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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:13:13 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Irmela
+ Eine Geschichte aus alter Zeit
+
+Author: Heinrich Steinhausen
+
+Release Date: January 21, 2008 [EBook #24390]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA ***
+
+
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+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
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+ IRMELA
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+ Eine Geschichte aus alter Zeit
+
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+ von
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+ Heinrich Steinhausen.
+
+ – – –
+
+ Achtzehnte Auflage.
+
+ – – –
+
+ Titelbild von W. Steinhausen.
+
+ – – –
+
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+
+ Leipzig 1899.
+
+ Verlag von E. Ungleich.
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+
+
+Eingang.
+
+
+Die heitre Sonne des Pfingstsonntages im Jahre des HErrn 13.. sank
+hinter die rebenbepflanzten Berge, welche von Westen her das liebliche
+Thal einschließen, in dem die stattlichen Gebäude der wohlbekannten
+Cisterzienser-Abtei Maulbronn sich erheben. Eben war der
+Vespergottesdienst mit dem Magnificat beschlossen, das heute nicht nur
+von den Brüdern im Chor, sondern auch von dem zahlreich versammelten
+Volke im vorderen Theile der Kirche gesungen worden war. Nur Bruder
+Diether ließ das Örglein noch nicht schweigen, vor dem er saß, und
+drückte die breiten Tasten durch kräftige Schläge nieder, daß sich
+langhallende Töne hören ließen, während das Gotteshaus sich leerte.
+
+»Wie, schon All’ hinaus?« sagte er, als er, nach kurzer Weile sich
+umwendend, den ganzen Raum unten verlassen fand. »Sie haben halt Eil’
+heut,« setzte er hinzu, »das Volk will des milden Maien genießen unter
+der Linde, und die Confratres sind dem Refectorio am Pfingstabend auch
+nicht feind. So wollen wir denn des Tönens genug sein lassen, uns mit
+dem Paternoster segnen und von hinnen gehn!«
+
+Während er bedächtig die Treppe herniederstieg, welche vom Orgelchor
+in’s Schiff führte, schritten die Mönche bereits nach Gefallen einzeln
+oder zu mehreren gesellt dem Klostergarten zu oder wohin sonst einem
+Jeden sein Sinn stand; denn nach Gewohnheit ward St. Bernhards Regel
+heut nicht eben ängstlich befolgt und Abt Rothad war zu keiner Zeit
+der Mann, von dem ein straffes Anziehen derselben zu besorgen war. So
+war es denn auch bald im Kreuzgang einsam, der sich an die Kirche
+gegen Mitternacht anschließt und im Viereck einen Friedhof umgibt, der
+doch schon damals mehr einem mit Bäumen und Gesträuch wohlbepflanzten
+Gärtlein glich.
+
+Als Diether aus der nördlichen niederen Kirchenpforte in die
+kunstreich gewölbten Gänge trat, däuchte ihn die abendliche Stille,
+die ihn so mailich und freundlich anwehte, keineswegs unwillkommen,
+sondern wie er langsam daherschritt und immer wieder zwischen den
+Pfeilern still stehend zum blauklaren Himmel emporblickte und vor sich
+auf die Pracht der Blüthen im frischen Grün, da war’s, als leuchtete
+die Lenzwonne auch aus seinen dunklen Augen, so froh schauten sie
+darein, und als fühlte seine Brust mit der Jugend des Jahres auch die
+Jugend des Herzens wieder, so freudig und kräftig hob sie sich. Dicht
+neben ihm aus dem Gebüsch erscholl die Stimme einer Nachtigall. Er
+blieb stehen und lauschte. Ihm schien’s, als wäre das die Seele dieses
+Maiabends, die wollte all’ ihre reine und himmlische Freude ihm mit zu
+empfinden geben. Sie schwieg. Aber als nach kurzer Weile ihre Töne
+wieder erklangen, lang gezogen und klagend, da tauchten sie auch seine
+Seele in sanfte Schwermuth und seine Gedanken wurden wie mit
+freundlichem Zwange rückwärts gezogen; und wie um ihn her die
+Dämmerung ihre ersten Schatten breitete, versank auch vor seinem
+inneren Auge die Gegenwart allgemach und Blüthenduft und Abendstille
+trieben ihn der Erinnerung längst vergangener Tage zu. So stößt ein
+Kahn sanft vom beschatteten Ufer ab und gleitet auf kaum bewegter
+Fluth dem Eilande zu, das dem Schiffer sonnig entgegenwinkt! –
+
+Leise hatte er sich niedergelassen auf die steinerne Brüstung. Ein
+Hauch der Abendluft rauschte durch den Garten und wehte wie kleine
+Sterne weiße Blüthen des Flieders ihm auf Haupt und Gewand. Er blickte
+auf, als wollt’ er Jemand suchen, und »Irmela« klang es wie im Traume
+von seinen Lippen. Der Name hallte wieder von den Pfeilern drüben. Er
+horchte auf wie freudig erschrocken; aber gleich darauf, sich
+besinnend, sah er lächelnd auf seinen Blüthenschmuck und verharrte
+schweigend, in sich versunken. –
+
+Da weckten ihn geräuschvolle Schritte; sie kamen von der vorderen
+Thür, die in die westliche Seite des Kreuzganges führt. Er wandte sich
+um und sah zwei junge Gesellen munter herbeieilen. Sie grüßten ihn
+fröhlich und auch er hieß sie von Herzensgrund willkommen; war er doch
+den Beiden von ganzer Seele zugethan, wie das Alter an der
+wohlgezogenen Jugend seine Lust hat und wie der Lehrer seine Schüler
+liebt, an denen seine Arbeit nicht umsonst ist. »Vater, Meister!« rief
+der Eine, »Zürnet uns nicht, daß wir heute so spät erst nach Euch
+Nachfrage thun. Mußten wir doch gewärtig sein, hätten es auch wohl
+verdienet, Euer heut gar nicht mehr ansichtig zu werden. Aber der
+wonnigliche Lenztag lockte uns in’s Freie und so streiften wir durch
+Wald und Feld, bis der Abend hereinbrach.«
+
+»Wollten doch auch des Fiedlers Heiner neue Weisen mit anhören, der
+sich in Hohenklingen auf dem Wiesenplan vernehmen ließ, fiel der
+Andere ein, »aber als er zum Tanz aufspielte den Dörflern, da war es
+hier Rupert nicht, der nicht mit mir von dannen wollte und wieder
+Rupert nicht, der hernach mit des Klosterbauern flachszöpfiger Jutta
+daherschwenkte.«
+
+»Scherze nur!« unterbrach ihn der Gemeinte. »Es brauchte wenig
+Überredungskunst, um Dir das Verweilen lieb zu machen. O, Meister!
+haltet solches Geschwätz unserer Thorheit zu gut. Wir hätten zeitiger
+bei Euch einsprechen sollen. Ihr waret einsam!«
+
+»Daß Ihr junges Volk Euch doch so gern für unentbehrlich haltet uns
+Alten!« versetzte Diether mit freundlichem Ernst. »Wüßtet Ihr, welch’
+treffliche Gesellschaft ich gehabt habe, da Ihr kamt, so hättet Ihr
+sicher mich darum geneidet.«
+
+»Wer war denn bei Euch?« fragten die Beiden. »Wir sahen Niemanden!«
+
+»Eine Fraue und gar holde«.
+
+»Wie heißt sie?«
+
+»Erinnerung! – Sie hat mich sanft bei der Hand genommen und gern bin
+ich ihr gefolgt.«
+
+»So weiß ich auch, Vater«, sprach Waltram, Ruperts Geselle, »was Euch
+so bewegt, daß Stimme, Auge und Gebärde davon zeugen. Das kommt von
+den Gedanken, die inwendig in Euch Erinnerung lebendig gemacht hat.
+Möcht’ es Euch doch gefallen, auch uns davon zu erzählen. Der Abend
+ist warm und still der Ort.«
+
+»Wohl, ich will’s thun!« erwiederte Diether willfahrend. »Und wie Ihr
+just mich also angetroffen habt, so soll zu Euch mein Mund sich
+aufthun von dem, was Erinnerung mir gewiesen und wovon ich bis diesen
+Tag geschwiegen. Kommt! und laßt uns niedersitzen, wo dort die Halle
+sich um den Steinbrunnen wölbt. – Aber ob ich’s wohl werde so
+kurzweilig machen, wie Heiner seine Aventiuren?« fragte er scherzend
+zu Rupert gewandt, als sie sich setzten.
+
+»Ist’s eine Aventiure?«
+
+»So mögt Ihr sie wohl heißen!«
+
+»Dann gebt ihr einen Namen!«
+
+»Irmela!« sagte Diether nach kurzem Bedenken, »das soll ihr Name
+sein.«
+
+
+
+
+
+Diethers Geschichte,
+
+von ihm selbst erzählt.
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+Meister Ulrich.
+
+
+Das war vor Zeiten, da noch Abt Albrecht den Abtstab führte, ein viel
+ander Wesen allhier im Kloster, als heutzutage. Er war ein gar
+gestrenger Herr und manchem Novizen vergieng das Verlangen nach St.
+Bernhards weißer Kutte, weil ihm des Heiligen Regel ein allzuschweres
+Joch für die Schultern däuchte, und manch’ Anderen, der gern geblieben
+wäre, trieb der Abt selber hinweg. »Denn«, so pflegt’ er zu sagen:
+»Unmüßigkeit muß auch in der Muße suchen, wer in’s Kloster taugen
+will.« Und so mußt’ es denn zu seinen Zeiten hergehen, wie im
+Bienenkorb, wo Jedes emsig am Werke schafft, das ihm angewiesen ist,
+von früh bis spät, nur daß unseres Volkes Meister seine Bienen gar
+selten ausfliegen ließ und wenig darnach fragte, ob sie fröhlich
+summten bei der Arbeit oder nicht. Für Jeden fand er was zu thun und
+wußt’ ihn an seinen Ort zu stellen, und dem Zaudern oder Widersprechen
+war Niemand feinder als er. Und weil er allezeit etwas betrieb, was
+ihm selbst am Herzen lag, so gab’s auch immer Arbeit genug für Alle.
+
+Dazumal ward des Klosters Gebäu mit Kirche und allem so stattlich
+hergestellt, wie man sich heut dessen erfreut. Aber ohne viel Seufzen
+gieng’s bei Denen nicht ab, die sich des Bauwesens anzunehmen hatten.
+Und der Abt nahm Keinen aus, so oder so mußte Jeglicher mitschaffen.
+_Impendere curam, impendere substantiam, impendere et se ipsum._
+Diesen Spruch unseres Ordensheiligen legte er oft seinen Mönchen vor,
+wenn er sie im Capitelsaal um sich versammelt hatte, und sorgte
+weislich dafür, daß sie durch Übung solches Spruches Verstand um so
+besser inne würden.
+
+Wie er dann die Trägen, Lässigen und die seinem scharfen Regiment
+abhold waren, bald herausgefunden hatte, so verhehlten auch diese
+unter einander ihren Groll nicht und hießen ihn, wenn sie von ihm
+sprachen, nur immer: Monoceros. Ich fragte, was solches Namens Meinung
+wäre. Da erfuhr ich: Monoceros sei ein bös Thier, gar ungeschlacht,
+habe ob dem Haupte ein großes Horn, gewaltiglich damit um sich zu
+stoßen. Ob dieser Auskunft entsetzt’ ich mich schier und sah Abt
+Albrecht darauf hin recht bedenklich und bänglich an. Doch konnt’ ich
+mich von ihm keines Bösen gewärtigen. Denn, wiewohl ich zu der Zeit
+noch gar jung war, dazu ungeschickt und muthwillig nach Knabenart, so
+war doch der gefürchtete Abt voll Gütigkeit gegen mich, und sein
+Angesicht, wenn’s noch so strenge sah, schaute sogleich freundlich
+drein, wenn ich daher kam, mich ehrbarlich neigte und ihn grüßte:
+_Salve, domine!_ Ja, er trug eine sonderliche Lieb zu mir und die that
+mir gar wohl; denn ich war da fast ein schmächtig und schwächlich
+Bürschlein, stak noch halb in den Kinderschuhen, und des Lernens, dazu
+Bruder Berthold mich anhielt, den der Abt mir zum Magister bestellt
+hatte, däuchte mich oft zu viel. Schon bei den ersten Schritten auf
+der Bahn des Triviums vermeint’ ich, es gienge nimmer weiter mit mir
+und ich könnte über all’ die Blöcke und Steine, so die Grammatik mir
+in den Weg warf, gar nimmer hinwegklimmen. Dennoch verfuhr der Abt
+nach Lindigkeit mit mir, auch wenn Magister Berthold über seinen
+uneifrigen Scholaren sich hart beklagte; ja, der sonst Monoceros war,
+begütigte den unzufriedenen Lehrer von meinetwegen.
+
+»Geduldet Euch nur, Berthold«, sagt’ er wohl, »und zwinget Dietherum
+nicht allzu hart! Aus dem Schwarzaug schaut kein blöder Geist; er wird
+wohl noch durch gelehrte Kunst unsers Klosters Zierde, wenn ihm erst
+die Flügel gewachsen sind. Noch ist er ja gar zart und muß sich erst
+festigen.«
+
+Wie nun aber etliche Jahre herumgegangen waren, da hatte das
+Dietherlein sich wohl gefestigt und war kräftig in die Höh’ gewachsen,
+aber von den Flügeln, die sein Geist ansetzen sollte, sich in die
+gelehrte Kunst zu schwingen, war leider noch gar wenig zu spüren.
+Dennoch blieb mir unser gestrenger Abt noch immer zugethan. Und das
+gieng so zu.
+
+Er hatte eine sonderliche Lust an allerlei Werk und Kunst, und wie er
+vormals in Welschland gewesen war und sein Auge wohl gewöhnt war zu
+erkennen, was Tugend hatte und Wissenschaft, so trachtete er auch
+eifrig danach, sein Kloster zu schmücken. Nun hatte er damals Meister
+Ulrich von Prag herbeigerufen, der war in der Malkunst trefflich
+geschickt. Welche Freude hat an ihm der Abt gehabt; wie hat er ihn
+aber auch angespannt und angetrieben, zu schildern und zu schaffen in
+der Kirch’ und im Capitelsaal und an andern Orten, wie Ihr das Alles
+nun fertig sehet. Ihm wär’ es schier am liebsten gewesen, Meister
+Ulrich wäre gar nimmer von seinem Gerüste herabgekommen oder hätte
+zehn Hände gehabt, und in jeder einen Pinsel.
+
+Was aber Meister Ulrich mit meinem ausbleibenden gelehrten Eifer zu
+thun hatte, das war dieses. Seitdem er bei uns schuf und bildete,
+trachtete ich nur danach, um ihn zu sein und ihm zuzuschauen, wenn er
+am Werk war. Da verbracht’ ich denn, wo er an Wand und Decke zu malen
+hatte und drüben im Abthaus, wo ihm ein helles Stüblein zur Werkstatt
+hergerichtet war, am liebsten meine Zeit. Mit Bewunderung sah ich ihm
+zu, wie unter seiner kunstreichen Hand Christus und Unsre Frau und
+Engel und Heilige, ja Gott Vater selbst sichtbar wurden, wo zuvor eine
+weiße Wand oder ein leeres Blatt gewesen war. Ich hatte immer meine
+Augen an Gestalt und Farbe geweidet und Blumen und Blättlein, auch den
+Wiesengrund, Baum und Berg fleißig betrachtet, nicht minder den Zug
+der Wolken, den Glanz des Himmels. Nun dacht’ ich oft: könntest du
+doch auch so nachbilden, was ringsum ist; und oft betete ich zu St.
+Niclas, meinem Schutzheiligen, er möchte für mich auch solche Kunst
+erbitten, wie Meister Ulrich sie verstund. Der hatte mir auch bald
+abgemerkt, wonach mich’s verlangte, und so sagt’ er einst: »Diether,
+hast Du wohl auch Lust zu solcher Kunst, sie zu erlernen?«
+
+»Gar gerne, Meister!« antwortete ich. »Wenn Ihr mich unterweisen
+wolltet, und durch St. Niclasens Hilfe!«
+
+Da sagt’ er: »St. Niclas nicht, sondern St. Lucas Evangelista ist
+dieser Kunst Patron. Der mag Dir wohl günstig werden, wenn Du fromm
+bist. Aber unterweisen will ich Dich gern nach allem Vermögen.«
+
+Und von Stund an durft’ ich dann bei ihm nicht mehr müßig sein,
+sondern mit Stift und Kohle wies er mich an gar sorgfältig. Das
+geschah heimlich, wenn Niemand bei uns war, weil wir fürchteten, der
+Abt möcht’s nicht gerne wollen leiden.
+
+Aber je heimlicher, je lieber!
+
+Manche Stunde, die ich sonst draußen vertummelt hatte, die versaß ich
+jetzt bei Meister Ulrich, auch manche, die mich hätte über den Büchern
+Magister Berthold’s finden sollen. Der fand denn um so häufiger
+Ursach’, mich zu tadeln.
+
+»Du hast einen raschen Kopf«, sagt’ er zu mir, »dringest geschwind ein
+in den Verstand der Sachen; aber Du bleibst nicht im rechten Geleis,
+bist nicht bedachtsam und ich bring’ Dich nimmer durch’s Quadrivium.
+Diether, Du setzest nicht Deinen ganzen Eifer in die hohe
+Wissenschaft! Ich glaube, Pragensis mit seinen Schildereien hat Dir’s
+angethan.« Ich schwieg und trieb mein’ Sach’ nur um so mehr verhohlen;
+aber sie blieb’s nicht lange so.
+
+Denn einmal, als Ulrich dort in der Geißelkammer die Geschichte vom
+reichen Mann malte, wie er in der Flamme Pein leidet, und Lazarum
+droben in Abraham’s Schooß, da war ich auch bei ihm, und weil’s just
+die Zeit am Tage war, in der nach der Cisterzienserregel die Brüder in
+ihren Zellen der Betrachtung obliegen, so waren wir im Geringsten
+nicht einer Störung gewärtig. Meister Ulrich hatte mich heißen einen
+leinenen Kittel überthun, wie er selbst trug, wenn er mit Farben
+umgieng; und da ich so in dieser Tracht vor ihm stund, hat er lachend
+zu mir gesagt: »Nun trägst Du den Rock wie Unsereiner und ich hab’
+Dich für unsern Heerbann angeworben; aber dem Kriegsmann frommt die
+Rüstung allein nicht, er muß auch bewehrt sein. So geb’ ich denn Dir
+auch unsrer Mannen Speer und Spieß und verhoffe, Deine Hand wird
+solchen allezeit mit Weisheit und Verstand Gott und Seinen Heiligen
+zum Ruhme, unserer Zunft zu Ehren, den Guten zur Herzfreude führen.«
+
+Damit fuhr er mir dreimal mit einem gar langen Pinsel über Rücken und
+Haupt und händigte mir dann solches Gewaffen aus. Darauf sollt’ ich,
+wie er sagte, sogleich mit ihm die erste Ausfahrt thun, d. i., ich
+mußte zu ihm auf sein Gerüst hinauf, allda ihm am Bilde zu helfen.
+Aber weil er just dabei war, der Hölle Flammen herzustellen, darin die
+armen Seelen brennen, so hieß er mich rechts hintreten, wo höher oben
+die Seligen schweben.
+
+»Es möcht’«, sagt’ er dabei, »eine böse Vorbedeutung geben, wenn Du
+mit der preislichen Kunst an so unseligem Ort anhübest. An die
+schimmernden Wölklein droben sollst Du Dich machen, aus denen die
+Engel herfürlugen.«
+
+Mir klopfte schier das Herz vor Freuden, als dräng’ ich selber in den
+wahrhaftigen Himmel, wie ich die Leiter noch höher hinanstieg, um nach
+seiner Anweisung am gemalten mitzuhelfen. Ich war bald mit großem
+Eifer in mein Thun vertieft, als plötzlich die Thür in den Angeln
+knarrte und laute Schritte die steinernen Stufen herniederkamen. Ich
+erschrak; denn zwischen den Brettern hindurch, auf denen meine Leiter
+stund, sah ich Abt Albrecht’s hohe Gestalt und Magister Berthold
+hinter ihm.
+
+»Gebt Acht«, hört’ ich diesen sagen, »hier ist er und sonst
+nirgends.«
+
+»Wartet nur«, rief der Abt zorneifrig, »wartet nur; ich will ihn wohl
+zu Euern Büchern treiben; will er denn keine Gelahrtheit lernen, so
+soll er doch lernen fleißig sein! He Diether, bist hier? Albertus
+Abbas hat mit Dir zu sprechen?«
+
+Was half’s! Ich konnt’ ihm doch nicht entgehen. Zudem, wenn er so
+scharf sprach, war es gefährlich, ihm ungefügig zu sein. So rief ich
+denn: »Ja, Ew. Gnaden!« aus meinem Himmel, aber meine Stimme klang gar
+nicht wie eines Seligen.
+
+»Um aller Heiligen willen!« sprach der Abt. »Was schafft der da
+droben. Sogleich komm hernieder und hurtig!«
+
+Aber ich konnt’ nicht behender; denn mir wankten die Kniee, als ich
+auf den Sprossen der Leiter ihm näher kam. So trat ich denn vor ihn im
+leinenen Überkleid mit vielerlei bunten Farben geziert wie eines
+Stieglitzen, den Pinsel hinter mich haltend, und, wie ich meine, mit
+gar erbärmlicher Miene.
+
+»O der Possen«, begann er zu schelten, »in meinem Kloster; o des
+Müßigganges, der solche verschuldet! _Otiositas mater nugarum, noverca
+virtutum!_ Mißrathener Diether, jetzt sollst Du unsre Strenge fühlen,
+denn unsre Güte hast Du mit solcher Verkehrtheit gelohnt! Du
+versäumest das Deine und bist eine Störung und Hinderung für Meister
+Ulrich obendrein. Fortan wirst Du besser in Zucht genommen werden und
+Meister Ulrich wird Dein ledig sein.«
+
+Wie ich das vernahm, da entfiel mir mein Herz; ich konnte nichts
+erwiedern; mir war’s, als würd’ ich aus dem Paradies verwiesen. Da
+aber ist Ulrich, mein lieber Meister, mein Engel worden, nicht der mit
+dem hauenden Schwerte, den Eingang zu wehren, sondern wie einer, der
+die Flügel um uns breitet, zu schirmen und zu erretten. Denn er trat
+herfür, wagt’ es und sprach:
+
+»Wollet verzeihen, Ew. Gnaden, aber der Diether hier ist mir nie keine
+Hinderung oder Störung gewesen noch hat er hier Müßiggangs gepflogen
+oder Possenspiels. In dem Anzug, der Euch so befremdet, steht er wohl
+mit Fug hier; denn wer beim Malen ist, sollte dem solch Kleid nicht
+ziemen? Läßt es gleich bunt und scheckig, so bezeugt’s damit die
+Arbeit, so drin gethan wird. Und glaubt mir, Euch und dem Kloster
+macht die Kunst keine Schand’, die in Diether ist. – Seht hier!«
+
+Damit zeigte er dem Abt etliche Zeichnungen von mir, die bei der Hand
+waren. Der nahm sie mit großem Erstaunen und seine Augen glänzten, wie
+er die Blätter prüfte.
+
+»Das hat Diether gemacht; das hat Diether gemacht?« fragt’ er immer
+wieder.
+
+»Ja!« sagte Ulrich, »all’ das hat Diether gemacht und, ich sag’
+Euch, er wird noch ganz Anderes machen Euch zum Erstaunen, wenn Ihr
+ihn bei mir laßt, daß er mein Schüler sei, so lang ich hier bin.«
+
+»So nehmt ihn, nehmt ihn immer, lieber Meister!« rief der Abt ganz
+freudig. »Sünde war’s, solche Gottesgabe zu unterdrücken. Diether, nun
+magst Du doch noch unseres Klosters Zierde werden; halt Dich recht und
+nimm Deines Meisters Lehren Dich an! Wie es forthin mit Deinen
+gelehrten Studien zu halten sein wird, das wollen wir mit Magister
+Berthold des Weiteren besprechen; aber nun mach’ Dich wieder an Deine
+Arbeit! – Ei, Meister, Ihr habt wacker geschafft die letzten Tage.
+Und wie das leuchtet und lebt!« fuhr er fort, während er wieder
+hinaufstieg.
+
+Darauf giengen sie hinweg und wie sie an der Treppe waren, hört’ ich
+den Abt noch sagen: »Bruder Berthold, nun wachsen ihm doch noch die
+Flügel, aber andere, als wir dachten. Wir können’s nicht wehren,
+wollen’s auch nicht. Wenn Meister Ulrich Recht hätte! Eine Zierde des
+Klosters! Ich hofft’ es immer!«
+
+Als sie hinaus waren, da sagte mein Meister: »So bist Du denn,
+Diether, des Malerordens heut wirklich ein Jünger worden. Gott gnade
+Dir dazu und alle Heiligen. Und zum guten Anfang wollen wir heut Abend
+beim Klostermeier nach Gebühr in Elsinger einen Trunk thun!«
+
+Aber Magister Berthold bracht’ es auf, daß sie mich von diesem Tage
+her scherzweise nur nannten: _Pencillatus_, d. i. Pinselheld.
+
+So war ich nun Ulrich’s Schüler und blieb es, so lang er bei uns war.
+Das dauerte noch ganze zwei Jahre. Da zog er von dannen nach Speyer,
+wohin Bischof Gebhard ihn gerufen, allda im Dom zu malen. Sein
+Abschied geschah von uns mit großen Ehren und der Abt, der sehr wohl
+mit all’ seinen Werken zufrieden war, lohnte ihm reichlich. Mir aber
+gieng am meisten sein Scheiden nah, und als ich ihn bis zur
+Klostermühle am Teich drüben geleitet hatte, mochte ich noch nicht
+umkehren. Er aber sprach:
+
+»Diether, laß genug hier sein! Gott stärk’ Dich in all’ Deiner
+Kunst, wie Du meine Freude gewesen bist diese ganze Zeit.«
+
+»Gott laß’ Euch immer fröhlich leben!« sagt’ ich.
+
+Drauf gaben wir uns die Hände, rissen uns von einander und Keiner sah
+hinter sich.
+
+
+
+
+Zweites Capitel.
+
+Ausfahrt.
+
+
+Seitdem mein Meister von uns geschieden war, mochte ein Jahr vergangen
+sein. Die Zeit kam heran, da ich sollte das Gelübd’ ablegen für unsern
+Convent. Mich bewegte das nicht sonderlich, denn ich wußt’s nicht
+anders von Kindesbeinen an, als daß ich ein Mönch von St. Bernards
+Orden werden sollte. Mir war’s weder lieb noch leid, wenigstens
+glaubt’ ich’s so. Inzwischen hatte ich meine Kunst fleißig geübt und
+mit dem Vermögen dazu war die Lust daran größer geworden. Damit mein’
+ich gar nicht, daß ich immer fröhlich gewesen wäre und guter Dinge von
+ihretwegen, sondern oft machte sie mir einen sorgenhaften Sinn, als
+wär’ ich ihrer nicht werth und wäre Gott nicht dankbar genug für ihre
+Gunst, die er mir zugewandt. Dazu machte sie mir die Einsamkeit lieb,
+denn ich hatte keinen Genossen bei meiner Arbeit, und so sucht’ ich
+denn oft allein zu sein, auch wann ich Gesellschaft hätte haben
+können. Denn da konnt’ ich am besten den Gedanken nachhängen, die mit
+leuchtenden und glänzenden Farben und himmlischen heiligen Gestalten
+in meiner Seele aufstiegen, daß ich mich von Herzen daran erlabte und
+ergetzte. So war ich denn um die Zeit des Lebens, wo die Kraft und
+Lust der Jugend besonders laut zu werden pflegt, vielmehr stiller und
+in mich gekehrter worden, denn zuvor. Sie merkten das im Kloster und
+sagten: das wäre die Melancholia. Ich lachte ganz fröhlich dazu, denn
+ich wußt’ es besser.
+
+Die heiligen Ostertage waren vorüber. Mit ihnen war der erste Frühling
+in’s Land gekommen. Der letzte Schnee war zergangen, und in den hellen
+Strahlen der Sonne lächelte die Erde, wie ein erwachendes Kind die
+Mutter anlacht, das sich die Wangen roth geschlafen hat. Von den
+Äckern wehte der frische Erdgeruch, die Wiesen überzogen sich mit
+jungem Grün und aus den Nußbäumen drüben pfiffen Abends und Morgens
+mit lustigem Gelärme die heimgekehrten Staaren. Mit einem Wort: Es war
+just so, wie es alle Jahr’ ist, seit der Herr zu Noah gesprochen: es
+soll nicht aufhören Sommer und Winter, und hat einen Bund darüber
+gemacht. Aber mir sind jene ersten Frühlingstage aus sonderlicher
+Ursach in Erinnerung geblieben.
+
+Denn an einem solchen Tage war ich mit Lust seit langer Zeit zum
+ersten Male durch Feld und Wald gestreift und kam heim mit frischem
+Muth, als wäre meine Brust weiter worden von der Frühlingsluft, die
+sie geschöpft, und schlüge mein Herz höher darin. Und doch wollt’s mir
+mit dem Malen nicht vorwärts rücken, als ich mich an das Bild machte,
+das ich vor hatte. Das war im Brüderchor rechts über den Gefühlen, wo
+mir der Abt eine gar große Arbeit zugewiesen. Ich sollt’ ihm da
+schildern an der Wand den engelischen Gruß, die Anbetung der heiligen
+drei Könige und die Darstellung im Tempel, wie es jetzt Alles zu sehen
+ist. Dazumal war ich mit der Verkündigung, die Unserer lieben Frau
+geschieht, kaum über den Anfang hinaus, und weil ich die heilige
+Jungfrau recht in die Maienwonne hineinsetzen wollte, so hatt’ ich
+mich, wenn in den kurzen Wintertagen des Bildes Entwurf mir gar nicht
+zu Gefallen gerieth, immer auf den Lenz vertröstet, der sollte Leben
+schaffen draußen in der Welt und hier auf dem Bilde. Nun hatt’ ich ja
+seinen Gruß empfangen und griff meine Arbeit mit allem Eifer an. Aber
+meine Gedanken hafteten nicht daran.
+
+»Es hat keinen Segen heut«, sprach ich da zu mir selbst, legte den
+Pinsel weg und setzte mich vor den Lettner in’s Gestühl.
+
+Ich war wohl müde vom ungewohnten Gange, den ich im Freien gethan, und
+so schlief ich ein. Da träumte mir, ich wandelte durch ein lieblich
+Wiesenthal, allwo die Blumen im Morgenthau glänzten, und die Bäume
+rauschten über dem Bach, der hart am Wege dahinfloß. Wie ich voll
+Freude fürder schritt, sah ich vor mir einen seltsamen Wandersmann des
+Weges ziehen. Sein Kleid war schneeweiß, seine Gestalt hoch, und wie
+golden wehte sein Gelock im Morgenwinde. Ich eilte ihm nach und bot
+ihm höfischen Gruß. Jung und holdselig war das Angesicht, das er mir
+zuwandte. Er dankte mir meinen Gruß gar freundlich, doch wagt’ ich
+nicht, weiter ihn anzureden, so hochgemuth und feierlich war seine
+Miene. Er aber erkannte mein Begehren und sagte: »Ich kenne Dich wohl,
+Diether, aber Dein Weggeselle kann ich nicht sein; denn ich muß meines
+Herrn Gebot eilend thun.«
+
+Da sagt’ ich: »Das muß ein reicher und milder Herr sein, der solche
+Boten sendet; und selig mag wohl sein, wem von Euch Botschaft wird.«
+
+»Du findest mich auch wohl wieder«, versetzte er, »wenn Du hier auf
+diesem Wege beharrst; denn das ist die Straße, die ich ziehe in
+Maientagen.«
+
+Darauf verschwand er vor meinen Augen, als flög’ er hinweg, und ich
+betete an zur Erde; denn ich merkte, daß es ein Engel gewesen war, der
+Gott an einem seiner Heiligen dienen wollte. Ich beschloß, da zu
+harren, bis er wiederkehrte, um ihn dann zu bitten, daß er mich segnen
+möchte. So setzt’ ich mich nieder an des Baches Rand. Aber der fieng
+an zu brausen und zu wallen von den Bergen her und stieg und trieb
+mich hinweg. Er ward zum reißenden Strome, drin alle Blumen ertranken,
+und sein Gischt verhüllte die Sonne. Ich schrie: »Wehe!« und entlief,
+denn wie verderbliche Lindwürmer drangen die Wellen hinter mir her.
+
+Die Angst weckte mich auf. Ich war nicht mehr allein. Der Abt stund
+vor mir. Ich wollt’ eilig aufstehen vor ihm. Aber er hieß mich sitzen
+bleiben, ließ sich neben mich in den nächsten Chorstuhl und redete
+mich ganz freundlich an:
+
+»Diether«, sprach er, »ich sehe, Dir will’s nicht mehr von der Hand
+gehen mit Deiner Kunst, wie bisher. Ich glaub’ wohl, daß nicht
+Trägheit daran Schuld ist. Denn Fleiß allein thut’s nicht bei so edlem
+Werk. Der Wille ist da, aber Seele und Sinn wollen nicht mit der alten
+Lust dahin, und wo die nicht gefüge sind, müssen wohl auch die Hände
+feiern. Denn gezwungen gedeiht solche Gotteswirkung nicht. Nun hör’
+ich, merk’ es auch selbst zum Theil, daß Deine vorige Munterkeit
+verschwunden und Du der Einsamkeit und des Sinnirens ein Liebhaber
+worden bist. Wohl ziemt sich Dir ein ernster Sinn, und heilige
+Betrachtung schickt sich für Dich, da Du bald dem Convent Dich für
+immer geloben sollst. Aber weil ein Jeglicher dem Orden und der Kirche
+mit der Gabe dienen muß, die er von Gott empfangen hat, so müssen wir
+bedacht sein, Dich in Deiner Kunst zu fördern.«
+
+»Wohlan, Diether«, fuhr er fort, »fast ist mir’s lieb, daß Du mit
+Deinem Bilde da nicht weiter gekommen bist, wie ich sehe. Denn heut’
+hab’ ich Nachricht empfangen aus Speyer, daß dahin zum Bischof ein
+sonderlich köstliches Bild aus Welschland gebracht worden ist, darauf
+die gebenedeite Gottesmutter so preislich und herrlich gemalt ist, wie
+man ihres Gleichen noch nicht gesehen hat in deutschen Landen. Das
+wäre nun ein löblich und rühmlich Ding und eine rechte Freude für
+mich, wenn wir davon ein Conterfei hätten hier bei uns. Darum hab’ ich
+gleich an Dich gedacht, daß Du gen Speyer ziehest mit Briefen von mir,
+dort vom Bild eine Copey nehmest und dieselbe Gestalt der heiligen
+Jungfrau gebest hier auf Deinem Bilde. Da wirst Du zugleich Dein Auge
+an vielen andern Werken Deiner Kunst weiden können, und ich bin gewiß,
+Du kommst mit erneuerter Lust und erhöhter Kraft zurück. Daß ich Dich
+aber in die Welt allein hinauslasse, die Du bisher noch weiter nicht
+gesehen als eine Meile um’s Kloster, das zeigt Dir, ein wie groß
+Vertrauen ich zu Dir trage, daß Du beständig im Herzen haben wirst,
+wie Du zu Gottes und Deines Klosters Ehre diese Fahrt thust. Und
+weil’s Dir«, setzte er lächelnd hinzu, »mit Stift und Pinsel nicht
+mehr recht vorwärts will diese letzte Zeit, so mögen Wald und Feld und
+Wiese und Flur Dir vielleicht nützer sein, Dich zu unterweisen, wenn
+Du ziehest, wie auch St. Bernard gesagt hat: die Bücher, aus denen er
+das Beste gelernet, seien die Bäume des Waldes.«
+
+Während er so sprach, wußt’ ich selbst nicht, was ich denken sollte.
+Der Traum, den ich geträumt, stund vor meiner Seele lieblich und
+zugleich schrecklich, als lockt’ er und drohte auch zugleich. Aus dem
+Kloster in die Welt hinaus hatte ich nie ein Verlangen gehabt, auch
+die letzte Zeit keine Wanderlust, wie der Abt zu denken schien. Mich
+wirrte die unerwartete Aussicht. Fast hätt’ ich den Abt gebeten, mich
+daheim zu lassen. Aber ich schämte mich dessen, weil es feigen und
+stumpfen Sinn verrathen hätte. Und so sagt’ ich bloß, als er geendet:
+
+»Hochwürdiger Vater, ich will Euch gern gehorsamen in allen Stücken.«
+
+»Ei, Diether«, rief er und klopfte mich auf die Schulter, »das ist für
+Deinen Gehorsam wohl kein zu schweres Stück, das ich Dir auflege. Ich
+wüßte Manchen im Convent, der thät es übergerne an Deiner Statt.« –
+
+Darauf gebot er mir, mich zu rüsten und nach der Vesper zu ihm zu
+kommen. Da wollt’ er mir Briefe und Vollmacht geben und weitere
+Anweisung. »Denn morgen in der Frühe«, sagt’ er, »sollst Du von
+dannen, und um die Pfingstzeit bist Du wieder da durch Gottes unsers
+Heilands Gnade.«
+
+Darauf reicht’ er mir die Hand und gieng.
+
+So schritt ich denn am anderen Morgen ganz früh wegfertig über den
+Klosterhof, nachdem ich Abends zuvor von Allen Abschied genommen
+hatte. Aber Mancher kam mir nach, mir zur Letze nochmal die Hand zu
+drücken. Am Bronnen blieb ich stehen und sagte: »Laßt mich hier noch
+einmal aus diesem guten Quell, dessen Rauschen und Plätschern ich so
+oft mit Freuden betrachtet, mit meinem Reisebecher schöpfen, und wer
+mit mir wünscht, daß ich ihn fröhlich wieder mit Euch trinke, wenn ich
+heim bin, der thue mir Bescheid!«
+
+Da trat Rigbold heran, der Bruder Kellermeister, und sagte: »Das ist
+nicht Brauch, Diether, mit Wasser sich zuzutrinken. Hier hab’ ich
+Besseres, Dein Glas zu füllen, Liebfrauenmilch, geschöpft zu Worms am
+Rheine. Du sollst den Wein haben zur Labe auf Deiner Fahrt.« Da
+schenkt’ ich ein, weil sie so wollten, und auch sie thaten einen Zug
+und »Gott gesegn’es!« wünschten wir einander dabei. Darnach that mir
+der Pförtner auf; ich gieng über die Brücke am Thor und war im Freien.
+
+Rüstig stieg ich den Weg hinan, der gen Mitternacht aufwärts führt.
+Es war noch dunkel und dämmerte kaum. Als ich oben auf der Höh’ war,
+hatt’ es sich genug erhellt, daß ich rings umschauen konnte. Ich
+wandte mich und sah das Kloster liegen im Thal, wie ich es zu
+tausend Malen von hier aus betrachtet hatte. Nun lag doch die weite
+Welt vor mir, und dennoch war mir’s weh um’s Herz, als ob’s mich
+zurück sehnte. Die ersten Strahlen der Morgensonne trafen da das
+Kirchdach und der Wind trug das Geläut herüber, das zur Matutine
+rief. Mir war’s, als kläng’ es anders wie sonst, lauter,
+feierlicher, und als wüßten die Glocken, daß ich hier oben stünd’,
+und wollten mir auch einen Gottessegen herübertönen zum Abschied. Da
+sprach ich das Benedictus im Stillen mit, winkte noch einmal hinab
+und zog landein.
+
+Ich schritt tapfer aus. Im ersten Dorf, durch das ich kam, zogen
+die Leute eben zur Arbeit auf’s Feld. »Sie haben Alle ihr besonderes
+Tagewerk«, dacht’ ich da, »meines ist heute das Wandern.« Mit dem
+erwachten Tage wuchs auch meine Wanderlust. Ich hatte meine Freude
+an Allem, was ich hört’ und sah, und fühlte mich gar nicht einsam.
+Die hellen Wolken, die über mir herzogen, die Finken, die von den
+Bäumen am Wege, die Ammern, die aus dem Wald her riefen, die ersten
+Blumen am Rain, die ich mir zum Sträußlein pflückte, boten mir
+Gesellschaft genug. Der Laubwald schimmerte im ersten, jungen Grün,
+als hienge ein zarter Schleier über dem Gezweig. Da hindurch
+spielten die Sonnenstrahlen gar lieblich, denn es war ein heiterer,
+wonnesamer Frühlingstag.
+
+Gegen den Mittag kam ich in ein Waldgebirge, wo der Weg in
+Krümmungen an der Seite der Berge sich hinzog. Unten brauste ein
+Wasser; aber nur zuweilen sah ich’s durch das dunkle Grün der Bäume
+hervorblitzen. Denn dicht und ragend stunden die Tannen rings umher,
+so daß sie, wo der Weg eng war, schier ein Dach über mich bauten mit
+ihren Wipfeln. Die Sonne war im Mittag, und ich hätte hier gerne
+gerastet, mein Mahl zu halten. Schon gedacht’ ich, dazu
+niederzusitzen, als ich vor mir nicht gar ferne Stimmen hörte. Bald
+darauf ward ich eines Weibes ansichtig, das auf dem Arm ein Kindlein
+trug, und ein anderes führte sie an der Hand. Das weinte sehr und
+wollte sich gar nicht beschwichtigen lassen. Da eilt’ ich hinzu,
+grüßte und fragte das Weib, aus was Ursach’ das Mägdlein weinte und
+ob ich ihr helfen könnte. Da sagte sie: »’S ist mein Töchterlein,
+lieber Gesell, Else heißt sie und büßt jetzo ihren Willen. Da
+seitwärts hinunter steht unsere Hütte, und ich gehe jetzt hinauf
+dorthin, wo Ihr den Rauch aufsteigen sehet. Der kommt von einem
+Meiler; da ist mein Mann, der brennt Kohlen dorten für den gnädigen
+Herrn, deß wir eigen sind. Es ist ein beschwerlicher Weg dahin; aber
+Else wollt’ nicht daheim bleiben; sie hat müssen mitgenommen sein.
+Ich hab’s ihr zuvor gesagt, daß ich sie nicht tragen könnt’, wenn
+sie müd’ würde, weil ich das Büblein da auf dem Arm hab’. – Bist
+still, Kind, sonst kommst Du nimmer mit zu Deinem Vater.« Da nahm
+ich die Kleine auf meinen Arm, redete ihr freundlich zu und hatte
+sie bald so zutraulich, daß sie des Weinens und aller Furcht vergaß
+und freundlich mich anlachte.
+
+»Ihr versteht’s, Euch die Kinder zu befreunden«, sagte das Weib, »denn
+sonst geht Elslein ihrer Mutter nicht von der Hand im Angesicht eines
+Fremden. Das Kind kommt gar selten unter die Leute.«
+
+»So gehören wir wohl zusammen, Elslein«, rief ich ganz fröhlich, »denn
+auch ich bin fremder Gesellschaft ungewohnt; und daß Du mich magst,
+thut mir gar wohl!«
+
+»Ja, mit Fug«, sagte die Frau, »denn Kinderlachen bringt Glück, und so
+mag Euch auch wohl gerathen, was Ihr vorhabt.«
+
+Nicht lange waren wir unter solchen Gesprächen vorwärts geschritten,
+so kamen wir an eine Rodung, wo die Meiler dampften. Kaum hatte das
+Kind den Vater erschaut, so mußt ich’s vom Arme lassen, und lustig
+sprang es dem Köhler entgegen. Da gab’s zwischen den Leuten ein
+freudiges Grüßen. Sie hielten das Mahl zusammen, ich setzte mich auch
+dazu und wir theilten einander mit, was wir hatten. Sie sprachen von
+ihrem Heimwesen, von ihren Sorgen, denn sie waren gar arm, und von
+ihren Kindern. Ich hört’ ihnen stille zu, denn wir waren das Alles
+fremde Dinge. Aber wie traurig auch Manches war, was sie sprachen; ich
+hätte sie nicht besser trösten können, wie sie selbst einander ihre
+Last erleichterten durch die Herzlichkeit ihrer Rede. Und wie, nachdem
+das Gratias gesprochen war, der Mann die Kinder beide auf seine Kniee
+nahm, und sie ihn liebkosten, auch das Elslein nicht von ihm ließ, so
+geschwärzt und rauh er aussah, und mir öftermals zurief: »Seht, das
+ist mein Vater lieb!« da wußt’ ich nicht, sollt’ ich den armen Mann
+oder die Kinder für glücklicher halten, und zum ersten Mal in meinem
+Leben fragt’ ich mich, ob ich wohl auch je von Mutter oder Vater so
+gekoset worden wäre oder mit ihnen gekost hätte, und ich wünschte, es
+möchte geschehen sein, ob ich auch deß nicht mehr gedenken könnte, und
+die Hände, die mich gestreichelt, eben so arbeitshart gewesen wären,
+wie dieser Eltern ihre.
+
+»Nehmt’s nicht für ungut«, sagte der Köhler, wie er mich so
+schweigend sitzen sah, »daß ich Euch versäume. Ich sehe meine
+Herzkinder selten, und so denken sie, es muß so sein.«
+
+»Gott helf Euch«, sprach ich da, »daß Ihr sie immer so in Freuden
+sehet, und lasse sie Euch und Eurem Weibe zur Freude gesetzt sein all’
+Euer Leben lang.« Darnach gesegnet’ ich sie, denn ich wollte weiter
+ziehen, und auch Elslein reichte mir ihre Hand, sagte: »Wohlauf zur
+Fahrt!« und lachte mir fröhlich zu.
+
+Oft noch beim Weitergehen sah ich zurück nach dem Weibe und dem Manne
+mit den Kindern auf seinen Knieen, und wie ich sie nicht mehr
+erschauen konnte, tönte doch des Mägdleins Lachen mir im Herzen nach
+hell und lieblich, wie eines silbernen Glöckleins Klingen beim
+heiligen Amt, und ich sagte zu mir: »Wohlan, Diether, Kinderlachen
+bringt Glück!«
+
+Das war mir einsamem Wandersmann, wie es schien, an diesem Tage
+nicht beschieden. Denn gegen Abend zog ein Wetter herauf mit einem
+Sturmwind, der die gewaltigen Bäume schier zu entwurzeln drohte. Der
+Himmel überzog sich mit finstern Wolken und schwere Regentropfen
+fielen hernieder. Ich beschleunigte meine Schritte, weil das Kloster
+von Thüngen, welches unseres Ordens ist und wo ich die Nacht
+herbergen wollte, nicht mehr ferne sein konnte. Aber in dem wilden
+Gebirg’ verlor ich den rechten Weg. Ich hatte deß eine ganze Meile
+gar nicht Acht, weil ich so in Hast lief; denn ein wüst Gewitter war
+losgebrochen. Die Blitze flammten durch den dunkeln Wald und die
+Donnerschläge hallten brüllend von den Bergen wieder. Dazu goß der
+Regen in Strömen, daß auch die Tannen mit ihrem dichten Gezweig kein
+Schirmdach mehr boten und ich über und über durchnäßt war. Doch
+fragt’ ich wenig darnach; denn wie ich merkte, daß ich irre
+gegangen, das schuf mir größere Sorge. Ich war auf einen Weg
+gerathen, der Anfangs abwärts führte, aber allgemach und in gleicher
+Richtung wie der, auf dem ich bisher gezogen. Dann aber lenkt’ er
+mich steiler hinab an das Waldwasser und an dessen Rand entlang in
+ein Thal, das sich in mancherlei Biegungen immer mehr verengte. Da
+war meine Wanderung beschwerlich und voll Mühsal und ich däuchte
+mich gar verlassen in dieser Wildniß. Dazu des Gewitters Zorn und
+des Wassers Getose! »Hilf Gott«, sprach ich, »wo soll ich rasten bei
+solchem Wetter in der Einöde, wenn die Nacht kommt?« Und ich dachte
+an das Vespergeläut im Kloster, das alle Abend’ die Brüder in
+Frieden zu Ruhe und Schutz zusammenruft.
+
+Aber horch! war’s da nicht wirklich wie ein Läuten durch den Wald?
+Jetzt vernahm ich’s wieder; ich täuschte mich nicht. Wie mir das
+tröstlich und lockend erscholl! Ich förderte meine Schritte, und bald
+öffnete sich vor mir das Thal zu einer freien Halde.
+
+Die Berge traten zurück wie in einen Kreis, und an dem Abhang des
+einen stund freundlich winkend ein Waldkirchlein, von dem das Läuten
+kam. Ich fand bald den Weg, der dahin führte. Wie ich ihn
+eingeschlagen hatte, ließ allgemach das Unwetter nach. Der Donner
+verstummte, der Sturm legte sich und sanft fiel der Regen. Auf einem
+Felsenvorsprung in halber Höhe des Bergabhanges sah ich das Kirchlein
+vor mir.
+
+Zu seinen Füßen, seitwärts des Pfades, der hinaufleitete, ward eine
+Klause sichtbar, von Holz erbaut, deren niederes Dach nur wenig aus
+dem Gestein hervorlugte, an das sie sich lehnte. Ein Wässerlein
+plätscherte von der Höhe daran vorbei und ergoß sich in Sprüngen auf
+die Waldwiese, auf die das Blockhaus niedersah. Wie ich emporklomm,
+strahlte das Thürmlein der Kirche, darin die Glocke hieng, im rothen
+Schein der untergehenden Sonne, und darüber hin wölbte sich gegen
+Morgen schimmernd und feierlich ein Regenbogen. Ich hielt meine
+Schritte an und freute mich des lieblichen Scheideblickes, mit dem der
+Tag zu Ruhe gieng. Wie ich so stund, vernahm ich von der Klause her
+die Klänge einer Laute und dazu die sanft schwebende Weise dieses
+Liedes:
+
+ Es liegt die Welt mit ihrem Glücke,
+ Ein fernes Eiland, hinter mir,
+ Und keine Fähre, keine Brücke,
+ Trägt jemals mich zurück zu ihr.
+
+ Ein ander Ziel hab’ ich erlesen,
+ Deß Bild die Seele fest umschlingt.
+ Wie wird mein trübes Aug’ genesen,
+ Wenn die ersehnte Küste winkt!
+
+ Schon rauscht der Kiel, die Segel blühen,
+ An’s Steuer denn mit fester Hand,
+ Laß Stürme brausen, Blitze sprühen,
+ Doch endlich, Herr, mich rufen: Land!
+
+Mir klang das Lied seltsam und fremd, voll Schwermuth und Freudigkeit,
+voll Sehnsucht und Zuversicht. Aber es schien mir schön zu stimmen zu
+dem heiteren Abend nach all’ dem Sturm und bösen Wetter, und ich
+dachte: »Das kann nur das Land der zukünftigen Seligkeit, die
+himmlische Heimath, sein, darnach das Lied Verlangen trägt, und es ist
+wohl ein fromm Herz, welches zu solchen Gedanken erweckt wird durch
+den Bogen Gottes.«
+
+So gieng ich mit gutem Vertrauen auf die Klause zu.
+
+Aber ich ward fast entmuthigt, als ich ihren Bewohner ersah, der
+unter der offenen Thür stund. Es war ein greiser Mann von gewaltigem
+Wuchs, bekleidet mit einem Mantel von grobem Zeug, den ein Strick
+zusammenhielt; unten sahen die Füße bloß hervor. Sein Haupt war
+mächtig und von breiter Stirn; unter den überhangenden Brauen blickten
+lebhaft die blauen Augen. Die Nase war vorspringend und gebogen, der
+Mund von festen entschlossenen Lippen und sein Angesicht tief
+gefurcht, als stünde da manch Geheimniß früherer Jahre geschrieben.
+Ich merkte wohl, wie mein Anblick ihm wenig willkommen war; denn
+forschend sah er mich an und bewegte sich nicht von der Stelle.
+
+»Ehrwürdiger«, redete ich ihn an, »ein wegmüder Wandersmann, der in
+die Irre gerathen ist, spricht Euch um Obdach an für diese Nacht.
+Wollet ihm solche Bitte um Gottes Lohn nicht versagen!«
+
+»Das da droben«, antwortete er, »ist St. Wigbert’s Kirchlein, und die
+ihm da in Andacht dienen wollen, denen helf’ ich dazu und geleite sie.
+Aber zu herbergen ist meines Amtes und meiner Neigung nicht.«
+
+»So verdienet an mir«, sprach ich, »St. Wigbert’s Fürsprach, in
+dessen Bann und Schutz ich ohne meinen Willen geführt worden bin
+durch des reichen Gottes Güte.«
+
+»Du redest wie ein Pfaff«, sagt’ er darauf, »und nach Deinem Kleid
+möcht’ man Dich für einen Mönch halten; aber Dein Haar fällt Dir lang
+auf die Schultern, und Dein Auge blickt frei umher, als wär’s nicht
+eben gewohnt, sich demüthig zu senken. Die falsche Welt liebt sich
+Gevögel mit allerlei Federn, auch wohl mit falschen, und sie ist weit
+genug dazu.«
+
+Da sagt’ ich: »Ihr vertraut mir nun viel oder wenig, so will ich Euch
+doch treulich berichten, wie es um meinen Weg steht, den ich ziehe«,
+und so erzählt’ ich ihm, von wannen ich käme und wozu der Abt mich
+ausgesandt hätte.
+
+»Dein Abt ist ein Narr«, rief er mir da zu, »Dich so jung und
+unbehütet um solches Tandes willen aus dem Kloster zu stoßen, kurz ehe
+Du gemöncht werden sollst, und weiß nicht, was er thut. Dort die
+Stufen hinan ist eine Kluft, wohlverwahrt, und reichlich Moos zum
+Lager darin, wo die Pilger zu rasten pflegen nach der Wallfahrt. Da
+lagere Dich. Denn in meiner Zelle geht’s nicht an, ich habe mir jede
+Gesellschaft widersagt für immer. Sogleich komm’ ich nach.«
+
+»Daß Ihr meinen Abt scheltet und meine Kunst verachtet, das thut Ihr
+ohne meinen Dank,« antwortet’ ich gekränkt. »Aber ich bin müde und
+will die Ruhe suchen, die Ihr mir erbietet.«
+
+Darauf wandt’ ich mich, zu gehen. Doch er kam mir nach und ergriff
+meine Hand, indem er sagte: »Nu, nu, Junker Hochgemuth! Deine Kunst
+bleibt unverachtet. Komm denn hinein zu mir, bist ja ganz kläglich
+zugerichtet vom Wetter. Aber Dein Abt ist ein Narr! – ich sag’s,
+Brun, St. Wigbert’s Meßknecht und Einsiedel.«
+
+Mir fiel es auf, als ich an seiner Seite gieng und er so redete, wie
+freundlich der Klang seiner Stimme ward und wie mild sein Angesicht
+drein sah gegen vorhin.
+
+Der Raum seiner Klause, in die wir traten, war niedrig und eng. Sie
+hatte außer der Thüre nur eine kleine Fensteröffnung zu Luft und
+Licht. Schmucklos waren die Wände aus rohen Balken aufgerichtet: nur
+über der Thür ein Crucifix und zwischen ihr und dem Fenster, das in
+der schmalen Seitenwand angebracht war, unter einem hölzernen
+Überdach das geschnitzte Bild unserer lieben Frau mit dem Schwert im
+Herzen. Vor demselben stund ein eichener Tisch, kunstlos zugehauen und
+ein Baumstumpf als Sitzschemel. Die dem Eingang gegenüberliegende Wand
+der Hütte ward vom Gestein gebildet, das senkrecht abfiel. Darin war
+eine Höhlung zu sehen, die zum Herde diente mit einem Sims, darauf
+weniges Kochgeräth stand. Unten davor lag Holz bereit. Die Hälfte aber
+dieser Felsenwand wich zurück zu einer Nische, die ganz schicklich als
+eine Kemenate zur Lagerstatt gelten konnte. Sie verengte sich nach
+hinten und schien tief in das Gestein hineinzudringen. So leicht das
+Alles zu übersehen war, so konnt’ ich’s doch nur mit Mühe wahrnehmen;
+denn das Abendroth, welches zum Fenster hineinblickte, war im
+Versinken, und der Raum fast dunkel.
+
+Aber bald lenkte mein Wirth mein ganzes Aufmerken auf sich und sein
+Thun. Er tummelte sich geschäftig wie ein Schaffner für mich, und je
+rauher zuweilen seine Rede war, um so sorgsamer mühte er sich.
+
+»Setz’ Dich da, Meister Irregang«, sagte er halb spottend, halb
+ernstlich, indem er in die glimmenden Herdkohlen blies und dürres
+Reisig darüber legte, »setz’ Dich da auf den Klotz, der mir Bank,
+Stuhl und Schemel zugleich ist. Weiß nicht, welches Sitzes Du in
+Deinem Convent gewohnt bist; hätt’st Dir wohl einen weicheren
+gegönnt zur Rast. – Doch nein!« fuhr er nach kurzer Weile fort, als
+das helle Feuer knisternd zu flackern anhub, »nein, junges Blut!
+rück’ hier heran an die Herdwärme. Denn es läßt, als ob Dich’s
+fröre. – Heilige Mutter Gottes, wie bist Du durchnäßt! Hab’s gar
+nicht so bemerkt, welche Unbilden Dir zartem Knaben das Unwetter
+gethan hat. Wart’, wie Brun Dein pflegen wird.«
+
+Damit gieng er nach hinten und brachte mir von dort trockne Kleider.
+Er war mir selbst behilflich, mein naß Zeug abzuziehen, hängt’ es
+seitwärts gegen den Herd, half mir in’s trockene Gewand und breitete
+mir möglichst nah dem Herde, von Moos und mit Hilfe von wollenen
+Decken, die er hervorholte, in der Nische, wo er seine Lagerstatt
+hatte, ein Pfühl, darauf ich meine ermatteten Glieder gar gemächlich
+ausstrecken konnte.
+
+Ich dankt’ ihm für all’ seine Lieb’; ich fühlte, wie wohl sie mir
+that. »Ja,« sagte er, indem er mir mit Wein, den er vorgelangt hatte,
+meine brennenden Füße wusch, »das glaub’ ich gern, daß dem Täublein
+nun sanfter ist; mit all’ seiner Kunst und des Abts Vollmachten dazu
+sollt’ es sich wohl wenig trösten, wenn jetzt Brun nicht hinausgelangt
+und’s in seine Arche genommen hätte.«
+
+Daß er sich mit dem Erzvater Noah verglich, machte mich lachen; aber
+es gieng mir nicht von Herzen. Vielmehr fühlt’ ich, wie ich roth ward,
+weil seine Rede mich an die ungefüge Antwort erinnerte, mit der ich
+ihm draußen begegnet war. Sie that mir leid und ich sagt’ ihm das.
+
+»Wie heißest Du?« fragt’ er mich drauf und hängte den Kessel über
+dem Herdfeuer ein.
+
+»Diether, ehrwürdiger Vater.«
+
+»Wohlan, Diether, darum mach’ Dir keine Sorgen. Aber von Deinem Abt
+und Deiner Fahrt wollen wir hernach reden; da will ich auch an Dich
+eine Frage thun. Jetzo merk’ nur dies, daß ich Brun heiße, und so
+magst Du mich nennen. Das ist genug. Und nun gedenke des Mahles, denn
+es ist bereit.«
+
+Drauf legt’ er mir vor, was er hatte, Brot und Käs und von dem Brei,
+den er gekocht hatte, und ein wenig Wein. Während ich aß und trank,
+durft’ ich nicht sprechen, denn er hatte mir _Silentium_ auferlegt mit
+strenger Miene, als wären wir im Refectorium. Mir war sein Gebot ganz
+recht, und mit Lust und Eifer that ich der Mahlzeit Bescheid. Er sah
+mir freundlich und ermunternd zu und bedachte dabei das Feuer, das,
+den ganzen Raum angenehm erhellend und erwärmend, den felsigten Kamin
+hinaufschlug und den Schatten seiner Gestalt in wunderlichem Wechsel
+an die Wand malte.
+
+Als ich vollendet hatte, hieß er mich wieder meine vorige Lagerstätte
+einnehmen, that die Zurüstung des Mahles beiseit und setzte sich mir
+gegenüber an den Herd.
+
+»Diether«, sagt’ er da, »warum kam Dir vorhin das Lachen an?«
+
+Ich ward ob der Frage verlegen, und zögernd erwiederte ich: »Wenn Ihr
+die Wahrheit zu wissen begehrt, ehrwürdiger Vater« –
+
+»Brun heiß ich,« unterbrach er mich ungeduldig.
+
+»Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen begehrt, Brun: es geschah, weil Ihr
+Eure Klause hier der Arche Noä verglicht und mich mit dem Täublein,
+das der Erzvater hineinnahm.«
+
+»Und warum that denn dem Thierlein der Einlaß in den Kasten noth?«
+fragt’ er eindringlich.
+
+»Weil draußen die Wasser der Sintfluth allum es bedrohten«, gab ich
+zur Antwort.
+
+»Wohlan, Diether«, sagt’ er eifrig darauf. »Was ist die Welt anders,
+als ein tiefes Meer des Verderbens, gleich gefährlich, ob’s den blauen
+Himmel spiegelt oder schäumt und braust, voll Untreue, Gewalt und
+Tücken? Und was hat Dein Abt anders gethan, als Dich hinausgescheucht
+wie einen Vogel, der nicht schwimmen kann, auf die weite See?«
+
+»Ihr seht wohl«, sagt’ ich bescheiden, »von Eurer Klause die Welt zu
+ungünstig an und urtheilet zu hart über sie, weil Ihr sie nicht
+genugsam kennet in Eurer Abgeschiedenheit.«
+
+»Hoho!« rief er, bitter lachend, »ich kenne sie nicht? Ich kenne sie
+nicht?« und sah in’s Feuer, als könnt’ ihm das gar etwas Anderes
+bezeugen. – »Du hast ihr Wesen wohl heut’ schon lieb gewonnen beim
+ersten Ausflug?« wandt’ er sich dann fragend an mich, »fühlst Dich
+schon wohl darin?«
+
+»Ich weiß darauf nicht zu antworten«, erwiedert’ ich, »aber Ihr thut,
+dünkt mich, zu viel, wenn Ihr die Welt schlecht nur der Untreue
+zeihet. Ich hab’ wohl befunden von ungefähr, daß sie auch der Treue
+die Probe hält.« Und so erzählt’ ich ihm mit Wärme, was ich von den
+armen Köhlerleuten heute gesehen hatte und wie sie durch ihre treue
+Liebe gegen einander so glücklich wären in aller Dürftigkeit. »Die
+hegen«, schloß ich, »gewiß kein Falsch gegen einander.«
+
+»Weißt Du das für gewiß?« fragt’ er wieder. »Hat ihre Treue schon
+die letzte Versuchung bestanden? Wenn die Noth bis zu Hunger und
+Blöße steigt; wenn Siechthum und Jammer Heimrecht gewonnen haben bei
+ihnen, wenn ihre Ehe zur klirrenden Kette geworden ist, welche ohne
+Hoffen Mann und Weib an die Marterbank des gemeinsamen Elends
+schmiedet und wenn die Kinder vergeblich Brot heischen, für Vater
+und Mutter unablässige Mahner ihrer Noth und Mehrer derselben: dann
+siehe zu, ob Ungeduld, Mißtrauen, Überdruß, die Unholde, der Lieb’
+und Treue noch nicht das letzte Herzblut ausgesogen haben. Ja, wenn
+dann noch Mann und Weib sich zum Trost da sind, die Kinder den
+Eltern zum Labsal der Liebe, zu Dank und Gehorsam, – dann magst Du
+sagen, sie haben Treue gehalten. Und bis dahin, und wenn sie noch
+alsdann und immerdar sie hielten«, fuhr er ergriffen fort, »wird sie
+ihnen doch zehn Tropfen Bitterniß einschenken neben einem Tröpflein
+Süße. Denn wo eine Quelle ist, daraus dem Menschen reine Wonne
+zufließen könnte, da leidet solches der Welt Lauf nicht und wirft
+Gift hinein. Vielleicht brennt Junker Schlapphahn schon morgen die
+Hütte nieder, bloß zur Kurzweil und aus Ärger, daß ihm ein Fang
+entgangen ist. Dann wird den Mann nicht sein eignes, aber seines
+Weibes und seiner Kinder Elend unglücklich machen, und das um so
+mehr, je treuer er sie liebt.«
+
+Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollt’
+er sich der Erregung, mit der er gesprochen hatte, entledigen. Darauf
+fügt’ er ruhiger hinzu: »Diether, ich bleib’ dabei, Dein Abt ist ein
+Unweiser, daß er Dich so unbesorgt in die Welt gesandt hat.«
+
+»Aber«, warf ich munter ein, »Brun, laßt die Welt so bös sein, wie sie
+mag. Was gilt mir das, der ich in ihr weder streiten, noch arbeiten,
+noch freien, noch ihres Theils sein will in keinerlei Weise, auch im
+Geringsten nicht ein Verlangen danach trage, als der ich dem Kloster
+von Kind an verlobt bin.«
+
+Da sah er mich ernst, fast schwermüthig an und sagte: »Diether, hör’
+nur zu! Wodurch die Welt die Leute schlimm macht und gottlos und
+unglücklich, das wohnet inwendig in eines jeglichen Menschen Herzen.
+Da schläft es und regt sich nicht, und er weiß nichts davon, bis die
+Welt es aufweckt und stärkt. Sie thut es mit gar lieblicher Stimme,
+denn Alles, was süß und sanft thut dem Herzen, was wonnig ist und
+holdselig, das nennt sie ihm mit Namen und verheißt es ihm. Aber wenn
+er dessen am frohsten zu werden gedenkt, dann muß er erfahren, daß sie
+auch das Verderben groß gezogen, das ihn um Fried’ und Freude bringt.
+Lang und schwer ist hernachmals der Weg zurück zu finden, und Mancher
+kommt um unterwegs. Darum ist’s besser, es bleibt Beides unerprobt,
+der Welt Lust und der Welt Leid, denn sie lohnet jenes mit diesem
+allzu hart, und recht erwogen, ist ihre Wonne ihres Wehes nicht
+werth.«
+
+Mir war’s, als seufzte er leise bei diesen Worten.
+
+»Nun denn«, sagt’ ich wie vorhin, »ich hab’ diesen Dingen noch wenig
+nachgesonnen, acht’s auch nicht für wohlgethan, denn sie helfen nur
+zur Herzensschwere, wie mich dünkt. Aber unter Gottes Schutz gedenke
+ich getrost gen Speyer zu ziehen, dort meine Sache zu beschicken und
+denselben Muth und Sinn heimzubringen, mit dem ich ausgezogen bin aus
+unserm Kloster.«
+
+»Du thätest besser«, sprach er, »so Du umkehrtest und ließest den Abt
+ohne das Conterfey. Du sagtest ihm, Deine Seele müßte Dir mehr gelten,
+als das Bild.«
+
+»Das würde mir übel stehen«, sagt’ ich fast unwillig, »und mich zum
+Gelächter machen im ganzen Convent.«
+
+»So will ich Dir noch einen Rath geben«, fuhr er fort, als wollt’ er
+mich durch Scherz begütigen, »sieh zu, daß Du ihn besser befolgst.
+Bleib hier und siedle bei St. Wigbert’s Kirchlein. Wir leben hier in
+Verborgenheit und edler Freiheit mit einander, bis Du mir mein Grab
+gräbst und mich hineinbettest. Wie? Du sagst nicht mit Freuden ja und
+mißkennest solche Ehre? So verbeut Dir Brun jede Ausrede und will, daß
+Du Dich auf’s Ohr legest und schlafest.«
+
+Damit stund er auf und achtete nicht weiter auf mich.
+
+Wirklich war ich so müde, daß sich meine Augen willig senkten und ich
+bald entschlief. Aber zu vielerlei und zu Neues hatte ich an diesem
+ersten Wandertage durchlebt, als daß mein Schlaf hätte traumlos sein
+können. Sonderlich des Alten eindrucksvolle Gestalt stund immer wieder
+mir vor der Seele; bald rauh, bald milde erschien er mir, wie ich ihn
+am Tage gesehen hatte. Zuletzt war mir’s, als führ’ ich mit ihm über
+ein strudelndes Wasser und er spräche zu mir: »Das ist die Welt!
+Willst Du sie kennen lernen, so spring hinein und wag’ es zu
+schwimmen.« Da warf er die Ruder weg, und unser Kahn tanzte in immer
+engeren Kreisen dem Abgrunde zu. Ich bat ihn flehentlich, mich und
+sich zu retten und wollte seine Knie’ umfassen. Im Schlaf mocht’ ich
+da wohl eine heftige Bewegung gemacht haben, denn ich erwachte. Doch
+wie! saß er da nicht noch immer an den letzten Gluthen des
+verglimmenden Feuers?
+
+Ich behielt den Anschein des Schlafens und sah ihm zu.
+
+Vor sich hatte er eine geöffnete Truhe, die er aus der Kluft
+hervorgeholt haben mochte, und mit Staunen sah ich, wie er daraus
+gestickte Zeuge, Schapel, Schleier, Spangen von großer Kostbarkeit
+hervorlangte. Nur für einen Augenblick kam mir der Gedanke, ich könnte
+in die Höhle eines Räubers gerathen sein. Denn das waren nicht die
+Blicke der Habgier, mit denen er die Kleinode betrachtete. Vielmehr
+drückte sich ein tiefer Gram aus in seinem Angesicht, wie er mit
+zögernden Händen ein Stück nach dem anderen herausnahm und sorglich
+wieder an seinen Ort legte. Endlich schien er gefunden zu haben, was
+er suchte. Es war ein Bündlein von vergilbten Blättern. Es mochten
+Handschriften oder Briefe sein; denn ich sah, wie er sich zu lesen
+anschickte. Aber reichte das Licht nicht zu oder waren seine Augen
+trübe, er ließ die Hand, welche das Blatt hielt, auf die Knie’ sinken.
+Da entfiel dem Papier etwas, wie eine verwelkte Rose. Hastig hub er
+sie auf, als wäre die arme Blume ein großer Schatz. Er sah sie lange
+an, öfters seufzend, und sein Haupt sank ihm tief auf die Brust. Da
+verlosch das Feuer, und das mildere Mondenlicht fiel durch das Fenster
+in die Zelle. Seine Strahlen umflossen den Regungslosen. »Er ist
+eingeschlafen«, dacht’ ich. Aber im flimmernden Mond blinkten
+reichliche Thränen die Furchen seiner Wangen hinab in seinen Bart, und
+was ich anfangs für das Rauschen ferner Wipfel gehalten hatte, war
+sein leises Schluchzen.
+
+»Tröst’ ihn, lieber Heiland, in seinem Leide«, betet’ ich da in
+meinem Herzen, »und gib Deine Gnad’ uns Allen!«
+
+Und damit entschlief ich.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+Irrfahrt.
+
+
+Des andern Tages früh, da ich mich wieder auf den Weg machte, wollte
+mich Brun doch nicht allein ziehen lassen, sondern er geleitete mich
+eine gute Strecke. Das that er, nicht bloß, weil er besorgte, ich
+möchte aus der Irre, in die ich gestern gerathen war, die rechte
+Straße allein nicht wieder finden, sondern auch, daß ich an ihm einen
+Schutz hätte gegen Fährlichkeiten. »Denn«, sagt’ er, »hier herum ist
+das Wegelagern nicht selten, und wer sicher durchziehen will und
+ungekränkt an Hab und Leben, der sollt’s, wenn er nicht selbst wohl
+bewehrt ist, nicht wagen ohne Geleit. Da und dort auf den Bergen ragen
+stolze Burgen, drin hausen gestrenge Ritter, wie man sie heißt, die
+aber das Rauben treiben wie ihr Handwerk.«
+
+»Ich hab’ wohl wenig zu fürchten, Brun«, sagt’ ich gutes Muthes,
+»daß mich dieser kampflichen Gesellen einer anrenne, der ich
+unbeschwert von Gut und Habe meines Weges ziehe. Was sollte man an
+mir armem Klösterling gewinnen, so man mich fienge?«
+
+»Man könnt’ Dich doch für einen Andern halten, als Du bist, Diether,
+wie auch ich Dich mißkannte, als Du mich ansprachst. – Daß ich da so
+rauh mit Dir fuhr,« setzte er freundlich hinzu, »muß Dich nicht irren:
+es war aus guter Meinung geschehen. Denn sieh, so schlimm ist
+heutzutage die Welt, daß auch ein Einsiedel sein löblich Thun mit
+großer Vorsicht und Heimlichkeit betreiben muß, als hätte er dabei ein
+bös Gewissen. Weil ich nämlich, was sich hier in Wald und Bergen
+zuträgt, und das Gehen und Kommen der Herren, ihr Liegen und Kriegen,
+Frieden und Fehde gut genug erkunde, so bin ich den redlichen Leuten,
+die hierdurch in Frieden fahren wollen, gern zu Rath und Warnung
+bereit. Sie kennen mich wohl auch und haben mich erprobt. So werd’ ich
+oft beschickt, daß man mich fragt, ob’s wohl stehe im Gebirg oder
+nicht. Aber ich darf Keinem trauen, der mir nicht Bürgschaft gibt, daß
+er sicher ist und kein Schelm, von den Geiern hier herum abgesandt,
+die mir längst auf der Lauer sind.«
+
+»So habt Ihr auch an mir Euch als Helfer und Berather treulich
+bewiesen und meinen armen Dank wohl verdient«, sagte ich, indem ich
+seine Hand ergriff, »und nimmer werd’ ich Euer vergessen.«
+
+Da schlug er ein, sah mich gar gütig an und sagte: »Ist das Dein
+Ernst, Diether, so hab’ Du allerwege ein Vertrauen zu mir. Es mag sich
+wohl fügen, daß es Dir eine Freud’ ist oder ein Trost, zu denken, es
+lebe Einer, der Dir von Herzen gern diente, weil er Dir von Herzen
+gern das Beste gönnt – hauset er auch gleich einsam und hat nicht
+Macht, Gut, noch Ehre in der Welt. Vielleicht ist’s Dir dann lieb, den
+Weg zu wissen, der durch den Wald fern zu St. Wigbert führt, und Du
+verlangst, sein Kirchlein Dir winken zu sehen und in der Klause Deinen
+getreuen Eckhart, den alten Brun. – Nun, Jüngling, fahr’ wohl! Die
+Landstraße, die da entlang sich zieht, heißt uns scheiden. Aber in
+aller Ferne bleibt’s dabei: Brun gedenkt und, willst Du zu ihm, harret
+Dein immerdar.«
+
+Ich wollt’ ihm nochmals danken zum Abschied, aber er wollt’s nicht
+haben, drückte mir liebreich und herzhaft die Hand und gieng.
+
+Ich sah ihm nach, bis er hinter den Tannen des Waldpfades verschwunden
+war, der ihn in seine Siedelei zurückleitete.
+
+Dann gieng auch ich wohlgemuth meine Straße. –
+
+Ob wohl am jüngsten Tage, wenn zum Endegerichte die Bücher werden
+aufgeschlagen werden, darin eines Jeglichen Thun beschrieben ist,
+welcherlei es gewesen ist bei Leibesleben, die Tage und Zeiten auch
+werden leere Blätter weisen, an die wir uns wenig erinnern, weil uns
+darin nichts Sonderliches begegnet ist, und dahingegen die, an denen
+unsere Gedanken vor andern haften und unseres Herzens Sinn, auch dort
+werden mit großen Buchstaben eingezeichnet sein? Dem hab’ ich manchmal
+nachgesonnen, und unsere Vernunft muß wohl also schließen. Und doch
+kann es leichtlich anders sein; denn ich achte, oft ohne daß wir’s
+merken und spüren, nimmt unser Herz ein Saatkörnlein auf, das
+unvermerkt Wurzel darinne treibt, und dessen Frucht, bitter oder süße,
+unser ewiges Schicksal entscheidet. Hinwieder mag von hoher Lust und
+tiefem Leid, darin unser Herz gestanden hat, daß es durch’s ganze
+Leben deß nicht vergißt so lang’ es schlägt, keine Spur uns nachfolgen
+in die zukünftige Welt, wie man dem Wasser des stillen Gebirgsee’s
+nichts ansieht von dem Gebraus des Sturzbaches, der ihn nährt.
+
+Solcher Betrachtungen zu gedenken, dazu bewegt mich die Erinnerung an
+das, was mir weiter auf meiner Wanderschaft begegnete. Sie gieng auch
+in einem solchen Wechsel hin zwischen dem, was man schnell vergißt und
+was fest in der Seele haftet. So trug sich mir in den zween nächsten
+Tagen, nachdem ich von Brun geschieden, nichts Sonderliches zu, und
+schon hoffte ich in Tagesfrist in Heidelberg zu sein, allwo ich eine
+Weile zur Rast in Herberge bei den Benedictiner Brüdern liegen sollte.
+Aber gar unerwartet und plötzlich wurde ich von meinem Ziele
+abgelenkt, und wie das geschah, das steht noch so deutlich vor meiner
+Seele, als hätt’ ich’s gestern erlebt.
+
+Der Tag war trüb’, und ein kalter Wind trieb mir feinen Regen in’s
+Angesicht. Ich hüllte mich dichter in mein langes Gewand und
+beförderte meinen Gang. Da hörte ich hinter mir Schritte wie von
+Nacheilenden und ward gewahr, daß sie mir schleunig näher kamen. Ich
+wandte mich und erblickte ein gar seltsames Paar: zween Gesellen, von
+denen Jeder für sich verwunderlich genug anzusehen war, noch mehr
+aber, wenn man ihn zugleich mit seinem Gespons betrachtete. Denn die
+Beiden hielten sich in Allem das Widerspiel. War der Eine lang und
+fast dünn, von schwarzem Haar, das tief auf die Schultern fiel, und
+schmalen Wangen, so war der Andere gar kurz und wohl bei Leib’, und
+das runde Haupt mit ganz rothem Kraushaar saß ihm dicht auf dem
+breiten Nacken. Nicht minder war die Tracht, in der sie daherzogen,
+sonderbarlich anzusehen. Der Lange trug einen knappen, blauen Rock mit
+silberglänzenden großen Knöpfen, der kaum bis unter die Hüften
+reichte, mit buntfarbigen Schleifen hin und wieder ausgeziert. Auf dem
+Scheitel saß ihm eine Kappe von gleicher Farbe mit langem
+Federschmuck, von Wind und Wetter übel zerzaust. Seine Hosen aber
+waren gelb und eng anliegend; an der Seite hieng ihm ein kurzes
+Schwert, wie die Bauern tragen, wenn sie bewehrt sind. Der Kleine
+hingegen trug einen großen, braunen Hut mit so mächtiger Krempe, als
+wär’s der vom wilden Jäger selber, und seine kurze Gestalt erschien
+noch breiter durch einen dunkelrothen, faltenreichen Mantel, der ihm
+vom Halse bis zu den Knieen herunterhieng.
+
+Wie ich die Beiden mit steigender Verwunderung betrachtete, hatten sie
+mich bald eingeholt. Der Kurze Schwenkte mir zum Gruß seinen Hut
+entgegen und rief:
+
+ »Ja, wohlgethan, daß Ihr bleibt stehn!«
+
+Darauf setzte der Andere ein:
+
+ »Selb dreie wöll’n wir fürder gehn.«
+
+Damit waren sie mir zur Seite, und ich fand mich in ihrer Mitte
+wandelnd, als wären sie mir Geleitsmänner. Vielleicht sahen sie mir’s
+an, daß ich bedenklich war über ihre Gesellschaft und halb
+entschlossen, mich ihrer so oder so zu erwehren. Darum war sonderlich
+der Kleine geschäftig, Wechselrede in Gang zu bringen. Ich war zu
+arglos und, was ich an meinen beiden Gefährten sah und von ihnen
+erfuhr, mir zu neu, daß Ihre Begleitung mir nicht erträglich und nicht
+auch bald erwünscht gewesen wäre.
+
+ »Ihr seid gewiß ein heilig Mann«,
+
+sagte der Kleine, und sah wie prüfend zu mir auf.
+
+ »Man sieht’s an Euerm Kleid Euch an.«
+
+»Ja«, erwiederte ich, »einem heiligen Stande gehöre ich an und bin dem
+Kloster zugesprochen.«
+
+Da versetzte der mit dem blauen Rock gar ernsthaft:
+
+ »Ein selig Leben ist Euch beschieden,
+ Voll guter Sicherheit und Frieden,«
+
+und sprach das in einem Ton, als hätt’ er solch Glück aus eigener
+Erfahrung wenig erprobt.
+
+Sogleich rief ihm der Andere zu, als wollt’ er ihn trösten:
+
+ »Was mancher Mann zumeist begehrt,
+ Wenn er’s erlangt, hält er’s nicht werth.«
+
+Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Mein Geselle da hat die
+Regenlaune; allemal, wenn’s unhold Wetter gibt, ist er so.
+
+ Scheint aber erst die Sonne frei,
+ Dann singt er and’re Melodei!
+
+Nicht, Bruder? Ah, ob er’s wohl kann auf Saitenspiel?«
+
+Damit strich er mit der Gerte, die er in der Hand hatte, hinter mir
+vorbei seinem Gesellen auf den Rücken, und ich hörte die Saiten einer
+Fiedel erklingen, die da, wie ich nun merkte, wohl eingehüllt am Bande
+hieng.
+
+ »Mißschaffen ist dein Scherz und Schimpf!«
+
+murrte ärgerlich der Gestrichene; aber der Andre lachte dazu und rief:
+
+ »Ei, nimm ihn auf mit Gunst und Glimpf!«
+
+»Ich denke«, sagte ich da, »weil Ihr von mir erkundet habt,
+welcherlei Stande ich angehöre, so hab’ ich wohl auch ein Recht, nach
+dem Eurigen zu fragen. Doch das ist nicht noth; denn wiewohl ich mich
+wenig auf der Welt Brauch und ihre Sitten verstehe, so fehl’ ich gewiß
+nicht der Wahrheit, wenn ich dafür halte, daß Ihr fahrende Spielleute
+seid. Aus den gereimten Sprüchen und der Fiedel schließ’ ich das.«
+
+»O, wohlgerathen«, rief lustig der Kleine, »ist Euch das _Studium
+logices_. Euer Syllogismus ist demantfest. Und doch traft Ihr nicht
+haarscharf das Ziel. Fahrende sind wir, das ist wahr, aber Spielende
+nicht zumal, das gieng Euch fehl’. Wer die Braut hat, der ist der
+Bräutigam; wer die Fiedel trägt, der ist der edlen Sang- und
+Klangkunst Adept.
+
+ Der Tannhäuser wird er genannt,
+ Ich aber Klingsohr von Ungarland.«
+
+»Und was ist +Eure+ Kunst?« fragt’ ich ihn.
+
+Da blinzelte er mich mit den Augen schlauen Blickes an, sah dann in
+den grauen Himmel und spitzte den Mund, als besänn’ er sich, ob er mir
+eine gerade Antwort geben sollte. Darauf blieb er plötzlich stehen und
+schien zu horchen. Der Andere that desgleichen und fragte:
+
+ »Sag’, Bruder, hörst du ichtes was?«
+
+worauf Klingsohr nach kurzer Weil’:
+
+ »Nein, nichts! – Doch laßt uns eilen baß.«
+
+»Ja«, fuhr er im Gehen zu mir fort, indem er ausschritt, was seine
+kurzen Beine vermochten, »die Kunst, die ich übe, ist eine hohe Kunst
+und eine nützliche Kunst und hat viel’ Liebhaber im Volk. ’S ist aber
+auch eine gefährliche Kunst und wird arg befehdet von den
+Hochgelahrten. Eure Heiligen und Scholastici zählen sie nicht unter
+die sieben freien Künste. Ich möcht’ ihrer auch gern ledig sein. Aber
+was hilft’s! Jeder Vogel muß bei seinem Liede bleiben. Frau Aventiure
+ist mir nicht günstig gewesen und hat zu sagen und singen mich nicht
+gelehrt, wie den da.«
+
+»Aber Ihr reimet doch, als wäret Ihr Worte zu stellen wohl geübt?«
+
+»Macht der Gewohnheit und Freundschaft! Des Tannhäusers edle Gabe ist
+mir ein wenig zu Gut gekommen. Wenn man die Singekunst so liebt, wie
+ich, da muß die Gesellschaft solchen Meisters wohl Etwas nütze sein.
+
+ Was ich vermag, das ist allein
+ Von seiner Kunst ein Wiederschein.
+
+Doch Ihr habt«, setzte er hinzu, »in Eurem Brevier von solchen Dingen
+allen nichts gefunden und begehrt ihrer nicht.«
+
+»Da ist denn die Reihe des Fehlens an Euch gekommen, Meister
+Klingsohr!« sagt’ ich munter, »denn auch ich übe eine Kunst, und mit
+all’ meinem Denken trag’ ich Lust zu ihr.«
+
+Da sahen mich Beide verwundert an und Klingsohr fragte: »Welche
+ist’s?«
+
+»Zwar sollt’ ich dem Klingsohr nicht offenbaren, was er mir hehlt«,
+erwiederte ich. »Doch will ich’s sagen: Zum Tannhäuser dem Singer hat
+Diether der Maler sich gesellt.«
+
+»So wohl uns, daß wir uns trafen!« rief Klingsohr, streckte mir seine
+Hand entgegen, und der Tannhäuser reichte mir seine. »Wir drei gehören
+zusammen, ob Kutte, Wams oder Mantel; wir sind eines Ordens. He,
+Bruder Tannhäuser, nimm Deine Fiedel und streich eins auf!«
+
+Der aber sagte:
+
+ »In Regen und Wind des Fiedelns pflegen,
+ Heißt unterm Schnee nach Veiglein fegen.«
+
+»Wohl«, rief da der Kurze, »so will ich ein neu Lied singen von den
+drei jungen Gesellen, die sie in Augsburg henken wollten, wie sie
+zusammen entrannen und hernach in England der eine Bischof, der
+andere« –
+
+»Sagt mir doch lieber«, unterbrach ich ihn, »was Eure Kunst sei!«
+
+»Warum sollt’ ich’s nicht«, erwiederte er, wenn’s Euch, Malbruder,
+zu wissen lieb ist? Kennt Ihr die schwarze Magia?«
+
+»Alle guten Geister!« rief ich und schlug ein Kreuz. »Das ist ja eine
+Teufelskunst!«
+
+»Die treib’ ich ja auch nicht«, rief das Männlein und lachte
+unbändig. »Sie ist ja durch kaiserlich und päpstlich Recht verpönt
+und vermaledeit. Der +weißen+ Magia bin ich ein Jünger.«
+
+Wie ich ihn fragend und befremdet ansah, fuhr er fort: »Das nimmt Euch
+Wunder, daß ein Biedermann die weiße Magia bekennt, und Albertus
+Magnus ist doch durch sie hoch zu Ehren gekommen? Macht +das+ den
+Unterschied, daß ich Jedermann, Bürger und Bauer und Knecht und Magd,
+wer’s begehrt, die Wohlthaten meiner Kunst erweise? Hätt’ ich nur die
+Instrumenta und wäre in jungen Jahren länger hinter’s Latein gesessen
+– ich wollt’ Euch einen redenden Kopf machen, der sollt’ Euch noch
+weit andere Geheimnisse sagen, als Albertus’ seiner.«
+
+»Dann thätest Du besser«, spottete der Tannhäuser, »Du ließest den
+Kopf und schüfest uns einen Wintergarten, wie der Kölner Meister, mit
+warmer Sommerluft. Aber Deine weiße Meisterschaft läßt uns noch im
+Aprilen frieren.«
+
+»Ei«, sagte gekränkt der Kleine, »Dir wär’s doch in keinem Wege
+recht zu machen. Hast Du nicht warm gesessen bei der Frau Venus? Und
+doch hat Du’s nicht behagt im Hörselberg.«
+
+»Ach, Narrethei!« rief der Tannhäuser, »samt Deiner Frau Venus und
+Hörselberg! Wollt’ lieber, ich hätte jetzo was Gares zu kosten und was
+Wärmendes auf dem Leib.« Dabei schüttelt’ er sich verdrießlich die
+Tropfen von der Mütze ab.
+
+ »Frau Nachtigall, hat sie keine Speis’,
+ Schweigt oder singt nach Spatzenweis’.«
+
+Er dauerte mich und ich sagte: »Mir ist’s gar leid, daß Ihr nicht
+besser vor’m Unwetter bewahrt seid. Wie wohl thut mir doch heut’ mein
+langes Wollenkleid!«
+
+»Oh!« sagt’ er und sah es fast begehrlich an,
+
+ »Im warmen Kleid und sichern Nest
+ Den Mönchen Gott nichts mangeln läßt.«
+
+»Freilich«, hub wieder der Kleine an, »fahrende Meister müssen sich
+alles Glückwechsels versehen: gestern willkommen und heut’ schabab. Da
+heißt’s oft:
+
+ Duck Dich Hännsl, laß übergahn!
+ Unwetter will seinen Willen han!
+
+Sprich auch diesen Spruch jetzt, Gutgesell! Da hilft nichts Anderes.
+Denn zum Wärmenden auf Deinen Leib ist hier kein Rath;
+
+ Aber Gares zu kosten, das mag wohl sein,
+ Hab’ auch nicht die Meinung, mich zu kastei’n.
+
+Wir wollen eine Mahlzeit halten, die lecker ist, und St. Bernhardt
+selber wird mir die Gutthat danken, die ich an seinem Jünger thue. Wir
+sind auf der Wanderung gebrüdert und haben Alles gemein. Seid erst bei
+Klingsohr zu Gast und dann gebt Acht, ob seine Kunst Dank verdient!«
+
+»Ist’s Eure Magie, die uns letzen wird?« fragt’ ich ihn.
+
+»Gewißlich sie«, rief er lachend, »und immer die weiße! Gleich sollt
+Ihr deß gewahr werden.«
+
+Nun führte der Weg an einem verlassenen Steinbruch vorbei, der manche
+Wölbung darbot, wo man vor Wind und Regen wohl gesichert war. Da hatte
+auch alsbald Klingsohr die zum Lager geschickteste erkürt und hieß uns
+folgen. Als wir angelangt waren, sprang er auf einen Stein, der da
+lag, und sagte im Befehlston:
+
+ »Nun kommt herfür aus Eurer Haft!
+ Sollt Euch nicht mehr verstecken.
+ Beweist Eure edle Kraft und Saft!
+ Wir wollen schmecken und schlecken.«
+
+Damit hockte er etwas von seinem Rücken, das schier einem gewaltigen
+Buckel geglichen hatte, und langte drei Gänse hervor, die an ihren
+Hälsen zusammengebunden waren, wie man pflegt, wenn man sie
+geschlachtet zu Markte bringt. »Sind Sie nicht weiß«, fragte er mich
+vergnügt, »wie die Kunst, die sie mir eingebracht? Und fett dazu! Sie
+drückten mich schier, daß ich nicht mehr ausschreiten konnte. Aber
+harret! Eine soll’s nicht mehr thun, ’s müßte denn im Magen sein.«
+
+Darauf macht’ er sich an’s Küchenwerk und nahm uns dabei ganz
+weidlich in seinen Dienst. Während er die Gans rupfte und zum Braten
+bereitete, mußte ihm sein Geselle Handreichung thun, der auch, wie ich
+sah, in solchen Dingen wohl geübt war. Ich ward ausgeschickt, indeß
+zum Feuer Holz herbei zu holen. Dazu gab mir der Tannhäuser sein
+breites Schwert, und weil ringsum der Wald dicht war, so hatt’ ich
+nach kurzer Weile zum Brennen genug herzutragen. Der Singmeister hatte
+bald ein Feuer angezündet, und die Flamme schlug hell empor. Sie
+verbreitete in unserem Winkel eine willkommene Wärme und sollte unsern
+durchnäßten Kleidern zu Gute kommen. Klingsohr und ich spreiteten
+unsere Mäntel und der Spielmann sein Wams vor der Gluth zum Trocknen
+aus und rückten selber an ihr zusammen so nah, als wir konnten. Es war
+mir lustig den Beiden zuzuschauen, mit welchem Eifer sie zurüsteten.
+Bald war der Magus mit der Gans zu Stand, daß sie zum Braten fertig
+war. »Hier noch das Leberlein und hier die Zwiebel (er nahm sie aus
+seinem Ranzen) selbander hinein«, sagt’ er; »jetzt geschwind Nadel und
+Zwirn, – so ist’s gethan; – nun kann sie rösten.« Damit schürte er
+das Feuer, wie er’s haben wollte.
+
+»Das ist auch eine feine Meisterschaft, die Ihr versteht«, sagt’ ich
+lobend.
+
+»Was nützte sie, wenn ich sie nicht üben könnte!« gab er zur Antwort.
+»An des heiligen römischen Reiches Truchseß selber wäre sein Amt
+verloren, trügen nicht Jäger und Metzger und Bauer und Müller ihm die
+Küche voll.«
+
+»O«, sagt’ ich scherzend, »ich merke wohl, Ihr wollt nur Eure
+magischen Künste ausstreichen, und wahr ist’s, das hätt’ ich nie
+gedacht, daß sie Gänse an den Spieß zu bringen vermag. Aber nun seh’
+ich’s mit eigenen Augen.«
+
+»Ja, und sollt’s schmecken mit eigener Zunge, das ist die Hauptsach’.
+Euer Heiliger muß sich freuen, wie man Euer auf der Wanderung pflegt.«
+
+»Mein Treu«, rief da der Fiedler dazwischen und wandte, wie der
+Andere ihn anwies, die Gans um, die schon ganz lieblich zu duften sich
+anschickte. »Eine Schand’ ist’s, wenn ich gedenke, wie unmild
+dahingegen die Singekunst heuer gelohnet wird. Man will unser nicht
+mehr in Klöstern und Burgen, und die Städter, seit sie reich werden,
+fangen selbst an, gar zierlich und fürnehm zu singen, und weil sie’s
+umsonst herklimpern, verachten sie uns aus Geiz; bleibt nur das
+gemeine Volk für uns, sperrt’s Maul auf, weint und lacht, wie man’s
+haben will, das ist Alles!«
+
+»Drum auch«, sagte der Kleine, »sollst Du Dich gesegnen, daß wir
+zusammen fahren. Sind wir nicht noch immer ehrlich verbrüdert gewesen?
+
+ Sei’s Gans oder Ferkel, sei’s Huhn oder Hahn,
+ Zusammen wird Alles und Jedes verthan!
+
+Jetzt wend’ sie um!« Und frohmüthig rieb er sich die Hände.
+
+»Wie aber vermögt Ihr’s denn«, fragt’ ich wieder, »Eure magische
+Kunst so in Ehren und gutem Lohn zu erhalten, daß sie Euch Beiden
+zuträgt?«
+
+»Sie hieße nicht Magia, wenn sie nicht Geheimniß wäre. Euch,
+geistlicher Kunstbruder, sei’s genug, daß Ihr wisset: die weiße ist
+unverboten und gibt ehrliche Nahrung.« Dabei blinzelte er wieder gar
+listig mit den Augen mich an und lachte. »Nur den Spruch merkt Euch
+wohl:
+
+ Wer sich der Welt gelieben will,
+ Muß halten ihrem Treiben still;
+ Denn will er wider ihre Art,
+ So macht er bald allein die Fahrt.
+
+Und jetzo, Bruder«, ermunterte er seinen Gesellen, »derweil der
+Braten schmort und die Kleider trocknen, nimm die Fiedel zur Hand und
+spiel’!«
+
+Da langte der Fiedler seine Geige her, stimmte die Saiten und ließ
+dann den Bogen über dieselben springen, daß die Töne wie Funken
+heraussprühten. Darnach hub er auch an zu singen ein Lied, das zu der
+fröhlichen Weise wohl stimmte; aber ernst und traurig gieng es
+hernach, und schwermüthig endete es also:
+
+ »Auf den Bergen zergieng der Schnee,
+ Die Brünnlein, sie rieseln ohn’ Ende:
+ O Vater und Mutter, Ihr seht mich nimmermeh’,
+ Muß sterben im Elende. –
+ Gottes Wille, der muß ergehn.«
+
+Noch einmal holt’ er dazu aus seiner Fiedel lauten und wilden Klang
+hervor, als wär’s ein Wehgeschrei. Dann verhallten seine Töne langsam
+und leise. Ich war der Singekunst Freund immer gewesen und hatte der
+Sequenzen und Leisen Kraft in der Kirche oft an mir erfahren. Aber
+dieses Fiedlers Gewalt über meine Seele war anderer Art. Seines
+Spieles Lust wie Leid ergriffen mich gleich sehr, aber sie verwirrten
+mich auch. Es war nicht die gewohnte Bahn, auf die sein Spiel mich
+zog, und doch erweckte es in mir einen Wiederhall – ich wußt’ mir
+nicht zu deuten, wie? –
+
+»Heb’ aber an, Bruder!« rief da Klingsohr, »leg nicht weg die Fiedel.
+Hast da unserem geistlichen Gast schier das Herz im Leib’ umgekehrt
+mit Deinem Lied, wie ich merke. Noch eins! Und eine Weise, die sanfter
+eingeht!« Der Andere stimmte seine Fiedel wieder zurecht, und jetzt
+giengen seine Töne ebenen Weg. Dies war sein Lied:
+
+ »Des Herzens Schwere zu verjagen,
+ Gab ich es ganz der Minne hin;
+ Hört’ ich doch viel die Meister sagen
+ Von ihr als Leidverleiderin.
+
+ Da hub sich’s an in mir zu lenzen;
+ Doch schwand die Sälde allzujach, –
+ Denn ach, von allen bunten Kränzen
+ Blieb nur der Dorn im Herzen nach.
+
+ So mißgerieth mir all’ mein Wähnen,
+ Und was ich wollt’, gedieh mir schlecht.
+ Erst hochgemuth sein, dann in Thränen:
+ Das ist der Minne altes Recht.«
+
+»’S ist auch in dem noch was vom Regenwetter«, meinte Klingsohr. »Und
+doch bist Du unter Dach und überm Feuer brät die Gans. Wohlan thu sie
+her! Ist sie nicht bräunlich und schön?« Und er betrachtete sie
+wohlgefällig.
+
+Plötzlich sah er auf. »Das ist nicht des Windes Geräusch«, murmelte er
+bedenklich. »Ihr seid jung und behend, Bruder Diether. Springt dort
+hinan, wo der Ausblick offen ist auf den Weg, den wir kamen, und
+schaut, was sich naht.«
+
+Was sollt’ ich mich bedenken? Ich klomm mit Eil’ die Höhe hinan, die
+er mir angezeigt hatte. Als ich oben war, sah ich hinter der nächsten
+Windung des Weges einen reisigen Haufen herankommen. Spieße und
+Hellebarden konnt’ ich wohl erkennen. Das rief ich den Beiden zu und
+schickte mich an hinabzusteigen. Schon aber hört’ ich sie unten sich
+tummeln, und bevor ich noch die Hälfte des Weges zurück war, kamen sie
+eilig hervor und liefen grad über den Weg dem Tannenwald zu, wo er
+besonders dicht stund, als suchten sie dort eine Bergung. Fast lustig
+war es anzusehen, wie sie all’ ihr Geräth zusammengerafft hatten,
+Jeder, was ihm die Hände gefaßt, wie sie auch die zwo Gänse nicht
+vergessen, die der Kleine hinter sich her zog. Aber wie ward mir zu
+Sinne, als ich den Fiedler sah mit meiner Kutte von dannen rennen! Das
+schuf mir große Noth. »He, Freunde!« rief ich ihnen nach, »was soll
+das? Was fliehet Ihr? Harret doch, daß ich mein Kleid anthue!« Und mit
+höchster Eil’ stieg ich hinab. Aber sie hörten nicht, noch hemmten sie
+ihre Flucht, und ich erkannte, daß es mir ganz unmöglich wäre, sie
+einzuholen. Denn mein Weg war behindert durch’s Gestein, der ihrige
+nicht. Da gerieth ich außer mir; denn ich sah, daß sie unredlich
+handelten mit mir, und schrie aus allem Vermögen: »So wollet Ihr
+treulos entlaufen, unehrliche Gesellen! Raubt mir mein Kleid, Schelme
+und Unbiedermänner, die Ihr seid?«
+
+Sie aber hielten nicht an, als bis sie den Waldsaum erreicht hatten.
+Da blieben sie stehen, und, indem der Große meinen Rock anlegte, rief
+der Kleine mir zu:
+
+ »O Freund, gedenk’ der Sanftmuth Gebot!
+ Fürwahr uns zwingt wahrhafte Noth.
+ Wir sind um’s Mahl mit einand’ betrogen,
+ Von unserm Unstern fortgezogen.
+ Laßt Euch die Kutte nicht gereu’n!
+ Sie wird den Fiedler baß erfreu’n.«
+
+Der aber fügte hinzu:
+
+ »Ich laß Euch mein blaues Wams zurück,
+ Es bring’ Euch mehr als dem Fiedler Glück!«
+
+Darauf sah ich den Magus dem Singer die Gänse aufhocken und hört’ ihn
+noch sagen:
+
+ »Sollt’ ich die Gänslein liegen lân?
+ Mein’ Treu, das wär’ nicht wohlgethan!«
+
+Er lupfte mir noch seinen Hut zum Abschied, und im nächsten Augenblick
+waren sie behend in den Wald gedrungen und meinen Augen verschwunden.
+
+Da stund ich, verlassener Diether, nun in großer Betrübniß, betrogen,
+beraubt, in der Fremde, schalt meinem Unbedacht und war meiner Reise
+gram. Aber was half Zürnen und Klagen! Frieren überkam mich in meinem
+Leinen unter dem kalten Himmel. Die Noth zwang mich unter das
+steinerne Überdach zurück; das Feuer brannte noch. Voll Unmuth stieß
+ich die Gluth auseinander. Die verlöschende Flamme mahnte mich daran,
+daß ich in dieser Einsamkeit nicht bleiben könnte und eilen müßte, ehe
+der Abend käme. Unmöglich aber konnte ich ohne Kleid durch den Regen
+hinaus. Da lag das blaue Wams; ich durfte nicht zaudern und that es
+an. Mir war’s, als verwunderte sich Stein und Baum selbst über mich
+und ich würde doch nicht bedauert, sondern Fink und Meise und Alles,
+was im Walde lebte, müßte mich verlachen. Das machte mich noch
+unwirscher in meinem Gemüth. So trat ich hinaus und hatte nie ein
+solches Mißfallen an mir selber.
+
+Ehe ich noch wenige Schritte gethan hatte, hört’ ich hinter mir lautes
+Gelärm. Die Reisigen waren herangekommen.
+
+»Wohl dran, Gesellen! Hier ist der Vögel einer. Fangt ihn geschwind!
+Daß er uns nicht entwische, dafür will ich wohl sorgen, so wahr ich
+Peter Krummholz bin, der Bäckerzunft Obermeister?«
+
+Der so mit schriller Stimme schrie, daß ihm schier der Odem ausgieng,
+saß auf einem Gaul, was wohl nothweise geschah. Denn er war so gar
+fett, daß ihn gewißlich seine Füße nicht bis hieher getragen hätten.
+Neben und hinter ihm giengen etwa zwölf Fußknechte mit Eisenhauben.
+Etlichen fehlten auch Schilde nicht.
+
+»Thut nicht so übel«, rief ich da, »daß Ihr einen Unschuldigen
+angreifet! Ich bin nicht der, für den Ihr mich anseht, hab’ weder Euch
+noch sonst Keinem ein Leid zugefügt.«
+
+Ich wollte ihnen noch ferner zureden, aber der auf dem Rosse schrie
+noch viel ungeberdiger denn zuvor die Seinen an:
+
+»Wohl dran, Gesellen, sage ich! Fangt mir den losen Buben! Ich kenn’
+ihn wohl wieder am blauen Wams und dem schwarzen Langhaar. Wohl dran,
+sag’ ich noch einmal! Eine Kanne gut Bier Jeglichem, und wer ihn
+zuerst angreift, zwo!«
+
+Wie er sie so muthig auf mich hetzte und ihrer zween oder drei mit
+vorgehaltenen Spießen auf mich drangen, als wär’ ich ein schändlich
+Wild, da überkam mich ein Grimm und meinen Sehnen wuchs die Kraft. Mit
+mächtigem Prall stieß ich auf den Ersten, der auf mich einwollte, daß
+er zurücktaumelte, und sprang an den Andern vorbei, die sich deß nicht
+versahen, zurück zu unserer Feuerstätte, wo ich noch des Fiedlers
+Schwert liegen wußte. Ich griff es auf, faßt’ es fest und schrie ganz
+außer mir: »Heran denn, wen’s lüstet, seinen Lohn an mir zu
+verdienen!«
+
+Daß ich mich mit einem Gewaffen zur Wehr setzen würde, hatte sich
+Keiner befahren, und so stunden sie einen Augenblick unentschlossen,
+wie sie ihr Werk angreifen sollten. Da gedacht’ ich, durch sie
+hindurchzudringen und zu entrinnen. Des Einen Spieß hielt mich auf.
+Ich schlug ihn seitwärts und überrannte den Mann. Aber der Stoß eines
+Anderen traf mir den linken Arm und gab mir heftigen Schmerz. Alsbald
+rannten sie Alle wider mich zusammen und es ward ein groß Getümmel.
+Ihr Meister tobte mit bösen Worten und scharfem Kreischen, wie von
+Sinnen, indeß ich mich mit meinem Eisen wehrte, wild um mich
+schlagend. Denn so viel ich von mir wußte, wollt’ ich eher mein Leben
+lassen, als mich in ihre Hände geben. So wär’ mir’s auch allerdinge
+ergangen bei der Übermacht meiner Feinde, und weil ich so ganz
+ungeübt war zu streiten, wenn nicht Gott mit mir ein Anderes
+beschlossen hätte.
+
+Denn von Ungefähr trug sich’s gewißlich nicht zu, daß just zu dieser
+Zeit drei Reiter den Weg geritten kamen von der Richtung, nach der
+meine Fahrt gieng. Es war ein rittermäßig angethaner Herr und zween
+Knechte. Diese mochten von ihm, da er unseres Streitens ansichtig
+geworden war, vorausgeschickt sein, denn sie sprengten, ohne daß Einer
+vor Eifer und Gedrang ihr Nahen wahrgenommen hatte, weil aller Blicke
+und Gebärden auf mich gerichtet waren, mit höchster Eil’ und ungedacht
+in den Haufen meiner Widersacher mitten hinein, daß männiglich vor
+ihnen zurückwich.
+
+»Städter sind’s, Helmbold«, sagte der Eine zum Anderen und rief dann:
+»Seid Ihr so unbescheiden oder so erhitzt gegen einander, daß Ihr es
+wagen dürft, unserm gnädigen Herrn den Weg zu verlegen mit Eurem
+Hadern?«
+
+Da schrieen sie zumal, der Eine dies, der Andere das, indem sie auf
+mich wiesen, und schlugen auf’s Neue auf mich ein.
+
+»Gebt Ruhe alsogleich!« geboten die Beiden da drohend, ritten durch
+sie hindurch nahe an mich heran und schirmten mich so vor ihrer Wuth.
+
+Als dergestalt Niemand an mich durfte, ward der Bäckermeister ganz
+unsinnig auf seinem Roß und that des Tobens und Scheltens um so mehr.
+Aber es währte nur eine kleine Weile, da kam der Ritter selbst heran,
+ein ältlicher Herr, der etwas gebückt, aber noch gar fest im Sattel
+saß.
+
+»Bei Gottes Thron!« rief er und sah Krummholz und seinen Troß mit
+Staunen an, »das sind Leute aus Waibstadt, das ist der ehrsamen
+Bäckerzunft Obermeister!«
+
+»Peter Krummholz, edler Herr«, antwortete der, sich verneigend, »bei
+dem Ihr vor drei Jahren, als Ihr durch Waibstadt gen Basel zogt, zur
+Herberge gelegen.«
+
+»Wo mir Euer Töchterlein, – heißt sie nicht Bärbel? – den Willkomm
+credenzte; ich entsinne mich deß wohl. Aber wie geschieht das, daß Ihr
+hier auf meinem Grunde zu Felde liegt und wider Gesetz und Recht den
+Frieden brechet? Hat nicht auch Eure Stadt mir in die Hand gelobt,
+ihre Streitsachen gütlich zu vertragen, auch dieselben an mich zu
+bringen, ob sie nicht beizulegen? Und nun find’ ich, nachdem ich
+wenige Zeit von dannen gewesen, daheim wieder den alten Hader, und auf
+offener Landstraße am helllichten Tage!« Und unmuths schlug er sich
+auf die Hüfte.
+
+»Keine Streitsache ist es, Ew. Gnaden«, erwiederte der Bürger, sich
+rechtfertigend, »unter uns oder mit unsern Nachbarn entstanden, um die
+wir allhier bewehrt von Euch angetroffen werden, sondern ein
+Schelmenstück, uns und gemeiner Sicherheit zum Schaden zugefügt. Das
+begehren wir zu richten.«
+
+Ehe er fortfuhr, weil die Luft ihm ausgegangen, rief ich, noch immer
+im Zorn: »Ohne Urtheil und Spruch oder einige Ursach’ haben sie mich
+ganz Schuldlosen wie einen Schächer überfallen. Ich bitte aber Euer
+Gnaden durch Gottes Marter, daß Ihr zur Beweisung meiner Sache mich
+hören wollet; denn dieser da weiß auf jeglich Wort, das ich ihm sage,
+nichts Anderes, als mit Wüthen und Toben auf mich zu hetzen, so er
+doch fürgibt, gemeiner Sicherheit zu dienen.«
+
+Ich wollte weiter reden, aber heftig brach der Bäckermeister wieder
+los: »O wie listig der lose Bube plaudert! Das ist seine ausbündige
+Kunst, sich mit Worten zu schmücken; aber sie soll, will’s Gott! nun
+am Längsten geschadet haben! – Euer Gnaden kennet meine Tochter, das
+Bärbel; hat Euch credenzet vor drei Jahren, eine feine Dirne und mein
+einzig Kind. Sie hab’ ich am letzten Andreastage des Schultheißen
+Sohne verlobt, Mathias Kaulfuß, einem tugendhaften Jüngling. Vor vier
+Tagen haben wir den Brautleuten die Hochzeit ausgerichtet und
+dieselbige gestern mit einem Freudenmahl zu beschließen gedacht. Denn
+unsere Freundschaft ist groß, und um des Schultheißen willen war der
+Stadtobrigkeit und um meinetwillen der Bäckerinnung Ehr’ und Ansehen
+höchst nöthig zu wahren. Doch Ihr müßt wissen, edler Herr, in unserer
+Stadt ist von Alters her leider zwischen den Bäckern und Metzgern viel
+Verdrieß und Hinderung, welches Alles aber als Nichts zu rechnen ist
+gegen die Feindschaft, die nun um sich gefressen. Denn Heinrich
+Häsener, des Metzgergewerkes Obermeister, hat öftermalen bei mir um’s
+Bärbel für seinen Sohn werben lassen, auch öffentlich geprahlt, ich
+müßt’ sie ihm geben. Wie er’s nun nicht erlangte, auch nicht hindern
+konnte, daß Bärbel des Schultheißen Schwiegertochter ward, da hat er
+sich hoch vermessen, er wolle uns mit seinem Anhang die Hochzeit
+verderben. Darum mußten wir beweisen, daß wir auch trotz den Metzgern
+etwas vermöchten.«
+
+»Macht’s kurz, Meister!« unterbrach ihn der Ritter. »Was geht Eure
+Hochzeit diesen Handel hier auf der Straße an?«
+
+»Sehr viel, Euer Gnaden! Gebt nur Acht! Denn wie Häsener und sein
+Anhang uns in allen Stücken den Widerpart hielt, so kommt’ er doch
+dem Zulauf bei uns und der Ehre, die wir einlegten, im Geringsten
+Nichts abbrechen. Denn wir hatten die Stadt-Zinkenisten, daß sie
+pfiffen und bliesen bei der Heimholung und in meinem Haus; so hatten
+sie sich die Stadtpfeifer von Bischofsheim verschrieben. Mit denen
+zogen sie den Unsern nach und ließen sie gegen meinem Hause über in
+der Metzger Gesellenstube aufspielen, so oft unsere Zinkenisten mit
+Blasen anhuben. Aber die Pfeifer stunden bald ab, denn sie sahen,
+daß sie gegen unsere Zinkenisten Nichts vermochten, sondern jedesmal
+übertönt wurden. Gewißlich auch wären die Metzger endlich zum Gelach
+geworden der ganzen Stadt, denn sie konnten mir nicht +einen+
+Hochzeitsgast abwendig machen. Aber gestern hat der üble Teufel, der
+an jeglichem Tuck seine Freud’ hat, zwei fahrende Landstreicher
+dahergeführt, den Gauch da und seinen Gesellen; die haben ihnen das
+Spiel gewonnen. – O wartet ein klein wenig, Ew. Gnaden«, fuhr er
+aufgeregt fort und entknöpfte seinen Brustlatz, »mir versetzt es
+schier die Luft, wenn ich daran gedenke, aber ich will’s Euch ganz
+nach der Wahrheit berichten.«
+
+»Das sei Euch gespart, Meister!« rief ihm der Ritter ungeduldig zu.
+»Wenngleich man Euch die Hochzeit verdorben hat, könnt Ihr doch darum
+Keinen wollen kampflich anrennen und schlagen, wie Ihr thut.«
+
+»Das ist mir wohl wissend«, fuhr der Bäcker fort, hier stehen meine
+zünftigen Gesellen alle, die sollen mir bezeugen, ob ich ein Einiges
+aufbringe, das nicht nach der Wahrheit ist! Sind nicht die zween
+fahrenden losen Leute auf den Markt gestanden gestern unter der
+Metzger Geleite und haben mit ihrem losen Wesen schier Alt und Jung
+nach sich gezogen? Der Eine nannte sich Klingsohr, mit Zauberspruch,
+Arzeneiung und Teufelskunst, der brauchte kündlich Höllenlist. Der
+Andere nannte sich Tannhäuser, strich die Fiedel so ausbündig und
+wußte zu singen und zu sagen, was die Leute gern hören, von Walther,
+König Rother, vom hörnenen Siegfried und allen Mären, die doch nicht
+zur Gottseligkeit, noch zu ehrsamer Kunstübung dienen. Das ist der da
+im blauen Rock! Ist nicht zu ihm Abends, als kaum der Brauttrunk
+umgegangen war nach dem Schmaus, das junge Volk allsammt hinüber
+gewichen in der Metzger Gesellenstube, wohin Häsener sie genöthigt
+hatte, und konnte gar der Umtanz der Hochzeiter nicht gesprungen
+werden, wie es doch Brauch ist, weil bei uns nur die Alten sitzen
+geblieben waren auf der Bank und auch die nicht Alle! Und gar
+trübselig und des Ärgers voll war uns der Hochzeit Ende schon in
+früher Nachtstunde; die drüben aber hatten der Kurzweil und des
+Springens kein Ende bei dieses Buben losen Künsten. Denn ein Gauch ist
+er, wie der Andere, sag’ ich, und ein Dieb. Während der Fiedler Aller
+Ohren und Sinne auf sich lenkte, da hat er dem Teufelskünstler Raum
+geschafft zu seinen Schelmenstücken. Sagt, meine Gesellen, sind nicht
+heute Morgen alle drei Gänse aus meinem Stalle weg gewesen, die ich
+den Winter über gefüttert? Hat nicht Catherin, die Magd, bekannt, sie
+selbst habe den Klingsohr in den Hof hinter die Küch’ geführt, weil er
+fürgegeben, er wolle ihr da für ihren ungetreuen Liebsten die Nestel
+knüpfen? Er ist entwischt, aber seinen Diebsgesellen haben wir durch
+gutes Glück gefunden. Da steht er überführt, und seine Straf’ soll
+Andern, will’s Gott, ein Exempel sein.«
+
+Als ich des Beleidigten und Bestohlenen Rede hörte, erschrak ich über
+die Maßen sehr, und meine Wuth wich großer Besorgniß; denn ich sah,
+daß mein Kleid, das Feuer und des Mahles Zurüstung, meine wagende
+Gegenwehr, Alles wider mich zeugte, und es entfiel mir mein Herz, da
+ich daran gedachte, daß mir des Abtes Schrift und Brief, wodurch ich
+mir freilich hätte leichtlich Glauben verschaffen können, samt der
+Kutte geraubt waren.
+
+Wohl mochte mir der Ritter ansehen, wie verstürzt ich war, als er mich
+hart anredete:
+
+»Du bist also der Tannhäuser?«
+
+»Gewißlich, Herr, das ist mein Name nicht; Diether bin ich genannt«,
+antwortet’ ich ihm mit wenig kecklicher Stimme.
+
+»Freilich bist Du so wenig der Tannhäuser selber, wie Dein Gefährte
+der Klingsohr«, sagt’ er. »Aber Du bist es doch, der sich vom Volke
+also heißen läßt?«
+
+»Ja, er!« riefen die Anderen zumal.
+
+»Du bist es, der die alten Mären von Siegfried und den ruhmeswerthen
+Helden zu sagen so wohl verstanden?«
+
+Wieder bezeugten sie, es wäre Alles wahr, was der Obermeister von mir
+berichtet hätte.
+
+»Genug denn des Säumens!« sprach der Ritter und befahl seinen
+Knechten, mich zu binden und zwischen ihren Rossen von dannen zu
+führen.
+
+»Ihr, ehrsamer Meister«, sagt’ er zu Krummholz, »zieht in Frieden heim
+mit Euren Leuten; den fahrenden Spielmann will ich bei mir in
+Gewahrsam halten, ihn zu richten, wie ihm nach den Rechten
+kaiserlicher Majestät für seine begangene Untugend gebührt. Und Ihr,
+noch der Schultheiß, sorget nicht, daß es nicht nach Strenge geschehe.
+Der Bärbel bringt meinen Gruß! – Euch Allen freundlichen Dienst und
+des reichen Gottes Geleit!«
+
+Der Obermeister wagt’ ihm nicht zu widerreden. – Sie reichten sich
+die Hände und schieden. Der Ritter hieß seine Knechte eilen und ritt
+gemach voraus. Sie hatten bald meine Hände auf den Rücken gebunden und
+trieben mich zwischen sich her. Die Städter blieben noch an der
+Stätte, zu verschnaufen, ehe sie die Rückfahrt anhüben. »Gedenkt Eures
+Verspruchs«, hört’ ich noch die Gesellen zum Meister sagen, der
+erwiederte: »Zwar es hat ihn Keiner gegriffen, doch das Bier sollt Ihr
+haben, denn heut’ bleibt die Zunft noch lange zusammen!«
+
+Mit der Weile war der Abend hereingebrochen, aber er hatte den
+wehenden Wind nicht zur Ruhe gebracht. Wundersam gestaltet flogen die
+Wolken über uns, den Mond verbergend und von seinem Glanze röthlich
+umsäumt. Schwere Tropfen schüttelten die rauschenden Buchen, die den
+Waldweg überhiengen, den wir eingeschlagen hatten. Er war moosig und
+von Baumwurzeln behindert, die, wenn ich sie vor mir sah, Schlangen
+glichen, darüber hin sich windend. Schweigend zogen wir hindannen, und
+ich hätte gute Muße gehabt, des Weiteren über mein Geschick
+nachzudenken, und wie ich mich fürder am besten verhielte. Aber ich
+vermochte nicht, meinen Gedanken zu gebieten; ich war wie mir selbst
+entfremdet. Ich betrachtete genau die gebräunten Angesichter der
+beiden Reiter, ihre Eisenhauben, Brünnen und die Falten ihrer wehenden
+Mäntel. Ich horchte auf das Schnauben der Rosse, deren feuchten Odem
+ich an meinen Wangen fühlte, auf das Geknirsch ihrer Gebisse, auf das
+Gestampf ihrer Hufen. An das, was ich vor wenigen Stunden gethan und
+erlebt hatte, gedacht’ ich nicht, auch nicht, was mir ferner zu
+erleiden vorhanden wäre. Nur als der Mond klar durch die Wolken trat
+und mir hell in’s Angesicht leuchtete desselben Glanzes, den er mir so
+oft durch’s kleine Fenster in meine Zelle gesendet hatte, wenn ich
+nicht schlafen konnte, da gedacht’ ich, ob auch wohl in der weiten
+Christenheit Jemand zu finden wäre, der in dieser Stunde so
+sorgenhaften und elenden Herzens zu ihm aufblickte, als der hier
+gefangen durch die Nacht getrieben ward, und fast wie ein Schrecken
+überkam’s mich, daß ich das selber war, Diether von Maulbronn.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Auf Elzeburg.
+
+
+Das Elzewässerlein fließt im Gebirge durch ein freundliches
+Wiesenthal gen den Neckar. Längs seinem Lauf ziehen sich Berge hin von
+mäßiger Höhe, fast durchaus mit Buchen und andern Laubhölzern schön
+geziert. Auf einem dieser Berge, der über seine Brüder in der
+Nachbarschaft stattlich hervorragte, stund die Burg, dahin ich geführt
+ward. Sie hatte von dem Flüßlein, das unten vorbeirauschte, den Namen,
+und hieß Elzeburg. Auf ihr hausete der Reichsgraf und Bannerherr Herr
+Eberhard, wie auch sein Geschlecht seit undenklichen Zeiten da
+eingesessen war. Derselbe war immer unbeweibt gewesen, hatte in
+jüngeren Jahren mit des Kaisers Kriegsvölkern viel zu Felde gelegen in
+Welschland und stund bei der Kaiserlichen Majestät nicht bloß wegen
+seines tapferen Muthes, sondern auch wegen seines kundigen Rathes in
+hohen Ehren. Aber je älter er ward, desto weniger machte es ihm
+Freude, wenn er zu Hofe reiten mußte, um allda große Welthändel zu
+Recht bringen zu helfen, obwohl er gehorsamte, so oft er entboten
+ward; sondern am liebsten weilte er in waldgrüner Einsamkeit auf
+seiner Väter Burg, ringsum in der Gegend ein hoch angesehener, wohl
+auch gefürchteter Herr.
+
+Und wahr ist’s: auf ein schön Stücklein Erde blickte man von der
+Elzeburg nieder, sonderlich lustsam dem Auge zur Frühlingszeit, wie
+ich es sah, wo allerlei bunte Blumen den Wiesengrund zierten und das
+Elzewässerlein unter hellen Weiden und an dunklen Tannen vorbei in
+munteren Sprüngen daher brausete. Vom Fenster des Erkerstübleins oben
+im Thurm über dem Burgthor, wo mir die Wohnung zugewiesen war, konnte
+das Auge weithin über die Berge in die Ferne schweifen, über den
+rauschenden Wipfeln der Bäume den Nebelwolken zuschauen, wenn sie wie
+Geister des Waldes aus dem Dickicht emporstiegen und bald sich
+zusammenballten, bald auseinander stoben, oder auch mit der Weihe in
+den klaren Himmel schweben und ohne Schranken sich fühlen in dem
+grenzenlosen Raume.
+
+Aber auf irgend etwas dergleichen zu achten, trug ich an jenem ersten
+Abend, da ich im Stüblein oben allein war, wenig Verlangen. Schweigend
+hatten sie mich dahinauf gebracht und die Thür zugeschlossen. Herrn
+Eberhards war ich nicht mehr ansichtig geworden. Zur Nachtkost stand
+ein Imbiß auf dem Tisch, aber ich mocht’ ihn nicht anrühren. Und so
+saß ich verdrossenen Gemüths vor dem Feuer, das im Kamin des weit in
+die Stube vorgebauten Schornsteins mir zur Erwärmung angezündet war.
+
+Nach einer Weile verdroß mich doch diese meine Verdrießlichkeit
+selbst.
+
+»Diether«, so schalt ich mich, »bist Du nicht bei Deinen Jahren und
+bei aller Kunst und Gabe, die Du hast, ein recht blödes, hilfeloses
+Kind? Nun Dir der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen kann,
+so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und Wissen? Verzehrest Dich
+und grämest Dir die Stunden hinweg mit Zürnen und Murren, weil Du von
+Gäuchen Dich hast überlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen Dir
+auch nicht hast helfen können! Frisch an’s Werk und brauch’ Deinen
+Kopf, wie Du mit Gott Dir am klüglichsten heraushelfest aus dieser
+Noth, darein Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!«
+
+Damit schickte ich mich an, darüber zu sinnen, wie ich morgen dem
+Grafen am besten begegnen möchte, wenn ich zur Verhörung vor ihm
+stünde. Denn daß ich solches zu gewarten hätte, war mir gewiß. Recht
+als ob es gälte, eine _chria_ für Magister Berthold zu Stand zu
+bringen mit _Protasis_, _Aetiologia_, _Amplificatio_ und
+_Conclusio_, legt’ ich mir eine wohlgefügte Rede zurecht, mit
+beweglichen Worten trefflich geziert und mit manchem guten
+Sprüchlein durchflochten. Und als ich Alles und Jedes gehörig
+überdacht hatte, war ich damit so gar zufrieden, daß ich mich
+wunderte über meine Thorheit, daß ich je hätte denken können: es
+würde mir nicht ein Leichtes sein, mich als den Klösterling
+auszuweisen, der ich war, und den Fahrenden von mir zu thun, deß
+Kleid ich trug.
+
+Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der ich anzuheben
+gedachte: »Weislich sonder Zweifel, gnädiger Herr!« so wollt’ ich vor
+ihn treten, »weislich haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch
+gethan, daß keine Sache so übel gerathe, sie habe denn auch etwas
+Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Das ist
+auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches
+Beistandes und welcherlei Rechtfertigung sollt’ ich Gekränkter mich
+nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit versehen und
+wie sollt’ ich unter ihre Fittiche aus aller Fährniß und Verlästerung
+nicht gerne geflüchtet sein?«
+
+Dieser Vorspruch däuchte mich trefflich gestellt und ich wiederholte
+ihn öftermalen, auf daß ich ja keines Wortes verfehlen möchte.
+
+Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz sänftiglich zu Muth und schon
+gedacht’ ich mich zum Schlaf auf’s Pfühl zu strecken, als es mir
+schwer auf die Seele fiel, daß ich der Gebetszeiten dieses Tages keine
+gehalten und nicht einmal aus den Brevierblättern, die sie im Kloster
+mir mitgegeben, den Heiligen erfragt hatte, dem der Tag zugehörte. »So
+konnt’ ich auch seiner Fürbitte nicht gewarten«, dacht’ ich und griff
+hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herfürzulangen. Aber das war ja
+mit dem Rock dahin und sammt des Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute
+geworden! Doch sieh’! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war nicht
+leer. Ich zog etliche arg vergilbte Blätter daraus hervor von gutem
+alten Pergamen. Sie waren zierlich beschrieben, wie man in der
+Klostermuße der Schreibkunst pflegt; aber da war nichts darin, womit
+ein Christenmensch seiner Seele zum Heil um die Matutin oder Vesper
+dem waltenden Gott und Seinen Heiligen diesen mag, sondern Geschichten
+stunden darin, deren gleichen ich zuvor nie gehört hatte noch gedacht,
+daß sie jemals geschrieben wären. War’s Anfangs nichts als Neugierde,
+die mich zu lesen trieb, so zwang mich bald die Gewalt der Dinge, die
+da berichtet waren, und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr
+trafen, daß ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen. Es war da
+zuerst eine Aventiure, »_wie Kriemhilde troumte!_« auf die eine andere
+folgte: »_von Sifride wie der erzogen wart_« und endlich stund noch zu
+lesen: »_wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_«. Aber wie die letzte
+Aventiure sich begab, davon erfuhr ich nichts, wenngleich ich über dem
+Lesen leichtlich die ganze Nacht versessen hätte, denn das Feuer im
+Kamin verlosch allgemach und der Vorrath, es zu nähren, war zu Ende.
+
+Lange sah ich wie träumend in die verglimmende Gluth. Mir war’s, als
+erblickt’ ich den schnellen Sigfried und die anderen Recken und sähe
+sie auf- und niederschweben in dem emporsteigenden röthlichen Rauch.
+Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und wußte doch, daß
+kein Anderer neben mir etwas davon erblicken würde – nur von
+Kriemhilden konnt’ ich nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob
+ich sie wohl erkennen würde, wenn sie neben den Andern erschiene.
+
+Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch die Gesichte und
+ich besann mich wieder auf mich selbst.
+
+»Hilf Himmel!« rief ich da, »thörichter Diether, Dich plagen wohl gar
+Klingsohrs magische Künste noch! Was gehen Dich die Ritter und
+Aventiuren an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener Vogel
+in fremden Federn. Wie Du Dich wieder hinaufschwingst aus Deinem Netz
+und in das Nest zurückfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das
+laß Deine Sorge sein!«
+
+Und so gieng ich zur Ruhe.
+
+Also gethan ist des Menschen unbeständig Gemüth, daß auch des liebsten
+Gutes Genieß uns endlich verleidet würde, wenn wir nicht unterweilen
+sein entbehren müßten, und wenn er immer währte, würde selber der
+wonnigliche Mai uns verdrießen; so lacht uns auch die liebe Sonne
+freudenheller nicht an vom blauen Himmelsdach, als wenn sie sich mit
+ihm eine Weile hinter dichtem Regengewölk gleich wie hinter einer
+grauen Wand verborgen hat. Das fühlt’ ich anderen Tages nicht bloß an
+mir selber, sondern ich merkt’s auch den Andern auf Elzeburg an, so
+viel ich ihrer sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich früh morgens
+Thal und Höhe im lichten Sonnenschein durch’s Fenster glänzen sah!
+Weißer, zarter Nebel dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl
+zerstreute ihn bald und kein Wölkchen stund am Himmel. So tief blau
+und spiegelklar wölbte der sich über die Erde hin, als hätte er sie
+voll Liebe näher zu sich emporgezogen, damit sie seiner Klarheit
+besser genießen möchte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen
+Brust und all’ die unzähligen Tröpflein an Halmen und Zweigen, die in
+der Sonne erfunkelten, erschienen mir wie Freudenthränen der irdischen
+Creatur, die da fühlte, die selige Zeit des vollen Frühlingssegens sei
+nun gekommen.
+
+Daß solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards Seele giengen an
+jenem Morgen, das, däuchte mich, war ihm anzusehen, als ich in der
+Frühstunde unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn geführt ward. Er
+saß am Fenster beim Frühstück im hohen Gestühl, gemächlich
+zurückgelehnt. Über die Berge und durch das kaum belaubte Gezweig des
+Nußbaums, der im Burggarten nahe dem Gemäuer stund, schickte die Sonne
+ihren warmen Strahl in’s Gemach und schaute dem Burgherrn voll in’s
+Angesicht. Schon stund ich eine Weile in der Thür, der Anrede harrend,
+währenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen dem Licht des jungen
+Tages und der weichen Frühlingsluft zugekehrt blieb, die durch das
+Fenster hereinströmte. Endlich schien er sich zu erinnern, daß er
+Helmbold geboten hatte, mich vor ihn zu bringen.
+
+»Ei sieh!« rief er, indem er, sich umwendend, mir winkte näher zu
+kommen, »Meister Tannhäuser! – Gelt, Diether! heut’ läßt’s sich
+drauß’ besser an für die fahrende Kunst als im unholden Wetter
+gestern«, und er wies mit der Hand in die fröhliche Welt hinaus. »Nun
+freilich, das Schweifen ist Dir für’s Erste verlegt. Und doch sei deß
+nicht gar zu betrübt. – Auch auf der Elzeburg läßt’s sich ganz
+wohlgemuth hausen«, setzte er behaglich hinzu; »gibt’s auch hier nicht
+alltag Gänsebraten, so darf Dir zwischen Zurüsten und Niedersitzen
+doch Niemand, auch kein Waibstädter nicht, das Mahl verderben.«
+
+Jetzt, glaubt’ ich, wäre der rechte Augenblick gekommen, meinen Spruch
+anzuheben, und so sagt’ ich, recht mit der Betonung, wie in der
+Rhetorica ich’s gelehrt worden:
+
+»Weislich, sonder Zweifel, gnädiger Herr! haben die wohlerfahrenen
+Alten gesagt, daß kein Ding so übel gerathe, es habe denn auch etwas
+Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Dies ist
+auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches
+Beistandes und welcher Rechtfertigung sollte ich Gekränkter – –«
+
+»Laß genug sein, Diether!« unterbrach mich da der Graf. »Spar’ Deine
+Worte; sie sind Dir hier nicht von nöthen. Denn Du brauchst Dich
+keines Übels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und hier sah er mich
+ernster an) laß es Dich dünken, es sei Dir wohlgerathen, daß ich von
+Ungefähr gezogen kam und Dich den Waibstädtern entriß. Denn mein’
+Treu! sie hätten Dir Dein Gefiedel zu Bärbel’s Hochzeit übel gelohnt.
+Thurm und Stock wäre Dein Singerlohn gewesen. Hier bist Du allerdinge
+gefangen und das mit Recht; aber, so Du Dich fügst, soll Dir Deine
+Kunst hier wohl zu Danke sein.«
+
+»Ach! gnädiger Herr«, bat ich da, »wollet doch nicht dafür halten,
+daß, was die Städter wider mich geredet haben, etwas Anderes als
+vermaledeite Lügen seien, und laßt Euch sagen, daß ich ebensowenig
+ihnen die Hochzeit gestört habe, als ich gewißlich kein Fahrender noch
+der Singekunst kundig bin, wovon ich allsogleich Euch überführen
+werde, so Ihr mich nach Eurer Gütigkeit weiter hören wollt.«
+
+»Bei Gottes Thron!« fuhr Herr Eberhard da heftig auf. »So gedenkst Du
+noch immer durch Läugnen Dich herauszuwinden? Kein Wort mehr davon!
+sag’ ich. Und das ist die Meinung. Du bekennst Dich frei offen zu
+Deiner Kunst und willigst ein, auch auf Elzeburg mit ihr zu dienen,
+oder Du wirst noch heut’ nach Waibstadt zurückgeführt und dort acht’
+ich für gewiß, wird Krummholz und sein Anhang reichlich dafür sorgen,
+daß Du bald ein Liedlein zu singen anhebst, aber aus einem neuen Tone
+und einem gar kläglichen.«
+
+Und unmuthig wandte er sein Angesicht wieder von mir ab, dem Fenster
+zu.
+
+Da merkt’ ich wohl, daß ich mich meiner Chria nicht länger trösten
+könnte und ihre Kraft besser unversucht ließe. Darum fragt’ ich ihn
+bloß ganz kleinmüthig:
+
+»Gnädiger Herr! Was ist es, das Ihr von mir nothhaftem Mann begehrt?«
+
+»Nichts«, erwiedert er gelassener, »als worüber, wenn Du gefügen
+Sinnes bist, Du eitel Freude haben mußt. Dieselbe Kunst, die Dich in
+Noth gebracht, soll Dir auch heraushelfen. Gerade dessen begehr’ ich,
+was Du, dummer Mann, zum eigenen Schaden hehlen willst. Deine Mären
+und Aventiuren, um die sie Dir in Waibstadt gram worden sind, sollen
+auf Elzeburg Dich und Andere erfreuen.«
+
+»Ach Herr«, betheuerte ich und legte die rechte Hand auf die Brust,
+»zürnet nicht! Aber ich habe nie von keiner Märe und dergleichen zu
+singen und zu sagen gewußt.«
+
+»Gut denn!« rief er unwillig und gebot dann seinem Knecht: »Fort,
+Helmbold, mit ihm nach Waibstadt und zwar noch heut’, sobald ich über
+ihn an den ehrsamen Rath daselbst werde geschrieben haben! Sitz bald
+auf und bind’ ihn an’s Pferd, daß er Dir nicht entwischt!«
+
+Da stund mir denn sonder Frage ein jammerhaft Geschick bevor. Aber in
+dieser höchsten Noth hat, wie ich wähne, meiner heiligen Patrone einer
+an mich gedacht und von Gott gewirkt, daß da zu eben dieser Frist die
+Thür aufgieng und ein Mägdlein leichten Schrittes hereintrat, Helmbold
+und auch mir zunickte und fröhlich Herrn Eberhard entgegeneilte, mit
+heller, munterer Stimme ihn begrüßend. Wie sie den Arm um seine
+Schulter legte und sich zu ihm niederbeugte, ihn zu küssen, bemerkte
+ich wundernd, wie goldig ihr das Haar im Sonnenstrahl um ihr Haupt
+floß; und ob ich gleich ihr Angesicht nicht sehen konnte, so wußt’ ich
+doch, wie Herr Eberhard zu ihr aufblickte, daß sie die rechte
+Maiensonne war, die über die Herbst- und Winterszeit seines Lebens den
+herzerquickenden Schein des Glücks und der Freude breitete.
+
+Daß ich aber glaubte, durch Gottes Fügung wäre das Mägdlein gerade
+jetzo hereingetreten, um meinetwillen, das geschah darum, weil bei dem
+klaren Ton ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele trat,
+wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe! da ich an das
+Pergamen mit den drei Aventiuren oben gedachte, schien ich mir auch
+gefunden zu haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir
+wenden könnte. War’s nur die Sorge um Krummholtzens Rache oder war’s
+auch zugleich etwas vom Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschloß,
+ihnen den Willen zu thun und mich für das auszugeben, wofür sie mich
+haben wollten. In jener Stunde wenigstens däuchte es mich der einzige
+kluge Rath. Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn sie
+es möglich machten, sie ihnen beizubringen. Sie wollten sie jetzt
+nicht hören, und ihre Sache war es, die Täuschung zu verantworten, zu
+der sie mich zwangen. Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld,
+sich verstellt vor dem Philisterkönig aus zwingender Noth?
+
+Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold schon sich bereit
+gemacht hatte, mich hinwegzuführen, zögernd einen Schritt vor,
+verneigte mich und sprach: »Mit Verlaub, gnädiger Herr, wenn Ihr denn
+befehlet, so will ich nach Vermögen mit meinen Mären Euch zu Diensten
+sein; allein schicket mich nur nicht gen Waibstadt, denn vor den
+Städtern grauset’s mir.«
+
+»Das war vernünftig geredt«, sagte begütigt der Graf. »Auch wär’s
+eine ausbündige Thorheit, schier befremdlich an einem aus dem
+gewitzten Volk der fahrenden Brüderschaft, wenn Du bei Deinem
+Starrsinn verharret wärest. Doch ich wußte wohl, daß Du Dich noch
+darauf besinnen würdest, was Dir das Klügste zu thun ist. – Und
+hier, Irmela«, sagte er und ergriff des Mägdleins Hand, »siehe, das
+ist Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt. Wohlan, heiß
+ihn willkommen und hab’ wohl Acht, daß Du fleißig von ihm lernest,
+was zu behalten Freude macht.«
+
+»Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf Elzeburg!« redete mich
+da das Mägdlein an und ihr freundlich Grüßen that mir gar wohl. Es war
+mir, als gewänn’ ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt, das sie mir
+aufgezwungen hatten, und sagte getrost:
+
+»Habt Dank, Jungfräulein, und seid gebeten fürlieb zu nehmen mit
+meiner Kunst; denn sie ist geringen Vermögens.«
+
+Da lachte Herr Eberhard laut: »Ei Diether, so magst Du aus Höflichkeit
+reden; aber daß Du mit Mären zu wenig vermagst, darum haben die
+Waibstädter Dich nicht verklagt. Deß also sei sorgenohne und vermeld’
+uns sogleich, welcher guten Aventiure Du zuerst Dich annehmen willst,
+daß meine Nichte sie von Dir höre.«
+
+Ich besann mich nicht lange und antwortete: »_Wie Kriemhilde troumte_«,
+so es Eures Gefallens ist.«
+
+»Ei wohl, Diether!« rief er erfreut. »Das ist eine gute alte
+Aventiure, und die hernach folgen, sind es auch. Ach, ich hörte sie
+einst in meinen jungen Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen
+Geschichten bei Rittern und Herren in hohen Ehren und selber des
+Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer wohl konnten. Jetzt
+schämt man sich ihrer zu Hof und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe
+und liebe mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit Deinem
+alten Ohm die langen Abende mit Lesen aus alten Büchern kürzest, dann
+sollst Du unterweilen auch die alten Mären mich hören lassen, wie ich
+einst sie vernahm, und ich weiß, sie werden mich erfreuen, wie
+dazumal. Sorg’ nur, daß Du Alles wohl aufschreibest, was und wie er
+Dir’s sagt! – Und Du, Diether, merk’ Dir’s wohl: je früher Du mit
+Deinen Aventiuren zu Ende kommst, um so bälder bist Du Deines Dienstes
+hier entledigt und magst ziehen, wohin Du willst.«
+
+So war ich denn zu des Mägdleins Lehrmeister gar unversehens bestellt
+und wußte nicht, wie mir das gerathen würde. Denn worin ich hätte
+unterweisen können, darin durft’ ich’s nicht, und was ich lehren
+sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich tröstete mich mit
+meinem Pergamen und dachte, wie so manch’ ein Hochgelahrter auch
+nichts vermöchte der Welt zu Dank, wenn er nicht allezeit seine
+Weisthümer aus der Bücherei erborgen könnte.
+
+Soll ich nun berichten, wie mir’s auf Elzeburg weiter ergieng, so
+wundre ich mich darüber, wie doch so oft Neid getragen wird von den
+Alten gegen die Jungen um der fröhlichen Hoffnungen willen für die
+Zukunft, mit denen diese in trübnißvoller Gegenwart sich leichtlich zu
+trösten und selber über große Widerwärtigkeit hochgemuth sich
+hinwegzuschwingen vermöchten; wohingegen das Alter leider gewitzigt
+worden sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten, wie die
+gegenwärtigen ihm Genüge gebracht haben. Dem gegenüber will mich’s
+immer bedünken, daß dem Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu
+gleicher Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen auf
+bessere künftige, ja zu noch größerer. Denn unser Herrgott hat dem
+menschlichen Herzen eine wundersame Kraft geschaffen, daß ihm jegliche
+hohe Freude oder tiefe Trübniß, je weiter sie zurückweichen in die
+Vergangenheit, allgemach hinaufrücken in ein stilles, sanftes Licht,
+wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne auf die Erde zu
+schicken vermögen. Sondern ich achte: es strahlt aus der Tiefe des
+menschlichen Gemüths, dahinein Gott es versenkt hat aus der
+unsichtbaren Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir
+zurückdenken, mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen ab und
+leuchtet endlich über uns in keinem minderen Glanz und Schimmer, als
+das noch Unerlebte, was die Hoffnung oft mit trügerischem Glanz vor
+die Seele stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und alle
+Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren vermag, erst dann in
+ihrer Pracht, wenn sie selbst nicht mehr am Himmel steht, und schauen
+nach dem süßen Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist.
+
+Also stehen auch die längst geschwundenen wenigen Tage, die ich auf
+Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke, in beständiger Gegenwart mir
+vor der Seele, als genöß’ ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die
+mir um’s Haupt wehte und in Lebensfreude die junge Brust dehnte, wenn
+ich mit Helmbold in’s Thal herniederreiten durfte und in den Wald
+hinein auf bethauten Wegen; des süßen Duftes der Linde, unter der ich
+oftmals saß im Burggarten zur Mittagszeit, wenn die Bienen darin
+summten mit freudigem Gebraus, oder des Abends, wenn die Läuber leise
+rauschten im sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes seine
+Spur zurückgelassen in meiner Seele und ist ihr unverloren. –
+
+Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn junger Nichte zu
+dienen hatte, nahmen noch in den ersten Tagen ihren Anfang. Da mußt’
+ich hinunter in den Saal kommen und ihr gegenüber niedersitzen an
+einen großen Tisch, allwo sie meiner schon wartete. Sie hatte ein
+großes Buch vor sich mit vielen guten Sprüchen und Liedern
+unterschiedlicher Singer zum Theil beschrieben. Dahinein sollten nun
+auch durch Irmela meine Mären kommen, wie sie das Mägdlein von mir
+hören würde. Darum saß sie auch da zum Werk bereit, die Feder in ihrer
+zierlichen Hand.
+
+Mir war doch, da ich mich vor dem Fräulein sah, nicht muthiger zu Sinn
+als vor Abt Albrecht im Capitelsaal und ich fühlte, ob ich gleich
+vermied sie anzuschauen, daß sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte.
+Als ich nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die Feder in
+ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten anfangen möchte, sagte
+sie, indem sie die Feder tränkte und das Buch zurechtlegte, bescheiden
+aber im Geringsten nicht scheu oder furchtsam:
+
+»Hebet nun an, Meister Diether, wenn’s Euch geliebt, und sprechet
+recht langsam jegliche Zeile mir vor, damit ich im Schreiben nicht aus
+Übereilung mißthue, und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in
+diesem Buch muß Alles ohne Tadel und löblich sein. Auch mag ich viel
+lieber beim Schreiben der Unmuße mehr haben, als daß mich darnach beim
+Lesen die ungleiche und übelgerathene Schrift verdrieße.«
+
+Dies sagte mir das Mägdlein gar sehr nach Wunsch. Denn weil ich,
+solange sie mich für einen fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu
+wenig Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich’s für
+ungeziemend, nur aus meinem Pergamen fürzulesen als der Ungeübten
+Einer. Daher hatt’ ich, so viel ich behalten konnte, von der ersten
+Aventiure gelernet. Nun war mir das freilich ja ein Trost, daß mir
+Zeit gegönnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen und daß mein
+Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen sollte; denn wie ich mir
+helfen möchte, sobald mein geheimes Ölkrüglein droben, aus dem ich
+schöpfte, leer geworden sein würde: deß wußte ich keinen Rath.
+
+So erwiedert’ ich denn: »Gerne, Jungfräulein, wie Ihr gebietet.«
+
+Und danach hub ich an: »Ez troumte Kriemhilden in tugenden der sie
+pflac« und wie ich’s eben oben weiter erlernet hatte. Ich sprach ganz
+bedächtiglich und, indem ich auf ihr Schreiben Acht hatte, nur immer
+dann ein weiteres Wort, wenn ich sah, daß sie mit dem vorhergehenden
+fertig war. Ihre Sorgfalt zu betrachten, mit der sie Jegliches
+bedachte, und ihren Eifer, mit dem sie die Buchstaben zog, machte mir
+große Freude, und der Fleiß, mit dem sie Alles recht zierlich
+herzurichten trachtete, erregte auch mich, aufzumerken auf das Werk.
+Und so kam es wohl, daß ich zu meiner Aventiure etwas hinzuthat, was
+die Niederschrift angieng: »Hier setzet ab, dieses Wort rückt näher
+heran, denn die Zeile wird lang« und Anderes mehr. Wie sie erfand, daß
+mein Rath allerorten das Richtige traf, hielt sie inne im Schreiben
+und fragte mich: »Ihr scheinet wohl erfahren in der Schreibekunst?«
+
+Ich antwortete: »Guter Lehre darin habe ich genug gehabt!«
+
+Da sah sie mich verwundert an und sagte: »Das hätt’ ich nicht gedacht,
+daß Ihr Muße gefunden zu solch sitzender Kunst.«
+
+So langsam nun auch ich Kriemhildens Traum in das Buch Wort nach Wort
+niedertröpfeln ließ, so war ich doch nach wenigen Tagen unserer
+Schulzeit damit zu Ende, und wie Ute, die Mutter, den Traum gedeutet
+hat von einem Manne, den Kriemhilde zu Lieb und Leide gewinnen sollte
+und wie, um Beides zu meiden, die hehre Frau immer bleiben wollte ohne
+Recken-Minne, – das war nun Alles im Buch geschrieben. »O weh,«
+dacht’ ich da, als ich meine Kanzlerin das letzte Wort niederschreiben
+sah, »wie willst Du bestehen, wenn Dein Kunstvorrath so schnell zu
+Ende geht? Da wird Deine zweite Noth hier größer werden als die erste.
+Zum Wenigsten heut nimmst Du die zweite Aventiure nicht mehr vor.«
+
+Das that auch nicht Noth, denn Irmela, wie sie das letzte Wort
+geschrieben, legte die Feder weg, that das Buch zu und sagte:
+»Erzählet mir doch, Meister Diether, wie das nachher sich zutrug mit
+Kriemhilden und ob denn wirklich Ute sie wahr beschieden hat.«
+
+Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig; denn ich sollte das Mägdlein
+einen Weg führen, den ich selber nie gegangen war, von dem ich auch im
+Geringsten die Richtung nicht wußte. Ich faßte mich aber und sagte:
+»Nein Jungfräulein, das geht nicht an. Die Geschichte ist überlang und
+jegliche Aventiure muß in ihrer Ordnung unverrückt bleiben. Jetzt
+folgt die »_von Sifride wie der erzogen wart!_« Auch möcht’ Euch das
+mühevolle Schreiben verdrießlich werden, wenn Ihr allbereits am Anfang
+des Fortgangs und Endes kundig seid.«
+
+Da versetzte Irmela lachend: »Mit Verlaub, Meister, aber Ihr irret,
+wenn Ihr denket, daß ich an diesen Mären so groß Gefallen habe und
+heftig verlange zu wissen, was sich weiter zugetragen hat. Wollt Ihr
+es noch verschweigen, so thut es immerhin. Wär’s nicht um meinen Ohm,
+der daran so größliche Freude hat, ich schriebe wohl Anderes in dieses
+Buch. Solche Kunst mit Worten, die bloß zu sagen sind, acht’ ich nicht
+groß; wo die Worte nach einer Weise gehen, die zu singen ist, das ist
+mir die rechte Kunst. Und, Meister Diether, wenn Ihr mich von Euren
+Liedern hören ließet und ich könnt’ etliche, die mir zumeist gefielen,
+von Euch erlernen, das wäre mir lieb. Eurer Fiedel freilich seid Ihr
+ledig, aber nähmet Ihr die Laute zu Eurem Singen, so wäre mir das zu
+größerem Nutzen: ich gäb’ Euch die meinige in die Hand, und ich
+vertrau’ wohl, daß ich die Griffe Euch bald würde nachthun können.«
+
+Wie sie dabei fragend und bittend mich anblickte, hätt’ ich sie von
+Herzen gern ihres Wunsches gewährt. Aber ich sagte bloß: »Die Laute zu
+schlagen, bin ich gänzlich unkundig.«
+
+»Nun denn«, fuhr sie fort, »so mögt Ihr Eure Lieder bloß singen, und
+wenn ich eine Weise wohl aufgefaßt habe, so gedenk’ ich selbst die
+Griffe zu finden, die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure
+Schule zu nehmen!«
+
+Da mußt’ ich mir mit einer List helfen:
+
+»Gerne, Jungfräulein! Aber wisset, daß es wider Recht und Brauch
+unserer Kunstbrüderschaft ist, unsere Lieder so bar mit der Stimme
+hinauszusingen, ohne daß Saitenklang dazu ertönt.«
+
+»Das ist ein seltsam Recht«, erwiederte sie darauf verwundert, »das
+Ihr da aufgerichtet habt. Doch«, setzte sie munter hinzu, »ist’s Euch
+ein Ernst, mich Eurer Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer
+Recht und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will Euch lehren
+die Laute schlagen, und, deß bin ich gewiß, ein Meister wie Ihr, wird
+bald vermögen auf ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch
+könnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche mir
+aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das sollen die sein,
+deren Weise ich hernach zuerst von Euch zu hören gedenke.«
+
+»Was aber«, fragt’ ich, »wird aus »_Sifride wie der erzogen wart_«
+und den Aventiuren darnach?«
+
+»O«, sagte sie beschwichtigend, »seid deß unbesorgt. Die sollen nicht
+versäumet werden, dürfen es auch nicht, um meines Ohms willen. Aber
+jedesmal, wenn wir mit ihnen ein gut Stück vorwärts gekommen sind und
+es verdrießt Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.«
+
+Solch’ Begehren des Mägdleins war mir lieb und auch leid. Lieb war es
+mir, weil ich gedachte an ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid
+aber, weil ich besorgte, ich würde nun mit meinen zwo Aventiuren um so
+geschwinder am Ende sein, wenn ihr Sinn erst eifrig nach meinen
+Liedern stünde, und weil ich, je gelehrigerer Schüler ich ihr ward, um
+so bälder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich als der
+bestehen?
+
+Aber ungedacht gerieth mir Irmela’s Singelust durch meine Malkunst zum
+Heile. Denn einst, als die Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war
+ich durch Helmbold zu ihr draußen in den Garten beschieden worden. Da
+waren auf grünem Rasen mit wohlgepflegten Beeten, auf denen
+buntfarbige Primeln und schlanke Narzissen blühten, ein weitästiger
+Apfelbaum, der stund voll rother Blüthenknospen recht wie mit
+unzähligen Sträußlein geschmückt. Im Halbkreis um diesen Baum war wie
+eine grüne Wand dichtes Gebüsch von Flieder gezogen, der dem Ort in
+der heißen Jahreszeit Kühlung und Schatten lieh. Dahin hatte Irmela
+Tisch und Stühle bringen lassen und dort sollt’ ich ihrer warten. Ein
+gar lieblicher Platz war es, den sie für unser Schulhalten ausersehen
+hatte. Denn man sah über Blumen und Rasen vorn über die Wipfel der
+Obstbäume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende Garten des
+Burghofes bepflanzt war, weit hinauf und hinab in das Thal, wie da das
+Elzewässerlein bald aus dem Grün hervorblitzte, bald hinter dem Laube
+der Uferbäume sich verbarg, und frei konnte zugleich der Blick
+hinüberschauen in’s Gebirg. So saß man dort uneingeengt und doch
+ungesehen und heimelich.
+
+Mit rechter Lust schaute ich in die heitere Welt hinaus, die nah
+und fern so friedlich vor mir lag, und daß wir unser Werk so mitten
+in der Lenzlust treiben sollten, machte mich recht herzensfroh, und
+dem Mägdlein wußt’ ich’s im Stillen Dank. Da sich von ungefähr ihr
+Kommen verzögerte, nahm ich das große, schön gebundene Buch, das
+schon bereit lag, in die Hand und schlug es auf. Bald fand ich die
+Blätter, auf denen Lieder und Sprüche der besten Singer zu lesen
+waren. Ich staunte nicht wenig über die meisterliche Kunst, mit der
+da in Wort und Reim gefaßt war, was des Menschen Herz zumeist
+bewegt, und immer wieder auf neue Weise, wie wohl die Vöglein alle
+im Mai dieselbe Lenzwonne singen, doch aber jedes in seiner
+sonderlichen Art.
+
+»Reicher Gott!« dacht’ ich, »wie mag dir das gute Mägdlein so hohe
+Kunst zutrauen und wie könnt’ ich sie je erlernen; sie muß von Gott
+verliehen sein.«
+
+Während ich so der Muße genoß, sah ich auch die Feder schon bereit
+liegen, und das Tintenfäßlein stund dabei. Ich nahm sie in die Hand
+und schrieb, wo Irmela zuletzt aufgehört hatte, oben auf das nächste
+Blatt in den zierlichsten Buchstaben, die ich vermochte, was nun
+weiter folgte: »_Von Sifride wie der erzogen wart._« Ich that zu
+mehrerem Schmuck manchen Zug hinzu fein und geschwungen, wie ich’s in
+den besten Schriften unserer Klosterbücherei gesehen hatte. Damit war
+ich noch beschäftigt, als das Mägdlein herzutrat.
+
+Noch seh’ ich die schlanke Gestalt, wie sie voll kindlich
+jungfräulicher Heiterkeit durch die Blumen schritt, mit Aufmerksamkeit
+hie und da vor einer neu entfalteten Blüthe ihrer Frühlingsbeete
+stille stund oder eine schimmernde Narzisse, die sie in der Hand
+hatte, gegen die Sonne hielt und in die Betrachtung des leuchtenden
+Blumensterns mit dem gelb-purpurnen Kern sich versenkte. Mir war’s nun
+erst, als wüßten Laub und Blüthen um mich her, wem zur Freude sie von
+Gott so schön geschmückt wären, und ich gedachte, daß es am Anfang
+auch ein Garten gewesen, in den unser Herrgott die unschuldigen
+Menschen setzte.
+
+»Ich hab’ Euch harren lassen heute«, sagte sie zu mir nach
+freundlichem Gruß, als sie vor mir stund. »Aber ich denke, der Lenz
+macht’s heute hier außen so schön, daß einem wintermüden Menschen die
+Weile schwerlich zu lang wird. Um so fleißiger, gebt Acht, werd’ ich
+Euch nun beim Schreiben sein. Doch seht«, rief sie mit Verwunderung,
+als sie in das Buch sah, »Ihr seid nicht müßig gewesen; wie kunstreich
+Ihr schreiben könnt! ich wähne, ein Maler vermöcht’s nicht besser in
+eines Kaisers Brevier.«
+
+Da sagt’ ich: »Wenn es Euch gefällt, Jungfräulein, so könnt’ ich des
+Schreibens Mühe Euch wohl ersparen und mit eigner Hand die Aventiure
+in’s Buch bringen, so gut ich’s vermag. Während dem könnt Ihr die
+Laute spielen, und beim Schreiben würde mir das Hören Eures Spiels
+wohl nützlich sein, daß ich hernach Eurer Unterweisung desto besser
+zu folgen vermag.«
+
+»Nicht wegen der Muße für mich«, erwiederte sie, »sondern um Eurer
+preislichen Schrift willen, die ich dem Buch wohl gönne, nehm’ ich
+gern Euer Erbieten an.«
+
+Und so geschah’s denn von dem Tag an, daß ich die Feder führte. Weil
+mir aber aus glaublicher Ursach’ Eile nicht am Herzen lag und ich
+zugleich das Mägdlein erfreuen wollte, so that ich all’ mein Bestes an
+dem Buch. Ich brauchte zur Niederschrift nicht allein Rohr und Feder,
+sondern auch Pinsel und Farbe, die ich mir von Irmela erbat oder
+selber nach Malergewohnheit bereitete. Was waren das für selige
+Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem blühenden Apfelbaum!
+Fröhlicher hat wohl nie Keiner Unmuße gehabt, noch größere,
+herzlichere Lust zu seiner Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, daß ich
+der Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden sollte, gerne
+vergaß und, unbekümmert um den morgenden Tag, ganz nur dem heutigen
+lebte und dem reinen Glück, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst
+nicht bewußt, eine Änderung in meinem Gemüth vor sich, so konnte sie
+bös nicht sein; denn nie zuvor hatte ich höhere Freude an meiner Kunst
+gehabt und ernsteren Eifer auf sie gewendet, als da ich wußte: ihr
+Auge ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die ganze herrliche
+Gotteswelt um mich her sprach deutlicher zu mir, und es war, als ob
+das inwendige Vermögen meiner Seele eine neue Kraft gewonnen hätte.
+Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir der Frühling,
+und wie von einem Gefühl stiller aber starker Freude am Leben und
+allen Werken des HErrn ward mein Gemüth beschwingt. Daß solches Alles
+eine Folge von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des Mägdleins
+auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer Nähe hätte kein
+Mensch traurig bleiben können oder Arges hegen! Und an der
+Anhänglichkeit, mit welcher alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan
+war, konnte man die Macht der Unschuld und Güte ersehen, zumal wenn zu
+ihr holde Gestalt und fröhliche Jugend sich gesellt. Keiner hätt’ es
+vermocht, sie zu betrüben, und Helmbold, dem der Graf (er hatte bald
+nach meiner Ankunft wieder die Burg verlassen) ihren Dienst
+zugewiesen, sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine höchste Ehre
+und Freude an. Von ihm erfuhr ich, daß Irmela schon in früher
+Kindheit, da sie Waise geworden, von ihrem Ohm aufgenommen und zwar
+fern von der großen Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe
+unterrichtet und erzogen wäre. Alsdann betheuerte der Alte, wie mit
+ihr ein neuer Tag des Glücks für Alle, sonderlich für den Grafen in
+der abgeschiedenen Burg aufgegangen wäre und wie trübselig es hergehen
+würde auf Elzeburg, wenn das Fräulein einmal da nicht mehr weilte. Und
+gewiß ein edler Freiersmann würde sich bald genug finden, wenn sie nur
+erst hinausgeführt sein würde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar
+wenig gesehen.
+
+So war denn auch sie wie ich ohne Vater und Mutter aufgewachsen und
+in der engsten Umgebung, und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch
+darin die Gestalt ihres und meines Lebens überein. Wohl gern hätt’ ich
+ihr die Wahrheit über mich gesagt; und daß sie von mir, wenn auch
+unfreiwillig, getäuscht ward, that mir oftmals leid, und der Vorwurf
+darüber legte sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen
+Maienzeit über meine Seele. Aber ich konnt’s doch nimmer über’s Herz
+bringen, ihren immer sich gleich bleibenden heiteren Sinn durch eine
+Mittheilung zu betrüben, die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen
+mußte. Zudem wär’ es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu tragen.
+War es dennoch unrecht von mir, daß ich mir den Trug, in den man mich
+hineingestoßen hatte, gefallen ließ, ja hernach zu scheinen selber
+fortfuhr, was ich nicht war: so weiß ich’s nicht und will’s nicht
+widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine tiefe Kluft von
+einander geschieden, aber in des Menschen Gemüth liegt oft Beides gar
+nahe bei einander.
+
+Indessen wuchs ich täglich mehr in den Singerstand hinein, dem ich
+zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen gelang es mir zu größlichem Lobe
+meiner Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen Freude; ja es
+regte sich in mir auch die Lust, selbst ein Lied zu ersinnen nach der
+Art derer, die in Irmela’s Buche geschrieben stunden und eine Weise
+dazu zu suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das Mägdlein an der
+Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen, gegeben hatte, nicht
+ohne Noth irre würde. Aber da sie öftermalen in mich drang, aus dem,
+wie sie meinte, großen Vorrath meiner Kunst doch endlich ihr etliche
+Probestücklein herfürzulangen, so durft’ ich nicht gänzlich ungefüge
+sein, noch ihr Mißtrauen erwecken.
+
+»Laßt mich doch nun einmal die Worte eines Liedes hören«, bat sie
+einst, als ich Griffel und Pinsel zusammenlegte, womit ich die
+Siegfrieds-Aventiure nach Kräften geziert hatte, »das Ihr auf Euren
+Fahrten sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten Euch
+zumeist Beifall eingetragen.«
+
+Da erwiedert’ ich: »Jungfräulein, laßt mich darüber sinnen und morgen
+will ich Eurem Wunsch genügen, wie ich kann.«
+
+Tags darauf bracht’ ich ihr, zierlich auf ein Blättlein geschrieben,
+ein Lied, das ich erdacht hatte.
+
+So giengen die Worte:
+
+ »Ein Vöglein sang so wohl hienacht
+ Und lockt’ und rief;
+ Ich hatt’ des Sanges wenig Acht
+ Und schlief und schlief.
+
+ Doch mir im Traume bracht’ er nah
+ Ein süßes Bild;
+ Ach, all mein Sehnen wurde da
+ Gestillt, gestillt.
+ Doch es zerfloß im Morgenlicht;
+ In Fern und Näh’
+ Irr’ ich nun um und ruhe nicht
+ Und späh’ und späh’. –
+ Mach wieder, süßes Vögelein,
+ Den Träumer froh:
+ Wo wohnest Du, in welchem Hain,
+ Ach wo, ach wo?
+ Vom Suchen bin ich worden krank –
+ Sag’ an, sag’ an:
+ Wann hör’ ich wieder Deinem Sang,
+ Ach wann? ach wann?«
+
+»Wohl«, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen hatte. »Die Worte
+gefallen mir, und wenn auch die Weise eben klingt, so will ich das
+Lied von Euch lernen. – Ich denke«, fuhr sie fort, »Ihr müsset nun
+bald vermögen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die Laute erklingen
+zu lassen. Wollt Ihr’s nicht jetzt versuchen?«
+
+Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen, beugte sie
+sich wieder zu dem Werke, das sie unter den Händen hatte. Es war ein
+köstlich Gewand, wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn
+tragen. Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen hätte, dem Mägdlein
+vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte, ich aber in Noth
+war, was ich auf ihre Bitte erwiedern sollte, ohne ihre
+Unzufriedenheit zu erregen, so fiel mein Blick auf das kunstreiche
+Thun ihrer feinen Hände. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken,
+fragt’ ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, für wen und wozu es
+wohl bestimmt wäre. Da sah sie mich fest an und sagte: »Ja, Meister
+Diether! solltet von uns Beiden nur Ihr ein Geheimniß haben?«
+
+Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, faßte mich aber und fragte
+mit verwunderter Miene zurück: »Jungfräulein, welches?«
+
+»Wie, Lehrmeister!« hub sie da wieder an, »Ihr wähnet doch nicht, daß
+ich meine, Ihr habt mir damals Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt?
+Gewiß, einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es nicht und wenn
+ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg daran gebunden sein! Nein, mit
+dem Singen, das Ihr mich nicht wollt hören lassen, hat es eine
+besondere Bewandniß.«
+
+»Nun ja!« erwiedert’ ich noch immer nicht ohne Unruhe des Gemüthes,
+»weil es doch vergeblich ist, Euch etwas vorzuwenden: daß ich mit
+Singen Euch nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche
+Ursach’ davon hab’ ich Euch verschwiegen. Doch zürnet mir darum nicht,
+denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit geschehen oder Eigensinn.«
+
+Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz fröhlich an und sagte
+begütigend: »Seid deß sorgenohne, Meister! Bin ich gleich Evens
+Tochter, so gelüstet’s nach Eurem Geheimniß mich nicht so sehr, wie
+Ihr zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein böser Argwohn. Aber
+nun sagt mir zur Stunde: wann werd’ ich Euch das Lied zur Laute singen
+hören, das Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein Gelübde,
+daß Ihr der Übung Eurer Kunst auf Elzeburg völlig widersagt habt? –
+Wenn’s nicht der Fall ist, Meister Diether«, setzte sie hinzu und
+schickte sich wieder zu ihrer Arbeit, »so laßt mich auf Euer Singen
+nicht länger harren, als bis Ihr das Geheimniß hiervon – sie wies auf
+ihr Werk hin – erfahren habt. Noch bleibt’s Euch eines und«, schloß
+sie scherzend, »geduldet Euch, so gut Ihr könnt.«
+
+Es war, denk’ ich, nur wenige Tage nach diesem Gespräch, als wir an
+der gewohnten Stelle uns wieder gegeneinander über saßen. Durchsichtig
+im Strahl der hellen Junisonne leuchtete das grüne Laub, das uns
+überhieng, und wo es den Himmel durchließ, schimmerte er in tiefem
+glänzendem Blau; um uns her blühten die ersten Rosen und mischten
+ihren Duft mit dem des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in
+ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise Schatten einer
+Wolke über Thal und Gebirg, die selbst glänzend das Licht der
+Junisonne zugleich wiederstrahlte und milderte, wie die Cherubinen die
+Herrlichkeit der göttlichen Majestät abglänzen zugleich und verhüllen,
+deren Thron sie umgeben.
+
+Ja, es war über alle Gottescreatur jene friedliche und selige Ruhe
+ausgebreitet, wie sie wohl ein schwacher Wiederschein sein mag des
+Schöpfungssabbaths am Anfang, den Gott der HErr heiligte und segnete,
+da Er selber ruhte und die Morgensterne Ihn lobten und Ihm zujauchzten
+alle Kinder Gottes. Nur das Gesumme der nimmer ruhenden Immen und im
+Sonnenschein spielender Thierlein mit buntem Flügelkleid traf unser
+Ohr und zuweilen vom Thal herauf der Ruf der Ammer, der immer so wohl
+in die Sommerstille hineintönt.
+
+Wir saßen schweigend, Jeder über seinem Werk. Doch konnt’ ich’s nicht
+lassen, unterweilen mit Bewunderung zu ihr hinüberzublicken, wie sie
+gesenkten Hauptes mit kunstreichen Fingern gar emsiglich den zarten
+Faden zog.
+
+Da erscholl ganz nah aus dem Gebüsch der laute Gesang der Nachtigall.
+So lieblich-plötzlich ward die vorige Stille unterbrochen, daß wir
+Beide unwillkürlich aufsahen und lauschten. Wie mit frohem Jubel
+klangen zuerst hell die Töne, danach wandelten sie sich wie in ein
+dumpfes Schluchzen und verhallten endlich langsam und leise.
+
+Schweigend sah Irmela vor sich hin, dann sagte sie nachdenklich: »Wer
+doch der Vogelsprache kundig wäre, wie Salomo!«
+
+»Vielleicht«, versetzte ich, »machten uns ihre Geheimnisse selten
+froh.«
+
+»Aber die der Nachtigall zu verstehen«, meinte das Mägdlein, »dünkt
+mich doch ein selig Ding sein. Sie ist doch alles Gesanges Meisterin.
+– Habt Ihr auch davon gehört, Meister Diether, daß sie mit der Gewalt
+ihrer Töne ihre Brut hervorlocke aus dem Ei in Licht und Leben, und
+also dies Vöglein selber sein Dasein der Macht des süßen Gesanges
+verdanke?«
+
+»Wohl hab’ ich davon gehört«, sagt’ ich. »Die Creatur Gottes ist
+überall voll tiefer Wunder.«
+
+Ein Windhauch rauschte durch die Büsche und schüttete die Fülle weißer
+Fliederblüthen just über das liebe Mägdlein, so daß sie vom Haupt bis
+hernieder zu den Füßen mit den schimmernden Sternlein bestreut ward.
+
+»Seht«, rief ich da, wie sie mit Lächeln sich betrachtete, »hat sich
+das nicht wunderbar gefügt, und sollen wir nicht wähnen: Frau
+Nachtigall habe Euch grüßen wollen und habe die duftenden Blüthen
+ermahnt, ein Gleiches zu thun? Euch huldigt heute der Frühling auf’s
+Beste!«
+
+»Nun wahrlich«, sagte sie darauf heiter, »wer ließe solchen Schnee im
+Lenz sich nicht gefallen? Er ist eine Erinnerung an den rauhen Winter,
+die nimmer Wehe thut. Zu Rom, so ward mir erzählt, haben sie eine
+Kirche, die trägt von »der h. Maria zum Schnee« ihren Namen.
+Vielleicht, Meister, mag es Euch thöricht dünken: aber ich stelle mir
+da die hehre Gottesmutter auch so im Blüthenschnee für, und es scheint
+mir ein gar lieblich Bild.«
+
+Wie ward ich ungedacht durch solche Rede gemahnt an meine Sache! Ein
+gepriesenes Bild Unsrer lieben Frau heimzubringen in’s Kloster war ich
+ausgezogen und auf wie andere Bahn war ich nun gerathen! Drob erschrak
+ich; und doch, vermochte irgend ein Meister mir ein Bild gegenüber zu
+stellen, für Sinn und Seele zu so hoher Freude der Betrachtung als
+diese liebliche Gestalt des Mägdleins vor mir? War ich denn ausgesandt
+nach einem hochpreislichen Gegenstand edler Kunst – konnt’ ich in der
+Welt ein edler Ziel finden, als ich hier angetroffen hatte? So ergriff
+mich denn der Wunsch, des Mägdleins Bild, wie ich es vor mir
+erschaute, nach Vermögen fest zu halten, wär’ es auch nur zu eignem
+Erinnern. Denn ach! Damals fiel es mir schwerer als sonst auf das
+Herz, daß es von Elzeburg geschieden sein mußte, und ich schon zu
+lange hinausgeschoben hatte, was doch unabwendig war.
+
+Gern war es das Mägdlein bereit, daß ich mich sogleich anschickte,
+wie Ort und Zeit es zuließ, ihr Bildniß zu entwerfen. Während ich mit
+Stift und Pinsel geschäftig war, Alles, wie ich es sah, das Mägdlein,
+die Pracht des Gartens um sie her und den hellen Himmel über ihr in
+allen Treuen auf mein Papier zu bringen, pflog sie nach ihrer Art
+munterer Rede. Aber mir wuchs unter meinem Thun die Herzensschwere.
+Immer lauter tönte in meiner Seele der Ruf: »Diether, was weilest du
+noch hier, besinne dich, wer du bist, und mach dich hinweg!« – immer
+drückender legte sich die Frage auf mein Gemüth: wie ich
+hinwegzuziehen vermögen würde, ohne auf Elzeburg die Leute, sonderlich
+Irmela, an mir irre zu machen. Ich fand da keinen Ausweg und nur das
+Gefühl blieb zurück, daß das Bildniß, an dem ich da schaffte, den
+Abschied bedeutete, den ich nehmen mußte aber nicht zu sagen wagte. So
+von mancherlei Gedanken bestürmt, förderte ich schweigend mein Werk
+und hinter meinem eifrigen Thun suchte ich vor dem Jungfräulein meinen
+sorgenhaften Sinn zu verbergen. Aber sie war wohl in meinen Mienen der
+ungewohnten Traurigkeit gewahr worden, und so ward auch sie
+schweigsam. Wie in stilles Wundern versunken, sah sie vor sich nieder,
+wenn ich meinen Blick auf sie richtete, um ihr Conterfey zu gewinnen.
+Die Nachmittagssonne war nun mehrere Stunden gen Abend gerückt, als
+ich es, so weit es nöthig war, vollendet hatte. Ich reichte ihr das
+Bild.
+
+»So will ich ihm denn auch seine Unterschrift setzen!« sagte sie,
+nachdem sie es betrachtet hatte. Sie nahm den Griffel, schrieb damit
+auf das Blatt und gab es mir zurück. Ich las: »Irmela zum Schnee!«
+
+»Ja!« rief ich bewegt, »so walte es der reiche Gott vom Himmel, daß
+nie kein andrer Schnee in die Lenzzeit Eures Lebens falle als der Euch
+so mit duftenden Blüthen bestreut, und unselig immer sei die Hand, die
+Euch auch nur Eine zerdrückt, an der Ihr Freude habt.«
+
+»So wohl mir Eures Wunsches«, sagte sie ruhig. »Ich denk’ auch nicht,
+daß ich Jemand wüßte, von dem mir Harm kommen sollte.«
+
+»Und auch von mir, Jungfräulein«, sprach ich da, »denket das nimmer!«
+
+»Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von wegen des Liedes, den
+Ihr mir gabt«, sagte sie lachend. – »Doch nun, Meister«, fuhr sie
+fort, »laßt mich auch die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch
+niedergeschrieben und mit Eurer Kunst geziert habt.«
+
+Sie trat zu mir herüber und beugte sich über die Blätter. Es war die
+Aventiure: _Wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_. Da stunden die
+Worte:
+
+ Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut.
+ Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid,
+ Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn:
+ Minniglicher Weise sie grüßte Siegfrieden schön.
+
+ Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah,
+ Da erglühte seine Farbe; die Schöne sagte da:
+ »Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.«
+ Da ward ihm von dem Gruße wohl erhöhet der Muth.
+
+Wie sie das las, hatte von ungefähr ihre Hand die meine über dem Buch
+berührt, ich spürte ihren Odem an meiner Wange und fühlte das Geflecht
+ihrer Haare an meinem Schlaf. Aber das währte nur einen kurzen
+Augenblick; es war, als hätte ich nur geträumt. Wieder stund sie vor
+mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein klarer Spiegel ihres schuldlos
+heiteren Gemüthes, nur daß es mir schien, als hätte sich der
+Lieblichkeit ihres Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt.
+
+»Ich muß nun eilen, Meister«, sagte sie freundlich. »Der Abend kommt
+und schon zu lange wird man droben meiner harren.«
+
+Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr nach, wie sie die
+Laubgänge des Gartens dahin wandelte und die Stufen zur Burghofspforte
+leichtschreitend hinanstieg. Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng
+zögernd und langsam wie Einer, der sich zu einem Entschluß gedrängt
+sieht, von dem Neigung und Wunsch ihn zurückhalten. Wie sehr diese mir
+zum Bleiben auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder
+wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten, beides war mir heute
+wie von ungefähr vor die Seele gehalten. Es war ein schmerzlicher
+Widerstreit in ihr. Aber wagt auch eines Jünglings Muth und Wille in’s
+Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald ich nur ein Wenig
+mich besann, diese ganze Welt, in die mich unversehens ein Irrthum
+geworfen, auf ewig verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt’ ich
+hier eine Stätte und auf der weiten Erde nur +eine+ Heimath, das
+Kloster, in dem ich erzogen und für das ich bestimmt war. War es nicht
+die höchste Zeit, mich dahin wieder aufzumachen und mir genügen zu
+lassen wie an des Mägdleins Bilde, das ich durch eine freundliche
+Fügung erlangt hatte, so am Bild all’ meines Erlebnisses – nämlich an
+seiner Erinnerung?
+
+Solches bedacht’ ich oben in meinem Gemach, dahin ich mich begeben
+hatte, und heute noch nahm ich mir vor von dannen zu ziehen, sollte es
+auch fluchtweise geschehen müssen. Aber leider die Einsicht in das,
+was uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu folgen, bringt
+nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches sein Widersprechen, sei es
+nun seiner Schwäche oder seines Trotzes ein Beweis, dünkt mich des
+menschlichen Elends häufigster Ursprung.
+
+So sah ich nun mit gar trüben Blicken, unterm Fensterbogen sitzend, in
+das Thal und über die Berge hin, welche die heitere Sonne mit goldnem
+Dufte bekrönte. Eine Landschaft, die wir zum ersten Male erschauen,
+prägt sich tief in unser Gemüth, aber ich wähne: tiefer noch haftet
+der Anblick in der Seele, von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns
+zum letzten Mal. – Zum letzten Mal! welch’ tiefe Schwermuth von
+solchem Wort über unsere Seele fließt, das erfuhr ich in jener stillen
+Abendstunde. Aber siehe! da gerieth mir die Kunst, die ich auf
+Elzeburg von dem Mägdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche
+Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir über die Lippen, und
+ungesucht, als vernähme sie mein Ohr, kamen mir auch die Töne zu dem
+Liede, das ich für Irmela aufgeschrieben hatte.
+
+Schon senkten sich unten über das Wiesenthal tiefer die Schatten und
+der kühler von den Bergen her wehende Hauch mahnte mich an den
+vergehenden Tag, und daß, wenn der nächste anbräche, ich von hinnen
+sein müßte. Da man schon seit lange sich von mir keiner Flucht
+gewahrte, so ward ich auch nicht mehr gehalten wie ein Gefangener, und
+ich konnte gewiß sein, daß manche Stunde vergehen würde, bevor man
+sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das Bild des Mägdleins nahm ich
+zu mir und war entschlossen, nach dem Abendimbiß mir eine Gelegenheit
+zum unbemerkten Enteilen zu ersehen.
+
+Da trat Helmbold in’s Gemach.
+
+»Ich bin Euch«, sprach er nach freundlichem Gruß, »ein Bringer
+unerwarteter und, wie ich wähne, froher Zeitung, auch komm’ ich Euch
+als Bote nicht mit leeren Händen. Seht hier die Gabe, die Euch das
+Fräulein reichen läßt zugleich als Lohn, den Euch mein Herr, der Graf,
+bestimmt hat für den Dienst, mit dem Ihr ihm zu Willen gewesen seid.«
+
+Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich Irmela hatte
+zurüsten sehen. Wie ich’s verwundert und verwirrt in Händen hielt,
+fuhr Helmbold fort: »Die Zeitung ist aber diese, daß Briefe gekommen
+sind vom Grafen, darin er anzeigt, daß er gen Speyer zieht, allda
+längere Zeit zu verweilen, und daß er dabei aus besonderer Ursach
+seine Nichte an den Hof des Bischofs zu führen gedenkt. Euch nun,
+Meister, will er Eurer Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei
+– und daß Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als die
+waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt, brauch’ er Euch
+nicht zu mahnen. Wäret Ihr aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er
+Euch als Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen zu
+Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen Kunst, mit Feder und
+Schrift umzugehen, Euch ehrlich halten. – Wenn Ihr dann, Meister,
+solch’ gnädig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir und etlichen
+Knechten zusammen zu ihm stoßen in Bretten, allwo er jetzo in
+kaiserlichen Geschäften weilt und Eures Dienstes sogleich brauchen
+kann. Aber eiligen Auftrag hab’ ich von ihm und so dürfen wir nicht
+säumen; noch heute müssen wir reiten. Habt Ihr doch nun nicht umsonst
+von mir gelernet im Sattel sitzen.«
+
+»Guter Helmbold«, erwiedert’ ich, »es ist so; Eure Botschaft ist mir
+hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch. Über Anderes, was ich meine und
+sinne, laßt mich zu Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.«
+
+»Wohl denn«, versetzte er darauf, indem er noch im Gehen auf das mir
+geschenkte Gewand deutete, »so macht Euch fertig; sobald der Troß
+zugerüstet ist, müssen wir auf sein!«
+
+Schon drang der Wiederhall der Geschäftigkeit, die bald in der Burg
+laut ward, in mein Ohr und mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte
+ich das Kleid an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war.
+Darnach trieb es mich noch einmal, die Stätten der Burg zu besuchen.
+Wo die Leute mich sahen, riefen sie mir gutes Wort zum Abschied zu;
+denn sie hatten schon erfahren, daß ich mitzöge. Ich kam an die
+Gartenpforte, öffnete sie und stieg die Stufen hinab. Die Sonne war
+nun lang hinunter und das Dämmerlicht der Juninacht umhüllte Laub und
+Blüthen. Süßer Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die
+Blätter, die ich streifte, netzten mir die Schläfe mit kühlem Thau.
+Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten Stelle. Dort saß ich
+nieder und sah hinaus in die nächtliche Stille. Tiefer Friede wehte
+mich von aller Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und Nähe
+zusammenflössen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre eigne
+Schönheit verbärge, damit nur die Macht, Weisheit und Güte des Ewigen
+verherrlicht würde, der sie alle zu seiner Ehre geschaffen. Da
+gedacht’ ich daran, daß es auch des Menschen bestes Theil und reinste
+Seligkeit wäre, für sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur
+ganz in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, daß für alle Herzensfreude,
+die mir je geworden, ich Ihm die Ehre schuldig wäre, und daß ich Ihm
+gerne dienen wollte nach Seinem Willen in allem Gehorsam.
+
+Über solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf dem Tisch die Laute des
+Mägdleins. Aus dem Dunkel um mich her trat ihr Bild glänzend vor meine
+Seele. Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die Weise von
+vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht hatte, als das Lied
+entstanden war, so flossen nun meine Herzensgedanken mit Wort und
+Weise zusammen, und wohl von Grund der Seele klang es hinaus in die
+Stille:
+
+ Mach’ wieder, süßes Vögelein,
+ Den Träumer froh;
+ Wo wohnest Du, in welchem Hain,
+ Ach wo? ach wo?
+ Vom Suchen bin ich worden krank,
+ Sag’ an, sag’ an!
+ Wann hör’ ich wieder Deinen Sang,
+ Ach wann? ach wann?
+
+Ja, zum Traumbild, das der Erwachte doch nicht vergißt, ward Alles,
+was ich hier erlebt hatte, und der wachende Träumer fühlte, es würde
+ihm nie wieder erscheinen!
+
+Nun war der volle Mond über das Gebirge emporgestiegen; von seinem
+Licht erblichen die Sterne am wolkenlosen Himmel, aber ringsumher
+erblitzten in seinem Strahl auf Blättern und Blüthen viel tausend
+Tropfen. So war mir hier Irmela erschienen und hatte über meine Seele
+und über die Welt um mich her ein mildes, verklärendes Licht
+gebreitet. Leise trat ich hinaus in den vollen Schein. Da vernahm ich
+leichte Schritte, und dort, umglänzt vom leuchtenden Gestirn, trat sie
+selbst hervor wie ein schimmerndes Traumbild. Als sie auf mich zukam,
+nahte ich mich ihr mit ehrerbietigem Gruß und dankte ihr für die
+reiche Gabe, mit der sie mich erfreut hatte.
+
+»Meister«, sagte sie gütig, »es ist nur die Antwort auf Eure Frage um
+mein Geheimniß. Und ob Ihr wohl Eures behalten habt, so seid Ihr doch
+nun auch Eures Verspruchs ledig, denn wie er lautete, so habt Ihr auf
+Euer Singen mich jetzt nicht länger harren lassen. Ich hörte droben
+Euer Lied und das eben lockte mich hierher. Wohlklingend ist die
+Weise, die Ihr als die erste mir gesungen habt, doch gar traurig.«
+
+»Es hat auch die letzte sein sollen, Jungfräulein!« erwiedert’ ich.
+»Ihr wißt, ich scheide heut’ von Elzeburg.«
+
+»Aber doch nicht für immer«, fuhr sie fort. »Ich denke, Ihr bleibt
+fortan in meines Oheims Dienst und schon in Speyer nach wenigen Wochen
+verhoff’ ich Euch bei ihm zu finden; denn zum Johannisfest hat er mich
+dorthin beschieden.«
+
+»Wär’ es aber doch vom waltenden Gott anders gefügt«, sagt’ ich
+wieder, »denn ungewiß von einem Tag zum anderen ist des Menschen
+Vornehmen, so vergesset, Jungfräulein, nicht meiner Bitte und denket
+nimmer Arges von mir!«
+
+Da reichte sie mir die Hand und sprach: »Das versprech’ ich Euch,
+Meister Diether! Aber ich achte, Ihr seid zu besorglich und habt wohl
+noch Euer unsicher fahrend Leben im Sinn. Nein, noch manch Lied hoff’
+ich Euch singen zu hören und manch fröhliches.«
+
+»Das walte der reiche Gott, daß frohen Gesanges immer Euer Sinn
+begehre!« rief ich da.
+
+»Gott und Seine Engel geleiten Euch!« gab sie zurück, ihre Hand löste
+sich aus der meinigen und flüchtigen Schrittes eilte sie durch die
+Schattenwege der Pforte zu. Dort im hellen Mondenlicht sah ich sie
+noch einmal sich wenden, mir den Scheidegruß zu winken. Dann war ich
+allein. –
+
+Um Mitternacht brachen wir auf zur Fahrt, so viel ihrer Helmbold zur
+Reise sich ausersehen hatte. Der Hof hallte wieder von den Rufen der
+Scheidenden. Als wir durch das Thor über die Brücke zogen, stieß der
+Thürmer in’s Horn und der Gesang erscholl: »In Gottes Namen fahren
+wir.«
+
+Unten im Thal ließ ich die Anderen hindann reiten und blieb an der
+Lichtung zurück, von wo aus man die Burg droben liegen sah. Hell
+erglänzten Dächer und Zinnen im Spiegellicht des Mondes. Aber wo aus
+kleinem Fenster durch tiefen Schatten ein Lichtschein herniederdrang,
+dahin richtete ich unverwandt meinen Blick.
+
+Darauf lenkte ich mein Roß herum und sang leise im Weiterreiten:
+
+ Sag’ an, sag’ an!
+ Wann hör’ ich wieder Deinen Sang,
+ Ach wann? ach wann?
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+Heimfahrt.
+
+
+Unsere Reise führte uns ebendenselben Weg zurück, auf dem ich vor
+wenigen Wochen unter vermeldeten sonderbarlichen Umständen und wider
+meinen Willen gen Elzeburg gebracht war. Kein Wunder wär’s gewesen,
+wenn ich das nicht bemerkt hätte; denn wie gar anders sah mich heut’
+die Welt an und ich sie! Aber wenn auch der liebe Mond so viel
+heiterer vom wolkenlosen Himmel durch das Laubdach der Bäume zu mir
+herniedersah denn damals, als ich fast erschrak bei seinem Anblick,
+und sein heller Schein schier lauter lichte Bilder vor meine Augen
+brachte: die vom sommerlichen Nebel silbern erschimmernden Waldwiesen,
+den fröhlichen Zug meiner mannlichen Reisegesellen und endlich mich
+selber hoch zu Roß und zierlich geschmückt: ich erkannte wohl die
+Stätte meines vormaligen trübseligen Abenteuers wieder und dachte nur
+bei mir selber ganz fröhlich: »Was gilt’s, die Welt hier außen hat
+seitdem Pracht angezogen und ich auch!«
+
+Weil denn nun bei mir allerdinge beschlossen war, (auch mir der
+Gedanke nicht kam, es könnte nicht geschehen) in mein Kloster
+heimzukehren, so überließ ich mich der stattlichen Freiheit, deren ich
+hie genoß, mit rechter Lust, und je ferner Elzeburg hinter uns wich,
+desto mehr wich auch meine nachdenksame Schweigsamkeit, und ich
+gesellte mich den Andern zu, ritt und redete mit ihnen, als wär’ ich
+des Dinges längst gewohnt.
+
+»He!« rief da Helmbold mir zu und lenkte sein Roß an meine Seite; »das
+thut mir heut’ noch sanft, daß wir Euch dazumal nicht haben entwischen
+lassen; denn, Meister Diether, man ersieht’s wohl, Euch geliebt’s viel
+mehr mit Graf Eberhard’s Leuten hier durch den grünen Wald zu reiten,
+als bei den Waibstädtern zu liegen. Und traun! uns auch. Ihr seid uns
+Allen ein werther Reisegesell’, und auch ein wackerer Reitersmann seid
+Ihr worden.«
+
+Das bekräftigten die Anderen einmüthig, und Einer sagte, solcher
+Gewalt und Gefangenschaft, wie ich sie erlitten hätte, würd’ er auch
+nicht gram sein.
+
+Da entstund ein Gelächter, und ich lachte auch und sagte: »Mit den
+Städtern wär’ ich wohl noch allein fertig worden und von der
+Waibstädter Herberge frei geblieben ohne die Elzeburger.«
+
+»Ja freilich«, sagte Helmbold wieder, »frei wie der Vogel in der Luft
+und das Wild im Busch immer auf der Flucht ohne Nest und Rast!«
+
+»O«, erwiederte ich munter, »Ihr scheltet mir mein früher Leben zur
+Ungebühr; es war ganz anders, als Ihr denket und weit so elend nicht.«
+
+»Hört Ihr’s?« rief da Helmbold wieder. »Er hat die Lust zum fahrenden
+Wesen noch in den Gliedern, und gebt Acht, ’s ist ihm schon leid auf
+des Grafen Roß, schliche lieber zu Fuß.«
+
+»Hm«, sagt’ ich ärgerlich, »was nicht reitet, das gilt Euch nichts.«
+
+ »Ein Mann, sitzt er nur hoch zu Pferd,
+ Dünkt zwier sich mehr als Andre werth!«
+
+»So ist’s recht!« rief da Helmbold wieder mit Lachen. »Jetzt, Diether,
+kommt Ihr auf Eure Kunst. Und weil sie trefflich geschickt ist, den
+Weg zu kürzen, so ist’s billig, daß wir des Singemeisters in unserer
+Mitte genießen. Hebt denn an und laßt uns etwas hören!«
+
+Da stimmten sie alle zu: »Ja, Diether! singt uns vor und herzhaft.«
+
+Weil sie also anhielten, einen Gesang zu heischen, so that ich ihnen
+den Willen und sang
+
+ Das Lied vom Schützen Oswald.
+
+ »Und hätt’ ich gegriffen ihn nicht in der Schlucht
+ Mit Listen: noch wär’ ich vor ihm auf der Flucht;
+ Geweiht
+ War dem Tode zu jeglicher Zeit,
+ Was lebend sein Pfeil zum Ziel sich ersah,
+ Ob fern, ob nah:
+ Den Hirsch im Sprung und den Aar im Flug,
+ Herr Oswald der Schütz traf ihn gut genug.
+
+ Nun liegt er gefangen im tiefen Thurm,
+ Umkrächzt von den Krähen, umheult vom Sturm,
+ Und aus
+ Stach ich ihm (baß schmeckt nun der Schmaus
+ Und ungekränkt trag’ ich die Grafenkron’)
+ Die Augen zum Hohn;«
+ Graf Otto ruft’s laut. »Ich sag’s Euch mit Fug,
+ Herr Oswald der Schütze traf gut genug.«
+
+ Und der Graf ruft wieder, »daß Wahrheit dies:
+ Auf, holt mir den Schützen hervor vom Verließ!
+ Wohlan!
+ Herr Oswald, du blinder Mann,
+ Deine Augen zwar sind Dir nun nimmer zu Dank,
+ Doch das Ohr merkt den Klang.
+ Nun hab’ mir wohl Acht, wie ich schlage den Krug,
+ Ziel’, Oswald, und schieß und triff gut genug!«
+
+ Und Oswald lauscht, wo der Klang herkam,
+ Er lauscht auch, woher er die Stimme vernahm.
+ Die Hand,
+ Schon hat sie den Bogen gespannt –
+ Hui, schwirrt von der Sehne der Pfeil durch den Saal!
+ Mit Geschrei sinkt zu Thal
+ Graf Otto, getroffen in’s Herz. »’S war kein Trug,
+ Weh, Oswald du Schütze, trafst gut genug!«
+
+Als ich geendet hatte, bezeugten sie Alle: Ja, das wär’ ein tapfer
+Lied! und den Sänger lobten sie ausbündig und sagten auch dabei, es
+wäre doch eine auserwählte Kunst, der ich gedienet hätte.
+
+Unter so gethaner Kurzweil gieng die Nacht bald herum und weil wir
+auch im Reiten nicht laß gewesen waren, so hatten wir, als wir früh
+das Morgenlied anstimmten: »Der Tag vertreibt die finstre Nacht«,
+schon manch’ gute Meile hinter uns. Den Tag über, der sehr heiß ward,
+hielten wir Rast, und erst mit der Abendkühle saßen wir wieder auf.
+Alle aus dem Troß sahen mich an als einen der Ihren und ich hielt mich
+auch so. Zwar dacht’ ich öftermalen, mich Helmbolden zu offenbaren und
+gefügen Abschied von ihnen zu nehmen, wie ich mir solches zu thun auch
+von Anfang der Reise an vorgesetzt hatte. Aber es war immer, als
+könnt’ ich den Weg zu solchem Geständniß gegen ihn nicht finden, und
+eh’ ich mich’s versah, war er oder ein Anderer mit einer Scherzrede
+dazwischen, auf welche ich dann auch (der frohe Muth trieb mich dazu)
+die scherzende Antwort nicht schuldig blieb. Und so sah ich’s denn zum
+zweiten Mal licht Morgen werden, als ich zwar Albrecht’s Abtei ein
+erheblich Theil näher war denn Tage zuvor, aber dafür noch ebenso fest
+auf des Grafen Pferd saß und so dicht unter seine Leute gemengt, daß
+ich schier selber nicht wußte, wie ich mir heraushelfen sollte und
+beinah’ wünschte, es sprengte uns wieder unversehens eine Aventiure
+auseinander, wie vormals den fahrenden Leuten und mir geschehen war.
+
+Aber dergleichen begab sich nichts, und weil wir just wieder durch
+dichten Wald ritten, den ich von Brun’s Begleitung her wohl wieder
+erkannte, so gedacht’ ich hier, da es doch einmal geschehen müßte,
+mich von ihnen zu reißen und für’s Erste zu Brun zu entfliehen. Ich
+erspähte mir also die Gelegenheit und ritt, als geschäh’ es von
+Ungefähr, dem Troß eine gute Strecke voraus, wo der Weg sich krümmte,
+bis ich vor ihrer Aller Augen entschwunden war. Da saß ich eilend ab,
+band mein Roß an den Ast des nächsten Baumes und sprang flugs waldein,
+wo Gebüsch und Gezweig am dichtesten mich verbargen. Zuvor aber hatte
+ich unvermerkt an den Sattelknopf meines Thieres ein Blättlein
+geheftet, darauf mein Abschiedsspruch zu lesen stund:
+
+ Nicht weiter folgt Euch Diether mehr,
+ Und sang
+ Er je, trugt Ihr darnach Begehr,
+ Zu Dank,
+ So forschet nicht –
+ Dieweil er schied
+ Mit Weh –
+ Wohin?
+ Ihn ruft die Pflicht,
+ Ernst klingt das Lied:
+ »Ade;
+ Fahr’ hin!«
+
+Es mochte gegen Mittag sein, als ich auf verschlungenen Waldpfaden
+endlich in die Schlucht gelangt war, von der ich wußte, daß von da St.
+Wigbert’s Kirchlein nicht fern wäre. Wie war ich froh, da sich die
+Halde vor mir aufthat und die beblümte Wiese mit dem muntern
+Bergwässerlein, und mir von drüben das Ziel meiner Flucht
+entgegenwinkte. Wohl klopfte mein Herz stärker, je näher ich die Höhe
+zur Klause hinanstieg, und die Unruhe meines Gemüths wuchs in der
+Erwartung, welcherlei Weise mich Brun empfangen würde, wenn er zuerst
+meiner ansichtig werden würde in dieser Umwandlung. Darum hielt ich
+mir selbst recht eifrig seine freundliche Zusage vor die Seele, mit
+der er von mir schied, daß er all’zeit mit willigem Herzen mich
+aufnehmen wolle, und was er sonst Liebreiches damals zu mir gesprochen
+hatte.
+
+Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber wie erschrak ich, als
+ich plötzlich hinter dichtem Gerank von Waldreben und Geisblatt, das
+sich der Alte seitwärts seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht
+gezogen hatte, seine Stimme hörte, laut und fast heftig wie von
+Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit sich selbst zur Gewohnheit
+gemacht hat.
+
+»Wohl gesprochen, St. Augustine! _Pereant omnia et dimittantur haec
+vana et inania! conferamus nos ad solam inquisitionem veritatis! Vita
+haec misera, mors incerta_.«[A]
+
+[Fußnote A: Hinweg mit all’ diesen eitlen und leeren Dingen! Die
+Wahrheit allein laßt uns suchen. Dies Leben ist elend, die Todesstunde
+ungewiß.]
+
+»Hilf Gott!« sagt’ ich da zu mir selbst mit Bangen, »ich höre mein
+Urtheil; wie werd’ ich vor ihm besteh’n, wenn er so gemuthet ist!« Und
+zögernd schritt ich vorwärts, während er fortfuhr lateinisch zu reden,
+wie vorhin.
+
+Als ich seiner ansichtig ward, saß er tiefgebückt über ein großes
+Buch, darin er eifrig las, als straft’ und vermahnt’ er daraus sich
+selbst. Ich stund beinah’ vor ihm und noch immer hatt’ er mein Kommen
+nicht wahrgenommen. Endlich wagt’ ich’s und sprach, aber zaghaft kam
+es heraus:
+
+»Gelobt sei Jesus Christus!«
+
+»In Ewigkeit, Amen«, fuhr er fort und hielt mit seinem Finger die
+Stelle im Buche fest, bei der ich ihn unterbrochen hatte. Dann erst
+sah er auf.
+
+»Wie!« rief er da mit höchstem Erstaunen, und schob das Buch zur
+Seite. »Du, Diether? Du selbst? Bist Du’s wirklich? Dich seh’ ich
+wieder und in solchem Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur
+Sommerzeit; oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so sicher
+däuchtest, als ich Dich warnte?«
+
+»Und wie zierlich der Knabe aussieht«, fuhr er fort, nachdem er mich
+wieder und wieder betrachtet, »ein Herzog könnt’ sich mit Dir sehen
+lassen, so er Dich in seinem Gefolg’ hätte, und mit Dir zu Hofe ziehn.
+Aber nicht zu mir, Diether, mußt Du als ein solcher kommen, wenn Du
+gelobt sein willst.«
+
+Streng sah er mich an, und dennoch war mir’s, als hätt’ er ein
+Wohlgefallen an mir.
+
+»Ihr thut mir Unrecht, Brun«, sagt’ ich da, und trat ihm einen Schritt
+näher, »Ihr thut mir zur Wahrheit Unrecht, wenn Ihr wähnet, ich komme
+im Übermuth zu Euch und zeige mich Euch in diesem höfischen Kleide,
+weil ich bethört sei von der Welt Eitelkeit. Sondern gedenket, wie Ihr
+einst selbst Eure Klause mit des Erzvaters Noä Arche verglichet, da
+Ihr mir Verirrtem eine Rast hier schufet vor des Wetters Ungestüm.
+Heut’ gleich’ ich dem Täublein, das draußen nirgend haften kann, mehr
+denn damals, und bitte, schleußt vor dem Flüchtigen Euer Fenster nicht
+zu!«
+
+»Aber«, sagte der Alte hinwieder mit einem scharfen Blick auf mich,
+»Du hast das Ansehen nicht, als hätte Dir die Welt bei Deinem ersten
+Ausflug übel gelohnt und reute Dich der Dank, der Dir von ihr
+geworden.«
+
+»O, Brun!« versetzte ich darauf. »Vergönnt mir nur bei Euch wenige
+Tage zu weilen und mich zu bergen; ein Anderes begehr’ ich nicht. Und
+wenn ich Euch werde berichtet haben, was mir begegnet ist, so werdet
+Ihr selbst erkennen, wie ich aus Noth in dieses Kleid gekommen bin und
+nicht aus Fürwitz, und Ihr werdet mir heim helfen, wohin mein Sinn
+steht, in’s Kloster.«
+
+»Wie?« fragt’ er mit Staunen. »In’s Kloster begehrst Du zurück?«
+
+»Ja, ich!« betheuert’ ich; »heim gen Maulbronn.«
+
+»Nun, Diether!« sprach da Brun, derweil er aufstund und sich
+anschickte, mich in seine Hütte zu geleiten. »Traun! Seltsames muß
+sich zugetragen haben, oder Du bist in Deinen Jahren gewitzigter als
+Viele, wenn in so wenigen Wochen die Welt Dich Unerfahrenen auf ihren
+Kloben pfeifen konnte, aber nicht länger Dich festhalten, und Du schon
+gelernt hast, ihres Wesens überdrüssig zu sein. Manch’ Einer lernt’s
+mit grauen Haaren kaum! Doch komm und pflege Dein! Du sollst mir
+hernach erzählen. Und vor wem Du Dich auch zu bergen hast, sorge Dich
+nicht. St. Wigbert’s Schutz ist gut, wem der einmal zugesagt worden
+ist.«
+
+So war ich denn den Tag über in seiner Klause, und sanft that mir da
+die Ruh. Mein Wirth trug auf’s Beste Sorge für mich und spähte
+fleißig, ob sich Jemand nahte. Aber den Waldpfad entlang ward nichts
+sichtbar, als etwa ein Wild, das zum Äsen der Lichtung zuschritt aus
+dem Dickicht; und außer durch das Geschrei des Hähers oder der Weihe
+droben in der blauen Luft und den Gesang der Waldvögel aus dem
+Erlengebüsch am Bach und dessen Rauschen ward die Stille der
+Einsamkeit durch Nichts unterbrochen.
