl, daß Du +Dich noch darauf besinnen würdest, was Dir das +Klügste zu thun ist. – Und hier, Irmela«, sagte er +und ergriff des Mägdleins Hand, »siehe, das ist +Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt. +Wohlan, heiß ihn willkommen und hab’ wohl Acht, +daß Du fleißig von ihm lernest, was zu behalten +Freude macht.«</p> + +<p>»Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf +Elzeburg!« redete mich da das Mägdlein an und ihr +freundlich Grüßen that mir gar wohl. Es war mir, +als gewänn’ ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt, +das sie mir aufgezwungen hatten, und sagte getrost:</p> + +<p>»Habt Dank, Jungfräulein, und seid gebeten fürlieb +zu nehmen mit meiner Kunst; denn sie ist geringen +Vermögens.«</p> + +<p>Da lachte Herr Eberhard laut: »Ei Diether, so +magst Du aus Höflichkeit reden; aber daß Du mit +Mären zu wenig vermagst, darum haben die Waibstädter +Dich nicht verklagt. Deß also sei sorgenohne +und vermeld’ uns sogleich, welcher guten Aventiure +Du zuerst Dich annehmen willst, daß meine Nichte sie +von Dir höre.«</p> + +<p>Ich besann mich nicht lange und antwortete: +»<em class="antiqua">Wie Kriemhilde troumte</em>«, so es Eures Gefallens ist.« +</p> + +<p><!-- Page 78 --><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">78</a></span> +»Ei wohl, Diether!« rief er erfreut. »Das ist +eine gute alte Aventiure, und die hernach folgen, sind +es auch. Ach, ich hörte sie einst in meinen jungen +Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen Geschichten +bei Rittern und Herren in hohen Ehren und +selber des Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer +wohl konnten. Jetzt schämt man sich ihrer zu Hof +und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe und liebe +mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit +Deinem alten Ohm die langen Abende mit Lesen +aus alten Büchern kürzest, dann sollst Du unterweilen +auch die alten Mären mich hören lassen, wie ich einst +sie vernahm, und ich weiß, sie werden mich erfreuen, +wie dazumal. Sorg’ nur, daß Du Alles wohl aufschreibest, +was und wie er Dir’s sagt! – Und Du, +Diether, merk’ Dir’s wohl: je früher Du mit Deinen +Aventiuren zu Ende kommst, um so bälder bist Du +Deines Dienstes hier entledigt und magst ziehen, wohin +Du willst.«</p> + +<p>So war ich denn zu des Mägdleins Lehrmeister +gar unversehens bestellt und wußte nicht, wie mir das +gerathen würde. Denn worin ich hätte unterweisen +können, darin durft’ ich’s nicht, und was ich lehren +sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich tröstete +mich mit meinem Pergamen und dachte, wie so manch’ +ein Hochgelahrter auch nichts vermöchte der Welt zu +Dank, wenn er nicht allezeit seine Weisthümer aus der +Bücherei erborgen könnte.</p> + +<p>Soll ich nun berichten, wie mir’s auf Elzeburg +weiter ergieng, so wundre ich mich darüber, wie doch +so oft Neid getragen wird von den Alten gegen die +Jungen um der fröhlichen Hoffnungen willen für die +<!-- Page 79 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">79</a></span> +Zukunft, mit denen diese in trübnißvoller Gegenwart +sich leichtlich zu trösten und selber über große Widerwärtigkeit +hochgemuth sich hinwegzuschwingen vermöchten; +wohingegen das Alter leider gewitzigt worden +sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten, +wie die gegenwärtigen ihm Genüge gebracht haben. +Dem gegenüber will mich’s immer bedünken, daß dem +Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu gleicher +Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen +auf bessere künftige, ja zu noch größerer. Denn unser +Herrgott hat dem menschlichen Herzen eine wundersame +Kraft geschaffen, daß ihm jegliche hohe Freude oder +tiefe Trübniß, je weiter sie zurückweichen in die Vergangenheit, +allgemach hinaufrücken in ein stilles, sanftes +Licht, wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne +auf die Erde zu schicken vermögen. Sondern ich achte: +es strahlt aus der Tiefe des menschlichen Gemüths, +dahinein Gott es versenkt hat aus der unsichtbaren +Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir zurückdenken, +mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen +ab und leuchtet endlich über uns in keinem minderen +Glanz und Schimmer, als das noch Unerlebte, was +die Hoffnung oft mit trügerischem Glanz vor die Seele +stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und +alle Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren +vermag, erst dann in ihrer Pracht, wenn sie selbst +nicht mehr am Himmel steht, und schauen nach dem +süßen Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist.</p> + +<p>Also stehen auch die längst geschwundenen wenigen +Tage, die ich auf Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke, +in beständiger Gegenwart mir vor der Seele, +als genöß’ ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die +<!-- Page 80 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">80</a></span> +mir um’s Haupt wehte und in Lebensfreude die junge +Brust dehnte, wenn ich mit Helmbold in’s Thal herniederreiten +durfte und in den Wald hinein auf bethauten +Wegen; des süßen Duftes der Linde, unter der +ich oftmals saß im Burggarten zur Mittagszeit, wenn +die Bienen darin summten mit freudigem Gebraus, +oder des Abends, wenn die Läuber leise rauschten im +sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes +seine Spur zurückgelassen in meiner Seele und ist ihr +unverloren. –</p> + +<p>Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn +junger Nichte zu dienen hatte, nahmen noch in +den ersten Tagen ihren Anfang. Da mußt’ ich hinunter +in den Saal kommen und ihr gegenüber niedersitzen +an einen großen Tisch, allwo sie meiner schon wartete. +Sie hatte ein großes Buch vor sich mit vielen guten +Sprüchen und Liedern unterschiedlicher Singer zum Theil +beschrieben. Dahinein sollten nun auch durch Irmela +meine Mären kommen, wie sie das Mägdlein von mir +hören würde. Darum saß sie auch da zum Werk bereit, +die Feder in ihrer zierlichen Hand.</p> + +<p>Mir war doch, da ich mich vor dem Fräulein sah, +nicht muthiger zu Sinn als vor Abt Albrecht im Capitelsaal +und ich fühlte, ob ich gleich vermied sie anzuschauen, +daß sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte. Als ich +nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die +Feder in ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten +anfangen möchte, sagte sie, indem sie die Feder tränkte +und das Buch zurechtlegte, bescheiden aber im Geringsten +nicht scheu oder furchtsam:</p> + +<p>»Hebet nun an, Meister Diether, wenn’s Euch geliebt, +und sprechet recht langsam jegliche Zeile mir vor, +<!-- Page 81 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">81</a></span> +damit ich im Schreiben nicht aus Übereilung mißthue, +und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in diesem +Buch muß Alles ohne Tadel und löblich sein. Auch +mag ich viel lieber beim Schreiben der Unmuße mehr +haben, als daß mich darnach beim Lesen die ungleiche +und übelgerathene Schrift verdrieße.«</p> + +<p>Dies sagte mir das Mägdlein gar sehr nach +Wunsch. Denn weil ich, solange sie mich für einen +fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu wenig +Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich’s +für ungeziemend, nur aus meinem Pergamen fürzulesen +als der Ungeübten Einer. Daher hatt’ ich, so viel +ich behalten konnte, von der ersten Aventiure gelernet. +Nun war mir das freilich ja ein Trost, daß mir Zeit +gegönnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen +und daß mein Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen +sollte; denn wie ich mir helfen möchte, sobald mein geheimes +Ölkrüglein droben, aus dem ich schöpfte, leer +geworden sein würde: deß wußte ich keinen Rath.</p> + +<p>So erwiedert’ ich denn: »Gerne, Jungfräulein, wie +Ihr gebietet.«</p> + +<p>Und danach hub ich an: »Ez troumte Kriemhilden +in tugenden der sie pflac« und wie ich’s eben oben weiter +erlernet hatte. Ich sprach ganz bedächtiglich und, indem +ich auf ihr Schreiben Acht hatte, nur immer dann ein +weiteres Wort, wenn ich sah, daß sie mit dem vorhergehenden +fertig war. Ihre Sorgfalt zu betrachten, mit +der sie Jegliches bedachte, und ihren Eifer, mit dem sie +die Buchstaben zog, machte mir große Freude, und der +Fleiß, mit dem sie Alles recht zierlich herzurichten trachtete, +erregte auch mich, aufzumerken auf das Werk. +Und so kam es wohl, daß ich zu meiner Aventiure +<!-- Page 82 --><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">82</a></span> +etwas hinzuthat, was die Niederschrift angieng: »Hier +setzet ab, dieses Wort rückt näher heran, denn die Zeile +wird lang« und Anderes mehr. Wie sie erfand, daß +mein Rath allerorten das Richtige traf, hielt sie inne +im Schreiben und fragte mich: »Ihr scheinet wohl erfahren +in der Schreibekunst?«</p> + +<p>Ich antwortete: »Guter Lehre darin habe ich genug +gehabt!«</p> + +<p>Da sah sie mich verwundert an und sagte: »Das +hätt’ ich nicht gedacht, daß Ihr Muße gefunden zu solch +sitzender Kunst.«</p> + +<p>So langsam nun auch ich Kriemhildens Traum +in das Buch Wort nach Wort niedertröpfeln ließ, so +war ich doch nach wenigen Tagen unserer Schulzeit +damit zu Ende, und wie Ute, die Mutter, den Traum +gedeutet hat von einem Manne, den Kriemhilde zu +Lieb und Leide gewinnen sollte und wie, um Beides zu +meiden, die hehre Frau immer bleiben wollte ohne +Recken-Minne, – das war nun Alles im Buch geschrieben. +»O weh,« dacht’ ich da, als ich meine Kanzlerin +das letzte Wort niederschreiben sah, »wie willst +Du bestehen, wenn Dein Kunstvorrath so schnell zu +Ende geht? Da wird Deine zweite Noth hier größer +werden als die erste. Zum Wenigsten heut nimmst +Du die zweite Aventiure nicht mehr vor.«</p> + +<p>Das that auch nicht Noth, denn Irmela, wie sie +das letzte Wort geschrieben, legte die Feder weg, that +das Buch zu und sagte: »Erzählet mir doch, Meister +Diether, wie das nachher sich zutrug mit Kriemhilden +und ob denn wirklich Ute sie wahr beschieden hat.«</p> + +<p>Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig; denn ich +sollte das Mägdlein einen Weg führen, den ich selber +<!-- Page 83 --><span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">83</a></span> +nie gegangen war, von dem ich auch im Geringsten +die Richtung nicht wußte. Ich faßte mich aber und +sagte: »Nein Jungfräulein, das geht nicht an. Die +Geschichte ist überlang und jegliche Aventiure muß in +ihrer Ordnung unverrückt bleiben. Jetzt folgt die <em class="antiqua">»von +Sifride wie der erzogen wart!«</em> Auch möcht’ Euch das +mühevolle Schreiben verdrießlich werden, wenn Ihr +allbereits am Anfang des Fortgangs und Endes +kundig seid.«</p> + +<p>Da versetzte Irmela lachend: »Mit Verlaub, +Meister, aber Ihr irret, wenn Ihr denket, daß ich an +diesen Mären so groß Gefallen habe und heftig verlange +zu wissen, was sich weiter zugetragen hat. Wollt +Ihr es noch verschweigen, so thut es immerhin. Wär’s +nicht um meinen Ohm, der daran so größliche Freude +hat, ich schriebe wohl Anderes in dieses Buch. Solche +Kunst mit Worten, die bloß zu sagen sind, acht’ ich +nicht groß; wo die Worte nach einer Weise gehen, die +zu singen ist, das ist mir die rechte Kunst. Und, Meister +Diether, wenn Ihr mich von Euren Liedern hören ließet +und ich könnt’ etliche, die mir zumeist gefielen, von Euch +erlernen, das wäre mir lieb. Eurer Fiedel freilich seid +Ihr ledig, aber nähmet Ihr die Laute zu Eurem Singen, +so wäre mir das zu größerem Nutzen: ich gäb’ Euch +die meinige in die Hand, und ich vertrau’ wohl, daß +ich die Griffe Euch bald würde nachthun können.«</p> + +<p>Wie sie dabei fragend und bittend mich anblickte, +hätt’ ich sie von Herzen gern ihres Wunsches gewährt. +Aber ich sagte bloß: »Die Laute zu schlagen, bin ich +gänzlich unkundig.«</p> + +<p>»Nun denn«, fuhr sie fort, »so mögt Ihr Eure +Lieder bloß singen, und wenn ich eine Weise wohl aufgefaßt +<!-- Page 84 --><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">84</a></span> +habe, so gedenk’ ich selbst die Griffe zu finden, +die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure +Schule zu nehmen!«</p> + +<p>Da mußt’ ich mir mit einer List helfen:</p> + +<p>»Gerne, Jungfräulein! Aber wisset, daß es wider +Recht und Brauch unserer Kunstbrüderschaft ist, unsere +Lieder so bar mit der Stimme hinauszusingen, ohne +daß Saitenklang dazu ertönt.«</p> + +<p>»Das ist ein seltsam Recht«, erwiederte sie darauf +verwundert, »das Ihr da aufgerichtet habt. Doch«, +setzte sie munter hinzu, »ist’s Euch ein Ernst, mich Eurer +Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer Recht +und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will +Euch lehren die Laute schlagen, und, deß bin ich gewiß, +ein Meister wie Ihr, wird bald vermögen auf +ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch +könnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche +mir aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das +sollen die sein, deren Weise ich hernach zuerst von Euch +zu hören gedenke.«</p> + +<p>»Was aber«, fragt’ ich, »wird aus »<em class="antiqua">Sifride wie +der erzogen wart</em>« und den Aventiuren darnach?«</p> + +<p>»O«, sagte sie beschwichtigend, »seid deß unbesorgt. +Die sollen nicht versäumet werden, dürfen es auch nicht, +um meines Ohms willen. Aber jedesmal, wenn wir +mit ihnen ein gut Stück vorwärts gekommen sind und +es verdrießt Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.«</p> + +<p>Solch’ Begehren des Mägdleins war mir lieb und +auch leid. Lieb war es mir, weil ich gedachte an +ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid aber, +weil ich besorgte, ich würde nun mit meinen zwo +<!-- Page 85 --><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">85</a></span> +Aventiuren um so geschwinder am Ende sein, wenn +ihr Sinn erst eifrig nach meinen Liedern stünde, und +weil ich, je gelehrigerer Schüler ich ihr ward, um so +bälder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich +als der bestehen?</p> + +<p>Aber ungedacht gerieth mir Irmela’s Singelust +durch meine Malkunst zum Heile. Denn einst, als die +Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war ich durch +Helmbold zu ihr draußen in den Garten beschieden +worden. Da waren auf grünem Rasen mit wohlgepflegten +Beeten, auf denen buntfarbige Primeln und +schlanke Narzissen blühten, ein weitästiger Apfelbaum, +der stund voll rother Blüthenknospen recht wie mit +unzähligen Sträußlein geschmückt. Im Halbkreis um +diesen Baum war wie eine grüne Wand dichtes Gebüsch +von Flieder gezogen, der dem Ort in der heißen +Jahreszeit Kühlung und Schatten lieh. Dahin hatte +Irmela Tisch und Stühle bringen lassen und dort sollt’ +ich ihrer warten. Ein gar lieblicher Platz war es, +den sie für unser Schulhalten ausersehen hatte. Denn +man sah über Blumen und Rasen vorn über die Wipfel +der Obstbäume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende +Garten des Burghofes bepflanzt war, weit +hinauf und hinab in das Thal, wie da das Elzewässerlein +bald aus dem Grün hervorblitzte, bald hinter dem Laube +der Uferbäume sich verbarg, und frei konnte zugleich +der Blick hinüberschauen in’s Gebirg. So saß man +dort uneingeengt und doch ungesehen und heimelich.</p> + +<p>Mit rechter Lust schaute ich in die heitere Welt +hinaus, die nah und fern so friedlich vor mir lag, und +daß wir unser Werk so mitten in der Lenzlust treiben +sollten, machte mich recht herzensfroh, und dem Mägdlein +<!-- Page 86 --><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">86</a></span> +wußt’ ich’s im Stillen Dank. Da sich von ungefähr +ihr Kommen verzögerte, nahm ich das große, schön +gebundene Buch, das schon bereit lag, in die Hand +und schlug es auf. Bald fand ich die Blätter, auf +denen Lieder und Sprüche der besten Singer zu lesen +waren. Ich staunte nicht wenig über die meisterliche +Kunst, mit der da in Wort und Reim gefaßt war, +was des Menschen Herz zumeist bewegt, und immer +wieder auf neue Weise, wie wohl die Vöglein alle im +Mai dieselbe Lenzwonne singen, doch aber jedes in +seiner sonderlichen Art.</p> + +<p>»Reicher Gott!« dacht’ ich, »wie mag dir das +gute Mägdlein so hohe Kunst zutrauen und wie könnt’ +ich sie je erlernen; sie muß von Gott verliehen sein.«</p> + +<p>Während ich so der Muße genoß, sah ich auch +die Feder schon bereit liegen, und das Tintenfäßlein +stund dabei. Ich nahm sie in die Hand und schrieb, +wo Irmela zuletzt aufgehört hatte, oben auf das nächste +Blatt in den zierlichsten Buchstaben, die ich vermochte, +was nun weiter folgte: »<em class="antiqua">Von Sifride wie der erzogen wart.</em>« +Ich that zu mehrerem Schmuck manchen +Zug hinzu fein und geschwungen, wie ich’s in den +besten Schriften unserer Klosterbücherei gesehen hatte. +Damit war ich noch beschäftigt, als das Mägdlein +herzutrat.</p> + +<p>Noch seh’ ich die schlanke Gestalt, wie sie voll +kindlich jungfräulicher Heiterkeit durch die Blumen schritt, +mit Aufmerksamkeit hie und da vor einer neu entfalteten +Blüthe ihrer Frühlingsbeete stille stund oder +eine schimmernde Narzisse, die sie in der Hand hatte, +gegen die Sonne hielt und in die Betrachtung des +leuchtenden Blumensterns mit dem gelb-purpurnen Kern +<!-- Page 87 --><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">87</a></span> +sich versenkte. Mir war’s nun erst, als wüßten Laub +und Blüthen um mich her, wem zur Freude sie von +Gott so schön geschmückt wären, und ich gedachte, daß +es am Anfang auch ein Garten gewesen, in den unser +Herrgott die unschuldigen Menschen setzte.</p> + +<p>»Ich hab’ Euch harren lassen heute«, sagte sie zu +mir nach freundlichem Gruß, als sie vor mir stund. +»Aber ich denke, der Lenz macht’s heute hier außen so +schön, daß einem wintermüden Menschen die Weile +schwerlich zu lang wird. Um so fleißiger, gebt Acht, +werd’ ich Euch nun beim Schreiben sein. Doch seht«, +rief sie mit Verwunderung, als sie in das Buch sah, +»Ihr seid nicht müßig gewesen; wie kunstreich Ihr +schreiben könnt! ich wähne, ein Maler vermöcht’s nicht +besser in eines Kaisers Brevier.«</p> + +<p>Da sagt’ ich: »Wenn es Euch gefällt, Jungfräulein, +so könnt’ ich des Schreibens Mühe Euch wohl ersparen +und mit eigner Hand die Aventiure in’s Buch bringen, +so gut ich’s vermag. Während dem könnt Ihr die +Laute spielen, und beim Schreiben würde mir das Hören +Eures Spiels wohl nützlich sein, daß ich hernach Eurer +Unterweisung desto besser zu folgen vermag.«</p> + +<p>»Nicht wegen der Muße für mich«, erwiederte +sie, »sondern um Eurer preislichen Schrift willen, die +ich dem Buch wohl gönne, nehm’ ich gern Euer Erbieten +an.«</p> + +<p>Und so geschah’s denn von dem Tag an, daß ich +die Feder führte. Weil mir aber aus glaublicher Ursach’ +Eile nicht am Herzen lag und ich zugleich das +Mägdlein erfreuen wollte, so that ich all’ mein Bestes +an dem Buch. Ich brauchte zur Niederschrift nicht +allein Rohr und Feder, sondern auch Pinsel und Farbe, +<!-- Page 88 --><span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">88</a></span> +die ich mir von Irmela erbat oder selber nach Malergewohnheit +bereitete. Was waren das für selige +Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem +blühenden Apfelbaum! Fröhlicher hat wohl nie Keiner +Unmuße gehabt, noch größere, herzlichere Lust zu seiner +Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, daß ich der +Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden +sollte, gerne vergaß und, unbekümmert um den morgenden +Tag, ganz nur dem heutigen lebte und dem reinen +Glück, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst nicht +bewußt, eine Änderung in meinem Gemüth vor sich, +so konnte sie bös nicht sein; denn nie zuvor hatte ich +höhere Freude an meiner Kunst gehabt und ernsteren +Eifer auf sie gewendet, als da ich wußte: ihr Auge +ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die +ganze herrliche Gotteswelt um mich her sprach deutlicher +zu mir, und es war, als ob das inwendige Vermögen +meiner Seele eine neue Kraft gewonnen hätte. +Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir +der Frühling, und wie von einem Gefühl stiller aber starker +Freude am Leben und allen Werken des HErrn ward +mein Gemüth beschwingt. Daß solches Alles eine Folge +von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des Mägdleins +auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer +Nähe hätte kein Mensch traurig bleiben können oder +Arges hegen! Und an der Anhänglichkeit, mit welcher +alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan war, konnte +man die Macht der Unschuld und Güte ersehen, zumal +wenn zu ihr holde Gestalt und fröhliche Jugend sich +gesellt. Keiner hätt’ es vermocht, sie zu betrüben, und +Helmbold, dem der Graf (er hatte bald nach meiner Ankunft +wieder die Burg verlassen) ihren Dienst zugewiesen, +<!-- Page 89 --><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">89</a></span> +sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine höchste +Ehre und Freude an. Von ihm erfuhr ich, daß Irmela +schon in früher Kindheit, da sie Waise geworden, von +ihrem Ohm aufgenommen und zwar fern von der +großen Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe unterrichtet +und erzogen wäre. Alsdann betheuerte der +Alte, wie mit ihr ein neuer Tag des Glücks für Alle, +sonderlich für den Grafen in der abgeschiedenen Burg +aufgegangen wäre und wie trübselig es hergehen würde +auf Elzeburg, wenn das Fräulein einmal da nicht mehr +weilte. Und gewiß ein edler Freiersmann würde sich +bald genug finden, wenn sie nur erst hinausgeführt +sein würde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar wenig +gesehen.</p> + +<p>So war denn auch sie wie ich ohne Vater und +Mutter aufgewachsen und in der engsten Umgebung, +und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch darin die +Gestalt ihres und meines Lebens überein. Wohl gern +hätt’ ich ihr die Wahrheit über mich gesagt; und daß +sie von mir, wenn auch unfreiwillig, getäuscht ward, +that mir oftmals leid, und der Vorwurf darüber legte +sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen +Maienzeit über meine Seele. Aber ich konnt’s doch +nimmer über’s Herz bringen, ihren immer sich gleich +bleibenden heiteren Sinn durch eine Mittheilung zu betrüben, +die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen mußte. +Zudem wär’ es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu +tragen. War es dennoch unrecht von mir, daß ich +mir den Trug, in den man mich hineingestoßen hatte, +gefallen ließ, ja hernach zu scheinen selber fortfuhr, +was ich nicht war: so weiß ich’s nicht und will’s nicht +widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine +<!-- Page 90 --><span +class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">90</a></span> +tiefe Kluft von einander geschieden, aber in des Menschen +Gemüth liegt oft Beides gar nahe bei einander.</p> + +<p>Indessen wuchs ich täglich mehr in den Singerstand +hinein, dem ich zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen +gelang es mir zu größlichem Lobe meiner +Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen +Freude; ja es regte sich in mir auch die Lust, selbst +ein Lied zu ersinnen nach der Art derer, die in Irmela’s +Buche geschrieben stunden und eine Weise dazu zu +suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das Mägdlein +an der Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen, +gegeben hatte, nicht ohne Noth irre würde. +Aber da sie öftermalen in mich drang, aus dem, wie +sie meinte, großen Vorrath meiner Kunst doch endlich +ihr etliche Probestücklein herfürzulangen, so durft’ ich +nicht gänzlich ungefüge sein, noch ihr Mißtrauen erwecken.</p> + +<p>»Laßt mich doch nun einmal die Worte eines +Liedes hören«, bat sie einst, als ich Griffel und Pinsel +zusammenlegte, womit ich die Siegfrieds-Aventiure nach +Kräften geziert hatte, »das Ihr auf Euren Fahrten +sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten +Euch zumeist Beifall eingetragen.«</p> + +<p>Da erwiedert’ ich: »Jungfräulein, laßt mich darüber +sinnen und morgen will ich Eurem Wunsch genügen, +wie ich kann.«</p> + +<p>Tags darauf bracht’ ich ihr, zierlich auf ein Blättlein +geschrieben, ein Lied, das ich erdacht hatte.</p> + +<p>So giengen die Worte:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ein Vöglein sang so wohl hienacht<br/></span> +<span class="i0">Und lockt’ und rief;<br/></span> +<span class="i0">Ich hatt’ des Sanges wenig Acht<br/></span> +<span class="i0">Und schlief und schlief. + +<!-- Page 91 --><span class= +'pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">91</a></span><br/></span> +<span class="i0">Doch mir im Traume bracht’ er nah<br/></span> +<span class="i0">Ein süßes Bild;<br/></span> +<span class="i0">Ach, all mein Sehnen wurde da<br/></span> +<span class="i0">Gestillt, gestillt.<br/></span> +<span class="i0">Doch es zerfloß im Morgenlicht;<br/></span> +<span class="i0">In Fern und Näh’<br/></span> +<span class="i0">Irr’ ich nun um und ruhe nicht<br/></span> +<span class="i0">Und späh’ und späh’. –<br/></span> +<span class="i0">Mach wieder, süßes Vögelein,<br/></span> +<span class="i0">Den Träumer froh:<br/></span> +<span class="i0">Wo wohnest Du, in welchem Hain,<br/></span> +<span class="i0">Ach wo, ach wo?<br/></span> +<span class="i0">Vom Suchen bin ich worden krank –<br/></span> +<span class="i0">Sag’ an, sag’ an:<br/></span> +<span class="i0">Wann hör’ ich wieder Deinem Sang,<br/></span> +<span class="i0">Ach wann? ach wann?«<br/></span> +</div></div> + + +<div class="textbody"> +<p>»Wohl«, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen +hatte. »Die Worte gefallen mir, und wenn auch +die Weise eben klingt, so will ich das Lied von Euch +lernen. – Ich denke«, fuhr sie fort, »Ihr müsset nun +bald vermögen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die +Laute erklingen zu lassen. Wollt Ihr’s nicht jetzt +versuchen?«</p> + +<p>Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen, +beugte sie sich wieder zu dem Werke, das sie +unter den Händen hatte. Es war ein köstlich Gewand, +wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn tragen. +Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen hätte, dem +Mägdlein vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte, +ich aber in Noth war, was ich auf ihre Bitte +erwiedern sollte, ohne ihre Unzufriedenheit zu erregen, +so fiel mein Blick auf das kunstreiche Thun ihrer feinen +Hände. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken, +fragt’ ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, für +wen und wozu es wohl bestimmt wäre. Da sah sie +<!-- Page 92 --><span +class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">92</a></span> +mich fest an und sagte: »Ja, Meister Diether! solltet +von uns Beiden nur Ihr ein Geheimniß haben?«</p> + +<p>Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, faßte +mich aber und fragte mit verwunderter Miene zurück: +»Jungfräulein, welches?«</p> + +<p>»Wie, Lehrmeister!« hub sie da wieder an, »Ihr +wähnet doch nicht, daß ich meine, Ihr habt mir damals +Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt? Gewiß, +einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es +nicht und wenn ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg +daran gebunden sein! Nein, mit dem Singen, +das Ihr mich nicht wollt hören lassen, hat es eine besondere +Bewandniß.«</p> + +<p>»Nun ja!« erwiedert’ ich noch immer nicht ohne +Unruhe des Gemüthes, »weil es doch vergeblich ist, +Euch etwas vorzuwenden: daß ich mit Singen Euch +nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche Ursach’ +davon hab’ ich Euch verschwiegen. Doch zürnet +mir darum nicht, denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit +geschehen oder Eigensinn.«</p> + +<p>Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz +fröhlich an und sagte begütigend: »Seid deß sorgenohne, +Meister! Bin ich gleich Evens Tochter, so gelüstet’s +nach Eurem Geheimniß mich nicht so sehr, wie Ihr +zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein böser +Argwohn. Aber nun sagt mir zur Stunde: wann +werd’ ich Euch das Lied zur Laute singen hören, das +Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein +Gelübde, daß Ihr der Übung Eurer Kunst auf Elzeburg +völlig widersagt habt? – Wenn’s nicht der Fall +ist, Meister Diether«, setzte sie hinzu und schickte sich +<!-- Page 93 +--><span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">93</a></span> +wieder zu ihrer Arbeit, »so laßt mich auf Euer Singen +nicht länger harren, als bis Ihr das Geheimniß hiervon +– sie wies auf ihr Werk hin – erfahren habt. +Noch bleibt’s Euch eines und«, schloß sie scherzend, »geduldet +Euch, so gut Ihr könnt.«</p> + +<p>Es war, denk’ ich, nur wenige Tage nach diesem +Gespräch, als wir an der gewohnten Stelle uns wieder +gegeneinander über saßen. Durchsichtig im Strahl der +hellen Junisonne leuchtete das grüne Laub, das uns +überhieng, und wo es den Himmel durchließ, schimmerte +er in tiefem glänzendem Blau; um uns her blühten +die ersten Rosen und mischten ihren Duft mit dem +des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in +ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise +Schatten einer Wolke über Thal und Gebirg, die selbst +glänzend das Licht der Junisonne zugleich wiederstrahlte +und milderte, wie die Cherubinen die Herrlichkeit der +göttlichen Majestät abglänzen zugleich und verhüllen, +deren Thron sie umgeben.</p> + +<p>Ja, es war über alle Gottescreatur jene friedliche +und selige Ruhe ausgebreitet, wie sie wohl ein +schwacher Wiederschein sein mag des Schöpfungssabbaths +am Anfang, den Gott der HErr heiligte und segnete, +da Er selber ruhte und die Morgensterne Ihn lobten +und Ihm zujauchzten alle Kinder Gottes. Nur das +Gesumme der nimmer ruhenden Immen und im Sonnenschein +spielender Thierlein mit buntem Flügelkleid traf +unser Ohr und zuweilen vom Thal herauf der Ruf +der Ammer, der immer so wohl in die Sommerstille +hineintönt.</p> + +<p>Wir saßen schweigend, Jeder über seinem Werk. +Doch konnt’ ich’s nicht lassen, unterweilen mit Bewunderung +<!-- Page 94 --><span +class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">94</a></span> +zu ihr hinüberzublicken, wie sie gesenkten Hauptes +mit kunstreichen Fingern gar emsiglich den zarten Faden zog.</p> + +<p>Da erscholl ganz nah aus dem Gebüsch der laute +Gesang der Nachtigall. So lieblich-plötzlich ward die +vorige Stille unterbrochen, daß wir Beide unwillkürlich +aufsahen und lauschten. Wie mit frohem Jubel klangen +zuerst hell die Töne, danach wandelten sie sich wie in +ein dumpfes Schluchzen und verhallten endlich langsam +und leise.</p> + +<p>Schweigend sah Irmela vor sich hin, dann sagte +sie nachdenklich: »Wer doch der Vogelsprache kundig +wäre, wie Salomo!«</p> + +<p>»Vielleicht«, versetzte ich, »machten uns ihre Geheimnisse +selten froh.«</p> + +<p>»Aber die der Nachtigall zu verstehen«, meinte +das Mägdlein, »dünkt mich doch ein selig Ding sein. +Sie ist doch alles Gesanges Meisterin. – Habt Ihr +auch davon gehört, Meister Diether, daß sie mit der +Gewalt ihrer Töne ihre Brut hervorlocke aus dem Ei +in Licht und Leben, und also dies Vöglein selber sein +Dasein der Macht des süßen Gesanges verdanke?«</p> + +<p>»Wohl hab’ ich davon gehört«, sagt’ ich. »Die +Creatur Gottes ist überall voll tiefer Wunder.«</p> + +<p>Ein Windhauch rauschte durch die Büsche und +schüttete die Fülle weißer Fliederblüthen just über das +liebe Mägdlein, so daß sie vom Haupt bis hernieder +zu den Füßen mit den schimmernden Sternlein bestreut +ward.</p> + +<p>»Seht«, rief ich da, wie sie mit Lächeln sich betrachtete, +»hat sich das nicht wunderbar gefügt, und +sollen wir nicht wähnen: Frau Nachtigall habe Euch +grüßen wollen und habe die duftenden Blüthen ermahnt, +<!-- Page 95 --><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">95</a></span> +ein Gleiches zu thun? Euch huldigt heute der +Frühling auf’s Beste!«</p> + +<p>»Nun wahrlich«, sagte sie darauf heiter, »wer ließe +solchen Schnee im Lenz sich nicht gefallen? Er ist eine +Erinnerung an den rauhen Winter, die nimmer Wehe +thut. Zu Rom, so ward mir erzählt, haben sie eine +Kirche, die trägt von »der h. Maria zum Schnee« ihren +Namen. Vielleicht, Meister, mag es Euch thöricht +dünken: aber ich stelle mir da die hehre Gottesmutter +auch so im Blüthenschnee für, und es scheint mir ein +gar lieblich Bild.«</p> + +<p>Wie ward ich ungedacht durch solche Rede gemahnt +an meine Sache! Ein gepriesenes Bild Unsrer lieben +Frau heimzubringen in’s Kloster war ich ausgezogen +und auf wie andere Bahn war ich nun gerathen! +Drob erschrak ich; und doch, vermochte irgend ein +Meister mir ein Bild gegenüber zu stellen, für Sinn und +Seele zu so hoher Freude der Betrachtung als diese +liebliche Gestalt des Mägdleins vor mir? War ich +denn ausgesandt nach einem hochpreislichen Gegenstand +edler Kunst – konnt’ ich in der Welt ein edler Ziel +finden, als ich hier angetroffen hatte? So ergriff mich +denn der Wunsch, des Mägdleins Bild, wie ich es vor mir +erschaute, nach Vermögen fest zu halten, wär’ es auch +nur zu eignem Erinnern. Denn ach! Damals fiel es +mir schwerer als sonst auf das Herz, daß es von Elzeburg +geschieden sein mußte, und ich schon zu lange +hinausgeschoben hatte, was doch unabwendig war.</p> + +<p>Gern war es das Mägdlein bereit, daß ich mich +sogleich anschickte, wie Ort und Zeit es zuließ, ihr +Bildniß zu entwerfen. Während ich mit Stift und +Pinsel geschäftig war, Alles, wie ich es sah, das +<!-- Page 96 --><span +class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">96</a></span> +Mägdlein, die Pracht des Gartens um sie her und +den hellen Himmel über ihr in allen Treuen auf mein +Papier zu bringen, pflog sie nach ihrer Art munterer +Rede. Aber mir wuchs unter meinem Thun die Herzensschwere. +Immer lauter tönte in meiner Seele der Ruf: +»Diether, was weilest du noch hier, besinne dich, wer +du bist, und mach dich hinweg!« – immer drückender +legte sich die Frage auf mein Gemüth: wie ich hinwegzuziehen +vermögen würde, ohne auf Elzeburg die Leute, +sonderlich Irmela, an mir irre zu machen. Ich fand da +keinen Ausweg und nur das Gefühl blieb zurück, daß +das Bildniß, an dem ich da schaffte, den Abschied bedeutete, +den ich nehmen mußte aber nicht zu sagen wagte. +So von mancherlei Gedanken bestürmt, förderte ich +schweigend mein Werk und hinter meinem eifrigen Thun +suchte ich vor dem Jungfräulein meinen sorgenhaften +Sinn zu verbergen. Aber sie war wohl in meinen +Mienen der ungewohnten Traurigkeit gewahr worden, +und so ward auch sie schweigsam. Wie in stilles Wundern +versunken, sah sie vor sich nieder, wenn ich meinen +Blick auf sie richtete, um ihr Conterfey zu gewinnen. +Die Nachmittagssonne war nun mehrere Stunden gen +Abend gerückt, als ich es, so weit es nöthig war, +vollendet hatte. Ich reichte ihr das Bild.</p> + +<p>»So will ich ihm denn auch seine Unterschrift setzen!« +sagte sie, nachdem sie es betrachtet hatte. Sie nahm +den Griffel, schrieb damit auf das Blatt und gab es +mir zurück. Ich las: »Irmela zum Schnee!«</p> + +<p>»Ja!« rief ich bewegt, »so walte es der reiche +Gott vom Himmel, daß nie kein andrer Schnee in die +Lenzzeit Eures Lebens falle als der Euch so mit duftenden +Blüthen bestreut, und unselig immer sei die +<!-- Page 97 --><span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">97</a></span> +Hand, die Euch auch nur Eine zerdrückt, an der Ihr +Freude habt.«</p> + +<p>»So wohl mir Eures Wunsches«, sagte sie ruhig. +»Ich denk’ auch nicht, daß ich Jemand wüßte, von dem +mir Harm kommen sollte.«</p> + +<p>»Und auch von mir, Jungfräulein«, sprach ich da, +»denket das nimmer!«</p> + +<p>»Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von +wegen des Liedes, den Ihr mir gabt«, sagte sie lachend. +– »Doch nun, Meister«, fuhr sie fort, »laßt mich auch +die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch niedergeschrieben +und mit Eurer Kunst geziert habt.«</p> + +<p>Sie trat zu mir herüber und beugte sich über die +Blätter. Es war die Aventiure: <em class="antiqua">Wie Sifrid Kriemhilde +alrêrste ersach</em>. Da stunden die Worte:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut.<br/></span> +<span class="i0">Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid,<br/></span> +<span class="i0">Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn:<br +/></span> +<span class="i0">Minniglicher Weise sie grüßte Siegfrieden +schön.<br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah,<br/></span> +<span class="i0">Da erglühte seine Farbe; die Schöne sagte da:<br +/></span> +<span class="i0">»Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter +gut.«<br/></span> +<span class="i0">Da ward ihm von dem Gruße wohl erhöhet der +Muth.<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Wie sie das las, hatte von ungefähr ihre Hand +die meine über dem Buch berührt, ich spürte ihren Odem +an meiner Wange und fühlte das Geflecht ihrer Haare +an meinem Schlaf. Aber das währte nur einen kurzen +Augenblick; es war, als hätte ich nur geträumt. Wieder +stund sie vor mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein +klarer Spiegel ihres schuldlos heiteren Gemüthes, nur +daß es mir schien, als hätte sich der Lieblichkeit ihres +Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt. +</p> + +<p><!-- Page 98 --><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">98</a></span> +»Ich muß nun eilen, Meister«, sagte sie freundlich. +»Der Abend kommt und schon zu lange wird man +droben meiner harren.«</p> + +<p>Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr +nach, wie sie die Laubgänge des Gartens dahin wandelte +und die Stufen zur Burghofspforte leichtschreitend hinanstieg. +Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng +zögernd und langsam wie Einer, der sich zu einem +Entschluß gedrängt sieht, von dem Neigung und Wunsch +ihn zurückhalten. Wie sehr diese mir zum Bleiben +auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder +wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten, +beides war mir heute wie von ungefähr vor die Seele +gehalten. Es war ein schmerzlicher Widerstreit in ihr. +Aber wagt auch eines Jünglings Muth und Wille +in’s Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald +ich nur ein Wenig mich besann, diese ganze Welt, in +die mich unversehens ein Irrthum geworfen, auf ewig +verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt’ ich hier +eine Stätte und auf der weiten Erde nur <em class="gesperrt">eine</em> Heimath, +das Kloster, in dem ich erzogen und für das ich bestimmt +war. War es nicht die höchste Zeit, mich +dahin wieder aufzumachen und mir genügen zu lassen +wie an des Mägdleins Bilde, das ich durch eine +freundliche Fügung erlangt hatte, so am Bild all’ meines +Erlebnisses – nämlich an seiner Erinnerung?</p> + +<p>Solches bedacht’ ich oben in meinem Gemach, dahin +ich mich begeben hatte, und heute noch nahm ich mir +vor von dannen zu ziehen, sollte es auch fluchtweise +geschehen müssen. Aber leider die Einsicht in das, was +uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu +folgen, bringt nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches +<!-- Page 99 --><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">99</a></span> +sein Widersprechen, sei es nun seiner Schwäche oder +seines Trotzes ein Beweis, dünkt mich des menschlichen +Elends häufigster Ursprung.</p> + +<p>So sah ich nun mit gar trüben Blicken, unterm +Fensterbogen sitzend, in das Thal und über die Berge +hin, welche die heitere Sonne mit goldnem Dufte bekrönte. +Eine Landschaft, die wir zum ersten Male +erschauen, prägt sich tief in unser Gemüth, aber ich +wähne: tiefer noch haftet der Anblick in der Seele, +von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns zum +letzten Mal. – Zum letzten Mal! welch’ tiefe Schwermuth +von solchem Wort über unsere Seele fließt, das +erfuhr ich in jener stillen Abendstunde. Aber siehe! da +gerieth mir die Kunst, die ich auf Elzeburg von dem +Mägdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche +Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir +über die Lippen, und ungesucht, als vernähme sie mein +Ohr, kamen mir auch die Töne zu dem Liede, das +ich für Irmela aufgeschrieben hatte.</p> + +<p>Schon senkten sich unten über das Wiesenthal +tiefer die Schatten und der kühler von den Bergen +her wehende Hauch mahnte mich an den vergehenden +Tag, und daß, wenn der nächste anbräche, ich von +hinnen sein müßte. Da man schon seit lange sich von +mir keiner Flucht gewahrte, so ward ich auch nicht +mehr gehalten wie ein Gefangener, und ich konnte +gewiß sein, daß manche Stunde vergehen würde, bevor +man sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das +Bild des Mägdleins nahm ich zu mir und war entschlossen, +nach dem Abendimbiß mir eine Gelegenheit +zum unbemerkten Enteilen zu ersehen.</p> + +<p>Da trat Helmbold in’s Gemach.</p> + +<p><!-- Page 100 --><span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">100</a></span> +»Ich bin Euch«, sprach er nach freundlichem Gruß, +»ein Bringer unerwarteter und, wie ich wähne, froher +Zeitung, auch komm’ ich Euch als Bote nicht mit leeren +Händen. Seht hier die Gabe, die Euch das Fräulein +reichen läßt zugleich als Lohn, den Euch mein Herr, +der Graf, bestimmt hat für den Dienst, mit dem Ihr +ihm zu Willen gewesen seid.«</p> + +<p>Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich +Irmela hatte zurüsten sehen. Wie ich’s verwundert und +verwirrt in Händen hielt, fuhr Helmbold fort: »Die +Zeitung ist aber diese, daß Briefe gekommen sind vom +Grafen, darin er anzeigt, daß er gen Speyer zieht, allda +längere Zeit zu verweilen, und daß er dabei aus besonderer +Ursach seine Nichte an den Hof des Bischofs +zu führen gedenkt. Euch nun, Meister, will er Eurer +Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei – und +daß Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als +die waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt, +brauch’ er Euch nicht zu mahnen. Wäret Ihr +aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er Euch als +Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen +zu Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen +Kunst, mit Feder und Schrift umzugehen, Euch +ehrlich halten. – Wenn Ihr dann, Meister, solch’ +gnädig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir +und etlichen Knechten zusammen zu ihm stoßen in +Bretten, allwo er jetzo in kaiserlichen Geschäften weilt +und Eures Dienstes sogleich brauchen kann. Aber +eiligen Auftrag hab’ ich von ihm und so dürfen wir +nicht säumen; noch heute müssen wir reiten. Habt Ihr +doch nun nicht umsonst von mir gelernet im Sattel sitzen.«</p> + +<p>»Guter Helmbold«, erwiedert’ ich, »es ist so; Eure +<!-- Page 101 --><span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">101</a></span> +Botschaft ist mir hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch. +Über Anderes, was ich meine und sinne, laßt mich zu +Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.«</p> + +<p>»Wohl denn«, versetzte er darauf, indem er noch +im Gehen auf das mir geschenkte Gewand deutete, »so +macht Euch fertig; sobald der Troß zugerüstet ist, +müssen wir auf sein!«</p> + +<p>Schon drang der Wiederhall der Geschäftigkeit, +die bald in der Burg laut ward, in mein Ohr und +mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte ich das Kleid +an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war. +Darnach trieb es mich noch einmal, die Stätten der +Burg zu besuchen. Wo die Leute mich sahen, riefen +sie mir gutes Wort zum Abschied zu; denn sie hatten +schon erfahren, daß ich mitzöge. Ich kam an die +Gartenpforte, öffnete sie und stieg die Stufen hinab. +Die Sonne war nun lang hinunter und das Dämmerlicht +der Juninacht umhüllte Laub und Blüthen. Süßer +Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die +Blätter, die ich streifte, netzten mir die Schläfe mit kühlem +Thau. Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten +Stelle. Dort saß ich nieder und sah hinaus in die +nächtliche Stille. Tiefer Friede wehte mich von aller +Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und Nähe +zusammenflössen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre +eigne Schönheit verbärge, damit nur die Macht, Weisheit +und Güte des Ewigen verherrlicht würde, der sie alle zu +seiner Ehre geschaffen. Da gedacht’ ich daran, daß es +auch des Menschen bestes Theil und reinste Seligkeit wäre, +für sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur ganz +in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, daß für alle +Herzensfreude, die mir je geworden, ich Ihm die Ehre +<!-- Page 102 --><span +class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">102</a></span> +schuldig wäre, und daß ich Ihm gerne dienen wollte +nach Seinem Willen in allem Gehorsam.