+
+Über das, was mit mir vorgegangen, vermied Brun jede Frage. Aber als
+der Abend hereingekommen war und der Alte droben zur Vesper geläutet
+hatte, rief er mich hinaus und führte mich in seine Sommerlaube. Dort
+hieß er mich erzählen, was ich erlebt hätte, seit ich von ihm gezogen
+wäre. Da berichtete ich die Aventiure mit den zween Fahrenden, und wie
+ich durch sie um Klosterkleid und Briefe gekommen; ich schilderte
+meinen Strauß mit den Städtern, wie sie an mich wollten und ich mich
+ihrer erwehrte, ich erzählte auch darnach von Elzeburg, wie ich wäre
+dahin gebracht worden, wie sie mich für einen fahrenden Singemeister
+gehalten hätten und wie ich zuletzt mir anders nicht Rath’s gewußt,
+als von der Heerstraße hier zu ihm zu entweichen, daß ich bei ihm, so
+viel es Noth wäre, stille läge und darnach ungesäumt heimkehrte, woher
+ich ausgesandt.
+
+Als so mit der Erzählung mein Gemüth all’ den Dingen nachgieng, wie
+sie sich zugetragen, wurden sie selbst in meiner Seele wieder
+lebendig, als erlebt’ ich sie zum zweiten Male. So trachtete ich denn
+auch darnach, was ich zu schildern hatte, mit rechtem Nachdruck meinem
+Zuhörer fürzustellen. Der, merkt’ ich wohl, hatte so Seltsames zu
+hören sich nicht versehen, und so bezeugt’ er mit Blick und Gebärde,
+welchen Antheil er am Erzählen nähme und am Erzähler. Ja, ich
+berichtete Alles, nur Eines, ich war mir selber nicht wissend, welche
+Scheu mich davon abhielt, verschwieg ich ihm. Ich sagt’ ihm nichts von
+Irmela und meinem Schulhalten, sondern nur, wie ich hätte müssen die
+Aventiure von Sifride niederschreiben für Herrn Eberhard. Da Brun den
+Namen des Grafen zum ersten Mal vernahm und den seiner Burg, so
+horcht’ er auf, schien es mir, aber er sagte nichts.
+
+Als ich zu Ende war, sah er mich noch eine Weile schweigend an und wie
+mit prüfendem Aufmerken, und wieder wundert’ ich mich, wie milden
+Glanzes seine Augen blicken konnten, die doch zu Zeiten so gewaltig
+ernst und strenge, ja finster hinter den Brauen hervorsahen, die sie
+tief überdeckten.
+
+»Diether«, hub er darnach an, »Du bist unverbrüchlich dem Kloster
+zugesprochen?«
+
+Seine Frage kam mir unerwartet und es geschah wohl mit gar
+zweifelhafter Miene, daß ich zu ihm aufblickte.
+
+»Bescheide mich immer«, sagte er ruhig weiter, »was Du von Deinem
+Verlöbniß weißt.«
+
+»Nur das«, erwiedert’ ich, »daß man mir immer gesagt hat, wie ich noch
+gar jung als hilfeloser Findling vom Abt um Gottes Willen aufgenommen
+und zuerst zu Leuten, die des Klosters eigen waren, ausgethan worden
+sei. Hernach bin ich zu den Brüdern gekommen und für St. Bernhard’s
+Orden ausersehen, dem ich auch, wie sie mir sagen, nach heiligen
+canonischen Rechten versprochen bin.«
+
+»Wohlan, Diether!« sagte Brun wieder, »ich merke wohl, Du bist durch
+Gottes Walten ohne Dein Wollen und Zuthun von Deiner Bahn gelenkt.
+Danke dem reichen Christ, daß Du so geschwind Dich auf den Weg
+zurückgefunden hast, der Dir der vertraute ist von Kindesbeinen an.
+Dank ihm auch dafür, daß Du, so wechselsvoll diese Fahrt für Dich
+gewesen ist, dennoch in Deinem Sinnen und Meinen nicht ein Anderer
+worden bist, denn zuvor. Aber begehre nie ein Mehreres von der Welt zu
+sehen! Bist Du jetzt noch unbetrogen geblieben und ungeblendet, so hat
+sie wohl andere Larven, die noch süßer lächeln, aber die Hölle hinter
+sich haben. Darum, Jüngling, zeuch zurück in Deinen Frieden, und ich
+will Dir wohl dazu helfen. – Sollte sich’s aber«, fuhr er fort,
+»anders befinden, als ich halte, und Du hegst ein heimlich Verlangen
+zurück in das Wesen, dem Du entronnen bist, und Dein waglicher Sinn
+ist Dir erweckt, o Diether, so vertrau’ auch dann Dich mir an und
+hehle mir nichts!«
+
+Wohl fühlt’ ich die Röthe mir in’s Angesicht steigen bei solchen
+Worten. Denn sie erinnerten mich an das, was ich ihm schon jetzt
+verschwiegen hatte, und ich mußte gedenken, wie leichtlich seine Worte
+anders lauten würden, hätt’ ich ihm Alles erzählt. Um so mehr gieng
+mir seine redliche Art zu Herzen, und dankerfüllt wagt’ ich’s, seine
+Hand zu fassen, und sagte, indem ich sie küßte: »Da sei Gott für,
+Brun! daß ich so mit frevlem Sinn hinwegtrachte aus dem heiligen
+Stand, in den ich berufen bin, und Euer treues Mahnen vergesse.«
+
+»So wohl Dir, Diether!« sagte da der Alte wieder, hielt mit einer Hand
+die meine fest und legte die andere mir auf’s Haupt. »So wohl Dir,
+wenn Du Dein Leben lang vor dem schwersten Streit bewahrt bleibst, dem
+mit Dir selber. Denn in seinem eignen Herzen hegt der Mensch seinen
+schlimmsten Feind. Er ist übermächtig und in allen Listen geschickt.
+Weh’ dem Manne, der ihn erst aufgeregt hat! Bittere Schmerzen sind des
+Überwundenen Theil. Wohl erwählen sich die Meisten unter den
+Menschenkindern, lieber nachher zu büßen, als vorher dem Streit aus
+dem Wege zu gehen. Sie achten’s für leichter, aber der üble Teufel
+betrügt sie darin allzumal.«
+
+Wohl hört’ ich’s am Klang seiner Worte, daß er mit sonderlicher
+Bewegung seines Gemüthes redete, und als wir nun aus dem Dunkel der
+Laube hinaustraten, zeigte mir ein Blick in sein gefurchtes Angesicht,
+daß er da mir von Schmerzen gesagt hatte, die ihm selber wohl bekannt
+waren.
+
+Alles war still ringsum. Nur das leise Gesumme der um die duftenden
+Blüthen des Geisblattes schwirrenden Schmetterlinge nahebei und von
+unten her das Rauschen des Wassers vernahm unser Ohr. Drüben streifte
+das letzte Roth die Bergesspitzen, und über die Wiese senkte sich
+braune Dämmerung, während droben die ersten Sterne erglommen, wie
+Augen der seligen Engel Gottes sich aufschlagen, in denen die
+Herrlichkeit seiner Schöpfung sich schöner wiederspiegelt.
+
+Schweigend versenkte ich meinen Blick in die wonnesame Ruhe. Und auch
+Brun stand ohne Regung und schaute hinaus, als eilten seine Blicke dem
+schwindenden Lichte des Tages nach.
+
+Noch hielt er mich bei der Hand. Als nach kurzer Weile der letzte
+Abendschein von den Gipfeln der Berge verschwunden war, wandte er sich
+zu mir.
+
+»Diether!« sprach er, »laß uns selbander hinangehen, dem Bergwasser
+nach. Nicht lange, so geht drüben der Mond auf, denn schon hellt sich
+dort über den Bäumen der Himmel. Ich weile gern in seinem Licht auf
+der Höhe, wenn unten das Thal im Schatten liegt.« Und er zeigte
+hinauf.
+
+Mit Freuden folgt’ ich ihm, und wir stiegen den Pfad hart am Bach
+hinan, der bald in Sprüngen von Gestein zu Gestein sich
+hindurchzwängte, bald sanfter dahinglitt. Da ward zwischen uns wenig
+geredet. Vielleicht waren von vorhin die Gedanken noch zu lebendig in
+Brun’s Seele. Und auch ich hatte meine Betrachtung. Ich gedachte, wenn
+ich über mir zu den Sternen emporblickte: wie sie beständig in ihrer
+ersten Pracht scheinen unverändert, so oft nur die Wolkendecken sich
+vor ihnen hinwegthun; wie ich’s dagegen nun erfahren, daß über das
+menschliche Gemüth sich Schatten legen, von denen es nimmer geneset,
+und dann trat vor meine Seele der Garten, den jetzt dieselbe gestirnte
+Nacht umfieng, und ich wünschte, sie, die mich dort zum letzten Mal
+gegrüßt hatte, möchte niemals weniger heiter zu den Lichtern droben
+hinaufblicken, als diese zur Stunde hernieder zu ihr.
+
+Rauher ward unser Weg, von manchem Felsblock behindert und so von Baum
+und Gestrüpp beschattet, daß ohne des Alten Führung mein Fuß nicht
+vermocht hätte, weiter zu dringen. Aber der leitete mich sicher bei
+der Hand und zog mich ihm nach. So klommen wir empor, bis wir zu einer
+moosigen Felsplatte kamen, von wo der Ausblick frei war in die
+Waldeinsamkeit ringsum. Hier sah man weithin die Züge des Gebirges mit
+endlosen Waldungen, gleich Wellen eines dunklen Meeres fern und ferner
+sich dehnend, und unter uns das Kirchlein mit Brun’s Clause und tiefer
+das Wiesenthal. Alles lag da vor uns ausgebreitet im Dämmer der
+Sommernacht. Da stieg drüben der Mond hinter den Bergen hervor und
+erhellte die Höhe, die wir erstiegen hatten.
+
+»Laß uns hier«, sagte Brun, indem er sich setzte, und mich einlud zu
+thun wie er, »laß uns hier der Betrachtung pflegen und dazu das
+Silentium halten! Ort und Stunde sind geschickt dazu.«
+
+Nach diesen Worten verharrt’ er schweigend und blickte in die Tiefe
+vor uns hinunter, als stiegen von dort Gestalten zu ihm auf, dicht vor
+seine Seele hin; je zuweilen wandt’ er sein Haupt und fuhr mit der
+Hand über Stirn und Angesicht, als begehrte er sie nicht länger zu
+schauen und spräche zu ihnen: »Vorüber, vorüber!«
+
+Wie er so, als mich däuchte, geschlossenen Auges da saß, im vollen
+Mondlicht regungslos, und nur unterweilen im Hauche der Nacht sein
+Barthaar sich bewegte, so mußt’ ich denken beim Anblick der mächtigen
+Felsblöcke umher, die durch eine Riesenhand hier zersprengt und
+verstreut zu sein schienen: Er wie diese Steine, jetzt so friedlich
+beglänzt vom sanften Mondlicht – von welchen Stürmen und Ungewittern,
+die über sie ergangen, könnten sie wohl berichten!
+
+Immer tiefer indeß sanken unter uns die Schatten und immer höher
+rückte der Bergeshang in den Glanz, der uns umfloß. Es war, als wollt’
+er hienacht mit seinen Strahlen zwischen Farn- und Baumgezweig manche
+feuchte Kluft besuchen, die sonst im ewigen Dunkel lag.
+
+Da ich so dieses Spieles des freundlichen Lichts gewahrte, wie es
+emsig immer weiter seine güldnen Fäden zog, siehe! da blitzte mir
+etwas aus einer Höhlung nicht weit von uns entgegen, darin das
+Mondenlicht sich hell und heller spiegelte, als hätt’ es einen
+unverhofften Fund gethan und wollte den mir mit Freuden zeigen.
+
+Es waren nur wenige Schritte dahin und die Neugier trieb mich
+hinzugehen. Ein gülden Ringlein lag da am wohlbeschirmten Ort und
+seltsam beigesellt dicht neben eine Eidechse, als hätte sie des
+Schatzes zu hüten. Da ich näher zusah, merkt’ ich, sie war todt und
+ihre Vorderfüße hatte sie gekreuzt über ihrer Brust. Ich wußte wohl,
+daß Solches die Art dieser Thierlein ist, wenn sie gestorben sind,
+aber es däuchte mich, als waltete hier mehr als ein Ungefähr, und Ring
+und Thier wären Hüter +eines+ Geheimnisses.
+
+Der Ausruf des Erstaunens, der mir entfuhr, ob dem unerwarteten
+Anblick, weckte den Alten aus seinen Träumen. Auf seine Frage, was es
+gäbe, brachte ich den Ring herbei und sagte ihm von der Eidechse hart
+daneben, und wie es mir geschienen hätte, als wäre dieser Hort ihr und
+sie könnte nicht von ihm lassen auch im Tode nicht, und hätt’ an ihm
+eine große Schuld auf sich; darum läge sie da so ausgestreckt mit
+gekreuzten Armen gleich einer armen Seele, die Buße thut.
+
+Mit Hast griff Brun nach dem Ringe und hielt ihn prüfend gegen das
+Mondenlicht.
+
+»Joconda!« rief er dann und ein Seufzer aus tiefstem Herzen gesellte
+sich zu dem Namen. »Ach, und nie wird die arme Seele genug büßen um
+Deinetwillen!«
+
+»Euer Gemüth ist in große Bewegung gebracht durch den Ring«, sagt’ ich
+und trat zu ihm.
+
+»Wohl, Diether!« erwiedert’ er, nachdem er eine Weile schweigend vor
+sich hin gesehen, »weiß ich um dies Kleinod. Frage nicht, wie ich’s
+erfahren. Besser vielleicht bliebe die Geschichte von ihm so jungen
+Ohren verschwiegen; aber da das Licht dieser Mondnacht durch Dich
+diesen Reif herwiedergebracht hat, sollst Du hören, wie sie sich
+zutrug, und dann gedenk’ auch Du in heil’gen Stunden der armen Seele,
+von der Du sagtest, und bitte Gott im Himmel für sie, daß ihre Buße
+recht gethan sei und ihm wohlgefalle!«
+
+Wieder schwieg er eine kurze Weile. Dann winkt’ er mir, mich zu ihm zu
+setzen, und hub also an zu erzählen.
+
+
+ Die Geschichte, so Brun Diethern erzählte.
+
+Es ist manches Jahr her, Diether, da lagen in Welschland deutsche
+Kriegsvölker vor der Stadt Bologna. Aber sie konnten sie nicht
+gewinnen, ob sie gleich die Stadt berannten und mit Einschließung
+lange und hart ängstigten. Da mehrte sich die Erbitterung täglich auf
+beiden Seiten, und wer weiß, wieviel Jammers und Elends da noch
+zugefügt und erlitten wäre, wenn göttlicher Wille es nicht gnädig
+abgewendet hätte. Denn die deutschen Herren, so das Heer führten,
+hielten es endlich aus trefflichen Ursachen für wohlgerathener, die
+entstandene Fehde gütlich zu vertragen. Und so ward denn den Städtern
+entboten, daß sie, was Leute hohen Ansehens und klugen Raths wären,
+aus den Ihren verordneten, damit man sich miteinander der Sachen
+annähme, wie sie beizulegen.
+
+Unter den deutschen Rittern, die da den Herren, wenn sie zur
+Berathung zusammenkamen draußen im Lager oder drinnen in der Stadt, zu
+Schutz und Beistand zugesellt wurden, war Einer, den Jedermann solcher
+Ehre vor Andern für würdig auserkannte. Bruno war sein Name, er hatte
+in allen Dingen, die dem Manne wohl stehen, den ersten Preis. Er war
+edler Gestalt und reichen Gutes; sein Wuchs war hoch und sein Ansehen
+stattlich und gebietend; sein Arm eben so tapfer zu streiten, wie sein
+Geist hell und auch, wo es schwierige Entscheidung galt, das Richtige
+zu treffen, geschwind. Dazu hatte er die sonderliche Gabe, die
+Gemüther der Menschen, welche er wollte, für sich zu gewinnen und die
+Vorzüge, die ihn zierten, so zu brauchen, daß sie in Andern nur
+Bewunderung schufen und Freude ihrer mitzugenießen, und Willigkeit ihm
+zu dienen. Darum war’s kein Wunder, daß Bruno sich der Macht bewußt
+war, die er über die Menschen hatte, noch, daß er ihrer brauchte. Sein
+hochfliegender Geist war es nicht anders gewohnt, als daß seines
+Gleichen sich ihm unterordnete. In so hohen Ehren und von jedem Glück,
+dessen er begehrte, umgeben, war Bruno bis an den Mittag seines Lebens
+gekommen. Aber gewohnt, Alles, wonach ihm sein Trachten stund, wie
+spielend und nur zur Übung seiner überlegenen Kraft zu erreichen,
+glänzte sein Angesicht noch im ungedämpften Feuer der ersten Jugend.
+
+Doch, Diether, all’ diese hohen Vorzüge waren ihm verliehen, nur um in
+seinem Herzen die schlimmsten Kräfte groß zu ziehen, ihm selber
+unbewußt, ihm zur Unseligkeit und Andern. In so langen Jahren des
+Gelingens seiner Pläne und der aus seinem Thun wachsenden Ehre war er
+sicher geworden, daß recht wäre, was ihm gut däuchte, und während er
+Andere berieth und leitete, wachte er nicht über seine eigenen
+Wünsche.
+
+Die Zeit kam, ihn auf die Probe zu stellen, Diether! und Du wirst
+sehen: er bestund die Probe nicht.
+
+Unter den Edlen Bologna’s war Einer auserlesen vor Allen. Wie die
+Sonne am Frühlingstage heraustritt aus den Thoren des Morgenroths,
+ihren Lauf zu beginnen mit Freuden, so schritt Guido, noch prangend im
+Thau der ersten Jugend, die Bahn der Ehre und des ruhmvollen Thuns
+hinan. Ihn konnte Niemand sehen, ohne ihn zu lieben. Und nur wenige
+Male hatten Bruno und Guido bei den Berathungen, die zum Frieden
+helfen sollten, sich gegenübergestanden, als der deutsche Mann mit
+sonderlichem Wohlgefallen sich hingezogen fühlte zum welschen
+Jüngling. Der aber war ihm bald mit der vollen Hingabe seines
+jugendlich entflammten Herzens zugethan, und wiewohl die Beiden in
+dem, worüber sie zu rathschlagen hatten, sich nur als Feinde
+betrachten durften, so sah Bruno doch, wie der Jüngling mit
+zunehmendem Eifer sich jegliche Gelegenheit zu freundschaftlicher
+Zwiesprach erlas und wie er zu ihm aufsah, als dem Manne erfahrener
+Ehre und erwiesen in jeder edlen ritterlichen Tugend. Solches sah
+Bruno mit Freuden, und was er vermochte, des Jünglings Herz an sich zu
+fesseln und sein Vertrauen zu gewinnen, davon unterließ er nichts,
+denn er liebte ihn. Schöneren Bund sah man wohl selten, als da diese
+Freundschaft erblühte zwischen den Beiden, gleichwie eine Blume sich
+aufthut, lieblich im rauhen Nordsturm, und wenn, nachdem man Raths
+gepflogen, Guido an Bruno’s Seite durch Bologna’s Straßen schritt, ihn
+zu geleiten, so blieben wohl die Leute stehen, die vorübergiengen, und
+sahen mit Bewunderung den Beiden nach.
+
+Nicht lange, so erbat sich Guido vom Rath die Gunst, Bruno in sein
+Haus zu führen, und weil er Bürgschaft leistete und die Hoffnung auf
+nahen Vergleich und Frieden sich mehrte, so ward ihm solches
+verwilligt. Er wohnte im weiten Palast allein mit seiner Schwester.
+Seinem Schutz hatten die Eltern, die beide unlange an der Pest
+gestorben waren, Joconda übergeben. Treuerer brüderlicher Hut ward nie
+eine Schwester anvertraut, als die Liebe war, mit welcher Guido über
+Joconda wachte, und wie zwei nachbarliche Pflanzen einem Licht
+entgegenwachsen, gepflegt von einer Hand und genährt von einer Quelle,
+so waren diese Geschwister. Oft schon hatte Guido zu Bruno von seiner
+Schwester gesprochen, und wenn er ihrer gedachte, leuchtete sein Auge
+von brüderlichem Stolz. Ja, Alles was von süßer Zärtlichkeit und
+Weichheit in der Seele des Jünglings wohnte, ward mit +einem+ Namen
+gerufen, mit dem Namen: Joconda. Von ihr hatte er Bruno auch gesagt,
+daß sie aus Verabredung beider Väter mit einem Jünglinge zu Pisa
+verlobt wäre, und daß, wenn ruhige Zeiten wiederkehrten, auf die
+Hochzeit gedacht werden sollte.
+
+Vornehmlich also, daß Bruno seine Schwester sehen möchte und sie ihn,
+den Freund, den er sich gewonnen, führte Guido diesen in seines Vaters
+Haus. O, wäre es doch nimmer geschehen, Diether! Oder wäre einer von
+den Blitzen, die an jenem Abend bei Bruno’s Rückkehr aus der Stadt vom
+Himmel flammten, auf ihn herniedergezuckt! Freundlich war zwar das
+Grüßen, das zwischen dem Freunde des Bruders und der Schwester
+geschah, aber unsäglich Weh und großen Jammer hatte es hinter sich.
+Und hätte Guido bei jenem ersten Gruß das sanfte Erröthen im Angesicht
+seiner Schwester und in Bruno’s das frohe Erstaunen über ihre große
+Schönheit besser verstanden, fürwahr, er hätte sich nicht, wie er
+that, des Anblicks im brüderlichen Stolz gefreut, sondern ganz andere,
+schreckliche Weissagung darin erkannt.
+
+Von Stund an war Bruno’s Sinn von heftiger Liebe zu Joconda erfüllt
+und allein darauf gerichtet, ihre Liebe sich zu gewinnen. Klugheit,
+Ehre und Treue riefen ihm zu, abzulassen und nicht zu begehren, was
+Gott ihm versagte. Denn heilig war Guido die Pflicht, dem Verlobten
+die Schwester zu erhalten. Aber ein Sturzbach wäre mit einem Strohhalm
+eher aufzuhalten gewesen, als Bruno’s Gemüth mit allen Einreden der
+Pflicht und des Gewissens vom Trachten nach dem, wovon es jetzt einzig
+entflammt war. Nun erst däuchte er sich ein Ziel gefunden zu haben,
+werth, all’ seine Kräfte daran zu setzen, und wie er sich der Gewalt
+der Leidenschaft, die ihn beseelte, ganz überließ, so zeigte auch
+Liebe, die Zauberin, Alles, was er in ihrem Dienste that oder dachte,
+in einem hellen, reizenden Lichte, aber die dunklen Abgründe seines
+Herzens, aus denen sein Trachten hervorgieng, ließ sie ihn nicht
+sehen; ja jeglich Hinderniß und jegliche Gefahr, welche auf dieser
+seiner Bahn ihn bedrohte, steigerte nur mehr seinen verwegenen Muth.
+
+Ohne Arg trat Joconda dem Freunde ihres Bruders gegenüber und voll
+heiteren Vertrauens. Aus Wahrheit ihres Herzens stimmte sie in Guido’s
+Lob, wenn er Bruno’s Tugend lobte, und wie sie immer sorgloser seinem
+Worte lauschte und seines Kommens immer gewohnter ward, so ward sie
+von der süßen Macht der Liebe bezwungen wie unvermerkt, und da sie das
+Geheimniß ihres Herzens von dem Einzigen errathen sah und solches aus
+Scheu ihrem Bruder verschwieg, da hub sich allererst auch ihre
+Mitschuld an. Und von Stund an ward sie glücklich, als schwebt’ ihr
+Herz in Wonne, durch Bruno’s Liebe, die dem Fluge des Adlers glich,
+über alle Höhen sich schwingend – und elend zugleich. Die Heimlichkeit
+ihres Bundes und seine beständige Gefahr trieben ihr geängstet Herz
+nur um so mehr, sich Bruno zu vertrauen und seiner Führung, dessen
+Zuversicht und Kühnheit nur zu wachsen schien wie eines seines Auges
+und seiner Hand sicheren Steuermanns, wenn er das Schiff durch tosende
+Brandung lenkt.
+
+Bald kamen sie heimlich zusammen zu süßer Zwiesprach. Wohl wußte
+Bruno, daß er damit wider Ehre und Treue den Freund betrog, aber er
+achtete es nicht und fuhr fort, den Arglosen zu täuschen.
+
+Und wenn er wußte, sie harrte seiner, so galt ihm Nichts die Bedrohung
+der feindlichen Wächter an den Thoren und ihr Geschoß, sondern
+vermummt in der Dämmerung schlich er hindurch bis unter die Hallen der
+Paläste und harrte seiner lieben Trauten.
+
+Da hörte ihr Ohr manch süßes Wort, wenn er kam, und manch heißen
+Schwur, wenn er von ihr schied, und die Todesgefahr, in der er
+schwebte um ihretwillen und die er verlachte, drängte ihr Herz immer
+näher an seines.
+
+O! wohl mag der Jüngling sich hüten, wenn starke Leidenschaft ihn
+beseelt, daß ihr Wirbel sein leicht erregtes Herz nicht überwältigt
+und sein Lebensschifflein rettungslos in die Brandung reißt. Doch wehe
+dem gereiften Manne, wenn die Liebe seines Herzens ihn von Pflicht und
+Ehre scheiden! Er muß seinen Wünschen ganz entsagen oder er fällt der
+finstern Macht anheim, die alle seine Tugenden verzehrt und alle seine
+Kräfte in ihren Dienst nimmt, um ihn und durch ihn zu verderben.
+
+So, Diether, ward Bruno’s Liebe verderblich für Joconda, für Guido,
+für ihn selbst!
+
+Schuldvoll war diese Liebe schon mit ihrer ersten zarten Regung und
+fluchvoll mußte sie endigen. Ihr stand kein Engel göttlichen Heiles
+und göttlichen Schutzes zur Seite.
+
+Die Fehde ward vertragen, der Friede geschlossen.
+
+Just am Tage der Fastnacht ward er feierlich verkündigt. Die Thore
+der Stadt wurden aufgethan und unter dem Geläute der Glocken erscholl
+der Ruf der Freude von Deutschen und Welschen wie aus einem Munde. Da
+überließ sich Jeglicher mit ganzem Herzen dem frohen Gefühle der
+wieder erlangten Sicherheit, und die, so sich bis dahin so hart
+befehdet hatten, zogen in munterem Gedränge verbrüdert durch die
+Straßen der befreiten Stadt, und weil man so lange in Furcht gelebt
+und der Freude entbehrt hatte, so war auf diesen Tag die Stadt zu
+ausgelassener Lustbarkeit gerüstet. Da man Gott gedienet hatte und das
+Tedeum in der Kirche St. Petronii verklungen war, wurde auf dem
+Rathhause von den Herren Bologna’s den edelsten unter den Rittern eine
+stattliche Bewirthung gethan, indeß das Volk außen auf Straßen und
+Plätzen seine Kurzweil hatte. Zum Abend sollte die Stadt, wie es in
+Welschland Brauch ist an Freudentagen, mit Fackeln und bunten Lichtern
+erleuchtet und zu Ehren der Fastnacht Schimpfspiel und Mummenschanz
+gehalten werden. Daß nicht etwan von den Städtern den Deutschen,
+welche hineinkamen, ein Übel geschähe, hatte der Rath jegliche
+Störung des Friedens mit Todesstrafe bedroht; so war auch den
+Deutschen verboten, die in der Stadt weilen wollten, an dem Tage
+Waffen oder Wehre zu tragen.
+
+So war da auf Aller Angesicht Freude und Jubel. Vor Andern erschienen
+Bruno und Guido hochbeglückt, da sie sich trafen an der Kirchthür, als
+man die heilige Messe gelesen. Droben im Festsaal saßen sie bei
+einander und wie stolz schien Guido, allen den Herren es zeigen zu
+können, welchen Freund er sich gewonnen habe! Und wahrlich! Bruno ward
+da als ein Muster ritterlicher Tugend und höfischer Sitte auserkannt.
+So edel war sein Wesen, so zierlich und klug seine Rede, daß Jedermann
+im Saal auf ihn achtete.
+
+»Treue und Freundschaft auf ewig!« rief ihm Guido zu, als man wieder
+die Becher gefüllt hatte und ergriff seine Hand.
+
+»So sei es!« that ihm der Angeredete Bescheid und schlug ein: »Treue
+und Freundschaft auf ewig!«
+
+Und indem sie sich mit den Augen zuwinkten, setzten sie die Becher an
+die Lippen.
+
+»Halt!« rief da Guido, dessen Herz vor Freude überwallte. »Harre noch,
+Bruder, ehe Du trinkest den Trunk der Treue; es gilt noch ein Wort:
+»Joconda!«
+
+Und Bruno hörte dieses Wort, Diether, und er las seine Bedeutung in
+der Seele des Jünglings, der es aussprach, aber er zögerte nicht und
+rief den Namen auch und trank den Becher bis zur Neige.
+
+Ward ihm denn die Frucht des Weinstocks nicht zum Feuer in seinen
+Gebeinen, da er diesen Becher dem Bruder zutrank, den er an diesem
+Tage so treulos zu betrügen entschlossen war? Erstarb ihm nicht jener
+holde Name auf den Lippen, den er in einem Athem mit dem Bruder
+auszusprechen wagte, obwohl er wußte, daß er damit schändlich log?
+
+Aber Bruno’s Angesicht blieb heiter wie zuvor und kein Laut seines
+Mundes verrieth das Vorhaben, von dem sein Herz jetzt einzig erfüllt
+war.
+
+Als die Bewirthung zu Ende war, und man das Rathhaus verließ, gab er
+vor, wegen nöthiger Geschäfte hinaus in’s Lager zu müssen, und mit
+trüglichem Wort ward er eins mit Guido, daß er ihn dort an bestimmter
+Stelle aufsuchen möchte gegen Abend, dann selbander in die Stadt
+zurückzukehren, das Fest zu beschauen und an der Lust des Volkes Theil
+zu nehmen. So trennten sich die Beiden.
+
+Bruno hatte einen Waffengenossen, der ihm in Allem ergeben war.
+
+Adelbert wußte um Bruno’s Liebe; er wußte auch, daß heute die Flucht
+geschehen sollte, und gerne war er bereit, dazu zu helfen. Die Stadt
+Bologna hat ein Thor, das ist vor andern klein, und Wenige ziehen
+hindurch. Die Straßen, die dahin führen, sind gar enge und einsam, so
+auch die Landstraße, wenn man das Thor hinter sich hat. Das däuchte
+ihnen am sichersten da hindurch zu entkommen. Weil an dem Tage auch
+unter den Rittern und Fußknechten einer auf den andern wenig Acht
+hatte, denn nach der langen Belagerung überließ sich Jedermann der
+ungewohnten Lust, und keiner mißgönnte sie ihm, so ward verabredet,
+daß Adelbert mit Rossen und einem Häuflein Knechten, wenn es würde
+völlig dunkel geworden sein, nach dem Thor S. Rocco aufbrechen und
+allda seiner harren sollte.
+
+Zur selben Stunde barg der tiefste Schatten eines Pfeilers der Kirche
+des heiligen Petronius Bruno’s vermummte Gestalt. Er hatte sich
+angethan, als einer, der an der Lustbarkeit theilnehmen wollte, und
+auch sein Angesicht war verlarvt. Er drückte sich hart an’s Gemäuer
+und regte sich nicht. Mit Eifer forschte sein Auge durch das Dunkel,
+und so Schritte sich nahten, schlug sein Herz stärker, indeß sein Ohr
+ohne Aufhören auf das Getön der Orgel und die Stimme des Priesters
+drinnen in der Kirche lauschte, wo man die Vesper sang. Aber seine
+Seele war da fern vom Verlangen nach Gott. Sie war nur bei der, die er
+jetzt drinnen im Gotteshause wußte und mit der er eins geworden war,
+heut zu entfliehen. Hier von dieser Stelle aus sollte es geschehen.
+
+Der heilige Dienst war zu Ende. Hunderte giengen an dem Harrenden
+vorüber, ohne sein zu achten, aber als jetzt zögernd und mit kaum
+hörbaren Schritten eine verhüllte Gestalt sich nahte, so bewegte auch
+er sich wie mit freudigem Schreck ihr einen Schritt entgegen.
+
+Als er leise ihren Namen nannte und sie mit heißer Inbrunst umschlang,
+fühlte er, wie sie zitterte, und da sie nach kurzem Geflüster jetzt
+hinaustraten und das Licht festlich erhellter Häuser ihr Angesicht
+traf, so fiel es ihm auf, wie bleich es war und wie schön. Der Stolz
+und das Glück, solch ein Weib sich gewonnen zu haben, stählte seinen
+Muth und sein Vertrauen zu sich; sein Gang war so sicher und sorglos,
+als suchte er keine andere Fröhlichkeit als die, welcher die Menge
+nachgieng, die an ihnen vorüber wogte. Manchen neckischen Zuruf mußte
+er hören, wie man dergleichen treibt zu solchen Zeiten; er erwiederte
+jeden Scherz mit Lachen und beschleunigte seine Schritte.
+
+Schon hatten sie die Straßen, die am meisten belebt und am hellsten
+erleuchtet waren, hinter sich; durch die engen Gassen, die heute noch
+stiller waren denn sonst, kamen sie dem Roccothore näher. Bruno
+mäßigte Joconda zu lieb seine Eile, denn nachdem sie bis dahin
+unerkannt und unaufgehalten geblieben, war er keiner Hinderung ferner
+gewärtig.
+
+Da, als sie in die letzte Gasse einlenkten, die zum Thore führte,
+that sich unweit von ihnen die Thür eines Hauses auf, und hervor kam
+lärmend eine Schaar Vermummter mit Fackeln und Windlichtern als
+solche, die auch noch zum Feste ziehen wollten. Der Ort, da die
+Flüchtigen an ihnen vorüber mußten, war gar enge und so geriethen die
+beiden in die helle Beleuchtung ihrer Lichter. Alsbald ward Bruno von
+dem Kecksten unter ihnen angeredet.
+
+»Eure Dame, Freund«, rief er, »wird’s Euch wenig danken, daß Ihr sie
+so früh hinwegführt vom Fest, das schönen Frauen so vieles zu schauen
+gibt.«
+
+»Kehrt um und kommt mit uns!« riefen die Anderen da und umringten die
+Beiden, als wollten sie in ihre Mitte sie nehmen.
+
+Da Bruno ihrer nicht achtete und ohne sich aufzuhalten weiter schritt,
+so ward dadurch der Übermuth der trunkenen Gesellen nur noch mehr
+erregt.
+
+»Das macht: er ist eifersüchtig, Nicolo!« sagte wieder einer, »und
+mißgönnt Bologna den Anblick seiner Schönen.«
+
+»Er hat wohl Grund dazu«, erwiederte der Angeredete, »wenn das
+Angesicht der Dame hält, was ihre reizende Gestalt verspricht.«
+
+»O, hebt den Schleier!« riefen sie, und hatten das Ansehen, als
+wollten sie Joconda näher treten.
+
+Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter anschmiegte, so
+stieß der mit gewaltiger Faust den, der sich zumeist herangedrängt
+hatte, zu Boden, und ein deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem
+er durch die nun wieder geöffnete Bahn weiter schritt. Einen
+Augenblick waren die Zudringlichen zurückgewichen, aber die Überzahl
+und das Gelage, von dem sie kamen, machte sie kühn, und mit dem Ruf:
+»Wie! die deutsche Bestie will uns schlagen und wider ergangenes
+Gesetz beleidigen?« drängten sie sich auf’s neue heran und vertraten
+den Weg.
+
+Da reckte sich Bruno in die Höhe und drohend rief er, daß es laut
+erscholl: »Ha, ihr welschen Hunde, wem sein Leben lieb ist, der lasse
+uns hindurch!« Und es würde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn er
+allein gewesen wäre, aber, wie er die Zitternde an seinem Arme fühlte,
+so stund er unschlüssig, ob er jetzt das Äußerste thun sollte seinen
+Gegnern gegenüber, die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth
+zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gelärme die Straße an
+beiden Seiten in Aufruhr gebracht. Lichter erschienen, Fenster und
+Thüren wurden aufgethan und eine Menge Neugieriger strömte herbei.
+
+Da sah Bruno den Augenblick höchster Noth gekommen; während rings um
+ihn das Wuthgeschrei wider den Deutschen die Luft erfüllte, umfaßte er
+fest Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen. Aber
+das wäre sonder Zweifel Beider Verderben gewesen, wenn nicht da vom
+Thor aus Rettung gekommen wäre. Denn da dort Adelbert und seine Leute,
+die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno zu ihnen stoßen
+sollte, nun hörten, wie sich von da Geschrei erhub und vernahmen den
+Ruf wider den Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein.
+Sie sprengten unter das Gedränge, und unter ihren Hieben rechts und
+links stoben die Welschen auseinander. Die nun Bruno bedrängten, wie
+sie das neue Getümmel hinter sich hörten und die streitbaren Stimmen
+der Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen,
+Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen die beiden
+Flüchtigen, auf die nun Keiner mehr Acht hatte, Raum, und froh der
+ihnen ungedacht gewordenen Hülfe eilte Bruno dem Thore zu.
+
+Wohl wankten Joconda’s Schritte an seiner Seite, aber er wies sie hin
+auf die Nähe ihres Zieles, und die Hoffnung belebte ihre sinkende
+Kraft. Nun traten sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten
+Dunkel, das da herrschte, sah Bruno’s scharfes Auge, wie von draußen
+eine Gestalt ihnen entgegenschritt. Als sie zum Thore hinaus traten,
+gieng diese Gestalt hart an ihnen vorüber in das Dunkel des Thores,
+das die Beiden eben hinter sich ließen.
+
+Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und der Abendhimmel,
+wenn auch vom Mondenlicht erhellt, war regentrüb; so konnte Bruno das
+Angesicht des an ihm Vorübergehenden nur einen Augenblick sehen. Er
+hatte nicht Acht darauf, denn sein Gemüth war auf Anderes gerichtet,
+und doch war es ihm, als hätte er in diese Augen schon geblickt.
+Verstummte da nicht plötzlich der Hall der im Thorbogen dröhnenden
+Schritte hinter ihm? Als er zurücksah im Weiterschreiten, stund, so
+schien es ihm, im Thor noch immer die Gestalt, als sähe sie ihm nach.
+
+Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war eine vorlängst verfallene
+Kapelle. Allda sollte Adelbert mit den Rossen und Knechten halten.
+
+Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren Alle, da der Streit sich
+in der Stadt erhoben, von da gewichen, so rief er laut das Wort, bei
+dem sie unter einander übereingekommen waren sich zu erkennen, wie man
+pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl die Antwort näher
+vom Thor her und Bruno gedachte da die Rosse zu finden. Er wandte sich
+also zurück und ließ indeß Joconda an der Kapelle. Da er unweit dem
+Thore war und auch schon den Tritt der Rosse hörte, die herzu gebracht
+wurden, sah er wieder dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des
+Thores und noch an derselben Stelle und wieder war’s, als suchte sie
+nach ihm. Da zerriß eine Wolke und das Mondenlicht ergoß sich hell.
+Wie es mit voller Klarheit Bruno beleuchtete, der hier außen vor der
+Stadt die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang an sein Ohr
+aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei, den er nimmer vergessen hat;
+es war ein Schrei des heftigsten Zornes und auch der unsäglichsten
+Trauer. Und mit diesem Aufschrei löste sich die Gestalt aus der
+Finsterniß der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt, und stürzte
+ungestüm auf Bruno zu, der eilend sich den Rossen näherte, welche
+jetzt ihm zugeführt wurden. Er wandte sich und sah in des Anstürmenden
+Angesicht. Nicht länger als bis man eins zählt, sah er hinein. Aber er
+ward von einem Blick getroffen, der so gethan war, daß vor ihm ein
+Teufel aus der untersten Hölle hätte zur Umkehr oder der hehrste der
+heiligen Engel zu Fall und Verstockung gebracht werden können.
+»Bruno!« hörte er sich rufen. Aber er sagte nichts und packte mit
+mächtigem Griff den sich zwischen ihn und die Rosse Drängenden. Da hub
+sich ein Arm gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch im Nu
+hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden, die ihn führte, und stieß
+ihn tief in seines Gegners Brust. »Schwester!« rief der mit
+versagender Stimme und brach lautlos zusammen.
+
+Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit welcher der tödtliche
+Streich geschehen war.
+
+Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr Ruf, daß das Fräulein
+käme, brachte ihn zu sich.
+
+Geschwind verhüllte Bruno des Erschlagenen Angesicht, und als Joconda
+neben ihm stund und zitternd auf die klaffende Wunde deutete, da sagte
+er. »Es galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht, Joconda, oder
+seines. – Hinweg, hinweg!«
+
+Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos, und er fühlte eine eisige
+Kälte in seinem Gebein.
+
+»Hinweg, hinweg!« riefen da wieder die Knechte und vom Thor her hörte
+man Getümmel.
+
+Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse trugen die Fliehenden
+auf verschlungenen Wegen durch die Nacht. Bald hatten sie die Stadt
+weit hinter sich. Aber Bruno war’s noch immer, als schlüge das Brausen
+der empörten Volksmenge laut und lauter an sein Ohr und würden die
+Sturmglocken gezogen und ihre ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und
+immer vernehmlicher: »Mord, Mord!«
+
+Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen zu berichten, die nun
+folgten, welcherlei sie gewesen sind für die Beiden: Tage der Flucht,
+Gefahr und Noth.
+
+Bologna’s Rath und Volk forderte Rache für den Friedensbruch und die
+Blutthat. Bruno’s Leben ward in ihre Hand gegeben, er ward all’ seiner
+Güter beraubt und schlagen durft’ ihn, wer ihn fände. Mit großem
+Verlangen trachtete er darum aus Welschland hinweg und auch weil er
+keine Ruhe fand unter dem Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf
+seinen Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen ersähe und
+deutschen Laut vernähme, wähnte er, würde sein Gemüth sich entledigter
+fühlen und frei. Unter großen Mühseligkeiten ward die Flucht gethan.
+Aber endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden Rast und
+Bergung auf der Burg Adelberts. Allda gedachte Bruno zu harren, ob
+etwa der Sache Rath würde und seine Freunde für ihn Gnade erwirkten
+beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war, gelangte Zeitung an ihn,
+daß das Urtheil wider ihn bestätiget und all’ sein Lehn vom
+kaiserlichen Vogt eingenommen wäre. Da zeigte es sich, was die treue
+Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das Ungemach zu fühlen,
+was Bruno bereitet war; ja sie theilte seine Sorgen, als trüge sie den
+größeren Theil der Schuld daran, und über das eigene Elend ließ sie
+nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele durch solche Geduld
+mächtig ermuthigt und durch ihre Zuversicht, darin sie nicht wankte,
+daß bessere Tage nahe wären. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem Bruder
+hinkehrte, was wohl täglich geschah, und dabei gedachte, wie gewißlich
+sie hoffte, er würde ihr noch verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob
+von ihm noch keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno’s Seele
+jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes Wort ward wieder
+laut in seinem Herzen, das die Sturmglocken Bologna’s ihm nachgerufen
+hatten in der Nacht, da die Flucht geschah. – Dann wandte er sich und
+sein Blick ward finster und immer finsterer, je beweglicher sein Weib
+ihm Trost zusprach; denn sie wähnte, das sehnende Verlangen der
+Freundschaft nach Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm
+den Muth also. Bruno aber, wie oft er’s auch beschlossen hatte, und
+wie gewiß er erkannte, daß es einmal geschehen müßte, gewann das Herz
+nicht, ihr zu sagen von Guido’s Tod.
+
+So kam der Herbst heran, und wie den Beiden der gute Bote noch immer
+verzog, so wollte Joconda nicht länger leiden, daß Bruno ferner in
+träger Ruhe seine Tage versäße und allein fremder Hülfe harrete. Wenn
+er selber sein Vermögen brauchte, so würd’ es nicht vergeblich sein;
+oder warum sollte für ihn kein Mitleid vorhanden sein, der bis dahin
+so werth gehalten worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber
+nicht unbekannt geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde geworden
+war, daß die Majestät zu Costnitz Hof hielt, so lag Joconda ihrem
+Gemahl mit vielen Bitten an, dahin zu ziehen, als Bittender seine
+Sache zu betreiben, Sühne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier
+ihm eine Bußfahrt, die da ihm zu thun vorhanden war, und schwer ward
+es ihm, den stolzgewohnten Sinn dahin zu kehren. Denn er mußte ohne
+Geleit ziehen und verhohlen, daß es nicht schiene, als gedächte er
+sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das ihm gesprochen war.
+Sein Weib wollte nicht von ihm weichen in keiner Fährniß und Noth und
+zog mit ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf dem Wege
+waren, kam ihre Stunde. In großen Schmerzen gelangte sie, von Bruno
+geführt, in eine Höhle, die sie da erspähten, denn sie wanderten im
+Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als Bruno mit Weh und Wonne
+das feine Knäblein in seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal,
+gestaltet wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes, doch
+sagt’ er nichts.
+
+Wie groß nun die Noth in jener Höhle war, läßt sich leicht ermessen,
+und Bruno, da er sah, daß er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter
+Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu werden. Der Fürst
+der Höllenschlünde sandte ihm einen bösen Geist des Unmuths und der
+Ungeduld.
+
+Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten Engel, das Banner der
+Hoffnung, des Heils und der Ehre ihm fürzutragen. Selber im Elend zu
+sein und im Ungemach auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher Sinn
+gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie das Kind, das sie
+gewonnen, in gleiches Weh verschlungen sah, verzagte sie, und gegen
+die mütterlichen Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft. Da
+hört Bruno sie oft, über ihr Kind gebeugt, weinen und desselben
+jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat er nicht hinzu, ihr Trost zu
+sagen mit liebem Wort, sondern er wandte sich hinweg mürrisch, daß sie
+vor ihm ihren Jammer ausließe, der wohl gleich sehr zu klagen hätte
+oder mehr. Und einst in solcher Stunde, da sie ihres Bruders gedachte,
+und wie er ihrer Noth sich gewißlich erbarmen würde, da murmelte er,
+die Hoffnung auf Guido wäre verloren.
+
+Joconda sah ihn fragend an.
+
+»Der Todte, dessen Anblick vor Bologna’s Thor Dich erschreckte« – hub
+er an, und finster waren seine Brauen zusammengezogen, da er redete.
+
+»War mein Bruder?« schrie sie auf.
+
+Bruno nickte und sah zur Erde.
+
+»Und Deine Hand war’s, die ihn schlug?« keuchte sie schwer athmend und
+richtete sich hoch empor.
+
+»Die Liebe zu Dir bezwang mich also, daß ich’s that,« sagt’ er, düster
+blickend wie vorhin.
+
+»So Fluch Deiner Liebe!« hört’ er sie rufen, und schrecklich klang
+ihre Stimme. – »Fluch Deiner Liebe, Fluch jeder Augenweide, damit ich
+geschmückt war, sie zu wecken, und Fluch jeglichem Wort und Lächeln,
+dadurch das höllische Band sich knüpfte!«
+
+»Halt ein, Joconda!« rief Bruno entsetzt. »Du fluchst Dir und unserem
+Kinde dort.«
+
+Da war sie mit einem Sprunge hin zum schlafenden Knaben, riß ihn vom
+Lager und umschlang ihn fest mit ihren Armen. So stund sie drohend,
+der Löwin gleich, die ihr Junges vertheidigt. »Nimmer soll dies Kind,
+das Deine Blutthat mit dem Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat,
+Dich mit dem süßen Vatersnamen rufen lernen, den Du mit Trug und Mord
+Dir erschlichen; und zuvor müssest Du mich erschlagen wie meinen
+Bruder, ehe Deine Mörderhände je wieder den Knaben berühren oder
+mich.«
+
+Er wagte nicht, sich ihr zu nähern, noch Antwort zu geben auf ihre
+wilden Worte; ihre Blicke schienen ihm wie Blitze, daß er nicht zu ihr
+aufzusehen vermochte. Aber flehend streckte er seine Arme aus nach
+ihr.
+
+Da stürzte sie, als litte ein Grauen sie nicht mehr nahe bei ihm, ehe
+er’s hindern konnte, an ihm vorbei hinaus in die Wildniß.
+
+Als er mit Schrecken ihr nacheilte und sie mit Namen rief, wandte sie
+sich und rief: »Wag’s, mir zu folgen, so wird der Abgrund hier zu
+meinen Füßen mich und das Kind zerschellen.«
+
+Und er zweifelte nicht, wie er sie sah, daß sie thun würde nach ihren
+Worten. – Als ob eine neue Kraft ihr verliehen wäre, klomm sie
+behende, dem gescheuchten Wilde gleich, den Bergeshang hinan, und
+droben auf vorspringendem Felsgestein sah sie noch einmal hernieder,
+bog ihr Haupt, das wirr das schwarze Haar, vom Winde aufgelöst,
+umwehte, zurück und reckte ihren Arm abwehrend gegen den Genossen
+ihrer Schuld. Dann hub sie das Kind, das sie trug, hoch gegen den
+Himmel und war verschwunden. –
+
+Bruno hat Tage und Nächte nach ihr gesucht, gerufen, geweint; aber nur
+die Felsenwände hallten ihren Namen zurück. Er hat sie nie wieder
+gesehen, noch erfahren, ob die Beiden in der Einöde des Gebirgs
+verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum Raub geworden
+sind, oder ob die Mutter sich und ihrem Kinde eine Ruhstatt gefunden
+hat. Da hat auch Bruno seinen Namen erlöschen lassen im Gedächtniß der
+Menschen und für sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden und
+sein Herz zur Buße zu kehren, daß er der Hölle im Tode entfliehen
+möchte.
+
+Die Höhle aber nieden St. Wigbert’s Kirchlein mit der Klause, darin
+jetzt ich hause, Diether, die ist’s, darin sich zutrug, was ich Dir
+erzählte, und hier auf dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib
+zum letzten Mal mit der Gebärde des Grauens vor ihm und des Flehens um
+Erbarmen zu Gott für ihr Kind. Und der Ring, den Du fandest, ist
+Joconda’s; sie hat ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen
+ihrer schuldvollen Gemeinschaft. –
+
+Und nun weißt Du, Diether, warum ich Dich bat, der armen Seele vor
+Gott zu gedenken, von der Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und
+das Thierlein daneben.«
+
+
+Allhier endet die von Brun erzählte Geschichte.
+
+
+»Gnade der milde Christ nach seiner Gütigkeit denen Allen, so in
+Unglück gerathen sind – und uns!« sagt’ ich, und gar sehr war ich
+bewegt im Herzen von der Geschichte, die ich gehört hatte.
+
+Wohl trieb’s mich, noch ferner mit Brun davon zu reden, und von Bruno,
+was denn aus ihm geworden, ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich
+ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund auf und sagte:
+»Auf, Diether! – Schon ist Mitternacht vorüber, denn sieh, der Mond
+neigt sich auf seiner Bahn dort den Bergen zu. Kühl hat sich der
+Nachtwind aufgemacht und der Thau fällt stark. Lang’ schon solltest
+Du, junger Knabe, unter Dach geborgen sein.«
+
+Und so stieg er mir voran den Bergeshang abwärts. Wie wir schweigend
+giengen und über uns die Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter,
+bald leiser und sich gegen einander bogen, und unter uns die Wellen
+brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer murmelnd, war mir’s,
+als erzählten auch sie sich in der Sommernacht die traurige Mär’ von
+dem ewigen Geheimniß des Menschenherzens, das wähnet, das Paradies zu
+gewinnen, und die Schmerzen der Hölle sich bereitet.
+
+Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der Klause. Ich weiß nicht,
+wie mir da geschah und ob ich schon eingeschlafen war oder just die
+Augen zum Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir stehen und
+unverwandt mich betrachten.
+
+Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte seine Hand, mich zu
+berühren. Dann wich er wieder ein wenig zurück, als scheute er sich zu
+thun, wozu doch sein Sinn ihn zog, oder er fürchtete, ich möchte
+erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile ließ er ab von diesem
+Streit. Aber eine größere Unruhe schien in seiner Seele sich
+anzuheben. Es war, als ob mein Anblick davon die Ursache wäre. Er sah
+noch einmal lang’ nach mir hin, schauderte dann jählings zusammen und
+sank in seinen Sitz nieder, sein Angesicht von mir gewendet und mit
+beiden Händen verhüllend.
+
+»Nein, nein, HErr!« hört’ ich ihn murmeln. »Nicht dieses Bild jetzt
+neben die süße Erinnerung!«
+
+Ein breiter Strahl des Mondes drang durch das dichte Gitter der Bäume
+draußen und das kleine Fenster und glitt durch den engen Raum hin zur
+Wand dem Alten gegenüber. Wie es dort hell das Bild der Gottesmutter
+umspielte, ward sein Blick, da er sein Haupt wieder erhob, dorthin
+gelenkt. Irgend etwas an dem Bilde mußte ihn erschrecken. Denn er
+erzitterte auf’s Neue. Und doch konnt’ er nicht widerstehen, dahin zu
+blicken, was der lichte Schein ihm wies.
+
+»Und Du drohest immer wieder«, sagt’ er dabei mit Flüstern, »und ewig
+blutet die Wunde?«
+
+Da sah ich ihn aufspringen und das Schwert aus der Seite des Bildes
+ziehen, darin es stak. Er trat damit in das Licht und ließ den Stahl
+darin blitzen.
+
+»Ja«, rief er dann mit leisem Stöhnen, »sie sind noch immer da – die
+blutigen Flecken, und keine Zeit hat Rost genug, sie zu verzehren!«
+
+Und jetzt schwang er die Waffe mit wilder Gebärde, und es hatte das
+Ansehen, als wollt’ er sie gegen sich selber richten und es schüfe ihm
+Mühe, davon abzulassen, und ich hört’ ihn dabei klagen: »Verloren all’
+– all’ verloren!«
+
+»Hilf, Herr!« dacht’ ich. »Er ist von Sinnen kommen!« und richtete
+mich in die Höh’.
+
+Da wandt’ er sich und wie er mich ersah, schüttelte er heftig sein
+Haupt, streckte die Arme gegen mich und rief mit drohender Stimme: »Du
+da? Du bist der Bringer schrecklicher Dinge! Du weckst auf zur
+Mitternacht, was mit Mühe begraben war!«
+
+Und als ich weiten Auges und sprachlosen Staunens voll nach ihm
+blickte, rief er wieder: »Sieh nicht so her mit diesen Augen! Es ist
+nicht! Es ist Lug auch dies, und nimmer heilt die Wunde!«
+
+Aber plötzlich sprang er auf mich zu, und, eh’ ich’s hindern konnte,
+hatte er von meiner Schulter das Linnen gestreift, das ich trug. Als
+er, die Waffe in der Hand, sich dicht über mich beugte, wähnt’ ich
+nicht anders, denn daß der Rasende mich morden wollte. Und ich schrie
+laut.
+
+Im selben Augenblick aber war er zur Seite meines Lagers in die Knie’
+gesunken und seine Arme hielten mich umschlungen. »O Gott, o Gott!«
+rief er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes. Und seine Hand
+strich mir kosend über Stirn und Wangen und seine Thränen tropften auf
+mich nieder. »Schlaf, Diether, schlaf!« sprach er wieder, »kein
+Schrecken des Ortes müsse Dir nahen, und Engel des Friedens müssen
+Dich beschirmen.«
+
+Darnach ergriff er meiner Hände eine und hielt sie an sein Herz, als
+würde von der Berührung der Sturm sich legen in seiner Seele. Als er
+so gethan, beharrte er eine Weile, wie mich däuchte, im Gebet,
+bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng der Thür zu. Bevor
+er hinausschritt, kehrte er sich noch einmal zu mir und sagte wieder:
+»So schlaf denn, Diether! und zürne dem Alten nicht um sein wirres
+Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst, es ist vorüber.«
+
+Aber wie hätt’ ich nach dem Allen vermocht, jetzt nach seinem Wunsch
+zu thun. Mich trieb’s dem Alten nach zu seh’n. Ich erblickt’ ihn
+durch’s Fenster, wie er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das
+Wasser breiter und stiller dahinfloß als anderwärts. Dort stund er
+eine kurze Weile unbeweglich und warf die Waffe, die er mit sich
+genommen, hinab in die Tiefe. Vorgebückt sah er ihr nach, wo sie
+versunken war. Dann gieng er festen Schrittes die Höhe hinan. Ich
+konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm.
+
+Aber da ich leise das Fenster geöffnet hatte und, wie ich mich
+hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer des Tages über die Berge
+aufdämmern sah, tönt’ es wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald
+unterschied ich heilige Klänge und Orgelton.
+
+Da trat ich hinaus.
+
+Laut und lauter ertönte der Gesang und deutlicher erscholl der
+Orgelton; und jetzt schwangen sich die Töne auf, wie nächtliche Nebel
+aus der Tiefe zu lichten Morgenwolken werden, und ich hörte
+vernehmlich den Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt’ auch
+ich ein und sang die sel’gen Klänge mit. Da schienen mir die
+Waldvöglein, die davon erwachten, auch mit uns Gott zu loben in ihrer
+Weise; und wie ich hinaufsah nach St. Wigbert’s Kirchlein, gieng der
+erste Sonnenstrahl über sein Dach, die nächtlichen Schatten entflohen
+und ich grüßte das süße Licht.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Widerstreit.
+
+
+Gewißlich ist’s nichts Sonderliches, daß ein müßiger Mann den
+Sonnenstrahl betrachtet, der durch’s Fenster strömt und die Stäublein
+darin, wie sie hin und wieder schweben. Und ich durfte müßig sein in
+jener Nachmittagsstunde, da ich im Chor unserer Kirche ins Gestühl
+niedersaß dem Bilde gegenüber, das ich eben vollendet hatte. Es war
+die Nachmittagsstunde eines heißen wolkenlosen Sommertages, unlange
+vor dem Feste St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die Luft
+fast schwül, draußen regte sich kein Laub, und nur das Flattern
+geängsteter Schmetterlinge unterbrach die Stille, die durch die Wärme
+aus ihren Puppen heute hervorgelockt sein mochten und nun, die
+Freiheit suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil sie die
+bunten Gläser für leuchtende Blüthen hielten. Sonderliches also war es
+nicht, daß ich malmüder Mann der sommerlichen Ruhe rings umher
+behaglich mitgenoß, die Hände ineinander gelegt hielt und den
+spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drüben vom Fenster her hart
+neben mir auf das Schnitzwerk am Gestühle gieng. Doch ich betrachtete
+ihn und betrachtete ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran
+haften, aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen wie eine
+Brücke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher er kam: hinaus in die
+Weite. Allda besuchten sie manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob
+derselbe Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen
+hier in der Kirche vor sich sahen.
+
+»Zeuch in Frieden zurück in Dein Kloster!« hatte Brun gar freundlich
+zu mir gesagt zur Letze, da wir schieden, und hatte wie zum Segen
+seine Hand erhoben. – »Zeuch zurück, Diether, in Deinen Frieden, und
+auch die Erinnerung an all’ das, was Du auf Deiner Fahrt hier bei mir
+und anderswo erlebt, störe ihn Dir nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu
+gewohnter Pflicht. Überhöre keinen; und in solchem Gottesdienst wird
+Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im Ernst und in der
+Mühe, sie wird Dir nicht verleidet werden durch ungeduldiges
+Hinausschweifen in die Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit
+hinter Dir liegt, Dein Wünschen und Wähnen zu eig’ner Qual gefangen
+nehmen!« Dann hatt’ er mir auch gesagt, ich sollte die Aventiure, so
+mir begegnet war, und all’ meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir
+auch ursprünglich bestimmt gewesen: als etwas, das nicht mich
+angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern allein nur meine Kunst, mit
+ihr desto besser Gott zu dienen.
+
+Nach solchem Rath hatt’ ich denn treulich gethan, und mich däuchte, er
+war mir trefflich gediehen.
+
+Ich hatte mir fürgesetzt, von Allem, was sich mit mir zugetragen
+hatte, so es möglich wäre, gegen Niemand im Convent zu reden: ich
+würde denn gedrungen dazu. Denn ich wußte wohl, daß dann des Fragens
+kein Ende sein würde, auch des Spottes nicht und des Verdachts. Nur
+wie ich vor Abt Albrecht bestehen sollte mit meiner Beichte, wenn er
+mich vor sich erfordern würde zur Rechenschaft von meiner Reise und
+von dem, was ich ausgerichtet – das schuf mir Noth. Mein Bleiben auf
+Elzeburg, und daß ich mir die Verwechselung so lang gefallen ließ, die
+Ursach’ auch, aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den zween
+Fahrenden: wie konnt’ ich denken, dies Alles dem Gestrengen so
+glimpflich fürzubilden, auch wenn ich dabei der besten Kunst brauchte,
+die ich vermöchte, daß er darob seine Gunst nicht von mir wendete,
+mich hart anließ’ und gar in die Geißelkammer schickte zur Pön und
+Büßung.
+
+Damit aber war es mir viel besser gerathen, als ich mich deß versehen
+hatte. Denn da ich wieder gen Maulbronn kam und in den Klosterhof
+trat, und die Brüder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so
+Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von allen Seiten hörte:
+»_Salve, Diethere!_« oder: »_Quid novi?_« oder: »Heah, Diether, wie hast
+Du ein ander Aussehen gewonnen auf der Fahrt!« und da beinahe ein
+Getümmel entstund von der Menge der Herzulaufenden und dem
+»Diether«-Rufen – so merkt’ ich allsogleich, daß es heut an Abt
+Albrecht’s Regiment fehlen müßte, denn es war die Stunde des Tages, da
+sonst keiner der Brüder, zwingende Ursach’ ausgenommen, sich in Hof
+und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich denn des Abtes drohende Gestalt
+nirgend aus einer Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah,
+fragt’ ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, daß er, hochwichtige
+Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen Pforzheim gezogen wäre,
+allda mit etlichen hohen weltlichen Herren zu handeln, die sich
+unterwunden, unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, dem
+er zumeist vertraute, wäre auch mit ihm, und so möcht’ ich mich um
+deswillen nichts besorgen, sondern unter ihnen bleiben und von meiner
+Fahrt erzählen. Da sagt’ ich ihnen, vom weiten Wege wär’ ich übermüde,
+und ob sie nicht wüßten, daß zu dem Willkomm’, damit man den Waller
+begrüße, bevor Allem sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete.
+»Und wenn Ihr mir die gegönnt habt«, sagt’ ich, indem ich dem
+Refectorio zuschritt, »so seid gefüge und laßt mir heute die Ruhe, die
+ich Wegmüder wohl mir verdienet habe.« Da meinten Etliche, ich wäre
+wohl gar stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man sähe,
+daß ich in des Bischofs Pfalz die höfischen Sitten erlernet hätte.
+
+Nun ward mir nicht um ein Kleines sänftiglicher zu Sinne, daß ich
+dergestalt heut und morgen des Erscheinens vor des Abtes hellem Auge
+überhoben war; und wie ich mich der Brüder, sonderlich der Neugierigen
+unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von meinen Aventiuren nichts
+zu verrathen, auch dazu ward mir Rath. Denn andern Tages früh,
+sogleich nach der Matutin, überkam ich den Befehl, den der Abt für
+mich zurückgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner Fahrt
+heimgekommen, schier ungesäumt mich an mein Malwerk in der Kirche
+machen und dasselbige also fördern daß die Verzögerung, so ihm durch
+mein Abwesen widerfahren, nach Möglichkeit wiederum eingeholt würde.
+
+Behender, dünkt mich, bin ich nie auf’s Gerüst hinangestiegen, als
+dazumal, und lieber hab’ ich nimmer darauf mit Stift und Pinsel
+geschafft, noch eifriger. Und das nicht allein darum, weil ich, so
+lang’ ich droben weilte, vor aller Bedrängniß durch lästige Frager
+geborgen war; – denn Niemand durfte mich aus sonderlichem Untersagen
+des Abts da heimsuchen, er mußte denn zu Hilf’ und Handreichung von
+mir begehrt sein – sondern ich erfand auch eben da, wie weise Brun
+bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch trefflicher wies sein Rath
+sich mir aus, als er wohl selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit,
+dazu jeder Tag mich rief, lenkte freilich all’ meine Gedanken auf sich
+und forderte mein Vermögen, es gänzlich daran zu kehren. So wurde mein
+Gemüth vom unruhigen Schweifen durch sie heilsam zurückgehalten. Aber
+da bewies Frau Kunst an mir Unmüßigem noch eine besondere Tugend. Denn
+sie versagt denen, die sie meinen und minnen, nichts von Allem, wonach
+sie Herze tragen, und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen
+darnach und seiner Unlust. – Sie läßt die Seele der Dinge, daran sie
+hängt, genießen, als wären sie beständig gegenwärtig, und kein Herbst
+drohte den Blüthen und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen;
+damit mein’ ich gar nicht, daß die, so einer edlen Kunst rechte Jünger
+sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid und Mühe in der Übung
+solcher Gabe nicht kennen: der Wiederhall von der Menschheit Weh und
+Wonne, ja von Himmel und Hölle ertönet wohl lauter in ihrem Herzen als
+in anderen; aber das sag’ ich, daß die Bilder der Dinge in ihrem
+Gemüth sich spiegeln können in all’ ihrem unterschiedlichen Licht und
+Glanz, und dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern in der
+Stille bleiben kann und edlen Freiheit.
+
+Also, ist mein Wähnen, geschah auch mir in jenen Wochen nach meiner
+Wiederkunft, da ich das Bild malte im Chor vom englischen Gruß. Ohne
+Absicht gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den draußen
+erlebten Maientagen in der Seele trug, und je eifriger ich allen Fleiß
+zu meiner Arbeit kehrte, desto näher brachte sie mir das Erlebte, und
+Vergangenheit und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins
+zusammen und störten sich nicht. Da geschah’s auch, daß, wie ich die
+sel’ge Gottesmutter auf das Bild gebracht hatte, die hehre Fraue
+Irmela’s Züge an sich trug, und ich hielt’s nicht für sündlich,
+sondern setzte mit Freuden die Glorie um’s Haupt aus lauterem Golde;
+denn ich gedachte, daß wir ja auch das Heiligste nicht anders bilden
+können, als indem wir Gottes Creatur dafür zum Gleichniß erkiesen. Ich
+malte aber auch unter das Laub, so die heilige Maria überhängt, ein
+Gezweig blühenden Flieders und zu der Lilie im Gefäß that ich ein Reis
+mit röthlich schimmernden Apfelblüthen. Solches und Anderes fügt’ ich
+hinzu, nach dem Bildniß, das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte.
+
+Als es nun Alles vollendet war, mit größerem Fleiß und eifrigerem
+Trachten das Beste meines Vermögens zu thun, als ich je zuvor an ein
+Bild gekehrt, däuchte mich’s wohl gerathen und ich dachte: »Was
+gilt’s! Schwerlich hätte Abt Albrecht dem welschen Bilde, nach dem er
+mich ausgesandt, eine bessere Zierde für unsere Kirche verdankt, als
+er nun gewonnen hat!«
+
+Mit solchen Gedanken saß ich nieder in’s Gestühl an jenem Vormittag
+mit dem Behagen Eines, der sein Werk vollbracht hat und nun ganz der
+Ruhe genießt. Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg
+vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten Mal nach meiner
+Heimkunft, dünkt mich, stieg in mir die Frage auf, ob ich wohl für
+immer von dieser bunten Welt draußen und von Elzeburg und ihrem
+Ingesinde sollte geschieden bleiben. Irmela’s Zuversicht kam mir in
+Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden die Hand bot, daß
+sie mich um die Sonnenwende zu Speyer wieder zu sehen gedächte, als
+ihrem Ohm gesindet. Ich mußte auch gedenken, wie sie sagte, sie
+verhoffe noch manche Lieder von mir zu hören und fröhliche. »Wie wird
+sie sich verwundern«, dacht’ ich, »wenn sie vernimmt, ich sei
+entschwunden«, und ich fragte: »ob sie dann auch meiner Bitte sich
+erinnern wird, die ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?« Und
+ich wünscht’ es mir also. – »St. Johannistag ist nahe«, dacht’ ich
+wieder, »nun wird das Mägdlein auf sein gen Speyer; leichtlich ist sie
+schon allda. In der Kurzweil’ und im fürstlichen Glanz des Hofes wird
+sie die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen haben – und,
+eitler Diether, noch bälder Dich!«
+
+Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, denn er, so schien’s mir,
+lockte meine Gedanken auf diese Bahn, und ich beschloß, solchem Sinnen
+nicht ferner nachzuhangen. Brun’s gedachte ich und seiner Mahnung, da
+er mich von sich ließ; ich gedachte auch der traurigen Geschichte, die
+er mir erzählt hatte. Wie war er doch selbst von ihr so bewegt worden
+und wie eindringlich warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich
+ihn so gar verändert und erschreckend gesehen, hatte er Alles dessen,
+was er da gethan und gesprochen, nicht mehr gedacht, als wär’ es von
+ihm vergessen wie ein Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten
+hatte er meine Lust gelobt in’s Kloster zurück und sie gemehrt. Auch
+hatt’ er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen nicht aufgespart
+bleiben, bis ich auf’s Neue eine Verwandlung leiden und die Flucht
+geben müßte, denn dann würd’ er und gewißlich ich auch sie nimmer
+wünschen; sondern um meinetwillen wollt’ er unterweilen aus seiner
+Waldestiefe herfürtauchen und mich heimsuchen im Kloster. Einem alten
+Waldbruder würde der Convent den Eingang nicht versperren. Um den
+Johannistag wollt’ er mich sehen. Dessen gedacht’ ich jetzt und wie
+übelgethan es von mir wäre und Zeichen eines unverständigen Sinnes,
+wenn ich des treuen Berathers vergäße, den ich mir gewonnen hatte, und
+außer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas mehr begehrte,
+als was sie mir droben für mein Bild eingebracht hatte. – »So will
+ich denn«, sagt’ ich bei mir, »in dieser Sommerzeit nur des Alten
+harren und sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt das
+Sonnenlicht mir gezeigt.«
+
+Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte die Kirche zu verlassen,
+als ich im Laienchor feste und eilige Schritte hörte, und gleich
+darauf durch das Lettnerpförtlein Abt Albrecht und hinter ihm der
+Prior sichtbar wurden. Er war immer ein Herr von wenig Worten, und so
+mocht’ er auch von Andern keins zum Überfluß hören. So fragt’ er nach
+kurzem Gruß allsogleich, wie’s mir mit dem Bilde gerathen wäre. Ich
+verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das Werk aufmerksam und
+rief dann nach kurzer Weile:
+
+»Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und an dem Eifer, mit
+dem Du daran geschafft hast, vermerke ich mit Freuden, wie fördersam
+Dir die Reise gewesen ist. Zwar«, fuhr er fort, » ich sehe, Du hast
+von dem Deinen hinzugethan, aber ausbündig herrlich muß das Muster
+sein, nach welchem Dir hier dies Bild unserer lieben Frau gelungen
+ist, und nicht zuviel nach meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des
+welschen Meisters gerühmt.«
+
+Und er betrachtete wieder das Bild.
+
+»Wir sind wohl zufrieden mit Dir«, sagt’ er dann noch, indem er sich
+zu mir kehrte – »erwarten nun aber, daß Du nicht minder Eifer und
+Kunst an dem Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist.
+Hier, weißt Du, sollen die heil’gen drei Könige fürgestellt werden
+(und er zeigte auf die Stelle der Wand), wie sie gezogen kommen, den
+Gottessohn anbeten und ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether,
+das Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn Du Profeß thust, muß
+zu mehrerer Ehre solcher Feier all’ diese heil’ge Zier von den Wänden
+auf Dich herniedersehen, der durch Gottes Gabe und Gnade sie dahin
+gebracht hat.«
+
+»So eben zur Stunde, ehrwürdiger Vater«, sagt’ ich bescheiden, »hab’
+ich das Letzte dort am englischen Gruß gethan.«
+
+»So ruhe heut«, sagt’ er wieder, »und heb morgen mit den heil’gen drei
+Königen an.«
+
+»Noch weiß ich nicht, wie ich’s am Besten angreifen mag, und die
+Königliche Pracht fürzubilden dünkt mich schwer zu sein, der ich des
+ritterlichen Wesens wenig erschaut habe.«
+
+»Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel Deinem Auge kund
+worden auf Deiner Fahrt, und wie hier am englischen Gruß der Gewinn
+spürbar ist, den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so verhoff’
+ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus dem Morgenlande noch mehr
+davon sichtbar werden. – Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit
+gewährt, durch Feld und Wald zu streifen. Brauch’ solcher Muße, dem
+Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es nur erst in Deiner
+Seele lebendig, so werden die Hände bald nachfolgen, es zu gestalten.
+Nur zögere nicht und laß Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch
+Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten ist, darüber
+sollst Du mir berichten, wenn ich Dich mit Nächstem darum vor mich
+fordere. Denn zur Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.«
+
+Damit winkt’ er seinem Begleiter, hub zu Gruß und Segen die Hand gegen
+mich, und als ich aufsah, schritten sie schon das Pförtlein hinaus,
+durch das sie gekommen waren.
+
+Da verließ auch ich die Kirche. Nach des Abtes Rath und dem Antriebe
+meines eigenen Herzens eilt’ ich die Klostermauern hinter mir zu
+haben. Wacker waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt gen
+Bretten, und doch hatt’ ich kein Ziel. Mich trieb’s nur zur Bewegung,
+und zu rasten wär’ mir unmöglich gewesen. Und ob ich gleich mit allem
+Fleiß mein Gemüth dahin zwang, über das Bild zu sinnen, das ich
+allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir damit nicht, meine
+Gedanken zur Ruhe zu bringen und zum stillen Aufmerken, wie meine Hand
+das Alles gestalten möchte. Sondern immer wieder schweiften sie hinaus
+und zurück in die Welt, der ich ungedacht eine Weile zugesellt gewesen
+war. Ja, das Sinnen über das Malwerk selber, so mir aufgetragen war,
+half ihnen heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen
+Waller fürstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen den reisigen
+Troß; immer wieder waren es da Gestalten von Elzeburg, die dahin
+zogen, zierlich geschmückt, und dann schienen sie mir mit ihren
+Fähnlein zu winken, als grüßten sie herüber und riefen: »Irmela der
+Herrin fahren wir entgegen!« Dann war’s, als müßt’ ich selber mich zu
+ihnen gesinden und ich sähe mich da auch unter dem Troß.
+
+Da sprach ich zu mir: »Diether, es taugt Dir heut hier außen nicht,
+mach’ Dich zurück in die Abtei, schleuß Dich ein in Deine Zelle, nimm
+Kohle und Stift zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf’s
+Papier, so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen!« Aber dem
+Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren, schritt ich
+fürbaß, als würde ich vor mir stärker gelockt.
+
+Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende und lenkte zwischen
+felsigten Bergen in ein Thal hinein, das mit grünem Wiesenplan gar
+freundlich sich vor meinen Blicken aufthat. Hier wandelt’ ich zumeist
+schon im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden Sommertages
+milderte, indeß droben auf den Höhen das röthliche Gestein, von hellem
+Grün dicht belaubten Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto
+leuchtender herniedersah. Mir zur Seite floß ein rauschendes Wasser.
+Seine Wellen hüpften in Sprüngen dahin, als lüden sie mich ein
+auszuschreiten ihnen nach, und wüßten mir noch Schönes zu zeigen. Und
+fürwahr! darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich das Thal
+hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild auf, unmaßen lieblich dem
+Auge anzusehen. Hier waren die Bergzüge noch höher, aber sie stiegen
+zu beiden Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als wollten
+sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein Dörflein genommen. Das hieng an
+der Lehne eines waldigen Hügels, aus dem ein Felsen steil
+emporstarrte. Auf diesem Felsen ragte eine bethürmte Burg, gar trutzig
+über die Dächer unten hinausschauend in die Ferne, dem wachsamen
+Hirten gleich, der sich bewehrt hat, seine Heerde vor dem Wolf zu
+schirmen. So friedlich und sicher lagerten sich hier die Häuser an den
+Bergeshang, der die Burg trug, dicht zusammengedrängt, und nur hie und
+da lugte noch ein Dach weiter unten im Thal zwischen breitwipfligen
+Nußbäumen hervor. Rebenpflanzungen und Ackerfelder bis oben an den
+Waldrand der Berge, wohlbestellte Gärten und fette Weiden um’s Dorf
+her bezeugten, daß es diesem Winkel der Erde nicht am Segen des
+Himmels, noch am Fleiß der Menschenhände fehlte.
+
+Froh überrascht von dem unerwarteten Anblick hielt ich meine Schritte
+an. Noch besser sein zu genießen, klomm ich einen Pfad hinan, der die
+Höhe aufwärts führte zur Seite meines Weges. Da gewann ich bald vom
+Vorsprung eines Felsens ein herrliches Lugaus. Burg und Dorf und
+Gärten und Wiesen, in vielen Schlingungen vom fließenden Wasser
+durchzogen, und weiterhin ringsum die Höhen, hier sanfter
+anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich prangend
+mit reifenden Saatfeldern und weitästigen Obstbäumen, dazu die
+mächtigen Waldungen, die oben die Bergrücken bekrönten und auch, wo
+Schluchten und Klüfte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten:
+Dies Alles übersah ich nun mit einem Blick und es däuchte mich, als
+schaut’ ich ein Bild, gemalt von des besten Meisters Händen. Da zog
+sich auch der Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen und
+Gärten an dem Burgberg vorbei in das Dörflein hinein. Drüben, wo es zu
+Ende war, ward er wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausführte, das
+da als in einem Bogen sich abschloß. Die Straße theilte sich dort, so
+daß ein Arm zur Rechten des Wassers blieb und mit diesem zugleich,
+sich allgemach krümmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil
+aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen Wiesengrund
+linkswärts zweigte sich von dem ersten Weg ein zweiter ab; den führte
+eine stattliche Brücke über das Flüßlein, und darnach schien er in das
+Gebirg gen Mittag hinaufzuleiten. –
+
+Wie ich so all’ dies mit Muße von meiner Höhe aus betrachtete und
+mich recht eine Freude durchdrang über die stille Herrlichkeit der
+Gotteswelt vor mir, da ward mir’s gewiß: Dies wäre mir nicht
+vergeblich gezeigt. »Könntest Du«, sagt’ ich zu mir, »Etwas ersinnen,
+was wohlgefälliger anzuschaun wäre und würdiger, die Stätte
+vorzustellen, da die heiligen Könige dem Gotteskinde und seiner Mutter
+begegnen – als hier dies bergumschlossene Gefild? He, Diether! Nun
+präge Dir all’ diese Augenlust recht tief ein in Dein Gemüth nach
+Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der Abendstern schon
+erblinkte und schickte seine Strahlen von dort oben: auf eine minder
+wonnesame Welt, wähn’ ich, säh’ er nicht hernieder, als damals der
+Wunderstern, der über Bethlehem stille stund.« Solches sagt’ ich zu
+mir und ließ meinen Blick über Alles wandern, was da zur Weide vor ihm
+ausgebreitet war. Drüben vom Abend her, wo der Weg hinausführte aus
+dem Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig
+auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes herein und
+streifte die Baumwipfel des Waldes und traf auch die Zinnen der Burg.
+Von da, dacht’ ich, sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die
+Helden der Gottesminne geleitet, und wie würden sie voll Freude
+jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ersähen. Und wieder
+stellten sich die Gedanken von vorhin ein, wie ein erwünschtes Ding es
+doch wäre, wenn ich selber da heute so mitreiten könnte über Berg und
+Thal, und zöge durch die geschmückte Welt zur Sommerzeit. –
+
+Träumt’ ich da, oder befieng ein Zauber meine Sinne, der mir zum
+Spott vor’s Gesicht brachte, was doch nicht war?! Denn siehe! Dort
+drüben auf dem Wege zum Thal hinein kam’s hervor, zuerst nur
+undeutlich zu sehen zwischen den Waldbäumen, dann glänzend im
+Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche Reiter voran und, wie ich am
+blitzenden Zierrath erkennen konnte, den Mannen und Rosse trugen,
+herrlich geschmückt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu sein,
+denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet; sie trugen ein
+Banner, und von den Häuptern ihrer Pferde nickten bunte Federbüsche;
+ihnen folgten gewappnete Knechte zu Fuß und andere reitend auf Rossen,
+die auf’s Zierlichste aufgezäumt waren. Darnach kamen Ritter und
+Herren, alle prächtig angethan, nicht gerüstet, sondern als hätten sie
+sich einem Feste entgegengeziert und an Seide, an Sammet und an
+köstlichen Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen war auch
+Einer, der saß gemächlich auf weißem Zelter: nach Hut und Gewand sah
+er aus wie ein hoher geistlicher Herr; Diener führten sein Thier. Nach
+diesen kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Geräth hochbeladen,
+wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu Gezelt und Küchenwerk bestimmt,
+und letzlich zog ein bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich
+allweg solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es etwas zu
+schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt. So entfaltete sich dieser
+Zug, aus dem Walde herfürkommend, und war nun ganz sichtbar auf dem
+Wege, den er erfüllte.
+
+Schon wähnt’ ich, sie würden ihre Fahrt etwan hinein in’s Dorf nehmen
+und hinauf zur Burg oder an mir vorüber; aber da sie an die Scheide
+des Weges gekommen waren, wandten sie sich linkswärts zur Brücke und
+zogen da die Straße quer durch’s Thal in das Gebirg’ hinauf. Staunend
+ruhte mein Auge auf all’ der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie
+ich zuvor ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel
+möglich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus dem Zuge hinter
+den Bergen verschwunden war. Das war bald geschehen und drüben war mir
+der Weg wieder so einsam wie vordem.
+
+Wohl durft’ ich mich da fragen, ob’s Wirklichkeit gewesen wäre, was
+ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung. Doch solcher Zweifel ward
+mir bald benommen, denn ich sah zween Knappen zurückkehren sogleich
+darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt sind, die
+Straße heranreiten, welche in’s Dorf führte. Sie mußten frohe Märe zu
+bringen haben und selber frohen Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf
+der Dorfstraße zusammen kam, durfte die fremden Gäste fragen und
+gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der Leutlein wahrnahm, schier
+guten Bescheid. Der eine der Beiden lenkte seitwärts hinan zur Burg,
+der andere ritt weiter fürbaß.
+
+Als ich sah, daß er den Weg zog, den ich gekommen war, und also an mir
+vorüber mußte, stieg ich behend von meiner Warte hinab, und da er
+nahte, schritt ich ihm entgegen, grüßte ihn mit Züchten und fragte, ob
+er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei Herren das gewesen wären,
+die da mit also stolzer Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer
+Reise Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es müßten vor
+Andern auserlesene Ritter sein, und gewißlich war’s ein hohes
+Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck entgegenführen.
+
+Da erwiederte der Gefragte: »Ihr habt meiner Treu mit Beidem das
+Richtige getroffen, wenn anders eine Hochzeit ein Freudenfest ist und
+ein Bischof und Grafen und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich
+auszurichten.«
+
+Darnach sagt’ er mir, daß sie von Speyer kämen, dahin die junge Braut
+zu geleiten, welche Conrad, dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt
+wäre. Der Bischof selber führte ihr den Bräutigam zu, und manch’ Edler
+wäre noch in seinem Gefolge. Hier unweit sollte die Begegnung
+stattfinden und einen herrlichen Empfang wollte man der Braut und
+ihrem Geleite bereiten. »Da wird es,« schloß er, »an Ehr’ und
+Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und ritterlichem
+Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen, wenn man höfische Tugend
+und milde Sitten beweisen will; so wird’s auch Euch nicht reuen,
+geistlicher Bruder, wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz
+widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach Eurem Theile seiner
+Freude mit zu genießen. Gewiß! Ihr bringt genug der Erinnerung heim,
+davon noch lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.«
+
+Darauf trieb er sein Roß an und trabte von dannen. Das war mir leid,
+denn was er mir berichtet hatte, gieng mir näher zu Herzen, als er’s
+denken konnte, und gerne hätt’ ich von ihm noch mehr erfragt.
+
+Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet hatte, das kam
+mir auf meinem Heimwege nicht aus dem Sinn. Wieder waren meine
+Gedanken nach Speyer gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte,
+wenn ich nicht von den Elzeburgern mich losgerissen hätte, und ich
+fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wäre mit ihrem Ohm oder ihr
+diese hochzeitliche Fahrt gälte. Schalt ich mich dann wegen solchen
+Fragens, das mir doch zu nichts diente als zur Mehrung meines
+unruhigen Muthes, so half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder
+sah ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit der Frage:
+»Ist’s Irmela, der sie entgegen ziehen?« –
+
+So war denn mein Zweifel und meine Unruhe groß, da ich spät gen
+Maulbronn zurückgelangt war, und vor Herzensschwere und Widerstreit in
+meiner Seele durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir die
+heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und unter dem Volke das
+Fest mit zu schauen, ob ich da die Elzeburgerin sehen möchte,
+vielleicht als die, der zu Ehren all’ diese herrliche Pracht gezeigt
+ward. Und ich sagte mir, daß es ja nichts Arges wäre, das mich triebe,
+der Gelegenheit zu brauchen, das Mägdlein unvermerkt wieder zu sehen,
+ja, daß freilich das Gegentheil verwunderlich sein würde, und Zeichen
+eines blöden Sinnes; ich fand auch, daß jenes Thal mit der ragenden
+Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche Fest, mir
+weidlich am Bilde zum Guten gedeihen würde. Hatte mich doch der Abt
+selber dahin gewiesen, draußen zu suchen und mich umzuschauen, wie ich
+dem neuen Bilde am besten rathen könnte. Wenn mich aber so mein Sehnen
+schuldlos däuchte und daß es nicht noth wäre, meinem dahin gerichteten
+Gemüthe zu wehren, so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem
+Herzen gar ernstlich, als wär’ es doch nur eine Versuchung, die mich
+hinauslockte, um mich in Schaden und Unseligkeit zu stürzen.
+
+Und eine Bangigkeit kam über mich, als ob es mir übel gerathen würde,
+so ich hinzöge. Als es aber lichtmorgen worden war und ich im
+Klostergarten der würzigen Luft genoß, da schöpfte meine Brust auch,
+däuchte mich, wieder frischen Lebensmuth, und es schien mir, die
+ruhelose Nacht hätte mich furchtsam gemacht, und ich sah nichts
+Schlimmes in meinem Wunsche.
+
+Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht Genüge. Sondern, wie sie
+mir in der Erinnerung lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern
+mir zum Bilde auserwählt, mit allem Fleiß, und auch die heiligen
+Wallfahrer mit ihrem Troß entwarf ich auf der Stelle, wo mir der
+festliche Zug erschienen war. Unmüßig war ich den ganzen Tag, daß ich
+morgen die Versäumniß mir desto weniger zum Vorwurf zu nehmen
+brauchte. Was ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck
+beim Feste sehen möchte, das wollt’ ich mir wohl in der Erinnerung
+bewahren und für’s Bild verwenden. Denn nur einen halben Tag gedacht’
+ich aus zu sein und den nächsten wieder im Kloster meiner stillen
+Arbeit obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin kehrte, die
+Spiele mit anzusehen, die der Braut zu Ehren sollten gefeiert werden,
+und mich des Dinges weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela’s
+gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden würde, desto heiterer
+schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als wär’ ich auch zum Feste
+geladen, und mich däuchte, wenn ich zu Roß da hinauf zöge, so hätt’
+ich das auf Elzeburg also erlernet, daß ich keinem der Herren zur
+Schande da sein würde.
+
+In solchem Muthe machte ich mich denn Tags darauf, noch ehe man
+Mittags zur Speisung im Refectorio zusammenkam, von dannen. Dem
+Pförtner sagt’ ich, meiner Kunst zu Dienst müßt’ ich aus sein und am
+Abend würd’ ich wiederkehren. Daß mir solche Freiheit verstattet war,
+mehr als den Brüdern, deß waren sie gewohnt im Convent, und so ward
+ich auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert durch die
+geöffnete Pforte.
+
+Draußen in einem der letzten Häuser, die um’s Kloster gebaut sind,
+wohnten alte Leute, die der Abtei hörig waren. Es war ein Ehepaar,
+Mann und Weib wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten
+in ihre Hütte oder wenigstens durch’s Fenster sie zu grüßen. Es
+geschah immer zu ihrer großen Freude; denn in meinen jungen
+Kinderjahren war ich in ihrer Pflege gewesen, und noch immer hegten
+sie eine sonderliche Liebe zu mir. Bei ihnen hatt’ ich, da ich von
+Brun wiederkam, das köstliche von Irmela mir geschenkte Kleid
+niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen klösterlichen Rock
+angezogen hatte, dem ähnlich, den ich sonst zu tragen gewohnt war,
+wollte, daß ich das zierliche Gewand bei ihm für immer zurückließe.
+Aber da ich wünschte, es zu behalten, weil mir zu meiner Malkunst
+solch’ auserwähltes Kleid leicht noch nütze werden könnte, so willigte
+er ein und ich trug’s im wohlverhüllten Bündlein mit mir. Niemand
+hätte mir wehren können, es mit mir in’s Kloster zu nehmen und mit dem
+anderen Geräth und den Kleinoden meiner Kunst zu bewahren, aber ich
+hatt’ es doch für viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto
+lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu bringen. Und so
+hatt’ ich Irmela’s Gabe bei den Alten in Verwahrung gethan.
+
+Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben sie mir, wie ich’s
+heischte und unversehrt, das wohlverwahrte Kleid zurück. »Mir ist’s
+bestimmt zu tragen«, dacht’ ich. »Zwar die Kunst, mit der ich mir’s
+verdient zum Lohn, gedenk’ ich nicht mehr zu üben; aber wenn je, so
+mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser Fahrt. Ist ihr Ziel
+heimlich, so sichert mir wohl dies Kleid, wenn’s Noth ist, meine
+Heimlichkeit.«
+
+Und so nahm ich’s mit mir.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+Beim Feste.
+
+
+Es war noch hoch am Tage, denn ich war rüstig zugeschritten, als ich
+wieder zur Seite des Baches das Thal durchzog, von dem aus ich zum
+Dorf gelangen sollte, das so sicher sich lagert um die bethürmte Burg.
+Je näher ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, daß heut den
+Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag angebrochen war, den
+mit zu feiern Keiner versäumen wollte, der wohl auf war und gerne
+fröhlich. Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele nach
+wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam, fand ich der fremden
+Gäste viele. Die Lustbarkeit der Herren mußte wohl bekannt worden sein
+aller Orten ringsum. Da waren Junker und Knechte, Bürger und Bauern,
+auch fahrende Sänger, Luftspringer, Gaukler und Hebräer, und was sonst
+Leute dem Gewinne nachgehn, wo müßiges Volk sich zusammenfindet, das
+die Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen läßt. Alle zogen
+sie hindurch der Brücke zu jenseit des Dorfes, und auch von drüben
+ward der Haufe durch Gäste vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich
+die Herren hatte quer durch’s Thal reiten sehen.
+
+Ich hatte mich, da ich durch’s Dorf schritt, Bauern zugesellt. Von
+ihnen erfuhr ich, daß heute Morgen die Braut und ihr Geleite unweit
+des Ortes angelangt und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich
+empfangen worden wäre. Alsbald hätten die Speyerischen die Ankömmlinge
+zum Lustlager geführt, das sie zugerichtet, allda zu rasten und die
+Begegnung fürstlich zu feiern.
+
+Wie die Braut geheißen würde und woher sie käme, konnt’ ich nicht
+erkunden; doch bezeugten sie, das volle Lob, das edlen Sitten und
+prangender Jugend gebühret, würde von der Sage der Leute ihr
+zuerkannt.
+
+Unser Weg führte uns im Bogen aus dem Thal eine nicht kleine Höhe
+hinan. Weil die Bauern da oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen mußten,
+wie sie mir sagten, so war die Straße breit und sanft ansteigend
+bereitet und gemächlich aus ihr zu schreiten. Hoher Buchenwald zu
+Seiten unseres Weges hinderte den Ausblick. Um so mehr war ich
+betroffen von der weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf
+dem Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald in’s Freie
+trat. Da sah man weithin Gebirg’ und Land, und unten vor sich das
+muntere Thal mit Burg und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen
+anmuthig umkränzt war. Aber auf dies Alles blieb mein Blick nur einen
+Augenblick hingelenkt; denn das Bild, das ich in der Nähe vor mir sah,
+nahm all’ mein Aufmerken gefangen.
+
+Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan, der beinahe die
+ganze Breite des Berggipfels einnahm. Sonst besuchte diese Stätte wohl
+nur der Hirt mit seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb,
+oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit, und wenn sie auf den
+anliegenden Feldern ackern oder ernten wollten. Aber heut’ gieng’s auf
+der Höhe ganz anders, lärmend und fröhlich zu. Zu Haufen stunden da
+die Menschen umher, thaten sich gütlich und hatten ihre Kurzweil, die
+gekommen waren, das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei an
+Festlichkeiten vorkommen würde, mit anzusehen. Da verführte
+männiglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn die Menge müßig ist und
+in Erwartung neuer Dinge, ein Getöse rings um mich her, da ich unter
+sie schritt, daß es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte bald,
+daß der Meisten Augen und Sinne nach jener Seite gerichtet waren, wo
+ich gleich anfangs, da ich die Aue übersah, das Lager der Herrschaften
+wahrgenommen hatte.
+
+Da war unter einem Nußbaum, der hoch und weit seine dichtbelaubten
+Äste streckte, und etwas in der Mitte der Bergwiese stund, von seinem
+Stamme aus ein Überdach aus buntem Gewebe gespannt mit purpurnen
+Quasten, das vorne Stäbe trugen, die in Gold und Silber erglänzten.
+Unter diesem Überdach zur Erde waren Teppiche gebreitet mit
+schimmernden Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich
+gesticktem Zeuge überdeckt waren; als das Meisterlichste aber in
+zierlicher Arbeit und reicher Pracht mußte Jedermann die Decken
+auserkennen, so von der Höhe des Daches zur Erde niederhiengen und
+hinten den Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur und
+Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all diese edle Kunst
+betrachtete und Einen, der mir zunächst stund, fragte, was wohl des
+Gezeltes Bedeutung wäre, sagt’ er mir, das wäre für die Braut
+bestimmt, von da aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren
+würden gehalten werden. Die reichen Decken aber hätte der Bischof aus
+seiner Hofhaltung von Speyer hergeführt. Daß ich da wieder vom Bischof
+Gebhard hörte, schuf mir wenig Freude, und mahnte mich daran, daß ich
+sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen könnte oder ich ihm;
+doch er kannte mich ja nicht von Person, und wie sollte mich Irgendwer
+aus der Menge herausfinden, so ich mich nur klüglich hielt. Zudem
+wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut hörte, ihren Namen
+zu erkunden und ob es wohl Irmela wäre. So lugt’ ich denn mit Eifer
+nach vorn, vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder
+liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit meiner hohen
+Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte, leicht über die Häupter der
+Meisten. So erblickt’ ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich
+umdrängte, Alles, was da für die Herren und ihre Gäste hergerichtet
+war. Ich sah reiche Gezelte und unter grünem Gezweig Tische, das Mahl
+zu halten. Seitwärts im Schatten des Waldraines stunden Rosse und
+Saumthiere, mit Halftern an die Äste der Bäume gebunden, oder an
+eingezäunten Stellen grasend.
+
+Unweit von da waren von Brettern Tische und Bänke für die Knechte
+hergerichtet, und unterschiedliche Rauchsäulen, die hie und dort
+hinter Bäumen emporstiegen, ließen erkennen, daß man zum Mahle
+rüstete; wie denn auch jetzt schon unter einer schattenden Buche ein
+Schenke aus einem großen Faß Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat,
+den Becher oder Krug füllte. Wiewohl nun da die Geschäftigkeit der
+Diener um die Zelte und Tische groß war, und auch ritterliche Herren,
+in reichem Schmuck gekleidet, sichtbar wurden, so konnt’ ich doch aus
+der Menge Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem schon
+gesehen hätte. Aber all’ dies Wesen und Leben vor mir erschien meinen
+Neulingsblicken doch so werth der Betrachtung, daß ich nur immer
+unverwandt hinstarrte und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan
+aus deren einem die Braut schreiten möchte.
+
+So mocht’ ich höher denn sonst mich gereckt haben, gar nicht achtend,
+ob ich nicht auch selbst ringsum Allen so bemerkbar würde, als ich
+hinter mir eine Stimme vernahm, von der ich gewiß war, daß ich sie
+nicht zum ersten Mal hörte.
+
+ »Sieh dort den Mönch, der mit uns briet
+ Dein Gänslein, eh’ uns Krumholz schied.«
+
+Darauf kam die Antwort:
+
+ »Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth:
+ Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied.
+ Drum fort, daß er uns nicht ersieht!«
+
+Geschwind hatt’ ich mich bei dieser Wechselrede, deren Sinn mir nur
+allzuverständlich war, umgewandt; aber gar eilig befolgte das
+ungleiche Paar den Rath des Kleinen, und nur noch einen kurzen
+Augenblick sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestüm durch die
+Menge hindurch drängten, in der sie sogleich darauf verschwunden
+waren. Da mußt’ ich bei mir lachen, daß hier Jemand vor mir die Flucht
+gab, dem doch selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben
+und unerkannt. Und so gedacht’ ich hinfort fürsichtiger zu sein und
+mich sorglicher unter dem Haufen verborgen zu halten.
+
+Aber da geschah es, daß, mir zum Wenigsten ganz unerwartet, drüben um
+die Gezelte eine Bewegung nicht kleine entstund und Diener in bunten
+Röcken unterschiedlicher Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen
+der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stäben, die sie in Händen
+schwangen, die umherstehenden Leute zurücktrieben, daß vor uns der
+ganze Platz frei würde. Wie nun von den also Bedrängten der Eine hier
+und der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, zuerst nicht
+wußte, wohin ich mich wenden sollte und hernach öftermalen immer
+wieder an einen Wärtel gerieth, der mich dann mit Schelten
+zurücktrieb, so fiengen die Leute an über dies Spiel zu lachen, was
+mich noch mehr verwirrte, so daß ich endlich gar nicht mehr durch die
+Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar vorn unter den
+Ersten stehen bleiben mußte.
+
+Doch im nächsten Augenblick waren Aller Augen nur vor sich nach den
+Zelten gerichtet, sich nichts entgehen zu lassen, was da vorgieng. Da
+traten zuerst die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten im
+Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang des einen sonderlich
+geschmückten Zeltes, richteten ihre Banner auf, setzten ihre Hörner an
+den Mund und ließen die ertönen, daß es ringsum aus dem Wald und
+trüben von den Bergen wiederhallte. Da ward Alles still, und heraus
+traten aus demselben Gezelt der Bischof Gebhardus Spirensis, auf
+dessen Ornat ein Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an güldner
+Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur Seite ein junger
+Ritter, stolzen und strengen Aussehns, über dessen Schulter nach
+fränkischem Schnitt an seidnen Schnüren ein Mantel hieng von Sammet
+und köstlichem Zobel. Dieser Ritter, so hört’ ich, war Gebhard’s
+Neffe, reich an Gütern und aus fürstlichem Hause; ihm hätte der Ohm
+selber die Braut geworben, die jetzt gen Speyer geleitet würde, und
+Wunder hörte man von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wäre.
+
+Während dem schritten die Beiden, die Herolde voran und in ihrem
+Gefolge Herren und Junker und dem Zuge zur Seite Knechte mit
+Hellebarden oder gezogenen Schwertern, einem gegenüber aufgeschlagenen
+Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben giengen hinein.
+Alsbald stießen die beiden Herolde wiederum in ihre Hörner, daß es
+laut erscholl. Da wurden die Zeltvorhänge zurückgeschlagen und heraus
+ward die Braut geführt; ihr folgten Dienerinnen. O, ich erkannte sie
+wohl und Den, der sie an der Hand führte, ob auch gleich, seitdem ich
+sie zuletzt gesehen, eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war!
+Ihre Schönheit, däuchte mich, war strahlender geworden: nicht Dank der
+Pracht, welche die Maid da trug; denn Wer mochte noch dem seidenen
+Gewande mit den gestickten Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen
+Gürtel und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gönnen, wenn er nur
+einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da vom Schleier umwallt
+leuchtete, wie wenn Lilien und Rosen zusammenstehen. Sondern was nach
+meinem Wähnen ihrer Schönheit zur Erhöhung diente, war, daß sie all’
+der Zier, mit der man sie heute sah, nicht zu begehren noch zu
+bedürfen schien, und daß sie auf die Herrlichkeit, die sie hier umgab,
+kein größeres Aufmerken hinkehrte, wie mich däuchte, als damals auf
+ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg zu sehen gewohnt
+gewesen war. Und dies eben schien mir als eine Veränderung in ihrer
+Seele, daß sie an der gegenwärtigen Pracht keinen größeren Antheil
+nahm, die doch, als ich wähnte, vor wenigen Wochen über den geringsten
+Theil dieser Augenweide der kindlichen Freude viel gezeigt hätte.
+
+Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter Conrad mit
+zierlichem Gruß, den sie mit Züchten erwiederte, wie sie auch mit
+Ehrerbietung vor den Bischof trat. Da ward von allen Seiten ein
+freundlich Grüßen gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur
+Seite, sie zu geleiten, als der die größte Ehre an diesem Tage
+gebührte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte sich der Bräutigam.
+Hernach folgten die Andern in ihrer Ordnung. So begaben sie sich
+allsammt nach dem Sommerzelt, das am Nußbaum ausgespannt war, wo auf
+den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu beiden Seiten der Bischof
+und der Graf sich niederließen. Hinter sie stellte sich Conrad und
+sonst zween oder drei der Edelsten aus Gebhard’s Gefolge. Die Andern
+alle, Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, wie
+ihm gebührte, diesen Herrschaften zur Rechten und zur Linken.
+
+Wie ich das Alles betrachtete, wundert’ ich mich, wie wenig doch
+Irmela, der zu Genieß dies Gepränge bereitet war, die Glückseligkeit
+einer Braut sehen ließ; wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum
+Gemahl erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie liebevoll
+sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete und wie freundlich
+jedesmal ihr Angesicht lächelte, wenn er’s that, als sollt’ er nicht
+zweifeln, daß sie ganz glücklich wäre.
+
+Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten dem Volke Stille
+und einer der Herolde trat vor, verneigte sich gegen die Herrschaften
+im Gezelte und rief dann, zum Volk gewandt, mit lauter Stimme
+folgendermaßen:
+
+»Nachdem es seiner bischöflichen Gnaden geliebt hat, ihren Neffen, den
+trefflichen Ritter Conrad, von Gernstein zubenannnt, auf seiner
+fröhlichen Brautfahrt hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre
+dieses Tages und zur Erhöhung werther Lustbarkeit nach alter Sitte
+öffentliche Spiele halten wollen. Und weil denn die vieledle Braut«
+(hierbei neigte der Herold sich gegen das Fräulein) »der preislichen
+Singekunst sonderlich zugethan ist, lassen Seine bischöfliche Gnaden
+zuvörderst Alle, die in der Singekunst etwas vermögen und sich deß
+getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten, darin ihr Bestes zu
+versuchen. Ein Kranz und silberner Becher ist der Preis. Die holde
+Braut selber wird die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger
+auserkennt.«
+
+Darauf schwieg dieser Herold und trat zurück an seinen Ort. Da winkte
+der Bischof einem Edelknaben, der hinter im stund. Der kam hervor, bog
+vor Irmela das Knie und bot ihr in silbernem Gefäße, das er in Händen
+trug, ein weißes Blatt und Griffel dar. Sie nahm Beides, reichte es
+aber hinter sich dem Gernsteiner. Der besann sich nicht lange,
+beschrieb das Papier und legt’ es wieder in die Schüssel. Nun gieng
+der Knabe, nahm das Blatt heraus und übergab es dem andern Herold.
+Nachdem dieser gethan, wie der erste, entfaltete er das Papier, erhub
+seine Stimme und las, was da geschrieben stund:
+
+»Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt!« Das ist’s, worauf
+die Singer Antwort geben sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn,
+wer hoher Ehren begehrt! – Zum Sinnen ist eine kurze Frist
+verstattet!«
+
+Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von der Stelle hinweg
+zu machen, auf der ich stund. Nicht allein des Bischofs wegen, wenn
+ihn etwa die Lust ankäme, nach dem Klösterling zu fragen und mich vor
+sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger, in dieser
+meiner Tracht von der Jungfrau Irmela erkannt zu werden; und nahe
+genug war ich ihr da. Ich sucht’ also und fand, da nun eine
+Zwischenzeit, bis sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war,
+eine Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr entgangen. Aber
+vom Schaun der Herrlichkeit wie von der Erwartung, was nun folgen
+sollte, war mein Gemüth so erregt, daß es mir eine Pein schien, dem
+Spiele fern zu bleiben. Auch war mir, ich wußte selber nicht warum,
+Irmela’s Anblick hier im festlichen Glanz so leid wie lieb gewesen,
+aber ein sehnendes Verlangen zwang mich zurück, sein ferner zu
+genießen.
+
+So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren, und der
+Sorge, durch meine Tracht in Beschwerniß zu gerathen. Da vernahm ich
+von ferne den Schall der Hörner und den Ruf des Heroldes, daß das
+Spiel begönne. Alsbald sucht’ ich mir einen sicheren Versteck unter
+überhängendem Gestein. Daselbst legt’ ich meinen Klosterrock ab,
+verbarg ihn wohl und kam in der Singertracht herfür, die ich mir in
+Elzeburg zum Lohne verdient hatte.
+
+Eilig kehrt’ ich nun zurück und mischte mich unter’s Volk wie vorhin,
+nur daß ich so weit wie möglich von meinem ersten Standorte fern blieb
+und mich weislich nicht unter die Vordersten drängte.
+
+Schon hatte das Wettsingen seinen Anfang genommen und unter den
+Zusehern, acht’ ich, merkte Keiner eifriger darauf, als ich. Wie viel
+Singer vortraten, ihr Vermögen zu erproben, weiß ich nicht. Sie
+zeigten Alle ihre beste Kunst. Auch der Lange, mein einstiger
+Reisegesell, der mich mit in die Waibstädter Händel gebracht hatte,
+kam, sich Kranz und Becher zu ersingen. Ich bückte mich, da er in den
+Kreis trat, denn mir schien, als säh’ er sich sorglich um und schritte
+nur zögernd hinzu; aber der Kurze hinter ihm, sah ich wohl, trieb ihn
+vorwärts mit Ermunterung und Spott. Wohl durfte sich der Fiedler sehen
+lassen, denn Frau Aventiure war ihm, nach seinem Kleid, das er jetzt
+trug, zu urtheilen, hold gewesen, wenn er’s anders seiner Kunst
+verdankte. Daß die nicht kleine war, ward auch am Spruch offenbar, den
+er hören ließ. Lautes Lob erscholl, da er zu Ende war.
+
+Derweilen saß Irmela, das Haupt ein wenig auf den linken Arm
+stützend, und regte sich nicht. Ihre Augen waren gesenkt, und nur
+selten ließ sie einen Blick über den Singer gehen, der vor ihr stund.
+An dem Allen war zu spüren, wie aufmerksam sie auf das Gesungene
+hörte, und wie sie nachsann über das, was ihr Ohr vernahm. Doch ihr
+Eifer, Alles recht zu erfassen, schien mir kein anderer, als den sie
+damals erzeigt hatte, da sie von mir die alten Mären vernahm, von
+Sifrit, dem kühnen Recken. Sie hatte wohl Freude daran, aber Herz und
+Sinn giengen ihr dahin nicht. Sie achtete auf die Kunst, die da
+bewiesen ward; aber ihr Gemüth, schien es, war nicht vertraut mit dem,
+was sie hörte. Daß sich das Fräulein also erzeigte, däuchte mich
+verwunderlich und nicht so gethan, wie ich mir’s von einer jungen
+Braut gedachte, die zu ihrem Trauten Herzenliebe trüge.
+
+Nun wuchs aber auch mir unterm Hören der Eifer um die Sache, der sich
+da die Singer beflissen. Sie gaben auf die Frage, so ihnen gestellt
+war, unterschiedliche Antworten. Der Eine rühmte Ehre und tugendliche
+Sitten, als wodurch der Liebe Gedeihn erwüchse; der Andere strich dazu
+die Freude aus und hochgemuthes Leben; ein Dritter Herzensreinheit und
+Treue falschesfreie; ein Vierter glückselige Schönheit und frohe
+Jugend. Und zuletzt wandten sie immer ihren Spruch auf das Brautpaar
+vor ihnen, als bei dem solche Gaben und Tugenden im Überschwang zu
+finden wären, und ließen es ihm an keinem Lobe fehlen. Doch davon
+schien sich Irmela nichts anzunehmen, nicht zwar aus Stolz, sondern
+als wüßte sie nicht, warum sie solchen Ruhm sonderlich werth halten
+sollte.
+
+Da rief der Herold wieder, ob noch Einer da wäre, der sich des Singens
+unterwinden wollte. Denn so Viele zuerst in den Ring getreten waren,
+die hatten nun Alle das Ihre gethan und stunden seitwärts, des
+Richterspruches harrend. Wie Alles stille blieb, geschah es, als ich
+wahrnahm, zum ersten Male, daß Irmela ihre lichten Augen aufhub und
+frei umschweifen ließ über die Menge.
+
+Da schlug mir mein Herz hoch auf, denn mir war’s in dem Augenblick
+nicht anders, als erwartete sie mich zu sehen. Und so that ich ohne
+Wahl einen Schritt vorwärts. Wie diese meine Bewegung nun gerade auf
+den Ruf des Herolds geschah und nach meiner Tracht die Leute mich wohl
+für einen Singer halten konnten, der zu diesem Feste seinen besten
+Schmuck angelegt, so wichen sie seitwärts und riefen den vorn
+Stehenden zu, das Gleiche zu thun und mich durchzulassen. Da war auch
+schon ein Diener zur Stelle und schuf mir Raum, mich in den Ring zu
+geleiten.
+
+Noch stund ich im Zweifel, was ich thun sollte. Aber als ich nach dem
+Herrensitz hinblickte und sah, wie Irmela, das edle Kind, mit Freuden
+mich gewahrte und mit stummem Gruße mir zu winken schien, da hätte
+keine Scheu und kluge Fürsicht mich zurückgehalten; und nur heftiges
+Sehnen überkam mich, ihr noch einmal nahe zu sein, wohl zum letzten
+Mal, und mit der Kunst, durch die ich ihr werth geworden war und die
+ich ihr verdankte, ihr zu gefallen und sie zu grüßen auf
+Nimmerwiedersehn!
+
+So beschloß ich denn, wohl darauf zu achten, daß ich mich nicht
+verriethe, nahm all’ meinen Muth zusammen und schritt, dem Diener
+nach, ziemlicher Weise in den Kreis. Vor der Laube angekommen, neigte
+ich mich vor Allen und vor der Richterin in diesem Wettspiel
+sonderlich. In ihrer Miene las ich freilich ein fragendes Staunen über
+mein plötzliches Verschwinden und meine unerwartete Wiederkehr; aber
+war da ein Zweifel, so ward er überglänzt vom freundlichen Willekomm,
+das, wiewohl nur leise, mir ihr Auge sagte. Davon gewann mein
+hochsteigendes Herz Vertrauen zu meiner Kunst, und wie ich schon zuvor
+während dem Hören mein Sinnen auf die Frage gelenkt hatte, darauf im
+Liede zu antworten war, so fügten sich jetzt Wort und Weise in meiner
+Seele selbst zu einander.
+
+Ich ließ mir von einem der Singer, die da gesungen hatten, eine Laute
+reichen, griff in die Saiten und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub
+ich an und sang also:
+
+ Wo tief im Herzen Minne wohnt,
+ Als Siegerin darinne thront,
+ (Bedenkt es wohl, ihr zarten Kinde!)
+ Da ist auch Leid ihr Ingesinde.
+ Wahr ist’s, was man seit Alters spricht:
+ Die Liebe läßt vom Leide nicht;
+ Und doch ist Lieb’ des Leides Feind.
+ Vernehmet nun, wie das gemeint!
+
+ Die Rose kehrt ihr Angesicht
+ Allzeit empor zum Sonnenlicht,
+ Das macht sie also wonnig roth,
+ Die Finsterniß brächt’ leiden Tod.
+ Doch streckt sie unter feuchtes Moos
+ Die Wurzeln rief in dunklen Schooß.
+ Dich lacht sie an mit rothem Munde
+ Und haftet doch im finstren Grunde,
+ Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:
+ Das ist der Liebe Ebenbild!
+
+ Es bringt das Leid der Liebe Pein,
+ Doch ohne Leid kann Lieb’ nicht sein,
+ Es liebt die Lieb’ Leid zum Gedeihn.
+ Und wird vom Leid ihr Noth geschafft,
+ Doch zieht sie Nahrung draus und Kraft.
+ Drum, wer der Minne Flug will wagen,
+ Der darf dem Leid sich nicht entschlagen;
+ Denn will er’s auf das Leid nicht wagen,
+ Muß er der Lieb’ auch sich entschlagen.
+ Wer jemals diesen Weg gefahren,
+ Lobt meinen Spruch gewiß als wahren.
+ Ward er von Leid’ in Liebe wund,
+ Werd’ er von Lieb’ in Leid’ gesund!
+
+Als ich ausgesungen hatte und an den Gebärden Graf Eberhard’s, mit
+denen er sich zu seiner Nichte hinüberneigte, wahrnahm, daß ich von
+ihm auch wohl erkannt war, gedacht’ ich ungesäumt in die Menge zurück
+zu fliehen und mich so davon zu machen. Ich hatte aber kaum die Laute
+Dem wiederum gegeben, aus dessen Hand ich sie empfangen, und suchte
+nun durch die Singer, die da stunden, hindurch zu kommen, nachdem ich
+mich ziemlicher Maßen vor den Herrschaften verneigt: da geschah es,
+daß allum ein Rufen sich erhub und männiglich mich bedeutete, daß ich
+doch stille hielte; denn zur Stunde würde es verkündigt werden von
+wegen des Preises, wer ihn davontragen sollte. Derweilen ertönten auch
+schon die Drommeten der Herolde auf’s Neue und im Volk entstund eine
+freudige Bewegung; Alle winkten mir, hinter mich zu blicken, und da
+ich denn mich umsah, war einer der Knechte mir zur Seite und lud mich
+ein, mit ihm zu gehen. Es nahm ihn Wunder, wie er sah, daß ich
+zauderte, ihm zu folgen, und so ergriff er mich am Arme, daß er mich
+zwänge, weil er nicht anders denken mochte, als daß ich mich aus
+großer Blödigkeit also erzeigte. Da lachten die Leutlein, wie sie
+vorhin über mich gelacht hatten, und Einer sagte, man sähe da eine
+seltne Tugend, daß ein Meister der Kunst begehre, aber ihres Lohnes
+nicht. Nun lachten sie noch mehr und hatten so ihre Kurzweil.
+
+Da hub ich mein Haupt empor, und schritt, weil es so sein mußte, dem
+Diener nach stracks vor mich, zurück in den Ring. Aber wie ich da das
+theure Mägdlein ersah, freundlich mir winkend und mit dem Kranze mein
+harrend, das wirrte mich nicht wenig, und ich fühlte die Röthe, die
+mein Angesicht übergoß: die Ehre, die mir bereit war aus ihren Händen
+vor allem Volk, höhete meinen Muth, aber sie drückte zugleich mich
+nieder, als der ich ungedacht sie überkam, ich wußte nicht wie. So
+schritt ich gesenkten Auges vor das edle Fräulein hin und bog da in
+höfischer Zucht das Knie.
+
+Wie sie mir den Kranz auf’s Haupt setzte, streifte von ungefähr ihre
+Hand meine Stirn; da erzuckte mir von der leisen Berührung das Herz
+und ich blickte auf zu ihr. Indem ließen Spielleute, die da hinter dem
+Gesinde der Herren stunden, ihre Fiedeln und Lauten erklingen, und zum
+Saitenspiel schallten Flöten und Cymbeln, daß es ein helles und
+liebliches Getöne gab.
+
+»Solche Ehre, Meister, dankt Ihr Eurer Kunst,« sagte Irmela, indem sie
+sich über mich beugte.
+
+»Nein, Herrin, Eurer Güte, so ist sie mir werther,« erwiedert’ ich,
+und Niemand außer uns zween hörte, was da zwischen uns gesagt ward.
+
+Nun trat ein Edelknecht mit dem Kleinode herzu, daß die Maid mich
+damit begabte. Sie aber sprach zu mir: »Diesen Becher will ich Euch
+zuvor credenzen, dann sollt Ihr ihn aus meiner Hand empfahn.«
+
+Darauf erhuben sich die Herrschaften von ihren Sitzen, daß sie zu den
+Tischen giengen und sich am Mahle erletzten, ehe die ferneren
+Freudenspiele mit Stechen, Laufen und Tanzen angestellt würden. Ich
+aber, als ich wieder aufrecht stund, wußte nicht, was ich erwählen
+sollte: Die Klugheit rieth mir von hinnen zu weichen, aber Sinn und
+Gemüth hielten mich fest an der Stelle. Da nickte auch der Herr
+Gebhardus mir gnädigen Beifall, und ich sah, daß Graf Eberhard sich
+anschickte, mit mir zu reden; aber weil just die Herren alle
+aufbrachen und der Bischof sich zu ihm wandte, daß sie selbander
+hinweggiengen, so ward der Graf von mir geschieden und dadurch mein
+Herz ein Merkliches erleichtert; denn gewißlich wär’ ich seines
+Forschens wenig froh worden.
+
+Während man so sich aufmachte, schritt Irmela unterm Überdach der
+Laube herfür an mich heran, grüßte mich und sprach: »So ist’s denn
+doch also geschehen, wie ich sagte, da Ihr von Elzeburg schiedet,
+Meister Diether, und Ihr habt uns mit Eurer Kunst gedient.«
+
+»Ja, vieledle Jungfrau,« erwiedert’ ich, »und am hohen Freudenfeste
+Euch zu Ehren, zu dem ich ungedacht gekommen bin.«
+
+»Und nachdem Ihr von den Elzeburgern ungedacht entwichen seid,« sagte
+sie hinwieder und lachte.
+
+Da sah ich die Maid inniglich bittend an: »O lasset, warum ich’s that,
+als eine Heimlichkeit meines Herzens verschlossen darinne bleiben, und
+wenn ich heut für immer von Euch scheide, so glaubet, daß Euch in
+Freuden und Glückseligkeit zu leben Diether ohne Unterlaß von Gott
+erwünschet und dem ganzen himmlischen Heer.«
+
+»Wohl,« sprach sie da, »so sei es darum und Ihr möget Eure
+Heimlichkeit bewahren; ich will nicht arg von Euch denken, wiewohl sie
+groß ist.«
+
+Damit hielt sie mir mit Gütigkeit ihre Hand entgegen, daß ich sie an
+den Spitzen der Finger erfaßte. Das geschah behende und mit Scheu,
+aber mein Gemüth gewann davon eine Freudigkeit.
+
+Doch da nahete der von Gernstein. »Man harret Euer«, sagt’ er zur
+erkieseten Braut mit höfischer Gebärde, und führte Irmela den Tischen
+zu; mich aber streifte sein Blick herrisch und unmuthig. Da merkt’
+ich, daß er überstolzen Sinnes war. Aber die Maid an seiner Seite
+schien deß nicht zu achten; sie kehrte im Gehen ihr Angesicht noch
+einmal freundlich zu mir hin und sagte: »Gedenket des Bechers zeitig
+genug und kommet, wenn wir zu Tische sitzen, daß ich ihn Euch
+credenze.«
+
+Damit giengen die Beiden hindann und mir schien’s, als wäre er
+unmuthig, daß sie mir das Gespräch gegönnt hatte.
+
+Nun erhub sich eine nicht kleine Bewegung um die Tische, wo die
+Herrschaften das Mahl halten sollten, und unfern davon, wo den
+Knechten die Bewirthung bereitet war. Auch das Volk zerstreute sich
+hierhin und dorthin nach Gefallen, die Meisten, um sich zum Imbiß zu
+lagern, den sie mit sich gebracht, oder der Verehrung nachzugehen, die
+der Bischof in seiner Mildigkeit Jedermann spenden ließ, der ihrer
+begehrte. So kamen auch Viele an mir vorüber, wiesen auf meinen Kranz
+und preiseten mich öffentlich wegen meiner Kunst und des Lohnes, der
+ihr geworden. Manche wunderten sich dabei, daß ich da also stille
+stund, wie ein Verlassener, und meinten, mich hätte die Huld, die ich
+genossen, allzu blöde gemacht.
+
+Da gedacht’ ich daran, daß es hochnoth wäre, mich davon zu machen,
+bevor mich Einer von vorhin wiedererkennte, der mich da im Klosterrock
+gesehen hatte. Zudem trieb mich auch der Anblick der beiden Fahrenden
+hinweg, die ich unweit gewahrte, wie sie mit Fleiß auf mich achteten,
+als solche zwar, die darüber nicht von mir gesehen sein wollten.
+
+Ich säumte also nicht länger und schritt in den Wald, wo ich das
+wenigste Volk wahrnahm. Da wär’s gewißlich mir das Nöthigste und
+Fördersamste gewesen, wenn ich sogleich den Versteck aufgesucht hätte,
+in dem ich vorhin meinen langen Rock verborgen, hätte den angethan und
+mich davon gemacht. Aber da ich am Waldessaum mich sicher wähnte und
+unbeachtet, sah ich mich noch einmal um, ließ meinen Blick über all’
+das bunte Gewimmel schweifen und lugte über die Zelte und nach den
+Tischen hin, Irmela im Geist noch einmal zu grüßen. Da fühlt’ ich, daß
+es mir schwer ward, von dem Allen Abschied zu nehmen, und wie ich doch
+dieses Mal als ein Anderer in’s Kloster heimkehren würde, als der ich
+von dannen gezogen war. So stund ich mit eifrigem Aufmerken der Augen
+und doch in vielerlei Gedanken.
+
+Da rief mir, eilend herankommend, ein Diener zu, und sagte dabei, wie
+er mich am Gezelte vergeblich gesucht und eine Botschaft an mich
+hätte. Ich trat herzu und fragte: »welche?«
+
+»Von meinem gnädigen Herrn, Herrn Conrad von Gernstein«, erwiederte
+er, »der Euch durch mich entbieten läßt, es sei nicht von Nöthen, daß
+Ihr das ersungene Kleinod aus der Hand des Fräuleins emphahet, Ihr
+möget es Euch von des Bischofs Kämmerer holen, zu dem ich Euch
+geleiten soll. Auch wünscht mein Herr Euch nicht über Tische zu sehen,
+sondern begehrt, daß Ihr Euch unverweilt von diesem Feste scheidet,
+maßen es Euch schon genug des Genießes eingebracht habe. Auf daß Ihr
+Euch aber anderswo desto baß gütlich thun könnet, läßt er Euch hier
+einen Goldgulden reichen.« Damit hielt er mir das Geld dar.
+
+Das kränkte mich, daß ich angesehen ward als Einer, der nur bloß auf
+den Lohn sah, und der Ritter denken sollte, wenn ich nun gienge, ich
+hätt’ ihm um sein Geld den Willen gethan. Darum sagt’ ich verächtlich:
+»Behaltet Euren Gulden, und laßt Euren Herrn wissen, mir liegt am
+Kleinod alleine nichts und an seinem Gelde noch minder! Und wenn ich
+dahinten bleibe, daß er mich über Tisch nicht sieht, wohin das
+Fräulein mich entboten hat, so bewegen mich andere treffliche
+Ursachen.«
+
+»Das Lob Eurer Kunst, fahrender Bruder«, sagte der Knecht spöttisch
+wieder, »macht, daß Ihr Euch zu hoch vermeßt. – Besinnet Euch:
+nehmt’s Geld, holt das Kleinod und geht!«
+
+Darauf hielt er mir auf’s Neue seinen Goldgulden hin und lachte. Da
+schwellte der Unmuth mein Herz, zumal ich sah, wie Leute herangekommen
+waren und auf uns Acht hatten, und ich stieß das Geldstück aus seiner
+Hand, also daß es zur Erde rollte.
+
+Wie nun der Bote betroffen dastund, denn er hatte sich von mir deß
+nicht versehen, so ward nun er den Umstehenden zum Gelächter und einer
+von ihnen rief ihm zu: »Fahrt säuberlich, Freund, mit dem
+Singemeister, denn er hat die Art nicht, als geliebt’ es ihm, mit Euch
+zu scherzen!«
+
+»Dafür trägt er den Kranz«, sagte ein Anderer, »der gibt ihm also
+hohen Muth.«
+
+Zu solchen Worten wollte des Gernsteiners Knecht auch nicht müßig
+bleiben, sondern gedachte sein Botenbrot an mir wohl zu verdienen. Er
+griff also nach einem dürren Stecken, der da nahe bei einem Baume lag,
+sprang damit auf mich zu und indem er rief:
+
+»Solch’ unartigen Knaben gebührt die Ruthe, sie bessere Zucht zu
+lehren!« strich er mich, bevor ich mich wenden konnte, über den
+Rücken. Da enthielt ich meinen Zorn nicht länger, drang auf den Mann
+mit Ungestüm, eh er sich bedachte, und stürzte ihn mit Wucht zur Erde,
+daß er stöhnend um Hilfe rief.
+
+Er that es nicht vergebens, denn die Menge lief herzu, und darunter
+war auch von den Gernsteiner und Speyerischen Knechten ein ziemlicher
+Haufe. Wie die nun von ihrem beleidigten Gesellen die Ungebühr
+vernommen hatten, die ihm von mir geschehen war, so wär’ ich gewißlich
+ohne Aufenthalt in ihre Hände gerathen, und sänftiglich hätten sie mir
+nicht mitgespielt, wenn da nicht gegen die Anstürmenden mir eine
+unverhoffte Rettung gekommen wäre.
+
+»Laßt Euch rathen und tastet uns den Singemeister nicht an!« so hört’
+ich eine Stimme, die ich wohl kannte; und wie ich seitwärts blickte,
+woher sie kam, sah ich Helmbolden und Andere mehr vom Elzeburger
+Gesinde. Die brachen durch den umstehenden Haufen und drängten die, so
+auf mich einwollten, von mir ab, also daß mich ihrer Keiner verletzen
+durfte. Solches verdroß die Gernsteiner und ihre Genossen nicht wenig,
+daß sie den Schimpf nicht strafen sollten, der ihrem Gesellen
+widerfahren war, und sie bedroheten die Elzeburger laut, wenn sie
+ihnen nicht Raum gäben, mich zu greifen. Die aber wollten auf sie
+nicht hören, trutzten ihnen und sprachen mir zu: »Diether, fürcht’
+Dich nit; denn wir gedenken Dir’s wohl, daß Du vormalen unsrer Sippe
+gewesen bist.«
+
+Und so waren sie als eine Mauer um mich herum.
+
+Alsbald entstund zwischen diesen Knechten ein nicht kleiner Zank um
+meinetwillen und ein feindliches Drängen hin und wieder, wie es die
+Streitlust erhöht und Brauch ist, wenn es bald zum Hauen und Stechen
+kommen soll.
+
+Das war denn sonder Zweifel auch hier ganz nahe, und statt des
+Freudenspiels, das sie halten sollten, waren sie dabei, sich hitzig zu
+bestreiten. Aber wie der Lärm wuchs und der Haufe der Gaffer sich
+mehrte, konnte das Getümmel um mich her auch dem Wahrnehmen der Herren
+nicht entgehen. Vielleicht auch hatte einer aus dem Gesinde dem Ritter
+von Gernstein Botschaft dessen gebracht, was sich zutrug. Denn just,
+als die Knechte auf beiden Seiten das Beste thaten, sich kampflich
+anzurennen und des Scheltens und Höhnens übergenug verführten: trat
+Herr Conrad, dem etliche Ritter zur Seite giengen, eilend zwischen sie
+und gebot ihnen mit drohender Stimme, von einander abzulassen. Er und
+seine Begleiter hatten Mühe, die Hadernden auseinander zu bringen.
+Aber sie durften auf die Länge den Herren nicht trutzen. Als nun der
+ärgste Sturm sich gelegt hatte, ließ der Gernsteiner seine Leute
+zornmuthig an und schwur theuer bei seiner ritterlichen Ehre, an ihnen
+den Schimpf zu strafen, den sie da gegen das Gesinde seines werthen
+Gastes verübten. Da trat der Bote vor, den der Ritter an mich
+geschickt hatte, berichtete mit vielen beweglichen Worten, wie es ihm
+ergangen wäre, wie unehrerbietig ich des Herrn Verehrung, die mir
+zugedacht gewesen, verschmäht, den Überbringer mit Hohn gereizt und
+zuletzt übel zu Boden gestreckt hätte. Nun schrieen die Andern wieder,
+bloß mich hätten sie zu greifen begehrt, die ihrem Gesellen von mir
+zugefügte Schmach gebührend zu rächen, und auch meine gegen ihren
+Herrn bewiesene Hoffahrt zu strafen. Aber die Elzeburger hätten ihnen
+ohn’ Ursach gewehret und den überdreisten Singer schutzweise umringt.
+Da sah sich der Herr Conrad zornigen Blickes nach mir um und zugleich
+auch, als wär’ es ihm eben recht, daß er so eine Sache wider mich
+hätte, mich in Schmach zu bringen.
+
+»Komm heraus da!« rief er mit gebietender Stimme mir zu, als er mich
+erblickte.
+
+Ich trat festen Schrittes vor und sah ihn gerad an, als ich vor ihm
+stund. Seine linke Hand stützte er gegen seinen Schwertgriff, und mit
+seiner rechten strich er gemächlich den Bart über seinen Lippen, die
+er verächtlich zusammenzog.
+
+»Das also ist der Meister Nirgenddaheim, den seine überzarte Kunst
+durch Hoffahrt zum Narren gemacht hat!« sagt’ er spöttisch lachend.
+
+»Herr!« sagt’ ich darauf, »Eure Jungfrau Braut hat den Narren mit
+diesem Kranz geziert.«
+
+Daß ich dergestalt vor ihm Irmela’s und ihrer Gütigkeit gegen mich
+gedachte, trieb die hellen Zornflammen in des Stolzen Angesicht.
+
+»So unwerther bist Du, Lotterbube, ihn zu tragen!« rief er voll Grimm
+und schlug mit seinem Handschuh mir nach dem Haupte, daß der Kranz
+herunterfiel und das Haar mir wirr um die Stirn wehte. Drauf streckt’
+er seinen Arm aus und rief weiter: »Heb’ Dich hinweg, und ohne Säumen,
+eh’ ich noch meinen Knechten gebiete, Dir den Rücken zu bläuen, wie
+Du’s um Dein übermüthig Unterfangen verdient hast!«
+
+Das war mir unerträglich, daß ich so vor Aller Augen von ihm wie ein
+Ehrloser geschlagen sein und mit Schmach und Schimpf hinweggetrieben
+werden sollte. Und so reckte ich mich hoch empor, sah ihn wild an und
+rief ihm wüthend zu: »Wär’ ich bewehrt, Herr, wie Ihr: bei Gott, dem
+Hohen! der Schlag sollt’ Euch gereuen, mit dem Ihr mich schlugt und
+Ihr dürftet mir so nicht drohen!«
+
+Da griff er nach seinem Schwerte, es zorneifrig wider mich zu zücken.
+Als ich’s sah, erfaßte auch mich eine Wuth, daß mir Alles gleich galt,
+nur nicht ungerochen zu bleiben an seinem Überstolz. Ich hub meinen
+Arm hoch und drang auf ihn ein.
+
+Wohl sah ich, wie er vor’m unerwarteten Angriff, der ihn bedrohte,
+sich zurückbog und hastiger nach mir ausholte; aber das war ihm nicht
+mehr von Nöthen. Denn schon fühlt’ ich mich aufgehalten und von den
+Knechten gepackt, die herzugelaufen waren, den Frevel, der ihrem Herrn
+bevorstund, zu hindern. So Viele umringten mich, und so sicher waren
+ihre Griffe, daß wie ich auch mich wand, ich in keinerlei Weise aus
+der Gewalt ihrer Fäuste mich lösen konnte.
+
+»Bindet ihn«, befahl da der hart beleidigte Ritter, »und bewahrt ihn
+wohl, den Gauch, der bereit war, sich an mir zu vergreifen; und im
+tiefsten Kerker meiner Burg mög’ er verschmachten!« Ich wußte, daß
+sein Haß gegen mich tödtlich war, und dennoch wollt’ ich ihn nicht um
+Erbarmen bitten. Ich hätt’ es nicht gethan, auch wenn ich da den
+grausamsten Tod an der Hand gehabt hätte.
+
+Aber Gott verschaffte in dieser meiner höchsten Noth, daß eine
+Fürbitte für mich laut ward, wie süßere mein Ohr nicht vernehmen
+konnte. Denn an der Seite des Bischofs war Irmela herzugekommen und
+hatte kaum den Jammer ersehen, in dem ich schwebte, als sie an den
+Ritter sich wandte, und ich merkte wohl, wie sie bleich war und ihre
+Stimme erbebte in mitleidiger Sorge um meinetwillen.
+
+»Gilt Euch etwas meine Bitte, Herr Conrad«, sprach sie, »so begnadet
+den Singer, wie schwer auch seine Fehle sein mag, mit der er Euch
+erzürnet hat, und laßt ihn frei!«
+
+»Ihr thut Eurer Ehre zu nahe, Werthe!« sprach er unwillig, »so Ihr die
+Macht Eurer Fürbitte für einen Solchen einlegt. – Kommt! Laßt uns
+nicht länger durch ihn das Fest gestört sein!«
+
+Damit winkt’ er den Schergen, die mich hielten, daß sie mit mir thäten
+nach seinem vorigen Befehle, und gab den Herren ringsum ein Zeichen,
+mit ihm zur Lustbarkeit zurückzukehren, indem er sich zur Braut
+gesellte, sie zu den Tischen zu geleiten. Die aber stund noch
+unbeweglich: in ihrem Herzen bestritt die maidliche Scheu den
+sehnlichen Wunsch, mir zu helfen. Aber wie sollte das geschehen? Noch
+einen Augenblick, so war ich in Banden gefesselt und zu jammerhaftem
+Ziel hinweggeführt.
+
+Indem waren Andere bereit, meine Errettung aus des Gernsteiners Gewalt
+zu Handen zu nehmen; wie wohl ihnen das übel und mir zu großem Leide
+gerieth: nicht die Elzeburger, die noch da stunden; denn sie durften
+Angesichts der Ritterschaft nicht wagen, sich für mich ferner
+einzulegen. Aber die zween Fahrenden stürmten in Eile herzu und
+verlegten dem Bischof, der sich eben zum Gehen anschickte, den Weg.
+
+»Würdiger Herr!« riefen sie mit Hast, und so daß Einer des Andern
+Rede ergänzte, wenn ihm darüber der Odem ausgieng, »Würdiger Herr! Ihr
+dürft nicht leiden, daß Dieser weltlichem Gericht überantwortet werde
+– Ihr dürft nicht! Der Singer ist nicht, wofür er das Ansehen hat.
+Wir können’s mit Schriften darthun. Er gehört der heiligen Kirche zu
+– ist dem Kloster zugesprochen – ist geistlich! Der Abt von
+Maulbronn hat über ihn Gewalt!« –
+
+Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine Kraft verließ mich und
+die Scham, daß ich so zu Schanden ward, schlug mich nieder. Alle
+mußten es mir ansehen, daß es sich also hielte, was Jene von mir
+bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu mir wendete, mich zu
+fragen, ob ich etwas vorzubringen wüßte wider der Beiden Zeugniß,
+wagte ich nicht zu antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als ich
+den Gernsteiner höhnisch sagen hörte: »Ein verlaufener Mönch, Irmela!«
+zwang mich der Schmerz aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in
+ihrem Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden würde, oder ach!
+nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch als ich flehentlich zu ihr
+hinüber blickte, kehrte sie sich von mir hinweg, und mit bitterem Weh’
+im Herzen ließ ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr erhoben
+hatte, und die Sinne wollten mir vergehen vor kläglicher Kümmerniß.
+
+Derweilen hub der Bischof an, mit großer Strenge Befehl zu geben, daß
+ich, bis der Sache weiter gerathen wäre, unten in die Burg in
+Gewahrsam gebracht würde; denn der Herr derselben war des Speyerischen
+Bisthums Hintersasse. Das sollte ohne Säumen geschehen, damit das Fest
+nicht länger Verzögerung erlitte; Tags darauf wollt’ er das Nöthige
+vornehmen. Die Fahrenden hieß er zu fernerer Bekundung zur Stelle
+bleiben.
+
+Als der Bischof Solches über mich verfügt hatte, begab er sich mit den
+Übrigen von der Ritterschaft, die um ihn waren, hinweg, und auch der
+Troß und die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders hatten sie
+genug über das, was sich mit mir zugetragen.
+
+So ward ich denn als Gefangener des Bischofs von dannen geführt, ein
+kläglicher Mann. Die Leute, so uns auf unserem Wege begegneten,
+blieben stehen und beklagten meine Jugend; sie mußten denken, ich wär’
+als Schächer ergriffen und würde zur Richtstatt geschleppt; denn
+gewißlich so war mein Aussehen. Mich reute zu leben, und die Welt vor
+mir war verwandelt. Die Läuber des Waldes erschreckten mich mit ihrem
+Rauschen, der Himmel über mir hieng wie ein härener Sack, und als wir
+in’s Thal hinabkamen, dessen lieblich Bild sich so licht meiner Seele
+eingeprägt hatte, lag es vor meinen Blicken wie überdeckt mit einem
+schwarzen Schleier.
+
+Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches Fenster auf, und
+Männer und Frauen lugten nach mir aus; sie fragten wohl auch nach
+meiner Missethat, welche das wäre. Da sagten meine Schergen, um
+Übermuths willen und Frevels gegen den heiligen Stand wär’ ich
+gefangen auf des Bischofs Geheiß; »So gnad’ ihn Gott«, hört’ ich dann,
+»nun ist ihm das Pochen und die weltliche Lust vergangen.« Kinder, die
+auf der Straße spielten, wichen vor mir scheu hinweg und liefen zur
+Seite hin zu ihren Müttern, die auf ihren Armen die kleineren trugen.
+Sie huben sie wohl dann in die Höhe, daß sie mich besser ersehen
+möchten, und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht auch bös
+zu werden, auf daß es ihnen nicht widerführe wie mir.
+
+Dies Alles sah und hört’ ich, ob ich gleich meine Blicke tief zur Erde
+senkte und meine Ohren vor Allem, was um mich her vorgieng, in dieser
+martervollen Stunde zu verschließen trachtete. Denn des Menschen Herz,
+wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an sich, auch
+wider Willen für seinen Jammer Nahrung zu suchen, sich um so mehr zu
+kränken und zu betrüben.
+
+Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der Anstieg zur Burg hinauf sich
+abzweigt. Festlich flatterte von des Thurmes Zinne zu Ehren der
+Fröhlichkeit des Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner. Mich
+sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um eine Tumba traurig
+wehen, und schaudernd lenkte ich meinen Blick hinweg und folgte mit
+Seufzen meinen Führern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst eine
+kleine Strecke zur Höhe gedrungen, als ich hinter mir vom Wege her
+mich laut mit Namen rufen hörte.
+
+Ich wandte mich, und: »Brun! ach, Brun!« – mehr konnt’ ich vor
+inniglichem Leide nicht sprechen.
+
+Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der sich über meinen Anblick
+schier entsetzte; seine Brust keuchte und seine Stimme war gedämpft,
+wie unter der Last tiefen Grams.
+
+»Also muß ich’s doch mit diesen meinen alten Augen sehen, was mich so
+manchmal im Traum erschreckt hat, und was abzuwenden ich zu Gottes
+Gnade in allen meinen Gebeten für Dich gefleht? Diether, Diether –
+was hast Du gethan? Welch’ Herzeleid schaffst Du mir?! Ach, ich soll
+nicht Frieden finden – nimmer – nimmer!«
+
+Seine Klagen jammerten meine Schergen, und einer von ihnen hub an und
+erzählte, wie es mit mir ergangen wäre; wie ich oben beim Feste vor
+allem Volk das Beste im Singen vermocht, wofür mir das Fräulein den
+ausgesetzten Preis zuerkannt hätte; darnach wär’ ich in Händel
+gerathen, zuerst mit dem Troß der Herren, sodann hätt’ ich des
+Bischofs Neffen zum Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungefähr an
+Tag gekommen wäre, daß ich dem Kloster entronnen; so hätte der Bischof
+geboten, mich gefangen hinwegzuführen, daß nachfolgends mir mein Recht
+geschähe.
+
+Auf diese Worte meint’ ich, Brun würde mit harter Scheltung mich
+strafen, wie ich das reichlich von ihm verdiente; aber er that davon
+nichts, sondern das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als trüg’ auch
+er daran einen Theil der Schuld. »O, ich konnt’s denken, konnt’s
+denken!« murmelte er etliche Male und strich sich mit seiner Hand in
+tiefem Sinnen die Stirn.
+
+Dann rafft’ er sich auf und fragte, ob es ihm verstattet wäre, noch
+einmal mich zu umfahen; und als sie ihn beschieden: Ja, das dürfte
+geschehen! so stieg er hinan uns nahe, und mich ließen sie los, daß
+ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich mit seinen Armen
+ganz liebreich, und ich konnte die meinen nicht um ihn schlingen (denn
+sie waren mir rücklings gebunden) und hätt’ es doch so gern gethan,
+ach! nur einen Augenblick: ich Verstoßener!
+
+Er aber sprach: »Diether, ich gedachte, Du solltest vor diesen
+Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, daß sie Dir drohten. Nun
+erkenn’ ich: es sollte nicht sein, daß es nach meinem Dünken angienge.
+– Heute war ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du wärest
+haußen und daß ich Deiner harren sollte. Aber mich trieb’s hinweg, und
+die Sage der Leute von dem Feste hier lenkte mich her. – Jetzt kommen
+Rath und Warnung zu spät. Gott gnade uns nach Seiner Langmüthigkeit
+und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst mich am frohen Tage wieder
+oder auf Erden nimmer mehr!«
+
+Als er darauf mich küßte, fühlt’ ich eine Zähre aus seinem Auge auf
+meiner Wange; sie hieng da noch, als er schon hinab war und, ohne sich
+noch einmal umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf fürder schritt.
+Oft hab’ ich später Gott dem Hohen gedankt um diese Zähre, daß ich sie
+nicht hinwegwischen konnte mit meinen gebundenen Händen (vielleicht
+hätt’ ich’s sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn
+berühren durfte – den gebenedeiten Tropfen, das schmerzlich köstliche
+Vermächtniß. –
+
+
+
+
+Achtes Capitel.
+
+In Haft.
+
+
+Droben in der Burg über dem düstren Eingangsthore war die
+Pförtnerswohnung. Ich erfuhr’s, noch ehe wir unter den gewölbten Bogen
+schritten. Denn wiewohl die Thorflügel offen stunden, hielten wir doch
+vor ihnen mit Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen
+führten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer hinauf. Auf
+seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder, so alt und greise, daß
+man’s schier nicht erdenken konnte, sie möchte je jung und glatt
+ausgesehen haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man schon
+wieder begehrte, das Thor wäre ja offen und Keiner gehindert, hindurch
+zu gehen; ob denn sie allein heute, da Alle ihre Ergötzung hätten, der
+Ruhe entbehren sollte und nicht ein Wenig stille sitzen.
+
+»Wir kommen ja nicht allein, Mutter!« sagte der Knecht wieder,
+»begehren auch nicht Eures Dienstes für uns. Wir bringen Euch einen
+Gefangenen, den Ihr mit allem Fleiß hüten sollt, wie unser gnädiger
+Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard selber hat ihn
+hieher verordnet.«
+
+»So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer ganzer Hauf’, als ich
+da nicht unterscheiden kann, ob ein Fremder unter Euch ist. – Ich
+hör’ das Mäuslein rascheln im Thurm, aber meine Augen sind trüb.«
+
+Nach diesen Worten verschwand sie und eines alten Mannes Gesicht ward
+an ihrer Stelle gesehen. Das war nicht minder welk und greis als das
+ihrige und verwittert, wie das Gemäuer, aus dem es hervorlugte.
+
+»So bringt ihn herauf!« sagte der Alte mürrisch, nachdem er einen
+Blick nach mir gethan, und zog dann seinen Kopf wieder zurück.
+
+Eine hölzerne Stiege außen an der Mauer führte in die Wohnung der
+Leute. Als wir durch das Thor geschritten waren und ich oben auf der
+Stiege ankam, stund die Alte schon in der geöffneten Thür.
+
+»So jung, so jung und schmuck dazu!« sagte sie, indem sie mir
+hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich ganz nahe musterte; dann zu
+den Knechten gekehrt: »Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren
+sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen, der sieht wie ein
+Luchs: das thut’s.« Zu diesen Worten verzog sie ihren zahnlosen Mund
+zum Lachen.
+
+Indem hatte der Alte mit Mühe eine schmale Thür aufgeriegelt, die auf
+mehreren Stufen aus dem Gemach der Alten in einen dunklen Gang führte.
+Wirklich mußt’ es wohl wahr sein, was das Weib von ihres Mannes
+scharfem Gesicht gerühmt hatte; denn selbiger gieng, nachdem ich
+geheißen war ihm zu folgen, so sicher seinen Weg da hindurch, daß ich,
+der ich mit meinen Füßen tastete, hinter ihm verzog. Nun schloß er mir
+eine zweite Thür auf und öffnete den Raum, der mir zur Haft bestimmt
+war. Die Alte brachte mir Brot und Wasser, und dann giengen die
+Beiden, ohne ferner mit mir ein Wort zu reden, und schlossen die Thür
+hinter sich.
+
+So war ich allein und von aller Welt abgeschieden; selber das kleine
+Stücklein Himmel, von dem durch die schmale Maueröffnung dürftiges
+Licht hereindringen sollte, war durch häufige Spinnweben zwischen den
+Eisenstangen mir so verdeckt, daß er grau schien und trübe.
+
+In dieser Einöde brach mein Schmerz, der so lange stumm gewesen war,
+mit aller Macht hervor, und ich wehrte ihm nicht. Ich hub bitterlich
+an zu weinen und zu klagen, nannte mich unselig und den Elendesten
+unter allen Menschen. Mein waglicher Sinn und mein froher Muth waren
+nun gänzlich niedergelegt und gar hin, dagegen Seel’ und Leib lauter
+Zagheit und Blödigkeit.
+
+Ja, ich war in schwere Sünde und Untugend gerathen und darinnen
+verharret beinahe vom ersten Tage meiner Fahrt aus dem Kloster bis
+hierher. Ich war mit Lug und Trug umgegangen und dessen gewohnet
+worden in Elzeburg, ich hatte meine Lust daran gehabt auch hernach und
+damals belacht, was ich jetzt so kläglich beweinen mußte. Dazu waren
+Hoffahrt gekommen und eitler Stolz auf meinen Witz und die Kunst, von
+der ich nie hätte erfahren sollen, daß ich sie besäße. – Ach, und
+nicht allein mich, sondern alle die, so mir zumeist Gutes gönnten,
+denen ich dienen sollte und zur Freude helfen nach Pflicht und allem
+Vermögen, hatt’ ich bitter gekränkt und in Leid gebracht; mußte nicht
+Irmela irre an mir geworden sein und Brun mich verachten und der Abt,
+dessen Vertrauen ich so grob getäuscht hatte?
+
+»Wie wird mir’s im Convent ergehen, wenn da meine Missethat auskommen
+wird«, rief ich, »wie wird Albrecht’s strenger Eifer für die Ehre der
+Abtei mich treffen, der ich den Namen des Klosters in allen frommen
+Ohren stinkend gemacht habe?« Und dann trat vor mich der Gedanke an
+all’ die Schmach, an Spott und Schande, die mein warteten; an ödes,
+dumpfes Gefängniß, an Geißel, Kasteiung und Einsamkeit. Dem gegenüber
+stellte sich wieder die Erinnerung an das bunte Leben der sonnigen
+Welt, das mich so fröhlich angelacht hatte, und der Wunsch, nach ihren
+Ehren zu trachten, und Irmela’s süßes Bild. Da gedacht’ ich auch, daß
+der Abt selber mich auf den Weg gedrängt hätte, wo sich diese Welt mir
+aufgethan, daß sie mich nach Elzeburg gezwungen hatten und die erste
+List mir nothweise aufgedrungen war.
+
+War’s nicht doch ungerecht, daß ich nun so hart dafür büßen und darum
+in Schande und Strafe kommen sollte, um was draußen mir Lohn und Lob
+gewiß war! Und ich dachte des seligen Augenblickes, da ich vor Irmela
+kniete und den Kranz empfieng; ich dachte auch der Huld, mit der sie
+für mich bat, und ihrer Traurigkeit zuletzt, da sie es nicht mehr
+konnte.
+
+»O, daß ich sie noch einmal bitten könnte, mir nicht zu hart zu
+zürnen, daß ich ein Wort nur der Vergebung aus ihrem Munde vernähme!«
+
+Aber meine Seufzer hallten von den dumpfen Mauern wieder, die mich
+umschlossen, und mir blieb nichts, als mit meinem Jammer wider mich
+selbst zu wüthen in unmächtigen Klagen.
+
+O, der Seele, die in Nöthen schwebt, wird schlecht gelohnt, so sie
+sich in Zweifel verfängt und nicht vermag, sich stracks zu Gott zu
+kehren.
+
+So wünscht’ auch ich, daß ich nie geboren wäre und zu solchem Unglück
+gespart; ich that des kläglichen Jammers immer mehr und des Scheltens
+und Anklagens, bis ich nicht mehr konnte und schweigend niedersaß auf
+die bloße Erde, mit beiden Händen mein Gesicht überdeckend.
+
+Wie lange ich so saß regungslos, weiß ich nicht; aber allgemach
+wurden meine Klagen stiller und meine Traurigkeit sanfter. Vor meinen
+verschlossenen Augen verschwand der trübselige Ort, der mich gefangen
+hielt, und meiner Seele wuchsen Flügel, die sie hinaustrugen zurück
+in’s helle Sonnenlicht, in die freie Welt. Ich sah mich wieder auf der
+Höhe, und die Festfreude umgab mich. Irmela’s lichte Augen sah ich,
+wie sie aufblickten und ich nicht widerstehen konnte, weil’s mir war,
+als suchten sie mich; vor sie trat ich, zu singen, was mein Herz mir
+eingab, und wunderte mich, daß ich dazu die Kühnheit gewann und wußte
+doch, sie zu erfreuen, hätt’ ich Alles gewagt. Und nun tönte der Klang
+ihrer süßen Stimme wieder mir in den Ohren und sie beugte sich
+hernieder, mich mit dem Kranz zu zieren, und grüßte mich mit gütigem
+Wort. Daß ich davon hohen Muth empfieng, warum verdachten sie mir das?
+Durft’ ich den Unglimpf nicht rächen, den sie mir zufügten; durft’ ich
+ihnen nicht zeigen, daß ich ein Vermögen in mir fühlte, und mich nicht
+verachten ließ; hatte sie mich doch nach allen Ehren belohnt!
+– Gewißlich, wenn ich ihr noch einmal nahen, wenn ich ihr offenbaren
+könnte, wie Alles sich mit mir begeben hatte: sie würde mir nicht
+länger zürnen, sie würde mit Trost mich aufrichten, sie würde mir, was
+ich gethan, zur Unehre nicht anrechnen. Dann dürfte mich Niemand
+verachten – nein, auch jetzt nicht.
+
+Jetzt?! Wo war ich denn? Gefangen gelegt, frevlen Truges überwiesen;
+und alles Trachten und Wähnen, das mich hinauszog: es war nichts
+Anderes, als eitles Träumen, vergebliches, ja verbotenes Wünschen!
+
+Ich sprang auf und sah mich um.
+
+Aus der Dämmerung, die hier schon sich verbreitet hatte, starrten die
+geschwärzten Wände fremd und schweigend mich an. Die Erinnerung an den
+sich neigenden Tag und die Erwartung der Nacht, die kommen würde, öde,
+traurig, lichtlos, erneuerte in mir das Gefühl meines Elends. Es war
+mir schier, als könnt’ ich’s nicht ferner ertragen, so eingesperrt zu
+sein und einsam den Übeln entgegen zu harren, die mir bevorstunden.
+Der thörichte Gedanke, als wär’ mir ein Entrinnen möglich, ergriff
+mich. Ich eilte nach der Thür, stemmte mich gegen die Riegel, hub an
+den Angeln, rüttelte an den Pfosten; ich lief immer wieder die Wände
+entlang, tastete herum, pochte an’s Gestein aus aller Macht, ob etwan
+ein verborgener Ausgang zu finden wäre, und ich stund stille mit
+tiefem Seufzer, als ich erfunden hatte, wie Alles vergeblich war. Mit
+sehnendem Verlangen blickt’ ich hinauf zur Öffnung. Nur ein Wölklein
+wünscht’ ich zu sehen, vorüberschwimmend, wohin der Wind es trieb,
+oder eine Schwalbe im Husch durch die Luft streichend: aber da hieng
+düster der Vorhang der staubigen Spinnweben und bewegte sich nur etwa
+von einem armen Schmetterlinge, der in den Fäden gefangen war und sich
+nun zu Tode flatterte.
+
+»Wenn nur zum wenigsten diese große Stille nicht wäre, die mit der
+Dämmerung zu wachsen schien; wenn ich nur einen Laut vernähme, nur
+einen! Den Hall einer menschlichen Stimme unten vom Thal her oder den
+Ruf eines Vogels aus den Lüften!« Ich lauschte, aber ich hörte nichts.
+Ich erhub selber meine Stimme, aber der Wiederhall von diesen Wänden
+klang hohl und erschreckte mich.
+
+Da drückte ich mich in eine Ecke, als könnt’ ich mich so vor den
+Schrecknissen bergen, die mich umgaben näher – näher, und versank in
+dumpfes Brüten. Bald hieng ich zwischen Wachen und Schlafen und merkte
+nicht auf die Zeit, wie sie hinschlich, nur daß es immer dunkler um
+mich her ward, und endlich ganz finster. Dennoch ließ ich nicht ab,
+meine Augen weit aufzuthun, ob ich gleich wußte, es diente zu nichts,
+und entriß mich der Müdigkeit, um mit allem Fleiß zu horchen: –
+vergeblich – vergeblich! –
+
+Aber nein! Das war ein Geräusch wie von einem zurückgeschobenen
+Riegel, wie von einer in ihren Angeln erknarrenden Pforte. Jetzt
+wurden Schritte hörbar, nur leise, aber sie kamen näher; jetzt machte
+sich Einer am Schloß der Gefängnißthür zu schaffen, dann ward ein
+Schlüssel darin umgedreht – ein Lichtschein ward sichtbar – die Thür
+that sich auf.
+
+ »Pst, Junker Diether, lebt Ihr noch?«
+
+hört’ ich eine Stimme, die im Flüsterton zu bleiben trachtete und
+doch laut genug schnarrte; ein runder Krauskopf streckte sich durch
+die geöffnete Thür und eine kurze Gestalt schob sich ihm nach und ließ
+den schwachen Schein der Leuchte in ihrer Hand im Gefängniß
+umherwandern.
+
+ »Hu, was ein ödes Jammerloch!«
+
+sagte der Kurze dabei und verzog seinen breiten Mund.
+
+Ich konnte mich nicht genug verwundern über das Alles, daß ich vor
+Staunen schier wie angewurzelt war und meinen unerwarteten Gast nur
+anstarrte. Endlich traf mich der Schein seines Windlichts. Da setzte
+er es zur Erde, machte etliche Schritte mir entgegen und kratzte mit
+seinem rechten Fuß hinten aus, indem er, seinen Hut schwenkend, sich
+tief vor mir verneigte.
+
+ »Euer Knecht in aller Willigkeit,
+ Zu jedem Dienst allzeit bereit,«
+
+sprach er und legte die freie Hand auf seine Brust, seine
+Ehrerbietigkeit noch deutlicher zu bezeugen.
+
+»Ei, ei!« sagt’ er dann wieder und wies auf den Platz, den ich inne
+hatte:
+
+ »Wie hat man doch hienacht
+ Die Ruhstätt’ übel Euch gemacht!
+
+Ach, ja! und ’nem Junker! – ’s ist ’ne Schand! – Das will ein Bischof
+sein und eines Bischofs Voigt?! ’s ist ’ne Schand’ für die ganze
+christliche Ritterschaft!« – Er sah wieder verächtlich sich um. »So
+ein Otternloch! So eine Löwengrube!! Es vergeht einem schier das
+Reimen, wenn man Euch da sieht, ob sich’s gleich mit der »Ecken«, drin
+Ihr hockt, und »Verstecken« so leicht thun ließe!«
+
+Ich richtete mich auf, ihm näher zu kommen; da wich er einen Schritt
+hinter sich, neigte sein Haupt zur Seite und hub an mit seinen kleinen
+Augen mich von Kopf zu Füßen zu messen und hinwieder, indem er dabei
+eine seiner Hände über die Stirn legte.
+
+»Ah«, rief er dabei, »so ein stattlicher Junker, schlank und gerade
+– so fest im Gang, so zierlich in den Hüften, so breit in den
+Schultern, so stolzen Hauptes!« Und er schnalzte mit seinen dicken
+Lippen. »Ho, ho! So wahr ich Klingsohr heiße: Ihr werdet ein wackerer
+Ritter und bald noch andere Kränzlein davon tragen, die Euch kein
+Gernsteiner herunterreißen soll – ein Prahler, Junker! nichts weiter
+– ah! und schöne Frauen und edle (dabei blinzelte er mich an und
+schlug sich vergnügt auf die feiste Lende) – schöne und edle Frauen
+werden Euch die Kränzlein aufsetzen, vor welchen immer es Euch geliebt
+hohe Ehren zu erjagen.«
+
+Ich achtete seines Geschwätzes nicht, darin ich keinen Sinn erfand,
+auch nicht eines Haares breit, und fragte nur, immer noch des Wunderns
+voll, wie er hier hereingekommen wäre.
+
+»Rathet, Junker!« gab er zur Antwort. »Wem dank’ ich’s wohl? – Daß
+Ihr’s wißt: meiner Kunst, der Magie, der weißen oder schwarzen,
+gleichviel!
+
+ Sie füllt Topf und Tiegel,
+
+das wißt Ihr schon,
+
+ Aber sie sprengt Schloß und Riegel,
+
+das erfahrt Ihr jetzt. – Mein Gesell, der Tannhäuser – er versteht
+sein’ Sach’ ausbündig, nicht? – der hätt’ sich hierhinein und durch
+die Thüren nicht gefiedelt und nicht gesungen, beharrt’ er gleich bei
+seiner Musica bis zum jüngsten Tage. Aber die Magie ist in solchem
+Handel, wie der Eurige, eine wundertreffliche Kunst, wer ihrer wohl
+kann. Seht, Junker, wir machten uns an die beiden Alten im Stüblein
+überm Thor. Nu, man wird gewitzigt und lernt, wie das anzufangen! ’S
+war just nicht leicht, Junker! Denn die magische Kunst, die bei dem
+Alten taugte, ihm die Augen zufallen zu machen, verfieng bei seiner
+Hex nichts mit dem scharfen Gehör, und so hinwieder.
+
+Und so war verschiedentliche Arzeneiung vonnöthen; aber wir machten
+die Symptomata bald ausfindig, wie die Medici sagen.
+
+Wisset, Meister, – nein, Junker Diether: es gibt eine _materia_, die
+schlägt Euch in der Welt bei den Menschen allermeist sicher an, ihre
+Complexiones und Humores mögen sein, welche sie wollen. Ihr braucht
+sie ihnen nur von Ferne zu weisen, so fäht sie allbereits zu wirken
+an. Das Gold ist diese Materie, _aurum_ nach lateinischer Zunge; aber
+wir Magi nennen sie die _essentia quinta_: denn es ist der Vorsprung und
+Ausbund aller Elemente. – Gut! damit versucht’ ich’s nach _regula
+artis_ bei der Alten; ich sagt’ ihr vom Alrunmännlein, wie man von dem
+täglich einen Ducaten bekäme. – Ah! der Köder lockte den Vogel, und
+sie fragte, wie das anzugreifen wäre, daß man sich den Unhold zu Wege
+brächte. Ich gab ihr Bescheid: »Ja, die Johanniszeit wär’ wohl
+geschickt dazu, ein Würzlein zu gewinnen, das kräftig wäre, und von
+Ungefähr hätt’ ich wohl drüben auf dem Berge um den Galgen herum eines
+gesehen, das aus dem Blut eines mit dem Rade gebrochenen Schächers
+gewachsen sein möchte: aber solch’ ein Fäntlein draus zu bereiten, das
+Tugend hätte, kostete nicht bloß Kunst, sondern auch Eifer und
+Unverzagtheit. – Kurz, Junker, um weidlichen Lohn und auf ihren Eid,
+daß sie Nichts von der Heimlichkeit ausbrächte, verstunden wir uns
+dazu, der Alten den Willen zu thun. Sie steht jetzt unterm Galgen, gen
+Mitternacht gekehrt, darf kein Wort sprechen, noch sich umkehren,
+dieweil mein Gesell hinter ihr hantiert mit Spruch und Beschwörung um
+die Alrune.
+
+Ich aber bin droben geblieben im Stüblein; denn ich mußte doch die
+Salben bereiten, das Galgenmännlein damit einzureiben, wenn sie’s heim
+brächten. Aus dem Weinkrug, den sie mir gefüllt zurückließ, als sie
+gieng, hab’ ich auch dem Alten eingeschenkt, dem die geizige Hex das
+Naß gar selten gönnet, so theuer er es liebt. Er ist davon bald
+eingeschlafen und, wie es sich ansieht, fest und lange, wozu etlicher
+Maßen das Pülverlein geholfen haben mag, das ich ihm in den Trunk
+geschüttet. – So hab’ ich denn gedacht, bis die Alte heimkommt, daß
+wir ihr die Wurzel feien, könnt’ ich eben so gut die Schlüssel
+brauchen, die da drinnen ob dem Alten an der Wand hiengen, und Euch
+heimsuchen, Junker Diether, dessen Herberge ich mir von Eurem Wirth
+zufallens hatte sagen lassen.«
+
+Darauf lupfte er wieder seinen Hut, neigte sich und sprach:
+
+ »So wißt Ihr nun das Wo, und wie
+ Ich kommen bin zu Euch allhie:
+ Durch meine Kunst, durch die Magie.«
+
+Dazu rieb er sich vergnüglich die Hände. »Doch nun hebt wieder an,
+Junker!« sagt’ er dann und drehte die Daumen um einander.
+
+»Womit soll ich wieder anheben?« fragt’ ich ihn.
+
+»Ach, Junker, besinnt Euch!« und er wiegte sein Haupt langsam hin und
+wieder.
+
+»Was meinet Ihr?« fragt’ ich wiederum.
+
+»Junker, Junker!!« Weiter erwiedert’ er nichts, indem er beide Hände,
+die Finger ausgespreizt und ihren Rücken mir zugekehrt, langsam in die
+Höhe hub.
+
+»Was nennt Ihr mich immer Junker?« rief ich ärgerlich, da er die Worte
+sonderbarlich in die Länge zog.
+
+Auf diese Frage wurde er überlustig, sprang mit Lachen hin und her und
+sagte dabei: »Nu, habt Ihr’s endlich gefunden?! Just die Frage ist’s,
+die ich von Euch hören wollte; just sie. O, was seid Ihr wunderlich!
+Laßt Euch an sogethane Frage lang’ erinnern, und sie war doch so
+leicht zu stellen. – Warum nenn’ ich Euch Junker?« Dabei stellt’ er
+sich wichtig vor mich hin und stemmte die Hände gegen seine Hüften:
+»Ja, freilich! Das ist’s! Das ist das _punctum saliens_, wie es die
+Grammatici heißen, nicht? – So gebt wohl Acht, daß Ihr wohl höret,
+was Ihr wissen wollt! Aber zuvor harret noch einen Augenblick!«
+
+Bei diesen Worten gieng er hin, wo das Windlicht von ihm hingestellt
+war, und rückte es so, daß ich wieder ganz in seinem Scheine stund.
+
+»Also, warum ich Euch Junker nenne? Das ist die Frage; sie ist klar
+und weislich; und das ist die Antwort, nicht minder klar und
+gewißlich: Weil Ihr’s seid, weil Ihr eben dies seid und gar nichts
+anderes, als ein Junker; ein ehrlicher, ein wohlgeschaffener, adeliger
+Junker, wie nur irgend einer in der Christenheit zu finden ist vom
+Aufgang bis zum Niedergang. – He, nun? Was dünkt Euch davon?! Gewiß,
+Ihr denket: Was ist’s? Klingsohr ist ein Gauch, ihm darf man nicht
+trauen, er leugt daran! – Denket Ihr nicht also, Herr? – Thut’s
+immerhin, aber zuvor hört mich an!«
+
+Darauf erzählt’ er in seiner Weise, die Worte nicht sparend und sie
+hastig hervorsprudelnd, wie, nachdem ich abgeführt worden wäre, er und
+sein Geselle hätten dem Bischof Rede stehen müssen über mich, was sie
+von meiner Person und von meinem Stande wüßten. Darnach hätten sich
+die Herrschaften zu Tische gesetzt, die Mahlzeit zu halten; dabei wäre
+Herr Conrad sehr aufgeräumt gewesen, aber seine verlobte Braut desto
+nachdenklicher und stiller. Als man nun da kaum zu tafeln angefangen,
+wäre ein alter Mann mit langem, greisen Barte, des Aussehens und
+angethan wie ein Siedler oder Waldbruder, herzugestürmt und hätte mit
+hochbeweglichen Worten den Bischof angerufen, den gefangenen Jüngling
+frei zu geben, maßen der dem Kloster nicht fürder angehören dürfte.
+Denn Diether wäre adeligen Stammes, von hochberühmtem Geschlecht, wie
+er selber. Der Jüngling wäre sein Sohn. Das wolle er nach aller Gebühr
+darthun und verlange ihn in Kraft väterlicher Gewalt in seine Hände
+aus dem Kloster, darin er bis dahin gesessen, wiewohl er die heiligen
+Gelübde noch nicht abgelegt und auf sich genommen habe.
+
+Über solche Rede hätten sich Alle nicht genug verwundern können. Der
+Bischof hätte ernst drein gesehen, als machte er sich hart, und der
+Gernsteiner finster; auch hätte der spöttisch sich hinweggewendet, als
+dächt’ er nicht anders, denn daß es Possen wären, die da fürgewendet
+würden. Aber wer Graf Eberhard betrachtet hätte, der hätte spüren
+müssen, wie nahe dem Elzeburger Herrn des Alten Rede zu Herzen gieng.
+Als nun aber Beider Blicke sich begegnet und nach kurzem staunendem
+Stillschweigen der Alte gerufen hätte: »Eberhard, gedenkst Du Bruno’s
+noch? Schläft in Deiner Seele noch ein Gedächtniß unserer Freundschaft
+aus längst verschwundenen Jahren, das aufgeweckt werden kann?« als
+darauf die Beiden sich umfangen und keines Wortes mächtig unter
+inniglichen Zähren sich begrüßt, da wäre Manchem das Herz entbrannt
+über solchen Anblick, und alle hätten aufgehorcht, wie er wieder
+gesagt: »Er ist mein Sohn, Eberhard, mein Sohn! – Gott hat ihn mir
+zugeführt. Ich wagte nicht, mich zu ihm zu bekennen; der finstere
+Schatten meiner Schuld, dacht’ ich, sollte auf die friedliche Bahn
+seines jungen Lebens nicht fallen; ich, ich trieb ihn in’s Kloster
+zurück, und wollte selber verborgen bleiben vor ihm, vor der Welt.
+Aber nun ruft er mich in sie zurück nach Pflicht und Liebe, und bei
+unserer einstigen Waffenbrüderschaft bitt’ ich Dich: Hilf ihn mir
+retten, Eberhard, hilf ihn mir retten!«
+
+»Auf diese Worte«, erzählte Klingsohr weiter, »gönnten wir Alle dem
+Alten, daß ihm nach seiner Bitte geschähe; denn daß er in Allem die
+Wahrheit bezeugte, daran zweifelte Keiner, und Graf Eberhard lag dem
+Bischof mit starker Fürsprach’ an, Euch, Junker, herauszugeben und des
+Klosters zu entbinden, auch die Ungebühr, damit Ihr Euch versündigt
+hättet, an Euch nicht ferner zu strafen, sondern selbige dem wallenden
+Muth der aufstrebenden Jugend zuzurechnen. Dazu, wiewohl sie bis dahin
+wenig sich zu ihrem Bräutigam gekehrt hatte, hub auch die edle
+Jungfrau Braut herzlich in Herrn Conrad zu dringen an, daß er Euch zur
+Freiheit hülfe und dazu seinen Ohm bewegte. Aber an der verlangten
+Fürsprach’ hatte, wie es männiglich kund ward, der Ritter weder Lust
+noch zeigte er einigen Eifer dazu, und seine unmilde Gebärde
+erschweigte die Jungfrau, daß sie traurig abließ, ferner ihn zu
+bitten. Desgleichen auch Seine Gnaden, der Herr Bischof, was meint Ihr
+wohl, ob seine Antwort gnädig lautete? Mein’ Treu, nein!«
+
+»Er zog freilich seinen Worten ein solch’ Kleid an, daß sie ihm, dem
+geistlichen Vater, nicht gar zu übel stunden, noch unhübsch erschienen
+und ungelind: aber, glaubt mir, sie hatten die Absage hinter sich, die
+harte Absage, nichts anderes. Er sagte – o, er stellte Euch die Worte
+meisterlich! – er sagte also: Es stünde leider bei ihm gar nicht, der
+Meinung seines Herzens nachzugeben, das auf so bewegliches Ersuchen
+und so eindringliche Bitten werthester Freundschaft freilich ohne
+Verzug ihm die Gewährung abzwingen würde; aber er dürfte nichts in
+dieser Sache wider die Satzungen der heiligen Kirche, und das sei ein
+bedenklicher Handel; was dazu von Maulbronn und sonst für Beweis und
+Urkund für und wider würde an’s Licht gebracht werden – darauf käm’
+es an, und bis dahin müßte Inculpat allerdinge dem geistlichen Gericht
+unterstehen und dürfte des Gewahrsams in keinem Wege entledigt werden.
+Im Übrigen würde er sich die Ehre der Kirche und des heiligen Ordens,
+wie das Begehren seiner Freunde und Euer Bestes, Junker, beständig vor
+Augen halten.
+
+Da hättet Ihr sehen sollen, Herr Diether, wie starken Kummer Euer
+Vater aus solchen Worten sich zu Herzen gezogen hat. Denn er hatte
+wohl die Vereinigung mit Euch näher gesehen. Er senkte eine kurze
+Weile schweigend sein Haupt. Dann sprach er zum Bischof mit großem
+Ernst: »Würdiger Herr! Ich ehre die heiligen Gebote der Kirche. Aber
+wehe! wenn sie sich wider Gottes Gebot und Willen setzen. Er begehrt
+gezwungnen Dienstes nicht. Er ruft meinen Sohn zu mir. Daß ihm
+Freiheit werde, diesem Ruf zu folgen, das ist mein Tagwerk; ich muß es
+vollbringen!«
+
+Alsdann winkt’ er dem Grafen zu und sie unterredeten sich, indem sie
+ein wenig abseits wichen. Aber nur eine kleine Zeit, so ließ Herr
+Bruno sich nicht aufhalten, sondern umfieng Herrn Eberhard mit
+herzlichen Worten, nahm seinen Urlaub und gieng ungesäumt und mit
+eilenden Schritten von dannen.«
+
+Muß ich sagen, wie mir zu Sinne war bei Allem, was mir Klingsohr
+berichtete; wie ich erschrak, als ich zuerst von Brun’s Ankunft auf
+der Höhe vernahm; wie mir’s dann im Herzen aufgieng einem
+freudenhellen Sommertage gleich, dessen aufgehende Sonne von jubelnden
+Lerchen tausendstimmig begrüßt wird und in ungezählten Thautropfen
+sich spiegelt, als ich erfuhr, wer Brun war, welch’ heilig Band mich
+mit ihm verknüpfte, und daß er mir in Bruno’s Geschichte seine eigne
+Vergangenheit, die Wunden und Hoffnungen seiner Seele anvertraut
+hatte! Mir war’s dem Falken gleich, dessen von der Hülle befreitem
+Auge man hoch in den Lüften das Ziel weist, dem er sich mit freudigem
+Geschrei entgegenschwinget. Auch mir winkte nun solch’ ein Ziel:
+meinem Vater, der mich so und den ich so liebte, nahe zu sein, ihm zu
+Trost und Erquickung, ihn der Einsamkeit und jeglichem Trübsinn zu
+entreißen, ritterliche Ehre von ihm zu erlernen, sie dem Namen, den
+wir trugen, zu erjagen und seinen Segen zu erben. – O, und meine
+Mutter! Mich durchschauerte ein froher Schreck, da ich ihn dachte,
+diesen Namen: nie bis dahin von mir gerufen: ödes, schmerz-, aber auch
+freudenleeres Leben, wie hatt’ ich’s nur ertragen mögen! – Gott!
+Gott! Wenn ich auch sie einst fände, meine arme Mutter; wenn ich ihr
+an meiner Hand den Vater zuführen könnte, und in einer Umschlingung
+Beide an dies Herz drückend, spräche: »Seht, Euer Sohn ist glückselig,
+er hat Euch wieder! Seid es nun auch Ihr!« – gewiß dann würden die
+alten Wunden sie nicht mehr schmerzen, sie würden ihrer Schuld
+Vergebung glauben und üben, und ich, ihr Sohn, mit dem Mal der blutgen
+That gezeichnet, durch deren Kunde die Erschreckte in die Wildniß
+getrieben ward, hülfe ihnen zur neuen Freude, zur Liebe und zum
+Frieden! –
+
+So frohe Bilder leuchteten in meiner Seele auf, und um die Sonne, von
+der sie bestrahlt wurden und all’ mein Sinn und Muth, stunden selber
+schimmernd im himmlischen Glanz die Worte geschrieben: »Dein Vater ist
+dir gefunden!«
+
+Da hätten gewißlich auch Augen, die mich minder scharf ansahen als die
+kleinen blitzenden Klingsohr’s, derweilen er sprach, solches
+Entbrennen meines Herzens vermerkt. Er aber, als er mit seiner
+Erzählung zu Ende war, trat dicht zu mir und sagte:
+
+ »Auf, Junker, sinnt nicht lang also,
+ Sagt, macht Euch nicht die Märe froh?«
+
+»Klingsohr, lieber Klingsohr!« gab ich zur Antwort, »ist’s so, wie Ihr
+mir sagt, und ich trage daran keinen Zweifel, so harr’ ich der Stunde,
+die mir Befreiung bringt, mit zwiefachem Sehnen. O daß sie bald
+erschiene!«
+
+»Harren wollet Ihr, harren?« fragte der Kleine wieder, und er
+schnarrte das Wort spöttisch heraus und schlug seine Hände beide in
+einander, als wär’ es etwas recht Erstaunliches, was er hätte hören
+müssen. – »Wie lange, Herrlein, seid Ihr denn bereit und willfertig,
+hier zu harren?«
+
+»Mich dünkt«, antwortet’ ich wieder, »nach Allem, was Ihr mir sagtet,
+kann es unmöglich anstehen, daß meines Vaters Begehren unerfüllt
+bleibe, dem eine so mächtige Fürsprache zur Seite steht, wie die Graf
+Eberhard’s.«
+
+»Mich dünkt, mich dünkt«, sprach Klingsohr ärgerlich nach. – »Was
+dünkt Euch denn von +uns+? Wähnet Ihr, Meister Tannhäuser und hier ich,
+der Magus, haben uns oben davon gemacht und seien in dieser Burg bei
+den geizigen Alten in harter Arbeit gestanden, ich mit dem Pülverlein
+drinnen beim griesgreisen Pförtner, mein Gesell gar mit dem
+Alrunzauber bei der scharfohrigen Pförtnerin allein unter’m Galgen,
+allwo er jetztunder noch aushält, das edle Herz; wähnet Ihr, dies
+Alles sei von uns gethan, bloß daß Ihr zeitiger Euren edlen Namen
+erführet und Eure ritterliche Geburt, als es sonst geschehen wäre.
+Wähnet Ihr das wirklich? Ja freilich, ’s ist ja eine Zeitung, die man
+nicht alltag zubringen kann, daß aus einem Singer ein Junker worden
+ist, und daß einer aus der Abtei und den Regeln St. Bernhard’s in die
+Herrschaft über Land und Leute gesetzt werden soll. – Jedennoch,
+Junker, das ist hier die Meinung nicht. Wie? dort die Thür steht
+offen, der Alte schläft und sie sucht nach der Alrune – und Ihr
+besinnt Euch noch? Auf, gewinnet Euch selbst die Freiheit, nach der
+Euch gelüstet! Der Weg ist offen; ich führe Euch.«
+
+Und er nahm sein Windlicht wieder zur Hand.
+
+»Aber«, sprach ich, tief erregt von dem, wozu er mich ermunterte,
+»wenn ich’s thäte und ohn’ Urtheil und Recht dem Kloster entränne, so
+brächt’ ich mich auf’s Neue in Fährniß, und geistlicher und weltlicher
+Arm möchte mich bedrohen; ich hinderte die, so meiner Erledigung
+günstig sind, daran, mich zu schützen, und der Bischof würde mich, wie
+auch unser Orden des geistlichen Standes desto weniger entlassen!«
+
+»Wie?« rief da der Kurze unwillig wieder. – »Dahin steht Euch der
+Sinn? – Als Ihr die Friedsamkeit und Demuth beweisen solltet, die man
+Euch im Kloster gelehrt hat, da waret Ihr kampflich gemuthet, und da
+es Euch als fahrendem Singbruder viel nützer gewesen wäre, Euch fein
+zu ducken, daß Ihr heil entschlüpfen möchtet, da bewieset Ihr Trutz
+und waglichen Widerstand – aber jetzt, wo Ihr des Ritterthums
+genießen sollt, zeigt Ihr ein Herz wie ein Lämmlein! – O, lieber
+Junker, denket doch nicht, wen die Kirche einmal eingethan hat und gar
+dem Mönchsstand zugezählt, den werde sie so bald wieder losgeben; habt
+nur wohl Acht, mancher Tag wird vergehen, bis sie sich über die
+geistlichen und weltlichen Rechte verglichen haben werden, dieweil Ihr
+in Haft hungert, schwitzt oder frieret, wie es Euch geliebt! Der
+Gernsteiner, halt’ ich, wird schon dafür sorgen, daß Ihr Euch an
+solch’ Leben gewöhnet. Und endlich, seid Ihr wiederum im Kloster,
+nimmer mehr daraus zu entwischen« – –
+
+»So rathet Ihr mir –?« unterbrach ich ihn.
+
+»Ich rathe Euch – ho! wie sanft das ’nem fahrenden Magus thut, daß
+er einem Junkerlein rathen darf – ja, ich rath Euch gut, Herr; traut
+dem Bischof nicht, noch seinem Voigt, noch sonst wem außer Euch selber
+und der Gunst der jetzigen Stunde, die Euch freien Ausgang verstattet
+dank der Kunstübung Eures geringen Dieners und seines Gesellen! – Ah,
+Junker, ’s ist wahr: Ihr seid dazumal übel gefahren mit uns, und habt
+uns billig darum gescholten – aber die Noth, Junker, die zwingende
+Noth trug die Schuld daran! Drum laßt uns jetzt desto baß Euren Dank
+verdienen. Hatten wir nicht sogleich am Anfang uns’re Freud’ an Euch?
+Haben wir uns nicht gebrüdert? Sahen wir heut’ nicht und hörten’s, daß
+an Euch ein meisterlicher Singer verloren wäre, und ein wackerer
+Ritter dazu, so Euch das Kloster erhielte?«
+
+»Doch seid Ihr’s gewesen«, sagt’ ich, »die mich durch ihr Anzeigen
+meines Standes dem Bischof überantworteten!«
+
+»So brachten wir Euch doch aus des Gernsteiners Gewalt, der Euch wohl
+so fest verwahret hätte und übel gehalten, daß wir mit keiner Kunst
+Euch hätten erlösen können. – Das sind wir nun zu thun willens worden
+und lag uns doppelt hart an, nachdem Eure Ritterschaft an’s Licht
+gekommen ist. – Eilet denn, werther Junker! Gewinnet die Freiheit,
+indem Ihr sie brauchet! Wie süß wird sie Euch eingehen an der Seite
+Herrn Bruno’s! Wir geleiten Euch, wir Wegkundige, und gewiß, wir
+werden ihn finden.«
+
+Ich hatte sinnend gestanden und wußte nicht, was erwählen; denn ich
+fühlte, daß ich vor eine große Entscheidung geführt war. Aber der Ruf,
+der an mich ergieng, lockte zu laut – und so folgt’ ich dem
+Klingsohr, der schon in der geöffneten Pforte stund, ungeduldig mein
+harrend.
+
+Ohne sonderliche Fürsicht schritt er mir den Gang voran. »Die beiden
+Alten sind noch festgehalten«, sagt’ er dabei: »er vom Pülverlein, sie
+von der Alrune, und vor anderer Begegnung sind wir sicher allhie!«
+
+Also befand sich’s auch; der Alte schlief, da wir durch’s Stüblein
+kamen, und wir gelangten unangefochten hinaus auf die Stiege. Von
+derselben führte ein hölzerner Gang außen zu einem Pförtlein in der
+Mauer des Burghofs, durch das die Alten in einen zur Burg gehörigen
+Krautgarten den Zugang hatten. Er war von einer hohen Mauer
+eingeschlossen.
+
+»Hier können wir nicht hinab«, sagte mein Geleitsmann leise zu mir;
+»nur drüben, wo der Berg steiler ist und die Mauer drum nicht so hoch,
+mögen wir’s vollbringen.«
+
+Damit drängte er mich weiter, den schmalen Weg voran zur Seite der
+Mauer. So kamen wir an’s Ende des Gärtleins und zu einer Thür, die war
+offen, und auf steinernen Stufen traten wir in einen zweiten
+Burggarten ein, der aber zur Sommerlust bestimmt war und in lauter
+lieblichen Blumen und Ziergebüschen prangte. Ja, das that er auch in
+dieser Sommernacht, denn obgleich weder Mond noch Sterne schienen, war
+sie als zur Johanniszeit hell und wie von einem milden Dämmerlicht
+übergossen, in dem man Jegliches umher deutlich sah; und Blätter und
+Blüthen schimmerten mit einem sanften Lichte, als hätten sie etwas vom
+Glanze des langen Sommertages zurückbehalten wie einen schwachen
+Widerstrahl. Es hatte einen warmen Regen zur Nacht gegeben: noch
+hiengen die Blätter tropfenschwer, und die Luft, von keinem Windhauche
+bewegt, war weich und feucht; sie war auch voll würzigen Geruchs und
+süßen Duftes, der aus ungezählten neu erfrischten Blüthen quoll und
+aus solchen, die in dieser wonnigen Sommernacht zum ersten Mal ihren
+Kelch erschlossen. Wie sog’ ich all’ diese stille Herrlichkeit mit
+Sinnen und Herzen ein nach der Angst des Gefängnisses, ob ich gleich
+an dem Frieden und der Glückseligkeit, die mich umgab, keinen Theil
+haben durfte; denn mein Weg war ohne Recht, verhohlen und bedroht.
+
+Leise schritten wir hindann.
+
+»Seht Ihr das Fenster dort, von Rosengezweig umrankt?« flüsterte
+Klingsohr.
+
+Ich sah dahin und gewahrte auch dicht dabei eine Pforte, die von der
+Burg her in unser Gärtlein führte.
+
+»Des Grafen Eberhard Nichte, Junker, von der Ihr den Kranz empfienget,
+wohnt heint allda zur Herberge. Von der Alten erfuhr ich’s, die am
+Abend das Fräulein heraufreiten sah, stattlich geleitet. – Wenn wir
+ihr allhie begegneten, Junker, wie geschwinde liefet Ihr wohl davon?«
+Dabei kicherte er verhohlen.
+
+Ich sagte nichts; doch sah ich im Gehen hinauf zum Fenster, und ich
+fühlte mein Herz stärker klopfen.
+
+Da klang ein Ton durch die Stille, fein und leise. Wir hielten mit
+Gehen an und horchten auf. Es war das verhaltene Summen einer
+menschlichen Stimme, das von drüben herkam, wo am Ausgang aus dem
+Garten über der Ringmauer der Burg ein Sommerhaus als ein Thürmlein
+gebaut war zum Lugaus hinunter in Dorf und Thal. – Jetzt vernahm ich,
+halb gesungen und halb gesprochen, als würden sie nur laut gedacht,
+die Worte:
+
+
+ – – – – – – – – – – – – – – – – – –
+ Dich lacht sie an mit rothem Munde
+ Und haftet doch im finstren Grunde,
+ Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:
+ Das ist der Liebe Ebenbild!
+ Es schafft das Leid der Liebe Pein,
+ Doch ohne Leid kann Lieb nicht sein,
+ Es liebt die Lieb’ Leid zum Gedeihn! –
+
+Dieser mein Spruch, den ich vorhin gesungen, da es Kranz und Kleinod
+galt – welch’ neue Gewalt hatte er doch jetzt über mich! Ich erschrak
+und erzitterte schier, und doch schwebte mein Herz hoch auf in Wonne;
+mir war’s, als träumt’ ich nur, und sodann wieder, als erwacht’ ich
+nun erst aus ungewissem Wahn zur Wahrheit und zum Leben.
+
+»Irmela!« rief ich und eilte, ohne auf Klingsohrs eifrige Gebärden zu
+achten, mit denen er mich trachtete zurückzuhalten, hin, woher die
+Klänge kamen.
+
+Sie mußte den Namen gehört haben; denn als ich zum Sommerhause kam,
+erblickt’ ich sie, wie sie am offenen Eingang desselben stund,
+regungslos, als spähte sie hinaus.
+
+»Irmela!« so rief ich wieder und fand vor Freude und Bangigkeit kaum
+den Odem zu dem Worte, wie ich nun nahe vor sie trat.
+
+»So bist Du’s, Diether, und bist frei?« Wiewohl ihre Stimme bebte, als
+sie das sagte, klang es doch im hellsten Jubelton wie der Ausruf einer
+Seele, der unerwartet die Bande schweren Leides gelöset sind.
+
+Ein Schauer durchrieselte mein Gebein, als sie in hochgehender Freude
+mir entgegen eilte und mit ihren beiden Händen die meinigen ergriff.
+Ich sah ihr in’s Angesicht: ihr Mund lächelte und ihre Augen waren
+voll Thränen.
+
+Da konnt’ ich mich nicht länger enthalten, umfieng sie mit meinen
+Armen und küßte sie.
+
+»Ja«, flüsterte ich, indem ich sie umschlungen hielt, »ich bin frei,
+und immer selig sei die Stunde, da ich’s ward; denn sie offenbarte
+mir, Süße, Deine und meine Herzensliebe!«
+
+»Weh!« rief sie da mit dem Tone des Schreckens, indem sie mit
+Heftigkeit sich mir entriß, »weh, was hab’ ich geduldet! Diether, ich
+bin verlobt! Nimmer wieder laß mich solch ein Wort hören! Nein, nein!
+– Entweich, wir sind ewig geschieden!«
+
+Flehend bat sie so, aber streng zugleich und gebietend stund sie vor
+mir, hoch aufgerichtet. Der Gedanke, so von ihr verstoßen zu werden,
+erfüllte mich mit Grauen. Ich sank vor ihr auf die Knie.
+
+»Irmela,« bat ich, »nicht also treibt mich von hinnen! Kein Gefängniß
+sieht so finster und freudlos mich an, als rings die weite Welt, so
+ich Euch muß verloren geben. Ich kann nicht mehr von Euch lassen,
+nimmer, nimmer! Die sehnende Herzensliebe hat mich bezwungen! O, auch
+Dich, Irmela; läugn’ es nicht! Das Leid, das über mich gekommen ist,
+hat ihre Heimlichkeit Dir kund gethan und diese Stunde auch mir. Nie
+kannst Du dem Manne folgen, dem Dein Herz nicht zugehört!«
+
+»Ich lieb’ ihn nicht,« sagte sie leise.
+
+»Aber hier in meinem Herzen bist Du beschlossen, Irmela, und ich bin’s
+in Deinem. Ach, wohl gleicht unsere Liebe dem Sturmvogel, der gegen
+Wind und Wetter durch zuckende Blitze in mitternächt’ge Wolken fliegt;
+aber hinter ihnen, Irmela, glänzt die Sonne und seine Schwingen sind
+Adlerschwingen!«
+
+Sie schwieg; aber mir war’s, als athmete sie schwer und mit leisem
+Beben erzitterte sie.
+
+»O, sprich nur ein Wort!« bat ich wieder. »Ein einzig Wort, daß ich
+wisse, die Rose, die sich mir zur Wonne erschlossen in dieser
+Blüthennacht, sei nicht auch zugleich entblättert; daß mir eine Hoffnung
+leuchte auf der dunklen Bahn, die ich beschreite. – Sprich dies Wort,
+Irmela, dies eine Wort, und ich will kämpfen, ringen und nicht ermüden,
+bis der Tag kommt, da der Bund dieser Mitternachtsstunde vor Gott und
+Menschen gesegnet wird!«
+
+Da war’s, als bewegte sie ihre Hand mir entgegen; ich erfaßte sie und
+drückte sie mit Inbrunst an Herz und Lippen.
+
+»Hab Dank, hab Dank, Irmela!« sagt’ ich, indem ich mich erhub, »und fahr
+wohl!«
+
+»Fahr wohl auch Du!« sprach sie zum Scheiden.
+
+Indem kam auch schon Klingsohr herbei mit großer Eil und vielem Winken:
+»Geschwind, Junker, geschwind! Wir dürfen nicht länger säumen. Man ist
+uns auf der Spur. Dort den Weg kommen sie, den wir vorhin nahmen. Gewiß
+ist die Alte heimgekommen, hat das Nest leer gefunden und Lärm gemacht.«
+
+Ich wollte mich auf diese Worte fürder wenden, mit ihm die Flucht
+fortzusetzen, als wir auch schon die, so uns zu suchen ausgegangen, in
+der offnen Pforte ersahen, durch die wir in den Garten gekommen waren.
+
+»Da drüben um’s Thürmlein müssen sie sein,« so vernahmen wir: »dort
+hört’ ich flüstern, als ich hinaushorchte.«
+
+Es war die Stimme der Alten.
+
+»Sie werden mich finden!« sagte Irmela mit Bangen, »was beginn’ ich?«
+
+Wohl sah ich, daß sie ihnen nicht entgehen konnte. Sie konnte sich im
+Garten nicht verbergen, den die Leute gewiß durchsuchen würden, und
+auch, wenn sie zurück wollte in ihr Gemach, mußte man auf sie treffen.
+
+Sollte sie durch mich in Verdacht gerathen und Ungemach? Sollte sie
+gepeinigt werden mit Fragen nach mir und ihr reines Gemüth zwischen
+dem Wunsch schweben, unsere Heimlichkeit mir zum Schaden nicht
+auszubringen, und der ungewohnten Nöthigung, durch Falschheit sich
+heraus zu helfen?
+
+Das durfte nicht geschehen. Die Gewißheit ihrer Herzensliebe zu mir
+hätte mir jeglich Opfer leicht gemacht. Ich besann mich nicht.
+
+»Seid getrost, Irmela!« rief ich. »Ich gewinn’ Euch Zeit.« Und bevor
+sich Klingsohr deß versehen konnte, der allbereits zur Weiterflucht
+vorangeeilt war, nicht zweifelnd, daß ich ihm folgte, sprang ich den
+Weg zurück, den wir gekommen waren, gerade auf die Gartenpforte zu,
+den Eindringenden entgegen.
+
+Ich gedachte durch die Überraschten hindurchzustreichen, oder doch,
+so das nicht gelänge, sie so lange aufzuhalten, bis Irmela hinein
+wäre, und dann ihnen zu entrinnen. Meine schnellen Füße, hofft’ ich,
+sollten mich retten, bis ich an einen Ort käme, geschickt zu einem
+Sprung die Ringmauer hinab.
+
+Aber was soll ich sagen? So gerieth es mir nicht. Zwar daß meine
+Verfolger in den Garten eindrangen, verhindert’ ich. Denn wie ich nach
+der Pforte rannte, wandten sie sich mir Alle zu mit lautem Geschrei.
+Doch es waren Ihrer zu viele, als daß ich hindurchzubrechen vermochte
+oder sie bestreiten konnte, ich Waffenloser. Es währte nur eine kleine
+Weile, so war ich von ihnen umringt und ergriffen, und ein Gefangener
+des Bischofs von Speyer, wie vorhin.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Entscheidung.
+
+
+Wenn im Frühling die schwanken Birkenzweige im ersten Grün erprangen,
+wenn der laue Hauch der Luft die glänzenden Hüllen von den schwellenden
+Blattknospen der Buchen und Linden streift, wenn die Blumen aus dem
+Grase dringen und überall wieder das Leben sich regt und schmückt: dann
+ist solcher Anblick wohl für jeglichen Menschen, der sein genießt, eine
+Ursach zur Freude, und, sein Muth sei froh oder traurig, ihm sei wohl
+oder weh, so vernimmt er in solchem Walten Gottes zur Frühlingszeit
+einen Ruf, sein Herz zu stärken und jede gute Hoffnung aufschweben zu
+lassen, wäre sie auch oft schon zu Boden gestoßen und gar flügellahm
+worden.
+
+Anders, acht’ ich, ist’s im Herbst, wenn der Schmuck der Erde allgemach
+vergeht und von Tag zu Tag die Gärten leerer, die Wiesen fahler und die
+Wälder kahler werden. Davon mögen die Menschen, je nachdem es ihnen um’s
+Herz ist, leicht oder schwer, einen gar verschiednen Muth gewinnen. Es
+kann sich ganz lustig ansehen, wie so ein gelbes Blatt nach dem andern
+vom Baum gelöst und tanzend vom Winde hinweggeführt wird, wenn die
+Früchte sicher eingethan sind, die der Baum gegeben hat, und dem Genieß
+aufbehalten; auch weiß sonder Zweifel das Auge des Hoffnungsvollen am
+sich entblätternden Baume überall die Knospen wahrzunehmen, darin
+Blätter und Blüthen wohl verwahrt sind schon für’s kommende Jahr. Ja,
+wem daheim der warme Herd in die Mitte der Seinen winkt und zu
+willkommener Ruhe nach gethaner Arbeit: wie gern mag der sich von den
+rauhen Herbststürmen hinein scheuchen lassen! Kürzlich: wem die Wurzeln
+seines Lebensbaumes noch fest und kräftig genug in der Erde haften,
+Nahrung daraus zu ziehen, wer da im Stamm inwendig noch den Saft
+aufsteigen weiß: der ersieht auch im Winter nur den Vortraum und
+Stärkungsschlaf für Leben und Lust des kommenden Lenzes und mag die
+kalte Hand, die das Laub entstreift, mit Freuden begrüßen. – Aber für
+die Meisten freilich hält der Herbst, wenn er dem Winter die Bahn macht,
+eitel Leichensermone; denn unter den Menschen, so zum Nachsinnen über
+sich gekommen sind, wozu Frau Unglück weit besser anleitet, als ihre
+ungleiche Zwillingsschwester, sind, wie ich sorge, viel mehrere, welche
+von der Zukunft hienieden lieber zu wenig hoffen, als zu viel und darum
+die Trauerlieder des sinkenden Jahres überleicht verstehen und
+nachsingen.
+
+Dazu war wohl auch ich weidlich geschickt geworden nach meiner
+Gefangennahme, seit ich wieder in’s Kloster zurückgebracht war, allda
+des Ausgangs meiner Sache zu harren. Zwar nur wenige Monate waren
+seitdem verstrichen. Aber als ich aus meiner Zelle, die mir zur Büßung
+abseits von denen der Brüder angewiesen war, in den grauen Novembertag
+hinaussah, drückten seine tiefhangenden Wolken schier auf mein Herz,
+und der Wind, der durch die kahlen Äste des Nußbaumes vor meinem
+Fenster fuhr, seufzte, als wollt’ er mir helfen trauern und klagen.
+
+Wie manchen Tag hatt’ ich schon vom nämlichen Schemel, den Ellenbogen
+auf dem Tisch vor mir gestützt, durch dies kleine Fenster
+hinausgesehen nach dem Nußbaum und dem Himmel, so viel davon zu
+erblicken war; denn sonst war die Welt meinen Augen versperrt. –
+
+Wenn ich früher ihn betrachtet hatte, wie er so mächtig aus dem
+Zwinger emporstrebte, hatt’ ich nicht gedacht, wie sehr ich’s ihm
+einstmal noch danken würde, daß er also hoch gewachsen war, so hoch,
+daß er mit seinem Wipfel auch über das kleine Fenster der einsamen
+Zelle hinausragte, deren Bewohner nun ich war. – Wie doch heute
+sonderlich die Äste stöhnten, wenn der Wind sie schüttelte und, ihre
+Zähigkeit erprobend, sie gegen einander schlug; wie knarrend die
+dürren Zweige zerbrachen, und wie ängstlich die wenigen gelben
+Blätter, die noch am Gezweige saßen, sich hin und wieder wendeten, so
+oft ein Windstoß sie erfaßte, als sträubten sie sich gegen ihn und
+riefen um Hilfe! –
+
+Es war doch Alles umsonst; eins nach dem Andern ward abgerissen und
+wie zum Hohn wild durch die Luft geführt, oder es sank zitternd zur
+Erde nieder – eins nach dem andern! – Schon konnt’ ich die übrigen
+an den Fingern meiner Hände zählen – dort eins – dort eins – und
+dort eins!
+
+Ob wohl auch sie heute würden abgelöst und der Baum ganz kahl werden? –
+
+Ach, es war heut ein traurig Ding um ihn und den Himmel dahinter! –
+
+Als ich zuerst hier in diese Zelle hereingeführt und hinter mir die
+Thür verschlossen ward, daß ich allein wäre (wie war ich’s gewohnt
+geworden seitdem!) mein Sinnen und Denken abzuziehen vom eitlen Wesen
+der Welt und nur auf meine Schuld zu lenken und heilsame Büßung: wie
+winkte mir da durch’s Fenster das dichtbelaubte Gezweig so freundlich
+entgegen! Schwellende Früchte, zu Trauben gesellt, schauten daraus
+hervor, und blitzendes Licht vom blauen Himmel her spielte zwischen
+den grünglänzenden Blättern. –
+
+Das war zur Johanniszeit, am Tage, nachdem ich in’s Kloster auf
+Erfordern des Abtes und mit Bewilligung des Bischofs war zurückgeführt
+worden. Ich war in den Capitelsaal gebracht, allwo der ganze Convent
+sich versammelt hatte, daß ich vor den Abt gestellt würde, mein
+Urtheil zu empfahen, wie mit mir zu handeln wäre im Kloster. Denn
+obgleich meine Erledigung zurück in den weltlichen Stand allerdinge
+nach dem Spruch derer, denen die Entscheidung unterstünde, zu erharren
+wäre, so hätte ich doch meine Untugend und all’ das Ärgerniß, so ich
+gegeben, als dem Cisterzienser Orden zugehörig, verübt, und müßte
+daher gemäß der heiligen Observanz und St. Bernard’s Regel zum Heil
+meiner Seele, zur Befestigung der Guten, zur Stärkung der Schwachen,
+zur Warnung der Sichern mit mir gethan werden.
+
+Solches Alles ward mir vor den Brüdern im Capitel von Abt Albrecht
+verkündigt, der dazu eine Rede that, die mir recht das Heimlichste
+meines Herzens vor Augen kehrte, daß ich sah, wie schwarzer Farbe es
+war; denn er war gewaltig in Worten. Er nannte den Tag, da er von
+meiner Sünde hätte hören müssen, den traurigsten von allen, seit ihm
+der Abtstab in die Hand gegeben wäre; er beschrieb meinen Sinn, wie
+schlimm geartet er wäre und unwerth, daß ich all’ sein Vertrauen, das
+er zu mir gekehrt, und seine gute Meinung so gröblich zu Muthwillen
+und Verübung loser Narretheidinge gemißbraucht hätte; er sagte auch:
+wenn der Herr und Weltenrichter schon den unnützen Knecht in die
+äußerste Finsterniß und in die schrecklichen Höllenschlünde verweisen
+wolle, darum daß der Schalk mit dem einigen ihm verliehenen Centner
+nicht gewuchert habe, welche Qual werde sich der verdienen, welcher
+hohe und edle Gaben, so er von Gott empfangen, dazu verwende, daß er
+damit unsers Herrn und seiner heiligen Kirche Ehre, statt sie zu
+erbauen, kränke und ganz niederlege!
+
+Darnach fragt’ er mich, ob ich etwas zu sagen hätte, so sollte mir das
+verstattet sein.
+
+»Würdiger Vater!« sagt’ ich da. »Es ist Alles wahr, deß Ihr mich
+zeiht. Ich habe schwer gesündigt wider Gott, wider Euch, wider den
+heiligen Orden. Aber so wahr ich Euch und dem würdigen Convent hier
+von der ewigen Dreifaltigkeit beständige Genüge erwünsche, so
+gewißlich kann ich Gott im heiligen Stande nicht länger dienen, habe
+nur ein Verlangen, mich zum ritterlichen Leben zu schicken, und bitt’
+Euch demüthig: Helfet mir dazu!«
+
+Durch solche Worte, sagte wieder der Abt, erfände sich’s desto
+gewisser, wie völlig mein Herz geblendet wäre. Darauf ward ich dem
+_Frater poenitentiarius_ zugewiesen, daß er die geistlichen Büßungen, so
+mir aufzulegen, leiten und in Allem meiner armen Seele rathen möchte,
+die Bosheit auszuziehen und Gnade zu gewinnen.
+
+Der hatte denn auch das Amt, so er überkommen, an mir mit allem Eifer
+angegriffen. Einsamkeit, Casteiung und allerlei Plage sollte meinen
+Sinn ändern, dazu stetes Gespräch mit ihm von heiligen Dingen und von
+Verachtung der Welt. War ich nicht manchen Tag hinunter in die
+Geißelkammer geführt worden, auch dazu aus dem Schlaf geweckt, allda
+das Miserere zu singen und Schläge zu leiden?