</p> + +<p>Über solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf +dem Tisch die Laute des Mägdleins. Aus dem Dunkel +um mich her trat ihr Bild glänzend vor meine Seele. +Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die +Weise von vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht +hatte, als das Lied entstanden war, so flossen +nun meine Herzensgedanken mit Wort und Weise zusammen, +und wohl von Grund der Seele klang es +hinaus in die Stille:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Mach’ wieder, süßes Vögelein,<br/></span> +<span class="i0">Den Träumer froh;<br/></span> +<span class="i0">Wo wohnest Du, in welchem Hain,<br/></span> +<span class="i0">Ach wo? ach wo?<br/></span> +<span class="i0">Vom Suchen bin ich worden krank,<br/></span> +<span class="i0">Sag’ an, sag’ an!<br/></span> +<span class="i0">Wann hör’ ich wieder Deinen Sang,<br/></span> +<span class="i0">Ach wann? ach wann?<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Ja, zum Traumbild, das der Erwachte doch nicht +vergißt, ward Alles, was ich hier erlebt hatte, und der +wachende Träumer fühlte, es würde ihm nie wieder +erscheinen!</p> + +<p>Nun war der volle Mond über das Gebirge +emporgestiegen; von seinem Licht erblichen die Sterne +am wolkenlosen Himmel, aber ringsumher erblitzten in +seinem Strahl auf Blättern und Blüthen viel tausend +Tropfen. So war mir hier Irmela erschienen und +hatte über meine Seele und über die Welt um mich +her ein mildes, verklärendes Licht gebreitet. Leise trat +ich hinaus in den vollen Schein. Da vernahm ich +leichte Schritte, und dort, umglänzt vom leuchtenden +Gestirn, trat sie selbst hervor wie ein schimmerndes +<!-- Page 103 --><span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">103</a></span> +Traumbild. Als sie auf mich zukam, nahte ich mich +ihr mit ehrerbietigem Gruß und dankte ihr für die +reiche Gabe, mit der sie mich erfreut hatte.</p> + +<p>»Meister«, sagte sie gütig, »es ist nur die Antwort +auf Eure Frage um mein Geheimniß. Und ob Ihr +wohl Eures behalten habt, so seid Ihr doch nun auch +Eures Verspruchs ledig, denn wie er lautete, so habt +Ihr auf Euer Singen mich jetzt nicht länger harren +lassen. Ich hörte droben Euer Lied und das eben lockte +mich hierher. Wohlklingend ist die Weise, die Ihr +als die erste mir gesungen habt, doch gar traurig.«</p> + +<p>»Es hat auch die letzte sein sollen, Jungfräulein!« +erwiedert’ ich. »Ihr wißt, ich scheide heut’ von +Elzeburg.«</p> + +<p>»Aber doch nicht für immer«, fuhr sie fort. »Ich +denke, Ihr bleibt fortan in meines Oheims Dienst und +schon in Speyer nach wenigen Wochen verhoff’ ich Euch +bei ihm zu finden; denn zum Johannisfest hat er mich +dorthin beschieden.«</p> + +<p>»Wär’ es aber doch vom waltenden Gott anders +gefügt«, sagt’ ich wieder, »denn ungewiß von einem +Tag zum anderen ist des Menschen Vornehmen, so vergesset, +Jungfräulein, nicht meiner Bitte und denket +nimmer Arges von mir!«</p> + +<p>Da reichte sie mir die Hand und sprach: »Das +versprech’ ich Euch, Meister Diether! Aber ich achte, +Ihr seid zu besorglich und habt wohl noch Euer unsicher +fahrend Leben im Sinn. Nein, noch manch Lied +hoff’ ich Euch singen zu hören und manch fröhliches.«</p> + +<p>»Das walte der reiche Gott, daß frohen Gesanges +immer Euer Sinn begehre!« rief ich da.</p> + +<p>»Gott und Seine Engel geleiten Euch!« gab sie +<!-- Page 104 --><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">104</a></span> +zurück, ihre Hand löste sich aus der meinigen und flüchtigen +Schrittes eilte sie durch die Schattenwege der Pforte +zu. Dort im hellen Mondenlicht sah ich sie noch einmal +sich wenden, mir den Scheidegruß zu winken. Dann +war ich allein. –</p> + +<p>Um Mitternacht brachen wir auf zur Fahrt, so +viel ihrer Helmbold zur Reise sich ausersehen hatte. +Der Hof hallte wieder von den Rufen der Scheidenden. +Als wir durch das Thor über die Brücke zogen, stieß +der Thürmer in’s Horn und der Gesang erscholl: »In +Gottes Namen fahren wir.«</p> + +<p>Unten im Thal ließ ich die Anderen hindann reiten +und blieb an der Lichtung zurück, von wo aus man +die Burg droben liegen sah. Hell erglänzten Dächer +und Zinnen im Spiegellicht des Mondes. Aber wo +aus kleinem Fenster durch tiefen Schatten ein Lichtschein +herniederdrang, dahin richtete ich unverwandt meinen +Blick.</p> + +<p>Darauf lenkte ich mein Roß herum und sang leise +im Weiterreiten:</p></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Sag’ an, sag’ an!<br/></span> +<span class="i0">Wann hör’ ich wieder Deinen Sang,<br/></span> +<span class="i0">Ach wann? ach wann?<br/></span> +</div></div> + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/104_vignette.png" alt = "" /></p> + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<!-- Page 105 --><p><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105"> +105</a></span></p> +<h2><a name="Funftes_Capitel" id="Funftes_Capitel"></a>Fünftes +Capitel.</h2> + +<h1>Heimfahrt.</h1> + + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> + +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/105_u.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">U</span>nsere Reise führte uns ebendenselben Weg +zurück, auf dem ich vor wenigen Wochen +unter vermeldeten sonderbarlichen Umständen +und wider meinen Willen gen Elzeburg +gebracht war. Kein Wunder wär’s gewesen, wenn ich +das nicht bemerkt hätte; denn wie gar anders sah +mich heut’ die Welt an und ich sie! Aber wenn auch +der liebe Mond so viel heiterer vom wolkenlosen +Himmel durch das Laubdach der Bäume zu mir herniedersah +denn damals, als ich fast erschrak bei seinem +Anblick, und sein heller Schein schier lauter lichte +Bilder vor meine Augen brachte: die vom sommerlichen +Nebel silbern erschimmernden Waldwiesen, den +fröhlichen Zug meiner mannlichen Reisegesellen und +endlich mich selber hoch zu Roß und zierlich geschmückt: +ich erkannte wohl die Stätte meines vormaligen trübseligen +Abenteuers wieder und dachte nur bei mir +selber ganz fröhlich: »Was gilt’s, die Welt hier außen +hat seitdem Pracht angezogen und ich auch!«</p> + +<div class="textbody"><p>Weil denn nun bei mir allerdinge beschlossen war, +(auch mir der Gedanke nicht kam, es könnte nicht geschehen) +<!-- Page 106 --><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">106</a></span> +in mein Kloster heimzukehren, so überließ ich +mich der stattlichen Freiheit, deren ich hie genoß, mit +rechter Lust, und je ferner Elzeburg hinter uns wich, +desto mehr wich auch meine nachdenksame Schweigsamkeit, +und ich gesellte mich den Andern zu, ritt und +redete mit ihnen, als wär’ ich des Dinges längst +gewohnt.</p> + +<p>»He!« rief da Helmbold mir zu und lenkte sein +Roß an meine Seite; »das thut mir heut’ noch sanft, +daß wir Euch dazumal nicht haben entwischen lassen; +denn, Meister Diether, man ersieht’s wohl, Euch geliebt’s +viel mehr mit Graf Eberhard’s Leuten hier durch den +grünen Wald zu reiten, als bei den Waibstädtern zu +liegen. Und traun! uns auch. Ihr seid uns Allen +ein werther Reisegesell’, und auch ein wackerer Reitersmann +seid Ihr worden.«</p> + +<p>Das bekräftigten die Anderen einmüthig, und +Einer sagte, solcher Gewalt und Gefangenschaft, wie +ich sie erlitten hätte, würd’ er auch nicht gram sein.</p> + +<p>Da entstund ein Gelächter, und ich lachte auch +und sagte: »Mit den Städtern wär’ ich wohl noch +allein fertig worden und von der Waibstädter Herberge +frei geblieben ohne die Elzeburger.«</p> + +<p>»Ja freilich«, sagte Helmbold wieder, »frei wie +der Vogel in der Luft und das Wild im Busch immer +auf der Flucht ohne Nest und Rast!«</p> + +<p>»O«, erwiederte ich munter, »Ihr scheltet mir mein +früher Leben zur Ungebühr; es war ganz anders, als +Ihr denket und weit so elend nicht.«</p> + +<p>»Hört Ihr’s?« rief da Helmbold wieder. »Er +hat die Lust zum fahrenden Wesen noch in den +<!-- Page 107 --><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">107</a></span> +Gliedern, und gebt Acht, ’s ist ihm schon leid auf des +Grafen Roß, schliche lieber zu Fuß.«</p> + +<p>»Hm«, sagt’ ich ärgerlich, »was nicht reitet, das +gilt Euch nichts.«</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ein Mann, sitzt er nur hoch zu Pferd,<br/></span> +<span class="i0">Dünkt zwier sich mehr als Andre werth!«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»So ist’s recht!« rief da Helmbold wieder mit +Lachen. »Jetzt, Diether, kommt Ihr auf Eure Kunst. +Und weil sie trefflich geschickt ist, den Weg zu kürzen, +so ist’s billig, daß wir des Singemeisters in unserer +Mitte genießen. Hebt denn an und laßt uns etwas +hören!«</p> + +<p>Da stimmten sie alle zu: »Ja, Diether! singt uns +vor und herzhaft.«</p> + +<p>Weil sie also anhielten, einen Gesang zu heischen, +so that ich ihnen den Willen und sang</p> +</div> + +<p> </p> +<h3>Das Lied vom Schützen Oswald.</h3> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Und hätt’ ich gegriffen ihn nicht in der +Schlucht<br/></span> +<span class="i0">Mit Listen: noch wär’ ich vor ihm auf der Flucht;<br +/></span> +<span class="i2">Geweiht<br/></span> +<span class="i0">War dem Tode zu jeglicher Zeit,<br/></span> +<span class="i0">Was lebend sein Pfeil zum Ziel sich ersah,<br/></span> +<span class="i2">Ob fern, ob nah:<br/></span> +<span class="i0">Den Hirsch im Sprung und den Aar im Flug,<br/></span> +<span class="i0">Herr Oswald der Schütz traf ihn gut genug.<br/> +</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Nun liegt er gefangen im tiefen Thurm,<br/></span> +<span class="i0">Umkrächzt von den Krähen, umheult vom Sturm,<br +/></span> +<span class="i2">Und aus<br/></span> +<span class="i0">Stach ich ihm (baß schmeckt nun der Schmaus<br/> +</span> +<span class="i0">Und ungekränkt trag’ ich die Grafenkron’)<br/></span +> +<span class="i2">Die Augen zum Hohn;«<br/></span> +<span class="i0">Graf Otto ruft’s laut. »Ich sag’s Euch mit Fug,<br/> +</span> +<span class="i0">Herr Oswald der Schütze traf gut genug.«<!-- +Page 108 --><span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">108 +</a></span><br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Und der Graf ruft wieder, »daß Wahrheit dies: +<br/></span> +<span class="i0">Auf, holt mir den Schützen hervor vom Verließ! +<br/></span> +<span class="i2">Wohlan!<br/></span> +<span class="i0">Herr Oswald, du blinder Mann,<br/></span> +<span class="i0">Deine Augen zwar sind Dir nun nimmer zu Dank,<br/></span> +<span class="i0">Doch das Ohr merkt den Klang.<br/></span> +<span class="i0">Nun hab’ mir wohl Acht, wie ich schlage +den <ins class="correction" title="Komma ergänzt">Krug,</ins><br/> +</span> +<span class="i0">Ziel’, Oswald, und schieß und triff gut +genug!«<br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Und Oswald lauscht, wo der Klang herkam,<br/></span> +<span class="i0">Er lauscht auch, woher er die Stimme vernahm.<br/></span> +<span class="i2">Die Hand,<br/></span> +<span class="i0">Schon hat sie den Bogen gespannt –<br/></span> +<span class="i0">Hui, schwirrt von der Sehne der Pfeil durch den Saal!<br/></span> +<span class="i0">Mit Geschrei sinkt zu Thal<br/></span> +<span class="i0">Graf Otto, getroffen in’s Herz. »’S war kein Trug, +<br/></span> +<span class="i0">Weh, Oswald du Schütze, trafst gut genug!«<br/></span> +</div></div> +<p> </p> + +<div class="textbody"> +<p>Als ich geendet hatte, bezeugten sie Alle: Ja, +das wär’ ein tapfer Lied! und den Sänger lobten sie +ausbündig und sagten auch dabei, es wäre doch eine +auserwählte Kunst, der ich gedienet hätte.</p> + +<p>Unter so gethaner Kurzweil gieng die Nacht bald +herum und weil wir auch im Reiten nicht laß gewesen +waren, so hatten wir, als wir früh das Morgenlied +anstimmten: »Der Tag vertreibt die finstre Nacht«, +schon manch’ gute Meile hinter uns. Den Tag über, +der sehr heiß ward, hielten wir Rast, und erst mit der +Abendkühle saßen wir wieder auf. Alle aus dem Troß +sahen mich an als einen der Ihren und ich hielt mich +auch so. Zwar dacht’ ich öftermalen, mich Helmbolden +zu offenbaren und gefügen Abschied von ihnen +zu nehmen, wie ich mir solches zu thun auch von Anfang +der Reise an vorgesetzt hatte. Aber es war immer, +als könnt’ ich den Weg zu solchem Geständniß gegen +<!-- Page 109 --><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">109</a></span> +ihn nicht finden, und eh’ ich mich’s versah, war er +oder ein Anderer mit einer Scherzrede dazwischen, auf +welche ich dann auch (der frohe Muth trieb mich dazu) +die scherzende Antwort nicht schuldig blieb. Und so +sah ich’s denn zum zweiten Mal licht Morgen werden, +als ich zwar Albrecht’s Abtei ein erheblich Theil näher +war denn Tage zuvor, aber dafür noch ebenso fest +auf des Grafen Pferd saß und so dicht unter seine +Leute gemengt, daß ich schier selber nicht wußte, wie +ich mir heraushelfen sollte und beinah’ wünschte, es +sprengte uns wieder unversehens eine Aventiure auseinander, +wie vormals den fahrenden Leuten und mir +geschehen war.</p> + +<p>Aber dergleichen begab sich nichts, und weil wir +just wieder durch dichten Wald ritten, den ich von +Brun’s Begleitung her wohl wieder erkannte, so gedacht’ +ich hier, da es doch einmal geschehen müßte, +mich von ihnen zu reißen und für’s Erste zu Brun zu +entfliehen. Ich erspähte mir also die Gelegenheit und +ritt, als geschäh’ es von Ungefähr, dem Troß eine +gute Strecke voraus, wo der Weg sich krümmte, bis +ich vor ihrer Aller Augen entschwunden war. Da +saß ich eilend ab, band mein Roß an den Ast des +nächsten Baumes und sprang flugs waldein, wo Gebüsch +und Gezweig am dichtesten mich verbargen. +Zuvor aber hatte ich unvermerkt an den Sattelknopf +meines Thieres ein Blättlein geheftet, darauf mein +Abschiedsspruch zu lesen stund:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nicht weiter folgt Euch Diether mehr,<br/></span> +<span class="i0">Und sang<br/></span> +<span class="i0">Er je, trugt Ihr darnach Begehr,<br/></span> +<span class="i0">Zu Dank,<!-- Page 110 --><span class='pagenum'><a name= +"Page_110" id="Page_110">110</a></span><br/></span> +<span class="i0">So forschet nicht –<br/></span> +<span class="i0">Dieweil er schied<br/></span> +<span class="i0">Mit Weh –<br/></span> +<span class="i0">Wohin?<br/></span> +<span class="i0">Ihn ruft die Pflicht,<br/></span> +<span class="i0">Ernst klingt das Lied:<br/></span> +<span class="i0">»Ade;<br/></span> +<span class="i0">Fahr’ hin!«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Es mochte gegen Mittag sein, als ich auf verschlungenen +Waldpfaden endlich in die Schlucht gelangt +war, von der ich wußte, daß von da St. Wigbert’s +Kirchlein nicht fern wäre. Wie war ich froh, da sich +die Halde vor mir aufthat und die beblümte Wiese +mit dem muntern Bergwässerlein, und mir von drüben +das Ziel meiner Flucht entgegenwinkte. Wohl klopfte +mein Herz stärker, je näher ich die Höhe zur Klause +hinanstieg, und die Unruhe meines Gemüths wuchs in +der Erwartung, welcherlei Weise mich Brun empfangen +würde, wenn er zuerst meiner ansichtig werden würde +in dieser Umwandlung. Darum hielt ich mir selbst +recht eifrig seine freundliche Zusage vor die Seele, mit +der er von mir schied, daß er all’zeit mit willigem +Herzen mich aufnehmen wolle, und was er sonst Liebreiches +damals zu mir gesprochen hatte.</p> + +<p>Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber +wie erschrak ich, als ich plötzlich hinter dichtem Gerank +von Waldreben und Geisblatt, das sich der Alte seitwärts +seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht +gezogen hatte, seine Stimme hörte, laut und fast heftig +wie von Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit +sich selbst zur Gewohnheit gemacht hat.</p> + +<p>»Wohl gesprochen, St. Augustine! <em class="antiqua">Pereant omnia +et dimittantur haec vana et inania! conferamus nos</em> +<!-- Page 111 --><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">111</a></span> +<em class="antiqua">ad solam inquisitionem veritatis! Vita haec misera, +mors incerta</em>.«<a name="FNanchor_A_1" id="FNanchor_A_1"></a> +<a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a></p> + +<div class="footnote"><a name="Footnote_A_1" id="Footnote_A_1"></a> +<a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[A]</span></a> +Hinweg mit all’ diesen eitlen und leeren Dingen! Die +Wahrheit allein laßt uns suchen. Dies Leben ist elend, die +Todesstunde ungewiß.</div> + +<p>»Hilf Gott!« sagt’ ich da zu mir selbst mit Bangen, +»ich höre mein Urtheil; wie werd’ ich vor ihm besteh’n, +wenn er so gemuthet ist!« Und zögernd schritt ich +vorwärts, während er fortfuhr lateinisch zu reden, wie +vorhin.</p> + +<p>Als ich seiner ansichtig ward, saß er tiefgebückt +über ein großes Buch, darin er eifrig las, als straft’ +und vermahnt’ er daraus sich selbst. Ich stund beinah’ +vor ihm und noch immer hatt’ er mein Kommen +nicht wahrgenommen. Endlich wagt’ ich’s und sprach, +aber zaghaft kam es heraus:</p> + +<p>»Gelobt sei Jesus Christus!«</p> + +<p>»In Ewigkeit, Amen«, fuhr er fort und hielt mit +seinem Finger die Stelle im Buche fest, bei der ich ihn +unterbrochen hatte. Dann erst sah er auf.</p> + +<p>»Wie!« rief er da mit höchstem Erstaunen, und +schob das Buch zur Seite. »Du, Diether? Du selbst? +Bist Du’s wirklich? Dich seh’ ich wieder und in solchem +Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur Sommerzeit; +oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so +sicher däuchtest, als ich Dich warnte?«</p> + +<p>»Und wie zierlich der Knabe aussieht«, fuhr er +fort, nachdem er mich wieder und wieder betrachtet, +»ein Herzog könnt’ sich mit Dir sehen lassen, so er +Dich in seinem Gefolg’ hätte, und mit Dir zu Hofe +ziehn. Aber nicht zu mir, Diether, mußt Du als ein +solcher kommen, wenn Du gelobt sein willst.«</p> + + +<p><!-- Page 112 --><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">112</a></span> +Streng sah er mich an, und dennoch war mir’s, +als hätt’ er ein Wohlgefallen an mir.</p> + +<p>»Ihr thut mir Unrecht, Brun«, sagt’ ich da, und +trat ihm einen Schritt näher, »Ihr thut mir zur +Wahrheit Unrecht, wenn Ihr wähnet, ich komme im +Übermuth zu Euch und zeige mich Euch in diesem +höfischen Kleide, weil ich bethört sei von der Welt +Eitelkeit. Sondern gedenket, wie Ihr einst selbst Eure +Klause mit des Erzvaters Noä Arche verglichet, da +Ihr mir Verirrtem eine Rast hier schufet vor des +Wetters Ungestüm. Heut’ gleich’ ich dem Täublein, +das draußen nirgend haften kann, mehr denn damals, +und bitte, schleußt vor dem Flüchtigen Euer Fenster +nicht zu!«</p> + +<p>»Aber«, sagte der Alte hinwieder mit einem +scharfen Blick auf mich, »Du hast das Ansehen nicht, +als hätte Dir die Welt bei Deinem ersten Ausflug +übel gelohnt und reute Dich der Dank, der Dir von +ihr geworden.«</p> + +<p>»O, Brun!« versetzte ich darauf. »Vergönnt mir +nur bei Euch wenige Tage zu weilen und mich zu +bergen; ein Anderes begehr’ ich nicht. Und wenn ich +Euch werde berichtet haben, was mir begegnet ist, so +werdet Ihr selbst erkennen, wie ich aus Noth in dieses +Kleid gekommen bin und nicht aus Fürwitz, und Ihr +werdet mir heim helfen, wohin mein Sinn steht, in’s +Kloster.«</p> + +<p>»Wie?« fragt’ er mit Staunen. »In’s Kloster +begehrst Du zurück?«</p> + +<p>»Ja, ich!« betheuert’ ich; »heim gen Maulbronn.«</p> + +<p>»Nun, Diether!« sprach da Brun, derweil er +aufstund und sich anschickte, mich in seine Hütte zu +<!-- Page 113 --><span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">113</a></span> +geleiten. »Traun! Seltsames muß sich zugetragen haben, +oder Du bist in Deinen Jahren gewitzigter als Viele, +wenn in so wenigen Wochen die Welt Dich Unerfahrenen +auf ihren Kloben pfeifen konnte, aber nicht länger +Dich festhalten, und Du schon gelernt hast, ihres Wesens +überdrüssig zu sein. Manch’ Einer lernt’s mit grauen +Haaren kaum! Doch komm und pflege Dein! Du +sollst mir hernach erzählen. Und vor wem Du Dich +auch zu bergen hast, sorge Dich nicht. St. Wigbert’s +Schutz ist gut, wem der einmal zugesagt worden ist.«</p> + +<p>So war ich denn den Tag über in seiner Klause, +und sanft that mir da die Ruh. Mein Wirth trug +auf’s Beste Sorge für mich und spähte fleißig, ob sich +Jemand nahte. Aber den Waldpfad entlang ward +nichts sichtbar, als etwa ein Wild, das zum Äsen +der Lichtung zuschritt aus dem Dickicht; und außer +durch das Geschrei des Hähers oder der Weihe droben +in der blauen Luft und den Gesang der Waldvögel +aus dem Erlengebüsch am Bach und dessen Rauschen +ward die Stille der Einsamkeit durch Nichts unterbrochen.</p> + +<p>Über das, was mit mir vorgegangen, vermied +Brun jede Frage. Aber als der Abend hereingekommen +war und der Alte droben zur Vesper geläutet hatte, +rief er mich hinaus und führte mich in seine Sommerlaube. +Dort hieß er mich erzählen, was ich erlebt +hätte, seit ich von ihm gezogen wäre. Da berichtete +ich die Aventiure mit den zween Fahrenden, und wie +ich durch sie um Klosterkleid und Briefe gekommen; +ich schilderte meinen Strauß mit den Städtern, wie sie +an mich wollten und ich mich ihrer erwehrte, ich erzählte +auch darnach von Elzeburg, wie ich wäre dahin +<!-- Page 114 --><span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">114</a></span> +gebracht worden, wie sie mich für einen fahrenden +Singemeister gehalten hätten und wie ich zuletzt mir +anders nicht Rath’s gewußt, als von der Heerstraße +hier zu ihm zu entweichen, daß ich bei ihm, so viel +es Noth wäre, stille läge und darnach ungesäumt +heimkehrte, woher ich ausgesandt.</p> + +<p>Als so mit der Erzählung mein Gemüth all’ den +Dingen nachgieng, wie sie sich zugetragen, wurden sie +selbst in meiner Seele wieder lebendig, als erlebt’ ich +sie zum zweiten Male. So trachtete ich denn auch +darnach, was ich zu schildern hatte, mit rechtem Nachdruck +meinem Zuhörer fürzustellen. Der, merkt’ ich +wohl, hatte so Seltsames zu hören sich nicht versehen, +und so bezeugt’ er mit Blick und Gebärde, welchen +Antheil er am Erzählen nähme und am Erzähler. Ja, +ich berichtete Alles, nur Eines, ich war mir selber nicht +wissend, welche Scheu mich davon abhielt, verschwieg +ich ihm. Ich sagt’ ihm nichts von Irmela und meinem +Schulhalten, sondern nur, wie ich hätte müssen die +Aventiure von Sifride niederschreiben für Herrn Eberhard. +Da Brun den Namen des Grafen zum ersten +Mal vernahm und den seiner Burg, so horcht’ er auf, +schien es mir, aber er sagte nichts.</p> + +<p>Als ich zu Ende war, sah er mich noch eine Weile +schweigend an und wie mit prüfendem Aufmerken, und +wieder wundert’ ich mich, wie milden Glanzes seine +Augen blicken konnten, die doch zu Zeiten so gewaltig +ernst und strenge, ja finster hinter den Brauen hervorsahen, +die sie tief überdeckten.</p> + +<p>»Diether«, hub er darnach an, »Du bist unverbrüchlich +dem Kloster zugesprochen?«</p> + +<p>Seine Frage kam mir unerwartet und es geschah +<!-- Page 115 --><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">115</a></span> +wohl mit gar zweifelhafter Miene, daß ich zu ihm +aufblickte.</p> + +<p>»Bescheide mich immer«, sagte er ruhig weiter, +»was Du von Deinem Verlöbniß weißt.«</p> + +<p>»Nur das«, erwiedert’ ich, »daß man mir immer +gesagt hat, wie ich noch gar jung als hilfeloser Findling +vom Abt um Gottes Willen aufgenommen und +zuerst zu Leuten, die des Klosters eigen waren, ausgethan +worden sei. Hernach bin ich zu den Brüdern +gekommen und für St. Bernhard’s Orden ausersehen, +dem ich auch, wie sie mir sagen, nach heiligen canonischen +Rechten versprochen bin.«</p> + +<p>»Wohlan, Diether!« sagte Brun wieder, »ich +merke wohl, Du bist durch Gottes Walten ohne Dein +Wollen und Zuthun von Deiner Bahn gelenkt. Danke +dem reichen Christ, daß Du so geschwind Dich auf +den Weg zurückgefunden hast, der Dir der vertraute +ist von Kindesbeinen an. Dank ihm auch dafür, daß +Du, so wechselsvoll diese Fahrt für Dich gewesen ist, +dennoch in Deinem Sinnen und Meinen nicht ein +Anderer worden bist, denn zuvor. Aber begehre nie +ein Mehreres von der Welt zu sehen! Bist Du jetzt +noch unbetrogen geblieben und ungeblendet, so hat sie +wohl andere Larven, die noch süßer lächeln, aber die +Hölle hinter sich haben. Darum, Jüngling, zeuch +zurück in Deinen Frieden, und ich will Dir wohl dazu +helfen. – Sollte sich’s aber«, fuhr er fort, »anders +befinden, als ich halte, und Du hegst ein heimlich Verlangen +zurück in das Wesen, dem Du entronnen bist, +und Dein waglicher Sinn ist Dir erweckt, o Diether, +so vertrau’ auch dann Dich mir an und hehle mir +nichts!« +</p> + +<p><!-- Page 116 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">116</a></span> +Wohl fühlt’ ich die Röthe mir in’s Angesicht +steigen bei solchen Worten. Denn sie erinnerten mich +an das, was ich ihm schon jetzt verschwiegen hatte, +und ich mußte gedenken, wie leichtlich seine Worte +anders lauten würden, hätt’ ich ihm Alles erzählt. +Um so mehr gieng mir seine redliche Art zu Herzen, +und dankerfüllt wagt’ ich’s, seine Hand zu fassen, und +sagte, indem ich sie küßte: »Da sei Gott für, Brun! +daß ich so mit frevlem Sinn hinwegtrachte aus dem +heiligen Stand, in den ich berufen bin, und Euer treues +Mahnen vergesse.«</p> + +<p>»So wohl Dir, Diether!« sagte da der Alte wieder, +hielt mit einer Hand die meine fest und legte die andere +mir auf’s Haupt. »So wohl Dir, wenn Du Dein +Leben lang vor dem schwersten Streit bewahrt bleibst, +dem mit Dir selber. Denn in seinem eignen Herzen +hegt der Mensch seinen schlimmsten Feind. Er ist +übermächtig und in allen Listen geschickt. Weh’ dem +Manne, der ihn erst aufgeregt hat! Bittere Schmerzen +sind des Überwundenen Theil. Wohl erwählen sich +die Meisten unter den Menschenkindern, lieber nachher +zu büßen, als vorher dem Streit aus dem Wege zu +gehen. Sie achten’s für leichter, aber der üble Teufel +betrügt sie darin allzumal.«</p> + +<p>Wohl hört’ ich’s am Klang seiner Worte, daß +er mit sonderlicher Bewegung seines Gemüthes redete, +und als wir nun aus dem Dunkel der Laube hinaustraten, +zeigte mir ein Blick in sein gefurchtes Angesicht, +daß er da mir von Schmerzen gesagt hatte, die ihm +selber wohl bekannt waren.</p> + +<p>Alles war still ringsum. Nur das leise Gesumme +der um die duftenden Blüthen des Geisblattes schwirrenden +<!-- Page 117 --><span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">117</a></span> +Schmetterlinge nahebei und von unten her das +Rauschen des Wassers vernahm unser Ohr. Drüben +streifte das letzte Roth die Bergesspitzen, und über die +Wiese senkte sich braune Dämmerung, während droben +die ersten Sterne erglommen, wie Augen der seligen +Engel Gottes sich aufschlagen, in denen die Herrlichkeit +seiner Schöpfung sich schöner wiederspiegelt.</p> + +<p>Schweigend versenkte ich meinen Blick in die +wonnesame Ruhe. Und auch Brun stand ohne Regung +und schaute hinaus, als eilten seine Blicke dem schwindenden +Lichte des Tages nach.</p> + +<p>Noch hielt er mich bei der Hand. Als nach kurzer +Weile der letzte Abendschein von den Gipfeln der +Berge verschwunden war, wandte er sich zu mir.</p> + +<p>»Diether!« sprach er, »laß uns selbander hinangehen, +dem Bergwasser nach. Nicht lange, so geht +drüben der Mond auf, denn schon hellt sich dort über +den Bäumen der Himmel. Ich weile gern in seinem +Licht auf der Höhe, wenn unten das Thal im Schatten +liegt.« Und er zeigte hinauf.</p> + +<p>Mit Freuden folgt’ ich ihm, und wir stiegen den +Pfad hart am Bach hinan, der bald in Sprüngen +von Gestein zu Gestein sich hindurchzwängte, bald sanfter +dahinglitt. Da ward zwischen uns wenig geredet. +Vielleicht waren von vorhin die Gedanken noch zu +lebendig in Brun’s Seele. Und auch ich hatte meine +Betrachtung. Ich gedachte, wenn ich über mir zu den +Sternen emporblickte: wie sie beständig in ihrer ersten +Pracht scheinen unverändert, so oft nur die Wolkendecken +sich vor ihnen hinwegthun; wie ich’s dagegen +nun erfahren, daß über das menschliche Gemüth sich +Schatten legen, von denen es nimmer geneset, und +<!-- Page 118 --><span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">118</a></span> +dann trat vor meine Seele der Garten, den jetzt dieselbe +gestirnte Nacht umfieng, und ich wünschte, sie, +die mich dort zum letzten Mal gegrüßt hatte, möchte +niemals weniger heiter zu den Lichtern droben hinaufblicken, +als diese zur Stunde hernieder zu ihr.</p> + +<p>Rauher ward unser Weg, von manchem Felsblock +behindert und so von Baum und Gestrüpp beschattet, +daß ohne des Alten Führung mein Fuß nicht +vermocht hätte, weiter zu dringen. Aber der leitete +mich sicher bei der Hand und zog mich ihm nach. So +klommen wir empor, bis wir zu einer moosigen Felsplatte +kamen, von wo der Ausblick frei war in die +Waldeinsamkeit ringsum. Hier sah man weithin die +Züge des Gebirges mit endlosen Waldungen, gleich +Wellen eines dunklen Meeres fern und ferner sich +dehnend, und unter uns das Kirchlein mit Brun’s +Clause und tiefer das Wiesenthal. Alles lag da vor +uns ausgebreitet im Dämmer der Sommernacht. Da +stieg drüben der Mond hinter den Bergen hervor und +erhellte die Höhe, die wir erstiegen hatten.</p> + +<p>»Laß uns hier«, sagte Brun, indem er sich setzte, +und mich einlud zu thun wie er, »laß uns hier der +Betrachtung pflegen und dazu das Silentium halten! +Ort und Stunde sind geschickt dazu.«</p> + +<p>Nach diesen Worten verharrt’ er schweigend und +blickte in die Tiefe vor uns hinunter, als stiegen von +dort Gestalten zu ihm auf, dicht vor seine Seele hin; +je zuweilen wandt’ er sein Haupt und fuhr mit der +Hand über Stirn und Angesicht, als begehrte er sie nicht +länger zu schauen und spräche zu ihnen: »Vorüber, +vorüber!«</p> + +<p>Wie er so, als mich däuchte, geschlossenen Auges +<!-- Page 119 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">119</a></span> +da saß, im vollen Mondlicht regungslos, und nur +unterweilen im Hauche der Nacht sein Barthaar sich +bewegte, so mußt’ ich denken beim Anblick der mächtigen +Felsblöcke umher, die durch eine Riesenhand hier +zersprengt und verstreut zu sein schienen: Er wie diese +Steine, jetzt so friedlich beglänzt vom sanften Mondlicht +– von welchen Stürmen und Ungewittern, die +über sie ergangen, könnten sie wohl berichten!</p> + +<p>Immer tiefer indeß sanken unter uns die Schatten +und immer höher rückte der Bergeshang in den Glanz, +der uns umfloß. Es war, als wollt’ er hienacht mit +seinen Strahlen zwischen Farn- und Baumgezweig manche +feuchte Kluft besuchen, die sonst im ewigen Dunkel lag.</p> + +<p>Da ich so dieses Spieles des freundlichen Lichts +gewahrte, wie es emsig immer weiter seine güldnen +Fäden zog, siehe! da blitzte mir etwas aus einer Höhlung +nicht weit von uns entgegen, darin das Mondenlicht +sich hell und heller spiegelte, als hätt’ es einen +unverhofften Fund gethan und wollte den mir mit +Freuden zeigen.</p> + +<p>Es waren nur wenige Schritte dahin und die +Neugier trieb mich hinzugehen. Ein gülden Ringlein +lag da am wohlbeschirmten Ort und seltsam beigesellt +dicht neben eine Eidechse, als hätte sie des Schatzes +zu hüten. Da ich näher zusah, merkt’ ich, sie war todt +und ihre Vorderfüße hatte sie gekreuzt über ihrer Brust. +Ich wußte wohl, daß Solches die Art dieser Thierlein +ist, wenn sie gestorben sind, aber es däuchte mich, als +waltete hier mehr als ein Ungefähr, und Ring und Thier +wären Hüter <em class="gesperrt">eines</em> Geheimnisses.</p> + +<p>Der Ausruf des Erstaunens, der mir entfuhr, ob +dem unerwarteten Anblick, weckte den Alten aus seinen +<!-- Page 120 --><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">120</a></span> +Träumen. Auf seine Frage, was es gäbe, brachte ich +den Ring herbei und sagte ihm von der Eidechse hart +daneben, und wie es mir geschienen hätte, als wäre +dieser Hort ihr und sie könnte nicht von ihm lassen +auch im Tode nicht, und hätt’ an ihm eine große Schuld +auf sich; darum läge sie da so ausgestreckt mit gekreuzten +Armen gleich einer armen Seele, die Buße thut.</p> + +<p>Mit Hast griff Brun nach dem Ringe und hielt +ihn prüfend gegen das Mondenlicht.</p> + +<p>»Joconda!« rief er dann und ein Seufzer aus +tiefstem Herzen gesellte sich zu dem Namen. »Ach, und +nie wird die arme Seele genug büßen um Deinetwillen!«</p> + +<p>»Euer Gemüth ist in große Bewegung gebracht +durch den Ring«, sagt’ ich und trat zu ihm.</p> + +<p>»Wohl, Diether!« erwiedert’ er, nachdem er eine +Weile schweigend vor sich hin gesehen, »weiß ich um +dies Kleinod. Frage nicht, wie ich’s erfahren. Besser +vielleicht bliebe die Geschichte von ihm so jungen Ohren +verschwiegen; aber da das Licht dieser Mondnacht +durch Dich diesen Reif herwiedergebracht hat, sollst Du +hören, wie sie sich zutrug, und dann gedenk’ auch Du +in heil’gen Stunden der armen Seele, von der Du +sagtest, und bitte Gott im Himmel für sie, daß ihre +Buße recht gethan sei und ihm wohlgefalle!«</p> + +<p>Wieder schwieg er eine kurze Weile. Dann winkt’ er +mir, mich zu ihm zu setzen, und hub also an zu erzählen.</p> +</div> + +<p> </p> +<h3>Die Geschichte, so Brun Diethern erzählte.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Es ist manches Jahr her, Diether, da lagen in +Welschland deutsche Kriegsvölker vor der Stadt Bologna. +Aber sie konnten sie nicht gewinnen, ob sie gleich die +Stadt berannten und mit Einschließung lange und hart +<!-- Page 121 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">121</a></span> +ängstigten. Da mehrte sich die Erbitterung täglich auf +beiden Seiten, und wer weiß, wieviel Jammers und +Elends da noch zugefügt und erlitten wäre, wenn göttlicher +Wille es nicht gnädig abgewendet hätte. Denn +die deutschen Herren, so das Heer führten, hielten es +endlich aus trefflichen Ursachen für wohlgerathener, die +entstandene Fehde gütlich zu vertragen. Und so ward +denn den Städtern entboten, daß sie, was Leute hohen +Ansehens und klugen Raths wären, aus den Ihren +verordneten, damit man sich miteinander der Sachen +annähme, wie sie beizulegen.</p> + +<p>Unter den deutschen Rittern, die da den Herren, +wenn sie zur Berathung zusammenkamen draußen im +Lager oder drinnen in der Stadt, zu Schutz und Beistand +zugesellt wurden, war Einer, den Jedermann solcher +Ehre vor Andern für würdig auserkannte. Bruno +war sein Name, er hatte in allen Dingen, die dem +Manne wohl stehen, den ersten Preis. Er war edler +Gestalt und reichen Gutes; sein Wuchs war hoch und +sein Ansehen stattlich und gebietend; sein Arm eben so +tapfer zu streiten, wie sein Geist hell und auch, wo es +schwierige Entscheidung galt, das Richtige zu treffen, +geschwind. Dazu hatte er die sonderliche Gabe, die +Gemüther der Menschen, welche er wollte, für sich zu +gewinnen und die Vorzüge, die ihn zierten, so zu brauchen, +daß sie in Andern nur Bewunderung schufen und +Freude ihrer mitzugenießen, und Willigkeit ihm zu +dienen. Darum war’s kein Wunder, daß Bruno sich +der Macht bewußt war, die er über die Menschen hatte, +noch, daß er ihrer brauchte. Sein hochfliegender Geist +war es nicht anders gewohnt, als daß seines Gleichen +sich ihm unterordnete. In so hohen Ehren und von +<!-- Page 122 --><span +class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">122</a></span> +jedem Glück, dessen er begehrte, umgeben, war Bruno +bis an den Mittag seines Lebens gekommen. Aber +gewohnt, Alles, wonach ihm sein Trachten stund, wie +spielend und nur zur Übung seiner überlegenen Kraft +zu erreichen, glänzte sein Angesicht noch im ungedämpften +Feuer der ersten Jugend.</p> + +<p>Doch, Diether, all’ diese hohen Vorzüge waren +ihm verliehen, nur um in seinem Herzen die schlimmsten +Kräfte groß zu ziehen, ihm selber unbewußt, ihm zur +Unseligkeit und Andern. In so langen Jahren des +Gelingens seiner Pläne und der aus seinem Thun +wachsenden Ehre war er sicher geworden, daß recht +wäre, was ihm gut däuchte, und während er Andere +berieth und leitete, wachte er nicht über seine eigenen +Wünsche.</p> + +<p>Die Zeit kam, ihn auf die Probe zu stellen, Diether! +und Du wirst sehen: er bestund die Probe nicht.</p> + +<p>Unter den Edlen Bologna’s war Einer auserlesen +vor Allen. Wie die Sonne am Frühlingstage heraustritt +aus den Thoren des Morgenroths, ihren Lauf zu +beginnen mit Freuden, so schritt Guido, noch prangend +im Thau der ersten Jugend, die Bahn der Ehre und +des ruhmvollen Thuns hinan. Ihn konnte Niemand +sehen, ohne ihn zu lieben. Und nur wenige Male +hatten Bruno und Guido bei den Berathungen, die +zum Frieden helfen sollten, sich gegenübergestanden, als +der deutsche Mann mit sonderlichem Wohlgefallen sich +hingezogen fühlte zum welschen Jüngling. Der aber +war ihm bald mit der vollen Hingabe seines jugendlich +entflammten Herzens zugethan, und wiewohl die Beiden +in dem, worüber sie zu rathschlagen hatten, sich nur +als Feinde betrachten durften, so sah Bruno doch, wie +<!-- Page 123 --><span +class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">123</a></span> +der Jüngling mit zunehmendem Eifer sich jegliche Gelegenheit +zu freundschaftlicher Zwiesprach erlas und wie +er zu ihm aufsah, als dem Manne erfahrener Ehre und +erwiesen in jeder edlen ritterlichen Tugend. Solches +sah Bruno mit Freuden, und was er vermochte, des +Jünglings Herz an sich zu fesseln und sein Vertrauen +zu gewinnen, davon unterließ er nichts, denn er liebte +ihn. Schöneren Bund sah man wohl selten, als da +diese Freundschaft erblühte zwischen den Beiden, gleichwie +eine Blume sich aufthut, lieblich im rauhen Nordsturm, +und wenn, nachdem man Raths gepflogen, Guido +an Bruno’s Seite durch Bologna’s Straßen schritt, ihn +zu geleiten, so blieben wohl die Leute stehen, die vorübergiengen, +und sahen mit Bewunderung den Beiden nach.</p> + +<p>Nicht lange, so erbat sich Guido vom Rath die +Gunst, Bruno in sein Haus zu führen, und weil er +Bürgschaft leistete und die Hoffnung auf nahen Vergleich +und Frieden sich mehrte, so ward ihm solches verwilligt. +Er wohnte im weiten Palast allein mit seiner +Schwester. Seinem Schutz hatten die Eltern, die beide +unlange an der Pest gestorben waren, Joconda übergeben. +Treuerer brüderlicher Hut ward nie eine +Schwester anvertraut, als die Liebe war, mit welcher +Guido über Joconda wachte, und wie zwei nachbarliche +Pflanzen einem Licht entgegenwachsen, gepflegt von +einer Hand und genährt von einer Quelle, so waren +diese Geschwister. Oft schon hatte Guido zu Bruno +von seiner Schwester gesprochen, und wenn er ihrer +gedachte, leuchtete sein Auge von brüderlichem Stolz. +Ja, Alles was von süßer Zärtlichkeit und Weichheit +in der Seele des Jünglings wohnte, ward mit <em class="gesperrt">einem</em> +Namen gerufen, mit dem Namen: Joconda. Von ihr +<!-- Page 124 --><span class= +'pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">124</a></span> +hatte er Bruno auch gesagt, daß sie aus Verabredung +beider Väter mit einem Jünglinge zu Pisa verlobt wäre, +und daß, wenn ruhige Zeiten wiederkehrten, auf die +Hochzeit gedacht werden sollte.</p> + +<p>Vornehmlich also, daß Bruno seine Schwester sehen +möchte und sie ihn, den Freund, den er sich gewonnen, +führte Guido diesen in seines Vaters Haus. O, wäre +es doch nimmer geschehen, Diether! Oder wäre einer +von den Blitzen, die an jenem Abend bei Bruno’s +Rückkehr aus der Stadt vom Himmel flammten, auf +ihn herniedergezuckt! Freundlich war zwar das Grüßen, +das <ins class="correction" title="Original: zwischem">zwischen</ins> +dem Freunde des Bruders und der Schwester +geschah, aber unsäglich Weh und großen Jammer hatte +es hinter sich. Und hätte Guido bei jenem ersten +Gruß das sanfte Erröthen im Angesicht seiner Schwester +und in Bruno’s das frohe Erstaunen über ihre große +Schönheit besser verstanden, fürwahr, er hätte sich nicht, +wie er that, des Anblicks im brüderlichen Stolz gefreut, +sondern ganz andere, schreckliche Weissagung darin +erkannt.</p> + +<p>Von Stund an war Bruno’s Sinn von heftiger +Liebe zu Joconda erfüllt und allein darauf gerichtet, +ihre Liebe sich zu gewinnen. Klugheit, Ehre und Treue +riefen ihm zu, abzulassen und nicht zu begehren, was +Gott ihm versagte. Denn heilig war Guido die Pflicht, +dem Verlobten die Schwester zu erhalten. Aber ein +Sturzbach wäre mit einem Strohhalm eher aufzuhalten +gewesen, als Bruno’s Gemüth mit allen Einreden der +Pflicht und des Gewissens vom Trachten nach dem, +wovon es jetzt einzig entflammt war. Nun erst däuchte +er sich ein Ziel gefunden zu haben, werth, all’ seine +Kräfte daran zu setzen, und wie er sich der Gewalt +<!-- Page 125 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">125</a></span> +der Leidenschaft, die ihn beseelte, ganz überließ, so zeigte +auch Liebe, die Zauberin, Alles, was er in ihrem Dienste +that oder dachte, in einem hellen, reizenden Lichte, aber +die dunklen Abgründe seines Herzens, aus denen +sein Trachten hervorgieng, ließ sie ihn nicht sehen; ja +jeglich Hinderniß und jegliche Gefahr, welche auf dieser +seiner Bahn ihn bedrohte, steigerte nur mehr seinen +verwegenen Muth.</p> + +<p>Ohne Arg trat Joconda dem Freunde ihres Bruders +gegenüber und voll heiteren Vertrauens. Aus +Wahrheit ihres Herzens stimmte sie in Guido’s Lob, +wenn er Bruno’s Tugend lobte, und wie sie immer +sorgloser seinem Worte lauschte und seines Kommens +immer gewohnter ward, so ward sie von der süßen +Macht der Liebe bezwungen wie unvermerkt, und da +sie das Geheimniß ihres Herzens von dem Einzigen +errathen sah und solches aus Scheu ihrem Bruder verschwieg, +da hub sich allererst auch ihre Mitschuld an. +Und von Stund an ward sie glücklich, als schwebt’ ihr +Herz in Wonne, durch Bruno’s Liebe, die dem Fluge +des Adlers glich, über alle Höhen sich schwingend – +und elend zugleich. Die Heimlichkeit ihres Bundes +und seine beständige Gefahr trieben ihr geängstet Herz +nur um so mehr, sich Bruno zu vertrauen und seiner +Führung, dessen Zuversicht und Kühnheit nur zu wachsen +schien wie eines seines Auges und seiner Hand sicheren +Steuermanns, wenn er das Schiff durch tosende Brandung +lenkt.</p> + +<p>Bald kamen sie heimlich zusammen zu süßer Zwiesprach. +Wohl wußte Bruno, daß er damit wider Ehre +und Treue den Freund betrog, aber er achtete es nicht +und fuhr fort, den Arglosen zu täuschen. +</p> + +<p><!-- Page 126 --><span class= +'pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">126</a></span> +Und wenn er wußte, sie harrte seiner, so galt ihm +Nichts die Bedrohung der feindlichen Wächter an den +Thoren und ihr Geschoß, sondern vermummt in der +Dämmerung schlich er hindurch bis unter die Hallen +der Paläste und harrte seiner lieben Trauten.</p> + +<p>Da hörte ihr Ohr manch süßes Wort, wenn er +kam, und manch heißen Schwur, wenn er von ihr schied, +und die Todesgefahr, in der er schwebte um ihretwillen +und die er verlachte, drängte ihr Herz immer näher an +seines.</p> + +<p>O! wohl mag der Jüngling sich hüten, wenn +starke Leidenschaft ihn beseelt, daß ihr Wirbel sein leicht +erregtes Herz nicht überwältigt und sein Lebensschifflein +rettungslos in die Brandung reißt. Doch wehe dem +gereiften Manne, wenn die Liebe seines Herzens ihn +von Pflicht und Ehre scheiden! Er muß seinen Wünschen +ganz entsagen oder er fällt der finstern Macht anheim, +die alle seine Tugenden verzehrt und alle seine Kräfte +in ihren Dienst nimmt, um ihn und durch ihn zu verderben.</p> + +<p>So, Diether, ward Bruno’s Liebe verderblich für +Joconda, für Guido, für ihn selbst!</p> + +<p>Schuldvoll war diese Liebe schon mit ihrer ersten +zarten Regung und fluchvoll mußte sie endigen. Ihr +stand kein Engel göttlichen Heiles und göttlichen Schutzes +zur Seite.</p> + +<p>Die Fehde ward vertragen, der Friede geschlossen.</p> + +<p>Just am Tage der Fastnacht ward er feierlich +verkündigt. Die Thore der Stadt wurden aufgethan +und unter dem Geläute der Glocken erscholl der Ruf +der Freude von Deutschen und Welschen wie aus einem +Munde. Da überließ sich Jeglicher mit ganzem Herzen +<!-- Page 127--> +<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">127</a> +</span> +dem frohen Gefühle der wieder erlangten Sicherheit, +und die, so sich bis dahin so hart befehdet hatten, zogen +in munterem Gedränge verbrüdert durch die Straßen +der befreiten Stadt, und weil man so lange in Furcht +gelebt und der Freude entbehrt hatte, so war auf +diesen Tag die Stadt zu ausgelassener Lustbarkeit gerüstet. +Da man Gott gedienet hatte und das Tedeum +in der Kirche St. Petronii verklungen war, wurde auf +dem Rathhause von den Herren Bologna’s den edelsten +unter den Rittern eine stattliche Bewirthung gethan, +indeß das Volk außen auf Straßen und Plätzen seine +Kurzweil hatte. Zum Abend sollte die Stadt, wie es +in Welschland Brauch ist an Freudentagen, mit Fackeln +und bunten Lichtern erleuchtet und zu Ehren der Fastnacht +Schimpfspiel und Mummenschanz gehalten werden. +Daß nicht etwan von den Städtern den Deutschen, welche +hineinkamen, ein Übel geschähe, hatte der Rath jegliche +Störung des Friedens mit Todesstrafe bedroht; so +war auch den Deutschen verboten, die in der Stadt +weilen wollten, an dem Tage Waffen oder Wehre zu +tragen.</p> + +<p>So war da auf Aller Angesicht Freude und Jubel. +Vor Andern erschienen Bruno und Guido hochbeglückt, +da sie sich trafen an der Kirchthür, als man die heilige +Messe gelesen. Droben im Festsaal saßen sie bei einander +und wie stolz schien Guido, allen den Herren +es zeigen zu können, welchen Freund er sich gewonnen +habe! Und wahrlich! Bruno ward da als ein Muster +ritterlicher Tugend und höfischer Sitte auserkannt. So +edel war sein Wesen, so zierlich und klug seine Rede, +daß Jedermann im Saal auf ihn achtete.</p> + +<p>»Treue und Freundschaft auf ewig!« rief ihm +<!-- Page 128 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">128</a></span> +Guido zu, als man wieder die Becher gefüllt hatte und +ergriff seine Hand.</p> + +<p>»So sei es!« that ihm der Angeredete Bescheid +und schlug ein: »Treue und Freundschaft auf ewig!«</p> + +<p>Und indem sie sich mit den Augen zuwinkten, setzten +sie die Becher an die Lippen.</p> + +<p>»Halt!« rief da Guido, dessen Herz vor Freude +überwallte. »Harre noch, Bruder, ehe Du trinkest +den Trunk der Treue; es gilt noch ein Wort: +»Joconda!«</p> + +<p>Und Bruno hörte dieses Wort, Diether, und er +las seine Bedeutung in der Seele des Jünglings, der +es aussprach, aber er zögerte nicht und rief den Namen +auch und trank den Becher bis zur Neige.</p> + +<p>Ward ihm denn die Frucht des Weinstocks nicht zum +Feuer in seinen Gebeinen, da er diesen Becher dem Bruder +zutrank, den er an diesem Tage so treulos zu betrügen +entschlossen war? Erstarb ihm nicht jener holde +Name auf den Lippen, den er in einem Athem mit dem +Bruder auszusprechen wagte, obwohl er wußte, daß er +damit schändlich log?</p> + +<p>Aber Bruno’s Angesicht blieb heiter wie zuvor +und kein Laut seines Mundes verrieth das Vorhaben, +von dem sein Herz jetzt einzig erfüllt war.</p> + +<p>Als die Bewirthung zu Ende war, und man das +Rathhaus verließ, gab er vor, wegen nöthiger Geschäfte +hinaus in’s Lager zu müssen, und mit trüglichem Wort +ward er eins mit Guido, daß er ihn dort an bestimmter +Stelle aufsuchen möchte gegen Abend, dann selbander +in die Stadt zurückzukehren, das Fest zu beschauen und +an der Lust des Volkes Theil zu nehmen. So trennten +sich die Beiden. +</p> + +<p><!-- Page 129 --><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">129</a></span> +Bruno hatte einen Waffengenossen, der ihm in +Allem ergeben war.</p> + +<p>Adelbert wußte um Bruno’s Liebe; er wußte auch, +daß heute die Flucht geschehen sollte, und gerne war +er bereit, dazu zu helfen. Die Stadt Bologna hat ein +Thor, das ist vor andern klein, und Wenige ziehen +hindurch. Die Straßen, die dahin führen, sind gar enge +und einsam, so auch die Landstraße, wenn man das +Thor hinter sich hat. Das däuchte ihnen am sichersten +da hindurch zu entkommen. Weil an dem Tage auch +unter den Rittern und Fußknechten einer auf den andern +wenig Acht hatte, denn nach der langen Belagerung +überließ sich Jedermann der ungewohnten Lust, und +keiner mißgönnte sie ihm, so ward verabredet, daß +Adelbert mit Rossen und einem Häuflein Knechten, +wenn es würde völlig dunkel geworden sein, nach dem +Thor S. Rocco aufbrechen und allda seiner harren sollte.</p> + +<p>Zur selben Stunde barg der tiefste Schatten eines +Pfeilers der Kirche des heiligen Petronius Bruno’s vermummte +Gestalt. Er hatte sich angethan, als einer, +der an der Lustbarkeit theilnehmen wollte, und auch sein +Angesicht war verlarvt. Er drückte sich hart an’s +Gemäuer und regte sich nicht. Mit Eifer forschte sein +Auge durch das Dunkel, und so Schritte sich nahten, +schlug sein Herz stärker, indeß sein Ohr ohne Aufhören +auf das Getön der Orgel und die Stimme des Priesters +drinnen in der Kirche lauschte, wo man die Vesper +sang. Aber seine Seele war da fern vom Verlangen nach +Gott. Sie war nur bei der, die er jetzt drinnen im +Gotteshause wußte und mit der er eins geworden war, +heut zu entfliehen. Hier von dieser Stelle aus sollte +es geschehen. +</p> + +<p><!-- Page 130 --><span class='pagenum'><a name="Page_130" id= +"Page_130">130</a></span> +Der heilige Dienst war zu Ende. Hunderte giengen +an dem Harrenden vorüber, ohne sein zu achten, aber als +jetzt zögernd und mit kaum hörbaren Schritten eine verhüllte +Gestalt sich nahte, so bewegte auch er sich wie +mit freudigem Schreck ihr einen Schritt entgegen.</p> + +<p>Als er leise ihren Namen nannte und sie mit +heißer Inbrunst umschlang, fühlte er, wie sie zitterte, +und da sie nach kurzem Geflüster jetzt hinaustraten und +das Licht festlich erhellter Häuser ihr Angesicht traf, +so fiel es ihm auf, wie bleich es war und wie schön. +Der Stolz und das Glück, solch ein Weib sich gewonnen +zu haben, stählte seinen Muth und sein Vertrauen zu +sich; sein Gang war so sicher und sorglos, als suchte er +keine andere Fröhlichkeit als die, welcher die Menge +nachgieng, die an ihnen vorüber wogte. Manchen +neckischen Zuruf mußte er hören, wie man dergleichen +treibt zu solchen Zeiten; er erwiederte jeden Scherz mit +Lachen und beschleunigte seine Schritte.</p> + +<p>Schon hatten sie die Straßen, die am meisten belebt +und am hellsten erleuchtet waren, hinter sich; durch +die engen Gassen, die heute noch stiller waren denn +sonst, kamen sie dem Roccothore näher. Bruno mäßigte +Joconda zu lieb seine Eile, denn nachdem sie bis dahin +unerkannt und unaufgehalten geblieben, war er keiner +Hinderung ferner gewärtig.</p> + +<p>Da, als sie in die letzte Gasse einlenkten, die zum +Thore führte, that sich unweit von ihnen die Thür +eines Hauses auf, und hervor kam lärmend eine Schaar +Vermummter mit Fackeln und Windlichtern als solche, +die auch noch zum Feste ziehen wollten. Der Ort, da +die Flüchtigen an ihnen vorüber mußten, war gar enge +und so geriethen die beiden in die helle Beleuchtung +<!-- Page 131 --><span +class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">131</a></span> +ihrer Lichter. Alsbald ward Bruno von dem Kecksten +unter ihnen angeredet.</p> + +<p>»Eure Dame, Freund«, rief er, »wird’s Euch wenig +danken, daß Ihr sie so früh hinwegführt vom Fest, +das schönen Frauen so vieles zu schauen gibt.«</p> + +<p>»Kehrt um und kommt mit uns!« riefen die Anderen +da und umringten die Beiden, als wollten sie in ihre +Mitte sie nehmen.</p> + +<p>Da Bruno ihrer nicht achtete und ohne sich aufzuhalten +weiter schritt, so ward dadurch der Übermuth +der trunkenen Gesellen nur noch mehr erregt.</p> + +<p>»Das macht: er ist eifersüchtig, Nicolo!« sagte +wieder einer, »und mißgönnt Bologna den Anblick +seiner Schönen.«</p> + +<p>»Er hat wohl Grund dazu«, erwiederte der Angeredete, +»wenn das Angesicht der Dame hält, was +ihre reizende Gestalt verspricht.«</p> + +<p>»O, hebt den Schleier!« riefen sie, und hatten +das Ansehen, als wollten sie Joconda näher treten.</p> + +<p>Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter +anschmiegte, so stieß der mit gewaltiger Faust den, der +sich zumeist herangedrängt hatte, zu Boden, und ein +deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem er durch +die nun wieder geöffnete Bahn weiter schritt. Einen +Augenblick waren die Zudringlichen zurückgewichen, aber +die Überzahl und das Gelage, von dem sie kamen, +machte sie kühn, und mit dem Ruf: »Wie! die deutsche +Bestie will uns schlagen und wider ergangenes Gesetz +beleidigen?« drängten sie sich auf’s neue heran und +vertraten den Weg.</p> + +<p>Da reckte sich Bruno in die Höhe und drohend +rief er, daß es laut erscholl: »Ha, ihr welschen Hunde, +<!-- Page 132 --><span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">132</a></span> +wem sein Leben lieb ist, der lasse uns hindurch!« +Und es würde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn +er allein gewesen wäre, aber, wie er die Zitternde an +seinem Arme fühlte, so stund er unschlüssig, ob er jetzt +das Äußerste thun sollte seinen Gegnern gegenüber, +die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth +zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gelärme +die Straße an beiden Seiten in Aufruhr gebracht. +Lichter erschienen, Fenster und Thüren wurden aufgethan +und eine Menge Neugieriger strömte herbei.</p> + +<p>Da sah Bruno den Augenblick höchster Noth gekommen; +während rings um ihn das Wuthgeschrei +wider den Deutschen die Luft erfüllte, umfaßte er fest +Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen. +Aber das wäre sonder Zweifel Beider Verderben +gewesen, wenn nicht da vom Thor aus Rettung gekommen +wäre. Denn da dort Adelbert und seine Leute, +die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno +zu ihnen stoßen sollte, nun hörten, wie sich von da +Geschrei erhub und vernahmen den Ruf wider den +Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein. +Sie sprengten unter das Gedränge, und unter ihren +Hieben rechts und links stoben die Welschen auseinander. +Die nun Bruno bedrängten, wie sie das neue Getümmel +hinter sich hörten und die streitbaren Stimmen der +Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen, +Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen +die beiden Flüchtigen, auf die nun Keiner mehr Acht +hatte, Raum, und froh der ihnen ungedacht gewordenen +Hülfe eilte Bruno dem Thore zu.</p> + +<p>Wohl wankten Joconda’s Schritte an seiner Seite, +aber er wies sie hin auf die Nähe ihres Zieles, und +<!-- Page 133 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">133</a></span> +die Hoffnung belebte ihre sinkende Kraft. Nun traten +sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten +Dunkel, das da herrschte, sah Bruno’s scharfes Auge, +wie von draußen eine Gestalt ihnen entgegenschritt. +Als sie zum Thore hinaus traten, gieng diese Gestalt +hart an ihnen vorüber in das Dunkel des Thores, das +die Beiden eben hinter sich ließen.</p> + +<p>Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und +der Abendhimmel, wenn auch vom Mondenlicht erhellt, +war regentrüb; so konnte Bruno das Angesicht +des an ihm Vorübergehenden nur einen Augenblick +sehen. Er hatte nicht Acht darauf, denn sein Gemüth +war auf Anderes gerichtet, und doch war es ihm, +als hätte er in diese Augen schon geblickt. Verstummte +da nicht plötzlich der Hall der im Thorbogen +dröhnenden Schritte hinter ihm? Als er zurücksah im +Weiterschreiten, stund, so schien es ihm, im Thor noch +immer die Gestalt, als sähe sie ihm nach.</p> + +<p>Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war +eine vorlängst verfallene Kapelle. Allda sollte Adelbert +mit den Rossen und Knechten halten.</p> + +<p>Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren +Alle, da der Streit sich in der Stadt erhoben, von da +gewichen, so rief er laut das Wort, bei dem sie unter +einander übereingekommen waren sich zu erkennen, wie +man pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl +die Antwort näher vom Thor her und Bruno gedachte +da die Rosse zu finden. Er wandte sich also zurück +und ließ indeß Joconda an der Kapelle. Da er +unweit dem Thore war und auch schon den Tritt der +Rosse hörte, die herzu gebracht wurden, sah er wieder +dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des Thores +<!-- Page 134 --><span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">134</a></span> +und noch an derselben Stelle und wieder war’s, als +suchte sie nach ihm. Da zerriß eine Wolke und das +Mondenlicht ergoß sich hell. Wie es mit voller Klarheit +Bruno beleuchtete, der hier außen vor der Stadt +die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang +an sein Ohr aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei, +den er nimmer vergessen hat; es war ein Schrei +des heftigsten Zornes und auch der unsäglichsten Trauer. +Und mit diesem Aufschrei löste sich die Gestalt aus +der Finsterniß der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt, +und stürzte ungestüm auf Bruno zu, der eilend +sich den Rossen näherte, welche jetzt ihm zugeführt wurden. +Er wandte sich und sah in des Anstürmenden Angesicht. +Nicht länger als bis man eins zählt, sah er hinein. +Aber er ward von einem Blick getroffen, der so gethan +war, daß vor ihm ein Teufel aus der untersten Hölle +hätte zur Umkehr oder der hehrste der heiligen Engel +zu Fall und Verstockung gebracht werden können. +»Bruno!« hörte er sich rufen. Aber er sagte nichts +und packte mit mächtigem Griff den sich zwischen ihn +und die Rosse Drängenden. Da hub sich ein Arm +gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch +im Nu hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden, +die ihn führte, und stieß ihn tief in seines Gegners +Brust. »Schwester!« rief der mit versagender Stimme +und brach lautlos zusammen.</p> + +<p>Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit +welcher der tödtliche Streich geschehen war.</p> + +<p>Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr +Ruf, daß das Fräulein käme, brachte ihn zu sich.</p> + +<p>Geschwind verhüllte Bruno des Erschlagenen Angesicht, +und als Joconda neben ihm stund und zitternd +<!-- Page 135 --><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">135</a></span> +auf die klaffende Wunde deutete, da sagte er. »Es +galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht, +Joconda, oder seines. – Hinweg, hinweg!«</p> + +<p>Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos, +und er fühlte eine eisige Kälte in seinem Gebein.</p> + +<p>»Hinweg, hinweg!« riefen da wieder die Knechte +und vom Thor her hörte man Getümmel.</p> + +<p>Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse +trugen die Fliehenden auf verschlungenen Wegen durch +die Nacht. Bald hatten sie die Stadt weit hinter sich. +Aber Bruno war’s noch immer, als schlüge das Brausen +der empörten Volksmenge laut und lauter an sein +Ohr und würden die Sturmglocken gezogen und ihre +ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und immer vernehmlicher: +»Mord, Mord!«</p> + +<p>Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen +zu berichten, die nun folgten, welcherlei sie gewesen +sind für die Beiden: Tage der Flucht, Gefahr und Noth.</p> + +<p>Bologna’s Rath und Volk forderte Rache für +den Friedensbruch und die Blutthat. Bruno’s Leben +ward in ihre Hand gegeben, er ward all’ seiner Güter +beraubt und schlagen durft’ ihn, wer ihn fände. Mit +großem Verlangen trachtete er darum aus Welschland +hinweg und auch weil er keine Ruhe fand unter dem +Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf seinen +Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen +ersähe und deutschen Laut vernähme, wähnte er, würde +sein Gemüth sich entledigter fühlen und frei. Unter +großen Mühseligkeiten ward die Flucht gethan. Aber +endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden +Rast und Bergung auf der Burg Adelberts. Allda +gedachte Bruno zu harren, ob etwa der Sache Rath +<!-- Page 136 --><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">136</a></span> +würde und seine Freunde für ihn Gnade erwirkten +beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war, +gelangte Zeitung an ihn, daß das Urtheil wider ihn +bestätiget und all’ sein Lehn vom kaiserlichen Vogt eingenommen +wäre. Da zeigte es sich, was die treue +Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das +Ungemach zu fühlen, was Bruno bereitet war; ja sie +theilte seine Sorgen, als trüge sie den größeren Theil +der Schuld daran, und über das eigene Elend ließ +sie nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele +durch solche Geduld mächtig ermuthigt und durch ihre +Zuversicht, darin sie nicht wankte, daß bessere Tage +nahe wären. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem +Bruder hinkehrte, was wohl täglich geschah, und dabei +gedachte, wie gewißlich sie hoffte, er würde ihr noch +verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob von ihm noch +keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno’s Seele +jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes +Wort ward wieder laut in seinem Herzen, das die +Sturmglocken Bologna’s ihm nachgerufen hatten in +der Nacht, da die Flucht geschah. – Dann wandte +er sich und sein Blick ward finster und immer finsterer, +je beweglicher sein Weib ihm Trost zusprach; denn sie +wähnte, das sehnende Verlangen der Freundschaft nach +Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm +den Muth also. Bruno aber, wie oft er’s auch beschlossen +hatte, und wie gewiß er erkannte, daß es +einmal geschehen müßte, gewann das Herz nicht, ihr +zu sagen von Guido’s Tod.</p> + +<p>So kam der Herbst heran, und wie den Beiden +der gute Bote noch immer verzog, so wollte Joconda +nicht länger leiden, daß Bruno ferner in träger Ruhe +<!-- Page 137 --><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">137</a></span> +seine Tage versäße und allein fremder Hülfe harrete. +Wenn er selber sein Vermögen brauchte, so würd’ es +nicht vergeblich sein; oder warum sollte für ihn kein +Mitleid vorhanden sein, der bis dahin so werth gehalten +worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber nicht unbekannt +geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde +geworden war, daß die Majestät zu Costnitz Hof hielt, +so lag Joconda ihrem Gemahl mit vielen Bitten an, +dahin zu ziehen, als Bittender seine Sache zu betreiben, +Sühne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier +ihm eine Bußfahrt, die da ihm zu thun vorhanden +war, und schwer ward es ihm, den stolzgewohnten +Sinn dahin zu kehren. Denn er mußte ohne Geleit +ziehen und verhohlen, daß es nicht schiene, als gedächte +er sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das +ihm gesprochen war. Sein Weib wollte nicht von +ihm weichen in keiner Fährniß und Noth und zog mit +ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf +dem Wege waren, kam ihre Stunde. In großen +Schmerzen gelangte sie, von Bruno geführt, in eine +Höhle, die sie da erspähten, denn sie wanderten im +Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als +Bruno mit Weh und Wonne das feine Knäblein in +seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal, gestaltet +wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes, +doch sagt’ er nichts.</p> + +<p>Wie groß nun die Noth in jener Höhle war, +läßt sich leicht ermessen, und Bruno, da er sah, +daß er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter +Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu +werden. Der Fürst der Höllenschlünde sandte ihm einen +bösen Geist des Unmuths und der Ungeduld. +</p> + +<p><!-- Page 138 --><span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">138</a></span> +Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten +Engel, das Banner der Hoffnung, des Heils und der Ehre +ihm fürzutragen. Selber im Elend zu sein und im Ungemach +auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher +Sinn gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie +das Kind, das sie gewonnen, in gleiches Weh verschlungen +sah, verzagte sie, und gegen die mütterlichen +Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft. +Da hört Bruno sie oft, über ihr Kind gebeugt, weinen +und desselben jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat +er nicht hinzu, ihr Trost zu sagen mit liebem Wort, +sondern er wandte sich hinweg mürrisch, daß sie vor +ihm ihren Jammer ausließe, der wohl gleich sehr zu +klagen hätte oder mehr. Und einst in solcher Stunde, +da sie ihres Bruders gedachte, und wie er ihrer Noth +sich gewißlich erbarmen würde, da murmelte er, die +Hoffnung auf Guido wäre verloren.</p> + +<p>Joconda sah ihn fragend an.</p> + +<p>»Der Todte, dessen Anblick vor Bologna’s Thor +Dich erschreckte« – hub er an, und finster waren seine +Brauen zusammengezogen, da er redete.</p> + +<p>»War mein Bruder?« schrie sie auf.</p> + +<p>Bruno nickte und sah zur Erde.</p> + +<p>»Und Deine Hand war’s, die ihn schlug?« keuchte +sie schwer athmend und richtete sich hoch empor.</p> + +<p>»Die Liebe zu Dir bezwang mich also, daß ich’s +that,« sagt’ er, düster blickend wie vorhin.</p> + +<p>»So Fluch Deiner Liebe!« hört’ er sie rufen, und +schrecklich klang ihre Stimme. – »Fluch Deiner Liebe, +Fluch jeder Augenweide, damit ich geschmückt war, sie +zu wecken, und Fluch jeglichem Wort und Lächeln, +dadurch das höllische Band sich knüpfte!« +</p> + +<p><!-- Page 139 --><span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">139</a></span> +»Halt ein, Joconda!« rief Bruno entsetzt. »Du +fluchst Dir und unserem Kinde dort.«</p> + +<p>Da war sie mit einem Sprunge hin zum schlafenden +Knaben, riß ihn vom Lager und umschlang +ihn fest mit ihren Armen. So stund sie drohend, der +Löwin gleich, die ihr Junges vertheidigt. »Nimmer +soll dies Kind, das Deine Blutthat mit +<ins class="correction" title="Original: den">dem</ins> Kainsmal +des Brudermordes gezeichnet hat, Dich mit dem +süßen Vatersnamen rufen lernen, den Du mit Trug und +Mord Dir erschlichen; und zuvor müssest Du mich erschlagen +wie meinen Bruder, ehe Deine Mörderhände +je wieder den Knaben berühren oder mich.«</p> + +<p>Er wagte nicht, sich ihr zu nähern, noch Antwort +zu geben auf ihre wilden Worte; ihre Blicke +schienen ihm wie Blitze, daß er nicht zu ihr aufzusehen +vermochte. Aber flehend streckte er seine Arme aus +nach ihr.</p> + +<p>Da stürzte sie, als litte ein Grauen sie nicht mehr +nahe bei ihm, ehe er’s hindern konnte, an ihm vorbei +hinaus in die Wildniß.</p> + +<p>Als er mit Schrecken ihr nacheilte und sie mit +Namen rief, wandte sie sich und rief: »Wag’s, mir zu +folgen, so wird der Abgrund hier zu meinen Füßen +mich und das Kind zerschellen.«</p> + +<p>Und er zweifelte nicht, wie er sie sah, daß sie +thun würde nach ihren Worten. – Als ob eine +neue Kraft ihr verliehen wäre, klomm sie behende, dem +gescheuchten Wilde gleich, den Bergeshang hinan, und +droben auf vorspringendem Felsgestein sah sie noch +einmal hernieder, bog ihr Haupt, das wirr das +schwarze Haar, vom Winde aufgelöst, umwehte, zurück +und reckte ihren Arm abwehrend gegen den Genossen +<!-- Page 140 --><span +class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">140</a></span> +ihrer Schuld. Dann hub sie das Kind, das sie trug, +hoch gegen den Himmel und war verschwunden. –</p> + +<p>Bruno hat Tage und Nächte nach ihr gesucht, +gerufen, geweint; aber nur die Felsenwände hallten +ihren Namen zurück. Er hat sie nie wieder gesehen, +noch erfahren, ob die Beiden in der Einöde des Gebirgs +verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum +Raub geworden sind, oder ob die Mutter sich und ihrem +Kinde eine Ruhstatt gefunden hat. Da hat auch Bruno +seinen Namen erlöschen lassen im Gedächtniß der Menschen +und für sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden +und sein Herz zur Buße zu kehren, daß er der +Hölle im Tode entfliehen möchte.</p> + +<p>Die Höhle aber nieden St. Wigbert’s Kirchlein +mit der Klause, darin jetzt ich hause, Diether, die ist’s, +darin sich zutrug, was ich Dir erzählte, und hier auf +dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib zum +letzten Mal mit der Gebärde des Grauens vor ihm +und des Flehens um Erbarmen zu Gott für ihr Kind. +Und der Ring, den Du fandest, ist Joconda’s; sie hat +ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen ihrer +schuldvollen Gemeinschaft. –</p> + +<p>Und nun weißt Du, Diether, warum ich Dich +bat, der armen Seele vor Gott zu gedenken, von der +Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und das Thierlein +daneben.«</p> + +<h4>Allhier endet die von Brun erzählte Geschichte.</h4> + +<p> </p> +<p>»Gnade der milde Christ nach seiner Gütigkeit +denen Allen, so in Unglück gerathen sind – und uns!« +sagt’ ich, und gar sehr war ich bewegt im Herzen von +der Geschichte, die ich gehört hatte. +</p> + +<p><!-- Page 141 --><span class= +'pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">141</a></span> +Wohl trieb’s mich, noch ferner mit Brun davon +zu reden, und von Bruno, was denn aus ihm geworden, +ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich +ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund +auf und sagte: »Auf, Diether! – Schon ist Mitternacht +vorüber, denn sieh, der Mond neigt sich auf +seiner Bahn dort den Bergen zu. Kühl hat sich der +Nachtwind aufgemacht und der Thau fällt stark. +Lang’ schon solltest Du, junger Knabe, unter Dach +geborgen sein.«</p> + +<p>Und so stieg er mir voran den Bergeshang abwärts. +Wie wir schweigend giengen und über uns die +Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter, bald leiser +und sich gegen einander bogen, und unter uns die +Wellen brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer +murmelnd, war mir’s, als erzählten auch sie sich in +der Sommernacht die traurige Mär’ von dem ewigen Geheimniß +des Menschenherzens, das wähnet, das Paradies +zu gewinnen, und die Schmerzen der Hölle sich bereitet.</p> + +<p>Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der +Klause. Ich weiß nicht, wie mir da geschah und ob +ich schon eingeschlafen war oder just die Augen zum +Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir +stehen und unverwandt mich betrachten.</p> + +<p>Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte +seine Hand, mich zu berühren. Dann wich er wieder +ein wenig zurück, als scheute er sich zu thun, wozu +doch sein Sinn ihn zog, oder er fürchtete, ich möchte +erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile +ließ er ab von diesem Streit. Aber eine größere Unruhe +schien in seiner Seele sich anzuheben. Es war, +als ob mein Anblick davon die Ursache wäre. Er sah +<!-- Page 142 --><span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">142</a></span> +noch einmal lang’ nach mir hin, schauderte dann jählings +zusammen und sank in seinen Sitz nieder, sein +Angesicht von mir gewendet und mit beiden Händen +verhüllend.</p> + +<p>»Nein, nein, HErr!« hört’ ich ihn murmeln. +»Nicht dieses Bild jetzt neben die süße Erinnerung!«</p> + +<p>Ein breiter Strahl des Mondes drang durch das +dichte Gitter der Bäume draußen und das kleine Fenster +und glitt durch den engen Raum hin zur Wand dem +Alten gegenüber. Wie es dort hell das Bild der +Gottesmutter umspielte, ward sein Blick, da er sein +Haupt wieder erhob, dorthin gelenkt. Irgend etwas +an dem Bilde mußte ihn erschrecken. Denn er erzitterte +auf’s Neue. Und doch konnt’ er nicht widerstehen, +dahin zu blicken, was der lichte Schein ihm wies.</p> + +<p>»Und Du drohest immer wieder«, sagt’ er dabei +mit Flüstern, »und ewig blutet die Wunde?«</p> + +<p>Da sah ich ihn aufspringen und das Schwert aus +der Seite des Bildes ziehen, darin es stak. Er trat +damit in das Licht und ließ den Stahl darin blitzen.</p> + +<p>»Ja«, rief er dann mit leisem Stöhnen, »sie sind +noch immer da – die blutigen Flecken, und keine Zeit +hat Rost genug, sie zu verzehren!«</p> + +<p>Und jetzt schwang er die Waffe mit wilder Gebärde, +und es hatte das Ansehen, als wollt’ er sie +gegen sich selber richten und es schüfe ihm Mühe, +davon abzulassen, und ich hört’ ihn dabei klagen: +»Verloren all’ – all’ verloren!«</p> + +<p>»Hilf, Herr!« dacht’ ich. »Er ist von Sinnen +kommen!« und richtete mich in die Höh’.</p> + +<p>Da wandt’ er sich und wie er mich ersah, schüttelte +er heftig sein Haupt, streckte die Arme gegen mich und +<!-- Page 143 --><span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">143</a></span> +rief mit drohender Stimme: »Du da? Du bist der +Bringer schrecklicher Dinge! Du weckst auf zur Mitternacht, +was mit Mühe begraben war!«</p> + +<p>Und als ich weiten Auges und sprachlosen Staunens +voll nach ihm blickte, rief er wieder: »Sieh nicht so +her mit diesen Augen! Es ist nicht! Es ist Lug auch +dies, und nimmer heilt die Wunde!«</p> + +<p>Aber plötzlich sprang er auf mich zu, und, eh’ +ich’s hindern konnte, hatte er von meiner Schulter das +Linnen gestreift, das ich trug. Als er, die Waffe +in der Hand, sich dicht über mich beugte, wähnt’ ich +nicht anders, denn daß der Rasende mich morden wollte. +Und ich schrie laut.</p> + +<p>Im selben Augenblick aber war er zur Seite +meines Lagers in die Knie’ gesunken und seine Arme +hielten mich umschlungen. »O Gott, o Gott!« rief +er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes. +Und seine Hand strich mir kosend über Stirn und +Wangen und seine Thränen tropften auf mich nieder. +»Schlaf, Diether, schlaf!« sprach er wieder, »kein +Schrecken des Ortes müsse Dir nahen, und Engel +des Friedens müssen Dich beschirmen.«</p> + +<p>Darnach ergriff er meiner Hände eine und hielt +sie an sein Herz, als würde von der Berührung der +Sturm sich legen in seiner Seele. Als er so gethan, +beharrte er eine Weile, wie mich däuchte, im Gebet, +bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng +der Thür zu. Bevor er hinausschritt, kehrte er sich +noch einmal zu mir und sagte wieder: »So schlaf +denn, Diether! und zürne dem Alten nicht um sein +wirres Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst, +es ist vorüber.« +</p> + +<p><!-- Page 144 --><span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">144</a></span> +Aber wie hätt’ ich nach dem Allen vermocht, jetzt +nach seinem Wunsch zu thun. Mich trieb’s dem Alten +nach zu seh’n. Ich erblickt’ ihn durch’s Fenster, wie +er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das Wasser +breiter und stiller dahinfloß als anderwärts. Dort +stund er eine kurze Weile unbeweglich und warf die +Waffe, die er mit sich genommen, hinab in die Tiefe. +Vorgebückt sah er ihr nach, wo sie versunken war. +Dann gieng er festen Schrittes die Höhe hinan. Ich +konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm.</p> + +<p>Aber da ich leise das Fenster geöffnet hatte und, +wie ich mich hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer +des Tages über die Berge aufdämmern sah, tönt’ es +wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald unterschied +ich heilige Klänge und Orgelton.</p> + +<p>Da trat ich hinaus.</p> + +<p>Laut und lauter ertönte der Gesang und deutlicher +erscholl der Orgelton; und jetzt schwangen sich die +Töne auf, wie nächtliche Nebel aus der Tiefe zu lichten +Morgenwolken werden, und ich hörte vernehmlich den +Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt’ +auch ich ein und sang die sel’gen Klänge mit. Da +schienen mir die Waldvöglein, die davon erwachten, +auch mit uns Gott zu loben in ihrer Weise; und +wie ich hinaufsah nach St. Wigbert’s Kirchlein, gieng +der erste Sonnenstrahl über sein Dach, die nächtlichen +Schatten entflohen und ich grüßte das süße Licht.</p></div> + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/144_vignette.png" alt = "" /></p> + + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<!-- Page 145 --><p class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">145 +</a></p> +<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel. +</h2> + +<h1>Widerstreit.</h1> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/145_g.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">G</span>ewißlich ist’s nichts Sonderliches, daß ein +müßiger Mann den Sonnenstrahl betrachtet, +der durch’s Fenster strömt und die Stäublein +darin, wie sie hin und wieder schweben. +Und ich durfte müßig sein in jener Nachmittagsstunde, +da ich im Chor unserer Kirche ins Gestühl +niedersaß dem Bilde gegenüber, das ich eben vollendet +hatte. Es war die Nachmittagsstunde eines heißen +wolkenlosen Sommertages, unlange vor dem Feste +St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die +Luft fast schwül, draußen regte sich kein Laub, und +nur das Flattern geängsteter Schmetterlinge unterbrach +die Stille, die durch die Wärme aus ihren Puppen +heute hervorgelockt sein mochten und nun, die Freiheit +suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil +sie die bunten Gläser für leuchtende Blüthen hielten. +Sonderliches also war es nicht, daß ich malmüder +Mann der sommerlichen Ruhe rings umher behaglich +mitgenoß, die Hände ineinander gelegt hielt und den +spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drüben vom +Fenster her hart neben mir auf das Schnitzwerk am +<!-- Page 146 --><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">146</a></span> +Gestühle gieng. Doch ich betrachtete ihn und betrachtete +ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran haften, +aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen +wie eine Brücke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher +er kam: hinaus in die Weite. Allda besuchten sie +manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob derselbe +Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen +hier in der Kirche vor sich sahen.</p> + +<div class="textbody"><p>»Zeuch in Frieden zurück in Dein Kloster!« hatte +Brun gar freundlich zu mir gesagt zur Letze, da wir +schieden, und hatte wie zum Segen seine Hand erhoben. +– »Zeuch zurück, Diether, in Deinen Frieden, und +auch die Erinnerung an all’ das, was Du auf Deiner +Fahrt hier bei mir und anderswo erlebt, störe ihn Dir +nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu gewohnter Pflicht. +Überhöre keinen; und in solchem Gottesdienst wird +Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im +Ernst und in der Mühe, sie wird Dir nicht verleidet +werden durch ungeduldiges Hinausschweifen in die +Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit hinter +Dir liegt, Dein Wünschen und Wähnen zu eig’ner +Qual gefangen nehmen!« Dann hatt’ er mir auch +gesagt, ich sollte die Aventiure, so mir begegnet war, +und all’ meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir +auch ursprünglich bestimmt gewesen: als etwas, das +nicht mich angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern +allein nur meine Kunst, mit ihr desto besser Gott zu +dienen.</p> + +<p>Nach solchem Rath hatt’ ich denn treulich gethan, +und mich däuchte, er war mir trefflich gediehen.</p> + +<p>Ich hatte mir fürgesetzt, von Allem, was sich mit +mir zugetragen hatte, so es möglich wäre, gegen Niemand +<!-- Page 147 --><span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">147</a></span> +im Convent zu reden: ich würde denn gedrungen dazu. +Denn ich wußte wohl, daß dann des Fragens kein +Ende sein würde, auch des Spottes nicht und des +Verdachts. Nur wie ich vor Abt Albrecht bestehen +sollte mit meiner Beichte, wenn er mich vor sich erfordern +würde zur Rechenschaft von meiner Reise und +von dem, was ich ausgerichtet – das schuf mir Noth. +Mein Bleiben auf Elzeburg, und daß ich mir die +Verwechselung so lang gefallen ließ, die Ursach’ auch, +aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den +zween Fahrenden: wie konnt’ ich denken, dies Alles +dem Gestrengen so glimpflich fürzubilden, auch wenn +ich dabei der besten Kunst brauchte, die ich vermöchte, +daß er darob seine Gunst nicht von mir wendete, mich +hart anließ’ und gar in die Geißelkammer schickte zur +Pön und Büßung.</p> + +<p>Damit aber war es mir viel besser gerathen, als +ich mich deß versehen hatte. Denn da ich wieder gen +Maulbronn kam und in den Klosterhof trat, und die +Brüder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so +Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von +allen Seiten hörte: »<em class="antiqua">Salve, Diethere!</em>« +oder: »<em class="antiqua">Quid +novi?</em>« oder: »Heah, Diether, wie hast Du ein ander +Aussehen gewonnen auf der Fahrt!« und da beinahe +ein Getümmel entstund von der Menge der Herzulaufenden +und dem »Diether«-Rufen – so merkt’ ich +allsogleich, daß es heut an Abt Albrecht’s Regiment +fehlen müßte, denn es war die Stunde des Tages, da +sonst keiner der Brüder, zwingende Ursach’ ausgenommen, +sich in Hof und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich +denn des Abtes drohende Gestalt nirgend aus einer +Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah, fragt’ +<!-- Page 148 --><span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">148</a></span> +ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, daß er, +hochwichtige Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen +Pforzheim gezogen wäre, allda mit etlichen hohen +weltlichen Herren zu handeln, die sich unterwunden, +unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, +dem er zumeist vertraute, wäre auch mit ihm, und so +möcht’ ich mich um deswillen nichts besorgen, sondern +unter ihnen bleiben und von meiner Fahrt erzählen. +Da sagt’ ich ihnen, vom weiten Wege wär’ ich +übermüde, und ob sie nicht wüßten, daß zu dem Willkomm’, +damit man den Waller begrüße, bevor Allem +sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete. »Und +wenn Ihr mir die gegönnt habt«, sagt’ ich, indem ich +dem Refectorio zuschritt, »so seid gefüge und laßt mir +heute die Ruhe, die ich Wegmüder wohl mir verdienet +habe.« Da meinten Etliche, ich wäre wohl gar +stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man +sähe, daß ich in des Bischofs Pfalz die höfischen Sitten +erlernet hätte.</p> + +<p>Nun ward mir nicht um ein Kleines sänftiglicher +zu Sinne, daß ich dergestalt heut und morgen des +Erscheinens vor des Abtes hellem Auge überhoben +war; und wie ich mich der Brüder, sonderlich der Neugierigen +unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von +meinen Aventiuren nichts zu verrathen, auch dazu +ward mir Rath. Denn andern Tages früh, sogleich nach +der Matutin, überkam ich den Befehl, den der Abt für +mich zurückgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner +Fahrt heimgekommen, schier ungesäumt mich an mein +Malwerk in der Kirche machen und dasselbige also fördern +daß die Verzögerung, so ihm durch mein Abwesen widerfahren, +nach Möglichkeit wiederum eingeholt würde. +</p> + +<p><!-- Page 149 --><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">149</a></span> +Behender, dünkt mich, bin ich nie auf’s Gerüst +hinangestiegen, als dazumal, und lieber hab’ ich nimmer +darauf mit Stift und Pinsel geschafft, noch eifriger. +Und das nicht allein darum, weil ich, so lang’ ich +droben weilte, vor aller Bedrängniß durch lästige +Frager geborgen war; – denn Niemand durfte mich aus +sonderlichem Untersagen des Abts da heimsuchen, er +mußte denn zu Hilf’ und Handreichung von mir begehrt +sein – sondern ich erfand auch eben da, wie weise +Brun bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch +trefflicher wies sein Rath sich mir aus, als er wohl +selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit, dazu jeder Tag +mich rief, lenkte freilich all’ meine Gedanken auf sich +und forderte mein Vermögen, es gänzlich daran zu +kehren. So wurde mein Gemüth vom unruhigen +Schweifen durch sie heilsam zurückgehalten. Aber da +bewies Frau Kunst an mir Unmüßigem noch eine besondere +Tugend. Denn sie versagt denen, die sie meinen +und minnen, nichts von Allem, wonach sie Herze tragen, +und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen +darnach und seiner Unlust. – Sie läßt die Seele der +Dinge, daran sie hängt, genießen, als wären sie beständig +gegenwärtig, und kein Herbst drohte den Blüthen +und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen; damit +mein’ ich gar nicht, daß die, so einer edlen Kunst rechte +Jünger sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid +und Mühe in der Übung solcher Gabe nicht kennen: +der Wiederhall von der Menschheit Weh und Wonne, +ja von Himmel und Hölle ertönet wohl lauter in ihrem +Herzen als in anderen; aber das sag’ ich, daß die +Bilder der Dinge in ihrem Gemüth sich spiegeln können +in all’ ihrem unterschiedlichen Licht und Glanz, und +<!-- Page 150 --><span +class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">150</a></span> +dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern +in der Stille bleiben kann und edlen Freiheit.</p> + +<p>Also, ist mein Wähnen, geschah auch mir in jenen +Wochen nach meiner Wiederkunft, da ich das Bild +malte im Chor vom englischen Gruß. Ohne Absicht +gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den +draußen erlebten Maientagen in der Seele trug, und +je eifriger ich allen Fleiß zu meiner Arbeit kehrte, desto +näher brachte sie mir das Erlebte, und Vergangenheit +und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins +zusammen und störten sich nicht. Da geschah’s auch, +daß, wie ich die sel’ge Gottesmutter auf das Bild gebracht +hatte, die hehre Fraue Irmela’s Züge an sich +trug, und ich hielt’s nicht für sündlich, sondern setzte +mit Freuden die Glorie um’s Haupt aus lauterem Golde; +denn ich gedachte, daß wir ja auch das Heiligste nicht +anders bilden können, als indem wir Gottes Creatur +dafür zum Gleichniß erkiesen. Ich malte aber auch +unter das Laub, so die heilige Maria überhängt, ein +Gezweig blühenden Flieders und zu der Lilie im Gefäß +that ich ein Reis mit röthlich schimmernden Apfelblüthen. +Solches und Anderes fügt’ ich hinzu, nach dem Bildniß, +das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte.</p> + +<p>Als es nun Alles vollendet war, mit größerem +Fleiß und eifrigerem Trachten das Beste meines Vermögens +zu thun, als ich je zuvor an ein Bild gekehrt, +däuchte mich’s wohl gerathen und ich dachte: »Was +gilt’s! Schwerlich hätte Abt Albrecht dem welschen +Bilde, nach dem er mich ausgesandt, eine bessere Zierde +für unsere Kirche verdankt, als er nun gewonnen hat!«</p> + +<p>Mit solchen Gedanken saß ich nieder in’s Gestühl +an jenem Vormittag mit dem Behagen Eines, der sein +<!-- Page 151 --><span +class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">151</a></span> +Werk vollbracht hat und nun ganz der Ruhe genießt. +Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg +vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten +Mal nach meiner Heimkunft, dünkt mich, stieg in mir +die Frage auf, ob ich wohl für immer von dieser bunten +Welt draußen und von Elzeburg und ihrem Ingesinde +sollte geschieden bleiben. Irmela’s Zuversicht kam mir +in Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden +die Hand bot, daß sie mich um die Sonnenwende zu +Speyer wieder zu sehen gedächte, als ihrem Ohm gesindet. +Ich mußte auch gedenken, wie sie sagte, sie +verhoffe noch manche Lieder von mir zu hören und +fröhliche. »Wie wird sie sich verwundern«, dacht’ ich, +»wenn sie vernimmt, ich sei entschwunden«, und ich fragte: +»ob sie dann auch meiner Bitte sich erinnern wird, die +ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?« Und ich +wünscht’ es mir also. – »St. Johannistag ist nahe«, +dacht’ ich wieder, »nun wird das Mägdlein auf sein +gen Speyer; leichtlich ist sie schon allda. In der +Kurzweil’ und im fürstlichen Glanz des Hofes wird sie +die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen +haben – und, eitler Diether, noch bälder Dich!«</p> + +<p>Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, +denn er, so schien’s mir, lockte meine Gedanken auf +diese Bahn, und ich beschloß, solchem Sinnen nicht ferner +nachzuhangen. Brun’s gedachte ich und seiner Mahnung, +da er mich von sich ließ; ich gedachte auch der traurigen +Geschichte, die er mir erzählt hatte. Wie war er doch +selbst von ihr so bewegt worden und wie eindringlich +warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich +ihn so gar verändert und erschreckend gesehen, hatte er +Alles dessen, was er da gethan und gesprochen, nicht +<!-- Page 152 --><span +class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">152</a></span> +mehr gedacht, als wär’ es von ihm vergessen wie ein +Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten hatte +er meine Lust gelobt in’s Kloster zurück und sie gemehrt. +Auch hatt’ er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen +nicht aufgespart bleiben, bis ich auf’s Neue eine +Verwandlung leiden und die Flucht geben müßte, denn +dann würd’ er und gewißlich ich auch sie nimmer wünschen; +sondern um meinetwillen wollt’ er unterweilen +aus seiner Waldestiefe herfürtauchen und mich heimsuchen +im Kloster. Einem alten Waldbruder würde +der Convent den Eingang nicht versperren. Um den +Johannistag wollt’ er mich sehen. Dessen gedacht’ ich +jetzt und wie übelgethan es von mir wäre und Zeichen +eines unverständigen Sinnes, wenn ich des treuen Berathers +vergäße, den ich mir gewonnen hatte, und +außer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas +mehr begehrte, als was sie mir droben für mein Bild +eingebracht hatte. – »So will ich denn«, sagt’ ich bei +mir, »in dieser Sommerzeit nur des Alten harren und +sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt +das Sonnenlicht mir gezeigt.«</p> + +<p>Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte +die Kirche zu verlassen, als ich im Laienchor feste und +eilige Schritte hörte, und gleich darauf durch das Lettnerpförtlein +Abt Albrecht und hinter ihm der Prior sichtbar +wurden. Er war immer ein Herr von wenig +Worten, und so mocht’ er auch von Andern keins zum +Überfluß hören. So fragt’ er nach kurzem Gruß allsogleich, +wie’s mir mit dem Bilde gerathen wäre. Ich +verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das +Werk aufmerksam und rief dann nach kurzer Weile:</p> + +<p>»Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und +<!-- Page 153 --><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">153</a></span> +an dem Eifer, mit dem Du daran geschafft hast, vermerke +ich mit Freuden, wie fördersam Dir die Reise +gewesen ist. Zwar«, fuhr er fort, » ich sehe, Du hast +von dem Deinen hinzugethan, aber ausbündig herrlich +muß das Muster sein, nach welchem Dir hier dies Bild +unserer lieben Frau gelungen ist, und nicht zuviel nach +meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des +welschen Meisters gerühmt.«</p> + +<p>Und er betrachtete wieder das Bild.