+
+Doch wiewohl mir meine große Fehle, damit ich mich verschuldet hatte,
+leid war, so blieb doch mein Muth und Wille hinausgerichtet, wie
+anfangs, und die himmlischen Dinge, die mich hinwegziehen sollten von
+allem weltlichen Trachten, erlangten diese Gewalt nicht über mich. Ja,
+wenn oft unter den Geißelschlägen mein Rücken rünstig ward und ich
+dennoch ihnen stille hielt und nicht zuckte; wenn ich jegliche Pein,
+mit Wachen und Fasten mir auferlegt, williglich trug und nicht murrte,
+so wähnte mein Beichtiger wohl, es wäre die wahre Zerknirschung und
+herzliche Reue, die mich so harte Buße demüthig tragen lehrte: aber es
+stund viel anders mit mir. Ich hätte das Schwerste auf mich genommen
+in dem Gedanken, der mir auch all’ dies Ungemach leicht machte: daß
+ich es litte, weil ich mich gefangen gegeben für sie, für die Maid,
+die mir allzeit im Sinne lag, deren Bild in aller Pön mir winkte.
+
+O, welche Gewalt hat doch eine starke Hoffnung über des Menschen
+Herz! Sie ist allgegenwärtig, wie das Sonnenlicht. All’ unser Denken
+und Thun, Mühe und Plage, Leid und Noth durchleuchtet sie; sie
+durchsüßet die Bitterniß und durchblümet selber die Wüstenei, die wir
+durchwandern müssen.
+
+So hab’ auch ich’s erfahren in jenen Tagen.
+
+Wie oft, wenn ich einsam in der Zelle weilte, brachte mir die gewisse
+Hoffnung, der Tag der Befreiung würde erscheinen, Stärkung und Trost!
+Wie malte sie mir mit dem Sonnenstrahle, der an der Wand zitterte,
+lichte Bilder hin von Aventiuren, Ehren und ritterlichen Thaten, von
+Freiheit und Wiedersehen! Wie hört’ ich ihr Flüstern im Rauschen des
+Nußbaumes, wenn der sanfte Wind das Laub bewegte!
+
+Mit jedem Tage stieg diese Hoffnung; denn jeder brachte ihre Erfüllung
+näher.
+
+Mit Fleiß achtete ich auf die grünen Früchte, die mir der Nußbaum
+durch’s Fenster zeigte, wie sie allgemach größer wurden. »Eure Schaale
+ist bitter«, sprach ich oft, »und selber dem Anblick wird sie unhold
+mit der Zeit. Aber drinnen hegt sie wohlverwahrt den süßen Kern; die
+Hülle springt, und er tritt an’s Licht. So tragen auch diese Tage,
+deren Bitterkeit ich schmecken muß, in ihrem Schooße für mich die
+köstliche Frucht der ersehnten Freiheit; noch ist sie mir verborgen,
+aber unmerklich reift sie heran.«
+
+Doch ach! eine Woche nach der anderen war herumgegangen, und noch
+immer hört ich nichts davon, daß draußen meiner gedacht ward.
+Jeglichen Morgen sah ich klopfenden Herzens in meines Beichtigers
+Angesicht, prüfend, ob er die erhoffte Nachricht mir nicht zu
+verkünden hätte. Aber er schwieg davon, und der neue Tag schwand
+gleich dem vorigen.
+
+So einförmig giengen die Tage hin, so geräuschlos schlich die Zeit
+durch Wochen und Monate, daß ich ihrer Zahl und Menge, wie viel ihrer
+waren, gar nicht Acht hatte. Aber wohl sah ich, wie die Nüsse sich aus
+ihren Hülsen schälten, vom Baume fielen und die leeren Schalen
+zurückließen; wie die Blätter sich entfärbten und das Geäst allgemach
+lichter ward; wie dann der Himmel, der da hindurch blickte, als durch
+ein immer weiter sich öffnendes Gegitter, öfters trüb schien und
+seltener in blauer Klarheit glänzte. Ich sah, wie das Sonnenlicht
+immer später meine Zelle besuchte, immer schmaler darin seine goldenen
+Streifen zog und nimmer bälder daraus verschwand.
+
+Wenn auf trübe Tage wieder ein sonnenheiterer folgte, hatte ich schier
+mit Ungeduld geharrt, den Schein zu sehen, ob er wohl merklich würde
+zurückgewichen sein gegen das letzte Mal, da er an der Wand geglänzt;
+und als es geschah, daß ich wahrnahm, wie die Sonne meine Zelle nicht
+mehr erreichte und den letzten Scheideblick des Jahres herein
+geschickt hatte in meine Einsamkeit: da war eine große Traurigkeit
+über mich gekommen, als sollt’ ich auch den güldnen Träumen von
+Erledigung und Freiheit den Abschied geben.
+
+Aber ich hatt’ es nicht vermocht, ich hatte um so sehnlicher gehofft
+und war nicht müde darin geworden, wie auch die Blätter immer
+zahlreicher fielen und die kahlen Zweige schmucklos zu mir herein
+starrten. – –
+
+Wie mit Fleiß ich an dies Alles heut’ zurückdachte am stürmischen
+Novembertage, als ich zum grauen Himmel hinaussah, und wie die letzten
+Blätter sich wehrten wider den Wind, der sie zauste, und half ihnen
+doch Alles nichts!
+
+Nein, es half auch mir nichts: mein Hoffen und Sorgen, Zagen,
+Wünschen und Ungeduld! – Wenn es der Weltenherr so beschlossen hätte,
+daß mein Leben und die Welt draußen immer geschieden blieben von
+einander! Wenn das Gelübde meiner Mutter, da die Gottesminne ihre
+Liebe zu mir bezwang und durchklärte und sie mich der frommen Hut des
+Klosters übergab, gewißlich ach, mit heißen Gebeten! im Himmel
+versiegelt ward!
+
+Aber konnte das sein? Wäre mir dann die Einfalt und der Frieden meiner
+Jugend so verwirrt durch Lust und Weh der Welt, durch das Eindringen
+ihrer Süße und Herbe in mein unerprobtes Herz? Wären dann jene
+Versuchungen an mich herangedrungen, um welcher willen, daß ich vor
+ihnen geborgen bliebe, ich hieher gebracht worden war an diese Stätte
+geschützten Friedens?
+
+Doch wie? Durft’ ich mich unterwinden und all’ dies, was mich abwendig
+gemacht hatte dem heil’gen Stande, ansehen als von dem waltenden Gott
+so gefügt? War es nicht vielmehr der Dünkel und Wahn meines
+unberathenen Herzens, eigenwilliges Entweichen vom Wege, der mir
+verordnet war? O, dann war es ein unmächtiges Ankämpfen, ein
+schuldvoller Ungehorsam. Und dies sehnliche Verlangen in mir nach
+Ehre, Freude und Glück der Welt, nur darnach? nein! auch nach ihren
+Kämpfen, Mühen und Schmerzen: sagte es nicht noch jeden Augenblick Ja!
+zu der Hoffahrt und Eitelkeit meiner Seele, bedrohte es mich nicht mit
+immerwährender Unseligkeit, so der Spruch fiele, daß ich im Kloster
+bleiben müßte? Dann wäre mir die Erde vergällt und für die Ewigkeit
+meine Seele der finsteren Schaar zugeordnet. –
+
+Ich erschrak vor solchen Gedanken! Ich sah hinweg vom Fenster und
+lenkte meinen Blick auf das Buch, so vor mir aufgeschlagen war. Es
+waren S. Anselmi Betrachtungen. Mein Beichtiger hatte mir das Buch
+hereingegeben zu heilsamem Nachdenken. Täglich mußt’ ich ein Stück
+darin lesen und auf sein Befragen davon Rechenschaft thun, ob ich die
+Meinung recht verstanden hätte. Ich that es; aber meine Seele war
+nicht dabei. Heute zum ersten Mal kehrt’ ich allen Eifer dazu. Ich las
+von dem Meere des Verderbens, welches wäre die Tiefe weltlichen
+Begehrens, und vom bodenlosen Schlamme der fleischlichen Lüste; ich
+las von dem Elend dieses Lebens: wie es gliche einem finstren Thale,
+in seinem Grunde voll Martern; darüber eine einzige Brücke, sehr lang,
+aber nur eines Fußes breit; über diese so schmale, so hohe, so
+gefährliche Brücke gehen müssen, mit verbundnen Augen, also daß man
+seine Schritte nicht sehen kann, mit rücklings gefesselten Händen: so
+in Furcht und Ängsten des Herzens schweben: Das wäre dieses Leben.
+Ich las vom Tode, wie er alle Schönheit der Gestalt verderbt und die
+zarten Glieder der Verwesung und den Würmern überantwortet; vom Grauen
+der Sterbestunde, von den Schrecken des jüngsten Tages.
+
+Solches Alles las ich, wie es in der ersten Meditatio des heiligen
+Lehrers zu finden ist. Davon überkam mein Gemüth große Pein. Denn wenn
+ich es untersuchte, so erfand ich doch darin die Abkehr von dem
+vergänglichen Weltwesen nicht erwirkt, noch das Verlangen nach der
+himmlischen Freude entzündet; sondern daß ich frei würde und ein
+wackerer Held, der Ehren erwürbe Brun zum Trost und Irmela zur Freude:
+das war all’ mein Verhoffen und mein Begehr, wie vorhin.
+
+Da schickt’ ich mich an, zu Gott zu rufen, daß Er mir die Verachtung
+der Welt in die Seele senken möchte und die völlige Gelassenheit, aber
+unvermerkt ward solch’ Gebet zur Bitte, die Stunde meiner Losgebung
+möchte bald erscheinen – und Beides zusammen konnte doch nicht
+bestehen.
+
+So hub ich denn in also zweifellichem Wahn meine Augen auf und sah
+hinaus, wie ich zuvor gethan hatte. Der Wind fuhr noch immer durch die
+Zweige und schüttelte sie. Hatte er denn schon alle Blätter nun davon
+geführt, alle? – Nein, eines hieng noch fest, ein einziges. Ich faßt’
+es in’s Auge und blieb daran haften mit meinem Blick, wie es ohne
+Aufhören auf und nieder und zu den Seiten flatterte und doch nicht
+abriß. – »Du willst, guter Baum,« sagt’ ich, »das Einzige, was Dir
+vom sommerlichen Schmuck geblieben ist, nicht lassen; also auch ich
+nicht die Hoffnung von daher. Aber das Jahr ist spät und wie lang’
+kann Dein Widerstand noch dauern – und meiner?«
+
+Aus solcher trübseligen Betrachtung erweckte mich ein Klopfen an der
+Thüre. Die kleine Öffnung in ihrer Mitte, deren Thürlein aufgethan
+ward, ließ eine Hand sehen, die ein Papier in die Zelle fallen ließ.
+Als ich es aufnahm, war schon die Hand wieder zurückgezogen und die
+Öffnung verschlossen.
+
+Es war ein Brief, erbrochen und durch den Abt mir überschickt – ein
+Brief, mir von Brun geschrieben aus Rom. Wie froh erschrak ich, als
+ich den Namen las, und wie faßt’ ich jeglich Wort, das da geschrieben
+stund, zu Herzen!
+
+Gewißlich entsänn’ ich mich seines Scheidewortes an mich. Ihm wär’ es
+allzeit lebendig im Herzen geblieben, und Anderes hätt’ er nicht
+erstrebt, als daß er mir Befreiung erwürbe und mich in das Erbe seines
+Namens und seiner Güter setzte. Er hätte manchen Gang darum gethan und
+auch Graf Eberhard – ich kennte doch Adelbert aus Bruno’s Geschichte?
+– – wäre ihm eifrig zur Seite gestanden. Auch andere seiner Freunde
+aus jungen Jahren hätten sich für ihn eingelegt und selber ihm zur
+Hoffnung verholfen, daß er Land und Leute, so er einst besessen,
+wiederum zu Handen erhielte. Aber es hätte sich erwiesen, daß
+geistliche Rechte wider ihn wären.
+
+Und nun ließ er mich wissen, daß meine Mutter nach altem Brauch mich
+feierlich dem Kloster und geistlichem Orden übergeben, daß der
+Priester aus ihrer Hand mich auf den Hochaltar genommen und als ein
+Opfer und süßen Geruch dem Himmelskaiser geweiht hätte. Da wäre die
+Stola um des Knäbleins Arm von ihm geschlungen worden und meine Mutter
+hätte alle heiligen Gelübde, vom Priester ihr vorgesprochen, für mich
+vollbracht. Auch wäre darüber eine Urkund nach allem Erforderniß in
+der Abtei niedergelegt. Auf solches Alles hätte sich der Bischof
+berufen, und zu ihm hätten die höchsten Oberen des Cisterzienserordens
+gestanden. – Darum hätt’ er sich aufgemacht und wäre gen Rom gezogen,
+dort beim heiligen Stuhl für mich zu bitten; aber man hätte ihn
+schlecht an die Entscheidung des Bischofs und des Ordens gewiesen,
+darnach müßte der Spruch gefällt werden.
+
+Ob ich ihn wohl zu lieben angefangen hätte, als das Kind den Vater
+soll? Ob ich mir wohl fürbilden könnte, wie selig ihm die Stunde
+gewesen, da er mich gefunden und wie er seitdem nichts wüßte, als mein
+Bestes zu suchen? – Dann sollt’ ich nicht wider Gott fechten, den
+Frieden meiner Seele in Acht nehmen und mich in’s Kloster ergeben. Ich
+sollte nicht hinaustrachten um seinetwillen, denn er hätte aller Dinge
+beschlossen, daß wir unser Angesicht nicht mehr sähen. Es wäre besser
+so. Er hätte ja eine Weile gedacht, der hehre Christ hätte seine Buße
+angenommen und wollte sein brauchen, Freude für seinen Sohn zu säen
+und ihm die Wege durch die wirre Welt zu ebnen, in denen er selber
+sich verloren. Unterweilen hätt’ er auch einen hellen Traum gehabt,
+als möcht’ er Joconda wiederfinden. Aber sie wäre, wie er erkundet
+hätte, schon lange in Frieden, wohin dies zeitliche Jammerwesen nicht
+reichte, und um mich wär’ er solches Glückes nicht würdig erfunden.
+Darum wollt’ er von Stund’ an seine Buße vollenden und die göttliche
+Güte unablässig bitten, daß sie meine Seele von allem irdischen
+Dichten reinigte und ganz ausleerte von jeglichem Verlangen, das doch
+nicht erfüllt werden könnte, bis mein inwendiger Geist ganz stille
+würde und offen für die Süße der himmlischen Liebe. Weil er denn
+bedächte, daß das Band, so mich mit ihm verknüpfte, mich sonderlich
+stark hinauszöge in die Welt, so hielte er es für wohlgethan, auch
+dies Gott aufzuopfern, daß ich mich leichter losmachte und, was ich
+aufgeben müßte, desto minder schätzte.
+
+»So scheide ich denn«, so beschloß der Brief, »mein herzgeliebter
+Sohn, hiemit von Dir, nicht nach dem Herzen und nicht für ewig. Unser
+kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke,
+daß es heut geschieht! – Die ewige Dreifaltigkeit nehme Deiner in
+Gnaden wahr, sie enthebe Dich aller Wirrsal und gebe Dir Freude und
+Frieden! Das ist mein Segen. Fahr wohl! –
+
+ Mein Sohn, bitte für mich!
+
+ Gegeben in Rom in St. Augustini Kloster.
+
+ +Bruno+.«
+
+Als ich ausgelesen hatte, entfiel der Brief meinen Händen und meine
+Arme sanken schlaff herab. »Fahr wohl, fahr wohl!« rief es mir nach.
+»Fahr wohl, mein Vater! fahr wohl jede süße Hoffnung; fahr ewig wohl!«
+In dumpfem Klageton hört’ ich’s so; aber ich fühlte, wenn ich’s
+ausspräche, so müßt’ ich’s hinausschreien, und ich verharrte im
+Schweigen. Denn in allzugroßem Weh mißgönnt sich der Mensch auch den
+Trost der lauten Klage. –
+
+Eine starke Windsbraut, die mit klatschendem Regen gegen das Fenster
+fuhr, schreckte mich auf und riß meinen Blick empor. Die Äste
+schlugen gegen die Scheiben, also daß sie erklirrten, und das letzte
+Blatt, von seinem Zweige geschieden, wirbelte durch die Luft; eine
+kleine Weile ward es umhergetrieben, dann entschwand es meinen
+Blicken.
+
+»Fahr wohl, fahr wohl!«
+
+Da quoll ein Dunkel auf um mich her, als wollten Wellen eines Meeres
+mich verschlingen, und die Sinne vergiengen mir. – Als ich mich
+wiederum besann, fand ich mich auf der Diele liegend; der kurze Tag
+war herum und die Zelle ganz finster. Vom Himmel und vom Nußbaum war
+nichts mehr zu sehen, nur der Wind gieng draußen wie vorhin, und so
+oft er die Äste gegen das Fenster bog, hört ich’s noch immer rufen:
+»Fahr wohl, fahr wohl.«
+
+Ich weiß nicht, wie lange dies währte, als es geschah, daß an der Thür
+der Riegel zurückgeschoben ward und gleich darauf Einer aus dem
+Convent, nicht der meiner Pönitenz vorgeordnet war, mit Licht in meine
+Zelle trat.
+
+So geschlagen ich war in jener Stunde vor großem Leide, wollt’ ich
+doch nicht, daß Solches im Convent offenbar würde; ich hatte mich also
+aufgerafft und trat dem, der mich heimsuchte, so gelassenen Angesichts
+entgegen, wie ich’s vermochte.
+
+Der aber sprach, mich betrachtend: »Diether, wie siehst Du verhärmet
+aus! Fasse Muth in’s Herz; leichtlich wirst Du bald wieder froh. Denn
+so erfindet sich’s unselten im Leben, daß die besten Tage die bösesten
+ablösen.«
+
+Darnach sagt’ er mir, daß Abt Albrecht ihn geschickt hätte, mich
+allsogleich vor ihn zu führen, und, wie sich’s ansähe, hätte der für
+mich wichtige Zeitung.
+
+Als ich in des Abtes Gemach trat, saß der, wie er pflegte in Stunden
+der Muße, im hohen Gestühl, vor sich ein Buch zu heiliger Betrachtung
+und gelehrtem Fleiß oder, wenn es mit Bildwerk geziert war, auch zu
+lustsamer Beschauung bestimmt. Doch er hatte das Ansehen nicht, als ob
+er heute sein Nachdenken da hinein tief versenkt hätte. Denn kaum
+erblickt’ er mich, als er mich näher winkte, eine kleine Weile prüfend
+seine Augen auf mir ruhen ließ, seinen Mund aufthat und folgendermaßen
+anhub:
+
+»Wir haben Dir eben heute, Diether, einen Brief zugehändigt, der
+billigermaßen Dein Gemüth beschwert und in Traurigkeit gesetzt hat.
+Denn darinnen ist Dir kund geworden, daß Du Deines Vaters Angesicht
+nicht mehr sehen sollst in dieser Zeitlichkeit.« –
+
+Als ich diese Worte hörte, fühlte ich die Trübniß, die mich vorhin
+überwältigt hatte, wiederkehren, und wiewohl ich mich gedachte fest zu
+machen, konnt ich’s nicht wehren, daß meinen Augen vor übergroßem
+Leide Zähren entflossen.
+
+»Ja, gewißlich«, sprach er weiter, als er solches wahrnahm, »ist
+davon Deine Seele hochbewegt; und wir nehmen noch sonst ein
+Verständiger, sogethane Trauer Dir nicht für Übel; denn kindliche
+Liebe ist göttlicher Schöpfung, und Fleisch und Blut thun nach ihrem
+Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen Ermahnungen aus
+theurem väterlichem Munde, auch die Erkenntniß Deines eigenen Herzens
+und deß, was ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Fleiß angehalten
+worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit zu
+überwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen der Welt Lust
+versagt ist, darnach sie vergeblich trachten. Ich verhoffe, Du siehest
+fürder diese Abtei, in der Du auferzogen bist, nicht als ein Gefängniß
+an, sondern bedenkest wohl, daß Du allhie nicht allein der Seele Heil
+am ungefährdetsten erwirken, sondern Gott mit der edlen Kunst, deren
+Vermögen Er Dir verliehen hat, am würdigsten dienen magst. – Daß in
+dem Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde Gelegenheit
+geboten.«
+
+Ich horchte auf bei diesen Worten und sah ihm mit großer Erwartung zu,
+als er eine Schrift, die er zur Seite liegen hatte, in die Hand nahm
+und entfaltete.
+
+»Wir haben eben heute Briefe empfangen«, sagt’ er dabei, »Deine Sache
+angehend, welche darthun, daß die, so zuvörderst das Urtheil darüber
+zu fällen haben, anderen Sinnes worden sind, wie es mit Dir zu halten
+sei, als es sich zuvor anließ. Auf dringendes Ansuchen des Bischofs,
+dem unsere Abtei untersteht, hat das General-Capitel unseres Ordens
+neuerdings verwilligt, daß unser Convent Dich losgebe, und Dich des
+Gelübdes, einst für Dich gethan, entbinde.«
+
+Als ich diese Worte hörte, überkam mich eine Freude, als dränge ein
+heller Sonnenstrahl plötzlich in mein von Traurigkeit ganz
+überschattetes Gemüth.
+
+»So soll ich frei sein, ehrwürdiger Vater?« fragt’ ich mit Pochen
+meines Herzens. »Ist es das, was Ihr sagtet – frei?«
+
+Ihm war aus der Hast, mit der ich Solches redete, die Unruhe meiner
+Seele wohl offenbar. Mit Verwunderung und auch, als hätt’ er weiseren
+Sinn mir zugetraut, sah er mich an und gab mir weiter Bescheid: »Auch
+soll von dem liegenden Gute, einstmals Deinem Stamme zugehörig, auf
+Verwendung der bischöflichen Gnade und mächtiger Freunde so viel durch
+Lehenshand Dir wiederum zufallen, als zur ziemlichen Erhaltung
+ritterlichen Standes für nöthig erachtet wird; wie Solches die
+Schriften hier besagen und urkunden.«
+
+»So bin ich nicht fürder hier zu bleiben gehalten?« fragt’ ich wieder;
+denn mir war’s nicht anders, als träumt’ ich nur.
+
+»Allein Deine Wahl, Diether!« sprach der Abt, »bestimmen forthin Dein
+Bleiben oder Gehen. Möge Gott, Jüngling, Dich dazu erleuchten, daß Du
+Dich recht berathest.«
+
+Da konnt’ ich mich nicht länger enthalten, eilte auf ihn zu und, vor
+ihm auf die Kniee fallend, ergriff ich mit Ungestüm seine Hände, küßte
+sie und sprach: »Dank, dank, lieber Vater, für die Kunde, die mir von
+Euch geworden ist! Sie macht mich wieder lebendig. Ein schwerer Muth
+war über mich gekommen, als sollt’ ich solcher Märe nimmer froh
+werden.«
+
+»So steht Dein Wunsch und Wille noch allerdinge hinweg von uns?«
+fragt’ er mit Strenge und doch auch, als lebte, da ich so beweglich
+und nahe zu ihm redete, etwas von seiner früheren Gütigkeit gegen mich
+wieder auf in ihm. »Nur Freude schafft Dir dies, auch nachdem Du die
+Worte Deines Vaters, Herrn Bruno’s, vernommen?«
+
+»Ehrwürdiger Vater!« erwiedert’ ich, indem ich’s wagte und seine Kniee
+umfaßte. »Immer spende die göttliche Gnade den Lohn Euch
+überschwänglich für alle Treue, die Ihr an mir gethan habt, und Gott
+mit seinem Frieden sei eines Jeglichen Geleitsmann ewiglich, so viel
+allhier Eurem Hirtenstabe unterstehen: aber mich leidet’s in dieser
+Abgeschiedenheit nicht länger, und mein inniges Trachten ist noch zur
+Stunde, wie es vorhin war, hinaus.«
+
+»Und doch«, sprach Albrecht wieder, »magst Du leichtlich in der weiten
+Welt Dich einsamer und verlassener finden, als hier, wo Du so Vielen
+vertraut bist. Denn bedenk’ es wohl: Dein Vater harret Dein nicht, und
+an welchem Ort er weilet, ist Dir verborgen!«
+
+»Noch ist ein Ruf«, sagt’ ich wieder, »dem ich folgen muß. O, zürnet
+nicht über das, was ich sage: aber begehrete Herr Bruno zur Stunde
+selber von mir, daß ich bliebe; so lange die Freiheit zu bleiben oder
+zu gehen in meine Wahl gelegt ist, könnt’ ich ihm nicht gehorsamen.
+Nein, ich könnte und würde nicht!«
+
+Als ich ausgeredet hatte, erhub sich Herr Albrecht mit finstrem
+Angesicht, hieß mich gehen und selber mit meinem eitlen Dünken mich
+berathen.
+
+So von ihm hinweggewiesen zu werden, gieng mir schwer ein. Darum bat
+ich ihn und sprach:
+
+»Nicht so, ehrwürdiger Vater! nicht so heißt mich von Euch geh’n!
+Gebt mir ein Wort der Verzeihung und des Segens mit!«
+
+»Ich sorge wohl«, sprach er wieder mit großem Ernst, »die Stunde wird
+kommen, darin Dir Beides hoch noth sein wird. Möge sie nicht zu
+schmerzlich für Dich sein! Alsdann wirst du unsern Segen nicht
+vergeblich suchen. Wisse das, Diether, und geh!«
+
+Auf diese Worte, die er mit strenger Gebärde begleitete, durft’ ich
+nichts erwiedern. Ich verneigte mich vor ihm und gieng.
+
+Was nun im Convent und allerorten in der Abtei für ein Fragen
+entstund, und wie groß das Aufsehen war, als es ruchbar ward, daß ich
+auszöge für immer; wie Manche mich da berathen wollten, mahnen und
+warnen, Andere es nicht hehl hatten, daß sie mich neideten, so Viele
+auch eine herzliche Neigung zu mir kund thaten und sich mühten, zur
+Letze mir zu zeigen, daß ich ihnen lieb war; wie sich da, als ich
+Abschied nahm, Freud und Leid an der Hand hatten und ganz dicht zu
+einander gesellet waren: von dem Allen gedenk’ ich nichts zu
+vermelden. Denn wer selber einmal eine Stätte hinter sich gelassen
+hat, der er gewohnet war und die er nicht wiederum zu betreten
+gedachte, der kann sich leichtlich fürbilden, wie es sich zutrug mit
+meinem Urlaub nach Maulbronn. Ihm ist auch nicht noth zu sagen, wie
+mir dabei um’s Herze war. Denn er weiß, daß solche Scheidestunden auch
+für den Menschen, der mit allem Verlangen nach der Ferne strebt, etwas
+von jenen sanften und feierlichen Schauern in sich hegen, dergleichen
+auch in der letzten Scheidestunde die gottminnende Seele durchzittern
+mögen, wenn sie mit Freuden zum Himmel eilt und doch zugleich mit
+doppelter Inbrunst liebt und segnet, was ihr auf Erden theuer war.
+
+
+
+
+Zehntes Capitel.
+
+In der Welt.
+
+
+Schwerlich zog Jemand wanderlustiger seine Straße an jenem
+Novembertage als ich, nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es
+mochten seitdem zween Tage verstrichen sein oder drei. Allgemach waren
+mir die schweren Gedanken vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die
+Erfüllung sehnlicher Hoffnung und heute das klare röthliche
+Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das Herz froh und
+leicht. Munter schritt ich hindann. War ich nicht auf dem Wege nach
+Speyer, allda vom Bischof weitere Vollmacht zu erhalten für meinen
+ritterlichen Stand, und gedacht’ ich nicht von dort aus mich an Graf
+Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten, wie ich mich weiter
+hielte, und winkte mir dann nicht noch ein anderes, ersehnteres
+Wiedersehen?
+
+Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des freien Umblickes mit
+Freuden genoß, so hatt’ ich der Stunden unterm Wandern nicht geachtet,
+wie sie dahin gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich wußte
+noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen sollte; Stadt oder
+Dorf waren nirgends ringsum zu sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende,
+und ich begann die Müdigkeit meiner Glieder zu fühlen.
+
+Indem sah ich durch die Abenddämmerung über ein blaches Feld ein Feuer
+leuchten, das am Fuße eines Hügels angezündet war, der die Flamme
+etlichermaßen vor dem Winde schützte.
+
+»Vielleicht ist’s ein Hirt, der dort sich seine Abendkost rüstet«,
+dacht’ ich. »Er mag Dir wohl auch Rast und Erwärmung an seinem Feuer
+und einen Imbiß gönnen, so Du ihn darum ansprichst.«
+
+So bog ich dahin vom Wege ab.
+
+Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch in’s Angesicht, daß ich
+nicht wohl aufsehen konnte. Wer aber da der Flamme pflegte, das ward
+mir mit dem ersten Gruß bewußt, den ich hörte:
+
+ »Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da!
+ Er selbst: _lupus in fabula!_«
+
+Allsogleich darauf fühlt’ ich mich von dem Gerufenen an beiden Händen
+erfaßt und unter überlustigen Sprüngen näher gezogen, indem er sang:
+
+ »Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei!
+ Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!«
+
+»Gelt, mein Tannhäuser!« sagt’ er dann zu seinem Gespons, indem sie
+beide eine wollene Decke an die bequemste Stelle neben dem Feuer
+spreiteten, »das hätten wir nicht gedacht, daß der werthe Junker uns
+die Sach’ so leicht machen würde. – Ho, ein gutes Glück! Eine
+treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. – Möcht’ ein
+Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie heute stehen. –
+Gewißlich im besten Aspect; geschickt zu großer Unternehmung! – Ah,
+Herr Diether! Die bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der
+Weisen zu gewinnen brächte, nun wir Euer theilhaftig worden sind.«
+
+Und er schüttelte mir wieder die Hand und der Tannhäuser auch.
+
+»Ihr scheinet meiner gedacht zu haben«, fragt’ ich, selber schier
+erstaunt über die unverhoffte Begegnung, indem ich, wie sie es
+wollten, zwischen ihnen niedersaß.
+
+»Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell!« sprach da der Kurze und
+stieß den Angeredeten hinter meinem Rücken an. »Nur gedacht?!
+– Gesprochen haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich und
+eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag’ Euch: immer in solcher
+Meinung, wie sie treuer nicht sein könnte, wenn Ihr schlecht unser
+Kunstbruder wäret und nicht hochbürtigen Stammes.«
+
+»Seid von Herzen bedankt dafür«, sagt’ ich, »aber der Singekunst denk’
+ich auch jetzt nicht zu entsagen, habe ich sie letzthin gleich nicht
+geübt.«
+
+ »Die Kunst verbrüdert, aber mehr
+ Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,«
+
+sprach der Tannhäuser dazwischen und war nachdenklich.
+
+ »Fürwahr! so ist die Welt gericht’t,
+ Doch unser Junker Diether nicht«,
+
+sagte Klingsohr ihn begütigend. – »Nein! Ihr nicht, um den wir uns
+gegrämet haben und gesorgt, seitdem sie Euch von uns rissen und wir
+trotz all’ unserer harten Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch
+dahinten lassen mußten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und
+versperrt! Ihr nicht!«
+
+»Ach, Junker«, fuhr Klingsohr fort, »wie schön hatt’ ich Euch
+allbereits hinaus, und wie balde wären wir hinunter gewesen, aber das
+Fräulein – das Fräulein!« – dabei sah er mich von der Seite an und
+winkte mit dem Finger. – »Ach, Junker, es war da auch ein Zauber, der
+Euch zurückhielt und ein stärkrer als meiner, der Euch des
+Gefängnisses entledigen sollte.«
+
+Und er lachte und schlug, als wüßt’ er genug von derlei Sachen, um
+sich ihrer noch zu verwundern, mit seiner Hand scherzweise auf mein
+Knie.
+
+ »Jungfraunlieb ist fahrend Hab,
+ Heut Herzliebster und morgen: schab ab!«
+
+sang der Tannhäuser, als thät er’s in Gedanken.
+
+War ich über Klingsohr’s Rede roth geworden, so verdroß mich seines
+Gesellen Liedlein. »Schweig!« gebot ihm der Magus, der meinen Ärger
+wohl vermerkte. »Schweig, Gesell, und laß mich dem Junker vermelden,
+wie wir keine Ruh’ gehabt haben, bis wir für gewiß über ihn
+erkundeten, was aus ihm geworden; wie wir endlich überein gekommen
+sind, nach ihm zu spüren in Maulbronn, müßt’s selber unter seines
+Abtes Bettsponde sein. – Ach, Junker, wir dachten nicht anders, als
+es wär’ Euch Luft und Licht versagt und Ihr hörtet außer der Litanei,
+die Ihr selber singen müßtet, nur die Mäuslein pfeifen Tag und Nacht.
+’s ist uns drüber, Junker, manches Mal die Lust vergangen am Essen –
+und am Trinken auch.«
+
+ »Daran verloren unterdessen
+ Nicht viel die Kehle noch der Bauch,«
+
+sagte Tannhäuser und winkte abwehrend mit der Hand.
+
+»Ah, ah, Junker!« sprach Klingsohr wieder; »Er red’t nur so – nur
+aus Bescheidenheit, sag’ ich Euch; nur aus Bescheidenheit. – Ein
+kaiserlich Mahl hätten wir uns versagt für Euch – und heut, ja heut
+möchten wir eins halten für lauter Freuden, daß Ihr wieder heraus
+seid. – Sagt’ uns nun, wie ist’s Euch gelungen damit, Junker? Aus
+einem Thurm Einen von dannen bringen, freilich, ist auch ’ne Sach’!
+Aber aus ’nem Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich
+eingefangen haben und mit Geißelung und Pön ihn christlich bedienen –
+ha, ha! – das nenn’ ich eine rechtschaffene Kunst.« Und er schüttelte
+sich vor Lachen. »Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche
+habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder am Tag die Wächter
+getäuscht, oder Gewalt geübt oder –«
+
+»Nichts von dem Allen hab’ ich geübt, noch sonst keinerlei
+Widerrecht«, gab ich ihm zur Antwort; »sondern nachdem ich des
+Klosterlebens entlassen, bin ich nach eigener Wahl gegangen und frei
+öffentlich.«
+
+ »Die Welt ist böse aller Orten
+ Und selten gut;
+ Gern weilt’ ich hinter Klosterpforten
+ In sichrer Hut«,
+
+sagte der Tannhäuser und sah sinnend in’s Feuer.
+
+»Wie, Junker?« fragte Klingsohr und sperrte vor Verwunderung seine
+kleinen Augen so weit auf, als er’s vermochte, »wie? Ihr seid nach
+Urtheil und Recht losgegeben?«
+
+»So ist’s«, sagt’ ich, »und anders nicht. Der Bischof selber hat sich
+bei des Ordens Oberhäuptern für mich eingelegt, daß nach meines Vaters
+Willen geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser es
+verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege gen Speyer, allda von Herrn
+Gebhard die Vollmachten zu empfahen, und was sonst nöthig ist zur
+Wiedererlangung meiner ererbten Rechte zu betreiben.«
+
+Auf diese Worte schlug der Kleine die Hände zusammen und rief:
+
+ »O Wunder groß! Nun dies geschah,
+ Wähn’ ich, der jüngste Tag ist nah!«
+
+»Was ist da so größlich zu verwundern«, fragt’ ich wieder, »daß man
+mildiglich handelt und nicht so gar nach dem strengen Recht, so Keinem
+dabei zu nahe geschieht?«
+
+»Herr, Herr!« rief der Klingsohr. »Ihr kennt der Welt Lauf nicht; Ihr
+kennet ihn bis auf’s Härlein nicht, sag’ ich, Klingsohr! – Entweder
+die Welt hat sich geändert und die heilige Kirche dazu – oder Ihr
+seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur Tauf’ gebracht und
+ein Nix war zum Gevatterschmause geladen. – Sonst steckt noch was
+dahinter, sag’ ich Euch; könnt’ ich’s nur ausfindig machen.«
+
+Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand durch sein Kraushaar
+und sah mit gespitztem Munde den entschwebenden Rauchwolken nach. –
+Ich wußte zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu sagen
+und schwieg.
+
+»Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof Alles nach Wunsch
+ausgerichtet habt«, fragt’ er, sich wieder zu mir wendend, »was
+gedenkt Ihr hernachmals zu thun, Junker, so man das wissen darf?«
+
+»Warum nicht, Klingsohr!« gab ich ihm Bescheid. »Dann gedenke ich
+Herrn Eberhards Gunst und Beistand zu suchen –«
+
+»Wozu?« fragte er rasch. Ich war von der Art, wie er das Wort sprach,
+ein wenig gewirret; doch faßte ich mich und sagte: »Zu Vielem; zu
+Allem, deß ich Neuling in der Welt an Rath und Führung brauchen werde,
+denn meinen Vater weiß ich nicht zu erlangen.«
+
+»Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts?« fragt’ er wieder.
+
+»Wie wunderlich Ihr seid!« sprach ich. »Zu was noch sonst?« – Aber
+ich mocht’ ihn dabei nicht ansehn; denn ich wußte wohl, daß er mit
+seinen Blicken auf mich hielt.
+
+»Dann rath’ ich Euch, Junker!« hub er wieder an – »brauchet Herrn
+Eberhards nicht! – Was wolltet Ihr, da Euch die Flügel losgebunden
+sind, noch fürder hier herumschleichen, als stünd’ Euch draußen nicht
+die weite Welt offen? – Seid Ihr nicht selber gewitzigt genug, Eurer
+Sache zu helfen, und werdet Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald
+genug finden, so Ihr sie weislich prüfet? – Wär’ ich, Herr Diether,
+an Eurer Statt, ich rüstete mir in Speyer alsbald ein hübsch’ Pferd
+und durchzöge die Lande der Christenheit: wo Kurzweil zu finden, Ehre
+zu erjagen wäre, da macht ich Halt, und, glaubt mir’s, Junker! wenn
+Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist, allerorten die
+Männer, so des Ritterthums verstehen, Euch rühmen – und gar die edlen
+Frauen! – ah, Junker, Ihr seid ein glückseliger Mann, denn die
+Frauengunst, Junker –«
+
+»Was sollt’ ich mich nicht zuvörderst zu Herrn Eberhard wenden und die
+Elzeburg meiden?« sagt’ ich, ihn unterbrechend.
+
+»Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker Diether?« und mir schien’s,
+als winkte Klingsohr seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so
+fragte.
+
+»Nun, ihn und das Fräulein auch«, erwiederte ich kurz.
+
+»Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers da zu wenig findet«
+– meinte Klingsohr.
+
+»Oder aus der Ritterschaft einen zuviel«, fuhr der Tannhäuser fort.
+
+»Ich versteh’ Euch nicht!« rief ich ärgerlich.
+
+Da sang der Lange:
+
+ »Gar manchem Mann
+ Bleibt’s Herz gesund,
+ Nur wenn ihm, was ihn nah geht an,
+ Nicht wird auch kund.«
+
+»Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch!« rief Klingsohr. »Drum sag’
+ich:
+
+ Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward,
+ Und baue nicht auf ferne!
+ Du findst zuletzt die Schale hart
+ Und Bitterkeit im Kerne!«
+
+»Nicht zuletzt nur!« sagte der Singer wieder und schüttelte sein
+Haupt, als wär’ ihm an All’ dem in keiner Weise gelegen:
+
+ »Frauengunst, –
+ Blauen Dunst
+ Ich acht’ sie.
+ Wer begehrt,
+ Was da werth,
+ Verlacht sie!«
+
+Da mocht’ ich dies ihr Räthselspiel, mit dem sie, wie ich wohl
+vermerkte, auf mich zielten, nicht länger ertragen. Ich sprang vom
+Sitze zwischen ihnen ärgerlich auf, sah sie finstrer Miene an und
+sagte: »Ich bitt’ Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gespräch; denn
+es ist mir verdrießlich zu hören. Sagt mir frei offen, was Ihr wisset
+von Elzeburg, das mir Hinderung sein sollte, dorthin mich zu wenden.«
+
+Auf solche Worte gab sich der Tannhäuser das Wesen, als nähm’ er sich
+meiner Rede nicht an und müßte sein Gefährte alleine zusehen, wie mir
+zu antworten wäre.
+
+Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf in mein Gesicht
+und hub also an: »Junker Diether, seht Ihr! Euch ist’s um des Grafen
+Schutz und Beistand allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt
+zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach, ich verarg’s Euch
+nicht. Kein Christenmensch darf’s Euch verargen, der das Fräulein
+gesehen hat und was Huld sie Euch erwiesen. Und ich – wie sollt
+ich’s, der ich vom minniglichen Abschied weiß, den Ihr von ihr nahmet?
+O, Herr! so etwas vergißt sich nicht. Wie? Zum Wenigsten in Euren
+Jahren nicht. Es spinnt seine Fäden zart und gülden wie Sonnenstrahlen
+durch die Werke des Tages und durch die Träume des Nachts – immer
+fester, immer zäher – und um’s Herz wickeln sich die Fäden, bis es
+sich gar darin verstrickt – und die Einsamkeit ist die Spinnerin. –
+Nicht so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen – es
+braucht’s auch nicht gegen den Klingsohr – es braucht’s wahrlich
+nicht? – Nun denn, Junker, hört wohl zu! – Aber zuvor versprecht mir
+Eins! Laßt den Boten seine Botschaft nicht entgelten. ’s wär Unrecht;
+es wär’ gegen uns wahrlich groß Unrecht! Denn so Ihr’s heut erfahret,
+und Ihr nehmt’s auf mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der
+seine Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und klüglich ausrichten will,
+so werdet Ihr Euch in’s Künftige viel nutzlos Weh und Ach ersparen und
+die Sprüchlein, die Ihr von uns zur Stunde gehört habt, werden mit
+ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. – Wohl! Nein, nicht wohl;
+Euch wird’s übel dünken, so übel, daß Euch die Wiederfahrt gen
+Elzeburg gar verleidet wird: und just das ist’s, was ich Euch vorhin
+rieth. – Also, Junker, Euer Graf möcht’ jetzt für Euch die Zeit nicht
+haben und seine Nichte desgleichen nicht. ’S sind zur Stunde andere
+Gäste willkommen in Elzeburg. Wir, mein Gesell hier und ich, zogen
+vorbei da jüngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her, in lauter
+Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner hat seine Braut
+wiedergewonnen und ihren Mahlschatz dazu – so doch Beides, wie es das
+Ansehen hatte, ihm eine Weile verloren war. – Ist nicht erneute Liebe
+zwier so heiß? Und kann man sich über die Glückseligkeit, die jetzt
+das Fräulein neben ihrem Bräutigam merken läßt, verwundern, so man
+bedenkt, er möchte sonst besorgen, sie gedächte Eurer etwan – und ist
+doch schon bereits vier Monde her oder fünf, seit sie Euch nimmer
+gesehen. Stellt’s Euch nur für! fünf Monde!!« –
+
+ »’ne lange Zeit
+ für eine Maid,
+ Zweimal eine Ewigkeit.«
+
+sagte der Tannhäuser dazwischen.
+
+»Ja, mein Treu, Junker, das ist’s«, sagte Klingsohr bestätigend. »Ihr
+seid zu lang ausgeblieben.«
+
+»Ihr seid unrecht berichtet«, rief ich, »gewiß, Ihr seid es in dem,
+was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich glaub’ es nicht, es kann nicht sein.
+Ist aber Eure Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd’ ich’s in Speyer
+erfahren. Bis dahin, bitt’ ich Euch, laßt uns der Sache nicht mehr
+gedenken, sondern des Mahles, so Ihr etwas zuzurüsten habt, daß wir
+unser Herz stärken und dann des Weges weiter ziehen.«
+
+So sprach ich. Aber mein Gemüth gedachte gar anders. Inwendig war’s
+mir, da ich diese Zeitung von Irmela vernahm, als erschallte aller
+meiner Freude recht das Grabgeläute und wäre mein froher Muth mitten
+in’s Herze getroffen. Ich saß schweigend nieder und mochte auch nicht
+ferner auf die Beiden merken, wie sie ihr Küchenwerk angriffen. –
+Darum war mir’s lieb, daß sie fragten, ob ich, derweilen sie
+zurüsteten, auf das Feuer Acht haben wollte.
+
+Der Abend war schnell dunkel geworden und die Rauchwolken wirbelten
+im röthlichen Glanze weithin sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach
+unverwandt, wie eine nach der andern sich dahinwälzte und immer wieder
+gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor. Sollte so auch der helle
+Glanz der Glückseligkeit, der mir im Herzen aufgegangen war, trüb und
+trüber werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich fühlte, das
+könnte nicht sein. Ich fühlte, wenn sie, der all’ mein Herz in Treue
+zugethan war, mir verloren wäre, wenn sie mein vergessen hätte, dann
+müßte mir die Welt immer öde bleiben und ich aus ihrem Glück
+verwiesen. Aber, sollt’ es denn Wahrheit sein, was ich gehört hatte?
+Sollten diese lieblich lichten Blicke, sollte dieser lächelnde,
+falschesfreie Mund, sollte der innigliche Druck dieser Hände mir
+gelogen haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt hatte und mein
+innerstes Sinnen und Meinen bezwungen, ihr nur Spiel gewesen sein?
+Konnte sie sich von mir kehren und nicht darnach fragen, daß die tiefe
+Wunde, so ich von ihr empfangen, immer offen stehen würde? Nein, es
+war nicht möglich! Und unmuthig stieß ich in die Flamme, daß die
+Funken mit Geprassel stoben und zuckend in der Luft auf und nieder
+fuhren, ehe sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir jetzt
+wild durch’s Herz strichen. Wie? Wenn man die Maid wider ihren Willen
+zwänge zum verhaßten Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden
+wäre und sie wähnte, ich bliebe festgehalten im Kloster und sie harrte
+mein umsonst? – O, dann wollt’ ich jeglich Wagniß bestehen, sie zu
+befreien, und keine Fährniß sollte mich schrecken, gerieth ich gleich
+in die Irre und mein Pfad in die Nacht.
+
+Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus einem Spiegel traurig
+und liebreich an. Immer mit den aufsteigenden Flammen schwebt’ es
+empor; es winkte und warnte und rief mich leise mit süßem Namen.
+– »Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald
+verschwunden. Denke, daß es heut geschieht.«
+
+Und ich saß und sah in’s Feuer, wie die Flammen züngelten und die
+Wolken röthlich dahin zogen, bis die Nacht sie verschlang. –
+
+ * * * * *
+
+In Speyer, als ich dargekommen war, war es mir mit meinen Sachen wohl
+gerathen. Ich hatte die Bestätigung meiner Freiheit und meines
+ritterlichen Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, so mir
+zugestanden war, ward mir überantwortet, und was weidliche Leute und
+Geschlechter in der Stadt waren, von denen ward ich aufgenommen und
+ehrlich angesehen; sie litten mich allenthalben gern und wähnten nicht
+anders, denn daß ich bald zu hohen Ehren kommen würde. Doch that ich
+dazumal Alles mit halbem Herzen; denn die Gewißheit, daß Irmela Ritter
+Conrad freien würde, wie mir die Fahrenden das berichtet, hatt’ ich
+bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. Davon erstarb mir die
+Freudigkeit, und von dem großen Leide, das ich da gewann, konnt’ ich
+mein Gemüth nicht hinwegziehn. Doch schöpft’ ich noch ein kleines
+Tröstelein. Denn wie? Ich mußt’ es ja glauben, was sie Alle sagten,
+und glaubt’ es doch wieder nicht. Von ihr selbst, dacht’ ich, will
+ich’s erfahren. Hinaufzuziehen gen Elzeburg, deß unterwand ich mich
+nicht, denn ich besorgte, ich möchte nicht vor sie gelassen werden und
+dem Gernsteiner dann begegnen, der dort weilte, wie ich hörte. So
+schrieb ich einen Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung
+aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, meine Treue würd’
+ich ihr ewiglich halten und wie mein Gemüth unbeweglich auf demselben
+Sinn stünde. Darnach ließ ich sie wissen, wie große Sorge und Zweifel
+ich gewonnen hätte, da mir die Sage von ihr zu Ohren gekommen wäre,
+daß sie dem Gernsteiner mit Nächstem sollte angetraut werden, und ich
+bat sie beweglich mit dringenden Worten, daß sie mir doch ihres
+Herzens Willen und Meinung kund thäte, und ob sie, wie ich wohl
+glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen würde. Dann wollt’ ich alle
+Macht daran setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das +eine+
+selige Wörtlein möchte sie mir schreiben, daß ihr Sinn und Wille
+unverändert wäre, gleich wie sie in meinem Herzen beschlossen bliebe
+ewiglich.
+
+Solchen Brief gab ich Klingsohr, daß er ihn sicher und geheim
+überbrächte, auch die Antwort, welche er erlangen würde, heimlich
+hielte. Denn die beiden Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt.
+
+Mit Ungeduld wartet’ ich des Bescheides. Es währte nicht gar lange,
+daß ich ihn durch Klingsohr erhielt. Es waren nur wenige Worte, die
+sie mir überschickte, aber solche, die wie der Frost im Märzen jedes
+noch keimende Blümlein meiner Hoffnung und Zuversicht ertödteten. Sie
+bat mich um Gottes Willen, ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder
+Brief zu nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; sie
+wünschte mir von Gott und seinem himmlischen Heer alle Genüge und
+Freude allerwegen; aber wir müßten geschieden bleiben forthin, und sie
+bäte mich, ihrer zu vergessen; denn das sollt’ ich wissen: sie reiche
+aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als ihrem Ehegemahl,
+sondern willig und aus freiem Erbieten. Der reiche Christ möge meiner
+Seele pflegen hier und dort. Dies wäre ihr letzter Gruß.
+
+Von Stund’ an hatt’ ich keine Ruhe mehr in Speyer, und alle Lust an
+Freud’ und Festlichkeit, ihrer mit zu genießen, war mir verdorben. Wo
+ich immer weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an die
+hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, und oft, wenn ich mitten
+unter Menschen war, die mich fröhlich sein hießen, ward ich etwas inne
+von dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, daß man sich auch in der
+Welt und ihrem Geräusch einsam fühlen könne. –
+
+Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; denn der Schmerz um
+Bruno, meinen Vater, überkam mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich
+unkindlichen Sinnes, daß ich mich unbeständiger Frauenliebe hätte
+trösten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem Herzen, da ich
+allein seiner hätte gedenken sollen, wie ich ihn wiederfände und aus
+seinem Kummer um mich befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt’ ich
+mir, dieweil du eitlem Glück nachgelaufen bist und hast die ächte
+Treue nicht genugsam geschätzet. Und wiederum dacht’ ich: wenn du ihn
+gefunden haben wirst und bekennest ihm das Glück, so du verloren, und
+das Leid, so du gewonnen hast: dann wird’s dir leichter zu tragen
+sein; du wirst wiederum einen guten Muth und Freudigkeit gewinnen,
+wenn seine Liebe und sein Lob dich anspornt.
+
+So faßt’ ich denn nichts Anderes zu Sinne, als Herrn Bruno zu
+erkunden, wo er weilte, auf daß ich ihn heimsuchte und er meine
+Losgebung aus dem klösterlichen Stande erführe. Ich nahm Urlaub von
+Speyer und zog zuvörderst gen Schwaben, daselbst das mir zugetheilte
+Erbgut einzunehmen; ich verblieb da nur kleine Zeit, richtete die
+nöthigen Sachen aus nach erfahrener Leute Rath, wie es während meinem
+Abwesen gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr und seinen
+Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie lebten, wofern sie des
+seßhaften Lebens anstatt des schweifenden sich annehmen wollten,
+worein, wie es schien, der Tannhäuser mit Freuden willigte, aber der
+Magus nicht so völlig.
+
+Als ich solchermaßen meine Sachen beschickt hatte, richtete ich mein
+Angesicht stracks gen Mittag, nach Welschland zu ziehen. Da führte
+mich mein Weg über Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen
+Klippen vorbei und durch dunkle Wälder, grüne Auen und fruchtbares
+Gelände; ich kam in manche volkreiche Stadt und sah der Menschen Weise
+aller Orten, nach ihrer Müh’ und Plage, Tugend und Kunst.
+
+Ich nahm der Armuth in den Hütten wahr, wie sie um die Nothdurft des
+Lebens das ganze Leben hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der
+Gewohnheit lernet und von der Hoffnung, daß sie mit dem Tode erledigt
+wird. Ich klopfte auch an das Thor mancher Burg, manches stolzen
+Hauses und manches gastlichen Klosters. Weltliche Herren, kühn von
+Thaten und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt’ ich
+kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in deutschen wie in
+welschen Landen der wohlgezogenen Maide genug, die schöne Huldgestalt
+zierte und edle Sitten. Da geschah es mancher Orten, daß man mich
+nicht allsofort fürder ziehen ließ, sondern mich zu weilen drängte,
+frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was nur den Augen lustsam zu
+schauen war und den Ohren zu hören, wonach das Herz gelüstete; das war
+mir da zum Genieß bereit. Aber wenn ich alsdann auch, daß ich nicht
+unhöfisch erschiene und blöden Sinnes, mein Vermögen bewies in derlei
+Spielen, wie es der edelbürtigen Jugend geziemt, so war doch mein
+Gemüth nicht dabei, und man sah mich selten froh.
+
+Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward ich wohl aufgenommen
+und nach Ehren als ein Gast gehalten, der dahin in ein edles Haus
+gewiesen war. Ich verblieb in dieser hochberühmten Stadt zur Lenzzeit
+zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen sie mächtig des
+edlen Gesanges, und was die besten Meister solcher Kunst und
+zierlicher Rede sind in Welschland, die sind allda zu Hause; ja, so
+hoch angesehen ist die Kunst bei männiglich, daß auch Fürsten und
+Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es sei denn, daß sie mit
+Liedern und Gedichten mancher Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl
+auch von mir ein deutsches Lied oder Spruch. Ließ ich sie dann derlei
+hören, so konnten sie sich nicht genug verwundern, zuvor die Frauen
+und Maide, warum ich Junger nicht fröhlichere Weisen brächte, und
+fragten, aus was Ursach das geschähe. Ich wollte nicht ungefüge sein,
+sie unbeschieden zu lassen und sang:
+
+ Ihr fraget mich,
+ Warum mein Lied
+ In Maienluft nicht heitrer klinget,
+ Da uns der Lenz der Wonne viel beschied
+ Und Rose sich um Rebe schlinget.
+
+ So frag’ auch ich:
+ Mein Herz, o gib,
+ Warum Du traurig so, die Kunde:
+ So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb,
+ Willkomm’ne Gab’ beut jede Stunde.
+
+ »Wenn +eine+ Wolke nur
+ Der Sonne Licht verdunkelt,
+ Glänzt auf der weiten Flur
+ Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt.
+ Schwebt auch in Freuden sehr
+ Ein Herz: ist ihm Frau Minne
+ Ungnädig: immer mehr
+ Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!«
+
+Darnach ließen sie ab, mich ferner zu fragen. –
+
+ * * * * *
+
+Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub von Florenz und
+trachtete eilend gen Rom. Als ich angelangt war in dieser ersten Stadt
+der Christenheit, die der Apostelfürsten Gebeine hegt und vieler
+Heiligen, die da gemartelt wurden, konnt’ ich doch mein Herz nicht
+darbringen, so großen Heilthümern nachzugehn, noch sonst die
+Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu finden sind, sondern mein
+einziges Verlangen stund nach meinem Vater. Je länger, je heftiger
+hatte mein Sehnen nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbrüdern, zu
+denen ich mich begab, erfuhr ich, daß er schon vor Winter, da er seine
+Sache, die er beim heiligen Stuhl betrieb, zu erlangen verzweifelte,
+hinweggezogen wäre aus der Stadt, trüben Muthes, und Keinem sich
+vertrauet hätte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn stünde. Doch wäre
+unlange Einer aus des heiligen Franzen Orden, dem Mutterkloster der
+Barfüßer zugehörig, bei ihnen zur Herberge gelegen, der hätte ihnen
+von einem Deutschen gesagt; das möchte wohl Herr Brun sein.
+
+Alsbald hatt’ ich keine Ruh mehr in Rom, ließ die Stadt und wandte
+mich gen Assisi. Diese Stadt ist zur Seiten des Gebirges gelegen,
+selber in stolzer Höhe, reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und
+Klöstern, mit freiem Ausblick in’s Land hinaus, das da mit Thälern und
+Höhen, Feldern und Wäldern und mancherlei Flüssen und Bächen prangt
+als ein Garten Gottes. Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der
+Krypta der seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach
+Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben könnten über ihn. Sie sagten,
+ein Fremder, nach meiner Beschreibung der, den ich suchte, wäre im
+verwichenen Winter bei ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber höher
+hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er allda noch weilte,
+das könnte ich am füglichsten von einem Eremiten erfragen, der droben
+seit vielen Jahren wohnte und der Gegend am Besten kundig wäre, wie
+auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel riethen sie mir zu
+gehen, auch wollten sie mich durch einen ihrer Laienbrüder dahin
+geleiten lassen.
+
+Ich that also, verzog nicht und schritt an der Seite des Bruders, den
+sie mir mitgegeben hatten, hindann.
+
+Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen Kirche gegangen, sein Grab
+zu besuchen und Gott zu bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner
+beizustehen, daß sie ihr Ziel fände. Da sah ich auch die Krypta und
+oben die Kirche mit Bildern von hochberühmter Meister Händen herrlich
+geschmückt. Von ihrer Beschauung gerieth mein Gemüth in große
+Verwunderung: ich hatte nie zuvor gewähnet, daß Sichtbares mit also
+starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen könnte, und ich gedachte:
+Glückseliger Mann, der Solches sinnet und bildet! Wie muß er mit
+seinem Herzen alles Geschaffene umschließen, also daß keine
+Gottescreatur ihm fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich
+zugleich aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige
+Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren Schöpfer darf
+das Geschöpf nicht scheidend in die Mitte treten, sondern die
+irdischen Wesen sind gleich den Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen
+die Engel des Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er
+die Pforte des Himmels geöffnet, auch wenn er hienieden kein besser
+Lager hat, als das harte eines Steines. –
+
+Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in einer Höhle, wie sich
+dergleichen dorten im Gebirge häufig finden. Es war ein greiser Mann,
+ernsten und milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die
+Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus eigner Verirrung,
+sondern aus tiefer Betrachtung und aus lebendigem Mitleid mit fremden
+Schmerzen kennen und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich
+geschickt sind.
+
+Er grüßte mich freundlich und fragte nach meinem Begehr.
+
+Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich wäre, und fragte auch,
+ob er von meinem Vater wüßte und ob es ihm wohl gienge.
+
+Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich nachdenklich an und
+sprach also:
+
+»Ja, Herr, ich weiß von Eurem Vater, und wo er ist durch Gottes
+Gnade, geht’s ihm auch wohl. – Er kam in diese Einsamkeit in großer
+Herzensschwere, als einer, der des Lebens satt ist und doch vor
+schmerzlicher Erinnerung und großen Sorgen in Frieden nicht scheiden
+kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und die Sorge Euch, seinem
+Sohne. Euer Geschick, Herr, das er nicht hatte wenden können, sah er
+als eine Strafe an für seine Sünden und als ihren fortwirkenden Fluch.
+Er verklagte sich hart, daß er beide Mal übel an Euch gethan und nach
+fleischlicher Wahl, da er Euch in die Abtei zurückgedrängt und Euch
+Eure Geburt verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung begehrt
+hätte. Das wäre Alles Gott mißfällig gewesen und gern wollt’ er
+zwiefältig dafür büßen; nur daß sein Sohn, des ersten Friedens
+beraubt, mit weltlichem Trachten und heißen Wünschen im Herzen hinter
+den Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren müßte: das wär’
+ihm eine allzu schwere Pein, die ihn nicht ruhen ließe. Darum hätt’ er
+sich zum Schwersten entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem
+Anblick; denn einen großen jähen Schmerz überwände die Jugend
+leichter, als eine immer wieder verzögerte und getäuschte Hoffnung.
+
+So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die
+Aufrichtigkeit seiner Buße und die Größe seiner Liebe zu Euch machten
+ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein Berather. Ich
+sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der Kinder nicht
+für die Missethat der Eltern fordert; daß es Seinen Zorn nicht
+erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, gescheh’ es auch
+irrender Weise; denn Elternliebe sei göttlichen Ursprungs. Vor Allem
+erweckt’ ich ihm wieder den Muth zu hoffen für Euch, Herr! – Denn wie
+das Spinnlein von einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes
+Gewebe zieht, also mag auch ein zerstoßenes und zerbrochenes Herz an
++einer+ wiederbelebten Hoffnung sich zurückfinden in Licht und Leben.
+
+Ich hieß ihn mir von Euch erzählen oft und viel, auf daß seine
+Gedanken an Euch, die ihn nie verließen, sich mit solchen verbänden,
+die ich aussprach. Allgemach gewöhnt’ ich ihn daran, Euch im Kloster
+zu denken, ohne daß Ihr Euch plagtet mit heftigen Wünschen hinaus, und
+nicht in dumpfer, brütender Traurigkeit, sondern, ungestört durch des
+weltlichen Lebens Sorg’ und Lust, die hohe Kunst übend und die edlen
+Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich bracht’ ihn dahin, ein
+Vertrauen zu fassen, daß seine Gebete für Euer Glück und Heil, die er
+unablässig Gott darbrachte, erhört würden im Himmel. Und so stieg auch
+seine Seele über sich, über ihre Schuld und Fehle, Sorgen und eignen
+Werke in die Gelassenheit, die sich gänzlich in Gott ergibt und nichts
+Anderes weiß und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: das ist
+die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch nicht ruhig, er ward
+fröhlicher, wenn auch nicht froh, getrösteter, wenn auch nicht
+trostvoll.
+
+Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der Leib wird mürb. Ja,
+sein Siechthum dienet ihr dazu, daß sie ihre Augen desto heller
+aufthut, ihren himmlischen Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu
+erfassen, das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng es
+Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehört, daß er die Natur der Sonne an
+sich nimmt, deren Licht er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So
+man ihn in Finsterniß bringt, beweist er solche Tugend. Für des
+Menschen Seele ist Leiden und Todesnähe solche Finsterniß. Alsdann
+erblindet jeglicher Glast, darin sie sonst stolzirte, blendete und
+selbst geblendet war; aber was sie von göttlicher Natur in sich
+aufgenommen hat, das tritt herfür: heiligt, tröstet, überwindet. –
+Wenn er Euer gedachte, geschah’s mit Wehmuth, aber ohne nagende
+Vorwürfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt hatte auszusprechen, weil
+er meinte, Gott fordere das Opfer gänzlicher Entsagung von ihm, hub
+zuletzt an zu gedenken: es möcht’ ihm bescheert sein, Euch
+wiederzusehn.
+
+»O!« rief er, »wenn mein Sohn wiederum froh würde und zufriedenen
+Herzens, so wollt’ ich den milden Christ bitten, daß ich noch genesen
+möchte und eine kleine Zeit leben. Dann zöge ich hin zur Lenzzeit, ihn
+noch einmal zu sehen – nur einmal, ohne daß er darum wüßte. Ich
+harrte sein am Wege, wo mich Niemand ersähe, bis er käme, und wenn es
+Abend würde, müßt’ es Mondenlicht sein, daß ich sein Angesicht schauen
+könnte, ob da keine Spur des frühen Kummers zurückgeblieben; oder ich
+lauschte unterm heil’gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme
+– gewiß, ich hörte sie bald heraus – oder käme leise heran und sähe
+ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen Träumen Gestalt und Leben gibt
+und seine Augen davon leuchten! Oder ach, ich fände ihn schlafend
+unterm heißen Mittag im Garten, daß ich ihm sanft das Haupt berühren
+und eine Blume auf’s Herz legen könnte, und im Gebüsch verborgen, wenn
+er erwachte, säh’ ich ihn froh erstaunen über die Gabe – und
+lächeln!«
+
+Und er lächelte selber, seit wie lange zum ersten Male! und seltsam
+war dies Lächeln. Es spielte noch immer um seinen Mund, als er
+unbeweglich lag, geschlossenen Auges, und der Odem ihm leiser gieng.
+Und dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. »Nein, nein!« rief
+er, »’s ist nicht vom Dolch, den ich zückte – Joconda, fliehe nicht!
+– Es ist eine Rose – Komm – er ist glücklich – unser Sohn!« –
+Alsdann breitete er seine Arme aus und ließ sie kraftlos zurücksinken,
+betete leise: »Gott – Gott! – seufzte und entschlief.«
+
+Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, nahm er mich an der
+Hand und führte mich an einen Hügel nahe bei seiner Siedelei.
+
+Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub ich meine Stimme auf und
+klagte und weinte über die Maßen sehr.
+
+
+
+
+Elftes Capitel.
+
+Einkehr.
+
+
+Was ich da empfunden hatte, daran dacht’ ich zurück, als ich zum
+ersten Mal wieder die Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir von
+Kindheit her so vertraut waren. Jeden Bergzug, jedes Thal erkannt’ ich
+wieder, obgleich die frühe Dämmerung stark hereinbrach und Nähe und
+Ferne in ihre Schatten hüllte. Dennoch wie fremd sah mich Alles an!
+
+Wenn ich so umherspähte, hie eine Stelle zu suchen mit meinen Augen,
+daran sich eine Erinnerung meiner Kindheit knüpfte, und ich fand sie,
+und dort wiederum eine: so war mir’s nicht anders, als erschräk’ ich
+über die Entdeckung und müßt’ ich mir erst ein Herz fassen zu meiner
+Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie an mich zu gewöhnen.
+
+Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen, seit ich
+hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben zu versuchen: ich war in
+dieser Frist weit und fern geschweift, aber hier war kein Wald
+verhauen, kein Feld bereitet indeß, Alles noch wie weiland – und
+doch, wie fremd, wie fremd!!
+
+War davon etwan der frische Schnee die Ursach, der heute über das
+wintermüde Land seine Decke gebreitet hatte, die noch eben jetzt von
+den niederschwebenden Flocken erhöht ward? Freilich war es heuer das
+erste Mal, daß ich die Erde in solchem weißen Kleide sah, und immer
+war mir diese ihre Verwandlung zu Herzen gedrungen: aber diese Höhen
+und diese Thäler, wie oft hatt’ ich sie so gesehen! Was nun im Bilde
+der Erinnerung mir so gegenwärtig war, warum blickte das so fremd mich
+an in der Wirklichkeit?!
+
+Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? – Süßer Name!
+– Nahte ich mich nicht dem Ziele, deß ich seit Monden begehrte? – Und
+doch, wo war das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust
+der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? Wo das frohe Erjauchzen
+der Seele, das laut wird, wenn die Wipfel der Bäume auftauchen sollen,
+unter deren Schatten er die ersten Träume seiner Kindheit träumte, und
+die Spitzen der Thürme seiner Heimath ihm winken: Willkommen!
+
+Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter das Dach der Abtei
+zu treten, ein seltsames Erbangen eben davor in meine Seele! War es
+mir nicht lieb, daß mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so
+stille, als wäre sie schlafen gegangen zugleich mit dem Gestirn des
+Tages, und auch mein Schritt durch den weichen Schnee so geräuschlos,
+als bliebe mein Kommen dadurch um so gewisser und länger unbemerkt!
+
+Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, ich selber!
+
+Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs in Frohsinn und
+ungestörtem Frieden, der dann erweckt ward zu neuem unbekanntem Genieß
+und Drang des Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, die
+sich fest um sein glühend Herze wanden, und zwischen dem, der jetzt
+durch die stille Dämmerung des Christmondabends schritt: welch’ ein
+Unterschied! Wenn er sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm
+die Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, daß auch nun die
+Heimath ihm verwandelt schien!
+
+Ich strich mit der Hand über meine Stirn – sie war noch glatt; über
+die Wangen – sie waren rund und frisch; durch mein Haar – es wehte
+noch lockig und dicht um meine Schläfe. In meinen Gliedern, ich fühlt’
+es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der ersten Jugend.
+
+Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht das alte mehr.
+
+»Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr so weich jedes
+zarte Keimlein einbettet, daß seinen linden Schlaf nichts störe; die
+ihr so geschäftig jetzt jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich
+heute wandle, daß ihrer keine auf diesem Wege zurückbleibt: vermöget
+Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher Stunde aus diesem Herzen zu
+vertilgen, die ihre Wonnen und ihre Wehen ihm allzutief eingedrückt
+haben, daß es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch werde in
+seiner Heimath?«
+
+Aber wollt’ ich das wirklich? Konnt’ ich auch nur wünschen, daß
+Erinnerung, dies ruhelose Kind von Schmerz und Freude, jemals
+eingewiegt würde durch das Wiegenlied der unermüdlichen Wärterin Zeit?
+War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe meines Vaters eins
+mit mir worden war, in die Stille der Stätte heimzukehren, der ich
+jetzt entgegenschritt?
+
+Und ich gedachte an jene bittre Stunde.
+
+Als ich damals den Verlust so treuer und starker Liebe beweinte, als
+ich klagte, daß auch diese freudespendende Sonne, die meinem Leben so
+unerwartet und verheißungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des
+Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu der Zeit, da ich
+mit so feurigem Sehnen in ihren Strahlen meinen gedrückten Muth zu
+laben gedachte: da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle
+Saiten meiner Seele riß, daß jegliche Thatenlust, mich in der großen
+Welt zu regen, in mir erstarb. Über mich kam das Gefühl grenzenloser
+Vereinsamung, alle Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein
+und Traum, all’ ihre Lust ein Wahn, all’ ihre Hoffnungen Lügen: als
+das einzig Wirkliche die überall lauernde Larve des Todes, und vom
+Thun der Menschen das Meiste vergeblich, eitel Alles!
+
+Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am Leben, noch die furchtsame
+Flucht vor seinen Übeln und Mühen, auch nicht das Verlangen nach
+solcher Ruhe, deren der Lebensmüde begehret, wodurch ich in jener
+Stunde mich zurückgetrieben fühlte in die Heimath. Nein, solche Ruhe
+sucht’ ich nicht.
+
+Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre der Welt mir winken
+konnten, hatte in jener Stunde der Einkehr in mich selbst seinen
+Schein verloren. Die tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten
+ihn ausgethan.
+
+Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener Nacht des Grames
+aufgeleuchtet: hehr, herrlich und heilig! – Ihm nachzutrachten, daran
+war alles Weh, das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern
+Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es für mich nicht noch ein ander
+Thun und Wirken als das, so mir nun verleidet war? Hatte mir Gott
+nicht die Kunst verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu
+bilden und so mich über die Erde zu erheben und des Lebens Noth und
+dennoch im Herzen die Freude an Gottes Werken zu bewahren?
+
+Da schauten mich die heiligen, stillen Gestalten, so ich unten in St.
+Franzisci Kirche gesehen, wieder grüßend an; sie sagten mir von einer
+Welt, von der die sichtbare um uns her mit ihren langen Ängsten und
+kurzen Freuden nur ein Gleichniß und eine Weissagung ist; von einer
+Welt, die nur in den Ahnungen und Hoffnungen der fühlenden und guten
+Menschen lebt, aber aus den Bildern der Meister, die Gott mit Kunst
+begabt hat, tröstend und ermuthigend zu uns herniederwinkt. In ihr
+wird kein Leid, das durch ein Menschenherz geht, vergessen, und keine
+Zähre in der Menschheit Angesicht wird verachtet, aber auch in jeder
+spiegelt sich ein Strahl himmlischen Trostes, und über alles Weh sieht
+man den Glast der ewigen Liebe gebreitet.
+
+Und siehe! wie mein Vater in seiner letzten Stunde mich gesehen
+hatte: nicht hinbrütend in träger Ruhe, sondern erglühend von hohen
+Träumen, denen in Bild und Ton Gestalt und Leben zu geben die Seele
+ringt, und in solchem Trachten, dem alle Creatur Gottes dient, in
+verborgner, bescheidner und stolzer Stille verharrend, unbedürftig der
+Welt und ihrer Güter: so sah ich mich nun selbst, so wünscht’ ich mich
+zu sehen.
+
+Und ich war in die Knie gesunken und hatte Gott im Himmel gedankt, daß
+ich also einen Willen, ja eine heilig ernste Freude zu leben und zu
+wirken wieder gewonnen; ich hatte seine große Güte angefleht, Er
+möchte in so gethanem Fürsatz mich beständig verharren lassen und
+unwankend erhalten, daß ich in solchem Dienst all’ mein Genügen fände;
+ich hatte Ihm gelobt, dazu in die Stille und Verborgenheit des
+Klosters zurückzugehn, wohin nun Sein Walten, wie das letzte Denken
+meines Vaters und das fromme Gelübde meiner Mutter mich wiesen.
+
+Mit solchem Sinn hatt’ ich mich aufgemacht und war aus Welschland
+wiederum heimgezogen. Ich mied, Denen wieder zu begegnen, die mich
+kannten; denn ich wußte, Ihrer Viele würden mich von dem Ziele, das
+ich erwählt hatte, wiederum abzuwenden trachten, als wäre nur von der
+unmäßigen Traurigkeit mir dazu gerathen; und es war und blieb doch
+mein fester Wille.
+
+Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland angelangt war, mein
+Erbgut aus meinem Besitz entlassen und dabei allen Grundholden, so
+darauf saßen, eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und
+Lasten erwirkt, auch dafür gesorgt, daß ein Stift, das da nahebei
+gelegen war, für festbenannten jährlichen Schoß und Zins männiglich
+von meinen Leuten in Alter und Siechthum pflegen mußte und was
+preßhafte Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide, daß sie
+meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum beraubt werden sollten,
+und als ich von ihnen Urlaub nahm, wünschten mir Alle Gottes Geleit
+immerdar, und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen Thränen;
+die beiden Fahrenden aber nicht also, denn sie waren mit dem
+wiederkehrenden Lenz davongezogen und hatten lieber ihr Geding als ihr
+gewohntes Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr
+Ausgesetztes, daß sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten. –
+
+So zurückgewendet waren meine Gedanken, da ich zur winterlichen
+Abendzeit die Gefilde Maulbronns vor mir liegen sah.
+
+Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten und im bunten Gedräng
+an meiner Seele vorüberzogen, konnt’ ich mich wundern, daß ich als so
+sehr ein Anderer heimkehrte, und daß ich deß jetzt beim Anblick der
+alten Stätten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte diesen
+Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen, auch ferner nicht. Sie
+Alle sollten mir helfen aussprechen, was das Menschenherz zumeist
+bewegt und was es über sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner
+Seele, bis sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verklärtes Leben
+wiedergewönnen in den Gebilden meiner Hand.
+
+Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und hohe Wonnen
+zurückrief und zugleich in das Nachgefühl so grausamer Enttäuschung?
+Schwebte nicht jetzt wieder ihr winkend Bild meiner Seele vor, schön
+wie der Mond und prangend in blühender Jugend, aber auch ernst und nur
+in Schwermuth lächelnd wie er! »O«, dacht’ ich, »so traurigen Blickes
+sah ich sie nie, und nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als
+fühlte sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete mich
+auf meinen Wegen mit treuem Angedenken, da sie doch ihr eigen Glück
+erwählt und meiner längst vergessen hat.« Und ich wünscht’ ihr alles
+Gottesheil und setzte mir vor im Geist, in’s Künftige nie keinerlei
+Unmuth zu hegen darum, daß sie mich verstoßen hatte; denn ich fand,
+ohne solchen Willen hätt’ ich keine Ruhe des Gemüths und Frieden zu
+erhoffen. – Aber ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt.
+Es vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes Weh als das der
+Trauer und gerieth darüber mit ihm selber in Widerstreit.
+
+»Still«, sprach ich, »die Abgeschiedenheit wird Dich lehren, auch das
+zu überwinden, und alsdann wird auch diese Erinnerung Dich nicht mehr
+verwirren.« Aber es war, als spräche eine andere Stimme dazu: »Nein!
+das wird nicht geschehen.«
+
+Unter solchen Gedanken hatt’ ich die Höhe erreicht, von der aus ich
+die Abtei vor mir liegen sah in der Abenddämmerung: es war derselbe
+Ort, von wo aus ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich
+zurück gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur Matutin
+riefen.
+
+War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt vernahm? Wie anders
+däuchte mich der, als ich ihn gewohnt war zu hören! – Gewiß, es rief
+zur Vesper! Und ich faltete meine Hände, das _Ave_ zu beten. Doch nein!
+Das war nicht das Geläut, das täglich zur Abendzeit ertönt. Auch
+dieser Schall war mir nicht unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn
+deutlicher zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen ward.
+Davon kam eine große Herzensschwere über mich, und als ich vom
+klagenden Schall geleitet hinabschritt, bat ich die göttliche
+Erbarmung, doch heut und immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir
+allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges Ohr auch den
+Harfentönen aufzuthun, die um Seinen Thron die lichten Schaaren
+beständig erklingen lassen, von solchen Himmelsklängen hier im Dunkel
+nur ein Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten
+Wiederhall!
+
+Der Thorbogen unterm Thurm an der Brücke stund offen, und der Schnee
+dämpfte meine Schritte, also daß Niemand mich bemerkte, als ich
+hindurch schritt. Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des
+Pförtners Hündlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt und sprang
+mit kosender Freude an mir in die Höh’, wie dieser Thiere Weise ist;
+aber mein Kommen verrieth es nicht.
+
+Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies geheißen, dann
+linkswärts in den überwölbten Gang und durch die Öffnung, welche in
+die Kreuzgänge führt, die hier den Friedhof umgeben. Zögernd schritt
+ich vorwärts, und die nun nahe über mir erdröhnenden Schläge der
+Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah ich, zwischen den Pfeilern
+stehend, den überschneiten Friedhof und dort drüben die Brüder, einen
+gedrängten Haufen.
+
+Es brauchte nicht des dumpfen Geräusches der hinabrollenden
+Erdschollen, das zwischen dem Rufen der Glocke an mein Ohr schlug, um
+mir kund zu thun, daß man da einen Leichgang gehalten, die Feier
+soeben beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte. Sie hatten Alle
+nur Acht auf ihr traurig Thun, und Ihrer Keiner hatte mein Nahen
+gewahrt. Auch barg mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten
+war, da trat ich hin und sah hinüber. Wie manches Mal hatt’ ich als
+Kind schon diesen Anblick gehabt und da des Rechts genossen, das
+allein die Kinder mit den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des
+Todes nicht gestört zu werden in ihrer schuldlos spielenden Freude,
+weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen. Aber welch’ herbes
+Weh durchzuckte mich heute!
+
+Nun verstummte das Geläute, und die Brüder erhuben nach Gewohnheit den
+Gesang:
+
+ »_Flens ego sum genitus, celebrantur funera fletu,
+ transacta innumeris vita fuit lacrimis,
+ O miserum mortale genus lacrimabile semper,
+ quod factum ex cinere est, solvitur in cinerem._«
+
+ (Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begräbt man die Todten,
+ Unter viel Thränenerguß schwindet das Leben dahin;
+ Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth immer!
+ Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.)
+
+
+Dann ward eine kleine Stille, und der Priester sprach: »Lasset uns
+beten: Herr, schenke ihr die ewige Ruhe!« Und die Brüder antworteten:
+»Und das ewige Licht leuchte ihr!«
+
+Darnach hub der Priester wiederum an: »Löse, HErr, die Seele Deiner
+Dienerin Irmela von allen Banden der Sünde, auf daß sie in der
+herrlichen Urstände unter Deinen Heiligen und Auserwählten wieder
+auflebe.« Und der Abt betete: »Leite auch, Herr, unsern Diether an
+Deiner Hand, und so er erfährt von diesem Begräbniß, so sei’s ihm zum
+Heil und Segen!« Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich zu gehen,
+denn die Finsterniß war hereingebrochen.
+
+Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir und ich sank zur
+Erde.
+
+»Hilf Gott! Diether, armer Diether!« hört’ ich rufen, als mir die
+Sinne wiederkehrten. Da winkte Herr Albrecht den Andern, daß sie von
+mir abließen, richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab.
+
+Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse, und er litt es
+ganz väterlich.
+
+Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet hatte, wollt’ er nicht
+leiden, daß ich ihm berichtete von meiner Fahrt und wie es mir damit
+gerathen wäre, sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die wäre für
+mich bestimmt, sagt’ er, sie zu lesen, – tröstete mich mit lindem
+Wort und ließ mich allein.
+
+Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen geschrieben, dem die
+selige Maid ihre letzte Beichte gethan hatte mit dem Geheiß, so sie
+verschieden sein würde, solch’ ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben,
+daß es mir, wenn es Gott so fügte, zu Handen käme: denn dort wollte
+sie begraben werden.
+
+»Er soll wissen«, hieß es darin, »daß meine Treue gegen ihn alle Zeit
+unwankend geblieben ist und ich keine größere Glückseligkeit wußte im
+Leben, als mit ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah
+bald, daß das nimmer geschehen würde, sondern daß allerdinge über ihn
+beschlossen war, in seine Losgebung nicht zu willigen, und daß, was
+man von meiner Herzensneigung zu ihm gespürt hatte, um so mehr zur
+Ursach’ ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war’s mir ein großes
+Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen zu wissen sein Leben
+lang, und ich willigte in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte
+dafür, daß Diether’s Losgebung vom Bischof erwirkt würde. Ich wußte,
+daß ich mich damit von Glück und Freude schiede für immer; aber es war
+mir ein süßer Trost, mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch
+daß ich ihn nie wiedersehen dürfte, noch er je erfahren, durch wen er
+seine Losgebung erlangte, sondern im Wahn verbleiben, als hätt’ ich
+ihn verstoßen und die Treue gebrochen, daß ich auch gegen den, der
+mich zum Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren
+mußte: dies nagte an meinem Leben allzusehr, und ist Ursach’ worden,
+daß eine andere Hochzeit für mich vorhanden ist, als die, für welche
+man mich ausersehen hat. Ich danke Gott im Himmel dafür. Die reinste
+Wonne, so die Erde gibt, hab’ ich erfahren; sie kann nur kurz sein.
+Ich bin zufrieden, abzuscheiden; nur um meinen Ohm ist’s mir Leid. Die
+ewige Dreifaltigkeit mög’ ihn trösten!«
+
+»Mein Gebein aber soll an der Stätte der Urstände harren, die
+Diether’s Heimath war. Ihm möge Gott des Lebens Glück bescheren und
+hernach die ewige Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich
+hinderlich an einer Freude sein. – Kommt er aber einst zurück nach
+Maulbronn, weil die Dörner rauher Wege, die er geführt ward, seine
+Füße zu hart verletzt haben, so schöpfe er aus diesem meinem letzten
+Gruß eine Linderung.«
+
+»Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter’m Schall der Nachtigall
+weiße Blüthen über mich schüttete, wünschtest Du mir, Diether, es
+möchte nie kein anderer Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend
+fallen, als dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch Dir
+der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt und Du über allzufrüh
+verwelkte Blumen trauerst, alsdann denke, daß nicht bloß auf jeden
+Lenz ein Herbst, sondern auch auf jeden Herbst ein Lenz folget. –
+Gott und Sein Heer lasse mich den gewinnen, der ewig blüht!«
+
+ (Allhier endet Diether’s von ihm selbst erzählte Geschichte.)
+
+
+
+
+Beschluß.
+
+
+Diether schwieg eine Weile, als er mit Erzählen zu Ende war, und auch
+die beiden jungen Gesellen, die ihm zugehört hatten, wagten nicht, das
+Wort zu nehmen.
+
+»Das ist nun die Aventiure, die Ihr zu hören begehrtet«, sagte der
+Alte dann und stund auf vom Steinsitz unter der Halle, als wollt’ er
+hineingehen der Pforte zu.
+
+Es war zum dritten Male in der Pfingstwoche, daß der Abend die Drei um
+den Steinbrunnen versammelt hatte am Kreuzgang, der im Viereck den
+Friedhof der Abtei umgibt, und für den Erzähler wie für seine
+zuhörenden Schüler blieb die abendliche Stille ungestört; denn nur
+sanft rieselte das Wasser und nur leise rauschten zuweilen die
+Blüthengebüsche über den Grüften.
+
+Heut hatten sie länger draußen verzogen denn sonst, und als Diether
+sich anschickte, zu gehen, sah er schon den Silberglanz des
+Mondenlichts auf dem Dach der Kirche flimmern und in den Garten
+herabgleiten, wo er die Wipfel eines dichtbelaubten Flieders mit
+sonderlicher Helle bestrahlte.
+
+Der Alte blieb stehen und richtete dahin seinen Blick.
+
+»Wie heint die Blüthen leuchten!« sprach er vor sich und schritt durch
+das Gras langsam der Stelle zu.
+
+Nun stund er dicht am überhangenden Gezweig, der würdige Meister, ihm
+zur Seite gesellt die Jünglinge.
+
+Da zog eine Wolke wie ein goldumsäumter Schleier über des Mondes
+leuchtend Angesicht, und ein behendes Dunkel flog von ihr her über das
+Dach der Kirche und beschattete Garten und Kreuzgang.
+
+»Sie ist sogleich vorüber!« sagte Diether und blickte hinauf.
+
+Als der Glanz wiederkehrte, sahen die Drei zu ihren Füßen einen
+Grabstein, von weißen Blüthen ganz überdeckt.
+
+Der Alte bückte sich bedächtig und strich sie leise mit der Hand zur
+Seite. Da ward, eingegraben auf dem moosigen Steine, eine Lilie
+sichtbar und eine Inschrift. Die Augen der Jünglinge hatten sie bald
+entziffert.
+
+»_Irmela virgo_«, lasen sie.
+
+Der Alte sprach’s nicht nach; doch wandte er seinen Blick nicht weg
+von den halbverwischten Zeichen.
+
+»Laßt uns gehen«, sagte er dann. »Der Thau fällt kühl und die Nacht
+ist bald herum.« –
+
+Den Grabstein aber und seine Inschrift findest Du in Maulbronn noch
+heutigen Tages. –
+
+ * * * * *
+
+Gebauer-Schwetschke’sche Buchdruckerei, Halle a. S.
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen
+in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ S. 61: Urthel –> Urtheil
+
+ S. 65: vorauf –> voraus
+
+ S. 108: den Krug, (Komma ergänzt)
+
+ S. 124: zwischem –> zwischen
+
+ S. 139: »Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit
+ den Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat ...
+ –> mit dem Kainsmal
+
+ S. 171: ihr folgten Dienerinnnen –> ihr folgten Dienerinnen
+
+ S. 193: (denn sie waren mir rucklings gebunden) –> rücklings
+
+ S. 228: verschwad –> verschwand
+
+ S. 231: Komma nach 'guter Baum' ergänzt
+
+ S. 231: Komma nach 'sommerlichen' entfernt
+
+ S. 233: wollte sein brauchen (Nach 'sein' fehlt Wort)
+
+ S. 236: Als ich diese Worte hörte, überkam ich eine Freude,
+ –> überkam mich eine Freude
+
+ S. 270: geschickt. es vermochte nicht –> geschickt. Es vermochte
+ nicht
+
+ S. 272: solvitur in cinerem.« Anführungszeichen ergänzt.
+
+Das Wort Herr wird im Originaltext einheitlich HErr geschrieben (wenn
+es sich auf Gott bezieht).
+
+Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö und Ü ersetzt.
+
+
+Formatierung:
+
+Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.
+Text in Antiqua (nicht in Fraktur)
+wurde mit Unterstrich _ gekennzeichnet: _Text_
+Gesperrt gedruckter Text wurde mit + gekennzeichnet: +Text+
+
+Überschriften sind im Original hervorgehoben. Diese Hervorhebungen
+wurden in der Transkription nicht berücksichtigt.
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA ***
+
+***** This file should be named 24390-0.txt or 24390-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/4/3/9/24390/
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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--- /dev/null
+++ b/24390-8.txt
@@ -0,0 +1,8350 @@
+The Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Irmela
+ Eine Geschichte aus alter Zeit
+
+Author: Heinrich Steinhausen
+
+Release Date: January 21, 2008 [EBook #24390]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA ***
+
+
+
+
+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ IRMELA
+
+
+
+
+ Eine Geschichte aus alter Zeit
+
+
+ von
+
+
+ Heinrich Steinhausen.
+
+ -- -- --
+
+ Achtzehnte Auflage.
+
+ -- -- --
+
+ Titelbild von W. Steinhausen.
+
+ -- -- --
+
+
+
+ Leipzig 1899.
+
+ Verlag von E. Ungleich.
+
+
+
+
+
+Eingang.
+
+
+Die heitre Sonne des Pfingstsonntages im Jahre des HErrn 13.. sank
+hinter die rebenbepflanzten Berge, welche von Westen her das liebliche
+Thal einschließen, in dem die stattlichen Gebäude der wohlbekannten
+Cisterzienser-Abtei Maulbronn sich erheben. Eben war der
+Vespergottesdienst mit dem Magnificat beschlossen, das heute nicht nur
+von den Brüdern im Chor, sondern auch von dem zahlreich versammelten
+Volke im vorderen Theile der Kirche gesungen worden war. Nur Bruder
+Diether ließ das Örglein noch nicht schweigen, vor dem er saß, und
+drückte die breiten Tasten durch kräftige Schläge nieder, daß sich
+langhallende Töne hören ließen, während das Gotteshaus sich leerte.
+
+»Wie, schon All' hinaus?« sagte er, als er, nach kurzer Weile sich
+umwendend, den ganzen Raum unten verlassen fand. »Sie haben halt Eil'
+heut,« setzte er hinzu, »das Volk will des milden Maien genießen unter
+der Linde, und die Confratres sind dem Refectorio am Pfingstabend auch
+nicht feind. So wollen wir denn des Tönens genug sein lassen, uns mit
+dem Paternoster segnen und von hinnen gehn!«
+
+Während er bedächtig die Treppe herniederstieg, welche vom Orgelchor
+in's Schiff führte, schritten die Mönche bereits nach Gefallen einzeln
+oder zu mehreren gesellt dem Klostergarten zu oder wohin sonst einem
+Jeden sein Sinn stand; denn nach Gewohnheit ward St. Bernhards Regel
+heut nicht eben ängstlich befolgt und Abt Rothad war zu keiner Zeit
+der Mann, von dem ein straffes Anziehen derselben zu besorgen war. So
+war es denn auch bald im Kreuzgang einsam, der sich an die Kirche
+gegen Mitternacht anschließt und im Viereck einen Friedhof umgibt, der
+doch schon damals mehr einem mit Bäumen und Gesträuch wohlbepflanzten
+Gärtlein glich.
+
+Als Diether aus der nördlichen niederen Kirchenpforte in die
+kunstreich gewölbten Gänge trat, däuchte ihn die abendliche Stille,
+die ihn so mailich und freundlich anwehte, keineswegs unwillkommen,
+sondern wie er langsam daherschritt und immer wieder zwischen den
+Pfeilern still stehend zum blauklaren Himmel emporblickte und vor sich
+auf die Pracht der Blüthen im frischen Grün, da war's, als leuchtete
+die Lenzwonne auch aus seinen dunklen Augen, so froh schauten sie
+darein, und als fühlte seine Brust mit der Jugend des Jahres auch die
+Jugend des Herzens wieder, so freudig und kräftig hob sie sich. Dicht
+neben ihm aus dem Gebüsch erscholl die Stimme einer Nachtigall. Er
+blieb stehen und lauschte. Ihm schien's, als wäre das die Seele dieses
+Maiabends, die wollte all' ihre reine und himmlische Freude ihm mit zu
+empfinden geben. Sie schwieg. Aber als nach kurzer Weile ihre Töne
+wieder erklangen, lang gezogen und klagend, da tauchten sie auch seine
+Seele in sanfte Schwermuth und seine Gedanken wurden wie mit
+freundlichem Zwange rückwärts gezogen; und wie um ihn her die
+Dämmerung ihre ersten Schatten breitete, versank auch vor seinem
+inneren Auge die Gegenwart allgemach und Blüthenduft und Abendstille
+trieben ihn der Erinnerung längst vergangener Tage zu. So stößt ein
+Kahn sanft vom beschatteten Ufer ab und gleitet auf kaum bewegter
+Fluth dem Eilande zu, das dem Schiffer sonnig entgegenwinkt! --
+
+Leise hatte er sich niedergelassen auf die steinerne Brüstung. Ein
+Hauch der Abendluft rauschte durch den Garten und wehte wie kleine
+Sterne weiße Blüthen des Flieders ihm auf Haupt und Gewand. Er blickte
+auf, als wollt' er Jemand suchen, und »Irmela« klang es wie im Traume
+von seinen Lippen. Der Name hallte wieder von den Pfeilern drüben. Er
+horchte auf wie freudig erschrocken; aber gleich darauf, sich
+besinnend, sah er lächelnd auf seinen Blüthenschmuck und verharrte
+schweigend, in sich versunken. --
+
+Da weckten ihn geräuschvolle Schritte; sie kamen von der vorderen
+Thür, die in die westliche Seite des Kreuzganges führt. Er wandte sich
+um und sah zwei junge Gesellen munter herbeieilen. Sie grüßten ihn
+fröhlich und auch er hieß sie von Herzensgrund willkommen; war er doch
+den Beiden von ganzer Seele zugethan, wie das Alter an der
+wohlgezogenen Jugend seine Lust hat und wie der Lehrer seine Schüler
+liebt, an denen seine Arbeit nicht umsonst ist. »Vater, Meister!« rief
+der Eine, »Zürnet uns nicht, daß wir heute so spät erst nach Euch
+Nachfrage thun. Mußten wir doch gewärtig sein, hätten es auch wohl
+verdienet, Euer heut gar nicht mehr ansichtig zu werden. Aber der
+wonnigliche Lenztag lockte uns in's Freie und so streiften wir durch
+Wald und Feld, bis der Abend hereinbrach.«
+
+»Wollten doch auch des Fiedlers Heiner neue Weisen mit anhören, der
+sich in Hohenklingen auf dem Wiesenplan vernehmen ließ, fiel der
+Andere ein, »aber als er zum Tanz aufspielte den Dörflern, da war es
+hier Rupert nicht, der nicht mit mir von dannen wollte und wieder
+Rupert nicht, der hernach mit des Klosterbauern flachszöpfiger Jutta
+daherschwenkte.«
+
+»Scherze nur!« unterbrach ihn der Gemeinte. »Es brauchte wenig
+Überredungskunst, um Dir das Verweilen lieb zu machen. O, Meister!
+haltet solches Geschwätz unserer Thorheit zu gut. Wir hätten zeitiger
+bei Euch einsprechen sollen. Ihr waret einsam!«
+
+»Daß Ihr junges Volk Euch doch so gern für unentbehrlich haltet uns
+Alten!« versetzte Diether mit freundlichem Ernst. »Wüßtet Ihr, welch'
+treffliche Gesellschaft ich gehabt habe, da Ihr kamt, so hättet Ihr
+sicher mich darum geneidet.«
+
+»Wer war denn bei Euch?« fragten die Beiden. »Wir sahen Niemanden!«
+
+»Eine Fraue und gar holde«.
+
+»Wie heißt sie?«
+
+»Erinnerung! -- Sie hat mich sanft bei der Hand genommen und gern bin
+ich ihr gefolgt.«
+
+»So weiß ich auch, Vater«, sprach Waltram, Ruperts Geselle, »was Euch
+so bewegt, daß Stimme, Auge und Gebärde davon zeugen. Das kommt von
+den Gedanken, die inwendig in Euch Erinnerung lebendig gemacht hat.
+Möcht' es Euch doch gefallen, auch uns davon zu erzählen. Der Abend
+ist warm und still der Ort.«
+
+»Wohl, ich will's thun!« erwiederte Diether willfahrend. »Und wie Ihr
+just mich also angetroffen habt, so soll zu Euch mein Mund sich
+aufthun von dem, was Erinnerung mir gewiesen und wovon ich bis diesen
+Tag geschwiegen. Kommt! und laßt uns niedersitzen, wo dort die Halle
+sich um den Steinbrunnen wölbt. -- Aber ob ich's wohl werde so
+kurzweilig machen, wie Heiner seine Aventiuren?« fragte er scherzend
+zu Rupert gewandt, als sie sich setzten.
+
+»Ist's eine Aventiure?«
+
+»So mögt Ihr sie wohl heißen!«
+
+»Dann gebt ihr einen Namen!«
+
+»Irmela!« sagte Diether nach kurzem Bedenken, »das soll ihr Name
+sein.«
+
+
+
+
+
+Diethers Geschichte,
+
+von ihm selbst erzählt.
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+Meister Ulrich.
+
+
+Das war vor Zeiten, da noch Abt Albrecht den Abtstab führte, ein viel
+ander Wesen allhier im Kloster, als heutzutage. Er war ein gar
+gestrenger Herr und manchem Novizen vergieng das Verlangen nach St.
+Bernhards weißer Kutte, weil ihm des Heiligen Regel ein allzuschweres
+Joch für die Schultern däuchte, und manch' Anderen, der gern geblieben
+wäre, trieb der Abt selber hinweg. »Denn«, so pflegt' er zu sagen:
+»Unmüßigkeit muß auch in der Muße suchen, wer in's Kloster taugen
+will.« Und so mußt' es denn zu seinen Zeiten hergehen, wie im
+Bienenkorb, wo Jedes emsig am Werke schafft, das ihm angewiesen ist,
+von früh bis spät, nur daß unseres Volkes Meister seine Bienen gar
+selten ausfliegen ließ und wenig darnach fragte, ob sie fröhlich
+summten bei der Arbeit oder nicht. Für Jeden fand er was zu thun und
+wußt' ihn an seinen Ort zu stellen, und dem Zaudern oder Widersprechen
+war Niemand feinder als er. Und weil er allezeit etwas betrieb, was
+ihm selbst am Herzen lag, so gab's auch immer Arbeit genug für Alle.
+
+Dazumal ward des Klosters Gebäu mit Kirche und allem so stattlich
+hergestellt, wie man sich heut dessen erfreut. Aber ohne viel Seufzen
+gieng's bei Denen nicht ab, die sich des Bauwesens anzunehmen hatten.
+Und der Abt nahm Keinen aus, so oder so mußte Jeglicher mitschaffen.
+_Impendere curam, impendere substantiam, impendere et se ipsum._
+Diesen Spruch unseres Ordensheiligen legte er oft seinen Mönchen vor,
+wenn er sie im Capitelsaal um sich versammelt hatte, und sorgte
+weislich dafür, daß sie durch Übung solches Spruches Verstand um so
+besser inne würden.
+
+Wie er dann die Trägen, Lässigen und die seinem scharfen Regiment
+abhold waren, bald herausgefunden hatte, so verhehlten auch diese
+unter einander ihren Groll nicht und hießen ihn, wenn sie von ihm
+sprachen, nur immer: Monoceros. Ich fragte, was solches Namens Meinung
+wäre. Da erfuhr ich: Monoceros sei ein bös Thier, gar ungeschlacht,
+habe ob dem Haupte ein großes Horn, gewaltiglich damit um sich zu
+stoßen. Ob dieser Auskunft entsetzt' ich mich schier und sah Abt
+Albrecht darauf hin recht bedenklich und bänglich an. Doch konnt' ich
+mich von ihm keines Bösen gewärtigen. Denn, wiewohl ich zu der Zeit
+noch gar jung war, dazu ungeschickt und muthwillig nach Knabenart, so
+war doch der gefürchtete Abt voll Gütigkeit gegen mich, und sein
+Angesicht, wenn's noch so strenge sah, schaute sogleich freundlich
+drein, wenn ich daher kam, mich ehrbarlich neigte und ihn grüßte:
+_Salve, domine!_ Ja, er trug eine sonderliche Lieb zu mir und die that
+mir gar wohl; denn ich war da fast ein schmächtig und schwächlich
+Bürschlein, stak noch halb in den Kinderschuhen, und des Lernens, dazu
+Bruder Berthold mich anhielt, den der Abt mir zum Magister bestellt
+hatte, däuchte mich oft zu viel. Schon bei den ersten Schritten auf
+der Bahn des Triviums vermeint' ich, es gienge nimmer weiter mit mir
+und ich könnte über all' die Blöcke und Steine, so die Grammatik mir
+in den Weg warf, gar nimmer hinwegklimmen. Dennoch verfuhr der Abt
+nach Lindigkeit mit mir, auch wenn Magister Berthold über seinen
+uneifrigen Scholaren sich hart beklagte; ja, der sonst Monoceros war,
+begütigte den unzufriedenen Lehrer von meinetwegen.
+
+»Geduldet Euch nur, Berthold«, sagt' er wohl, »und zwinget Dietherum
+nicht allzu hart! Aus dem Schwarzaug schaut kein blöder Geist; er wird
+wohl noch durch gelehrte Kunst unsers Klosters Zierde, wenn ihm erst
+die Flügel gewachsen sind. Noch ist er ja gar zart und muß sich erst
+festigen.«
+
+Wie nun aber etliche Jahre herumgegangen waren, da hatte das
+Dietherlein sich wohl gefestigt und war kräftig in die Höh' gewachsen,
+aber von den Flügeln, die sein Geist ansetzen sollte, sich in die
+gelehrte Kunst zu schwingen, war leider noch gar wenig zu spüren.
+Dennoch blieb mir unser gestrenger Abt noch immer zugethan. Und das
+gieng so zu.
+
+Er hatte eine sonderliche Lust an allerlei Werk und Kunst, und wie er
+vormals in Welschland gewesen war und sein Auge wohl gewöhnt war zu
+erkennen, was Tugend hatte und Wissenschaft, so trachtete er auch
+eifrig danach, sein Kloster zu schmücken. Nun hatte er damals Meister
+Ulrich von Prag herbeigerufen, der war in der Malkunst trefflich
+geschickt. Welche Freude hat an ihm der Abt gehabt; wie hat er ihn
+aber auch angespannt und angetrieben, zu schildern und zu schaffen in
+der Kirch' und im Capitelsaal und an andern Orten, wie Ihr das Alles
+nun fertig sehet. Ihm wär' es schier am liebsten gewesen, Meister
+Ulrich wäre gar nimmer von seinem Gerüste herabgekommen oder hätte
+zehn Hände gehabt, und in jeder einen Pinsel.
+
+Was aber Meister Ulrich mit meinem ausbleibenden gelehrten Eifer zu
+thun hatte, das war dieses. Seitdem er bei uns schuf und bildete,
+trachtete ich nur danach, um ihn zu sein und ihm zuzuschauen, wenn er
+am Werk war. Da verbracht' ich denn, wo er an Wand und Decke zu malen
+hatte und drüben im Abthaus, wo ihm ein helles Stüblein zur Werkstatt
+hergerichtet war, am liebsten meine Zeit. Mit Bewunderung sah ich ihm
+zu, wie unter seiner kunstreichen Hand Christus und Unsre Frau und
+Engel und Heilige, ja Gott Vater selbst sichtbar wurden, wo zuvor eine
+weiße Wand oder ein leeres Blatt gewesen war. Ich hatte immer meine
+Augen an Gestalt und Farbe geweidet und Blumen und Blättlein, auch den
+Wiesengrund, Baum und Berg fleißig betrachtet, nicht minder den Zug
+der Wolken, den Glanz des Himmels. Nun dacht' ich oft: könntest du
+doch auch so nachbilden, was ringsum ist; und oft betete ich zu St.
+Niclas, meinem Schutzheiligen, er möchte für mich auch solche Kunst
+erbitten, wie Meister Ulrich sie verstund. Der hatte mir auch bald
+abgemerkt, wonach mich's verlangte, und so sagt' er einst: »Diether,
+hast Du wohl auch Lust zu solcher Kunst, sie zu erlernen?«
+
+»Gar gerne, Meister!« antwortete ich. »Wenn Ihr mich unterweisen
+wolltet, und durch St. Niclasens Hilfe!«
+
+Da sagt' er: »St. Niclas nicht, sondern St. Lucas Evangelista ist
+dieser Kunst Patron. Der mag Dir wohl günstig werden, wenn Du fromm
+bist. Aber unterweisen will ich Dich gern nach allem Vermögen.«
+
+Und von Stund an durft' ich dann bei ihm nicht mehr müßig sein,
+sondern mit Stift und Kohle wies er mich an gar sorgfältig. Das
+geschah heimlich, wenn Niemand bei uns war, weil wir fürchteten, der
+Abt möcht's nicht gerne wollen leiden.
+
+Aber je heimlicher, je lieber!
+
+Manche Stunde, die ich sonst draußen vertummelt hatte, die versaß ich
+jetzt bei Meister Ulrich, auch manche, die mich hätte über den Büchern
+Magister Berthold's finden sollen. Der fand denn um so häufiger
+Ursach', mich zu tadeln.
+
+»Du hast einen raschen Kopf«, sagt' er zu mir, »dringest geschwind ein
+in den Verstand der Sachen; aber Du bleibst nicht im rechten Geleis,
+bist nicht bedachtsam und ich bring' Dich nimmer durch's Quadrivium.
+Diether, Du setzest nicht Deinen ganzen Eifer in die hohe
+Wissenschaft! Ich glaube, Pragensis mit seinen Schildereien hat Dir's
+angethan.« Ich schwieg und trieb mein' Sach' nur um so mehr verhohlen;
+aber sie blieb's nicht lange so.
+
+Denn einmal, als Ulrich dort in der Geißelkammer die Geschichte vom
+reichen Mann malte, wie er in der Flamme Pein leidet, und Lazarum
+droben in Abraham's Schooß, da war ich auch bei ihm, und weil's just
+die Zeit am Tage war, in der nach der Cisterzienserregel die Brüder in
+ihren Zellen der Betrachtung obliegen, so waren wir im Geringsten
+nicht einer Störung gewärtig. Meister Ulrich hatte mich heißen einen
+leinenen Kittel überthun, wie er selbst trug, wenn er mit Farben
+umgieng; und da ich so in dieser Tracht vor ihm stund, hat er lachend
+zu mir gesagt: »Nun trägst Du den Rock wie Unsereiner und ich hab'
+Dich für unsern Heerbann angeworben; aber dem Kriegsmann frommt die
+Rüstung allein nicht, er muß auch bewehrt sein. So geb' ich denn Dir
+auch unsrer Mannen Speer und Spieß und verhoffe, Deine Hand wird
+solchen allezeit mit Weisheit und Verstand Gott und Seinen Heiligen
+zum Ruhme, unserer Zunft zu Ehren, den Guten zur Herzfreude führen.«
+
+Damit fuhr er mir dreimal mit einem gar langen Pinsel über Rücken und
+Haupt und händigte mir dann solches Gewaffen aus. Darauf sollt' ich,
+wie er sagte, sogleich mit ihm die erste Ausfahrt thun, d. i., ich
+mußte zu ihm auf sein Gerüst hinauf, allda ihm am Bilde zu helfen.
+Aber weil er just dabei war, der Hölle Flammen herzustellen, darin die
+armen Seelen brennen, so hieß er mich rechts hintreten, wo höher oben
+die Seligen schweben.
+
+»Es möcht'«, sagt' er dabei, »eine böse Vorbedeutung geben, wenn Du
+mit der preislichen Kunst an so unseligem Ort anhübest. An die
+schimmernden Wölklein droben sollst Du Dich machen, aus denen die
+Engel herfürlugen.«
+
+Mir klopfte schier das Herz vor Freuden, als dräng' ich selber in den
+wahrhaftigen Himmel, wie ich die Leiter noch höher hinanstieg, um nach
+seiner Anweisung am gemalten mitzuhelfen. Ich war bald mit großem
+Eifer in mein Thun vertieft, als plötzlich die Thür in den Angeln
+knarrte und laute Schritte die steinernen Stufen herniederkamen. Ich
+erschrak; denn zwischen den Brettern hindurch, auf denen meine Leiter
+stund, sah ich Abt Albrecht's hohe Gestalt und Magister Berthold
+hinter ihm.
+
+»Gebt Acht«, hört' ich diesen sagen, »hier ist er und sonst nirgends.«
+
+»Wartet nur«, rief der Abt zorneifrig, »wartet nur; ich will ihn wohl
+zu Euern Büchern treiben; will er denn keine Gelahrtheit lernen, so
+soll er doch lernen fleißig sein! He Diether, bist hier? Albertus
+Abbas hat mit Dir zu sprechen?«
+
+Was half's! Ich konnt' ihm doch nicht entgehen. Zudem, wenn er so
+scharf sprach, war es gefährlich, ihm ungefügig zu sein. So rief ich
+denn: »Ja, Ew. Gnaden!« aus meinem Himmel, aber meine Stimme klang gar
+nicht wie eines Seligen.
+
+»Um aller Heiligen willen!« sprach der Abt. »Was schafft der da
+droben. Sogleich komm hernieder und hurtig!«
+
+Aber ich konnt' nicht behender; denn mir wankten die Kniee, als ich
+auf den Sprossen der Leiter ihm näher kam. So trat ich denn vor ihn im
+leinenen Überkleid mit vielerlei bunten Farben geziert wie eines
+Stieglitzen, den Pinsel hinter mich haltend, und, wie ich meine, mit
+gar erbärmlicher Miene.
+
+»O der Possen«, begann er zu schelten, »in meinem Kloster; o des
+Müßigganges, der solche verschuldet! _Otiositas mater nugarum, noverca
+virtutum!_ Mißrathener Diether, jetzt sollst Du unsre Strenge fühlen,
+denn unsre Güte hast Du mit solcher Verkehrtheit gelohnt! Du
+versäumest das Deine und bist eine Störung und Hinderung für Meister
+Ulrich obendrein. Fortan wirst Du besser in Zucht genommen werden und
+Meister Ulrich wird Dein ledig sein.«
+
+Wie ich das vernahm, da entfiel mir mein Herz; ich konnte nichts
+erwiedern; mir war's, als würd' ich aus dem Paradies verwiesen. Da
+aber ist Ulrich, mein lieber Meister, mein Engel worden, nicht der mit
+dem hauenden Schwerte, den Eingang zu wehren, sondern wie einer, der
+die Flügel um uns breitet, zu schirmen und zu erretten. Denn er trat
+herfür, wagt' es und sprach:
+
+»Wollet verzeihen, Ew. Gnaden, aber der Diether hier ist mir nie keine
+Hinderung oder Störung gewesen noch hat er hier Müßiggangs gepflogen
+oder Possenspiels. In dem Anzug, der Euch so befremdet, steht er wohl
+mit Fug hier; denn wer beim Malen ist, sollte dem solch Kleid nicht
+ziemen? Läßt es gleich bunt und scheckig, so bezeugt's damit die
+Arbeit, so drin gethan wird. Und glaubt mir, Euch und dem Kloster
+macht die Kunst keine Schand', die in Diether ist. -- Seht hier!«
+
+Damit zeigte er dem Abt etliche Zeichnungen von mir, die bei der Hand
+waren. Der nahm sie mit großem Erstaunen und seine Augen glänzten, wie
+er die Blätter prüfte.
+
+»Das hat Diether gemacht; das hat Diether gemacht?« fragt' er immer
+wieder.
+
+»Ja!« sagte Ulrich, »all' das hat Diether gemacht und, ich sag' Euch,
+er wird noch ganz Anderes machen Euch zum Erstaunen, wenn Ihr ihn bei
+mir laßt, daß er mein Schüler sei, so lang ich hier bin.«
+
+»So nehmt ihn, nehmt ihn immer, lieber Meister!« rief der Abt ganz
+freudig. »Sünde war's, solche Gottesgabe zu unterdrücken. Diether, nun
+magst Du doch noch unseres Klosters Zierde werden; halt Dich recht und
+nimm Deines Meisters Lehren Dich an! Wie es forthin mit Deinen
+gelehrten Studien zu halten sein wird, das wollen wir mit Magister
+Berthold des Weiteren besprechen; aber nun mach' Dich wieder an Deine
+Arbeit! -- Ei, Meister, Ihr habt wacker geschafft die letzten Tage.
+Und wie das leuchtet und lebt!« fuhr er fort, während er wieder
+hinaufstieg.
+
+Darauf giengen sie hinweg und wie sie an der Treppe waren, hört' ich
+den Abt noch sagen: »Bruder Berthold, nun wachsen ihm doch noch die
+Flügel, aber andere, als wir dachten. Wir können's nicht wehren,
+wollen's auch nicht. Wenn Meister Ulrich Recht hätte! Eine Zierde des
+Klosters! Ich hofft' es immer!«
+
+Als sie hinaus waren, da sagte mein Meister: »So bist Du denn,
+Diether, des Malerordens heut wirklich ein Jünger worden. Gott gnade
+Dir dazu und alle Heiligen. Und zum guten Anfang wollen wir heut Abend
+beim Klostermeier nach Gebühr in Elsinger einen Trunk thun!«
+
+Aber Magister Berthold bracht' es auf, daß sie mich von diesem Tage
+her scherzweise nur nannten: _Pencillatus_, d. i. Pinselheld.
+
+So war ich nun Ulrich's Schüler und blieb es, so lang er bei uns war.
+Das dauerte noch ganze zwei Jahre. Da zog er von dannen nach Speyer,
+wohin Bischof Gebhard ihn gerufen, allda im Dom zu malen. Sein
+Abschied geschah von uns mit großen Ehren und der Abt, der sehr wohl
+mit all' seinen Werken zufrieden war, lohnte ihm reichlich. Mir aber
+gieng am meisten sein Scheiden nah, und als ich ihn bis zur
+Klostermühle am Teich drüben geleitet hatte, mochte ich noch nicht
+umkehren. Er aber sprach:
+
+»Diether, laß genug hier sein! Gott stärk' Dich in all' Deiner Kunst,
+wie Du meine Freude gewesen bist diese ganze Zeit.«
+
+»Gott laß' Euch immer fröhlich leben!« sagt' ich.
+
+Drauf gaben wir uns die Hände, rissen uns von einander und Keiner sah
+hinter sich.
+
+
+
+
+Zweites Capitel.
+
+Ausfahrt.
+
+
+Seitdem mein Meister von uns geschieden war, mochte ein Jahr vergangen
+sein. Die Zeit kam heran, da ich sollte das Gelübd' ablegen für unsern
+Convent. Mich bewegte das nicht sonderlich, denn ich wußt's nicht
+anders von Kindesbeinen an, als daß ich ein Mönch von St. Bernards
+Orden werden sollte. Mir war's weder lieb noch leid, wenigstens
+glaubt' ich's so. Inzwischen hatte ich meine Kunst fleißig geübt und
+mit dem Vermögen dazu war die Lust daran größer geworden. Damit mein'
+ich gar nicht, daß ich immer fröhlich gewesen wäre und guter Dinge von
+ihretwegen, sondern oft machte sie mir einen sorgenhaften Sinn, als
+wär' ich ihrer nicht werth und wäre Gott nicht dankbar genug für ihre
+Gunst, die er mir zugewandt. Dazu machte sie mir die Einsamkeit lieb,
+denn ich hatte keinen Genossen bei meiner Arbeit, und so sucht' ich
+denn oft allein zu sein, auch wann ich Gesellschaft hätte haben
+können. Denn da konnt' ich am besten den Gedanken nachhängen, die mit
+leuchtenden und glänzenden Farben und himmlischen heiligen Gestalten
+in meiner Seele aufstiegen, daß ich mich von Herzen daran erlabte und
+ergetzte. So war ich denn um die Zeit des Lebens, wo die Kraft und
+Lust der Jugend besonders laut zu werden pflegt, vielmehr stiller und
+in mich gekehrter worden, denn zuvor. Sie merkten das im Kloster und
+sagten: das wäre die Melancholia. Ich lachte ganz fröhlich dazu, denn
+ich wußt' es besser.
+
+Die heiligen Ostertage waren vorüber. Mit ihnen war der erste Frühling
+in's Land gekommen. Der letzte Schnee war zergangen, und in den hellen
+Strahlen der Sonne lächelte die Erde, wie ein erwachendes Kind die
+Mutter anlacht, das sich die Wangen roth geschlafen hat. Von den
+Äckern wehte der frische Erdgeruch, die Wiesen überzogen sich mit
+jungem Grün und aus den Nußbäumen drüben pfiffen Abends und Morgens
+mit lustigem Gelärme die heimgekehrten Staaren. Mit einem Wort: Es war
+just so, wie es alle Jahr' ist, seit der Herr zu Noah gesprochen: es
+soll nicht aufhören Sommer und Winter, und hat einen Bund darüber
+gemacht. Aber mir sind jene ersten Frühlingstage aus sonderlicher
+Ursach in Erinnerung geblieben.
+
+Denn an einem solchen Tage war ich mit Lust seit langer Zeit zum
+ersten Male durch Feld und Wald gestreift und kam heim mit frischem
+Muth, als wäre meine Brust weiter worden von der Frühlingsluft, die
+sie geschöpft, und schlüge mein Herz höher darin. Und doch wollt's mir
+mit dem Malen nicht vorwärts rücken, als ich mich an das Bild machte,
+das ich vor hatte. Das war im Brüderchor rechts über den Gefühlen, wo
+mir der Abt eine gar große Arbeit zugewiesen. Ich sollt' ihm da
+schildern an der Wand den engelischen Gruß, die Anbetung der heiligen
+drei Könige und die Darstellung im Tempel, wie es jetzt Alles zu sehen
+ist. Dazumal war ich mit der Verkündigung, die Unserer lieben Frau
+geschieht, kaum über den Anfang hinaus, und weil ich die heilige
+Jungfrau recht in die Maienwonne hineinsetzen wollte, so hatt' ich
+mich, wenn in den kurzen Wintertagen des Bildes Entwurf mir gar nicht
+zu Gefallen gerieth, immer auf den Lenz vertröstet, der sollte Leben
+schaffen draußen in der Welt und hier auf dem Bilde. Nun hatt' ich ja
+seinen Gruß empfangen und griff meine Arbeit mit allem Eifer an. Aber
+meine Gedanken hafteten nicht daran.
+
+»Es hat keinen Segen heut«, sprach ich da zu mir selbst, legte den
+Pinsel weg und setzte mich vor den Lettner in's Gestühl.
+
+Ich war wohl müde vom ungewohnten Gange, den ich im Freien gethan, und
+so schlief ich ein. Da träumte mir, ich wandelte durch ein lieblich
+Wiesenthal, allwo die Blumen im Morgenthau glänzten, und die Bäume
+rauschten über dem Bach, der hart am Wege dahinfloß. Wie ich voll
+Freude fürder schritt, sah ich vor mir einen seltsamen Wandersmann des
+Weges ziehen. Sein Kleid war schneeweiß, seine Gestalt hoch, und wie
+golden wehte sein Gelock im Morgenwinde. Ich eilte ihm nach und bot
+ihm höfischen Gruß. Jung und holdselig war das Angesicht, das er mir
+zuwandte. Er dankte mir meinen Gruß gar freundlich, doch wagt' ich
+nicht, weiter ihn anzureden, so hochgemuth und feierlich war seine
+Miene. Er aber erkannte mein Begehren und sagte: »Ich kenne Dich wohl,
+Diether, aber Dein Weggeselle kann ich nicht sein; denn ich muß meines
+Herrn Gebot eilend thun.«
+
+Da sagt' ich: »Das muß ein reicher und milder Herr sein, der solche
+Boten sendet; und selig mag wohl sein, wem von Euch Botschaft wird.«
+
+»Du findest mich auch wohl wieder«, versetzte er, »wenn Du hier auf
+diesem Wege beharrst; denn das ist die Straße, die ich ziehe in
+Maientagen.«
+
+Darauf verschwand er vor meinen Augen, als flög' er hinweg, und ich
+betete an zur Erde; denn ich merkte, daß es ein Engel gewesen war, der
+Gott an einem seiner Heiligen dienen wollte. Ich beschloß, da zu
+harren, bis er wiederkehrte, um ihn dann zu bitten, daß er mich segnen
+möchte. So setzt' ich mich nieder an des Baches Rand. Aber der fieng
+an zu brausen und zu wallen von den Bergen her und stieg und trieb
+mich hinweg. Er ward zum reißenden Strome, drin alle Blumen ertranken,
+und sein Gischt verhüllte die Sonne. Ich schrie: »Wehe!« und entlief,
+denn wie verderbliche Lindwürmer drangen die Wellen hinter mir her.
+
+Die Angst weckte mich auf. Ich war nicht mehr allein. Der Abt stund
+vor mir. Ich wollt' eilig aufstehen vor ihm. Aber er hieß mich sitzen
+bleiben, ließ sich neben mich in den nächsten Chorstuhl und redete
+mich ganz freundlich an:
+
+»Diether«, sprach er, »ich sehe, Dir will's nicht mehr von der Hand
+gehen mit Deiner Kunst, wie bisher. Ich glaub' wohl, daß nicht
+Trägheit daran Schuld ist. Denn Fleiß allein thut's nicht bei so edlem
+Werk. Der Wille ist da, aber Seele und Sinn wollen nicht mit der alten
+Lust dahin, und wo die nicht gefüge sind, müssen wohl auch die Hände
+feiern. Denn gezwungen gedeiht solche Gotteswirkung nicht. Nun hör'
+ich, merk' es auch selbst zum Theil, daß Deine vorige Munterkeit
+verschwunden und Du der Einsamkeit und des Sinnirens ein Liebhaber
+worden bist. Wohl ziemt sich Dir ein ernster Sinn, und heilige
+Betrachtung schickt sich für Dich, da Du bald dem Convent Dich für
+immer geloben sollst. Aber weil ein Jeglicher dem Orden und der Kirche
+mit der Gabe dienen muß, die er von Gott empfangen hat, so müssen wir
+bedacht sein, Dich in Deiner Kunst zu fördern.«
+
+»Wohlan, Diether«, fuhr er fort, »fast ist mir's lieb, daß Du mit
+Deinem Bilde da nicht weiter gekommen bist, wie ich sehe. Denn heut'
+hab' ich Nachricht empfangen aus Speyer, daß dahin zum Bischof ein
+sonderlich köstliches Bild aus Welschland gebracht worden ist, darauf
+die gebenedeite Gottesmutter so preislich und herrlich gemalt ist, wie
+man ihres Gleichen noch nicht gesehen hat in deutschen Landen. Das
+wäre nun ein löblich und rühmlich Ding und eine rechte Freude für
+mich, wenn wir davon ein Conterfei hätten hier bei uns. Darum hab' ich
+gleich an Dich gedacht, daß Du gen Speyer ziehest mit Briefen von mir,
+dort vom Bild eine Copey nehmest und dieselbe Gestalt der heiligen
+Jungfrau gebest hier auf Deinem Bilde. Da wirst Du zugleich Dein Auge
+an vielen andern Werken Deiner Kunst weiden können, und ich bin gewiß,
+Du kommst mit erneuerter Lust und erhöhter Kraft zurück. Daß ich Dich
+aber in die Welt allein hinauslasse, die Du bisher noch weiter nicht
+gesehen als eine Meile um's Kloster, das zeigt Dir, ein wie groß
+Vertrauen ich zu Dir trage, daß Du beständig im Herzen haben wirst,
+wie Du zu Gottes und Deines Klosters Ehre diese Fahrt thust. Und
+weil's Dir«, setzte er lächelnd hinzu, »mit Stift und Pinsel nicht
+mehr recht vorwärts will diese letzte Zeit, so mögen Wald und Feld und
+Wiese und Flur Dir vielleicht nützer sein, Dich zu unterweisen, wenn
+Du ziehest, wie auch St. Bernard gesagt hat: die Bücher, aus denen er
+das Beste gelernet, seien die Bäume des Waldes.«
+
+Während er so sprach, wußt' ich selbst nicht, was ich denken sollte.
+Der Traum, den ich geträumt, stund vor meiner Seele lieblich und
+zugleich schrecklich, als lockt' er und drohte auch zugleich. Aus dem
+Kloster in die Welt hinaus hatte ich nie ein Verlangen gehabt, auch
+die letzte Zeit keine Wanderlust, wie der Abt zu denken schien. Mich
+wirrte die unerwartete Aussicht. Fast hätt' ich den Abt gebeten, mich
+daheim zu lassen. Aber ich schämte mich dessen, weil es feigen und
+stumpfen Sinn verrathen hätte. Und so sagt' ich bloß, als er geendet:
+
+»Hochwürdiger Vater, ich will Euch gern gehorsamen in allen Stücken.«
+
+»Ei, Diether«, rief er und klopfte mich auf die Schulter, »das ist für
+Deinen Gehorsam wohl kein zu schweres Stück, das ich Dir auflege. Ich
+wüßte Manchen im Convent, der thät es übergerne an Deiner Statt.« --
+
+Darauf gebot er mir, mich zu rüsten und nach der Vesper zu ihm zu
+kommen. Da wollt' er mir Briefe und Vollmacht geben und weitere
+Anweisung. »Denn morgen in der Frühe«, sagt' er, »sollst Du von
+dannen, und um die Pfingstzeit bist Du wieder da durch Gottes unsers
+Heilands Gnade.«
+
+Darauf reicht' er mir die Hand und gieng.
+
+So schritt ich denn am anderen Morgen ganz früh wegfertig über den
+Klosterhof, nachdem ich Abends zuvor von Allen Abschied genommen
+hatte. Aber Mancher kam mir nach, mir zur Letze nochmal die Hand zu
+drücken. Am Bronnen blieb ich stehen und sagte: »Laßt mich hier noch
+einmal aus diesem guten Quell, dessen Rauschen und Plätschern ich so
+oft mit Freuden betrachtet, mit meinem Reisebecher schöpfen, und wer
+mit mir wünscht, daß ich ihn fröhlich wieder mit Euch trinke, wenn ich
+heim bin, der thue mir Bescheid!«
+
+Da trat Rigbold heran, der Bruder Kellermeister, und sagte: »Das ist
+nicht Brauch, Diether, mit Wasser sich zuzutrinken. Hier hab' ich
+Besseres, Dein Glas zu füllen, Liebfrauenmilch, geschöpft zu Worms am
+Rheine. Du sollst den Wein haben zur Labe auf Deiner Fahrt.« Da
+schenkt' ich ein, weil sie so wollten, und auch sie thaten einen Zug
+und »Gott gesegn'es!« wünschten wir einander dabei. Darnach that mir
+der Pförtner auf; ich gieng über die Brücke am Thor und war im Freien.
+
+Rüstig stieg ich den Weg hinan, der gen Mitternacht aufwärts führt. Es
+war noch dunkel und dämmerte kaum. Als ich oben auf der Höh' war,
+hatt' es sich genug erhellt, daß ich rings umschauen konnte. Ich
+wandte mich und sah das Kloster liegen im Thal, wie ich es zu tausend
+Malen von hier aus betrachtet hatte. Nun lag doch die weite Welt vor
+mir, und dennoch war mir's weh um's Herz, als ob's mich zurück sehnte.
+Die ersten Strahlen der Morgensonne trafen da das Kirchdach und der
+Wind trug das Geläut herüber, das zur Matutine rief. Mir war's, als
+kläng' es anders wie sonst, lauter, feierlicher, und als wüßten die
+Glocken, daß ich hier oben stünd', und wollten mir auch einen
+Gottessegen herübertönen zum Abschied. Da sprach ich das Benedictus im
+Stillen mit, winkte noch einmal hinab und zog landein.
+
+Ich schritt tapfer aus. Im ersten Dorf, durch das ich kam, zogen die
+Leute eben zur Arbeit auf's Feld. »Sie haben Alle ihr besonderes
+Tagewerk«, dacht' ich da, »meines ist heute das Wandern.« Mit dem
+erwachten Tage wuchs auch meine Wanderlust. Ich hatte meine Freude an
+Allem, was ich hört' und sah, und fühlte mich gar nicht einsam. Die
+hellen Wolken, die über mir herzogen, die Finken, die von den Bäumen
+am Wege, die Ammern, die aus dem Wald her riefen, die ersten Blumen am
+Rain, die ich mir zum Sträußlein pflückte, boten mir Gesellschaft
+genug. Der Laubwald schimmerte im ersten, jungen Grün, als hienge ein
+zarter Schleier über dem Gezweig. Da hindurch spielten die
+Sonnenstrahlen gar lieblich, denn es war ein heiterer, wonnesamer
+Frühlingstag.
+
+Gegen den Mittag kam ich in ein Waldgebirge, wo der Weg in Krümmungen
+an der Seite der Berge sich hinzog. Unten brauste ein Wasser; aber nur
+zuweilen sah ich's durch das dunkle Grün der Bäume hervorblitzen. Denn
+dicht und ragend stunden die Tannen rings umher, so daß sie, wo der
+Weg eng war, schier ein Dach über mich bauten mit ihren Wipfeln. Die
+Sonne war im Mittag, und ich hätte hier gerne gerastet, mein Mahl zu
+halten. Schon gedacht' ich, dazu niederzusitzen, als ich vor mir nicht
+gar ferne Stimmen hörte. Bald darauf ward ich eines Weibes ansichtig,
+das auf dem Arm ein Kindlein trug, und ein anderes führte sie an der
+Hand. Das weinte sehr und wollte sich gar nicht beschwichtigen lassen.
+Da eilt' ich hinzu, grüßte und fragte das Weib, aus was Ursach' das
+Mägdlein weinte und ob ich ihr helfen könnte. Da sagte sie: »'S ist
+mein Töchterlein, lieber Gesell, Else heißt sie und büßt jetzo ihren
+Willen. Da seitwärts hinunter steht unsere Hütte, und ich gehe jetzt
+hinauf dorthin, wo Ihr den Rauch aufsteigen sehet. Der kommt von einem
+Meiler; da ist mein Mann, der brennt Kohlen dorten für den gnädigen
+Herrn, deß wir eigen sind. Es ist ein beschwerlicher Weg dahin; aber
+Else wollt' nicht daheim bleiben; sie hat müssen mitgenommen sein. Ich
+hab's ihr zuvor gesagt, daß ich sie nicht tragen könnt', wenn sie müd'
+würde, weil ich das Büblein da auf dem Arm hab'. -- Bist still, Kind,
+sonst kommst Du nimmer mit zu Deinem Vater.« Da nahm ich die Kleine
+auf meinen Arm, redete ihr freundlich zu und hatte sie bald so
+zutraulich, daß sie des Weinens und aller Furcht vergaß und freundlich
+mich anlachte.
+
+»Ihr versteht's, Euch die Kinder zu befreunden«, sagte das Weib, »denn
+sonst geht Elslein ihrer Mutter nicht von der Hand im Angesicht eines
+Fremden. Das Kind kommt gar selten unter die Leute.«
+
+»So gehören wir wohl zusammen, Elslein«, rief ich ganz fröhlich, »denn
+auch ich bin fremder Gesellschaft ungewohnt; und daß Du mich magst,
+thut mir gar wohl!«
+
+»Ja, mit Fug«, sagte die Frau, »denn Kinderlachen bringt Glück, und so
+mag Euch auch wohl gerathen, was Ihr vorhabt.«
+
+Nicht lange waren wir unter solchen Gesprächen vorwärts geschritten,
+so kamen wir an eine Rodung, wo die Meiler dampften. Kaum hatte das
+Kind den Vater erschaut, so mußt ich's vom Arme lassen, und lustig
+sprang es dem Köhler entgegen. Da gab's zwischen den Leuten ein
+freudiges Grüßen. Sie hielten das Mahl zusammen, ich setzte mich auch
+dazu und wir theilten einander mit, was wir hatten. Sie sprachen von
+ihrem Heimwesen, von ihren Sorgen, denn sie waren gar arm, und von
+ihren Kindern. Ich hört' ihnen stille zu, denn wir waren das Alles
+fremde Dinge. Aber wie traurig auch Manches war, was sie sprachen; ich
+hätte sie nicht besser trösten können, wie sie selbst einander ihre
+Last erleichterten durch die Herzlichkeit ihrer Rede. Und wie, nachdem
+das Gratias gesprochen war, der Mann die Kinder beide auf seine Kniee
+nahm, und sie ihn liebkosten, auch das Elslein nicht von ihm ließ, so
+geschwärzt und rauh er aussah, und mir öftermals zurief: »Seht, das
+ist mein Vater lieb!« da wußt' ich nicht, sollt' ich den armen Mann
+oder die Kinder für glücklicher halten, und zum ersten Mal in meinem
+Leben fragt' ich mich, ob ich wohl auch je von Mutter oder Vater so
+gekoset worden wäre oder mit ihnen gekost hätte, und ich wünschte, es
+möchte geschehen sein, ob ich auch deß nicht mehr gedenken könnte, und
+die Hände, die mich gestreichelt, eben so arbeitshart gewesen wären,
+wie dieser Eltern ihre.
+
+»Nehmt's nicht für ungut«, sagte der Köhler, wie er mich so schweigend
+sitzen sah, »daß ich Euch versäume. Ich sehe meine Herzkinder selten,
+und so denken sie, es muß so sein.«
+
+»Gott helf Euch«, sprach ich da, »daß Ihr sie immer so in Freuden
+sehet, und lasse sie Euch und Eurem Weibe zur Freude gesetzt sein all'
+Euer Leben lang.« Darnach gesegnet' ich sie, denn ich wollte weiter
+ziehen, und auch Elslein reichte mir ihre Hand, sagte: »Wohlauf zur
+Fahrt!« und lachte mir fröhlich zu.
+
+Oft noch beim Weitergehen sah ich zurück nach dem Weibe und dem Manne
+mit den Kindern auf seinen Knieen, und wie ich sie nicht mehr
+erschauen konnte, tönte doch des Mägdleins Lachen mir im Herzen nach
+hell und lieblich, wie eines silbernen Glöckleins Klingen beim
+heiligen Amt, und ich sagte zu mir: »Wohlan, Diether, Kinderlachen
+bringt Glück!«
+
+Das war mir einsamem Wandersmann, wie es schien, an diesem Tage nicht
+beschieden. Denn gegen Abend zog ein Wetter herauf mit einem
+Sturmwind, der die gewaltigen Bäume schier zu entwurzeln drohte. Der
+Himmel überzog sich mit finstern Wolken und schwere Regentropfen
+fielen hernieder. Ich beschleunigte meine Schritte, weil das Kloster
+von Thüngen, welches unseres Ordens ist und wo ich die Nacht herbergen
+wollte, nicht mehr ferne sein konnte. Aber in dem wilden Gebirg'
+verlor ich den rechten Weg. Ich hatte deß eine ganze Meile gar nicht
+Acht, weil ich so in Hast lief; denn ein wüst Gewitter war
+losgebrochen. Die Blitze flammten durch den dunkeln Wald und die
+Donnerschläge hallten brüllend von den Bergen wieder. Dazu goß der
+Regen in Strömen, daß auch die Tannen mit ihrem dichten Gezweig kein
+Schirmdach mehr boten und ich über und über durchnäßt war. Doch fragt'
+ich wenig darnach; denn wie ich merkte, daß ich irre gegangen, das
+schuf mir größere Sorge. Ich war auf einen Weg gerathen, der Anfangs
+abwärts führte, aber allgemach und in gleicher Richtung wie der, auf
+dem ich bisher gezogen. Dann aber lenkt' er mich steiler hinab an das
+Waldwasser und an dessen Rand entlang in ein Thal, das sich in
+mancherlei Biegungen immer mehr verengte. Da war meine Wanderung
+beschwerlich und voll Mühsal und ich däuchte mich gar verlassen in
+dieser Wildniß. Dazu des Gewitters Zorn und des Wassers Getose! »Hilf
+Gott«, sprach ich, »wo soll ich rasten bei solchem Wetter in der
+Einöde, wenn die Nacht kommt?« Und ich dachte an das Vespergeläut im
+Kloster, das alle Abend' die Brüder in Frieden zu Ruhe und Schutz
+zusammenruft.
+
+Aber horch! war's da nicht wirklich wie ein Läuten durch den Wald?
+Jetzt vernahm ich's wieder; ich täuschte mich nicht. Wie mir das
+tröstlich und lockend erscholl! Ich förderte meine Schritte, und bald
+öffnete sich vor mir das Thal zu einer freien Halde.
+
+Die Berge traten zurück wie in einen Kreis, und an dem Abhang des
+einen stund freundlich winkend ein Waldkirchlein, von dem das Läuten
+kam. Ich fand bald den Weg, der dahin führte. Wie ich ihn
+eingeschlagen hatte, ließ allgemach das Unwetter nach. Der Donner
+verstummte, der Sturm legte sich und sanft fiel der Regen. Auf einem
+Felsenvorsprung in halber Höhe des Bergabhanges sah ich das Kirchlein
+vor mir.
+
+Zu seinen Füßen, seitwärts des Pfades, der hinaufleitete, ward eine
+Klause sichtbar, von Holz erbaut, deren niederes Dach nur wenig aus
+dem Gestein hervorlugte, an das sie sich lehnte. Ein Wässerlein
+plätscherte von der Höhe daran vorbei und ergoß sich in Sprüngen auf
+die Waldwiese, auf die das Blockhaus niedersah. Wie ich emporklomm,
+strahlte das Thürmlein der Kirche, darin die Glocke hieng, im rothen
+Schein der untergehenden Sonne, und darüber hin wölbte sich gegen
+Morgen schimmernd und feierlich ein Regenbogen. Ich hielt meine
+Schritte an und freute mich des lieblichen Scheideblickes, mit dem der
+Tag zu Ruhe gieng. Wie ich so stund, vernahm ich von der Klause her
+die Klänge einer Laute und dazu die sanft schwebende Weise dieses
+Liedes:
+
+ Es liegt die Welt mit ihrem Glücke,
+ Ein fernes Eiland, hinter mir,
+ Und keine Fähre, keine Brücke,
+ Trägt jemals mich zurück zu ihr.
+
+ Ein ander Ziel hab' ich erlesen,
+ Deß Bild die Seele fest umschlingt.
+ Wie wird mein trübes Aug' genesen,
+ Wenn die ersehnte Küste winkt!
+
+ Schon rauscht der Kiel, die Segel blühen,
+ An's Steuer denn mit fester Hand,
+ Laß Stürme brausen, Blitze sprühen,
+ Doch endlich, Herr, mich rufen: Land!
+
+Mir klang das Lied seltsam und fremd, voll Schwermuth und Freudigkeit,
+voll Sehnsucht und Zuversicht. Aber es schien mir schön zu stimmen zu
+dem heiteren Abend nach all' dem Sturm und bösen Wetter, und ich
+dachte: »Das kann nur das Land der zukünftigen Seligkeit, die
+himmlische Heimath, sein, darnach das Lied Verlangen trägt, und es ist
+wohl ein fromm Herz, welches zu solchen Gedanken erweckt wird durch
+den Bogen Gottes.«
+
+So gieng ich mit gutem Vertrauen auf die Klause zu.
+
+Aber ich ward fast entmuthigt, als ich ihren Bewohner ersah, der
+unter der offenen Thür stund. Es war ein greiser Mann von gewaltigem
+Wuchs, bekleidet mit einem Mantel von grobem Zeug, den ein Strick
+zusammenhielt; unten sahen die Füße bloß hervor. Sein Haupt war
+mächtig und von breiter Stirn; unter den überhangenden Brauen blickten
+lebhaft die blauen Augen. Die Nase war vorspringend und gebogen, der
+Mund von festen entschlossenen Lippen und sein Angesicht tief
+gefurcht, als stünde da manch Geheimniß früherer Jahre geschrieben.
+Ich merkte wohl, wie mein Anblick ihm wenig willkommen war; denn
+forschend sah er mich an und bewegte sich nicht von der Stelle.
+
+»Ehrwürdiger«, redete ich ihn an, »ein wegmüder Wandersmann, der in
+die Irre gerathen ist, spricht Euch um Obdach an für diese Nacht.
+Wollet ihm solche Bitte um Gottes Lohn nicht versagen!«
+
+»Das da droben«, antwortete er, »ist St. Wigbert's Kirchlein, und die
+ihm da in Andacht dienen wollen, denen helf' ich dazu und geleite sie.
+Aber zu herbergen ist meines Amtes und meiner Neigung nicht.«
+
+»So verdienet an mir«, sprach ich, »St. Wigbert's Fürsprach, in dessen
+Bann und Schutz ich ohne meinen Willen geführt worden bin durch des
+reichen Gottes Güte.«
+
+»Du redest wie ein Pfaff«, sagt' er darauf, »und nach Deinem Kleid
+möcht' man Dich für einen Mönch halten; aber Dein Haar fällt Dir lang
+auf die Schultern, und Dein Auge blickt frei umher, als wär's nicht
+eben gewohnt, sich demüthig zu senken. Die falsche Welt liebt sich
+Gevögel mit allerlei Federn, auch wohl mit falschen, und sie ist weit
+genug dazu.«
+
+Da sagt' ich: »Ihr vertraut mir nun viel oder wenig, so will ich Euch
+doch treulich berichten, wie es um meinen Weg steht, den ich ziehe«,
+und so erzählt' ich ihm, von wannen ich käme und wozu der Abt mich
+ausgesandt hätte.
+
+»Dein Abt ist ein Narr«, rief er mir da zu, »Dich so jung und
+unbehütet um solches Tandes willen aus dem Kloster zu stoßen, kurz ehe
+Du gemöncht werden sollst, und weiß nicht, was er thut. Dort die
+Stufen hinan ist eine Kluft, wohlverwahrt, und reichlich Moos zum
+Lager darin, wo die Pilger zu rasten pflegen nach der Wallfahrt. Da
+lagere Dich. Denn in meiner Zelle geht's nicht an, ich habe mir jede
+Gesellschaft widersagt für immer. Sogleich komm' ich nach.«
+
+»Daß Ihr meinen Abt scheltet und meine Kunst verachtet, das thut Ihr
+ohne meinen Dank,« antwortet' ich gekränkt. »Aber ich bin müde und
+will die Ruhe suchen, die Ihr mir erbietet.«
+
+Darauf wandt' ich mich, zu gehen. Doch er kam mir nach und ergriff
+meine Hand, indem er sagte: »Nu, nu, Junker Hochgemuth! Deine Kunst
+bleibt unverachtet. Komm denn hinein zu mir, bist ja ganz kläglich
+zugerichtet vom Wetter. Aber Dein Abt ist ein Narr! -- ich sag's,
+Brun, St. Wigbert's Meßknecht und Einsiedel.«
+
+Mir fiel es auf, als ich an seiner Seite gieng und er so redete, wie
+freundlich der Klang seiner Stimme ward und wie mild sein Angesicht
+drein sah gegen vorhin.
+
+Der Raum seiner Klause, in die wir traten, war niedrig und eng. Sie
+hatte außer der Thüre nur eine kleine Fensteröffnung zu Luft und
+Licht. Schmucklos waren die Wände aus rohen Balken aufgerichtet: nur
+über der Thür ein Crucifix und zwischen ihr und dem Fenster, das in
+der schmalen Seitenwand angebracht war, unter einem hölzernen
+Überdach das geschnitzte Bild unserer lieben Frau mit dem Schwert im
+Herzen. Vor demselben stund ein eichener Tisch, kunstlos zugehauen und
+ein Baumstumpf als Sitzschemel. Die dem Eingang gegenüberliegende Wand
+der Hütte ward vom Gestein gebildet, das senkrecht abfiel. Darin war
+eine Höhlung zu sehen, die zum Herde diente mit einem Sims, darauf
+weniges Kochgeräth stand. Unten davor lag Holz bereit. Die Hälfte aber
+dieser Felsenwand wich zurück zu einer Nische, die ganz schicklich als
+eine Kemenate zur Lagerstatt gelten konnte. Sie verengte sich nach
+hinten und schien tief in das Gestein hineinzudringen. So leicht das
+Alles zu übersehen war, so konnt' ich's doch nur mit Mühe wahrnehmen;
+denn das Abendroth, welches zum Fenster hineinblickte, war im
+Versinken, und der Raum fast dunkel.
+
+Aber bald lenkte mein Wirth mein ganzes Aufmerken auf sich und sein
+Thun. Er tummelte sich geschäftig wie ein Schaffner für mich, und je
+rauher zuweilen seine Rede war, um so sorgsamer mühte er sich.
+
+»Setz' Dich da, Meister Irregang«, sagte er halb spottend, halb
+ernstlich, indem er in die glimmenden Herdkohlen blies und dürres
+Reisig darüber legte, »setz' Dich da auf den Klotz, der mir Bank,
+Stuhl und Schemel zugleich ist. Weiß nicht, welches Sitzes Du in
+Deinem Convent gewohnt bist; hätt'st Dir wohl einen weicheren gegönnt
+zur Rast. -- Doch nein!« fuhr er nach kurzer Weile fort, als das helle
+Feuer knisternd zu flackern anhub, »nein, junges Blut! rück' hier
+heran an die Herdwärme. Denn es läßt, als ob Dich's fröre. -- Heilige
+Mutter Gottes, wie bist Du durchnäßt! Hab's gar nicht so bemerkt,
+welche Unbilden Dir zartem Knaben das Unwetter gethan hat. Wart', wie
+Brun Dein pflegen wird.«
+
+Damit gieng er nach hinten und brachte mir von dort trockne Kleider.
+Er war mir selbst behilflich, mein naß Zeug abzuziehen, hängt' es
+seitwärts gegen den Herd, half mir in's trockene Gewand und breitete
+mir möglichst nah dem Herde, von Moos und mit Hilfe von wollenen
+Decken, die er hervorholte, in der Nische, wo er seine Lagerstatt
+hatte, ein Pfühl, darauf ich meine ermatteten Glieder gar gemächlich
+ausstrecken konnte.
+
+Ich dankt' ihm für all' seine Lieb'; ich fühlte, wie wohl sie mir
+that. »Ja,« sagte er, indem er mir mit Wein, den er vorgelangt hatte,
+meine brennenden Füße wusch, »das glaub' ich gern, daß dem Täublein
+nun sanfter ist; mit all' seiner Kunst und des Abts Vollmachten dazu
+sollt' es sich wohl wenig trösten, wenn jetzt Brun nicht hinausgelangt
+und's in seine Arche genommen hätte.«
+
+Daß er sich mit dem Erzvater Noah verglich, machte mich lachen; aber
+es gieng mir nicht von Herzen. Vielmehr fühlt' ich, wie ich roth ward,
+weil seine Rede mich an die ungefüge Antwort erinnerte, mit der ich
+ihm draußen begegnet war. Sie that mir leid und ich sagt' ihm das.
+
+»Wie heißest Du?« fragt' er mich drauf und hängte den Kessel über dem
+Herdfeuer ein.
+
+»Diether, ehrwürdiger Vater.«
+
+»Wohlan, Diether, darum mach' Dir keine Sorgen. Aber von Deinem Abt
+und Deiner Fahrt wollen wir hernach reden; da will ich auch an Dich
+eine Frage thun. Jetzo merk' nur dies, daß ich Brun heiße, und so
+magst Du mich nennen. Das ist genug. Und nun gedenke des Mahles, denn
+es ist bereit.«
+
+Drauf legt' er mir vor, was er hatte, Brot und Käs und von dem Brei,
+den er gekocht hatte, und ein wenig Wein. Während ich aß und trank,
+durft' ich nicht sprechen, denn er hatte mir _Silentium_ auferlegt mit
+strenger Miene, als wären wir im Refectorium. Mir war sein Gebot ganz
+recht, und mit Lust und Eifer that ich der Mahlzeit Bescheid. Er sah
+mir freundlich und ermunternd zu und bedachte dabei das Feuer, das,
+den ganzen Raum angenehm erhellend und erwärmend, den felsigten Kamin
+hinaufschlug und den Schatten seiner Gestalt in wunderlichem Wechsel
+an die Wand malte.
+
+Als ich vollendet hatte, hieß er mich wieder meine vorige Lagerstätte
+einnehmen, that die Zurüstung des Mahles beiseit und setzte sich mir
+gegenüber an den Herd.
+
+»Diether«, sagt' er da, »warum kam Dir vorhin das Lachen an?«
+
+Ich ward ob der Frage verlegen, und zögernd erwiederte ich: »Wenn Ihr
+die Wahrheit zu wissen begehrt, ehrwürdiger Vater« --
+
+»Brun heiß ich,« unterbrach er mich ungeduldig.
+
+»Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen begehrt, Brun: es geschah, weil Ihr
+Eure Klause hier der Arche Noä verglicht und mich mit dem Täublein,
+das der Erzvater hineinnahm.«
+
+»Und warum that denn dem Thierlein der Einlaß in den Kasten noth?«
+fragt' er eindringlich.
+
+»Weil draußen die Wasser der Sintfluth allum es bedrohten«, gab ich
+zur Antwort.
+
+»Wohlan, Diether«, sagt' er eifrig darauf. »Was ist die Welt anders,
+als ein tiefes Meer des Verderbens, gleich gefährlich, ob's den blauen
+Himmel spiegelt oder schäumt und braust, voll Untreue, Gewalt und
+Tücken? Und was hat Dein Abt anders gethan, als Dich hinausgescheucht
+wie einen Vogel, der nicht schwimmen kann, auf die weite See?«
+
+»Ihr seht wohl«, sagt' ich bescheiden, »von Eurer Klause die Welt zu
+ungünstig an und urtheilet zu hart über sie, weil Ihr sie nicht
+genugsam kennet in Eurer Abgeschiedenheit.«
+
+»Hoho!« rief er, bitter lachend, »ich kenne sie nicht? Ich kenne sie
+nicht?« und sah in's Feuer, als könnt' ihm das gar etwas Anderes
+bezeugen. -- »Du hast ihr Wesen wohl heut' schon lieb gewonnen beim
+ersten Ausflug?« wandt' er sich dann fragend an mich, »fühlst Dich
+schon wohl darin?«
+
+»Ich weiß darauf nicht zu antworten«, erwiedert' ich, »aber Ihr thut,
+dünkt mich, zu viel, wenn Ihr die Welt schlecht nur der Untreue
+zeihet. Ich hab' wohl befunden von ungefähr, daß sie auch der Treue
+die Probe hält.« Und so erzählt' ich ihm mit Wärme, was ich von den
+armen Köhlerleuten heute gesehen hatte und wie sie durch ihre treue
+Liebe gegen einander so glücklich wären in aller Dürftigkeit. »Die
+hegen«, schloß ich, »gewiß kein Falsch gegen einander.«
+
+»Weißt Du das für gewiß?« fragt' er wieder. »Hat ihre Treue schon die
+letzte Versuchung bestanden? Wenn die Noth bis zu Hunger und Blöße
+steigt; wenn Siechthum und Jammer Heimrecht gewonnen haben bei ihnen,
+wenn ihre Ehe zur klirrenden Kette geworden ist, welche ohne Hoffen
+Mann und Weib an die Marterbank des gemeinsamen Elends schmiedet und
+wenn die Kinder vergeblich Brot heischen, für Vater und Mutter
+unablässige Mahner ihrer Noth und Mehrer derselben: dann siehe zu, ob
+Ungeduld, Mißtrauen, Überdruß, die Unholde, der Lieb' und Treue noch
+nicht das letzte Herzblut ausgesogen haben. Ja, wenn dann noch Mann
+und Weib sich zum Trost da sind, die Kinder den Eltern zum Labsal der
+Liebe, zu Dank und Gehorsam, -- dann magst Du sagen, sie haben Treue
+gehalten. Und bis dahin, und wenn sie noch alsdann und immerdar sie
+hielten«, fuhr er ergriffen fort, »wird sie ihnen doch zehn Tropfen
+Bitterniß einschenken neben einem Tröpflein Süße. Denn wo eine Quelle
+ist, daraus dem Menschen reine Wonne zufließen könnte, da leidet
+solches der Welt Lauf nicht und wirft Gift hinein. Vielleicht brennt
+Junker Schlapphahn schon morgen die Hütte nieder, bloß zur Kurzweil
+und aus Ärger, daß ihm ein Fang entgangen ist. Dann wird den Mann
+nicht sein eignes, aber seines Weibes und seiner Kinder Elend
+unglücklich machen, und das um so mehr, je treuer er sie liebt.«
+
+Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollt'
+er sich der Erregung, mit der er gesprochen hatte, entledigen. Darauf
+fügt' er ruhiger hinzu: »Diether, ich bleib' dabei, Dein Abt ist ein
+Unweiser, daß er Dich so unbesorgt in die Welt gesandt hat.«
+
+»Aber«, warf ich munter ein, »Brun, laßt die Welt so bös sein, wie sie
+mag. Was gilt mir das, der ich in ihr weder streiten, noch arbeiten,
+noch freien, noch ihres Theils sein will in keinerlei Weise, auch im
+Geringsten nicht ein Verlangen danach trage, als der ich dem Kloster
+von Kind an verlobt bin.«
+
+Da sah er mich ernst, fast schwermüthig an und sagte: »Diether, hör'
+nur zu! Wodurch die Welt die Leute schlimm macht und gottlos und
+unglücklich, das wohnet inwendig in eines jeglichen Menschen Herzen.
+Da schläft es und regt sich nicht, und er weiß nichts davon, bis die
+Welt es aufweckt und stärkt. Sie thut es mit gar lieblicher Stimme,
+denn Alles, was süß und sanft thut dem Herzen, was wonnig ist und
+holdselig, das nennt sie ihm mit Namen und verheißt es ihm. Aber wenn
+er dessen am frohsten zu werden gedenkt, dann muß er erfahren, daß sie
+auch das Verderben groß gezogen, das ihn um Fried' und Freude bringt.
+Lang und schwer ist hernachmals der Weg zurück zu finden, und Mancher
+kommt um unterwegs. Darum ist's besser, es bleibt Beides unerprobt,
+der Welt Lust und der Welt Leid, denn sie lohnet jenes mit diesem
+allzu hart, und recht erwogen, ist ihre Wonne ihres Wehes nicht
+werth.«
+
+Mir war's, als seufzte er leise bei diesen Worten.
+
+»Nun denn«, sagt' ich wie vorhin, »ich hab' diesen Dingen noch wenig
+nachgesonnen, acht's auch nicht für wohlgethan, denn sie helfen nur
+zur Herzensschwere, wie mich dünkt. Aber unter Gottes Schutz gedenke
+ich getrost gen Speyer zu ziehen, dort meine Sache zu beschicken und
+denselben Muth und Sinn heimzubringen, mit dem ich ausgezogen bin aus
+unserm Kloster.«
+
+»Du thätest besser«, sprach er, »so Du umkehrtest und ließest den Abt
+ohne das Conterfey. Du sagtest ihm, Deine Seele müßte Dir mehr gelten,
+als das Bild.«
+
+»Das würde mir übel stehen«, sagt' ich fast unwillig, »und mich zum
+Gelächter machen im ganzen Convent.«
+
+»So will ich Dir noch einen Rath geben«, fuhr er fort, als wollt' er
+mich durch Scherz begütigen, »sieh zu, daß Du ihn besser befolgst.
+Bleib hier und siedle bei St. Wigbert's Kirchlein. Wir leben hier in
+Verborgenheit und edler Freiheit mit einander, bis Du mir mein Grab
+gräbst und mich hineinbettest. Wie? Du sagst nicht mit Freuden ja und
+mißkennest solche Ehre? So verbeut Dir Brun jede Ausrede und will, daß
+Du Dich auf's Ohr legest und schlafest.«
+
+Damit stund er auf und achtete nicht weiter auf mich.
+
+Wirklich war ich so müde, daß sich meine Augen willig senkten und ich
+bald entschlief. Aber zu vielerlei und zu Neues hatte ich an diesem
+ersten Wandertage durchlebt, als daß mein Schlaf hätte traumlos sein
+können. Sonderlich des Alten eindrucksvolle Gestalt stund immer wieder
+mir vor der Seele; bald rauh, bald milde erschien er mir, wie ich ihn
+am Tage gesehen hatte. Zuletzt war mir's, als führ' ich mit ihm über
+ein strudelndes Wasser und er spräche zu mir: »Das ist die Welt!
+Willst Du sie kennen lernen, so spring hinein und wag' es zu
+schwimmen.« Da warf er die Ruder weg, und unser Kahn tanzte in immer
+engeren Kreisen dem Abgrunde zu. Ich bat ihn flehentlich, mich und
+sich zu retten und wollte seine Knie' umfassen. Im Schlaf mocht' ich
+da wohl eine heftige Bewegung gemacht haben, denn ich erwachte. Doch
+wie! saß er da nicht noch immer an den letzten Gluthen des
+verglimmenden Feuers?
+
+Ich behielt den Anschein des Schlafens und sah ihm zu.
+
+Vor sich hatte er eine geöffnete Truhe, die er aus der Kluft
+hervorgeholt haben mochte, und mit Staunen sah ich, wie er daraus
+gestickte Zeuge, Schapel, Schleier, Spangen von großer Kostbarkeit
+hervorlangte. Nur für einen Augenblick kam mir der Gedanke, ich könnte
+in die Höhle eines Räubers gerathen sein. Denn das waren nicht die
+Blicke der Habgier, mit denen er die Kleinode betrachtete. Vielmehr
+drückte sich ein tiefer Gram aus in seinem Angesicht, wie er mit
+zögernden Händen ein Stück nach dem anderen herausnahm und sorglich
+wieder an seinen Ort legte. Endlich schien er gefunden zu haben, was
+er suchte. Es war ein Bündlein von vergilbten Blättern. Es mochten
+Handschriften oder Briefe sein; denn ich sah, wie er sich zu lesen
+anschickte. Aber reichte das Licht nicht zu oder waren seine Augen
+trübe, er ließ die Hand, welche das Blatt hielt, auf die Knie' sinken.
+Da entfiel dem Papier etwas, wie eine verwelkte Rose. Hastig hub er
+sie auf, als wäre die arme Blume ein großer Schatz. Er sah sie lange
+an, öfters seufzend, und sein Haupt sank ihm tief auf die Brust. Da
+verlosch das Feuer, und das mildere Mondenlicht fiel durch das Fenster
+in die Zelle. Seine Strahlen umflossen den Regungslosen. »Er ist
+eingeschlafen«, dacht' ich. Aber im flimmernden Mond blinkten
+reichliche Thränen die Furchen seiner Wangen hinab in seinen Bart, und
+was ich anfangs für das Rauschen ferner Wipfel gehalten hatte, war
+sein leises Schluchzen.
+
+»Tröst' ihn, lieber Heiland, in seinem Leide«, betet' ich da in meinem
+Herzen, »und gib Deine Gnad' uns Allen!«
+
+Und damit entschlief ich.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+Irrfahrt.
+
+
+Des andern Tages früh, da ich mich wieder auf den Weg machte, wollte
+mich Brun doch nicht allein ziehen lassen, sondern er geleitete mich
+eine gute Strecke. Das that er, nicht bloß, weil er besorgte, ich
+möchte aus der Irre, in die ich gestern gerathen war, die rechte
+Straße allein nicht wieder finden, sondern auch, daß ich an ihm einen
+Schutz hätte gegen Fährlichkeiten. »Denn«, sagt' er, »hier herum ist
+das Wegelagern nicht selten, und wer sicher durchziehen will und
+ungekränkt an Hab und Leben, der sollt's, wenn er nicht selbst wohl
+bewehrt ist, nicht wagen ohne Geleit. Da und dort auf den Bergen ragen
+stolze Burgen, drin hausen gestrenge Ritter, wie man sie heißt, die
+aber das Rauben treiben wie ihr Handwerk.«
+
+»Ich hab' wohl wenig zu fürchten, Brun«, sagt' ich gutes Muthes, »daß
+mich dieser kampflichen Gesellen einer anrenne, der ich unbeschwert
+von Gut und Habe meines Weges ziehe. Was sollte man an mir armem
+Klösterling gewinnen, so man mich fienge?«
+
+»Man könnt' Dich doch für einen Andern halten, als Du bist, Diether,
+wie auch ich Dich mißkannte, als Du mich ansprachst. -- Daß ich da so
+rauh mit Dir fuhr,« setzte er freundlich hinzu, »muß Dich nicht irren:
+es war aus guter Meinung geschehen. Denn sieh, so schlimm ist
+heutzutage die Welt, daß auch ein Einsiedel sein löblich Thun mit
+großer Vorsicht und Heimlichkeit betreiben muß, als hätte er dabei ein
+bös Gewissen. Weil ich nämlich, was sich hier in Wald und Bergen
+zuträgt, und das Gehen und Kommen der Herren, ihr Liegen und Kriegen,
+Frieden und Fehde gut genug erkunde, so bin ich den redlichen Leuten,
+die hierdurch in Frieden fahren wollen, gern zu Rath und Warnung
+bereit. Sie kennen mich wohl auch und haben mich erprobt. So werd' ich
+oft beschickt, daß man mich fragt, ob's wohl stehe im Gebirg oder
+nicht. Aber ich darf Keinem trauen, der mir nicht Bürgschaft gibt, daß
+er sicher ist und kein Schelm, von den Geiern hier herum abgesandt,
+die mir längst auf der Lauer sind.«
+
+»So habt Ihr auch an mir Euch als Helfer und Berather treulich
+bewiesen und meinen armen Dank wohl verdient«, sagte ich, indem ich
+seine Hand ergriff, »und nimmer werd' ich Euer vergessen.«
+
+Da schlug er ein, sah mich gar gütig an und sagte: »Ist das Dein
+Ernst, Diether, so hab' Du allerwege ein Vertrauen zu mir. Es mag sich
+wohl fügen, daß es Dir eine Freud' ist oder ein Trost, zu denken, es
+lebe Einer, der Dir von Herzen gern diente, weil er Dir von Herzen
+gern das Beste gönnt -- hauset er auch gleich einsam und hat nicht
+Macht, Gut, noch Ehre in der Welt. Vielleicht ist's Dir dann lieb, den
+Weg zu wissen, der durch den Wald fern zu St. Wigbert führt, und Du
+verlangst, sein Kirchlein Dir winken zu sehen und in der Klause Deinen
+getreuen Eckhart, den alten Brun. -- Nun, Jüngling, fahr' wohl! Die
+Landstraße, die da entlang sich zieht, heißt uns scheiden. Aber in
+aller Ferne bleibt's dabei: Brun gedenkt und, willst Du zu ihm, harret
+Dein immerdar.«
+
+Ich wollt' ihm nochmals danken zum Abschied, aber er wollt's nicht
+haben, drückte mir liebreich und herzhaft die Hand und gieng.
+
+Ich sah ihm nach, bis er hinter den Tannen des Waldpfades verschwunden
+war, der ihn in seine Siedelei zurückleitete.
+
+Dann gieng auch ich wohlgemuth meine Straße. --
+
+Ob wohl am jüngsten Tage, wenn zum Endegerichte die Bücher werden
+aufgeschlagen werden, darin eines Jeglichen Thun beschrieben ist,
+welcherlei es gewesen ist bei Leibesleben, die Tage und Zeiten auch
+werden leere Blätter weisen, an die wir uns wenig erinnern, weil uns
+darin nichts Sonderliches begegnet ist, und dahingegen die, an denen
+unsere Gedanken vor andern haften und unseres Herzens Sinn, auch dort
+werden mit großen Buchstaben eingezeichnet sein? Dem hab' ich manchmal
+nachgesonnen, und unsere Vernunft muß wohl also schließen. Und doch
+kann es leichtlich anders sein; denn ich achte, oft ohne daß wir's
+merken und spüren, nimmt unser Herz ein Saatkörnlein auf, das
+unvermerkt Wurzel darinne treibt, und dessen Frucht, bitter oder süße,
+unser ewiges Schicksal entscheidet. Hinwieder mag von hoher Lust und
+tiefem Leid, darin unser Herz gestanden hat, daß es durch's ganze
+Leben deß nicht vergißt so lang' es schlägt, keine Spur uns nachfolgen
+in die zukünftige Welt, wie man dem Wasser des stillen Gebirgsee's
+nichts ansieht von dem Gebraus des Sturzbaches, der ihn nährt.
+
+Solcher Betrachtungen zu gedenken, dazu bewegt mich die Erinnerung an
+das, was mir weiter auf meiner Wanderschaft begegnete. Sie gieng auch
+in einem solchen Wechsel hin zwischen dem, was man schnell vergißt und
+was fest in der Seele haftet. So trug sich mir in den zween nächsten
+Tagen, nachdem ich von Brun geschieden, nichts Sonderliches zu, und
+schon hoffte ich in Tagesfrist in Heidelberg zu sein, allwo ich eine
+Weile zur Rast in Herberge bei den Benedictiner Brüdern liegen sollte.
+Aber gar unerwartet und plötzlich wurde ich von meinem Ziele
+abgelenkt, und wie das geschah, das steht noch so deutlich vor meiner
+Seele, als hätt' ich's gestern erlebt.
+
+Der Tag war trüb', und ein kalter Wind trieb mir feinen Regen in's
+Angesicht. Ich hüllte mich dichter in mein langes Gewand und
+beförderte meinen Gang. Da hörte ich hinter mir Schritte wie von
+Nacheilenden und ward gewahr, daß sie mir schleunig näher kamen. Ich
+wandte mich und erblickte ein gar seltsames Paar: zween Gesellen, von
+denen Jeder für sich verwunderlich genug anzusehen war, noch mehr
+aber, wenn man ihn zugleich mit seinem Gespons betrachtete. Denn die
+Beiden hielten sich in Allem das Widerspiel. War der Eine lang und
+fast dünn, von schwarzem Haar, das tief auf die Schultern fiel, und
+schmalen Wangen, so war der Andere gar kurz und wohl bei Leib', und
+das runde Haupt mit ganz rothem Kraushaar saß ihm dicht auf dem
+breiten Nacken. Nicht minder war die Tracht, in der sie daherzogen,
+sonderbarlich anzusehen. Der Lange trug einen knappen, blauen Rock mit
+silberglänzenden großen Knöpfen, der kaum bis unter die Hüften
+reichte, mit buntfarbigen Schleifen hin und wieder ausgeziert. Auf dem
+Scheitel saß ihm eine Kappe von gleicher Farbe mit langem
+Federschmuck, von Wind und Wetter übel zerzaust. Seine Hosen aber
+waren gelb und eng anliegend; an der Seite hieng ihm ein kurzes
+Schwert, wie die Bauern tragen, wenn sie bewehrt sind. Der Kleine
+hingegen trug einen großen, braunen Hut mit so mächtiger Krempe, als
+wär's der vom wilden Jäger selber, und seine kurze Gestalt erschien
+noch breiter durch einen dunkelrothen, faltenreichen Mantel, der ihm
+vom Halse bis zu den Knieen herunterhieng.
+
+Wie ich die Beiden mit steigender Verwunderung betrachtete, hatten sie
+mich bald eingeholt. Der Kurze Schwenkte mir zum Gruß seinen Hut
+entgegen und rief:
+
+ »Ja, wohlgethan, daß Ihr bleibt stehn!«
+
+Darauf setzte der Andere ein:
+
+ »Selb dreie wöll'n wir fürder gehn.«
+
+Damit waren sie mir zur Seite, und ich fand mich in ihrer Mitte
+wandelnd, als wären sie mir Geleitsmänner. Vielleicht sahen sie mir's
+an, daß ich bedenklich war über ihre Gesellschaft und halb
+entschlossen, mich ihrer so oder so zu erwehren. Darum war sonderlich
+der Kleine geschäftig, Wechselrede in Gang zu bringen. Ich war zu
+arglos und, was ich an meinen beiden Gefährten sah und von ihnen
+erfuhr, mir zu neu, daß Ihre Begleitung mir nicht erträglich und nicht
+auch bald erwünscht gewesen wäre.
+
+ »Ihr seid gewiß ein heilig Mann«,
+
+sagte der Kleine, und sah wie prüfend zu mir auf.
+
+ »Man sieht's an Euerm Kleid Euch an.«
+
+»Ja«, erwiederte ich, »einem heiligen Stande gehöre ich an und bin dem
+Kloster zugesprochen.«
+
+Da versetzte der mit dem blauen Rock gar ernsthaft:
+
+ »Ein selig Leben ist Euch beschieden,
+ Voll guter Sicherheit und Frieden,«
+
+und sprach das in einem Ton, als hätt' er solch Glück aus eigener
+Erfahrung wenig erprobt.
+
+Sogleich rief ihm der Andere zu, als wollt' er ihn trösten:
+
+ »Was mancher Mann zumeist begehrt,
+ Wenn er's erlangt, hält er's nicht werth.«
+
+Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Mein Geselle da hat die
+Regenlaune; allemal, wenn's unhold Wetter gibt, ist er so.
+
+ Scheint aber erst die Sonne frei,
+ Dann singt er and're Melodei!
+
+Nicht, Bruder? Ah, ob er's wohl kann auf Saitenspiel?«
+
+Damit strich er mit der Gerte, die er in der Hand hatte, hinter mir
+vorbei seinem Gesellen auf den Rücken, und ich hörte die Saiten einer
+Fiedel erklingen, die da, wie ich nun merkte, wohl eingehüllt am Bande
+hieng.
+
+ »Mißschaffen ist dein Scherz und Schimpf!«
+
+murrte ärgerlich der Gestrichene; aber der Andre lachte dazu und rief:
+
+ »Ei, nimm ihn auf mit Gunst und Glimpf!«
+
+»Ich denke«, sagte ich da, »weil Ihr von mir erkundet habt,
+welcherlei Stande ich angehöre, so hab' ich wohl auch ein Recht, nach
+dem Eurigen zu fragen. Doch das ist nicht noth; denn wiewohl ich mich
+wenig auf der Welt Brauch und ihre Sitten verstehe, so fehl' ich gewiß
+nicht der Wahrheit, wenn ich dafür halte, daß Ihr fahrende Spielleute
+seid. Aus den gereimten Sprüchen und der Fiedel schließ' ich das.«
+
+»O, wohlgerathen«, rief lustig der Kleine, »ist Euch das _Studium
+logices_. Euer Syllogismus ist demantfest. Und doch traft Ihr nicht
+haarscharf das Ziel. Fahrende sind wir, das ist wahr, aber Spielende
+nicht zumal, das gieng Euch fehl'. Wer die Braut hat, der ist der
+Bräutigam; wer die Fiedel trägt, der ist der edlen Sang- und
+Klangkunst Adept.
+
+ Der Tannhäuser wird er genannt,
+ Ich aber Klingsohr von Ungarland.«
+
+»Und was ist +Eure+ Kunst?« fragt' ich ihn.
+
+Da blinzelte er mich mit den Augen schlauen Blickes an, sah dann in
+den grauen Himmel und spitzte den Mund, als besänn' er sich, ob er mir
+eine gerade Antwort geben sollte. Darauf blieb er plötzlich stehen und
+schien zu horchen. Der Andere that desgleichen und fragte:
+
+ »Sag', Bruder, hörst du ichtes was?«
+
+worauf Klingsohr nach kurzer Weil':
+
+ »Nein, nichts! -- Doch laßt uns eilen baß.«
+
+»Ja«, fuhr er im Gehen zu mir fort, indem er ausschritt, was seine
+kurzen Beine vermochten, »die Kunst, die ich übe, ist eine hohe Kunst
+und eine nützliche Kunst und hat viel' Liebhaber im Volk. 'S ist aber
+auch eine gefährliche Kunst und wird arg befehdet von den
+Hochgelahrten. Eure Heiligen und Scholastici zählen sie nicht unter
+die sieben freien Künste. Ich möcht' ihrer auch gern ledig sein. Aber
+was hilft's! Jeder Vogel muß bei seinem Liede bleiben. Frau Aventiure
+ist mir nicht günstig gewesen und hat zu sagen und singen mich nicht
+gelehrt, wie den da.«
+
+»Aber Ihr reimet doch, als wäret Ihr Worte zu stellen wohl geübt?«
+
+»Macht der Gewohnheit und Freundschaft! Des Tannhäusers edle Gabe ist
+mir ein wenig zu Gut gekommen. Wenn man die Singekunst so liebt, wie
+ich, da muß die Gesellschaft solchen Meisters wohl Etwas nütze sein.
+
+ Was ich vermag, das ist allein
+ Von seiner Kunst ein Wiederschein.
+
+Doch Ihr habt«, setzte er hinzu, »in Eurem Brevier von solchen Dingen
+allen nichts gefunden und begehrt ihrer nicht.«
+
+»Da ist denn die Reihe des Fehlens an Euch gekommen, Meister
+Klingsohr!« sagt' ich munter, »denn auch ich übe eine Kunst, und mit
+all' meinem Denken trag' ich Lust zu ihr.«
+
+Da sahen mich Beide verwundert an und Klingsohr fragte: »Welche
+ist's?«
+
+»Zwar sollt' ich dem Klingsohr nicht offenbaren, was er mir hehlt«,
+erwiederte ich. »Doch will ich's sagen: Zum Tannhäuser dem Singer hat
+Diether der Maler sich gesellt.«
+
+»So wohl uns, daß wir uns trafen!« rief Klingsohr, streckte mir seine
+Hand entgegen, und der Tannhäuser reichte mir seine. »Wir drei gehören
+zusammen, ob Kutte, Wams oder Mantel; wir sind eines Ordens. He,
+Bruder Tannhäuser, nimm Deine Fiedel und streich eins auf!«
+
+Der aber sagte:
+
+ »In Regen und Wind des Fiedelns pflegen,
+ Heißt unterm Schnee nach Veiglein fegen.«
+
+»Wohl«, rief da der Kurze, »so will ich ein neu Lied singen von den
+drei jungen Gesellen, die sie in Augsburg henken wollten, wie sie
+zusammen entrannen und hernach in England der eine Bischof, der
+andere« --
+
+»Sagt mir doch lieber«, unterbrach ich ihn, »was Eure Kunst sei!«
+
+»Warum sollt' ich's nicht«, erwiederte er, wenn's Euch, Malbruder, zu
+wissen lieb ist? Kennt Ihr die schwarze Magia?«
+
+»Alle guten Geister!« rief ich und schlug ein Kreuz. »Das ist ja eine
+Teufelskunst!«
+
+»Die treib' ich ja auch nicht«, rief das Männlein und lachte unbändig.
+»Sie ist ja durch kaiserlich und päpstlich Recht verpönt und
+vermaledeit. Der +weißen+ Magia bin ich ein Jünger.«
+
+Wie ich ihn fragend und befremdet ansah, fuhr er fort: »Das nimmt Euch
+Wunder, daß ein Biedermann die weiße Magia bekennt, und Albertus
+Magnus ist doch durch sie hoch zu Ehren gekommen? Macht +das+ den
+Unterschied, daß ich Jedermann, Bürger und Bauer und Knecht und Magd,
+wer's begehrt, die Wohlthaten meiner Kunst erweise? Hätt' ich nur die
+Instrumenta und wäre in jungen Jahren länger hinter's Latein gesessen
+-- ich wollt' Euch einen redenden Kopf machen, der sollt' Euch noch
+weit andere Geheimnisse sagen, als Albertus' seiner.«
+
+»Dann thätest Du besser«, spottete der Tannhäuser, »Du ließest den
+Kopf und schüfest uns einen Wintergarten, wie der Kölner Meister, mit
+warmer Sommerluft. Aber Deine weiße Meisterschaft läßt uns noch im
+Aprilen frieren.«
+
+»Ei«, sagte gekränkt der Kleine, »Dir wär's doch in keinem Wege recht
+zu machen. Hast Du nicht warm gesessen bei der Frau Venus? Und doch
+hat Du's nicht behagt im Hörselberg.«
+
+»Ach, Narrethei!« rief der Tannhäuser, »samt Deiner Frau Venus und
+Hörselberg! Wollt' lieber, ich hätte jetzo was Gares zu kosten und was
+Wärmendes auf dem Leib.« Dabei schüttelt' er sich verdrießlich die
+Tropfen von der Mütze ab.
+
+ »Frau Nachtigall, hat sie keine Speis',
+ Schweigt oder singt nach Spatzenweis'.«
+
+Er dauerte mich und ich sagte: »Mir ist's gar leid, daß Ihr nicht
+besser vor'm Unwetter bewahrt seid. Wie wohl thut mir doch heut' mein
+langes Wollenkleid!«
+
+»Oh!« sagt' er und sah es fast begehrlich an,
+
+ »Im warmen Kleid und sichern Nest
+ Den Mönchen Gott nichts mangeln läßt.«
+
+»Freilich«, hub wieder der Kleine an, »fahrende Meister müssen sich
+alles Glückwechsels versehen: gestern willkommen und heut' schabab. Da
+heißt's oft:
+
+ Duck Dich Hännsl, laß übergahn!
+ Unwetter will seinen Willen han!
+
+Sprich auch diesen Spruch jetzt, Gutgesell! Da hilft nichts Anderes.
+Denn zum Wärmenden auf Deinen Leib ist hier kein Rath;
+
+ Aber Gares zu kosten, das mag wohl sein,
+ Hab' auch nicht die Meinung, mich zu kastei'n.
+
+Wir wollen eine Mahlzeit halten, die lecker ist, und St. Bernhardt
+selber wird mir die Gutthat danken, die ich an seinem Jünger thue. Wir
+sind auf der Wanderung gebrüdert und haben Alles gemein. Seid erst bei
+Klingsohr zu Gast und dann gebt Acht, ob seine Kunst Dank verdient!«
+
+»Ist's Eure Magie, die uns letzen wird?« fragt' ich ihn.
+
+»Gewißlich sie«, rief er lachend, »und immer die weiße! Gleich sollt
+Ihr deß gewahr werden.«
+
+Nun führte der Weg an einem verlassenen Steinbruch vorbei, der manche
+Wölbung darbot, wo man vor Wind und Regen wohl gesichert war. Da hatte
+auch alsbald Klingsohr die zum Lager geschickteste erkürt und hieß uns
+folgen. Als wir angelangt waren, sprang er auf einen Stein, der da
+lag, und sagte im Befehlston:
+
+ »Nun kommt herfür aus Eurer Haft!
+ Sollt Euch nicht mehr verstecken.
+ Beweist Eure edle Kraft und Saft!
+ Wir wollen schmecken und schlecken.«
+
+Damit hockte er etwas von seinem Rücken, das schier einem gewaltigen
+Buckel geglichen hatte, und langte drei Gänse hervor, die an ihren
+Hälsen zusammengebunden waren, wie man pflegt, wenn man sie
+geschlachtet zu Markte bringt. »Sind Sie nicht weiß«, fragte er mich
+vergnügt, »wie die Kunst, die sie mir eingebracht? Und fett dazu! Sie
+drückten mich schier, daß ich nicht mehr ausschreiten konnte. Aber
+harret! Eine soll's nicht mehr thun, 's müßte denn im Magen sein.«
+
+Darauf macht' er sich an's Küchenwerk und nahm uns dabei ganz
+weidlich in seinen Dienst. Während er die Gans rupfte und zum Braten
+bereitete, mußte ihm sein Geselle Handreichung thun, der auch, wie ich
+sah, in solchen Dingen wohl geübt war. Ich ward ausgeschickt, indeß
+zum Feuer Holz herbei zu holen. Dazu gab mir der Tannhäuser sein
+breites Schwert, und weil ringsum der Wald dicht war, so hatt' ich
+nach kurzer Weile zum Brennen genug herzutragen. Der Singmeister hatte
+bald ein Feuer angezündet, und die Flamme schlug hell empor. Sie
+verbreitete in unserem Winkel eine willkommene Wärme und sollte unsern
+durchnäßten Kleidern zu Gute kommen. Klingsohr und ich spreiteten
+unsere Mäntel und der Spielmann sein Wams vor der Gluth zum Trocknen
+aus und rückten selber an ihr zusammen so nah, als wir konnten. Es war
+mir lustig den Beiden zuzuschauen, mit welchem Eifer sie zurüsteten.
+Bald war der Magus mit der Gans zu Stand, daß sie zum Braten fertig
+war. »Hier noch das Leberlein und hier die Zwiebel (er nahm sie aus
+seinem Ranzen) selbander hinein«, sagt' er; »jetzt geschwind Nadel und
+Zwirn, -- so ist's gethan; -- nun kann sie rösten.« Damit schürte er
+das Feuer, wie er's haben wollte.
+
+»Das ist auch eine feine Meisterschaft, die Ihr versteht«, sagt' ich
+lobend.
+
+»Was nützte sie, wenn ich sie nicht üben könnte!« gab er zur Antwort.
+»An des heiligen römischen Reiches Truchseß selber wäre sein Amt
+verloren, trügen nicht Jäger und Metzger und Bauer und Müller ihm die
+Küche voll.«
+
+»O«, sagt' ich scherzend, »ich merke wohl, Ihr wollt nur Eure
+magischen Künste ausstreichen, und wahr ist's, das hätt' ich nie
+gedacht, daß sie Gänse an den Spieß zu bringen vermag. Aber nun seh'
+ich's mit eigenen Augen.«
+
+»Ja, und sollt's schmecken mit eigener Zunge, das ist die Hauptsach'.
+Euer Heiliger muß sich freuen, wie man Euer auf der Wanderung pflegt.«
+
+»Mein Treu«, rief da der Fiedler dazwischen und wandte, wie der
+Andere ihn anwies, die Gans um, die schon ganz lieblich zu duften sich
+anschickte. »Eine Schand' ist's, wenn ich gedenke, wie unmild
+dahingegen die Singekunst heuer gelohnet wird. Man will unser nicht
+mehr in Klöstern und Burgen, und die Städter, seit sie reich werden,
+fangen selbst an, gar zierlich und fürnehm zu singen, und weil sie's
+umsonst herklimpern, verachten sie uns aus Geiz; bleibt nur das
+gemeine Volk für uns, sperrt's Maul auf, weint und lacht, wie man's
+haben will, das ist Alles!«
+
+»Drum auch«, sagte der Kleine, »sollst Du Dich gesegnen, daß wir
+zusammen fahren. Sind wir nicht noch immer ehrlich verbrüdert gewesen?
+
+ Sei's Gans oder Ferkel, sei's Huhn oder Hahn,
+ Zusammen wird Alles und Jedes verthan!
+
+Jetzt wend' sie um!« Und frohmüthig rieb er sich die Hände.
+
+»Wie aber vermögt Ihr's denn«, fragt' ich wieder, »Eure magische Kunst
+so in Ehren und gutem Lohn zu erhalten, daß sie Euch Beiden zuträgt?«
+
+»Sie hieße nicht Magia, wenn sie nicht Geheimniß wäre. Euch,
+geistlicher Kunstbruder, sei's genug, daß Ihr wisset: die weiße ist
+unverboten und gibt ehrliche Nahrung.« Dabei blinzelte er wieder gar
+listig mit den Augen mich an und lachte. »Nur den Spruch merkt Euch
+wohl:
+
+ Wer sich der Welt gelieben will,
+ Muß halten ihrem Treiben still;
+ Denn will er wider ihre Art,
+ So macht er bald allein die Fahrt.
+
+Und jetzo, Bruder«, ermunterte er seinen Gesellen, »derweil der
+Braten schmort und die Kleider trocknen, nimm die Fiedel zur Hand und
+spiel'!«
+
+Da langte der Fiedler seine Geige her, stimmte die Saiten und ließ
+dann den Bogen über dieselben springen, daß die Töne wie Funken
+heraussprühten. Darnach hub er auch an zu singen ein Lied, das zu der
+fröhlichen Weise wohl stimmte; aber ernst und traurig gieng es
+hernach, und schwermüthig endete es also:
+
+ »Auf den Bergen zergieng der Schnee,
+ Die Brünnlein, sie rieseln ohn' Ende:
+ O Vater und Mutter, Ihr seht mich nimmermeh',
+ Muß sterben im Elende. --
+ Gottes Wille, der muß ergehn.«
+
+Noch einmal holt' er dazu aus seiner Fiedel lauten und wilden Klang
+hervor, als wär's ein Wehgeschrei. Dann verhallten seine Töne langsam
+und leise. Ich war der Singekunst Freund immer gewesen und hatte der
+Sequenzen und Leisen Kraft in der Kirche oft an mir erfahren. Aber
+dieses Fiedlers Gewalt über meine Seele war anderer Art. Seines
+Spieles Lust wie Leid ergriffen mich gleich sehr, aber sie verwirrten
+mich auch. Es war nicht die gewohnte Bahn, auf die sein Spiel mich
+zog, und doch erweckte es in mir einen Wiederhall -- ich wußt' mir
+nicht zu deuten, wie? --
+
+»Heb' aber an, Bruder!« rief da Klingsohr, »leg nicht weg die Fiedel.
+Hast da unserem geistlichen Gast schier das Herz im Leib' umgekehrt
+mit Deinem Lied, wie ich merke. Noch eins! Und eine Weise, die sanfter
+eingeht!« Der Andere stimmte seine Fiedel wieder zurecht, und jetzt
+giengen seine Töne ebenen Weg. Dies war sein Lied:
+
+ »Des Herzens Schwere zu verjagen,
+ Gab ich es ganz der Minne hin;
+ Hört' ich doch viel die Meister sagen
+ Von ihr als Leidverleiderin.
+
+ Da hub sich's an in mir zu lenzen;
+ Doch schwand die Sälde allzujach, --
+ Denn ach, von allen bunten Kränzen
+ Blieb nur der Dorn im Herzen nach.
+
+ So mißgerieth mir all' mein Wähnen,
+ Und was ich wollt', gedieh mir schlecht.
+ Erst hochgemuth sein, dann in Thränen:
+ Das ist der Minne altes Recht.«
+
+»'S ist auch in dem noch was vom Regenwetter«, meinte Klingsohr. »Und
+doch bist Du unter Dach und überm Feuer brät die Gans. Wohlan thu sie
+her! Ist sie nicht bräunlich und schön?« Und er betrachtete sie
+wohlgefällig.
+
+Plötzlich sah er auf. »Das ist nicht des Windes Geräusch«, murmelte er
+bedenklich. »Ihr seid jung und behend, Bruder Diether. Springt dort
+hinan, wo der Ausblick offen ist auf den Weg, den wir kamen, und
+schaut, was sich naht.«
+
+Was sollt' ich mich bedenken? Ich klomm mit Eil' die Höhe hinan, die
+er mir angezeigt hatte. Als ich oben war, sah ich hinter der nächsten
+Windung des Weges einen reisigen Haufen herankommen. Spieße und
+Hellebarden konnt' ich wohl erkennen. Das rief ich den Beiden zu und
+schickte mich an hinabzusteigen. Schon aber hört' ich sie unten sich
+tummeln, und bevor ich noch die Hälfte des Weges zurück war, kamen sie
+eilig hervor und liefen grad über den Weg dem Tannenwald zu, wo er
+besonders dicht stund, als suchten sie dort eine Bergung. Fast lustig
+war es anzusehen, wie sie all' ihr Geräth zusammengerafft hatten,
+Jeder, was ihm die Hände gefaßt, wie sie auch die zwo Gänse nicht
+vergessen, die der Kleine hinter sich her zog. Aber wie ward mir zu
+Sinne, als ich den Fiedler sah mit meiner Kutte von dannen rennen! Das
+schuf mir große Noth. »He, Freunde!« rief ich ihnen nach, »was soll
+das? Was fliehet Ihr? Harret doch, daß ich mein Kleid anthue!« Und mit
+höchster Eil' stieg ich hinab. Aber sie hörten nicht, noch hemmten sie
+ihre Flucht, und ich erkannte, daß es mir ganz unmöglich wäre, sie
+einzuholen. Denn mein Weg war behindert durch's Gestein, der ihrige
+nicht. Da gerieth ich außer mir; denn ich sah, daß sie unredlich
+handelten mit mir, und schrie aus allem Vermögen: »So wollet Ihr
+treulos entlaufen, unehrliche Gesellen! Raubt mir mein Kleid, Schelme
+und Unbiedermänner, die Ihr seid?«
+
+Sie aber hielten nicht an, als bis sie den Waldsaum erreicht hatten.
+Da blieben sie stehen, und, indem der Große meinen Rock anlegte, rief
+der Kleine mir zu:
+
+ »O Freund, gedenk' der Sanftmuth Gebot!
+ Fürwahr uns zwingt wahrhafte Noth.
+ Wir sind um's Mahl mit einand' betrogen,
+ Von unserm Unstern fortgezogen.
+ Laßt Euch die Kutte nicht gereu'n!
+ Sie wird den Fiedler baß erfreu'n.«
+
+Der aber fügte hinzu:
+
+ »Ich laß Euch mein blaues Wams zurück,
+ Es bring' Euch mehr als dem Fiedler Glück!«
+
+Darauf sah ich den Magus dem Singer die Gänse aufhocken und hört' ihn
+noch sagen:
+
+ »Sollt' ich die Gänslein liegen lân?
+ Mein' Treu, das wär' nicht wohlgethan!«
+
+Er lupfte mir noch seinen Hut zum Abschied, und im nächsten Augenblick
+waren sie behend in den Wald gedrungen und meinen Augen verschwunden.
+
+Da stund ich, verlassener Diether, nun in großer Betrübniß, betrogen,
+beraubt, in der Fremde, schalt meinem Unbedacht und war meiner Reise
+gram. Aber was half Zürnen und Klagen! Frieren überkam mich in meinem
+Leinen unter dem kalten Himmel. Die Noth zwang mich unter das
+steinerne Überdach zurück; das Feuer brannte noch. Voll Unmuth stieß
+ich die Gluth auseinander. Die verlöschende Flamme mahnte mich daran,
+daß ich in dieser Einsamkeit nicht bleiben könnte und eilen müßte, ehe
+der Abend käme. Unmöglich aber konnte ich ohne Kleid durch den Regen
+hinaus. Da lag das blaue Wams; ich durfte nicht zaudern und that es
+an. Mir war's, als verwunderte sich Stein und Baum selbst über mich
+und ich würde doch nicht bedauert, sondern Fink und Meise und Alles,
+was im Walde lebte, müßte mich verlachen. Das machte mich noch
+unwirscher in meinem Gemüth. So trat ich hinaus und hatte nie ein
+solches Mißfallen an mir selber.
+
+Ehe ich noch wenige Schritte gethan hatte, hört' ich hinter mir lautes
+Gelärm. Die Reisigen waren herangekommen.
+
+»Wohl dran, Gesellen! Hier ist der Vögel einer. Fangt ihn geschwind!
+Daß er uns nicht entwische, dafür will ich wohl sorgen, so wahr ich
+Peter Krummholz bin, der Bäckerzunft Obermeister?«
+
+Der so mit schriller Stimme schrie, daß ihm schier der Odem ausgieng,
+saß auf einem Gaul, was wohl nothweise geschah. Denn er war so gar
+fett, daß ihn gewißlich seine Füße nicht bis hieher getragen hätten.
+Neben und hinter ihm giengen etwa zwölf Fußknechte mit Eisenhauben.
+Etlichen fehlten auch Schilde nicht.
+
+»Thut nicht so übel«, rief ich da, »daß Ihr einen Unschuldigen
+angreifet! Ich bin nicht der, für den Ihr mich anseht, hab' weder Euch
+noch sonst Keinem ein Leid zugefügt.«
+
+Ich wollte ihnen noch ferner zureden, aber der auf dem Rosse schrie
+noch viel ungeberdiger denn zuvor die Seinen an:
+
+»Wohl dran, Gesellen, sage ich! Fangt mir den losen Buben! Ich kenn'
+ihn wohl wieder am blauen Wams und dem schwarzen Langhaar. Wohl dran,
+sag' ich noch einmal! Eine Kanne gut Bier Jeglichem, und wer ihn
+zuerst angreift, zwo!«
+
+Wie er sie so muthig auf mich hetzte und ihrer zween oder drei mit
+vorgehaltenen Spießen auf mich drangen, als wär' ich ein schändlich
+Wild, da überkam mich ein Grimm und meinen Sehnen wuchs die Kraft. Mit
+mächtigem Prall stieß ich auf den Ersten, der auf mich einwollte, daß
+er zurücktaumelte, und sprang an den Andern vorbei, die sich deß nicht
+versahen, zurück zu unserer Feuerstätte, wo ich noch des Fiedlers
+Schwert liegen wußte. Ich griff es auf, faßt' es fest und schrie ganz
+außer mir: »Heran denn, wen's lüstet, seinen Lohn an mir zu
+verdienen!«
+
+Daß ich mich mit einem Gewaffen zur Wehr setzen würde, hatte sich
+Keiner befahren, und so stunden sie einen Augenblick unentschlossen,
+wie sie ihr Werk angreifen sollten. Da gedacht' ich, durch sie
+hindurchzudringen und zu entrinnen. Des Einen Spieß hielt mich auf.
+Ich schlug ihn seitwärts und überrannte den Mann. Aber der Stoß eines
+Anderen traf mir den linken Arm und gab mir heftigen Schmerz. Alsbald
+rannten sie Alle wider mich zusammen und es ward ein groß Getümmel.
+Ihr Meister tobte mit bösen Worten und scharfem Kreischen, wie von
+Sinnen, indeß ich mich mit meinem Eisen wehrte, wild um mich
+schlagend. Denn so viel ich von mir wußte, wollt' ich eher mein Leben
+lassen, als mich in ihre Hände geben. So wär' mir's auch allerdinge
+ergangen bei der Übermacht meiner Feinde, und weil ich so ganz
+ungeübt war zu streiten, wenn nicht Gott mit mir ein Anderes
+beschlossen hätte.
+
+Denn von Ungefähr trug sich's gewißlich nicht zu, daß just zu dieser
+Zeit drei Reiter den Weg geritten kamen von der Richtung, nach der
+meine Fahrt gieng. Es war ein rittermäßig angethaner Herr und zween
+Knechte. Diese mochten von ihm, da er unseres Streitens ansichtig
+geworden war, vorausgeschickt sein, denn sie sprengten, ohne daß Einer
+vor Eifer und Gedrang ihr Nahen wahrgenommen hatte, weil aller Blicke
+und Gebärden auf mich gerichtet waren, mit höchster Eil' und ungedacht
+in den Haufen meiner Widersacher mitten hinein, daß männiglich vor
+ihnen zurückwich.
+
+»Städter sind's, Helmbold«, sagte der Eine zum Anderen und rief dann:
+»Seid Ihr so unbescheiden oder so erhitzt gegen einander, daß Ihr es
+wagen dürft, unserm gnädigen Herrn den Weg zu verlegen mit Eurem
+Hadern?«
+
+Da schrieen sie zumal, der Eine dies, der Andere das, indem sie auf
+mich wiesen, und schlugen auf's Neue auf mich ein.
+
+»Gebt Ruhe alsogleich!« geboten die Beiden da drohend, ritten durch
+sie hindurch nahe an mich heran und schirmten mich so vor ihrer Wuth.
+
+Als dergestalt Niemand an mich durfte, ward der Bäckermeister ganz
+unsinnig auf seinem Roß und that des Tobens und Scheltens um so mehr.
+Aber es währte nur eine kleine Weile, da kam der Ritter selbst heran,
+ein ältlicher Herr, der etwas gebückt, aber noch gar fest im Sattel
+saß.
+
+»Bei Gottes Thron!« rief er und sah Krummholz und seinen Troß mit
+Staunen an, »das sind Leute aus Waibstadt, das ist der ehrsamen
+Bäckerzunft Obermeister!«
+
+»Peter Krummholz, edler Herr«, antwortete der, sich verneigend, »bei
+dem Ihr vor drei Jahren, als Ihr durch Waibstadt gen Basel zogt, zur
+Herberge gelegen.«
+
+»Wo mir Euer Töchterlein, -- heißt sie nicht Bärbel? -- den Willkomm
+credenzte; ich entsinne mich deß wohl. Aber wie geschieht das, daß Ihr
+hier auf meinem Grunde zu Felde liegt und wider Gesetz und Recht den
+Frieden brechet? Hat nicht auch Eure Stadt mir in die Hand gelobt,
+ihre Streitsachen gütlich zu vertragen, auch dieselben an mich zu
+bringen, ob sie nicht beizulegen? Und nun find' ich, nachdem ich
+wenige Zeit von dannen gewesen, daheim wieder den alten Hader, und auf
+offener Landstraße am helllichten Tage!« Und unmuths schlug er sich
+auf die Hüfte.
+
+»Keine Streitsache ist es, Ew. Gnaden«, erwiederte der Bürger, sich
+rechtfertigend, »unter uns oder mit unsern Nachbarn entstanden, um die
+wir allhier bewehrt von Euch angetroffen werden, sondern ein
+Schelmenstück, uns und gemeiner Sicherheit zum Schaden zugefügt. Das
+begehren wir zu richten.«
+
+Ehe er fortfuhr, weil die Luft ihm ausgegangen, rief ich, noch immer
+im Zorn: »Ohne Urtheil und Spruch oder einige Ursach' haben sie mich
+ganz Schuldlosen wie einen Schächer überfallen. Ich bitte aber Euer
+Gnaden durch Gottes Marter, daß Ihr zur Beweisung meiner Sache mich
+hören wollet; denn dieser da weiß auf jeglich Wort, das ich ihm sage,
+nichts Anderes, als mit Wüthen und Toben auf mich zu hetzen, so er
+doch fürgibt, gemeiner Sicherheit zu dienen.«
+
+Ich wollte weiter reden, aber heftig brach der Bäckermeister wieder
+los: »O wie listig der lose Bube plaudert! Das ist seine ausbündige
+Kunst, sich mit Worten zu schmücken; aber sie soll, will's Gott! nun
+am Längsten geschadet haben! -- Euer Gnaden kennet meine Tochter, das
+Bärbel; hat Euch credenzet vor drei Jahren, eine feine Dirne und mein
+einzig Kind. Sie hab' ich am letzten Andreastage des Schultheißen
+Sohne verlobt, Mathias Kaulfuß, einem tugendhaften Jüngling. Vor vier
+Tagen haben wir den Brautleuten die Hochzeit ausgerichtet und
+dieselbige gestern mit einem Freudenmahl zu beschließen gedacht. Denn
+unsere Freundschaft ist groß, und um des Schultheißen willen war der
+Stadtobrigkeit und um meinetwillen der Bäckerinnung Ehr' und Ansehen
+höchst nöthig zu wahren. Doch Ihr müßt wissen, edler Herr, in unserer
+Stadt ist von Alters her leider zwischen den Bäckern und Metzgern viel
+Verdrieß und Hinderung, welches Alles aber als Nichts zu rechnen ist
+gegen die Feindschaft, die nun um sich gefressen. Denn Heinrich
+Häsener, des Metzgergewerkes Obermeister, hat öftermalen bei mir um's
+Bärbel für seinen Sohn werben lassen, auch öffentlich geprahlt, ich
+müßt' sie ihm geben. Wie er's nun nicht erlangte, auch nicht hindern
+konnte, daß Bärbel des Schultheißen Schwiegertochter ward, da hat er
+sich hoch vermessen, er wolle uns mit seinem Anhang die Hochzeit
+verderben. Darum mußten wir beweisen, daß wir auch trotz den Metzgern
+etwas vermöchten.«
+
+»Macht's kurz, Meister!« unterbrach ihn der Ritter. »Was geht Eure
+Hochzeit diesen Handel hier auf der Straße an?«
+
+»Sehr viel, Euer Gnaden! Gebt nur Acht! Denn wie Häsener und sein
+Anhang uns in allen Stücken den Widerpart hielt, so kommt' er doch dem
+Zulauf bei uns und der Ehre, die wir einlegten, im Geringsten Nichts
+abbrechen. Denn wir hatten die Stadt-Zinkenisten, daß sie pfiffen und
+bliesen bei der Heimholung und in meinem Haus; so hatten sie sich die
+Stadtpfeifer von Bischofsheim verschrieben. Mit denen zogen sie den
+Unsern nach und ließen sie gegen meinem Hause über in der Metzger
+Gesellenstube aufspielen, so oft unsere Zinkenisten mit Blasen
+anhuben. Aber die Pfeifer stunden bald ab, denn sie sahen, daß sie
+gegen unsere Zinkenisten Nichts vermochten, sondern jedesmal übertönt
+wurden. Gewißlich auch wären die Metzger endlich zum Gelach geworden
+der ganzen Stadt, denn sie konnten mir nicht +einen+ Hochzeitsgast
+abwendig machen. Aber gestern hat der üble Teufel, der an jeglichem
+Tuck seine Freud' hat, zwei fahrende Landstreicher dahergeführt, den
+Gauch da und seinen Gesellen; die haben ihnen das Spiel gewonnen. -- O
+wartet ein klein wenig, Ew. Gnaden«, fuhr er aufgeregt fort und
+entknöpfte seinen Brustlatz, »mir versetzt es schier die Luft, wenn
+ich daran gedenke, aber ich will's Euch ganz nach der Wahrheit
+berichten.«
+
+»Das sei Euch gespart, Meister!« rief ihm der Ritter ungeduldig zu.
+»Wenngleich man Euch die Hochzeit verdorben hat, könnt Ihr doch darum
+Keinen wollen kampflich anrennen und schlagen, wie Ihr thut.«
+
+»Das ist mir wohl wissend«, fuhr der Bäcker fort, hier stehen meine
+zünftigen Gesellen alle, die sollen mir bezeugen, ob ich ein Einiges
+aufbringe, das nicht nach der Wahrheit ist! Sind nicht die zween
+fahrenden losen Leute auf den Markt gestanden gestern unter der
+Metzger Geleite und haben mit ihrem losen Wesen schier Alt und Jung
+nach sich gezogen? Der Eine nannte sich Klingsohr, mit Zauberspruch,
+Arzeneiung und Teufelskunst, der brauchte kündlich Höllenlist. Der
+Andere nannte sich Tannhäuser, strich die Fiedel so ausbündig und
+wußte zu singen und zu sagen, was die Leute gern hören, von Walther,
+König Rother, vom hörnenen Siegfried und allen Mären, die doch nicht
+zur Gottseligkeit, noch zu ehrsamer Kunstübung dienen. Das ist der da
+im blauen Rock! Ist nicht zu ihm Abends, als kaum der Brauttrunk
+umgegangen war nach dem Schmaus, das junge Volk allsammt hinüber
+gewichen in der Metzger Gesellenstube, wohin Häsener sie genöthigt
+hatte, und konnte gar der Umtanz der Hochzeiter nicht gesprungen
+werden, wie es doch Brauch ist, weil bei uns nur die Alten sitzen
+geblieben waren auf der Bank und auch die nicht Alle! Und gar
+trübselig und des Ärgers voll war uns der Hochzeit Ende schon in
+früher Nachtstunde; die drüben aber hatten der Kurzweil und des
+Springens kein Ende bei dieses Buben losen Künsten. Denn ein Gauch ist
+er, wie der Andere, sag' ich, und ein Dieb. Während der Fiedler Aller
+Ohren und Sinne auf sich lenkte, da hat er dem Teufelskünstler Raum
+geschafft zu seinen Schelmenstücken. Sagt, meine Gesellen, sind nicht
+heute Morgen alle drei Gänse aus meinem Stalle weg gewesen, die ich
+den Winter über gefüttert? Hat nicht Catherin, die Magd, bekannt, sie
+selbst habe den Klingsohr in den Hof hinter die Küch' geführt, weil er
+fürgegeben, er wolle ihr da für ihren ungetreuen Liebsten die Nestel
+knüpfen? Er ist entwischt, aber seinen Diebsgesellen haben wir durch
+gutes Glück gefunden. Da steht er überführt, und seine Straf' soll
+Andern, will's Gott, ein Exempel sein.«
+
+Als ich des Beleidigten und Bestohlenen Rede hörte, erschrak ich über
+die Maßen sehr, und meine Wuth wich großer Besorgniß; denn ich sah,
+daß mein Kleid, das Feuer und des Mahles Zurüstung, meine wagende
+Gegenwehr, Alles wider mich zeugte, und es entfiel mir mein Herz, da
+ich daran gedachte, daß mir des Abtes Schrift und Brief, wodurch ich
+mir freilich hätte leichtlich Glauben verschaffen können, samt der
+Kutte geraubt waren.
+
+Wohl mochte mir der Ritter ansehen, wie verstürzt ich war, als er mich
+hart anredete:
+
+»Du bist also der Tannhäuser?«
+
+»Gewißlich, Herr, das ist mein Name nicht; Diether bin ich genannt«,
+antwortet' ich ihm mit wenig kecklicher Stimme.
+
+»Freilich bist Du so wenig der Tannhäuser selber, wie Dein Gefährte
+der Klingsohr«, sagt' er. »Aber Du bist es doch, der sich vom Volke
+also heißen läßt?«
+
+»Ja, er!« riefen die Anderen zumal.
+
+»Du bist es, der die alten Mären von Siegfried und den ruhmeswerthen
+Helden zu sagen so wohl verstanden?«
+
+Wieder bezeugten sie, es wäre Alles wahr, was der Obermeister von mir
+berichtet hätte.
+
+»Genug denn des Säumens!« sprach der Ritter und befahl seinen
+Knechten, mich zu binden und zwischen ihren Rossen von dannen zu
+führen.
+
+»Ihr, ehrsamer Meister«, sagt' er zu Krummholz, »zieht in Frieden heim
+mit Euren Leuten; den fahrenden Spielmann will ich bei mir in
+Gewahrsam halten, ihn zu richten, wie ihm nach den Rechten
+kaiserlicher Majestät für seine begangene Untugend gebührt. Und Ihr,
+noch der Schultheiß, sorget nicht, daß es nicht nach Strenge geschehe.
+Der Bärbel bringt meinen Gruß! -- Euch Allen freundlichen Dienst und
+des reichen Gottes Geleit!«
+
+Der Obermeister wagt' ihm nicht zu widerreden. -- Sie reichten sich
+die Hände und schieden. Der Ritter hieß seine Knechte eilen und ritt
+gemach voraus. Sie hatten bald meine Hände auf den Rücken gebunden und
+trieben mich zwischen sich her. Die Städter blieben noch an der
+Stätte, zu verschnaufen, ehe sie die Rückfahrt anhüben. »Gedenkt Eures
+Verspruchs«, hört' ich noch die Gesellen zum Meister sagen, der
+erwiederte: »Zwar es hat ihn Keiner gegriffen, doch das Bier sollt Ihr
+haben, denn heut' bleibt die Zunft noch lange zusammen!«
+
+Mit der Weile war der Abend hereingebrochen, aber er hatte den
+wehenden Wind nicht zur Ruhe gebracht. Wundersam gestaltet flogen die
+Wolken über uns, den Mond verbergend und von seinem Glanze röthlich
+umsäumt. Schwere Tropfen schüttelten die rauschenden Buchen, die den
+Waldweg überhiengen, den wir eingeschlagen hatten. Er war moosig und
+von Baumwurzeln behindert, die, wenn ich sie vor mir sah, Schlangen
+glichen, darüber hin sich windend. Schweigend zogen wir hindannen, und
+ich hätte gute Muße gehabt, des Weiteren über mein Geschick
+nachzudenken, und wie ich mich fürder am besten verhielte. Aber ich
+vermochte nicht, meinen Gedanken zu gebieten; ich war wie mir selbst
+entfremdet. Ich betrachtete genau die gebräunten Angesichter der
+beiden Reiter, ihre Eisenhauben, Brünnen und die Falten ihrer wehenden
+Mäntel. Ich horchte auf das Schnauben der Rosse, deren feuchten Odem
+ich an meinen Wangen fühlte, auf das Geknirsch ihrer Gebisse, auf das
+Gestampf ihrer Hufen. An das, was ich vor wenigen Stunden gethan und
+erlebt hatte, gedacht' ich nicht, auch nicht, was mir ferner zu
+erleiden vorhanden wäre. Nur als der Mond klar durch die Wolken trat
+und mir hell in's Angesicht leuchtete desselben Glanzes, den er mir so
+oft durch's kleine Fenster in meine Zelle gesendet hatte, wenn ich
+nicht schlafen konnte, da gedacht' ich, ob auch wohl in der weiten
+Christenheit Jemand zu finden wäre, der in dieser Stunde so
+sorgenhaften und elenden Herzens zu ihm aufblickte, als der hier
+gefangen durch die Nacht getrieben ward, und fast wie ein Schrecken
+überkam's mich, daß ich das selber war, Diether von Maulbronn.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Auf Elzeburg.
+
+
+Das Elzewässerlein fließt im Gebirge durch ein freundliches
+Wiesenthal gen den Neckar. Längs seinem Lauf ziehen sich Berge hin von
+mäßiger Höhe, fast durchaus mit Buchen und andern Laubhölzern schön
+geziert. Auf einem dieser Berge, der über seine Brüder in der
+Nachbarschaft stattlich hervorragte, stund die Burg, dahin ich geführt
+ward. Sie hatte von dem Flüßlein, das unten vorbeirauschte, den Namen,
+und hieß Elzeburg. Auf ihr hausete der Reichsgraf und Bannerherr Herr
+Eberhard, wie auch sein Geschlecht seit undenklichen Zeiten da
+eingesessen war. Derselbe war immer unbeweibt gewesen, hatte in
+jüngeren Jahren mit des Kaisers Kriegsvölkern viel zu Felde gelegen in
+Welschland und stund bei der Kaiserlichen Majestät nicht bloß wegen
+seines tapferen Muthes, sondern auch wegen seines kundigen Rathes in
+hohen Ehren. Aber je älter er ward, desto weniger machte es ihm
+Freude, wenn er zu Hofe reiten mußte, um allda große Welthändel zu
+Recht bringen zu helfen, obwohl er gehorsamte, so oft er entboten
+ward; sondern am liebsten weilte er in waldgrüner Einsamkeit auf
+seiner Väter Burg, ringsum in der Gegend ein hoch angesehener, wohl
+auch gefürchteter Herr.
+
+Und wahr ist's: auf ein schön Stücklein Erde blickte man von der
+Elzeburg nieder, sonderlich lustsam dem Auge zur Frühlingszeit, wie
+ich es sah, wo allerlei bunte Blumen den Wiesengrund zierten und das
+Elzewässerlein unter hellen Weiden und an dunklen Tannen vorbei in
+munteren Sprüngen daher brausete. Vom Fenster des Erkerstübleins oben
+im Thurm über dem Burgthor, wo mir die Wohnung zugewiesen war, konnte
+das Auge weithin über die Berge in die Ferne schweifen, über den
+rauschenden Wipfeln der Bäume den Nebelwolken zuschauen, wenn sie wie
+Geister des Waldes aus dem Dickicht emporstiegen und bald sich
+zusammenballten, bald auseinander stoben, oder auch mit der Weihe in
+den klaren Himmel schweben und ohne Schranken sich fühlen in dem
+grenzenlosen Raume.
+
+Aber auf irgend etwas dergleichen zu achten, trug ich an jenem ersten
+Abend, da ich im Stüblein oben allein war, wenig Verlangen. Schweigend
+hatten sie mich dahinauf gebracht und die Thür zugeschlossen. Herrn
+Eberhards war ich nicht mehr ansichtig geworden. Zur Nachtkost stand
+ein Imbiß auf dem Tisch, aber ich mocht' ihn nicht anrühren. Und so
+saß ich verdrossenen Gemüths vor dem Feuer, das im Kamin des weit in
+die Stube vorgebauten Schornsteins mir zur Erwärmung angezündet war.
+
+Nach einer Weile verdroß mich doch diese meine Verdrießlichkeit
+selbst.
+
+»Diether«, so schalt ich mich, »bist Du nicht bei Deinen Jahren und
+bei aller Kunst und Gabe, die Du hast, ein recht blödes, hilfeloses
+Kind? Nun Dir der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen kann,
+so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und Wissen? Verzehrest Dich
+und grämest Dir die Stunden hinweg mit Zürnen und Murren, weil Du von
+Gäuchen Dich hast überlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen Dir
+auch nicht hast helfen können! Frisch an's Werk und brauch' Deinen
+Kopf, wie Du mit Gott Dir am klüglichsten heraushelfest aus dieser
+Noth, darein Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!«
+
+Damit schickte ich mich an, darüber zu sinnen, wie ich morgen dem
+Grafen am besten begegnen möchte, wenn ich zur Verhörung vor ihm
+stünde. Denn daß ich solches zu gewarten hätte, war mir gewiß. Recht
+als ob es gälte, eine _chria_ für Magister Berthold zu Stand zu bringen
+mit _Protasis_, _Aetiologia_, _Amplificatio_ und _Conclusio_, legt' ich mir
+eine wohlgefügte Rede zurecht, mit beweglichen Worten trefflich
+geziert und mit manchem guten Sprüchlein durchflochten. Und als ich
+Alles und Jedes gehörig überdacht hatte, war ich damit so gar
+zufrieden, daß ich mich wunderte über meine Thorheit, daß ich je hätte
+denken können: es würde mir nicht ein Leichtes sein, mich als den
+Klösterling auszuweisen, der ich war, und den Fahrenden von mir zu
+thun, deß Kleid ich trug.
+
+Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der ich anzuheben
+gedachte: »Weislich sonder Zweifel, gnädiger Herr!« so wollt' ich vor
+ihn treten, »weislich haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch
+gethan, daß keine Sache so übel gerathe, sie habe denn auch etwas
+Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Das ist
+auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches
+Beistandes und welcherlei Rechtfertigung sollt' ich Gekränkter mich
+nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit versehen und
+wie sollt' ich unter ihre Fittiche aus aller Fährniß und Verlästerung
+nicht gerne geflüchtet sein?«
+
+Dieser Vorspruch däuchte mich trefflich gestellt und ich wiederholte
+ihn öftermalen, auf daß ich ja keines Wortes verfehlen möchte.
+
+Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz sänftiglich zu Muth und schon
+gedacht' ich mich zum Schlaf auf's Pfühl zu strecken, als es mir
+schwer auf die Seele fiel, daß ich der Gebetszeiten dieses Tages keine
+gehalten und nicht einmal aus den Brevierblättern, die sie im Kloster
+mir mitgegeben, den Heiligen erfragt hatte, dem der Tag zugehörte. »So
+konnt' ich auch seiner Fürbitte nicht gewarten«, dacht' ich und griff
+hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herfürzulangen. Aber das war ja
+mit dem Rock dahin und sammt des Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute
+geworden! Doch sieh'! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war nicht
+leer. Ich zog etliche arg vergilbte Blätter daraus hervor von gutem
+alten Pergamen. Sie waren zierlich beschrieben, wie man in der
+Klostermuße der Schreibkunst pflegt; aber da war nichts darin, womit
+ein Christenmensch seiner Seele zum Heil um die Matutin oder Vesper
+dem waltenden Gott und Seinen Heiligen diesen mag, sondern Geschichten
+stunden darin, deren gleichen ich zuvor nie gehört hatte noch gedacht,
+daß sie jemals geschrieben wären. War's Anfangs nichts als Neugierde,
+die mich zu lesen trieb, so zwang mich bald die Gewalt der Dinge, die
+da berichtet waren, und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr
+trafen, daß ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen. Es war da
+zuerst eine Aventiure, »_wie Kriemhilde troumte!_« auf die eine andere
+folgte: »_von Sifride wie der erzogen wart_« und endlich stund noch zu
+lesen: »_wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_«. Aber wie die letzte
+Aventiure sich begab, davon erfuhr ich nichts, wenngleich ich über dem
+Lesen leichtlich die ganze Nacht versessen hätte, denn das Feuer im
+Kamin verlosch allgemach und der Vorrath, es zu nähren, war zu Ende.
+
+Lange sah ich wie träumend in die verglimmende Gluth. Mir war's, als
+erblickt' ich den schnellen Sigfried und die anderen Recken und sähe
+sie auf- und niederschweben in dem emporsteigenden röthlichen Rauch.
+Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und wußte doch, daß
+kein Anderer neben mir etwas davon erblicken würde -- nur von
+Kriemhilden konnt' ich nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob
+ich sie wohl erkennen würde, wenn sie neben den Andern erschiene.
+
+Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch die Gesichte und
+ich besann mich wieder auf mich selbst.
+
+»Hilf Himmel!« rief ich da, »thörichter Diether, Dich plagen wohl gar
+Klingsohrs magische Künste noch! Was gehen Dich die Ritter und
+Aventiuren an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener Vogel
+in fremden Federn. Wie Du Dich wieder hinaufschwingst aus Deinem Netz
+und in das Nest zurückfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das
+laß Deine Sorge sein!«
+
+Und so gieng ich zur Ruhe.
+
+Also gethan ist des Menschen unbeständig Gemüth, daß auch des liebsten
+Gutes Genieß uns endlich verleidet würde, wenn wir nicht unterweilen
+sein entbehren müßten, und wenn er immer währte, würde selber der
+wonnigliche Mai uns verdrießen; so lacht uns auch die liebe Sonne
+freudenheller nicht an vom blauen Himmelsdach, als wenn sie sich mit
+ihm eine Weile hinter dichtem Regengewölk gleich wie hinter einer
+grauen Wand verborgen hat. Das fühlt' ich anderen Tages nicht bloß an
+mir selber, sondern ich merkt's auch den Andern auf Elzeburg an, so
+viel ich ihrer sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich früh morgens
+Thal und Höhe im lichten Sonnenschein durch's Fenster glänzen sah!
+Weißer, zarter Nebel dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl
+zerstreute ihn bald und kein Wölkchen stund am Himmel. So tief blau
+und spiegelklar wölbte der sich über die Erde hin, als hätte er sie
+voll Liebe näher zu sich emporgezogen, damit sie seiner Klarheit
+besser genießen möchte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen
+Brust und all' die unzähligen Tröpflein an Halmen und Zweigen, die in
+der Sonne erfunkelten, erschienen mir wie Freudenthränen der irdischen
+Creatur, die da fühlte, die selige Zeit des vollen Frühlingssegens sei
+nun gekommen.
+
+Daß solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards Seele giengen an
+jenem Morgen, das, däuchte mich, war ihm anzusehen, als ich in der
+Frühstunde unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn geführt ward. Er
+saß am Fenster beim Frühstück im hohen Gestühl, gemächlich
+zurückgelehnt. Über die Berge und durch das kaum belaubte Gezweig des
+Nußbaums, der im Burggarten nahe dem Gemäuer stund, schickte die Sonne
+ihren warmen Strahl in's Gemach und schaute dem Burgherrn voll in's
+Angesicht. Schon stund ich eine Weile in der Thür, der Anrede harrend,
+währenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen dem Licht des jungen
+Tages und der weichen Frühlingsluft zugekehrt blieb, die durch das
+Fenster hereinströmte. Endlich schien er sich zu erinnern, daß er
+Helmbold geboten hatte, mich vor ihn zu bringen.
+
+»Ei sieh!« rief er, indem er, sich umwendend, mir winkte näher zu
+kommen, »Meister Tannhäuser! -- Gelt, Diether! heut' läßt's sich
+drauß' besser an für die fahrende Kunst als im unholden Wetter
+gestern«, und er wies mit der Hand in die fröhliche Welt hinaus. »Nun
+freilich, das Schweifen ist Dir für's Erste verlegt. Und doch sei deß
+nicht gar zu betrübt. -- Auch auf der Elzeburg läßt's sich ganz
+wohlgemuth hausen«, setzte er behaglich hinzu; »gibt's auch hier nicht
+alltag Gänsebraten, so darf Dir zwischen Zurüsten und Niedersitzen
+doch Niemand, auch kein Waibstädter nicht, das Mahl verderben.«
+
+Jetzt, glaubt' ich, wäre der rechte Augenblick gekommen, meinen Spruch
+anzuheben, und so sagt' ich, recht mit der Betonung, wie in der
+Rhetorica ich's gelehrt worden:
+
+»Weislich, sonder Zweifel, gnädiger Herr! haben die wohlerfahrenen
+Alten gesagt, daß kein Ding so übel gerathe, es habe denn auch etwas
+Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Dies ist
+auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches
+Beistandes und welcher Rechtfertigung sollte ich Gekränkter -- --«
+
+»Laß genug sein, Diether!« unterbrach mich da der Graf. »Spar' Deine
+Worte; sie sind Dir hier nicht von nöthen. Denn Du brauchst Dich
+keines Übels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und hier sah er mich
+ernster an) laß es Dich dünken, es sei Dir wohlgerathen, daß ich von
+Ungefähr gezogen kam und Dich den Waibstädtern entriß. Denn mein'
+Treu! sie hätten Dir Dein Gefiedel zu Bärbel's Hochzeit übel gelohnt.
+Thurm und Stock wäre Dein Singerlohn gewesen. Hier bist Du allerdinge
+gefangen und das mit Recht; aber, so Du Dich fügst, soll Dir Deine
+Kunst hier wohl zu Danke sein.«
+
+»Ach! gnädiger Herr«, bat ich da, »wollet doch nicht dafür halten,
+daß, was die Städter wider mich geredet haben, etwas Anderes als
+vermaledeite Lügen seien, und laßt Euch sagen, daß ich ebensowenig
+ihnen die Hochzeit gestört habe, als ich gewißlich kein Fahrender noch
+der Singekunst kundig bin, wovon ich allsogleich Euch überführen
+werde, so Ihr mich nach Eurer Gütigkeit weiter hören wollt.«
+
+»Bei Gottes Thron!« fuhr Herr Eberhard da heftig auf. »So gedenkst Du
+noch immer durch Läugnen Dich herauszuwinden? Kein Wort mehr davon!
+sag' ich. Und das ist die Meinung. Du bekennst Dich frei offen zu
+Deiner Kunst und willigst ein, auch auf Elzeburg mit ihr zu dienen,
+oder Du wirst noch heut' nach Waibstadt zurückgeführt und dort acht'
+ich für gewiß, wird Krummholz und sein Anhang reichlich dafür sorgen,
+daß Du bald ein Liedlein zu singen anhebst, aber aus einem neuen Tone
+und einem gar kläglichen.«
+
+Und unmuthig wandte er sein Angesicht wieder von mir ab, dem Fenster
+zu.
+
+Da merkt' ich wohl, daß ich mich meiner Chria nicht länger trösten
+könnte und ihre Kraft besser unversucht ließe. Darum fragt' ich ihn
+bloß ganz kleinmüthig:
+
+»Gnädiger Herr! Was ist es, das Ihr von mir nothhaftem Mann begehrt?«
+
+»Nichts«, erwiedert er gelassener, »als worüber, wenn Du gefügen
+Sinnes bist, Du eitel Freude haben mußt. Dieselbe Kunst, die Dich in
+Noth gebracht, soll Dir auch heraushelfen. Gerade dessen begehr' ich,
+was Du, dummer Mann, zum eigenen Schaden hehlen willst. Deine Mären
+und Aventiuren, um die sie Dir in Waibstadt gram worden sind, sollen
+auf Elzeburg Dich und Andere erfreuen.«
+
+»Ach Herr«, betheuerte ich und legte die rechte Hand auf die Brust,
+»zürnet nicht! Aber ich habe nie von keiner Märe und dergleichen zu
+singen und zu sagen gewußt.«
+
+»Gut denn!« rief er unwillig und gebot dann seinem Knecht: »Fort,
+Helmbold, mit ihm nach Waibstadt und zwar noch heut', sobald ich über
+ihn an den ehrsamen Rath daselbst werde geschrieben haben! Sitz bald
+auf und bind' ihn an's Pferd, daß er Dir nicht entwischt!«
+
+Da stund mir denn sonder Frage ein jammerhaft Geschick bevor. Aber in
+dieser höchsten Noth hat, wie ich wähne, meiner heiligen Patrone einer
+an mich gedacht und von Gott gewirkt, daß da zu eben dieser Frist die
+Thür aufgieng und ein Mägdlein leichten Schrittes hereintrat, Helmbold
+und auch mir zunickte und fröhlich Herrn Eberhard entgegeneilte, mit
+heller, munterer Stimme ihn begrüßend. Wie sie den Arm um seine
+Schulter legte und sich zu ihm niederbeugte, ihn zu küssen, bemerkte
+ich wundernd, wie goldig ihr das Haar im Sonnenstrahl um ihr Haupt
+floß; und ob ich gleich ihr Angesicht nicht sehen konnte, so wußt' ich
+doch, wie Herr Eberhard zu ihr aufblickte, daß sie die rechte
+Maiensonne war, die über die Herbst- und Winterszeit seines Lebens den
+herzerquickenden Schein des Glücks und der Freude breitete.
+
+Daß ich aber glaubte, durch Gottes Fügung wäre das Mägdlein gerade
+jetzo hereingetreten, um meinetwillen, das geschah darum, weil bei dem
+klaren Ton ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele trat,
+wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe! da ich an das
+Pergamen mit den drei Aventiuren oben gedachte, schien ich mir auch
+gefunden zu haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir
+wenden könnte. War's nur die Sorge um Krummholtzens Rache oder war's
+auch zugleich etwas vom Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschloß,
+ihnen den Willen zu thun und mich für das auszugeben, wofür sie mich
+haben wollten. In jener Stunde wenigstens däuchte es mich der einzige
+kluge Rath. Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn sie
+es möglich machten, sie ihnen beizubringen. Sie wollten sie jetzt
+nicht hören, und ihre Sache war es, die Täuschung zu verantworten, zu
+der sie mich zwangen. Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld,
+sich verstellt vor dem Philisterkönig aus zwingender Noth?
+
+Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold schon sich bereit
+gemacht hatte, mich hinwegzuführen, zögernd einen Schritt vor,
+verneigte mich und sprach: »Mit Verlaub, gnädiger Herr, wenn Ihr denn
+befehlet, so will ich nach Vermögen mit meinen Mären Euch zu Diensten
+sein; allein schicket mich nur nicht gen Waibstadt, denn vor den
+Städtern grauset's mir.«
+
+»Das war vernünftig geredt«, sagte begütigt der Graf. »Auch wär's eine
+ausbündige Thorheit, schier befremdlich an einem aus dem gewitzten
+Volk der fahrenden Brüderschaft, wenn Du bei Deinem Starrsinn
+verharret wärest. Doch ich wußte wohl, daß Du Dich noch darauf
+besinnen würdest, was Dir das Klügste zu thun ist. -- Und hier,
+Irmela«, sagte er und ergriff des Mägdleins Hand, »siehe, das ist
+Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt. Wohlan, heiß ihn
+willkommen und hab' wohl Acht, daß Du fleißig von ihm lernest, was zu
+behalten Freude macht.«
+
+»Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf Elzeburg!« redete mich
+da das Mägdlein an und ihr freundlich Grüßen that mir gar wohl. Es war
+mir, als gewänn' ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt, das sie mir
+aufgezwungen hatten, und sagte getrost:
+
+»Habt Dank, Jungfräulein, und seid gebeten fürlieb zu nehmen mit
+meiner Kunst; denn sie ist geringen Vermögens.«
+
+Da lachte Herr Eberhard laut: »Ei Diether, so magst Du aus Höflichkeit
+reden; aber daß Du mit Mären zu wenig vermagst, darum haben die
+Waibstädter Dich nicht verklagt. Deß also sei sorgenohne und vermeld'
+uns sogleich, welcher guten Aventiure Du zuerst Dich annehmen willst,
+daß meine Nichte sie von Dir höre.«
+
+Ich besann mich nicht lange und antwortete: »_Wie Kriemhilde troumte_«,
+so es Eures Gefallens ist.«
+
+»Ei wohl, Diether!« rief er erfreut. »Das ist eine gute alte
+Aventiure, und die hernach folgen, sind es auch. Ach, ich hörte sie
+einst in meinen jungen Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen
+Geschichten bei Rittern und Herren in hohen Ehren und selber des
+Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer wohl konnten. Jetzt
+schämt man sich ihrer zu Hof und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe
+und liebe mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit Deinem
+alten Ohm die langen Abende mit Lesen aus alten Büchern kürzest, dann
+sollst Du unterweilen auch die alten Mären mich hören lassen, wie ich
+einst sie vernahm, und ich weiß, sie werden mich erfreuen, wie
+dazumal. Sorg' nur, daß Du Alles wohl aufschreibest, was und wie er
+Dir's sagt! -- Und Du, Diether, merk' Dir's wohl: je früher Du mit
+Deinen Aventiuren zu Ende kommst, um so bälder bist Du Deines Dienstes
+hier entledigt und magst ziehen, wohin Du willst.«
+
+So war ich denn zu des Mägdleins Lehrmeister gar unversehens bestellt
+und wußte nicht, wie mir das gerathen würde. Denn worin ich hätte
+unterweisen können, darin durft' ich's nicht, und was ich lehren
+sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich tröstete mich mit
+meinem Pergamen und dachte, wie so manch' ein Hochgelahrter auch
+nichts vermöchte der Welt zu Dank, wenn er nicht allezeit seine
+Weisthümer aus der Bücherei erborgen könnte.
+
+Soll ich nun berichten, wie mir's auf Elzeburg weiter ergieng, so
+wundre ich mich darüber, wie doch so oft Neid getragen wird von den
+Alten gegen die Jungen um der fröhlichen Hoffnungen willen für die
+Zukunft, mit denen diese in trübnißvoller Gegenwart sich leichtlich zu
+trösten und selber über große Widerwärtigkeit hochgemuth sich
+hinwegzuschwingen vermöchten; wohingegen das Alter leider gewitzigt
+worden sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten, wie die
+gegenwärtigen ihm Genüge gebracht haben. Dem gegenüber will mich's
+immer bedünken, daß dem Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu
+gleicher Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen auf
+bessere künftige, ja zu noch größerer. Denn unser Herrgott hat dem
+menschlichen Herzen eine wundersame Kraft geschaffen, daß ihm jegliche
+hohe Freude oder tiefe Trübniß, je weiter sie zurückweichen in die
+Vergangenheit, allgemach hinaufrücken in ein stilles, sanftes Licht,
+wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne auf die Erde zu
+schicken vermögen. Sondern ich achte: es strahlt aus der Tiefe des
+menschlichen Gemüths, dahinein Gott es versenkt hat aus der
+unsichtbaren Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir
+zurückdenken, mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen ab und
+leuchtet endlich über uns in keinem minderen Glanz und Schimmer, als
+das noch Unerlebte, was die Hoffnung oft mit trügerischem Glanz vor
+die Seele stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und alle
+Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren vermag, erst dann in
+ihrer Pracht, wenn sie selbst nicht mehr am Himmel steht, und schauen
+nach dem süßen Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist.
+
+Also stehen auch die längst geschwundenen wenigen Tage, die ich auf
+Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke, in beständiger Gegenwart mir
+vor der Seele, als genöß' ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die
+mir um's Haupt wehte und in Lebensfreude die junge Brust dehnte, wenn
+ich mit Helmbold in's Thal herniederreiten durfte und in den Wald
+hinein auf bethauten Wegen; des süßen Duftes der Linde, unter der ich
+oftmals saß im Burggarten zur Mittagszeit, wenn die Bienen darin
+summten mit freudigem Gebraus, oder des Abends, wenn die Läuber leise
+rauschten im sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes seine
+Spur zurückgelassen in meiner Seele und ist ihr unverloren. --
+
+Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn junger Nichte zu
+dienen hatte, nahmen noch in den ersten Tagen ihren Anfang. Da mußt'
+ich hinunter in den Saal kommen und ihr gegenüber niedersitzen an
+einen großen Tisch, allwo sie meiner schon wartete. Sie hatte ein
+großes Buch vor sich mit vielen guten Sprüchen und Liedern
+unterschiedlicher Singer zum Theil beschrieben. Dahinein sollten nun
+auch durch Irmela meine Mären kommen, wie sie das Mägdlein von mir
+hören würde. Darum saß sie auch da zum Werk bereit, die Feder in ihrer
+zierlichen Hand.
+
+Mir war doch, da ich mich vor dem Fräulein sah, nicht muthiger zu Sinn
+als vor Abt Albrecht im Capitelsaal und ich fühlte, ob ich gleich
+vermied sie anzuschauen, daß sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte.
+Als ich nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die Feder in
+ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten anfangen möchte, sagte
+sie, indem sie die Feder tränkte und das Buch zurechtlegte, bescheiden
+aber im Geringsten nicht scheu oder furchtsam:
+
+»Hebet nun an, Meister Diether, wenn's Euch geliebt, und sprechet
+recht langsam jegliche Zeile mir vor, damit ich im Schreiben nicht aus
+Übereilung mißthue, und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in
+diesem Buch muß Alles ohne Tadel und löblich sein. Auch mag ich viel
+lieber beim Schreiben der Unmuße mehr haben, als daß mich darnach beim
+Lesen die ungleiche und übelgerathene Schrift verdrieße.«
+
+Dies sagte mir das Mägdlein gar sehr nach Wunsch. Denn weil ich,
+solange sie mich für einen fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu
+wenig Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich's für
+ungeziemend, nur aus meinem Pergamen fürzulesen als der Ungeübten
+Einer. Daher hatt' ich, so viel ich behalten konnte, von der ersten
+Aventiure gelernet. Nun war mir das freilich ja ein Trost, daß mir
+Zeit gegönnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen und daß mein
+Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen sollte; denn wie ich mir
+helfen möchte, sobald mein geheimes Ölkrüglein droben, aus dem ich
+schöpfte, leer geworden sein würde: deß wußte ich keinen Rath.
+
+So erwiedert' ich denn: »Gerne, Jungfräulein, wie Ihr gebietet.«
+
+Und danach hub ich an: »Ez troumte Kriemhilden in tugenden der sie
+pflac« und wie ich's eben oben weiter erlernet hatte. Ich sprach ganz
+bedächtiglich und, indem ich auf ihr Schreiben Acht hatte, nur immer
+dann ein weiteres Wort, wenn ich sah, daß sie mit dem vorhergehenden
+fertig war. Ihre Sorgfalt zu betrachten, mit der sie Jegliches
+bedachte, und ihren Eifer, mit dem sie die Buchstaben zog, machte mir
+große Freude, und der Fleiß, mit dem sie Alles recht zierlich
+herzurichten trachtete, erregte auch mich, aufzumerken auf das Werk.
+Und so kam es wohl, daß ich zu meiner Aventiure etwas hinzuthat, was
+die Niederschrift angieng: »Hier setzet ab, dieses Wort rückt näher
+heran, denn die Zeile wird lang« und Anderes mehr. Wie sie erfand, daß
+mein Rath allerorten das Richtige traf, hielt sie inne im Schreiben
+und fragte mich: »Ihr scheinet wohl erfahren in der Schreibekunst?«
+
+Ich antwortete: »Guter Lehre darin habe ich genug gehabt!«
+
+Da sah sie mich verwundert an und sagte: »Das hätt' ich nicht gedacht,
+daß Ihr Muße gefunden zu solch sitzender Kunst.«
+
+So langsam nun auch ich Kriemhildens Traum in das Buch Wort nach Wort
+niedertröpfeln ließ, so war ich doch nach wenigen Tagen unserer
+Schulzeit damit zu Ende, und wie Ute, die Mutter, den Traum gedeutet
+hat von einem Manne, den Kriemhilde zu Lieb und Leide gewinnen sollte
+und wie, um Beides zu meiden, die hehre Frau immer bleiben wollte ohne
+Recken-Minne, -- das war nun Alles im Buch geschrieben. »O weh,«
+dacht' ich da, als ich meine Kanzlerin das letzte Wort niederschreiben
+sah, »wie willst Du bestehen, wenn Dein Kunstvorrath so schnell zu
+Ende geht? Da wird Deine zweite Noth hier größer werden als die erste.
+Zum Wenigsten heut nimmst Du die zweite Aventiure nicht mehr vor.«
+
+Das that auch nicht Noth, denn Irmela, wie sie das letzte Wort
+geschrieben, legte die Feder weg, that das Buch zu und sagte:
+»Erzählet mir doch, Meister Diether, wie das nachher sich zutrug mit
+Kriemhilden und ob denn wirklich Ute sie wahr beschieden hat.«
+
+Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig; denn ich sollte das Mägdlein
+einen Weg führen, den ich selber nie gegangen war, von dem ich auch im
+Geringsten die Richtung nicht wußte. Ich faßte mich aber und sagte:
+»Nein Jungfräulein, das geht nicht an. Die Geschichte ist überlang und
+jegliche Aventiure muß in ihrer Ordnung unverrückt bleiben. Jetzt
+folgt die »_von Sifride wie der erzogen wart!_« Auch möcht' Euch das
+mühevolle Schreiben verdrießlich werden, wenn Ihr allbereits am Anfang
+des Fortgangs und Endes kundig seid.«
+
+Da versetzte Irmela lachend: »Mit Verlaub, Meister, aber Ihr irret,
+wenn Ihr denket, daß ich an diesen Mären so groß Gefallen habe und
+heftig verlange zu wissen, was sich weiter zugetragen hat. Wollt Ihr
+es noch verschweigen, so thut es immerhin. Wär's nicht um meinen Ohm,
+der daran so größliche Freude hat, ich schriebe wohl Anderes in dieses
+Buch. Solche Kunst mit Worten, die bloß zu sagen sind, acht' ich nicht
+groß; wo die Worte nach einer Weise gehen, die zu singen ist, das ist
+mir die rechte Kunst. Und, Meister Diether, wenn Ihr mich von Euren
+Liedern hören ließet und ich könnt' etliche, die mir zumeist gefielen,
+von Euch erlernen, das wäre mir lieb. Eurer Fiedel freilich seid Ihr
+ledig, aber nähmet Ihr die Laute zu Eurem Singen, so wäre mir das zu
+größerem Nutzen: ich gäb' Euch die meinige in die Hand, und ich
+vertrau' wohl, daß ich die Griffe Euch bald würde nachthun können.«
+
+Wie sie dabei fragend und bittend mich anblickte, hätt' ich sie von
+Herzen gern ihres Wunsches gewährt. Aber ich sagte bloß: »Die Laute zu
+schlagen, bin ich gänzlich unkundig.«
+
+»Nun denn«, fuhr sie fort, »so mögt Ihr Eure Lieder bloß singen, und
+wenn ich eine Weise wohl aufgefaßt habe, so gedenk' ich selbst die
+Griffe zu finden, die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure
+Schule zu nehmen!«
+
+Da mußt' ich mir mit einer List helfen:
+
+»Gerne, Jungfräulein! Aber wisset, daß es wider Recht und Brauch
+unserer Kunstbrüderschaft ist, unsere Lieder so bar mit der Stimme
+hinauszusingen, ohne daß Saitenklang dazu ertönt.«
+
+»Das ist ein seltsam Recht«, erwiederte sie darauf verwundert, »das
+Ihr da aufgerichtet habt. Doch«, setzte sie munter hinzu, »ist's Euch
+ein Ernst, mich Eurer Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer
+Recht und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will Euch lehren
+die Laute schlagen, und, deß bin ich gewiß, ein Meister wie Ihr, wird
+bald vermögen auf ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch
+könnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche mir
+aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das sollen die sein,
+deren Weise ich hernach zuerst von Euch zu hören gedenke.«
+
+»Was aber«, fragt' ich, »wird aus »_Sifride wie der erzogen wart_« und
+den Aventiuren darnach?«
+
+»O«, sagte sie beschwichtigend, »seid deß unbesorgt. Die sollen nicht
+versäumet werden, dürfen es auch nicht, um meines Ohms willen. Aber
+jedesmal, wenn wir mit ihnen ein gut Stück vorwärts gekommen sind und
+es verdrießt Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.«
+
+Solch' Begehren des Mägdleins war mir lieb und auch leid. Lieb war es
+mir, weil ich gedachte an ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid
+aber, weil ich besorgte, ich würde nun mit meinen zwo Aventiuren um so
+geschwinder am Ende sein, wenn ihr Sinn erst eifrig nach meinen
+Liedern stünde, und weil ich, je gelehrigerer Schüler ich ihr ward, um
+so bälder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich als der
+bestehen?
+
+Aber ungedacht gerieth mir Irmela's Singelust durch meine Malkunst zum
+Heile. Denn einst, als die Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war
+ich durch Helmbold zu ihr draußen in den Garten beschieden worden. Da
+waren auf grünem Rasen mit wohlgepflegten Beeten, auf denen
+buntfarbige Primeln und schlanke Narzissen blühten, ein weitästiger
+Apfelbaum, der stund voll rother Blüthenknospen recht wie mit
+unzähligen Sträußlein geschmückt. Im Halbkreis um diesen Baum war wie
+eine grüne Wand dichtes Gebüsch von Flieder gezogen, der dem Ort in
+der heißen Jahreszeit Kühlung und Schatten lieh. Dahin hatte Irmela
+Tisch und Stühle bringen lassen und dort sollt' ich ihrer warten. Ein
+gar lieblicher Platz war es, den sie für unser Schulhalten ausersehen
+hatte. Denn man sah über Blumen und Rasen vorn über die Wipfel der
+Obstbäume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende Garten des
+Burghofes bepflanzt war, weit hinauf und hinab in das Thal, wie da das
+Elzewässerlein bald aus dem Grün hervorblitzte, bald hinter dem Laube
+der Uferbäume sich verbarg, und frei konnte zugleich der Blick
+hinüberschauen in's Gebirg. So saß man dort uneingeengt und doch
+ungesehen und heimelich.
+
+Mit rechter Lust schaute ich in die heitere Welt hinaus, die nah und
+fern so friedlich vor mir lag, und daß wir unser Werk so mitten in der
+Lenzlust treiben sollten, machte mich recht herzensfroh, und dem
+Mägdlein wußt' ich's im Stillen Dank. Da sich von ungefähr ihr Kommen
+verzögerte, nahm ich das große, schön gebundene Buch, das schon bereit
+lag, in die Hand und schlug es auf. Bald fand ich die Blätter, auf
+denen Lieder und Sprüche der besten Singer zu lesen waren. Ich staunte
+nicht wenig über die meisterliche Kunst, mit der da in Wort und Reim
+gefaßt war, was des Menschen Herz zumeist bewegt, und immer wieder auf
+neue Weise, wie wohl die Vöglein alle im Mai dieselbe Lenzwonne
+singen, doch aber jedes in seiner sonderlichen Art.
+
+»Reicher Gott!« dacht' ich, »wie mag dir das gute Mägdlein so hohe
+Kunst zutrauen und wie könnt' ich sie je erlernen; sie muß von Gott
+verliehen sein.«
+
+Während ich so der Muße genoß, sah ich auch die Feder schon bereit
+liegen, und das Tintenfäßlein stund dabei. Ich nahm sie in die Hand
+und schrieb, wo Irmela zuletzt aufgehört hatte, oben auf das nächste
+Blatt in den zierlichsten Buchstaben, die ich vermochte, was nun
+weiter folgte: »_Von Sifride wie der erzogen wart._« Ich that zu
+mehrerem Schmuck manchen Zug hinzu fein und geschwungen, wie ich's in
+den besten Schriften unserer Klosterbücherei gesehen hatte. Damit war
+ich noch beschäftigt, als das Mägdlein herzutrat.
+
+Noch seh' ich die schlanke Gestalt, wie sie voll kindlich
+jungfräulicher Heiterkeit durch die Blumen schritt, mit Aufmerksamkeit
+hie und da vor einer neu entfalteten Blüthe ihrer Frühlingsbeete
+stille stund oder eine schimmernde Narzisse, die sie in der Hand
+hatte, gegen die Sonne hielt und in die Betrachtung des leuchtenden
+Blumensterns mit dem gelb-purpurnen Kern sich versenkte. Mir war's nun
+erst, als wüßten Laub und Blüthen um mich her, wem zur Freude sie von
+Gott so schön geschmückt wären, und ich gedachte, daß es am Anfang
+auch ein Garten gewesen, in den unser Herrgott die unschuldigen
+Menschen setzte.
+
+»Ich hab' Euch harren lassen heute«, sagte sie zu mir nach
+freundlichem Gruß, als sie vor mir stund. »Aber ich denke, der Lenz
+macht's heute hier außen so schön, daß einem wintermüden Menschen die
+Weile schwerlich zu lang wird. Um so fleißiger, gebt Acht, werd' ich
+Euch nun beim Schreiben sein. Doch seht«, rief sie mit Verwunderung,
+als sie in das Buch sah, »Ihr seid nicht müßig gewesen; wie kunstreich
+Ihr schreiben könnt! ich wähne, ein Maler vermöcht's nicht besser in
+eines Kaisers Brevier.«
+
+Da sagt' ich: »Wenn es Euch gefällt, Jungfräulein, so könnt' ich des
+Schreibens Mühe Euch wohl ersparen und mit eigner Hand die Aventiure
+in's Buch bringen, so gut ich's vermag. Während dem könnt Ihr die
+Laute spielen, und beim Schreiben würde mir das Hören Eures Spiels
+wohl nützlich sein, daß ich hernach Eurer Unterweisung desto besser zu
+folgen vermag.«
+
+»Nicht wegen der Muße für mich«, erwiederte sie, »sondern um Eurer
+preislichen Schrift willen, die ich dem Buch wohl gönne, nehm' ich
+gern Euer Erbieten an.«
+
+Und so geschah's denn von dem Tag an, daß ich die Feder führte. Weil
+mir aber aus glaublicher Ursach' Eile nicht am Herzen lag und ich
+zugleich das Mägdlein erfreuen wollte, so that ich all' mein Bestes an
+dem Buch. Ich brauchte zur Niederschrift nicht allein Rohr und Feder,
+sondern auch Pinsel und Farbe, die ich mir von Irmela erbat oder
+selber nach Malergewohnheit bereitete. Was waren das für selige
+Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem blühenden Apfelbaum!
+Fröhlicher hat wohl nie Keiner Unmuße gehabt, noch größere,
+herzlichere Lust zu seiner Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, daß ich
+der Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden sollte, gerne
+vergaß und, unbekümmert um den morgenden Tag, ganz nur dem heutigen
+lebte und dem reinen Glück, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst
+nicht bewußt, eine Änderung in meinem Gemüth vor sich, so konnte sie
+bös nicht sein; denn nie zuvor hatte ich höhere Freude an meiner Kunst
+gehabt und ernsteren Eifer auf sie gewendet, als da ich wußte: ihr
+Auge ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die ganze herrliche
+Gotteswelt um mich her sprach deutlicher zu mir, und es war, als ob
+das inwendige Vermögen meiner Seele eine neue Kraft gewonnen hätte.
+Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir der Frühling,
+und wie von einem Gefühl stiller aber starker Freude am Leben und
+allen Werken des HErrn ward mein Gemüth beschwingt. Daß solches Alles
+eine Folge von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des Mägdleins
+auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer Nähe hätte kein
+Mensch traurig bleiben können oder Arges hegen! Und an der
+Anhänglichkeit, mit welcher alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan
+war, konnte man die Macht der Unschuld und Güte ersehen, zumal wenn zu
+ihr holde Gestalt und fröhliche Jugend sich gesellt. Keiner hätt' es
+vermocht, sie zu betrüben, und Helmbold, dem der Graf (er hatte bald
+nach meiner Ankunft wieder die Burg verlassen) ihren Dienst
+zugewiesen, sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine höchste Ehre
+und Freude an. Von ihm erfuhr ich, daß Irmela schon in früher
+Kindheit, da sie Waise geworden, von ihrem Ohm aufgenommen und zwar
+fern von der großen Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe
+unterrichtet und erzogen wäre. Alsdann betheuerte der Alte, wie mit
+ihr ein neuer Tag des Glücks für Alle, sonderlich für den Grafen in
+der abgeschiedenen Burg aufgegangen wäre und wie trübselig es hergehen
+würde auf Elzeburg, wenn das Fräulein einmal da nicht mehr weilte. Und
+gewiß ein edler Freiersmann würde sich bald genug finden, wenn sie nur
+erst hinausgeführt sein würde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar
+wenig gesehen.
+
+So war denn auch sie wie ich ohne Vater und Mutter aufgewachsen und
+in der engsten Umgebung, und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch
+darin die Gestalt ihres und meines Lebens überein. Wohl gern hätt' ich
+ihr die Wahrheit über mich gesagt; und daß sie von mir, wenn auch
+unfreiwillig, getäuscht ward, that mir oftmals leid, und der Vorwurf
+darüber legte sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen
+Maienzeit über meine Seele. Aber ich konnt's doch nimmer über's Herz
+bringen, ihren immer sich gleich bleibenden heiteren Sinn durch eine
+Mittheilung zu betrüben, die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen
+mußte. Zudem wär' es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu tragen.
+War es dennoch unrecht von mir, daß ich mir den Trug, in den man mich
+hineingestoßen hatte, gefallen ließ, ja hernach zu scheinen selber
+fortfuhr, was ich nicht war: so weiß ich's nicht und will's nicht
+widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine tiefe Kluft von
+einander geschieden, aber in des Menschen Gemüth liegt oft Beides gar
+nahe bei einander.
+
+Indessen wuchs ich täglich mehr in den Singerstand hinein, dem ich
+zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen gelang es mir zu größlichem Lobe
+meiner Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen Freude; ja es
+regte sich in mir auch die Lust, selbst ein Lied zu ersinnen nach der
+Art derer, die in Irmela's Buche geschrieben stunden und eine Weise
+dazu zu suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das Mägdlein an der
+Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen, gegeben hatte, nicht
+ohne Noth irre würde. Aber da sie öftermalen in mich drang, aus dem,
+wie sie meinte, großen Vorrath meiner Kunst doch endlich ihr etliche
+Probestücklein herfürzulangen, so durft' ich nicht gänzlich ungefüge
+sein, noch ihr Mißtrauen erwecken.
+
+»Laßt mich doch nun einmal die Worte eines Liedes hören«, bat sie
+einst, als ich Griffel und Pinsel zusammenlegte, womit ich die
+Siegfrieds-Aventiure nach Kräften geziert hatte, »das Ihr auf Euren
+Fahrten sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten Euch
+zumeist Beifall eingetragen.«
+
+Da erwiedert' ich: »Jungfräulein, laßt mich darüber sinnen und morgen
+will ich Eurem Wunsch genügen, wie ich kann.«
+
+Tags darauf bracht' ich ihr, zierlich auf ein Blättlein geschrieben,
+ein Lied, das ich erdacht hatte.
+
+So giengen die Worte:
+
+ »Ein Vöglein sang so wohl hienacht
+ Und lockt' und rief;
+ Ich hatt' des Sanges wenig Acht
+ Und schlief und schlief.
+
+ Doch mir im Traume bracht' er nah
+ Ein süßes Bild;
+ Ach, all mein Sehnen wurde da
+ Gestillt, gestillt.
+ Doch es zerfloß im Morgenlicht;
+ In Fern und Näh'
+ Irr' ich nun um und ruhe nicht
+ Und späh' und späh'. --
+ Mach wieder, süßes Vögelein,
+ Den Träumer froh:
+ Wo wohnest Du, in welchem Hain,
+ Ach wo, ach wo?
+ Vom Suchen bin ich worden krank --
+ Sag' an, sag' an:
+ Wann hör' ich wieder Deinem Sang,
+ Ach wann? ach wann?«
+
+»Wohl«, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen hatte. »Die Worte
+gefallen mir, und wenn auch die Weise eben klingt, so will ich das
+Lied von Euch lernen. -- Ich denke«, fuhr sie fort, »Ihr müsset nun
+bald vermögen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die Laute erklingen
+zu lassen. Wollt Ihr's nicht jetzt versuchen?«
+
+Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen, beugte sie
+sich wieder zu dem Werke, das sie unter den Händen hatte. Es war ein
+köstlich Gewand, wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn
+tragen. Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen hätte, dem Mägdlein
+vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte, ich aber in Noth
+war, was ich auf ihre Bitte erwiedern sollte, ohne ihre
+Unzufriedenheit zu erregen, so fiel mein Blick auf das kunstreiche
+Thun ihrer feinen Hände. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken,
+fragt' ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, für wen und wozu es
+wohl bestimmt wäre. Da sah sie mich fest an und sagte: »Ja, Meister
+Diether! solltet von uns Beiden nur Ihr ein Geheimniß haben?«
+
+Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, faßte mich aber und fragte
+mit verwunderter Miene zurück: »Jungfräulein, welches?«
+
+»Wie, Lehrmeister!« hub sie da wieder an, »Ihr wähnet doch nicht, daß
+ich meine, Ihr habt mir damals Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt?
+Gewiß, einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es nicht und wenn
+ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg daran gebunden sein! Nein, mit
+dem Singen, das Ihr mich nicht wollt hören lassen, hat es eine
+besondere Bewandniß.«
+
+»Nun ja!« erwiedert' ich noch immer nicht ohne Unruhe des Gemüthes,
+»weil es doch vergeblich ist, Euch etwas vorzuwenden: daß ich mit
+Singen Euch nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche
+Ursach' davon hab' ich Euch verschwiegen. Doch zürnet mir darum nicht,
+denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit geschehen oder Eigensinn.«
+
+Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz fröhlich an und sagte
+begütigend: »Seid deß sorgenohne, Meister! Bin ich gleich Evens
+Tochter, so gelüstet's nach Eurem Geheimniß mich nicht so sehr, wie
+Ihr zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein böser Argwohn. Aber
+nun sagt mir zur Stunde: wann werd' ich Euch das Lied zur Laute singen
+hören, das Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein Gelübde,
+daß Ihr der Übung Eurer Kunst auf Elzeburg völlig widersagt habt? --
+Wenn's nicht der Fall ist, Meister Diether«, setzte sie hinzu und
+schickte sich wieder zu ihrer Arbeit, »so laßt mich auf Euer Singen
+nicht länger harren, als bis Ihr das Geheimniß hiervon -- sie wies auf
+ihr Werk hin -- erfahren habt. Noch bleibt's Euch eines und«, schloß
+sie scherzend, »geduldet Euch, so gut Ihr könnt.«
+
+Es war, denk' ich, nur wenige Tage nach diesem Gespräch, als wir an
+der gewohnten Stelle uns wieder gegeneinander über saßen. Durchsichtig
+im Strahl der hellen Junisonne leuchtete das grüne Laub, das uns
+überhieng, und wo es den Himmel durchließ, schimmerte er in tiefem
+glänzendem Blau; um uns her blühten die ersten Rosen und mischten
+ihren Duft mit dem des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in
+ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise Schatten einer
+Wolke über Thal und Gebirg, die selbst glänzend das Licht der
+Junisonne zugleich wiederstrahlte und milderte, wie die Cherubinen die
+Herrlichkeit der göttlichen Majestät abglänzen zugleich und verhüllen,
+deren Thron sie umgeben.
+
+Ja, es war über alle Gottescreatur jene friedliche und selige Ruhe
+ausgebreitet, wie sie wohl ein schwacher Wiederschein sein mag des
+Schöpfungssabbaths am Anfang, den Gott der HErr heiligte und segnete,
+da Er selber ruhte und die Morgensterne Ihn lobten und Ihm zujauchzten
+alle Kinder Gottes. Nur das Gesumme der nimmer ruhenden Immen und im
+Sonnenschein spielender Thierlein mit buntem Flügelkleid traf unser
+Ohr und zuweilen vom Thal herauf der Ruf der Ammer, der immer so wohl
+in die Sommerstille hineintönt.
+
+Wir saßen schweigend, Jeder über seinem Werk. Doch konnt' ich's nicht
+lassen, unterweilen mit Bewunderung zu ihr hinüberzublicken, wie sie
+gesenkten Hauptes mit kunstreichen Fingern gar emsiglich den zarten
+Faden zog.
+
+Da erscholl ganz nah aus dem Gebüsch der laute Gesang der Nachtigall.
+So lieblich-plötzlich ward die vorige Stille unterbrochen, daß wir
+Beide unwillkürlich aufsahen und lauschten. Wie mit frohem Jubel
+klangen zuerst hell die Töne, danach wandelten sie sich wie in ein
+dumpfes Schluchzen und verhallten endlich langsam und leise.
+
+Schweigend sah Irmela vor sich hin, dann sagte sie nachdenklich: »Wer
+doch der Vogelsprache kundig wäre, wie Salomo!«
+
+»Vielleicht«, versetzte ich, »machten uns ihre Geheimnisse selten
+froh.«
+
+»Aber die der Nachtigall zu verstehen«, meinte das Mägdlein, »dünkt
+mich doch ein selig Ding sein. Sie ist doch alles Gesanges Meisterin.
+-- Habt Ihr auch davon gehört, Meister Diether, daß sie mit der Gewalt
+ihrer Töne ihre Brut hervorlocke aus dem Ei in Licht und Leben, und
+also dies Vöglein selber sein Dasein der Macht des süßen Gesanges
+verdanke?«
+
+»Wohl hab' ich davon gehört«, sagt' ich. »Die Creatur Gottes ist
+überall voll tiefer Wunder.«
+
+Ein Windhauch rauschte durch die Büsche und schüttete die Fülle weißer
+Fliederblüthen just über das liebe Mägdlein, so daß sie vom Haupt bis
+hernieder zu den Füßen mit den schimmernden Sternlein bestreut ward.
+
+»Seht«, rief ich da, wie sie mit Lächeln sich betrachtete, »hat sich
+das nicht wunderbar gefügt, und sollen wir nicht wähnen: Frau
+Nachtigall habe Euch grüßen wollen und habe die duftenden Blüthen
+ermahnt, ein Gleiches zu thun? Euch huldigt heute der Frühling auf's
+Beste!«
+
+»Nun wahrlich«, sagte sie darauf heiter, »wer ließe solchen Schnee im
+Lenz sich nicht gefallen? Er ist eine Erinnerung an den rauhen Winter,
+die nimmer Wehe thut. Zu Rom, so ward mir erzählt, haben sie eine
+Kirche, die trägt von »der h. Maria zum Schnee« ihren Namen.
+Vielleicht, Meister, mag es Euch thöricht dünken: aber ich stelle mir
+da die hehre Gottesmutter auch so im Blüthenschnee für, und es scheint
+mir ein gar lieblich Bild.«
+
+Wie ward ich ungedacht durch solche Rede gemahnt an meine Sache! Ein
+gepriesenes Bild Unsrer lieben Frau heimzubringen in's Kloster war ich
+ausgezogen und auf wie andere Bahn war ich nun gerathen! Drob erschrak
+ich; und doch, vermochte irgend ein Meister mir ein Bild gegenüber zu
+stellen, für Sinn und Seele zu so hoher Freude der Betrachtung als
+diese liebliche Gestalt des Mägdleins vor mir? War ich denn ausgesandt
+nach einem hochpreislichen Gegenstand edler Kunst -- konnt' ich in der
+Welt ein edler Ziel finden, als ich hier angetroffen hatte? So ergriff
+mich denn der Wunsch, des Mägdleins Bild, wie ich es vor mir
+erschaute, nach Vermögen fest zu halten, wär' es auch nur zu eignem
+Erinnern. Denn ach! Damals fiel es mir schwerer als sonst auf das
+Herz, daß es von Elzeburg geschieden sein mußte, und ich schon zu
+lange hinausgeschoben hatte, was doch unabwendig war.
+
+Gern war es das Mägdlein bereit, daß ich mich sogleich anschickte,
+wie Ort und Zeit es zuließ, ihr Bildniß zu entwerfen. Während ich mit
+Stift und Pinsel geschäftig war, Alles, wie ich es sah, das Mägdlein,
+die Pracht des Gartens um sie her und den hellen Himmel über ihr in
+allen Treuen auf mein Papier zu bringen, pflog sie nach ihrer Art
+munterer Rede. Aber mir wuchs unter meinem Thun die Herzensschwere.
+Immer lauter tönte in meiner Seele der Ruf: »Diether, was weilest du
+noch hier, besinne dich, wer du bist, und mach dich hinweg!« -- immer
+drückender legte sich die Frage auf mein Gemüth: wie ich
+hinwegzuziehen vermögen würde, ohne auf Elzeburg die Leute, sonderlich
+Irmela, an mir irre zu machen. Ich fand da keinen Ausweg und nur das
+Gefühl blieb zurück, daß das Bildniß, an dem ich da schaffte, den
+Abschied bedeutete, den ich nehmen mußte aber nicht zu sagen wagte. So
+von mancherlei Gedanken bestürmt, förderte ich schweigend mein Werk
+und hinter meinem eifrigen Thun suchte ich vor dem Jungfräulein meinen
+sorgenhaften Sinn zu verbergen. Aber sie war wohl in meinen Mienen der
+ungewohnten Traurigkeit gewahr worden, und so ward auch sie
+schweigsam. Wie in stilles Wundern versunken, sah sie vor sich nieder,
+wenn ich meinen Blick auf sie richtete, um ihr Conterfey zu gewinnen.
+Die Nachmittagssonne war nun mehrere Stunden gen Abend gerückt, als
+ich es, so weit es nöthig war, vollendet hatte. Ich reichte ihr das
+Bild.
+
+»So will ich ihm denn auch seine Unterschrift setzen!« sagte sie,
+nachdem sie es betrachtet hatte. Sie nahm den Griffel, schrieb damit
+auf das Blatt und gab es mir zurück. Ich las: »Irmela zum Schnee!«
+
+»Ja!« rief ich bewegt, »so walte es der reiche Gott vom Himmel, daß
+nie kein andrer Schnee in die Lenzzeit Eures Lebens falle als der Euch
+so mit duftenden Blüthen bestreut, und unselig immer sei die Hand, die
+Euch auch nur Eine zerdrückt, an der Ihr Freude habt.«
+
+»So wohl mir Eures Wunsches«, sagte sie ruhig. »Ich denk' auch nicht,
+daß ich Jemand wüßte, von dem mir Harm kommen sollte.«
+
+»Und auch von mir, Jungfräulein«, sprach ich da, »denket das nimmer!«
+
+»Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von wegen des Liedes, den
+Ihr mir gabt«, sagte sie lachend. -- »Doch nun, Meister«, fuhr sie
+fort, »laßt mich auch die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch
+niedergeschrieben und mit Eurer Kunst geziert habt.«
+
+Sie trat zu mir herüber und beugte sich über die Blätter. Es war die
+Aventiure: _Wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_. Da stunden die
+Worte:
+
+ Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut.
+ Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid,
+ Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn:
+ Minniglicher Weise sie grüßte Siegfrieden schön.
+
+ Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah,
+ Da erglühte seine Farbe; die Schöne sagte da:
+ »Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.«
+ Da ward ihm von dem Gruße wohl erhöhet der Muth.
+
+Wie sie das las, hatte von ungefähr ihre Hand die meine über dem Buch
+berührt, ich spürte ihren Odem an meiner Wange und fühlte das Geflecht
+ihrer Haare an meinem Schlaf. Aber das währte nur einen kurzen
+Augenblick; es war, als hätte ich nur geträumt. Wieder stund sie vor
+mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein klarer Spiegel ihres schuldlos
+heiteren Gemüthes, nur daß es mir schien, als hätte sich der
+Lieblichkeit ihres Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt.
+
+»Ich muß nun eilen, Meister«, sagte sie freundlich. »Der Abend kommt
+und schon zu lange wird man droben meiner harren.«
+
+Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr nach, wie sie die
+Laubgänge des Gartens dahin wandelte und die Stufen zur Burghofspforte
+leichtschreitend hinanstieg. Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng
+zögernd und langsam wie Einer, der sich zu einem Entschluß gedrängt
+sieht, von dem Neigung und Wunsch ihn zurückhalten. Wie sehr diese mir
+zum Bleiben auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder
+wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten, beides war mir heute
+wie von ungefähr vor die Seele gehalten. Es war ein schmerzlicher
+Widerstreit in ihr. Aber wagt auch eines Jünglings Muth und Wille in's
+Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald ich nur ein Wenig
+mich besann, diese ganze Welt, in die mich unversehens ein Irrthum
+geworfen, auf ewig verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt' ich
+hier eine Stätte und auf der weiten Erde nur +eine+ Heimath, das
+Kloster, in dem ich erzogen und für das ich bestimmt war. War es nicht
+die höchste Zeit, mich dahin wieder aufzumachen und mir genügen zu
+lassen wie an des Mägdleins Bilde, das ich durch eine freundliche
+Fügung erlangt hatte, so am Bild all' meines Erlebnisses -- nämlich an
+seiner Erinnerung?
+
+Solches bedacht' ich oben in meinem Gemach, dahin ich mich begeben
+hatte, und heute noch nahm ich mir vor von dannen zu ziehen, sollte es
+auch fluchtweise geschehen müssen. Aber leider die Einsicht in das,
+was uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu folgen, bringt
+nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches sein Widersprechen, sei es
+nun seiner Schwäche oder seines Trotzes ein Beweis, dünkt mich des
+menschlichen Elends häufigster Ursprung.
+
+So sah ich nun mit gar trüben Blicken, unterm Fensterbogen sitzend, in
+das Thal und über die Berge hin, welche die heitere Sonne mit goldnem
+Dufte bekrönte. Eine Landschaft, die wir zum ersten Male erschauen,
+prägt sich tief in unser Gemüth, aber ich wähne: tiefer noch haftet
+der Anblick in der Seele, von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns
+zum letzten Mal. -- Zum letzten Mal! welch' tiefe Schwermuth von
+solchem Wort über unsere Seele fließt, das erfuhr ich in jener stillen
+Abendstunde. Aber siehe! da gerieth mir die Kunst, die ich auf
+Elzeburg von dem Mägdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche
+Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir über die Lippen, und
+ungesucht, als vernähme sie mein Ohr, kamen mir auch die Töne zu dem
+Liede, das ich für Irmela aufgeschrieben hatte.
+
+Schon senkten sich unten über das Wiesenthal tiefer die Schatten und
+der kühler von den Bergen her wehende Hauch mahnte mich an den
+vergehenden Tag, und daß, wenn der nächste anbräche, ich von hinnen
+sein müßte. Da man schon seit lange sich von mir keiner Flucht
+gewahrte, so ward ich auch nicht mehr gehalten wie ein Gefangener, und
+ich konnte gewiß sein, daß manche Stunde vergehen würde, bevor man
+sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das Bild des Mägdleins nahm ich
+zu mir und war entschlossen, nach dem Abendimbiß mir eine Gelegenheit
+zum unbemerkten Enteilen zu ersehen.
+
+Da trat Helmbold in's Gemach.
+
+»Ich bin Euch«, sprach er nach freundlichem Gruß, »ein Bringer
+unerwarteter und, wie ich wähne, froher Zeitung, auch komm' ich Euch
+als Bote nicht mit leeren Händen. Seht hier die Gabe, die Euch das
+Fräulein reichen läßt zugleich als Lohn, den Euch mein Herr, der Graf,
+bestimmt hat für den Dienst, mit dem Ihr ihm zu Willen gewesen seid.«
+
+Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich Irmela hatte
+zurüsten sehen. Wie ich's verwundert und verwirrt in Händen hielt,
+fuhr Helmbold fort: »Die Zeitung ist aber diese, daß Briefe gekommen
+sind vom Grafen, darin er anzeigt, daß er gen Speyer zieht, allda
+längere Zeit zu verweilen, und daß er dabei aus besonderer Ursach
+seine Nichte an den Hof des Bischofs zu führen gedenkt. Euch nun,
+Meister, will er Eurer Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei
+-- und daß Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als die
+waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt, brauch' er Euch
+nicht zu mahnen. Wäret Ihr aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er
+Euch als Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen zu
+Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen Kunst, mit Feder und
+Schrift umzugehen, Euch ehrlich halten. -- Wenn Ihr dann, Meister,
+solch' gnädig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir und etlichen
+Knechten zusammen zu ihm stoßen in Bretten, allwo er jetzo in
+kaiserlichen Geschäften weilt und Eures Dienstes sogleich brauchen
+kann. Aber eiligen Auftrag hab' ich von ihm und so dürfen wir nicht
+säumen; noch heute müssen wir reiten. Habt Ihr doch nun nicht umsonst
+von mir gelernet im Sattel sitzen.«
+
+»Guter Helmbold«, erwiedert' ich, »es ist so; Eure Botschaft ist mir
+hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch. Über Anderes, was ich meine und
+sinne, laßt mich zu Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.«
+
+»Wohl denn«, versetzte er darauf, indem er noch im Gehen auf das mir
+geschenkte Gewand deutete, »so macht Euch fertig; sobald der Troß
+zugerüstet ist, müssen wir auf sein!«
+
+Schon drang der Wiederhall der Geschäftigkeit, die bald in der Burg
+laut ward, in mein Ohr und mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte
+ich das Kleid an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war.
+Darnach trieb es mich noch einmal, die Stätten der Burg zu besuchen.
+Wo die Leute mich sahen, riefen sie mir gutes Wort zum Abschied zu;
+denn sie hatten schon erfahren, daß ich mitzöge. Ich kam an die
+Gartenpforte, öffnete sie und stieg die Stufen hinab. Die Sonne war
+nun lang hinunter und das Dämmerlicht der Juninacht umhüllte Laub und
+Blüthen. Süßer Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die
+Blätter, die ich streifte, netzten mir die Schläfe mit kühlem Thau.
+Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten Stelle. Dort saß ich
+nieder und sah hinaus in die nächtliche Stille. Tiefer Friede wehte
+mich von aller Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und Nähe
+zusammenflössen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre eigne
+Schönheit verbärge, damit nur die Macht, Weisheit und Güte des Ewigen
+verherrlicht würde, der sie alle zu seiner Ehre geschaffen. Da
+gedacht' ich daran, daß es auch des Menschen bestes Theil und reinste
+Seligkeit wäre, für sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur
+ganz in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, daß für alle Herzensfreude,
+die mir je geworden, ich Ihm die Ehre schuldig wäre, und daß ich Ihm
+gerne dienen wollte nach Seinem Willen in allem Gehorsam.
+
+Über solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf dem Tisch die Laute des
+Mägdleins. Aus dem Dunkel um mich her trat ihr Bild glänzend vor meine
+Seele. Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die Weise von
+vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht hatte, als das Lied
+entstanden war, so flossen nun meine Herzensgedanken mit Wort und
+Weise zusammen, und wohl von Grund der Seele klang es hinaus in die
+Stille:
+
+ Mach' wieder, süßes Vögelein,
+ Den Träumer froh;
+ Wo wohnest Du, in welchem Hain,
+ Ach wo? ach wo?
+ Vom Suchen bin ich worden krank,
+ Sag' an, sag' an!
+ Wann hör' ich wieder Deinen Sang,
+ Ach wann? ach wann?
+
+Ja, zum Traumbild, das der Erwachte doch nicht vergißt, ward Alles,
+was ich hier erlebt hatte, und der wachende Träumer fühlte, es würde
+ihm nie wieder erscheinen!
+
+Nun war der volle Mond über das Gebirge emporgestiegen; von seinem
+Licht erblichen die Sterne am wolkenlosen Himmel, aber ringsumher
+erblitzten in seinem Strahl auf Blättern und Blüthen viel tausend
+Tropfen. So war mir hier Irmela erschienen und hatte über meine Seele
+und über die Welt um mich her ein mildes, verklärendes Licht
+gebreitet. Leise trat ich hinaus in den vollen Schein. Da vernahm ich
+leichte Schritte, und dort, umglänzt vom leuchtenden Gestirn, trat sie
+selbst hervor wie ein schimmerndes Traumbild. Als sie auf mich zukam,
+nahte ich mich ihr mit ehrerbietigem Gruß und dankte ihr für die
+reiche Gabe, mit der sie mich erfreut hatte.
+
+»Meister«, sagte sie gütig, »es ist nur die Antwort auf Eure Frage um
+mein Geheimniß. Und ob Ihr wohl Eures behalten habt, so seid Ihr doch
+nun auch Eures Verspruchs ledig, denn wie er lautete, so habt Ihr auf
+Euer Singen mich jetzt nicht länger harren lassen. Ich hörte droben
+Euer Lied und das eben lockte mich hierher. Wohlklingend ist die
+Weise, die Ihr als die erste mir gesungen habt, doch gar traurig.«
+
+»Es hat auch die letzte sein sollen, Jungfräulein!« erwiedert' ich.
+»Ihr wißt, ich scheide heut' von Elzeburg.«
+
+»Aber doch nicht für immer«, fuhr sie fort. »Ich denke, Ihr bleibt
+fortan in meines Oheims Dienst und schon in Speyer nach wenigen Wochen
+verhoff' ich Euch bei ihm zu finden; denn zum Johannisfest hat er mich
+dorthin beschieden.«
+
+»Wär' es aber doch vom waltenden Gott anders gefügt«, sagt' ich
+wieder, »denn ungewiß von einem Tag zum anderen ist des Menschen
+Vornehmen, so vergesset, Jungfräulein, nicht meiner Bitte und denket
+nimmer Arges von mir!«
+
+Da reichte sie mir die Hand und sprach: »Das versprech' ich Euch,
+Meister Diether! Aber ich achte, Ihr seid zu besorglich und habt wohl
+noch Euer unsicher fahrend Leben im Sinn. Nein, noch manch Lied hoff'
+ich Euch singen zu hören und manch fröhliches.«
+
+»Das walte der reiche Gott, daß frohen Gesanges immer Euer Sinn
+begehre!« rief ich da.
+
+»Gott und Seine Engel geleiten Euch!« gab sie zurück, ihre Hand löste
+sich aus der meinigen und flüchtigen Schrittes eilte sie durch die
+Schattenwege der Pforte zu. Dort im hellen Mondenlicht sah ich sie
+noch einmal sich wenden, mir den Scheidegruß zu winken. Dann war ich
+allein. --
+
+Um Mitternacht brachen wir auf zur Fahrt, so viel ihrer Helmbold zur
+Reise sich ausersehen hatte. Der Hof hallte wieder von den Rufen der
+Scheidenden. Als wir durch das Thor über die Brücke zogen, stieß der
+Thürmer in's Horn und der Gesang erscholl: »In Gottes Namen fahren
+wir.«
+
+Unten im Thal ließ ich die Anderen hindann reiten und blieb an der
+Lichtung zurück, von wo aus man die Burg droben liegen sah. Hell
+erglänzten Dächer und Zinnen im Spiegellicht des Mondes. Aber wo aus
+kleinem Fenster durch tiefen Schatten ein Lichtschein herniederdrang,
+dahin richtete ich unverwandt meinen Blick.
+
+Darauf lenkte ich mein Roß herum und sang leise im Weiterreiten:
+
+ Sag' an, sag' an!
+ Wann hör' ich wieder Deinen Sang,
+ Ach wann? ach wann?
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+Heimfahrt.
+
+
+Unsere Reise führte uns ebendenselben Weg zurück, auf dem ich vor
+wenigen Wochen unter vermeldeten sonderbarlichen Umständen und wider
+meinen Willen gen Elzeburg gebracht war. Kein Wunder wär's gewesen,
+wenn ich das nicht bemerkt hätte; denn wie gar anders sah mich heut'
+die Welt an und ich sie! Aber wenn auch der liebe Mond so viel
+heiterer vom wolkenlosen Himmel durch das Laubdach der Bäume zu mir
+herniedersah denn damals, als ich fast erschrak bei seinem Anblick,
+und sein heller Schein schier lauter lichte Bilder vor meine Augen
+brachte: die vom sommerlichen Nebel silbern erschimmernden Waldwiesen,
+den fröhlichen Zug meiner mannlichen Reisegesellen und endlich mich
+selber hoch zu Roß und zierlich geschmückt: ich erkannte wohl die
+Stätte meines vormaligen trübseligen Abenteuers wieder und dachte nur
+bei mir selber ganz fröhlich: »Was gilt's, die Welt hier außen hat
+seitdem Pracht angezogen und ich auch!«
+
+Weil denn nun bei mir allerdinge beschlossen war, (auch mir der
+Gedanke nicht kam, es könnte nicht geschehen) in mein Kloster
+heimzukehren, so überließ ich mich der stattlichen Freiheit, deren ich
+hie genoß, mit rechter Lust, und je ferner Elzeburg hinter uns wich,
+desto mehr wich auch meine nachdenksame Schweigsamkeit, und ich
+gesellte mich den Andern zu, ritt und redete mit ihnen, als wär' ich
+des Dinges längst gewohnt.
+
+»He!« rief da Helmbold mir zu und lenkte sein Roß an meine Seite; »das
+thut mir heut' noch sanft, daß wir Euch dazumal nicht haben entwischen
+lassen; denn, Meister Diether, man ersieht's wohl, Euch geliebt's viel
+mehr mit Graf Eberhard's Leuten hier durch den grünen Wald zu reiten,
+als bei den Waibstädtern zu liegen. Und traun! uns auch. Ihr seid uns
+Allen ein werther Reisegesell', und auch ein wackerer Reitersmann seid
+Ihr worden.«
+
+Das bekräftigten die Anderen einmüthig, und Einer sagte, solcher
+Gewalt und Gefangenschaft, wie ich sie erlitten hätte, würd' er auch
+nicht gram sein.
+
+Da entstund ein Gelächter, und ich lachte auch und sagte: »Mit den
+Städtern wär' ich wohl noch allein fertig worden und von der
+Waibstädter Herberge frei geblieben ohne die Elzeburger.«
+
+»Ja freilich«, sagte Helmbold wieder, »frei wie der Vogel in der Luft
+und das Wild im Busch immer auf der Flucht ohne Nest und Rast!«
+
+»O«, erwiederte ich munter, »Ihr scheltet mir mein früher Leben zur
+Ungebühr; es war ganz anders, als Ihr denket und weit so elend nicht.«
+
+»Hört Ihr's?« rief da Helmbold wieder. »Er hat die Lust zum fahrenden
+Wesen noch in den Gliedern, und gebt Acht, 's ist ihm schon leid auf
+des Grafen Roß, schliche lieber zu Fuß.«
+
+»Hm«, sagt' ich ärgerlich, »was nicht reitet, das gilt Euch nichts.«
+
+ »Ein Mann, sitzt er nur hoch zu Pferd,
+ Dünkt zwier sich mehr als Andre werth!«
+
+»So ist's recht!« rief da Helmbold wieder mit Lachen. »Jetzt, Diether,
+kommt Ihr auf Eure Kunst. Und weil sie trefflich geschickt ist, den
+Weg zu kürzen, so ist's billig, daß wir des Singemeisters in unserer
+Mitte genießen. Hebt denn an und laßt uns etwas hören!«
+
+Da stimmten sie alle zu: »Ja, Diether! singt uns vor und herzhaft.«
+
+Weil sie also anhielten, einen Gesang zu heischen, so that ich ihnen
+den Willen und sang
+
+ Das Lied vom Schützen Oswald.
+
+ »Und hätt' ich gegriffen ihn nicht in der Schlucht
+ Mit Listen: noch wär' ich vor ihm auf der Flucht;
+ Geweiht
+ War dem Tode zu jeglicher Zeit,
+ Was lebend sein Pfeil zum Ziel sich ersah,
+ Ob fern, ob nah:
+ Den Hirsch im Sprung und den Aar im Flug,
+ Herr Oswald der Schütz traf ihn gut genug.
+
+ Nun liegt er gefangen im tiefen Thurm,
+ Umkrächzt von den Krähen, umheult vom Sturm,
+ Und aus
+ Stach ich ihm (baß schmeckt nun der Schmaus
+ Und ungekränkt trag' ich die Grafenkron')
+ Die Augen zum Hohn;«
+ Graf Otto ruft's laut. »Ich sag's Euch mit Fug,
+ Herr Oswald der Schütze traf gut genug.«
+
+ Und der Graf ruft wieder, »daß Wahrheit dies:
+ Auf, holt mir den Schützen hervor vom Verließ!
+ Wohlan!
+ Herr Oswald, du blinder Mann,
+ Deine Augen zwar sind Dir nun nimmer zu Dank,
+ Doch das Ohr merkt den Klang.
+ Nun hab' mir wohl Acht, wie ich schlage den Krug,
+ Ziel', Oswald, und schieß und triff gut genug!«
+
+ Und Oswald lauscht, wo der Klang herkam,
+ Er lauscht auch, woher er die Stimme vernahm.
+ Die Hand,
+ Schon hat sie den Bogen gespannt --
+ Hui, schwirrt von der Sehne der Pfeil durch den Saal!
+ Mit Geschrei sinkt zu Thal
+ Graf Otto, getroffen in's Herz. »'S war kein Trug,
+ Weh, Oswald du Schütze, trafst gut genug!«
+
+Als ich geendet hatte, bezeugten sie Alle: Ja, das wär' ein tapfer
+Lied! und den Sänger lobten sie ausbündig und sagten auch dabei, es
+wäre doch eine auserwählte Kunst, der ich gedienet hätte.
+
+Unter so gethaner Kurzweil gieng die Nacht bald herum und weil wir
+auch im Reiten nicht laß gewesen waren, so hatten wir, als wir früh
+das Morgenlied anstimmten: »Der Tag vertreibt die finstre Nacht«,
+schon manch' gute Meile hinter uns. Den Tag über, der sehr heiß ward,
+hielten wir Rast, und erst mit der Abendkühle saßen wir wieder auf.
+Alle aus dem Troß sahen mich an als einen der Ihren und ich hielt mich
+auch so. Zwar dacht' ich öftermalen, mich Helmbolden zu offenbaren und
+gefügen Abschied von ihnen zu nehmen, wie ich mir solches zu thun auch
+von Anfang der Reise an vorgesetzt hatte. Aber es war immer, als
+könnt' ich den Weg zu solchem Geständniß gegen ihn nicht finden, und
+eh' ich mich's versah, war er oder ein Anderer mit einer Scherzrede
+dazwischen, auf welche ich dann auch (der frohe Muth trieb mich dazu)
+die scherzende Antwort nicht schuldig blieb. Und so sah ich's denn zum
+zweiten Mal licht Morgen werden, als ich zwar Albrecht's Abtei ein
+erheblich Theil näher war denn Tage zuvor, aber dafür noch ebenso fest
+auf des Grafen Pferd saß und so dicht unter seine Leute gemengt, daß
+ich schier selber nicht wußte, wie ich mir heraushelfen sollte und
+beinah' wünschte, es sprengte uns wieder unversehens eine Aventiure
+auseinander, wie vormals den fahrenden Leuten und mir geschehen war.
+
+Aber dergleichen begab sich nichts, und weil wir just wieder durch
+dichten Wald ritten, den ich von Brun's Begleitung her wohl wieder
+erkannte, so gedacht' ich hier, da es doch einmal geschehen müßte,
+mich von ihnen zu reißen und für's Erste zu Brun zu entfliehen. Ich
+erspähte mir also die Gelegenheit und ritt, als geschäh' es von
+Ungefähr, dem Troß eine gute Strecke voraus, wo der Weg sich krümmte,
+bis ich vor ihrer Aller Augen entschwunden war. Da saß ich eilend ab,
+band mein Roß an den Ast des nächsten Baumes und sprang flugs waldein,
+wo Gebüsch und Gezweig am dichtesten mich verbargen. Zuvor aber hatte
+ich unvermerkt an den Sattelknopf meines Thieres ein Blättlein
+geheftet, darauf mein Abschiedsspruch zu lesen stund:
+
+ Nicht weiter folgt Euch Diether mehr,
+ Und sang
+ Er je, trugt Ihr darnach Begehr,
+ Zu Dank,
+ So forschet nicht --
+ Dieweil er schied
+ Mit Weh --
+ Wohin?
+ Ihn ruft die Pflicht,
+ Ernst klingt das Lied:
+ »Ade;
+ Fahr' hin!«
+
+Es mochte gegen Mittag sein, als ich auf verschlungenen Waldpfaden
+endlich in die Schlucht gelangt war, von der ich wußte, daß von da St.
+Wigbert's Kirchlein nicht fern wäre. Wie war ich froh, da sich die
+Halde vor mir aufthat und die beblümte Wiese mit dem muntern
+Bergwässerlein, und mir von drüben das Ziel meiner Flucht
+entgegenwinkte. Wohl klopfte mein Herz stärker, je näher ich die Höhe
+zur Klause hinanstieg, und die Unruhe meines Gemüths wuchs in der
+Erwartung, welcherlei Weise mich Brun empfangen würde, wenn er zuerst
+meiner ansichtig werden würde in dieser Umwandlung. Darum hielt ich
+mir selbst recht eifrig seine freundliche Zusage vor die Seele, mit
+der er von mir schied, daß er all'zeit mit willigem Herzen mich
+aufnehmen wolle, und was er sonst Liebreiches damals zu mir gesprochen
+hatte.
+
+Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber wie erschrak ich, als
+ich plötzlich hinter dichtem Gerank von Waldreben und Geisblatt, das
+sich der Alte seitwärts seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht
+gezogen hatte, seine Stimme hörte, laut und fast heftig wie von
+Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit sich selbst zur Gewohnheit
+gemacht hat.
+
+»Wohl gesprochen, St. Augustine! _Pereant omnia et dimittantur haec
+vana et inania! conferamus nos ad solam inquisitionem veritatis! Vita
+haec misera, mors incerta_.«[A]
+
+[Fußnote A: Hinweg mit all' diesen eitlen und leeren Dingen! Die
+Wahrheit allein laßt uns suchen. Dies Leben ist elend, die Todesstunde
+ungewiß.]
+
+»Hilf Gott!« sagt' ich da zu mir selbst mit Bangen, »ich höre mein
+Urtheil; wie werd' ich vor ihm besteh'n, wenn er so gemuthet ist!« Und
+zögernd schritt ich vorwärts, während er fortfuhr lateinisch zu reden,
+wie vorhin.
+
+Als ich seiner ansichtig ward, saß er tiefgebückt über ein großes
+Buch, darin er eifrig las, als straft' und vermahnt' er daraus sich
+selbst. Ich stund beinah' vor ihm und noch immer hatt' er mein Kommen
+nicht wahrgenommen. Endlich wagt' ich's und sprach, aber zaghaft kam
+es heraus:
+
+»Gelobt sei Jesus Christus!«
+
+»In Ewigkeit, Amen«, fuhr er fort und hielt mit seinem Finger die
+Stelle im Buche fest, bei der ich ihn unterbrochen hatte. Dann erst
+sah er auf.
+
+»Wie!« rief er da mit höchstem Erstaunen, und schob das Buch zur
+Seite. »Du, Diether? Du selbst? Bist Du's wirklich? Dich seh' ich
+wieder und in solchem Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur
+Sommerzeit; oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so sicher
+däuchtest, als ich Dich warnte?«
+
+»Und wie zierlich der Knabe aussieht«, fuhr er fort, nachdem er mich
+wieder und wieder betrachtet, »ein Herzog könnt' sich mit Dir sehen
+lassen, so er Dich in seinem Gefolg' hätte, und mit Dir zu Hofe ziehn.
+Aber nicht zu mir, Diether, mußt Du als ein solcher kommen, wenn Du
+gelobt sein willst.«
+
+Streng sah er mich an, und dennoch war mir's, als hätt' er ein
+Wohlgefallen an mir.
+
+»Ihr thut mir Unrecht, Brun«, sagt' ich da, und trat ihm einen Schritt
+näher, »Ihr thut mir zur Wahrheit Unrecht, wenn Ihr wähnet, ich komme
+im Übermuth zu Euch und zeige mich Euch in diesem höfischen Kleide,
+weil ich bethört sei von der Welt Eitelkeit. Sondern gedenket, wie Ihr
+einst selbst Eure Klause mit des Erzvaters Noä Arche verglichet, da
+Ihr mir Verirrtem eine Rast hier schufet vor des Wetters Ungestüm.
+Heut' gleich' ich dem Täublein, das draußen nirgend haften kann, mehr
+denn damals, und bitte, schleußt vor dem Flüchtigen Euer Fenster nicht
+zu!«
+
+»Aber«, sagte der Alte hinwieder mit einem scharfen Blick auf mich,
+»Du hast das Ansehen nicht, als hätte Dir die Welt bei Deinem ersten
+Ausflug übel gelohnt und reute Dich der Dank, der Dir von ihr
+geworden.«
+
+»O, Brun!« versetzte ich darauf. »Vergönnt mir nur bei Euch wenige
+Tage zu weilen und mich zu bergen; ein Anderes begehr' ich nicht. Und
+wenn ich Euch werde berichtet haben, was mir begegnet ist, so werdet
+Ihr selbst erkennen, wie ich aus Noth in dieses Kleid gekommen bin und
+nicht aus Fürwitz, und Ihr werdet mir heim helfen, wohin mein Sinn
+steht, in's Kloster.«
+
+»Wie?« fragt' er mit Staunen. »In's Kloster begehrst Du zurück?«
+
+»Ja, ich!« betheuert' ich; »heim gen Maulbronn.«
+
+»Nun, Diether!« sprach da Brun, derweil er aufstund und sich
+anschickte, mich in seine Hütte zu geleiten. »Traun! Seltsames muß
+sich zugetragen haben, oder Du bist in Deinen Jahren gewitzigter als
+Viele, wenn in so wenigen Wochen die Welt Dich Unerfahrenen auf ihren
+Kloben pfeifen konnte, aber nicht länger Dich festhalten, und Du schon
+gelernt hast, ihres Wesens überdrüssig zu sein. Manch' Einer lernt's
+mit grauen Haaren kaum! Doch komm und pflege Dein! Du sollst mir
+hernach erzählen. Und vor wem Du Dich auch zu bergen hast, sorge Dich
+nicht. St. Wigbert's Schutz ist gut, wem der einmal zugesagt worden
+ist.«
+
+So war ich denn den Tag über in seiner Klause, und sanft that mir da
+die Ruh. Mein Wirth trug auf's Beste Sorge für mich und spähte
+fleißig, ob sich Jemand nahte. Aber den Waldpfad entlang ward nichts
+sichtbar, als etwa ein Wild, das zum Äsen der Lichtung zuschritt aus
+dem Dickicht; und außer durch das Geschrei des Hähers oder der Weihe
+droben in der blauen Luft und den Gesang der Waldvögel aus dem
+Erlengebüsch am Bach und dessen Rauschen ward die Stille der
+Einsamkeit durch Nichts unterbrochen.
+
+Über das, was mit mir vorgegangen, vermied Brun jede Frage. Aber als
+der Abend hereingekommen war und der Alte droben zur Vesper geläutet
+hatte, rief er mich hinaus und führte mich in seine Sommerlaube. Dort
+hieß er mich erzählen, was ich erlebt hätte, seit ich von ihm gezogen
+wäre. Da berichtete ich die Aventiure mit den zween Fahrenden, und wie
+ich durch sie um Klosterkleid und Briefe gekommen; ich schilderte
+meinen Strauß mit den Städtern, wie sie an mich wollten und ich mich
+ihrer erwehrte, ich erzählte auch darnach von Elzeburg, wie ich wäre
+dahin gebracht worden, wie sie mich für einen fahrenden Singemeister
+gehalten hätten und wie ich zuletzt mir anders nicht Rath's gewußt,
+als von der Heerstraße hier zu ihm zu entweichen, daß ich bei ihm, so
+viel es Noth wäre, stille läge und darnach ungesäumt heimkehrte, woher
+ich ausgesandt.
+
+Als so mit der Erzählung mein Gemüth all' den Dingen nachgieng, wie
+sie sich zugetragen, wurden sie selbst in meiner Seele wieder
+lebendig, als erlebt' ich sie zum zweiten Male. So trachtete ich denn
+auch darnach, was ich zu schildern hatte, mit rechtem Nachdruck meinem
+Zuhörer fürzustellen. Der, merkt' ich wohl, hatte so Seltsames zu
+hören sich nicht versehen, und so bezeugt' er mit Blick und Gebärde,
+welchen Antheil er am Erzählen nähme und am Erzähler. Ja, ich
+berichtete Alles, nur Eines, ich war mir selber nicht wissend, welche
+Scheu mich davon abhielt, verschwieg ich ihm. Ich sagt' ihm nichts von
+Irmela und meinem Schulhalten, sondern nur, wie ich hätte müssen die
+Aventiure von Sifride niederschreiben für Herrn Eberhard. Da Brun den
+Namen des Grafen zum ersten Mal vernahm und den seiner Burg, so
+horcht' er auf, schien es mir, aber er sagte nichts.
+
+Als ich zu Ende war, sah er mich noch eine Weile schweigend an und wie
+mit prüfendem Aufmerken, und wieder wundert' ich mich, wie milden
+Glanzes seine Augen blicken konnten, die doch zu Zeiten so gewaltig
+ernst und strenge, ja finster hinter den Brauen hervorsahen, die sie
+tief überdeckten.
+
+»Diether«, hub er darnach an, »Du bist unverbrüchlich dem Kloster
+zugesprochen?«
+
+Seine Frage kam mir unerwartet und es geschah wohl mit gar
+zweifelhafter Miene, daß ich zu ihm aufblickte.
+
+»Bescheide mich immer«, sagte er ruhig weiter, »was Du von Deinem
+Verlöbniß weißt.«
+
+»Nur das«, erwiedert' ich, »daß man mir immer gesagt hat, wie ich noch
+gar jung als hilfeloser Findling vom Abt um Gottes Willen aufgenommen
+und zuerst zu Leuten, die des Klosters eigen waren, ausgethan worden
+sei. Hernach bin ich zu den Brüdern gekommen und für St. Bernhard's
+Orden ausersehen, dem ich auch, wie sie mir sagen, nach heiligen
+canonischen Rechten versprochen bin.«
+
+»Wohlan, Diether!« sagte Brun wieder, »ich merke wohl, Du bist durch
+Gottes Walten ohne Dein Wollen und Zuthun von Deiner Bahn gelenkt.
+Danke dem reichen Christ, daß Du so geschwind Dich auf den Weg
+zurückgefunden hast, der Dir der vertraute ist von Kindesbeinen an.
+Dank ihm auch dafür, daß Du, so wechselsvoll diese Fahrt für Dich
+gewesen ist, dennoch in Deinem Sinnen und Meinen nicht ein Anderer
+worden bist, denn zuvor. Aber begehre nie ein Mehreres von der Welt zu
+sehen! Bist Du jetzt noch unbetrogen geblieben und ungeblendet, so hat
+sie wohl andere Larven, die noch süßer lächeln, aber die Hölle hinter
+sich haben. Darum, Jüngling, zeuch zurück in Deinen Frieden, und ich
+will Dir wohl dazu helfen. -- Sollte sich's aber«, fuhr er fort,
+»anders befinden, als ich halte, und Du hegst ein heimlich Verlangen
+zurück in das Wesen, dem Du entronnen bist, und Dein waglicher Sinn
+ist Dir erweckt, o Diether, so vertrau' auch dann Dich mir an und
+hehle mir nichts!«
+
+Wohl fühlt' ich die Röthe mir in's Angesicht steigen bei solchen
+Worten. Denn sie erinnerten mich an das, was ich ihm schon jetzt
+verschwiegen hatte, und ich mußte gedenken, wie leichtlich seine Worte
+anders lauten würden, hätt' ich ihm Alles erzählt. Um so mehr gieng
+mir seine redliche Art zu Herzen, und dankerfüllt wagt' ich's, seine
+Hand zu fassen, und sagte, indem ich sie küßte: »Da sei Gott für,
+Brun! daß ich so mit frevlem Sinn hinwegtrachte aus dem heiligen
+Stand, in den ich berufen bin, und Euer treues Mahnen vergesse.«
+
+»So wohl Dir, Diether!« sagte da der Alte wieder, hielt mit einer Hand
+die meine fest und legte die andere mir auf's Haupt. »So wohl Dir,
+wenn Du Dein Leben lang vor dem schwersten Streit bewahrt bleibst, dem
+mit Dir selber. Denn in seinem eignen Herzen hegt der Mensch seinen
+schlimmsten Feind. Er ist übermächtig und in allen Listen geschickt.
+Weh' dem Manne, der ihn erst aufgeregt hat! Bittere Schmerzen sind des
+Überwundenen Theil. Wohl erwählen sich die Meisten unter den
+Menschenkindern, lieber nachher zu büßen, als vorher dem Streit aus
+dem Wege zu gehen. Sie achten's für leichter, aber der üble Teufel
+betrügt sie darin allzumal.«
+
+Wohl hört' ich's am Klang seiner Worte, daß er mit sonderlicher
+Bewegung seines Gemüthes redete, und als wir nun aus dem Dunkel der
+Laube hinaustraten, zeigte mir ein Blick in sein gefurchtes Angesicht,
+daß er da mir von Schmerzen gesagt hatte, die ihm selber wohl bekannt
+waren.
+
+Alles war still ringsum. Nur das leise Gesumme der um die duftenden
+Blüthen des Geisblattes schwirrenden Schmetterlinge nahebei und von
+unten her das Rauschen des Wassers vernahm unser Ohr. Drüben streifte
+das letzte Roth die Bergesspitzen, und über die Wiese senkte sich
+braune Dämmerung, während droben die ersten Sterne erglommen, wie
+Augen der seligen Engel Gottes sich aufschlagen, in denen die
+Herrlichkeit seiner Schöpfung sich schöner wiederspiegelt.
+
+Schweigend versenkte ich meinen Blick in die wonnesame Ruhe. Und auch
+Brun stand ohne Regung und schaute hinaus, als eilten seine Blicke dem
+schwindenden Lichte des Tages nach.
+
+Noch hielt er mich bei der Hand. Als nach kurzer Weile der letzte
+Abendschein von den Gipfeln der Berge verschwunden war, wandte er sich
+zu mir.
+
+»Diether!« sprach er, »laß uns selbander hinangehen, dem Bergwasser
+nach. Nicht lange, so geht drüben der Mond auf, denn schon hellt sich
+dort über den Bäumen der Himmel. Ich weile gern in seinem Licht auf
+der Höhe, wenn unten das Thal im Schatten liegt.« Und er zeigte
+hinauf.
+
+Mit Freuden folgt' ich ihm, und wir stiegen den Pfad hart am Bach
+hinan, der bald in Sprüngen von Gestein zu Gestein sich
+hindurchzwängte, bald sanfter dahinglitt. Da ward zwischen uns wenig
+geredet. Vielleicht waren von vorhin die Gedanken noch zu lebendig in
+Brun's Seele. Und auch ich hatte meine Betrachtung. Ich gedachte, wenn
+ich über mir zu den Sternen emporblickte: wie sie beständig in ihrer
+ersten Pracht scheinen unverändert, so oft nur die Wolkendecken sich
+vor ihnen hinwegthun; wie ich's dagegen nun erfahren, daß über das
+menschliche Gemüth sich Schatten legen, von denen es nimmer geneset,
+und dann trat vor meine Seele der Garten, den jetzt dieselbe gestirnte
+Nacht umfieng, und ich wünschte, sie, die mich dort zum letzten Mal
+gegrüßt hatte, möchte niemals weniger heiter zu den Lichtern droben
+hinaufblicken, als diese zur Stunde hernieder zu ihr.
+
+Rauher ward unser Weg, von manchem Felsblock behindert und so von Baum
+und Gestrüpp beschattet, daß ohne des Alten Führung mein Fuß nicht
+vermocht hätte, weiter zu dringen. Aber der leitete mich sicher bei
+der Hand und zog mich ihm nach. So klommen wir empor, bis wir zu einer
+moosigen Felsplatte kamen, von wo der Ausblick frei war in die
+Waldeinsamkeit ringsum. Hier sah man weithin die Züge des Gebirges mit
+endlosen Waldungen, gleich Wellen eines dunklen Meeres fern und ferner
+sich dehnend, und unter uns das Kirchlein mit Brun's Clause und tiefer
+das Wiesenthal. Alles lag da vor uns ausgebreitet im Dämmer der
+Sommernacht. Da stieg drüben der Mond hinter den Bergen hervor und
+erhellte die Höhe, die wir erstiegen hatten.
+
+»Laß uns hier«, sagte Brun, indem er sich setzte, und mich einlud zu
+thun wie er, »laß uns hier der Betrachtung pflegen und dazu das
+Silentium halten! Ort und Stunde sind geschickt dazu.«
+
+Nach diesen Worten verharrt' er schweigend und blickte in die Tiefe
+vor uns hinunter, als stiegen von dort Gestalten zu ihm auf, dicht vor
+seine Seele hin; je zuweilen wandt' er sein Haupt und fuhr mit der
+Hand über Stirn und Angesicht, als begehrte er sie nicht länger zu
+schauen und spräche zu ihnen: »Vorüber, vorüber!«
+
+Wie er so, als mich däuchte, geschlossenen Auges da saß, im vollen
+Mondlicht regungslos, und nur unterweilen im Hauche der Nacht sein
+Barthaar sich bewegte, so mußt' ich denken beim Anblick der mächtigen
+Felsblöcke umher, die durch eine Riesenhand hier zersprengt und
+verstreut zu sein schienen: Er wie diese Steine, jetzt so friedlich
+beglänzt vom sanften Mondlicht -- von welchen Stürmen und Ungewittern,
+die über sie ergangen, könnten sie wohl berichten!
+
+Immer tiefer indeß sanken unter uns die Schatten und immer höher
+rückte der Bergeshang in den Glanz, der uns umfloß. Es war, als wollt'
+er hienacht mit seinen Strahlen zwischen Farn- und Baumgezweig manche
+feuchte Kluft besuchen, die sonst im ewigen Dunkel lag.
+
+Da ich so dieses Spieles des freundlichen Lichts gewahrte, wie es
+emsig immer weiter seine güldnen Fäden zog, siehe! da blitzte mir
+etwas aus einer Höhlung nicht weit von uns entgegen, darin das
+Mondenlicht sich hell und heller spiegelte, als hätt' es einen
+unverhofften Fund gethan und wollte den mir mit Freuden zeigen.
+
+Es waren nur wenige Schritte dahin und die Neugier trieb mich
+hinzugehen. Ein gülden Ringlein lag da am wohlbeschirmten Ort und
+seltsam beigesellt dicht neben eine Eidechse, als hätte sie des
+Schatzes zu hüten. Da ich näher zusah, merkt' ich, sie war todt und
+ihre Vorderfüße hatte sie gekreuzt über ihrer Brust. Ich wußte wohl,
+daß Solches die Art dieser Thierlein ist, wenn sie gestorben sind,
+aber es däuchte mich, als waltete hier mehr als ein Ungefähr, und Ring
+und Thier wären Hüter +eines+ Geheimnisses.
+
+Der Ausruf des Erstaunens, der mir entfuhr, ob dem unerwarteten
+Anblick, weckte den Alten aus seinen Träumen. Auf seine Frage, was es
+gäbe, brachte ich den Ring herbei und sagte ihm von der Eidechse hart
+daneben, und wie es mir geschienen hätte, als wäre dieser Hort ihr und
+sie könnte nicht von ihm lassen auch im Tode nicht, und hätt' an ihm
+eine große Schuld auf sich; darum läge sie da so ausgestreckt mit
+gekreuzten Armen gleich einer armen Seele, die Buße thut.
+
+Mit Hast griff Brun nach dem Ringe und hielt ihn prüfend gegen das
+Mondenlicht.
+
+»Joconda!« rief er dann und ein Seufzer aus tiefstem Herzen gesellte
+sich zu dem Namen. »Ach, und nie wird die arme Seele genug büßen um
+Deinetwillen!«
+
+»Euer Gemüth ist in große Bewegung gebracht durch den Ring«, sagt' ich
+und trat zu ihm.
+
+»Wohl, Diether!« erwiedert' er, nachdem er eine Weile schweigend vor
+sich hin gesehen, »weiß ich um dies Kleinod. Frage nicht, wie ich's
+erfahren. Besser vielleicht bliebe die Geschichte von ihm so jungen
+Ohren verschwiegen; aber da das Licht dieser Mondnacht durch Dich
+diesen Reif herwiedergebracht hat, sollst Du hören, wie sie sich
+zutrug, und dann gedenk' auch Du in heil'gen Stunden der armen Seele,
+von der Du sagtest, und bitte Gott im Himmel für sie, daß ihre Buße
+recht gethan sei und ihm wohlgefalle!«
+
+Wieder schwieg er eine kurze Weile. Dann winkt' er mir, mich zu ihm zu
+setzen, und hub also an zu erzählen.
+
+
+ Die Geschichte, so Brun Diethern erzählte.
+
+Es ist manches Jahr her, Diether, da lagen in Welschland deutsche
+Kriegsvölker vor der Stadt Bologna. Aber sie konnten sie nicht
+gewinnen, ob sie gleich die Stadt berannten und mit Einschließung
+lange und hart ängstigten. Da mehrte sich die Erbitterung täglich auf
+beiden Seiten, und wer weiß, wieviel Jammers und Elends da noch
+zugefügt und erlitten wäre, wenn göttlicher Wille es nicht gnädig
+abgewendet hätte. Denn die deutschen Herren, so das Heer führten,
+hielten es endlich aus trefflichen Ursachen für wohlgerathener, die
+entstandene Fehde gütlich zu vertragen. Und so ward denn den Städtern
+entboten, daß sie, was Leute hohen Ansehens und klugen Raths wären,
+aus den Ihren verordneten, damit man sich miteinander der Sachen
+annähme, wie sie beizulegen.
+
+Unter den deutschen Rittern, die da den Herren, wenn sie zur
+Berathung zusammenkamen draußen im Lager oder drinnen in der Stadt, zu
+Schutz und Beistand zugesellt wurden, war Einer, den Jedermann solcher
+Ehre vor Andern für würdig auserkannte. Bruno war sein Name, er hatte
+in allen Dingen, die dem Manne wohl stehen, den ersten Preis. Er war
+edler Gestalt und reichen Gutes; sein Wuchs war hoch und sein Ansehen
+stattlich und gebietend; sein Arm eben so tapfer zu streiten, wie sein
+Geist hell und auch, wo es schwierige Entscheidung galt, das Richtige
+zu treffen, geschwind. Dazu hatte er die sonderliche Gabe, die
+Gemüther der Menschen, welche er wollte, für sich zu gewinnen und die
+Vorzüge, die ihn zierten, so zu brauchen, daß sie in Andern nur
+Bewunderung schufen und Freude ihrer mitzugenießen, und Willigkeit ihm
+zu dienen. Darum war's kein Wunder, daß Bruno sich der Macht bewußt
+war, die er über die Menschen hatte, noch, daß er ihrer brauchte. Sein
+hochfliegender Geist war es nicht anders gewohnt, als daß seines
+Gleichen sich ihm unterordnete. In so hohen Ehren und von jedem Glück,
+dessen er begehrte, umgeben, war Bruno bis an den Mittag seines Lebens
+gekommen. Aber gewohnt, Alles, wonach ihm sein Trachten stund, wie
+spielend und nur zur Übung seiner überlegenen Kraft zu erreichen,
+glänzte sein Angesicht noch im ungedämpften Feuer der ersten Jugend.
+
+Doch, Diether, all' diese hohen Vorzüge waren ihm verliehen, nur um in
+seinem Herzen die schlimmsten Kräfte groß zu ziehen, ihm selber
+unbewußt, ihm zur Unseligkeit und Andern. In so langen Jahren des
+Gelingens seiner Pläne und der aus seinem Thun wachsenden Ehre war er
+sicher geworden, daß recht wäre, was ihm gut däuchte, und während er
+Andere berieth und leitete, wachte er nicht über seine eigenen
+Wünsche.
+
+Die Zeit kam, ihn auf die Probe zu stellen, Diether! und Du wirst
+sehen: er bestund die Probe nicht.
+
+Unter den Edlen Bologna's war Einer auserlesen vor Allen. Wie die
+Sonne am Frühlingstage heraustritt aus den Thoren des Morgenroths,
+ihren Lauf zu beginnen mit Freuden, so schritt Guido, noch prangend im
+Thau der ersten Jugend, die Bahn der Ehre und des ruhmvollen Thuns
+hinan. Ihn konnte Niemand sehen, ohne ihn zu lieben. Und nur wenige
+Male hatten Bruno und Guido bei den Berathungen, die zum Frieden
+helfen sollten, sich gegenübergestanden, als der deutsche Mann mit
+sonderlichem Wohlgefallen sich hingezogen fühlte zum welschen
+Jüngling. Der aber war ihm bald mit der vollen Hingabe seines
+jugendlich entflammten Herzens zugethan, und wiewohl die Beiden in
+dem, worüber sie zu rathschlagen hatten, sich nur als Feinde
+betrachten durften, so sah Bruno doch, wie der Jüngling mit
+zunehmendem Eifer sich jegliche Gelegenheit zu freundschaftlicher
+Zwiesprach erlas und wie er zu ihm aufsah, als dem Manne erfahrener
+Ehre und erwiesen in jeder edlen ritterlichen Tugend. Solches sah
+Bruno mit Freuden, und was er vermochte, des Jünglings Herz an sich zu
+fesseln und sein Vertrauen zu gewinnen, davon unterließ er nichts,
+denn er liebte ihn. Schöneren Bund sah man wohl selten, als da diese
+Freundschaft erblühte zwischen den Beiden, gleichwie eine Blume sich
+aufthut, lieblich im rauhen Nordsturm, und wenn, nachdem man Raths
+gepflogen, Guido an Bruno's Seite durch Bologna's Straßen schritt, ihn
+zu geleiten, so blieben wohl die Leute stehen, die vorübergiengen, und
+sahen mit Bewunderung den Beiden nach.
+
+Nicht lange, so erbat sich Guido vom Rath die Gunst, Bruno in sein
+Haus zu führen, und weil er Bürgschaft leistete und die Hoffnung auf
+nahen Vergleich und Frieden sich mehrte, so ward ihm solches
+verwilligt. Er wohnte im weiten Palast allein mit seiner Schwester.
+Seinem Schutz hatten die Eltern, die beide unlange an der Pest
+gestorben waren, Joconda übergeben. Treuerer brüderlicher Hut ward nie
+eine Schwester anvertraut, als die Liebe war, mit welcher Guido über
+Joconda wachte, und wie zwei nachbarliche Pflanzen einem Licht
+entgegenwachsen, gepflegt von einer Hand und genährt von einer Quelle,
+so waren diese Geschwister. Oft schon hatte Guido zu Bruno von seiner
+Schwester gesprochen, und wenn er ihrer gedachte, leuchtete sein Auge
+von brüderlichem Stolz. Ja, Alles was von süßer Zärtlichkeit und
+Weichheit in der Seele des Jünglings wohnte, ward mit +einem+ Namen
+gerufen, mit dem Namen: Joconda. Von ihr hatte er Bruno auch gesagt,
+daß sie aus Verabredung beider Väter mit einem Jünglinge zu Pisa
+verlobt wäre, und daß, wenn ruhige Zeiten wiederkehrten, auf die
+Hochzeit gedacht werden sollte.
+
+Vornehmlich also, daß Bruno seine Schwester sehen möchte und sie ihn,
+den Freund, den er sich gewonnen, führte Guido diesen in seines Vaters
+Haus. O, wäre es doch nimmer geschehen, Diether! Oder wäre einer von
+den Blitzen, die an jenem Abend bei Bruno's Rückkehr aus der Stadt vom
+Himmel flammten, auf ihn herniedergezuckt! Freundlich war zwar das
+Grüßen, das zwischen dem Freunde des Bruders und der Schwester
+geschah, aber unsäglich Weh und großen Jammer hatte es hinter sich.
+Und hätte Guido bei jenem ersten Gruß das sanfte Erröthen im Angesicht
+seiner Schwester und in Bruno's das frohe Erstaunen über ihre große
+Schönheit besser verstanden, fürwahr, er hätte sich nicht, wie er
+that, des Anblicks im brüderlichen Stolz gefreut, sondern ganz andere,
+schreckliche Weissagung darin erkannt.
+
+Von Stund an war Bruno's Sinn von heftiger Liebe zu Joconda erfüllt
+und allein darauf gerichtet, ihre Liebe sich zu gewinnen. Klugheit,
+Ehre und Treue riefen ihm zu, abzulassen und nicht zu begehren, was
+Gott ihm versagte. Denn heilig war Guido die Pflicht, dem Verlobten
+die Schwester zu erhalten. Aber ein Sturzbach wäre mit einem Strohhalm
+eher aufzuhalten gewesen, als Bruno's Gemüth mit allen Einreden der
+Pflicht und des Gewissens vom Trachten nach dem, wovon es jetzt einzig
+entflammt war. Nun erst däuchte er sich ein Ziel gefunden zu haben,
+werth, all' seine Kräfte daran zu setzen, und wie er sich der Gewalt
+der Leidenschaft, die ihn beseelte, ganz überließ, so zeigte auch
+Liebe, die Zauberin, Alles, was er in ihrem Dienste that oder dachte,
+in einem hellen, reizenden Lichte, aber die dunklen Abgründe seines
+Herzens, aus denen sein Trachten hervorgieng, ließ sie ihn nicht
+sehen; ja jeglich Hinderniß und jegliche Gefahr, welche auf dieser
+seiner Bahn ihn bedrohte, steigerte nur mehr seinen verwegenen Muth.
+
+Ohne Arg trat Joconda dem Freunde ihres Bruders gegenüber und voll
+heiteren Vertrauens. Aus Wahrheit ihres Herzens stimmte sie in Guido's
+Lob, wenn er Bruno's Tugend lobte, und wie sie immer sorgloser seinem
+Worte lauschte und seines Kommens immer gewohnter ward, so ward sie
+von der süßen Macht der Liebe bezwungen wie unvermerkt, und da sie das
+Geheimniß ihres Herzens von dem Einzigen errathen sah und solches aus
+Scheu ihrem Bruder verschwieg, da hub sich allererst auch ihre
+Mitschuld an. Und von Stund an ward sie glücklich, als schwebt' ihr
+Herz in Wonne, durch Bruno's Liebe, die dem Fluge des Adlers glich,
+über alle Höhen sich schwingend -- und elend zugleich. Die Heimlichkeit
+ihres Bundes und seine beständige Gefahr trieben ihr geängstet Herz
+nur um so mehr, sich Bruno zu vertrauen und seiner Führung, dessen
+Zuversicht und Kühnheit nur zu wachsen schien wie eines seines Auges
+und seiner Hand sicheren Steuermanns, wenn er das Schiff durch tosende
+Brandung lenkt.
+
+Bald kamen sie heimlich zusammen zu süßer Zwiesprach. Wohl wußte
+Bruno, daß er damit wider Ehre und Treue den Freund betrog, aber er
+achtete es nicht und fuhr fort, den Arglosen zu täuschen.
+
+Und wenn er wußte, sie harrte seiner, so galt ihm Nichts die Bedrohung
+der feindlichen Wächter an den Thoren und ihr Geschoß, sondern
+vermummt in der Dämmerung schlich er hindurch bis unter die Hallen der
+Paläste und harrte seiner lieben Trauten.
+
+Da hörte ihr Ohr manch süßes Wort, wenn er kam, und manch heißen
+Schwur, wenn er von ihr schied, und die Todesgefahr, in der er
+schwebte um ihretwillen und die er verlachte, drängte ihr Herz immer
+näher an seines.
+
+O! wohl mag der Jüngling sich hüten, wenn starke Leidenschaft ihn
+beseelt, daß ihr Wirbel sein leicht erregtes Herz nicht überwältigt
+und sein Lebensschifflein rettungslos in die Brandung reißt. Doch wehe
+dem gereiften Manne, wenn die Liebe seines Herzens ihn von Pflicht und
+Ehre scheiden! Er muß seinen Wünschen ganz entsagen oder er fällt der
+finstern Macht anheim, die alle seine Tugenden verzehrt und alle seine
+Kräfte in ihren Dienst nimmt, um ihn und durch ihn zu verderben.
+
+So, Diether, ward Bruno's Liebe verderblich für Joconda, für Guido,
+für ihn selbst!
+
+Schuldvoll war diese Liebe schon mit ihrer ersten zarten Regung und
+fluchvoll mußte sie endigen. Ihr stand kein Engel göttlichen Heiles
+und göttlichen Schutzes zur Seite.
+
+Die Fehde ward vertragen, der Friede geschlossen.
+
+Just am Tage der Fastnacht ward er feierlich verkündigt. Die Thore
+der Stadt wurden aufgethan und unter dem Geläute der Glocken erscholl
+der Ruf der Freude von Deutschen und Welschen wie aus einem Munde. Da
+überließ sich Jeglicher mit ganzem Herzen dem frohen Gefühle der
+wieder erlangten Sicherheit, und die, so sich bis dahin so hart
+befehdet hatten, zogen in munterem Gedränge verbrüdert durch die
+Straßen der befreiten Stadt, und weil man so lange in Furcht gelebt
+und der Freude entbehrt hatte, so war auf diesen Tag die Stadt zu
+ausgelassener Lustbarkeit gerüstet. Da man Gott gedienet hatte und das
+Tedeum in der Kirche St. Petronii verklungen war, wurde auf dem
+Rathhause von den Herren Bologna's den edelsten unter den Rittern eine
+stattliche Bewirthung gethan, indeß das Volk außen auf Straßen und
+Plätzen seine Kurzweil hatte. Zum Abend sollte die Stadt, wie es in
+Welschland Brauch ist an Freudentagen, mit Fackeln und bunten Lichtern
+erleuchtet und zu Ehren der Fastnacht Schimpfspiel und Mummenschanz
+gehalten werden. Daß nicht etwan von den Städtern den Deutschen,
+welche hineinkamen, ein Übel geschähe, hatte der Rath jegliche
+Störung des Friedens mit Todesstrafe bedroht; so war auch den
+Deutschen verboten, die in der Stadt weilen wollten, an dem Tage
+Waffen oder Wehre zu tragen.
+
+So war da auf Aller Angesicht Freude und Jubel. Vor Andern erschienen
+Bruno und Guido hochbeglückt, da sie sich trafen an der Kirchthür, als
+man die heilige Messe gelesen. Droben im Festsaal saßen sie bei
+einander und wie stolz schien Guido, allen den Herren es zeigen zu
+können, welchen Freund er sich gewonnen habe! Und wahrlich! Bruno ward
+da als ein Muster ritterlicher Tugend und höfischer Sitte auserkannt.
+So edel war sein Wesen, so zierlich und klug seine Rede, daß Jedermann
+im Saal auf ihn achtete.
+
+»Treue und Freundschaft auf ewig!« rief ihm Guido zu, als man wieder
+die Becher gefüllt hatte und ergriff seine Hand.
+
+»So sei es!« that ihm der Angeredete Bescheid und schlug ein: »Treue
+und Freundschaft auf ewig!«
+
+Und indem sie sich mit den Augen zuwinkten, setzten sie die Becher an
+die Lippen.
+
+»Halt!« rief da Guido, dessen Herz vor Freude überwallte. »Harre noch,
+Bruder, ehe Du trinkest den Trunk der Treue; es gilt noch ein Wort:
+»Joconda!«
+
+Und Bruno hörte dieses Wort, Diether, und er las seine Bedeutung in
+der Seele des Jünglings, der es aussprach, aber er zögerte nicht und
+rief den Namen auch und trank den Becher bis zur Neige.
+
+Ward ihm denn die Frucht des Weinstocks nicht zum Feuer in seinen
+Gebeinen, da er diesen Becher dem Bruder zutrank, den er an diesem
+Tage so treulos zu betrügen entschlossen war? Erstarb ihm nicht jener
+holde Name auf den Lippen, den er in einem Athem mit dem Bruder
+auszusprechen wagte, obwohl er wußte, daß er damit schändlich log?
+
+Aber Bruno's Angesicht blieb heiter wie zuvor und kein Laut seines
+Mundes verrieth das Vorhaben, von dem sein Herz jetzt einzig erfüllt
+war.
+
+Als die Bewirthung zu Ende war, und man das Rathhaus verließ, gab er
+vor, wegen nöthiger Geschäfte hinaus in's Lager zu müssen, und mit
+trüglichem Wort ward er eins mit Guido, daß er ihn dort an bestimmter
+Stelle aufsuchen möchte gegen Abend, dann selbander in die Stadt
+zurückzukehren, das Fest zu beschauen und an der Lust des Volkes Theil
+zu nehmen. So trennten sich die Beiden.
+
+Bruno hatte einen Waffengenossen, der ihm in Allem ergeben war.
+
+Adelbert wußte um Bruno's Liebe; er wußte auch, daß heute die Flucht
+geschehen sollte, und gerne war er bereit, dazu zu helfen. Die Stadt
+Bologna hat ein Thor, das ist vor andern klein, und Wenige ziehen
+hindurch. Die Straßen, die dahin führen, sind gar enge und einsam, so
+auch die Landstraße, wenn man das Thor hinter sich hat. Das däuchte
+ihnen am sichersten da hindurch zu entkommen. Weil an dem Tage auch
+unter den Rittern und Fußknechten einer auf den andern wenig Acht
+hatte, denn nach der langen Belagerung überließ sich Jedermann der
+ungewohnten Lust, und keiner mißgönnte sie ihm, so ward verabredet,
+daß Adelbert mit Rossen und einem Häuflein Knechten, wenn es würde
+völlig dunkel geworden sein, nach dem Thor S. Rocco aufbrechen und
+allda seiner harren sollte.
+
+Zur selben Stunde barg der tiefste Schatten eines Pfeilers der Kirche
+des heiligen Petronius Bruno's vermummte Gestalt. Er hatte sich
+angethan, als einer, der an der Lustbarkeit theilnehmen wollte, und
+auch sein Angesicht war verlarvt. Er drückte sich hart an's Gemäuer
+und regte sich nicht. Mit Eifer forschte sein Auge durch das Dunkel,
+und so Schritte sich nahten, schlug sein Herz stärker, indeß sein Ohr
+ohne Aufhören auf das Getön der Orgel und die Stimme des Priesters
+drinnen in der Kirche lauschte, wo man die Vesper sang. Aber seine
+Seele war da fern vom Verlangen nach Gott. Sie war nur bei der, die er
+jetzt drinnen im Gotteshause wußte und mit der er eins geworden war,
+heut zu entfliehen. Hier von dieser Stelle aus sollte es geschehen.
+
+Der heilige Dienst war zu Ende. Hunderte giengen an dem Harrenden
+vorüber, ohne sein zu achten, aber als jetzt zögernd und mit kaum
+hörbaren Schritten eine verhüllte Gestalt sich nahte, so bewegte auch
+er sich wie mit freudigem Schreck ihr einen Schritt entgegen.
+
+Als er leise ihren Namen nannte und sie mit heißer Inbrunst umschlang,
+fühlte er, wie sie zitterte, und da sie nach kurzem Geflüster jetzt
+hinaustraten und das Licht festlich erhellter Häuser ihr Angesicht
+traf, so fiel es ihm auf, wie bleich es war und wie schön. Der Stolz
+und das Glück, solch ein Weib sich gewonnen zu haben, stählte seinen
+Muth und sein Vertrauen zu sich; sein Gang war so sicher und sorglos,
+als suchte er keine andere Fröhlichkeit als die, welcher die Menge
+nachgieng, die an ihnen vorüber wogte. Manchen neckischen Zuruf mußte
+er hören, wie man dergleichen treibt zu solchen Zeiten; er erwiederte
+jeden Scherz mit Lachen und beschleunigte seine Schritte.
+
+Schon hatten sie die Straßen, die am meisten belebt und am hellsten
+erleuchtet waren, hinter sich; durch die engen Gassen, die heute noch
+stiller waren denn sonst, kamen sie dem Roccothore näher. Bruno
+mäßigte Joconda zu lieb seine Eile, denn nachdem sie bis dahin
+unerkannt und unaufgehalten geblieben, war er keiner Hinderung ferner
+gewärtig.
+
+Da, als sie in die letzte Gasse einlenkten, die zum Thore führte,
+that sich unweit von ihnen die Thür eines Hauses auf, und hervor kam
+lärmend eine Schaar Vermummter mit Fackeln und Windlichtern als
+solche, die auch noch zum Feste ziehen wollten. Der Ort, da die
+Flüchtigen an ihnen vorüber mußten, war gar enge und so geriethen die
+beiden in die helle Beleuchtung ihrer Lichter. Alsbald ward Bruno von
+dem Kecksten unter ihnen angeredet.
+
+»Eure Dame, Freund«, rief er, »wird's Euch wenig danken, daß Ihr sie
+so früh hinwegführt vom Fest, das schönen Frauen so vieles zu schauen
+gibt.«
+
+»Kehrt um und kommt mit uns!« riefen die Anderen da und umringten die
+Beiden, als wollten sie in ihre Mitte sie nehmen.
+
+Da Bruno ihrer nicht achtete und ohne sich aufzuhalten weiter schritt,
+so ward dadurch der Übermuth der trunkenen Gesellen nur noch mehr
+erregt.
+
+»Das macht: er ist eifersüchtig, Nicolo!« sagte wieder einer, »und
+mißgönnt Bologna den Anblick seiner Schönen.«
+
+»Er hat wohl Grund dazu«, erwiederte der Angeredete, »wenn das
+Angesicht der Dame hält, was ihre reizende Gestalt verspricht.«
+
+»O, hebt den Schleier!« riefen sie, und hatten das Ansehen, als
+wollten sie Joconda näher treten.
+
+Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter anschmiegte, so
+stieß der mit gewaltiger Faust den, der sich zumeist herangedrängt
+hatte, zu Boden, und ein deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem
+er durch die nun wieder geöffnete Bahn weiter schritt. Einen
+Augenblick waren die Zudringlichen zurückgewichen, aber die Überzahl
+und das Gelage, von dem sie kamen, machte sie kühn, und mit dem Ruf:
+»Wie! die deutsche Bestie will uns schlagen und wider ergangenes
+Gesetz beleidigen?« drängten sie sich auf's neue heran und vertraten
+den Weg.
+
+Da reckte sich Bruno in die Höhe und drohend rief er, daß es laut
+erscholl: »Ha, ihr welschen Hunde, wem sein Leben lieb ist, der lasse
+uns hindurch!« Und es würde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn er
+allein gewesen wäre, aber, wie er die Zitternde an seinem Arme fühlte,
+so stund er unschlüssig, ob er jetzt das Äußerste thun sollte seinen
+Gegnern gegenüber, die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth
+zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gelärme die Straße an
+beiden Seiten in Aufruhr gebracht. Lichter erschienen, Fenster und
+Thüren wurden aufgethan und eine Menge Neugieriger strömte herbei.
+
+Da sah Bruno den Augenblick höchster Noth gekommen; während rings um
+ihn das Wuthgeschrei wider den Deutschen die Luft erfüllte, umfaßte er
+fest Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen. Aber
+das wäre sonder Zweifel Beider Verderben gewesen, wenn nicht da vom
+Thor aus Rettung gekommen wäre. Denn da dort Adelbert und seine Leute,
+die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno zu ihnen stoßen
+sollte, nun hörten, wie sich von da Geschrei erhub und vernahmen den
+Ruf wider den Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein.
+Sie sprengten unter das Gedränge, und unter ihren Hieben rechts und
+links stoben die Welschen auseinander. Die nun Bruno bedrängten, wie
+sie das neue Getümmel hinter sich hörten und die streitbaren Stimmen
+der Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen,
+Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen die beiden
+Flüchtigen, auf die nun Keiner mehr Acht hatte, Raum, und froh der
+ihnen ungedacht gewordenen Hülfe eilte Bruno dem Thore zu.
+
+Wohl wankten Joconda's Schritte an seiner Seite, aber er wies sie hin
+auf die Nähe ihres Zieles, und die Hoffnung belebte ihre sinkende
+Kraft. Nun traten sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten
+Dunkel, das da herrschte, sah Bruno's scharfes Auge, wie von draußen
+eine Gestalt ihnen entgegenschritt. Als sie zum Thore hinaus traten,
+gieng diese Gestalt hart an ihnen vorüber in das Dunkel des Thores,
+das die Beiden eben hinter sich ließen.
+
+Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und der Abendhimmel,
+wenn auch vom Mondenlicht erhellt, war regentrüb; so konnte Bruno das
+Angesicht des an ihm Vorübergehenden nur einen Augenblick sehen. Er
+hatte nicht Acht darauf, denn sein Gemüth war auf Anderes gerichtet,
+und doch war es ihm, als hätte er in diese Augen schon geblickt.
+Verstummte da nicht plötzlich der Hall der im Thorbogen dröhnenden
+Schritte hinter ihm? Als er zurücksah im Weiterschreiten, stund, so
+schien es ihm, im Thor noch immer die Gestalt, als sähe sie ihm nach.
+
+Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war eine vorlängst verfallene
+Kapelle. Allda sollte Adelbert mit den Rossen und Knechten halten.
+
+Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren Alle, da der Streit sich
+in der Stadt erhoben, von da gewichen, so rief er laut das Wort, bei
+dem sie unter einander übereingekommen waren sich zu erkennen, wie man
+pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl die Antwort näher
+vom Thor her und Bruno gedachte da die Rosse zu finden. Er wandte sich
+also zurück und ließ indeß Joconda an der Kapelle. Da er unweit dem
+Thore war und auch schon den Tritt der Rosse hörte, die herzu gebracht
+wurden, sah er wieder dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des
+Thores und noch an derselben Stelle und wieder war's, als suchte sie
+nach ihm. Da zerriß eine Wolke und das Mondenlicht ergoß sich hell.
+Wie es mit voller Klarheit Bruno beleuchtete, der hier außen vor der
+Stadt die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang an sein Ohr
+aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei, den er nimmer vergessen hat;
+es war ein Schrei des heftigsten Zornes und auch der unsäglichsten
+Trauer. Und mit diesem Aufschrei löste sich die Gestalt aus der
+Finsterniß der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt, und stürzte
+ungestüm auf Bruno zu, der eilend sich den Rossen näherte, welche
+jetzt ihm zugeführt wurden. Er wandte sich und sah in des Anstürmenden
+Angesicht. Nicht länger als bis man eins zählt, sah er hinein. Aber er
+ward von einem Blick getroffen, der so gethan war, daß vor ihm ein
+Teufel aus der untersten Hölle hätte zur Umkehr oder der hehrste der
+heiligen Engel zu Fall und Verstockung gebracht werden können.
+»Bruno!« hörte er sich rufen. Aber er sagte nichts und packte mit
+mächtigem Griff den sich zwischen ihn und die Rosse Drängenden. Da hub
+sich ein Arm gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch im Nu
+hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden, die ihn führte, und stieß
+ihn tief in seines Gegners Brust. »Schwester!« rief der mit
+versagender Stimme und brach lautlos zusammen.
+
+Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit welcher der tödtliche
+Streich geschehen war.
+
+Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr Ruf, daß das Fräulein
+käme, brachte ihn zu sich.
+
+Geschwind verhüllte Bruno des Erschlagenen Angesicht, und als Joconda
+neben ihm stund und zitternd auf die klaffende Wunde deutete, da sagte
+er. »Es galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht, Joconda, oder
+seines. -- Hinweg, hinweg!«
+
+Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos, und er fühlte eine eisige
+Kälte in seinem Gebein.
+
+»Hinweg, hinweg!« riefen da wieder die Knechte und vom Thor her hörte
+man Getümmel.
+
+Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse trugen die Fliehenden
+auf verschlungenen Wegen durch die Nacht. Bald hatten sie die Stadt
+weit hinter sich. Aber Bruno war's noch immer, als schlüge das Brausen
+der empörten Volksmenge laut und lauter an sein Ohr und würden die
+Sturmglocken gezogen und ihre ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und
+immer vernehmlicher: »Mord, Mord!«
+
+Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen zu berichten, die nun
+folgten, welcherlei sie gewesen sind für die Beiden: Tage der Flucht,
+Gefahr und Noth.
+
+Bologna's Rath und Volk forderte Rache für den Friedensbruch und die
+Blutthat. Bruno's Leben ward in ihre Hand gegeben, er ward all' seiner
+Güter beraubt und schlagen durft' ihn, wer ihn fände. Mit großem
+Verlangen trachtete er darum aus Welschland hinweg und auch weil er
+keine Ruhe fand unter dem Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf
+seinen Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen ersähe und
+deutschen Laut vernähme, wähnte er, würde sein Gemüth sich entledigter
+fühlen und frei. Unter großen Mühseligkeiten ward die Flucht gethan.
+Aber endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden Rast und
+Bergung auf der Burg Adelberts. Allda gedachte Bruno zu harren, ob
+etwa der Sache Rath würde und seine Freunde für ihn Gnade erwirkten
+beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war, gelangte Zeitung an ihn,
+daß das Urtheil wider ihn bestätiget und all' sein Lehn vom
+kaiserlichen Vogt eingenommen wäre. Da zeigte es sich, was die treue
+Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das Ungemach zu fühlen,
+was Bruno bereitet war; ja sie theilte seine Sorgen, als trüge sie den
+größeren Theil der Schuld daran, und über das eigene Elend ließ sie
+nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele durch solche Geduld
+mächtig ermuthigt und durch ihre Zuversicht, darin sie nicht wankte,
+daß bessere Tage nahe wären. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem Bruder
+hinkehrte, was wohl täglich geschah, und dabei gedachte, wie gewißlich
+sie hoffte, er würde ihr noch verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob
+von ihm noch keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno's Seele
+jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes Wort ward wieder
+laut in seinem Herzen, das die Sturmglocken Bologna's ihm nachgerufen
+hatten in der Nacht, da die Flucht geschah. -- Dann wandte er sich und
+sein Blick ward finster und immer finsterer, je beweglicher sein Weib
+ihm Trost zusprach; denn sie wähnte, das sehnende Verlangen der
+Freundschaft nach Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm
+den Muth also. Bruno aber, wie oft er's auch beschlossen hatte, und
+wie gewiß er erkannte, daß es einmal geschehen müßte, gewann das Herz
+nicht, ihr zu sagen von Guido's Tod.
+
+So kam der Herbst heran, und wie den Beiden der gute Bote noch immer
+verzog, so wollte Joconda nicht länger leiden, daß Bruno ferner in
+träger Ruhe seine Tage versäße und allein fremder Hülfe harrete. Wenn
+er selber sein Vermögen brauchte, so würd' es nicht vergeblich sein;
+oder warum sollte für ihn kein Mitleid vorhanden sein, der bis dahin
+so werth gehalten worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber
+nicht unbekannt geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde geworden
+war, daß die Majestät zu Costnitz Hof hielt, so lag Joconda ihrem
+Gemahl mit vielen Bitten an, dahin zu ziehen, als Bittender seine
+Sache zu betreiben, Sühne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier
+ihm eine Bußfahrt, die da ihm zu thun vorhanden war, und schwer ward
+es ihm, den stolzgewohnten Sinn dahin zu kehren. Denn er mußte ohne
+Geleit ziehen und verhohlen, daß es nicht schiene, als gedächte er
+sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das ihm gesprochen war.
+Sein Weib wollte nicht von ihm weichen in keiner Fährniß und Noth und
+zog mit ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf dem Wege
+waren, kam ihre Stunde. In großen Schmerzen gelangte sie, von Bruno
+geführt, in eine Höhle, die sie da erspähten, denn sie wanderten im
+Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als Bruno mit Weh und Wonne
+das feine Knäblein in seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal,
+gestaltet wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes, doch
+sagt' er nichts.
+
+Wie groß nun die Noth in jener Höhle war, läßt sich leicht ermessen,
+und Bruno, da er sah, daß er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter
+Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu werden. Der Fürst
+der Höllenschlünde sandte ihm einen bösen Geist des Unmuths und der
+Ungeduld.
+
+Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten Engel, das Banner der
+Hoffnung, des Heils und der Ehre ihm fürzutragen. Selber im Elend zu
+sein und im Ungemach auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher Sinn
+gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie das Kind, das sie
+gewonnen, in gleiches Weh verschlungen sah, verzagte sie, und gegen
+die mütterlichen Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft. Da
+hört Bruno sie oft, über ihr Kind gebeugt, weinen und desselben
+jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat er nicht hinzu, ihr Trost zu
+sagen mit liebem Wort, sondern er wandte sich hinweg mürrisch, daß sie
+vor ihm ihren Jammer ausließe, der wohl gleich sehr zu klagen hätte
+oder mehr. Und einst in solcher Stunde, da sie ihres Bruders gedachte,
+und wie er ihrer Noth sich gewißlich erbarmen würde, da murmelte er,
+die Hoffnung auf Guido wäre verloren.
+
+Joconda sah ihn fragend an.
+
+»Der Todte, dessen Anblick vor Bologna's Thor Dich erschreckte« -- hub
+er an, und finster waren seine Brauen zusammengezogen, da er redete.
+
+»War mein Bruder?« schrie sie auf.
+
+Bruno nickte und sah zur Erde.
+
+»Und Deine Hand war's, die ihn schlug?« keuchte sie schwer athmend und
+richtete sich hoch empor.
+
+»Die Liebe zu Dir bezwang mich also, daß ich's that,« sagt' er, düster
+blickend wie vorhin.
+
+»So Fluch Deiner Liebe!« hört' er sie rufen, und schrecklich klang
+ihre Stimme. -- »Fluch Deiner Liebe, Fluch jeder Augenweide, damit ich
+geschmückt war, sie zu wecken, und Fluch jeglichem Wort und Lächeln,
+dadurch das höllische Band sich knüpfte!«
+
+»Halt ein, Joconda!« rief Bruno entsetzt. »Du fluchst Dir und unserem
+Kinde dort.«
+
+Da war sie mit einem Sprunge hin zum schlafenden Knaben, riß ihn vom
+Lager und umschlang ihn fest mit ihren Armen. So stund sie drohend,
+der Löwin gleich, die ihr Junges vertheidigt. »Nimmer soll dies Kind,
+das Deine Blutthat mit dem Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat,
+Dich mit dem süßen Vatersnamen rufen lernen, den Du mit Trug und Mord
+Dir erschlichen; und zuvor müssest Du mich erschlagen wie meinen
+Bruder, ehe Deine Mörderhände je wieder den Knaben berühren oder
+mich.«
+
+Er wagte nicht, sich ihr zu nähern, noch Antwort zu geben auf ihre
+wilden Worte; ihre Blicke schienen ihm wie Blitze, daß er nicht zu ihr
+aufzusehen vermochte. Aber flehend streckte er seine Arme aus nach
+ihr.
+
+Da stürzte sie, als litte ein Grauen sie nicht mehr nahe bei ihm, ehe
+er's hindern konnte, an ihm vorbei hinaus in die Wildniß.
+
+Als er mit Schrecken ihr nacheilte und sie mit Namen rief, wandte sie
+sich und rief: »Wag's, mir zu folgen, so wird der Abgrund hier zu
+meinen Füßen mich und das Kind zerschellen.«
+
+Und er zweifelte nicht, wie er sie sah, daß sie thun würde nach ihren
+Worten. -- Als ob eine neue Kraft ihr verliehen wäre, klomm sie
+behende, dem gescheuchten Wilde gleich, den Bergeshang hinan, und
+droben auf vorspringendem Felsgestein sah sie noch einmal hernieder,
+bog ihr Haupt, das wirr das schwarze Haar, vom Winde aufgelöst,
+umwehte, zurück und reckte ihren Arm abwehrend gegen den Genossen
+ihrer Schuld. Dann hub sie das Kind, das sie trug, hoch gegen den
+Himmel und war verschwunden. --
+
+Bruno hat Tage und Nächte nach ihr gesucht, gerufen, geweint; aber nur
+die Felsenwände hallten ihren Namen zurück. Er hat sie nie wieder
+gesehen, noch erfahren, ob die Beiden in der Einöde des Gebirgs
+verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum Raub geworden
+sind, oder ob die Mutter sich und ihrem Kinde eine Ruhstatt gefunden
+hat. Da hat auch Bruno seinen Namen erlöschen lassen im Gedächtniß der
+Menschen und für sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden und
+sein Herz zur Buße zu kehren, daß er der Hölle im Tode entfliehen
+möchte.
+
+Die Höhle aber nieden St. Wigbert's Kirchlein mit der Klause, darin
+jetzt ich hause, Diether, die ist's, darin sich zutrug, was ich Dir
+erzählte, und hier auf dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib
+zum letzten Mal mit der Gebärde des Grauens vor ihm und des Flehens um
+Erbarmen zu Gott für ihr Kind. Und der Ring, den Du fandest, ist
+Joconda's; sie hat ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen
+ihrer schuldvollen Gemeinschaft. --
+
+Und nun weißt Du, Diether, warum ich Dich bat, der armen Seele vor
+Gott zu gedenken, von der Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und
+das Thierlein daneben.«
+
+
+Allhier endet die von Brun erzählte Geschichte.
+
+
+»Gnade der milde Christ nach seiner Gütigkeit denen Allen, so in
+Unglück gerathen sind -- und uns!« sagt' ich, und gar sehr war ich
+bewegt im Herzen von der Geschichte, die ich gehört hatte.
+
+Wohl trieb's mich, noch ferner mit Brun davon zu reden, und von Bruno,
+was denn aus ihm geworden, ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich
+ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund auf und sagte:
+»Auf, Diether! -- Schon ist Mitternacht vorüber, denn sieh, der Mond
+neigt sich auf seiner Bahn dort den Bergen zu. Kühl hat sich der
+Nachtwind aufgemacht und der Thau fällt stark. Lang' schon solltest
+Du, junger Knabe, unter Dach geborgen sein.«
+
+Und so stieg er mir voran den Bergeshang abwärts. Wie wir schweigend
+giengen und über uns die Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter,
+bald leiser und sich gegen einander bogen, und unter uns die Wellen
+brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer murmelnd, war mir's,
+als erzählten auch sie sich in der Sommernacht die traurige Mär' von
+dem ewigen Geheimniß des Menschenherzens, das wähnet, das Paradies zu
+gewinnen, und die Schmerzen der Hölle sich bereitet.
+
+Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der Klause. Ich weiß nicht,
+wie mir da geschah und ob ich schon eingeschlafen war oder just die
+Augen zum Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir stehen und
+unverwandt mich betrachten.
+
+Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte seine Hand, mich zu
+berühren. Dann wich er wieder ein wenig zurück, als scheute er sich zu
+thun, wozu doch sein Sinn ihn zog, oder er fürchtete, ich möchte
+erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile ließ er ab von diesem
+Streit. Aber eine größere Unruhe schien in seiner Seele sich
+anzuheben. Es war, als ob mein Anblick davon die Ursache wäre. Er sah
+noch einmal lang' nach mir hin, schauderte dann jählings zusammen und
+sank in seinen Sitz nieder, sein Angesicht von mir gewendet und mit
+beiden Händen verhüllend.
+
+»Nein, nein, HErr!« hört' ich ihn murmeln. »Nicht dieses Bild jetzt
+neben die süße Erinnerung!«
+
+Ein breiter Strahl des Mondes drang durch das dichte Gitter der Bäume
+draußen und das kleine Fenster und glitt durch den engen Raum hin zur
+Wand dem Alten gegenüber. Wie es dort hell das Bild der Gottesmutter
+umspielte, ward sein Blick, da er sein Haupt wieder erhob, dorthin
+gelenkt. Irgend etwas an dem Bilde mußte ihn erschrecken. Denn er
+erzitterte auf's Neue. Und doch konnt' er nicht widerstehen, dahin zu
+blicken, was der lichte Schein ihm wies.
+
+»Und Du drohest immer wieder«, sagt' er dabei mit Flüstern, »und ewig
+blutet die Wunde?«
+
+Da sah ich ihn aufspringen und das Schwert aus der Seite des Bildes
+ziehen, darin es stak. Er trat damit in das Licht und ließ den Stahl
+darin blitzen.
+
+»Ja«, rief er dann mit leisem Stöhnen, »sie sind noch immer da -- die
+blutigen Flecken, und keine Zeit hat Rost genug, sie zu verzehren!«
+
+Und jetzt schwang er die Waffe mit wilder Gebärde, und es hatte das
+Ansehen, als wollt' er sie gegen sich selber richten und es schüfe ihm
+Mühe, davon abzulassen, und ich hört' ihn dabei klagen: »Verloren all'
+-- all' verloren!«
+
+»Hilf, Herr!« dacht' ich. »Er ist von Sinnen kommen!« und richtete
+mich in die Höh'.
+
+Da wandt' er sich und wie er mich ersah, schüttelte er heftig sein
+Haupt, streckte die Arme gegen mich und rief mit drohender Stimme: »Du
+da? Du bist der Bringer schrecklicher Dinge! Du weckst auf zur
+Mitternacht, was mit Mühe begraben war!«
+
+Und als ich weiten Auges und sprachlosen Staunens voll nach ihm
+blickte, rief er wieder: »Sieh nicht so her mit diesen Augen! Es ist
+nicht! Es ist Lug auch dies, und nimmer heilt die Wunde!«
+
+Aber plötzlich sprang er auf mich zu, und, eh' ich's hindern konnte,
+hatte er von meiner Schulter das Linnen gestreift, das ich trug. Als
+er, die Waffe in der Hand, sich dicht über mich beugte, wähnt' ich
+nicht anders, denn daß der Rasende mich morden wollte. Und ich schrie
+laut.
+
+Im selben Augenblick aber war er zur Seite meines Lagers in die Knie'
+gesunken und seine Arme hielten mich umschlungen. »O Gott, o Gott!«
+rief er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes. Und seine Hand
+strich mir kosend über Stirn und Wangen und seine Thränen tropften auf
+mich nieder. »Schlaf, Diether, schlaf!« sprach er wieder, »kein
+Schrecken des Ortes müsse Dir nahen, und Engel des Friedens müssen
+Dich beschirmen.«
+
+Darnach ergriff er meiner Hände eine und hielt sie an sein Herz, als
+würde von der Berührung der Sturm sich legen in seiner Seele. Als er
+so gethan, beharrte er eine Weile, wie mich däuchte, im Gebet,
+bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng der Thür zu. Bevor
+er hinausschritt, kehrte er sich noch einmal zu mir und sagte wieder:
+»So schlaf denn, Diether! und zürne dem Alten nicht um sein wirres
+Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst, es ist vorüber.«
+
+Aber wie hätt' ich nach dem Allen vermocht, jetzt nach seinem Wunsch
+zu thun. Mich trieb's dem Alten nach zu seh'n. Ich erblickt' ihn
+durch's Fenster, wie er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das
+Wasser breiter und stiller dahinfloß als anderwärts. Dort stund er
+eine kurze Weile unbeweglich und warf die Waffe, die er mit sich
+genommen, hinab in die Tiefe. Vorgebückt sah er ihr nach, wo sie
+versunken war. Dann gieng er festen Schrittes die Höhe hinan. Ich
+konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm.
+
+Aber da ich leise das Fenster geöffnet hatte und, wie ich mich
+hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer des Tages über die Berge
+aufdämmern sah, tönt' es wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald
+unterschied ich heilige Klänge und Orgelton.
+
+Da trat ich hinaus.
+
+Laut und lauter ertönte der Gesang und deutlicher erscholl der
+Orgelton; und jetzt schwangen sich die Töne auf, wie nächtliche Nebel
+aus der Tiefe zu lichten Morgenwolken werden, und ich hörte
+vernehmlich den Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt' auch
+ich ein und sang die sel'gen Klänge mit. Da schienen mir die
+Waldvöglein, die davon erwachten, auch mit uns Gott zu loben in ihrer
+Weise; und wie ich hinaufsah nach St. Wigbert's Kirchlein, gieng der
+erste Sonnenstrahl über sein Dach, die nächtlichen Schatten entflohen
+und ich grüßte das süße Licht.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Widerstreit.
+
+
+Gewißlich ist's nichts Sonderliches, daß ein müßiger Mann den
+Sonnenstrahl betrachtet, der durch's Fenster strömt und die Stäublein
+darin, wie sie hin und wieder schweben. Und ich durfte müßig sein in
+jener Nachmittagsstunde, da ich im Chor unserer Kirche ins Gestühl
+niedersaß dem Bilde gegenüber, das ich eben vollendet hatte. Es war
+die Nachmittagsstunde eines heißen wolkenlosen Sommertages, unlange
+vor dem Feste St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die Luft
+fast schwül, draußen regte sich kein Laub, und nur das Flattern
+geängsteter Schmetterlinge unterbrach die Stille, die durch die Wärme
+aus ihren Puppen heute hervorgelockt sein mochten und nun, die
+Freiheit suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil sie die
+bunten Gläser für leuchtende Blüthen hielten. Sonderliches also war es
+nicht, daß ich malmüder Mann der sommerlichen Ruhe rings umher
+behaglich mitgenoß, die Hände ineinander gelegt hielt und den
+spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drüben vom Fenster her hart
+neben mir auf das Schnitzwerk am Gestühle gieng. Doch ich betrachtete
+ihn und betrachtete ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran
+haften, aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen wie eine
+Brücke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher er kam: hinaus in die
+Weite. Allda besuchten sie manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob
+derselbe Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen
+hier in der Kirche vor sich sahen.
+
+»Zeuch in Frieden zurück in Dein Kloster!« hatte Brun gar freundlich
+zu mir gesagt zur Letze, da wir schieden, und hatte wie zum Segen
+seine Hand erhoben. -- »Zeuch zurück, Diether, in Deinen Frieden, und
+auch die Erinnerung an all' das, was Du auf Deiner Fahrt hier bei mir
+und anderswo erlebt, störe ihn Dir nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu
+gewohnter Pflicht. Überhöre keinen; und in solchem Gottesdienst wird
+Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im Ernst und in der
+Mühe, sie wird Dir nicht verleidet werden durch ungeduldiges
+Hinausschweifen in die Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit
+hinter Dir liegt, Dein Wünschen und Wähnen zu eig'ner Qual gefangen
+nehmen!« Dann hatt' er mir auch gesagt, ich sollte die Aventiure, so
+mir begegnet war, und all' meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir
+auch ursprünglich bestimmt gewesen: als etwas, das nicht mich
+angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern allein nur meine Kunst, mit
+ihr desto besser Gott zu dienen.
+
+Nach solchem Rath hatt' ich denn treulich gethan, und mich däuchte, er
+war mir trefflich gediehen.
+
+Ich hatte mir fürgesetzt, von Allem, was sich mit mir zugetragen
+hatte, so es möglich wäre, gegen Niemand im Convent zu reden: ich
+würde denn gedrungen dazu. Denn ich wußte wohl, daß dann des Fragens
+kein Ende sein würde, auch des Spottes nicht und des Verdachts. Nur
+wie ich vor Abt Albrecht bestehen sollte mit meiner Beichte, wenn er
+mich vor sich erfordern würde zur Rechenschaft von meiner Reise und
+von dem, was ich ausgerichtet -- das schuf mir Noth. Mein Bleiben auf
+Elzeburg, und daß ich mir die Verwechselung so lang gefallen ließ, die
+Ursach' auch, aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den zween
+Fahrenden: wie konnt' ich denken, dies Alles dem Gestrengen so
+glimpflich fürzubilden, auch wenn ich dabei der besten Kunst brauchte,
+die ich vermöchte, daß er darob seine Gunst nicht von mir wendete,
+mich hart anließ' und gar in die Geißelkammer schickte zur Pön und
+Büßung.
+
+Damit aber war es mir viel besser gerathen, als ich mich deß versehen
+hatte. Denn da ich wieder gen Maulbronn kam und in den Klosterhof
+trat, und die Brüder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so
+Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von allen Seiten hörte:
+»_Salve, Diethere!_« oder: »_Quid novi?_« oder: »Heah, Diether, wie hast
+Du ein ander Aussehen gewonnen auf der Fahrt!« und da beinahe ein
+Getümmel entstund von der Menge der Herzulaufenden und dem
+»Diether«-Rufen -- so merkt' ich allsogleich, daß es heut an Abt
+Albrecht's Regiment fehlen müßte, denn es war die Stunde des Tages, da
+sonst keiner der Brüder, zwingende Ursach' ausgenommen, sich in Hof
+und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich denn des Abtes drohende Gestalt
+nirgend aus einer Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah,
+fragt' ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, daß er, hochwichtige
+Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen Pforzheim gezogen wäre,
+allda mit etlichen hohen weltlichen Herren zu handeln, die sich
+unterwunden, unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, dem
+er zumeist vertraute, wäre auch mit ihm, und so möcht' ich mich um
+deswillen nichts besorgen, sondern unter ihnen bleiben und von meiner
+Fahrt erzählen. Da sagt' ich ihnen, vom weiten Wege wär' ich übermüde,
+und ob sie nicht wüßten, daß zu dem Willkomm', damit man den Waller
+begrüße, bevor Allem sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete.
+»Und wenn Ihr mir die gegönnt habt«, sagt' ich, indem ich dem
+Refectorio zuschritt, »so seid gefüge und laßt mir heute die Ruhe, die
+ich Wegmüder wohl mir verdienet habe.« Da meinten Etliche, ich wäre
+wohl gar stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man sähe,
+daß ich in des Bischofs Pfalz die höfischen Sitten erlernet hätte.
+
+Nun ward mir nicht um ein Kleines sänftiglicher zu Sinne, daß ich
+dergestalt heut und morgen des Erscheinens vor des Abtes hellem Auge
+überhoben war; und wie ich mich der Brüder, sonderlich der Neugierigen
+unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von meinen Aventiuren nichts
+zu verrathen, auch dazu ward mir Rath. Denn andern Tages früh,
+sogleich nach der Matutin, überkam ich den Befehl, den der Abt für
+mich zurückgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner Fahrt
+heimgekommen, schier ungesäumt mich an mein Malwerk in der Kirche
+machen und dasselbige also fördern daß die Verzögerung, so ihm durch
+mein Abwesen widerfahren, nach Möglichkeit wiederum eingeholt würde.
+
+Behender, dünkt mich, bin ich nie auf's Gerüst hinangestiegen, als
+dazumal, und lieber hab' ich nimmer darauf mit Stift und Pinsel
+geschafft, noch eifriger. Und das nicht allein darum, weil ich, so
+lang' ich droben weilte, vor aller Bedrängniß durch lästige Frager
+geborgen war; -- denn Niemand durfte mich aus sonderlichem Untersagen
+des Abts da heimsuchen, er mußte denn zu Hilf' und Handreichung von
+mir begehrt sein -- sondern ich erfand auch eben da, wie weise Brun
+bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch trefflicher wies sein Rath
+sich mir aus, als er wohl selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit,
+dazu jeder Tag mich rief, lenkte freilich all' meine Gedanken auf sich
+und forderte mein Vermögen, es gänzlich daran zu kehren. So wurde mein
+Gemüth vom unruhigen Schweifen durch sie heilsam zurückgehalten. Aber
+da bewies Frau Kunst an mir Unmüßigem noch eine besondere Tugend. Denn
+sie versagt denen, die sie meinen und minnen, nichts von Allem, wonach
+sie Herze tragen, und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen
+darnach und seiner Unlust. -- Sie läßt die Seele der Dinge, daran sie
+hängt, genießen, als wären sie beständig gegenwärtig, und kein Herbst
+drohte den Blüthen und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen;
+damit mein' ich gar nicht, daß die, so einer edlen Kunst rechte Jünger
+sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid und Mühe in der Übung
+solcher Gabe nicht kennen: der Wiederhall von der Menschheit Weh und
+Wonne, ja von Himmel und Hölle ertönet wohl lauter in ihrem Herzen als
+in anderen; aber das sag' ich, daß die Bilder der Dinge in ihrem
+Gemüth sich spiegeln können in all' ihrem unterschiedlichen Licht und
+Glanz, und dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern in der
+Stille bleiben kann und edlen Freiheit.
+
+Also, ist mein Wähnen, geschah auch mir in jenen Wochen nach meiner
+Wiederkunft, da ich das Bild malte im Chor vom englischen Gruß. Ohne
+Absicht gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den draußen
+erlebten Maientagen in der Seele trug, und je eifriger ich allen Fleiß
+zu meiner Arbeit kehrte, desto näher brachte sie mir das Erlebte, und
+Vergangenheit und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins
+zusammen und störten sich nicht. Da geschah's auch, daß, wie ich die
+sel'ge Gottesmutter auf das Bild gebracht hatte, die hehre Fraue
+Irmela's Züge an sich trug, und ich hielt's nicht für sündlich,
+sondern setzte mit Freuden die Glorie um's Haupt aus lauterem Golde;
+denn ich gedachte, daß wir ja auch das Heiligste nicht anders bilden
+können, als indem wir Gottes Creatur dafür zum Gleichniß erkiesen. Ich
+malte aber auch unter das Laub, so die heilige Maria überhängt, ein
+Gezweig blühenden Flieders und zu der Lilie im Gefäß that ich ein Reis
+mit röthlich schimmernden Apfelblüthen. Solches und Anderes fügt' ich
+hinzu, nach dem Bildniß, das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte.
+
+Als es nun Alles vollendet war, mit größerem Fleiß und eifrigerem
+Trachten das Beste meines Vermögens zu thun, als ich je zuvor an ein
+Bild gekehrt, däuchte mich's wohl gerathen und ich dachte: »Was
+gilt's! Schwerlich hätte Abt Albrecht dem welschen Bilde, nach dem er
+mich ausgesandt, eine bessere Zierde für unsere Kirche verdankt, als
+er nun gewonnen hat!«
+
+Mit solchen Gedanken saß ich nieder in's Gestühl an jenem Vormittag
+mit dem Behagen Eines, der sein Werk vollbracht hat und nun ganz der
+Ruhe genießt. Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg
+vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten Mal nach meiner
+Heimkunft, dünkt mich, stieg in mir die Frage auf, ob ich wohl für
+immer von dieser bunten Welt draußen und von Elzeburg und ihrem
+Ingesinde sollte geschieden bleiben. Irmela's Zuversicht kam mir in
+Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden die Hand bot, daß
+sie mich um die Sonnenwende zu Speyer wieder zu sehen gedächte, als
+ihrem Ohm gesindet. Ich mußte auch gedenken, wie sie sagte, sie
+verhoffe noch manche Lieder von mir zu hören und fröhliche. »Wie wird
+sie sich verwundern«, dacht' ich, »wenn sie vernimmt, ich sei
+entschwunden«, und ich fragte: »ob sie dann auch meiner Bitte sich
+erinnern wird, die ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?« Und
+ich wünscht' es mir also. -- »St. Johannistag ist nahe«, dacht' ich
+wieder, »nun wird das Mägdlein auf sein gen Speyer; leichtlich ist sie
+schon allda. In der Kurzweil' und im fürstlichen Glanz des Hofes wird
+sie die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen haben -- und,
+eitler Diether, noch bälder Dich!«
+
+Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, denn er, so schien's mir,
+lockte meine Gedanken auf diese Bahn, und ich beschloß, solchem Sinnen
+nicht ferner nachzuhangen. Brun's gedachte ich und seiner Mahnung, da
+er mich von sich ließ; ich gedachte auch der traurigen Geschichte, die
+er mir erzählt hatte. Wie war er doch selbst von ihr so bewegt worden
+und wie eindringlich warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich
+ihn so gar verändert und erschreckend gesehen, hatte er Alles dessen,
+was er da gethan und gesprochen, nicht mehr gedacht, als wär' es von
+ihm vergessen wie ein Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten
+hatte er meine Lust gelobt in's Kloster zurück und sie gemehrt. Auch
+hatt' er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen nicht aufgespart
+bleiben, bis ich auf's Neue eine Verwandlung leiden und die Flucht
+geben müßte, denn dann würd' er und gewißlich ich auch sie nimmer
+wünschen; sondern um meinetwillen wollt' er unterweilen aus seiner
+Waldestiefe herfürtauchen und mich heimsuchen im Kloster. Einem alten
+Waldbruder würde der Convent den Eingang nicht versperren. Um den
+Johannistag wollt' er mich sehen. Dessen gedacht' ich jetzt und wie
+übelgethan es von mir wäre und Zeichen eines unverständigen Sinnes,
+wenn ich des treuen Berathers vergäße, den ich mir gewonnen hatte, und
+außer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas mehr begehrte,
+als was sie mir droben für mein Bild eingebracht hatte. -- »So will
+ich denn«, sagt' ich bei mir, »in dieser Sommerzeit nur des Alten
+harren und sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt das
+Sonnenlicht mir gezeigt.«
+
+Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte die Kirche zu verlassen,
+als ich im Laienchor feste und eilige Schritte hörte, und gleich
+darauf durch das Lettnerpförtlein Abt Albrecht und hinter ihm der
+Prior sichtbar wurden. Er war immer ein Herr von wenig Worten, und so
+mocht' er auch von Andern keins zum Überfluß hören. So fragt' er nach
+kurzem Gruß allsogleich, wie's mir mit dem Bilde gerathen wäre. Ich
+verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das Werk aufmerksam und
+rief dann nach kurzer Weile:
+
+»Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und an dem Eifer, mit
+dem Du daran geschafft hast, vermerke ich mit Freuden, wie fördersam
+Dir die Reise gewesen ist. Zwar«, fuhr er fort, » ich sehe, Du hast
+von dem Deinen hinzugethan, aber ausbündig herrlich muß das Muster
+sein, nach welchem Dir hier dies Bild unserer lieben Frau gelungen
+ist, und nicht zuviel nach meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des
+welschen Meisters gerühmt.«
+
+Und er betrachtete wieder das Bild.
+
+»Wir sind wohl zufrieden mit Dir«, sagt' er dann noch, indem er sich
+zu mir kehrte -- »erwarten nun aber, daß Du nicht minder Eifer und
+Kunst an dem Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist.
+Hier, weißt Du, sollen die heil'gen drei Könige fürgestellt werden
+(und er zeigte auf die Stelle der Wand), wie sie gezogen kommen, den
+Gottessohn anbeten und ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether,
+das Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn Du Profeß thust, muß
+zu mehrerer Ehre solcher Feier all' diese heil'ge Zier von den Wänden
+auf Dich herniedersehen, der durch Gottes Gabe und Gnade sie dahin
+gebracht hat.«
+
+»So eben zur Stunde, ehrwürdiger Vater«, sagt' ich bescheiden, »hab'
+ich das Letzte dort am englischen Gruß gethan.«
+
+»So ruhe heut«, sagt' er wieder, »und heb morgen mit den heil'gen drei
+Königen an.«
+
+»Noch weiß ich nicht, wie ich's am Besten angreifen mag, und die
+Königliche Pracht fürzubilden dünkt mich schwer zu sein, der ich des
+ritterlichen Wesens wenig erschaut habe.«
+
+»Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel Deinem Auge kund
+worden auf Deiner Fahrt, und wie hier am englischen Gruß der Gewinn
+spürbar ist, den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so verhoff'
+ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus dem Morgenlande noch mehr
+davon sichtbar werden. -- Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit
+gewährt, durch Feld und Wald zu streifen. Brauch' solcher Muße, dem
+Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es nur erst in Deiner
+Seele lebendig, so werden die Hände bald nachfolgen, es zu gestalten.
+Nur zögere nicht und laß Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch
+Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten ist, darüber
+sollst Du mir berichten, wenn ich Dich mit Nächstem darum vor mich
+fordere. Denn zur Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.«
+
+Damit winkt' er seinem Begleiter, hub zu Gruß und Segen die Hand gegen
+mich, und als ich aufsah, schritten sie schon das Pförtlein hinaus,
+durch das sie gekommen waren.
+
+Da verließ auch ich die Kirche. Nach des Abtes Rath und dem Antriebe
+meines eigenen Herzens eilt' ich die Klostermauern hinter mir zu
+haben. Wacker waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt gen
+Bretten, und doch hatt' ich kein Ziel. Mich trieb's nur zur Bewegung,
+und zu rasten wär' mir unmöglich gewesen. Und ob ich gleich mit allem
+Fleiß mein Gemüth dahin zwang, über das Bild zu sinnen, das ich
+allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir damit nicht, meine
+Gedanken zur Ruhe zu bringen und zum stillen Aufmerken, wie meine Hand
+das Alles gestalten möchte. Sondern immer wieder schweiften sie hinaus
+und zurück in die Welt, der ich ungedacht eine Weile zugesellt gewesen
+war. Ja, das Sinnen über das Malwerk selber, so mir aufgetragen war,
+half ihnen heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen
+Waller fürstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen den reisigen
+Troß; immer wieder waren es da Gestalten von Elzeburg, die dahin
+zogen, zierlich geschmückt, und dann schienen sie mir mit ihren
+Fähnlein zu winken, als grüßten sie herüber und riefen: »Irmela der
+Herrin fahren wir entgegen!« Dann war's, als müßt' ich selber mich zu
+ihnen gesinden und ich sähe mich da auch unter dem Troß.
+
+Da sprach ich zu mir: »Diether, es taugt Dir heut hier außen nicht,
+mach' Dich zurück in die Abtei, schleuß Dich ein in Deine Zelle, nimm
+Kohle und Stift zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf's
+Papier, so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen!« Aber dem
+Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren, schritt ich
+fürbaß, als würde ich vor mir stärker gelockt.
+
+Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende und lenkte zwischen
+felsigten Bergen in ein Thal hinein, das mit grünem Wiesenplan gar
+freundlich sich vor meinen Blicken aufthat. Hier wandelt' ich zumeist
+schon im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden Sommertages
+milderte, indeß droben auf den Höhen das röthliche Gestein, von hellem
+Grün dicht belaubten Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto
+leuchtender herniedersah. Mir zur Seite floß ein rauschendes Wasser.
+Seine Wellen hüpften in Sprüngen dahin, als lüden sie mich ein
+auszuschreiten ihnen nach, und wüßten mir noch Schönes zu zeigen. Und
+fürwahr! darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich das Thal
+hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild auf, unmaßen lieblich dem
+Auge anzusehen. Hier waren die Bergzüge noch höher, aber sie stiegen
+zu beiden Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als wollten
+sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein Dörflein genommen. Das hieng an
+der Lehne eines waldigen Hügels, aus dem ein Felsen steil
+emporstarrte. Auf diesem Felsen ragte eine bethürmte Burg, gar trutzig
+über die Dächer unten hinausschauend in die Ferne, dem wachsamen
+Hirten gleich, der sich bewehrt hat, seine Heerde vor dem Wolf zu
+schirmen. So friedlich und sicher lagerten sich hier die Häuser an den
+Bergeshang, der die Burg trug, dicht zusammengedrängt, und nur hie und
+da lugte noch ein Dach weiter unten im Thal zwischen breitwipfligen
+Nußbäumen hervor. Rebenpflanzungen und Ackerfelder bis oben an den
+Waldrand der Berge, wohlbestellte Gärten und fette Weiden um's Dorf
+her bezeugten, daß es diesem Winkel der Erde nicht am Segen des
+Himmels, noch am Fleiß der Menschenhände fehlte.
+
+Froh überrascht von dem unerwarteten Anblick hielt ich meine Schritte
+an. Noch besser sein zu genießen, klomm ich einen Pfad hinan, der die
+Höhe aufwärts führte zur Seite meines Weges. Da gewann ich bald vom
+Vorsprung eines Felsens ein herrliches Lugaus. Burg und Dorf und
+Gärten und Wiesen, in vielen Schlingungen vom fließenden Wasser
+durchzogen, und weiterhin ringsum die Höhen, hier sanfter
+anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich prangend
+mit reifenden Saatfeldern und weitästigen Obstbäumen, dazu die
+mächtigen Waldungen, die oben die Bergrücken bekrönten und auch, wo
+Schluchten und Klüfte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten:
+Dies Alles übersah ich nun mit einem Blick und es däuchte mich, als
+schaut' ich ein Bild, gemalt von des besten Meisters Händen. Da zog
+sich auch der Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen und
+Gärten an dem Burgberg vorbei in das Dörflein hinein. Drüben, wo es zu
+Ende war, ward er wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausführte, das
+da als in einem Bogen sich abschloß. Die Straße theilte sich dort, so
+daß ein Arm zur Rechten des Wassers blieb und mit diesem zugleich,
+sich allgemach krümmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil
+aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen Wiesengrund
+linkswärts zweigte sich von dem ersten Weg ein zweiter ab; den führte
+eine stattliche Brücke über das Flüßlein, und darnach schien er in das
+Gebirg gen Mittag hinaufzuleiten. --
+
+Wie ich so all' dies mit Muße von meiner Höhe aus betrachtete und
+mich recht eine Freude durchdrang über die stille Herrlichkeit der
+Gotteswelt vor mir, da ward mir's gewiß: Dies wäre mir nicht
+vergeblich gezeigt. »Könntest Du«, sagt' ich zu mir, »Etwas ersinnen,
+was wohlgefälliger anzuschaun wäre und würdiger, die Stätte
+vorzustellen, da die heiligen Könige dem Gotteskinde und seiner Mutter
+begegnen -- als hier dies bergumschlossene Gefild? He, Diether! Nun
+präge Dir all' diese Augenlust recht tief ein in Dein Gemüth nach
+Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der Abendstern schon
+erblinkte und schickte seine Strahlen von dort oben: auf eine minder
+wonnesame Welt, wähn' ich, säh' er nicht hernieder, als damals der
+Wunderstern, der über Bethlehem stille stund.« Solches sagt' ich zu
+mir und ließ meinen Blick über Alles wandern, was da zur Weide vor ihm
+ausgebreitet war. Drüben vom Abend her, wo der Weg hinausführte aus
+dem Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig
+auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes herein und
+streifte die Baumwipfel des Waldes und traf auch die Zinnen der Burg.
+Von da, dacht' ich, sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die
+Helden der Gottesminne geleitet, und wie würden sie voll Freude
+jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ersähen. Und wieder
+stellten sich die Gedanken von vorhin ein, wie ein erwünschtes Ding es
+doch wäre, wenn ich selber da heute so mitreiten könnte über Berg und
+Thal, und zöge durch die geschmückte Welt zur Sommerzeit. --
+
+Träumt' ich da, oder befieng ein Zauber meine Sinne, der mir zum
+Spott vor's Gesicht brachte, was doch nicht war?! Denn siehe! Dort
+drüben auf dem Wege zum Thal hinein kam's hervor, zuerst nur
+undeutlich zu sehen zwischen den Waldbäumen, dann glänzend im
+Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche Reiter voran und, wie ich am
+blitzenden Zierrath erkennen konnte, den Mannen und Rosse trugen,
+herrlich geschmückt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu sein,
+denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet; sie trugen ein
+Banner, und von den Häuptern ihrer Pferde nickten bunte Federbüsche;
+ihnen folgten gewappnete Knechte zu Fuß und andere reitend auf Rossen,
+die auf's Zierlichste aufgezäumt waren. Darnach kamen Ritter und
+Herren, alle prächtig angethan, nicht gerüstet, sondern als hätten sie
+sich einem Feste entgegengeziert und an Seide, an Sammet und an
+köstlichen Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen war auch
+Einer, der saß gemächlich auf weißem Zelter: nach Hut und Gewand sah
+er aus wie ein hoher geistlicher Herr; Diener führten sein Thier. Nach
+diesen kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Geräth hochbeladen,
+wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu Gezelt und Küchenwerk bestimmt,
+und letzlich zog ein bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich
+allweg solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es etwas zu
+schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt. So entfaltete sich dieser
+Zug, aus dem Walde herfürkommend, und war nun ganz sichtbar auf dem
+Wege, den er erfüllte.
+
+Schon wähnt' ich, sie würden ihre Fahrt etwan hinein in's Dorf nehmen
+und hinauf zur Burg oder an mir vorüber; aber da sie an die Scheide
+des Weges gekommen waren, wandten sie sich linkswärts zur Brücke und
+zogen da die Straße quer durch's Thal in das Gebirg' hinauf. Staunend
+ruhte mein Auge auf all' der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie
+ich zuvor ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel
+möglich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus dem Zuge hinter
+den Bergen verschwunden war. Das war bald geschehen und drüben war mir
+der Weg wieder so einsam wie vordem.
+
+Wohl durft' ich mich da fragen, ob's Wirklichkeit gewesen wäre, was
+ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung. Doch solcher Zweifel ward
+mir bald benommen, denn ich sah zween Knappen zurückkehren sogleich
+darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt sind, die
+Straße heranreiten, welche in's Dorf führte. Sie mußten frohe Märe zu
+bringen haben und selber frohen Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf
+der Dorfstraße zusammen kam, durfte die fremden Gäste fragen und
+gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der Leutlein wahrnahm, schier
+guten Bescheid. Der eine der Beiden lenkte seitwärts hinan zur Burg,
+der andere ritt weiter fürbaß.
+
+Als ich sah, daß er den Weg zog, den ich gekommen war, und also an mir
+vorüber mußte, stieg ich behend von meiner Warte hinab, und da er
+nahte, schritt ich ihm entgegen, grüßte ihn mit Züchten und fragte, ob
+er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei Herren das gewesen wären,
+die da mit also stolzer Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer
+Reise Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es müßten vor
+Andern auserlesene Ritter sein, und gewißlich war's ein hohes
+Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck entgegenführen.
+
+Da erwiederte der Gefragte: »Ihr habt meiner Treu mit Beidem das
+Richtige getroffen, wenn anders eine Hochzeit ein Freudenfest ist und
+ein Bischof und Grafen und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich
+auszurichten.«
+
+Darnach sagt' er mir, daß sie von Speyer kämen, dahin die junge Braut
+zu geleiten, welche Conrad, dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt
+wäre. Der Bischof selber führte ihr den Bräutigam zu, und manch' Edler
+wäre noch in seinem Gefolge. Hier unweit sollte die Begegnung
+stattfinden und einen herrlichen Empfang wollte man der Braut und
+ihrem Geleite bereiten. »Da wird es,« schloß er, »an Ehr' und
+Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und ritterlichem
+Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen, wenn man höfische Tugend
+und milde Sitten beweisen will; so wird's auch Euch nicht reuen,
+geistlicher Bruder, wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz
+widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach Eurem Theile seiner
+Freude mit zu genießen. Gewiß! Ihr bringt genug der Erinnerung heim,
+davon noch lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.«
+
+Darauf trieb er sein Roß an und trabte von dannen. Das war mir leid,
+denn was er mir berichtet hatte, gieng mir näher zu Herzen, als er's
+denken konnte, und gerne hätt' ich von ihm noch mehr erfragt.
+
+Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet hatte, das kam
+mir auf meinem Heimwege nicht aus dem Sinn. Wieder waren meine
+Gedanken nach Speyer gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte,
+wenn ich nicht von den Elzeburgern mich losgerissen hätte, und ich
+fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wäre mit ihrem Ohm oder ihr
+diese hochzeitliche Fahrt gälte. Schalt ich mich dann wegen solchen
+Fragens, das mir doch zu nichts diente als zur Mehrung meines
+unruhigen Muthes, so half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder
+sah ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit der Frage:
+»Ist's Irmela, der sie entgegen ziehen?« --
+
+So war denn mein Zweifel und meine Unruhe groß, da ich spät gen
+Maulbronn zurückgelangt war, und vor Herzensschwere und Widerstreit in
+meiner Seele durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir die
+heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und unter dem Volke das
+Fest mit zu schauen, ob ich da die Elzeburgerin sehen möchte,
+vielleicht als die, der zu Ehren all' diese herrliche Pracht gezeigt
+ward. Und ich sagte mir, daß es ja nichts Arges wäre, das mich triebe,
+der Gelegenheit zu brauchen, das Mägdlein unvermerkt wieder zu sehen,
+ja, daß freilich das Gegentheil verwunderlich sein würde, und Zeichen
+eines blöden Sinnes; ich fand auch, daß jenes Thal mit der ragenden
+Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche Fest, mir
+weidlich am Bilde zum Guten gedeihen würde. Hatte mich doch der Abt
+selber dahin gewiesen, draußen zu suchen und mich umzuschauen, wie ich
+dem neuen Bilde am besten rathen könnte. Wenn mich aber so mein Sehnen
+schuldlos däuchte und daß es nicht noth wäre, meinem dahin gerichteten
+Gemüthe zu wehren, so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem
+Herzen gar ernstlich, als wär' es doch nur eine Versuchung, die mich
+hinauslockte, um mich in Schaden und Unseligkeit zu stürzen.
+
+Und eine Bangigkeit kam über mich, als ob es mir übel gerathen würde,
+so ich hinzöge. Als es aber lichtmorgen worden war und ich im
+Klostergarten der würzigen Luft genoß, da schöpfte meine Brust auch,
+däuchte mich, wieder frischen Lebensmuth, und es schien mir, die
+ruhelose Nacht hätte mich furchtsam gemacht, und ich sah nichts
+Schlimmes in meinem Wunsche.
+
+Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht Genüge. Sondern, wie sie
+mir in der Erinnerung lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern
+mir zum Bilde auserwählt, mit allem Fleiß, und auch die heiligen
+Wallfahrer mit ihrem Troß entwarf ich auf der Stelle, wo mir der
+festliche Zug erschienen war. Unmüßig war ich den ganzen Tag, daß ich
+morgen die Versäumniß mir desto weniger zum Vorwurf zu nehmen
+brauchte. Was ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck
+beim Feste sehen möchte, das wollt' ich mir wohl in der Erinnerung
+bewahren und für's Bild verwenden. Denn nur einen halben Tag gedacht'
+ich aus zu sein und den nächsten wieder im Kloster meiner stillen
+Arbeit obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin kehrte, die
+Spiele mit anzusehen, die der Braut zu Ehren sollten gefeiert werden,
+und mich des Dinges weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela's
+gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden würde, desto heiterer
+schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als wär' ich auch zum Feste
+geladen, und mich däuchte, wenn ich zu Roß da hinauf zöge, so hätt'
+ich das auf Elzeburg also erlernet, daß ich keinem der Herren zur
+Schande da sein würde.
+
+In solchem Muthe machte ich mich denn Tags darauf, noch ehe man
+Mittags zur Speisung im Refectorio zusammenkam, von dannen. Dem
+Pförtner sagt' ich, meiner Kunst zu Dienst müßt' ich aus sein und am
+Abend würd' ich wiederkehren. Daß mir solche Freiheit verstattet war,
+mehr als den Brüdern, deß waren sie gewohnt im Convent, und so ward
+ich auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert durch die
+geöffnete Pforte.
+
+Draußen in einem der letzten Häuser, die um's Kloster gebaut sind,
+wohnten alte Leute, die der Abtei hörig waren. Es war ein Ehepaar,
+Mann und Weib wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten
+in ihre Hütte oder wenigstens durch's Fenster sie zu grüßen. Es
+geschah immer zu ihrer großen Freude; denn in meinen jungen
+Kinderjahren war ich in ihrer Pflege gewesen, und noch immer hegten
+sie eine sonderliche Liebe zu mir. Bei ihnen hatt' ich, da ich von
+Brun wiederkam, das köstliche von Irmela mir geschenkte Kleid
+niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen klösterlichen Rock
+angezogen hatte, dem ähnlich, den ich sonst zu tragen gewohnt war,
+wollte, daß ich das zierliche Gewand bei ihm für immer zurückließe.
+Aber da ich wünschte, es zu behalten, weil mir zu meiner Malkunst
+solch' auserwähltes Kleid leicht noch nütze werden könnte, so willigte
+er ein und ich trug's im wohlverhüllten Bündlein mit mir. Niemand
+hätte mir wehren können, es mit mir in's Kloster zu nehmen und mit dem
+anderen Geräth und den Kleinoden meiner Kunst zu bewahren, aber ich
+hatt' es doch für viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto
+lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu bringen. Und so
+hatt' ich Irmela's Gabe bei den Alten in Verwahrung gethan.
+
+Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben sie mir, wie ich's
+heischte und unversehrt, das wohlverwahrte Kleid zurück. »Mir ist's
+bestimmt zu tragen«, dacht' ich. »Zwar die Kunst, mit der ich mir's
+verdient zum Lohn, gedenk' ich nicht mehr zu üben; aber wenn je, so
+mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser Fahrt. Ist ihr Ziel
+heimlich, so sichert mir wohl dies Kleid, wenn's Noth ist, meine
+Heimlichkeit.«
+
+Und so nahm ich's mit mir.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+Beim Feste.
+
+
+Es war noch hoch am Tage, denn ich war rüstig zugeschritten, als ich
+wieder zur Seite des Baches das Thal durchzog, von dem aus ich zum
+Dorf gelangen sollte, das so sicher sich lagert um die bethürmte Burg.
+Je näher ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, daß heut den
+Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag angebrochen war, den
+mit zu feiern Keiner versäumen wollte, der wohl auf war und gerne
+fröhlich. Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele nach
+wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam, fand ich der fremden
+Gäste viele. Die Lustbarkeit der Herren mußte wohl bekannt worden sein
+aller Orten ringsum. Da waren Junker und Knechte, Bürger und Bauern,
+auch fahrende Sänger, Luftspringer, Gaukler und Hebräer, und was sonst
+Leute dem Gewinne nachgehn, wo müßiges Volk sich zusammenfindet, das
+die Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen läßt. Alle zogen
+sie hindurch der Brücke zu jenseit des Dorfes, und auch von drüben
+ward der Haufe durch Gäste vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich
+die Herren hatte quer durch's Thal reiten sehen.
+
+Ich hatte mich, da ich durch's Dorf schritt, Bauern zugesellt. Von
+ihnen erfuhr ich, daß heute Morgen die Braut und ihr Geleite unweit
+des Ortes angelangt und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich
+empfangen worden wäre. Alsbald hätten die Speyerischen die Ankömmlinge
+zum Lustlager geführt, das sie zugerichtet, allda zu rasten und die
+Begegnung fürstlich zu feiern.
+
+Wie die Braut geheißen würde und woher sie käme, konnt' ich nicht
+erkunden; doch bezeugten sie, das volle Lob, das edlen Sitten und
+prangender Jugend gebühret, würde von der Sage der Leute ihr
+zuerkannt.
+
+Unser Weg führte uns im Bogen aus dem Thal eine nicht kleine Höhe
+hinan. Weil die Bauern da oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen mußten,
+wie sie mir sagten, so war die Straße breit und sanft ansteigend
+bereitet und gemächlich aus ihr zu schreiten. Hoher Buchenwald zu
+Seiten unseres Weges hinderte den Ausblick. Um so mehr war ich
+betroffen von der weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf
+dem Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald in's Freie
+trat. Da sah man weithin Gebirg' und Land, und unten vor sich das
+muntere Thal mit Burg und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen
+anmuthig umkränzt war. Aber auf dies Alles blieb mein Blick nur einen
+Augenblick hingelenkt; denn das Bild, das ich in der Nähe vor mir sah,
+nahm all' mein Aufmerken gefangen.
+
+Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan, der beinahe die
+ganze Breite des Berggipfels einnahm. Sonst besuchte diese Stätte wohl
+nur der Hirt mit seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb,
+oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit, und wenn sie auf den
+anliegenden Feldern ackern oder ernten wollten. Aber heut' gieng's auf
+der Höhe ganz anders, lärmend und fröhlich zu. Zu Haufen stunden da
+die Menschen umher, thaten sich gütlich und hatten ihre Kurzweil, die
+gekommen waren, das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei an
+Festlichkeiten vorkommen würde, mit anzusehen. Da verführte
+männiglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn die Menge müßig ist und
+in Erwartung neuer Dinge, ein Getöse rings um mich her, da ich unter
+sie schritt, daß es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte bald,
+daß der Meisten Augen und Sinne nach jener Seite gerichtet waren, wo
+ich gleich anfangs, da ich die Aue übersah, das Lager der Herrschaften
+wahrgenommen hatte.
+
+Da war unter einem Nußbaum, der hoch und weit seine dichtbelaubten
+Äste streckte, und etwas in der Mitte der Bergwiese stund, von seinem
+Stamme aus ein Überdach aus buntem Gewebe gespannt mit purpurnen
+Quasten, das vorne Stäbe trugen, die in Gold und Silber erglänzten.
+Unter diesem Überdach zur Erde waren Teppiche gebreitet mit
+schimmernden Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich
+gesticktem Zeuge überdeckt waren; als das Meisterlichste aber in
+zierlicher Arbeit und reicher Pracht mußte Jedermann die Decken
+auserkennen, so von der Höhe des Daches zur Erde niederhiengen und
+hinten den Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur und
+Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all diese edle Kunst
+betrachtete und Einen, der mir zunächst stund, fragte, was wohl des
+Gezeltes Bedeutung wäre, sagt' er mir, das wäre für die Braut
+bestimmt, von da aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren
+würden gehalten werden. Die reichen Decken aber hätte der Bischof aus
+seiner Hofhaltung von Speyer hergeführt. Daß ich da wieder vom Bischof
+Gebhard hörte, schuf mir wenig Freude, und mahnte mich daran, daß ich
+sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen könnte oder ich ihm;
+doch er kannte mich ja nicht von Person, und wie sollte mich Irgendwer
+aus der Menge herausfinden, so ich mich nur klüglich hielt. Zudem
+wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut hörte, ihren Namen
+zu erkunden und ob es wohl Irmela wäre. So lugt' ich denn mit Eifer
+nach vorn, vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder
+liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit meiner hohen
+Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte, leicht über die Häupter der
+Meisten. So erblickt' ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich
+umdrängte, Alles, was da für die Herren und ihre Gäste hergerichtet
+war. Ich sah reiche Gezelte und unter grünem Gezweig Tische, das Mahl
+zu halten. Seitwärts im Schatten des Waldraines stunden Rosse und
+Saumthiere, mit Halftern an die Äste der Bäume gebunden, oder an
+eingezäunten Stellen grasend.
+
+Unweit von da waren von Brettern Tische und Bänke für die Knechte
+hergerichtet, und unterschiedliche Rauchsäulen, die hie und dort
+hinter Bäumen emporstiegen, ließen erkennen, daß man zum Mahle
+rüstete; wie denn auch jetzt schon unter einer schattenden Buche ein
+Schenke aus einem großen Faß Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat,
+den Becher oder Krug füllte. Wiewohl nun da die Geschäftigkeit der
+Diener um die Zelte und Tische groß war, und auch ritterliche Herren,
+in reichem Schmuck gekleidet, sichtbar wurden, so konnt' ich doch aus
+der Menge Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem schon
+gesehen hätte. Aber all' dies Wesen und Leben vor mir erschien meinen
+Neulingsblicken doch so werth der Betrachtung, daß ich nur immer
+unverwandt hinstarrte und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan
+aus deren einem die Braut schreiten möchte.
+
+So mocht' ich höher denn sonst mich gereckt haben, gar nicht achtend,
+ob ich nicht auch selbst ringsum Allen so bemerkbar würde, als ich
+hinter mir eine Stimme vernahm, von der ich gewiß war, daß ich sie
+nicht zum ersten Mal hörte.
+
+ »Sieh dort den Mönch, der mit uns briet
+ Dein Gänslein, eh' uns Krumholz schied.«
+
+Darauf kam die Antwort:
+
+ »Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth:
+ Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied.
+ Drum fort, daß er uns nicht ersieht!«
+
+Geschwind hatt' ich mich bei dieser Wechselrede, deren Sinn mir nur
+allzuverständlich war, umgewandt; aber gar eilig befolgte das
+ungleiche Paar den Rath des Kleinen, und nur noch einen kurzen
+Augenblick sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestüm durch die
+Menge hindurch drängten, in der sie sogleich darauf verschwunden
+waren. Da mußt' ich bei mir lachen, daß hier Jemand vor mir die Flucht
+gab, dem doch selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben
+und unerkannt. Und so gedacht' ich hinfort fürsichtiger zu sein und
+mich sorglicher unter dem Haufen verborgen zu halten.
+
+Aber da geschah es, daß, mir zum Wenigsten ganz unerwartet, drüben um
+die Gezelte eine Bewegung nicht kleine entstund und Diener in bunten
+Röcken unterschiedlicher Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen
+der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stäben, die sie in Händen
+schwangen, die umherstehenden Leute zurücktrieben, daß vor uns der
+ganze Platz frei würde. Wie nun von den also Bedrängten der Eine hier
+und der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, zuerst nicht
+wußte, wohin ich mich wenden sollte und hernach öftermalen immer
+wieder an einen Wärtel gerieth, der mich dann mit Schelten
+zurücktrieb, so fiengen die Leute an über dies Spiel zu lachen, was
+mich noch mehr verwirrte, so daß ich endlich gar nicht mehr durch die
+Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar vorn unter den
+Ersten stehen bleiben mußte.
+
+Doch im nächsten Augenblick waren Aller Augen nur vor sich nach den
+Zelten gerichtet, sich nichts entgehen zu lassen, was da vorgieng. Da
+traten zuerst die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten im
+Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang des einen sonderlich
+geschmückten Zeltes, richteten ihre Banner auf, setzten ihre Hörner an
+den Mund und ließen die ertönen, daß es ringsum aus dem Wald und
+trüben von den Bergen wiederhallte. Da ward Alles still, und heraus
+traten aus demselben Gezelt der Bischof Gebhardus Spirensis, auf
+dessen Ornat ein Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an güldner
+Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur Seite ein junger
+Ritter, stolzen und strengen Aussehns, über dessen Schulter nach
+fränkischem Schnitt an seidnen Schnüren ein Mantel hieng von Sammet
+und köstlichem Zobel. Dieser Ritter, so hört' ich, war Gebhard's
+Neffe, reich an Gütern und aus fürstlichem Hause; ihm hätte der Ohm
+selber die Braut geworben, die jetzt gen Speyer geleitet würde, und
+Wunder hörte man von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wäre.
+
+Während dem schritten die Beiden, die Herolde voran und in ihrem
+Gefolge Herren und Junker und dem Zuge zur Seite Knechte mit
+Hellebarden oder gezogenen Schwertern, einem gegenüber aufgeschlagenen
+Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben giengen hinein.
+Alsbald stießen die beiden Herolde wiederum in ihre Hörner, daß es
+laut erscholl. Da wurden die Zeltvorhänge zurückgeschlagen und heraus
+ward die Braut geführt; ihr folgten Dienerinnen. O, ich erkannte sie
+wohl und Den, der sie an der Hand führte, ob auch gleich, seitdem ich
+sie zuletzt gesehen, eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war!
+Ihre Schönheit, däuchte mich, war strahlender geworden: nicht Dank der
+Pracht, welche die Maid da trug; denn Wer mochte noch dem seidenen
+Gewande mit den gestickten Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen
+Gürtel und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gönnen, wenn er nur
+einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da vom Schleier umwallt
+leuchtete, wie wenn Lilien und Rosen zusammenstehen. Sondern was nach
+meinem Wähnen ihrer Schönheit zur Erhöhung diente, war, daß sie all'
+der Zier, mit der man sie heute sah, nicht zu begehren noch zu
+bedürfen schien, und daß sie auf die Herrlichkeit, die sie hier umgab,
+kein größeres Aufmerken hinkehrte, wie mich däuchte, als damals auf
+ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg zu sehen gewohnt
+gewesen war. Und dies eben schien mir als eine Veränderung in ihrer
+Seele, daß sie an der gegenwärtigen Pracht keinen größeren Antheil
+nahm, die doch, als ich wähnte, vor wenigen Wochen über den geringsten
+Theil dieser Augenweide der kindlichen Freude viel gezeigt hätte.
+
+Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter Conrad mit
+zierlichem Gruß, den sie mit Züchten erwiederte, wie sie auch mit
+Ehrerbietung vor den Bischof trat. Da ward von allen Seiten ein
+freundlich Grüßen gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur
+Seite, sie zu geleiten, als der die größte Ehre an diesem Tage
+gebührte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte sich der Bräutigam.
+Hernach folgten die Andern in ihrer Ordnung. So begaben sie sich
+allsammt nach dem Sommerzelt, das am Nußbaum ausgespannt war, wo auf
+den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu beiden Seiten der Bischof
+und der Graf sich niederließen. Hinter sie stellte sich Conrad und
+sonst zween oder drei der Edelsten aus Gebhard's Gefolge. Die Andern
+alle, Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, wie
+ihm gebührte, diesen Herrschaften zur Rechten und zur Linken.
+
+Wie ich das Alles betrachtete, wundert' ich mich, wie wenig doch
+Irmela, der zu Genieß dies Gepränge bereitet war, die Glückseligkeit
+einer Braut sehen ließ; wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum
+Gemahl erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie liebevoll
+sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete und wie freundlich
+jedesmal ihr Angesicht lächelte, wenn er's that, als sollt' er nicht
+zweifeln, daß sie ganz glücklich wäre.
+
+Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten dem Volke Stille
+und einer der Herolde trat vor, verneigte sich gegen die Herrschaften
+im Gezelte und rief dann, zum Volk gewandt, mit lauter Stimme
+folgendermaßen:
+
+»Nachdem es seiner bischöflichen Gnaden geliebt hat, ihren Neffen, den
+trefflichen Ritter Conrad, von Gernstein zubenannnt, auf seiner
+fröhlichen Brautfahrt hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre
+dieses Tages und zur Erhöhung werther Lustbarkeit nach alter Sitte
+öffentliche Spiele halten wollen. Und weil denn die vieledle Braut«
+(hierbei neigte der Herold sich gegen das Fräulein) »der preislichen
+Singekunst sonderlich zugethan ist, lassen Seine bischöfliche Gnaden
+zuvörderst Alle, die in der Singekunst etwas vermögen und sich deß
+getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten, darin ihr Bestes zu
+versuchen. Ein Kranz und silberner Becher ist der Preis. Die holde
+Braut selber wird die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger
+auserkennt.«
+
+Darauf schwieg dieser Herold und trat zurück an seinen Ort. Da winkte
+der Bischof einem Edelknaben, der hinter im stund. Der kam hervor, bog
+vor Irmela das Knie und bot ihr in silbernem Gefäße, das er in Händen
+trug, ein weißes Blatt und Griffel dar. Sie nahm Beides, reichte es
+aber hinter sich dem Gernsteiner. Der besann sich nicht lange,
+beschrieb das Papier und legt' es wieder in die Schüssel. Nun gieng
+der Knabe, nahm das Blatt heraus und übergab es dem andern Herold.
+Nachdem dieser gethan, wie der erste, entfaltete er das Papier, erhub
+seine Stimme und las, was da geschrieben stund:
+
+»Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt!« Das ist's, worauf
+die Singer Antwort geben sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn,
+wer hoher Ehren begehrt! -- Zum Sinnen ist eine kurze Frist
+verstattet!«
+
+Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von der Stelle hinweg
+zu machen, auf der ich stund. Nicht allein des Bischofs wegen, wenn
+ihn etwa die Lust ankäme, nach dem Klösterling zu fragen und mich vor
+sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger, in dieser
+meiner Tracht von der Jungfrau Irmela erkannt zu werden; und nahe
+genug war ich ihr da. Ich sucht' also und fand, da nun eine
+Zwischenzeit, bis sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war,
+eine Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr entgangen. Aber
+vom Schaun der Herrlichkeit wie von der Erwartung, was nun folgen
+sollte, war mein Gemüth so erregt, daß es mir eine Pein schien, dem
+Spiele fern zu bleiben. Auch war mir, ich wußte selber nicht warum,
+Irmela's Anblick hier im festlichen Glanz so leid wie lieb gewesen,
+aber ein sehnendes Verlangen zwang mich zurück, sein ferner zu
+genießen.
+
+So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren, und der
+Sorge, durch meine Tracht in Beschwerniß zu gerathen. Da vernahm ich
+von ferne den Schall der Hörner und den Ruf des Heroldes, daß das
+Spiel begönne. Alsbald sucht' ich mir einen sicheren Versteck unter
+überhängendem Gestein. Daselbst legt' ich meinen Klosterrock ab,
+verbarg ihn wohl und kam in der Singertracht herfür, die ich mir in
+Elzeburg zum Lohne verdient hatte.
+
+Eilig kehrt' ich nun zurück und mischte mich unter's Volk wie vorhin,
+nur daß ich so weit wie möglich von meinem ersten Standorte fern blieb
+und mich weislich nicht unter die Vordersten drängte.
+
+Schon hatte das Wettsingen seinen Anfang genommen und unter den
+Zusehern, acht' ich, merkte Keiner eifriger darauf, als ich. Wie viel
+Singer vortraten, ihr Vermögen zu erproben, weiß ich nicht. Sie
+zeigten Alle ihre beste Kunst. Auch der Lange, mein einstiger
+Reisegesell, der mich mit in die Waibstädter Händel gebracht hatte,
+kam, sich Kranz und Becher zu ersingen. Ich bückte mich, da er in den
+Kreis trat, denn mir schien, als säh' er sich sorglich um und schritte
+nur zögernd hinzu; aber der Kurze hinter ihm, sah ich wohl, trieb ihn
+vorwärts mit Ermunterung und Spott. Wohl durfte sich der Fiedler sehen
+lassen, denn Frau Aventiure war ihm, nach seinem Kleid, das er jetzt
+trug, zu urtheilen, hold gewesen, wenn er's anders seiner Kunst
+verdankte. Daß die nicht kleine war, ward auch am Spruch offenbar, den
+er hören ließ. Lautes Lob erscholl, da er zu Ende war.
+
+Derweilen saß Irmela, das Haupt ein wenig auf den linken Arm
+stützend, und regte sich nicht. Ihre Augen waren gesenkt, und nur
+selten ließ sie einen Blick über den Singer gehen, der vor ihr stund.
+An dem Allen war zu spüren, wie aufmerksam sie auf das Gesungene
+hörte, und wie sie nachsann über das, was ihr Ohr vernahm. Doch ihr
+Eifer, Alles recht zu erfassen, schien mir kein anderer, als den sie
+damals erzeigt hatte, da sie von mir die alten Mären vernahm, von
+Sifrit, dem kühnen Recken. Sie hatte wohl Freude daran, aber Herz und
+Sinn giengen ihr dahin nicht. Sie achtete auf die Kunst, die da
+bewiesen ward; aber ihr Gemüth, schien es, war nicht vertraut mit dem,
+was sie hörte. Daß sich das Fräulein also erzeigte, däuchte mich
+verwunderlich und nicht so gethan, wie ich mir's von einer jungen
+Braut gedachte, die zu ihrem Trauten Herzenliebe trüge.
+
+Nun wuchs aber auch mir unterm Hören der Eifer um die Sache, der sich
+da die Singer beflissen. Sie gaben auf die Frage, so ihnen gestellt
+war, unterschiedliche Antworten. Der Eine rühmte Ehre und tugendliche
+Sitten, als wodurch der Liebe Gedeihn erwüchse; der Andere strich dazu
+die Freude aus und hochgemuthes Leben; ein Dritter Herzensreinheit und
+Treue falschesfreie; ein Vierter glückselige Schönheit und frohe
+Jugend. Und zuletzt wandten sie immer ihren Spruch auf das Brautpaar
+vor ihnen, als bei dem solche Gaben und Tugenden im Überschwang zu
+finden wären, und ließen es ihm an keinem Lobe fehlen. Doch davon
+schien sich Irmela nichts anzunehmen, nicht zwar aus Stolz, sondern
+als wüßte sie nicht, warum sie solchen Ruhm sonderlich werth halten
+sollte.
+
+Da rief der Herold wieder, ob noch Einer da wäre, der sich des Singens
+unterwinden wollte. Denn so Viele zuerst in den Ring getreten waren,
+die hatten nun Alle das Ihre gethan und stunden seitwärts, des
+Richterspruches harrend. Wie Alles stille blieb, geschah es, als ich
+wahrnahm, zum ersten Male, daß Irmela ihre lichten Augen aufhub und
+frei umschweifen ließ über die Menge.
+
+Da schlug mir mein Herz hoch auf, denn mir war's in dem Augenblick
+nicht anders, als erwartete sie mich zu sehen. Und so that ich ohne
+Wahl einen Schritt vorwärts. Wie diese meine Bewegung nun gerade auf
+den Ruf des Herolds geschah und nach meiner Tracht die Leute mich wohl
+für einen Singer halten konnten, der zu diesem Feste seinen besten
+Schmuck angelegt, so wichen sie seitwärts und riefen den vorn
+Stehenden zu, das Gleiche zu thun und mich durchzulassen. Da war auch
+schon ein Diener zur Stelle und schuf mir Raum, mich in den Ring zu
+geleiten.
+
+Noch stund ich im Zweifel, was ich thun sollte. Aber als ich nach dem
+Herrensitz hinblickte und sah, wie Irmela, das edle Kind, mit Freuden
+mich gewahrte und mit stummem Gruße mir zu winken schien, da hätte
+keine Scheu und kluge Fürsicht mich zurückgehalten; und nur heftiges
+Sehnen überkam mich, ihr noch einmal nahe zu sein, wohl zum letzten
+Mal, und mit der Kunst, durch die ich ihr werth geworden war und die
+ich ihr verdankte, ihr zu gefallen und sie zu grüßen auf
+Nimmerwiedersehn!
+
+So beschloß ich denn, wohl darauf zu achten, daß ich mich nicht
+verriethe, nahm all' meinen Muth zusammen und schritt, dem Diener
+nach, ziemlicher Weise in den Kreis. Vor der Laube angekommen, neigte
+ich mich vor Allen und vor der Richterin in diesem Wettspiel
+sonderlich. In ihrer Miene las ich freilich ein fragendes Staunen über
+mein plötzliches Verschwinden und meine unerwartete Wiederkehr; aber
+war da ein Zweifel, so ward er überglänzt vom freundlichen Willekomm,
+das, wiewohl nur leise, mir ihr Auge sagte. Davon gewann mein
+hochsteigendes Herz Vertrauen zu meiner Kunst, und wie ich schon zuvor
+während dem Hören mein Sinnen auf die Frage gelenkt hatte, darauf im
+Liede zu antworten war, so fügten sich jetzt Wort und Weise in meiner
+Seele selbst zu einander.
+
+Ich ließ mir von einem der Singer, die da gesungen hatten, eine Laute
+reichen, griff in die Saiten und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub
+ich an und sang also:
+
+ Wo tief im Herzen Minne wohnt,
+ Als Siegerin darinne thront,
+ (Bedenkt es wohl, ihr zarten Kinde!)
+ Da ist auch Leid ihr Ingesinde.
+ Wahr ist's, was man seit Alters spricht:
+ Die Liebe läßt vom Leide nicht;
+ Und doch ist Lieb' des Leides Feind.
+ Vernehmet nun, wie das gemeint!
+
+ Die Rose kehrt ihr Angesicht
+ Allzeit empor zum Sonnenlicht,
+ Das macht sie also wonnig roth,
+ Die Finsterniß brächt' leiden Tod.
+ Doch streckt sie unter feuchtes Moos
+ Die Wurzeln rief in dunklen Schooß.
+ Dich lacht sie an mit rothem Munde
+ Und haftet doch im finstren Grunde,
+ Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:
+ Das ist der Liebe Ebenbild!
+
+ Es bringt das Leid der Liebe Pein,
+ Doch ohne Leid kann Lieb' nicht sein,
+ Es liebt die Lieb' Leid zum Gedeihn.
+ Und wird vom Leid ihr Noth geschafft,
+ Doch zieht sie Nahrung draus und Kraft.
+ Drum, wer der Minne Flug will wagen,
+ Der darf dem Leid sich nicht entschlagen;
+ Denn will er's auf das Leid nicht wagen,
+ Muß er der Lieb' auch sich entschlagen.
+ Wer jemals diesen Weg gefahren,
+ Lobt meinen Spruch gewiß als wahren.
+ Ward er von Leid' in Liebe wund,
+ Werd' er von Lieb' in Leid' gesund!
+
+Als ich ausgesungen hatte und an den Gebärden Graf Eberhard's, mit
+denen er sich zu seiner Nichte hinüberneigte, wahrnahm, daß ich von
+ihm auch wohl erkannt war, gedacht' ich ungesäumt in die Menge zurück
+zu fliehen und mich so davon zu machen. Ich hatte aber kaum die Laute
+Dem wiederum gegeben, aus dessen Hand ich sie empfangen, und suchte
+nun durch die Singer, die da stunden, hindurch zu kommen, nachdem ich
+mich ziemlicher Maßen vor den Herrschaften verneigt: da geschah es,
+daß allum ein Rufen sich erhub und männiglich mich bedeutete, daß ich
+doch stille hielte; denn zur Stunde würde es verkündigt werden von
+wegen des Preises, wer ihn davontragen sollte. Derweilen ertönten auch
+schon die Drommeten der Herolde auf's Neue und im Volk entstund eine
+freudige Bewegung; Alle winkten mir, hinter mich zu blicken, und da
+ich denn mich umsah, war einer der Knechte mir zur Seite und lud mich
+ein, mit ihm zu gehen. Es nahm ihn Wunder, wie er sah, daß ich
+zauderte, ihm zu folgen, und so ergriff er mich am Arme, daß er mich
+zwänge, weil er nicht anders denken mochte, als daß ich mich aus
+großer Blödigkeit also erzeigte. Da lachten die Leutlein, wie sie
+vorhin über mich gelacht hatten, und Einer sagte, man sähe da eine
+seltne Tugend, daß ein Meister der Kunst begehre, aber ihres Lohnes
+nicht. Nun lachten sie noch mehr und hatten so ihre Kurzweil.
+
+Da hub ich mein Haupt empor, und schritt, weil es so sein mußte, dem
+Diener nach stracks vor mich, zurück in den Ring. Aber wie ich da das
+theure Mägdlein ersah, freundlich mir winkend und mit dem Kranze mein
+harrend, das wirrte mich nicht wenig, und ich fühlte die Röthe, die
+mein Angesicht übergoß: die Ehre, die mir bereit war aus ihren Händen
+vor allem Volk, höhete meinen Muth, aber sie drückte zugleich mich
+nieder, als der ich ungedacht sie überkam, ich wußte nicht wie. So
+schritt ich gesenkten Auges vor das edle Fräulein hin und bog da in
+höfischer Zucht das Knie.
+
+Wie sie mir den Kranz auf's Haupt setzte, streifte von ungefähr ihre
+Hand meine Stirn; da erzuckte mir von der leisen Berührung das Herz
+und ich blickte auf zu ihr. Indem ließen Spielleute, die da hinter dem
+Gesinde der Herren stunden, ihre Fiedeln und Lauten erklingen, und zum
+Saitenspiel schallten Flöten und Cymbeln, daß es ein helles und
+liebliches Getöne gab.
+
+»Solche Ehre, Meister, dankt Ihr Eurer Kunst,« sagte Irmela, indem sie
+sich über mich beugte.
+
+»Nein, Herrin, Eurer Güte, so ist sie mir werther,« erwiedert' ich,
+und Niemand außer uns zween hörte, was da zwischen uns gesagt ward.