</p> + +<p>»Wir sind wohl zufrieden mit Dir«, sagt’ er dann +noch, indem er sich zu mir kehrte – »erwarten nun +aber, daß Du nicht minder Eifer und Kunst an dem +Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist. +Hier, weißt Du, sollen die heil’gen drei Könige fürgestellt +werden (und er zeigte auf die Stelle der Wand), +wie sie gezogen kommen, den Gottessohn anbeten und +ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether, das +Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn +Du Profeß thust, muß zu mehrerer Ehre solcher Feier +all’ diese heil’ge Zier von den Wänden auf Dich herniedersehen, +der durch Gottes Gabe und Gnade sie +dahin gebracht hat.«</p> + +<p>»So eben zur Stunde, ehrwürdiger Vater«, sagt’ +ich bescheiden, »hab’ ich das Letzte dort am englischen +Gruß gethan.«</p> + +<p>»So ruhe heut«, sagt’ er wieder, »und heb morgen +mit den heil’gen drei Königen an.«</p> + +<p>»Noch weiß ich nicht, wie ich’s am Besten angreifen +mag, und die Königliche Pracht fürzubilden +dünkt mich schwer zu sein, der ich des ritterlichen Wesens +wenig erschaut habe.«</p> + +<p>»Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel +<!-- Page 154 --><span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">154</a></span> +Deinem Auge kund worden auf Deiner Fahrt, und +wie hier am englischen Gruß der Gewinn spürbar ist, +den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so +verhoff’ ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus +dem Morgenlande noch mehr davon sichtbar werden. +– Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit gewährt, +durch Feld und Wald zu streifen. Brauch’ solcher Muße, +dem Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es +nur erst in Deiner Seele lebendig, so werden die Hände +bald nachfolgen, es zu gestalten. Nur zögere nicht und +laß Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch +Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten +ist, darüber sollst Du mir berichten, wenn ich +Dich mit Nächstem darum vor mich fordere. Denn zur +Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.«</p> + +<p>Damit winkt’ er seinem Begleiter, hub zu Gruß +und Segen die Hand gegen mich, und als ich aufsah, +schritten sie schon das Pförtlein hinaus, durch das sie +gekommen waren.</p> + +<p>Da verließ auch ich die Kirche. Nach des Abtes +Rath und dem Antriebe meines eigenen Herzens eilt’ +ich die Klostermauern hinter mir zu haben. Wacker +waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt +gen Bretten, und doch hatt’ ich kein Ziel. Mich trieb’s +nur zur Bewegung, und zu rasten wär’ mir unmöglich +gewesen. Und ob ich gleich mit allem Fleiß mein Gemüth +dahin zwang, über das Bild zu sinnen, das ich +allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir +damit nicht, meine Gedanken zur Ruhe zu bringen und +zum stillen Aufmerken, wie meine Hand das Alles gestalten +möchte. Sondern immer wieder schweiften sie +hinaus und zurück in die Welt, der ich ungedacht eine +<!-- Page 155 --><span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">155</a></span> +Weile zugesellt gewesen war. Ja, das Sinnen über +das Malwerk selber, so mir aufgetragen war, half ihnen +heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen +Waller fürstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen +den reisigen Troß; immer wieder waren es da Gestalten +von Elzeburg, die dahin zogen, zierlich geschmückt, und +dann schienen sie mir mit ihren Fähnlein zu winken, +als grüßten sie herüber und riefen: »Irmela der Herrin +fahren wir entgegen!« Dann war’s, als müßt’ ich +selber mich zu ihnen gesinden und ich sähe mich da +auch unter dem Troß.</p> + +<p>Da sprach ich zu mir: »Diether, es taugt Dir +heut hier außen nicht, mach’ Dich zurück in die Abtei, +schleuß Dich ein in Deine Zelle, nimm Kohle und Stift +zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf’s Papier, +so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen!« +Aber dem Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren, +schritt ich fürbaß, als würde ich vor mir +stärker gelockt.</p> + +<p>Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende +und lenkte zwischen felsigten Bergen in ein Thal hinein, +das mit grünem Wiesenplan gar freundlich sich vor +meinen Blicken aufthat. Hier wandelt’ ich zumeist schon +im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden +Sommertages milderte, indeß droben auf den Höhen +das röthliche Gestein, von hellem Grün dicht belaubten +Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto +leuchtender herniedersah. Mir zur Seite floß ein rauschendes +Wasser. Seine Wellen hüpften in Sprüngen dahin, +als lüden sie mich ein auszuschreiten ihnen nach, und +wüßten mir noch Schönes zu zeigen. Und fürwahr! +darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich +<!-- Page 156 --><span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">156</a></span> +das Thal hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild +auf, unmaßen lieblich dem Auge anzusehen. Hier waren +die Bergzüge noch höher, aber sie stiegen zu beiden +Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als +wollten sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein Dörflein +genommen. Das hieng an der Lehne eines waldigen +Hügels, aus dem ein Felsen steil emporstarrte. Auf +diesem Felsen ragte eine bethürmte Burg, gar trutzig +über die Dächer unten hinausschauend in die Ferne, +dem wachsamen Hirten gleich, der sich bewehrt hat, +seine Heerde vor dem Wolf zu schirmen. So friedlich +und sicher lagerten sich hier die Häuser an den Bergeshang, +der die Burg trug, dicht zusammengedrängt, und +nur hie und da lugte noch ein Dach weiter unten im +Thal zwischen breitwipfligen Nußbäumen hervor. Rebenpflanzungen +und Ackerfelder bis oben an den Waldrand +der Berge, wohlbestellte Gärten und fette Weiden um’s +Dorf her bezeugten, daß es diesem Winkel der Erde +nicht am Segen des Himmels, noch am Fleiß der +Menschenhände fehlte.</p> + +<p>Froh überrascht von dem unerwarteten Anblick +hielt ich meine Schritte an. Noch besser sein zu genießen, +klomm ich einen Pfad hinan, der die Höhe +aufwärts führte zur Seite meines Weges. Da gewann +ich bald vom Vorsprung eines Felsens ein herrliches +Lugaus. Burg und Dorf und Gärten und Wiesen, +in vielen Schlingungen vom fließenden Wasser durchzogen, +und weiterhin ringsum die Höhen, hier sanfter +anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich +prangend mit reifenden Saatfeldern und weitästigen +Obstbäumen, dazu die mächtigen Waldungen, die oben +die Bergrücken bekrönten und auch, wo Schluchten +<!-- Page 157 --><span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">157</a></span> +und Klüfte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten: +Dies Alles übersah ich nun mit einem Blick und +es däuchte mich, als schaut’ ich ein Bild, gemalt von +des besten Meisters Händen. Da zog sich auch der +Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen +und Gärten an dem Burgberg vorbei in das Dörflein +hinein. Drüben, wo es zu Ende war, ward er +wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausführte, das +da als in einem Bogen sich abschloß. Die Straße +theilte sich dort, so daß ein Arm zur Rechten des +Wassers blieb und mit diesem zugleich, sich allgemach +krümmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil +aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen +Wiesengrund linkswärts zweigte sich von dem ersten +Weg ein zweiter ab; den führte eine stattliche Brücke +über das Flüßlein, und darnach schien er in das Gebirg +gen Mittag hinaufzuleiten. –</p> + +<p>Wie ich so all’ dies mit Muße von meiner Höhe +aus betrachtete und mich recht eine Freude durchdrang +über die stille Herrlichkeit der Gotteswelt vor mir, da +ward mir’s gewiß: Dies wäre mir nicht vergeblich gezeigt. +»Könntest Du«, sagt’ ich zu mir, »Etwas ersinnen, was +wohlgefälliger anzuschaun wäre und würdiger, die Stätte +vorzustellen, da die heiligen Könige dem Gotteskinde +und seiner Mutter begegnen – als hier dies bergumschlossene +Gefild? He, Diether! Nun präge Dir all’ +diese Augenlust recht tief ein in Dein Gemüth nach +Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der +Abendstern schon erblinkte und schickte seine Strahlen +von dort oben: auf eine minder wonnesame Welt, wähn’ +ich, säh’ er nicht hernieder, als damals der Wunderstern, +der über Bethlehem stille stund.« Solches sagt’ +<!-- Page 158 --><span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">158</a></span> +ich zu mir und ließ meinen Blick über Alles wandern, +was da zur Weide vor ihm ausgebreitet war. Drüben +vom Abend her, wo der Weg hinausführte aus dem +Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig +auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes +herein und streifte die Baumwipfel des Waldes und +traf auch die Zinnen der Burg. Von da, dacht’ ich, +sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die Helden +der Gottesminne geleitet, und wie würden sie voll Freude +jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ersähen. +Und wieder stellten sich die Gedanken von vorhin ein, +wie ein erwünschtes Ding es doch wäre, wenn ich +selber da heute so mitreiten könnte über Berg und +Thal, und zöge durch die geschmückte Welt zur +Sommerzeit. –</p> + +<p>Träumt’ ich da, oder befieng ein Zauber meine +Sinne, der mir zum Spott vor’s Gesicht brachte, was +doch nicht war?! Denn siehe! Dort drüben auf dem +Wege zum Thal hinein kam’s hervor, zuerst nur undeutlich +zu sehen zwischen den Waldbäumen, dann +glänzend im Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche +Reiter voran und, wie ich am blitzenden Zierrath erkennen +konnte, den Mannen und Rosse trugen, herrlich +geschmückt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu +sein, denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet; +sie trugen ein Banner, und von den Häuptern +ihrer Pferde nickten bunte Federbüsche; ihnen folgten +gewappnete Knechte zu Fuß und andere reitend auf +Rossen, die auf’s Zierlichste aufgezäumt waren. Darnach +kamen Ritter und Herren, alle prächtig angethan, nicht +gerüstet, sondern als hätten sie sich einem Feste entgegengeziert +und an Seide, an Sammet und an köstlichen +<!-- Page 159 --><span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">159</a></span> +Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen +war auch Einer, der saß gemächlich auf weißem Zelter: +nach Hut und Gewand sah er aus wie ein hoher geistlicher +Herr; Diener führten sein Thier. Nach diesen +kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Geräth +hochbeladen, wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu +Gezelt und Küchenwerk bestimmt, und letzlich zog ein +bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich allweg +solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es +etwas zu schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt. +So entfaltete sich dieser Zug, aus dem Walde herfürkommend, +und war nun ganz sichtbar auf dem Wege, +den er erfüllte.</p> + +<p>Schon wähnt’ ich, sie würden ihre Fahrt etwan +hinein in’s Dorf nehmen und hinauf zur Burg oder +an mir vorüber; aber da sie an die Scheide des Weges +gekommen waren, wandten sie sich linkswärts zur Brücke +und zogen da die Straße quer durch’s Thal in das +Gebirg’ hinauf. Staunend ruhte mein Auge auf all’ +der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie ich zuvor +ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel +möglich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus +dem Zuge hinter den Bergen verschwunden war. Das +war bald geschehen und drüben war mir der Weg +wieder so einsam wie vordem.</p> + +<p>Wohl durft’ ich mich da fragen, ob’s Wirklichkeit +gewesen wäre, was ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung. +Doch solcher Zweifel ward mir bald benommen, +denn ich sah zween Knappen zurückkehren sogleich +darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt +sind, die Straße heranreiten, welche in’s Dorf führte. Sie +mußten frohe Märe zu bringen haben und selber frohen +<!-- Page 160 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">160</a> +</span> +Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf der Dorfstraße +zusammen kam, durfte die fremden Gäste fragen +und gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der +Leutlein wahrnahm, schier guten Bescheid. Der eine +der Beiden lenkte seitwärts hinan zur Burg, der andere +ritt weiter fürbaß.</p> + +<p>Als ich sah, daß er den Weg zog, den ich gekommen +war, und also an mir vorüber mußte, stieg ich +behend von meiner Warte hinab, und da er nahte, +schritt ich ihm entgegen, grüßte ihn mit Züchten und +fragte, ob er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei +Herren das gewesen wären, die da mit also stolzer +Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer Reise +Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es +müßten vor Andern auserlesene Ritter sein, und gewißlich +war’s ein hohes Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck +entgegenführen.</p> + +<p>Da erwiederte der Gefragte: »Ihr habt meiner Treu +mit Beidem das Richtige getroffen, wenn anders eine +Hochzeit ein Freudenfest ist und ein Bischof und Grafen +und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich auszurichten.«</p> + +<p>Darnach sagt’ er mir, daß sie von Speyer kämen, +dahin die junge Braut zu geleiten, welche Conrad, +dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt wäre. +Der Bischof selber führte ihr den Bräutigam zu, und +manch’ Edler wäre noch in seinem Gefolge. Hier unweit +sollte die Begegnung stattfinden und einen herrlichen +Empfang wollte man der Braut und ihrem Geleite +bereiten. »Da wird es,« schloß er, »an Ehr’ und +Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und +ritterlichem Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen, +wenn man höfische Tugend und milde Sitten beweisen +<!-- Page 161 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">161</a></span> +will; so wird’s auch Euch nicht reuen, geistlicher Bruder, +wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz +widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach +Eurem Theile seiner Freude mit zu genießen. Gewiß! +Ihr bringt genug der Erinnerung heim, davon noch +lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.«</p> + +<p>Darauf trieb er sein Roß an und trabte von +dannen. Das war mir leid, denn was er mir berichtet +hatte, gieng mir näher zu Herzen, als er’s denken konnte, +und gerne hätt’ ich von ihm noch mehr erfragt.</p> + +<p>Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet +hatte, das kam mir auf meinem Heimwege nicht aus +dem Sinn. Wieder waren meine Gedanken nach Speyer +gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte, wenn ich +nicht von den Elzeburgern mich losgerissen hätte, und ich +fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wäre mit ihrem +Ohm oder ihr diese hochzeitliche Fahrt gälte. Schalt ich +mich dann wegen solchen Fragens, das mir doch zu nichts +diente als zur Mehrung meines unruhigen Muthes, so +half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder sah +ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit +der Frage: »Ist’s Irmela, der sie entgegen ziehen?« –</p> + +<p>So war denn mein Zweifel und meine Unruhe +groß, da ich spät gen Maulbronn zurückgelangt war, +und vor Herzensschwere und Widerstreit in meiner Seele +durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir +die heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und +unter dem Volke das Fest mit zu schauen, ob ich da die +Elzeburgerin sehen möchte, vielleicht als die, der zu Ehren +all’ diese herrliche Pracht gezeigt ward. Und ich sagte +mir, daß es ja nichts Arges wäre, das mich triebe, +der Gelegenheit zu brauchen, das Mägdlein unvermerkt +<!-- Page 162 --><span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">162</a></span> +wieder zu sehen, ja, daß freilich das Gegentheil verwunderlich +sein würde, und Zeichen eines blöden +Sinnes; ich fand auch, daß jenes Thal mit der ragenden +Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche +Fest, mir weidlich am Bilde zum Guten gedeihen würde. +Hatte mich doch der Abt selber dahin gewiesen, draußen +zu suchen und mich umzuschauen, wie ich dem neuen +Bilde am besten rathen könnte. Wenn mich aber so +mein Sehnen schuldlos däuchte und daß es nicht noth +wäre, meinem dahin gerichteten Gemüthe zu wehren, +so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem +Herzen gar ernstlich, als wär’ es doch nur eine Versuchung, +die mich hinauslockte, um mich in Schaden +und Unseligkeit zu stürzen.</p> + +<p>Und eine Bangigkeit kam über mich, als ob es +mir übel gerathen würde, so ich hinzöge. Als es +aber lichtmorgen worden war und ich im Klostergarten +der würzigen Luft genoß, da schöpfte meine +Brust auch, däuchte mich, wieder frischen Lebensmuth, +und es schien mir, die ruhelose Nacht hätte mich furchtsam +gemacht, und ich sah nichts Schlimmes in meinem +Wunsche.</p> + +<p>Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht +Genüge. Sondern, wie sie mir in der Erinnerung +lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern mir zum +Bilde auserwählt, mit allem Fleiß, und auch die heiligen +Wallfahrer mit ihrem Troß entwarf ich auf der Stelle, +wo mir der festliche Zug erschienen war. Unmüßig war ich +den ganzen Tag, daß ich morgen die Versäumniß mir +desto weniger zum Vorwurf zu nehmen brauchte. Was +ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck +beim Feste sehen möchte, das wollt’ ich mir wohl in +<!-- Page 163 --><span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">163</a></span> +der Erinnerung bewahren und für’s Bild verwenden. +Denn nur einen halben Tag gedacht’ ich aus zu sein und +den nächsten wieder im Kloster meiner stillen Arbeit +obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin +kehrte, die Spiele mit anzusehen, die der Braut zu +Ehren sollten gefeiert werden, und mich des Dinges +weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela’s +gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden würde, +desto heiterer schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als +wär’ ich auch zum Feste geladen, und mich däuchte, +wenn ich zu Roß da hinauf zöge, so hätt’ ich das auf +Elzeburg also erlernet, daß ich keinem der Herren zur +Schande da sein würde.</p> + +<p>In solchem Muthe machte ich mich denn Tags +darauf, noch ehe man Mittags zur Speisung im Refectorio +zusammenkam, von dannen. Dem Pförtner +sagt’ ich, meiner Kunst zu Dienst müßt’ ich aus sein +und am Abend würd’ ich wiederkehren. Daß mir +solche Freiheit verstattet war, mehr als den Brüdern, +deß waren sie gewohnt im Convent, und so ward ich +auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert +durch die geöffnete Pforte.</p> + +<p>Draußen in einem der letzten Häuser, die um’s +Kloster gebaut sind, wohnten alte Leute, die der Abtei +hörig waren. Es war ein Ehepaar, Mann und Weib +wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten +in ihre Hütte oder wenigstens durch’s Fenster sie zu +grüßen. Es geschah immer zu ihrer großen Freude; +denn in meinen jungen Kinderjahren war ich in ihrer +Pflege gewesen, und noch immer hegten sie eine sonderliche +Liebe zu mir. Bei ihnen hatt’ ich, da ich von +Brun wiederkam, das köstliche von Irmela mir geschenkte +<!-- Page 164 --><span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">164</a></span> +Kleid niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen +klösterlichen Rock angezogen hatte, dem ähnlich, den +ich sonst zu tragen gewohnt war, wollte, daß ich +das zierliche Gewand bei ihm für immer zurückließe. +Aber da ich wünschte, es zu behalten, weil mir zu +meiner Malkunst solch’ auserwähltes Kleid leicht noch +nütze werden könnte, so willigte er ein und ich trug’s +im wohlverhüllten Bündlein mit mir. Niemand hätte +mir wehren können, es mit mir in’s Kloster zu nehmen +und mit dem anderen Geräth und den Kleinoden +meiner Kunst zu bewahren, aber ich hatt’ es doch für +viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto +lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu +bringen. Und so hatt’ ich Irmela’s Gabe bei den +Alten in Verwahrung gethan.</p> + +<p>Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben +sie mir, wie ich’s heischte und unversehrt, das wohlverwahrte +Kleid zurück. »Mir ist’s bestimmt zu tragen«, +dacht’ ich. »Zwar die Kunst, mit der ich mir’s verdient +zum Lohn, gedenk’ ich nicht mehr zu üben; aber wenn +je, so mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser +Fahrt. Ist ihr Ziel heimlich, so sichert mir wohl dies +Kleid, wenn’s Noth ist, meine Heimlichkeit.«</p> + +<p>Und so nahm ich’s mit mir.</p> +</div> + + + + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/164_vignette.png" alt = "" /></p> + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<!-- Page 165 --><p class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">165</a></p> +<h2><a name="Siebentes_Capitel" id="Siebentes_Capitel"></a>Siebentes Capitel.</h2> + +<h1>Beim Feste.</h1> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/165_e.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">E</span>s war noch hoch am Tage, denn ich war +rüstig zugeschritten, als ich wieder zur Seite +des Baches das Thal durchzog, von dem +aus ich zum Dorf gelangen sollte, das so +sicher sich lagert um die bethürmte Burg. Je näher +ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, daß heut +den Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag +angebrochen war, den mit zu feiern Keiner versäumen +wollte, der wohl auf war und gerne fröhlich. +Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele +nach wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam, +fand ich der fremden Gäste viele. Die Lustbarkeit der +Herren mußte wohl bekannt worden sein aller Orten +ringsum. Da waren Junker und Knechte, Bürger und +Bauern, auch fahrende Sänger, Luftspringer, Gaukler +und Hebräer, und was sonst Leute dem Gewinne nachgehn, +wo müßiges Volk sich zusammenfindet, das die +Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen läßt. +Alle zogen sie hindurch der Brücke zu jenseit des Dorfes, +und auch von drüben ward der Haufe durch Gäste +<!-- Page 166 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">166</a></span> +vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich die Herren +hatte quer durch’s Thal reiten sehen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Ich hatte mich, da ich durch’s Dorf schritt, Bauern +zugesellt. Von ihnen erfuhr ich, daß heute Morgen +die Braut und ihr Geleite unweit des Ortes angelangt +und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich +empfangen worden wäre. Alsbald hätten die Speyerischen +die Ankömmlinge zum Lustlager geführt, das +sie zugerichtet, allda zu rasten und die Begegnung +fürstlich zu feiern.</p> + +<p>Wie die Braut geheißen würde und woher sie +käme, konnt’ ich nicht erkunden; doch bezeugten sie, das +volle Lob, das edlen Sitten und prangender Jugend +gebühret, würde von der Sage der Leute ihr zuerkannt.</p> + +<p>Unser Weg führte uns im Bogen aus dem Thal +eine nicht kleine Höhe hinan. Weil die Bauern da +oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen mußten, wie sie +mir sagten, so war die Straße breit und sanft ansteigend +bereitet und gemächlich aus ihr zu schreiten. Hoher +Buchenwald zu Seiten unseres Weges hinderte den +Ausblick. Um so mehr war ich betroffen von der +weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf dem +Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald +in’s Freie trat. Da sah man weithin Gebirg’ und +Land, und unten vor sich das muntere Thal mit Burg +und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen +anmuthig umkränzt war. Aber auf dies Alles blieb +mein Blick nur einen Augenblick hingelenkt; denn das +Bild, das ich in der Nähe vor mir sah, nahm all’ +mein Aufmerken gefangen.</p> + +<p>Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan, +der beinahe die ganze Breite des Berggipfels einnahm. +<!-- Page 167 --><span +class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">167</a></span> +Sonst besuchte diese Stätte wohl nur der Hirt mit +seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb, +oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit, +und wenn sie auf den anliegenden Feldern ackern +oder ernten wollten. Aber heut’ gieng’s auf der +Höhe ganz anders, lärmend und fröhlich zu. Zu +Haufen stunden da die Menschen umher, thaten sich +gütlich und hatten ihre Kurzweil, die gekommen waren, +das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei +an Festlichkeiten vorkommen würde, mit anzusehen. Da +verführte männiglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn +die Menge müßig ist und in Erwartung neuer Dinge, +ein Getöse rings um mich her, da ich unter sie schritt, +daß es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte +bald, daß der Meisten Augen und Sinne nach jener +Seite gerichtet waren, wo ich gleich anfangs, da ich +die Aue übersah, das Lager der Herrschaften wahrgenommen +hatte.</p> + +<p>Da war unter einem Nußbaum, der hoch und +weit seine dichtbelaubten Äste streckte, und etwas in +der Mitte der Bergwiese stund, von seinem Stamme +aus ein Überdach aus buntem Gewebe gespannt mit +purpurnen Quasten, das vorne Stäbe trugen, die in +Gold und Silber erglänzten. Unter diesem Überdach +zur Erde waren Teppiche gebreitet mit schimmernden +Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich +gesticktem Zeuge überdeckt waren; als das Meisterlichste +aber in zierlicher Arbeit und reicher Pracht mußte +Jedermann die Decken auserkennen, so von der Höhe +des Daches zur Erde niederhiengen und hinten den +Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur +und Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all +<!-- Page 168 --><span +class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">168</a></span> +diese edle Kunst betrachtete und Einen, der mir zunächst +stund, fragte, was wohl des Gezeltes Bedeutung wäre, +sagt’ er mir, das wäre für die Braut bestimmt, von da +aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren würden +gehalten werden. Die reichen Decken aber hätte der +Bischof aus seiner Hofhaltung von Speyer hergeführt. +Daß ich da wieder vom Bischof Gebhard hörte, schuf +mir wenig Freude, und mahnte mich daran, daß ich +sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen +könnte oder ich ihm; doch er kannte mich ja nicht von +Person, und wie sollte mich Irgendwer aus der Menge +herausfinden, so ich mich nur klüglich hielt. Zudem +wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut +hörte, ihren Namen zu erkunden und ob es wohl +Irmela wäre. So lugt’ ich denn mit Eifer nach vorn, +vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder +liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit +meiner hohen Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte, +leicht über die Häupter der Meisten. So erblickt’ +ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich +umdrängte, Alles, was da für die Herren und ihre +Gäste hergerichtet war. Ich sah reiche Gezelte und +unter grünem Gezweig Tische, das Mahl zu halten. +Seitwärts im Schatten des Waldraines stunden Rosse +und Saumthiere, mit Halftern an die Äste der Bäume +gebunden, oder an eingezäunten Stellen grasend.</p> + +<p>Unweit von da waren von Brettern Tische +und Bänke für die Knechte hergerichtet, und unterschiedliche +Rauchsäulen, die hie und dort hinter +Bäumen emporstiegen, ließen erkennen, daß man zum +Mahle rüstete; wie denn auch jetzt schon unter einer +schattenden Buche ein Schenke aus einem großen Faß +<!-- Page 169 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">169</a> +</span> +Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat, den Becher +oder Krug füllte. Wiewohl nun da die Geschäftigkeit +der Diener um die Zelte und Tische groß war, und +auch ritterliche Herren, in reichem Schmuck gekleidet, +sichtbar wurden, so konnt’ ich doch aus der Menge +Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem +schon gesehen hätte. Aber all’ dies Wesen und Leben +vor mir erschien meinen Neulingsblicken doch so werth +der Betrachtung, daß ich nur immer unverwandt hinstarrte +und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan +aus deren einem die Braut schreiten möchte.</p> + +<p>So mocht’ ich höher denn sonst mich gereckt +haben, gar nicht achtend, ob ich nicht auch selbst ringsum +Allen so bemerkbar würde, als ich hinter mir eine +Stimme vernahm, von der ich gewiß war, daß ich sie +nicht zum ersten Mal hörte.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Sieh dort den Mönch, der mit uns briet<br/> +</span> +<span class="i0">Dein Gänslein, eh’ uns Krumholz schied.«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Darauf kam die Antwort:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth:<br/></span> +<span class="i0">Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied.<br/></span> +<span class="i0">Drum fort, daß er uns nicht ersieht!«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Geschwind hatt’ ich mich bei dieser Wechselrede, +deren Sinn mir nur allzuverständlich war, umgewandt; +aber gar eilig befolgte das ungleiche Paar den Rath +des Kleinen, und nur noch einen kurzen Augenblick +sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestüm durch die +Menge hindurch drängten, in der sie sogleich darauf verschwunden +waren. Da mußt’ ich bei mir lachen, daß +hier Jemand vor mir die Flucht gab, dem doch +selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben +<!-- Page 170 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">170</a></span> +und unerkannt. Und so gedacht’ ich hinfort fürsichtiger +zu sein und mich sorglicher unter dem Haufen verborgen +zu halten.</p> + +<p>Aber da geschah es, daß, mir zum Wenigsten ganz +unerwartet, drüben um die Gezelte eine Bewegung nicht +kleine entstund und Diener in bunten Röcken unterschiedlicher +Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen +der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stäben, die +sie in Händen schwangen, die umherstehenden Leute +zurücktrieben, daß vor uns der ganze Platz frei würde. +Wie nun von den also Bedrängten der Eine hier und +der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, +zuerst nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte und +hernach öftermalen immer wieder an einen Wärtel gerieth, +der mich dann mit Schelten zurücktrieb, so fiengen +die Leute an über dies Spiel zu lachen, was mich noch +mehr verwirrte, so daß ich endlich gar nicht mehr durch +die Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar +vorn unter den Ersten stehen bleiben mußte.</p> + +<p>Doch im nächsten Augenblick waren Aller Augen +nur vor sich nach den Zelten gerichtet, sich nichts entgehen +zu lassen, was da vorgieng. Da traten zuerst +die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten +im Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang +des einen sonderlich geschmückten Zeltes, richteten +ihre Banner auf, setzten ihre Hörner an den Mund +und ließen die ertönen, daß es ringsum aus dem Wald +und trüben von den Bergen wiederhallte. Da ward +Alles still, und heraus traten aus demselben Gezelt der +Bischof Gebhardus Spirensis, auf dessen Ornat ein +Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an güldner +Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur +<!-- Page 171 --><span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171"> +171</a></span> +Seite ein junger Ritter, stolzen und strengen Aussehns, +über dessen Schulter nach fränkischem Schnitt an seidnen +Schnüren ein Mantel hieng von Sammet und köstlichem +Zobel. Dieser Ritter, so hört’ ich, war Gebhard’s +Neffe, reich an Gütern und aus fürstlichem Hause; +ihm hätte der Ohm selber die Braut geworben, die +jetzt gen Speyer geleitet würde, und Wunder hörte man +von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wäre.</p> + +<p>Während dem schritten die Beiden, die Herolde +voran und in ihrem Gefolge Herren und Junker und +dem Zuge zur Seite Knechte mit Hellebarden oder gezogenen +Schwertern, einem gegenüber aufgeschlagenen +Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben +giengen hinein. Alsbald stießen die beiden Herolde +wiederum in ihre Hörner, daß es laut erscholl. Da +wurden die Zeltvorhänge zurückgeschlagen und heraus +ward die Braut geführt; ihr folgten +<ins class="correction" title="Original: Dienerinnnen">Dienerinnen</ins>. +O, ich erkannte sie wohl und Den, der sie an der Hand +führte, ob auch gleich, seitdem ich sie zuletzt gesehen, +eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war! +Ihre Schönheit, däuchte mich, war strahlender geworden: +nicht Dank der Pracht, welche die Maid da trug; denn +Wer mochte noch dem seidenen Gewande mit den gestickten +Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen Gürtel +und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gönnen, wenn +er nur einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da +vom Schleier umwallt leuchtete, wie wenn Lilien und +Rosen zusammenstehen. Sondern was nach meinem +Wähnen ihrer Schönheit zur Erhöhung diente, war, +daß sie all’ der Zier, mit der man sie heute sah, nicht +zu begehren noch zu bedürfen schien, und daß sie auf +die Herrlichkeit, die sie hier umgab, kein größeres +<!-- Page 172 --><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">172</a> +</span> +Aufmerken hinkehrte, wie mich däuchte, als damals +auf ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg +zu sehen gewohnt gewesen war. Und dies eben schien +mir als eine Veränderung in ihrer Seele, daß sie an +der gegenwärtigen Pracht keinen größeren Antheil nahm, +die doch, als ich wähnte, vor wenigen Wochen über +den geringsten Theil dieser Augenweide der kindlichen +Freude viel gezeigt hätte.</p> + +<p>Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter +Conrad mit zierlichem Gruß, den sie mit Züchten erwiederte, +wie sie auch mit Ehrerbietung vor den Bischof +trat. Da ward von allen Seiten ein freundlich Grüßen +gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur Seite, +sie zu geleiten, als der die größte Ehre an diesem +Tage gebührte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte +sich der Bräutigam. Hernach folgten die Andern in +ihrer Ordnung. So begaben sie sich allsammt nach +dem Sommerzelt, das am Nußbaum ausgespannt war, +wo auf den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu +beiden Seiten der Bischof und der Graf sich niederließen. +Hinter sie stellte sich Conrad und sonst zween oder drei +der Edelsten aus Gebhard’s Gefolge. Die Andern alle, +Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, +wie ihm gebührte, diesen Herrschaften zur Rechten und +zur Linken.</p> + +<p>Wie ich das Alles betrachtete, wundert’ ich mich, +wie wenig doch Irmela, der zu Genieß dies Gepränge +bereitet war, die Glückseligkeit einer Braut sehen ließ; +wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum Gemahl +erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie +liebevoll sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete +und wie freundlich jedesmal ihr Angesicht lächelte, wenn +<!-- Page 173 --><span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">173</a></span> +er’s that, als sollt’ er nicht zweifeln, daß sie ganz glücklich +wäre.</p> + +<p>Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten +dem Volke Stille und einer der Herolde trat vor, verneigte +sich gegen die Herrschaften im Gezelte und rief dann, +zum Volk gewandt, mit lauter Stimme folgendermaßen:</p> + +<p>»Nachdem es seiner bischöflichen Gnaden geliebt +hat, ihren Neffen, den trefflichen Ritter Conrad, von +Gernstein zubenannnt, auf seiner fröhlichen Brautfahrt +hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre dieses +Tages und zur Erhöhung werther Lustbarkeit nach +alter Sitte öffentliche Spiele halten wollen. Und weil +denn die vieledle Braut« (hierbei neigte der Herold +sich gegen das Fräulein) »der preislichen Singekunst +sonderlich zugethan ist, lassen Seine bischöfliche Gnaden +zuvörderst Alle, die in der Singekunst etwas vermögen +und sich deß getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten, +darin ihr Bestes zu versuchen. Ein Kranz und silberner +Becher ist der Preis. Die holde Braut selber wird +die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger auserkennt.«</p> + +<p>Darauf schwieg dieser Herold und trat zurück an +seinen Ort. Da winkte der Bischof einem Edelknaben, +der hinter im stund. Der kam hervor, bog vor Irmela +das Knie und bot ihr in silbernem Gefäße, das er in +Händen trug, ein weißes Blatt und Griffel dar. Sie +nahm Beides, reichte es aber hinter sich dem Gernsteiner. +Der besann sich nicht lange, beschrieb das +Papier und legt’ es wieder in die Schüssel. Nun gieng +der Knabe, nahm das Blatt heraus und übergab es +dem andern Herold. Nachdem dieser gethan, wie der +erste, entfaltete er das Papier, erhub seine Stimme und +las, was da geschrieben stund: +</p> + +<p><!-- Page 174 --><span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">174</a></span> +»Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt!« +Das ist’s, worauf die Singer Antwort geben +sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn, wer hoher +Ehren begehrt! – Zum Sinnen ist eine kurze Frist +verstattet!«</p> + +<p>Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von +der Stelle hinweg zu machen, auf der ich stund. Nicht +allein des Bischofs wegen, wenn ihn etwa die Lust +ankäme, nach dem Klösterling zu fragen und mich vor +sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger, +in dieser meiner Tracht von der Jungfrau Irmela +erkannt zu werden; und nahe genug war ich ihr da. +Ich sucht’ also und fand, da nun eine Zwischenzeit, bis +sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war, eine +Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr +entgangen. Aber vom Schaun der Herrlichkeit wie von +der Erwartung, was nun folgen sollte, war mein Gemüth +so erregt, daß es mir eine Pein schien, dem Spiele +fern zu bleiben. Auch war mir, ich wußte selber nicht +warum, Irmela’s Anblick hier im festlichen Glanz so +leid wie lieb gewesen, aber ein sehnendes Verlangen +zwang mich zurück, sein ferner zu genießen.</p> + +<p>So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren, +und der Sorge, durch meine Tracht in Beschwerniß +zu gerathen. Da vernahm ich von ferne den +Schall der Hörner und den Ruf des Heroldes, daß +das Spiel begönne. Alsbald sucht’ ich mir einen sicheren +Versteck unter überhängendem Gestein. Daselbst legt’ +ich meinen Klosterrock ab, verbarg ihn wohl und kam +in der Singertracht herfür, die ich mir in Elzeburg +zum Lohne verdient hatte.</p> + +<p>Eilig kehrt’ ich nun zurück und mischte mich unter’s +<!-- Page 175 --><span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">175</a></span> +Volk wie vorhin, nur daß ich so weit wie möglich von +meinem ersten Standorte fern blieb und mich weislich +nicht unter die Vordersten drängte.</p> + +<p>Schon hatte das Wettsingen seinen Anfang genommen +und unter den Zusehern, acht’ ich, merkte +Keiner eifriger darauf, als ich. Wie viel Singer vortraten, +ihr Vermögen zu erproben, weiß ich nicht. Sie +zeigten Alle ihre beste Kunst. Auch der Lange, mein +einstiger Reisegesell, der mich mit in die Waibstädter +Händel gebracht hatte, kam, sich Kranz und Becher zu +ersingen. Ich bückte mich, da er in den Kreis trat, +denn mir schien, als säh’ er sich sorglich um und schritte +nur zögernd hinzu; aber der Kurze hinter ihm, sah ich +wohl, trieb ihn vorwärts mit Ermunterung und Spott. +Wohl durfte sich der Fiedler sehen lassen, denn Frau +Aventiure war ihm, nach seinem Kleid, das er jetzt +trug, zu urtheilen, hold gewesen, wenn er’s anders +seiner Kunst verdankte. Daß die nicht kleine war, +ward auch am Spruch offenbar, den er hören ließ. +Lautes Lob erscholl, da er zu Ende war.</p> + +<p>Derweilen saß Irmela, das Haupt ein wenig auf +den linken Arm stützend, und regte sich nicht. Ihre +Augen waren gesenkt, und nur selten ließ sie einen +Blick über den Singer gehen, der vor ihr stund. An +dem Allen war zu spüren, wie aufmerksam sie auf +das Gesungene hörte, und wie sie nachsann über das, +was ihr Ohr vernahm. Doch ihr Eifer, Alles recht +zu erfassen, schien mir kein anderer, als den sie damals +erzeigt hatte, da sie von mir die alten Mären vernahm, +von Sifrit, dem kühnen Recken. Sie hatte wohl Freude +daran, aber Herz und Sinn giengen ihr dahin nicht. +Sie achtete auf die Kunst, die da bewiesen ward; aber +<!-- Page 176 --><span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">176</a></span> +ihr Gemüth, schien es, war nicht vertraut mit dem, +was sie hörte. Daß sich das Fräulein also erzeigte, +däuchte mich verwunderlich und nicht so gethan, wie +ich mir’s von einer jungen Braut gedachte, die zu ihrem +Trauten Herzenliebe trüge.</p> + +<p>Nun wuchs aber auch mir unterm Hören der +Eifer um die Sache, der sich da die Singer beflissen. +Sie gaben auf die Frage, so ihnen gestellt war, unterschiedliche +Antworten. Der Eine rühmte Ehre und +tugendliche Sitten, als wodurch der Liebe Gedeihn +erwüchse; der Andere strich dazu die Freude aus und +hochgemuthes Leben; ein Dritter Herzensreinheit und +Treue falschesfreie; ein Vierter glückselige Schönheit +und frohe Jugend. Und zuletzt wandten sie immer +ihren Spruch auf das Brautpaar vor ihnen, als bei +dem solche Gaben und Tugenden im Überschwang +zu finden wären, und ließen es ihm an keinem Lobe +fehlen. Doch davon schien sich Irmela nichts anzunehmen, +nicht zwar aus Stolz, sondern als wüßte +sie nicht, warum sie solchen Ruhm sonderlich werth +halten sollte.</p> + +<p>Da rief der Herold wieder, ob noch Einer da +wäre, der sich des Singens unterwinden wollte. Denn +so Viele zuerst in den Ring getreten waren, die hatten +nun Alle das Ihre gethan und stunden seitwärts, des +Richterspruches harrend. Wie Alles stille blieb, geschah +es, als ich wahrnahm, zum ersten Male, daß Irmela +ihre lichten Augen aufhub und frei umschweifen ließ +über die Menge.</p> + +<p>Da schlug mir mein Herz hoch auf, denn mir +war’s in dem Augenblick nicht anders, als erwartete +sie mich zu sehen. Und so that ich ohne Wahl einen +<!-- Page 177 --><span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">177</a></span> +Schritt vorwärts. Wie diese meine Bewegung nun +gerade auf den Ruf des Herolds geschah und nach +meiner Tracht die Leute mich wohl für einen Singer +halten konnten, der zu diesem Feste seinen besten +Schmuck angelegt, so wichen sie seitwärts und riefen +den vorn Stehenden zu, das Gleiche zu thun und +mich durchzulassen. Da war auch schon ein Diener +zur Stelle und schuf mir Raum, mich in den Ring +zu geleiten.</p> + +<p>Noch stund ich im Zweifel, was ich thun sollte. +Aber als ich nach dem Herrensitz hinblickte und sah, +wie Irmela, das edle Kind, mit Freuden mich gewahrte +und mit stummem Gruße mir zu winken schien, da hätte +keine Scheu und kluge Fürsicht mich zurückgehalten; +und nur heftiges Sehnen überkam mich, ihr noch einmal +nahe zu sein, wohl zum letzten Mal, und mit der +Kunst, durch die ich ihr werth geworden war und die +ich ihr verdankte, ihr zu gefallen und sie zu grüßen +auf Nimmerwiedersehn!</p> + +<p>So beschloß ich denn, wohl darauf zu achten, daß +ich mich nicht verriethe, nahm all’ meinen Muth zusammen +und schritt, dem Diener nach, ziemlicher Weise +in den Kreis. Vor der Laube angekommen, neigte ich +mich vor Allen und vor der Richterin in diesem Wettspiel +sonderlich. In ihrer Miene las ich freilich ein +fragendes Staunen über mein plötzliches Verschwinden +und meine unerwartete Wiederkehr; aber war da ein +Zweifel, so ward er überglänzt vom freundlichen +Willekomm, das, wiewohl nur leise, mir ihr Auge sagte. +Davon gewann mein hochsteigendes Herz Vertrauen zu +meiner Kunst, und wie ich schon zuvor während dem +Hören mein Sinnen auf die Frage gelenkt hatte, darauf +<!-- Page 178 --><span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">178</a></span> +im Liede zu antworten war, so fügten sich jetzt Wort +und Weise in meiner Seele selbst zu einander.</p> + +<p>Ich ließ mir von einem der Singer, die da gesungen +hatten, eine Laute reichen, griff in die Saiten +und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub ich an und +sang also:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wo tief im Herzen Minne wohnt,<br/></span> +<span class="i0">Als Siegerin darinne thront,<br/></span> +<span class="i0">(Bedenkt es wohl, ihr zarten Kinde!)<br/></span> +<span class="i0">Da ist auch Leid ihr Ingesinde.<br/></span> +<span class="i0">Wahr ist’s, was man seit Alters spricht:<br/></span> +<span class="i0">Die Liebe läßt vom Leide nicht;<br/></span> +<span class="i0">Und doch ist Lieb’ des Leides Feind.<br/></span> +<span class="i0">Vernehmet nun, wie das gemeint!<br/></span> +</div> +<div class="stanza"> +<span class="i0">Die Rose kehrt ihr Angesicht<br/></span> +<span class="i0">Allzeit empor zum Sonnenlicht,<br/></span> +<span class="i0">Das macht sie also wonnig roth,<br/></span> +<span class="i0">Die Finsterniß brächt’ leiden Tod.<br/></span> +<span class="i0">Doch streckt sie unter feuchtes Moos<br/></span> +<span class="i0">Die Wurzeln rief in dunklen Schooß.<br/></span> +<span class="i0">Dich lacht sie an mit rothem Munde<br/></span> +<span class="i0">Und haftet doch im finstren Grunde,<br/></span> +<span class="i0">Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:<br/></span> +<span class="i0">Das ist der Liebe Ebenbild!<br/></span> +</div> +<div class="stanza"> +<span class="i0">Es bringt das Leid der Liebe Pein,<br/></span> +<span class="i0">Doch ohne Leid kann Lieb’ nicht sein,<br/></span> +<span class="i0">Es liebt die Lieb’ Leid zum Gedeihn.<br/></span> +<span class="i0">Und wird vom Leid ihr Noth geschafft,<br/></span> +<span class="i0">Doch zieht sie Nahrung draus und Kraft.<br/></span> +<span class="i0">Drum, wer der Minne Flug will wagen,<br/></span> +<span class="i0">Der darf dem Leid sich nicht entschlagen;<br/></span> +<span class="i0">Denn will er’s auf das Leid nicht wagen,<br/></span> +<span class="i0">Muß er der Lieb’ auch sich entschlagen.<br/></span> +<span class="i0">Wer jemals diesen Weg gefahren,<br/></span> +<span class="i0">Lobt meinen Spruch gewiß als wahren.<br/></span> +<span class="i0">Ward er von Leid’ in Liebe wund,<br/></span> +<span class="i0">Werd’ er von Lieb’ in Leid’ gesund!<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p><!-- Page 179 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">179 +</a></span> +Als ich ausgesungen hatte und an den Gebärden +Graf Eberhard’s, mit denen er sich zu seiner Nichte +hinüberneigte, wahrnahm, daß ich von ihm auch wohl +erkannt war, gedacht’ ich ungesäumt in die Menge +zurück zu fliehen und mich so davon zu machen. Ich +hatte aber kaum die Laute Dem wiederum gegeben, +aus dessen Hand ich sie empfangen, und suchte nun +durch die Singer, die da stunden, hindurch zu kommen, +nachdem ich mich ziemlicher Maßen vor den Herrschaften +verneigt: da geschah es, daß allum ein Rufen sich erhub +und männiglich mich bedeutete, daß ich doch stille +hielte; denn zur Stunde würde es verkündigt werden +von wegen des Preises, wer ihn davontragen sollte. +Derweilen ertönten auch schon die Drommeten der +Herolde auf’s Neue und im Volk entstund eine freudige +Bewegung; Alle winkten mir, hinter mich zu blicken, +und da ich denn mich umsah, war einer der Knechte +mir zur Seite und lud mich ein, mit ihm zu gehen. +Es nahm ihn Wunder, wie er sah, daß ich zauderte, +ihm zu folgen, und so ergriff er mich am Arme, daß +er mich zwänge, weil er nicht anders denken mochte, +als daß ich mich aus großer Blödigkeit also erzeigte. +Da lachten die Leutlein, wie sie vorhin über mich gelacht +hatten, und Einer sagte, man sähe da eine seltne +Tugend, daß ein Meister der Kunst begehre, aber ihres +Lohnes nicht. Nun lachten sie noch mehr und hatten +so ihre Kurzweil.</p> + +<p>Da hub ich mein Haupt empor, und schritt, weil +es so sein mußte, dem Diener nach stracks vor mich, +zurück in den Ring. Aber wie ich da das theure +Mägdlein ersah, freundlich mir winkend und mit dem +Kranze mein harrend, das wirrte mich nicht wenig, +<!-- Page 180 --><span +class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">180</a></span> +und ich fühlte die Röthe, die mein Angesicht übergoß: +die Ehre, die mir bereit war aus ihren Händen vor +allem Volk, höhete meinen Muth, aber sie drückte zugleich +mich nieder, als der ich ungedacht sie überkam, +ich wußte nicht wie. So schritt ich gesenkten Auges +vor das edle Fräulein hin und bog da in höfischer +Zucht das Knie.</p> + +<p>Wie sie mir den Kranz auf’s Haupt setzte, streifte +von ungefähr ihre Hand meine Stirn; da erzuckte +mir von der leisen Berührung das Herz und ich blickte +auf zu ihr. Indem ließen Spielleute, die da hinter +dem Gesinde der Herren stunden, ihre Fiedeln und +Lauten erklingen, und zum Saitenspiel schallten Flöten und +Cymbeln, daß es ein helles und liebliches Getöne gab.</p> + +<p>»Solche Ehre, Meister, dankt Ihr Eurer Kunst,« +sagte Irmela, indem sie sich über mich beugte.</p> + +<p>»Nein, Herrin, Eurer Güte, so ist sie mir werther,« +erwiedert’ ich, und Niemand außer uns zween hörte, +was da zwischen uns gesagt ward.</p> + +<p>Nun trat ein Edelknecht mit dem Kleinode herzu, +daß die Maid mich damit begabte. Sie aber sprach +zu mir: »Diesen Becher will ich Euch zuvor credenzen, +dann sollt Ihr ihn aus meiner Hand empfahn.«</p> + +<p>Darauf erhuben sich die Herrschaften von ihren +Sitzen, daß sie zu den Tischen giengen und sich am +Mahle erletzten, ehe die ferneren Freudenspiele mit +Stechen, Laufen und Tanzen angestellt würden. Ich +aber, als ich wieder aufrecht stund, wußte nicht, was +ich erwählen sollte: Die Klugheit rieth mir von hinnen +zu weichen, aber Sinn und Gemüth hielten mich fest +an der Stelle. Da nickte auch der Herr Gebhardus +mir gnädigen Beifall, und ich sah, daß Graf Eberhard +<!-- Page 181 --><span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">181</a> +</span> +sich anschickte, mit mir zu reden; aber weil just die +Herren alle aufbrachen und der Bischof sich zu ihm +wandte, daß sie selbander hinweggiengen, so ward der +Graf von mir geschieden und dadurch mein Herz ein +Merkliches erleichtert; denn gewißlich wär’ ich seines +Forschens wenig froh worden.</p> + +<p>Während man so sich aufmachte, schritt Irmela +unterm Überdach der Laube herfür an mich heran, +grüßte mich und sprach: »So ist’s denn doch also geschehen, +wie ich sagte, da Ihr von Elzeburg schiedet, +Meister Diether, und Ihr habt uns mit Eurer Kunst +gedient.«</p> + +<p>»Ja, vieledle Jungfrau,« erwiedert’ ich, »und am +hohen Freudenfeste Euch zu Ehren, zu dem ich ungedacht +gekommen bin.«</p> + +<p>»Und nachdem Ihr von den Elzeburgern ungedacht +entwichen seid,« sagte sie hinwieder und lachte.</p> + +<p>Da sah ich die Maid inniglich bittend an: »O +lasset, warum ich’s that, als eine Heimlichkeit meines +Herzens verschlossen darinne bleiben, und wenn ich heut +für immer von Euch scheide, so glaubet, daß Euch in +Freuden und Glückseligkeit zu leben Diether ohne Unterlaß +von Gott erwünschet und dem ganzen himmlischen +Heer.«</p> + +<p>»Wohl,« sprach sie da, »so sei es darum und +Ihr möget Eure Heimlichkeit bewahren; ich will nicht +arg von Euch denken, wiewohl sie groß ist.«</p> + +<p>Damit hielt sie mir mit Gütigkeit ihre Hand entgegen, +daß ich sie an den Spitzen der Finger erfaßte. +Das geschah behende und mit Scheu, aber mein Gemüth +gewann davon eine Freudigkeit.</p> + +<p>Doch da nahete der von Gernstein. »Man harret +<!-- Page 182 --><span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">182</a></span> +Euer«, sagt’ er zur erkieseten Braut mit höfischer Gebärde, +und führte Irmela den Tischen zu; mich aber +streifte sein Blick herrisch und unmuthig. Da merkt’ +ich, daß er überstolzen Sinnes war. Aber die Maid +an seiner Seite schien deß nicht zu achten; sie kehrte im +Gehen ihr Angesicht noch einmal freundlich zu mir hin und +sagte: »Gedenket des Bechers zeitig genug und kommet, +wenn wir zu Tische sitzen, daß ich ihn Euch credenze.«</p> + +<p>Damit giengen die Beiden hindann und mir schien’s, +als wäre er unmuthig, daß sie mir das Gespräch gegönnt +hatte.</p> + +<p>Nun erhub sich eine nicht kleine Bewegung um +die Tische, wo die Herrschaften das Mahl halten sollten, +und unfern davon, wo den Knechten die Bewirthung +bereitet war. Auch das Volk zerstreute sich hierhin +und dorthin nach Gefallen, die Meisten, um sich zum +Imbiß zu lagern, den sie mit sich gebracht, oder der +Verehrung nachzugehen, die der Bischof in seiner Mildigkeit +Jedermann spenden ließ, der ihrer begehrte. So +kamen auch Viele an mir vorüber, wiesen auf meinen +Kranz und preiseten mich öffentlich wegen meiner Kunst +und des Lohnes, der ihr geworden. Manche wunderten +sich dabei, daß ich da also stille stund, wie ein Verlassener, +und meinten, mich hätte die Huld, die ich genossen, +allzu blöde gemacht.</p> + +<p>Da gedacht’ ich daran, daß es hochnoth wäre, +mich davon zu machen, bevor mich Einer von vorhin +wiedererkennte, der mich da im Klosterrock gesehen hatte. +Zudem trieb mich auch der Anblick der beiden Fahrenden +hinweg, die ich unweit gewahrte, wie sie mit Fleiß auf +mich achteten, als solche zwar, die darüber nicht von mir +gesehen sein wollten. +</p> + +<p><!-- Page 183 --><span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">183</a></span> +Ich säumte also nicht länger und schritt in den +Wald, wo ich das wenigste Volk wahrnahm. Da +wär’s gewißlich mir das Nöthigste und Fördersamste +gewesen, wenn ich sogleich den Versteck aufgesucht hätte, +in dem ich vorhin meinen langen Rock verborgen, hätte +den angethan und mich davon gemacht. Aber da ich +am Waldessaum mich sicher wähnte und unbeachtet, +sah ich mich noch einmal um, ließ meinen Blick über +all’ das bunte Gewimmel schweifen und lugte über die +Zelte und nach den Tischen hin, Irmela im Geist noch +einmal zu grüßen. Da fühlt’ ich, daß es mir schwer +ward, von dem Allen Abschied zu nehmen, und wie +ich doch dieses Mal als ein Anderer in’s Kloster heimkehren +würde, als der ich von dannen gezogen war. So +stund ich mit eifrigem Aufmerken der Augen und doch +in vielerlei Gedanken.</p> + +<p>Da rief mir, eilend herankommend, ein Diener +zu, und sagte dabei, wie er mich am Gezelte vergeblich +gesucht und eine Botschaft an mich hätte. Ich trat +herzu und fragte: »welche?«</p> + +<p>»Von meinem gnädigen Herrn, Herrn Conrad +von Gernstein«, erwiederte er, »der Euch durch mich +entbieten läßt, es sei nicht von Nöthen, daß Ihr das +ersungene Kleinod aus der Hand des Fräuleins emphahet, +Ihr möget es Euch von des Bischofs Kämmerer +holen, zu dem ich Euch geleiten soll. Auch wünscht +mein Herr Euch nicht über Tische zu sehen, sondern begehrt, +daß Ihr Euch unverweilt von diesem Feste +scheidet, maßen es Euch schon genug des Genießes eingebracht +habe. Auf daß Ihr Euch aber anderswo desto +baß gütlich thun könnet, läßt er Euch hier einen Goldgulden +reichen.« Damit hielt er mir das Geld dar. +</p> + +<p><!-- Page 184 --><span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">184</a></span> +Das kränkte mich, daß ich angesehen ward als +Einer, der nur bloß auf den Lohn sah, und der Ritter +denken sollte, wenn ich nun gienge, ich hätt’ ihm um +sein Geld den Willen gethan. Darum sagt’ ich verächtlich: +»Behaltet Euren Gulden, und laßt Euren +Herrn wissen, mir liegt am Kleinod alleine nichts und +an seinem Gelde noch minder! Und wenn ich dahinten +bleibe, daß er mich über Tisch nicht sieht, wohin das +Fräulein mich entboten hat, so bewegen mich andere +treffliche Ursachen.«</p> + +<p>»Das Lob Eurer Kunst, fahrender Bruder«, sagte +der Knecht spöttisch wieder, »macht, daß Ihr Euch zu +hoch vermeßt. – Besinnet Euch: nehmt’s Geld, holt +das Kleinod und geht!«</p> + +<p>Darauf hielt er mir auf’s Neue seinen Goldgulden +hin und lachte. Da schwellte der Unmuth mein Herz, +zumal ich sah, wie Leute herangekommen waren und +auf uns Acht hatten, und ich stieß das Geldstück aus +seiner Hand, also daß es zur Erde rollte.</p> + +<p>Wie nun der Bote betroffen dastund, denn er +hatte sich von mir deß nicht versehen, so ward nun er +den Umstehenden zum Gelächter und einer von ihnen +rief ihm zu: »Fahrt säuberlich, Freund, mit dem Singemeister, +denn er hat die Art nicht, als geliebt’ es ihm, +mit Euch zu scherzen!«</p> + +<p>»Dafür trägt er den Kranz«, sagte ein Anderer, +»der gibt ihm also hohen Muth.«</p> + +<p>Zu solchen Worten wollte des Gernsteiners Knecht +auch nicht müßig bleiben, sondern gedachte sein Botenbrot +an mir wohl zu verdienen. Er griff also nach einem +dürren Stecken, der da nahe bei einem Baume lag, +sprang damit auf mich zu und indem er rief: +</p> + +<p><!-- Page 185 --><span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">185</a></span> +»Solch’ unartigen Knaben gebührt die Ruthe, sie +bessere Zucht zu lehren!« strich er mich, bevor ich mich +wenden konnte, über den Rücken. Da enthielt ich meinen +Zorn nicht länger, drang auf den Mann mit Ungestüm, +eh er sich bedachte, und stürzte ihn mit Wucht zur Erde, +daß er stöhnend um Hilfe rief.</p> + +<p>Er that es nicht vergebens, denn die Menge lief +herzu, und darunter war auch von den Gernsteiner und +Speyerischen Knechten ein ziemlicher Haufe. Wie die +nun von ihrem beleidigten Gesellen die Ungebühr vernommen +hatten, die ihm von mir geschehen war, so +wär’ ich gewißlich ohne Aufenthalt in ihre Hände gerathen, +und sänftiglich hätten sie mir nicht mitgespielt, +wenn da nicht gegen die Anstürmenden mir eine unverhoffte +Rettung gekommen wäre.</p> + +<p>»Laßt Euch rathen und tastet uns den Singemeister +nicht an!« so hört’ ich eine Stimme, die ich wohl kannte; +und wie ich seitwärts blickte, woher sie kam, sah ich +Helmbolden und Andere mehr vom Elzeburger Gesinde. +Die brachen durch den umstehenden Haufen und drängten +die, so auf mich einwollten, von mir ab, also daß mich +ihrer Keiner verletzen durfte. Solches verdroß die +Gernsteiner und ihre Genossen nicht wenig, daß sie den +Schimpf nicht strafen sollten, der ihrem Gesellen widerfahren +war, und sie bedroheten die Elzeburger laut, +wenn sie ihnen nicht Raum gäben, mich zu greifen. +Die aber wollten auf sie nicht hören, trutzten ihnen +und sprachen mir zu: »Diether, fürcht’ Dich nit; denn +wir gedenken Dir’s wohl, daß Du vormalen unsrer +Sippe gewesen bist.«</p> + +<p>Und so waren sie als eine Mauer um mich herum.</p> + +<p>Alsbald entstund zwischen diesen Knechten ein +<!-- Page 186 --><span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">186</a></span> +nicht kleiner Zank um meinetwillen und ein feindliches +Drängen hin und wieder, wie es die Streitlust erhöht +und Brauch ist, wenn es bald zum Hauen und Stechen +kommen soll.</p> + +<p>Das war denn sonder Zweifel auch hier ganz +nahe, und statt des Freudenspiels, das sie halten sollten, +waren sie dabei, sich hitzig zu bestreiten. Aber wie der +Lärm wuchs und der Haufe der Gaffer sich mehrte, +konnte das Getümmel um mich her auch dem Wahrnehmen +der Herren nicht entgehen. Vielleicht auch hatte +einer aus dem Gesinde dem Ritter von Gernstein +Botschaft dessen gebracht, was sich zutrug. Denn just, +als die Knechte auf beiden Seiten das Beste thaten, +sich kampflich anzurennen und des Scheltens und Höhnens +übergenug verführten: trat Herr Conrad, dem etliche +Ritter zur Seite giengen, eilend zwischen sie und gebot +ihnen mit drohender Stimme, von einander abzulassen. +Er und seine Begleiter hatten Mühe, die Hadernden +auseinander zu bringen. Aber sie durften auf die +Länge den Herren nicht trutzen. Als nun der ärgste +Sturm sich gelegt hatte, ließ der Gernsteiner seine Leute +zornmuthig an und schwur theuer bei seiner ritterlichen +Ehre, an ihnen den Schimpf zu strafen, den sie da +gegen das Gesinde seines werthen Gastes verübten. +Da trat der Bote vor, den der Ritter an mich geschickt +hatte, berichtete mit vielen beweglichen Worten, wie +es ihm ergangen wäre, wie unehrerbietig ich des +Herrn Verehrung, die mir zugedacht gewesen, verschmäht, +den Überbringer mit Hohn gereizt und zuletzt übel zu +Boden gestreckt hätte. Nun schrieen die Andern wieder, +bloß mich hätten sie zu greifen begehrt, die ihrem +Gesellen von mir zugefügte Schmach gebührend zu +<!-- Page 187 --><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">187</a></span> +rächen, und auch meine gegen ihren Herrn bewiesene +Hoffahrt zu strafen. Aber die Elzeburger hätten ihnen +ohn’ Ursach gewehret und den überdreisten Singer +schutzweise umringt. Da sah sich der Herr Conrad +zornigen Blickes nach mir um und zugleich auch, als +wär’ es ihm eben recht, daß er so eine Sache wider +mich hätte, mich in Schmach zu bringen.</p> + +<p>»Komm heraus da!« rief er mit gebietender Stimme +mir zu, als er mich erblickte.</p> + +<p>Ich trat festen Schrittes vor und sah ihn gerad +an, als ich vor ihm stund. Seine linke Hand stützte er +gegen seinen Schwertgriff, und mit seiner rechten strich +er gemächlich den Bart über seinen Lippen, die er verächtlich +zusammenzog.</p> + +<p>»Das also ist der Meister Nirgenddaheim, den +seine überzarte Kunst durch Hoffahrt zum Narren gemacht +hat!« sagt’ er spöttisch lachend.</p> + +<p>»Herr!« sagt’ ich darauf, »Eure Jungfrau Braut +hat den Narren mit diesem Kranz geziert.«</p> + +<p>Daß ich dergestalt vor ihm Irmela’s und ihrer +Gütigkeit gegen mich gedachte, trieb die hellen Zornflammen +in des Stolzen Angesicht.</p> + +<p>»So unwerther bist Du, Lotterbube, ihn zu tragen!« +rief er voll Grimm und schlug mit seinem Handschuh +mir nach dem Haupte, daß der Kranz herunterfiel und +das Haar mir wirr um die Stirn wehte. Drauf streckt’ +er seinen Arm aus und rief weiter: »Heb’ Dich hinweg, +und ohne Säumen, eh’ ich noch meinen Knechten gebiete, +Dir den Rücken zu bläuen, wie Du’s um Dein +übermüthig Unterfangen verdient hast!«</p> + +<p>Das war mir unerträglich, daß ich so vor Aller +Augen von ihm wie ein Ehrloser geschlagen sein und +<!-- Page 188 --><span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">188</a></span> +mit Schmach und Schimpf hinweggetrieben werden sollte. +Und so reckte ich mich hoch empor, sah ihn wild an +und rief ihm wüthend zu: »Wär’ ich bewehrt, Herr, +wie Ihr: bei Gott, dem Hohen! der Schlag sollt’ Euch +gereuen, mit dem Ihr mich schlugt und Ihr dürftet mir +so nicht drohen!«</p> + +<p>Da griff er nach seinem Schwerte, es zorneifrig +wider mich zu zücken. Als ich’s sah, erfaßte auch +mich eine Wuth, daß mir Alles gleich galt, nur nicht +ungerochen zu bleiben an seinem Überstolz. Ich hub +meinen Arm hoch und drang auf ihn ein.</p> + +<p>Wohl sah ich, wie er vor’m unerwarteten Angriff, +der ihn bedrohte, sich zurückbog und hastiger nach mir +ausholte; aber das war ihm nicht mehr von Nöthen. +Denn schon fühlt’ ich mich aufgehalten und von den +Knechten gepackt, die herzugelaufen waren, den Frevel, +der ihrem Herrn bevorstund, zu hindern. So Viele +umringten mich, und so sicher waren ihre Griffe, daß +wie ich auch mich wand, ich in keinerlei Weise aus der +Gewalt ihrer Fäuste mich lösen konnte.</p> + +<p>»Bindet ihn«, befahl da der hart beleidigte Ritter, +»und bewahrt ihn wohl, den Gauch, der bereit war, +sich an mir zu vergreifen; und im tiefsten Kerker meiner +Burg mög’ er verschmachten!« Ich wußte, daß sein +Haß gegen mich tödtlich war, und dennoch wollt’ ich +ihn nicht um Erbarmen bitten. Ich hätt’ es nicht +gethan, auch wenn ich da den grausamsten Tod an +der Hand gehabt hätte.</p> + +<p>Aber Gott verschaffte in dieser meiner höchsten +Noth, daß eine Fürbitte für mich laut ward, wie +süßere mein Ohr nicht vernehmen konnte. Denn an +der Seite des Bischofs war Irmela herzugekommen und +<!-- Page 189 --><span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">189</a></span> +hatte kaum den Jammer ersehen, in dem ich schwebte, +als sie an den Ritter sich wandte, und ich merkte wohl, +wie sie bleich war und ihre Stimme erbebte in mitleidiger +Sorge um meinetwillen.</p> + +<p>»Gilt Euch etwas meine Bitte, Herr Conrad«, +sprach sie, »so begnadet den Singer, wie schwer auch +seine Fehle sein mag, mit der er Euch erzürnet hat, und +laßt ihn frei!«</p> + +<p>»Ihr thut Eurer Ehre zu nahe, Werthe!« sprach +er unwillig, »so Ihr die Macht Eurer Fürbitte für +einen Solchen einlegt. – Kommt! Laßt uns nicht länger +durch ihn das Fest gestört sein!«</p> + +<p>Damit winkt’ er den Schergen, die mich hielten, +daß sie mit mir thäten nach seinem vorigen Befehle, +und gab den Herren ringsum ein Zeichen, mit ihm +zur Lustbarkeit zurückzukehren, indem er sich zur Braut +gesellte, sie zu den Tischen zu geleiten. Die aber stund noch +unbeweglich: in ihrem Herzen bestritt die maidliche Scheu +den sehnlichen Wunsch, mir zu helfen. Aber wie sollte +das geschehen? Noch einen Augenblick, so war ich in +Banden gefesselt und zu jammerhaftem Ziel hinweggeführt.</p> + +<p>Indem waren Andere bereit, meine Errettung +aus des Gernsteiners Gewalt zu Handen zu nehmen; +wie wohl ihnen das übel und mir zu großem Leide +gerieth: nicht die Elzeburger, die noch da stunden; denn +sie durften Angesichts der Ritterschaft nicht wagen, sich +für mich ferner einzulegen. Aber die zween Fahrenden +stürmten in Eile herzu und verlegten dem Bischof, der +sich eben zum Gehen anschickte, den Weg.</p> + +<p>»Würdiger Herr!« riefen sie mit Hast, und so daß +Einer des Andern Rede ergänzte, wenn ihm darüber +der Odem ausgieng, »Würdiger Herr! Ihr dürft nicht +<!-- Page 190 --><span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">190</a> +</span> +leiden, daß Dieser weltlichem Gericht überantwortet +werde – Ihr dürft nicht! Der Singer ist nicht, wofür +er das Ansehen hat. Wir können’s mit Schriften +darthun. Er gehört der heiligen Kirche zu – ist dem +Kloster zugesprochen – ist geistlich! Der Abt von +Maulbronn hat über ihn Gewalt!« –</p> + +<p>Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine +Kraft verließ mich und die Scham, daß ich so zu +Schanden ward, schlug mich nieder. Alle mußten es +mir ansehen, daß es sich also hielte, was Jene von +mir bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu +mir wendete, mich zu fragen, ob ich etwas vorzubringen +wüßte wider der Beiden Zeugniß, wagte ich nicht zu +antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als +ich den Gernsteiner höhnisch sagen hörte: »Ein verlaufener +Mönch, Irmela!« zwang mich der Schmerz +aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in ihrem +Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden würde, +oder ach! nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch +als ich flehentlich zu ihr hinüber blickte, kehrte sie sich +von mir hinweg, und mit bitterem Weh’ im Herzen +ließ ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr +erhoben hatte, und die Sinne wollten mir vergehen +vor kläglicher Kümmerniß.</p> + +<p>Derweilen hub der Bischof an, mit großer Strenge +Befehl zu geben, daß ich, bis der Sache weiter gerathen +wäre, unten in die Burg in Gewahrsam gebracht würde; +denn der Herr derselben war des Speyerischen Bisthums +Hintersasse. Das sollte ohne Säumen geschehen, damit +das Fest nicht länger Verzögerung erlitte; Tags darauf +wollt’ er das Nöthige vornehmen. Die Fahrenden +hieß er zu fernerer Bekundung zur Stelle bleiben. +</p> + +<p><!-- Page 191 --> +<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">191</a></span> +Als der Bischof Solches über mich verfügt hatte, +begab er sich mit den Übrigen von der Ritterschaft, +die um ihn waren, hinweg, und auch der Troß und +die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders +hatten sie genug über das, was sich mit mir zugetragen.</p> + +<p>So ward ich denn als Gefangener des Bischofs +von dannen geführt, ein kläglicher Mann. Die Leute, +so uns auf unserem Wege begegneten, blieben stehen +und beklagten meine Jugend; sie mußten denken, ich +wär’ als Schächer ergriffen und würde zur Richtstatt +geschleppt; denn gewißlich so war mein Aussehen. Mich +reute zu leben, und die Welt vor mir war verwandelt. +Die Läuber des Waldes erschreckten mich mit ihrem +Rauschen, der Himmel über mir hieng wie ein härener +Sack, und als wir in’s Thal hinabkamen, dessen lieblich +Bild sich so licht meiner Seele eingeprägt hatte, lag +es vor meinen Blicken wie überdeckt mit einem schwarzen +Schleier.</p> + +<p>Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches +Fenster auf, und Männer und Frauen lugten nach mir +aus; sie fragten wohl auch nach meiner Missethat, +welche das wäre. Da sagten meine Schergen, um +Übermuths willen und Frevels gegen den heiligen +Stand wär’ ich gefangen auf des Bischofs Geheiß; +»So gnad’ ihn Gott«, hört’ ich dann, »nun ist ihm +das Pochen und die weltliche Lust vergangen.« Kinder, +die auf der Straße spielten, wichen vor mir scheu hinweg +und liefen zur Seite hin zu ihren Müttern, die auf +ihren Armen die kleineren trugen. Sie huben sie wohl +dann in die Höhe, daß sie mich besser ersehen möchten, +und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht +<!-- Page 192 --><span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">192</a></span> +auch bös zu werden, auf daß es ihnen nicht widerführe +wie mir.</p> + +<p>Dies Alles sah und hört’ ich, ob ich gleich meine +Blicke tief zur Erde senkte und meine Ohren vor Allem, +was um mich her vorgieng, in dieser martervollen Stunde +zu verschließen trachtete. Denn des Menschen Herz, +wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an +sich, auch wider Willen für seinen Jammer Nahrung zu +suchen, sich um so mehr zu kränken und zu betrüben.</p> + +<p>Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der +Anstieg zur Burg hinauf sich abzweigt. Festlich flatterte +von des Thurmes Zinne zu Ehren der Fröhlichkeit des +Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner. +Mich sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um +eine Tumba traurig wehen, und schaudernd lenkte ich +meinen Blick hinweg und folgte mit Seufzen meinen +Führern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst +eine kleine Strecke zur Höhe gedrungen, als ich hinter +mir vom Wege her mich laut mit Namen rufen hörte.</p> + +<p>Ich wandte mich, und: »Brun! ach, Brun!« +– mehr konnt’ ich vor inniglichem Leide nicht sprechen.</p> + +<p>Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der +sich über meinen Anblick schier entsetzte; seine Brust +keuchte und seine Stimme war gedämpft, wie unter der +Last tiefen Grams.</p> + +<p>»Also muß ich’s doch mit diesen meinen alten +Augen sehen, was mich so manchmal im Traum erschreckt +hat, und was abzuwenden ich zu Gottes Gnade +in allen meinen Gebeten für Dich gefleht? Diether, +Diether – was hast Du gethan? Welch’ Herzeleid +schaffst Du mir?! Ach, ich soll nicht Frieden finden – +nimmer – nimmer!« +</p> + +<p><!-- Page 193 --><span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">193</a></span> +Seine Klagen jammerten meine Schergen, und +einer von ihnen hub an und erzählte, wie es mit mir +ergangen wäre; wie ich oben beim Feste vor allem +Volk das Beste im Singen vermocht, wofür mir das +Fräulein den ausgesetzten Preis zuerkannt hätte; darnach +wär’ ich in Händel gerathen, zuerst mit dem Troß der +Herren, sodann hätt’ ich des Bischofs Neffen zum +Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungefähr an +Tag gekommen wäre, daß ich dem Kloster entronnen; +so hätte der Bischof geboten, mich gefangen hinwegzuführen, +daß nachfolgends mir mein Recht geschähe.</p> + +<p>Auf diese Worte meint’ ich, Brun würde mit +harter Scheltung mich strafen, wie ich das reichlich +von ihm verdiente; aber er that davon nichts, sondern +das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als trüg’ auch +er daran einen Theil der Schuld. »O, ich konnt’s +denken, konnt’s denken!« murmelte er etliche Male und +strich sich mit seiner Hand in tiefem Sinnen die Stirn.</p> + +<p>Dann rafft’ er sich auf und fragte, ob es ihm +verstattet wäre, noch einmal mich zu umfahen; und +als sie ihn beschieden: Ja, das dürfte geschehen! so +stieg er hinan uns nahe, und mich ließen sie los, daß +ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich +mit seinen Armen ganz liebreich, und ich konnte die +meinen nicht um ihn schlingen (denn sie waren mir +<ins class="correction" title="Original: rucklings">rücklings</ins> gebunden) +und hätt’ es doch so gern gethan, +ach! nur einen Augenblick: ich Verstoßener!</p> + +<p>Er aber sprach: »Diether, ich gedachte, Du solltest +vor diesen Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, daß +sie Dir drohten. Nun erkenn’ ich: es sollte nicht sein, +daß es nach meinem Dünken angienge. – Heute war +ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du +<!-- Page 194 --><span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">194</a></span> +wärest haußen und daß ich Deiner harren sollte. Aber +mich trieb’s hinweg, und die Sage der Leute von dem +Feste hier lenkte mich her. – Jetzt kommen Rath und +Warnung zu spät. Gott gnade uns nach Seiner Langmüthigkeit +und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst +mich am frohen Tage wieder oder auf Erden nimmer +mehr!«</p> + +<p>Als er darauf mich küßte, fühlt’ ich eine Zähre +aus seinem Auge auf meiner Wange; sie hieng da noch, +als er schon hinab war und, ohne sich noch einmal +umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf fürder +schritt. Oft hab’ ich später Gott dem Hohen gedankt +um diese Zähre, daß ich sie nicht hinwegwischen konnte +mit meinen gebundenen Händen (vielleicht hätt’ ich’s +sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn +berühren durfte – den gebenedeiten Tropfen, das +schmerzlich köstliche Vermächtniß. –</p> +</div> + + + + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/194_vignette.png" alt = "" /></p> + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<p><!-- Page 195 --><span +class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">195</a></span></p> +<h2><a name="Achtes_Capitel" id="Achtes_Capitel"></a>Achtes Capitel.</h2> + +<h1>In Haft.</h1> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">D</span>roben in der Burg über dem düstren Eingangsthore +war die Pförtnerswohnung. Ich +erfuhr’s, noch ehe wir unter den gewölbten +Bogen schritten. Denn wiewohl die Thorflügel +offen stunden, hielten wir doch vor ihnen mit +Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen +führten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer +hinauf. Auf seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder, +so alt und greise, daß man’s schier nicht erdenken +konnte, sie möchte je jung und glatt ausgesehen +haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man +schon wieder begehrte, das Thor wäre ja offen und +Keiner gehindert, hindurch zu gehen; ob denn sie allein +heute, da Alle ihre Ergötzung hätten, der Ruhe entbehren +sollte und nicht ein Wenig stille sitzen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Wir kommen ja nicht allein, Mutter!« sagte der +Knecht wieder, »begehren auch nicht Eures Dienstes +für uns. Wir bringen Euch einen Gefangenen, den +Ihr mit allem Fleiß hüten sollt, wie unser gnädiger +Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard +selber hat ihn hieher verordnet.« +</p> + +<p><!-- Page 196 --><span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">196</a></span> +»So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer +ganzer Hauf’, als ich da nicht unterscheiden kann, ob +ein Fremder unter Euch ist. – Ich hör’ das Mäuslein +rascheln im Thurm, aber meine Augen sind trüb.«</p> + +<p>Nach diesen Worten verschwand sie und eines +alten Mannes Gesicht ward an ihrer Stelle gesehen. +Das war nicht minder welk und greis als das ihrige +und verwittert, wie das Gemäuer, aus dem es hervorlugte.</p> + +<p>»So bringt ihn herauf!« sagte der Alte mürrisch, +nachdem er einen Blick nach mir gethan, und zog dann +seinen Kopf wieder zurück.</p> + +<p>Eine hölzerne Stiege außen an der Mauer führte +in die Wohnung der Leute. Als wir durch das Thor +geschritten waren und ich oben auf der Stiege ankam, +stund die Alte schon in der geöffneten Thür.</p> + +<p>»So jung, so jung und schmuck dazu!« sagte sie, +indem sie mir hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich +ganz nahe musterte; dann zu den Knechten gekehrt: +»Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren +sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen, +der sieht wie ein Luchs: das thut’s.« Zu diesen Worten +verzog sie ihren zahnlosen Mund zum Lachen.</p> + +<p>Indem hatte der Alte mit Mühe eine schmale +Thür aufgeriegelt, die auf mehreren Stufen aus dem +Gemach der Alten in einen dunklen Gang führte. +Wirklich mußt’ es wohl wahr sein, was das Weib von +ihres Mannes scharfem Gesicht gerühmt hatte; denn +selbiger gieng, nachdem ich geheißen war ihm zu folgen, +so sicher seinen Weg da hindurch, daß ich, der ich mit +meinen Füßen tastete, hinter ihm verzog. Nun schloß +er mir eine zweite Thür auf und öffnete den Raum, +<!-- Page 197 --><span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">197</a></span> +der mir zur Haft bestimmt war. Die Alte brachte mir +Brot und Wasser, und dann giengen die Beiden, ohne +ferner mit mir ein Wort zu reden, und schlossen die +Thür hinter sich.</p> + +<p>So war ich allein und von aller Welt abgeschieden; +selber das kleine Stücklein Himmel, von dem +durch die schmale Maueröffnung dürftiges Licht hereindringen +sollte, war durch häufige Spinnweben zwischen +den Eisenstangen mir so verdeckt, daß er grau schien +und trübe.</p> + +<p>In dieser Einöde brach mein Schmerz, der so +lange stumm gewesen war, mit aller Macht hervor, +und ich wehrte ihm nicht. Ich hub bitterlich an zu +weinen und zu klagen, nannte mich unselig und den +Elendesten unter allen Menschen. Mein waglicher Sinn +und mein froher Muth waren nun gänzlich niedergelegt +und gar hin, dagegen Seel’ und Leib lauter Zagheit +und Blödigkeit.</p> + +<p>Ja, ich war in schwere Sünde und Untugend gerathen +und darinnen verharret beinahe vom ersten +Tage meiner Fahrt aus dem Kloster bis hierher. Ich +war mit Lug und Trug umgegangen und dessen gewohnet +worden in Elzeburg, ich hatte meine Lust daran +gehabt auch hernach und damals belacht, was ich jetzt +so kläglich beweinen mußte. Dazu waren Hoffahrt +gekommen und eitler Stolz auf meinen Witz und die +Kunst, von der ich nie hätte erfahren sollen, daß ich +sie besäße. – Ach, und nicht allein mich, sondern alle +die, so mir zumeist Gutes gönnten, denen ich dienen +sollte und zur Freude helfen nach Pflicht und allem +Vermögen, hatt’ ich bitter gekränkt und in Leid gebracht; +mußte nicht Irmela irre an mir geworden sein +<!-- Page 198 --><span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">198</a></span> +und Brun mich verachten und der Abt, dessen Vertrauen +ich so grob getäuscht hatte?</p> + +<p>»Wie wird mir’s im Convent ergehen, wenn da +meine Missethat auskommen wird«, rief ich, »wie wird +Albrecht’s strenger Eifer für die Ehre der Abtei mich +treffen, der ich den Namen des Klosters in allen frommen +Ohren stinkend gemacht habe?« Und dann trat vor +mich der Gedanke an all’ die Schmach, an Spott und +Schande, die mein warteten; an ödes, dumpfes Gefängniß, +an Geißel, Kasteiung und Einsamkeit. Dem gegenüber +stellte sich wieder die Erinnerung an das bunte +Leben der sonnigen Welt, das mich so fröhlich angelacht +hatte, und der Wunsch, nach ihren Ehren zu +trachten, und Irmela’s süßes Bild. Da gedacht’ ich +auch, daß der Abt selber mich auf den Weg gedrängt +hätte, wo sich diese Welt mir aufgethan, daß sie mich nach +Elzeburg gezwungen hatten und die erste List mir +nothweise aufgedrungen war.</p> + +<p>War’s nicht doch ungerecht, daß ich nun so hart +dafür büßen und darum in Schande und Strafe kommen +sollte, um was draußen mir Lohn und Lob gewiß war! +Und ich dachte des seligen Augenblickes, da ich vor +Irmela kniete und den Kranz empfieng; ich dachte auch +der Huld, mit der sie für mich bat, und ihrer Traurigkeit +zuletzt, da sie es nicht mehr konnte.</p> + +<p>»O, daß ich sie noch einmal bitten könnte, mir +nicht zu hart zu zürnen, daß ich ein Wort nur der +Vergebung aus ihrem Munde vernähme!«</p> + +<p>Aber meine Seufzer hallten von den dumpfen +Mauern wieder, die mich umschlossen, und mir blieb +nichts, als mit meinem Jammer wider mich selbst zu +wüthen in unmächtigen Klagen. +</p> + +<p><!-- Page 199 --><span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">199</a></span> +O, der Seele, die in Nöthen schwebt, wird schlecht +gelohnt, so sie sich in Zweifel verfängt und nicht vermag, +sich stracks zu Gott zu kehren.</p> + +<p>So wünscht’ auch ich, daß ich nie geboren wäre +und zu solchem Unglück gespart; ich that des kläglichen +Jammers immer mehr und des Scheltens und Anklagens, +bis ich nicht mehr konnte und schweigend niedersaß auf +die bloße Erde, mit beiden Händen mein Gesicht überdeckend.</p> + +<p>Wie lange ich so saß regungslos, weiß ich nicht; +aber allgemach wurden meine Klagen stiller und meine +Traurigkeit sanfter. Vor meinen verschlossenen Augen +verschwand der trübselige Ort, der mich gefangen hielt, +und meiner Seele wuchsen Flügel, die sie hinaustrugen +zurück in’s helle Sonnenlicht, in die freie Welt. Ich +sah mich wieder auf der Höhe, und die Festfreude umgab +mich. Irmela’s lichte Augen sah ich, wie sie aufblickten +und ich nicht widerstehen konnte, weil’s mir +war, als suchten sie mich; vor sie trat ich, zu singen, +was mein Herz mir eingab, und wunderte mich, daß +ich dazu die Kühnheit gewann und wußte doch, sie zu +erfreuen, hätt’ ich Alles gewagt. Und nun tönte der +Klang ihrer süßen Stimme wieder mir in den Ohren +und sie beugte sich hernieder, mich mit dem Kranz zu +zieren, und grüßte mich mit gütigem Wort. Daß ich +davon hohen Muth empfieng, warum verdachten sie +mir das? Durft’ ich den Unglimpf nicht rächen, den +sie mir zufügten; durft’ ich ihnen nicht zeigen, daß ich +ein Vermögen in mir fühlte, und mich nicht verachten +ließ; hatte sie mich doch nach allen Ehren belohnt! – +Gewißlich, wenn ich ihr noch einmal nahen, wenn ich +ihr offenbaren könnte, wie Alles sich mit mir begeben +<!-- Page 200 --><span +class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">200</a></span> +hatte: sie würde mir nicht länger zürnen, sie +würde mit Trost mich aufrichten, sie würde mir, was +ich gethan, zur Unehre nicht anrechnen. Dann dürfte +mich Niemand verachten – nein, auch jetzt nicht.</p> + +<p>Jetzt?! Wo war ich denn? Gefangen gelegt, +frevlen Truges überwiesen; und alles Trachten und +Wähnen, das mich hinauszog: es war nichts Anderes, +als eitles Träumen, vergebliches, ja verbotenes Wünschen!</p> + +<p>Ich sprang auf und sah mich um.</p> + +<p>Aus der Dämmerung, die hier schon sich verbreitet +hatte, starrten die geschwärzten Wände fremd und schweigend +mich an. Die Erinnerung an den sich neigenden +Tag und die Erwartung der Nacht, die kommen würde, +öde, traurig, lichtlos, erneuerte in mir das Gefühl meines +Elends. Es war mir schier, als könnt’ ich’s nicht ferner +ertragen, so eingesperrt zu sein und einsam den Übeln +entgegen zu harren, die mir bevorstunden. Der thörichte +Gedanke, als wär’ mir ein Entrinnen möglich, ergriff +mich. Ich eilte nach der Thür, stemmte mich gegen +die Riegel, hub an den Angeln, rüttelte an den Pfosten; +ich lief immer wieder die Wände entlang, tastete herum, +pochte an’s Gestein aus aller Macht, ob etwan ein verborgener +Ausgang zu finden wäre, und ich stund stille +mit tiefem Seufzer, als ich erfunden hatte, wie Alles +vergeblich war. Mit sehnendem Verlangen blickt’ ich +hinauf zur Öffnung. Nur ein Wölklein wünscht’ ich +zu sehen, vorüberschwimmend, wohin der Wind es trieb, +oder eine Schwalbe im Husch durch die Luft streichend: +aber da hieng düster der Vorhang der staubigen Spinnweben +und bewegte sich nur etwa von einem armen +Schmetterlinge, der in den Fäden gefangen war und +sich nun zu Tode flatterte. +</p> + +<p><!-- Page 201 --> +<span class='pagenum'><a name= "Page_201" id="Page_201">201</a></span> +»Wenn nur zum wenigsten diese große Stille nicht +wäre, die mit der Dämmerung zu wachsen schien; wenn +ich nur einen Laut vernähme, nur einen! Den Hall +einer menschlichen Stimme unten vom Thal her oder +den Ruf eines Vogels aus den Lüften!« Ich lauschte, +aber ich hörte nichts. Ich erhub selber meine Stimme, +aber der Wiederhall von diesen Wänden klang hohl +und erschreckte mich.</p> + +<p>Da drückte ich mich in eine Ecke, als könnt’ ich +mich so vor den Schrecknissen bergen, die mich umgaben +näher – näher, und versank in dumpfes Brüten. +Bald hieng ich zwischen Wachen und Schlafen und +merkte nicht auf die Zeit, wie sie hinschlich, nur daß +es immer dunkler um mich her ward, und endlich ganz +finster. Dennoch ließ ich nicht ab, meine Augen weit +aufzuthun, ob ich gleich wußte, es diente zu nichts, +und entriß mich der Müdigkeit, um mit allem Fleiß zu +horchen: – vergeblich – vergeblich! –</p> + +<p>Aber nein! Das war ein Geräusch wie von einem +zurückgeschobenen Riegel, wie von einer in ihren Angeln +erknarrenden Pforte. Jetzt wurden Schritte hörbar, +nur leise, aber sie kamen näher; jetzt machte sich Einer +am Schloß der Gefängnißthür zu schaffen, dann ward +ein Schlüssel darin umgedreht – ein Lichtschein ward +sichtbar – die Thür that sich auf.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Pst, Junker Diether, lebt Ihr noch?«<br/> +</span> +</div></div> + +<p>hört’ ich eine Stimme, die im Flüsterton zu bleiben +trachtete und doch laut genug schnarrte; ein runder +Krauskopf streckte sich durch die geöffnete Thür und +eine kurze Gestalt schob sich ihm nach und ließ den +schwachen Schein der Leuchte in ihrer Hand im Gefängniß +umherwandern.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<!-- Page 202 --><span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">202</a></span> +<span class="i0">»Hu, was ein ödes Jammerloch!«<br/> +</span> +</div></div> + +<p>sagte der Kurze dabei und verzog seinen breiten Mund.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Ich konnte mich nicht genug verwundern über +das Alles, daß ich vor Staunen schier wie angewurzelt +war und meinen unerwarteten Gast nur anstarrte. +Endlich traf mich der Schein seines Windlichts. Da +setzte er es zur Erde, machte etliche Schritte mir entgegen +und kratzte mit seinem rechten Fuß hinten aus, +indem er, seinen Hut schwenkend, sich tief vor mir +verneigte.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Euer Knecht in aller Willigkeit,<br/></span> +<span class="i0">Zu jedem Dienst allzeit bereit,«<br/></span> +</div></div> + +<p>sprach er und legte die freie Hand auf seine Brust, +seine Ehrerbietigkeit noch deutlicher zu bezeugen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Ei, ei!« sagt’ er dann wieder und wies auf den +Platz, den ich inne hatte:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wie hat man doch hienacht<br/></span> +<span class="i0">Die Ruhstätt’ übel Euch gemacht!<br/></span> +</div></div> + +<p>Ach, ja! und ’nem Junker! – ’s ist ’ne Schand! – +Das will ein Bischof sein und eines Bischofs Voigt?! +’s ist ’ne Schand’ für die ganze christliche Ritterschaft!« +– Er sah wieder verächtlich sich um. »So ein Otternloch! +So eine Löwengrube!! Es vergeht einem schier +das Reimen, wenn man Euch da sieht, ob sich’s gleich +mit der »Ecken«, drin Ihr hockt, und »Verstecken« so +leicht thun ließe!«</p> + +<div class="textbody"> +<p>Ich richtete mich auf, ihm näher zu kommen; da +wich er einen Schritt hinter sich, neigte sein Haupt zur +Seite und hub an mit seinen kleinen Augen mich von +Kopf zu Füßen zu messen und hinwieder, indem er +dabei eine seiner Hände über die Stirn legte.</p> + +<p>»Ah«, rief er dabei, »so ein stattlicher Junker, +<!-- Page 203 --><span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">203</a></span> +schlank und gerade – so fest im Gang, so zierlich in +den Hüften, so breit in den Schultern, so stolzen Hauptes!« +Und er schnalzte mit seinen dicken Lippen. »Ho, ho! +So wahr ich Klingsohr heiße: Ihr werdet ein wackerer +Ritter und bald noch andere Kränzlein davon tragen, +die Euch kein Gernsteiner herunterreißen soll – ein +Prahler, Junker! nichts weiter – ah! und schöne +Frauen und edle (dabei blinzelte er mich an und schlug +sich vergnügt auf die feiste Lende) – schöne und edle +Frauen werden Euch die Kränzlein aufsetzen, vor welchen +immer es Euch geliebt hohe Ehren zu erjagen.«</p> + +<p>Ich achtete seines Geschwätzes nicht, darin ich +keinen Sinn erfand, auch nicht eines Haares breit, und +fragte nur, immer noch des Wunderns voll, wie er +hier hereingekommen wäre.</p> + +<p>»Rathet, Junker!« gab er zur Antwort. »Wem +dank’ ich’s wohl? – Daß Ihr’s wißt: meiner Kunst, +der Magie, der weißen oder schwarzen, gleichviel!</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Sie füllt Topf und Tiegel,<br/></span> +</div></div> + +<p>das wißt Ihr schon,</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Aber sie sprengt Schloß und Riegel,<br/></span> +</div></div> + +<p>das erfahrt Ihr jetzt. – Mein Gesell, der Tannhäuser +– er versteht sein’ Sach’ ausbündig, nicht? – der +hätt’ sich hierhinein und durch die Thüren nicht gefiedelt +und nicht gesungen, beharrt’ er gleich bei seiner +Musica bis zum jüngsten Tage. Aber die Magie ist +in solchem Handel, wie der Eurige, eine wundertreffliche +Kunst, wer ihrer wohl kann. Seht, Junker, wir +machten uns an die beiden Alten im Stüblein überm +Thor. Nu, man wird gewitzigt und lernt, wie das +anzufangen! ’S war just nicht leicht, Junker! Denn +die magische Kunst, die bei dem Alten taugte, ihm die +<!-- Page 204 --><span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">204</a></span> +Augen zufallen zu machen, verfieng bei seiner Hex nichts +mit dem scharfen Gehör, und so hinwieder.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Und so war verschiedentliche Arzeneiung vonnöthen; +aber wir machten die Symptomata bald ausfindig, wie +die Medici sagen.