+
+Nun trat ein Edelknecht mit dem Kleinode herzu, daß die Maid mich
+damit begabte. Sie aber sprach zu mir: »Diesen Becher will ich Euch
+zuvor credenzen, dann sollt Ihr ihn aus meiner Hand empfahn.«
+
+Darauf erhuben sich die Herrschaften von ihren Sitzen, daß sie zu den
+Tischen giengen und sich am Mahle erletzten, ehe die ferneren
+Freudenspiele mit Stechen, Laufen und Tanzen angestellt würden. Ich
+aber, als ich wieder aufrecht stund, wußte nicht, was ich erwählen
+sollte: Die Klugheit rieth mir von hinnen zu weichen, aber Sinn und
+Gemüth hielten mich fest an der Stelle. Da nickte auch der Herr
+Gebhardus mir gnädigen Beifall, und ich sah, daß Graf Eberhard sich
+anschickte, mit mir zu reden; aber weil just die Herren alle
+aufbrachen und der Bischof sich zu ihm wandte, daß sie selbander
+hinweggiengen, so ward der Graf von mir geschieden und dadurch mein
+Herz ein Merkliches erleichtert; denn gewißlich wär' ich seines
+Forschens wenig froh worden.
+
+Während man so sich aufmachte, schritt Irmela unterm Überdach der
+Laube herfür an mich heran, grüßte mich und sprach: »So ist's denn
+doch also geschehen, wie ich sagte, da Ihr von Elzeburg schiedet,
+Meister Diether, und Ihr habt uns mit Eurer Kunst gedient.«
+
+»Ja, vieledle Jungfrau,« erwiedert' ich, »und am hohen Freudenfeste
+Euch zu Ehren, zu dem ich ungedacht gekommen bin.«
+
+»Und nachdem Ihr von den Elzeburgern ungedacht entwichen seid,« sagte
+sie hinwieder und lachte.
+
+Da sah ich die Maid inniglich bittend an: »O lasset, warum ich's that,
+als eine Heimlichkeit meines Herzens verschlossen darinne bleiben, und
+wenn ich heut für immer von Euch scheide, so glaubet, daß Euch in
+Freuden und Glückseligkeit zu leben Diether ohne Unterlaß von Gott
+erwünschet und dem ganzen himmlischen Heer.«
+
+»Wohl,« sprach sie da, »so sei es darum und Ihr möget Eure
+Heimlichkeit bewahren; ich will nicht arg von Euch denken, wiewohl sie
+groß ist.«
+
+Damit hielt sie mir mit Gütigkeit ihre Hand entgegen, daß ich sie an
+den Spitzen der Finger erfaßte. Das geschah behende und mit Scheu,
+aber mein Gemüth gewann davon eine Freudigkeit.
+
+Doch da nahete der von Gernstein. »Man harret Euer«, sagt' er zur
+erkieseten Braut mit höfischer Gebärde, und führte Irmela den Tischen
+zu; mich aber streifte sein Blick herrisch und unmuthig. Da merkt'
+ich, daß er überstolzen Sinnes war. Aber die Maid an seiner Seite
+schien deß nicht zu achten; sie kehrte im Gehen ihr Angesicht noch
+einmal freundlich zu mir hin und sagte: »Gedenket des Bechers zeitig
+genug und kommet, wenn wir zu Tische sitzen, daß ich ihn Euch
+credenze.«
+
+Damit giengen die Beiden hindann und mir schien's, als wäre er
+unmuthig, daß sie mir das Gespräch gegönnt hatte.
+
+Nun erhub sich eine nicht kleine Bewegung um die Tische, wo die
+Herrschaften das Mahl halten sollten, und unfern davon, wo den
+Knechten die Bewirthung bereitet war. Auch das Volk zerstreute sich
+hierhin und dorthin nach Gefallen, die Meisten, um sich zum Imbiß zu
+lagern, den sie mit sich gebracht, oder der Verehrung nachzugehen, die
+der Bischof in seiner Mildigkeit Jedermann spenden ließ, der ihrer
+begehrte. So kamen auch Viele an mir vorüber, wiesen auf meinen Kranz
+und preiseten mich öffentlich wegen meiner Kunst und des Lohnes, der
+ihr geworden. Manche wunderten sich dabei, daß ich da also stille
+stund, wie ein Verlassener, und meinten, mich hätte die Huld, die ich
+genossen, allzu blöde gemacht.
+
+Da gedacht' ich daran, daß es hochnoth wäre, mich davon zu machen,
+bevor mich Einer von vorhin wiedererkennte, der mich da im Klosterrock
+gesehen hatte. Zudem trieb mich auch der Anblick der beiden Fahrenden
+hinweg, die ich unweit gewahrte, wie sie mit Fleiß auf mich achteten,
+als solche zwar, die darüber nicht von mir gesehen sein wollten.
+
+Ich säumte also nicht länger und schritt in den Wald, wo ich das
+wenigste Volk wahrnahm. Da wär's gewißlich mir das Nöthigste und
+Fördersamste gewesen, wenn ich sogleich den Versteck aufgesucht hätte,
+in dem ich vorhin meinen langen Rock verborgen, hätte den angethan und
+mich davon gemacht. Aber da ich am Waldessaum mich sicher wähnte und
+unbeachtet, sah ich mich noch einmal um, ließ meinen Blick über all'
+das bunte Gewimmel schweifen und lugte über die Zelte und nach den
+Tischen hin, Irmela im Geist noch einmal zu grüßen. Da fühlt' ich, daß
+es mir schwer ward, von dem Allen Abschied zu nehmen, und wie ich doch
+dieses Mal als ein Anderer in's Kloster heimkehren würde, als der ich
+von dannen gezogen war. So stund ich mit eifrigem Aufmerken der Augen
+und doch in vielerlei Gedanken.
+
+Da rief mir, eilend herankommend, ein Diener zu, und sagte dabei, wie
+er mich am Gezelte vergeblich gesucht und eine Botschaft an mich
+hätte. Ich trat herzu und fragte: »welche?«
+
+»Von meinem gnädigen Herrn, Herrn Conrad von Gernstein«, erwiederte
+er, »der Euch durch mich entbieten läßt, es sei nicht von Nöthen, daß
+Ihr das ersungene Kleinod aus der Hand des Fräuleins emphahet, Ihr
+möget es Euch von des Bischofs Kämmerer holen, zu dem ich Euch
+geleiten soll. Auch wünscht mein Herr Euch nicht über Tische zu sehen,
+sondern begehrt, daß Ihr Euch unverweilt von diesem Feste scheidet,
+maßen es Euch schon genug des Genießes eingebracht habe. Auf daß Ihr
+Euch aber anderswo desto baß gütlich thun könnet, läßt er Euch hier
+einen Goldgulden reichen.« Damit hielt er mir das Geld dar.
+
+Das kränkte mich, daß ich angesehen ward als Einer, der nur bloß auf
+den Lohn sah, und der Ritter denken sollte, wenn ich nun gienge, ich
+hätt' ihm um sein Geld den Willen gethan. Darum sagt' ich verächtlich:
+»Behaltet Euren Gulden, und laßt Euren Herrn wissen, mir liegt am
+Kleinod alleine nichts und an seinem Gelde noch minder! Und wenn ich
+dahinten bleibe, daß er mich über Tisch nicht sieht, wohin das
+Fräulein mich entboten hat, so bewegen mich andere treffliche
+Ursachen.«
+
+»Das Lob Eurer Kunst, fahrender Bruder«, sagte der Knecht spöttisch
+wieder, »macht, daß Ihr Euch zu hoch vermeßt. -- Besinnet Euch:
+nehmt's Geld, holt das Kleinod und geht!«
+
+Darauf hielt er mir auf's Neue seinen Goldgulden hin und lachte. Da
+schwellte der Unmuth mein Herz, zumal ich sah, wie Leute herangekommen
+waren und auf uns Acht hatten, und ich stieß das Geldstück aus seiner
+Hand, also daß es zur Erde rollte.
+
+Wie nun der Bote betroffen dastund, denn er hatte sich von mir deß
+nicht versehen, so ward nun er den Umstehenden zum Gelächter und einer
+von ihnen rief ihm zu: »Fahrt säuberlich, Freund, mit dem
+Singemeister, denn er hat die Art nicht, als geliebt' es ihm, mit Euch
+zu scherzen!«
+
+»Dafür trägt er den Kranz«, sagte ein Anderer, »der gibt ihm also
+hohen Muth.«
+
+Zu solchen Worten wollte des Gernsteiners Knecht auch nicht müßig
+bleiben, sondern gedachte sein Botenbrot an mir wohl zu verdienen. Er
+griff also nach einem dürren Stecken, der da nahe bei einem Baume lag,
+sprang damit auf mich zu und indem er rief:
+
+»Solch' unartigen Knaben gebührt die Ruthe, sie bessere Zucht zu
+lehren!« strich er mich, bevor ich mich wenden konnte, über den
+Rücken. Da enthielt ich meinen Zorn nicht länger, drang auf den Mann
+mit Ungestüm, eh er sich bedachte, und stürzte ihn mit Wucht zur Erde,
+daß er stöhnend um Hilfe rief.
+
+Er that es nicht vergebens, denn die Menge lief herzu, und darunter
+war auch von den Gernsteiner und Speyerischen Knechten ein ziemlicher
+Haufe. Wie die nun von ihrem beleidigten Gesellen die Ungebühr
+vernommen hatten, die ihm von mir geschehen war, so wär' ich gewißlich
+ohne Aufenthalt in ihre Hände gerathen, und sänftiglich hätten sie mir
+nicht mitgespielt, wenn da nicht gegen die Anstürmenden mir eine
+unverhoffte Rettung gekommen wäre.
+
+»Laßt Euch rathen und tastet uns den Singemeister nicht an!« so hört'
+ich eine Stimme, die ich wohl kannte; und wie ich seitwärts blickte,
+woher sie kam, sah ich Helmbolden und Andere mehr vom Elzeburger
+Gesinde. Die brachen durch den umstehenden Haufen und drängten die, so
+auf mich einwollten, von mir ab, also daß mich ihrer Keiner verletzen
+durfte. Solches verdroß die Gernsteiner und ihre Genossen nicht wenig,
+daß sie den Schimpf nicht strafen sollten, der ihrem Gesellen
+widerfahren war, und sie bedroheten die Elzeburger laut, wenn sie
+ihnen nicht Raum gäben, mich zu greifen. Die aber wollten auf sie
+nicht hören, trutzten ihnen und sprachen mir zu: »Diether, fürcht'
+Dich nit; denn wir gedenken Dir's wohl, daß Du vormalen unsrer Sippe
+gewesen bist.«
+
+Und so waren sie als eine Mauer um mich herum.
+
+Alsbald entstund zwischen diesen Knechten ein nicht kleiner Zank um
+meinetwillen und ein feindliches Drängen hin und wieder, wie es die
+Streitlust erhöht und Brauch ist, wenn es bald zum Hauen und Stechen
+kommen soll.
+
+Das war denn sonder Zweifel auch hier ganz nahe, und statt des
+Freudenspiels, das sie halten sollten, waren sie dabei, sich hitzig zu
+bestreiten. Aber wie der Lärm wuchs und der Haufe der Gaffer sich
+mehrte, konnte das Getümmel um mich her auch dem Wahrnehmen der Herren
+nicht entgehen. Vielleicht auch hatte einer aus dem Gesinde dem Ritter
+von Gernstein Botschaft dessen gebracht, was sich zutrug. Denn just,
+als die Knechte auf beiden Seiten das Beste thaten, sich kampflich
+anzurennen und des Scheltens und Höhnens übergenug verführten: trat
+Herr Conrad, dem etliche Ritter zur Seite giengen, eilend zwischen sie
+und gebot ihnen mit drohender Stimme, von einander abzulassen. Er und
+seine Begleiter hatten Mühe, die Hadernden auseinander zu bringen.
+Aber sie durften auf die Länge den Herren nicht trutzen. Als nun der
+ärgste Sturm sich gelegt hatte, ließ der Gernsteiner seine Leute
+zornmuthig an und schwur theuer bei seiner ritterlichen Ehre, an ihnen
+den Schimpf zu strafen, den sie da gegen das Gesinde seines werthen
+Gastes verübten. Da trat der Bote vor, den der Ritter an mich
+geschickt hatte, berichtete mit vielen beweglichen Worten, wie es ihm
+ergangen wäre, wie unehrerbietig ich des Herrn Verehrung, die mir
+zugedacht gewesen, verschmäht, den Überbringer mit Hohn gereizt und
+zuletzt übel zu Boden gestreckt hätte. Nun schrieen die Andern wieder,
+bloß mich hätten sie zu greifen begehrt, die ihrem Gesellen von mir
+zugefügte Schmach gebührend zu rächen, und auch meine gegen ihren
+Herrn bewiesene Hoffahrt zu strafen. Aber die Elzeburger hätten ihnen
+ohn' Ursach gewehret und den überdreisten Singer schutzweise umringt.
+Da sah sich der Herr Conrad zornigen Blickes nach mir um und zugleich
+auch, als wär' es ihm eben recht, daß er so eine Sache wider mich
+hätte, mich in Schmach zu bringen.
+
+»Komm heraus da!« rief er mit gebietender Stimme mir zu, als er mich
+erblickte.
+
+Ich trat festen Schrittes vor und sah ihn gerad an, als ich vor ihm
+stund. Seine linke Hand stützte er gegen seinen Schwertgriff, und mit
+seiner rechten strich er gemächlich den Bart über seinen Lippen, die
+er verächtlich zusammenzog.
+
+»Das also ist der Meister Nirgenddaheim, den seine überzarte Kunst
+durch Hoffahrt zum Narren gemacht hat!« sagt' er spöttisch lachend.
+
+»Herr!« sagt' ich darauf, »Eure Jungfrau Braut hat den Narren mit
+diesem Kranz geziert.«
+
+Daß ich dergestalt vor ihm Irmela's und ihrer Gütigkeit gegen mich
+gedachte, trieb die hellen Zornflammen in des Stolzen Angesicht.
+
+»So unwerther bist Du, Lotterbube, ihn zu tragen!« rief er voll Grimm
+und schlug mit seinem Handschuh mir nach dem Haupte, daß der Kranz
+herunterfiel und das Haar mir wirr um die Stirn wehte. Drauf streckt'
+er seinen Arm aus und rief weiter: »Heb' Dich hinweg, und ohne Säumen,
+eh' ich noch meinen Knechten gebiete, Dir den Rücken zu bläuen, wie
+Du's um Dein übermüthig Unterfangen verdient hast!«
+
+Das war mir unerträglich, daß ich so vor Aller Augen von ihm wie ein
+Ehrloser geschlagen sein und mit Schmach und Schimpf hinweggetrieben
+werden sollte. Und so reckte ich mich hoch empor, sah ihn wild an und
+rief ihm wüthend zu: »Wär' ich bewehrt, Herr, wie Ihr: bei Gott, dem
+Hohen! der Schlag sollt' Euch gereuen, mit dem Ihr mich schlugt und
+Ihr dürftet mir so nicht drohen!«
+
+Da griff er nach seinem Schwerte, es zorneifrig wider mich zu zücken.
+Als ich's sah, erfaßte auch mich eine Wuth, daß mir Alles gleich galt,
+nur nicht ungerochen zu bleiben an seinem Überstolz. Ich hub meinen
+Arm hoch und drang auf ihn ein.
+
+Wohl sah ich, wie er vor'm unerwarteten Angriff, der ihn bedrohte,
+sich zurückbog und hastiger nach mir ausholte; aber das war ihm nicht
+mehr von Nöthen. Denn schon fühlt' ich mich aufgehalten und von den
+Knechten gepackt, die herzugelaufen waren, den Frevel, der ihrem Herrn
+bevorstund, zu hindern. So Viele umringten mich, und so sicher waren
+ihre Griffe, daß wie ich auch mich wand, ich in keinerlei Weise aus
+der Gewalt ihrer Fäuste mich lösen konnte.
+
+»Bindet ihn«, befahl da der hart beleidigte Ritter, »und bewahrt ihn
+wohl, den Gauch, der bereit war, sich an mir zu vergreifen; und im
+tiefsten Kerker meiner Burg mög' er verschmachten!« Ich wußte, daß
+sein Haß gegen mich tödtlich war, und dennoch wollt' ich ihn nicht um
+Erbarmen bitten. Ich hätt' es nicht gethan, auch wenn ich da den
+grausamsten Tod an der Hand gehabt hätte.
+
+Aber Gott verschaffte in dieser meiner höchsten Noth, daß eine
+Fürbitte für mich laut ward, wie süßere mein Ohr nicht vernehmen
+konnte. Denn an der Seite des Bischofs war Irmela herzugekommen und
+hatte kaum den Jammer ersehen, in dem ich schwebte, als sie an den
+Ritter sich wandte, und ich merkte wohl, wie sie bleich war und ihre
+Stimme erbebte in mitleidiger Sorge um meinetwillen.
+
+»Gilt Euch etwas meine Bitte, Herr Conrad«, sprach sie, »so begnadet
+den Singer, wie schwer auch seine Fehle sein mag, mit der er Euch
+erzürnet hat, und laßt ihn frei!«
+
+»Ihr thut Eurer Ehre zu nahe, Werthe!« sprach er unwillig, »so Ihr die
+Macht Eurer Fürbitte für einen Solchen einlegt. -- Kommt! Laßt uns
+nicht länger durch ihn das Fest gestört sein!«
+
+Damit winkt' er den Schergen, die mich hielten, daß sie mit mir thäten
+nach seinem vorigen Befehle, und gab den Herren ringsum ein Zeichen,
+mit ihm zur Lustbarkeit zurückzukehren, indem er sich zur Braut
+gesellte, sie zu den Tischen zu geleiten. Die aber stund noch
+unbeweglich: in ihrem Herzen bestritt die maidliche Scheu den
+sehnlichen Wunsch, mir zu helfen. Aber wie sollte das geschehen? Noch
+einen Augenblick, so war ich in Banden gefesselt und zu jammerhaftem
+Ziel hinweggeführt.
+
+Indem waren Andere bereit, meine Errettung aus des Gernsteiners Gewalt
+zu Handen zu nehmen; wie wohl ihnen das übel und mir zu großem Leide
+gerieth: nicht die Elzeburger, die noch da stunden; denn sie durften
+Angesichts der Ritterschaft nicht wagen, sich für mich ferner
+einzulegen. Aber die zween Fahrenden stürmten in Eile herzu und
+verlegten dem Bischof, der sich eben zum Gehen anschickte, den Weg.
+
+»Würdiger Herr!« riefen sie mit Hast, und so daß Einer des Andern
+Rede ergänzte, wenn ihm darüber der Odem ausgieng, »Würdiger Herr! Ihr
+dürft nicht leiden, daß Dieser weltlichem Gericht überantwortet werde
+-- Ihr dürft nicht! Der Singer ist nicht, wofür er das Ansehen hat.
+Wir können's mit Schriften darthun. Er gehört der heiligen Kirche zu
+-- ist dem Kloster zugesprochen -- ist geistlich! Der Abt von
+Maulbronn hat über ihn Gewalt!« --
+
+Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine Kraft verließ mich und
+die Scham, daß ich so zu Schanden ward, schlug mich nieder. Alle
+mußten es mir ansehen, daß es sich also hielte, was Jene von mir
+bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu mir wendete, mich zu
+fragen, ob ich etwas vorzubringen wüßte wider der Beiden Zeugniß,
+wagte ich nicht zu antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als ich
+den Gernsteiner höhnisch sagen hörte: »Ein verlaufener Mönch, Irmela!«
+zwang mich der Schmerz aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in
+ihrem Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden würde, oder ach!
+nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch als ich flehentlich zu ihr
+hinüber blickte, kehrte sie sich von mir hinweg, und mit bitterem Weh'
+im Herzen ließ ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr erhoben
+hatte, und die Sinne wollten mir vergehen vor kläglicher Kümmerniß.
+
+Derweilen hub der Bischof an, mit großer Strenge Befehl zu geben, daß
+ich, bis der Sache weiter gerathen wäre, unten in die Burg in
+Gewahrsam gebracht würde; denn der Herr derselben war des Speyerischen
+Bisthums Hintersasse. Das sollte ohne Säumen geschehen, damit das Fest
+nicht länger Verzögerung erlitte; Tags darauf wollt' er das Nöthige
+vornehmen. Die Fahrenden hieß er zu fernerer Bekundung zur Stelle
+bleiben.
+
+Als der Bischof Solches über mich verfügt hatte, begab er sich mit den
+Übrigen von der Ritterschaft, die um ihn waren, hinweg, und auch der
+Troß und die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders hatten sie
+genug über das, was sich mit mir zugetragen.
+
+So ward ich denn als Gefangener des Bischofs von dannen geführt, ein
+kläglicher Mann. Die Leute, so uns auf unserem Wege begegneten,
+blieben stehen und beklagten meine Jugend; sie mußten denken, ich wär'
+als Schächer ergriffen und würde zur Richtstatt geschleppt; denn
+gewißlich so war mein Aussehen. Mich reute zu leben, und die Welt vor
+mir war verwandelt. Die Läuber des Waldes erschreckten mich mit ihrem
+Rauschen, der Himmel über mir hieng wie ein härener Sack, und als wir
+in's Thal hinabkamen, dessen lieblich Bild sich so licht meiner Seele
+eingeprägt hatte, lag es vor meinen Blicken wie überdeckt mit einem
+schwarzen Schleier.
+
+Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches Fenster auf, und
+Männer und Frauen lugten nach mir aus; sie fragten wohl auch nach
+meiner Missethat, welche das wäre. Da sagten meine Schergen, um
+Übermuths willen und Frevels gegen den heiligen Stand wär' ich
+gefangen auf des Bischofs Geheiß; »So gnad' ihn Gott«, hört' ich dann,
+»nun ist ihm das Pochen und die weltliche Lust vergangen.« Kinder, die
+auf der Straße spielten, wichen vor mir scheu hinweg und liefen zur
+Seite hin zu ihren Müttern, die auf ihren Armen die kleineren trugen.
+Sie huben sie wohl dann in die Höhe, daß sie mich besser ersehen
+möchten, und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht auch bös
+zu werden, auf daß es ihnen nicht widerführe wie mir.
+
+Dies Alles sah und hört' ich, ob ich gleich meine Blicke tief zur Erde
+senkte und meine Ohren vor Allem, was um mich her vorgieng, in dieser
+martervollen Stunde zu verschließen trachtete. Denn des Menschen Herz,
+wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an sich, auch
+wider Willen für seinen Jammer Nahrung zu suchen, sich um so mehr zu
+kränken und zu betrüben.
+
+Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der Anstieg zur Burg hinauf sich
+abzweigt. Festlich flatterte von des Thurmes Zinne zu Ehren der
+Fröhlichkeit des Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner. Mich
+sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um eine Tumba traurig
+wehen, und schaudernd lenkte ich meinen Blick hinweg und folgte mit
+Seufzen meinen Führern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst eine
+kleine Strecke zur Höhe gedrungen, als ich hinter mir vom Wege her
+mich laut mit Namen rufen hörte.
+
+Ich wandte mich, und: »Brun! ach, Brun!« -- mehr konnt' ich vor
+inniglichem Leide nicht sprechen.
+
+Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der sich über meinen Anblick
+schier entsetzte; seine Brust keuchte und seine Stimme war gedämpft,
+wie unter der Last tiefen Grams.
+
+»Also muß ich's doch mit diesen meinen alten Augen sehen, was mich so
+manchmal im Traum erschreckt hat, und was abzuwenden ich zu Gottes
+Gnade in allen meinen Gebeten für Dich gefleht? Diether, Diether --
+was hast Du gethan? Welch' Herzeleid schaffst Du mir?! Ach, ich soll
+nicht Frieden finden -- nimmer -- nimmer!«
+
+Seine Klagen jammerten meine Schergen, und einer von ihnen hub an und
+erzählte, wie es mit mir ergangen wäre; wie ich oben beim Feste vor
+allem Volk das Beste im Singen vermocht, wofür mir das Fräulein den
+ausgesetzten Preis zuerkannt hätte; darnach wär' ich in Händel
+gerathen, zuerst mit dem Troß der Herren, sodann hätt' ich des
+Bischofs Neffen zum Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungefähr an
+Tag gekommen wäre, daß ich dem Kloster entronnen; so hätte der Bischof
+geboten, mich gefangen hinwegzuführen, daß nachfolgends mir mein Recht
+geschähe.
+
+Auf diese Worte meint' ich, Brun würde mit harter Scheltung mich
+strafen, wie ich das reichlich von ihm verdiente; aber er that davon
+nichts, sondern das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als trüg' auch
+er daran einen Theil der Schuld. »O, ich konnt's denken, konnt's
+denken!« murmelte er etliche Male und strich sich mit seiner Hand in
+tiefem Sinnen die Stirn.
+
+Dann rafft' er sich auf und fragte, ob es ihm verstattet wäre, noch
+einmal mich zu umfahen; und als sie ihn beschieden: Ja, das dürfte
+geschehen! so stieg er hinan uns nahe, und mich ließen sie los, daß
+ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich mit seinen Armen
+ganz liebreich, und ich konnte die meinen nicht um ihn schlingen (denn
+sie waren mir rücklings gebunden) und hätt' es doch so gern gethan,
+ach! nur einen Augenblick: ich Verstoßener!
+
+Er aber sprach: »Diether, ich gedachte, Du solltest vor diesen
+Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, daß sie Dir drohten. Nun
+erkenn' ich: es sollte nicht sein, daß es nach meinem Dünken angienge.
+-- Heute war ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du wärest
+haußen und daß ich Deiner harren sollte. Aber mich trieb's hinweg, und
+die Sage der Leute von dem Feste hier lenkte mich her. -- Jetzt kommen
+Rath und Warnung zu spät. Gott gnade uns nach Seiner Langmüthigkeit
+und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst mich am frohen Tage wieder
+oder auf Erden nimmer mehr!«
+
+Als er darauf mich küßte, fühlt' ich eine Zähre aus seinem Auge auf
+meiner Wange; sie hieng da noch, als er schon hinab war und, ohne sich
+noch einmal umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf fürder schritt.
+Oft hab' ich später Gott dem Hohen gedankt um diese Zähre, daß ich sie
+nicht hinwegwischen konnte mit meinen gebundenen Händen (vielleicht
+hätt' ich's sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn
+berühren durfte -- den gebenedeiten Tropfen, das schmerzlich köstliche
+Vermächtniß. --
+
+
+
+
+Achtes Capitel.
+
+In Haft.
+
+
+Droben in der Burg über dem düstren Eingangsthore war die
+Pförtnerswohnung. Ich erfuhr's, noch ehe wir unter den gewölbten Bogen
+schritten. Denn wiewohl die Thorflügel offen stunden, hielten wir doch
+vor ihnen mit Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen
+führten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer hinauf. Auf
+seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder, so alt und greise, daß
+man's schier nicht erdenken konnte, sie möchte je jung und glatt
+ausgesehen haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man schon
+wieder begehrte, das Thor wäre ja offen und Keiner gehindert, hindurch
+zu gehen; ob denn sie allein heute, da Alle ihre Ergötzung hätten, der
+Ruhe entbehren sollte und nicht ein Wenig stille sitzen.
+
+»Wir kommen ja nicht allein, Mutter!« sagte der Knecht wieder,
+»begehren auch nicht Eures Dienstes für uns. Wir bringen Euch einen
+Gefangenen, den Ihr mit allem Fleiß hüten sollt, wie unser gnädiger
+Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard selber hat ihn
+hieher verordnet.«
+
+»So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer ganzer Hauf', als ich
+da nicht unterscheiden kann, ob ein Fremder unter Euch ist. -- Ich
+hör' das Mäuslein rascheln im Thurm, aber meine Augen sind trüb.«
+
+Nach diesen Worten verschwand sie und eines alten Mannes Gesicht ward
+an ihrer Stelle gesehen. Das war nicht minder welk und greis als das
+ihrige und verwittert, wie das Gemäuer, aus dem es hervorlugte.
+
+»So bringt ihn herauf!« sagte der Alte mürrisch, nachdem er einen
+Blick nach mir gethan, und zog dann seinen Kopf wieder zurück.
+
+Eine hölzerne Stiege außen an der Mauer führte in die Wohnung der
+Leute. Als wir durch das Thor geschritten waren und ich oben auf der
+Stiege ankam, stund die Alte schon in der geöffneten Thür.
+
+»So jung, so jung und schmuck dazu!« sagte sie, indem sie mir
+hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich ganz nahe musterte; dann zu
+den Knechten gekehrt: »Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren
+sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen, der sieht wie ein
+Luchs: das thut's.« Zu diesen Worten verzog sie ihren zahnlosen Mund
+zum Lachen.
+
+Indem hatte der Alte mit Mühe eine schmale Thür aufgeriegelt, die auf
+mehreren Stufen aus dem Gemach der Alten in einen dunklen Gang führte.
+Wirklich mußt' es wohl wahr sein, was das Weib von ihres Mannes
+scharfem Gesicht gerühmt hatte; denn selbiger gieng, nachdem ich
+geheißen war ihm zu folgen, so sicher seinen Weg da hindurch, daß ich,
+der ich mit meinen Füßen tastete, hinter ihm verzog. Nun schloß er mir
+eine zweite Thür auf und öffnete den Raum, der mir zur Haft bestimmt
+war. Die Alte brachte mir Brot und Wasser, und dann giengen die
+Beiden, ohne ferner mit mir ein Wort zu reden, und schlossen die Thür
+hinter sich.
+
+So war ich allein und von aller Welt abgeschieden; selber das kleine
+Stücklein Himmel, von dem durch die schmale Maueröffnung dürftiges
+Licht hereindringen sollte, war durch häufige Spinnweben zwischen den
+Eisenstangen mir so verdeckt, daß er grau schien und trübe.
+
+In dieser Einöde brach mein Schmerz, der so lange stumm gewesen war,
+mit aller Macht hervor, und ich wehrte ihm nicht. Ich hub bitterlich
+an zu weinen und zu klagen, nannte mich unselig und den Elendesten
+unter allen Menschen. Mein waglicher Sinn und mein froher Muth waren
+nun gänzlich niedergelegt und gar hin, dagegen Seel' und Leib lauter
+Zagheit und Blödigkeit.
+
+Ja, ich war in schwere Sünde und Untugend gerathen und darinnen
+verharret beinahe vom ersten Tage meiner Fahrt aus dem Kloster bis
+hierher. Ich war mit Lug und Trug umgegangen und dessen gewohnet
+worden in Elzeburg, ich hatte meine Lust daran gehabt auch hernach und
+damals belacht, was ich jetzt so kläglich beweinen mußte. Dazu waren
+Hoffahrt gekommen und eitler Stolz auf meinen Witz und die Kunst, von
+der ich nie hätte erfahren sollen, daß ich sie besäße. -- Ach, und
+nicht allein mich, sondern alle die, so mir zumeist Gutes gönnten,
+denen ich dienen sollte und zur Freude helfen nach Pflicht und allem
+Vermögen, hatt' ich bitter gekränkt und in Leid gebracht; mußte nicht
+Irmela irre an mir geworden sein und Brun mich verachten und der Abt,
+dessen Vertrauen ich so grob getäuscht hatte?
+
+»Wie wird mir's im Convent ergehen, wenn da meine Missethat auskommen
+wird«, rief ich, »wie wird Albrecht's strenger Eifer für die Ehre der
+Abtei mich treffen, der ich den Namen des Klosters in allen frommen
+Ohren stinkend gemacht habe?« Und dann trat vor mich der Gedanke an
+all' die Schmach, an Spott und Schande, die mein warteten; an ödes,
+dumpfes Gefängniß, an Geißel, Kasteiung und Einsamkeit. Dem gegenüber
+stellte sich wieder die Erinnerung an das bunte Leben der sonnigen
+Welt, das mich so fröhlich angelacht hatte, und der Wunsch, nach ihren
+Ehren zu trachten, und Irmela's süßes Bild. Da gedacht' ich auch, daß
+der Abt selber mich auf den Weg gedrängt hätte, wo sich diese Welt mir
+aufgethan, daß sie mich nach Elzeburg gezwungen hatten und die erste
+List mir nothweise aufgedrungen war.
+
+War's nicht doch ungerecht, daß ich nun so hart dafür büßen und darum
+in Schande und Strafe kommen sollte, um was draußen mir Lohn und Lob
+gewiß war! Und ich dachte des seligen Augenblickes, da ich vor Irmela
+kniete und den Kranz empfieng; ich dachte auch der Huld, mit der sie
+für mich bat, und ihrer Traurigkeit zuletzt, da sie es nicht mehr
+konnte.
+
+»O, daß ich sie noch einmal bitten könnte, mir nicht zu hart zu
+zürnen, daß ich ein Wort nur der Vergebung aus ihrem Munde vernähme!«
+
+Aber meine Seufzer hallten von den dumpfen Mauern wieder, die mich
+umschlossen, und mir blieb nichts, als mit meinem Jammer wider mich
+selbst zu wüthen in unmächtigen Klagen.
+
+O, der Seele, die in Nöthen schwebt, wird schlecht gelohnt, so sie
+sich in Zweifel verfängt und nicht vermag, sich stracks zu Gott zu
+kehren.
+
+So wünscht' auch ich, daß ich nie geboren wäre und zu solchem Unglück
+gespart; ich that des kläglichen Jammers immer mehr und des Scheltens
+und Anklagens, bis ich nicht mehr konnte und schweigend niedersaß auf
+die bloße Erde, mit beiden Händen mein Gesicht überdeckend.
+
+Wie lange ich so saß regungslos, weiß ich nicht; aber allgemach
+wurden meine Klagen stiller und meine Traurigkeit sanfter. Vor meinen
+verschlossenen Augen verschwand der trübselige Ort, der mich gefangen
+hielt, und meiner Seele wuchsen Flügel, die sie hinaustrugen zurück
+in's helle Sonnenlicht, in die freie Welt. Ich sah mich wieder auf der
+Höhe, und die Festfreude umgab mich. Irmela's lichte Augen sah ich,
+wie sie aufblickten und ich nicht widerstehen konnte, weil's mir war,
+als suchten sie mich; vor sie trat ich, zu singen, was mein Herz mir
+eingab, und wunderte mich, daß ich dazu die Kühnheit gewann und wußte
+doch, sie zu erfreuen, hätt' ich Alles gewagt. Und nun tönte der Klang
+ihrer süßen Stimme wieder mir in den Ohren und sie beugte sich
+hernieder, mich mit dem Kranz zu zieren, und grüßte mich mit gütigem
+Wort. Daß ich davon hohen Muth empfieng, warum verdachten sie mir das?
+Durft' ich den Unglimpf nicht rächen, den sie mir zufügten; durft' ich
+ihnen nicht zeigen, daß ich ein Vermögen in mir fühlte, und mich nicht
+verachten ließ; hatte sie mich doch nach allen Ehren belohnt!
+-- Gewißlich, wenn ich ihr noch einmal nahen, wenn ich ihr offenbaren
+könnte, wie Alles sich mit mir begeben hatte: sie würde mir nicht
+länger zürnen, sie würde mit Trost mich aufrichten, sie würde mir, was
+ich gethan, zur Unehre nicht anrechnen. Dann dürfte mich Niemand
+verachten -- nein, auch jetzt nicht.
+
+Jetzt?! Wo war ich denn? Gefangen gelegt, frevlen Truges überwiesen;
+und alles Trachten und Wähnen, das mich hinauszog: es war nichts
+Anderes, als eitles Träumen, vergebliches, ja verbotenes Wünschen!
+
+Ich sprang auf und sah mich um.
+
+Aus der Dämmerung, die hier schon sich verbreitet hatte, starrten die
+geschwärzten Wände fremd und schweigend mich an. Die Erinnerung an den
+sich neigenden Tag und die Erwartung der Nacht, die kommen würde, öde,
+traurig, lichtlos, erneuerte in mir das Gefühl meines Elends. Es war
+mir schier, als könnt' ich's nicht ferner ertragen, so eingesperrt zu
+sein und einsam den Übeln entgegen zu harren, die mir bevorstunden.
+Der thörichte Gedanke, als wär' mir ein Entrinnen möglich, ergriff
+mich. Ich eilte nach der Thür, stemmte mich gegen die Riegel, hub an
+den Angeln, rüttelte an den Pfosten; ich lief immer wieder die Wände
+entlang, tastete herum, pochte an's Gestein aus aller Macht, ob etwan
+ein verborgener Ausgang zu finden wäre, und ich stund stille mit
+tiefem Seufzer, als ich erfunden hatte, wie Alles vergeblich war. Mit
+sehnendem Verlangen blickt' ich hinauf zur Öffnung. Nur ein Wölklein
+wünscht' ich zu sehen, vorüberschwimmend, wohin der Wind es trieb,
+oder eine Schwalbe im Husch durch die Luft streichend: aber da hieng
+düster der Vorhang der staubigen Spinnweben und bewegte sich nur etwa
+von einem armen Schmetterlinge, der in den Fäden gefangen war und sich
+nun zu Tode flatterte.
+
+»Wenn nur zum wenigsten diese große Stille nicht wäre, die mit der
+Dämmerung zu wachsen schien; wenn ich nur einen Laut vernähme, nur
+einen! Den Hall einer menschlichen Stimme unten vom Thal her oder den
+Ruf eines Vogels aus den Lüften!« Ich lauschte, aber ich hörte nichts.
+Ich erhub selber meine Stimme, aber der Wiederhall von diesen Wänden
+klang hohl und erschreckte mich.
+
+Da drückte ich mich in eine Ecke, als könnt' ich mich so vor den
+Schrecknissen bergen, die mich umgaben näher -- näher, und versank in
+dumpfes Brüten. Bald hieng ich zwischen Wachen und Schlafen und merkte
+nicht auf die Zeit, wie sie hinschlich, nur daß es immer dunkler um
+mich her ward, und endlich ganz finster. Dennoch ließ ich nicht ab,
+meine Augen weit aufzuthun, ob ich gleich wußte, es diente zu nichts,
+und entriß mich der Müdigkeit, um mit allem Fleiß zu horchen: --
+vergeblich -- vergeblich! --
+
+Aber nein! Das war ein Geräusch wie von einem zurückgeschobenen
+Riegel, wie von einer in ihren Angeln erknarrenden Pforte. Jetzt
+wurden Schritte hörbar, nur leise, aber sie kamen näher; jetzt machte
+sich Einer am Schloß der Gefängnißthür zu schaffen, dann ward ein
+Schlüssel darin umgedreht -- ein Lichtschein ward sichtbar -- die Thür
+that sich auf.
+
+ »Pst, Junker Diether, lebt Ihr noch?«
+
+hört' ich eine Stimme, die im Flüsterton zu bleiben trachtete und
+doch laut genug schnarrte; ein runder Krauskopf streckte sich durch
+die geöffnete Thür und eine kurze Gestalt schob sich ihm nach und ließ
+den schwachen Schein der Leuchte in ihrer Hand im Gefängniß
+umherwandern.
+
+ »Hu, was ein ödes Jammerloch!«
+
+sagte der Kurze dabei und verzog seinen breiten Mund.
+
+Ich konnte mich nicht genug verwundern über das Alles, daß ich vor
+Staunen schier wie angewurzelt war und meinen unerwarteten Gast nur
+anstarrte. Endlich traf mich der Schein seines Windlichts. Da setzte
+er es zur Erde, machte etliche Schritte mir entgegen und kratzte mit
+seinem rechten Fuß hinten aus, indem er, seinen Hut schwenkend, sich
+tief vor mir verneigte.
+
+ »Euer Knecht in aller Willigkeit,
+ Zu jedem Dienst allzeit bereit,«
+
+sprach er und legte die freie Hand auf seine Brust, seine
+Ehrerbietigkeit noch deutlicher zu bezeugen.
+
+»Ei, ei!« sagt' er dann wieder und wies auf den Platz, den ich inne
+hatte:
+
+ »Wie hat man doch hienacht
+ Die Ruhstätt' übel Euch gemacht!
+
+Ach, ja! und 'nem Junker! -- 's ist 'ne Schand! -- Das will ein Bischof
+sein und eines Bischofs Voigt?! 's ist 'ne Schand' für die ganze
+christliche Ritterschaft!« -- Er sah wieder verächtlich sich um. »So
+ein Otternloch! So eine Löwengrube!! Es vergeht einem schier das
+Reimen, wenn man Euch da sieht, ob sich's gleich mit der »Ecken«, drin
+Ihr hockt, und »Verstecken« so leicht thun ließe!«
+
+Ich richtete mich auf, ihm näher zu kommen; da wich er einen Schritt
+hinter sich, neigte sein Haupt zur Seite und hub an mit seinen kleinen
+Augen mich von Kopf zu Füßen zu messen und hinwieder, indem er dabei
+eine seiner Hände über die Stirn legte.
+
+»Ah«, rief er dabei, »so ein stattlicher Junker, schlank und gerade
+-- so fest im Gang, so zierlich in den Hüften, so breit in den
+Schultern, so stolzen Hauptes!« Und er schnalzte mit seinen dicken
+Lippen. »Ho, ho! So wahr ich Klingsohr heiße: Ihr werdet ein wackerer
+Ritter und bald noch andere Kränzlein davon tragen, die Euch kein
+Gernsteiner herunterreißen soll -- ein Prahler, Junker! nichts weiter
+-- ah! und schöne Frauen und edle (dabei blinzelte er mich an und
+schlug sich vergnügt auf die feiste Lende) -- schöne und edle Frauen
+werden Euch die Kränzlein aufsetzen, vor welchen immer es Euch geliebt
+hohe Ehren zu erjagen.«
+
+Ich achtete seines Geschwätzes nicht, darin ich keinen Sinn erfand,
+auch nicht eines Haares breit, und fragte nur, immer noch des Wunderns
+voll, wie er hier hereingekommen wäre.
+
+»Rathet, Junker!« gab er zur Antwort. »Wem dank' ich's wohl? -- Daß
+Ihr's wißt: meiner Kunst, der Magie, der weißen oder schwarzen,
+gleichviel!
+
+ Sie füllt Topf und Tiegel,
+
+das wißt Ihr schon,
+
+ Aber sie sprengt Schloß und Riegel,
+
+das erfahrt Ihr jetzt. -- Mein Gesell, der Tannhäuser -- er versteht
+sein' Sach' ausbündig, nicht? -- der hätt' sich hierhinein und durch
+die Thüren nicht gefiedelt und nicht gesungen, beharrt' er gleich bei
+seiner Musica bis zum jüngsten Tage. Aber die Magie ist in solchem
+Handel, wie der Eurige, eine wundertreffliche Kunst, wer ihrer wohl
+kann. Seht, Junker, wir machten uns an die beiden Alten im Stüblein
+überm Thor. Nu, man wird gewitzigt und lernt, wie das anzufangen! 'S
+war just nicht leicht, Junker! Denn die magische Kunst, die bei dem
+Alten taugte, ihm die Augen zufallen zu machen, verfieng bei seiner
+Hex nichts mit dem scharfen Gehör, und so hinwieder.
+
+Und so war verschiedentliche Arzeneiung vonnöthen; aber wir machten
+die Symptomata bald ausfindig, wie die Medici sagen.
+
+Wisset, Meister, -- nein, Junker Diether: es gibt eine _materia_, die
+schlägt Euch in der Welt bei den Menschen allermeist sicher an, ihre
+Complexiones und Humores mögen sein, welche sie wollen. Ihr braucht
+sie ihnen nur von Ferne zu weisen, so fäht sie allbereits zu wirken
+an. Das Gold ist diese Materie, _aurum_ nach lateinischer Zunge; aber
+wir Magi nennen sie die _essentia quinta_: denn es ist der Vorsprung und
+Ausbund aller Elemente. -- Gut! damit versucht' ich's nach _regula
+artis_ bei der Alten; ich sagt' ihr vom Alrunmännlein, wie man von dem
+täglich einen Ducaten bekäme. -- Ah! der Köder lockte den Vogel, und
+sie fragte, wie das anzugreifen wäre, daß man sich den Unhold zu Wege
+brächte. Ich gab ihr Bescheid: »Ja, die Johanniszeit wär' wohl
+geschickt dazu, ein Würzlein zu gewinnen, das kräftig wäre, und von
+Ungefähr hätt' ich wohl drüben auf dem Berge um den Galgen herum eines
+gesehen, das aus dem Blut eines mit dem Rade gebrochenen Schächers
+gewachsen sein möchte: aber solch' ein Fäntlein draus zu bereiten, das
+Tugend hätte, kostete nicht bloß Kunst, sondern auch Eifer und
+Unverzagtheit. -- Kurz, Junker, um weidlichen Lohn und auf ihren Eid,
+daß sie Nichts von der Heimlichkeit ausbrächte, verstunden wir uns
+dazu, der Alten den Willen zu thun. Sie steht jetzt unterm Galgen, gen
+Mitternacht gekehrt, darf kein Wort sprechen, noch sich umkehren,
+dieweil mein Gesell hinter ihr hantiert mit Spruch und Beschwörung um
+die Alrune.
+
+Ich aber bin droben geblieben im Stüblein; denn ich mußte doch die
+Salben bereiten, das Galgenmännlein damit einzureiben, wenn sie's heim
+brächten. Aus dem Weinkrug, den sie mir gefüllt zurückließ, als sie
+gieng, hab' ich auch dem Alten eingeschenkt, dem die geizige Hex das
+Naß gar selten gönnet, so theuer er es liebt. Er ist davon bald
+eingeschlafen und, wie es sich ansieht, fest und lange, wozu etlicher
+Maßen das Pülverlein geholfen haben mag, das ich ihm in den Trunk
+geschüttet. -- So hab' ich denn gedacht, bis die Alte heimkommt, daß
+wir ihr die Wurzel feien, könnt' ich eben so gut die Schlüssel
+brauchen, die da drinnen ob dem Alten an der Wand hiengen, und Euch
+heimsuchen, Junker Diether, dessen Herberge ich mir von Eurem Wirth
+zufallens hatte sagen lassen.«
+
+Darauf lupfte er wieder seinen Hut, neigte sich und sprach:
+
+ »So wißt Ihr nun das Wo, und wie
+ Ich kommen bin zu Euch allhie:
+ Durch meine Kunst, durch die Magie.«
+
+Dazu rieb er sich vergnüglich die Hände. »Doch nun hebt wieder an,
+Junker!« sagt' er dann und drehte die Daumen um einander.
+
+»Womit soll ich wieder anheben?« fragt' ich ihn.
+
+»Ach, Junker, besinnt Euch!« und er wiegte sein Haupt langsam hin und
+wieder.
+
+»Was meinet Ihr?« fragt' ich wiederum.
+
+»Junker, Junker!!« Weiter erwiedert' er nichts, indem er beide Hände,
+die Finger ausgespreizt und ihren Rücken mir zugekehrt, langsam in die
+Höhe hub.
+
+»Was nennt Ihr mich immer Junker?« rief ich ärgerlich, da er die Worte
+sonderbarlich in die Länge zog.
+
+Auf diese Frage wurde er überlustig, sprang mit Lachen hin und her und
+sagte dabei: »Nu, habt Ihr's endlich gefunden?! Just die Frage ist's,
+die ich von Euch hören wollte; just sie. O, was seid Ihr wunderlich!
+Laßt Euch an sogethane Frage lang' erinnern, und sie war doch so
+leicht zu stellen. -- Warum nenn' ich Euch Junker?« Dabei stellt' er
+sich wichtig vor mich hin und stemmte die Hände gegen seine Hüften:
+»Ja, freilich! Das ist's! Das ist das _punctum saliens_, wie es die
+Grammatici heißen, nicht? -- So gebt wohl Acht, daß Ihr wohl höret,
+was Ihr wissen wollt! Aber zuvor harret noch einen Augenblick!«
+
+Bei diesen Worten gieng er hin, wo das Windlicht von ihm hingestellt
+war, und rückte es so, daß ich wieder ganz in seinem Scheine stund.
+
+»Also, warum ich Euch Junker nenne? Das ist die Frage; sie ist klar
+und weislich; und das ist die Antwort, nicht minder klar und
+gewißlich: Weil Ihr's seid, weil Ihr eben dies seid und gar nichts
+anderes, als ein Junker; ein ehrlicher, ein wohlgeschaffener, adeliger
+Junker, wie nur irgend einer in der Christenheit zu finden ist vom
+Aufgang bis zum Niedergang. -- He, nun? Was dünkt Euch davon?! Gewiß,
+Ihr denket: Was ist's? Klingsohr ist ein Gauch, ihm darf man nicht
+trauen, er leugt daran! -- Denket Ihr nicht also, Herr? -- Thut's
+immerhin, aber zuvor hört mich an!«
+
+Darauf erzählt' er in seiner Weise, die Worte nicht sparend und sie
+hastig hervorsprudelnd, wie, nachdem ich abgeführt worden wäre, er und
+sein Geselle hätten dem Bischof Rede stehen müssen über mich, was sie
+von meiner Person und von meinem Stande wüßten. Darnach hätten sich
+die Herrschaften zu Tische gesetzt, die Mahlzeit zu halten; dabei wäre
+Herr Conrad sehr aufgeräumt gewesen, aber seine verlobte Braut desto
+nachdenklicher und stiller. Als man nun da kaum zu tafeln angefangen,
+wäre ein alter Mann mit langem, greisen Barte, des Aussehens und
+angethan wie ein Siedler oder Waldbruder, herzugestürmt und hätte mit
+hochbeweglichen Worten den Bischof angerufen, den gefangenen Jüngling
+frei zu geben, maßen der dem Kloster nicht fürder angehören dürfte.
+Denn Diether wäre adeligen Stammes, von hochberühmtem Geschlecht, wie
+er selber. Der Jüngling wäre sein Sohn. Das wolle er nach aller Gebühr
+darthun und verlange ihn in Kraft väterlicher Gewalt in seine Hände
+aus dem Kloster, darin er bis dahin gesessen, wiewohl er die heiligen
+Gelübde noch nicht abgelegt und auf sich genommen habe.
+
+Über solche Rede hätten sich Alle nicht genug verwundern können. Der
+Bischof hätte ernst drein gesehen, als machte er sich hart, und der
+Gernsteiner finster; auch hätte der spöttisch sich hinweggewendet, als
+dächt' er nicht anders, denn daß es Possen wären, die da fürgewendet
+würden. Aber wer Graf Eberhard betrachtet hätte, der hätte spüren
+müssen, wie nahe dem Elzeburger Herrn des Alten Rede zu Herzen gieng.
+Als nun aber Beider Blicke sich begegnet und nach kurzem staunendem
+Stillschweigen der Alte gerufen hätte: »Eberhard, gedenkst Du Bruno's
+noch? Schläft in Deiner Seele noch ein Gedächtniß unserer Freundschaft
+aus längst verschwundenen Jahren, das aufgeweckt werden kann?« als
+darauf die Beiden sich umfangen und keines Wortes mächtig unter
+inniglichen Zähren sich begrüßt, da wäre Manchem das Herz entbrannt
+über solchen Anblick, und alle hätten aufgehorcht, wie er wieder
+gesagt: »Er ist mein Sohn, Eberhard, mein Sohn! -- Gott hat ihn mir
+zugeführt. Ich wagte nicht, mich zu ihm zu bekennen; der finstere
+Schatten meiner Schuld, dacht' ich, sollte auf die friedliche Bahn
+seines jungen Lebens nicht fallen; ich, ich trieb ihn in's Kloster
+zurück, und wollte selber verborgen bleiben vor ihm, vor der Welt.
+Aber nun ruft er mich in sie zurück nach Pflicht und Liebe, und bei
+unserer einstigen Waffenbrüderschaft bitt' ich Dich: Hilf ihn mir
+retten, Eberhard, hilf ihn mir retten!«
+
+»Auf diese Worte«, erzählte Klingsohr weiter, »gönnten wir Alle dem
+Alten, daß ihm nach seiner Bitte geschähe; denn daß er in Allem die
+Wahrheit bezeugte, daran zweifelte Keiner, und Graf Eberhard lag dem
+Bischof mit starker Fürsprach' an, Euch, Junker, herauszugeben und des
+Klosters zu entbinden, auch die Ungebühr, damit Ihr Euch versündigt
+hättet, an Euch nicht ferner zu strafen, sondern selbige dem wallenden
+Muth der aufstrebenden Jugend zuzurechnen. Dazu, wiewohl sie bis dahin
+wenig sich zu ihrem Bräutigam gekehrt hatte, hub auch die edle
+Jungfrau Braut herzlich in Herrn Conrad zu dringen an, daß er Euch zur
+Freiheit hülfe und dazu seinen Ohm bewegte. Aber an der verlangten
+Fürsprach' hatte, wie es männiglich kund ward, der Ritter weder Lust
+noch zeigte er einigen Eifer dazu, und seine unmilde Gebärde
+erschweigte die Jungfrau, daß sie traurig abließ, ferner ihn zu
+bitten. Desgleichen auch Seine Gnaden, der Herr Bischof, was meint Ihr
+wohl, ob seine Antwort gnädig lautete? Mein' Treu, nein!«
+
+»Er zog freilich seinen Worten ein solch' Kleid an, daß sie ihm, dem
+geistlichen Vater, nicht gar zu übel stunden, noch unhübsch erschienen
+und ungelind: aber, glaubt mir, sie hatten die Absage hinter sich, die
+harte Absage, nichts anderes. Er sagte -- o, er stellte Euch die Worte
+meisterlich! -- er sagte also: Es stünde leider bei ihm gar nicht, der
+Meinung seines Herzens nachzugeben, das auf so bewegliches Ersuchen
+und so eindringliche Bitten werthester Freundschaft freilich ohne
+Verzug ihm die Gewährung abzwingen würde; aber er dürfte nichts in
+dieser Sache wider die Satzungen der heiligen Kirche, und das sei ein
+bedenklicher Handel; was dazu von Maulbronn und sonst für Beweis und
+Urkund für und wider würde an's Licht gebracht werden -- darauf käm'
+es an, und bis dahin müßte Inculpat allerdinge dem geistlichen Gericht
+unterstehen und dürfte des Gewahrsams in keinem Wege entledigt werden.
+Im Übrigen würde er sich die Ehre der Kirche und des heiligen Ordens,
+wie das Begehren seiner Freunde und Euer Bestes, Junker, beständig vor
+Augen halten.
+
+Da hättet Ihr sehen sollen, Herr Diether, wie starken Kummer Euer
+Vater aus solchen Worten sich zu Herzen gezogen hat. Denn er hatte
+wohl die Vereinigung mit Euch näher gesehen. Er senkte eine kurze
+Weile schweigend sein Haupt. Dann sprach er zum Bischof mit großem
+Ernst: »Würdiger Herr! Ich ehre die heiligen Gebote der Kirche. Aber
+wehe! wenn sie sich wider Gottes Gebot und Willen setzen. Er begehrt
+gezwungnen Dienstes nicht. Er ruft meinen Sohn zu mir. Daß ihm
+Freiheit werde, diesem Ruf zu folgen, das ist mein Tagwerk; ich muß es
+vollbringen!«
+
+Alsdann winkt' er dem Grafen zu und sie unterredeten sich, indem sie
+ein wenig abseits wichen. Aber nur eine kleine Zeit, so ließ Herr
+Bruno sich nicht aufhalten, sondern umfieng Herrn Eberhard mit
+herzlichen Worten, nahm seinen Urlaub und gieng ungesäumt und mit
+eilenden Schritten von dannen.«
+
+Muß ich sagen, wie mir zu Sinne war bei Allem, was mir Klingsohr
+berichtete; wie ich erschrak, als ich zuerst von Brun's Ankunft auf
+der Höhe vernahm; wie mir's dann im Herzen aufgieng einem
+freudenhellen Sommertage gleich, dessen aufgehende Sonne von jubelnden
+Lerchen tausendstimmig begrüßt wird und in ungezählten Thautropfen
+sich spiegelt, als ich erfuhr, wer Brun war, welch' heilig Band mich
+mit ihm verknüpfte, und daß er mir in Bruno's Geschichte seine eigne
+Vergangenheit, die Wunden und Hoffnungen seiner Seele anvertraut
+hatte! Mir war's dem Falken gleich, dessen von der Hülle befreitem
+Auge man hoch in den Lüften das Ziel weist, dem er sich mit freudigem
+Geschrei entgegenschwinget. Auch mir winkte nun solch' ein Ziel:
+meinem Vater, der mich so und den ich so liebte, nahe zu sein, ihm zu
+Trost und Erquickung, ihn der Einsamkeit und jeglichem Trübsinn zu
+entreißen, ritterliche Ehre von ihm zu erlernen, sie dem Namen, den
+wir trugen, zu erjagen und seinen Segen zu erben. -- O, und meine
+Mutter! Mich durchschauerte ein froher Schreck, da ich ihn dachte,
+diesen Namen: nie bis dahin von mir gerufen: ödes, schmerz-, aber auch
+freudenleeres Leben, wie hatt' ich's nur ertragen mögen! -- Gott!
+Gott! Wenn ich auch sie einst fände, meine arme Mutter; wenn ich ihr
+an meiner Hand den Vater zuführen könnte, und in einer Umschlingung
+Beide an dies Herz drückend, spräche: »Seht, Euer Sohn ist glückselig,
+er hat Euch wieder! Seid es nun auch Ihr!« -- gewiß dann würden die
+alten Wunden sie nicht mehr schmerzen, sie würden ihrer Schuld
+Vergebung glauben und üben, und ich, ihr Sohn, mit dem Mal der blutgen
+That gezeichnet, durch deren Kunde die Erschreckte in die Wildniß
+getrieben ward, hülfe ihnen zur neuen Freude, zur Liebe und zum
+Frieden! --
+
+So frohe Bilder leuchteten in meiner Seele auf, und um die Sonne, von
+der sie bestrahlt wurden und all' mein Sinn und Muth, stunden selber
+schimmernd im himmlischen Glanz die Worte geschrieben: »Dein Vater ist
+dir gefunden!«
+
+Da hätten gewißlich auch Augen, die mich minder scharf ansahen als die
+kleinen blitzenden Klingsohr's, derweilen er sprach, solches
+Entbrennen meines Herzens vermerkt. Er aber, als er mit seiner
+Erzählung zu Ende war, trat dicht zu mir und sagte:
+
+ »Auf, Junker, sinnt nicht lang also,
+ Sagt, macht Euch nicht die Märe froh?«
+
+»Klingsohr, lieber Klingsohr!« gab ich zur Antwort, »ist's so, wie Ihr
+mir sagt, und ich trage daran keinen Zweifel, so harr' ich der Stunde,
+die mir Befreiung bringt, mit zwiefachem Sehnen. O daß sie bald
+erschiene!«
+
+»Harren wollet Ihr, harren?« fragte der Kleine wieder, und er
+schnarrte das Wort spöttisch heraus und schlug seine Hände beide in
+einander, als wär' es etwas recht Erstaunliches, was er hätte hören
+müssen. -- »Wie lange, Herrlein, seid Ihr denn bereit und willfertig,
+hier zu harren?«
+
+»Mich dünkt«, antwortet' ich wieder, »nach Allem, was Ihr mir sagtet,
+kann es unmöglich anstehen, daß meines Vaters Begehren unerfüllt
+bleibe, dem eine so mächtige Fürsprache zur Seite steht, wie die Graf
+Eberhard's.«
+
+»Mich dünkt, mich dünkt«, sprach Klingsohr ärgerlich nach. -- »Was
+dünkt Euch denn von +uns+? Wähnet Ihr, Meister Tannhäuser und hier ich,
+der Magus, haben uns oben davon gemacht und seien in dieser Burg bei
+den geizigen Alten in harter Arbeit gestanden, ich mit dem Pülverlein
+drinnen beim griesgreisen Pförtner, mein Gesell gar mit dem
+Alrunzauber bei der scharfohrigen Pförtnerin allein unter'm Galgen,
+allwo er jetztunder noch aushält, das edle Herz; wähnet Ihr, dies
+Alles sei von uns gethan, bloß daß Ihr zeitiger Euren edlen Namen
+erführet und Eure ritterliche Geburt, als es sonst geschehen wäre.
+Wähnet Ihr das wirklich? Ja freilich, 's ist ja eine Zeitung, die man
+nicht alltag zubringen kann, daß aus einem Singer ein Junker worden
+ist, und daß einer aus der Abtei und den Regeln St. Bernhard's in die
+Herrschaft über Land und Leute gesetzt werden soll. -- Jedennoch,
+Junker, das ist hier die Meinung nicht. Wie? dort die Thür steht
+offen, der Alte schläft und sie sucht nach der Alrune -- und Ihr
+besinnt Euch noch? Auf, gewinnet Euch selbst die Freiheit, nach der
+Euch gelüstet! Der Weg ist offen; ich führe Euch.«
+
+Und er nahm sein Windlicht wieder zur Hand.
+
+»Aber«, sprach ich, tief erregt von dem, wozu er mich ermunterte,
+»wenn ich's thäte und ohn' Urtheil und Recht dem Kloster entränne, so
+brächt' ich mich auf's Neue in Fährniß, und geistlicher und weltlicher
+Arm möchte mich bedrohen; ich hinderte die, so meiner Erledigung
+günstig sind, daran, mich zu schützen, und der Bischof würde mich, wie
+auch unser Orden des geistlichen Standes desto weniger entlassen!«
+
+»Wie?« rief da der Kurze unwillig wieder. -- »Dahin steht Euch der
+Sinn? -- Als Ihr die Friedsamkeit und Demuth beweisen solltet, die man
+Euch im Kloster gelehrt hat, da waret Ihr kampflich gemuthet, und da
+es Euch als fahrendem Singbruder viel nützer gewesen wäre, Euch fein
+zu ducken, daß Ihr heil entschlüpfen möchtet, da bewieset Ihr Trutz
+und waglichen Widerstand -- aber jetzt, wo Ihr des Ritterthums
+genießen sollt, zeigt Ihr ein Herz wie ein Lämmlein! -- O, lieber
+Junker, denket doch nicht, wen die Kirche einmal eingethan hat und gar
+dem Mönchsstand zugezählt, den werde sie so bald wieder losgeben; habt
+nur wohl Acht, mancher Tag wird vergehen, bis sie sich über die
+geistlichen und weltlichen Rechte verglichen haben werden, dieweil Ihr
+in Haft hungert, schwitzt oder frieret, wie es Euch geliebt! Der
+Gernsteiner, halt' ich, wird schon dafür sorgen, daß Ihr Euch an
+solch' Leben gewöhnet. Und endlich, seid Ihr wiederum im Kloster,
+nimmer mehr daraus zu entwischen« -- --
+
+»So rathet Ihr mir --?« unterbrach ich ihn.
+
+»Ich rathe Euch -- ho! wie sanft das 'nem fahrenden Magus thut, daß
+er einem Junkerlein rathen darf -- ja, ich rath Euch gut, Herr; traut
+dem Bischof nicht, noch seinem Voigt, noch sonst wem außer Euch selber
+und der Gunst der jetzigen Stunde, die Euch freien Ausgang verstattet
+dank der Kunstübung Eures geringen Dieners und seines Gesellen! -- Ah,
+Junker, 's ist wahr: Ihr seid dazumal übel gefahren mit uns, und habt
+uns billig darum gescholten -- aber die Noth, Junker, die zwingende
+Noth trug die Schuld daran! Drum laßt uns jetzt desto baß Euren Dank
+verdienen. Hatten wir nicht sogleich am Anfang uns're Freud' an Euch?
+Haben wir uns nicht gebrüdert? Sahen wir heut' nicht und hörten's, daß
+an Euch ein meisterlicher Singer verloren wäre, und ein wackerer
+Ritter dazu, so Euch das Kloster erhielte?«
+
+»Doch seid Ihr's gewesen«, sagt' ich, »die mich durch ihr Anzeigen
+meines Standes dem Bischof überantworteten!«
+
+»So brachten wir Euch doch aus des Gernsteiners Gewalt, der Euch wohl
+so fest verwahret hätte und übel gehalten, daß wir mit keiner Kunst
+Euch hätten erlösen können. -- Das sind wir nun zu thun willens worden
+und lag uns doppelt hart an, nachdem Eure Ritterschaft an's Licht
+gekommen ist. -- Eilet denn, werther Junker! Gewinnet die Freiheit,
+indem Ihr sie brauchet! Wie süß wird sie Euch eingehen an der Seite
+Herrn Bruno's! Wir geleiten Euch, wir Wegkundige, und gewiß, wir
+werden ihn finden.«
+
+Ich hatte sinnend gestanden und wußte nicht, was erwählen; denn ich
+fühlte, daß ich vor eine große Entscheidung geführt war. Aber der Ruf,
+der an mich ergieng, lockte zu laut -- und so folgt' ich dem
+Klingsohr, der schon in der geöffneten Pforte stund, ungeduldig mein
+harrend.
+
+Ohne sonderliche Fürsicht schritt er mir den Gang voran. »Die beiden
+Alten sind noch festgehalten«, sagt' er dabei: »er vom Pülverlein, sie
+von der Alrune, und vor anderer Begegnung sind wir sicher allhie!«
+
+Also befand sich's auch; der Alte schlief, da wir durch's Stüblein
+kamen, und wir gelangten unangefochten hinaus auf die Stiege. Von
+derselben führte ein hölzerner Gang außen zu einem Pförtlein in der
+Mauer des Burghofs, durch das die Alten in einen zur Burg gehörigen
+Krautgarten den Zugang hatten. Er war von einer hohen Mauer
+eingeschlossen.
+
+»Hier können wir nicht hinab«, sagte mein Geleitsmann leise zu mir;
+»nur drüben, wo der Berg steiler ist und die Mauer drum nicht so hoch,
+mögen wir's vollbringen.«
+
+Damit drängte er mich weiter, den schmalen Weg voran zur Seite der
+Mauer. So kamen wir an's Ende des Gärtleins und zu einer Thür, die war
+offen, und auf steinernen Stufen traten wir in einen zweiten
+Burggarten ein, der aber zur Sommerlust bestimmt war und in lauter
+lieblichen Blumen und Ziergebüschen prangte. Ja, das that er auch in
+dieser Sommernacht, denn obgleich weder Mond noch Sterne schienen, war
+sie als zur Johanniszeit hell und wie von einem milden Dämmerlicht
+übergossen, in dem man Jegliches umher deutlich sah; und Blätter und
+Blüthen schimmerten mit einem sanften Lichte, als hätten sie etwas vom
+Glanze des langen Sommertages zurückbehalten wie einen schwachen
+Widerstrahl. Es hatte einen warmen Regen zur Nacht gegeben: noch
+hiengen die Blätter tropfenschwer, und die Luft, von keinem Windhauche
+bewegt, war weich und feucht; sie war auch voll würzigen Geruchs und
+süßen Duftes, der aus ungezählten neu erfrischten Blüthen quoll und
+aus solchen, die in dieser wonnigen Sommernacht zum ersten Mal ihren
+Kelch erschlossen. Wie sog' ich all' diese stille Herrlichkeit mit
+Sinnen und Herzen ein nach der Angst des Gefängnisses, ob ich gleich
+an dem Frieden und der Glückseligkeit, die mich umgab, keinen Theil
+haben durfte; denn mein Weg war ohne Recht, verhohlen und bedroht.
+
+Leise schritten wir hindann.
+
+»Seht Ihr das Fenster dort, von Rosengezweig umrankt?« flüsterte
+Klingsohr.
+
+Ich sah dahin und gewahrte auch dicht dabei eine Pforte, die von der
+Burg her in unser Gärtlein führte.
+
+»Des Grafen Eberhard Nichte, Junker, von der Ihr den Kranz empfienget,
+wohnt heint allda zur Herberge. Von der Alten erfuhr ich's, die am
+Abend das Fräulein heraufreiten sah, stattlich geleitet. -- Wenn wir
+ihr allhie begegneten, Junker, wie geschwinde liefet Ihr wohl davon?«
+Dabei kicherte er verhohlen.
+
+Ich sagte nichts; doch sah ich im Gehen hinauf zum Fenster, und ich
+fühlte mein Herz stärker klopfen.
+
+Da klang ein Ton durch die Stille, fein und leise. Wir hielten mit
+Gehen an und horchten auf. Es war das verhaltene Summen einer
+menschlichen Stimme, das von drüben herkam, wo am Ausgang aus dem
+Garten über der Ringmauer der Burg ein Sommerhaus als ein Thürmlein
+gebaut war zum Lugaus hinunter in Dorf und Thal. -- Jetzt vernahm ich,
+halb gesungen und halb gesprochen, als würden sie nur laut gedacht,
+die Worte:
+
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ Dich lacht sie an mit rothem Munde
+ Und haftet doch im finstren Grunde,
+ Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:
+ Das ist der Liebe Ebenbild!
+ Es schafft das Leid der Liebe Pein,
+ Doch ohne Leid kann Lieb nicht sein,
+ Es liebt die Lieb' Leid zum Gedeihn! --
+
+Dieser mein Spruch, den ich vorhin gesungen, da es Kranz und Kleinod
+galt -- welch' neue Gewalt hatte er doch jetzt über mich! Ich erschrak
+und erzitterte schier, und doch schwebte mein Herz hoch auf in Wonne;
+mir war's, als träumt' ich nur, und sodann wieder, als erwacht' ich
+nun erst aus ungewissem Wahn zur Wahrheit und zum Leben.
+
+»Irmela!« rief ich und eilte, ohne auf Klingsohrs eifrige Gebärden zu
+achten, mit denen er mich trachtete zurückzuhalten, hin, woher die
+Klänge kamen.
+
+Sie mußte den Namen gehört haben; denn als ich zum Sommerhause kam,
+erblickt' ich sie, wie sie am offenen Eingang desselben stund,
+regungslos, als spähte sie hinaus.
+
+»Irmela!« so rief ich wieder und fand vor Freude und Bangigkeit kaum
+den Odem zu dem Worte, wie ich nun nahe vor sie trat.
+
+»So bist Du's, Diether, und bist frei?« Wiewohl ihre Stimme bebte, als
+sie das sagte, klang es doch im hellsten Jubelton wie der Ausruf einer
+Seele, der unerwartet die Bande schweren Leides gelöset sind.
+
+Ein Schauer durchrieselte mein Gebein, als sie in hochgehender Freude
+mir entgegen eilte und mit ihren beiden Händen die meinigen ergriff.
+Ich sah ihr in's Angesicht: ihr Mund lächelte und ihre Augen waren
+voll Thränen.
+
+Da konnt' ich mich nicht länger enthalten, umfieng sie mit meinen
+Armen und küßte sie.
+
+»Ja«, flüsterte ich, indem ich sie umschlungen hielt, »ich bin frei,
+und immer selig sei die Stunde, da ich's ward; denn sie offenbarte
+mir, Süße, Deine und meine Herzensliebe!«
+
+»Weh!« rief sie da mit dem Tone des Schreckens, indem sie mit
+Heftigkeit sich mir entriß, »weh, was hab' ich geduldet! Diether, ich
+bin verlobt! Nimmer wieder laß mich solch ein Wort hören! Nein, nein!
+-- Entweich, wir sind ewig geschieden!«
+
+Flehend bat sie so, aber streng zugleich und gebietend stund sie vor
+mir, hoch aufgerichtet. Der Gedanke, so von ihr verstoßen zu werden,
+erfüllte mich mit Grauen. Ich sank vor ihr auf die Knie.
+
+»Irmela,« bat ich, »nicht also treibt mich von hinnen! Kein Gefängniß
+sieht so finster und freudlos mich an, als rings die weite Welt, so
+ich Euch muß verloren geben. Ich kann nicht mehr von Euch lassen,
+nimmer, nimmer! Die sehnende Herzensliebe hat mich bezwungen! O, auch
+Dich, Irmela; läugn' es nicht! Das Leid, das über mich gekommen ist,
+hat ihre Heimlichkeit Dir kund gethan und diese Stunde auch mir. Nie
+kannst Du dem Manne folgen, dem Dein Herz nicht zugehört!«
+
+»Ich lieb' ihn nicht,« sagte sie leise.
+
+»Aber hier in meinem Herzen bist Du beschlossen, Irmela, und ich bin's
+in Deinem. Ach, wohl gleicht unsere Liebe dem Sturmvogel, der gegen
+Wind und Wetter durch zuckende Blitze in mitternächt'ge Wolken fliegt;
+aber hinter ihnen, Irmela, glänzt die Sonne und seine Schwingen sind
+Adlerschwingen!«
+
+Sie schwieg; aber mir war's, als athmete sie schwer und mit leisem
+Beben erzitterte sie.
+
+»O, sprich nur ein Wort!« bat ich wieder. »Ein einzig Wort, daß ich
+wisse, die Rose, die sich mir zur Wonne erschlossen in dieser
+Blüthennacht, sei nicht auch zugleich entblättert; daß mir eine Hoffnung
+leuchte auf der dunklen Bahn, die ich beschreite. -- Sprich dies Wort,
+Irmela, dies eine Wort, und ich will kämpfen, ringen und nicht ermüden,
+bis der Tag kommt, da der Bund dieser Mitternachtsstunde vor Gott und
+Menschen gesegnet wird!«
+
+Da war's, als bewegte sie ihre Hand mir entgegen; ich erfaßte sie und
+drückte sie mit Inbrunst an Herz und Lippen.
+
+»Hab Dank, hab Dank, Irmela!« sagt' ich, indem ich mich erhub, »und fahr
+wohl!«
+
+»Fahr wohl auch Du!« sprach sie zum Scheiden.
+
+Indem kam auch schon Klingsohr herbei mit großer Eil und vielem Winken:
+»Geschwind, Junker, geschwind! Wir dürfen nicht länger säumen. Man ist
+uns auf der Spur. Dort den Weg kommen sie, den wir vorhin nahmen. Gewiß
+ist die Alte heimgekommen, hat das Nest leer gefunden und Lärm gemacht.«
+
+Ich wollte mich auf diese Worte fürder wenden, mit ihm die Flucht
+fortzusetzen, als wir auch schon die, so uns zu suchen ausgegangen, in
+der offnen Pforte ersahen, durch die wir in den Garten gekommen waren.
+
+»Da drüben um's Thürmlein müssen sie sein,« so vernahmen wir: »dort
+hört' ich flüstern, als ich hinaushorchte.«
+
+Es war die Stimme der Alten.
+
+»Sie werden mich finden!« sagte Irmela mit Bangen, »was beginn' ich?«
+
+Wohl sah ich, daß sie ihnen nicht entgehen konnte. Sie konnte sich im
+Garten nicht verbergen, den die Leute gewiß durchsuchen würden, und
+auch, wenn sie zurück wollte in ihr Gemach, mußte man auf sie treffen.
+
+Sollte sie durch mich in Verdacht gerathen und Ungemach? Sollte sie
+gepeinigt werden mit Fragen nach mir und ihr reines Gemüth zwischen
+dem Wunsch schweben, unsere Heimlichkeit mir zum Schaden nicht
+auszubringen, und der ungewohnten Nöthigung, durch Falschheit sich
+heraus zu helfen?
+
+Das durfte nicht geschehen. Die Gewißheit ihrer Herzensliebe zu mir
+hätte mir jeglich Opfer leicht gemacht. Ich besann mich nicht.
+
+»Seid getrost, Irmela!« rief ich. »Ich gewinn' Euch Zeit.« Und bevor
+sich Klingsohr deß versehen konnte, der allbereits zur Weiterflucht
+vorangeeilt war, nicht zweifelnd, daß ich ihm folgte, sprang ich den
+Weg zurück, den wir gekommen waren, gerade auf die Gartenpforte zu,
+den Eindringenden entgegen.
+
+Ich gedachte durch die Überraschten hindurchzustreichen, oder doch,
+so das nicht gelänge, sie so lange aufzuhalten, bis Irmela hinein
+wäre, und dann ihnen zu entrinnen. Meine schnellen Füße, hofft' ich,
+sollten mich retten, bis ich an einen Ort käme, geschickt zu einem
+Sprung die Ringmauer hinab.
+
+Aber was soll ich sagen? So gerieth es mir nicht. Zwar daß meine
+Verfolger in den Garten eindrangen, verhindert' ich. Denn wie ich nach
+der Pforte rannte, wandten sie sich mir Alle zu mit lautem Geschrei.
+Doch es waren Ihrer zu viele, als daß ich hindurchzubrechen vermochte
+oder sie bestreiten konnte, ich Waffenloser. Es währte nur eine kleine
+Weile, so war ich von ihnen umringt und ergriffen, und ein Gefangener
+des Bischofs von Speyer, wie vorhin.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Entscheidung.
+
+
+Wenn im Frühling die schwanken Birkenzweige im ersten Grün erprangen,
+wenn der laue Hauch der Luft die glänzenden Hüllen von den schwellenden
+Blattknospen der Buchen und Linden streift, wenn die Blumen aus dem
+Grase dringen und überall wieder das Leben sich regt und schmückt: dann
+ist solcher Anblick wohl für jeglichen Menschen, der sein genießt, eine
+Ursach zur Freude, und, sein Muth sei froh oder traurig, ihm sei wohl
+oder weh, so vernimmt er in solchem Walten Gottes zur Frühlingszeit
+einen Ruf, sein Herz zu stärken und jede gute Hoffnung aufschweben zu
+lassen, wäre sie auch oft schon zu Boden gestoßen und gar flügellahm
+worden.
+
+Anders, acht' ich, ist's im Herbst, wenn der Schmuck der Erde allgemach
+vergeht und von Tag zu Tag die Gärten leerer, die Wiesen fahler und die
+Wälder kahler werden. Davon mögen die Menschen, je nachdem es ihnen um's
+Herz ist, leicht oder schwer, einen gar verschiednen Muth gewinnen. Es
+kann sich ganz lustig ansehen, wie so ein gelbes Blatt nach dem andern
+vom Baum gelöst und tanzend vom Winde hinweggeführt wird, wenn die
+Früchte sicher eingethan sind, die der Baum gegeben hat, und dem Genieß
+aufbehalten; auch weiß sonder Zweifel das Auge des Hoffnungsvollen am
+sich entblätternden Baume überall die Knospen wahrzunehmen, darin
+Blätter und Blüthen wohl verwahrt sind schon für's kommende Jahr. Ja,
+wem daheim der warme Herd in die Mitte der Seinen winkt und zu
+willkommener Ruhe nach gethaner Arbeit: wie gern mag der sich von den
+rauhen Herbststürmen hinein scheuchen lassen! Kürzlich: wem die Wurzeln
+seines Lebensbaumes noch fest und kräftig genug in der Erde haften,
+Nahrung daraus zu ziehen, wer da im Stamm inwendig noch den Saft
+aufsteigen weiß: der ersieht auch im Winter nur den Vortraum und
+Stärkungsschlaf für Leben und Lust des kommenden Lenzes und mag die
+kalte Hand, die das Laub entstreift, mit Freuden begrüßen. -- Aber für
+die Meisten freilich hält der Herbst, wenn er dem Winter die Bahn macht,
+eitel Leichensermone; denn unter den Menschen, so zum Nachsinnen über
+sich gekommen sind, wozu Frau Unglück weit besser anleitet, als ihre
+ungleiche Zwillingsschwester, sind, wie ich sorge, viel mehrere, welche
+von der Zukunft hienieden lieber zu wenig hoffen, als zu viel und darum
+die Trauerlieder des sinkenden Jahres überleicht verstehen und
+nachsingen.
+
+Dazu war wohl auch ich weidlich geschickt geworden nach meiner
+Gefangennahme, seit ich wieder in's Kloster zurückgebracht war, allda
+des Ausgangs meiner Sache zu harren. Zwar nur wenige Monate waren
+seitdem verstrichen. Aber als ich aus meiner Zelle, die mir zur Büßung
+abseits von denen der Brüder angewiesen war, in den grauen Novembertag
+hinaussah, drückten seine tiefhangenden Wolken schier auf mein Herz,
+und der Wind, der durch die kahlen Äste des Nußbaumes vor meinem
+Fenster fuhr, seufzte, als wollt' er mir helfen trauern und klagen.
+
+Wie manchen Tag hatt' ich schon vom nämlichen Schemel, den Ellenbogen
+auf dem Tisch vor mir gestützt, durch dies kleine Fenster
+hinausgesehen nach dem Nußbaum und dem Himmel, so viel davon zu
+erblicken war; denn sonst war die Welt meinen Augen versperrt. --
+
+Wenn ich früher ihn betrachtet hatte, wie er so mächtig aus dem
+Zwinger emporstrebte, hatt' ich nicht gedacht, wie sehr ich's ihm
+einstmal noch danken würde, daß er also hoch gewachsen war, so hoch,
+daß er mit seinem Wipfel auch über das kleine Fenster der einsamen
+Zelle hinausragte, deren Bewohner nun ich war. -- Wie doch heute
+sonderlich die Äste stöhnten, wenn der Wind sie schüttelte und, ihre
+Zähigkeit erprobend, sie gegen einander schlug; wie knarrend die
+dürren Zweige zerbrachen, und wie ängstlich die wenigen gelben
+Blätter, die noch am Gezweige saßen, sich hin und wieder wendeten, so
+oft ein Windstoß sie erfaßte, als sträubten sie sich gegen ihn und
+riefen um Hilfe! --
+
+Es war doch Alles umsonst; eins nach dem Andern ward abgerissen und
+wie zum Hohn wild durch die Luft geführt, oder es sank zitternd zur
+Erde nieder -- eins nach dem andern! -- Schon konnt' ich die übrigen
+an den Fingern meiner Hände zählen -- dort eins -- dort eins -- und
+dort eins!
+
+Ob wohl auch sie heute würden abgelöst und der Baum ganz kahl werden? --
+
+Ach, es war heut ein traurig Ding um ihn und den Himmel dahinter! --
+
+Als ich zuerst hier in diese Zelle hereingeführt und hinter mir die
+Thür verschlossen ward, daß ich allein wäre (wie war ich's gewohnt
+geworden seitdem!) mein Sinnen und Denken abzuziehen vom eitlen Wesen
+der Welt und nur auf meine Schuld zu lenken und heilsame Büßung: wie
+winkte mir da durch's Fenster das dichtbelaubte Gezweig so freundlich
+entgegen! Schwellende Früchte, zu Trauben gesellt, schauten daraus
+hervor, und blitzendes Licht vom blauen Himmel her spielte zwischen
+den grünglänzenden Blättern. --
+
+Das war zur Johanniszeit, am Tage, nachdem ich in's Kloster auf
+Erfordern des Abtes und mit Bewilligung des Bischofs war zurückgeführt
+worden. Ich war in den Capitelsaal gebracht, allwo der ganze Convent
+sich versammelt hatte, daß ich vor den Abt gestellt würde, mein
+Urtheil zu empfahen, wie mit mir zu handeln wäre im Kloster. Denn
+obgleich meine Erledigung zurück in den weltlichen Stand allerdinge
+nach dem Spruch derer, denen die Entscheidung unterstünde, zu erharren
+wäre, so hätte ich doch meine Untugend und all' das Ärgerniß, so ich
+gegeben, als dem Cisterzienser Orden zugehörig, verübt, und müßte
+daher gemäß der heiligen Observanz und St. Bernard's Regel zum Heil
+meiner Seele, zur Befestigung der Guten, zur Stärkung der Schwachen,
+zur Warnung der Sichern mit mir gethan werden.
+
+Solches Alles ward mir vor den Brüdern im Capitel von Abt Albrecht
+verkündigt, der dazu eine Rede that, die mir recht das Heimlichste
+meines Herzens vor Augen kehrte, daß ich sah, wie schwarzer Farbe es
+war; denn er war gewaltig in Worten. Er nannte den Tag, da er von
+meiner Sünde hätte hören müssen, den traurigsten von allen, seit ihm
+der Abtstab in die Hand gegeben wäre; er beschrieb meinen Sinn, wie
+schlimm geartet er wäre und unwerth, daß ich all' sein Vertrauen, das
+er zu mir gekehrt, und seine gute Meinung so gröblich zu Muthwillen
+und Verübung loser Narretheidinge gemißbraucht hätte; er sagte auch:
+wenn der Herr und Weltenrichter schon den unnützen Knecht in die
+äußerste Finsterniß und in die schrecklichen Höllenschlünde verweisen
+wolle, darum daß der Schalk mit dem einigen ihm verliehenen Centner
+nicht gewuchert habe, welche Qual werde sich der verdienen, welcher
+hohe und edle Gaben, so er von Gott empfangen, dazu verwende, daß er
+damit unsers Herrn und seiner heiligen Kirche Ehre, statt sie zu
+erbauen, kränke und ganz niederlege!
+
+Darnach fragt' er mich, ob ich etwas zu sagen hätte, so sollte mir das
+verstattet sein.
+
+»Würdiger Vater!« sagt' ich da. »Es ist Alles wahr, deß Ihr mich
+zeiht. Ich habe schwer gesündigt wider Gott, wider Euch, wider den
+heiligen Orden. Aber so wahr ich Euch und dem würdigen Convent hier
+von der ewigen Dreifaltigkeit beständige Genüge erwünsche, so
+gewißlich kann ich Gott im heiligen Stande nicht länger dienen, habe
+nur ein Verlangen, mich zum ritterlichen Leben zu schicken, und bitt'
+Euch demüthig: Helfet mir dazu!«
+
+Durch solche Worte, sagte wieder der Abt, erfände sich's desto
+gewisser, wie völlig mein Herz geblendet wäre. Darauf ward ich dem
+_Frater poenitentiarius_ zugewiesen, daß er die geistlichen Büßungen, so
+mir aufzulegen, leiten und in Allem meiner armen Seele rathen möchte,
+die Bosheit auszuziehen und Gnade zu gewinnen.
+
+Der hatte denn auch das Amt, so er überkommen, an mir mit allem Eifer
+angegriffen. Einsamkeit, Casteiung und allerlei Plage sollte meinen
+Sinn ändern, dazu stetes Gespräch mit ihm von heiligen Dingen und von
+Verachtung der Welt. War ich nicht manchen Tag hinunter in die
+Geißelkammer geführt worden, auch dazu aus dem Schlaf geweckt, allda
+das Miserere zu singen und Schläge zu leiden?
+
+Doch wiewohl mir meine große Fehle, damit ich mich verschuldet hatte,
+leid war, so blieb doch mein Muth und Wille hinausgerichtet, wie
+anfangs, und die himmlischen Dinge, die mich hinwegziehen sollten von
+allem weltlichen Trachten, erlangten diese Gewalt nicht über mich. Ja,
+wenn oft unter den Geißelschlägen mein Rücken rünstig ward und ich
+dennoch ihnen stille hielt und nicht zuckte; wenn ich jegliche Pein,
+mit Wachen und Fasten mir auferlegt, williglich trug und nicht murrte,
+so wähnte mein Beichtiger wohl, es wäre die wahre Zerknirschung und
+herzliche Reue, die mich so harte Buße demüthig tragen lehrte: aber es
+stund viel anders mit mir. Ich hätte das Schwerste auf mich genommen
+in dem Gedanken, der mir auch all' dies Ungemach leicht machte: daß
+ich es litte, weil ich mich gefangen gegeben für sie, für die Maid,
+die mir allzeit im Sinne lag, deren Bild in aller Pön mir winkte.
+
+O, welche Gewalt hat doch eine starke Hoffnung über des Menschen
+Herz! Sie ist allgegenwärtig, wie das Sonnenlicht. All' unser Denken
+und Thun, Mühe und Plage, Leid und Noth durchleuchtet sie; sie
+durchsüßet die Bitterniß und durchblümet selber die Wüstenei, die wir
+durchwandern müssen.
+
+So hab' auch ich's erfahren in jenen Tagen.
+
+Wie oft, wenn ich einsam in der Zelle weilte, brachte mir die gewisse
+Hoffnung, der Tag der Befreiung würde erscheinen, Stärkung und Trost!
+Wie malte sie mir mit dem Sonnenstrahle, der an der Wand zitterte,
+lichte Bilder hin von Aventiuren, Ehren und ritterlichen Thaten, von
+Freiheit und Wiedersehen! Wie hört' ich ihr Flüstern im Rauschen des
+Nußbaumes, wenn der sanfte Wind das Laub bewegte!
+
+Mit jedem Tage stieg diese Hoffnung; denn jeder brachte ihre Erfüllung
+näher.
+
+Mit Fleiß achtete ich auf die grünen Früchte, die mir der Nußbaum
+durch's Fenster zeigte, wie sie allgemach größer wurden. »Eure Schaale
+ist bitter«, sprach ich oft, »und selber dem Anblick wird sie unhold
+mit der Zeit. Aber drinnen hegt sie wohlverwahrt den süßen Kern; die
+Hülle springt, und er tritt an's Licht. So tragen auch diese Tage,
+deren Bitterkeit ich schmecken muß, in ihrem Schooße für mich die
+köstliche Frucht der ersehnten Freiheit; noch ist sie mir verborgen,
+aber unmerklich reift sie heran.«
+
+Doch ach! eine Woche nach der anderen war herumgegangen, und noch
+immer hört ich nichts davon, daß draußen meiner gedacht ward.
+Jeglichen Morgen sah ich klopfenden Herzens in meines Beichtigers
+Angesicht, prüfend, ob er die erhoffte Nachricht mir nicht zu
+verkünden hätte. Aber er schwieg davon, und der neue Tag schwand
+gleich dem vorigen.
+
+So einförmig giengen die Tage hin, so geräuschlos schlich die Zeit
+durch Wochen und Monate, daß ich ihrer Zahl und Menge, wie viel ihrer
+waren, gar nicht Acht hatte. Aber wohl sah ich, wie die Nüsse sich aus
+ihren Hülsen schälten, vom Baume fielen und die leeren Schalen
+zurückließen; wie die Blätter sich entfärbten und das Geäst allgemach
+lichter ward; wie dann der Himmel, der da hindurch blickte, als durch
+ein immer weiter sich öffnendes Gegitter, öfters trüb schien und
+seltener in blauer Klarheit glänzte. Ich sah, wie das Sonnenlicht
+immer später meine Zelle besuchte, immer schmaler darin seine goldenen
+Streifen zog und nimmer bälder daraus verschwand.
+
+Wenn auf trübe Tage wieder ein sonnenheiterer folgte, hatte ich schier
+mit Ungeduld geharrt, den Schein zu sehen, ob er wohl merklich würde
+zurückgewichen sein gegen das letzte Mal, da er an der Wand geglänzt;
+und als es geschah, daß ich wahrnahm, wie die Sonne meine Zelle nicht
+mehr erreichte und den letzten Scheideblick des Jahres herein
+geschickt hatte in meine Einsamkeit: da war eine große Traurigkeit
+über mich gekommen, als sollt' ich auch den güldnen Träumen von
+Erledigung und Freiheit den Abschied geben.
+
+Aber ich hatt' es nicht vermocht, ich hatte um so sehnlicher gehofft
+und war nicht müde darin geworden, wie auch die Blätter immer
+zahlreicher fielen und die kahlen Zweige schmucklos zu mir herein
+starrten. -- --
+
+Wie mit Fleiß ich an dies Alles heut' zurückdachte am stürmischen
+Novembertage, als ich zum grauen Himmel hinaussah, und wie die letzten
+Blätter sich wehrten wider den Wind, der sie zauste, und half ihnen
+doch Alles nichts!
+
+Nein, es half auch mir nichts: mein Hoffen und Sorgen, Zagen,
+Wünschen und Ungeduld! -- Wenn es der Weltenherr so beschlossen hätte,
+daß mein Leben und die Welt draußen immer geschieden blieben von
+einander! Wenn das Gelübde meiner Mutter, da die Gottesminne ihre
+Liebe zu mir bezwang und durchklärte und sie mich der frommen Hut des
+Klosters übergab, gewißlich ach, mit heißen Gebeten! im Himmel
+versiegelt ward!
+
+Aber konnte das sein? Wäre mir dann die Einfalt und der Frieden meiner
+Jugend so verwirrt durch Lust und Weh der Welt, durch das Eindringen
+ihrer Süße und Herbe in mein unerprobtes Herz? Wären dann jene
+Versuchungen an mich herangedrungen, um welcher willen, daß ich vor
+ihnen geborgen bliebe, ich hieher gebracht worden war an diese Stätte
+geschützten Friedens?
+
+Doch wie? Durft' ich mich unterwinden und all' dies, was mich abwendig
+gemacht hatte dem heil'gen Stande, ansehen als von dem waltenden Gott
+so gefügt? War es nicht vielmehr der Dünkel und Wahn meines
+unberathenen Herzens, eigenwilliges Entweichen vom Wege, der mir
+verordnet war? O, dann war es ein unmächtiges Ankämpfen, ein
+schuldvoller Ungehorsam. Und dies sehnliche Verlangen in mir nach
+Ehre, Freude und Glück der Welt, nur darnach? nein! auch nach ihren
+Kämpfen, Mühen und Schmerzen: sagte es nicht noch jeden Augenblick Ja!
+zu der Hoffahrt und Eitelkeit meiner Seele, bedrohte es mich nicht mit
+immerwährender Unseligkeit, so der Spruch fiele, daß ich im Kloster
+bleiben müßte? Dann wäre mir die Erde vergällt und für die Ewigkeit
+meine Seele der finsteren Schaar zugeordnet. --
+
+Ich erschrak vor solchen Gedanken! Ich sah hinweg vom Fenster und
+lenkte meinen Blick auf das Buch, so vor mir aufgeschlagen war. Es
+waren S. Anselmi Betrachtungen. Mein Beichtiger hatte mir das Buch
+hereingegeben zu heilsamem Nachdenken. Täglich mußt' ich ein Stück
+darin lesen und auf sein Befragen davon Rechenschaft thun, ob ich die
+Meinung recht verstanden hätte. Ich that es; aber meine Seele war
+nicht dabei. Heute zum ersten Mal kehrt' ich allen Eifer dazu. Ich las
+von dem Meere des Verderbens, welches wäre die Tiefe weltlichen
+Begehrens, und vom bodenlosen Schlamme der fleischlichen Lüste; ich
+las von dem Elend dieses Lebens: wie es gliche einem finstren Thale,
+in seinem Grunde voll Martern; darüber eine einzige Brücke, sehr lang,
+aber nur eines Fußes breit; über diese so schmale, so hohe, so
+gefährliche Brücke gehen müssen, mit verbundnen Augen, also daß man
+seine Schritte nicht sehen kann, mit rücklings gefesselten Händen: so
+in Furcht und Ängsten des Herzens schweben: Das wäre dieses Leben.
+Ich las vom Tode, wie er alle Schönheit der Gestalt verderbt und die
+zarten Glieder der Verwesung und den Würmern überantwortet; vom Grauen
+der Sterbestunde, von den Schrecken des jüngsten Tages.
+
+Solches Alles las ich, wie es in der ersten Meditatio des heiligen
+Lehrers zu finden ist. Davon überkam mein Gemüth große Pein. Denn wenn
+ich es untersuchte, so erfand ich doch darin die Abkehr von dem
+vergänglichen Weltwesen nicht erwirkt, noch das Verlangen nach der
+himmlischen Freude entzündet; sondern daß ich frei würde und ein
+wackerer Held, der Ehren erwürbe Brun zum Trost und Irmela zur Freude:
+das war all' mein Verhoffen und mein Begehr, wie vorhin.
+
+Da schickt' ich mich an, zu Gott zu rufen, daß Er mir die Verachtung
+der Welt in die Seele senken möchte und die völlige Gelassenheit, aber
+unvermerkt ward solch' Gebet zur Bitte, die Stunde meiner Losgebung
+möchte bald erscheinen -- und Beides zusammen konnte doch nicht
+bestehen.
+
+So hub ich denn in also zweifellichem Wahn meine Augen auf und sah
+hinaus, wie ich zuvor gethan hatte. Der Wind fuhr noch immer durch die
+Zweige und schüttelte sie. Hatte er denn schon alle Blätter nun davon
+geführt, alle? -- Nein, eines hieng noch fest, ein einziges. Ich faßt'
+es in's Auge und blieb daran haften mit meinem Blick, wie es ohne
+Aufhören auf und nieder und zu den Seiten flatterte und doch nicht
+abriß. -- »Du willst, guter Baum,« sagt' ich, »das Einzige, was Dir
+vom sommerlichen Schmuck geblieben ist, nicht lassen; also auch ich
+nicht die Hoffnung von daher. Aber das Jahr ist spät und wie lang'
+kann Dein Widerstand noch dauern -- und meiner?«
+
+Aus solcher trübseligen Betrachtung erweckte mich ein Klopfen an der
+Thüre. Die kleine Öffnung in ihrer Mitte, deren Thürlein aufgethan
+ward, ließ eine Hand sehen, die ein Papier in die Zelle fallen ließ.
+Als ich es aufnahm, war schon die Hand wieder zurückgezogen und die
+Öffnung verschlossen.
+
+Es war ein Brief, erbrochen und durch den Abt mir überschickt -- ein
+Brief, mir von Brun geschrieben aus Rom. Wie froh erschrak ich, als
+ich den Namen las, und wie faßt' ich jeglich Wort, das da geschrieben
+stund, zu Herzen!
+
+Gewißlich entsänn' ich mich seines Scheidewortes an mich. Ihm wär' es
+allzeit lebendig im Herzen geblieben, und Anderes hätt' er nicht
+erstrebt, als daß er mir Befreiung erwürbe und mich in das Erbe seines
+Namens und seiner Güter setzte. Er hätte manchen Gang darum gethan und
+auch Graf Eberhard -- ich kennte doch Adelbert aus Bruno's Geschichte?
+-- -- wäre ihm eifrig zur Seite gestanden. Auch andere seiner Freunde
+aus jungen Jahren hätten sich für ihn eingelegt und selber ihm zur
+Hoffnung verholfen, daß er Land und Leute, so er einst besessen,
+wiederum zu Handen erhielte. Aber es hätte sich erwiesen, daß
+geistliche Rechte wider ihn wären.
+
+Und nun ließ er mich wissen, daß meine Mutter nach altem Brauch mich
+feierlich dem Kloster und geistlichem Orden übergeben, daß der
+Priester aus ihrer Hand mich auf den Hochaltar genommen und als ein
+Opfer und süßen Geruch dem Himmelskaiser geweiht hätte. Da wäre die
+Stola um des Knäbleins Arm von ihm geschlungen worden und meine Mutter
+hätte alle heiligen Gelübde, vom Priester ihr vorgesprochen, für mich
+vollbracht. Auch wäre darüber eine Urkund nach allem Erforderniß in
+der Abtei niedergelegt. Auf solches Alles hätte sich der Bischof
+berufen, und zu ihm hätten die höchsten Oberen des Cisterzienserordens
+gestanden. -- Darum hätt' er sich aufgemacht und wäre gen Rom gezogen,
+dort beim heiligen Stuhl für mich zu bitten; aber man hätte ihn
+schlecht an die Entscheidung des Bischofs und des Ordens gewiesen,
+darnach müßte der Spruch gefällt werden.
+
+Ob ich ihn wohl zu lieben angefangen hätte, als das Kind den Vater
+soll? Ob ich mir wohl fürbilden könnte, wie selig ihm die Stunde
+gewesen, da er mich gefunden und wie er seitdem nichts wüßte, als mein
+Bestes zu suchen? -- Dann sollt' ich nicht wider Gott fechten, den
+Frieden meiner Seele in Acht nehmen und mich in's Kloster ergeben. Ich
+sollte nicht hinaustrachten um seinetwillen, denn er hätte aller Dinge
+beschlossen, daß wir unser Angesicht nicht mehr sähen. Es wäre besser
+so. Er hätte ja eine Weile gedacht, der hehre Christ hätte seine Buße
+angenommen und wollte sein brauchen, Freude für seinen Sohn zu säen
+und ihm die Wege durch die wirre Welt zu ebnen, in denen er selber
+sich verloren. Unterweilen hätt' er auch einen hellen Traum gehabt,
+als möcht' er Joconda wiederfinden. Aber sie wäre, wie er erkundet
+hätte, schon lange in Frieden, wohin dies zeitliche Jammerwesen nicht
+reichte, und um mich wär' er solches Glückes nicht würdig erfunden.
+Darum wollt' er von Stund' an seine Buße vollenden und die göttliche
+Güte unablässig bitten, daß sie meine Seele von allem irdischen
+Dichten reinigte und ganz ausleerte von jeglichem Verlangen, das doch
+nicht erfüllt werden könnte, bis mein inwendiger Geist ganz stille
+würde und offen für die Süße der himmlischen Liebe. Weil er denn
+bedächte, daß das Band, so mich mit ihm verknüpfte, mich sonderlich
+stark hinauszöge in die Welt, so hielte er es für wohlgethan, auch
+dies Gott aufzuopfern, daß ich mich leichter losmachte und, was ich
+aufgeben müßte, desto minder schätzte.
+
+»So scheide ich denn«, so beschloß der Brief, »mein herzgeliebter
+Sohn, hiemit von Dir, nicht nach dem Herzen und nicht für ewig. Unser
+kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke,
+daß es heut geschieht! -- Die ewige Dreifaltigkeit nehme Deiner in
+Gnaden wahr, sie enthebe Dich aller Wirrsal und gebe Dir Freude und
+Frieden! Das ist mein Segen. Fahr wohl! --
+
+ Mein Sohn, bitte für mich!
+
+ Gegeben in Rom in St. Augustini Kloster.
+
+ +Bruno+.«
+
+Als ich ausgelesen hatte, entfiel der Brief meinen Händen und meine
+Arme sanken schlaff herab. »Fahr wohl, fahr wohl!« rief es mir nach.
+»Fahr wohl, mein Vater! fahr wohl jede süße Hoffnung; fahr ewig wohl!«
+In dumpfem Klageton hört' ich's so; aber ich fühlte, wenn ich's
+ausspräche, so müßt' ich's hinausschreien, und ich verharrte im
+Schweigen. Denn in allzugroßem Weh mißgönnt sich der Mensch auch den
+Trost der lauten Klage. --
+
+Eine starke Windsbraut, die mit klatschendem Regen gegen das Fenster
+fuhr, schreckte mich auf und riß meinen Blick empor. Die Äste
+schlugen gegen die Scheiben, also daß sie erklirrten, und das letzte
+Blatt, von seinem Zweige geschieden, wirbelte durch die Luft; eine
+kleine Weile ward es umhergetrieben, dann entschwand es meinen
+Blicken.
+
+»Fahr wohl, fahr wohl!«
+
+Da quoll ein Dunkel auf um mich her, als wollten Wellen eines Meeres
+mich verschlingen, und die Sinne vergiengen mir. -- Als ich mich
+wiederum besann, fand ich mich auf der Diele liegend; der kurze Tag
+war herum und die Zelle ganz finster. Vom Himmel und vom Nußbaum war
+nichts mehr zu sehen, nur der Wind gieng draußen wie vorhin, und so
+oft er die Äste gegen das Fenster bog, hört ich's noch immer rufen:
+»Fahr wohl, fahr wohl.«
+
+Ich weiß nicht, wie lange dies währte, als es geschah, daß an der Thür
+der Riegel zurückgeschoben ward und gleich darauf Einer aus dem
+Convent, nicht der meiner Pönitenz vorgeordnet war, mit Licht in meine
+Zelle trat.
+
+So geschlagen ich war in jener Stunde vor großem Leide, wollt' ich
+doch nicht, daß Solches im Convent offenbar würde; ich hatte mich also
+aufgerafft und trat dem, der mich heimsuchte, so gelassenen Angesichts
+entgegen, wie ich's vermochte.
+
+Der aber sprach, mich betrachtend: »Diether, wie siehst Du verhärmet
+aus! Fasse Muth in's Herz; leichtlich wirst Du bald wieder froh. Denn
+so erfindet sich's unselten im Leben, daß die besten Tage die bösesten
+ablösen.«
+
+Darnach sagt' er mir, daß Abt Albrecht ihn geschickt hätte, mich
+allsogleich vor ihn zu führen, und, wie sich's ansähe, hätte der für
+mich wichtige Zeitung.
+
+Als ich in des Abtes Gemach trat, saß der, wie er pflegte in Stunden
+der Muße, im hohen Gestühl, vor sich ein Buch zu heiliger Betrachtung
+und gelehrtem Fleiß oder, wenn es mit Bildwerk geziert war, auch zu
+lustsamer Beschauung bestimmt. Doch er hatte das Ansehen nicht, als ob
+er heute sein Nachdenken da hinein tief versenkt hätte. Denn kaum
+erblickt' er mich, als er mich näher winkte, eine kleine Weile prüfend
+seine Augen auf mir ruhen ließ, seinen Mund aufthat und folgendermaßen
+anhub:
+
+»Wir haben Dir eben heute, Diether, einen Brief zugehändigt, der
+billigermaßen Dein Gemüth beschwert und in Traurigkeit gesetzt hat.
+Denn darinnen ist Dir kund geworden, daß Du Deines Vaters Angesicht
+nicht mehr sehen sollst in dieser Zeitlichkeit.« --
+
+Als ich diese Worte hörte, fühlte ich die Trübniß, die mich vorhin
+überwältigt hatte, wiederkehren, und wiewohl ich mich gedachte fest zu
+machen, konnt ich's nicht wehren, daß meinen Augen vor übergroßem
+Leide Zähren entflossen.
+
+»Ja, gewißlich«, sprach er weiter, als er solches wahrnahm, »ist
+davon Deine Seele hochbewegt; und wir nehmen noch sonst ein
+Verständiger, sogethane Trauer Dir nicht für Übel; denn kindliche
+Liebe ist göttlicher Schöpfung, und Fleisch und Blut thun nach ihrem
+Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen Ermahnungen aus
+theurem väterlichem Munde, auch die Erkenntniß Deines eigenen Herzens
+und deß, was ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Fleiß angehalten
+worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit zu
+überwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen der Welt Lust
+versagt ist, darnach sie vergeblich trachten. Ich verhoffe, Du siehest
+fürder diese Abtei, in der Du auferzogen bist, nicht als ein Gefängniß
+an, sondern bedenkest wohl, daß Du allhie nicht allein der Seele Heil
+am ungefährdetsten erwirken, sondern Gott mit der edlen Kunst, deren
+Vermögen Er Dir verliehen hat, am würdigsten dienen magst. -- Daß in
+dem Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde Gelegenheit
+geboten.«
+
+Ich horchte auf bei diesen Worten und sah ihm mit großer Erwartung zu,
+als er eine Schrift, die er zur Seite liegen hatte, in die Hand nahm
+und entfaltete.
+
+»Wir haben eben heute Briefe empfangen«, sagt' er dabei, »Deine Sache
+angehend, welche darthun, daß die, so zuvörderst das Urtheil darüber
+zu fällen haben, anderen Sinnes worden sind, wie es mit Dir zu halten
+sei, als es sich zuvor anließ. Auf dringendes Ansuchen des Bischofs,
+dem unsere Abtei untersteht, hat das General-Capitel unseres Ordens
+neuerdings verwilligt, daß unser Convent Dich losgebe, und Dich des
+Gelübdes, einst für Dich gethan, entbinde.«
+
+Als ich diese Worte hörte, überkam mich eine Freude, als dränge ein
+heller Sonnenstrahl plötzlich in mein von Traurigkeit ganz
+überschattetes Gemüth.
+
+»So soll ich frei sein, ehrwürdiger Vater?« fragt' ich mit Pochen
+meines Herzens. »Ist es das, was Ihr sagtet -- frei?«
+
+Ihm war aus der Hast, mit der ich Solches redete, die Unruhe meiner
+Seele wohl offenbar. Mit Verwunderung und auch, als hätt' er weiseren
+Sinn mir zugetraut, sah er mich an und gab mir weiter Bescheid: »Auch
+soll von dem liegenden Gute, einstmals Deinem Stamme zugehörig, auf
+Verwendung der bischöflichen Gnade und mächtiger Freunde so viel durch
+Lehenshand Dir wiederum zufallen, als zur ziemlichen Erhaltung
+ritterlichen Standes für nöthig erachtet wird; wie Solches die
+Schriften hier besagen und urkunden.«
+
+»So bin ich nicht fürder hier zu bleiben gehalten?« fragt' ich wieder;
+denn mir war's nicht anders, als träumt' ich nur.
+
+»Allein Deine Wahl, Diether!« sprach der Abt, »bestimmen forthin Dein
+Bleiben oder Gehen. Möge Gott, Jüngling, Dich dazu erleuchten, daß Du
+Dich recht berathest.«
+
+Da konnt' ich mich nicht länger enthalten, eilte auf ihn zu und, vor
+ihm auf die Kniee fallend, ergriff ich mit Ungestüm seine Hände, küßte
+sie und sprach: »Dank, dank, lieber Vater, für die Kunde, die mir von
+Euch geworden ist! Sie macht mich wieder lebendig. Ein schwerer Muth
+war über mich gekommen, als sollt' ich solcher Märe nimmer froh
+werden.«
+
+»So steht Dein Wunsch und Wille noch allerdinge hinweg von uns?«
+fragt' er mit Strenge und doch auch, als lebte, da ich so beweglich
+und nahe zu ihm redete, etwas von seiner früheren Gütigkeit gegen mich
+wieder auf in ihm. »Nur Freude schafft Dir dies, auch nachdem Du die
+Worte Deines Vaters, Herrn Bruno's, vernommen?«
+
+»Ehrwürdiger Vater!« erwiedert' ich, indem ich's wagte und seine Kniee
+umfaßte. »Immer spende die göttliche Gnade den Lohn Euch
+überschwänglich für alle Treue, die Ihr an mir gethan habt, und Gott
+mit seinem Frieden sei eines Jeglichen Geleitsmann ewiglich, so viel
+allhier Eurem Hirtenstabe unterstehen: aber mich leidet's in dieser
+Abgeschiedenheit nicht länger, und mein inniges Trachten ist noch zur
+Stunde, wie es vorhin war, hinaus.«
+
+»Und doch«, sprach Albrecht wieder, »magst Du leichtlich in der weiten
+Welt Dich einsamer und verlassener finden, als hier, wo Du so Vielen
+vertraut bist. Denn bedenk' es wohl: Dein Vater harret Dein nicht, und
+an welchem Ort er weilet, ist Dir verborgen!«
+
+»Noch ist ein Ruf«, sagt' ich wieder, »dem ich folgen muß. O, zürnet
+nicht über das, was ich sage: aber begehrete Herr Bruno zur Stunde
+selber von mir, daß ich bliebe; so lange die Freiheit zu bleiben oder
+zu gehen in meine Wahl gelegt ist, könnt' ich ihm nicht gehorsamen.
+Nein, ich könnte und würde nicht!«
+
+Als ich ausgeredet hatte, erhub sich Herr Albrecht mit finstrem
+Angesicht, hieß mich gehen und selber mit meinem eitlen Dünken mich
+berathen.
+
+So von ihm hinweggewiesen zu werden, gieng mir schwer ein. Darum bat
+ich ihn und sprach:
+
+»Nicht so, ehrwürdiger Vater! nicht so heißt mich von Euch geh'n!
+Gebt mir ein Wort der Verzeihung und des Segens mit!«
+
+»Ich sorge wohl«, sprach er wieder mit großem Ernst, »die Stunde wird
+kommen, darin Dir Beides hoch noth sein wird. Möge sie nicht zu
+schmerzlich für Dich sein! Alsdann wirst du unsern Segen nicht
+vergeblich suchen. Wisse das, Diether, und geh!«
+
+Auf diese Worte, die er mit strenger Gebärde begleitete, durft' ich
+nichts erwiedern. Ich verneigte mich vor ihm und gieng.
+
+Was nun im Convent und allerorten in der Abtei für ein Fragen
+entstund, und wie groß das Aufsehen war, als es ruchbar ward, daß ich
+auszöge für immer; wie Manche mich da berathen wollten, mahnen und
+warnen, Andere es nicht hehl hatten, daß sie mich neideten, so Viele
+auch eine herzliche Neigung zu mir kund thaten und sich mühten, zur
+Letze mir zu zeigen, daß ich ihnen lieb war; wie sich da, als ich
+Abschied nahm, Freud und Leid an der Hand hatten und ganz dicht zu
+einander gesellet waren: von dem Allen gedenk' ich nichts zu
+vermelden. Denn wer selber einmal eine Stätte hinter sich gelassen
+hat, der er gewohnet war und die er nicht wiederum zu betreten
+gedachte, der kann sich leichtlich fürbilden, wie es sich zutrug mit
+meinem Urlaub nach Maulbronn. Ihm ist auch nicht noth zu sagen, wie
+mir dabei um's Herze war. Denn er weiß, daß solche Scheidestunden auch
+für den Menschen, der mit allem Verlangen nach der Ferne strebt, etwas
+von jenen sanften und feierlichen Schauern in sich hegen, dergleichen
+auch in der letzten Scheidestunde die gottminnende Seele durchzittern
+mögen, wenn sie mit Freuden zum Himmel eilt und doch zugleich mit
+doppelter Inbrunst liebt und segnet, was ihr auf Erden theuer war.
+
+
+
+
+Zehntes Capitel.
+
+In der Welt.
+
+
+Schwerlich zog Jemand wanderlustiger seine Straße an jenem
+Novembertage als ich, nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es
+mochten seitdem zween Tage verstrichen sein oder drei. Allgemach waren
+mir die schweren Gedanken vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die
+Erfüllung sehnlicher Hoffnung und heute das klare röthliche
+Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das Herz froh und
+leicht. Munter schritt ich hindann. War ich nicht auf dem Wege nach
+Speyer, allda vom Bischof weitere Vollmacht zu erhalten für meinen
+ritterlichen Stand, und gedacht' ich nicht von dort aus mich an Graf
+Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten, wie ich mich weiter
+hielte, und winkte mir dann nicht noch ein anderes, ersehnteres
+Wiedersehen?
+
+Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des freien Umblickes mit
+Freuden genoß, so hatt' ich der Stunden unterm Wandern nicht geachtet,
+wie sie dahin gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich wußte
+noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen sollte; Stadt oder
+Dorf waren nirgends ringsum zu sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende,
+und ich begann die Müdigkeit meiner Glieder zu fühlen.
+
+Indem sah ich durch die Abenddämmerung über ein blaches Feld ein Feuer
+leuchten, das am Fuße eines Hügels angezündet war, der die Flamme
+etlichermaßen vor dem Winde schützte.
+
+»Vielleicht ist's ein Hirt, der dort sich seine Abendkost rüstet«,
+dacht' ich. »Er mag Dir wohl auch Rast und Erwärmung an seinem Feuer
+und einen Imbiß gönnen, so Du ihn darum ansprichst.«
+
+So bog ich dahin vom Wege ab.
+
+Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch in's Angesicht, daß ich
+nicht wohl aufsehen konnte. Wer aber da der Flamme pflegte, das ward
+mir mit dem ersten Gruß bewußt, den ich hörte:
+
+ »Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da!
+ Er selbst: _lupus in fabula!_«
+
+Allsogleich darauf fühlt' ich mich von dem Gerufenen an beiden Händen
+erfaßt und unter überlustigen Sprüngen näher gezogen, indem er sang:
+
+ »Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei!
+ Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!«
+
+»Gelt, mein Tannhäuser!« sagt' er dann zu seinem Gespons, indem sie
+beide eine wollene Decke an die bequemste Stelle neben dem Feuer
+spreiteten, »das hätten wir nicht gedacht, daß der werthe Junker uns
+die Sach' so leicht machen würde. -- Ho, ein gutes Glück! Eine
+treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. -- Möcht' ein
+Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie heute stehen. --
+Gewißlich im besten Aspect; geschickt zu großer Unternehmung! -- Ah,
+Herr Diether! Die bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der
+Weisen zu gewinnen brächte, nun wir Euer theilhaftig worden sind.«
+
+Und er schüttelte mir wieder die Hand und der Tannhäuser auch.
+
+»Ihr scheinet meiner gedacht zu haben«, fragt' ich, selber schier
+erstaunt über die unverhoffte Begegnung, indem ich, wie sie es
+wollten, zwischen ihnen niedersaß.
+
+»Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell!« sprach da der Kurze und
+stieß den Angeredeten hinter meinem Rücken an. »Nur gedacht?!
+-- Gesprochen haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich und
+eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag' Euch: immer in solcher
+Meinung, wie sie treuer nicht sein könnte, wenn Ihr schlecht unser
+Kunstbruder wäret und nicht hochbürtigen Stammes.«
+
+»Seid von Herzen bedankt dafür«, sagt' ich, »aber der Singekunst denk'
+ich auch jetzt nicht zu entsagen, habe ich sie letzthin gleich nicht
+geübt.«
+
+ »Die Kunst verbrüdert, aber mehr
+ Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,«
+
+sprach der Tannhäuser dazwischen und war nachdenklich.
+
+ »Fürwahr! so ist die Welt gericht't,
+ Doch unser Junker Diether nicht«,
+
+sagte Klingsohr ihn begütigend. -- »Nein! Ihr nicht, um den wir uns
+gegrämet haben und gesorgt, seitdem sie Euch von uns rissen und wir
+trotz all' unserer harten Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch
+dahinten lassen mußten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und
+versperrt! Ihr nicht!«
+
+»Ach, Junker«, fuhr Klingsohr fort, »wie schön hatt' ich Euch
+allbereits hinaus, und wie balde wären wir hinunter gewesen, aber das
+Fräulein -- das Fräulein!« -- dabei sah er mich von der Seite an und
+winkte mit dem Finger. -- »Ach, Junker, es war da auch ein Zauber, der
+Euch zurückhielt und ein stärkrer als meiner, der Euch des
+Gefängnisses entledigen sollte.«
+
+Und er lachte und schlug, als wüßt' er genug von derlei Sachen, um
+sich ihrer noch zu verwundern, mit seiner Hand scherzweise auf mein
+Knie.
+
+ »Jungfraunlieb ist fahrend Hab,
+ Heut Herzliebster und morgen: schab ab!«
+
+sang der Tannhäuser, als thät er's in Gedanken.
+
+War ich über Klingsohr's Rede roth geworden, so verdroß mich seines
+Gesellen Liedlein. »Schweig!« gebot ihm der Magus, der meinen Ärger
+wohl vermerkte. »Schweig, Gesell, und laß mich dem Junker vermelden,
+wie wir keine Ruh' gehabt haben, bis wir für gewiß über ihn
+erkundeten, was aus ihm geworden; wie wir endlich überein gekommen
+sind, nach ihm zu spüren in Maulbronn, müßt's selber unter seines
+Abtes Bettsponde sein. -- Ach, Junker, wir dachten nicht anders, als
+es wär' Euch Luft und Licht versagt und Ihr hörtet außer der Litanei,
+die Ihr selber singen müßtet, nur die Mäuslein pfeifen Tag und Nacht.
+'s ist uns drüber, Junker, manches Mal die Lust vergangen am Essen --
+und am Trinken auch.«
+
+ »Daran verloren unterdessen
+ Nicht viel die Kehle noch der Bauch,«
+
+sagte Tannhäuser und winkte abwehrend mit der Hand.
+
+»Ah, ah, Junker!« sprach Klingsohr wieder; »Er red't nur so -- nur
+aus Bescheidenheit, sag' ich Euch; nur aus Bescheidenheit. -- Ein
+kaiserlich Mahl hätten wir uns versagt für Euch -- und heut, ja heut
+möchten wir eins halten für lauter Freuden, daß Ihr wieder heraus
+seid. -- Sagt' uns nun, wie ist's Euch gelungen damit, Junker? Aus
+einem Thurm Einen von dannen bringen, freilich, ist auch 'ne Sach'!
+Aber aus 'nem Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich
+eingefangen haben und mit Geißelung und Pön ihn christlich bedienen --
+ha, ha! -- das nenn' ich eine rechtschaffene Kunst.« Und er schüttelte
+sich vor Lachen. »Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche
+habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder am Tag die Wächter
+getäuscht, oder Gewalt geübt oder --«
+
+»Nichts von dem Allen hab' ich geübt, noch sonst keinerlei
+Widerrecht«, gab ich ihm zur Antwort; »sondern nachdem ich des
+Klosterlebens entlassen, bin ich nach eigener Wahl gegangen und frei
+öffentlich.«
+
+ »Die Welt ist böse aller Orten
+ Und selten gut;
+ Gern weilt' ich hinter Klosterpforten
+ In sichrer Hut«,
+
+sagte der Tannhäuser und sah sinnend in's Feuer.
+
+»Wie, Junker?« fragte Klingsohr und sperrte vor Verwunderung seine
+kleinen Augen so weit auf, als er's vermochte, »wie? Ihr seid nach
+Urtheil und Recht losgegeben?«
+
+»So ist's«, sagt' ich, »und anders nicht. Der Bischof selber hat sich
+bei des Ordens Oberhäuptern für mich eingelegt, daß nach meines Vaters
+Willen geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser es
+verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege gen Speyer, allda von Herrn
+Gebhard die Vollmachten zu empfahen, und was sonst nöthig ist zur
+Wiedererlangung meiner ererbten Rechte zu betreiben.«
+
+Auf diese Worte schlug der Kleine die Hände zusammen und rief:
+
+ »O Wunder groß! Nun dies geschah,
+ Wähn' ich, der jüngste Tag ist nah!«
+
+»Was ist da so größlich zu verwundern«, fragt' ich wieder, »daß man
+mildiglich handelt und nicht so gar nach dem strengen Recht, so Keinem
+dabei zu nahe geschieht?«
+
+»Herr, Herr!« rief der Klingsohr. »Ihr kennt der Welt Lauf nicht; Ihr
+kennet ihn bis auf's Härlein nicht, sag' ich, Klingsohr! -- Entweder
+die Welt hat sich geändert und die heilige Kirche dazu -- oder Ihr
+seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur Tauf' gebracht und
+ein Nix war zum Gevatterschmause geladen. -- Sonst steckt noch was
+dahinter, sag' ich Euch; könnt' ich's nur ausfindig machen.«
+
+Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand durch sein Kraushaar
+und sah mit gespitztem Munde den entschwebenden Rauchwolken nach. --
+Ich wußte zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu sagen
+und schwieg.
+
+»Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof Alles nach Wunsch
+ausgerichtet habt«, fragt' er, sich wieder zu mir wendend, »was
+gedenkt Ihr hernachmals zu thun, Junker, so man das wissen darf?«
+
+»Warum nicht, Klingsohr!« gab ich ihm Bescheid. »Dann gedenke ich
+Herrn Eberhards Gunst und Beistand zu suchen --«
+
+»Wozu?« fragte er rasch. Ich war von der Art, wie er das Wort sprach,
+ein wenig gewirret; doch faßte ich mich und sagte: »Zu Vielem; zu
+Allem, deß ich Neuling in der Welt an Rath und Führung brauchen werde,
+denn meinen Vater weiß ich nicht zu erlangen.«
+
+»Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts?« fragt' er wieder.
+
+»Wie wunderlich Ihr seid!« sprach ich. »Zu was noch sonst?« -- Aber
+ich mocht' ihn dabei nicht ansehn; denn ich wußte wohl, daß er mit
+seinen Blicken auf mich hielt.
+
+»Dann rath' ich Euch, Junker!« hub er wieder an -- »brauchet Herrn
+Eberhards nicht! -- Was wolltet Ihr, da Euch die Flügel losgebunden
+sind, noch fürder hier herumschleichen, als stünd' Euch draußen nicht
+die weite Welt offen? -- Seid Ihr nicht selber gewitzigt genug, Eurer
+Sache zu helfen, und werdet Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald
+genug finden, so Ihr sie weislich prüfet? -- Wär' ich, Herr Diether,
+an Eurer Statt, ich rüstete mir in Speyer alsbald ein hübsch' Pferd
+und durchzöge die Lande der Christenheit: wo Kurzweil zu finden, Ehre
+zu erjagen wäre, da macht ich Halt, und, glaubt mir's, Junker! wenn
+Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist, allerorten die
+Männer, so des Ritterthums verstehen, Euch rühmen -- und gar die edlen
+Frauen! -- ah, Junker, Ihr seid ein glückseliger Mann, denn die
+Frauengunst, Junker --«
+
+»Was sollt' ich mich nicht zuvörderst zu Herrn Eberhard wenden und die
+Elzeburg meiden?« sagt' ich, ihn unterbrechend.
+
+»Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker Diether?« und mir schien's,
+als winkte Klingsohr seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so
+fragte.
+
+»Nun, ihn und das Fräulein auch«, erwiederte ich kurz.
+
+»Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers da zu wenig findet«
+-- meinte Klingsohr.
+
+»Oder aus der Ritterschaft einen zuviel«, fuhr der Tannhäuser fort.
+
+»Ich versteh' Euch nicht!« rief ich ärgerlich.
+
+Da sang der Lange:
+
+ »Gar manchem Mann
+ Bleibt's Herz gesund,
+ Nur wenn ihm, was ihn nah geht an,
+ Nicht wird auch kund.«
+
+»Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch!« rief Klingsohr. »Drum sag'
+ich:
+
+ Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward,
+ Und baue nicht auf ferne!
+ Du findst zuletzt die Schale hart
+ Und Bitterkeit im Kerne!«
+
+»Nicht zuletzt nur!« sagte der Singer wieder und schüttelte sein
+Haupt, als wär' ihm an All' dem in keiner Weise gelegen:
+
+ »Frauengunst, --
+ Blauen Dunst
+ Ich acht' sie.
+ Wer begehrt,
+ Was da werth,
+ Verlacht sie!«
+
+Da mocht' ich dies ihr Räthselspiel, mit dem sie, wie ich wohl
+vermerkte, auf mich zielten, nicht länger ertragen. Ich sprang vom
+Sitze zwischen ihnen ärgerlich auf, sah sie finstrer Miene an und
+sagte: »Ich bitt' Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gespräch; denn
+es ist mir verdrießlich zu hören. Sagt mir frei offen, was Ihr wisset
+von Elzeburg, das mir Hinderung sein sollte, dorthin mich zu wenden.«
+
+Auf solche Worte gab sich der Tannhäuser das Wesen, als nähm' er sich
+meiner Rede nicht an und müßte sein Gefährte alleine zusehen, wie mir
+zu antworten wäre.
+
+Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf in mein Gesicht
+und hub also an: »Junker Diether, seht Ihr! Euch ist's um des Grafen
+Schutz und Beistand allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt
+zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach, ich verarg's Euch
+nicht. Kein Christenmensch darf's Euch verargen, der das Fräulein
+gesehen hat und was Huld sie Euch erwiesen. Und ich -- wie sollt
+ich's, der ich vom minniglichen Abschied weiß, den Ihr von ihr nahmet?
+O, Herr! so etwas vergißt sich nicht. Wie? Zum Wenigsten in Euren
+Jahren nicht. Es spinnt seine Fäden zart und gülden wie Sonnenstrahlen
+durch die Werke des Tages und durch die Träume des Nachts -- immer
+fester, immer zäher -- und um's Herz wickeln sich die Fäden, bis es
+sich gar darin verstrickt -- und die Einsamkeit ist die Spinnerin. --
+Nicht so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen -- es
+braucht's auch nicht gegen den Klingsohr -- es braucht's wahrlich
+nicht? -- Nun denn, Junker, hört wohl zu! -- Aber zuvor versprecht mir
+Eins! Laßt den Boten seine Botschaft nicht entgelten. 's wär Unrecht;
+es wär' gegen uns wahrlich groß Unrecht! Denn so Ihr's heut erfahret,
+und Ihr nehmt's auf mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der
+seine Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und klüglich ausrichten will,
+so werdet Ihr Euch in's Künftige viel nutzlos Weh und Ach ersparen und
+die Sprüchlein, die Ihr von uns zur Stunde gehört habt, werden mit
+ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. -- Wohl! Nein, nicht wohl;
+Euch wird's übel dünken, so übel, daß Euch die Wiederfahrt gen
+Elzeburg gar verleidet wird: und just das ist's, was ich Euch vorhin
+rieth. -- Also, Junker, Euer Graf möcht' jetzt für Euch die Zeit nicht
+haben und seine Nichte desgleichen nicht. 'S sind zur Stunde andere
+Gäste willkommen in Elzeburg. Wir, mein Gesell hier und ich, zogen
+vorbei da jüngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her, in lauter
+Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner hat seine Braut
+wiedergewonnen und ihren Mahlschatz dazu -- so doch Beides, wie es das
+Ansehen hatte, ihm eine Weile verloren war. -- Ist nicht erneute Liebe
+zwier so heiß? Und kann man sich über die Glückseligkeit, die jetzt
+das Fräulein neben ihrem Bräutigam merken läßt, verwundern, so man
+bedenkt, er möchte sonst besorgen, sie gedächte Eurer etwan -- und ist
+doch schon bereits vier Monde her oder fünf, seit sie Euch nimmer
+gesehen. Stellt's Euch nur für! fünf Monde!!« --
+
+ »'ne lange Zeit
+ für eine Maid,
+ Zweimal eine Ewigkeit.«
+
+sagte der Tannhäuser dazwischen.
+
+»Ja, mein Treu, Junker, das ist's«, sagte Klingsohr bestätigend. »Ihr
+seid zu lang ausgeblieben.«
+
+»Ihr seid unrecht berichtet«, rief ich, »gewiß, Ihr seid es in dem,
+was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich glaub' es nicht, es kann nicht sein.
+Ist aber Eure Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd' ich's in Speyer
+erfahren. Bis dahin, bitt' ich Euch, laßt uns der Sache nicht mehr
+gedenken, sondern des Mahles, so Ihr etwas zuzurüsten habt, daß wir
+unser Herz stärken und dann des Weges weiter ziehen.«
+
+So sprach ich. Aber mein Gemüth gedachte gar anders. Inwendig war's
+mir, da ich diese Zeitung von Irmela vernahm, als erschallte aller
+meiner Freude recht das Grabgeläute und wäre mein froher Muth mitten
+in's Herze getroffen. Ich saß schweigend nieder und mochte auch nicht
+ferner auf die Beiden merken, wie sie ihr Küchenwerk angriffen. --
+Darum war mir's lieb, daß sie fragten, ob ich, derweilen sie
+zurüsteten, auf das Feuer Acht haben wollte.
+
+Der Abend war schnell dunkel geworden und die Rauchwolken wirbelten
+im röthlichen Glanze weithin sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach
+unverwandt, wie eine nach der andern sich dahinwälzte und immer wieder
+gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor. Sollte so auch der helle
+Glanz der Glückseligkeit, der mir im Herzen aufgegangen war, trüb und
+trüber werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich fühlte, das
+könnte nicht sein. Ich fühlte, wenn sie, der all' mein Herz in Treue
+zugethan war, mir verloren wäre, wenn sie mein vergessen hätte, dann
+müßte mir die Welt immer öde bleiben und ich aus ihrem Glück
+verwiesen. Aber, sollt' es denn Wahrheit sein, was ich gehört hatte?
+Sollten diese lieblich lichten Blicke, sollte dieser lächelnde,
+falschesfreie Mund, sollte der innigliche Druck dieser Hände mir
+gelogen haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt hatte und mein
+innerstes Sinnen und Meinen bezwungen, ihr nur Spiel gewesen sein?
+Konnte sie sich von mir kehren und nicht darnach fragen, daß die tiefe
+Wunde, so ich von ihr empfangen, immer offen stehen würde? Nein, es
+war nicht möglich! Und unmuthig stieß ich in die Flamme, daß die
+Funken mit Geprassel stoben und zuckend in der Luft auf und nieder
+fuhren, ehe sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir jetzt
+wild durch's Herz strichen. Wie? Wenn man die Maid wider ihren Willen
+zwänge zum verhaßten Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden
+wäre und sie wähnte, ich bliebe festgehalten im Kloster und sie harrte
+mein umsonst? -- O, dann wollt' ich jeglich Wagniß bestehen, sie zu
+befreien, und keine Fährniß sollte mich schrecken, gerieth ich gleich
+in die Irre und mein Pfad in die Nacht.
+
+Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus einem Spiegel traurig
+und liebreich an. Immer mit den aufsteigenden Flammen schwebt' es
+empor; es winkte und warnte und rief mich leise mit süßem Namen.
+-- »Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald
+verschwunden. Denke, daß es heut geschieht.«
+
+Und ich saß und sah in's Feuer, wie die Flammen züngelten und die
+Wolken röthlich dahin zogen, bis die Nacht sie verschlang. --
+
+ * * * * *
+
+In Speyer, als ich dargekommen war, war es mir mit meinen Sachen wohl
+gerathen. Ich hatte die Bestätigung meiner Freiheit und meines
+ritterlichen Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, so mir
+zugestanden war, ward mir überantwortet, und was weidliche Leute und
+Geschlechter in der Stadt waren, von denen ward ich aufgenommen und
+ehrlich angesehen; sie litten mich allenthalben gern und wähnten nicht
+anders, denn daß ich bald zu hohen Ehren kommen würde. Doch that ich
+dazumal Alles mit halbem Herzen; denn die Gewißheit, daß Irmela Ritter
+Conrad freien würde, wie mir die Fahrenden das berichtet, hatt' ich
+bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. Davon erstarb mir die
+Freudigkeit, und von dem großen Leide, das ich da gewann, konnt' ich
+mein Gemüth nicht hinwegziehn. Doch schöpft' ich noch ein kleines
+Tröstelein. Denn wie? Ich mußt' es ja glauben, was sie Alle sagten,
+und glaubt' es doch wieder nicht. Von ihr selbst, dacht' ich, will
+ich's erfahren. Hinaufzuziehen gen Elzeburg, deß unterwand ich mich
+nicht, denn ich besorgte, ich möchte nicht vor sie gelassen werden und
+dem Gernsteiner dann begegnen, der dort weilte, wie ich hörte. So
+schrieb ich einen Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung
+aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, meine Treue würd'
+ich ihr ewiglich halten und wie mein Gemüth unbeweglich auf demselben
+Sinn stünde. Darnach ließ ich sie wissen, wie große Sorge und Zweifel
+ich gewonnen hätte, da mir die Sage von ihr zu Ohren gekommen wäre,
+daß sie dem Gernsteiner mit Nächstem sollte angetraut werden, und ich
+bat sie beweglich mit dringenden Worten, daß sie mir doch ihres
+Herzens Willen und Meinung kund thäte, und ob sie, wie ich wohl
+glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen würde. Dann wollt' ich alle
+Macht daran setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das +eine+
+selige Wörtlein möchte sie mir schreiben, daß ihr Sinn und Wille
+unverändert wäre, gleich wie sie in meinem Herzen beschlossen bliebe
+ewiglich.
+
+Solchen Brief gab ich Klingsohr, daß er ihn sicher und geheim
+überbrächte, auch die Antwort, welche er erlangen würde, heimlich
+hielte. Denn die beiden Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt.
+
+Mit Ungeduld wartet' ich des Bescheides. Es währte nicht gar lange,
+daß ich ihn durch Klingsohr erhielt. Es waren nur wenige Worte, die
+sie mir überschickte, aber solche, die wie der Frost im Märzen jedes
+noch keimende Blümlein meiner Hoffnung und Zuversicht ertödteten. Sie
+bat mich um Gottes Willen, ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder
+Brief zu nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; sie
+wünschte mir von Gott und seinem himmlischen Heer alle Genüge und
+Freude allerwegen; aber wir müßten geschieden bleiben forthin, und sie
+bäte mich, ihrer zu vergessen; denn das sollt' ich wissen: sie reiche
+aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als ihrem Ehegemahl,
+sondern willig und aus freiem Erbieten. Der reiche Christ möge meiner
+Seele pflegen hier und dort. Dies wäre ihr letzter Gruß.
+
+Von Stund' an hatt' ich keine Ruhe mehr in Speyer, und alle Lust an
+Freud' und Festlichkeit, ihrer mit zu genießen, war mir verdorben. Wo
+ich immer weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an die
+hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, und oft, wenn ich mitten
+unter Menschen war, die mich fröhlich sein hießen, ward ich etwas inne
+von dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, daß man sich auch in der
+Welt und ihrem Geräusch einsam fühlen könne. --
+
+Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; denn der Schmerz um
+Bruno, meinen Vater, überkam mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich
+unkindlichen Sinnes, daß ich mich unbeständiger Frauenliebe hätte
+trösten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem Herzen, da ich
+allein seiner hätte gedenken sollen, wie ich ihn wiederfände und aus
+seinem Kummer um mich befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt' ich
+mir, dieweil du eitlem Glück nachgelaufen bist und hast die ächte
+Treue nicht genugsam geschätzet. Und wiederum dacht' ich: wenn du ihn
+gefunden haben wirst und bekennest ihm das Glück, so du verloren, und
+das Leid, so du gewonnen hast: dann wird's dir leichter zu tragen
+sein; du wirst wiederum einen guten Muth und Freudigkeit gewinnen,
+wenn seine Liebe und sein Lob dich anspornt.
+
+So faßt' ich denn nichts Anderes zu Sinne, als Herrn Bruno zu
+erkunden, wo er weilte, auf daß ich ihn heimsuchte und er meine
+Losgebung aus dem klösterlichen Stande erführe. Ich nahm Urlaub von
+Speyer und zog zuvörderst gen Schwaben, daselbst das mir zugetheilte
+Erbgut einzunehmen; ich verblieb da nur kleine Zeit, richtete die
+nöthigen Sachen aus nach erfahrener Leute Rath, wie es während meinem
+Abwesen gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr und seinen
+Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie lebten, wofern sie des
+seßhaften Lebens anstatt des schweifenden sich annehmen wollten,
+worein, wie es schien, der Tannhäuser mit Freuden willigte, aber der
+Magus nicht so völlig.
+
+Als ich solchermaßen meine Sachen beschickt hatte, richtete ich mein
+Angesicht stracks gen Mittag, nach Welschland zu ziehen. Da führte
+mich mein Weg über Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen
+Klippen vorbei und durch dunkle Wälder, grüne Auen und fruchtbares
+Gelände; ich kam in manche volkreiche Stadt und sah der Menschen Weise
+aller Orten, nach ihrer Müh' und Plage, Tugend und Kunst.
+
+Ich nahm der Armuth in den Hütten wahr, wie sie um die Nothdurft des
+Lebens das ganze Leben hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der
+Gewohnheit lernet und von der Hoffnung, daß sie mit dem Tode erledigt
+wird. Ich klopfte auch an das Thor mancher Burg, manches stolzen
+Hauses und manches gastlichen Klosters. Weltliche Herren, kühn von
+Thaten und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt' ich
+kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in deutschen wie in
+welschen Landen der wohlgezogenen Maide genug, die schöne Huldgestalt
+zierte und edle Sitten. Da geschah es mancher Orten, daß man mich
+nicht allsofort fürder ziehen ließ, sondern mich zu weilen drängte,
+frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was nur den Augen lustsam zu
+schauen war und den Ohren zu hören, wonach das Herz gelüstete; das war
+mir da zum Genieß bereit. Aber wenn ich alsdann auch, daß ich nicht
+unhöfisch erschiene und blöden Sinnes, mein Vermögen bewies in derlei
+Spielen, wie es der edelbürtigen Jugend geziemt, so war doch mein
+Gemüth nicht dabei, und man sah mich selten froh.
+
+Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward ich wohl aufgenommen
+und nach Ehren als ein Gast gehalten, der dahin in ein edles Haus
+gewiesen war. Ich verblieb in dieser hochberühmten Stadt zur Lenzzeit
+zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen sie mächtig des
+edlen Gesanges, und was die besten Meister solcher Kunst und
+zierlicher Rede sind in Welschland, die sind allda zu Hause; ja, so
+hoch angesehen ist die Kunst bei männiglich, daß auch Fürsten und
+Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es sei denn, daß sie mit
+Liedern und Gedichten mancher Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl
+auch von mir ein deutsches Lied oder Spruch. Ließ ich sie dann derlei
+hören, so konnten sie sich nicht genug verwundern, zuvor die Frauen
+und Maide, warum ich Junger nicht fröhlichere Weisen brächte, und
+fragten, aus was Ursach das geschähe. Ich wollte nicht ungefüge sein,
+sie unbeschieden zu lassen und sang:
+
+ Ihr fraget mich,
+ Warum mein Lied
+ In Maienluft nicht heitrer klinget,
+ Da uns der Lenz der Wonne viel beschied
+ Und Rose sich um Rebe schlinget.
+
+ So frag' auch ich:
+ Mein Herz, o gib,
+ Warum Du traurig so, die Kunde:
+ So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb,
+ Willkomm'ne Gab' beut jede Stunde.
+
+ »Wenn +eine+ Wolke nur
+ Der Sonne Licht verdunkelt,
+ Glänzt auf der weiten Flur
+ Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt.
+ Schwebt auch in Freuden sehr
+ Ein Herz: ist ihm Frau Minne
+ Ungnädig: immer mehr
+ Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!«
+
+Darnach ließen sie ab, mich ferner zu fragen. --
+
+ * * * * *
+
+Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub von Florenz und
+trachtete eilend gen Rom. Als ich angelangt war in dieser ersten Stadt
+der Christenheit, die der Apostelfürsten Gebeine hegt und vieler
+Heiligen, die da gemartelt wurden, konnt' ich doch mein Herz nicht
+darbringen, so großen Heilthümern nachzugehn, noch sonst die
+Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu finden sind, sondern mein
+einziges Verlangen stund nach meinem Vater. Je länger, je heftiger
+hatte mein Sehnen nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbrüdern, zu
+denen ich mich begab, erfuhr ich, daß er schon vor Winter, da er seine
+Sache, die er beim heiligen Stuhl betrieb, zu erlangen verzweifelte,
+hinweggezogen wäre aus der Stadt, trüben Muthes, und Keinem sich
+vertrauet hätte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn stünde. Doch wäre
+unlange Einer aus des heiligen Franzen Orden, dem Mutterkloster der
+Barfüßer zugehörig, bei ihnen zur Herberge gelegen, der hätte ihnen
+von einem Deutschen gesagt; das möchte wohl Herr Brun sein.
+
+Alsbald hatt' ich keine Ruh mehr in Rom, ließ die Stadt und wandte
+mich gen Assisi. Diese Stadt ist zur Seiten des Gebirges gelegen,
+selber in stolzer Höhe, reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und
+Klöstern, mit freiem Ausblick in's Land hinaus, das da mit Thälern und
+Höhen, Feldern und Wäldern und mancherlei Flüssen und Bächen prangt
+als ein Garten Gottes. Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der
+Krypta der seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach
+Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben könnten über ihn. Sie sagten,
+ein Fremder, nach meiner Beschreibung der, den ich suchte, wäre im
+verwichenen Winter bei ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber höher
+hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er allda noch weilte,
+das könnte ich am füglichsten von einem Eremiten erfragen, der droben
+seit vielen Jahren wohnte und der Gegend am Besten kundig wäre, wie
+auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel riethen sie mir zu
+gehen, auch wollten sie mich durch einen ihrer Laienbrüder dahin
+geleiten lassen.
+
+Ich that also, verzog nicht und schritt an der Seite des Bruders, den
+sie mir mitgegeben hatten, hindann.
+
+Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen Kirche gegangen, sein Grab
+zu besuchen und Gott zu bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner
+beizustehen, daß sie ihr Ziel fände. Da sah ich auch die Krypta und
+oben die Kirche mit Bildern von hochberühmter Meister Händen herrlich
+geschmückt. Von ihrer Beschauung gerieth mein Gemüth in große
+Verwunderung: ich hatte nie zuvor gewähnet, daß Sichtbares mit also
+starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen könnte, und ich gedachte:
+Glückseliger Mann, der Solches sinnet und bildet! Wie muß er mit
+seinem Herzen alles Geschaffene umschließen, also daß keine
+Gottescreatur ihm fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich
+zugleich aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige
+Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren Schöpfer darf
+das Geschöpf nicht scheidend in die Mitte treten, sondern die
+irdischen Wesen sind gleich den Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen
+die Engel des Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er
+die Pforte des Himmels geöffnet, auch wenn er hienieden kein besser
+Lager hat, als das harte eines Steines. --
+
+Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in einer Höhle, wie sich
+dergleichen dorten im Gebirge häufig finden. Es war ein greiser Mann,
+ernsten und milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die
+Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus eigner Verirrung,
+sondern aus tiefer Betrachtung und aus lebendigem Mitleid mit fremden
+Schmerzen kennen und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich
+geschickt sind.
+
+Er grüßte mich freundlich und fragte nach meinem Begehr.
+
+Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich wäre, und fragte auch,
+ob er von meinem Vater wüßte und ob es ihm wohl gienge.
+
+Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich nachdenklich an und
+sprach also:
+
+»Ja, Herr, ich weiß von Eurem Vater, und wo er ist durch Gottes
+Gnade, geht's ihm auch wohl. -- Er kam in diese Einsamkeit in großer
+Herzensschwere, als einer, der des Lebens satt ist und doch vor
+schmerzlicher Erinnerung und großen Sorgen in Frieden nicht scheiden
+kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und die Sorge Euch, seinem
+Sohne. Euer Geschick, Herr, das er nicht hatte wenden können, sah er
+als eine Strafe an für seine Sünden und als ihren fortwirkenden Fluch.
+Er verklagte sich hart, daß er beide Mal übel an Euch gethan und nach
+fleischlicher Wahl, da er Euch in die Abtei zurückgedrängt und Euch
+Eure Geburt verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung begehrt
+hätte. Das wäre Alles Gott mißfällig gewesen und gern wollt' er
+zwiefältig dafür büßen; nur daß sein Sohn, des ersten Friedens
+beraubt, mit weltlichem Trachten und heißen Wünschen im Herzen hinter
+den Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren müßte: das wär'
+ihm eine allzu schwere Pein, die ihn nicht ruhen ließe. Darum hätt' er
+sich zum Schwersten entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem
+Anblick; denn einen großen jähen Schmerz überwände die Jugend
+leichter, als eine immer wieder verzögerte und getäuschte Hoffnung.
+
+So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die
+Aufrichtigkeit seiner Buße und die Größe seiner Liebe zu Euch machten
+ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein Berather. Ich
+sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der Kinder nicht
+für die Missethat der Eltern fordert; daß es Seinen Zorn nicht
+erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, gescheh' es auch
+irrender Weise; denn Elternliebe sei göttlichen Ursprungs. Vor Allem
+erweckt' ich ihm wieder den Muth zu hoffen für Euch, Herr! -- Denn wie
+das Spinnlein von einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes
+Gewebe zieht, also mag auch ein zerstoßenes und zerbrochenes Herz an
++einer+ wiederbelebten Hoffnung sich zurückfinden in Licht und Leben.
+
+Ich hieß ihn mir von Euch erzählen oft und viel, auf daß seine
+Gedanken an Euch, die ihn nie verließen, sich mit solchen verbänden,
+die ich aussprach. Allgemach gewöhnt' ich ihn daran, Euch im Kloster
+zu denken, ohne daß Ihr Euch plagtet mit heftigen Wünschen hinaus, und
+nicht in dumpfer, brütender Traurigkeit, sondern, ungestört durch des
+weltlichen Lebens Sorg' und Lust, die hohe Kunst übend und die edlen
+Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich bracht' ihn dahin, ein
+Vertrauen zu fassen, daß seine Gebete für Euer Glück und Heil, die er
+unablässig Gott darbrachte, erhört würden im Himmel. Und so stieg auch
+seine Seele über sich, über ihre Schuld und Fehle, Sorgen und eignen
+Werke in die Gelassenheit, die sich gänzlich in Gott ergibt und nichts
+Anderes weiß und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: das ist
+die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch nicht ruhig, er ward
+fröhlicher, wenn auch nicht froh, getrösteter, wenn auch nicht
+trostvoll.
+
+Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der Leib wird mürb. Ja,
+sein Siechthum dienet ihr dazu, daß sie ihre Augen desto heller
+aufthut, ihren himmlischen Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu
+erfassen, das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng es
+Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehört, daß er die Natur der Sonne an
+sich nimmt, deren Licht er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So
+man ihn in Finsterniß bringt, beweist er solche Tugend. Für des
+Menschen Seele ist Leiden und Todesnähe solche Finsterniß. Alsdann
+erblindet jeglicher Glast, darin sie sonst stolzirte, blendete und
+selbst geblendet war; aber was sie von göttlicher Natur in sich
+aufgenommen hat, das tritt herfür: heiligt, tröstet, überwindet. --
+Wenn er Euer gedachte, geschah's mit Wehmuth, aber ohne nagende
+Vorwürfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt hatte auszusprechen, weil
+er meinte, Gott fordere das Opfer gänzlicher Entsagung von ihm, hub
+zuletzt an zu gedenken: es möcht' ihm bescheert sein, Euch
+wiederzusehn.
+
+»O!« rief er, »wenn mein Sohn wiederum froh würde und zufriedenen
+Herzens, so wollt' ich den milden Christ bitten, daß ich noch genesen
+möchte und eine kleine Zeit leben. Dann zöge ich hin zur Lenzzeit, ihn
+noch einmal zu sehen -- nur einmal, ohne daß er darum wüßte. Ich
+harrte sein am Wege, wo mich Niemand ersähe, bis er käme, und wenn es
+Abend würde, müßt' es Mondenlicht sein, daß ich sein Angesicht schauen
+könnte, ob da keine Spur des frühen Kummers zurückgeblieben; oder ich
+lauschte unterm heil'gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme
+-- gewiß, ich hörte sie bald heraus -- oder käme leise heran und sähe
+ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen Träumen Gestalt und Leben gibt
+und seine Augen davon leuchten! Oder ach, ich fände ihn schlafend
+unterm heißen Mittag im Garten, daß ich ihm sanft das Haupt berühren
+und eine Blume auf's Herz legen könnte, und im Gebüsch verborgen, wenn
+er erwachte, säh' ich ihn froh erstaunen über die Gabe -- und
+lächeln!«
+
+Und er lächelte selber, seit wie lange zum ersten Male! und seltsam
+war dies Lächeln. Es spielte noch immer um seinen Mund, als er
+unbeweglich lag, geschlossenen Auges, und der Odem ihm leiser gieng.
+Und dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. »Nein, nein!« rief
+er, »'s ist nicht vom Dolch, den ich zückte -- Joconda, fliehe nicht!
+-- Es ist eine Rose -- Komm -- er ist glücklich -- unser Sohn!« --
+Alsdann breitete er seine Arme aus und ließ sie kraftlos zurücksinken,
+betete leise: »Gott -- Gott! -- seufzte und entschlief.«
+Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, nahm er mich an der
+Hand und führte mich an einen Hügel nahe bei seiner Siedelei.
+
+Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub ich meine Stimme auf und
+klagte und weinte über die Maßen sehr.
+
+
+
+
+Elftes Capitel.
+
+Einkehr.
+
+
+Was ich da empfunden hatte, daran dacht' ich zurück, als ich zum
+ersten Mal wieder die Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir von
+Kindheit her so vertraut waren. Jeden Bergzug, jedes Thal erkannt' ich
+wieder, obgleich die frühe Dämmerung stark hereinbrach und Nähe und
+Ferne in ihre Schatten hüllte. Dennoch wie fremd sah mich Alles an!
+
+Wenn ich so umherspähte, hie eine Stelle zu suchen mit meinen Augen,
+daran sich eine Erinnerung meiner Kindheit knüpfte, und ich fand sie,
+und dort wiederum eine: so war mir's nicht anders, als erschräk' ich
+über die Entdeckung und müßt' ich mir erst ein Herz fassen zu meiner
+Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie an mich zu gewöhnen.
+
+Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen, seit ich
+hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben zu versuchen: ich war in
+dieser Frist weit und fern geschweift, aber hier war kein Wald
+verhauen, kein Feld bereitet indeß, Alles noch wie weiland -- und
+doch, wie fremd, wie fremd!!
+
+War davon etwan der frische Schnee die Ursach, der heute über das
+wintermüde Land seine Decke gebreitet hatte, die noch eben jetzt von
+den niederschwebenden Flocken erhöht ward? Freilich war es heuer das
+erste Mal, daß ich die Erde in solchem weißen Kleide sah, und immer
+war mir diese ihre Verwandlung zu Herzen gedrungen: aber diese Höhen
+und diese Thäler, wie oft hatt' ich sie so gesehen! Was nun im Bilde
+der Erinnerung mir so gegenwärtig war, warum blickte das so fremd mich
+an in der Wirklichkeit?!
+
+Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? -- Süßer Name!
+-- Nahte ich mich nicht dem Ziele, deß ich seit Monden begehrte? -- Und
+doch, wo war das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust
+der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? Wo das frohe Erjauchzen
+der Seele, das laut wird, wenn die Wipfel der Bäume auftauchen sollen,
+unter deren Schatten er die ersten Träume seiner Kindheit träumte, und
+die Spitzen der Thürme seiner Heimath ihm winken: Willkommen!
+
+Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter das Dach der Abtei
+zu treten, ein seltsames Erbangen eben davor in meine Seele! War es
+mir nicht lieb, daß mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so
+stille, als wäre sie schlafen gegangen zugleich mit dem Gestirn des
+Tages, und auch mein Schritt durch den weichen Schnee so geräuschlos,
+als bliebe mein Kommen dadurch um so gewisser und länger unbemerkt!
+
+Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, ich selber!
+
+Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs in Frohsinn und
+ungestörtem Frieden, der dann erweckt ward zu neuem unbekanntem Genieß
+und Drang des Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, die
+sich fest um sein glühend Herze wanden, und zwischen dem, der jetzt
+durch die stille Dämmerung des Christmondabends schritt: welch' ein
+Unterschied! Wenn er sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm
+die Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, daß auch nun die
+Heimath ihm verwandelt schien!
+
+Ich strich mit der Hand über meine Stirn -- sie war noch glatt; über
+die Wangen -- sie waren rund und frisch; durch mein Haar -- es wehte
+noch lockig und dicht um meine Schläfe. In meinen Gliedern, ich fühlt'
+es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der ersten Jugend.
+
+Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht das alte mehr.
+
+»Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr so weich jedes
+zarte Keimlein einbettet, daß seinen linden Schlaf nichts störe; die
+ihr so geschäftig jetzt jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich
+heute wandle, daß ihrer keine auf diesem Wege zurückbleibt: vermöget
+Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher Stunde aus diesem Herzen zu
+vertilgen, die ihre Wonnen und ihre Wehen ihm allzutief eingedrückt
+haben, daß es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch werde in
+seiner Heimath?«
+
+Aber wollt' ich das wirklich? Konnt' ich auch nur wünschen, daß
+Erinnerung, dies ruhelose Kind von Schmerz und Freude, jemals
+eingewiegt würde durch das Wiegenlied der unermüdlichen Wärterin Zeit?
+War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe meines Vaters eins
+mit mir worden war, in die Stille der Stätte heimzukehren, der ich
+jetzt entgegenschritt?
+
+Und ich gedachte an jene bittre Stunde.
+
+Als ich damals den Verlust so treuer und starker Liebe beweinte, als
+ich klagte, daß auch diese freudespendende Sonne, die meinem Leben so
+unerwartet und verheißungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des
+Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu der Zeit, da ich
+mit so feurigem Sehnen in ihren Strahlen meinen gedrückten Muth zu
+laben gedachte: da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle
+Saiten meiner Seele riß, daß jegliche Thatenlust, mich in der großen
+Welt zu regen, in mir erstarb. Über mich kam das Gefühl grenzenloser
+Vereinsamung, alle Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein
+und Traum, all' ihre Lust ein Wahn, all' ihre Hoffnungen Lügen: als
+das einzig Wirkliche die überall lauernde Larve des Todes, und vom
+Thun der Menschen das Meiste vergeblich, eitel Alles!
+
+Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am Leben, noch die furchtsame
+Flucht vor seinen Übeln und Mühen, auch nicht das Verlangen nach
+solcher Ruhe, deren der Lebensmüde begehret, wodurch ich in jener
+Stunde mich zurückgetrieben fühlte in die Heimath. Nein, solche Ruhe
+sucht' ich nicht.
+
+Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre der Welt mir winken
+konnten, hatte in jener Stunde der Einkehr in mich selbst seinen
+Schein verloren. Die tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten
+ihn ausgethan.
+
+Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener Nacht des Grames
+aufgeleuchtet: hehr, herrlich und heilig! -- Ihm nachzutrachten, daran
+war alles Weh, das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern
+Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es für mich nicht noch ein ander
+Thun und Wirken als das, so mir nun verleidet war? Hatte mir Gott
+nicht die Kunst verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu
+bilden und so mich über die Erde zu erheben und des Lebens Noth und
+dennoch im Herzen die Freude an Gottes Werken zu bewahren?
+
+Da schauten mich die heiligen, stillen Gestalten, so ich unten in St.
+Franzisci Kirche gesehen, wieder grüßend an; sie sagten mir von einer
+Welt, von der die sichtbare um uns her mit ihren langen Ängsten und
+kurzen Freuden nur ein Gleichniß und eine Weissagung ist; von einer
+Welt, die nur in den Ahnungen und Hoffnungen der fühlenden und guten
+Menschen lebt, aber aus den Bildern der Meister, die Gott mit Kunst
+begabt hat, tröstend und ermuthigend zu uns herniederwinkt. In ihr
+wird kein Leid, das durch ein Menschenherz geht, vergessen, und keine
+Zähre in der Menschheit Angesicht wird verachtet, aber auch in jeder
+spiegelt sich ein Strahl himmlischen Trostes, und über alles Weh sieht
+man den Glast der ewigen Liebe gebreitet.
+
+Und siehe! wie mein Vater in seiner letzten Stunde mich gesehen
+hatte: nicht hinbrütend in träger Ruhe, sondern erglühend von hohen
+Träumen, denen in Bild und Ton Gestalt und Leben zu geben die Seele
+ringt, und in solchem Trachten, dem alle Creatur Gottes dient, in
+verborgner, bescheidner und stolzer Stille verharrend, unbedürftig der
+Welt und ihrer Güter: so sah ich mich nun selbst, so wünscht' ich mich
+zu sehen.
+
+Und ich war in die Knie gesunken und hatte Gott im Himmel gedankt, daß
+ich also einen Willen, ja eine heilig ernste Freude zu leben und zu
+wirken wieder gewonnen; ich hatte seine große Güte angefleht, Er
+möchte in so gethanem Fürsatz mich beständig verharren lassen und
+unwankend erhalten, daß ich in solchem Dienst all' mein Genügen fände;
+ich hatte Ihm gelobt, dazu in die Stille und Verborgenheit des
+Klosters zurückzugehn, wohin nun Sein Walten, wie das letzte Denken
+meines Vaters und das fromme Gelübde meiner Mutter mich wiesen.
+
+Mit solchem Sinn hatt' ich mich aufgemacht und war aus Welschland
+wiederum heimgezogen. Ich mied, Denen wieder zu begegnen, die mich
+kannten; denn ich wußte, Ihrer Viele würden mich von dem Ziele, das
+ich erwählt hatte, wiederum abzuwenden trachten, als wäre nur von der
+unmäßigen Traurigkeit mir dazu gerathen; und es war und blieb doch
+mein fester Wille.
+
+Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland angelangt war, mein
+Erbgut aus meinem Besitz entlassen und dabei allen Grundholden, so
+darauf saßen, eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und
+Lasten erwirkt, auch dafür gesorgt, daß ein Stift, das da nahebei
+gelegen war, für festbenannten jährlichen Schoß und Zins männiglich
+von meinen Leuten in Alter und Siechthum pflegen mußte und was
+preßhafte Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide, daß sie
+meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum beraubt werden sollten,
+und als ich von ihnen Urlaub nahm, wünschten mir Alle Gottes Geleit
+immerdar, und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen Thränen;
+die beiden Fahrenden aber nicht also, denn sie waren mit dem
+wiederkehrenden Lenz davongezogen und hatten lieber ihr Geding als ihr
+gewohntes Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr
+Ausgesetztes, daß sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten. --
+
+So zurückgewendet waren meine Gedanken, da ich zur winterlichen
+Abendzeit die Gefilde Maulbronns vor mir liegen sah.
+
+Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten und im bunten Gedräng
+an meiner Seele vorüberzogen, konnt' ich mich wundern, daß ich als so
+sehr ein Anderer heimkehrte, und daß ich deß jetzt beim Anblick der
+alten Stätten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte diesen
+Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen, auch ferner nicht. Sie
+Alle sollten mir helfen aussprechen, was das Menschenherz zumeist
+bewegt und was es über sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner
+Seele, bis sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verklärtes Leben
+wiedergewönnen in den Gebilden meiner Hand.
+
+Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und hohe Wonnen
+zurückrief und zugleich in das Nachgefühl so grausamer Enttäuschung?
+Schwebte nicht jetzt wieder ihr winkend Bild meiner Seele vor, schön
+wie der Mond und prangend in blühender Jugend, aber auch ernst und nur
+in Schwermuth lächelnd wie er! »O«, dacht' ich, »so traurigen Blickes
+sah ich sie nie, und nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als
+fühlte sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete mich
+auf meinen Wegen mit treuem Angedenken, da sie doch ihr eigen Glück
+erwählt und meiner längst vergessen hat.« Und ich wünscht' ihr alles
+Gottesheil und setzte mir vor im Geist, in's Künftige nie keinerlei
+Unmuth zu hegen darum, daß sie mich verstoßen hatte; denn ich fand,
+ohne solchen Willen hätt' ich keine Ruhe des Gemüths und Frieden zu
+erhoffen. -- Aber ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt.
+Es vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes Weh als das der
+Trauer und gerieth darüber mit ihm selber in Widerstreit.
+
+»Still«, sprach ich, »die Abgeschiedenheit wird Dich lehren, auch das
+zu überwinden, und alsdann wird auch diese Erinnerung Dich nicht mehr
+verwirren.« Aber es war, als spräche eine andere Stimme dazu: »Nein!
+das wird nicht geschehen.«
+
+Unter solchen Gedanken hatt' ich die Höhe erreicht, von der aus ich
+die Abtei vor mir liegen sah in der Abenddämmerung: es war derselbe
+Ort, von wo aus ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich
+zurück gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur Matutin
+riefen.
+
+War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt vernahm? Wie anders
+däuchte mich der, als ich ihn gewohnt war zu hören! -- Gewiß, es rief
+zur Vesper! Und ich faltete meine Hände, das _Ave_ zu beten. Doch nein!
+Das war nicht das Geläut, das täglich zur Abendzeit ertönt. Auch
+dieser Schall war mir nicht unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn
+deutlicher zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen ward.
+Davon kam eine große Herzensschwere über mich, und als ich vom
+klagenden Schall geleitet hinabschritt, bat ich die göttliche
+Erbarmung, doch heut und immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir
+allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges Ohr auch den
+Harfentönen aufzuthun, die um Seinen Thron die lichten Schaaren
+beständig erklingen lassen, von solchen Himmelsklängen hier im Dunkel
+nur ein Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten
+Wiederhall!
+
+Der Thorbogen unterm Thurm an der Brücke stund offen, und der Schnee
+dämpfte meine Schritte, also daß Niemand mich bemerkte, als ich
+hindurch schritt. Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des
+Pförtners Hündlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt und sprang
+mit kosender Freude an mir in die Höh', wie dieser Thiere Weise ist;
+aber mein Kommen verrieth es nicht.
+
+Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies geheißen, dann
+linkswärts in den überwölbten Gang und durch die Öffnung, welche in
+die Kreuzgänge führt, die hier den Friedhof umgeben. Zögernd schritt
+ich vorwärts, und die nun nahe über mir erdröhnenden Schläge der
+Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah ich, zwischen den Pfeilern
+stehend, den überschneiten Friedhof und dort drüben die Brüder, einen
+gedrängten Haufen.
+
+Es brauchte nicht des dumpfen Geräusches der hinabrollenden
+Erdschollen, das zwischen dem Rufen der Glocke an mein Ohr schlug, um
+mir kund zu thun, daß man da einen Leichgang gehalten, die Feier
+soeben beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte. Sie hatten Alle
+nur Acht auf ihr traurig Thun, und Ihrer Keiner hatte mein Nahen
+gewahrt. Auch barg mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten
+war, da trat ich hin und sah hinüber. Wie manches Mal hatt' ich als
+Kind schon diesen Anblick gehabt und da des Rechts genossen, das
+allein die Kinder mit den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des
+Todes nicht gestört zu werden in ihrer schuldlos spielenden Freude,
+weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen. Aber welch' herbes
+Weh durchzuckte mich heute!
+
+Nun verstummte das Geläute, und die Brüder erhuben nach Gewohnheit den
+Gesang:
+
+ »_Flens ego sum genitus, celebrantur funera fletu,
+ transacta innumeris vita fuit lacrimis,
+ O miserum mortale genus lacrimabile semper,
+ quod factum ex cinere est, solvitur in cinerem._«
+
+ (Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begräbt man die Todten,
+ Unter viel Thränenerguß schwindet das Leben dahin;
+ Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth immer!
+ Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.)
+
+
+Dann ward eine kleine Stille, und der Priester sprach: »Lasset uns
+beten: Herr, schenke ihr die ewige Ruhe!« Und die Brüder antworteten:
+»Und das ewige Licht leuchte ihr!«
+
+Darnach hub der Priester wiederum an: »Löse, HErr, die Seele Deiner
+Dienerin Irmela von allen Banden der Sünde, auf daß sie in der
+herrlichen Urstände unter Deinen Heiligen und Auserwählten wieder
+auflebe.« Und der Abt betete: »Leite auch, Herr, unsern Diether an
+Deiner Hand, und so er erfährt von diesem Begräbniß, so sei's ihm zum
+Heil und Segen!« Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich zu gehen,
+denn die Finsterniß war hereingebrochen.
+
+Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir und ich sank zur
+Erde.
+
+»Hilf Gott! Diether, armer Diether!« hört' ich rufen, als mir die
+Sinne wiederkehrten. Da winkte Herr Albrecht den Andern, daß sie von
+mir abließen, richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab.
+
+Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse, und er litt es
+ganz väterlich.
+
+Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet hatte, wollt' er nicht
+leiden, daß ich ihm berichtete von meiner Fahrt und wie es mir damit
+gerathen wäre, sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die wäre für
+mich bestimmt, sagt' er, sie zu lesen, -- tröstete mich mit lindem
+Wort und ließ mich allein.
+
+Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen geschrieben, dem die
+selige Maid ihre letzte Beichte gethan hatte mit dem Geheiß, so sie
+verschieden sein würde, solch' ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben,
+daß es mir, wenn es Gott so fügte, zu Handen käme: denn dort wollte
+sie begraben werden.
+
+»Er soll wissen«, hieß es darin, »daß meine Treue gegen ihn alle Zeit
+unwankend geblieben ist und ich keine größere Glückseligkeit wußte im
+Leben, als mit ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah
+bald, daß das nimmer geschehen würde, sondern daß allerdinge über ihn
+beschlossen war, in seine Losgebung nicht zu willigen, und daß, was
+man von meiner Herzensneigung zu ihm gespürt hatte, um so mehr zur
+Ursach' ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war's mir ein großes
+Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen zu wissen sein Leben
+lang, und ich willigte in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte
+dafür, daß Diether's Losgebung vom Bischof erwirkt würde. Ich wußte,
+daß ich mich damit von Glück und Freude schiede für immer; aber es war
+mir ein süßer Trost, mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch
+daß ich ihn nie wiedersehen dürfte, noch er je erfahren, durch wen er
+seine Losgebung erlangte, sondern im Wahn verbleiben, als hätt' ich
+ihn verstoßen und die Treue gebrochen, daß ich auch gegen den, der
+mich zum Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren
+mußte: dies nagte an meinem Leben allzusehr, und ist Ursach' worden,
+daß eine andere Hochzeit für mich vorhanden ist, als die, für welche
+man mich ausersehen hat. Ich danke Gott im Himmel dafür. Die reinste
+Wonne, so die Erde gibt, hab' ich erfahren; sie kann nur kurz sein.
+Ich bin zufrieden, abzuscheiden; nur um meinen Ohm ist's mir Leid. Die
+ewige Dreifaltigkeit mög' ihn trösten!«
+
+»Mein Gebein aber soll an der Stätte der Urstände harren, die
+Diether's Heimath war. Ihm möge Gott des Lebens Glück bescheren und
+hernach die ewige Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich
+hinderlich an einer Freude sein. -- Kommt er aber einst zurück nach
+Maulbronn, weil die Dörner rauher Wege, die er geführt ward, seine
+Füße zu hart verletzt haben, so schöpfe er aus diesem meinem letzten
+Gruß eine Linderung.«
+
+»Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter'm Schall der Nachtigall
+weiße Blüthen über mich schüttete, wünschtest Du mir, Diether, es
+möchte nie kein anderer Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend
+fallen, als dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch Dir
+der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt und Du über allzufrüh
+verwelkte Blumen trauerst, alsdann denke, daß nicht bloß auf jeden
+Lenz ein Herbst, sondern auch auf jeden Herbst ein Lenz folget. --
+Gott und Sein Heer lasse mich den gewinnen, der ewig blüht!«
+
+ (Allhier endet Diether's von ihm selbst erzählte Geschichte.)
+
+
+
+
+Beschluß.
+
+
+Diether schwieg eine Weile, als er mit Erzählen zu Ende war, und auch
+die beiden jungen Gesellen, die ihm zugehört hatten, wagten nicht, das
+Wort zu nehmen.
+
+»Das ist nun die Aventiure, die Ihr zu hören begehrtet«, sagte der
+Alte dann und stund auf vom Steinsitz unter der Halle, als wollt' er
+hineingehen der Pforte zu.
+
+Es war zum dritten Male in der Pfingstwoche, daß der Abend die Drei um
+den Steinbrunnen versammelt hatte am Kreuzgang, der im Viereck den
+Friedhof der Abtei umgibt, und für den Erzähler wie für seine
+zuhörenden Schüler blieb die abendliche Stille ungestört; denn nur
+sanft rieselte das Wasser und nur leise rauschten zuweilen die
+Blüthengebüsche über den Grüften.
+
+Heut hatten sie länger draußen verzogen denn sonst, und als Diether
+sich anschickte, zu gehen, sah er schon den Silberglanz des
+Mondenlichts auf dem Dach der Kirche flimmern und in den Garten
+herabgleiten, wo er die Wipfel eines dichtbelaubten Flieders mit
+sonderlicher Helle bestrahlte.
+
+Der Alte blieb stehen und richtete dahin seinen Blick.
+
+»Wie heint die Blüthen leuchten!« sprach er vor sich und schritt durch
+das Gras langsam der Stelle zu.
+
+Nun stund er dicht am überhangenden Gezweig, der würdige Meister, ihm
+zur Seite gesellt die Jünglinge.
+
+Da zog eine Wolke wie ein goldumsäumter Schleier über des Mondes
+leuchtend Angesicht, und ein behendes Dunkel flog von ihr her über das
+Dach der Kirche und beschattete Garten und Kreuzgang.
+
+»Sie ist sogleich vorüber!« sagte Diether und blickte hinauf.
+
+Als der Glanz wiederkehrte, sahen die Drei zu ihren Füßen einen
+Grabstein, von weißen Blüthen ganz überdeckt.
+
+Der Alte bückte sich bedächtig und strich sie leise mit der Hand zur
+Seite. Da ward, eingegraben auf dem moosigen Steine, eine Lilie
+sichtbar und eine Inschrift. Die Augen der Jünglinge hatten sie bald
+entziffert.
+
+»_Irmela virgo_«, lasen sie.
+
+Der Alte sprach's nicht nach; doch wandte er seinen Blick nicht weg
+von den halbverwischten Zeichen.
+
+»Laßt uns gehen«, sagte er dann. »Der Thau fällt kühl und die Nacht
+ist bald herum.« --
+
+Den Grabstein aber und seine Inschrift findest Du in Maulbronn noch
+heutigen Tages. --
+
+ * * * * *
+
+Gebauer-Schwetschke'sche Buchdruckerei, Halle a. S.
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen
+in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ S. 61: Urthel --> Urtheil
+
+ S. 65: vorauf --> voraus
+
+ S. 108: den Krug, (Komma ergänzt)
+
+ S. 124: zwischem --> zwischen
+
+ S. 139: »Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit
+ den Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat ...
+ --> mit dem Kainsmal
+
+ S. 171: ihr folgten Dienerinnnen --> ihr folgten Dienerinnen
+
+ S. 193: (denn sie waren mir rucklings gebunden) --> rücklings
+
+ S. 228: verschwad --> verschwand
+
+ S. 231: Komma nach 'guter Baum' ergänzt
+
+ S. 231: Komma nach 'sommerlichen' entfernt
+
+ S. 233: wollte sein brauchen (Nach 'sein' fehlt Wort)
+
+ S. 236: Als ich diese Worte hörte, überkam ich eine Freude,
+ --> überkam mich eine Freude
+
+ S. 270: geschickt. es vermochte nicht --> geschickt. Es vermochte
+ nicht
+
+ S. 272: solvitur in cinerem.« Anführungszeichen ergänzt.
+
+Das Wort Herr wird im Originaltext einheitlich HErr geschrieben (wenn
+es sich auf Gott bezieht).
+
+Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö und Ü ersetzt.
+
+
+Formatierung:
+
+Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.
+Text in Antiqua (nicht in Fraktur)
+wurde mit Unterstrich _ gekennzeichnet: _Text_
+Gesperrt gedruckter Text wurde mit + gekennzeichnet: +Text+
+
+Überschriften sind im Original hervorgehoben. Diese Hervorhebungen
+wurden in der Transkription nicht berücksichtigt.
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA ***
+
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+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Irmela
+ Eine Geschichte aus alter Zeit
+
+Author: Heinrich Steinhausen
+
+Release Date: January 21, 2008 [EBook #24390]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA ***
+
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+Produced by Inka Weide, Evelyn Kawrykow, Markus Brenner
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+<div class="titlepage">
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h1>IRMELA</h1>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2>Eine<br/>
+Geschichte aus alter Zeit</h2>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<h3>von</h3>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<h2><b>Heinrich Steinhausen.</b></h2>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<h2><b>Achtzehnte Auflage.</b></h2>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<h2>Titelbild<br/>
+von W. Steinhausen.</h2>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<h3><b>Leipzig 1899.</b></h3>
+
+<h2>Verlag von E. Ungleich.</h2>
+
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette.png" width = "100%" alt = "" />
+</p>
+
+<!-- Actual Page 1 in book -->
+<!-- <p class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">1</a> -->
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h1><a name="Eingang" id="Eingang"></a>Eingang.</h1>
+
+<p class = "illustration"><img src ="images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p> <p class = "pictop floatleft"> <img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">D</span>ie heitre Sonne des Pfingstsonntages im Jahre
+des HErrn 13.. sank hinter die rebenbepflanzten Berge, welche von Westen her das
+liebliche Thal einschlie&szlig;en, in dem die stattlichen Geb&auml;ude
+der wohlbekannten Cisterzienser-Abtei Maulbronn sich erheben. Eben war
+der Vespergottesdienst mit dem Magnificat beschlossen, das heute nicht
+nur von den Br&uuml;dern im Chor, sondern auch von dem zahlreich
+versammelten Volke im vorderen Theile der Kirche gesungen worden war.
+Nur Bruder Diether lie&szlig; das &Ouml;rglein noch nicht schweigen, vor
+dem er sa&szlig;, und dr&uuml;ckte die breiten Tasten durch
+kr&auml;ftige Schl&auml;ge nieder, da&szlig; sich langhallende T&ouml;ne
+h&ouml;ren lie&szlig;en, w&auml;hrend das Gotteshaus sich leerte.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wie, schon All&rsquo; hinaus?&laquo; sagte er, als er, nach kurzer
+Weile sich umwendend, den ganzen Raum unten verlassen fand.
+&raquo;Sie haben halt Eil&rsquo; heut,&laquo; setzte er hinzu, &raquo;das Volk will
+des milden Maien genie&szlig;en unter der Linde, und die
+Confratres sind dem Refectorio am Pfingstabend auch nicht
+feind. So wollen wir denn
+<!-- Page 2 --><span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2">2</a></span>
+des T&ouml;nens genug sein lassen, uns
+mit dem Paternoster segnen und von hinnen gehn!&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend er bed&auml;chtig die Treppe herniederstieg, welche vom
+Orgelchor in&rsquo;s Schiff f&uuml;hrte, schritten die M&ouml;nche bereits
+nach Gefallen einzeln oder zu mehreren gesellt dem
+Klostergarten zu oder wohin sonst einem Jeden sein Sinn
+stand; denn nach Gewohnheit ward St. Bernhards Regel heut
+nicht eben &auml;ngstlich befolgt und Abt Rothad war zu keiner
+Zeit der Mann, von dem ein straffes Anziehen derselben zu
+besorgen war. So war es denn auch bald im Kreuzgang einsam,
+der sich an die Kirche gegen Mitternacht anschlie&szlig;t und im
+Viereck einen Friedhof umgibt, der doch schon damals mehr
+einem mit B&auml;umen und Gestr&auml;uch wohlbepflanzten G&auml;rtlein
+glich.</p>
+
+
+<p>Als Diether aus der n&ouml;rdlichen niederen Kirchenpforte in
+die kunstreich gew&ouml;lbten G&auml;nge trat, d&auml;uchte ihn die
+abendliche Stille, die ihn so mailich und freundlich
+anwehte, keineswegs unwillkommen, sondern wie er langsam
+daherschritt und immer wieder zwischen den Pfeilern still
+stehend zum blauklaren Himmel emporblickte und vor sich auf
+die Pracht der Bl&uuml;then im frischen Gr&uuml;n, da war&rsquo;s, als
+leuchtete die Lenzwonne auch aus seinen dunklen Augen, so
+froh schauten sie darein, und als f&uuml;hlte seine Brust mit der
+Jugend des Jahres auch die Jugend des Herzens wieder, so
+freudig und kr&auml;ftig hob sie sich. Dicht neben ihm aus dem
+Geb&uuml;sch erscholl die Stimme einer Nachtigall. Er blieb
+stehen und lauschte. Ihm schien&rsquo;s, als w&auml;re das die Seele
+dieses Maiabends, die wollte all&rsquo; ihre reine und himmlische
+Freude ihm mit zu empfinden geben. Sie schwieg. Aber als
+nach kurzer Weile ihre T&ouml;ne wieder
+<!-- Page 3 --><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">3</a></span>
+erklangen, lang gezogen und klagend, da tauchten sie auch seine Seele
+in sanfte Schwermuth und seine Gedanken wurden wie mit freundlichem
+Zwange r&uuml;ckw&auml;rts gezogen; und wie um ihn her die
+D&auml;mmerung ihre ersten Schatten breitete, versank auch vor seinem
+inneren Auge die Gegenwart allgemach und Bl&uuml;thenduft und
+Abendstille trieben ihn der Erinnerung l&auml;ngst vergangener Tage
+zu. So st&ouml;&szlig;t ein Kahn sanft vom beschatteten Ufer ab und
+gleitet auf kaum bewegter Fluth dem Eilande zu, das dem Schiffer
+sonnig entgegenwinkt!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Leise hatte er sich niedergelassen auf die steinerne
+Br&uuml;stung. Ein Hauch der Abendluft rauschte durch den Garten
+und wehte wie kleine Sterne wei&szlig;e Bl&uuml;then des Flieders ihm
+auf Haupt und Gewand. Er blickte auf, als wollt&rsquo; er Jemand
+suchen, und &raquo;Irmela&laquo; klang es wie im Traume von seinen
+Lippen. Der Name hallte wieder von den Pfeilern dr&uuml;ben. Er
+horchte auf wie freudig erschrocken; aber gleich darauf,
+sich besinnend, sah er l&auml;chelnd auf seinen Bl&uuml;thenschmuck
+und verharrte schweigend, in sich versunken.&nbsp;&#8211;</p>
+
+
+<p>Da weckten ihn ger&auml;uschvolle Schritte; sie kamen von der
+vorderen Th&uuml;r, die in die westliche Seite des Kreuzganges
+f&uuml;hrt. Er wandte sich um und sah zwei junge Gesellen munter
+herbeieilen. Sie gr&uuml;&szlig;ten ihn fr&ouml;hlich und auch er hie&szlig; sie
+von Herzensgrund willkommen; war er doch den Beiden von
+ganzer Seele zugethan, wie das Alter an der wohlgezogenen
+Jugend seine Lust hat und wie der Lehrer seine Sch&uuml;ler
+liebt, an denen seine Arbeit nicht umsonst ist. &raquo;Vater,
+Meister!&laquo; rief der Eine, &raquo;Z&uuml;rnet uns nicht, da&szlig; wir heute so
+sp&auml;t erst nach Euch Nachfrage thun. Mu&szlig;ten wir doch
+<!-- Page 4 --><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">4</a></span>
+gew&auml;rtig sein, h&auml;tten es auch wohl verdienet, Euer heut gar
+nicht mehr ansichtig zu werden. Aber der wonnigliche Lenztag lockte
+uns in&rsquo;s Freie und so streiften wir durch Wald und Feld, bis der Abend
+hereinbrach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollten doch auch des Fiedlers Heiner neue Weisen mit
+anh&ouml;ren, der sich in Hohenklingen auf dem Wiesenplan
+vernehmen lie&szlig;, fiel der Andere ein, &raquo;aber als er zum Tanz
+aufspielte den D&ouml;rflern, da war es hier Rupert nicht, der
+nicht mit mir von dannen wollte und wieder Rupert nicht, der
+hernach mit des Klosterbauern flachsz&ouml;pfiger Jutta
+daherschwenkte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Scherze nur!&laquo; unterbrach ihn der Gemeinte. &raquo;Es brauchte
+wenig &Uuml;berredungskunst, um Dir das Verweilen lieb zu
+machen. O, Meister! haltet solches Geschw&auml;tz unserer
+Thorheit zu gut. Wir h&auml;tten zeitiger bei Euch einsprechen
+sollen. Ihr waret einsam!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Ihr junges Volk Euch doch so gern f&uuml;r unentbehrlich
+haltet uns Alten!&laquo; versetzte Diether mit freundlichem Ernst.
+&raquo;W&uuml;&szlig;tet Ihr, welch&rsquo; treffliche Gesellschaft ich gehabt habe,
+da Ihr kamt, so h&auml;ttet Ihr sicher mich darum geneidet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer war denn bei Euch?&laquo; fragten die Beiden. &raquo;Wir sahen
+Niemanden!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Fraue und gar holde&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erinnerung! &#8211; Sie hat mich sanft bei der Hand genommen und
+gern bin ich ihr gefolgt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wei&szlig; ich auch, Vater&laquo;, sprach Waltram, Ruperts Geselle,
+&raquo;was Euch so bewegt, da&szlig; Stimme, Auge und Geb&auml;rde davon
+zeugen. Das kommt von den Gedanken, die inwendig in Euch
+Erinnerung lebendig gemacht
+<!-- Page 5 --><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">5</a></span>
+hat. M&ouml;cht&rsquo; es Euch doch
+gefallen, auch uns davon zu erz&auml;hlen. Der Abend ist warm und
+still der Ort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, ich will&rsquo;s thun!&laquo; erwiederte Diether willfahrend.
+&raquo;Und wie Ihr just mich also angetroffen habt, so soll zu
+Euch mein Mund sich aufthun von dem, was Erinnerung mir
+gewiesen und wovon ich bis diesen Tag geschwiegen. Kommt!
+und la&szlig;t uns niedersitzen, wo dort die Halle sich um den
+Steinbrunnen w&ouml;lbt. &#8211; Aber ob ich&rsquo;s wohl werde so
+kurzweilig machen, wie Heiner seine Aventiuren?&laquo; fragte er
+scherzend zu Rupert gewandt, als sie sich setzten.</p>
+
+<p>&raquo;Ist&rsquo;s eine Aventiure?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So m&ouml;gt Ihr sie wohl hei&szlig;en!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann gebt ihr einen Namen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Irmela!&laquo; sagte Diether nach kurzem Bedenken, &raquo;das soll ihr
+Name sein.&laquo;</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/007_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">6</a></span></p>
+<h2><a name="Diethers_Geschichte" id="Diethers_Geschichte"></a><em class=
+"gesperrt">Diethers Geschichte,</em></h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>von ihm selbst erz&auml;hlt.</h3>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/008_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 9 --><p class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">9</a></p>
+<h2><a name="Erstes_Capitel" id="Erstes_Capitel"></a>Erstes Capitel.</h2>
+
+<h1>Meister Ulrich.</h1>
+
+<p class = "illustration"><img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">D</span>as war vor Zeiten, da noch Abt Albrecht
+den Abtstab f&uuml;hrte,
+ein viel ander Wesen allhier im Kloster, als heutzutage. Er
+war ein gar gestrenger Herr und manchem Novizen vergieng das
+Verlangen nach St. Bernhards wei&szlig;er Kutte, weil ihm des
+Heiligen Regel ein allzuschweres Joch f&uuml;r die Schultern
+d&auml;uchte, und manch&rsquo; Anderen, der gern geblieben w&auml;re, trieb
+der Abt selber hinweg. &raquo;Denn&laquo;, so pflegt&rsquo; er zu sagen:
+&raquo;Unm&uuml;&szlig;igkeit mu&szlig; auch in der Mu&szlig;e suchen, wer
+in&rsquo;s Kloster taugen will.&laquo; Und so mu&szlig;t&rsquo; es denn zu
+seinen Zeiten hergehen, wie im Bienenkorb, wo Jedes emsig am Werke
+schafft, das ihm angewiesen ist, von fr&uuml;h bis sp&auml;t, nur da&szlig;
+unseres Volkes Meister seine Bienen gar selten ausfliegen
+lie&szlig; und wenig darnach fragte, ob sie fr&ouml;hlich summten bei
+der Arbeit oder nicht. F&uuml;r Jeden fand er was zu thun und
+wu&szlig;t&rsquo; ihn an seinen Ort zu stellen, und dem Zaudern oder
+Widersprechen war Niemand feinder als er. Und weil er
+allezeit etwas betrieb, was ihm selbst am Herzen lag, so
+gab&rsquo;s auch immer Arbeit genug f&uuml;r Alle.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Dazumal ward des Klosters Geb&auml;u mit Kirche
+<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">10</a></span>
+und allem so stattlich hergestellt, wie man sich heut dessen erfreut.
+Aber ohne viel Seufzen gieng&rsquo;s bei Denen nicht ab, die sich des
+Bauwesens anzunehmen hatten. Und der Abt nahm Keinen aus, so oder so
+mu&szlig;te Jeglicher mitschaffen. <em class="antiqua">Impendere curam, impendere
+substantiam, impendere et se ipsum.</em> Diesen Spruch unseres
+Ordensheiligen legte er oft seinen M&ouml;nchen vor, wenn er sie im
+Capitelsaal um sich versammelt hatte, und sorgte weislich daf&uuml;r,
+da&szlig; sie durch &Uuml;bung solches Spruches Verstand um so besser
+inne w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Wie er dann die Tr&auml;gen, L&auml;ssigen und die seinem
+scharfen Regiment abhold waren, bald herausgefunden
+hatte, so verhehlten auch diese unter einander ihren
+Groll nicht und hie&szlig;en ihn, wenn sie von ihm sprachen,
+nur immer: Monoceros. Ich fragte, was solches
+Namens Meinung w&auml;re. Da erfuhr ich: Monoceros
+sei ein b&ouml;s Thier, gar ungeschlacht, habe ob dem Haupte
+ein gro&szlig;es Horn, gewaltiglich damit um sich zu sto&szlig;en.
+Ob dieser Auskunft entsetzt&rsquo; ich mich schier und sah Abt
+Albrecht darauf hin recht bedenklich und b&auml;nglich an.
+Doch konnt&rsquo; ich mich von ihm keines B&ouml;sen gew&auml;rtigen.
+Denn, wiewohl ich zu der Zeit noch gar jung war,
+dazu ungeschickt und muthwillig nach Knabenart, so war
+doch der gef&uuml;rchtete Abt voll G&uuml;tigkeit gegen mich,
+und sein Angesicht, wenn&rsquo;s noch so strenge sah, schaute
+sogleich freundlich drein, wenn ich daher kam, mich
+ehrbarlich neigte und ihn gr&uuml;&szlig;te: <em class="antiqua">Salve, domine!</em>
+Ja, er trug eine sonderliche Lieb zu mir und die that mir
+gar wohl; denn ich war da fast ein schm&auml;chtig und
+schw&auml;chlich B&uuml;rschlein, stak noch halb in den Kinderschuhen,
+und des Lernens, dazu Bruder Berthold mich
+anhielt, den der Abt mir zum Magister bestellt hatte,
+<!-- Page 11 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">11</a></span>
+d&auml;uchte mich oft zu viel. Schon bei den ersten Schritten
+auf der Bahn des Triviums vermeint&rsquo; ich, es gienge
+nimmer weiter mit mir und ich k&ouml;nnte &uuml;ber all&rsquo; die
+Bl&ouml;cke und Steine, so die Grammatik mir in den Weg
+warf, gar nimmer hinwegklimmen. Dennoch verfuhr
+der Abt nach Lindigkeit mit mir, auch wenn Magister
+Berthold &uuml;ber seinen uneifrigen Scholaren sich hart
+beklagte; ja, der sonst Monoceros war, beg&uuml;tigte den
+unzufriedenen Lehrer von meinetwegen.</p>
+
+<p>&raquo;Geduldet Euch nur, Berthold&laquo;, sagt&rsquo; er wohl, &raquo;und zwinget
+Dietherum nicht allzu hart! Aus dem Schwarzaug schaut kein
+bl&ouml;der Geist; er wird wohl noch durch gelehrte Kunst unsers
+Klosters Zierde, wenn ihm erst die Fl&uuml;gel gewachsen sind.
+Noch ist er ja gar zart und mu&szlig; sich erst festigen.&laquo;</p>
+
+<p>Wie nun aber etliche Jahre herumgegangen waren, da hatte das
+Dietherlein sich wohl gefestigt und war kr&auml;ftig in die H&ouml;h&rsquo;
+gewachsen, aber von den Fl&uuml;geln, die sein Geist ansetzen
+sollte, sich in die gelehrte Kunst zu schwingen, war leider
+noch gar wenig zu sp&uuml;ren. Dennoch blieb mir unser gestrenger
+Abt noch immer zugethan. Und das gieng so zu.</p>
+
+<p>Er hatte eine sonderliche Lust an allerlei Werk
+und Kunst, und wie er vormals in Welschland gewesen
+war und sein Auge wohl gew&ouml;hnt war zu erkennen,
+was Tugend hatte und Wissenschaft, so trachtete er
+auch eifrig danach, sein Kloster zu schm&uuml;cken. Nun hatte
+er damals Meister Ulrich von Prag herbeigerufen, der
+war in der Malkunst trefflich geschickt. Welche Freude
+hat an ihm der Abt gehabt; wie hat er ihn aber
+auch angespannt und angetrieben, zu schildern und zu
+schaffen in der Kirch&rsquo; und im Capitelsaal und an andern
+<!-- Page 12 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">12</a></span>
+Orten, wie Ihr das Alles nun fertig sehet. Ihm w&auml;r&rsquo;
+es schier am liebsten gewesen, Meister Ulrich w&auml;re gar
+nimmer von seinem Ger&uuml;ste herabgekommen oder h&auml;tte
+zehn H&auml;nde gehabt, und in jeder einen Pinsel.</p>
+
+<p>Was aber Meister Ulrich mit meinem ausbleibenden gelehrten
+Eifer zu thun hatte, das war dieses. Seitdem er bei uns
+schuf und bildete, trachtete ich nur danach, um ihn zu sein
+und ihm zuzuschauen, wenn er am Werk war. Da verbracht&rsquo; ich
+denn, wo er an Wand und Decke zu malen hatte und dr&uuml;ben im
+Abthaus, wo ihm ein helles St&uuml;blein zur Werkstatt
+hergerichtet war, am liebsten meine Zeit. Mit Bewunderung
+sah ich ihm zu, wie unter seiner kunstreichen Hand Christus
+und Unsre Frau und Engel und Heilige, ja Gott Vater selbst
+sichtbar wurden, wo zuvor eine wei&szlig;e Wand oder ein leeres
+Blatt gewesen war. Ich hatte immer meine Augen an Gestalt
+und Farbe geweidet und Blumen und Bl&auml;ttlein, auch den
+Wiesengrund, Baum und Berg flei&szlig;ig betrachtet, nicht minder
+den Zug der Wolken, den Glanz des Himmels. Nun dacht&rsquo; ich
+oft: k&ouml;nntest du doch auch so nachbilden, was ringsum ist;
+und oft betete ich zu St. Niclas, meinem Schutzheiligen, er
+m&ouml;chte f&uuml;r mich auch solche Kunst erbitten, wie Meister
+Ulrich sie verstund. Der hatte mir auch bald abgemerkt,
+wonach mich&rsquo;s verlangte, und so sagt&rsquo; er einst: &raquo;Diether,
+hast Du wohl auch Lust zu solcher Kunst, sie zu erlernen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gar gerne, Meister!&laquo; antwortete ich. &raquo;Wenn Ihr mich
+unterweisen wolltet, und durch St. Niclasens Hilfe!&laquo;</p>
+
+<p>Da sagt&rsquo; er: &raquo;St. Niclas nicht, sondern St.
+Lucas Evangelista ist dieser Kunst Patron. Der mag
+Dir wohl g&uuml;nstig werden, wenn Du fromm bist. Aber
+unterweisen will ich Dich gern nach allem Verm&ouml;gen.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 13 --><span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">
+13</a></span>Und von Stund an durft&rsquo; ich dann bei ihm nicht
+mehr m&uuml;&szlig;ig sein, sondern mit Stift und Kohle wies
+er mich an gar sorgf&auml;ltig. Das geschah heimlich, wenn
+Niemand bei uns war, weil wir f&uuml;rchteten, der Abt
+m&ouml;cht&rsquo;s nicht gerne wollen leiden.</p>
+
+<p>Aber je heimlicher, je lieber!</p>
+
+<p>Manche Stunde, die ich sonst drau&szlig;en vertummelt hatte, die
+versa&szlig; ich jetzt bei Meister Ulrich, auch manche, die mich
+h&auml;tte &uuml;ber den B&uuml;chern Magister Berthold&rsquo;s finden sollen.
+Der fand denn um so h&auml;ufiger Ursach&rsquo;, mich zu tadeln.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast einen raschen Kopf&laquo;, sagt&rsquo; er zu mir,
+&raquo;dringest geschwind ein in den Verstand der Sachen; aber Du bleibst
+nicht im rechten Geleis, bist nicht bedachtsam und ich bring&rsquo; Dich
+nimmer durch&rsquo;s Quadrivium. Diether, Du setzest nicht Deinen ganzen
+Eifer in die hohe Wissenschaft! Ich glaube, Pragensis mit seinen
+Schildereien hat Dir&rsquo;s angethan.&laquo; Ich schwieg und trieb
+mein&rsquo; Sach&rsquo; nur um so mehr verhohlen; aber sie blieb&rsquo;s
+nicht lange so.</p>
+
+<p>Denn einmal, als Ulrich dort in der Gei&szlig;elkammer die
+Geschichte vom reichen Mann malte, wie er in der Flamme Pein
+leidet, und Lazarum droben in Abraham&rsquo;s Schoo&szlig;, da war ich
+auch bei ihm, und weil&rsquo;s just die Zeit am Tage war, in der
+nach der Cisterzienserregel die Br&uuml;der in ihren Zellen der
+Betrachtung obliegen, so waren wir im Geringsten nicht einer
+St&ouml;rung gew&auml;rtig. Meister Ulrich hatte mich hei&szlig;en einen
+leinenen Kittel &uuml;berthun, wie er selbst trug, wenn er mit
+Farben umgieng; und da ich so in dieser Tracht vor ihm
+stund, hat er lachend zu mir gesagt: &raquo;Nun tr&auml;gst Du den Rock
+wie Unsereiner und ich hab&rsquo; Dich f&uuml;r unsern Heerbann
+angeworben; aber dem
+<!-- Page 14 --><span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">
+14</a></span>Kriegsmann frommt die R&uuml;stung allein
+nicht, er mu&szlig; auch bewehrt sein. So geb&rsquo; ich denn Dir auch
+unsrer Mannen Speer und Spie&szlig; und verhoffe, Deine Hand wird
+solchen allezeit mit Weisheit und Verstand Gott und Seinen
+Heiligen zum Ruhme, unserer Zunft zu Ehren, den Guten zur
+Herzfreude f&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>Damit fuhr er mir dreimal mit einem gar langen Pinsel &uuml;ber
+R&uuml;cken und Haupt und h&auml;ndigte mir dann solches Gewaffen aus.
+Darauf sollt&rsquo; ich, wie er sagte, sogleich mit ihm die erste
+Ausfahrt thun, d. i., ich mu&szlig;te zu ihm auf sein Ger&uuml;st
+hinauf, allda ihm am Bilde zu helfen. Aber weil er just
+dabei war, der H&ouml;lle Flammen herzustellen, darin die armen
+Seelen brennen, so hie&szlig; er mich rechts hintreten, wo h&ouml;her
+oben die Seligen schweben.</p>
+
+<p>&raquo;Es m&ouml;cht&rsquo;&laquo;, sagt&rsquo; er dabei, &raquo;eine
+b&ouml;se Vorbedeutung geben, wenn Du mit der preislichen Kunst an so
+unseligem Ort anh&uuml;best. An die schimmernden W&ouml;lklein droben
+sollst Du Dich machen, aus denen die Engel herf&uuml;rlugen.&laquo;</p>
+
+<p>Mir klopfte schier das Herz vor Freuden, als dr&auml;ng&rsquo; ich
+selber in den wahrhaftigen Himmel, wie ich die Leiter noch
+h&ouml;her hinanstieg, um nach seiner Anweisung am gemalten
+mitzuhelfen. Ich war bald mit gro&szlig;em Eifer in mein Thun
+vertieft, als pl&ouml;tzlich die Th&uuml;r in den Angeln knarrte und
+laute Schritte die steinernen Stufen herniederkamen. Ich
+erschrak; denn zwischen den Brettern hindurch, auf denen
+meine Leiter stund, sah ich Abt Albrecht&rsquo;s hohe Gestalt und
+Magister Berthold hinter ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Gebt Acht&laquo;, h&ouml;rt&rsquo; ich diesen sagen, &raquo;hier ist
+er und sonst nirgends.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wartet nur&laquo;, rief der Abt zorneifrig, &raquo;wartet
+<!-- Page 15 --><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">
+15</a></span>
+nur; ich will ihn wohl zu Euern B&uuml;chern treiben; will er denn
+keine Gelahrtheit lernen, so soll er doch lernen flei&szlig;ig sein!
+He Diether, bist hier? Albertus Abbas hat mit Dir zu sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>Was half&rsquo;s! Ich konnt&rsquo; ihm doch nicht entgehen. Zudem, wenn
+er so scharf sprach, war es gef&auml;hrlich, ihm ungef&uuml;gig zu
+sein. So rief ich denn: &raquo;Ja, Ew. Gnaden!&laquo; aus meinem Himmel,
+aber meine Stimme klang gar nicht wie eines Seligen.</p>
+
+<p>&raquo;Um aller Heiligen willen!&laquo; sprach der Abt. &raquo;Was schafft der
+da droben. Sogleich komm hernieder und hurtig!&laquo;</p>
+
+<p>Aber ich konnt&rsquo; nicht behender; denn mir wankten die Kniee,
+als ich auf den Sprossen der Leiter ihm n&auml;her kam. So trat
+ich denn vor ihn im leinenen &Uuml;berkleid mit vielerlei bunten
+Farben geziert wie eines Stieglitzen, den Pinsel hinter mich
+haltend, und, wie ich meine, mit gar erb&auml;rmlicher Miene.</p>
+
+<p>&raquo;O der Possen&laquo;, begann er zu schelten, &raquo;in meinem
+Kloster; o des M&uuml;&szlig;igganges, der solche verschuldet!
+<em class="antiqua">Otiositas
+mater nugarum, noverca virtutum!</em> Mi&szlig;rathener Diether, jetzt sollst Du
+unsre Strenge f&uuml;hlen, denn unsre G&uuml;te hast Du mit solcher
+Verkehrtheit gelohnt! Du vers&auml;umest das Deine und bist eine
+St&ouml;rung und Hinderung f&uuml;r Meister Ulrich obendrein. Fortan wirst
+Du besser in Zucht genommen werden und Meister Ulrich wird Dein ledig
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>Wie ich das vernahm, da entfiel mir mein Herz; ich konnte
+nichts erwiedern; mir war&rsquo;s, als w&uuml;rd&rsquo; ich aus dem Paradies
+verwiesen. Da aber ist Ulrich, mein lieber Meister, mein
+Engel worden, nicht der mit dem hauenden Schwerte, den
+Eingang zu wehren, sondern
+<!-- Page 16 --><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">16</a></span>
+wie einer, der die Fl&uuml;gel um uns
+breitet, zu schirmen und zu erretten. Denn er trat herf&uuml;r,
+wagt&rsquo; es und sprach:</p>
+
+<p>&raquo;Wollet verzeihen, Ew. Gnaden, aber der Diether hier ist mir
+nie keine Hinderung oder St&ouml;rung gewesen noch hat er hier
+M&uuml;&szlig;iggangs gepflogen oder Possenspiels. In dem Anzug, der
+Euch so befremdet, steht er wohl mit Fug hier; denn wer beim
+Malen ist, sollte dem solch Kleid nicht ziemen? L&auml;&szlig;t es
+gleich bunt und scheckig, so bezeugt&rsquo;s damit die Arbeit, so
+drin gethan wird. Und glaubt mir, Euch und dem Kloster macht
+die Kunst keine Schand&rsquo;, die in Diether ist. &#8211; Seht hier!&laquo;</p>
+
+<p>Damit zeigte er dem Abt etliche Zeichnungen von mir, die
+bei der Hand waren. Der nahm sie mit gro&szlig;em Erstaunen und
+seine Augen gl&auml;nzten, wie er die Bl&auml;tter pr&uuml;fte.</p>
+
+<p>&raquo;Das hat Diether gemacht; das hat Diether gemacht?&laquo; fragt&rsquo;
+er immer wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo; sagte Ulrich, &raquo;all&rsquo; das hat Diether gemacht und, ich
+sag&rsquo; Euch, er wird noch ganz Anderes machen Euch zum
+Erstaunen, wenn Ihr ihn bei mir la&szlig;t, da&szlig; er mein Sch&uuml;ler
+sei, so lang ich hier bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So nehmt ihn, nehmt ihn immer, lieber Meister!&laquo; rief der
+Abt ganz freudig. &raquo;S&uuml;nde war&rsquo;s, solche Gottesgabe zu
+unterdr&uuml;cken. Diether, nun magst Du doch noch unseres
+Klosters Zierde werden; halt Dich recht und nimm Deines
+Meisters Lehren Dich an! Wie es forthin mit Deinen gelehrten
+Studien zu halten sein wird, das wollen wir mit Magister
+Berthold des Weiteren besprechen; aber nun mach&rsquo; Dich wieder
+an Deine Arbeit! &#8211; Ei, Meister, Ihr habt wacker geschafft
+die letzten Tage. Und wie das leuchtet und lebt!&laquo; fuhr er
+fort, w&auml;hrend er wieder hinaufstieg.</p>
+
+<!-- Page 17 -->
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">17</a></span>
+Darauf giengen sie hinweg und wie sie an der Treppe waren,
+h&ouml;rt&rsquo; ich den Abt noch sagen: &raquo;Bruder Berthold, nun wachsen
+ihm doch noch die Fl&uuml;gel, aber andere, als wir dachten. Wir
+k&ouml;nnen&rsquo;s nicht wehren, wollen&rsquo;s auch nicht. Wenn Meister
+Ulrich Recht h&auml;tte! Eine Zierde des Klosters! Ich hofft&rsquo; es
+immer!&laquo;</p>
+
+<p>Als sie hinaus waren, da sagte mein Meister: &raquo;So bist Du
+denn, Diether, des Malerordens heut wirklich ein J&uuml;nger
+worden. Gott gnade Dir dazu und alle Heiligen. Und zum guten
+Anfang wollen wir heut Abend beim Klostermeier nach Geb&uuml;hr
+in Elsinger einen Trunk thun!&laquo;</p>
+
+<p>Aber Magister Berthold bracht&rsquo; es auf, da&szlig; sie mich von
+diesem Tage her scherzweise nur nannten: <em class="antiqua">Pencillatus</em>,
+d. i. Pinselheld.</p>
+
+<p>So war ich nun Ulrich&rsquo;s Sch&uuml;ler und blieb es, so lang er
+bei uns war. Das dauerte noch ganze zwei Jahre. Da zog er
+von dannen nach Speyer, wohin Bischof Gebhard ihn gerufen,
+allda im Dom zu malen. Sein Abschied geschah von uns mit
+gro&szlig;en Ehren und der Abt, der sehr wohl mit all&rsquo; seinen
+Werken zufrieden war, lohnte ihm reichlich. Mir aber gieng
+am meisten sein Scheiden nah, und als ich ihn bis zur
+Klosterm&uuml;hle am Teich dr&uuml;ben geleitet hatte, mochte ich noch
+nicht umkehren. Er aber sprach:</p>
+
+<p>&raquo;Diether, la&szlig; genug hier sein! Gott st&auml;rk&rsquo; Dich in all&rsquo;
+Deiner Kunst, wie Du meine Freude gewesen bist diese ganze
+Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott la&szlig;&rsquo; Euch immer fr&ouml;hlich leben!&laquo; sagt&rsquo; ich.</p>
+
+<p>Drauf gaben wir uns die H&auml;nde, rissen uns von einander und
+Keiner sah hinter sich.</p>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/017_end_chapter.png" alt = "" /></p>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 18 -->
+<p class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">18</a></p>
+<h2><a name="Zweites_Capitel" id="Zweites_Capitel"></a>Zweites Capitel.</h2
+>
+<h1>Ausfahrt.</h1>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/018_s.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">S</span>eitdem mein Meister von uns geschieden war, mochte ein Jahr
+vergangen sein. Die Zeit kam heran, da ich sollte das
+Gel&uuml;bd&rsquo; ablegen f&uuml;r unsern Convent. Mich bewegte das nicht
+sonderlich, denn ich wu&szlig;t&rsquo;s nicht anders von Kindesbeinen
+an, als da&szlig; ich ein M&ouml;nch von St. Bernards Orden werden
+sollte. Mir war&rsquo;s weder lieb noch leid, wenigstens glaubt&rsquo;
+ich&rsquo;s so. Inzwischen hatte ich meine Kunst flei&szlig;ig ge&uuml;bt und
+mit dem Verm&ouml;gen dazu war die Lust daran gr&ouml;&szlig;er geworden.