</p> + +<p>Wisset, Meister, – nein, Junker Diether: es gibt +eine <em class="antiqua">materia</em>, die schlägt Euch in der Welt bei den +Menschen allermeist sicher an, ihre Complexiones und +Humores mögen sein, welche sie wollen. Ihr braucht +sie ihnen nur von Ferne zu weisen, so fäht sie allbereits +zu wirken an. Das Gold ist diese Materie, <em class="antiqua">aurum</em> +nach lateinischer Zunge; aber wir Magi nennen sie die +<em class="antiqua">essentia quinta</em>: denn es ist der Vorsprung und Ausbund +aller Elemente. – Gut! damit versucht’ ich’s +nach <em class="antiqua">regula artis</em> bei der Alten; ich sagt’ ihr vom +Alrunmännlein, wie man von dem täglich einen Ducaten +bekäme. – Ah! der Köder lockte den Vogel, +und sie fragte, wie das anzugreifen wäre, daß man +sich den Unhold zu Wege brächte. Ich gab ihr Bescheid: +»Ja, die Johanniszeit wär’ wohl geschickt dazu, +ein Würzlein zu gewinnen, das kräftig wäre, und von +Ungefähr hätt’ ich wohl drüben auf dem Berge um +den Galgen herum eines gesehen, das aus dem Blut +eines mit dem Rade gebrochenen Schächers gewachsen +sein möchte: aber solch’ ein Fäntlein draus zu bereiten, +das Tugend hätte, kostete nicht bloß Kunst, sondern +auch Eifer und Unverzagtheit. – Kurz, Junker, um +weidlichen Lohn und auf ihren Eid, daß sie Nichts +von der Heimlichkeit ausbrächte, verstunden wir uns +dazu, der Alten den Willen zu thun. Sie steht jetzt +unterm Galgen, gen Mitternacht gekehrt, darf kein +Wort sprechen, noch sich umkehren, dieweil mein Gesell +<!-- Page 205 --><span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">205</a></span> +hinter ihr hantiert mit Spruch und Beschwörung um +die Alrune.</p> + +<p>Ich aber bin droben geblieben im Stüblein; +denn ich mußte doch die Salben bereiten, das Galgenmännlein +damit einzureiben, wenn sie’s heim brächten. +Aus dem Weinkrug, den sie mir gefüllt zurückließ, als +sie gieng, hab’ ich auch dem Alten eingeschenkt, dem die +geizige Hex das Naß gar selten gönnet, so theuer er +es liebt. Er ist davon bald eingeschlafen und, wie es +sich ansieht, fest und lange, wozu etlicher Maßen das +Pülverlein geholfen haben mag, das ich ihm in den +Trunk geschüttet. – So hab’ ich denn gedacht, bis die +Alte heimkommt, daß wir ihr die Wurzel feien, könnt’ +ich eben so gut die Schlüssel brauchen, die da drinnen +ob dem Alten an der Wand hiengen, und Euch heimsuchen, +Junker Diether, dessen Herberge ich mir von +Eurem Wirth zufallens hatte sagen lassen.«</p> + +<p>Darauf lupfte er wieder seinen Hut, neigte sich +und sprach:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»So wißt Ihr nun das Wo, und wie<br/></span> +<span class="i0">Ich kommen bin zu Euch allhie:<br/></span> +<span class="i0">Durch meine Kunst, durch die Magie.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Dazu rieb er sich vergnüglich die Hände. »Doch +nun hebt wieder an, Junker!« sagt’ er dann und drehte +die Daumen um einander.</p> + +<p>»Womit soll ich wieder anheben?« fragt’ ich ihn.</p> + +<p>»Ach, Junker, besinnt Euch!« und er wiegte sein +Haupt langsam hin und wieder.</p> + +<p>»Was meinet Ihr?« fragt’ ich wiederum.</p> + +<p>»Junker, Junker!!« Weiter erwiedert’ er nichts, +indem er beide Hände, die Finger ausgespreizt und +ihren Rücken mir zugekehrt, langsam in die Höhe hub. +</p> + +<p><!-- Page 206 --><span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">206</a></span> +»Was nennt Ihr mich immer Junker?« rief ich +ärgerlich, da er die Worte sonderbarlich in die Länge zog.</p> + +<p>Auf diese Frage wurde er überlustig, sprang mit +Lachen hin und her und sagte dabei: »Nu, habt Ihr’s +endlich gefunden?! Just die Frage ist’s, die ich von +Euch hören wollte; just sie. O, was seid Ihr wunderlich! +Laßt Euch an sogethane Frage lang’ erinnern, +und sie war doch so leicht zu stellen. – Warum nenn’ +ich Euch Junker?« Dabei stellt’ er sich wichtig vor +mich hin und stemmte die Hände gegen seine Hüften: +»Ja, freilich! Das ist’s! Das ist das <em class="antiqua">punctum saliens</em>, +wie es die Grammatici heißen, nicht? – So gebt wohl +Acht, daß Ihr wohl höret, was Ihr wissen wollt! +Aber zuvor harret noch einen Augenblick!«</p> + +<p>Bei diesen Worten gieng er hin, wo das Windlicht +von ihm hingestellt war, und rückte es so, daß ich +wieder ganz in seinem Scheine stund.</p> + +<p>»Also, warum ich Euch Junker nenne? Das ist +die Frage; sie ist klar und weislich; und das ist die +Antwort, nicht minder klar und gewißlich: Weil Ihr’s +seid, weil Ihr eben dies seid und gar nichts anderes, +als ein Junker; ein ehrlicher, ein wohlgeschaffener, +adeliger Junker, wie nur irgend einer in der Christenheit +zu finden ist vom Aufgang bis zum Niedergang. +– He, nun? Was dünkt Euch davon?! Gewiß, Ihr +denket: Was ist’s? Klingsohr ist ein Gauch, ihm darf +man nicht trauen, er leugt daran! – Denket Ihr nicht +also, Herr? – Thut’s immerhin, aber zuvor hört mich an!«</p> + +<p>Darauf erzählt’ er in seiner Weise, die Worte +nicht sparend und sie hastig hervorsprudelnd, wie, nachdem +ich abgeführt worden wäre, er und sein Geselle +hätten dem Bischof Rede stehen müssen über mich, was +<!-- Page 207 --><span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">207</a></span> +sie von meiner Person und von meinem Stande wüßten. +Darnach hätten sich die Herrschaften zu Tische gesetzt, +die Mahlzeit zu halten; dabei wäre Herr Conrad sehr +aufgeräumt gewesen, aber seine verlobte Braut desto +nachdenklicher und stiller. Als man nun da kaum zu +tafeln angefangen, wäre ein alter Mann mit langem, +greisen Barte, des Aussehens und angethan wie ein +Siedler oder Waldbruder, herzugestürmt und hätte mit +hochbeweglichen Worten den Bischof angerufen, den +gefangenen Jüngling frei zu geben, maßen der dem +Kloster nicht fürder angehören dürfte. Denn Diether +wäre adeligen Stammes, von hochberühmtem Geschlecht, +wie er selber. Der Jüngling wäre sein Sohn. Das +wolle er nach aller Gebühr darthun und verlange ihn +in Kraft väterlicher Gewalt in seine Hände aus dem +Kloster, darin er bis dahin gesessen, wiewohl er die heiligen +Gelübde noch nicht abgelegt und auf sich genommen habe.</p> + +<p>Über solche Rede hätten sich Alle nicht genug +verwundern können. Der Bischof hätte ernst drein gesehen, +als machte er sich hart, und der Gernsteiner +finster; auch hätte der spöttisch sich hinweggewendet, +als dächt’ er nicht anders, denn daß es Possen wären, +die da fürgewendet würden. Aber wer Graf Eberhard +betrachtet hätte, der hätte spüren müssen, wie +nahe dem Elzeburger Herrn des Alten Rede zu Herzen +gieng. Als nun aber Beider Blicke sich begegnet und +nach kurzem staunendem Stillschweigen der Alte gerufen +hätte: »Eberhard, gedenkst Du Bruno’s noch? Schläft +in Deiner Seele noch ein Gedächtniß unserer Freundschaft +aus längst verschwundenen Jahren, das aufgeweckt +werden kann?« als darauf die Beiden sich umfangen +und keines Wortes mächtig unter inniglichen Zähren +<!-- Page 208 --><span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">208</a></span> +sich begrüßt, da wäre Manchem das Herz entbrannt +über solchen Anblick, und alle hätten aufgehorcht, wie +er wieder gesagt: »Er ist mein Sohn, Eberhard, mein +Sohn! – Gott hat ihn mir zugeführt. Ich wagte +nicht, mich zu ihm zu bekennen; der finstere Schatten +meiner Schuld, dacht’ ich, sollte auf die friedliche Bahn +seines jungen Lebens nicht fallen; ich, ich trieb ihn in’s +Kloster zurück, und wollte selber verborgen bleiben vor +ihm, vor der Welt. Aber nun ruft er mich in sie zurück +nach Pflicht und Liebe, und bei unserer einstigen +Waffenbrüderschaft bitt’ ich Dich: Hilf ihn mir retten, +Eberhard, hilf ihn mir retten!«</p> + +<p>»Auf diese Worte«, erzählte Klingsohr weiter, +»gönnten wir Alle dem Alten, daß ihm nach seiner +Bitte geschähe; denn daß er in Allem die Wahrheit +bezeugte, daran zweifelte Keiner, und Graf Eberhard +lag dem Bischof mit starker Fürsprach’ an, Euch, Junker, +herauszugeben und des Klosters zu entbinden, auch die +Ungebühr, damit Ihr Euch versündigt hättet, an Euch +nicht ferner zu strafen, sondern selbige dem wallenden +Muth der aufstrebenden Jugend zuzurechnen. Dazu, +wiewohl sie bis dahin wenig sich zu ihrem Bräutigam +gekehrt hatte, hub auch die edle Jungfrau Braut herzlich +in Herrn Conrad zu dringen an, daß er Euch zur +Freiheit hülfe und dazu seinen Ohm bewegte. Aber +an der verlangten Fürsprach’ hatte, wie es männiglich +kund ward, der Ritter weder Lust noch zeigte er einigen +Eifer dazu, und seine unmilde Gebärde erschweigte die +Jungfrau, daß sie traurig abließ, ferner ihn zu bitten. +Desgleichen auch Seine Gnaden, der Herr Bischof, was +meint Ihr wohl, ob seine Antwort gnädig lautete? +Mein’ Treu, nein!« +</p> + +<p><!-- Page 209 --><span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">209</a></span> +»Er zog freilich seinen Worten ein solch’ Kleid +an, daß sie ihm, dem geistlichen Vater, nicht gar zu +übel stunden, noch unhübsch erschienen und ungelind: +aber, glaubt mir, sie hatten die Absage hinter sich, die +harte Absage, nichts anderes. Er sagte – o, er +stellte Euch die Worte meisterlich! – er sagte also: +Es stünde leider bei ihm gar nicht, der Meinung +seines Herzens nachzugeben, das auf so bewegliches +Ersuchen und so eindringliche Bitten werthester Freundschaft +freilich ohne Verzug ihm die Gewährung abzwingen +würde; aber er dürfte nichts in dieser Sache +wider die Satzungen der heiligen Kirche, und das sei +ein bedenklicher Handel; was dazu von Maulbronn +und sonst für Beweis und Urkund für und wider würde +an’s Licht gebracht werden – darauf käm’ es an, und +bis dahin müßte Inculpat allerdinge dem geistlichen +Gericht unterstehen und dürfte des Gewahrsams in +keinem Wege entledigt werden. Im Übrigen würde +er sich die Ehre der Kirche und des heiligen Ordens, +wie das Begehren seiner Freunde und Euer Bestes, +Junker, beständig vor Augen halten.</p> + +<p>Da hättet Ihr sehen sollen, Herr Diether, wie starken +Kummer Euer Vater aus solchen Worten sich zu Herzen +gezogen hat. Denn er hatte wohl die Vereinigung mit +Euch näher gesehen. Er senkte eine kurze Weile schweigend +sein Haupt. Dann sprach er zum Bischof mit +großem Ernst: »Würdiger Herr! Ich ehre die heiligen +Gebote der Kirche. Aber wehe! wenn sie sich wider +Gottes Gebot und Willen setzen. Er begehrt gezwungnen +Dienstes nicht. Er ruft meinen Sohn zu mir. Daß ihm +Freiheit werde, diesem Ruf zu folgen, das ist mein Tagwerk; +ich muß es vollbringen!« +</p> + +<p><!-- Page 210 --><span class='pagenum'> +<a name="Page_210" id="Page_210">210</a></span> +Alsdann winkt’ er dem Grafen zu und sie unterredeten +sich, indem sie ein wenig abseits wichen. Aber +nur eine kleine Zeit, so ließ Herr Bruno sich nicht +aufhalten, sondern umfieng Herrn Eberhard mit herzlichen +Worten, nahm seinen Urlaub und gieng ungesäumt und +mit eilenden Schritten von dannen.«</p> + +<p>Muß ich sagen, wie mir zu Sinne war bei Allem, +was mir Klingsohr berichtete; wie ich erschrak, als ich +zuerst von Brun’s Ankunft auf der Höhe vernahm; +wie mir’s dann im Herzen aufgieng einem freudenhellen +Sommertage gleich, dessen aufgehende Sonne von +jubelnden Lerchen tausendstimmig begrüßt wird und +in ungezählten Thautropfen sich spiegelt, als ich erfuhr, +wer Brun war, welch’ heilig Band mich mit ihm verknüpfte, +und daß er mir in Bruno’s Geschichte seine +eigne Vergangenheit, die Wunden und Hoffnungen +seiner Seele anvertraut hatte! Mir war’s dem Falken +gleich, dessen von der Hülle befreitem Auge man hoch +in den Lüften das Ziel weist, dem er sich mit freudigem +Geschrei entgegenschwinget. Auch mir winkte nun solch’ +ein Ziel: meinem Vater, der mich so und den ich so +liebte, nahe zu sein, ihm zu Trost und Erquickung, ihn +der Einsamkeit und jeglichem Trübsinn zu entreißen, +ritterliche Ehre von ihm zu erlernen, sie dem Namen, +den wir trugen, zu erjagen und seinen Segen zu erben. +– O, und meine Mutter! Mich durchschauerte ein +froher Schreck, da ich ihn dachte, diesen Namen: nie +bis dahin von mir gerufen: ödes, schmerz-, aber auch +freudenleeres Leben, wie hatt’ ich’s nur ertragen mögen! +– Gott! Gott! Wenn ich auch sie einst fände, meine +arme Mutter; wenn ich ihr an meiner Hand den Vater +zuführen könnte, und in einer Umschlingung Beide an +<!-- Page 211 --><span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">211</a></span> +dies Herz drückend, spräche: »Seht, Euer Sohn ist +glückselig, er hat Euch wieder! Seid es nun auch Ihr!« +– gewiß dann würden die alten Wunden sie nicht +mehr schmerzen, sie würden ihrer Schuld Vergebung +glauben und üben, und ich, ihr Sohn, mit dem Mal +der blutgen That gezeichnet, durch deren Kunde die +Erschreckte in die Wildniß getrieben ward, hülfe ihnen +zur neuen Freude, zur Liebe und zum Frieden! –</p> + +<p>So frohe Bilder leuchteten in meiner Seele auf, +und um die Sonne, von der sie bestrahlt wurden und +all’ mein Sinn und Muth, stunden selber schimmernd +im himmlischen Glanz die Worte geschrieben: »Dein +Vater ist dir gefunden!«</p> + +<p>Da hätten gewißlich auch Augen, die mich minder +scharf ansahen als die kleinen blitzenden Klingsohr’s, +derweilen er sprach, solches Entbrennen meines Herzens +vermerkt. Er aber, als er mit seiner Erzählung zu Ende +war, trat dicht zu mir und sagte:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Auf, Junker, sinnt nicht lang also,<br/></span> +<span class="i0">Sagt, macht Euch nicht die Märe froh?«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Klingsohr, lieber Klingsohr!« gab ich zur Antwort, +»ist’s so, wie Ihr mir sagt, und ich trage daran keinen +Zweifel, so harr’ ich der Stunde, die mir Befreiung +bringt, mit zwiefachem Sehnen. O daß sie bald erschiene!«</p> + +<p>»Harren wollet Ihr, harren?« fragte der Kleine +wieder, und er schnarrte das Wort spöttisch heraus und +schlug seine Hände beide in einander, als wär’ es +etwas recht Erstaunliches, was er hätte hören müssen. – +»Wie lange, Herrlein, seid Ihr denn bereit und willfertig, +hier zu harren?«</p> + +<p>»Mich dünkt«, antwortet’ ich wieder, »nach Allem, +was Ihr mir sagtet, kann es unmöglich anstehen, daß +<!-- Page 212 --><span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">212</a></span> +meines Vaters Begehren unerfüllt bleibe, dem eine so +mächtige Fürsprache zur Seite steht, wie die Graf +Eberhard’s.«</p> + +<p>»Mich dünkt, mich dünkt«, sprach Klingsohr ärgerlich +nach. – »Was dünkt Euch denn von <em class="gesperrt">uns</em>? Wähnet +Ihr, Meister Tannhäuser und hier ich, der Magus, +haben uns oben davon gemacht und seien in dieser +Burg bei den geizigen Alten in harter Arbeit gestanden, +ich mit dem Pülverlein drinnen beim griesgreisen Pförtner, +mein Gesell gar mit dem Alrunzauber bei der scharfohrigen +Pförtnerin allein unter’m Galgen, allwo er +jetztunder noch aushält, das edle Herz; wähnet Ihr, +dies Alles sei von uns gethan, bloß daß Ihr zeitiger +Euren edlen Namen erführet und Eure ritterliche +Geburt, als es sonst geschehen wäre. Wähnet Ihr +das wirklich? Ja freilich, ’s ist ja eine Zeitung, die +man nicht alltag zubringen kann, daß aus einem Singer +ein Junker worden ist, und daß einer aus der Abtei +und den Regeln St. Bernhard’s in die Herrschaft über +Land und Leute gesetzt werden soll. – Jedennoch, +Junker, das ist hier die Meinung nicht. Wie? dort +die Thür steht offen, der Alte schläft und sie sucht nach +der Alrune – und Ihr besinnt Euch noch? Auf, +gewinnet Euch selbst die Freiheit, nach der Euch gelüstet! +Der Weg ist offen; ich führe Euch.«</p> + +<p>Und er nahm sein Windlicht wieder zur Hand.</p> + +<p>»Aber«, sprach ich, tief erregt von dem, wozu +er mich ermunterte, »wenn ich’s thäte und ohn’ Urtheil +und Recht dem Kloster entränne, so brächt’ ich mich +auf’s Neue in Fährniß, und geistlicher und weltlicher +Arm möchte mich bedrohen; ich hinderte die, so meiner +Erledigung günstig sind, daran, mich zu schützen, und +<!-- Page 213 --><span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">213</a></span> +der Bischof würde mich, wie auch unser Orden des +geistlichen Standes desto weniger entlassen!«</p> + +<p>»Wie?« rief da der Kurze unwillig wieder. – +»Dahin steht Euch der Sinn? – Als Ihr die Friedsamkeit +und Demuth beweisen solltet, die man Euch im +Kloster gelehrt hat, da waret Ihr kampflich gemuthet, +und da es Euch als fahrendem Singbruder viel nützer +gewesen wäre, Euch fein zu ducken, daß Ihr heil entschlüpfen +möchtet, da bewieset Ihr Trutz und waglichen +Widerstand – aber jetzt, wo Ihr des Ritterthums +genießen sollt, zeigt Ihr ein Herz wie ein Lämmlein! +– O, lieber Junker, denket doch nicht, wen die +Kirche einmal eingethan hat und gar dem Mönchsstand +zugezählt, den werde sie so bald wieder losgeben; +habt nur wohl Acht, mancher Tag wird vergehen, bis +sie sich über die geistlichen und weltlichen Rechte verglichen +haben werden, dieweil Ihr in Haft hungert, +schwitzt oder frieret, wie es Euch geliebt! Der Gernsteiner, +halt’ ich, wird schon dafür sorgen, daß Ihr Euch +an solch’ Leben gewöhnet. Und endlich, seid Ihr wiederum +im Kloster, nimmer mehr daraus zu entwischen« – –</p> + +<p>»So rathet Ihr mir –?« unterbrach ich ihn.</p> + +<p>»Ich rathe Euch – ho! wie sanft das ’nem +fahrenden Magus thut, daß er einem Junkerlein rathen +darf – ja, ich rath Euch gut, Herr; traut dem Bischof +nicht, noch seinem Voigt, noch sonst wem außer Euch +selber und der Gunst der jetzigen Stunde, die Euch +freien Ausgang verstattet dank der Kunstübung Eures +geringen Dieners und seines Gesellen! – Ah, Junker, +’s ist wahr: Ihr seid dazumal übel gefahren mit uns, +und habt uns billig darum gescholten – aber die Noth, +Junker, die zwingende Noth trug die Schuld daran! +<!-- Page 214 --><span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">214</a></span> +Drum laßt uns jetzt desto baß Euren Dank verdienen. +Hatten wir nicht sogleich am Anfang uns’re Freud’ an +Euch? Haben wir uns nicht gebrüdert? Sahen wir +heut’ nicht und hörten’s, daß an Euch ein meisterlicher +Singer verloren wäre, und ein wackerer Ritter dazu, +so Euch das Kloster erhielte?«</p> + +<p>»Doch seid Ihr’s gewesen«, sagt’ ich, »die mich +durch ihr Anzeigen meines Standes dem Bischof überantworteten!«</p> + +<p>»So brachten wir Euch doch aus des Gernsteiners +Gewalt, der Euch wohl so fest verwahret hätte und +übel gehalten, daß wir mit keiner Kunst Euch hätten +erlösen können. – Das sind wir nun zu thun willens +worden und lag uns doppelt hart an, nachdem Eure +Ritterschaft an’s Licht gekommen ist. – Eilet denn, +werther Junker! Gewinnet die Freiheit, indem Ihr +sie brauchet! Wie süß wird sie Euch eingehen an der +Seite Herrn Bruno’s! Wir geleiten Euch, wir Wegkundige, +und gewiß, wir werden ihn finden.«</p> + +<p>Ich hatte sinnend gestanden und wußte nicht, was +erwählen; denn ich fühlte, daß ich vor eine große +Entscheidung geführt war. Aber der Ruf, der an mich +ergieng, lockte zu laut – und so folgt’ ich dem Klingsohr, +der schon in der geöffneten Pforte stund, ungeduldig +mein harrend.</p> + +<p>Ohne sonderliche Fürsicht schritt er mir den Gang +voran. »Die beiden Alten sind noch festgehalten«, +sagt’ er dabei: »er vom Pülverlein, sie von der Alrune, +und vor anderer Begegnung sind wir sicher allhie!«</p> + +<p>Also befand sich’s auch; der Alte schlief, da wir +durch’s Stüblein kamen, und wir gelangten unangefochten +hinaus auf die Stiege. Von derselben führte ein hölzerner +<!-- Page 215 --><span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">215</a></span> +Gang außen zu einem Pförtlein in der Mauer des +Burghofs, durch das die Alten in einen zur Burg gehörigen +Krautgarten den Zugang hatten. Er war von +einer hohen Mauer eingeschlossen.</p> + +<p>»Hier können wir nicht hinab«, sagte mein Geleitsmann +leise zu mir; »nur drüben, wo der Berg steiler +ist und die Mauer drum nicht so hoch, mögen wir’s +vollbringen.«</p> + +<p>Damit drängte er mich weiter, den schmalen Weg +voran zur Seite der Mauer. So kamen wir an’s Ende +des Gärtleins und zu einer Thür, die war offen, und +auf steinernen Stufen traten wir in einen zweiten +Burggarten ein, der aber zur Sommerlust bestimmt +war und in lauter lieblichen Blumen und Ziergebüschen +prangte. Ja, das that er auch in dieser Sommernacht, +denn obgleich weder Mond noch Sterne +schienen, war sie als zur Johanniszeit hell und wie +von einem milden Dämmerlicht übergossen, in dem man +Jegliches umher deutlich sah; und Blätter und Blüthen +schimmerten mit einem sanften Lichte, als hätten sie +etwas vom Glanze des langen Sommertages zurückbehalten +wie einen schwachen Widerstrahl. Es hatte +einen warmen Regen zur Nacht gegeben: noch hiengen +die Blätter tropfenschwer, und die Luft, von keinem +Windhauche bewegt, war weich und feucht; sie war +auch voll würzigen Geruchs und süßen Duftes, der +aus ungezählten neu erfrischten Blüthen quoll und aus +solchen, die in dieser wonnigen Sommernacht zum ersten +Mal ihren Kelch erschlossen. Wie sog’ ich all’ diese +stille Herrlichkeit mit Sinnen und Herzen ein nach der +Angst des Gefängnisses, ob ich gleich an dem Frieden +und der Glückseligkeit, die mich umgab, keinen Theil +<!-- Page 216 --><span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">216</a></span> +haben durfte; denn mein Weg war ohne Recht, verhohlen +und bedroht.</p> + +<p>Leise schritten wir hindann.</p> + +<p>»Seht Ihr das Fenster dort, von Rosengezweig +umrankt?« flüsterte Klingsohr.</p> + +<p>Ich sah dahin und gewahrte auch dicht dabei +eine Pforte, die von der Burg her in unser Gärtlein +führte.</p> + +<p>»Des Grafen Eberhard Nichte, Junker, von der +Ihr den Kranz empfienget, wohnt heint allda zur Herberge. +Von der Alten erfuhr ich’s, die am Abend das +Fräulein heraufreiten sah, stattlich geleitet. – Wenn +wir ihr allhie begegneten, Junker, wie geschwinde liefet +Ihr wohl davon?« Dabei kicherte er verhohlen.</p> + +<p>Ich sagte nichts; doch sah ich im Gehen hinauf +zum Fenster, und ich fühlte mein Herz stärker klopfen.</p> + +<p>Da klang ein Ton durch die Stille, fein und leise. +Wir hielten mit Gehen an und horchten auf. Es war +das verhaltene Summen einer menschlichen Stimme, +das von drüben herkam, wo am Ausgang aus dem +Garten über der Ringmauer der Burg ein Sommerhaus +als ein Thürmlein gebaut war zum Lugaus hinunter +in Dorf und Thal. – Jetzt vernahm ich, halb +gesungen und halb gesprochen, als würden sie nur laut +gedacht, die Worte:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">— — — — +— — +— — — — <br/></span> +<span class="i0">Dich lacht sie an mit rothem Munde<br/></span> +<span class="i0">Und haftet doch im finstren Grunde,<br/></span> +<span class="i0">Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:<br/></span> +<span class="i0">Das ist der Liebe Ebenbild!<br/></span> +<span class="i0">Es schafft das Leid der Liebe Pein,<br/></span> +<span class="i0">Doch ohne Leid kann Lieb nicht sein,<br/></span> +<span class="i0">Es liebt die Lieb’ Leid zum Gedeihn! –<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p><!-- Page 217 --><span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">217</a></span> +Dieser mein Spruch, den ich vorhin gesungen, da +es Kranz und Kleinod galt – welch’ neue Gewalt +hatte er doch jetzt über mich! Ich erschrak und erzitterte +schier, und doch schwebte mein Herz hoch auf +in Wonne; mir war’s, als träumt’ ich nur, und sodann +wieder, als erwacht’ ich nun erst aus ungewissem Wahn +zur Wahrheit und zum Leben.</p> + +<p>»Irmela!« rief ich und eilte, ohne auf Klingsohrs +eifrige Gebärden zu achten, mit denen er mich trachtete +zurückzuhalten, hin, woher die Klänge kamen.</p> + +<p>Sie mußte den Namen gehört haben; denn als +ich zum Sommerhause kam, erblickt’ ich sie, wie sie am +offenen Eingang desselben stund, regungslos, als spähte +sie hinaus.</p> + +<p>»Irmela!« so rief ich wieder und fand vor Freude +und Bangigkeit kaum den Odem zu dem Worte, wie +ich nun nahe vor sie trat.</p> + +<p>»So bist Du’s, Diether, und bist frei?« Wiewohl +ihre Stimme bebte, als sie das sagte, klang es doch +im hellsten Jubelton wie der Ausruf einer Seele, der +unerwartet die Bande schweren Leides gelöset sind.</p> + +<p>Ein Schauer durchrieselte mein Gebein, als sie +in hochgehender Freude mir entgegen eilte und mit +ihren beiden Händen die meinigen ergriff. Ich sah +ihr in’s Angesicht: ihr Mund lächelte und ihre Augen +waren voll Thränen.</p> + +<p>Da konnt’ ich mich nicht länger enthalten, umfieng +sie mit meinen Armen und küßte sie.</p> + +<p>»Ja«, flüsterte ich, indem ich sie umschlungen hielt, +»ich bin frei, und immer selig sei die Stunde, da ich’s +ward; denn sie offenbarte mir, Süße, Deine und meine +Herzensliebe!« +</p> + +<p><!-- Page 218 --><span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">218</a></span> +»Weh!« rief sie da mit dem Tone des Schreckens, +indem sie mit Heftigkeit sich mir entriß, »weh, was +hab’ ich geduldet! Diether, ich bin verlobt! Nimmer +wieder laß mich solch ein Wort hören! Nein, nein! – +Entweich, wir sind ewig geschieden!«</p> + +<p>Flehend bat sie so, aber streng zugleich und gebietend +stund sie vor mir, hoch aufgerichtet. Der Gedanke, +so von ihr verstoßen zu werden, erfüllte mich +mit Grauen. Ich sank vor ihr auf die Knie.</p> + +<p>»Irmela,« bat ich, »nicht also treibt mich von +hinnen! Kein Gefängniß sieht so finster und freudlos +mich an, als rings die weite Welt, so ich Euch muß +verloren geben. Ich kann nicht mehr von Euch lassen, +nimmer, nimmer! Die sehnende Herzensliebe hat mich +bezwungen! O, auch Dich, Irmela; läugn’ es nicht! +Das Leid, das über mich gekommen ist, hat ihre Heimlichkeit +Dir kund gethan und diese Stunde auch mir. +Nie kannst Du dem Manne folgen, dem Dein Herz +nicht zugehört!«</p> + +<p>»Ich lieb’ ihn nicht,« sagte sie leise.</p> + +<p>»Aber hier in meinem Herzen bist Du beschlossen, +Irmela, und ich bin’s in Deinem. Ach, wohl gleicht +unsere Liebe dem Sturmvogel, der gegen Wind und +Wetter durch zuckende Blitze in mitternächt’ge Wolken +fliegt; aber hinter ihnen, Irmela, glänzt die Sonne +und seine Schwingen sind Adlerschwingen!«</p> + +<p>Sie schwieg; aber mir war’s, als athmete sie +schwer und mit leisem Beben erzitterte sie.</p> + +<p>»O, sprich nur ein Wort!« bat ich wieder. »Ein +einzig Wort, daß ich wisse, die Rose, die sich mir zur +Wonne erschlossen in dieser Blüthennacht, sei nicht auch +zugleich entblättert; daß mir eine Hoffnung leuchte auf +<!-- Page 219 --><span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">219</a></span> +der dunklen Bahn, die ich beschreite. – Sprich dies +Wort, Irmela, dies eine Wort, und ich will kämpfen, +ringen und nicht ermüden, bis der Tag kommt, da der +Bund dieser Mitternachtsstunde vor Gott und Menschen +gesegnet wird!«</p> + +<p>Da war’s, als bewegte sie ihre Hand mir entgegen; +ich erfaßte sie und drückte sie mit Inbrunst an +Herz und Lippen.</p> + +<p>»Hab Dank, hab Dank, Irmela!« sagt’ ich, indem +ich mich erhub, »und fahr wohl!«</p> + +<p>»Fahr wohl auch Du!« sprach sie zum Scheiden.</p> + +<p>Indem kam auch schon Klingsohr herbei mit +großer Eil und vielem Winken: »Geschwind, Junker, +geschwind! Wir dürfen nicht länger säumen. Man +ist uns auf der Spur. Dort den Weg kommen sie, +den wir vorhin nahmen. Gewiß ist die Alte heimgekommen, +hat das Nest leer gefunden und Lärm gemacht.«</p> + +<p>Ich wollte mich auf diese Worte fürder wenden, +mit ihm die Flucht fortzusetzen, als wir auch schon die, +so uns zu suchen ausgegangen, in der offnen Pforte +ersahen, durch die wir in den Garten gekommen waren.</p> + +<p>»Da drüben um’s Thürmlein müssen sie sein,« so +vernahmen wir: »dort hört’ ich flüstern, als ich hinaushorchte.«</p> + +<p>Es war die Stimme der Alten.</p> + +<p>»Sie werden mich finden!« sagte Irmela mit +Bangen, »was beginn’ ich?«</p> + +<p>Wohl sah ich, daß sie ihnen nicht entgehen konnte. +Sie konnte sich im Garten nicht verbergen, den die Leute +gewiß durchsuchen würden, und auch, wenn sie zurück +wollte in ihr Gemach, mußte man auf sie treffen.</p> + +<p>Sollte sie durch mich in Verdacht gerathen und +<!-- Page 220 --><span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">220</a></span> +Ungemach? Sollte sie gepeinigt werden mit Fragen +nach mir und ihr reines Gemüth zwischen dem Wunsch +schweben, unsere Heimlichkeit mir zum Schaden nicht +auszubringen, und der ungewohnten Nöthigung, durch +Falschheit sich heraus zu helfen?</p> + +<p>Das durfte nicht geschehen. Die Gewißheit ihrer +Herzensliebe zu mir hätte mir jeglich Opfer leicht gemacht. +Ich besann mich nicht.</p> + +<p>»Seid getrost, Irmela!« rief ich. »Ich gewinn’ +Euch Zeit.« Und bevor sich Klingsohr deß versehen +konnte, der allbereits zur Weiterflucht vorangeeilt war, +nicht zweifelnd, daß ich ihm folgte, sprang ich den Weg +zurück, den wir gekommen waren, gerade auf die +Gartenpforte zu, den Eindringenden entgegen.</p> + +<p>Ich gedachte durch die Überraschten hindurchzustreichen, +oder doch, so das nicht gelänge, sie so lange +aufzuhalten, bis Irmela hinein wäre, und dann ihnen +zu entrinnen. Meine schnellen Füße, hofft’ ich, sollten +mich retten, bis ich an einen Ort käme, geschickt zu +einem Sprung die Ringmauer hinab.</p> + +<p>Aber was soll ich sagen? So gerieth es mir +nicht. Zwar daß meine Verfolger in den Garten eindrangen, +verhindert’ ich. Denn wie ich nach der Pforte +rannte, wandten sie sich mir Alle zu mit lautem Geschrei. +Doch es waren Ihrer zu viele, als daß ich +hindurchzubrechen vermochte oder sie bestreiten konnte, +ich Waffenloser. Es währte nur eine kleine Weile, +so war ich von ihnen umringt und ergriffen, und ein +Gefangener des Bischofs von Speyer, wie vorhin.</p></div> + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/144_vignette.png" alt = "" /></p> + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<p><!-- Page 221 --><span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">221</a></span></p> +<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel.</h2> + +<h1>Entscheidung.</h1> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/221_w.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">W</span>enn im Frühling die schwanken Birkenzweige +im ersten Grün erprangen, wenn der laue +Hauch der Luft die glänzenden Hüllen von +den schwellenden Blattknospen der Buchen +und Linden streift, wenn die Blumen aus dem Grase +dringen und überall wieder das Leben sich regt und +schmückt: dann ist solcher Anblick wohl für jeglichen +Menschen, der sein genießt, eine Ursach zur Freude, und, +sein Muth sei froh oder traurig, ihm sei wohl oder +weh, so vernimmt er in solchem Walten Gottes zur +Frühlingszeit einen Ruf, sein Herz zu stärken und jede +gute Hoffnung aufschweben zu lassen, wäre sie auch oft +schon zu Boden gestoßen und gar flügellahm worden.</p> + +<div class="textbody"> +<p>Anders, acht’ ich, ist’s im Herbst, wenn der Schmuck +der Erde allgemach vergeht und von Tag zu Tag die +Gärten leerer, die Wiesen fahler und die Wälder kahler +werden. Davon mögen die Menschen, je nachdem es +ihnen um’s Herz ist, leicht oder schwer, einen gar verschiednen +Muth gewinnen. Es kann sich ganz lustig +<!-- Page 222 --><span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">222</a></span> +ansehen, wie so ein gelbes Blatt nach dem andern +vom Baum gelöst und tanzend vom Winde hinweggeführt +wird, wenn die Früchte sicher eingethan sind, die +der Baum gegeben hat, und dem Genieß aufbehalten; +auch weiß sonder Zweifel das Auge des Hoffnungsvollen +am sich entblätternden Baume überall die Knospen +wahrzunehmen, darin Blätter und Blüthen wohl verwahrt +sind schon für’s kommende Jahr. Ja, wem daheim +der warme Herd in die Mitte der Seinen winkt und +zu willkommener Ruhe nach gethaner Arbeit: wie gern +mag der sich von den rauhen Herbststürmen hinein +scheuchen lassen! Kürzlich: wem die Wurzeln seines +Lebensbaumes noch fest und kräftig genug in der Erde +haften, Nahrung daraus zu ziehen, wer da im Stamm +inwendig noch den Saft aufsteigen weiß: der ersieht +auch im Winter nur den Vortraum und Stärkungsschlaf +für Leben und Lust des kommenden Lenzes und mag +die kalte Hand, die das Laub entstreift, mit Freuden +begrüßen. – Aber für die Meisten freilich hält der +Herbst, wenn er dem Winter die Bahn macht, eitel +Leichensermone; denn unter den Menschen, so zum Nachsinnen +über sich gekommen sind, wozu Frau Unglück +weit besser anleitet, als ihre ungleiche Zwillingsschwester, +sind, wie ich sorge, viel mehrere, welche von der Zukunft +hienieden lieber zu wenig hoffen, als zu viel und +darum die Trauerlieder des sinkenden Jahres überleicht +verstehen und nachsingen.</p> + +<p>Dazu war wohl auch ich weidlich geschickt geworden +nach meiner Gefangennahme, seit ich wieder in’s Kloster +zurückgebracht war, allda des Ausgangs meiner Sache +zu harren. Zwar nur wenige Monate waren seitdem +verstrichen. Aber als ich aus meiner Zelle, die mir +<!-- Page 223 --><span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">223</a></span> +zur Büßung abseits von denen der Brüder angewiesen +war, in den grauen Novembertag hinaussah, drückten +seine tiefhangenden Wolken schier auf mein Herz, und +der Wind, der durch die kahlen Äste des Nußbaumes +vor meinem Fenster fuhr, seufzte, als wollt’ er mir +helfen trauern und klagen.</p> + +<p>Wie manchen Tag hatt’ ich schon vom nämlichen +Schemel, den Ellenbogen auf dem Tisch vor mir gestützt, +durch dies kleine Fenster hinausgesehen nach dem Nußbaum +und dem Himmel, so viel davon zu erblicken +war; denn sonst war die Welt meinen Augen versperrt. –</p> + +<p>Wenn ich früher ihn betrachtet hatte, wie er so +mächtig aus dem Zwinger emporstrebte, hatt’ ich nicht +gedacht, wie sehr ich’s ihm einstmal noch danken würde, +daß er also hoch gewachsen war, so hoch, daß er mit +seinem Wipfel auch über das kleine Fenster der einsamen +Zelle hinausragte, deren Bewohner nun ich war. +– Wie doch heute sonderlich die Äste stöhnten, wenn der +Wind sie schüttelte und, ihre Zähigkeit erprobend, sie gegen +einander schlug; wie knarrend die dürren Zweige zerbrachen, +und wie ängstlich die wenigen gelben Blätter, +die noch am Gezweige saßen, sich hin und wieder +wendeten, so oft ein Windstoß sie erfaßte, als sträubten +sie sich gegen ihn und riefen um Hilfe! –</p> + +<p>Es war doch Alles umsonst; eins nach dem Andern +ward abgerissen und wie zum Hohn wild durch die Luft +geführt, oder es sank zitternd zur Erde nieder – eins +nach dem andern! – Schon konnt’ ich die übrigen an +den Fingern meiner Hände zählen – dort eins – dort +eins – und dort eins!</p> + +<p>Ob wohl auch sie heute würden abgelöst und +der Baum ganz kahl werden? –</p> + +<p><!-- Page 224 --><span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">224</a></span> +Ach, es war heut ein traurig Ding um ihn und +den Himmel dahinter! –</p> + +<p>Als ich zuerst hier in diese Zelle hereingeführt +und hinter mir die Thür verschlossen ward, daß ich +allein wäre (wie war ich’s gewohnt geworden seitdem!) +mein Sinnen und Denken abzuziehen vom eitlen Wesen +der Welt und nur auf meine Schuld zu lenken und +heilsame Büßung: wie winkte mir da durch’s Fenster +das dichtbelaubte Gezweig so freundlich entgegen! +Schwellende Früchte, zu Trauben gesellt, schauten daraus +hervor, und blitzendes Licht vom blauen Himmel her +spielte zwischen den grünglänzenden Blättern. –</p> + +<p>Das war zur Johanniszeit, am Tage, nachdem ich +in’s Kloster auf Erfordern des Abtes und mit Bewilligung +des Bischofs war zurückgeführt worden. Ich war +in den Capitelsaal gebracht, allwo der ganze Convent +sich versammelt hatte, daß ich vor den Abt gestellt +würde, mein Urtheil zu empfahen, wie mit mir zu +handeln wäre im Kloster. Denn obgleich meine Erledigung +zurück in den weltlichen Stand allerdinge nach +dem Spruch derer, denen die Entscheidung unterstünde, +zu erharren wäre, so hätte ich doch meine Untugend +und all’ das Ärgerniß, so ich gegeben, als dem Cisterzienser +Orden zugehörig, verübt, und müßte daher gemäß +der heiligen Observanz und St. Bernard’s Regel +zum Heil meiner Seele, zur Befestigung der Guten, +zur Stärkung der Schwachen, zur Warnung der Sichern +mit mir gethan werden.</p> + +<p>Solches Alles ward mir vor den Brüdern im +Capitel von Abt Albrecht verkündigt, der dazu eine +Rede that, die mir recht das Heimlichste meines Herzens +vor Augen kehrte, daß ich sah, wie schwarzer Farbe es +<!-- Page 225 --><span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">225</a></span> +war; denn er war gewaltig in Worten. Er nannte +den Tag, da er von meiner Sünde hätte hören müssen, +den traurigsten von allen, seit ihm der Abtstab in die +Hand gegeben wäre; er beschrieb meinen Sinn, wie +schlimm geartet er wäre und unwerth, daß ich all’ sein +Vertrauen, das er zu mir gekehrt, und seine gute Meinung +so gröblich zu Muthwillen und Verübung loser +Narretheidinge gemißbraucht hätte; er sagte auch: wenn +der Herr und Weltenrichter schon den unnützen Knecht +in die äußerste Finsterniß und in die schrecklichen Höllenschlünde +verweisen wolle, darum daß der Schalk mit dem +einigen ihm verliehenen Centner nicht gewuchert habe, +welche Qual werde sich der verdienen, welcher hohe und +edle Gaben, so er von Gott empfangen, dazu verwende, +daß er damit unsers Herrn und seiner heiligen Kirche +Ehre, statt sie zu erbauen, kränke und ganz niederlege!</p> + +<p>Darnach fragt’ er mich, ob ich etwas zu sagen +hätte, so sollte mir das verstattet sein.</p> + +<p>»Würdiger Vater!« sagt’ ich da. »Es ist Alles +wahr, deß Ihr mich zeiht. Ich habe schwer gesündigt +wider Gott, wider Euch, wider den heiligen Orden. +Aber so wahr ich Euch und dem würdigen Convent +hier von der ewigen Dreifaltigkeit beständige Genüge +erwünsche, so gewißlich kann ich Gott im heiligen +Stande nicht länger dienen, habe nur ein Verlangen, +mich zum ritterlichen Leben zu schicken, und bitt’ Euch +demüthig: Helfet mir dazu!«</p> + +<p>Durch solche Worte, sagte wieder der Abt, erfände +sich’s desto gewisser, wie völlig mein Herz geblendet +wäre. Darauf ward ich dem <em class="antiqua">Frater poenitentiarius</em> +zugewiesen, daß er die geistlichen Büßungen, so mir +aufzulegen, leiten und in Allem meiner armen Seele +<!-- Page 226 --><span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">226</a></span> +rathen möchte, die Bosheit auszuziehen und Gnade zu +gewinnen.</p> + +<p>Der hatte denn auch das Amt, so er überkommen, +an mir mit allem Eifer angegriffen. Einsamkeit, Casteiung +und allerlei Plage sollte meinen Sinn ändern, dazu +stetes Gespräch mit ihm von heiligen Dingen und von +Verachtung der Welt. War ich nicht manchen Tag +hinunter in die Geißelkammer geführt worden, auch +dazu aus dem Schlaf geweckt, allda das Miserere zu +singen und Schläge zu leiden?</p> + +<p>Doch wiewohl mir meine große Fehle, damit ich +mich verschuldet hatte, leid war, so blieb doch mein +Muth und Wille hinausgerichtet, wie anfangs, und +die himmlischen Dinge, die mich hinwegziehen sollten +von allem weltlichen Trachten, erlangten diese Gewalt +nicht über mich. Ja, wenn oft unter den Geißelschlägen +mein Rücken rünstig ward und ich dennoch +ihnen stille hielt und nicht zuckte; wenn ich jegliche +Pein, mit Wachen und Fasten mir auferlegt, williglich trug +und nicht murrte, so wähnte mein Beichtiger wohl, es +wäre die wahre Zerknirschung und herzliche Reue, die +mich so harte Buße demüthig tragen lehrte: aber es +stund viel anders mit mir. Ich hätte das Schwerste +auf mich genommen in dem Gedanken, der mir auch +all’ dies Ungemach leicht machte: daß ich es litte, weil +ich mich gefangen gegeben für sie, für die Maid, die +mir allzeit im Sinne lag, deren Bild in aller Pön mir +winkte.</p> + +<p>O, welche Gewalt hat doch eine starke Hoffnung +über des Menschen Herz! Sie ist allgegenwärtig, wie +das Sonnenlicht. All’ unser Denken und Thun, Mühe +und Plage, Leid und Noth durchleuchtet sie; sie durchsüßet +<!-- Page 227 --><span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">227</a></span> +die Bitterniß und durchblümet selber die Wüstenei, +die wir durchwandern müssen.</p> + +<p>So hab’ auch ich’s erfahren in jenen Tagen.</p> + +<p>Wie oft, wenn ich einsam in der Zelle weilte, +brachte mir die gewisse Hoffnung, der Tag der Befreiung +würde erscheinen, Stärkung und Trost! Wie malte sie +mir mit dem Sonnenstrahle, der an der Wand zitterte, +lichte Bilder hin von Aventiuren, Ehren und ritterlichen +Thaten, von Freiheit und Wiedersehen! Wie hört’ ich +ihr Flüstern im Rauschen des Nußbaumes, wenn der +sanfte Wind das Laub bewegte!</p> + +<p>Mit jedem Tage stieg diese Hoffnung; denn jeder +brachte ihre Erfüllung näher.</p> + +<p>Mit Fleiß achtete ich auf die grünen Früchte, die +mir der Nußbaum durch’s Fenster zeigte, wie sie allgemach +größer wurden. »Eure Schaale ist bitter«, +sprach ich oft, »und selber dem Anblick wird sie unhold +mit der Zeit. Aber drinnen hegt sie wohlverwahrt +den süßen Kern; die Hülle springt, und er tritt an’s +Licht. So tragen auch diese Tage, deren Bitterkeit ich +schmecken muß, in ihrem Schooße für mich die köstliche +Frucht der ersehnten Freiheit; noch ist sie mir verborgen, +aber unmerklich reift sie heran.«</p> + +<p>Doch ach! eine Woche nach der anderen war +herumgegangen, und noch immer hört ich nichts davon, +daß draußen meiner gedacht ward. Jeglichen Morgen +sah ich klopfenden Herzens in meines Beichtigers Angesicht, +prüfend, ob er die erhoffte Nachricht mir nicht +zu verkünden hätte. Aber er schwieg davon, und der +neue Tag schwand gleich dem vorigen.</p> + +<p>So einförmig giengen die Tage hin, so geräuschlos +schlich die Zeit durch Wochen und Monate, daß ich +<!-- Page 228 --><span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">228</a></span> +ihrer Zahl und Menge, wie viel ihrer waren, gar +nicht Acht hatte. Aber wohl sah ich, wie die Nüsse +sich aus ihren Hülsen schälten, vom Baume fielen und +die leeren Schalen zurückließen; wie die Blätter sich +entfärbten und das Geäst allgemach lichter ward; wie +dann der Himmel, der da hindurch blickte, als durch +ein immer weiter sich öffnendes Gegitter, öfters trüb +schien und seltener in blauer Klarheit glänzte. Ich sah, +wie das Sonnenlicht immer später meine Zelle besuchte, +immer schmaler darin seine goldenen Streifen zog und +nimmer bälder daraus <ins class="correction" title="Original: verschwad">verschwand</ins>.</p> + +<p>Wenn auf trübe Tage wieder ein sonnenheiterer +folgte, hatte ich schier mit Ungeduld geharrt, den Schein +zu sehen, ob er wohl merklich würde zurückgewichen +sein gegen das letzte Mal, da er an der Wand geglänzt; +und als es geschah, daß ich wahrnahm, wie +die Sonne meine Zelle nicht mehr erreichte und den +letzten Scheideblick des Jahres herein geschickt hatte in +meine Einsamkeit: da war eine große Traurigkeit über +mich gekommen, als sollt’ ich auch den güldnen Träumen +von Erledigung und Freiheit den Abschied geben.</p> + +<p>Aber ich hatt’ es nicht vermocht, ich hatte um so +sehnlicher gehofft und war nicht müde darin geworden, +wie auch die Blätter immer zahlreicher fielen und die +kahlen Zweige schmucklos zu mir herein starrten. – –</p> + +<p>Wie mit Fleiß ich an dies Alles heut’ zurückdachte +am stürmischen Novembertage, als ich zum grauen +Himmel hinaussah, und wie die letzten Blätter sich +wehrten wider den Wind, der sie zauste, und half ihnen +doch Alles nichts!</p> + +<p>Nein, es half auch mir nichts: mein Hoffen und +Sorgen, Zagen, Wünschen und Ungeduld! – Wenn +<!-- Page 229 --><span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">229</a></span> +es der Weltenherr so beschlossen hätte, daß mein Leben +und die Welt draußen immer geschieden blieben von +einander! Wenn das Gelübde meiner Mutter, da die +Gottesminne ihre Liebe zu mir bezwang und durchklärte +und sie mich der frommen Hut des Klosters +übergab, gewißlich ach, mit heißen Gebeten! im Himmel +versiegelt ward!</p> + +<p>Aber konnte das sein? Wäre mir dann die Einfalt +und der Frieden meiner Jugend so verwirrt durch +Lust und Weh der Welt, durch das Eindringen ihrer +Süße und Herbe in mein unerprobtes Herz? Wären dann +jene Versuchungen an mich herangedrungen, um welcher +willen, daß ich vor ihnen geborgen bliebe, ich hieher gebracht +worden war an diese Stätte geschützten Friedens?</p> + +<p>Doch wie? Durft’ ich mich unterwinden und all’ +dies, was mich abwendig gemacht hatte dem heil’gen +Stande, ansehen als von dem waltenden Gott so gefügt? +War es nicht vielmehr der Dünkel und Wahn +meines unberathenen Herzens, eigenwilliges Entweichen +vom Wege, der mir verordnet war? O, dann war es ein +unmächtiges Ankämpfen, ein schuldvoller Ungehorsam. +Und dies sehnliche Verlangen in mir nach Ehre, Freude +und Glück der Welt, nur darnach? nein! auch nach ihren +Kämpfen, Mühen und Schmerzen: sagte es nicht noch +jeden Augenblick Ja! zu der Hoffahrt und Eitelkeit meiner +Seele, bedrohte es mich nicht mit immerwährender Unseligkeit, +so der Spruch fiele, daß ich im Kloster bleiben +müßte? Dann wäre mir die Erde vergällt und für die +Ewigkeit meine Seele der finsteren Schaar zugeordnet. –</p> + +<p>Ich erschrak vor solchen Gedanken! Ich sah hinweg +vom Fenster und lenkte meinen Blick auf das Buch, +so vor mir aufgeschlagen war. Es waren S. Anselmi +<!