+Damit mein&rsquo; ich gar nicht, da&szlig; ich immer fr&ouml;hlich gewesen
+w&auml;re und guter Dinge von ihretwegen, sondern oft machte sie
+mir einen sorgenhaften Sinn, als w&auml;r&rsquo; ich ihrer nicht werth
+und w&auml;re Gott nicht dankbar genug f&uuml;r ihre Gunst, die er mir
+zugewandt. Dazu machte sie mir die Einsamkeit lieb, denn ich
+hatte keinen Genossen bei meiner Arbeit, und so sucht&rsquo; ich
+denn oft allein zu sein, auch wann ich Gesellschaft h&auml;tte
+haben k&ouml;nnen. Denn da konnt&rsquo; ich am besten den Gedanken
+nachh&auml;ngen, die mit leuchtenden und gl&auml;nzenden Farben und
+himmlischen heiligen Gestalten in meiner Seele aufstiegen,
+<!-- Page 19 --><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">
+19</a></span>
+da&szlig; ich mich von Herzen daran erlabte und ergetzte. So war
+ich denn um die Zeit des Lebens, wo die Kraft und Lust der
+Jugend besonders laut zu werden pflegt, vielmehr stiller und
+in mich gekehrter worden, denn zuvor. Sie merkten das im
+Kloster und sagten: das w&auml;re die Melancholia. Ich lachte
+ganz fr&ouml;hlich dazu, denn ich wu&szlig;t&rsquo; es besser.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Die heiligen Ostertage waren vor&uuml;ber. Mit ihnen war der
+erste Fr&uuml;hling in&rsquo;s Land gekommen. Der letzte Schnee war
+zergangen, und in den hellen Strahlen der Sonne l&auml;chelte die
+Erde, wie ein erwachendes Kind die Mutter anlacht, das sich
+die Wangen roth geschlafen hat. Von den &Auml;ckern wehte der
+frische Erdgeruch, die Wiesen &uuml;berzogen sich mit jungem Gr&uuml;n
+und aus den Nu&szlig;b&auml;umen dr&uuml;ben pfiffen Abends und Morgens mit
+lustigem Gel&auml;rme die heimgekehrten Staaren. Mit einem Wort:
+Es war just so, wie es alle Jahr&rsquo; ist, seit der Herr zu Noah
+gesprochen: es soll nicht aufh&ouml;ren Sommer und Winter, und
+hat einen Bund dar&uuml;ber gemacht. Aber mir sind jene ersten
+Fr&uuml;hlingstage aus sonderlicher Ursach in Erinnerung
+geblieben.</p>
+
+<p>Denn an einem solchen Tage war ich mit Lust seit langer
+Zeit zum ersten Male durch Feld und Wald gestreift und kam
+heim mit frischem Muth, als w&auml;re meine Brust weiter worden
+von der Fr&uuml;hlingsluft, die sie gesch&ouml;pft, und schl&uuml;ge mein
+Herz h&ouml;her darin. Und doch wollt&rsquo;s mir mit dem Malen nicht
+vorw&auml;rts r&uuml;cken, als ich mich an das Bild machte, das ich
+vor hatte. Das war im Br&uuml;derchor rechts &uuml;ber den Gef&uuml;hlen,
+wo mir der Abt eine gar gro&szlig;e Arbeit zugewiesen. Ich sollt&rsquo;
+ihm da schildern an der Wand
+<!-- Page 20 --><span class=
+'pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">20</a></span>
+den engelischen Gru&szlig;, die
+Anbetung der heiligen drei K&ouml;nige und die Darstellung im
+Tempel, wie es jetzt Alles zu sehen ist. Dazumal war ich mit
+der Verk&uuml;ndigung, die Unserer lieben Frau geschieht, kaum
+&uuml;ber den Anfang hinaus, und weil ich die heilige Jungfrau
+recht in die Maienwonne hineinsetzen wollte, so hatt&rsquo; ich
+mich, wenn in den kurzen Wintertagen des Bildes Entwurf mir
+gar nicht zu Gefallen gerieth, immer auf den Lenz
+vertr&ouml;stet, der sollte Leben schaffen drau&szlig;en in der Welt
+und hier auf dem Bilde. Nun hatt&rsquo; ich ja seinen Gru&szlig;
+empfangen und griff meine Arbeit mit allem Eifer an. Aber
+meine Gedanken hafteten nicht daran.</p>
+
+<p>&raquo;Es hat keinen Segen heut&laquo;, sprach ich da zu mir selbst,
+legte den Pinsel weg und setzte mich vor den Lettner in&rsquo;s
+Gest&uuml;hl.</p>
+
+<p>Ich war wohl m&uuml;de vom ungewohnten Gange, den ich im Freien
+gethan, und so schlief ich ein. Da tr&auml;umte mir, ich wandelte
+durch ein lieblich Wiesenthal, allwo die Blumen im
+Morgenthau gl&auml;nzten, und die B&auml;ume rauschten &uuml;ber dem Bach,
+der hart am Wege dahinflo&szlig;. Wie ich voll Freude f&uuml;rder
+schritt, sah ich vor mir einen seltsamen Wandersmann des
+Weges ziehen. Sein Kleid war schneewei&szlig;, seine Gestalt hoch,
+und wie golden wehte sein Gelock im Morgenwinde. Ich eilte
+ihm nach und bot ihm h&ouml;fischen Gru&szlig;. Jung und holdselig war
+das Angesicht, das er mir zuwandte. Er dankte mir meinen
+Gru&szlig; gar freundlich, doch wagt&rsquo; ich nicht, weiter ihn
+anzureden, so hochgemuth und feierlich war seine Miene. Er
+aber erkannte mein Begehren und sagte: &raquo;Ich kenne Dich wohl,
+Diether, aber Dein Weggeselle kann ich nicht sein; denn ich
+mu&szlig; meines Herrn Gebot eilend thun.&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 21 --><span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">
+21</a></span>Da sagt&rsquo; ich: &raquo;Das mu&szlig; ein reicher und milder Herr sein, der
+solche Boten sendet; und selig mag wohl sein, wem von Euch
+Botschaft wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du findest mich auch wohl wieder&laquo;, versetzte er, &raquo;wenn Du
+hier auf diesem Wege beharrst; denn das ist die Stra&szlig;e, die
+ich ziehe in Maientagen.&laquo;</p>
+
+<p>Darauf verschwand er vor meinen Augen, als fl&ouml;g&rsquo; er hinweg,
+und ich betete an zur Erde; denn ich merkte, da&szlig; es ein
+Engel gewesen war, der Gott an einem seiner Heiligen dienen
+wollte. Ich beschlo&szlig;, da zu harren, bis er wiederkehrte, um
+ihn dann zu bitten, da&szlig; er mich segnen m&ouml;chte. So setzt&rsquo; ich
+mich nieder an des Baches Rand. Aber der fieng an zu brausen
+und zu wallen von den Bergen her und stieg und trieb mich
+hinweg. Er ward zum rei&szlig;enden Strome, drin alle Blumen
+ertranken, und sein Gischt verh&uuml;llte die Sonne. Ich schrie:
+&raquo;Wehe!&laquo; und entlief, denn wie verderbliche Lindw&uuml;rmer
+drangen die Wellen hinter mir her.</p>
+
+<p>Die Angst weckte mich auf. Ich war nicht mehr allein. Der
+Abt stund vor mir. Ich wollt&rsquo; eilig aufstehen vor ihm. Aber
+er hie&szlig; mich sitzen bleiben, lie&szlig; sich neben mich in den
+n&auml;chsten Chorstuhl und redete mich ganz freundlich an:</p>
+
+<p>&raquo;Diether&laquo;, sprach er, &raquo;ich sehe, Dir will&rsquo;s nicht mehr von
+der Hand gehen mit Deiner Kunst, wie bisher. Ich glaub&rsquo;
+wohl, da&szlig; nicht Tr&auml;gheit daran Schuld ist. Denn Flei&szlig; allein
+thut&rsquo;s nicht bei so edlem Werk. Der Wille ist da, aber Seele
+und Sinn wollen nicht mit der alten Lust dahin, und wo die
+nicht gef&uuml;ge sind, m&uuml;ssen wohl auch die H&auml;nde feiern. Denn
+gezwungen gedeiht solche Gotteswirkung nicht. Nun
+<!-- Page 22 --><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">
+22</a></span> h&ouml;r&rsquo; ich, merk&rsquo; es auch selbst zum Theil, da&szlig; Deine
+vorige Munterkeit verschwunden und Du der Einsamkeit und des Sinnirens
+ein Liebhaber worden bist. Wohl ziemt sich Dir ein ernster Sinn, und
+heilige Betrachtung schickt sich f&uuml;r Dich, da Du bald dem Convent
+Dich f&uuml;r immer geloben sollst. Aber weil ein Jeglicher dem Orden
+und der Kirche mit der Gabe dienen mu&szlig;, die er von Gott
+empfangen hat, so m&uuml;ssen wir bedacht sein, Dich in Deiner Kunst
+zu f&ouml;rdern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohlan, Diether&laquo;, fuhr er fort, &raquo;fast ist mir&rsquo;s
+lieb, da&szlig; Du mit Deinem Bilde da nicht weiter gekommen bist, wie ich
+sehe. Denn heut&rsquo; hab&rsquo; ich Nachricht empfangen aus Speyer,
+da&szlig; dahin zum Bischof ein sonderlich k&ouml;stliches Bild aus
+Welschland gebracht worden ist, darauf die gebenedeite Gottesmutter so
+preislich und herrlich gemalt ist, wie man ihres Gleichen noch nicht
+gesehen hat in deutschen Landen. Das w&auml;re nun ein l&ouml;blich und
+r&uuml;hmlich Ding und eine rechte Freude f&uuml;r mich, wenn wir davon ein
+Conterfei h&auml;tten hier bei uns. Darum hab&rsquo; ich gleich an Dich
+gedacht, da&szlig; Du gen Speyer ziehest mit Briefen von mir, dort vom Bild
+eine Copey nehmest und dieselbe Gestalt der heiligen Jungfrau gebest hier
+auf Deinem Bilde. Da wirst Du zugleich Dein Auge an vielen andern Werken
+Deiner Kunst weiden k&ouml;nnen, und ich bin gewi&szlig;, Du kommst mit
+erneuerter Lust und erh&ouml;hter Kraft zur&uuml;ck. Da&szlig; ich Dich
+aber in die Welt allein hinauslasse, die Du bisher noch weiter nicht
+gesehen als eine Meile um&rsquo;s Kloster, das zeigt Dir, ein wie
+gro&szlig; Vertrauen ich zu Dir trage, da&szlig; Du best&auml;ndig im
+Herzen haben wirst, wie Du zu Gottes und Deines Klosters Ehre diese Fahrt
+thust. Und weil&rsquo;s Dir&laquo;, setzte er l&auml;chelnd hinzu,
+&raquo;mit Stift
+
+<!--Page 23 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">23</a></span>
+und Pinsel nicht mehr recht vorw&auml;rts will diese letzte Zeit, so
+m&ouml;gen Wald und Feld und Wiese und Flur Dir vielleicht n&uuml;tzer
+sein, Dich zu unterweisen, wenn Du ziehest, wie auch St. Bernard
+gesagt hat: die B&uuml;cher, aus denen er das Beste gelernet, seien
+die B&auml;ume des Waldes.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend er so sprach, wu&szlig;t&rsquo; ich selbst nicht, was ich denken
+sollte. Der Traum, den ich getr&auml;umt, stund vor meiner Seele
+lieblich und zugleich schrecklich, als lockt&rsquo; er und drohte
+auch zugleich. Aus dem Kloster in die Welt hinaus hatte ich
+nie ein Verlangen gehabt, auch die letzte Zeit keine
+Wanderlust, wie der Abt zu denken schien. Mich wirrte die
+unerwartete Aussicht. Fast h&auml;tt&rsquo; ich den Abt gebeten, mich
+daheim zu lassen. Aber ich sch&auml;mte mich dessen, weil es
+feigen und stumpfen Sinn verrathen h&auml;tte. Und so sagt&rsquo; ich
+blo&szlig;, als er geendet:</p>
+
+<p>&raquo;Hochw&uuml;rdiger Vater, ich will Euch gern gehorsamen in allen
+St&uuml;cken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ei, Diether&laquo;, rief er und klopfte mich auf die Schulter,
+&raquo;das ist f&uuml;r Deinen Gehorsam wohl kein zu schweres St&uuml;ck,
+das ich Dir auflege. Ich w&uuml;&szlig;te Manchen im Convent, der th&auml;t
+es &uuml;bergerne an Deiner Statt.&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Darauf gebot er mir, mich zu r&uuml;sten und nach der Vesper zu
+ihm zu kommen. Da wollt&rsquo; er mir Briefe und Vollmacht geben
+und weitere Anweisung. &raquo;Denn morgen in der Fr&uuml;he&laquo;, sagt&rsquo; er,
+&raquo;sollst Du von dannen, und um die Pfingstzeit bist Du wieder
+da durch Gottes unsers Heilands Gnade.&laquo;</p>
+
+<p>Darauf reicht&rsquo; er mir die Hand und gieng.</p>
+
+<p>So schritt ich denn am anderen Morgen ganz fr&uuml;h wegfertig
+&uuml;ber den Klosterhof, nachdem ich Abends zuvor von Allen
+Abschied genommen hatte. Aber Mancher kam mir nach, mir zur
+Letze nochmal
+<!-- Page 24 --><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">24</a></span>
+die Hand zu dr&uuml;cken. Am Bronnen blieb ich
+stehen und sagte: &raquo;La&szlig;t mich hier noch einmal aus diesem
+guten Quell, dessen Rauschen und Pl&auml;tschern ich so oft mit
+Freuden betrachtet, mit meinem Reisebecher sch&ouml;pfen, und wer
+mit mir w&uuml;nscht, da&szlig; ich ihn fr&ouml;hlich wieder mit Euch
+trinke, wenn ich heim bin, der thue mir Bescheid!&laquo;</p>
+
+<p>Da trat Rigbold heran, der Bruder Kellermeister, und sagte:
+&raquo;Das ist nicht Brauch, Diether, mit Wasser sich zuzutrinken.
+Hier hab&rsquo; ich Besseres, Dein Glas zu f&uuml;llen,
+Liebfrauenmilch, gesch&ouml;pft zu Worms am Rheine. Du sollst den
+Wein haben zur Labe auf Deiner Fahrt.&laquo; Da schenkt&rsquo; ich ein,
+weil sie so wollten, und auch sie thaten einen Zug und &raquo;Gott
+gesegn&rsquo;es!&laquo; w&uuml;nschten wir einander dabei. Darnach that mir
+der Pf&ouml;rtner auf; ich gieng &uuml;ber die Br&uuml;cke am Thor und war
+im Freien.</p>
+
+<p>R&uuml;stig stieg ich den Weg hinan, der gen Mitternacht aufw&auml;rts
+f&uuml;hrt. Es war noch dunkel und d&auml;mmerte kaum. Als ich oben
+auf der H&ouml;h&rsquo; war, hatt&rsquo; es sich genug erhellt, da&szlig; ich rings
+umschauen konnte. Ich wandte mich und sah das Kloster liegen
+im Thal, wie ich es zu tausend Malen von hier aus betrachtet
+hatte. Nun lag doch die weite Welt vor mir, und dennoch war
+mir&rsquo;s weh um&rsquo;s Herz, als ob&rsquo;s mich zur&uuml;ck sehnte. Die ersten
+Strahlen der Morgensonne trafen da das Kirchdach und der
+Wind trug das Gel&auml;ut her&uuml;ber, das zur Matutine rief. Mir
+war&rsquo;s, als kl&auml;ng&rsquo; es anders wie sonst, lauter, feierlicher,
+und als w&uuml;&szlig;ten die Glocken, da&szlig; ich hier oben st&uuml;nd&rsquo;, und
+wollten mir auch einen Gottessegen her&uuml;bert&ouml;nen zum
+Abschied. Da sprach ich das Benedictus im Stillen mit,
+winkte noch einmal hinab und zog landein.</p>
+
+<p>Ich schritt tapfer aus. Im ersten Dorf, durch
+<!-- Page 25 --><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">25</a></span>
+das ich kam, zogen die Leute eben zur Arbeit auf&rsquo;s Feld. &raquo;Sie
+haben Alle ihr besonderes Tagewerk&laquo;, dacht&rsquo; ich da,
+&raquo;meines ist heute das Wandern.&laquo; Mit dem erwachten Tage
+wuchs auch meine Wanderlust. Ich hatte meine Freude an Allem, was ich
+h&ouml;rt&rsquo; und sah, und f&uuml;hlte mich gar nicht einsam. Die hellen
+Wolken, die &uuml;ber mir herzogen, die Finken, die von den
+B&auml;umen am Wege, die Ammern, die aus dem Wald her riefen, die
+ersten Blumen am Rain, die ich mir zum Str&auml;u&szlig;lein
+pfl&uuml;ckte, boten mir Gesellschaft genug. Der Laubwald schimmerte
+im ersten, jungen Gr&uuml;n, als hienge ein zarter Schleier &uuml;ber
+dem Gezweig. Da hindurch spielten die Sonnenstrahlen gar lieblich,
+denn es war ein heiterer, wonnesamer Fr&uuml;hlingstag.</p>
+
+<p>Gegen den Mittag kam ich in ein Waldgebirge, wo der Weg in
+Kr&uuml;mmungen an der Seite der Berge sich hinzog. Unten brauste
+ein Wasser; aber nur zuweilen sah ich&rsquo;s durch das dunkle
+Gr&uuml;n der B&auml;ume hervorblitzen. Denn dicht und ragend stunden
+die Tannen rings umher, so da&szlig; sie, wo der Weg eng war,
+schier ein Dach &uuml;ber mich bauten mit ihren Wipfeln. Die
+Sonne war im Mittag, und ich h&auml;tte hier gerne gerastet, mein
+Mahl zu halten. Schon gedacht&rsquo; ich, dazu niederzusitzen, als
+ich vor mir nicht gar ferne Stimmen h&ouml;rte. Bald darauf ward
+ich eines Weibes ansichtig, das auf dem Arm ein Kindlein
+trug, und ein anderes f&uuml;hrte sie an der Hand. Das weinte
+sehr und wollte sich gar nicht beschwichtigen lassen. Da
+eilt&rsquo; ich hinzu, gr&uuml;&szlig;te und fragte das Weib, aus was Ursach&rsquo;
+das M&auml;gdlein weinte und ob ich ihr helfen k&ouml;nnte. Da sagte
+sie: &raquo;&rsquo;S ist mein T&ouml;chterlein, lieber Gesell, Else hei&szlig;t sie
+und b&uuml;&szlig;t jetzo ihren Willen. Da seitw&auml;rts
+<!-- Page 26 --><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">26</a></span>
+hinunter steht unsere H&uuml;tte, und ich gehe jetzt hinauf dorthin,
+wo Ihr den Rauch aufsteigen sehet. Der kommt von einem Meiler; da ist
+mein Mann, der brennt Kohlen dorten f&uuml;r den gn&auml;digen Herrn,
+de&szlig; wir eigen sind. Es ist ein beschwerlicher Weg dahin; aber
+Else wollt&rsquo; nicht daheim bleiben; sie hat m&uuml;ssen mitgenommen
+sein. Ich hab&rsquo;s ihr zuvor gesagt, da&szlig; ich sie nicht tragen
+k&ouml;nnt&rsquo;, wenn sie m&uuml;d&rsquo; w&uuml;rde, weil ich das B&uuml;blein
+da auf dem Arm hab&rsquo;. &#8211; Bist still, Kind, sonst kommst Du nimmer
+mit zu Deinem Vater.&laquo; Da nahm ich die Kleine auf meinen Arm,
+redete ihr freundlich zu und hatte sie bald so zutraulich, da&szlig;
+sie des Weinens und aller Furcht verga&szlig; und freundlich mich
+anlachte.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr versteht&rsquo;s, Euch die Kinder zu befreunden&laquo;, sagte das
+Weib, &raquo;denn sonst geht Elslein ihrer Mutter nicht von der
+Hand im Angesicht eines Fremden. Das Kind kommt gar selten
+unter die Leute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So geh&ouml;ren wir wohl zusammen, Elslein&laquo;, rief ich ganz
+fr&ouml;hlich, &raquo;denn auch ich bin fremder Gesellschaft ungewohnt;
+und da&szlig; Du mich magst, thut mir gar wohl!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mit Fug&laquo;, sagte die Frau, &raquo;denn Kinderlachen bringt
+Gl&uuml;ck, und so mag Euch auch wohl gerathen, was Ihr vorhabt.&laquo;</p>
+
+<p>Nicht lange waren wir unter solchen Gespr&auml;chen vorw&auml;rts
+geschritten, so kamen wir an eine Rodung, wo die Meiler
+dampften. Kaum hatte das Kind den Vater erschaut, so mu&szlig;t
+ich&rsquo;s vom Arme lassen, und lustig sprang es dem K&ouml;hler
+entgegen. Da gab&rsquo;s zwischen den Leuten ein freudiges Gr&uuml;&szlig;en.
+Sie hielten das Mahl zusammen, ich setzte mich auch dazu und
+wir theilten einander mit, was wir hatten. Sie sprachen
+<!-- Page 27 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">27</a></span>
+von ihrem Heimwesen, von ihren Sorgen, denn sie waren gar arm, und von
+ihren Kindern. Ich h&ouml;rt&rsquo; ihnen stille zu, denn wir waren das
+Alles fremde Dinge. Aber wie traurig auch Manches war, was sie
+sprachen; ich h&auml;tte sie nicht besser tr&ouml;sten k&ouml;nnen,
+wie sie selbst einander ihre Last erleichterten durch die Herzlichkeit
+ihrer Rede. Und wie, nachdem das Gratias gesprochen war, der Mann die
+Kinder beide auf seine Kniee nahm, und sie ihn liebkosten, auch das
+Elslein nicht von ihm lie&szlig;, so geschw&auml;rzt und rauh er
+aussah, und mir &ouml;ftermals zurief: &raquo;Seht, das ist mein Vater
+lieb!&laquo; da wu&szlig;t&rsquo; ich nicht, sollt&rsquo; ich den armen Mann oder
+die Kinder f&uuml;r gl&uuml;cklicher halten, und zum ersten Mal in
+meinem Leben fragt&rsquo; ich mich, ob ich wohl auch je von Mutter oder
+Vater so gekoset worden w&auml;re oder mit ihnen gekost h&auml;tte,
+und ich w&uuml;nschte, es m&ouml;chte geschehen sein, ob ich auch
+de&szlig; nicht mehr gedenken k&ouml;nnte, und die H&auml;nde, die
+mich gestreichelt, eben so arbeitshart gewesen w&auml;ren, wie dieser
+Eltern ihre.</p>
+
+<p>&raquo;Nehmt&rsquo;s nicht f&uuml;r ungut&laquo;, sagte der K&ouml;hler, wie er mich so
+schweigend sitzen sah, &raquo;da&szlig; ich Euch vers&auml;ume. Ich sehe
+meine Herzkinder selten, und so denken sie, es mu&szlig; so sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott helf Euch&laquo;, sprach ich da, &raquo;da&szlig; Ihr sie immer so in
+Freuden sehet, und lasse sie Euch und Eurem Weibe zur Freude
+gesetzt sein all&rsquo; Euer Leben lang.&laquo; Darnach gesegnet&rsquo; ich
+sie, denn ich wollte weiter ziehen, und auch Elslein reichte
+mir ihre Hand, sagte: &raquo;Wohlauf zur Fahrt!&laquo; und lachte mir
+fr&ouml;hlich zu.</p>
+
+<p>Oft noch beim Weitergehen sah ich zur&uuml;ck nach dem Weibe und
+dem Manne mit den Kindern auf seinen Knieen, und wie ich sie
+nicht mehr erschauen konnte, t&ouml;nte
+<!-- Page 28 --><span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">28</a></span>
+doch des M&auml;gdleins Lachen mir im Herzen nach hell und lieblich,
+wie eines silbernen Gl&ouml;ckleins Klingen beim heiligen Amt, und ich
+sagte zu mir: &raquo;Wohlan, Diether, Kinderlachen bringt
+Gl&uuml;ck!&laquo;</p>
+
+<p>Das war mir einsamem Wandersmann, wie es schien, an diesem
+Tage nicht beschieden. Denn gegen Abend zog ein Wetter
+herauf mit einem Sturmwind, der die gewaltigen B&auml;ume schier
+zu entwurzeln drohte. Der Himmel &uuml;berzog sich mit finstern
+Wolken und schwere Regentropfen fielen hernieder. Ich
+beschleunigte meine Schritte, weil das Kloster von Th&uuml;ngen,
+welches unseres Ordens ist und wo ich die Nacht herbergen
+wollte, nicht mehr ferne sein konnte. Aber in dem wilden
+Gebirg&rsquo; verlor ich den rechten Weg. Ich hatte de&szlig; eine ganze
+Meile gar nicht Acht, weil ich so in Hast lief; denn ein
+w&uuml;st Gewitter war losgebrochen. Die Blitze flammten durch
+den dunkeln Wald und die Donnerschl&auml;ge hallten br&uuml;llend von
+den Bergen wieder. Dazu go&szlig; der Regen in Str&ouml;men, da&szlig; auch
+die Tannen mit ihrem dichten Gezweig kein Schirmdach mehr
+boten und ich &uuml;ber und &uuml;ber durchn&auml;&szlig;t war. Doch fragt&rsquo; ich
+wenig darnach; denn wie ich merkte, da&szlig; ich irre gegangen,
+das schuf mir gr&ouml;&szlig;ere Sorge. Ich war auf einen Weg gerathen,
+der Anfangs abw&auml;rts f&uuml;hrte, aber allgemach und in gleicher
+Richtung wie der, auf dem ich bisher gezogen. Dann aber
+lenkt&rsquo; er mich steiler hinab an das Waldwasser und an dessen
+Rand entlang in ein Thal, das sich in mancherlei Biegungen
+immer mehr verengte. Da war meine Wanderung beschwerlich und
+voll M&uuml;hsal und ich d&auml;uchte mich gar verlassen in dieser
+Wildni&szlig;. Dazu des Gewitters Zorn und des Wassers Getose!
+&raquo;Hilf Gott&laquo;, sprach ich,
+<!-- Page 29 --><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">29</a>
+</span>
+&raquo;wo soll ich rasten bei solchem
+Wetter in der Ein&ouml;de, wenn die Nacht kommt?&laquo; Und ich dachte
+an das Vespergel&auml;ut im Kloster, das alle Abend&rsquo; die Br&uuml;der
+in Frieden zu Ruhe und Schutz zusammenruft.</p>
+
+<p>Aber horch! war&rsquo;s da nicht wirklich wie ein L&auml;uten durch den
+Wald? Jetzt vernahm ich&rsquo;s wieder; ich t&auml;uschte mich nicht.
+Wie mir das tr&ouml;stlich und lockend erscholl! Ich f&ouml;rderte
+meine Schritte, und bald &ouml;ffnete sich vor mir das Thal zu
+einer freien Halde.</p>
+
+<p>Die Berge traten zur&uuml;ck wie in einen Kreis, und an dem
+Abhang des einen stund freundlich winkend ein Waldkirchlein,
+von dem das L&auml;uten kam. Ich fand bald den Weg, der dahin
+f&uuml;hrte. Wie ich ihn eingeschlagen hatte, lie&szlig; allgemach das
+Unwetter nach. Der Donner verstummte, der Sturm legte sich
+und sanft fiel der Regen. Auf einem Felsenvorsprung in
+halber H&ouml;he des Bergabhanges sah ich das Kirchlein vor mir.</p>
+
+<p>Zu seinen F&uuml;&szlig;en, seitw&auml;rts des Pfades, der hinaufleitete,
+ward eine Klause sichtbar, von Holz erbaut, deren niederes
+Dach nur wenig aus dem Gestein hervorlugte, an das sie sich
+lehnte. Ein W&auml;sserlein pl&auml;tscherte von der H&ouml;he daran vorbei
+und ergo&szlig; sich in Spr&uuml;ngen auf die Waldwiese, auf die das
+Blockhaus niedersah. Wie ich emporklomm, strahlte das
+Th&uuml;rmlein der Kirche, darin die Glocke hieng, im rothen
+Schein der untergehenden Sonne, und dar&uuml;ber hin w&ouml;lbte sich
+gegen Morgen schimmernd und feierlich ein Regenbogen. Ich
+hielt meine Schritte an und freute mich des lieblichen
+Scheideblickes, mit dem der Tag zu Ruhe gieng. Wie ich so
+stund, vernahm ich von der Klause her die Kl&auml;nge einer Laute
+und dazu die sanft schwebende Weise dieses Liedes:</p>
+</div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 30 --><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30"
+>30</a></span>
+<span class="i2">Es liegt die Welt mit ihrem Gl&uuml;cke,<br/></span>
+<span class="i0">Ein fernes Eiland, hinter mir,<br/></span>
+<span class="i0">Und keine F&auml;hre, keine Br&uuml;cke,<br/></span>
+<span class="i0">Tr&auml;gt jemals mich zur&uuml;ck zu ihr.<br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i2">Ein ander Ziel hab&rsquo; ich erlesen,<br/></span>
+<span class="i0">De&szlig; Bild die Seele fest umschlingt.<br/></span>
+<span class="i0">Wie wird mein tr&uuml;bes Aug&rsquo; genesen,<br/></span>
+<span class="i0">Wenn die ersehnte K&uuml;ste winkt!<br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i2">Schon rauscht der Kiel, die Segel bl&uuml;hen,<br/></span
+>
+<span class="i0">An&rsquo;s Steuer denn mit fester Hand,<br/></span>
+<span class="i0">La&szlig; St&uuml;rme brausen, Blitze spr&uuml;hen,<br/>
+</span>
+<span class="i0">Doch endlich, Herr, mich rufen: Land!<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Mir klang das Lied seltsam und fremd, voll
+Schwermuth und Freudigkeit, voll Sehnsucht und Zuversicht.
+Aber es schien mir sch&ouml;n zu stimmen zu dem
+heiteren Abend nach all&rsquo; dem Sturm und b&ouml;sen Wetter,
+und ich dachte: &raquo;Das kann nur das Land der zuk&uuml;nftigen
+Seligkeit, die himmlische Heimath, sein, darnach
+das Lied Verlangen tr&auml;gt, und es ist wohl ein
+fromm Herz, welches zu solchen Gedanken erweckt wird
+durch den Bogen Gottes.&laquo;</p>
+
+<p>So gieng ich mit gutem Vertrauen auf die Klause zu.</p>
+
+<p>Aber ich ward fast entmuthigt, als ich ihren
+Bewohner ersah, der unter der offenen Th&uuml;r
+stund. Es war ein greiser Mann von gewaltigem
+Wuchs, bekleidet mit einem Mantel von grobem Zeug,
+den ein Strick zusammenhielt; unten sahen die F&uuml;&szlig;e
+blo&szlig; hervor. Sein Haupt war m&auml;chtig und von breiter
+Stirn; unter den &uuml;berhangenden Brauen blickten lebhaft
+die blauen Augen. Die Nase war vorspringend
+und gebogen, der Mund von festen entschlossenen Lippen
+und sein Angesicht tief gefurcht, als st&uuml;nde da manch
+<!-- Page 31 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">31</a></span>
+Geheimni&szlig; fr&uuml;herer Jahre geschrieben. Ich merkte
+wohl, wie mein Anblick ihm wenig willkommen war;
+denn forschend sah er mich an und bewegte sich nicht
+von der Stelle.</p>
+
+<p>&raquo;Ehrw&uuml;rdiger&laquo;, redete ich ihn an, &raquo;ein wegm&uuml;der
+Wandersmann, der in die Irre gerathen ist, spricht
+Euch um Obdach an f&uuml;r diese Nacht. Wollet ihm
+solche Bitte um Gottes Lohn nicht versagen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das da droben&laquo;, antwortete er, &raquo;ist St. Wigbert&rsquo;s
+Kirchlein, und die ihm da in Andacht dienen
+wollen, denen helf&rsquo; ich dazu und geleite sie. Aber zu
+herbergen ist meines Amtes und meiner Neigung nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So verdienet an mir&laquo;, sprach ich, &raquo;St. Wigbert&rsquo;s
+F&uuml;rsprach, in dessen Bann und Schutz ich ohne meinen
+Willen gef&uuml;hrt worden bin durch des reichen Gottes
+G&uuml;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du redest wie ein Pfaff&laquo;, sagt&rsquo; er darauf, &raquo;und
+nach Deinem Kleid m&ouml;cht&rsquo; man Dich f&uuml;r einen M&ouml;nch
+halten; aber Dein Haar f&auml;llt Dir lang auf die Schultern,
+und Dein Auge blickt frei umher, als w&auml;r&rsquo;s nicht
+eben gewohnt, sich dem&uuml;thig zu senken. Die falsche
+Welt liebt sich Gev&ouml;gel mit allerlei Federn, auch wohl
+mit falschen, und sie ist weit genug dazu.&laquo;</p>
+
+<p>Da sagt&rsquo; ich: &raquo;Ihr vertraut mir nun viel oder
+wenig, so will ich Euch doch treulich berichten, wie es
+um meinen Weg steht, den ich ziehe&laquo;, und so erz&auml;hlt&rsquo;
+ich ihm, von wannen ich k&auml;me und wozu der Abt mich
+ausgesandt h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Dein Abt ist ein Narr&laquo;, rief er mir da zu, &raquo;Dich
+so jung und unbeh&uuml;tet um solches Tandes willen aus
+dem Kloster zu sto&szlig;en, kurz ehe Du gem&ouml;ncht werden
+sollst, und wei&szlig; nicht, was er thut. Dort die Stufen
+<!-- Page 32 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">32</a></span>
+hinan ist eine Kluft, wohlverwahrt, und reichlich Moos
+zum Lager darin, wo die Pilger zu rasten pflegen nach
+der Wallfahrt. Da lagere Dich. Denn in meiner
+Zelle geht&rsquo;s nicht an, ich habe mir jede Gesellschaft
+widersagt f&uuml;r immer. Sogleich komm&rsquo; ich nach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Ihr meinen Abt scheltet und meine Kunst
+verachtet, das thut Ihr ohne meinen Dank,&laquo; antwortet&rsquo;
+ich gekr&auml;nkt. &raquo;Aber ich bin m&uuml;de und will die Ruhe
+suchen, die Ihr mir erbietet.&laquo;</p>
+
+<p>Darauf wandt&rsquo; ich mich, zu gehen. Doch er kam
+mir nach und ergriff meine Hand, indem er sagte:
+&raquo;Nu, nu, Junker Hochgemuth! Deine Kunst bleibt unverachtet.
+Komm denn hinein zu mir, bist ja ganz
+kl&auml;glich zugerichtet vom Wetter. Aber Dein Abt ist
+ein Narr! &#8211; ich sag&rsquo;s, Brun, St. Wigbert&rsquo;s Me&szlig;knecht
+und Einsiedel.&laquo;</p>
+
+<p>Mir fiel es auf, als ich an seiner Seite gieng und
+er so redete, wie freundlich der Klang seiner Stimme
+ward und wie mild sein Angesicht drein sah gegen
+vorhin.</p>
+
+<p>Der Raum seiner Klause, in die wir traten, war
+niedrig und eng. Sie hatte au&szlig;er der Th&uuml;re nur eine
+kleine Fenster&ouml;ffnung zu Luft und Licht. Schmucklos
+waren die W&auml;nde aus rohen Balken aufgerichtet: nur
+&uuml;ber der Th&uuml;r ein Crucifix und zwischen ihr und dem
+Fenster, das in der schmalen Seitenwand angebracht
+war, unter einem h&ouml;lzernen &Uuml;berdach das geschnitzte
+Bild unserer lieben Frau mit dem Schwert im Herzen.
+Vor demselben stund ein eichener Tisch, kunstlos zugehauen
+und ein Baumstumpf als Sitzschemel. Die dem
+Eingang gegen&uuml;berliegende Wand der H&uuml;tte ward
+vom Gestein gebildet, das senkrecht abfiel. Darin war
+<!-- Page 33 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">33</a></span>
+eine H&ouml;hlung zu sehen, die zum Herde diente mit einem
+Sims, darauf weniges Kochger&auml;th stand. Unten davor
+lag Holz bereit. Die H&auml;lfte aber dieser Felsenwand
+wich zur&uuml;ck zu einer Nische, die ganz schicklich als eine
+Kemenate zur Lagerstatt gelten konnte. Sie verengte
+sich nach hinten und schien tief in das Gestein hineinzudringen.
+So leicht das Alles zu &uuml;bersehen war, so
+konnt&rsquo; ich&rsquo;s doch nur mit M&uuml;he wahrnehmen; denn
+das Abendroth, welches zum Fenster hineinblickte, war
+im Versinken, und der Raum fast dunkel.</p>
+
+<p>Aber bald lenkte mein Wirth mein ganzes Aufmerken
+auf sich und sein Thun. Er tummelte sich gesch&auml;ftig
+wie ein Schaffner f&uuml;r mich, und je rauher
+zuweilen seine Rede war, um so sorgsamer m&uuml;hte er sich.</p>
+
+<p>&raquo;Setz&rsquo; Dich da, Meister Irregang&laquo;, sagte er halb
+spottend, halb ernstlich, indem er in die glimmenden
+Herdkohlen blies und d&uuml;rres Reisig dar&uuml;ber legte, &raquo;setz&rsquo;
+Dich da auf den Klotz, der mir Bank, Stuhl und Schemel
+zugleich ist. Wei&szlig; nicht, welches Sitzes Du in Deinem
+Convent gewohnt bist; h&auml;tt&rsquo;st Dir wohl einen weicheren
+geg&ouml;nnt zur Rast. &#8211; Doch nein!&laquo; fuhr er nach kurzer
+Weile fort, als das helle Feuer knisternd zu flackern
+anhub, &raquo;nein, junges Blut! r&uuml;ck&rsquo; hier heran an die
+Herdw&auml;rme. Denn es l&auml;&szlig;t, als ob Dich&rsquo;s fr&ouml;re.&nbsp;&#8211;
+Heilige Mutter Gottes, wie bist Du durchn&auml;&szlig;t! Hab&rsquo;s
+gar nicht so bemerkt, welche Unbilden Dir zartem
+Knaben das Unwetter gethan hat. Wart&rsquo;, wie Brun
+Dein pflegen wird.&laquo;</p>
+
+<p>Damit gieng er nach hinten und brachte mir von
+dort trockne Kleider. Er war mir selbst behilflich,
+mein na&szlig; Zeug abzuziehen, h&auml;ngt&rsquo; es seitw&auml;rts gegen
+den Herd, half mir in&rsquo;s trockene Gewand und breitete
+<!-- Page 34 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">34</a></span>
+mir m&ouml;glichst nah dem Herde, von Moos und mit
+Hilfe von wollenen Decken, die er hervorholte, in der
+Nische, wo er seine Lagerstatt hatte, ein Pf&uuml;hl, darauf
+ich meine ermatteten Glieder gar gem&auml;chlich ausstrecken
+konnte.</p>
+
+<p>Ich dankt&rsquo; ihm f&uuml;r all&rsquo; seine Lieb&rsquo;; ich f&uuml;hlte, wie
+wohl sie mir that. &raquo;Ja,&laquo; sagte er, indem er mir
+mit Wein, den er vorgelangt hatte, meine brennenden
+F&uuml;&szlig;e wusch, &raquo;das glaub&rsquo; ich gern, da&szlig; dem T&auml;ublein
+nun sanfter ist; mit all&rsquo; seiner Kunst und des Abts
+Vollmachten dazu sollt&rsquo; es sich wohl wenig tr&ouml;sten,
+wenn jetzt Brun nicht hinausgelangt und&rsquo;s in seine
+Arche genommen h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; er sich mit dem Erzvater Noah verglich,
+machte mich lachen; aber es gieng mir nicht von Herzen.
+Vielmehr f&uuml;hlt&rsquo; ich, wie ich roth ward, weil seine
+Rede mich an die ungef&uuml;ge Antwort erinnerte, mit
+der ich ihm drau&szlig;en begegnet war. Sie that mir leid
+und ich sagt&rsquo; ihm das.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;est Du?&laquo; fragt&rsquo; er mich drauf und
+h&auml;ngte den Kessel &uuml;ber dem Herdfeuer ein.</p>
+
+<p>&raquo;Diether, ehrw&uuml;rdiger Vater.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohlan, Diether, darum mach&rsquo; Dir keine Sorgen.
+Aber von Deinem Abt und Deiner Fahrt wollen wir
+hernach reden; da will ich auch an Dich eine Frage
+thun. Jetzo merk&rsquo; nur dies, da&szlig; ich Brun hei&szlig;e, und
+so magst Du mich nennen. Das ist genug. Und nun
+gedenke des Mahles, denn es ist bereit.&laquo;</p>
+
+<p>Drauf legt&rsquo; er mir vor, was er hatte, Brot und
+K&auml;s und von dem Brei, den er gekocht hatte, und ein
+wenig Wein. W&auml;hrend ich a&szlig; und trank, durft&rsquo; ich
+nicht sprechen, denn er hatte mir <em class="antiqua">Silentium</em> auferlegt
+<!-- Page 35 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">35</a></span>
+mit strenger Miene, als w&auml;ren wir im Refectorium.
+Mir war sein Gebot ganz recht, und mit Lust und
+Eifer that ich der Mahlzeit Bescheid. Er sah mir
+freundlich und ermunternd zu und bedachte dabei das
+Feuer, das, den ganzen Raum angenehm erhellend und
+erw&auml;rmend, den felsigten Kamin hinaufschlug und den
+Schatten seiner Gestalt in wunderlichem Wechsel an die
+Wand malte.</p>
+
+<p>Als ich vollendet hatte, hie&szlig; er mich wieder meine
+vorige Lagerst&auml;tte einnehmen, that die Zur&uuml;stung des
+Mahles beiseit und setzte sich mir gegen&uuml;ber an den Herd.</p>
+
+<p>&raquo;Diether&laquo;, sagt&rsquo; er da, &raquo;warum kam Dir vorhin
+das Lachen an?&laquo;</p>
+
+<p>Ich ward ob der Frage verlegen, und z&ouml;gernd
+erwiederte ich: &raquo;Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen
+begehrt, ehrw&uuml;rdiger Vater&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;Brun hei&szlig; ich,&laquo; unterbrach er mich ungeduldig.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihr die Wahrheit zu wissen begehrt, Brun:
+es geschah, weil Ihr Eure Klause hier der Arche No&auml;
+verglicht und mich mit dem T&auml;ublein, das der Erzvater
+hineinnahm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und warum that denn dem Thierlein der Einla&szlig;
+in den Kasten noth?&laquo; fragt&rsquo; er eindringlich.</p>
+
+<p>&raquo;Weil drau&szlig;en die Wasser der Sintfluth allum es
+bedrohten&laquo;, gab ich zur Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Wohlan, Diether&laquo;, sagt&rsquo; er eifrig darauf. &raquo;Was
+ist die Welt anders, als ein tiefes Meer des Verderbens,
+gleich gef&auml;hrlich, ob&rsquo;s den blauen Himmel spiegelt oder
+sch&auml;umt und braust, voll Untreue, Gewalt und T&uuml;cken?
+Und was hat Dein Abt anders gethan, als Dich
+hinausgescheucht wie einen Vogel, der nicht schwimmen
+kann, auf die weite See?&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 36 --><span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">36</a></span>
+&raquo;Ihr seht wohl&laquo;, sagt&rsquo; ich bescheiden, &raquo;von Eurer
+Klause die Welt zu ung&uuml;nstig an und urtheilet zu hart
+&uuml;ber sie, weil Ihr sie nicht genugsam kennet in Eurer
+Abgeschiedenheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hoho!&laquo; rief er, bitter lachend, &raquo;ich kenne sie
+nicht? Ich kenne sie nicht?&laquo; und sah in&rsquo;s Feuer, als
+k&ouml;nnt&rsquo; ihm das gar etwas Anderes bezeugen. &#8211; &raquo;Du
+hast ihr Wesen wohl heut&rsquo; schon lieb gewonnen beim
+ersten Ausflug?&laquo; wandt&rsquo; er sich dann fragend an mich,
+&raquo;f&uuml;hlst Dich schon wohl darin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; darauf nicht zu antworten&laquo;, erwiedert&rsquo;
+ich, &raquo;aber Ihr thut, d&uuml;nkt mich, zu viel, wenn Ihr die
+Welt schlecht nur der Untreue zeihet. Ich hab&rsquo; wohl
+befunden von ungef&auml;hr, da&szlig; sie auch der Treue die
+Probe h&auml;lt.&laquo; Und so erz&auml;hlt&rsquo; ich ihm mit W&auml;rme, was
+ich von den armen K&ouml;hlerleuten heute gesehen hatte
+und wie sie durch ihre treue Liebe gegen einander so
+gl&uuml;cklich w&auml;ren in aller D&uuml;rftigkeit. &raquo;Die hegen&laquo;, schlo&szlig;
+ich, &raquo;gewi&szlig; kein Falsch gegen einander.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t Du das f&uuml;r gewi&szlig;?&laquo; fragt&rsquo; er wieder.
+&raquo;Hat ihre Treue schon die letzte Versuchung bestanden?
+Wenn die Noth bis zu Hunger und Bl&ouml;&szlig;e steigt; wenn
+Siechthum und Jammer Heimrecht gewonnen haben
+bei ihnen, wenn ihre Ehe zur klirrenden Kette geworden
+ist, welche ohne Hoffen Mann und Weib an die Marterbank
+des gemeinsamen Elends schmiedet und wenn die
+Kinder vergeblich Brot heischen, f&uuml;r Vater und Mutter
+unabl&auml;ssige Mahner ihrer Noth und Mehrer derselben:
+dann siehe zu, ob Ungeduld, Mi&szlig;trauen, &Uuml;berdru&szlig;,
+die Unholde, der Lieb&rsquo; und Treue noch nicht das letzte
+Herzblut ausgesogen haben. Ja, wenn dann noch
+Mann und Weib sich zum Trost da sind, die Kinder
+<!-- Page 37 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">37</a></span>
+den Eltern zum Labsal der Liebe, zu Dank und Gehorsam,
+&#8211; dann magst Du sagen, sie haben Treue
+gehalten. Und bis dahin, und wenn sie noch alsdann
+und immerdar sie hielten&laquo;, fuhr er ergriffen fort, &raquo;wird
+sie ihnen doch zehn Tropfen Bitterni&szlig; einschenken neben
+einem Tr&ouml;pflein S&uuml;&szlig;e. Denn wo eine Quelle ist, daraus
+dem Menschen reine Wonne zuflie&szlig;en k&ouml;nnte, da leidet
+solches der Welt Lauf nicht und wirft Gift hinein.
+Vielleicht brennt Junker Schlapphahn schon morgen die
+H&uuml;tte nieder, blo&szlig; zur Kurzweil und aus &Auml;rger, da&szlig;
+ihm ein Fang entgangen ist. Dann wird den Mann
+nicht sein eignes, aber seines Weibes und seiner Kinder
+Elend ungl&uuml;cklich machen, und das um so mehr, je
+treuer er sie liebt.&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand &uuml;ber
+die Stirne, als wollt&rsquo; er sich der Erregung, mit der er
+gesprochen hatte, entledigen. Darauf f&uuml;gt&rsquo; er ruhiger
+hinzu: &raquo;Diether, ich bleib&rsquo; dabei, Dein Abt ist ein
+Unweiser, da&szlig; er Dich so unbesorgt in die Welt gesandt
+hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber&laquo;, warf ich munter ein, &raquo;Brun, la&szlig;t die
+Welt so b&ouml;s sein, wie sie mag. Was gilt mir das,
+der ich in ihr weder streiten, noch arbeiten, noch freien,
+noch ihres Theils sein will in keinerlei Weise, auch im
+Geringsten nicht ein Verlangen danach trage, als der
+ich dem Kloster von Kind an verlobt bin.&laquo;</p>
+
+<p>Da sah er mich ernst, fast schwerm&uuml;thig an und
+sagte: &raquo;Diether, h&ouml;r&rsquo; nur zu! Wodurch die Welt die
+Leute schlimm macht und gottlos und ungl&uuml;cklich, das
+wohnet inwendig in eines jeglichen Menschen Herzen.
+Da schl&auml;ft es und regt sich nicht, und er wei&szlig; nichts
+davon, bis die Welt es aufweckt und st&auml;rkt. Sie thut
+<!-- Page 38 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">38</a></span>
+es mit gar lieblicher Stimme, denn Alles, was s&uuml;&szlig;
+und sanft thut dem Herzen, was wonnig ist und holdselig,
+das nennt sie ihm mit Namen und verhei&szlig;t es
+ihm. Aber wenn er dessen am frohsten zu werden gedenkt,
+dann mu&szlig; er erfahren, da&szlig; sie auch das Verderben
+gro&szlig; gezogen, das ihn um Fried&rsquo; und Freude
+bringt. Lang und schwer ist hernachmals der Weg zur&uuml;ck
+zu finden, und Mancher kommt um unterwegs.
+Darum ist&rsquo;s besser, es bleibt Beides unerprobt, der Welt
+Lust und der Welt Leid, denn sie lohnet jenes mit diesem
+allzu hart, und recht erwogen, ist ihre Wonne ihres
+Wehes nicht werth.&laquo;</p>
+
+<p>Mir war&rsquo;s, als seufzte er leise bei diesen Worten.</p>
+
+<p>&raquo;Nun denn&laquo;, sagt&rsquo; ich wie vorhin, &raquo;ich hab&rsquo; diesen
+Dingen noch wenig nachgesonnen, acht&rsquo;s auch nicht f&uuml;r
+wohlgethan, denn sie helfen nur zur Herzensschwere,
+wie mich d&uuml;nkt. Aber unter Gottes Schutz gedenke
+ich getrost gen Speyer zu ziehen, dort meine Sache zu
+beschicken und denselben Muth und Sinn heimzubringen,
+mit dem ich ausgezogen bin aus unserm Kloster.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du th&auml;test besser&laquo;, sprach er, &raquo;so Du umkehrtest
+und lie&szlig;est den Abt ohne das Conterfey. Du sagtest
+ihm, Deine Seele m&uuml;&szlig;te Dir mehr gelten, als das
+Bild.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das w&uuml;rde mir &uuml;bel stehen&laquo;, sagt&rsquo; ich fast unwillig,
+&raquo;und mich zum Gel&auml;chter machen im ganzen
+Convent.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So will ich Dir noch einen Rath geben&laquo;, fuhr
+er fort, als wollt&rsquo; er mich durch Scherz beg&uuml;tigen, &raquo;sieh
+zu, da&szlig; Du ihn besser befolgst. Bleib hier und siedle
+bei St. Wigbert&rsquo;s Kirchlein. Wir leben hier in Verborgenheit
+und edler Freiheit mit einander, bis Du mir
+<!-- Page 39 --><span class=
+'pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">39</a></span>
+mein Grab gr&auml;bst und mich hineinbettest. Wie? Du
+sagst nicht mit Freuden ja und mi&szlig;kennest solche Ehre?
+So verbeut Dir Brun jede Ausrede und will, da&szlig; Du
+Dich auf&rsquo;s Ohr legest und schlafest.&laquo;</p>
+
+<p>Damit stund er auf und achtete nicht weiter auf mich.</p>
+
+<p>Wirklich war ich so m&uuml;de, da&szlig; sich meine Augen
+willig senkten und ich bald entschlief. Aber zu vielerlei
+und zu Neues hatte ich an diesem ersten Wandertage
+durchlebt, als da&szlig; mein Schlaf h&auml;tte traumlos sein
+k&ouml;nnen. Sonderlich des Alten eindrucksvolle Gestalt
+stund immer wieder mir vor der Seele; bald rauh,
+bald milde erschien er mir, wie ich ihn am Tage gesehen
+hatte. Zuletzt war mir&rsquo;s, als f&uuml;hr&rsquo; ich mit ihm
+&uuml;ber ein strudelndes Wasser und er spr&auml;che zu mir:
+&raquo;Das ist die Welt! Willst Du sie kennen lernen, so
+spring hinein und wag&rsquo; es zu schwimmen.&laquo; Da warf
+er die Ruder weg, und unser Kahn tanzte in immer
+engeren Kreisen dem Abgrunde zu. Ich bat ihn flehentlich,
+mich und sich zu retten und wollte seine Knie&rsquo; umfassen.
+Im Schlaf mocht&rsquo; ich da wohl eine heftige Bewegung
+gemacht haben, denn ich erwachte. Doch wie! sa&szlig; er
+da nicht noch immer an den letzten Gluthen des verglimmenden
+Feuers?</p>
+
+<p>Ich behielt den Anschein des Schlafens und sah
+ihm zu.</p>
+
+<p>Vor sich hatte er eine ge&ouml;ffnete Truhe, die er aus
+der Kluft hervorgeholt haben mochte, und mit Staunen
+sah ich, wie er daraus gestickte Zeuge, Schapel, Schleier,
+Spangen von gro&szlig;er Kostbarkeit hervorlangte. Nur f&uuml;r
+einen Augenblick kam mir der Gedanke, ich k&ouml;nnte in die
+H&ouml;hle eines R&auml;ubers gerathen sein. Denn das waren nicht
+die Blicke der Habgier, mit denen er die Kleinode betrachtete.
+<!-- Page 40 --><span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">40</a>
+</span>
+Vielmehr dr&uuml;ckte sich ein tiefer Gram aus in
+seinem Angesicht, wie er mit z&ouml;gernden H&auml;nden ein St&uuml;ck
+nach dem anderen herausnahm und sorglich wieder an
+seinen Ort legte. Endlich schien er gefunden zu haben, was
+er suchte. Es war ein B&uuml;ndlein von vergilbten Bl&auml;ttern.
+Es mochten Handschriften oder Briefe sein; denn ich
+sah, wie er sich zu lesen anschickte. Aber reichte das
+Licht nicht zu oder waren seine Augen tr&uuml;be, er lie&szlig;
+die Hand, welche das Blatt hielt, auf die Knie&rsquo; sinken.
+Da entfiel dem Papier etwas, wie eine verwelkte Rose.
+Hastig hub er sie auf, als w&auml;re die arme Blume ein
+gro&szlig;er Schatz. Er sah sie lange an, &ouml;fters seufzend,
+und sein Haupt sank ihm tief auf die Brust. Da verlosch
+das Feuer, und das mildere Mondenlicht fiel durch
+das Fenster in die Zelle. Seine Strahlen umflossen
+den Regungslosen. &raquo;Er ist eingeschlafen&laquo;, dacht&rsquo; ich.
+Aber im flimmernden Mond blinkten reichliche Thr&auml;nen
+die Furchen seiner Wangen hinab in seinen Bart,
+und was ich anfangs f&uuml;r das Rauschen ferner Wipfel
+gehalten hatte, war sein leises Schluchzen.</p>
+
+<p>&raquo;Tr&ouml;st&rsquo; ihn, lieber Heiland, in seinem Leide&laquo;, betet&rsquo;
+ich da in meinem Herzen, &raquo;und gib Deine Gnad&rsquo;
+uns Allen!&laquo;</p>
+
+<p>Und damit entschlief ich.</p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/040_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 41 -->
+<p class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">41</a></p>
+<h2><a name="Drittes_Capitel" id="Drittes_Capitel"></a>Drittes Capitel.</h2>
+<h1>Irrfahrt.</h1>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">D</span>es andern Tages fr&uuml;h, da ich mich wieder
+auf den Weg machte, wollte mich Brun
+doch nicht allein ziehen lassen, sondern er
+geleitete mich eine gute Strecke. Das that
+er, nicht blo&szlig;, weil er besorgte, ich m&ouml;chte aus der
+Irre, in die ich gestern gerathen war, die rechte Stra&szlig;e
+allein nicht wieder finden, sondern auch, da&szlig; ich an
+ihm einen Schutz h&auml;tte gegen F&auml;hrlichkeiten. &raquo;Denn&laquo;,
+sagt&rsquo; er, &raquo;hier herum ist das Wegelagern nicht selten,
+und wer sicher durchziehen will und ungekr&auml;nkt an
+Hab und Leben, der sollt&rsquo;s, wenn er nicht selbst
+wohl bewehrt ist, nicht wagen ohne Geleit. Da und
+dort auf den Bergen ragen stolze Burgen, drin hausen
+gestrenge Ritter, wie man sie hei&szlig;t, die aber das Rauben
+treiben wie ihr Handwerk.&laquo;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Ich hab&rsquo; wohl wenig zu f&uuml;rchten, Brun&laquo;, sagt&rsquo;
+ich gutes Muthes, &raquo;da&szlig; mich dieser kampflichen Gesellen
+einer anrenne, der ich unbeschwert von Gut und Habe
+meines Weges ziehe. Was sollte man an mir armem
+Kl&ouml;sterling gewinnen, so man mich fienge?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man k&ouml;nnt&rsquo; Dich doch f&uuml;r einen Andern halten,
+<!-- Page 42 --><span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">42</a>
+</span>
+als Du bist, Diether, wie auch ich Dich mi&szlig;kannte, als
+Du mich ansprachst. &#8211; Da&szlig; ich da so rauh mit Dir
+fuhr,&laquo; setzte er freundlich hinzu, &raquo;mu&szlig; Dich nicht irren:
+es war aus guter Meinung geschehen. Denn sieh, so
+schlimm ist heutzutage die Welt, da&szlig; auch ein Einsiedel
+sein l&ouml;blich Thun mit gro&szlig;er Vorsicht und Heimlichkeit
+betreiben mu&szlig;, als h&auml;tte er dabei ein b&ouml;s Gewissen.
+Weil ich n&auml;mlich, was sich hier in Wald und Bergen
+zutr&auml;gt, und das Gehen und Kommen der Herren, ihr
+Liegen und Kriegen, Frieden und Fehde gut genug
+erkunde, so bin ich den redlichen Leuten, die hierdurch
+in Frieden fahren wollen, gern zu Rath und Warnung
+bereit. Sie kennen mich wohl auch und haben mich
+erprobt. So werd&rsquo; ich oft beschickt, da&szlig; man mich fragt,
+ob&rsquo;s wohl stehe im Gebirg oder nicht. Aber ich darf
+Keinem trauen, der mir nicht B&uuml;rgschaft gibt, da&szlig; er
+sicher ist und kein Schelm, von den Geiern hier herum
+abgesandt, die mir l&auml;ngst auf der Lauer sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So habt Ihr auch an mir Euch als Helfer und
+Berather treulich bewiesen und meinen armen Dank
+wohl verdient&laquo;, sagte ich, indem ich seine Hand ergriff,
+&raquo;und nimmer werd&rsquo; ich Euer vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Da schlug er ein, sah mich gar g&uuml;tig an und
+sagte: &raquo;Ist das Dein Ernst, Diether, so hab&rsquo; Du allerwege
+ein Vertrauen zu mir. Es mag sich wohl f&uuml;gen,
+da&szlig; es Dir eine Freud&rsquo; ist oder ein Trost, zu denken,
+es lebe Einer, der Dir von Herzen gern diente, weil
+er Dir von Herzen gern das Beste g&ouml;nnt &#8211; hauset
+er auch gleich einsam und hat nicht Macht, Gut, noch
+Ehre in der Welt. Vielleicht ist&rsquo;s Dir dann lieb, den
+Weg zu wissen, der durch den Wald fern zu St. Wigbert
+f&uuml;hrt, und Du verlangst, sein Kirchlein Dir winken
+<!-- Page 43 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">43</a></span>
+zu sehen und in der Klause Deinen getreuen Eckhart,
+den alten Brun. &#8211; Nun, J&uuml;ngling, fahr&rsquo; wohl! Die
+Landstra&szlig;e, die da entlang sich zieht, hei&szlig;t uns scheiden.
+Aber in aller Ferne bleibt&rsquo;s dabei: Brun gedenkt und,
+willst Du zu ihm, harret Dein immerdar.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wollt&rsquo; ihm nochmals danken zum Abschied,
+aber er wollt&rsquo;s nicht haben, dr&uuml;ckte mir liebreich und
+herzhaft die Hand und gieng.</p>
+
+<p>Ich sah ihm nach, bis er hinter den Tannen des
+Waldpfades verschwunden war, der ihn in seine Siedelei
+zur&uuml;ckleitete.</p>
+
+<p>Dann gieng auch ich wohlgemuth meine Stra&szlig;e.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Ob wohl am j&uuml;ngsten Tage, wenn zum Endegerichte
+die B&uuml;cher werden aufgeschlagen werden, darin eines
+Jeglichen Thun beschrieben ist, welcherlei es gewesen
+ist bei Leibesleben, die Tage und Zeiten auch werden
+leere Bl&auml;tter weisen, an die wir uns wenig erinnern,
+weil uns darin nichts Sonderliches begegnet ist, und
+dahingegen die, an denen unsere Gedanken vor andern
+haften und unseres Herzens Sinn, auch dort werden
+mit gro&szlig;en Buchstaben eingezeichnet sein? Dem hab&rsquo;
+ich manchmal nachgesonnen, und unsere Vernunft mu&szlig;
+wohl also schlie&szlig;en. Und doch kann es leichtlich anders
+sein; denn ich achte, oft ohne da&szlig; wir&rsquo;s merken und
+sp&uuml;ren, nimmt unser Herz ein Saatk&ouml;rnlein auf, das
+unvermerkt Wurzel darinne treibt, und dessen Frucht,
+bitter oder s&uuml;&szlig;e, unser ewiges Schicksal entscheidet. Hinwieder
+mag von hoher Lust und tiefem Leid, darin
+unser Herz gestanden hat, da&szlig; es durch&rsquo;s ganze Leben
+de&szlig; nicht vergi&szlig;t so lang&rsquo; es schl&auml;gt, keine Spur uns
+nachfolgen in die zuk&uuml;nftige Welt, wie man dem Wasser
+<!-- Page 44 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">44</a></span>
+des stillen Gebirgsee&rsquo;s nichts ansieht von dem Gebraus
+des Sturzbaches, der ihn n&auml;hrt.</p>
+
+<p>Solcher Betrachtungen zu gedenken, dazu bewegt
+mich die Erinnerung an das, was mir weiter auf
+meiner Wanderschaft begegnete. Sie gieng auch in
+einem solchen Wechsel hin zwischen dem, was man
+schnell vergi&szlig;t und was fest in der Seele haftet. So
+trug sich mir in den zween n&auml;chsten Tagen, nachdem
+ich von Brun geschieden, nichts Sonderliches zu, und
+schon hoffte ich in Tagesfrist in Heidelberg zu sein,
+allwo ich eine Weile zur Rast in Herberge bei den
+Benedictiner Br&uuml;dern liegen sollte. Aber gar unerwartet
+und pl&ouml;tzlich wurde ich von meinem Ziele abgelenkt,
+und wie das geschah, das steht noch so deutlich
+vor meiner Seele, als h&auml;tt&rsquo; ich&rsquo;s gestern erlebt.</p>
+
+<p>Der Tag war tr&uuml;b&rsquo;, und ein kalter Wind trieb
+mir feinen Regen in&rsquo;s Angesicht. Ich h&uuml;llte mich dichter
+in mein langes Gewand und bef&ouml;rderte meinen Gang.
+Da h&ouml;rte ich hinter mir Schritte wie von Nacheilenden
+und ward gewahr, da&szlig; sie mir schleunig n&auml;her kamen.
+Ich wandte mich und erblickte ein gar seltsames Paar:
+zween Gesellen, von denen Jeder f&uuml;r sich verwunderlich
+genug anzusehen war, noch mehr aber, wenn man ihn
+zugleich mit seinem Gespons betrachtete. Denn die
+Beiden hielten sich in Allem das Widerspiel. War
+der Eine lang und fast d&uuml;nn, von schwarzem Haar,
+das tief auf die Schultern fiel, und schmalen Wangen,
+so war der Andere gar kurz und wohl bei Leib&rsquo;, und
+das runde Haupt mit ganz rothem Kraushaar sa&szlig; ihm
+dicht auf dem breiten Nacken. Nicht minder war die
+Tracht, in der sie daherzogen, sonderbarlich anzusehen.
+Der Lange trug einen knappen, blauen Rock mit
+<!-- Page 45 --><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">45</a></span>
+silbergl&auml;nzenden gro&szlig;en Kn&ouml;pfen, der kaum bis unter
+die H&uuml;ften reichte, mit buntfarbigen Schleifen hin und
+wieder ausgeziert. Auf dem Scheitel sa&szlig; ihm eine
+Kappe von gleicher Farbe mit langem Federschmuck,
+von Wind und Wetter &uuml;bel zerzaust. Seine Hosen
+aber waren gelb und eng anliegend; an der Seite
+hieng ihm ein kurzes Schwert, wie die Bauern tragen,
+wenn sie bewehrt sind. Der Kleine hingegen trug
+einen gro&szlig;en, braunen Hut mit so m&auml;chtiger Krempe,
+als w&auml;r&rsquo;s der vom wilden J&auml;ger selber, und seine
+kurze Gestalt erschien noch breiter durch einen dunkelrothen,
+faltenreichen Mantel, der ihm vom Halse bis
+zu den Knieen herunterhieng.</p>
+
+<p>Wie ich die Beiden mit steigender Verwunderung
+betrachtete, hatten sie mich bald eingeholt. Der Kurze
+Schwenkte mir zum Gru&szlig; seinen Hut entgegen und rief:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ja, wohlgethan, da&szlig; Ihr bleibt stehn!&laquo;
+<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Darauf setzte der Andere ein:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Selb dreie w&ouml;ll&rsquo;n wir f&uuml;rder gehn.&laquo;
+<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Damit waren sie mir zur Seite, und ich fand
+mich in ihrer Mitte wandelnd, als w&auml;ren sie mir Geleitsm&auml;nner.
+Vielleicht sahen sie mir&rsquo;s an, da&szlig; ich bedenklich
+war &uuml;ber ihre Gesellschaft und halb entschlossen,
+mich ihrer so oder so zu erwehren. Darum war
+sonderlich der Kleine gesch&auml;ftig, Wechselrede in Gang
+zu bringen. Ich war zu arglos und, was ich an
+meinen beiden Gef&auml;hrten sah und von ihnen erfuhr,
+mir zu neu, da&szlig; Ihre Begleitung mir nicht ertr&auml;glich
+und nicht auch bald erw&uuml;nscht gewesen w&auml;re.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ihr seid gewi&szlig; ein heilig Mann&laquo;,<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+
+<p>sagte der Kleine, und sah wie pr&uuml;fend zu mir auf.</p>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Man sieht&rsquo;s an Euerm Kleid Euch an.&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 46 --><span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">
+46</a></span>&raquo;Ja&laquo;, erwiederte ich, &raquo;einem heiligen Stande geh&ouml;re
+ich an und bin dem Kloster zugesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>Da versetzte der mit dem blauen Rock gar ernsthaft:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ein selig Leben ist Euch beschieden,<br/></span>
+<span class="i0">Voll guter Sicherheit und Frieden,&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>und sprach das in einem Ton, als h&auml;tt&rsquo; er solch Gl&uuml;ck
+aus eigener Erfahrung wenig erprobt.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Sogleich rief ihm der Andere zu, als wollt&rsquo; er ihn
+tr&ouml;sten:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Was mancher Mann zumeist begehrt,<br/></span>
+<span class="i0">Wenn er&rsquo;s erlangt, h&auml;lt er&rsquo;s nicht werth.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Dann wandte er sich zu mir und sagte: &raquo;Mein
+Geselle da hat die Regenlaune; allemal, wenn&rsquo;s unhold
+Wetter gibt, ist er so.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Scheint aber erst die Sonne frei,<br/></span>
+<span class="i0">Dann singt er and&rsquo;re Melodei!<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Nicht, Bruder? Ah, ob er&rsquo;s wohl kann auf
+Saitenspiel?&laquo;</p>
+
+<p>Damit strich er mit der Gerte, die er in der Hand
+hatte, hinter mir vorbei seinem Gesellen auf den R&uuml;cken,
+und ich h&ouml;rte die Saiten einer Fiedel erklingen, die da,
+wie ich nun merkte, wohl eingeh&uuml;llt am Bande hieng.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Mi&szlig;schaffen ist dein Scherz und
+Schimpf!&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>murrte &auml;rgerlich der Gestrichene; aber der Andre lachte
+dazu und rief:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ei, nimm ihn auf mit Gunst und Glimpf!&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Ich denke&laquo;, sagte ich da, &raquo;weil Ihr von mir
+erkundet habt, welcherlei Stande ich angeh&ouml;re, so hab&rsquo;
+ich wohl auch ein Recht, nach dem Eurigen zu fragen.
+Doch das ist nicht noth; denn wiewohl ich mich wenig
+auf der Welt Brauch und ihre Sitten verstehe, so fehl&rsquo;
+ich gewi&szlig; nicht der Wahrheit, wenn ich daf&uuml;r halte,
+<!-- Page 47-->
+<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">47</a></span>
+da&szlig; Ihr fahrende Spielleute seid. Aus den gereimten
+Spr&uuml;chen und der Fiedel schlie&szlig;&rsquo; ich das.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, wohlgerathen&laquo;, rief lustig der Kleine, &raquo;ist
+Euch das <em class="antiqua">Studium logices</em>. Euer Syllogismus ist demantfest.
+Und doch traft Ihr nicht haarscharf das
+Ziel. Fahrende sind wir, das ist wahr, aber Spielende
+nicht zumal, das gieng Euch fehl&rsquo;. Wer die Braut hat,
+der ist der Br&auml;utigam; wer die Fiedel tr&auml;gt, der ist
+der edlen Sang- und Klangkunst Adept.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Tannh&auml;user wird er genannt,<br/></span>
+<span class="i0">Ich aber Klingsohr von Ungarland.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Und was ist <em class="gesperrt">Eure</em> Kunst?&laquo; fragt&rsquo; ich ihn.</p>
+
+<p>Da blinzelte er mich mit den Augen schlauen
+Blickes an, sah dann in den grauen Himmel und spitzte
+den Mund, als bes&auml;nn&rsquo; er sich, ob er mir eine gerade
+Antwort geben sollte. Darauf blieb er pl&ouml;tzlich stehen
+und schien zu horchen. Der Andere that desgleichen
+und fragte:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Sag&rsquo;, Bruder, h&ouml;rst du ichtes was?&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>worauf Klingsohr nach kurzer Weil&rsquo;:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Nein, nichts! &#8211; Doch la&szlig;t uns eilen
+ba&szlig;.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>&raquo;Ja&laquo;, fuhr er im Gehen zu mir fort, indem er ausschritt,
+was seine kurzen Beine vermochten, &raquo;die Kunst,
+die ich &uuml;be, ist eine hohe Kunst und eine n&uuml;tzliche Kunst
+und hat viel&rsquo; Liebhaber im Volk. &rsquo;S ist aber auch eine
+gef&auml;hrliche Kunst und wird arg befehdet von den Hochgelahrten.
+Eure Heiligen und Scholastici z&auml;hlen sie
+nicht unter die sieben freien K&uuml;nste. Ich m&ouml;cht&rsquo; ihrer
+auch gern ledig sein. Aber was hilft&rsquo;s! Jeder Vogel
+mu&szlig; bei seinem Liede bleiben. Frau Aventiure ist mir
+nicht g&uuml;nstig gewesen und hat zu sagen und singen
+mich nicht gelehrt, wie den da.&laquo;</p>
+
+<!-- Page 48 -->
+<div class="textbody">
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">48</a></span>
+&raquo;Aber Ihr reimet doch, als w&auml;ret Ihr Worte
+zu stellen wohl ge&uuml;bt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Macht der Gewohnheit und Freundschaft! Des
+Tannh&auml;users edle Gabe ist mir ein wenig zu Gut gekommen.
+Wenn man die Singekunst so liebt, wie ich,
+da mu&szlig; die Gesellschaft solchen Meisters wohl Etwas
+n&uuml;tze sein.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Was ich vermag, das ist allein<br/></span>
+<span class="i0">Von seiner Kunst ein Wiederschein.<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Doch Ihr habt&laquo;, setzte er hinzu, &raquo;in Eurem Brevier
+von solchen Dingen allen nichts gefunden und begehrt
+ihrer nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da ist denn die Reihe des Fehlens an Euch
+gekommen, Meister Klingsohr!&laquo; sagt&rsquo; ich munter, &raquo;denn
+auch ich &uuml;be eine Kunst, und mit all&rsquo; meinem Denken
+trag&rsquo; ich Lust zu ihr.&laquo;</p>
+
+<p>Da sahen mich Beide verwundert an und Klingsohr
+fragte: &raquo;Welche ist&rsquo;s?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwar sollt&rsquo; ich dem Klingsohr nicht offenbaren,
+was er mir hehlt&laquo;, erwiederte ich. &raquo;Doch will ich&rsquo;s
+sagen: Zum Tannh&auml;user dem Singer hat Diether der
+Maler sich gesellt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wohl uns, da&szlig; wir uns trafen!&laquo; rief Klingsohr,
+streckte mir seine Hand entgegen, und der Tannh&auml;user
+reichte mir seine. &raquo;Wir drei geh&ouml;ren zusammen,
+ob Kutte, Wams oder Mantel; wir sind eines Ordens.
+He, Bruder Tannh&auml;user, nimm Deine Fiedel und streich
+eins auf!&laquo;</p>
+
+<p>Der aber sagte:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;In Regen und Wind des Fiedelns pflegen,<br/></span
+>
+<span class="i0">Hei&szlig;t unterm Schnee nach Veiglein fegen.&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wohl&laquo;, rief da der Kurze, &raquo;so will ich ein neu
+<!-- Page 49 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">49</a></span>
+Lied singen von den drei jungen Gesellen, die sie in
+Augsburg henken wollten, wie sie zusammen entrannen
+und hernach in England der eine Bischof, der andere&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;Sagt mir doch lieber&laquo;, unterbrach ich ihn, &raquo;was
+Eure Kunst sei!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum sollt&rsquo; ich&rsquo;s nicht&laquo;, erwiederte er, wenn&rsquo;s
+Euch, Malbruder, zu wissen lieb ist? Kennt Ihr die
+schwarze Magia?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle guten Geister!&laquo; rief ich und schlug ein Kreuz.
+&raquo;Das ist ja eine Teufelskunst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die treib&rsquo; ich ja auch nicht&laquo;, rief das M&auml;nnlein
+und lachte unb&auml;ndig. &raquo;Sie ist ja durch kaiserlich und
+p&auml;pstlich Recht verp&ouml;nt und vermaledeit. Der <em class="gesperrt">wei&szlig;en</em>
+Magia bin ich ein J&uuml;nger.&laquo;</p>
+
+<p>Wie ich ihn fragend und befremdet ansah, fuhr
+er fort: &raquo;Das nimmt Euch Wunder, da&szlig; ein Biedermann
+die wei&szlig;e Magia bekennt, und Albertus Magnus
+ist doch durch sie hoch zu Ehren gekommen? Macht
+<em class="gesperrt">das</em> den Unterschied, da&szlig; ich Jedermann, B&uuml;rger und
+Bauer und Knecht und Magd, wer&rsquo;s begehrt, die
+Wohlthaten meiner Kunst erweise? H&auml;tt&rsquo; ich nur die
+Instrumenta und w&auml;re in jungen Jahren l&auml;nger hinter&rsquo;s
+Latein gesessen &#8211; ich wollt&rsquo; Euch einen redenden
+Kopf machen, der sollt&rsquo; Euch noch weit andere Geheimnisse
+sagen, als Albertus&rsquo; seiner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann th&auml;test Du besser&laquo;, spottete der Tannh&auml;user,
+&raquo;Du lie&szlig;est den Kopf und sch&uuml;fest uns einen Wintergarten,
+wie der K&ouml;lner Meister, mit warmer Sommerluft.
+Aber Deine wei&szlig;e Meisterschaft l&auml;&szlig;t uns noch
+im Aprilen frieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ei&laquo;, sagte gekr&auml;nkt der Kleine, &raquo;Dir w&auml;r&rsquo;s doch
+in keinem Wege recht zu machen. Hast Du nicht warm
+<!-- Page 50 --><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">50</a></span>
+gesessen bei der Frau Venus? Und doch hat Du&rsquo;s
+nicht behagt im H&ouml;rselberg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Narrethei!&laquo; rief der Tannh&auml;user, &raquo;samt
+Deiner Frau Venus und H&ouml;rselberg! Wollt&rsquo; lieber,
+ich h&auml;tte jetzo was Gares zu kosten und was W&auml;rmendes
+auf dem Leib.&laquo; Dabei sch&uuml;ttelt&rsquo; er sich verdrie&szlig;lich
+die Tropfen von der M&uuml;tze ab.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Frau Nachtigall, hat sie keine Speis&rsquo;,<br/></span>
+<span class="i0">Schweigt oder singt nach Spatzenweis&rsquo;.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Er dauerte mich und ich sagte: &raquo;Mir ist&rsquo;s gar
+leid, da&szlig; Ihr nicht besser vor&rsquo;m Unwetter bewahrt seid.
+Wie wohl thut mir doch heut&rsquo; mein langes Wollenkleid!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh!&laquo; sagt&rsquo; er und sah es fast begehrlich an,</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Im warmen Kleid und sichern Nest<br/></span>
+<span class="i0">Den M&ouml;nchen Gott nichts mangeln
+l&auml;&szlig;t.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Freilich&laquo;, hub wieder der Kleine an, &raquo;fahrende
+Meister m&uuml;ssen sich alles Gl&uuml;ckwechsels versehen: gestern
+willkommen und heut&rsquo; schabab. Da hei&szlig;t&rsquo;s oft:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Duck Dich H&auml;nnsl, la&szlig; &uuml;bergahn!<br/>
+</span>
+<span class="i0">Unwetter will seinen Willen han!<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Sprich auch diesen Spruch jetzt, Gutgesell! Da
+hilft nichts Anderes. Denn zum W&auml;rmenden auf Deinen
+Leib ist hier kein Rath;</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber Gares zu kosten, das mag wohl sein,<br/></span>
+<span class="i0">Hab&rsquo; auch nicht die Meinung, mich zu kastei&rsquo;n.<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Wir wollen eine Mahlzeit halten, die lecker ist,
+und St. Bernhardt selber wird mir die Gutthat danken,
+die ich an seinem J&uuml;nger thue. Wir sind auf der
+Wanderung gebr&uuml;dert und haben Alles gemein. Seid
+erst bei Klingsohr zu Gast und dann gebt Acht, ob seine
+Kunst Dank verdient!&laquo;</p>
+
+<p><!-- Page 51 -->
+<span class='pagenum'><a name= "Page_51" id="Page_51">51</a></span>
+&raquo;Ist&rsquo;s Eure Magie, die uns letzen wird?&laquo; fragt&rsquo;
+ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;lich sie&laquo;, rief er lachend, &raquo;und immer die
+wei&szlig;e! Gleich sollt Ihr de&szlig; gewahr werden.&laquo;</p>
+
+<p>Nun f&uuml;hrte der Weg an einem verlassenen Steinbruch
+vorbei, der manche W&ouml;lbung darbot, wo man
+vor Wind und Regen wohl gesichert war. Da hatte
+auch alsbald Klingsohr die zum Lager geschickteste erk&uuml;rt
+und hie&szlig; uns folgen. Als wir angelangt waren,
+sprang er auf einen Stein, der da lag, und sagte im
+Befehlston:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Nun kommt herf&uuml;r aus Eurer Haft!<br/></span>
+<span class="i0">Sollt Euch nicht mehr verstecken.<br/></span>
+<span class="i0">Beweist Eure edle Kraft und Saft!<br/></span>
+<span class="i0">Wir wollen schmecken und schlecken.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Damit hockte er etwas von seinem R&uuml;cken, das
+schier einem gewaltigen Buckel geglichen hatte, und langte
+drei G&auml;nse hervor, die an ihren H&auml;lsen zusammengebunden
+waren, wie man pflegt, wenn man sie geschlachtet
+zu Markte bringt. &raquo;Sind Sie nicht wei&szlig;&laquo;, fragte er
+mich vergn&uuml;gt, &raquo;wie die Kunst, die sie mir eingebracht?
+Und fett dazu! Sie dr&uuml;ckten mich schier, da&szlig; ich nicht
+mehr ausschreiten konnte. Aber harret! Eine soll&rsquo;s
+nicht mehr thun, &rsquo;s m&uuml;&szlig;te denn im Magen sein.&laquo;</p>
+
+<p>Darauf macht&rsquo; er sich an&rsquo;s K&uuml;chenwerk und nahm
+uns dabei ganz weidlich in seinen Dienst. W&auml;hrend er
+die Gans rupfte und zum Braten bereitete, mu&szlig;te ihm
+sein Geselle Handreichung thun, der auch, wie ich sah,
+in solchen Dingen wohl ge&uuml;bt war. Ich ward ausgeschickt,
+inde&szlig; zum Feuer Holz herbei zu holen. Dazu
+gab mir der Tannh&auml;user sein breites Schwert, und weil
+ringsum der Wald dicht war, so hatt&rsquo; ich nach kurzer
+<!-- Page 52 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">52</a></span>
+Weile zum Brennen genug herzutragen. Der Singmeister
+hatte bald ein Feuer angez&uuml;ndet, und die Flamme
+schlug hell empor. Sie verbreitete in unserem Winkel
+eine willkommene W&auml;rme und sollte unsern durchn&auml;&szlig;ten
+Kleidern zu Gute kommen. Klingsohr und ich spreiteten
+unsere M&auml;ntel und der Spielmann sein Wams vor
+der Gluth zum Trocknen aus und r&uuml;ckten selber an
+ihr zusammen so nah, als wir konnten. Es war mir
+lustig den Beiden zuzuschauen, mit welchem Eifer sie
+zur&uuml;steten. Bald war der Magus mit der Gans zu Stand,
+da&szlig; sie zum Braten fertig war. &raquo;Hier noch das Leberlein
+und hier die Zwiebel (er nahm sie aus seinem
+Ranzen) selbander hinein&laquo;, sagt&rsquo; er; &raquo;jetzt geschwind
+Nadel und Zwirn, &#8211; so ist&rsquo;s gethan; &#8211; nun kann sie
+r&ouml;sten.&laquo; Damit sch&uuml;rte er das Feuer, wie er&rsquo;s haben
+wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist auch eine feine Meisterschaft, die Ihr versteht&laquo;,
+sagt&rsquo; ich lobend.</p>
+
+<p>&raquo;Was n&uuml;tzte sie, wenn ich sie nicht &uuml;ben k&ouml;nnte!&laquo;
+gab er zur Antwort. &raquo;An des heiligen r&ouml;mischen Reiches
+Truchse&szlig; selber w&auml;re sein Amt verloren, tr&uuml;gen nicht
+J&auml;ger und Metzger und Bauer und M&uuml;ller ihm die
+K&uuml;che voll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O&laquo;, sagt&rsquo; ich scherzend, &raquo;ich merke wohl, Ihr wollt
+nur Eure magischen K&uuml;nste ausstreichen, und wahr ist&rsquo;s,
+das h&auml;tt&rsquo; ich nie gedacht, da&szlig; sie G&auml;nse an den Spie&szlig;
+zu bringen vermag. Aber nun seh&rsquo; ich&rsquo;s mit eigenen
+Augen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und sollt&rsquo;s schmecken mit eigener Zunge, das
+ist die Hauptsach&rsquo;. Euer Heiliger mu&szlig; sich freuen, wie
+man Euer auf der Wanderung pflegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Treu&laquo;, rief da der Fiedler dazwischen und
+<!-- Page 53 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">53</a></span>
+wandte, wie der Andere ihn anwies, die Gans um,
+die schon ganz lieblich zu duften sich anschickte. &raquo;Eine
+Schand&rsquo; ist&rsquo;s, wenn ich gedenke, wie unmild dahingegen
+die Singekunst heuer gelohnet wird. Man will unser
+nicht mehr in Kl&ouml;stern und Burgen, und die St&auml;dter,
+seit sie reich werden, fangen selbst an, gar zierlich und
+f&uuml;rnehm zu singen, und weil sie&rsquo;s umsonst herklimpern,
+verachten sie uns aus Geiz; bleibt nur das gemeine
+Volk f&uuml;r uns, sperrt&rsquo;s Maul auf, weint und lacht, wie
+man&rsquo;s haben will, das ist Alles!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Drum auch&laquo;, sagte der Kleine, &raquo;sollst Du Dich
+gesegnen, da&szlig; wir zusammen fahren. Sind wir nicht
+noch immer ehrlich verbr&uuml;dert gewesen?</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sei&rsquo;s Gans oder Ferkel, sei&rsquo;s Huhn oder Hahn,<br/></span>
+<span class="i0">Zusammen wird Alles und Jedes verthan!<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Jetzt wend&rsquo; sie um!&laquo; Und frohm&uuml;thig rieb er sich
+die H&auml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;Wie aber verm&ouml;gt Ihr&rsquo;s denn&laquo;, fragt&rsquo; ich wieder,
+&raquo;Eure magische Kunst so in Ehren und gutem Lohn
+zu erhalten, da&szlig; sie Euch Beiden zutr&auml;gt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie hie&szlig;e nicht Magia, wenn sie nicht Geheimni&szlig;
+w&auml;re. Euch, geistlicher Kunstbruder, sei&rsquo;s genug,
+da&szlig; Ihr wisset: die wei&szlig;e ist unverboten und gibt
+ehrliche Nahrung.&laquo; Dabei blinzelte er wieder gar
+listig mit den Augen mich an und lachte. &raquo;Nur den
+Spruch merkt Euch wohl:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wer sich der Welt gelieben will,<br/></span>
+<span class="i0">Mu&szlig; halten ihrem Treiben still;<br/></span>
+<span class="i0">Denn will er wider ihre Art,<br/></span>
+<span class="i0">So macht er bald allein die Fahrt.<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und jetzo, Bruder&laquo;, ermunterte er seinen Gesellen,
+<!-- Page 54 --><span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">54</a></span>
+&raquo;derweil der Braten schmort und die Kleider trocknen,
+nimm die Fiedel zur Hand und spiel&rsquo;!&laquo;</p>
+
+<p>Da langte der Fiedler seine Geige her, stimmte
+die Saiten und lie&szlig; dann den Bogen &uuml;ber dieselben
+springen, da&szlig; die T&ouml;ne wie Funken herausspr&uuml;hten.
+Darnach hub er auch an zu singen ein Lied, das zu
+der fr&ouml;hlichen Weise wohl stimmte; aber ernst und
+traurig gieng es hernach, und schwerm&uuml;thig endete
+es also:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Auf den Bergen zergieng der Schnee,<br/></span>
+<span class="i0">Die Br&uuml;nnlein, sie rieseln ohn&rsquo; Ende:<br/></span>
+<span class="i0">O Vater und Mutter, Ihr seht mich nimmermeh&rsquo;,<br/></span>
+<span class="i0">Mu&szlig; sterben im Elende. &#8211;<br/></span>
+<span class="i0">Gottes Wille, der mu&szlig; ergehn.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Noch einmal holt&rsquo; er dazu aus seiner Fiedel lauten
+und wilden Klang hervor, als w&auml;r&rsquo;s ein Wehgeschrei.
+Dann verhallten seine T&ouml;ne langsam und leise. Ich
+war der Singekunst Freund immer gewesen und hatte
+der Sequenzen und Leisen Kraft in der Kirche oft an
+mir erfahren. Aber dieses Fiedlers Gewalt &uuml;ber meine
+Seele war anderer Art. Seines Spieles Lust wie Leid
+ergriffen mich gleich sehr, aber sie verwirrten mich auch.
+Es war nicht die gewohnte Bahn, auf die sein Spiel
+mich zog, und doch erweckte es in mir einen Wiederhall
+&#8211; ich wu&szlig;t&rsquo; mir nicht zu deuten, wie?&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;Heb&rsquo; aber an, Bruder!&laquo; rief da Klingsohr, &raquo;leg
+nicht weg die Fiedel. Hast da unserem geistlichen Gast
+schier das Herz im Leib&rsquo; umgekehrt mit Deinem Lied,
+wie ich merke. Noch eins! Und eine Weise, die sanfter
+eingeht!&laquo; Der Andere stimmte seine Fiedel wieder zurecht,
+und jetzt giengen seine T&ouml;ne ebenen Weg. Dies
+war sein Lied:
+</p></div>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 55 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_55" id=
+"Page_55">55</a></span>
+<span class="i0">&raquo;Des Herzens Schwere zu verjagen,<br/></span>
+<span class="i0">Gab ich es ganz der Minne hin;<br/></span>
+<span class="i0">H&ouml;rt&rsquo; ich doch viel die Meister sagen<br/></span>
+<span class="i0">Von ihr als Leidverleiderin.<br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Da hub sich&rsquo;s an in mir zu lenzen;<br/></span>
+<span class="i0">Doch schwand die S&auml;lde allzujach,&nbsp;&#8211;<br/></span
+>
+<span class="i0">Denn ach, von allen bunten Kr&auml;nzen<br/></span>
+<span class="i0">Blieb nur der Dorn im Herzen nach.<br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So mi&szlig;gerieth mir all&rsquo; mein W&auml;hnen,<br/></span
+>
+<span class="i0">Und was ich wollt&rsquo;, gedieh mir schlecht.<br/></span>
+<span class="i0">Erst hochgemuth sein, dann in Thr&auml;nen:<br/></span>
+<span class="i0">Das ist der Minne altes Recht.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;&rsquo;S ist auch in dem noch was vom Regenwetter&laquo;,
+meinte Klingsohr. &raquo;Und doch bist Du unter Dach und
+&uuml;berm Feuer br&auml;t die Gans. Wohlan thu sie her!
+Ist sie nicht br&auml;unlich und sch&ouml;n?&laquo; Und er betrachtete
+sie wohlgef&auml;llig.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich sah er auf. &raquo;Das ist nicht des Windes
+Ger&auml;usch&laquo;, murmelte er bedenklich. &raquo;Ihr seid jung
+und behend, Bruder Diether. Springt dort hinan,
+wo der Ausblick offen ist auf den Weg, den wir kamen,
+und schaut, was sich naht.&laquo;</p>
+
+<p>Was sollt&rsquo; ich mich bedenken? Ich klomm mit Eil&rsquo;
+die H&ouml;he hinan, die er mir angezeigt hatte. Als ich oben
+war, sah ich hinter der n&auml;chsten Windung des Weges
+einen reisigen Haufen herankommen. Spie&szlig;e und Hellebarden
+konnt&rsquo; ich wohl erkennen. Das rief ich den
+Beiden zu und schickte mich an hinabzusteigen. Schon
+aber h&ouml;rt&rsquo; ich sie unten sich tummeln, und bevor ich
+noch die H&auml;lfte des Weges zur&uuml;ck war, kamen sie eilig
+hervor und liefen grad &uuml;ber den Weg dem Tannenwald
+zu, wo er besonders dicht stund, als suchten sie
+<!-- Page 56 --><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">56</a></span>
+dort eine Bergung. Fast lustig war es anzusehen, wie
+sie all&rsquo; ihr Ger&auml;th zusammengerafft hatten, Jeder, was
+ihm die H&auml;nde gefa&szlig;t, wie sie auch die zwo G&auml;nse
+nicht vergessen, die der Kleine hinter sich her zog.
+Aber wie ward mir zu Sinne, als ich den Fiedler sah
+mit meiner Kutte von dannen rennen! Das schuf mir
+gro&szlig;e Noth. &raquo;He, Freunde!&laquo; rief ich ihnen nach, &raquo;was
+soll das? Was fliehet Ihr? Harret doch, da&szlig; ich
+mein Kleid anthue!&laquo; Und mit h&ouml;chster Eil&rsquo; stieg ich
+hinab. Aber sie h&ouml;rten nicht, noch hemmten sie ihre
+Flucht, und ich erkannte, da&szlig; es mir ganz unm&ouml;glich
+w&auml;re, sie einzuholen. Denn mein Weg war behindert
+durch&rsquo;s Gestein, der ihrige nicht. Da gerieth ich au&szlig;er
+mir; denn ich sah, da&szlig; sie unredlich handelten mit mir,
+und schrie aus allem Verm&ouml;gen: &raquo;So wollet Ihr treulos
+entlaufen, unehrliche Gesellen! Raubt mir mein
+Kleid, Schelme und Unbiederm&auml;nner, die Ihr seid?&laquo;</p>
+
+<p>Sie aber hielten nicht an, als bis sie den Waldsaum
+erreicht hatten. Da blieben sie stehen, und, indem
+der Gro&szlig;e meinen Rock anlegte, rief der Kleine
+mir zu:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;O Freund, gedenk&rsquo; der Sanftmuth Gebot!<br/></span>
+<span class="i0">F&uuml;rwahr uns zwingt wahrhafte Noth.<br/></span>
+<span class="i0">Wir sind um&rsquo;s Mahl mit einand&rsquo; betrogen,<br/></span>
+<span class="i0">Von unserm Unstern fortgezogen.<br/></span>
+<span class="i0">La&szlig;t Euch die Kutte nicht gereu&rsquo;n!<br/></span>
+<span class="i0">Sie wird den Fiedler ba&szlig; erfreu&rsquo;n.&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Der aber f&uuml;gte hinzu:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ich la&szlig; Euch mein blaues Wams zur&uuml;ck,<br
+/></span>
+<span class="i0">Es bring&rsquo; Euch mehr als dem Fiedler Gl&uuml;ck!&laquo;<br
+/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Darauf sah ich den Magus dem Singer die G&auml;nse
+aufhocken und h&ouml;rt&rsquo; ihn noch sagen:
+</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 57 --><span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">57</a></span>
+<span class="i0">&raquo;Sollt&rsquo; ich die G&auml;nslein liegen l&acirc;n?<br/>
+</span>
+<span class="i0">Mein&rsquo; Treu, das w&auml;r&rsquo; nicht wohlgethan!&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Er lupfte mir noch seinen Hut zum Abschied, und
+im n&auml;chsten Augenblick waren sie behend in den Wald
+gedrungen und meinen Augen verschwunden.</p>
+
+<p>Da stund ich, verlassener Diether, nun in gro&szlig;er
+Betr&uuml;bni&szlig;, betrogen, beraubt, in der Fremde, schalt
+meinem Unbedacht und war meiner Reise gram. Aber
+was half Z&uuml;rnen und Klagen! Frieren &uuml;berkam mich
+in meinem Leinen unter dem kalten Himmel. Die Noth
+zwang mich unter das steinerne &Uuml;berdach zur&uuml;ck; das
+Feuer brannte noch. Voll Unmuth stie&szlig; ich die Gluth
+auseinander. Die verl&ouml;schende Flamme mahnte mich
+daran, da&szlig; ich in dieser Einsamkeit nicht bleiben k&ouml;nnte
+und eilen m&uuml;&szlig;te, ehe der Abend k&auml;me. Unm&ouml;glich
+aber konnte ich ohne Kleid durch den Regen hinaus.
+Da lag das blaue Wams; ich durfte nicht zaudern
+und that es an. Mir war&rsquo;s, als verwunderte sich
+Stein und Baum selbst &uuml;ber mich und ich w&uuml;rde doch
+nicht bedauert, sondern Fink und Meise und Alles,
+was im Walde lebte, m&uuml;&szlig;te mich verlachen. Das machte
+mich noch unwirscher in meinem Gem&uuml;th. So trat
+ich hinaus und hatte nie ein solches Mi&szlig;fallen an
+mir selber.</p>
+
+<p>Ehe ich noch wenige Schritte gethan hatte, h&ouml;rt&rsquo;
+ich hinter mir lautes Gel&auml;rm. Die Reisigen waren
+herangekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl dran, Gesellen! Hier ist der V&ouml;gel einer.
+Fangt ihn geschwind! Da&szlig; er uns nicht entwische,
+daf&uuml;r will ich wohl sorgen, so wahr ich Peter Krummholz
+bin, der B&auml;ckerzunft Obermeister?&laquo;</p>
+
+<p>Der so mit schriller Stimme schrie, da&szlig; ihm schier
+<!-- Page 58 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">58</a></span>
+der Odem ausgieng, sa&szlig; auf einem Gaul, was wohl
+nothweise geschah. Denn er war so gar fett, da&szlig; ihn
+gewi&szlig;lich seine F&uuml;&szlig;e nicht bis hieher getragen h&auml;tten.
+Neben und hinter ihm giengen etwa zw&ouml;lf Fu&szlig;knechte
+mit Eisenhauben. Etlichen fehlten auch Schilde nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Thut nicht so &uuml;bel&laquo;, rief ich da, &raquo;da&szlig; Ihr einen
+Unschuldigen angreifet! Ich bin nicht der, f&uuml;r den Ihr
+mich anseht, hab&rsquo; weder Euch noch sonst Keinem ein
+Leid zugef&uuml;gt.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wollte ihnen noch ferner zureden, aber der
+auf dem Rosse schrie noch viel ungeberdiger denn zuvor
+die Seinen an:</p>
+
+<p>&raquo;Wohl dran, Gesellen, sage ich! Fangt mir den
+losen Buben! Ich kenn&rsquo; ihn wohl wieder am blauen
+Wams und dem schwarzen Langhaar. Wohl dran,
+sag&rsquo; ich noch einmal! Eine Kanne gut Bier Jeglichem,
+und wer ihn zuerst angreift, zwo!&laquo;</p>
+
+<p>Wie er sie so muthig auf mich hetzte und ihrer
+zween oder drei mit vorgehaltenen Spie&szlig;en auf mich
+drangen, als w&auml;r&rsquo; ich ein sch&auml;ndlich Wild, da &uuml;berkam
+mich ein Grimm und meinen Sehnen wuchs die Kraft.
+Mit m&auml;chtigem Prall stie&szlig; ich auf den Ersten, der auf
+mich einwollte, da&szlig; er zur&uuml;cktaumelte, und sprang an
+den Andern vorbei, die sich de&szlig; nicht versahen, zur&uuml;ck
+zu unserer Feuerst&auml;tte, wo ich noch des Fiedlers Schwert
+liegen wu&szlig;te. Ich griff es auf, fa&szlig;t&rsquo; es fest und schrie
+ganz au&szlig;er mir: &raquo;Heran denn, wen&rsquo;s l&uuml;stet, seinen
+Lohn an mir zu verdienen!&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; ich mich mit einem Gewaffen zur Wehr
+setzen w&uuml;rde, hatte sich Keiner befahren, und so stunden
+sie einen Augenblick unentschlossen, wie sie ihr Werk
+angreifen sollten. Da gedacht&rsquo; ich, durch sie hindurchzudringen
+<!-- Page 59 --><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">59</a></span>
+und zu entrinnen. Des Einen Spie&szlig; hielt
+mich auf. Ich schlug ihn seitw&auml;rts und &uuml;berrannte
+den Mann. Aber der Sto&szlig; eines Anderen traf mir
+den linken Arm und gab mir heftigen Schmerz. Alsbald
+rannten sie Alle wider mich zusammen und es
+ward ein gro&szlig; Get&uuml;mmel. Ihr Meister tobte mit b&ouml;sen
+Worten und scharfem Kreischen, wie von Sinnen, inde&szlig;
+ich mich mit meinem Eisen wehrte, wild um mich schlagend.
+Denn so viel ich von mir wu&szlig;te, wollt&rsquo; ich eher mein
+Leben lassen, als mich in ihre H&auml;nde geben. So w&auml;r&rsquo;
+mir&rsquo;s auch allerdinge ergangen bei der &Uuml;bermacht
+meiner Feinde, und weil ich so ganz unge&uuml;bt war zu
+streiten, wenn nicht Gott mit mir ein Anderes beschlossen
+h&auml;tte.</p>
+
+<p>Denn von Ungef&auml;hr trug sich&rsquo;s gewi&szlig;lich nicht zu,
+da&szlig; just zu dieser Zeit drei Reiter den Weg geritten
+kamen von der Richtung, nach der meine Fahrt gieng.
+Es war ein ritterm&auml;&szlig;ig angethaner Herr und zween
+Knechte. Diese mochten von ihm, da er unseres
+Streitens ansichtig geworden war, vorausgeschickt sein,
+denn sie sprengten, ohne da&szlig; Einer vor Eifer und
+Gedrang ihr Nahen wahrgenommen hatte, weil aller
+Blicke und Geb&auml;rden auf mich gerichtet waren, mit
+h&ouml;chster Eil&rsquo; und ungedacht in den Haufen meiner
+Widersacher mitten hinein, da&szlig; m&auml;nniglich vor ihnen
+zur&uuml;ckwich.</p>
+
+<p>&raquo;St&auml;dter sind&rsquo;s, Helmbold&laquo;, sagte der Eine zum
+Anderen und rief dann: &raquo;Seid Ihr so unbescheiden
+oder so erhitzt gegen einander, da&szlig; Ihr es wagen
+d&uuml;rft, unserm gn&auml;digen Herrn den Weg zu verlegen
+mit Eurem Hadern?&laquo;</p>
+
+<p>Da schrieen sie zumal, der Eine dies, der Andere
+<!-- Page 60 --><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">60</a></span>
+das, indem sie auf mich wiesen, und schlugen auf&rsquo;s
+Neue auf mich ein.</p>
+
+<p>&raquo;Gebt Ruhe alsogleich!&laquo; geboten die Beiden da
+drohend, ritten durch sie hindurch nahe an mich heran
+und schirmten mich so vor ihrer Wuth.</p>
+
+<p>Als dergestalt Niemand an mich durfte, ward
+der B&auml;ckermeister ganz unsinnig auf seinem Ro&szlig; und
+that des Tobens und Scheltens um so mehr. Aber
+es w&auml;hrte nur eine kleine Weile, da kam der Ritter
+selbst heran, ein &auml;ltlicher Herr, der etwas geb&uuml;ckt, aber
+noch gar fest im Sattel sa&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Bei Gottes Thron!&laquo; rief er und sah Krummholz
+und seinen Tro&szlig; mit Staunen an, &raquo;das sind Leute
+aus Waibstadt, das ist der ehrsamen B&auml;ckerzunft
+Obermeister!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Peter Krummholz, edler Herr&laquo;, antwortete der,
+sich verneigend, &raquo;bei dem Ihr vor drei Jahren, als
+Ihr durch Waibstadt gen Basel zogt, zur Herberge
+gelegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo mir Euer T&ouml;chterlein, &#8211; hei&szlig;t sie nicht
+B&auml;rbel? &#8211; den Willkomm credenzte; ich entsinne mich
+de&szlig; wohl. Aber wie geschieht das, da&szlig; Ihr hier auf
+meinem Grunde zu Felde liegt und wider Gesetz und
+Recht den Frieden brechet? Hat nicht auch Eure Stadt
+mir in die Hand gelobt, ihre Streitsachen g&uuml;tlich zu
+vertragen, auch dieselben an mich zu bringen, ob sie
+nicht beizulegen? Und nun find&rsquo; ich, nachdem ich wenige
+Zeit von dannen gewesen, daheim wieder den alten
+Hader, und auf offener Landstra&szlig;e am helllichten Tage!&laquo;
+Und unmuths schlug er sich auf die H&uuml;fte.</p>
+
+<p>&raquo;Keine Streitsache ist es, Ew. Gnaden&laquo;, erwiederte
+der B&uuml;rger, sich rechtfertigend, &raquo;unter uns oder mit
+<!-- Page 61 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">61</a></span>
+unsern Nachbarn entstanden, um die wir allhier bewehrt
+von Euch angetroffen werden, sondern ein
+Schelmenst&uuml;ck, uns und gemeiner Sicherheit zum Schaden
+zugef&uuml;gt. Das begehren wir zu richten.&laquo;</p>
+
+<p>Ehe er fortfuhr, weil die Luft ihm ausgegangen,
+rief ich, noch immer im Zorn: &raquo;Ohne
+<ins class="correction" title="Original: Urthel">Urtheil</ins> und Spruch
+oder einige Ursach&rsquo; haben sie mich ganz Schuldlosen
+wie einen Sch&auml;cher &uuml;berfallen. Ich bitte aber Euer
+Gnaden durch Gottes Marter, da&szlig; Ihr zur Beweisung
+meiner Sache mich h&ouml;ren wollet; denn dieser da wei&szlig;
+auf jeglich Wort, das ich ihm sage, nichts Anderes,
+als mit W&uuml;then und Toben auf mich zu hetzen, so
+er doch f&uuml;rgibt, gemeiner Sicherheit zu dienen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wollte weiter reden, aber heftig brach der
+B&auml;ckermeister wieder los: &raquo;O wie listig der lose Bube
+plaudert! Das ist seine ausb&uuml;ndige Kunst, sich mit
+Worten zu schm&uuml;cken; aber sie soll, will&rsquo;s Gott! nun
+am L&auml;ngsten geschadet haben! &#8211; Euer Gnaden kennet
+meine Tochter, das B&auml;rbel; hat Euch credenzet vor
+drei Jahren, eine feine Dirne und mein einzig Kind.
+Sie hab&rsquo; ich am letzten Andreastage des Schulthei&szlig;en
+Sohne verlobt, Mathias Kaulfu&szlig;, einem tugendhaften
+J&uuml;ngling. Vor vier Tagen haben wir den Brautleuten
+die Hochzeit ausgerichtet und dieselbige gestern mit
+einem Freudenmahl zu beschlie&szlig;en gedacht. Denn unsere
+Freundschaft ist gro&szlig;, und um des Schulthei&szlig;en willen
+war der Stadtobrigkeit und um meinetwillen der B&auml;ckerinnung
+Ehr&rsquo; und Ansehen h&ouml;chst n&ouml;thig zu wahren.
+Doch Ihr m&uuml;&szlig;t wissen, edler Herr, in unserer Stadt
+ist von Alters her leider zwischen den B&auml;ckern und
+Metzgern viel Verdrie&szlig; und Hinderung, welches Alles
+aber als Nichts zu rechnen ist gegen die Feindschaft,
+<!-- Page 62 --><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">62</a></span>
+die nun um sich gefressen. Denn Heinrich H&auml;sener, des
+Metzgergewerkes Obermeister, hat &ouml;ftermalen bei mir
+um&rsquo;s B&auml;rbel f&uuml;r seinen Sohn werben lassen, auch
+&ouml;ffentlich geprahlt, ich m&uuml;&szlig;t&rsquo; sie ihm geben. Wie er&rsquo;s
+nun nicht erlangte, auch nicht hindern konnte, da&szlig;
+B&auml;rbel des Schulthei&szlig;en Schwiegertochter ward, da
+hat er sich hoch vermessen, er wolle uns mit seinem
+Anhang die Hochzeit verderben. Darum mu&szlig;ten wir
+beweisen, da&szlig; wir auch trotz den Metzgern etwas
+verm&ouml;chten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Macht&rsquo;s kurz, Meister!&laquo; unterbrach ihn der Ritter.
+&raquo;Was geht Eure Hochzeit diesen Handel hier auf der
+Stra&szlig;e an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr viel, Euer Gnaden! Gebt nur Acht!
+Denn wie H&auml;sener und sein Anhang uns in allen
+St&uuml;cken den Widerpart hielt, so kommt&rsquo; er doch dem
+Zulauf bei uns und der Ehre, die wir einlegten, im
+Geringsten Nichts abbrechen. Denn wir hatten die
+Stadt-Zinkenisten, da&szlig; sie pfiffen und bliesen bei der
+Heimholung und in meinem Haus; so hatten sie sich
+die Stadtpfeifer von Bischofsheim verschrieben. Mit
+denen zogen sie den Unsern nach und lie&szlig;en sie gegen
+meinem Hause &uuml;ber in der Metzger Gesellenstube aufspielen,
+so oft unsere Zinkenisten mit Blasen anhuben.
+Aber die Pfeifer stunden bald ab, denn sie sahen, da&szlig;
+sie gegen unsere Zinkenisten Nichts vermochten, sondern
+jedesmal &uuml;bert&ouml;nt wurden. Gewi&szlig;lich auch w&auml;ren
+die Metzger endlich zum Gelach geworden der ganzen
+Stadt, denn sie konnten mir nicht <em class="gesperrt">einen</em> Hochzeitsgast
+abwendig machen. Aber gestern hat der &uuml;ble Teufel,
+der an jeglichem Tuck seine Freud&rsquo; hat, zwei fahrende
+Landstreicher dahergef&uuml;hrt, den Gauch da und seinen
+<!-- Page 63 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">63</a></span>
+Gesellen; die haben ihnen das Spiel gewonnen. &#8211; O
+wartet ein klein wenig, Ew. Gnaden&laquo;, fuhr er aufgeregt
+fort und entkn&ouml;pfte seinen Brustlatz, &raquo;mir versetzt
+es schier die Luft, wenn ich daran gedenke, aber
+ich will&rsquo;s Euch ganz nach der Wahrheit berichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sei Euch gespart, Meister!&laquo; rief ihm der
+Ritter ungeduldig zu. &raquo;Wenngleich man Euch die
+Hochzeit verdorben hat, k&ouml;nnt Ihr doch darum Keinen
+wollen kampflich anrennen und schlagen, wie Ihr thut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mir wohl wissend&laquo;, fuhr der B&auml;cker fort,
+hier stehen meine z&uuml;nftigen Gesellen alle, die sollen
+mir bezeugen, ob ich ein Einiges aufbringe, das nicht
+nach der Wahrheit ist! Sind nicht die zween fahrenden
+losen Leute auf den Markt gestanden gestern unter der
+Metzger Geleite und haben mit ihrem losen Wesen
+schier Alt und Jung nach sich gezogen? Der Eine
+nannte sich Klingsohr, mit Zauberspruch, Arzeneiung
+und Teufelskunst, der brauchte k&uuml;ndlich H&ouml;llenlist. Der
+Andere nannte sich Tannh&auml;user, strich die Fiedel so
+ausb&uuml;ndig und wu&szlig;te zu singen und zu sagen, was
+die Leute gern h&ouml;ren, von Walther, K&ouml;nig Rother,
+vom h&ouml;rnenen Siegfried und allen M&auml;ren, die doch
+nicht zur Gottseligkeit, noch zu ehrsamer Kunst&uuml;bung
+dienen. Das ist der da im blauen Rock! Ist nicht
+zu ihm Abends, als kaum der Brauttrunk umgegangen
+war nach dem Schmaus, das junge Volk allsammt
+hin&uuml;ber gewichen in der Metzger Gesellenstube, wohin
+H&auml;sener sie gen&ouml;thigt hatte, und konnte gar der Umtanz
+der Hochzeiter nicht gesprungen werden, wie es doch
+Brauch ist, weil bei uns nur die Alten sitzen geblieben
+waren auf der Bank und auch die nicht Alle! Und
+gar tr&uuml;bselig und des &Auml;rgers voll war uns der Hochzeit
+<!-- Page 64 --><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">64</a></span>
+Ende schon in fr&uuml;her Nachtstunde; die dr&uuml;ben
+aber hatten der Kurzweil und des Springens kein
+Ende bei dieses Buben losen K&uuml;nsten. Denn ein Gauch
+ist er, wie der Andere, sag&rsquo; ich, und ein Dieb.
+W&auml;hrend der Fiedler Aller Ohren und Sinne auf sich
+lenkte, da hat er dem Teufelsk&uuml;nstler Raum geschafft
+zu seinen Schelmenst&uuml;cken. Sagt, meine Gesellen, sind
+nicht heute Morgen alle drei G&auml;nse aus meinem Stalle
+weg gewesen, die ich den Winter &uuml;ber gef&uuml;ttert? Hat
+nicht Catherin, die Magd, bekannt, sie selbst habe den
+Klingsohr in den Hof hinter die K&uuml;ch&rsquo; gef&uuml;hrt, weil
+er f&uuml;rgegeben, er wolle ihr da f&uuml;r ihren ungetreuen
+Liebsten die Nestel kn&uuml;pfen? Er ist entwischt, aber
+seinen Diebsgesellen haben wir durch gutes Gl&uuml;ck gefunden.
+Da steht er &uuml;berf&uuml;hrt, und seine Straf&rsquo; soll
+Andern, will&rsquo;s Gott, ein Exempel sein.&laquo;</p>
+
+<p>Als ich des Beleidigten und Bestohlenen Rede
+h&ouml;rte, erschrak ich &uuml;ber die Ma&szlig;en sehr, und meine
+Wuth wich gro&szlig;er Besorgni&szlig;; denn ich sah, da&szlig; mein
+Kleid, das Feuer und des Mahles Zur&uuml;stung, meine
+wagende Gegenwehr, Alles wider mich zeugte, und es
+entfiel mir mein Herz, da ich daran gedachte, da&szlig; mir
+des Abtes Schrift und Brief, wodurch ich mir freilich
+h&auml;tte leichtlich Glauben verschaffen k&ouml;nnen, samt der
+Kutte geraubt waren.</p>
+
+<p>Wohl mochte mir der Ritter ansehen, wie verst&uuml;rzt
+ich war, als er mich hart anredete:</p>
+
+<p>&raquo;Du bist also der Tannh&auml;user?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;lich, Herr, das ist mein Name nicht;
+Diether bin ich genannt&laquo;, antwortet&rsquo; ich ihm mit wenig
+kecklicher Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Freilich bist Du so wenig der Tannh&auml;user selber,
+<!-- Page 65 --><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">65</a></span>
+wie Dein Gef&auml;hrte der Klingsohr&laquo;, sagt&rsquo; er. &raquo;Aber
+Du bist es doch, der sich vom Volke also hei&szlig;en l&auml;&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, er!&laquo; riefen die Anderen zumal.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist es, der die alten M&auml;ren von Siegfried
+und den ruhmeswerthen Helden zu sagen so wohl
+verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>Wieder bezeugten sie, es w&auml;re Alles wahr, was der
+Obermeister von mir berichtet h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Genug denn des S&auml;umens!&laquo; sprach der Ritter
+und befahl seinen Knechten, mich zu binden und zwischen
+ihren Rossen von dannen zu f&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr, ehrsamer Meister&laquo;, sagt&rsquo; er zu Krummholz,
+&raquo;zieht in Frieden heim mit Euren Leuten; den fahrenden
+Spielmann will ich bei mir in Gewahrsam halten, ihn
+zu richten, wie ihm nach den Rechten kaiserlicher Majest&auml;t
+f&uuml;r seine begangene Untugend geb&uuml;hrt. Und Ihr,
+noch der Schulthei&szlig;, sorget nicht, da&szlig; es nicht nach
+Strenge geschehe. Der B&auml;rbel bringt meinen Gru&szlig;!&nbsp;&#8211;
+Euch Allen freundlichen Dienst und des reichen Gottes
+Geleit!&laquo;</p>
+
+<p>Der Obermeister wagt&rsquo; ihm nicht zu widerreden.
+&#8211; Sie reichten sich die H&auml;nde und schieden. Der Ritter
+hie&szlig; seine Knechte eilen und ritt gemach
+<ins class="correction" title="Original: vorauf">voraus</ins>. Sie
+hatten bald meine H&auml;nde auf den R&uuml;cken gebunden
+und trieben mich zwischen sich her. Die St&auml;dter blieben
+noch an der St&auml;tte, zu verschnaufen, ehe sie die R&uuml;ckfahrt
+anh&uuml;ben. &raquo;Gedenkt Eures Verspruchs&laquo;, h&ouml;rt&rsquo;
+ich noch die Gesellen zum Meister sagen, der erwiederte:
+&raquo;Zwar es hat ihn Keiner gegriffen, doch das Bier
+sollt Ihr haben, denn heut&rsquo; bleibt die Zunft noch lange
+zusammen!&laquo;</p>
+
+<p>Mit der Weile war der Abend hereingebrochen,
+<!-- Page 66 -->
+<span class= 'pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">66</a></span>
+aber er hatte den wehenden Wind nicht zur Ruhe gebracht.
+Wundersam gestaltet flogen die Wolken &uuml;ber uns,
+den Mond verbergend und von seinem Glanze r&ouml;thlich
+ums&auml;umt. Schwere Tropfen sch&uuml;ttelten die rauschenden
+Buchen, die den Waldweg &uuml;berhiengen, den wir eingeschlagen
+hatten. Er war moosig und von Baumwurzeln
+behindert, die, wenn ich sie vor mir sah,
+Schlangen glichen, dar&uuml;ber hin sich windend. Schweigend
+zogen wir hindannen, und ich h&auml;tte gute Mu&szlig;e gehabt,
+des Weiteren &uuml;ber mein Geschick nachzudenken, und wie
+ich mich f&uuml;rder am besten verhielte. Aber ich vermochte
+nicht, meinen Gedanken zu gebieten; ich war
+wie mir selbst entfremdet. Ich betrachtete genau die
+gebr&auml;unten Angesichter der beiden Reiter, ihre Eisenhauben,
+Br&uuml;nnen und die Falten ihrer wehenden M&auml;ntel.
+Ich horchte auf das Schnauben der Rosse, deren feuchten
+Odem ich an meinen Wangen f&uuml;hlte, auf das Geknirsch
+ihrer Gebisse, auf das Gestampf ihrer Hufen. An das,
+was ich vor wenigen Stunden gethan und erlebt hatte,
+gedacht&rsquo; ich nicht, auch nicht, was mir ferner zu erleiden
+vorhanden w&auml;re. Nur als der Mond klar
+durch die Wolken trat und mir hell in&rsquo;s Angesicht
+leuchtete desselben Glanzes, den er mir so oft durch&rsquo;s
+kleine Fenster in meine Zelle gesendet hatte, wenn ich
+nicht schlafen konnte, da gedacht&rsquo; ich, ob auch wohl in
+der weiten Christenheit Jemand zu finden w&auml;re, der
+in dieser Stunde so sorgenhaften und elenden Herzens
+zu ihm aufblickte, als der hier gefangen durch die
+Nacht getrieben ward, und fast wie ein Schrecken
+&uuml;berkam&rsquo;s mich, da&szlig; ich das selber war, Diether von
+Maulbronn.</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/066_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 67 -->
+<p class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">
+67</a></p>
+<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel.</h2
+>
+
+<h1>Auf Elzeburg.</h1>
+
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">D</span>as Elzew&auml;sserlein flie&szlig;t im Gebirge durch ein
+freundliches Wiesenthal gen den Neckar.
+L&auml;ngs seinem Lauf ziehen sich Berge hin
+von m&auml;&szlig;iger H&ouml;he, fast durchaus mit Buchen
+und andern Laubh&ouml;lzern sch&ouml;n geziert. Auf einem
+dieser Berge, der &uuml;ber seine Br&uuml;der in der Nachbarschaft
+stattlich hervorragte, stund die Burg, dahin ich
+gef&uuml;hrt ward. Sie hatte von dem Fl&uuml;&szlig;lein, das unten
+vorbeirauschte, den Namen, und hie&szlig; Elzeburg. Auf
+ihr hausete der Reichsgraf und Bannerherr Herr Eberhard,
+wie auch sein Geschlecht seit undenklichen Zeiten
+da eingesessen war. Derselbe war immer unbeweibt
+gewesen, hatte in j&uuml;ngeren Jahren mit des Kaisers
+Kriegsv&ouml;lkern viel zu Felde gelegen in Welschland
+und stund bei der Kaiserlichen Majest&auml;t nicht blo&szlig;
+wegen seines tapferen Muthes, sondern auch wegen
+seines kundigen Rathes in hohen Ehren. Aber je &auml;lter
+er ward, desto weniger machte es ihm Freude, wenn
+er zu Hofe reiten mu&szlig;te, um allda gro&szlig;e Welth&auml;ndel
+zu Recht bringen zu helfen, obwohl er gehorsamte,
+so oft er entboten ward; sondern am liebsten weilte
+<!-- Page 68 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">68</a></span>
+er in waldgr&uuml;ner Einsamkeit auf seiner V&auml;ter Burg,
+ringsum in der Gegend ein hoch angesehener, wohl
+auch gef&uuml;rchteter Herr.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und wahr ist&rsquo;s: auf ein sch&ouml;n St&uuml;cklein Erde
+blickte man von der Elzeburg nieder, sonderlich lustsam
+dem Auge zur Fr&uuml;hlingszeit, wie ich es sah, wo allerlei
+bunte Blumen den Wiesengrund zierten und das Elzew&auml;sserlein
+unter hellen Weiden und an dunklen Tannen
+vorbei in munteren Spr&uuml;ngen daher brausete. Vom
+Fenster des Erkerst&uuml;bleins oben im Thurm &uuml;ber dem
+Burgthor, wo mir die Wohnung zugewiesen war,
+konnte das Auge weithin &uuml;ber die Berge in die Ferne
+schweifen, &uuml;ber den rauschenden Wipfeln der B&auml;ume
+den Nebelwolken zuschauen, wenn sie wie Geister des
+Waldes aus dem Dickicht emporstiegen und bald sich
+zusammenballten, bald auseinander stoben, oder auch
+mit der Weihe in den klaren Himmel schweben und
+ohne Schranken sich f&uuml;hlen in dem grenzenlosen Raume.</p>
+
+<p>Aber auf irgend etwas dergleichen zu achten,
+trug ich an jenem ersten Abend, da ich im St&uuml;blein
+oben allein war, wenig Verlangen. Schweigend hatten
+sie mich dahinauf gebracht und die Th&uuml;r zugeschlossen.
+Herrn Eberhards war ich nicht mehr ansichtig geworden.
+Zur Nachtkost stand ein Imbi&szlig; auf dem
+Tisch, aber ich mocht&rsquo; ihn nicht anr&uuml;hren. Und so
+sa&szlig; ich verdrossenen Gem&uuml;ths vor dem Feuer, das im
+Kamin des weit in die Stube vorgebauten Schornsteins
+mir zur Erw&auml;rmung angez&uuml;ndet war.</p>
+
+<p>Nach einer Weile verdro&szlig; mich doch diese meine
+Verdrie&szlig;lichkeit selbst.</p>
+
+<p>&raquo;Diether&laquo;, so schalt ich mich, &raquo;bist Du nicht bei
+Deinen Jahren und bei aller Kunst und Gabe, die
+<!-- Page 69 -->
+<span class= 'pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">69</a></span>
+Du hast, ein recht bl&ouml;des, hilfeloses Kind? Nun Dir
+der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen
+kann, so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und
+Wissen? Verzehrest Dich und gr&auml;mest Dir die Stunden
+hinweg mit Z&uuml;rnen und Murren, weil Du von G&auml;uchen
+Dich hast &uuml;berlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen
+Dir auch nicht hast helfen k&ouml;nnen! Frisch an&rsquo;s
+Werk und brauch&rsquo; Deinen Kopf, wie Du mit Gott Dir
+am kl&uuml;glichsten heraushelfest aus dieser Noth, darein
+Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!&laquo;</p>
+
+<p>Damit schickte ich mich an, dar&uuml;ber zu sinnen,
+wie ich morgen dem Grafen am besten begegnen
+m&ouml;chte, wenn ich zur Verh&ouml;rung vor ihm st&uuml;nde.
+Denn da&szlig; ich solches zu gewarten h&auml;tte, war mir
+gewi&szlig;. Recht als ob es g&auml;lte, eine <em class="antiqua">chria</em> f&uuml;r Magister
+Berthold zu Stand zu bringen mit <em class="antiqua">Protasis</em>,
+<em class="antiqua">Aetiologia</em>, <em class="antiqua">Amplificatio</em>
+und <em class="antiqua">Conclusio</em>, legt&rsquo; ich mir
+eine wohlgef&uuml;gte Rede zurecht, mit beweglichen Worten
+trefflich geziert und mit manchem guten Spr&uuml;chlein durchflochten.
+Und als ich Alles und Jedes geh&ouml;rig &uuml;berdacht
+hatte, war ich damit so gar zufrieden, da&szlig; ich
+mich wunderte &uuml;ber meine Thorheit, da&szlig; ich je h&auml;tte
+denken k&ouml;nnen: es w&uuml;rde mir nicht ein Leichtes sein,
+mich als den Kl&ouml;sterling auszuweisen, der ich war, und
+den Fahrenden von mir zu thun, de&szlig; Kleid ich trug.</p>
+
+<p>Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der
+ich anzuheben gedachte: &raquo;Weislich sonder Zweifel,
+gn&auml;diger Herr!&laquo; so wollt&rsquo; ich vor ihn treten, &raquo;weislich
+haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch gethan,
+da&szlig; keine Sache so &uuml;bel gerathe, sie habe denn auch
+etwas Gutes bei sich, daran der verst&auml;ndige Mann
+sich halten k&ouml;nne. Das ist auch in dieser unfrohen
+<!-- Page 70 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">70</a></span>
+Aventiure mein m&auml;chtiger Trost. Denn welches Beistandes
+und welcherlei Rechtfertigung sollt&rsquo; ich Gekr&auml;nkter
+mich nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit
+und Gerechtigkeit versehen und wie sollt&rsquo; ich unter ihre
+Fittiche aus aller F&auml;hrni&szlig; und Verl&auml;sterung nicht gerne
+gefl&uuml;chtet sein?&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Vorspruch d&auml;uchte mich trefflich gestellt und
+ich wiederholte ihn &ouml;ftermalen, auf da&szlig; ich ja keines
+Wortes verfehlen m&ouml;chte.</p>
+
+<p>Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz s&auml;nftiglich
+zu Muth und schon gedacht&rsquo; ich mich zum Schlaf auf&rsquo;s
+Pf&uuml;hl zu strecken, als es mir schwer auf die Seele
+fiel, da&szlig; ich der Gebetszeiten dieses Tages keine gehalten
+und nicht einmal aus den Brevierbl&auml;ttern, die
+sie im Kloster mir mitgegeben, den Heiligen erfragt
+hatte, dem der Tag zugeh&ouml;rte. &raquo;So konnt&rsquo; ich auch
+seiner F&uuml;rbitte nicht gewarten&laquo;, dacht&rsquo; ich und griff
+hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herf&uuml;rzulangen.
+Aber das war ja mit dem Rock dahin und sammt des
+Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute geworden!
+Doch sieh&rsquo;! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war
+nicht leer. Ich zog etliche arg vergilbte Bl&auml;tter daraus
+hervor von gutem alten Pergamen. Sie waren zierlich
+beschrieben, wie man in der Klostermu&szlig;e der Schreibkunst
+pflegt; aber da war nichts darin, womit ein Christenmensch
+seiner Seele zum Heil um die Matutin oder
+Vesper dem waltenden Gott und Seinen Heiligen
+diesen mag, sondern Geschichten stunden darin, deren
+gleichen ich zuvor nie geh&ouml;rt hatte noch gedacht, da&szlig;
+sie jemals geschrieben w&auml;ren. War&rsquo;s Anfangs nichts
+als Neugierde, die mich zu lesen trieb, so zwang mich
+bald die Gewalt der Dinge, die da berichtet waren,
+<!-- Page 71 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">71</a></span>
+und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr
+trafen, da&szlig; ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen.
+Es war da zuerst eine Aventiure, &raquo;<em class="antiqua">wie Kriemhilde
+troumte</em>!&laquo; auf die eine andere folgte: &raquo;<em class="antiqua">von Sifride
+wie der erzogen wart</em>&laquo; und endlich stund noch zu
+lesen: &raquo;<em class="antiqua">wie Sifrid Kriemhilde alr&ecirc;rste ersach</em>&laquo;. Aber
+wie die letzte Aventiure sich begab, davon erfuhr ich
+nichts, wenngleich ich &uuml;ber dem Lesen leichtlich die
+ganze Nacht versessen h&auml;tte, denn das Feuer im Kamin
+verlosch allgemach und der Vorrath, es zu n&auml;hren, war
+zu Ende.</p>
+
+<p>Lange sah ich wie tr&auml;umend in die verglimmende
+Gluth. Mir war&rsquo;s, als erblickt&rsquo; ich den schnellen Sigfried
+und die anderen Recken und s&auml;he sie auf- und
+niederschweben in dem emporsteigenden r&ouml;thlichen Rauch.
+Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und
+wu&szlig;te doch, da&szlig; kein Anderer neben mir etwas davon
+erblicken w&uuml;rde &#8211; nur von Kriemhilden konnt&rsquo; ich
+nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob ich sie
+wohl erkennen w&uuml;rde, wenn sie neben den Andern
+erschiene.</p>
+
+<p>Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch
+die Gesichte und ich besann mich wieder auf mich selbst.</p>
+
+<p>&raquo;Hilf Himmel!&laquo; rief ich da, &raquo;th&ouml;richter Diether,
+Dich plagen wohl gar Klingsohrs magische K&uuml;nste
+noch! Was gehen Dich die Ritter und Aventiuren
+an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener
+Vogel in fremden Federn. Wie Du Dich wieder
+hinaufschwingst aus Deinem Netz und in das Nest
+zur&uuml;ckfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das
+la&szlig; Deine Sorge sein!&laquo;</p>
+
+<p>Und so gieng ich zur Ruhe.</p>
+
+<p><!-- Page 72 --><span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">72</a></span>
+Also gethan ist des Menschen unbest&auml;ndig Gem&uuml;th,
+da&szlig; auch des liebsten Gutes Genie&szlig; uns endlich verleidet
+w&uuml;rde, wenn wir nicht unterweilen sein entbehren
+m&uuml;&szlig;ten, und wenn er immer w&auml;hrte, w&uuml;rde selber der
+wonnigliche Mai uns verdrie&szlig;en; so lacht uns auch
+die liebe Sonne freudenheller nicht an vom blauen
+Himmelsdach, als wenn sie sich mit ihm eine Weile
+hinter dichtem Regengew&ouml;lk gleich wie hinter einer
+grauen Wand verborgen hat. Das f&uuml;hlt&rsquo; ich anderen
+Tages nicht blo&szlig; an mir selber, sondern ich merkt&rsquo;s
+auch den Andern auf Elzeburg an, so viel ich ihrer
+sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich fr&uuml;h
+morgens Thal und H&ouml;he im lichten Sonnenschein
+durch&rsquo;s Fenster gl&auml;nzen sah! Wei&szlig;er, zarter Nebel
+dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl
+zerstreute ihn bald und kein W&ouml;lkchen stund am Himmel.
+So tief blau und spiegelklar w&ouml;lbte der sich &uuml;ber die
+Erde hin, als h&auml;tte er sie voll Liebe n&auml;her zu sich
+emporgezogen, damit sie seiner Klarheit besser genie&szlig;en
+m&ouml;chte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen
+Brust und all&rsquo; die unz&auml;hligen Tr&ouml;pflein an Halmen
+und Zweigen, die in der Sonne erfunkelten, erschienen
+mir wie Freudenthr&auml;nen der irdischen Creatur, die da
+f&uuml;hlte, die selige Zeit des vollen Fr&uuml;hlingssegens sei
+nun gekommen.</p>
+
+<p>Da&szlig; solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards
+Seele giengen an jenem Morgen, das, d&auml;uchte
+mich, war ihm anzusehen, als ich in der Fr&uuml;hstunde
+unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn gef&uuml;hrt
+ward. Er sa&szlig; am Fenster beim Fr&uuml;hst&uuml;ck im hohen
+Gest&uuml;hl, gem&auml;chlich zur&uuml;ckgelehnt. &Uuml;ber die Berge
+und durch das kaum belaubte Gezweig des Nu&szlig;baums,
+<!-- Page 73 --><span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">73</a></span>
+der im Burggarten nahe dem Gem&auml;uer stund, schickte
+die Sonne ihren warmen Strahl in&rsquo;s Gemach und
+schaute dem Burgherrn voll in&rsquo;s Angesicht. Schon
+stund ich eine Weile in der Th&uuml;r, der Anrede harrend,
+w&auml;hrenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen
+dem Licht des jungen Tages und der weichen Fr&uuml;hlingsluft
+zugekehrt blieb, die durch das Fenster hereinstr&ouml;mte.
+Endlich schien er sich zu erinnern, da&szlig; er Helmbold
+geboten hatte, mich vor ihn zu bringen.</p>
+
+<p>&raquo;Ei sieh!&laquo; rief er, indem er, sich umwendend,
+mir winkte n&auml;her zu kommen, &raquo;Meister Tannh&auml;user!
+&#8211; Gelt, Diether! heut&rsquo; l&auml;&szlig;t&rsquo;s sich drau&szlig;&rsquo; besser an
+f&uuml;r die fahrende Kunst als im unholden Wetter gestern&laquo;,
+und er wies mit der Hand in die fr&ouml;hliche Welt
+hinaus. &raquo;Nun freilich, das Schweifen ist Dir f&uuml;r&rsquo;s
+Erste verlegt. Und doch sei de&szlig; nicht gar zu betr&uuml;bt.&nbsp;&#8211;
+Auch auf der Elzeburg l&auml;&szlig;t&rsquo;s sich ganz wohlgemuth
+hausen&laquo;, setzte er behaglich hinzu; &raquo;gibt&rsquo;s auch hier
+nicht alltag G&auml;nsebraten, so darf Dir zwischen Zur&uuml;sten
+und Niedersitzen doch Niemand, auch kein Waibst&auml;dter
+nicht, das Mahl verderben.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt, glaubt&rsquo; ich, w&auml;re der rechte Augenblick gekommen,
+meinen Spruch anzuheben, und so sagt&rsquo; ich,
+recht mit der Betonung, wie in der Rhetorica ich&rsquo;s
+gelehrt worden:</p>
+
+<p>&raquo;Weislich, sonder Zweifel, gn&auml;diger Herr! haben
+die wohlerfahrenen Alten gesagt, da&szlig; kein Ding so
+&uuml;bel gerathe, es habe denn auch etwas Gutes bei
+sich, daran der verst&auml;ndige Mann sich halten k&ouml;nne.
+Dies ist auch in dieser unfrohen Aventiure mein m&auml;chtiger
+Trost. Denn welches Beistandes und welcher
+Rechtfertigung sollte ich Gekr&auml;nkter&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 74 --><span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">74</a></span>
+&raquo;La&szlig; genug sein, Diether!&laquo; unterbrach mich da
+der Graf. &raquo;Spar&rsquo; Deine Worte; sie sind Dir hier
+nicht von n&ouml;then. Denn Du brauchst Dich keines
+&Uuml;bels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und
+hier sah er mich ernster an) la&szlig; es Dich d&uuml;nken, es
+sei Dir wohlgerathen, da&szlig; ich von Ungef&auml;hr gezogen
+kam und Dich den Waibst&auml;dtern entri&szlig;. Denn mein&rsquo;
+Treu! sie h&auml;tten Dir Dein Gefiedel zu B&auml;rbel&rsquo;s Hochzeit
+&uuml;bel gelohnt. Thurm und Stock w&auml;re Dein Singerlohn
+gewesen. Hier bist Du allerdinge gefangen und
+das mit Recht; aber, so Du Dich f&uuml;gst, soll Dir Deine
+Kunst hier wohl zu Danke sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach! gn&auml;diger Herr&laquo;, bat ich da, &raquo;wollet doch
+nicht daf&uuml;r halten, da&szlig;, was die St&auml;dter wider mich
+geredet haben, etwas Anderes als vermaledeite L&uuml;gen
+seien, und la&szlig;t Euch sagen, da&szlig; ich ebensowenig ihnen
+die Hochzeit gest&ouml;rt habe, als ich gewi&szlig;lich kein Fahrender
+noch der Singekunst kundig bin, wovon ich allsogleich
+Euch &uuml;berf&uuml;hren werde, so Ihr mich nach Eurer
+G&uuml;tigkeit weiter h&ouml;ren wollt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei Gottes Thron!&laquo; fuhr Herr Eberhard da
+heftig auf. &raquo;So gedenkst Du noch immer durch L&auml;ugnen
+Dich herauszuwinden? Kein Wort mehr davon! sag&rsquo;
+ich. Und das ist die Meinung. Du bekennst Dich
+frei offen zu Deiner Kunst und willigst ein, auch auf
+Elzeburg mit ihr zu dienen, oder Du wirst noch heut&rsquo;
+nach Waibstadt zur&uuml;ckgef&uuml;hrt und dort acht&rsquo; ich f&uuml;r
+gewi&szlig;, wird Krummholz und sein Anhang reichlich daf&uuml;r
+sorgen, da&szlig; Du bald ein Liedlein zu singen anhebst,
+aber aus einem neuen Tone und einem gar kl&auml;glichen.&laquo;</p>
+
+<p>Und unmuthig wandte er sein Angesicht wieder
+von mir ab, dem Fenster zu.
+</p>
+
+<p><!-- Page 75 --><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">75</a></span>
+Da merkt&rsquo; ich wohl, da&szlig; ich mich meiner Chria
+nicht l&auml;nger tr&ouml;sten k&ouml;nnte und ihre Kraft besser unversucht
+lie&szlig;e. Darum fragt&rsquo; ich ihn blo&szlig; ganz kleinm&uuml;thig:</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;diger Herr! Was ist es, das Ihr von mir
+nothhaftem Mann begehrt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts&laquo;, erwiedert er gelassener, &raquo;als wor&uuml;ber,
+wenn Du gef&uuml;gen Sinnes bist, Du eitel Freude haben
+mu&szlig;t. Dieselbe Kunst, die Dich in Noth gebracht, soll
+Dir auch heraushelfen. Gerade dessen begehr&rsquo; ich,
+was Du, dummer Mann, zum eigenen Schaden hehlen
+willst. Deine M&auml;ren und Aventiuren, um die sie Dir
+in Waibstadt gram worden sind, sollen auf Elzeburg
+Dich und Andere erfreuen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Herr&laquo;, betheuerte ich und legte die rechte
+Hand auf die Brust, &raquo;z&uuml;rnet nicht! Aber ich habe nie
+von keiner M&auml;re und dergleichen zu singen und zu
+sagen gewu&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut denn!&laquo; rief er unwillig und gebot dann
+seinem Knecht: &raquo;Fort, Helmbold, mit ihm nach Waibstadt
+und zwar noch heut&rsquo;, sobald ich &uuml;ber ihn an den
+ehrsamen Rath daselbst werde geschrieben haben! Sitz
+bald auf und bind&rsquo; ihn an&rsquo;s Pferd, da&szlig; er Dir nicht
+entwischt!&laquo;</p>
+
+<p>Da stund mir denn sonder Frage ein jammerhaft
+Geschick bevor. Aber in dieser h&ouml;chsten Noth
+hat, wie ich w&auml;hne, meiner heiligen Patrone einer
+an mich gedacht und von Gott gewirkt, da&szlig; da zu
+eben dieser Frist die Th&uuml;r aufgieng und ein M&auml;gdlein
+leichten Schrittes hereintrat, Helmbold und auch mir
+zunickte und fr&ouml;hlich Herrn Eberhard entgegeneilte,
+mit heller, munterer Stimme ihn begr&uuml;&szlig;end. Wie sie
+<!-- Page 76 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">76</a></span>
+den Arm um seine Schulter legte und sich zu ihm
+niederbeugte, ihn zu k&uuml;ssen, bemerkte ich wundernd, wie
+goldig ihr das Haar im Sonnenstrahl um ihr Haupt
+flo&szlig;; und ob ich gleich ihr Angesicht nicht sehen konnte,
+so wu&szlig;t&rsquo; ich doch, wie Herr Eberhard zu ihr aufblickte,
+da&szlig; sie die rechte Maiensonne war, die &uuml;ber
+die Herbst- und Winterszeit seines Lebens den herzerquickenden
+Schein des Gl&uuml;cks und der Freude breitete.</p>
+
+<p>Da&szlig; ich aber glaubte, durch Gottes F&uuml;gung w&auml;re
+das M&auml;gdlein gerade jetzo hereingetreten, um meinetwillen,
+das geschah darum, weil bei dem klaren Ton
+ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele
+trat, wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe!
+da ich an das Pergamen mit den drei Aventiuren
+oben gedachte, schien ich mir auch gefunden zu
+haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir
+wenden k&ouml;nnte. War&rsquo;s nur die Sorge um Krummholtzens
+Rache oder war&rsquo;s auch zugleich etwas vom
+Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschlo&szlig;, ihnen
+den Willen zu thun und mich f&uuml;r das auszugeben,
+wof&uuml;r sie mich haben wollten. In jener Stunde
+wenigstens d&auml;uchte es mich der einzige kluge Rath.
+Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn
+sie es m&ouml;glich machten, sie ihnen beizubringen. Sie
+wollten sie jetzt nicht h&ouml;ren, und ihre Sache war es,
+die T&auml;uschung zu verantworten, zu der sie mich zwangen.
+Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld, sich verstellt
+vor dem Philisterk&ouml;nig aus zwingender Noth?</p>
+
+<p>Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold
+schon sich bereit gemacht hatte, mich hinwegzuf&uuml;hren,
+z&ouml;gernd einen Schritt vor, verneigte mich und sprach:
+&raquo;Mit Verlaub, gn&auml;diger Herr, wenn Ihr denn befehlet,
+<!-- Page 77 --><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">77</a></span>
+so will ich nach Verm&ouml;gen mit meinen M&auml;ren Euch
+zu Diensten sein; allein schicket mich nur nicht gen
+Waibstadt, denn vor den St&auml;dtern grauset&rsquo;s mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war vern&uuml;nftig geredt&laquo;, sagte beg&uuml;tigt der
+Graf. &raquo;Auch w&auml;r&rsquo;s eine ausb&uuml;ndige Thorheit, schier
+befremdlich an einem aus dem gewitzten Volk der
+fahrenden Br&uuml;derschaft, wenn Du bei Deinem Starrsinn
+verharret w&auml;rest. Doch ich wu&szlig;te wohl, da&szlig; Du
+Dich noch darauf besinnen w&uuml;rdest, was Dir das
+Kl&uuml;gste zu thun ist. &#8211; Und hier, Irmela&laquo;, sagte er
+und ergriff des M&auml;gdleins Hand, &raquo;siehe, das ist
+Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt.
+Wohlan, hei&szlig; ihn willkommen und hab&rsquo; wohl Acht,
+da&szlig; Du flei&szlig;ig von ihm lernest, was zu behalten
+Freude macht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf
+Elzeburg!&laquo; redete mich da das M&auml;gdlein an und ihr
+freundlich Gr&uuml;&szlig;en that mir gar wohl. Es war mir,
+als gew&auml;nn&rsquo; ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt,
+das sie mir aufgezwungen hatten, und sagte getrost:</p>
+
+<p>&raquo;Habt Dank, Jungfr&auml;ulein, und seid gebeten f&uuml;rlieb
+zu nehmen mit meiner Kunst; denn sie ist geringen
+Verm&ouml;gens.&laquo;</p>
+
+<p>Da lachte Herr Eberhard laut: &raquo;Ei Diether, so
+magst Du aus H&ouml;flichkeit reden; aber da&szlig; Du mit
+M&auml;ren zu wenig vermagst, darum haben die Waibst&auml;dter
+Dich nicht verklagt. De&szlig; also sei sorgenohne
+und vermeld&rsquo; uns sogleich, welcher guten Aventiure
+Du zuerst Dich annehmen willst, da&szlig; meine Nichte sie
+von Dir h&ouml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Ich besann mich nicht lange und antwortete:
+&raquo;<em class="antiqua">Wie Kriemhilde troumte</em>&laquo;, so es Eures Gefallens ist.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 78 --><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">78</a></span>
+&raquo;Ei wohl, Diether!&laquo; rief er erfreut. &raquo;Das ist
+eine gute alte Aventiure, und die hernach folgen, sind
+es auch. Ach, ich h&ouml;rte sie einst in meinen jungen
+Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen Geschichten
+bei Rittern und Herren in hohen Ehren und
+selber des Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer
+wohl konnten. Jetzt sch&auml;mt man sich ihrer zu Hof
+und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe und liebe
+mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit
+Deinem alten Ohm die langen Abende mit Lesen
+aus alten B&uuml;chern k&uuml;rzest, dann sollst Du unterweilen
+auch die alten M&auml;ren mich h&ouml;ren lassen, wie ich einst
+sie vernahm, und ich wei&szlig;, sie werden mich erfreuen,
+wie dazumal. Sorg&rsquo; nur, da&szlig; Du Alles wohl aufschreibest,
+was und wie er Dir&rsquo;s sagt! &#8211; Und Du,
+Diether, merk&rsquo; Dir&rsquo;s wohl: je fr&uuml;her Du mit Deinen
+Aventiuren zu Ende kommst, um so b&auml;lder bist Du
+Deines Dienstes hier entledigt und magst ziehen, wohin
+Du willst.&laquo;</p>
+
+<p>So war ich denn zu des M&auml;gdleins Lehrmeister
+gar unversehens bestellt und wu&szlig;te nicht, wie mir das
+gerathen w&uuml;rde. Denn worin ich h&auml;tte unterweisen
+k&ouml;nnen, darin durft&rsquo; ich&rsquo;s nicht, und was ich lehren
+sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich tr&ouml;stete
+mich mit meinem Pergamen und dachte, wie so manch&rsquo;
+ein Hochgelahrter auch nichts verm&ouml;chte der Welt zu
+Dank, wenn er nicht allezeit seine Weisth&uuml;mer aus der
+B&uuml;cherei erborgen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Soll ich nun berichten, wie mir&rsquo;s auf Elzeburg
+weiter ergieng, so wundre ich mich dar&uuml;ber, wie doch
+so oft Neid getragen wird von den Alten gegen die
+Jungen um der fr&ouml;hlichen Hoffnungen willen f&uuml;r die
+<!-- Page 79 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">79</a></span>
+Zukunft, mit denen diese in tr&uuml;bni&szlig;voller Gegenwart
+sich leichtlich zu tr&ouml;sten und selber &uuml;ber gro&szlig;e Widerw&auml;rtigkeit
+hochgemuth sich hinwegzuschwingen verm&ouml;chten;
+wohingegen das Alter leider gewitzigt worden
+sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten,
+wie die gegenw&auml;rtigen ihm Gen&uuml;ge gebracht haben.
+Dem gegen&uuml;ber will mich&rsquo;s immer bed&uuml;nken, da&szlig; dem
+Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu gleicher
+Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen
+auf bessere k&uuml;nftige, ja zu noch gr&ouml;&szlig;erer. Denn unser
+Herrgott hat dem menschlichen Herzen eine wundersame
+Kraft geschaffen, da&szlig; ihm jegliche hohe Freude oder
+tiefe Tr&uuml;bni&szlig;, je weiter sie zur&uuml;ckweichen in die Vergangenheit,
+allgemach hinaufr&uuml;cken in ein stilles, sanftes
+Licht, wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne
+auf die Erde zu schicken verm&ouml;gen. Sondern ich achte:
+es strahlt aus der Tiefe des menschlichen Gem&uuml;ths,
+dahinein Gott es versenkt hat aus der unsichtbaren
+Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir zur&uuml;ckdenken,
+mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen
+ab und leuchtet endlich &uuml;ber uns in keinem minderen
+Glanz und Schimmer, als das noch Unerlebte, was
+die Hoffnung oft mit tr&uuml;gerischem Glanz vor die Seele
+stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und
+alle Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren
+vermag, erst dann in ihrer Pracht, wenn sie selbst
+nicht mehr am Himmel steht, und schauen nach dem
+s&uuml;&szlig;en Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist.</p>
+
+<p>Also stehen auch die l&auml;ngst geschwundenen wenigen
+Tage, die ich auf Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke,
+in best&auml;ndiger Gegenwart mir vor der Seele,
+als gen&ouml;&szlig;&rsquo; ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die
+<!-- Page 80 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">80</a></span>
+mir um&rsquo;s Haupt wehte und in Lebensfreude die junge
+Brust dehnte, wenn ich mit Helmbold in&rsquo;s Thal herniederreiten
+durfte und in den Wald hinein auf bethauten
+Wegen; des s&uuml;&szlig;en Duftes der Linde, unter der
+ich oftmals sa&szlig; im Burggarten zur Mittagszeit, wenn
+die Bienen darin summten mit freudigem Gebraus,
+oder des Abends, wenn die L&auml;uber leise rauschten im
+sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes
+seine Spur zur&uuml;ckgelassen in meiner Seele und ist ihr
+unverloren.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn
+junger Nichte zu dienen hatte, nahmen noch in
+den ersten Tagen ihren Anfang. Da mu&szlig;t&rsquo; ich hinunter
+in den Saal kommen und ihr gegen&uuml;ber niedersitzen
+an einen gro&szlig;en Tisch, allwo sie meiner schon wartete.
+Sie hatte ein gro&szlig;es Buch vor sich mit vielen guten
+Spr&uuml;chen und Liedern unterschiedlicher Singer zum Theil
+beschrieben. Dahinein sollten nun auch durch Irmela
+meine M&auml;ren kommen, wie sie das M&auml;gdlein von mir
+h&ouml;ren w&uuml;rde. Darum sa&szlig; sie auch da zum Werk bereit,
+die Feder in ihrer zierlichen Hand.</p>
+
+<p>Mir war doch, da ich mich vor dem Fr&auml;ulein sah,
+nicht muthiger zu Sinn als vor Abt Albrecht im Capitelsaal
+und ich f&uuml;hlte, ob ich gleich vermied sie anzuschauen,
+da&szlig; sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte. Als ich
+nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die
+Feder in ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten
+anfangen m&ouml;chte, sagte sie, indem sie die Feder tr&auml;nkte
+und das Buch zurechtlegte, bescheiden aber im Geringsten
+nicht scheu oder furchtsam:</p>
+
+<p>&raquo;Hebet nun an, Meister Diether, wenn&rsquo;s Euch geliebt,
+und sprechet recht langsam jegliche Zeile mir vor,
+<!-- Page 81 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">81</a></span>
+damit ich im Schreiben nicht aus &Uuml;bereilung mi&szlig;thue,
+und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in diesem
+Buch mu&szlig; Alles ohne Tadel und l&ouml;blich sein. Auch
+mag ich viel lieber beim Schreiben der Unmu&szlig;e mehr
+haben, als da&szlig; mich darnach beim Lesen die ungleiche
+und &uuml;belgerathene Schrift verdrie&szlig;e.&laquo;</p>
+
+<p>Dies sagte mir das M&auml;gdlein gar sehr nach
+Wunsch. Denn weil ich, solange sie mich f&uuml;r einen
+fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu wenig
+Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich&rsquo;s
+f&uuml;r ungeziemend, nur aus meinem Pergamen f&uuml;rzulesen
+als der Unge&uuml;bten Einer. Daher hatt&rsquo; ich, so viel
+ich behalten konnte, von der ersten Aventiure gelernet.
+Nun war mir das freilich ja ein Trost, da&szlig; mir Zeit
+geg&ouml;nnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen
+und da&szlig; mein Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen
+sollte; denn wie ich mir helfen m&ouml;chte, sobald mein geheimes
+&Ouml;lkr&uuml;glein droben, aus dem ich sch&ouml;pfte, leer
+geworden sein w&uuml;rde: de&szlig; wu&szlig;te ich keinen Rath.</p>
+
+<p>So erwiedert&rsquo; ich denn: &raquo;Gerne, Jungfr&auml;ulein, wie
+Ihr gebietet.&laquo;</p>
+
+<p>Und danach hub ich an: &raquo;Ez troumte Kriemhilden
+in tugenden der sie pflac&laquo; und wie ich&rsquo;s eben oben weiter
+erlernet hatte. Ich sprach ganz bed&auml;chtiglich und, indem
+ich auf ihr Schreiben Acht hatte, nur immer dann ein
+weiteres Wort, wenn ich sah, da&szlig; sie mit dem vorhergehenden
+fertig war. Ihre Sorgfalt zu betrachten, mit
+der sie Jegliches bedachte, und ihren Eifer, mit dem sie
+die Buchstaben zog, machte mir gro&szlig;e Freude, und der
+Flei&szlig;, mit dem sie Alles recht zierlich herzurichten trachtete,
+erregte auch mich, aufzumerken auf das Werk.
+Und so kam es wohl, da&szlig; ich zu meiner Aventiure
+<!-- Page 82 --><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">82</a></span>
+etwas hinzuthat, was die Niederschrift angieng: &raquo;Hier
+setzet ab, dieses Wort r&uuml;ckt n&auml;her heran, denn die Zeile
+wird lang&laquo; und Anderes mehr. Wie sie erfand, da&szlig;
+mein Rath allerorten das Richtige traf, hielt sie inne
+im Schreiben und fragte mich: &raquo;Ihr scheinet wohl erfahren
+in der Schreibekunst?&laquo;</p>
+
+<p>Ich antwortete: &raquo;Guter Lehre darin habe ich genug
+gehabt!&laquo;</p>
+
+<p>Da sah sie mich verwundert an und sagte: &raquo;Das
+h&auml;tt&rsquo; ich nicht gedacht, da&szlig; Ihr Mu&szlig;e gefunden zu solch
+sitzender Kunst.&laquo;</p>
+
+<p>So langsam nun auch ich Kriemhildens Traum
+in das Buch Wort nach Wort niedertr&ouml;pfeln lie&szlig;, so
+war ich doch nach wenigen Tagen unserer Schulzeit
+damit zu Ende, und wie Ute, die Mutter, den Traum
+gedeutet hat von einem Manne, den Kriemhilde zu
+Lieb und Leide gewinnen sollte und wie, um Beides zu
+meiden, die hehre Frau immer bleiben wollte ohne
+Recken-Minne, &#8211; das war nun Alles im Buch geschrieben.
+&raquo;O weh,&laquo; dacht&rsquo; ich da, als ich meine Kanzlerin
+das letzte Wort niederschreiben sah, &raquo;wie willst
+Du bestehen, wenn Dein Kunstvorrath so schnell zu
+Ende geht? Da wird Deine zweite Noth hier gr&ouml;&szlig;er
+werden als die erste. Zum Wenigsten heut nimmst
+Du die zweite Aventiure nicht mehr vor.&laquo;</p>
+
+<p>Das that auch nicht Noth, denn Irmela, wie sie
+das letzte Wort geschrieben, legte die Feder weg, that
+das Buch zu und sagte: &raquo;Erz&auml;hlet mir doch, Meister
+Diether, wie das nachher sich zutrug mit Kriemhilden
+und ob denn wirklich Ute sie wahr beschieden hat.&laquo;</p>
+
+<p>Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig; denn ich
+sollte das M&auml;gdlein einen Weg f&uuml;hren, den ich selber
+<!-- Page 83 --><span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">83</a></span>
+nie gegangen war, von dem ich auch im Geringsten
+die Richtung nicht wu&szlig;te. Ich fa&szlig;te mich aber und
+sagte: &raquo;Nein Jungfr&auml;ulein, das geht nicht an. Die
+Geschichte ist &uuml;berlang und jegliche Aventiure mu&szlig; in
+ihrer Ordnung unverr&uuml;ckt bleiben. Jetzt folgt die <em class="antiqua">&raquo;von
+Sifride wie der erzogen wart!&laquo;</em> Auch m&ouml;cht&rsquo; Euch das
+m&uuml;hevolle Schreiben verdrie&szlig;lich werden, wenn Ihr
+allbereits am Anfang des Fortgangs und Endes
+kundig seid.&laquo;</p>
+
+<p>Da versetzte Irmela lachend: &raquo;Mit Verlaub,
+Meister, aber Ihr irret, wenn Ihr denket, da&szlig; ich an
+diesen M&auml;ren so gro&szlig; Gefallen habe und heftig verlange
+zu wissen, was sich weiter zugetragen hat. Wollt
+Ihr es noch verschweigen, so thut es immerhin. W&auml;r&rsquo;s
+nicht um meinen Ohm, der daran so gr&ouml;&szlig;liche Freude
+hat, ich schriebe wohl Anderes in dieses Buch. Solche
+Kunst mit Worten, die blo&szlig; zu sagen sind, acht&rsquo; ich
+nicht gro&szlig;; wo die Worte nach einer Weise gehen, die
+zu singen ist, das ist mir die rechte Kunst. Und, Meister
+Diether, wenn Ihr mich von Euren Liedern h&ouml;ren lie&szlig;et
+und ich k&ouml;nnt&rsquo; etliche, die mir zumeist gefielen, von Euch
+erlernen, das w&auml;re mir lieb. Eurer Fiedel freilich seid
+Ihr ledig, aber n&auml;hmet Ihr die Laute zu Eurem Singen,
+so w&auml;re mir das zu gr&ouml;&szlig;erem Nutzen: ich g&auml;b&rsquo; Euch
+die meinige in die Hand, und ich vertrau&rsquo; wohl, da&szlig;
+ich die Griffe Euch bald w&uuml;rde nachthun k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Wie sie dabei fragend und bittend mich anblickte,
+h&auml;tt&rsquo; ich sie von Herzen gern ihres Wunsches gew&auml;hrt.
+Aber ich sagte blo&szlig;: &raquo;Die Laute zu schlagen, bin ich
+g&auml;nzlich unkundig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun denn&laquo;, fuhr sie fort, &raquo;so m&ouml;gt Ihr Eure
+Lieder blo&szlig; singen, und wenn ich eine Weise wohl aufgefa&szlig;t
+<!-- Page 84 --><span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">84</a></span>
+habe, so gedenk&rsquo; ich selbst die Griffe zu finden,
+die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure
+Schule zu nehmen!&laquo;</p>
+
+<p>Da mu&szlig;t&rsquo; ich mir mit einer List helfen:</p>
+
+<p>&raquo;Gerne, Jungfr&auml;ulein! Aber wisset, da&szlig; es wider
+Recht und Brauch unserer Kunstbr&uuml;derschaft ist, unsere
+Lieder so bar mit der Stimme hinauszusingen, ohne
+da&szlig; Saitenklang dazu ert&ouml;nt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein seltsam Recht&laquo;, erwiederte sie darauf
+verwundert, &raquo;das Ihr da aufgerichtet habt. Doch&laquo;,
+setzte sie munter hinzu, &raquo;ist&rsquo;s Euch ein Ernst, mich Eurer
+Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer Recht
+und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will
+Euch lehren die Laute schlagen, und, de&szlig; bin ich gewi&szlig;,
+ein Meister wie Ihr, wird bald verm&ouml;gen auf
+ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch
+k&ouml;nnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche
+mir aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das
+sollen die sein, deren Weise ich hernach zuerst von Euch
+zu h&ouml;ren gedenke.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was aber&laquo;, fragt&rsquo; ich, &raquo;wird aus &raquo;<em class="antiqua">Sifride wie
+der erzogen wart</em>&laquo; und den Aventiuren darnach?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O&laquo;, sagte sie beschwichtigend, &raquo;seid de&szlig; unbesorgt.
+Die sollen nicht vers&auml;umet werden, d&uuml;rfen es auch nicht,
+um meines Ohms willen. Aber jedesmal, wenn wir
+mit ihnen ein gut St&uuml;ck vorw&auml;rts gekommen sind und
+es verdrie&szlig;t Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.&laquo;</p>
+
+<p>Solch&rsquo; Begehren des M&auml;gdleins war mir lieb und
+auch leid. Lieb war es mir, weil ich gedachte an
+ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid aber,
+weil ich besorgte, ich w&uuml;rde nun mit meinen zwo
+<!-- Page 85 --><span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">85</a></span>
+Aventiuren um so geschwinder am Ende sein, wenn
+ihr Sinn erst eifrig nach meinen Liedern st&uuml;nde, und
+weil ich, je gelehrigerer Sch&uuml;ler ich ihr ward, um so
+b&auml;lder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich
+als der bestehen?</p>
+
+<p>Aber ungedacht gerieth mir Irmela&rsquo;s Singelust
+durch meine Malkunst zum Heile. Denn einst, als die
+Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war ich durch
+Helmbold zu ihr drau&szlig;en in den Garten beschieden
+worden. Da waren auf gr&uuml;nem Rasen mit wohlgepflegten
+Beeten, auf denen buntfarbige Primeln und
+schlanke Narzissen bl&uuml;hten, ein weit&auml;stiger Apfelbaum,
+der stund voll rother Bl&uuml;thenknospen recht wie mit
+unz&auml;hligen Str&auml;u&szlig;lein geschm&uuml;ckt. Im Halbkreis um
+diesen Baum war wie eine gr&uuml;ne Wand dichtes Geb&uuml;sch
+von Flieder gezogen, der dem Ort in der hei&szlig;en
+Jahreszeit K&uuml;hlung und Schatten lieh. Dahin hatte
+Irmela Tisch und St&uuml;hle bringen lassen und dort sollt&rsquo;
+ich ihrer warten. Ein gar lieblicher Platz war es,
+den sie f&uuml;r unser Schulhalten ausersehen hatte. Denn
+man sah &uuml;ber Blumen und Rasen vorn &uuml;ber die Wipfel
+der Obstb&auml;ume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende
+Garten des Burghofes bepflanzt war, weit
+hinauf und hinab in das Thal, wie da das Elzew&auml;sserlein
+bald aus dem Gr&uuml;n hervorblitzte, bald hinter dem Laube
+der Uferb&auml;ume sich verbarg, und frei konnte zugleich
+der Blick hin&uuml;berschauen in&rsquo;s Gebirg. So sa&szlig; man
+dort uneingeengt und doch ungesehen und heimelich.</p>
+
+<p>Mit rechter Lust schaute ich in die heitere Welt
+hinaus, die nah und fern so friedlich vor mir lag, und
+da&szlig; wir unser Werk so mitten in der Lenzlust treiben
+sollten, machte mich recht herzensfroh, und dem M&auml;gdlein
+<!-- Page 86 --><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">86</a></span>
+wu&szlig;t&rsquo; ich&rsquo;s im Stillen Dank. Da sich von ungef&auml;hr
+ihr Kommen verz&ouml;gerte, nahm ich das gro&szlig;e, sch&ouml;n
+gebundene Buch, das schon bereit lag, in die Hand
+und schlug es auf. Bald fand ich die Bl&auml;tter, auf
+denen Lieder und Spr&uuml;che der besten Singer zu lesen
+waren. Ich staunte nicht wenig &uuml;ber die meisterliche
+Kunst, mit der da in Wort und Reim gefa&szlig;t war,
+was des Menschen Herz zumeist bewegt, und immer
+wieder auf neue Weise, wie wohl die V&ouml;glein alle im
+Mai dieselbe Lenzwonne singen, doch aber jedes in
+seiner sonderlichen Art.</p>
+
+<p>&raquo;Reicher Gott!&laquo; dacht&rsquo; ich, &raquo;wie mag dir das
+gute M&auml;gdlein so hohe Kunst zutrauen und wie k&ouml;nnt&rsquo;
+ich sie je erlernen; sie mu&szlig; von Gott verliehen sein.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend ich so der Mu&szlig;e geno&szlig;, sah ich auch
+die Feder schon bereit liegen, und das Tintenf&auml;&szlig;lein
+stund dabei. Ich nahm sie in die Hand und schrieb,
+wo Irmela zuletzt aufgeh&ouml;rt hatte, oben auf das n&auml;chste
+Blatt in den zierlichsten Buchstaben, die ich vermochte,
+was nun weiter folgte: &raquo;<em class="antiqua">Von Sifride wie der erzogen wart.</em>&laquo;
+Ich that zu mehrerem Schmuck manchen
+Zug hinzu fein und geschwungen, wie ich&rsquo;s in den
+besten Schriften unserer Klosterb&uuml;cherei gesehen hatte.
+Damit war ich noch besch&auml;ftigt, als das M&auml;gdlein
+herzutrat.</p>
+
+<p>Noch seh&rsquo; ich die schlanke Gestalt, wie sie voll
+kindlich jungfr&auml;ulicher Heiterkeit durch die Blumen schritt,
+mit Aufmerksamkeit hie und da vor einer neu entfalteten
+Bl&uuml;the ihrer Fr&uuml;hlingsbeete stille stund oder
+eine schimmernde Narzisse, die sie in der Hand hatte,
+gegen die Sonne hielt und in die Betrachtung des
+leuchtenden Blumensterns mit dem gelb-purpurnen Kern
+<!-- Page 87 --><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">87</a></span>
+sich versenkte. Mir war&rsquo;s nun erst, als w&uuml;&szlig;ten Laub
+und Bl&uuml;then um mich her, wem zur Freude sie von
+Gott so sch&ouml;n geschm&uuml;ckt w&auml;ren, und ich gedachte, da&szlig;
+es am Anfang auch ein Garten gewesen, in den unser
+Herrgott die unschuldigen Menschen setzte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&rsquo; Euch harren lassen heute&laquo;, sagte sie zu
+mir nach freundlichem Gru&szlig;, als sie vor mir stund.
+&raquo;Aber ich denke, der Lenz macht&rsquo;s heute hier au&szlig;en so
+sch&ouml;n, da&szlig; einem winterm&uuml;den Menschen die Weile
+schwerlich zu lang wird. Um so flei&szlig;iger, gebt Acht,
+werd&rsquo; ich Euch nun beim Schreiben sein. Doch seht&laquo;,
+rief sie mit Verwunderung, als sie in das Buch sah,
+&raquo;Ihr seid nicht m&uuml;&szlig;ig gewesen; wie kunstreich Ihr
+schreiben k&ouml;nnt! ich w&auml;hne, ein Maler verm&ouml;cht&rsquo;s nicht
+besser in eines Kaisers Brevier.&laquo;</p>
+
+<p>Da sagt&rsquo; ich: &raquo;Wenn es Euch gef&auml;llt, Jungfr&auml;ulein,
+so k&ouml;nnt&rsquo; ich des Schreibens M&uuml;he Euch wohl ersparen
+und mit eigner Hand die Aventiure in&rsquo;s Buch bringen,
+so gut ich&rsquo;s vermag. W&auml;hrend dem k&ouml;nnt Ihr die
+Laute spielen, und beim Schreiben w&uuml;rde mir das H&ouml;ren
+Eures Spiels wohl n&uuml;tzlich sein, da&szlig; ich hernach Eurer
+Unterweisung desto besser zu folgen vermag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wegen der Mu&szlig;e f&uuml;r mich&laquo;, erwiederte
+sie, &raquo;sondern um Eurer preislichen Schrift willen, die
+ich dem Buch wohl g&ouml;nne, nehm&rsquo; ich gern Euer Erbieten
+an.&laquo;</p>
+
+<p>Und so geschah&rsquo;s denn von dem Tag an, da&szlig; ich
+die Feder f&uuml;hrte. Weil mir aber aus glaublicher Ursach&rsquo;
+Eile nicht am Herzen lag und ich zugleich das
+M&auml;gdlein erfreuen wollte, so that ich all&rsquo; mein Bestes
+an dem Buch. Ich brauchte zur Niederschrift nicht
+allein Rohr und Feder, sondern auch Pinsel und Farbe,
+<!-- Page 88 --><span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">88</a></span>
+die ich mir von Irmela erbat oder selber nach Malergewohnheit
+bereitete. Was waren das f&uuml;r selige
+Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem
+bl&uuml;henden Apfelbaum! Fr&ouml;hlicher hat wohl nie Keiner
+Unmu&szlig;e gehabt, noch gr&ouml;&szlig;ere, herzlichere Lust zu seiner
+Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, da&szlig; ich der
+Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden
+sollte, gerne verga&szlig; und, unbek&uuml;mmert um den morgenden
+Tag, ganz nur dem heutigen lebte und dem reinen
+Gl&uuml;ck, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst nicht
+bewu&szlig;t, eine &Auml;nderung in meinem Gem&uuml;th vor sich,
+so konnte sie b&ouml;s nicht sein; denn nie zuvor hatte ich
+h&ouml;here Freude an meiner Kunst gehabt und ernsteren
+Eifer auf sie gewendet, als da ich wu&szlig;te: ihr Auge
+ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die
+ganze herrliche Gotteswelt um mich her sprach deutlicher
+zu mir, und es war, als ob das inwendige Verm&ouml;gen
+meiner Seele eine neue Kraft gewonnen h&auml;tte.
+Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir
+der Fr&uuml;hling, und wie von einem Gef&uuml;hl stiller aber starker
+Freude am Leben und allen Werken des HErrn ward
+mein Gem&uuml;th beschwingt. Da&szlig; solches Alles eine Folge
+von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des M&auml;gdleins
+auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer
+N&auml;he h&auml;tte kein Mensch traurig bleiben k&ouml;nnen oder
+Arges hegen! Und an der Anh&auml;nglichkeit, mit welcher
+alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan war, konnte
+man die Macht der Unschuld und G&uuml;te ersehen, zumal
+wenn zu ihr holde Gestalt und fr&ouml;hliche Jugend sich
+gesellt. Keiner h&auml;tt&rsquo; es vermocht, sie zu betr&uuml;ben, und
+Helmbold, dem der Graf (er hatte bald nach meiner Ankunft
+wieder die Burg verlassen) ihren Dienst zugewiesen,
+<!-- Page 89 --><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">89</a></span>
+sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine h&ouml;chste
+Ehre und Freude an. Von ihm erfuhr ich, da&szlig; Irmela
+schon in fr&uuml;her Kindheit, da sie Waise geworden, von
+ihrem Ohm aufgenommen und zwar fern von der
+gro&szlig;en Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe unterrichtet
+und erzogen w&auml;re. Alsdann betheuerte der
+Alte, wie mit ihr ein neuer Tag des Gl&uuml;cks f&uuml;r Alle,
+sonderlich f&uuml;r den Grafen in der abgeschiedenen Burg
+aufgegangen w&auml;re und wie tr&uuml;bselig es hergehen w&uuml;rde
+auf Elzeburg, wenn das Fr&auml;ulein einmal da nicht mehr
+weilte. Und gewi&szlig; ein edler Freiersmann w&uuml;rde sich
+bald genug finden, wenn sie nur erst hinausgef&uuml;hrt
+sein w&uuml;rde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar wenig
+gesehen.</p>
+
+<p>So war denn auch sie wie ich ohne Vater und
+Mutter aufgewachsen und in der engsten Umgebung,
+und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch darin die
+Gestalt ihres und meines Lebens &uuml;berein. Wohl gern
+h&auml;tt&rsquo; ich ihr die Wahrheit &uuml;ber mich gesagt; und da&szlig;
+sie von mir, wenn auch unfreiwillig, get&auml;uscht ward,
+that mir oftmals leid, und der Vorwurf dar&uuml;ber legte
+sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen
+Maienzeit &uuml;ber meine Seele. Aber ich konnt&rsquo;s doch
+nimmer &uuml;ber&rsquo;s Herz bringen, ihren immer sich gleich
+bleibenden heiteren Sinn durch eine Mittheilung zu betr&uuml;ben,
+die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen mu&szlig;te.
+Zudem w&auml;r&rsquo; es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu
+tragen. War es dennoch unrecht von mir, da&szlig; ich
+mir den Trug, in den man mich hineingesto&szlig;en hatte,
+gefallen lie&szlig;, ja hernach zu scheinen selber fortfuhr,
+was ich nicht war: so wei&szlig; ich&rsquo;s nicht und will&rsquo;s nicht
+widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine
+<!-- Page 90 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">90</a></span>
+tiefe Kluft von einander geschieden, aber in des Menschen
+Gem&uuml;th liegt oft Beides gar nahe bei einander.</p>
+
+<p>Indessen wuchs ich t&auml;glich mehr in den Singerstand
+hinein, dem ich zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen
+gelang es mir zu gr&ouml;&szlig;lichem Lobe meiner
+Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen
+Freude; ja es regte sich in mir auch die Lust, selbst
+ein Lied zu ersinnen nach der Art derer, die in Irmela&rsquo;s
+Buche geschrieben stunden und eine Weise dazu zu
+suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das M&auml;gdlein
+an der Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen,
+gegeben hatte, nicht ohne Noth irre w&uuml;rde.
+Aber da sie &ouml;ftermalen in mich drang, aus dem, wie
+sie meinte, gro&szlig;en Vorrath meiner Kunst doch endlich
+ihr etliche Probest&uuml;cklein herf&uuml;rzulangen, so durft&rsquo; ich
+nicht g&auml;nzlich ungef&uuml;ge sein, noch ihr Mi&szlig;trauen erwecken.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t mich doch nun einmal die Worte eines
+Liedes h&ouml;ren&laquo;, bat sie einst, als ich Griffel und Pinsel
+zusammenlegte, womit ich die Siegfrieds-Aventiure nach
+Kr&auml;ften geziert hatte, &raquo;das Ihr auf Euren Fahrten
+sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten
+Euch zumeist Beifall eingetragen.&laquo;</p>
+
+<p>Da erwiedert&rsquo; ich: &raquo;Jungfr&auml;ulein, la&szlig;t mich dar&uuml;ber
+sinnen und morgen will ich Eurem Wunsch gen&uuml;gen,
+wie ich kann.&laquo;</p>
+
+<p>Tags darauf bracht&rsquo; ich ihr, zierlich auf ein Bl&auml;ttlein
+geschrieben, ein Lied, das ich erdacht hatte.</p>
+
+<p>So giengen die Worte:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ein V&ouml;glein sang so wohl hienacht<br/></span>
+<span class="i0">Und lockt&rsquo; und rief;<br/></span>
+<span class="i0">Ich hatt&rsquo; des Sanges wenig Acht<br/></span>
+<span class="i0">Und schlief und schlief.
+
+<!-- Page 91 --><span class=
+'pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">91</a></span><br/></span>
+<span class="i0">Doch mir im Traume bracht&rsquo; er nah<br/></span>
+<span class="i0">Ein s&uuml;&szlig;es Bild;<br/></span>
+<span class="i0">Ach, all mein Sehnen wurde da<br/></span>
+<span class="i0">Gestillt, gestillt.<br/></span>
+<span class="i0">Doch es zerflo&szlig; im Morgenlicht;<br/></span>
+<span class="i0">In Fern und N&auml;h&rsquo;<br/></span>
+<span class="i0">Irr&rsquo; ich nun um und ruhe nicht<br/></span>
+<span class="i0">Und sp&auml;h&rsquo; und sp&auml;h&rsquo;.&nbsp;&#8211;<br/></span>
+<span class="i0">Mach wieder, s&uuml;&szlig;es V&ouml;gelein,<br/></span>
+<span class="i0">Den Tr&auml;umer froh:<br/></span>
+<span class="i0">Wo wohnest Du, in welchem Hain,<br/></span>
+<span class="i0">Ach wo, ach wo?<br/></span>
+<span class="i0">Vom Suchen bin ich worden krank&nbsp;&#8211;<br/></span>
+<span class="i0">Sag&rsquo; an, sag&rsquo; an:<br/></span>
+<span class="i0">Wann h&ouml;r&rsquo; ich wieder Deinem Sang,<br/></span>
+<span class="i0">Ach wann? ach wann?&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wohl&laquo;, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen
+hatte. &raquo;Die Worte gefallen mir, und wenn auch
+die Weise eben klingt, so will ich das Lied von Euch
+lernen. &#8211; Ich denke&laquo;, fuhr sie fort, &raquo;Ihr m&uuml;sset nun
+bald verm&ouml;gen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die
+Laute erklingen zu lassen. Wollt Ihr&rsquo;s nicht jetzt
+versuchen?&laquo;</p>
+
+<p>Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen,
+beugte sie sich wieder zu dem Werke, das sie
+unter den H&auml;nden hatte. Es war ein k&ouml;stlich Gewand,
+wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn tragen.
+Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen h&auml;tte, dem
+M&auml;gdlein vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte,
+ich aber in Noth war, was ich auf ihre Bitte
+erwiedern sollte, ohne ihre Unzufriedenheit zu erregen,
+so fiel mein Blick auf das kunstreiche Thun ihrer feinen
+H&auml;nde. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken,
+fragt&rsquo; ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, f&uuml;r
+wen und wozu es wohl bestimmt w&auml;re. Da sah sie
+<!-- Page 92 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">92</a></span>
+mich fest an und sagte: &raquo;Ja, Meister Diether! solltet
+von uns Beiden nur Ihr ein Geheimni&szlig; haben?&laquo;</p>
+
+<p>Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, fa&szlig;te
+mich aber und fragte mit verwunderter Miene zur&uuml;ck:
+&raquo;Jungfr&auml;ulein, welches?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie, Lehrmeister!&laquo; hub sie da wieder an, &raquo;Ihr
+w&auml;hnet doch nicht, da&szlig; ich meine, Ihr habt mir damals
+Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt? Gewi&szlig;,
+einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es
+nicht und wenn ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg
+daran gebunden sein! Nein, mit dem Singen,
+das Ihr mich nicht wollt h&ouml;ren lassen, hat es eine besondere
+Bewandni&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja!&laquo; erwiedert&rsquo; ich noch immer nicht ohne
+Unruhe des Gem&uuml;thes, &raquo;weil es doch vergeblich ist,
+Euch etwas vorzuwenden: da&szlig; ich mit Singen Euch
+nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche Ursach&rsquo;
+davon hab&rsquo; ich Euch verschwiegen. Doch z&uuml;rnet
+mir darum nicht, denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit
+geschehen oder Eigensinn.&laquo;</p>
+
+<p>Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz
+fr&ouml;hlich an und sagte beg&uuml;tigend: &raquo;Seid de&szlig; sorgenohne,
+Meister! Bin ich gleich Evens Tochter, so gel&uuml;stet&rsquo;s
+nach Eurem Geheimni&szlig; mich nicht so sehr, wie Ihr
+zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein b&ouml;ser
+Argwohn. Aber nun sagt mir zur Stunde: wann
+werd&rsquo; ich Euch das Lied zur Laute singen h&ouml;ren, das
+Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein
+Gel&uuml;bde, da&szlig; Ihr der &Uuml;bung Eurer Kunst auf Elzeburg
+v&ouml;llig widersagt habt? &#8211; Wenn&rsquo;s nicht der Fall
+ist, Meister Diether&laquo;, setzte sie hinzu und schickte sich
+<!-- Page 93
+--><span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">93</a></span>
+wieder zu ihrer Arbeit, &raquo;so la&szlig;t mich auf Euer Singen
+nicht l&auml;nger harren, als bis Ihr das Geheimni&szlig; hiervon
+&#8211; sie wies auf ihr Werk hin &#8211; erfahren habt.
+Noch bleibt&rsquo;s Euch eines und&laquo;, schlo&szlig; sie scherzend, &raquo;geduldet
+Euch, so gut Ihr k&ouml;nnt.&laquo;</p>
+
+<p>Es war, denk&rsquo; ich, nur wenige Tage nach diesem
+Gespr&auml;ch, als wir an der gewohnten Stelle uns wieder
+gegeneinander &uuml;ber sa&szlig;en. Durchsichtig im Strahl der
+hellen Junisonne leuchtete das gr&uuml;ne Laub, das uns
+&uuml;berhieng, und wo es den Himmel durchlie&szlig;, schimmerte
+er in tiefem gl&auml;nzendem Blau; um uns her bl&uuml;hten
+die ersten Rosen und mischten ihren Duft mit dem
+des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in
+ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise
+Schatten einer Wolke &uuml;ber Thal und Gebirg, die selbst
+gl&auml;nzend das Licht der Junisonne zugleich wiederstrahlte
+und milderte, wie die Cherubinen die Herrlichkeit der
+g&ouml;ttlichen Majest&auml;t abgl&auml;nzen zugleich und verh&uuml;llen,
+deren Thron sie umgeben.</p>
+
+<p>Ja, es war &uuml;ber alle Gottescreatur jene friedliche
+und selige Ruhe ausgebreitet, wie sie wohl ein
+schwacher Wiederschein sein mag des Sch&ouml;pfungssabbaths
+am Anfang, den Gott der HErr heiligte und segnete,
+da Er selber ruhte und die Morgensterne Ihn lobten
+und Ihm zujauchzten alle Kinder Gottes. Nur das
+Gesumme der nimmer ruhenden Immen und im Sonnenschein
+spielender Thierlein mit buntem Fl&uuml;gelkleid traf
+unser Ohr und zuweilen vom Thal herauf der Ruf
+der Ammer, der immer so wohl in die Sommerstille
+hineint&ouml;nt.</p>
+
+<p>Wir sa&szlig;en schweigend, Jeder &uuml;ber seinem Werk.
+Doch konnt&rsquo; ich&rsquo;s nicht lassen, unterweilen mit Bewunderung
+<!-- Page 94 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">94</a></span>
+zu ihr hin&uuml;berzublicken, wie sie gesenkten Hauptes
+mit kunstreichen Fingern gar emsiglich den zarten Faden zog.</p>
+
+<p>Da erscholl ganz nah aus dem Geb&uuml;sch der laute
+Gesang der Nachtigall. So lieblich-pl&ouml;tzlich ward die
+vorige Stille unterbrochen, da&szlig; wir Beide unwillk&uuml;rlich
+aufsahen und lauschten. Wie mit frohem Jubel klangen
+zuerst hell die T&ouml;ne, danach wandelten sie sich wie in
+ein dumpfes Schluchzen und verhallten endlich langsam
+und leise.</p>
+
+<p>Schweigend sah Irmela vor sich hin, dann sagte
+sie nachdenklich: &raquo;Wer doch der Vogelsprache kundig
+w&auml;re, wie Salomo!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht&laquo;, versetzte ich, &raquo;machten uns ihre Geheimnisse
+selten froh.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber die der Nachtigall zu verstehen&laquo;, meinte
+das M&auml;gdlein, &raquo;d&uuml;nkt mich doch ein selig Ding sein.
+Sie ist doch alles Gesanges Meisterin. &#8211; Habt Ihr
+auch davon geh&ouml;rt, Meister Diether, da&szlig; sie mit der
+Gewalt ihrer T&ouml;ne ihre Brut hervorlocke aus dem Ei
+in Licht und Leben, und also dies V&ouml;glein selber sein
+Dasein der Macht des s&uuml;&szlig;en Gesanges verdanke?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl hab&rsquo; ich davon geh&ouml;rt&laquo;, sagt&rsquo; ich. &raquo;Die
+Creatur Gottes ist &uuml;berall voll tiefer Wunder.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Windhauch rauschte durch die B&uuml;sche und
+sch&uuml;ttete die F&uuml;lle wei&szlig;er Fliederbl&uuml;then just &uuml;ber das
+liebe M&auml;gdlein, so da&szlig; sie vom Haupt bis hernieder
+zu den F&uuml;&szlig;en mit den schimmernden Sternlein bestreut
+ward.</p>
+
+<p>&raquo;Seht&laquo;, rief ich da, wie sie mit L&auml;cheln sich betrachtete,
+&raquo;hat sich das nicht wunderbar gef&uuml;gt, und
+sollen wir nicht w&auml;hnen: Frau Nachtigall habe Euch
+gr&uuml;&szlig;en wollen und habe die duftenden Bl&uuml;then ermahnt,
+<!-- Page 95 --><span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">95</a></span>
+ein Gleiches zu thun? Euch huldigt heute der
+Fr&uuml;hling auf&rsquo;s Beste!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun wahrlich&laquo;, sagte sie darauf heiter, &raquo;wer lie&szlig;e
+solchen Schnee im Lenz sich nicht gefallen? Er ist eine
+Erinnerung an den rauhen Winter, die nimmer Wehe
+thut. Zu Rom, so ward mir erz&auml;hlt, haben sie eine
+Kirche, die tr&auml;gt von &raquo;der h. Maria zum Schnee&laquo; ihren
+Namen. Vielleicht, Meister, mag es Euch th&ouml;richt
+d&uuml;nken: aber ich stelle mir da die hehre Gottesmutter
+auch so im Bl&uuml;thenschnee f&uuml;r, und es scheint mir ein
+gar lieblich Bild.&laquo;</p>
+
+<p>Wie ward ich ungedacht durch solche Rede gemahnt
+an meine Sache! Ein gepriesenes Bild Unsrer lieben
+Frau heimzubringen in&rsquo;s Kloster war ich ausgezogen
+und auf wie andere Bahn war ich nun gerathen!
+Drob erschrak ich; und doch, vermochte irgend ein
+Meister mir ein Bild gegen&uuml;ber zu stellen, f&uuml;r Sinn und
+Seele zu so hoher Freude der Betrachtung als diese
+liebliche Gestalt des M&auml;gdleins vor mir? War ich
+denn ausgesandt nach einem hochpreislichen Gegenstand
+edler Kunst &#8211; konnt&rsquo; ich in der Welt ein edler Ziel
+finden, als ich hier angetroffen hatte? So ergriff mich
+denn der Wunsch, des M&auml;gdleins Bild, wie ich es vor mir
+erschaute, nach Verm&ouml;gen fest zu halten, w&auml;r&rsquo; es auch
+nur zu eignem Erinnern. Denn ach! Damals fiel es
+mir schwerer als sonst auf das Herz, da&szlig; es von Elzeburg
+geschieden sein mu&szlig;te, und ich schon zu lange
+hinausgeschoben hatte, was doch unabwendig war.</p>
+
+<p>Gern war es das M&auml;gdlein bereit, da&szlig; ich mich
+sogleich anschickte, wie Ort und Zeit es zulie&szlig;, ihr
+Bildni&szlig; zu entwerfen. W&auml;hrend ich mit Stift und
+Pinsel gesch&auml;ftig war, Alles, wie ich es sah, das
+<!-- Page 96 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">96</a></span>
+M&auml;gdlein, die Pracht des Gartens um sie her und
+den hellen Himmel &uuml;ber ihr in allen Treuen auf mein
+Papier zu bringen, pflog sie nach ihrer Art munterer
+Rede. Aber mir wuchs unter meinem Thun die Herzensschwere.
+Immer lauter t&ouml;nte in meiner Seele der Ruf:
+&raquo;Diether, was weilest du noch hier, besinne dich, wer
+du bist, und mach dich hinweg!&laquo; &#8211; immer dr&uuml;ckender
+legte sich die Frage auf mein Gem&uuml;th: wie ich hinwegzuziehen
+verm&ouml;gen w&uuml;rde, ohne auf Elzeburg die Leute,
+sonderlich Irmela, an mir irre zu machen. Ich fand da
+keinen Ausweg und nur das Gef&uuml;hl blieb zur&uuml;ck, da&szlig;
+das Bildni&szlig;, an dem ich da schaffte, den Abschied bedeutete,
+den ich nehmen mu&szlig;te aber nicht zu sagen wagte.
+So von mancherlei Gedanken best&uuml;rmt, f&ouml;rderte ich
+schweigend mein Werk und hinter meinem eifrigen Thun
+suchte ich vor dem Jungfr&auml;ulein meinen sorgenhaften
+Sinn zu verbergen. Aber sie war wohl in meinen
+Mienen der ungewohnten Traurigkeit gewahr worden,
+und so ward auch sie schweigsam. Wie in stilles Wundern
+versunken, sah sie vor sich nieder, wenn ich meinen
+Blick auf sie richtete, um ihr Conterfey zu gewinnen.
+Die Nachmittagssonne war nun mehrere Stunden gen
+Abend ger&uuml;ckt, als ich es, so weit es n&ouml;thig war,
+vollendet hatte. Ich reichte ihr das Bild.</p>
+
+<p>&raquo;So will ich ihm denn auch seine Unterschrift setzen!&laquo;
+sagte sie, nachdem sie es betrachtet hatte. Sie nahm
+den Griffel, schrieb damit auf das Blatt und gab es
+mir zur&uuml;ck. Ich las: &raquo;Irmela zum Schnee!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo; rief ich bewegt, &raquo;so walte es der reiche
+Gott vom Himmel, da&szlig; nie kein andrer Schnee in die
+Lenzzeit Eures Lebens falle als der Euch so mit duftenden
+Bl&uuml;then bestreut, und unselig immer sei die
+<!-- Page 97 --><span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">97</a></span>
+Hand, die Euch auch nur Eine zerdr&uuml;ckt, an der Ihr
+Freude habt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wohl mir Eures Wunsches&laquo;, sagte sie ruhig.
+&raquo;Ich denk&rsquo; auch nicht, da&szlig; ich Jemand w&uuml;&szlig;te, von dem
+mir Harm kommen sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und auch von mir, Jungfr&auml;ulein&laquo;, sprach ich da,
+&raquo;denket das nimmer!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von
+wegen des Liedes, den Ihr mir gabt&laquo;, sagte sie lachend.
+&#8211; &raquo;Doch nun, Meister&laquo;, fuhr sie fort, &raquo;la&szlig;t mich auch
+die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch niedergeschrieben
+und mit Eurer Kunst geziert habt.&laquo;</p>
+
+<p>Sie trat zu mir her&uuml;ber und beugte sich &uuml;ber die
+Bl&auml;tter. Es war die Aventiure: <em class="antiqua">Wie Sifrid Kriemhilde
+alr&ecirc;rste ersach</em>. Da stunden die Worte:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut.<br/></span>
+<span class="i0">Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid,<br/></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er der sch&ouml;nen Ute Tochter sollte sehn:<br
+/></span>
+<span class="i0">Minniglicher Weise sie gr&uuml;&szlig;te Siegfrieden
+sch&ouml;n.<br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah,<br/></span>
+<span class="i0">Da ergl&uuml;hte seine Farbe; die Sch&ouml;ne sagte da:<br
+/></span>
+<span class="i0">&raquo;Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter
+gut.&laquo;<br/></span>
+<span class="i0">Da ward ihm von dem Gru&szlig;e wohl erh&ouml;het der
+Muth.<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Wie sie das las, hatte von ungef&auml;hr ihre Hand
+die meine &uuml;ber dem Buch ber&uuml;hrt, ich sp&uuml;rte ihren Odem
+an meiner Wange und f&uuml;hlte das Geflecht ihrer Haare
+an meinem Schlaf. Aber das w&auml;hrte nur einen kurzen
+Augenblick; es war, als h&auml;tte ich nur getr&auml;umt. Wieder
+stund sie vor mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein
+klarer Spiegel ihres schuldlos heiteren Gem&uuml;thes, nur
+da&szlig; es mir schien, als h&auml;tte sich der Lieblichkeit ihres
+Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt.
+</p>
+
+<p><!-- Page 98 --><span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">98</a></span>
+&raquo;Ich mu&szlig; nun eilen, Meister&laquo;, sagte sie freundlich.
+&raquo;Der Abend kommt und schon zu lange wird man
+droben meiner harren.&laquo;</p>
+
+<p>Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr
+nach, wie sie die Laubg&auml;nge des Gartens dahin wandelte
+und die Stufen zur Burghofspforte leichtschreitend hinanstieg.
+Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng
+z&ouml;gernd und langsam wie Einer, der sich zu einem
+Entschlu&szlig; gedr&auml;ngt sieht, von dem Neigung und Wunsch
+ihn zur&uuml;ckhalten. Wie sehr diese mir zum Bleiben
+auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder
+wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten,
+beides war mir heute wie von ungef&auml;hr vor die Seele
+gehalten. Es war ein schmerzlicher Widerstreit in ihr.
+Aber wagt auch eines J&uuml;nglings Muth und Wille
+in&rsquo;s Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald
+ich nur ein Wenig mich besann, diese ganze Welt, in
+die mich unversehens ein Irrthum geworfen, auf ewig
+verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt&rsquo; ich hier
+eine St&auml;tte und auf der weiten Erde nur <em class="gesperrt">eine</em> Heimath,
+das Kloster, in dem ich erzogen und f&uuml;r das ich bestimmt
+war. War es nicht die h&ouml;chste Zeit, mich
+dahin wieder aufzumachen und mir gen&uuml;gen zu lassen
+wie an des M&auml;gdleins Bilde, das ich durch eine
+freundliche F&uuml;gung erlangt hatte, so am Bild all&rsquo; meines
+Erlebnisses &#8211; n&auml;mlich an seiner Erinnerung?</p>
+
+<p>Solches bedacht&rsquo; ich oben in meinem Gemach, dahin
+ich mich begeben hatte, und heute noch nahm ich mir
+vor von dannen zu ziehen, sollte es auch fluchtweise
+geschehen m&uuml;ssen. Aber leider die Einsicht in das, was
+uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu
+folgen, bringt nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches
+<!-- Page 99 --><span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">99</a></span>
+sein Widersprechen, sei es nun seiner Schw&auml;che oder
+seines Trotzes ein Beweis, d&uuml;nkt mich des menschlichen
+Elends h&auml;ufigster Ursprung.</p>
+
+<p>So sah ich nun mit gar tr&uuml;ben Blicken, unterm
+Fensterbogen sitzend, in das Thal und &uuml;ber die Berge
+hin, welche die heitere Sonne mit goldnem Dufte bekr&ouml;nte.
+Eine Landschaft, die wir zum ersten Male
+erschauen, pr&auml;gt sich tief in unser Gem&uuml;th, aber ich
+w&auml;hne: tiefer noch haftet der Anblick in der Seele,
+von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns zum
+letzten Mal. &#8211; Zum letzten Mal! welch&rsquo; tiefe Schwermuth
+von solchem Wort &uuml;ber unsere Seele flie&szlig;t, das
+erfuhr ich in jener stillen Abendstunde. Aber siehe! da
+gerieth mir die Kunst, die ich auf Elzeburg von dem
+M&auml;gdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche
+Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir
+&uuml;ber die Lippen, und ungesucht, als vern&auml;hme sie mein
+Ohr, kamen mir auch die T&ouml;ne zu dem Liede, das
+ich f&uuml;r Irmela aufgeschrieben hatte.</p>
+
+<p>Schon senkten sich unten &uuml;ber das Wiesenthal
+tiefer die Schatten und der k&uuml;hler von den Bergen
+her wehende Hauch mahnte mich an den vergehenden
+Tag, und da&szlig;, wenn der n&auml;chste anbr&auml;che, ich von
+hinnen sein m&uuml;&szlig;te. Da man schon seit lange sich von
+mir keiner Flucht gewahrte, so ward ich auch nicht
+mehr gehalten wie ein Gefangener, und ich konnte
+gewi&szlig; sein, da&szlig; manche Stunde vergehen w&uuml;rde, bevor
+man sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das
+Bild des M&auml;gdleins nahm ich zu mir und war entschlossen,
+nach dem Abendimbi&szlig; mir eine Gelegenheit
+zum unbemerkten Enteilen zu ersehen.</p>
+
+<p>Da trat Helmbold in&rsquo;s Gemach.</p>
+
+<p><!-- Page 100 --><span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">100</a></span>
+&raquo;Ich bin Euch&laquo;, sprach er nach freundlichem Gru&szlig;,
+&raquo;ein Bringer unerwarteter und, wie ich w&auml;hne, froher
+Zeitung, auch komm&rsquo; ich Euch als Bote nicht mit leeren
+H&auml;nden. Seht hier die Gabe, die Euch das Fr&auml;ulein
+reichen l&auml;&szlig;t zugleich als Lohn, den Euch mein Herr,
+der Graf, bestimmt hat f&uuml;r den Dienst, mit dem Ihr
+ihm zu Willen gewesen seid.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich
+Irmela hatte zur&uuml;sten sehen. Wie ich&rsquo;s verwundert und
+verwirrt in H&auml;nden hielt, fuhr Helmbold fort: &raquo;Die
+Zeitung ist aber diese, da&szlig; Briefe gekommen sind vom
+Grafen, darin er anzeigt, da&szlig; er gen Speyer zieht, allda
+l&auml;ngere Zeit zu verweilen, und da&szlig; er dabei aus besonderer
+Ursach seine Nichte an den Hof des Bischofs
+zu f&uuml;hren gedenkt. Euch nun, Meister, will er Eurer
+Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei &#8211; und
+da&szlig; Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als
+die waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt,
+brauch&rsquo; er Euch nicht zu mahnen. W&auml;ret Ihr
+aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er Euch als
+Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen
+zu Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen
+Kunst, mit Feder und Schrift umzugehen, Euch
+ehrlich halten. &#8211; Wenn Ihr dann, Meister, solch&rsquo;
+gn&auml;dig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir
+und etlichen Knechten zusammen zu ihm sto&szlig;en in
+Bretten, allwo er jetzo in kaiserlichen Gesch&auml;ften weilt
+und Eures Dienstes sogleich brauchen kann. Aber
+eiligen Auftrag hab&rsquo; ich von ihm und so d&uuml;rfen wir
+nicht s&auml;umen; noch heute m&uuml;ssen wir reiten. Habt Ihr
+doch nun nicht umsonst von mir gelernet im Sattel sitzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guter Helmbold&laquo;, erwiedert&rsquo; ich, &raquo;es ist so; Eure
+<!-- Page 101 --><span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">101</a></span>
+Botschaft ist mir hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch.
+&Uuml;ber Anderes, was ich meine und sinne, la&szlig;t mich zu
+Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl denn&laquo;, versetzte er darauf, indem er noch
+im Gehen auf das mir geschenkte Gewand deutete, &raquo;so
+macht Euch fertig; sobald der Tro&szlig; zuger&uuml;stet ist,
+m&uuml;ssen wir auf sein!&laquo;</p>
+
+<p>Schon drang der Wiederhall der Gesch&auml;ftigkeit,
+die bald in der Burg laut ward, in mein Ohr und
+mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte ich das Kleid
+an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war.
+Darnach trieb es mich noch einmal, die St&auml;tten der
+Burg zu besuchen. Wo die Leute mich sahen, riefen
+sie mir gutes Wort zum Abschied zu; denn sie hatten
+schon erfahren, da&szlig; ich mitz&ouml;ge. Ich kam an die
+Gartenpforte, &ouml;ffnete sie und stieg die Stufen hinab.
+Die Sonne war nun lang hinunter und das D&auml;mmerlicht
+der Juninacht umh&uuml;llte Laub und Bl&uuml;then. S&uuml;&szlig;er
+Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die
+Bl&auml;tter, die ich streifte, netzten mir die Schl&auml;fe mit k&uuml;hlem
+Thau. Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten
+Stelle. Dort sa&szlig; ich nieder und sah hinaus in die
+n&auml;chtliche Stille. Tiefer Friede wehte mich von aller
+Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und N&auml;he
+zusammenfl&ouml;ssen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre
+eigne Sch&ouml;nheit verb&auml;rge, damit nur die Macht, Weisheit
+und G&uuml;te des Ewigen verherrlicht w&uuml;rde, der sie alle zu
+seiner Ehre geschaffen. Da gedacht&rsquo; ich daran, da&szlig; es
+auch des Menschen bestes Theil und reinste Seligkeit w&auml;re,
+f&uuml;r sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur ganz
+in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, da&szlig; f&uuml;r alle
+Herzensfreude, die mir je geworden, ich Ihm die Ehre
+<!-- Page 102 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">102</a></span>
+schuldig w&auml;re, und da&szlig; ich Ihm gerne dienen wollte
+nach Seinem Willen in allem Gehorsam.</p>
+
+<p>&Uuml;ber solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf
+dem Tisch die Laute des M&auml;gdleins. Aus dem Dunkel
+um mich her trat ihr Bild gl&auml;nzend vor meine Seele.
+Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die
+Weise von vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht
+hatte, als das Lied entstanden war, so flossen
+nun meine Herzensgedanken mit Wort und Weise zusammen,
+und wohl von Grund der Seele klang es
+hinaus in die Stille:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Mach&rsquo; wieder, s&uuml;&szlig;es V&ouml;gelein,<br/></span>
+<span class="i0">Den Tr&auml;umer froh;<br/></span>
+<span class="i0">Wo wohnest Du, in welchem Hain,<br/></span>
+<span class="i0">Ach wo? ach wo?<br/></span>
+<span class="i0">Vom Suchen bin ich worden krank,<br/></span>
+<span class="i0">Sag&rsquo; an, sag&rsquo; an!<br/></span>
+<span class="i0">Wann h&ouml;r&rsquo; ich wieder Deinen Sang,<br/></span>
+<span class="i0">Ach wann? ach wann?<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ja, zum Traumbild, das der Erwachte doch nicht
+vergi&szlig;t, ward Alles, was ich hier erlebt hatte, und der
+wachende Tr&auml;umer f&uuml;hlte, es w&uuml;rde ihm nie wieder
+erscheinen!</p>
+
+<p>Nun war der volle Mond &uuml;ber das Gebirge
+emporgestiegen; von seinem Licht erblichen die Sterne
+am wolkenlosen Himmel, aber ringsumher erblitzten in
+seinem Strahl auf Bl&auml;ttern und Bl&uuml;then viel tausend
+Tropfen. So war mir hier Irmela erschienen und
+hatte &uuml;ber meine Seele und &uuml;ber die Welt um mich
+her ein mildes, verkl&auml;rendes Licht gebreitet. Leise trat
+ich hinaus in den vollen Schein. Da vernahm ich
+leichte Schritte, und dort, umgl&auml;nzt vom leuchtenden
+Gestirn, trat sie selbst hervor wie ein schimmerndes
+<!-- Page 103 --><span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">103</a></span>
+Traumbild. Als sie auf mich zukam, nahte ich mich
+ihr mit ehrerbietigem Gru&szlig; und dankte ihr f&uuml;r die
+reiche Gabe, mit der sie mich erfreut hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Meister&laquo;, sagte sie g&uuml;tig, &raquo;es ist nur die Antwort
+auf Eure Frage um mein Geheimni&szlig;. Und ob Ihr
+wohl Eures behalten habt, so seid Ihr doch nun auch
+Eures Verspruchs ledig, denn wie er lautete, so habt
+Ihr auf Euer Singen mich jetzt nicht l&auml;nger harren
+lassen. Ich h&ouml;rte droben Euer Lied und das eben lockte
+mich hierher. Wohlklingend ist die Weise, die Ihr
+als die erste mir gesungen habt, doch gar traurig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es hat auch die letzte sein sollen, Jungfr&auml;ulein!&laquo;
+erwiedert&rsquo; ich. &raquo;Ihr wi&szlig;t, ich scheide heut&rsquo; von
+Elzeburg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber doch nicht f&uuml;r immer&laquo;, fuhr sie fort. &raquo;Ich
+denke, Ihr bleibt fortan in meines Oheims Dienst und
+schon in Speyer nach wenigen Wochen verhoff&rsquo; ich Euch
+bei ihm zu finden; denn zum Johannisfest hat er mich
+dorthin beschieden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;r&rsquo; es aber doch vom waltenden Gott anders
+gef&uuml;gt&laquo;, sagt&rsquo; ich wieder, &raquo;denn ungewi&szlig; von einem
+Tag zum anderen ist des Menschen Vornehmen, so vergesset,
+Jungfr&auml;ulein, nicht meiner Bitte und denket
+nimmer Arges von mir!&laquo;</p>
+
+<p>Da reichte sie mir die Hand und sprach: &raquo;Das
+versprech&rsquo; ich Euch, Meister Diether! Aber ich achte,
+Ihr seid zu besorglich und habt wohl noch Euer unsicher
+fahrend Leben im Sinn. Nein, noch manch Lied
+hoff&rsquo; ich Euch singen zu h&ouml;ren und manch fr&ouml;hliches.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das walte der reiche Gott, da&szlig; frohen Gesanges
+immer Euer Sinn begehre!&laquo; rief ich da.</p>
+
+<p>&raquo;Gott und Seine Engel geleiten Euch!&laquo; gab sie
+<!-- Page 104 --><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">104</a></span>
+zur&uuml;ck, ihre Hand l&ouml;ste sich aus der meinigen und fl&uuml;chtigen
+Schrittes eilte sie durch die Schattenwege der Pforte
+zu. Dort im hellen Mondenlicht sah ich sie noch einmal
+sich wenden, mir den Scheidegru&szlig; zu winken. Dann
+war ich allein.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Um Mitternacht brachen wir auf zur Fahrt, so
+viel ihrer Helmbold zur Reise sich ausersehen hatte.
+Der Hof hallte wieder von den Rufen der Scheidenden.
+Als wir durch das Thor &uuml;ber die Br&uuml;cke zogen, stie&szlig;
+der Th&uuml;rmer in&rsquo;s Horn und der Gesang erscholl: &raquo;In
+Gottes Namen fahren wir.&laquo;</p>
+
+<p>Unten im Thal lie&szlig; ich die Anderen hindann reiten
+und blieb an der Lichtung zur&uuml;ck, von wo aus man
+die Burg droben liegen sah. Hell ergl&auml;nzten D&auml;cher
+und Zinnen im Spiegellicht des Mondes. Aber wo
+aus kleinem Fenster durch tiefen Schatten ein Lichtschein
+herniederdrang, dahin richtete ich unverwandt meinen
+Blick.</p>
+
+<p>Darauf lenkte ich mein Ro&szlig; herum und sang leise
+im Weiterreiten:</p></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sag&rsquo; an, sag&rsquo; an!<br/></span>
+<span class="i0">Wann h&ouml;r&rsquo; ich wieder Deinen Sang,<br/></span>
+<span class="i0">Ach wann? ach wann?<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/104_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 105 --><p><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">
+105</a></span></p>
+<h2><a name="Funftes_Capitel" id="Funftes_Capitel"></a>F&uuml;nftes
+Capitel.</h2>
+
+<h1>Heimfahrt.</h1>
+
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/105_u.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">U</span>nsere Reise f&uuml;hrte uns ebendenselben Weg
+zur&uuml;ck, auf dem ich vor wenigen Wochen
+unter vermeldeten sonderbarlichen Umst&auml;nden
+und wider meinen Willen gen Elzeburg
+gebracht war. Kein Wunder w&auml;r&rsquo;s gewesen, wenn ich
+das nicht bemerkt h&auml;tte; denn wie gar anders sah
+mich heut&rsquo; die Welt an und ich sie! Aber wenn auch
+der liebe Mond so viel heiterer vom wolkenlosen
+Himmel durch das Laubdach der B&auml;ume zu mir herniedersah
+denn damals, als ich fast erschrak bei seinem
+Anblick, und sein heller Schein schier lauter lichte
+Bilder vor meine Augen brachte: die vom sommerlichen
+Nebel silbern erschimmernden Waldwiesen, den
+fr&ouml;hlichen Zug meiner mannlichen Reisegesellen und
+endlich mich selber hoch zu Ro&szlig; und zierlich geschm&uuml;ckt:
+ich erkannte wohl die St&auml;tte meines vormaligen tr&uuml;bseligen
+Abenteuers wieder und dachte nur bei mir
+selber ganz fr&ouml;hlich: &raquo;Was gilt&rsquo;s, die Welt hier au&szlig;en
+hat seitdem Pracht angezogen und ich auch!&laquo;</p>
+
+<div class="textbody"><p>Weil denn nun bei mir allerdinge beschlossen war,
+(auch mir der Gedanke nicht kam, es k&ouml;nnte nicht geschehen)
+<!-- Page 106 --><span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">106</a></span>
+in mein Kloster heimzukehren, so &uuml;berlie&szlig; ich
+mich der stattlichen Freiheit, deren ich hie geno&szlig;, mit
+rechter Lust, und je ferner Elzeburg hinter uns wich,
+desto mehr wich auch meine nachdenksame Schweigsamkeit,
+und ich gesellte mich den Andern zu, ritt und
+redete mit ihnen, als w&auml;r&rsquo; ich des Dinges l&auml;ngst
+gewohnt.</p>
+
+<p>&raquo;He!&laquo; rief da Helmbold mir zu und lenkte sein
+Ro&szlig; an meine Seite; &raquo;das thut mir heut&rsquo; noch sanft,
+da&szlig; wir Euch dazumal nicht haben entwischen lassen;
+denn, Meister Diether, man ersieht&rsquo;s wohl, Euch geliebt&rsquo;s
+viel mehr mit Graf Eberhard&rsquo;s Leuten hier durch den
+gr&uuml;nen Wald zu reiten, als bei den Waibst&auml;dtern zu
+liegen. Und traun! uns auch. Ihr seid uns Allen
+ein werther Reisegesell&rsquo;, und auch ein wackerer Reitersmann
+seid Ihr worden.&laquo;</p>
+
+<p>Das bekr&auml;ftigten die Anderen einm&uuml;thig, und
+Einer sagte, solcher Gewalt und Gefangenschaft, wie
+ich sie erlitten h&auml;tte, w&uuml;rd&rsquo; er auch nicht gram sein.</p>
+
+<p>Da entstund ein Gel&auml;chter, und ich lachte auch
+und sagte: &raquo;Mit den St&auml;dtern w&auml;r&rsquo; ich wohl noch
+allein fertig worden und von der Waibst&auml;dter Herberge
+frei geblieben ohne die Elzeburger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja freilich&laquo;, sagte Helmbold wieder, &raquo;frei wie
+der Vogel in der Luft und das Wild im Busch immer
+auf der Flucht ohne Nest und Rast!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O&laquo;, erwiederte ich munter, &raquo;Ihr scheltet mir mein
+fr&uuml;her Leben zur Ungeb&uuml;hr; es war ganz anders, als
+Ihr denket und weit so elend nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt Ihr&rsquo;s?&laquo; rief da Helmbold wieder. &raquo;Er
+hat die Lust zum fahrenden Wesen noch in den
+<!-- Page 107 --><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">107</a></span>
+Gliedern, und gebt Acht, &rsquo;s ist ihm schon leid auf des
+Grafen Ro&szlig;, schliche lieber zu Fu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm&laquo;, sagt&rsquo; ich &auml;rgerlich, &raquo;was nicht reitet, das
+gilt Euch nichts.&laquo;</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ein Mann, sitzt er nur hoch zu Pferd,<br/></span>
+<span class="i0">D&uuml;nkt zwier sich mehr als Andre werth!&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;So ist&rsquo;s recht!&laquo; rief da Helmbold wieder mit
+Lachen. &raquo;Jetzt, Diether, kommt Ihr auf Eure Kunst.
+Und weil sie trefflich geschickt ist, den Weg zu k&uuml;rzen,
+so ist&rsquo;s billig, da&szlig; wir des Singemeisters in unserer
+Mitte genie&szlig;en. Hebt denn an und la&szlig;t uns etwas
+h&ouml;ren!&laquo;</p>
+
+<p>Da stimmten sie alle zu: &raquo;Ja, Diether! singt uns
+vor und herzhaft.&laquo;</p>
+
+<p>Weil sie also anhielten, einen Gesang zu heischen,
+so that ich ihnen den Willen und sang</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Das Lied vom Sch&uuml;tzen Oswald.</h3>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und h&auml;tt&rsquo; ich gegriffen ihn nicht in der
+Schlucht<br/></span>
+<span class="i0">Mit Listen: noch w&auml;r&rsquo; ich vor ihm auf der Flucht;<br
+/></span>
+<span class="i2">Geweiht<br/></span>
+<span class="i0">War dem Tode zu jeglicher Zeit,<br/></span>
+<span class="i0">Was lebend sein Pfeil zum Ziel sich ersah,<br/></span>
+<span class="i2">Ob fern, ob nah:<br/></span>
+<span class="i0">Den Hirsch im Sprung und den Aar im Flug,<br/></span>
+<span class="i0">Herr Oswald der Sch&uuml;tz traf ihn gut genug.<br/>
+</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun liegt er gefangen im tiefen Thurm,<br/></span>
+<span class="i0">Umkr&auml;chzt von den Kr&auml;hen, umheult vom Sturm,<br
+/></span>
+<span class="i2">Und aus<br/></span>
+<span class="i0">Stach ich ihm (ba&szlig; schmeckt nun der Schmaus<br/>
+</span>
+<span class="i0">Und ungekr&auml;nkt trag&rsquo; ich die Grafenkron&rsquo;)<br/></span
+>
+<span class="i2">Die Augen zum Hohn;&laquo;<br/></span>
+<span class="i0">Graf Otto ruft&rsquo;s laut. &raquo;Ich sag&rsquo;s Euch mit Fug,<br/>
+</span>
+<span class="i0">Herr Oswald der Sch&uuml;tze traf gut genug.&laquo;<!--
+Page 108 --><span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">108
+</a></span><br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und der Graf ruft wieder, &raquo;da&szlig; Wahrheit dies:
+<br/></span>
+<span class="i0">Auf, holt mir den Sch&uuml;tzen hervor vom Verlie&szlig;!
+<br/></span>
+<span class="i2">Wohlan!<br/></span>
+<span class="i0">Herr Oswald, du blinder Mann,<br/></span>
+<span class="i0">Deine Augen zwar sind Dir nun nimmer zu Dank,<br/></span>
+<span class="i0">Doch das Ohr merkt den Klang.<br/></span>
+<span class="i0">Nun hab&rsquo; mir wohl Acht, wie ich schlage
+den <ins class="correction" title="Komma ergänzt">Krug,</ins><br/>
+</span>
+<span class="i0">Ziel&rsquo;, Oswald, und schie&szlig; und triff gut
+genug!&laquo;<br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Und Oswald lauscht, wo der Klang herkam,<br/></span>
+<span class="i0">Er lauscht auch, woher er die Stimme vernahm.<br/></span>
+<span class="i2">Die Hand,<br/></span>
+<span class="i0">Schon hat sie den Bogen gespannt&nbsp;&#8211;<br/></span>
+<span class="i0">Hui, schwirrt von der Sehne der Pfeil durch den Saal!<br/></span>
+<span class="i0">Mit Geschrei sinkt zu Thal<br/></span>
+<span class="i0">Graf Otto, getroffen in&rsquo;s Herz. &raquo;&rsquo;S war kein Trug,
+<br/></span>
+<span class="i0">Weh, Oswald du Sch&uuml;tze, trafst gut genug!&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Als ich geendet hatte, bezeugten sie Alle: Ja,
+das w&auml;r&rsquo; ein tapfer Lied! und den S&auml;nger lobten sie
+ausb&uuml;ndig und sagten auch dabei, es w&auml;re doch eine
+auserw&auml;hlte Kunst, der ich gedienet h&auml;tte.</p>
+
+<p>Unter so gethaner Kurzweil gieng die Nacht bald
+herum und weil wir auch im Reiten nicht la&szlig; gewesen
+waren, so hatten wir, als wir fr&uuml;h das Morgenlied
+anstimmten: &raquo;Der Tag vertreibt die finstre Nacht&laquo;,
+schon manch&rsquo; gute Meile hinter uns. Den Tag &uuml;ber,
+der sehr hei&szlig; ward, hielten wir Rast, und erst mit der
+Abendk&uuml;hle sa&szlig;en wir wieder auf. Alle aus dem Tro&szlig;
+sahen mich an als einen der Ihren und ich hielt mich
+auch so. Zwar dacht&rsquo; ich &ouml;ftermalen, mich Helmbolden
+zu offenbaren und gef&uuml;gen Abschied von ihnen
+zu nehmen, wie ich mir solches zu thun auch von Anfang
+der Reise an vorgesetzt hatte. Aber es war immer,
+als k&ouml;nnt&rsquo; ich den Weg zu solchem Gest&auml;ndni&szlig; gegen
+<!-- Page 109 --><span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">109</a></span>
+ihn nicht finden, und eh&rsquo; ich mich&rsquo;s versah, war er
+oder ein Anderer mit einer Scherzrede dazwischen, auf
+welche ich dann auch (der frohe Muth trieb mich dazu)
+die scherzende Antwort nicht schuldig blieb. Und so
+sah ich&rsquo;s denn zum zweiten Mal licht Morgen werden,
+als ich zwar Albrecht&rsquo;s Abtei ein erheblich Theil n&auml;her
+war denn Tage zuvor, aber daf&uuml;r noch ebenso fest
+auf des Grafen Pferd sa&szlig; und so dicht unter seine
+Leute gemengt, da&szlig; ich schier selber nicht wu&szlig;te, wie
+ich mir heraushelfen sollte und beinah&rsquo; w&uuml;nschte, es
+sprengte uns wieder unversehens eine Aventiure auseinander,
+wie vormals den fahrenden Leuten und mir
+geschehen war.</p>
+
+<p>Aber dergleichen begab sich nichts, und weil wir
+just wieder durch dichten Wald ritten, den ich von
+Brun&rsquo;s Begleitung her wohl wieder erkannte, so gedacht&rsquo;
+ich hier, da es doch einmal geschehen m&uuml;&szlig;te,
+mich von ihnen zu rei&szlig;en und f&uuml;r&rsquo;s Erste zu Brun zu
+entfliehen. Ich ersp&auml;hte mir also die Gelegenheit und
+ritt, als gesch&auml;h&rsquo; es von Ungef&auml;hr, dem Tro&szlig; eine
+gute Strecke voraus, wo der Weg sich kr&uuml;mmte, bis
+ich vor ihrer Aller Augen entschwunden war. Da
+sa&szlig; ich eilend ab, band mein Ro&szlig; an den Ast des
+n&auml;chsten Baumes und sprang flugs waldein, wo Geb&uuml;sch
+und Gezweig am dichtesten mich verbargen.
+Zuvor aber hatte ich unvermerkt an den Sattelknopf
+meines Thieres ein Bl&auml;ttlein geheftet, darauf mein
+Abschiedsspruch zu lesen stund:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nicht weiter folgt Euch Diether mehr,<br/></span>
+<span class="i0">Und sang<br/></span>
+<span class="i0">Er je, trugt Ihr darnach Begehr,<br/></span>
+<span class="i0">Zu Dank,<!-- Page 110 --><span class='pagenum'><a name=
+"Page_110" id="Page_110">110</a></span><br/></span>
+<span class="i0">So forschet nicht&nbsp;&#8211;<br/></span>
+<span class="i0">Dieweil er schied<br/></span>
+<span class="i0">Mit Weh&nbsp;&#8211;<br/></span>
+<span class="i0">Wohin?<br/></span>
+<span class="i0">Ihn ruft die Pflicht,<br/></span>
+<span class="i0">Ernst klingt das Lied:<br/></span>
+<span class="i0">&raquo;Ade;<br/></span>
+<span class="i0">Fahr&rsquo; hin!&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Es mochte gegen Mittag sein, als ich auf verschlungenen
+Waldpfaden endlich in die Schlucht gelangt
+war, von der ich wu&szlig;te, da&szlig; von da St. Wigbert&rsquo;s
+Kirchlein nicht fern w&auml;re. Wie war ich froh, da sich
+die Halde vor mir aufthat und die bebl&uuml;mte Wiese
+mit dem muntern Bergw&auml;sserlein, und mir von dr&uuml;ben
+das Ziel meiner Flucht entgegenwinkte. Wohl klopfte
+mein Herz st&auml;rker, je n&auml;her ich die H&ouml;he zur Klause
+hinanstieg, und die Unruhe meines Gem&uuml;ths wuchs in
+der Erwartung, welcherlei Weise mich Brun empfangen
+w&uuml;rde, wenn er zuerst meiner ansichtig werden w&uuml;rde
+in dieser Umwandlung. Darum hielt ich mir selbst
+recht eifrig seine freundliche Zusage vor die Seele, mit
+der er von mir schied, da&szlig; er all&rsquo;zeit mit willigem
+Herzen mich aufnehmen wolle, und was er sonst Liebreiches
+damals zu mir gesprochen hatte.</p>
+
+<p>Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber
+wie erschrak ich, als ich pl&ouml;tzlich hinter dichtem Gerank
+von Waldreben und Geisblatt, das sich der Alte seitw&auml;rts
+seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht
+gezogen hatte, seine Stimme h&ouml;rte, laut und fast heftig
+wie von Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit
+sich selbst zur Gewohnheit gemacht hat.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl gesprochen, St. Augustine! <em class="antiqua">Pereant omnia
+et dimittantur haec vana et inania! conferamus nos</em>
+<!-- Page 111 --><span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">111</a></span>
+<em class="antiqua">ad solam inquisitionem veritatis! Vita haec misera,
+mors incerta</em>.&laquo;<a name="FNanchor_A_1" id="FNanchor_A_1"></a>
+<a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a></p>
+
+<div class="footnote"><a name="Footnote_A_1" id="Footnote_A_1"></a>
+<a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[A]</span></a>
+Hinweg mit all&rsquo; diesen eitlen und leeren Dingen! Die
+Wahrheit allein la&szlig;t uns suchen. Dies Leben ist elend, die
+Todesstunde ungewi&szlig;.</div>
+
+<p>&raquo;Hilf Gott!&laquo; sagt&rsquo; ich da zu mir selbst mit Bangen,
+&raquo;ich h&ouml;re mein Urtheil; wie werd&rsquo; ich vor ihm besteh&rsquo;n,
+wenn er so gemuthet ist!&laquo; Und z&ouml;gernd schritt ich
+vorw&auml;rts, w&auml;hrend er fortfuhr lateinisch zu reden, wie
+vorhin.</p>
+
+<p>Als ich seiner ansichtig ward, sa&szlig; er tiefgeb&uuml;ckt
+&uuml;ber ein gro&szlig;es Buch, darin er eifrig las, als straft&rsquo;
+und vermahnt&rsquo; er daraus sich selbst. Ich stund beinah&rsquo;
+vor ihm und noch immer hatt&rsquo; er mein Kommen
+nicht wahrgenommen. Endlich wagt&rsquo; ich&rsquo;s und sprach,
+aber zaghaft kam es heraus:</p>
+
+<p>&raquo;Gelobt sei Jesus Christus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In Ewigkeit, Amen&laquo;, fuhr er fort und hielt mit
+seinem Finger die Stelle im Buche fest, bei der ich ihn
+unterbrochen hatte. Dann erst sah er auf.</p>
+
+<p>&raquo;Wie!&laquo; rief er da mit h&ouml;chstem Erstaunen, und
+schob das Buch zur Seite. &raquo;Du, Diether? Du selbst?
+Bist Du&rsquo;s wirklich? Dich seh&rsquo; ich wieder und in solchem
+Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur Sommerzeit;
+oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so
+sicher d&auml;uchtest, als ich Dich warnte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie zierlich der Knabe aussieht&laquo;, fuhr er
+fort, nachdem er mich wieder und wieder betrachtet,
+&raquo;ein Herzog k&ouml;nnt&rsquo; sich mit Dir sehen lassen, so er
+Dich in seinem Gefolg&rsquo; h&auml;tte, und mit Dir zu Hofe
+ziehn. Aber nicht zu mir, Diether, mu&szlig;t Du als ein
+solcher kommen, wenn Du gelobt sein willst.&laquo;</p>
+
+
+<p><!-- Page 112 --><span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">112</a></span>
+Streng sah er mich an, und dennoch war mir&rsquo;s,
+als h&auml;tt&rsquo; er ein Wohlgefallen an mir.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr thut mir Unrecht, Brun&laquo;, sagt&rsquo; ich da, und
+trat ihm einen Schritt n&auml;her, &raquo;Ihr thut mir zur
+Wahrheit Unrecht, wenn Ihr w&auml;hnet, ich komme im
+&Uuml;bermuth zu Euch und zeige mich Euch in diesem
+h&ouml;fischen Kleide, weil ich beth&ouml;rt sei von der Welt
+Eitelkeit. Sondern gedenket, wie Ihr einst selbst Eure
+Klause mit des Erzvaters No&auml; Arche verglichet, da
+Ihr mir Verirrtem eine Rast hier schufet vor des
+Wetters Ungest&uuml;m. Heut&rsquo; gleich&rsquo; ich dem T&auml;ublein,
+das drau&szlig;en nirgend haften kann, mehr denn damals,
+und bitte, schleu&szlig;t vor dem Fl&uuml;chtigen Euer Fenster
+nicht zu!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber&laquo;, sagte der Alte hinwieder mit einem
+scharfen Blick auf mich, &raquo;Du hast das Ansehen nicht,
+als h&auml;tte Dir die Welt bei Deinem ersten Ausflug
+&uuml;bel gelohnt und reute Dich der Dank, der Dir von
+ihr geworden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Brun!&laquo; versetzte ich darauf. &raquo;Verg&ouml;nnt mir
+nur bei Euch wenige Tage zu weilen und mich zu
+bergen; ein Anderes begehr&rsquo; ich nicht. Und wenn ich
+Euch werde berichtet haben, was mir begegnet ist, so
+werdet Ihr selbst erkennen, wie ich aus Noth in dieses
+Kleid gekommen bin und nicht aus F&uuml;rwitz, und Ihr
+werdet mir heim helfen, wohin mein Sinn steht, in&rsquo;s
+Kloster.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo; fragt&rsquo; er mit Staunen. &raquo;In&rsquo;s Kloster
+begehrst Du zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich!&laquo; betheuert&rsquo; ich; &raquo;heim gen Maulbronn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Diether!&laquo; sprach da Brun, derweil er
+aufstund und sich anschickte, mich in seine H&uuml;tte zu
+<!-- Page 113 --><span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">113</a></span>
+geleiten. &raquo;Traun! Seltsames mu&szlig; sich zugetragen haben,
+oder Du bist in Deinen Jahren gewitzigter als Viele,
+wenn in so wenigen Wochen die Welt Dich Unerfahrenen
+auf ihren Kloben pfeifen konnte, aber nicht l&auml;nger
+Dich festhalten, und Du schon gelernt hast, ihres Wesens
+&uuml;berdr&uuml;ssig zu sein. Manch&rsquo; Einer lernt&rsquo;s mit grauen
+Haaren kaum! Doch komm und pflege Dein! Du
+sollst mir hernach erz&auml;hlen. Und vor wem Du Dich
+auch zu bergen hast, sorge Dich nicht. St. Wigbert&rsquo;s
+Schutz ist gut, wem der einmal zugesagt worden ist.&laquo;</p>
+
+<p>So war ich denn den Tag &uuml;ber in seiner Klause,
+und sanft that mir da die Ruh. Mein Wirth trug
+auf&rsquo;s Beste Sorge f&uuml;r mich und sp&auml;hte flei&szlig;ig, ob sich
+Jemand nahte. Aber den Waldpfad entlang ward
+nichts sichtbar, als etwa ein Wild, das zum &Auml;sen
+der Lichtung zuschritt aus dem Dickicht; und au&szlig;er
+durch das Geschrei des H&auml;hers oder der Weihe droben
+in der blauen Luft und den Gesang der Waldv&ouml;gel
+aus dem Erlengeb&uuml;sch am Bach und dessen Rauschen
+ward die Stille der Einsamkeit durch Nichts unterbrochen.</p>
+
+<p>&Uuml;ber das, was mit mir vorgegangen, vermied
+Brun jede Frage. Aber als der Abend hereingekommen
+war und der Alte droben zur Vesper gel&auml;utet hatte,
+rief er mich hinaus und f&uuml;hrte mich in seine Sommerlaube.
+Dort hie&szlig; er mich erz&auml;hlen, was ich erlebt
+h&auml;tte, seit ich von ihm gezogen w&auml;re. Da berichtete
+ich die Aventiure mit den zween Fahrenden, und wie
+ich durch sie um Klosterkleid und Briefe gekommen;
+ich schilderte meinen Strau&szlig; mit den St&auml;dtern, wie sie
+an mich wollten und ich mich ihrer erwehrte, ich erz&auml;hlte
+auch darnach von Elzeburg, wie ich w&auml;re dahin
+<!-- Page 114 --><span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">114</a></span>
+gebracht worden, wie sie mich f&uuml;r einen fahrenden
+Singemeister gehalten h&auml;tten und wie ich zuletzt mir
+anders nicht Rath&rsquo;s gewu&szlig;t, als von der Heerstra&szlig;e
+hier zu ihm zu entweichen, da&szlig; ich bei ihm, so viel
+es Noth w&auml;re, stille l&auml;ge und darnach unges&auml;umt
+heimkehrte, woher ich ausgesandt.</p>
+
+<p>Als so mit der Erz&auml;hlung mein Gem&uuml;th all&rsquo; den
+Dingen nachgieng, wie sie sich zugetragen, wurden sie
+selbst in meiner Seele wieder lebendig, als erlebt&rsquo; ich
+sie zum zweiten Male. So trachtete ich denn auch
+darnach, was ich zu schildern hatte, mit rechtem Nachdruck
+meinem Zuh&ouml;rer f&uuml;rzustellen. Der, merkt&rsquo; ich
+wohl, hatte so Seltsames zu h&ouml;ren sich nicht versehen,
+und so bezeugt&rsquo; er mit Blick und Geb&auml;rde, welchen
+Antheil er am Erz&auml;hlen n&auml;hme und am Erz&auml;hler. Ja,
+ich berichtete Alles, nur Eines, ich war mir selber nicht
+wissend, welche Scheu mich davon abhielt, verschwieg
+ich ihm. Ich sagt&rsquo; ihm nichts von Irmela und meinem
+Schulhalten, sondern nur, wie ich h&auml;tte m&uuml;ssen die
+Aventiure von Sifride niederschreiben f&uuml;r Herrn Eberhard.
+Da Brun den Namen des Grafen zum ersten
+Mal vernahm und den seiner Burg, so horcht&rsquo; er auf,
+schien es mir, aber er sagte nichts.</p>
+
+<p>Als ich zu Ende war, sah er mich noch eine Weile
+schweigend an und wie mit pr&uuml;fendem Aufmerken, und
+wieder wundert&rsquo; ich mich, wie milden Glanzes seine
+Augen blicken konnten, die doch zu Zeiten so gewaltig
+ernst und strenge, ja finster hinter den Brauen hervorsahen,
+die sie tief &uuml;berdeckten.</p>
+
+<p>&raquo;Diether&laquo;, hub er darnach an, &raquo;Du bist unverbr&uuml;chlich
+dem Kloster zugesprochen?&laquo;</p>
+
+<p>Seine Frage kam mir unerwartet und es geschah
+<!-- Page 115 --><span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">115</a></span>
+wohl mit gar zweifelhafter Miene, da&szlig; ich zu ihm
+aufblickte.</p>
+
+<p>&raquo;Bescheide mich immer&laquo;, sagte er ruhig weiter,
+&raquo;was Du von Deinem Verl&ouml;bni&szlig; wei&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur das&laquo;, erwiedert&rsquo; ich, &raquo;da&szlig; man mir immer
+gesagt hat, wie ich noch gar jung als hilfeloser Findling
+vom Abt um Gottes Willen aufgenommen und
+zuerst zu Leuten, die des Klosters eigen waren, ausgethan
+worden sei. Hernach bin ich zu den Br&uuml;dern
+gekommen und f&uuml;r St. Bernhard&rsquo;s Orden ausersehen,
+dem ich auch, wie sie mir sagen, nach heiligen canonischen
+Rechten versprochen bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohlan, Diether!&laquo; sagte Brun wieder, &raquo;ich
+merke wohl, Du bist durch Gottes Walten ohne Dein
+Wollen und Zuthun von Deiner Bahn gelenkt. Danke
+dem reichen Christ, da&szlig; Du so geschwind Dich auf
+den Weg zur&uuml;ckgefunden hast, der Dir der vertraute
+ist von Kindesbeinen an. Dank ihm auch daf&uuml;r, da&szlig;
+Du, so wechselsvoll diese Fahrt f&uuml;r Dich gewesen ist,
+dennoch in Deinem Sinnen und Meinen nicht ein
+Anderer worden bist, denn zuvor. Aber begehre nie
+ein Mehreres von der Welt zu sehen! Bist Du jetzt
+noch unbetrogen geblieben und ungeblendet, so hat sie
+wohl andere Larven, die noch s&uuml;&szlig;er l&auml;cheln, aber die
+H&ouml;lle hinter sich haben. Darum, J&uuml;ngling, zeuch
+zur&uuml;ck in Deinen Frieden, und ich will Dir wohl dazu
+helfen. &#8211; Sollte sich&rsquo;s aber&laquo;, fuhr er fort, &raquo;anders
+befinden, als ich halte, und Du hegst ein heimlich Verlangen
+zur&uuml;ck in das Wesen, dem Du entronnen bist,
+und Dein waglicher Sinn ist Dir erweckt, o Diether,
+so vertrau&rsquo; auch dann Dich mir an und hehle mir
+nichts!&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 116 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">116</a></span>
+Wohl f&uuml;hlt&rsquo; ich die R&ouml;the mir in&rsquo;s Angesicht
+steigen bei solchen Worten. Denn sie erinnerten mich
+an das, was ich ihm schon jetzt verschwiegen hatte,
+und ich mu&szlig;te gedenken, wie leichtlich seine Worte
+anders lauten w&uuml;rden, h&auml;tt&rsquo; ich ihm Alles erz&auml;hlt.
+Um so mehr gieng mir seine redliche Art zu Herzen,
+und dankerf&uuml;llt wagt&rsquo; ich&rsquo;s, seine Hand zu fassen, und
+sagte, indem ich sie k&uuml;&szlig;te: &raquo;Da sei Gott f&uuml;r, Brun!
+da&szlig; ich so mit frevlem Sinn hinwegtrachte aus dem
+heiligen Stand, in den ich berufen bin, und Euer treues
+Mahnen vergesse.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wohl Dir, Diether!&laquo; sagte da der Alte wieder,
+hielt mit einer Hand die meine fest und legte die andere
+mir auf&rsquo;s Haupt. &raquo;So wohl Dir, wenn Du Dein
+Leben lang vor dem schwersten Streit bewahrt bleibst,
+dem mit Dir selber. Denn in seinem eignen Herzen
+hegt der Mensch seinen schlimmsten Feind. Er ist
+&uuml;berm&auml;chtig und in allen Listen geschickt. Weh&rsquo; dem
+Manne, der ihn erst aufgeregt hat! Bittere Schmerzen
+sind des &Uuml;berwundenen Theil. Wohl erw&auml;hlen sich
+die Meisten unter den Menschenkindern, lieber nachher
+zu b&uuml;&szlig;en, als vorher dem Streit aus dem Wege zu
+gehen. Sie achten&rsquo;s f&uuml;r leichter, aber der &uuml;ble Teufel
+betr&uuml;gt sie darin allzumal.&laquo;</p>
+
+<p>Wohl h&ouml;rt&rsquo; ich&rsquo;s am Klang seiner Worte, da&szlig;
+er mit sonderlicher Bewegung seines Gem&uuml;thes redete,
+und als wir nun aus dem Dunkel der Laube hinaustraten,
+zeigte mir ein Blick in sein gefurchtes Angesicht,
+da&szlig; er da mir von Schmerzen gesagt hatte, die ihm
+selber wohl bekannt waren.</p>
+
+<p>Alles war still ringsum. Nur das leise Gesumme
+der um die duftenden Bl&uuml;then des Geisblattes schwirrenden
+<!-- Page 117 --><span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">117</a></span>
+Schmetterlinge nahebei und von unten her das
+Rauschen des Wassers vernahm unser Ohr. Dr&uuml;ben
+streifte das letzte Roth die Bergesspitzen, und &uuml;ber die
+Wiese senkte sich braune D&auml;mmerung, w&auml;hrend droben
+die ersten Sterne erglommen, wie Augen der seligen
+Engel Gottes sich aufschlagen, in denen die Herrlichkeit
+seiner Sch&ouml;pfung sich sch&ouml;ner wiederspiegelt.</p>
+
+<p>Schweigend versenkte ich meinen Blick in die
+wonnesame Ruhe. Und auch Brun stand ohne Regung
+und schaute hinaus, als eilten seine Blicke dem schwindenden
+Lichte des Tages nach.</p>
+
+<p>Noch hielt er mich bei der Hand. Als nach kurzer
+Weile der letzte Abendschein von den Gipfeln der
+Berge verschwunden war, wandte er sich zu mir.</p>
+
+<p>&raquo;Diether!&laquo; sprach er, &raquo;la&szlig; uns selbander hinangehen,
+dem Bergwasser nach. Nicht lange, so geht
+dr&uuml;ben der Mond auf, denn schon hellt sich dort &uuml;ber
+den B&auml;umen der Himmel. Ich weile gern in seinem
+Licht auf der H&ouml;he, wenn unten das Thal im Schatten
+liegt.&laquo; Und er zeigte hinauf.</p>
+
+<p>Mit Freuden folgt&rsquo; ich ihm, und wir stiegen den
+Pfad hart am Bach hinan, der bald in Spr&uuml;ngen
+von Gestein zu Gestein sich hindurchzw&auml;ngte, bald sanfter
+dahinglitt. Da ward zwischen uns wenig geredet.
+Vielleicht waren von vorhin die Gedanken noch zu
+lebendig in Brun&rsquo;s Seele. Und auch ich hatte meine
+Betrachtung. Ich gedachte, wenn ich &uuml;ber mir zu den
+Sternen emporblickte: wie sie best&auml;ndig in ihrer ersten
+Pracht scheinen unver&auml;ndert, so oft nur die Wolkendecken
+sich vor ihnen hinwegthun; wie ich&rsquo;s dagegen
+nun erfahren, da&szlig; &uuml;ber das menschliche Gem&uuml;th sich
+Schatten legen, von denen es nimmer geneset, und
+<!-- Page 118 --><span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">118</a></span>
+dann trat vor meine Seele der Garten, den jetzt dieselbe
+gestirnte Nacht umfieng, und ich w&uuml;nschte, sie,
+die mich dort zum letzten Mal gegr&uuml;&szlig;t hatte, m&ouml;chte
+niemals weniger heiter zu den Lichtern droben hinaufblicken,
+als diese zur Stunde hernieder zu ihr.</p>
+
+<p>Rauher ward unser Weg, von manchem Felsblock
+behindert und so von Baum und Gestr&uuml;pp beschattet,
+da&szlig; ohne des Alten F&uuml;hrung mein Fu&szlig; nicht
+vermocht h&auml;tte, weiter zu dringen. Aber der leitete
+mich sicher bei der Hand und zog mich ihm nach. So
+klommen wir empor, bis wir zu einer moosigen Felsplatte
+kamen, von wo der Ausblick frei war in die
+Waldeinsamkeit ringsum. Hier sah man weithin die
+Z&uuml;ge des Gebirges mit endlosen Waldungen, gleich
+Wellen eines dunklen Meeres fern und ferner sich
+dehnend, und unter uns das Kirchlein mit Brun&rsquo;s
+Clause und tiefer das Wiesenthal. Alles lag da vor
+uns ausgebreitet im D&auml;mmer der Sommernacht. Da
+stieg dr&uuml;ben der Mond hinter den Bergen hervor und
+erhellte die H&ouml;he, die wir erstiegen hatten.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; uns hier&laquo;, sagte Brun, indem er sich setzte,
+und mich einlud zu thun wie er, &raquo;la&szlig; uns hier der
+Betrachtung pflegen und dazu das Silentium halten!
+Ort und Stunde sind geschickt dazu.&laquo;</p>
+
+<p>Nach diesen Worten verharrt&rsquo; er schweigend und
+blickte in die Tiefe vor uns hinunter, als stiegen von
+dort Gestalten zu ihm auf, dicht vor seine Seele hin;
+je zuweilen wandt&rsquo; er sein Haupt und fuhr mit der
+Hand &uuml;ber Stirn und Angesicht, als begehrte er sie nicht
+l&auml;nger zu schauen und spr&auml;che zu ihnen: &raquo;Vor&uuml;ber,
+vor&uuml;ber!&laquo;</p>
+
+<p>Wie er so, als mich d&auml;uchte, geschlossenen Auges
+<!-- Page 119 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">119</a></span>
+da sa&szlig;, im vollen Mondlicht regungslos, und nur
+unterweilen im Hauche der Nacht sein Barthaar sich
+bewegte, so mu&szlig;t&rsquo; ich denken beim Anblick der m&auml;chtigen
+Felsbl&ouml;cke umher, die durch eine Riesenhand hier
+zersprengt und verstreut zu sein schienen: Er wie diese
+Steine, jetzt so friedlich begl&auml;nzt vom sanften Mondlicht
+&#8211; von welchen St&uuml;rmen und Ungewittern, die
+&uuml;ber sie ergangen, k&ouml;nnten sie wohl berichten!</p>
+
+<p>Immer tiefer inde&szlig; sanken unter uns die Schatten
+und immer h&ouml;her r&uuml;ckte der Bergeshang in den Glanz,
+der uns umflo&szlig;. Es war, als wollt&rsquo; er hienacht mit
+seinen Strahlen zwischen Farn- und Baumgezweig manche
+feuchte Kluft besuchen, die sonst im ewigen Dunkel lag.</p>
+
+<p>Da ich so dieses Spieles des freundlichen Lichts
+gewahrte, wie es emsig immer weiter seine g&uuml;ldnen
+F&auml;den zog, siehe! da blitzte mir etwas aus einer H&ouml;hlung
+nicht weit von uns entgegen, darin das Mondenlicht
+sich hell und heller spiegelte, als h&auml;tt&rsquo; es einen
+unverhofften Fund gethan und wollte den mir mit
+Freuden zeigen.</p>
+
+<p>Es waren nur wenige Schritte dahin und die
+Neugier trieb mich hinzugehen. Ein g&uuml;lden Ringlein
+lag da am wohlbeschirmten Ort und seltsam beigesellt
+dicht neben eine Eidechse, als h&auml;tte sie des Schatzes
+zu h&uuml;ten. Da ich n&auml;her zusah, merkt&rsquo; ich, sie war todt
+und ihre Vorderf&uuml;&szlig;e hatte sie gekreuzt &uuml;ber ihrer Brust.
+Ich wu&szlig;te wohl, da&szlig; Solches die Art dieser Thierlein
+ist, wenn sie gestorben sind, aber es d&auml;uchte mich, als
+waltete hier mehr als ein Ungef&auml;hr, und Ring und Thier
+w&auml;ren H&uuml;ter <em class="gesperrt">eines</em> Geheimnisses.</p>
+
+<p>Der Ausruf des Erstaunens, der mir entfuhr, ob
+dem unerwarteten Anblick, weckte den Alten aus seinen
+<!-- Page 120 --><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">120</a></span>
+Tr&auml;umen. Auf seine Frage, was es g&auml;be, brachte ich
+den Ring herbei und sagte ihm von der Eidechse hart
+daneben, und wie es mir geschienen h&auml;tte, als w&auml;re
+dieser Hort ihr und sie k&ouml;nnte nicht von ihm lassen
+auch im Tode nicht, und h&auml;tt&rsquo; an ihm eine gro&szlig;e Schuld
+auf sich; darum l&auml;ge sie da so ausgestreckt mit gekreuzten
+Armen gleich einer armen Seele, die Bu&szlig;e thut.</p>
+
+<p>Mit Hast griff Brun nach dem Ringe und hielt
+ihn pr&uuml;fend gegen das Mondenlicht.</p>
+
+<p>&raquo;Joconda!&laquo; rief er dann und ein Seufzer aus
+tiefstem Herzen gesellte sich zu dem Namen. &raquo;Ach, und
+nie wird die arme Seele genug b&uuml;&szlig;en um Deinetwillen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Euer Gem&uuml;th ist in gro&szlig;e Bewegung gebracht
+durch den Ring&laquo;, sagt&rsquo; ich und trat zu ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, Diether!&laquo; erwiedert&rsquo; er, nachdem er eine
+Weile schweigend vor sich hin gesehen, &raquo;wei&szlig; ich um
+dies Kleinod. Frage nicht, wie ich&rsquo;s erfahren. Besser
+vielleicht bliebe die Geschichte von ihm so jungen Ohren
+verschwiegen; aber da das Licht dieser Mondnacht
+durch Dich diesen Reif herwiedergebracht hat, sollst Du
+h&ouml;ren, wie sie sich zutrug, und dann gedenk&rsquo; auch Du
+in heil&rsquo;gen Stunden der armen Seele, von der Du
+sagtest, und bitte Gott im Himmel f&uuml;r sie, da&szlig; ihre
+Bu&szlig;e recht gethan sei und ihm wohlgefalle!&laquo;</p>
+
+<p>Wieder schwieg er eine kurze Weile. Dann winkt&rsquo; er
+mir, mich zu ihm zu setzen, und hub also an zu erz&auml;hlen.</p>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Die Geschichte, so Brun Diethern erz&auml;hlte.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Es ist manches Jahr her, Diether, da lagen in
+Welschland deutsche Kriegsv&ouml;lker vor der Stadt Bologna.
+Aber sie konnten sie nicht gewinnen, ob sie gleich die
+Stadt berannten und mit Einschlie&szlig;ung lange und hart
+<!-- Page 121 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">121</a></span>
+&auml;ngstigten. Da mehrte sich die Erbitterung t&auml;glich auf
+beiden Seiten, und wer wei&szlig;, wieviel Jammers und
+Elends da noch zugef&uuml;gt und erlitten w&auml;re, wenn g&ouml;ttlicher
+Wille es nicht gn&auml;dig abgewendet h&auml;tte. Denn
+die deutschen Herren, so das Heer f&uuml;hrten, hielten es
+endlich aus trefflichen Ursachen f&uuml;r wohlgerathener, die
+entstandene Fehde g&uuml;tlich zu vertragen. Und so ward
+denn den St&auml;dtern entboten, da&szlig; sie, was Leute hohen
+Ansehens und klugen Raths w&auml;ren, aus den Ihren
+verordneten, damit man sich miteinander der Sachen
+ann&auml;hme, wie sie beizulegen.</p>
+
+<p>Unter den deutschen Rittern, die da den Herren,
+wenn sie zur Berathung zusammenkamen drau&szlig;en im
+Lager oder drinnen in der Stadt, zu Schutz und Beistand
+zugesellt wurden, war Einer, den Jedermann solcher
+Ehre vor Andern f&uuml;r w&uuml;rdig auserkannte. Bruno
+war sein Name, er hatte in allen Dingen, die dem
+Manne wohl stehen, den ersten Preis. Er war edler
+Gestalt und reichen Gutes; sein Wuchs war hoch und
+sein Ansehen stattlich und gebietend; sein Arm eben so
+tapfer zu streiten, wie sein Geist hell und auch, wo es
+schwierige Entscheidung galt, das Richtige zu treffen,
+geschwind. Dazu hatte er die sonderliche Gabe, die
+Gem&uuml;ther der Menschen, welche er wollte, f&uuml;r sich zu
+gewinnen und die Vorz&uuml;ge, die ihn zierten, so zu brauchen,
+da&szlig; sie in Andern nur Bewunderung schufen und
+Freude ihrer mitzugenie&szlig;en, und Willigkeit ihm zu
+dienen. Darum war&rsquo;s kein Wunder, da&szlig; Bruno sich
+der Macht bewu&szlig;t war, die er &uuml;ber die Menschen hatte,
+noch, da&szlig; er ihrer brauchte. Sein hochfliegender Geist
+war es nicht anders gewohnt, als da&szlig; seines Gleichen
+sich ihm unterordnete. In so hohen Ehren und von
+<!-- Page 122 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">122</a></span>
+jedem Gl&uuml;ck, dessen er begehrte, umgeben, war Bruno
+bis an den Mittag seines Lebens gekommen. Aber
+gewohnt, Alles, wonach ihm sein Trachten stund, wie
+spielend und nur zur &Uuml;bung seiner &uuml;berlegenen Kraft
+zu erreichen, gl&auml;nzte sein Angesicht noch im unged&auml;mpften
+Feuer der ersten Jugend.</p>
+
+<p>Doch, Diether, all&rsquo; diese hohen Vorz&uuml;ge waren
+ihm verliehen, nur um in seinem Herzen die schlimmsten
+Kr&auml;fte gro&szlig; zu ziehen, ihm selber unbewu&szlig;t, ihm zur
+Unseligkeit und Andern. In so langen Jahren des
+Gelingens seiner Pl&auml;ne und der aus seinem Thun
+wachsenden Ehre war er sicher geworden, da&szlig; recht
+w&auml;re, was ihm gut d&auml;uchte, und w&auml;hrend er Andere
+berieth und leitete, wachte er nicht &uuml;ber seine eigenen
+W&uuml;nsche.</p>
+
+<p>Die Zeit kam, ihn auf die Probe zu stellen, Diether!
+und Du wirst sehen: er bestund die Probe nicht.</p>
+
+<p>Unter den Edlen Bologna&rsquo;s war Einer auserlesen
+vor Allen. Wie die Sonne am Fr&uuml;hlingstage heraustritt
+aus den Thoren des Morgenroths, ihren Lauf zu
+beginnen mit Freuden, so schritt Guido, noch prangend
+im Thau der ersten Jugend, die Bahn der Ehre und
+des ruhmvollen Thuns hinan. Ihn konnte Niemand
+sehen, ohne ihn zu lieben. Und nur wenige Male
+hatten Bruno und Guido bei den Berathungen, die
+zum Frieden helfen sollten, sich gegen&uuml;bergestanden, als
+der deutsche Mann mit sonderlichem Wohlgefallen sich
+hingezogen f&uuml;hlte zum welschen J&uuml;ngling. Der aber
+war ihm bald mit der vollen Hingabe seines jugendlich
+entflammten Herzens zugethan, und wiewohl die Beiden
+in dem, wor&uuml;ber sie zu rathschlagen hatten, sich nur
+als Feinde betrachten durften, so sah Bruno doch, wie
+<!-- Page 123 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">123</a></span>
+der J&uuml;ngling mit zunehmendem Eifer sich jegliche Gelegenheit
+zu freundschaftlicher Zwiesprach erlas und wie
+er zu ihm aufsah, als dem Manne erfahrener Ehre und
+erwiesen in jeder edlen ritterlichen Tugend. Solches
+sah Bruno mit Freuden, und was er vermochte, des
+J&uuml;nglings Herz an sich zu fesseln und sein Vertrauen
+zu gewinnen, davon unterlie&szlig; er nichts, denn er liebte
+ihn. Sch&ouml;neren Bund sah man wohl selten, als da
+diese Freundschaft erbl&uuml;hte zwischen den Beiden, gleichwie
+eine Blume sich aufthut, lieblich im rauhen Nordsturm,
+und wenn, nachdem man Raths gepflogen, Guido
+an Bruno&rsquo;s Seite durch Bologna&rsquo;s Stra&szlig;en schritt, ihn
+zu geleiten, so blieben wohl die Leute stehen, die vor&uuml;bergiengen,
+und sahen mit Bewunderung den Beiden nach.</p>
+
+<p>Nicht lange, so erbat sich Guido vom Rath die
+Gunst, Bruno in sein Haus zu f&uuml;hren, und weil er
+B&uuml;rgschaft leistete und die Hoffnung auf nahen Vergleich
+und Frieden sich mehrte, so ward ihm solches verwilligt.
+Er wohnte im weiten Palast allein mit seiner
+Schwester. Seinem Schutz hatten die Eltern, die beide
+unlange an der Pest gestorben waren, Joconda &uuml;bergeben.
+Treuerer br&uuml;derlicher Hut ward nie eine
+Schwester anvertraut, als die Liebe war, mit welcher
+Guido &uuml;ber Joconda wachte, und wie zwei nachbarliche
+Pflanzen einem Licht entgegenwachsen, gepflegt von
+einer Hand und gen&auml;hrt von einer Quelle, so waren
+diese Geschwister. Oft schon hatte Guido zu Bruno
+von seiner Schwester gesprochen, und wenn er ihrer
+gedachte, leuchtete sein Auge von br&uuml;derlichem Stolz.
+Ja, Alles was von s&uuml;&szlig;er Z&auml;rtlichkeit und Weichheit
+in der Seele des J&uuml;nglings wohnte, ward mit <em class="gesperrt">einem</em>
+Namen gerufen, mit dem Namen: Joconda. Von ihr
+<!-- Page 124 --><span class=
+'pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">124</a></span>
+hatte er Bruno auch gesagt, da&szlig; sie aus Verabredung
+beider V&auml;ter mit einem J&uuml;nglinge zu Pisa verlobt w&auml;re,
+und da&szlig;, wenn ruhige Zeiten wiederkehrten, auf die
+Hochzeit gedacht werden sollte.</p>
+
+<p>Vornehmlich also, da&szlig; Bruno seine Schwester sehen
+m&ouml;chte und sie ihn, den Freund, den er sich gewonnen,
+f&uuml;hrte Guido diesen in seines Vaters Haus. O, w&auml;re
+es doch nimmer geschehen, Diether! Oder w&auml;re einer
+von den Blitzen, die an jenem Abend bei Bruno&rsquo;s
+R&uuml;ckkehr aus der Stadt vom Himmel flammten, auf
+ihn herniedergezuckt! Freundlich war zwar das Gr&uuml;&szlig;en,
+das <ins class="correction" title="Original: zwischem">zwischen</ins>
+dem Freunde des Bruders und der Schwester
+geschah, aber uns&auml;glich Weh und gro&szlig;en Jammer hatte
+es hinter sich. Und h&auml;tte Guido bei jenem ersten
+Gru&szlig; das sanfte Err&ouml;then im Angesicht seiner Schwester
+und in Bruno&rsquo;s das frohe Erstaunen &uuml;ber ihre gro&szlig;e
+Sch&ouml;nheit besser verstanden, f&uuml;rwahr, er h&auml;tte sich nicht,
+wie er that, des Anblicks im br&uuml;derlichen Stolz gefreut,
+sondern ganz andere, schreckliche Weissagung darin
+erkannt.</p>
+
+<p>Von Stund an war Bruno&rsquo;s Sinn von heftiger
+Liebe zu Joconda erf&uuml;llt und allein darauf gerichtet,
+ihre Liebe sich zu gewinnen. Klugheit, Ehre und Treue
+riefen ihm zu, abzulassen und nicht zu begehren, was
+Gott ihm versagte. Denn heilig war Guido die Pflicht,
+dem Verlobten die Schwester zu erhalten. Aber ein
+Sturzbach w&auml;re mit einem Strohhalm eher aufzuhalten
+gewesen, als Bruno&rsquo;s Gem&uuml;th mit allen Einreden der
+Pflicht und des Gewissens vom Trachten nach dem,
+wovon es jetzt einzig entflammt war. Nun erst d&auml;uchte
+er sich ein Ziel gefunden zu haben, werth, all&rsquo; seine
+Kr&auml;fte daran zu setzen, und wie er sich der Gewalt
+<!-- Page 125 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">125</a></span>
+der Leidenschaft, die ihn beseelte, ganz &uuml;berlie&szlig;, so zeigte
+auch Liebe, die Zauberin, Alles, was er in ihrem Dienste
+that oder dachte, in einem hellen, reizenden Lichte, aber
+die dunklen Abgr&uuml;nde seines Herzens, aus denen
+sein Trachten hervorgieng, lie&szlig; sie ihn nicht sehen; ja
+jeglich Hinderni&szlig; und jegliche Gefahr, welche auf dieser
+seiner Bahn ihn bedrohte, steigerte nur mehr seinen
+verwegenen Muth.</p>
+
+<p>Ohne Arg trat Joconda dem Freunde ihres Bruders
+gegen&uuml;ber und voll heiteren Vertrauens. Aus
+Wahrheit ihres Herzens stimmte sie in Guido&rsquo;s Lob,
+wenn er Bruno&rsquo;s Tugend lobte, und wie sie immer
+sorgloser seinem Worte lauschte und seines Kommens
+immer gewohnter ward, so ward sie von der s&uuml;&szlig;en
+Macht der Liebe bezwungen wie unvermerkt, und da
+sie das Geheimni&szlig; ihres Herzens von dem Einzigen
+errathen sah und solches aus Scheu ihrem Bruder verschwieg,
+da hub sich allererst auch ihre Mitschuld an.
+Und von Stund an ward sie gl&uuml;cklich, als schwebt&rsquo; ihr
+Herz in Wonne, durch Bruno&rsquo;s Liebe, die dem Fluge
+des Adlers glich, &uuml;ber alle H&ouml;hen sich schwingend&nbsp;&#8211;
+und elend zugleich. Die Heimlichkeit ihres Bundes
+und seine best&auml;ndige Gefahr trieben ihr ge&auml;ngstet Herz
+nur um so mehr, sich Bruno zu vertrauen und seiner
+F&uuml;hrung, dessen Zuversicht und K&uuml;hnheit nur zu wachsen
+schien wie eines seines Auges und seiner Hand sicheren
+Steuermanns, wenn er das Schiff durch tosende Brandung
+lenkt.</p>
+
+<p>Bald kamen sie heimlich zusammen zu s&uuml;&szlig;er Zwiesprach.
+Wohl wu&szlig;te Bruno, da&szlig; er damit wider Ehre
+und Treue den Freund betrog, aber er achtete es nicht
+und fuhr fort, den Arglosen zu t&auml;uschen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 126 --><span class=
+'pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">126</a></span>
+Und wenn er wu&szlig;te, sie harrte seiner, so galt ihm
+Nichts die Bedrohung der feindlichen W&auml;chter an den
+Thoren und ihr Gescho&szlig;, sondern vermummt in der
+D&auml;mmerung schlich er hindurch bis unter die Hallen
+der Pal&auml;ste und harrte seiner lieben Trauten.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte ihr Ohr manch s&uuml;&szlig;es Wort, wenn er
+kam, und manch hei&szlig;en Schwur, wenn er von ihr schied,
+und die Todesgefahr, in der er schwebte um ihretwillen
+und die er verlachte, dr&auml;ngte ihr Herz immer n&auml;her an
+seines.</p>
+
+<p>O! wohl mag der J&uuml;ngling sich h&uuml;ten, wenn
+starke Leidenschaft ihn beseelt, da&szlig; ihr Wirbel sein leicht
+erregtes Herz nicht &uuml;berw&auml;ltigt und sein Lebensschifflein
+rettungslos in die Brandung rei&szlig;t. Doch wehe dem
+gereiften Manne, wenn die Liebe seines Herzens ihn
+von Pflicht und Ehre scheiden! Er mu&szlig; seinen W&uuml;nschen
+ganz entsagen oder er f&auml;llt der finstern Macht anheim,
+die alle seine Tugenden verzehrt und alle seine Kr&auml;fte
+in ihren Dienst nimmt, um ihn und durch ihn zu verderben.</p>
+
+<p>So, Diether, ward Bruno&rsquo;s Liebe verderblich f&uuml;r
+Joconda, f&uuml;r Guido, f&uuml;r ihn selbst!</p>
+
+<p>Schuldvoll war diese Liebe schon mit ihrer ersten
+zarten Regung und fluchvoll mu&szlig;te sie endigen. Ihr
+stand kein Engel g&ouml;ttlichen Heiles und g&ouml;ttlichen Schutzes
+zur Seite.</p>
+
+<p>Die Fehde ward vertragen, der Friede geschlossen.</p>
+
+<p>Just am Tage der Fastnacht ward er feierlich
+verk&uuml;ndigt. Die Thore der Stadt wurden aufgethan
+und unter dem Gel&auml;ute der Glocken erscholl der Ruf
+der Freude von Deutschen und Welschen wie aus einem
+Munde. Da &uuml;berlie&szlig; sich Jeglicher mit ganzem Herzen
+<!-- Page 127-->
+<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">127</a>
+</span>
+dem frohen Gef&uuml;hle der wieder erlangten Sicherheit,
+und die, so sich bis dahin so hart befehdet hatten, zogen
+in munterem Gedr&auml;nge verbr&uuml;dert durch die Stra&szlig;en
+der befreiten Stadt, und weil man so lange in Furcht
+gelebt und der Freude entbehrt hatte, so war auf
+diesen Tag die Stadt zu ausgelassener Lustbarkeit ger&uuml;stet.
+Da man Gott gedienet hatte und das Tedeum
+in der Kirche St. Petronii verklungen war, wurde auf
+dem Rathhause von den Herren Bologna&rsquo;s den edelsten
+unter den Rittern eine stattliche Bewirthung gethan,
+inde&szlig; das Volk au&szlig;en auf Stra&szlig;en und Pl&auml;tzen seine
+Kurzweil hatte. Zum Abend sollte die Stadt, wie es
+in Welschland Brauch ist an Freudentagen, mit Fackeln
+und bunten Lichtern erleuchtet und zu Ehren der Fastnacht
+Schimpfspiel und Mummenschanz gehalten werden.
+Da&szlig; nicht etwan von den St&auml;dtern den Deutschen, welche
+hineinkamen, ein &Uuml;bel gesch&auml;he, hatte der Rath jegliche
+St&ouml;rung des Friedens mit Todesstrafe bedroht; so
+war auch den Deutschen verboten, die in der Stadt
+weilen wollten, an dem Tage Waffen oder Wehre zu
+tragen.</p>
+
+<p>So war da auf Aller Angesicht Freude und Jubel.
+Vor Andern erschienen Bruno und Guido hochbegl&uuml;ckt,
+da sie sich trafen an der Kirchth&uuml;r, als man die heilige
+Messe gelesen. Droben im Festsaal sa&szlig;en sie bei einander
+und wie stolz schien Guido, allen den Herren
+es zeigen zu k&ouml;nnen, welchen Freund er sich gewonnen
+habe! Und wahrlich! Bruno ward da als ein Muster
+ritterlicher Tugend und h&ouml;fischer Sitte auserkannt. So
+edel war sein Wesen, so zierlich und klug seine Rede,
+da&szlig; Jedermann im Saal auf ihn achtete.</p>
+
+<p>&raquo;Treue und Freundschaft auf ewig!&laquo; rief ihm
+<!-- Page 128 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">128</a></span>
+Guido zu, als man wieder die Becher gef&uuml;llt hatte und
+ergriff seine Hand.</p>
+
+<p>&raquo;So sei es!&laquo; that ihm der Angeredete Bescheid
+und schlug ein: &raquo;Treue und Freundschaft auf ewig!&laquo;</p>
+
+<p>Und indem sie sich mit den Augen zuwinkten, setzten
+sie die Becher an die Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Halt!&laquo; rief da Guido, dessen Herz vor Freude
+&uuml;berwallte. &raquo;Harre noch, Bruder, ehe Du trinkest
+den Trunk der Treue; es gilt noch ein Wort:
+&raquo;Joconda!&laquo;</p>
+
+<p>Und Bruno h&ouml;rte dieses Wort, Diether, und er
+las seine Bedeutung in der Seele des J&uuml;nglings, der
+es aussprach, aber er z&ouml;gerte nicht und rief den Namen
+auch und trank den Becher bis zur Neige.</p>
+
+<p>Ward ihm denn die Frucht des Weinstocks nicht zum
+Feuer in seinen Gebeinen, da er diesen Becher dem Bruder
+zutrank, den er an diesem Tage so treulos zu betr&uuml;gen
+entschlossen war? Erstarb ihm nicht jener holde
+Name auf den Lippen, den er in einem Athem mit dem
+Bruder auszusprechen wagte, obwohl er wu&szlig;te, da&szlig; er
+damit sch&auml;ndlich log?</p>
+
+<p>Aber Bruno&rsquo;s Angesicht blieb heiter wie zuvor
+und kein Laut seines Mundes verrieth das Vorhaben,
+von dem sein Herz jetzt einzig erf&uuml;llt war.</p>
+
+<p>Als die Bewirthung zu Ende war, und man das
+Rathhaus verlie&szlig;, gab er vor, wegen n&ouml;thiger Gesch&auml;fte
+hinaus in&rsquo;s Lager zu m&uuml;ssen, und mit tr&uuml;glichem Wort
+ward er eins mit Guido, da&szlig; er ihn dort an bestimmter
+Stelle aufsuchen m&ouml;chte gegen Abend, dann selbander
+in die Stadt zur&uuml;ckzukehren, das Fest zu beschauen und
+an der Lust des Volkes Theil zu nehmen. So trennten
+sich die Beiden.
+</p>
+
+<p><!-- Page 129 --><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">129</a></span>
+Bruno hatte einen Waffengenossen, der ihm in
+Allem ergeben war.</p>
+
+<p>Adelbert wu&szlig;te um Bruno&rsquo;s Liebe; er wu&szlig;te auch,
+da&szlig; heute die Flucht geschehen sollte, und gerne war
+er bereit, dazu zu helfen. Die Stadt Bologna hat ein
+Thor, das ist vor andern klein, und Wenige ziehen
+hindurch. Die Stra&szlig;en, die dahin f&uuml;hren, sind gar enge
+und einsam, so auch die Landstra&szlig;e, wenn man das
+Thor hinter sich hat. Das d&auml;uchte ihnen am sichersten
+da hindurch zu entkommen. Weil an dem Tage auch
+unter den Rittern und Fu&szlig;knechten einer auf den andern
+wenig Acht hatte, denn nach der langen Belagerung
+&uuml;berlie&szlig; sich Jedermann der ungewohnten Lust, und
+keiner mi&szlig;g&ouml;nnte sie ihm, so ward verabredet, da&szlig;
+Adelbert mit Rossen und einem H&auml;uflein Knechten,
+wenn es w&uuml;rde v&ouml;llig dunkel geworden sein, nach dem
+Thor S. Rocco aufbrechen und allda seiner harren sollte.</p>
+
+<p>Zur selben Stunde barg der tiefste Schatten eines
+Pfeilers der Kirche des heiligen Petronius Bruno&rsquo;s vermummte
+Gestalt. Er hatte sich angethan, als einer,
+der an der Lustbarkeit theilnehmen wollte, und auch sein
+Angesicht war verlarvt. Er dr&uuml;ckte sich hart an&rsquo;s
+Gem&auml;uer und regte sich nicht. Mit Eifer forschte sein
+Auge durch das Dunkel, und so Schritte sich nahten,
+schlug sein Herz st&auml;rker, inde&szlig; sein Ohr ohne Aufh&ouml;ren
+auf das Get&ouml;n der Orgel und die Stimme des Priesters
+drinnen in der Kirche lauschte, wo man die Vesper
+sang. Aber seine Seele war da fern vom Verlangen nach
+Gott. Sie war nur bei der, die er jetzt drinnen im
+Gotteshause wu&szlig;te und mit der er eins geworden war,
+heut zu entfliehen. Hier von dieser Stelle aus sollte
+es geschehen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 130 --><span class='pagenum'><a name="Page_130" id=
+"Page_130">130</a></span>
+Der heilige Dienst war zu Ende. Hunderte giengen
+an dem Harrenden vor&uuml;ber, ohne sein zu achten, aber als
+jetzt z&ouml;gernd und mit kaum h&ouml;rbaren Schritten eine verh&uuml;llte
+Gestalt sich nahte, so bewegte auch er sich wie
+mit freudigem Schreck ihr einen Schritt entgegen.</p>
+
+<p>Als er leise ihren Namen nannte und sie mit
+hei&szlig;er Inbrunst umschlang, f&uuml;hlte er, wie sie zitterte,
+und da sie nach kurzem Gefl&uuml;ster jetzt hinaustraten und
+das Licht festlich erhellter H&auml;user ihr Angesicht traf,
+so fiel es ihm auf, wie bleich es war und wie sch&ouml;n.
+Der Stolz und das Gl&uuml;ck, solch ein Weib sich gewonnen
+zu haben, st&auml;hlte seinen Muth und sein Vertrauen zu
+sich; sein Gang war so sicher und sorglos, als suchte er
+keine andere Fr&ouml;hlichkeit als die, welcher die Menge
+nachgieng, die an ihnen vor&uuml;ber wogte. Manchen
+neckischen Zuruf mu&szlig;te er h&ouml;ren, wie man dergleichen
+treibt zu solchen Zeiten; er erwiederte jeden Scherz mit
+Lachen und beschleunigte seine Schritte.</p>
+
+<p>Schon hatten sie die Stra&szlig;en, die am meisten belebt
+und am hellsten erleuchtet waren, hinter sich; durch
+die engen Gassen, die heute noch stiller waren denn
+sonst, kamen sie dem Roccothore n&auml;her. Bruno m&auml;&szlig;igte
+Joconda zu lieb seine Eile, denn nachdem sie bis dahin
+unerkannt und unaufgehalten geblieben, war er keiner
+Hinderung ferner gew&auml;rtig.</p>
+
+<p>Da, als sie in die letzte Gasse einlenkten, die zum
+Thore f&uuml;hrte, that sich unweit von ihnen die Th&uuml;r
+eines Hauses auf, und hervor kam l&auml;rmend eine Schaar
+Vermummter mit Fackeln und Windlichtern als solche,
+die auch noch zum Feste ziehen wollten. Der Ort, da
+die Fl&uuml;chtigen an ihnen vor&uuml;ber mu&szlig;ten, war gar enge
+und so geriethen die beiden in die helle Beleuchtung
+<!-- Page 131 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">131</a></span>
+ihrer Lichter. Alsbald ward Bruno von dem Kecksten
+unter ihnen angeredet.</p>
+
+<p>&raquo;Eure Dame, Freund&laquo;, rief er, &raquo;wird&rsquo;s Euch wenig
+danken, da&szlig; Ihr sie so fr&uuml;h hinwegf&uuml;hrt vom Fest,
+das sch&ouml;nen Frauen so vieles zu schauen gibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kehrt um und kommt mit uns!&laquo; riefen die Anderen
+da und umringten die Beiden, als wollten sie in ihre
+Mitte sie nehmen.</p>
+
+<p>Da Bruno ihrer nicht achtete und ohne sich aufzuhalten
+weiter schritt, so ward dadurch der &Uuml;bermuth
+der trunkenen Gesellen nur noch mehr erregt.</p>
+
+<p>&raquo;Das macht: er ist eifers&uuml;chtig, Nicolo!&laquo; sagte
+wieder einer, &raquo;und mi&szlig;g&ouml;nnt Bologna den Anblick
+seiner Sch&ouml;nen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat wohl Grund dazu&laquo;, erwiederte der Angeredete,
+&raquo;wenn das Angesicht der Dame h&auml;lt, was
+ihre reizende Gestalt verspricht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, hebt den Schleier!&laquo; riefen sie, und hatten
+das Ansehen, als wollten sie Joconda n&auml;her treten.</p>
+
+<p>Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter
+anschmiegte, so stie&szlig; der mit gewaltiger Faust den, der
+sich zumeist herangedr&auml;ngt hatte, zu Boden, und ein
+deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem er durch
+die nun wieder ge&ouml;ffnete Bahn weiter schritt. Einen
+Augenblick waren die Zudringlichen zur&uuml;ckgewichen, aber
+die &Uuml;berzahl und das Gelage, von dem sie kamen,
+machte sie k&uuml;hn, und mit dem Ruf: &raquo;Wie! die deutsche
+Bestie will uns schlagen und wider ergangenes Gesetz
+beleidigen?&laquo; dr&auml;ngten sie sich auf&rsquo;s neue heran und
+vertraten den Weg.</p>
+
+<p>Da reckte sich Bruno in die H&ouml;he und drohend
+rief er, da&szlig; es laut erscholl: &raquo;Ha, ihr welschen Hunde,
+<!-- Page 132 --><span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">132</a></span>
+wem sein Leben lieb ist, der lasse uns hindurch!&laquo;
+Und es w&uuml;rde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn
+er allein gewesen w&auml;re, aber, wie er die Zitternde an
+seinem Arme f&uuml;hlte, so stund er unschl&uuml;ssig, ob er jetzt
+das &Auml;u&szlig;erste thun sollte seinen Gegnern gegen&uuml;ber,
+die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth
+zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gel&auml;rme
+die Stra&szlig;e an beiden Seiten in Aufruhr gebracht.
+Lichter erschienen, Fenster und Th&uuml;ren wurden aufgethan
+und eine Menge Neugieriger str&ouml;mte herbei.</p>
+
+<p>Da sah Bruno den Augenblick h&ouml;chster Noth gekommen;
+w&auml;hrend rings um ihn das Wuthgeschrei
+wider den Deutschen die Luft erf&uuml;llte, umfa&szlig;te er fest
+Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen.
+Aber das w&auml;re sonder Zweifel Beider Verderben
+gewesen, wenn nicht da vom Thor aus Rettung gekommen
+w&auml;re. Denn da dort Adelbert und seine Leute,
+die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno
+zu ihnen sto&szlig;en sollte, nun h&ouml;rten, wie sich von da
+Geschrei erhub und vernahmen den Ruf wider den
+Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein.
+Sie sprengten unter das Gedr&auml;nge, und unter ihren
+Hieben rechts und links stoben die Welschen auseinander.
+Die nun Bruno bedr&auml;ngten, wie sie das neue Get&uuml;mmel
+hinter sich h&ouml;rten und die streitbaren Stimmen der
+Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen,
+Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen
+die beiden Fl&uuml;chtigen, auf die nun Keiner mehr Acht
+hatte, Raum, und froh der ihnen ungedacht gewordenen
+H&uuml;lfe eilte Bruno dem Thore zu.</p>
+
+<p>Wohl wankten Joconda&rsquo;s Schritte an seiner Seite,
+aber er wies sie hin auf die N&auml;he ihres Zieles, und
+<!-- Page 133 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">133</a></span>
+die Hoffnung belebte ihre sinkende Kraft. Nun traten
+sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten
+Dunkel, das da herrschte, sah Bruno&rsquo;s scharfes Auge,
+wie von drau&szlig;en eine Gestalt ihnen entgegenschritt.
+Als sie zum Thore hinaus traten, gieng diese Gestalt
+hart an ihnen vor&uuml;ber in das Dunkel des Thores, das
+die Beiden eben hinter sich lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und
+der Abendhimmel, wenn auch vom Mondenlicht erhellt,
+war regentr&uuml;b; so konnte Bruno das Angesicht
+des an ihm Vor&uuml;bergehenden nur einen Augenblick
+sehen. Er hatte nicht Acht darauf, denn sein Gem&uuml;th
+war auf Anderes gerichtet, und doch war es ihm,
+als h&auml;tte er in diese Augen schon geblickt. Verstummte
+da nicht pl&ouml;tzlich der Hall der im Thorbogen
+dr&ouml;hnenden Schritte hinter ihm? Als er zur&uuml;cksah im
+Weiterschreiten, stund, so schien es ihm, im Thor noch
+immer die Gestalt, als s&auml;he sie ihm nach.</p>
+
+<p>Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war
+eine vorl&auml;ngst verfallene Kapelle. Allda sollte Adelbert
+mit den Rossen und Knechten halten.</p>
+
+<p>Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren
+Alle, da der Streit sich in der Stadt erhoben, von da
+gewichen, so rief er laut das Wort, bei dem sie unter
+einander &uuml;bereingekommen waren sich zu erkennen, wie
+man pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl
+die Antwort n&auml;her vom Thor her und Bruno gedachte
+da die Rosse zu finden. Er wandte sich also zur&uuml;ck
+und lie&szlig; inde&szlig; Joconda an der Kapelle. Da er
+unweit dem Thore war und auch schon den Tritt der
+Rosse h&ouml;rte, die herzu gebracht wurden, sah er wieder
+dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des Thores
+<!-- Page 134 --><span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">134</a></span>
+und noch an derselben Stelle und wieder war&rsquo;s, als
+suchte sie nach ihm. Da zerri&szlig; eine Wolke und das
+Mondenlicht ergo&szlig; sich hell. Wie es mit voller Klarheit
+Bruno beleuchtete, der hier au&szlig;en vor der Stadt
+die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang
+an sein Ohr aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei,
+den er nimmer vergessen hat; es war ein Schrei
+des heftigsten Zornes und auch der uns&auml;glichsten Trauer.
+Und mit diesem Aufschrei l&ouml;ste sich die Gestalt aus
+der Finsterni&szlig; der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt,
+und st&uuml;rzte ungest&uuml;m auf Bruno zu, der eilend
+sich den Rossen n&auml;herte, welche jetzt ihm zugef&uuml;hrt wurden.
+Er wandte sich und sah in des Anst&uuml;rmenden Angesicht.
+Nicht l&auml;nger als bis man eins z&auml;hlt, sah er hinein.
+Aber er ward von einem Blick getroffen, der so gethan
+war, da&szlig; vor ihm ein Teufel aus der untersten H&ouml;lle
+h&auml;tte zur Umkehr oder der hehrste der heiligen Engel
+zu Fall und Verstockung gebracht werden k&ouml;nnen.
+&raquo;Bruno!&laquo; h&ouml;rte er sich rufen. Aber er sagte nichts
+und packte mit m&auml;chtigem Griff den sich zwischen ihn
+und die Rosse Dr&auml;ngenden. Da hub sich ein Arm
+gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch
+im Nu hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden,
+die ihn f&uuml;hrte, und stie&szlig; ihn tief in seines Gegners
+Brust. &raquo;Schwester!&laquo; rief der mit versagender Stimme
+und brach lautlos zusammen.</p>
+
+<p>Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit
+welcher der t&ouml;dtliche Streich geschehen war.</p>
+
+<p>Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr
+Ruf, da&szlig; das Fr&auml;ulein k&auml;me, brachte ihn zu sich.</p>
+
+<p>Geschwind verh&uuml;llte Bruno des Erschlagenen Angesicht,
+und als Joconda neben ihm stund und zitternd
+<!-- Page 135 --><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">135</a></span>
+auf die klaffende Wunde deutete, da sagte er. &raquo;Es
+galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht,
+Joconda, oder seines. &#8211; Hinweg, hinweg!&laquo;</p>
+
+<p>Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos,
+und er f&uuml;hlte eine eisige K&auml;lte in seinem Gebein.</p>
+
+<p>&raquo;Hinweg, hinweg!&laquo; riefen da wieder die Knechte
+und vom Thor her h&ouml;rte man Get&uuml;mmel.</p>
+
+<p>Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse
+trugen die Fliehenden auf verschlungenen Wegen durch
+die Nacht. Bald hatten sie die Stadt weit hinter sich.
+Aber Bruno war&rsquo;s noch immer, als schl&uuml;ge das Brausen
+der emp&ouml;rten Volksmenge laut und lauter an sein
+Ohr und w&uuml;rden die Sturmglocken gezogen und ihre
+ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und immer vernehmlicher:
+&raquo;Mord, Mord!&laquo;</p>
+
+<p>Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen
+zu berichten, die nun folgten, welcherlei sie gewesen
+sind f&uuml;r die Beiden: Tage der Flucht, Gefahr und Noth.</p>
+
+<p>Bologna&rsquo;s Rath und Volk forderte Rache f&uuml;r
+den Friedensbruch und die Blutthat. Bruno&rsquo;s Leben
+ward in ihre Hand gegeben, er ward all&rsquo; seiner G&uuml;ter
+beraubt und schlagen durft&rsquo; ihn, wer ihn f&auml;nde. Mit
+gro&szlig;em Verlangen trachtete er darum aus Welschland
+hinweg und auch weil er keine Ruhe fand unter dem
+Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf seinen
+Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen
+ers&auml;he und deutschen Laut vern&auml;hme, w&auml;hnte er, w&uuml;rde
+sein Gem&uuml;th sich entledigter f&uuml;hlen und frei. Unter
+gro&szlig;en M&uuml;hseligkeiten ward die Flucht gethan. Aber
+endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden
+Rast und Bergung auf der Burg Adelberts. Allda
+gedachte Bruno zu harren, ob etwa der Sache Rath
+<!-- Page 136 --><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">136</a></span>
+w&uuml;rde und seine Freunde f&uuml;r ihn Gnade erwirkten
+beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war,
+gelangte Zeitung an ihn, da&szlig; das Urtheil wider ihn
+best&auml;tiget und all&rsquo; sein Lehn vom kaiserlichen Vogt eingenommen
+w&auml;re. Da zeigte es sich, was die treue
+Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das
+Ungemach zu f&uuml;hlen, was Bruno bereitet war; ja sie
+theilte seine Sorgen, als tr&uuml;ge sie den gr&ouml;&szlig;eren Theil
+der Schuld daran, und &uuml;ber das eigene Elend lie&szlig;
+sie nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele
+durch solche Geduld m&auml;chtig ermuthigt und durch ihre
+Zuversicht, darin sie nicht wankte, da&szlig; bessere Tage
+nahe w&auml;ren. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem
+Bruder hinkehrte, was wohl t&auml;glich geschah, und dabei
+gedachte, wie gewi&szlig;lich sie hoffte, er w&uuml;rde ihr noch
+verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob von ihm noch
+keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno&rsquo;s Seele
+jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes
+Wort ward wieder laut in seinem Herzen, das die
+Sturmglocken Bologna&rsquo;s ihm nachgerufen hatten in
+der Nacht, da die Flucht geschah. &#8211; Dann wandte
+er sich und sein Blick ward finster und immer finsterer,
+je beweglicher sein Weib ihm Trost zusprach; denn sie
+w&auml;hnte, das sehnende Verlangen der Freundschaft nach
+Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm
+den Muth also. Bruno aber, wie oft er&rsquo;s auch beschlossen
+hatte, und wie gewi&szlig; er erkannte, da&szlig; es
+einmal geschehen m&uuml;&szlig;te, gewann das Herz nicht, ihr
+zu sagen von Guido&rsquo;s Tod.</p>
+
+<p>So kam der Herbst heran, und wie den Beiden
+der gute Bote noch immer verzog, so wollte Joconda
+nicht l&auml;nger leiden, da&szlig; Bruno ferner in tr&auml;ger Ruhe
+<!-- Page 137 --><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">137</a></span>
+seine Tage vers&auml;&szlig;e und allein fremder H&uuml;lfe harrete.
+Wenn er selber sein Verm&ouml;gen brauchte, so w&uuml;rd&rsquo; es
+nicht vergeblich sein; oder warum sollte f&uuml;r ihn kein
+Mitleid vorhanden sein, der bis dahin so werth gehalten
+worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber nicht unbekannt
+geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde
+geworden war, da&szlig; die Majest&auml;t zu Costnitz Hof hielt,
+so lag Joconda ihrem Gemahl mit vielen Bitten an,
+dahin zu ziehen, als Bittender seine Sache zu betreiben,
+S&uuml;hne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier
+ihm eine Bu&szlig;fahrt, die da ihm zu thun vorhanden
+war, und schwer ward es ihm, den stolzgewohnten
+Sinn dahin zu kehren. Denn er mu&szlig;te ohne Geleit
+ziehen und verhohlen, da&szlig; es nicht schiene, als ged&auml;chte
+er sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das
+ihm gesprochen war. Sein Weib wollte nicht von
+ihm weichen in keiner F&auml;hrni&szlig; und Noth und zog mit
+ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf
+dem Wege waren, kam ihre Stunde. In gro&szlig;en
+Schmerzen gelangte sie, von Bruno gef&uuml;hrt, in eine
+H&ouml;hle, die sie da ersp&auml;hten, denn sie wanderten im
+Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als
+Bruno mit Weh und Wonne das feine Kn&auml;blein in
+seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal, gestaltet
+wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes,
+doch sagt&rsquo; er nichts.</p>
+
+<p>Wie gro&szlig; nun die Noth in jener H&ouml;hle war,
+l&auml;&szlig;t sich leicht ermessen, und Bruno, da er sah,
+da&szlig; er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter
+Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu
+werden. Der F&uuml;rst der H&ouml;llenschl&uuml;nde sandte ihm einen
+b&ouml;sen Geist des Unmuths und der Ungeduld.
+</p>
+
+<p><!-- Page 138 --><span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">138</a></span>
+Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten
+Engel, das Banner der Hoffnung, des Heils und der Ehre
+ihm f&uuml;rzutragen. Selber im Elend zu sein und im Ungemach
+auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher
+Sinn gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie
+das Kind, das sie gewonnen, in gleiches Weh verschlungen
+sah, verzagte sie, und gegen die m&uuml;tterlichen
+Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft.
+Da h&ouml;rt Bruno sie oft, &uuml;ber ihr Kind gebeugt, weinen
+und desselben jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat
+er nicht hinzu, ihr Trost zu sagen mit liebem Wort,
+sondern er wandte sich hinweg m&uuml;rrisch, da&szlig; sie vor
+ihm ihren Jammer auslie&szlig;e, der wohl gleich sehr zu
+klagen h&auml;tte oder mehr. Und einst in solcher Stunde,
+da sie ihres Bruders gedachte, und wie er ihrer Noth
+sich gewi&szlig;lich erbarmen w&uuml;rde, da murmelte er, die
+Hoffnung auf Guido w&auml;re verloren.</p>
+
+<p>Joconda sah ihn fragend an.</p>
+
+<p>&raquo;Der Todte, dessen Anblick vor Bologna&rsquo;s Thor
+Dich erschreckte&laquo; &#8211; hub er an, und finster waren seine
+Brauen zusammengezogen, da er redete.</p>
+
+<p>&raquo;War mein Bruder?&laquo; schrie sie auf.</p>
+
+<p>Bruno nickte und sah zur Erde.</p>
+
+<p>&raquo;Und Deine Hand war&rsquo;s, die ihn schlug?&laquo; keuchte
+sie schwer athmend und richtete sich hoch empor.</p>
+
+<p>&raquo;Die Liebe zu Dir bezwang mich also, da&szlig; ich&rsquo;s
+that,&laquo; sagt&rsquo; er, d&uuml;ster blickend wie vorhin.</p>
+
+<p>&raquo;So Fluch Deiner Liebe!&laquo; h&ouml;rt&rsquo; er sie rufen, und
+schrecklich klang ihre Stimme. &#8211; &raquo;Fluch Deiner Liebe,
+Fluch jeder Augenweide, damit ich geschm&uuml;ckt war, sie
+zu wecken, und Fluch jeglichem Wort und L&auml;cheln,
+dadurch das h&ouml;llische Band sich kn&uuml;pfte!&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 139 --><span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">139</a></span>
+&raquo;Halt ein, Joconda!&laquo; rief Bruno entsetzt. &raquo;Du
+fluchst Dir und unserem Kinde dort.&laquo;</p>
+
+<p>Da war sie mit einem Sprunge hin zum schlafenden
+Knaben, ri&szlig; ihn vom Lager und umschlang
+ihn fest mit ihren Armen. So stund sie drohend, der
+L&ouml;win gleich, die ihr Junges vertheidigt. &raquo;Nimmer
+soll dies Kind, das Deine Blutthat mit
+<ins class="correction" title="Original: den">dem</ins> Kainsmal
+des Brudermordes gezeichnet hat, Dich mit dem
+s&uuml;&szlig;en Vatersnamen rufen lernen, den Du mit Trug und
+Mord Dir erschlichen; und zuvor m&uuml;ssest Du mich erschlagen
+wie meinen Bruder, ehe Deine M&ouml;rderh&auml;nde
+je wieder den Knaben ber&uuml;hren oder mich.&laquo;</p>
+
+<p>Er wagte nicht, sich ihr zu n&auml;hern, noch Antwort
+zu geben auf ihre wilden Worte; ihre Blicke
+schienen ihm wie Blitze, da&szlig; er nicht zu ihr aufzusehen
+vermochte. Aber flehend streckte er seine Arme aus
+nach ihr.</p>
+
+<p>Da st&uuml;rzte sie, als litte ein Grauen sie nicht mehr
+nahe bei ihm, ehe er&rsquo;s hindern konnte, an ihm vorbei
+hinaus in die Wildni&szlig;.</p>
+
+<p>Als er mit Schrecken ihr nacheilte und sie mit
+Namen rief, wandte sie sich und rief: &raquo;Wag&rsquo;s, mir zu
+folgen, so wird der Abgrund hier zu meinen F&uuml;&szlig;en
+mich und das Kind zerschellen.&laquo;</p>
+
+<p>Und er zweifelte nicht, wie er sie sah, da&szlig; sie
+thun w&uuml;rde nach ihren Worten. &#8211; Als ob eine
+neue Kraft ihr verliehen w&auml;re, klomm sie behende, dem
+gescheuchten Wilde gleich, den Bergeshang hinan, und
+droben auf vorspringendem Felsgestein sah sie noch
+einmal hernieder, bog ihr Haupt, das wirr das
+schwarze Haar, vom Winde aufgel&ouml;st, umwehte, zur&uuml;ck
+und reckte ihren Arm abwehrend gegen den Genossen
+<!-- Page 140 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">140</a></span>
+ihrer Schuld. Dann hub sie das Kind, das sie trug,
+hoch gegen den Himmel und war verschwunden.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Bruno hat Tage und N&auml;chte nach ihr gesucht,
+gerufen, geweint; aber nur die Felsenw&auml;nde hallten
+ihren Namen zur&uuml;ck. Er hat sie nie wieder gesehen,
+noch erfahren, ob die Beiden in der Ein&ouml;de des Gebirgs
+verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum
+Raub geworden sind, oder ob die Mutter sich und ihrem
+Kinde eine Ruhstatt gefunden hat. Da hat auch Bruno
+seinen Namen erl&ouml;schen lassen im Ged&auml;chtni&szlig; der Menschen
+und f&uuml;r sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden
+und sein Herz zur Bu&szlig;e zu kehren, da&szlig; er der
+H&ouml;lle im Tode entfliehen m&ouml;chte.</p>
+
+<p>Die H&ouml;hle aber nieden St. Wigbert&rsquo;s Kirchlein
+mit der Klause, darin jetzt ich hause, Diether, die ist&rsquo;s,
+darin sich zutrug, was ich Dir erz&auml;hlte, und hier auf
+dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib zum
+letzten Mal mit der Geb&auml;rde des Grauens vor ihm
+und des Flehens um Erbarmen zu Gott f&uuml;r ihr Kind.
+Und der Ring, den Du fandest, ist Joconda&rsquo;s; sie hat
+ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen ihrer
+schuldvollen Gemeinschaft.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Und nun wei&szlig;t Du, Diether, warum ich Dich
+bat, der armen Seele vor Gott zu gedenken, von der
+Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und das Thierlein
+daneben.&laquo;</p>
+
+<h4>Allhier endet die von Brun erz&auml;hlte Geschichte.</h4>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&raquo;Gnade der milde Christ nach seiner G&uuml;tigkeit
+denen Allen, so in Ungl&uuml;ck gerathen sind &#8211; und uns!&laquo;
+sagt&rsquo; ich, und gar sehr war ich bewegt im Herzen von
+der Geschichte, die ich geh&ouml;rt hatte.
+</p>
+
+<p><!-- Page 141 --><span class=
+'pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">141</a></span>
+Wohl trieb&rsquo;s mich, noch ferner mit Brun davon
+zu reden, und von Bruno, was denn aus ihm geworden,
+ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich
+ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund
+auf und sagte: &raquo;Auf, Diether! &#8211; Schon ist Mitternacht
+vor&uuml;ber, denn sieh, der Mond neigt sich auf
+seiner Bahn dort den Bergen zu. K&uuml;hl hat sich der
+Nachtwind aufgemacht und der Thau f&auml;llt stark.
+Lang&rsquo; schon solltest Du, junger Knabe, unter Dach
+geborgen sein.&laquo;</p>
+
+<p>Und so stieg er mir voran den Bergeshang abw&auml;rts.
+Wie wir schweigend giengen und &uuml;ber uns die
+Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter, bald leiser
+und sich gegen einander bogen, und unter uns die
+Wellen brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer
+murmelnd, war mir&rsquo;s, als erz&auml;hlten auch sie sich in
+der Sommernacht die traurige M&auml;r&rsquo; von dem ewigen Geheimni&szlig;
+des Menschenherzens, das w&auml;hnet, das Paradies
+zu gewinnen, und die Schmerzen der H&ouml;lle sich bereitet.</p>
+
+<p>Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der
+Klause. Ich wei&szlig; nicht, wie mir da geschah und ob
+ich schon eingeschlafen war oder just die Augen zum
+Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir
+stehen und unverwandt mich betrachten.</p>
+
+<p>Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte
+seine Hand, mich zu ber&uuml;hren. Dann wich er wieder
+ein wenig zur&uuml;ck, als scheute er sich zu thun, wozu
+doch sein Sinn ihn zog, oder er f&uuml;rchtete, ich m&ouml;chte
+erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile
+lie&szlig; er ab von diesem Streit. Aber eine gr&ouml;&szlig;ere Unruhe
+schien in seiner Seele sich anzuheben. Es war,
+als ob mein Anblick davon die Ursache w&auml;re. Er sah
+<!-- Page 142 --><span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">142</a></span>
+noch einmal lang&rsquo; nach mir hin, schauderte dann j&auml;hlings
+zusammen und sank in seinen Sitz nieder, sein
+Angesicht von mir gewendet und mit beiden H&auml;nden
+verh&uuml;llend.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, HErr!&laquo; h&ouml;rt&rsquo; ich ihn murmeln.
+&raquo;Nicht dieses Bild jetzt neben die s&uuml;&szlig;e Erinnerung!&laquo;</p>
+
+<p>Ein breiter Strahl des Mondes drang durch das
+dichte Gitter der B&auml;ume drau&szlig;en und das kleine Fenster
+und glitt durch den engen Raum hin zur Wand dem
+Alten gegen&uuml;ber. Wie es dort hell das Bild der
+Gottesmutter umspielte, ward sein Blick, da er sein
+Haupt wieder erhob, dorthin gelenkt. Irgend etwas
+an dem Bilde mu&szlig;te ihn erschrecken. Denn er erzitterte
+auf&rsquo;s Neue. Und doch konnt&rsquo; er nicht widerstehen,
+dahin zu blicken, was der lichte Schein ihm wies.</p>
+
+<p>&raquo;Und Du drohest immer wieder&laquo;, sagt&rsquo; er dabei
+mit Fl&uuml;stern, &raquo;und ewig blutet die Wunde?&laquo;</p>
+
+<p>Da sah ich ihn aufspringen und das Schwert aus
+der Seite des Bildes ziehen, darin es stak. Er trat
+damit in das Licht und lie&szlig; den Stahl darin blitzen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja&laquo;, rief er dann mit leisem St&ouml;hnen, &raquo;sie sind
+noch immer da &#8211; die blutigen Flecken, und keine Zeit
+hat Rost genug, sie zu verzehren!&laquo;</p>
+
+<p>Und jetzt schwang er die Waffe mit wilder Geb&auml;rde,
+und es hatte das Ansehen, als wollt&rsquo; er sie
+gegen sich selber richten und es sch&uuml;fe ihm M&uuml;he,
+davon abzulassen, und ich h&ouml;rt&rsquo; ihn dabei klagen:
+&raquo;Verloren all&rsquo; &#8211; all&rsquo; verloren!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hilf, Herr!&laquo; dacht&rsquo; ich. &raquo;Er ist von Sinnen
+kommen!&laquo; und richtete mich in die H&ouml;h&rsquo;.</p>
+
+<p>Da wandt&rsquo; er sich und wie er mich ersah, sch&uuml;ttelte
+er heftig sein Haupt, streckte die Arme gegen mich und
+<!-- Page 143 --><span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">143</a></span>
+rief mit drohender Stimme: &raquo;Du da? Du bist der
+Bringer schrecklicher Dinge! Du weckst auf zur Mitternacht,
+was mit M&uuml;he begraben war!&laquo;</p>
+
+<p>Und als ich weiten Auges und sprachlosen Staunens
+voll nach ihm blickte, rief er wieder: &raquo;Sieh nicht so
+her mit diesen Augen! Es ist nicht! Es ist Lug auch
+dies, und nimmer heilt die Wunde!&laquo;</p>
+
+<p>Aber pl&ouml;tzlich sprang er auf mich zu, und, eh&rsquo;
+ich&rsquo;s hindern konnte, hatte er von meiner Schulter das
+Linnen gestreift, das ich trug. Als er, die Waffe
+in der Hand, sich dicht &uuml;ber mich beugte, w&auml;hnt&rsquo; ich
+nicht anders, denn da&szlig; der Rasende mich morden wollte.
+Und ich schrie laut.</p>
+
+<p>Im selben Augenblick aber war er zur Seite
+meines Lagers in die Knie&rsquo; gesunken und seine Arme
+hielten mich umschlungen. &raquo;O Gott, o Gott!&laquo; rief
+er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes.
+Und seine Hand strich mir kosend &uuml;ber Stirn und
+Wangen und seine Thr&auml;nen tropften auf mich nieder.
+&raquo;Schlaf, Diether, schlaf!&laquo; sprach er wieder, &raquo;kein
+Schrecken des Ortes m&uuml;sse Dir nahen, und Engel
+des Friedens m&uuml;ssen Dich beschirmen.&laquo;</p>
+
+<p>Darnach ergriff er meiner H&auml;nde eine und hielt
+sie an sein Herz, als w&uuml;rde von der Ber&uuml;hrung der
+Sturm sich legen in seiner Seele. Als er so gethan,
+beharrte er eine Weile, wie mich d&auml;uchte, im Gebet,
+bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng
+der Th&uuml;r zu. Bevor er hinausschritt, kehrte er sich
+noch einmal zu mir und sagte wieder: &raquo;So schlaf
+denn, Diether! und z&uuml;rne dem Alten nicht um sein
+wirres Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst,
+es ist vor&uuml;ber.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 144 --><span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">144</a></span>
+Aber wie h&auml;tt&rsquo; ich nach dem Allen vermocht, jetzt
+nach seinem Wunsch zu thun. Mich trieb&rsquo;s dem Alten
+nach zu seh&rsquo;n. Ich erblickt&rsquo; ihn durch&rsquo;s Fenster, wie
+er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das Wasser
+breiter und stiller dahinflo&szlig; als anderw&auml;rts. Dort
+stund er eine kurze Weile unbeweglich und warf die
+Waffe, die er mit sich genommen, hinab in die Tiefe.
+Vorgeb&uuml;ckt sah er ihr nach, wo sie versunken war.
+Dann gieng er festen Schrittes die H&ouml;he hinan. Ich
+konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm.</p>
+
+<p>Aber da ich leise das Fenster ge&ouml;ffnet hatte und,
+wie ich mich hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer
+des Tages &uuml;ber die Berge aufd&auml;mmern sah, t&ouml;nt&rsquo; es
+wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald unterschied
+ich heilige Kl&auml;nge und Orgelton.</p>
+
+<p>Da trat ich hinaus.</p>
+
+<p>Laut und lauter ert&ouml;nte der Gesang und deutlicher
+erscholl der Orgelton; und jetzt schwangen sich die
+T&ouml;ne auf, wie n&auml;chtliche Nebel aus der Tiefe zu lichten
+Morgenwolken werden, und ich h&ouml;rte vernehmlich den
+Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt&rsquo;
+auch ich ein und sang die sel&rsquo;gen Kl&auml;nge mit. Da
+schienen mir die Waldv&ouml;glein, die davon erwachten,
+auch mit uns Gott zu loben in ihrer Weise; und
+wie ich hinaufsah nach St. Wigbert&rsquo;s Kirchlein, gieng
+der erste Sonnenstrahl &uuml;ber sein Dach, die n&auml;chtlichen
+Schatten entflohen und ich gr&uuml;&szlig;te das s&uuml;&szlig;e Licht.</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/144_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 145 --><p class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">145
+</a></p>
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel.
+</h2>
+
+<h1>Widerstreit.</h1>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/145_g.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">G</span>ewi&szlig;lich ist&rsquo;s nichts Sonderliches, da&szlig; ein
+m&uuml;&szlig;iger Mann den Sonnenstrahl betrachtet,
+der durch&rsquo;s Fenster str&ouml;mt und die St&auml;ublein
+darin, wie sie hin und wieder schweben.
+Und ich durfte m&uuml;&szlig;ig sein in jener Nachmittagsstunde,
+da ich im Chor unserer Kirche ins Gest&uuml;hl
+niedersa&szlig; dem Bilde gegen&uuml;ber, das ich eben vollendet
+hatte. Es war die Nachmittagsstunde eines hei&szlig;en
+wolkenlosen Sommertages, unlange vor dem Feste
+St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die
+Luft fast schw&uuml;l, drau&szlig;en regte sich kein Laub, und
+nur das Flattern ge&auml;ngsteter Schmetterlinge unterbrach
+die Stille, die durch die W&auml;rme aus ihren Puppen
+heute hervorgelockt sein mochten und nun, die Freiheit
+suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil
+sie die bunten Gl&auml;ser f&uuml;r leuchtende Bl&uuml;then hielten.
+Sonderliches also war es nicht, da&szlig; ich malm&uuml;der
+Mann der sommerlichen Ruhe rings umher behaglich
+mitgeno&szlig;, die H&auml;nde ineinander gelegt hielt und den
+spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der dr&uuml;ben vom
+Fenster her hart neben mir auf das Schnitzwerk am
+<!-- Page 146 --><span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">146</a></span>
+Gest&uuml;hle gieng. Doch ich betrachtete ihn und betrachtete
+ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran haften,
+aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen
+wie eine Br&uuml;cke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher
+er kam: hinaus in die Weite. Allda besuchten sie
+manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob derselbe
+Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen
+hier in der Kirche vor sich sahen.</p>
+
+<div class="textbody"><p>&raquo;Zeuch in Frieden zur&uuml;ck in Dein Kloster!&laquo; hatte
+Brun gar freundlich zu mir gesagt zur Letze, da wir
+schieden, und hatte wie zum Segen seine Hand erhoben.
+&#8211; &raquo;Zeuch zur&uuml;ck, Diether, in Deinen Frieden, und
+auch die Erinnerung an all&rsquo; das, was Du auf Deiner
+Fahrt hier bei mir und anderswo erlebt, st&ouml;re ihn Dir
+nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu gewohnter Pflicht.
+&Uuml;berh&ouml;re keinen; und in solchem Gottesdienst wird
+Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im
+Ernst und in der M&uuml;he, sie wird Dir nicht verleidet
+werden durch ungeduldiges Hinausschweifen in die
+Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit hinter
+Dir liegt, Dein W&uuml;nschen und W&auml;hnen zu eig&rsquo;ner
+Qual gefangen nehmen!&laquo; Dann hatt&rsquo; er mir auch
+gesagt, ich sollte die Aventiure, so mir begegnet war,
+und all&rsquo; meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir
+auch urspr&uuml;nglich bestimmt gewesen: als etwas, das
+nicht mich angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern
+allein nur meine Kunst, mit ihr desto besser Gott zu
+dienen.</p>
+
+<p>Nach solchem Rath hatt&rsquo; ich denn treulich gethan,
+und mich d&auml;uchte, er war mir trefflich gediehen.</p>
+
+<p>Ich hatte mir f&uuml;rgesetzt, von Allem, was sich mit
+mir zugetragen hatte, so es m&ouml;glich w&auml;re, gegen Niemand
+<!-- Page 147 --><span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">147</a></span>
+im Convent zu reden: ich w&uuml;rde denn gedrungen dazu.
+Denn ich wu&szlig;te wohl, da&szlig; dann des Fragens kein
+Ende sein w&uuml;rde, auch des Spottes nicht und des
+Verdachts. Nur wie ich vor Abt Albrecht bestehen
+sollte mit meiner Beichte, wenn er mich vor sich erfordern
+w&uuml;rde zur Rechenschaft von meiner Reise und
+von dem, was ich ausgerichtet &#8211; das schuf mir Noth.
+Mein Bleiben auf Elzeburg, und da&szlig; ich mir die
+Verwechselung so lang gefallen lie&szlig;, die Ursach&rsquo; auch,
+aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den
+zween Fahrenden: wie konnt&rsquo; ich denken, dies Alles
+dem Gestrengen so glimpflich f&uuml;rzubilden, auch wenn
+ich dabei der besten Kunst brauchte, die ich verm&ouml;chte,
+da&szlig; er darob seine Gunst nicht von mir wendete, mich
+hart anlie&szlig;&rsquo; und gar in die Gei&szlig;elkammer schickte zur
+P&ouml;n und B&uuml;&szlig;ung.</p>
+
+<p>Damit aber war es mir viel besser gerathen, als
+ich mich de&szlig; versehen hatte. Denn da ich wieder gen
+Maulbronn kam und in den Klosterhof trat, und die
+Br&uuml;der, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so
+Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von
+allen Seiten h&ouml;rte: &raquo;<em class="antiqua">Salve, Diethere!</em>&laquo;
+oder: &raquo;<em class="antiqua">Quid
+novi?</em>&laquo; oder: &raquo;Heah, Diether, wie hast Du ein ander
+Aussehen gewonnen auf der Fahrt!&laquo; und da beinahe
+ein Get&uuml;mmel entstund von der Menge der Herzulaufenden
+und dem &raquo;Diether&laquo;-Rufen &#8211; so merkt&rsquo; ich
+allsogleich, da&szlig; es heut an Abt Albrecht&rsquo;s Regiment
+fehlen m&uuml;&szlig;te, denn es war die Stunde des Tages, da
+sonst keiner der Br&uuml;der, zwingende Ursach&rsquo; ausgenommen,
+sich in Hof und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich
+denn des Abtes drohende Gestalt nirgend aus einer
+Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah, fragt&rsquo;
+<!-- Page 148 --><span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">148</a></span>
+ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, da&szlig; er,
+hochwichtige Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen
+Pforzheim gezogen w&auml;re, allda mit etlichen hohen
+weltlichen Herren zu handeln, die sich unterwunden,
+unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior,
+dem er zumeist vertraute, w&auml;re auch mit ihm, und so
+m&ouml;cht&rsquo; ich mich um deswillen nichts besorgen, sondern
+unter ihnen bleiben und von meiner Fahrt erz&auml;hlen.
+Da sagt&rsquo; ich ihnen, vom weiten Wege w&auml;r&rsquo; ich
+&uuml;berm&uuml;de, und ob sie nicht w&uuml;&szlig;ten, da&szlig; zu dem Willkomm&rsquo;,
+damit man den Waller begr&uuml;&szlig;e, bevor Allem
+sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete. &raquo;Und
+wenn Ihr mir die geg&ouml;nnt habt&laquo;, sagt&rsquo; ich, indem ich
+dem Refectorio zuschritt, &raquo;so seid gef&uuml;ge und la&szlig;t mir
+heute die Ruhe, die ich Wegm&uuml;der wohl mir verdienet
+habe.&laquo; Da meinten Etliche, ich w&auml;re wohl gar
+stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man
+s&auml;he, da&szlig; ich in des Bischofs Pfalz die h&ouml;fischen Sitten
+erlernet h&auml;tte.</p>
+
+<p>Nun ward mir nicht um ein Kleines s&auml;nftiglicher
+zu Sinne, da&szlig; ich dergestalt heut und morgen des
+Erscheinens vor des Abtes hellem Auge &uuml;berhoben
+war; und wie ich mich der Br&uuml;der, sonderlich der Neugierigen
+unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von
+meinen Aventiuren nichts zu verrathen, auch dazu
+ward mir Rath. Denn andern Tages fr&uuml;h, sogleich nach
+der Matutin, &uuml;berkam ich den Befehl, den der Abt f&uuml;r
+mich zur&uuml;ckgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner
+Fahrt heimgekommen, schier unges&auml;umt mich an mein
+Malwerk in der Kirche machen und dasselbige also f&ouml;rdern
+da&szlig; die Verz&ouml;gerung, so ihm durch mein Abwesen widerfahren,
+nach M&ouml;glichkeit wiederum eingeholt w&uuml;rde.
+</p>
+
+<p><!-- Page 149 --><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">149</a></span>
+Behender, d&uuml;nkt mich, bin ich nie auf&rsquo;s Ger&uuml;st
+hinangestiegen, als dazumal, und lieber hab&rsquo; ich nimmer
+darauf mit Stift und Pinsel geschafft, noch eifriger.
+Und das nicht allein darum, weil ich, so lang&rsquo; ich
+droben weilte, vor aller Bedr&auml;ngni&szlig; durch l&auml;stige
+Frager geborgen war; &#8211; denn Niemand durfte mich aus
+sonderlichem Untersagen des Abts da heimsuchen, er
+mu&szlig;te denn zu Hilf&rsquo; und Handreichung von mir begehrt
+sein &#8211; sondern ich erfand auch eben da, wie weise
+Brun bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch
+trefflicher wies sein Rath sich mir aus, als er wohl
+selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit, dazu jeder Tag
+mich rief, lenkte freilich all&rsquo; meine Gedanken auf sich
+und forderte mein Verm&ouml;gen, es g&auml;nzlich daran zu
+kehren. So wurde mein Gem&uuml;th vom unruhigen
+Schweifen durch sie heilsam zur&uuml;ckgehalten. Aber da
+bewies Frau Kunst an mir Unm&uuml;&szlig;igem noch eine besondere
+Tugend. Denn sie versagt denen, die sie meinen
+und minnen, nichts von Allem, wonach sie Herze tragen,
+und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen
+darnach und seiner Unlust. &#8211; Sie l&auml;&szlig;t die Seele der
+Dinge, daran sie h&auml;ngt, genie&szlig;en, als w&auml;ren sie best&auml;ndig
+gegenw&auml;rtig, und kein Herbst drohte den Bl&uuml;then
+und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen; damit
+mein&rsquo; ich gar nicht, da&szlig; die, so einer edlen Kunst rechte
+J&uuml;nger sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid
+und M&uuml;he in der &Uuml;bung solcher Gabe nicht kennen:
+der Wiederhall von der Menschheit Weh und Wonne,
+ja von Himmel und H&ouml;lle ert&ouml;net wohl lauter in ihrem
+Herzen als in anderen; aber das sag&rsquo; ich, da&szlig; die
+Bilder der Dinge in ihrem Gem&uuml;th sich spiegeln k&ouml;nnen
+in all&rsquo; ihrem unterschiedlichen Licht und Glanz, und
+<!-- Page 150 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">150</a></span>
+dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern
+in der Stille bleiben kann und edlen Freiheit.</p>
+
+<p>Also, ist mein W&auml;hnen, geschah auch mir in jenen
+Wochen nach meiner Wiederkunft, da ich das Bild
+malte im Chor vom englischen Gru&szlig;. Ohne Absicht
+gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den
+drau&szlig;en erlebten Maientagen in der Seele trug, und
+je eifriger ich allen Flei&szlig; zu meiner Arbeit kehrte, desto
+n&auml;her brachte sie mir das Erlebte, und Vergangenheit
+und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins
+zusammen und st&ouml;rten sich nicht. Da geschah&rsquo;s auch,
+da&szlig;, wie ich die sel&rsquo;ge Gottesmutter auf das Bild gebracht
+hatte, die hehre Fraue Irmela&rsquo;s Z&uuml;ge an sich
+trug, und ich hielt&rsquo;s nicht f&uuml;r s&uuml;ndlich, sondern setzte
+mit Freuden die Glorie um&rsquo;s Haupt aus lauterem Golde;
+denn ich gedachte, da&szlig; wir ja auch das Heiligste nicht
+anders bilden k&ouml;nnen, als indem wir Gottes Creatur
+daf&uuml;r zum Gleichni&szlig; erkiesen. Ich malte aber auch
+unter das Laub, so die heilige Maria &uuml;berh&auml;ngt, ein
+Gezweig bl&uuml;henden Flieders und zu der Lilie im Gef&auml;&szlig;
+that ich ein Reis mit r&ouml;thlich schimmernden Apfelbl&uuml;then.
+Solches und Anderes f&uuml;gt&rsquo; ich hinzu, nach dem Bildni&szlig;,
+das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte.</p>
+
+<p>Als es nun Alles vollendet war, mit gr&ouml;&szlig;erem
+Flei&szlig; und eifrigerem Trachten das Beste meines Verm&ouml;gens
+zu thun, als ich je zuvor an ein Bild gekehrt,
+d&auml;uchte mich&rsquo;s wohl gerathen und ich dachte: &raquo;Was
+gilt&rsquo;s! Schwerlich h&auml;tte Abt Albrecht dem welschen
+Bilde, nach dem er mich ausgesandt, eine bessere Zierde
+f&uuml;r unsere Kirche verdankt, als er nun gewonnen hat!&laquo;</p>
+
+<p>Mit solchen Gedanken sa&szlig; ich nieder in&rsquo;s Gest&uuml;hl
+an jenem Vormittag mit dem Behagen Eines, der sein
+<!-- Page 151 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">151</a></span>
+Werk vollbracht hat und nun ganz der Ruhe genie&szlig;t.
+Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg
+vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten
+Mal nach meiner Heimkunft, d&uuml;nkt mich, stieg in mir
+die Frage auf, ob ich wohl f&uuml;r immer von dieser bunten
+Welt drau&szlig;en und von Elzeburg und ihrem Ingesinde
+sollte geschieden bleiben. Irmela&rsquo;s Zuversicht kam mir
+in Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden
+die Hand bot, da&szlig; sie mich um die Sonnenwende zu
+Speyer wieder zu sehen ged&auml;chte, als ihrem Ohm gesindet.
+Ich mu&szlig;te auch gedenken, wie sie sagte, sie
+verhoffe noch manche Lieder von mir zu h&ouml;ren und
+fr&ouml;hliche. &raquo;Wie wird sie sich verwundern&laquo;, dacht&rsquo; ich,
+&raquo;wenn sie vernimmt, ich sei entschwunden&laquo;, und ich fragte:
+&raquo;ob sie dann auch meiner Bitte sich erinnern wird, die
+ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?&laquo; Und ich
+w&uuml;nscht&rsquo; es mir also. &#8211; &raquo;St. Johannistag ist nahe&laquo;,
+dacht&rsquo; ich wieder, &raquo;nun wird das M&auml;gdlein auf sein
+gen Speyer; leichtlich ist sie schon allda. In der
+Kurzweil&rsquo; und im f&uuml;rstlichen Glanz des Hofes wird sie
+die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen
+haben &#8211; und, eitler Diether, noch b&auml;lder Dich!&laquo;</p>
+
+<p>Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl,
+denn er, so schien&rsquo;s mir, lockte meine Gedanken auf
+diese Bahn, und ich beschlo&szlig;, solchem Sinnen nicht ferner
+nachzuhangen. Brun&rsquo;s gedachte ich und seiner Mahnung,
+da er mich von sich lie&szlig;; ich gedachte auch der traurigen
+Geschichte, die er mir erz&auml;hlt hatte. Wie war er doch
+selbst von ihr so bewegt worden und wie eindringlich
+warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich
+ihn so gar ver&auml;ndert und erschreckend gesehen, hatte er
+Alles dessen, was er da gethan und gesprochen, nicht
+<!-- Page 152 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">152</a></span>
+mehr gedacht, als w&auml;r&rsquo; es von ihm vergessen wie ein
+Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten hatte
+er meine Lust gelobt in&rsquo;s Kloster zur&uuml;ck und sie gemehrt.
+Auch hatt&rsquo; er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen
+nicht aufgespart bleiben, bis ich auf&rsquo;s Neue eine
+Verwandlung leiden und die Flucht geben m&uuml;&szlig;te, denn
+dann w&uuml;rd&rsquo; er und gewi&szlig;lich ich auch sie nimmer w&uuml;nschen;
+sondern um meinetwillen wollt&rsquo; er unterweilen
+aus seiner Waldestiefe herf&uuml;rtauchen und mich heimsuchen
+im Kloster. Einem alten Waldbruder w&uuml;rde
+der Convent den Eingang nicht versperren. Um den
+Johannistag wollt&rsquo; er mich sehen. Dessen gedacht&rsquo; ich
+jetzt und wie &uuml;belgethan es von mir w&auml;re und Zeichen
+eines unverst&auml;ndigen Sinnes, wenn ich des treuen Berathers
+verg&auml;&szlig;e, den ich mir gewonnen hatte, und
+au&szlig;er seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas
+mehr begehrte, als was sie mir droben f&uuml;r mein Bild
+eingebracht hatte. &#8211; &raquo;So will ich denn&laquo;, sagt&rsquo; ich bei
+mir, &raquo;in dieser Sommerzeit nur des Alten harren und
+sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt
+das Sonnenlicht mir gezeigt.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte
+die Kirche zu verlassen, als ich im Laienchor feste und
+eilige Schritte h&ouml;rte, und gleich darauf durch das Lettnerpf&ouml;rtlein
+Abt Albrecht und hinter ihm der Prior sichtbar
+wurden. Er war immer ein Herr von wenig
+Worten, und so mocht&rsquo; er auch von Andern keins zum
+&Uuml;berflu&szlig; h&ouml;ren. So fragt&rsquo; er nach kurzem Gru&szlig; allsogleich,
+wie&rsquo;s mir mit dem Bilde gerathen w&auml;re. Ich
+verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das
+Werk aufmerksam und rief dann nach kurzer Weile:</p>
+
+<p>&raquo;Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und
+<!-- Page 153 --><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">153</a></span>
+an dem Eifer, mit dem Du daran geschafft hast, vermerke
+ich mit Freuden, wie f&ouml;rdersam Dir die Reise
+gewesen ist. Zwar&laquo;, fuhr er fort, &raquo; ich sehe, Du hast
+von dem Deinen hinzugethan, aber ausb&uuml;ndig herrlich
+mu&szlig; das Muster sein, nach welchem Dir hier dies Bild
+unserer lieben Frau gelungen ist, und nicht zuviel nach
+meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des
+welschen Meisters ger&uuml;hmt.&laquo;</p>
+
+<p>Und er betrachtete wieder das Bild.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind wohl zufrieden mit Dir&laquo;, sagt&rsquo; er dann
+noch, indem er sich zu mir kehrte &#8211; &raquo;erwarten nun
+aber, da&szlig; Du nicht minder Eifer und Kunst an dem
+Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist.
+Hier, wei&szlig;t Du, sollen die heil&rsquo;gen drei K&ouml;nige f&uuml;rgestellt
+werden (und er zeigte auf die Stelle der Wand),
+wie sie gezogen kommen, den Gottessohn anbeten und
+ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether, das
+Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn
+Du Profe&szlig; thust, mu&szlig; zu mehrerer Ehre solcher Feier
+all&rsquo; diese heil&rsquo;ge Zier von den W&auml;nden auf Dich herniedersehen,
+der durch Gottes Gabe und Gnade sie
+dahin gebracht hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So eben zur Stunde, ehrw&uuml;rdiger Vater&laquo;, sagt&rsquo;
+ich bescheiden, &raquo;hab&rsquo; ich das Letzte dort am englischen
+Gru&szlig; gethan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ruhe heut&laquo;, sagt&rsquo; er wieder, &raquo;und heb morgen
+mit den heil&rsquo;gen drei K&ouml;nigen an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch wei&szlig; ich nicht, wie ich&rsquo;s am Besten angreifen
+mag, und die K&ouml;nigliche Pracht f&uuml;rzubilden
+d&uuml;nkt mich schwer zu sein, der ich des ritterlichen Wesens
+wenig erschaut habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel
+<!-- Page 154 --><span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">154</a></span>
+Deinem Auge kund worden auf Deiner Fahrt, und
+wie hier am englischen Gru&szlig; der Gewinn sp&uuml;rbar ist,
+den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so
+verhoff&rsquo; ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus
+dem Morgenlande noch mehr davon sichtbar werden.
+&#8211; Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit gew&auml;hrt,
+durch Feld und Wald zu streifen. Brauch&rsquo; solcher Mu&szlig;e,
+dem Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es
+nur erst in Deiner Seele lebendig, so werden die H&auml;nde
+bald nachfolgen, es zu gestalten. Nur z&ouml;gere nicht und
+la&szlig; Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch
+Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten
+ist, dar&uuml;ber sollst Du mir berichten, wenn ich
+Dich mit N&auml;chstem darum vor mich fordere. Denn zur
+Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.&laquo;</p>
+
+<p>Damit winkt&rsquo; er seinem Begleiter, hub zu Gru&szlig;
+und Segen die Hand gegen mich, und als ich aufsah,
+schritten sie schon das Pf&ouml;rtlein hinaus, durch das sie
+gekommen waren.</p>
+
+<p>Da verlie&szlig; auch ich die Kirche. Nach des Abtes
+Rath und dem Antriebe meines eigenen Herzens eilt&rsquo;
+ich die Klostermauern hinter mir zu haben. Wacker
+waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt
+gen Bretten, und doch hatt&rsquo; ich kein Ziel. Mich trieb&rsquo;s
+nur zur Bewegung, und zu rasten w&auml;r&rsquo; mir unm&ouml;glich
+gewesen. Und ob ich gleich mit allem Flei&szlig; mein Gem&uuml;th
+dahin zwang, &uuml;ber das Bild zu sinnen, das ich
+allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir
+damit nicht, meine Gedanken zur Ruhe zu bringen und
+zum stillen Aufmerken, wie meine Hand das Alles gestalten
+m&ouml;chte. Sondern immer wieder schweiften sie
+hinaus und zur&uuml;ck in die Welt, der ich ungedacht eine
+<!-- Page 155 --><span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">155</a></span>
+Weile zugesellt gewesen war. Ja, das Sinnen &uuml;ber
+das Malwerk selber, so mir aufgetragen war, half ihnen
+heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen
+Waller f&uuml;rstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen
+den reisigen Tro&szlig;; immer wieder waren es da Gestalten
+von Elzeburg, die dahin zogen, zierlich geschm&uuml;ckt, und
+dann schienen sie mir mit ihren F&auml;hnlein zu winken,
+als gr&uuml;&szlig;ten sie her&uuml;ber und riefen: &raquo;Irmela der Herrin
+fahren wir entgegen!&laquo; Dann war&rsquo;s, als m&uuml;&szlig;t&rsquo; ich
+selber mich zu ihnen gesinden und ich s&auml;he mich da
+auch unter dem Tro&szlig;.</p>
+
+<p>Da sprach ich zu mir: &raquo;Diether, es taugt Dir
+heut hier au&szlig;en nicht, mach&rsquo; Dich zur&uuml;ck in die Abtei,
+schleu&szlig; Dich ein in Deine Zelle, nimm Kohle und Stift
+zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf&rsquo;s Papier,
+so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen!&laquo;
+Aber dem Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren,
+schritt ich f&uuml;rba&szlig;, als w&uuml;rde ich vor mir
+st&auml;rker gelockt.</p>
+
+<p>Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende
+und lenkte zwischen felsigten Bergen in ein Thal hinein,
+das mit gr&uuml;nem Wiesenplan gar freundlich sich vor
+meinen Blicken aufthat. Hier wandelt&rsquo; ich zumeist schon
+im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden
+Sommertages milderte, inde&szlig; droben auf den H&ouml;hen
+das r&ouml;thliche Gestein, von hellem Gr&uuml;n dicht belaubten
+Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto
+leuchtender herniedersah. Mir zur Seite flo&szlig; ein rauschendes
+Wasser. Seine Wellen h&uuml;pften in Spr&uuml;ngen dahin,
+als l&uuml;den sie mich ein auszuschreiten ihnen nach, und
+w&uuml;&szlig;ten mir noch Sch&ouml;nes zu zeigen. Und f&uuml;rwahr!
+darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich
+<!-- Page 156 --><span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">156</a></span>
+das Thal hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild
+auf, unma&szlig;en lieblich dem Auge anzusehen. Hier waren
+die Bergz&uuml;ge noch h&ouml;her, aber sie stiegen zu beiden
+Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als
+wollten sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein D&ouml;rflein
+genommen. Das hieng an der Lehne eines waldigen
+H&uuml;gels, aus dem ein Felsen steil emporstarrte. Auf
+diesem Felsen ragte eine beth&uuml;rmte Burg, gar trutzig
+&uuml;ber die D&auml;cher unten hinausschauend in die Ferne,
+dem wachsamen Hirten gleich, der sich bewehrt hat,
+seine Heerde vor dem Wolf zu schirmen. So friedlich
+und sicher lagerten sich hier die H&auml;user an den Bergeshang,
+der die Burg trug, dicht zusammengedr&auml;ngt, und
+nur hie und da lugte noch ein Dach weiter unten im
+Thal zwischen breitwipfligen Nu&szlig;b&auml;umen hervor. Rebenpflanzungen
+und Ackerfelder bis oben an den Waldrand
+der Berge, wohlbestellte G&auml;rten und fette Weiden um&rsquo;s
+Dorf her bezeugten, da&szlig; es diesem Winkel der Erde
+nicht am Segen des Himmels, noch am Flei&szlig; der
+Menschenh&auml;nde fehlte.</p>
+
+<p>Froh &uuml;berrascht von dem unerwarteten Anblick
+hielt ich meine Schritte an. Noch besser sein zu genie&szlig;en,
+klomm ich einen Pfad hinan, der die H&ouml;he
+aufw&auml;rts f&uuml;hrte zur Seite meines Weges. Da gewann
+ich bald vom Vorsprung eines Felsens ein herrliches
+Lugaus. Burg und Dorf und G&auml;rten und Wiesen,
+in vielen Schlingungen vom flie&szlig;enden Wasser durchzogen,
+und weiterhin ringsum die H&ouml;hen, hier sanfter
+anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich
+prangend mit reifenden Saatfeldern und weit&auml;stigen
+Obstb&auml;umen, dazu die m&auml;chtigen Waldungen, die oben
+die Bergr&uuml;cken bekr&ouml;nten und auch, wo Schluchten
+<!-- Page 157 --><span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">157</a></span>
+und Kl&uuml;fte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten:
+Dies Alles &uuml;bersah ich nun mit einem Blick und
+es d&auml;uchte mich, als schaut&rsquo; ich ein Bild, gemalt von
+des besten Meisters H&auml;nden. Da zog sich auch der
+Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen
+und G&auml;rten an dem Burgberg vorbei in das D&ouml;rflein
+hinein. Dr&uuml;ben, wo es zu Ende war, ward er
+wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausf&uuml;hrte, das
+da als in einem Bogen sich abschlo&szlig;. Die Stra&szlig;e
+theilte sich dort, so da&szlig; ein Arm zur Rechten des
+Wassers blieb und mit diesem zugleich, sich allgemach
+kr&uuml;mmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil
+aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen
+Wiesengrund linksw&auml;rts zweigte sich von dem ersten
+Weg ein zweiter ab; den f&uuml;hrte eine stattliche Br&uuml;cke
+&uuml;ber das Fl&uuml;&szlig;lein, und darnach schien er in das Gebirg
+gen Mittag hinaufzuleiten.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Wie ich so all&rsquo; dies mit Mu&szlig;e von meiner H&ouml;he
+aus betrachtete und mich recht eine Freude durchdrang
+&uuml;ber die stille Herrlichkeit der Gotteswelt vor mir, da
+ward mir&rsquo;s gewi&szlig;: Dies w&auml;re mir nicht vergeblich gezeigt.
+&raquo;K&ouml;nntest Du&laquo;, sagt&rsquo; ich zu mir, &raquo;Etwas ersinnen, was
+wohlgef&auml;lliger anzuschaun w&auml;re und w&uuml;rdiger, die St&auml;tte
+vorzustellen, da die heiligen K&ouml;nige dem Gotteskinde
+und seiner Mutter begegnen &#8211; als hier dies bergumschlossene
+Gefild? He, Diether! Nun pr&auml;ge Dir all&rsquo;
+diese Augenlust recht tief ein in Dein Gem&uuml;th nach
+Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der
+Abendstern schon erblinkte und schickte seine Strahlen
+von dort oben: auf eine minder wonnesame Welt, w&auml;hn&rsquo;
+ich, s&auml;h&rsquo; er nicht hernieder, als damals der Wunderstern,
+der &uuml;ber Bethlehem stille stund.&laquo; Solches sagt&rsquo;
+<!-- Page 158 --><span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">158</a></span>
+ich zu mir und lie&szlig; meinen Blick &uuml;ber Alles wandern,
+was da zur Weide vor ihm ausgebreitet war. Dr&uuml;ben
+vom Abend her, wo der Weg hinausf&uuml;hrte aus dem
+Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig
+auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes
+herein und streifte die Baumwipfel des Waldes und
+traf auch die Zinnen der Burg. Von da, dacht&rsquo; ich,
+sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die Helden
+der Gottesminne geleitet, und wie w&uuml;rden sie voll Freude
+jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ers&auml;hen.
+Und wieder stellten sich die Gedanken von vorhin ein,
+wie ein erw&uuml;nschtes Ding es doch w&auml;re, wenn ich
+selber da heute so mitreiten k&ouml;nnte &uuml;ber Berg und
+Thal, und z&ouml;ge durch die geschm&uuml;ckte Welt zur
+Sommerzeit.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Tr&auml;umt&rsquo; ich da, oder befieng ein Zauber meine
+Sinne, der mir zum Spott vor&rsquo;s Gesicht brachte, was
+doch nicht war?! Denn siehe! Dort dr&uuml;ben auf dem
+Wege zum Thal hinein kam&rsquo;s hervor, zuerst nur undeutlich
+zu sehen zwischen den Waldb&auml;umen, dann
+gl&auml;nzend im Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche
+Reiter voran und, wie ich am blitzenden Zierrath erkennen
+konnte, den Mannen und Rosse trugen, herrlich
+geschm&uuml;ckt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu
+sein, denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet;
+sie trugen ein Banner, und von den H&auml;uptern
+ihrer Pferde nickten bunte Federb&uuml;sche; ihnen folgten
+gewappnete Knechte zu Fu&szlig; und andere reitend auf
+Rossen, die auf&rsquo;s Zierlichste aufgez&auml;umt waren. Darnach
+kamen Ritter und Herren, alle pr&auml;chtig angethan, nicht
+ger&uuml;stet, sondern als h&auml;tten sie sich einem Feste entgegengeziert
+und an Seide, an Sammet und an k&ouml;stlichen
+<!-- Page 159 --><span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">159</a></span>
+Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen
+war auch Einer, der sa&szlig; gem&auml;chlich auf wei&szlig;em Zelter:
+nach Hut und Gewand sah er aus wie ein hoher geistlicher
+Herr; Diener f&uuml;hrten sein Thier. Nach diesen
+kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Ger&auml;th
+hochbeladen, wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu
+Gezelt und K&uuml;chenwerk bestimmt, und letzlich zog ein
+bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich allweg
+solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es
+etwas zu schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt.
+So entfaltete sich dieser Zug, aus dem Walde herf&uuml;rkommend,
+und war nun ganz sichtbar auf dem Wege,
+den er erf&uuml;llte.</p>
+
+<p>Schon w&auml;hnt&rsquo; ich, sie w&uuml;rden ihre Fahrt etwan
+hinein in&rsquo;s Dorf nehmen und hinauf zur Burg oder
+an mir vor&uuml;ber; aber da sie an die Scheide des Weges
+gekommen waren, wandten sie sich linksw&auml;rts zur Br&uuml;cke
+und zogen da die Stra&szlig;e quer durch&rsquo;s Thal in das
+Gebirg&rsquo; hinauf. Staunend ruhte mein Auge auf all&rsquo;
+der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie ich zuvor
+ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel
+m&ouml;glich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus
+dem Zuge hinter den Bergen verschwunden war. Das
+war bald geschehen und dr&uuml;ben war mir der Weg
+wieder so einsam wie vordem.</p>
+
+<p>Wohl durft&rsquo; ich mich da fragen, ob&rsquo;s Wirklichkeit
+gewesen w&auml;re, was ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung.
+Doch solcher Zweifel ward mir bald benommen,
+denn ich sah zween Knappen zur&uuml;ckkehren sogleich
+darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt
+sind, die Stra&szlig;e heranreiten, welche in&rsquo;s Dorf f&uuml;hrte. Sie
+mu&szlig;ten frohe M&auml;re zu bringen haben und selber frohen
+<!-- Page 160 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">160</a>
+</span>
+Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf der Dorfstra&szlig;e
+zusammen kam, durfte die fremden G&auml;ste fragen
+und gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der
+Leutlein wahrnahm, schier guten Bescheid. Der eine
+der Beiden lenkte seitw&auml;rts hinan zur Burg, der andere
+ritt weiter f&uuml;rba&szlig;.</p>
+
+<p>Als ich sah, da&szlig; er den Weg zog, den ich gekommen
+war, und also an mir vor&uuml;ber mu&szlig;te, stieg ich
+behend von meiner Warte hinab, und da er nahte,
+schritt ich ihm entgegen, gr&uuml;&szlig;te ihn mit Z&uuml;chten und
+fragte, ob er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei
+Herren das gewesen w&auml;ren, die da mit also stolzer
+Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer Reise
+Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es
+m&uuml;&szlig;ten vor Andern auserlesene Ritter sein, und gewi&szlig;lich
+war&rsquo;s ein hohes Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck
+entgegenf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Da erwiederte der Gefragte: &raquo;Ihr habt meiner Treu
+mit Beidem das Richtige getroffen, wenn anders eine
+Hochzeit ein Freudenfest ist und ein Bischof und Grafen
+und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich auszurichten.&laquo;</p>
+
+<p>Darnach sagt&rsquo; er mir, da&szlig; sie von Speyer k&auml;men,
+dahin die junge Braut zu geleiten, welche Conrad,
+dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt w&auml;re.
+Der Bischof selber f&uuml;hrte ihr den Br&auml;utigam zu, und
+manch&rsquo; Edler w&auml;re noch in seinem Gefolge. Hier unweit
+sollte die Begegnung stattfinden und einen herrlichen
+Empfang wollte man der Braut und ihrem Geleite
+bereiten. &raquo;Da wird es,&laquo; schlo&szlig; er, &raquo;an Ehr&rsquo; und
+Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und
+ritterlichem Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen,
+wenn man h&ouml;fische Tugend und milde Sitten beweisen
+<!-- Page 161 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">161</a></span>
+will; so wird&rsquo;s auch Euch nicht reuen, geistlicher Bruder,
+wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz
+widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach
+Eurem Theile seiner Freude mit zu genie&szlig;en. Gewi&szlig;!
+Ihr bringt genug der Erinnerung heim, davon noch
+lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.&laquo;</p>
+
+<p>Darauf trieb er sein Ro&szlig; an und trabte von
+dannen. Das war mir leid, denn was er mir berichtet
+hatte, gieng mir n&auml;her zu Herzen, als er&rsquo;s denken konnte,
+und gerne h&auml;tt&rsquo; ich von ihm noch mehr erfragt.</p>
+
+<p>Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet
+hatte, das kam mir auf meinem Heimwege nicht aus
+dem Sinn. Wieder waren meine Gedanken nach Speyer
+gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte, wenn ich
+nicht von den Elzeburgern mich losgerissen h&auml;tte, und ich
+fragte mich, ob Irmela wohl schon allda w&auml;re mit ihrem
+Ohm oder ihr diese hochzeitliche Fahrt g&auml;lte. Schalt ich
+mich dann wegen solchen Fragens, das mir doch zu nichts
+diente als zur Mehrung meines unruhigen Muthes, so
+half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder sah
+ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit
+der Frage: &raquo;Ist&rsquo;s Irmela, der sie entgegen ziehen?&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>So war denn mein Zweifel und meine Unruhe
+gro&szlig;, da ich sp&auml;t gen Maulbronn zur&uuml;ckgelangt war,
+und vor Herzensschwere und Widerstreit in meiner Seele
+durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir
+die heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und
+unter dem Volke das Fest mit zu schauen, ob ich da die
+Elzeburgerin sehen m&ouml;chte, vielleicht als die, der zu Ehren
+all&rsquo; diese herrliche Pracht gezeigt ward. Und ich sagte
+mir, da&szlig; es ja nichts Arges w&auml;re, das mich triebe,
+der Gelegenheit zu brauchen, das M&auml;gdlein unvermerkt
+<!-- Page 162 --><span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">162</a></span>
+wieder zu sehen, ja, da&szlig; freilich das Gegentheil verwunderlich
+sein w&uuml;rde, und Zeichen eines bl&ouml;den
+Sinnes; ich fand auch, da&szlig; jenes Thal mit der ragenden
+Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche
+Fest, mir weidlich am Bilde zum Guten gedeihen w&uuml;rde.
+Hatte mich doch der Abt selber dahin gewiesen, drau&szlig;en
+zu suchen und mich umzuschauen, wie ich dem neuen
+Bilde am besten rathen k&ouml;nnte. Wenn mich aber so
+mein Sehnen schuldlos d&auml;uchte und da&szlig; es nicht noth
+w&auml;re, meinem dahin gerichteten Gem&uuml;the zu wehren,
+so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem
+Herzen gar ernstlich, als w&auml;r&rsquo; es doch nur eine Versuchung,
+die mich hinauslockte, um mich in Schaden
+und Unseligkeit zu st&uuml;rzen.</p>
+
+<p>Und eine Bangigkeit kam &uuml;ber mich, als ob es
+mir &uuml;bel gerathen w&uuml;rde, so ich hinz&ouml;ge. Als es
+aber lichtmorgen worden war und ich im Klostergarten
+der w&uuml;rzigen Luft geno&szlig;, da sch&ouml;pfte meine
+Brust auch, d&auml;uchte mich, wieder frischen Lebensmuth,
+und es schien mir, die ruhelose Nacht h&auml;tte mich furchtsam
+gemacht, und ich sah nichts Schlimmes in meinem
+Wunsche.</p>
+
+<p>Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht
+Gen&uuml;ge. Sondern, wie sie mir in der Erinnerung
+lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern mir zum
+Bilde auserw&auml;hlt, mit allem Flei&szlig;, und auch die heiligen
+Wallfahrer mit ihrem Tro&szlig; entwarf ich auf der Stelle,
+wo mir der festliche Zug erschienen war. Unm&uuml;&szlig;ig war ich
+den ganzen Tag, da&szlig; ich morgen die Vers&auml;umni&szlig; mir
+desto weniger zum Vorwurf zu nehmen brauchte. Was
+ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck
+beim Feste sehen m&ouml;chte, das wollt&rsquo; ich mir wohl in
+<!-- Page 163 --><span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">163</a></span>
+der Erinnerung bewahren und f&uuml;r&rsquo;s Bild verwenden.
+Denn nur einen halben Tag gedacht&rsquo; ich aus zu sein und
+den n&auml;chsten wieder im Kloster meiner stillen Arbeit
+obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin
+kehrte, die Spiele mit anzusehen, die der Braut zu
+Ehren sollten gefeiert werden, und mich des Dinges
+weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela&rsquo;s
+gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden w&uuml;rde,
+desto heiterer schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als
+w&auml;r&rsquo; ich auch zum Feste geladen, und mich d&auml;uchte,
+wenn ich zu Ro&szlig; da hinauf z&ouml;ge, so h&auml;tt&rsquo; ich das auf
+Elzeburg also erlernet, da&szlig; ich keinem der Herren zur
+Schande da sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>In solchem Muthe machte ich mich denn Tags
+darauf, noch ehe man Mittags zur Speisung im Refectorio
+zusammenkam, von dannen. Dem Pf&ouml;rtner
+sagt&rsquo; ich, meiner Kunst zu Dienst m&uuml;&szlig;t&rsquo; ich aus sein
+und am Abend w&uuml;rd&rsquo; ich wiederkehren. Da&szlig; mir
+solche Freiheit verstattet war, mehr als den Br&uuml;dern,
+de&szlig; waren sie gewohnt im Convent, und so ward ich
+auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert
+durch die ge&ouml;ffnete Pforte.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en in einem der letzten H&auml;user, die um&rsquo;s
+Kloster gebaut sind, wohnten alte Leute, die der Abtei
+h&ouml;rig waren. Es war ein Ehepaar, Mann und Weib
+wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten
+in ihre H&uuml;tte oder wenigstens durch&rsquo;s Fenster sie zu
+gr&uuml;&szlig;en. Es geschah immer zu ihrer gro&szlig;en Freude;
+denn in meinen jungen Kinderjahren war ich in ihrer
+Pflege gewesen, und noch immer hegten sie eine sonderliche
+Liebe zu mir. Bei ihnen hatt&rsquo; ich, da ich von
+Brun wiederkam, das k&ouml;stliche von Irmela mir geschenkte
+<!-- Page 164 --><span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">164</a></span>
+Kleid niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen
+kl&ouml;sterlichen Rock angezogen hatte, dem &auml;hnlich, den
+ich sonst zu tragen gewohnt war, wollte, da&szlig; ich
+das zierliche Gewand bei ihm f&uuml;r immer zur&uuml;cklie&szlig;e.
+Aber da ich w&uuml;nschte, es zu behalten, weil mir zu
+meiner Malkunst solch&rsquo; auserw&auml;hltes Kleid leicht noch
+n&uuml;tze werden k&ouml;nnte, so willigte er ein und ich trug&rsquo;s
+im wohlverh&uuml;llten B&uuml;ndlein mit mir. Niemand h&auml;tte
+mir wehren k&ouml;nnen, es mit mir in&rsquo;s Kloster zu nehmen
+und mit dem anderen Ger&auml;th und den Kleinoden
+meiner Kunst zu bewahren, aber ich hatt&rsquo; es doch f&uuml;r
+viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto
+lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu
+bringen. Und so hatt&rsquo; ich Irmela&rsquo;s Gabe bei den
+Alten in Verwahrung gethan.</p>
+
+<p>Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben
+sie mir, wie ich&rsquo;s heischte und unversehrt, das wohlverwahrte
+Kleid zur&uuml;ck. &raquo;Mir ist&rsquo;s bestimmt zu tragen&laquo;,
+dacht&rsquo; ich. &raquo;Zwar die Kunst, mit der ich mir&rsquo;s verdient
+zum Lohn, gedenk&rsquo; ich nicht mehr zu &uuml;ben; aber wenn
+je, so mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser
+Fahrt. Ist ihr Ziel heimlich, so sichert mir wohl dies
+Kleid, wenn&rsquo;s Noth ist, meine Heimlichkeit.&laquo;</p>
+
+<p>Und so nahm ich&rsquo;s mit mir.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/164_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<!-- Page 165 --><p class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">165</a></p>
+<h2><a name="Siebentes_Capitel" id="Siebentes_Capitel"></a>Siebentes Capitel.</h2>
+
+<h1>Beim Feste.</h1>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/165_e.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">E</span>s war noch hoch am Tage, denn ich war
+r&uuml;stig zugeschritten, als ich wieder zur Seite
+des Baches das Thal durchzog, von dem
+aus ich zum Dorf gelangen sollte, das so
+sicher sich lagert um die beth&uuml;rmte Burg. Je n&auml;her
+ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, da&szlig; heut
+den Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag
+angebrochen war, den mit zu feiern Keiner vers&auml;umen
+wollte, der wohl auf war und gerne fr&ouml;hlich.
+Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele
+nach wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam,
+fand ich der fremden G&auml;ste viele. Die Lustbarkeit der
+Herren mu&szlig;te wohl bekannt worden sein aller Orten
+ringsum. Da waren Junker und Knechte, B&uuml;rger und
+Bauern, auch fahrende S&auml;nger, Luftspringer, Gaukler
+und Hebr&auml;er, und was sonst Leute dem Gewinne nachgehn,
+wo m&uuml;&szlig;iges Volk sich zusammenfindet, das die
+Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen l&auml;&szlig;t.
+Alle zogen sie hindurch der Br&uuml;cke zu jenseit des Dorfes,
+und auch von dr&uuml;ben ward der Haufe durch G&auml;ste
+<!-- Page 166 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">166</a></span>
+vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich die Herren
+hatte quer durch&rsquo;s Thal reiten sehen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ich hatte mich, da ich durch&rsquo;s Dorf schritt, Bauern
+zugesellt. Von ihnen erfuhr ich, da&szlig; heute Morgen
+die Braut und ihr Geleite unweit des Ortes angelangt
+und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich
+empfangen worden w&auml;re. Alsbald h&auml;tten die Speyerischen
+die Ank&ouml;mmlinge zum Lustlager gef&uuml;hrt, das
+sie zugerichtet, allda zu rasten und die Begegnung
+f&uuml;rstlich zu feiern.</p>
+
+<p>Wie die Braut gehei&szlig;en w&uuml;rde und woher sie
+k&auml;me, konnt&rsquo; ich nicht erkunden; doch bezeugten sie, das
+volle Lob, das edlen Sitten und prangender Jugend
+geb&uuml;hret, w&uuml;rde von der Sage der Leute ihr zuerkannt.</p>
+
+<p>Unser Weg f&uuml;hrte uns im Bogen aus dem Thal
+eine nicht kleine H&ouml;he hinan. Weil die Bauern da
+oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen mu&szlig;ten, wie sie
+mir sagten, so war die Stra&szlig;e breit und sanft ansteigend
+bereitet und gem&auml;chlich aus ihr zu schreiten. Hoher
+Buchenwald zu Seiten unseres Weges hinderte den
+Ausblick. Um so mehr war ich betroffen von der
+weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf dem
+Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald
+in&rsquo;s Freie trat. Da sah man weithin Gebirg&rsquo; und
+Land, und unten vor sich das muntere Thal mit Burg
+und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen
+anmuthig umkr&auml;nzt war. Aber auf dies Alles blieb
+mein Blick nur einen Augenblick hingelenkt; denn das
+Bild, das ich in der N&auml;he vor mir sah, nahm all&rsquo;
+mein Aufmerken gefangen.</p>
+
+<p>Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan,
+der beinahe die ganze Breite des Berggipfels einnahm.
+<!-- Page 167 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">167</a></span>
+Sonst besuchte diese St&auml;tte wohl nur der Hirt mit
+seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb,
+oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit,
+und wenn sie auf den anliegenden Feldern ackern
+oder ernten wollten. Aber heut&rsquo; gieng&rsquo;s auf der
+H&ouml;he ganz anders, l&auml;rmend und fr&ouml;hlich zu. Zu
+Haufen stunden da die Menschen umher, thaten sich
+g&uuml;tlich und hatten ihre Kurzweil, die gekommen waren,
+das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei
+an Festlichkeiten vorkommen w&uuml;rde, mit anzusehen. Da
+verf&uuml;hrte m&auml;nniglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn
+die Menge m&uuml;&szlig;ig ist und in Erwartung neuer Dinge,
+ein Get&ouml;se rings um mich her, da ich unter sie schritt,
+da&szlig; es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte
+bald, da&szlig; der Meisten Augen und Sinne nach jener
+Seite gerichtet waren, wo ich gleich anfangs, da ich
+die Aue &uuml;bersah, das Lager der Herrschaften wahrgenommen
+hatte.</p>
+
+<p>Da war unter einem Nu&szlig;baum, der hoch und
+weit seine dichtbelaubten &Auml;ste streckte, und etwas in
+der Mitte der Bergwiese stund, von seinem Stamme
+aus ein &Uuml;berdach aus buntem Gewebe gespannt mit
+purpurnen Quasten, das vorne St&auml;be trugen, die in
+Gold und Silber ergl&auml;nzten. Unter diesem &Uuml;berdach
+zur Erde waren Teppiche gebreitet mit schimmernden
+Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich
+gesticktem Zeuge &uuml;berdeckt waren; als das Meisterlichste
+aber in zierlicher Arbeit und reicher Pracht mu&szlig;te
+Jedermann die Decken auserkennen, so von der H&ouml;he
+des Daches zur Erde niederhiengen und hinten den
+Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur
+und Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all
+<!-- Page 168 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">168</a></span>
+diese edle Kunst betrachtete und Einen, der mir zun&auml;chst
+stund, fragte, was wohl des Gezeltes Bedeutung w&auml;re,
+sagt&rsquo; er mir, das w&auml;re f&uuml;r die Braut bestimmt, von da
+aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren w&uuml;rden
+gehalten werden. Die reichen Decken aber h&auml;tte der
+Bischof aus seiner Hofhaltung von Speyer hergef&uuml;hrt.
+Da&szlig; ich da wieder vom Bischof Gebhard h&ouml;rte, schuf
+mir wenig Freude, und mahnte mich daran, da&szlig; ich
+sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen
+k&ouml;nnte oder ich ihm; doch er kannte mich ja nicht von
+Person, und wie sollte mich Irgendwer aus der Menge
+herausfinden, so ich mich nur kl&uuml;glich hielt. Zudem
+wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut
+h&ouml;rte, ihren Namen zu erkunden und ob es wohl
+Irmela w&auml;re. So lugt&rsquo; ich denn mit Eifer nach vorn,
+vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder
+liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit
+meiner hohen Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte,
+leicht &uuml;ber die H&auml;upter der Meisten. So erblickt&rsquo;
+ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich
+umdr&auml;ngte, Alles, was da f&uuml;r die Herren und ihre
+G&auml;ste hergerichtet war. Ich sah reiche Gezelte und
+unter gr&uuml;nem Gezweig Tische, das Mahl zu halten.
+Seitw&auml;rts im Schatten des Waldraines stunden Rosse
+und Saumthiere, mit Halftern an die &Auml;ste der B&auml;ume
+gebunden, oder an eingez&auml;unten Stellen grasend.</p>
+
+<p>Unweit von da waren von Brettern Tische
+und B&auml;nke f&uuml;r die Knechte hergerichtet, und unterschiedliche
+Rauchs&auml;ulen, die hie und dort hinter
+B&auml;umen emporstiegen, lie&szlig;en erkennen, da&szlig; man zum
+Mahle r&uuml;stete; wie denn auch jetzt schon unter einer
+schattenden Buche ein Schenke aus einem gro&szlig;en Fa&szlig;
+<!-- Page 169 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">169</a>
+</span>
+Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat, den Becher
+oder Krug f&uuml;llte. Wiewohl nun da die Gesch&auml;ftigkeit
+der Diener um die Zelte und Tische gro&szlig; war, und
+auch ritterliche Herren, in reichem Schmuck gekleidet,
+sichtbar wurden, so konnt&rsquo; ich doch aus der Menge
+Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem
+schon gesehen h&auml;tte. Aber all&rsquo; dies Wesen und Leben
+vor mir erschien meinen Neulingsblicken doch so werth
+der Betrachtung, da&szlig; ich nur immer unverwandt hinstarrte
+und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan
+aus deren einem die Braut schreiten m&ouml;chte.</p>
+
+<p>So mocht&rsquo; ich h&ouml;her denn sonst mich gereckt
+haben, gar nicht achtend, ob ich nicht auch selbst ringsum
+Allen so bemerkbar w&uuml;rde, als ich hinter mir eine
+Stimme vernahm, von der ich gewi&szlig; war, da&szlig; ich sie
+nicht zum ersten Mal h&ouml;rte.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Sieh dort den M&ouml;nch, der mit uns briet<br/>
+</span>
+<span class="i0">Dein G&auml;nslein, eh&rsquo; uns Krumholz schied.&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Darauf kam die Antwort:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth:<br/></span>
+<span class="i0">Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied.<br/></span>
+<span class="i0">Drum fort, da&szlig; er uns nicht ersieht!&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Geschwind hatt&rsquo; ich mich bei dieser Wechselrede,
+deren Sinn mir nur allzuverst&auml;ndlich war, umgewandt;
+aber gar eilig befolgte das ungleiche Paar den Rath
+des Kleinen, und nur noch einen kurzen Augenblick
+sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungest&uuml;m durch die
+Menge hindurch dr&auml;ngten, in der sie sogleich darauf verschwunden
+waren. Da mu&szlig;t&rsquo; ich bei mir lachen, da&szlig;
+hier Jemand vor mir die Flucht gab, dem doch
+selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben
+<!-- Page 170 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">170</a></span>
+und unerkannt. Und so gedacht&rsquo; ich hinfort f&uuml;rsichtiger
+zu sein und mich sorglicher unter dem Haufen verborgen
+zu halten.</p>
+
+<p>Aber da geschah es, da&szlig;, mir zum Wenigsten ganz
+unerwartet, dr&uuml;ben um die Gezelte eine Bewegung nicht
+kleine entstund und Diener in bunten R&ouml;cken unterschiedlicher
+Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen
+der Ritterschaft, hervorsprengten und mit St&auml;ben, die
+sie in H&auml;nden schwangen, die umherstehenden Leute
+zur&uuml;cktrieben, da&szlig; vor uns der ganze Platz frei w&uuml;rde.
+Wie nun von den also Bedr&auml;ngten der Eine hier und
+der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt,
+zuerst nicht wu&szlig;te, wohin ich mich wenden sollte und
+hernach &ouml;ftermalen immer wieder an einen W&auml;rtel gerieth,
+der mich dann mit Schelten zur&uuml;cktrieb, so fiengen
+die Leute an &uuml;ber dies Spiel zu lachen, was mich noch
+mehr verwirrte, so da&szlig; ich endlich gar nicht mehr durch
+die Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar
+vorn unter den Ersten stehen bleiben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Doch im n&auml;chsten Augenblick waren Aller Augen
+nur vor sich nach den Zelten gerichtet, sich nichts entgehen
+zu lassen, was da vorgieng. Da traten zuerst
+die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten
+im Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang
+des einen sonderlich geschm&uuml;ckten Zeltes, richteten
+ihre Banner auf, setzten ihre H&ouml;rner an den Mund
+und lie&szlig;en die ert&ouml;nen, da&szlig; es ringsum aus dem Wald
+und tr&uuml;ben von den Bergen wiederhallte. Da ward
+Alles still, und heraus traten aus demselben Gezelt der
+Bischof Gebhardus Spirensis, auf dessen Ornat ein
+Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an g&uuml;ldner
+Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur
+<!-- Page 171 --><span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">
+171</a></span>
+Seite ein junger Ritter, stolzen und strengen Aussehns,
+&uuml;ber dessen Schulter nach fr&auml;nkischem Schnitt an seidnen
+Schn&uuml;ren ein Mantel hieng von Sammet und k&ouml;stlichem
+Zobel. Dieser Ritter, so h&ouml;rt&rsquo; ich, war Gebhard&rsquo;s
+Neffe, reich an G&uuml;tern und aus f&uuml;rstlichem Hause;
+ihm h&auml;tte der Ohm selber die Braut geworben, die
+jetzt gen Speyer geleitet w&uuml;rde, und Wunder h&ouml;rte man
+von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt w&auml;re.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dem schritten die Beiden, die Herolde
+voran und in ihrem Gefolge Herren und Junker und
+dem Zuge zur Seite Knechte mit Hellebarden oder gezogenen
+Schwertern, einem gegen&uuml;ber aufgeschlagenen
+Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben
+giengen hinein. Alsbald stie&szlig;en die beiden Herolde
+wiederum in ihre H&ouml;rner, da&szlig; es laut erscholl. Da
+wurden die Zeltvorh&auml;nge zur&uuml;ckgeschlagen und heraus
+ward die Braut gef&uuml;hrt; ihr folgten
+<ins class="correction" title="Original: Dienerinnnen">Dienerinnen</ins>.
+O, ich erkannte sie wohl und Den, der sie an der Hand
+f&uuml;hrte, ob auch gleich, seitdem ich sie zuletzt gesehen,
+eine gro&szlig;e Ver&auml;nderung mit ihr vorgegangen war!
+Ihre Sch&ouml;nheit, d&auml;uchte mich, war strahlender geworden:
+nicht Dank der Pracht, welche die Maid da trug; denn
+Wer mochte noch dem seidenen Gewande mit den gestickten
+Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen G&uuml;rtel
+und dem sonstigen Geschmuck einen Blick g&ouml;nnen, wenn
+er nur einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da
+vom Schleier umwallt leuchtete, wie wenn Lilien und
+Rosen zusammenstehen. Sondern was nach meinem
+W&auml;hnen ihrer Sch&ouml;nheit zur Erh&ouml;hung diente, war,
+da&szlig; sie all&rsquo; der Zier, mit der man sie heute sah, nicht
+zu begehren noch zu bed&uuml;rfen schien, und da&szlig; sie auf
+die Herrlichkeit, die sie hier umgab, kein gr&ouml;&szlig;eres
+<!-- Page 172 --><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">172</a>
+</span>
+Aufmerken hinkehrte, wie mich d&auml;uchte, als damals
+auf ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg
+zu sehen gewohnt gewesen war. Und dies eben schien
+mir als eine Ver&auml;nderung in ihrer Seele, da&szlig; sie an
+der gegenw&auml;rtigen Pracht keinen gr&ouml;&szlig;eren Antheil nahm,
+die doch, als ich w&auml;hnte, vor wenigen Wochen &uuml;ber
+den geringsten Theil dieser Augenweide der kindlichen
+Freude viel gezeigt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter
+Conrad mit zierlichem Gru&szlig;, den sie mit Z&uuml;chten erwiederte,
+wie sie auch mit Ehrerbietung vor den Bischof
+trat. Da ward von allen Seiten ein freundlich Gr&uuml;&szlig;en
+gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur Seite,
+sie zu geleiten, als der die gr&ouml;&szlig;te Ehre an diesem
+Tage geb&uuml;hrte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte
+sich der Br&auml;utigam. Hernach folgten die Andern in
+ihrer Ordnung. So begaben sie sich allsammt nach
+dem Sommerzelt, das am Nu&szlig;baum ausgespannt war,
+wo auf den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu
+beiden Seiten der Bischof und der Graf sich niederlie&szlig;en.
+Hinter sie stellte sich Conrad und sonst zween oder drei
+der Edelsten aus Gebhard&rsquo;s Gefolge. Die Andern alle,
+Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher,
+wie ihm geb&uuml;hrte, diesen Herrschaften zur Rechten und
+zur Linken.</p>
+
+<p>Wie ich das Alles betrachtete, wundert&rsquo; ich mich,
+wie wenig doch Irmela, der zu Genie&szlig; dies Gepr&auml;nge
+bereitet war, die Gl&uuml;ckseligkeit einer Braut sehen lie&szlig;;
+wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum Gemahl
+erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie
+liebevoll sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete
+und wie freundlich jedesmal ihr Angesicht l&auml;chelte, wenn
+<!-- Page 173 --><span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">173</a></span>
+er&rsquo;s that, als sollt&rsquo; er nicht zweifeln, da&szlig; sie ganz gl&uuml;cklich
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten
+dem Volke Stille und einer der Herolde trat vor, verneigte
+sich gegen die Herrschaften im Gezelte und rief dann,
+zum Volk gewandt, mit lauter Stimme folgenderma&szlig;en:</p>
+
+<p>&raquo;Nachdem es seiner bisch&ouml;flichen Gnaden geliebt
+hat, ihren Neffen, den trefflichen Ritter Conrad, von
+Gernstein zubenannnt, auf seiner fr&ouml;hlichen Brautfahrt
+hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre dieses
+Tages und zur Erh&ouml;hung werther Lustbarkeit nach
+alter Sitte &ouml;ffentliche Spiele halten wollen. Und weil
+denn die vieledle Braut&laquo; (hierbei neigte der Herold
+sich gegen das Fr&auml;ulein) &raquo;der preislichen Singekunst
+sonderlich zugethan ist, lassen Seine bisch&ouml;fliche Gnaden
+zuv&ouml;rderst Alle, die in der Singekunst etwas verm&ouml;gen
+und sich de&szlig; getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten,
+darin ihr Bestes zu versuchen. Ein Kranz und silberner
+Becher ist der Preis. Die holde Braut selber wird
+die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger auserkennt.&laquo;</p>
+
+<p>Darauf schwieg dieser Herold und trat zur&uuml;ck an
+seinen Ort. Da winkte der Bischof einem Edelknaben,
+der hinter im stund. Der kam hervor, bog vor Irmela
+das Knie und bot ihr in silbernem Gef&auml;&szlig;e, das er in
+H&auml;nden trug, ein wei&szlig;es Blatt und Griffel dar. Sie
+nahm Beides, reichte es aber hinter sich dem Gernsteiner.
+Der besann sich nicht lange, beschrieb das
+Papier und legt&rsquo; es wieder in die Sch&uuml;ssel. Nun gieng
+der Knabe, nahm das Blatt heraus und &uuml;bergab es
+dem andern Herold. Nachdem dieser gethan, wie der
+erste, entfaltete er das Papier, erhub seine Stimme und
+las, was da geschrieben stund:
+</p>
+
+<p><!-- Page 174 --><span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">174</a></span>
+&raquo;Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt!&laquo;
+Das ist&rsquo;s, worauf die Singer Antwort geben
+sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn, wer hoher
+Ehren begehrt! &#8211; Zum Sinnen ist eine kurze Frist
+verstattet!&laquo;</p>
+
+<p>Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von
+der Stelle hinweg zu machen, auf der ich stund. Nicht
+allein des Bischofs wegen, wenn ihn etwa die Lust
+ank&auml;me, nach dem Kl&ouml;sterling zu fragen und mich vor
+sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger,
+in dieser meiner Tracht von der Jungfrau Irmela
+erkannt zu werden; und nahe genug war ich ihr da.
+Ich sucht&rsquo; also und fand, da nun eine Zwischenzeit, bis
+sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war, eine
+Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr
+entgangen. Aber vom Schaun der Herrlichkeit wie von
+der Erwartung, was nun folgen sollte, war mein Gem&uuml;th
+so erregt, da&szlig; es mir eine Pein schien, dem Spiele
+fern zu bleiben. Auch war mir, ich wu&szlig;te selber nicht
+warum, Irmela&rsquo;s Anblick hier im festlichen Glanz so
+leid wie lieb gewesen, aber ein sehnendes Verlangen
+zwang mich zur&uuml;ck, sein ferner zu genie&szlig;en.</p>
+
+<p>So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren,
+und der Sorge, durch meine Tracht in Beschwerni&szlig;
+zu gerathen. Da vernahm ich von ferne den
+Schall der H&ouml;rner und den Ruf des Heroldes, da&szlig;
+das Spiel beg&ouml;nne. Alsbald sucht&rsquo; ich mir einen sicheren
+Versteck unter &uuml;berh&auml;ngendem Gestein. Daselbst legt&rsquo;
+ich meinen Klosterrock ab, verbarg ihn wohl und kam
+in der Singertracht herf&uuml;r, die ich mir in Elzeburg
+zum Lohne verdient hatte.</p>
+
+<p>Eilig kehrt&rsquo; ich nun zur&uuml;ck und mischte mich unter&rsquo;s
+<!-- Page 175 --><span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">175</a></span>
+Volk wie vorhin, nur da&szlig; ich so weit wie m&ouml;glich von
+meinem ersten Standorte fern blieb und mich weislich
+nicht unter die Vordersten dr&auml;ngte.</p>
+
+<p>Schon hatte das Wettsingen seinen Anfang genommen
+und unter den Zusehern, acht&rsquo; ich, merkte
+Keiner eifriger darauf, als ich. Wie viel Singer vortraten,
+ihr Verm&ouml;gen zu erproben, wei&szlig; ich nicht. Sie
+zeigten Alle ihre beste Kunst. Auch der Lange, mein
+einstiger Reisegesell, der mich mit in die Waibst&auml;dter
+H&auml;ndel gebracht hatte, kam, sich Kranz und Becher zu
+ersingen. Ich b&uuml;ckte mich, da er in den Kreis trat,
+denn mir schien, als s&auml;h&rsquo; er sich sorglich um und schritte
+nur z&ouml;gernd hinzu; aber der Kurze hinter ihm, sah ich
+wohl, trieb ihn vorw&auml;rts mit Ermunterung und Spott.
+Wohl durfte sich der Fiedler sehen lassen, denn Frau
+Aventiure war ihm, nach seinem Kleid, das er jetzt
+trug, zu urtheilen, hold gewesen, wenn er&rsquo;s anders
+seiner Kunst verdankte. Da&szlig; die nicht kleine war,
+ward auch am Spruch offenbar, den er h&ouml;ren lie&szlig;.
+Lautes Lob erscholl, da er zu Ende war.</p>
+
+<p>Derweilen sa&szlig; Irmela, das Haupt ein wenig auf
+den linken Arm st&uuml;tzend, und regte sich nicht. Ihre
+Augen waren gesenkt, und nur selten lie&szlig; sie einen
+Blick &uuml;ber den Singer gehen, der vor ihr stund. An
+dem Allen war zu sp&uuml;ren, wie aufmerksam sie auf
+das Gesungene h&ouml;rte, und wie sie nachsann &uuml;ber das,
+was ihr Ohr vernahm. Doch ihr Eifer, Alles recht
+zu erfassen, schien mir kein anderer, als den sie damals
+erzeigt hatte, da sie von mir die alten M&auml;ren vernahm,
+von Sifrit, dem k&uuml;hnen Recken. Sie hatte wohl Freude
+daran, aber Herz und Sinn giengen ihr dahin nicht.
+Sie achtete auf die Kunst, die da bewiesen ward; aber
+<!-- Page 176 --><span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">176</a></span>
+ihr Gem&uuml;th, schien es, war nicht vertraut mit dem,
+was sie h&ouml;rte. Da&szlig; sich das Fr&auml;ulein also erzeigte,
+d&auml;uchte mich verwunderlich und nicht so gethan, wie
+ich mir&rsquo;s von einer jungen Braut gedachte, die zu ihrem
+Trauten Herzenliebe tr&uuml;ge.</p>
+
+<p>Nun wuchs aber auch mir unterm H&ouml;ren der
+Eifer um die Sache, der sich da die Singer beflissen.
+Sie gaben auf die Frage, so ihnen gestellt war, unterschiedliche
+Antworten. Der Eine r&uuml;hmte Ehre und
+tugendliche Sitten, als wodurch der Liebe Gedeihn
+erw&uuml;chse; der Andere strich dazu die Freude aus und
+hochgemuthes Leben; ein Dritter Herzensreinheit und
+Treue falschesfreie; ein Vierter gl&uuml;ckselige Sch&ouml;nheit
+und frohe Jugend. Und zuletzt wandten sie immer
+ihren Spruch auf das Brautpaar vor ihnen, als bei
+dem solche Gaben und Tugenden im &Uuml;berschwang
+zu finden w&auml;ren, und lie&szlig;en es ihm an keinem Lobe
+fehlen. Doch davon schien sich Irmela nichts anzunehmen,
+nicht zwar aus Stolz, sondern als w&uuml;&szlig;te
+sie nicht, warum sie solchen Ruhm sonderlich werth
+halten sollte.</p>
+
+<p>Da rief der Herold wieder, ob noch Einer da
+w&auml;re, der sich des Singens unterwinden wollte. Denn
+so Viele zuerst in den Ring getreten waren, die hatten
+nun Alle das Ihre gethan und stunden seitw&auml;rts, des
+Richterspruches harrend. Wie Alles stille blieb, geschah
+es, als ich wahrnahm, zum ersten Male, da&szlig; Irmela
+ihre lichten Augen aufhub und frei umschweifen lie&szlig;
+&uuml;ber die Menge.</p>
+
+<p>Da schlug mir mein Herz hoch auf, denn mir
+war&rsquo;s in dem Augenblick nicht anders, als erwartete
+sie mich zu sehen. Und so that ich ohne Wahl einen
+<!-- Page 177 --><span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">177</a></span>
+Schritt vorw&auml;rts. Wie diese meine Bewegung nun
+gerade auf den Ruf des Herolds geschah und nach
+meiner Tracht die Leute mich wohl f&uuml;r einen Singer
+halten konnten, der zu diesem Feste seinen besten
+Schmuck angelegt, so wichen sie seitw&auml;rts und riefen
+den vorn Stehenden zu, das Gleiche zu thun und
+mich durchzulassen. Da war auch schon ein Diener
+zur Stelle und schuf mir Raum, mich in den Ring
+zu geleiten.</p>
+
+<p>Noch stund ich im Zweifel, was ich thun sollte.
+Aber als ich nach dem Herrensitz hinblickte und sah,
+wie Irmela, das edle Kind, mit Freuden mich gewahrte
+und mit stummem Gru&szlig;e mir zu winken schien, da h&auml;tte
+keine Scheu und kluge F&uuml;rsicht mich zur&uuml;ckgehalten;
+und nur heftiges Sehnen &uuml;berkam mich, ihr noch einmal
+nahe zu sein, wohl zum letzten Mal, und mit der
+Kunst, durch die ich ihr werth geworden war und die
+ich ihr verdankte, ihr zu gefallen und sie zu gr&uuml;&szlig;en
+auf Nimmerwiedersehn!</p>
+
+<p>So beschlo&szlig; ich denn, wohl darauf zu achten, da&szlig;
+ich mich nicht verriethe, nahm all&rsquo; meinen Muth zusammen
+und schritt, dem Diener nach, ziemlicher Weise
+in den Kreis. Vor der Laube angekommen, neigte ich
+mich vor Allen und vor der Richterin in diesem Wettspiel
+sonderlich. In ihrer Miene las ich freilich ein
+fragendes Staunen &uuml;ber mein pl&ouml;tzliches Verschwinden
+und meine unerwartete Wiederkehr; aber war da ein
+Zweifel, so ward er &uuml;bergl&auml;nzt vom freundlichen
+Willekomm, das, wiewohl nur leise, mir ihr Auge sagte.
+Davon gewann mein hochsteigendes Herz Vertrauen zu
+meiner Kunst, und wie ich schon zuvor w&auml;hrend dem
+H&ouml;ren mein Sinnen auf die Frage gelenkt hatte, darauf
+<!-- Page 178 --><span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">178</a></span>
+im Liede zu antworten war, so f&uuml;gten sich jetzt Wort
+und Weise in meiner Seele selbst zu einander.</p>
+
+<p>Ich lie&szlig; mir von einem der Singer, die da gesungen
+hatten, eine Laute reichen, griff in die Saiten
+und that ein kurzes Vorspiel. Darauf hub ich an und
+sang also:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wo tief im Herzen Minne wohnt,<br/></span>
+<span class="i0">Als Siegerin darinne thront,<br/></span>
+<span class="i0">(Bedenkt es wohl, ihr zarten Kinde!)<br/></span>
+<span class="i0">Da ist auch Leid ihr Ingesinde.<br/></span>
+<span class="i0">Wahr ist&rsquo;s, was man seit Alters spricht:<br/></span>
+<span class="i0">Die Liebe l&auml;&szlig;t vom Leide nicht;<br/></span>
+<span class="i0">Und doch ist Lieb&rsquo; des Leides Feind.<br/></span>
+<span class="i0">Vernehmet nun, wie das gemeint!<br/></span>
+</div>
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Die Rose kehrt ihr Angesicht<br/></span>
+<span class="i0">Allzeit empor zum Sonnenlicht,<br/></span>
+<span class="i0">Das macht sie also wonnig roth,<br/></span>
+<span class="i0">Die Finsterni&szlig; br&auml;cht&rsquo; leiden Tod.<br/></span>
+<span class="i0">Doch streckt sie unter feuchtes Moos<br/></span>
+<span class="i0">Die Wurzeln rief in dunklen Schoo&szlig;.<br/></span>
+<span class="i0">Dich lacht sie an mit rothem Munde<br/></span>
+<span class="i0">Und haftet doch im finstren Grunde,<br/></span>
+<span class="i0">Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:<br/></span>
+<span class="i0">Das ist der Liebe Ebenbild!<br/></span>
+</div>
+<div class="stanza">
+<span class="i0">Es bringt das Leid der Liebe Pein,<br/></span>
+<span class="i0">Doch ohne Leid kann Lieb&rsquo; nicht sein,<br/></span>
+<span class="i0">Es liebt die Lieb&rsquo; Leid zum Gedeihn.<br/></span>
+<span class="i0">Und wird vom Leid ihr Noth geschafft,<br/></span>
+<span class="i0">Doch zieht sie Nahrung draus und Kraft.<br/></span>
+<span class="i0">Drum, wer der Minne Flug will wagen,<br/></span>
+<span class="i0">Der darf dem Leid sich nicht entschlagen;<br/></span>
+<span class="i0">Denn will er&rsquo;s auf das Leid nicht wagen,<br/></span>
+<span class="i0">Mu&szlig; er der Lieb&rsquo; auch sich entschlagen.<br/></span>
+<span class="i0">Wer jemals diesen Weg gefahren,<br/></span>
+<span class="i0">Lobt meinen Spruch gewi&szlig; als wahren.<br/></span>
+<span class="i0">Ward er von Leid&rsquo; in Liebe wund,<br/></span>
+<span class="i0">Werd&rsquo; er von Lieb&rsquo; in Leid&rsquo; gesund!<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 179 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">179
+</a></span>
+Als ich ausgesungen hatte und an den Geb&auml;rden
+Graf Eberhard&rsquo;s, mit denen er sich zu seiner Nichte
+hin&uuml;berneigte, wahrnahm, da&szlig; ich von ihm auch wohl
+erkannt war, gedacht&rsquo; ich unges&auml;umt in die Menge
+zur&uuml;ck zu fliehen und mich so davon zu machen. Ich
+hatte aber kaum die Laute Dem wiederum gegeben,
+aus dessen Hand ich sie empfangen, und suchte nun
+durch die Singer, die da stunden, hindurch zu kommen,
+nachdem ich mich ziemlicher Ma&szlig;en vor den Herrschaften
+verneigt: da geschah es, da&szlig; allum ein Rufen sich erhub
+und m&auml;nniglich mich bedeutete, da&szlig; ich doch stille
+hielte; denn zur Stunde w&uuml;rde es verk&uuml;ndigt werden
+von wegen des Preises, wer ihn davontragen sollte.
+Derweilen ert&ouml;nten auch schon die Drommeten der
+Herolde auf&rsquo;s Neue und im Volk entstund eine freudige
+Bewegung; Alle winkten mir, hinter mich zu blicken,
+und da ich denn mich umsah, war einer der Knechte
+mir zur Seite und lud mich ein, mit ihm zu gehen.
+Es nahm ihn Wunder, wie er sah, da&szlig; ich zauderte,
+ihm zu folgen, und so ergriff er mich am Arme, da&szlig;
+er mich zw&auml;nge, weil er nicht anders denken mochte,
+als da&szlig; ich mich aus gro&szlig;er Bl&ouml;digkeit also erzeigte.
+Da lachten die Leutlein, wie sie vorhin &uuml;ber mich gelacht
+hatten, und Einer sagte, man s&auml;he da eine seltne
+Tugend, da&szlig; ein Meister der Kunst begehre, aber ihres
+Lohnes nicht. Nun lachten sie noch mehr und hatten
+so ihre Kurzweil.</p>
+
+<p>Da hub ich mein Haupt empor, und schritt, weil
+es so sein mu&szlig;te, dem Diener nach stracks vor mich,
+zur&uuml;ck in den Ring. Aber wie ich da das theure
+M&auml;gdlein ersah, freundlich mir winkend und mit dem
+Kranze mein harrend, das wirrte mich nicht wenig,
+<!-- Page 180 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">180</a></span>
+und ich f&uuml;hlte die R&ouml;the, die mein Angesicht &uuml;bergo&szlig;:
+die Ehre, die mir bereit war aus ihren H&auml;nden vor
+allem Volk, h&ouml;hete meinen Muth, aber sie dr&uuml;ckte zugleich
+mich nieder, als der ich ungedacht sie &uuml;berkam,
+ich wu&szlig;te nicht wie. So schritt ich gesenkten Auges
+vor das edle Fr&auml;ulein hin und bog da in h&ouml;fischer
+Zucht das Knie.</p>
+
+<p>Wie sie mir den Kranz auf&rsquo;s Haupt setzte, streifte
+von ungef&auml;hr ihre Hand meine Stirn; da erzuckte
+mir von der leisen Ber&uuml;hrung das Herz und ich blickte
+auf zu ihr. Indem lie&szlig;en Spielleute, die da hinter
+dem Gesinde der Herren stunden, ihre Fiedeln und
+Lauten erklingen, und zum Saitenspiel schallten Fl&ouml;ten und
+Cymbeln, da&szlig; es ein helles und liebliches Get&ouml;ne gab.</p>
+
+<p>&raquo;Solche Ehre, Meister, dankt Ihr Eurer Kunst,&laquo;
+sagte Irmela, indem sie sich &uuml;ber mich beugte.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Herrin, Eurer G&uuml;te, so ist sie mir werther,&laquo;
+erwiedert&rsquo; ich, und Niemand au&szlig;er uns zween h&ouml;rte,
+was da zwischen uns gesagt ward.</p>
+
+<p>Nun trat ein Edelknecht mit dem Kleinode herzu,
+da&szlig; die Maid mich damit begabte. Sie aber sprach
+zu mir: &raquo;Diesen Becher will ich Euch zuvor credenzen,
+dann sollt Ihr ihn aus meiner Hand empfahn.&laquo;</p>
+
+<p>Darauf erhuben sich die Herrschaften von ihren
+Sitzen, da&szlig; sie zu den Tischen giengen und sich am
+Mahle erletzten, ehe die ferneren Freudenspiele mit
+Stechen, Laufen und Tanzen angestellt w&uuml;rden. Ich
+aber, als ich wieder aufrecht stund, wu&szlig;te nicht, was
+ich erw&auml;hlen sollte: Die Klugheit rieth mir von hinnen
+zu weichen, aber Sinn und Gem&uuml;th hielten mich fest
+an der Stelle. Da nickte auch der Herr Gebhardus
+mir gn&auml;digen Beifall, und ich sah, da&szlig; Graf Eberhard
+<!-- Page 181 --><span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">181</a>
+</span>
+sich anschickte, mit mir zu reden; aber weil just die
+Herren alle aufbrachen und der Bischof sich zu ihm
+wandte, da&szlig; sie selbander hinweggiengen, so ward der
+Graf von mir geschieden und dadurch mein Herz ein
+Merkliches erleichtert; denn gewi&szlig;lich w&auml;r&rsquo; ich seines
+Forschens wenig froh worden.</p>
+
+<p>W&auml;hrend man so sich aufmachte, schritt Irmela
+unterm &Uuml;berdach der Laube herf&uuml;r an mich heran,
+gr&uuml;&szlig;te mich und sprach: &raquo;So ist&rsquo;s denn doch also geschehen,
+wie ich sagte, da Ihr von Elzeburg schiedet,
+Meister Diether, und Ihr habt uns mit Eurer Kunst
+gedient.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, vieledle Jungfrau,&laquo; erwiedert&rsquo; ich, &raquo;und am
+hohen Freudenfeste Euch zu Ehren, zu dem ich ungedacht
+gekommen bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nachdem Ihr von den Elzeburgern ungedacht
+entwichen seid,&laquo; sagte sie hinwieder und lachte.</p>
+
+<p>Da sah ich die Maid inniglich bittend an: &raquo;O
+lasset, warum ich&rsquo;s that, als eine Heimlichkeit meines
+Herzens verschlossen darinne bleiben, und wenn ich heut
+f&uuml;r immer von Euch scheide, so glaubet, da&szlig; Euch in
+Freuden und Gl&uuml;ckseligkeit zu leben Diether ohne Unterla&szlig;
+von Gott erw&uuml;nschet und dem ganzen himmlischen
+Heer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl,&laquo; sprach sie da, &raquo;so sei es darum und
+Ihr m&ouml;get Eure Heimlichkeit bewahren; ich will nicht
+arg von Euch denken, wiewohl sie gro&szlig; ist.&laquo;</p>
+
+<p>Damit hielt sie mir mit G&uuml;tigkeit ihre Hand entgegen,
+da&szlig; ich sie an den Spitzen der Finger erfa&szlig;te.
+Das geschah behende und mit Scheu, aber mein Gem&uuml;th
+gewann davon eine Freudigkeit.</p>
+
+<p>Doch da nahete der von Gernstein. &raquo;Man harret
+<!-- Page 182 --><span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">182</a></span>
+Euer&laquo;, sagt&rsquo; er zur erkieseten Braut mit h&ouml;fischer Geb&auml;rde,
+und f&uuml;hrte Irmela den Tischen zu; mich aber
+streifte sein Blick herrisch und unmuthig. Da merkt&rsquo;
+ich, da&szlig; er &uuml;berstolzen Sinnes war. Aber die Maid
+an seiner Seite schien de&szlig; nicht zu achten; sie kehrte im
+Gehen ihr Angesicht noch einmal freundlich zu mir hin und
+sagte: &raquo;Gedenket des Bechers zeitig genug und kommet,
+wenn wir zu Tische sitzen, da&szlig; ich ihn Euch credenze.&laquo;</p>
+
+<p>Damit giengen die Beiden hindann und mir schien&rsquo;s,
+als w&auml;re er unmuthig, da&szlig; sie mir das Gespr&auml;ch geg&ouml;nnt
+hatte.</p>
+
+<p>Nun erhub sich eine nicht kleine Bewegung um
+die Tische, wo die Herrschaften das Mahl halten sollten,
+und unfern davon, wo den Knechten die Bewirthung
+bereitet war. Auch das Volk zerstreute sich hierhin
+und dorthin nach Gefallen, die Meisten, um sich zum
+Imbi&szlig; zu lagern, den sie mit sich gebracht, oder der
+Verehrung nachzugehen, die der Bischof in seiner Mildigkeit
+Jedermann spenden lie&szlig;, der ihrer begehrte. So
+kamen auch Viele an mir vor&uuml;ber, wiesen auf meinen
+Kranz und preiseten mich &ouml;ffentlich wegen meiner Kunst
+und des Lohnes, der ihr geworden. Manche wunderten
+sich dabei, da&szlig; ich da also stille stund, wie ein Verlassener,
+und meinten, mich h&auml;tte die Huld, die ich genossen,
+allzu bl&ouml;de gemacht.</p>
+
+<p>Da gedacht&rsquo; ich daran, da&szlig; es hochnoth w&auml;re,
+mich davon zu machen, bevor mich Einer von vorhin
+wiedererkennte, der mich da im Klosterrock gesehen hatte.
+Zudem trieb mich auch der Anblick der beiden Fahrenden
+hinweg, die ich unweit gewahrte, wie sie mit Flei&szlig; auf
+mich achteten, als solche zwar, die dar&uuml;ber nicht von mir
+gesehen sein wollten.
+</p>
+
+<p><!-- Page 183 --><span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">183</a></span>
+Ich s&auml;umte also nicht l&auml;nger und schritt in den
+Wald, wo ich das wenigste Volk wahrnahm. Da
+w&auml;r&rsquo;s gewi&szlig;lich mir das N&ouml;thigste und F&ouml;rdersamste
+gewesen, wenn ich sogleich den Versteck aufgesucht h&auml;tte,
+in dem ich vorhin meinen langen Rock verborgen, h&auml;tte
+den angethan und mich davon gemacht. Aber da ich
+am Waldessaum mich sicher w&auml;hnte und unbeachtet,
+sah ich mich noch einmal um, lie&szlig; meinen Blick &uuml;ber
+all&rsquo; das bunte Gewimmel schweifen und lugte &uuml;ber die
+Zelte und nach den Tischen hin, Irmela im Geist noch
+einmal zu gr&uuml;&szlig;en. Da f&uuml;hlt&rsquo; ich, da&szlig; es mir schwer
+ward, von dem Allen Abschied zu nehmen, und wie
+ich doch dieses Mal als ein Anderer in&rsquo;s Kloster heimkehren
+w&uuml;rde, als der ich von dannen gezogen war. So
+stund ich mit eifrigem Aufmerken der Augen und doch
+in vielerlei Gedanken.</p>
+
+<p>Da rief mir, eilend herankommend, ein Diener
+zu, und sagte dabei, wie er mich am Gezelte vergeblich
+gesucht und eine Botschaft an mich h&auml;tte. Ich trat
+herzu und fragte: &raquo;welche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von meinem gn&auml;digen Herrn, Herrn Conrad
+von Gernstein&laquo;, erwiederte er, &raquo;der Euch durch mich
+entbieten l&auml;&szlig;t, es sei nicht von N&ouml;then, da&szlig; Ihr das
+ersungene Kleinod aus der Hand des Fr&auml;uleins emphahet,
+Ihr m&ouml;get es Euch von des Bischofs K&auml;mmerer
+holen, zu dem ich Euch geleiten soll. Auch w&uuml;nscht
+mein Herr Euch nicht &uuml;ber Tische zu sehen, sondern begehrt,
+da&szlig; Ihr Euch unverweilt von diesem Feste
+scheidet, ma&szlig;en es Euch schon genug des Genie&szlig;es eingebracht
+habe. Auf da&szlig; Ihr Euch aber anderswo desto
+ba&szlig; g&uuml;tlich thun k&ouml;nnet, l&auml;&szlig;t er Euch hier einen Goldgulden
+reichen.&laquo; Damit hielt er mir das Geld dar.
+</p>
+
+<p><!-- Page 184 --><span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">184</a></span>
+Das kr&auml;nkte mich, da&szlig; ich angesehen ward als
+Einer, der nur blo&szlig; auf den Lohn sah, und der Ritter
+denken sollte, wenn ich nun gienge, ich h&auml;tt&rsquo; ihm um
+sein Geld den Willen gethan. Darum sagt&rsquo; ich ver&auml;chtlich:
+&raquo;Behaltet Euren Gulden, und la&szlig;t Euren
+Herrn wissen, mir liegt am Kleinod alleine nichts und
+an seinem Gelde noch minder! Und wenn ich dahinten
+bleibe, da&szlig; er mich &uuml;ber Tisch nicht sieht, wohin das
+Fr&auml;ulein mich entboten hat, so bewegen mich andere
+treffliche Ursachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Lob Eurer Kunst, fahrender Bruder&laquo;, sagte
+der Knecht sp&ouml;ttisch wieder, &raquo;macht, da&szlig; Ihr Euch zu
+hoch verme&szlig;t. &#8211; Besinnet Euch: nehmt&rsquo;s Geld, holt
+das Kleinod und geht!&laquo;</p>
+
+<p>Darauf hielt er mir auf&rsquo;s Neue seinen Goldgulden
+hin und lachte. Da schwellte der Unmuth mein Herz,
+zumal ich sah, wie Leute herangekommen waren und
+auf uns Acht hatten, und ich stie&szlig; das Geldst&uuml;ck aus
+seiner Hand, also da&szlig; es zur Erde rollte.</p>
+
+<p>Wie nun der Bote betroffen dastund, denn er
+hatte sich von mir de&szlig; nicht versehen, so ward nun er
+den Umstehenden zum Gel&auml;chter und einer von ihnen
+rief ihm zu: &raquo;Fahrt s&auml;uberlich, Freund, mit dem Singemeister,
+denn er hat die Art nicht, als geliebt&rsquo; es ihm,
+mit Euch zu scherzen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Daf&uuml;r tr&auml;gt er den Kranz&laquo;, sagte ein Anderer,
+&raquo;der gibt ihm also hohen Muth.&laquo;</p>
+
+<p>Zu solchen Worten wollte des Gernsteiners Knecht
+auch nicht m&uuml;&szlig;ig bleiben, sondern gedachte sein Botenbrot
+an mir wohl zu verdienen. Er griff also nach einem
+d&uuml;rren Stecken, der da nahe bei einem Baume lag,
+sprang damit auf mich zu und indem er rief:
+</p>
+
+<p><!-- Page 185 --><span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">185</a></span>
+&raquo;Solch&rsquo; unartigen Knaben geb&uuml;hrt die Ruthe, sie
+bessere Zucht zu lehren!&laquo; strich er mich, bevor ich mich
+wenden konnte, &uuml;ber den R&uuml;cken. Da enthielt ich meinen
+Zorn nicht l&auml;nger, drang auf den Mann mit Ungest&uuml;m,
+eh er sich bedachte, und st&uuml;rzte ihn mit Wucht zur Erde,
+da&szlig; er st&ouml;hnend um Hilfe rief.</p>
+
+<p>Er that es nicht vergebens, denn die Menge lief
+herzu, und darunter war auch von den Gernsteiner und
+Speyerischen Knechten ein ziemlicher Haufe. Wie die
+nun von ihrem beleidigten Gesellen die Ungeb&uuml;hr vernommen
+hatten, die ihm von mir geschehen war, so
+w&auml;r&rsquo; ich gewi&szlig;lich ohne Aufenthalt in ihre H&auml;nde gerathen,
+und s&auml;nftiglich h&auml;tten sie mir nicht mitgespielt,
+wenn da nicht gegen die Anst&uuml;rmenden mir eine unverhoffte
+Rettung gekommen w&auml;re.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t Euch rathen und tastet uns den Singemeister
+nicht an!&laquo; so h&ouml;rt&rsquo; ich eine Stimme, die ich wohl kannte;
+und wie ich seitw&auml;rts blickte, woher sie kam, sah ich
+Helmbolden und Andere mehr vom Elzeburger Gesinde.
+Die brachen durch den umstehenden Haufen und dr&auml;ngten
+die, so auf mich einwollten, von mir ab, also da&szlig; mich
+ihrer Keiner verletzen durfte. Solches verdro&szlig; die
+Gernsteiner und ihre Genossen nicht wenig, da&szlig; sie den
+Schimpf nicht strafen sollten, der ihrem Gesellen widerfahren
+war, und sie bedroheten die Elzeburger laut,
+wenn sie ihnen nicht Raum g&auml;ben, mich zu greifen.
+Die aber wollten auf sie nicht h&ouml;ren, trutzten ihnen
+und sprachen mir zu: &raquo;Diether, f&uuml;rcht&rsquo; Dich nit; denn
+wir gedenken Dir&rsquo;s wohl, da&szlig; Du vormalen unsrer
+Sippe gewesen bist.&laquo;</p>
+
+<p>Und so waren sie als eine Mauer um mich herum.</p>
+
+<p>Alsbald entstund zwischen diesen Knechten ein
+<!-- Page 186 --><span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">186</a></span>
+nicht kleiner Zank um meinetwillen und ein feindliches
+Dr&auml;ngen hin und wieder, wie es die Streitlust erh&ouml;ht
+und Brauch ist, wenn es bald zum Hauen und Stechen
+kommen soll.</p>
+
+<p>Das war denn sonder Zweifel auch hier ganz
+nahe, und statt des Freudenspiels, das sie halten sollten,
+waren sie dabei, sich hitzig zu bestreiten. Aber wie der
+L&auml;rm wuchs und der Haufe der Gaffer sich mehrte,
+konnte das Get&uuml;mmel um mich her auch dem Wahrnehmen
+der Herren nicht entgehen. Vielleicht auch hatte
+einer aus dem Gesinde dem Ritter von Gernstein
+Botschaft dessen gebracht, was sich zutrug. Denn just,
+als die Knechte auf beiden Seiten das Beste thaten,
+sich kampflich anzurennen und des Scheltens und H&ouml;hnens
+&uuml;bergenug verf&uuml;hrten: trat Herr Conrad, dem etliche
+Ritter zur Seite giengen, eilend zwischen sie und gebot
+ihnen mit drohender Stimme, von einander abzulassen.
+Er und seine Begleiter hatten M&uuml;he, die Hadernden
+auseinander zu bringen. Aber sie durften auf die
+L&auml;nge den Herren nicht trutzen. Als nun der &auml;rgste
+Sturm sich gelegt hatte, lie&szlig; der Gernsteiner seine Leute
+zornmuthig an und schwur theuer bei seiner ritterlichen
+Ehre, an ihnen den Schimpf zu strafen, den sie da
+gegen das Gesinde seines werthen Gastes ver&uuml;bten.
+Da trat der Bote vor, den der Ritter an mich geschickt
+hatte, berichtete mit vielen beweglichen Worten, wie
+es ihm ergangen w&auml;re, wie unehrerbietig ich des
+Herrn Verehrung, die mir zugedacht gewesen, verschm&auml;ht,
+den &Uuml;berbringer mit Hohn gereizt und zuletzt &uuml;bel zu
+Boden gestreckt h&auml;tte. Nun schrieen die Andern wieder,
+blo&szlig; mich h&auml;tten sie zu greifen begehrt, die ihrem
+Gesellen von mir zugef&uuml;gte Schmach geb&uuml;hrend zu
+<!-- Page 187 --><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">187</a></span>
+r&auml;chen, und auch meine gegen ihren Herrn bewiesene
+Hoffahrt zu strafen. Aber die Elzeburger h&auml;tten ihnen
+ohn&rsquo; Ursach gewehret und den &uuml;berdreisten Singer
+schutzweise umringt. Da sah sich der Herr Conrad
+zornigen Blickes nach mir um und zugleich auch, als
+w&auml;r&rsquo; es ihm eben recht, da&szlig; er so eine Sache wider
+mich h&auml;tte, mich in Schmach zu bringen.</p>
+
+<p>&raquo;Komm heraus da!&laquo; rief er mit gebietender Stimme
+mir zu, als er mich erblickte.</p>
+
+<p>Ich trat festen Schrittes vor und sah ihn gerad
+an, als ich vor ihm stund. Seine linke Hand st&uuml;tzte er
+gegen seinen Schwertgriff, und mit seiner rechten strich
+er gem&auml;chlich den Bart &uuml;ber seinen Lippen, die er ver&auml;chtlich
+zusammenzog.</p>
+
+<p>&raquo;Das also ist der Meister Nirgenddaheim, den
+seine &uuml;berzarte Kunst durch Hoffahrt zum Narren gemacht
+hat!&laquo; sagt&rsquo; er sp&ouml;ttisch lachend.</p>
+
+<p>&raquo;Herr!&laquo; sagt&rsquo; ich darauf, &raquo;Eure Jungfrau Braut
+hat den Narren mit diesem Kranz geziert.&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; ich dergestalt vor ihm Irmela&rsquo;s und ihrer
+G&uuml;tigkeit gegen mich gedachte, trieb die hellen Zornflammen
+in des Stolzen Angesicht.</p>
+
+<p>&raquo;So unwerther bist Du, Lotterbube, ihn zu tragen!&laquo;
+rief er voll Grimm und schlug mit seinem Handschuh
+mir nach dem Haupte, da&szlig; der Kranz herunterfiel und
+das Haar mir wirr um die Stirn wehte. Drauf streckt&rsquo;
+er seinen Arm aus und rief weiter: &raquo;Heb&rsquo; Dich hinweg,
+und ohne S&auml;umen, eh&rsquo; ich noch meinen Knechten gebiete,
+Dir den R&uuml;cken zu bl&auml;uen, wie Du&rsquo;s um Dein
+&uuml;berm&uuml;thig Unterfangen verdient hast!&laquo;</p>
+
+<p>Das war mir unertr&auml;glich, da&szlig; ich so vor Aller
+Augen von ihm wie ein Ehrloser geschlagen sein und
+<!-- Page 188 --><span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">188</a></span>
+mit Schmach und Schimpf hinweggetrieben werden sollte.
+Und so reckte ich mich hoch empor, sah ihn wild an
+und rief ihm w&uuml;thend zu: &raquo;W&auml;r&rsquo; ich bewehrt, Herr,
+wie Ihr: bei Gott, dem Hohen! der Schlag sollt&rsquo; Euch
+gereuen, mit dem Ihr mich schlugt und Ihr d&uuml;rftet mir
+so nicht drohen!&laquo;</p>
+
+<p>Da griff er nach seinem Schwerte, es zorneifrig
+wider mich zu z&uuml;cken. Als ich&rsquo;s sah, erfa&szlig;te auch
+mich eine Wuth, da&szlig; mir Alles gleich galt, nur nicht
+ungerochen zu bleiben an seinem &Uuml;berstolz. Ich hub
+meinen Arm hoch und drang auf ihn ein.</p>
+
+<p>Wohl sah ich, wie er vor&rsquo;m unerwarteten Angriff,
+der ihn bedrohte, sich zur&uuml;ckbog und hastiger nach mir
+ausholte; aber das war ihm nicht mehr von N&ouml;then.
+Denn schon f&uuml;hlt&rsquo; ich mich aufgehalten und von den
+Knechten gepackt, die herzugelaufen waren, den Frevel,
+der ihrem Herrn bevorstund, zu hindern. So Viele
+umringten mich, und so sicher waren ihre Griffe, da&szlig;
+wie ich auch mich wand, ich in keinerlei Weise aus der
+Gewalt ihrer F&auml;uste mich l&ouml;sen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Bindet ihn&laquo;, befahl da der hart beleidigte Ritter,
+&raquo;und bewahrt ihn wohl, den Gauch, der bereit war,
+sich an mir zu vergreifen; und im tiefsten Kerker meiner
+Burg m&ouml;g&rsquo; er verschmachten!&laquo; Ich wu&szlig;te, da&szlig; sein
+Ha&szlig; gegen mich t&ouml;dtlich war, und dennoch wollt&rsquo; ich
+ihn nicht um Erbarmen bitten. Ich h&auml;tt&rsquo; es nicht
+gethan, auch wenn ich da den grausamsten Tod an
+der Hand gehabt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Aber Gott verschaffte in dieser meiner h&ouml;chsten
+Noth, da&szlig; eine F&uuml;rbitte f&uuml;r mich laut ward, wie
+s&uuml;&szlig;ere mein Ohr nicht vernehmen konnte. Denn an
+der Seite des Bischofs war Irmela herzugekommen und
+<!-- Page 189 --><span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">189</a></span>
+hatte kaum den Jammer ersehen, in dem ich schwebte,
+als sie an den Ritter sich wandte, und ich merkte wohl,
+wie sie bleich war und ihre Stimme erbebte in mitleidiger
+Sorge um meinetwillen.</p>
+
+<p>&raquo;Gilt Euch etwas meine Bitte, Herr Conrad&laquo;,
+sprach sie, &raquo;so begnadet den Singer, wie schwer auch
+seine Fehle sein mag, mit der er Euch erz&uuml;rnet hat, und
+la&szlig;t ihn frei!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr thut Eurer Ehre zu nahe, Werthe!&laquo; sprach
+er unwillig, &raquo;so Ihr die Macht Eurer F&uuml;rbitte f&uuml;r
+einen Solchen einlegt. &#8211; Kommt! La&szlig;t uns nicht l&auml;nger
+durch ihn das Fest gest&ouml;rt sein!&laquo;</p>
+
+<p>Damit winkt&rsquo; er den Schergen, die mich hielten,
+da&szlig; sie mit mir th&auml;ten nach seinem vorigen Befehle,
+und gab den Herren ringsum ein Zeichen, mit ihm
+zur Lustbarkeit zur&uuml;ckzukehren, indem er sich zur Braut
+gesellte, sie zu den Tischen zu geleiten. Die aber stund noch
+unbeweglich: in ihrem Herzen bestritt die maidliche Scheu
+den sehnlichen Wunsch, mir zu helfen. Aber wie sollte
+das geschehen? Noch einen Augenblick, so war ich in
+Banden gefesselt und zu jammerhaftem Ziel hinweggef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Indem waren Andere bereit, meine Errettung
+aus des Gernsteiners Gewalt zu Handen zu nehmen;
+wie wohl ihnen das &uuml;bel und mir zu gro&szlig;em Leide
+gerieth: nicht die Elzeburger, die noch da stunden; denn
+sie durften Angesichts der Ritterschaft nicht wagen, sich
+f&uuml;r mich ferner einzulegen. Aber die zween Fahrenden
+st&uuml;rmten in Eile herzu und verlegten dem Bischof, der
+sich eben zum Gehen anschickte, den Weg.</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rdiger Herr!&laquo; riefen sie mit Hast, und so da&szlig;
+Einer des Andern Rede erg&auml;nzte, wenn ihm dar&uuml;ber
+der Odem ausgieng, &raquo;W&uuml;rdiger Herr! Ihr d&uuml;rft nicht
+<!-- Page 190 --><span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">190</a>
+</span>
+leiden, da&szlig; Dieser weltlichem Gericht &uuml;berantwortet
+werde &#8211; Ihr d&uuml;rft nicht! Der Singer ist nicht, wof&uuml;r
+er das Ansehen hat. Wir k&ouml;nnen&rsquo;s mit Schriften
+darthun. Er geh&ouml;rt der heiligen Kirche zu &#8211; ist dem
+Kloster zugesprochen &#8211; ist geistlich! Der Abt von
+Maulbronn hat &uuml;ber ihn Gewalt!&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine
+Kraft verlie&szlig; mich und die Scham, da&szlig; ich so zu
+Schanden ward, schlug mich nieder. Alle mu&szlig;ten es
+mir ansehen, da&szlig; es sich also hielte, was Jene von
+mir bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu
+mir wendete, mich zu fragen, ob ich etwas vorzubringen
+w&uuml;&szlig;te wider der Beiden Zeugni&szlig;, wagte ich nicht zu
+antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als
+ich den Gernsteiner h&ouml;hnisch sagen h&ouml;rte: &raquo;Ein verlaufener
+M&ouml;nch, Irmela!&laquo; zwang mich der Schmerz
+aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in ihrem
+Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden w&uuml;rde,
+oder ach! nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch
+als ich flehentlich zu ihr hin&uuml;ber blickte, kehrte sie sich
+von mir hinweg, und mit bitterem Weh&rsquo; im Herzen
+lie&szlig; ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr
+erhoben hatte, und die Sinne wollten mir vergehen
+vor kl&auml;glicher K&uuml;mmerni&szlig;.</p>
+
+<p>Derweilen hub der Bischof an, mit gro&szlig;er Strenge
+Befehl zu geben, da&szlig; ich, bis der Sache weiter gerathen
+w&auml;re, unten in die Burg in Gewahrsam gebracht w&uuml;rde;
+denn der Herr derselben war des Speyerischen Bisthums
+Hintersasse. Das sollte ohne S&auml;umen geschehen, damit
+das Fest nicht l&auml;nger Verz&ouml;gerung erlitte; Tags darauf
+wollt&rsquo; er das N&ouml;thige vornehmen. Die Fahrenden
+hie&szlig; er zu fernerer Bekundung zur Stelle bleiben.
+</p>
+
+<p><!-- Page 191 -->
+<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">191</a></span>
+Als der Bischof Solches &uuml;ber mich verf&uuml;gt hatte,
+begab er sich mit den &Uuml;brigen von der Ritterschaft,
+die um ihn waren, hinweg, und auch der Tro&szlig; und
+die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders
+hatten sie genug &uuml;ber das, was sich mit mir zugetragen.</p>
+
+<p>So ward ich denn als Gefangener des Bischofs
+von dannen gef&uuml;hrt, ein kl&auml;glicher Mann. Die Leute,
+so uns auf unserem Wege begegneten, blieben stehen
+und beklagten meine Jugend; sie mu&szlig;ten denken, ich
+w&auml;r&rsquo; als Sch&auml;cher ergriffen und w&uuml;rde zur Richtstatt
+geschleppt; denn gewi&szlig;lich so war mein Aussehen. Mich
+reute zu leben, und die Welt vor mir war verwandelt.
+Die L&auml;uber des Waldes erschreckten mich mit ihrem
+Rauschen, der Himmel &uuml;ber mir hieng wie ein h&auml;rener
+Sack, und als wir in&rsquo;s Thal hinabkamen, dessen lieblich
+Bild sich so licht meiner Seele eingepr&auml;gt hatte, lag
+es vor meinen Blicken wie &uuml;berdeckt mit einem schwarzen
+Schleier.</p>
+
+<p>Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches
+Fenster auf, und M&auml;nner und Frauen lugten nach mir
+aus; sie fragten wohl auch nach meiner Missethat,
+welche das w&auml;re. Da sagten meine Schergen, um
+&Uuml;bermuths willen und Frevels gegen den heiligen
+Stand w&auml;r&rsquo; ich gefangen auf des Bischofs Gehei&szlig;;
+&raquo;So gnad&rsquo; ihn Gott&laquo;, h&ouml;rt&rsquo; ich dann, &raquo;nun ist ihm
+das Pochen und die weltliche Lust vergangen.&laquo; Kinder,
+die auf der Stra&szlig;e spielten, wichen vor mir scheu hinweg
+und liefen zur Seite hin zu ihren M&uuml;ttern, die auf
+ihren Armen die kleineren trugen. Sie huben sie wohl
+dann in die H&ouml;he, da&szlig; sie mich besser ersehen m&ouml;chten,
+und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht
+<!-- Page 192 --><span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">192</a></span>
+auch b&ouml;s zu werden, auf da&szlig; es ihnen nicht widerf&uuml;hre
+wie mir.</p>
+
+<p>Dies Alles sah und h&ouml;rt&rsquo; ich, ob ich gleich meine
+Blicke tief zur Erde senkte und meine Ohren vor Allem,
+was um mich her vorgieng, in dieser martervollen Stunde
+zu verschlie&szlig;en trachtete. Denn des Menschen Herz,
+wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an
+sich, auch wider Willen f&uuml;r seinen Jammer Nahrung zu
+suchen, sich um so mehr zu kr&auml;nken und zu betr&uuml;ben.</p>
+
+<p>Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der
+Anstieg zur Burg hinauf sich abzweigt. Festlich flatterte
+von des Thurmes Zinne zu Ehren der Fr&ouml;hlichkeit des
+Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner.