-- Page 230 --><span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">230</a></span> +Betrachtungen. Mein Beichtiger hatte mir das Buch +hereingegeben zu heilsamem Nachdenken. Täglich mußt’ +ich ein Stück darin lesen und auf sein Befragen davon +Rechenschaft thun, ob ich die Meinung recht verstanden +hätte. Ich that es; aber meine Seele war nicht dabei. +Heute zum ersten Mal kehrt’ ich allen Eifer dazu. Ich las +von dem Meere des Verderbens, welches wäre die Tiefe +weltlichen Begehrens, und vom bodenlosen Schlamme der +fleischlichen Lüste; ich las von dem Elend dieses Lebens: +wie es gliche einem finstren Thale, in seinem Grunde +voll Martern; darüber eine einzige Brücke, sehr lang, +aber nur eines Fußes breit; über diese so schmale, so +hohe, so gefährliche Brücke gehen müssen, mit verbundnen +Augen, also daß man seine Schritte nicht sehen +kann, mit rücklings gefesselten Händen: so in Furcht und +Ängsten des Herzens schweben: Das wäre dieses Leben. +Ich las vom Tode, wie er alle Schönheit der Gestalt +verderbt und die zarten Glieder der Verwesung und +den Würmern überantwortet; vom Grauen der Sterbestunde, +von den Schrecken des jüngsten Tages.</p> + +<p>Solches Alles las ich, wie es in der ersten Meditatio +des heiligen Lehrers zu finden ist. Davon überkam +mein Gemüth große Pein. Denn wenn ich es +untersuchte, so erfand ich doch darin die Abkehr von +dem vergänglichen Weltwesen nicht erwirkt, noch das +Verlangen nach der himmlischen Freude entzündet; sondern +daß ich frei würde und ein wackerer Held, der Ehren +erwürbe Brun zum Trost und Irmela zur Freude: das +war all’ mein Verhoffen und mein Begehr, wie vorhin.</p> + +<p>Da schickt’ ich mich an, zu Gott zu rufen, daß Er +mir die Verachtung der Welt in die Seele senken +möchte und die völlige Gelassenheit, aber unvermerkt +<!-- Page 231 --><span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">231</a></span> +ward solch’ Gebet zur Bitte, die Stunde meiner Losgebung +möchte bald erscheinen – und Beides zusammen +konnte doch nicht bestehen.</p> + +<p>So hub ich denn in also zweifellichem Wahn +meine Augen auf und sah hinaus, wie ich zuvor +gethan hatte. Der Wind fuhr noch immer durch die +Zweige und schüttelte sie. Hatte er denn schon alle +Blätter nun davon geführt, alle? – Nein, eines hieng +noch fest, ein einziges. Ich faßt’ es in’s Auge und +blieb daran haften mit meinem Blick, wie es ohne +Aufhören auf und nieder und zu den Seiten flatterte +und doch nicht abriß. – »Du willst, +guter <ins class="correction" title="Komma ergänzt">Baum,</ins>« +sagt’ ich, »das Einzige, was Dir vom +<ins class="correction" title="Komma entfernt">sommerlichen</ins> +Schmuck geblieben ist, nicht lassen; also auch ich nicht die +Hoffnung von daher. Aber das Jahr ist spät und wie +lang’ kann Dein Widerstand noch dauern – und meiner?«</p> + +<p>Aus solcher trübseligen Betrachtung erweckte mich +ein Klopfen an der Thüre. Die kleine Öffnung in +ihrer Mitte, deren Thürlein aufgethan ward, ließ eine +Hand sehen, die ein Papier in die Zelle fallen ließ. +Als ich es aufnahm, war schon die Hand wieder zurückgezogen +und die Öffnung verschlossen.</p> + +<p>Es war ein Brief, erbrochen und durch den Abt +mir überschickt – ein Brief, mir von Brun geschrieben aus +Rom. Wie froh erschrak ich, als ich den Namen las, und +wie faßt’ ich jeglich Wort, das da geschrieben stund, zu Herzen!</p> + +<p>Gewißlich entsänn’ ich mich seines Scheidewortes +an mich. Ihm wär’ es allzeit lebendig im Herzen +geblieben, und Anderes hätt’ er nicht erstrebt, als daß +er mir Befreiung erwürbe und mich in das Erbe seines +Namens und seiner Güter setzte. Er hätte manchen +Gang darum gethan und auch Graf Eberhard – ich +<!-- Page 232 --><span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">232</a></span> +kennte doch Adelbert aus Bruno’s Geschichte? – – wäre +ihm eifrig zur Seite gestanden. Auch andere seiner +Freunde aus jungen Jahren hätten sich für ihn eingelegt +und selber ihm zur Hoffnung verholfen, daß er Land +und Leute, so er einst besessen, wiederum zu Handen +erhielte. Aber es hätte sich erwiesen, daß geistliche +Rechte wider ihn wären.</p> + +<p>Und nun ließ er mich wissen, daß meine Mutter +nach altem Brauch mich feierlich dem Kloster und +geistlichem Orden übergeben, daß der Priester aus ihrer +Hand mich auf den Hochaltar genommen und als ein +Opfer und süßen Geruch dem Himmelskaiser geweiht +hätte. Da wäre die Stola um des Knäbleins Arm von +ihm geschlungen worden und meine Mutter hätte alle +heiligen Gelübde, vom Priester ihr vorgesprochen, für +mich vollbracht. Auch wäre darüber eine Urkund nach +allem Erforderniß in der Abtei niedergelegt. Auf +solches Alles hätte sich der Bischof berufen, und zu +ihm hätten die höchsten Oberen des Cisterzienserordens +gestanden. – Darum hätt’ er sich aufgemacht und wäre +gen Rom gezogen, dort beim heiligen Stuhl für mich +zu bitten; aber man hätte ihn schlecht an die Entscheidung +des Bischofs und des Ordens gewiesen, darnach müßte +der Spruch gefällt werden.</p> + +<p>Ob ich ihn wohl zu lieben angefangen hätte, als +das Kind den Vater soll? Ob ich mir wohl fürbilden +könnte, wie selig ihm die Stunde gewesen, da er mich +gefunden und wie er seitdem nichts wüßte, als mein +Bestes zu suchen? – Dann sollt’ ich nicht wider Gott +fechten, den Frieden meiner Seele in Acht nehmen und +mich in’s Kloster ergeben. Ich sollte nicht hinaustrachten +um seinetwillen, denn er hätte aller Dinge +<!-- Page 233 --><span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">233</a></span> +beschlossen, daß wir unser Angesicht nicht mehr sähen. +Es wäre besser so. Er hätte ja eine Weile gedacht, +der hehre Christ hätte seine Buße angenommen und +wollte <ins class="correction" title="Wort nach 'sein' ausgelassen">sein</ins> +brauchen, Freude für seinen Sohn zu säen +und ihm die Wege durch die wirre Welt zu ebnen, in +denen er selber sich verloren. Unterweilen hätt’ er auch +einen hellen Traum gehabt, als möcht’ er Joconda +wiederfinden. Aber sie wäre, wie er erkundet hätte, +schon lange in Frieden, wohin dies zeitliche Jammerwesen +nicht reichte, und um mich wär’ er solches Glückes +nicht würdig erfunden. Darum wollt’ er von Stund’ +an seine Buße vollenden und die göttliche Güte unablässig +bitten, daß sie meine Seele von allem irdischen Dichten +reinigte und ganz ausleerte von jeglichem Verlangen, +das doch nicht erfüllt werden könnte, bis mein inwendiger +Geist ganz stille würde und offen für die Süße der +himmlischen Liebe. Weil er denn bedächte, daß das +Band, so mich mit ihm verknüpfte, mich sonderlich stark +hinauszöge in die Welt, so hielte er es für wohlgethan, +auch dies Gott aufzuopfern, daß ich mich leichter losmachte +und, was ich aufgeben müßte, desto minder schätzte.</p> + +<p>»So scheide ich denn«, so beschloß der Brief, »mein +herzgeliebter Sohn, hiemit von Dir, nicht nach dem +Herzen und nicht für ewig. Unser kleines Leben ist +wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke, +daß es heut geschieht! – Die ewige Dreifaltigkeit +nehme Deiner in Gnaden wahr, sie enthebe Dich aller +Wirrsal und gebe Dir Freude und Frieden! Das ist +mein Segen. Fahr wohl! –</p> +<p>Mein Sohn, bitte für mich!</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Gegeben in Rom in St. Augustini Kloster.<br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i15"><em class="gesperrt">Bruno</em>.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p><!-- Page 234 --><span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">234</a> +</span>Als ich ausgelesen hatte, entfiel der Brief meinen +Händen und meine Arme sanken schlaff herab. »Fahr +wohl, fahr wohl!« rief es mir nach. »Fahr wohl, +mein Vater! fahr wohl jede süße Hoffnung; fahr ewig +wohl!« In dumpfem Klageton hört’ ich’s so; aber ich +fühlte, wenn ich’s ausspräche, so müßt’ ich’s hinausschreien, +und ich verharrte im Schweigen. Denn in +allzugroßem Weh mißgönnt sich der Mensch auch den +Trost der lauten Klage. –</p> + +<p>Eine starke Windsbraut, die mit klatschendem +Regen gegen das Fenster fuhr, schreckte mich auf und +riß meinen Blick empor. Die Äste schlugen gegen +die Scheiben, also daß sie erklirrten, und das letzte +Blatt, von seinem Zweige geschieden, wirbelte durch +die Luft; eine kleine Weile ward es umhergetrieben, +dann entschwand es meinen Blicken.</p> + +<p>»Fahr wohl, fahr wohl!«</p> + +<p>Da quoll ein Dunkel auf um mich her, als wollten +Wellen eines Meeres mich verschlingen, und die Sinne +vergiengen mir. – Als ich mich wiederum besann, fand +ich mich auf der Diele liegend; der kurze Tag war +herum und die Zelle ganz finster. Vom Himmel und +vom Nußbaum war nichts mehr zu sehen, nur der +Wind gieng draußen wie vorhin, und so oft er die +Äste gegen das Fenster bog, hört ich’s noch immer +rufen: »Fahr wohl, fahr wohl.«</p> + +<p>Ich weiß nicht, wie lange dies währte, als es +geschah, daß an der Thür der Riegel zurückgeschoben +ward und gleich darauf Einer aus dem Convent, +nicht der meiner Pönitenz vorgeordnet war, mit Licht +in meine Zelle trat.</p> + +<p>So geschlagen ich war in jener Stunde vor großem +<!-- Page 235 --><span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">235</a></span> +Leide, wollt’ ich doch nicht, daß Solches im Convent +offenbar würde; ich hatte mich also aufgerafft und +trat dem, der mich heimsuchte, so gelassenen Angesichts +entgegen, wie ich’s vermochte.</p> + +<p>Der aber sprach, mich betrachtend: »Diether, wie +siehst Du verhärmet aus! Fasse Muth in’s Herz; leichtlich +wirst Du bald wieder froh. Denn so erfindet sich’s unselten +im Leben, daß die besten Tage die bösesten ablösen.«</p> + +<p>Darnach sagt’ er mir, daß Abt Albrecht ihn geschickt +hätte, mich allsogleich vor ihn zu führen, und, +wie sich’s ansähe, hätte der für mich wichtige Zeitung.</p> + +<p>Als ich in des Abtes Gemach trat, saß der, wie +er pflegte in Stunden der Muße, im hohen Gestühl, +vor sich ein Buch zu heiliger Betrachtung und gelehrtem +Fleiß oder, wenn es mit Bildwerk geziert war, +auch zu lustsamer Beschauung bestimmt. Doch er hatte +das Ansehen nicht, als ob er heute sein Nachdenken +da hinein tief versenkt hätte. Denn kaum erblickt’ er +mich, als er mich näher winkte, eine kleine Weile prüfend +seine Augen auf mir ruhen ließ, seinen Mund +aufthat und folgendermaßen anhub:</p> + +<p>»Wir haben Dir eben heute, Diether, einen Brief +zugehändigt, der billigermaßen Dein Gemüth beschwert +und in Traurigkeit gesetzt hat. Denn darinnen ist Dir +kund geworden, daß Du Deines Vaters Angesicht nicht +mehr sehen sollst in dieser Zeitlichkeit.« –</p> + +<p>Als ich diese Worte hörte, fühlte ich die Trübniß, +die mich vorhin überwältigt hatte, wiederkehren, und +wiewohl ich mich gedachte fest zu machen, konnt ich’s +nicht wehren, daß meinen Augen vor übergroßem +Leide Zähren entflossen.</p> + +<p>»Ja, gewißlich«, sprach er weiter, als er solches +<!-- Page 236 --><span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">236</a></span> +wahrnahm, »ist davon Deine Seele hochbewegt; und +wir nehmen noch sonst ein Verständiger, sogethane +Trauer Dir nicht für Übel; denn kindliche Liebe ist +göttlicher Schöpfung, und Fleisch und Blut thun nach +ihrem Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen +Ermahnungen aus theurem väterlichem Munde, auch +die Erkenntniß Deines eigenen Herzens und deß, was +ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Fleiß angehalten +worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit +zu überwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen +der Welt Lust versagt ist, darnach sie vergeblich trachten. +Ich verhoffe, Du siehest fürder diese Abtei, in der +Du auferzogen bist, nicht als ein Gefängniß an, sondern +bedenkest wohl, daß Du allhie nicht allein der Seele +Heil am ungefährdetsten erwirken, sondern Gott mit +der edlen Kunst, deren Vermögen Er Dir verliehen +hat, am würdigsten dienen magst. – Daß in dem +Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde +Gelegenheit geboten.«</p> + +<p>Ich horchte auf bei diesen Worten und sah ihm +mit großer Erwartung zu, als er eine Schrift, die er +zur Seite liegen hatte, in die Hand nahm und entfaltete.</p> + +<p>»Wir haben eben heute Briefe empfangen«, sagt’ +er dabei, »Deine Sache angehend, welche darthun, +daß die, so zuvörderst das Urtheil darüber zu fällen +haben, anderen Sinnes worden sind, wie es mit Dir +zu halten sei, als es sich zuvor anließ. Auf dringendes +Ansuchen des Bischofs, dem unsere Abtei untersteht, +hat das General-Capitel unseres Ordens neuerdings +verwilligt, daß unser Convent Dich losgebe, und Dich +des Gelübdes, einst für Dich gethan, entbinde.«</p> + +<p>Als ich diese Worte hörte, überkam +<ins class="correction" title="Original: ich">mich</ins> eine Freude, +<!-- Page 237 --><span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">237</a></span> +als dränge ein heller Sonnenstrahl plötzlich in mein +von Traurigkeit ganz überschattetes Gemüth.</p> + +<p>»So soll ich frei sein, ehrwürdiger Vater?« fragt’ +ich mit Pochen meines Herzens. »Ist es das, was +Ihr sagtet – frei?«</p> + +<p>Ihm war aus der Hast, mit der ich Solches redete, +die Unruhe meiner Seele wohl offenbar. Mit Verwunderung +und auch, als hätt’ er weiseren Sinn mir +zugetraut, sah er mich an und gab mir weiter Bescheid: +»Auch soll von dem liegenden Gute, einstmals Deinem +Stamme zugehörig, auf Verwendung der bischöflichen +Gnade und mächtiger Freunde so viel durch Lehenshand +Dir wiederum zufallen, als zur ziemlichen Erhaltung +ritterlichen Standes für nöthig erachtet wird; +wie Solches die Schriften hier besagen und urkunden.«</p> + +<p>»So bin ich nicht fürder hier zu bleiben gehalten?« +fragt’ ich wieder; denn mir war’s nicht anders, als +träumt’ ich nur.</p> + +<p>»Allein Deine Wahl, Diether!« sprach der Abt, +»bestimmen forthin Dein Bleiben oder Gehen. Möge +Gott, Jüngling, Dich dazu erleuchten, daß Du Dich +recht berathest.«</p> + +<p>Da konnt’ ich mich nicht länger enthalten, eilte auf +ihn zu und, vor ihm auf die Kniee fallend, ergriff ich +mit Ungestüm seine Hände, küßte sie und sprach: »Dank, +dank, lieber Vater, für die Kunde, die mir von Euch +geworden ist! Sie macht mich wieder lebendig. Ein +schwerer Muth war über mich gekommen, als sollt’ ich +solcher Märe nimmer froh werden.«</p> + +<p>»So steht Dein Wunsch und Wille noch allerdinge +hinweg von uns?« fragt’ er mit Strenge und doch +auch, als lebte, da ich so beweglich und nahe zu ihm +<!-- Page 238 --><span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">238</a></span> +redete, etwas von seiner früheren Gütigkeit gegen mich +wieder auf in ihm. »Nur Freude schafft Dir dies, +auch nachdem Du die Worte Deines Vaters, Herrn +Bruno’s, vernommen?«</p> + +<p>»Ehrwürdiger Vater!« erwiedert’ ich, indem ich’s +wagte und seine Kniee umfaßte. »Immer spende die +göttliche Gnade den Lohn Euch überschwänglich für +alle Treue, die Ihr an mir gethan habt, und Gott +mit seinem Frieden sei eines Jeglichen Geleitsmann +ewiglich, so viel allhier Eurem Hirtenstabe unterstehen: +aber mich leidet’s in dieser Abgeschiedenheit nicht länger, +und mein inniges Trachten ist noch zur Stunde, wie +es vorhin war, hinaus.«</p> + +<p>»Und doch«, sprach Albrecht wieder, »magst Du +leichtlich in der weiten Welt Dich einsamer und verlassener +finden, als hier, wo Du so Vielen vertraut +bist. Denn bedenk’ es wohl: Dein Vater harret Dein +nicht, und an welchem Ort er weilet, ist Dir verborgen!«</p> + +<p>»Noch ist ein Ruf«, sagt’ ich wieder, »dem ich +folgen muß. O, zürnet nicht über das, was ich sage: +aber begehrete Herr Bruno zur Stunde selber von +mir, daß ich bliebe; so lange die Freiheit zu bleiben +oder zu gehen in meine Wahl gelegt ist, könnt’ ich ihm +nicht gehorsamen. Nein, ich könnte und würde nicht!«</p> + +<p>Als ich ausgeredet hatte, erhub sich Herr Albrecht +mit finstrem Angesicht, hieß mich gehen und selber mit +meinem eitlen Dünken mich berathen.</p> + +<p>So von ihm hinweggewiesen zu werden, gieng mir +schwer ein. Darum bat ich ihn und sprach:</p> + +<p>»Nicht so, ehrwürdiger Vater! nicht so heißt mich +von Euch geh’n! Gebt mir ein Wort der Verzeihung +und des Segens mit!« +</p> + +<p><!-- Page 239 --><span class='pagenum'><a name="Page_239" id="Page_239">239</a></span> +»Ich sorge wohl«, sprach er wieder mit großem +Ernst, »die Stunde wird kommen, darin Dir Beides +hoch noth sein wird. Möge sie nicht zu schmerzlich +für Dich sein! Alsdann wirst du unsern Segen nicht +vergeblich suchen. Wisse das, Diether, und geh!«</p> + +<p>Auf diese Worte, die er mit strenger Gebärde begleitete, +durft’ ich nichts erwiedern. Ich verneigte mich +vor ihm und gieng.</p> + +<p>Was nun im Convent und allerorten in der Abtei +für ein Fragen entstund, und wie groß das Aufsehen +war, als es ruchbar ward, daß ich auszöge für immer; +wie Manche mich da berathen wollten, mahnen und +warnen, Andere es nicht hehl hatten, daß sie mich +neideten, so Viele auch eine herzliche Neigung zu mir +kund thaten und sich mühten, zur Letze mir zu zeigen, +daß ich ihnen lieb war; wie sich da, als ich Abschied +nahm, Freud und Leid an der Hand hatten und ganz +dicht zu einander gesellet waren: von dem Allen gedenk’ +ich nichts zu vermelden. Denn wer selber einmal +eine Stätte hinter sich gelassen hat, der er gewohnet +war und die er nicht wiederum zu betreten +gedachte, der kann sich leichtlich fürbilden, wie es sich +zutrug mit meinem Urlaub nach Maulbronn. Ihm ist +auch nicht noth zu sagen, wie mir dabei um’s Herze +war. Denn er weiß, daß solche Scheidestunden auch +für den Menschen, der mit allem Verlangen nach +der Ferne strebt, etwas von jenen sanften und feierlichen +Schauern in sich hegen, dergleichen auch in der +letzten Scheidestunde die gottminnende Seele durchzittern +mögen, wenn sie mit Freuden zum Himmel eilt und +doch zugleich mit doppelter Inbrunst liebt und segnet, +was ihr auf Erden theuer war.</p> +</div> + + + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/066_vignette.png" alt = "" /></p> + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<p><!-- Page 240 --><span class='pagenum'><a name="Page_240" id="Page_240">240</a></span></p> +<h2><a name="Zehntes_Capitel" id="Zehntes_Capitel"></a>Zehntes Capitel.</h2 +> + +<h1>In der Welt.</h1> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> +<p> </p> + +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/018_s.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">S</span>chwerlich zog Jemand wanderlustiger seine +Straße an jenem Novembertage als ich, +nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es +mochten seitdem zween Tage verstrichen sein +oder drei. Allgemach waren mir die schweren Gedanken +vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die Erfüllung +sehnlicher Hoffnung und heute das klare röthliche +Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das +Herz froh und leicht. Munter schritt ich hindann. War +ich nicht auf dem Wege nach Speyer, allda vom Bischof +weitere Vollmacht zu erhalten für meinen ritterlichen +Stand, und gedacht’ ich nicht von dort aus mich an +Graf Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten, +wie ich mich weiter hielte, und winkte mir dann nicht +noch ein anderes, ersehnteres Wiedersehen?</p> + +<div class="textbody"> +<p>Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des +freien Umblickes mit Freuden genoß, so hatt’ ich der +Stunden unterm Wandern nicht geachtet, wie sie dahin +gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich +wußte noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen +sollte; Stadt oder Dorf waren nirgends ringsum zu +<!-- Page 241 --><span class='pagenum'><a name="Page_241" id="Page_241">241</a></span> +sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende, und ich begann +die Müdigkeit meiner Glieder zu fühlen.</p> + +<p>Indem sah ich durch die Abenddämmerung über +ein blaches Feld ein Feuer leuchten, das am Fuße eines +Hügels angezündet war, der die Flamme etlichermaßen +vor dem Winde schützte.</p> + +<p>»Vielleicht ist’s ein Hirt, der dort sich seine Abendkost +rüstet«, dacht’ ich. »Er mag Dir wohl auch Rast +und Erwärmung an seinem Feuer und einen Imbiß +gönnen, so Du ihn darum ansprichst.«</p> + +<p>So bog ich dahin vom Wege ab.</p> + +<p>Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch +in’s Angesicht, daß ich nicht wohl aufsehen konnte. Wer +aber da der Flamme pflegte, das ward mir mit dem +ersten Gruß bewußt, den ich hörte:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da!<br/></span> +<span class="i0">Er selbst: <em class="antiqua">lupus in fabula!</em >«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Allsogleich darauf fühlt’ ich mich von dem Gerufenen +an beiden Händen erfaßt und unter überlustigen +Sprüngen näher gezogen, indem er sang:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei!<br/> +</span> +<span class="i0">Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!«<br +/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Gelt, mein Tannhäuser!« sagt’ er dann zu seinem +Gespons, indem sie beide eine wollene Decke an die +bequemste Stelle neben dem Feuer spreiteten, »das hätten +wir nicht gedacht, daß der werthe Junker uns die Sach’ +so leicht machen würde. – Ho, ein gutes Glück! Eine +treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. – Möcht’ +ein Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie +heute stehen. – Gewißlich im besten Aspect; geschickt +zu großer Unternehmung! – Ah, Herr Diether! Die +bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der +<!-- Page 242 --><span class='pagenum'><a name="Page_242" id="Page_242">242</a></span> +Weisen zu gewinnen brächte, nun wir Euer theilhaftig +worden sind.«</p> + +<p>Und er schüttelte mir wieder die Hand und der +Tannhäuser auch.</p> + +<p>»Ihr scheinet meiner gedacht zu haben«, fragt’ ich, +selber schier erstaunt über die unverhoffte Begegnung, +indem ich, wie sie es wollten, zwischen ihnen niedersaß.</p> + +<p>»Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell!« +sprach da der Kurze und stieß den Angeredeten hinter +meinem Rücken an. »Nur gedacht?! – Gesprochen +haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich +und eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag’ Euch: +immer in solcher Meinung, wie sie treuer nicht sein +könnte, wenn Ihr schlecht unser Kunstbruder wäret +und nicht hochbürtigen Stammes.«</p> + +<p>»Seid von Herzen bedankt dafür«, sagt’ ich, »aber +der Singekunst denk’ ich auch jetzt nicht zu entsagen, +habe ich sie letzthin gleich nicht geübt.«</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die Kunst verbrüdert, aber mehr<br/></span> +<span class="i0">Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,«<br/></span> +</div></div> + +<p>sprach der Tannhäuser dazwischen und war nachdenklich.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Fürwahr! so ist die Welt gericht’t,<br/> +</span> +<span class="i0">Doch unser Junker Diether nicht«,<br/></span> +</div></div> + +<p>sagte Klingsohr ihn begütigend. – »Nein! Ihr nicht, +um den wir uns gegrämet haben und gesorgt, seitdem +sie Euch von uns rissen und wir trotz all’ unserer harten +Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch dahinten +lassen mußten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und +versperrt! Ihr nicht!«</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Ach, Junker«, fuhr Klingsohr fort, »wie schön +hatt’ ich Euch allbereits hinaus, und wie balde wären +wir hinunter gewesen, aber das Fräulein – das +<!-- Page 243 --><span class='pagenum'><a name="Page_243" id="Page_243">243</a></span> +Fräulein!« – dabei sah er mich von der Seite an und +winkte mit dem Finger. – »Ach, Junker, es war da +auch ein Zauber, der Euch zurückhielt und ein stärkrer +als meiner, der Euch des Gefängnisses entledigen sollte.«</p> + +<p>Und er lachte und schlug, als wüßt’ er genug von +derlei Sachen, um sich ihrer noch zu verwundern, mit +seiner Hand scherzweise auf mein Knie.</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Jungfraunlieb ist fahrend Hab,<br/></span> +<span class="i0">Heut Herzliebster und morgen: schab ab!«<br/></span> +</div></div> + +<p>sang der Tannhäuser, als thät er’s in Gedanken.</p> + +<div class="textbody"> +<p>War ich über Klingsohr’s Rede roth geworden, +so verdroß mich seines Gesellen Liedlein. »Schweig!« +gebot ihm der Magus, der meinen Ärger wohl vermerkte. +»Schweig, Gesell, und laß mich dem Junker +vermelden, wie wir keine Ruh’ gehabt haben, bis wir +für gewiß über ihn erkundeten, was aus ihm geworden; +wie wir endlich überein gekommen sind, nach ihm zu +spüren in Maulbronn, müßt’s selber unter seines Abtes +Bettsponde sein. – Ach, Junker, wir dachten nicht +anders, als es wär’ Euch Luft und Licht versagt und +Ihr hörtet außer der Litanei, die Ihr selber singen +müßtet, nur die Mäuslein pfeifen Tag und Nacht. +’s ist uns drüber, Junker, manches Mal die Lust vergangen +am Essen – und am Trinken auch.«</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Daran verloren unterdessen<br/></span> +<span class="i0">Nicht viel die Kehle noch der Bauch,«<br/></span> +</div></div> + +<p>sagte Tannhäuser und winkte abwehrend mit der Hand.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Ah, ah, Junker!« sprach Klingsohr wieder; »Er +red’t nur so – nur aus Bescheidenheit, sag’ ich Euch; +nur aus Bescheidenheit. – Ein kaiserlich Mahl hätten +wir uns versagt für Euch – und heut, ja heut möchten +wir eins halten für lauter Freuden, daß Ihr wieder +<!-- Page 244 --><span class='pagenum'><a name="Page_244" id="Page_244">244</a></span> +heraus seid. – Sagt’ uns nun, wie ist’s Euch gelungen +damit, Junker? Aus einem Thurm Einen von dannen +bringen, freilich, ist auch ’ne Sach’! Aber aus ’nem +Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich +eingefangen haben und mit Geißelung und Pön ihn +christlich bedienen – ha, ha! – das nenn’ ich eine +rechtschaffene Kunst.« Und er schüttelte sich vor Lachen. +»Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche +habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder +am Tag die Wächter getäuscht, oder Gewalt geübt +oder –«</p> + +<p>»Nichts von dem Allen hab’ ich geübt, noch sonst +keinerlei Widerrecht«, gab ich ihm zur Antwort; »sondern +nachdem ich des Klosterlebens entlassen, bin ich +nach eigener Wahl gegangen und frei öffentlich.«</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die Welt ist böse aller Orten<br/></span> +<span class="i0">Und selten gut;<br/></span> +<span class="i0">Gern weilt’ ich hinter Klosterpforten<br/></span> +<span class="i0">In sichrer Hut«,<br/></span> +</div></div> + +<p>sagte der Tannhäuser und sah sinnend in’s Feuer.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Wie, Junker?« fragte Klingsohr und sperrte vor +Verwunderung seine kleinen Augen so weit auf, als er’s +vermochte, »wie? Ihr seid nach Urtheil und Recht +losgegeben?«</p> + +<p>»So ist’s«, sagt’ ich, »und anders nicht. Der +Bischof selber hat sich bei des Ordens Oberhäuptern +für mich eingelegt, daß nach meines Vaters Willen +geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser +es verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege +gen Speyer, allda von Herrn Gebhard die Vollmachten +zu empfahen, und was sonst nöthig ist zur Wiedererlangung +meiner ererbten Rechte zu betreiben.« +</p> + +<p><!-- Page 245 --><span class='pagenum'><a name="Page_245" id="Page_245">245</a></span> +Auf diese Worte schlug der Kleine die Hände zusammen +und rief:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»O Wunder groß! Nun dies geschah,<br/></span> +<span class="i0">Wähn’ ich, der jüngste Tag ist nah!«<br/> +</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Was ist da so größlich zu verwundern«, fragt’ +ich wieder, »daß man mildiglich handelt und nicht so +gar nach dem strengen Recht, so Keinem dabei zu nahe +geschieht?«</p> + +<p>»Herr, Herr!« rief der Klingsohr. »Ihr kennt +der Welt Lauf nicht; Ihr kennet ihn bis auf’s Härlein +nicht, sag’ ich, Klingsohr! – Entweder die Welt hat +sich geändert und die heilige Kirche dazu – oder Ihr +seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur +Tauf’ gebracht und ein Nix war zum Gevatterschmause +geladen. – Sonst steckt noch was dahinter, sag’ ich +Euch; könnt’ ich’s nur ausfindig machen.«</p> + +<p>Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand +durch sein Kraushaar und sah mit gespitztem Munde +den entschwebenden Rauchwolken nach. – Ich wußte +zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu +sagen und schwieg.</p> + +<p>»Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof +Alles nach Wunsch ausgerichtet habt«, fragt’ er, sich +wieder zu mir wendend, »was gedenkt Ihr hernachmals +zu thun, Junker, so man das wissen darf?«</p> + +<p>»Warum nicht, Klingsohr!« gab ich ihm Bescheid. +»Dann gedenke ich Herrn Eberhards Gunst und Beistand +zu suchen –«</p> + +<p>»Wozu?« fragte er rasch. Ich war von der Art, +wie er das Wort sprach, ein wenig gewirret; doch +faßte ich mich und sagte: »Zu Vielem; zu Allem, deß +ich Neuling in der Welt an Rath und Führung +<!-- Page 246 --><span class='pagenum'><a name="Page_246" id="Page_246">246</a></span> +brauchen werde, denn meinen Vater weiß ich nicht zu +erlangen.«</p> + +<p>»Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts?« +fragt’ er wieder.</p> + +<p>»Wie wunderlich Ihr seid!« sprach ich. »Zu was +noch sonst?« – Aber ich mocht’ ihn dabei nicht ansehn; +denn ich wußte wohl, daß er mit seinen Blicken +auf mich hielt.</p> + +<p>»Dann rath’ ich Euch, Junker!« hub er wieder +an – »brauchet Herrn Eberhards nicht! – Was +wolltet Ihr, da Euch die Flügel losgebunden sind, noch +fürder hier herumschleichen, als stünd’ Euch draußen +nicht die weite Welt offen? – Seid Ihr nicht selber +gewitzigt genug, Eurer Sache zu helfen, und werdet +Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald genug finden, +so Ihr sie weislich prüfet? – Wär’ ich, Herr Diether, +an Eurer Statt, ich rüstete mir in Speyer alsbald ein +hübsch’ Pferd und durchzöge die Lande der Christenheit: +wo Kurzweil zu finden, Ehre zu erjagen wäre, +da macht ich Halt, und, glaubt mir’s, Junker! wenn +Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist, +allerorten die Männer, so des Ritterthums verstehen, +Euch rühmen – und gar die edlen Frauen! – ah, +Junker, Ihr seid ein glückseliger Mann, denn die +Frauengunst, Junker –«</p> + +<p>»Was sollt’ ich mich nicht zuvörderst zu Herrn +Eberhard wenden und die Elzeburg meiden?« sagt’ +ich, ihn unterbrechend.</p> + +<p>»Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker +Diether?« und mir schien’s, als winkte Klingsohr +seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so fragte.</p> + +<p>»Nun, ihn und das Fräulein auch«, erwiederte ich kurz. +</p> + +<p><!-- Page 247 --><span class='pagenum'><a name="Page_247" id="Page_247">247</a></span> +»Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers +da zu wenig findet« – meinte Klingsohr.</p> + +<p>»Oder aus der Ritterschaft einen zuviel«, fuhr der +Tannhäuser fort.</p> + +<p>»Ich versteh’ Euch nicht!« rief ich ärgerlich.</p> + +<p>Da sang der Lange:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Gar manchem Mann<br/></span> +<span class="i0">Bleibt’s Herz gesund,<br/></span> +<span class="i0">Nur wenn ihm, was ihn nah geht an,<br/></span> +<span class="i0">Nicht wird auch kund.«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch!« rief +Klingsohr. »Drum sag’ ich:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward,<br/></span> +<span class="i0">Und baue nicht auf ferne!<br/></span> +<span class="i0">Du findst zuletzt die Schale hart<br/></span> +<span class="i0">Und Bitterkeit im Kerne!«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>»Nicht zuletzt nur!« sagte der Singer wieder und +schüttelte sein Haupt, als wär’ ihm an All’ dem in keiner +Weise gelegen:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Frauengunst, –<br/></span> +<span class="i0">Blauen Dunst<br/></span> +<span class="i0">Ich acht’ sie.<br/></span> +<span class="i0">Wer begehrt,<br/></span> +<span class="i0">Was da werth,<br/></span> +<span class="i0">Verlacht sie!«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Da mocht’ ich dies ihr Räthselspiel, mit dem sie, +wie ich wohl vermerkte, auf mich zielten, nicht länger +ertragen. Ich sprang vom Sitze zwischen ihnen ärgerlich +auf, sah sie finstrer Miene an und sagte: »Ich +bitt’ Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gespräch; +denn es ist mir verdrießlich zu hören. Sagt mir frei +offen, was Ihr wisset von Elzeburg, das mir Hinderung +sein sollte, dorthin mich zu wenden.« +</p> + +<p><!-- Page 248 --><span class='pagenum'><a name="Page_248" id="Page_248">248</a></span> +Auf solche Worte gab sich der Tannhäuser das +Wesen, als nähm’ er sich meiner Rede nicht an und +müßte sein Gefährte alleine zusehen, wie mir zu antworten +wäre.</p> + +<p>Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf +in mein Gesicht und hub also an: »Junker Diether, +seht Ihr! Euch ist’s um des Grafen Schutz und Beistand +allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt +zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach, +ich verarg’s Euch nicht. Kein Christenmensch darf’s +Euch verargen, der das Fräulein gesehen hat und was +Huld sie Euch erwiesen. Und ich – wie sollt ich’s, +der ich vom minniglichen Abschied weiß, den Ihr von +ihr nahmet? O, Herr! so etwas vergißt sich nicht. +Wie? Zum Wenigsten in Euren Jahren nicht. Es +spinnt seine Fäden zart und gülden wie Sonnenstrahlen +durch die Werke des Tages und durch die Träume +des Nachts – immer fester, immer zäher – und um’s +Herz wickeln sich die Fäden, bis es sich gar darin verstrickt +– und die Einsamkeit ist die Spinnerin. – Nicht +so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen +– es braucht’s auch nicht gegen den Klingsohr – es +braucht’s wahrlich nicht? – Nun denn, Junker, +hört wohl zu! – Aber zuvor versprecht mir Eins! +Laßt den Boten seine Botschaft nicht entgelten. ’s wär +Unrecht; es wär’ gegen uns wahrlich groß Unrecht! +Denn so Ihr’s heut erfahret, und Ihr nehmt’s auf +mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der seine +Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und klüglich ausrichten +will, so werdet Ihr Euch in’s Künftige viel +nutzlos Weh und Ach ersparen und die Sprüchlein, die +Ihr von uns zur Stunde gehört habt, werden mit +<!-- Page 249 --><span class='pagenum'><a name="Page_249" id="Page_249">249</a></span> +ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. – Wohl! +Nein, nicht wohl; Euch wird’s übel dünken, so übel, +daß Euch die Wiederfahrt gen Elzeburg gar verleidet +wird: und just das ist’s, was ich Euch vorhin rieth. +– Also, Junker, Euer Graf möcht’ jetzt für Euch die +Zeit nicht haben und seine Nichte desgleichen nicht. +’S sind zur Stunde andere Gäste willkommen in Elzeburg. +Wir, mein Gesell hier und ich, zogen vorbei +da jüngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her, +in lauter Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner +hat seine Braut wiedergewonnen und ihren Mahlschatz +dazu – so doch Beides, wie es das Ansehen +hatte, ihm eine Weile verloren war. – Ist nicht erneute +Liebe zwier so heiß? Und kann man sich über +die Glückseligkeit, die jetzt das Fräulein neben ihrem +Bräutigam merken läßt, verwundern, so man bedenkt, +er möchte sonst besorgen, sie gedächte Eurer etwan +– und ist doch schon bereits vier Monde her oder +fünf, seit sie Euch nimmer gesehen. Stellt’s Euch nur +für! fünf Monde!!« –</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»’ne lange Zeit<br/></span> +<span class="i0">für eine Maid,<br/></span> +<span class="i0">Zweimal eine Ewigkeit.«<br/></span> +</div></div> + +<p>sagte der Tannhäuser dazwischen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Ja, mein Treu, Junker, das ist’s«, sagte Klingsohr +bestätigend. »Ihr seid zu lang ausgeblieben.«</p> + +<p>»Ihr seid unrecht berichtet«, rief ich, »gewiß, Ihr +seid es in dem, was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich +glaub’ es nicht, es kann nicht sein. Ist aber Eure +Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd’ ich’s in +Speyer erfahren. Bis dahin, bitt’ ich Euch, laßt uns +<!-- Page 250 --><span class='pagenum'><a name="Page_250" id="Page_250">250</a></span> +der Sache nicht mehr gedenken, sondern des Mahles, +so Ihr etwas zuzurüsten habt, daß wir unser Herz +stärken und dann des Weges weiter ziehen.«</p> + +<p>So sprach ich. Aber mein Gemüth gedachte gar +anders. Inwendig war’s mir, da ich diese Zeitung +von Irmela vernahm, als erschallte aller meiner Freude +recht das Grabgeläute und wäre mein froher Muth +mitten in’s Herze getroffen. Ich saß schweigend nieder +und mochte auch nicht ferner auf die Beiden merken, +wie sie ihr Küchenwerk angriffen. – Darum war mir’s +lieb, daß sie fragten, ob ich, derweilen sie zurüsteten, +auf das Feuer Acht haben wollte.</p> + +<p>Der Abend war schnell dunkel geworden und die +Rauchwolken wirbelten im röthlichen Glanze weithin +sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach unverwandt, +wie eine nach der andern sich dahinwälzte und immer +wieder gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor. +Sollte so auch der helle Glanz der Glückseligkeit, der +mir im Herzen aufgegangen war, trüb und trüber +werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich +fühlte, das könnte nicht sein. Ich fühlte, wenn sie, +der all’ mein Herz in Treue zugethan war, mir verloren +wäre, wenn sie mein vergessen hätte, dann +müßte mir die Welt immer öde bleiben und ich aus +ihrem Glück verwiesen. Aber, sollt’ es denn Wahrheit +sein, was ich gehört hatte? Sollten diese lieblich +lichten Blicke, sollte dieser lächelnde, falschesfreie Mund, +sollte der innigliche Druck dieser Hände mir gelogen +haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt +hatte und mein innerstes Sinnen und Meinen bezwungen, +ihr nur Spiel gewesen sein? Konnte sie sich von mir +kehren und nicht darnach fragen, daß die tiefe Wunde, +<!-- Page 251 --><span class='pagenum'><a name="Page_251" id="Page_251">251</a></span> +so ich von ihr empfangen, immer offen stehen würde? +Nein, es war nicht möglich! Und unmuthig stieß ich +in die Flamme, daß die Funken mit Geprassel stoben +und zuckend in der Luft auf und nieder fuhren, ehe +sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir +jetzt wild durch’s Herz strichen. Wie? Wenn man +die Maid wider ihren Willen zwänge zum verhaßten +Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden +wäre und sie wähnte, ich bliebe festgehalten im Kloster +und sie harrte mein umsonst? – O, dann wollt’ ich +jeglich Wagniß bestehen, sie zu befreien, und keine +Fährniß sollte mich schrecken, gerieth ich gleich in die +Irre und mein Pfad in die Nacht.</p> + +<p>Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus +einem Spiegel traurig und liebreich an. Immer mit +den aufsteigenden Flammen schwebt’ es empor; es winkte +und warnte und rief mich leise mit süßem Namen. – +»Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald +verschwunden. Denke, daß es heut geschieht.«</p> + +<p>Und ich saß und sah in’s Feuer, wie die Flammen +züngelten und die Wolken röthlich dahin zogen, bis die +Nacht sie verschlang. –</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>In Speyer, als ich dargekommen war, war es +mir mit meinen Sachen wohl gerathen. Ich hatte die +Bestätigung meiner Freiheit und meines ritterlichen +Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, +so mir zugestanden war, ward mir überantwortet, und +was weidliche Leute und Geschlechter in der Stadt +waren, von denen ward ich aufgenommen und ehrlich +angesehen; sie litten mich allenthalben gern und wähnten +nicht anders, denn daß ich bald zu hohen Ehren kommen +<!-- Page 252 --><span class='pagenum'><a name="Page_252" id="Page_252">252</a></span> +würde. Doch that ich dazumal Alles mit halbem +Herzen; denn die Gewißheit, daß Irmela Ritter Conrad +freien würde, wie mir die Fahrenden das berichtet, +hatt’ ich bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. +Davon erstarb mir die Freudigkeit, und von dem +großen Leide, das ich da gewann, konnt’ ich mein Gemüth +nicht hinwegziehn. Doch schöpft’ ich noch ein +kleines Tröstelein. Denn wie? Ich mußt’ es ja glauben, +was sie Alle sagten, und glaubt’ es doch wieder +nicht. Von ihr selbst, dacht’ ich, will ich’s erfahren. +Hinaufzuziehen gen Elzeburg, deß unterwand ich mich +nicht, denn ich besorgte, ich möchte nicht vor sie gelassen +werden und dem Gernsteiner dann begegnen, +der dort weilte, wie ich hörte. So schrieb ich einen +Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung +aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, +meine Treue würd’ ich ihr ewiglich halten und wie +mein Gemüth unbeweglich auf demselben Sinn stünde. +Darnach ließ ich sie wissen, wie große Sorge und +Zweifel ich gewonnen hätte, da mir die Sage von ihr +zu Ohren gekommen wäre, daß sie dem Gernsteiner +mit Nächstem sollte angetraut werden, und ich bat sie +beweglich mit dringenden Worten, daß sie mir doch +ihres Herzens Willen und Meinung kund thäte, und +ob sie, wie ich wohl glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen +würde. Dann wollt’ ich alle Macht daran +setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das +<em class="gesperrt">eine</em> selige Wörtlein möchte sie mir schreiben, daß ihr +Sinn und Wille unverändert wäre, gleich wie sie in +meinem Herzen beschlossen bliebe ewiglich.</p> + +<p>Solchen Brief gab ich Klingsohr, daß er ihn sicher +und geheim überbrächte, auch die Antwort, welche er +<!-- Page 253 --><span class='pagenum'><a name="Page_253" id="Page_253">253</a></span> +erlangen würde, heimlich hielte. Denn die beiden +Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt.</p> + +<p>Mit Ungeduld wartet’ ich des Bescheides. Es +währte nicht gar lange, daß ich ihn durch Klingsohr +erhielt. Es waren nur wenige Worte, die sie mir +überschickte, aber solche, die wie der Frost im Märzen +jedes noch keimende Blümlein meiner Hoffnung und +Zuversicht ertödteten. Sie bat mich um Gottes Willen, +ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder Brief zu +nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; +sie wünschte mir von Gott und seinem himmlischen +Heer alle Genüge und Freude allerwegen; aber wir +müßten geschieden bleiben forthin, und sie bäte mich, +ihrer zu vergessen; denn das sollt’ ich wissen: sie reiche +aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als +ihrem Ehegemahl, sondern willig und aus freiem Erbieten. +Der reiche Christ möge meiner Seele pflegen +hier und dort. Dies wäre ihr letzter Gruß.</p> + +<p>Von Stund’ an hatt’ ich keine Ruhe mehr in +Speyer, und alle Lust an Freud’ und Festlichkeit, ihrer +mit zu genießen, war mir verdorben. Wo ich immer +weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an +die hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, +und oft, wenn ich mitten unter Menschen war, die +mich fröhlich sein hießen, ward ich etwas inne von +dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, daß man +sich auch in der Welt und ihrem Geräusch einsam +fühlen könne. –</p> + +<p>Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; +denn der Schmerz um Bruno, meinen Vater, überkam +mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich unkindlichen +Sinnes, daß ich mich unbeständiger Frauenliebe hätte +<!-- Page 254 --><span class='pagenum'><a name="Page_254" id="Page_254">254</a></span> +trösten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem +Herzen, da ich allein seiner hätte gedenken sollen, wie +ich ihn wiederfände und aus seinem Kummer um mich +befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt’ ich mir, dieweil +du eitlem Glück nachgelaufen bist und hast die +ächte Treue nicht genugsam geschätzet. Und wiederum +dacht’ ich: wenn du ihn gefunden haben wirst und +bekennest ihm das Glück, so du verloren, und das Leid, +so du gewonnen hast: dann wird’s dir leichter zu +tragen sein; du wirst wiederum einen guten Muth und +Freudigkeit gewinnen, wenn seine Liebe und sein Lob +dich anspornt.</p> + +<p>So faßt’ ich denn nichts Anderes zu Sinne, als +Herrn Bruno zu erkunden, wo er weilte, auf daß ich +ihn heimsuchte und er meine Losgebung aus dem +klösterlichen Stande erführe. Ich nahm Urlaub von +Speyer und zog zuvörderst gen Schwaben, daselbst das +mir zugetheilte Erbgut einzunehmen; ich verblieb da +nur kleine Zeit, richtete die nöthigen Sachen aus nach +erfahrener Leute Rath, wie es während meinem Abwesen +gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr +und seinen Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie +lebten, wofern sie des seßhaften Lebens anstatt des +schweifenden sich annehmen wollten, worein, wie es +schien, der Tannhäuser mit Freuden willigte, aber der +Magus nicht so völlig.</p> + +<p>Als ich solchermaßen meine Sachen beschickt hatte, +richtete ich mein Angesicht stracks gen Mittag, nach +Welschland zu ziehen. Da führte mich mein Weg über +Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen +Klippen vorbei und durch dunkle Wälder, grüne Auen +und fruchtbares Gelände; ich kam in manche volkreiche +<!-- Page 255 --><span class='pagenum'><a name="Page_255" id="Page_255">255</a></span> +Stadt und sah der Menschen Weise aller Orten, nach +ihrer Müh’ und Plage, Tugend und Kunst.