+Mich sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um
+eine Tumba traurig wehen, und schaudernd lenkte ich
+meinen Blick hinweg und folgte mit Seufzen meinen
+F&uuml;hrern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst
+eine kleine Strecke zur H&ouml;he gedrungen, als ich hinter
+mir vom Wege her mich laut mit Namen rufen h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Ich wandte mich, und: &raquo;Brun! ach, Brun!&laquo;
+&#8211; mehr konnt&rsquo; ich vor inniglichem Leide nicht sprechen.</p>
+
+<p>Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der
+sich &uuml;ber meinen Anblick schier entsetzte; seine Brust
+keuchte und seine Stimme war ged&auml;mpft, wie unter der
+Last tiefen Grams.</p>
+
+<p>&raquo;Also mu&szlig; ich&rsquo;s doch mit diesen meinen alten
+Augen sehen, was mich so manchmal im Traum erschreckt
+hat, und was abzuwenden ich zu Gottes Gnade
+in allen meinen Gebeten f&uuml;r Dich gefleht? Diether,
+Diether &#8211; was hast Du gethan? Welch&rsquo; Herzeleid
+schaffst Du mir?! Ach, ich soll nicht Frieden finden&nbsp;&#8211;
+nimmer &#8211; nimmer!&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 193 --><span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">193</a></span>
+Seine Klagen jammerten meine Schergen, und
+einer von ihnen hub an und erz&auml;hlte, wie es mit mir
+ergangen w&auml;re; wie ich oben beim Feste vor allem
+Volk das Beste im Singen vermocht, wof&uuml;r mir das
+Fr&auml;ulein den ausgesetzten Preis zuerkannt h&auml;tte; darnach
+w&auml;r&rsquo; ich in H&auml;ndel gerathen, zuerst mit dem Tro&szlig; der
+Herren, sodann h&auml;tt&rsquo; ich des Bischofs Neffen zum
+Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungef&auml;hr an
+Tag gekommen w&auml;re, da&szlig; ich dem Kloster entronnen;
+so h&auml;tte der Bischof geboten, mich gefangen hinwegzuf&uuml;hren,
+da&szlig; nachfolgends mir mein Recht gesch&auml;he.</p>
+
+<p>Auf diese Worte meint&rsquo; ich, Brun w&uuml;rde mit
+harter Scheltung mich strafen, wie ich das reichlich
+von ihm verdiente; aber er that davon nichts, sondern
+das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als tr&uuml;g&rsquo; auch
+er daran einen Theil der Schuld. &raquo;O, ich konnt&rsquo;s
+denken, konnt&rsquo;s denken!&laquo; murmelte er etliche Male und
+strich sich mit seiner Hand in tiefem Sinnen die Stirn.</p>
+
+<p>Dann rafft&rsquo; er sich auf und fragte, ob es ihm
+verstattet w&auml;re, noch einmal mich zu umfahen; und
+als sie ihn beschieden: Ja, das d&uuml;rfte geschehen! so
+stieg er hinan uns nahe, und mich lie&szlig;en sie los, da&szlig;
+ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich
+mit seinen Armen ganz liebreich, und ich konnte die
+meinen nicht um ihn schlingen (denn sie waren mir
+<ins class="correction" title="Original: rucklings">r&uuml;cklings</ins> gebunden)
+und h&auml;tt&rsquo; es doch so gern gethan,
+ach! nur einen Augenblick: ich Versto&szlig;ener!</p>
+
+<p>Er aber sprach: &raquo;Diether, ich gedachte, Du solltest
+vor diesen Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, da&szlig;
+sie Dir drohten. Nun erkenn&rsquo; ich: es sollte nicht sein,
+da&szlig; es nach meinem D&uuml;nken angienge. &#8211; Heute war
+ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du
+<!-- Page 194 --><span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">194</a></span>
+w&auml;rest hau&szlig;en und da&szlig; ich Deiner harren sollte. Aber
+mich trieb&rsquo;s hinweg, und die Sage der Leute von dem
+Feste hier lenkte mich her. &#8211; Jetzt kommen Rath und
+Warnung zu sp&auml;t. Gott gnade uns nach Seiner Langm&uuml;thigkeit
+und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst
+mich am frohen Tage wieder oder auf Erden nimmer
+mehr!&laquo;</p>
+
+<p>Als er darauf mich k&uuml;&szlig;te, f&uuml;hlt&rsquo; ich eine Z&auml;hre
+aus seinem Auge auf meiner Wange; sie hieng da noch,
+als er schon hinab war und, ohne sich noch einmal
+umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf f&uuml;rder
+schritt. Oft hab&rsquo; ich sp&auml;ter Gott dem Hohen gedankt
+um diese Z&auml;hre, da&szlig; ich sie nicht hinwegwischen konnte
+mit meinen gebundenen H&auml;nden (vielleicht h&auml;tt&rsquo; ich&rsquo;s
+sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn
+ber&uuml;hren durfte &#8211; den gebenedeiten Tropfen, das
+schmerzlich k&ouml;stliche Verm&auml;chtni&szlig;.&nbsp;&#8211;</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/194_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><!-- Page 195 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">195</a></span></p>
+<h2><a name="Achtes_Capitel" id="Achtes_Capitel"></a>Achtes Capitel.</h2>
+
+<h1>In Haft.</h1>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">D</span>roben in der Burg &uuml;ber dem d&uuml;stren Eingangsthore
+war die Pf&ouml;rtnerswohnung. Ich
+erfuhr&rsquo;s, noch ehe wir unter den gew&ouml;lbten
+Bogen schritten. Denn wiewohl die Thorfl&uuml;gel
+offen stunden, hielten wir doch vor ihnen mit
+Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen
+f&uuml;hrten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer
+hinauf. Auf seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder,
+so alt und greise, da&szlig; man&rsquo;s schier nicht erdenken
+konnte, sie m&ouml;chte je jung und glatt ausgesehen
+haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man
+schon wieder begehrte, das Thor w&auml;re ja offen und
+Keiner gehindert, hindurch zu gehen; ob denn sie allein
+heute, da Alle ihre Erg&ouml;tzung h&auml;tten, der Ruhe entbehren
+sollte und nicht ein Wenig stille sitzen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wir kommen ja nicht allein, Mutter!&laquo; sagte der
+Knecht wieder, &raquo;begehren auch nicht Eures Dienstes
+f&uuml;r uns. Wir bringen Euch einen Gefangenen, den
+Ihr mit allem Flei&szlig; h&uuml;ten sollt, wie unser gn&auml;diger
+Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard
+selber hat ihn hieher verordnet.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 196 --><span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">196</a></span>
+&raquo;So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer
+ganzer Hauf&rsquo;, als ich da nicht unterscheiden kann, ob
+ein Fremder unter Euch ist. &#8211; Ich h&ouml;r&rsquo; das M&auml;uslein
+rascheln im Thurm, aber meine Augen sind tr&uuml;b.&laquo;</p>
+
+<p>Nach diesen Worten verschwand sie und eines
+alten Mannes Gesicht ward an ihrer Stelle gesehen.
+Das war nicht minder welk und greis als das ihrige
+und verwittert, wie das Gem&auml;uer, aus dem es hervorlugte.</p>
+
+<p>&raquo;So bringt ihn herauf!&laquo; sagte der Alte m&uuml;rrisch,
+nachdem er einen Blick nach mir gethan, und zog dann
+seinen Kopf wieder zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Eine h&ouml;lzerne Stiege au&szlig;en an der Mauer f&uuml;hrte
+in die Wohnung der Leute. Als wir durch das Thor
+geschritten waren und ich oben auf der Stiege ankam,
+stund die Alte schon in der ge&ouml;ffneten Th&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;So jung, so jung und schmuck dazu!&laquo; sagte sie,
+indem sie mir hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich
+ganz nahe musterte; dann zu den Knechten gekehrt:
+&raquo;Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren
+sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen,
+der sieht wie ein Luchs: das thut&rsquo;s.&laquo; Zu diesen Worten
+verzog sie ihren zahnlosen Mund zum Lachen.</p>
+
+<p>Indem hatte der Alte mit M&uuml;he eine schmale
+Th&uuml;r aufgeriegelt, die auf mehreren Stufen aus dem
+Gemach der Alten in einen dunklen Gang f&uuml;hrte.
+Wirklich mu&szlig;t&rsquo; es wohl wahr sein, was das Weib von
+ihres Mannes scharfem Gesicht ger&uuml;hmt hatte; denn
+selbiger gieng, nachdem ich gehei&szlig;en war ihm zu folgen,
+so sicher seinen Weg da hindurch, da&szlig; ich, der ich mit
+meinen F&uuml;&szlig;en tastete, hinter ihm verzog. Nun schlo&szlig;
+er mir eine zweite Th&uuml;r auf und &ouml;ffnete den Raum,
+<!-- Page 197 --><span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">197</a></span>
+der mir zur Haft bestimmt war. Die Alte brachte mir
+Brot und Wasser, und dann giengen die Beiden, ohne
+ferner mit mir ein Wort zu reden, und schlossen die
+Th&uuml;r hinter sich.</p>
+
+<p>So war ich allein und von aller Welt abgeschieden;
+selber das kleine St&uuml;cklein Himmel, von dem
+durch die schmale Mauer&ouml;ffnung d&uuml;rftiges Licht hereindringen
+sollte, war durch h&auml;ufige Spinnweben zwischen
+den Eisenstangen mir so verdeckt, da&szlig; er grau schien
+und tr&uuml;be.</p>
+
+<p>In dieser Ein&ouml;de brach mein Schmerz, der so
+lange stumm gewesen war, mit aller Macht hervor,
+und ich wehrte ihm nicht. Ich hub bitterlich an zu
+weinen und zu klagen, nannte mich unselig und den
+Elendesten unter allen Menschen. Mein waglicher Sinn
+und mein froher Muth waren nun g&auml;nzlich niedergelegt
+und gar hin, dagegen Seel&rsquo; und Leib lauter Zagheit
+und Bl&ouml;digkeit.</p>
+
+<p>Ja, ich war in schwere S&uuml;nde und Untugend gerathen
+und darinnen verharret beinahe vom ersten
+Tage meiner Fahrt aus dem Kloster bis hierher. Ich
+war mit Lug und Trug umgegangen und dessen gewohnet
+worden in Elzeburg, ich hatte meine Lust daran
+gehabt auch hernach und damals belacht, was ich jetzt
+so kl&auml;glich beweinen mu&szlig;te. Dazu waren Hoffahrt
+gekommen und eitler Stolz auf meinen Witz und die
+Kunst, von der ich nie h&auml;tte erfahren sollen, da&szlig; ich
+sie bes&auml;&szlig;e. &#8211; Ach, und nicht allein mich, sondern alle
+die, so mir zumeist Gutes g&ouml;nnten, denen ich dienen
+sollte und zur Freude helfen nach Pflicht und allem
+Verm&ouml;gen, hatt&rsquo; ich bitter gekr&auml;nkt und in Leid gebracht;
+mu&szlig;te nicht Irmela irre an mir geworden sein
+<!-- Page 198 --><span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">198</a></span>
+und Brun mich verachten und der Abt, dessen Vertrauen
+ich so grob get&auml;uscht hatte?</p>
+
+<p>&raquo;Wie wird mir&rsquo;s im Convent ergehen, wenn da
+meine Missethat auskommen wird&laquo;, rief ich, &raquo;wie wird
+Albrecht&rsquo;s strenger Eifer f&uuml;r die Ehre der Abtei mich
+treffen, der ich den Namen des Klosters in allen frommen
+Ohren stinkend gemacht habe?&laquo; Und dann trat vor
+mich der Gedanke an all&rsquo; die Schmach, an Spott und
+Schande, die mein warteten; an &ouml;des, dumpfes Gef&auml;ngni&szlig;,
+an Gei&szlig;el, Kasteiung und Einsamkeit. Dem gegen&uuml;ber
+stellte sich wieder die Erinnerung an das bunte
+Leben der sonnigen Welt, das mich so fr&ouml;hlich angelacht
+hatte, und der Wunsch, nach ihren Ehren zu
+trachten, und Irmela&rsquo;s s&uuml;&szlig;es Bild. Da gedacht&rsquo; ich
+auch, da&szlig; der Abt selber mich auf den Weg gedr&auml;ngt
+h&auml;tte, wo sich diese Welt mir aufgethan, da&szlig; sie mich nach
+Elzeburg gezwungen hatten und die erste List mir
+nothweise aufgedrungen war.</p>
+
+<p>War&rsquo;s nicht doch ungerecht, da&szlig; ich nun so hart
+daf&uuml;r b&uuml;&szlig;en und darum in Schande und Strafe kommen
+sollte, um was drau&szlig;en mir Lohn und Lob gewi&szlig; war!
+Und ich dachte des seligen Augenblickes, da ich vor
+Irmela kniete und den Kranz empfieng; ich dachte auch
+der Huld, mit der sie f&uuml;r mich bat, und ihrer Traurigkeit
+zuletzt, da sie es nicht mehr konnte.</p>
+
+<p>&raquo;O, da&szlig; ich sie noch einmal bitten k&ouml;nnte, mir
+nicht zu hart zu z&uuml;rnen, da&szlig; ich ein Wort nur der
+Vergebung aus ihrem Munde vern&auml;hme!&laquo;</p>
+
+<p>Aber meine Seufzer hallten von den dumpfen
+Mauern wieder, die mich umschlossen, und mir blieb
+nichts, als mit meinem Jammer wider mich selbst zu
+w&uuml;then in unm&auml;chtigen Klagen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 199 --><span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">199</a></span>
+O, der Seele, die in N&ouml;then schwebt, wird schlecht
+gelohnt, so sie sich in Zweifel verf&auml;ngt und nicht vermag,
+sich stracks zu Gott zu kehren.</p>
+
+<p>So w&uuml;nscht&rsquo; auch ich, da&szlig; ich nie geboren w&auml;re
+und zu solchem Ungl&uuml;ck gespart; ich that des kl&auml;glichen
+Jammers immer mehr und des Scheltens und Anklagens,
+bis ich nicht mehr konnte und schweigend niedersa&szlig; auf
+die blo&szlig;e Erde, mit beiden H&auml;nden mein Gesicht &uuml;berdeckend.</p>
+
+<p>Wie lange ich so sa&szlig; regungslos, wei&szlig; ich nicht;
+aber allgemach wurden meine Klagen stiller und meine
+Traurigkeit sanfter. Vor meinen verschlossenen Augen
+verschwand der tr&uuml;bselige Ort, der mich gefangen hielt,
+und meiner Seele wuchsen Fl&uuml;gel, die sie hinaustrugen
+zur&uuml;ck in&rsquo;s helle Sonnenlicht, in die freie Welt. Ich
+sah mich wieder auf der H&ouml;he, und die Festfreude umgab
+mich. Irmela&rsquo;s lichte Augen sah ich, wie sie aufblickten
+und ich nicht widerstehen konnte, weil&rsquo;s mir
+war, als suchten sie mich; vor sie trat ich, zu singen,
+was mein Herz mir eingab, und wunderte mich, da&szlig;
+ich dazu die K&uuml;hnheit gewann und wu&szlig;te doch, sie zu
+erfreuen, h&auml;tt&rsquo; ich Alles gewagt. Und nun t&ouml;nte der
+Klang ihrer s&uuml;&szlig;en Stimme wieder mir in den Ohren
+und sie beugte sich hernieder, mich mit dem Kranz zu
+zieren, und gr&uuml;&szlig;te mich mit g&uuml;tigem Wort. Da&szlig; ich
+davon hohen Muth empfieng, warum verdachten sie
+mir das? Durft&rsquo; ich den Unglimpf nicht r&auml;chen, den
+sie mir zuf&uuml;gten; durft&rsquo; ich ihnen nicht zeigen, da&szlig; ich
+ein Verm&ouml;gen in mir f&uuml;hlte, und mich nicht verachten
+lie&szlig;; hatte sie mich doch nach allen Ehren belohnt!&nbsp;&#8211;
+Gewi&szlig;lich, wenn ich ihr noch einmal nahen, wenn ich
+ihr offenbaren k&ouml;nnte, wie Alles sich mit mir begeben
+<!-- Page 200 --><span
+class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">200</a></span>
+hatte: sie w&uuml;rde mir nicht l&auml;nger z&uuml;rnen, sie
+w&uuml;rde mit Trost mich aufrichten, sie w&uuml;rde mir, was
+ich gethan, zur Unehre nicht anrechnen. Dann d&uuml;rfte
+mich Niemand verachten &#8211; nein, auch jetzt nicht.</p>
+
+<p>Jetzt?! Wo war ich denn? Gefangen gelegt,
+frevlen Truges &uuml;berwiesen; und alles Trachten und
+W&auml;hnen, das mich hinauszog: es war nichts Anderes,
+als eitles Tr&auml;umen, vergebliches, ja verbotenes W&uuml;nschen!</p>
+
+<p>Ich sprang auf und sah mich um.</p>
+
+<p>Aus der D&auml;mmerung, die hier schon sich verbreitet
+hatte, starrten die geschw&auml;rzten W&auml;nde fremd und schweigend
+mich an. Die Erinnerung an den sich neigenden
+Tag und die Erwartung der Nacht, die kommen w&uuml;rde,
+&ouml;de, traurig, lichtlos, erneuerte in mir das Gef&uuml;hl meines
+Elends. Es war mir schier, als k&ouml;nnt&rsquo; ich&rsquo;s nicht ferner
+ertragen, so eingesperrt zu sein und einsam den &Uuml;beln
+entgegen zu harren, die mir bevorstunden. Der th&ouml;richte
+Gedanke, als w&auml;r&rsquo; mir ein Entrinnen m&ouml;glich, ergriff
+mich. Ich eilte nach der Th&uuml;r, stemmte mich gegen
+die Riegel, hub an den Angeln, r&uuml;ttelte an den Pfosten;
+ich lief immer wieder die W&auml;nde entlang, tastete herum,
+pochte an&rsquo;s Gestein aus aller Macht, ob etwan ein verborgener
+Ausgang zu finden w&auml;re, und ich stund stille
+mit tiefem Seufzer, als ich erfunden hatte, wie Alles
+vergeblich war. Mit sehnendem Verlangen blickt&rsquo; ich
+hinauf zur &Ouml;ffnung. Nur ein W&ouml;lklein w&uuml;nscht&rsquo; ich
+zu sehen, vor&uuml;berschwimmend, wohin der Wind es trieb,
+oder eine Schwalbe im Husch durch die Luft streichend:
+aber da hieng d&uuml;ster der Vorhang der staubigen Spinnweben
+und bewegte sich nur etwa von einem armen
+Schmetterlinge, der in den F&auml;den gefangen war und
+sich nun zu Tode flatterte.
+</p>
+
+<p><!-- Page 201 -->
+<span class='pagenum'><a name= "Page_201" id="Page_201">201</a></span>
+&raquo;Wenn nur zum wenigsten diese gro&szlig;e Stille nicht
+w&auml;re, die mit der D&auml;mmerung zu wachsen schien; wenn
+ich nur einen Laut vern&auml;hme, nur einen! Den Hall
+einer menschlichen Stimme unten vom Thal her oder
+den Ruf eines Vogels aus den L&uuml;ften!&laquo; Ich lauschte,
+aber ich h&ouml;rte nichts. Ich erhub selber meine Stimme,
+aber der Wiederhall von diesen W&auml;nden klang hohl
+und erschreckte mich.</p>
+
+<p>Da dr&uuml;ckte ich mich in eine Ecke, als k&ouml;nnt&rsquo; ich
+mich so vor den Schrecknissen bergen, die mich umgaben
+n&auml;her &#8211; n&auml;her, und versank in dumpfes Br&uuml;ten.
+Bald hieng ich zwischen Wachen und Schlafen und
+merkte nicht auf die Zeit, wie sie hinschlich, nur da&szlig;
+es immer dunkler um mich her ward, und endlich ganz
+finster. Dennoch lie&szlig; ich nicht ab, meine Augen weit
+aufzuthun, ob ich gleich wu&szlig;te, es diente zu nichts,
+und entri&szlig; mich der M&uuml;digkeit, um mit allem Flei&szlig; zu
+horchen: &#8211; vergeblich &#8211; vergeblich!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Aber nein! Das war ein Ger&auml;usch wie von einem
+zur&uuml;ckgeschobenen Riegel, wie von einer in ihren Angeln
+erknarrenden Pforte. Jetzt wurden Schritte h&ouml;rbar,
+nur leise, aber sie kamen n&auml;her; jetzt machte sich Einer
+am Schlo&szlig; der Gef&auml;ngni&szlig;th&uuml;r zu schaffen, dann ward
+ein Schl&uuml;ssel darin umgedreht &#8211; ein Lichtschein ward
+sichtbar &#8211; die Th&uuml;r that sich auf.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Pst, Junker Diether, lebt Ihr noch?&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<p>h&ouml;rt&rsquo; ich eine Stimme, die im Fl&uuml;sterton zu bleiben
+trachtete und doch laut genug schnarrte; ein runder
+Krauskopf streckte sich durch die ge&ouml;ffnete Th&uuml;r und
+eine kurze Gestalt schob sich ihm nach und lie&szlig; den
+schwachen Schein der Leuchte in ihrer Hand im Gef&auml;ngni&szlig;
+umherwandern.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<!-- Page 202 --><span class='pagenum'><a name="Page_202" id="Page_202">202</a></span>
+<span class="i0">&raquo;Hu, was ein &ouml;des Jammerloch!&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<p>sagte der Kurze dabei und verzog seinen breiten Mund.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ich konnte mich nicht genug verwundern &uuml;ber
+das Alles, da&szlig; ich vor Staunen schier wie angewurzelt
+war und meinen unerwarteten Gast nur anstarrte.
+Endlich traf mich der Schein seines Windlichts. Da
+setzte er es zur Erde, machte etliche Schritte mir entgegen
+und kratzte mit seinem rechten Fu&szlig; hinten aus,
+indem er, seinen Hut schwenkend, sich tief vor mir
+verneigte.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Euer Knecht in aller Willigkeit,<br/></span>
+<span class="i0">Zu jedem Dienst allzeit bereit,&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>sprach er und legte die freie Hand auf seine Brust,
+seine Ehrerbietigkeit noch deutlicher zu bezeugen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Ei, ei!&laquo; sagt&rsquo; er dann wieder und wies auf den
+Platz, den ich inne hatte:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wie hat man doch hienacht<br/></span>
+<span class="i0">Die Ruhst&auml;tt&rsquo; &uuml;bel Euch gemacht!<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>Ach, ja! und &rsquo;nem Junker! &#8211; &rsquo;s ist &rsquo;ne Schand!&nbsp;&#8211;
+Das will ein Bischof sein und eines Bischofs Voigt?!
+&rsquo;s ist &rsquo;ne Schand&rsquo; f&uuml;r die ganze christliche Ritterschaft!&laquo;
+&#8211; Er sah wieder ver&auml;chtlich sich um. &raquo;So ein Otternloch!
+So eine L&ouml;wengrube!! Es vergeht einem schier
+das Reimen, wenn man Euch da sieht, ob sich&rsquo;s gleich
+mit der &raquo;Ecken&laquo;, drin Ihr hockt, und &raquo;Verstecken&laquo; so
+leicht thun lie&szlig;e!&laquo;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ich richtete mich auf, ihm n&auml;her zu kommen; da
+wich er einen Schritt hinter sich, neigte sein Haupt zur
+Seite und hub an mit seinen kleinen Augen mich von
+Kopf zu F&uuml;&szlig;en zu messen und hinwieder, indem er
+dabei eine seiner H&auml;nde &uuml;ber die Stirn legte.</p>
+
+<p>&raquo;Ah&laquo;, rief er dabei, &raquo;so ein stattlicher Junker,
+<!-- Page 203 --><span class='pagenum'><a name="Page_203" id="Page_203">203</a></span>
+schlank und gerade &#8211; so fest im Gang, so zierlich in
+den H&uuml;ften, so breit in den Schultern, so stolzen Hauptes!&laquo;
+Und er schnalzte mit seinen dicken Lippen. &raquo;Ho, ho!
+So wahr ich Klingsohr hei&szlig;e: Ihr werdet ein wackerer
+Ritter und bald noch andere Kr&auml;nzlein davon tragen,
+die Euch kein Gernsteiner herunterrei&szlig;en soll &#8211; ein
+Prahler, Junker! nichts weiter &#8211; ah! und sch&ouml;ne
+Frauen und edle (dabei blinzelte er mich an und schlug
+sich vergn&uuml;gt auf die feiste Lende) &#8211; sch&ouml;ne und edle
+Frauen werden Euch die Kr&auml;nzlein aufsetzen, vor welchen
+immer es Euch geliebt hohe Ehren zu erjagen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich achtete seines Geschw&auml;tzes nicht, darin ich
+keinen Sinn erfand, auch nicht eines Haares breit, und
+fragte nur, immer noch des Wunderns voll, wie er
+hier hereingekommen w&auml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Rathet, Junker!&laquo; gab er zur Antwort. &raquo;Wem
+dank&rsquo; ich&rsquo;s wohl? &#8211; Da&szlig; Ihr&rsquo;s wi&szlig;t: meiner Kunst,
+der Magie, der wei&szlig;en oder schwarzen, gleichviel!</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Sie f&uuml;llt Topf und Tiegel,<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>das wi&szlig;t Ihr schon,</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Aber sie sprengt Schlo&szlig; und Riegel,<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>das erfahrt Ihr jetzt. &#8211; Mein Gesell, der Tannh&auml;user
+&#8211; er versteht sein&rsquo; Sach&rsquo; ausb&uuml;ndig, nicht? &#8211; der
+h&auml;tt&rsquo; sich hierhinein und durch die Th&uuml;ren nicht gefiedelt
+und nicht gesungen, beharrt&rsquo; er gleich bei seiner
+Musica bis zum j&uuml;ngsten Tage. Aber die Magie ist
+in solchem Handel, wie der Eurige, eine wundertreffliche
+Kunst, wer ihrer wohl kann. Seht, Junker, wir
+machten uns an die beiden Alten im St&uuml;blein &uuml;berm
+Thor. Nu, man wird gewitzigt und lernt, wie das
+anzufangen! &rsquo;S war just nicht leicht, Junker! Denn
+die magische Kunst, die bei dem Alten taugte, ihm die
+<!-- Page 204 --><span class='pagenum'><a name="Page_204" id="Page_204">204</a></span>
+Augen zufallen zu machen, verfieng bei seiner Hex nichts
+mit dem scharfen Geh&ouml;r, und so hinwieder.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Und so war verschiedentliche Arzeneiung vonn&ouml;then;
+aber wir machten die Symptomata bald ausfindig, wie
+die Medici sagen.</p>
+
+<p>Wisset, Meister, &#8211; nein, Junker Diether: es gibt
+eine <em class="antiqua">materia</em>, die schl&auml;gt Euch in der Welt bei den
+Menschen allermeist sicher an, ihre Complexiones und
+Humores m&ouml;gen sein, welche sie wollen. Ihr braucht
+sie ihnen nur von Ferne zu weisen, so f&auml;ht sie allbereits
+zu wirken an. Das Gold ist diese Materie, <em class="antiqua">aurum</em>
+nach lateinischer Zunge; aber wir Magi nennen sie die
+<em class="antiqua">essentia quinta</em>: denn es ist der Vorsprung und Ausbund
+aller Elemente. &#8211; Gut! damit versucht&rsquo; ich&rsquo;s
+nach <em class="antiqua">regula artis</em> bei der Alten; ich sagt&rsquo; ihr vom
+Alrunm&auml;nnlein, wie man von dem t&auml;glich einen Ducaten
+bek&auml;me. &#8211; Ah! der K&ouml;der lockte den Vogel,
+und sie fragte, wie das anzugreifen w&auml;re, da&szlig; man
+sich den Unhold zu Wege br&auml;chte. Ich gab ihr Bescheid:
+&raquo;Ja, die Johanniszeit w&auml;r&rsquo; wohl geschickt dazu,
+ein W&uuml;rzlein zu gewinnen, das kr&auml;ftig w&auml;re, und von
+Ungef&auml;hr h&auml;tt&rsquo; ich wohl dr&uuml;ben auf dem Berge um
+den Galgen herum eines gesehen, das aus dem Blut
+eines mit dem Rade gebrochenen Sch&auml;chers gewachsen
+sein m&ouml;chte: aber solch&rsquo; ein F&auml;ntlein draus zu bereiten,
+das Tugend h&auml;tte, kostete nicht blo&szlig; Kunst, sondern
+auch Eifer und Unverzagtheit. &#8211; Kurz, Junker, um
+weidlichen Lohn und auf ihren Eid, da&szlig; sie Nichts
+von der Heimlichkeit ausbr&auml;chte, verstunden wir uns
+dazu, der Alten den Willen zu thun. Sie steht jetzt
+unterm Galgen, gen Mitternacht gekehrt, darf kein
+Wort sprechen, noch sich umkehren, dieweil mein Gesell
+<!-- Page 205 --><span class='pagenum'><a name="Page_205" id="Page_205">205</a></span>
+hinter ihr hantiert mit Spruch und Beschw&ouml;rung um
+die Alrune.</p>
+
+<p>Ich aber bin droben geblieben im St&uuml;blein;
+denn ich mu&szlig;te doch die Salben bereiten, das Galgenm&auml;nnlein
+damit einzureiben, wenn sie&rsquo;s heim br&auml;chten.
+Aus dem Weinkrug, den sie mir gef&uuml;llt zur&uuml;cklie&szlig;, als
+sie gieng, hab&rsquo; ich auch dem Alten eingeschenkt, dem die
+geizige Hex das Na&szlig; gar selten g&ouml;nnet, so theuer er
+es liebt. Er ist davon bald eingeschlafen und, wie es
+sich ansieht, fest und lange, wozu etlicher Ma&szlig;en das
+P&uuml;lverlein geholfen haben mag, das ich ihm in den
+Trunk gesch&uuml;ttet. &#8211; So hab&rsquo; ich denn gedacht, bis die
+Alte heimkommt, da&szlig; wir ihr die Wurzel feien, k&ouml;nnt&rsquo;
+ich eben so gut die Schl&uuml;ssel brauchen, die da drinnen
+ob dem Alten an der Wand hiengen, und Euch heimsuchen,
+Junker Diether, dessen Herberge ich mir von
+Eurem Wirth zufallens hatte sagen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Darauf lupfte er wieder seinen Hut, neigte sich
+und sprach:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;So wi&szlig;t Ihr nun das Wo, und wie<br/></span>
+<span class="i0">Ich kommen bin zu Euch allhie:<br/></span>
+<span class="i0">Durch meine Kunst, durch die Magie.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Dazu rieb er sich vergn&uuml;glich die H&auml;nde. &raquo;Doch
+nun hebt wieder an, Junker!&laquo; sagt&rsquo; er dann und drehte
+die Daumen um einander.</p>
+
+<p>&raquo;Womit soll ich wieder anheben?&laquo; fragt&rsquo; ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Junker, besinnt Euch!&laquo; und er wiegte sein
+Haupt langsam hin und wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Was meinet Ihr?&laquo; fragt&rsquo; ich wiederum.</p>
+
+<p>&raquo;Junker, Junker!!&laquo; Weiter erwiedert&rsquo; er nichts,
+indem er beide H&auml;nde, die Finger ausgespreizt und
+ihren R&uuml;cken mir zugekehrt, langsam in die H&ouml;he hub.
+</p>
+
+<p><!-- Page 206 --><span class='pagenum'><a name="Page_206" id="Page_206">206</a></span>
+&raquo;Was nennt Ihr mich immer Junker?&laquo; rief ich
+&auml;rgerlich, da er die Worte sonderbarlich in die L&auml;nge zog.</p>
+
+<p>Auf diese Frage wurde er &uuml;berlustig, sprang mit
+Lachen hin und her und sagte dabei: &raquo;Nu, habt Ihr&rsquo;s
+endlich gefunden?! Just die Frage ist&rsquo;s, die ich von
+Euch h&ouml;ren wollte; just sie. O, was seid Ihr wunderlich!
+La&szlig;t Euch an sogethane Frage lang&rsquo; erinnern,
+und sie war doch so leicht zu stellen. &#8211; Warum nenn&rsquo;
+ich Euch Junker?&laquo; Dabei stellt&rsquo; er sich wichtig vor
+mich hin und stemmte die H&auml;nde gegen seine H&uuml;ften:
+&raquo;Ja, freilich! Das ist&rsquo;s! Das ist das <em class="antiqua">punctum saliens</em>,
+wie es die Grammatici hei&szlig;en, nicht? &#8211; So gebt wohl
+Acht, da&szlig; Ihr wohl h&ouml;ret, was Ihr wissen wollt!
+Aber zuvor harret noch einen Augenblick!&laquo;</p>
+
+<p>Bei diesen Worten gieng er hin, wo das Windlicht
+von ihm hingestellt war, und r&uuml;ckte es so, da&szlig; ich
+wieder ganz in seinem Scheine stund.</p>
+
+<p>&raquo;Also, warum ich Euch Junker nenne? Das ist
+die Frage; sie ist klar und weislich; und das ist die
+Antwort, nicht minder klar und gewi&szlig;lich: Weil Ihr&rsquo;s
+seid, weil Ihr eben dies seid und gar nichts anderes,
+als ein Junker; ein ehrlicher, ein wohlgeschaffener,
+adeliger Junker, wie nur irgend einer in der Christenheit
+zu finden ist vom Aufgang bis zum Niedergang.
+&#8211; He, nun? Was d&uuml;nkt Euch davon?! Gewi&szlig;, Ihr
+denket: Was ist&rsquo;s? Klingsohr ist ein Gauch, ihm darf
+man nicht trauen, er leugt daran! &#8211; Denket Ihr nicht
+also, Herr? &#8211; Thut&rsquo;s immerhin, aber zuvor h&ouml;rt mich an!&laquo;</p>
+
+<p>Darauf erz&auml;hlt&rsquo; er in seiner Weise, die Worte
+nicht sparend und sie hastig hervorsprudelnd, wie, nachdem
+ich abgef&uuml;hrt worden w&auml;re, er und sein Geselle
+h&auml;tten dem Bischof Rede stehen m&uuml;ssen &uuml;ber mich, was
+<!-- Page 207 --><span class='pagenum'><a name="Page_207" id="Page_207">207</a></span>
+sie von meiner Person und von meinem Stande w&uuml;&szlig;ten.
+Darnach h&auml;tten sich die Herrschaften zu Tische gesetzt,
+die Mahlzeit zu halten; dabei w&auml;re Herr Conrad sehr
+aufger&auml;umt gewesen, aber seine verlobte Braut desto
+nachdenklicher und stiller. Als man nun da kaum zu
+tafeln angefangen, w&auml;re ein alter Mann mit langem,
+greisen Barte, des Aussehens und angethan wie ein
+Siedler oder Waldbruder, herzugest&uuml;rmt und h&auml;tte mit
+hochbeweglichen Worten den Bischof angerufen, den
+gefangenen J&uuml;ngling frei zu geben, ma&szlig;en der dem
+Kloster nicht f&uuml;rder angeh&ouml;ren d&uuml;rfte. Denn Diether
+w&auml;re adeligen Stammes, von hochber&uuml;hmtem Geschlecht,
+wie er selber. Der J&uuml;ngling w&auml;re sein Sohn. Das
+wolle er nach aller Geb&uuml;hr darthun und verlange ihn
+in Kraft v&auml;terlicher Gewalt in seine H&auml;nde aus dem
+Kloster, darin er bis dahin gesessen, wiewohl er die heiligen
+Gel&uuml;bde noch nicht abgelegt und auf sich genommen habe.</p>
+
+<p>&Uuml;ber solche Rede h&auml;tten sich Alle nicht genug
+verwundern k&ouml;nnen. Der Bischof h&auml;tte ernst drein gesehen,
+als machte er sich hart, und der Gernsteiner
+finster; auch h&auml;tte der sp&ouml;ttisch sich hinweggewendet,
+als d&auml;cht&rsquo; er nicht anders, denn da&szlig; es Possen w&auml;ren,
+die da f&uuml;rgewendet w&uuml;rden. Aber wer Graf Eberhard
+betrachtet h&auml;tte, der h&auml;tte sp&uuml;ren m&uuml;ssen, wie
+nahe dem Elzeburger Herrn des Alten Rede zu Herzen
+gieng. Als nun aber Beider Blicke sich begegnet und
+nach kurzem staunendem Stillschweigen der Alte gerufen
+h&auml;tte: &raquo;Eberhard, gedenkst Du Bruno&rsquo;s noch? Schl&auml;ft
+in Deiner Seele noch ein Ged&auml;chtni&szlig; unserer Freundschaft
+aus l&auml;ngst verschwundenen Jahren, das aufgeweckt
+werden kann?&laquo; als darauf die Beiden sich umfangen
+und keines Wortes m&auml;chtig unter inniglichen Z&auml;hren
+<!-- Page 208 --><span class='pagenum'><a name="Page_208" id="Page_208">208</a></span>
+sich begr&uuml;&szlig;t, da w&auml;re Manchem das Herz entbrannt
+&uuml;ber solchen Anblick, und alle h&auml;tten aufgehorcht, wie
+er wieder gesagt: &raquo;Er ist mein Sohn, Eberhard, mein
+Sohn! &#8211; Gott hat ihn mir zugef&uuml;hrt. Ich wagte
+nicht, mich zu ihm zu bekennen; der finstere Schatten
+meiner Schuld, dacht&rsquo; ich, sollte auf die friedliche Bahn
+seines jungen Lebens nicht fallen; ich, ich trieb ihn in&rsquo;s
+Kloster zur&uuml;ck, und wollte selber verborgen bleiben vor
+ihm, vor der Welt. Aber nun ruft er mich in sie zur&uuml;ck
+nach Pflicht und Liebe, und bei unserer einstigen
+Waffenbr&uuml;derschaft bitt&rsquo; ich Dich: Hilf ihn mir retten,
+Eberhard, hilf ihn mir retten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf diese Worte&laquo;, erz&auml;hlte Klingsohr weiter,
+&raquo;g&ouml;nnten wir Alle dem Alten, da&szlig; ihm nach seiner
+Bitte gesch&auml;he; denn da&szlig; er in Allem die Wahrheit
+bezeugte, daran zweifelte Keiner, und Graf Eberhard
+lag dem Bischof mit starker F&uuml;rsprach&rsquo; an, Euch, Junker,
+herauszugeben und des Klosters zu entbinden, auch die
+Ungeb&uuml;hr, damit Ihr Euch vers&uuml;ndigt h&auml;ttet, an Euch
+nicht ferner zu strafen, sondern selbige dem wallenden
+Muth der aufstrebenden Jugend zuzurechnen. Dazu,
+wiewohl sie bis dahin wenig sich zu ihrem Br&auml;utigam
+gekehrt hatte, hub auch die edle Jungfrau Braut herzlich
+in Herrn Conrad zu dringen an, da&szlig; er Euch zur
+Freiheit h&uuml;lfe und dazu seinen Ohm bewegte. Aber
+an der verlangten F&uuml;rsprach&rsquo; hatte, wie es m&auml;nniglich
+kund ward, der Ritter weder Lust noch zeigte er einigen
+Eifer dazu, und seine unmilde Geb&auml;rde erschweigte die
+Jungfrau, da&szlig; sie traurig ablie&szlig;, ferner ihn zu bitten.
+Desgleichen auch Seine Gnaden, der Herr Bischof, was
+meint Ihr wohl, ob seine Antwort gn&auml;dig lautete?
+Mein&rsquo; Treu, nein!&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 209 --><span class='pagenum'><a name="Page_209" id="Page_209">209</a></span>
+&raquo;Er zog freilich seinen Worten ein solch&rsquo; Kleid
+an, da&szlig; sie ihm, dem geistlichen Vater, nicht gar zu
+&uuml;bel stunden, noch unh&uuml;bsch erschienen und ungelind:
+aber, glaubt mir, sie hatten die Absage hinter sich, die
+harte Absage, nichts anderes. Er sagte &#8211; o, er
+stellte Euch die Worte meisterlich! &#8211; er sagte also:
+Es st&uuml;nde leider bei ihm gar nicht, der Meinung
+seines Herzens nachzugeben, das auf so bewegliches
+Ersuchen und so eindringliche Bitten werthester Freundschaft
+freilich ohne Verzug ihm die Gew&auml;hrung abzwingen
+w&uuml;rde; aber er d&uuml;rfte nichts in dieser Sache
+wider die Satzungen der heiligen Kirche, und das sei
+ein bedenklicher Handel; was dazu von Maulbronn
+und sonst f&uuml;r Beweis und Urkund f&uuml;r und wider w&uuml;rde
+an&rsquo;s Licht gebracht werden &#8211; darauf k&auml;m&rsquo; es an, und
+bis dahin m&uuml;&szlig;te Inculpat allerdinge dem geistlichen
+Gericht unterstehen und d&uuml;rfte des Gewahrsams in
+keinem Wege entledigt werden. Im &Uuml;brigen w&uuml;rde
+er sich die Ehre der Kirche und des heiligen Ordens,
+wie das Begehren seiner Freunde und Euer Bestes,
+Junker, best&auml;ndig vor Augen halten.</p>
+
+<p>Da h&auml;ttet Ihr sehen sollen, Herr Diether, wie starken
+Kummer Euer Vater aus solchen Worten sich zu Herzen
+gezogen hat. Denn er hatte wohl die Vereinigung mit
+Euch n&auml;her gesehen. Er senkte eine kurze Weile schweigend
+sein Haupt. Dann sprach er zum Bischof mit
+gro&szlig;em Ernst: &raquo;W&uuml;rdiger Herr! Ich ehre die heiligen
+Gebote der Kirche. Aber wehe! wenn sie sich wider
+Gottes Gebot und Willen setzen. Er begehrt gezwungnen
+Dienstes nicht. Er ruft meinen Sohn zu mir. Da&szlig; ihm
+Freiheit werde, diesem Ruf zu folgen, das ist mein Tagwerk;
+ich mu&szlig; es vollbringen!&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 210 --><span class='pagenum'>
+<a name="Page_210" id="Page_210">210</a></span>
+Alsdann winkt&rsquo; er dem Grafen zu und sie unterredeten
+sich, indem sie ein wenig abseits wichen. Aber
+nur eine kleine Zeit, so lie&szlig; Herr Bruno sich nicht
+aufhalten, sondern umfieng Herrn Eberhard mit herzlichen
+Worten, nahm seinen Urlaub und gieng unges&auml;umt und
+mit eilenden Schritten von dannen.&laquo;</p>
+
+<p>Mu&szlig; ich sagen, wie mir zu Sinne war bei Allem,
+was mir Klingsohr berichtete; wie ich erschrak, als ich
+zuerst von Brun&rsquo;s Ankunft auf der H&ouml;he vernahm;
+wie mir&rsquo;s dann im Herzen aufgieng einem freudenhellen
+Sommertage gleich, dessen aufgehende Sonne von
+jubelnden Lerchen tausendstimmig begr&uuml;&szlig;t wird und
+in ungez&auml;hlten Thautropfen sich spiegelt, als ich erfuhr,
+wer Brun war, welch&rsquo; heilig Band mich mit ihm verkn&uuml;pfte,
+und da&szlig; er mir in Bruno&rsquo;s Geschichte seine
+eigne Vergangenheit, die Wunden und Hoffnungen
+seiner Seele anvertraut hatte! Mir war&rsquo;s dem Falken
+gleich, dessen von der H&uuml;lle befreitem Auge man hoch
+in den L&uuml;ften das Ziel weist, dem er sich mit freudigem
+Geschrei entgegenschwinget. Auch mir winkte nun solch&rsquo;
+ein Ziel: meinem Vater, der mich so und den ich so
+liebte, nahe zu sein, ihm zu Trost und Erquickung, ihn
+der Einsamkeit und jeglichem Tr&uuml;bsinn zu entrei&szlig;en,
+ritterliche Ehre von ihm zu erlernen, sie dem Namen,
+den wir trugen, zu erjagen und seinen Segen zu erben.
+&#8211; O, und meine Mutter! Mich durchschauerte ein
+froher Schreck, da ich ihn dachte, diesen Namen: nie
+bis dahin von mir gerufen: &ouml;des, schmerz-, aber auch
+freudenleeres Leben, wie hatt&rsquo; ich&rsquo;s nur ertragen m&ouml;gen!
+&#8211; Gott! Gott! Wenn ich auch sie einst f&auml;nde, meine
+arme Mutter; wenn ich ihr an meiner Hand den Vater
+zuf&uuml;hren k&ouml;nnte, und in einer Umschlingung Beide an
+<!-- Page 211 --><span class='pagenum'><a name="Page_211" id="Page_211">211</a></span>
+dies Herz dr&uuml;ckend, spr&auml;che: &raquo;Seht, Euer Sohn ist
+gl&uuml;ckselig, er hat Euch wieder! Seid es nun auch Ihr!&laquo;
+&#8211; gewi&szlig; dann w&uuml;rden die alten Wunden sie nicht
+mehr schmerzen, sie w&uuml;rden ihrer Schuld Vergebung
+glauben und &uuml;ben, und ich, ihr Sohn, mit dem Mal
+der blutgen That gezeichnet, durch deren Kunde die
+Erschreckte in die Wildni&szlig; getrieben ward, h&uuml;lfe ihnen
+zur neuen Freude, zur Liebe und zum Frieden!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>So frohe Bilder leuchteten in meiner Seele auf,
+und um die Sonne, von der sie bestrahlt wurden und
+all&rsquo; mein Sinn und Muth, stunden selber schimmernd
+im himmlischen Glanz die Worte geschrieben: &raquo;Dein
+Vater ist dir gefunden!&laquo;</p>
+
+<p>Da h&auml;tten gewi&szlig;lich auch Augen, die mich minder
+scharf ansahen als die kleinen blitzenden Klingsohr&rsquo;s,
+derweilen er sprach, solches Entbrennen meines Herzens
+vermerkt. Er aber, als er mit seiner Erz&auml;hlung zu Ende
+war, trat dicht zu mir und sagte:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Auf, Junker, sinnt nicht lang also,<br/></span>
+<span class="i0">Sagt, macht Euch nicht die M&auml;re froh?&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Klingsohr, lieber Klingsohr!&laquo; gab ich zur Antwort,
+&raquo;ist&rsquo;s so, wie Ihr mir sagt, und ich trage daran keinen
+Zweifel, so harr&rsquo; ich der Stunde, die mir Befreiung
+bringt, mit zwiefachem Sehnen. O da&szlig; sie bald erschiene!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Harren wollet Ihr, harren?&laquo; fragte der Kleine
+wieder, und er schnarrte das Wort sp&ouml;ttisch heraus und
+schlug seine H&auml;nde beide in einander, als w&auml;r&rsquo; es
+etwas recht Erstaunliches, was er h&auml;tte h&ouml;ren m&uuml;ssen.&nbsp;&#8211;
+&raquo;Wie lange, Herrlein, seid Ihr denn bereit und willfertig,
+hier zu harren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich d&uuml;nkt&laquo;, antwortet&rsquo; ich wieder, &raquo;nach Allem,
+was Ihr mir sagtet, kann es unm&ouml;glich anstehen, da&szlig;
+<!-- Page 212 --><span class='pagenum'><a name="Page_212" id="Page_212">212</a></span>
+meines Vaters Begehren unerf&uuml;llt bleibe, dem eine so
+m&auml;chtige F&uuml;rsprache zur Seite steht, wie die Graf
+Eberhard&rsquo;s.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich d&uuml;nkt, mich d&uuml;nkt&laquo;, sprach Klingsohr &auml;rgerlich
+nach. &#8211; &raquo;Was d&uuml;nkt Euch denn von <em class="gesperrt">uns</em>? W&auml;hnet
+Ihr, Meister Tannh&auml;user und hier ich, der Magus,
+haben uns oben davon gemacht und seien in dieser
+Burg bei den geizigen Alten in harter Arbeit gestanden,
+ich mit dem P&uuml;lverlein drinnen beim griesgreisen Pf&ouml;rtner,
+mein Gesell gar mit dem Alrunzauber bei der scharfohrigen
+Pf&ouml;rtnerin allein unter&rsquo;m Galgen, allwo er
+jetztunder noch aush&auml;lt, das edle Herz; w&auml;hnet Ihr,
+dies Alles sei von uns gethan, blo&szlig; da&szlig; Ihr zeitiger
+Euren edlen Namen erf&uuml;hret und Eure ritterliche
+Geburt, als es sonst geschehen w&auml;re. W&auml;hnet Ihr
+das wirklich? Ja freilich, &rsquo;s ist ja eine Zeitung, die
+man nicht alltag zubringen kann, da&szlig; aus einem Singer
+ein Junker worden ist, und da&szlig; einer aus der Abtei
+und den Regeln St. Bernhard&rsquo;s in die Herrschaft &uuml;ber
+Land und Leute gesetzt werden soll. &#8211; Jedennoch,
+Junker, das ist hier die Meinung nicht. Wie? dort
+die Th&uuml;r steht offen, der Alte schl&auml;ft und sie sucht nach
+der Alrune &#8211; und Ihr besinnt Euch noch? Auf,
+gewinnet Euch selbst die Freiheit, nach der Euch gel&uuml;stet!
+Der Weg ist offen; ich f&uuml;hre Euch.&laquo;</p>
+
+<p>Und er nahm sein Windlicht wieder zur Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Aber&laquo;, sprach ich, tief erregt von dem, wozu
+er mich ermunterte, &raquo;wenn ich&rsquo;s th&auml;te und ohn&rsquo; Urtheil
+und Recht dem Kloster entr&auml;nne, so br&auml;cht&rsquo; ich mich
+auf&rsquo;s Neue in F&auml;hrni&szlig;, und geistlicher und weltlicher
+Arm m&ouml;chte mich bedrohen; ich hinderte die, so meiner
+Erledigung g&uuml;nstig sind, daran, mich zu sch&uuml;tzen, und
+<!-- Page 213 --><span class='pagenum'><a name="Page_213" id="Page_213">213</a></span>
+der Bischof w&uuml;rde mich, wie auch unser Orden des
+geistlichen Standes desto weniger entlassen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo; rief da der Kurze unwillig wieder.&nbsp;&#8211;
+&raquo;Dahin steht Euch der Sinn? &#8211; Als Ihr die Friedsamkeit
+und Demuth beweisen solltet, die man Euch im
+Kloster gelehrt hat, da waret Ihr kampflich gemuthet,
+und da es Euch als fahrendem Singbruder viel n&uuml;tzer
+gewesen w&auml;re, Euch fein zu ducken, da&szlig; Ihr heil entschl&uuml;pfen
+m&ouml;chtet, da bewieset Ihr Trutz und waglichen
+Widerstand &#8211; aber jetzt, wo Ihr des Ritterthums
+genie&szlig;en sollt, zeigt Ihr ein Herz wie ein L&auml;mmlein!
+&#8211; O, lieber Junker, denket doch nicht, wen die
+Kirche einmal eingethan hat und gar dem M&ouml;nchsstand
+zugez&auml;hlt, den werde sie so bald wieder losgeben;
+habt nur wohl Acht, mancher Tag wird vergehen, bis
+sie sich &uuml;ber die geistlichen und weltlichen Rechte verglichen
+haben werden, dieweil Ihr in Haft hungert,
+schwitzt oder frieret, wie es Euch geliebt! Der Gernsteiner,
+halt&rsquo; ich, wird schon daf&uuml;r sorgen, da&szlig; Ihr Euch
+an solch&rsquo; Leben gew&ouml;hnet. Und endlich, seid Ihr wiederum
+im Kloster, nimmer mehr daraus zu entwischen&laquo;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;So rathet Ihr mir &#8211;?&laquo; unterbrach ich ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Ich rathe Euch &#8211; ho! wie sanft das &rsquo;nem
+fahrenden Magus thut, da&szlig; er einem Junkerlein rathen
+darf &#8211; ja, ich rath Euch gut, Herr; traut dem Bischof
+nicht, noch seinem Voigt, noch sonst wem au&szlig;er Euch
+selber und der Gunst der jetzigen Stunde, die Euch
+freien Ausgang verstattet dank der Kunst&uuml;bung Eures
+geringen Dieners und seines Gesellen! &#8211; Ah, Junker,
+&rsquo;s ist wahr: Ihr seid dazumal &uuml;bel gefahren mit uns,
+und habt uns billig darum gescholten &#8211; aber die Noth,
+Junker, die zwingende Noth trug die Schuld daran!
+<!-- Page 214 --><span class='pagenum'><a name="Page_214" id="Page_214">214</a></span>
+Drum la&szlig;t uns jetzt desto ba&szlig; Euren Dank verdienen.
+Hatten wir nicht sogleich am Anfang uns&rsquo;re Freud&rsquo; an
+Euch? Haben wir uns nicht gebr&uuml;dert? Sahen wir
+heut&rsquo; nicht und h&ouml;rten&rsquo;s, da&szlig; an Euch ein meisterlicher
+Singer verloren w&auml;re, und ein wackerer Ritter dazu,
+so Euch das Kloster erhielte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch seid Ihr&rsquo;s gewesen&laquo;, sagt&rsquo; ich, &raquo;die mich
+durch ihr Anzeigen meines Standes dem Bischof &uuml;berantworteten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So brachten wir Euch doch aus des Gernsteiners
+Gewalt, der Euch wohl so fest verwahret h&auml;tte und
+&uuml;bel gehalten, da&szlig; wir mit keiner Kunst Euch h&auml;tten
+erl&ouml;sen k&ouml;nnen. &#8211; Das sind wir nun zu thun willens
+worden und lag uns doppelt hart an, nachdem Eure
+Ritterschaft an&rsquo;s Licht gekommen ist. &#8211; Eilet denn,
+werther Junker! Gewinnet die Freiheit, indem Ihr
+sie brauchet! Wie s&uuml;&szlig; wird sie Euch eingehen an der
+Seite Herrn Bruno&rsquo;s! Wir geleiten Euch, wir Wegkundige,
+und gewi&szlig;, wir werden ihn finden.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte sinnend gestanden und wu&szlig;te nicht, was
+erw&auml;hlen; denn ich f&uuml;hlte, da&szlig; ich vor eine gro&szlig;e
+Entscheidung gef&uuml;hrt war. Aber der Ruf, der an mich
+ergieng, lockte zu laut &#8211; und so folgt&rsquo; ich dem Klingsohr,
+der schon in der ge&ouml;ffneten Pforte stund, ungeduldig
+mein harrend.</p>
+
+<p>Ohne sonderliche F&uuml;rsicht schritt er mir den Gang
+voran. &raquo;Die beiden Alten sind noch festgehalten&laquo;,
+sagt&rsquo; er dabei: &raquo;er vom P&uuml;lverlein, sie von der Alrune,
+und vor anderer Begegnung sind wir sicher allhie!&laquo;</p>
+
+<p>Also befand sich&rsquo;s auch; der Alte schlief, da wir
+durch&rsquo;s St&uuml;blein kamen, und wir gelangten unangefochten
+hinaus auf die Stiege. Von derselben f&uuml;hrte ein h&ouml;lzerner
+<!-- Page 215 --><span class='pagenum'><a name="Page_215" id="Page_215">215</a></span>
+Gang au&szlig;en zu einem Pf&ouml;rtlein in der Mauer des
+Burghofs, durch das die Alten in einen zur Burg geh&ouml;rigen
+Krautgarten den Zugang hatten. Er war von
+einer hohen Mauer eingeschlossen.</p>
+
+<p>&raquo;Hier k&ouml;nnen wir nicht hinab&laquo;, sagte mein Geleitsmann
+leise zu mir; &raquo;nur dr&uuml;ben, wo der Berg steiler
+ist und die Mauer drum nicht so hoch, m&ouml;gen wir&rsquo;s
+vollbringen.&laquo;</p>
+
+<p>Damit dr&auml;ngte er mich weiter, den schmalen Weg
+voran zur Seite der Mauer. So kamen wir an&rsquo;s Ende
+des G&auml;rtleins und zu einer Th&uuml;r, die war offen, und
+auf steinernen Stufen traten wir in einen zweiten
+Burggarten ein, der aber zur Sommerlust bestimmt
+war und in lauter lieblichen Blumen und Ziergeb&uuml;schen
+prangte. Ja, das that er auch in dieser Sommernacht,
+denn obgleich weder Mond noch Sterne
+schienen, war sie als zur Johanniszeit hell und wie
+von einem milden D&auml;mmerlicht &uuml;bergossen, in dem man
+Jegliches umher deutlich sah; und Bl&auml;tter und Bl&uuml;then
+schimmerten mit einem sanften Lichte, als h&auml;tten sie
+etwas vom Glanze des langen Sommertages zur&uuml;ckbehalten
+wie einen schwachen Widerstrahl. Es hatte
+einen warmen Regen zur Nacht gegeben: noch hiengen
+die Bl&auml;tter tropfenschwer, und die Luft, von keinem
+Windhauche bewegt, war weich und feucht; sie war
+auch voll w&uuml;rzigen Geruchs und s&uuml;&szlig;en Duftes, der
+aus ungez&auml;hlten neu erfrischten Bl&uuml;then quoll und aus
+solchen, die in dieser wonnigen Sommernacht zum ersten
+Mal ihren Kelch erschlossen. Wie sog&rsquo; ich all&rsquo; diese
+stille Herrlichkeit mit Sinnen und Herzen ein nach der
+Angst des Gef&auml;ngnisses, ob ich gleich an dem Frieden
+und der Gl&uuml;ckseligkeit, die mich umgab, keinen Theil
+<!-- Page 216 --><span class='pagenum'><a name="Page_216" id="Page_216">216</a></span>
+haben durfte; denn mein Weg war ohne Recht, verhohlen
+und bedroht.</p>
+
+<p>Leise schritten wir hindann.</p>
+
+<p>&raquo;Seht Ihr das Fenster dort, von Rosengezweig
+umrankt?&laquo; fl&uuml;sterte Klingsohr.</p>
+
+<p>Ich sah dahin und gewahrte auch dicht dabei
+eine Pforte, die von der Burg her in unser G&auml;rtlein
+f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Des Grafen Eberhard Nichte, Junker, von der
+Ihr den Kranz empfienget, wohnt heint allda zur Herberge.
+Von der Alten erfuhr ich&rsquo;s, die am Abend das
+Fr&auml;ulein heraufreiten sah, stattlich geleitet. &#8211; Wenn
+wir ihr allhie begegneten, Junker, wie geschwinde liefet
+Ihr wohl davon?&laquo; Dabei kicherte er verhohlen.</p>
+
+<p>Ich sagte nichts; doch sah ich im Gehen hinauf
+zum Fenster, und ich f&uuml;hlte mein Herz st&auml;rker klopfen.</p>
+
+<p>Da klang ein Ton durch die Stille, fein und leise.
+Wir hielten mit Gehen an und horchten auf. Es war
+das verhaltene Summen einer menschlichen Stimme,
+das von dr&uuml;ben herkam, wo am Ausgang aus dem
+Garten &uuml;ber der Ringmauer der Burg ein Sommerhaus
+als ein Th&uuml;rmlein gebaut war zum Lugaus hinunter
+in Dorf und Thal. &#8211; Jetzt vernahm ich, halb
+gesungen und halb gesprochen, als w&uuml;rden sie nur laut
+gedacht, die Worte:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&mdash;&nbsp;&nbsp;&mdash;&nbsp;&nbsp;&mdash;&nbsp;&nbsp;&mdash;&nbsp;&nbsp;
+&mdash;&nbsp;&nbsp;&mdash;&nbsp;&nbsp;
+&mdash;&nbsp;&nbsp;&mdash;&nbsp;&nbsp;&mdash;&nbsp;&nbsp;&mdash;&nbsp;&nbsp; <br/></span>
+<span class="i0">Dich lacht sie an mit rothem Munde<br/></span>
+<span class="i0">Und haftet doch im finstren Grunde,<br/></span>
+<span class="i0">Aus dem ihr Kraft und Leben quillt:<br/></span>
+<span class="i0">Das ist der Liebe Ebenbild!<br/></span>
+<span class="i0">Es schafft das Leid der Liebe Pein,<br/></span>
+<span class="i0">Doch ohne Leid kann Lieb nicht sein,<br/></span>
+<span class="i0">Es liebt die Lieb&rsquo; Leid zum Gedeihn!&nbsp;&#8211;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 217 --><span class='pagenum'><a name="Page_217" id="Page_217">217</a></span>
+Dieser mein Spruch, den ich vorhin gesungen, da
+es Kranz und Kleinod galt &#8211; welch&rsquo; neue Gewalt
+hatte er doch jetzt &uuml;ber mich! Ich erschrak und erzitterte
+schier, und doch schwebte mein Herz hoch auf
+in Wonne; mir war&rsquo;s, als tr&auml;umt&rsquo; ich nur, und sodann
+wieder, als erwacht&rsquo; ich nun erst aus ungewissem Wahn
+zur Wahrheit und zum Leben.</p>
+
+<p>&raquo;Irmela!&laquo; rief ich und eilte, ohne auf Klingsohrs
+eifrige Geb&auml;rden zu achten, mit denen er mich trachtete
+zur&uuml;ckzuhalten, hin, woher die Kl&auml;nge kamen.</p>
+
+<p>Sie mu&szlig;te den Namen geh&ouml;rt haben; denn als
+ich zum Sommerhause kam, erblickt&rsquo; ich sie, wie sie am
+offenen Eingang desselben stund, regungslos, als sp&auml;hte
+sie hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Irmela!&laquo; so rief ich wieder und fand vor Freude
+und Bangigkeit kaum den Odem zu dem Worte, wie
+ich nun nahe vor sie trat.</p>
+
+<p>&raquo;So bist Du&rsquo;s, Diether, und bist frei?&laquo; Wiewohl
+ihre Stimme bebte, als sie das sagte, klang es doch
+im hellsten Jubelton wie der Ausruf einer Seele, der
+unerwartet die Bande schweren Leides gel&ouml;set sind.</p>
+
+<p>Ein Schauer durchrieselte mein Gebein, als sie
+in hochgehender Freude mir entgegen eilte und mit
+ihren beiden H&auml;nden die meinigen ergriff. Ich sah
+ihr in&rsquo;s Angesicht: ihr Mund l&auml;chelte und ihre Augen
+waren voll Thr&auml;nen.</p>
+
+<p>Da konnt&rsquo; ich mich nicht l&auml;nger enthalten, umfieng
+sie mit meinen Armen und k&uuml;&szlig;te sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ja&laquo;, fl&uuml;sterte ich, indem ich sie umschlungen hielt,
+&raquo;ich bin frei, und immer selig sei die Stunde, da ich&rsquo;s
+ward; denn sie offenbarte mir, S&uuml;&szlig;e, Deine und meine
+Herzensliebe!&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 218 --><span class='pagenum'><a name="Page_218" id="Page_218">218</a></span>
+&raquo;Weh!&laquo; rief sie da mit dem Tone des Schreckens,
+indem sie mit Heftigkeit sich mir entri&szlig;, &raquo;weh, was
+hab&rsquo; ich geduldet! Diether, ich bin verlobt! Nimmer
+wieder la&szlig; mich solch ein Wort h&ouml;ren! Nein, nein!&nbsp;&#8211;
+Entweich, wir sind ewig geschieden!&laquo;</p>
+
+<p>Flehend bat sie so, aber streng zugleich und gebietend
+stund sie vor mir, hoch aufgerichtet. Der Gedanke,
+so von ihr versto&szlig;en zu werden, erf&uuml;llte mich
+mit Grauen. Ich sank vor ihr auf die Knie.</p>
+
+<p>&raquo;Irmela,&laquo; bat ich, &raquo;nicht also treibt mich von
+hinnen! Kein Gef&auml;ngni&szlig; sieht so finster und freudlos
+mich an, als rings die weite Welt, so ich Euch mu&szlig;
+verloren geben. Ich kann nicht mehr von Euch lassen,
+nimmer, nimmer! Die sehnende Herzensliebe hat mich
+bezwungen! O, auch Dich, Irmela; l&auml;ugn&rsquo; es nicht!
+Das Leid, das &uuml;ber mich gekommen ist, hat ihre Heimlichkeit
+Dir kund gethan und diese Stunde auch mir.
+Nie kannst Du dem Manne folgen, dem Dein Herz
+nicht zugeh&ouml;rt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich lieb&rsquo; ihn nicht,&laquo; sagte sie leise.</p>
+
+<p>&raquo;Aber hier in meinem Herzen bist Du beschlossen,
+Irmela, und ich bin&rsquo;s in Deinem. Ach, wohl gleicht
+unsere Liebe dem Sturmvogel, der gegen Wind und
+Wetter durch zuckende Blitze in mittern&auml;cht&rsquo;ge Wolken
+fliegt; aber hinter ihnen, Irmela, gl&auml;nzt die Sonne
+und seine Schwingen sind Adlerschwingen!&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwieg; aber mir war&rsquo;s, als athmete sie
+schwer und mit leisem Beben erzitterte sie.</p>
+
+<p>&raquo;O, sprich nur ein Wort!&laquo; bat ich wieder. &raquo;Ein
+einzig Wort, da&szlig; ich wisse, die Rose, die sich mir zur
+Wonne erschlossen in dieser Bl&uuml;thennacht, sei nicht auch
+zugleich entbl&auml;ttert; da&szlig; mir eine Hoffnung leuchte auf
+<!-- Page 219 --><span class='pagenum'><a name="Page_219" id="Page_219">219</a></span>
+der dunklen Bahn, die ich beschreite. &#8211; Sprich dies
+Wort, Irmela, dies eine Wort, und ich will k&auml;mpfen,
+ringen und nicht erm&uuml;den, bis der Tag kommt, da der
+Bund dieser Mitternachtsstunde vor Gott und Menschen
+gesegnet wird!&laquo;</p>
+
+<p>Da war&rsquo;s, als bewegte sie ihre Hand mir entgegen;
+ich erfa&szlig;te sie und dr&uuml;ckte sie mit Inbrunst an
+Herz und Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Hab Dank, hab Dank, Irmela!&laquo; sagt&rsquo; ich, indem
+ich mich erhub, &raquo;und fahr wohl!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fahr wohl auch Du!&laquo; sprach sie zum Scheiden.</p>
+
+<p>Indem kam auch schon Klingsohr herbei mit
+gro&szlig;er Eil und vielem Winken: &raquo;Geschwind, Junker,
+geschwind! Wir d&uuml;rfen nicht l&auml;nger s&auml;umen. Man
+ist uns auf der Spur. Dort den Weg kommen sie,
+den wir vorhin nahmen. Gewi&szlig; ist die Alte heimgekommen,
+hat das Nest leer gefunden und L&auml;rm gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wollte mich auf diese Worte f&uuml;rder wenden,
+mit ihm die Flucht fortzusetzen, als wir auch schon die,
+so uns zu suchen ausgegangen, in der offnen Pforte
+ersahen, durch die wir in den Garten gekommen waren.</p>
+
+<p>&raquo;Da dr&uuml;ben um&rsquo;s Th&uuml;rmlein m&uuml;ssen sie sein,&laquo; so
+vernahmen wir: &raquo;dort h&ouml;rt&rsquo; ich fl&uuml;stern, als ich hinaushorchte.&laquo;</p>
+
+<p>Es war die Stimme der Alten.</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden mich finden!&laquo; sagte Irmela mit
+Bangen, &raquo;was beginn&rsquo; ich?&laquo;</p>
+
+<p>Wohl sah ich, da&szlig; sie ihnen nicht entgehen konnte.
+Sie konnte sich im Garten nicht verbergen, den die Leute
+gewi&szlig; durchsuchen w&uuml;rden, und auch, wenn sie zur&uuml;ck
+wollte in ihr Gemach, mu&szlig;te man auf sie treffen.</p>
+
+<p>Sollte sie durch mich in Verdacht gerathen und
+<!-- Page 220 --><span class='pagenum'><a name="Page_220" id="Page_220">220</a></span>
+Ungemach? Sollte sie gepeinigt werden mit Fragen
+nach mir und ihr reines Gem&uuml;th zwischen dem Wunsch
+schweben, unsere Heimlichkeit mir zum Schaden nicht
+auszubringen, und der ungewohnten N&ouml;thigung, durch
+Falschheit sich heraus zu helfen?</p>
+
+<p>Das durfte nicht geschehen. Die Gewi&szlig;heit ihrer
+Herzensliebe zu mir h&auml;tte mir jeglich Opfer leicht gemacht.
+Ich besann mich nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Seid getrost, Irmela!&laquo; rief ich. &raquo;Ich gewinn&rsquo;
+Euch Zeit.&laquo; Und bevor sich Klingsohr de&szlig; versehen
+konnte, der allbereits zur Weiterflucht vorangeeilt war,
+nicht zweifelnd, da&szlig; ich ihm folgte, sprang ich den Weg
+zur&uuml;ck, den wir gekommen waren, gerade auf die
+Gartenpforte zu, den Eindringenden entgegen.</p>
+
+<p>Ich gedachte durch die &Uuml;berraschten hindurchzustreichen,
+oder doch, so das nicht gel&auml;nge, sie so lange
+aufzuhalten, bis Irmela hinein w&auml;re, und dann ihnen
+zu entrinnen. Meine schnellen F&uuml;&szlig;e, hofft&rsquo; ich, sollten
+mich retten, bis ich an einen Ort k&auml;me, geschickt zu
+einem Sprung die Ringmauer hinab.</p>
+
+<p>Aber was soll ich sagen? So gerieth es mir
+nicht. Zwar da&szlig; meine Verfolger in den Garten eindrangen,
+verhindert&rsquo; ich. Denn wie ich nach der Pforte
+rannte, wandten sie sich mir Alle zu mit lautem Geschrei.
+Doch es waren Ihrer zu viele, als da&szlig; ich
+hindurchzubrechen vermochte oder sie bestreiten konnte,
+ich Waffenloser. Es w&auml;hrte nur eine kleine Weile,
+so war ich von ihnen umringt und ergriffen, und ein
+Gefangener des Bischofs von Speyer, wie vorhin.</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/144_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><!-- Page 221 --><span class='pagenum'><a name="Page_221" id="Page_221">221</a></span></p>
+<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel.</h2>
+
+<h1>Entscheidung.</h1>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/221_w.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">W</span>enn im Fr&uuml;hling die schwanken Birkenzweige
+im ersten Gr&uuml;n erprangen, wenn der laue
+Hauch der Luft die gl&auml;nzenden H&uuml;llen von
+den schwellenden Blattknospen der Buchen
+und Linden streift, wenn die Blumen aus dem Grase
+dringen und &uuml;berall wieder das Leben sich regt und
+schm&uuml;ckt: dann ist solcher Anblick wohl f&uuml;r jeglichen
+Menschen, der sein genie&szlig;t, eine Ursach zur Freude, und,
+sein Muth sei froh oder traurig, ihm sei wohl oder
+weh, so vernimmt er in solchem Walten Gottes zur
+Fr&uuml;hlingszeit einen Ruf, sein Herz zu st&auml;rken und jede
+gute Hoffnung aufschweben zu lassen, w&auml;re sie auch oft
+schon zu Boden gesto&szlig;en und gar fl&uuml;gellahm worden.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Anders, acht&rsquo; ich, ist&rsquo;s im Herbst, wenn der Schmuck
+der Erde allgemach vergeht und von Tag zu Tag die
+G&auml;rten leerer, die Wiesen fahler und die W&auml;lder kahler
+werden. Davon m&ouml;gen die Menschen, je nachdem es
+ihnen um&rsquo;s Herz ist, leicht oder schwer, einen gar verschiednen
+Muth gewinnen. Es kann sich ganz lustig
+<!-- Page 222 --><span class='pagenum'><a name="Page_222" id="Page_222">222</a></span>
+ansehen, wie so ein gelbes Blatt nach dem andern
+vom Baum gel&ouml;st und tanzend vom Winde hinweggef&uuml;hrt
+wird, wenn die Fr&uuml;chte sicher eingethan sind, die
+der Baum gegeben hat, und dem Genie&szlig; aufbehalten;
+auch wei&szlig; sonder Zweifel das Auge des Hoffnungsvollen
+am sich entbl&auml;tternden Baume &uuml;berall die Knospen
+wahrzunehmen, darin Bl&auml;tter und Bl&uuml;then wohl verwahrt
+sind schon f&uuml;r&rsquo;s kommende Jahr. Ja, wem daheim
+der warme Herd in die Mitte der Seinen winkt und
+zu willkommener Ruhe nach gethaner Arbeit: wie gern
+mag der sich von den rauhen Herbstst&uuml;rmen hinein
+scheuchen lassen! K&uuml;rzlich: wem die Wurzeln seines
+Lebensbaumes noch fest und kr&auml;ftig genug in der Erde
+haften, Nahrung daraus zu ziehen, wer da im Stamm
+inwendig noch den Saft aufsteigen wei&szlig;: der ersieht
+auch im Winter nur den Vortraum und St&auml;rkungsschlaf
+f&uuml;r Leben und Lust des kommenden Lenzes und mag
+die kalte Hand, die das Laub entstreift, mit Freuden
+begr&uuml;&szlig;en. &#8211; Aber f&uuml;r die Meisten freilich h&auml;lt der
+Herbst, wenn er dem Winter die Bahn macht, eitel
+Leichensermone; denn unter den Menschen, so zum Nachsinnen
+&uuml;ber sich gekommen sind, wozu Frau Ungl&uuml;ck
+weit besser anleitet, als ihre ungleiche Zwillingsschwester,
+sind, wie ich sorge, viel mehrere, welche von der Zukunft
+hienieden lieber zu wenig hoffen, als zu viel und
+darum die Trauerlieder des sinkenden Jahres &uuml;berleicht
+verstehen und nachsingen.</p>
+
+<p>Dazu war wohl auch ich weidlich geschickt geworden
+nach meiner Gefangennahme, seit ich wieder in&rsquo;s Kloster
+zur&uuml;ckgebracht war, allda des Ausgangs meiner Sache
+zu harren. Zwar nur wenige Monate waren seitdem
+verstrichen. Aber als ich aus meiner Zelle, die mir
+<!-- Page 223 --><span class='pagenum'><a name="Page_223" id="Page_223">223</a></span>
+zur B&uuml;&szlig;ung abseits von denen der Br&uuml;der angewiesen
+war, in den grauen Novembertag hinaussah, dr&uuml;ckten
+seine tiefhangenden Wolken schier auf mein Herz, und
+der Wind, der durch die kahlen &Auml;ste des Nu&szlig;baumes
+vor meinem Fenster fuhr, seufzte, als wollt&rsquo; er mir
+helfen trauern und klagen.</p>
+
+<p>Wie manchen Tag hatt&rsquo; ich schon vom n&auml;mlichen
+Schemel, den Ellenbogen auf dem Tisch vor mir gest&uuml;tzt,
+durch dies kleine Fenster hinausgesehen nach dem Nu&szlig;baum
+und dem Himmel, so viel davon zu erblicken
+war; denn sonst war die Welt meinen Augen versperrt.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Wenn ich fr&uuml;her ihn betrachtet hatte, wie er so
+m&auml;chtig aus dem Zwinger emporstrebte, hatt&rsquo; ich nicht
+gedacht, wie sehr ich&rsquo;s ihm einstmal noch danken w&uuml;rde,
+da&szlig; er also hoch gewachsen war, so hoch, da&szlig; er mit
+seinem Wipfel auch &uuml;ber das kleine Fenster der einsamen
+Zelle hinausragte, deren Bewohner nun ich war.
+&#8211; Wie doch heute sonderlich die &Auml;ste st&ouml;hnten, wenn der
+Wind sie sch&uuml;ttelte und, ihre Z&auml;higkeit erprobend, sie gegen
+einander schlug; wie knarrend die d&uuml;rren Zweige zerbrachen,
+und wie &auml;ngstlich die wenigen gelben Bl&auml;tter,
+die noch am Gezweige sa&szlig;en, sich hin und wieder
+wendeten, so oft ein Windsto&szlig; sie erfa&szlig;te, als str&auml;ubten
+sie sich gegen ihn und riefen um Hilfe!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Es war doch Alles umsonst; eins nach dem Andern
+ward abgerissen und wie zum Hohn wild durch die Luft
+gef&uuml;hrt, oder es sank zitternd zur Erde nieder &#8211; eins
+nach dem andern! &#8211; Schon konnt&rsquo; ich die &uuml;brigen an
+den Fingern meiner H&auml;nde z&auml;hlen &#8211; dort eins &#8211; dort
+eins &#8211; und dort eins!</p>
+
+<p>Ob wohl auch sie heute w&uuml;rden abgel&ouml;st und
+der Baum ganz kahl werden?&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p><!-- Page 224 --><span class='pagenum'><a name="Page_224" id="Page_224">224</a></span>
+Ach, es war heut ein traurig Ding um ihn und
+den Himmel dahinter!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Als ich zuerst hier in diese Zelle hereingef&uuml;hrt
+und hinter mir die Th&uuml;r verschlossen ward, da&szlig; ich
+allein w&auml;re (wie war ich&rsquo;s gewohnt geworden seitdem!)
+mein Sinnen und Denken abzuziehen vom eitlen Wesen
+der Welt und nur auf meine Schuld zu lenken und
+heilsame B&uuml;&szlig;ung: wie winkte mir da durch&rsquo;s Fenster
+das dichtbelaubte Gezweig so freundlich entgegen!
+Schwellende Fr&uuml;chte, zu Trauben gesellt, schauten daraus
+hervor, und blitzendes Licht vom blauen Himmel her
+spielte zwischen den gr&uuml;ngl&auml;nzenden Bl&auml;ttern.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Das war zur Johanniszeit, am Tage, nachdem ich
+in&rsquo;s Kloster auf Erfordern des Abtes und mit Bewilligung
+des Bischofs war zur&uuml;ckgef&uuml;hrt worden. Ich war
+in den Capitelsaal gebracht, allwo der ganze Convent
+sich versammelt hatte, da&szlig; ich vor den Abt gestellt
+w&uuml;rde, mein Urtheil zu empfahen, wie mit mir zu
+handeln w&auml;re im Kloster. Denn obgleich meine Erledigung
+zur&uuml;ck in den weltlichen Stand allerdinge nach
+dem Spruch derer, denen die Entscheidung unterst&uuml;nde,
+zu erharren w&auml;re, so h&auml;tte ich doch meine Untugend
+und all&rsquo; das &Auml;rgerni&szlig;, so ich gegeben, als dem Cisterzienser
+Orden zugeh&ouml;rig, ver&uuml;bt, und m&uuml;&szlig;te daher gem&auml;&szlig;
+der heiligen Observanz und St. Bernard&rsquo;s Regel
+zum Heil meiner Seele, zur Befestigung der Guten,
+zur St&auml;rkung der Schwachen, zur Warnung der Sichern
+mit mir gethan werden.</p>
+
+<p>Solches Alles ward mir vor den Br&uuml;dern im
+Capitel von Abt Albrecht verk&uuml;ndigt, der dazu eine
+Rede that, die mir recht das Heimlichste meines Herzens
+vor Augen kehrte, da&szlig; ich sah, wie schwarzer Farbe es
+<!-- Page 225 --><span class='pagenum'><a name="Page_225" id="Page_225">225</a></span>
+war; denn er war gewaltig in Worten. Er nannte
+den Tag, da er von meiner S&uuml;nde h&auml;tte h&ouml;ren m&uuml;ssen,
+den traurigsten von allen, seit ihm der Abtstab in die
+Hand gegeben w&auml;re; er beschrieb meinen Sinn, wie
+schlimm geartet er w&auml;re und unwerth, da&szlig; ich all&rsquo; sein
+Vertrauen, das er zu mir gekehrt, und seine gute Meinung
+so gr&ouml;blich zu Muthwillen und Ver&uuml;bung loser
+Narretheidinge gemi&szlig;braucht h&auml;tte; er sagte auch: wenn
+der Herr und Weltenrichter schon den unn&uuml;tzen Knecht
+in die &auml;u&szlig;erste Finsterni&szlig; und in die schrecklichen H&ouml;llenschl&uuml;nde
+verweisen wolle, darum da&szlig; der Schalk mit dem
+einigen ihm verliehenen Centner nicht gewuchert habe,
+welche Qual werde sich der verdienen, welcher hohe und
+edle Gaben, so er von Gott empfangen, dazu verwende,
+da&szlig; er damit unsers Herrn und seiner heiligen Kirche
+Ehre, statt sie zu erbauen, kr&auml;nke und ganz niederlege!</p>
+
+<p>Darnach fragt&rsquo; er mich, ob ich etwas zu sagen
+h&auml;tte, so sollte mir das verstattet sein.</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rdiger Vater!&laquo; sagt&rsquo; ich da. &raquo;Es ist Alles
+wahr, de&szlig; Ihr mich zeiht. Ich habe schwer ges&uuml;ndigt
+wider Gott, wider Euch, wider den heiligen Orden.
+Aber so wahr ich Euch und dem w&uuml;rdigen Convent
+hier von der ewigen Dreifaltigkeit best&auml;ndige Gen&uuml;ge
+erw&uuml;nsche, so gewi&szlig;lich kann ich Gott im heiligen
+Stande nicht l&auml;nger dienen, habe nur ein Verlangen,
+mich zum ritterlichen Leben zu schicken, und bitt&rsquo; Euch
+dem&uuml;thig: Helfet mir dazu!&laquo;</p>
+
+<p>Durch solche Worte, sagte wieder der Abt, erf&auml;nde
+sich&rsquo;s desto gewisser, wie v&ouml;llig mein Herz geblendet
+w&auml;re. Darauf ward ich dem <em class="antiqua">Frater poenitentiarius</em>
+zugewiesen, da&szlig; er die geistlichen B&uuml;&szlig;ungen, so mir
+aufzulegen, leiten und in Allem meiner armen Seele
+<!-- Page 226 --><span class='pagenum'><a name="Page_226" id="Page_226">226</a></span>
+rathen m&ouml;chte, die Bosheit auszuziehen und Gnade zu
+gewinnen.</p>
+
+<p>Der hatte denn auch das Amt, so er &uuml;berkommen,
+an mir mit allem Eifer angegriffen. Einsamkeit, Casteiung
+und allerlei Plage sollte meinen Sinn &auml;ndern, dazu
+stetes Gespr&auml;ch mit ihm von heiligen Dingen und von
+Verachtung der Welt. War ich nicht manchen Tag
+hinunter in die Gei&szlig;elkammer gef&uuml;hrt worden, auch
+dazu aus dem Schlaf geweckt, allda das Miserere zu
+singen und Schl&auml;ge zu leiden?</p>
+
+<p>Doch wiewohl mir meine gro&szlig;e Fehle, damit ich
+mich verschuldet hatte, leid war, so blieb doch mein
+Muth und Wille hinausgerichtet, wie anfangs, und
+die himmlischen Dinge, die mich hinwegziehen sollten
+von allem weltlichen Trachten, erlangten diese Gewalt
+nicht &uuml;ber mich. Ja, wenn oft unter den Gei&szlig;elschl&auml;gen
+mein R&uuml;cken r&uuml;nstig ward und ich dennoch
+ihnen stille hielt und nicht zuckte; wenn ich jegliche
+Pein, mit Wachen und Fasten mir auferlegt, williglich trug
+und nicht murrte, so w&auml;hnte mein Beichtiger wohl, es
+w&auml;re die wahre Zerknirschung und herzliche Reue, die
+mich so harte Bu&szlig;e dem&uuml;thig tragen lehrte: aber es
+stund viel anders mit mir. Ich h&auml;tte das Schwerste
+auf mich genommen in dem Gedanken, der mir auch
+all&rsquo; dies Ungemach leicht machte: da&szlig; ich es litte, weil
+ich mich gefangen gegeben f&uuml;r sie, f&uuml;r die Maid, die
+mir allzeit im Sinne lag, deren Bild in aller P&ouml;n mir
+winkte.</p>
+
+<p>O, welche Gewalt hat doch eine starke Hoffnung
+&uuml;ber des Menschen Herz! Sie ist allgegenw&auml;rtig, wie
+das Sonnenlicht. All&rsquo; unser Denken und Thun, M&uuml;he
+und Plage, Leid und Noth durchleuchtet sie; sie durchs&uuml;&szlig;et
+<!-- Page 227 --><span class='pagenum'><a name="Page_227" id="Page_227">227</a></span>
+die Bitterni&szlig; und durchbl&uuml;met selber die W&uuml;stenei,
+die wir durchwandern m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>So hab&rsquo; auch ich&rsquo;s erfahren in jenen Tagen.</p>
+
+<p>Wie oft, wenn ich einsam in der Zelle weilte,
+brachte mir die gewisse Hoffnung, der Tag der Befreiung
+w&uuml;rde erscheinen, St&auml;rkung und Trost! Wie malte sie
+mir mit dem Sonnenstrahle, der an der Wand zitterte,
+lichte Bilder hin von Aventiuren, Ehren und ritterlichen
+Thaten, von Freiheit und Wiedersehen! Wie h&ouml;rt&rsquo; ich
+ihr Fl&uuml;stern im Rauschen des Nu&szlig;baumes, wenn der
+sanfte Wind das Laub bewegte!</p>
+
+<p>Mit jedem Tage stieg diese Hoffnung; denn jeder
+brachte ihre Erf&uuml;llung n&auml;her.</p>
+
+<p>Mit Flei&szlig; achtete ich auf die gr&uuml;nen Fr&uuml;chte, die
+mir der Nu&szlig;baum durch&rsquo;s Fenster zeigte, wie sie allgemach
+gr&ouml;&szlig;er wurden. &raquo;Eure Schaale ist bitter&laquo;,
+sprach ich oft, &raquo;und selber dem Anblick wird sie unhold
+mit der Zeit. Aber drinnen hegt sie wohlverwahrt
+den s&uuml;&szlig;en Kern; die H&uuml;lle springt, und er tritt an&rsquo;s
+Licht. So tragen auch diese Tage, deren Bitterkeit ich
+schmecken mu&szlig;, in ihrem Schoo&szlig;e f&uuml;r mich die k&ouml;stliche
+Frucht der ersehnten Freiheit; noch ist sie mir verborgen,
+aber unmerklich reift sie heran.&laquo;</p>
+
+<p>Doch ach! eine Woche nach der anderen war
+herumgegangen, und noch immer h&ouml;rt ich nichts davon,
+da&szlig; drau&szlig;en meiner gedacht ward. Jeglichen Morgen
+sah ich klopfenden Herzens in meines Beichtigers Angesicht,
+pr&uuml;fend, ob er die erhoffte Nachricht mir nicht
+zu verk&uuml;nden h&auml;tte. Aber er schwieg davon, und der
+neue Tag schwand gleich dem vorigen.</p>
+
+<p>So einf&ouml;rmig giengen die Tage hin, so ger&auml;uschlos
+schlich die Zeit durch Wochen und Monate, da&szlig; ich
+<!-- Page 228 --><span class='pagenum'><a name="Page_228" id="Page_228">228</a></span>
+ihrer Zahl und Menge, wie viel ihrer waren, gar
+nicht Acht hatte. Aber wohl sah ich, wie die N&uuml;sse
+sich aus ihren H&uuml;lsen sch&auml;lten, vom Baume fielen und
+die leeren Schalen zur&uuml;cklie&szlig;en; wie die Bl&auml;tter sich
+entf&auml;rbten und das Ge&auml;st allgemach lichter ward; wie
+dann der Himmel, der da hindurch blickte, als durch
+ein immer weiter sich &ouml;ffnendes Gegitter, &ouml;fters tr&uuml;b
+schien und seltener in blauer Klarheit gl&auml;nzte. Ich sah,
+wie das Sonnenlicht immer sp&auml;ter meine Zelle besuchte,
+immer schmaler darin seine goldenen Streifen zog und
+nimmer b&auml;lder daraus <ins class="correction" title="Original: verschwad">verschwand</ins>.</p>
+
+<p>Wenn auf tr&uuml;be Tage wieder ein sonnenheiterer
+folgte, hatte ich schier mit Ungeduld geharrt, den Schein
+zu sehen, ob er wohl merklich w&uuml;rde zur&uuml;ckgewichen
+sein gegen das letzte Mal, da er an der Wand gegl&auml;nzt;
+und als es geschah, da&szlig; ich wahrnahm, wie
+die Sonne meine Zelle nicht mehr erreichte und den
+letzten Scheideblick des Jahres herein geschickt hatte in
+meine Einsamkeit: da war eine gro&szlig;e Traurigkeit &uuml;ber
+mich gekommen, als sollt&rsquo; ich auch den g&uuml;ldnen Tr&auml;umen
+von Erledigung und Freiheit den Abschied geben.</p>
+
+<p>Aber ich hatt&rsquo; es nicht vermocht, ich hatte um so
+sehnlicher gehofft und war nicht m&uuml;de darin geworden,
+wie auch die Bl&auml;tter immer zahlreicher fielen und die
+kahlen Zweige schmucklos zu mir herein starrten.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Wie mit Flei&szlig; ich an dies Alles heut&rsquo; zur&uuml;ckdachte
+am st&uuml;rmischen Novembertage, als ich zum grauen
+Himmel hinaussah, und wie die letzten Bl&auml;tter sich
+wehrten wider den Wind, der sie zauste, und half ihnen
+doch Alles nichts!</p>
+
+<p>Nein, es half auch mir nichts: mein Hoffen und
+Sorgen, Zagen, W&uuml;nschen und Ungeduld! &#8211; Wenn
+<!-- Page 229 --><span class='pagenum'><a name="Page_229" id="Page_229">229</a></span>
+es der Weltenherr so beschlossen h&auml;tte, da&szlig; mein Leben
+und die Welt drau&szlig;en immer geschieden blieben von
+einander! Wenn das Gel&uuml;bde meiner Mutter, da die
+Gottesminne ihre Liebe zu mir bezwang und durchkl&auml;rte
+und sie mich der frommen Hut des Klosters
+&uuml;bergab, gewi&szlig;lich ach, mit hei&szlig;en Gebeten! im Himmel
+versiegelt ward!</p>
+
+<p>Aber konnte das sein? W&auml;re mir dann die Einfalt
+und der Frieden meiner Jugend so verwirrt durch
+Lust und Weh der Welt, durch das Eindringen ihrer
+S&uuml;&szlig;e und Herbe in mein unerprobtes Herz? W&auml;ren dann
+jene Versuchungen an mich herangedrungen, um welcher
+willen, da&szlig; ich vor ihnen geborgen bliebe, ich hieher gebracht
+worden war an diese St&auml;tte gesch&uuml;tzten Friedens?</p>
+
+<p>Doch wie? Durft&rsquo; ich mich unterwinden und all&rsquo;
+dies, was mich abwendig gemacht hatte dem heil&rsquo;gen
+Stande, ansehen als von dem waltenden Gott so gef&uuml;gt?
+War es nicht vielmehr der D&uuml;nkel und Wahn
+meines unberathenen Herzens, eigenwilliges Entweichen
+vom Wege, der mir verordnet war? O, dann war es ein
+unm&auml;chtiges Ank&auml;mpfen, ein schuldvoller Ungehorsam.
+Und dies sehnliche Verlangen in mir nach Ehre, Freude
+und Gl&uuml;ck der Welt, nur darnach? nein! auch nach ihren
+K&auml;mpfen, M&uuml;hen und Schmerzen: sagte es nicht noch
+jeden Augenblick Ja! zu der Hoffahrt und Eitelkeit meiner
+Seele, bedrohte es mich nicht mit immerw&auml;hrender Unseligkeit,
+so der Spruch fiele, da&szlig; ich im Kloster bleiben
+m&uuml;&szlig;te? Dann w&auml;re mir die Erde verg&auml;llt und f&uuml;r die
+Ewigkeit meine Seele der finsteren Schaar zugeordnet.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Ich erschrak vor solchen Gedanken! Ich sah hinweg
+vom Fenster und lenkte meinen Blick auf das Buch,
+so vor mir aufgeschlagen war. Es waren S. Anselmi
+<!-- Page 230 --><span class='pagenum'><a name="Page_230" id="Page_230">230</a></span>
+Betrachtungen. Mein Beichtiger hatte mir das Buch
+hereingegeben zu heilsamem Nachdenken. T&auml;glich mu&szlig;t&rsquo;
+ich ein St&uuml;ck darin lesen und auf sein Befragen davon
+Rechenschaft thun, ob ich die Meinung recht verstanden
+h&auml;tte. Ich that es; aber meine Seele war nicht dabei.
+Heute zum ersten Mal kehrt&rsquo; ich allen Eifer dazu. Ich las
+von dem Meere des Verderbens, welches w&auml;re die Tiefe
+weltlichen Begehrens, und vom bodenlosen Schlamme der
+fleischlichen L&uuml;ste; ich las von dem Elend dieses Lebens:
+wie es gliche einem finstren Thale, in seinem Grunde
+voll Martern; dar&uuml;ber eine einzige Br&uuml;cke, sehr lang,
+aber nur eines Fu&szlig;es breit; &uuml;ber diese so schmale, so
+hohe, so gef&auml;hrliche Br&uuml;cke gehen m&uuml;ssen, mit verbundnen
+Augen, also da&szlig; man seine Schritte nicht sehen
+kann, mit r&uuml;cklings gefesselten H&auml;nden: so in Furcht und
+&Auml;ngsten des Herzens schweben: Das w&auml;re dieses Leben.
+Ich las vom Tode, wie er alle Sch&ouml;nheit der Gestalt
+verderbt und die zarten Glieder der Verwesung und
+den W&uuml;rmern &uuml;berantwortet; vom Grauen der Sterbestunde,
+von den Schrecken des j&uuml;ngsten Tages.</p>
+
+<p>Solches Alles las ich, wie es in der ersten Meditatio
+des heiligen Lehrers zu finden ist. Davon &uuml;berkam
+mein Gem&uuml;th gro&szlig;e Pein. Denn wenn ich es
+untersuchte, so erfand ich doch darin die Abkehr von
+dem verg&auml;nglichen Weltwesen nicht erwirkt, noch das
+Verlangen nach der himmlischen Freude entz&uuml;ndet; sondern
+da&szlig; ich frei w&uuml;rde und ein wackerer Held, der Ehren
+erw&uuml;rbe Brun zum Trost und Irmela zur Freude: das
+war all&rsquo; mein Verhoffen und mein Begehr, wie vorhin.</p>
+
+<p>Da schickt&rsquo; ich mich an, zu Gott zu rufen, da&szlig; Er
+mir die Verachtung der Welt in die Seele senken
+m&ouml;chte und die v&ouml;llige Gelassenheit, aber unvermerkt
+<!-- Page 231 --><span class='pagenum'><a name="Page_231" id="Page_231">231</a></span>
+ward solch&rsquo; Gebet zur Bitte, die Stunde meiner Losgebung
+m&ouml;chte bald erscheinen &#8211; und Beides zusammen
+konnte doch nicht bestehen.</p>
+
+<p>So hub ich denn in also zweifellichem Wahn
+meine Augen auf und sah hinaus, wie ich zuvor
+gethan hatte. Der Wind fuhr noch immer durch die
+Zweige und sch&uuml;ttelte sie. Hatte er denn schon alle
+Bl&auml;tter nun davon gef&uuml;hrt, alle? &#8211; Nein, eines hieng
+noch fest, ein einziges. Ich fa&szlig;t&rsquo; es in&rsquo;s Auge und
+blieb daran haften mit meinem Blick, wie es ohne
+Aufh&ouml;ren auf und nieder und zu den Seiten flatterte
+und doch nicht abri&szlig;. &#8211; &raquo;Du willst,
+guter <ins class="correction" title="Komma ergänzt">Baum,</ins>&laquo;
+sagt&rsquo; ich, &raquo;das Einzige, was Dir vom
+<ins class="correction" title="Komma entfernt">sommerlichen</ins>
+Schmuck geblieben ist, nicht lassen; also auch ich nicht die
+Hoffnung von daher. Aber das Jahr ist sp&auml;t und wie
+lang&rsquo; kann Dein Widerstand noch dauern &#8211; und meiner?&laquo;</p>
+
+<p>Aus solcher tr&uuml;bseligen Betrachtung erweckte mich
+ein Klopfen an der Th&uuml;re. Die kleine &Ouml;ffnung in
+ihrer Mitte, deren Th&uuml;rlein aufgethan ward, lie&szlig; eine
+Hand sehen, die ein Papier in die Zelle fallen lie&szlig;.
+Als ich es aufnahm, war schon die Hand wieder zur&uuml;ckgezogen
+und die &Ouml;ffnung verschlossen.</p>
+
+<p>Es war ein Brief, erbrochen und durch den Abt
+mir &uuml;berschickt &#8211; ein Brief, mir von Brun geschrieben aus
+Rom. Wie froh erschrak ich, als ich den Namen las, und
+wie fa&szlig;t&rsquo; ich jeglich Wort, das da geschrieben stund, zu Herzen!</p>
+
+<p>Gewi&szlig;lich ents&auml;nn&rsquo; ich mich seines Scheidewortes
+an mich. Ihm w&auml;r&rsquo; es allzeit lebendig im Herzen
+geblieben, und Anderes h&auml;tt&rsquo; er nicht erstrebt, als da&szlig;
+er mir Befreiung erw&uuml;rbe und mich in das Erbe seines
+Namens und seiner G&uuml;ter setzte. Er h&auml;tte manchen
+Gang darum gethan und auch Graf Eberhard &#8211; ich
+<!-- Page 232 --><span class='pagenum'><a name="Page_232" id="Page_232">232</a></span>
+kennte doch Adelbert aus Bruno&rsquo;s Geschichte? &#8211; &#8211; w&auml;re
+ihm eifrig zur Seite gestanden. Auch andere seiner
+Freunde aus jungen Jahren h&auml;tten sich f&uuml;r ihn eingelegt
+und selber ihm zur Hoffnung verholfen, da&szlig; er Land
+und Leute, so er einst besessen, wiederum zu Handen
+erhielte. Aber es h&auml;tte sich erwiesen, da&szlig; geistliche
+Rechte wider ihn w&auml;ren.</p>
+
+<p>Und nun lie&szlig; er mich wissen, da&szlig; meine Mutter
+nach altem Brauch mich feierlich dem Kloster und
+geistlichem Orden &uuml;bergeben, da&szlig; der Priester aus ihrer
+Hand mich auf den Hochaltar genommen und als ein
+Opfer und s&uuml;&szlig;en Geruch dem Himmelskaiser geweiht
+h&auml;tte. Da w&auml;re die Stola um des Kn&auml;bleins Arm von
+ihm geschlungen worden und meine Mutter h&auml;tte alle
+heiligen Gel&uuml;bde, vom Priester ihr vorgesprochen, f&uuml;r
+mich vollbracht. Auch w&auml;re dar&uuml;ber eine Urkund nach
+allem Erforderni&szlig; in der Abtei niedergelegt. Auf
+solches Alles h&auml;tte sich der Bischof berufen, und zu
+ihm h&auml;tten die h&ouml;chsten Oberen des Cisterzienserordens
+gestanden. &#8211; Darum h&auml;tt&rsquo; er sich aufgemacht und w&auml;re
+gen Rom gezogen, dort beim heiligen Stuhl f&uuml;r mich
+zu bitten; aber man h&auml;tte ihn schlecht an die Entscheidung
+des Bischofs und des Ordens gewiesen, darnach m&uuml;&szlig;te
+der Spruch gef&auml;llt werden.</p>
+
+<p>Ob ich ihn wohl zu lieben angefangen h&auml;tte, als
+das Kind den Vater soll? Ob ich mir wohl f&uuml;rbilden
+k&ouml;nnte, wie selig ihm die Stunde gewesen, da er mich
+gefunden und wie er seitdem nichts w&uuml;&szlig;te, als mein
+Bestes zu suchen? &#8211; Dann sollt&rsquo; ich nicht wider Gott
+fechten, den Frieden meiner Seele in Acht nehmen und
+mich in&rsquo;s Kloster ergeben. Ich sollte nicht hinaustrachten
+um seinetwillen, denn er h&auml;tte aller Dinge
+<!-- Page 233 --><span class='pagenum'><a name="Page_233" id="Page_233">233</a></span>
+beschlossen, da&szlig; wir unser Angesicht nicht mehr s&auml;hen.
+Es w&auml;re besser so. Er h&auml;tte ja eine Weile gedacht,
+der hehre Christ h&auml;tte seine Bu&szlig;e angenommen und
+wollte <ins class="correction" title="Wort nach 'sein' ausgelassen">sein</ins>
+brauchen, Freude f&uuml;r seinen Sohn zu s&auml;en
+und ihm die Wege durch die wirre Welt zu ebnen, in
+denen er selber sich verloren. Unterweilen h&auml;tt&rsquo; er auch
+einen hellen Traum gehabt, als m&ouml;cht&rsquo; er Joconda
+wiederfinden. Aber sie w&auml;re, wie er erkundet h&auml;tte,
+schon lange in Frieden, wohin dies zeitliche Jammerwesen
+nicht reichte, und um mich w&auml;r&rsquo; er solches Gl&uuml;ckes
+nicht w&uuml;rdig erfunden. Darum wollt&rsquo; er von Stund&rsquo;
+an seine Bu&szlig;e vollenden und die g&ouml;ttliche G&uuml;te unabl&auml;ssig
+bitten, da&szlig; sie meine Seele von allem irdischen Dichten
+reinigte und ganz ausleerte von jeglichem Verlangen,
+das doch nicht erf&uuml;llt werden k&ouml;nnte, bis mein inwendiger
+Geist ganz stille w&uuml;rde und offen f&uuml;r die S&uuml;&szlig;e der
+himmlischen Liebe. Weil er denn bed&auml;chte, da&szlig; das
+Band, so mich mit ihm verkn&uuml;pfte, mich sonderlich stark
+hinausz&ouml;ge in die Welt, so hielte er es f&uuml;r wohlgethan,
+auch dies Gott aufzuopfern, da&szlig; ich mich leichter losmachte
+und, was ich aufgeben m&uuml;&szlig;te, desto minder sch&auml;tzte.</p>
+
+<p>&raquo;So scheide ich denn&laquo;, so beschlo&szlig; der Brief, &raquo;mein
+herzgeliebter Sohn, hiemit von Dir, nicht nach dem
+Herzen und nicht f&uuml;r ewig. Unser kleines Leben ist
+wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke,
+da&szlig; es heut geschieht! &#8211; Die ewige Dreifaltigkeit
+nehme Deiner in Gnaden wahr, sie enthebe Dich aller
+Wirrsal und gebe Dir Freude und Frieden! Das ist
+mein Segen. Fahr wohl!&nbsp;&#8211;</p>
+<p>Mein Sohn, bitte f&uuml;r mich!</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Gegeben in Rom in St. Augustini Kloster.<br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i15"><em class="gesperrt">Bruno</em>.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p><!-- Page 234 --><span class='pagenum'><a name="Page_234" id="Page_234">234</a>
+</span>Als ich ausgelesen hatte, entfiel der Brief meinen
+H&auml;nden und meine Arme sanken schlaff herab. &raquo;Fahr
+wohl, fahr wohl!&laquo; rief es mir nach. &raquo;Fahr wohl,
+mein Vater! fahr wohl jede s&uuml;&szlig;e Hoffnung; fahr ewig
+wohl!&laquo; In dumpfem Klageton h&ouml;rt&rsquo; ich&rsquo;s so; aber ich
+f&uuml;hlte, wenn ich&rsquo;s ausspr&auml;che, so m&uuml;&szlig;t&rsquo; ich&rsquo;s hinausschreien,
+und ich verharrte im Schweigen. Denn in
+allzugro&szlig;em Weh mi&szlig;g&ouml;nnt sich der Mensch auch den
+Trost der lauten Klage.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Eine starke Windsbraut, die mit klatschendem
+Regen gegen das Fenster fuhr, schreckte mich auf und
+ri&szlig; meinen Blick empor. Die &Auml;ste schlugen gegen
+die Scheiben, also da&szlig; sie erklirrten, und das letzte
+Blatt, von seinem Zweige geschieden, wirbelte durch
+die Luft; eine kleine Weile ward es umhergetrieben,
+dann entschwand es meinen Blicken.</p>
+
+<p>&raquo;Fahr wohl, fahr wohl!&laquo;</p>
+
+<p>Da quoll ein Dunkel auf um mich her, als wollten
+Wellen eines Meeres mich verschlingen, und die Sinne
+vergiengen mir. &#8211; Als ich mich wiederum besann, fand
+ich mich auf der Diele liegend; der kurze Tag war
+herum und die Zelle ganz finster. Vom Himmel und
+vom Nu&szlig;baum war nichts mehr zu sehen, nur der
+Wind gieng drau&szlig;en wie vorhin, und so oft er die
+&Auml;ste gegen das Fenster bog, h&ouml;rt ich&rsquo;s noch immer
+rufen: &raquo;Fahr wohl, fahr wohl.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; nicht, wie lange dies w&auml;hrte, als es
+geschah, da&szlig; an der Th&uuml;r der Riegel zur&uuml;ckgeschoben
+ward und gleich darauf Einer aus dem Convent,
+nicht der meiner P&ouml;nitenz vorgeordnet war, mit Licht
+in meine Zelle trat.</p>
+
+<p>So geschlagen ich war in jener Stunde vor gro&szlig;em
+<!-- Page 235 --><span class='pagenum'><a name="Page_235" id="Page_235">235</a></span>
+Leide, wollt&rsquo; ich doch nicht, da&szlig; Solches im Convent
+offenbar w&uuml;rde; ich hatte mich also aufgerafft und
+trat dem, der mich heimsuchte, so gelassenen Angesichts
+entgegen, wie ich&rsquo;s vermochte.</p>
+
+<p>Der aber sprach, mich betrachtend: &raquo;Diether, wie
+siehst Du verh&auml;rmet aus! Fasse Muth in&rsquo;s Herz; leichtlich
+wirst Du bald wieder froh. Denn so erfindet sich&rsquo;s unselten
+im Leben, da&szlig; die besten Tage die b&ouml;sesten abl&ouml;sen.&laquo;</p>
+
+<p>Darnach sagt&rsquo; er mir, da&szlig; Abt Albrecht ihn geschickt
+h&auml;tte, mich allsogleich vor ihn zu f&uuml;hren, und,
+wie sich&rsquo;s ans&auml;he, h&auml;tte der f&uuml;r mich wichtige Zeitung.</p>
+
+<p>Als ich in des Abtes Gemach trat, sa&szlig; der, wie
+er pflegte in Stunden der Mu&szlig;e, im hohen Gest&uuml;hl,
+vor sich ein Buch zu heiliger Betrachtung und gelehrtem
+Flei&szlig; oder, wenn es mit Bildwerk geziert war,
+auch zu lustsamer Beschauung bestimmt. Doch er hatte
+das Ansehen nicht, als ob er heute sein Nachdenken
+da hinein tief versenkt h&auml;tte. Denn kaum erblickt&rsquo; er
+mich, als er mich n&auml;her winkte, eine kleine Weile pr&uuml;fend
+seine Augen auf mir ruhen lie&szlig;, seinen Mund
+aufthat und folgenderma&szlig;en anhub:</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben Dir eben heute, Diether, einen Brief
+zugeh&auml;ndigt, der billigerma&szlig;en Dein Gem&uuml;th beschwert
+und in Traurigkeit gesetzt hat. Denn darinnen ist Dir
+kund geworden, da&szlig; Du Deines Vaters Angesicht nicht
+mehr sehen sollst in dieser Zeitlichkeit.&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Als ich diese Worte h&ouml;rte, f&uuml;hlte ich die Tr&uuml;bni&szlig;,
+die mich vorhin &uuml;berw&auml;ltigt hatte, wiederkehren, und
+wiewohl ich mich gedachte fest zu machen, konnt ich&rsquo;s
+nicht wehren, da&szlig; meinen Augen vor &uuml;bergro&szlig;em
+Leide Z&auml;hren entflossen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, gewi&szlig;lich&laquo;, sprach er weiter, als er solches
+<!-- Page 236 --><span class='pagenum'><a name="Page_236" id="Page_236">236</a></span>
+wahrnahm, &raquo;ist davon Deine Seele hochbewegt; und
+wir nehmen noch sonst ein Verst&auml;ndiger, sogethane
+Trauer Dir nicht f&uuml;r &Uuml;bel; denn kindliche Liebe ist
+g&ouml;ttlicher Sch&ouml;pfung, und Fleisch und Blut thun nach
+ihrem Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen
+Ermahnungen aus theurem v&auml;terlichem Munde, auch
+die Erkenntni&szlig; Deines eigenen Herzens und de&szlig;, was
+ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Flei&szlig; angehalten
+worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit
+zu &uuml;berwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen
+der Welt Lust versagt ist, darnach sie vergeblich trachten.
+Ich verhoffe, Du siehest f&uuml;rder diese Abtei, in der
+Du auferzogen bist, nicht als ein Gef&auml;ngni&szlig; an, sondern
+bedenkest wohl, da&szlig; Du allhie nicht allein der Seele
+Heil am ungef&auml;hrdetsten erwirken, sondern Gott mit
+der edlen Kunst, deren Verm&ouml;gen Er Dir verliehen
+hat, am w&uuml;rdigsten dienen magst. &#8211; Da&szlig; in dem
+Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde
+Gelegenheit geboten.&laquo;</p>
+
+<p>Ich horchte auf bei diesen Worten und sah ihm
+mit gro&szlig;er Erwartung zu, als er eine Schrift, die er
+zur Seite liegen hatte, in die Hand nahm und entfaltete.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben eben heute Briefe empfangen&laquo;, sagt&rsquo;
+er dabei, &raquo;Deine Sache angehend, welche darthun,
+da&szlig; die, so zuv&ouml;rderst das Urtheil dar&uuml;ber zu f&auml;llen
+haben, anderen Sinnes worden sind, wie es mit Dir
+zu halten sei, als es sich zuvor anlie&szlig;. Auf dringendes
+Ansuchen des Bischofs, dem unsere Abtei untersteht,
+hat das General-Capitel unseres Ordens neuerdings
+verwilligt, da&szlig; unser Convent Dich losgebe, und Dich
+des Gel&uuml;bdes, einst f&uuml;r Dich gethan, entbinde.&laquo;</p>
+
+<p>Als ich diese Worte h&ouml;rte, &uuml;berkam
+<ins class="correction" title="Original: ich">mich</ins> eine Freude,
+<!-- Page 237 --><span class='pagenum'><a name="Page_237" id="Page_237">237</a></span>
+als dr&auml;nge ein heller Sonnenstrahl pl&ouml;tzlich in mein
+von Traurigkeit ganz &uuml;berschattetes Gem&uuml;th.</p>
+
+<p>&raquo;So soll ich frei sein, ehrw&uuml;rdiger Vater?&laquo; fragt&rsquo;
+ich mit Pochen meines Herzens. &raquo;Ist es das, was
+Ihr sagtet &#8211; frei?&laquo;</p>
+
+<p>Ihm war aus der Hast, mit der ich Solches redete,
+die Unruhe meiner Seele wohl offenbar. Mit Verwunderung
+und auch, als h&auml;tt&rsquo; er weiseren Sinn mir
+zugetraut, sah er mich an und gab mir weiter Bescheid:
+&raquo;Auch soll von dem liegenden Gute, einstmals Deinem
+Stamme zugeh&ouml;rig, auf Verwendung der bisch&ouml;flichen
+Gnade und m&auml;chtiger Freunde so viel durch Lehenshand
+Dir wiederum zufallen, als zur ziemlichen Erhaltung
+ritterlichen Standes f&uuml;r n&ouml;thig erachtet wird;
+wie Solches die Schriften hier besagen und urkunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bin ich nicht f&uuml;rder hier zu bleiben gehalten?&laquo;
+fragt&rsquo; ich wieder; denn mir war&rsquo;s nicht anders, als
+tr&auml;umt&rsquo; ich nur.</p>
+
+<p>&raquo;Allein Deine Wahl, Diether!&laquo; sprach der Abt,
+&raquo;bestimmen forthin Dein Bleiben oder Gehen. M&ouml;ge
+Gott, J&uuml;ngling, Dich dazu erleuchten, da&szlig; Du Dich
+recht berathest.&laquo;</p>
+
+<p>Da konnt&rsquo; ich mich nicht l&auml;nger enthalten, eilte auf
+ihn zu und, vor ihm auf die Kniee fallend, ergriff ich
+mit Ungest&uuml;m seine H&auml;nde, k&uuml;&szlig;te sie und sprach: &raquo;Dank,
+dank, lieber Vater, f&uuml;r die Kunde, die mir von Euch
+geworden ist! Sie macht mich wieder lebendig. Ein
+schwerer Muth war &uuml;ber mich gekommen, als sollt&rsquo; ich
+solcher M&auml;re nimmer froh werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So steht Dein Wunsch und Wille noch allerdinge
+hinweg von uns?&laquo; fragt&rsquo; er mit Strenge und doch
+auch, als lebte, da ich so beweglich und nahe zu ihm
+<!-- Page 238 --><span class='pagenum'><a name="Page_238" id="Page_238">238</a></span>
+redete, etwas von seiner fr&uuml;heren G&uuml;tigkeit gegen mich
+wieder auf in ihm. &raquo;Nur Freude schafft Dir dies,
+auch nachdem Du die Worte Deines Vaters, Herrn
+Bruno&rsquo;s, vernommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ehrw&uuml;rdiger Vater!&laquo; erwiedert&rsquo; ich, indem ich&rsquo;s
+wagte und seine Kniee umfa&szlig;te. &raquo;Immer spende die
+g&ouml;ttliche Gnade den Lohn Euch &uuml;berschw&auml;nglich f&uuml;r
+alle Treue, die Ihr an mir gethan habt, und Gott
+mit seinem Frieden sei eines Jeglichen Geleitsmann
+ewiglich, so viel allhier Eurem Hirtenstabe unterstehen:
+aber mich leidet&rsquo;s in dieser Abgeschiedenheit nicht l&auml;nger,
+und mein inniges Trachten ist noch zur Stunde, wie
+es vorhin war, hinaus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch&laquo;, sprach Albrecht wieder, &raquo;magst Du
+leichtlich in der weiten Welt Dich einsamer und verlassener
+finden, als hier, wo Du so Vielen vertraut
+bist. Denn bedenk&rsquo; es wohl: Dein Vater harret Dein
+nicht, und an welchem Ort er weilet, ist Dir verborgen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch ist ein Ruf&laquo;, sagt&rsquo; ich wieder, &raquo;dem ich
+folgen mu&szlig;. O, z&uuml;rnet nicht &uuml;ber das, was ich sage:
+aber begehrete Herr Bruno zur Stunde selber von
+mir, da&szlig; ich bliebe; so lange die Freiheit zu bleiben
+oder zu gehen in meine Wahl gelegt ist, k&ouml;nnt&rsquo; ich ihm
+nicht gehorsamen. Nein, ich k&ouml;nnte und w&uuml;rde nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Als ich ausgeredet hatte, erhub sich Herr Albrecht
+mit finstrem Angesicht, hie&szlig; mich gehen und selber mit
+meinem eitlen D&uuml;nken mich berathen.</p>
+
+<p>So von ihm hinweggewiesen zu werden, gieng mir
+schwer ein. Darum bat ich ihn und sprach:</p>
+
+<p>&raquo;Nicht so, ehrw&uuml;rdiger Vater! nicht so hei&szlig;t mich
+von Euch geh&rsquo;n! Gebt mir ein Wort der Verzeihung
+und des Segens mit!&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 239 --><span class='pagenum'><a name="Page_239" id="Page_239">239</a></span>
+&raquo;Ich sorge wohl&laquo;, sprach er wieder mit gro&szlig;em
+Ernst, &raquo;die Stunde wird kommen, darin Dir Beides
+hoch noth sein wird. M&ouml;ge sie nicht zu schmerzlich
+f&uuml;r Dich sein! Alsdann wirst du unsern Segen nicht
+vergeblich suchen. Wisse das, Diether, und geh!&laquo;</p>
+
+<p>Auf diese Worte, die er mit strenger Geb&auml;rde begleitete,
+durft&rsquo; ich nichts erwiedern. Ich verneigte mich
+vor ihm und gieng.</p>
+
+<p>Was nun im Convent und allerorten in der Abtei
+f&uuml;r ein Fragen entstund, und wie gro&szlig; das Aufsehen
+war, als es ruchbar ward, da&szlig; ich ausz&ouml;ge f&uuml;r immer;
+wie Manche mich da berathen wollten, mahnen und
+warnen, Andere es nicht hehl hatten, da&szlig; sie mich
+neideten, so Viele auch eine herzliche Neigung zu mir
+kund thaten und sich m&uuml;hten, zur Letze mir zu zeigen,
+da&szlig; ich ihnen lieb war; wie sich da, als ich Abschied
+nahm, Freud und Leid an der Hand hatten und ganz
+dicht zu einander gesellet waren: von dem Allen gedenk&rsquo;
+ich nichts zu vermelden. Denn wer selber einmal
+eine St&auml;tte hinter sich gelassen hat, der er gewohnet
+war und die er nicht wiederum zu betreten
+gedachte, der kann sich leichtlich f&uuml;rbilden, wie es sich
+zutrug mit meinem Urlaub nach Maulbronn. Ihm ist
+auch nicht noth zu sagen, wie mir dabei um&rsquo;s Herze
+war. Denn er wei&szlig;, da&szlig; solche Scheidestunden auch
+f&uuml;r den Menschen, der mit allem Verlangen nach
+der Ferne strebt, etwas von jenen sanften und feierlichen
+Schauern in sich hegen, dergleichen auch in der
+letzten Scheidestunde die gottminnende Seele durchzittern
+m&ouml;gen, wenn sie mit Freuden zum Himmel eilt und
+doch zugleich mit doppelter Inbrunst liebt und segnet,
+was ihr auf Erden theuer war.</p>
+</div>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/066_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><!-- Page 240 --><span class='pagenum'><a name="Page_240" id="Page_240">240</a></span></p>
+<h2><a name="Zehntes_Capitel" id="Zehntes_Capitel"></a>Zehntes Capitel.</h2
+>
+
+<h1>In der Welt.</h1>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/018_s.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">S</span>chwerlich zog Jemand wanderlustiger seine
+Stra&szlig;e an jenem Novembertage als ich,
+nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es
+mochten seitdem zween Tage verstrichen sein
+oder drei. Allgemach waren mir die schweren Gedanken
+vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die Erf&uuml;llung
+sehnlicher Hoffnung und heute das klare r&ouml;thliche
+Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das
+Herz froh und leicht. Munter schritt ich hindann. War
+ich nicht auf dem Wege nach Speyer, allda vom Bischof
+weitere Vollmacht zu erhalten f&uuml;r meinen ritterlichen
+Stand, und gedacht&rsquo; ich nicht von dort aus mich an
+Graf Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten,
+wie ich mich weiter hielte, und winkte mir dann nicht
+noch ein anderes, ersehnteres Wiedersehen?</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des
+freien Umblickes mit Freuden geno&szlig;, so hatt&rsquo; ich der
+Stunden unterm Wandern nicht geachtet, wie sie dahin
+gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich
+wu&szlig;te noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen
+sollte; Stadt oder Dorf waren nirgends ringsum zu
+<!-- Page 241 --><span class='pagenum'><a name="Page_241" id="Page_241">241</a></span>
+sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende, und ich begann
+die M&uuml;digkeit meiner Glieder zu f&uuml;hlen.</p>
+
+<p>Indem sah ich durch die Abendd&auml;mmerung &uuml;ber
+ein blaches Feld ein Feuer leuchten, das am Fu&szlig;e eines
+H&uuml;gels angez&uuml;ndet war, der die Flamme etlicherma&szlig;en
+vor dem Winde sch&uuml;tzte.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht ist&rsquo;s ein Hirt, der dort sich seine Abendkost
+r&uuml;stet&laquo;, dacht&rsquo; ich. &raquo;Er mag Dir wohl auch Rast
+und Erw&auml;rmung an seinem Feuer und einen Imbi&szlig;
+g&ouml;nnen, so Du ihn darum ansprichst.&laquo;</p>
+
+<p>So bog ich dahin vom Wege ab.</p>
+
+<p>Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch
+in&rsquo;s Angesicht, da&szlig; ich nicht wohl aufsehen konnte. Wer
+aber da der Flamme pflegte, das ward mir mit dem
+ersten Gru&szlig; bewu&szlig;t, den ich h&ouml;rte:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da!<br/></span>
+<span class="i0">Er selbst: <em class="antiqua">lupus in fabula!</em >&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Allsogleich darauf f&uuml;hlt&rsquo; ich mich von dem Gerufenen
+an beiden H&auml;nden erfa&szlig;t und unter &uuml;berlustigen
+Spr&uuml;ngen n&auml;her gezogen, indem er sang:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei!<br/>
+</span>
+<span class="i0">Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!&laquo;<br
+/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Gelt, mein Tannh&auml;user!&laquo; sagt&rsquo; er dann zu seinem
+Gespons, indem sie beide eine wollene Decke an die
+bequemste Stelle neben dem Feuer spreiteten, &raquo;das h&auml;tten
+wir nicht gedacht, da&szlig; der werthe Junker uns die Sach&rsquo;
+so leicht machen w&uuml;rde. &#8211; Ho, ein gutes Gl&uuml;ck! Eine
+treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. &#8211; M&ouml;cht&rsquo;
+ein Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie
+heute stehen. &#8211; Gewi&szlig;lich im besten Aspect; geschickt
+zu gro&szlig;er Unternehmung! &#8211; Ah, Herr Diether! Die
+bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der
+<!-- Page 242 --><span class='pagenum'><a name="Page_242" id="Page_242">242</a></span>
+Weisen zu gewinnen br&auml;chte, nun wir Euer theilhaftig
+worden sind.&laquo;</p>
+
+<p>Und er sch&uuml;ttelte mir wieder die Hand und der
+Tannh&auml;user auch.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr scheinet meiner gedacht zu haben&laquo;, fragt&rsquo; ich,
+selber schier erstaunt &uuml;ber die unverhoffte Begegnung,
+indem ich, wie sie es wollten, zwischen ihnen niedersa&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell!&laquo;
+sprach da der Kurze und stie&szlig; den Angeredeten hinter
+meinem R&uuml;cken an. &raquo;Nur gedacht?! &#8211; Gesprochen
+haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich
+und eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag&rsquo; Euch:
+immer in solcher Meinung, wie sie treuer nicht sein
+k&ouml;nnte, wenn Ihr schlecht unser Kunstbruder w&auml;ret
+und nicht hochb&uuml;rtigen Stammes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid von Herzen bedankt daf&uuml;r&laquo;, sagt&rsquo; ich, &raquo;aber
+der Singekunst denk&rsquo; ich auch jetzt nicht zu entsagen,
+habe ich sie letzthin gleich nicht ge&uuml;bt.&laquo;</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die Kunst verbr&uuml;dert, aber mehr<br/></span>
+<span class="i0">Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>sprach der Tannh&auml;user dazwischen und war nachdenklich.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;F&uuml;rwahr! so ist die Welt gericht&rsquo;t,<br/>
+</span>
+<span class="i0">Doch unser Junker Diether nicht&laquo;,<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>sagte Klingsohr ihn beg&uuml;tigend. &#8211; &raquo;Nein! Ihr nicht,
+um den wir uns gegr&auml;met haben und gesorgt, seitdem
+sie Euch von uns rissen und wir trotz all&rsquo; unserer harten
+Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch dahinten
+lassen mu&szlig;ten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und
+versperrt! Ihr nicht!&laquo;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Ach, Junker&laquo;, fuhr Klingsohr fort, &raquo;wie sch&ouml;n
+hatt&rsquo; ich Euch allbereits hinaus, und wie balde w&auml;ren
+wir hinunter gewesen, aber das Fr&auml;ulein &#8211; das
+<!-- Page 243 --><span class='pagenum'><a name="Page_243" id="Page_243">243</a></span>
+Fr&auml;ulein!&laquo; &#8211; dabei sah er mich von der Seite an und
+winkte mit dem Finger. &#8211; &raquo;Ach, Junker, es war da
+auch ein Zauber, der Euch zur&uuml;ckhielt und ein st&auml;rkrer
+als meiner, der Euch des Gef&auml;ngnisses entledigen sollte.&laquo;</p>
+
+<p>Und er lachte und schlug, als w&uuml;&szlig;t&rsquo; er genug von
+derlei Sachen, um sich ihrer noch zu verwundern, mit
+seiner Hand scherzweise auf mein Knie.</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Jungfraunlieb ist fahrend Hab,<br/></span>
+<span class="i0">Heut Herzliebster und morgen: schab ab!&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>sang der Tannh&auml;user, als th&auml;t er&rsquo;s in Gedanken.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>War ich &uuml;ber Klingsohr&rsquo;s Rede roth geworden,
+so verdro&szlig; mich seines Gesellen Liedlein. &raquo;Schweig!&laquo;
+gebot ihm der Magus, der meinen &Auml;rger wohl vermerkte.
+&raquo;Schweig, Gesell, und la&szlig; mich dem Junker
+vermelden, wie wir keine Ruh&rsquo; gehabt haben, bis wir
+f&uuml;r gewi&szlig; &uuml;ber ihn erkundeten, was aus ihm geworden;
+wie wir endlich &uuml;berein gekommen sind, nach ihm zu
+sp&uuml;ren in Maulbronn, m&uuml;&szlig;t&rsquo;s selber unter seines Abtes
+Bettsponde sein. &#8211; Ach, Junker, wir dachten nicht
+anders, als es w&auml;r&rsquo; Euch Luft und Licht versagt und
+Ihr h&ouml;rtet au&szlig;er der Litanei, die Ihr selber singen
+m&uuml;&szlig;tet, nur die M&auml;uslein pfeifen Tag und Nacht.
+&rsquo;s ist uns dr&uuml;ber, Junker, manches Mal die Lust vergangen
+am Essen &#8211; und am Trinken auch.&laquo;</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Daran verloren unterdessen<br/></span>
+<span class="i0">Nicht viel die Kehle noch der Bauch,&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>sagte Tannh&auml;user und winkte abwehrend mit der Hand.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Ah, ah, Junker!&laquo; sprach Klingsohr wieder; &raquo;Er
+red&rsquo;t nur so &#8211; nur aus Bescheidenheit, sag&rsquo; ich Euch;
+nur aus Bescheidenheit. &#8211; Ein kaiserlich Mahl h&auml;tten
+wir uns versagt f&uuml;r Euch &#8211; und heut, ja heut m&ouml;chten
+wir eins halten f&uuml;r lauter Freuden, da&szlig; Ihr wieder
+<!-- Page 244 --><span class='pagenum'><a name="Page_244" id="Page_244">244</a></span>
+heraus seid. &#8211; Sagt&rsquo; uns nun, wie ist&rsquo;s Euch gelungen
+damit, Junker? Aus einem Thurm Einen von dannen
+bringen, freilich, ist auch &rsquo;ne Sach&rsquo;! Aber aus &rsquo;nem
+Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich
+eingefangen haben und mit Gei&szlig;elung und P&ouml;n ihn
+christlich bedienen &#8211; ha, ha! &#8211; das nenn&rsquo; ich eine
+rechtschaffene Kunst.&laquo; Und er sch&uuml;ttelte sich vor Lachen.
+&raquo;Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche
+habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder
+am Tag die W&auml;chter get&auml;uscht, oder Gewalt ge&uuml;bt
+oder&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts von dem Allen hab&rsquo; ich ge&uuml;bt, noch sonst
+keinerlei Widerrecht&laquo;, gab ich ihm zur Antwort; &raquo;sondern
+nachdem ich des Klosterlebens entlassen, bin ich
+nach eigener Wahl gegangen und frei &ouml;ffentlich.&laquo;</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die Welt ist b&ouml;se aller Orten<br/></span>
+<span class="i0">Und selten gut;<br/></span>
+<span class="i0">Gern weilt&rsquo; ich hinter Klosterpforten<br/></span>
+<span class="i0">In sichrer Hut&laquo;,<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>sagte der Tannh&auml;user und sah sinnend in&rsquo;s Feuer.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wie, Junker?&laquo; fragte Klingsohr und sperrte vor
+Verwunderung seine kleinen Augen so weit auf, als er&rsquo;s
+vermochte, &raquo;wie? Ihr seid nach Urtheil und Recht
+losgegeben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist&rsquo;s&laquo;, sagt&rsquo; ich, &raquo;und anders nicht. Der
+Bischof selber hat sich bei des Ordens Oberh&auml;uptern
+f&uuml;r mich eingelegt, da&szlig; nach meines Vaters Willen
+geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser
+es verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege
+gen Speyer, allda von Herrn Gebhard die Vollmachten
+zu empfahen, und was sonst n&ouml;thig ist zur Wiedererlangung
+meiner ererbten Rechte zu betreiben.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 245 --><span class='pagenum'><a name="Page_245" id="Page_245">245</a></span>
+Auf diese Worte schlug der Kleine die H&auml;nde zusammen
+und rief:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;O Wunder gro&szlig;! Nun dies geschah,<br/></span>
+<span class="i0">W&auml;hn&rsquo; ich, der j&uuml;ngste Tag ist nah!&laquo;<br/>
+</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Was ist da so gr&ouml;&szlig;lich zu verwundern&laquo;, fragt&rsquo;
+ich wieder, &raquo;da&szlig; man mildiglich handelt und nicht so
+gar nach dem strengen Recht, so Keinem dabei zu nahe
+geschieht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr, Herr!&laquo; rief der Klingsohr. &raquo;Ihr kennt
+der Welt Lauf nicht; Ihr kennet ihn bis auf&rsquo;s H&auml;rlein
+nicht, sag&rsquo; ich, Klingsohr! &#8211; Entweder die Welt hat
+sich ge&auml;ndert und die heilige Kirche dazu &#8211; oder Ihr
+seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur
+Tauf&rsquo; gebracht und ein Nix war zum Gevatterschmause
+geladen. &#8211; Sonst steckt noch was dahinter, sag&rsquo; ich
+Euch; k&ouml;nnt&rsquo; ich&rsquo;s nur ausfindig machen.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand
+durch sein Kraushaar und sah mit gespitztem Munde
+den entschwebenden Rauchwolken nach. &#8211; Ich wu&szlig;te
+zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu
+sagen und schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof
+Alles nach Wunsch ausgerichtet habt&laquo;, fragt&rsquo; er, sich
+wieder zu mir wendend, &raquo;was gedenkt Ihr hernachmals
+zu thun, Junker, so man das wissen darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht, Klingsohr!&laquo; gab ich ihm Bescheid.
+&raquo;Dann gedenke ich Herrn Eberhards Gunst und Beistand
+zu suchen&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu?&laquo; fragte er rasch. Ich war von der Art,
+wie er das Wort sprach, ein wenig gewirret; doch
+fa&szlig;te ich mich und sagte: &raquo;Zu Vielem; zu Allem, de&szlig;
+ich Neuling in der Welt an Rath und F&uuml;hrung
+<!-- Page 246 --><span class='pagenum'><a name="Page_246" id="Page_246">246</a></span>
+brauchen werde, denn meinen Vater wei&szlig; ich nicht zu
+erlangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts?&laquo;
+fragt&rsquo; er wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Wie wunderlich Ihr seid!&laquo; sprach ich. &raquo;Zu was
+noch sonst?&laquo; &#8211; Aber ich mocht&rsquo; ihn dabei nicht ansehn;
+denn ich wu&szlig;te wohl, da&szlig; er mit seinen Blicken
+auf mich hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Dann rath&rsquo; ich Euch, Junker!&laquo; hub er wieder
+an &#8211; &raquo;brauchet Herrn Eberhards nicht! &#8211; Was
+wolltet Ihr, da Euch die Fl&uuml;gel losgebunden sind, noch
+f&uuml;rder hier herumschleichen, als st&uuml;nd&rsquo; Euch drau&szlig;en
+nicht die weite Welt offen? &#8211; Seid Ihr nicht selber
+gewitzigt genug, Eurer Sache zu helfen, und werdet
+Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald genug finden,
+so Ihr sie weislich pr&uuml;fet? &#8211; W&auml;r&rsquo; ich, Herr Diether,
+an Eurer Statt, ich r&uuml;stete mir in Speyer alsbald ein
+h&uuml;bsch&rsquo; Pferd und durchz&ouml;ge die Lande der Christenheit:
+wo Kurzweil zu finden, Ehre zu erjagen w&auml;re,
+da macht ich Halt, und, glaubt mir&rsquo;s, Junker! wenn
+Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist,
+allerorten die M&auml;nner, so des Ritterthums verstehen,
+Euch r&uuml;hmen &#8211; und gar die edlen Frauen! &#8211; ah,
+Junker, Ihr seid ein gl&uuml;ckseliger Mann, denn die
+Frauengunst, Junker&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sollt&rsquo; ich mich nicht zuv&ouml;rderst zu Herrn
+Eberhard wenden und die Elzeburg meiden?&laquo; sagt&rsquo;
+ich, ihn unterbrechend.</p>
+
+<p>&raquo;Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker
+Diether?&laquo; und mir schien&rsquo;s, als winkte Klingsohr
+seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so fragte.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, ihn und das Fr&auml;ulein auch&laquo;, erwiederte ich kurz.
+</p>
+
+<p><!-- Page 247 --><span class='pagenum'><a name="Page_247" id="Page_247">247</a></span>
+&raquo;Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers
+da zu wenig findet&laquo; &#8211; meinte Klingsohr.</p>
+
+<p>&raquo;Oder aus der Ritterschaft einen zuviel&laquo;, fuhr der
+Tannh&auml;user fort.</p>
+
+<p>&raquo;Ich versteh&rsquo; Euch nicht!&laquo; rief ich &auml;rgerlich.</p>
+
+<p>Da sang der Lange:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Gar manchem Mann<br/></span>
+<span class="i0">Bleibt&rsquo;s Herz gesund,<br/></span>
+<span class="i0">Nur wenn ihm, was ihn nah geht an,<br/></span>
+<span class="i0">Nicht wird auch kund.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch!&laquo; rief
+Klingsohr. &raquo;Drum sag&rsquo; ich:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward,<br/></span>
+<span class="i0">Und baue nicht auf ferne!<br/></span>
+<span class="i0">Du findst zuletzt die Schale hart<br/></span>
+<span class="i0">Und Bitterkeit im Kerne!&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Nicht zuletzt nur!&laquo; sagte der Singer wieder und
+sch&uuml;ttelte sein Haupt, als w&auml;r&rsquo; ihm an All&rsquo; dem in keiner
+Weise gelegen:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Frauengunst,&nbsp;&#8211;<br/></span>
+<span class="i0">Blauen Dunst<br/></span>
+<span class="i0">Ich acht&rsquo; sie.<br/></span>
+<span class="i0">Wer begehrt,<br/></span>
+<span class="i0">Was da werth,<br/></span>
+<span class="i0">Verlacht sie!&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Da mocht&rsquo; ich dies ihr R&auml;thselspiel, mit dem sie,
+wie ich wohl vermerkte, auf mich zielten, nicht l&auml;nger
+ertragen. Ich sprang vom Sitze zwischen ihnen &auml;rgerlich
+auf, sah sie finstrer Miene an und sagte: &raquo;Ich
+bitt&rsquo; Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gespr&auml;ch;
+denn es ist mir verdrie&szlig;lich zu h&ouml;ren. Sagt mir frei
+offen, was Ihr wisset von Elzeburg, das mir Hinderung
+sein sollte, dorthin mich zu wenden.&laquo;
+</p>
+
+<p><!-- Page 248 --><span class='pagenum'><a name="Page_248" id="Page_248">248</a></span>
+Auf solche Worte gab sich der Tannh&auml;user das
+Wesen, als n&auml;hm&rsquo; er sich meiner Rede nicht an und
+m&uuml;&szlig;te sein Gef&auml;hrte alleine zusehen, wie mir zu antworten
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf
+in mein Gesicht und hub also an: &raquo;Junker Diether,
+seht Ihr! Euch ist&rsquo;s um des Grafen Schutz und Beistand
+allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt
+zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach,
+ich verarg&rsquo;s Euch nicht. Kein Christenmensch darf&rsquo;s
+Euch verargen, der das Fr&auml;ulein gesehen hat und was
+Huld sie Euch erwiesen. Und ich &#8211; wie sollt ich&rsquo;s,
+der ich vom minniglichen Abschied wei&szlig;, den Ihr von
+ihr nahmet? O, Herr! so etwas vergi&szlig;t sich nicht.
+Wie? Zum Wenigsten in Euren Jahren nicht. Es
+spinnt seine F&auml;den zart und g&uuml;lden wie Sonnenstrahlen
+durch die Werke des Tages und durch die Tr&auml;ume
+des Nachts &#8211; immer fester, immer z&auml;her &#8211; und um&rsquo;s
+Herz wickeln sich die F&auml;den, bis es sich gar darin verstrickt
+&#8211; und die Einsamkeit ist die Spinnerin. &#8211; Nicht
+so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen
+&#8211; es braucht&rsquo;s auch nicht gegen den Klingsohr &#8211; es
+braucht&rsquo;s wahrlich nicht? &#8211; Nun denn, Junker,
+h&ouml;rt wohl zu! &#8211; Aber zuvor versprecht mir Eins!
+La&szlig;t den Boten seine Botschaft nicht entgelten. &rsquo;s w&auml;r
+Unrecht; es w&auml;r&rsquo; gegen uns wahrlich gro&szlig; Unrecht!
+Denn so Ihr&rsquo;s heut erfahret, und Ihr nehmt&rsquo;s auf
+mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der seine
+Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und kl&uuml;glich ausrichten
+will, so werdet Ihr Euch in&rsquo;s K&uuml;nftige viel
+nutzlos Weh und Ach ersparen und die Spr&uuml;chlein, die
+Ihr von uns zur Stunde geh&ouml;rt habt, werden mit
+<!-- Page 249 --><span class='pagenum'><a name="Page_249" id="Page_249">249</a></span>
+ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. &#8211; Wohl!
+Nein, nicht wohl; Euch wird&rsquo;s &uuml;bel d&uuml;nken, so &uuml;bel,
+da&szlig; Euch die Wiederfahrt gen Elzeburg gar verleidet
+wird: und just das ist&rsquo;s, was ich Euch vorhin rieth.
+&#8211; Also, Junker, Euer Graf m&ouml;cht&rsquo; jetzt f&uuml;r Euch die
+Zeit nicht haben und seine Nichte desgleichen nicht.
+&rsquo;S sind zur Stunde andere G&auml;ste willkommen in Elzeburg.
+Wir, mein Gesell hier und ich, zogen vorbei
+da j&uuml;ngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her,
+in lauter Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner
+hat seine Braut wiedergewonnen und ihren Mahlschatz
+dazu &#8211; so doch Beides, wie es das Ansehen
+hatte, ihm eine Weile verloren war. &#8211; Ist nicht erneute
+Liebe zwier so hei&szlig;? Und kann man sich &uuml;ber
+die Gl&uuml;ckseligkeit, die jetzt das Fr&auml;ulein neben ihrem
+Br&auml;utigam merken l&auml;&szlig;t, verwundern, so man bedenkt,
+er m&ouml;chte sonst besorgen, sie ged&auml;chte Eurer etwan
+&#8211; und ist doch schon bereits vier Monde her oder
+f&uuml;nf, seit sie Euch nimmer gesehen. Stellt&rsquo;s Euch nur
+f&uuml;r! f&uuml;nf Monde!!&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;&rsquo;ne lange Zeit<br/></span>
+<span class="i0">f&uuml;r eine Maid,<br/></span>
+<span class="i0">Zweimal eine Ewigkeit.&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<p>sagte der Tannh&auml;user dazwischen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Ja, mein Treu, Junker, das ist&rsquo;s&laquo;, sagte Klingsohr
+best&auml;tigend. &raquo;Ihr seid zu lang ausgeblieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid unrecht berichtet&laquo;, rief ich, &raquo;gewi&szlig;, Ihr
+seid es in dem, was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich
+glaub&rsquo; es nicht, es kann nicht sein. Ist aber Eure
+Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd&rsquo; ich&rsquo;s in
+Speyer erfahren. Bis dahin, bitt&rsquo; ich Euch, la&szlig;t uns
+<!-- Page 250 --><span class='pagenum'><a name="Page_250" id="Page_250">250</a></span>
+der Sache nicht mehr gedenken, sondern des Mahles,
+so Ihr etwas zuzur&uuml;sten habt, da&szlig; wir unser Herz
+st&auml;rken und dann des Weges weiter ziehen.&laquo;</p>
+
+<p>So sprach ich. Aber mein Gem&uuml;th gedachte gar
+anders. Inwendig war&rsquo;s mir, da ich diese Zeitung
+von Irmela vernahm, als erschallte aller meiner Freude
+recht das Grabgel&auml;ute und w&auml;re mein froher Muth
+mitten in&rsquo;s Herze getroffen. Ich sa&szlig; schweigend nieder
+und mochte auch nicht ferner auf die Beiden merken,
+wie sie ihr K&uuml;chenwerk angriffen. &#8211; Darum war mir&rsquo;s
+lieb, da&szlig; sie fragten, ob ich, derweilen sie zur&uuml;steten,
+auf das Feuer Acht haben wollte.</p>
+
+<p>Der Abend war schnell dunkel geworden und die
+Rauchwolken wirbelten im r&ouml;thlichen Glanze weithin
+sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach unverwandt,
+wie eine nach der andern sich dahinw&auml;lzte und immer
+wieder gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor.
+Sollte so auch der helle Glanz der Gl&uuml;ckseligkeit, der
+mir im Herzen aufgegangen war, tr&uuml;b und tr&uuml;ber
+werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich
+f&uuml;hlte, das k&ouml;nnte nicht sein. Ich f&uuml;hlte, wenn sie,
+der all&rsquo; mein Herz in Treue zugethan war, mir verloren
+w&auml;re, wenn sie mein vergessen h&auml;tte, dann
+m&uuml;&szlig;te mir die Welt immer &ouml;de bleiben und ich aus
+ihrem Gl&uuml;ck verwiesen. Aber, sollt&rsquo; es denn Wahrheit
+sein, was ich geh&ouml;rt hatte? Sollten diese lieblich
+lichten Blicke, sollte dieser l&auml;chelnde, falschesfreie Mund,
+sollte der innigliche Druck dieser H&auml;nde mir gelogen
+haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt
+hatte und mein innerstes Sinnen und Meinen bezwungen,
+ihr nur Spiel gewesen sein? Konnte sie sich von mir
+kehren und nicht darnach fragen, da&szlig; die tiefe Wunde,
+<!-- Page 251 --><span class='pagenum'><a name="Page_251" id="Page_251">251</a></span>
+so ich von ihr empfangen, immer offen stehen w&uuml;rde?
+Nein, es war nicht m&ouml;glich! Und unmuthig stie&szlig; ich
+in die Flamme, da&szlig; die Funken mit Geprassel stoben
+und zuckend in der Luft auf und nieder fuhren, ehe
+sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir
+jetzt wild durch&rsquo;s Herz strichen. Wie? Wenn man
+die Maid wider ihren Willen zw&auml;nge zum verha&szlig;ten
+Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden
+w&auml;re und sie w&auml;hnte, ich bliebe festgehalten im Kloster
+und sie harrte mein umsonst? &#8211; O, dann wollt&rsquo; ich
+jeglich Wagni&szlig; bestehen, sie zu befreien, und keine
+F&auml;hrni&szlig; sollte mich schrecken, gerieth ich gleich in die
+Irre und mein Pfad in die Nacht.</p>
+
+<p>Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus
+einem Spiegel traurig und liebreich an. Immer mit
+den aufsteigenden Flammen schwebt&rsquo; es empor; es winkte
+und warnte und rief mich leise mit s&uuml;&szlig;em Namen.&nbsp;&#8211;
+&raquo;Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald
+verschwunden. Denke, da&szlig; es heut geschieht.&laquo;</p>
+
+<p>Und ich sa&szlig; und sah in&rsquo;s Feuer, wie die Flammen
+z&uuml;ngelten und die Wolken r&ouml;thlich dahin zogen, bis die
+Nacht sie verschlang.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>In Speyer, als ich dargekommen war, war es
+mir mit meinen Sachen wohl gerathen. Ich hatte die
+Best&auml;tigung meiner Freiheit und meines ritterlichen
+Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen,
+so mir zugestanden war, ward mir &uuml;berantwortet, und
+was weidliche Leute und Geschlechter in der Stadt
+waren, von denen ward ich aufgenommen und ehrlich
+angesehen; sie litten mich allenthalben gern und w&auml;hnten
+nicht anders, denn da&szlig; ich bald zu hohen Ehren kommen
+<!-- Page 252 --><span class='pagenum'><a name="Page_252" id="Page_252">252</a></span>
+w&uuml;rde. Doch that ich dazumal Alles mit halbem
+Herzen; denn die Gewi&szlig;heit, da&szlig; Irmela Ritter Conrad
+freien w&uuml;rde, wie mir die Fahrenden das berichtet,
+hatt&rsquo; ich bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt.
+Davon erstarb mir die Freudigkeit, und von dem
+gro&szlig;en Leide, das ich da gewann, konnt&rsquo; ich mein Gem&uuml;th
+nicht hinwegziehn. Doch sch&ouml;pft&rsquo; ich noch ein
+kleines Tr&ouml;stelein. Denn wie? Ich mu&szlig;t&rsquo; es ja glauben,
+was sie Alle sagten, und glaubt&rsquo; es doch wieder
+nicht. Von ihr selbst, dacht&rsquo; ich, will ich&rsquo;s erfahren.
+Hinaufzuziehen gen Elzeburg, de&szlig; unterwand ich mich
+nicht, denn ich besorgte, ich m&ouml;chte nicht vor sie gelassen
+werden und dem Gernsteiner dann begegnen,
+der dort weilte, wie ich h&ouml;rte. So schrieb ich einen
+Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung
+aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur,
+meine Treue w&uuml;rd&rsquo; ich ihr ewiglich halten und wie
+mein Gem&uuml;th unbeweglich auf demselben Sinn st&uuml;nde.
+Darnach lie&szlig; ich sie wissen, wie gro&szlig;e Sorge und
+Zweifel ich gewonnen h&auml;tte, da mir die Sage von ihr
+zu Ohren gekommen w&auml;re, da&szlig; sie dem Gernsteiner
+mit N&auml;chstem sollte angetraut werden, und ich bat sie
+beweglich mit dringenden Worten, da&szlig; sie mir doch
+ihres Herzens Willen und Meinung kund th&auml;te, und
+ob sie, wie ich wohl glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen
+w&uuml;rde. Dann wollt&rsquo; ich alle Macht daran
+setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das
+<em class="gesperrt">eine</em> selige W&ouml;rtlein m&ouml;chte sie mir schreiben, da&szlig; ihr
+Sinn und Wille unver&auml;ndert w&auml;re, gleich wie sie in
+meinem Herzen beschlossen bliebe ewiglich.</p>
+
+<p>Solchen Brief gab ich Klingsohr, da&szlig; er ihn sicher
+und geheim &uuml;berbr&auml;chte, auch die Antwort, welche er
+<!-- Page 253 --><span class='pagenum'><a name="Page_253" id="Page_253">253</a></span>
+erlangen w&uuml;rde, heimlich hielte. Denn die beiden
+Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt.</p>
+
+<p>Mit Ungeduld wartet&rsquo; ich des Bescheides. Es
+w&auml;hrte nicht gar lange, da&szlig; ich ihn durch Klingsohr
+erhielt. Es waren nur wenige Worte, die sie mir
+&uuml;berschickte, aber solche, die wie der Frost im M&auml;rzen
+jedes noch keimende Bl&uuml;mlein meiner Hoffnung und
+Zuversicht ert&ouml;dteten. Sie bat mich um Gottes Willen,
+ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder Brief zu
+nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen;
+sie w&uuml;nschte mir von Gott und seinem himmlischen
+Heer alle Gen&uuml;ge und Freude allerwegen; aber wir
+m&uuml;&szlig;ten geschieden bleiben forthin, und sie b&auml;te mich,
+ihrer zu vergessen; denn das sollt&rsquo; ich wissen: sie reiche
+aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als
+ihrem Ehegemahl, sondern willig und aus freiem Erbieten.
+Der reiche Christ m&ouml;ge meiner Seele pflegen
+hier und dort. Dies w&auml;re ihr letzter Gru&szlig;.</p>
+
+<p>Von Stund&rsquo; an hatt&rsquo; ich keine Ruhe mehr in
+Speyer, und alle Lust an Freud&rsquo; und Festlichkeit, ihrer
+mit zu genie&szlig;en, war mir verdorben. Wo ich immer
+weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an
+die hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte,
+und oft, wenn ich mitten unter Menschen war, die
+mich fr&ouml;hlich sein hie&szlig;en, ward ich etwas inne von
+dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, da&szlig; man
+sich auch in der Welt und ihrem Ger&auml;usch einsam
+f&uuml;hlen k&ouml;nne.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand;
+denn der Schmerz um Bruno, meinen Vater, &uuml;berkam
+mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich unkindlichen
+Sinnes, da&szlig; ich mich unbest&auml;ndiger Frauenliebe h&auml;tte
+<!-- Page 254 --><span class='pagenum'><a name="Page_254" id="Page_254">254</a></span>
+tr&ouml;sten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem
+Herzen, da ich allein seiner h&auml;tte gedenken sollen, wie
+ich ihn wiederf&auml;nde und aus seinem Kummer um mich
+befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt&rsquo; ich mir, dieweil
+du eitlem Gl&uuml;ck nachgelaufen bist und hast die
+&auml;chte Treue nicht genugsam gesch&auml;tzet. Und wiederum
+dacht&rsquo; ich: wenn du ihn gefunden haben wirst und
+bekennest ihm das Gl&uuml;ck, so du verloren, und das Leid,
+so du gewonnen hast: dann wird&rsquo;s dir leichter zu
+tragen sein; du wirst wiederum einen guten Muth und
+Freudigkeit gewinnen, wenn seine Liebe und sein Lob
+dich anspornt.</p>
+
+<p>So fa&szlig;t&rsquo; ich denn nichts Anderes zu Sinne, als
+Herrn Bruno zu erkunden, wo er weilte, auf da&szlig; ich
+ihn heimsuchte und er meine Losgebung aus dem
+kl&ouml;sterlichen Stande erf&uuml;hre. Ich nahm Urlaub von
+Speyer und zog zuv&ouml;rderst gen Schwaben, daselbst das
+mir zugetheilte Erbgut einzunehmen; ich verblieb da
+nur kleine Zeit, richtete die n&ouml;thigen Sachen aus nach
+erfahrener Leute Rath, wie es w&auml;hrend meinem Abwesen
+gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr
+und seinen Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie
+lebten, wofern sie des se&szlig;haften Lebens anstatt des
+schweifenden sich annehmen wollten, worein, wie es
+schien, der Tannh&auml;user mit Freuden willigte, aber der
+Magus nicht so v&ouml;llig.</p>
+
+<p>Als ich solcherma&szlig;en meine Sachen beschickt hatte,
+richtete ich mein Angesicht stracks gen Mittag, nach
+Welschland zu ziehen. Da f&uuml;hrte mich mein Weg &uuml;ber
+Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen
+Klippen vorbei und durch dunkle W&auml;lder, gr&uuml;ne Auen
+und fruchtbares Gel&auml;nde; ich kam in manche volkreiche
+<!-- Page 255 --><span class='pagenum'><a name="Page_255" id="Page_255">255</a></span>
+Stadt und sah der Menschen Weise aller Orten, nach
+ihrer M&uuml;h&rsquo; und Plage, Tugend und Kunst.</p>
+
+<p>Ich nahm der Armuth in den H&uuml;tten wahr, wie
+sie um die Nothdurft des Lebens das ganze Leben
+hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der Gewohnheit
+lernet und von der Hoffnung, da&szlig; sie mit
+dem Tode erledigt wird. Ich klopfte auch an das Thor
+mancher Burg, manches stolzen Hauses und manches
+gastlichen Klosters. Weltliche Herren, k&uuml;hn von Thaten
+und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt&rsquo;
+ich kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in
+deutschen wie in welschen Landen der wohlgezogenen
+Maide genug, die sch&ouml;ne Huldgestalt zierte und edle
+Sitten. Da geschah es mancher Orten, da&szlig; man mich
+nicht allsofort f&uuml;rder ziehen lie&szlig;, sondern mich zu weilen
+dr&auml;ngte, frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was
+nur den Augen lustsam zu schauen war und den Ohren
+zu h&ouml;ren, wonach das Herz gel&uuml;stete; das war mir
+da zum Genie&szlig; bereit. Aber wenn ich alsdann auch,
+da&szlig; ich nicht unh&ouml;fisch erschiene und bl&ouml;den Sinnes, mein
+Verm&ouml;gen bewies in derlei Spielen, wie es der edelb&uuml;rtigen
+Jugend geziemt, so war doch mein Gem&uuml;th
+nicht dabei, und man sah mich selten froh.</p>
+
+<p>Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward
+ich wohl aufgenommen und nach Ehren als ein Gast
+gehalten, der dahin in ein edles Haus gewiesen war.
+Ich verblieb in dieser hochber&uuml;hmten Stadt zur Lenzzeit
+zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen
+sie m&auml;chtig des edlen Gesanges, und was die besten
+Meister solcher Kunst und zierlicher Rede sind in Welschland,
+die sind allda zu Hause; ja, so hoch angesehen
+ist die Kunst bei m&auml;nniglich, da&szlig; auch F&uuml;rsten
+<!-- Page 256 --><span class='pagenum'><a name="Page_256" id="Page_256">256</a></span>
+und Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es
+sei denn, da&szlig; sie mit Liedern und Gedichten mancher
+Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl auch von
+mir ein deutsches Lied oder Spruch. Lie&szlig; ich sie dann
+derlei h&ouml;ren, so konnten sie sich nicht genug verwundern,
+zuvor die Frauen und Maide, warum ich Junger
+nicht fr&ouml;hlichere Weisen br&auml;chte, und fragten, aus was
+Ursach das gesch&auml;he. Ich wollte nicht ungef&uuml;ge sein,
+sie unbeschieden zu lassen und sang:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ihr fraget mich,<br/></span>
+<span class="i0">Warum mein Lied<br/></span>
+<span class="i0">In Maienluft nicht heitrer klinget,<br/></span>
+<span class="i0">Da uns der Lenz der Wonne viel beschied<br/></span>
+<span class="i0">Und Rose sich um Rebe schlinget.<br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">So frag&rsquo; auch ich:<br/></span>
+<span class="i0">Mein Herz, o gib,<br/></span>
+<span class="i0">Warum Du traurig so, die Kunde:<br/></span>
+<span class="i0">So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb,<br/></span>
+<span class="i0">Willkomm&rsquo;ne Gab&rsquo; beut jede Stunde.<br/></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wenn <em class="gesperrt">eine</em> Wolke nur<br/></span>
+<span class="i0">Der Sonne Licht verdunkelt,<br/></span>
+<span class="i0">Gl&auml;nzt auf der weiten Flur<br/></span>
+<span class="i0">Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt.<br/></span>
+<span class="i0">Schwebt auch in Freuden sehr<br/></span>
+<span class="i0">Ein Herz: ist ihm Frau Minne<br/></span>
+<span class="i0">Ungn&auml;dig: immer mehr<br/></span>
+<span class="i0">Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!&laquo;<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Darnach lie&szlig;en sie ab, mich ferner zu fragen.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub
+von Florenz und trachtete eilend gen Rom. Als ich
+angelangt war in dieser ersten Stadt der Christenheit,
+die der Apostelf&uuml;rsten Gebeine hegt und vieler Heiligen,
+die da gemartelt wurden, konnt&rsquo; ich doch mein Herz
+<!-- Page 257 --><span class='pagenum'><a name="Page_257" id="Page_257">257</a></span>
+nicht darbringen, so gro&szlig;en Heilth&uuml;mern nachzugehn,
+noch sonst die Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu
+finden sind, sondern mein einziges Verlangen stund nach
+meinem Vater. Je l&auml;nger, je heftiger hatte mein Sehnen
+nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbr&uuml;dern,
+zu denen ich mich begab, erfuhr ich, da&szlig; er schon vor
+Winter, da er seine Sache, die er beim heiligen Stuhl
+betrieb, zu erlangen verzweifelte, hinweggezogen w&auml;re
+aus der Stadt, tr&uuml;ben Muthes, und Keinem sich vertrauet
+h&auml;tte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn st&uuml;nde.
+Doch w&auml;re unlange Einer aus des heiligen Franzen
+Orden, dem Mutterkloster der Barf&uuml;&szlig;er zugeh&ouml;rig, bei
+ihnen zur Herberge gelegen, der h&auml;tte ihnen von einem
+Deutschen gesagt; das m&ouml;chte wohl Herr Brun sein.</p>
+
+<p>Alsbald hatt&rsquo; ich keine Ruh mehr in Rom, lie&szlig;
+die Stadt und wandte mich gen Assisi. Diese Stadt ist
+zur Seiten des Gebirges gelegen, selber in stolzer H&ouml;he,
+reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und Kl&ouml;stern, mit
+freiem Ausblick in&rsquo;s Land hinaus, das da mit Th&auml;lern
+und H&ouml;hen, Feldern und W&auml;ldern und mancherlei
+Fl&uuml;ssen und B&auml;chen prangt als ein Garten Gottes.
+Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der Krypta der
+seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach
+Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben k&ouml;nnten &uuml;ber
+ihn. Sie sagten, ein Fremder, nach meiner Beschreibung
+der, den ich suchte, w&auml;re im verwichenen Winter bei
+ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber h&ouml;her
+hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er
+allda noch weilte, das k&ouml;nnte ich am f&uuml;glichsten von
+einem Eremiten erfragen, der droben seit vielen Jahren
+wohnte und der Gegend am Besten kundig w&auml;re, wie
+auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel
+<!-- Page 258 --><span class='pagenum'><a name="Page_258" id="Page_258">258</a></span>
+riethen sie mir zu gehen, auch wollten sie mich durch
+einen ihrer Laienbr&uuml;der dahin geleiten lassen.</p>
+
+<p>Ich that also, verzog nicht und schritt an der
+Seite des Bruders, den sie mir mitgegeben hatten,
+hindann.</p>
+
+<p>Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen
+Kirche gegangen, sein Grab zu besuchen und Gott zu
+bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner beizustehen,
+da&szlig; sie ihr Ziel f&auml;nde. Da sah ich auch die Krypta
+und oben die Kirche mit Bildern von hochber&uuml;hmter
+Meister H&auml;nden herrlich geschm&uuml;ckt. Von ihrer Beschauung
+gerieth mein Gem&uuml;th in gro&szlig;e Verwunderung:
+ich hatte nie zuvor gew&auml;hnet, da&szlig; Sichtbares mit also
+starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen k&ouml;nnte, und
+ich gedachte: Gl&uuml;ckseliger Mann, der Solches sinnet
+und bildet! Wie mu&szlig; er mit seinem Herzen alles Geschaffene
+umschlie&szlig;en, also da&szlig; keine Gottescreatur ihm
+fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich zugleich
+aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige
+Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren
+Sch&ouml;pfer darf das Gesch&ouml;pf nicht scheidend in die Mitte
+treten, sondern die irdischen Wesen sind gleich den
+Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen die Engel des
+Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er
+die Pforte des Himmels ge&ouml;ffnet, auch wenn er hienieden
+kein besser Lager hat, als das harte eines
+Steines.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in
+einer H&ouml;hle, wie sich dergleichen dorten im Gebirge
+h&auml;ufig finden. Es war ein greiser Mann, ernsten und
+milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die
+Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus
+<!-- Page 259 --><span class='pagenum'><a name="Page_259" id="Page_259">259</a></span>
+eigner Verirrung, sondern aus tiefer Betrachtung und
+aus lebendigem Mitleid mit fremden Schmerzen kennen
+und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich geschickt
+sind.</p>
+
+<p>Er gr&uuml;&szlig;te mich freundlich und fragte nach meinem
+Begehr.</p>
+
+<p>Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich
+w&auml;re, und fragte auch, ob er von meinem Vater w&uuml;&szlig;te
+und ob es ihm wohl gienge.</p>
+
+<p>Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich
+nachdenklich an und sprach also:</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr, ich wei&szlig; von Eurem Vater, und wo
+er ist durch Gottes Gnade, geht&rsquo;s ihm auch wohl.&nbsp;&#8211;
+Er kam in diese Einsamkeit in gro&szlig;er Herzensschwere,
+als einer, der des Lebens satt ist und doch vor schmerzlicher
+Erinnerung und gro&szlig;en Sorgen in Frieden nicht
+scheiden kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und
+die Sorge Euch, seinem Sohne. Euer Geschick, Herr,
+das er nicht hatte wenden k&ouml;nnen, sah er als eine
+Strafe an f&uuml;r seine S&uuml;nden und als ihren fortwirkenden
+Fluch. Er verklagte sich hart, da&szlig; er beide Mal &uuml;bel
+an Euch gethan und nach fleischlicher Wahl, da er
+Euch in die Abtei zur&uuml;ckgedr&auml;ngt und Euch Eure Geburt
+verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung
+begehrt h&auml;tte. Das w&auml;re Alles Gott mi&szlig;f&auml;llig gewesen
+und gern wollt&rsquo; er zwief&auml;ltig daf&uuml;r b&uuml;&szlig;en; nur da&szlig;
+sein Sohn, des ersten Friedens beraubt, mit weltlichem
+Trachten und hei&szlig;en W&uuml;nschen im Herzen hinter den
+Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren
+m&uuml;&szlig;te: das w&auml;r&rsquo; ihm eine allzu schwere Pein, die ihn
+nicht ruhen lie&szlig;e. Darum h&auml;tt&rsquo; er sich zum Schwersten
+entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem Anblick;
+<!-- Page 260 --><span class='pagenum'><a name="Page_260" id="Page_260">260</a></span>
+denn einen gro&szlig;en j&auml;hen Schmerz &uuml;berw&auml;nde die Jugend
+leichter, als eine immer wieder verz&ouml;gerte und get&auml;uschte
+Hoffnung.</p>
+
+<p>So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die
+Aufrichtigkeit seiner Bu&szlig;e und die Gr&ouml;&szlig;e seiner Liebe
+zu Euch machten ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein
+Berather. Ich sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der
+Kinder nicht f&uuml;r die Missethat der Eltern fordert; da&szlig; es
+Seinen Zorn nicht erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche,
+gescheh&rsquo; es auch irrender Weise; denn Elternliebe sei
+g&ouml;ttlichen Ursprungs. Vor Allem erweckt&rsquo; ich ihm wieder den
+Muth zu hoffen f&uuml;r Euch, Herr! &#8211; Denn wie das Spinnlein von
+einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes Gewebe zieht, also mag
+auch ein zersto&szlig;enes und zerbrochenes Herz an <em class="gesperrt">einer</em>
+wiederbelebten Hoffnung sich zur&uuml;ckfinden in Licht und Leben.</p>
+
+<p>Ich hie&szlig; ihn mir von Euch erz&auml;hlen oft und
+viel, auf da&szlig; seine Gedanken an Euch, die ihn nie
+verlie&szlig;en, sich mit solchen verb&auml;nden, die ich aussprach.
+Allgemach gew&ouml;hnt&rsquo; ich ihn daran, Euch im Kloster
+zu denken, ohne da&szlig; Ihr Euch plagtet mit heftigen
+W&uuml;nschen hinaus, und nicht in dumpfer, br&uuml;tender
+Traurigkeit, sondern, ungest&ouml;rt durch des weltlichen
+Lebens Sorg&rsquo; und Lust, die hohe Kunst &uuml;bend und die
+edlen Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich
+bracht&rsquo; ihn dahin, ein Vertrauen zu fassen, da&szlig; seine
+Gebete f&uuml;r Euer Gl&uuml;ck und Heil, die er unabl&auml;ssig
+Gott darbrachte, erh&ouml;rt w&uuml;rden im Himmel. Und so
+stieg auch seine Seele &uuml;ber sich, &uuml;ber ihre Schuld und
+Fehle, Sorgen und eignen Werke in die Gelassenheit,
+<!-- Page 261 --><span class='pagenum'><a name="Page_261" id="Page_261">261</a></span>
+die sich g&auml;nzlich in Gott ergibt und nichts Anderes
+wei&szlig; und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt:
+das ist die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch
+nicht ruhig, er ward fr&ouml;hlicher, wenn auch nicht froh,
+getr&ouml;steter, wenn auch nicht trostvoll.</p>
+
+<p>Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der
+Leib wird m&uuml;rb. Ja, sein Siechthum dienet ihr dazu,
+da&szlig; sie ihre Augen desto heller aufthut, ihren himmlischen
+Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu erfassen,
+das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng
+es Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant geh&ouml;rt, da&szlig;
+er die Natur der Sonne an sich nimmt, deren Licht
+er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So man
+ihn in Finsterni&szlig; bringt, beweist er solche Tugend. F&uuml;r
+des Menschen Seele ist Leiden und Todesn&auml;he solche
+Finsterni&szlig;. Alsdann erblindet jeglicher Glast, darin sie
+sonst stolzirte, blendete und selbst geblendet war; aber
+was sie von g&ouml;ttlicher Natur in sich aufgenommen hat,
+das tritt herf&uuml;r: heiligt, tr&ouml;stet, &uuml;berwindet. &#8211; Wenn
+er Euer gedachte, geschah&rsquo;s mit Wehmuth, aber ohne
+nagende Vorw&uuml;rfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt
+hatte auszusprechen, weil er meinte, Gott fordere
+das Opfer g&auml;nzlicher Entsagung von ihm, hub zuletzt
+an zu gedenken: es m&ouml;cht&rsquo; ihm bescheert sein, Euch
+wiederzusehn.</p>
+
+<p>&raquo;O!&laquo; rief er, &raquo;wenn mein Sohn wiederum froh
+w&uuml;rde und zufriedenen Herzens, so wollt&rsquo; ich den milden
+Christ bitten, da&szlig; ich noch genesen m&ouml;chte und eine
+kleine Zeit leben. Dann z&ouml;ge ich hin zur Lenzzeit,
+ihn noch einmal zu sehen &#8211; nur einmal, ohne da&szlig;
+er darum w&uuml;&szlig;te. Ich harrte sein am Wege, wo mich
+Niemand ers&auml;he, bis er k&auml;me, und wenn es Abend
+<!-- Page 262 --><span class='pagenum'><a name="Page_262" id="Page_262">262</a></span>
+w&uuml;rde, m&uuml;&szlig;t&rsquo; es Mondenlicht sein, da&szlig; ich sein Angesicht
+schauen k&ouml;nnte, ob da keine Spur des fr&uuml;hen
+Kummers zur&uuml;ckgeblieben; oder ich lauschte unterm
+heil&rsquo;gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme &#8211;
+gewi&szlig;, ich h&ouml;rte sie bald heraus &#8211; oder k&auml;me leise
+heran und s&auml;he ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen
+Tr&auml;umen Gestalt und Leben gibt und seine Augen
+davon leuchten! Oder ach, ich f&auml;nde ihn schlafend
+unterm hei&szlig;en Mittag im Garten, da&szlig; ich ihm sanft
+das Haupt ber&uuml;hren und eine Blume auf&rsquo;s Herz legen
+k&ouml;nnte, und im Geb&uuml;sch verborgen, wenn er erwachte,
+s&auml;h&rsquo; ich ihn froh erstaunen &uuml;ber die Gabe &#8211; und
+l&auml;cheln!&laquo;</p>
+
+<p>Und er l&auml;chelte selber, seit wie lange zum ersten
+Male! und seltsam war dies L&auml;cheln. Es spielte noch
+immer um seinen Mund, als er unbeweglich lag, geschlossenen
+Auges, und der Odem ihm leiser gieng. Und
+dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. &raquo;Nein,
+nein!&laquo; rief er, &raquo;&rsquo;s ist nicht vom Dolch, den ich z&uuml;ckte
+&#8211; Joconda, fliehe nicht! &#8211; Es ist eine Rose &#8211;
+Komm &#8211; er ist gl&uuml;cklich &#8211; unser Sohn!&laquo; &#8211; Alsdann
+breitete er seine Arme aus und lie&szlig; sie kraftlos zur&uuml;cksinken,
+betete leise: &raquo;Gott &#8211; Gott! &#8211; seufzte und
+entschlief.&laquo;</p>
+
+<p>Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte,
+nahm er mich an der Hand und f&uuml;hrte mich an einen
+H&uuml;gel nahe bei seiner Siedelei.</p>
+
+<p>Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub
+ich meine Stimme auf und klagte und weinte &uuml;ber die
+Ma&szlig;en sehr.</p>
+</div>
+
+
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/262_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><!-- Page 263 --><span class='pagenum'><a name="Page_263" id="Page_263">263</a></span></p>
+<h2><a name="Elftes_Capitel" id="Elftes_Capitel"></a>Elftes Capitel.</h2>
+
+<h1>Einkehr.</h1>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt = "" /></p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/221_w.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">W</span>as ich da empfunden hatte, daran dacht&rsquo; ich
+zur&uuml;ck, als ich zum ersten Mal wieder die
+Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir
+von Kindheit her so vertraut waren. Jeden
+Bergzug, jedes Thal erkannt&rsquo; ich wieder, obgleich die
+fr&uuml;he D&auml;mmerung stark hereinbrach und N&auml;he und Ferne
+in ihre Schatten h&uuml;llte. Dennoch wie fremd sah mich
+Alles an!</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Wenn ich so umhersp&auml;hte, hie eine Stelle zu suchen
+mit meinen Augen, daran sich eine Erinnerung meiner
+Kindheit kn&uuml;pfte, und ich fand sie, und dort wiederum
+eine: so war mir&rsquo;s nicht anders, als erschr&auml;k&rsquo; ich &uuml;ber
+die Entdeckung und m&uuml;&szlig;t&rsquo; ich mir erst ein Herz fassen
+zu meiner Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie
+an mich zu gew&ouml;hnen.</p>
+
+<p>Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen,
+seit ich hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben
+zu versuchen: ich war in dieser Frist weit und fern geschweift,
+aber hier war kein Wald verhauen, kein Feld
+bereitet inde&szlig;, Alles noch wie weiland &#8211; und doch, wie
+fremd, wie fremd!!
+</p>
+
+<p><!-- Page 264 --><span class='pagenum'><a name="Page_264" id="Page_264">264</a></span>
+War davon etwan der frische Schnee die Ursach,
+der heute &uuml;ber das winterm&uuml;de Land seine Decke gebreitet
+hatte, die noch eben jetzt von den niederschwebenden
+Flocken erh&ouml;ht ward? Freilich war es heuer
+das erste Mal, da&szlig; ich die Erde in solchem wei&szlig;en
+Kleide sah, und immer war mir diese ihre Verwandlung
+zu Herzen gedrungen: aber diese H&ouml;hen und diese
+Th&auml;ler, wie oft hatt&rsquo; ich sie so gesehen! Was nun im
+Bilde der Erinnerung mir so gegenw&auml;rtig war, warum
+blickte das so fremd mich an in der Wirklichkeit?!</p>
+
+<p>Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath?
+&#8211; S&uuml;&szlig;er Name! &#8211; Nahte ich mich nicht dem Ziele,
+de&szlig; ich seit Monden begehrte? &#8211; Und doch, wo war
+das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust
+der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn?
+Wo das frohe Erjauchzen der Seele, das laut wird,
+wenn die Wipfel der B&auml;ume auftauchen sollen, unter
+deren Schatten er die ersten Tr&auml;ume seiner Kindheit
+tr&auml;umte, und die Spitzen der Th&uuml;rme seiner Heimath
+ihm winken: Willkommen!</p>
+
+<p>Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter
+das Dach der Abtei zu treten, ein seltsames Erbangen
+eben davor in meine Seele! War es mir nicht lieb,
+da&szlig; mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so
+stille, als w&auml;re sie schlafen gegangen zugleich mit dem
+Gestirn des Tages, und auch mein Schritt durch den
+weichen Schnee so ger&auml;uschlos, als bliebe mein Kommen
+dadurch um so gewisser und l&auml;nger unbemerkt!</p>
+
+<p>Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden,
+ich selber!</p>
+
+<p>Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs
+in Frohsinn und ungest&ouml;rtem Frieden, der dann erweckt
+<!-- Page 265 --><span class='pagenum'><a name="Page_265" id="Page_265">265</a></span>
+ward zu neuem unbekanntem Genie&szlig; und Drang des
+Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen,
+die sich fest um sein gl&uuml;hend Herze wanden, und zwischen
+dem, der jetzt durch die stille D&auml;mmerung des Christmondabends
+schritt: welch&rsquo; ein Unterschied! Wenn er
+sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm die
+Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, da&szlig;
+auch nun die Heimath ihm verwandelt schien!</p>
+
+<p>Ich strich mit der Hand &uuml;ber meine Stirn &#8211; sie
+war noch glatt; &uuml;ber die Wangen &#8211; sie waren rund
+und frisch; durch mein Haar &#8211; es wehte noch lockig
+und dicht um meine Schl&auml;fe. In meinen Gliedern,
+ich f&uuml;hlt&rsquo; es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der
+ersten Jugend.</p>
+
+<p>Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht
+das alte mehr.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr
+so weich jedes zarte Keimlein einbettet, da&szlig; seinen
+linden Schlaf nichts st&ouml;re; die ihr so gesch&auml;ftig jetzt
+jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich heute wandle,
+da&szlig; ihrer keine auf diesem Wege zur&uuml;ckbleibt: verm&ouml;get
+Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher
+Stunde aus diesem Herzen zu vertilgen, die ihre Wonnen
+und ihre Wehen ihm allzutief eingedr&uuml;ckt haben, da&szlig;
+es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch
+werde in seiner Heimath?&laquo;</p>
+
+<p>Aber wollt&rsquo; ich das wirklich? Konnt&rsquo; ich auch nur
+w&uuml;nschen, da&szlig; Erinnerung, dies ruhelose Kind von
+Schmerz und Freude, jemals eingewiegt w&uuml;rde durch
+das Wiegenlied der unerm&uuml;dlichen W&auml;rterin Zeit?
+War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe
+meines Vaters eins mit mir worden war, in die
+<!-- Page 266 --><span class='pagenum'><a name="Page_266" id="Page_266">266</a></span>
+Stille der St&auml;tte heimzukehren, der ich jetzt entgegenschritt?</p>
+
+<p>Und ich gedachte an jene bittre Stunde.</p>
+
+<p>Als ich damals den Verlust so treuer und starker
+Liebe beweinte, als ich klagte, da&szlig; auch diese freudespendende
+Sonne, die meinem Leben so unerwartet und
+verhei&szlig;ungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des
+Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu
+der Zeit, da ich mit so feurigem Sehnen in ihren
+Strahlen meinen gedr&uuml;ckten Muth zu laben gedachte:
+da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle
+Saiten meiner Seele ri&szlig;, da&szlig; jegliche Thatenlust, mich
+in der gro&szlig;en Welt zu regen, in mir erstarb. &Uuml;ber
+mich kam das Gef&uuml;hl grenzenloser Vereinsamung, alle
+Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein
+und Traum, all&rsquo; ihre Lust ein Wahn, all&rsquo; ihre Hoffnungen
+L&uuml;gen: als das einzig Wirkliche die &uuml;berall
+lauernde Larve des Todes, und vom Thun der Menschen
+das Meiste vergeblich, eitel Alles!</p>
+
+<p>Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am
+Leben, noch die furchtsame Flucht vor seinen &Uuml;beln
+und M&uuml;hen, auch nicht das Verlangen nach solcher
+Ruhe, deren der Lebensm&uuml;de begehret, wodurch ich in
+jener Stunde mich zur&uuml;ckgetrieben f&uuml;hlte in die Heimath.
+Nein, solche Ruhe sucht&rsquo; ich nicht.</p>
+
+<p>Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre
+der Welt mir winken konnten, hatte in jener Stunde
+der Einkehr in mich selbst seinen Schein verloren. Die
+tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten ihn
+ausgethan.</p>
+
+<p>Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener
+Nacht des Grames aufgeleuchtet: hehr, herrlich und
+<!-- Page 267 --><span class='pagenum'><a name="Page_267" id="Page_267">267</a></span>
+heilig! &#8211; Ihm nachzutrachten, daran war alles Weh,
+das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern
+Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es f&uuml;r mich
+nicht noch ein ander Thun und Wirken als das, so
+mir nun verleidet war? Hatte mir Gott nicht die Kunst
+verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu bilden
+und so mich &uuml;ber die Erde zu erheben und des Lebens
+Noth und dennoch im Herzen die Freude an Gottes
+Werken zu bewahren?</p>
+
+<p>Da schauten mich die heiligen, stillen Gestalten,
+so ich unten in St. Franzisci Kirche gesehen, wieder
+gr&uuml;&szlig;end an; sie sagten mir von einer Welt, von der
+die sichtbare um uns her mit ihren langen &Auml;ngsten
+und kurzen Freuden nur ein Gleichni&szlig; und eine Weissagung
+ist; von einer Welt, die nur in den Ahnungen
+und Hoffnungen der f&uuml;hlenden und guten Menschen
+lebt, aber aus den Bildern der Meister, die Gott mit
+Kunst begabt hat, tr&ouml;stend und ermuthigend zu uns
+herniederwinkt. In ihr wird kein Leid, das durch ein
+Menschenherz geht, vergessen, und keine Z&auml;hre in der
+Menschheit Angesicht wird verachtet, aber auch in jeder
+spiegelt sich ein Strahl himmlischen Trostes, und &uuml;ber
+alles Weh sieht man den Glast der ewigen Liebe gebreitet.</p>
+
+<p>Und siehe! wie mein Vater in seiner letzten Stunde
+mich gesehen hatte: nicht hinbr&uuml;tend in tr&auml;ger Ruhe,
+sondern ergl&uuml;hend von hohen Tr&auml;umen, denen in Bild
+und Ton Gestalt und Leben zu geben die Seele ringt,
+und in solchem Trachten, dem alle Creatur Gottes
+dient, in verborgner, bescheidner und stolzer Stille verharrend,
+unbed&uuml;rftig der Welt und ihrer G&uuml;ter: so
+sah ich mich nun selbst, so w&uuml;nscht&rsquo; ich mich zu sehen.
+</p>
+
+<p><!-- Page 268 --><span class='pagenum'><a name="Page_268" id="Page_268">268</a></span>
+Und ich war in die Knie gesunken und hatte Gott
+im Himmel gedankt, da&szlig; ich also einen Willen, ja eine
+heilig ernste Freude zu leben und zu wirken wieder
+gewonnen; ich hatte seine gro&szlig;e G&uuml;te angefleht, Er
+m&ouml;chte in so gethanem F&uuml;rsatz mich best&auml;ndig verharren
+lassen und unwankend erhalten, da&szlig; ich in solchem
+Dienst all&rsquo; mein Gen&uuml;gen f&auml;nde; ich hatte Ihm gelobt,
+dazu in die Stille und Verborgenheit des Klosters zur&uuml;ckzugehn,
+wohin nun Sein Walten, wie das letzte
+Denken meines Vaters und das fromme Gel&uuml;bde meiner
+Mutter mich wiesen.</p>
+
+<p>Mit solchem Sinn hatt&rsquo; ich mich aufgemacht und
+war aus Welschland wiederum heimgezogen. Ich mied,
+Denen wieder zu begegnen, die mich kannten; denn
+ich wu&szlig;te, Ihrer Viele w&uuml;rden mich von dem Ziele,
+das ich erw&auml;hlt hatte, wiederum abzuwenden trachten,
+als w&auml;re nur von der unm&auml;&szlig;igen Traurigkeit mir dazu
+gerathen; und es war und blieb doch mein fester Wille.</p>
+
+<p>Ich hatte auch, da ich wiederum in Deutschland
+angelangt war, mein Erbgut aus meinem Besitz entlassen
+und dabei allen Grundholden, so darauf sa&szlig;en,
+eine merkliche Erleichterung in ihren Frohnden und
+Lasten erwirkt, auch daf&uuml;r gesorgt, da&szlig; ein Stift, das
+da nahebei gelegen war, f&uuml;r festbenannten j&auml;hrlichen
+Scho&szlig; und Zins m&auml;nniglich von meinen Leuten in
+Alter und Siechthum pflegen mu&szlig;te und was pre&szlig;hafte
+Leute waren, aufnehmen. Desto mehr trugen sie Leide,
+da&szlig; sie meiner als ihres Herrn so geschwind wiederum
+beraubt werden sollten, und als ich von ihnen Urlaub
+nahm, w&uuml;nschten mir Alle Gottes Geleit immerdar,
+und Manche wehklagten um mein Scheiden mit vielen
+Thr&auml;nen; die beiden Fahrenden aber nicht also, denn
+<!-- Page 269 --><span class='pagenum'><a name="Page_269" id="Page_269">269</a></span>
+sie waren mit dem wiederkehrenden Lenz davongezogen
+und hatten lieber ihr Geding als ihr gewohntes
+Schweifen missen wollen; doch sicherte ich ihnen ihr
+Ausgesetztes, da&szlig; sie es wiederum erhielten, so sie wiederkehrten.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>So zur&uuml;ckgewendet waren meine Gedanken, da
+ich zur winterlichen Abendzeit die Gefilde Maulbronns
+vor mir liegen sah.</p>
+
+<p>Wenn da die wechselnden Erinnerungen auftauchten
+und im bunten Gedr&auml;ng an meiner Seele vor&uuml;berzogen,
+konnt&rsquo; ich mich wundern, da&szlig; ich als so sehr ein Anderer
+heimkehrte, und da&szlig; ich de&szlig; jetzt beim Anblick der alten
+St&auml;tten mehr inne ward, als vordem? Doch ich wollte
+diesen Erinnerungen nicht wehren, mich zu besuchen,
+auch ferner nicht. Sie Alle sollten mir helfen aussprechen,
+was das Menschenherz zumeist bewegt und was es &uuml;ber
+sich hinaushebt; sie sollten haften in meiner Seele, bis
+sie, gereinigt von allen Schlacken, ein verkl&auml;rtes Leben
+wiedergew&ouml;nnen in den Gebilden meiner Hand.</p>
+
+<p>Sie Alle? Auch die, welche mich in so heitre und
+hohe Wonnen zur&uuml;ckrief und zugleich in das Nachgef&uuml;hl
+so grausamer Entt&auml;uschung? Schwebte nicht jetzt wieder
+ihr winkend Bild meiner Seele vor, sch&ouml;n wie der
+Mond und prangend in bl&uuml;hender Jugend, aber auch
+ernst und nur in Schwermuth l&auml;chelnd wie er! &raquo;O&laquo;,
+dacht&rsquo; ich, &raquo;so traurigen Blickes sah ich sie nie, und
+nur der Wahn malt sie mir in diesem Bilde, als f&uuml;hlte
+sie noch mit mir das Leid, so ich erfahren, und begleitete
+mich auf meinen Wegen mit treuem Angedenken,
+da sie doch ihr eigen Gl&uuml;ck erw&auml;hlt und meiner l&auml;ngst
+vergessen hat.&laquo; Und ich w&uuml;nscht&rsquo; ihr alles Gottesheil
+und setzte mir vor im Geist, in&rsquo;s K&uuml;nftige nie keinerlei
+<!-- Page 270 --><span class='pagenum'><a name="Page_270" id="Page_270">270</a></span>
+Unmuth zu hegen darum, da&szlig; sie mich versto&szlig;en hatte;
+denn ich fand, ohne solchen Willen h&auml;tt&rsquo; ich keine
+Ruhe des Gem&uuml;ths und Frieden zu erhoffen. &#8211; Aber
+ach! dazu war jetzt mein Herz noch nicht geschickt.
+<ins class="correction" title="Oiginal: es">Es</ins>
+vermochte nicht ihrer zu gedenken ohne ein anderes
+Weh als das der Trauer und gerieth dar&uuml;ber mit
+ihm selber in Widerstreit.</p>
+
+<p>&raquo;Still&laquo;, sprach ich, &raquo;die Abgeschiedenheit wird Dich
+lehren, auch das zu &uuml;berwinden, und alsdann wird
+auch diese Erinnerung Dich nicht mehr verwirren.&laquo;
+Aber es war, als spr&auml;che eine andere Stimme dazu:
+&raquo;Nein! das wird nicht geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>Unter solchen Gedanken hatt&rsquo; ich die H&ouml;he erreicht,
+von der aus ich die Abtei vor mir liegen sah in der
+Abendd&auml;mmerung: es war derselbe Ort, von wo aus
+ich einst, als ich zum ersten Mal hinauszog, mich zur&uuml;ck
+gewendet hatte, auf die Glocken zu lauschen, die zur
+Matutin riefen.</p>
+
+<p>War das nicht auch Glockenklang, den ich jetzt
+vernahm? Wie anders d&auml;uchte mich der, als ich ihn
+gewohnt war zu h&ouml;ren! &#8211; Gewi&szlig;, es rief zur Vesper!
+Und ich faltete meine H&auml;nde, das <em class="antiqua">Ave</em> zu beten. Doch
+nein! Das war nicht das Gel&auml;ut, das t&auml;glich zur
+Abendzeit ert&ouml;nt. Auch dieser Schall war mir nicht
+unbekannt. Ein Windhauch brachte mir ihn deutlicher
+zu Ohren. Ja, es war die Sterbeglocke, die gezogen
+ward. Davon kam eine gro&szlig;e Herzensschwere &uuml;ber
+mich, und als ich vom klagenden Schall geleitet hinabschritt,
+bat ich die g&ouml;ttliche Erbarmung, doch heut und
+immer, wenn der Gedanke an Tod und Grab mir
+allzuscharf durch die Seele schnitte, mein inwendiges
+Ohr auch den Harfent&ouml;nen aufzuthun, die um Seinen
+<!-- Page 271 --><span class='pagenum'><a name="Page_271" id="Page_271">271</a></span>
+Thron die lichten Schaaren best&auml;ndig erklingen lassen,
+von solchen Himmelskl&auml;ngen hier im Dunkel nur ein
+Weniges zu vernehmen, nur ganz leise wie im fernsten
+Wiederhall!</p>
+
+<p>Der Thorbogen unterm Thurm an der Br&uuml;cke
+stund offen, und der Schnee d&auml;mpfte meine Schritte,
+also da&szlig; Niemand mich bemerkte, als ich hindurch schritt.
+Auch im Klosterhof traf ich auf Niemanden; nur des
+Pf&ouml;rtners H&uuml;ndlein kam herzugelaufen, hatte mich erkannt
+und sprang mit kosender Freude an mir in die
+H&ouml;h&rsquo;, wie dieser Thiere Weise ist; aber mein Kommen
+verrieth es nicht.</p>
+
+<p>Ich trat unter die Halle vor der Kirche, Paradies
+gehei&szlig;en, dann linksw&auml;rts in den &uuml;berw&ouml;lbten Gang
+und durch die &Ouml;ffnung, welche in die Kreuzg&auml;nge
+f&uuml;hrt, die hier den Friedhof umgeben. Z&ouml;gernd schritt
+ich vorw&auml;rts, und die nun nahe &uuml;ber mir erdr&ouml;hnenden
+Schl&auml;ge der Glocke erschreckten mich seltsam. Nun sah
+ich, zwischen den Pfeilern stehend, den &uuml;berschneiten
+Friedhof und dort dr&uuml;ben die Br&uuml;der, einen gedr&auml;ngten
+Haufen.</p>
+
+<p>Es brauchte nicht des dumpfen Ger&auml;usches der
+hinabrollenden Erdschollen, das zwischen dem Rufen
+der Glocke an mein Ohr schlug, um mir kund zu thun,
+da&szlig; man da einen Leichgang gehalten, die Feier soeben
+beendet hatte und nun die Gruft zuschaufelte.
+Sie hatten Alle nur Acht auf ihr traurig Thun, und
+Ihrer Keiner hatte mein Nahen gewahrt. Auch barg
+mich das Dunkel des Kreuzgangs. Wo es am tiefsten
+war, da trat ich hin und sah hin&uuml;ber. Wie manches
+Mal hatt&rsquo; ich als Kind schon diesen Anblick gehabt
+und da des Rechts genossen, das allein die Kinder mit
+<!-- Page 272 --><span class='pagenum'><a name="Page_272" id="Page_272">272</a></span>
+den Gottesengeln theilen, auch vom Anblick des Todes
+nicht gest&ouml;rt zu werden in ihrer schuldlos spielenden
+Freude, weil beide seine bittere Erfahrung nicht kennen.
+Aber welch&rsquo; herbes Weh durchzuckte mich heute!</p>
+
+<p>Nun verstummte das Gel&auml;ute, und die Br&uuml;der
+erhuben nach Gewohnheit den Gesang:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza"><em class="antiqua">
+<span class="i0">&raquo;Flens ego sum genitus,
+celebrantur funera fletu,</span>
+<span class="i0">transacta innumeris vita fuit lacrimis,</span>
+<span class="i0">O miserum mortale genus lacrimabile semper,</span>
+<span class="i0">quod factum ex cinere est, solvitur in
+<ins class="correction" title="Anführungszeichen ergänzt">cinerem.&laquo;</ins>
+</span></em >
+</div></div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">(Weinend erblickt ich die Welt, mit Weinen begr&auml;bt
+man die Todten,<br/></span>
+<span class="i0">Unter viel Thr&auml;nenergu&szlig; schwindet das Leben
+dahin;<br/></span>
+<span class="i0">Sterbliches armes Geschlecht, wie bist du beweinenswerth
+immer!<br/></span>
+<span class="i0">Was genommen von Staub wandelt sich wieder in Staub.)<br/></span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Dann ward eine kleine Stille, und der Priester
+sprach: &raquo;Lasset uns beten: Herr, schenke ihr die ewige
+Ruhe!&laquo; Und die Br&uuml;der antworteten: &raquo;Und das ewige
+Licht leuchte ihr!&laquo;</p>
+
+<p>Darnach hub der Priester wiederum an: &raquo;L&ouml;se,
+HErr, die Seele Deiner Dienerin Irmela von allen
+Banden der S&uuml;nde, auf da&szlig; sie in der herrlichen Urst&auml;nde
+unter Deinen Heiligen und Auserw&auml;hlten wieder
+auflebe.&laquo; Und der Abt betete: &raquo;Leite auch, Herr,
+unsern Diether an Deiner Hand, und so er erf&auml;hrt
+von diesem Begr&auml;bni&szlig;, so sei&rsquo;s ihm zum Heil und
+Segen!&laquo; Darauf sprachen sie Amen! und wandten sich
+zu gehen, denn die Finsterni&szlig; war hereingebrochen.</p>
+
+<p>Ich wollte hinzueilen, aber die Kraft entgieng mir
+und ich sank zur Erde.</p>
+
+<p>&raquo;Hilf Gott! Diether, armer Diether!&laquo; h&ouml;rt&rsquo; ich
+rufen, als mir die Sinne wiederkehrten. Da winkte
+<!-- Page 273 --><span class='pagenum'><a name="Page_273" id="Page_273">273</a></span>
+Herr Albrecht den Andern, da&szlig; sie von mir ablie&szlig;en,
+richtete mich auf und leitete mich an das frische Grab.</p>
+
+<p>Daselbst schluchzte ich bitterlich an seinem Halse,
+und er litt es ganz v&auml;terlich.</p>
+
+<p>Droben in seinem Gemach, dahin er mich geleitet
+hatte, wollt&rsquo; er nicht leiden, da&szlig; ich ihm berichtete von
+meiner Fahrt und wie es mir damit gerathen w&auml;re,
+sondern zuvor gab er mir eine Schrift, die w&auml;re f&uuml;r
+mich bestimmt, sagt&rsquo; er, sie zu lesen, &#8211; tr&ouml;stete mich
+mit lindem Wort und lie&szlig; mich allein.</p>
+
+<p>Es war die Geschrift von einem guten Pfaffen
+geschrieben, dem die selige Maid ihre letzte Beichte gethan
+hatte mit dem Gehei&szlig;, so sie verschieden sein
+w&uuml;rde, solch&rsquo; ihr Wort mit nach Maulbronn zu geben,
+da&szlig; es mir, wenn es Gott so f&uuml;gte, zu Handen k&auml;me:
+denn dort wollte sie begraben werden.</p>
+
+<p>&raquo;Er soll wissen&laquo;, hie&szlig; es darin, &raquo;da&szlig; meine Treue
+gegen ihn alle Zeit unwankend geblieben ist und ich
+keine gr&ouml;&szlig;ere Gl&uuml;ckseligkeit wu&szlig;te im Leben, als mit
+ihm unzertrennlich verbunden zu sein. Aber ich ersah
+bald, da&szlig; das nimmer geschehen w&uuml;rde, sondern da&szlig;
+allerdinge &uuml;ber ihn beschlossen war, in seine Losgebung
+nicht zu willigen, und da&szlig;, was man von meiner
+Herzensneigung zu ihm gesp&uuml;rt hatte, um so mehr zur
+Ursach&rsquo; ward, ihn im Kloster zu behalten. Da war&rsquo;s
+mir ein gro&szlig;es Leid, wider seinen Willen ihn da verschlossen
+zu wissen sein Leben lang, und ich willigte
+in die mir bestimmte Ehe; aber ich begehrte daf&uuml;r,
+da&szlig; Diether&rsquo;s Losgebung vom Bischof erwirkt w&uuml;rde.
+Ich wu&szlig;te, da&szlig; ich mich damit von Gl&uuml;ck und Freude
+schiede f&uuml;r immer; aber es war mir ein s&uuml;&szlig;er Trost,
+mit meinem Leide seine Freiheit zu erwerben. Doch
+<!-- Page 274 --><span class='pagenum'><a name="Page_274" id="Page_274">274</a></span>
+da&szlig; ich ihn nie wiedersehen d&uuml;rfte, noch er je erfahren,
+durch wen er seine Losgebung erlangte, sondern im
+Wahn verbleiben, als h&auml;tt&rsquo; ich ihn versto&szlig;en und die
+Treue gebrochen, da&szlig; ich auch gegen den, der mich zum
+Gemahl erkieste, die Heimlichkeit in meinem Herzen bewahren
+mu&szlig;te: dies nagte an meinem Leben allzusehr,
+und ist Ursach&rsquo; worden, da&szlig; eine andere Hochzeit f&uuml;r
+mich vorhanden ist, als die, f&uuml;r welche man mich ausersehen
+hat. Ich danke Gott im Himmel daf&uuml;r. Die
+reinste Wonne, so die Erde gibt, hab&rsquo; ich erfahren;
+sie kann nur kurz sein. Ich bin zufrieden, abzuscheiden;
+nur um meinen Ohm ist&rsquo;s mir Leid. Die ewige Dreifaltigkeit
+m&ouml;g&rsquo; ihn tr&ouml;sten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Gebein aber soll an der St&auml;tte der Urst&auml;nde
+harren, die Diether&rsquo;s Heimath war. Ihm m&ouml;ge Gott
+des Lebens Gl&uuml;ck bescheren und hernach die ewige
+Seligkeit. Nie soll ihm die Erinnerung an mich hinderlich
+an einer Freude sein. &#8211; Kommt er aber einst zur&uuml;ck
+nach Maulbronn, weil die D&ouml;rner rauher Wege, die
+er gef&uuml;hrt ward, seine F&uuml;&szlig;e zu hart verletzt haben, so
+sch&ouml;pfe er aus diesem meinem letzten Gru&szlig; eine Linderung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einstmals zur Maienzeit, als der Wind unter&rsquo;m
+Schall der Nachtigall wei&szlig;e Bl&uuml;then &uuml;ber mich sch&uuml;ttete,
+w&uuml;nschtest Du mir, Diether, es m&ouml;chte nie kein anderer
+Schnee in die sorglosen Tage meiner Jugend fallen, als
+dieser. Es ist anders worden mit mir! Aber wenn auch
+Dir der Winter manchen Schmuck des Lebens verdirbt
+und Du &uuml;ber allzufr&uuml;h verwelkte Blumen trauerst, alsdann
+denke, da&szlig; nicht blo&szlig; auf jeden Lenz ein Herbst, sondern
+auch auf jeden Herbst ein Lenz folget. &#8211; Gott und Sein
+Heer lasse mich den gewinnen, der ewig bl&uuml;ht!&laquo;</p>
+
+<h4>(Allhier endet Diether&rsquo;s von ihm selbst erz&auml;hlte Geschichte.)</h4>
+</div>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/017_end_chapter.png" alt = "" /></p>
+
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<p><!-- Page 275 --><span class='pagenum'><a name="Page_275" id="Page_275">275</a></span></p>
+<h1><a name="Beschluss" id="Beschluss"></a>Beschlu&szlig;.</h1>
+
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/003_vignette2.png" alt="" /></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+
+<p class = "pictop floatleft">
+<img src = "images/003_d.png" alt = "" /></p>
+<p><span class = "hidden">D</span>iether schwieg eine Weile, als er mit Erz&auml;hlen
+zu Ende war, und auch die beiden
+jungen Gesellen, die ihm zugeh&ouml;rt hatten,
+wagten nicht, das Wort zu nehmen.</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;Das ist nun die Aventiure, die Ihr zu h&ouml;ren
+begehrtet&laquo;, sagte der Alte dann und stund auf vom
+Steinsitz unter der Halle, als wollt&rsquo; er hineingehen der
+Pforte zu.</p>
+
+<p>Es war zum dritten Male in der Pfingstwoche,
+da&szlig; der Abend die Drei um den Steinbrunnen versammelt
+hatte am Kreuzgang, der im Viereck den
+Friedhof der Abtei umgibt, und f&uuml;r den Erz&auml;hler wie
+f&uuml;r seine zuh&ouml;renden Sch&uuml;ler blieb die abendliche Stille
+ungest&ouml;rt; denn nur sanft rieselte das Wasser und
+nur leise rauschten zuweilen die Bl&uuml;thengeb&uuml;sche &uuml;ber
+den Gr&uuml;ften.</p>
+
+<p>Heut hatten sie l&auml;nger drau&szlig;en verzogen denn
+sonst, und als Diether sich anschickte, zu gehen, sah er
+schon den Silberglanz des Mondenlichts auf dem Dach
+der Kirche flimmern und in den Garten herabgleiten,
+wo er die Wipfel eines dichtbelaubten Flieders mit
+sonderlicher Helle bestrahlte.
+<!-- Page 276 --><span class='pagenum'><a name="Page_276" id="Page_276">276</a></span></p>
+
+<p>Der Alte blieb stehen und richtete dahin seinen Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Wie heint die Bl&uuml;then leuchten!&laquo; sprach er vor
+sich und schritt durch das Gras langsam der Stelle zu.</p>
+
+<p>Nun stund er dicht am &uuml;berhangenden Gezweig,
+der w&uuml;rdige Meister, ihm zur Seite gesellt die J&uuml;nglinge.</p>
+
+<p>Da zog eine Wolke wie ein goldums&auml;umter Schleier
+&uuml;ber des Mondes leuchtend Angesicht, und ein behendes
+Dunkel flog von ihr her &uuml;ber das Dach der Kirche
+und beschattete Garten und Kreuzgang.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist sogleich vor&uuml;ber!&laquo; sagte Diether und
+blickte hinauf.</p>
+
+<p>Als der Glanz wiederkehrte, sahen die Drei zu
+ihren F&uuml;&szlig;en einen Grabstein, von wei&szlig;en Bl&uuml;then
+ganz &uuml;berdeckt.</p>
+
+<p>Der Alte b&uuml;ckte sich bed&auml;chtig und strich sie leise
+mit der Hand zur Seite. Da ward, eingegraben auf
+dem moosigen Steine, eine Lilie sichtbar und eine Inschrift.
+Die Augen der J&uuml;nglinge hatten sie bald
+entziffert.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Irmela virgo</em>&laquo;, lasen sie.</p>
+
+<p>Der Alte sprach&rsquo;s nicht nach; doch wandte er seinen
+Blick nicht weg von den halbverwischten Zeichen.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t uns gehen&laquo;, sagte er dann. &raquo;Der Thau
+f&auml;llt k&uuml;hl und die Nacht ist bald herum.&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Den Grabstein aber und seine Inschrift findest
+Du in Maulbronn noch heutigen Tages.&nbsp;&#8211;</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class = "illustration">
+<img src = "images/276_vignette.png" alt = "" /></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="publisher">Gebauer-Schwetschke&rsquo;sche Buchdruckerei, Halle a. S.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p>
+
+<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen
+in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.</p>
+
+<p>Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen:</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_61">S. 61:</a> Urthel --&gt; Urtheil</li>
+
+<li><a href="#Page_65">S. 65:</a> vorauf --&gt; voraus</li>
+
+<li><a href="#Page_108">S. 108:</a> den Krug, (Komma erg&auml;nzt)</li>
+
+<li><a href="#Page_124">S. 124:</a> zwischem --&gt; zwischen</li>
+
+<li><a href="#Page_139">S. 139:</a> &raquo;Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit den Kainsmal
+des Brudermordes gezeichnet hat ... --&gt; mit dem Kainsmal</li>
+
+<li><a href="#Page_171">S. 171:</a> ihr folgten Dienerinnnen --&gt; ihr folgten Dienerinnen</li>
+
+<li><a href="#Page_193">S. 193:</a> (denn sie waren mir rucklings gebunden) --&gt; r&uuml;cklings</li>
+<li><a href="#Page_228">S. 228:</a> verschwad --&gt; verschwand</li>
+<li><a href="#Page_231">S. 231:</a> Komma nach 'guter Baum' erg&auml;nzt</li>
+<li><a href="#Page_231">S. 231:</a> Komma nach 'sommerlichen' entfernt</li>
+<li><a href="#Page_233">S. 233:</a> wollte sein brauchen (Nach 'sein' fehlt Wort)</li>
+<li><a href="#Page_236">S. 236:</a> Als ich diese Worte h&ouml;rte, &uuml;berkam ich eine Freude, --&gt; &uuml;berkam mich eine Freude</li>
+<li><a href="#Page_270">S. 270:</a> geschickt. es vermochte nicht --&gt; geschickt. Es vermochte nicht</li>
+<li><a href="#Page_272">S. 272:</a> solvitur in cinerem.&laquo; Anf&uuml;hrungszeichen ergänzt.</li>
+
+<li>Das Wort Herr wird im Originaltext einheitlich HErr geschrieben (wenn es sich auf Gott bezieht).</li>
+
+<li>Ae, Oe und Ue wurden jeweils durch &Auml;, &Ouml; und &Uuml; ersetzt.</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Irmela, by Heinrich Steinhausen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IRMELA ***
+
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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