</p> + +<p>Ich nahm der Armuth in den Hütten wahr, wie +sie um die Nothdurft des Lebens das ganze Leben +hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der Gewohnheit +lernet und von der Hoffnung, daß sie mit +dem Tode erledigt wird. Ich klopfte auch an das Thor +mancher Burg, manches stolzen Hauses und manches +gastlichen Klosters. Weltliche Herren, kühn von Thaten +und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt’ +ich kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in +deutschen wie in welschen Landen der wohlgezogenen +Maide genug, die schöne Huldgestalt zierte und edle +Sitten. Da geschah es mancher Orten, daß man mich +nicht allsofort fürder ziehen ließ, sondern mich zu weilen +drängte, frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was +nur den Augen lustsam zu schauen war und den Ohren +zu hören, wonach das Herz gelüstete; das war mir +da zum Genieß bereit. Aber wenn ich alsdann auch, +daß ich nicht unhöfisch erschiene und blöden Sinnes, mein +Vermögen bewies in derlei Spielen, wie es der edelbürtigen +Jugend geziemt, so war doch mein Gemüth +nicht dabei, und man sah mich selten froh.</p> + +<p>Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward +ich wohl aufgenommen und nach Ehren als ein Gast +gehalten, der dahin in ein edles Haus gewiesen war. +Ich verblieb in dieser hochberühmten Stadt zur Lenzzeit +zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen +sie mächtig des edlen Gesanges, und was die besten +Meister solcher Kunst und zierlicher Rede sind in Welschland, +die sind allda zu Hause; ja, so hoch angesehen +ist die Kunst bei männiglich, daß auch Fürsten +<!-- Page 256 --><span class='pagenum'><a name="Page_256" id="Page_256">256</a></span> +und Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es +sei denn, daß sie mit Liedern und Gedichten mancher +Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl auch von +mir ein deutsches Lied oder Spruch. Ließ ich sie dann +derlei hören, so konnten sie sich nicht genug verwundern, +zuvor die Frauen und Maide, warum ich Junger +nicht fröhlichere Weisen brächte, und fragten, aus was +Ursach das geschähe. Ich wollte nicht ungefüge sein, +sie unbeschieden zu lassen und sang:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ihr fraget mich,<br/></span> +<span class="i0">Warum mein Lied<br/></span> +<span class="i0">In Maienluft nicht heitrer klinget,<br/></span> +<span class="i0">Da uns der Lenz der Wonne viel beschied<br/></span> +<span class="i0">Und Rose sich um Rebe schlinget.<br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">So frag’ auch ich:<br/></span> +<span class="i0">Mein Herz, o gib,<br/></span> +<span class="i0">Warum Du traurig so, die Kunde:<br/></span> +<span class="i0">So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb,<br/></span> +<span class="i0">Willkomm’ne Gab’ beut jede Stunde.<br/></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wenn <em class="gesperrt">eine</em> Wolke nur<br/></span> +<span class="i0">Der Sonne Licht verdunkelt,<br/></span> +<span class="i0">Glänzt auf der weiten Flur<br/></span> +<span class="i0">Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt.<br/></span> +<span class="i0">Schwebt auch in Freuden sehr<br/></span> +<span class="i0">Ein Herz: ist ihm Frau Minne<br/></span> +<span class="i0">Ungnädig: immer mehr<br/></span> +<span class="i0">Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!«<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Darnach ließen sie ab, mich ferner zu fragen. –</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub +von Florenz und trachtete eilend gen Rom. Als ich +angelangt war in dieser ersten Stadt der Christenheit, +die der Apostelfürsten Gebeine hegt und vieler Heiligen, +die da gemartelt wurden, konnt’ ich doch mein Herz +<!-- Page 257 --><span class='pagenum'><a name="Page_257" id="Page_257">257</a></span> +nicht darbringen, so großen Heilthümern nachzugehn, +noch sonst die Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu +finden sind, sondern mein einziges Verlangen stund nach +meinem Vater. Je länger, je heftiger hatte mein Sehnen +nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbrüdern, +zu denen ich mich begab, erfuhr ich, daß er schon vor +Winter, da er seine Sache, die er beim heiligen Stuhl +betrieb, zu erlangen verzweifelte, hinweggezogen wäre +aus der Stadt, trüben Muthes, und Keinem sich vertrauet +hätte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn stünde. +Doch wäre unlange Einer aus des heiligen Franzen +Orden, dem Mutterkloster der Barfüßer zugehörig, bei +ihnen zur Herberge gelegen, der hätte ihnen von einem +Deutschen gesagt; das möchte wohl Herr Brun sein.</p> + +<p>Alsbald hatt’ ich keine Ruh mehr in Rom, ließ +die Stadt und wandte mich gen Assisi. Diese Stadt ist +zur Seiten des Gebirges gelegen, selber in stolzer Höhe, +reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und Klöstern, mit +freiem Ausblick in’s Land hinaus, das da mit Thälern +und Höhen, Feldern und Wäldern und mancherlei +Flüssen und Bächen prangt als ein Garten Gottes. +Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der Krypta der +seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach +Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben könnten über +ihn. Sie sagten, ein Fremder, nach meiner Beschreibung +der, den ich suchte, wäre im verwichenen Winter bei +ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber höher +hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er +allda noch weilte, das könnte ich am füglichsten von +einem Eremiten erfragen, der droben seit vielen Jahren +wohnte und der Gegend am Besten kundig wäre, wie +auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel +<!-- Page 258 --><span class='pagenum'><a name="Page_258" id="Page_258">258</a></span> +riethen sie mir zu gehen, auch wollten sie mich durch +einen ihrer Laienbrüder dahin geleiten lassen.</p> + +<p>Ich that also, verzog nicht und schritt an der +Seite des Bruders, den sie mir mitgegeben hatten, +hindann.</p> + +<p>Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen +Kirche gegangen, sein Grab zu besuchen und Gott zu +bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner beizustehen, +daß sie ihr Ziel fände. Da sah ich auch die Krypta +und oben die Kirche mit Bildern von hochberühmter +Meister Händen herrlich geschmückt. Von ihrer Beschauung +gerieth mein Gemüth in große Verwunderung: +ich hatte nie zuvor gewähnet, daß Sichtbares mit also +starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen könnte, und +ich gedachte: Glückseliger Mann, der Solches sinnet +und bildet! Wie muß er mit seinem Herzen alles Geschaffene +umschließen, also daß keine Gottescreatur ihm +fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich zugleich +aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige +Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren +Schöpfer darf das Geschöpf nicht scheidend in die Mitte +treten, sondern die irdischen Wesen sind gleich den +Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen die Engel des +Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er +die Pforte des Himmels geöffnet, auch wenn er hienieden +kein besser Lager hat, als das harte eines +Steines. –</p> + +<p>Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in +einer Höhle, wie sich dergleichen dorten im Gebirge +häufig finden. Es war ein greiser Mann, ernsten und +milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die +Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus +<!-- Page 259 --><span class='pagenum'><a name="Page_259" id="Page_259">259</a></span> +eigner Verirrung, sondern aus tiefer Betrachtung und +aus lebendigem Mitleid mit fremden Schmerzen kennen +und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich geschickt +sind.</p> + +<p>Er grüßte mich freundlich und fragte nach meinem +Begehr.</p> + +<p>Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich +wäre, und fragte auch, ob er von meinem Vater wüßte +und ob es ihm wohl gienge.</p> + +<p>Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich +nachdenklich an und sprach also:</p> + +<p>»Ja, Herr, ich weiß von Eurem Vater, und wo +er ist durch Gottes Gnade, geht’s ihm auch wohl. – +Er kam in diese Einsamkeit in großer Herzensschwere, +als einer, der des Lebens satt ist und doch vor schmerzlicher +Erinnerung und großen Sorgen in Frieden nicht +scheiden kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und +die Sorge Euch, seinem Sohne. Euer Geschick, Herr, +das er nicht hatte wenden können, sah er als eine +Strafe an für seine Sünden und als ihren fortwirkenden +Fluch. Er verklagte sich hart, daß er beide Mal übel +an Euch gethan und nach fleischlicher Wahl, da er +Euch in die Abtei zurückgedrängt und Euch Eure Geburt +verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung +begehrt hätte. Das wäre Alles Gott mißfällig gewesen +und gern wollt’ er zwiefältig dafür büßen; nur daß +sein Sohn, des ersten Friedens beraubt, mit weltlichem +Trachten und heißen Wünschen im Herzen hinter den +Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren +müßte: das wär’ ihm eine allzu schwere Pein, die ihn +nicht ruhen ließe. Darum hätt’ er sich zum Schwersten +entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem Anblick; +<!-- Page 260 --><span class='pagenum'><a name="Page_260" id="Page_260">260</a></span> +denn einen großen jähen Schmerz überwände die Jugend +leichter, als eine immer wieder verzögerte und getäuschte +Hoffnung.</p> + +<p>So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die +Aufrichtigkeit seiner Buße und die Größe seiner Liebe +zu Euch machten ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein +Berather. Ich sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der +Kinder nicht für die Missethat der Eltern fordert; daß es +Seinen Zorn nicht erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, +gescheh’ es auch irrender Weise; denn Elternliebe sei +göttlichen Ursprungs. Vor Allem erweckt’ ich ihm wieder den +Muth zu hoffen für Euch, Herr! – Denn wie das Spinnlein von +einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes Gewebe zieht, also mag +auch ein zerstoßenes und zerbrochenes Herz an <em class="gesperrt">einer</em> +wiederbelebten Hoffnung sich zurückfinden in Licht und Leben.</p> + +<p>Ich hieß ihn mir von Euch erzählen oft und +viel, auf daß seine Gedanken an Euch, die ihn nie +verließen, sich mit solchen verbänden, die ich aussprach. +Allgemach gewöhnt’ ich ihn daran, Euch im Kloster +zu denken, ohne daß Ihr Euch plagtet mit heftigen +Wünschen hinaus, und nicht in dumpfer, brütender +Traurigkeit, sondern, ungestört durch des weltlichen +Lebens Sorg’ und Lust, die hohe Kunst übend und die +edlen Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich +bracht’ ihn dahin, ein Vertrauen zu fassen, daß seine +Gebete für Euer Glück und Heil, die er unablässig +Gott darbrachte, erhört würden im Himmel. Und so +stieg auch seine Seele über sich, über ihre Schuld und +Fehle, Sorgen und eignen Werke in die Gelassenheit, +<!-- Page 261 --><span class='pagenum'><a name="Page_261" id="Page_261">261</a></span> +die sich gänzlich in Gott ergibt und nichts Anderes +weiß und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: +das ist die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch +nicht ruhig, er ward fröhlicher, wenn auch nicht froh, +getrösteter, wenn auch nicht trostvoll.</p> + +<p>Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der +Leib wird mürb. Ja, sein Siechthum dienet ihr dazu, +daß sie ihre Augen desto heller aufthut, ihren himmlischen +Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu erfassen, +das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng +es Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehört, daß +er die Natur der Sonne an sich nimmt, deren Licht +er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So man +ihn in Finsterniß bringt, beweist er solche Tugend. Für +des Menschen Seele ist Leiden und Todesnähe solche +Finsterniß. Alsdann erblindet jeglicher Glast, darin sie +sonst stolzirte, blendete und selbst geblendet war; aber +was sie von göttlicher Natur in sich aufgenommen hat, +das tritt herfür: heiligt, tröstet, überwindet. – Wenn +er Euer gedachte, geschah’s mit Wehmuth, aber ohne +nagende Vorwürfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt +hatte auszusprechen, weil er meinte, Gott fordere +das Opfer gänzlicher Entsagung von ihm, hub zuletzt +an zu gedenken: es möcht’ ihm bescheert sein, Euch +wiederzusehn.</p> + +<p>»O!« rief er, »wenn mein Sohn wiederum froh +würde und zufriedenen Herzens, so wollt’ ich den milden +Christ bitten, daß ich noch genesen möchte und eine +kleine Zeit leben. Dann zöge ich hin zur Lenzzeit, +ihn noch einmal zu sehen – nur einmal, ohne daß +er darum wüßte. Ich harrte sein am Wege, wo mich +Niemand ersähe, bis er käme, und wenn es Abend +<!-- Page 262 --><span class='pagenum'><a name="Page_262" id="Page_262">262</a></span> +würde, müßt’ es Mondenlicht sein, daß ich sein Angesicht +schauen könnte, ob da keine Spur des frühen +Kummers zurückgeblieben; oder ich lauschte unterm +heil’gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme – +gewiß, ich hörte sie bald heraus – oder käme leise +heran und sähe ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen +Träumen Gestalt und Leben gibt und seine Augen +davon leuchten! Oder ach, ich fände ihn schlafend +unterm heißen Mittag im Garten, daß ich ihm sanft +das Haupt berühren und eine Blume auf’s Herz legen +könnte, und im Gebüsch verborgen, wenn er erwachte, +säh’ ich ihn froh erstaunen über die Gabe – und +lächeln!«</p> + +<p>Und er lächelte selber, seit wie lange zum ersten +Male! und seltsam war dies Lächeln. Es spielte noch +immer um seinen Mund, als er unbeweglich lag, geschlossenen +Auges, und der Odem ihm leiser gieng. Und +dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. »Nein, +nein!« rief er, »’s ist nicht vom Dolch, den ich zückte +– Joconda, fliehe nicht! – Es ist eine Rose – +Komm – er ist glücklich – unser Sohn!« – Alsdann +breitete er seine Arme aus und ließ sie kraftlos zurücksinken, +betete leise: »Gott – Gott! – seufzte und +entschlief.«</p> + +<p>Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, +nahm er mich an der Hand und führte mich an einen +Hügel nahe bei seiner Siedelei.</p> + +<p>Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub +ich meine Stimme auf und klagte und weinte über die +Maßen sehr.</p> +</div> + + + + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/262_vignette.png" alt = "" /></p> + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<p><!-- Page 263 --><span class='pagenum'><a name="Page_263" id="Page_263">263</a></span></p> +<h2><a name="Elftes_Capitel" id="Elftes_Capitel"></a>Elftes Capitel.</h2> + +<h1>Einkehr.</h1> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p> +<p> </p> +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/221_w.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">W</span>as ich da empfunden hatte, daran dacht’ ich +zurück, als ich zum ersten Mal wieder die +Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir +von Kindheit her so vertraut waren. Jeden +Bergzug, jedes Thal erkannt’ ich wieder, obgleich die +frühe Dämmerung stark hereinbrach und Nähe und Ferne +in ihre Schatten hüllte. Dennoch wie fremd sah mich +Alles an!</p> + +<div class="textbody"> +<p>Wenn ich so umherspähte, hie eine Stelle zu suchen +mit meinen Augen, daran sich eine Erinnerung meiner +Kindheit knüpfte, und ich fand sie, und dort wiederum +eine: so war mir’s nicht anders, als erschräk’ ich über +die Entdeckung und müßt’ ich mir erst ein Herz fassen +zu meiner Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie +an mich zu gewöhnen.</p> + +<p>Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen, +seit ich hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben +zu versuchen: ich war in dieser Frist weit und fern geschweift, +aber hier war kein Wald verhauen, kein Feld +bereitet indeß, Alles noch wie weiland – und doch, wie +fremd, wie fremd!! +</p> + +<p><!-- Page 264 --><span class='pagenum'><a name="Page_264" id="Page_264">264</a></span> +War davon etwan der frische Schnee die Ursach, +der heute über das wintermüde Land seine Decke gebreitet +hatte, die noch eben jetzt von den niederschwebenden +Flocken erhöht ward? Freilich war es heuer +das erste Mal, daß ich die Erde in solchem weißen +Kleide sah, und immer war mir diese ihre Verwandlung +zu Herzen gedrungen: aber diese Höhen und diese +Thäler, wie oft hatt’ ich sie so gesehen! Was nun im +Bilde der Erinnerung mir so gegenwärtig war, warum +blickte das so fremd mich an in der Wirklichkeit?!</p> + +<p>Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? +– Süßer Name! – Nahte ich mich nicht dem Ziele, +deß ich seit Monden begehrte? – Und doch, wo war +das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust +der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? +Wo das frohe Erjauchzen der Seele, das laut wird, +wenn die Wipfel der Bäume auftauchen sollen, unter +deren Schatten er die ersten Träume seiner Kindheit +träumte, und die Spitzen der Thürme seiner Heimath +ihm winken: Willkommen!</p> + +<p>Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter +das Dach der Abtei zu treten, ein seltsames Erbangen +eben davor in meine Seele! War es mir nicht lieb, +daß mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so +stille, als wäre sie schlafen gegangen zugleich mit dem +Gestirn des Tages, und auch mein Schritt durch den +weichen Schnee so geräuschlos, als bliebe mein Kommen +dadurch um so gewisser und länger unbemerkt!</p> + +<p>Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, +ich selber!</p> + +<p>Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs +in Frohsinn und ungestörtem Frieden, der dann erweckt +<!-- Page 265 --><span class='pagenum'><a name="Page_265" id="Page_265">265</a></span> +ward zu neuem unbekanntem Genieß und Drang des +Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, +die sich fest um sein glühend Herze wanden, und zwischen +dem, der jetzt durch die stille Dämmerung des Christmondabends +schritt: welch’ ein Unterschied! Wenn er +sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm die +Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, daß +auch nun die Heimath ihm verwandelt schien!</p> + +<p>Ich strich mit der Hand über meine Stirn – sie +war noch glatt; über die Wangen – sie waren rund +und frisch; durch mein Haar – es wehte noch lockig +und dicht um meine Schläfe. In meinen Gliedern, +ich fühlt’ es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der +ersten Jugend.</p> + +<p>Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht +das alte mehr.</p> + +<p>»Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr +so weich jedes zarte Keimlein einbettet, daß seinen +linden Schlaf nichts störe; die ihr so geschäftig jetzt +jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich heute wandle, +daß ihrer keine auf diesem Wege zurückbleibt: vermöget +Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher +Stunde aus diesem Herzen zu vertilgen, die ihre Wonnen +und ihre Wehen ihm allzutief eingedrückt haben, daß +es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch +werde in seiner Heimath?«</p> + +<p>Aber wollt’ ich das wirklich? Konnt’ ich auch nur +wünschen, daß Erinnerung, dies ruhelose Kind von +Schmerz und Freude, jemals eingewiegt würde durch +das Wiegenlied der unermüdlichen Wärterin Zeit? +War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe +meines Vaters eins mit mir worden war, in die +<!-- Page 266 --><span class='pagenum'><a name="Page_266" id="Page_266">266</a></span> +Stille der Stätte heimzukehren, der ich jetzt entgegenschritt?</p> + +<p>Und ich gedachte an jene bittre Stunde.</p> + +<p>Als ich damals den Verlust so treuer und starker +Liebe beweinte, als ich klagte, daß auch diese freudespendende +Sonne, die meinem Leben so unerwartet und +verheißungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des +Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu +der Zeit, da ich mit so feurigem Sehnen in ihren +Strahlen meinen gedrückten Muth zu laben gedachte: +da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle +Saiten meiner Seele riß, daß jegliche Thatenlust, mich +in der großen Welt zu regen, in mir erstarb. Über +mich kam das Gefühl grenzenloser Vereinsamung, alle +Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein +und Traum, all’ ihre Lust ein Wahn, all’ ihre Hoffnungen +Lügen: als das einzig Wirkliche die überall +lauernde Larve des Todes, und vom Thun der Menschen +das Meiste vergeblich, eitel Alles!</p> + +<p>Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am +Leben, noch die furchtsame Flucht vor seinen Übeln +und Mühen, auch nicht das Verlangen nach solcher +Ruhe, deren der Lebensmüde begehret, wodurch ich in +jener Stunde mich zurückgetrieben fühlte in die Heimath. +Nein, solche Ruhe sucht’ ich nicht.</p> + +<p>Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre +der Welt mir winken konnten, hatte in jener Stunde +der Einkehr in mich selbst seinen Schein verloren. Die +tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten ihn +ausgethan.</p> + +<p>Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener +Nacht des Grames aufgeleuchtet: hehr, herrlich und +<!-- Page 267 --><span class='pagenum'><a name="Page_267" id="Page_267">267</a></span> +heilig! – Ihm nachzutrachten, daran war alles Weh, +das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern +Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es für mich +nicht noch ein ander Thun und Wirken als das, so +mir nun verleidet war? Hatte mir Gott nicht die Kunst +verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu bilden +und so mich über die Erde zu erheben und des Lebens +Noth und dennoch im Herzen die Freude an Gottes +Werken zu bewahren?</p> + +<p>Da schauten mich die heiligen, stillen Gestalten, +so ich unten in St. Franzisci Kirche gesehen, wieder +grüßend an; sie sagten mir von einer Welt, von der +die sichtbare um uns her mit ihren langen Ängsten +und kurzen Freuden nur ein Gleichniß und eine Weissagung +ist; von einer Welt, die nur in den Ahnungen +und Hoffnungen der fühlenden und guten Menschen +lebt, aber aus den Bildern der Meister, die Gott mit +Kunst begabt hat, tröstend und ermuthigend zu uns +herniederwinkt. In ihr wird kein Leid, das durch ein +Menschenherz geht, vergessen, und keine Zähre in der +Menschheit Angesicht wird verachtet, aber auch in jeder +spiegelt sich ein Strahl himmlischen Trostes, und über +alles Weh sieht man den Glast der ewigen Liebe gebreitet.</p> + +<p>Und siehe! wie mein Vater in seiner letzten Stunde +mich gesehen hatte: nicht hinbrütend in träger Ruhe, +sondern erglühend von hohen Träumen, denen in Bild +und Ton Gestalt und Leben zu geben die Seele ringt, +und in solchem Trachten, dem alle Creatur Gottes +dient, in verborgner, bescheidner und stolzer Stille verharrend, +unbedürftig der Welt und ihrer Güter: so +sah ich mich nun selbst, so wünscht’ ich mich zu sehen. +</p> + +<p><!-- Page 268 --><span class='pagenum'><a name="Page_268" id="Page_268">268</a></span> +Und ich war in die Knie gesunken und hatte Gott +im Himmel gedankt, daß ich also einen Willen, ja eine +heilig ernste Freude zu leben und zu wirken wieder +gewonnen; ich hatte seine große Güte angefleht, Er +möchte in so gethanem Fürsatz mich beständig verharren +lassen und unwankend erhalten, daß ich in solchem +Dienst all’ mein Genügen fände; ich hatte Ihm gelobt, +dazu in die Stille und Verborgenheit des Klosters zurückzugehn, +wohin nun Sein Walten, wie das letzte +Denken meines Vaters und das fromme Gelübde meiner +Mutter mich wiesen.</p> + +<p>Mit solchem Sinn hatt’ ich mich aufgemacht und +war aus Welschland wiederum heimgezogen. Ich mied, +Denen wieder zu begegnen, die mich kannten; denn +ich wußte, Ihrer Viele würden mich von dem Ziele, +das ich erwählt hatte, wiederum abzuwenden trachten, +als wäre nur von der unmäßigen Traurigkeit mir dazu +gerathen; und es war und blieb doch mein fester Wille.</p> + +<p>Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland +angelangt war, mein Erbgut aus meinem Besitz entlassen +und dabei allen Grundholden, so darauf saßen, +eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und +Lasten erwirkt, auch dafür gesorgt, daß ein Stift, das +da nahebei gelegen war, für festbenannten jährlichen +Schoß und Zins männiglich von meinen Leuten in +Alter und Siechthum pflegen mußte und was preßhafte +Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide, +daß sie meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum +beraubt werden sollten, und als ich von ihnen Urlaub +nahm, wünschten mir Alle Gottes Geleit immerdar, +und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen +Thränen; die beiden Fahrenden aber nicht also, denn +<!-- Page 269 --><span class='pagenum'><a name="Page_269" id="Page_269">269</a></span> +sie waren mit dem wiederkehrenden Lenz davongezogen +und hatten lieber ihr Geding als ihr gewohntes +Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr +Ausgesetztes, daß sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten. –</p> + +<p>So zurückgewendet waren meine Gedanken, da +ich zur winterlichen Abendzeit die Gefilde Maulbronns +vor mir liegen sah.</p> + +<p>Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten +und im bunten Gedräng an meiner Seele vorüberzogen, +konnt’ ich mich wundern, daß ich als so sehr ein Anderer +heimkehrte, und daß ich deß jetzt beim Anblick der alten +Stätten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte +diesen Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen, +auch ferner nicht. Sie Alle sollten mir helfen aussprechen, +was das Menschenherz zumeist bewegt und was es über +sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner Seele, bis +sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verklärtes Leben +wiedergewönnen in den Gebilden meiner Hand.</p> + +<p>Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und +hohe Wonnen zurückrief und zugleich in das Nachgefühl +so grausamer Enttäuschung? Schwebte nicht jetzt wieder +ihr winkend Bild meiner Seele vor, schön wie der +Mond und prangend in blühender Jugend, aber auch +ernst und nur in Schwermuth lächelnd wie er! »O«, +dacht’ ich, »so traurigen Blickes sah ich sie nie, und +nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als fühlte +sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete +mich auf meinen Wegen mit treuem Angedenken, +da sie doch ihr eigen Glück erwählt und meiner längst +vergessen hat.« Und ich wünscht’ ihr alles Gottesheil +und setzte mir vor im Geist, in’s Künftige nie keinerlei +<!-- Page 270 --><span class='pagenum'><a name="Page_270" id="Page_270">270</a></span> +Unmuth zu hegen darum, daß sie mich verstoßen hatte; +denn ich fand, ohne solchen Willen hätt’ ich keine +Ruhe des Gemüths und Frieden zu erhoffen. – Aber +ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt. +<ins class="correction" title="Oiginal: es">Es</ins> +vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes +Weh als das der Trauer und gerieth darüber mit +ihm selber in Widerstreit.</p> + +<p>»Still«, sprach ich, »die Abgeschiedenheit wird Dich +lehren, auch das zu überwinden, und alsdann wird +auch diese Erinnerung Dich nicht mehr verwirren.« +Aber es war, als spräche eine andere Stimme dazu: +»Nein! das wird nicht geschehen.«</p> + +<p>Unter solchen Gedanken hatt’ ich die Höhe erreicht, +von der aus ich die Abtei vor mir liegen sah in der +Abenddämmerung: es war derselbe Ort, von wo aus +ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich zurück +gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur +Matutin riefen.</p> + +<p>War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt +vernahm? Wie anders däuchte mich der, als ich ihn +gewohnt war zu hören! – Gewiß, es rief zur Vesper! +Und ich faltete meine Hände, das <em class="antiqua">Ave</em> zu beten. Doch +nein! Das war nicht das Geläut, das täglich zur +Abendzeit ertönt. Auch dieser Schall war mir nicht +unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn deutlicher +zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen +ward. Davon kam eine große Herzensschwere über +mich, und als ich vom klagenden Schall geleitet hinabschritt, +bat ich die göttliche Erbarmung, doch heut und +immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir +allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges +Ohr auch den Harfentönen aufzuthun, die um Seinen +<!-- Page 271 --><span class='pagenum'><a name="Page_271" id="Page_271">271</a></span> +Thron die lichten Schaaren beständig erklingen lassen, +von solchen Himmelsklängen hier im Dunkel nur ein +Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten +Wiederhall!</p> + +<p>Der Thorbogen unterm Thurm an der Brücke +stund offen, und der Schnee dämpfte meine Schritte, +also daß Niemand mich bemerkte, als ich hindurch schritt. +Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des +Pförtners Hündlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt +und sprang mit kosender Freude an mir in die +Höh’, wie dieser Thiere Weise ist; aber mein Kommen +verrieth es nicht.</p> + +<p>Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies +geheißen, dann linkswärts in den überwölbten Gang +und durch die Öffnung, welche in die Kreuzgänge +führt, die hier den Friedhof umgeben. Zögernd schritt +ich vorwärts, und die nun nahe über mir erdröhnenden +Schläge der Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah +ich, zwischen den Pfeilern stehend, den überschneiten +Friedhof und dort drüben die Brüder, einen gedrängten +Haufen.</p> + +<p>Es brauchte nicht des dumpfen Geräusches der +hinabrollenden Erdschollen, das zwischen dem Rufen +der Glocke an mein Ohr schlug, um mir kund zu thun, +daß man da einen Leichgang gehalten, die Feier soeben +beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte. +Sie hatten Alle nur Acht auf ihr traurig Thun, und +Ihrer Keiner hatte mein Nahen gewahrt. Auch barg +mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten +war, da trat ich hin und sah hinüber. Wie manches +Mal hatt’ ich als Kind schon diesen Anblick gehabt +und da des Rechts genossen, das allein die Kinder mit +<!-- Page 272 --><span class='pagenum'><a name="Page_272" id="Page_272">272</a></span> +den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des Todes +nicht gestört zu werden in ihrer schuldlos spielenden +Freude, weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen. +Aber welch’ herbes Weh durchzuckte mich heute!</p> + +<p>Nun verstummte das Geläute, und die Brüder +erhuben nach Gewohnheit den Gesang:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"><em class="antiqua"> +<span class="i0">»Flens ego sum genitus, +celebrantur funera fletu,</span> +<span class="i0">transacta innumeris vita fuit lacrimis,</span> +<span class="i0">O miserum mortale genus lacrimabile semper,</span> +<span class="i0">quod factum ex cinere est, solvitur in +<ins class="correction" title="Anführungszeichen ergänzt">cinerem.«</ins> +</span></em > +</div></div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">(Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begräbt +man die Todten,<br/></span> +<span class="i0">Unter viel Thränenerguß schwindet das Leben +dahin;<br/></span> +<span class="i0">Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth +immer!<br/></span> +<span class="i0">Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.)<br/></span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Dann ward eine kleine Stille, und der Priester +sprach: »Lasset uns beten: Herr, schenke ihr die ewige +Ruhe!« Und die Brüder antworteten: »Und das ewige +Licht leuchte ihr!«</p> + +<p>Darnach hub der Priester wiederum an: »Löse, +HErr, die Seele Deiner Dienerin Irmela von allen +Banden der Sünde, auf daß sie in der herrlichen Urstände +unter Deinen Heiligen und Auserwählten wieder +auflebe.« Und der Abt betete: »Leite auch, Herr, +unsern Diether an Deiner Hand, und so er erfährt +von diesem Begräbniß, so sei’s ihm zum Heil und +Segen!« Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich +zu gehen, denn die Finsterniß war hereingebrochen.</p> + +<p>Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir +und ich sank zur Erde.</p> + +<p>»Hilf Gott! Diether, armer Diether!« hört’ ich +rufen, als mir die Sinne wiederkehrten. Da winkte +<!-- Page 273 --><span class='pagenum'><a name="Page_273" id="Page_273">273</a></span> +Herr Albrecht den Andern, daß sie von mir abließen, +richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab.</p> + +<p>Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse, +und er litt es ganz väterlich.</p> + +<p>Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet +hatte, wollt’ er nicht leiden, daß ich ihm berichtete von +meiner Fahrt und wie es mir damit gerathen wäre, +sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die wäre für +mich bestimmt, sagt’ er, sie zu lesen, – tröstete mich +mit lindem Wort und ließ mich allein.</p> + +<p>Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen +geschrieben, dem die selige Maid ihre letzte Beichte gethan +hatte mit dem Geheiß, so sie verschieden sein +würde, solch’ ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben, +daß es mir, wenn es Gott so fügte, zu Handen käme: +denn dort wollte sie begraben werden.</p> + +<p>»Er soll wissen«, hieß es darin, »daß meine Treue +gegen ihn alle Zeit unwankend geblieben ist und ich +keine größere Glückseligkeit wußte im Leben, als mit +ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah +bald, daß das nimmer geschehen würde, sondern daß +allerdinge über ihn beschlossen war, in seine Losgebung +nicht zu willigen, und daß, was man von meiner +Herzensneigung zu ihm gespürt hatte, um so mehr zur +Ursach’ ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war’s +mir ein großes Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen +zu wissen sein Leben lang, und ich willigte +in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte dafür, +daß Diether’s Losgebung vom Bischof erwirkt würde. +Ich wußte, daß ich mich damit von Glück und Freude +schiede für immer; aber es war mir ein süßer Trost, +mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch +<!-- Page 274 --><span class='pagenum'><a name="Page_274" id="Page_274">274</a></span> +daß ich ihn nie wiedersehen dürfte, noch er je erfahren, +durch wen er seine Losgebung erlangte, sondern im +Wahn verbleiben, als hätt’ ich ihn verstoßen und die +Treue gebrochen, daß ich auch gegen den, der mich zum +Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren +mußte: dies nagte an meinem Leben allzusehr, +und ist Ursach’ worden, daß eine andere Hochzeit für +mich vorhanden ist, als die, für welche man mich ausersehen +hat. Ich danke Gott im Himmel dafür. Die +reinste Wonne, so die Erde gibt, hab’ ich erfahren; +sie kann nur kurz sein. Ich bin zufrieden, abzuscheiden; +nur um meinen Ohm ist’s mir Leid. Die ewige Dreifaltigkeit +mög’ ihn trösten!«</p> + +<p>»Mein Gebein aber soll an der Stätte der Urstände +harren, die Diether’s Heimath war. Ihm möge Gott +des Lebens Glück bescheren und hernach die ewige +Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich hinderlich +an einer Freude sein. – Kommt er aber einst zurück +nach Maulbronn, weil die Dörner rauher Wege, die +er geführt ward, seine Füße zu hart verletzt haben, so +schöpfe er aus diesem meinem letzten Gruß eine Linderung.«</p> + +<p>»Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter’m +Schall der Nachtigall weiße Blüthen über mich schüttete, +wünschtest Du mir, Diether, es möchte nie kein anderer +Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend fallen, als +dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch +Dir der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt +und Du über allzufrüh verwelkte Blumen trauerst, alsdann +denke, daß nicht bloß auf jeden Lenz ein Herbst, sondern +auch auf jeden Herbst ein Lenz folget. – Gott und Sein +Heer lasse mich den gewinnen, der ewig blüht!«</p> + +<h4>(Allhier endet Diether’s von ihm selbst erzählte Geschichte.)</h4> +</div> + + + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/017_end_chapter.png" alt = "" /></p> + + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<p><!-- Page 275 --><span class='pagenum'><a name="Page_275" id="Page_275">275</a></span></p> +<h1><a name="Beschluss" id="Beschluss"></a>Beschluß.</h1> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/003_vignette2.png" alt="" /></p> + +<p> </p> + + + +<p class = "pictop floatleft"> +<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p> +<p><span class = "hidden">D</span>iether schwieg eine Weile, als er mit Erzählen +zu Ende war, und auch die beiden +jungen Gesellen, die ihm zugehört hatten, +wagten nicht, das Wort zu nehmen.</p> + +<div class="textbody"> +<p>»Das ist nun die Aventiure, die Ihr zu hören +begehrtet«, sagte der Alte dann und stund auf vom +Steinsitz unter der Halle, als wollt’ er hineingehen der +Pforte zu.</p> + +<p>Es war zum dritten Male in der Pfingstwoche, +daß der Abend die Drei um den Steinbrunnen versammelt +hatte am Kreuzgang, der im Viereck den +Friedhof der Abtei umgibt, und für den Erzähler wie +für seine zuhörenden Schüler blieb die abendliche Stille +ungestört; denn nur sanft rieselte das Wasser und +nur leise rauschten zuweilen die Blüthengebüsche über +den Grüften.</p> + +<p>Heut hatten sie länger draußen verzogen denn +sonst, und als Diether sich anschickte, zu gehen, sah er +schon den Silberglanz des Mondenlichts auf dem Dach +der Kirche flimmern und in den Garten herabgleiten, +wo er die Wipfel eines dichtbelaubten Flieders mit +sonderlicher Helle bestrahlte. +<!-- Page 276 --><span class='pagenum'><a name="Page_276" id="Page_276">276</a></span></p> + +<p>Der Alte blieb stehen und richtete dahin seinen Blick.</p> + +<p>»Wie heint die Blüthen leuchten!« sprach er vor +sich und schritt durch das Gras langsam der Stelle zu.</p> + +<p>Nun stund er dicht am überhangenden Gezweig, +der würdige Meister, ihm zur Seite gesellt die Jünglinge.</p> + +<p>Da zog eine Wolke wie ein goldumsäumter Schleier +über des Mondes leuchtend Angesicht, und ein behendes +Dunkel flog von ihr her über das Dach der Kirche +und beschattete Garten und Kreuzgang.</p> + +<p>»Sie ist sogleich vorüber!« sagte Diether und +blickte hinauf.</p> + +<p>Als der Glanz wiederkehrte, sahen die Drei zu +ihren Füßen einen Grabstein, von weißen Blüthen +ganz überdeckt.</p> + +<p>Der Alte bückte sich bedächtig und strich sie leise +mit der Hand zur Seite. Da ward, eingegraben auf +dem moosigen Steine, eine Lilie sichtbar und eine Inschrift. +Die Augen der Jünglinge hatten sie bald +entziffert.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Irmela virgo</em>«, lasen sie.</p> + +<p>Der Alte sprach’s nicht nach; doch wandte er seinen +Blick nicht weg von den halbverwischten Zeichen.</p> + +<p>»Laßt uns gehen«, sagte er dann. »Der Thau +fällt kühl und die Nacht ist bald herum.« –</p> + +<p>Den Grabstein aber und seine Inschrift findest +Du in Maulbronn noch heutigen Tages. –</p></div> + +<p> </p> +<p class = "illustration"> +<img src = "images/276_vignette.png" alt = "" /></p> + +<p> </p> +<p class="publisher">Gebauer-Schwetschke’sche Buchdruckerei, Halle a. S.</p> + + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p> + +<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen +in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.</p> + +<p>Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen:</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_61">S. 61:</a> Urthel --> Urtheil</li> + +<li><a href="#Page_65">S. 65:</a> vorauf --> voraus</li> + +<li><a href="#Page_108">S. 108:</a> den Krug, (Komma ergänzt)</li> + +<li><a href="#Page_124">S. 124:</a> zwischem --> zwischen</li> + +<li><a href="#Page_139">S. 139:</a> »Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit den Kainsmal +des Brudermordes gezeichnet hat ... --> mit dem Kainsmal</li> + +<li><a href="#Page_171">S. 171:</a> ihr folgten Dienerinnnen --> ihr folgten Dienerinnen</li> + +<li><a href="#Page_193">S. 193:</a> (denn sie waren mir rucklings gebunden) --> rücklings</li> +<li><a href="#Page_228">S. 228:</a> verschwad --> verschwand</li> +<li><a href="#Page_231">S. 231:</a> Komma nach 'guter Baum' ergänzt</li> +<li><a href="#Page_231">S. 231:</a> Komma nach 'sommerlichen' entfernt</li> +<li><a href="#Page_233">S. 233:</a> wollte sein brauchen (Nach 'sein' fehlt Wort)</li> +<li><a href="#Page_236">S. 236:</a> Als ich diese Worte hörte, überkam ich eine Freude, --> überkam mich eine Freude</li> +<li><a href="#Page_270">S. 270:</a> geschickt. es vermochte nicht --> geschickt. Es vermochte nicht</li> +<li><a href="#Page_272">S. 272:</a> solvitur in cinerem.« Anführungszeichen ergänzt.</li> + +<li>Das Wort Herr wird im Originaltext einheitlich HErr geschrieben (wenn es sich auf Gott bezieht).</li> + +<li>Ae, Oe und Ue wurden jeweils durch Ä, Ö und Ü ersetzt.</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA *** + +***** This file should be named 24390-h.htm or 24390-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/3/9/24390/ + +Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/24390-h/images/003_d.png b/24390-h/images/003_d.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..516ca25 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/003_d.png diff --git a/24390-h/images/003_vignette.png b/24390-h/images/003_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..336bc06 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/003_vignette.png diff --git a/24390-h/images/003_vignette2.png b/24390-h/images/003_vignette2.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..986a3e3 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/003_vignette2.png diff --git a/24390-h/images/007_vignette.png b/24390-h/images/007_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b3ec1fd --- /dev/null +++ b/24390-h/images/007_vignette.png diff --git a/24390-h/images/008_vignette.png b/24390-h/images/008_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2f44cc2 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/008_vignette.png diff --git a/24390-h/images/017_end_chapter.png b/24390-h/images/017_end_chapter.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f7885eb --- /dev/null +++ b/24390-h/images/017_end_chapter.png diff --git a/24390-h/images/018_s.png b/24390-h/images/018_s.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bec7cc5 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/018_s.png diff --git a/24390-h/images/040_vignette.png b/24390-h/images/040_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b52eb69 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/040_vignette.png diff --git a/24390-h/images/066_vignette.png b/24390-h/images/066_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0dd5259 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/066_vignette.png diff --git a/24390-h/images/104_vignette.png b/24390-h/images/104_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..adcfca3 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/104_vignette.png diff --git a/24390-h/images/105_u.png b/24390-h/images/105_u.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bd165e7 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/105_u.png diff --git a/24390-h/images/144_vignette.png b/24390-h/images/144_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7326e76 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/144_vignette.png diff --git a/24390-h/images/145_g.png b/24390-h/images/145_g.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4d35e03 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/145_g.png diff --git a/24390-h/images/164_vignette.png b/24390-h/images/164_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8298ee0 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/164_vignette.png diff --git a/24390-h/images/165_e.png b/24390-h/images/165_e.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1447884 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/165_e.png diff --git a/24390-h/images/194_vignette.png b/24390-h/images/194_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..edcae54 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/194_vignette.png diff --git a/24390-h/images/221_w.png b/24390-h/images/221_w.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..569272e --- /dev/null +++ b/24390-h/images/221_w.png diff --git a/24390-h/images/262_vignette.png b/24390-h/images/262_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..572a51d --- /dev/null +++ b/24390-h/images/262_vignette.png diff --git a/24390-h/images/276_vignette.png b/24390-h/images/276_vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6a8a049 --- /dev/null +++ b/24390-h/images/276_vignette.png diff --git a/24390-h/images/title_page.png b/24390-h/images/title_page.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0f7ec1a --- /dev/null +++ b/24390-h/images/title_page.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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